Victor Hugo Die Miserabeln. Dritter Band Zweite Abteilung: Cosette. Erster Band.   Berlin, Reichardt \& Zander.   1862. Erstes Buch. Waterloo. I. Was man sieht, wenn man von Nivelles kommt. An einem schönen Maimorgen des vergangenen Jahres (1861) machte ein Reisender, derselbe, welcher diese Geschichte erzählt, die Tour von Nivelles nach La Hulpe. Er ging zu Fuß. Der Weg ging zwischen zwei Baumreihen auf einer großen gepflasterten Chaussée hin, welche wellenförmig sich über Hügel hinaufschlängelt. Lillois und Bois-Seigneur-Isaac hatte er schon passirt. Im Westen gewahrte er den aus Schiefer gebauten Kirchthurm von Braine-l'Alleud, welcher die Gestalt einer umgekehrten Vase hat. Er hatte so eben ein auf einer Anhöhe befindliches Gehölz und an der Wende eines Seitenweges neben einer Art wurmstichigen Galgens, welcher die Inschrift »Alte Barriere Nr. 4« trug, ein Wirthshaus hinter sich gelassen, welches an seiner Vorderseite folgendes Schild hatte: »Zu den vier Wänden. Echabeau, Kaffeehaus.« Eine Viertelstunde weiter kam er in einen Thalgrund, wo unter einem Brückenbogen Wasser in den Straßengraben fließt. Die einzelnen grünen Bäume, welche nach der Chaussée zu das Thal ausfüllen, zerstreuen sich nach der anderen Seite zu in den Wiesen und ziehen sich unordentlich und anmuthsvoll nach Braine-l'Alleud zu. Rechts an der Straße stand ein Wirthshaus, davor ein vierrädriges Fuhrwerk, ein großes Bündel Hopfenstangen, ein Pflug, ein Haufen dürres Reisholz neben einer lebendigen Hecke, Kalk, der in einer viereckigen Grube rauchte und eine an einem strohenen Schuppen angebrachte Leiter. Ein junges Mädchen jätete auf dem Felde, wo ein großer gelber Zettel, wahrscheinlich die Ankündigung einer Kirmiß enthaltend, im Winde herum flatterte. Von der Ecke des Wirthshauses, neben einer Pfütze hin, in welcher zahlreiche Enten schwammen, führte ein schlecht gepflasterter Weg in das Gebüsch. Der Wanderer betrat dasselbe. Nachdem er so etwa hundert Schritte längs einer Mauer aus dem fünfzehnten Jahrhundert mit spitzem Ziegeldache gemacht hatte, befand er sich einer großen gewölbten Steinpforte gegenüber mit einer gradlienigen Imposte im ernsten Style Ludwig XIV., an beiden Seiten mit zwei hervorragenden runden Flächen versehen, in welcher Brustbilder angebracht waren. Auf dem Boden vor der Pforte lagen drei Eggen, durch welche hindurch alle Blumen des Mai durcheinander wuchsen. Die Pforte war verschlossen. Sie hatte zwei alte morsche Flügelthüren zum Verschluß, welche mit einem alten verrosteten Klopfer geschmückt waren. Die Scene war reizend; die Aeste hatten jenes sanfte Zittern des Mai, welches mehr von den Nestern als vom Winde herzukommen scheint. Auf einem Baume sang ein braver kleiner, wahrscheinlich verliebter Vogel, so eifrig wie er nur konnte. Der Reisende bückte sich und betrachtete in dem links daliegenden Stein am rechten Thürflügel eine ziemlich große runde Aushölung, welche einer runden Honigzelle nicht unähnlich sah. In diesem Augenblicke öffneten sich die Thorflügel und eine Bäuerin trat heraus. Sie sah den Reisenden und bemerkte, daß er sich in Betrachtungen erging. »Eine französische Kugel hat das gethan,« sagte sie zu ihm. »Was Sie da höher oben an der Thür sehen,« fügte sie hinzu, »neben einem Loche, das rührt von einer großen Kartätschenkugel her, welche aber nicht ganz durch das Holz durchgegangen ist.« »Wie heißt der Ort?« fragte der Reisende. »Hougomont,« sagte die Bäuerin. Der Reisende richtete sich auf, ging einige Schritte weiter, sah über die Hecken und gewahrte am Horizont zwischen den Bäumen hindurch eine Art Hügel und auf demselben Etwas, das von Ferne wie ein Löwe aussah. Er befand sich auf dem Schlachtfelde von Waterloo. II. Hougomont Hougomont war ein trauriger Ort. Der Anfang des Hindernisses, der erste Widerstand, welchem in Waterloo jener große Holzfäller Europas begegnete, den man Napoleon nannte: der erste Knorren unter dem Axthiebe. Damals war es ein Schloß, jetzt ist es nur noch eine Meierei. Für den Alterthumsforscher ist Hougomont » Hugonis mons .« Das Schloß wurde von Hugo, Herrn von Somerel, gebaut, demselben, welcher die sechste Kapellanstelle der Abtey von Villers dotirte. Der Reisende stieß die Thür auf, stieß mit dem Ellenbogen unter dem Eingange an eine alte Kalesche und trat in den Hof ein. Das Erste, was ihm auffiel, war eine Thür aus dem sechszehnten Jahrhundert, die einer Arcade glich, um welche herum Alles zusammengestürzt war. Das Ruinenhafte hat oft ein monumentales Aussehen. Bei der Arcade öffnet sich in der Mauer eine zweite Thür mit Schlußsteinen aus der Zeit Heinrich IV., durch welche man die Bäume eines Gartens sieht. Zur Seite dieser Thür ein Düngerhaufen, Hacken und Schaufeln, einige Karren, ein alter Brunnen, ein umherspringendes Füllen, ein radschlagender Truthahn, eine Kapelle mit einem Thürmchen, ein an der Wand dieser Kapelle am Spalier gezogener blühender Birnbaum – das zeigte dieser Hof, dessen Eroberung der Traum Napoleons war. Hätte er dieses Fleckchen Erde erlangen können, so wäre ihm vielleicht damit zugleich die Welt zugefallen. Hühner scharren Staub auf. Man hört ein Knurren – von einem großen Hunde, der die Zähne zeigt und jetzt die Engländer vertritt. Die Engländer waren hier bewunderungswürdig. Die vier Gardecompagnien Cooke's hielten sieben Stunden lang dem Andringen einer Armee Stand. Sieht man den Plan von Hougomont auf der Karte, mit Gebäuden und Garten, so bildet er ein unregelmäßiges Rechteck, an dem ein Winkel eingedrückt ist. An diesem Winkel befindet sich die südliche Thür, geschützt von jener Mauer, die dicht daran stößt. Hougomont hat zwei Eingänge: den südlichen, den des Schlosses, und den nördlichen, jenen der Meierei. Napoleon schickte seinen Bruder Hieronymus gegen Hougomont. Die Divisionen Guillemminot, Foy und Bachele drangen vor. Fast das ganze Corps Reilles wurde aufgeboten und scheiterte. Die Kugeln Kellermanns vermochten nichts gegen diese heroische Mauer. Die Brigade Baudoin konnte Hougomont nicht im Norden überwinden, die Brigade Soye griff es im Süden an ohne es einzunehmen. Die Gebäude der Meierei begrenzen den Hof im Süden. Ein Stück der nördlichen Thür, welche die Franzosen zertrümmert hatten, hängt noch angenagelt an der Mauer, Es sind vier über zwei Latten genagelte Bretter, an welchen die Spuren des Kampfes noch wahrnehmbar sind. Dieses nördliche Thor welches die Franzosen zertrümmert hatten und in das man ein Stück eingesetzt hat, um die an der Mauer aufgehängte Thürfüllung zu ersetzen, befindet sich im Hintergrunde des Gehöftes, es ist viereckig in einer Mauer angebracht, welche unten von Stein, oben von Ziegel ist und den Hof nach Norden schließt. Es ist ein einfacher Thorweg, wie man ihn auf allen Gütern findet, mit zwei großen aus schwerfälligen Balken gemachten Flügeln: jenseits Wiesen. Der Kampf um diesen Eingang war ein wüthender gewesen. Lange Zeit sah man am oberen Rande des Thores allerlei Abdrücke von blutenden Händen. Hier wurde Bauduin getödtet. Noch heute ist der Sturm des Kampfes in diesem Hofe, noch ist der Schrecken sichtbar, die Zerrüttung des Schlachtgetümmels hat sich hier versteinert. Es lebt und stirbt hier, als wenn erst gestern dies Alles gewesen wäre! Die Mauern liegen im Todeskampf, die Steine fallen, die Breschen schreien, die Löcher sind Wunden, die gebeugten und zitternden Bäume scheinen entfliehen zu wollen. Im Jahre 1815 war dieser Hof mehr bebaut als jetzt. Gebäude, welche jetzt abgetragen, bildeten damals allerlei Ecken, Winkel und Absätze. Hier hatten sich die Engländer verbarrikadirt. Die Franzosen drangen ein, konnten sich aber nicht behaupten. Bei der Kapelle steht noch ein Schloßflügel, ganz eingestürzt, man könnte beinahe ausgeweidet sagen. Es ist ein Rest des Herrenhauses von Hougomont. Das Schloß diente als Warte, die Kapelle als Blockhaus. Hier war das Gemetzel am größten. Die Franzosen, auf welche von allen Seiten her, von hinter der Mauer, von den Böden herunter, aus den Kellern, aus allen Fenstern, allen Löchern, allen Steinplatten geschossen wurde, brachten Faschinen herbei und zündeten die Mauern und Menschen an. Die Kartätschen wurden mit Brand beantwortet. In dem zerfallenen Flügel des Gebäudes sieht man mit mitten durch die mit Eisenstäben versehenen Fenster die eingestürzten Mauern der Wohnung. In diesen Zimmern hatten sich die englischen Garden verschanzt. Der Treppenzug, vom Erdgeschoß an bis hinauf ins Dach zu mit Rissen versehen, erscheint wie das Innere einer zerbrochenen Muschel. Die Treppe hat zwei Absätze. Die Engländer, welche auf derselben belagert wurden und sich auf den oberen Stufen zusammendrängen mußten, hatten die unteren abgebrochen. Es sind große blaue Steinplatten, welche in den Brennnesseln einen Haufen bilden. Ein Dutzend Stufen hängt noch an der Mauer. Auf der ersten ist das Bild eines Dreizacks eingeschnitten. Diese unbesiegbaren Stufen hängen fest in ihrem Gemäuer. Es gleicht dieses Alles einem zahnlosen Kinnbacken. Zwei alte Bäume stehen da, von denen der eine ganz abgestorben ist, der andere am Untertheil verletzt ist und noch im April grünt. Seit 1815 ist er durch die Treppe gewachsen. In der Kapelle metzelte man sich nieder. Das Innere derselben, wenn es auch wieder ruhig geworden, hat ein sonderbares Aussehen. Seit dem Blutbade ist keine Messe wieder darin gelesen worden. Der Altar aber aus groben Holz und an rohe Steine angelehnt, ist stehen geblieben. Vier mit weißem Kalk bestrichene Wände, eine dem Altar gegenüber befindliche Thür, zwei kleine Bogenfenster, an der Thür ein großes hölzernes Cruzifix, über dem selben ein viereckiges, mit einem Bund Heu zugestopftes Luftloch, in einem Winkel am Fußboden ein alter ganz zerbrochener Fensterrahmen: das ist die Kapelle. Ueber dem Altar ist eine Holzstatue der heiligen Anna aus dem fünfzehnten Jahrhundert angenagelt. Den Kopf des Jesuskindes hat eine Kartätschenkugel weggerissen. Die Franzosen, welche kurze Zeit im Besitz der Kapelle, dann aber verdrängt worden waren, hatten sie angezündet. Das ganze Gebäude war voll von Flammen, es war ein Brennofen. Die Thür war verbrannt, der Fußboden war verkohlt, nicht aber das aus Holz bestehende Christusbild. Das Feuer hatte zwar an den Füßen desselben geleckt, von welchen man jetzt nur noch die schwarzen Stumpfe sieht, weiter war es aber nicht gekommen. Es war ein Wunder, wie die Leute dort sagen. Das geköpfte Jesuskind war nicht so glücklich, wie Christus gewesen. Die Wände sind mit Inschriften bedeckt. Unter den Füßen des Christus liest man den Namen Henquinez , dann Conde de Rio Maïor . Marques et Marquesa de Almagro (Habana) . Auch französische Namen mit Ausrufungszeichen, Aeußerungen des Zornes. Im Jahre 1843 wurde die Wand neu angestrichen. Die Nationen beschimpften sich auf derselben. An der Thür dieser Kapelle wurde ein Leichnam gefunden, welcher ein Beil in der Hand trug. Dieser Leichnam war der Seconde-Lieutenant Legros. Wenn man aus der Kapelle herausgeht, so sieht man links einen Brunnen. Es giebt deren zwei im Hofe. Man fragt sich, warum derselbe ohne Schwengel und überhaupt nicht in Ordnung gebracht ist und warum man kein Wasser aus demselben schöpft? Warum man kein Wasser aus demselben schöpft? Weil er voller Skelette ist. Der Letzte, welcher Wasser aus diesem Brunnen schöpfte, hieß Wilhelm Van Kylson. Er war ein Bauer, welcher in Hougomont wohnte und daselbst Gärtner war. Am achtzehnten Juni 1815 ergriff seine Familie die Flucht und verbarg sich im Walde. Der bei der Abtei von Villers befindliche Wald verbarg damals während mehrerer Tage und Nächte jene ganze zersprengte Bevölkerung der Umgegend. Noch heut zu Tage bezeichnen einige sichtbare Spuren, z. B. alte verbrannte Baumstämme den Ort, wo jene Unglücklichen zitternd, mitten im Gebüsch, bivouakirten. Wilhelm Van Kylson blieb in Hougomont, »um das Schloß zu bewachen«, und versteckte sich in einem Keller. Die Engländer entdeckten ihn da, rissen ihn aus seinem Versteck und zwangen den erschreckten Menschen mit flachen Säbelhieben, sie zu bedienen. Da sie Durst hatten, so mußte er ihnen zu trinken bringen. Aus jenem Brunnen schöpfte er das Wasser. Viele tranken damals ihren letzten Trank, und auch der Brunnen, aus welchem so viele Sterbende tranken, mußte sterben. Nach der Schlacht beeilte man sich, die Todten zu begraben. Der Tod hat seine eigne Art und Weise, den Sieg zu necken. Er treibt die Pest hinter dem Ruhme her. Der Typhus ist ein Annexum des Triumphes. Der Brunnen war tief, man machte ein Grab aus ihm. Dreihundert Todte warf man hinein, vielleicht zu voreilig! Waren sie alle todt? Die Legende sagt nein. In der Nacht nach dieser Beerdigung will man schwache Hilferufe aus dem Brunnen gehört haben. Dieser Brunnen steht isolirt mitten im Hofe. Drei, halb aus Stein, halb aus Ziegel bestehende Mauern, welche wie die Blätter eines Schirmes gebaut sind und einen viereckigen Thurm darstellen sollen, umgeben ihn von drei Seiten. Die vierte Seite ist offen; auf dieser schöpfte man das Wasser. In der hinteren Mauer befindet sich eine Art unförmlichen Kapfensters, vielleicht ein von einer Haubitze herrührendes Loch. Dieses Thürmchen hatte eine Decke, wovon nur noch die Balken übrig sind. Der Widerhalt-Beschlag der rechten Mauer hat die Gestalt eines Kreuzes. Wenn man sich über den Brunnen beugt, so verliert sich das Auge in einen tiefen, ausgemauerten Schacht, welchen dichte Finsternis erfüllt. Alles um den Brunnen herum, sowie der untere Theil der Mauern verschwindet in den Brennnesseln. Als Decke hat der Brunnen nicht jene große bläuliche Steinplatte, welche man sonst in Belgien an den Brunnen findet. Dieselbe ist hier durch einen Querbalken ersetzt, auf den fünf oder sechs unförmliche, knorrige Holzstücke sich stützen, welche riesigen Knochen ähnlich sehen. Eimer, Kette und Kloben fehlen; nur der hohle Stein ist noch da, welcher als Ausguß diente. Jetzt sammelt sich darin das Regenwasser. Zuweilen kommt ein Vogel aus den benachbarten Waldungen hierher, um zu trinken und wieder weg zu fliegen. In dieser Ruine ist noch ein Haus, das Meiereigebäude, bewohnt. Die Thüre desselben geht auf den Hof. Neben einer hübschen gothischen Schloßblechplatte befindet sich auf dieser Thür ein eiserner Drücker in Gestalt eines querliegenden Kleeblattes. In dem Augenblicke, wo der hannoversche Lieutenant Wilda diesen Drücker ergriff, um sich in das Pachthaus zu flüchten, hieb ihm ein französischer Sappeur mit einem Beile die Hand ab. Die Familie, welche jetzt das Haus bewohnt, hat den längst Verstorbenen alten Gärtner Van Kylson zum Großvater. Eine Frau mit grauen Haaren erzählte uns: – »Ich war auch da. Ich war damals drei Jahre alt. Meine ältere Schwester hatte Furcht und weinte. Man brachte uns in den Wald, wobei mich meine Mutter in ihren Armen trug. Man legte das Ohr auf den Erdboden, um zu horchen. Ich wollte es den Kanonen nachmachen und rief: Bumm! bumm!« Wie wir gesagt haben, führt eine Thür des Hofes zur linken Seite in den Garten. Derselbe ist schrecklich. Er besteht aus drei Theilen oder, wie man richtiger sagen könnte, aus drei Akten. Der erste ist ein Blumengarten, der zweite der Obst- oder Baumgarten, der dritte ein Gehölz. Diese drei Theile haben eine gemeinschaftliche Umzäunung: nach dem Eingange zu die Gebäude des Schlosses und der Meierei, links eine Hecke, rechts und im Hintergrunde eine Mauer, wovon die erstere von Ziegeln, die letztere von Stein ist. Zunächst gelangt man in den Blumengarten. Derselbe ist von unten nach oben mit Johannisbeersträuchern bepflanzt, von wilder Vegetation bedeckt und von einer Terrasse geschlossen. Derselbe war früher ein herrschaftlicher Garten in jenem ersten französischen Style, wie er vor dem unsrigen Mode war. Jetzt ist er Ruine und Unkraut. Auf den Wandpfeilern ruhen Globusse, welche wie steinerne Kanonenkugeln aussehen. Man zählt noch dreiundvierzig Säulen auf ihren Würfeln, die andern liegen im Grase. Beinahe an Allen nimmt man Spuren von Gewehrfeuer wahr. Eine liegt zerbrochen da wie ein abgeschossenes Bein. In diesen, niedriger als der Obstgarten gelegenen Blumengarten waren sechs Voltigeure vom ersten leichten Regiment eingedrungen. Da sie in demselben angegriffen und, wie Bären in der Grube gehetzt, nicht mehr heraus konnten, so nahmen sie mit zwei hanoverschen Compagnieen, von denen die eine mit Karabinern bewaffnet war, den Kampf an. Die Hanoveraner hatten die Säulen erstiegen und schossen von oben. Die Voltigeure gaben von unten Widerpart. Sechs, gegen zweihundert, unerschrocken, brauchten sie, indem sie nur die Johannisbeersträucher zum Schutz hatten, eine Viertelstunde Zeit, um zu sterben. Man steigt einige Stufen in die Höhe, und gelangt so von dem Blumen- in den eigentlichen Obstgarten. Hier fielen auf einem Raume von wenigen Quadratruthen in nicht ganz Einer Stunde fünfzehnhundert Mann. Die Mauer scheint heute noch bereit zu sein, den Kampf wieder aufzunehmen; denn noch heute befinden sich in derselben die von den Engländern in unregelmäßiger Entfernung von einander gemachten achtunddreißig Schießscharten. Vor der sechzehnten liegen zwei englische Grabsteine von Granit. Nur an der südlichen Mauer giebt es solche Schießscharten, denn von da erfolgte der Hauptangriff. Von außen wird die Mauer durch eine hohe, lebendige Hecke verdeckt. Als die Franzosen hier ankamen, glaubten sie nur die Hecke vor sich zu haben, sie überstiegen sie und stießen auf die Mauer, hinter welcher die englischen Garden im Hinterhalt lagen. Die achtunddreißig Schießscharten gaben zu gleicher Zeit Feuer: ein Sturm von Kugeln und Kartätschen! Die Brigade Soye ging zu Grunde. So fing Waterloo an. Trotzdem wurde der Garten genommen. Da man keine Leitern hatte, kroch man mit den Nägeln in die Höhe. Unter den Bäumen schlug man sich Mann gegen Mann. Es wäre nicht ein einziges Grashälmchen aufzufinden gewesen, welches nicht von Blut getrieft hätte. Ein Bataillon von Nassau, siebenhundert Mann stark, wurde hier niedergeschmettert. An der Außenseite, gegen welche die beiden Kellermannschen Batterieen gerichtet waren, ist die Mauer von dem Geschoß wie zerfressen. Im Monat Mai macht dieser Garten auf das Gemüth denselben wohlthuenden Eindruck, wie jeder andere Garten. Er hat seine Goldknospen und seine Gänseblümchen; Ackerpferde werden in dem hochgewachsenen Grase, Wäsche trocknet an den zwischen den Bäumen gezogenen Leinen. Wenn man hindurch gehen will, muß man sich bücken und sinkt wohl auch mit dem Fuße in das Loch eines Maulwurfs. Mitten im Grase sieht man einen entwurzelten grünen Baumstamm liegen, an welchen sich der Major Blackmann lehnte, um seinen letzten Athemzug zu thun. Unter einem großen Baum in der Nähe fiel der deutsche General Duplat, welcher aus einer französischen, nach dem Widerruf des Edictes von Nantes flüchtig gewordenen Familie stammte. Daneben neigt sich ein alter mit Stroh und Lehm verbundener Apfelbaum. Und beinahe alle Apfelbäume in dem Garten sterben vor Altersschwäche ab. Es ist nicht ein einziger darin, welcher nicht seine Kugel oder seine Kartätsche erhalten hätte. Der Garten wimmelt von Baumskeletten. Bauduin wurde getödtet, Foy verwundet. Der Brand, das Gemetzel, das Blutbad, ein Strom wüthend unter einander gemischten englischen, französischen und deutschen Blutes, ein mit Leichnamen angefüllter Brunnen, das Regiment Nassau und das Regiment Braunschweig aufgerieben, Duplat getödtet, Blackmann getödtet, die englische Garde verstümmelt, zwanzig französische Bataillone decimirt, dreitausend Menschen allein in diesem Hougomont niedergesäbelt, in die Pfanne gehauen, erwürgt, erschossen, verbrannt! Und alles das, damit heute ein Bauer zu dem Reisenden sagen könne: »Mein Herr, geben Sie mir drei Francs, wenn Sie wollen, so erkläre und zeige ich Ihnen Alles, wie es bei Waterloo zuging.« III. Der 18. Juni 1815. Kehren wir nunmehr zurück und versetzen wir uns, von dem Rechte Gebrauch machend, welches jeder Erzähler hat, zurück in das Jahr 1815 und selbst noch ein wenig weiter in die Zeit vor dem Beginn der im ersten Theil erzählten Begebenheiten. Wenn es in der Nacht vom 17. zum 18. Juni 1815 nicht geregnet hätte, so würde die Zukunft Europa's eine andere geworden sein. Einige Wassertropfen mehr oder weniger bestimmten, ob Napoleon steigen oder fallen sollte. Damit Waterloo das Ende von Austerlitz werde, bedurfte die Vorsehung nur ein wenig Regen. Eine Wolke, welche gegen die Voraussetzung der Jahreszeit über den Himmel zog, reichte aus, die Welt aus den Angeln zu heben. Die Schlacht von Waterloo – und das gab Blüchern Zeit, um noch einzutreffen – konnte erst um halbzwölf Uhr beginnen. Warum? Weil der Erdboden aufgeweicht war. Damit die Artillerie operiren konnte, mußte man warten, bis das Erdreich wieder ein wenig fest geworden. Napoleon war von Haus aus Artillerieofficier und schien auch stets dessen eingedenk zu sein; denn alle seine Schlachtpläne waren auf das Geschütz basirt. Die Artillerie auf einen gegebenen Punkt concentriren, dieses war der Schlüssel zum Siege. Er behandelte die Strategie des feindlichen Generals wie eine Citadelle, und schoß Bresche hinein. Er überschüttete den schwachen Punkt mit Geschütz, er knüpfte und löste den Schlachtenknoten mit der Kanone. Der Schuß lag in seinem Genie. Carré's sprengen, Regimenter vernichten, Linien durchbrechen, Massen zerreiben und zersprengen – dies war für ihn Alles, und alles dies übertrug er den Geschützen zur Ausführung: eine fürchterliche Methode, welche in Verbindung mit seinem Genie diesen düstern Athleten des Kriegs-Faustkampfes während fünfzehn Jahren unüberwindlich gemacht hat. Am 18. Juni 1815 rechnete er desto mehr auf die Artillerie, weil er das numerische Uebergewicht hatte. Wellington hatte nur hundert und neunundfunfzig, Napoleon dagegen Zweihundert und vierzig Feuerschlünde. Wäre der Boden trocken gewesen, so daß die Artillerie hätte auffahren können, so würde die Schlacht um sechs Uhr früh begonnen haben und um zwei Uhr, drei Stunden vor der Ankunft der Preußen, gewonnen und beendigt worden sein. Wie viel Schuld trägt Napoleon an dem Verluste der Schlacht? Ist der Schiffbruch dem Steuermann zuzuschreiben? Offenbar hatten zur damaligen Zeit bereits die Körperkräfte Napoleons abgenommen. Sollte sich hiermit vielleicht auch eine Abnahme der geistigen Kräfte verbunden haben? Sollten die zwanzig Kriegsjahre die Klinge ebenso wie die Scheide, den Geist ebenso wie den Körper abgenutzt haben? Machte sich denn schon der Veteran in ihm geltend? Mit einem Worte, verdunkelte sich dieses Genie, wie es viele bedeutende Geschichtsschreiber geglaubt haben? War seine Wuth nur der Deckmantel seiner Schwäche? Begann er unsicher zu werden unter dem Winde seines Fatums? Erkannte er die Gefahr nicht mehr, worin doch die größte Wichtigkeit für einen Feldherrn liegt? Giebt es in dieser Klasse großer materieller Menschen, welche man die Riesen der Aktion nennen könnte, ein Alter, in welchem das Genie kurzsichtig wird? Ueber die Genies des Ideals hat das Alter keine Macht: für die Dantes und Michel Angelos heißt alt werden soviel wie wachsen; sollte es bei den Hannibals und Bonaparte's gleichbedeutend mit Verkommen sein? Hatte Napoleon den unmittelbaren Siegessinn verloren? War es soweit mit ihm gekommen, daß er die Klippe, die Schlinge nicht mehr erkannte und nicht mehr den unsicheren Rand des Abgrundes sehen konnte? Ging ihm die Ahnung der Catastrophe ab? War er, der einst alle Pfade des Triumphes kannte und sie von der Höhe seines blitzschleudernden Wagens mit befehlendem Finger andeutete, war er jetzt so düster betroffen, daß er seine Legionen dem Abgrund zuführte? Hatte ihn im Alter von sechsundvierzig Jahren der Wahnsinn erfaßt? War dieser tyrannische Kutscher des Schicksals jetzt nichts mehr als ein ungeheurer Wagehals? Wir glauben es nicht. Sein Schlachtplan war nach dem Urtheil Aller ein Meisterwerk. Grade auf das Centrum der Verbündeten losgehend, ein Loch in den Feind machen, ihn entzwei schneiden, die englische Hälfte nach Hall, die deutsche nach Tongres drängen, aus Wellington und Blücher zwei Baumstümpfe machen, die Deutschen in den Rhein, die Engländer in das Meer werfen: dieses Alles lag für Napoleon in dieser Schlacht. Doch man wird sehen. Es versteht sich von selbst, daß wir hier keine Geschichte der Schlacht von Waterloo geben wollen, es knüpft sich nur eine der Entwicklungsscenen des Drama's, welches wir erzählen, an diese Schlacht. Die Geschichte derselben ist nicht unsere Aufgabe. Dieselbe ist übrigens bereits meisterhaft geschrieben und zwar nach zwei verschiedenen Gesichtspunkten, von Napoleon und von Charras. Wir kritisiren die beiden Geschichtsschreiber nicht, wir sind nur ein in der Entfernung stehender Zeuge, ein über die Ebene wandernder Reisender, Jemand, welcher über diese mit Menschenfleisch bepflasterte Erde sich suchend neigt und vielleicht Schein für Wirklichkeit hält. Wir haben nicht das Recht alle jene Thatsachen im Namen der Wissenschaft zu prüfen, dazu haben wir weder die genügende militairische Erfahrung noch Kenntniß. Unserer Meinung nach beherrscht in Waterloo die beiden Feldherren eine Verkettung von Zufälligkeiten; und wenn es sich um das Schicksal handelt, jenen mysteriösen Angeklagten, so sprechen wir unser Urtheil über ihn wie jener naive Richter – das Volk. IV. A. Diejenigen, welche sich die Schlacht von Waterloo genau vorstellen wollen, brauchen nur in Gedanken ein großes A auf den Boden zu machen. Der linke Schenkel dieses A ist die Straße von Nivelles, der rechte jener von Genappe und der Querstrich der Hohlweg von Ohain nach Braine-l'Alleud. Die obere Spitze des A ist Mont-Saint-Jean, wo sich Wellington befindet; die untere linke Spitze ist Hougomont mit Reille und Hieronymus Bonaparte; die untere rechte dagegen Belle-Alliance mit Napoleon. Etwas unterhalb des Punktes, wo der kleine Strich des A den rechten Schenkel trifft und schneidet, ist Haie-Saint. In der Mitte dieses Querstrichs liegt die Stelle, wo das letzte Wort der Entscheidung der Schlacht gesprochen wurde. Dorthin hat man auch den Löwen gestellt, das unfreiwillige Symbol des höchsten Heroismus der kaiserlichen Garde. Das Dreieck in der Spitze des A zwischen den beiden Schenkeln und dem Querstrich ist das Plateau von Mont-Saint-Jean. Der Kampf um dieses Plateau war die ganze Schlacht. Die Flügel der beiden Armeen dehnten sich rechts und links von den beiden Straßen von Genappe und von Nivelles aus, d'Erlon gegenüber Picton, Reille gegenüber Hill. Hinter der oberen Spitze des A , hinter der Hochebene von Mont-Saint-Jean, liegt der Wald von Soignes. Man stelle sich die Ebene als ein großes Terrain vor, in welchem immer die, eine Erhöhung die nächstfolgende beherrscht. Alle Hügel steigen nach Mont-Saint-Jean zu auf und enden im Walde. Zwei feindliche Truppen auf einem Schlachtfelde sind zwei Kämpfer, wovon der Eine den andern niederzuwerfen sucht. Man klammert sich an Allem an! Ein Gebüsch ist ein Stützpunkt, eine Mauerecke eine Schulterwehr. Ein Regiment weicht, weil es keinen Stützpunkt hat: eine Senkung oder Erhebung des Terrains, ein Querweg, ein Baum, eine Schlucht können den Fuß dieses Riesen, welchen man Armee nennt, aufhalten und ihn hindern sich zurückzuziehen. Wer das Feld verläßt ist geschlagen. Deshalb liegt dem verantwortlichen Chef die Notwendigkeit ob, die geringste Baumgruppe zu prüfen, die unscheinlichsten Terrainverhältnisse genau zu untersuchen. Die beiden Generäle hatten die Ebene von Mont-Saint-Jean, welche heut zu Tage die Ebene von Waterloo heißt, aufmerksam studirt. Schon im Jahre vorher hatte sie Wellington als ein mögliches Schlachtfeld mit voraussehendem Scharfblick einer Untersuchung unterzogen. Auf diesem Terrain und zu diesem Duell vom achtzehnten Juni hatte Wellington die gute, Napoleon die schlechte Seite. Die englische Armee stand oben, die französische unten. Es wäre wohl überflüßig, wollten wir hier von dem Aussehen Napoleons eine Skizze entwerfen: wie er auf seinem Pferde, mit dem Glase in der Hand, beim Anbruch des achtzehnten Juni auf der Höhe von Rossomme sich befand. Jedermann hat ihn schon gesehen. Dieses ruhige Profil unter dem kleinen Hute der Schule von Brienne, die grüne Uniform, die weißen, den Stern verdeckenden Aufschlage; der Oberrock, welcher die Epauletten verbirgt, das Stück des rothen Ordensbandes unter der Weste, die ledernen Beinkleider, das weiße Pferd mit seiner purpurnen Sammetdecke, in deren Ecken N 's mit Krone und Adler eingestickt sind, die Reitstiefeln über seidenen Strümpfen, die silbernen Sporen, der Degen von Marengo – diese ganze Gestalt des letzten Cäsars lebt in der Vorstellung eines Jeden, von Einigen bewundert, von Anderen mit strengen Blicken betrachtet. Diese Gestalt stand lange ganz im Lichte. Das hing mit einer gewissen legendenhaften Verdunkelung zusammen, welche den größten Theil der Heroen ergreift und längere Zeit mehr oder weniger die Wahrheit verschleiert. Heute aber spricht die Geschichte, heut ist es Tag geworden. Diese Klarheit, die Geschichte, ist unerbittlich. Sie hat das Eigenthümliche und zugleich Göttliche, daß sie, obwohl oder vielmehr weil sie Licht ist, daß sie da, wo man sonst Strahlen sah, Schatten wirft. Aus demselben, Menschen macht sie zwei verschiedene Gestalten, wovon die eine die andere angreift: die Finsterniß des Despoten kämpft mit dem Glanze des Feldherrn. Daraus folgt ein wahrer Maaßstab für die endgültige Schätzung der Völker. Das verletzte Babylon verkleinert Alexander, das gefesselte Rom verkleinert Cäsar, das getödtete Jerusalem verkleinert Titus. Die Tyrannei folgt dem Tyrannen. Es ist ein Unglück für den Mann, welcher die Nacht seiner Gestalt hinter sich läßt. V. Das quid obscurum (gewisse Dunkel) der Schlachten. Jeder kennt die erste Phase dieser Schlacht: ein wirrer, ungewisser, stockender, drohender Anfang für beide Armeen, und zwar mehr noch für die Engländer, als die Franzosen. Es hatte die ganze Nacht geregnet, der Boden war durch den Guß aufgeweicht, da und dort hatte sich, wie in Trichtern, in den Vertiefungen der Ebene Wasser gesammelt, auf einzelnen Stellen sanken die Trainwagen bis an die Achse, die Bauchriemen der Pferde trieften von flüssigem Koth. Wenn nicht der durch die Menge der Wagen niedergetretene und niedergefahrene Weizen und Roggen die Gleise ausgefüllt und unter den Rädern nicht Streu gemacht hätte, so würde jede Bewegung, besonders in den Thälern nach Papelotte zu, unmöglich gewesen sein. Die Schlacht begann erst spät. Napoleon hatte, wie wir auseinandergesetzt haben, die Gewohnheit, die ganze Artillerie wie eine Pistole in seiner Hand zu halten, womit er bald nach diesem, bald nach jenem Punkte der Schlacht zielte. Er wollte warten, bis die bespannten Kanonen frei und im Galopp sich bewegen konnten. Deshalb mußte die Sonne erst ihre trocknende Wirkung ausüben. Die Sonne aber wollte nicht erscheinen. Es war kein Austerlitz. Als der erste Kanonenschuß fiel, sah der englische General Colville auf seine Uhr und constatirte dadurch, daß die Schlacht um 11 Uhr 35 Minuten ihren Anfang genommen. Dieselbe begann mit Wuth, vielleicht mit mehr Wuth, als der Kaiser wünschte, und zwar auf dem linken französischen Flügel gegen Hougomont. Zu gleicher Zeit griff Napoleon das Centrum an, indem er die Brigade Quiot auf La Haie-Saint stürzte, während Ney den rechten französischen Flügel gegen den linken englischen drängte, welcher sich auf Papelotte stützte. Der Angriff auf Hougomont war ein verstellter; der Plan hierbei war, Wellington nach links zu ziehen. Der Plan wäre auch gelungen, wenn die vier Compagnien der englischen Garde und die braven Belgier der Division Perponcher die Position nicht so tapfer vertheidigt hätten, so daß Wellington, statt sich daselbst in Massen zu sammeln, nur nöthig hatte, zur Unterstützung vier andere Compagnien der Garde und das Bataillon Braunschweig hinzusenden. Der Angriff des rechten französischen Flügels auf Papelotte hatte folgenden Zweck: den linken englischen Flügel über den Haufen zu werfen, die Passage nach Brüssel abzuschneiden und den Preußen dieselbe zu versperren, Mont-Saint Jean einzunehmen, Wellington auf Hougomont, von da auf Braine-l'Alleud, dann auf Hal zurückzudrängen – nichts feiner als das. Einige Zwischenfälle abgesehen, gelang dieser Angriff auch. Pavelotte wurde genommen, ebenso La Haie-Saint. Hier ist eine Einzelheit zu notiren. In der englischen Infanterie, namentlich in der Brigade Kemp, gab es sehr viele Rekruten. Diese jungen Soldaten hielten sich vor den gefürchteten französischen Infanteristen aufs tapferste. Ihre Unerfahrenheit zog sich unerschrocken aus der Affaire, vorzüglich leisteten sie als Tirailleure ausgezeichnete Dienste. Der Soldat wird als Tirailleur so zu sagen sein eigener General. Jene Rekruten zeigten etwas von der Erfindungsgabe und der Wuth der Franzosen, sie enwickelten Feuer. Das mißfiel Wellington. Nach der Einnahme von La Haie-Sainte schwankte die Schlacht. Dieser Tag hatte in der Zeit von Mittag bis 4 Uhr einen dunklen Zwischenraum: die Mitte dieser Schlacht ist undeutlich und hat einen Theil der Dunkelheit eines Handgemenges. Die Dämmerung tritt ein. In dem trüben Scheine derselben nimmt man ein gewaltiges Wogen und Schwanken, eine Schwindel erregende Luftspiegelung, die damalige, jetzt beinahe unbekannte Kriegsrüstung wahr: die Colpacks, die fliegenden Säbeltaschen, das über der Brust gekreuzte Lederzeug, die Patrontasche mit den Granaten, die Dolmans der Husaren, die rothen Stiefeln mit tausend Falten, die schweren, mit Gold- und Silberraupen besetzten Tschakos, die fast schwarze braunschweigische Infanterie mitten unter den rothen Engländern, die um die Achseln, statt der Epauletten, dicke, runde, weiße Wülste hatten, die hanoverschen Chevaulegers mit den länglichen, kupferbeschlagenen Lederhelmen und den rothen Pferdehaarbüscheln, die Schotten mit bloßem Knie und carrirten Plaids, die großen weißen Gamaschen der französischen Grenadiere, – ein Gemälde, nicht strategische Linien, etwas für Salvator Rosa, nichts für Gribeauval. Eine Portion Sturm mischt sich immer in ein Schlachtengetümmel. Quid obscurum, quid divinum . (Etwas Dunkles, etwas Göttliches.) Wie. auch die Kombination der Generale sein mag, der Zusammenstoß bewaffneter Massen hat unberechenbare Flutungen, denn bei der Ausführung greifen die Pläne der beiden Feldherren in einander ein und verschieben sich. Die Schlachtlinie schwankt, schwimmt und kriecht wie ein Faden, das am Boden dahinfließende Blut rieselt wie Bäche dahin und dorthin, die Armeefronten schwanken hin und her, die kommenden und gehenden Regimenter bilden Vorgebirge und Meerbusen, Alles schäumt auf und nieder, vor und neben einander. Wo Infanterie war, kommt Artillerie; wo diese stand, stürzt Cavallerie an die Stelle. Die Bataillone sind Rauchwolken. Hier stand Etwas. Es ist nicht mehr da, es ist verschwunden! Die lichten Stellen verschieben sich, die dunkeln Falten schreiten vor und weichen zurück. Eine Art Grabeswind treibt, stößt, blast und zerstreut diese tragischen Mengen. Was ist ein Handgemenge? Ein Hin und Her. Die Unbeweglichkeit eines mathematischen Schlachtplanes drückt eine Minute und nicht einen Tag der Schlacht aus. Um eine Schlacht zu malen, bedarf es gewaltiger Maler, welche das Chaos im Pinsel haben. Rembrandt ist besser als Vandermeulen. Vandermeulen ist zu Mittag genau, um drei Uhr lügt er. Die Geometrie täuscht, der Orkan allein ist wahr. Das giebt Folard das Recht, Polybius zu widersprechen. Dazu kommt, daß es immer einen gewissen Augenblick giebt, in welchem die Schlacht in einen Kampf ausartet, sich vereinzelt und sich in unzählige Details zersplittert, welche, um sich der eigenen Ausdrucksweise Napoleons zu bedienen, »mehr der Biographie der Regimenter, als der Geschichte der Armee angehören.« Der Geschichtsschreiber hat in diesem Falle offenbar das Recht zu resumiren, zusammen zu fassen. Er kann nur die allgemeinen Umrisse des Kampfes ergreifen und es ist, so gewissenhaft wie er auch sein mag, nicht jedem Erzähler gegeben, die Gestalt jener schrecklichen Wolke, welche man Schlacht nennt, ganz genau festzuhalten. Was von allen großen bewaffneten Zusammenstößen gilt, ist insbesondere auf Waterloo anwendbar. Am Nachmittage jedoch, in einem gewissen Augenblicke, gewann die Schlacht eine deutliche, präcise Gestalt. VI. Vier Uhr Nachmittags. Gegen vier Uhr wurde die Situation der englischen Armee bedenklich. Der Prinz von Oranien commandirte das Centrum. Hill den rechten Flügel, Picton den linken. Der Prinz von Oranien, kühn und unerschrocken, rief den holländisch-belgischen Truppen zu: »Nassau! Braunschweig! Niemals zurück!« Hill geschwächt, lehnte sich an Wellington, Picton war gefallen. In derselben Minute, in welcher die Engländer den Franzosen die Fahne des hundertfünften Linien-Regiments weggenommen, hatten die Franzosen den Engländern mit einer Kanonenkugel grade durch den Kopf den General Picton getödtet. Für Wellington hatte die Schlacht zwei Stützpunkte: Hougomont und La Haie-Sainte. Hougomont hielt sich noch, stand aber in Brand, La Haie-Sainte jedoch war genommen. Von dem deutschen Bataillon, welches es vertheidigte, blieben nur zweiundvierzig Mann übrig. Alle Offiziere bis auf fünf, waren todt oder gefangen. Dreitausend Streiter hatten sich in dieser Scheune gemordet. Ein Sergeant der englischen Garden, der erste Boxer Englands, welcher unter seinen Kameraden den Ruf der Unverwundbarkeit hatte, war durch einen kleinen französischen Tambour getödtet worden. Baring war verdrängt, Alten niedergemacht. Mehrere Fahnen waren verloren, darunter eine der Division Alten und eine des Bataillons Lüneburg, welche ein Prinz von Zweibrücken trug. Die grauen Schotten existirten nicht mehr; die dicken Dragoner Ponsonbys waren zusammengehauen. Diese tapfere Cavallerie hatten die Lanciers Brois und die Kürassire Travers zum Weichen gebracht. Von zwölfhundert Pferden waren nur noch sechshundert übrig, von drei Oberstlieutnants lagen zwei am Boden, Hamilton verwundet, Mater todt. Ponsonby war, von sieben Lanzenstichen durchbohrt, gefallen. Gordon war todt, Marsh war todt. Zwei Divisionen, die fünfte und sechste, waren vernichtet. Nachdem Hougomont angegriffen und La Haie-Sainte genommen war, gab es nur noch einen Knoten, das Centrum, welches sich immer noch gehalten hatte. Wellington schickte ihm Verstärkungen. Er beorderte Hill und Chassé dahin, von denen sich der erste im Merbe-Braine, der andere in Braine-l'Alleud befand. Das englische, etwas concave, sehr dichte und compacte Centrum hatte eine feste Position. Es hielt das Plateau von Mont-Saint-Jean inne und hatte das Dorf hinter sich, vor sich den damals ziemlich steilen Abhang. Es lehnte sich an das starke steinerne Haus, welches damals ein Herrengut von Rivelles war und den Kreuzungspunkt der Straßen bezeichnet, eine so feste Masse aus dem sechszehnten Jahrhundert, daß die Kugeln, ohne einzudringen, davon abprallten. Rund um das Plateau hatten die Engländer hier und da die Hecken gelichtet, Schießscharten in die Hagedornen und Gebüsche gemacht und ein Geschütz zwischen zwei Zweige geschoben. Ihre Artillerie lag in Versteck im Gebüsch. Diese punische Arbeit, welche aber unstreitbar der Krieg gestattet, der Schlingen legen erlaubt, war so vortrefflich ausgeführt, daß Haro, den der Kaiser früh um neun Uhr ausgesandt, die feindlichen Batterien zu recognosciren, nichts gesehen hatte und nach seiner Rückkunft Napoleon sagte, es gebe kein Hinderniß außer den beiden Barikaden, welche die Straßen von Nivelles und Genappe versperrten. Es war die Zeit in welcher das Getreide hoch stand; an der Grenze des Plateaus lag ein Bataillon der Brigade Kempt das fünfundneunzigste mit Carabinern bewaffnet, in dem Getreide versteckt. So befand sich das Centrum der englisch-holländischen Armee gesichert und geschützt in guter Position. Die Gefahr dieser war der Wald von Soignes welcher damals an das Schlachtfeld anstieß und durch die Sümpfe von Groenendael und Boitsfort coupirt war. Ohne sich aufzulösen hätte sich eine Armee durch denselben nicht zurückziehen können. Die Regimenter hätten sich sofort hier zertheilen müssen. In den Sümpfen wäre die Artillerie verloren gewesen. Der Rückzug würde nach der, auch von Anderen bestätigten Ansicht, mehrerer Fachmänner eine ordnungslose Flucht gewesen sein. Wellington schickte zu dem Centrum noch eine Brigade von Chassé, welche er vom rechten Flügel genommen hatte und eine Brigade, welche bisher auf dem linken Flügel gestanden, die Winckesche so wie noch die Division Clinton. Seinen Engländern, den Regimentern von Hallet, der Brigade Mitchel, den Maitland'schen Garden gab er noch die Braunschweig'sche Infanterie, das Contingent Nassau, die Hanoveraner unter Kielmannsegge und die Deutschen unter Ompteda zur Unterstützung. So hatte er sechs und zwanzig Bataillone zu seiner Disposition. Der rechte Flügel wurde, wie Charras sagt, »hinter das Centrum verlegt.« Eine ungeheure Batterie wurde durch Erdstücke maskirt und zwar an der Stelle, wo heute das sogenannte »Museum von Waterloo« ist. Wellington hatte außerdem in eine Terrainsenkung, Somersetsche Garde-Dragoner gelegt, vierzehnhundert Pferde, die zweite Hälfte der mit Recht so berühmten englischen Cavallerie. Ponsonby war vernichtet, Sommerset war noch da. Die Batterie, die, vollendet, fast eine Schanze gewesen wäre, war hinter einer sehr niedrigen Gartenmauer errichtet. Man hatte sie in Eile mit Sandsacken und einer großen Erdböschung bekleidet. Dieses Wert war nicht vollendet; man hatte nicht Zeit gehabt, es mit Pallisaden zu versehen. Wellington, welcher zwar unruhig, aber kaltblütig war, saß zu Pferde und blieb den ganzen Tag in derselben Stellung und auf derselben Stelle, ein wenig vor der alten Mühle von Mont-Saint-Jean, die noch steht, unter einer Ulme, die seitdem ein Engländer, ein enthusiastischer Vandale, für zweihundert Francs gekauft, abgesägt und fortgeschafft hat. Hier blieb Wellington in kalter, heroischer Ruhe stehen. Es regnete Kugeln, der Adjutant Cordon war eben an seiner Seite gefallen, Lord Hill zeigte ihm eine platzende Granate und sagte: »Mylord! welches sind Ihre Instructionen und Ihre Befehle, welche Sie uns für den Fall Ihres Todes zurücklassen?« Wellington antwortete: »Es zu machen wie ich«. Zu Clinton sagte er lakonisch: »Bis auf den letzten Mann hier aushalten!« Der Tag schien offenbar eine schlechte Wendung zu nehmen. Wellington rief seinen ehemaligen Kameraden von Talavera, Vittoria und Salamanca zu: »Jungens ( Boys )! kann man an Weichen denken? Denkt an Alt-England!« Gegen vier Uhr fing die englische Linie zu wanken an. Plötzlich sah man auf der Höhe des Plateaus nichts mehr als Artillerie und Tirailleure, das Uebrige verschwand. Die von französischen Kartätschen und Kugeln gejagten Regimenter zogen sich in die Tiefe zurück, welche noch heut zu Tage der Fußweg der Maierei von Mont-Saint-Jean durchschneidet. Es entstand eine rückgängige Bewegung, die englische Schlachtlinie zog sich zurück, Wellington wich. »Der Anfang des Rückzugs!« rief Napoleon. VII. Napoleon in guter Laune. Der Kaiser war, obgleich krank und durch ein örtliches Leiden belästigt, nie so guter Laune gewesen, als an diesem Tage. Seit dem Morgen lächelte seine Unerforschlichkeit. Es war der blinde Schein seiner unergründlichen Seele aus Marmor. Der Mann, der bei Austerlitz finster gewesen, war bei Waterloo heiter. Die größten Schicksalsmenschen thun so Widersprechendes. Unsere Freuden sind Schatten. Das höchste Lächeln gehört Gott. Ridet Caesar, Pompejus flebit (Cäsar lacht, Pompejus wird weinen), sagten die Soldaten der Legion Fulminatrix. Pompejus sollte diesmal nicht weinen, Cäsar aber lachte gewiß. Schon in der letzten Nacht, um ein Uhr, als er mit Bertrand zu Pferde im Sturm und Regen die Hügel um Rossomme musterte, und mit Befriedigung die lange Linie der englischen Wachtfeuer sah, welche den ganzen Horizont von Frichemont bis Brain-l'Alleud beleuchteten, war es ihm vorgekommen, als sei das Geschick, das er einem bestimmten Tage auf dem Schlachtfelde von Waterloo zugewiesen hatte, pünktlich und accurat. Er hatte sein Pferd angehalten und war einige Zeit unbeweglich geblieben, nach den Blitzen schauend, auf den Donner hörend. Dann hatte man diesen Fatalisten folgendes geheimnißvolle Wort ins Dunkel hineinsprechen hören: »Wir sind einig.« Napoleon irrte sich. Sie waren nicht mehr einig. Er hatte nicht eine Minute geschlafen; alle Augenblicke dieser Nacht waren für ihn durch etwas Freudiges bezeichnet. Er war an der ganzen Linie der Garde hingeritten und hatte, hier und da stehen bleibend, mit den Wachtposten gesprochen. Halb drei Uhr bei dem Walde von Hougomont, hatte er den Marschtritt einer Colonne gehört, einen Augenblick an den Rückzug Wellingtons geglaubt und zu Bertrand gesagt: »es ist der englische Nachtrab, der aufbricht, um abzuziehen. Ich werde die sechstausend Engländer, die in Ostende angekommen sind, gefangen nehmen.« Er plauderte in der mittheilendsten Weise, er hatte die Lebhaftigkeit von der Landung am 1. März wiedergefunden, als er dem Großmarschall den begeisterten Landmann am Golf Juan mit den Worten zeigte: »nun, Bertrand, da kommt schon Verstärkung!« In der Nacht vom 17. zum 18. Juni verspottete er Wellington. »Der kleine Engländer braucht eine Lection,« sagte Napoleon. Während der Kaiser sprach, begann der Regen mit verdoppelter Macht unter einem heftigen Donnerschlag. Halb vier Uhr früh hatte er eine Illusion verloren. Zur Recognoscirung ausgesandte Officiere meldeten ihm, der Feind mache keine Bewegung. Nichts rührte sich; kein Bivouacfeuer war erloschen. Die englische Armee schlief. Alles war still auf der Erde, nur oben am Himmel war es lebhaft. Um vier Uhr wurde ein Bauer vor ihn gebracht, der eine Brigade englischer Cavallerie, wahrscheinlich die Brigade Vivian, geführt hatte, welche im Dorfe Ohain, auf dem äußersten linken Flügel, Position nahm. Um fünf Uhr berichteten ihm zwei belgische Deserteure, daß sie ihr Regiment verlassen hätten, und daß die englische Armee die Schlacht erwarte. »Um so besser!« rief da Napoleon aus. »Ich will sie lieber über den Haufen werfen, als sie zurückdrängen.« Früh war er an dem abschüssigen Wegrande, welcher die Ecke des Weges nach Planchenois macht, abgestiegen, trotz des Schmutzes, hatte sich von der Meierei von Rossomme einen Küchentisch und Bauernstuhl bringen lassen, sich da hingesetzt, eine Schütte Stroh unter den Füßen, die Karte vom Schlachtfelds ausgebreitet und zu Soult gesagt. »Schönes Schachbrett!« In Folge des Regens in der Nacht hatten die Lebensmittelzufuhren wegen der aufgeweichten Wege früh nicht ankommen können; die Soldaten hatten nicht geschlafen, waren durchnäßt und nüchtern. Das hinderte jedoch Napoleon nicht, ganz heiter Ney zuzurufen: »Unsere Aussichten stehen zu denen der Gegner wie 90 zu 10.« Um acht Uhr brachte man ihm das Frühstück. Er hatte mehrere Generale dazu eingeladen Während des Frühstücks wurde erzählt, Wellington sei am Tage vorher in Brüssel zum Ball bei der Herzogin von Sommerset gewesen, und Soult der rohe Kriegsmann mit dem Erzbischofgesicht sagte: Zum Ball? der ist ja erst heute. Der Kaiser scherzte mit Ney, der gesagt hatte: »Wellington wird nicht so dumm sein, Ew. Majestät zu erwarten.« Das war übrigens so seine Art. »Er scherzte gern,« sagt Fleury von Chaboulon.« »Der Grundzug seines Charakters ist heitere Laune,« sagt Gourgaud. »Er war voller Spaße, die aber mehr seltsam als geistreich waren,« sagt auch Benjamin Constant. Die Spaße eines Riesen lohnen der Mühe erwähnt zu werden. Er nannte seine Grenadiere die »Brummbärte,« kniff sie ins Ohr, zupfte sie am Schnurbart. »Der Kaiser treibt Schabernack mit uns,« sagte Einer der Grenadiere. Während der geheimnißvollen Ueberfahrt von der Insel Elba nach Frankreich am 27. Februar, im offenen Meere, als die französische Kriegsbriegg »Zephyr« der Brigg »Inconstant« begegnete, auf welcher sich Napoleon befand, und diese nach Nachrichten von Napoleon fragte, nahm der Kaiser, der noch am Hute die weiße und amaranthfarbige Cocarde mit Bienen besät trug, lächelnd das Sprachrohr und antwortete selbst: »Der Kaiser befindet sich wohl.« Wer so lacht, der ist familiair mit den Ereignissen. Napoleon lachte mehrmals so während des Frühstücks von Waterloo. Nach dem Frühstücke sammelte er sich eine Viertelstunde, dann dictirte er zwei Generälen, die auf der Schütte Stroh saßen, eine Feder in der Hand und ein Blatt Papier auf den Knieen hatten, die Schlachtordnung. Um neun Uhr, als die französische Armee in fünf Colonnen aufgestellt, sich entfaltete, die Divisionen in zwei Linien, das Geschütz zwischen den Brigarden, die Musik voran, unter Trommelschlag und Trompetengeschmetter, gewaltig, ungeheuer, heiter, ein Meer von Helmen, Säbeln und Bayonetten am Horizonte, rief der Kaiser ergriffen zweimal aus: »Prächtig, prächtig! Von neun bis halb elf Uhr hatte die ganze Armee – was unglaublich erscheint – Position genommen und in sechs Linien sich aufgestellt, die um die Worte des Kaisers hier zu wiederholen: »sechs V bildeten.« Ewige Augenblicke nach der Formation der Schlachtfront, mitten in der tiefen Stille des Beginnens des Unwetters, welches den Schlachten vorausgeht, klopfte der Kaiser Haxo mit den Worten auf die Achsel: »vierundzwanzig prächtige Jungfern, General.« Das war gerade in dem Augenblicke, als er drei von den zwölf Batterieen bei sich vorüber defiliren sah, welche sich auf seinen Befehl von den Corps von Erlon, Reille und Lobau detachirten und bestimmt waren, die Schlacht in Mont-Saint-Jean, an der Stelle, wo die Wege von Nivelles und Genappe einander kreuzen, zu beginnen. Des Ausganges sicher, hatte er mit freundlichem Lächeln eine an ihm vorüberkommende Sappeur-Compagnie vom ersten Corps ermuthigt, welche sich nach seiner Anweisung in Mont-Saint-Jean verbarricadiren sollte, sobald das Dorf genommen wäre. Diese Heiterkeit wurde nur durch ein Wort stolzen Mitleides unterbrochen. Als er nämlich zu seiner Linken, an einer Stelle, wo sich jetzt ein großes Grab befindet, die bewundernswürdigen schottischen Grauen mit ihren prächtigen Pferden sich sammeln sah, rief er aus: »Schade!« Dann stieg er wieder zu Pferde, ritt vor Rossomme und wählte als Beobachtungs-Punkt einen schmalen Rasenhügel nahe an der Straße von Genappe nach Brüssel, welcher sein zweiter Standort während der Schlacht war. Der dritte, um sieben Uhr Abends, zwischen Belle-Alliance und La Haie-Sainte, ist furchtbar: ein ziemlich hoher Hügel, der heute noch existirt und hinter welchem die Garde in einer Senkung der Ebene in Masse aufgestellt war. Um diesen Hügel her flogen die Kugeln, die von dem Pflaster der Straße abprallten, bis zu Napoleon. Wie zu Brienne pfiffen die Flinten- und Kartätschenkugeln über seinen Kopf hin. Man hat fast an der Stelle, wo die Hufe seines Pferdes standen, verrostete Kugeln, alte Säbelklingen und verrostetes Wurfgeschoß aller Art vorgefunden. Vor einigen Jahren grub man an dieser Stelle eine noch geladene sechspfündige Bombe aus, deren Zünder dicht an der Kugel abgebrochen war. Auf diesem seinem letzten Standorte sagte der Kaiser zu seinem Führer Lacoste, einem feindlichen furchtsamen Bauer, der an den Sattel eines Husaren gefesselt war und sich bei jedem Schuß umdrehte und hinter Napoleon zu verstecken suchte: »Dummkopf! Es ist ja schmachvoll! Du wirst eine Kugel in den Rücken bekommen!« Der Schreiber dieser Zeilen selbst fand an dem Abhange dieses Hügels, als er im Sande grub, Stücke einer Bombe und alte Eisenstücke, welche der Rost von sechs und vierzig Jahren so zerfressen hatte, daß sie in den Händen zerbrachen wie Hollunderstäbchen. Die verschiedenen geneigten, wellenförmigen Erhebungen der Ebene, wo der Kampf zwischen Napoleon und Wellington stattfand, sind bekanntlich nicht mehr in der Beschaffenheit, wie am 18. Juni 1815. Als man diesem Leichenfelde die Erde wegnahm, um das Monument aufzurichten, nahm man ihm sein wirkliches Relief, und die außer Fassung gebrachte Geschichte findet sich nicht mehr zurecht. Man hat sie verunstaltet, um sie zu verherrlichen. Als Wellington zwei Jahre später Waterloo wiedersah, rief er aus: »Man hat mir mein Schlachtfeld verändert!« Da, wo jetzt die große Erdpyramide mit dem Löwen darauf steht, war eine kleine Erhöhung, die sich nach der Straße von Nivelles zu wie eine Rampe abdachte, nach der Chaussee von Genappe zu aber eine beinah steile Böschung bildete. Die Höhe dieser Letztern laßt sich heute noch nach jener der beiden großen Gräber bemessen, zwischen denen die Straße von Genappe nach Brüssel hindurch führt: das eine links ist ein englisches, das andere rechts ein deutsches Grab. Ein französisches Grab giebt es nicht. Für Frankreich ist die ganze Ebene ein Grab. Dank den tausend und aber tausend Wagen voll Erde, welche man zu dem hundertundfunfzig Fuß hohen und fünfhundert Fuß im Umfang haltenden Denkmalhügel angewendet hat, ist das Plateau von Mont-Saint-Jean nur noch unbedeutend ansteigend; am Schlachttage war es, namentlich von La Haie-Sainte her, steil und abschüssig. Der Abhang war an dieser Stelle so geneigt, daß die englischen Kanonen unter sich das Gut im Thalgrunde, den Mittelpunkt des Kampfes nicht sahen. Am 18. Juni 1815 war das Hinaufkommen wegen des durch den Regen aufgeweichten Bodens noch schwieriger. Längs dem Kamme des Plateau's lief ein Graben hin, der von einem Beobachter in der Ferne gar nicht bemerkt werden konnte. Was war dieser Graben? Sagen wir es. Braine l'Alleud ist ein belgisches Dorf, Ohain ein anderes. Diese Dörfer, welche beide in Terraincurven versteckt liegen, werden durch einen Weg von etwa anderthalb Stunden verbunden, der über eine wellige Ebene läuft und sich oft wie eine Furche durch Hügelungen zieht, so daß er an vielen Stellen ein Hohlweg ist. Im Jahre 1815 schnitt dieser Weg, wie heute noch, über den Kamm des Plateau's von Mont-Saint-Jean zwischen den beiden Chausseen von Genappe und Nivelles, nur war er damals ein Hohlweg, während er jetzt in einer Fläche mit der Ebene liegt. Die beiden Erhöhungen zur Seite hat man zu dem Monumenthügel verwendet. Im größten Theile seiner Ausdehnung war und ist heut zu Tage noch dieser Weg ein Laufgraben, hier und da wohl zwölf Fuß hohl, dessen allzusteile Böschungen hin und wieder, namentlich im Winter bei starken Regengüssen, herabstürzen. Unglücksfälle haben sich auf demselben genug ereignet. Vor Braine-l'Alleud war dieser Hohlweg so schmal, daß ein Durchgehender von einem Wagen zerdrückt wurde, wie ein steinernes Kreuz bei einem Grabe angiebt, das den Namen des Verunglückten (Bernard Debrye, Kaufmann in Brüssel) und das Datum (Febr. 1637) Das ist die Inschrift: Hier wurde Herr Bernard de Brye, Kaufmann aus Brüssel, unter einem Wagen elendiglich zerquetscht, den (unleserlich) Februar 1637. angiebt. Er war so tief auf dem Plateau von Mont-Saint-Jean, daß ein Bauer, Mathieu Nicaise, 1783 durch eine abfallende Erdschicht darin erschlagen wurde, wie ebenfalls ein steinernes Kreuz bezeugt, dessen Spitze in dem urbar gemachten Lande verschwunden ist, dessen umgestürztes Piedestal aber heute noch auf dem Abhänge links der Chaussee, zwischen La-Haie-Sainte und der Meierei Mont-Saint-Jean sichtbar ist. An einem Schlachttage war dieser Hohlweg, den nichts andeutete, unsichtbar, d. h. schrecklich. VIII. Der Kaiser richtet eine Frage an den Führer Lacoste. Am Morgen der Schlacht war Napoleon zufrieden. Und er hatte Recht, denn der von ihm entworfene Schlachtplan war, wie schon erwähnt, in der That bewundernswürdig. Die verschiedenen Kreislinien der einmal begonnenen Schlacht: der Widerstand Hougomonts; die Zähigkeit von La Haie-Saint; der Tod Bauduins; die Kampfunfähigkeit Foy's; die unerwartete Mauer, an welcher die Brigade Soye sich brach; die verhängnißvolle Unbesonnenheit Guilleminots, der weder Petarden noch Pulversäcke hatte; das Steckenbleiben der Batterien; die fünfzehn Kanonen ohne Bedienung, welche Uxbridge in einen Hohlweg geworfen hatte; die geringe Wirkung der in die englischen Linien geworfenen Bomben, welche sich in die von den Regengüssen aufgeweichte Erde eingruben und nur Schmutzvulkane machten, so daß die Kanonade den Feind statt mit Kartätschen mit Koth überschüttete; die Nutzlosigkeit der Demonstration Piré's gegen Braine-l'Alleud; die fast vollständige Vernichtung dieser ganzen, fünfzehn Schwadronen starken Kavallerie; die unbedeutende Beunruhigung des rechten englischen Flügels; der matte Stoß gegen den linken; das seltsame Mißverständniß Ney's, der die vier Divisionen des ersten Corps auf einen Haufen zusammenzog, statt sie staffelweise aufzustellen, so daß eine Masse von siebenundzwanzig Reihen und zweihundert Mann Front der Kanonade ausgesetzt war; die entsetzlichen Lücken, welche dadurch in diesen Massen entstanden; die Auflösung der Angriffscolonnen; die plötzlich in ihrer Flanke demaskirte Batterie; Bourgeois, Donzelot und Durutte blosgestellt; Quiot zurückgestoßen; der Lieutenant Vieux, jener aus der polytechnischen Schule hervorgegangene Herkules, in dem Augenblicke verwundet, wo er mit Axthieben unter dem Feuer der englischen Batterie das Thor von La Haie-Sainte einschlug; die Division Marcognet, eingekeilt zwischen feindlicher Infanterie und Kavallerie, auf den Getreidefeldern von Best und Pack mit Kugeln überschüttet und von Ponsonby zusammengehalten; ihre Batterie von sieben Geschützen vernagelt; der Prinz von Sachsen-Weimar, der trotz des Grafen Erlon in Frischemont und Smohain in beobachtender Stellung Stand hielt; die Wegnahme der Fahne des 105. und des 45. Regiments; jener preußische schwarze Husar, welcher von den 300 Chasseurs aufgefangen wurde, welche die Straße zwischen Wavre und Planchenoit bestrichen; die beunruhigenden Dinge, welche dieser Gefangene aussagte; das Ausbleiben Grouchy's; die binnen weniger als einer Stunde in dem Garten von Hougomont getödteten 1500 Mann; die achtzehnhundert Mann, die in noch kürzerer Zeit um La Haie-Sainte umher lagen: – alle diese stürmischen Zufälle, welche sich vor den Augen Napoleons wie Wolken der Schlacht dahinzogen, hatten seinen Blick kaum getrübt und hatten auf sein kaiserliches Antlitz auch nicht den leisesten Schatten von Ungewißheit geworfen. Napoleon war daran gewöhnt, dem Kriege fest ins Gesicht zu sehen; er unterließ stets das schmerzliche Zusammenzählen des Einzelnen; auf die Zahlen kam ihm wenig an, wenn sie nur zuletzt die Summe: Sieg ergaben. Wenn es auch im Anfange nicht recht gut ging, das beunruhigte ihn nicht im Geringsten, ihn, der sich für den Herrn und Besitzer des Endes hielt; er verstand in objectiver Ruhe zu warten und unterhandelte mit dem Geschick wie mit seines Gleichen. Er schien zu ihm zu sagen: »Du wirst es nicht wagen!« Halb Licht, halb Schatten fühlte sich Napoleon im Guten beschützt, im Ueblen tolerirt. Er hatte oder glaubte wenigstens eine Nachsicht, ja man könnte beinahe sagen eine Mitschuld der Ereignisse für sich zu haben, was wohl die Bedeutung und Geltung der antiken Unverwundbarkeit ist. Wenn man indeß die Beresina, Leipzig und Fontainebleau hinter sich hat, sollte man wohl vor Waterloo auf der Hut sein. Ein geheimnißvolles Stirnrunzeln wird sichtbar im Hintergrunde des Himmels. In dem Augenblick, als Wellington eine rückgängige Bewegung machte, zuckte Napoleon zusammen. Er sah das Plateau von Mont-Saint-Jean plötzlich frei werden und die Front der englischen Armee verschwinden. Sie sammelte sich wieder, entzog sich aber den Blicken. Der Kaiser richtete sich in den Steigbügeln halb empor. Der Blick des Sieges schoß aus seinen Augen. Wellington, an den Wald von Soignes gedrängt und vernichtet, das hieß soviel als die endliche Unterwerfung Englands durch Frankreich, die Rache für Crecy, Poitiers, Malplaquet und Ramillies. Der Held von Marengo hat Azincourt ausgewetzt. Da musterte der Kaiser nachdenkend noch einmal durch sein Fernrohr alle Punkte des Schlachtfeldes. Seine Garde, Gewehr bei Fuß hinter ihm, betrachtete ihn von unten mit einer Art religiöser Verehrung. Er dachte nach; prüfte die Abhänge, merkte sich das Steigen und Fallen des Terrains, durchforschte die Baumgruppe, das Getreidefeld, den Fußweg; jeden Busch schien er zu zählen. Mit besonders festem Blicke betrachtete er die englischen Barrikaden auf den beiden Chausseen, zwei gewaltige Verhaue von Bäumen: die auf der Chaussee von Genappe oberhalb La Haie-Sainte mit zwei Kanonen, die einzigen der ganzen englischen Artillerie, welche mitten ins Schlachtfeld hineinreichten und die auf der Chaussee von Nivelles, wo die holländischen Bayonnette der Brigade Chassé blitzten. In der Nähe dieser Barricade bemerkte er die weißangestrichene alte Kapelle des heiligen Nicolaus, welche an der Stelle steht, wo sich der Weg nach Braine l'Alleud abzweigt. Er neigte sich zu dem Führer Lacoste und sprach halblaut zu ihm. Der Führer machte mit dem Kopf ein, wahrscheinlich falsch und hinterlistig, verneinendes Zeichen. Der Kaiser richtete sich wieder in die Höhe und dachte weiter nach. Wellington war zurückgewichen. Es war nur noch nöthig, dieses Zurückweichen durch Vernichtung zu vollenden. Napoleon drehte sich plötzlich um und sendete eine Staffelte in gestrecktem Galopp nach Paris, um zu melden, daß die Schlacht gewonnen sei. Er war eines jener Genies, aus denen der Donner hervorgeht. Er hatte seinen Blitzstrahl gefunden. Er befahl den Kürassiren Milhauds, das Plateau von Mont-Saint-Jean zu nehmen. IX. Das Unerwartete. Es waren dreitausend fünfhundert Mann, eine Front von einer Viertelmeile, Riesen auf Pferde-Colossen. Es waren sechsundzwanzig Schwadronen. Hinter sich hatten sie als Stütze die Division Lefevbre-Desnouettes, die hundert sechs Elite-Gensd'armen, die Garde-Chasseurs, 1197 Mann, und die Garde-Lanciers, 880 Lanzen. Sie trugen einen Helm ohne Haarbusch, einen Küraß von geschmiedetem Eisen, Sattel-Pistolen in den Halftern und einen langen geraden Säbel. Am Morgen hatte sie die ganze Armee bewundert, als sie um neun Uhr, beim Klange der Trompeten, welche das Lied » Veillons au salut de l'empire « spielten, in dichter Colonne gekommen waren, eine ihrer Batterieen zur Seite, die andere in ihrer Mitte, sie sich in Doppelreihen zwischen der Chaussee von Genappe und Frischemont entfaltet, und als sie ihren Schlachtplatz in der starken zweiten Linie eingenommen, welche Napoleon so klug gebildet hatte, links am Ende die Cuirassiere Kellermann, rechts am Ende die Cuirassiere Milhaude, gewissermaßen zwei eiserne Flügel. Der Adjutant Bernard überbrachte ihnen den Befehl des Kaisers. Ney zog den Degen und stellte sich an die Spitze. Die ungeheuren Schwadronen setzten sich in Bewegung. Da sah man ein ungeheures Schauspiel. Diese ganze Cavallerie rückte mit geschwungenen Säbeln, mit flatternden Standarten und Trompetengeschmetter, in Divisionscolonnen, in Einer Bewegung, wie Ein Mann, mit der Präcision eines Widders von Erz, der eine Bresche bricht, den Hügel von Belle-Alliance hinunter, hineinreitend in den furchtbaren Thalgrund, wo bereits so viele Menschen gefallen waren, verschwand daselbst im Rauche, kam dann aus diesen Schatten an der anderen Seite des Thals wieder heraus, immer compact und gedrängt, ritt im Trabe durch eine Kartätschenwolke, die über ihr sich ausschüttete, den entsetzlichsten kothigen Abhang des Plateaus von Mont-Saint-Jean hinan. Sie ritten ernst, drohend, unerschütterlich dahin; zwischen dem Geknatter der Gewehre, dem Donner der Kanonen hörte man das colossale Getrappel. Da es zwei Divisionen waren, so bildeten sich zwei Colonnen, die Division Wathier den rechten, die Division Delord den linken Flügel. Man glaubte von fern zwei ungeheuere Stahlschlangen sich nach der Höhe des Plateau's hinaufwinden zu sehen. Wie eine gespenstische Erscheinung zog das durch die Schlacht. Seit der Erstürmung der großen Schanze von Moskwa durch die schwere Reiterei hatte man nichts ähnliches gesehen! Nur Murat fehlte, Ney aber war da. Es schien, als wenn diese ganze Masse ein großes Ungeheuer geworden wäre, als wenn sie nur eine Seele hätte. Jede Schwadron ringelte sich und schwoll wie der Ring eines Polypen. Man bemerkte sie durch die hier und da zerrissenen ungeheuren Rauchwolken: ein Pêlê-Mêle von Helmen, Geschrei, Säbeln, stürmischen Sätzen der Pferde unter Kanonendonner und Fanfaren, ein geordneter und schrecklicher Tumult und darüber die Kuirasse wie die Schuppen der Hydra. Es klingt wie eine Erzählung aus einem anderen Zeitalter. Etwas Aehnliches zeigte sich wohl in den alten Epopeen, die von den Pferdemenschen erzählten, jenen Titanen mit Menschengesicht und Pferdeleib, die im Galopp den Olymp erstiegen, grauenhaft, unverwundbar, erhaben; halb Götter halb Thiere. Seltsames numerisches Zusammentreffen! Sechsundzwanzig Bataillone gingen sechsundzwanzig Schwadronen entgegen. Hinter dem Kamme des Plateau's, im Schatten einer maskirten Batterie, wartete die englische in dreizehn Carrés zu zwei Bataillonen formirte Infanterie in zwei Reihen, sieben auf der einen, sechs auf der zweiten, mit angelegtem Gewehr schußfertig auf das, was da kommen sollte, ruhig, stumm, unbeweglich. Sie sah die Cuirassire nicht, diese sahen sie nicht. Sie hörte nur die Menschenflut emporsteigen Sie hörte das stärker und stärker werdende Schnauben von dreitausend Pferden, den abwechselnden regelmäßigen Tritt der Hufe im Trabe, das Rasseln der Kuirasse, das Klappern der Säbel, wie eine Art gewaltigen nahenden Sturmes. Es herrschte eine schauerliche Stille; dann erschien plötzlich eine lange Reihe gehobener Arme, Säbel schwingend über dem Kamm, darauf die Helme, die Trompeten und Standarten und dreitausend Köpfe mit grauen Schurrbärten, die riefen: »Es lebe der Kaiser.« Diese ganze Cavallerie betrat das Plateau; es war wie der Anfang eines Erdbebens. Mit einem Male – tragisches Ereigniß! – bäumte sich plötzlich auf dem linken Flügel der Engländer, auf dem rechten der Franzosen, mit entsetzlichem Lärmen die Spitze der Colonne der Cuirassire. Als die Cuirassire in unbändigster Wuth auf der höchsten Spitze des Kammes angelangt waren, bemerkten sie plötzlich, daß zwischen ihnen und den Engländern ein gewaltigen Graben lag. Das war der Hohlweg von Ohain. Der Augenblick war furchtbar. Die Schlucht war da, unerwartet senkrecht gähnend, zwei Toisen tief, unmittelbar unter den Füßen der Pferde; die zweite Reihe drängte die erste, die dritte die zweite; die Pferde bäumten sich, warfen sich zurück, warfen die Reiter ab, traten sie mit Hufen. Es war unmöglich umzukehren oder zurückzuweichen, die ganze Colonne war wie ein Wurfgeschoß, dessen Kraft und Gewalt sich jetzt statt auf die Engländer auf die Franzosen stürzte. Die unerbittliche Schlucht mußte ausgefüllt werden, sonst war sie nicht zu passiren. Im grausamen Durcheinander stürzten Reiter und Pferde, sich schrecklich über einander tummelnd, hinein. Als der Graben mit lebenden Menschen und Pferden ausgefüllt war, gings hinüber. Beinahe ein Drittel der Brigade Dubois stürzte in den Abgrund. Von da an beginnt der Verlust der Schlacht. Einer örtlichen Tradition zufolge, welche jedoch jedenfalls übertreibt, wurden in diesem Hohlwege von Ohain zweitausend Pferde und fünfzehnhundert Mann begraben. Wahrscheinlich sind unter dieser Zahl auch alle diejenigen Leichname mit inbegriffen, welche man den Tag nach der Schlacht in den Hohlweg warf. Napoleon hatte zwar, ehe er den Cuirassieren Milhauds jenen Befehl gegeben, das Terrain untersuchen lassen. Es war aber kein Hohlweg, auch nicht einmal die unbedeutendste Terrainfalte bemerkt worden. Durch die kleine weiße Kapelle, welche an der Biegung der Chaussee nach Nivelles steht, aufmerksam gemacht, hatte er, wahrscheinlich weil er hier ein Hinderniß vermuthete, seinen Führer Lacoste allerdings hierüber befragt. Derselbe hatte aber seine Frage verneint. Man könnte beinahe behaupten, daß mit jenem verneinenden Kopfschütteln eines Bauern die Katastrophe Napoleons begonnen habe. Andere verhängnißvolle Ereignisse kamen dazu. Und es war auch gar nicht möglich, daß Napoleon diese Schlacht gewinnen konnte. Warum nicht? Weil Wellington oder Blücher ihm gegenüber stand? Nein; – weil es Gott nicht wollte. Es stand in dem Gesetz des neunzehnten Jahrhunderts nicht geschrieben, daß Napoleon der Sieger von Waterloo sein sollte. Eine andere Reihe von Thatsachen bereitete sich vor, in welcher Napoleon keinen Platz mehr hatte. Es war Zeit, daß dieser riesenhafte Mann fiel. Das ungeheure Gewicht desselben in der Schale des menschlichen Geschicks störte das Gleichgewicht. Wenn sich auf die Dauer alles Blut und alle Lebenskraft der menschlichen Civilisation in diesem Kopfe eines einzigen Individuums gesammelt hätte, so mußte dies tödtlich werden. Wahrscheinlich fingen die Prinzipien und Elemente, von denen die Regelmäßigkeit der Bewegungen sowohl in der moralischen, wie materiellen Weltordnung abhängen, zu leiden an. Das rauchende Blut so vieler getödteter Menschen, die überfüllten Kirchhöfe, die weinenden Mütter – das sind fürchterliche Ankläger. Wenn die Erde unter einer Ueberlast duldet, so hört der Abgrund geheimnißvolles Gestöhn des Schattens. Napoleon war angeklagt, sein Untergang war beschlossen. Er war Gott unbequem. Waterloo ist keine Schlacht, es ist die Veränderung des Aussehens des Universums. X. Das Plateau von Mont-Saint-Hean. Gleichzeitig mit dem Hohlwege wurde die Batterie demaskirt. Sechzig Kanonen und dreizehn Carré's feuerten auf die Cuirassire, welchen die Geschosse so zu sagen beinahe auf die Brust gesetzt wurden. Der unerschrockene General Delord machte der englischen Batterie seinen militairischen Gruß. Die ganze fliegende englische Artillerie hatte sich im Galopp in die Carrés begeben. Die Cuirassire hatten nicht einmal Zeit festen Fuß zu fassen. Das Unglück im Hohlwege hatte sie zwar decimirt, aber nicht entmuthigt. Je geringer ihre Zahl wurde, desto größer wurde ihr Muth. Im gestreckten Galopp, mit losgelassenen Zügeln, den Säbel zwischen den Zähnen, die Pistole in der Faust stürzten sie sich auf die englischen Carrés. Es giebt in den Schlachten Augenblicke, wo die Seele den Körper bis zu dem Grade verhärtet, daß sie den Soldaten zu einer Statue macht, an welcher alles Fleisch Granit geworden ist. Aber auch die in so heftiger Weise angegriffenen englischen Bataillone wichen nicht. Es war schrecklich. Alle Fronten der englischen Armee wurden zugleich angegriffen. Ein rasender Wirbel umhüllte sie. Die Infanterie aber blieb kalt und wankte nicht. Das erste Glied war nieder gekniet und empfing die Cuirassire mit dem Bajonett, während das zweite auf sie feuerte. Hinter diesem stand die Artillerie. Von Zeit zu Zeit öffnete sich die Front des Carrés, ließ den Ausbruch einer Kartätschenladung durch und schloß sich wieder. Die Kuirassire blieben die Antwort nicht schuldig, wüthend säbelten sie Alles vor sich nieder. Mit ihren sich bäumenden Pferden setzten sie über die Bajonette, über die Glieder des Carrés mitten in dasselbe hinein, mitten in jene vier lebenden Mauern. Die Kugeln der Infanterie durchlöcherten die Reihen der Cuirassire, die Cuirassire brachen Bresche in die Carrés. Die durch die wüthende Kavallerie zusammengehauenen Carré's zogen sich ohne zu wanken zusammen. Unerschöpflich im Schuß bewirken sie mitten unter den Angreifenden Explosionen. Sie waren Krater, die angreifende Kavallerie ein Sturm: die Lava kämpfte mit dem Blitz. Das letzte Carré rechts, welches am meisten von allen ausgesetzt war, wurde schon beim ersten Anprall beinahe gänzlich vernichtet. Es war aus dem fünfundsiebzigsten Hochländer-Regiment gebildet. Der Dudelsackpfeifer saß in der Mitte auf einer Trommel und spielte, mit seinem melancholischen Auge, in welchem See und Hain der Heimath sich spiegelten, in tiefe Erinnerungen versunken, achtlos auf seine schreckliche Umgebung, Melodien der heimathlichen Berge, bis der Säbel eines Cuirassirs Sang und Sänger tödtete. Diese Schotten starben mit Erinnerungen an Ben Lothian wie die Griechen mit Erinnerungen an Argos. Die verhältnißmäßig wenig zahlreichen Cuirassire, welche durch die Katastrophe im Hohlwege noch mehr geschmolzen waren, hatten beinahe die ganze englische Armee gegen sich. Jeder aber galt so viel wie zehn. Das vergrößerte ihre Anzahl. Indessen begannen einige Hanoversche Regimenter zu weichen. Wellington sah es und dachte an seine Cavallerie. Hätte Napoleon in diesem Augenblicke an seine Infanterie gedacht, er würde die Schlacht gewonnen haben. Dieses Vergessen war ein großer verhängnißvoller Fehler von ihm. Plötzlich sahen die angreifenden Kuirassire sich angegriffen. Die englische Cavallerie erschien hinter ihnen. Vor ihnen die Carré's, hinter ihnen Somerset, d. h. vierzehnhundert Garde-Dragoner. Zu seiner Rechten hatte Somerset Dörnberg mit den deutschen Cheveauxlegers, zur Linken Trip mit den belgischen Carabiniers. So mußten die von allen Seiten angegriffenen Kuirassire nach überall hin Front machen. Was ging es sie an! Sie waren ein Wirbelwind. Die hier auf allen Seiten bewiesene Tapferkeit ist unbeschreiblich: für solche Franzosen mußte es wenigstens solche Engländer geben. Obwohl Ney mit Unterstützung herbeieilte und zwölf Angriffe erfolgten, hielten, sich die Carré's immer noch. Ney wurden vier Pferde unter dem Leibe getödtet, die Hälfte der Kuirassire blieb auf dem Platze. Zwei Stunden dauerte der Kampf. Die Lage Wellingtons hatte sich verschlimmert. Diese seltsame Schlacht war wie ein Duell zwischen zwei bis auf den Tod erbitterter Verwundeten, die, ohne daß einer nachgiebt, bis auf den letzten Blutstropfen mit einander kämpfen. Wer von ihnen beiden wird zuerst fallen? Wellington fühlte sich seinem Untergänge nahe: die Krisis war im Anzüge. Die Kuirassire hatten zwar insofern ihren Zweck nicht erreicht, als sie das Centrum nicht durchbrochen hatten und sogar der größte Theil des Plateau's, das Dorf und der Höhepunkt, den Engländern gehörte, während Ney nur den Abhang und den Kamm inne hatte. Die Schwächung der Engländer schien jedoch unheilbar, der Blutverlust dieser Armee war schrecklich. Die wüthenden Stöße der gewaltigen, eisenbepanzerten Schwadronen hatten die Infanterie zermalmt. Um fünf Uhr zog Wellington seine Uhr aus der Tasche und man hörte ihn dabei die düstern Worte murmeln: »Blücher oder die Nacht!« Beinah in demselben Augenblicke blitzte in der Entfernung auf den Höhen nach Frischemont zu eine Bajonetlinie. Das ist der Wendepunkt in diesem riesigen Drama. XI. Napoleon hat einen schlechten, Bülow einen guten Führer. Man kennt die schmerzliche Enttäuschung Napoleons: Grouchy wird erwartet, Blücher erscheint; der Tod statt des Lebens. Das Schicksal hat solche Wandlungen. Man erwartet den Thron der Weltherrschaft und sieht St. Helena vor sich. Wenn der kleine Hirte, welcher Bülow als Führer diente, diesem gerathen hätte, lieber oberhalb Frischemont statt unterhalb Planchenois aus dem Walde herauszukommen, so würde das neunzehnte Jahrhundert vielleicht eine andere Gestalt erhalten haben. Napoleon hätte die Schlacht von Waterloo gewonnen. Auf jedem andern Wege als auf dem unterhalb Planchenois wäre die preußische Armee auf eine für die Artillerie unübersteigliche Schlucht gestoßen und Bülow wäre nicht eingetroffen. Eine einzige Stunde später – erklärt der preußische General Müffling – und Blücher hätte Wellington nicht mehr gefunden, »die Schlacht wäre verloren gewesen.« Es war, wie man sieht, die höchste Zeit, daß Bülow ankam. Uebrigens war er sehr aufgehalten worden. Er hatte in Dion-le-Mont bivouakirt und war mit Anbruch des Tages aufgebrochen. Die Wege aber waren ungangbar und die Divisionen waren im Koth stecken geblieben. Die Gleise gingen bis an die Achsen der Kanonen. Außerdem hatte man den Dyle über die schmale Brücke zu Wavre passiren müssen; die zur Brücke führende Straße war von den Franzosen in Brand gesteckt; die Pulverwagen, die zwischen zwei Reihen brennender Häuser nicht hindurchfahren konnten, mußten warten, bis der Brand gelöscht war. Es war Mittag, als die Avantgarde Bülow's Chapelle-Saint-Lambert noch nicht hatte erreichen können. Wäre die Schlacht zwei Stunden früher begonnen worden, so würde sie um vier Uhr zu Ende gewesen und Blücher würde auf dem Schlachtfelde angelangt sein, wenn sich dasselbe bereits in den Händen des siegreichen Napoleon befunden. So sind diese unermeßlichen Zufälligkeiten mit dem Unendlichen in Uebereinstimmung gebracht, welches unserem sterblichen Auge entgeht. Schon seit Mittag hatte der Kaiser zuerst mit seinem Fernrohre am äußersten Horizonte Etwas bemerkt, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Er sagte: »ich sehe da unten eine Wolke, die mir von Truppen herzurühren scheint.« Dann fragte er den Herzog von Dalmatien: »Soult, was sehen Sie in der Richtung nach Chapelle-Saint-Lambert zu?« – Der Marschall richtete sein Fernrohr dahin und antwortete: »Vier bis fünftausend Mann, Sire. Offenbar Grouchy,« Jenes Etwas blieb indeß unbeweglich in dem Nebel. Alle Fernrohre des Generalstabes beobachteten die von dem Kaiser bemerkte »Wolke«. Einige sagten: »es sind Colonnen, die Halt machen.« Die Meisten erklärten aber: »es sind Bäume.« Allerdings bewegte sich die Wolke nicht und der Kaiser sandte Domons Division leichter Reiterei auf Recognoscirung dieses dunkeln Punktes aus. Bülow hatte sich in der That nicht gerührt. Seine Avantgarde war sehr schwach und vermochte nichts. Er mußte auf das Gros des Armeecorps warten und hatte den Befehl, sich zu concentriren, ehe er in die Schlachtlinie einrücke. Um fünf Uhr aber befahl Blücher, da er die Gefahr Wellingtons sah, Bülow, anzugreifen und sprach dabei das beachtenswerthe Wort: »Man muß der englischen Armee Luft machen.« Bald nachher entfalteten sich die Divisionen Losthin, Hiller, Hacke und Ryssel vor dem Lobau'schen Corps, die Cavallerie des Prinzen Wilhelm von Preußen brach aus dem Walde hervor, Planchenois stand in Flammen und die preußischen Kugeln begannen selbst bis in die Reihen der Garde-Reserve hinter Napoleon hinein zu regnen. XII. Die Garde. Das Uebrige kennt man: daß eine dritte Armee einbrach, die Schlacht verschoben wurde, plötzlich sechs und achtzig Feuerschlünde donnerten, Pirch I. mit Bülow und die Kavallerie Ziethens unter. Blüchers eigener Führung die Franzosen überraschte; daß die Franzosen zurückgeworfen, Macognet von dem Plateau Ohains hinweggefegt, Darutte aus Papolette vertrieben wurde, daß Donzelot und Quiot wichen und mit Einbruch der Nacht eine neue Schlacht sich auf die ermatteten französischen Regimenter stürzte; daß die ganze englische Linie von Neuem die Offensive ergriff und, vorwärts gedrängt, in die französische Armee wie ein gigantischer Keil einbrach; wie die englischen und preußischen Kartätschen einander unterstützten zur Vernichtung der Franzosen; wie endlich bei diesem Unglück auf allen Seiten die Garde in diesem entsetzlichen Zusammensturz, in die Schlachtlinie einrückte. Da sie fühlte, daß sie in den Tod gehe, rief sie: »es lebe der Kaiser!« Die Geschichte kennt nichts Ergreifenderes als diesen in Jubelrufe ausbrechenden Todeskampf. Der Himmel war den ganzen Tag über bedeckt gewesen. Plötzlich und grade in diesem Augenblicke, es war acht Uhr Abends, zogen sich die Wolken vom Horizont zurück und ließen durch die Ulmen an der Straße von Nivelles den mächtigen unheimlichen rothen Glanz der untergehenden Sonne durchdringen. In Austerlitz hatte man sie aufgehen sehen. Jedes Bataillon der Garde war bei diesem Entscheidungskampf von einem General commandirt. Es waren Friant, Michel, Roquet, Harlet, Mallet, Poret von Morvan. Als die hohen Mützen der Grenadiere der Garde mit der breiten Adlerplatte, symmetrisch in schnurgrader Linie, ruhig, im Düster dieses Gedränges erschienen, fühlte der Feind Achtung vor Frankreich; man glaubte zwanzig Siege mit entfalteten, flatternden Fahnen auf dem Schlachtfelde erscheinen zu sehen, und diejenigen, welche die Sieger waren, hielten sich für besiegt und wichen zurück. Wellington aber rief: »Auf Garden, zielt gut!« Das rothe Regiment der englischen Garde, das hinter den Hecken lag, erhob sich, und ein Hagel von Kugeln durchlöcherte die dreifarbige, um die französischen Adler zitternd flatternde Fahne, Alles stürzte hervor – das letzte Gemetzel begann. Die kaiserliche Garde fühlte im Dunkel, daß die Armee um sie her wankte, die beginnende Verwirrung der ungeheuren Flucht; sie vernahm das sauve qui peut (es rette sich wer kann), das «n die Stelle des »es lebe der Kaiser!« getreten war. Während man hinter ihr floh, rückte sie vor, mehr und mehr niedergeschmettert, von Schritt zu Schritt dem Tode näher rückend. Zögernde und Furchtsame gab es da nicht. Der Soldat in dieser Truppe war ein ebenso großer Held wie sein General. Kein Mann entzog sich dem Tode, welcher hier einem Selbstmorde in gewisser Beziehung nicht unähnlich war. Ney, außer sich, groß im großartigen Bewußtsein des freiwilligen Todes, bot sich in diesem Unwetter allen Kugeln dar. Das fünfte Pferd schon war unter ihm gefallen. Mit flammenden Augen, triefend von Schweiß, Schaum auf den Lippen, mit aufgeknöpfter Uniform, eine seiner Epauletten von einem englischen Cavalleristenhiebe halb durchschnitten, sein Ordenstern auf der Brust durch eine Kugel verbogen, blutend, von Schmutz bedeckt, großartig, einen zerbrochenen Degen in der Hand, rief er: »Seht, wie ein Marschall Frankreichs auf dem Schlachtfelds stirbt!« Es war jedoch vergebens, er starb nicht. Wild und aufgebracht fragte er Drouet von Erlon: »Läßt Du Dich denn nicht tödten?« Mitten unter dieser Kanonade, welche diese Handvoll Männer niederwarf, rief er: »Giebt es denn nichts für mich? Ach! daß doch alle diese englischen Kugeln mir in den Leib führen!«. Unglücklicher! Du warst für französische Kugeln aufgespart! XIII. Die Katastrophe. Die Flucht hinter der Garde war schauerlich. Die Armee zog sich plötzlich auf allen Zeiten zurück, von La Haie-Sainte, von Papelotte, von Planchenois. Dem Rufe: Verrath! folgte der andere: Rette sich wer kann! Eine Armee, die sich auflöset, ist wie Eisgang. Alles zerreißt, zerspringt, senkt sich, schwimmt, fällt, stößt, wälzt und überstürzt sich. Unerhörte Auflösung! Ney, borgt sich ein Pferd, springt auf dasselbe und ohne Hut, ohne Halsbinde, ohne Degen stellt er sich quer auf die Straße nach Brüssel und hielt zugleich die Engländer und die Franzosen auf. Er bemühte sich die Armee zu halten; er rief sie an, er schimpfte sie, krampfhaft hängt er sich an die Flucht, um sie aufzuhalten. Diese aber überfluthet ihn. Die Soldaten wichen ihm aus, und riefen: »es lebe der Marschall Ney!« Zwei Regimenter Durutte's zogen hin und her wie herumgeworfen zwischen den Säbeln der Uhlanen und den Kugeln der Brigaden Kempt, Best, Pack und Rylandt. Das schlimmste Gedränge ist die Flucht. Freunde ermorden sich, um fliehen zu können; die Schwadronen und Bataillone lösen sich auf und zerstreuen sich unter- und gegeneinander wie ungeheurer Schaum der Schlacht. Lobau an dem einen und Reille an dem anderen Ende werden in die Flut hineingezogen. Vergebens baut Napoleon mit dem Reste der Garde, die ihm geblieben, Mauern auf; vergebens verschwendet er seine Schwadronen zu einer letzten Anstrengung. Guyot, der die Kaiser-Schwadronen zum Angriffe führte, fällt unter den Hufen der englischen Dragoner. Napoleon galoppirt an den Fliehenden hin, redet sie an, drängt, droht, bittet. Jeder Mund, der des Morgens »es lebe der Kaiser!« gerufen hatte, blieb stumm. Man kannte ihm kaum. Die frisch angekommene preußische Cavallerie stürzt im Fluge herbei, säbelt nieder, zerhackt, mordet, vernichtet. Die Kanonen fliehen. Die Trainsoldaten spannen die Pferde ab und retten sich auf denselben; allerlei umgestürzte Wagen versperren die Straße und werden Veranlassung zu neuen Metzeleien. Einer tritt den Anderen, man metzelt sich gegenseitig nieder. Man läuft über Lebende und Todte hinweg. Die Arme wissen nicht was sie thun. Eine vom Schwindel ergriffene Menge füllt die Straßen und Wege, die Brücken, die Ebenen, die Hügel, die Thäler und die Wälder aus, welche von dieser Flut verdunkelt werden. Wilde Rufe, ins Getreide weggeworfne Tornister und Gewehre, keine Kameraden, keine Offiziere, keine Generäle mehr, nichts als ein unaussprechlicher Schrecken! Mit Säbeln bahnt man sich einen Weg. Ziethen säbelt Frankreich mit aller Bequemlichkeit nieder. Aus den Löwen sind Lämmer geworden. Das war die Flucht. In Genappe versuchte man sich umzuwenden, Front zu machen, sich zu sammeln, Lobau sammelte dreihundert Mann. Man verbarricadirte den Eingang des Dorfes, aber schon beim ersten Einschlagen der preußischen Kugeln wendete man sich von Neuem zur Flucht und Lobau wurde gefangen genommen. Die Preußen stürzten sich nach Genappe, wüthend ohne Zweifel, daß sie so wenig gesiegt. Die Verfolgung war grauenhaft. Blücher befahl Alles nieder zu machen. Roguet hatte zuerst jenes betrübende Beispiel gegeben, als er gedroht, jeden französischen Grenadier erschießen zu lassen, der ihm einen preußischen Gefangenen bringe. Blücher übertraf Roguet. Der General der jungen Garde, Duhesme, lehnte an der Thür eines Wirthshauses in Genappe, übergab seinen Degen einem Todten-Husaren, der den Degen nahm und den Gefangenen niederstach. Nach dem Siege die Niedermetzelung der Besiegten. Wir sind die Geschichte. Deshalb wollen wir strafend das Wort aussprechen: »der alte Blücher befleckte seine Ehre.« Diese Grausamkeit setzte dem Unglück die Krone auf. Die verzweiflungsvolle Flucht ging durch Genappe, Quatre-Bras, Sombresse, durch Frasnes, Thuin Charleroi, und machte erst an der Grenze Halt. Ach! und wer floh in solcher Weise? Die große Armee! Hat dieser Schwindel, dieser Schrecken, dieser Sturz der höchsten Tapferkeit, welche jemals die Geschichte in Erstaunen setzte, keine Ursache? Nein! Der Schatten des gewaltigen Rechts wirft sich auf Waterloo. Es ist der Tag des Geschickes. Die Macht über den Menschen schuf diesen Tag. Daher die allgemeine Verwirrung; daher kommt es, daß alle diese großen Seelen ihre Waffen streckten. Die, welche Europa besiegt hatten, waren niedergeworfen. Sie hatten nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu thun; sie ahnten im Dunkel das Dasein von etwas Schrecklichem. Hoc erat in fatis . (So wollte es das Schicksal.) An diesem Tage änderte sich die Perspective des menschlichen Geschlechts. Waterloo ist der Angelpunkt des neunzehnten Jahrhunderts. Der große Mann mußte verschwinden, damit das große Jahrhundert erscheinen konnte. Einer übernahm es, dem man niemals wiederspricht. Daraus erklärt sich der panische Schrecken der Heroen. In der Schlacht von Waterloo sehen wir mehr als eine Wolke, wir sehen ein Meteor. Gott war in derselben. Bei einbrechender Nacht ergriffen Bernard und Bertrand auf einem Felde bei Genappe einen in Gedanken versunkenen, finstern, düster blickenden Mann, welcher, von der Strömung der Flucht mit fortgetrieben, so eben von seinem Pferde abgestiegen war und den Zügel seines Pferdes unter dem Arm, neben demselben her zu Fuß und allein nach Waterloo hin zurückging. Es war Napoleon, welcher noch vorwärts zu gehen versuchte: schlafwandelnder Titan gestürzten Traumes. XIV. Das letzte Carré. Einige Carrés der Garde, unbeweglich in der Fluth der Flucht, wie Felsen im fließenden Wasser, hielten aus bis zur Nacht. In der Nacht erwarteten auch sie den Tod und unerschütterlich ließen sie sich einhüllen von diesem zweifachen Dunkel. Ein jedes Regiment starb für sich, denn die Verbindungen mit den andern waren abgebrochen. Einige hatten auf den Höhen von Rossomme, andere in der Ebene Mont-Saint-Jean Stellung genommen, um diesen letzten Kampf zu kämpfen. Hier kämpften diese düsteren Carrés, verlassen, besiegt, schrecklich, einen furchtbaren Todeskampf. Ulm, Wagram, Jena, Friedland starben in ihm. Gegen neun Uhr Abends in der Dämmerung war unten am Plateau von Mont-Saint-Jean noch Eines übrig. In diesem düstern, von englischen Massen übergossenen Thale am Fuße des Abhanges, welchen die Kürassiere erklommen hatten, kämpfte dieses Carré unter dem Kreuzfeuer der siegreichen feindlichen Artillerie, unter einem furchtbar dichten Kugelregen. Der Commandant desselben hieß Cambronne, ein unbekannter Offizier. Mit jeder Kugelladung wurde das Carré kleiner. Es gab jedoch Widerpart. Den Kartätschenkugeln antwortete es mit Flintenkugeln und dabei zog es seine vier Mauern immer mehr zusammen. Von Fern hörten die Fliehenden, wenn sie erschöpft einen Augenblick stehen blieben, dieses in der Dunkelheit schwächer und schwächer werdende, düstere Donnern. Als diese Legion nur noch eine Hand voll Soldaten war, ihre Fahne nur noch ein Fetzen, ihre Gewehre wegen Mangel an Munition nur noch Stücke, als der Haufen der Gefallenen größer war als die Gruppe der Lebenden, empfanden die siegreichen Gegner diesen erhabenen Sterbenden gegenüber einen heiligen Schrecken. Die englische Artillerie schwieg. Es war ein Aufschub. Die Kämpfenden hatten um sich herum gleichsam ein Gewimmel von Gespenstern, Silhouetten von Menschen zu Pferde, die dunkeln Umrisse der Kanonen, den zwischen Rädern und Lafetten hindurch schimmernden hellen Himmel. Der colossale Kopf des Todes, welchen die Helden im Pulverdampfe im Hintergrunde der Schlacht stets undeutlich erblickten, näherte sich ihnen immer mehr und schaute sie an. Im Dämmerungsdunkel konnten sie die neue Ladung der Kanonen hören; die angezündeten Lunten, welche in dem Dunkel der Nacht wie Tiegeraugen aussahen, bildeten einen Kreis um ihre Köpfe. Alle Lunten wurden dicht an die Kanonen gebracht. Da rief in höchster Erregung ein englischer General (nach einigen Colville, nach andern Maitland), die letzte über dem Haupte der Helden schwebende Minute aufhaltend: »Ergebt Euch, tapfere Franzosen!« Cambronnes Antwort lautete: »Dreck!« XV. Cambronne. Mit Erlaubniß des französischen Lesers sei es gesagt, daß das schönste Wort, welches vielleicht je ein Franzose ausgesprochen, nicht einmal wiederholt werden kann; daß es verboten ist, das Erhabene in die Geschichte niederzulegen. Wir haben uns auf unsre Gefahr von diesem Verbot dispensirt. Unter jenen Riesen gab es einen Titanen und dieser war Cambronne. Was giebt es Größeres, als dieses Wort zu sagen und dann zu sterben! Denn sterben heißt, sterben wollen, es ist nicht seine Schuld, wenn er die Kanonade überlebt. Der Mann, welcher die Schlacht von Waterloo gewonnen hat, ist nicht der fliehende Napoleon, nicht Wellington, welcher um 4 Uhr zu weichen begann und um 5 Uhr verzweifelte; es ist nicht Blücher, der sich gar nicht geschlagen hat! Der Mann, welcher die Schlacht von Waterloo gewonnen hat, ist Cambronne. Ein solches Wort dem euch tödtenden Donner ins Gesicht zu schleudern, heißt siegen. Diese Antwort der Catastrophe geben, dieses dem Schicksal ins Gesicht sagen, ironisch im Grabe zu sein, in einer Silbe die europäische Coalition zu ertränken, aus dem Letzten der Worte das Erste zu machen, Leonidas durch Rabelais zu vervollständigen, auf eigene Faust Waterloo mit einem Fastnachtsdienstag zu beschließen, diesen Sieg in ein letztes, unmöglich auszusprechendes Wort zusammen zu fassen, den Boden unter den Füßen zu verlieren und dabei die Geschichte im Auge zu behalten, nach solcher Metzelei die Lacher für sich zu haben – das ist ungeheuer, es ist eine dem Blitz angethane Beschimpfung, das ist äschyleische Größe. Das Wort Cambronnes brach verachtungsvoll hervor aus der Brust, in welcher der Todeskampf wüthete. Wer hat gesiegt? Wellington? Nein, denn ohne Blücher wäre er verloren gewesen. Blücher? Nein, denn wenn Wellington nicht begonnen hätte, hätte er nicht endigen können. Dieser Cambronne, welcher in der letzten Stunde erscheint, dieser unbekannte Soldat, dieser unendlich kleine Kriegsmann fühlt, daß die Catastrophe eine Lüge enthalt, welche ihn doppelt peinigt. Und in dem Augenblicke, wo er darüber vor Zorn außer sich geräth, bietet man ihm zum Hohn das Leben. Wie sollte er da nicht auffahren! Da suchte er nach einem Worte, wie man nach einem Schwerte sucht. Der Schaum kommt ihm auf die Lippen und dieser Schaum ist das Wort. Vor diesem großen und doch mittelmäßigen Siege, vor diesem Siege ohne Sieger richtet sich dieser Verzweifelte in die Höhe, er unterliegt der Massenhaftigkeit, er constatirt aber ihr Nichts. Und das heißt, Sieger sein. Auf das Wort Cambronne's antwortete die englische Stimme: »Feuer!« Die Batterien flammten, der Hügel zitterte, ein letztes schreckliches Geheul entstieg allen diesen Rachen von Erz. Eine ungeheure Rauchwolke, matt erleuchtet von dem aufgehenden Mond, rollte dahin. Als der Rauch sich verzog, war nichts mehr da. Jener ungeheure Ueberrest war vernichtet, die Garde war todt. So endeten die französischen Legionen, welche höher zu stellen sind als die römischen, zu Mont-Saint-Jean auf der von Regen und Blut getränkten Erde an der Stelle, wo heut zu Tage 4 Uhr früh, pfeifend und lustig mit der Peitsche knallend der Postillon mit der Post, welche von Nivelles kommt, vorüberfährt. XVI. Quot libras in duce! Wieviel wiegt der Feldherr? Die Schlacht von Waterloo ist ein Räthsel, sie ist sowohl für diejenigen dunkel, welche sie gewonnen haben, als auch für diejenigen, welche sie verloren. Für Napoleon ist sie ein panischer Schrecken Eine beendigte Schlacht, ein abgeschlossener Schlachttag, wieder gut gemachte falsche Maßregeln, für den nächsten Tag noch größere gesicherte Erfolge, Alles wurde durch einen Augenblick panischen Schreckens vernichtet. (Napoleon, Dictate auf St. Helena.) , Blücher sieht nur Feuer in ihr, Wellington begreift Nichts von derselben. Man sehe die Berichte an; die Bulletins wie die Commentare dazu sind verworren und unklar. Jomini theilt die Schlacht in vier Momente. Müffling in drei Phasen. Charras, obwohl wir in einigen Punkten eine andere Auffassung als er haben, ist der einzige, welcher die charakteristischen Linien dieser Katastrophe, in welcher das menschliche Genie mit dem göttlichen Geschick in Kampf verwickelt ist, mit seinem ihm eigenthümlichen scharfen Blicke erfaßt hat. Alle andern Geschichtsschreiber sind wie geblendet und tappen wie geblendet umher. Das Urtheil der Menschen ist nichts in diesem von übermenschlicher Nothwendigkeit durchdrungenen Ereignisse. Man verkleinert weder Deutschland noch England, wenn man den Feldherren Wellington und Blücher die Ehre Waterloo's abspricht. Weder das erlauchte England noch das erhabene Deutschland stehen bei dem Waterloo-Probleme in Frage. Dem Himmel sei Dank, die Größe der Völker geht über diese schauerlichen Schlachtenabenteuer hinaus. Weder Deutschland noch England noch Frankreich haben in einer Säbelscheide Platz. In der Zeit, in welcher Waterloo nur ein Säbelgeklirr ist, hat Deutschland über Blücher stehend seinen Göthe, und England über Wellington hervorragend seinen Byron. Ein unermeßlicher Ideen-Aufgang ist unserem Jahrhunderte eigentümlich, und England wie Deutschland haben in dieser Morgenröthe einen herrlichen Glanz. Der Reichthum an Gedanken macht sie majestätisch. Durch sie selbst und nicht in Folge eines Zufalls hat sich das Niveau der Civilisation erhöhet. Der Antheil, welchen sie an dem Sonnenaufgang des neunzehnten Jahrhunderts haben, hat seine Quelle nicht in Waterloo. Nur Barbaren-Völker wachsen plötzlich nach einem Siege: die Eitelkeit eines nach einem Gewitter anschwellenden Baches. Die civilisirten Völker, namentlich in der Zeit, in welcher wir leben, steigen und fallen nicht in Folge des Glücks oder Unglücks eines Feldherrn. Ihr specifisches Gewicht im Menschengeschlecht folgt aus etwas ganz anderem, als aus einem Kampfe. Ihre Ehre, ihre Würde, ihre Aufklärung, ihr Geist sind Gott sei Dank nicht Nummern, welche die Helden und Eroberer, diese Spieler, in die Schlachtenlotterie setzen können. Oft wird durch eine verlorne Schlacht ein Fortschritt erobert. Weniger Ruhm, mehr Freiheit. Der Tambour schweigt, der Geist ergreift das Wort. Es ist das Spiel, in dem der Gewinnende verliert. Sprechen wir also mit kaltem Blute von Waterloo. Geben wir dem Zufalle, was des Zufalles, und Gott, was Gottes ist. Was ist Waterloo? Ein Sieg? Nein. Eine Quinterne. Eine von Europa gewonnene, von Frankreich bezahlte Quinterne. Es war kaum der Mühe werth, einen Löwen da aufzustellen. Waterloo ist übrigens der wunderlichste Kampf, den die Geschichte kennt. Napoleon und Wellington! Es sind nicht Feinde, sondern Gegner. Niemals hat Gott, welcher sich in Gegensätzen gefällt, einen ergreifenderen Contrast, eine außerordentlichere Gegenüberstellung geschaffen. Auf der einen Seite Genauigkeit, Vorsicht, Geometrie, Klugheit, gesicherter Rückzug, geschonte Reserve, hartnäckig kaltes Blut, unerschütterliche Methode, vom Terrain profitirende Strategie, selbst die Stellung der Bataillone abwägende Taktik, nach der Schnur gezogenes Morden, mit der Uhr in der Hand geregelter Krieg, nichts freiwillig dem Zufall überlassen, alter classischer Muth, absolute Correctheit. Auf der andern Seite Anschauung, Vorausahnung, militärische Seltsamkeit, übermenschlicher Instinct, flammender Ueberblick, ein gewisses Etwas, das um sich schaut wie der Adler, und zerschmettert wie der Blitz, wunderbare Kunst in geringschätzigem Ungestüm, alle Geheimnisse einer unergründlichen Seele, Verbindung mit dem Schicksal. Der Fluß, die Ebene, der Wald, der Hügel aufgefordert und gewissermaßen gezwungen zu gehorchen, der Despot, so weit gehend, daß er das Schlachtfeld tyrannisirt, der Glaube an die Sterne im Verein mit strategischer Wissenschaft, die er erweitert, aber auch trübt. Wellington war der Bareme, Napoleon der Michel Angelo des Krieges, und diesmal wurde das Genie von der Berechnung besiegt. Auf beiden Seiten erwartete man Jemand. Der genaue Rechner reussirte. Napoleon erwartete Grouchy; er kam nicht. Wellington erwartete Blücher, der kam. Wellington ist der classische Krieg, der Wiedervergeltung übt. Bonaparte war ihm im Morgenroth seiner Laufbahn in Italien begegnet und hatte ihn stolz geschlagen. Die alte Eule hatte vor dem jungen Geier fliehen müssen. Die alte Taktik war nicht nur niedergeschmettert, sondern lächerlich gemacht worden. Was war jener sechsundzwanzigjährige Corse? Was wollte der glänzende Ignorant, der Alles gegen, nichts für sich hatte, der sich ohne Lebensmittel, ohne Munition, ohne Kanonen, ohne Schuhe, fast ohne Armee, mit einer Handvoll Leute gegen Massen, auf das verbündete Europa stürzte und absurderweise unmöglich scheinende Siege gewann? Wer war der neue Kriegsemporkömmling, welcher die Unverschämtheit eines Gestirns hatte? Die academische Militairschule that ihn in den Bann, während sie vor ihm floh. Daher der ungewöhnliche Groll des alten Cäsarismus gegen den neuen, des correcten Säbels gegen das Flammenschwert, des Rechners gegen das Genie. Am 18. Juni 1815 hatte dieser Groll das letzte Wort, und unter Lodi, Montebello, Montenotte, Mantua, Marengo, Arcole schrieb er: Waterloo. Triumph der Mittelmäßigkeit, welcher der Mehrheit angenehm ist! Das Geschick willigte in diese Ironie. Bei seinem Untergange fand Napoleon wieder einen jungen Suwarow vor sich. Und um einen Suwarow zu haben, reicht allerdings ein Wellington mit weißen Haaren aus. Waterloo ist eine von einem Feldherrn zweiten Ranges gewonnene Schlacht ersten Ranges. England muß man in dieser Schlacht von Waterloo bewundern, die englische Tüchtigkeit, die englische Entschlossenheit, das englische Blut. Das Herrliche, das England da hatte, war es selbst, nicht sein Feldherr, sondern seine Armee. Der sonderbar undankbare Wellington erklärt in seinem Briefe an Lord Bathurst, seine Armee, die Armee, welche sich am 18. Juni 1815 geschlagen hatte, sei eine »abscheuliche« gewesen. Was meint der Haufe von Gebeinen unter den Furchen Waterloo's? England war Wellington gegenüber zu bescheiden. Wellington so groß machen heißt England verkleinern. Wellington ist nur ein Held wie ein anderer. Die grauen Schotten, die Garde-Cavallerie, die Regimenter Maitlands und Mitchels, die Infanterie Packs und Kempts, die Kavallerie Ponsonbys und Somersets, die unter dem Kartätschenhagel den Dudelsack spielenden Hochländer, die Bataillone Rylands, die jungen Rekruten, welche kaum die Muskete handtieren konnten und doch gegen die alten Soldaten von Esslingen und Rivoli Stand hielten, – sie sind groß. Wellington war zäh, das war sein Verdienst, und wir handeln ihm nichts davon ab; der Geringste aber seiner Infanteristen und seiner Cavallerie war ebenso fest wie er. Der eiserne Soldat gilt so viel wie der eiserne Herzog. Alle unsere Verherrlichung wenigstens gilt der englischen Armee, dem englischen Volke. Giebt es hier eine Trophäe, so gebührt sie England. Es wäre gerechter, wenn die Waterloo-Säule, statt die Gestalt eines Mannes, die Statue eines Volles in die Wolken hinauftragen würde. Das große England aber wird sich über das, was wir hier sagen, erzürnen. Es besitzt noch, selbst nach seinem 1688 und dem französischen 1789, feudale Illusionen. Es glaubt an Erblichkeit und Hierarchie. Dieses Volk, das von keinem an Macht und Ruhm übertroffen wird, achtet sich als Nation, nicht als Volk, und zwar so sehr, daß es sich als Volk gern unterordnet und einen Lord für ein Haupt hält. Als Arbeiter läßt es sich verachten, als Soldat läßt es sich prügeln. Man erinnert sich, daß in der Schlacht bei Inkerman ein Sergeant, der, wie es scheint, die Armee gerettet hatte, von Lord Raglan gar nicht erwähnt werden konnte, weil die englische Militär-Hierarchie in einem Berichte einen Helden unter dem Range eines Officiers zu nennen nicht gestattet. Ueber Alles aber bewundern wir bei einem Kampfe, wie der von Waterloo, die wunderbare Geschicklichkeit des Zufalles. Der nächtliche Regen, die Mauer von Hougomont, der Hohlweg von Ohain, der für Kanonendonner taube Grouchy, der Napoleon täuschende, Bülow den rechten Weg zeigende Führer, – dieser ganze Wirrwarr ist wunderbar geleitet. In Summa war Waterloo mehr ein Schlachten, als eine Schlacht. Waterloo ist von allen regelmäßigen Schlachten die, welche bei einer solchen Zahl von Kämpfenden die kleinste Front hatte. Napoleon hatte drei Viertel Meilen, Wellington eine halbe, und dabei 70,000 Streiter auf jeder Seite. Diese Dichtigkeit der Massen war der Grund der großen Metzelei. Man hat folgende Berechnung gemacht und folgende Verhältnisse aufgestellt. Menschenverlust: bei Austerlitz vierzehn Procent Franzosen, dreißig Procent Russen, vierundzwanzig Procent Oesterreicher; bei Wagram dreißig Procent Franzosen, vierzig Procent Oesterreicher; an der Moskwa siebenunddreißig Procent Franzosen und vierundvierzig Procent Russen; bei Bautzen dreizehn Procent Franzosen, vierzehn Procent Russen und Preußen; bei Waterloo sechsundfunfzig Procent Franzosen und einunddreißig Procent Alliirte, im Ganzen bei Waterloo einundvierzig Procent. Bei einhundertundvierzigtausend Streitern sechzigtausend Todte. Heut zu Tage hat das Schlachtfeld von Waterloo die Ruhe, welche der Erde angehört, geduldig trägt es den Menschen und gleicht jeder anderen gewöhnlichen Ebene. In der Nacht indeß erhebt sich eine Art geisterhafter Nebel und wenn ein Wanderer da umhergeht, um sich schaut, aufhorcht und träumt wie Virgil auf der düsteren Ebene von Philippi, ergreift ihn gespenstisch die Erscheinung der Catastrophe. Der schreckliche 18. Juni erhebt sich von Neuem, der gemachte Hügel sinkt ein, der Löwe verschwindet, das wirkliche Schlachtfeld erscheint. Infanterie überschwemmt die Ebene, wüthende Galoppaden durchschneiden den Horizont; bestürzt sieht der träumende Wanderer Säbel blitzen, Bayonnette leuchten, Bomben platzen, hört grausige Donner. Er vernimmt, gleich dem Röcheln aus einem Grabe heraus, den dumpfen Lärm der gespenstigen Schlacht. Die Schatten sind die Grenadiere, diese leuchtenden Punkte die Kürassiere, dieses Skelett ist Napoleon, jenes Wellington. Alles das ist nicht mehr und stößt doch auf einander und kämpft. Die Hohlwege färben sich blutig roth, die Bäume zittern, selbst die Wolken ergreift die Wuth und auf allen diesen wilden Höhen, Mont-Saint-Jean, Hougomont, Frischemont, Papelotte, Plagenois, zeigen sich in der Finsterniß undeutlich gespenstische Gestalten, welche auf Tod und Leben sich bekämpfen. XVII. Soll man Waterloo loben? Es giebt in Frankreich eine sehr respectable Schule unter den Liberalen, welche gegen Waterloo durchaus keinen Haß empfindet. Wir gehören derselben nicht an; denn für uns ist Waterloo nur das erstaunte Datum der Freiheit. Es ist sicherlich unerwartet, daß aus einem solchen Ei ein solcher Adler hervorging. Wenn man sich in den eigentlichen Schwerpunkt der Frage stellt, so ist Waterloo der absichtslose Sieg der Contrerevolution, Europa's gegen Frankreich, Petersburgs, Wiens und Berlins gegen Paris, des Statusquo gegen die Initiative, der Angriff des 20. März gegen den 14. Juli 1789, das »Hängematten herunter« der Monarchien gegen die bis dahin ungezähmte französische Emeute. Endlich dieses ungeheure Volk erdrücken, welches seit 26 Jahren sich im Zustande eines kraterähnlichen Ausbruches befand, das war der Traum: die Solidarität Braunschweigs, Nassaus, der Romanow, Hohenzollern und Habsburger mit den Bourbonen. Auf Waterloo ritt das Recht der Königsgewalt von Gottes Gnaden in das neunzehnte Jahrhundert hinein. Allerdings war das Kaiserreich despotisch und mußte zufolge einer natürlichen Rückwirkung der Dinge das Königthum nothwendigerweise loyal werden, so daß aus Waterloo zur großen Betrübniß der Sieger ein constitutionelles Regiment hervorging. In Wirklichkeit kann aber die Revolution nicht besiegt werden. Sie gehört der Vorsehung und dem Fatum an. Immer erscheint sie wieder: vor Waterloo in Napoleon, welcher die alten Throne über den Haufen stürzte, nachher in Ludwig XVIII., welcher eine Verfassung octroyirte. Bonaparte setzt einen Postillon auf den Thron von Neapel und einen Sergeanten auf den Thron Schwedens. Am Ungleichen bewies er die Gleichheit. Ludwig XVIII. unterzeichnet zu Saint-Ouen die Erklärung der Menschenrechte. Wenn man sich von dem, was die Revolution ist, Rechenschaft geben will, so nenne man sie Fortschritt, und wenn man sich von diesem Letzteren Rechenschaft geben will, so nenne man ihn Morgen. Das Morgen verrichtet unwiderstehlich seine Aufgabe, schon heute beginnt es damit und immer gelangt es zum Ziele. Es braucht einen Wellington, um aus Foy, der nur ein Soldat war, einen Redner zu machen. In Hougomont fiel Foy, um auf der Rednerbühne wieder aufzuerstehen. Das ist die Art des Fortschritts; für diesen Arbeiter giebt es kein schlechtes Werkzeug. Waterloo, welches vermittelst des Degens dem Umsturz der europäischen Throne mit einem Male ein Ende machte, hat keine andere Wirkung gehabt, als die Arbeit der Revolution in anderer Art fortzusetzen. An die Stelle des Säbels trat die Macht des Gedankens. Waterloo hat das Jahrhundert nicht aufhalten können. Dieses ist darüber hinweggegangen und hat unbeirrt seinen Weg weiter fortgesetzt. Es steht noch ein Sieger über diesem Sieg – die Freiheit. Mit einem Worte, dasjenige, was zu Waterloo triumphirte, hinter Wellington lächelte, ihm alle Marschallsstäbe Europas und, wie man sagt, auch den Frankreichs einbrachte, was triumphirend das Löwendenkmal errichtet und stolz das Datum des 18. Juni 1815 auf dasselbe geschrieben; dasjenige, was den mit vernichtender Wuth die Flüchtigen verfolgenden Blücher mit Muth erfüllte: das war die Contrerevolution, die Gegenrevolution, welche jenes infame Wort »Zerstückelung« aussprach. Bei ihrer Ankunft in Paris sah sie den Krater in der Nähe, sie fühlte die brennende Asche desselben unter ihren Füßen, sie besann sich und stotterte eine Verfassung heraus. Wir müssen in Waterloo nichts als Waterloo sehen. Freiheit, beabsichtigte Freiheit – niemals! Die Contrerevolution ist gegen ihren eigenen Willen liberal geworden, ebenso wie Napoleon – eine correspondirende Erscheinung – ohne daß er es wollte revolutionär war. Robespierre zu Pferde – am 18. Juni 1815 wurde er aus dem Sattel gehoben. XVIll. Wiederaufleben des Rechts von Gottes Gnaden. Mit dem Ende der Dictatur stürzte das ganze bis dahin bestandene System Europas über den Haufen. Das Kaiserreich verschwand in einem Schatten, welcher dem nicht unähnlich war, welchen das untergehende römische Reich hinter sich zurück ließ. Wie zur Zeit der Barbaren sah man wieder einen Abgrund vor sich, nur mit dem Unterschiede, daß das Barbarenthum von 1815, welches mit seinem eigentlichen Namen Contrerevolution heißt, einen kurzen Athem hatte und sehr zeitig halt machen mußte, weil ihm der Athem ausging. Sagen wir es nur: das Kaiserreich wurde beweint, Heroen beweinten es. Wenn der Ruhm im Kriegeshandwerk allein besteht, so war das Kaiserreich der personifizirte Ruhm. Dasselbe hatte auf der Welt all das Licht verbreitet, welches Tyrannei nur erzeugen kann: ein düsteres, ein dunkeles Licht, welches in Vergleichung mit der wahren Helle Nacht ist. Nachdem diese Nacht von der Erde sich gelöst, trat Dämmerungshelle ein. Die Könige nahmen ihre Throne wieder ein, der Heros Europas wurde in einen Käfig gesteckt, das frühere Regime wurde wieder neu. Und warum diese Umstellung von Licht und Schatten auf der Erde? Weil an einem Nachmittage eines Sommertages in einem Gehölz ein Hirte zu einem Preußen gesagt hatte: »Hier, nicht dort ist der Weg!« 1815 war eine Art düsterer April. Die alten ungesunden und giftigen Wirklichkeiten bedeckten sich mit einem neuen äußeren Schein. Die Lüge vermählte sich mit 1789, das Gottes-Gnadenrecht masquirte sich hinter einer Verfassung, Aberglauben und Hintergedanken übertünchten sich mit dem Firniß des Liberalismus. Die Menschheit war von Napoleon zugleich erhoben und gedemüthigt; das Ideal war unter dieser splendiden Herrschaft des Liberalismus sonderbarerweise Ideologie genannt worden. Welch bedeutende Unklugheit eines großen Mannes, der Art die Zukunft lächerlich zu machen! Die Völker aber, dieses dem Artilleristen so liebe Futter, suchten ihn. Wo ist er? Was thut er? »Napoleon ist todt«, sagte ein Vorübergehender zu einem Invaliden von Marengo und Waterloo. »Er todt!« rief der Soldat; »da kennen Sie ihn schlecht!« In der Einbildung war dieser gestürzte Mensch ein Gott geworden und lange, nachdem Napoleon verschwunden war, blieb ein ungeheurer Platz in Europa leer. Die Könige suchten ihn auszufüllen. Das alte Europa benutzte dies zu Reformen. Es entstand eine heilige Allianz. Auch die Umrisse Frankreichs wurden andere. Die durch den Kaiser verhöhnte Zukunft hielt ihren Einzug, die Freiheit glänzte auf ihrer Stirn. Die Augen der jungen Generation wendeten sich ihr zu, und seltsamer Weise verliebte man sich zugleich in diese Zukunft, die Freiheit, und in jene Vergangenheit, Napoleon. Die Niederlage hatte den Besiegten größer gemacht. Der gestürzte Bonaparte erschien großartiger als der mächtige Napoleon. Die Sieger hatten Furcht. England ließ ihn durch Hudson Lowe bewachen, Frankreich durch Montchenu. Seine gekreuzten Arme waren die Unruhe Europas. Alexander nannte ihn seine schlaflosen Nächte. Der Grund dieser Angst war die Revolution, welche in ihm lag. Das entschuldigt den bonapartistischen Liberalismus. Während Napoleon in Longwood langsam hinstarb, vermoderten ruhig die 60,000, welche bei Waterloo gefallen waren und theilten Etwas von ihrem Frieden dem übrigen Europa mit. Daraus machte der Wiener Congreß die Verträge von 1815, Europa nannte dies die Restauration. Das ist Waterloo. Welche Bedeutung aber hat es für die Unendlichkeit? Nicht einen Augenblick trübte dieser Sturm, dieser Krieg, dann dieser Frieden, dieser ganze Schatten das Licht des unendlichen Auges, vor welchem ein Insekt, das von einem Blatte zum anderen springt, so viel gilt wie der Adler, welcher die himmelanstürmenden Felsen umkreist. XIX. Das Schlachtfeld in der Nacht. Wir müssen nach dem Plane dieses Buches noch einmal auf dieses grausige Schlachtfeld zurückkehren. Am 18. Juni 1815 war Vollmond. Sein heller Schein begünstigte die wilde Verfolgung Blüchers, verrieth die Spuren der Fliehenden, überlieferte die unselige Masse der erbitterten preußischen Cavallerie und unterstützte die Metzelei. Bei mancher Katastrophe zeigt sich die Nacht so tragisch-gefällig. Nach dem letzten Kanonenschusse war die Ebene von Mont-Saint-Jean still und verlassen. Die Engländer besetzten das Lager der Franzosen. Es ist die gewöhnliche Constellation des Sieges, daß der Sieger sich in das Bett des Besiegten legt. Sie nahmen ihr Bivouac jenseit Rossomme. Die Preußen, denen die Verfolgung zugefallen war, drängten weiter. Wellington begab sich in das Dorf Waterloo und schrieb daselbst seinen Bericht an Lord Bathurst. Wenn jemals das sic vos, non vobis anwendbar ist, so gilt es gewiß von diesem Dorfe Waterloo. Waterloo that gar nichts; es blieb eine halbe Stunde von dem Kampfe. Mont-Saint-Jean wurde beschossen, Hougomont niedergebrannt, ebenso Papelote und Planchenois, La Haie-Sainte mit Sturm genommen. La Belle-Alliance sah die Umarmung der beiden Sieger. Alle diese Namen kennt man kaum und Waterloo, das in der Schlacht selbst nichts that, trug alle Ehren davon. Wir gehören nicht zu denen, welche dem Kriege schmeicheln; wir sagen ihm bei Gelegenheit die Wahrheit. Schauerliche Schönheiten besitzt er, aber auch, gestehen wir es nur, manche Häßlichkeit. Eine der überraschendsten und empörendsten ist die Beraubung der Todten nach dem Siege. Die Morgenröthe, die nach einer Schlacht aufgeht, sieht stets nackte Leichen. Wer thut das? Wer befleckt also den Triumph? Welche häßliche Hand greift diebisch in die Tasche des Sieges? Welches sind die Schurken, welche ihren Coup hinter dem Rücken des Ruhmes machen? Einige Philosophen, unter andern Voltaire, versichern, es wären eben die, welche den Ruhm erworben. Es sind dieselben, sagen sie, denn es kommen keine Andern. Die Ueberlebenden plündern die Todten. Der Held des Tages ist der Vampyr der Nacht. Allerdings hat er wohl einiges Recht, den Leichnam zu plündern, welchen er geschaffen. Wir aber glauben es nicht. Eine und dieselbe Hand kann unmöglich Lorbeeren pflücken und einem Todten die Schuhe [stehlen]. Gewiß ist, daß gewöhnlich nach den Siegern die Diebe kommen. Aber unter den Soldaten, namentlich unter den Soldaten der Jetztzeit, wollen wir diese nicht suchen. Die Nachzügler, welche jede Armee hat, muß man anklagen: Fledermauswesen, halb Räuber, halb Sklaven, alle Art Gezücht, welches jenes Dunkel, der Krieg, erzeugt, Uniformen, welche nicht kämpfen, angebliche Kranke, Lahme, welche geeignet sind Einem zur gelegenen Zeit Furcht einzujagen; Marketender, welche bisweilen mit ihren Weibern auf kleinen Wagen fahren, stehlen, das Gestohlene verkaufen; Bettler, welche sich den Officieren als Führer anbieten, Marodeurs – alles dieses schleppte oder zog die damalige Armee auf dem Marsche hinter sich her und zwar so sehr im eigentlichen Sinne des Wortes, daß man dieses Alles ausdrücklich »Nachzügler« nennt. Keine Armee, keine Nation war für diese Menschen verantwortlich. Sie sprachen italienisch und folgten den Deutschen, sie sprachen französisch und folgten den Engländern. Allein eine kräftige Disciplin kann diesen Aussatz heilen. Je nach der größeren oder geringeren Strenge der Führer sah man eine größere oder geringere Anzahl Marodeure im Gefolge der Armeen. Hiermit hängt es zusammen, daß mancher Ruf täuscht. Die Popularität mancher großen Generale hat hier ihren Grund. Turenne wurde von seinen Soldaten vergöttert, weil er ihnen die Plünderung freigab. Gestattung des Bösen gilt für Güte und Turenne war so gut, daß er die ganze Rheinpfalz durch Feuer und Schwert verwüsten ließ. Hoche und Marceau hatten keine Nachzügler, Wellington – diese Gerechtigkeit lassen wir ihm gern wiederfahren – nur wenige. Trotzdem wurden die Todten in der Nacht vom 18. zum 19. Juni ausgeplündert. Wellington war zwar streng. Er hatte Befehl gegeben, daß Jeder, welcher bei der That betroffen wurde, auf der Stelle niedergeschossen werde. Die Raubsucht ist aber zäh. Hier stahlen die Marodeurs, während man sie dort füsilirte. Düster schaute der Mond über diese Ebene. Gegen Mitternacht schlich oder kroch vielmehr ein Mann vom Hohlwege von Ohain her. Er war allem Anschein nach einer von denen, welche wir so eben charakterisirt haben, weder Engländer noch Franzose, weder Bauer noch Soldat, weniger Mensch als Vampyr, welchen der Fleischgeruch der Todten angelockt hatte, dessen Sieg im Diebstahl bestand. Wer war dieser Mann? Jedenfalls wußte die Nacht mehr von ihm als der Tag. Er trug zwar keinen Sack, hatte aber unter seiner Blouse ungeheure Taschen. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, musterte die Ebene, sah sich um, ob er vielleicht beobachtet werde, dann bückte er sich plötzlich, nahm Etwas weg von einem stillen, unbeweglich daliegenden Gegenstände, richtete sich wieder in die Höhe und schlich weiter. Sein Schleichen, sein Gang, seine Stellungen, seine geheimnißvollen Bewegungen gaben ihm mit jenen Dämmerungs-Larven eine gewisse Aehnlichkeit, welche alte Ruinen bewohnen und die wir in normännischen Legenden beschrieben finden. Wenn man mit aufmerksamem Blick umhergeschaut hätte, so würde man in einiger Entfernung, hinter dem Gebäude an der Stelle, wo die Straße von Nivelles und der Weg von Mont-Saint-Jean nach Braine-l'Alleud zusammentreffen, versteckt einen kleinen Marketenderwagen von Weidenruthen, mit einer abgemagerten Mähre bespannt, welche hungrig die Nesseln vor sich abfraß, so wie in dem Wagen eine Art Weib bemerkt haben, welches auf Kisten, Kasten und Paketen saß. Vielleicht bestand eine Beziehung zwischen diesem Wagen und diesem Marodeur. Die Luft war klar. Am Zenith war nicht ein Wölkchen zu sehen. Was geht es den Mond an, daß die Erde roth ist, er bleibt weiß. Dies gehört zur Gleichgiltigkeit des Himmels. Baumäste, welche die Kanonade zerbrochen, die aber noch an der Rinde fest hingen und nicht herab gefallen waren, schaukelten sanft im Winde der Nacht hin und her. Ein Hauch, so zu sagen ein Athem, bewegte die Gebüsche. Das Gras zitterte. Dieses Zittern glich dem Abschied scheidender Seelen. In der Ferne hörte man undeutlich die Patrouillen kommen und gehen. Hougomont und La Haie-Sainte standen noch in Flammen und bildeten, das eine im Westen, das andere im Osten, zwei ungeheure Flammen, denen sich wie eine aufgelöste Rubinenschnur mit zwei Karfunkeln an den Enden die Reihe der englischen Wachtfeuer anschloß, welche in einem ungeheuren Halbkreise über die Hügel des Horizonts ausgebreitet waren. In dem Hohlwege von Ohain, dort, wo jenes schreckliche, beklagenswerthe Unglück sich ereignete, war jetzt alles still. Der Paß war mit Menschen und Pferden ausgefüllt, welche unentwirrbar unter einander gemischt waren – schreckliche Verwickelung! Den Abhang sah man nicht mehr. Die Leichname glichen das Niveau zwischen Straße und Ebene aus. Ein Leichenhaufen oben, ein Blutbach unten: das war dieser Weg am Abend des 18. Juni 1815. Das Blut floß bis auf die Straße von Nivelles und verbreitete sich hier in eine große Pfütze an einer Stelle, welche man noch heut zu Tage zeigt. Nach dieser Seite zu wendete sich jener nächtliche Schleicher. Er durchstöberte dieses ungeheure Grab. Er hielt wer weiß welche grauenvolle Todtenmusterung. Er watete in Blut. Plötzlich blieb er stehen. Einige Schritte von ihm, in dem Kreuzwege, an der Stelle, wo der Leichenhaufen endete, unter dieser Masse von Menschen und Pferden, guckte eine geöffnete, vom Monde hell beschienene Hand hervor. Diese Hand hatte etwas Glänzendes am Finger. Es war ein goldener Ring. Der Mann bückte sich und blieb einen Augenblick in dieser Stellung. Als er sich wieder in die Höhe richtete, glänzte nichts mehr an der Hand. Ganz richtete er sich nicht auf. Er blieb in einer scheuen, erschreckten Haltung, den Rücken dem Todtenhaufen zuwendend, auf den Knieen den Horizont betrachtend. Den Vorderkörper stützte er auf die in den Boden gedrückten Vorderfinger, den Kopf hob er spähend über den Rand des Hohlweges. Zu manchen Thaten passen die vier Pfoten des Schakals. Endlich hatte er einen Entschluß gefaßt und richtete sich auf. In diesem Augenblick zuckte er zusammen. Er fühlte, daß ihn Jemand von hinten festhielt. Er wendete sich um. Es war die offene Hand, welche sich wieder geschlossen und den Schoß seines Rockes gefaßt hatte. Ein ehrlicher Kerl hätte Furcht gehabt. Der aber lachte. »Ha,« dachte er, »das ist ja nur der Todte. Lieber ein Gespenst, als ein Gensd'arm.« Indessen wurde die Hand schwach und ließ ihn wieder los. Im Grabe lassen die Kräfte bald nach. »Er lebt also, der Todte? Wir wollen doch sehen.« Er bückte sich noch einmal, durchstöberte den Haufen, entfernte die Hindernisse, ergriff die Hand, faßte den Arm, machte den Kopf frei und zerrte am Körper. Einige Augenblicke nachher schleppte er im Dunkel des Hohlweges einen entseelten, wenigstens ohnmächtigen Körper hin. Es war ein Kuirassier, ein Officier, sogar ein Officier von höherem Rang. Eine dicke, goldene Epaulette guckte unter dem Kuiraß hervor. Ein wüthender Säbelhieb hatte ihm das Gesicht zerschnitten, in welchem man nur Blut sah. Ein Glied schien ihm übrigens nicht gebrochen zu sein. Die Leichen hatten sich durch einen glücklichen Zufall – wenn dieses Wort hier erlaubt ist – so um ihn her geschichtet, daß sie ihn vor jeder Zerquetschung sicherten. Seine Augen waren geschlossen. Auf seinem Kuiraß hatte er das silberne Kreuz der Ehrenlegion. Der Mann nahm das Kreuz an sich und ließ es in seinen ungeheuren Taschen verschwinden. Darauf betastete er die Taschen des Officiers und fühlte eine Uhr. Er nahm sie. Dann durchsuchte er die Westentasche. Er fand eine Börse darin und steckte sie ein. Als er bei diesem Stadium seiner Hülfsleistungen angekommen war, öffnete der Officier die Augen. »Ich danke,« sagte er mit schwacher Stimme. Die rohen, rücksichtslosen Bewegungen des Mannes, der sich an ihm zu schaffen machte, die Kühle der Nacht, die frische Luft, welche er einathmete, hatten ihn aus seinem todtenähnlichen Zustande befreit. Der Marodeur antwortete nicht. Er erhob den Kopf. In der Ferne hörte man Geräusch von Schritten in der Ebene. Wahrscheinlich nahte eine Patrouille. Der Officier murmelte – denn noch lag der Todeskampf in seiner Stimme –: »Wer hat die Schlacht gewonnen?« »Die Engländer,« antwortete der Marodeur. Der Officier erwiederte: »Durchsuchen Sie meine Taschen, Sie werden eine Börse und eine Uhr in denselben finden. Nehmen Sie Beides.« Das war schon geschehen. Der Marodeur that so als suche er und sagte: »Es ist nichts da.« »So hat man mich bestohlen,« erwiederte der Officier. »Es thut mir leid. Ich hätte es Ihnen gern gegeben.« Die Schritte der Patrouille wurden immer deutlicher. »Man kommt,« sagte der Marodeur und machte eine Bewegung, als wenn er gehen wollte. Der Officier hob mit Anstrengung den Arm in die Höhe, hielt ihn zurück und sagte: »Sie haben mir das Leben gerettet. Wer sind Sie?« Der Marodeur antwortete schnell und leise: »Ich gehöre wie Sie der französischen Armee an. Jetzt muß ich Sie verlassen. Wenn man mich ergriffe, würde man mich füsiliren. Ich habe Ihnen das Leben gerettet. Im Uebrigen müssen Sie sich jetzt selbst zu helfen suchen. »Welche Charge haben Sie?« »Sergeant.« »Wie heißen Sie?« »Thénardier.« »Ich werde niemals diesen Namen vergessen«, sagte der Officier. »Merken Sie sich auch den meinigen. Ich heiße Pontmercy.« Zweites Buch. Das Schiff Orion. I. Nummer 24,601 wird Nummer 9,430. Johann Valjean war wieder ergriffen worden. Man wird es uns Dank wissen, wenn wir uns bei diesen traurigen Einzelnheiten nicht aufhalten, sondern uns darauf beschränken, zwei durch die damaligen öffentlichen Blätter einige Monate nach den überraschenden Ereignissen in M... am M... mitgetheilten Nachrichten hier wieder zu geben. Dieselben sind ein wenig kurz. Man mag sich jedoch daran erinnern, daß damals noch keine Gerichtszeitung existirte. Die erste Nachricht entnehmen wir dem Drapeau blanc . Sie ist vom 25. Juli 1823 datirt und lautet: »Ein Arrondissement des Pas de Calais ist der Schauplatz einer nicht ungewöhnlichen Begebenheit gewesen. Ein im Departement nicht ortsangehöriger, dorthin zugegangener Mann Namens Madeleine hatte zufolge einiger neuen Vorrichtungen einen alten, in der Gegend von Alters her gepflegten Industriezweig, die Fabrikation grüner Glaswaaren sehr gehoben. Er hatte nicht nur sein Glück dabei gemacht, sondern auch das des Arrondissements und wurde er in Anerkennung dessen zum Maire ernannt. Die Polizei entdeckte aber, daß Madeleine ein früherer Sträfling Namens Johann Valjean sei, welcher im Jahre 1796 wegen Diebstahls verurtheilt worden und nachträglich die ihm durch die Polizei-Aufsicht auferlegten Beschränkungen verletzt hatte, weshalb er wieder in den Bagno gebracht worden ist. Vor seiner Verhaftung scheint es ihm geglückt zu sein, diejenigen Summen, welche er bei Lafitte in Höhe von wohl einer halben Million deponirt hatte, erhoben zu haben, welches Geld er übrigens, wie man sagt, ehrlich im Handel erworben haben soll. Der Ort, wo er die Summen vor seiner Verhaftung zu verbergen gewußt, ist bis jetzt unbekannt geblieben.« Der zweite Artikel aus dem Journal de Paris von demselben Datum ist ein wenig umständlicher und lautet wie folgt: »Ein früherer, aus dem Bagno zu Toulon freigelassener Sträfling Namens Johann Valjean hat dieser Tage unter Aufsehen erregenden Umständen vor den Assisen zu Var gestanden. Es war dem Verbrecher gelungen die Wachsamkeit der Polizei zu täuschen. Nachdem er sich einen anderen Namen gegeben, war es ihm geglückt, sich zum Maire einer kleinen Stadt im Norden ernennen zu lassen, woselbst er einen ziemlich beträchtlichen Handel betrieb. Endlich, in Folge unermüdlichen Eifers des öffentlichen Ministeriums, wurde er entlarvt und verhaftet. Seine Concubine, ein öffentliches Mädchen, starb vor Schreck hierüber. Der mit herculischer Kraft ausgestattete Bösewicht hatte Mittel gefunden, aus dem Gefängnisse zu entfliehen. Drei oder vier Tage nach seiner Flucht wurde er jedoch von der Polizei und zwar in Paris wieder ergriffen, als er in einen jener kleinen Wagen steigen wollte, welche von der Hauptstadt nach dem Dorfe Montfermeil die Tour machen. Er soll die kurze Zeit seiner Freiheit dazu benutzt haben, beträchtliche Summen, die er bei einem der ersten Bankiers deponirt hatte, zu heben. Man schätzt dieselben auf 6-700,000 Francs. Nach dem Anklageakte hat er sie an einem Orte verborgen, welcher nur ihm allein bekannt ist und welchen man bisher noch nicht hat entdecken können. Wie dem aber auch sei, der erwähnte Johann Valjean ist vor die genannten Assisen wegen auf öffentlicher Straße mit Gewalt verübten Diebstahls gestellt worden, welchen er vor ungefähr acht Jahren gegen einen armen Savoyardenknaben verübt haben soll. Der Bandit hatte auf die Verteidigung verzichtet. Die gewandte und beredte Rede des Staatsanwalts wies nach, daß Johann Valjean Complicen gehabt und zu einer Räuberbande gehört habe, welche damals im Süden hauste. Johann Valjean wurde in Folge dessen für schuldig befunden und zum Tode verurtheilt. Das Rechtsmittel der Cassation weigerte er sich zu ergreifen. Der König aber in seiner unerschöpflichen Milde hat geruht, seine Strafe in lebenswierige Zwangsarbeit zu verwandeln. Johann Valjean verbüßt seine Strafe im Bagno zu Toulon.« Diesmal bekam Johann Valjean im Bagno eine andere Nummer. Er hieß jetzt 9430. Uebrigens war mit Madeleine der Segen aus M... am M... verschwunden. Alles, was er in jener Fiebernacht vorausgesehen hatte, trat ein: mit ihm fehlte die Seele des Ganzen. Neid und Eifersucht erhoben sich. Alles geschah jetzt im Kleinen, statt im Großen; alles geschah des Gewinnes wegen, anstatt auch im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt. Der Mittelpunkt fehlte, überall herrschte Concurrenz und Erbitterung. Man verfälschte die Zubereitungsart, man untergrub das Vertrauen, Absatz und Aufträge verringerten sich. Das Arbeitslohn wurde gedrückt, die Werkstätten geschlossen, der Bankerutt blieb nicht aus. Nach seinem Falle war in M... am M... jene egoistische Theilung gefallener großer Existenzen eingetreten, jene verderbliche Zerstückelung alles Blühenden, welche in der menschlichen Gesellschaft täglich im Schatten derselben vor sich geht und welche die Geschichte nur Ein Mal vermerkt hat, das ist nach dem Tode Alexanders, wo die Generale sich als Könige krönen ließen. Hier machten sich die Gesellen zu Meistern. Auch der Staat merkte, daß hier irgendwo eine Vernichtung Statt gefunden. Weniger als vier Jahre schon nach der Constatirung der Identität Madeleine's mit Johann Valjean betrugen die Steuereinziehungskosten im Arrondissement M... am M... doppelt so viel als früher. Der Finanzminister Villéle bemerkte dies im Februar 1827 auf der Rednerbühne. II. Wo man zwei Verse lesen wird, welche vielleicht den Teufel zum Autor haben. Ehe wir weiter fortfahren, ist es nothwendig eines eigenthümlichen Ereignisses zu gedenken, welches sich ungefähr zu derselben Zeit in Montfermeil zutrug und vielleicht mit gewissen Muthmaßungen des öffentlichen Ministeriums in Verbindung steht. In der Gegend von Montfermeil herrscht ein alter Aberglaube, welcher desto sonderbarer ist, als ein Aberglaube in der Nachbarschaft von Paris wie eine Aloe in Sibirien erscheint. Man glaubte nämlich, daß seit undenklichen Zeiten der Teufel den Wald bei Monfermeil sich auserwählt habe, um darin seine Schätze zu verbergen. Die alten Frauen erzählen, daß man nicht selten beim Untergange der Sonne in abgelegenen Theilen des Gehölzes einen schwarz gekleideten Mann mit Holzschuhen, leinenen Hosen und einem leinenen Kittel begegne, welcher wie ein Kärrner oder Köhler aussehe und an der Stelle, wo andere Leute einen Hut oder eine Mütze tragen, zwei ungeheuere Hörner auf dem Kopfe habe. Das ist allerdings ein unbestreitbares Kennzeichen. Gewöhnlich sei dieser Mann damit beschäftigt ein Loch in die Erde zu graben. Es gebe drei Arten, wie man sich bei diesem Begegnen aus der Affaire ziehen könne. Ein Mal, wenn man an den Mann herantritt und ihn anspricht. Dabei gewahrt man, daß der Mann ein ganz gewöhnlicher Bauer ist, der nur wegen der Dunkelheit schwarz aussieht, daß er gar kein Loch gräbt, sondern Gras für die Kühe abschneidet und daß das, was man auf seinem Kopfe für Hörner angesehen, nichts anderes als eine Heugabel ist, welche er auf seinem Rücken trägt und die im Abenddunkel so aussieht, als wäre sie ihm aus dem Kopfe gewachsen. Kommt man aber nach Hause, so stirbt man noch in derselben Woche. Die zweite Methode besteht darin, daß man ihn von Ferne beobachtet, ihn ruhig sein Loch graben läßt und abwartet bis er damit fertig ist und wieder weiter geht, und daß man dann schnell herzu läuft und das Loch aufmacht, um den »Schatz« herauszunehmen. In diesem Falle stirbt man noch in demselben Monate. Die dritte Art endlich ist die, daß man zu dem schwarzen Manne gar nicht spricht, ihn gar nicht ansieht und schnellstens davon läuft. Dann stirbt man erst im Laufe des Jahres. Da alle diese drei Methoden ihre Inconvenienzen haben, die zweite aber doch wenigstens einige Vortheile bietet, unter andern den, einen Schatz und wenn auch nur einen Monat lang zu besitzen, so machte man gewöhnlich von dieser Gebrauch, Die alle Chancen Versuchenden muthigen Menschen haben also, wie Versichert wird, oft genug versucht, die von dem Schwarzen gegrabenen Löcher zu öffnen und den Teufel zu bestehlen. Der Erfolg scheint jedoch ein nur mittelmäßiger gewesen zu sein, wenigstens wenn man der Tradition glauben will und namentlich den beiden räthselhaften Versen im barbarischesten Latein, welche ein schlechter normannischer Mönch, eine Art Zauberer mit Namen Tryphon hierüber hinterlassen hat: Fodit et in fossa thesauros condit opaca, As, nummos, lapides, simulacra, cadaver, nihilque Er gräbt und verbirgt in dunkler Grube Schätze: ein As, Kupfermünzen, Steine, Leichname – weiter nichts. Denn was findet man, wenn man nach den ungeheuersten Anstrengungen endlich so weit zu sein glaubt, den »Schatz« zu heben? Worin besteht der Schatz des Teufels? Ein Sous, manchmal ein Thaler, ein Stein, ein Todtengerippe, ein blutiger Leichnam, zuweilen auch gar nichts. Heutzutage findet man wahrscheinlich auch hin und wieder ein Pulverhorn mit Kugeln oder ein etwas abgenutztes Spiel Karten, mit dem der Teufel wahrscheinlich gespielt hatte. Von solchem Fund kann Tryphon nicht sprechen, weil er im zwölften Jahrhundert lebte und der Teufel nicht so gescheidt gewesen zu sein scheint, vor Roger Bacon das Pulver und vor Karl VI. die Karten erfunden zu haben. Wenn man übrigens mit diesen Karten spielt, so verliert man gewiß sein ganzes Hab und Gut, und wenn man mit dem Pulver schießt, so zerspringt Einem die Flinte gewiß in der Hand. – Kurz nach der Zeit, als das öffentliche Ministerium vermuthete, der freigelassene Sträfling Johann Valjean habe sich während der wenigen Tage seiner Flucht in der Gegend von Montfermeil herumgetrieben, machte man in dem Dorfe die Bemerkung, daß ein alter Straßenarbeiter mit Namen Boulatruelle im Gehölz »seine Gänge« habe. Man glaubte in der Gegend zu wissen, daß dieser Boulatruelle im Bagno gesessen. Er stand gewissermaßen unter Polizeiaufsicht und da er nirgends Arbeit fand, so verwendete ihn die Verwaltungsbehörde als Arbeiter auf der Querstraße von Gagny nach Lagny. Dieser Mann hatte nur Eins für sich, daß er meist betrunken war. Sonst war er über alle Maaßen höflich, demüthig, nahm vor Jedermann die Mütze ab, zitterte und lächelte vor den Gensdarmen und stand wahrscheinlich mit Diebesbanden in Verbindung, wie man wenigstens sagte, und wurde auch verdächtigt, in der Dämmerung in abgelegenen Orten im Hinterhalt zu liegen. Man glaubte nun Folgendes bemerkt zu haben: Seit einiger Zeit verließ Boulatruelle sehr zeitig seine Arbeit und ging mit seiner Hacke in den Wald. Gegen Abend begegnete man ihm in den ödesten Lichtungen, in den wildesten Dickichten, als suche er etwas, zuweilen sah man ihn auch Löcher graben. Die alten Weiber, welche vorüber gingen, hielten ihn Anfangs für den Beelzebub, dann erkannten sie ihn zwar, waren aber dadurch keineswegs beruhigt und fürchteten sich nicht weniger. Diese Begegnungen schienen Boulatruelle selbst sehr unangenehm zu sein. Es war offenbar, daß er ungesehen sein wollte und daß er sich mit etwas Geheimnißvollem beschäftigte. In dem Dorfe hieß es: »Ganz gewiß hat sich der Teufel wieder gezeigt. Boulatruelle hat ihn gesehen und sucht ihn. Er möchte den Schatz des Schwarzen finden.« – Die Ungläubigen fügten hinzu: »Wird Boulatruelle den Teufel oder der Teufel Boulatruelle attrapiren?« – Die alten Weiber machten fleißig das Zeichen des Kreuzes. Unterdeß hörte das Treiben Boulatruelle's in dem Walde auf und er nahm regelmäßig seine Straßenarbeiten wieder auf. Man sprach von etwas Anderem. Einige Personen indeß waren neugierig geblieben und meinten, es handele sich hier wahrscheinlich nicht um fabelhafte Sagenschätze, sondern um einen ernsthafteren und fühlbareren Fund als die Banknoten des Teufels, hinter dessen Geheimniß der Straßenarbeiter mehr oder weniger gekommen sein muß. Diejenigen, welche sich am meisten hierauf »verspitzt« hatten, waren der Schulmeister und der Schankwirth Thenardier, welcher letztere Jedermanns Freund war und es auch nicht verschmäht hatte, sich mit Boulatruelle zu liiren. »Er ist im Zuchthause gewesen,« sagte Thenardier, »Ach du mein Gott, wer weiß, wer jetzt darin ist und noch hinein kommen kann.« Eines Abends behauptete der Schulmeister, daß früher die Justiz sich darum gekümmert haben würde, was Boulatruelle in dem Walde vornehme, ihn auch sehr bald zum Sprechen, und zwar im Nothfalle durch die Folter gebracht haben würde. Der Wasserprobe zum Beispiel hatte er gewiß nicht Stand gehalten. »Wir wollen ihn auf die Weinprobe nehmen,« sagte Thenardier. Man that sich zusammen und gab dem alten Straßenarbeiter zu trinken. Er trank ungeheuer viel und sprach sehr wenig. Er vereinigte mit bewunderungswürdiger Kunst den Durst eines Schlemmers mit der Vorsicht eines Richters. Man ließ ihm indeß keine Ruhe und bedrängte ihn immer mehr, so daß er einige dunkele Worte fallen ließ, aus denen der Schulmeister und Thenardier Folgendes abnehmen zu können glaubten. Boulatruelle sei eines Morgens, als er bei Tagesanbruch an seine Arbeit gegangen, durch den Anblick einer Hacke und einer Schaufel an einer Stelle des Waldes, unter Gebüsch versteckt, überrascht worden; er habe geglaubt, sie gehörten dem Vater Fix Fours, dem Wasserträger, und nicht weiter daran gedacht. Am Abend desselben Tages aber habe er, ohne selbst gesehen zu werden, da ihn ein dicker Baum verborgen, von der Straße nach dem dichtesten Walde einen Mann gehen sehen, »einen sonderbar aussehenden Mann, der nicht aus der Gegend gewesen, den er, Boulatruelle aber sehr wohl gekannt,« d. h. (wie Thenardier übersetzte) einen Kameraden aus dem Bagno. Boulatruelle hatte jedoch hartnäckig den Namen nicht genannt. Der Mann habe ein Packet getragen, etwas Viereckiges, das wie eine große Schachtel oder ein kleiner Koffer ausgesehen. Boulatruelle sei überrascht gewesen, aber erst nach sieben oder acht Minuten auf den Gedanken gekommen, dem sonderbaren Manne nachzugehen. Da sei es schon zu spät gewesen, weil es Nacht geworden, der Mann im Dickicht verschwunden und Boulatruelle ihn nicht mehr habe einholen können. Er hätte sich nun entschlossen, an dem Waldrande zu warten und Acht zu geben. »Es war nämlich Mondschein.« Zwei oder drei Stunden nachher habe Boulatruelle den sonderbaren Mann aus dem Walde wieder herauskommen sehen, welcher aber jetzt nicht mehr das Kästchen, wohl Hacke noch und Schaufel getragen. Er habe ihn gehen lassen und nicht daran gedacht, ihn anzureden, weil er sich gesagt, daß der Andere dreimal stärker als er und mit einer Hacke bewaffnet sei, und er ihn wahrscheinlich todtschlagen würde, wenn er ihn erkenne und sich erkannt sehen möchte. Eine rührende Begegnung zweier aller Kameraden! Die Schaufel und die Hacke waren aber ein Lichtstrahl für Boulatruelle gewesen; des Morgens sei er ins Gebüsch gegangen, hätte jedoch weder Hacke noch Schaufel wieder gefunden. Daraus habe er geschlossen, der Sonderbare habe im Dickicht ein Loch gegraben, das Kästchen hineingelegt und das Loch mit der Schaufel wieder zugemacht. Da der Kasten zu klein gewesen, als daß er einen Leichnam hätte enthalten können, so müsse Geld darin gewesen sein. Dieser Grund habe seine Nachforschungen veranlaßt. Er habe den ganzen Wald durchforscht, sondirt und durchstöbert und überall gegraben, wo ihm die Erde frisch aufgeschüttet vorgekommen. Vergebens. Er hatte nichts gefunden. Niemand in Montfermeil dachte mehr daran, nur einige Klatschschwestern sagten: »Der Kerl, der Straßenarbeiter von Gagny hat gewiß das Alles nicht umsonst gethan; es ist gewiß, der Teufel ist dagewesen.« III. Die Kette der Beinschelle mußte wohl vorher schon bearbeitet gewesen sein, weil sie beim ersten Hammerschlage schon zerbrach. Gegen das Ende des Octobers in demselben Jahre 1823 sahen die Bewohner von Toulon das Schiff »Orion«, das später in Brest als Schulschiff benutzt wurde und damals zum Mittelmeergeschwader gehörte, in Folge eines großen Sturmes in den Hafen kommen, um einige Schäden auszubessern, ^ Dieses ganz krüppelhaft gemachte Schiff, denn das Meer hatte es tüchtig mißhandelt, machte bei der Einfahrt in die Rhede Aufsehen. Es führte ich weiß nicht mehr welche Flagge, welche ihm eine reglementsmäßige Begrüßung von elf Kanonenschüssen einbrachte, die es Schuß auf Schuß erwiederte, so daß dabei im Ganzen 22 Kanonenschüsse fielen. Man hat berechnet, daß in Salven, königlichen und militärischen Artigkeiten und höflichem Donneraustausch, in Etiquettesignalen, Rhede- und Citadelleformalitäten, täglicher Begrüßung des Sonnenauf- und Unterganges durch alle Festungen und Kriegsschiffe, die civilisirte Welt auf der ganzen Erde alle vierundzwanzig Stunden hundertundfünfzigtausend nutzlose Kanonenschüsse verschießt. Den Schuß zu sechs Francs gerechnet, macht täglich 900,000 Francs, die in Rauch aufgehen. Das ist nur Eins. Unterdeß sterben die Armen vor Hunger. Das Jahr 1823 war dasjenige, welches die Restauration »die Zeit des spanischen Kriegs« nannte. Dieser Krieg enthielt viel Ereignisse und viele Seltsamkeiten. Er war weiter nichts als eine große Familienangelegenheit für das Haus Bourbon, wobei die französische Linie der in Madrid Hilfe leistete, d. h. einen Act der Aeltergeburt ausübte. Er war scheinbar eine Rückkehr zu den französischen nationalen Traditionen, aber in Verbindung mit der Unterwürfigkeit unter die nordischen Cabinete. Der Herzog von Angoulême, den die liberalen Blätter »den Helden von Andujar« nannten, drückte in einer triumphirenden Stellung, der aber sein friedliches Aussehen ein Wenig widersprach, den alten, sehr reellen Terrorismus des Inquisitionsgerichtes nieder, welcher mit dem chimärischen Terrorismus der Liberalen im Kampfe war; die Sansculotten waren zum großen Entsetzen der vornehmen alten Weiber unter dem Namen der descamisades wieder aufgestanden; der Monarchismus widerstand dem Anarchie genannten Fortschritte; die Theorieen von 1789 waren plötzlich auf ihrem Wege unterbrochen worden; es war ein Holla, das Europa der französischen Idee auf ihrem Wege um die Welt freundschaftlich zurief. Neben dem Sohne Frankreichs als Generalissimus hatte sich der Prinz von Carignan, später Carl Albert, in diesem Kreuzzuge der Könige gegen die Völker als Freiwilliger mit rothwollenen Grenadier Epauletten anwerben lassen. Die Soldaten des Kaiserreichs zogen wiederum in das Feld, aber nach achtjähriger Ruhe, alt geworden, traurig und mit weißer Cocarde. Die dreifarbige Fahne wurde in der Fremde von einer Handvoll heldenmüthiger Franzosen geschwungen, wie dreißig Jahre vorher die weiße Fahne zu Coblenz; Mönche mischten sich unter die Truppen; der Geist der Freiheit und der Neuerung wurde durch Bayonette zurecht gewiesen, Prinzipien wurden durch Kanonen matt gesetzt; Frankreich riß durch seine Waffen ein, was sein Geist gebaut hatte. Uebrigens wurden die feindlichen Führer erkauft und Städte mit Geld belagert. Es gab keine militärischen Gefahren und doch möglicherweise Explosionen wie in jeder unterirdischen Mine, welche man das erste Mal betritt. Es wurde wenig Blut vergossen, wenig Ehre erworben, Schande für Einige, Ruhm für Niemanden. So war dieser Krieg, welchen Fürsten gemacht, die von Ludwig XIV. abstammten, und Generale anführten, die aus der napoleonischen Schule stammten. Noch von einem andern Gesichtspunkte aus betrachtet, den wir ebenfalls angeben müssen, erzürnte dieser Krieg, welcher in Frankreich den militärischen Geist verletzte, den demokratischen Geist. Es war ein Knechtungsunternehmen. In diesem Feldzuge war der Zweck des französischen Soldaten, des Sohnes der Demokratie, die Eroberung eines Joches für einen Andern, ein scheußlicher Widersinn. Frankreich ist dazu da, die Seele der Völker zu wecken, nicht sie zu ersticken. Seit 1792 sind alle Revolutionen Europa's die französische Revolution. Die Freiheit breitet ihre Strahlen von Frankreich aus. Dies ist die Sonne. Ein Blinder, der es nicht sieht. Bonaparte hat es gesagt. Der Krieg von 1823, ein Attentat gegen die edle spanische Nation, war also gleichzeitig ein Attentat gegen die französische Revolution. Diese ungeheuerliche That beging Frankreich, aber gezwungen, denn, abgesehen von Freiheitskriegen, thun die Armeen alles gezwungen. Der Ausdruck »passiver Gehorsam« zeigt es an. Eine Armee ist ein seltsam combinirtes Meisterstück: hier ist die Macht das Resultat einer ungeheuren Masse von Ohnmacht. So erklärt sich der Krieg, den die Menschheit gegen die Menschheit trotz der Menschheit führt. Den Bourbons war der Krieg von 1823 verhängnißvoll. Sie hielten ihn für einen Erfolg und sahen die Gefahr nicht, eine Idee durch eine Ordre tödten zu lassen. Sie verfielen in den furchtbaren Irrthum, den Gehorsam des Soldaten für die Einwilligung der Nation zu halten. Dieses Vertrauen richtet die Throne zu Grunde. Man darf weder im Schatten des Manzanillo Ein giftiger Baum auf den Antillen. , noch im Schatten einer Armee einschlafen. Kehren mir zu dem Kriegsschiffe Orion zurück. Während der Operation der Armee unter dem Commando des Prinzen-Generalissimus kreuzte ein Geschwader im Mittelmeere. Wir haben schon erwähnt, daß der »Orion« zu diesem Geschwader gehörte, so wie auch, daß ihn Sturm in den Hafen von Toulon geführt hatte. Die Anwesenheit eines Kriegsschiffes in einem Hafen hat ein gewisses Etwas, das stets in hohem Maaße die Menge anzieht und beschäftigt. Es ist etwas Großartiges und das liebt das Volk. Ein Linienschiff gehört zu dem Großartigsten, was der Geist des Menschen der Macht der Natur entgegenstellt. Ein Linienschiff besteht gleichzeitig aus dem Schwersten und aus dem Leichtesten, weil es gleichzeitig mit den drei Formen der Substanz zu thun hat, mit dem Festen, mit dem Flüssigen und der Luft, und weil es mit allen Dreien kämpfen muß. Es hat elf eiserne Klauen um den Granit aus dem Grunde des Meeres fassen zu können, und mehr Flügel und mehr Fühlhörner als die Insekten, welche in den Wolken stiegen. Sein Athem steigt empor aus seinen hundertundzwanzig Kanonen wie aus ungeheuren Trompeten und stolz antwortet es dem Blitze. Der Ocean sucht es irre zu führen in der schrecklichen Aehnlichkeit seiner Wogen, das Schiff aber hat seinen Geist, die Magnetnadel, die ihm Rath ertheilt und es immer nach Norden weiset. In dunkeln Nächten ersetzen seine Laternen die Sterne. So hat es gegen den Wind Tau und Segel, gegen das Wasser Holz, gegen den Felsen Eisen, Kupfer und Blei, gegen die Dunkelheit Licht, gegen die Unermeßlichkeit eine Nadel. Wenn man sich eine Vorstellung von allen diesen riesenhaften Verhältnissen machen will, die zusammen ein Linienschiff bilden, so braucht man nur in einen der sechsstöckigen, bedeckten Kiele in einem Hafen, von Brest oder Toulon, sich zu begeben. Da liegen die im Bau begriffenen Schiffe so zu sagen unter der Glocke. Dieser ungeheure Balken ist eine Raa; diese dicke, hölzerne Säule, die unabsehbar lang am Boden liegt, ist der große Mast. Von seiner Wurzel aus im Kielräume bis zu seiner Spitze in den Wollen ist er sechszig Klaftern lang und an der Basis hat er einen Durchmesser von drei Fuß. Der große englische Mast erhebt sich zweihundertundsiebzehn Fuß über die Wasserlinie empor. Die Marine unserer Vorfahren benutzte Taue, die unsrige Ketten. Der Kettenhaufe eines gewöhnlichen Schiffes von hundert Kanonen ist vier Fuß hoch, zwanzig Fuß breit und acht Fuß tief. Und wieviel Holz braucht man zum Bau eines solchen Schiffes? Dreitausend Steren. Es ist ein schwimmender Wald. Und dann berücksichtige man, daß es sich hier nur um ein Kriegsschiff vor vierzig Jahren, um ein einfaches Segelschiff handelt. Der Dampf, welcher damals noch in der Kindheit war, hat jenem Wunder, das man ein Kriegsschiff nennt, neue Wunder hinzugefügt. Jetzt ist ein Schraubendampfer z. B. eine überraschende Maschine, welche über eine Segelfläche von dreitausend Quadratmeter durch einen Kessel von dritthalbtausend Pferdekraft in Bewegung gesetzt wird. Ohne von diesen neuen Wundern zu sprechen, ist das alte Schiff des Columbus und Ruyters eines der größten Meisterwerke des Menschen. Es ist ebenso unerschöpflich an Kraft, wie das Unendliche an Winden; es sammelt den Wind in seinen Segeln, ist genau in der unermeßlichen Zertheilung der Wogen, schwimmt und regiert. Aber es kommt eine Stunde, in welcher der Sturm diese Raa von sechszig Fuß Länge wie einen Strohhalm zerbricht, der Wind diesen Mast von Vierhundert Fuß Höhe beugt wie eine Binse, in welcher der centnerschwere Anker in dem Wogenschlunde sich krümmt wie der Angelhaken eines Fischers in der Kinnlade eines Hechtes, in welcher die ungeheuren Kanonen ein klagendes, nutzloses Brüllen ausstoßen, das der Orkan in die Oede und in die Nacht hinausträgt, in welcher alle diese Macht und Majestät stürzen in den Abgrund einer höheren Macht und Majestät. So oft eine unermeßliche Kraft unermeßliche Schwäche geworden, wird der Mensch nachdenklich. Das ist der Grund, weshalb sich in den Häfen so viele Neugierige einfinden, ohne daß sie selbst sich das Warum erklären könnten und diese wunderbaren Maschinen des Kriegs und der Schifffahrt betrachten. Alle Tage also, vom Morgen bis zum Abend waren die Quais und Dämme des Hafens von Toulon mit einer Menge Müßiger und Neugieriger bedeckt, die nichts weiter zu thun hatten, als den »Orion« zu betrachten. Der »Orion« war ein seit langer Zeit krankes Schiff. Auf seinen früheren Fahrten hatten sich dichte Lager von Muscheln an seinem Kiel angehäuft, so daß er die Hälfte seiner Schnelligkeit verlor. Im Jahre vorher hatte man ihn auf das Trockene gebracht, um die Muscheln abzukratzen, dann war er wieder in das Meer gegangen. Dadurch aber, durch das Abkratzen, hatten die Kiel-Bolzen gelitten. Auf der Höhe der Balearen war die Bordirung schwach geworden und hatte sich geöffnet, so daß Wasser in das Schiff eindrang. Dazu kam, daß ein heftiger Aequinoctialsturm das Schiff überraschte. In Folge des dadurch erlittenen Schadens war der Orion nach Toulon zurückgekehrt. Er hatte in der Nähe des Arsenals Anker geworfen, wo man ihn ausbesserte. Die Schale am Steuerbord war nicht beschädigt, einige Planken aber waren hier und da losgenagelt, um Luft in den inneren Schiffsraum zu lassen. Eines Morgens war die zuschauende Menge Zeuge eines Vorfalls. Die Mannschaft war beschäftigt, die Segel an die Raaen zu befestigen. Ein Mann, welcher am Marssegel des Steuerbords beschäftigt war, verlor das Gleichgewicht. Man sah ihn wanken; die auf dem Quai versammelte Menge stieß einen Schrei aus; der Kopf riß den Körper mit fort und der Mann drehte sich, die Hände nach dem Abgrunde zu ausgestreckt, um die Ran herum. Es gelang ihm hierbei zuerst mit der einen, dann mit der andern Hand ein Tau zu erfassen. In dieser Stellung blieb er hängen. Das Meer lag in schwindelnder Tiefe unter ihm. Der Mann schwang auf seiner Strickschaukel, an dem Ende des Taues hin und her wie der Stein einer Schleuder. Ihm helfen hieß sich grauenhafter Gefahr aussetzen. Keiner der Matrosen, keiner der neu zum Dienst ausgehobenen Fischer wagte es, sich in dieses Abenteuer zu stürzen. Unterdeß ermüdete der Unglückliche; man konnte zwar die Todesangst in seinem Gesicht nicht erkennen, an allen seinen Gliedern aber bemerkte man seine Erschöpfung. Seine Arme wanden sich in krampfhafter Pein. Jede seiner Anstrengungen sich emporzuarbeiten, vermehrte die schwankenden Bewegungen des Taues. Aus Furcht nicht noch mehr Kräfte zu verlieren, schrie er nicht. Man wartete nur noch auf die Minute, in welcher er das Tau werde loslassen müssen und mehrmals wendeten sich aller Augen ab, um ihn nicht stürzen zu sehen. Es giebt Augenblicke, in denen ein Tauende, eine Stange, ein Baumast das Leben selbst ist. Es ist schrecklich, wenn man ein lebendes Wesen sich davon loslösen und fallen sieht, wie eine reife Frucht. Plötzlich sah man einen Mann, welcher mit der Gewandheit einer Tigerkatze in dem Takelwerk emporkletterte. Dieser Mann war roth gekleidet, er war ein Sträfling. Er hatte eine grüne Mütze, er war also ein lebenswierig Verurtheilter. Als er bis in die Höhe des Mastkorbes gekommen war, entführte ihm ein Windstoß die Mütze und ließ einen ganz weißen Kopf erblicken. Es war kein junger Mann. Ein Sträfling nämlich, der mit einer Schaar Arbeiter aus dem Bagno am Bord arbeitete, war gleich beim Eintreten der Gefahr zu dem wachthabenden Offizier gelaufen und hatte, mitten in dem Schreck und der Verwirrung der Mannschaft, um die Erlaubniß gebeten, sein Leben wagen zu dürfen, um den Mann im Mast zu retten. Auf den bejahenden Wink des Offiziers hatte er mit einem einzigen Hammerschlage die Ketten an seiner Beinschelle zerschlagen, dann ein Tau erfaßt und sich an der Strickleiter der Masten emporgeschwungen. Niemand beachtete in diesem Augenblicke, mit welcher Leichtigkeit die Kette zerbrochen worden war. Erst später erinnerte man sich daran. In einem Nu war er oben auf der Raa. Einige Secunden blieb er stehen und schien sie mit dem Blicke zu messen. Diese Secunden, in denen der Wind den Mann wie an einem Faden schaukelte, kamen den Zuschauern wie Jahre vor. Endlich erhob der Sträfling die Augen zum Himmel und that einen Schritt vorwärts. Die Menge athmete auf. Rasch lief er auf der Raa hin. Am Ende derselben angelangt, befestigte er ein Ende des Taues, das er mit sich genommen hatte, und ließ das andere herunterhängen, dann begann er mit den Händen längs des Taues hinunter zu steigen, und endlich sah man mit unbeschreiblicher Angst über dem Abgrunde statt eines Menschen zwei hängen. Es war als wenn eine Spinne eine Fliege ergriff: nur brachte hier die Spinne Leben, nicht Tod. Zehntausend Augen waren auf diese Gruppe gerichtet. Nicht ein Schrei, nicht ein Wort ließ sich hören; dasselbe Beben zog alle Brauen zusammen. Jeder Mund hielt den Athem an, als fürchte er dem Winde, der die beiden Unglücklichen schüttelte, auch nur noch einen Hauch hinzuzufügen. Unterdessen war es dem Sträflinge gelungen, mit dem Tau bis in die Nähe des Matrosen sich hinunterzulassen. Es war die höchste Zeit, denn eine Minute länger und der Mann würde ermattet und verzweifelt in den Abgrund gestürzt sein. Der Sträfling hatte ihn fest mit dem Tau angebunden, an das er sich mit der einen Hand hielt, während er mit der andern arbeitete. Endlich sah man ihn auf die Raa wieder hinaufsteigen und den Matrosen auf dieselbe hinaufziehen. Hier hielt er ihn eine Zeitlang fest, damit er seine Kräfte wieder sammle, dann nahm er ihn in seine Arme und trug ihn auf der Raa hin bis zum Eselskopf Eine Stelle in den Masten. und von da in den Mastkorb, wo er ihn den Händen der Kameraden überließ. In diesem Augenblicke jubelte die Menge Beifall. Mancher alte Sträflingsaufseher weinte, die Frauen auf dem Quai umarmten sich. Alles rief mit einer so zu sagen durch milde Stimmung gedämpften Wuth: »Gnade für den Mann!« Dieser selbst hatte sich angeschickt, sogleich wieder herunterzusteigen und zu den anderen Sträflingen zurückzukehren. Um dies schneller zu können, ließ er sich in dem Takelwerke heruntergleiten und lief auf einer der unteren Raaen hin. Aller Augen folgten ihm. In einem gewissen Augenblicke fürchtete man für ihn, denn man glaubte ihn zögern und schwanken zu sehen, entweder weil er ermattet war, oder weil ihm der Kopf drehte. Plötzlich stieß die Menge einen gewaltigen Schrei aus, der Sträfling war in das Meer gefallen. Der Fall war gefährlich. Die Fregatte Algesiras ankerte neben dem Orion und der arme Sträfling war zwischen die beiden Schiffe gefallen. Es stand zu befürchten, daß er unter das eine oder das andere komme. Vier Mann warfen sich eilig in ein Boot. Die Menge ermuthigte sie, noch einmal hatte Alle die Angst ergriffen. Der Mann war nicht wieder auf die Oberfläche empor gekommen. Er war im Meere verschwunden, ohne daß auch nur die leiseste Welle dadurch entstand, als wenn er in eine Oeltonne gefallen wäre. Man sondirte, man tauchte. Es war vergebens. Man suchte bis zum Abend; man fand nicht einmal den Leichnam. Am folgenden Tage standen in der Zeitung von Toulon nachstehende Zeilen abgedruckt: »17. November 1823. Gestern fiel Einer von den an Bord des Orion beschäftigten Sträflingen, nachdem er so eben einen Matrosen gerettet hatte, in das Meer und ertrank. Den Leichnam hat man nicht auffinden können. Man vermuthet, daß er unter das Mahlwerk der Spitze am Arsenal gerathen ist. Der Mann war unter Nummer 9430 eingetragen und hieß Johann Valjean!« Drittes Buch. Erfüllung des der Todten gegebenen Versprechens. I. Die Wasserfrage zu Montfermeil. Montfermeil liegt zwischen Livry und Chelles, auf dem Südrande jenes hohen Plateau's, welches Ourque von Marne trennt. Heute ist es ein ziemlich großer Flecken mit hübschen Häusern und des Sonntags heiter geschmückten Bewohnern. 1823 aber gab es zu Montfermeil weder so viele hübsche Besitzungen, noch so viele behaglich lebende Einwohner. Damals war es nur ein Dorf mit hölzernen Schaluppen. Hier und da begegnete man freilich gefälligen Gebäuden im Styl des vorigen Jahrhunderts. Nichtsdestoweniger war Montfermeil damals aber doch nur ein Dorf, ein friedlicher, reizender Ort, welcher an keiner Landstraße lag und wo man billig ein ländliches Leben verleben konnte. Das Wasser nur war knapp, weil das Terrain sehr hoch lag. Man mußte es weit holen gehen. Die Leute an dem einen Ende des Dorfes holten es aus den prächtigen Teichen im Gehölz, die am anderen, nach Chelles zu, mußten bis zur nächsten trinkbaren Wasserquelle eine Viertelmeile laufen. Bei dieser Unbequemlichkeit der Befriedigung des Wasserbedarfs benutzten die größeren Haushaltungen und die Thenardiersche Garküche einen Wasserträger, der bei seinem Geschäft täglich seine acht Sous verdiente. Der gute Mann arbeitete aber auch nur im Sommer bis sieben und im Winter bis fünf Uhr Abends, so daß, wenn es erst einmal Nacht geworden oder die Fensterläden geschlossen waren, Jeder sehen mußte, wie er sich Wasser verschaffe, wenn er es brauchte. Das war der Schrecken jenes armen Wesens, welches der Leser vielleicht noch nicht vergessen hat, der kleinen Cosette. Man erinnert sich, daß Cosette den Thenardiers in doppelter Weise von Nutzen war, von der Mutter ließen sie sich bezahlen, von dem Kinde bedienen. Das ist auch der Grund, weshalb wir in den früheren Capiteln mittheilen konnten, daß, als die Mutter zu zahlen aufhörte, die Thenardiers das Kind behielten. Sie ersetzte ihnen eine Magd. In dieser Eigenschaft war sie es auch, welche das nöthige Wasser holen mußte. Obwohl sie noch ein Kind war, und sie sich vor dem Gedanken, in der Nacht an die Quelle gehen zu müssen, sehr entsetzte, so sorgte sie doch immer dafür, daß es im Hause an Wasser nicht fehlte. Der Weihnachten 1823 war ganz besonders glänzend in Montfermeil. Der Anfang des Winters war sehr mild; es hatte noch nicht gefroren und noch nicht geschneit. Pariser Gaukler hatten von dem Maire die Erlaubniß erhalten, in der Hauptstraße des Dorfes ihre Buden aufzuschlagen, und eine Bande herumziehender Krämer hatte unter derselben Gnade ihre Stände auf dem Kirchplatze und selbst in dem Bäckergäßchen aufgestellt, in welchem, wie man sich vielleicht erinnert, die Thenardiersche Kneipe sich befand. Das war der Grund, daß die Schänken und Wirthshäuser sich füllten und in dem kleinen, stillen Orte ein geräuschvolles, lustiges Leben war. Als treue Geschichtsschreiber müssen wir sogar mittheilen, daß sich unter den auf dem Platz ausgekramten Sehenswürdigkeiten auch eine Menagerie befand, in welcher schreckliche Bajazzo's in Lumpen, welche, Gott weiß woher, waren, den Bewohnern von Montfermeil im Jahre 1823 einen jener schrecklichen brasilianischen Geier zeigten, welchen das Pariser Museum erst seit 1845 besitzt. Als Auge hatte er eine dreifarbige Cocarde. Einige alte bonapartistische Soldaten, welche sich in das Dorf zurückgezogen, betrachteten das Thier mit Verehrung. Die Gaukler gaben die dreifarbige Cocarde für ein einziges Phänomen aus, vom lieben Gott ausdrücklich für ihre Menagerie geschaffen. An demselben Weihnachtsabende saßen und tranken mehrere Männer, Fuhrleute und Hausirer, um vier oder fünf Talglichter in der niedrigen Gaststube Thenardiers. Dieselbe sah wie alle anderen Gaststuben aus: Tische, zinnerne Krüge, Flaschen, Trinker, Raucher, wenig Licht, viel Lärm. Das Jahr 1823 aber wurde durch zwei Gegenstände bezeichnet, welche damals in der Bürgerklasse Mode waren und auf dem Tische lagen, durch ein Kaleidoskop und eine lackirte Blechlampe. Die Thenardier besorgte das Abendbrod, das bei einem hellen, hübschen Feuer briet; er, der Thenardier, trank mit den Gästen und unterhielt sich mit ihnen über Politik. Außer den politischen Plaudereien, welche den spanischen Krieg und den Herzog von Angoulême zum Hauptgegenstande hatten, hörte man in dem Lärme auch ganz örtliche Paranthesen, wie: »Nach Nanterre und Suresne zu ist der Wein gut gerathen. Wo man sonst zehn Fässer bekam, hat man zwölf. – Aber die Trauben konnten doch nicht reif sein? – Dort brauchen sie nicht reif zu sein. Der Wein wird gut, sobald das Frühjahr kommt u. s. w.« – Oder ein Müller rief: »Sind wir denn verantwortlich für das, was in den Säcken ist? Wir finden eine Menge kleiner Körner darin, die auszusuchen wir uns doch nicht das Vergnügen machen können, und unter die Mühlsteine werfen müssen; es ist allerlei Unkraut darunter, die kleinen Steine ungerechnet, welche sich bei gewissen Getreidearten in Masse vorfinden. Was das für Mehl giebt, könnt Ihr Euch denken. Und doch klagt man über das Mehl. Das ist sehr unrecht. Es ist nicht unsere Schuld.« Zwischen zwei Fenstern sah ein Schnitter mit einem Grundbesitzer, welche den Preis einer Wiesenarbeit fürs Frühjahr behandelten. Der Schnitter sagte: »Es ist durchaus kein Unglück, wenn das Gras auch naß ist. Es haut sich besser. Der Thau ist ganz gut, mein Herr. Das wäre gleichgiltig, aber jung darf es nicht sein, und Ihr Gras ist noch sehr jung. Es ist zu [weich]. Es legt sich vor der Sense um.« Und so wurde noch viel dergleichen gesprochen. Cosette saß auf ihrem gewöhnlichen Platze, auf dem Querstücke des Küchentisches neben dem Heerde. Sie war in Lumpen gekleidet. Ihre bloßen Füße steckten in hölzernen Pantoffeln. Beim Scheine des Feuers strickte sie für die kleinen Thenardiers wollene Strümpfe. Ein kleines Kätzchen spielte unter den Stühlen. In einer anstoßenden Stube hörte man zwei frische Kinderstimmen lachen und scherzen; es waren Eponine und Azelma. Von Zeit zu Zeit drang das Weinen eines ganz kleinen Kindes, das sich irgendwo im Hause befand, mitten durch den Lärm der Schenke. Es war ein kleiner etwa drei Jahre alter Knabe, welchen die Thenardier in einem der vergangenen Winter bekommen hatte, ohne zu wissen, woher? wahrscheinlich in Folge der Kälte, wie sie sagte. Die Mutter hatte es getränkt, liebte es aber nicht. Wenn das Geschrei gar zu lästig wurde, sagte Thenardier: »Dein Junge schreit. Sieh doch nach, was er will.« »Bah!« antwortete sie; »er ist mir gar zu lästig.« – Und der verlassene Kleine schrie im Finstern weiter. II. Zwei vervollständigte Portraits. Bisher hat man die Thenardiers nur im Profil gesehen; jetzt ist es Zeit, um dies Paar herumzugehen und dasselbe in ihrem vollen Gesicht zu betrachten. Thenardier hatte sein fünfzigstes Jahr überschritten, sie näherte sich dem vierzigsten, welches bei der Frau das fünfzigste ist, so daß also zwischen Mann und Frau ein Gleichgewicht der Jahre Statt fand. Vielleicht haben die Leser von dem ersten Auftreten der Thenardier diese große, blonde, rothe, fette, fleischige, vierschrötige, colossale und gewandte Frau nicht vergessen. Sie besorgte alles in der Wirthschaft: Betten, Zimmer, Wäsche, die Küche, Regen, gutes Wetter und den Teufel. Ihr einziger Dienstbote war Cosette, ein Mäuschen im Dienste eines Elephanten. Alles zitterte bei dem Ton ihrer Stimme, die Fensterscheiben, die Möbels und die Leute. Sie hatte einen Bart, welcher in ihrem mit Sommersprossen gesprenkelten Gesicht paradirte. Sie war das Ideal eines Riesen der Halle in Weiberkleidung. Sie fluchte splendid und rühmte sich eine Nuß mit einem Faustschlage zerschlagen zu können. Ohne die Romane, welche sie gelesen hatte und welche sie wunderlicher Weise auf Augenblicke wie einen Affen in Wolfsgestalt aussehen ließen, würde es Niemanden eingefallen sein zu sagen: Das ist ein Weib. Diese Thenardier sah aus wie ein Wesen, welches seine Entstehung dem Umstande verdankt, daß man ein Mädchen auf ein Fischweib inoculirt hat. Wenn man sie reden hörte, glaubte man, ein Gensdarm spreche; sah man sie trinken, so sagte man: das ist ein Fuhrmann. Sah man wie sie Cosetten behandelte, so sagte man: sie ist ein Folterknecht. Waren ihre Gesichtszüge im Zustande der Ruhe, so sah ein Zahn aus ihrem Munde hervor. Der Thenardier war ein kleiner, magerer, blasser, dürrer, knochiger, schwächlicher Mann, der kränklich aussah, sich aber sehr wohl befand. Hier begann seine Betrügerei. Aus Vorsicht lächelte er gewöhnlich und war fast gegen alle Leute höflich, selbst gegen den Bettler, dem er den Sou abschlug. Er sah wie ein Hausmarder aus und zugleich wie ein Gelehrter. Den Portraits des Abbé Delille glich er sehr. Seine Koketterie bestand darin, daß er mit den Fuhrleuten trank. Noch Niemand hatte ihn betrunken machen können. Er rauchte aus einer dicken Pfeife, trug eine Blouse und unter dieser einen alten, schwarzen Rock. In Beziehung auf Literatur und materialistische Philosophie trat er mit gewissen Prätentionen auf. Um das, was er sagte, zuweilen zu bekräftigen, bediente er sich häufig der Namen Voltaires, Raynals, Parnys und seltsamer Weise auch des des heiligen Augustin. Er behauptete ein »System« zu haben. Uebrigens war er ein arger Gauner, ein Filousoph Wort im Originaltext, so viel bedeutend als philosophischer Filou. – solche Nuancen kommen vor. Man erinnert sich, daß er Soldat gewesen zu sein behauptete. Mit vielem Wohlbehagen erzählte er, daß er bei Waterloo als Sergeant in irgend einem sechsten oder neunten leichten Regiment allein gegen eine Schwadron Todten-Husaren mit seinem Leibe »einen gefährlich verwundeten General« gedeckt und mitten durch den Kugelregen hindurch gerettet habe. Daher schrieb sich sein flammendes Schild an der Mauer seines Hauses und die Benennung seines Wirthshauses: »Zum Sergeanten von Waterloo.« Er war liberal, classisch und bonapartistisch. Im Dorfe erzählte man, er habe studirt, um Geistlicher zu werden. Wir glauben, daß er einfach in Holland Gastwirth studirt hatte. Dieser Lump aus jener, aus Allerlei zusammengesetzten Menschenklasse war aller Wahrscheinlichkeit nach in Flandern ein Flamänder von Lille, in Paris ein Franzose, in Brüssel ein Belgier. Seine Heldenthat von Waterloo kennt man. Wie man sieht, übertrieb er sie ein wenig. Ebbe und Flut, Krümmungen, Abenteuer waren sein Lebenselement. Ein zerrissenes Gewissen zieht ein zerstückeltes Leben nach sich und wahrscheinlich gehörte Thenardier an dem stürmischen Tage des 18. Juni 1815 zu jenen Marketendern und Marodeuren, von denen wir gesprochen haben. Nach Beendigung des Feldzuges hatte er in Montfermeil eine Kneipe eröffnet, da er, wie er sagte, Etwas besaß »wovon«. Das »Wovon«, welches in Börsen und Uhren, goldenen Ringen und silbernen Kreuzen bestand, die er in der Erntezeit in den mit Leichen besäeten Feldern eingeerntet hatte, wollte jedoch nicht viel sagen und brachte den zum Wirth gewordenen Marketender nicht weit. Thenardier hatte etwas Rechtwinkliges in seiner Geberde, welche in Verbindung mit einem Fluche, an die Caserne und mit dem Zeichen des Kreuzes an das Seminar erinnert. Er war ein Schönredner und ließ sich gern für einen Gelehrten halten. Nichts destoweniger hatte der Schulmeister bemerkt, daß er »Schnitzer« machte. Mit Ueberlegenheit des Geistes schrieb er für die Reisenden die Rechnung, aber geübte Augen fanden bisweilen orthographische Fehler. Thenardier war ein Duckmäuser, ein Feinschmecker, ein Bummler, ein gewandter Kerl. Seine Dienstmädchen verschmähete er nie, weshalb seine Frau keine mehr hielt. Diese Riesin war eifersüchtig. Nach ihrer Meinung mußte der kleine magere, gelbliche Mann der Gegenstand des allgemeinen Wunsches sein. Obwohl Thenardier zu der gefährlichen Sorte der scheinheiligen Schurken gehörte, so konnte er doch auch, ebenso gut wie seine Frau zornig werden. Das geschah aber selten. Da er der ganzen menschlichen Gesellschaft grollte, einen wahren Glutofen von Haß in sich hatte, da er zu den Leuten gehörte, welche sich ewig rächen, welche Alles, was vor ihnen sich ereignet, anklagen, zu jenen Leuten, welche stets bereit sind dem Ersten Besten alle Täuschungen, alle zernichteten Hoffnungen, alle Unfälle ihres Lebens zur Last zu legen, so war Thenardier in den Augenblicken des Zornes, wo diese ganze Erbitterung sich in ihm erhob, dieser ganze Sauerteig in ihm aufstieg und ihm im Munde und in den Augen kochte, fürchterlich. Wehe dem, der da seiner Wuth in die Zähne lief! Außer allen seinen andern Eigenschaften war Thenardier aufmerksam und scharfblickend, je nach Gelegenheit schweigsam oder geschwätzig. Er hatte etwas von dem Blick der Seeleute, die daran gewöhnt sind zu blinzeln, um durch ein Fernrohr zu sehen. Thenardier war ein Staatsmann. Jeder, der das erste Mal bei ihm eintrat, sagte bei dem Anblicke der Frau Thenardier: Sie ist Herr im Hause. Ein Irrthum. Sie war nicht einmal die Herrin. Der Herr und die Herrin zugleich war der Mann. Sie arbeitete, er schuf. Er leitete alles durch eine gewisse unsichtbare und ununterbrochene magnetische Kraft. Ein Wort genügte, bisweilen ein Wink; die Riesin gehorchte. Er war für sie, ohne daß sie sich Rechenschaft darüber gab, eine Art eigentümlichen und souveränen Wesens. Sie wußte sich trefflich in ihn zu schicken, und wäre sie auch über irgend ein Detail mit »Herrn Thenardier« nicht einig gewesen – eine übrigens gar nicht zulässige Voraussetzung – so würde sie doch vor den Leuten nie ihrem Manne Unrecht gegeben haben. Niemals hätte sie »vor Fremden« jenen Fehler begangen, den die Frauen so häufig begehen und den man mit dem parlamentarischen Ausdruck »die Krone bloßstellen« bezeichnet. Obgleich ihre Einigkeit kein anderes Resultat als das Schlechte hatte, lag doch Ueberlegung in der Unterwürfigkeit der Frau Thenardier gegen ihren Mann. Dieser Riese von Fleisch und Lärm bewegte sich unter dem Commando des kleinen Fingers dieses schwächlichen Despoten. Es war, von der zwergartigen und grotesken Seite angesehen, jene allgemeine großartige Erscheinung: die Beherrschung der Materie durch den Geist; denn gewisse Häßlichkeiten haben das Recht, selbst in den Tiefen der ewigen Schönheit zu sein. In Thenardier lag etwas Unbekanntes; daher die unbeschränkte Herrschaft dieses Mannes über dieses Weib. In gewissen Augenblicken sah sie in ihm eins brennende Kerze, in andern fühlte sie ihn wie eine Klaue. Dieses Weib war ein entsetzliches Geschöpf, das nichts liebte als ihre Kinder, und nichts fürchtete als ihren Mann. Mutter war sie, weil sie als Mensch zugleich Säugethier war. Uebrigens beschränkte sich ihre Mutterliebe auf die Töchter und erstreckte sich, wie man sehen wird, nicht auf den Knaben. Er, der Mann, hatte nur einen Gedanken: reich werden. Es glückte ihm nicht. Diesem großen Talent fehlte ein würdiger Schauplatz. Thenardier ging in Montfermeil zu Grunde, wenn das überhaupt bei einer Null noch möglich ist. In der Schweiz oder in den Pyrenäen würde dieser Mann ohne Sou ein Millionär geworden sein. Aber da, wo das Schicksal, den Gastwirth festsetzt, muß er abgrasen. Selbstverständlich ist das Wort »Gastwirth« hier in einem engeren Sinne zu nehmen und bezeichnet keineswegs die ganze Klasse. Im Jahre 1823 hatte Thenardier etwa fünfzehnhundert Francs drängende Schulden, was ihn bekümmert machte. Wie aber auch die hartnäckige Ungerechtigkeit des Schicksals gegen ihn gewesen, Thenardier gehörte zu den Leuten, welche vortrefflich und aus dem Fundament das, was bei barbarischen Völkern eine Tugend, bei den civilisirten eine Waare ist, vollkommen verstehen: die gastliche Aufnahme der Fremden. Er war überdies ein bewunderungswürdiger Wilddieb und berühmt wegen seines Büchsenschusses. Es war ihm ein gewisses kaltes und friedliches Lachen eigenthümlich, das ganz besonders gefährlich war. Seine Theorieen sprühten bisweilen in Blitzen aus ihm heraus. Er hatte Professionssprüche, professionsmäßige Sentenzen, welche er seiner Frau einprägte. »Die Pflicht des Wirths,« sagte er eines Tages heftig, aber leise zu ihr, »besteht darin, an den Ersten Besten Fleisch, Ruhe, Licht, Feuer, gebrauchte Wäsche, Flöhe und Lächeln zu verkaufen; Reisende anzuhalten, die kleinen Börsen zu leeren, die großen in honetter Weise zu erleichtern, respektvoll reisende Familien unter Dach und Fach zu nehmen, Männer, Weiber, Kinder zu rupfen, das aufgemachte wie das zugemachte Fenster, den Platz, am Kamine, den Lehnstuhl, den gewöhnlichen Stuhl, den Sessel, die Fußbank, das Federbett, die Matratze und das Bund Heu sich bezahlen lassen; zu wissen, wie viel der Schatten den Spiegel abnutzt und dies zu taxiren, und, bei den fünfmalhunderttausend Teufeln sich von den Reisenden alles bezahlen zu lassen, selbst die Fliege, welche sein Hund frißt.« Dieser Mann und dieses Weib waren wie eine Ehe zwischen Wuth und List: ein häßliches und schreckliches Gespann. Während der Mann grübelte und combinirte, dachte sie nicht an die abwesenden Gläubiger, kümmerte sie sich weder um gestern noch um morgen und lebte flüchtig ganz dem Augenblick. So waren diese beiden Wesen. Cosette stand zwischen ihnen und litt ihren doppelten Druck wie ein Wesen, welches gleichzeitig von einem Mühlsteine gequetscht und von einer Zange zerrissen wird. Er und sie, jedes hatte eine verschiedene Art. Cosette wurde mit Schlägen überschüttet, das kam von ihr; im Winter ging sie barfuß, das kam von ihm. Cosette lief Treppe auf und Treppe ab, wusch, bürstete, putzte, kehrte, lief, schleppte schwere Dinge und verrichtete, so klein sie war, große Arbeit. Kein Mitleid; die Herrin wüthend, der Herr giftig. Die Kneipe Thenardiers war wie eine Spinnewebe, in der Cosette gefangen war und zitterte. Es war als wenn die Fliege die Magd der Spinne wäre. Das arme Kind schwieg und duldete. Was geht in solchen Seelen vor, die so eben erst Gott verlassen haben, wenn sie von Sonnenaufgang an ganz klein und nackt unter den Menschen sich befinden? III. Die Männer wollen Wein, die Pferde Wasser. Es waren vier neue Reisende angekommen. Cosette war in trauriges Nachdenken versunken; denn, obschon sie erst acht Jahre alt war, hatte sie schon so viel erduldet, daß sie oft träumerisch mit dem düsteren Blick alter Weiber da saß. Von einem Faustschlage, welchen ihr die Thenardier gegeben, hatte sie ein ganz schwarz angelaufenes Auge, weshalb das Weib öfter sagte: »Wie häßlich sie mit ihrem Buckel auf dem Auge ist!« Cosette dachte daran, daß es schon Nacht sei, finstere Nacht, daß sie die Krüge in den Zimmern der so eben angekommenen Reisenden mit Wasser zu füllen habe und daß keines mehr da sei. Es gab ihr zwar ein wenig Trost, daß man im Hause nicht viel Wasser trank. Wenn Einer Durst hatte, so wandte er sich lieber an die Flasche als an den Krug. Wer unter diesen Weingläsern ein Glas Wasser verlangt haben würde, wäre Allen wie ein Wilder vorgekommen. Trotzdem gab es einen Augenblick, wo das Kind zitterte: die Thenardier hob den Deckel eines auf dem Heerde kochenden Topfes in die Höhe, ergriff sodann ein Glas und ging schnell zum Wasserbehälter. Sie drehte den Hahn. Das Kind hatte den Kopf erhoben und folgte jeder ihrer Bewegungen. Ein dünner Wasserfaden kam aus dem Hahn herausgeflossen und füllte das Glas bis zur Hälfte. – »Es ist ja kein Wasser mehr da,« sagte sie. Darauf trat einen Augenblick Stillschweigen ein. Das Kind athmete nicht mehr. »Bah,« begann die Thenardier wieder, indem sie das halb volle Glas betrachtete, »es wird wohl genug sein.« Cosette setzte sich wieder zu ihrer Arbeit. Es dauerte aber wenigstens noch eine Viertelstunde, während welcher sie ihr Herz im Busen wie einen großen Flocken hin und her springen fühlte. Sie zählte die Minuten, welche so verflossen und dachte: »wenn es doch schon morgen früh wäre.« Von Zeit zu Zeit sah einer der Gäste auf die Straße und rief: »Es ist ja so dunkel heut draußen, wie im Backofen!« oder: »wenn man heute ohne Laterne ausgehen will, so muß man gradezu eine Katze sein.« Cosette zitterte. Da trat plötzlich ein Hausirer, welcher in der Kneipe Quartier genommen, ein und sagte mit auffahrendem Tone: »Mein Pferd hat noch nichts zu trinken bekommen.« »Gewiß, ganz gewiß,« sagte die Thenardier. »Ich sage ihnen aber, nein, es hat noch nichts zu trinken bekommen,« erwiederte der Kaufmann. Cosette war unter dem Tische hervorgekrochen. »O ja, mein Herr,« sagte sie. »Das Pferd hat getrunken, es hat aus dem Eimer getrunken. Der Eimer war ganz voll. Ich selbst habe ihm zu trinken gegeben.« Es war nicht wahr. Cosette log. »Seht ein Mal an, die ist so groß wie eine Faust, und lügt so groß wie das Haus;« rief der Hausirer. »Ich sage Dir, daß es noch nicht getrunken hat. Ich kenne sein Schnaufen. Wenn es so schnauft, hat es noch nicht getrunken.« Cosette blieb bei ihrer Behauptung und rief mit von Angst erstickter, kaum hörbarer Stimme: »Und es hat doch getrunken!« »Jetzt ist's genug!« schrie der Hausirer. »Gebt meinem Pferde zu trinken und damit basta.« Cosette kroch wieder unter den Tisch zurück. »Wenn das Pferd noch nicht getrunken hat, so muß es zu trinken bekommen,« sagte die Thenardier; »das ist nicht mehr als billig.« Darauf sah sie um sich und fügte hinzu: »Wo steckst Du denn?« Sie bückte sich und entdeckte Cosette, welche sich unter dem Tische beinahe unter die Füße der zechenden Gäste verkrochen hatte. »Willst Du wohl hervorkommen,« schrie die Thenardier. Cosette kroch hervor. »Bringe dem Pferde zu trinken, Du namenloser Hund!« »Ach, Madame,« sagte Cosette mit leiser Stimme »es ist ja kein Wasser mehr da.« Die Thenardier machte die Straßenthür weit auf und schrie: »So hole welches!« Cosette ließ den Kopf sinken und nahm einen leeren Eimer, welcher im Winkel beim Heerde stand. Dieser Eimer war größer als sie selbst. Das Kind hatte sich bequem hinein setzen können. »Halt, Mamsell Kröte,« rief plötzlich die Thenardier. »Wenn Du zurückkommst, so holst Du beim Bäcker ein großes Brod. Hier hast Du ein Fünfzehn-Sous-Stück.« Cosette hatte an der Seite ihrer Schürze eine kleine Tasche. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie das Stück Geld und steckte es in diese Tasche. Darauf blieb sie mit dem Eimer in der Hand unbeweglich vor der geöffneten Thür stehen. Sie schien zu warten, ob ihr nicht Jemand zu Hilfe kommen würde. »Vorwärts!« rief die Thenardier. Cosette ging. Hinter ihr schloß sich die Thür. IV. Eine Puppe erscheint in der Scene. Die Reihe der Buden unter freiem Himmel, welche bei der Kirche begann, erstreckte sich, wie man sich erinnert, von da an bis zur Herberge Thenardier. Diese Buden waren, weil die Passage der Kirchenbesucher, welche sich in die Mitternachtsmesse begeben wollten, hier vorüberging, alle mit Lichtern erleuchtet, welche in papiernen Trichtern steckten, was, wie der Schulmeister sagte, der an jenem Abend auch bei Thenardiers war, »einen magischen Eindruck« hervorbrachte. Dafür sah man aber auch am Himmel nicht einen einzigen Stern. Die letzte dieser Baracken, welche sich grade der Thenardierschen Kneipe gegenüber befand, war eine Bude mit Kinderspielwaaren, glänzend von allerlei Spielsachen von Glas und Blech. Ganz vorn im Vordergrunde hatte der Trödler auf weißen Tüchern eine ungeheure, ungefähr zwei Fuß hohe Puppe hingestellt, die in ein Rosakrepkleid mit goldenen Aehren auf dem Kopfe gekleidet war und wirkliche Haare, sowie Augen von Email hatte. Alle Tage war dieses Wunder zum Staunen aller derjenigen Vorübergehenden, welche noch nicht zehn Jahre alt waren, ausgestellt gewesen, ohne daß sich in Montfermeil eine Mutter gefunden hätte, welche entweder reich oder verschwenderisch genug gewesen wäre, die Puppe für ihr Kind zu kaufen. Stundenlang hatten Eponine und Azelma sich vor die Bude hingestellt und die Puppe betrachtet, und Cosette selbst hatte es gewagt, hin und wieder einen verstohlenen Blick auf dieselbe zu werfen. In dem Augenblick, als Cosette aus dem Hause trat, mit ihrem Eimer in der Hand, traurig und niedergeschlagen wie sie war, konnte sie nicht umhin die Augen zu dieser wunderbaren Puppe zu erheben, zu »der Dame«, wie sie dieselbe nannte. Das arme Kind blieb wie versteinert vor der Puppe stehen. So nahe hatte es die Puppe noch nicht gesehen. Die ganze Bude kam ihr wie ein Palast vor. Die Puppe war keine Puppe mehr, sie war eine Erscheinung. Freude, Glanz, Reichthum, Glück erschienen diesem unglücklichen, so tief in kaltes, düsteres Unglück versunkenen kleinen Wesen in einer Art fabelhafter, strahlender Pracht. Cosette bemaß mit jenem, der Kindheit eigentümlichen, naiven und traurigen Scharfsinn die Kluft, welche sie von dieser Puppe trennte. Nach ihren Gedanken mußte sie entweder eine Königin oder wenigstens eine Prinzessin sein, wenn sie »Etwas wie das« besitzen könnte. Sie betrachtete das schöne Rosakleid, die schönen glatten Haare und dachte: »Wie glücklich muß doch diese Puppe sein!« Sie konnte sich nicht satt genug sehen, sie konnte ihre Augen von dieser phantastischen Bude nicht los bekommen. Je länger sie hinsah, desto mehr wurde sie geblendet. Sie glaubte das Paradies zu sehen. Hinter der großen Puppe standen noch andere, die kamen ihr wie Feen und Genien vor. Der Trödler, welcher im Hintergrund der Bude auf und nieder ging, machte auf sie den Eindruck des lieben Gottes. In diese Andacht versunken vergaß sie Alles, selbst den Auftrag, der ihr ertheilt worden war. Plötzlich rief sie die rauhe Stimme der Thenardier in die Wirklichkeit zurück: – »Wie, Du Faulenzerin, Du bist noch nicht fort! Warte! Ich werde Dir schon Beine machen! Was thust Du denn da? Du Ungethüm!« Die Thenardier hatte einen Blick auf die Straße geworfen und Cosetten in ihrer Verzückung bemerkt. Cosette machte, daß sie fort kam, und lief, den Eimer in der Hand, so schnell sie konnte davon. V. Die Kleine ganz allein. Da das Wirthshaus Thenardier in dem Theil des Dorfes bei der Kirche stand, so mußte Cosette das Wasser aus der Quelle am Walde nach Chelles zu holen. Sie sah sich keine Bude mehr an. So lange sie in dem Bäckergäßchen und in der Nähe der Kirche war, erhellten die erleuchteten Buden ihren Weg, bald aber verschwand auch das letzte Licht der letzten Bude. Das arme Kind befand sich ganz im Finstern. Sie drang in dieselbe hinein; nur bewegte sie, da eine gewisse innere Angst sie ergriff, den Eimer in ihrer Hand so sehr sie konnte. Das machte ein Geräusch, das ihr Gesellschaft leistete. Je weiter sie ging, desto dichter wurde die Finsterniß. Kein Mensch war mehr auf der Straße. Nur einer Frau begegnete sie, welche sich umdrehte, als sie sie vorübergehen sah, stehen blieb und zwischen den Zähnen murmelte: »Wo mag das Kind nur hingehen?« Dann erkannte sie Cosette. »Ach, die Lerche ist es;« sagte sie. So durchschritt Cosette das Labyrinth der krummen, öden Gäßchen, die nach dieser Seite von Chelles zu Montfermeil endigen. So lange sie Häuser, ja nur Mauern zu beiden Seiten ihres Weges hatte, ging sie ziemlich muthig dahin. Von Zeit zu Zeit sah sie den Lichtstrahl eines Lichtes durch die Ritze eines Fensterladens schimmern. Das war Licht und Leben, da wohnten Leute. Das beruhigte sie. Je weiter sie indeß ging, desto langsamer wurde mechanisch ihr Gang. Als sie an dem letzten Hause vorüber war, blieb sie stehen. Ueber die letzte Bude hinaus zu gehen, war ihr schwer geworden; noch weiter als über das letzte Haus hinaus zu gehen, war ihr unmöglich. Sie stellte den Eimer auf den Boden, fuhr sich mit den Händen in die Haare und begann langsam sich auf dem Kopf zu kratzen, – eine Geste, welche Kindern eigen ist, wenn sie erschreckt und unentschlossen sind. Es war nicht mehr Montfermeil, es war offenes Feld. Der Raum vor ihr war schwarz und dunkel. Mit Verzweiflung sah sie die Finsterniß, in der Niemand mehr war, wohl aber Thiere, vielleicht gar Gespenster. Sie schaute mit Aufmerksamkeit vor sich hin, hörte die Thiere, welche im Grase gingen. Deutlich sah sie die Gespenster, welche sich in den Bäumen bewegten. Da ergriff sie den Eimer wieder; die Furcht gab ihr Muth. – »Bah! ich sage ihr, es wäre kein Wasser mehr da!« dachte sie und entschlossen kehrte sie um und ging wieder in das Dorf hinein. Kaum war sie hundert Schritt gegangen, so blieb sie wieder stehen und kratzte sich von neuem auf dem Kopfe. Jetzt war es die Thenardier, welche ihr erschien, die häßliche Thenardier mit ihrem Hyänenrachen und ihren zornflammenden Augen. Das Kind warf einen kläglichen Blick vor und hinter sich. Was thun? Was sollte aus ihr werden? Wohin gehen? Vor ihr das Gespenst der Thenardier, hinter ihr alle Fantome der Nacht und des Waldes. Vor der Thenardier wich sie zurück, sie schlug den Weg nach der Quelle wieder ein und begann schnell zu laufen. Eilend kam sie wieder aus dem Dorfe hinaus, eilend gelangte sie in das Gebüsch; sie hörte und sah nichts mehr. Sie hielt nur still, wenn sie Athem schöpfen wollte, sonst nicht. In höchster Bestürzung lief sie gerade aus. Wie sie so lief, hatte sie Lust zu weinen. Das nächtliche Rauschen des Waldes umhüllte sie. Sie dachte, sie sah nichts mehr. Die unermeßliche Nacht stand diesem kleinen Wesen gegenüber. Von dem Waldrande bis zur Quelle waren nur sieben bis acht Minuten. Cosette kannte den Weg, da sie ihn schon öfters am Tage gegangen war. Sie verirrte sich nicht. Dunkel leitete sie der Instinkt. Sie blickte aber weder nach rechts noch nach links, aus Furcht, in den Aesten oder in dem Gebüsch Etwas zu sehen. So gelangte sie an die Quelle. Es war eine kleine, vom Wasser natürlich ausgehöhlte Vertiefung in einem thonigen Boden, etwa zwei Fuß tief, von Moos und hohem Gras umgeben und mit einigen großen Steinen ausgepflastert. Still und leise floß ein Bach aus der Quelle ab. Cosette nahm sich nicht die Zeit zu athmen. Es war sehr finster, sie war aber schon sehr oft an der Quelle gewesen. Mit der linken Hand suchte sie im Dunkeln nach einer jungen sich über die Quelle neigenden Eiche, welche ihr gewöhnlich als Stütze diente, erfaßte einen Zweig, hing sich an denselben, bückte sich und tauchte den Eimer in das Wasser. Sie befand sich in einem so aufgeregten Zustande, daß ihre Kräfte sich verdreifacht hatten. Während sie sich so bückte, achtete sie nicht darauf, daß dabei ihre Schürzentasche aufging und das, was darin war, in das Wasser fiel. Es war das Fünfzehnsousstück. Cosette sah und hörte es nicht fallen. Sie zog den fast vollen Eimer empor und stellte ihn auf das Gras. Nachdem dies geschehen, fühlte sie, daß sie vor Müdigkeit ganz erschöpft war. Sie wäre gern gleich wieder gegangen, die Anstrengung aber, welche es ihr gekostet, den Eimer zu füllen, war so groß gewesen, daß es ihr unmöglich war noch einen Schritt zu thun. Sie mußte sich setzen, sank auf das Gras und kauerte sich zusammen. Sie schloß die Augen und schlug sie wieder auf, ohne zu wissen warum. Sie konnte nicht anders. Neben ihr bildete das bewegte Wasser im Eimer Kreise, welche wie weiße Schlangen aussahen. Der Himmel über ihr war mit dicken, schwarzen Wolken wie mit Rauchwänden bedeckt. Die tragische Maske des Dunkels schien undeutlich sich über das Kind zu neigen. Der Jupiter versteckte sich hinter den Wolkenmassen. Das Kind blickte mit ängstlichem Auge zu diesem großen Sterne hinauf, den sie nicht kannte und vor dem sie sich fürchtete. Der Planet stand in der That in diesem Augenblicke ganz nahe am Horizonte und durchschnitt eine dichte Wolkenmasse, was ihm einen Schreck verursachenden Schein verlieh, während der düster beleuchtete Nebel den Stern vergrößerte. Er glich einer leuchtenden Wunde. Ein kalter Wind wehte von der Ebne. In dem finstern Walde fehlte das Blätterrauschen und jener undeutliche und frische Schein des Sommers. Mächtige Aeste streckten sich gespenstisch aus. Magere, verkrüppelte Büsche pfiffen im Winde in den lichten Stellen des Waldes. Das hohe Gras bewegte sich wimmelnd unter dem Nordostwind, wie Aale. Die Brombeerranken bogen sich wie lange, mit Krallen bewaffnete Arme, welche nach Beute haschen. Einige dürre Heidekräuter, die der Wind trieb, rollten schnell vorüber und sahen aus, als flöhen sie mit Schrecken vor irgend Etwas, das eintreffen könnte. Auf allen Seiten, überall düstere Ausdehnungen und düstere Striche. Die Finsterniß erregt Schwindel. Der Mensch bedarf der Helle. Wer sich in das Gegentheil des Tages begiebt, der fühlt sein Herz wie zusammengeschnürt. Wenn das Auge schwarz sieht, sieht der Geist trübe. In der Nacht, im schwarzen Dunkel steckt Angst, selbst für die Stärksten. Schatten und Gehölz sind zwei fürchterliche Dichtigkeiten. Niemand geht ohne Bangen Nachts allein durch einen Wald. In der unerkennbaren Ferne erscheint eine chimärische Wirklichkeit. Das Unbegreifliche erscheint mit gespenstischer Genauigkeit in unserer Nähe. Man sieht, im Raume oder im eigenen Kopfe, irgend etwas Unbestimmtes und Ungreifbares wie Traumbilder schlafender Blumen. Am Horizonte zeigen sich drohende Stellungen. Man athmet die Ausströmungen des großen finsteren Raumes. Man fürchtet sich und möchte immer hinter sich sehen. Gegen die Tiefe der Nacht, gegen die schattenhaft gewordenen Dinge, gegen die schweigenden Gestalten, die zerfließen sobald man ihnen näher kommt, gegen drohende Büsche, gegen bleiche Wasserfluthen, gegen den Reflex des Düsteren der Nacht, gegen die Unermeßlichkeit der Grabesstille, gegen unbekannte mögliche Wesen, gegen das geheimnisvolle Neigen der Zweige, gegen schauerliche Baumstümpfe, gegen die langen Finger des zitternden Grases – gegen Alles dieses ist man machtlos. Jede Kühnheit zittert und fühlt die Nachbarschaft der Angst. Man empfindet die Berührung mit etwas Häßlichem, als wenn das Dunkel mit der Seele sich verschmelzen wollte. Diese Einwirkung der Finsterniß ist unaussprechlich fürchterlich für ein Kind. Die Wälder sind Apocalypsen und der Flügelschlag einer kleinen Seele macht ein Geräusch des Todeskampfes unter dieser ungeheueren Wölbung. Ohne zu wissen was sie empfand, fühlte Cosette, daß sie von dieser schwarzen Ungeheuerlichkeit der Natur ergriffen werde. Nicht mehr blos Schrecken, etwas noch Schrecklicheres als Schrecken durchdrang sie. Sie zitterte. Die Ausdrücke fehlen, dieses eigenthümliche Zittern zu beschreiben, das sie bis auf den Grund des Herzens eiskalt machte. Ihr Blick war wild. Sie glaubte zu fühlen, daß sie vielleicht am anderen Tage zu derselben Zeit wieder hierher werde gehen müssen. Um aus diesem Zustande herauszukommen, den sie nicht begriff, der sie aber erschreckte, zählte sie instinctmäßig laut eins, zwei, drei bis zehn und fing dann wieder von vorn an. Das bewirkte wenigstens, daß sie die Dinge um sich her wieder so erkannte, wie sie waren. Sie fühlte die Kälte an ihren Händen, die sie bei dem Wasserschöpfen naß gemacht hatte. Sie stand auf. Die Furcht kehrte zurück, eine natürliche, unüberwindliche Furcht. Sie hatte nur noch einen Gedanken, zu fliehen, so schnell als möglich zu fliehen, quer durch den Wald, quer über das Feld bis zu den Häusern, den Fenstern, den angezündeten Lichtern. Ihr Blick fiel auf den Eimer vor ihr und die Furcht, welche ihr Frau Thenardier einflößte, war so groß, daß sie ohne den Wassereimer nicht zu fliehen wagte. Sie faßte den Henkel mit beiden Händen. Sie konnte den Eimer kaum in die Höhe heben. So ging sie ungefähr zwölf Schritte weit, der Eimer aber war voll, war schwer und sie mußte ihn niedersetzen. Einen Augenblick schöpfte sie Athem, dann ging sie weiter, diesmal etwas langsamer. Aber sie mußte noch einmal stehen bleiben. Nach einigen Secunden der Ruhe setzte sie ihren Weg wieder fort. Sie ging nach vorn geneigt, mit gesenktem Kopfe, wie eine Alte. Die Last des Eimers zerrte an ihren mageren Armen. Der eiserne Henkel that noch das Seinige, ihre nassen Hände zu erstarren und zu erkälten. Von Zeit zu Zeit war sie genöthigt stehen zu bleiben und jedesmal, wenn sie hierbei den Eimer hinsetzte, spritzte ihr kaltes Wasser daraus auf die bloßen Füße. Das alles geschah mitten im Walde, in der Nacht, im Winter, fern von jedem menschlichen Blicke; es war ein Kind von acht Jahren, nur Gott allein sah diesen traurigen Zustand. Und ach, ohne Zweifel, auch ihre Mutter! Manche Dinge öffnen den Todten im Grabe die Augen. Cosette athmete mit schmerzlichem Röcheln. Schluchzen schnürte ihr die Kehle zu, sie wagte aber nicht zu weinen, so sehr fürchtete sie, sich vor der Thenardier, selbst wenn sie fern von ihr war. Sie stellte sich immer vor, die Thenardier sei da. Schnell konnte sie indeß in solcher Weise den Weg nicht zurücklegen, sie ging sehr langsam. Es half ihr wenig, daß sie seltener Ausruhestationen machte. Mit Schrecken dachte sie daran, daß sie wohl noch eine Stunde brauchen werde, ehe sie nach Montfermeil zurückkomme und daß die Thenardier sie dann schlagen würde. Diese Angst mischte sich mit ihrer Furcht, allein in der Nacht im Walde zu sein. Sie war abgemattet von Kälte und Müdigkeit und noch hatte sie den Wald nicht hinter sich. Neben einem ihr wohlbekannten, alten Kastanienbaum machte sie einen letzten, längeren Halt, um recht auszuruhen, dann nahm sie alle ihre Kräfte zusammen, faßte den Eimer und schritt muthig weiter. Trotzdem aber war das arme, kleine Wesen in ihrem Herzen verzweifelt und konnte nicht umhin auszurufen: »Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!« In diesem Augenblicke fühlte sie plötzlich, daß der Eimer sein Gewicht verloren. Eine, wie ihr vorkam, ungeheuer große Hand hatte den Henkel erfaßt und hob den Eimer kräftig in die Höhe. Sie sah auf. Eine große dunkle, gerade Gestalt ging im Dunkel neben ihr. Es war ein Mann, der hinter ihr gekommen war, was sie jedoch nicht gehört hatte. Ohne ein Wort zu sagen, hatte dieser Mann den Henkel des Eimers, welchen sie trug, gefaßt. Es giebt ein instinktives Gefühl bei allen Begegnungen im Leben. Das Kind hatte keine Furcht. VI. Möglicherweise ein Beweis für die Intelligenz Boulatruelles. Am Nachmittage desselben Weinachtstages 1823 ging ein Mann ziemlich lange in dem ödesten Theile des Boulevard Hospital in Paris umher. Dieser Mann hatte das Aussehen, als suche er eine Wohnung und schien vorzugsweise vor den bescheidensten Häusern dieses äußeren Randes der Vorstadt St. Marceau stehen zu bleiben. Weiter unten wird man sehen, daß dieser Mann wirklich in diesem abgelegenen Theile ein Zimmer gemietet hatte. Dieser Mann verwirklichte sowohl in seiner Kleidung wie in seiner ganzen Erscheinung den Typus eines Bettlers aus guter Gesellschaft; es war die äußerste Armuth verbunden mit der äußersten Sauberkeit. Es ist dies eine seltenere Mischung, welche, dem verständigen Herzen jene doppelte Achtung einflößt, welche man für den Armen und für den Würdigen empfindet. Er trug einen sehr alten und dabei sehr rein gebürsteten Hut, einen fadenscheinigen abgeschabten Rock von grobem ockergelben Tuche, welche Farbe damals grade nicht zu ungewöhnlich war, eine große Weste mit großen altväterischen Taschen, schwarze wollene Strümpfe und schwere Schuhe mit kupfernen Schnallen. Man hätte ihn für einen ehemaligen Lehrer aus guter Familie halten können, der aus der Emigration zurückgekommen war. Nach seinen ganz weißen Haaren, seiner runzeligen Stirn, seinen bleichen Lippen und seinem Gesicht, in welchem Alter, Gedrücktheit und Lebensüberdruß athmeten, hätte man ihn für älter als sechszig Jahre gehalten. Nach seinem festen, wenn auch langsamen Gange und der besondern in allen seinen Bewegungen sich ausdrückenden Kraft hätte man ihm kaum Fünfzig gegeben. Die Runzeln auf seiner Stirn waren gut gelegt und würden Jeden, der ihn genau beobachtet hätte, für ihn eingenommen haben. Seine Lippe zog sich mit einer eigenthümlichen Falte zusammen, welche Strenge zu verrathen schien, aber die der Demuth war. In Innern seiner Blicke lag eine gewisse traurige Heiterkeit. In der linken Hand trug er ein kleines in ein Taschentuch geknüpftes Packet, mit der rechten stützte er sich auf einen Stock, der in einer Hecke abgeschnitten war. Derselbe war mit einiger Sorgfalt gearbeitet und sah grade nicht zu schlimm aus. Auf jenem Boulevard gehen wenig Leute, namentlich im Winter. Der Mann schien jedoch, ohne Affektation, sie mehr zu meiden als zu suchen. In der damaligen Zeitepoche begab sich der König Ludwig XVIII. beinahe alle Tage nach Choisy-le-Roi. Es war eine seiner Lieblingspromenaden. Gegen zwei Uhr, fast einen Tag wie den andern, sah man den königlichen Wagen und die königliche Cavalcade im gestreckten Galopp über den Boulevard kommen. Diese unfehlbare Ankunft des Königs zu derselben Stunde war also das tägliche Ereigniß des Boulevard Hospital. Der Mann in dem gelben Rocke war offenbar nicht aus dem Viertel, wahrscheinlich nicht einmal aus Paris, ihm war dieser sonderbare Umstand unbekannt. Als um zwei Uhr der königliche Wagen, von einer Schwadron mit Silber galonnirter Gardes du Corps umgeben auf dem Boulevard ankam, schien er überrascht, beinahe erschrocken zu sein. Er allein befand sich in der Allee. Er stellte sich rasch hinter eine Mauerecke, was jedoch den Herzog von Havré nicht hinderte, ihn zu bemerken. Dieser saß als dienstthuender Capitän der Garde in dem Wagen dem Könige gegenüber und sagte zu Sr. Majestät: »Dort steht ein Kerl von ziemlich verdächtigem Aussehen.« Polizisten, die den Weg des Königs frei zu halten hatten, bemerkten ihn ebenfalls und Einer erhielt den Auftrag ihm zu folgen. Der Mann verlor sich aber in die öden Gäßchen der Vorstadt, und da die Dämmerung begann, so verlor der Polizeiagent seine Spur, wie ein Bericht von demselben Abend an den Polizeipräfekten, Staatsminister Grafen von Anglès constatirt. Nachdem der Mann im gelben Rocke den Polizeidiener irregeführt, verdoppelte er seine Schritte, nicht ohne sich häufig umzusehen, um sich zu versichern, ob man ihm noch folge. Ein Viertel auf fünf Uhr, d. h. als es bereits dunkel geworden, ging er vor dem Theater am Porte St. Martin vorüber, wo man an diesem Tage »die beiden Sträflinge« gab. Dieser Theaterzettel, welchen die beiden Laternen vor dem Theater beschienen, fiel ihm auf; denn obgleich er schnell ging, blieb er stehen, um ihn zu lesen. Einen Augenblick darauf war er in der Sackgasse Planchette und trat in ein Wirthshaus mit dem Embleme »Zur silbernen Schüssel,« wo sich damals das Stationsbureau für den Wagen befand, welcher nach Lagny ging. Dieser Wagen fuhr um halb fünf Uhr ab. Die Pferde waren angespannt und die von dem Kutscher gerufenen Reisenden stiegen in Eile auf den eisernen Einsteigetritt. Der Mann fragte: »Ist noch Platz?' »Ein einziger, neben mir auf dem Bocke,« antwortete der Kutscher. »Ich nehme ihn.« »Steigen Sie auf.« Vor der Abfahrt warf indeß der Kutscher einen Blick auf den Anzug und das kleine Packet des Reisenden und ließ sich bezahlen. »Fahren Sie bis Lagny?« fragte der Kutscher. »Ja,« antwortete der Reisende und bezahlte bis Lagny. Es ging fort. Als man die Barriere passirt hatte, versuchte der Kutscher eine Unterhaltung anzuknüpfen, die Antworten des Reisenden waren aber äußerst einsilbig. Da sah sich der Kutscher genöthigt zum Pfeifen seine Zuflucht zu nehmen und über seine Pferde zu fluchen. Er hüllte sich in seinen Mantel, denn es war kalt. Der Mann schien daran nicht zu denken. So fuhr man durch Gournax und Neuly an der Marne. Gegen sechs Uhr Abends war man in Chelles. Der Kutscher hielt, um seine Pferde verschnaufen zu lassen, vor der Fuhrmannsherberge, welche sich in den Gebäuden der alten königlichen Abtei befindet. »Ich steige hier ab,« sagte der Mann, nahm Packet und Stock, und sprang vom Wagen. Einige Augenblicke darauf war er verschwunden. In das Wirthshaus war er nicht eingetreten. Als nach Verlauf einiger Minuten der Wagen aus Lagny herausfuhr, begegnete er ihm auch nicht auf der Landstraße. Der Kutscher wendete sich zu den Reisenden im Innern des Wagens. »Der Mann ist nicht von hier,« sagte er, »ich kenne ihn nicht. Er sieht aus, als besäße er nicht einen Sous, es liegt ihm aber nichts am Gelde; er bezahlt bis Lagny und fährt nur bis Chelles. Es ist Nacht, alle Häuser sind geschlossen, er geht nicht in das Wirthshaus und man sieht ihn nirgends mehr. Er muß also in die Erde gesunken sein.« Der Mann war nicht in die Erde gesunken, sondern war eiligst in der Dunkelheit auf der Landstraße weiter gegangen. Kurz vor der Kirche hatte er links den Weg eingeschlagen, welcher nach Montfermeil führt, wie Jemand, welcher die Gegend genau kennt und diesen Weg schon einmal gemacht hat. Eiligst verfolgte er diesen Weg. An der Stelle, wo ihn die alte mit Bäumen bepflanzte Straße von Gagny nach Lagny durchschneidet, hörte er Leute kommen. Schnell verbarg er sich in einem Graben und wartete, bis die Leute sich wieder entfernt hatten. Die Vorsicht war übrigens beinahe überflüssig, da, wie wir gesagt, damals eine stockfinstere Decembernacht war. Man sah kaum zwei oder drei Sterne am Himmel. An diesem Punkte beginnt der Hügel aufzusteigen. Der Mann schlug den Weg nach Montfermeil nicht wieder ein, sondern wendete sich rechts quer über die Felder und erreichte schnellen Schrittes den Wald. Hier ging er langsamer, begann aufmerksam alle Bäume zu betrachten, Schritt für Schritt vorschreitend, als suche er einen ihm allein bekannten, geheimen Weg. Einen Augenblick schien er sich zu verirren und blieb unentschlossen stehen. Endlich gelangte er tastend zu einer Lichtung, wo ein Haufe großer, weißer Steine lag. Auf diese Steine ging er rasch zu und prüfte sie aufmerksam in dem Dunkel der Nacht, als wenn er Revue über sie hielte. Ein dicker Baum, bedeckt mit jenen Auswüchsen, welche die Warzen der Vegetation sind, stand einige Schritte von dem Steinhaufen. Zu diesem Baume ging er, tastete mit der Hand über die Rinde, als suche er ihn daran wieder zu erkennen. Er zählte alle jene Warzen. Dem Baume, einer Esche, gegenüber stand ein Kastanienbaum mit kranker Rinde, dem man zur Heilung einen Zinkverband angelegt hatte. Der Mann hob sich auf den Fußspitzen in die Höhe und berührte diesen Zinkverband. Darauf prüfte er mit den Füßen eine Zeitlang in dem Raume zwischen dem Baume und den Steinen den Boden, wie Jemand, welcher sich davon überzeugen will, ob das Erdreich nicht frisch aufgegraben worden sei. Nachdem er dies gethan, hatte er sich zurechtgefunden und setzte seinen Weg mitten durch den Wald wieder fort. Dieser Mann war es, der Cosetten begegnet hatte. Während er durch das Gebüsch in der Richtung nach Montfermeil zu ging, hatte er jenen kleinen Schatten bemerkt, der sich jammernd bewegte, eine Last auf den Boden setzte, dieselbe wieder aufnahm und dann weiter ging. Er war näher getreten und hatte erkannt, daß es ein noch ganz junges Kind mit einem ungeheuren Wassereimer sei. Da war er auf das Kind zugegangen und hatte stillschweigend den Henkel des Eimers ergriffen. VII. Cosette im Dunkel mit dem Unbekannten. Cosette, sagten wir, empfand keine Furcht. Der Mann redete sie an, er sprach mit ruhiger, beinahe leiser Stimme: »Mein Kind, das, was Du da trägst, ist wohl sehr schwer für Dich?« Cosette hob den Kopf in die Höhe und antwortete: »Ja, mein Herr.« »Gieb her,« fuhr der Mann fort, »ich will es Dir tragen.« Cosette ließ den Eimer los. Der Mann ging neben ihr. »In der That, er ist sehr schwer,« sagte er leise wie für sich. Dann setzte er hinzu: »Wie alt bist Du, Kleine?« »Acht Jahre, mein Herr.« »Kommst Du so von weit her?« »Von der Quelle im Walde.« »Hast Du noch weit zu gehen?« »Eine gute Viertelstunde von hier.« Der Mann schwieg einen Augenblick, dann fragte er plötzlich: »Du hast also keine Mutter?« »Ich weiß es nicht,« antwortete das Kind. Ehe der Mann Zeit hatte wieder etwas zu sagen, setzte sie hinzu: »Ich glaube es nicht. Die Andern haben eine. Ich habe keine.« Nach einer Pause sagte sie noch: »Ich glaube nicht, daß ich jemals eine gehabt habe.« Der Mann blieb stehen, setzts den Eimer hin, bückte sich, legte beide Hände auf die Achseln des Kindes und gab sich Mühe, sie im Dunkel zu erkennen und ihr in das Gesicht zu sehen. Die hagere schwächliche Gestalt Cosette's zeigte sich undeutlich im bleichen Schimmer des Himmels. »Wie heißt Du?« fragte der Mann. »Cosette.« Es war als berühre den Mann ein elektrischer Schlag. Er sah sie noch immer an, dann zog er seine Hände von den Achseln Cosettens zurück, ergriff den Eimer und begann wieder weiter zu gehen. Kurze Zeit verging, da fragte er: »Wo wohnst Du Kleine?« »In Montfermeil, wenn Ihnen das bekannt ist.« »Dorthin gehen wir?« »Ja, mein Herr.« Er machte wieder eine Pause, worauf er begann: »Wer hat Dich denn zu solcher Zeit nach Wasser bis in den Wald geschickt?« »Madame Thenardier.« Der Mann fuhr mit einem Tone der Stimme, der gleichgiltig sein sollte, in welchem aber ein seltsames Zittern lag, fort: »Was treibt Deine Madame Thenardier?« »Sie ist meine Herrschaft. Sie hat ein Wirthshaus,« antwortete das Kind. »Ein Wirthshaus?« wiederholte der Mann. »Gut, so werde ich die Nacht da logiren. Führe mich.« »Wir gehen dahin,« antwortete das Kind. Der Mann ging ziemlich rasch, Cosette folgte ihm ohne Mühe. Sie fühlte keine Müdigkeit mehr. Von Zeit zu Zeit erhob sie mit einer gewissen unaussprechlichen Ruhe und mit Vertrauen die Augen zu diesem Manne. Niemals hatte man sie gelehrt, sich an die Vorsehung zu wenden und zu beten. Dennoch empfand sie Etwas in sich, das der Hoffnung und der Freude glich. Sie fühlte, daß dieses Etwas dem Himmel angehöre. Einige Minuten vergingen; dann begann der Mann wieder: »Hat Madame Thenardier keine Magd?« »Nein, mein Herr.« »Bist Du allein?« »Ja, mein Herr.« Nach einer kurzen Unterbrechung sagte sie mit erhobener Stimme: »Das heißt noch zwei kleine Mädchen sind da.« »Was für kleine Mädchen?« »Ponine und Zelma.« So kürzte das Kind die romanhaften Namen ab welche der Thenardier so theuer waren. »Wer sind Ponine und Zelma?« »Die Demoiselles der Madame Thenardier, ihre Töchter.« »Und was thun diese?« »O, die,« antwortete das Kind, »die haben schöne Puppen, Sachen mit Gold daran und viel Spielzeug. Sie spielen, sie amüsiren sich.« »Den ganzen Tag?« »Ja, mein Herr.« »Und Du?« »Ich arbeite.« »Den ganzen Tag?« Das Kind schlug seine großen Augen auf, in denen eine Thräne schwamm, die man wegen der Dunkelheit der Nacht nicht sah, und antwortete sanft: »Ja, mein Herr.« Nach einer Pause des Stillschweigens fuhr sie fort: »Manchmal, wenn ich mit der Arbeit fertig bin und man es mir erlaubt, amüsire ich mich auch.« »Wie amüsirst Du Dich?« »Wie ich kann. Man läßt mich. Ich habe aber nicht viel Spielzeug. Ponine und Zelma lassen mich mit ihren Puppen nicht spielen. Ich habe nur einen kleinen bleiernen Säbel, nicht länger als so.« Dabei zeigte das Kind seinen kleinen Finger. »Schneidet er denn?« »O ja, mein Herr;« sagte das Kind. »Salat schneidet er. Auch kann man den Fliegen die Köpfe damit abschneiden.« Sie erreichten das Dorf. Cosette diente dem Fremden als Führerin in den Straßen. Sie kamen vor dem Bäcker vorbei, Cosette dachte aber nicht an das Brod, das sie mitbringen sollte. Der Mann hatte aufgehört Fragen an sie zu richten und beobachtete jetzt ein düsteres Stillschweigen. Als sie die Kirche hinter sich hatten und der Mann alle diese Buden sah, fragte er Cosetten: »Es ist wohl Markt hier?« »Nein, mein Herr, es ist Weihnachten.« Als sie sich dem Wirthshause näherten, berührte Cosette furchtsam den Arm des Fremden und sagte: »Mein Herr!« »Was, mein Kind?« »Wir sind jetzt ganz in der Nähe.« »Nun?« »Wollen Sie mich nicht jetzt den Eimer wieder tragen lassen?« »Warum?« »Wenn Madame sähe, daß mir ihn Jemand getragen, so würde sie mich schlagen.« Der Mann gab ihr den Eimer wieder. Einen Augenblick nachher waren sie an der Thür der Kneipe. VIII. Von der Verlegenheit, einen Armen bei sich aufzunehmen, der vielleicht ein Reicher ist. Cosette konnte nicht umhin von der Seite noch einen Blick auf die große Puppe zu werfen, die noch immer bei dem Spielzeughändler ausgestellt war. Dann klopfte sie. Die Thür öffnete sich. Die Thenardier erschien mit einem Lichte in der Hand. »Ach, Du bist es, kleine Bettlerin? Du bist gar nicht lange geblieben! Sie wird gespielt haben, die Spitzbübin!« »Madame,« fiel Cosette zitternd ein, »da ist ein Herr, der hier übernachten möchte.« Die Thenardier nahm plötzlich statt ihrer barschen Miene ihre liebenswürdige Grimasse an, jene den Wirthen eigenthümliche Gesichtsveränderung, und sah sich gierig nach dem Angekommenen um. »Ist das der Herr?« fragte sie. »Ja, Madame,« antwortete der Mann, indem er mit der Hand seinen Hut berührte. Die reichen Reisenden sind nicht so höflich. Jene Handbewegung, so wie die Musterung des Anzuges und des Gepäcks des Fremden, welchen die Thenardier mit einem einzigen Blick des Auges Revüe passiren ließ, ließen sofort die liebenswürdige Grimasse verschwinden und die mürrische Miene wieder erscheinen. Trocken fuhr sie fort: »Treten Sie ein, guter Mann.« Der »gute Mann« trat ein. Die Thenardier bettachtete ihn nochmals, musterte besonders seinen Rock, der ganz und gar abgeschabt war und seinen ein Wenig zerdrückten Hut. Mit einer gewissen Kopfbewegung, einem Naserümpfen und Augenblinzeln schien sie ihren Mann um seine Meinung zu fragen, welcher noch immer bei den Fuhrleuten saß und trank. Der Mann antwortete mit jener unmerklichen Daumenbewegung, die in Verbindung mit einem gewissen Anschwellen der Lippen in solchem Falle bedeutet: »ganz arm«. Darauf rief die Thenardier: »Guter Mann, es thut mir leid, aber ich habe keinen Platz mehr.« »Placiren Sie mich, wohin Sie wollen,« antwortete er, »auf den Boden, in den Stall. Ich bezahle so viel, wie für ein Zimmer.« »Vierzig Sous?« »Gut! Vierzig Sous.« »Dann ist's gut.« »Vierzig Sous?« fragte ein Fuhrman leise die Thenardier; »es macht ja nur zwanzig.« »Für ihn vierzig«, antwortete sie in demselben Tone. »Für weniger nehme ich Arme nicht auf.« »Wirklich«, fügte er, der Thenardier, mit einer gewissen Milde hinzu: »Man verdirbt sich sein Haus, wenn man solches Volk aufnimmt.« Unterdeß hatte sich der Mann, nachdem er Packet und Stock auf eine Bank gelegt, an einen Tisch gesetzt, wohin Cosette sich beeilte ihm eine Flasche Wein nebst einem Glase zu bringen. Der Kaufmann, der den Eimer mit Wasser verlangt hatte, war hinausgegangen, um ihn seinem Pferde selbst zu bringen. Cosette hatte ihren Platz unter dem Küchentische wieder ein-, so wie ihren Strumpf wieder zur Hand genommen. Der Mann, welcher kaum die Lippen in dem Glase benetzt hatte, das er sich eingeschenkt, beobachtete das Kind mit einer sonderbaren Aufmerksamkeit. Cosette war häßlich. Wäre sie glücklich gewesen, so würde sie vielleicht hübsch gewesen sein. Wir haben bereits eine Skizze dieser traurigen Gestalt entworfen. Sie war fast acht Jahre alt, sah aber kaum wie sechs Jahr alt aus, so mager und bleich war sie. Ihre großen Augen, welche wie im Schatten eingegraben in ihrem Kopfe lagen, waren in Folge von vielem Weinen fast erloschen. Ihre Mundwinkel hatten jenen Zug stehender Angst, welchen man bei Verurtheilten und hoffnungslosen Kranken findet. Die Hände hatte sie, wie ihre Mutter errathen, »voller Frostbeulen.« Das Feuer, welches sie in diesem Augenblick beschien, ließ die Ecken ihrer Knochen noch mehr heraustreten und gab ihrer Hagerkeit ein scheußliches Aussehen. Da sie immer fror, so drückte sie gewöhnlich die beiden Knie an einander. Ihre ganze Kleidung war ein Lumpen, der im Sommer Bedauern erregt haben würde, im Winter aber geradezu Schrecken einflößte. Sie trug nur zerrissenes Leinenzeug, nicht einen einzigen wollenen Lumpen. Hier und da sah man ihre Haut und bemerkte überall blaue oder schwarze Flecke, welche die Stellen bezeichneten, wo die Thenardier sie berührt hatte. Ihre nackten Beine waren roth und dünn. Der Anblick der Einsendung an den Schlüsselbeinen hätte zu Thränen rühren können. Die ganze Person dieses Kindes, ihre Haltung, ihr Gang, der Ton ihrer Stimme, die Pausen zwischen dem einen Worte und dem andern, ihr Blick, ihr Schweigen, ihre geringste Geberde drückten aus und übersetzten eine einzige Vorstellung: Furcht. Das Gefühl der Furcht war über ihre ganze Person ausgebreitet, sie war davon, so zu sagen, bedeckt. Die Furcht zog ihre Ellenbogen gegen die Hüften, zog ihre Fersen unter das Röckchen zurück, hieß ihr so wenig als möglich Platz einnehmen, ließ ihr nur den allernöthigsten Athem und war, wie man sagen könnte, die Gewohnheit ihres Körpers geworden. Nur eine Aenderung kannte diese Gewohnheit: sich noch immer mehr fürchten. In der Tiefe ihrer Pupille lag ein Winkelchen und in diesem lauerte der Schrecken. Ihre Furcht war so groß, daß sie, obgleich ganz naß zurückgekommen, nicht wagte, an dem Feuer sich zu trocknen, sondern schweigend ihre Arbeit aufnahm. Der Blick dieses achtjährigen Kindes sah gewöhnlich so düster und bisweilen so tragisch aus, daß es auf Augenblicke schien, als würde sie blödsinnig oder ein Teufel werden. Nie hatte sie, wie wir schon bemerkten, erfahren, was Beten heißt, niemals hatte sie mit einem Fuß eine Kirche betreten. »Habe ich denn Zeit?« sagte die Thenardier. Der Mann im gelben Rocke ließ Cosette nicht aus den Augen. Mit einem Male rief die Thenardier: »Nun? Und das Brod?« Cosette eilte, wie sie immer that, wenn die Thenardier ihre Stimme erhob, schleunigst unter dem Tische hervor. Das Brod hatte sie gänzlich vergessen. Sie griff zu dem gewöhnlichen Auskunftsmittel derjenigen Kinder, welche stets in Angst gehauen werden: sie log. »Madame, der Bäcker hatte schon geschlossen.« »Du hättest anpochen sollen.« »Ich habe gepocht, Madame.« »Nun?« »Er hat nicht geöffnet.« Ich werde mich morgen erkundigen, ob es wahr ist,« sagte hie Thenardier »und wenn Du lügst, setzt es einen Tanz, Mittlerweile gieb das Funfzehn-Sous-Stück wieder her!« Cosette steckte die Hand in ihre Schürzentasche und wurde grün. Das Geldstück war nicht mehr darin. »Nun, hast Du gehört?« Cosette wendete die Tasche um. Es war nichts darin. Was konnte aus dem Gelde geworden sein? Die unglückliche Kleine fand kein Wort. Sie stand wie versteinert da. »Hast Du das Geld verloren?« keuchte die Frau. »Oder willst Du mir es stehlen?« Gleichzeitig griff sie nach der Strickpeitsche, welche beim Kamine hing. Diese furchtbare Handbewegung gab Cosetten die Kraft auszurufen: »Gnade, Madame! Madame, ich will's nicht wieder thun.« Die Thenardier nahm die Peitsche herunter. Unterdeß hatte der Mann im gelben Rocke in seiner Westentasche gesucht, ohne daß man die Bewegung bemerkte. Freilich tranken die andern Reisenden oder spielten Karten und achteten auf nichts: Cosette kauerte sich angstvoll in der Kaminecke zusammen und suchte ihre armen halbnackten Glieder zusammenzuziehen, und den Schlägen zu entziehen. Die Thenardier erhob den Arm. »Verzeihen Sie, Madame,« sagte der Mann, »ich habe so eben etwas aus der Schürzentasche der Kleinen fallen sehen, das hierher rollte. Vielleicht ist es das Geld.« Zugleich bückte er sich und schien einen Augenblick am Boden zu suchen. »Richtig, da liegt es,« setzte er hinzu, indem er sich wieder aufrichtete. Er reichte der Thenardier ein Geldstück hin. »Ja, das ist es,« sagte sie. Es war es nicht, denn es war ein Zwanzigsousstück, die Thenardier aber fand Gewinn dabei. Sie steckte das Geld in ihre Tasche und begnügte sich einen wilden Blick auf das Kind zu werfen, wobei sie sagte: »Daß das nicht wieder geschieht.« Cosette kroch in ihre »Nische« zurück, wie die Thenardier es nannte. Ihre großen Augen, die sich unverwandt auf den unbekannten Reisenden richteten, nahmen einen Ausdruck an, den sie noch nicht gehabt hatten. Es war ein naives Erstaunen, in welches sich verdutztes Zutrauen mischte. »Wollen Sie zu Abend speisen?« fragte die Thenardier den Fremden. Er antwortete nicht. Er schien in tiefe Gedanken versunken zu sein. »Was ist's mit diesem Manne?« murmelte sie vor sich hin. »Ein schrecklicher Armer! Er hat nicht einmal einen Sous zum Abendbrod. Wird er mir nur mein Logis bezahlen? Ein Glück, daß es ihm nicht einfiel, das Geldstück vom Boden zu stehlen.« Mittlerweile hatte sich eine Thür geöffnet und Eponine und Azelma waren eingetreten. Es waren wirklich zwei hübsche kleine Mädchen, mehr städtisch als dörflich, reizend, die eine mit glänzenden braunen Flechten, die andere mit langen schwarzen Zöpfen, welche längs des Rückens herabfielen, beide lebhaft, proper, fleischig, frisch und gesund, daß es Einen freute, wenn man sie ansah. Sie waren warm gekleidet und mit solcher mütterlicher Kunst, daß die Dicke des Stoffes die Coquetterie des Anzuges nicht beeinträchtigte. Es war für den Winter gesorgt, ohne daß das Frühjahr unterdrückt war. Licht und Helle lag in ihnen. Sie waren die Herrscher im Hause. In ihrem Anzüge in ihrer Heiterkeit, in dem Lärm, den sie machten, lag Souveränität. Als sie eintraten, sagte die Thenardier in einem Tone, welcher grollend war, aber doch zugleich die Vergötterung der Mutter ausdrückte: »Ha, da seid Ihr also!« Dann zog sie eine nach der anderen zwischen ihre Knie, glättete ihnen das Haar, zupfte die Bänder zurecht und ließ sie darauf mit jener süßen Art zu schütteln wieder los, welche den Müttern eigenthümlich ist. »Seid Ihr liederlich!« rief sie. Sie setzten sich in die Ecke beim Heerd. Sie hatten eine Puppe, welche sie auf ihren Knieen hin- und herwendeten und dabei allerlei lustiges Zeug plauderten. Von Zeit zu Zeit blickte Cosette von ihrem Strickstrumpf auf und sah betrübt ihrem Spiele zu. Eponine und Azelma sahen nach Cosetten gar nicht hin. Sie war für sie so viel als ein Hund. Diese drei kleinen Mädchen zahlten zusammen nicht vierundzwanzig Jahre und repräsentirten schon die ganze menschliche Gesellschaft: auf der einen Seite Neid, auf der andern Verachtung. Die Puppe der Schwestern war sehr verschossen, sehr alt und zerdrückt, kam aber nichtsdestoweniger Cosetten bewunderungswürdig vor, welche in ihrem ganzen Leben noch keine Puppe gehabt hatte, eine »wirkliche Puppe«, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, den alle Kinder verstehen werden. Mit einem Male bemerkte die Thenardier, welche im Zimmer hin und herging, daß Cosette, statt zu arbeiten, zerstreut war und sich mit den Kleinen, welche spielten, beschäftigte. »Ha! Ertappe ich Dich!« rief sie. »So arbeitest Du also! Ich werde Dich bald mit der Peitsche arbeiten lehren!« Der Fremde wendete sich, ohne von dem Stuhle aufzustehen, an die Thenardier: »Madame,« sagte er mit einem beinahe furchtsamen Lächeln; »lassen Sie sie spielen.« Von Seiten jedes andern Reisenden, der ein Stück Schöpsenkeule gegessen und zum Abendbrod zwei Flaschen Wein getrunken, auch nicht ein so abscheulich armseliges Aussehen gehabt, wäre ein ähnlicher Wunsch Befehl gewesen. Aber daß ein Mann mit einem solchen Hute sich erlaubte, einen Wunsch zu haben, daß ein Mann in einem solchen Rocke einen Willen zu haben sich unterstand, das glaubte die Thenardier nicht dulden zu dürfen. Aergerlich antwortete sie: »Sie muß arbeiten, weil sie ißt. Zum Faullenzen füttere ich sie nicht.« »Was hat sie denn zu thun?« fragte der Fremde weiter mit jener sanften Stimme, welche in so seltsamem Gegensatz zu seinen Bettlermanieren und seinen breiten Lastträgerschultern stand. »Strümpfe zu stricken, wenn Sie erlauben,« geruhte die Thenardier zu antworten, »Strümpfe für meine Mädchen, welche keine mehr haben und bald barfuß werden gehen müssen.« Der Mann betrachtete die rothen Beine Cosettens und fuhr fort: »Wann wird sie mit diesem Paar Strümpfe fertig werden?« »Die Faullenzerin hat wenigstens noch drei bis vier ganze Tage daran zu arbeiten.« »Und wie viel ist das Paar Strümpfe werth, wenn es fertig ist?« Die Thenardier warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Wenigstens dreißig Sous.« »Gäben Sie es für fünf Francs?« fragte der Mann weiter. »Donnerwetter!« rief mit lautem Lachen ein Fuhrmann, der zuhörte. »Fünf Francs! Ich glaube gar! Donnerwetter! Fünf Francs!« Jetzt glaubte Thenardier das Wort ergreifen zu müssen. »Ja wohl, mein Herr, wenn Sie dieses Paar Strümpfe haben wollen, so sollen Sie dieselben für fünf Francs erhalten. Wir dürfen den Reisenden nichts abschlagen.« »Es muß aber gleich bezahlt werden,« setzte die Frau in ihrer kurzen, peremptorischen Art hinzu. »So kaufe ich dieses Paar Strümpfe,« antwortete der Mann, »und bezahle sie;« setzte er hinzu«, indem er ein Fünffrancstück aus der Tasche nahm und es auf den Tisch legte. Dann wendete er sich zu Cosette: »Nun ist Deine Arbeit mein. Spiele, mein Kind.« Der Fuhrmann war von dem Fünffrancstück so aufgeregt, daß er sein Glas stehen ließ und hinzutrat. »Es ist wirklich ächt!« rief er, indem er es prüfend betrachtete; »es ist nicht falsch!« Thenardier trat hin und steckte stillschweigend das Geld in seine Tasche. Sie, die Thenardier, wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie biß sich auf die Lippen und ihr Gesicht nahm einen Ausdruck des Hasses an. Cosette zitterte zwar, wagte aber doch zu fragen: »Ist es wahr, Madame? Darf ich spielen?« »Spiele!« sagte die Thenardier in schrecklichem Tone. »Ich danke, Madame,« sagte Cosette. Und, während ihr Mund der Frau dankte, dankte ihre ganze kleine Seele dem Fremden. Thenardier hatte sich wieder zum Trinken hingesetzt. Seine Frau flüsterte ihm ins Ohr: »Was kann der gelbe Mann wohl sein?« »Ich habe,« antwortete Thenardier in überlegenem Tone, »ich habe Millionäre in solchen Röcken gesehen.« Cosette hatte ihren Strickstrumpf hingelegt, sich aber von ihrem Platz nicht weggerührt. Sie rührte sich immer so wenig wie möglich. Aus einem Kasten hinter ihr hatte sie einige alte Lumpen und ihren kleinen bleiernen Säbel herausgenommen. Eponine und Azelma achteten auf nichts von dem, was vorging. Sie hatten so eben etwas sehr Wichtiges unternommen, sie hatten sich der Katze bemächtigt. Die Puppe hatten sie auf die Erde geworfen. Eponine, die Aeltere, wickelte das Kätzchen, trotz seines Miauens und Sträubens, in eine Menge rother und blauer Fleckchen ein. Während dieser ernsten und schwierigen Arbeit sagte sie zu ihrer Schwester in der so süßen, anbetungswürdigen Sprache der Kinder, deren Anmuth ähnlich dem Glanz des Flügels der Schmetterlings verschwindet, sobald man ihn festhalten will: »Siehst Du, Schwester, diese Puppe ist unterhaltender als die andere. Sie bewegt sich, sie schreit, sie ist warm. Mit der wollen wir spielen. Sie kann mein kleines Töchterchen sein. Ich bin eine Dame und komme mit ihm zu Dir zum Besuch. Du besiehst das Kind. Da siehst Du, daß es einen Schnurrbart hat und wunderst Dich. Dann siehst Du die Ohren und den Schwanz und wunderst Dich wieder. Da sagst Du zu mir: »Ach, mein Gott!« und ich sage: »Ja, Madame, meine Kleine ist so. Die kleinen Kinder sehen jetzt so aus.« Azelma hörte Eponine mit Verwunderung an. Unterdeß hatten die trinkenden Gäste ein obscönes Lied angestimmt, worüber sie lachten, daß die Decke zitterte. Thenardier ermuthigte und begleitete sie. Wie die Vögel ihr Nest aus Allem bauen, machen die Kinder aus den unbedeutendsten Dingen eine Puppe. Während Eponine und Azelma das Kätzchen einwickelten, wickelte Cosette ihrerseits ihren Säbel ein. Dann legte sie denselben auf ihren Arm schlafen und sang, um ihn einzuschläfern. Die Puppe ist eines der dringendsten Bedürfnisse und zugleich die Aeußerung des reizendsten Triebes der weiblichen Kindheit. Das Pflegen, Anziehen, Anputzen, Ankleiden, Auskleiden, Wiederankleiden, Belehren, Ausschelten, Wiegen, Einschläfern, Verzärteln, das ist die Zukunft des Weibes. In diesem Traum und Geplauder, unter dem Nähen der kleinen Ausstattungen, Schürzen, Kleider, Mieder und dergleichen wird das Kind ein kleines Mädchen, aus dem kleinen wird ein großes Mädchen und aus dem großen Mädchen eine Frau. Ihr erstes Kind ist die Fortsetzung ihrer letzten Puppe. Ein kleines Mädchen ohne Puppe ist fast so unglücklich und grade ebenso unmöglich, wie eine Frau ohne Kinder. Cosette hatte sich also aus dem Säbel eine Puppe gemacht. Die Frau Thenardier war zu dem »Gelben« getreten. Sie dachte bei sich: »Mein Mann hat Recht; Vielleicht ist's Herr Lafitte. Es giebt ja so närrische reiche Leute.« Sie stemmte sich an seinem Tische auf. »Mein Herr,« sagte sie. Bei dem Worte »mein Herr« wendete sich der Mann um. Bis dahin hatte ihn die Thenardier nur »guter Mann« genannt. »Sehen Sie, mein Herr;« fuhr sie fort, indem sie ihre süßliche Miene annahm, welche einen noch widerwärtigeren Eindruck machte, als ihr rauhes Wesen, »ich lasse das Kind gern spielen, ich habe nichts dagegen, aber das geht jetzt einmal, weil Sie so freigebig sind. Sehen Sie, sie hat nichts. Sie muß arbeiten.« »Es ist also nicht Ihr Kind?« fragte der Mann. »Ach, mein Gott, nein, mein Herr! Wir haben die arme Kleine nur aus Barmherzigkeit aufgenommen. Sie ist beinahe blödsinnig, sie wird wohl Wasser im Kopf haben. Sie hat auch einen dicken Kopf, wie Sie sehen. Wir thun für sie was wir können, denn wir sind nicht reich. Es nützt uns nichts, wenn wir auch in ihre Heimat schreiben, seit einem halben Jahre bekommen wir keine Antwort mehr. Wahrscheinlich ist ihre Mutter gestorben.« »Ach!« antwortete der Mann und versank wieder in seine Träumerei. »Viel ist an der Mutter auch nicht gewesen,« setzte die Frau hinzu. »Sie ließ ihr Kind im Stich.« Während dieser Unterhaltung hatte Cosette, als wenn der Instinkt ihr sage, daß man von ihr spreche, die Augen von der Thenardier nicht abgewendet. Sie horchte und verstand hier und da ein paar Worte. Indeß wiederholten die Trinkenden, die alle drei Viertel betrunken waren, mit doppelter Lust den schmutzigen Refrain. Die Thenardier lachte mit. Cosette, welche unter dem Tische saß, sah in das Feuer, das sich in ihren stieren Augen spiegelte. Sie hatte wieder angefangen, ihr Wickelkind zu wiegen, und dabei sang sie leise: »Meine Mutter ist todt! Meine Mutter ist todt! Meine Mutter ist todt!« Auf das wiederholte Andrängen der Wirthin willigte der gelbe Mann, »der Millionär«, endlich ein, zum Abend zu essen. »Was wünscht der Herr?« »Brod und Käse,« sagte der Mann. »Er ist doch ein Bettler,« dachte die Thenardier. Die Betrunkenen sangen immer noch ihr Lied und das Kind unter dem Tische sang das seinige. Mit einem Male aber unterbrach sich Cosette. Sie hatte sich umgedreht und die Puppe bemerkt, welche die kleinen Thenardiers wegen der Katze hatten fallen lassen und welche einige Schritte vom Küchentisch auf der Erde lag. Da ließ sie ihren eingewickelten Säbel fallen, der sie nur halb befriedigte, und sah sich langsam rings in der Stube um. Die Thenardier sprach leise mit ihrem Manne und zählte Geld; Ponine und Azelma spielten mit der Katze; die Reisenden aßen oder tranken oder sangen, Niemand achtete auf sie. Sie hatte keinen Augenblick zu verlieren. Sie kroch unter dem Tische hervor, kroch auf Knieen und Händen, überzeugte sich noch einmal, daß sie unbeachtet sei, schob dann schnell zur Puppe und ergriff sie. Im nächsten Augenblicke saß sie wieder auf ihrem Platze. Unbeweglich saß sie da und zwar mit ihrem Rücken so gewendet, daß die Puppe, welche sie auf dem Arme hatte, ganz im Schatten verborgen war. Das Glück mit einer Puppe zu spielen war für sie etwas so seltenes, daß sie dabei eine wahre Wollust empfand. Niemand hatte sie gesehen, als der Fremde, der langsam seine magere Suppe verzehrte. Die Freude dauerte etwa eine Viertelstunde. Welche Vorsicht Cosette aber auch gebrauchte, so bemerkte sie doch nicht, daß das eine Bein der Puppe hervorguckte und das Feuer des Kamins es beschien. Dieses helle rothe Bein, welches aus dem Schatten hervorragte, traf plötzlich der Blick Azelma's, welche zu Eponine sagte: »Siehe nur Schwester!« Die beiden kleinen Mädchen hielten erstaunt in ihrem Spiel inne, Cosette hatte sich erdreistet, sich ihre Puppe zu nehmen! Eponine stand auf, ging, ohne die Katze loszulassen, zu ihrer Mutter und zupfte sie am Kleide. »So laß mich doch!« sagte die Mutter. »Was willst Du denn von mir?« Mutter,« sagte das Kind, »sieh nur!« Dabei zeigte sie mit dem Finger auf Cosette. Diese aber, ganz entzückt über ihren Besitz, sah und hörte nichts mehr. Das Gesicht der Thenardier nahm jenen eigenthümlichen Ausdruck au, welcher aus dem Schrecklichen besteht in Verbindung mit den Nichtigkeiten des Lebens und welcher Veranlassung giebt, solche Weiber Megären zu nennen. Diesmal steigerte der verletzte Stolz noch ihren Zorn. Cosette hatte alle Schranken überstiegen, sie hatte gegen die Puppe »der Demoiselles« ein Attentat gewagt. Eine russische Kaiserin, welche sähe, das ein Muschick das große blaue Ordensband ihres kaiserlichen Sohnes sich umlegte, würde nicht anders aussehen. Mit einem vor Wuth heiseren Tone rief sie: »Cosette!« Cosette zitterte als wenn die Erde unter ihr gebebt hätte. Dann sah sie sich um. »Cosette!« wiederholte die Thenardier. Cosette nahm die Puppe und legte sie mit einer Art mit Verzweiflung gemischter Verehrung leise auf den Boden. Dann faltete sie, ohne die Augen von der Puppe abzuwenden, die Hände und, was bei einem Kinde von diesem Alter schrecklich zu sagen ist, überbrach sie sich. Darauf weinte sie. Kein Vorgang an diesem Tage, nicht der Weg im Walde, nicht die Schwere des Eimers, nicht das Verlieren des Geldes, nicht der Anblick der Peitsche hatte sie zum weinen bringen können. Jetzt weinte, jetzt schluchzte sie. Der Fremde war aufgestanden. »Was giebts?« fragte er die Thenardier. Sehen Sie es denn nicht?« antwortete diese, indem sie mit dem Finger das corpus delicti , die Puppe zeigte, welche zu den Füßen Cosettens lag. »Nun, was ist denn?« »Diese Bettlerin,« antwortete die Thenardier, »hat sich erdreistet, die Puppe der Kinder anzugreifen.« »Deßhalb all dieser Lärm!« sagte der Mann. »Was ist denn dabei, wenn sie mit der Puppe spielt?« »Sie hat sie mit ihren schmutzigen Händen angefaßt;« fuhr die Thenardier fort, »mit ihren abscheulichen Händen.« Cosette schluchzte noch stärker. »Willst Du still sein!« schrie die Thenardier. Der Mann ging grade auf die nach der Straße führenden Thür zu, machte sie auf und ging hinaus. Sobald er fort war, benutzte die Thenardier seine Abwesenheit und versetzte der unter dem Tisch sitzenden Cosette einen Fußtritt, daß sie laut aufschrie. Die Thür öffnete sich wieder, der Mann kam zurück, trug in beiden Händen die fabelhafte Puppe, von der wir gesprochen haben und die vom frühen Morgen an von allen Kindern des Dorfes betrachtet worden war, stellte sie vor Cosette und sagte: »Da, sie ist Dein.« Er mußte die erleuchtete Spielwaarenbude seit der Stunde, während welcher er sich auf seinem Platz in der Kneipe befand, von hier aus mitten in seinen Träumereien durch das Fenster bemerkt haben. Cosette schlug die Augen auf. Sie sah den Mann mit der Puppe auf sich zukommen als käme die Sonne zu ihr; sie hörte die unglaublichen Worte »sie ist Dein!« Sie sah den Mann, dann die Puppe an und wich langsam zurück, sie verkroch sich ganz unter dem Tische in der Mauerecke. Sie weinte nicht mehr, sie sprach nicht, sie sah aus als wage sie nicht zu athmen. Die Thenardier, Eponine und Azelma waren ebenfalls erstaunt. Selbst die Trinkenden machten eine Pause. In dem ganzen Hause trat eine feierliche Stille ein. Die Thenardier, stumm und versteinert, begann ihre Muthmaßungen wieder: »Was ist der Alte? Ein Armer? Ein Millionär? Vielleicht beides, das heißt ein Spitzbube.« Auf dem Gesichte des Mannes der Thenardier erschien jene ausdrucksvolle Falte, welche das menschliche Gesicht jedesmal bezeichnet, wenn der vorherrschende Instinkt mit seiner ganzen bestialischen Gewalt herantritt. Der Wirth betrachtete wechselsweise die Puppe und den Fremden; Er schien nach dem Manne zu wittern, wie nach einem Geldsacke. Dies dauerte aber nur so lange, wie etwa ein Blitz. Er trat zu seiner Frau und sagte leise zu ihr: »Das Ding kostet wenigstens dreißig Franks. Keine Dummheiten! Hübsch artig gegen den Mann.« Die rohen Naturen haben mit den naiven das gemeinsam, daß sie keine Uebergänge kennen. »Nun Cosette,« sagte die Thenardier mit einer Stimme, welche sanft sein sollte, aber ganz aus dem bitteren Honig der bösen Weiber zusammengesetzt war. »Willst Du denn Deine schöne Puppe nicht nehmen?« Cosette wagte aus ihrem Loch herauszukommen. »Cosettchen,« sagte Thenardier mit schmeichelnder Geberde, »der Herr schenkt Dir eine Puppe. Nimm sie, sie ist Dein.« Cosette betrachtete die Puppe mit einer gewissen Scheu. Ihr Gesicht war noch von Thränen überströmt, ihre Augen aber begannen sich zu füllen mit seltsamen Strahlen der Freude, wie der Himmel in der Dämmerung des Morgens. Was sie in diesem Augenblicke empfand, glich ein wenig dem, was sie empfunden haben würde, wenn man ihr plötzlich gesagt hätte: »Kleine, Du bist Königin von Frankreich.« Sie glaubte, daß, wenn sie die Puppe berühre, der Donner sich aus derselben entladen würde. Und das war in gewisser Hinsicht richtig, denn sie sagte sich, die Thenardier würde sie schelten und schlagen. Die Anziehung, welche die Puppe auf sie ausübte, trug jedoch den Sieg davon. Sie trat endlich hinzu und fragte schüchtern die Thenardier: »Darf ich also Madame?« ' Kein Wort könnte ihre zugleich verzweiflungsvolle, erstaunte und entzückte Miene wiedergeben. »Zum Teufel!« sagte die Thenardier; »sie gehört ja Dir. Der Herr schenkt sie Dir ja.« »Ist's wahr, mein Herr?« fragte Cosette. »Ist's wahr? Die Dame gehört mir?« Der Fremde schien die Augen voll Thränen zu haben. Er schien bei dem Grade der Rührung angelangt zu sein, wo man nicht spricht, um nicht zu weinen. Er machte mit dem Kopfe Cosetten ein Zeichen und legte die Hand der »Dame« in ihre kleine Hand. Cosette zog ihre Hand rasch zurück, als brenne die der »Dame« und sah auf den Boden. Wir müssen auch hinzusetzen, daß sie in diesem Augenblicke die Zunge sehr weit heraussteckte. Plötzlich wendete sie sich um, faßte schnell die Puppe, und sagte: »Ich will sie Katharina nennen.« Es war ein wunderlicher Moment, als die Lumpen Cosetten's die Bänder und das frische rosa Muslinkleid der Puppe berührten. »Madame«, fragte sie; »darf ich sie auf einen Stuhl setzen?« »Ja, mein Kind,« antwortete die Thenardier. Jetzt betrachteten Eponine und Azelma Cosetten mit den Augen des Neides. Diese setzte ihre Katharina auf einen Stuhl, sich selbst vor dieselbe auf die Erde und blieb so unbeweglich, ohne ein Wort zu sagen, in Betrachtung sitzen. »Spiele doch Cosette!« sagte der Fremde. »O, ich spiele ja,« antwortete dies Kind. »Diesen Fremden, diesen Unbekannten, der aussah wie ein Besuch, welchen die Vorsehung Cosetten machte, haßte in diesem Augenblicke die Thenardier mehr als irgend Etwas in der Welt. Sie mußte sich jedoch bezwingen. Aber sie fühlte mehr in sich als sie ertragen konnte, so sehr sie auch durch das Beispiel ihres Mannes, den sie in Allem nachzuahmen suchte, an Verstellung gewöhnt war. Sie beeilte sich ihre Töchter zu Bett zu schicken, dann bat sie den Fremden um die »Erlaubniß;« auch Cosetten zu Bett gehen zu lassen, die »heute so sehr müde sei,« wie sie mit mütterlicher Miene hinzusetzte. Cosette ging zu Bett und nahm ihre Katharina in ihren Armen mit sich. Die Thenardier ging von Zeit zu Zeit an das andere Ende der Stube, wo ihr Mann saß, »um sich das Herz leicht zu machen.« Sie wechselte mit ihm einige Worte, die um so wüthender waren, da sie dieselben nicht laut auszusprechen wagte. »Das alte Vieh! Was hat er nur im Leibe? Kommt her und bringt Alles in Unordnung! Will, daß das kleine Ungethüm spiele! Ihr eine Puppe zu geben. Ihr, der Hündin, welche ich für vierzig Sous weggeben möchte, eine Puppe für 40 Francs! Wenn's noch lange dauert, nennt er sie Majestät wie die Herzogin von Berry! Ist da Sinn und Verstand darin? Er muß verrückt sein, der alte geheimnißvolle Kerl!« »Warum? Es ist ganz einfach,« antwortete Thenardier. »Wenn es ihm Spaß macht! Dir machts Spaß, daß die Kleine arbeitet, ihm, wenn sie spielt. Er ist in seinem Recht. Ein Reisender thut, was er will, wenn er's nur bezahlt. Was geht's Dich an, wenn der Alte ein Philanthrop ist? Und wenn er ein Schafskopf ist, es geht Dich auch nichts an. Was kümmerst Du Dich darum, da er doch Geld hat?« Worte des Herrn und Logik des Wirths, welche eine Gegenrede nicht zuließen. Der Mann hatte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und hatte wieder seine frühere, träumerische Haltung eingenommen. Alle anderen Reisenden, Kauf- und Fuhrleute, hatten sich zum Theil schon entfernt und sangen nicht mehr. Sie betrachteten ihn von weitem mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu. Dieser sonderbare, so ärmlich gekleidete Mann, der so gleichgültig Geldstücke aus der Tasche nahm und an kleine Aschenbrödel riesige Puppen verschwendete, war gewiß ein mächtiger, gefürchteter Mann. Mehrere Stunden vergingen. Die Mitternachtsmesse war vorüber, das Essen war vorbei, die Trinkenden hatten sich entfernt, das Haus war geschlossen, die niedrige Gaststube leer, das Feuer ausgegangen und der Fremde saß immer noch an derselben Stelle und in derselben Haltung. Von Zeit zu Zeit wechselte er mit den Ellenbogen, auf die er sich stützte. Das war Alles. Seit Cosette sich entfernt, hatte er kein Wort mehr gesprochen. Nur die Thenardiers waren aus Höflichkeit und aus Neugierde in der Stube geblieben. »Will er denn die Nacht so zubringen?« brummte die Thenardier. Als es zwei Uhr früh schlug, erklärte sie sich für überwunden und sagte zu ihrem Manne: »Ich gehe zu Bett. Mach Du mit ihm, was Du willst.« Der Ehemann setzte sich an einen Tisch in einer Ecke, zündete ein Licht an und las im »Französischen Courier.« So verging eine gute Stunde. Der würdige Wirth hatte wenigstens dreimal Alles vom Datum bis zum Namen des Buchdruckers gelesen. Der Fremde rührte sich nicht. Thenardier bewegte sich, hustete, kratzte sich, spuckte aus, schnaubte und knarrte mit dem Stuhle. Der Mann machte keine Bewegung. Vergebens. – »Schläft er denn?« dachte Thenardier. Der Mann schlief nicht, aber nichts konnte ihn erwecken. Endlich nahm Thenardier seine Mütze ab, näherte sich leise und wagte zu sagen: »Will der Herr sich nicht zur Ruhe begeben?« »Will der Herr nicht schlafen gehen, wäre zu familiär gewesen. »Zur Ruhe begeben klang besser und achtungsvoll. Solche Worte haben die geheimnißvolle und bewunderungswürdige Eigenthümlichkeit die Summe der Rechnung am anderen Morgen anzuschwellen. Ein Zimmer, in dem man schläft, kostet zwanzig Sous; ein Zimmer, in welchem man ruht, kostet zwanzig Francs. »Ja, Sie haben Recht«, sagte der Fremde. »Wo ist Ihr Stall?« »Ich werde den Herrn führen,« entgegnete Thenardier lächelnd. Er nahm das Licht, der Mann nahm sein Packet und seinen Stock. Thenardier führte ihn in ein Zimmer des ersten Stocks, welches in einem seltenen Glanz stand und ganz mit Mahagoni und einem Bett mit rothkattunenen Vorhängen möblirt war. »Was soll das heißen?« fragte der Reisende. »Es ist unser eigenes Hochzeitszimmer,« sagte der Wirth; »wir bewohnen aber ein anderes, meine Frau und ich. Nur drei bis vier Mal im Jahre wird das Zimmer betreten.« »Ich würde eben so gern im Stall übernachtet haben,« sagte der Mann. Thenardier that so, als höre er diese so wenig verbindliche Bemerkung nicht. Er zündete zwei ganz frische Wachslichter an, die auf dem Kamine standen. Ein ziemlich gutes Feuer brannte in dem Kamine. Auf demselben, unter einer Glasglocke, lag ein weiblicher Kopfputz von Silbergeflecht und Orangeblumen. »Was ist das hier?« fragte der Fremde. »Der Brautstaat meiner Frau,« sagte Thenardier. Der Reisende betrachtete den Gegenstand mit einem Blicke, der zu sagen schien: »Dieses Ungethüm ist also auch einmal eine Jungfrau gewesen.« Uebrigens log Thenardier. Als er die Bude gepachtet hatte, um ein Wirthshaus daraus zu machen, hatte er dieses Zimmer bereits so ausgestattet gefunden und hatte er die Möbels und den Schmuck mit den Orangenblumen in der Erwartung gekauft, es werde dies auf seine Gemahlin einen graziösen Schatten werfen und seinem Hause das geben, was die Engländer respectable nennen. Als der Reisende sich umdrehte, war der Wirth verschwunden; Thenardier war heimlich »verduftet,« ohne zu wagen eine gute Nacht zu wünschen, da er einen Mann, welchen er am anderen Tage königlich zu rupfen gedachte, nicht mit respectswidriger Vertraulichkeit behandeln wollte. Der Wirth zog sich in sein Zimmer zurück. Seine Frau hatte sich bereits zu Bett gelegt, sie schlief aber noch nicht. Als sie den Schritt ihres Mannes hörte, drehte sie sich um und sagte: »Daß Du es weißt, morgen werfe ich Cosetten aus dem Hause!« Thenardier antwortete kalt: »Wie Du auch bist.« Sie sprachen nichts weiter mehr mit einander und einige Augenblicke später wurde das Licht ausgelöscht. Der Reisende seiner Seits hatte seinen Rock und sein Packet in eine Ecke gelegt. Als der Wirth fort gegangen, setzte er sich auf einen Stuhl und blieb einige Zeit nachdenklich sitzen. Darauf zog er die Schuhe aus, nahm eines der beiden Wachslichter, löschte das andere aus, öffnete die Thür, verließ sein Zimmer und sah sich um wie Jemand, der etwas sucht. Er ging über den Corridor und gelangte an die Treppe. Hier hörte er ein leises Geräusch, das dem Athmen eines Kindes ähnlich war. Er folgte diesem und kam an eine Art dreiseitige Vertiefung welche unter der Treppe angebracht oder vielmehr von dieser selbst gebildet war. Es war ein Raum unter den Stufen. Hier unter allerlei alten Körben und altem Gerümpel, in Staub und Spinneweben, befand sich ein Bett, wenn man einen durchlöcherten Strohsack, an den man das offene Stroh sah, und eine zerrissene wollene Decke, aus welcher ebenfalls das Stroh heraussah, ein Bett nennen kann. Laken gab's nicht. Es lag am Boden. In diesem Bett schlief Cosette. Der Mann trat näher und betrachtete sie. Cosette lag, völlig angekleidet, in tiefem Schlafe. Im Winter zog sie sich nicht aus, um weniger zu frieren. Fest an sich gedrückt hielt sie die Puppe, deren große offene Augen im Dunkel glänzten. Von Zeit zu Zeit seufzte sie tief als wolle sie erwachen und drückte die Puppe fast krampfhaft in ihre Arme. Neben ihrem Bette lag nur einer ihrer Holzschuhe. Durch eine offene Thür neben der Kammer Cosetten's konnte man in ein großes, dunkles Zimmer sehen. Der Fremde trat hinein. Im Hintergrunde, vor einer Glasthür, gewahrte man zwei gleiche, kleine, sehr weiße Betten. Das waren die Betten Eponine's und Azelma's. Hinter denselben war halb und halb eine Korbwiege ohne Vorhänge zu sehen, in welcher der kleine Junge schlief, der den ganzen Abend über geschrien hatte. Der Fremde vermuthete, daß dies Zimmer mit dem der Eheleute Thenardier in Verbindung stehe. Er wollte sich zurückziehen, als sein Blick auf den Kamin fiel, einen jener großen Wirthshauskamine, in welchen so wenig Feuer brennt, (wenn überhaupt welches darin ist,) daß man sie nur anzusehen braucht, um zu frieren. In diesem brannte kein Feuer, nicht einmal Asche war darin; was aber die Aufmerksamkeit des Reisenden besonders erregte, waren zwei niedliche Kinderschuhe von verschiedener Größe. Der Reisende erinnerte sich der uralten, reizenden Gewohnheit der Kinder, in der Weihnachtsnacht ihr Schuhwerk in den Kamin zu stellen, damit ihnen ihre gute Fee in der Dunkelheit irgend ein glänzendes Geschenk hineinlege. Eponine und Azelma konnten nicht fehlen und hatten deshalb auch einen ihrer Schuhe in den Kamin gestellt. Der Reisende bückte sich. Die Fee, das heißt die Mutter, war schon dagewesen und man sah in jedem Schuh ein ganz neues Zehnsousstück glänzen. Der Mann richtete sich wieder auf und schickte sich zum Fortgehen an, als er ganz hinten, bei Seite, im dunkelsten Winkel des Kamins, einen anderen Gegenstand bemerkte. Er sah genauer hin und erkannte, daß es ein Holzschuh sei, ein schwerer, halb zerbrochener und schmutziger Holzschuh. Es war der Schuh Cosetten's. Cosette hatte ihn mit jenem rührenden Kindesvertrauen, das immer getäuscht werden kann, ohne den Muth zu verlieren, auch in den Kamin gestellt. Die Hoffnung in einem Kinde, das nichts weiter als Verzweiflung kennen gelernt, ist etwas Erhabenes und Reizendes. In dem Holzschuh war nichts. Der Fremde suchte in seiner Westentasche, bückte sich und legte in den Holzschuh Cosetten's einen Louisd'or. Dann ging er leise wie ein Wolf in sein Zimmer zurück. IX. Thenardier bei der Arbeit. Am andern Morgen, zwei Stunden wenigstens vor Tagesanbruch, saß Thenardier in der niedrigen Gaststube neben einem Licht am Tische, mit der Feder in der Hand und setzte die Rechnung für den Reisenden im gelben Rocke zusammen. Die Frau stand halb über ihn gebeugt dabei und folgte ihm aufmerksam mit den Augen. Sie sprachen lein Wort mit einander. Es war auf der einen Seite tiefes Nachdenken, auf der andern jene andächtige Bewunderung, mit welcher man ein Wunder des menschlichen Geistes entstehen und sich entwickeln sieht. Man hörte ein Geräusch im Hause. Die Lerche kehrte die Treppe. Nach einer guten Viertelstunde und manchem Radiren brachte Thenardier folgendes Meisterstück zu Stande: Nota für den Herrn in Nr. 1. Abendessen .... 3 Francs Zimmer .... 10 " Lichte .... 5 " Beheizung .... 4 " Service .... 1 "   ________ Summa 23 Francs »Dreiundzwanzig Francs!« rief die Frau mit einem Enthusiasmus, in welchen sich jedoch ein wenig zögernde Zurückhaltung mischte. Thenardier war, wie alle großen Künstler, nicht mit sich zufrieden. »Hm!« sagte er, das geschah in der Betonung Castlereaghs, als er bei dem Wiener Congreß die Rechnung für Frankreich machte. »Du hast Recht, Herr Thenardier,« sagte leise die Frau, welche an die Puppe dachte, welche der Mann Cosetten im Beisein ihrer Tochter gegeben hatte, »er ist das schuldig, es ist richtig, aber zu viel. Er wird es nicht bezahlen wollen.« Thenardier entgegnete mit seinem kalten Lächeln: »Er wird bezahlen.« Dieses Lächeln war die höchste Bedeutung der Gewißheit und Autorität. Was so gesprochen wurde, mußte geschehen. Die Frau widersprach auch nicht mehr. Sie stellte die Tische zurecht, während der Mann in der Stube hin und her ging. Nach einiger Zeit setzte er hinzu: »Ich schulde ja fünfzehnhundert Francs!« Dann setzte er sich in den Winkel neben dem Kamin und legte die Füße auf die warme Asche. »Du vergißt doch nicht,« sagte die Frau, »daß ich heute Cosette aus dem Hause werfe? Dieses Ungethüm! Sie stößt mir das Herz mit ihrer Puppe ab. Lieber wollte ich Ludwig XVIII. heirathen, als sie noch einen Tag im Hause behalten.« Thenardier zündete seine Pfeife an und antwortete, nachdem er vor- und nachher eine Rauchwolke von sich geblasen: »Du wirst dem Manne die Rechnung geben.« Darauf ging er hinaus. Kaum war er aus der Stube, als der Reisende eintrat. Thenardier erschien auf der Schwelle wieder hinter ihm und blieb, nur seiner Frau sichtbar, in der halb offenen Thür stehen. Der gelbe Mann hatte seinen Stock und sein Packet in der Hand. »So zeitlich aufgestanden?« sagte die Thenardier. »Verläßt uns der Herr schon?« Während sie so sprach, drehte sie mit verlegener Miene die Rechnung in den Händen hin und her und zerknitterte sie mit ihren Nägeln. Auf ihrem rauhen Gesichte erschien ein Zug, der ihr nicht gewöhnlich war, Schüchternheit und Bedenklichkeit. Es schien ihr unbequem, eine solche Rechnung einem Manne zu geben, der so ganz wie »ein Armer« aussah. Der Reisende schien zerstreut und abwesend zu sein. Er antwortete: »Ja, Madame, ich gehe.« »Sie haben also keine Geschäfte in Montfermeil, mein Herr?« »Nein. Ich reise nur durch. Das ist Alles. Was bin ich schuldig, Madame?« Die Thenardier reichte ihm, ohne zu antworten, die zusammengefaltete Rechnung hin. Der Mann faltete das Papier auseinander, und blickte hinein; seine Gedanken aber waren offenbar anderswo. »Machen Sie gute Geschäfte in Montfermeil, Madame?« fragte er. »So so, mein Herr!« antwortete sie ganz erstaunt darüber, daß sie nichts anderes hörte. Dann fuhr sie in elegischem und kläglichem Tone fort: »Ach, mein Herr, die Zeiten sind sehr schlecht! Und dann haben wir auch so wenig Wohlhabende hier, lauter kleine Leute, sehen Sie. Wenn wir nicht manchmal so generöse und reiche Reisende hätten, wie der Herr! Wir haben so große Lasten! Sehen Sie, die Kleine kostet uns die Augen im Kopf.« »Welche Kleine?« »Nun, die Kleine, Sie wissen ja! Cosette! Die Lerche, wie die Leute hier sie nennen.« »Ach so!« sagte der Mann. Sie fuhr fort: »Sind sie dumm, diese Bauern, mit ihren Zunamen! Sie sieht eher aus wie eine Fledermaus, als wie eine Lerche. Sehen Sie, mein Herr, wir verlangen kein Mitleid, wir können es aber bald nicht mehr aushalten. Wir verdienen nichts und haben viel zu bezahlen. Die Steuern! Der Herr weiß, daß die Regierung ein schreckliches Geld verlangt. Und dann habe ich ja auch meine Töchter. Ich habe nicht nöthig anderer Leute Kinder zu ernähren.« Der Mann erwiederte mit einem Tone, der gleichgiltig klingen sollte, dem man aber doch das Zittern anhörte: »Wenn Sie sie sich nun vom Halse schafften?« »Wen? Die Cosette?« »Ja.« Das rothe und heftige Gesicht der Wirthsfrau überstrahlte eine häßliche Freude. »Ach, mein Herr! Mein guter Herr! Nehmen Sie sie, behalten Sie sie, nehmen Sie sie mit fort, überzuckern Sie sie, stopfen Sie sie mit Trüffeln, trinken, essen Sie sie, machen Sie mit ihr was Sie wollen und die gute Jungfrau mit allen Heiligen im Paradiese mag Sie dafür segnen.« »Abgemacht!« »Wirklich? Sie nehmen sie mit?« »Ich nehme sie mit.« »Sogleich?« »Sogleich. Rufen Sie das Kind!« »Cosette!« rief die Wirthin. »Unterdeß,« fuhr der Mann fort, »will ich Ihnen meine Rechnung bezahlen. Wieviel beträgt sie?« Er warf einen Blick auf dieselbe und konnte eine Bewegung der Ueberraschung nicht unterdrücken.« »Dreiundzwanzig Francs!« Er sah die Frau an und sagte noch ein Mal: »Dreiundzwanzig Francs?« In der Betonung dieser zwei Mal wiederholten Worte lag der Accent, welcher das Ausrufe- vor dem Fragezeichen trennt. Die Thenardier hatte Zeit gehabt, sich auf den Stoß vorzubereiten. Mit Sicherheit antwortete sie: »Ja, mein Herr, dreiundzwanzig Francs!« Der Fremde legte fünf Fünffrancsstücke auf den Tisch und sagte: »Holen Sie die Kleine.« In diesem Augenblick trat Thenardier bis in die Mitte der Stube und sagte: »Der Herr ist noch sechsundzwanzig Sous schuldig.« »Sechsundzwanzig Sous?« rief die Frau. »Zwanzig für das Zimmer, sechs für das Abendessen,« antwortete Thenardier kalt. »Was die Kleine betrifft, so muß ich mit dem Herrn noch ein paar Worte reden. Lasse uns allein, Frau.« Die Frau war geblendet von den Blitzen des Talentes ihres Mannes. Sie fühlte, daß jetzt der erste Held auftrat, sagte kein Wort und ging. Sobald sie allein waren, bot Thenardier dem Fremden einen Stuhl. Der Reisende setzte sich, Thenardier blieb stehen. Sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck von Gutmüthigkeit und Einfältigkeit an. »Sehen Sie, mein Herr,« sagte er, »ich will es Ihnen nur sagen, ich liebe dieses Kind unendlich.« Der Fremde sah ihn fest an. »Welches Kind?« »Es ist wunderlich, wie man sich an Etwas gewöhnen und anschließen kann! Was ist all das Geld? Nehmen Sie Ihre hundert Sous. Ich habe das Kind zu lieb.« »Welches denn?« fragte der Fremde. »Nun, unsere kleine Cosette. Wollen Sie uns denn die Kleine nicht entführen? Ich rede aufrichtig, so wahr sie ein honetter Mann sind, ich kann meine Einwilligung nicht geben. Das Kind würde mir überall fehlen. Ich habe sie ganz klein gesehen. Es ist wahr, sie kostet uns freilich viel Geld, es ist wahr, sie hat ihre Fehler, es ist wahr, wir sind nicht reich, es ist wahr, ich habe in einer ihrer Krankheiten mehr als vierhundert Francs für Medicin bezahlt. Aber man muß für den lieben Gott auch etwas thun. Das arme Ding hat weder Vater noch Mutter, ich habe sie erzogen. Ich habe Brod für sie und für mich. Und in der That, ich halte was auf das Kind. Ich bin ein guter dummer Kerl, ich vernünftele nicht, ich liebe die Kleine. Meine Frau ist zwar lebhaft, aber sie liebt sie auch. Es ist als gehörte sie uns. Ich muß sie im Hause hören!« Der Fremde sah ihn noch immer unverwandt an. Thenardier fuhr fort: »Verzeihen, entschuldigen Sie, mein Herr, aber man giebt sein Kind nicht so dem ersten besten Reisenden hin. Nicht wahr, ich habe Recht? Freilich, Sie sind reich, Sie scheinen ein sehr braver Mann zu sein; wenn das nun zu ihrem Glück wäre? Aber wer kann das wissen? Sie verstehen, wenn ich sie gehen ließe, wenn ich ein Opfer brächte, so könnte dies doch nur dann geschehen, wenn ich wüßte, wohin sie kommt; ich möchte sie nicht aus den Augen verlieren; ich möchte wissen, bei wem sie ist, um sie von Zeit zu Zeit besuchen zu können, damit sie erführe, ihr guter Pflegevater sei da und wache über sie. Kurz es giebt Dinge, welche nicht möglich sind. Ich kenne nicht einmal Ihren Namen. Nehmen Sie sie mit, so muß ich immer fragen: wohin ist die Lerche gekommen? Ich müßte wenigstens ein schlechtes Papier, ein Stück von einem Paß sehen, Etwas!« Der Fremde antwortete in ernstem, festem Tone, ohne aufzuhören ihn mit einem Blicke anzusehen, der bis in die Tiefe des Gewissens dringt: »Herr Thenardier, wenn man auf fünf Meilen Paris, verläßt, nimmt man keinen Paß. Wenn ich Cosette mitnehme, nehme ich sie mit, ohne Weiteres. Sie erfahren weder meinen Namen, noch meine Wohnung; sie erfahren nicht, wo sie sein wird, und es ist meine Absicht, daß sie Sie niemals wiedersieht. Ich zerschneide den Faden, den sie am Fuße hat und sie geht davon. Paßt Ihnen das? Ja oder Nein?« Ebenso wie die Dämonen und die Genien an gewissen Zeichen die Gegenwart eines überlegneren Geistes erkennen, so begriff Thenardier, daß er mit Einem zu thun hatte, der nicht geringe Kräfte habe. Es kam ihm dies ohne Nachdenken durch Anschauung. Er begriff dies mit seiner scharfsinnigen, klaren Geistesgewandtheit. Schon am Abende vorher, mitten unter dem Trinken, Rauchen und Singen, hatte er ihn genau beobachtet, ihn belauert wie eine Katze und ihn studirt wie ein Mathematiker. Im eigenen Intresse, aus Instinkt und aus Vergnügen hatte er ihn spionirt; er hatte ihn ausspionirt, als wenn er dafür bezahlt würde. Keine Geberde, keine Bewegung des Mannes im gelben Rock war ihm entgangen. Das Interesse des Unbekannten für Cosetten hatte er errathen, bevor der Mann dasselbe noch deutlich zu erkennen gegeben. Er hatte die tiefen, langen Blicke beobachtet, welche immer wieder auf das Kind zurückkamen. Warum dieses Interesse? Wer war der Mann? Warum die ärmliche Kleidung bei so viel Geld im Beutel? Alles Fragen, welche er sich vorlegte, ohne sie beantworten zu können, sie reizten seine Neugierde. Die ganze Nacht hatte er darüber nachgedacht. Der Vater Cosette's konnte er wohl nicht sein. Vielleicht der Großvater? Warum aber dann nicht sogleich sich zu erkennen geben? Wenn man ein Recht hat, zeigt man es. Der Mann hatte also offenbar kein Recht auf Cosetten. Was war er also? Thenardier verlor sich in Muthmaßungen. Er ahnte alles, sah und sah nichts. Wie dem aber auch sein mochte, er fühlte sich stark, als er mit dem Mann eine Unterhaltung anknüpfte, weil er die Gewißheit hatte, daß ein Geheimniß in alle diesem stecke und daß der Mann ein Interesse dabei habe, im Dunklen zu bleiben. Aber bei der klaren und festen Antwort des Fremden, als er sah, daß der Mann so unbefangen geheimnißvoll sei, fühlte er sich wieder schwächer. Etwas der Art hatte er nicht erwartet. Seine Vermuthungen stürzten über den Haufen. Er sammelte seine Gedanken. Er erwog Alles in einer Secunde. Thenardier gehörte zu denjenigen Menschen, welche eine Lage mit einem Blicke überschauen. Er erkannte, daß es Zeit sei rasch und graden Weges vorzugehen. Er machte es wie die großen Feldherrn in einem solchen Augenblicke, den sie allein zu erkennen vermögen, – er demaskirte plötzlich seine Batterie. »Mein Herr,« sagte er, »Sie müssen mir fünfzehnhundert Francs zahlen.« Der Fremde nahm aus seiner Seitentasche ein altes Portefeuille von schwarzem Leder, öffnete es und nahm drei Banknoten aus demselben, die er auf den Tisch legte. Dann drückte er seinen breiten Daumen auf die Billets und sagte zu dem Wirth: »Holen Sie die Cosette.« Was that Cosette, während dies geschah? Sie war gleich nach dem Erwachen zu ihrem Holzschuh gelaufen und hatte in demselben das Goldstück gefunden. Es war kein Napoleonsd'or, sondern eines der ganz neuen Goldstücke der Restauration, auf deren Vorderseite das kleine preußische Queue die Lorbeerkrone verdrängt hatte. Cosette war wie geblendet, ihr Geschick fing an sie zu berauschen. Sie wußte nicht was ein Goldstück war, sie hatte nie eins gesehen, sie steckte es rasch in ihre Tasche, als habe sie es gestohlen. Gleichwohl fühlte sie, daß es ihr angehöre; sie errieth von wem dies Geschenk komme, sie empfand eine Freude voller Angst. Sie war zufrieden, mehr aber noch verwundert. So schöne, so prächtige Dinge schienen ihr der Wirklichkeit nicht anzugehören. Die Puppe, das Goldstück flößten ihr Furcht ein. Nur vor dem Fremden fürchtete sie sich nicht. Im Gegentheil, er beruhigte sie. Seit dem gestrigen Tage, mitten in ihrem Staunen, im Traume dachte sie in ihrem kleinen Kindesgeiste an den Mann, der so alt, so arm und so traurig aussah und doch so reich und gut war. Seit sie ihn im Walde getroffen hatte, war alles verändert für sie. Cosette weniger glücklich, als die kleinste Schwalbe unter dem Himmel, hatte nie gewußt, was es heißt, sich in den Schatten einer Mutter, wie unter einen Flügel zu flüchten. Seit fünf Jahren, das heißt soweit ihre Gedanken zurückreichten, zitterte und fror das arme Kind. Sie war stets unter dem kalten Winde des Unglücks ganz nackt gewesen, jetzt kam es ihr vor, als sei sie bekleidet. Sonst hatte ihre Seele gefroren, jetzt war ihr warm. Sie fürchtete sich nicht mehr so sehr vor der Thenardier. Sie war nicht mehr allein, es war Jemand da. Sie war schnell an die gewöhnliche Früharbeit gegangen. Das Goldstück aber, das sie bei sich hatte, in derselben Schürzentasche, aus welcher ihr am Abende vorher das Fünfzehnsousstück gefallen, zerstreute sie sehr. Sie wagte es nicht zu berühren, wobei sie, was mitzutheilen ist, stets die Zunge heraussteckte. Bei dem Kehren der Treppe hielt sie inne und blieb unbeweglich stehen, ihren Besen und die ganze Welt vergessend, ganz damit beschäftigt ihren Stern in ihrer Tasche glänzen zu sehen. In einer dieser Betrachtungen traf sie die Thenardier, welche auf Befehl ihres Mannes sie holen wollte. Unerhörter Weise gab sie ihr keinen Schlag, nicht einmal ein Schimpfwort. »Cosette,« sagte sie fast sanft, »komme sogleich.« Im nächsten Augenblicke trat Cosette in die niedrige Gaststube. Der Fremde nahm das Packet, das er mitgebracht hatte und knüpfte dasselbe auf. Es enthielt ein kleines, wollenes Kleid, ein Mieder von Barchent, eine Schürze, einen Unterrock, ein Halstuch, wollene Strümpfe, Schuhe, einen vollständigen Anzug für ein Mädchen von sieben Jahren. Alles in Schwarz. »Mein Kind,« sagte der Mann, »nimm das und kleide Dich geschwind an.« Es wurde Tag, als die Einwohner von Montfermeil, welche ihre Hausthüren aufmachten auf der Straße nach Paris zu einen ärmlich gekleideten Mann gehen sahen, welcher ein in Trauer gekleidetes Mädchen führte, das eine rosa Puppe in ihren Armen trug. Sie gingen nach Livry zu. Es war unser Unbekannter und Cosette. Niemand kannte den Mann, und da Cosette nicht mehr in Lumpen gekleidet war, erkannten Viele auch sie nicht. Cosette ging fort. Mit wem? Sie wußte es nicht. Wohin? Sie wußte es nicht. Alles, was sie verstand, war, daß sie das Wirthshaus Thenardiers hinter sich ließ. Niemand hatte daran gedacht, ihr Adieu zu sagen, noch sie daran, von irgend Jemand Abschied zu nehmen. Hassend und gehaßt verließ sie das Haus. Armes, kleines Wesen, dessen Herz bis zu diesem Augenblick gedrückt gewesen war! Cosette ging ernsthaft einher, machte große Augen und sah den Himmel an. Ihr Goldstück hatte sie in die Tasche ihrer neuen Schürze gesteckt. Von Zeit zu Zeit bückte sie sich und warf einen Blick auf dasselbe, dann blickte sie den Mann an. Sie fühlte Etwas, als wenn sie in der Nähe des lieben Gottes wäre. X. Wer Besseres sucht, kann Schlechteres finden. Die Thenardier hatte ihrer Gewohnheit gemäß, ihren Mann machen lassen. Sie erwartete große Ereignisse. Als der Mann und Cosette fort waren, ließ Thenardier eine gute Viertelstunde vergehen, dann nahm er sie bei Seite und zeigte ihr die fünfzehnhundert Francs. »Weiter nichts?« fragte sie. Es war das erste Mal, seit dem Anfange ihres Ehestandes, daß sie eine Handlung des Herrn zu kritisiren wagte. Der Schlag wirkte. »In der That, Du hast Recht,« sagte er; »ich bin dumm gewesen. Gieb mir meinen Hut.« Er faltete die drei Banknoten zusammen, steckte sie in seine Tasche und ging eilig fort. Anfangs irrte er sich und ging rechts. Einige Nachbarn, die er befragte, brachten ihn auf die Spur; man hatte den Mann und die Lerche in der Richtung nach Livry zu gehen sehen. Er folgte dieser Andeutung. Er lief schnell und hielt dabei folgendes Selbstgespräch: »Der Mann ist offenbar ein gelb gekleideter Millionär und ich bin ein Vieh. Anfangs hatte er zwanzig Sous, dann fünf Francs, dann fünfzig, dann funfzehnhundert gegeben, und immer mit der größten Leichtigkeit. Er hätte fünfzehntausend gegeben. Aber ich hole ihn ein!« Seltsam war auch das Packet mitgebrachter Kleidungsstücke für die Kleine. Dahinter mußte etwas Geheimnißvolles stecken. Geheimnisse läßt man nicht so leicht los, wenn man sie einmal hat. Die Geheimnisse der Reichen sind goldgefüllte Schwämme, die man zu drücken verstehen muß. Alle diese Gedanken wirbelten in seinem Kopfe. »Ich bin ein Vieh!« sagte er. Ist man aus Montfermeil hinaus und hat man die Krümmung erreicht, welche die Straße nach Livry macht, so sieht man sie sehr weit vor sich hin auf der Höhe sich entfalten. Dort angekommen, meinte er, müßte er den Mann mit der Kleinen sehen. Er schaute so weit als sein Auge reichte und sah nichts. Er erkundigte sich weiter. Dabei verlor er Zeit. Vorübergehende sagten ihm, daß der Mann und das Kind, welche er suche, nach dem Walde, nach Gagny zu, gegangen seien. In dieser Richtung ging er eiligst hin. Sie hatten einen Vorsprung vor ihm, aber ein Kind geht langsam und er ging rasch. Und dann war ihm auch die Gegend genau bekannt. Plötzlich blieb er stehen und schlug sich an die Stirne, wie Jemand, der etwas Wesentliches vergessen hat und bereit ist wieder umzukehren. »Ich hätte meine Flinte mitnehmen sollen!« dachte er. Thenardier war eine der Doppelnaturen, die bisweilen mitten unter uns, ohne daß wir es wissen, erscheinen und verschwinden, ohne daß wir sie erkannten, weil das Geschick sie nur von einer Seite gezeigt hat. Viele Menschen haben das Schicksal, so halb versenkt zu leben. In einer ruhigen und gewöhnlichen Lage besaß Thenardier Alles was zum Geschäft gehört – wir sagen nicht zu einem Mitgliede der Gesellschaft – zu einem honetten Geschäftsmann. Gleichzeitig hatte er aber auch, wenn gewisse Umstände gegeben gewesen, wenn gewisse Stöße seine untere Seite emporgekehrt hätten, Alles, was zu einem Bösewicht gehört. Er war ein Budiker, in dem ein Ungeheuer steckte. Satan mußte manchmal sich in einen Winkel der Stube kauern, in der Thenardier hausete, und vor diesem Meisterstück des Häßlichen nachdenken. Nachdem er einen Augenblick gezaudert, dachte er: »Bah, sie hatten Zeit zu entkommen.« Er setzte seinen Weg fort, ging sehr schnell, beinahe mit der Miene der Sicherheit, mit dem Scharfsinn eines Fuchses, der ein Volk Rebhühner wittert. In der That, als er über die Teiche hinausgekommen, bemerkte er über einem Gebüsch einen Hut. Es war der Hut des Mannes. Das Gebüsch war niedrig. Thenardier sagte sich, daß der Mann mit Cosette da saß. Das Kind sah er wegen der Kleinheit desselben nicht, den Kopf der Puppe aber konnte er wahrnehmen. Thenardier täuschte sich nicht. Der Mann saß da, um Cosetten ein wenig ausruhen zu lassen. Der Wirth ging um das Gebüsch herum und erschien plötzlich vor den Blicken derer, welche er suchte. »Verzeihung, ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,« sagte er ganz außer Athem, »aber hier sind Ihre fünfzehnhundert Francs zurück.« Während er dies sagte, hielt er dem Fremden die drei Banknoten hin. Der Mann sah auf und fragte: »Was heißt das?« Thenardier antwortete respectvoll: »Das heißt, mein Herr, daß ich Cosetten wieder haben will.« Cosette zitterte und schmiegte sich an den Mann. Dieser sah Thenardier tief ins Auge und antwortete, indem er jede Silbe betonte und dehnte: »Sie nehmen Cosette zurück?« »Ja, mein Herr, ich nehme sie zurück. Ich will es Ihnen sagen. Ich habe mir die Sache überlegt. Ich habe eigentlich gar nicht das Recht, sie wegzugeben. Sehen Sie, ich bin ein ehrlicher Mann. Die Kleine ist nicht mein Kind; sie gehört ihrer Mutter. Ihre Mutter hat sie mir anvertraut, nur dieser kann ich sie zurückgeben. Sie sagen vielleicht: ihre Mutter ist todt. Gut. In diesem Falle könnte ich das Kind nur einer Person geben, die mir ein von der Mutter unterschriebenes Schreiben brächte, ich solle das Kind dieser Person überliefern. Das ist doch klar.« Ohne ein Wort zu antworten, suchte der Mann in seiner Tasche. Thenardier sah das Portefeuille mit den Bankbillets wieder zum Vorscheine kommen. Der Wirth empfand ein Zittern der Freude. »Gut!« dachte er. »Festhalten! Er will mich bestechen!« Ehe der Mann das Portefeuille öffnete, sah er sich um. Der Ort war ganz einsam. Nicht eine Seele ließ sich weder in dem Walde, noch in der Ebene sehen. Der Mann öffnete das Portefeuille und nahm, nicht die Handvoll Banknoten, was Thenardier erwartete, sondern ein kleines Papier heraus, das er auseinanderschlug und offen dem Wirthe mit den Worten hinhielt: »Sie haben Recht. Lesen Sie.« Thenardier nahm das Papier und las: M. am M. den 25. März 1823. Herr Thenardier! Ich ersuche Sie, dem Ueberbringer Dieses Cosetten zu übergeben. Die Kleinigkeiten, welche etwa noch Rest sind, werden bezahlt werden. Ich habe die Ehre, Sie mit aller Achtung zu grüßen. Fantine. »Sie kennen diese Unterschrift?« fragte der Mann. Es war allerdings die Unterschrift Fantine's. Thenardier erkannte sie. Es ließ sich darauf nichts sagen. Er empfand einen doppelt großen Verdruß, den Verlust der gehofften Bestechung und den, geschlagen zu sein. Der Mann setzte hinzu: »Das Papier können Sie als Quittung behalten.« Thenardier zog sich in guter Ordnung zurück. »Die Unterschrift ist gut nachgemacht,« murmelte er zwischen den Zähnen. »Es mag sein!« Er machte noch eine verzweifelte Anstrengung. »Es ist gut, mein Herr, da Sie der Ueberbringer sind. Aber es heißt, ›die Kleinigkeiten‹, welche etwa noch Rest sind, sollen bezahlt werden. Man ist mir aber viel schuldig.« Der Mann richtete sich hoch auf und sagte, während er mit dem Finger Staub von seinem abgeschabten Rockärmel wegschnippte: »Herr Thenardier, im Januar berechnete die Mutter, daß sie Ihnen hundert und zwanzig Francs schuldig sei; im Februar schickten Sie ihr eine Rechnung über fünfhundert Francs. Ende Februar erhielten Sie dreihundert und dreihundert Anfang März. Seitdem sind neun Monate zu dem verabredeten Preise von fünfzehn Francs vergangen; das macht einhundert und fünfunddreißig Francs. Es blieben Ihnen also fünfunddreißig gut. Jetzt habe ich Ihnen fünfzehnhundert gegeben.« Thenardier empfand, was der Wolf in dem Augenblicke empfindet, wenn er sich von der stählernen Falle gefaßt und gefangen fühlt. »Welcher Teufel ist der Mann?« dachte er. Er that was der Wolf thut: er schüttelte sich. Die Keckheit war ihm schon einmal gelungen. »Mein Herr – ich weiß nicht, wie Sie heißen« – sagte er entschlossen und dieses Mal alle Rücksichten der Achtung bei Seite setzend, »ich nehme Cosetten zurück oder Sie geben mir tausend Thaler.« Der Fremde antwortete gelassen: »Komm, Cosette.« Er faßte sie mit der linken Hand, mit der rechten nahm er seinen Stock vom Boden auf. Thenardier sah den dicken Knüppel und die Einsamkeit des Ortes. Der Mann drang mit dem Kinde in das Gehölz weiter hinein und ließ den Wirth unbeweglich und verblüfft dastehen. Während sie sich entfernten, betrachtete Thenardier die breiten, ein wenig gewölbten Schultern und die großen Fäuste des Mannes. Dann fielen seine Blicke auf seine eigenen schwächlichen Arme und hageren Hände. »Ich muß wirklich ganz dumm sein, daß ich meine Flinte nicht mitgenommen habe, da ich doch auf die Jagd ging.« Der Gastwirth ließ indeß seine Beute noch nicht los. »Ich will wissen, wohin er geht,« sagte er und machte sich daran ihm von Weitem zu folgen. Zweierlei war ihm geblieben: ein Spott, das Stückchen Papier mit der Unterschrift »Fantine,« und ein Trost, die fünfzehnhundert Francs. Der Mann führte Cosette in der Richtung nach Livry und Bondy hin. Er ging langsam, mit gesenktem Kopfe, in nachdenklicher und trauriger Haltung. Der Winter hatte den Wald kahl gemacht, so daß ihn Thenardier nicht aus den Augen verlor, obschon er ziemlich weit zurück blieb. Von Zeit zu Zeit drehte sich der Mann um und sah, ob man ihm folge. Plötzlich gewahrte er Thenardier. Sofort trat er mit Cosette in ein Dickicht, wo sie beide verschwinden konnten. »Teufel!« sagte Thenardier und beschleunigte seine Schritte. Das Dickicht nöthigte ihn sich wieder zu nähern. Als der Mann gerade im tiefsten Dickicht war, drehte er sich um. Wie Thenardier sich auch in den Aesten versteckte, er konnte es nicht hindern, daß der Mann ihn sah. Dieser warf ihm einen unruhigen Blick zu, warf den Kopf verächtlich in die Höhe und setzte seinen Weg fort. Der Gastwirth folgte immer weiter nach. So machten sie zwei- bis dreihundert Schritte. Plötzlich wendete sich der Mann noch einmal um. Er bemerkte den Wirth. Diesmal sah er denselben mit einem so finsteren Blicke an, daß Thenardier es für »unnütz« hielt, weiter zu gehen. Thenardier machte Kehrtum. XI. Nummer 9430 kommt heraus und Cosette gewinnt sie in der Lotterie. Johann Valjean war nicht todt. Als er in das Meer fiel oder sich vielmehr in dasselbe warf, war er, wie man gesehen hat ohne Eisen. Er schwamm unter dem Wasser bis unter ein Schiff, das vor Anker lag und an dem ein Boot befestigt war. Es gelang ihm sich in diesem Boot bis zum Abend zu verbergen. Nachts warf er sich von Neuem in die Fluth und schwamm bis an die Küste in der Nähe des Cap Brun. Hier konnte er sich Kleidungsstücke anschaffen, da es ihm keineswegs an Geld fehlte. Eine Kneipe in der Gegend von Balaguier war damals die Kleiderkammer der entflohenen Sträflinge, ein eigenthümliches aber einträgliches Geschäft. Darauf folgte Johann Valjean, wie alle diese traurigen Flüchtlinge, welche das Gesetz und das sociale Verhängniß auf eine falsche Spur zu leiten suchen einem dunkelen Hin und Her von Wegen. Bald im Süden, bald im Norden erreichte er endlich Paris. In Montfermeil haben wir ihn so eben gesehen. Als er in Paris angekommen, war seine erste Sorge, Trauerkleider für ein Mädchen von sieben bis acht Jahren zu kaufen, sodann sich eine Wohnung zu verschaffen. Als dies geschehen, begab er sich nach Montfermeil. Man hielt ihn für todt und das verdichtete das Dunkel, das um ihn her entstanden war. In Paris fiel ihm eine Zeitung, die seinen Tod mittheilte, in die Hände. Er fühlte sich beruhigt und fast so im Frieden als wäre er wirklich gestorben. Abends an dem Tage, an welchem Johann Valjean Cosette den Klauen der Thenardiers entrissen hatte, kam er wieder nach Paris zurück. Die Nacht begann, als er mit dem Kinde die Barriere passirte. Hier stieg er in ein Cabriolet, das ihn zur Esplanade der Sternwarte brachte. Da stieg er ab, bezahlte den Kutscher, nahm Cosette an der Hand und beide gingen in dunkler Nacht durch verlassene Gäßchen nach dem Boulevard Hospital zu. Der Tag war für Cosette wunderbar und voll Aufregung gewesen. Hinter Hecken hatte man Brod und Käse gegessen, das sie in einzeln stehenden Wirthshäusern gekauft. Das Fuhrwerk hatte man oft gewechselt. Auch zu Fuß wurden einzelne Strecken zurückgelegt. Sie klagte nicht, aber sie war übermüdet. Johann Valjean merkte es an ihrer Hand, die er beim Gehen mehr ziehen mußte. Er nahm sie auf den Rücken. Ohne die Puppe loszulassen, legte Cosette ihren Kopf auf die Achsel Johann Valjeans und schlief ein. Viertes Buch. Das alte Haus Gorbeau. I. Meister Gorbeau. Wenn vor vierzig Jahren ein einsamer Spaziergänger sich in die verlorne Gegend der Salpetriere gewagt und über den Boulevard bis zur italienischen Barriere gegangen wäre, so würde er an Stellen gelangt sein, wo man sagen konnte, da hört Paris auf. Einsamkeit war nicht da, man begegnete Leuten; es gab kein Feld, es gab Häuser und Straßen, es war aber auch keine Stadt, denn in den Straßen gab es tiefe Geleise wie auf den Landstraßen und es wuchs Gras auf denselben. Es war kein Dorf, dazu waren die Häuser zu hoch. Was also war es? Ein bewohnter Ort ohne Menschen, ein verlassener Ort mit Menschen, ein Boulevard der großen Stadt, eine Straße von Paris, des Nachts schauerlicher als ein Wald, am Tage düsterer als ein Kirchhof. Das war das alte Stadtviertel des »Pferdemarkts«. Wenn sich der Spaziergänger über die vier verfallenen Mauern dieses Pferdemarktes hinauswagte, wenn er sich sogar darauf eingelassen die Kleine Bankierstraße zu überschreiten, rechts bei einem Hofe mit hohen Mauern, dann bei einem Platz vorbei, wo hohe Kerichthaufen gleich riesigen Biberbauten dalagen, dann vorbei bei einem Zimmerplatz voll Stämme, Säge- und anderen Spänen, auf denen ein großer Hund bellte, darauf vorbei bei einer niedrigen, ganz verfallenen langen Mauer mit einer kleinen schwarzen, mit Moos beladenen Thür, auf welcher im Frühjahr Blumen wuchsen, und weiter im einsamsten Theile vorbei, bei einem scheußlichen steinalten Gebäude, an dem man mit großen Buchstaben las: »Hier darf nichts angeschlagen werden« – so würde der kühne Spaziergänger endlich die Ecke einer fast unbekannten Straße, Vignes Saint Marcel genannt, erreicht haben. Hier sah man in jener Zeit, in der Nähe eines Fabrikgebäudes, zwischen zwei Gartenmauern, ein altes Haus, das auf den ersten Anblick so klein aussah, wie eine Hütte, in der Wirklichkeit aber groß war wie eine Domkirche. Es stand mit dem Giebel nach der Straße zu, deshalb sah es so klein aus. Fast das ganze Haus blieb versteckt. Nur die Thür und ein Fenster bemerkte man. Die Briefträger nannten dieses alte Haus Nummer 50-52, in dem Viertel war es aber unter dem Namen Gorbeaus Haus bekannt. Der Grund davon war folgender: Die Sammler kleiner Thatsachen, die sich Anecdoten-Herbarien anlegen und die flüchtigen Daten mit einer Nadel in ihrem Gedächtniße anstecken, wissen, daß es im vorigen Jahrhundert, um 1770, in Paris zwei Procuratoren gab, deren einer Corbeau (Rabe), der Andere Renard(Fuchs) hieß. Lafontaine scheint dieses Zusammentreffen von Namen und Stand bei seinen Fabeln vorausgesehen zu haben. Die beiden guten Patrizier, durch Sticheleien verletzt, entschlossen sich, sich ihrer Namen zu entledigen und wendeten sich deshalb an den König. Ihr Gesuch wurde Ludwig XV. an demselben Tage vorgelegt, an welchem der päpstliche Nuntius auf der einen und der Cardinal de la Roche-Aymon auf der andern Seite, beide demüthig knieend, im Beisein Seiner Majestät, jeder einen Pantoffel an den bloßen Fuß der eben aus dem Bett steigenden Dubarry legten. Der König lachte. Er lachte noch mehr, als er von den beiden Procuratoren hörte. Sr. Majestät war so gnädig Corbeau zu gestatten, dem Anfangsbuchstaben seines Namens ein Schwänzchen anzuhangen und sich Gorbeau zu nennen. Meister Renard war weniger glücklich. Er erlangte weiter nichts, als ein P vor sein R. setzen und sich sonach Prenard nennen zu dürfen, so daß der zweite Name beinahe wie der erste war. Der Localtradition zufolge war dieser Meister Gorbeau Eigenthümer des Gebäudes 50-52 Boulevard Hospital gewesen. Darum hieß es also Gorbeaus Haus. Gegenüber der Nummer 50-52 erhebt sich eine große zu drei Viertheilen abgestorbene Ulme, fast gegenüber öffnet sich die Straße der Gobelins Barriere, eine Straße, welche damals noch keine Häuser hatte, ungepflastert, mit schlecht fortkommenden Bäumen bepflanzt, je nach der Jahreszeit grün oder kothig war und grade auf die Stadtmauer von Paris stieß. Ein Vitriolgeruch verbreitete sich stoßweise von den Dächern einer benachbarten Fabrik. Die Barriere befand sich ganz in der Nähe. Im Jahre 1823 stand die Stadtmauer noch. Diese Barriere selbst erregte traurige Vorstellungen. Es ging von da der Weg nach Bicetre. Auf diesem kamen unter dem Kaiserreiche und unter der Restauration die zum Tode Verurtheilten am Tage ihrer Hinrichtung nach Paris herein. Aus diesem wurde um 1829 jener geheimnißvolle Meuchelmord, genannt »der von der Barriere Fontainebleau«, begangen, dessen Urheber die Justiz nicht zu ermitteln vermocht hat, ein schauerliches bis auf den heutigen Tag nicht gelöstes Räthsel. Wenn man einige Schritte weiter geht, so kommt man in jene verhängnißvolle Straße Croulebarbe, wo Ulbach die Ziegenhirtin von Ivry beim Dröhnen des Donners erdolchte. Noch einige Schritte weiter und man gelangt zu den verwünschten, ausgegipfelten Ulmen der Barriere St. Jaques, zu jener Erfindung von Menschenfreunden, welche dahinter das Schaffot zu verstecken suchen, zum Greveplatz, jenem elenden, schameinflößenden Denkmal der im Krämersinn erstickten menschlichen Gesellschaft, die vor der Todesstrafe zurückschreckt, sie aber weder großmüthig abzuschaffen noch mit Entschiedenheit aufrecht zu erhalten wagt. Vor sieben und dreißig Jahren war, abgesehen von diesem wie stets zum Unglück von der Vorsehung bestimmten Platz St. Jaques, welcher immer gräßlich gewesen ist, vielleicht der trübseligste Punkt auf diesem ganzen trübseligen Boulevard, die Stelle wo man das alte Haus 50-52 traf. Die Bürgerhäuser entstanden hier erst fünfundzwanzig Jahre später. Der Ort war düster und einsam. Soweit das Auge reichte, sah man nichts als die Umfassungsmauer und einige casernen- oder klosterähnliche Fabrikgebäude. Ueberall Mauern, entweder alt und schwarz wie Grabtücher, oder frisch aufgeführt und weiß wie Leichentücher; überall parallele Baumreihen, nach der Schnur gezogene lange, kalte Linien und die düstere Traurigkeit rechter Winkel. Keine Abwechselung des Bodens! Es war ein eiskaltes, regelmäßiges, häßliches Ensemble. Nichts preßt das Herz so zusammen, als Gleichmäßigkeit; denn die Gleichmäßigkeit ist die Langeweile und die Langeweile ist die Grundlage der Trauer. Man kann sich noch etwas weit Schrecklicheres denken als eine Hölle, in der man leidet, das ist eine Hölle, in der man sich langweilt. Wenn es eine solche Hölle gäbe, könnte dieses Stück des Boulevards Hospital der Zugang zu ihr sein. Bei eintretender Nacht indeß, im Winter besonders, wenn der Dämmerungswind den Ulmen die letzten rothen Blätter abreißt, in tiefer, sternenloser Finsternis oder wenn der Mond und der Wind Löcher in die Wolken macht, wurde dieser Boulevard entsetzlich. Der Vorübergehende konnte sich nicht enthalten, an die zahllosen Galgentraditionen des Ortes zu denken. Die Einsamkeit dieses Ortes, wo so viele Verbrechen begangen worden waren, hatte etwas Grauenhaftes. Man wähnte Schlingen in dieser Dunkelheit zu fühlen, alle wirren Gestalten des Schattens sahen verdächtig aus und die langen, viereckigen Gruben zwischen den Bäumen wie Gräber. Hier war der Tag häßlich, der Abend traurig, die Nacht unheilvoll. Sommerszeit in der Dämmerung sah man hier und da einige alte Weiber bei den Ulmen auf vom Regen feuchten Bänken sitzen. Diese Alten bettelten. Uebrigens suchte jener Stadttheil schon damals sich umzugestalten. Wer ihn sehen wollte, mußte sich beeilen. Jeden Tag verschwand eine Einzelnheit von diesem Ganzen. Heut zu Tage und seit zwanzig Jahren ist hier neben der alten Vorstadt der Bahnhof der Orleans-Eisenbahn. Ueberall, wo man an den Grenzen einer Hauptstadt einen Eisenbahnhof anlegt, ist dies der Tod einer Vorstadt, die Geburt einer Stadt. Es scheint, daß um diese großen Mittelpunkte der Bewegung der Völker, beim Rollen dieser gewaltigen Maschinen, bei dem Schnauben dieser Ungeheuerrosse der Civilisation, welche Kohlen verzehren und Feuer ausspeien, die keimende Erde zittert und sich aufthut, um die alten Wohnungen der Menschen zu verschlingen und neue aus derselben hervorgehen zu lassen. Die alten Häuser stürzen ein, neue steigen empor. II. Nest für Uhu und Grasmücke. Vor Gorbeau's altem Hause blieb Johann Valjean stehen. Wie scheue Vögel hatte er diesen verlassenen Ort gewählt, um hier sein Nest aufzuschlagen. Er suchte in seiner Westentasche, holte eine Art Hauptschlüssel heraus, öffnete die Thür, trat ein, schloß sorgfältig wieder zu und stieg die Treppe hinauf. Dabei trug er fortwährend Cosetten. Oben auf der Treppe nahm er einen anderen Schlüssel aus seiner Tasche, mit dem er eine andere Thür öffnete. Das Zimmer, in das er eintrat und das er sogleich wieder schloß, war eine Art Dachkammer, ziemlich geräumig, mit einem am Boden liegenden Strohsack, einem Tisch und einigen Stühlen möblirt. In einer Ecke stand ein Ofen, dessen Gluth man brennen sehen konnte. Die Straßenlaterne erleuchtete undeutlich dieses armselige Gemach. Im Hintergrunde befand sich ein Cabinet mit einem Gurtbett. Johann Valjean trug das Kind auf dieses Bett und legte es nieder, ohne daß es erwachte. Er schlug Feuer und zündete ein Licht an. Alles das war bereits auf dem Tische vorbereitet. Wie er es schon den Tag vorher gethan hatte, fing er an Cosette mit entzücktem Blicke zu betrachten, in welchem der Ausdruck der Güte und Zärtlichkeit beinahe bis zur Verzückung stieg. Das kleine Mädchen war in dem ruhigen Vertrauen, das der größten Kraft und der äußersten Schwäche eigen ist, eingeschlafen, ohne zu wissen, bei wem sie war und schlief ruhig weiter, ohne zu wissen, wo sie sich befand. Johann Valjean beugte sich und küßte die Hand des Kindes. Neun Monate vorher küßte er die Hand der Mutter, welche, auch sie, eben eingeschlafen war. Dasselbe schmerzliche, stechende, anbetende Gefühl erfüllte sein Herz. Er kniete an dem Bett Cosetten's nieder. Es war heller Tag und das Kind schlief noch immer. Ein bleicher Strahl der Dezembersonne fiel durch das Fenster der Dachkammer und zog an der Decke lange Schatten und Lichtfüllen. Plötzlich erschütterte ein schwer beladener Kärrner-Wagen, der auf dem Boulevard hinfuhr, die Barake wie das Rollen des Donners, so daß es von unten bis oben zitterte. »Ja Madame!« rief Cosette, die aus dem Schlafe auffuhr. »Hier bin ich! Hier bin ich!« Sie sprang aus dem Bette, die Augen noch halb geschlossen durch die Schwere des Schlafes und streckte den Arm nach der Mauerecke aus. »Ach Gott, mein Besen!« sagte sie. Dann öffnete sie ganz die Augen und sah das lächelnde Gesicht Johann Valjeans. »Ach ja, es ist wahr!« sagte sie. »Guten Morgen, mein Herr!« Die Kinder nehmen die Freude und das Glück sofort und ganz vertraulich an. Sie selbst sind naturgemäß Glück und Freude. Cosette gewahrte ihre Katharine am Fuße ihres Bettes, bemächtigte sich derselben und richtete, während sie mit ihr spielte, hunderterlei Fragen an Johann Valjean: wo sie wäre? Ob Paris groß sei? Ob Madame Thenardier weit fort sei? Ob sie nicht wiederkäme? u. s. w. Plötzlich rief sie: »Wie hübsch es hier ist!« Es war ein schreckliches Nest. Sie empfand jedoch das Gefühl der Freiheit. »Muß ich auskehren?« fragte sie endlich. »Spiele nur,« sagte Johann Valjean. So verging der Tag. Cosette, die sich nicht bemühte etwas zu begreifen, war unaussprechlich glücklich zwischen ihrer Puppe und diesem guten Manne. III. Unglück zu Unglück wird Glück. Beim Anbruch des folgenden Tages saß Johann Valjean noch an dem Bette Cosetten's. Hier wartete er unbeweglich und sah sie erwachen. Etwas Neues zog in seine Seele ein. Johann Valjean hatte niemals etwas geliebt. Seit fünfundzwanzig Jahren war er allein in der Welt. Er war nie Vater, Geliebter, Gatte, Freund gewesen. Im Bagno war er schlecht, finster, keusch, unwissend und wild. Das Herz des alten Sträflings war noch vollständig jungfräulich. Von seiner Schwester und den Kindern derselben waren ihm nur schwache und ferne Erinnerungen geblieben, welche endlich sich fast verlöschten. Er hatte Alles aufgeboten, um sie ausfindig zu machen und da es ihm nicht gelungen, sie vergessen. So ist die menschliche Natur. Die andern zarten Regungen seiner Jugend, wenn er dergleichen gehabt, waren in einen Abgrund gefallen. Als er Cosette sah, als er sie genommen, entführt und befreit hatte, war sein ganzes Innere in Bewegung. Alles was Leidenschaftliches und Zärtliches in ihm war, erwachte und stürzte sich auf dieses Kind. Er trat an das Bett, wo es schlief und zitterte vor Freude; wie eine Mutter fühlte er und wußte nicht was es war. Denn es ist etwas Geheimnißvolles und Süßes jene große und wunderbare Regung eines Herzens, das zu lieben beginnt. Armes, altes und zugleich neues Herz! Da er indessen fünfundfünfzig Jahre und Cosette nur acht Jahre alt war, so zerfloß alles, was er an Liebe in seinem ganzen Leben hätte haben können, in einen unbeschreiblichen Glanz. Es war dies die zweite weiße Erscheinung, der er begegnete. Der Bischof ließ an seinem Horizonte die Morgenröthe der Tugend, Cosette die der Liebe sich erheben. Die ersten Tage vergingen in diesem geblendeten Zustande. Auch Cosette ihrerseits wurde unbewußt eine andere, das arme kleine Wesen! Sie war so klein gewesen, als ihre Mutter sie verlassen, daß sie sich derselben nicht mehr erinnerte. Wie alle Kinder, die gleich jungen Rebenschößlingen an Alles sich anklammern, hatte sie zu lieben versucht. Es war ihr nicht gelungen. Alle hatten sie zurückgestoßen, die Thenardiers, die Kinder derselben, andere Kinder. Sie hatte den Hund geliebt, der starb; dann hatte Nichts und Niemand etwas von ihr wissen wollen. Es ist traurig zu sagen und wir haben es schon angedeutet, sie hatte in ihrem achten Jahre noch ein kaltes Herz. Ihre Schuld war es nicht; es fehlte ihr nicht die Fähigkeit zu lieben, ach! nur die Möglichkeit. Deshalb drängte auch vom ersten Tage an Alles was in ihr dachte und fühlte dahin, diesen guten Mann zu lieben. Sie fühlte, was sie noch nie empfunden hatte, ein Gefühl der Entfaltung. Der gute Mann machte auf sie nicht den Eindruck, daß er alt oder arm sei. Sie fand Johann Valjean schön, ebenso wie sie das Loch, in dem sie wohnten, schön fand. Das sind Wirkungen der Morgenröthe, der Kindheit, der Jugend, der Freude. Hier gilt die Neuheit der Erde und des Lebens noch etwas. Nichts ist so reizend, wie der farbige Wiederstrahl des Glückes in einer Dachwohnung. Wir Alle haben in unserer Vergangenheit eine solche Dachkammer. Die Natur, fünfzig Jahre Zwischenraum, hatten eine tiefe Trennung zwischen Johann Valjean und Cosette gelegt. Diese Trennung füllte das Schicksal aus. Das Schicksal vereinigte und traute plötzlich, mit seiner unwiderstehlichen Macht, diese beiden entwurzelten, dem Alter nach so verschiedenen, durch die Trauer mit einander ähnlichen Existenzen. Die eine vervollständigte in der That die andere. Der Instinkt Cosetten's suchte einen Vater, wie der Instinkt Johann Valjeans ein Kind suchte. Sich begegnen hieß sich finden. In dem geheimnißvollen Augenblick, in welchem ihre beiden Hände sich berührten, erkannten sie sich. Als diese beiden Seelen einander bemerkten, erkannten sie einander als nöthig und umschlangen sich innig. Wenn man die Worte in dem umfassendsten und absolutesten Sinne nimmt, so könnte man sagen, daß Johann Valjean, von Allem durch Grabesmauern getrennt, Wittwer war, wie Cosette eine Waise. Aus diesem Umstande wurde Johann Valjean in himmlischer Weise der Vater Cosetten's. Und in Wahrheit, der geheimnißvolle Eindruck, den es mitten im Walde von Chelles auf Cosette gemacht, als Johann Valjean in der Dunkelheit ihre Hand erfaßte, war keine Täuschung, sondern eine Wahrheit. Der Eintritt dieses Mannes in das Schicksal dieses Kindes war die Ankunft Gottes gewesen. Uebrigens hatte Johann Valjean sein Asyl gut gewählt. Er befand sich da in einer, vielleicht gänzlichen Sicherheit. Das Zimmer mit dem Cabinet, das er mit Cosetten inne hatte, war das, dessen Fenster auf den Boulevard ging. Dieses Fenster war das einzige in dem Hause, kein Nachbarblick, weder von vorn noch von der Seite, war zu fürchten. Das Erdgeschoß des Hauses Nr. 50 und 52, eine Art verfallener Schuppen, diente Kräuterleuten als Niederlage und stand mit dem oberen Stock nicht in Verbindung. Es war von demselben durch die Decke getrennt, welche weder Fallthüre noch Treppe hatte. Die erste Etage enthielt mehrere Zimmer und einige Bodenkammern, von denen nur noch eine einzige und zwar von einer alten Frau bewohnt war, welche Johann Valjean die Aufwartung machte. Alles Uebrige war unbewohnt. Diese alte Frau, welche die ehrenvolle Bezeichnung »Hauptmietherin« hatte und in Wahrheit mit den Functionen einer Portiere des Hauses betraut war, hatte ihm die Wohnung am Weihnachtstage vermiethet. Er hatte sich ihr gegenüber für einen durch spanische Papiere ruinirten Rentier ausgegeben, der hier mit seiner kleinen Tochter wohnen wolle. Er hatte auf sechs Monat voraus bezahlt und der Alten aufgetragen, Zimmer und Kabinet so wie wir gesehen haben zu möbliren. Diese Alte war es auch gewesen, welche am Abend ihrer Ankunft den Ofen geheizt und Alles vorbereitet hatte. Wochen vergingen. Diese beiden Wesen lebten in dem armseligen Gemache ein glückliches Leben. Vom frühesten Morgen an lachte, plauderte und sang Cosette. Die Kinder haben ihren Morgengesang wie die Vögel. Manchmal kam es vor, daß Johann Valjean ihre kleine rothe und aufgesprungene Hand ergriff und küßte. Das arme Kind, das daran gewöhnt war, geschlagen zu werden, wußte nicht, was dies bedeuten sollte und ging ganz verschämt bei Seite. Bisweilen wurde sie ernsthaft und betrachtete ihr schwarzes Kleidchen. Cosette trug keine Lumpen mehr, sie ging in Trauer. Sie trat aus der Noth heraus und in das Leben ein. Johann Valjean unternahm es sie lesen zu lehren. Manchmal, indem er das Kind buchstabiren ließ, dachte er daran, daß er im Bagno mit der Absicht lesen gelernt habe, um Böses zu thun. Diese Absicht hatte sich jetzt dahin gewandt, daß er nun ein Kind im Lesen unterrichten konnte. Da lächelte der alte Züchtling mit dem gedankenvollen Lächeln der Engel. Er fühlte, daß sich darin eine Vorbestimmung von oben, der Wille eines Wesens zeige, das nicht Mensch sei und er versank in Träumereien. Die guten Gedanken haben ihre Abgründe wie die schlechten. Cosette lesen zu lehren und sie spielen zu sehen war fast das ganze Leben Johann Valjeans. Und dann erzählte er ihr von ihrer Mutter und ließ sie beten. Sie nannte ihn Vater. Einen andern Namen kannte sie für ihn nicht. Stunden lang sah er ihr zu wie sie ihre Puppe aus- und ankleidete und hörte sie plaudern. Das Leben erschien ihm von nun an voller Interesse. Er hielt die Menschen für gut und gerecht, er machte in seinen Gedanken Niemandem mehr einen Vorwurf, und er sah keinen Grund, warum er nicht sehr alt werden sollte, da dies Kind ihn liebte. Er sah seine Zukunft durch Cosette wie durch ein liebliches Licht erhellt. Die Besten sind nicht frei von einem selbstsüchtigen Gedanken. Es gab Augenblicke wo er mit Freude daran dachte, daß sie häßlich werden werde. Es ist dies nur eine persönliche Meinung, aber um das, was wir über diesen Punkt denken, ganz auszusprechen, müssen wir gestehen, daß es uns nicht bewiesen ist, ob Valjean damals, als er Cosetten zu lieben anfing, dieser Neubelebung nicht bedurfte, um im Guten auszuharren. Er hatte unter neuen Anblicken die Schlechtigkeit der Menschen und das Elend der Gesellschaft gesehen, unvollständige Anblicke, welche verhängnißvoll nur eine Seite des Wahren zeigten: das Schicksal des Weibes, dargestellt in der Person Fantine's, die Behörde in der Person Javerts. Er war in den Bagno zurückgekehrt, diesmal weil er Gutes gethan; neue Bitterkeiten hatte er gekostet; der Ekel und der Ueberdruß erfaßten ihn, die Erinnerung an den Bischof sogar begann vielleicht auf Augenblicke sich zu verdunkeln, wenn auch nur um später leuchtend und triumphirend wieder zu erscheinen, endlich aber schwächte sich doch diese heilige Erinnerung ab. Wer weiß ob Johann Valjean nicht am Vorabend der Entmuthigung und des Rückfalls stand? Er liebte und wurde wieder stark. Ach, er war nicht weniger schwankend und hatte nicht weniger eine Stütze nöthig als Cosette. Er beschützte sie und sie kräftigte ihn. Ihm dankte sie es, daß sie ins Leben eintreten, ihr dankte er es, daß er in der Tugend fortwandeln konnte. Er war die Stütze dieses Kindes, das Kind sein Stützpunkt. O unergründliches göttliches Geheimniß in den sich ausgleichenden Kräften des Schicksals. IV. Die Bemerkungen der »Hauptmietherin« Johann Valjean besaß die Klugheit, niemals am Tage auszugehen. Alle Abende, in der Dämmerung, promenirte er eine Stunde oder zwei, manchmal allein, oft mit Cosette, wobei er sich die einsamsten Alleen des Boulevards aufsuchte und erst wenn es Nacht geworden, in die Kirchen hineinging. Gern ging er nach St. Medard, der nächsten Kirche. Wenn er Cosette nicht mit sich hatte, so blieb sie bei der alten Frau; für die Kleine war es aber die größte Freude mit ausgehen zu dürfen. Eine Stunde mit ihm zog sie sogar den reizenden tête-à-têtes mit ihrer Katharine vor. Wenn sie gingen, hielt er sie an der Hand und sagte ihr allerlei Liebes. Cosette war sehr heiter. Die Alte wartete auf, besorgte die Küche und kaufte ein. Sie lebten mäßig, hatten zwar immer etwas Feuer, aber wie Leute, denen es knapp geht. Johann Valjean hatte an dem Mobiliar vom ersten Tage nichts geändert. Er ließ nur die Glasthür des Cabinets Cosettens durch eine volle Thüre ersetzen. Er trug immer seinen gelben Rock, seine kurzen, schwarzen Hosen und seinen alten Hut. Auf der Straße hielt man ihn für einen Armen. Bisweilen drehten sich gutherzige Frauen um und gaben ihm einen Sous. Johann Valjean nahm ihn an und verbeugte sich tief. Manchmal traf er auch auf einen Armen, der seine Mildthätigkeit ansprach, dann sah er hinter sich, ob ihn Jemand sehe, näherte sich verstohlen dem Unglücklichen und gab ihm ein Geldstück, oft eines von Silber, und entfernte sich rasch. Das hatte seine Unannehmlichkeiten. Man fing an ihn in der Gegend unter der Bezeichnung »der Bettler der Almosen giebt« zu kennen. Die alte »Hauptmietherin«, ein widerwärtiges Geschöpf, das, dem Nächsten gegenüber, aus der Aufmerksamkeit der Neidischen steinern zusammengesetzt war, beobachtete Johann Valjean sehr, ohne daß er etwas davon ahnte. Sie war etwas taub, was sie geschwätzig machte. Aus ihrer Jugendvergangenheit waren ihr zwei Zähne geblieben, einer oben, der andere unten, welche sie immer gegen einander schlug. Sie hatte Cosetten ausgefragt, die ihr nichts sagen konnte, weil sie nichts wußte, außer daß sie aus Montfermeil gekommen. Eines Morgens bemerkte die Lauscherin, daß Johann Valjean mit einer Miene, welche der Gevatterin eigentümlich vorkam, in einen der unbewohnten Theile des alten Hauses ging. Sie schlich ihm wie eine alte Katze nach und konnte, ohne gesehen zu werden, durch eine Thürritze sehen. Johann Valjean wendete, aus Vorsicht ohne Zweifel, der Thür den Rücken zu. Die Alte sah, daß er in seiner Tasche suchte und ein Etui aus dieser herausnahm mit einer Scheere, Nadel und Zwirn. Darauf trennte er sich das Futter eines seiner Rockschöße auf und nahm aus der Oeffnung ein Stück gelbliches Papier, das er auseinanderschlug. Die Alte erkannte mit Staunen, daß es eine Tausendfrancsnote sei. Sie war die zweite oder dritte, die sie im Leben gesehen. Erschrocken lief sie davon. Einen Augenblick darauf ging Johann Valjean zu ihr und bat sie, ihm dieses Tausendfrancsbillet wechseln zu lassen. Es sei der halbjährige Betrag seiner Rente, die er am Tage vorher bekommen, wie er hinzufügte. »Wo?« dachte die Alte. »Er ist erst um sechs Uhr Abends ausgegangen und zu dieser Zeit ist die Regierungskasse gewiß nicht mehr auf.« Die Alte wechselte das Papier und erging sich in allerlei Vermuthungen. Diese Tausendfrancsnote führte zu einer Menge hitziger Gespräche unter den Klatschweibern der Straße Vignes St. Marcel, wo dieselbe vielfach commentirt wurde. An den folgenden Tagen ereignete es sich, daß Johann Valjean, in Hemdsärmeln, auf dem Corridor Holz sägte. Die Alte war in der Stube und fegte aus. Sie war allein, Cosette war damit beschäftigt, das Holz, das gesägt wurde, zu bewundern. Da sah sie den Rock an einem Nagel hängen und untersuchte ihn. Das Futter war wieder angenäht. Sie begriff es aufmerksam und glaubte in allen Futtertheilen dichtes Papier zu fühlen. Gewiß lauter Tausendfrancsbillets. Sie bemerkte außerdem noch, daß er allerlei Dinge in den Taschen hatte, nicht nur Nadeln, Scheere und Zwirn, was sie gesehen, sondern auch ein dickes Portefeuille, ein sehr großes Messer und – höchst verdächtig! – mehrere Perrücken von verschiedener Farbe. Jede Tasche dieses Rockes schien Etwas für unvorhergesehene Fälle zu enthalten. So gelangten die Bewohner des alten Hauses in die letzten Tage des Winters. V. Ein Fünffrancsstück fällt auf die Erde und macht Geräusch. Bei St. Medardus kauerte ein Armer, dem Johann Valjean gern Almosen gab. Er ging selten an ihm vorüber, ohne ihm einen Sous zu reichen. Manchmal sprach er auch mit ihm. Die Neider dieses Bettlers sagten, er sei »von der Polizei«. Es war ein alter, fünfundsiebenzigjähriger Mann, der immer Gebete murmelte. Eines Abends, als Johann Valjean hier vorüberging, Cosetten hatte er nicht bei sich, sah er den Bettler auf seinem gewöhnlichen Platze unter der Laterne, die eben angezündet worden war. Wie gewöhnlich schien der Mann zu beten und war tief gebückt. Johann Valjean trat zu ihm und gab ihm sein gewöhnliches Almosen. Der Bettler schlug, plötzlich die Augen auf, sah Johann Valjean scharf an und ließ dann schnell den Kopf wieder sinken. Diese Bewegung war wie ein Blitz, Johann Valjean empfand ein Zucken. Es kam ihm vor, als habe er beim Scheine der Laterne nicht das bleiche, todte Gesicht des alten Bettlers, sondern ein wohlbekanntes schreckliches gesehen. Er hatte den Eindruck, den man empfinden würde, wenn man sich plötzlich im Dunkel einem Tiger gegenüber sehen möchte. Erschrocken und wie versteinert wich er zurück; er wagte kaum zu athmen, weder zu reden, noch zu bleiben, noch zu fliehen, betrachtete den Bettler, der seinen mit einem Lumpen bedeckten Kopf wieder hatte sinken lassen und gar nicht zu wissen schien, daß er noch da sei. In diesem sonderbaren Augenblick bewirkte ein instinktmäßiges Gefühl, vielleicht der geheimnißvolle Instinkt der Selbsterhaltung, daß Johann Valjean kein Wort sprach. Der Bettler hatte dieselbe Größe, denselben zerlumpten Anzug, dasselbe Aussehen wie alle Tage. – »Bah!« sagte Johann Valjean, »ich bin ein Narr, ich träume! Es ist unmöglich.« Als er nach Hause kam, war er jedoch sehr beunruhigt. Er wagte kaum sich zu gestehen, daß das Gesicht, welches er gesehen zu haben glaubte, das Javerts sei. In der Nacht, als er weiter nachgedacht, bedauerte er an den Mann keine Frage gerichtet zu haben, um ihn so zu veranlassen, den Kopf noch einmal in die Höhe zu richten. Am andern Tage mit Beginn des Abenddunkels ging er wieder hin. Der Bettler befand sich auf seinem Platze. »Guten Abend, guter Mann,« sagte Johann Valjean entschlossen, und gab ihm einen Sous. Der Bettler sah empor und antwortete mit schmerzlicher Stimme: »Ich danke, mein guter Herr.« Es war der alte Bettler. Johann Valjean fühlte sich vollständig beruhigt und lachte über sich. »Wie zum Teufel konnte ich nur Javert sehen?« dachte er. »Bin ich denn blind gewesen?« Er dachte nicht weiter daran. Einige Tage nachher, es konnte Abends acht Uhr sein, befand er sich in seiner Stube und ließ Cosette laut buchstabiren. Da hörte er die Thür des alten Hauses auf- und wieder zumachen. Das kam ihm sonderbar vor. Die Alte, welche allein mit ihm das Haus bewohnte, ging immer zeitig zu Bette, um kein Licht zu brauchen. Johann Valjean winkte Cosette zu schweigen. Er hörte die Treppe heraufkommen. Streng genommen konnte es die Alte sein, die vielleicht krank geworden und in die Apotheke gegangen war. Johann Valjean horchte. Der Tritt war schwer und klang wie der Tritt eines Mannes. Die Alte trug freilich schwere Schuhe und nichts gleicht dem Tritte eines Mannes so sehr wie der einer alten Frau. Johann Valjean blies indeß das Licht aus. Er hatte Cosetten ins Bett geschickt, indem er ganz leise zu ihr sagte: »Lege Dich ganz still nieder!« Während er sie auf die Stirne küßte, waren die Schritte stehen geblieben. Johann Valjean blieb still und unbeweglich, den Rücken der Thür zugekehrt, auf dem Stuhle sitzend, von dem er sich nicht wegrührte und dabei den Athem im Dunkel anhielt. Nach ziemlich langer Zeit, als er nichts mehr hörte, drehte er sich ohne ein Geräusch zu machen um, und als er nach der Thür des Zimmers hin blickte, sah er durch das Schlüsselloch ein Licht. Dieses Licht sah aus wie ein unheimlicher Stern in der dunklen Thür. Es war offenbar Jemand mit einem Lichte in der Hand da und horchte. Es vergingen einige Minuten und das Licht verschwand. Er hörte aber kein Geräusch mehr, was anzudeuten schien, daß derjenige, welcher an der Thür gehorcht, die Schuhe ausgezogen hatte. Johann Valjean warf sich ganz angekleidet auf sein Bett und konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun. Mit Anbruch des Tages als er vor Müdigkeit einschlummerte, wurde er durch das Knarren einer Thür erweckt, welche am Ende des Corridors an einer Dachkammer sich öffnete, dann hörte er denselben männlichen Tritt, welcher am Abend vorher die Treppe heraufgekommen war. Der Tritt näherte sich. Er sprang aus dem Bette auf, legte das Auge an das Schlüsselloch, das ziemlich groß war, in der Hoffnung im Vorbeigehen den zu sehen, der des Nachts in das alte Haus gekommen war und an seiner Thür gehorcht hatte. Es ging in der That ein Mann, diesmal aber ohne stehen zu bleiben, an der Thür des Zimmers Johann Valjeans vorüber. Der Corridor war noch zu dunkel, als daß man sein Gesicht hätte erkennen können. Als aber der Mann an die Treppe kam, ließ ihn ein von Außen kommender Lichtstrahl wie eine Silhouette hervortreten, so daß ihn Johann Valjean von hinten vollständig sehen konnte. Der Mann war hoch gewachsen, trug einen langen Rock und einen Stock unter dem Arm. Es waren die fürchterlichen Umrisse Javerts. Johann Valjean hätte es versuchen können, ihm von dem Fenster aus nachzusehen. Er hätte aber das Fenster öffnen müssen, das wagte er nicht. Der Mann war offenbar vermittelst eines Hausschlüssels hineingekommen, als wenn er da wohnte. Wer hatte ihm diesen Schlüssel gegeben? Was sollte dies heißen? Um sieben Uhr früh, als die Alte zur Aufwartung kam, warf ihr Johann Valjean einen durchdringenden Blick zu, er fragte sie aber nicht. Die gute Frau war wie gewöhnlich. Beim Auskehren sagte sie zu ihm: »Haben Sie vielleicht in der Nacht Jemanden kommen hören?« Acht Uhr Abends heißt nämlich auf diesem Boulevard zur damaligen Zeit Nachts. »Ach ja, es ist wahr,« antwortete er mit dem unbefangensten Ausdruck. »Wer war es denn?« »Ein neuer Miether, den wir im Hause haben.« »Wie heißt er?« »Ich weiß es nicht so recht, Dumont oder Daumont, so ungefähr ist der Name.« »Und was ist der Herr Dumont?« Die Alte sah ihn mit ihren kleinen Marderaugen an und antwortete: »Ein Rentier, wie Sie.« Sie hatte vielleicht keine Absicht gehabt, Johann Valjean glaubte aber eine zu erkennen. Als die Alte fort war, packte er etwa hundert Francs, die er in einem Kasten hatte, in eine Rolle und steckte sie in die Tasche. Wie vorsichtig er auch dabei zu Werke ging, daß man ihn mit dem Gelde nicht wirthschaften höre, ein Hundertsousstück fiel ihm aus der Hand und rollte geräuschvoll auf dem Boden hin. In der Abenddämmerung ging er hinunter und sah sich auf dem Boulevard aufmerksam nach allen Seiten um. Er bemerkte Niemanden. Der Boulevard schien ganz verödet zu sein. Freilich kann man sich hier hinter den Bäumen verstecken. Er ging wieder hinauf. »Komm!« sagte er zu Cosette. Er nahm sie bei der Hand und sie gingen Beide fort.   Ende des dritten Bandes.