Ödön von Horváth Ein Wochenendspiel Volksstück in sechs Bildern Personen Stadtrat Kranz Engelbert Betz Wirt Martin Karl Martins Genossen Adele Anna Leni Die Dvorakische Zwei Prostituierte Frau Hinterberger Geschwister Leimsieder Republikaner und Faschisten Ort: Süddeutsche Kleinstadt Zeit: 1930 –? Erstes Bild Im Wirtshaus des Josef Lehninger. Kranz, Engelbert und der Stadtrat Ammetsberger spielen Tarock. Karl kiebitzt. Betz trinkt zufrieden sein Bier. Martin liest die Zeitung. Der Wirt bohrt in der Nase. Es ist Sonntagvormittag und die Sonne scheint. Stille. Betz Martin. Martin Ha? Betz Was gibts denn Neues in der großen Welt? Martin Nichts. – Daß das Proletariat die Steuern zahlt und daß die Herren Unternehmer die Republik prellen, hint und vorn, das ist doch nichts Neues. Oder? Betz leert sein Glas. Martin Und daß die Herren republikanischen Pensionsempfänger kaiserlich reaktionäre Parademarsch veranstalten mit Feldgottesdienst und Kleinkaliberschießen, und daß wir Republikaner uns das alles gefallen lassen, das ist doch auch nichts Neues. Oder? Betz Wir leben in einer demokratischen Republik, lieber Martin. Jetzt zieht draußen eine Abteilung Faschisten mit Musik vorbei. Alle, außer Martin und Kranz, eilen an die Fenster und sehen sich stumm den Zug an – erst als er vorbei ist, rühren sie sich wieder. Es ist halt alles relativ. Stadtrat Von einer akuten Bedrohung der demokratischen Republik kann natürlich keineswegs gesprochen werden. Schon weil es der Reaktion an einem ideologischen Unterbau mangelt. Kameraden! Solange es einen republikanischen Schutzbund gibt und solange ich hier die Ehre habe, Vorsitzender des hiesigen Republikanischen Schutzbundes zu sein, solange kann die Republik ruhig schlafen! Engelbert Bravo! Kranz Ich möchte das Wort ergreifen! Ich möchte jetzt etwas vorschlagen! Ich möchte jetzt dafür plädieren, daß wir jetzt wieder weitertarocken und uns nicht wieder stören lassen von diesen germanischen Hoftrotteln samt ihrem Dritten Reich! Stadtrat Sehr richtig! Karl Wie ist das eigentlich heut nacht? Stadtrat Was denn? Karl Na in bezug auf unsere italienische Nacht heut nacht – Stadtrat unterbricht ihn: Natürlich steigt unsere italienische Nacht heut nacht! Oder glaubt denn da wer, daß es sich der Republikanische Schutzbund von irgendeiner reaktionären Seite her verbieten lassen könnt, hier bei unserem Freunde Josef Lehninger eine italienische Nacht zu arrangieren und zwar wann er will?! Unsere republikanische italienische Nacht steigt heut nacht trotz Mussolini und Konsorten! Er setzt sich nieder, mischt und teilt. Engelbert hat sich auch wieder gesetzt: Daß du das nicht weißt! Karl Woher soll ich denn das wissen? Betz Ich habs doch bereits offiziell verkündet. Engelbert Aber der Kamerad Karl war halt wiedermal nicht da. Karl Ich kann doch nicht immer da sein! Engelbert Sogar beim letzten Generalappell war er nicht da, vor lauter Weibergschichten! Kranz Solo! Stadtrat Bettel! Engelbert Aus der Hand? Stadtrat Aus der hohlen Hand! Karl zu Betz: Soll ich mir das jetzt gefallen lassen? Das mit den Weibergeschichten? Betz Du kannst es doch nicht leugnen, daß dich die Weiber von deinen Pflichten gegenüber der Republik abhalten – Karl Also das sind doch meine intimsten Privatinteressen, muß ich schon bitten. Und zwar energisch! Stille. Wirt Obs wieder regnen wird? Jedsmal wenn ich eine Sau abstich, versaut mir das Wetter die ganze italienische Nacht. Betz Das glaub ich nicht. Wirt Warum? Weils ihr seid? Betz Nein. Sondern weil das Tief über Irland einem Hoch über dem Golf von Biskaya gewichen ist. Wirt Wer behauptet das? Betz Die amtliche Landeswetterwarte. Wirt Geh laßts mich aus mit den Behörden! Jetzt zieht draußen abermals eine Abteilung Faschisten mit Musik vorbei – Alle lauschen, aber keiner tritt an das Fenster. Stille. Betz Es ist halt alles relativ. Martin Aber was! Eine Affenschand ist das! Während sich die Reaktion bewaffnet, veranstalten wir braven Republikaner italienische Nacht! Betz Eigentlich ists ja unglaublich, daß die Reaktion derart erstarkt. Martin Einen Dreck ist das unglaublich! Das könnt man sich ja direkt ausrechnen – wer die wirtschaftliche Macht hat, hat immer Recht, bekanntlich. Aber ihr vom Vorstand scheint das nicht zu wissen. Noch bild ichs mir ein, daß ihr wissen wollt, aber ab und zu fällts mir schon recht schwer – Engelbert Hoho! Betz Du bist halt ein Pessimist. Martin Fällt mir nicht ein! Stadtrat Ein Krakeeler ist er! Ein ganz gewöhnlicher Krakeeler. Stille. Martib erhebt sich langsam: Herr Stadtrat. Sag mal, Herr Stadtrat: kennst du noch einen gewissen Karl Marx? Stadtrat schlägt auf den Tisch: Natürlich kenn ich meinen Marx! Und ob ich meinen Marx kenn! Und außerdem verbitt ich mir das! Engelbert Sehr richtig! Kranz Solo! Stadtrat Oder glaubst denn du, du oberflächlicher Phantast, daß kurz und gut mit der Verwirklichung des Marxismus kurz und gut das Paradies auf Erden entsteht? Martin Was du unter kurz und gut verstehst, das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, was du unter Paradies verstanden haben willst, aber ich kanns mir lebhaft denken, was du unter Marxismus verstehst. Verstanden? Was ich darunter versteh, daran glaub ich. Kranz Solo, Herrgottsakrament! Er spielt aus. Stille. Betz Weißt du, was ich nicht kann? Martin Na? Betz Ich kann nicht glauben. Stille. Martin Das glaub ich gern, daß du nicht glauben kannst. Du kannst nicht glauben, weil du nicht mußt. Du bis ja auch kein Prolet, du pensionierter Kanzleisekretär – Betz Ich bin zwar Kanzleiobersekretär, aber das spielt natürlich keine Rolle. Martin Natürlich. Betz Das ist gar nicht so natürlich! Martin glotzt ihn verdutzt an. Ein Faschist erscheint im Lokal, begrüßt den Wirt von oben herab und bespricht mit ihm etwas scheinbar überaus Wichtiges. Der Wirt sieht immer bekümmerter drein. Alle starren die beiden überrascht an und lauschen – als der Faschist wieder verschwunden ist, weicht der Wirt ihren Blicken scheu aus. Stille. Stadtrat erhebt sich langsam: Wieso? Engelbert Was hat denn das vorstellen sollen, Josef? Martin grinst: Eine kleine Konferenz - Engelbert Wer war denn dieser Herr, lieber Josef? Kranz Ein Faschist wars, ein ganz ein dreckiger! Wirt lächelt verzweifelt: Nichts, Leutl! Nichts – Er will ab. Betz Halt! Wirt hält. Betz Ich hab jetzt nämlich gehorcht. Martin Ich auch. Betz Lieber Josef, ich glaub gar, du bist ein grandioser Schuft. Wirt Das darfst du nicht sagen, Heinrich! Betz Ich sags sogar nochmal, lieber Josef! Na das ist empörend! Wir Republikaner sind deine Stammgäst, aber kaum daß diese Erzreaktionäre mal einen ihrer berüchtigten deutschen Tage veranstalten, schon stellst du ihnen für heut Nachmittag dein Gartenlokal zur Verfügung! Und wir Republikaner, denkst du, kommen dann am Abend dran mit unserer italienischen Nacht und kaufen dir brav die Reste ab, die wo die Herren Reaktionäre nicht mehr zammfressen konnten! A das ist aber korrupt! Engelbert Hört Hört! Wirt Ich bin nicht korrupt! Das bin ich nicht, Leutl, das ist meine Frau – Karl Papperlapapp! Wirt Ihr kennt meine Frau nicht, liebe Leutl! Die scheißt sich was um die politischen Konstellationen, der ist es sauwurscht, wer ihre Wurst zammfrißt! Und ich Rindvieh hab mal von einem heiteren Lebensabend geträumt! Und wenn ich jetzt den schwarzweißroten Fetzen nicht raussteck, verderben mir sechzig Portionen Schweinsbraten, das war doch ein furchtbarer Blödsinn, die Reichsfarben zu ändern! Meiner Seel, ich bin schon ganz durcheinand! Kranz tritt vor den Wirt: Wenn du jetzt nicht mein Freund wärst, tät ich dir jetzt ins Gesicht spucken, lieber Josef! Engelbert Bravo! Stille. Wirt verzweifelt: Meiner Seel, jetzt sauf ich mir einen an, und dann erschieß ich meine Alte. Und dann spring ich zum Fenster naus, aber vorher zünd ich noch alles an! Meine Herren! Leckts mich am Arsch! Ab. Stadtrat wirft zornbebend die Karten zu Boden. Stille. Stadtrat Dieser Schmutz. Mit erhobener Stimme. Aber sehen möcht ich doch, welche Macht unsere italienische Nacht heut nacht zu vereiteln vermag! Kameraden! Wir weichen nicht, und wärs die vereinigte Weltreaktion! Unsere republikanische italienische Nacht steigt heut nacht, wie gesagt! Auch ein Herr Josef Lehninger wird uns keinen Strich durch die Rechnung machen! Kommt Kameraden! Ab. Martin Hurrah! Kranz Du Mephisto – Alle verlassen das Lokal. Zweites Bild Straße. Alle Häuser sind schwarzweißrot beflaggt, maßen die hiesige Ortsgruppe der Faschisten, wie dies auch ein Transparent verkündet, einen deutschen Tag veranstaltet. Eben zieht eine Abteilung mit Fahne, Musik und Kleinkalibern vorbei, gefolgt von Teilen der vaterländisch gesinnten Bevölkerung – auch die Dvorakische und das Fräulein Leni ziehen mit. Leni Jetzt kann ich aber nicht mehr mit. Die Dvorakische Da tuns mir aber leid, Fräulein! Leni Die Musik ist ja fein, aber für die Herren in Uniform könnt ich mich nicht begeistern. Die sehn sich alle so fad gleich. Und dann werdens auch gern so eingebildet selbstsicher. Da sträubt sich etwas in mir dagegen. Die Dvorakische Das glaub ich gern, weil Sie halt keine Erinnerung mehr haben an unsere Vorkriegszeit. Leni Ich muß jetzt da nach links. Die Dvorakische Fräulein. Sie könnten mir eigentlich einen großen Gefallen tun – Leni Gern! Die Dvorakische Ihr Herr Major muß doch ganz pompöse Uniformen haben - Leni Ja das stimmt, weil er früher auch in den Kolonien gewesen ist, die wo uns Deutschen geraubt worden sind. Die Dvorakische Geh fragens doch mal den Herrn Major, ob er mir nicht so eine alte Uniform verkaufen möcht, es passiert Ihnen nichts – Leni Wie meinens denn das? Die Dvorakische Das sagt man halt so. Stille. Leni Was möchtens denn mit der Uniform anfangen? Die Dvorakische lächelt: Anschaun. Leni Ist das alles? Die Dvorakische Wie mans nimmt – Stille. Leni Nein, das wär mir, glaub ich, unheimlich – Die Dvorakische plötzlich wütend: Dumme Gans dumme! Ihr jungen Leut habt halt keine Illusionen mehr! Rasch ab. Trommelwirbel. Karl kommt und erkennt Leni: Ist das aber ein Zufall! Leni Ich hab jetzt nicht viel Zeit, Herr Karl! Karl Ich auch nicht. Aber ich möcht Ihnen doch nur was vorschlagen, Fräulein! Leni Was möchtens mir denn vorschlagen? Karl Daß wir zwei Hübschen uns womöglich heut abend noch treffen, möcht ich vorschlagen – ich hätts Ihnen schon gestern vorgeschlagen, aber es hat sich halt keine Gelegenheit ergeben – Leni Lügens mich doch nicht so an, Herr Karl. Karl Ja wie hätten wir es denn, undsoweiter? Das hab ich doch noch niemals nicht notwendig gehabt, ein Weib anzulügen, weil ich doch immerhin ein gerader Charakter bin, merken Sie sich das! Leni Ich wollt Sie doch nicht beleidigen – Karl Das können Sie auch nicht. Leni starrt ihn an: Was verstehen Sie darunter, Herr Karl? Karl Ich versteh darunter, daß Sie mich nicht beleidigen können, weil Sie mir sympathisch sind – Sie könnten mich höchstens kränken, Fräulein. Das versteh ich darunter. Stille. Leni Ich glaub gar, Sie sind ein schlechter Mensch. Karl Es gibt keine schlechten Menschen, Fräulein. Es gibt nur sehr arme Menschen. Stille. Leni Ich wart aber höchstens zehn Minuten – Karl Und ich nur fünf. Leni lächelt: Also dann bin ich halt so frei, Sie schlechter Mensch – Ab. Martin und Betz kommen. Martin sieht Leni, die rasch an ihm vorbeigegangen ist, nach; dann betrachtet er Karl spöttisch. Karl Sag mal Martin: ich nehm natürlich an, daß bei unserer italienischen Nacht heut nacht nicht nur eingeschriebene ordentliche und außerordentliche Mitglieder, sondern auch Sympathisierende gern gesehen sind – Martin Von mir aus. Karl Ich hab nämlich gerade jemand eingeladen. Eine mir bekannte Sympathisierende von mir. Martin War das die? Karl Kennst du die da? Martin Leider. Karl Wieso? Martin Weil das ein ganz stures Frauenzimmer ist. Karl Ich find aber, daß sie was Bestimmtes hat – Martin Aber was! ich meinte doch, daß dieses Frauenzimmer ganz stur ist, nämlich in politischer Hinsicht, das ist doch eine geborene Faschistin, Herrgottsakrament! Wie kann man nur mit so was herumpoussieren! Karl Mein lieber Martin, das verstehst du nicht. Wir zwei beide sind aufrechte Republikaner, aber wir haben dabei einen Unterschied. Du bist nämlich Arbeiter und ich bin Musiker. Du stehst am laufenden Band und ich spiel in einem Konzertcafé Schumann, Mozart, Kalman und Johann Strauss – daher bin ich natürlich der größere Individualist, schon weil ich halt eine Künstlernatur bin. Ich hab die stärkeren privaten Interessen, aber nur scheinbar, weil sich bei mir alles gleich ins Künstlerische umsetzt. Martin grinst: Das sind aber feine Ausreden – Karl Das bin ich mir einfach schuldig, daß ich in erotischer Hinsicht ein politisch ungebundenes Leben führ – Merk dir das! Ab. Martin Nur zu! Er grinst. Stille. Betz Martin. Du weißt, daß ich dich schätz, trotzdem daß du manchmal schon direkt unangenehm boshaft bist – Ich glaub, du übersiehst etwas sehr Wichtiges bei deiner Beurteilung der politischen Weltlage, nämlich das Liebesleben in der Natur. Ich hab mich in der letzten Zeit mit den Werken von Professor Freud befaßt, kann ich dir sagen. Du darfst doch nicht vergessen, daß um unser Ich herum Aggressionstriebe gruppiert sind, die mit unserem Eros in einem ewigen Kampfe liegen, und die sich zum Beispiel als Selbstmordtriebe äußern, oder auch als Sadismus, Masochismus, Lustmord – Martin Was gehen mich deine Perversitäten an? Betz Das sind doch auch die deinen! Martin Was du da nicht sagst! Betz Oder hast du denn deine Anna noch nie gekniffen oder sonst irgendsowas, wenn du – ich meine: im entscheidenden Moment – Martin Also das geht dich einen großen Dreck an. Betz Und dann sind das doch gar keine Perversitäten, sondern nur Urtriebe! Ich kann dir sagen, daß unsere Aggressionstriebe eine direkt überragende Rolle bei der Verwirklichung des Sozialismus spielen, nämlich als Hindernis. Ich fürchte, daß du in diesem Punkte eine Vogelstraußpolitik treibst. Martin Weißt, du, was du mich jetzt kannst? Ab. Betz sieht ihm nach: Auch der kann die Wahrheit nicht vertragen – Jugend kennt halt keine Tugend. Drittes Bild Seitenstraße. Mit vielen Fahnen. Die Luft ist voll von Militärmusik. An der Ecke stehen zwei Prostituierte. Es ist bereits spät am Nachmittag. Der Stadtrat Ammetsberger geht vorbei. Die Prostituierten zwinkern. Erste Kennst du den? Zweite Er ist nicht unrecht. Erste Ich glaub, er ist was bei der Stadt. Irgendein Tier. Zweite Wahrscheinlich. Jetzt wehen die Fahnen im Winde. Zweite sieht empor: Wenns nur keine Fahnen gäb – Erste Fahnen sind doch direkt erhebend. Zweite Nein – wenn ich so Fahnen seh, ists mir immer, als hätten wir noch Krieg. Erste Ich kann nichts gegen den Weltkrieg sagen. Das wär undankbar. Mit dem Lippenstift. Für mich sind am besten Gemäldeausstellungen, überhaupt künstlerische Veranstaltungen. Auch so vaterländische Feierlichkeiten sind nicht schlecht. Pause. Zweite Eigentlich ist der Krieg dran schuld. Erste An was denn? Zweite An mir. Erste Lächerlich! Alle reden sich naus auf den armen Krieg! Anna kommt und hält an der anderen Ecke; sie wartet. Erste Wer ist denn das? Zweite Ich kenn sie nicht. Erste Die sieht so neu aus. Und dann sieht sie doch wem ähnlich – Zweite grinst: Dir – Erste starrt sie an: Also das war jetzt gemein von dir, Luise. Drei Faschisten kommen an Anna vorbei. Anna weicht ihnen aus. Die Faschisten halten vor ihr und grinsen sie an. Anna will ab. Martin tritt ihr in den Weg, grüßt kurz und spricht mit ihr. Die Faschisten und die Prostituierten horchen, hören aber nichts. Anna Und? Martin Da gibts kein Und. Er hat sich halt wieder herausgelogen, der Herr Stadtrat. Das wäre unter seiner republikanischen Würde, hat er gesagt. Es kommt alles, wie es kommen muß. Anna Ein korrupter Mensch. Martin Herrschen tut der Profit. Also regieren die sozialen Elemente. Und die schaffen sich eine Welt nach ihrem Bilde. Aber garantiert! Heut gibts noch einen Tanz auf denen ihrer italienischen Nacht! Zur freundlichen Erinnerung! Die Faschisten beschäftigen sich nun mit den Prostituierten. Stille. Anna Weißt du, was die Genossen sagen? Martin Was? Anna Daß du eine Zukunft hast. Martin zuckt die Schulter: Sie kennen mich halt. Ich müßt aber fort. In irgendeine Metropole. Anna Ich hab auch das Gefühl, daß man auf dich wartet. Martin Hier hab ich ein viel zu kleines Betätigungsfeld. Das könnt auch ein anderer machen, was ich hier mach. Anna Nein, das könnt keiner so machen! Martin Du weißt, daß ich das nicht gern hör! Anna Aber es ist doch so! Wenn alle so wären wie du, stünd es besser um uns Menschen. Martin Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich so bin! Daß ich der Intelligentere bin und daß ich mehr Durchschlagskraft hab, das verpflichtet mich doch nur, mich noch intensiver für das Richtige einzusetzen! Ich mag das nicht mehr hören, daß ich eine Ausnahme bin, Herrgottsakrament! Ich bin keine, merk dir das! Anna Das kannst einem doch auch anders sagen, daß du keine Ausnahme bist – Stille. Martin Anna, die Zeit braust dahin und es gibt brennendere Probleme auf der Welt als wie Formfragen. Vergiß deine Pflichten nicht! Ab. Zwei Faschisten sind inzwischen mit den Prostituierten verschwunden; der Dritte fixiert nun Anna. Anna plötzlich: Nun? Der Dritte grinst. Anna lächelt: Nun? Karl erscheint hinter dem Faschisten. Anna fährt zurück. Karl Pardon! Der Dritte grinst; er grüßt Anna spöttisch-elegant und ab. Stille. Karl unterdrückt seine Erregung: Pardon, Gnädigste! Anna Du Trottel. Karl Um Gotteswillen. Eine Anna und dieser Faschist, da stürzt ja in mir eine Welt zusammen – Wer ist jetzt verrückt? Ich oder du?! Anna Du! Karl Armer Martin! – Anna unterbricht ihn: Wenn der Martin dich jetzt gesehen hätt, hätt er jetzt schon keine Haar mehr, du unüberlegter Mensch! Ich streng mich da an, fädel was ein und du zertrampelst mir wieder alles! Karl Unüberlegt! Anna Und unverantwortlich! Karl Unverantwortlich! Grad schimpft mich der Martin zusammen, weil ich mich für ein unpolitisches Weib interessier, und derweil bandelt die Seine mit einem Faschisten an – ich glaub, ich bin verrückt! Anna So beruhig dich doch! Karl Armer Martin! Anna Aber ich tu doch nichts ohne Martin! Karl starrt sie verdutzt an: Wie war das? Anna Ich soll doch nur einen Faschisten kennen lernen, um ihn auszuhorchen – der Martin möcht noch etwas Genaueres über denen ihre Kleinkaliber wissen. Stille. Karl Ist das echt? Anna Was hast denn du jetzt gedacht? Karl Ich? Er stockt. Pardon! Anna Das war doch eine grobe Beleidigung – Karl Pardon! Anna Schäm dich. Stille. Anna Anna. Ich hab schon viel erlebt auf erotischem Gebiete, und dann wird man halt mit der Zeit leicht zynisch. Besonders wenn man so eine scharfe Beobachtungsgabe hat. Du bist natürlich eine moralische Größe. Du hast dich überhaupt sehr verändert. Anna lächelt: Danke. Karl Bitte. Du warst mal nämlich anders. Früher. Anna nickt: Ja, früher. Karl Da warst du nicht so puritanisch. Stille. Anna plötzlich ernst: Und? Karl Wenn ich dich so seh, krieg ich direkt einen Moralischen. Der Martin hat schon sehr recht, man soll sich nicht so gehen lassen – jetzt hab ich halt schon wieder ein Rendezvous, sie ist zwar politisch indifferent – Er sieht auf seine Uhr. Anna Dann würd ich an deiner Stelle einen heilsamen Einfluß auf sie ausüben. Karl Meiner Seel, das werd ich auch! Ehrenwort! Es hat doch keinen Sinn, als Vieh durch das Leben zu laufen und immer nur an die Befriedigung seiner niederen Instinkte zu denken - Aber komisch find ich das doch von Martin. Anna Was? Karl Ich könnts ja nie. Anna Was denn? Karl Ich kanns mir nicht vorstellen, wie er dich liebt. Ich meine: ob normal, so wie sichs gehört – Anna Was willst du? Karl Es tät mich nur interessieren. Wenn er nämlich sowas von dir verlangt, er schickt dich doch gewissermaßen auf den politischen Strich – Ob er dabei innere Kämpfe hat? Anna Innere Kämpfe? Karl Ja! Stille. Anna Aber was! Du kannst mich nicht durcheinander bringen! Ich kenn den Martin besser! Der steht über uns allen! Ich war blöd, dumm, verlogen, klein, häßlich – er hat mich emporgerissen. Ich war nie mit mir zufrieden. Jetzt bin ichs. Karl verbeugt sich leicht. Anna Jetzt hab ich einen Inhalt, weißt du? Langsam ab. Karl sieht auf seine Uhr. Es dämmert stark. Leni kommt: Guten Abend, Herr Karl! Ich freu mich nur, daß Sie noch da sind! Ich könnt leider nicht früher! Karl Wir haben ja noch Zeit. Und dann siehts ja auch nicht schlechter aus, wenn man später kommt. Leni Warum denn so traurig? Karl Traurig? Leni Nein, diese Stimme – wie aus dem Grab. Sie lächelt. Karl Ich hab grad ein Erlebnis hinter mir. Ich glaub, ich bin verflucht. Leni Aber Herr Karl! Wenn jemand einen so schönen Gang hat! Sie lacht und verstummt wieder plötzlich, da er totenernst bleibt. Stille. Karl Ja, Fräulein. Sie verstehen mich anscheinend nicht, ich müßt Ihnen das nämlich stundenlang auseinandersetzen – Ich seh schwarz in die Zukunft, Fräulein. Leni Geh, Sie sind doch ein Mann – Karl Gerade als Mann darf man eher verzweifeln, besonders ich, weil ich den politischen Tagesereignissen näher steh. – Sie kümmern sich nicht um Politik? Leni Nein. Karl Das sollten Sie aber. Leni Warum redens denn jetzt darüber? Karl In Ihrem Interesse. Leni Wollens mich ärgern? Karl Es wäre Ihre Pflicht als Staatsbürger – Leni Warum wollens mir denn jetzt die ganze Stimmung verderben, ich hab mich ja schon so gefreut auf Ihre italienische Nacht! Stille. Karl Ich bin nämlich nicht so veranlagt, daß ich eine Blume einfach nur so abbrech am Wegrand, ich muß auch menschlich einen Kontakt haben – und das geht bei mir über die Politik. Leni Geh, das glaubens doch selber nicht! Karl Doch! Ich könnt zum Beispiel nie mit einer Frau auf die Dauer harmonieren, die da eine andere Weltanschauung hätt. Leni Ihr Männer habt alle eine ähnliche Weltanschauung! Stille. Karl Sie sind doch eine Deutsche? Leni Ja. Karl Sehns, Fräulein, das ist der Fluch speziell von uns Deutschen, daß wir uns nicht um Politik kümmern, wir sind kein politisches Volk – bei uns gibts noch massenweis Leut, die keine Ahnung haben, wer sie regiert. Leni Ist mir auch gleich. Besser wirds nicht. Ich schau, daß ich durchkomm. Karl Mir scheint, Sie haben keine Solidarität. Leni Redens doch nicht so protzig daher! Karl Mir scheint, daß Sie gar nicht wissen, wer der Reichspräsident ist? Leni Ich weiß nicht, wie die Leut heißen! Karl Wetten, daß Sie nicht wissen, wer der Reichskanzler ist? Leni Weiß ich auch nicht! Karl Also das ist ungeheuerlich! Und wiedermal typisch deutsch! Können Sie sich eine Französin vorstellen, die das nicht weiß? Leni So gehens halt nach Frankreich! Karl Wer ist denn der Reichsinnenminister? Oder wieviel Reichsminister haben wir denn? Ungefähr? Leni Wenn Sie jetzt nicht aufhören, laß ich Sie stehen! Karl Unfaßbar! Stille. Leni Das hab ich mir auch anders gedacht, diesen Abend. Karl Ich auch. Leni Einmal geht man aus - und dann wird man so überfallen. Karl sieht auf seine Uhr: Jetzt wirds allmählich Zeit. Leni Am liebsten möcht ich gar nicht mehr hin – Karl Aber was! Er umarmt sie und gibt ihr einen Kuß. Leni wehrt sich nicht. Viertes Bild Im Gartenlokal des Josef Lehninger. Nun ist es finster geworden und nun steigt die italienische Nacht der hiesigen Ortsgruppe des Republikanischen Schutzbundes. Mit Girlanden und Lampions, Blechmusik und Tanz. Eben tanzen der Stadtrat Ammetsberger, Kranz, Betz, Engelbert u.s.w. mit ihren Damen eine Française (Offenbach) – auch Karl und Leni sind dabei. Martin und seine Genossen sitzen etwas abseits und sehen finster zu. Erster Genosse Ein feiner Genosse! Zweiter Wer? Erster deutet auf Karl: Dort. Dritter Diese Künstlernatur? Erster Martin. Der hat dir doch sein Ehrenwort gegeben, daß er nicht tanzt? Martin Ja. Das auch. Vierter Ein Schuft! Fünfter Einer mehr. Erster Und jedsmal wegen einem Frauenzimmer – Pause. Vierter Die bildt sich aber was ein! Dritter Gott wie graziös! Fünfter Die wirds auch nimmer begreifen, wos hinghört. Zweiter Wer ist denn das Frauenzimmer? Erster Auch nur Prolet! Sechster Nein. Das ist was bedeutend feineres. Das ist eine Angestellte – Er grinst. Dritter lacht. Siebenter Wann gehts denn los? Dritter verstummt plötzlich. Martin Bald! Er erhebt sich, tritt nahe an die Tanzenden heran und sieht zu; jetzt spielt die Musik einen Walzer, einige Paare hören auf zu tanzen – u.a. auch der Stadtrat Ammetsberger. Stadtrat Na was war das für eine Idee? Engelbert Eine Prachtidee! Stadtrat Ich wüßt es doch, daß solch ein zwangloses gesellschaftliches Beisammensein uns Republikaner menschlich näher bringen würde. Kranz ist leicht angetrunken: Ich freu mich nur, daß wir uns von dieser Scheißreaktion nicht haben einschüchtern lassen, und, daß wir diese bodenlose Charakterlosigkeit unseres lieben Josef mit einer legeren Handbewegung bei Seite geschoben haben. Er rülpst. Das zeigt von innerer Größe. Stadtrat Eine Prachtidee. Engelbert Eine propagandistische Tat! Kranz Diese Malefizfaschisten täten sich ja nicht wenig ärgern, wenn sie sehen könnten, wie ungeniert wir Republikaner uns hier bewegen! Er torkelt etwas. Engelbert Wo stecken denn jetzt diese Faschisten? Betz Ich hab was von einer Nachtübung gehört. Engelbert Na viel Vergnügen! Kranz Prost! Stadtrat Dieser kindische Kleinkaliberunfug. Betz Aber sie sollen doch auch Maschinengewehre – Stadtrat unterbricht ihn: Redensarten! Nur keinen Kleinmut, Kameraden! – Darf ich euch meine Frau vorstellen, meine bessere Hälfte. Kranz Sehr erfreut! Engelbert Angenehm! Betz Vom Sehen kenn wir uns schon. Die Bessere Hälfte lächelt unsicher. Stadtrat So – Woher kennt ihr euch denn? Betz Ich hab dich mal mit ihr gehen sehen. Stadtrat Mich? Mit ihr? Wir gehen doch nie zusammen aus! Betz Doch. Und zwar dürft das so vor Weihnachten gewesen sein – Stadtrat Richtig! Das war an ihrem Geburtstag! Der einzige Tag im Jahr, an dem sie mitgehen darf, ins Kino – Er lächelt und kneift sie in die Wange. Sie heißt Adele. Das heut ist nämlich eine Ausnahme, eine große Ausnahme – Adele liebt die Öffentlichkeit nicht, sie ist lieber daheim – Er grinst. Ein Hausmütterchen. Kranz zu Adele: Trautes Heim, Glück allein. Häuslicher Herd ist Goldes Wert. Er rülpst. Die Grundlage des Staates ist die Familie. Was Schönres kann sein, als ein Lied aus Wien. Er torkelt summend zu seinem Bier. Betz Ein Schelm. Engelbert zu Adele: Darf ich bitten! Stadtrat Danke! Adele soll nicht tanzen. Sie schwitzt. Pause; Engelbert tanzt nun mit einer Fünfzehnjährigen. Adele verschüchtert: Alfons. Stadtrat Nun? Adele Ich schwitz ja gar nicht Stadtrat Überlaß das mir, bitte. Adele Warum soll ich denn nicht tanzen? Stadtrat Du kannst doch gar nicht tanzen! Adele Ich? Ich kann doch tanzen! Stadtrat Seit wann denn? Adele Seit immer schon. Stadtrat Du hast noch nie tanzen können! Selbst als blutjunges Mädchen nicht, merk dir das! Blamier mich nicht! Er zündet sich eine Zigarre an. Pause. Adele Alfons. Warum hast du gesagt, daß ich die Öffentlichkeit nicht lieb? Ich ging doch gern öfters mit - Warum hast das gesagt? Stadtrat Darum. Pause. Adele Ich weiß ja, daß du im öffentlichen Leben stehst, eine öffentliche Persönlichkeit – Stadtrat Furie. Adele Du stellst einen immer in ein falsches Licht. Du sagst, daß ich mit dir nicht mitkomm – Stadtrat unterbricht sie: Siehst du! Adele gehässig: Was denn? Stadtrat Daß du mir nicht das Wasser reichen kannst. Pause. Adele Ich möcht am liebsten nirgends mehr hin. Stadtrat Also! Er läßt sie stehen; zu Betz. Meine Frau, was? Er grinst. Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht. Betz Das ist von Nietzsche. Stadtrat Sie folgt aufs Wort. Das doch ein herrlicher Platz hier! Diese uralten Stämme und diese ozonreiche Luft – Er atmet tief. Betz Das sind halt die Wunder der Natur. Stadtrat Die Wunder der Schöpfung – es gibt nichts Herrlicheres. Ich kann das besser beurteilen, weil ich ein Bauernkind bin. Wenn man so in den Himmel schaut, kommt man sich so winzig vor – diese ewigen Sterne! Was sind wir daneben? Betz Nichts, Stadtrat Nichts. Gott hat doch einen feinen Geschmack. Betz Es ist halt alles relativ. Pause. Stadtrat Du, Betz. Ich hab mir ein Grundstück gekauft. Betz Wo denn? Stadtrat Fast ein Tagwerk. Mit einer Lichtung – Schau, lieber guter Freund: die Welt hat Platz für anderthalb Milliarden Menschen, warum soll mir da nicht von dieser großen Welt so ein kleines Platzerl gehören – Erster Genosse hat unfreiwillig gelauscht: Ein feiner Marxist! Stadtrat Was hat der gesagt? Betz So laß ihn doch! Adele Er hat gesagt: ein feiner Marxist. Pause. Stadtrat Wie du das einem so einfach ins Gesicht sagst. – Toll! Adele Ich hab ja nur gesagt, was er gesagt hat. Stadtrat Wer? Was sich da diese unreifen Spritzer herausnehmen! überhaupt! Er deutet auf Martin und seine Genossen. Dort hat noch keiner getanzt – saubere Jugend! Opposition und Opposition. Revolte oder dergleichen. Spaltungserscheinungen. Nötige Autorität. Man muß. Er will an seinen Biertisch, stockt jedoch, da er sieht, daß Martin und seine Genossen eine leise debattierende Gruppe bilden; er versucht zu horchen – plötzlich geht er rasch auf Martin zu. Martin. Was hast du da gesagt? Feiner Marxist, hast du gesagt? Martin Ich habs zwar nicht gesagt, aber ich könnts gesagt haben. Stadtrat Und wie hättest du das gemeint, wenn du es gesagt hättest? Martin Wir sprechen uns noch. Er läßt ihn stehen. Akkord und Gong. Engelbert auf dem Podium: Meine Damen und Herren! Kameraden! Eine große erfreuliche Überraschung hab ich euch mitzuteilen! Es steht euch ein seltener Kunstgenuß bevor! Frau Hinterberger, die Gattin unseres verehrten lieben Kassiers, hat sich liebenswürdigerweise bereit erklärt, uns mit ihrer Altstimme zu entzücken! Bravorufe und Applaus. Ich bitte um Ruhe für Frau Hinterberger! Frau Hinterberger betritt das Podium mit Applaus begrüßt: Ich singe Ihnen eine Ballade von Löwe. Heinrich der Vogler. Sie singt die Ballade; großer Beifall, nur Martin und seine Genossen beteiligen sich nach wie vor an keiner Ovation; nun wird wieder weitergetanzt. Leni zu Karl: Das war aber schön. Ich bin nämlich sehr musikalisch. Karl Das hab ich schon bemerkt. Leni An was denn? Karl An deinem Tanzen. Du hast ein direkt exorbitantes rhythmisches Feingefühl – Leni Das hängt aber nicht nur von mir ab. Das hängt auch vom Herrn ab. Karl Hast es also nicht bereut? Leni lächelt: Werd mir nur ja nicht wieder politisch – Versprichs mir, daß du es nimmer werden wirst, auf Ehrenwort. Karl Auf Ehrenwort – Leni Komm! Karl Schon wieder? Leni Heut könnt ich mal wieder ewig tanzen! Bis an das Ende der Welt! Karl Respekt! Martin zu Karl: Karl, darf ich dich einen Augenblick – Karl Bitte. Zu Leni. Pardon! Zu Martin. Nun? Martin nach kleiner Pause: Du hast mir doch versprochen, nicht zu tanzen – Karl wird nervös: Hab ich das? Martin Ja. Du hast mir sogar versprochen, daß wenn es jetzt hier zu der bevorstehenden weltanschaulichen Auseinandersetzung – Karl unterbricht ihn: Also bitte werd nur nicht wieder moralisch! Martin Du hast halt wiedermal dein Ehrenwort gebrochen. Karl Ist das dein Ernst? Martin Ja. Pause. Karl lächelt böse: Wo steckt denn deine Anna? Martin Was soll das? Karl Sie wird wohl bald erscheinen? Martin Hast du sie gesehen? Karl Ja. Martin Allein oder mit? Karl Mit. Martin lächelt: Dann ists ja gut. Karl Meinst du? Martin Ja. Pause. Karl grinst: Honny soit, qui mal y pense! Martin Was heißt das? Karl Das heißt allerhand. Martin Ich bin dir nicht bös, du tust mir leid. Es ist nämlich schad um dich mit deinen Fähigkeiten. Aber du hast immer nur Ausreden. Ein halber Mensch – Er läßt ihn stehen. Akkord und Gong. Engelbert auf dem Podium: Meine Sehrverehrten! Kameraden! Und abermals gibts eine große erfreuliche Überraschung im Programm! In dem Reigen unserer künstlerischen Darbietungen folgt nun ein auserlesenes Ballett, und zwar getanzt von den beiden herzigen Zwillingstöchterchen unseres Kameraden Leimsieder, betitelt »Blume und Schmetterling«! Die herzigen Zwillingstöchterchen dreizehnjährig, betreten das Podium mit mächtigem Applaus begrüßt; sie tanzen einen affektierten Kitsch – plötzlich ertönt aus Martins Gegend ein schriller Pfiff; die herzigen Zwillingstöchterchen zucken zusammen, tanzen aber noch weiter, jedoch etwas unsicher geworden; die, denen es gefällt, sehen entrüstet auf Martin – da ertönt abermals ein schriller Pfiff, und zwar ein noch schrillerer. Kranz brüllt: Ruhe Herrgottsakrament! Wer pfeift denn da, ihr Rotzlöffel?! Lümmel dreckige windige!! Engelbert Wems nicht paßt, der soll raus! Rufe Raus! Raus! Tumult. Die herzigen Zwillingstöchterchen weinen laut. Erster Genosse schlägt mit der Faust auf den Tisch: Runter mit die Kinder und rinn ins Bett! Wir wollen hier kein Säuglingsballett! Kranz Halts Maul sag ich! Zweiter Halts du! Eine Tante Seht wie die Kindlein weinen, ihr Rohlinge! Dritter Hoftheater! Hoftheater! Stadtrat Jetzt wirds mir zu dumm! Fünfter Huhu! Stadtrat Oh ich bin energisch! Vierter Tatü tata! Stadtrat Jetzt kommt die Abrechnung! Siebenter Bravo! Stadtrat Kusch grüner Lausejunge! Siebenter Es kann nicht jeder ein alter Krüppel sein! Stadtrat außer sich: Was hat der gesagt?! Krüppel hat er gesagt?! Siebenter Zurück! Fünfter Zurück! Sonst! Siebenter Feiner Marxist! Feiner Marxist! Stadtrat Ich?! Ich hab das kommunistische Manifest bereits auswendig hersagen können, als du noch nicht geboren warst, du Flegel! Pfiff Die Tante Diese Barbaren stören ja nur den Kunstgenuß! Sechster Du mit deinem Kunstgenuß! Dritter Blume und Schmetterling! Erster Mist! Mist! Mist! Kranz Oh ihr Kunstbarbaren! Er fällt fast um vor lauter Rausch. Engelbert Seht, was ihr angerichtet habt! Kindertränen! Schämt ihr euch denn gar nicht?! Oder habt ihr denn keine Ahnung, mit welcher Liebe das hier einstudiert worden ist - Wochen hindurch haben der Kamerad Leimsieder und seine Frau jede freie Minute geopfert, um uns hier beglücken zu können! Martin Hätt er doch lieber seine freien Minuten geopfert, um die Schlagstärke unserer Organisation auszubaun! Kameraden! Ich weiß, daß ich als Redner manchen meiner ehrenwerten Kameraden nicht gerade sympathisch bin – Die Tante Stören Sie unsere Nacht nicht! Martin Solche Nächte gehören gestört! Und gesprengt! Genossinnen und Genossen! Während wir hier Familienfeste mit republikanischem Kinderballet arrangieren, arrangiert die Reaktion militärische Nachtübungen mit Maschinengewehren! Oder wollt ihr es nicht sehen, wie sie das Proletariat verleumden, verhöhnen, korrumpieren und ausbeuten, schlimmer als je zuvor! Drum Schluß mit dieser Spießerei! Oder habt ihr denn schon den Satz vergessen: oh wenn doch nur jeder Prolet sein Vergnügen in der revolutionären Tätigkeit fände! Es bleibt zu fordern: sofortige Einberufung des Vorstandes und Beschlußfassung über den Vorschlag: Bewaffnung mit Kleinkalibern! Stadtrat Kameraden! Ein Frevler wagt hier unser Fest zu stören, bringt kleine Kinderchen zum Weinen – Kameraden! Was Martin verlangt, ist undurchführbar! Wir wollen nicht in die Fußstapfen der Reaktion treten, wir nehmen keine Kanonen in die Hand, aber wer die demokratische Republik ernstlich zu bedrohen wagt, der wird zurückgeschlagen! Martin Mit was denn? Stadtrat An unserem unerschütterlichen Friedenswillen werden alle Bajonette der internationalen Reaktion zerschellen! Siebenter Genosse lacht ihn aus. Stadtrat So sehen die Leute aus, die die Macht der sittlichen Idee leugnen! Erster Genosse Spruch, du Humanitätsapostel! Stadtrat Das sind keine Spruch! Wir wollen keine Waffen mehr sehen, ich selbst hab zwei Söhne im Krieg verloren! Vierter Genosse Im nächsten Krieg sind wirs, ich und der Stiegler und der da und der da! Kranz ahmt ihn nach: Und ich da und ich da und ich da! Stadtrat Es hat eben keinen Krieg mehr zu geben! Dieses Verbrechen werden wir zu vereiteln wissen! Martin Genau wie 1914! Stadtrat Das waren ganz andere Verhältnisse! Martin Immer dasselbe, immer dasselbe! Stadtrat Wo warst denn du 1914! Im Kindergarten! Martin Und du? Du hast auch schon 1914 mit den Taten deiner Vorfahren geprotzt, das können wir Jungen ja allerdings nicht! Genossen! Wenn das so weitergeht, erwachen wir morgen im heiligen römisch-mussolinischen Reich deutscher Nation! Engelbert Zur Geschäftsordnung! Ich fordere kraft unserer Statuten den sofortigen Ausschluß des Kameraden Martin! Stadtrat Bravo! Engelbert Und zwar wegen unkameradschaftlichen Verhaltens! Martin Bravo! Kommt! Ab mit seinen Genossen. Fünftes Bild Vor dem Wirtshaus des Josef Lehninger. Martin und seine Genossen verlassen die italienische Nacht. Martin Also Ausschluß. Wegen unkameradschaftlichen Verhaltens. Wer lacht da nicht? Stille. Zweiter Wohin? Martin Zu mir. Wir müssen sofort an die Arbeit. Bald zieht sich die Bourgoisie in den Turm der Diktatur zurück. Wir sind bereit. Erster Mit M.G.! Martin Ruhe! Immer daran denken! Stille. Übrigens: ist das wahr, daß du Majestät verdreckt hast? Siebenter gewollt hochdeutsch: Wir haben es uns erlaubt, das Denkmal Seiner Majestät mit etwas roter Farbe zu verunzieren. Martin Wer wir? Siebenter Ich. Vierter Und ich. Martin So. Das hat natürlich keinen Sinn, oder? Stille. Seine Majestät sind ja bereits verwest, sorgt lieber dafür, daß man den Herren Kapitalisten dereinst keine Denkmäler errichtet. Karl kommt mit Leni aus dem Wirtshaus: Drinnen geht alles drunter und drüber. Dritter Sehr erfreut! Karl Die ganze Stimmung ist beim Teufel! Sechster Dann ist sie dort, wo sie hinghört! Karl Martin. Ich bitte dich um Verzeihung. Martin Wegen was? Karl Daß ich mein Ehrenwort gebrochen hab. Das war natürlich eine Gaunerei, ich hab mir das genau überlegt, aber es war halt nur scheinbar eine Gaunerei. Ich habs ja nur scheinbar gebrochen. Martin Wie willst du das verstanden haben? Karl Schau, ich mußte doch tanzen. Ich hab es nämlich deiner Anna versprochen, daß ich das Fräulein da hinter mir zu unseren Idealen bekehren werd, und da muß man doch so einem Fräulein entgegenkommen, sowas geht doch nur nach und nach – Martin Daß du immer nur Fräuleins bekehrst – Karl Jeder an seinem Platz. Ich gehör halt zu einer älteren Generation, als wie du, das macht schon was aus, obwohl zwischen uns ja nur fünf Jahr Unterschied sind, aber fünf Kriegsjahr – ich war doch bis 1920 gefangen. Martin Die historischen Gesetze kümmern sich einen Dreck um Privatschicksale, sie schreiten unerbittlich über den Einzelnen hinweg, und zwar vorwärts. Karl Da geb ich dir vollständig recht. Martin Du wärst ja brauchbar, wenn man dir glauben könnt. Aber das kann man eben nicht, weil du ein halber Mensch bist. Karl Du hast halt keine Konflikte mit deiner Erotik. Meiner Seel, manchmal beneid ich dich! Martin Und du tust mir leid. Ich habs immer wieder versucht mit dir. Jetzt ists aus. Ich leg keinen Wert mehr auf deine Mitarbeit. Karl verbeugt sich leicht: Bitte! Pardon! Die Genossen sind während dieser Szene verschwunden. Anna kommt. Martin Anna! Anna Jetzt bin ich aber erschrocken! Martin Du? Anna Ich dacht, du wärst wer anders – Martin So. Anna Du warst mir jetzt so fremd. Martin fast spöttisch: War ich das? – Nun? Hast was erreicht? Anna Verschiedenes. Martin Erstens? Anna Erstens hab ich erfahren, daß diese Faschisten unsere italienische Nacht sprengen wollen – Martin unterbricht sie: Erstens ist das nicht unsere italienische Nacht! Und zweitens ist denen ihre italienische Nacht bereits gesprengt. Ich hab sie gesprengt. Anna Schon? Martin Später! Und? Anna Die Faschisten wollen hier alles verprügeln. Martin So ists recht! Das vergönn ich diesem Vorstand! Diese Spießer sollen jetzt nur mal am eigenen Leibe die Früchte ihrer verräterischen Taktik verspüren! Wir Jungen überlassen sie ihrem Schicksal und bestimmen unser Schicksal selbst! Anna Das würd ich aber nicht tun. Martin Was heißt denn das? Anna Ich würds nicht tun. Ich würd ihnen schon helfen, sie stehen uns doch immer noch näher, als wie die anderen. Martin Was du da nicht sagst – Anna Wenn ichs dem Stadtrat auch gönn, daß er verprügelt wird, aber es sind doch auch noch andere dabei, dies vielleicht ehrlich meinen – Martin spöttisch: Meinst du? Anna Und zu guter Letzt geht das doch keinen Dritten was an, was wir unter uns für Konflikte haben! Das sind doch unsere Konflikte! Martin gehässig: Ich glaub, daß das deine Privatansicht ist. Anna Red nicht so hochdeutsch, bitte. Stille. Martin Und? Anna Sonst nichts. Die Faschisten sind halt ganz fürchterlich wütend – es soll heute Abend irgend ein Denkmal verunreinigt worden sein. Martin Ja, das war der Stiegler, dieser Idiot – Anna Martin! Martin überrascht: Ha? Anna Martin, weil einer von uns das Denkmal verdreckt hat, sollen jetzt die Anderen da drinnen verprügelt werden?! Das find ich aber feig! Das ist unser nicht würdig! Das ist ungerecht – Sie stockt, da Martin plötzlich fasziniert auf ihren Hals starrt. Stille. Martin leise: Was ist denn das dort für ein Fleck? Anna Wo? Martin Da. Anna Da? Das ist ein blauer Fleck – Stille. Martin So. Anna Er war halt so grob. Martin etwas unsicher: So, war er das – Anna So sind sie alle, die Herren Männer. Stille. Martin Schau mich an. Anna schaut ihn nicht an. Martin Warum schaust mich denn nicht an? Anna Weil ich dich nicht anschaun kann. Martin Und warum kannst du mich jetzt nicht anschaun? Schau mich doch nicht so dumm an, Herrgottsakrament! Stille. Anna Mir wars jetzt nur plötzlich so eigenartig - Martin Wieso? Anna Was du da nämlich von mir verlangst, daß ich mich nämlich mit irgendeinem Faschisten einlaß, – und, daß gerade du das verlangst – Martin Was sind denn das für neue Gefühle? Anna Nein, das waren alte – Martin Du weißt, daß ich diese primitiven Sentimentalitäten nicht mag. Nur keine Illusionen, bitte! Anna Jetzt redst du wieder so hochdeutsch. Stille. Martin Anna. Also grob war er zu dir, der Herr Faschist – es ist vielleicht wirklich unter unserer Würde. Anna Was? Martin Daß wir nun diese Spießer da drinnen für die verdreckte Majestät büßen lassen – Nein! Diesen Triumph wollen wir den Herren Faschisten nicht gönnen! Komm! Ab mit Anna. Karl hat sich mit Leni während dieser Szene auf eine Bank gesetzt. Leni Warum schweigst du schon so lang? Karl Weil es mir weh um das Herz herum ist. Leni Aber! Du kannst doch nichts dafür, daß diese italienische Nacht mit einem Mißton geendet hat! Karl Ich danke dir. Er drückt ihr die Hand und vergräbt dann den Kopf in seinen Händen. Stille. Leni Dein Kamerad Martin erinnert mich an einen Bekannten. Mit dem war auch nicht zu reden, weil er nichts anderes gekannt hat, wie sein Motorrad. Er hat zahlreiche Rennen gewonnen und ich hab ihn halt in seinem Training gestört. Sei doch nicht so traurig – Karl Jetzt möcht ich am liebsten nicht mehr leben. Leni Warum denn? Karl Ich hab halt ein zu scharfes Auge. Ich seh, wie sich die Welt entwickelt, und dann denk ich mir, wenn ich nur a paar Jahr jünger war, dann könnt ich noch aktiv mittun an ihrer Verbesserung – aber ich bin halt verdorben. Und müd. Leni Das redst du dir nur ein. Karl Ein halber Mensch! Nur die eine Hälfte hat Sinn für das Gute, die andere Hälfte ist reaktionär. Leni Nicht deprimiert sein – Karl Ich glaub, ich bin verflucht. Leni Nein, nicht! Karl erhebt sich: Doch! Stille. Leni Glaubst du an Gott? Karl Ich fang allmählich an – Leni Es gibt einen Gott, und es gibt auch eine Erlösung. Karl Wenn ich nur wüßt, wer mich verflucht hat. Leni Laß mich dich erlösen. Karl Du? Mich? Leni Ich hab viertausend Mark und wir gründen eine Kolonialwarenhandlung – Karl Wir? Leni Draußen bei meinem Onkel – Karl Wir? Leni Ich und du. Stille. Karl Was denkst du jetzt? Denkst du jetzt an eine Ehegemeinschaft? Nein, dazu bist du mir zu schad! Leni Oh, Mann, sprich doch nicht so hartherzig! Ich kenn dich ja schon durch und durch, wenn ich dich auch erst kurz kenn! Sie wirft sich ihm an den Hals: große Kußszene. Karl Ich hab ja schon immer von der Erlösung durch das Weib geträumt, aber ich habs halt nicht glauben können – ich bin nämlich sehr verbittert, weißt du! Leni gibt ihm einen Kuß auf die Stirne: Ja, die Welt ist voll Neid. Sechstes Bild Im Gartenlokal des Josef Lehninger. Die italienische Nacht der Ortsgruppe Kaltenbrunn des Republikanischen Schutzbundes ist nun korrekt gesprengt – nur der Vorstand sitzt noch unter den Lampions, und zwar: der Stadtrat Ammetsberger mit Adele, Betz, Engelbert und Kranz. Letzerer schnarcht über einen Tisch gebeugt. Es geht bereits gegen Mitternacht und Adele fröstelt, denn es weht ein kaltes Windchen. Betz Was tun, spricht Zeus. Engelbert Heimwärts? Stadtrat schnellt empor: Und wenn die Welt voll Teufel wär, niemals! Wir lassen uns unsere italienische Nacht nicht sprengen! Kameraden, wir bleiben und weichen nicht – bis zur Polizeistund! Er setzt sich wieder. Engelbert Hört hört! Stadtrat steckt sich nervös eine Zigarre an. Kranz erwacht und gähnt unartikuliert; zu Betz: Du, ich hab jetzt grad was Fesches geträumt. Betz Wars angenehm? Kranz Sehr. Ich hab nämlich grad was von einer Republik geträumt und das war eine komplette Republik, sogar die Monarchisten waren verkappte Republikaner – Betz Also das dürft ein sogenannter Wunschtraum gewesen sein. Kranz Ha? Engelbert Wie wärs denn mit einem kleinen Tarock? Stadtrat Tarock? Engelbert Einen Haferltarock – Kranz Haferltarock! Stadtrat Das wär ja allerdings noch das Vernünftigste – Engelbert Karten hab ich – Er setzt sich mit dem Stadtrat und Kranz unter den hellsten Lampion, mischt und teilt. Eine Idee! Betz kiebitzt. Stadtrat Erster! Engelbert Zweiter! Kranz Letzter! Stadtrat Solo. Kranz Und das Licht leuchtet in der Finsternis – Er spielt aus. Jetzt weht der Wind stärker. Adele erhebt sich und fröstelt: Alfons! Stadtrat läßt sich nicht stören: Bitte? Adele Wann gehen wir denn endlich? Stadtrat Zweimal sag ichs nicht! Eichel! Adele Ich erkält mich noch – Stadtrat Das tat mir aber leid, Herz! Kranz Und Herz! Engelbert Und Herz! Betz nähert sich Adele: Wir bleiben bis zur Polizeistund, Frau Stadtrat. Adele Wann ist denn Polizeistund? Betz Um zwei. Adele Und jetzt? Betz Jetzt gehts gegen zwölf. Adele Oh Gott. Stadtrat zu Betz: So laß sie doch bitte! Pause. Adele Hier hol ich mir noch den Tod. Betz Oder eine Lungenentzündung. Pause. Der schönste Tod ist ja allerdings der Tod für ein Ideal. Adele Ich kenn kein Ideal, für das ich sterben möcht. Betz lächelt leise: Auch nicht für die Ideale, für die sich Ihr Herr Gemahl aufopfert? Adele Opfert er sich denn auf? Betz Tag und Nacht. Adele Sie müssens ja wissen. Betz Es ist natürlich alles relativ. Pause. Adele Glaubens mir, daß ein Mann, der wo keine solchen öffentlichen Ideale hat, viel netter zu seiner Familie ist. Ich mein das jetzt menschlich. Sie sind ein intelligenter Mann, Herr Betz, das hab ich schon bemerkt. Stadtrat Über was unterhaltet ihr euch denn dort so intensiv? Betz Über dich. Stadtrat Tatsächlich? Habt ihr denn kein dankbareres Thema? Adele boshaft: Alfons! Stadtrat Na was denn schon wieder? Adele Ich möcht jetzt gern noch ein Schinkenbrot. Stadtrat Aber du hast doch bereits zwei Schinkenbrote verzehrt! Ich meine, das dürfte genügen! Er zündet sich eine neue Zigarre an. Adele Wenn du deine Zigarren – Stadtrat unterbricht sie: Oh du unmögliche Person! Pfui! – Und ziehen tut sie auch nicht, weil du mir nichts vergönnst! Er wirft wütend seine Zigarre fort. Eine unmögliche Zigarre! Adele erhebt sich: Ich möcht jetzt nachhaus. Stadtrat Also werd nur nicht boshaft, bitte! Adele Ich geh – Stadtrat Ich bleib. Adele So komm doch! Stadtrat Nein! Bleib, sag ich! Adele Nein, ich muß doch schon wieder um fünfe raus, deine Hemden waschen und – Stadtrat Du bleibst, sag ich! Adele Hier hol ich mir noch den Tod – Stadtrat Du bleibst und basta! Verstanden?! Adele setzt sich wieder und lächelt geschmerzt. Stadtrat Spiele! Engelbert Weiter! Kranz Spiele auch! Engelbert Und zwar? Kranz Gras! Stadtrat Schnecken! Bettel! Jawohl, Bettel! Und herauskommen tu ich selber – Er gewinnt rasch und lacht schallend. Stille. Betz Warum gehen Sie eigentlich nicht allein nachhaus? Adele Weil er mich allein nicht läßt. Betz Nicht läßt? Auch allein nicht läßt? Er hat doch kein Recht über Ihre Person – Meiner Seel, da erscheint er mir nun plötzlich in einem ganz anderem Licht, obwohl ich darauf gewartet hab – Alfons Ammetsberger, mein alter Kampfgenosse – fünfunddreißig Jahr – Jaja, das wird wohl das Alter sein. Ob ich mich auch so verändert hab? Stadtrat zu Betz: Ich bitt dich Betz, so laß sie doch in Ruh! Wirt erscheint; er ist schwer besoffen und grüßt torkelnd, doch keiner beachtet ihn; er grinst: Guten Abend, Leutl! Schweigen. Auch gut! Boykottiert mich nur, boykottiert mich nur! Mir ist schon alles wurscht, ich wein euch keine Träne nach! Überhaupt sind die Reaktionäre viel kulantere Gast – Euere jungen Leut saufen ja so bloß a Limonad! Feine Republikaner! Limonad, Limonad! Kranz Halts Maul! Wirt plötzlich verträumt: Ich denk jetzt an meinen Abort. Siehst, früher da waren nur so erotische Spruch an der Wand dringstanden, hernach im Krieg lauter patriotische und jetzt lauter politische – glaubs mir: solangs nicht wieder erotisch werden, solang wird das deutsche Volk nicht wieder gesunden – Kranz Halts Maul, Wildsau dreckige! Wirt Wie bitte? – Heinrich, du bist hier noch der einzig vernünftige Charakter, was hat jener Herr dort gesagt? Betz Er hat gesagt, daß du dein Maul halten sollst. Wirt Hat er? Dieser schlimme Patron – Apropos: ich hab eine reizende Neuigkeit für euch liebe Leutl! Kranz Wir sind nicht deine lieben Leutl! Wirt Was hat er gesagt? Betz Daß wir nicht deine lieben Leutl sind, hat er gesagt. Wirt Hat er das gesagt? - Alsdann: meine Herren! Ich beehre mich, Ihnen eine hocherfreuliche Mitteilung zu machen: Sie sind nämlich umzingelt, meine Herren, radikal umzingelt! Stadtrat horcht auf. Betz Wer ist umzingelt? wirt Ihr, meine Herren! Engelbert Wieso? Wirt Meine Herren! Ich habs nämlich grad erfahren, daß euch die Herren Faschisten verprügeln wollen – Stadtrat erhebt sich. Wirt Die Herren Faschisten behaupten nämlich, daß ihr, meine Herren, das Denkmal weiland Seiner Majestät verdreckt habt und jetzt haben die Herren Faschisten eine pfundige Wut im Bauch und wollen Seine Majestät rächen! Hurrah! Kranz Vom wem hast denn das? Wirt Vom Martin seiner Anna. Stadtrat Hier hat niemand eine Majestät verdreckt, merk dir das! Wirt Oh bitte! In der Ferne eine Trillerpfeife. Na? Er grinst. Habt ihr das jetzt gehört? Jetzt gibts Watschen, meine Herren! Signal. Alarm! Kranz Was war denn jetzt das? Wirt Mussolini persönlich. Engelbert Irrtum! Stadtrat Lüge! Infame Lüge! Wirt drohend: Hurrah! Er fällt um. Kranz zum Wirt: Du Judas! Wirt auf dem Boden: Ich bin kein Judas, meine Herren! Ich bin euch doch innerlich immer treu geblieben, sogar noch nach der Revolution! Aber was ist denn das jetzt für eine verkehrte Welt! Früher, da war so ein Sonntag das pure Vergnügen, und wenn mal in Gottes Namen gerauft worden ist, dann wegen irgendeinem Trumm Weib, aber doch schon gar niemals wegen dieser Scheißpolitik! Das sind doch ganz ungesunde Symptome, meine Herren! Betz Natürlich sind das zuguterletzt ja auch nur Aggressionstriebe – Und wieder die Trillerpfeife. Stadtrat Kameraden! Der Mensch ist ein schwaches Rohr im Winde, in Bezug auf das Schicksal, ob er nun Monarchist ist oder Republikaner. Es gibt nun mal Augenblicke im Leben, wo sich auch der Kühnste der Stimme der Vernunft beugen muß, und zwar gegen sein Gefühl! Kameraden, das wäre doch ein miserabler Feldherr, der seine Brigaden in eine unvermeidliche Niederlage hineinkommandieren tat! In diesem Sinne schließe ich nun hiemit unsere italienische Nacht! Vis major, höhere Gewalt! Wo ist mein Hut? Betz Ich bleib. Stadtrat Wieso? Betz Ich bin da nämlich etwas anderer Meinung – Stadtrat Da dürft es doch wohl keine andere Meinung geben! Betz Findst du? Wir haben doch in Bezug auf das verdreckte Denkmal ein absolut reines Gewissen. Engelbert Sehr richtig! Betz Und infolgedessen find ich es nicht richtig, so davonzulaufen. Stadtrat Nicht nicht richtig, klug! Diese Faschisten sind doch bekanntlich in der Überzahl und infolgedessen bekanntlich zu jeder Schandtat jederzeit bereit! Wo ist mein Hut? Betz Ich bleib. Und wenn sie mich verhaun! Stille. Stadtrat fixiert ihn höhnisch: Ach, du bist ein Katastrophenpolitiker? Betz Ich bleib. Stadtrat Viel Vergnügen. Betz Danke. Stadtrat Wo ist mein Hut? Betz Lieber Prügel als feig. Stille. Stadtrat Findst du? Adele Ich finds auch. Stadtrat Du hast hier überhaupt nichts zu finden! Adele Ich finds aber! Stadtrat nähert sich ihr langsam; unterdrückt: Du hast hier nichts zu finden, verstanden?! Adele Ich sag ja nur, was ich mir denk. Stadtrat Du hast hier nichts zu denken. Adele boshaft: Findst du? Stadtrat Blamier mich nicht, ja! Adele Nein. Stadtrat kneift sie. Adele Au! Au – Stadtrat Wirst du dich beherrschen?! Adele Au, Alfons! Au – Stadtrat Daß du dich beherrschst! Daß du dich – Adele reißt sich kreischend los: Au – Du mit deinem Idealismus! Stadtrat Oh du unmögliche Person! Adele Oh du unmöglicher Mann! Draußen Prolet, drinnen Kapitalist! Die Herren hier sollen dich nur mal genau kennen lernen! Mich beutet er aus, mich! Dreißig Jahr, dreißig Jahr! Sie weint. Stadtrat mit der Hand vor den Augen: Adele! Adele – Und wieder die Trillerpfeife, und zwar in der Nähe. Kranz Da! Stille. Stadtrat nimmt langsam die Hand von den Augen: Wo ist mein Hut? Wirt hat sich schwerfällig erhoben: Mit oder ohne Hut – Du bist und bleibst umzingelt – Er rülpst und torkelt ab. Stille. Adele weinerlich: Hättest du zuvor die jungen Leut nicht nauswerfen lassen, würd sich jetzt niemand hertraun – Jetzt sind wir doch lauter alte Krüppel – Engelbert Oho! Stadtrat Herr im Himmel! Engelbert Sehr richtig! Adele grinst plötzlich. Stadtrat Lach nicht! Adele Wenn ich dich so seh, find ich das direkt komisch, wie du da den jungen Menschen im Weg herumstehst – Sie schluchzt wieder. Stadtrat Heul nicht! Adele Das sind die Nerven – Kranz Die typische Weiberlogik. Stadtrat Wir zwei sind getrennte Leut. Kranz Langes Haar, kurzer Verstand! – Aber offen gesagt: ich finds ja schon auch, daß es sozusagen etwas überstürzt war, den Martin so mirnix-dirnix auszuschließen, samt seinem Anhang – er hat doch einen ziemlichen Anhang, einen starken Anhang, und nicht den schlechtesten Anhang – und er hat doch sozusagen gar nicht so unrecht gehabt – Stadtrat Findst du? Kranz Wenn wir jetzt auch solche Kleinkaliber hätten, als wie diese Faschisten, dann müßten wir uns jetzt nicht unschuldig verhaun lassen, sondern könnten uns wehren – wehren – das ist doch logisch, ha? Stadtrat Logisch – Engelbert Logisch oder nicht logisch! Nach den Statuten mußten wir Martin ausschließen! Und abermals die Trillerpfeife. Kranz Hörst deine Statuten? Hörst sie? Ich scheiß dir was auf solche Statuten! Engelbert Hört, hört! Kranz Das sind doch ganz veraltete Statuten! Engelbert Natürlich gehören auch Statuten ab und zu geändert, die Welt ist doch in lebendigem Fluß – Stadtrat unterbricht ihn: Findst du? Betz Ja. Er nähert sich ihm. Alfons. Nicht nur Menschen, auch Statuten altern – und alte Statuten erreichen oft das Gegenteil von dem, was sie bezwecken wollen und werden unbrauchbar und lächerlich – Stadtrat Findst du? Kranz Also ich möchte hiemit offiziell dafür plädieren, daß unseres Kameraden Martin überstürzter Ausschluß wieder rückgängig gemacht werden soll! Stadtrat Rückgängig? Kranz Jawohl! Stadtrat sieht sich fragend um. Betz Ja. Engelbert Hm. Stadtrat zu Engelbert: Ja oder nein? Stille. Engelbert Ja. Stille. Stadtrat Wo ist mein Hut? Adele reicht ihm seinen Hut: Da. Stadtrat setzt den Hut tief in die Stirne; tonlos: Umzingelt. Überfallen. Meuchlerisch. Schlange an der Brust. Auch du mein Sohn Brutus – Adele Undank ist der Welten Lohn. Stadtrat Ich werd mich aus dem politischen Leben zurückziehn – jetzt geh ich nirgends mehr hin – höchstens, daß ich noch kegeln werd oder singen – Adele Endlich, Alfons. Riesiger Tumult vor dem Gartenlokal Kranz bewaffnet sich mit zwei Gartenstühlen: Jetzt! Da! Engelbert weicht ganz zurück. Stadtrat scheint nichts zu hören, stiert vor sich hin und zeichnet kleine Zeichen in die Luft. Betz lauscht. Martin betritt rasch den Garten. Engelbert Martin! Stille. Martin lächelt: Zu Befehl, Herr! Ich gestatte mir nur zu melden, daß hier niemand mehr eine Angst zu haben braucht, denn die Herren Faschisten sind soeben vertrieben worden, und zwar mit Schwung! Ihr Besuch hat nämlich uns gegolten, mir und meinen Genossen, nicht euch! Und wir sind halt nun mal so veranlagt, daß wir für unsere Taten einstehen, selbst wenn so eine Tat auch mal eine richtige Blödheit gewesen sein sollt. Martins Genossen sind ihm nun in den Garten gefolgt. Kranz Also das ist sehr edel von euch, nicht andere Unschuldige für eure Blödheiten büßen zu lassen! Betz Martin! Du weißt, daß ich dich sehr schätz – Engelbert unterbricht ihn: Martin! Ich bin durch den Gang der Dinge zu der Überzeugung gekommen, daß dein Ausschluß ungerechtfertigt ist, und ich bedauer es ehrlich, daß ich ihn so überstürzt gefordert hab. Betz Im Namen des Vorstandes bitte ich dich, wieder unser Kamerad zu werden. Martin verbeugt sich leicht: Danke. Aber leider seid ihr zu spät dran, denn es wurde bereits ein neuer Schutzbund gegründet. Engelbert Setzt sich. Stadtrat trocknet sich verstohlen einige Tränen ab. Kranz stiert Martin fassungslos an. Martin zu Betz: Aber im Namen unseres jungen Schutzbundes kann ich dir nur mitteilen, daß es uns freuen würde, dich als unseren Kameraden begrüßen zu können – Betz verbeugt sich leicht: Danke. Martin lächelt: Es tut mir nämlich schon lange weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh – Ende