Ödön von Horváth Pompeji Komödie eines Erdbebens in sechs Bildern Personen: K. R. Thago  , Präsident des Romanisch-phönizischen Kreditinstitutes Idiotima  , dessen Tochter Gloriosus  , deren Mann Toxilus  , Oberkammersklave Lemniselenis  , eine Hetäre Bagnio  , deren Bruder Der Parasit  , deren Vater Matrosa  , deren Dienerin Dordalus  , Sklavenhändler Der Praetor   von Pompeji Der Aufseher Paegnium  , ein Sklavenlausbub Der Vorsitzende   des Sklavengerichts Eine Beisitzerin   des Sklavengerichts Ein Liktor Ein Wärte    r im Zirkus Ein Buffetier   im Zirkus Drei Damen Ein freier Kleinbürger Ein uralter Sklave Ein Herr unter der Erde Gefolge des Praetors Liktoren Freie Bürger Sklaven und Sklavinnen     Zeit: Altertum. Erstes Bild Kleiner Privathafen vor einer Villa am Meer, unweit von Pompeji. Die Villa ist der ländliche Lustsitz des reichen punischen Bankiers K. R. Thago, eines naturalisierten Römers. Hier wohnt er im Frühling mit seiner Tochter Idiotima und deren Gatten Gloriosus. Rechts im Vordergrunde sieht man einige Säulen der Villa, links im Hintergrunde liegt das Meer. Dort ankert die Luxusgaleere des Bankiers. Das Stück beginnt mit einem lebenden Bild: Zahlreiche Sklavinnen und Sklaven schleppen vom Ufer Gepäckstücke auf das Schiff, Kisten, Truhen, Fässer, Schläuche, Geschirr. Sie werden von einem Aufseher mit Nilpferdpeitsche in drohender Pose beaufsichtigt. Im Vordergrunde stehen von links nach rechts: Gloriosus, stolz auf den Knauf seines Schwertes gestützt; neben ihm kauert der Sklavenlausbub Paegnium auf dem Boden und putzt seinen Schild; dann Idiotima, umgeben von drei Kammersklavinnen, die noch etwas am Saum ihres Kleides zu nähen haben und ihr mit einer Brennschere auch noch Löckchen ins Haar brennen; dann K. R. Thago persönlich mit der achtzehnjährigen Hetäre Lemniselenis und deren Dienerin Matrosa, einer Person im gefährlichsten Alter, die sich etwas abseits hält, denn der Bankier tätschelt gerade der Hetäre Wange. Ganz im Vordergrunde steht Toxilus als Prologus, in einen weißen Radmantel gehüllt, eine Pergamentrolle in der Hand. Alle Personen tragen pompejanische Masken, die die wesentlichen Züge ihrer Charaktere, so wie man sich selbe eben landläufig vorstellt, darstellen sollen. In diesem Sinne steht Toxilus mit der typischen Prologmaske vor dem Publikum. K. R. Thago ist ein gütiger Börsianer, Lemniselenis ein freches Dirnchen, Matrosa eine alte Dirnchenmutter, Idiotima gepflegt, versnobt, mit dem leeren Lächeln der Gesellschaftsdame, Gloriosus eitel und aufgeblasen, Paegnium ein pfiffiger Spitzbub, der Aufseher roh und niederträchtig, die Sklaven und Sklavinnen niedergedrückt, geschunden, bemitleidenswert armselig, so wie es sich eben gehört. Es ist ein herrlicher Tag, ohne Wellen und Wolken. Toxilus   zum Publikum: Als Prologus beginne ich mit einem Zitat aus Plautus: Format »Oh Publikum! Laßt euch behaglich auf euere Sitze nieder, bezahlt oder unbezahlt – das ist nicht die Frage. Die Frage ist vielmehr: ob ihr satt oder hungerig hierher gekommen seid? Denn wer bereits genachtmahlt hat, der hat das bessere Teil erwählt; doch wer hungert, esse sich an unseren Witzen satt – aber wem zu Hause das Nachtmahl steht, der ist ein Narr, ein großer Narr, daß er uns zulieb nüchtern hergekommen ist!« Er nimmt seine Maske ab. Erlaubt, daß ich mich vorstelle: ich heiße Toxilus und bin hier der Oberkammersklave. Jawohl: Sklave! Denn der Götter Fügung gab mir das Pech, dem Sklavenstande anzugehören, obwohl ich eigentlich innerlich eine Herrennatur bin – ein Mann voll geistiger Kraft und Gewandtheit, voll Witz und Gesundheit, dem sich eine Umgebung willig unterordnet, meine Mitsklaven nämlich, jedoch auch – Leise – meine Herrschaft! Ich sag es leise, denn sie steht da hinter mir und soll es nicht hören, sonst setzt es was ab, und das wollt ihr doch meinem Buckel nicht gönnen! Laut, indem er sich seines Mantels entledigt. Und nun erlaubt, daß ich euch die Szenerie erläutere: ihr seht hier ein lebendes Bild. Wir sind zwei Stund zu Fuß von Pompeji. Rechts der ländliche Lustsitz meiner Herrschaft, links im Hintergrunde das Meer, und um die Ecke – Er deutet nach links hinauf – raucht der Vesuv. Ihr könnt ihn nicht sehen, doch sollt ihr im Laufe unseres Spieles noch manches über ihn hören! Ja. Doch kehren wir zum Sichtbaren zurück! Im Hafen ankert die Luxusgaleere meines Herren – Er deutet auf K. R. Thago – Präsident des Romanisch-phönizischen Kreditinstitutes K. R. Thago! Leise. Er ist ein gebürtiger Punier, ließ sich jedoch in Rom naturalisieren, opferte dortselbst unseren Göttern und hat dabei allerhand Geld gemacht – jetzt tätschelt er gerade die Wange seines Fräulein Hetäre, namens Lemniselenis, die Alte daneben ist des Kindlein Dienerin Matrosa – ich vertrag mich mit ihr recht gut. Jaja, mein Herr tätschelt gerne, wenn er sich verabschiedet – er möcht nämlich mit seiner Tochter Idiotima und derem Gatten Gloriosus nach Kreta in die Sommerfrische segeln, denn Kreta ist zur Zeit der letzte Schrei. Die Herrschaften warten nur noch, bis die Sklaven und Sklavinnen das viele Gepäck auf die Galeere gebracht haben, der Rüpel dort hinten mit der Nilpferdpeitsche ist der Aufseher, ein roher, niederträchtiger Mensch – Aufseher   fällt ihm ins Wort: Was bin ich?! Toxilus   Hast es nicht gehört? Zweimal sag ichs nicht. Aufseher   Ich wäre ein roher, niederträchtiger Mensch?! Toxilus   Hab ich das gesagt? Aufseher   Jawohl! Toxilus   Dann wirds schon stimmen – Aufseher   Es stimmt aber nicht! Da schau her! Er reißt seine Maske herunter, ein rundes, gutmütiges Gesicht wird sichtbar. Ist das das Antlitz eines Prügelwarts? Toxilus   perplex: Komisch, daß ich dein Gesicht noch nie gesehen hab – hm. Nein, roh und niederträchtig sieht es nicht aus, eher ein bisserl blöd – Aufseher   braust jähzornig auf: Ein solches Wort noch und – Er hebt drohend seine Peitsche. Toxilus   herrscht ihn an: Schäm dich, immer nur die Peitsche, die Peitsche! Aufseher   Scham her, Peitsche hin! Ich erfüll ja nur meine Pflicht! Er knallt mit der Peitsche und brüllt die Sklaven und Sklavinnen, die die Gepäckstücke tragen, an. Vorwärts – vorwärts! Nur nicht getrödelt, gewurstelt, geschlafen, sonst weck ich euch auf, Sklavenpack! Alle Sklaven tragen hurtig ihre Lasten auf die Galeere. Aufseher   zählt die an ihm vorbeigeschleppten Gepäckstücke: 84, 85, 86, 87 – los – los! Wir haben noch 164 Stück! Er knallt wieder mit der Peitsche. Idiotima zuckt etwas zusammen. Toxilus   zum Publikum: Nachdem ich euch alles erklärt habe, darf ich nun wohl gehen – ich muß nämlich rasch auf das Schiff, um nachzusehen, ob auch alles richtig verstaut wird. Ich komme wieder, wenn ich muß! Rasch ab auf die Galeere. Aufseher   brüllt einen alten Sklaven grimmig an: Tempo – tempo! 107, 108, 109 – hast nicht gehört, altes Stück Elend?! Er knallt abermals mit der Peitsche. Idiotima   zuckt abermals zusammen: Oh saget ihm, er knalle nicht so mit der Peitsche! Er schlage lieber, dann gibts nicht diesen schrillen Ton! Meine Nerven vertragen keine Disharmonien, ich bin geschwächt – Gloriosus   Paegnium! Wo bleibt mein Schild? Paegnium   reicht ihm den Schild: Aufzuwarten, gnädiger Herr! Gloriosus   blickt auf seinen Schild, wie in einen Spiegel: Ich kann mich in meinem Schild nicht sehen. Wo bin ich? Du sollst meinen Schild so putzen, daß ich ihn als Spiegel benützen kann – begreifs doch endlich, daß ich mit Mars verwandt bin! Er reicht ihm wieder seinen Schild. Putz ihn, sonst erledig ich dich, wie jene fünfhundert in Kapadozien im vorigen Herbst – fünfhundert mit einem Streich, obwohl mein Schwert abgestumpft war! Paegnium putzt eifrig den Schild. Idiotima nimmt langsam ihre Maske ab; eine verhärmte, früh gealterte Frau wird sichtbar. Die Kammersklavinnen stürzen sich sofort eifrigst auf die Maske, schminken und pudern sie. Idiotima   blickt zum Himmel empor: Ach, Wölklein in der Höh, nur du erkennst mein Weh: mein Gatte ist ein Berufsmensch. Er liebt nur sein Schwert, seinen Schild, seinen Panzer – was gilt ihm der Venusberg neben einem befestigten Hügel? Nichts, oh nichts! Er fürchtet nur immer, ob seine Rüstung auch richtig glänzt. Heut zieht er sich schon seit gestern an, er legte sich gar nicht zu Bett in der Nacht, er zog sich nur an – Ich frage mich oft: warum kennt mein Gatte keine Gemütlichkeit? Gloriosus   Ein böses Wort! Viel lieber als in die Sommerfrische zöge ich in einen flotten Krieg, viel lieber würde ich blutige Dinge vollbringen, als friedlich meine Brust in der Sonne bräunen – denn meine Brust sehnt sich nach der befreienden Tat! Idiotima   einfach: Ich hasse den Krieg. Gloriosus   Versündig dich nicht! Wenn das Mars hört! Idiotima   Laß mich aus mit deinem Gott! Wenn mein Vater kein Krösus wär, wäre mein Gatte ein friedlicher Hirte, aber das Geld meines Vaters läßt ihn nicht arbeiten – so langweilt er sich auf dem Felde der Ehre zu Tode. Gloriosus   reißt sich wütend die Maske herab; ein feminines Gesicht mit ängstlichen Augen wird sichtbar; er fixiert unsicher Idiotima; plötzlich herrscht er sie an: Du nimmst den Mund voll, als hättest du mir einen Sohn geschenkt! Idiotima will schreien, doch die Kammersklavinnen binden ihr rasch, fast gewalttätig, die frischhergerichtete Maske um. K. R. Thago   zu Lemniselenis: Wohl begreif ich deine Trauer, mein süßes, teuerstes Geschöpf, du kostspieliges, du – denn ich fahr nun fort und laß dich da. Doch sei beruhigt: ich laß auch mein Geschäft da, Handel und Wandel, die Börse, das Kontor – mögen die Papiere fallen oder sich heben: ich muß ruhen! Der Arzt hats mir verordnet, es wird Zeit, er kennt mein Leiden – Lemniselenis   Was fehlt Euch eigentlich, Herr Präsident? K. R. Thago   Mein Leiden, Kind, ist nicht der Ausfluß des üppigen Lebens, sondern der Erregung über das Leben in Geschäften. Verlieren regt auf, aber verdienen noch mehr – und viel verdienen, das legt sich aufs Herz, denn viel verdienen ist Schmerz, teuer erkaufter Schmerz. Lemniselenis   Der Sommer mag kommen, der Herbst vergehen, meine Lieb zu Euch wird auch dann noch bestehen. Denn Ihr habt mich gekauft. Toxilus   erscheint rasch auf der Galeere und springt auf den Kai: Euere Hochwohlgeborenen! Die Segel sind gesattelt, der Anker gelichtet, das Gepäck verpackt und die Ruder sind ruderbereit – es schwimmt alles in Butter, schiffet Euch ein! Idiotima  Endlich! Ab auf die Galeere. Gloriosus   zu Paegnium: Her damit! Er nimmt ihm seinen Schild ab und betrachtet sich in ihm; entsetzt, denn er sieht sich ohne Maske . Was? Das soll ich sein?! Er herrscht Paegnium an. Ich seh mich noch immer nicht! Wart nur, Bube, wenn ich heimkehr, laß ich dich blenden! Rasch ab auf die Galeere. Paegnium nimmt seine Maske ab; ein mageres, trotziges Knabengesicht wird sichtbar; er wischt sich mit dem Arme den Schweiß von der Stirne und fächelt sich mit der Maske. K. R. Thago   zu Lemniselenis: Kurz und gut, mit einem Wort: jetzt wirds aber höchste Zeit, daß ich mich einschiff, und du – du kehrst morgen wieder zu Dordalus zurück. Lemniselenis   entsetzt: Was sagt Ihr?! Wohin?! Zu Dordalus?! K. R. Thago   Ja. Nach Pompeji. Lemniselenis   wie zuvor: Ich soll wieder zum Sklavenhändler?! Ihr wollt mich abermals wieder weiter verkaufen? Sie reißt sich die Maske ab; ein schönes Kind mit traurigen Augen und einem frühverbitterten Zug starrt K. R. Thago verzweifelt an. K. R. Thago   stutzt unwillkürlich etwas: Warum so verzweifelt? Vielleicht erwirbt dich ein Besserer, Schönerer, Reicherer – Lemniselenis   unterbricht ihn: Es gibt keinen Reicheren als Euch! Oh bringt mich nicht wieder auf den Sklavenmarkt! Es folget so selten was Besseres nach! K. R. Thago   Aber – aber, großes Kind! Was hast du dir denn vorgestellt? Und außerdem möcht man doch nur dein Gutes – Lemniselenis   Wollet lieber das Schlechte, mein Herr! Gewährt mir weiter Euere Huld, ich bleib Euch nichts schuld! Wenn Ihr heimkehrt von Euerer Sommerfahrt, wird von mir alles in bar bezahlt – jeder Groschen ein Kuß, wenn ich nur nicht wieder auf den Sklavenmarkt muß. K. R. Thago   Wer weiß, ob ich zurückkehr? Ob das Schiff nicht versinkt? Wer befiehlt dem Sturm, dem Meer – Neptun oder ich? Bin ich dem Neptun sein Vertrauter? Na also! Abgesehen davon, daß ich dich jetzt ein halbes Jahr umsonst ernähren müßt! Vorsicht ist die Mutter der Weisheit und Sparsamkeit ist eine Weltanschauung. Verkenne mich nicht, mein Kind! Stille. Lemniselenis   Jetzt weiß ich bald nicht mehr, was ich glauben soll, Herr Präsident. K. R. Thago   Glaub, was du willst, aber verschleuder dich nur nicht zu preiswert – Er geht auf die Galeere zu. Toxilus   zu K. R. Thago: Gute Erholung, frohe Fahrt! K. R. Thago   zu Toxilus: Danke. Er hält und wendet sich nochmals Lemniselenis zu; mit erhobenem Zeigefinger. Du bist unter Brüdern sechshundert Silberlinge wert – Ab auf die Galeere. Lemniselenis   schreit plötzlich auf: Nein!! Sie verbirgt ihr Gesicht in den Händen. Matrosa   nimmt langsam die Maske ab; eine brave alte Frau wird sichtbar; sie legt ihren Arm um Lemniselenis' Schulter und tröstet sie: Gebe dem Kaiser, was des Kaisers ist – Zweites Bild Am nächsten Tage, wieder vor der Villa am Meer. Die Luxusgaleere ist fortgefahren, nun liegt der Hafen still. Lemniselenis sitzt am Fuße der einen Säule und hält das Gesicht in den Händen verborgen. Matrosa sitzt neben ihr und strickt. Das Wetter ist noch immer schön. Toxilus   kommt aus der Villa, erblickt Lemniselenis, hält und betrachtet sie; zu Matrosa: Was hat sie denn? Matrosa   Sie weint. Toxilus   Warum? Matrosa   Es ist ihr hier so gut gegangen und jetzt hat sie Angst vor der Zukunft. Speziell vor Dordalus zittert ihr Herzchen. Toxilus   Aber – aber! Dordalus in Pompeji ist zwar auch nur ein Sklavenhändler, aber in dieser verdammten Branche gibts noch massivere Lümmel – da könnt ich erzählen! Matrosa   lacht: Ich auch! Toxilus   Mit Dordalus kann man sogar reden und ich bin überzeugt, wenn das Fräulein artig zu ihm ist, verschafft er ihr noch einen bedeutend besseren Posten. Keinen solchen geizigen Kracher, wie meinen gnädigen Herrn! Lemniselenis   blickt zum Himmel empor: Oh Götter, was gäb ich darum, wenn ich nur nicht wieder verhandelt werden müßt – Sie verbirgt ihr Gesicht wieder in den Händen. Matrosa   zu Lemniselenis: Laß dich nicht so gehen! Fast entschuldigend zu Toxilus . Sie regt sich dabei immer so schrecklich auf. Toxilus   Wie oft ist sie denn schon verkauft worden? Matrosa   Erst einmal. Aber sie hatte Pech. Die Firma Maximus in Herkulanum, die sie hierher verschachert hat, hat sich richtig schäbig benommen. Nicht einmal eine eigene Kammer hatte das arme Mädel, mußte in einem Raume hausen mit den letzten Galeerenruderern, diesem Abhub der Sklavenwelt! Schmutzig wie die Pest! Toxilus   Also beim Dordalus ist alles sauber, muß man ihm lassen, peinlich sauber sogar! Ich lag dort drei Wochen auf Lager und fand keine einzige Wanze. Matrosa   Das findet man allerdings selten, daß man nichts findet! Lemniselenis   sieht Toxilus groß an: Ist er grob! Toxilus   ein wenig verwirrt durch ihre Augen: Wer? Lemniselenis   Dordalus. Toxilus   Keine Spur! Er ist ein subalternes Wesen. Lemniselenis   Wenigstens das. Sie starrt vor sich hin. Matrosa   zu Toxilus: Sie hat nämlich nur einen Wunsch: keine Hetäre mehr zu sein, heraus aus dieser Sklaverei endlich freigekauft zu werden! Zu Lemniselenis. Nicht, Kindchen? Lemniselenis   wie zuvor; leise: Ja. Toxilus   Freigekauft:? Ein großes Wort! Matrosa   Fast zu groß – Sie lächelt. Lemniselenis   Das ist mein Ideal. Stille. Toxilus   betrachtet schätzend Lemniselenis; zu Matrosa: Was würds denn kosten, wenn man sie freikaufen tät? Matrosa   Soviel ich weiß, zirka sechshundert Silberlinge – Toxilus   Potz Pluto! Ein Vermögen! Lemniselenis   horcht auf: Bin ichs nicht wert? Toxilus   grinst: Wahrscheinlich – Lemniselenis   kurz: Danke. Stille. Matrosa   zu Toxilus: Jetzt habt Ihr sie beleidigt. Macht es wieder gut. Toxilus   zu Lemniselenis: Es war nur ein Scherz. Lemniselenis   lächelt kalt: Lieb von Euch! Toxilus   grinst: Ich tät Euch sogar freikaufen, wenn ich sechshundert Silberlinge hätt – Lemniselenis   erhebt sich unwillig: Verschont mich mit Eueren öden Scherzen! Das typische Sklavengeblödel! Toxilus   Nanana! Lemniselenis   zu Matrosa: Der Herr möchte mich freikaufen. In meinem Zustand vertrag ich keine Witze über die Freiheit! Dazu ist mir mein Leben zu ernst! Sie schluchzt verärgert. Toxilus   Ihr scheint nicht zu wissen, wer ich bin? Matrosa   zu Toxilus: Laßt sie jetzt in Frieden! Toxilus   Fällt mir nicht ein! Lemniselenis   zu Matrosa: Sag ihm, ich rede mit ihm kein Wort mehr! Toxilus   zu Matrosa: Sagt ihr, ich könnte sie jederzeit freikaufen, wenn ich nur wollte! Richtet es ihr aus! Matrosa   Ich werd mich schön hüten, einen solchen Blödsinn auszurichten! Toxilus   Blödsinn? Wenn Toxilus sagt, daß er sechshundert – Matrosa   fällt ihm ins Wort: Ihr und sechshundert?! Daß ich nicht wiehere! Toxilus   Wiehert nur! Aber richtet es aus! Matrosa   Haltet andere zum Narren, aber nicht uns, mich und meine sanfte Herrin! Toxilus   Ihr vergeßt, wer ich bin. Lemniselenis   voll Verachtung: Ein Sklave. Toxilus   Gewiß! Jedoch während der Abwesenheit unserer Herrschaft wurde der Sklave Toxilus zum obersten Verwalter dieser Villa eingesetzt, denn er genießt das restlose Vertrauen seines Herrn und ich könnt mir also jederzeit auch sechshundert Silberlinge beschaffen, ich müßt nur was verkaufen, was nicht mir gehört, oder irgend etwas unterschlagen, einen Wechsel fälschen oder dergleichen! Lemniselenis   fährt Toxilus an: So verkauft es doch, was nicht Euch gehört, unterschlagt, fälscht, raubt – Matrosa   fällt ihr ins Wort: Sei so gut! Lemniselenis   Er deklamiert ja nur! Toxilus   zu Lemniselenis: Ihr traut mir anscheinend den Mut nicht zu, daß ich es tun könnte? Matrosa   zu Toxilus: Ihr werdet Euch beherrschen! Toxilus   Ja. Matrosa   Na also! Lemniselenis   Schade. Denn der Mann, der mich freikaufen würde, der wäre der erste und einzige Mann, den ich lieben könnte. Toxilus horcht auf. Matrosa   Alles Unsinn! Lemniselenis   Oho! Stille. Toxilus   zu Matrosa: Was die für Augen hat – Matrosa   Ihre Mutter war Schlangenbeschwörerin. Toxilus   Aha! Lemniselenis   Meine Wiege stand auf Lemnos, von wo die schönen Frauen kommen. Arme Mama! Sie lebte nur kurz, mein Papa aß ihr alles weg. Toxilus   perplex: Aß ihr weg? Lemniselenis   Papa ist nämlich ein Parasit, ein Vielfraß, wie alle meine Vorfahren väterlicherseits. Nicht nur meine Mama, auch meine Freiheit wurde ein Opfer seiner Gier: er verschacherte mich als Sklavenkind für ein opulentes Menü. Toxilus   entrüstet: Das eigene Kind?! Also das ist schon das Allerletzte! Lemniselenis   Er konnte den Fasanen, Muränen und Hummern nicht widerstehen. Die geschlachteten Tiere haben ihn überwältigt, sie wohnen in ihm und sitzen auf seinem Willen – er kennt nur den Bauch, sonst nichts. Matrosa   beiseite: Was das Mädel aufführt! Lemniselenis   seufzt: Meine Kindheit war traurig. Ewiger Zwist der Eltern, zerrüttete Familienverhältnisse – Toxilus   ehrlich: Armes Kind! Mit Euch verglichen gehts ja sogar mir noch besser: ich weiß es wenigstens nicht, wer meine Eltern waren! Als dreijähriger Knirps verlor ich meine Freiheit, bei Babylon wurd ich gefangen – Lemniselenis   Ach, Ihr seid ein Perser? Toxilus  Perser, Grieche, Inder, Ägypter – was weiß ich, woher ich stamm! Lemniselenis   Schad! Denn Perser sind alle dunkel und ich bin blond. Toxilus   lächelt: Wenn Ihr es wünscht, dann werd ich ein Perser – Lemniselenis   klatscht in die Hände: Fein! Matrosa   Wie man freiwillig ein Perser sein möcht, das geht über meinen Horizont. Toxilus   Warum? Matrosa   Weil alle Perser böse Menschen sind. Lemniselenis   lacht: Böse Menschen gibts überall! Sie hört plötzlich auf zu lachen und deutet ruckartig auf den Vesuv um die Ecke. Seht, den Vesuv! Wie stark der raucht oder sinds nur die Wolken? Matrosa   blickt auch auf den Vesuv: Das sind keine Wolken. Hoffentlich gibt er endlich Ruh. Stille Lemniselenis   Manchmal möcht ich der Vesuv sein: ausbrechen und alles vernichten – Sie lächelt. Matrosa   zu Toxilus, der sich nicht um den Vesuv kümmerte und immer nur Lemniselenis anstarrte: Was starrt Ihr denn das Mädel so an? Toxilus   einfach: Weil sie mir gefällt. Zu dumm, sie ist wirklich schön. Komisch, daß ich das erst jetzt bemerk – Matrosa   unterdrückt zu Lemniselenis: Komm, Herrin, ziehen wir uns zurück – Lemniselenis   fällt ihr laut ins Wort: Nein. Matrosa   sehr leise, damit Toxilus nichts hört: Ich bitt dich, mach keine Dummheiten, verdreh ihm nicht den Kopf! Lemniselenis   sehr leise: Ich verdreh ihn aber. Jetzt werd ich frei! Laut zu Toxilus. Also Ihr seid nun hier der Herr? Toxilus   starrt sie noch immer an: Ja. Der Stellvertreter. Lemniselenis   Und alles muß Euch gehorchen? Toxilus   Alles. Lemniselenis   Ich auch? Toxilus   stutzt: Hm. Eigentlich– Lemniselenis   Nun? Ja oder nein? Toxilus   lächelt etwas verlegen: Nach den Gesetzen der Logik eigentlich ja – Lemniselenis   fällt ihm ins Wort: Dann befehlt doch! Befehlt! Stille. Toxilus   starrt sie an und zuckt plötzlich zusammen; unterdrückt: Au – Er faßt sich ans Herz und windet sich ein bißchen. Lemniselenis   erschrickt : Was ist? Was habt Ihr? Toxilus   leise: Ich weiß nicht, als wär ich verwundet – Lemniselenis   Tuts weh? Toxilus   lügt lächelnd: Nein. Die Luft erklingt in zarten Akkorden. Lemniselenis   blickt empor und ruft: Oh, jetzt fürcht ich nichts mehr! Amor hat geholfen! Matrosa   zu Lemniselenis: Jetzt aber Schluß! Du bist eine brave Hetär und jener ist ein Sklave, das schickt sich nicht, der Kaiser hats verboten! Komm! Lemniselenis   herrscht Matrosa an: Kommandier nicht mit mir! Matrosa   Die Dienerin einer Hetäre ist wie die Mutter einer freien Frau: ein schützender Geist. Lemniselenis   Behalt deinen Schutz! Toxilus   Was hat sie denn? Lemniselenis   Sie geht mir auf die Nerven. Matrosa   blickt nach links; ruhig: Dort kommt Dordalus. Lemniselenis   schrickt zusammen: Oh! Sie schmiegt sich an Toxilus. Matrosa   blickt noch nach links: Richtig! Er ist es. Toxilus   Unser aller Händler – Matrosa   In zehn Minuten ist er da. Toxilus   In fünf. Lemniselenis   rehr leise zu Toxilus Rette mich. Rette mich – Toxilus sieht sie an, überlegt einen Augenblick, fährt sich mit der Hand über die Stirne, sieht sich um, ob ihn auch niemand hören kann und redet dann unhörbar auf Lemniselenis ein. Matrosa horcht, hört aber nichts. Lemniselenis lauschte aufmerksam, gibt nun Toxilus einen flüchtigen Kuß auf die Wange; leise. Wiedersehen – Rasch ab in die Villa. Matrosa   sieht ihr nach; sehr besorgt: Wohin? Sie will auch in die Villa. Toxilus   vertritt ihr den Weg: Du bleibst zurück. Matrosa   entsetzt: Toxilus, was habt Ihr vor?! Toxilus   Erraten. Matrosa   Verblendet, verblendet! Das ist der Galgen, der Galgen – und das arme Mädel! Toxilus   herrscht sie an: Prophezei hier nicht herum und mach mich nervös! Sonst häng ich dich ins Meer hinein mit dem Kopf nach unten, damit dich die Polypen kitzeln! Still! Dordalus   kommt mit zwei Gehilfen von links; er sieht aus wie ein melancholischer Librettist; er hält und sieht sich um: Da wären wir. Säulen, als wärs ein Tempel des Jupiter, derweil ist es nur der ländliche Lustsitz eines alten Wucherers, Erpressers, Wechsel- und Kontofälschers, Witwen- und Waisengeldbehälters. Das lebt sich, diese Herren Punier – Er erblickt Toxilus. Ist das nicht Toxilus? Toxilus   imitiert ihn: Ist das nicht Dordalus? Dordalus   lächelt: Immer noch frech und oberfrech! No wie gehts – wie stehts, Herr Baron? Was hat dir der alte Dordalus gesagt vor acht Jahren? Laß dich hierher verkaufen, hat er gesagt. Hab ich erraten? Ich find schon immer die passende Stell für das passende Material, ich hab einen Riecher. Toxilus   Ich bin Euch auch dankbar. Dordalus   Ein seltenes Wort! Denn besonders von euch Sklavengesindel erntet man nichts als Undank, wo man sich Tag und Nacht abrackert, um euch an ein solides Haus anbringen zu können. Und obendrein verkauft man euch noch mit Verlust, bloß damit ihr gut lebt, man lebt ja schon nur für seine Herren Sklaven! Dich hab ich auch viel zu billig abgegeben, übel wirds mir, wenn ich dich seh. Also sehen wir das andere, diese Hetär, die ich mir da abholen soll. Lemniselenis heißt sie, damit man sich die Zunge bricht, wenn man an sie denkt – lauter Rache! Toxilus   Sie ist die Schönste von Lemnos. Dordalus   Dein Wort in Gottes Ohr! Möglich ist alles! Sie stammt zwar von Maximus in Herkulanum – auch eine Firma! Lauter Nullitäten! Und ich soll sie jetzt da in Kommission verkaufen, auch ein Geschäft, nichts verdient man dabei, nur Müh und Plag und Aufregerei, und am End zahlt man wieder drauf! Also zeig sie schon her, führ sie vor, deine Schönste aus Lesbos! Toxilus   Lemnos! Dordalus   Von mir aus! Also los – los! Wo steckt das Objekt? Toxilus   Wenn ich das wüßte! Dordalus   Wie soll das einer verstehen? Toxilus   Sie ist plötzlich verschwunden. Stille. Dordalus   Du willst doch damit nicht andeuten, daß sie – großer Gott! Toxilus   Ja. Dordalus   entsetzt: Geflohen?! Toxilus   Ihr sagt es. Dordalus   Gott du bist gerecht! Was ihr da für Geschichten treibt! Matrosa   Wir? Dordalus   Sklaven gibts nur in der Mehrzahl – stellt einer was an, werden alle bestraft. Große Neuigkeiten? Weil ihr gar so geistreich glotzt! Aufseher   kommt rasch aus der Villa: Toxilus! Ist das wahr, daß die Hetär reiten darf? Toxilus   wirft einen erschrocken-forschenden Blick auf Dordalus; verwirrt: Wer sagt das? Aufseher   Sie selber hat zu mir gesagt! Grad jetzt, du hättest es ihr erlaubt, daß sie weggaloppiert – Matrosa   fällt ihm entsetzt ins Wort: Galoppiert! Stille. Dordalus   durchschaut die Situation; er droht mit dem Zeigefinger, freundlich und schadenfroh: Toxilus, Toxilus! In deiner Haut möcht ich nicht stecken, wenn dann die Herrschaft aus der Sommerfrisch kommt, wo der Herr Präsident eh so jähzornig sind – und gar erst der Herr Schwiegersohn! Aber was red ich da noch und verschwend die Zeit! Es dreht sich ja nicht um meinen Buckel – Euere Buckel werdens spüren! Euere! Er macht die Geste des Verprügeltwerdens und ab mit seinen Gehilfen nach links. Aufseher   sieht ihm nach und sinnt: Unsere Buckel? Mein Buckel? Matrosa   Das Mädel ist verrückt geworden. Toxilus   plötzlich zu Matrosa: Kannst du reiten? Matrosa   Ich? Reiten? Toxilus   Trab – trab! Matrosa   Nein! Toxilus   Dann gehen wir zu Fuß. Nämlich du mußt mich zu ihrem Bruder bringen, nach Pompeji – Matrosa   fällt ihm ins Wort: Da tu ich nicht mit! Aufseher   der grimmig lauschte: Aber vielleicht ich! Du hast das Mädel laufen lassen?! Trab – trab?! Na wart! Jetzt bring ich dich vor unser Gericht! Toxilus   horcht auf; ernst: Hoppla, das hab ich vergessen – Drittes Bild Wieder vor der Villa am Meer. Es ist Nacht geworden und der Mond scheint hell. Toxilus steht vor dem Sklavengericht. Auf einer primitiv und provisorisch errichteten Erhöhung sitzt der Vorsitzende, ein uralter Sklave, neben ihm, rechts und links, die Beisitzer und der Protokollführer, ebenfalls Sklaven. Überhaupt sind alle Sklaven und Sklavinnen versammelt, außer Paegnium, und alle tragen noch ihre mitleiderregenden Masken, wie im Vorspiel. Nur Toxilus und der Aufseher, der als Ankläger figuriert, haben natürlich keine Masken mehr an, und auch Matrosa nicht, die etwas abseits auf den Stufen der Villa sitzt und im Mondenschein strickt. Der Vorsitzende beratschlagt sich mit den Beisitzern unhörbar über das Urteil, und alle Sklaven warten feierlich schweigend. Paegnium   tritt gähnend aus der Villa, erblickt das Gericht, stutzt und reibt sich die Augen; überrascht: Hoppla, was ist denn da los?! Einige Sklaven   unwillig: Pst! Aufseher   zu Paegnium: Halt den Mund! Stille. Paegnium   leise zu Matrosa: Was treiben denn die? Matrosa   leise: Das Sklavengericht ist zusammengetreten. Paegnium  Gericht? Matrosa   Es tritt heimlich zusammen, wenn sich ein Sklave gegen die ungeschriebenen Sklavengesetze vergangen hat. Kommt selten vor, Gottseidank! Paegnium   Wer hat sich denn vergangen? Matrosa   Toxilus. Er hat etwas angestellt, wofür wir alle büßen müssen, und sowas muß man sich halt vorher überlegen. Dort droben sitzen seine Richter und beraten gerade das Urteil. Der Aufseher hat ihn angeklagt. Paegnium  Was, dieser Peitschenkuli? Unseren braven Toxilus, der mich so oft vor ihm beschützt hat?! – Laut. Hoch Toxilus! Alle Sklaven murren unwillig. Aufseher   drohend zu Paegnium: Kusch, Saubub! Sonst reiß ich dir die Ohren aus! Einige Sklaven  Sehr richtig! Vorsitzender   klopft mit einem Hammer auf ein Brett: Silentium! Stille. Paegnium   leise zu Matrosa: Warum klopft denn der mit dem Hammer? Matrosa   leise: Weil er der Vorsitzende ist. Paegnium  Dieser alte Trottel? Matrosa   sieht sich ängstlich um: Nicht so laut! Paegnium   Sowas hat den Vorsitz? Der hat mir ja erst gestern wieder eine heruntergehaut, weil ich gesagt hab, er soll nicht so schnarchen – und alle haben geschrien: recht geschiehts dem Lausbuben! Wo ist mein Recht? Kann ich den Schnarcher vor das Sklavengericht bringen? Matrosa   Dazu bist du noch zu jung. Paegnium   Jung, jung! Wenn ich nur schon groß wär, dann tät ichs dem Pack zeigen. Matrosa   Du wirst auch noch alt. Paegnium   Wer weiß! Matrosa   Das geht rasch. Paegnium   Vielleicht bricht morgen der Vesuv aus und wir sind alle hin. Matrosa   zuckt zusammen: Nicht male den Vesuv an die Wand! Paegnium   Hast du gesehen, wie stark er raucht? Und gestern nacht ist eine Flamme emporgeschossen, riesig – himmelhoch! Matrosa   entsetzt: Was sprichst du da?! Paegnium   Ich habs gesehen, nur ich! Die Anderen haben alle geschnarcht und ließen mir keinen Platz am Stroh, drum habens auch nichts gesehen – Vorsitzender   klopft mit dem Hammer auf das Brett, denn die Beratung ist nun zu Ende: Toxilus, tritt vor! Toxilus tritt vor. Höre das Urteil: indem du der Hetäre Lemniselenis zur Flucht verholfen hast, hast du deine Pflichten gegenüber deinen Mitsklaven herrisch verletzt. Also: entweder du schaffst besagte Hetäre sofort zu Dordalus – Toxilus   unterbricht ihn: Nein, nie! Aufseher   Ausreden lassen! Toxilus   Niemals soll sie wieder verkauft werden! Niemals! Alle Sklaven murren unwillig. Vorsitzender   klopft energisch mit dem Hammer: Silentium! Silentium! Zu Toxilus. Nun: wenn du die Hetäre nicht herschaffen willst, dann Freundchen, sperren wir dich eben ein – Aufseher   In den leeren Brunnen hinter dem Haus. Vorsitzender   zu Toxilus: Dort magst du verweilen, bis die Herrschaft zurückkommt, damit sie unseren guten Willen sieht und uns das Unrecht, das du uns zugefügt, eventuell verzeiht. Toxilus   Bis die Herrschaft zurückkommt? Das wär ja ein halbes Jahr! Aufseher   grinst: Zirka! Vorsitzender   zu Toxilus: Also: nimmst du das Urteil an? Toxilus   Und wenn ich es nicht annehme? Vorsitzender   Dann wirst du auch in den Brunnen gesperrt. Paegnium   ruft Toxilus zu: Laß dich sperren! Ich komm in der Nacht und bring dir eine Strickleiter! Vorsitzender   reißt sich wütend die Maske vom Gesicht; das Gesicht eines Nörglers wird sichtbar; er keift: So schafft doch endlich den Lümmel weg! Hier ist kein Platz für Buben, wo ernste, würdige Männer tagen! Kinder gehören ins Stroh! Alle Sklaven   reißen sich ebenfalls empört die Masken ab, und alle Leidenschaften werden sichtbar; sie schreien: Sehr richtig! Rein damit, rein! Unverschämtheit sowas! Ins Stroh! Aufseher   außer sich: Jetzt reiß ich ihm die Ohren aus! Wo ist er?! Paegnium ist bereits längst davon. Matrosa   zum Aufseher : Fort. Beisitzerin  Ich schlage vor, daß Paegnium zur Strafe für sein unerhörtes Verhalten morgen keine Kost bekommt! Vorsitzender   Einstimmig angenommen! Er klopft wieder mit dem Hammer. Silentium! Zu Toxilus. Feine Freunde hast du da, gratuliere – Zu den Sklaven . Los – los, werft Toxilus in den Brunnen! Toxilus   Halt! Ihr wollt mich in den Brunnen werfen, ihr?! Kennt ihr mich denn nicht mehr, mich – habt ihr es denn vergessen, wie oft ich euch beschützte vor Hoffart, Wut und Übermut unserer Herrschaft?! Und – Er deutet auf den Aufseher – vor dessen Peitsche! Vorsitzender   Nur keine Sentimentalitäten! Aufseher   Sehr richtig! Toxilus   Mitsklaven! Ihr alle, jeder und jede, habt schon mal »Danke!« zu mir gesagt – »Danke!« für irgendeinen großen oder kleinen Dienst. Aber heute, Freunde, laßt mich auch einmal danken dürfen, euch danken! Gewährt mir die Bitte, seid so gut – Vorsitzender   Ob wir dir »Danke« gesagt haben oder nicht, das darf keine Rolle spielen. Recht muß Recht bleiben! Toxilus   Du sprichst wie der Praetor in Pompeji! Wie das Gericht der Freien – Er grinst. Vorsitzender   Debattier nicht mit mir, ich bin ein griechischer Philosoph! Toxilus   wirft ihm einen spöttischen Blick zu und wendet sich wieder an die Sklaven: Gewiß, wer würds nicht verstehen, wenn ihr mich in den Brunnen werfen wolltet – Aufseher   unterbricht ihn; zu den Sklaven: Aufgepaßt, er wickelt euch ein! Toxilus   braust auf: Ich wickle nicht! Weder euch ein noch mich heraus! Ihr denkt, ich hätte an euere Buckel nicht gedacht, nicht an die Prügel, die ihr für meine Tat kassieren werdet – Ihr habt recht! Ich hatte euch vergessen! Aufseher   Er brüstet sich noch! Toxilus   Ich hab es getan, denn es geht nicht um mich! Sperrt mich nicht in den Brunnen, Freunde, sondern helft mir! Das sei euer Dank an mich! Helft mir, eine Sklavin fliehen zu lassen – Lemniselenis! Eine Sklavin   Das nennst du eine Sklavin?! Nichts arbeiten, nur sich auf seidenem Kissen herumwälzen und parfümieren? Für sowas soll ich meinen Buckel hinhalten?! Laß eine Häßliche frei, eine Arme, aber keine Reiche! Stille. Vorsitzender   spöttisch: Nun, Toxilus? Toxilus   zuckt die Schultern und lächelt leise: Was tun? Amor hat mein Herz durchbohrt. Alle Sklaven   Amor? Sie weichen scheu etwas zurück. Vorsitzender   erhebt sich verblüfft: Wer? Ja, darf sich denn das ein Sklave leisten? Toxilus   Soll ich den Göttern trotzen? Bin ich ein Titane? Wer wagt das von mir zu verlangen?! So bedenkt es doch – denkt mal, denkt! Alle Sklaven   horchen auf: Denken? Sie sehen sich gegenseitig unsicher an und denken dann, jeder für sich. Stille. Vorsitzender   Wir denken – Alle Sklaven   im Sprechchor: Doch es kommt nichts dabei heraus. Vorsitzender   Wir denken – Alle Sklaven   wie zuvor: Es müßt uns wer was sagen. Vorsitzender   Wir denken – Alle Sklaven   wie zuvor: Daß wir warten. Toxilus   mit leiser Ironie: Auf was warten wir denn? Matrosa   erhebt sich: Toxilus. Hast du gehört, daß es einen neuen Gott geben soll? Toxilus   Einen neuen Gott? Matrosa   Ja. Vorsitzender   Und? Wie sieht er denn aus? Matrosa   Man kann ihn nicht sehen. Er soll aber immer um einen herum sein, um einen jeden von uns, denn er sagt, daß alle Menschen gleich sind, mit gleichen Rechten, gleichen Pflichten – Stille. Toxilus   Wer hat dir das erzählt? Matrosa   weicht aus: Das weiß ich nicht mehr, ich habs halt gehört und jetzt ist es mir nur so eingefallen – Stille. Vorsitzender   Nichts Gewisses weiß man nicht! Er grinst und setzt sich wieder. Toxilus   leise: Ich weiß nur, daß ich liebe – Er nähert sich langsam Matrosa und hält dicht vor ihr. Führ mich hin zu ihr. Matrosa   Nein. Ich fürcht mich – Toxilus   unterbricht sie gebieterisch: Führe mich! Aufseher   Halt! Amor her, Amor hin! Du kommst in den Brunnen! Alle Sklaven   In den Brunnen! Toxilus   zieht ein kurzes Schwert, das er bisher verborgen hielt: Zurück! Aufseher   weicht: Gewalt, Gewalt, Gewalt! Toxilus   Wag es einer, mich anzufassen! Mich zu hindern! Ich kämpfe für einen Menschen! Vorsitzender   Idiot!. Matrosa   zu Toxilus: Mensch, nimm Vernunft an! Toxilus   Führe mich! Führe! Er zerrt Matrosa mit sich nach links ab. Viertes Bild In einem Keller in Pompeji. Durch das Kellerfenster fällt das Tageslicht herab, und zwar hauptsächlich auf ein bettartiges Gestell, auf welchem Lemniselenis liegt. Sie döst vor sich hin. Links die Türe, Tisch und Kisten als Stühle. Rechts ein Herd mit allerhand Gefäßen, Flaschen, Gläsern, Retorten, als wärs eine Alchimistenküche, aber es wird nur Geld gefälscht. Hier arbeitet Lemniselenis' Bruder Bagnio, ein Mensch auf der schiefen Ebene. Bagnio   Wie mans auch dreht, deine Flucht war ein Irrsinn – hör auf deinen Bruder, der dich liebt! Eine Flucht muß gewissenhaft vorbereitet werden, mit Helfershelfern und sofortigem Geld in der Tasche, damit man in aller Ruhe die Kontrollorgane bestechen kann, um sofort übers Meer – Lemniselenis   fällt ihm verärgert ins Wort: Wie oft willst du mir das noch vorkauen! Wie oft soll ichs dir denn auseinandersetzen, daß jener Bursche herkommen wird, und zwar mit dem Geld, er wird sich die sechshundert schon beschaffen, grad oder krumm – vergiß es doch nicht, daß er mich liebt! Bagnio   Wenns nur er nicht vergißt! Lemniselenis   Verlaß dich auf meinen Instinkt! Bagnio   Red nicht so gebildet! Mit achtzehn Jahren hab ichs überhaupt nicht gewußt, daß es einen Instinkt gibt! Lemniselenis   Vergleich mich nicht immer mit dir! Du gerätst eben Papa nach und ich meiner armen Mama! Stille. Bagnio   Und was passiert, Schwesterchen, wenn dein verliebter Bursche anläßlich seiner krummen Geldbeschafferei verhaftet wird? Lemniselenis   Schweig! Bagnio   Man gibt ihm ein leichteres Kreuzverhör und schon hat er gestanden, wo wir zu finden sind – Lemniselenis   Das wär mein Ende! Bagnio   fährt sie an: Denk nicht immer nur an dich! Denk auch mal an deinen unschuldigen Bruder! Wenn sie dich hier holen, sehen sie, daß ich da Geld fälsch – und was ist dann?! Lemniselenis   Wenn du deine Schwester liebst, dann kauf du sie doch frei! Bagnio   Ich?! Lemniselenis   Dort! Mit deinem falschen Zeug! Bagnio   Mit dem schäbigen Kleingeld?! Meinst du denn, ich fälsche Silberlinge? Ich bin doch kein Krösus! Und außerdem muß ich auch für Vater sorgen. Lemniselenis   fällt ihm ins Wort: Für Papa? Wie mag man nur für einen Menschen sorgen, der seine einzige Tochter verkauft hat! Bagnio   Verkauft, verkauft, verkauft! Immer macht sie eine solche Sache daraus! Wie gut hast dus gehabt in deiner Sklaverei – Lemniselenis   fährt hoch: Gut?! Bagnio   Das will ich meinen! Sogar eine eigene Dienerin hast du gehabt, in deinem Alter, und silberne Teller und Konfitüren und Rosenöl mit seidener Wäsch und was weiß ich! Du wirst noch weinen nach deinem »Kerker«, weinen! Lemniselenis   Ach, Bruder! Was weißt du von der reichen Sklaven Leid. Sie liegen auf seidenen Kissen, aber ihr Herz liegt auf Stein. Bagnio   grinst: Liegt es hier besser in diesem Loch? Lemniselenis   Ja. Denn hier hab ich meine Freiheit. Bagnio   Eine feine Freiheit! Nicht einmal auf die Straße darfst, sonst sperrens dich gleich ein! Lemniselenis   Bald werd ich dürfen! Bald werd ich durch alle Straßen gehen, stolz und froh. Ich weiß, alles wird gut, denn Amor hat geholfen. Bagnio   Amor, Amor! Du glaubst noch an die Götter? Ich nicht. Da munkeln jetzt die Leut von einem neuen Gott, aber es gibt weder Alte noch Neue! Man hat sich auf sich selbst zu verlassen. Lemniselenis   Fälsch dein Geld und ärger mich nicht. Es klopft an die Türe. Die Zwei schrecken zusammen. Es klopft noch dreimal in einem bestimmten Rhythmus. Bagnio   Ach, das ist Vater! Er öffnet die Türe, läßt den Parasiten, einen alten Stutzer, eintreten und verriegelt rasch wieder die Türe. Lemniselenis   ohne sich zu erheben: Guten Morgen, Papa. Parasit   Guten Morgen. Bagnio   zu Lemniselenis: Willst du dich nicht erheben, wenn dein Vater kommt? Lemniselenis   Na schön – Sie erhebt sich unwillig. Parasit   Ein Benehmen ist das, wo man sich zwei Jahre nicht gesehen hat – Zu Bagnio. Hast du nichts Eßbares da? Bagnio   Leider – Parasit   Nicht ein Stückchen Brot? Immer wenn ich einen Tisch seh, hab ich einen leeren Magen. Lemniselenis   spitz: Noch bei Appetit? Parasit   grinst: Früh am Tage soll der Mann ans Essen gehen. Kinder, gestern war ich eingeladen – es war ein Fest! Grandios, einmalig! Leider einmalig! Ein Singvögelzungenragout – delikat! Dazu ein Salat, oh! Lemniselenis   wie vorhin: Man ladet dich immer noch ein? Parasit   stutzt etwas: Was soll diese Frage? Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber man plaudert noch gerne mit mir. Ich war immer ein guter Gesellschafter und übrigens hat unsere ganze Familie bis ins höchste Alter hinein konstant von fremder Kost gelebt – Lemniselenis   wie vorhin: Mama nicht. Parasit   unangenehm berührt: Reden wir lieber von dir. Also du scheinst ja durch den Herrn Präsidenten Thago einen ordentlichen Schock erlitten zu haben, sonst wäre mir nämlich dein überaus leichtfertiges Vorgehen überhaupt unerklärlich. Ich sehe auch so noch nicht klar, denn K. R. Thago ist ein kreuzbraver Mann! Lemniselenis   Kennst du ihn? Parasit   Wie soll ich ihn kennen, er hat mich ja noch nicht eingeladen! Zu Bagnio. Hast du wirklich nichts Eßbares da? Bagnio   Reden wir jetzt mal nicht vom Essen, Vater, sondern von der Flucht deines Töchterleins, samt allen ihren etwaigen Konsequenzen! Parasit   Warum so aufgeregt? Bagnio   Weil ich nervös bin! Ich fälsch schon falsch! Lemniselenis   Bagnio übertreibt. Schau Papa, ein Mann hat sich in mich verliebt – Parasit   fällt ihr ins Wort: Hat er Geld? Bagnio   Keinen Groschen! Er ist ein Sklave! Parasit   Was hör ich?! Lemniselenis   Ausreden lassen! Er heißt Toxilus und ist der Stellvertreter K. R. Thagos! Er ließ mich fliehen und er bringt auch die sechshundert Silberlinge auf, grad oder krumm – morgen bin ich frei! Er liebt mich nämlich! Parasit   Und du liebst ihn? Lemniselenis   Aber nein, Papa! Nicht doch! Ich hab ihm ja nur ein großes Theater vorgespielt und er ist mir auf den Leim gegangen – morgen bin ich ihn los! Parasit   Das ist aber nicht schön von dir, daß du einen braven Mann derart ausnützt – Lemniselenis   Du redest was von ausnützen?! Wer hat mich denn verkauft, wer?! Bagnio   verzweifelt: Sie fängt schon wieder an! Lemniselenis   Jetzt nütz ich jeden aus, für meine Freiheit bin ich zu allem fähig! Parasit   Backfischideale! Lemniselenis   Ich lasse mir meine Ideale von euch nicht rauben! Bagnio   Schrei nicht mit deinem eigenen Vater! Lemniselenis   Ich schrei aber! Parasit   zu Lemniselenis: Vergiß nicht, daß ich dich gezeugt hab! Bagnio   zum Parasiten: Schrei nicht! Lemniselenis   zum Parasiten: Ich nehme keine Rücksicht mehr auf dich! Bagnio   zu Lemniselenis: Dann nimm wenigstens Rücksicht auf meine Arbeit! Man hört euch ja bis nach Rom! Stille. Parasit   zu sich selbst: Die eigene Tochter! Nimmt keine Rücksicht – und zum Essen ist auch nichts da. Was bin ich? Ein alter Mann. Und einsam – Zu Lemniselenis. Du wirst deine Ideale schon von allein verlieren. Lemniselenis   Papa, hör mich mal jetzt in Ruhe an: ich weiß, daß kein Kind was taugt, das seinen Eltern nicht gehorcht. Aber auch kein Kind taugt etwas, das schweigend zusieht, wenn die Eltern was Unrechtes machen. Parasit   Wann habe ich was Unrechtes gemacht? Nie! Lemniselenis   Gewiß, du hattest die Macht und das Recht, mir meine Freiheit zu nehmen – Parasit   unterbricht sie: So laß doch endlich deine Freiheit in Ruh! Was willst du von ihr? Ohne Geld? Vergiß doch nicht, daß ich leider nicht in der Lage war, dir eine Mitgift zu geben, dein Vater ist eben ein armer Mann, willst du ihm deshalb Vorwürfe machen? Schäme dich! Ich wollte immer nur dein Bestes. Lemniselenis   Gewiß, Papa, wir lebten in Dürftigkeit, doch ist ein bescheidenes Leben besser, als wenn sich die Armut mit der Unehrenhaftigkeit paart. Dann wird die Armut noch bitterer. Parasit   Willst du denn die Welt ändern? Du bist ja unausstehlich! Lemniselenis   Papa, auch der Menschen Schande hat Unsterblichkeit. Sie lebt noch fort, wenn man sie schon gestorben glaubt. Die Gefäße auf dem Herde zittern und klirren, eine Kiste fällt um und die Ampel stürzt von der Decke herab. Die Drei erschrecken und erstarren. Stille. Bagnio   leise: Was war denn jetzt das? Lemniselenis   Ich dachte, der Boden rutscht unter mir weg – Parasit   Kinder, das war ein Erdbeben! Stille. Lemniselenis   setzt sich: Mir ist ganz schlecht. Bagnio   Das hat was zu bedeuten. Stille. Parasit   Das letzte große Erdbeben war vor sechsundzwanzig Jahren. Ja, ich erinnere mich. Damals wart ihr beide noch nicht auf der Welt. Es klopft an die Türe. Die Drei schrecken wieder zusammen. Es klopft noch dreimal in dem bestimmten Rhythmus. Lemniselenis   schnell empor: Das ist er! Toxilus! Sie öffnet rasch die Türe. Toxilus tritt ein, er trägt das kurze Schwert gegürtet, erblickt Lemniselenis und schließt sie sofort in seine Arme. Bagnio verriegelt rasch wieder die Türe und tauscht mit dem Parasiten einen spöttischen Blick. Lemniselenis   macht sich sanft von Toxilus los; lächelnd. Was sagst du zu unserem Erdbeben? Toxilus   perplex: Erdbeben? Lemniselenis   Die Ampel ist heruntergefallen. Schau! Toxilus   schaut auf die Ampel: Ich dachte nur an dich – Parasit   zu Lemniselenis: Willst du uns nicht vorstellen? Lemniselenis   zu Toxilus: Das ist mein Papa und das ist mein Bruder Bagnio. Toxilus horcht bei dem Wort »Papa« auf und fixiert finster den Parasiten. Parasit   unsicher: Was hat er denn? Toxilus   zum Parasiten: Herr! Darf ich Ihnen meine tiefste Verachtung ausdrücken, da Sie sich nicht scheuen, Ihr eigen Fleisch und Blut zu verschachern – Bagnio   unterbricht ihn verzweifelt: Jetzt fängt der auch noch an! Lemniselenis   zu Toxilus: Aber Toxilus! Kein Wort mehr, Liebling! Papa und ich haben uns ausgesprochen und sind wieder versöhnt – Nehmt Platz! Die Vier setzen sich um den Tisch. Bagnio   Leider habe ich nichts zum anbieten – Parasit   Leider – leider! Lemniselenis   Wir sind sehr arm. Toxilus   Oh bitte – bitte! Stille. Lemniselenis   Hast du eine angenehme Flucht gehabt? Toxilus   lächelt: Erschrick nicht, Liebste – aber um ein Haar hätte man mich in den Brunnen gesperrt. Lemniselenis   In einen Brunnen?! Toxilus   Ja. Deine Flucht, Geliebte, wurde nämlich leider frühzeitig entdeckt und so schleppte man mich vor das Sklavengericht. Aber ich nahm keine Strafe an und bahnte mir meinen Weg zu dir mit dem Schwert! Parasit   Allerhand! Bagnio   Gabs Tote, Verletzte? Toxilus   Nein, es ging auch ohne Blut. Lemniselenis   Den Göttern sei Dank! Toxilus   Matrosa führte mich her, sie wartet draußen. Auch bei ihr mußte ich Gewalt anwenden – Er lächelt. Jaja, seit ich dich liebe, bin ich plötzlich ein Held geworden, denn mein Leben hat endlich einen Sinn. Das Meer ist kleiner und größer geworden, der Himmel näher und höher. Wald und Flur rücken ins rechte Licht. Ach, Lemniselenis, ich finde keine Worte, nur deinen Namen! Lemniselenis   lächelt gewollt geziert: Lieb von dir. Doch sag mal: das Geld hast du doch dabei? Toxilus   Was für Geld? Lemniselenis   Die sechshundert Silberlinge – Toxilus   Ich? Ich hab keinen Groschen. Bagnio   schnellt empor: Was?! Wußt ichs doch! Toxilus   perplex: Wieso? Versteh kein Wort. Parasit   zu Toxilus, der ihn mit äußerster Zurückhaltung betrachtet: Herr, reden wir mit offenen Karten: das Mädel sitzt hier in dem Loch und kann nicht heraus, ehe die sechshundert Silberlinge da sind! Lemniselenis   Ich dachte, du würdest mich freikaufen! Toxilus   Ich? Dich? Womit denn?! Lemniselenis   Du hast doch gesagt, daß du etwas verkaufen willst, was nicht dir gehört – Toxilus   Das hab ich nie gesagt! Lemniselenis   Nie?! Haben wir denn nicht stundenlang darüber gesprochen?! Toxilus   Gesprochen gewiß! Aber wer wird denn so etwas tun? Bin ich denn ein Räuber? Mißversteh mich nicht, Geliebte! Ich habe nur gesagt: reite fort und ich reit dir nach – Bagnio   verzweifelt: Wußt ichs doch, wußt ichs doch! Toxilus   Still! Laßt mich mal grübeln: wer mir etwa soviel leihen tät – Bagnio   außer sich: Leihen?! Dir?! Was fällt dir ein, unverschämter Kerl?! Er ergreift einen Prügel und brüllt. Hinaus! Hinaus, gewissenloser Mädchenverführer! Toxilus schnellt empor und zückt sein Schwert. Lemniselenis   Nein! Sie stellt sich schützend vor Bagnio. Erstich ihn nicht, er ist mein Bruder! Bagnio   Laß ihn nur stechen! Ich demolier ihm seinen Kürbis, daß er auf der Stell den Zerberus bellen hört! Parasit   Aber meine Herren! Stille. Toxilus   zu Lemniselenis, indem er Bagnio nicht aus den Augen läßt: Komm! Lemniselenis   Wohin? Toxilus   Vertrau nur mir, wir kommen schon durch. Verlaß dich auf meine Liebe – Parasit   Einen Augenblick! Wer liebt, sitzt bekanntlich auf seinem Verstand, und da muß ein heller Kopf eingreifen – Toxilus   unterbricht ihn barsch: Verzichte auf Eueren Kopf! Lemniselenis   fährt Toxilus an: Sprich anständig mit Papa! Der hat schon mehr für mich getan, wie du! Toxilus starrt sie entgeistert an. Starr mich nicht so an – oder tust du etwa was für mich?! Toxilus   Ich opferte meinen Beruf. Parasit   wegwerfend: Ein Sklave! Auch ein Opfer! Lemniselenis   zu Toxilus: Ich hoffte, du würdest stehlen. Toxilus   Ist das dein Ernst? Parasit   zu Lemniselenis: Laß ihn, jetzt redet dein Papa zu dir: hier steht ein Mann und starrt dich an. Er hat nichts und ist nichts, ein entsprungener Unfreier aus dem Brunnen heraus. Verfolgt und gehetzt von arm und reich, gehört er nirgends hin und will trotzdem nirgends einbrechen. Ein Phantast! Frag ihn, wie er dich ernähren will, bekleiden, beschuhen? Frag ihn, was er dir bieten kann? Toxilus   Mich. Parasit   Das ist nichts. Stille Lemniselenis   Du hast recht, Papa. Toxilus   Recht?! Lemniselenis   Ja. Toxilus starrt sie wieder an, und es scheint eine Welt in ihm zusammenzubrechen. Stille. In einem ländlichen Lustsitz am Meer steht eine Kasse und die Herrschaft ist verreist. Toxilus   horcht auf : Meinst du unsere Herrschaft? Lemniselenis   Unsere ehemalige. Vorbei, vorbei! Oder kannst du zurück? Toxilus   Werd mich hüten. Du hast recht. Stille. Lemniselenis   Die Kasse steht im dritten Zimmer. Toxilus   Gleich rechter Hand. Lemniselenis   Wenn man von links kommt. Toxilus   lächelt traurig : Ich kann mich noch erinnern. Lemniselenis   mit geschlossenen Augen : Ich seh sie noch vor mir. Stille. Toxilus   Man kann auch durchs Fenster. Lemniselenis   Stimmt. Durchs fünfte von links. Toxilus   Nein, dort schläft der Aufseher. Durchs vierte von rechts. Lemniselenis   Aha. Stille. Was ist denn in der Kasse? Toxilus   Neunhundert Silberlinge. Bagnio   faßt sich ans Herz : Sags noch mal! Toxilus   Neunhundert. Parasit   Wie das klingt! Neun-hun-dert – das zerrinnt auf der Zunge, wie Butter – Lemniselenis   Na also! Stille. Toxilus   gibt sich plötzlich einen Ruck, stürzt an die Türe, will hinaus, kann aber nicht, denn sie ist ja verriegelt; er rüttelt an ihr und schreit : Aufmachen! Noch bin ich kein Verbrecher! Auf – auf! Er sprengt die Türe auf und rasch ab. Bagnio   stürzt auf die demolierte Türe und schreit Toxilus nach: Feiger Halunke! Brich lieber ein, statt aus! Schurke! Erst ein Mädel verführen, aber dann nicht einmal stehlen! Parasit   lächelt süffisant : Soweit geht die Liebe nicht – Lemniselenis   tonlos : Nein. Soweit nicht. Bagnio   zu Lemniselenis: Trotz deines Amors! Er repariert die Türe und schließt sie wieder. Stille. Lemniselenis   hat nachgedacht; leise: Jetzt nehm ich Abschied von meinen Idealen. Lebt wohl! Denn wenn sogar Amor es nicht fertig bringt, daß einer für einen stiehlt, dann gibt es keine Hilfe mehr. Parasit nickt zustimmend. Bagnio öffnet langsam die Türe. Und wenn Matrosa kommt, sagt, ich bin bei Dordalus – Sie geht auf die Türe zu. Bagnio öffnet sie weit. Parasit   Pa, Kindchen! Lemniselenis   hält noch einmal: Sieht man mirs an, daß ich an keine Götter mehr glaub? Ab durch die Türe. Fünftes Bild Beim Sklavenhändler Dordalus, und zwar im Hofe seiner Firma. Eine weiße Wand trägt mit großen Lettern folgende Inschrift: »Dordalus. Sklavenhändler. En gros. En detail. Import. Export.« Im Hintergrund eine Türe ins Haus, links das Tor auf die Straße und rechts gehts nach den Sklavenlagern. In der Mitte ein Podium, wo die Sklaven feilgeboten werden. Dordalus verhandelt soeben eine dicke Sklavin. Drei Damen interessieren sich. Dordalus   zu den Damen: Ich kann sie nur empfehlen, sie ist meine beste Köchin, seit Jahr und Tag! Reinlich, peinlich, fleißig, ehrlich, treu! Kocht wie ein Engel! Macht aus nichts den schönsten Schmarrn! Erste Dame   Stöbert sie auch? Dordalus   Sie stöbert, daß die Fetzen fliegen! Und hilft auch bei der großen Wäsch! Zweite   Ißt sie viel? Dordalus   Wenn sie nichts bekommt, ißt sie überhaupt nichts. Zweite   Sie ist nämlich verdächtig gut genährt – Dordalus   Sie war bei Puniern. Dritte   Ach, die verderben ja alles! Erste   wirft einen verachtenden Blick auf die Dritte; zu Dordalus: Kann sie punisch kochen? Dordalus   Die kann auch ägyptisch! Eine Perle! Erste   Was kostet sie? Dordalus   Nichts! Stille. Erste   Na reden Sie schon! Dordalus   Wären zwanzig zu wenig? Erste   Ja. Fünfzehn. Dordalus   Neunzehn. Erste   Fünfzehn. Dordalus   Achtzehn. Erste   Vierzehn. Dordalus   braust auf: Fünfundzwanzig! Erste   Dreizehn. Dordalus   Also gut: fünfzehn! Ab mit Schaden! Zweite und Dritte ab nach links. Erste   zahlt Dordalus: Ich nehm sie gleich mit, sonst wird sie mir noch vertauscht. Vor vierzehn Tagen kaufte ich mir bei Maximus in Herkulanum eine Kammerzofe und abends schickt er mir einen Gladiator ins Haus. In voller Rüstung! Dordalus   Maximus in Herkulanum ist überhaupt keine Firma! Bei uns herrscht Ordnung! Danke bestens, beehrens mich wieder! Zur Sklavin. Geh schön mit deiner Herrin – Pa! Erste   Lebt wohl! Ab mit der Sklavin nach links. Dordalus geht auf die Türe im Hintergrund zu. Ein Herr   erscheint im Tor links und tritt ein; er ist ein freier Kleinbürger und hat einen uralten Sklaven bei sich: Dordalus! Schau dir das mal an! Dordalus   hält, schaut hin und ist nicht angenehm berührt: Ich schau. Herr   Sowas wagst du zu verkaufen? Pfeffer hast du ihm gegeben, damit er feuriger schreitet, er hats mir gestanden! Dordalus   Er hat ja auch nur zweieinhalb Silberlinge gekostet. Herr   Ist auch Geld! Dordalus   Was willst du für zweieinhalb haben? Einen ganzen Herkules? Herr   Also nur nicht frech werden! Auf den zahl ich doch drauf! Kaum daß er kriecht, aber fressen tut er für drei! Dordalus   Er ist eben sehr gescheit. Er war noch ein Schüler von Sokrates. Herr   Ah was Sokrates! Ich brauch ein Mädel für alles! Dordalus   Also das ist er wieder weniger! Herr   Ich werd mich da mit dir herumärgern! Behalt dein Klump! Mich siehst du nicht mehr! Wütend ab nach links. Dordalus   Komm, Alter! Bist müd? Uralter   Ich fühl mich ganz frisch – Dordalus   Hat er dich schlecht behandelt? Uralter   Oh nein, ich lag in der Sonne mit den Hunden. Dordalus   Und dort haben wir dann philosophiert? Uralter   Den Blödsinn hab ich mir schon längst abgewöhnt. Ich hab geschlafen. Dordalus   Immer emsig, emsig – Uralter   Darf ich Euch was raten? Verkauft mich noch einmal – Ab nach rechts. Dordalus   sieht ihm nach: Ein Seher. Matrosa kommt aus der Türe im Hintergrunde. Matrosa! Wie gehts der kleinen Ausreißerin? Matrosa   Danke, sehr gut! Sie singt und schmückt sich soeben. Dordalus   Sie soll sich nur noch schöner machen, heut kommt Kundschaft! Lemniselenis   tritt sehr geschmückt und geschminkt aus der Türe im Hintergrunde; sie scheint heiter zu sein: Bin schon da! Dordalus   Reizend sieht sie aus! Süß! Matrosa   Ich lieb sie schon lang. Lemniselenis   Ihr seid alle so nett zu mir, mit was hab ich mir das verdient? Dordalus   Das kommt erst noch. Matrosa   zu Lemniselenis: Kundschaft kommt! Lemniselenis   schrickt etwas zusammen, beherrscht sich jedoch sofort: Wer? Dordalus   Haltet euch fest! Der Praetor von Pompeji! Matrosa   Der Praetor? Persönlich?! Dordalus   Nuna, unpersönlich! No, hab ich Kunden? Man muß sagen – Lemniselenis   fällt ihm ins Wort: Wie alt ist er denn? Dordalus   Das ist die einzige Schattenseite, denn so ganz ist er nicht mehr der Jüngste. Lemniselenis   atmet auf: Hoffentlich! Dordalus   perplex: Was hör ich? Matrosa   Sie möcht von der männlichen Jugend nichts wissen. Dordalus   Wieso, warum denn nicht? Lemniselenis   Weil die jungen Herren nur an sich denken. Dordalus   So? Und an was denken denn die alten Herren, außer an sich selbst? Lemniselenis   An den Tod. Sie lächelt kurz. Dordalus starrt sie an. Matrosa   zu Dordalus: Wenns nach ihr ging, würde sie sich einen Herrn Gebieter aus dem Greisenasyl holen. Dordalus   Aha! Jetzt kapier ich allmählich: das unschuldige Kind sucht einen baldigen Erbonkel – schau – schau! Die geborene Krankenschwester! Lemniselenis   Ihr dürft nicht annehmen, daß ich mit unerlaubten Mitteln, als da sind: böse Kräuter, Schlangengift, etcetera das Ableben eines gebrechlichen Gebieters beschleunigen wollte. Ich würde auch nimmer ein maßgebliches Wort in seinem Testament fälschen, aber ich tät ihm die Schrecken der Unterwelt ausmalen, und das fiele mir leicht, denn ich müßt ihm doch nur vom Schicksal der Sklaven auf der Oberwelt berichten. Die Haare würden ihm alle gen Himmel stehen und er würd mich vor lauter Grauen garantiert reich beschenken, um nicht in der Unterwelt als unfreie Seele verhandelt zu werden, als ein Ding mit menschlichen Allüren – Dordalus   unterbricht sie schroff: Sei nicht so maniriert! Und nur nicht ungerecht werden, ja?! Frechheit! Wo man sich schon zerreißt! Einen leibhaftigen Praetor – und noch immer nicht zufrieden! Stille. Lemniselenis   leise: Ich wollt Euch nicht kränken, das lag mir fern. Verzeihung. Dordalus   Schon gut. Matrosa   zu Dordalus: Sie hat eine zarte Seele. Dordalus   Was verstehst schon du unter Seele. Lemniselenis   Was sich aus einem fortsehnt. Dordalus   horcht auf und schlägt sich auf die Stirne: Richtig! Apropos fortsehnt; heut Nacht ist mir nämlich einer ausgebrochen, ein Galeerensklave, der Schlag soll ihn treffen, ich muß ja nach dem Gitter schaun – Rasch ab nach rechts. Lemniselenis setzt sich auf das Podium. Matrosa betrachtet interessiert die Inschrift an der weißen Wand. Lemniselenis   beobachtet sie; plötzlich: Kannst du lesen? Matrosa   Nicht alles. Lemniselenis   Lernst du noch? Matrosa   Du bist zwar die beste Herrin der Welt, aber auch bei dir muß man immer nur für dich da sein – Sie nickt ihr lächelnd zu. Lemniselenis   lächelt leer: Ja, ich bin ein guter Mensch. Matrosa   Bis auf den einen Fall. Lemniselenis   Reden wir nicht mehr darüber. Sie geht auf und ab. Stille. Matrosa   Du wirst es noch bitter bereuen. Lemniselenis   Hör auf! Matrosa   Man darf einen Menschen nicht so behandeln – er liebt dich, opfert dir seine Existenz, und du hast ihn angelogen, daß du ihn liebst! Lemniselenis   Hör auf! Matrosa   Ich hör nicht auf! Du wolltest ja sogar, daß er für dich raubt! Daß er für deine Lügen zum Schwerverbrecher wird! Lemniselenis   hält und fixiert sie böse: Gehts dich was an? Matrosa   Ja. Weil er mir leid tut. Lemniselenis   Tut er dir? Und ich? Sie schreit sie plötzlich an. Es geht dich nichts an, was ich mit Toxilus treib! Matrosa   ruhig: Schrei nicht. Du bist nicht so schlecht, wie deine Sünden. Lemniselenis   höhnisch: Wie gewählt du dich plötzlich ausdrückst – Matrosa   sieht sie groß an: Das waren nicht meine Worte. Denk daran, daß alles, was du treibst, aufgezeichnet wird, und daß einst Rechenschaft von dir verlangt wird – Lemniselenis   fällt ihr ins Wort: Und ich sage dir: Jupiter, Venus, Merkur, Apollo, Amor – und wie sie alle heißen mögen! Alles Mist! Die Götter sind tot! Matrosa   Sind sie auch, denn es gibt nur einen Gott. Lemniselenis   schnippisch: Ach, wieder dieser neue Gott? Matrosa   Ewig. Lemniselenis   Ein sonderbarer Gott, den man kreuzigen kann, wie einen letzten Sklaven! Matrosa   Gib acht, daß er dich nicht schlägt! Lemniselenis   spöttisch: Ach, tut er das auch? Sie betrachtet wohlgefällig ihre Beine. Warum wohnt er eigentlich unter der Erde? Matrosa   sieht sich vorsichtig um; leise: Halb Rom soll schon ganz unterhöhlt sein. Wir werden immer mehr. Stille. Lemniselenis   ist ernst geworden: Du warst wieder dort? Matrosa   Gestern. Lemniselenis   Ich wills aber nicht haben, daß du hingehst, wir haben schon genug Sorgen. Matrosa   lächelt: Wer hingeht, vergißt sie. Komm mal mit – Lemniselenis   Ich kann mich beherrschen! Nein, da hätt ich Angst – Matrosa   wie zuvor: Warum? Lemniselenis   Schon weil man so tief hinunter – Matrosa   fällt ihr ins Wort: Halb so schlimm! Lemniselenis   Und dann ist es finster – Nein – nein! Matrosa   Bei uns brennen immer Lichter. Es ist eine andere Welt. Stille. Lemniselenis   Was soll man sich denn da anziehen? Matrosa   Nicht zu geschmückt. Lemniselenis   lächelt: Ist eh alles nur Glas – Stille. Matrosa   Du wirst es nicht bereuen. Lemniselenis   Möglich. Matrosa   Bist du nicht froh, daß Toxilus nicht gestohlen hat? Lemniselenis   horcht auf und wird wieder böse: Nein. Ironisch. Noch nicht – Toxilus erscheint im Tore links; er hat noch sein Schwert, doch sein Anzug ist etwas zerrissen. Lemniselenis   schnellt empor . Toxilus! Toxilus   geht langsam auf sie zu und hält dicht vor ihr; er sieht ihr in die Augen und lächelt müde: Du wirst noch heute frei. Lemniselenis starrt ihn entgeistert an. Seit ich von dir ging, hab ich nicht mehr geschlafen und hab also auch nichts mehr geträumt. Ich bin erwacht: es gibt nur ein Verbrechen: dich weiter im Joche der Sklaverei zu lassen, dich wieder weiter zu verschachern, wie ein Stück Tier – heut kenne ich nur dieses einzige Verbrechen und sonst sei mir alles recht! In einem ländlichen Lustsitz am Meer steht eine Kasse und die Herrschaft ist verreist. Das waren deine Worte und du hattest recht. Amor beschütze mich – Er zeigt ihr einen Geldbeutel. Sechshundert in Gold. Ich kaufe dich frei! Lemniselenis   schreit entsetzt auf: Nein! Sie wirft sich auf das Podium und weint stumm. Toxilus   verwirrt zu Matrosa: Was hat sie denn? Matrosa   Still! Gott schlägt sie. Toxilus   völlig verwirrt: Wer?! Ein Liktor   erscheint links im Tore und ruft nach rechts: Der Praetor naht! Der Praetor von Pompeji! Die Drei fahren zusammen. Matrosa   Um Gottes Willen! Sie eilt zu Lemniselenis und trocknet rasch ihre Tränen. Dordalus   kommt eilends von rechts; zu Lemniselenis: Was, du weinst? Bist verrückt?! Verwischt sich noch die ganze Schmink! Zu Matrosa. Richt sie her, hastig – hastig! Er erblickt Toxilus. Toxilus! Jetzt werd aber ich verrückt! Du wagst dich her?! Toxilus   deutet auf Lemniselenis: Ich kaufe sie frei. Dordalus   Er ist verrückt! Weg da, entsprungener Sklave! Dort kommt der Praetor – Gott du bist gerecht, bist gerecht! Zu Lemniselenis. Marsch aufs Podium! Lemniselenis besteigt das Podium. Toxilus zieht sich hinter das Podium zurück und kennt sich nicht mehr aus. Der Praetor kommt von links mit Gefolge und Liktoren. Dordalus   verbeugt sich tief. Hohe und höchste Ehre, Exzellenz – Praetor   unterbricht ihn: Behalt deine Titel! Ich bin der Praetor von Pompeji und das genügt. Rede überhaupt möglichst wenig, deinesgleichen sind mir nicht sympathisch. Dordalus verbeugt sich und deutet auf das Podium. Praetor betrachtet Lemniselenis. Dordalus   kann sich nicht zurückhalten: Sie ist das entzückendste – Praetor   unterbricht ihn schroff: Ich bin nicht blind! Stille. Praetor   zu Lemniselenis: Dreh dich um. Lemniselenis dreht sich um. Einen Sessel! Ein Liktor bringt einen Sessel. Praetor   setzt sich; zu Dordalus. Nun, was soll das Kind kosten? Dordalus   Wenig. Praetor   Wenig ist gar nichts. Dordalus   Bei mir ist wenig ein bisserl mehr. Praetor   Wieviel? Dordalus   Nicht viel – Praetor   Also? Dordalus   Sagen wir – was sagen wir? Praetor   Was weiß ich! Dordalus   Wären also, sagen wir, zirka – für einen Praetor von Pompeji – Praetor   unterbricht ihn: Wenn ich kaufe, bin ich kein Praetor, sondern ein einfacher freier Bürger! Dordalus   Ojjweh, das hab ich nicht gern! Praetor   Gern oder nicht gern, mir wirds jetzt zu bunt! Du wagst es, mit deinem Handel meine Zeit zu stehlen? Meine Zeit ist kostbarer als deine Hetären, und ich ziehe sie nun ab: es bleiben dir noch fünfzig Silberlinge und Schluß! Dordalus   entsetzt: Fünfzig?! Praetor   Wenn du zögerst, werdens noch weniger. Zeit eilt. Dordalus   Und wenn ich mich weiger? Praetor   Dann verurteil ich dich dazu. Dordalus   Oh Merkur, Gott der Kaufleute, hilf einem ehrlichen Handelsmann! Praetor   Du und ein ehrlicher Handelsmann? Lästere nicht! Versprichst mir ein überirdisches Geschöpf, eine griechische Aphrodite, ich vertage einen ganzen Prozeß, lasse mich mühsam hierhertragen, und was muß ich erblicken?! Ein armseliges Wesen, falsch eingehängte Beine, abstehende Ohren, schiefer Mund, gelbe Haare, wo sie ihre Nase hat, erkennt man überhaupt erst nach längerem Hinschauen und schielen tut sie auch! Toxilus   kann sich nicht mehr beherrschen und stürzt von hinter dem Podium vor: Was?! Lemniselenis schielt?! Lemniselenis dreht sich entsetzt um. Praetor   zu Dordalus: Wer redet da zu mir? Dordalus   frech: Was gehts mich an! Toxilus   Ich rede, ich! Wie könnt Ihr es wagen, an diesem göttlichen Geschöpfe ein Haar in der Suppe – Lemniselenis   unterbricht ihn verzweifelt: Halte ein! Nicht – Toxilus   unterbricht sie: Nein, ich halte nicht ein, das halt ich nicht aus! Ich laß das nicht zu! Abstehende Ohren, hat er gesagt! Schiefer Mund, gelbe Haare! Oh Götter, nein – nein, jetzt will ich es aller Welt beweisen, was an dir dran ist, und zwar überall dran – denn ich, ich verstehe was von der Schönheit der Damenwelt! Praetor   Ein vermessener Bursche! Toxilus   Dordalus, hier hast du sechshundert Silberlinge! Er wirft ihm seinen Geldbeutel zu. Dordalus   Sechshundert?! Toxilus   In Gold! Jawohl, denn Lemniselenis ist sechstausend wert! Nimm es, räudiger Geldgeier, ich kauf das Mädchen frei! Dordalus   Gemacht – gemacht! Dies Gold jedoch mußt leider du behalten – Er übergibt es ihm wieder. Ich habe ja die Dame nur in Kommission zum Ver kauf, wenn sie frei gekauft wird, gehört das Geld nicht mir, sondern ihrem letzten Herrn, also dem Präsidenten K. R. Thago. Toxilus   perplex: Wem –? Dordalus   lächelt undurchsichtig: Hast mich nicht verstanden? Leg es in seine Kasse. Toxilus   Wohin?! Dordalus   In seine Kasse. Mit so Freikaufereien hab ich leider nichts zu tun – Praetor   fällt ihm ins Wort: Aber vielleicht ich, und zwar in meiner Eigenschaft als Richter! Es will mir nicht in den Sinn, daß irgend so ein Bursche für ein Weib, das mir mißfällt, sechshundert Silberlinge – Er fixiert Toxilus. Wer seid Ihr denn? Euer Name? Toxilus   wird etwas unsicher: Toxilus. Praetor   Euer Stand? Toxilus   Hm. Dordalus   lächelt wieder undurchsichtig: Oberkammersklave. Praetor   Sklave? Ahnt ich es doch, daß hier etwas nicht geheuer! Zu Dordalus. Wer ist denn sein Herr? Dordalus   Präsident Thago. Praetor   Ach! Zu Toxilus. Nun, sag mir mal, wieso kann ein unfreier Mann zu so viel Geld kommen? Toxilus   Nur durch der Götter Fügung und die Gnade seiner Herrschaft. Mein Herr hats mir geschenkt. Praetor   Wie kann ein Mensch nur so dumm lügen! Toxilus   Hoher Praetor! Die Wahrheit – Praetor   unterbricht ihn: Kein Wort mehr, es ist aus! Ich kenne deinen Gebieter persönlich – wem schenkt der einen Groschen, geschweige denn sechshundert Silberlinge?! Zu den Liktoren. Verhaftet ihn! Lemniselenis   springt verzweifelt vom Podium herunter: Nein! Oh hoher Praetor, er sagt die Wahrheit, glaubet mir, auch wenn Ihr mich nicht für schön findet! Ich selber war ja dabei, wie der Herr Präsident ihm das Geld gab, ich schwör Euch jeden Eid, der Euch heilig ist! Aber wenn Ihr ihn jetzt trotzdem einkerkert, dann kerkert auch mich ein – auch mich, auch mich! Praetor   lächelt: Ach, ist Amor mit im Spiele? Lemniselenis   Nein. Toxilus   zu Lemniselenis: Verleugne alles, nur niemals unsere Liebe! Lemniselenis   fest: Amor ist jetzt nicht dabei. Praetor   ironisch zu Toxilus: Keine Angst! Lächelnd zu Lemniselenis. Du willst also unschuldig eingekerkert werden? Lemniselenis   Kein Mensch ist unschuldig. Praetor   stutzt: Ein gefährliches Wort. Dafür lassen sich Leute im Zirkus zerreißen. Wie kommst du zu dieser Ansicht? Lemniselenis   Ganz von allein. Stille. Praetor   betrachtet sie und lächelt dann wieder; zu seinem Gefolge: Sie weiß nicht, was sie spricht – Leise zu Lemniselenis, damit es vor allem Dordalus nicht hört. Liebes Kind, zunächst muß ich dich um Verzeihung bitten: ich finde dich sehr schön – und ich habe dich vorhin nur deshalb für häßlich befunden, weil du mir zu teuer warst. Verzeih einem armen Praetor – jetzt lächelst du wieder! Ich bin auch kein Unmensch und würde dir gerne deinen Toxilus gönnen, aber Recht muß Recht bleiben, sonst hört sich unsere menschliche Gesellschaft auf, und alles geht drunter und drüber – Matrosa   deutet plötzlich nach links empor: Seht den Vesuv! Alle blicken hin. Stille. Dordalus   Also was sich der zusammenraucht – Lemniselenis   Es wird immer mehr. Praetor   Ich wollte, ich könnte den Vesuv verurteilen. Dann wären wir alle die Angst los. Toxilus   Ich hab keine Angst. Sechstes Bild Im Zirkus von Pompeji, während einer Vorstellung. Wir befinden uns hinter den Sitzplätzen. Die Bühne ist in zwei Teile geteilt, unten und oben. Unten sehen wir zwei breite Gittertüren, dahinter liegen die Gewölbe, in denen die Gefangenen warten, bis sie von den Löwen zerrissen werden. Es ist finster in den Gewölben und die Gefangenen werden nur sichtbar, wenn sie am Gitter stehen. Rechts führt eine Treppe nach oben. Dort befindet sich ein Buffet. Links oben führt ein Gang nach den Sitzplätzen. Man hört aus der Arena immer wieder Musik, Gejohle, Beifall und Pfiffe. Es ist Mittag, und das Wetter ist herrlich, wie im ersten Bild. Der Buffetier bedient soeben einige Gäste, während Bagnio und der Parasit unten von links erscheinen. Bagnio   deutet nach den Gewölben: Dort liegt das Löwenfutter. Die Gefangenen. Parasit   Erinner mich nicht daran! Bagnio   Wieso? Du warst doch noch niemals eingesperrt! Parasit   Ich wollte sagen: erinner mich nicht an die Zukunft. Manchmal hab ich solch Ahnungen, als hätt man schon einmal gelebt. Bagnio   Bei deinen gesellschaftlichen Beziehungen nehm ich Gift darauf, daß du mit ruhigem Gewissen auf alle deine Ahnungen pfeifen kannst! Parasit   Forder die Götter nicht heraus! Bagnio   Laß mich nur mit denen in Ruh! Er tritt an die linke Gittertür und blickt hinein. Da liegt einer drin. Parasit   tritt an die rechte Gittertür: Da liegen sogar sechs – nein! Zwei, drei, vier, sieben! Bagnio   klopft mit einem falschen Geldstück an die eisernen Gitterstäbe: Kling-kling! Zum Parasiten. Er rührt sich nicht. Parasit   Laß ihn schlafen. Bagnio   klopft wieder: Kling-kling! Parasit   Spiel dich nicht mit deinem Geld. Bagnio   Ich spiele nicht, ich wunder mich nur, daß es klingt – Er klopft wieder. Kling-kling! Wärter   kommt von unten rechts; zu Bagnio: Das Necken der Verurteilten ist verboten! Parasit   zu Bagnio: Siehst du! Folg deinem Vater, ich hab eh schon Hunger – Er steigt mit Bagnio die Treppe empor und beide nehmen am Buffet Platz und bestellen groß, während die Gäste sich durch den Gang links oben entfernen. Toxilus   erscheint hinter der linken Gittertüre; zum Wärter: He, wann komm ich denn endlich dran? Wärter   Ich hab kein Programm. Aus dem rechten Gewölbe dringt nun ein leiser einfacher Gesang. Toxilus   lauscht: Wer singt denn da? Wärter   Das sind Christen. Toxilus   Was ist das? Wärter   Überzeugungstäter. Freue dich, daß du nur ein Krimineller bist – Ab nach links unten. Toxilus lauscht wieder dem Gesang. Parasit   mit vollem Munde zu Bagnio: Schau im Programm. Was kommt denn jetzt? Bagnio   sieht nach: Die Löwen. Parasit   Schon wieder die Löwen? Dann eß ich noch was. Fade Nummer, diese Löwen – sie zerreißen und aus! Immer dasselbe. Na, und dann? Bagnio   blättert im Programm: Lebende Fackeln. Parasit   Ekelhaft! Das hängt da und brennt! Kein Kampfmotiv und nichts – Zum Buffetier. Noch einmal dasselbe! Die Christen singen nun nicht mehr. Toxilus   Jaja, wer als armer Bursche eindringt in die Pforten der Liebe, der überflügelt mit seiner Qual selbst die Qualen des Herkules. Lieber als mit Amor möcht ich mit der Hydra selber kämpfen – Ach, Lemniselenis! Warum hast du einen so langen Namen? Woher soll sich ein Räuber, auf den die Löwen schon warten, die Zeit nehmen, um dich immer wieder aussprechen zu können? Er lächelt. Woher? Er zieht sich in die Finsternis seines Gewölbes zurück. Bagnio   erhebt sich plötzlich und deutet nach rechts empor: Dort sitzt deine Tochter! Parasit   Wo? Bagnio   In der Loge des Praetors. Er grinst und setzt sich wieder. Glück muß man haben! Parasit   Dordalus ist ein Genie. Ich freue mich sehr, daß er sie in ein kultiviertes Haus gebracht hat, der Praetor ist ein vorbildlicher Gastgeber. Bagnio   Weiß er, daß sie deine Tochter ist? Parasit   Er weiß garnichts. Er kennt nur mich. Posaunen in der Arena. Bagnio   schnellt empor: Posaunen! Das ist schon das Rennen! Vater, komm! Ich hab auf grün gesetzt, rasch! Parasit   mit vollem Munde: Vergiß nur das Zahlen nicht! Bagnio   wirft dem Buffetier ein Geldstück zu: Da! Behalt den Rest! Rasch ab mit dem Parasiten durch den Gang links oben. Buffetier   verbeugt sich: Danke! Er betrachtet das Geldstück, wird mißtrauisch und wirft es auf eine Platte. Hoppla, das klingt ja gar nicht! Ist ja falsch! Er eilt nach links. Aufhalten! Aufhalten! Er stößt im Gang links oben mit Dordalus zusammen, der aus der Arena kommt. Dordalus   Nanana! Aufpassen! Aufpassen! Buffetier   Verzeiht mir, aber ich hab grad falsches Geld – Rasch ab. Dordalus   Wichtigkeit! Er steigt, während in der Arena das Publikum mit großem Gejohle das Rennen begleitet, die Treppen herab und blickt in das rechte Gewölbe. Da ist er nicht. Er blickt in das linke Gewölbe. Da ist er auch nicht – doch! Da ist er! Er ruft hinein. Toxilus! Toxilus   tritt an die Gittertüre, erblickt ihn und grinst: Ist das nicht Dordalus? Dordalus   Also nur nicht wieder vorlaut! Er sieht sich vorsichtig um. Ich hab einen Brief für dich. Toxilus   Einen Brief? Dordalus   Von ihr – Er zieht vorsichtig einen Brief hervor. Sie sitzt in der Loge, mit dem Praetor. Toxilus   Gib her! Dordalus   Seit wann kannst du denn lesen? Toxilus   Ah, das hab ich jetzt ganz vergessen! Lies ihn mir vor, bitte! Dordalus   Drum bin ich ja da, ich versäum zwar ein ganzes Rennen, aber ich bin eh kein besonderer Anbeter der zirzensischen Spiele, ich bin mehr fürs ernste Theater, Operetten und so – Toxilus   unterbricht ihn ungeduldig: So lies doch schon! Lies! Dordalus   Warum so nervös? Hast keine Zeit? Toxilus   Nein! Dordalus   Ahso, richtig! Also höre – Er erbricht den Brief und liest. Mein lieber Toxilus! Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber seit ich weiß, daß Du meinetwegen zum Tode verurteilt wurdest, liebe ich Dich unendlich. Sei frohen Mutes, ich bin immer bei Dir und Du wirst nicht sterben – Toxilus   stutzt: Was?! Dordalus   stutzt ebenfalls: Nicht sterben? Wieso wirst du nicht sterben? Toxilus   Weiter! Dordalus   liest weiter: Du bleibst am Leben, wenigstens vorerst. Ich vertrag mich nämlich mit dem Praetor sehr gut, er ist sehr gerecht, und ich kann ihn bereits um den kleinen Finger wickeln, wenn ich ihn bei seinem Rechtsgefühl packe. In diesem Sinne redete ich es ihm ein, daß er es doch nicht wissen könnte, ob unser K. R. Thago Dir das gestohlene Geld nicht doch geschenkt hätte, bevor ihm dies Thago nicht persönlich bestätigt hätt. Und da Thago doch in der Sommerfrische weilt, will nun der Praetor warten, bis er zurückkommt. Er ist nämlich wirklich sehr gerecht und er hat auch soeben Weisung gegeben, daß der Vollzug Deiner Strafe hinausgeschoben wird, was mich riesig freut, denn ich wäre sehr traurig gewesen, wenn ich Dich zwischen den Löwen erblickt hätt. In grenzenloser Liebe und Sehnsucht Deine – Er blickt genauer hin. Unleserliche Unterschrift. Toxilus   ernst: Ich weiß schon. Dordalus   Auf alle Fäll kann man gratulieren! Ein liebendes Weib ist doch was wert. Toxilus   wie zuvor: Ja. Dordalus   Jetzt lebst du noch ein halbes Jahr. Toxilus   Ist das hier ein Leben? Und was ist dann? Dann kommt Herr Präsident K. R. Thago – Dordalus   Und der wird dich nicht retten, der nicht! Toxilus   Es wär ein Wunder. Dordalus   Und es gibt keine Wunder – bei Thago schon überhaupt nicht! Höchstens Kreditwunder! K. R. Thago   erscheint hinter der rechten Gittertüre, er trägt keine Maske mehr: Wer nennt hier immer meinen Namen? Dordalus   wendet sich ihm zu; schroff: Was los? K. R. Thago   lächelt: Ach, das ist ja Dordalus! Dordalus   Wer bist du? K. R. Thago   Erkennst du mich nicht? Dordalus   Woher? Keine Ahnung! K. R. Thago   Ich bin Thago. Dordalus   erschrickt: Was?! Toxilus   der Thago nicht sehen kann, aufgeregt zu Dordalus: Wer ist er?! Thago?! Dordalus   Absurd – absurd! K. R. Thago   Ich bin es aber. Du erkennst mich nur nicht, weil du mich ohne Maske siehst. Toxilus   Das war seine Stimme! Ich hör sie genau! Dordalus   Mich trifft der Schlag! Toxilus   Wie kommt Ihr da herein, Herr Präsident? Was ist denn passiert?! Stille. K. R. Thago   Wir fuhren nach Kreta, aber mein Schiff sank. Ich trieb im Sturm auf einem Brett und rief alle Götter an – da sah ich, daß jemand über das Meer geht. Dordalus   Über das Meer? K. R. Thago   Ich glaube, ja. Dann weiß ich nichts mehr. Ich erwachte in einer Höhle, unter der Erde – Toxilus   Unter der Erde? K. R. Thago   Dort wurd ich wieder zu mir gerufen, es waren brave Menschen. Von ihnen erfuhr ich es erst, daß es nur Einen gibt, der über das Wasser gehen kann. Jetzt sind wir alle hier – Er lächelt und zieht sich in die Finsternis zurück. Stille. Matrosa   kommt von rechts unten, erblickt Dordalus, aber Toxilus nicht: Endlich! Ich such Euch schon, meine Herrin ist sehr besorgt – habt Ihr den Brief angebracht? Dordalus   dumpf: Ja. Matrosa   Was ist Euch? Schlecht? Dordalus   Etwas Entsetzliches – Matrosa   unterbricht ihn sehr erschrocken: Mit Toxilus?! Dordalus   Ah was Toxilus! Toxilus ist eine Null, aber wenn das möglich ist, ein reicher Mann, ein steinreicher Mann – Matrosa, die Welt geht unter – Matrosa   Setzt Euch ein wenig – Dordalus   Nein! Das muß sofort gemeldet werden – also wenn das der Praetor hört, fällt er um! Rasch ab nach rechts. Matrosa   Was ist denn passiert?! Hinter ihm her ab nach rechts. Stille. Toxilus   Man hört immer wieder von neuen Göttern, man weiß schon gar nicht mehr, was man glauben soll – Er zieht sich in die Finsternis zurück. Parasit   kommt mit Bagnio von oben links aus der Arena: Jetzt kommen wieder die faden Löwen! Du hättest auf blau setzen sollen, grün verliert immer! Bagnio   Red nicht, Vater! Du bist ja farbenblind! Parasit   vor dem Büffet: Der Kaviar ist schwarz und der Hummer ist rot! Bagnio   triumphierend: Falsch! Der Hummer ist schwarz und der Kaviar ist rot! Parasit   Du bist farbenblind – Er setzt sich an das Büffet, ißt, trinkt und auch Bagnio bedient sich selbst. Buffetier   kommt von links oben aus der Arena mit zwei Liktoren; er erblickt Bagnio und den Parasiten: Da sitzen sie! Er nähert sich ihnen. Schmeckts euch, wenn der Wirt nicht zuhause ist? Parasit   Was sollen diese ungezogenen Anspielungen? Bagnio   Tröste dich, wir bezahlen alles! Buffetier   Ich tröste mich nicht, denn ihr zahlt mit falschem Geld. Parasit   wird bleich: Wie bitte? Buffetier   zu den Liktoren: Durchsucht sie nur! Bagnio   Halt! Das laß ich mir nicht bieten! Buffetier   Wir werden viel fragen! Parasit   Ich protestiere! Ich bin ein Freund des Praetors! Bagnio   Und ich bin sein Sohn! Parasit   Des Praetors Sohn? Bagnio   deutet auf den Parasiten : Dem sein Sohn! Buffetier   Feine Familie! Zu den Liktoren. Durchsucht sie! Parasit   plötzlich verzweifelt: Nein! Er reißt sich vom Buffetier los und rast rechts die Treppe herab. Ein Liktor ihm nach . Buffetier   schreit: Aufhalten! Aufhalten! Parasit will unten nach rechts ab, läuft jedoch dem Praetor in die Arme, der mit Dordalus, seinem Gefolge und Liktoren rasch von rechts unten kommt. Praetor   erkennt den Parasiten: Ach, du bists, mein Freund! Verzeih, daß ich so eilig war, komm morgen zum Essen – Parasit   völlig verwirrt; mechanisch: Was gibts denn zum Essen? Praetor   Alles, was wir lieben. Verzeih, daß ich eile! Buffetier   ruft von oben herab: Praetor! Der Mann zahlt mit falschem Geld! Grad wollt er durch! Praetor   starrt den Parasiten an: Durch? Buffetier   Durchsucht ihn nur, durchsucht ihn nur! Stille. Praetor   leise zum Parasiten: Erkläre dich, bitte – Parasit zuckt leise die Schultern und lächelt resigniert . Praetor fixiert ihn und wendet sich dann an die Liktoren. Haltet ihn, ich komme gleich wieder – Er tritt an die rechte Gittertüre und wendet sich an Dordalus. Rufe! Dordalus   ruft in das Gewölbe hinein mit zitternder Stimme: Herr Präsident! Herr Präsident! K. R. Thago   erscheint hinter der Gittertüre, erblickt die vielen Leute und den Praetor, stutzt etwas und lächelt dann: Was wollt Ihr noch von mir? Praetor   starrt ihn an; er ist innerlich sehr erregt, beherrscht sich jedoch; zu Dordalus: Ist er es wirklich? Dordalus   nickt ja. Praetor   leise. Ich erkenne ihn. Laut . Ob Ihr ein Christ geworden seid oder nicht, das interessiert mich nun keineswegs. Das Urteil ist gefällt, der Akt ist geschlossen. Doch da Ihr noch heute sterben werdet, bin ich hierher, denn ich brauche Euch als Zeugen, und zwar im Falle Toxilus. Recht muß Recht bleiben. Er faßt sich kurz ans Herz. K. R. Thago   Was ist mit Toxilus? Praetor   Toxilus hat Euch sechshundert Silberlinge gestohlen, behauptet jedoch, Ihr hättet sie ihm geschenkt. Nun sagt: was ist die Wahrheit? Stille. K. R. Thago   Ich hab ihm das Geld nicht geschenkt. Ich habs ihm gegeben. Das war nämlich kein Geschenk, es war eine Schuld. Praetor   Schuld? K. R. Thago   Ich habe ihm acht Jahre lang keinen Lohn bezahlt. Praetor   Er war doch Euer Sklave, da wart Ihr ja rechtlich nicht verpflichtet – K. R. Thago   fällt ihm ins Wort: Trotzdem! Die Rechnung stimmt! Praetor   Aber das kann doch nicht stimmen! Recht muß Recht bleiben! K. R. Thago   Gewiß! Er zieht sich zurück in die Finsternis. Stille. Praetor   sehr leise: Lasset Toxilus frei. Wärter   der bereits längst von links gekommen war, öffnet die Gittertüre und ruft: Toxilus! Du bist frei! – Er ist nicht mehr da. Er ist geflohen! Praetor   Geflohen?! Wärter   Jetzt wird mir manches klar! Grad vor ein paar Minuten hat sich da beim drüberen Ausgang eine vornehme Dame mit ihrer Dienerin herumgetrieben, sie war so verdächtig erregt, sicher hat sie meinen Kollegen bestochen – Praetor   schreit: Schweig! Schweiget alle! Er hält die Hand vor die Augen. Stille. Wärter   sehr leise zu Dordalus: Was hat denn der Praetor? Dordalus   ebenso: Er weint. Stille. Praetor   blickt langsam zum Himmel empor: Schrecklich ist manchmal das Walten der Götter, rätselhaft ihr Urteil, unfaßbar für einen irdischen Richter. Oh Jupiter, allmächtiger, hehrer Sohn der Rhea, höchster Gott, aus dessen Händen Reichtum, Hoffnung, Heil entströmt – warum erschlägst Du das Recht mit Deinem Blitz und läßt das Unrecht triumphieren? Sagt, Götter, was habt Ihr vor mit meiner Welt?! Ein furchtbares Donnern erschüttert die Erde, eine Flamme zuckt auf, tausendstimmiger Schrei, alles wird finster und alles bricht zusammen. Verwandlung Langsam wirds wieder heller, und wir sind in einer Katakombe. Niederer Gang von links nach rechts, nur links im Vordergrunde wird er etwas breiter. Dort stehen ein Tisch, Bänke und armseliges Hausgerät. Eine Ampel brennt, und von rechts fällt ein hellerer Lichtschein in den Gang. Matrosa kommt von links mit Lemniselenis und Toxilus, der einen Verband um die Stirne trägt. Sie halten beim Tisch. Matrosa   Jetzt sind wir unter der Erde. Es ist eine andere Welt. Lemniselenis   sieht sich um: Und hier wohnt dein Gott? Matrosa   deutet nach rechts: Dort drüben, dort steht sein Altar. Ich zeig euch morgen alles. Hier können wir übernachten, macht es euch bequem! Lemniselenis   Wir habens verdient! Wenn wir nicht aus dem Zirkus geflohen wären, hätt es uns auch nichts mehr genützt, wenn Thago gesagt hätte, daß er ihm das Geld geschenkt hat – Sie deutet plötzlich auf die Bank; zu Matrosa. Da soll ich schlafen? Auf Holz? Toxilus   Oben ist alles aus, alles hin. Jaja, ein Vesuv ist kein Witz! Matrosa   zu Toxilus: Hier ist Wasser für deine Wunde – Lemniselenis   zu Toxilus: Wart, ich helfe dir! Sie hilft. Toxilus   Au! Du tust mir weh! Lemniselenis   Ist gleich wieder alles gut – Sie verbindet ihn. Matrosa   setzt sich: War das ein Tag! In aller Früh hab ich mich schon geärgert, dann hab ich die ganze Suppe verschüttet, dann bin ich auf der Treppe ausgerutscht, und dann das, dann das! Ein Herr erscheint rechts. Die Drei erblicken ihn und Matrosa verbeugt sich. Der Herr   Ich bitt Euch, Bruder und Ihr Schwestern, seid etwas ruhiger! Ich muß mich nämlich sammeln, ich schreib hier nebenan einen Brief. Matrosa   Wir sind schon ganz still. Der Herr   Ich danke Euch! Ab nach rechts. Gloriosus   Wer war denn das? Matrosa   Ich weiß nicht, wie er heißt, er ist erst gestern gekommen. Ich weiß nur, daß er Briefe schreibt. Lemniselenis   An eine Frau? Matrosa   Nein, er schreibt Briefe, so gleich an ganze Städte. Zum Beispiel, an die Korinther – Stille. Lemniselenis   sitzt neben Toxilus und hat ihren Arm um seine Schultern gelegt: Schön ist es hier. Liebst du mich? Toxilus   lächelt: Nein. Gar nicht – Lemniselenis   Oh, jetzt gehts mir gut! Plötzlich bin ich reich. Was gehört mir nicht alles! Das Meer und die Luft, die Wolken, der Mond und die silbernen Farben der Nacht! Das alles hast du mir geschenkt. Ich danke dir. Toxilus   innig: Dank mir nicht, das halt ich nicht aus – Der Herr   erscheint wieder rechts: Ich möchte Euch doch sehr bitten, etwas stiller zu sein, es ist unmöglich, bei Euerem Lärm, einen richtigen Satz zu schreiben. Redet doch nicht so viel, Gott hört Euch auch, wenn Ihr schweigt! Wieder ab nach rechts. Die Drei gehen schweigend zur Ruh; Matrosa streckt sich auf der Bank aus, Lemniselenis lehnt ihren Kopf an Toxilus Brust; sie will noch mal etwas sagen, doch er gebietet ihr stumm, zu schweigen; so schlafen sie ein und die Ampel geht langsam aus.