Ödön von Horváth Hin und her Posse in zwei Teilen Musik von Hans Gál Personen: Ferdinand Havlicek Thomas Szamek, ein Grenzorgan Eva, dessen Tochter Konstantin, auch ein Grenzorgan Mrschitzka, ein Gendarm Frau Hanusch X, der Chef der Regierung auf dem rechten Ufer Sein Sekretär Y, der Chef der Regierung auf dem linken Ufer Ein Privatpädagoge Dessen Frau Frau Leda Schmugglitschinski, ein Oberschmuggler Drei Schmuggler Schauplatz: Dieses »Hin und her« ereignet sich auf einer alten bescheidenen Holzbrücke, die über einen mittelgroßen Grenzfluß führt und also zwei Staaten in gewisser Weise miteinander verbindet. Rechts und links, dort wo die Brücke aufhört, wacht das jeweilige Grenzorgan, und zwar residiert auf dem linken Ufer Thomas Szamek in einer Baracke und auf dem rechten Ufer Konstantin in einem halbverfallenen Raubritterturm. Beide Herren haben einen geruhsamen Dienst, denn hier wickelt sich normalerweise nur ein kleiner Grenzverkehr ab, da ja dieses ganze Gebiet, hüben wie drüben, etwas abseits liegt. An beiden Ufern steht dichtes Gebüsch, und die Zweige der Trauerweiden hängen in den Grenzfluß hinab, es ist eine etwas monotone Gegend, überall flach – selbst am Horizont gibt es nur Wolken, statt irgendwelcher Hügel. Aber schöne Wolken. Bemerkung: Dieses Stück ist für eine Drehbühne geschrieben. Erster Teil 1. Szene Jetzt kommt eine ältere verschüchterte Frau und möchte an der Baracke vorbei auf die Brücke. In der Hand hält sie eine Blechbüchse. Szamek Halt! Was ist, was ist? So einfach vorbei an dem Grenzorgan, an der amtlichen Paßstelle, an der Zollbehörde? Wissens denn nicht, daß wir da aufhören und daß dort drüben ein anderer Staat beginnt? Frau Oh gewiß. Szamek Na also! Frau Aber ich muß ja nur auf die Brücke. Zu meinem Gatten. Szamek   betrachtet sie: Sie haben einen Gatten? Frau Er angelt. Szamek Aha! Das heißt: er fischt. Frau Ja. Er ist nämlich ein leidenschaftlicher Amateurfischer. Wir sind erst seit gestern hier aus der Stadt, um uns zu erholen. Mein Gatte ist Privatpädagoge. Szamek Was haben Sie denn in der Blechschachtel? Frau Regenwürmer. Szamek Ha? Also zeigens nur mal her, diese ominöse Blechschachtel. Frau überreicht sie ihm. Szamek öffnet sie und läßt sie voll Ekel fallen. Brrr! Frau Um Christi Willen! Meine Würmer! Sie kniet nieder. So helfens mir doch, die Würmer zusammenklauben. Szamek Ich werd mich beherrschen. Frau Aber Sie haben sie doch fallen lassen! Szamek Aber ich kann keine Würmer anrühren! Meiner Seel, ich erbrech mich doch! Frau   klaubt nun die Würmer wieder zusammen; leise: Sie wissen ja garnicht, was Sie mir antun, wenn ich ohne Würmer komm – Szamek Also gehens nur schon – und guten Appetit! Frau   die sich mit ihrer wiedergefüllten Blechbüchse erhoben hatte: Danke – Ab auf die Brücke. 2. Szene Szamek   sieht ihr nach: Brrr! Man hats nicht leicht als Grenzorgan – aber der Thomas Szamek wacht und fürchtet sich nicht. Treu und bieder, ehrbar und unbestechlich, mit einem offenen, aber durchdringenden Blick – ein Grenzorgan, ein Exemplar von einem Grenzorgan, auf den sich die Grenze verlassen kann, ein Prachtexemplar – Ach, da kommt ja mein gnädiges Fräulein Tochter! Was die schon wieder für ein zuwideres Gesicht schneidet vor lauter Verliebtheit! 3. Szene Eva   kommt mit einem großen Gefäß: Guten Tag, Papa. Ich bring dir nur deinen Kaffee – Szamek Wieviel? Eva Zweieinhalb Liter. Szamek Zweieinhalb! Wie oft soll mans dir denn noch sagen, daß ich mindestens vier Liter brauch, wenn ich Nachtdienst hab! Sonst schlaf ich ja ein und was wird dann?! Geschmuggelt wird dann, daß die Fetzen fliegen! Und übrigens war die Strudel gestern miserabel, und warum war sie miserabel? Weil das gnädige Fräulein Eva bei der Strudel keine Strudel im Kopf gehabt hat, sondern ihren Herrn Konstantin von da drüben und sonst nichts, bis sie noch einmal in andere Umständ kommt vor lauter Liebe! Eva Geh wirf mir doch das nicht immer vor! Szamek   schreit sie an: Schrei mich nicht an! Ich kenn die Leut da drüben seit sechsundfünfzig Jahren! Die haben alle einen falschen Charakter, alle! Eva Nein! Aufrichtiger wie mein Konstantin – Szamek   unterbricht sie: Das ist ja grad seine Falschheit, daß er so aufrichtig ist! Die da drüben sind alle verschmitzt und verlogen, sie rennen es dir von hinten hinein, das Messer, den Dolch, das Schwert und was weiß ich! Eva Da kann ich nur lächeln. Szamek Lächle nur! Wie oft haben die uns schon verraten in den letzten sechshundert Jahren?! Ein schmutziges Volk! Eva Der Konstantin ist immer adrett und so fein rasiert – Szamek Also nur keine Anspielungen! Noch bin ich dein eigener Vater! 4. Szene Nun erscheint der Gendarm Mrschitzka – er begleitet mit aufgepflanztem Bajonett den vom linken Ufer ausgewiesenen Ferdinand Havlicek. Szamek Was seh ich? Mrschitzka! Mrschitzka Szamek? Na, das nennt sich aber eine freudige Überraschung! Er umarmt ihn, wobei er aber durch sein Bajonett gestört wird. Kruzifix! Szamek Lang haben wir uns nicht gesehen, alter Freund! Acht lange schwere Jahr – Mrschitzka Irrtum, Thomas. Sieben! Szamek So? Erst sieben? Wie rasch die Zeit vergeht! Mrschitzka Was hast denn da für ein sauberes Frauenzimmer? Mir scheint, mir scheint, alter Gauner! Szamek Leise! Meine Tochter. Mrschitzka Wer? Die Eva? Die war doch gestern noch so groß – Er deutet einen Meter hoch. Wie die über Nacht aufgeblüht ist – Schweinerei! Da merkt man erst, wie alt daß man wird! Szamek   zu Eva: Erinnerst du dich noch an den braven Onkel Mrschitzka, mit dem du immer Räuber und Gendarm gespielt hast? Eva lächelt: Aber so etwas vergißt man doch nicht! Mrschitzka Freut mich, Fräulein Eva! Freut mich sehr! Eva Mich auch. Szamek   zu Eva: Freu dich nicht, wärm lieber den Kaffee! Zu Mrschitzka. Trinkst doch einen Kaffee? Mrschitzka Wenn er gut ist. Besonders mit Rum. Szamek Das hör ich gern. Zu Eva. Also wärm schon! Eva ab in die Baracke, um den Kaffee zu wärmen. 5. Szene Mrschitzka   sieht Eva nach: Knusprig. Sehr knusprig! Szamek Ja, die Kinder werden länger und unsere Tage werden kürzer. Mrschitzka Apropos kürzer; eine unerhörte Geschicht ist das wieder in puncto Gehaltskürzung, was sich die da drinnen in ihrem Exekutivministerium, diese zottigen Büffel –- Szamek   unterbricht ihn: Pst! Mrschitzka Aber geh, unter uns! Szamek Und der Herr dort, mit dem du – Mrschitzka Jessus, den hab ich jetzt ganz vergessen vor lauter Wiedersehensfreud! Maria Josef, also der ist eine dienstliche Angelegenheit. Ich muß ihn hier an der Grenz abliefern. Szamek Aha! Ein Ausgewiesener! Mrschitzka Per Schub. Weil er nämlich da hinüber zuständig ist. Havlicek heißt er. Szamek Aha. Mrschitzka Ferdinand Havlicek. Ein ruhiges Subjekt. Szamek Apropos Havlicek: der alte Podlicek hat sich ganz versoffen – 6. Szene Havlicek plötzlich: Pardon bitte. Mrschitzka Ha? Havlicek Ich wollte nur mit dem Herrn Grenzbeamten nämlich hier an der Grenze wollt ich noch einmal sprechen, behufs meiner Ausweisung. Szamek Dahin bin ich nicht kompetent. Havlicek Aber man tut mich da einfach hinaus, wo ich doch schon garnichts angestellt hab – Mrschitzka Schon wieder?! Zu Szamek. Natürlich hat er nichts angestellt, dieser Ausgewiesene, aber sein Vermögen hat er verloren und hierauf sollte er unserer Wohlfahrtspflege zur Last fallen. Aber wieso kommt denn unsere Wohlfahrtspflege dazu, für einen Ausländer, wo doch unser Staat sowieso ein armes Hascherl ist, ein Aschenbröderl ein kleines, das selbst seinen braven Exekutivorganen nur einen Schundgehalt zahlt und sonst nichts! Havlicek   zu Szamek: Pardon, bitte, aber dieser Herr sieht meinen Sachverhalt unter einem anderen Blickpunkt, nämlich ich war hier herüben ein Drogeriebesitzer – es war zwar nur eine bescheidene Drogerie, aber trotzdem: es war immerhin eine Drogerie. Alles konntens bei mir kaufen, Landläufiges und Diskretes, bis ich zugrunde gegangen bin. Mrschitzka Eben! Havlicek Aber meine Herrschaften, ist denn das nicht eine Ungerechtigkeit? Übermorgen wirds ein halbes Jahrhundert, daß ich hier leb – dreißig Jahr habe ich Steuer gezahlt, ohne zu zucken, und jetzt, wo mich mein Unglück trifft, da schmeißt man mich raus mit Bajonett-auf! Mrschitzka Bajonett-auf ist nur eine Formalität. Szamek   etwas verlegen: Das sind halt so die kleinen Ungerechtigkeiten des menschlichen Lebens. Havlicek Kleine Ungerechtigkeiten – Er lächelt. Mrschitzka Da hilft sich nichts! Also gehens jetzt nur schön hinüber in Ihre Heimat. Havlicek ›Heimat‹? Ich war überhaupt noch nie drüben – Mrschitzka Unsinn! Dummer Unsinn! Wo sinds denn geboren worden, wenn nicht drüben? Havlicek Pardon, an das hab ich jetzt nicht gedacht. Mrschitzka Na also! Wohin man geboren ist, dorthin ist man zuständig! Havlicek Aber vierzehn Tag nach meinem Geborenwerden bin ich schon herüber – und seit der Zeit war ich da. Nur da! Ein ganzes Leben. Mrschitzka Leben her, Leben hin! Zuständig sinds dort drüben. Kruzifix, wie oft soll ich das jetzt noch repetieren! Zu-stän-dig! Hier setzt begleitende Musik ein. Havlicek Ja. Dann muß es halt sein. Also dann verlaß ich jetzt dieses Land. Ich hab hier viel erlebt und gelernt und erfahren – was wird noch kommen? – Also adieu! Er will ab auf die Brücke. Szamek Halt! Die Musik verstummt. Und seiens so gut, wenns jetzt eh schon da hinübergehen, richtens dem da drüben gleich etwas aus. Havlicek Wem? Szamek Diesem Grenzorgan drüben. Konstantin heißt er. Sagens ihm, einen schönen Gruß vom Thomas Szamek und meine Tochter wird heute Nacht nicht kommen! Havlicek Ich werds ihm bestellen – Ab. Und wieder Musik. Szamek Wo bleibt denn nur der Kaffee? Er ruft in die Baracke. Eva! Eva! 7. Szene Ferdinand Havlicek geht nun über die Brücke nach dem anderen Ufer – an dem Privatpädagogen vorbei, der mitten auf der Brücke leidenschaftlich angelt. Seine Frau, die ihm die Würmer gebracht hat, steht neben ihm und blickt ebenfalls pflichtbewußt hinab, ob etwas anbeißt. Privatpädagoge   zu Havlicek: So tretens doch gefälligst leise auf! Sehens denn nicht, daß man da angelt? Vertreibt einem die ganzen Fisch! Havlicek Pardon! Privatpädagoge Rücksichtslosigkeit sowas! Grad jetzt hätt einer endlich angebissen! Frau   deutet hinab: Jetzt! Privatpädagoge Ruhe! Daß du mir kein Wort! Jetzt ist er natürlich wieder weg, der Hecht. Abrakadabra – abrakadabra – bin ich nervös! 8. Szene Havlicek setzt nun seinen Weg auf Zehenspitzen weiter und erreicht so das andere Ufer. Dort steht bereits das Grenzorgan Konstantin mitten auf dem Brückenkopf neben seinem halbverfallenen Raubritterturm. Dieses Grenzorgan ist ein fescher Mann mit einer schneidigen Uniform, und er macht einen freundlichen Eindruck. Havlicek verbeugt sich leicht vor ihm, und wieder verstummt die Musik. Konstantin Ihren Grenzschein, bitte. Havlicek Leider, ich kann Ihnen nur hier damit dienen – Er überreicht ihm seinen Ausweisungsschein. Konstantin   betrachtet ihn: Aha. Eine Ausweisungssache. Havlicek Innerhalb achtundvierzig Stunden. Konstantin Per Schub. Havlicek Weil ich mich geweigert hab. Stille. Konstantin Und nun wollen Sie hier zu uns herein – Havlicek Wollen? Ich muß. Konstantin Aber Sie werden nicht können. Havlicek Wieso? Konstantin Sie gehören doch nicht unserem Staatsverbande an. Havlicek Wieso bitte nicht? Konstantin Weil Sie ein Ausländer sind. Havlicek Interessant. Aber die Herren Grenzorgane drüben behaupten, daß ich hier herüber zuständig bin infolge meiner seinerzeitigen hiesigen Geburt. Konstantin Das allein genügt noch nicht. Wir haben bereits vor zwanzig Jahren ein Gesetz erlassen in jener Hinsicht, daß sich ein jeder Staatsbürger, der dauernd im Ausland lebt, innerhalb von fünf Jahren beim zuständigen Konsulat melden muß, widrigenfalls er seine Staatsbürgerschaft verliert, und zwar automatisch. Havlicek Warum? Konstantin Nur so. Havlicek Das ist mir neu. Konstantin Die Notiz über das Gesetz stand aber in allen Tagesblättern. Havlicek Aber ich les ja nie eine Notiz, höchstens die Todesanzeigen. Konstantin Ihre Schuld! Dadurch, daß Sie nur Todesanzeigen lesen, haben Sie naturnotwendig die Anmeldefrist versäumt und gehören nun automatisch nicht mehr da her. Havlicek Sehr interessant. Aber: wohin gehör ich denn dann, bitte? Konstantin Dann nirgends. Stille. Havlicek lächelt: »Nirgends« – Unfug. Man ist doch immerhin vorhanden. Konstantin Gesetz ist Gesetz. Havlicek Aber solche Gesetze sind doch unmenschlich. Konstantin Im allgemeinen Staatengetriebe wird gar oft ein persönliches Schicksal zerrieben. Havlicek Schade. Stille. Konstantin Kurz und gut: Hier herein könnens ausgeschlossen, denn ich hab meine strikten Vorschriften. Aber wissens was? Schreibens ein detailliertes Gesuch an unseren Innenminister, und besser auch an den Außenminister, daß Sie besagte Anmeldefrist versäumt haben und daß Sie nun wieder um die automatisch verlorene Staatsbürgerschaft bitten. Schreibens auch gleich an den Finanzminister, den geht sowas auch etwas an, und wenn Sie Soldat waren, dann lieber auch gleich an den Kriegsminister. Und selbstverständlich vor allem an den Wohlfahrtsminister, aber das beste wäre natürlich, wenn Sie auch gleich außerdem an den Herrn Ministerpräsidenten persönlich direkt zu Händen ein Extragesuch – Havlicek Halt! Faßt sich an den Kopf. Lieber Herr, wie schreibt man eigentlich solche Gesuche? Konstantin Ja, da müßtens schon einen Advokaten fragen. Havlicek Wo? Da auf der Brück? 9. Szene Jetzt kommt Frau Hanusch, die Wirtin zur Post, mit einem Gefäß. Konstantin Ah, das ist aber lieb, Frau Hanusch, daß mir heut gleich die Postwirtin selbst persönlich meinen Nachtkaffee bringt, statt der Klara – Küß die Hand. Frau Hanusch Die Klara hab ich zum Teufel gejagt – ich kann keine Löhne mehr zahlen, mit meiner Wirtschaft gehts bergab! Der stolze Gasthof zur Post – hundertzweiunddreißig Jahr im Besitze der Familie. Wissens, wenn halt der Mann tot ist – Konstantin Na, Sie finden schon noch einen anderen Mann, ich bin überzeugt. Frau Hanusch Das freut mich. Aber bis dahin bin ich krepiert. Ohne Mann geht halt kein Hotel! Zwar gearbeitet hab ja immer nur ich, gekocht, gewaschen und buchgeführt, er hat ja nie etwas getan, mein Seliger – immer hat er nur mit die Stammtischgäst getrunken und Karten gespielt, aber es muß halt wer da sein zum Repräsentieren. Havlicek beiseite: Das wäre ein Beruf für mich. Konstantin Tröstens Ihnen nur, Frau Hanusch! Frau Hanusch Mit was denn bitte? Sie habens natürlich leicht, Herr Konstantin! Sie stehen da herum, kontrollieren die Leut und leben davon – aber ich! Wenn ich bis morgen mittag keine zehntausend auftreib, dann lösch ich mich aus! Konstantin Seiens so gut! Frau Hanusch Oder meinens vielleicht, daß ich bis morgen mittag zehntausend auftreib? Konstantin Kaum. Frau Hanusch Nie! Havlicek Es wär ein Wunder! Konstantin   hatte Havlicek momentan vergessen, ärgert sich nun über sich selbst und wird deshalb etwas scharf: Wie bitte? Stille. Frau Hanusch Wer ist denn dieser Herr? Konstantin Niemand. Ein amtlicher Fall. Havlicek Pardon, daß ich mich da hineingemischt hab mit meinem Wunder. Konstantin   unterbricht ihn: Also gehens doch schon wieder retour! Hier habens nichts verloren! Havlicek Interessant! Ich werds denen drüben sagen. Er verbeugt sich wieder leicht vor Konstantin und will ab, hält aber plötzlich noch einmal. Sofort! Nämlich ich muß Ihnen ja noch etwas bestellen, hätt ich jetzt total vergessen. Einen schönen Gruß vom Herrn Thomas Szamek – Konstantin perplex: Szamek? Havlicek Derselbe. Von dem Herrn Grenzorgan drüben – und er läßt Ihnen sagen, daß sein Fräulein Tochter heute Nacht nicht herüberkommen kann. Stille. Konstantin   zu Frau Hanusch: Habens das gehört? Frau Hanusch Vornehm. Konstantin Ein Rabenvater. Nicht genug, daß er seine zarte Tochter tyrannisiert, macht er sich da auch noch lustig über mich! Zu Havlicek. Also sagens dem Szamek, der Herr Konstantin erwidert seine Grüße auf das Familiärste und er freut sich heut Nacht auf das Fräulein Tochter. Havlicek Werds ausrichten – Ab, und wieder setzt die Musik ein. 10. Szene Und wieder geht nun Havlicek über die Brücke – und da er in die Nähe des Privatpädagogen kommt, erinnert er sich und tritt vorsichtig auf den Zehenspitzen auf. Privatpädagoge Tretens nur ruhig fest auf, lieber Herr! Und trampelns, trampelns! Meiner Seel, da könnt jetzt ruhig ein ganzes Regiment mit Artillerie, es beißt nichts an. Und wer ist dran schuld? Die Würmer! Havlicek betrachtet die Würmer. Oder sind das vielleicht keine Krepiererl?! Extra hab ich es ihr eingeschärft, meiner lieben Frau Gemahlin: nur dicke Würmer! Nein! Ganz dünne bringt sie mir daher, bei denen man sich immer ins eigene Fleisch sticht, wenn man sie aufspießt. Zur Frau. Geh und bring mir dicke Würmer! Los! Frau rührt sich nicht. Was stehst denn noch da? Hast mich denn nicht gehört? Frau   unheimlich ruhig: Ich such dir keine Würmer mehr. Privatpädagoge Was sind denn das für neue Töne? Frau   bricht plötzlich los: Ich such dir keine Würmer mehr! Such sie dir selbst! Genug, genug! Jetzt zertritt ich sie dir! Sie zertrampelt hysterisch schluchzend die Würmer auf dem Boden. Havlicek Halt! Die armen Würmer! Frau   läßt sich nicht stören: Wer fragt, ob ich arm bin? Wer?! Genug! Ich möcht mich doch auch mal erholen, Zeitung lesen oder Roman – wer fragt mich, wer ich bin? Niemand, niemand, du gemeiner Egoist! Rasch ab. Privatpädagoge   zu Havlicek: Furie, nicht! Bringt mir lauter dünne Würmer und dann bin ich der Egoist! Abrakadabra – abrakadabra – man faßt es nicht! 11. Szene Die Frau geht nun weinend und zitternd über die Brücke – jetzt erreicht sie das linke Ufer, wo Eva gerade den gewärmten Kaffee aus der Baracke bringt. Mrschitzka, der nun keinen Dienst mehr hat, macht es sich kommod. Grad zieht er sich die Schuhe aus. Szamek   zur Frau: Na was hat er gefangen, der Herr Privatpädagog? Musik verstummt. Stille. Frau schaut ihn an, antwortet nicht, sondern lacht nur, und zwar derart, daß es dem Szamek etwas kalt am Rücken wird, und ab. 12. Szene Mrschitzka   sieht ihr nach: Was hat sie denn? Szamek Lustig ist sie – Zu Eva. Bring noch ein Gefäß, vielleicht trinkt auch der Mrschitzka – Eva Und ich? Szamek Wer hat hier Nachtdienst? Du oder ich? Apropos Nachtdienst: grad hab ich es deinem Konstantin ausrichten lassen, daß du heut Nacht nicht nüberkommen tust. Eva Papa! Szamek Meinst, ich hab mir das nicht erzählen lassen, wo du deine Nacht zubringst? Kurz und gut: es bleibt dabei! Eva Nein, ist das aber indiskret – Szamek Indiskret! Vergiß nicht, daß ich dich gezeugt hab! 13. Szene Havlicek erscheint und hält, bereits etwas verschüchtert. Mrschitzka   hatte sich inzwischen auch seiner Fußlappen entledigt, er ist nun barfuß und manipuliert an seinen Zehen herum: Au! Mir scheint, ich hab da eine Blutblasen unter die Hornhäuter – Er erblickt Havlicek. Was?! Schon wieder? Havlicek Pardon bitte, aber ich scheine ein Irrtum zu sein – Mrschitzka Irrtum? Havlicek Ein großer. Nämlich die Grenzbehörd drüben laßt mich auch nicht hinein. Sie sagt, ich gehör nicht hinüber, sondern herüber. Mrschitzka Was sagt er? Havlicek Er sagt, ich sei dort drüben kein Staatsbürger. Mrschitzka Unsinn! Dummer Unsinn! Staatsbürger ist man dorthin, wohin man zuständig ist, und zuständig ist man dorthin, wohin man geboren ist! Kruzifix! Szamek   zu Eva: Ein Rindvieh ist er also auch, dieser Konstantin – Havlicek Aber die drüben haben inzwischen ein Gesetz fabriziert – szamek   unterbricht ihn: Denen ihre Gesetz gehen uns hier nichts an! Radikal nichts, bitt ich mir aus! Mrschitzka Wir haben unsere eigenen Gesetze! Und hier steht es schwarz auf weiß: Ferdinand Havlicek, geboren in Großenzering – Szamek Das heißt jetzt Kleinenzering. Mrschitzka Seit wann denn? Szamek Seit vorgestern. Havlicek Interessant. Szamek Ich weiß das genau, weil ich dort einen Schwager hab – ein verlogener Mensch. Zu Eva. Wie alle da drüben! Zu Mrschitzka. Der hat mir erst gestern geschrieben, wie das dort jetzt aussieht. Havlicek Wie? – Entschuldigen, aber ich kenn nämlich meine Heimat garnicht. Mrschitzka Dann schauns, daß nüberkommen und lernens es kennen. Havlicek Aber der drüben läßt mich ja nicht hinein. Mrschitzka Er muß! Wo solltens denn sonst hin? Havlicek Eben. Mrschitzka Also gehens nur zu in Gottes Namen! Marschmarsch! Havlicek Moment! Nämlich der Herr drüben hat noch gesagt, ich soll einen familiären Gruß an den Herrn Thomas Szamek – Szamek   gießt sich grad Kaffee ein: Das bin ich! Havlicek Das weiß ich! Szamek Aber wieso familiär? Havlicek Was weiß ich? Szamek Weiter! Havlicek Und weiter laßt er Ihnen vielmals grüßen und danken für Ihre freundlichen Grüße und er erwartet das Fräulein Tochter heute Nacht. Szamek Eine Gemeinheit! Zu Eva. Feix nicht! Zu Havlicek. So! Und jetzt gehens nur hübsch wieder nüber und sagens ihm einen väterlichen Gruß und ob er sich nicht erinnern tut vielleicht, was ich ihm vor vierzehn Tag kategorisch geschrieben hab! Daß ich nämlich als Familienvorstand niemals meine Einwilligung zu dieser Verbindung geben werde – und wenn er sich aufhängt, dann auch nicht. Havlicek Aber ich bin doch kein Postbot! Mrschitzka Marsch-marsch! Havlicek zuckt etwas resigniert die Schulter und ab. 14. Szene Szamek   zu Eva: Verstanden? Eva Nein. Szamek Wirst mich schon noch kennenlernen, damit deinem Herzerwählten. »Familiäre Grüße«! – Ein feiner Mensch ist das, ein ganz ein impertinenter – Eva Er wird nur lachen. Über deine ohnmächtige Wut. Szamek Werden schon sehen, ob ohnmächtig – Er trinkt Kaffee. Brrr! Ist das ein miserabler Kaffee! Eva Du hast doch gesagt, daß ich von heut ab den billigsten – Szamek   unterbricht sie: Weil wir sparen müssen – spa-ren! Vergiß das nicht gefälligst! Eva Als tät ich nicht sowieso sparen. Szamek Erst gestern hast du dir wieder eine Fliederseife – Eva   unterbricht ihn: Aber ich muß mich doch waschen als Frau! Und etwas pflegen! Szamek Waschen ja, pflegen ist überflüssig. Mrschitzka magst keinen Kaffee? Mrschitzka   hat sich inzwischen gepflegt und noch immer manikürt er sich mit seinem Bajonett: Wenn einer da ist – Szamek   zu Eva: Gib ihm! Eva schenkt ein. Mrschitzka Merci! Er trinkt und sieht verstört aus. Was ist das bitte? Kaffee oder Tee? Szamek Mokka. Aus Sumatra. Mrschitzka Sumatra. Also ein Sumatranser möcht ich nicht sein – Szamek Wirst halt noch nie in deinem Leben einen wirklich feinen Kaffee getrunken haben. Mrschitzka Ist schon möglich! Man muß sich halt an die teueren Sorten erst gewöhnen, oft schmeckt einem der billigste besser – Er trinkt wieder. Ein eigenartiger Kaffee. Aber allmählich kommt man auf den Geschmack – Und wieder trinkt er. Szamek   plötzlich zu Eva, die so nebenbei fort möchte: Wohin? Eva Spazieren. Szamek Über die Brücke? Eva Ja. Szamek Du bleibst! Grad wo er deinen Vater so impertinent hat grüßen lassen, erfordert es das familiäre Ansehen, daß du als Tochter dableibst. Eva Ach was Tochter! Ich muß! Ich hab ihm mein Ehrenwort gegeben, daß ich heut komm! Szamek Ein Weib hat kein Ehrenwort. Mrschitzka Gut so. Eva Aber sei doch nicht so altmodisch, Papa! Szamek Ach was altmodisch! Ich werd nicht neumodisch, verstanden? Und daß du mir da bleibst bei mir! Stille. Eva   spitz: Du vergißt, daß ich volljährig bin – seit dem sechsten Mai. Szamek   zu Mrschitzka: Sie ist ein Sonntagskind. Mrschitzka Gratuliere. Szamek Und volljährig. Mrschitzka Merkt man ihr an. Szamek   grinst: Und sie ernährt sich selbst. Eva Werd ich auch tun! Stille. Szamek Wodurch? Eva schweigt. Wer soll dich denn schon ernähren? Mrschitzka Ein Mann. Szamek Sei so gut! Eva Richtig! Ein Mann. Mein Mann. Szamek »Mein« Mann? Mrschitzka! Sie sagt: »mein« Mann! Mrschitzka Tableau. Eva Er ist mein Mann! Szamek   drohend: Seit wann? Der Konstantin? Eva Derselbe. Auch wenn wir noch nicht verheiratet sind – er ist und bleibt mein Mann. Mrschitzka Noch ein Tableau! Stille. Szamek   zu Mrschitzka: Jetzt ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Ich hab schon geglaubt, daß sich das gnädige Fräulein Tochter heimlich getraut haben – Szamek Das ist wurscht! Hintenherum ist dasselbe wie vorneherum! Zum Beispiel ich hab drei Töchter, und eine jede hat mir ein außereheliches Bankert ins Haus gebracht, und zwar die Jüngste als erste, Kruzifix! Und bei der Ältesten hat man den Vater sogar garnicht eruieren können und derweil bin ich doch Polizeiorgan und kenn mich aus mit solchen Recherchierungsfragen – Jaja, Thomas, gegen die Liebe helfen auch keine kriminalistischen Fortschritt! Und wenn ich tausend Töchter hätt wie der Padischah von Istambul, dann hätt ich jetzt tausend Bankert, Kruzifix! Eva Was reden denn Sie für ein ungereimtes Zeug daher? Bei mir ist das doch ein ganz anderer Tatbestand! Mrschitzka Immer derselbe, Fräulein Eva! Enthaltsamkeit ist die Mutter der Vorsicht! Zu Szamek. Wieviel Kinder hat sie denn, das Fräulein Tochter? Szamek Was?! Eva Noch keines, leider! Szamek »Leider«! Na servus! Eva Hoffentlich ist aber bald etwas unterwegs. Szamek lächelt: »Hoffentlich« – jetzt werd ich verrückt. Jetzt wird mir aber alles wurscht! Da kämpf ich ja gegen eine chinesische Mauer, wie ein Ochs renn ich dagegen! Schad, daß ich heut Nachtdienst hab, sonst springet ich noch ins Wasser – Geh nur nüber zu deinem Gigolo und verlaß deinen armen alten Vater, der dich gezeugt hat – Er vergräbt seinen Kopf in den Händen. Stille. Eva Sag Papa: was hast du eigentlich gegen den Konstantin? Szamek   plötzlich verändert, in sanftem väterlichen Ton: Mein Kind. Ich möcht mit dir mal offen reden: gegen deinen Konstantin hab ich nur das eine, daß er nämlich kein Geld hat. – Schau, du bist doch ein hübsches Kind, ein frisches, und ich möcht, daß du glücklich wirst. Reich sollst du heiraten, sehr reich, damit auch dein armer alter Vater was von dir hat – ausschaun tust ja eklatant wie dein Mutterl selig und die hätt auch keinen solchen Bettler von einem Zöllner heiraten sollen, sondern einen reichen Großkaufmann, aber sie hat mich eben unsterblich geliebt und ist halt drum nur eine Zöllnersgattin geworden – und was hat sie von ihrem Leben gehabt an meiner Seite? Nichts. An die Riviera hätte sie fahren können oder in ein Bad – Eva Ich brauch kein Bad. Szamek Das hat dein Mutterl selig auch gesagt. Trotzdem. 15. Szene Und abermals kommt Havlicek. Mrschitzka   außer sich: Was seh ich? Schon wieder?! Na jetzt laß ich Ihnen aber gleich durch mich verhaften und dann müssens erst noch bei Wasser und Brot, bevor daß ich Ihnen wieder per Schub in die Freiheit hinauslaß. Havlicek »Freiheit« ist gut. Mrschitzka Sie, witzeln Sie sich nicht mit mir, ja?! Havlicek   schreit ihn plötzlich an: Ich bin doch kein Witz. Und übrigens hab ich ja nur wieder was auszurichten da – von der Behörd da drüben, von der verliebten! Mrschitzka Das ist zweierlei. Also los! Richtens aus und fahrens ab! Havlicek Kommandieren laß ich mich aber nicht, Sie – wenn ich schon die Freundlichkeit hab, als ein wanderndes Billetdoux herumzulaufen. Mrschitzka Nur keine Vorlautheiten! Havlicek Ziehens Ihnen lieber zuerst die Schuh an, bevor daß Sie mit mir dienstlich reden! Mrschitzka perplex: Schuh? Eva   zu Havlicek: Herr – Havlicek Havlicek. Eva Szamek. Havlicek   verbeugt sich galant: Angenehm! Eva Und bitte, was hätten Sie uns nun auszurichten, Herr Havlicek? Havlicek Nicht viel, nicht wenig, Fräulein Szamek! Der Herr Bräutigam dort drüben laßt nämlich dem Herrn Papa da sagen, daß es ihm dort drüben eigentlich leid tut, sehr leid, daß der Herr Papa so heftig gegen ihn agiert. Eva Leid? Sie wirft einen Blick auf Szamek. Das hat er gesagt? Havlicek Aufrichtig leid! Szamek »Aufrichtig«! Wenn das einer von drüben sagt! Eva Und sonst hat er nichts hinzugefügt? Havlicek Sonst hat er nur noch hinzugefügt, daß er dort drüben persönlich kein sanfter Engel ist und daß er sich das also nicht mehr lang mitanschaut, wie daß sich der Herr Papa da als ein Außenstehender in seine Liebeserlebnisse hineinmischen – Szamek   unterbricht ihn: Was! Ich ein Außenstehender? Als der eigene Erzeuger?! Na servus! Havlicek Herr Szamek! Auch für die eigenen Herren Erzeuger kann es unter Umständen gefährlich – Mrschitzka   unterbricht ihn: Was hör ich?! Sie halten hier Reden! Das auch noch?! Havlicek   fährt ihn an: So lassens einen Menschen doch ausreden, nicht? Mrschitzka schweigt perplex. Szamek   zu Mrschitzka: Laß ihn, Mrschitzka! Laß ihn sich ausreden, es ist so angenehm blöd – Havlicek Vielleicht! Und dennoch: zum Beispiel hab ich mal eine gewisse Frau Hörl gekannt, eine geborene Spitzinger, und die hat einen alten Vater gehabt, einen gewissen Emanuel Spitzinger, der sich nämlich auch immer in die Liebesarten zwischen Tochter und Schwiegersohn hineingemischt hat – und das Ende vom Liede? Der alte Spitzinger hat den Hörl und die Frau Hörl hat den alten Spitzinger erschlagen. Alles mit der Axt. Die Tochter den leiblichen Vater mit der Axt. Um Mitternacht! Glauben Sie einem geschlagenen Mann, Herr Szamek, es tut nicht gut, wenn man sich hineinmischt – Mrschitzka Da hat er recht, dieser Ausgewiesene! Da könnt ich euch aus meiner Praxis noch ganz andere Legenden erzählen, Herrschaften! Stundenlang könnt ich euch da auseinandersetzen, wie sich ganze Familiengruppen gegenseitig ausgerottet haben, bis in das letzte Glied – und wegen was? Wegen nichts! Szamek   plötzlich zu Eva: Eva. Könntest du mich mit einer Axt – Eva   fährt ihn an: Frag doch nicht so dumm! Stille. Mrschitzka   zu Havlicek: Na, was stehens denn da noch herum? Havlicek Wo soll ich denn sonst stehen? Mrschitzka Da nicht! Dort ist die Tür! Er deutet auf die Brücke. Havlicek »Tür« ist gut. Er will ab. Szamek Halt! Sagens dem drüben: der Thomas Szamek ist ein alter Mann und überläßt sich von heut ab dem Schicksal. Havlicek Also dem Schicksal – Ab. 16. Szene Havlicek geht nun wieder über die Brücke und wieder Musik – aber jetzt angelt er allein, der Privatpädagoge. Havlicek mitfühlend: Habens noch immer nichts gefangen? Privatpädagoge kleinlaut, resigniert: Nein. Havlicek Schicksal. Privatpädagoge braust auf: Aber was Schicksal! Würm! Zu dünne Würm! Abrakadabra! Manchmal ärger ich mich schon so über meine Ehehälfte, daß ich lieber schon selber ein Hecht sein möcht! Havlicek Um hernach von sich selbst gefischt zu werden! Haha. Privatpädagoge Heut hätt ich schier nichts dagegen! Schauns, wie ich mit die Nerven herunter bin, weil meine Gattin epileptisch ist, gleich hat sie Schaum vor dem Mund – deshalb fisch ich ja nur, damit ich mich beruhig. Aber wenn ich jetzt nicht bald was fang, werd ich noch selbst epileptisch. Havlicek Also nur das nicht! Er geht weiter. Wiedersehn! 17. Szene Und wieder drüben bei Konstantin und wieder verstummt die Musik. Konstantin Na was hat er gesagt, der Szamek? Havlicek Schicksal! Konstantin Was heißt das? Havlicek Er ist ein alter Mann, hat er gesagt, und überlaßt sich von heut ab dem Schicksal. Konstantin erfreut: Tatsächlich! Na bravo! Vor dem Schicksal hab ich keine Angst! Mein Schicksal heißt Eva und kommt, wann ich möcht! Havlicek Ein schönes Schicksal, ein braves – Armer Havlicek! Dreißig Jahr hast Steuern gezahlt, ohne zu zucken. Nur gut, daß ich keine Familie hab, sonst steheten wir da jetzt zu mehreren. Konstantin Sinds Junggeselle? Havlicek Ja, aber kein eingefleischter. Stille. Konstantin Ich denk mir oft: man weiß es nicht, was besser ist: heiraten oder ledig bleiben – Havlicek Heiraten. Auf Ehr und Seel! Können es mir glauben, junger Herr, denn ich bin nicht verheiratet: und so einsam ist man, nirgends zuhaus, selbst wenn man sich noch so einrichtet. Zum Beispiel hab ich mir einen Spiegelschrank – Konstantin   unterbricht ihn: Spiegelschrank? Havlicek Einen großen, schönen. Wo man sich so ganz sehen kann. Auf einmal. Konstantin Aha. Havlicek Ja – Er fährt plötzlich hoch. Jetzt hab ich eine Idee! Wissens was, kommens mit mir da zu denen hinüber und sagen Sie es denen persönlich aber mal tüchtig, daß ich hier strikte nicht hereinkann, dann müssen die drüben mich doch nämlich hinein – das ist der Ausweg! Konstantin »Ausweg«? Ich dahinüber? In Uniform? Na das gäb ja einen gediegenen Grenzzwischenfall mit unabsehbaren außenpolitischen Nachspielen, Noten, Interpellationen im Senat und diplomatischen Demarchen und was weiß ich noch was! Ausgeschlossen! Ich darf ja nicht mal auf die Brücke und derweil ist die doch nur neutral! Jetzt erst noch auf das andere Ufer – das ist grotesk! Havlicek Und ich bin vielleicht nicht grotesk? Großer Gott, wie kompliziert! Konstantin Völkerrecht, Herr! Haag und Genf. Stille. Havlicek Und was ist diese Brücke bitte? Neutral? Konstantin Eine neutrale Zone. Weder Fisch noch Fleisch. Havlicek   blickt über die Brücke zum Privatpädagogen hinüber: Ja, Fische scheints da nicht viel zu geben – Stille. Konstantin Also gehens nur wieder brav retour – probierens es halt immer wieder und lassens nicht locker! Probieren geht über studieren! Havlicek Das schon. Also dann: Auf Wiedersehen – Ab. 18. Szene Und wieder geht Havlicek über die Brücke. Musik. Der Privatpädagoge ist nun bereits seiner Gattin gefolgt, denn es dämmert schon leise. Mitten auf der Brücke begegnet Havlicek der Eva, die unterwegs ist zu ihrem Konstantin. Er grüßt, sie dankt. Havlicek   hält, sieht ihr nach, und überlegt; plötzlich: Fräulein Szamek! Eva   hält: Herr Havlicek? Havlicek Pardon, daß ich Ihnen aufhalt, ich weiß, es ist kostbare Zeit, wenn man so hinübermöcht – aber ich hätt ein für mich großes persönliches Anliegen, liebes Fräulein Szamek! Geh, könntens nicht ein freundliches Wörtchen für mich einlegen – Eva Gern, wo? Havlicek Bei Ihrem lieben Herrn Bräutigam – daß er nämlich vielleicht ein Auge zuschließen und mit dem anderen Aug mich übersieht, wenn ich über seine Grenz – Eva Ach so. Havlicek Schauns, es dämmert nämlich schon, und ich komm in keine Heimat – Nur ein Auge, Fräulein Szamek, ich bin geschwind wie der Wind. Eva Nein, das wird er unmöglich, weil ihm sein Gesetz über alles geht. Havlicek Aber wenn Sie, als gewissermaßen sein Schicksal – Eva   unterbricht ihn: Auch über mich geht sein Gesetz hinweg, und das ist sogar recht so, denn darum ist er der Mann. Havlicek Darum? Jetzt könnte ich Ihnen vom Gegenteil gar manche historische Anekdoten erzählen – Geh probierens es halt mir zu lieb! Probieren geht über Studieren und Sie wären ein Engel. Eva lächelt: Ein Engel? Havlicek Ein schöner großer, so mit Flügeln, bei dem man gleich weinen muß vor lauter Freud. Stille. Eva Also dann probier ich es halt, aber es ist nicht viel Hoffnung dabei, Herr Havlicek. Ab. Havlicek Die Hoffnung überlassens nur mir! Er sieht ihr nach, für sich. Ein Engel. Er singt. Ob ich auch mal ein Engerl werd, wenn ich verlasse diese Erd? Möglich. Ob man auch dann den neuen Gast nicht ohne Paß in' Himmel laßt? Möglich. Steh ich jetzt hier auf dieser Bruck und kann nicht hin und kann nicht zruck, so will ich Trost darin finden, ich büß hier schon alle Sünden. Haben Sie schon einmal eine Pechserie ghabt so wie ich? Sicher habens noch nie eine Pechserie ghabt so wie ich! Denn wann Sie schon einmal so im Pech gsessen waren wie ich so warns sicher schon längst aus der Haut gfahrn – ich noch nicht! Ob so ein reizendes junges Weib auch in der Eh' ein Engel bleibt? Möglich. Ob der am Ende nicht besser fahrt, der sich die Illusion bewahrt? Möglich. Wenn man so oft, wies mir passiert, schon in der Wahl sich hat geirrt, merkt man leider bald ihre Mängel und wird skeptisch gegen Engel. Haben Sie schon einmal eine Pechserie ghabt? usw. 19. Szene Eva erreicht nun das rechte Ufer und trifft dort Frau Hanusch. Musik aus. Eva Guten Abend, Frau Hanusch! Wo ist denn der Konstantin? Frau Hanusch Der telephoniert grad – mir scheint, amtlich. Ich bin jetzt nur noch einmal her um meinen Niedergang mit ihm durchzubesprechen, er ist doch der einzige anständige Mensch unter uns, der einer alleinstehenden Witwe wertvolle Ratschläg geben kann. Morgen soll ich den Konkurs anmelden, sonst sperrens mich noch ein! Und dann kommt das Gas. Eva Aber Frau Hanusch! Der Tod ist ein schlechter Kamerad. Sie lächelt. Frau Hanusch Sie habens natürlich auch leicht! Kommen da abends herüber und genießen Ihr Leben! Schad, daß ichs nicht auch so gemacht hab, wie ich noch jung situiert war – jetzt find ich keinen Mann mehr! Eva schweigt. Meinens wirklich, daß ich keinen Mann mehr find? 20. Szene Konstantin   kommt aus seinem Raubritterturm: Ach, Eva! Er gibt ihr einen Kuß, dann zu Frau Hanusch. Das wär was für Sie, Frau Hanusch! Grad ist amtlich telefoniert worden, daß sich hier in der Gegend gefährliche Rauschgiftschmuggler herumtreiben und auf ihre Ergreifung sind runde zwanzigtausend ausgesetzt. Frau Hanusch Zwanzigtausend! Meiner Seel, ich täts gleich verhaften! Und köpfen auch, dann wär ich saniert! Konstantin Na so einfach geht das nicht. Solche Rauschgiftschmuggler sind verwegene Subjekte, die schrecken vor nichts zurück, vor keiner Untat – Raub, Mord, Schändung – Frau Hanusch unterbricht ihn: Schändung auch? Konstantin Denen graust es vor nichts! Kommen daher mit direkt amerikanischen Methoden, Panzerauto und Maschinengewehr – Eva Gib nur acht! Konstantin Auf alle Fälle hol ich mir jetzt mal gleich meinen Dienstrevolver – Er will wieder ab in seinen Raubritterturm. 21. Szene Havlicek erscheint. Konstantin   erblickt ihn und ist ungeduldig überrascht: Na und? Havlicek   wirft einen verstohlenen Blick auf Eva; schüchtern: Und aber – Konstantin Hier gibts kein Aber! Wie oft denn noch, lieber Mann? Unmöglich und ausgeschlossen! Havlicek Aber es wird doch Nacht. Konstantin So sekkierens mich doch nicht! Jetzt muß ich meinen Revolver – Ab in seinen Raubritterturm. Havlicek Revolver? Großer Gott!! Rasch ab. 22. Szene Eva   sieht Havlicek nach: Nein, diese Angst – Frau Hanusch Ich kenn den Fall. Der geht da immer hin und her – bis er noch verhungert. Ein amtlicher Fall. Armer Mensch! Macht übrigens einen ganz sympathischen Eindruck – Eva Oh, er ist gebildet! Und nirgends lassens ihn hinein – Frau Hanusch Ich ließ ihn schon hinein, bei jeder Grenz! Wem tät das schon was schaden? Mir nicht! Eva So ohne Heimat möcht ich nicht sein. Überall fremd, überall anders – 23. Szene Konstantin   erscheint nun wieder, und zwar mit seinem Dienstrevolver: Das ist er. Ein Trommelrevolver. Wenn er auf das dritte »Halt«! nicht hält, kann ich ihn auf der Flucht erschießen und mir passiert nichts. – Wer kommt denn da? Eine Nonne? Frau Hanusch Ja, das ist eine Krankenschwester mit einer sehr vornehmen kranken Dame – wahrscheinlich eine diskrete Krankheit, stell ich mir vor. Eva Warum? Frau Hanusch Na sonst wärens doch nicht ausgerechnet da in unserem Drecknest hinterm Mond! Übrigens mein einziges Publikum. Pst! 24. Szene Frau Leda und die Krankenschwester gehen nun langsam vorbei. Die Krankenschwester ist aber gar keine Krankenschwester, sondern ein verkleideter Mann, namens Schmugglitschinski, der eben mit Frau Leda zusammen, deren Krankheit natürlich auch nur Maskerade ist, das doppelköpfige Haupt der fieberhaft gesuchten Rauschgiftschmugglerbande ist. Jetzt täuschen sie einen langsamen Abendspaziergang vor, um das Terrain an der Grenze bequem rekognoszieren zu können. Frau Hanusch Ergebensten Diener, meine Herrschaften! Schon erholt? Frau Leda und Scbmugglitschinski nicken ihr freundlich zu und langsam ab. 25. Szene Eva   sieht ihnen nach: Schlecht schaut die Dame aus, ganz gelb. Frau Hanusch Und am Vormittag, zwischen Acht und Zwölf ist sie immer gelähmt aber am Nachmittag treibts Gymnastik. Und wie die Schwester sie pflegt. Konstantin Rührend, nicht? Frau Hanusch Eine Heilige ist das und sonst nichts. Eva Manchmal denk ich mir, wir denken alle miteinander zu wenig an das Jenseits. Konstantin Wer glauben kann, ist ein glücklicher Mensch. Stille. Frau Hanusch So, jetzt muß ich aber nach Haus, das Souper herrichten für meine einzigen Gäst! Eva Sicher Diät? Frau Hanusch Aber einfach! Die Dame darf abends nichts essen und die Schwester fastet! Also empfehle mich, meine Herrschaften! Ab. Konstantin und Eva Gute Nacht, Frau Hanusch. 26. Szene Nun ist es Nacht geworden. Und wieder erscheint Havlicek – und gleich erblickt er den Dienstrevolver, den Konstantin noch immer in der Hand hält und macht sofort »Hände-hoch«! Konstantin überrascht durch diese Geste: Was ist? Was treibens denn mit die Händ? Havlicek Ich ergib mich. Konstantin perplex: Wieso? Havlicek Nicht schießen, bitte! Konstantin Ach so! Er lacht und steckt seinen Dienstrevolver in seinen Dienstgürtel. Havlicek   nimmt die Hände herab und lächelt: Sie sind doch ein freundlicher Mensch! Konstantin Möglich. Eva Sicher! Konstantin Oh, du bist lieb – Zu Havlicek. Aber für Sie bin ich nur das Grenzorgan und kein Mensch, und jetzt reißt mir aber ehrlich die Geduld! Das halt ich nicht aus, daß Sie da immer wieder erscheinen, man ist doch schließlich auch nur ein Mensch! Havlicek Eben. Konstantin Also schauns, daß Sie jetzt endgültig verschwinden, ja?! Havlicek Aber drüben hat er mich grad bedroht, daß er mit der Kanon kommt, wenn ich noch einmal – Eva Mit der Kanon? Havlicek Ja, ich denk, der Herr Papa sind nicht mehr ganz nüchtern und der Herr Gendarm Mrschitzka auch nicht mehr so ganz – Eva Sie trinken? Havlicek Schnaps. Und Rum. Eva   zu Konstantin: Schon wieder! Havlicek Man riecht es schon auf der Brück. Eva Fürchterlich! Havlicek So hat halt jeder seine Sorgen! Stille. Konstantin Also seiens bitte vernünftig – Havlicek   unterbricht ihn: Ich werd nicht vernünftig. Konstantin Und ich werd verrückt. Havlicek Von mir aus! Konstantin Von Ihnen aus schon, aber nicht von mir aus! Havlicek Und wo soll ich schlafen? Konstantin Auf der Brücke! Schluß. Stille. Havlicek Also Schluß. Drohend. Jetzt mag ich aber dann auch nicht mehr! Jetzt bleib ich dann auf der Brück! Jetzt werd ich aber dann auf der Brück schlafen, verstanden?! Bei Wind und Wetter und Sonne und Mond! Werdet es schon noch erleben, Ihr!! Rasch ab. 27. Szene Nun weht der Nachtwind. Konstantin   verdutzt zu Eva: Was droht der uns? Eva Er ist halt arm. Immer hin und her – da muß ein Mensch verblöden. Konstantin Ich wasch meine Hände in Unschuld. Zu was haben wir die blöde Grenz? Eva Das sagst du? Als Grenzorgan? Konstantin Das sag ich privat. Stille. Eva Du Konstantin. Könntest jetzt nicht mal so privat in deinen Turm dort hinein? Konstantin perplex: Warum? Eva Weil derweil könnt da ein Mensch vorbei – er wäre gerettet, geschwind wie der Wind. Konstantin Eva! Möchtst mich verführen? Da kenn ich aber keinen Spaß! Eva Aber wo soll der denn schlafen? Konstantin Meinst, der tut mir nicht leid? Doch ich verbeiß mein Herz vor lauter Pflicht! Stille. Eva Komisch seid ihr Männer. Konstantin   unangenehm berührt: Komisch? Eva Ja. Ich denk jetzt speziell an den Papa – daß er sich neuerdings wieder dem Alkoholteufel verschrieben hat, das ist tragisch. Erst neulich Nacht, wie ich mal nicht bei dir gewesen bin, da hat er mich gräßlich beschimpft, in seiner Trunkenheit – oh so gräßlich! Jedoch erst im Verlaufe dieser Schimpforgie ist mir allmählich ein Licht aufgegangen, daß er ja nämlich garnicht mich gemeint hat, sondern mein armes Mutterl selig, die doch schon längst das Zeitliche gesegnet hat, aber eben in seiner Trunkenheit hatte er das vergessen und hat mich mit ihr verwechselt. Konstantin Mußt viel leiden, du Arme, Liebe, da drüben – Eva Ich sehn mich auch immer herüber, kaum kann ich die Nacht erwarten, hier drüben ist alles so licht. Konstantin Komm. Setzt sich auf die Bank vor seinem Raubritterturm, und sie setzt sich auf seinen Schoß. Stille. Und wie steht er jetzt eigentlich? Eva Wer? Was? Konstantin Ich meine, wie steht jetzt dein Vater zu unserem Bunde, anscheinend lenkt er ein – Eva Das glaub ich ihm nicht. Der Papa denkt nur an das Geld. Reich soll ich heiraten, damit er an die Riviera kann – Manchmal könnt ich ihn wirklich schon mit einer Axt – Konstantin Still, Süße – Sie küssen sich . Eva Lieber arm, aber glücklich. Konstantin Vielleicht kannst mal mit mir an die Riviera, wenn ich beispielsweise heut diese Rauschgiftleut – zwanzigtausend! Aber wenn ichs auch diesmal nicht erwisch, die Schmuggler sterben nicht aus, Gott sei Dank. Er betrachtet automatisch seinen Dienstrevolver. Hoppla! Gut, daß ich ihn betracht, meinen Dienstrevolver! Da sind ja gar keine Patronen drin, da hätten jetzt aber unsere zwanzigtausend gelacht! Er erhebt sich. Eva Du, ich hab Angst! Konstantin Mein Weib darf keine Angst kennen, das hängt mit meinem gefährlichen Beruf zusammen – Er will ab. Eva Wohin? Konstantin Ich hol mir nur die Patronen – Ab in seinen Raubritterturm. 28. Szene Eva allein. Sie sieht sich scheu um in der Nacht. Es ist sehr still. Doch plötzlich ertönt aus dem Raubritterturm heraus Tanzmusik. Eva   erschrickt und lauscht : Musik –? Musik? 29. Szene Konstantin   erscheint wieder mit den Patronen und ladet seinen Revolver: Na? Da spitzt wer seine Öhrchen? Ich hab ganz vergessen, dich damit zu überraschen. Eva   unterbricht ihn : Radio. Konstantin Fein, was? Eva Mein Traum. Konstantin Jetzt ist jemand glücklich! Eva Nicht verschrein! Überall sitzen die bösen Geister und verhexen das Gute – sie wohnen im Fluß und in der Nacht tauchen ihre Köpf herauf und horchen und wer sich laut freut, den schauen sie an und schon muß er weinen. Stille. Komm, tanzen wir! Konstantin tanzt mit ihr. 30. Szene Jetzt kommt der Chef der Regierung auf dem rechten Ufer mit seinem Sekretär. Da er strenges Inkognito zu wahren wünscht, wollen wir ihn X nennen. Konstantin und Eva, die im Scheine der Laterne am Brückenkopf tanzen, erblicken die beiden Herren nicht und tanzen infolgedessen seelenruhig weiter. Sekreträr Also hier ist besagter entlegener Brückenkopf. X   unterbricht ihn: Wie bitte? Hier tanzt unser Grenzorgan? Die Grenze als Tanzbar? Penetrant! Schad, daß ich mein Inkognito nicht lüften darf, penetrant schad! – Aber die Maid hat Charme. Übrigens erinnert sie mich an ein weibliches Wesen aus der Vorkriegszeit. Sekreträr An die Panilla, Exzellenz. X Richtig! Sekreträr Aber die Panilla hatte andere Hüften. X Woher sind Sie denn derart penetrant informiert? Die Panilla könnt doch Ihre Großmutter sein – Nanana, junger Mann! Sekreträr Meine Informiertheit beruht ja nur auf meiner Mama, Exzellenz! Die hat sich nämlich oft ausführlich beklagt bei mir, über den Papa. Wegen der Panilla. X Jaja, der arme Papa – ein braver Mensch. Friede seiner Asche. Aber die Panilla war mal eine fesche Katz! Jetzt ist sie leider blind – So, und jetzt lassens mich allein. Wo ist mein falscher Paß? Sekreträr überreicht ihn : Hier, Exzellenz! X Und Sie warten im Dorf mit dem Wagen! Sekreträr Gewiß, Exzellenz! Ab. 31. Szene X   nähert sich nun den Tanzenden . Eva   erblickt ihn zuerst : Ach, da kommt wer. Schad! Konstantin   löst sich von Eva und wendet sich an X: Ihren Grenzschein, bitte. X Hier mein Paß – Er überreicht ihm seinen falschen Paß. Konstantin blättert ausführlich und überlegt. X   ungeduldig . Nun, dauert es noch lange? Konstantin Ruhe! X Aber ich habe dringendst zu tun! Konstantin Möglich! Aber auch wenn ich hier mal tanz, hab ich meine Augen überall und es treiben sich allerhand Rauschgiftschmuggler herum – X Machen Sie doch keine penetranten Spaße, nicht? Konstantin   fährt ihn an: Ruhe! »Penetrant« ist Amtsbeleidigung! Und die Photographie stimmt übrigens auch nicht. X Stimmt nicht? Aber ausgeschlossen! Konstantin Da! X   betrachtet die Photographie: Oh dieses Kamel. Konstantin Da ist ein Vollbart und Sie sind rasiert. Glatt, Und außerdem ist auch der Paß falsch – dieser Stempel gehört nämlich vorschriftsmäßig über diesen Rand und nicht unter diesen Rand. Ich kenn nämlich meine Vorschriften. X Das hab ich noch garnicht gewußt, daß ich diese Vorschrift erlassen hab. Konstantin Tut mir leid, aber ich muß jetzt zu einer ausführlichen Leibesvisitation schreiten – ich sage nur: Kokain! Also los kommens! X   beiseite: Kokain? Laut. Halt! Könnens schweigen? Konstantin perplex: Warum? X Ich muß mich leider demaskieren. Konstantin Ihre einzige Möglichkeit. Und wo ist das Kokain? X So lassen Sie doch dieses penetrante Kokain! Hier ist mein richtiger Paß! Aber schweigen! Konstantin betrachtet den Paß, stutzt, steht stramm, und salutiert. X gedämpft. Rührt Euch! Nur kein Aufsehen – Inkognito, strengstes Inkognito! Sonst wäre das eventuell noch eine Katastrophe für die ganze zivilisierte Welt! Konstantin Können sich auf mich verlassen, Herr Ministerpräsident! X Und auch nicht dem Fräulein Braut etwas sagen – übrigens, es freut mich, daß wir so gewissenhafte Grenzorgane haben, das mit dem Vollbart war schon gut, aber das mit dem Stempel war phänomenal! Na, ich werd mich schon erinnern, daß wir Ihre pflichtbewußte Kraft gehörig ausnützen! Konstantin Hocherfreut, Herr Ministerpräsident! X Aber abermals: Amtsgeheimnis! Konstantin Amtseid! X Danke! Ab. 32. Szene X geht nun über die Brücke, und es wäre sehr finster, wenn am Himmel nicht ein großer Mond hängen und blöd scheinen würde. Havlicek lehnt mitten auf der Brücke an dem Brückengeländer, er sah bereits X kommen und betrachtet ihn nun interessiert. X   gleich auf ihn zu: Pardon, Kollege, daß ich Euch so lange warten ließ, aber meine Grenzorgane sind zu gewissenhaft. Er lächelt. Es freut mich aufrichtig, Euch kennen zu lernen, schon auch im Interesse unserer beiden Länder, deren Interessen eine heimlich menschliche Aussprache der beiden Regierungschefs dringendst erheischen. Havlicek beiseite: Großer Gott! Ein Narr! X Es war eine selten glückliche Idee Ihrerseits, daß wir uns hier auf dieser abgelegenen Grenzbrücke treffen, hier können wir doch mal ausnahmsweise friedlich alle Strittigkeiten, die unsere beiden Länder berühren, berühren. Havlicek Interessant! Beiseite. Nur immer Recht geben, sonst läuft er vielleicht noch Amok! X Wir leiden unter unseren Grenzen. Havlicek Oh wie wahr! X Es erfüllt mich mit ungeheurer Freude, daß Sie der Ansicht sind! Havlicek Und ob ich der Ansicht bin. X Ihre Ansicht erfüllt mich mit Hoffnung. Havlicek Die Hoffnung ist ein schwankes Rohr. X Das aber schwerer bricht im Sturmgebraus, wie eine starke Wettertanne. Havlicek beiseite: Ein Poet! X Um aber auf unsere Grenzen zurückzukommen – Havlicek Sehr richtig! X So muß und darf und soll und will und kann ich nur betonen, daß diese Grenzen eine Plage sind. Havlicek Plage ist gar kein Ausdruck. X Aber wenn wir das nun laut sagen würden, dann würden unsere gesamten öffentlichen Meinungen laut aufzischen vor Wut – Havlicek Na die »gesamten« – Es gäb auch welche, die es begrüßen. Zum Beispiel ich. X Sie natürlich. Ich sage nur ein Wort: Macchiavelli! Havlicek Wie bitte? X Oh, wir verstehen uns bereits, lieber Freund – darf ich Sie »Freund« nennen? Sie stehen so herrlich über diesen Dingen! Havlicek Ich steh nur zwischen den Grenzen. X Sie formulieren herrlich und ich wäre glücklich, wenn wir zu einer Einigung gelangen könnten, theoretisch und praktisch. Havlicek Also vor allen Dingen, weil ich mich hier schon bald erkält! X Sie belieben zu scherzen – hehehe! Havlicek Aber keine Idee! Spürens denn nicht den Zug! Diesen Mitternachtswind? Meiner Seel einen Katarrh hab ich schon! X Jaja. Opfer über Opfer. Havlicek Und was hat man davon? Nichts. X Nur Undank. Havlicek Das nebenbei – X Apropos Undank: darf ich Ihnen gratulieren zu Ihrer schier wunderbaren Errettung von diesem ruchlosen Attentat? Havlicek Was für ein Attentat? X Wie? Sie erinnern sich nicht mehr? Havlicek beiseite: Attentat? Ein Obernarr! Laut. Ach, jaja! Aber wissens, ich hab schon soviel Attentate hinter mir, daß ich ein jedes gleich wieder vergiß. X Heroisch. Havlicek Mein Gott. Er lächelt. X Bescheiden und heroisch! Aber hier ziehts tatsächlich unerträglich. Havlicek Daß Sie es nur merken. X   beiseite: Meine Bronchitis – Laut. Also prinzipiell wären wir uns ja bereits einig – und was die einzelnen untergeordneten Punkte betrifft: ich bin zu jeder Konzession bereit. Havlicek Ich auch, aber was nützt das? X Allerdings nur zu einer jeden solchen Konzession, die sich mit unserer Würde verträgt. Havlicek »Würde«? Jetzt steh ich da und keiner laßt mich hinein! X Wieso nicht hinein? Havlicek Nicht rechts, nicht links – X Wo nicht hinein, ich versteh kein Wort. Havlicek   fährt ihn an: Dann machens Ihre Ohrwascheln gefälligst auf, ja? Groß genug wärens ja und abstehen tuns auch! X Abstehen? Havlicek Und verschonens mich überhaupt mit Ihren Irrenhausgesprächen! Hör mal her, du Narr! Spiel dich nicht mit mir, freu dich lieber, daß du kein Regierungschef bist, sonst könntest du jetzt was erleben von mir, verstanden? X Was ist das, das ist ja ein Anderer! Havlicek Ich bin kein Anderer! Ich bin der Ferdinand Havlicek und Punkt! Jetzt reißt mir aber die Geduld, ich bin ein Drogist und kein Narrenwärter! X Oh Himmel tu dich auf und verschling mich! Havlicek! Na das gibt einen europäischen Skandal! Havlicek   beiseite: »Europäisch«! Größenwahn! X Dumm! Das Ende meiner Karriere! Meine Demission! Gott, ist mir übel! Er beugt sich über das Brückengeländer. Stille. Havlicek beiseite: »Demission« – Hm. Vielleicht ist die Sach doch komisch und es steckt was dahinter – und parfümiert ist er auch, ich riech das gleich beruflich. Ein sehr teures Parfüm – Er nähert sich schnuppernd. Ist Ihnen schlecht? X rührt sich nicht. Ist Ihnen schlecht? X So fragens doch nicht so penetrant! Sehens denn nicht, daß ich mich erbreche? Havlicek Das schon! X Also! Stille. Havlicek Ist Ihnen jetzt leichter? X Nein. Jetzt trifft mich bald der Schlag. Havlicek Entschuldigens, aber wer sind denn der Herr eigentlich? X Ich? Ich? Ein Narr! Ein Obernarr!! Er lacht hysterisch. Havlicek beiseite: Wie der lacht. X   plötzlich ernst: Ich lache da! Und morgen lacht die ganze Welt über uns zwei. Havlicek Über Sie vielleicht! Über mich kaum. X Sicher! Havlicek Geh, was geh denn ich schon die Welt an? X Man wird sich totlachen! Havlicek Tot? Von mir aus. X Ein Havlicek als Eingeweihter – da wird sich nichts verheimlichen lassen. Hören Sie, lieber Freund: vor Ihnen steht der Chef der Regierung dieses Landes – Er deutet nach rechts – und dieser Chef wollte mit dem Chef der Regierung jenes Landes – Er deutet nach links – eine heimliche lebenswichtige Besprechung über unermeßliche Probleme – Havlicek   unterbricht ihn: Was hör ich? X Ja. Havlicek Sie sind der Chef? Ohne Witz? X Noch bin ich es, aber morgen schreib ich meine Memoiren, die allerdings erst zwanzig Jahre nach meinem Tod veröffentlicht werden dürfen. Ich freu mich schon auf das Kapitel Havlicek. Stille. Havlicek Und der andere Chef von da drüben kommt auch daher? X Er müßte schon längst hier sein, schon vor mir! Havlicek Was? Beide Chefs? Na freuts euch, Freunderln. 33. Szene Jetzt kommt Y, der Chef der Regierung auf dem linken Ufer, rasch von links und wendet sich sogleich an Havlicek; wieder Bühnenmusik. Y Oh verzeihen Sie, daß ich mich derart penetrant verspätet habe, aber leider hatte ich Panne auf Panne, und einen Hund haben wir auch überfahren, einen Rattler – also abermals: Verzeihung Herr Ministerpräsident! X Der auch! Er lacht hysterisch. Y   verwirrt: Wer lacht denn da? Havlicek Der Andere! Y Was für ein Anderer? X Gratuliere, Kollege! Y Wer gratuliert mir denn da? Himmel, ich bin ja so kurzsichtig, und bei der vierten Panne ist mir meine Brille zerbrochen und jetzt seh ich nichts! Havlicek Macht nichts, ist eh stockdunkel! X Gratuliere abermals! Sie suchen nämlich mich, aber ich habe Sie verwechselt und nun sind Sie auch an den Falschen geraten! Penetrant! Y An den Falschen! Penetrant! Havlicek An den Falschen? An den Richtigen, meine Herrschaften! Na das freut mich aber, daß ich euch zwei beide triff – grad bin ich in Stimmung! Hörts mal her! Warum machts denn ihr zwei so penetrante Gesetz? He? Da fabriziert ein jeder lustig drauflos, aber keiner denkt dabei zum Beispiel an so einen armen, ehemaligen Drogeriebesitzer! Y Das halte ich nicht aus! Havlicek Ich auch nicht. Y Ich geh, und es ist nichts geschehen! Havlicek Nichts? Das sind euere Gesetze! Y Ich laß alles dementieren! Havlicek Sie, mich könnens aber nicht dementieren! Für mich nicht! Schauns mich an, wenn ich mit Ihnen red! Y Was soll ich Sie denn anschaun bei der Finsternis! Ohne Brille seh ich nichts! Havlicek »Finsternis«! Und der Mond? Mein lieber guter Mond! Jetzt verschwindet der Mond hinter einer Wolkenbank und da wird es sehr dunkel. Havlicek sieht überrascht empor, betroffen. Jetzt ist er weg! Y beiseite: »Mond«! Das auch noch! Laut. Schluß! Ich dementier, ich dementier und zwar kategorisch! Auch mich selbst! Zu X. Wiedersehen, Kollege! Ich könnt heut eh nicht unterhandeln, so ohne Brille bin ich zu unsicher. Rasch ab nach links. X   für sich: »Wiedersehn«! Ein Optimist! Na adieu du schöne Welt! Langsam ab nach rechts. 34. Szene Havlicek   allein, er schaut nach rechts und nach links: Weg sind sie; ein Optimist, der dementiert und ein Pessimist, der demissioniert. Und was bin ich? Jetzt erscheint der Mond wieder. Schaut empor. Bist wieder da, Herr Mond? Bist ein feiner Freund. Da gefällt einem so ein Mondgesicht schon seit der frühesten Kindheit, aber wenn man ihn braucht, dann geht er hinter eine Wolkenbank. Ein Hahn kräht im fernen Dorf. Das war ein Hahn. Ist es denn schon so spät oder so früh? Und ehe der Hahn dreimal kräht, wirst du mich dreimal verraten – Gott, was für ein tiefes Wort! Er singt. Ein tiefes Wort tut manchmal gut, wenn dich verlassen möcht dein Mut, es hilft dir zwar nur indirekt, wenn du so sitzst wie ich im Dreck – Dann hat halt alles keinen Sinn, her und hin. Vor allen Dingen brauchen wir ein Stück gestempeltes Papier, und weh dem armen Untertan, der kein Papier vorweisen kann! Er ist verdammt und muß nun ziehn her und hin. Bist du noch so auf der Hut, ohne Stempel wird nichts gut, ohne Stempel gibts kein Leben, ohne Stempel gehts daneben, ohne Stempel kannst riskieren, bis zum jüngsten Tag zu spazieren als ein Pendel ohne Sinn her und hin. Jetzt geh ich da so hin und her und her und hin und hin und her und wieder her und wieder hin, mich wunderts nur, daß ich noch bin, bei alldem Her und Hin! Zweiter Teil 1. Szene Auf dem linken Ufer.\> Nun hat der Hahn bereits dreimal gekräht, aber Szamek und Mrschitzka sitzen noch immer vor der amtlichen Baracke und haben noch immer Rum. Sie sind bereits ziemlich angeheitert und singen stumpfsinnig vor sich hin. Szamek und Mrschitzka Als der Adam aus dem Paradies mit der Eva damals mußte scheiden und ihm Gott der Plagen viel verhieß, war der Adam wenig zu beneiden. Lieber Gott, so tät er sagen, ich will alles gern ertragen, bloß nicht den Durscht! Gott erbarmt sich seiner Not und gab ihm aus Gnade zwei Geschenke: er erfand für ihn den Tod und die alkoholischen Getränke. Und der Mensch zu seiner Labe macht Gebrauch von dieser Gabe – er hat halt Durscht! Mrschitzka spricht: Prost Szamek! Du bist halt ein Genie! Szamek Was ist ein Genie? Ein genialer Mensch. Und was ist ein Mensch? Ein Nichts. Also was ist ein Genie? Ein Garnichts! Mrschitzka Das ist mir zu hoch! Aber wie du da zuvor diesen Rauschgiftschmuggler entlarvt hast, das war schon ganz großer kriminalistischer Fall! Eine Klasse für sich, eine kriminalistische Sonderklasse für sich. Nur versteh ich nicht, warum du keine Leibesvisitation – Szamek   unterbricht ihn: Weil ich davor einen Respekt hab! Nämlich da hat mir erst unlängst so ein Subjekt anläßlich einer Leibesvisitation, die ich an ihm vorgenommen hab, mein Portemonnaie aus der Tasche gestohlen – Mrschitzka   fällt ihm ins Wort: Was schadet das ab heut?! Ab heut! Wo wir morgen Bankkontos haben werden! Zwanzigtausend! Das ist ein Wort, das zerfließt einem im Maul wie Butter – Szamek Also die Hauptsach ist, daß wir ihn ergriffen haben, diesen Schmugglitschinski! Eingesperrt da drinnen! Er deutet auf die Baracke. Singt. Willst du dein vertrocknetes Gehirn Für den Dienst am Vaterland erleuchten, Darfst du nicht vergessen es zu schmieren Und genügend täglich zu befeuchten. Ohne diese Geistesfackel Bleibst du stets ein lahmer Lackel, Das macht der Durscht! Wenn die Sorge grimmig an dir frißt, Wird der Spiritus dich hold erfrischen, Und wenn du nicht ganz zufrieden bist, Denk dir bloß, wir hätten »Prohibition«! Wenn man dort im Branntweinladen Nichts bekäm als Limonaden, Das wär ein Durscht! Mrschitzka Sollst leben, Thomas! Ich erheb mein Glas auf das Gedeihen einer kriminalistischen Leuchte! Er trinkt. Meiner Seel, war das eine Lust, wie der da immer zerknirschter geworden ist und alles eingestanden hat. Szamek Also eingestanden, dran kann ich mich nicht erinnern. Mir ist nur bekannt, daß er hartgesotten geleugnet hat. Mrschitzka Aber ist er denn nicht zusammengebrochen unter der Last der Indizien? Szamek Nein. Er ist nur zusammengebrochen, weil du ihm das Bein gestellt hast, nachdem du ihm eine hineingehaut hast. Mrschitzka So? Hab ich das? – Das weiß ich ja jetzt gar nicht mehr. Schrecklich. Neuerdings kommt mir das häufig vor – zum Beispiel erst vorige Woche, da hab ich einem eine hineingehaut, ganz ohne Grund, und hab das erst bemerkt, wie er mir eine zurückgehaut hat. Ein eigenartiger Zustand. Szamek Sogenannte Abstinenz-Erscheinungen. Mrschitzka Was? Abstinenz-Erscheinungen? Lächerlich! Szamek Apropos Abstinenz: wo nur die Eva so lang bleibt, diese Bestie! Mrschitzka Wo? Kann ich mir schon vorstellen. Szamek Ich auch. Er schlägt auf den Tisch; leise. Das wird noch ein furchtbares Ende nehmen, ein Ende mit einer Axt. Mrschitzka Mir scheint, du bist angeheitert und siehst schwarz. Szamek Schwarz ist noch viel zu weiß. Mrschitzka Hättest halt das Fräulein Tochter nicht dem Schicksal überlassen sollen. Szamek Dem Schicksal? Mrschitzka Hast doch gesagt! Stille. Szamek Ja, jetzt erinner ich mich – Hm. Also wenn das Schicksal eine Hand im Spiel hat, dann kommt die Bestie vor morgen früh nimmer heim – Er schläft plötzlich ein vor lauter Rum. Mrschitzka   betrachtet ihn: Ist der jetzt schon wieder eingeschlafen? Na, höchste Zeit, daß er pensioniert wird, diese Leuchte der Kriminalistik – Er gähnt und streckt sich. Die Hauptsache ist, daß wir ihn ergriffen haben, diesen Schmugglitschinski! Eingesperrt da drinnen. Er deutet schwach auf die Baracke und schläft ein. 2. Szene Jetzt tauchen Schmugglitschinski, noch immer als Krankenschwester verkleidet, und Frau Leda auf. Sie bemerken mit Zufriedenheit, daß Szamek und Mrschitzka eingeschlafen sind und gehen an ihnen vorbei über die Brücke. Hier kann eventuell untermalende Bühnenmusik einsetzen. Schmugglitschinski und Frau Leda gehen im folgenden über die Brücke. Schmugglitschinski atmet befreit auf, kaum daß er die Brücke betreten hat, und entledigt sich seiner Krankenschwesterhaube. Mit überaus tiefer Stimme: Endlich! Ich halts in dieser Hauben kaum mehr aus vor lauter Hitz! Er wischt sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Glatze. Nur gut, daß wir jetzt schon diese Malefizrekognosziererei hinter uns haben – Er starrt plötzlich Frau Leda an, die steif stehen bleibt, nichts Gutes ahnend. Was ist? Frau Leda   mit schwacher Stimme: Ich kann mich nicht rühren. Schmugglitschinski Bist wieder weg? Hast wieder geschnupft? Frau Leda Nein. Gespritzt. Schmugglitschinski Nicht beherrschen kann sie sich! Immer wieder dieses blöde Rauschgift. Höchste Zeit, daß du eine Entziehungskur durchmachst! Wie uns da jetzt dieser Coup gelingt, kommst in eine Anstalt, das prophezeih ich dir, so wahr ich Schmugglitschinski heiß! Er schlägt Frau Leda plötzlich auf die Hand, eine Spritze fällt zu Boden, klirrt und zerbricht. Er schüttelt sie und brüllt sie an. Schon wieder, Irrsinnige, schon wieder?! Frau Leda   windet sich unter seinem Griff: Aber du weißt doch, daß ich süchtig bin! Ich kann nicht so nüchtern schmuggeln. Schmugglitschinski Los! Zu! Er pufft sie über die Brücke. Frau Leda Au! Schmugglitschinski Sei mir nicht bös, aber meine Brutalität ist deine einzige Rettung, Liebling. Frau Leda Au, au! Solcherart gehen die beiden über die Brücke – an Havlicek vorbei, den sie nicht bemerken, da er sich bei ihrem Kommen versteckt hatte, und der für das Publikum auch erst jetzt sichtbar wird. 3. Szene Havlicek taucht auf der Brücke auf und sieht interessiert den beiden nach. Stimme der Frau Hanusch von der Stelle aus, wo Havlicek sich verborgen hielt: Kann man jetzt kommen? Havlicek Ohne Gefahr! Stimme der Frau Hanusch Ist die Luft rein? Havlicek Wir sind unter uns! Frau Hanusch   erhebt sich und kommt: Gott, waren das aufregende Szenerien. Ich hab direkt Bauchweh vor lauter Empörung, daß diese Krankenschwester die arme Kranke so barsch behandelt – Havlicek   fällt ihr ins Wort: Vielleicht ghört sich das so, damit sie gesund wird. Frau Hanusch Dann soll sie lieber krank bleiben, aber ich kann halt niemand leiden sehen, wenn ich auch oft herzlos wirk durch meine drastische Manier. Havlicek Sie und herzlos? Wo Sie mir da etwas zum Essen bringen mitten in der Nacht? Kalten Braten und passierten Roquefort? Das zeigt von keinem alltäglichen Herzen, Frau Hanusch! Frau Hanusch Wissen Sie, ich war ja schon längst im Bett, aber ich hab keinen Schlaf gefunden, immer hab ich denken müssen: da geht jetzt ein Mann hin und her und niemand laßt ihn rein – und plötzlich hats mich durchzuckt, ich raus aus dem Bett und daher – Aber Sie haben ja alles stehen lassen! Habens denn keinen Hunger? Havlicek Hunger schon, aber keinen Appetit. Frau Hanusch Armer Mensch! Havlicek Und derweil ist passierter Roquefort meine Leibspeise – mein Leibkäse gewissermaßen. Frau Hanusch Das freut mich, daß ich es erraten hab. Havlicek Tut mir gut, Frau Hanusch. Wissens, es schaut nämlich einfacher aus, als wie es ist, wenn man so weg muß aus einem Land, in dem man sich so eingelebt hat, auch wenn es vom Zuständigkeitsstandpunkt nicht die direkte Heimat war – aber es hängen doch soviel Sachen an einem, an denen man hängt. Zum Beispiel, wie ich noch die Drogerie gehabt hab, da hättens mal meine Auslag sehen sollen, es war das zwar keine große Auslag, mehr ein größeres Fenster, aber was ich da alles hineinarrangiert hab! Rechts medizinisch, links homöopathisch, vorn kosmetisch und hinten die Diskretion – Red ich Ihnen nicht zuviel? Frau Hanusch Nein. Havlicek Hm. Ja und der Apotheker nebenan, der hat mich dann zugrundegerichtet. Plötzlich über Nacht hat der sich auch eine Drogerieabteilung angegliedert und dann ist meine Kundschaft dorthin. Frau Hanusch Warum? Havlicek Er war halt beliebter als ich. Das sind eben oft so dunkle Strömungen in der Menschenseele – da steht man dann und wundert sich. Genau wie im Krieg. Waren Sie im Krieg? Frau Hanusch Ich? Nein. Havlicek Aber in Ihrem Alter – Frau Hanusch unterbricht ihn: Aber ich bin doch eine Frau! Havlicek Großer Gott, das hab ich jetzt ganz vergessen! Meiner Seel, man wird halt schon blöd und blind, wenn man immer so hin und her und immer allein – Nur eine Frau könnt mich retten. Ohne Witz. Frau Hanusch Ja. Ein Mann ist schon etwas Notwendiges, wenn er auch nur repräsentiert. Mein Seliger war ein stattlicher Herr. Hundertsiebzehn Kilo hat er gewogen und der ist mir weggestorben. Wieviel wiegen denn Sie? Havlicek Weniger, bedeutend. Frau Hanusch Das merk ich. Wann sinds denn geboren? Havlicek Warum? Frau Hanusch Es interessiert mich. Havlicek Am vierzehnten Juli. Das ist ein großer Tag in Frankreich – Wissens, da tanzen die Leut auf den Boulevards. Frau Hanusch Also nach den Sternen täten wir gut zueinanderpassen. Havlicek Wer? Frau Hanusch Wir zwei. Duett Frau Hanusch Sehns die vielen Sternlein stehen über uns? All diese Sternlein weben an Ihrem und an meinem Leben alle diese Sternlein drehen sich um unser kleines Leben über uns. Havlicek Wenn die vielen Sternlein eben über uns gar nichts täten als bloß weben an Ihrem und an meinem Leben wenn sie nur für uns so wandern, was blieb dann für die andern neben uns? Sehns ich glaub nicht, daß das geht, daß sichs ganze All bloß um uns beide dreht. Frau Hanusch Jeder Mensch hat seinen Planeten. Havlicek Dann hab ich, scheints einen Kometen: der kommt nur ab und zu daran und stört den andern ihre Bahn. Frau Hanusch gleichzeitig: Das ist hochinteressant! Was ist der alles imstand! Havlicek Dann ist er plötzlich wieder verschwunden, kümmert sich nicht um seinen Kunden, wo ist er denn, mein spezieller Komet, daß es mir so miserabel geht. Frau Hanusch Herr Havlicek, gehns lästerns nicht und glaubens an Ihr Himmelslicht. Wenns nur die Sterne recht beschwören – Zärtlich und anzüglich – tuns Ihnen gar noch einen Schatz bescheren. Havlicek   ohne zu verstehen: Ists weiter nichts? Das tu ich gern. Nur glaub ich nicht mehr recht an meinen Stern. Beide   zusammen: Venus, Mars und Jupiter, Merkurius, Pluto und Saturn und Uranus, bringts uns bittschön kein Verdruß, tuts doch an unserm armen Leben mit Vernunft und Ordnung weben über uns! Und vergeßts nicht, unserem Leben auch ein bisserl Glück zu geben über uns! Frau Hanusch fällt ihm plötzlich um den Hals und küßt ihn. Havlicek   etwas betroffen: Was war das jetzt? Frau Hanusch Ein Stern! Havlicek In unserem Alter? Er lächelt verlegen. Frau Hanusch Man ist so alt, als wie man sich fühlt und ich fühl mich noch! – Schad, daß ich jetzt weg muß, aber ich muß auf meine Reputation achten, auch wenn ich morgen Konkurs ansag. Havlicek Auf Wiedersehen. Und ich danke für Speise und Trank. Frau Hanusch Geh, du hast ja nichts gegessen! Sie will das Essen wieder mitnehmen. Havlicek Halt! Laß es da! Jetzt hab ich Appetit! Frau Hanusch   gibt ihm rasch einen Kuß: Schmecken soll es dir. Schmecken, du braver Mann – Rasch ab nach rechts. Havlicek ißt und trällert vor sich hin. 4. Szene Frau Hanusch geht nun über die Brücke und erreicht das rechte Ufer. Erstaunt sieht sie sich um, da niemand zu sehen ist. Dann horcht sie, nähert sich vorsichtig dem Raubritterturm und sieht durch das Schlüsselloch hinein. Frau Hanusch   erhebt sich wieder: Gott, es ist doch das Schönste, zwei so junge Menschen in der Umarmung – Sie singt. Wenn heutzutag ein nettes junges Paar brennheiß verliebt ist und mit Haut und Haar, so ist die Frage bald geklärt wie man beisamm ist möglichst ungestört. Heut sind die jungen Leut halt gscheit! Gmöcht hätten wir ja auch – nur leider war es damals noch nicht Brauch. Wenn eine Dame, die sich ordentlich pflegt, nicht grad das Gsicht hat, was man eben trägt, so nimmts ein' Farbtopf aus dem Schrein und malt sich in ihr Gsicht ein neues nein. Heut sind die Frauen so viel gscheit! Gmöcht hätten wir ja auch – nur leider war es damals noch nicht Brauch. Wenn über diesen oder jenen Fragen die Volksvertreter sich die Köpf einschlagen, so schickt mans heim, sperrt d'Buden zu und hat vom ganzen Parlament sei Ruh. Heut sind halt die Minister gscheit! Gmöcht hättens früher ja auch – nur leider war es damals noch nicht Brauch. Heut hat mir träumt von einem fernen Land, wo Politik ist gänzlich unbekannt, dort ist man friedlich und human, sogar die Frau vertragt sich mit ihrm Mann, dort kennt man weder Neid noch Streit – so möchtens Sie halt auch? Nur leider ist es bei uns noch nicht Brauch. Ab in Gedanken versunken. 5. Szene Konstantin   erscheint in der Tür des Raubritterturmes; er ist etwas derangiert und sieht sich um: Es war doch wer da – Eva   taucht hinter ihm auf, gleichfalls etwas derangiert: So komm doch! Wer soll denn schon? Konstantin Still! Er lauscht. Jetzt hör ich nichts, aber es ist wer vorbei. Du weißt, ich hör immer her auf die Grenz, in jeder Situation – und ich hab ein scharfes Gehör. Eva Ja, dir entgeht nichts. Konstantin Hoffentlich warens nicht unsere Rauschgiftschmuggler. Du, jetzt hab ich direkt Gewissensbiss wegen der zwanzigtausend. Eva Was ist ein Mensch neben einer Million? Konstantin Nichts. Eva Komm – Konstantin folgt ihr wieder in seinen Raubritterturm. 6. Szene Frau Leda und Schmugglitschinski erscheinen wieder. Frau Leda leise: Niemand da? Kein Grenzorgan? Fein! Schmugglitschinski streift wieder seine Haube ab und wischt sich den Schweiß von der Glatze: Umso besser! Frau Leda Wisch dir lieber nicht die Glatze, sondern gib das verabredete Zeichen! Schmugglitschinski etwas perplex: Also werd mir nur nicht zu aktiv! Er winkt mit einer Taschenlaterne. 7. Szene Auf dieses verabredete Zeichen hin kommen vorsichtig drei Schmuggler. Schmugglitschinski   zu den drei Schmugglern: Letzter Appell: Hat ein jeder sein Milligramm bei sich? 8. Szene Die drei Schmuggler kommen zu keiner Antwort mehr, da nun Konstantin wieder aus seinem Raubritterturm tritt und die fünf Leute erblickt. Evas Stimme   aus dem Raubritterturm: Konstantin! Es ist doch nichts! Konstantin beiseite: Die Kranke und die Heilige? Zu dieser Stund, wo ein jeder anständige Mensch im Bett liegt? Komisch! Laut. Ihren Grenzschein bitte! Schmugglitschinski schlägt ihn k. o. Konstantin bricht lautlos zusammen. Evas Stimme Konstantin! Wo bleibst denn schon wieder so lange? 9. Szene Eva erscheint, erblickt auf dem Boden ihren bewußtlosen Bräutigam und dann die Krankenschwester ohne Haube – sie schreit gellend auf. Schmugglitschinski hält ihr den Mund zu; zu seinen Leuten: Rasch! Knebel! Strick! Rascher! So! Und jetzt auch diesen Burschen da. Die Schmuggler knebeln und fesseln Konstantin und Eva und begeben sich dann unter Anführung Schmugglitschinskis auf die Brücke. Alle Schmugglerszenen sind musikalisch untermalt gedacht. 10. Szene Schmugglitschinski hält plötzlich auf der Brücke und gibt den Anderen ebenfalls ein Zeichen zu halten; mit unterdrückter Stimme: Was seh ich? Moment! Da steht ja einer auf der Brücke! Ich wittere Verrat – Frau Leda Um Gottes Willen! Schmugglitschinski Wer kann das sein? Vielleicht ein Agent – ein Vorposten – vorsichtig! Er setzt seine Haube wieder auf. Frau Leda Nur Mut, wir sind zu fünft! Schmugglitschinski deutet auf die drei Schmuggler: Die zählen nicht mit! Die Schmuggler Oho! Schmugglitschinski Das sind nur Kulis! Die Schmuggler Oho! Schmugglitschinski Jetzt aber kein Oho mehr. Die Schmuggler Oho! Schmugglitschinski   zu Frau Leda: Wie oft hab ich dir schon gesagt, verkehr nicht mit dem Personal! Jetzt sind sie frech. Zu den Schmugglern. Wartet da! Wir zwei erledigen das schon, und zwar mit List – Zu Frau Leda. Komm! 11. Szene Die beiden nähern sich nun Havlicek, der sie, an das Brückengeländer gelehnt, betrachtet. Schmugglitschinski sehr leise: Fang an, Leda! Frau Leda   zu Havlicek: Guten Tag, der Herr. Havlicek Gute Nacht. Frau Leda Ich wär Ihnen sehr verbunden, wenn wir über die Grenze könnten – ich und die Krankenschwester – Havlicek Oh bitte, bitte! Frau Leda Aber wir haben leider keinen Grenzschein. Havlicek Keinen Grenzschein? Auweh, dann ist es faul! Also ohne Papier geht das nicht. Frau Leda Ganz sicher nicht? Havlicek Liebe Frau, ich muß es doch wissen – Frau Leda Naturnotwendig, Sie als Grenzorgan – Sie wendet sich zu Schmugglitschinski und flüstert unter Seitenblicken auf Havlicek mit ihm. Havlicek »Grenzorgan«? Ich? Schmugglitschinski   mit tiefer Stimme zu Leda: Richtig! Mit verstellter Stimme zu Havlicek. Bitte strengen Sie sich doch nur nicht so an, als könnten Sie nicht bis drei zählen! Mit tiefer Stimme. Wir wissen – Mit verstellter Stimme – wen wir vor uns haben – Mit tiefer Stimme – und wir wissen – Mit verstellter Stimme – daß eine derartige Erkenntnis – Mit tiefer Stimme – Geld kostet. Havlicek zuckt bei jeder »tiefen Stimme« zusammen. Mit verstellter Stimme. Kurz und gut – Er reißt die Haube herunter, mit tiefer Stimme – ich bin Schmugglitschinski! Havlicek Großer Gott, ein Mann! Ein richtiger Mann! Frau Leda Und ob! Schmugglitschinski   zu Leda: Also das geht dich nichts mehr an! Zu Havlicek. Herr! Hier haben Sie fünfzig Gulden und verschwinden Sie, ja? Havlicek Fünfzig Gulden? Schmugglitschinski Fünfundfünfzig! Aber verschwinden, verschwinden! Avanti! Avanti! Havlicek Irgendwohin, Sie eigensinniges Subjekt! Brüllt ihn an. Aber ich kann doch nicht verschwinden, ich bin doch schon verschwunden! Schmugglitschinski wechselt einen überraschten Blick mit Leda: Ein Narr! Zu Havlicek. So nehmen Sie doch Vernunft an! Havlicek Was hab ich davon? Ich bin sehr arm – Schmugglitschinski Und da weisen Sie fünfundfünfzig Gulden zurück? Havlicek Was hab ich davon auf einer Brück? Gesetz ist Gesetz! Und wenn das Gesetz für mich gilt, dann gilt es auch für Sie! Oh, Sie täuschen sich in mir, daß irgendeiner sich außerhalb des Gesetzes stellen kann, nur weil er Geld hat! Schmugglitschinski Dann bleibt uns allerdings nur dies – Er packt Havlicek. Havlicek Hilfe! Hilfe! Schmugglitschinski hält ihm den Mund zu und wirft ihn über die Brücke ins Wasser; dann zu Leda: Vorwärts los! Er geht mit ihr weiter über die Brücke, die dreht sich aber rascher, so daß Szamek und Mrschitzka ins Bild kommen. 12. Szene Mrschitzka   wacht auf: Hat da nicht wer nach Hilfe gerufen? Er ergreift sein Gewehr, bleibt aber sitzen. Szamek Es war mir auch so – Er schläft wieder ein. Mrschitzka Die Stimme kam von drüben, also gehts uns erklärlicherweise nichts an, wenn einer umgebracht wird – Er schläft auch wieder ein. 13. Szene Die Beiden betreten nun das linke Ufer. Szamek und Mrschitzka sitzen vor der amtlichen Baracke und schlafen nun vor lauter Rausch – aber Schmugglitschinski und Frau Leda bemerken es nicht vor lauter Vorsicht und Routine. Schmugglitschinski sehr leise: Fang an, Leda. Frau Leda   nähert sich den Schlafenden: Guten Tag, die Herren. Szamek und Mrschitzka erwachen: Wer da? Was los? Frau Leda sieht Schmugglitschinski perplex an. Mrschitzka Ich wünsche nicht gestört zu werden – Szamek verschlafen: Wo bin ich? Frau Leda perplex: An der Grenze. Szamek Aha, aha. Er reibt sich den Schlaf aus den Augen. Und Sie wollen über die Grenze? Frau Leda   sieht Schmugglitschinski abermals perplex an: Ja. Ich und die Krankenschwester dort. Mrschitzka gähnt: Wer ist krank? Frau Leda Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund. Wir wollen – und wir müssen nämlich auf schnellstem Wege zu einem schwerkranken Verwandten, und ich habe mir diese überaus aufopfernde und verständnisvolle Krankenschwester gleich mitgebracht. Mrschitzka Ein stramme Schwester ist das! Füß wie ein Vieh! Frau Leda Es dreht sich um eine überraschend ausgebrochene schwere innere Krankheit – Szamek   unterbricht sie: Also gehens nur schon zu, was interessiert mich denn Ihre Verwandtschaft, mit ihren inneren Erkrankungen! Mich interessiert nur Ihr Grenzschein, gnädige Frau! Frau Leda Ja, das ist eben das Ding. Mrschitzka Was für ein Ding? Frau Leda Wir haben leider keine Papiere. Szamek Aha! Verstehe! Also ohne Papiere geht das nicht! Da könnt Ihre ganze Verwandtschaft aussterben, ohne Grenzschein wird da niemand vorbeihereingelassen! Punkt! Frau Leda Aber das ist doch herzlos! Szamek Ich bin auch herzlos! Mrschitzka   der sich Schmugglitschinski genähert und ihn von allen Seiten aufmerksam betrachtet hat: Du Thomas! Schau dir mal da die Schwester an! Genauer! Frau Leda aufgeregt: Warum? Mrschitzka Weil sie knusperig ist, meine Gnädigste! Schad, daß ich jetzt nicht im frühen Mittelalter leb, damals waren so knusperige Schwestern, wie ich höre – zugänglicher – Er klopft Schmugglitschinski auf den Hintern. Schmugglitschinski lächelt verschämt. Stramm! Sehr stramm! Frau Leda Belästigen Sie bitte die Schwester nicht, Herr Inspektor. Mrschitzka Ich bin kein Inspektor. Und wieder klopft er Schmugglitschinski auf den Hintern. Frau Leda Die Schwester kann sich ja nicht wehren – Mrschitzka Umso besser! Frau Leda Ach, das ist roh! Bedenken Sie doch bitte, daß die Schwester eine strenge Ordensregel – Mrschitzka   unterbricht sie: Regel hin, Regel her! So rabiat wird das schon nicht gehandhabt werden, was Maus? Er zwickt Schmugglitschinski in die Backe. Schmugglitschinski lächelt wieder verschämt. Na, sag doch schon was! Frau Leda Aber sie darf ja nichts reden, das ist doch eben ihr Gelübde! Höchstens hie und da ein Wort! Mrschitzka Was hör ich? Nur ein – Schmugglitschinski   mit verstellter Stimme: Wort. Mrschitzka Und sonst! Schmugglitschinski Nichts. Mrschitzka Geh das ist doch blöd! Schmugglitschinski Nein. Mrschitzka Sondern? Schmugglitschinski Gescheit! Mrschitzka Also auf alle Fälle ist es anstrengend. Immer nur ein Wort – Kruzifix, bei der Figur! Aber satt dürfts Euch doch hoffentlich essen? Schmugglitschinski Sehr. Mrschitzka Schweinernes? Schmugglitschinski Nein. Mrschitzka Kälbernes? Schmugglitschinski Nein. Mrschitzka Geflügeliges? Schmugglitschinski Nein. Mrschitzka Mir scheint also, überhaupt kein Fleisch? Schmugglitschinski Erraten. Mrschitzka Aha! Vegetaranisch? Schmugglitschinski Ja. Mrschitzka Zum Beispiel? Schmugglitschinski Spargeln. Mrschitzka Gut so! Und? Schmugglitschinski Trüffeln! Mrschitzka Also das ist schon extravagant! Nichts reden, aber Trüffeln essen – und wie stehts denn mit dem Getränk? Schmugglitschinski Wasser. Mrschitzka Und? Schmugglitschinski Rum. Mrschitzka Und Bier, Wein, Schnaps, Likör, Most? Schmugglitschinski Alles. Mrschitzka Gut so. Und was trinkt denn mein herziges Schwesterlein am liebsten? Schmugglitschinski Viel. Mrschitzka Sehr sympathisch, anormal sympathisch! Und trinkt Ihr schon des morgens? Schmugglitschinski nickt: Ja. Und – Mrschitzka Mittags? Schmugglitschinski nickt: Ja. Und – Mrschitzka Abends? Schmugglitschinksi Bis – Mrschitzka – in – Schmugglitschinksi – die – Mrschitzka – tiefe – Schmugglitschinksi – Nacht. Mrschitzka begeistert: Das ist ein Gelübde, das ist ein Orden, das sind Regeln. Schmugglitschinksi berührt Mrschitzka schüchtern: Gewehr – Mrschitzka Was? Schmugglitschinksi lächelt verlegen: Bajonett – Mrschitzka perplex: Was für ein Bajonett? Frau Leda Ach, die brave Schwester bittet Sie nur um Ihr Gewehr – sie möcht es gern mal in die Hand nehmen aus einem regen Interesse. Mrschitzka Für mein Gewehr? Schmugglitschinksi Bitte – Mrschitzka Militant, sehr militant. Indem er Schmugglitschinski sein Gewehr überreicht. Da wird geladen, da wird gedruckt und dann gehts vorn los! Schmugglitschinksi übernimmt das Gewehr; mit seiner tiefen Stimme: Danke! Er schlägt Mrschitzka k. o. Mrschitzka bricht lautlos zusammen. Schmugglitschinski reißt sich rasch wieder die Haube herunter. Herrgott, die Hitz! Er hebt das Gewehr auf Szamek. Hände hoch! Szamek reagiert nicht, denn er ist inzwischen längst wieder eingeschlafen. Frau Leda Pst! Der schläft ja schon wieder! Schmugglitschinksi Auch gut – Er legt das Gewehr weg. So erregen wir noch weniger Aufsehen! Er winkt mit seinem Taschentuch nach der Brücke zu. 14. Szene Aber auf der Brücke erscheint Konstantin mit seinem Dienstrevolver in der Hand, hinter ihm tauchen Eva und Havlicek auf, mit sehr viel Stricken. Konstantin Hände hoch! Schmugglitschinksi Goddam! Frau Leda Oh Kind! Konstantin Hände hoch! Hoch oder –!! Frau Leda und Schmugglitschinski folgen. Denkt nur ja nicht, daß ihr mich überrumpeln könnt! So lange geht das nicht! Zu Eva und Havlicek. Halt sie. Ich halt sie derweil mit meinem Dienstrevolver in Schach! Havlicek Auch knebeln? Konstantin Binden genügt! Eva und Havlicek führen nun Konstantins Befehl aus. Mrschitzka   kommt allmählich wieder zu sich: – hab ich das jetzt geträumt, daß mich da eine Nonne niedergestreckt hat? Natürlich hab ich diesen Unsinn geträumt, denn ich träum immer Unsinn und mich streckt keiner nieder – mich nicht! Es war ein Traum – Erblickt Eva, Havlicek, Konstantin und so weiter und ist maßlos überrascht. Was seh ich? Mir scheint, ich träum noch immer. Meiner Seel, da steht ja dieser Ausgewiesene – Jessus Maria, die Nonn hat eine Glatzen! Maria Josef – gib acht, Mrschitzka! Gib acht, Mrschitzka! Gib acht – Er nähert sich ängstlich Szamek und rüttelt ihn. Thomas! Wach auf! Szamek   erwacht: Warum soll ich aufwachen? Mrschitzka Weil ich Angst hab, Thomas. Mir scheint, ich bin krank – trelirium demens. Szamek Wundern täts mich nicht. Geh, sei so gut und laß mich schlafen! Mrschitzka Aber schau doch nur mal dorthin, bittschön, ob dort nämlich was ist oder ob das jetzt nur eine persönliche Fata morgana von mir ist – Szamek Ich schau nicht hin. Ich hab selber Angst! Mrschitzka Feigling! Szamek Also feig bin ich nicht! Jetzt schau ich hin! Er schaut hin und erstarrt. Mrschitzka bange: Siehst auch etwas? Szamek Und ob ich was seh – Er schlägt auf den Tisch. Was seh ich? Der Konstantin! Da herübern!? Na, das ist aber eine grandiose Grenzverletzung! Konstantin Ruhe, Szamek! Zu Eva. Fertig? Eva Sogleich! Szamek beiseite: »Ruhe, Szamek«? Befehlen auch noch? Maßt sich da Amtshandlungen an auf unserem Hoheitsgebiet – Er schreit. Da geh her und folg ihm nicht! Wie kommst denn da dazu, wildfremde Nonnen zu fesseln? Meiner Seel was da passiert, also das gibt Krieg! Konstantin ruhig: Bitte nur nicht aufregen, lieber Vater Szamek! Scharf. Herr Szamek! Wenn ich jetzt hier die Grenz nicht verletzt hätt, wären Sie jetzt vielleicht bereits über einer anderen Grenz – Darf ich vorstellen, Herr Schmugglitschinski, der berüchtigte Rauschgiftschmuggler und seine überaus raffinierte routiniert[*e?] Compagnonin! Szamek Sie Anfänger Sie! Den echten Schmugglitschinski, den haben ich und mein Freund ja schon längst hopp, schon vor vielen Stunden – Er deutet auf die Baracke – da sitzt er drinnen eingekastelt! Konstantin perplex: Wo? Szamek   zu Mrschitzka: Wie selbstsicher der aufgetreten ist, unser Schmugglitschinski, was?! Sogar für den Ministerpräsidenten hat er sich ausgegeben! Havlicek Ministerpräsident? Großer Gott! Szamek Aber wir haben ihn demaskiert! Mrschitzka Nicht zu knapp! Ich habe ihm gleich eine hineingehaut! Gleich! Konstantin Aber Herr Szamek! Sie haben ja Ihren eigenen Ministerpräsidenten eingesperrt, Ihren eigenen echten! Und dieser Herr hat seinem eigenen echten eine hineingehaut – Die beiden Chefs wollten doch heut Nacht in aller Heimlichkeit auf der Brücke konferieren! Havlicek Stimmt! Mrschitzka Was wissen denn Sie schon, Sie Ausgewiesener? Havlicek Weil ich mitkonferiert hab! Eva Aber so laß ihn doch schon frei, um Gottes Christi willen! Havlicek Ich tät ihn gleich wiedererkennen. Konstantin Lassen Sie Ihren Gefangenen sofort frei, denn eventuell entsteht ja noch eine Katastrophe für die ganze zivilisierte Welt! Könntens denn das verantworten, Herr Szamek? Szamek   sehr unsicher: Warum nicht? Zu Mrschitzka. Aber laß ihn mal raus, damit er sich beruhigt, dieser junge Grenzverletzer – Mrschitzka Der möcht ja doch nur unsere zwanzigtausend! Aber daraus wird nichts, eher bring ich mich um! 15. Szene Die Nacht ist schon durchsichtiger geworden und jetzt dämmert der Morgen. Mrschitzka   öffnet die Barackentür: Raus! Y erscheint, er ist gebrochen und weint bitterlich. Havlicek Das ist er! Y Na, der Kerl kann sich freuen, der mich da in dieses Loch – Mrschitzka Das ist kein Loch, das ist eine amtliche Barack, bitt ich mir aus! Y   unter argem Geschluchze: Ein Loch ist es, ein schamloses Loch! Penetrant! Wenn ich euch nur alle sehen könnt, aber ich hab ja keine Brille – Er stürzt plötzlich auf Schmugglitschinski zu und brüllt ihn an. Was bin ich? Ein Rauschgiftschmuggler? Schmugglitschinksi Ja. Frau Leda Er lügt! Zu Schmugglitschinski. So gibs doch schon zu! Was nützt leugnen in unserer Lage?! Konstantin Sehr vernünftig! Schmugglitschinksi   zu Leda: Schad, daß wir nicht in die gleiche Zell kommen, da tätst was erleben! Frau Leda Ich erleb nichts mehr. Szamek   zu Frau Leda: Ist das wahr? Frau Leda Ja. Stille. Szamek brüllt: Aber also dann hinein mit euch in das Loch! Hinein! Er sperrt Frau Leda und Schmugglitschinski in die amtliche Baracke. 16. Szene Y hat sich inzwischen an dem Tische niedergelassen und weint noch immer über die Tischplatte gebeugt. Mrschitzka   fällt vor ihm in die Knie: Herr Exzellenz! Ich hab eine Familie mit drei minderjährige Töchter und vier außereheliche Enkelkinder – Gnade! Konstantin Warum Gnade? Mrschitzka   zu Konstantin: Weil ich sonst meine Pensionsansprüch verlier! Zu Y. Gnade! Gnade! Konstantin Aber Ihr braucht doch keine Gnade! Pflichtlich wart Ihr doch vorschriftlich! Pflichtlich hätt Euer Präsident einen vorschriftlichen Paß haben sollen, da er aber keinen pflichtlich-vorschriftlichen, sondern nur einen unvorschriftlich-unpflichtigen gehabt hat, habt Ihr ihn doch vorschriftlich-pflichtlich verhaften und pflichtig-vorschriftlich einkasteln müssen! Also braucht Ihr vorschriftlich keinerlei Gnade, denn pflichtlich seid Ihr im Recht! Havlicek Vorschriftlich-pflichtlich! Mrschitzka beiseite: Ein ganz ein logisches Gehirn – Szamek   beiseite: Mir scheint, er hat recht. Laut. Natürlich hat er recht! Er erhebt sich. Sehr vorschriftlich, sehr pflichtlich! Ich brauch keine Gnad, ich such mir schon mein Recht, und wenn ich Unrecht tun müßt – Beiseite. Jetzt gönn ich ihm erst meine zwanzigtausend, ersticken soll er daran! Eva Hoch Konstantin, der Retter! Y   wimmernd: Und wer rettet mich? Er steht auf. Nur das Dementi! Ich dementier, ich dementier! Stark schluchzend. Aber diese Nacht soll mir ein Fingerzeig gewesen sein: jetzt sperr ich aber meine ganze Opposition ein! Er rennt heftig weinend gegen die Brücke. Havlicek Halt! Nach der anderen Richtung! Y Im Ernst? Havlicek Also mit die Richtungen kenn ich mich jetzt schon aus. Y ab in der richtigen Richtung. 17. Szene Jetzt geht die Sonne auf. Eva Papa! Jetzt gibst aber doch dann dein Einverständnis zu unserer langersehnten Verbindung? Szamek Jetzt ja. Zu Konstantin. Mein Sohn, du hast mich doppelt gerettet, mein Leben und meine Pensionsberechtigung, ich seh das ein, weil ich keinen falschen Charakter hab, wie die Leut dort drüben! Also behalt sie dir, die Eva, und da habts meinen Segen! Bist ja ein reicher Mann. Zwanzigtausend – enorm! Konstantin Moment! Die Wahrheit und die Gerechtigkeit gebieten mir feierlich zu sagen, daß diese enorme Summe nicht mir gebühren kann, sondern – Er deutet auf Havlicek – jenem Herrn dort, denn ich hätte dich ja nie retten können, wenn er mich nicht gerettet hätt – und also ist Herr Havlicek eigentlich unser aller Retter. Szamek   sprachlos : Eigentlich? Havlicek Eigentlich hab ich nur ein Wimmern gehört, wie ich da auf dieser Brück grad etwas entschlummert war und zuerst hab ich gedacht: das ist nur eine Gehörstäuschung aber dann hab ich halt doch nachgeschaut, weil mir mein Gefühl keine Ruhe gelassen hat. Und dann hab ich halt die beiden entfesselt. Szamek   noch immer sprachlos: Wieso entfesselt? Konstantin Kurz und gut, Papa! Ich danke dir für deinen väterlichen Segen, aber die zwanzigtausend gehören Herrn Havlicek! Eva Das ist gut von dir – Szamek Na servus! Jetzt bricht eine Welt in mir zusammen. Eva Und eine neue entsteht – Sie küßt Konstantin. Mrschitzka   zu Havlicek : Gratuliere, Herr Multimillionär! Havlicek Was hab ich davon? Auf einer Brück! 18. Szene Frau Hanusch   kommt rasch von der Brücke, überrascht: Ja, wie kommen denn Sie daher hinüber, Herr Konstantin? Konstantin Später! Frau Hanusch Ich such Ihnen schon überall – eine amtliche Depesch! Konstantin Danke! Er erbricht und überfliegt sie. Was? Er liest es laut. »Durch eine außertourliche und außerinstanzliche ministerielle Verfügung ist dem heimatlosen Ferdinand Havlicek sofort die Grenze zu öffnen –« Havlicek »Heimatlos« – das bin ich! Konstantin Da steht es schwarz auf weiß. Alle   zu Havlicek : Wir gratulieren! Havlicek Mir scheint, ich schlaf – Frau Hanusch Nein, das tust du nicht – Konstantin Wieso per du? Frau Hanusch Später! Sie küßt Havlicek. Eva Was seh ich? Frau Hanusch Darf ich vorstellen: der neue Postwirt! Nur schad daß ich heut Konkurs anmeld! Havlicek Trotzdem! Mrschitzka Was hör ich?! Noch ein Paar, ist das eine Freud! Rum her! Konstantin Und Sie werden auch keinen Konkurs anmelden, Frau Hanusch, denn der neue Postwirt besitzt ab heut ein Vermögen von zwanzigtausend! Frau Hanusch Jetzt fall ich um: Ferdinand! Havlicek Halt! Still! Drohend. Jetzt werd ich aber auch gleich edel werden! Gerecht und wahr! – Also hört her, ihr! Ich hab zwar den Konstantin gerettet, aber wer hat denn hier mit dem Revolver gesiegt – er oder ich? Na also! Ich war doch nur eine Voraussetzung zu seinem Glück! Darum: halb und halb! Zehn für das Glück und zehn für die Voraussetzung! Frau Hanusch Aber Havlicek! Havlicek Still! Ich bin Fachmann in puncto Gerechtigkeit – ich weiß, was das wert ist: Gerechtigkeit – Szamek Halb und halb? Frau Hanusch Er ist ein braver Mann. Szamek Zehntausend ist auch kein Hund. Meiner Seel, jetzt freuts mich erst wieder, diese Heiraterei! 19. Szene Und nun erscheint der Privatpädagoge mit seiner Frau. Er trägt die Angel und sie die ominöse Blechbüchse mit den Regenwürmern. Privatpädagoge gut gelaunt: Guten Morgen, guten Morgen! So früh schon auf? Eva lächelt: Wir hatten alle Nachtdienst, alle miteinander. Privatpädagoge Und wir gehen jetzt angeln. Meine brave Frau hat mir herrliche Würmer gebracht. Ab mit ihr auf die Brücke. Mrschitzka   ruft ihnen nach: Petri Heil! 20. Szene Frau Hanusch Jessus, da hab ich ja noch eine dringende Depesch an dich persönlich – Havlicek An mich? Frau Hanusch Ja. Eine schöne. Havlicek Woher weißt denn das? Erbrichst du meine Post? Frau Hanusch Aber geh, ich bin doch die Posthilfsstelle und bei mir lauft alles ein! Havlicek Dann kennst du also auch das Morse-Alphabet? Respekt! Er erbricht die Depesche und liest sie. Na das ist aber rührend! Rührend! Mrschitzka Vorlesen! Laut! Wir wollen auch gerührt werden! Havlicek Vom Chef dort drüben, das heißt: vom ehemaligen Chef – Er liest. »Mein lieber Herr Havlicek stop es ist mir ein Bedürfnis, bevor ich demissioniere, Ihnen zu helfen stop es drängt mich noch im Besitze der Macht eine menschliche Tat zu begehen stop über alle Gesetze hinweg stop Sie sind also erlöst von Ihrer penetranten Brücke und ich hoffe, daß es Ihnen gut gehen wird, während ich mich in meine Einsamkeit zurückziehe, um an meinen Memoiren zu arbeiten stop fieberhaft zu arbeiten stop Tag und Nacht stop mit drei Sekretärinnen stop leben Sie wohl stop Ihr« – Er wischt sich einige Tränen aus den Augen. Und was die Depesche kostet, großer Gott – Er zählt. Siebenundachtzig Wörter! Und dringend, also dreifach! Mrschitzka Bezahlt die Allgemeinheit. 21. Szene Der Privatpädagoge und seine Frau erscheinen nun strahlend auf der Brücke mit einem gefangenen Riesenfisch. Privatpädagoge Da! Ein Riesenhecht! Alle Wir gratulieren! Privatpädagoge Der Tag beginnt gut und die Nacht war doch so düster. Heut angel ich nimmer! Das ist ein Hecht! Havlicek Abrakadabra! Privatpädagoge begeistert: Abrakadabra! Und ihr seid alle eingeladen zu diesem Fang! Mrschitzka Das wird ein Verlobungsschmaus! Frau Verlobung? Szamek   deutet auf Konstantin und Eva: Dort! Das junge Paar! Privatpädagoge und Frau Wir gratulieren. Frau Hanusch Na und wir? In vier Wochen heiß ich Frau Havlicek! Alle Wir gratulieren! Havlicek Danke! Eva Und in vier Wochen heiß ich – Zu Konstantin – wie du. Und in sieben Monat – Sie küßt ihn. Szamek Was?! Schon in sieben Monat? Mrschitzka Ich gratuliere. Szamek Na servus! Frau Hanusch Aber Herr Szamek! Ende gut, alles gut! Szamek Ich hab ja immer schon gewußt, daß die Leut dort drüben einen falschen Charakter haben! Privatpädagoge Das junge und das noch jüngere Paar – sie leben hoch! Alle Hoch! Hoch! Hoch! 22. Szene Finale Havlicek Daß ich das noch durft erleben, Daß es solche reine Freuden gibt! Plötzlich ist die Grenz gefallen, Ich darf mit den andern allen In der alten, niegekannten Heimat leben, Die man ohne Grenzen liebt! Szamek Ohne Grenzen, ohne Grenzen Gäb es keinen Staat und keine Ordnung in der Welt. Wir tun von den Grenzen leben, Also muß es Grenzen geben. Nein, das wär ein ganz ein arges Gfrett! Wenn man keine Grenzen, keine Grenzen hätt! Alle Ja, das ist wahr, das ist ganz klar, So könnts nicht gehn! Ohne Grenzen, ohne Grenzen War das Leben gar nicht schön. Konstantin Und wenn ein jeder das tät, was er möcht, Und das unterließ, was er nicht möcht, Wenn ein jeder so wär, wie er ist, Na servus! Das wär ein feiner Mist. Na gute Nacht, das wär ein Erwachen! Da hätten wir alle nichts zu lachen! Alle Ja, das ist wahr, Das ist ganz klar So könnts nicht gehn! Ohne Grenzen, ohne Grenzen Wär das Leben gar nicht schön. Frau Hanusch Die Jugend, die ist allweil keck, Und räumert gern alle Grenzen weg. Wir reiferen, gesetzteren Leut, Wir denken an die Ewigkeit! Havlicek, Privatpädagoge und seine Frau Wir denken an die Ewigkeit! Privatpädagoge Vor allen Dingen leiden wir An einem schrecklichen Gewirr Von Wünschen, Begierden, Gedanken, Von Trieben, gesunden und kranken, Gescheiten und dummen, Geraden und krummen, Wies heutzutag der Fall ist, Wo kaum noch wer normal ist. Havlicek In Anbetracht solcher Innenleben Muß es eben Grenzen geben Alle Ja, das ist wahr! Es liegt ganz klar. Grenzen wird es immer geben, Denn von den Grenzen tun wir leben. So ziehen wir die Konsequenz: Es lebe hoch die schöne Grenz!