Ödön von Horváth Geschichten aus dem Wiener Wald Volksstück in sieben Bildern   Vorlage: Typoscript (mit handschriftlicher Ergänzung auf dem Titelblatt: »von Ödön Horvath«), erstmals veröffentlicht 1976.   Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit. Personen Zauberkönig Marianne Oskar Mathilde Alfred Der Rittmeister Erich Havlitschek Eine gnädige Frau Erste Tante Zweite Tante Ida Ein Kretin Beichtvater Emma Der Mister Der Conferencier Die Großmutter Die Mutter Die Tochter Erwachsene und Kinder. Das Stück spielt in unseren Tagen, und zwar in Wien und im Wiener Wald. Erstes Bild Stille Straße im achten Bezirk. Von links nach rechts: Oskars gediegene Fleischhauerei mit halben Rindern und Kälbern, Würsten, Schinken und Schweinsköpfen in der Auslage. Daneben eine Puppenklinik mit Firmenschild »Zum Zauberkönig« – mit Scherzartikeln, Totenköpfen, Puppen, Spielwaren, Raketen, Zinnsoldaten und einem Skelett im Fenster. Endlich: eine kleine Tabak-Trafik mit Zeitungen, Zeitschriften und Ansichtspostkarten vor der Türe. Über der Puppenklinik befindet sich ein Balkon mit Blumen, der zur Privatwohnung des Zauberkönigs gehört. Oskar   mit weißer Schürze; er steht in der Türe seiner Fleischhauerei und manikürt sich mit seinem Taschenmesser; ab und zu lauscht er, denn im zweiten Stock spielt jemand auf einem ausgeleierten Klavier die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß . Ida   ein elfjähriges herziges mageres Mäderl, verläßt mit ihrer Markttasche die Fleischhauerei und will nach rechts ab, hält aber vor der Puppenklinik und betrachtet die Auslage. Havlitschek   der Gehilfe Oskars, ein Riese mit blutigen Händen und ebensolcher Schürze, erscheint in der Türe der Fleischhauerei; er frißt eine kleine Wurst und ist wütend:  Dummes Luder, dummes – Oskar  Wer? Havlitschek   deutet mit seinem langen Messer auf lda:  Das dort! Sagt das dumme Luder nicht, daß meine Blutwurst nachgelassen hat – meiner Seel, am liebsten tät ich sowas abstechen, und wenn es dann auch mit dem Messer in der Gurgel herumrennen müßt, wie die gestrige Sau, dann tät mich das nur freuen! Oskar   lächelt:  Wirklich? Ida   fühlt Oskars Blick, es wird ihr unheimlich; plötzlich rennt sie nach rechts ab.   Havlitschek   lacht. Rittmeister   kommt von links; er ist bereits seit dem Zusammenbruch pensioniert und daher in Zivil; jetzt grüßt er Oskar. Oskar und Havlitschek   verbeugen sich – und der Walzer ist aus. Rittmeister  Also das muß ich schon sagen: die gestrige Blutwurst – Kompliment! First class! Oskar  Zart, nicht? Rittmeister  Ein Gedicht! Oskar  Hast du gehört, Havlitschek? Rittmeister  Ist er derjenige welcher? Havlitschek  Melde gehorsamst ja, Herr Rittmeister! Rittmeister  Alle Achtung! Havlitschek  Herr Rittmeister sind halt ein Kenner. Ein Weltmann. Rittmeister   zu Oskar : Ich bin seinerzeit viel in unserer alten Monarchie herumtransferiert worden, aber ich muß schon sagen: Niveau. Niveau! Oskar  Ist alles nur Tradition, Herr Rittmeister! Rittmeister  Wenn Ihr armes Mutterl selig noch unter uns weilen würde, die hätt eine Freude an ihrem Sohn. Oskar   lächelt geschmeichelt : Es hat halt nicht sollen sein, Herr Rittmeister. Rittmeister  Wir müssen alle mal fort. Oskar  Heut vor einem Jahr ist sie fort. Rittmeister  Wer? Oskar  Meine Mama, Herr Rittmeister. Nach dem Essen um halbdrei – da hatte sie unser Herrgott erlöst. Stille. Rittmeister  Ist denn das schon ein Jahr her? Stille. Oskar  Entschuldigens mich bitte, Herr Rittmeister, aber ich muß mich jetzt noch in Gala werfen – für die Totenmess. Ab. Rittmeister   reagiert nicht; ist anderswo. Stille. Rittmeister  Wieder ein Jahr – Bis zwanzig gehts im Schritt, bis vierzig im Trab, und nach vierzig im Galopp – Stille. Havlitschek   frißt nun wieder : Das ist ein schönes Erdbegräbnis gewesen von der alten gnädigen Frau. Rittmeister  Ja, es war sehr gelungen – Er läßt ihn stehen, und nähert sich der Tabak-Trafik; hält einen Augenblick vor dem Skelett der Puppenklinik; jetzt spielt wieder jemand im zweiten Stock, und zwar den Walzer »Über den Wellen«. Havlitschek   sieht dem Rittmeister nach, spuckt die Wursthaut aus und zieht sich zurück in die Fleischhauerei. Mathilde   eine hergerichtete Fünfzigerin, erscheint in der Türe ihrer Tabak-Trafik. Rittmeister   grüßt. Mathilde   dankt.   Rittmeister  Dürft ich mal die Ziehungsliste? Mathilde   reicht sie ihm aus dem Ständer vor der Tür. Rittmeister  Küßdiehand! Er vertieft sich in die Ziehungsliste; plötzlich bricht der Walzer ab, mitten im Takt. Mathilde   schadenfroh : Was haben wir denn gewonnen, Herr Rittmeister? Das große Los? Rittmeister   reicht ihr die Ziehungsliste wieder zurück:  Ich hab überhaupt noch nie was gewonnen, liebe Frau Mathild. Weiß der Teufel, warum ich spiel! Höchstens, daß ich meinen Einsatz herausbekommen hab. Mathilde  Das ist das Glück in der Liebe. Rittmeister  Gewesen, gewesen! Mathilde  Aber Herr Rittmeister! Mit dem Profil! Rittmeister  Das hat nicht viel zu sagen – wenn man nämlich ein wählerischer Mensch ist. Und eine solche Veranlagung ist eine kostspielige Charaktereigenschaft. Wenn der Krieg nur vierzehn Tag länger gedauert hätt, dann hätt ich heut meine Majorspension. Mathilde  Wenn der Krieg vierzehn Tag länger gedauert hätt, dann hätten wir gesiegt. Rittmeister  Menschlichem Ermessen nach – Mathilde  Sicher. Ab in ihre Tabak-Trafik. Marianne   begleitet eine gnädige Frau aus der Puppenklinik – jedesmal, wenn diese Ladentüre geöffnet wird, ertönt statt eines Klingelzeichens ein Glockenspiel. Rittmeister   blättert nun in einer Zeitung und horcht. Die gnädige Frau  Also ich kann mich auf Sie verlassen? Marianne  Ganz und gar, gnädige Frau! Wir haben doch hier das erste und älteste Spezialgeschäft im ganzen Bezirk – gnädige Frau bekommen die gewünschten Zinnsoldaten, garantiert und pünktlich! Die gnädige Frau  Also nochmals, nur damit keine Verwechslungen entstehen: drei Schachteln Schwerverwundete und zwei Schachteln Fallende – auch Kavallerie bitte, nicht nur Infanterie – und daß ich sie nur übermorgen früh im Haus hab, sonst weint der Bubi. Er hat nämlich am Freitag Geburtstag und er möcht doch schon so lang Sanitäter spielen – Marianne  Garantiert und pünktlich, gnädige Frau! Vielen Dank, gnädige Frau! Die gnädige Frau  Also Adieu! Ab nach links. Der Zauberkönig   erscheint auf seinem Balkon; in Schlafrock und mit Schnurrbartbinde:  Marianne! Bist du da? Marianne  Papa? Zauberkönig  Wo stecken denn meine Sockenhalter? Marianne  Die rosa oder die beige? Zauberkönig  Ich hab doch nurmehr die rosa! Marianne  Im Schrank links oben rechts hinten. Zauberkönig  Links oben rechts hinten. Difficile est, satiram non scribere. Ab. Rittmeister   zu Marianne:  Immer fleißig, Fräulein Marianne! Immer fleißig! Marianne  Arbeit schändet nicht, Herr Rittmeister. Rittmeister  Im Gegenteil. Apropos: wann darf man denn gratulieren? Marianne  Zu was denn? Rittmeister  Na zur Verlobung. Zauberkönig   erscheint wieder auf dem Balkon:  Marianne! Rittmeister  Habe die Ehre, Herr Zauberkönig! Zauberkönig  Habe die Ehre, Herr Rittmeister! Marianne. Zum letzten Mal: wo stecken meine Sockenhalter? Marianne  Wo sie immer stecken. Zauberkönig  Was ist das für eine Antwort, bitt ich mir aus! Einen Ton hat dieses Ding an sich! Herzig! Zum leiblichen Vater! Wo meine Sockenhalter immer stecken, dort stecken sie nicht. Marianne  Dann stecken sie in der Kommod. Zauberkönig  Nein. Marianne  Dann im Nachtkastl. Zauberkönig  Nein! Marianne  Dann bei deinen Unterhosen. Zauberkönig  Nein! Marianne  Dann weiß ich es nicht. Zauberkönig  Jetzt frag ich aber zum allerletzten Mal: wo stecken meine Sockenhalter! Marianne  Ich kann doch nicht zaubern! Zauberkönig   brüllt sie an:  Und ich kann doch nicht mit rutschende Strümpf in die Totenmess! Weil du meine Garderob verschlampst! Jetzt komm aber nur rauf und such du! Aber avanti, avanti! Marianne   ab in die Puppenklinik – und jetzt wird der Walzer »Über den Wellen« wieder weiter gespielt. Zauberkönig   lauscht. Rittmeister  Wer spielt denn da? Zauberkönig  Das ist eine Realschülerin im zweiten Stock – ein talentiertes Kind ist das. Rittmeister  Ein musikalisches. Zauberkönig  Ein frühentwickeltes – Er summt mit, riecht an den Blumen und genießt ihren Duft. Rittmeister  Es wird Frühling, Herr Zauberkönig. Zauberkönig  Endlich! Selbst das Wetter ist verrückt geworden! Rittmeister  Das sind wir alle. Zauberkönig  Ich nicht. Pause. Zauberkönig  Elend sind wir dran, Herr Rittmeister, elend. Nicht einmal einen Dienstbot kann man sich halten. Wenn ich meine Tochter nicht hätt – Oskar   kommt aus seiner Fleischhauerei; in Schwarz und mit Zylinder; er zieht sich soeben schwarze Glacéhandschuhe an. Zauberkönig  Ich bin gleich fertig, Oskar! Die liebe Mariann hat nur wiedermal meine Sockenhalter verhext! Rittmeister  Herr Zauberkönig! Dürft ich mir erlauben, Ihnen meine Sockenhalter anzubieten? Ich trag nämlich auch Strumpfbänder, neuerdings – Zauberkönig  Zu gütig! Küßdiehand! Aber Ordnung muß sein! Die liebe Mariann wird sie schon wieder herhexen! Rittmeister  Der Herr Bräutigam in spe können sich gratulieren. Oskar   lüftet den Zylinder und verbeugt sich leicht. Zauberkönig  Wenns Gott mir vergönnt, ja. Rittmeister  Mein Kompliment, die Herren! Ab – und nun ist, der Walzer aus. Marianne   erscheint auf dem Balkon mit den rosa Sockenhaltern:   Hier hab ich jetzt deine Sockenhalter. Zauberkönig  Na also! Marianne  Du hast sie aus Versehen in die Schmutzwäsch geworfen – und ich hab jetzt das ganze schmutzige Zeug durchwühlen müssen. Zauberkönig  Na sowas! Er lächelt väterlich und kneift sie in die Wange.  Brav, brav. Unten steht der Oskar. Ab. Oskar  Marianne! Marianne! Marianne  Ja? Oskar  Willst du denn nicht herunterkommen? Marianne  Das muß ich sowieso. Ab. Havlitschek   erscheint in der Tür der Fleischhauerei; wieder fressend:  Herr Oskar. Was ich noch hab sagen wollen – geh bittschön betens auch in meinem Namen ein Vaterunser für die arme gnädige Frau Mutter selig. Oskar  Gern, Havlitschek. Havlitschek  Ich sage dankschön, Herr Oskar. Ab. Marianne   tritt aus der Puppenklinik. Oskar  Ich bin so glücklich, Mariann. Bald ist das Jahr der Trauer ganz vorbei und morgen leg ich meinen Flor ab. Und am Sonntag ist offizielle Verlobung und Weihnachten Hochzeit – Ein Bussi, Mariann, ein Vormittagsbussi –. Marianne   gibt ihm einen Kuß, fährt aber plötzlich zurück:   Au! Du sollst nicht immer beißen! Oskar  Hab ich denn jetzt? Marianne  Weißt du denn das nicht? Oskar  Also ich hätt jetzt geschworen – Marianne  Daß du mir immer weh tun mußt. Stille . Oskar  Böse? Stille. Oskar  Na? Marianne  Manchmal glaub ich schon, daß du es dir herbeisehnst, daß ich ein böser Mensch sein soll – – Oskar  Marianne! Du weißt, daß ich ein religiöser Mensch bin und daß ich es ernst nehme mit den christlichen Grundsätzen! Marianne  Glaubst du vielleicht, ich glaub nicht an Gott? Ph! Oskar  Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich weiß, daß du mich verachtest. Marianne  Was fällt dir ein, du Idiot! Stille . Oskar  Du liebst mich also nicht? Marianne  Was ist Liebe? Stille. Oskar  Was denkst du jetzt? Marianne  Oskar. Wenn uns etwas auseinanderbringen kann, dann bist es du. Du sollst nicht immer so herumbohren in mir, bitte – Oskar  Jetzt möcht ich in deinen Kopf hineinsehen können, ich möcht dir mal die Hirnschale herunter und nachkontrollieren, was du da drinnen denkst – Marianne  Aber das kannst du nicht. Oskar  Man ist und bleibt allein. Stille . Oskar   holt aus seiner Tasche eine Bonbonniere hervor : Darf ich dir diese Bonbons, ich hab sie jetzt ganz vergessen, die im Goldpapier sind mit Likör – Marianne   steckt sich mechanisch ein großes Bonbon in den Mund . Zauberkönig   tritt rasch aus der Puppenklinik; auch in Schwarz und mit Zylinder : Also da sind wir. Was hast du da? Schon wieder Bonbons? Aufmerksam, sehr aufmerksam! Er kostet . Ananas! Prima! Na was sagst du zu deinem Bräutigam? Zufrieden? Marianne   rasch ab in die Puppenklinik . Zauberkönig   verdutzt : Was hat sie denn? Oskar  Launen. Zauberkönig  Übermut! Es geht ihr zu gut! Oskar  Komm, wir haben keine Zeit, Papa – – die Messe – – Zauberkönig  Aber eine solche Benehmität! Ich glaub gar, daß du sie mir verwöhnst – also nur das nicht, lieber Oskar! Das rächt sich bitter! Was glaubst du, was ich auszustehen gehabt hab in meiner Ehe? Und warum? Nicht weil meine Gemahlin ein bissiges Mistvieh war, sondern weil ich zu vornehm war, Gott hab sie selig! Nur niemals die Autorität verlieren! Abstand wahren! Patriarchat, kein Matriarchat! Kopf hoch! Daumen runter! Ave Caesar, morituri te salutant! Ab mit Oskar . Jetzt spielt die Realschülerin im zweiten Stock den Walzer »In lauschiger Nacht« von Ziehrer . Marianne   erscheint nun in der Auslage und arrangiert – sie bemüht sich besonders um das Skelett . Alfred   kommt von links, erblickt Marianne von hinten, hält und betrachtet sie . Marianne   dreht sich um – erblickt Alfred und ist fast fasziniert . Alfred   lächelt . Marianne   lächelt auch . Alfred   grüßt charmant . Marianne   dankt . Alfred   nähert sich der Auslage . Mathilde   steht nun in der Tür ihrer Tabak-Trafik und beobachtet Alfred . Alfred   trommelt an die Fensterscheibe . Marianne   sieht ihn plötzlich erschrocken an; läßt rasch den Sonnenvorhang hinter der Fensterscheibe herab – und der Walzer bricht wieder ab, mitten im Takt . Alfred   erblickt Mathilde . Stille . Mathilde  Wohin? Alfred  Zu dir, Liebling. Mathilde  Was hat man denn in der Puppenklinik verloren? Alfred  Ich wollte dir ein Pupperl kaufen. Mathilde  Und an sowas hängt man sein Leben. Alfred  Pardon! Stille . Alfred   krault Mathilde am Kinn . Mathilde   schlägt ihm auf die Hand . Stille . Alfred  Wer ist denn das Fräulein da drinnen? Mathilde  Das geht dich einen Dreck an. Alfred  Das ist sogar ein sehr hübsches Fräulein. Mathilde  Haha. Alfred  Ein schöngewachsenes Fräulein. Daß ich dieses Fräulein noch nie gesehen habe – das ist halt die Tücke des Objekts. Mathilde  Na und? Alfred  Also ein für allemal: lang halt ich jetzt aber deine hysterischen Eifersüchteleien nicht mehr aus! Ich laß mich nicht tyrannisieren! Das hab ich doch schon gar nicht nötig! Mathilde  Wirklich? Alfred  Glaub nur ja nicht, daß ich auf dein Geld angewiesen bin! Stille. Mathilde  Ja, das wird wohl das Beste sein – Alfred  Was? Mathilde  Das wird das Beste sein für uns beide, daß wir uns trennen. Alfred  Aber dann endlich! Und im Guten! Und dann mußt du auch konsequent bleiben – – – – Da. Das bin ich dir noch schuldig. Zähls nach, bitte! Mathilde   zählt mechanisch das Geld. Alfred  Wir haben in Saint-Cloud nichts verloren und in Le Tremblay gewonnen. Außenseiter. Der Hierlinger Ferdinand hat mir gesagt, also das ist schon genial, was ich da treib, und ich bin eine Rennplatzkapazität. Stille. Alfred  Siehst du, jeder Mensch hat Licht- und Schattenseiten, das ist normal. Und ich kann dir nur flüstern: eine rein menschliche Beziehung wird erst dann echt, wenn man was voneinander hat. Alles andere ist larifari. Und in diesem Sinne bin ich auch dafür, daß wir jetzt unsere freundschaftlich-geschäftlichen Beziehungen nicht deshalb abbrechen, weil die anderen für uns ungesund sind – Was schaust mich denn so intelligent an? Er brüllt sie an.  Einen anderen Kopf, bitte! Stille. Alfred  Was mach ich denn aus deinem Ruhegehalt, Frau Kanzleiobersekretärswitwe? Das Gehalt eines aktiven Ministerialdirigenten erster Klasse. Was ist denn schon wieder los? Mathilde  Ich hab jetzt nur an das Grab gedacht. Alfred  An was für ein Grab? Mathilde  An sein Grab. Immer wenn ich das hör: Frau Kanzleiobersekretär – dann muß ich an sein Grab denken. Stille. Mathilde  Ich kümmer mich zu wenig um das Grab. Meiner Seel, ich glaub, es ist ganz verwildert – Alfred  Mathild. Wenn ich morgen in Maisons-Laffitte gewinn, dann lassen wir sein Grab mal gründlich herrichten. Halb und halb. Mathilde   küßt plötzlich seine Hand. Alfred  Nein, nicht so – – Er nimmt ihr wieder das Geld. ab.  Was? Du weinst? Mathilde   weinerlich:  Aber keine Idee – Sie betrachtet sich in ihrem Taschenspiegel.  Gott, bin ich wieder derangiert – – höchste Zeit, daß ich mich wiedermal rasier – Sie schminkt sich mit dem Lippenstift und summt dazu den Trauermarsch von Chopin. Ende des ersten Bildes Zweites Bild Am nächsten Sonntag im Wiener Wald. Auf einer Lichtung am Ufer der schönen blauen Donau. Der Zauberkönig und Marianne, Oskar, Mathilde, Alfred, einige entfernte Verwandte, unter ihnen Erich aus Kassel in Preußen, und kleine weißgekleidete häßliche Kinder machen einen gemeinsamen Ausflug. Jetzt bilden sie gerade eine malerische Gruppe, denn sie wollen von Oskar fotografiert werden, der sich noch mit seinem Stativ beschäftigt – dann stellt er sich selbst in Positur neben Marianne, maßen er ja mit einem Selbstauslöser arbeitet. Und nachdem dieser tadellos funktionierte, gerät die Gruppe in Bewegung. Zauberkönig  Halt! Da capo! Ich glaub, ich hab gewackelt! Oskar  Aber Papa! Zauberkönig Sicher ist sicher! Erste Tante  Ach ja! Zweite Tante  Das war doch ewig schad! Zauberkönig  Also da capo, da capo! Oskar  Also gut! Er beschäftigt sich wieder mit seinem Apparat – und wieder funktioniert der Selbstauslöser tadellos. Zauberkönig  Ich danke! Die Gruppe   löst sich allmählich auf. Erste Tante  Lieber Herr Oskar, ich hätt ein großes Verlangen – geh möchtens nichtmal die Kinderl allein abfotografieren, die sind doch heut so herzig – Oskar  Aber mit Vergnügen! Er gruppiert die Kinder und küßt die Kleinste.   Zweite Tante   zu Marianne:  Nein mit welcher Liebe er das arrangiert – Na wenn das kein braver Familienvater wird! Ein Kindernarr, ein Kindernarr! Unberufen! Sie umarmt Marianne und gibt ihr einen Kuß . Mathilde   zu Alfred : Also das ist der Chimborasso. Alfred  Was für ein Chimborasso? Mathilde  Daß du dich nämlich diesen Herrschaften hier anschließt, wo du doch weißt, daß ich dabei bin – nach all dem, was zwischen uns passiert ist. Alfred  Was ist denn passiert? Wir sind auseinander. Und noch dazu als gute Kameraden. Mathilde  Nein, du bist halt keine Frau – sonst würdest du meine Gefühle anders respektieren. Alfred  Was für Gefühle? Noch immer? Mathilde  Als Frau vergißt man nicht so leicht. Es bleibt immer etwas in einem drinnen, wenn du auch ein großer Gauner bist. Alfred  Ich bitte dich, werde vernünftig. Mathilde   plötzlich gehässig : Das würde dir so passen! Stille . Alfred  Darf sich der Gauner jetzt empfehlen? Mathilde  Wer hat ihn denn hier eingeladen? Alfred  Sag ich nicht. Mathilde  Man kann sichs ja lebhaft vorstellen, nicht? Alfred   zündet sich eine Zigarette an . Mathilde  Wo hat man dich denn kennen gelernt? In der Puppenklinik? Alfred  Halts Maul. Zauberkönig   nähert sich Alfred mit Erich : Was höre ich? Die Herrschaften kennen sich noch nicht? Also darf ich bekannt machen: das ist mein Neffe Erich, der Sohn meines Schwippschwagers aus zweiter Ehe – und das ist Herr Zentner. Stimmts? Alfred  Gewiß. Zauberkönig  Herr von Zentner! Erich   mit Brotbeutel und Feldflasche am Gürtel:  Sehr erfreut! Zauberkönig  Erich ist ein Student. Aus Dessau. Erich  Aus Kassel, Onkel. Zauberkönig  Kassel oder Dessau – das verwechsle ich immer! Er zieht sich zurück. Alfred   zu Mathilde:  Ihr kennt euch schon? Mathilde  Oh schon seit Ewigkeiten! Erich  Ich hatte erst unlängst das Vergnügen. Wir hatten uns über das Burgtheater unterhalten und über den vermeintlichen Siegeszug des Tonfilms. Alfred  Interessant! Er verbeugt sich korrekt und zieht sich zurück; jetzt läßt eine Tante ihren Reisegrammophon singen: »Wie eiskalt ist dies Händchen«. Erich   lauscht:  Boheme. Göttlicher Puccini! Marianne   nun neben Alfred; sie lauscht:  Wie eiskalt ist dies Händchen – Alfred  Das ist Boheme. Marianne  Puccini. Mathilde   zu Erich:  Was kennen Sie denn für Operetten? Erich  Aber das hat doch mit Kunst nichts zu tun! Mathilde   Geh, wie könnens denn nur so was sagen! Erich  Kennen Sie die Brüder Karamasow? Mathilde  Nein. Erich  Das ist Kunst. Marianne   zu Alfred:  Ich wollte mal rhythmische Gymnastik studieren und dann hab ich von einem eigenen Institut geträumt, aber meine Verwandtschaft hat keinen Sinn für sowas. Papa sagt immer, die finanzielle Unabhängigkeit der Frau vom Mann ist der letzte Schritt zum Bolschewismus. Alfred  Ich bin kein Politiker, aber glauben Sie mir: auch die finanzielle Abhängigkeit des Mannes von der Frau führt zu nichts Gutem. Das sind halt so Naturgesetze. Marianne  Das glaub ich nicht. Oskar   fotografiert nun den Zauberkönig allein, und zwar in verschiedenen Posen; das Reisegrammophon hat ausgesungen . Alfred  Fotografiert er gern, der Herr Bräutigam? Marianne  Das tut er leidenschaftlich. Wir kennen uns schon seit acht Jahren. Alfred  Wie alt waren Sie denn damals? Pardon, das war jetzt nur eine automatische Reaktion! Marianne  Ich war damals vierzehn! Alfred  Pardon! Marianne  Er ist nämlich ein Jugendfreund von mir. Weil wir Nachbarskinder sind. Alfred  Und wenn Sie jetzt keine Nachbarskinder gewesen wären? Marianne  Wie meinen Sie das? Alfred  Ich meine, daß das halt alles Naturgesetze sind. Und Schicksal. Stille . Marianne  Schicksal, ja. Eigentlich ist das nämlich gar nicht das, was man halt so Liebe nennt, vielleicht von seiner Seite aus, aber ansonsten – – Sie starrt Alfred plötzlich an . Nein, was sag ich da, jetzt kenn ich Sie ja noch kaum – – mein Gott, wie Sie das alles aus einem herausziehen – – Alfred  Ich will gar nichts aus Ihnen herausziehen. Im Gegenteil. Stille. Marianne  Können Sie hypnotisieren? Oskar   zu Alfred:  Pardon! Zu Marianne.  Darf ich bitten? Er reicht ihr den Arm und geleitet sie unter eine schöne alte Baumgruppe, wo sich die ganze Gesellschaft bereits zum Picknick gelagert hat. Alfred   folgt Oskar und Marianne und läßt sich ebenfalls nieder. Zauberkönig  Über was haben wir denn gerade geplauscht? Erste Tante  Über die Seelenwanderung. Zweite Tante  Was ist denn das für eine Geschicht mit der Seelenwanderung? Erich  Das ist buddhistische Religionsphilosophie. Die Buddhisten behaupten, daß die Seele eines verstorbenen Menschen in ein Tier hineinfährt – zum Beispiel in einen Elefanten. Zauberkönig  Verrückt! Erich  Oder in eine Schlange. Erste Tante  Pfui! Erich  Wieso pfui? Das sind doch nur unsere kleinlichen menschlichen Vorurteile! So laßt uns doch mal die geheime Schönheit der Spinnen, Käfer und Tausendfüßler – Zweite Tante   unterbricht ihn:  Also nur nicht unappetitlich, bittschön! Erste Tante  Mir ist schon übel – Zauberkönig  Mir kann heut nichts den Appetit verderben! Solche Würmer gibts gar nicht! Mathilde  Jetzt aber Schluß! Zauberkönig   erhebt sich und klopft mit dem Messer an sein Glas:   Meine lieben Freunde! Zu guter Letzt war es ja schon ein öffentliches Geheimnis, daß meine liebe Tochter Mariann einen Blick auf meinen lieben Oskar geworfen hat – Mathilde  Bravo! Zauberkönig  Silentium, gleich bin ich fertig, und nun haben wir uns hier versammelt, das heißt: ich hab Euch alle eingeladen, um einen wichtigen Abschnitt im Leben zweier blühender Menschenkinder einfach, aber würdig in einem kleinen, aber auserwählten Kreise zu feiern. Es tut mir nur heut in der Seele weh, daß Gott der Allmächtige es meiner unvergeßlichen Gemahlin, der Mariann ihrer lieben Mutterl selig, nicht vergönnt hat, diesen Freudentag ihres einzigen Kindes mitzuerleben. Ich weiß es aber ganz genau, sie steht jetzt sicher hinter einem Stern droben in der Ewigkeit und schaut hier auf uns herab. Und erhebt ihr Glas – – er erhebt sein Glas  – – um ein aus dem Herzen kommendes Hoch auf das glückliche nunmehr und hiermit offiziell verlobte Paar – – das junge Paar, Oskar und Marianne, es lebe hoch! Hoch! Hoch! Alle  Hoch! Hoch! Hoch! Ida   jenes magere herzige Mäderl, das seinerzeit Havlitscheks Blutwurst beanstandet hatte, tritt nun weißgekleidet mit einem Blumenstrauß vor das verlobte Paar und rezitiert mit einem Sprachfehler: Die Liebe ist ein Edelstein, Sie brennt jahraus, sie brennt jahrein Und kann sich nicht verzehren, Sie brennt, solang noch Himmelslicht In eines Menschen Aug sich bricht, Um drin sich zu verklären. Alle  Bravo! Hoch! Gott wie herzig! Ida   überreicht Marianne den Blumenstrauß mit einem Knix. Alle   streicheln nun Ida und gratulieren dem verlobten Paar in aufgeräumtester Stimmung; das Reisegrammophon spielt nun den Hochzeitsmarsch und der Zauberkönig küßt Marianne auf die Stirne und Oskar auf den Mund; dann wischt er sich die Tränen aus den Augen und dann legt er sich in seine Hängematte. Erich   mit einer Feldflasche:  Oskar und Marianne! Ich gestatte mir nun aus dieser Feldflasche auf Euer ganz Spezielles zu trinken! Glück und Gesundheit und viele brave deutsche Kinder! Heil! Mathilde   angeheitert:  Nur keine Neger! Heil! Erich  Verzeihen, gnädige Frau, aber über diesen Punkt vertrage ich keine frivolen Späße! Dieser Punkt ist mir heilig, Sie kennen meine Stellung zum Rassenproblem. Mathilde  Ein problematischer Mensch – – Halt! So bleibens doch da, Sie komplizierter Mann, Sie – – Erich  Kompliziert. Wie meinen Sie das? Mathilde  Interessant – – Erich  Wieso? Mathilde  Ja glaubens denn, daß ich die Juden mag? Sie großes Kind – – Sie hängt sich ein in das große Kind und schleift es fort; man lagert sich nun im Wald und die kleinen Kindlein spielen und stören. Oskar   singt zur Laute: Sei gepriesen, du lauschige Nacht, Hast zwei Herzen so glücklich gemacht Und die Rosen im folgenden Jahr Sahn ein Paar am Altar! Auch der Klapperstorch blieb nicht lang aus, Brachte klappernd den Segen ins Haus. Und entschwand auch der liebliche Mai, In der Jugend erblüht er neu! Er spielt das Lied nochmal, singt aber nicht mehr, sondern summt nur; auch alle anderen summen mit, außer Alfred und Marianne. Alfred   nähert sich nämlich Marianne:  Darf man noch einmal gratulieren? Marianne   schließt die Augen. Alfred   küßt lange ihre Hand. Oskar   hatte den Vorgang beobachtet. Übergab seine Laute der zweiten Tante, schlich sich heran und steht nun neben Marianne. Alfred   korrekt:  Ich gratuliere! Oskar  Danke. Alfred   verbeugt sich korrekt und will ab. Oskar   sieht ihm nach:  Er beneidet mich um dich – – ein geschmackloser Mensch. Wer ist denn das überhaupt? Marianne  Ein Kunde. Oskar  Schon lang? Marianne  Gestern war er da und wir sind ins Gespräch gekommen, nicht lang, und dann hab ich ihn gerufen. Er hat sich ein Gesellschaftsspiel gekauft. Mathilde   schrill:  Was soll das Pfand in meiner Hand? Erich  Das soll dreimal Muh schreien! Mathilde  Das ist die Tante Henriett, die Tante Henriett! Erste Tante   stellt sich in Positur und schreit:  Muh! Muh! Muh! Großes Gelächter. Mathilde  Und was soll das Pfand in meiner Hand? Zauberkönig  Das soll dreimal Mäh schreien! Mathilde  Das bist du selber! Zauberkönig  Mäh! Mäh! Mäh! Brüllendes Gelächter. Mathilde  Und was soll das Pfand in meiner Hand? Zweite Tante  Der soll etwas demonstrieren! Erich  Was denn? Zweite Tante  Was er kann! Mathilde  Oskar! Hast du gehört, Oskar? Du sollst uns etwas demonstrieren! Erich  Was du willst! Zauberkönig  Was du kannst! Stille. Oskar  Meine Damen und Herren, ich werde Ihnen etwas sehr Nützliches demonstrieren, nämlich ich hab mich mit der japanischen Selbstverteidigungsmethode beschäftigt. Mit dem sogenannten Jiu-Jitsu. Und nun passens bitte auf, wie man seinen Gegner spielend kampfunfähig machen kann. – – Er stürzt sich plötzlich auf Marianne und demonstriert an ihr seine Griffe. Marianne   stürzt zu Boden:  Au! Au! Au – – Erste Tante  Nein dieser Rohling! Zauberkönig  Bravo! Bravissimo! Oskar   zur ersten Tante:  Aber ich hab doch den Griff nur markiert, sonst hätt ich ihr doch das Rückgrat verletzt! Erste Tante  Das auch noch! Zauberkönig   klopft Oskar auf die Schulter:  Sehr geschickt! Sehr einleuchtend! Zweite Tante   hilft Marianne beim Aufstehen:  Ein so zartes Frauerl – – Haben wir denn noch ein Pfand? Mathilde  Leider! Schluß. Aus! Zauberkönig  Dann hätt ich ein Projekt! Jetzt gehen wir alle baden! Hinein in die kühle Flut! Ich schwitz eh schon wie ein geselchter Aff! Erich  Eine ausgezeichnete Idee! Mathilde  Aber wo sollen sich denn die Damen entkleiden? Zauberkönig  Nichts leichter als das! Die Damen rechts, die Herren links! Also auf Wiedersehen in unserer schönen blauen Donau! Jetzt spielt das Reisegrammophon den Walzer »An der schönen blauen Donau«, und die Damen verschwinden rechts, die Herren links – – Mathilde und Alfred sind die letzten. Mathilde  Alfred! Alfred  Bitte? Mathilde   trällert die Walzermelodie nach und zieht sich ihre Bluse aus. Alfred  Nun? Mathilde   wirft ihm eine Kußhand zu. Alfred  Adieu! Mathilde  Moment! Gefällt dem Herrn Baron das Fräulein Braut? Alfred   fixiert sie – geht dann rasch auf sie zu und hält knapp vor ihr:  Hauch mich an. Mathilde  Wie komm ich dazu! Alfred  Hauch mich an! Mathilde   haucht ihn an. Alfred  Du Alkoholistin. Mathilde  Das ist doch nur ein Schwips, den ich da hab, du Vegetarianer! Der Mensch denkt und Gott lenkt. Man feiert doch nicht alle Tag Verlobung – – und Entlobung, du Schweinehund – – Alfred  Einen anderen Ton, wenn ich bitten darf! Mathilde  Daß du mich nicht anrührst, daß du mich nicht anrührst – – Alfred  Toll! Als hätt ich dich schon jemals angerührt. Mathilde  Und am siebzehnten März? Stille. Alfred  Wie du dir alles merkst – – Mathilde  Alles. Das Gute und das Böse – – Sie hält sich plötzlich die Bluse vor.  Geh! Ich möcht mich jetzt ausziehen! Alfred  Als hätt ich dich nicht schon so gesehen – – Mathilde   kreischt:  Schau mich nicht so an! Geh! Geh! Alfred  Hysterische Kuh – – Ab nach links. Mathilde   allein, sieht ihm nach:  Luder. Mistvieh. Drecksau. Bestie. Sie zieht sich aus. Zauberkönig   taucht in Schwimmanzug hinter dem Busch auf und sieht zu.   Mathilde   hat nun nur mehr das Hemd, Schlüpfer und Strümpfe an; sie entdeckt den Zauberkönig:  Jesus Maria Josef! Oh du Hallodri! Mir scheint gar, du bist ein Voyeur – – Zauberkönig  Ich bin doch nicht pervers. Zieh dich nur ruhig weiter aus. Mathilde  Nein, ich hab doch noch mein Schamgefühl. Zauberkönig  Geh in der heutigen Zeit! Mathilde  Aber ich hab halt so eine verflixte Phantasie – – Sie trippelt hinter einen Busch. Zauberkönig   läßt sich vor dem Busch nieder, entdeckt Mathildens Korsett, nimmt es an sich und riecht daran:  Mit oder ohne Phantasie – – diese heutige Zeit ist eine verkehrte Welt! Ohne Treu, ohne Glauben, ohne sittliche Grundsätze. Alles wackelt, nichts steht mehr fest. Reif für die Sintflut – – Er legt das Korsett wieder beiseite, denn es duftet nicht gerade überwältigend.  Ich bin nur froh, daß ich die Mariann angebracht hab, eine Fleischhauerei ist immer noch solid – – Mathildens Stimme  Na und die Trafikantinnen? Zauberkönig  Auch! Rauchen und fressen werden die Leut immer – – aber zaubern? Wenn ich mich so mit der Zukunft beschäftig, da wirds mir manchmal ganz pessimistisch. Ich habs ja überhaupt nicht leicht gehabt in meinem Leben, ich muß ja nur an meine Frau selig denken – – diese ewige Schererei mit den Spezialärzten – – Mathilde   erscheint nun im Badetrikot; sie beschäftigt sich mit dem Schulterknöpfchen:  An was ist sie denn eigentlich gestorben? Zauberkönig   stiert auf ihren Busen:  An der Brust. Mathilde  Doch nicht Krebs? Zauberkönig  Doch. Krebs. Mathilde  Ach, die Ärmste. Zauberkönig  Ich war auch nicht zu beneiden. Man hat ihr die linke Brust wegoperiert – – sie ist überhaupt nie gesund gewesen, aber ihre Eltern haben mir das verheimlicht – – Wenn ich dich daneben anschau: stattlich, also direkt königlich – – Eine königliche Person! Mathilde   macht nun Rumpfbeugen:  Was wißt ihr Mannsbilder schon von der Tragödie des Weibes? Wenn wir uns nicht so herrichten und pflegen täten – – Zauberkönig   unterbricht sie:  Glaubst du, ich muß mich nicht pflegen? Mathilde  Das schon. Aber bei einem Herrn sieht man doch in erster Linie auf das Innere – – Sie macht nun in rhythmischer Gymnastik. Zauberkönig   sieht ihr zu und macht dann Kniebeugen. Mathilde  Hach, jetzt bin ich aber müd! Sie wirft sich neben ihn hin. Zauberkönig  Der sterbende Schwan. Er nimmt neben ihr Platz. Stille. Mathilde  Darf ich meinen Kopf in deinen Schoß legen? Zauberkönig  Auf der Alm gibts keine Sünd! Mathilde tut es:  Die Erd ist nämlich noch hart – – heuer war der Winter lang. Stille. Mathilde   leise:  Du. Gehts dir auch so? Wenn die Sonne auf meine Haut scheint, wirds mir immer so weißnichtwie – – Zauberkönig  Wie? Sags nur. Stille. Mathilde  Du hast doch zuvor mit meinem Korselett gespielt? Stille. Zauberkönig  Na und? Mathilde  Na und? Zauberkönig   wirft sich plötzlich über sie und küßt sie. Mathilde  Gott, was für ein Temperament – – das hätt ich dir gar nicht zugetraut – – Du schlimmer Mensch, du – – Zauberkönig  Bin ich sehr schlimm? Mathilde  Ja – – Nein, du! Halt, da kommt wer! Sie kugeln auseinander. Erich   kommt in Badehose mit einem Luftdruckgewehr:  Verzeihung, Onkel! Du wirst es doch gestatten, wenn ich es mir jetzt gestatte hier zu schießen? Zauberkönig  Was willst du? Erich  Schießen. Zauberkönig  Du willst hier schießen? Erich  Nach der Scheibe auf jener Buche dort. Übermorgen steigt nämlich das monatliche Preisschießen unseres akademischen Wehrverbandes und da möchte ich es mir nur gestatten, mich etwas einzuschießen. Also darf ich? Mathilde  Natürlich! Zauberkönig  Natürlich? Zu Mathilde; er erhebt sich.  Natürlich! Wehrverband! Sehr natürlich! Nur das Schießen nicht verlernen – Ich geh mich jetzt abkühlen! In unsere schöne blaue Donau! Für sich.  Hängts euch auf. Ab. Erich   ladet, zielt und schießt. Mathilde   sieht ihm zu; nach dem dritten Schuß:  Pardon, wenn ich Sie molestiere – – was studieren Sie eigentlich? Erich  Jus. Drittes Semester. Er zielt.  Arbeitsrecht. Schuß. Mathilde  Arbeitsrecht. Ist denn das nicht recht langweilig? Erich   ladet:  Ich habe Aussicht, dereinst als Syndikus mein Unterkommen zu finden. Er zielt.  In der Industrie. Schuß. Mathilde  Und wie gefällt Ihnen unsere Wiener Stadt? Erich  Herrliches Barock. Mathilde  Und die süßen Wiener Maderln? Erich  Offen gesagt: Ich kann mit jungen Mädchen nichts anfangen. Ich war nämlich schon mal verlobt und hatte nur bittere Enttäuschungen, weil Käthe eben zu jung war, um meinem Ich Verständnis entgegenbringen zu können. Bei jungen Mädchen verschwendet man seine Gefühle an die falsche Adresse. Dann schon lieber eine reifere Frau, die einem auch etwas geben kann. Schuß. Mathilde  Wo wohnen Sie denn? Erich  Ich möchte gerne ausziehen. Mathilde  Ich hätt ein möbliertes Zimmer. Erich  Preiswert? Mathilde  Geschenkt. Erich  Das träfe sich ja famos! Schuß. Mathilde  Herr Syndikus – – geh lassens mich auch mal schießen – – Erich  Mit Vergnügen! Mathilde  Ganz meinerseits. Sie nimmt ihm das Gewehr ab.  Waren Sie noch Soldat? Erich  Leider nein – – ich bin doch Jahrgang 1911. Mathilde  1911 – – Sie zielt lange. Erich   kommandiert:  Stillgestanden! Achtung! Feuer! Mathilde   schießt nicht – – langsam läßt sie das Gewehr sinken und sieht ihn ernst an. Erich  Was denn los? Mathilde  Au! Sie krümmt sich plötzlich und wimmert.  Ich hab so Stechen – Stille. Erich  Kann ich Ihnen behilflich sein? Mathilde   reicht ihm das Gewehr zurück:  Da habens Ihr Gewehr. Kommens! Ziehn wir uns lieber an! Sie packt ihn am Arm und ab mit ihm. Alfred   in Bademantel und Strohhut; begegnet ihnen und grüßt sarkastisch. Nun ist die Sonne untergegangen, es dämmert und in der Ferne spielt das Reisegrammophon den Frühlingsstimmen-Walzer von Johann Strauß. Marianne   steigt aus der schönen blauen Donau und erkennt Alfred. Stille. Alfred  Ich wußte es, daß Sie hier landen werden. Marianne  Woher wußten Sie das? Alfred  Ich wußte es. Stille. Marianne  Die Donau ist weich wie Samt – – Alfred  Wie Samt. Marianne  Heut möcht ich weit fort – Heut könnt man im Freien übernachten. Alfred  Leicht. Marianne  Ach, wir armen Kulturmenschen! Was haben wir von unserer Natur! Alfred  Was haben wir aus unserer Natur gemacht? Eine Zwangsjacke. Keiner darf, wie er will. Marianne  Und keiner will, wie er darf. Stille. Alfred  Und keiner darf, wie er kann. Marianne  Und keiner kann, wie er soll – Alfred   umarmt sie mit großer Gebärde und sie wehrt sich mit keiner Faser – ein langer Kuß. Marianne   haucht : Ich habs gewußt, ich habs gewußt – Alfred  Ich auch. Marianne  Liebst du mich, wie du solltest –? Alfred  Das hab ich im Gefühl. Marianne  Ich auch – Und abermals ein langer Kuß. Alfred  Komm, setzen wir uns. Sie setzen sich. Stille. Marianne  Ich bin nur froh, daß du nicht dumm bist – ich bin nämlich von lauter dummen Menschen umgeben. Auch Papa ist kein Kirchenlicht – und manchmal glaube ich sogar, er will sich durch mich an meinem armen Mutterl selig rächen. Die war nämlich sehr eigensinnig. Alfred  Du denkst zuviel. Marianne  Jetzt gehts mir gut. Jetzt möcht ich singen. Immer, wenn ich traurig bin, möcht ich singen – Sie summt und verstummt wieder. Warum sagst du kein Wort? Stille. Alfred  Liebst du mich? Marianne  Sehr. Alfred  So wie du solltest? Ich meine, ob du mich vernünftig liebst? Marianne  Vernünftig? Alfred  Ich meine, ob du keine Unüberlegtheiten machen wirst – denn dafür könnt ich keine Verantwortung übernehmen. Marianne  Oh Mann grübl doch nicht – – grübl nicht, schau die Sterne – die werden noch droben hängen, wenn wir drunten liegen – Alfred  Ich laß mich verbrennen. Marianne  Ich auch – Du, oh du – Du – – Stille. Marianne  Du – – wie der Blitz hast du in mich eingeschlagen und hast mich gehalten – jetzt weiß ich es aber ganz genau. Alfred  Was? Marianne  Daß ich ihn nicht heiraten werde – Alfred  Mariann! Marianne  Was hast du denn? Stille. Alfred  Ich hab kein Geld. Marianne  Oh warum sprichst du jetzt davon?! Alfred  Weil das meine primitivste Pflicht ist! Noch nie in meinem Leben hab ich eine Verlobung zerstört und zwar prinzipiell! Lieben ja, aber dadurch zwei Menschen auseinanderbringen – nein! Dazu fehlt mir das moralische Recht! Prinzipiell! Stille. Marianne  Ich hab mich nicht getäuscht, du bist ein feiner Mensch. Jetzt fühl ich mich doppelt zu dir gehörig – Ich paß nicht zu Oskar und basta! Es ist inzwischen finster geworden und nun steigen in der Nähe Raketen. Alfred  Raketen. Deine Verlobungsraketen. Marianne  Unsere Verlobungsraketen. Alfred  Sie werden dich suchen. Marianne  Sie sollen uns finden – Bleib mir, du, dich hat mir der Himmel gesandt, mein Schutzengel – Jetzt gibt es bengalisches Licht – blau, grün, gelb, rot – und beleuchtet Alfred und Marianne; und den Zauberkönig, der knapp vor ihnen steht mit der Hand auf dem Herz.   Marianne   schreit unterdrückt auf. Stille. Alfred   geht auf den Zauberkönig zu : Herr Zauberkönig – Zauberkönig   unterbricht ihn : Schweigen Sie! Mir brauchen Sie nichts zu erklären, ich hab ja alles gehört – na, das ist ja ein gediegener Skandal! Am Verlobungstag –! Nacket herumliegen! Küßdiehand! Mariann! Zieh dich an! Daß nur der Oskar nicht kommt – Jesus Maria und ein Stückerl Josef! Alfred  Ich trag natürlich sämtliche Konsequenzen, wenn es sein muß. Zauberkönig  Sie haben da gar nichts zu tragen! Sie haben sich aus dem Staube zu machen, Sie Herr! Diese Verlobung darf nicht platzen, auch aus moralischen Gründen nicht! Daß mir keine Seele was erfährt, Sie Halunk – Ehrenwort! Alfred  Ehrenwort! Marianne  Nein!! Zauberkönig   unterdrückt:  Brüll nicht! Bist du daneben? Zieh dich an, aber marsch-marsch! Du Badhur! Oskar   erscheint und überblickt die Situation:   Marianne! Marianne! Zauberkönig  Krach in die Melon! Stille. Alfred  Das Fräulein Braut haben bis jetzt geschwommen. Marianne  Lüg nicht! So lüg doch nicht! Nein, ich bin nicht geschwommen, ich mag nicht mehr! Ich laß mich von euch nicht mehr tyrannisieren. Jetzt bricht der Sklave seine Fessel – da! Sie wirft Oskar den Verlobungsring ins Gesicht.  Ich laß mir mein Leben nicht verhunzen, das ist mein Leben! Gott hat mir im letzten Moment diesen Mann da zugeführt – Nein, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht!! Meinetwegen soll unsere Puppenklinik verrecken, eher heut als morgen! Zauberkönig  Das einzige Kind! Das werd ich mir merken! Stille; während zuvor Marianne geschrien hat, sind auch die übrigen Ausflügler erschienen und horchen interessiert und schadenfroh zu. Oskar   tritt zu Marianne : Mariann. Ich wünsch dir nie, daß du das durchmachen sollst, was jetzt in mir vorgeht – und ich werde dich auch noch weiter lieben, du entgehst mir nicht – und ich danke dir für alles. Ab. Stille. Zauberkönig   zu Alfred:  Was sind Sie denn überhaupt? Alfred  Ich? Mathilde  Nichts. Nichts ist er. Zauberkönig  Ein Nichts. Das auch noch. Ich habe keine Tochter mehr! Ab mit den Ausflüglern – Alfred und Marianne bleiben allein zurück; jetzt scheint der Mond. Alfred  Ich bitte dich um Verzeihung. Marianne   reicht ihm die Hand. Alfred  Daß ich dich nämlich nicht hab haben wollen – – dafür trägt aber nur mein Verantwortungsgefühl die Verantwortung. Ich bin deiner Liebe nicht wert, ich kann dir keine Existenz bieten, ich bin überhaupt kein Mensch – Marianne  Mich kann nichts erschüttern. Laß mich aus dir einen Menschen machen – du machst mich so groß und weit – Alfred  Und du erhöhst mich. Ich werd ganz klein vor dir in seelischer Hinsicht. Marianne  Und ich geh direkt aus mir heraus und schau mir nach – jetzt, siehst du, jetzt bin ich schon ganz weit fort von mir – ganz dort hinten, ich kann mich kaum mehr sehen – – – – Von dir möcht ich ein Kind haben – – Ende des zweiten Bildes. Drittes Bild Im Stephansdom. Vor dem Seitenaltar des heiligen Antonius kniet ein Kretin. Drei Reihen hinter ihm kniet Marianne. Alfred kommt leise. Von einem Altar her erklingen die Klingelzeichen der heiligen Wandlung – Marianne und der Kretin gehen in sich. Stille. Alfred   leise:  Wirds noch lang dauern! Marianne  Wenn es dir zu lang dauert, dann laß mich allein. Alfred  Das mußt du mir nicht zweimal sagen. Stille. Marianne  So geh doch! Alfred  Kannst es wohl kaum mehr erwarten, daß ich geh? Marianne  Nicht so laut! Wir sind doch nicht zuhaus! Der Kretin   dreht sich um und fixiert die Beiden; dann beschäftigt er sich wieder mit seinem Rosenkranz. Alfred   kniet nieder neben Marianne und lächelt böse:  Du Jungfrau von Orleans. Marianne  So laß mich doch beten, bitte – Alfred  Was soll denn dieser neue Sport? Fühlst du dich nicht gut in deiner Haut? Marianne  Du vielleicht? Stille. Alfred  Auch dein heiliger Antonius von Padua wird mir keine Stellung verschaffen, merken Sie sich das, gnädiges Fräulein. Den heiligen Herrn möcht ich mal kennen lernen, der einen gewöhnlichen Sterblichen auch nur einen Groschen verdienen läßt – Halt! Er packt Marianne, die sich erheben will, am Arm und drückt sie wieder in die Knie. Marianne  Au! Der Kretin   beobachtet nun wieder die beiden – während der ganzen folgenden Szene.   Alfred  Wer hat mir denn die Rennplatz verleidet? Seit einem geschlagenen Jahr hab ich keinen Buchmacher mehr gesprochen, geschweige denn einen Fachmann jetzt darf ich mich natürlich aufhängen! Neue Saisons, neue Favoriten! Zweijährige, dreijährige – ich hab keinen Kontakt mehr zur neuen Generation. Und warum nicht? Weil ich statt des unmoralischen Toto ausgerechnet eine moralische Hautcreme vertrete, die keiner kauft, weil sie miserabel ist. Marianne  Die Leut haben halt kein Geld. Alfred  Nimm nur die Leut in Schutz! Marianne  Ich mach dir doch keine Vorwurf, du kannst doch nichts dafür. Alfred  Das wäre ja noch schöner! Marianne  Als ob ich was für die wirtschaftliche Krise könnt'. Alfred  Oh du exzentrische Person – – Wer hat mir denn den irrsinnigen Rat gegeben, als Kosmetikagent herumzurennen? Du! Er erhebt sich. Stille. Marianne  Du hast mir mal gesagt, daß ich dich erhöh, in seelischer Hinsicht – Alfred  Das hab ich nie gesagt. Das kann ich gar nicht gesagt haben. Und wenn, dann hab ich mich getäuscht. Marianne   schnellt entsetzt empor:  Alfred! Alfred  Nicht so laut! Wir sind doch nicht zuhaus! Marianne  Ich hab so Angst, Alfred! – Alfred  Du siehst Gespenster. Marianne  Du, wenn du jetzt nämlich alles vergessen hast – Der Kretin   grinst boshaft. Alfred   deutet auf den Kretin : Schau doch nur das blöde Luder – Marianne  So laß doch den armen Trottel! Sie weint leise vor sich hin . Stille. Alfred  Ich für meine Person glaub ja nicht an ein Fortleben nach dem Tode, aber natürlich glaub ich an ein höheres Wesen, das gibt es nämlich sicher, sonst gäbs uns ja nicht. Er streicht ihr über den Hut.   Beruhig dich, die Leut schaun ja schon – Stille. Marianne   sieht ihn groß an : Als ich noch klein gewesen bin, und wenn ich etwas verloren hab, dann hab ich nur gesagt: Heiliger Antonius, hilf mir doch! – und schon hab ich es wieder gefunden. Alfred  Also leb wohl. Marianne  Du holst mich ab? Alfred  Naturelement. Sicher. Ab. Marianne   sieht ihm nach – und allmählich entdeckt sie einen Beichtstuhl, dessen Konturen sich langsam aus der Finsternis lösen – sie nähert sich ihm zögernd; die Glocken läuten und Kirchengänger gehen vorbei – kleine Erstkommunikantinnen und alte Krüppel – ein Ministrant löscht alle Kerzen am Antoniusaltar aus und jetzt ist nurmehr der Beichtstuhl zu sehen, in dem Marianne kniet, alles übrige löst sich auf in der Finsternis; auch der Kretin ist verschwunden und nun schweigen die Glocken; es ist sehr still auf der Welt. Beichtvater   sieht Oskar Wilde ähnlich:  Also rekapitulieren wir; du hast deinem armen alten Vater, der dich über alles liebt und der doch immer nur dein Bestes wollte, schmerzlichstes Leid zugefügt, Kummer und Sorgen, warst ungehorsam und undankbar – hast deinen braven Bräutigam verlassen und hast dich an ein verkommenes Subjekt geklammert, getrieben von deiner Fleischeslust – still! Das kennen wir schon! Und so lebst du mit jenem erbärmlichen Individuum ohne das heilige Sakrament der Ehe schon über das Jahr, und in diesem grauenhaften Zustand der Todsünde hast du dein Kind empfangen und geboren – wann? Marianne  Vor acht Wochen. Beichtvater  Und du hast dieses Kind der Schande und der Sünde nicht einmal taufen lassen – Sag selbst: kann denn bei all dem etwas Gutes herauskommen? Nie und nimmer! Doch nicht genug! Du bist nicht zurückgeschreckt und hast es sogar in deinem Mutterleib töten wollen – – Marianne  Nein, das war er! Nur ihm zulieb hab ich mich dieser Prozedur unterzogen! Beichtvater  Nur ihm zulieb? Marianne  Er wollte doch keine Nachkommen haben, weil die Zeiten immer schlechter werden und zwar voraussichtlich unabsehbar – – aber ich – – nein, das brennt mir in der Seele, daß ich es hab abtreiben wollen, ein jedesmal, wenn es mich anschaut – Stille. Beichtvater  Ist das Kind bei euch? Marianne  Nein. Beichtvater  Sondern? Marianne  Bei einer Familie. In Kost. Beichtvater  Sind das gottesfürchtige Leut? Marianne  Gewiß. Stille. Beichtvater  Du bereust es also, daß du es hast töten wollen? Marianne  Ja. Beichtvater  Und auch, daß du mit jenem entmenschten Subjekt in wilder Ehe zusammenlebst? Stille . Marianne  Ich dachte mal, ich hätte den Mann gefunden, der mich ganz und gar ausfüllt. – Beichtvater  Bereust du es? Stille Marianne  Ja. Beichtvater  Und daß du dein Kind im Zustand der Todsünde empfangen und geboren hast – bereust du das? Stille. Marianne  Nein. Das kann man doch nicht – Beichtvater  Was sprichst du da? Marianne  Es ist doch immerhin mein Kind – Beichtvater  Aber du – Marianne   unterbricht ihn:  Nein, das tu ich nicht – Nein, davor hab ich direkt Angst, daß ich es bereuen könnt – Nein, ich bin sogar glücklich, daß ich es hab, sehr glücklich – Stille. Beichtvater  Wenn du nicht bereuen kannst, was willst du dann von deinem Herrgott? Marianne  Ich dachte, mein Herrgott wird mir vielleicht etwas sagen – Beichtvater  Du kommst nur dann zu ihm, wenn es dir schlecht geht? Marianne  Wenn es mir gut geht, dann ist Er ja bei mir – aber nein, das kann Er doch nicht von mir verlangen, daß ich das bereu – das wär ja wider jede Natur – Beichtvater  So geh! Und komme erst mit dir ins reine, ehe du vor unseren Herrgott trittst – – Er schlägt das Zeichen des Kreuzes . Marianne  Dann verzeihen Sie – – Sie erhebt sich aus dem Beichtstuhl, der sich nun auch in der Finsternis auflöst – – und nun hört man das Gemurmel einer Litanei; allmählich kann man die Stimme des Vorbeters von den Stimmen der Gemeinde unterscheiden; Marianne lauscht – – die Litanei endet mit einem Vaterunser; Marianne bewegt die Lippen . Stille . Marianne  Amen – – Stille . Marianne  Wenn es einen lieben Gott gibt – – was hast du mit mir vor, lieber Gott? – – – – Lieber Gott, ich bin im achten Bezirk geboren und hab die Bürgerschul besucht, ich bin kein schlechter Mensch – – hörst du mich? – – Was hast du mit mir vor, lieber Gott – – ? – – Ende des dritten Bildes Viertes Bild Und wieder in der stillen Straße im achten Bezirk, vor Oskars Fleischhauerei, der Puppenklinik und Frau Mathildes Tabak-Trafik. Die Sonne scheint wie dazumal und auch die Realschülerin im zweiten Stock spielt noch immer die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß. Havlitschek   steht in der Türe der Fleischhauerei und frißt Wurst. Das Fräulein Emma   ein Mädchen für alles, steht mit einer Markttasche neben ihm; sie lauscht der Musik:  Herr Havlitschek – Havlitschek  Ich bitte schön? Emma  Musik ist doch etwas Schönes, nicht? Havlitschek  Ich könnt mir schon noch etwas Schöneres vorstellen, Fräulein Emma. Emma   summt leise den Walzer mit. Havlitschek  Das tat nämlich auch von Ihnen abhängen, Fräulein Emma. Emma  Mir scheint gar, Sie sind ein Casanova, Herr Havlitschek. Havlitschek  Sagens nur ruhig Ladislaus zu mir. Pause. Emma  Gestern hab ich von Ihrem Herrn Oskar geträumt. Havlitschek  Haben Sie sich nix Gscheiteres träumen können? Emma  Der Herr Oskar hat immer so große melancholische Augen – es tut einem direkt weh, wenn er einen anschaut – Havlitschek  Das macht die Liebe. Emma  Wie meinen Sie das jetzt? Havlitschek  Ich meine das jetzt so, daß er in ein nichtsnutziges Frauenzimmer verliebt ist – die hat ihn nämlich sitzen lassen, schon vor anderthalb Jahr, und ist sich mit einem andern Nichtsnutzigen auf und davon. Emma  Und er liebt sie noch immer? Das find ich aber schön. Havlitschek  Das find ich blöd. Emma  Aber eine große Leidenschaft ist doch was Romantisches – Havlitschek  Nein, das ist etwas Ungesundes! Schauns doch nur, wie er ausschaut, er quält sich ja direkt selbst – – es fällt ihm schon gar keine andere Frau mehr auf, und derweil hat er Geld wie Heu und ist soweit auch ein Charakter, der könnt doch für jeden Finger eine gute Partie haben – – aber nein! Akkurat auf die läufige Bestie hat er sich versetzt – – weiß der Teufel, was er treibt! Emma  Wie meinen Sie das jetzt wieder, Herr Havlitschek? Havlitschek  Ich meine das so, daß man es nicht weiß, wo er es hinausschwitzt. Emma  Oh Sie garstiger Mann! Pause. Havlitschek  Fräulein Emma. Morgen ist Feiertag und ich bin an der Endhaltestelle von der Linie achtundsechzig. Emma  Ich kann aber nicht vor drei. Havlitschek  Das soll kein Hindernis sein. Pause. Emma  Also um halbvier – – und vergessens aber nur ja nicht, was Sie mir versprochen haben – – daß Sie nämlich nicht schlimm sein werden, lieber Ladislaus – – Ab. Havlitschek   sieht ihr nach und spuckt die Wursthaut aus:  Dummes Luder, dummes – – Oskar   tritt aus seiner Fleischhauerei:  Daß du es nur ja nicht vergißt: wir müssen heut noch die Sau abstechen – – Stichs du, ich hab heut keinen Spaß daran. Pause. Havlitschek  Darf ich einmal ein offenes Wörterl reden, Herr Oskar? Oskar  Dreht sichs um die Sau? Havlitschek  Es dreht sich schon um eine Sau, aber nicht um dieselbe Sau – – Herr Oskar, bittschön nehmens Ihnen das nicht so zu Herzen, das mit Ihrer gewesenen Fräulein Braut, schauns, Weiber gibts wie Mist! Ein jeder Krüppel findt ein Weib und sogar die Geschlechtskranken auch! Und die Weiber sehen sich ja in den entscheidenden Punkten alle ähnlich, glaubens mir, ich meine es ehrlich mit Ihnen! Die Weiber haben keine Seele, das ist nur äußerliches Fleisch! Und man soll so ein Weib auch nicht schonend behandeln, das ist ein Versäumnis, sondern man soll ihr nur gleich das Maul zerreißen oder so! Pause. Oskar  Das Weib ist ein Rätsel, Havlitschek. Eine Sphinx. Ich hab mal der Mariann ihre Schrift zu verschiedenen Graphologen getragen – – und der erste hat gesagt, also das ist die Schrift eines Vampyrs, und der zweite hat gesagt, das ist eine gute Kameradin, und der dritte hat gesagt, das ist die ideale Hausfrau in persona. Ein Engel. Rittmeister   kommt von links und grüßt Oskar. Oskar und Havlitschek   verbeugen sich. Rittmeister  Also das muß ich schon sagen: die gestrige Blutwurst – Kompliment! First class! Havlitschek  Zart, nicht? Rittmeister  Ein Gedicht! Er nähert sich der Tabak-Trafik. Havlitschek   ab in die Fleischhauerei. Mathilde   erscheint in der Tür ihrer Tabak-Trafik. Rittmeister   grüßt. Mathilde   dankt.   Rittmeister  Dürft ich mal die Ziehungsliste? Mathilde   reicht sie ihm aus dem Ständer vor der Tür. Rittmeister  Küßdiehand! Er vertieft sich in die Ziehungsliste und nun ist der Walzer aus. Erich   tritt aus der Tabak-Trafik, grüßt Mathilde und will ab. Mathilde  Halt! Was hast du da? Erich  Fünf Memphis. Mathilde  Schon wieder? Raucht wie ein Erwachsener! Rittmeister und Oskar   horchen. Erich   gedämpft:  Wenn ich nicht rauche, kann ich nicht arbeiten. Wenn ich nicht arbeite, werde ich niemals Referendar – – und wenn ich das nicht werde, dann werde ich wohl kaum jemals in die Lage kommen, meine Schulden rückerstatten zu können. Mathilde  Was für Schulden? Erich  Das weißt du! Ich bin korrekt, Madame. Mathilde  Du willst mir schon wieder weh tun? Erich  Ehrensache! Ich zahle meine Schulden bis auf den letzten Pfennig – – und wenn ich auch hundert Jahr zahlen müßte! Wir lassen uns nichts nachsagen, Ehrensache! Ich muß jetzt ins Kolleg! Ab. Mathilde   starrt ihm nach:  Mistvieh! Verbrecher. Ehrensache. Bestie – – Rittmeister und Oskar   grinsen, jeder für sich. Zauberkönig   begleitet die gnädige Frau aus der Puppenklinik. Die gnädige Frau  Ich hatte hier schon mal Zinnsoldaten gekauft, vor gut anderthalb Jahr – – aber damals ist das ein sehr höfliches Fräulein gewesen. Zauberkönig   mürrisch:  Möglich. Die gnädige Frau  Das Fräulein Tochter? Zauberkönig  Nein! Die gnädige Frau  Schad. Also Sie wollen mir die Schachtel Zinnsoldaten nicht nachbestellen? Zauberkönig  Ich hab das Ihnen doch schon drinnen gesagt, daß mir diese Nachbestellerei vielzuviel Schreiberei macht – – wegen einer einzigen Schachtel! Kaufens doch dem herzigen Barns was ähnliches! Vielleicht eine gediegene Trompeten! Die gnädige Frau  Nein! Adieu! Sie läßt ihn verärgert stehen und ab. Zauberkönig   Küßdiehand! Krepier! Er nähert sich Oskar und spricht mit ihm. Rittmeister   zu Mathilde; boshaft:  Und wie gehts ansonsten, Frau Mathild? Mathilde   revanchiert sich:  Was haben wir denn wieder gewonnen, Herr Rittmeister? Rittmeister   reicht ihr die Ziehungsliste zurück:  Es ist das ein Unrecht auf dieser Welt. Oder finden Sie das für in Ordnung, wie Seine Majestät der Herr Zauberkönig das Fräulein Mariann behandelt – – ich versteh sowas nicht. Wenn ich Großpapa war – – und abgesehen davon, man kann doch leicht straucheln. Aber dann direkt verkommen lassen – – Mathilde  Wissen Sie was Näheres, Herr Rittmeister? Rittmeister  Ich hab mal eine Frau Oberst gehabt, das heißt: das ganze Regiment hat sie gehabt – was sag ich da?! Sie war die Frau unseres Obersten – und der Oberst hatte ein uneheliches Kind mit einer vom Varieté, aber die Frau Oberst hat es in ihr Haus genommen, als wärs ihr eigen Fleisch und Blut, weil sie halt unfruchtbar war – – Aber wenn man daneben dieses zauberkönigliche Verhalten dort drüben betrachtet – – na servus! Mathilde  Ich versteh Sie nicht, Herr Rittmeister. Was hat denn die Frau Oberst mit der Mariann zu tun? Rittmeister  Wir verstehen uns alle nicht mehr, liebe Frau Mathild! Oft verstehen wir uns schon selber nicht mehr. Ich sag ja: wenn Österreich-Ungarn den Krieg nicht verloren hätt – – Mathilde  Wo steckt denn die Mariann? Rittmeister   lächelt geheimnisvoll:  Das wird man schon nochmal offiziell bekannt geben – – im geeigneten Moment. Also habe die Ehre, Frau Mathild. Ab. Zauberkönig   zu Oskar : Ja, ja, Europa muß sich schon einigen, denn beim nächsten Krieg gehen wir alle zugrund – – aber kann man sich alles bieten lassen?! Was sich da nur die Tschechen wieder herausnehmen! Ich sag dir heut: morgen gibts wieder einen Krieg! Und den muß es auch geben! Krieg wirds immer geben! Oskar  Das schon. Aber das wär halt das Ende unserer Kultur. Zauberkönig  Kultur oder nicht Kultur – – Krieg ist ein Naturgesetz! Akkurat wie die liebe Konkurrenz im geschäftlichen Leben! Ich für meine Person bin ja konkurrenzlos, weil ich ein Spezialgeschäft bin. Trotzdem geh ich zugrund. Ich kanns halt allein nicht mehr schaffen, mich macht schon jeder Käufer nervös – – Früher, da hab ich eine Frau gehabt, und wie die angefangen hat zu kränkeln, da ist die Mariann schon so groß gewesen – – Oskar  Wie groß? Zauberkönig  So groß. Stille. Oskar  Wenn ich Großpapa wär – – Zauberkönig   unterbricht ihn:  Ich bin aber kein Großpapa, bitt ich mir aus! Oskar  Pardon! Stille. Zauberkönig  Apropos was ich noch hab sagen wollen: du schlachst doch heut noch die Sau? Oskar  Ich habs vor. Zauberkönig  Geh reservier für mich ein schönes Stückerl Nieren – Oskar  Gern! Zauberkönig   Küßdiehand! Ab in seine Puppenklinik – jetzt spielt die Realschülerin im zweiten Stock wieder, und zwar den Walzer »Über den Wellen«. Alfred   kommt langsam von links. Oskar   wollte zurück in seine Fleischhauerei, erblickt nun aber Alfred, der ihn nicht bemerkt, und beobachtet ihn heimlich. Alfred   hält vor der Puppenklinik, macht in Erinnerung – dann stellt er sich vor die offene Türe der Tabak-Trafik und starrt hinein. Pause. Alfred   grüßt. Pause. Mathilde   die während Oskar mit dem Zauberkönig diskutierte, in ihre Tabak-Trafik verschwand, tritt nun langsam in die Türe – – und der Walzer bricht wieder ab, wieder mitten im Takt. Stille. Alfred  Könnt ich fünf Memphis haben? Mathilde  Nein. Stille. Alfred  Das ist aber doch hier eine Tabak-Trafik – – oder? Mathilde  Oder. Stille. Alfred  Ich komm jetzt hier nur so vorbei, per Zufall – – Mathilde  Ach! Alfred  Ja. Stille. Mathilde  Und wie geht es denn dem Herrn Baron? Alfred  So lala. Mathilde  Ach! Und dem Fräulein Braut? Alfred  Das ist nämlich aus. Schon seit Mitte Juni. Mathilde  Ach! Stille. Alfred  Und dir gehts unberufen? Mathilde  Man hat, was man braucht. Alfred  Alles? Mathilde  Alles. Er ist Jurist. Alfred  Und sowas wird mal Richter. Mathilde  Bitte? Alfred  Ich gratulier. Mathilde  Wo steckt denn das Fräulein Braut? Alfred  Keine Ahnung. Mathilde  Und der Bubi? Alfred  Ich hab alles aus den Augen verloren. Stille. Mathilde  Also du bist schon ein grandioser Schuft, das muß dir dein größter Feind lassen. Alfred  Mathild. Wer unter euch ohne Sünden ist, der werfe den ersten Stein auf mich. Mathilde  Bist du krank? Alfred  Nein. Nur müd. Und gehetzt. Man ist ja nicht mehr der Jüngste. Mathilde  Seit wann denn? Alfred  Ich war jetzt vier Wochen in Frankreich. In Nancy. Ich hab nämlich gedacht, daß ich vielleicht dort was Passenderes für mich bekommen werd in meinem ursprünglichen Beruf, ich bin doch ursprünglich Kellner, und hier müßt ich heut unter mein Niveau hinunter – – Mathilde  Und was machen denn die Pferde? Alfred  Ich bin aus der Übung. Und dann fehlt mir das Kapital – – Mathilde  Und wie sind denn die Französinnen? Alfred  Wie sie alle sind. Undankbar. Stille. Mathilde  Wenn ich Zeit hab, werd ich dich bedauern. Alfred  Du möchtest, daß es mir schlecht geht? Mathilde  Gehts dir denn rosig? Alfred  Möchst das hören? Stille. Ich bin jetzt hier nur so vorbeigegangen, per Zufall – – Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen – – Ab – – und nun wird der Walzer »Über den Wellen« wieder weitergespielt. Mathilde   erblickt Oskar:  Herr Oskar! Jetzt ratens doch mal, mit wem ich grad dischkuriert hab? Oskar  Ich hab ihn gesehen. Mathilde  So? Es geht ihnen schlecht. Oskar  Ich hab alles gehört. Pause. Mathilde  Noch ist er stolz wie ein Spanier, dieser Hund – – Oskar  Hochmut kommt vor den Fall – Arme Mariann – – Mathilde  Mir scheint gar, Sie sind im Stand und heiraten noch die Mariann, jetzt nachdem sie wieder frei ist – – Oskar  Wenn sie das Kind nicht hätt – Mathilde  Wenn mir jemand das angetan hätt – Oskar  Ich hab sie noch immer lieb – – vielleicht stirbt das Kind – – Mathilde  Herr Oskar! Oskar  Wer weiß! Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber furchtbar klein. Ich werd an meine Marianne denken – – ich nehme jedes Leid auf mich, wen Gott liebt, den prüft er – – Den straft er. Den züchtigt er. Auf glühendem Rost, in kochendem Blei – – Mathilde   schreit ihn an:  Hörens auf, seiens so gut! Oskar   lächelt. Havlitschek   kommt aus der Fleischhauerei:  Also was ist jetzt? Soll ich jetzt die Sau abstechen, oder nicht? Oskar  Nein, Havlitschek. Ich werd sie jetzt schon abstechen, die Sau – – – – Ende des vierten Bildes Fünftes Bild Beim Heurigen. Mit Schrammelmusik und Blütenregen. Große weinselige Stimmung – und mittendrunter drin der Zauberkönig, Mathilde und Erich. Alles   singt:   Da draußen in der Wachau Die Donau fließt so blau, Steht einsam ein Winzerhaus, Da schaut mein Mädel heraus. Hat Lippen rot wie Blut Und küssen kanns so gut, Die Augen sind veilchenblau Vom Mädel in der Wachau. Es wird ein Wein sein, Und wir werden nimmer sein. Es wird schöne Mädeln geben, Und wir werden nimmer leben – – Jetzt wirds einen Augenblick totenstill beim Heurigen – – aber dann singt wieder alles mit verdreifachter Kraft. Drum gehn wir gern nach Nußdorf naus, Da gibts a Hetz, a Gstanz, Da hörn wir ferme Tanz, Da laß ma fesche Jodler naus Und gengan in der Fruah Mitn Schwomma zhaus, mitn Schwomma zhaus! Begeisterung; Applaus; zwischen den Tischen wird getanzt – – alles ist nun schon ziemlich benebelt. Zauberkönig  Bravo, bravissimo! Heut bin ich wieder der Alte! Da capo, da capo! Er greift einem vorübertanzenden Mädchen auf die Brüste. Der Kavalier des Mädchens   schlägt ihm auf die Hand:  Hand von der Putten! Das Mädchen  Das sind doch meine Putten! Erich  Onkel Zauberkönig! Ich gestatte mir hiemit auf den famosen Wiener Heurigen und nicht zu guter Letzt auf dein ganz Spezielles einen exorbitanten Salamander zu reiben – – Heil, heil, heil! Er reibt ihn und verschüttet seinen ganzen Wein. Mathilde  Hojhoj, junger Mann! Nicht so stürmisch! Meiner Seel, jetzt hat er mich ganz bespritzt! Erich  Noch ein Wein! Noch ein Wein, Ober! Der Salamander steigt, Ehrensache! Ober! Zauberkönig  Hat er dich naßgemacht? Armes Waserl! Mathilde  Durch und durch – bis auf die Haut. Zauberkönig  Bis auf deine Haut – – Mathilde  Bist du a schon narrisch? Erich  Ehrensache, Ehrensache! Noch lebt das alte Preußen! Stillgestanden! Er knallt die Haken zusammen und steht still. Zauberkönig  Was hat er denn? Mathilde  Das bin ich schon gewöhnt. Wenn er sich bsoffen hat, dann kommandiert er sich immer selber. Zauberkönig  Wie lang daß der so still stehen kann – Stramm! Sehr stramm! Respekt! Es geht wieder aufwärts mit uns! Er fällt unter den Tisch. Mathilde  Jesus Maria! Zauberkönig  Der Stuhl ist zerbrochen – – einen anderen Stuhl, Herr Ober! He, einen anderen Stuhl!! Er singt mit der Musik.  Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküßt – – und schon hab ich den Patsch verspürt mit dem Fächer ins Gesicht – – Der Ober   bringt nun eine Riesenportion Salami. Mathilde  Salami, Erich! Salami! Erich  Batallion! Rührt Euch! Antreten zum Essen fassen! Er langt mit der Hand in die Schüssel und frißt exorbitant. Zauberkönig  Wie der frißt! Mathilde  Gesegnete Mahlzeit! Zauberkönig  Friß nicht so gierig! Mathilde  Er zahlts ja nicht! Zauberkönig  Und singen kann er auch nicht! Pause. Mathilde   zu Erich:  Warum singst du eigentlich nicht? Erich   mit vollem Munde:  Weil ich doch an meinem chronischen Rachenkatarrh leide! Mathilde  Das kommt vom vielen Rauchen! Erich   brüllt sie an:  Schon wieder?! Rittmeister   taucht auf; mit einem Papierhütchen und in gehobener Stimmung:  Küßdiehand, schöne Frau Mathilde! A das ist aber ein angenehmer Zufall! Habe die Ehre, Herr Zauberkönig! Zauberkönig  Prost, Herr Rittmeister! Entschuldigens mich nur einen Moment, wo ist denn da das Häusl? Rittmeister  Gleich dort drüben – – neben dem Büffet. Zauberkönig ab ins Häusl. Mathilde  Darf ich Ihnen etwas von meiner Salami, Herr Rittmeister? Erich bleibt der Brocken im Munde stecken; er fixiert gehässig den Rittmeister. Rittmeister  Zu gütig, küßdiehand! Danke nein, ich kann unmöglich mehr – – Er steckt sich zwei dicke Scheiben in den Mund. Ich hab heut nämlich schon zweimal genachtmahlt, weil ich Besuch hab – – ich sitz dort hinten in der Gesellschaft. Ein Jugendfreund meines in Sibirien vermißten Bruders – – ein Amerikaner. Mathilde  Also ein Mister! Rittmeister  Aber ein geborener Wiener! Zwanzig Jahr war der jetzt drüben in den Staaten, nun ist er zum erstenmal wieder auf unserem Kontinent. Wie wir heut Vormittag durch die Hofburg gefahren sind, da sind ihm die Tränen in den Augen gestanden – – Er ist ein Selfmademan. Selbst ist der Mann! Mathilde  Oh Sie Schlimmer! Rittmeister  Ja. Und jetzt zeig ich ihm sein Wien – – schon den zweiten Tag – – wir kommen aus dem Schwips schon gar nicht mehr raus – – Mathilde  Stille Wasser sind tief. Rittmeister  Nicht nur in Amerika. Erich   scharf:  Tatsächlich? Pause. Mathilde  Kennen sich die Herren schon? Rittmeister  Vom Sehen aus – – Erich  Sie sind Österreicher? Fesch, aber feig! Mathilde  Erich! Rittmeister  Was hat er gesagt? Erich  Ich habe gesagt, daß die Österreicher im Krieg schlappe Kerle waren und wenn wir Preußen nicht gewesen wären – – Rittmeister   fällt ihm ins Wort:  Dann hätten wir überhaupt keinen Krieg gehabt! Erich  Und Sarajewo? Und Bosnien-Herzegowina? Rittmeister  Was wissen denn Sie schon vom Weltkrieg, Sie Grünschnabel?! Was Sie in der Schul gelernt haben und sonst nichts! Erich  Ist immer noch besser als alten Jüdinnen das Bridgespiel beizubringen! Mathilde  Erich! Rittmeister  Ist immer noch besser, als sich von alten Trafikantinnen aushalten zu lassen! Mathilde  Herr Rittmeister! Rittmeister  Pardon! Das war jetzt ein Fauxpas! Ein Lapsus linguae – – Er küßt ihre Hand.  Bedauerlich, sehr bedauerlich! Aber dieser grüne Mensch da hat in seinem ganzen Leben noch keine fünf Groschen selbständig verdient! Erich  Herr! Mathilde  Nur kein Duell, um Gottes Willen! Erich  Satisfaktionsfähig wären Sie ja. Rittmeister  Wollen Sie vors Ehrengericht? Mathilde  Ruhe, die Leut schaun ja schon! Erich  Ich laß mich doch nicht beleidigen! Rittmeister  Mich kann man gar nicht beleidigen! Sie nicht! Mathilde  Aber ich bitt euch! Beim Heurigen! Rittmeister  Ich laß mir doch von diesem Preußen keine solchen Sachen sagen. Wo waren denn Ihre Hohenzollern, als unsere Habsburger schon römisch-deutsche Kaiser waren?! Draußen im Wald! Erich  Jetzt ist es ganz aus. Rittmeister  Da habens zwanzig Groschen und lassen Sie sich mal den Schopf abschneiden, Sie Kakadu! Der Mister   kommt; er ist besoffen:  Oh, lieber guter Freund – – was seh ich da? Gesellschaft? Freunde? Stell mich vor, bitte – – Du lieber guter Freund – – Er umarmt den Rittmeister.   Erich  Ich geh – – Mathilde  Setz dich! Wenn du schon meine Salami frißt, dann kannst du mir auch entgegenkommen – – und halts Maul, sonst schmier ich dir eine – – Rittmeister  Wo steckt denn unser Zauberkönig? Er wird doch nicht ins Häusl gfallen sein – – Zauberkönig   erscheint:  Da bin ich! Ist dir das ein enges Häusl gewesen! Wer ist denn das? Rittmeister  Das ist mein lieber Mister aus Amerika! Der Mister  Amerika! New York! Chikago und Sing-Sing! – – Äußerlich ja, aber da drinnen klopft noch das alte biedere treue goldene Wiener Herz, das ewige Wien – – und die Wachau – – und die Burgen an der blauen Donau – – Er summt mit mit der Musik.  Donau so blau, so blau, so blau – – Alle   summen mit und wiegen sich auf den Sitzgelegenheiten. Der Mister  Meine Herrschaften! Es hat sich vieles verändert in der letzten Zeit, Stürme und Windhosen sind über die Erde gebraust, Erdbeben und Tornados und ich hab ganz von unten anfangen müssen, aber hier bin ich zhaus, hier kenn ich mich aus, hier gefällt es mir, hier möcht ich sterben! Oh, du mein lieber altösterreichischer Herrgott aus Mariazeil! Er singt. Mein Muatterl war a Wienerin, drum hab i Wien so gern Sie wars, die mit dem Leben mir die Lieb hat gegeben Zu meinem anzigen goldenen Wean! Alles   natürlich ohne Erich, singt: Wien, Wien, nur Du allein Sollst stets die Stadt meiner Träume sein, Dort, wo ich glücklich und selig bin Ist Wien, ist Wien, mein Wien! Der Mister  Wien soll leben! Die Heimat! Und die schönen Wiener Frauen! Und der Heimatgedanke! Und wir Wiener sollen leben – – alle, alle! Alle   außer Erich:  Hoch! Hoch! Hoch! Allgemeines Saufen. Mathilde  Erich! Sauf! Erich  Nein! Ehrensache! Mathilde  Soll ich denn noch Salami bestellen? Erich  Diese Randbemerkung ehrt Ihre niedrige Gesinnung, Gnädigste! Mathilde  Bleib! Erich  Stillgestanden! Ganze Abteilung – – kehrt! Mathilde  Halt! Erich  Abteilung – – marsch! Ab. Mathilde  Herstellt Euch! Herstellt Euch! Zauberkönig  So laß doch den Bsoffenen! Eine Verwandtschaft hab ich! Mathilde  Ich werd ihn wohl ganz lassen – – ich sehs schon direkt kommen – – Zauberkönig  Na du als stattliche Person – – Dich hätt ich heiraten sollen, mit dir hätt ich ein ganz anderes Kind gekriegt – – Mathilde  Red nicht immer von Irene! Ich hab sie nie ausstehen können! Der Mister  Wer ist Irene? Zauberkönig  Irene war meine Frau. Der Mister  Oh pardon! Zauberkönig  Oh bitte – – und warum soll ich denn nicht auf die Iren schimpfen? Bloß weil sie schon tot ist?! Mir hat sie das ganze Leben verpatzt! Mathilde  Du bist ein dämonischer Mensch! Zauberkönig   singt: Mir ist mei Alte gstorbn Drum ist mirs Herz so schwer A so a gute Seel krieg ich not mehr, Muß so viel wana Das glaubt mir kana, Daß ich mich kränk Wann ich an mei Alte denk! Hallo! Der Mister   schnellt empor:  Hallo! Hallo! Wenn mich nicht alles täuscht, so fängt es jetzt an zu regnen! Aber wir lassen uns vom Wetter nichts dreinreden! Heut wird noch gebummelt und wenns Schusterbuben regnen sollte! Wir lassen und lassen uns das nicht gefallen! Er droht mit dem Zeigefinger nach dem Himmel.   Oh du regnerischer Himmelvater du! Darf ich euch alle einladen? Alle, alle!! Alle  Bravo, bravo!! Der Mister  Also auf! Vorwärts! Mir nach! Mathilde  Wohin? Der Mister  Irgendwohin! Wo wir einen Plafond über uns haben! Wo wir nicht so direkt unterm Himmel sitzen! Auf ins Moulin-bleu! Starker Applaus. Rittmeister  Halt! Nicht ins Moulin-bleu, liebe Leutl! Dann schon eher ins Maxim! Und wieder wird es einen Augenblick totenstill. Zauberkönig  Warum denn ins Maxim? Rittmeister  Weil es dort ganz besondere Überraschungen geben wird. Zauberkönig  Was für Überraschungen? Rittmeister  Pikante. Sehr pikante – – Stille. Zauberkönig Also auf ins Maxim! Alle  Ins Maxim! Sie marschieren mit aufgespannten Regenschirmen und singen: Vindobona, du herrliche Stadt Die so reizende Anlagen hat, Dir ghört stets nur unser Sinn Ja zu dir ziagst uns hin, San ma von dir oft fern Denkn ma do ans liebe Wean, Denn du bleibst die Perle von Österreich Dir is gar ka Stadt net gleich! Die Mizzi und der Jean Gehn miteinander drahn Wir sind ja nicht aus Stroh, Sind jung und lebensfroh Net immer Schokoladi Heut gehen wir zum »Brady« Oder zum »Maxim« Heut sind wir einmal schlimm! Jetzt trink ma noch a Flascherl Wein, Hollodero! Es muß ja not das letzte sein, Hollodero! Und ist das gar, gibts ka Geniern, Hollodero! So tun wir noch mal repetiern, aber noch mal repetiern! Gong. – Die Bühne verwandelt sich nun ins »Maxim« mit einer Bar und Separees; im Hintergrunde eine Cabaretbühne mit breiter Rampe – Alles schließt die Regenschirme und nimmt nun Platz an den Tischen, und zwar in aufgeräumtester Stimmung. Der Conferencier   tritt vor den Vorhang:  Meine Sehrverehrten! Meine Herrschaften! Entzückende Damen und noch entzückendere Herren! Mathilde  Oho! Gelächter. Der Conferencier  Ich begrüße Sie auf das allerherzlichste im Namen meiner Direktion! Schon Johann Wolfgang von Goethe, der Dichterfürst, sagt in seinem Meisterwerk, unserem unsterblichen Faust: Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen! In diesem Sinne, meine Sehrverehrten: Nummer auf Nummer! Das ist Tradition bei uns im Maxim! Und nun aber erst die nächste Attraktion! Bitte treten Sie mit mir ein in den Himmel der Erinnerung! Ab. Musiktusch; Applaus; Vorhang hoch; Bühnenbild: Schönbrunn – und mit dem Hoch- und Deutschmeistermarsch marschiert eine Abteilung Mädchen auf die Bühne, und von der Bühne hinab in den Zuschauerraum und wieder retour; bekleidet sind sie mit Büstenhaltern, Schwimmhosen aus Spitzen, Stiefeln und friderizianischen Helmen – – die Anführerin trägt einen Säbel, die anderen Gewehre, mit ihrem schrillen Sopran dirigiert die Anführerin durch Kommandorufe das Ballett: »Rechts um! Links um! Hab acht! Legt an! Feuer! Zum Sturm – – arsch-arsch! Kehrt euch! Rumpfbeuge! Angetreten! Präsentiert das Gewehr!« – Sie schreitet die Front ab, frenetischer Beifall des Publikums – – dann kommandiert sie wieder: »Kompanie – arsch!« – – und die Mädchen marschieren singend: »Wir sind vom ka und ka Infanterie Regiment, Hoch und Deutschmeister Nummero vier, aber stier!« – – Vorhang; rasende Begeisterung im Publikum. – Musik spielt nun den Radetzkymarsch. Zauberkönig   zum Rittmeister:  Aber was redens denn da, Herr? Also das steht doch schon felsenfest, daß wir Menschen mit der Tierwelt verwandt sind! Rittmeister  Das ist Auffassungssache! Zauberkönig  Oder glaubens denn gar noch an Adam und Eva? Rittmeister  Wer weiß! Der Mister   zu Mathilde:  Du Wildkatz! Zauberkönig  Wildkatz! Oder gar ein Leopard! Mathilde  Prost Zauberkönig! Zauberkönig  Der Herr Rittmeister sind ein Fabelwesen und du hast was von einem Känguruh an dir und der Mister ist ein japanischer Affenpintscher! Der Mister   lacht keineswegs:  Fabelhafter Witz, fabelhafter Witz! Zauberkönig  Na und ich?! Mathilde  Ein Hirsch! Ein alter Hirsch! Prost alter Hirsch! Brüllendes Gelächter – – nun klingelt das Tischtelefon – – Stille. Zauberkönig   am Apparat:  Ja hallo – – Wie? Wer spricht? Mausi? – – Mausi kenn ich nicht, wie? – – Ach so! Jaja, das bin ich schon, ich bin schon dein Onkel – – Was soll ich? A du Schweinderl, du herziges – – Wo? An der Bar? Im grünen Kleid? – – Was? Du bist noch eine Jungfrau? Und das soll dir dein Onkel glauben? Na ich werd da mal nachkontrollieren – – Bussi, Bussi – – – – – Er hängt ein und leert sein Glas Schampus, den der Mister hat auffahren lassen. Mathilde  Trink nicht soviel, Leopold! Zauberkönig  Du kannst mir jetzt auf den Hut steigen! Er erhebt sich.   Für uns alte Leut ist ja der Alkohol noch die einzige Lebensfreud! Wo ist die Bar? Mathilde  Was für eine Bar? Zauberkönig  Wo ist die Bar, Kruzitürken?! Rittmeister  Ich werd Sie hinführen – – Zauberkönig  Ich find schon selber hin – – ich brauch keinen Kerzenhalter! Kommens, führens mich! Er läßt sich vom Rittmeister an die Bar führen, wo ihn bereits zwei Mädchen erwarten – die eine im grünen Kleid nimmt ihn gleich herzlichst in Empfang; auch der Rittmeister bleibt an der Bar. Der Mister   zu Mathilde : Was ist der Herr eigentlich? Mathilde  Ein Zauberkönig. Der Mister  Ach! Mathilde  Ja. Sonst ist er ja ein seltener Mensch, bescheiden und anständig, der echte Bürger vom alten Schlag – Diese Sorte stirbt nämlich aus. Der Mister  Leider! Mathilde  Heut ist er ja leider besoffen – – Der Mister  Wie Sie das wieder sagen! Was für ein Charme! Bei uns in Amerika ist halt alles brutaler. Pause. Mathilde  Was wiegen Sie? Der Mister  Zweihundertachtzehn Pfund. Mathilde  Oh Gott! Der Mister  Darf ich ganz offen sein? Mathilde  Man bittet darum. Der Mister  Ich bin kompliziert. Mathilde  Wieso? Der Mister  Ich bin nämlich innerlich tot. Ich kann halt nurmehr mit den Prostituierten was anfangen – das kommt von den vielen Enttäuschungen, die ich schon hinter mir hab. Mathilde  Jetzt sowas. Eine so zarte Seele in so einem mächtigen Körper – – Der Mister  Ich hab den Saturn als Planeten. Mathilde  Ja, diese Planeten! Da hängt man damit zusammen und kann gar nichts dafür! Gong. Der Conferencier   tritt vor den Vorhang:  Meine Sehrverehrten! Und abermals gibts eine herrliche Nummer! Was soll ich viele Worte machen, urteilen Sie selbst über unsere sensationellen, von ersten Künstlern entworfenen hochkünstlerischen lebendigen Aktplastiken! Als erstes: Donaunixen! Darf ich bitten, Herr Kapellmeister! Die Kapelle spielt nun den Walzer »An der schönen blauen Donau« und es wird stockfinster im Zuschauerraum, dann teilt sich der Vorhang und man sieht drei halbnackte Mädchen, deren Beine in Schwanzflossen stecken – – Eine hält eine Leier in der Hand – – alle sind malerisch gruppiert vor einem schwarzen Vorhang im grünen Scheinwerferlicht; von der Bar her hört man des Zauberkönigs Stimme: »Nackete Weiber, sehr richtig!« – – der Vorhang schließt sich, starker Applaus. Gong. Der Conferencier   erscheint wieder vor dem Vorhang:  Das zweite Bild: unser Zeppelin! Bravorufe. Der Conferencier  Darf ich bitten, Herr Kapellmeister! Und nun ertönt der »Fridericus rex« – und auf der Bühne stehen drei nackte Mädchen – – die Erste hält einen Propeller in den Händen, die Zweite einen Globus und die Dritte einen kleinen Zeppelin – – das Publikum rast vor Beifall, schnellt von den Sitzen in die Höhe und singt die erste Strophe des Deutschlandliedes, worauf es sich wieder beruhigt. Gong. Der Conferencier   wieder vor dem Vorhang:  Und nun, meine Sehrverehrten, das dritte Bild: Die Jagd nach dem Glück! Totenstille. Der Conferencier  Darf ich bitten, Herr Kapellmeister – – Die »Träumerei« von Schumann erklingt und der Vorhang teilt sich zum dritten Male – – eine Gruppe nackter Mädchen, die sich gegenseitig niedertreten, versucht einer goldenen Kugel nachzurennen, auf welcher das Glück auf einem Beine steht – – das Glück ist ebenfalls unbekleidet und heißt Marianne. Mathilde   schreit gellend auf im finsteren Zuschauerräume:  Marianne! Jesus Maria Josef! Marianne!! Marianne   erschrickt auf ihrer Kugel, zittert, kann das Gleichgewicht nicht mehr halten, muß herab und starrt, geblendet vom Scheinwerfer, in den dunklen Zuschauerraum. Der Mister  Was denn los? Mathilde   außer sich:  Marianne, Marianne, Marianne! Der Mister   wird wütend:  Brüll nicht! Bist denn plemplem! Mathilde  Marianne! Der Mister  Kusch! Da hast du deine Marianne! Er boxt ihr in die Brust. Mathilde   schreit. Große Unruhe im Publikum; Rufe: »Licht! Licht!« Der Conferencier   stürzt auf die Bühne:  Vorhang! Was ist denn los?! Licht! Vorhang! Licht! Der Vorhang fällt vor der starr in den Zuschauerraum glotzenden Marianne, die übrigen Mädchen sind bereits unruhig ab – – und nun wird es licht im Zuschauerraum, und wieder für einen Augenblick totenstill; alles starrt auf Mathilde, die mit dem Gesicht auf dem Tisch liegt, hysterisch und besoffen, weint und schluchzt. Zauberkönig   steht an der Bar und hält die Hand auf sein Herz. Mathilde   wimmert:  Die Mariann – – die Mariann – – die liebe kleine Mariann – – oh, oh, oh – – ich hab sie ja schon gekannt, wie sie noch fünf Jahr alt war, meine Herren! Der Conferencier  Von wem redet sie da? Der Mister  Keine Ahnung! Der Conferencier  Hysterisch? Der Mister  Epileptisch! Eine gemütliche Stimme  So werfts es doch naus, die bsoffene Bestie! Mathilde  Ich bin nicht besoffen, meine Herren! Ich bin das nicht – – nein, nein, nein! Sie schnellt empor und will hinaus laufen, stolpert aber über ihre eigenen Füße, stürzt und reißt einen Tisch um – – jetzt hat sie sich blutig geschlagen.  Nein, das halt ich nicht aus, ich bin doch nicht aus Holz, das halt ich nicht aus, das halt ich nicht aus! Sie rast brüllend nachhaus. Alle   außer dem Zauberkönig sehen ihr perplex nach. Stille, dann: Gong. Der Conferencier   springt auf einen Stuhl:  Meine Sehrverehrten! Damen und Herren! Das war nun der Schluß unseres offiziellen Programms – und nun beginnt in der Bar der inoffizielle Teil! Man hört aus der Bar die Tanzmusik.  Im Namen meiner Direktion danke ich Ihnen für den zahlreichen Besuch und wünsche Ihnen eine recht gute Nacht! Auf Wiedersehen, meine Herrschaften! Die Herrschaften   räumen allmählich das Lokal. Zauberkönig  Herr Rittmeister – Rittmeister  Bitte? Zauberkönig  Also deshalb wollten Sie nicht ins Moulin-bleu, sondern hier – – Das waren also Ihre bewußten pikanten Überraschungen, ich hab ja gleich so eine komische Aversion gehabt – – so eine Ahnung, daß mir nichts Gutes bevorsteht – – Rittmeister  Ich wußte es, daß das Fräulein Mariann hier auftritt – – ich war nämlich schon öfters da – – erst gestern wieder – – und ich kann es halt nicht mehr länger mitansehen! Ihr steinernes Herz – – Zauberkönig  Mischen Sie sich nicht in wildfremde Familienangelegenheiten, Sie Soldat! Rittmeister  Meine menschliche Pflicht – – Zauberkönig   unterbricht ihn:  Was ist das? Rittmeister  Sie sind kein Mensch! Zauberkönig  Also das hör ich gern! Schon sehr gern! Was soll ich denn schon sein, wenn ich kein Mensch bin, Sie?! Vielleicht ein Vieh?! Das tat Ihnen so passen! Aber ich bin kein Vieh und hab auch keine Tochter, bitt ich mir aus!! Rittmeister  Jetzt hab ich hier nichts mehr verloren. Er verbeugt sich steif und ab. Zauberkönig  Und ich werd mir vielleicht noch was holen! Ich bin in einer Untergangsstimmung, Herr Mister! Jetzt möcht ich Ansichtskarten schreiben, damit die Leut vor Neid zerplatzen, wenn sie durch mich selbst erfahren, wie gut daß es mir geht! Der Mister  Ansichtskarten! Glänzende Idee! Das ist eine Idee! Ansichtskarten, Ansichtskarten! Er kauft einer Verkäuferin gleich einen ganzen Stoß ab, setzt sich dann abseits an einen Tisch und schreibt – – nun ist er allein mit dem Zauberkönig; aus der Bar tönt Tanzmusik. Marianne   kommt langsam in einem Bademantel und bleibt vor dem Zauberkönig stehen. Zauberkönig   starrt sie an, betrachtet sie von oben bis unten – dreht ihr den Rücken zu. Pause. Marianne  Warum hast du meine Briefe nicht gelesen? Ich hab dir drei Briefe geschrieben. Aber du hast sie nicht aufgemacht und hast sie zurückgehen lassen. Pause. Ich hab dir geschrieben, daß er mich verlassen hat – – Zauberkönig   wendet sich langsam ihr zu und fixiert sie gehässig:  Das weiß ich. Er dreht ihr wieder den Rücken zu. Pause. Marianne  Weißt du auch, daß ich ein Kind hab – – ? Zauberkönig  Natürlich! Pause. Marianne  Es geht uns sehr schlecht, mir und dem Bubi – – Zauberkönig  Wer nicht hören will, muß fühlen! Schluß jetzt! Er erhebt sich, muß sich aber gleich wieder setzen. Marianne  Du bist ja betrunken, Papa – – Zauberkönig  Also werd nur nicht ordinär! Ich bin nicht dein Papa, ein für allemal! Und nur nicht ordinär, sonst – – Er macht die Geste des Ohrfeigens.  Denk lieber an dein Mutterl selig! Die Toten hören alles! Marianne  Wenn mein Mutterl noch leben würde – – Zauberkönig  Laß dein Mutterl aus dem Spiel, bitt ich mir aus! Wenn sie dich so gesehen hätt, so nacket auf dem Podium herumstehen – – Dich den Blicken der Allgemeinheit preisgeben – – Ja schämst dich denn gar nicht mehr? Pfui Teufel! Marianne  Nein. Das kann ich mir nicht leisten, daß ich mich schäm. Stille. Die Musik in der Bar ist nun verstummt. Marianne  Ich verdien hier zwei Schilling pro Tag. Das ist nicht viel, zusammen mit Bubi – – Was kann ich denn aber auch anderes unternehmen? Du hast mich ja nichts lernen lassen, nicht einmal meine rhythmische Gymnastik, du hast mich ja nur für die Ehe erzogen – – Zauberkönig  Oh du miserables Geschöpf! Jetzt bin ich noch schuld! Marianne  Hör mal Papa – – Zauberkönig   unterbricht sie:  Ich bin kein Papa! Marianne   schlägt mit der Faust auf den Tisch:  Still! Du bist doch mein Papa, wer denn sonst?! Und hör jetzt mal – – wenn das so weitergeht, ich kann nichts verdienen – – und auf den Strich gehen kann ich nicht, ich kann das nicht, ich habs ja schon versucht, aber ich kann mich nur einem Manne geben, den ich aus ganzer Seele mag – – – – ich hab ja als ungelernte Frau sonst nichts zu geben – – – – – dann bleibt mir nur der Zug. Zauberkönig  Was für ein Zug? Marianne  Der Zug. Mit dem man wegfahren kann. Ich werf mich noch vor den Zug – – Zauberkönig  So! Das auch noch. Das willst du mir also auch noch antun – Er weint plötzlich.  Oh, du gemeines Schwein, was machst du denn mit mir auf meine alten Tag? Eine Schande nach der anderen – oh, ich armer alter Mensch, mit was hab ich denn das verdient?! Marianne   scharf:  Denk nicht immer an dich! Zauberkönig   hört auf zu weinen, starrt sie an; wird wütend:  So wirf dich doch vor den Zug! Wirf dich doch, wirf dich doch! Samt deiner Brut!! – – – – – Oh, mir ist übel – – übel – – – – – Wenn ich nur brechen könnt – – Er beugt sich über den Tisch. Marianne   betrachtet ihn – – aus der Bar ertönt nun wieder Tanzmusik; plötzlich entschlossen will sie rasch ab. Der Mister   tritt ihr in den Weg; er ist fertig mit seiner Ansichtskartenschreiberei:  Ah, eine Primadonna – – Er betrachtet sie lächelnd.  Sagen Sie – – haben Sie nicht zufällig einige Briefmarken bei sich? Marianne  Nein. Der Mister   langsam:  Nämlich ich brauche zehn Zwanziggroschenmarken und zahle dafür fünfzig Schilling. Pause Der Mister  Sechzig Schilling. Pause Der Mister   nimmt seine Brieftasche heraus:  Da sind die Schilling und da sind die Dollars – – Marianne  Zeigen Sie. Der Mister   reicht ihr die Brieftasche. Pause. Marianne  Sechzig? Der Mister   Fünfundsechzig. Marianne  Das ist viel Geld. Der Mister  Das will verdient sein. Stille. – – Mit der Tanzmusik ist es nun wieder vorbei.   Marianne  Nein. Danke. Sie gibt ihm die Brieftasche zurück. Der Mister  Was heißt das? Marianne  Ich kann nicht. Sie haben sich in mir geirrt, Herr – – Der Mister   packt sie plötzlich am Handgelenk und brüllt:  Halt! halt, du hast mich jetzt bestohlen, du Dirne! Diebin, Verbrecherin! Hand aufmachen – auf! Marianne  Au! Der Mister  Da! Hundert Schilling! Meinst ich merk das nicht. Du blöde Hur!? Er gibt ihr eine Ohrfeige.  Polizei! Polizei!! Alles   erscheint aus der Bar. Zauberkönig  Was ist denn los, um Gottes Christi Willen?! Der Mister  Diese Hur da hat mich bestohlen! Hundert Schilling, hundert Schilling! Polizei! Zauberkönig  Aber das gibts doch nicht – – Mariann!! Marianne   reißt sich vom Mister los:  Ihr sollt mich nicht mehr schlagen! Ich will nicht mehr geschlagen werden! Zauberkönig   mit der Hand am Herz:  Das auch noch! Er bricht zusammen. Der Conferencier  Wasser! Wasser! Er bemüht sich um den Zauberkönig. Stille. Der Mister  Was ist? Ist ihm schlecht? Der Conferencier  Nein. Das ist ein Schlaganfall! Marianne   brüllt:  Papa! Papa!! Ende des fünften Bildes. Sechstes Bild Und abermals in der stillen Straße im achten Bezirk. Es ist Sonntag und die Geschäfte sind zu. Auf der leeren Puppenklinikauslage kleben zwei Zettel »Zu vermieten«. Vor der Türe ein Rollstuhl. Mathilde mit einem Maiglöckchenstrauß und der Rittmeister haben sich ausgerechnet vor der Puppenklinik getroffen. Rittmeister  Es ist Sonntag, Frau Mathild. Und morgen ist wieder Montag. Mathilde  Das ist halt unser irdisches Dasein, Herr Rittmeister. Rittmeister  Mein Gewissen ist rein und trotzdem. Ich war doch damals im Maxim nur von den altruistischesten Absichten beseelt – – versöhnend hab ich wirken wollen, versöhnend – – und derweil hat sich eine Tragödie nach der anderen abgerollt. Die arme Mariann wird eingekastelt und den Zauberkönig trifft der Schlag. Noch gut, daß er am Leben geblieben ist. Mathilde   deutet auf den Rollstuhl:  Ist das ein Leben? Rittmeister  Dann schon lieber der Tod. Stille. Mathilde  Die ersten drei Tag, nachdem ihn der Schlag getroffen gehabt hat, da hat sich der Hofrat schon gefürchtet, daß, wenn kein Wunder geschieht – – der Leopold hat ja schon die Sphärenmusik gehört. Rittmeister  Wer ist Leopold? Mathilde  Na der Zauberkönig! Rittmeister  Heißt der auch Leopold? Ich heiß nämlich auch Leopold – – Mathilde  Das ist aber spaßig! Rittmeister  Was verstehen Sie unter Sphärenmusik? Mathilde  Wenn einer knapp vor dem Tode ist, dann fängt die arme Seel bereits an, den Körper zu verlassen – – aber nur die halbe Seel – – und die fliegt dann schon hoch hinauf und immer höher – – und dort droben gibts eine sonderbare Melodie, das ist die Musik der Sphären – – Stille. Rittmeister  Möglich. An und für sich – – – – – wo habens denn die schönen Maiglöckerl her? Mathilde  Die hab ich mir so mitgehen lassen – aus dem Park vom Grafen Erdödy. Ich bring sie jetzt dem armen Leopold, er hat doch die Blumerl so gern. Rittmeister  Ist er noch geärgert auf mich? Mathilde  Wegen was denn? Rittmeister  Na ich denk, wegen der fatalen Situation im Maxim, die wo ich ihm inszeniert hab. Mathilde  Aber Herr Rittmeister! Nach all dem, was der Mann durchgemacht hat, hat er keine Lust mehr, sich über Sie zu ärgern – – er ist überhaupt viel versöhnlicher geworden, er ist halt gebrochen. Wenn einer kaum mehr laufen kann und sprechen! Rittmeister  Habens denn was von der Mariann gehört? Stille. Mathilde  Können Sie schweigen, Herr Rittmeister? Rittmeister  Natürlich. Mathilde  Ehrenwort? Rittmeister  Na wenn ich als alter Offizier nicht schweigen könnt! Denkens doch nur mal an all die militärischen Geheimnisse, die ich weiß! Stille. Mathilde  Herr Rittmeister. Sie war bei mir, die Mariann. Sie hat mich aufgesucht. Drei Monat ist sie gesessen, inklusive der Untersuchungshaft, und jetzt hat sie nichts zum Beißen – – nur ihren Stolz, den hat sie noch gehabt! Aber den hab ich ihr gründlich ausgetrieben, kann ich nur sagen! Gründlich! Verlassen Sie sich nur auf mich, Herr Rittmeister, ich werd sie schon mit ihrem Papa aussöhnen, wir Frauen verstehen das besser, als wie die Herren der Schöpfung! Sie haben ja das im Maxim viel zu direkt versucht – – mein Gott, hab ich mich damals erschrocken! Rittmeister  Ende gut, alles gut! Ich muß jetzt noch ins Café! Küßdiehand, Frau Mathild! Ab. Erich   erscheint auf des Zauberkönigs Balkon und begießt die Blumen. Mathilde   entdeckt ihn. Erich   erblickt Mathilde:  Guten Morgen, gnädige Frau! Mathilde  Wenn ich das gewußt hätt, daß du droben bist, dann war ich später gekommen – – Erich  Sowie du kommst, geh ich – – Ehrensache! Mathilde  So geh doch! Geh! Erich  einen Moment! Er begießt noch besonders sorgfältig einen toten Blumenstock und grinst boshaft dazu – dann verläßt er den Balkon. Mathilde   allein:  Gemeines Vieh. Luder. Zuhälter. Hund, räudiger – – Erich   tritt aus der Puppenklinik; er grüßt korrekt:  Verzeihen, Gnädigste! Ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß wir uns jetzt wahrscheinlich das letztemal sehen – – Mathilde  Hoffentlich! Erich  Ich fahre nämlich morgen früh – – für immer. Mathilde  Glückliche Reise! Erich  Danke! Er grüßt wieder korrekt und will ab. Mathilde   plötzlich:  Halt! Erich  Zu Befehl? Stille. Mathilde  Wir wollen uns nicht so Adieu sagen – – Komm, geben wir uns die Hand – – trennen wir uns als gute Kameraden – – Erich  Gut. Er gibt ihr die Hand; zieht dann ein Notizbuch aus der Tasche und blättert darin.  Hier steht es genau notiert. Soll und Haben, die ganze Summe – – jede Zigarette. Mathilde   freundlich:  Ich brauch deine Zigaretten nicht – – Erich  Ehrensache! Mathilde   nimmt seine Hand, in der er das Notizbuch hält und streichelt sie:   Du bist halt kein Psychologe, Erich – – Sie nickt ihm freundlich zu und langsam ab in die Puppenklinik. Erich   sieht ihr nach; ist nun allein:  Altes fünfzigjähriges Stück Scheiße – – Ab – – und nun spielt die Realschülerin im zweiten Stock wieder, und zwar wieder die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß.   Oskar   kommt mit Alfred – – er deutet auf den Rollstuhl:  Das dort ist sein neuer Fiaker – – Alfred  So ein Schlaganfall ist kein Witz. Was? »Zu vermieten«? Oskar   lächelt:  Auch das, lieber Herr – – Es hat sich hier ausgezaubert, das heißt: falls er sich nicht wieder mit unserer Mariann versöhnt – – Alfred  Wie traurig das alles ist! Glaubens mir nur, ich bin an dieser ganzen Geschicht eigentlich unschuldig – – heut begreif ich mich gar nicht, ich hab es doch so gut gehabt früher, ohne Kummer und ohne Sorgen – – und dann laßt man sich in so ein unüberlegtes Abenteuer hineintreiben – – es geschieht mir schon ganz recht, weiß der Teufel, was in mich gefahren ist! Oskar  Das ist halt die große Liebe gewesen. Alfred  Oh, nein! Dazu hab ich schon gar kein Talent – Ich war nur zu weich. Ich kann halt nicht nein-sagen, und dann wird so eine Liaison automatisch immer ärger. Ich wollt nämlich seinerzeit Ihre Verlobung wirklich nicht auseinanderbringen – aber die liebe Mariann bestand auf dem Alles-oder-nichts-Standpunkt. Verstehens mich? Oskar  Leicht! Der Mann ist ja nur der scheinbar aktive Teil und das Weib nur der scheinbar passive – wenn man da näher hineinleuchtet – Alfred  Abgründe tun sich auf. Oskar  Und sehens, deshalb war ich Ihnen persönlich eigentlich nie so recht bös – Ihnen hab ich nie etwas Böses gewünscht. Alfred  Aber der Mariann? Oskar   lächelt : Ja, die hat bitter büßen müssen, das arme Hascherl – für die große Leidenschaft ihres Lebens – – Alfred  Nein, soviel Leut ins Unglück zu stürzen –! Wirklich: wir Männer müßten mehr zusammenhalten. Oskar  Wir sind halt zu naiv. Alfred  Allerdings. Stille. Alfred  Herr Oskar. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, daß Sie es übernommen haben, mich mit der Frau Mathild wieder auszusöhnen – Oskar   unterbricht ihn : Pst! Mathilde   kommt mit dem Zauberkönig aus der Puppenklinik; er stützt sich auf zwei Stöcke und scheint fast völlig gelähmt – nur die Arme kann er gebrauchen; sie setzt ihn in den Rollstuhl; breitet eine Decke über seine Beine und legt ihm die Maiglöckchen in den Schoß – und nun bricht der Walzer ab, mitten im Takt : So – So, mein Kind. Jetzt kannst du dann spazierenfahren, aber bleibt nicht zu lang aus und gib schön acht auf dich, hörst du? Ich bin in einer halben Stund wieder da – am besten, du fahrst bis zum Spielplatz und wieder retour – Sie erblickt Oskar – Alfred hatte sich bereits in der Türnische der Fleischhauerei versteckt.  Ah der Oskar! Guten Morgen, Oskar! Oskar  Guten Morgen! Mathilde  Hörst du, Leopold? Der liebe Oskar ist da, der Oskar! Zauberkönig   nickt. Mathilde   zu Oskar : Es geht uns heut schon viel besser, und es wird schon noch werden! Wir müssen uns nur vor jeder Aufregung hüten, denn die kleinste Aufregung kann mit einem zweiten Schlaganfall enden und dann – hörst du? Also nur nicht aufregen – – still, kein Wort! Das strengt dich ja nur an – – fahr jetzt zu, und auf Wiedersehen in einer halben Stund! Verlier meine Maiglöckchen nicht! Zauberkönig   ab in seinem Rollstuhl. Oskar  Rührend, wie du dich um den Krüppel kümmerst. Mathilde  Ich bin ja auch die einzige, die sich um ihn kümmert, das liegt halt so in der weiblichen Natur – ein gewisses Muttergefühl – Sie schminkt sich vor ihrem Taschenspiegel.  Oskar. Allmählich krieg ich eine schöne Macht über ihn, weil er auf mich angewiesen ist – und ich werd ihn mit der Mariann versöhnen – er wird sich schon versöhnen, schon aus lauter Angst vor dem zweiten Schlaganfall – nämlich auf diese seine Angst bau ich meinen Plan auf, wirst schon sehen, dieser Haustyrann wird noch aus der Hand fressen – Oskar  Mathild. Auch mit dir möcht sich jemand versöhnen. Mathilde  Wer? Erich? Oskar  Nein. Mathilde  Sondern? Oskar  Dort – – Mathilde   nähert sich der Fleischhauerei und erblickt Alfred. Alfred   grüßt. Stille. Mathilde  Ach! Alfred  Ich bitte dich um Verzeihung. Stille. Du ahnst es ja nicht, was mich diese Reue für innere Kämpfe gekostet hat, dieser Gang nach Canossa – – Ich hab ja schon vor mir selbst gar kein Schamgefühl mehr, weil ich weiß, daß ich dir unrecht getan hab. Mathilde  Mir? Alfred  Ja. Mathilde  Wann denn? Alfred   ist perplex. Mathilde  Mir hast du nichts Schlechtes getan. Alfred   ist noch perplexer; er lächelt verlegen:  Na ich hab dich doch verlassen – – Mathilde  Du mich? Ich dich! Und außerdem war das auch nichts Schlechtes, sondern nur etwas sehr Gutes, merk dir das, du eitler Aff! Alfred  Wir sind als gute Kameraden auseinander, verstanden? Mathilde  Wir zwei sind getrennte Leut, verstanden?! Weil ich mit einem ausgemachten Halunken in der Zukunft nichts mehr zu tun haben möcht! Stille. Alfred  Wieso denn ein ausgemachter? Du hast doch grad selber gesagt, daß ich dir nichts getan hab! Mathilde  Mir nichts! Aber der Mariann! Und deinem Kind? Stille. Alfred  Die Mariann hat immer gesagt, ich könnt hypnotisieren. – Er schreit sie an.  Was kann ich denn dafür, daß ich auf die Frauen so stark wirk?! Mathilde  Schrei mich nicht an! Oskar  Meiner Meinung nach, war der Herr Alfred relativ gut zur Mariann – – Mathilde  Wenn ihr Mannsbilder nur wieder zusammenhelft! Oh, ich hab aber auch noch mein weibliches Solidaritätsgefühl! Zu Alfred.  So klein möcht ich dich sehen, so klein! Stille. Alfred  Ich bin eine geschlagene Armee. Das mußt du mir nicht sagen, daß ich ein schlechter Mensch bin, das weiß ich, weil ich halt zuguterletzt ein schwacher Mensch bin. Ich brauch immer jemand, für den ich sorgen kann und muß, sonst verkomm ich sofort. Für die Mariann könnt ich aber nicht sorgen, das war mein spezielles Pech – Ja, wenn ich noch einiges Kapital gehabt hätt, dann hätt ich ja wieder auf die Rennplätz hinauskönnen, trotzdem daß sie es nicht hat haben wollen – Mathilde  Sie hat es nicht haben wollen? Alfred  Aus moralischen Gründen. Mathilde  Das war aber dumm von ihr, wo das doch dein eigenstes Gebiet ist. Alfred  Siehst du! Und an diesem Lebensauffassungsunterschied zerschellte auch schließlich unser Verhältnis. Ganz von allein. Mathilde  Lüg nicht. Stille. Alfred  Mathild. Ich hab eine Hautcreme vertreten, Füllfederhalter und orientalische Teppich – – es ist mir alles danebengelungen und nun steck ich in einer direkt schweinischen Situation. Du hast doch früher auch für eine jede Schweinerei Verständnis gehabt – – Mathilde   unterbricht ihn:  Was würdest du tun, wenn ich dir jetzt fünfzig Schilling leihen würde? Stille. Alfred  Fünfzig? Mathilde  Ja. Alfred  Ich würde natürlich sofort telegrafisch in Maisons-Laffitte Sieg und Platz – – Mathilde   unterbricht ihn:  Und? Und? Alfred  Wieso? Mathilde  Und den Gewinn? Stille. Alfred   lächelt hinterlistig:  Den voraussichtlichen Gewinn würde ich morgen persönlich meinem Söhnchen überreichen – – Mathilde  Werden sehen – ! Werden sehen! Marianne   kommt rasch und erschrickt. Oskar  Mariann! Mathilde  Na also! Marianne   starrt einen nach dem anderen an – will rasch wieder fort. Mathilde  Halt! Dageblieben! Jetzt werden wir mal den Schmutz da zusammenräumen – – jetzt kommt die große Stöberei! Jetzt wird versöhnt und basta! Stille. Oskar  Mariann, ich verzeihe dir gern alles, was du mir angetan hast – – denn lieben bereitet mehr Glück als geliebt zu werden – – Wenn du nämlich nur noch einen Funken Gefühl in dir hast, so mußt du es jetzt spüren, daß ich dich trotz allem noch heute an den Altar führen tät, wenn du nämlich noch frei wärst – – ich mein jetzt das Kind – – Stille. Marianne  Was denkst du da? Oskar   lächelt:  Es tut mir leid. Marianne  Was? Oskar  Das Kind – Stille. Marianne  So laß doch das Kind in Ruh – – Was hat dir denn das Kind getan? Schau mich doch nicht so dumm an! Mathilde  Mariann! Hier wird jetzt versöhnt! Marianne   deutet auf Alfred:  Aber nicht mit dem! Mathilde  Auch mit dem! Alles oder nichts! Auch das ist doch nur ein Mensch! Alfred  Ich danke dir. Marianne  Gestern hast du noch gesagt, daß er ein gemeines Tier ist. Mathilde  Gestern war gestern und heut ist heut und außerdem kümmer dich um deine Privatangelegenheiten. Alfred  Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt. Oskar   zu Marianne: Denn so lang du dies nicht hast Dieses Stirb und Werde! Bist du noch ein trüber Gast Auf der dunklen Erde! Marianne   grinst:  Gott, seid ihr gebildet – – Oskar  Das sind doch nur Kalendersprüch! Mathilde  Sprüch oder nicht Sprüch! Auch das ist doch nur ein Mensch mit all seinen angeborenen Fehlern und Lastern – – Du hast ihm halt auch keinen genügend starken inneren Halt gegeben! Marianne  Ich hab getan, was ich tun konnte! Mathilde  Du bist halt zu jung! Stille. Alfred  Zu guter Letzt war ich ja auch kein Engel. Mathilde  Zu guter Letzt ist bei einer solchen Liaison überhaupt nie jemand schuld – – das ist doch zu guter Letzt eine Frage der Planeten, wie man sich gegenseitig bestrahlt und so. Marianne  Mich hat man aber eingesperrt. Stille. Sie haben mich sehr erniedrigt. Oskar  Die Polizei trägt allerdings keine Glacéhandschuhe. Mathilde  Waren es wenigstens weibliche Kriminalbeamte? Marianne  Teils. Zauberkönig   erscheint im Rollstuhl; er bremst scharf und sperrt den Mund auf. Mathilde   eilt auf ihn zu, beugt sich über ihn, streichelt ihn und spricht wie zu einem kleinen Kind:  Nicht, nicht, nicht – – nur nicht aufregen, nicht aufregen, nicht aufregen – – Wer ist denn das dort, wer ist denn das? – – Das ist ja unsere Mariann, die Mariann, die Mariann – – Leopold! Der liebe Gott hat dir einen Fingerzeig gegeben – – daß du nämlich noch unter uns bist – – Still! Reg dich nur nicht auf, reg dich nicht auf – – sonst kommt der zweite Schlaganfall, der zweite Schlaganfall, und dann, und dann – – Still! Versöhn dich lieber, versöhn dich, versöhn dich – – Und du wirst auch dein Geschäft wieder weiterführen können, es wird alles wieder besser, wieder besser, besser, besser – – – – – Zauberkönig   schiebt Mathilde zur Seite und starrt auf Marianne und Alfred. Stille.   Alfred   grüßt. Marianne  Guten Tag – – Stille. Zauberkönig   da seine linke Gesichtshälfte gelähmt ist, spricht er als hätte er einen Sprachfehler:  Guten Tag. Marianne   zuckt zusammen und starrt ihn entsetzt an. Zauberkönig   zu Mathilde:  Was hat sie denn? Stille. Zauberkönig  Ach so – – meine moderne Aussprach – – Jaja, das kommt davon, das kommt davon – – – – So Gott will. Stille. Zauberkönig  Was starrt ihr mich denn so an? So regts mich doch nicht so auf, ihr blöden Vieher!! Marianne  Armer Papa, armer Papa! Sie stürzt zu ihm hin, fällt in die Knie, vergräbt ihren Kopf in seinem Schoß und weint leise. Zauberkönig   tief gerührt; langsam streicht er ihr durch das Haar:  Die Mariann, die Mariann – – – – – Du dummes Weiberl, dummes Weiberl – – Er hält plötzlich inne und schiebt Marianne zur Seite.  Was ist das, was ist das?! Er steht ruckartig auf.  Ich glaub, ich kann ja wieder gehen – – Er versucht es auf einen Stock gestützt und es gelingt. Mathilde  Ein Wunder! Ein Wunder – – Zauberkönig   auf und ab:  Ich kann wieder gehen, ich kann wieder gehen! Mathilde  Siehst du deine gute Tat! Zauberkönig  Das ist halt eine reine Nervensach, so ein Schlaganfall – –! Oskar  Und durch diese freudige Erschütterung – – Zauberkönig   unterbricht ihn:  Gewiß, gewiß! Ein neuer Mensch, wie der Vogel Phönix! Er reißt mit seinem Stock die »Zu vermieten«-Zettel ab.  Bravo, Mariann! Bravo! Das hab ich jetzt indirekt dir zu verdanken! Er kneift sie in die Wange  – – und morgen –! sehr langsam  – – und morgen, morgen geht der liebe gute Großpapa zum Bubi – – Er singt.  Zum Bubi! Zum Bubi! Er grinst und gibt Marianne mit dem Stock einen Klaps auf den Hintern. Marianne  Au! Sie lacht überglücklich. Ende des sechsten Bildes Siebentes Bild Draußen in der Wachau. Ein Häuschen am Fuße einer Burgruine. Die Tochter hängt die Wäsche auf, die Mutter schält Erdäpfel und die Großmutter sitzt in der Sonne vor einem kleinen Tischerl und stimmt ihre Zither. Und in der Nähe fließt die schöne blaue Donau. Alfred   kommt – er sieht sich suchend um und grüßt die Tochter. Die Tochter   grüßt zurück, läßt ihre Wäsche im Stich und nähert sich ihm:  Wollen der Herr vielleicht auf den Turm? Alfred  Auf was für einen Turm? Die Tochter  Auf unsern Turm – – Nämlich dem Besteiger bietet sich droben eine prächtige Fernsicht und eine instruktive Rundsicht – – Wenn der Herr wollen, werd ich den Herrn führen. Alfred   lächelt weltmännisch:  Was kostet das? Die Tochter  Zwanzig Groschen. Stille. Alfred  Wem gehört denn diese Ruine? Die Tochter  Dem Staat. Wir verwalten sie nur – – aber in der Nacht möcht ich nicht um alles hinauf, denn dann kommen die Gespenster und erschrecken die Leut. Alfred  Was für Gespenster? Die Tochter  Na so eine Art Ritter Blaubart, der wo seine Gemahlinnen im Bett mit der Schaufel erschlagen hat. Alfred   lächelt wieder weltmännisch:  Das liegt aber nicht an uns armen Männern – – Die Tochter  Nanana – – Die Mutter   ruft:  Julie! Was möcht denn der Herr? Die Tochter  Er möcht auf unsern Turm hinauf! Die Mutter  Das ist etwas anderes! – – Alfred   zur Tochter:  Ich hab zwar eigentlich nicht gemocht, aber in Anbetracht einer solchen charmanten Führung – – Er folgt der Tochter in die Ruine. Die Großmutter  Frieda! Die Mutter  Ja Mama? Die Großmutter  Mir gefällt die Julie nicht mehr. Die Mutter  Mein Gott, mir auch nicht – – Die Großmutter  Eine feine Tochter hast du da – – Frech und faul! Ganz der Herr Papa! Die Mutter  So laß doch den Mann in Ruh! Jetzt liegt er schon zehn Jahr unter der Erden und gibst ihm noch immer keine Ruh! Die Großmutter  Wer hat ihn denn so früh unter die Erden gebracht? Ich vielleicht? Oder der liebe Alkohol? Deine ganze Mitgift hat er versoffen! Die Mutter  Jetzt will ich aber nichts mehr hören, ich will nicht! Die Großmutter  Halts Maul! Sie spielt auf ihrer Zither den Doppeladlermarsch.   Die Tochter   erscheint nun mit Alfred auf der Spitze des Turmes. Alfred   lauscht:  Wer spielt denn da so fesch? Die Tochter  Das ist die Großmutter. Alfred  Großmutter? Resolut! Resolut! Die Tochter  Mit mir traut sie sich ja nicht anzubandeln, ich laß mir nämlich nichts gefallen. Brav sein, bittschön Stille. Alfred  Sie spielt aber sehr musikalisch. Die Tochter  Sie spielt nur dann, wenn sie eine schlechte Laune hat. Alfred  Was ist ihr denn übers Leberl gekrochen? Die Tochter  Ein tragischer Unglücksfall. Gestern. Alfred   lächelt:  Sehr tragisch? Die Tochter  Geh reden wir von was anderem! Nein, nicht so – – Die Großmutter   beendet nun ihren Marsch:  Frieda! Hast du ihr schon den Brief geschrieben? Die Mutter  Nein. Die Großmutter  Soll ich ihn vielleicht schreiben? Die Mutter  Ich schreib ihn schon, ich schreib ihn schon – – Herrgott, ist das alles entsetzlich! Sie wird uns noch Vorwürf machen, daß wir nicht aufgepaßt haben – – Die Großmutter  Wir? Du! Du, willst du wohl sagen! Die Mutter  Was kann denn ich dafür? Die Großmutter  Wars vielleicht meine Idee, ein Kind in Kost zu nehmen?! Nein, das war deine Idee – – weil du etwas kleines Liebes um dich hast haben wollen, hast du gesagt! Hast du gesagt! Ich war immer dagegen. Mit sowas hat man nur Scherereien! Wegen der lumpigen fünfzehn Schilling im Monat – – Die Mutter  Gut. Bin ich wieder schuld. Gut. Am End bin ich dann vielleicht auch daran schuld, daß der Bubi gestern in die Donau gefallen ist – – bin ich daran schuld, daß er ertrunken ist?! Die Großmutter   schweigt boshaft und spielt auf ihrer Zither leise den Donauwellenwalzer. Die Mutter   sieht ihr haßerfüllt zu:  Altes Luder – Wütend ab mit ihren Erdäpfeln in das Häuschen. Alfred  Unsere Donau ist halt doch was Schönes. Wie die so dahinfließt – – das ist schon sehr schön. Die Tochter  Ich wollt, ich wär in Wien! Alfred  Und ich wollt, ich könnt immer heraußen sein – – so still vor mich hinleben, in so einem Häuschen, und nichts mehr hören – – Die Tochter  Was kann man denn hier heraußen schon werden? Alfred  Und was bin ich in Wien geworden? Die Tochter  Ich wüßt schon, was ich machen tät in Wien! Ich käm schon durch! Alfred  Auch Sie würden ihnen nicht entrinnen – – Die Tochter  Wem? Alfred  Den Männern. Die Tochter  Na das würd ich aber schon selber in die Hand nehmen! Alfred  Resolut! Resolut! Ganz die liebe Großmama! Pause. Die Tochter  Was möchten Sie eigentlich hier heraußen, Sie schöner Mann aus Wien? Alfred  eigentlich such ich hier ein bestimmtes Haus. Das Haus Nummer siebzehn. Die Tochter  Nummer siebzehn? Die Großmutter   hört nun auf zu spielen und strickt. Alfred  Ja. Dort ist nämlich ein kleines Kinderl in Pflege. Ein Bubi. Und davon bin ich der Herr Papa – – Was schauns mich denn so geistesabwesend an? Die Tochter   langsam:  Sie sind der Papa? Alfred   lächelt:  Derselbe. Die Tochter  Der Papa von dem Bubi? Alfred  Trauns mir denn das nicht zu? Oder habens schon von mir gehört, weil Sie mich so spaßig fixieren? Hat vielleicht die Mama von dem Bubi sehr über mich geschimpft? Wir haben uns nämlich entzweit – – Die Tochter  Nein, das ist entsetzlich – – Alfred  Was habens denn? Stille. Die Tochter  Nein, das bring ich nicht heraus – – das bring ich nicht heraus – – Alfred  Schauns mich an. Die Tochter   schaut ihn an:  Ich kann Sie nicht anschaun – – Alfred  Aber ich seh mich doch in Ihren Augen – – Die Tochter  Herr! Wir da unten, wir sind ja das Haus Nummer siebzehn – – und es ist ein fürchterliches Unglück passiert – – gestern – – Alfred  Was? Die Tochter  Mit dem Bubi, Herr – – mit Ihrem Bubi – – Er hat bei der Donau gespielt und ist hineingefallen – – Alfred  Tot?! Die Tochter  Ja. Ertrunken – – Stille. Alfred  In der Donau. Die Tochter  Und er war doch so herzig, unser Bubi – – Sie weint. Alfred   schließt sie in seine Arme:  Nicht weinen, nicht weinen – – Die Tochter  Ich kenne Sie nicht, Herr – – aber Sie sind sicher kein schlechter Mensch – – daß Sie nämlich als der eigene Vater mich eigentlich Fremde noch trösten – – Stille. Alfred  Wie groß war er denn schon, der Bubi? Die Tochter  So groß – – Stille. Alfred  Und die Mutter? Ist sie schon unterrichtet? Die Tochter  Nein, wir traun uns ja gar nicht, ihr zu schreiben – – wir haben doch das Kind alle so gern gehabt! Nur die Großmutter hat das gleich geahnt – – sie war immer dagegen, daß wir ein Kind in Pflege nehmen – – Jetzt triumphiert sie natürlich. Stille.   Alfred  In die Donau, in unsere schöne blaue Donau – Die Tochter  Sehens, da kommen die Fischer, die den Bubi suchen – – Die Fischer   mit langen Stöcken und Haken, kommen und sprechen mit der Mutter, die wieder aus dem Häuschen getreten ist; die Großmutter horcht. Die Tochter  Möchtens nicht hinunter? Alfred  Mein. Jetzt möcht ich allein sein – – Die Tochter  Über uns webt das Schicksal Knoten in unser Leben – – Alfred  Ich bin viel allein. Die Tochter  Ich auch. Die Fischer   gehen nun wieder. Die Mutter  Sie haben noch immer nichts gefunden. Die Großmutter  Kann man sich ja denken! Die Mutter  Was du dir so alles denkst – – Die Großmutter  Gottseidank! Stille. Die Großmutter  Vielleicht ist es ihr gar nicht so entsetzlich – – ich meine jetzt deine Fräulein Mariann – – Man kennt ja diese Sorte Fräuleins – – vielleicht wird das Fräulein sogar zufrieden sein, daß sie es los hat – – Die Mutter  Mama! Bist du daneben?! Die Großmutter  Was fällt dir ein, du Mistvieh?! Die Mutter  Was fällt dir ein, du Ungeheuer?! Das Fräulein ist doch auch nur eine Mutter, genau wie du!! Die Großmutter   kreischt : Vergleich mich nicht mit ihr! Ich hab mein Kind in Ehren geboren oder bist du ein unehelicher Schlampen?! Wo kein Segen von oben dabei ist, das endet nicht gut und soll es auch nicht! Wo kämen wir denn da hin?! Sie spielt wieder ihren Doppeladlermarsch. Die Mutter  Spiel nicht! So hör doch auf!! Die Großmutter  Gut! Aber dann wird jetzt hier endlich geschrieben – – und wenn du zu feig dazu bist, dann diktier ich dir! Sie erhebt sich. Setz dich her! Hier hast du Papier und Bleistift – – ich habs schon vorbereitet. Die Mutter  Ungeheuer – – Die Großmutter  Kusch! Setz dich! Schreib! Freu dich, daß ich dir hilf! Die Mutter   setzt sich. Die Großmutter   geht gebeugt auf und ab und diktiert:  Wertes Fräulein! – – jawohl: Fräulein! – – Leider müssen wir Ihnen eine für Sie recht traurige Mitteilung machen. Gott der Allmächtige hat es mit seinem unerforschlichen Willen so gewollt, daß Sie, wertes Fräulein, kein Kind mehr haben sollen. Das Kind hat gestern in den Donauauen gespielt und ist beim Spielen in die Donau gefallen – – Punkt. Aber trösten Sie sich, Gott der Allmächtige liebt die unschuldigen Kinder. Punkt. Mich und meine Familie trifft wirklich keine Schuld. Neuer Absatz. Ich spreche Ihnen, wertes Fräulein, auch im Namen meiner lieben Mutter und meiner Tochter, unser innigstes Beileid aus, Schluß. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihre Frieda so und so – Marianne   kommt mit Zauberkönig, Mathilde und Oskar, denen sie etwas vorausgeeilt ist:  Guten Tag, liebe Frau Kreutler! Küßdiehand, Großmutter! Jetzt war ich aber lang nicht mehr da, ich bin ja nur froh, daß ich euch wiederseh – – Das ist mein Vater! Zauberkönig   grüßt. Die Mutter   starrt ihn an. Marianne   wird es plötzlich unheimlich:  Was habt ihr denn – – ? Die Großmutter   reicht ihr den Brief.   Marianne   nimmt ihr mechanisch den Brief ab und sieht sich scheu um; bange:  Wo ist der Bubi? Wo ist denn der Bubi? Die Großmutter  Lesen, bitte. Lesen – – Marianne   liest den Brief. Zauberkönig  Na wo ist denn der Bucibubi? Bubi! Bucibubi! Er hält ein Kinderspielzeug in der Hand, an dem Glöckchen befestigt sind und läutet damit.  Der Opapa ist da! Der Opapa! Marianne   läßt den Brief fallen. Stille. Zauberkönig   plötzlich ängstlich:  Mariann! Ist denn was passiert? Mathilde   hat den Brief aufgehoben und gelesen; jetzt schreit sie:  Maria! Tot ist er! Hin ist er, der Bucibubi! Tot!! Zauberkönig   wankt – läßt das Kinderspielzeug fallen und hält die Hand vors Gesicht. Stille. Die Großmutter   hebt neugierig das Kinderspielzeug auf und läutet damit. Marianne   beobachtet sie – – stürzt sich plötzlich heiser brüllend auf sie und will sie mit der Zither erschlagen. Oskar   drückt ihr die Kehle zu. Marianne   röchelt und läßt die Zither fallen. Stille. Die Großmutter   leise:  Du Luder. Du Bestie. Du Zuchthäuslerin – – Mich? Mich möchtst du erschlagen, mich? Die Mutter   schreit die Großmutter plötzlich an:   Jetzt schau aber, daß du ins Haus kommst! Marsch! Marsch! Die Großmutter   geht langsam auf die Mutter zu:  Dir tat es ja schon lange passen, wenn ich schon unter der Erden wär – – nicht? Aber ich geh halt noch nicht, ich geh noch nicht – – Da! Sie gibt der Mutter eine Ohrfeige.  Verfaulen sollt ihr alle, die ihr mir den Tod wünscht! Ab in das Häuschen. Stille Die Mutter   schluchzt:  Na, das sollst du mir büßen – – Ihr nach. Zauberkönig   nimmt langsam die Hand vom Gesicht:  Der zweite Schlaganfall, der zweite Schlaganfall – – nein nein nein, lieber Gott, laß mich noch da, lieber Gott – – Er bekreuzigt sich.  Vater unser, der du bist im Himmel – – groß bist du und gerecht – – nicht wahr, du bist gerecht? Laß mich noch, laß mich noch – – – – – Oh, du bist gerecht, oh du bist gerecht! Er richtet sich seine Krawatte und geht langsam ab. Marianne  Ich hab mal Gott gefragt, was er mit mir vor hat – – Er hat es mir aber nicht gesagt, sonst wär ich nämlich nicht mehr da – – – – – Er hat mir überhaupt nichts gesagt – – Er hat mich überraschen wollen – – Pfui! Oskar  Marianne! Hadere nie mit Gott! Marianne  Pfui! Pfui! Sie spuckt aus. Stille Oskar  Mariann. Gott weiß, was er tut, glaub mir das. Marianne  Bubi! Wo bist du denn jetzt? Wo? Oskar  Im Paradies. Marianne  So quäl mich doch nicht – – Oskar  Ich bin doch kein Sadist! Ich möcht dich doch nur trösten – – Dein Leben liegt doch noch vor dir. Du stehst doch erst am Anfang – – Gott gibt und Gott nimmt – – Marianne  Mir hat er nur genommen, nur genommen – – Oskar  Gott ist die Liebe, Mariann – – und wen Er liebt, den schlägt Er – – Marianne  Mich prügelt er wie einen Hund! Oskar  Auch das! Wenn es nämlich sein muß. Stille.   Oskar  Mariann. Ich hab dir mal gesagt, daß ich es dir nie wünsch, daß du das durchmachen sollst, was du mir angetan hast – – und trotzdem hat dir Gott Menschen gelassen – – die dich trotzdem lieben – – – – – und jetzt, nachdem sich alles so eingerenkt hat – – – – – Ich hab dir mal gesagt, Mariann, du wirst meiner Liebe nicht entgehn – – Marianne  Ich kann nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr – – Oskar  Dann komm – – Er stützt sie, gibt ihr einen Kuß auf den Mund und ab mit ihr. Alfred   kommt mit der Tochter vom Turm herab. Mathilde   sieht der Tochter nach:  Wo kommst du her? Alfred  Vom Turm. Mathilde  Was war das für ein Turm? Alfred  Sei doch nicht so geschmacklos – – Stille. Mathilde  Pardon! Mein herzlichstes Beileid. Alfred  Danke. Stille. Alfred   zieht Geldscheine aus seiner Hosentasche:  Da. Jetzt hab ich gestern noch telegrafisch gesetzt und hab in Maisons-Laffitte gewonnen – – und heut wollt ich meinem Sohne vierundachtzig Schilling bringen – – Mathilde  Wir werden ihm einen schönen Grabstein setzen. Vielleicht ein knieendes Englein. Alfred  Ich bin sehr traurig. Wirklich. Ich hab jetzt grad so gedacht – – so ohne Kinder hört man eigentlich auf. Man setzt sich nicht fort und stirbt aus. Schade. Nun wird es finster und ein großes Streichorchester spielt die »Geschichten aus dem Wiener Wald« – und die Szene verändert sich zum Schlußtableau: in einem kitschigen Barocksaal wird Oskar und Mariannes Hochzeit gefeiert: Einzug, Solotanz des Brautpaares und allgemeiner Tanz; unter den Hochzeitsgästen bemerkt man Mathilde, Alfred, Erich, den Rittmeister, die erste und die zweite Tante nebst der ganzen Verwandtschaft, Havlitschek im Sonntagsstaat, den Beichtvater, die Großmutter, Mutter und Tochter, Emma und die gnädige Frau, den Conferencier mit Damen vom Ballett und den dazugehörigen Kavalieren; es ist überhaupt alles da, ja selbst der Mister fehlt nicht – – Er überreicht der Braut einen prächtigen Strauß weißer Lilien; und allen voran natürlich der Zauberkönig. – – – – – – – Dann fällt der Vorhang. Rittmeister   tritt vor den Vorhang:  Meine Damen und Herren! Leider Gottes sind anläßlich der heutigen Hochzeit eine derartige Anzahl von Hochzeitsgratulationen eingetroffen, daß sich Oskar und Marianne, unser junges Paar, außerstande sehen, einem Jeden separat zu danken. Ich habe nun den ehrenvollen Auftrag, Ihnen, meine Sehrverehrten, im Namen unserer Jungvermählten für all die liebenswürdigen Glückwünsche von ganzem Herzen zu danken! Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren! Ende