Ludwig Holberg Jean de France oder Hans Franzen. Komödie in fünf Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   Dieses Stück ist der Zeit nach das dritte, das Holberg schrieb. Auch rücksichtlich der Verbreitung, die es gefunden, und des Beifalls, der ihm zu Theil geworden, steht es dem »Politischen Kanngießer« am nächsten; namentlich in Deutschland, wo es den Titel »Der Deutschfranzose« führte, war es außerordentlich beliebt. Die Erfindung betreffend, ist der Hauptcharakter des Jean Holbergs ausschließliches Eigenthum, als ein schönes Zeugniß seines Patriotismus und seines kernhaften, ächt bürgerlichen Sinnes; im Einzelnen dagegen, sowol was die Intrigue des Stücks, als was einzelne Einfälle und Wendungen angeht, ist Gherards Théâtre Italien , nach der Gewohnheit des Autors, vielfach benutzt worden. – Im Uebrigen scheint mit der Thorheit, die es geißelte, auch das Stück selbst beim dänischen Publikum in Abnahme gekommen zu sein; von 1748 bis 1796 wurde es nur noch zwölfmal aufgeführt, und auch ein späterer Versuch, es nach zwanzigjähriger Pause wieder auf die Bühne zu bringen (im Winter von 1814 auf 1815), mißglückte. Personen:         Jeronimus , ein Bürger. Franz , sein Nachbar. Jean , Franzens Sohn. Elsbeth , Jeronimus' Tochter. Antonius , ihr Liebhaber. Espen , ein Diener. Marthe , eine Magd. Arv , ein Hausknecht. Magdelone , Franzens Frau. Pierre , Jeans Diener. Ein Spieler . Ein Knabe .     Erster Akt. Erste Scene. Jeronimus . Franz . Jeronimus . Guten Morgen, Nachbar, wo kommt Ihr so früh her? Franz . Ich hatte ein Geschäft auf dem alten Markt »Gammel Torv«, ein Platz in der Nähe des Westernthors in Kopenhagen, der noch jetzt diesen Namen führt. A.d.Ü. . Jeronimus . Was gutes Neues da? Franz . Nichts, als daß man eben Einen in Prison brachte. Jeronimus . Das ist nichts Neues; aber warum brachte man ihn dahin? Franz . Schulden halber, hört' ich. Jeronimus . Das ist erst recht nichts Neues. Franz . Der Mann ist lange im Ausland gewesen und hat viel Geld dabei zugesetzt. Jeronimus . Das ist erst recht nichts Neues. Hört mal, lieber Nachbar, spiegelt Euch an dergleichen Exempeln. Ihr habt einen Sohn . . . . mehr will ich nicht sagen, gebe Gott, daß es nicht kommt, wie ich prophezeie! Die Sache geht mich so nahe an wie Euch; ich habe ja meine Tochter Elsbeth mit ihm verlobt. Aber Ihr wolltet meinem Rath nicht folgen, er mußte ja seinen Willen haben, er wollte reifen, er mußte reifen, obwol er erst ein Kind von neunzehn Jahren ist. Franz . Bitt' um Entschuldigung, Nachbar: vergangenen Januar wurde er zwanzig. Jeronimus . Ich weiß recht gut, wann er geboren ist; es war um dieselbe Zeit, da meine selige Brigitte starb. Aber das 86 ist nun einerlei; gesetzt auch, er ist zwanzig Jahre, bleibt das darum nicht doch ein gefährliches Ding, ihn so außer Landes reisen zu lassen? Franz . Ich will nicht weiter streiten, ob das gefährlich ist oder nicht; aber das weiß ich, die Meisten hier zu Lande reisen in dem Alter. Jeronimus . Dafür geht's denn auch den Meisten, wie dem Kerl, dem Ihr heute auf dem alten Markt begegnet seid. In so weit, lieber Nachbar, habt Ihr Recht: die Meisten kommen so arm zurück, daß sie reif sind zum Hängen, warum soll Euer Sohn sich nicht so gut hängen wie ein Anderer? Franz . Ei das hat keine Noth; noch beim Abschied hat er mich versichert, er würde sich schon gut aufführen. Jeronimus . Das thun sie alle. Ich weiß nicht, wie seine Lebensweise in Paris gewesen; aber das kann ich sagen, seine Briefe stehen mir gar nicht an; meine Tochter Elsbeth nennt er Isabelle, sich selber nennt er Jean, und ich heiße Jerome. Sich selbst kann er nennen, wie er Lust hat, er mag sich Fairfax Damals ein sehr beliebter Hundename in Dänemark; er stammt ohne Zweifel aus Cromwells Zeiten, wo Thomas Fairfax (geb. 1611, gest. 1671) als General der Parlamentstruppen und nächster Vorgänger Cromwells im Oberbefehl (1650) eine auch auswärts sehr bekannte Persönlichkeit war. A.d.Ü. oder Sultan schreiben, wenn er will: nur soll er mir und meiner Tochter unsere ehrlichen christlichen Taufnamen lassen. Franz . Ei lieber Nachbar, das ist nun die Mode; junge Leute thun so was, um zu zeigen, daß sie fremde Sprachen gelernt haben. Jeronimus . Ob das Mode oder nicht, darüber streite ich nicht, aber ist das eine vernünftige Mode? Gesetzt, ein Franzose käme zu uns und verdrehte seinen Namen Jean und ließe sich Hans nennen; wenn der nun wieder nach Hause käme, würden seine Landsleute nicht denken, er wäre verrückt geworden? Fremde Sprechen lernen ist ganz hübsch, aber erst müssen wir unsere eigne können. Auch Reisen außer Landes zu machen, ist ganz hübsch, wenn man zuvor zu Jahren und Verstand gekommen ist, wenn man Vermögen genug hat, von seinen Zinsen zu leben, wenn man auf eine Profession reist, die man zu Hause nicht lernen kann. Hier aber ist's wie ein Gesetz geworden für arme Bürgerssöhne, mit solchen ausländischen Reisen durch die Bank ihre Familien zu ruiniren, um dafür eine Sprache zu lernen, 87 die sie für ein halb Mandel Thaler, mehr oder weniger, zu Hause beim Sprachmeister hätten auch lernen können. Die Meisten verderben dabei und lernen nichts als thörichte Moden und Wollüste, womit sie nachher das Land anfüllen. und vergessen das Gute, das sie in der Schule gelernt haben. Ich kann Euch da über eine Mandel nette Kerle herzählen, die auf der Schule auf den Pastor studirt und Predigten gemacht haben, die sehr gefallen haben, selbst in unserer Frauen- und Rundkirche, wo doch die gelehrten Gemeinden sind Die Kopenhagener Frauenkirche ist noch jetzt eines der bekanntesten Gebäude der Stadt, die Metropolitan- und Krönungskirche des Reichs. Doch ist das jetzige Gebäude, dem die darin befindlichen Marmorwerke Thorwaldsens einen Weltruf verschafft haben, nicht mehr das alte, von dem Holberg hier spricht, vielmehr wurde dieses bei der englischen Belagerung im Jahre 1807 in Trümmer geschossen. Die »Rundkirche« heißt eigentlich Trinitatiskirche; den erstern Namen führt sie von dem dabei befindlichen sogenannten runden Thurm. Derselbe dient gegenwärtig als Sternwarte und wird wegen des schönen Panorama's, das er auf Kopenhagen und die Umgegend bietet, von Einheimischen und Fremden häufig besucht; auch schon zu Holbergs Zeiten stand der Zutritt gegen ein geringes Trinkgeld jederzeit offen. Beide, sowol die Frauen- als die Trinitatis- oder Rundkirche, gehörten damals zur Universität, es waren die eigentlichen Universitätskirchen, darum nennt der Dichter auch die dazu gehörigen Gemeinden die »gelehrten Gemeinden«, nach derselben scherzhaften Logik, mit der er die Bauern auf den der Universität gehörigen Gütern »gelehrte Bauern« nennt; vergl. die Anmerkung zu Erasmus Montanus in Bd. II. unserer Auswahl. A.d.Ü. . Dieselben Leute sind dann später der Mode gemäß außer Landes gereist, und da haben sie dann der Mode gemäß ihr ganzes Christenthum vergessen, bis auf den Katechismus, haben ihre Mittel zugesetzt, eine Menge politischer Narrheiten mitgebracht, und nachher sind sie dann mit ihrem Bonjour oder Comment-vous-portez-vous umhergegangen und haben den Teufel im Leibe gehabt, bis sie der Melancholie oder dem Branntwein verfallen und crepirt sind. Und damit haben dann die Eltern ihre Kinder ruinirt und sich selbst im Elend gesehen. Ja, Ihr lacht darüber, lieber Nachbar, und doch ist dies wahrlich so; säht Ihr nur einmal das viele Geld, das die jungen Leute das Jahr über unnütz im Auslande verthun, in einer Summe auf einem Fleck, Ihr würdet Euch nicht länger darüber wundern, daß wir so arm und mittellos sind. Euer Sohn hat nun in Frankreich bereits funfzehnhundert Thaler verzehrt. Ihr sagt, er hat Französisch dafür gelernt; aber Ihr sagt nicht, wie viel Latein er dabei vergessen hat. Narrenspossen und Unsinn, das ist, wie ich merke, das Erste, was er gelernt hat, das kann ich aus jedem Briefe sehen, den er mir schreibt. Was Henker soll ich mit den französischen Briefen, von denen ich kein Wort verstehe? Erst kosten Sie mich das Postgeld und nachher noch eine Flasche Wein an Jean Baptiste Dieser Jean Baptiste soll ein damals lebender Kopenhagener Sprachmeister gewesen sein, der aber vom Dänischen herzlich wenig verstand; darum läßt sich Jeronimus den Brief seines Sohnes auch ins Deutsche übertragen, weil Jean Baptiste zwar Deutsch nur schlecht, aber Dänisch gar nicht versteht. A.d.Ü. , daß er sie mir in ein Deutsch übersetzt, das ich auch noch nicht einmal verstehen kann. Franz . Das nutzt nun weiter nichts, Nachbar, daß wir darüber sprechen, geschehene Dinge lassen sich nicht ändern. Ich bin nicht Schuld daran, meine Frau wollte das so haben. Jeronimus . Pfui, pfui, schiebt doch nicht die Schuld auf 88 Eure Frau! Indem Ihr Eurer Frau die Schuld von so etwas beimeßt, beschuldigt Ihr Euch ja selbst; das ist ja eine Schmach für einen Mann, zu sagen: ich bin ruiuirt, aber es ist nicht meine Schuld, meine Frau hat es so haben wollen. Franz . Mein Herzensnachbar, Ihr seid auch gar zu knurrig, ich bin, Gott Lob, noch nicht ruinirt. Geduldet Euch nur noch ein wenig, mein Sohn kommt jetzt zurück, schon vor vier Wochen ist er von Paris abgereist, und dann ist die Geschichte zu Ende. Jeronimus . Zu Ende? Ha, ha, zu Ende? Ihr werdet's noch erfahren, Nachbar, Ihr werdet's noch erfahren! Unsere dänische Jugend macht das nicht, wie die Jugend in Holland. Mynheer Kalfs Sohn in Saardam Dieselbe Geschichte mit demselben Manne hat auch Voltaire in seiner bekannten »Histoire de Pierre le Grand«, T. II, ch. 7. Doch erschien das Voltaire'sche Werk erst 1759, nach Holbergs Tod, so daß also von einem Plagiat von Seiten des letzteren keine Rede sein kann. Ebenso wenig indessen hat Voltaire die Holbergsche Stelle gekannt; es war eben ein damals im Publikum verbreiteter Schwank, der gleichmäßig von Holberg wie von Voltaire benutzt ward. A.d.Ü. reiste auch vor einigen Jahren außer Landes, hielt sich wie ein Prinz, tractirte die Minister an den Höfen: aber sowie er wieder nach Hause kam, verkaufte er Pferde, Wagen, Kutsche, Lakaien, die ganze Bagage, und zog seinen Saardamschen Bauernkittel wieder an. Aber unsere Cavaliere, unsere Herumtreiber, thun die wol dasselbe? Ja richtig, versucht es nur und gebt Eurem Sohn eine Biersuppe mit Brod zum Frühstück, wie früher, Ihr werdet schon sehen, ob er nicht antworten wird: In Holland habe ich mich an Chocolade gewöhnt. Versucht es nur und setzt ihm eine gute dänische Mehlgrütze oder Gerstenbrei vor und seht, wie er dazu greinen wird, und wird den nächsten Abend beim französischen Koch soupiren. Wollten sie nur wenigstens Eines Volkes Narrheiten mitbringen, so möchte es ja noch angehen. Aber da kommen sie nach Hause, zusammengeflickt aus allen Tollheiten, die sich in England, Deutschland, Frankreich und Italien finden. Ich will nicht aufschneiden, Nachbar, aber das ist so ungefähr die Lebensweise unserer jungen Cavaliere, wenn sie nach Hause kommen: Morgens müssen sie ihren Thee oder ihre Chocolade haben, sie sagen, das wäre so auf Holländisch; Nachmittags ihren Kaffe, das ist so auf Englisch; Abends spielen sie l'hombre bei einer Maitresse, das ist so auf Französisch; haben sie einen Gang in der Stadt, muß ihnen ein Lakai nachtreten, das ist so auf Leipzigisch oder Berlinisch; wollen sie in die Kirche gehen, so fragen sie erst, ob da auch Musik ist, das ist auf Italienisch. 89 Alles, was ausländisch ist, dünkt ihnen schön und vornehm, selbst wenn sie Schulden halber ins Loch geschmissen werden. Franz . Nun, nun, Nachbar, es wird schon besser gehen, als Ihr denkt. Aber ist das schon lange her, seit Euch mein Sohn geschrieben? Jeronimus . Ungefähr vier Wochen. Franz . Vor vier Wochen ist er von Paris abgereist. Jeronimus . Das kann schon sein; sein letzter Brief war datirt, mit Permission zu sagen, ans Dünnkäcker oder Dünnkacke. Giebt's denn nur in Frankreich eine Stadt, die so heißt? Franz . Das muß Dünkirchen sein, das schreibt der Franzose Dünnkacke. Er geht nämlich zu Wasser. Jeronimus . Das ist ein garstiger Name. Aber da kommt Arv, der Hausknecht, ganz außer Athem; was will denn der? Zweite Scene. Arv . Jeronimus . Franz . Arv . Nun geb' ich noch einen Thaler zu, wenn der Herr zu Hause wäre. Hans Franzen ist nach Hause gekommen, und Niemand kann ein Wort verstehen, was er sagt. Zuerst, wie er in die Thür kam, fragte er: Wo ist Mosjö Mobeer? Ich war ganz erschrocken über die Frage; denn wer Henker soll ihm Moosbeeren verschaffen im Maimonat? Ich antwortete ihm, das wäre hier zu Lande nicht die Zeit dazu. Darüber verwunderte er sich nun wieder sehr, als ob er nie zuvor in einem hiesigen Garten gewesen wäre, und darauf fragte er nach seiner trä schär Mähr. Ich antwortete ihm darauf, wie es die Wahrheit ist, die könnte er auf dem Ulfeldschen Platz und auf dem Holländer Berg finden, da fände er träge Mähren genug. Mir gab er einen Hundenamen: er nannte mich Garsong und noch was, was ich mich wieder zu sagen schäme. Franz . Nun Arv, was hast du Neues? Arv . Einen ganzen Sack voll. Franz . Bös oder gut? 90 Arv . Halb bös, halb gut: Hans Franzen ist wiedergekommen von Westindien, aber . . . Franz . Von Westindien? Arv . Nun, ich denke doch von Westindien, weil er ja den Sonnenstich hat. Entweder ist er verrückt, oder er ist guter Hoffnung; denn das Erste, wonach er verlangte, waren Moosbeeren. Franz . Wie sieht er aus? Was hat er an? Arv . Er sieht wunderlich aus. Ich weiß nicht, ob der Herr den Treffbuben kennt; just so sieht er aus, wahrhaftig! Er trägt einen rothen Schlafrock und hat einen Hut auf, sechsmal so breit, wie der meine; er ist just so breit, wie der, den der Hanswurst hatte, als der Herr neulich beim starken Mann Man braucht nicht gerade an den unter dem Namen des starken Mannes berühmten Herrn von Eckenberg zu denken, der allerdings um dieselbe Zeit in Kopenhagen war und hier als Komödiant, Seiltänzer, Luftspringer, Puppenspieler König Friedrich IV. dermaßen entzückte, daß er ihn, den ehemaligen Bernburger Sattlergesellen, in den Adelstand erhob; vielmehr führten diesen Namen des starken Mannes damals alle derartigen Künstler, ja in manchen Gegenden Deutschlands ist ihnen derselbe bekanntlich bis auf diese Stunde geblieben. A.d.Ü. war. Er hätte nicht nöthig, vor der Zeit zu spaßen, er kann noch zeitig genug Hahnrei werden Mit niedergeschlagenen Krämpen oder auch nur mit breitkrämpigem Hut zu gehen, galt zu Holbergs Zeit als das sichere Merkmal eines Ehemannes, der »Hörner« zu verstecken hatte; vgl. namentlich »Die Wochenstube« in Bd. I. dieser Sammlung. A.d.Ü. . Aber ich muß laufen und den Brief bestellen, den er mir gegeben hat. Franz . An wen ist der Brief? Arv . Der ist an einen Mann mit Namen Moons. Franz . Laß mich den Brief sehen: » A Mons. Monsieur de Pedersen, Auditeur de la première Classe in Copenhague. « Das muß an Monsieur Petersen sein, Hülfslehrer an der untersten Klasse, mit dem er gut Freund ist. Da kannst Du lange laufen und nach Herrn Moons fragen. Wo ist mein Sohn? Arv . Er wird gleich kommen, er steht in der grünen Stube und wickelt sich seine Perücke vorm Spiegel. Ich muß laufen. (Ab.) Dritte Scene. Jean . Jeronimus . Franz . Jean . La la la la la! Nun kann ich nicht wieder auf den bougre de pagrad kommen, den ich zuletzt bei Monsieur Blondis Blondis war der berühmteste Tänzer der Pariser Oper zu Anfang des 18. Jahrhunderts. Der » bougre de pagrad « ist vermuthlich verdorben aus pas grave , einer Erfindung des damaligen französischen Balletmeisters Marcell, durch den auch die Menuet in Aufnahme kam. Die gleich darauf erwähnte Christenbernikovstraße ist in Kopenhagen noch jetzt unter diesem Namen bekannt. A.d.Ü. gelernt habe. Pardi! das ist ein grand malheur. Mais voilà mon père et mon Schwieger- père! Bon matin, Messieurs, comment vive ma chère Isabelle? 91 Jeronimus . Hört, mein guter Hans Franzen! Ich bin in der Christenbernikovstraße geboren, mein Vater ebenso. Eine Isabelle oder Fidelle ist nie in unserm Hause gewesen; ich heiße Jeronimus Christophersen und meine Tochter Elsbeth, mit Gott und Ehren. Jean . Das ist Alles dasselbe, mon cher Schwiegerpapa! Elsbeth, Isabelle oder blos Belle, das Letzte ist das Vornehmste. Jeronimus . Wenn der meine Tochter Belle nennt, so kriegt er's mit mir zu thun, denn das ist ja ein Hundename. Wollt Ihr uns nicht mit unsern christlichen Namen nennen, so könnt Ihr Euch nur nach einem andern Schwiegervater umsehen; ich bin ein ehrlicher Bürger von altem Schlag, ich leide solche neue Alamoden nicht, und ebenso wenig verstehe ich mich auf solche hochtrabende Parlirung. Jean . Pardonnez-moi, mon cher Schwiegerpapa, man sagt nicht Alamoden; ce n'est pas bon Parisish, c'est bas breton, pardi.... La la la la! Das ist die neueste Menuet, composé par le Sieur Blondis, pardi. Das ist ein habile homme, le plus grand Tanz- Maître en Europe. Heißt nicht Tanz- Maître auf Dänisch auch Tanz- Maître ? Ich habe mein Dänisch ganz oubliirt dans Paris . Jeronimus . Schade, daß Ihr es nicht ganz und gar vergessen habt. Denn jetzt versteht Ihr weder Dänisch, noch Französisch; wärt Ihr noch vierzehn Tage länger in Paris geblieben, hättet Ihr wol auch noch Euren Namen vergessen. Jean Non, ma foi, das vergesse ich so leicht nicht, daß ich heiße Jean de France, non, pardi non! Franz . Jean de France, nong paradis nong – heißt das Hans Franzen auf Dänisch? Nachbar, die Sprache muß reicher sein als unsere. Jeronimus . Es wäre besser, statt mich zu fragen, Ihr gäbt Eurem Sohn ein paar Ohrfeigen gegen seinen Hirnschädel. Jean . Messieurs, je demande pardon, ich muß gehen; wir Parisiens können nicht lange auf einem Fleck bleiben . . . . La la la la! Ich muß hin und mich ein bischen umsehen à la Grève! Adieu si long! (Geht ab.) 92 Vierte Scene. Jeronimus . Franz . Jeronimus . Lebt wohl, Nachbar, ich bitte um Verzeihung, daß ich so dreist gewesen bin, mit Euch zu sprechen; Euer Sohn, wie ich höre, ist ja gräflich geworden, und also sind ich und meine Tochter zu gering, mit Euch umzugehen. Franz . Ach, mein Herzensnachbar, seid doch nicht so rasch, habt nur vierzehn Tage Geduld, unterdessen, hoff' ich, sollen ihm die Grillen vergehen. Ihr wißt ja, mit Hermann Franzens Sohn war es ebenso, der machte auch mit seinem Parlemefransö alle Menschen todt, der war ja so eingenommen davon, daß er bei keinem Mädchen mehr liegen wollte, außer auf Französisch; er aß lieber 'ne Suppe, aus 'ner alten Schuhsohle gekocht, wenn sie nur von einem französischen Koch zurecht gemacht war, als die beste Kalbfleischsuppe auf Dänisch. Die höchsten Beamten, mit denen er sprach, redete er mit Mosjö Diese Anrede war zwar in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Dänemark allgemein üblich, in Gesprächen wie in Briefen, wurde aber doch immer nur zwischen Gleichstehenden, nie gegen Höherstehende angewendet. A.d.Ü. an, blos weil das so sein Parlemefranzösisch war, unbekümmert, daß er sich viele Feinde dadurch machte. Ja, zu guter Letzt wollte er in keine Kirche mehr gehen, sondern hielt sich zur französischen Gemeinde in Aabenraa. Und nachher, wie er ausgerast hatte, wurde derselbe Mann so vernünftig, daß er nun alle französischen Bücher verbrennt bis auf die Bibeln, wo er sie zu packen kriegt, und sich mit den Leuten auf der Straße herumzankt, blos weil sie parlemefranzösische Gesichter haben, obwol es eingeborne Christenmenschen sind. Ich hoffe, mit meinem Sohn wird das in Kürze ebenso gehen; er muß nur was zu thun kriegen. Ich werde ihn beim Rentamt Eine unter Friedrich IV. neuorganisirte Behörde, die aber in Wahrheit so wenig zu thun hatte, daß die meist jungen Beamten auf allerhand Thorheiten und lockere Streiche verfielen, was im Jahre 1728 sogar eine eigene Verordnung zur Folge hatte. A.d.Ü. unterbringen, da wird er meiner Treu schon Anderes zu thun kriegen, als zu singen La la la la! und Fiol de Spanie zu tanzen am lichten Tage. Jeronimus . Nun, nun, Nachbar, damit Ihr nicht sagen sollt, daß ich zu knurrig bin, wolan, so will ich vierzehn Tage Geduld haben. Bessert er sich in der Zeit, so sähe ich am liebsten, er hielte sofort Hochzeit mit meiner Tochter und legte sich auf eine bürgerliche Handtierung; denn ihn so mit den Jungen 93 vom Rentamt 'rumlaufen zu lassen, das thut's auch nicht, Nachbar, das thut's auch nicht! Franz . Wie Ihr es gut findet, so soll es geschehen. Lebt wohl so lange! Jeronimus . Lebt wohl! (Ab.) Fünfte Scene. Magdelone . Franz . Magdelone . Ach, mein Herzensmann, hast Du Hans Franzen gesehen? Franz . Mehr als mir lieb ist; Gott besser's! Magdelone . Du hast immer mit mir gezankt, wir hielten zuviel von dem Sohne. Franz . Freilich. Magdelone . Aber, haben wir nun nicht unsere Freude an ihm? Franz . Ja, das ist richtig; man kann über ihn lachen, so oft man ihn sieht. Magdelone . Ach, das ist ein allerliebster Junge. Franz . Ja wol. Magdelone . Denk nur einmal an, wie er in der französischen Sprache zugenommen hat in so kurzer Zeit. Franz . Zum Erschrecken. Magdelone . Ich kannte ihn gar nicht wieder, wie ich ihn sah. Franz . Ich auch nicht. Magdelone . So lebendig ist er geworden. Franz . Ja wol. Magdelone . Und so zierlich. Franz . Zum Erschrecken. Magdelone . Frankreich erzieht doch Menschen. Franz . Teufelsmäßig. Magdelone . Er nannte mich Mardam. Franz . That er das? 94 Magdelone . Ja, er sagte, Mutter wäre so gemein. Franz . Kann wol sein. Magdelone . Aber seine Braut nannte er Maitresse; das., dächt' ich, war doch wunderlich. Franz . Warum denn? Magdelone . Es ist vielleicht so gebräuchlich in Frankreich. Franz . Vermuthlich. Magdelone . Gott sei Lob, daß er doch seine alten Eltern noch kannte. Franz . Ja wol. Magdelone . Aber, warum weinst Du, Herzensmann? Gewiß vor Freude. (Leise) Der arme Mann hält doch mehr auf seine Kinder, als er sich merken läßt. (Laut) Ich hab' auch geweint vor Freuden. Franz . Und ich vor Kummer. Magdelone . Vor Kummer? Franz . Ja, vor Kummer. Oder soll ein ehrlicher Vater nicht weinen, wenn er seinen Sohn so umgewandelt sieht zu einem Phantasten, einem Gecken, einem Narren?! Magdelone . Was sprichst Du da für grobe Worte? Mein Sohn ein Narr? Franz . Ja, ein wahrer Narrenhauptmann. Magdelone . Ach, ich armes Weib, da muß ich nun solchen Tölpel zum Mann haben, der nichts zu schätzen weiß, was gut ist! Die einzige Freude, die ich in der Welt habe, ist das liebe Kind, und das kann dieser schlimme Mann nicht leiden. Selbst die unvernünftigen Bestien sieht man ja doch für ihre Kinder Sorge tragen, ja selbst Türken und Heiden sorgen für ihre Brut; blos Du hassest Deine eigenen Kinder, die fremde Leute wegen ihrer Artigkeit lieben. Ich will nichts rühmen, was mir gehört: aber das glaub' ich doch nicht, daß es im ganzen Lande einen artigeren Menschen giebt als Hans Franzen; hättest Du nur ein bischen gewöhnlichen Menschenverstand, so müßtest Du das ja einsehen. Franz . Worin besteht denn seine Artigkeit? Magdelone . Nun eben darin, daß er artig ist. 95 Franz . Ich sehe keine Artigkeit darin, in so kurzer Zeit funfzehnhundert Thaler zu verbrauchen. Magdelone . Du sprichst nur von dem, was er verbraucht hat, aber nicht von dem, was er gelernt hat. Franz . Ich sehe es wol, er hat gelernt ein Fiol de Spang Soll heißen Folie d'Espagne , ein damals sehr beliebter künstlicher Tanz. A.d.Ü. zu tanzen, eine Menge verliebter Lieder zu singen und seine Muttersprache zu verderben; ich glaube, er kann jetzt weder Dänisch, noch Französisch. Magdelone . Mit solchem verdrießlichen Menschen mag ich gar nicht mehr sprechen; aber ich schwöre Dir, ich komme mein Lebtag nicht mehr zu Dir ins Bett. Franz . Halt still, Herzensweib, ich will Dir was sagen . . . Magdelone . Nicht ein Wort mehr. Franz . Gott bewahre, wie kannst Du nur gleich so böse werden. Magdelone . Laß mich gehen, sag ich. Franz . Ei, Magdelonchen, ich habe das ja nicht so bös gemeint. Magdelone . Keine Possen, ich gehe. Franz . Warte, mein Hühnchen, Du sollst was kriegen, Du weißt schon – Magdelone . Bagatell! Franz . Mein Zuckerdöschen! Magdelone . Geschwätz! Franz . Mein Snutchen! Magdelone . Laß mich los! Franz . Mein Syrupsfäßchen! Magdelone . Fort! Franz . Meine Butterblume! Magdelone . Papperlapap! Franz . Mein Märzveilchen! Magdelone . Nichts! Franz . Meine Herzensfreude! Magdelone . Hol Dich der Henker! Franz . Mein Riechfläschchen! Magdelone . Geh zum Blocksberg! 96 Franz . Ach, mein allerliebstes Weib, sei doch nicht böse auf Dein kleines Männchen! Magdelone . Keine Faxen! Franz . Auf Deinen lieben kleinen Franz! Magdelone . Fort, falscher Schlingel! Franz . Ich will wahrhaftig nie wieder solchen Spaß treiben; denkst Du denn, daß es mein Ernst war? Magdelone . War es also nicht Dein Ernst? Franz . Ei was, mein Ernst! Denkst Du denn, ich merke die Liebenswürdigkeit meines Sohnes nicht so gut wie Du? Ich redete nur so, um Dich wie bisher zu necken; es war wahrhaftig blos vor Freude, daß ich weinte. (Leise) Ach Gott schütze den armen Mann, der, um nur Frieden im Hause zu haben, seiner Kinder Wohlfahrt aufopfern muß! Magdelone . Hast Du das wirklich nur im Scherz gesagt, mein Herzensmann, so ist Alles wieder gut. Aber da kommt er. Sechste Scene. Die Vorigen . Jean . Nachher Arv unsichtbar. Magdelone . Gieb nur einmal Acht auf seine Manieren und sieh, ob wir nicht Ursache haben, solch einen Sohn zu lieben. Franz . Du hast Recht, Frau. Magdelone . Mein Herzenssohn, Du mußt Deine Mutter nicht so lange allein lassen, ich kann keinen Augenblick ohne Dich sein. Jean Was meint Madame zu dem Contretemps, den ich ganz kürzlich gelernt habe, bevor ich von Paris abreiste? Ich glaube pardi nicht, daß den Einer hier zu Lande schon kann. Ich kann ihn auf zwanzig Façons machen, zum Exempel erst so . . . und dann wieder so . . . Magdelone . War das nicht eine prächtige Capriole, Mann? Jean Das war keine Capriole, Madame, sondern ein Contretemps. Magdelone . Ich versteh' das nicht, mein Herzenssohn, Du 97 mußt mich entschuldigen; eine schlechte und rechte Menuet habe ich vor diesem allenfalls tanzen können, aber weiter nichts. Jean . Kann Madame die Tour davon noch? Magdelone . Ja, vielleicht. Jean . Wolan, laß uns ein Menuet mit einander tanzen, damit Ihr seht, was ich für Pas mache. Magdelone . Das wird ein wunderlicher Tanz werden, fürcht' ich, ich bin doch wol ein bischen zu alt zum Tanzen. Jean . Hat nichts zu sagen. La tour seulement! Magdelone . Nein, mein allerliebster Sohn, ich bitte mich zu entschuldigen. Jean . Ah pardi, je m'en mocque! La tour seulement! Franz (leise) . Das ist mir so lieb, als wenn mir Einer zehn Thaler gäbe; ich wär' es zufrieden, wenn er mit ihr mitten auf dem Schloßplatz tanzte, das wär' ihr ganz recht, weil sie ihn selbst so verdorben hat. Magdelone . Ach, mein Herzenssohn, thu mir doch nicht den Schimpf an! Jean Ei sans façon! Das ist gar nicht hübsch, sich so lange nöthigen zu lassen. La tour seulement! Franz (leise) . Na, das geht schön. Magdelone . Meine Füße sind schon zu steif dazu. Jean . Pardi! Mardi! Peste! Diantre! Tête-bleu! Nun werd' ich böse, das Vergnügen könntet Ihr mir doch wol sacht machen! La tour seulement! Magdelone . Ehe mein Sohn böse wird, will ich es ja gerne thun, so gut ich kann. Franz (leise) . Ha, ha, ha! Jean . Papa muß uns ein Menuet singen! Franz . Kann ich denn singen? Jean Aber gebt wol Acht, daß Ihr uns die Mesure haltet beim Singen! Franz . Sauer genug wird's mir werden, mein Sohn; es ist wol das Beste, Ihr singt selbst. Jean . Ei pardi, c'est impossible! Wie kann ich denn singen und tanzen dans le même temps? 98 Magdelone . Kann ich unserm Sohn den Willen thun und mit ihm tanzen, so kannst Du auch wol mit ihm singen. Franz . Ich hoffe. Frau, das ist nicht Dein Ernst; zum Narren mach' ich mich nun einmal nicht, dazu bin ich zu alt. Jean Tête-bleu! J'enrage! Magdelone . Ach, mein Herzenssohn, werde nur nicht böse, er soll singen auf mein Wort und wenn er toll wird. Jean . Ah pardi, chantez donc! Magdelone . Du bist doch der verdrießlichste Mann, den es je auf Erden gegeben hat. Jean . Diable m'emporte, di..... Franz (fängt an die Melodie zu singen, die die Nachtwächter haben, und weint dazwischen. Die beiden Andern fangen an zu tanzen) . Jean . Ei das ist ja kein Menuet, kann Papa kein Menuet? Franz . Ich kann blos das. Magdelone . Na, denn mach' nur zu, es ist ja einerlei, ob es auch ein bischen altmodisch ist. (Er singt, aber sowie sie sich umdrehen, droht er ihnen. Sie tanzen beide sehr schlecht, Arv guckt ungesehen zur Thür hinein. Von Zeit zu Zeit ruft Jean: La cadence, mon père! la cadence! Wenn der Tanz aus ist, gehen sie ab.) Franz (leise) . Ach, ich elender Mann, daß ich solchen Sohn in die Welt gesetzt habe! Da muß ich bei Zeiten Rath schaffen, sonst wird mein Haus zum Stadtgespräch. 99 Zweiter Akt. Erste Scene. Antonius . Elsbeth . Marthe . Espen . Antonius . Ach, meine allerschönste Jungfrau, das Herz will mir brechen bei dieser unglückseligen Nachricht, daß mein Rival' so unvermuthet zurückgekommen. Elsbeth . Wie meint Ihr denn wol, daß es mir ums Herz ist, die ich auf ewig an diesen widerwärtigsten aller Menschen gefesselt werden soll? Ich hatte einen Abscheu vor seiner Person, schon bevor er reiste: denn ich sah ja, wie eitel und abgeschmackt er war, und konnte leicht voraussehen, daß er, wenn er erst in fremde Länder käme, den Verstand vollends verlieren würde. Antonius . Und an solche Person, meine allertheuerste Jungfrau, wollt Ihr Euch binden? Elsbeth . Gutwillig nicht, mein theurer Antonius. Aber Ihr wißt, daß ich einen Vater habe, hart wie Stein; was er einmal haben will, das muß geschehen, und wenn es der Untergang seines eigenen Hauses wäre. Antonius . So lange ich lebe, soll es dennoch nicht geschehen. Elsbeth . Womit wollt Ihr es hindern? Antonius . So lange ich lebe, sag' ich; meine Augen sollen das nicht sehen, lieber bring' ich mich selbst um. Elsbeth . Und das sag' ich Euch, Ihr unbesonnener Mensch: nehmt Ihr Euch das Leben, so endige ich mit demselben Schwert auch meine Tage. Hört daher auf mit solchen Reden und denkt 100 lieber auf Mittel, das drohende Unglück abzuwehren, und seid versichert, daß weder der Wille der Eltern, noch sonst irgend etwas in der Welt das Band zerreißen kann, das unsere Herzen verbunden hält. Antonius . Ach, nun bin ich zufrieden! Marthe . Hört doch, Ihr verliebten Thoren: statt solch ein unnützes Aufheben zu machen, wäre es besser, Ihr bätet mich und Espen, ein bischen die Köpfe zusammenzustecken. Ihr wißt ja, wenn wir zwei unsern Witz gebrauchen wollen, so ist uns kein Ding unmöglich; gebt uns nur Zeit, ein bischen herumzuspeculiren, und geht so lange bei Seite. (Sie gehen hinein) . Zweite Scene. Marthe . Espen . Marthe . Espen, Du bist ein alter Schelm, nun laß sehen, wozu Du gut bist? Espen . Dich abgerechnet, glaub' ich nicht, daß ich meinen Meister habe. Marthe . Spintisire nur etwas aus, es thut nichts, wenn Du auch dafür gehängt wirst. Denn wenn Du nicht dafür gehängt wirst, wirst Du doch gewiß für was anders gehängt, und zwar nächstens. Espen . Nein wahrhaftig, so rasch geht's mit dem Gehängtwerden nicht, wenn anders das wahr ist, was die Wahrsagerfrau mir vorgestern aus der Hand las. Marthe . Und was prophezeite sie Dir? Espen . Sie prophezeite mir, daß ich nicht eher gehängt würde, als bis Du ausgepeitscht wärst und drei Jahre im Spinnhaus gesessen hättest. Marthe . Ei, Redensarten! die alten Propheten sind todt, und die neuen taugen nichts. Espen . Nein meiner Treu, das Weib war alt genug, sie hatte keinen Zahn mehr im Munde und konnte nicht mehr sprechen vor Alter. 101 Marthe . Wie konnte sie denn sagen, ich sollte ins Spinnhaus kommen? Wer lügen will, muß ein gutes Gedächtniß haben. Espen . Sie erklärte mir Alles durch Geberden. Marthe . Was das für dummes Zeug ist! Frisch an die Arbeit, so lang wir allein sind, die edle Zeit vergeht. Espen . Ich bin jetzt wahrhaftig nicht in der Laune, die Cour zu machen, Mamsell. Marthe . Ei pfui, Du Schlingel, da kannst Du lange warten, bis ich mich in Dich verliebe. Wollt' ich auf den Weg, so ging' ich wol zu andern Leuten, als Du bist; zehn Kutschwagen kann ich kriegen, wenn ich zu so etwas Lust hätte, mit vornehmen Bedienten hinten drauf so viel ich will. Die Arbeit, die ich jetzt meinte, war, eine Intrigue herauszuspeculiren. Espen . Ja, nun verstehe ich erst Deine Meinung. (Sie gehen, Jedes für sich, auf und ab.) Marthe . Nu Espen, bist Du mit Deiner Lection bald fertig? Espen . Ja, ich habe da eine Invention, wie wir den alten Jeronimus um einen Haufen Geld prellen können. Marthe . Ei Du Dummkopf, das ist aus der Mode, das hast Du aus einer alten Komödie gestohlen. Nein, ich hab' ein anderes Mittel, das besser ist, laß uns unsere verliebten Leutchen hereinrufen und ihre Meinung darüber hören. He, kommt wieder herein, Paris und Helena, und hört das Urtheil. Dritte Scene. Elsbeth . Marthe . Espen . Antonius . Elsbeth . Hier sind wir, laß uns denn hören, was Ihr Euch ausgedacht habt. Marthe . Wir Rathsherrn haben mit Stimmenmehrheit für gut befunden, daß, sintemalen es eine große Sünde, sich dem Willen seiner Eltern zu widersetzen, es das Beste ist, daß Jungfer Elsbeth sich diese zweite Liebschaft aus dem Sinne schlägt und sich mit dem verbindet, dem ihr Vater sie versprochen hat. 102 Elsbeth . Ach, Du treibst nur Deinen Scherz mit mir! Marthe . Gewiß ist es nur Scherz; in solchen Sachen darf man sich meiner Ansicht nach keineswegs nach den Capricen der Eltern richten. Die haben dabei blos das Interesse, sich mit gewissen Leuten zu verschwägern, von denen sie Nutzen zu ziehen hoffen, und diesem Interesse opfern sie dann nicht selten ihrer Kinder Wohlfahrt. Junge Leute dagegen denken an so etwas weniger, vielmehr wählen sie sich solche Personen zur Ehe, mit denen sie glücklich zu werden hoffen, und lieben nur, um zu lieben. Ist das nicht auch Seine Meinung, Herr Collega? Espen . Vollständig. Marthe . Wär' ich Assessor in einem Collegium mit Dir, so würd' es mir gehen wie den gescheidten Richtern, die einen Dummkopf zur Seite haben; ich hätte immer über zwei Stimmen zu verfügen. Espen . Verstehst Du Latein, Marthe? Marthe . Gerade so viel wie Du. Espen . Weißt Du, was das heißt: mulier taceat in ecclesia ? Marthe . Nein, das weiß ich nicht. Espen . Das heißt auf Dänisch so viel, daß eine solche Sau, wie Du bist, Rocken und Spule wahrnehmen und nicht daran denken soll, sich in Sachen zu mengen, zu denen die Natur mich und andere Mannspersonen geschaffen hat. Marthe . So was solltest Du nicht sagen, Espen, die Zeit wird noch kommen, wo man mehr auf den Verstand als auf das Geschlecht, mehr auf das Talent als auf den Namen sieht. Wenn unser Beider Verstand auf die Wagschaale gelegt wird, und ich dann zum Oberrichter ernannt werde, so kannst Du es nicht höher bringen als zum Apfelhöcker. Antonius . Ach bitte, laßt uns zur Sache kommen und nicht die Zeit mit solchem Geschwätz versäumen. Marthe . Laß doch nur den Espen reden, der hat ja einen herrlichen Anschlag ausgeheckt. Espen . Ei Marthe, quäle uns doch nicht so lange, sondern sag', was für ein Mittel Du ausgefunden hast, diesen lieben Kindern zu helfen. 103 Marthe . Willst Du auch bekennen, daß Du ein Dummkopf bist? Espen . Ein Schelm, der das thut. Elsbeth . Ach Herzens-Espen, kannst Du denn nicht um meinetwillen sacht sagen, daß Du ein Dummkopf bist? Espen . Ja, ich bin ein Dummkopf; ist's so recht? Marthe . Ob Du's glaubst oder nicht, wahr ist es doch. Da ging er und speculirte eine halbe Stunde, wie auf eine Predigt, und endlich kam er mit einer alten verschimmelten Intrigue, von der schon alle Komödien voll sind. Meine Invention dagegen besteht in Folgendem. Wie Ihr gehört habt, ist Hans Franzen so eingenommen von allem, was Französisch heißt, daß, wenn es gut Parisisch wäre, bei lichtem Tage auf der Straße ohne Hosen zu gehen, so thät' er das auch. Nun wißt Ihr, daß ich drei Jahre bei einem französischen Koch in der Weidenstraße gedient und in der Zeit so viel Französisch gelernt habe, wie mir zum täglichen Gebrauch vonnöthen. Ich will mich für eine französische Dame ausgeben, die soeben von Paris gekommen und in Haus Franzen verliebt ist. Wie sich die Sache weiter entwickelt, wird die Zeit lehren; laßt mich nur machen. Espen soll mein Kammerdiener sein. Elsbeth . So müssen wir eilen, Euch auszurüsten. Antonius . Ihr, meine theuerste Jungfer, gebt Marthen Kleider, ich werde Espen versehen. Espen . Espen müßt Ihr nun nicht mehr sagen, sondern Herr Kammerdiener. Antonius . Nun so packt Euch, Herr Kammerdiener. (Espen und Marthe ab.) Vierte Scene. Arv . Antonius . Elsbeth . Arv . Ha ha ha! Hi hi hi! Antonius . Ist das nicht Franz Hansens Hausknecht? Arv . Ha ha ha! Hol der Teufel die Narrheit! 104 Antonius . Worüber lachst Du denn so herzlich, Arv? Arv . Ah seid Ihr's, Monsieur Antonius? Ich bin im Begriff vor Lachen zu platzen! Antonius . Wo bist Du gewesen, daß Du so lachst? Arv . Ich komme von einem Assemblix, da hättet Ihr einen artigen Tanz mit ansehen können. Antonius . Von wem denn? Arv . Unsere Madame tanzte Schottisch mit Hans Franzen, und der Herr sang dazu. Antonius . Ei Possen! Arv . Nein wahrhaftig, es ist so. Die Madame sollte sich schämen, ich hätte nicht gedacht, daß sie so schön tanzen könnte; seht, so ging sie und wackelte mit dem Hintern. Hätte ich nur einen Rothstift, so wollte ich Euch das ganze Assemblix abmalen, ich habe zeichnen gelernt; und jedesmal, wenn er tanzte, schrie er seinen Vater an: Kater Hansen! Kater Hansen! Was das bedeuten sollte, mag der Henker wissen. Aus freien Stücken, das sah ich wol, sang der arme Mann nicht; denn er sang, weinte und drohte, Alles auf einmal. Antonius . Aber wenn er nicht singen wollte, wer konnte ihn zwingen? Arv . Alles im Hause muß nach Hans Franzens Pfeife tanzen; er regiert die Madame, und die Madame regiert den Herrn. Antonius . Der Kerl muß ja rein toll sein. Arv . Ich glaub' in der That, er hat in Frankreich Schaden im Kopf genommen; mir giebt er einen Hundenamen, er nennt mich Garsong. Wenn er mich noch einmal Garsong ruft, antwort' ich ihm meiner Seel: ja Sultan. Denn ich bin Arv Andersen getauft; das kann ich aus dem Kirchenbuch beweisen. Aber freilich, was will ich machen, wenn seine Mutter leidet, daß er sie Mähre nennt, und das thut er wirklich. Wenn Jeronimus erfährt, wie er seine Tochter nennt, ich glaube, er bläut ihm den Rücken durch. Antonius . Wie nennt er sie denn? Arv . Ich fürchte nur, Ihr sagt es weiter. 105 Antonius . Nein, ganz gewiß nicht. Arv . Er nennt sie eine Matratze. Nun ist das zwar richtig, daß die Frauen gewissermaßen Unterbetten sind; aber sie sein Unterbett oder Matratze zu nennen, das ist doch gar zu verächtlich, und überdies sind sie ja noch gar nicht verheirathet. Aber ich muß laufen. (Ab.) Fünfte Scene. Elsbeth . Antonius . Elsbeth . Das ist doch was Schreckliches mit Eltern, die sich von thörichten Kindern regieren lassen. Antonius . Meine allertheuerste Jungfer, je verrückter er wird, desto besser für uns; seine Besserung wäre die unglücklichste Zeitung, die ich kriegen könnte. Elsbeth . Ach, mein liebster Antonius, unser ganzes Glück liegt nun in Espens und Marthens Händen. Das ist eine Art übertriebener Ehrenhaftigkeit bei meinem Vater: denn obwol er mein Unglück vor Augen sieht, will er doch nicht sein Wort brechen. Er sagt, es sei nicht der Person, sondern der Familie wegen. Antonius . Wenn nun aber Marthens und Espens Anschlag nicht glückt, und Jeronimus läßt sich nicht bewegen, von seinem Vorsatz abzustehen, was wird die Jungfer dann thun? Elsbeth . Ei, liebster Antonius, plag' mich doch nicht mit solchen Fragen, ich habe mich ja ein für allemal dahin erklärt, daß ich lieber . . . . Aber da kommt mein Vater; fort, so rasch Ihr könnt! (Antonius ab.) Sechste Scene. Jeronimus . Elsbeth . Jeronimus . Ei so Pimpernille, hast Du nichts Andres zu thun, als vor der Thüre zu stehen und zu gucken und nach den jungen Kerlen zu sehen, die vorbeispazieren? Ich heiße 106 Jeronimus, ich, und nicht Franz Hansen. Denk' nicht etwa, daß Du dieselbe Freiheit hast wie dessen Kinder; hätt' ich solchen Sohn wie Hans Franzen, ich drehte ihm auf der Stelle den Hals um. Elsbeth . Aber mein Herzensvater, wenn er so nichtsnutzig ist, warum wollt Ihr mich denn da an ihn fesseln? Jeronimus . Willst Du auch noch raisonniren? Willst Du auch fragen, warum ich das thue und jenes nicht? Ich will es: das muß Dir genug sein. Wir kommen dadurch wenigstens in eine hübsche Familie, es ist eine Verwandtschaft, die nicht zu verachten; Franz Hansen ist nicht allein ein ehrlicher, sondern auch ein wohlhabender Mann. Obenein aber hab' ich ihm mein Wort gegeben, und das mag ich nicht brechen. Elsbeth . Mein Herzenspapa – Jeronimus . Papa, Papa! . . . . . Willst Du auch französisch sprechen? Kommst Du mir noch einmal mit Deinem Papa, so soll Dir das Mangelholz was vermelden . . . . . Uebrigens was hast Du sonst noch zu sagen? Elsbeth . Ich wollte nur dies sagen, daß Hans Franzen allerdings ein vortrefflicher Mann ist, aber ich soll nicht mit ihm verheirathet werden, sondern mit seinem Sohn, welcher durchaus kein vortrefflicher Mann ist und von dem ich, seit er zurück ist, schon eine ganze Menge toller Geschichten gehört habe. Jeronimus . Nun seh' Einer, nun legt sie sich auch schon auf Neuigkeiten. Fort, an Deinen Stickrahmen, das ist besser. Ich habe schon eine ganze Menge Geschichten gehört – sieh mal an, sollst Du Dich schon damit abgeben, Geschichten zu wissen? Ich lasse Dich hiemit wissen, Elsbeth, daß Du kommende Woche Hochzeit haben wirst; ich bin noch der Mann dazu, Euch Beide im Zaum zu halten, sowol Dich, wie Hans Franzen. Willst Du gleich hinein! 107 Dritter Akt. Erste Scene. Jean . Pierre . Jean . Pierre! Pierre . Que voulez-vous? Jean . Fripon! Maraud! Coquin! Bougre! Badaut! Fainéant! Que la peste t'étouffe, que le diable t'emporte, t'enlève, t'abîme! Que le diantre.... Pierre . Warum verflucht Monsieur mich denn so sehr? Jean Bist Du nicht funfzehn Monate mit mir dans Paris gewesen und hast nicht gelernt, comment Du Deinem Herrn antworten sollst, wenn er Dich ruft? Du sollst sagen: Monsieur, mais non pas: que voulez-vous? Pierre . Das ist doch nur ein kleines Versehen und nicht werth, daß man deshalb so verflucht wird. Jean . Die Wahrheit zu sagen, ist es auch nicht sowol, um Dich zu verfluchen, als mich im Französischen zu üben; ich habe letzten Monat von meinem maître de langue eine Liste gekriegt von vierzig der modernsten Flüche, die ich ja an Niemand exerciren kann, als an Dir. Pierre . Monsieur kann sie an sich selbst exerciren, er braucht nur statt te zu sagen me , so übt er sich in der Sprache und Niemand hat ein Wort dagegen einzuwenden. Jean . Ach, Pierre, daß wir doch wieder in Paris wären! Dieu donne, que nous étions dans Paris wieder; na, nu hab' ich vergessen, was »wieder« auf Französisch heißt. Pierre . Das heißt aussi . 108 Jean . Richtig, aussi ; wenn Du mich einen Fehler machen hörst, mußt Du mich nur dreist corrigiren. Aber wünschest Du nicht ebenfalls, daß wir aussi in Paris wären? Pierre . Ei, gewiß, wer brav hungern, dursten und frieren kann, für den ist Paris ein ganz guter Aufenthalt. Jean . Ei, bougre! crasseux! gourmand! Du sprichst, als ob Du geboren wärst à la place Maubere, oder à la pont neuf, comme un crocheteur, un décroteur des souliers, un porteur d'eau. Pierre . Und Monsieur spricht wie un fou, un bête, un Narr, un sot, un boufon, als ob er dans un Tollhaus geboren wäre oder à la un théâtre. Jean . Was sagst Du, bourreau? Pierre . Monsieur muß mir das nicht übel nehmen, ich thue das blos, um mich im Französischen zu exerciren. Jean . Ja so. Ecoutez, Pierre. Pierre . Monsieur. Jean Ich kann die dänischen Gesichter für den Tod nicht ausstehen. Pierre . Mademoiselle Isabelle hat doch ein recht schönes Gesicht. Jean . Ja, schön ist es wol, aber es ist doch so dänisch, c'est un visage à la Danois, à la Bankbohrstraße Vimmelskaft; noch jetzt eine der lebhaftesten Straßen im westlichen Theile der Hauptstadt, mit zahlreichen Kaufläden und Magazinen. A.d.Ü. , pardi! Inzwischen an ihr Gesicht wollt' ich mich noch gewöhnen, wenn sie nur nicht Dänisch spräche. Pierre . Hat Monsieur mit ihr gesprochen, seit er wieder da ist? Jean . O vis pardi, si fait; aber, weißt Du, was sie sagte? Pierre . Non pardi, non fait. Jean . Sie sagte: Willkommen zu Hause, Hans. Ach, wenn ich daran denke, dreht sich mir der ganze Magen um! Wäre das nun eine französische Dame gewesen, die hätte gesagt: Je suis ravi de voir mon chère mami Jean de France. Pierre . O vis pardi, si fait. In so etwas sind die Franzosen außerordentlich artige Leute, auch wenn sie nichts damit meinen. 109 Jean . Madame Isabelle parle comme un blanchisseuse dans Paris. Pierre . Ovis pardi si fait. Jean . Comme un frippière. Pierre . Ovis pardi si fait. Jean . Comme un femme, qui clame: renet! renet! dans les rues. Pierre . Ovis pardi si fait. Jean . Comme un femme, qui va avec un âne dans la rue, et clame: lait! lait! Pierre . Ovis pardi si fait. Jean . Auf die Art wollen wir uns im Französischen üben und wollen kein Wort dänisch mit einander sprechen. Pierre . Ovis pardi si fait. Was wir nicht zu sagen wissen, das zeigen wir mit den Fingern oder schneiden Gesichter, da werden wir auf einmal geborene Franzosen. Jean . Pierre! Pierre . Monsieur! Jean . Ich will heut Mittag bei Peche speisen Pechè (nicht Peche) hieß damals ein berühmter französischer Koch in Kopenhagen. Ueber den gleich darauf erwähnten Meister Jacob (ohne Zweifel ebenfalls eine historische Persönlichkeit) ist nichts Näheres bekannt. A.d.Ü. . Pierre . Will Monsieur nicht lieber bei Meister Jacob speisen? Da kriegt man besseres Essen für billiges Geld. Jean . Ei was, Meister Jacob, schon an dem Namen hört man ja, daß das ein schlechter Koch ist; wäre hier kein französischer Koch in der Stadt, so müßt' ich verhungern. Pierre . Das ist gewiß. Beim Franzosen schmeckt das Essen immer, weil man nämlich so wenig kriegt; nichts reizt den Appetit mehr, als wenn man nur wenig in der Schüssel hat. Jean . Weißt Du nicht noch einen französischen Koch hier? Pierre . Ovis Monsieur! si fait pardi, hier ist noch einer, der heißt Cabo. Jean . Welcher von ihnen spricht das beste Französisch? Pierre . Sie sprechen Beide gleich; es ist ein Plaisir, sie zu hören. Denn wenn sie es recht gut machen wollen, so mischen sie spanische Wörter dazwischen, und das klingt dann wunderbar schön. Aber hier ist ein fremder Bedienter, was mag er wollen? 110 Zweite Scene. Espen . Jean . Pierre . Espen . Hier soll er doch wohnen, hat man mir gesagt; seh' ich ja zwei Leute, die ich fragen kann. Avec permission, kennt Ihr Niemand hier in der Straße? Jean . Ja, ich kenne mich selbst, moi même. Espen . Das ist viel, wenn Ihr Euch selbst kennt; nicht vier Menschen in der ganzen Stadt, glaub' ich, können das von sich sagen. Aber wohnt hier nicht in der Straße ein dänischer Monsieur, der Jean de France heißt? Jean . Je m'appelle Jean de France, à votre très humble service. Pierre . Das heißt ins Dänische verdolmetscht: ich heiße Hans Franzen zu Diensten. Ich muß meines Herrn Dolmetscher machen; denn wenn er auch wol Dänisch versteht, so kann er sich doch nicht besonders expliciren, er ist volle funfzehn Wochen in Paris gewesen, wo er denn in der ganzen Zeit kein Wort dänisch hat sprechen hören. Espen . Ja, ja, funfzehn Wochen, meiner Treu, das hat schon was auf sich. Ich bin bei Madame La Fleche blos zwei Tage in Dienst gewesen, und schon jetzt, wenn ich dänisch sprechen will, kommen mir lauter französische Wörter in den Mund. Aber wenn Monsieur Jean de France heißt, so ist er ja eben der, den ich suche. Monsieur, ist Er nicht derselbe, der eben von Paris gekommen ist? Jean . Ovis Monsieur. Espen . Der sich funfzehn Wochen daselbst aufgehalten hat? Espen . Der in dem Stadtviertel logirte . . . Na wie heißt es denn, nun liegt es mir auf der Zunge . . . . Jean . Faubourg St. Germain. Espen . Richtig, das meint' ich, und in einer Straße, die so krumm 'rumgeht? Jean . Nein, die Straße ist ganz gerade. 111 Espen . Ja, gerade ist die Straße wol; aber wo sie zu Ende geht, da muß man sich ja doch drehen, um in eine andere zu kommen, wenigstens dächt' ich, hätte die Madame mir so gesagt, und der Name von der Straße war . . . . Jean . La rue de Seine. Espen . Ja richtig, das stimmt ganz genau. Monsieur soll auch einen Bedienten haben, eine gute brave Haut, mit Namen Pierre. Pierre . A votre très humble service. Espen . Na, so hör' ich denn ja, daß ich auf dem rechten Wege bin. Ich habe ein gehorsames Compliment zu bestellen von Madame La Fleche. Jean . Ach, ist es möglich? Wie befindet sich die charmante Dame? Espen . Sie hat, wie sie sagt, die Ehre gehabt, Euch in Paris zu kennen, und ist nach Dänemark hauptsächlich um Euretwillen gekommen. Jean . Ah, la charmante Dame! In Paris hab' ich manche vergnügte Stunde mit ihr zugebracht. Espen . Monsieur, Ihr habt das Frauenzimmer ja nie gesehen. Jean . Taisez-vous, bougre! Weißt Du nicht, daß es à la Française ist, so zu antworten? Hätt' ich gesagt, ich kennte sie nicht, so würde man mich ja für einen dänischen Ofenhocker gehalten haben; Du wirst doch niemals Politur kriegen. – Ich muß gestehen, daß Madame La Fleche diejenige Dame ist, vor der ich den allermeisten Aestim habe. Pardi, est il possible, daß Madame La Fleche um meinetwillen nach Dänemark gekommen ist? Ich wollte ma foi nach Indien, ja, was noch mehr ist, nach Afrika wollt' ich reisen, blos um ihr die schönen Hände zu küssen. Aber wie lange ist es her, seit sie Paris verlassen? Espen . Zwölf Tage. Jean . Ei, est il possible? Nur zwölf Tage? Ach, könnt' ich doch den bonheur genießen, ihr die Hände zu küssen, und die Ehre, mit ihr zu sprechen. 112 Espen . Sie selbst wünscht nichts sehnlicher, es ist accurat mein Auftrag. Jean . Ach Monsieur, gönnt mir die Freude und verschmäht nicht ein paar Ducaten, die ich Euch als Freundschaftszeichen verehre. Espen . Meine Herrschaft, Madame La Fleche, ist eine der reichsten Damen in Frankreich, und sollt' ich daher keine Geschenke annehmen; um jedoch nicht den Schein zu haben, als ob ich es aus Hochmuth refüsirte, will ich es nehmen, verhoffe dagegen, daß auch Monsieur sich nicht weigern wird, ein kleines Präsent von meiner Madame zu nehmen, nämlich dieses Portrait, welches von Monsieur Reinkohlgehackt gemalt ist, dem größten Miniaturmaler in Frankreich. Und da es eben, bevor sie abreiste, die allerneueste Mode in Paris war, daß die Cavaliers dergleichen um den Hals tragen, um ihr Aestim für die Damen zu zeigen, die ihnen solche Präsente machen, so hoffe ich, daß Monsieur es ihr zu Ehren ebenfalls um den Hals tragen wird. Jean Wolan, ich werde es mir sofort dans votre présence um den Hals binden. Aber dürft' ich mir die hardiesse nehmen und so impudent sein, mir die liberté zu erlauben, zu fragen, auf welche Art Madame La Fleche mit Monsieur sprechen kann, wenn Er kein Französisch versteht? Espen . Madame La Fleche läßt sich mit der ganzen Welt ein; außer parisisch, welches ihre Mama- oder Muttersprache ist, spricht sie deutsch, italienisch, holländisch, polländisch, preußisch und auch einen großen Haufen dänisch, was sie unterwegs gelernt hat. Jean . Das ist eine große Complaisance, daß solche vornehme Dame sich die Unbequemlichkeit macht, diese gemeine Sprache zu lernen. So spricht sie denn dänisch mit Monsieur, weil Er hier im Lande geboren ist? Espen . Nein, Monsieur, ich bin hier nicht zu Lande geboren, das sind nur meine Feinde, die mir das nachsagen. Ich bin geboren über zehn Meilen südlich von Randers Die Hauptstadt des gleichnamigen Amtes im Stifte Aarhus in Jütland. A.d.Ü. , wo wir als Glieder des heiligen römischen Reichs betrachtet werden, so daß 113 ich viel mehr romänisch als dänisch bin; will auch gehorsamst gebeten haben, daß Monsieur das allen seinen Bekannten mittheilt. Jean Es wäre eine Sünde, wollt' ich das nicht thun; auch kann man ja hinlänglich an Monsieurs manières sehen und an seiner Sprache hören, daß er kein Däne ist. Aber wo hat man das Glück, Madame La Fleche zu treffen? Espen . Wo es Monsieur beliebt. Uebrigens geht sie um drei Uhr hier vorbei. Jean . Da werd' ich mich présentement einfinden, um ihr zu küssen die belles mains. Espen . Das wird ihr lieb sein. Jean . Je me recommande. (Espen ab.) Dritte Scene. Jean . Pierre . Jean . Pierre! Pierre . Monsieur! Jean . Was meinst Du zu dem Portrait? Pierre . Wer kein Kenner von Miniaturen ist, sollte denken, es wäre ein Kopf, der aus einem gedruckten Buche geschnitten und auf ein Stück Holz geklebt wäre. Jean . C'est pourtant fait par le Sieur Reinkohlgehackt, le plus grand Maler en Europe. Pierre . Ja woher weiß Monsieur denn das? Jean . Hast Du es nicht aus Monsieurs eigenem Munde gehört? Denkst Du, daß der kein Kenner ist? Ja ja, das sind ma foi keine Narren, die da im römischen Reich geboren werden. Aber da seh' ich ja diese beiden alten Spießbürger wieder kommen; ich wollt', ich wäre fort, mit denen kann man keinen honneten und galanten Diskurs führen, die sprechen von nichts als vom Wetter und von der Wirthschaft. (Jean und Pierre gehen ein wenig auf die Seite.) 114 Vierte Scene. Jeronimus . Franz . Die Vorigen . Jeronimus . Ja gewiß sollte man das, Nachbar. Allein was in Thee, Kaffe und Tabak verzehrt wird, beläuft sich, glaub' ich, auf einige Tonnen Goldes im Jahr; das Geld wurde nun erstlich in alten Zeiten gespart. Franz . Ach Herr je, dazu gehört schon was, einige Tonnen Goldes. Jeronimus . Sagt das nicht, Nachbar, in anständigen Häusern reicht man nicht mit hundert Thalern jährlich dafür. Und das ist erst ein Posten; wollten wir nun die andern auch rechnen, so würde man leicht sehen, daß ich Recht habe. Denkt nur, neulich wollt' ich auch mal ein bischen alamodisch sein und ging in ein Kaffehaus, da mußt' ich für ein paar Tassen Kaffe ein ganzes Kopfstück geben. Aber da können sie auch warten, bis Jeronimus so bald wieder hinkommt. Franz . Das war ein bischen theuer; indessen sieht man doch die Preise schon merklich fallen. Jeronimus . Nun, meiner Six, nicht in den Conditoreien. Denn das hab' ich hier in Kopenhagen überhaupt gemerkt, ist der Preis einmal in die Höhe gegangen, bleibt er es auch für ewige Zeiten, und ob man die Waare auch für die Hälfte kriegen kann. Franz . Ja, insoweit habt Ihr schon recht, Nachbar. Aber der Mensch muß doch auch etwas für den Wohlgeschmack haben, was nützt Einem das Geld, wenn man sich nicht mal eine Güte dafür thun will? Jeronimus . Aber Wasser und gebrannte Bohnen, können die wol wirklich gut schmecken? Versucht's einmal und gebt einem Kinde bloßen Kaffe ohne Zucker, und seht zu, ob es ihn nicht wieder ausspuckt. Vielleicht sagt Ihr, daß doch Euer Sohn Hans Franzen und Andere der Art einen himmlischen Geschmack darin entdecken. Ich entgegne: Euer Sohn Hans und andere Hansnarren haben sich Anfangs ihrer Natur zum Trotz dazu 115 gezwungen, blos weil das vornehm, weil das ausländisch war, und nachher bilden sie sich aus Gewohnheit ein, es schmeckt gut. Franz . Sieh, da kommt mein Sohn. Jeronimus . Ja, das mag er, ich getraue mich, ihm das selbst zu sagen, unter die Augen sag' ich's ihm. Aber was Henker ist das für eine Bommelage, die er da um den Hals trägt? Franz . Das wird wol in Frankreich so Mode sein. Jeronimus . Mode vorn, Mode hinten, so ist der doch ein Narr, der sich anders trägt, als alle Andern im Lande. Franz . Hör', mein Sohn, was ist das für ein Heiliger, den Du da um den Hals trägst? Die Leute müssen ja denken, Du bist katholisch im Kopf geworden Eine noch jetzt in Norddeutschland, namentlich in Pommern, Mecklenburg, Preußen \&c. vielgebrauchte Redensart; statt: »das ist zum Verrücktwerden«, sagt man: »das ist zum Katholischwerden.« A.d.Ü. . Jean Pierre! Pierre . Monsieur! Jean . Pierre! expliquez cela pour ce vieux homme, je vas, vous me trouverez après de Monsieur Peche! (Ab.) Fünfte Scene. Die Vorigen ohne Jean. Franz . Peter, weshalb ging denn mein Sohn so rasch wieder fort? Pierre . Er hatte nur etwas zu besorgen und bat mich, ihn zu excusiren. Franz . Aber was ist denn das für ein Ritterorden, den er um den Hals trägt? Pierre . Das ist ein Portrait, das er aus Frankreich mitgebracht hat. Franz . Ist denn das in Frankreich Mode, so etwas zu tragen? Pierre . Ei versteht sich, wer das in Frankreich nicht trägt, wird für eine Canaille gehalten und darf nie zu Hofe kommen. Franz . Aber das schien mir recht ein liederliches Stück Arbeit, ich wollte das meiner Treu weit besser machen. 116 Pierre . Monsieur sehe sich vor, was er sagt, es könnte ihm übel bekommen. Denn dies Portrait ist von Monsieur Reinkohlgehackt, dem größten Maler in der ganzen Facultät zu Paris. Jeronimus . Ei so möcht' ich doch drauf sterben, daß das in einer alten Chronik zu finden ist, die ich zu Hause habe; ich sah ja auf dem Fleck, daß das ein aus einem Buch geschnittener Kupferstich war. Hört, Nachbar, Euer Sohn ist ein Narr, und Ihr seid nicht viel besser; ich bedanke mich für Eure Verwandtschaft, auf die Art verkaufe ich meine einzige Tochter nicht. Und Du, Schelm, wenn Du uns nicht Augenblicks sagst, wer ihn zu solchem Unsinn verführt hat, so kommst Du nicht gesund von der Stelle. Pierre . Ich weiß wahrhaftig nicht, wo er dies Stück her hat, aber einen Eid kann ich darauf ablegen, daß ich unter dem Portrait diese Worte gesehen habe: Monsieur Reinkohlgehackt fecit. Franz . Pfui, schämst Du Dich nicht, Peter? Wie kannst Du solche unanständige Reden führen. Jeronimus . Holla, leiht mir mal Euren Stock, Nachbar! Wenn Dein Herr fragt, wer Dich geprügelt hat, so sage nur auch: Jeronimus fecit. (Peter weinend ab.) Sechste Scene. Jeronimus . Franz . Jeronimus . Hört, Nachbar, ich hoffe, wir bleiben die alten guten Freunde, auch wenn das eingegangene Verlöbniß zwischen meiner Tochter und Eurem Sohn aufgehoben ist. Franz . Ach, mein Herzensnachbar, Ihr habt mir ja versprochen, vierzehn Tage Geduld zu haben und zu sehen, wie mein Sohn sich aufführt. Brecht Ihr die Sache nun so rasch ab, so giebt das solch Gerede in der Stadt; um der alten Freundschaft willen, die jederzeit zwischen uns bestanden, thut das nicht, sondern habt noch Geduld so lange. 117 Jeronimus . Gut, gut, vierzehn Tage vergehen schnell. Doch bin ich überzeugt, daß er in der Zeit schlimmer werden wird, als besser. Franz . Ich verlange nichts weiter, als daß Ihr blos die vierzehn Tage noch wartet. Jeronimus . Gut, so lange will ich warten. Franz . Lebt wohl, ich muß nach Hause zum Essen, meine Frau wartet auf mich. Jeronimus . Prosit Mahlzeit! 118 Vierter Akt. Erste Scene. Antonius . Elsbeth . Marthe . Espen . Antonius . Nun, wie geht's, meine gute Marthe? Marthe . Das geht seinen guten Gang. Aber Ihr kommt mir ein wenig ungelegen, ich habe Franzen hieher bestellt; wiewol er mich nicht gesehen hat, ist er doch verliebt, wie eine Ratte. Ihr könnt denken, was für ein Narr er ist: ich hab' ihm einen alten Kupferstich gegeben, den ich aus des Herrn alten Büchern geschnitten und auf ein Stück Holz geklebt habe, und den trägt er um den Hals. Elsbeth . Aber wie es möglich, daß er so närrisch sein kann? Marthe . Seit ich ihn überredet habe, als wär' ich eine französische Dame und soeben von Paris gekommen, ist Alles möglich. Antonius . Aber was hast Du davon, daß Du ihn so prostituirst? Marthe . Davon hab' ich dies, daß sein künftiger Schwiegervater seine Tochter eher einem Schornsteinfeger giebt als so Einem; wie es dabei mit Euch ablaufen wird, weiß ich noch nicht. Es geht mir wie den Komödienschreibern; während die ihre Komödien schreiben, fällt ihnen erst ein, wie sie dieselben durchführen und endigen sollen. Aber da seh' ich ihn ja kommen; rasch bei Seite! 119 Zweite Scene. Jean . Marthe als Madame La Fleche . Espen als d'Espang verkleidet. Madame La Fleche . A cette heure il doit venir; war das nicht um drei, Monsieur d'Espang, daß er zu kommen versprach? Jean (kniet vor ihr nieder, embrassirt sie und sagt:) Ah! charmante Madame! souffrez que j'adore vous, que je baise votre beaux mains. Madame La Fleche . Levez-vous Monsieur! c'est trop de humblesse pour un gentilhomme que vous. Jean . Ah! Madame, est il possible, que j'ai l'honneur, le plaisir, contentement et joie de vous revoir dans cette terre! Madame La Fleche . J'ai venu pour vous voir, mais je croyais pas, que vous étiez si changé. Vous-êtes à cette heure habillé comme un antique bourgeois. Ha, ha, ha. Jean . Pourquoi riez-vous, charmante Princesse? Madame La Fleche . Rien! Monsieur de France, rien!je rie de la joie de vous voir, c'est toujours un plaisir de vous voir. Jean . Je vous rends grace, Madame! mais comment trouvez-vous cette terre? Madame La Fleche . Fort bon, Monsieur! les Danois êtes des fort bonnes gens. Il manque à eux seulement de s'informer dans les manières parisiens. Jean . Ovis pardis si fait, Madame, vous avez grand raison dans cela. Dieu donne, que j'étois dans Paris wieder . . . et pardonnez, ma belle Madame, je voulois dire aussi. Mais Madame, avez vous amené avec vous quelques nouvelles chansons de Paris? Madame La Fleche . Ovis Monsieur! celle-ci est la plus nouvelle. (Sie singt ein Lied.) Jean (auf den Knieen) . Ah! Madame! je n'ai jamais écouté une plus belle chanson. Ah! Paris, Paris! Madame La Fleche . Pourquoi pleurez Monseigneur? Jean . Ah Madame! on veut me marier dans cette pays. Madame La Fleche . Marier? 120 Jean . Ovis Madame! Madame La Fleche . Marier? Jean . Ovis c'est véritable, et avec une fille, qui s'appelle par malheur Elsebet. Madame La Fleche . Quel diable de nom est cela? Parlez-vous tout bien de bon, Monsieur? ah, est il possible! (Sie stellt sich, als ob ihr übel wird. Espen reicht ihr etwas zu riechen.) Espen . Da kann Er nun sehen, Monsieur, wie Madame ihn liebt; ihr ist schlimm geworden aus lauter Alteration, da sie hörte, Monsieur wollte sich hier im Lande verheirathen. Jean . Ach, wenn sie stirbt, so bringe ich mich auf dem Fleck selber um! Ach, sagt ihr, Monsieur Valet de Chambre, daß ich lieber mein Leben lassen, als mich hier verheirathen will! (Aus den Knieen) Ah belle Princesse! êtes vous malade? Madame La Fleche . C'est un Uebergang, Monsieur! Levez-vous. (Espen flüstert ihr etwas ins Ohr, worüber sie sich sehr vergnügt stellt.) Dritte Scene. Arv . Jean . Madame La Fleche . Arv tritt ein, setzt sich auf den Boden mit einem großen Stück Kreide und malt den Tanz ab, den er gesehen hat. Arv . So ging der Tanz, so krumm wie 'ne Salzprätzel. Das hier soll Hans Franzen sein und das ist die Madam. Nein, die muß ich noch mal machen, ihr Hinterster ist nicht breit genug. Hier muß der Herr stehen und weinen – (er springt auf und betrachtet seine Zeichnung; inzwischen stehen die Andern, sprechen leise mit einander und weisen mit Fingern auf ihn.) Ha ha ha, das ist, meiner Six, so natürlich geworden und so gut ist das Assamblix getroffen, es fehlt nichts, als daß sie blos noch reden könnten. Aber Element, da seh' ich Leute? Ist das nicht Jeronimusens Marthe, die sich eine Adrienne umgebunden hat, und steht und schwatzt mit Hans Franzen? Marthe, wo zum Henker hast Du die Adrienne her? Das ist ja die Zeit noch nicht, die Hundstage haben noch nicht angefangen. Jean . Ei Du elementscher Schlingel, wie kannst Du Dich 121 unterstehen, einer vornehmen französischen adeligen Dame so in die Augen zu sehen? Arv . Um Verzeihung, Monsieur Hans, ich dachte meiner Seel, es wäre Jeronimusens Marthe. Madame La Fleche . Ah Monsieur, faites le sortir, j'ai peur pour les gens, qui sont fous. Jean Hinaus mit Dir, Du Schlingel, oder ich schlage Dir den Schädel entzwei! (Madame La Fleche steht und besieht Jeans Anzug; sie sagt Espen was ins Ohr und lacht: Ha, ha, ha! besieht seine Beine, sagt Espen wieder was ins Ohr und lacht: Ha, ha, ha! ) Jean . Pourquoi riez-vous, belle Madame? Madame La Fleche . Le me retire un peu, Monsieur d'Espang, mon valet de chambre vous dira pourquoi. Excusez! Adieu! (Ab.) Vierte Scene. Jean . d'Espang . Jean . Wie geht das zu, daß Eure Herrschaft mich so verächtlich tractirt? Was war das, was sie Euch ins Ohr sagte? Espen . Tausend Thaler hätt' ich drum geben wollen, hätte ich das vorher gewußt; denn dann würde ich Monsieur bei Zeiten gewarnt haben. Indessen, das läßt sich leicht redressiren; sie sagte mir ins Ohr, so sehr sie Monsieurs Person ästimire, so sehr verachte sie seinen Anzug. Jean Sind denn andere Moden in Paris aufgekommen, seit ich weg bin? Denn freilich hielt ich mich auf der Rückreise drei Wochen in Dünkirchen auf. Espen . Ja ja, Monsieur, da kommt das Unglück her. Wie Madame La Fleche sagt, knöpft sich seit sechs Wochen in Paris kein Cavalier mehr den Rock vorne zu, sondern blos hinten. So lange man das nicht gewohnt ist, scheint es allerdings ein wenig incommode; indessen vornehme Leute haben ja jederzeit ihren Kammerdiener, was man da zu Lande valet de chambre nennt, der knöpft sie auf und zu. 122 Jean . Ah! Malheureux, que je suis. Espen . Das läßt sich noch in Ordnung bringen, wenn ich behülflich sein darf. Jean . Vous me faites un grand plaisir, pardi! Espen . So, nun wird der Monsieur gleich anders aussehen. Jean . Giebt es sonst noch neue Moden? Espen . Ja, aber da läßt sich schon abhelfen: alle vornehmen Leute, sagt sie, schmieren sich jetzt den Mund mit Schnupftabak. Jean . Dem wollen wir gleich abhelfen, ich habe meine Tabatieren-Dose bei mir. Wo es sich um neue Moden handelt, da bin ich ma foi nie der Letzte gewesen. Ich hörte allerdings noch von einer Menge neuer Moden in Paris, die eben in der Mache waren, wie ich abreiste; aber Papa's Importunität erlaubte mir nicht sie abzuwarten. Je vous prie, Monsieur le valet de chambre, mich bei Madame La Fleche zu excusiren; als ich von Paris abreiste, war die Mode dans ma foi noch nicht in Gebrauch, non pardi, non! Denn vor der Parisischen Galanterie hab' ich viel zu großen Respect, um so etwas zu negligiren. Espen . Paris ist eine artige Stadt, das muß alle Welt zugestehen. Auch richtet sich alle Welt nach den Parisischen Moden; kämen sie in Paris auf den Einfall, auf den Straßen ohne Hosen zu gehen, so folgten ihnen alle Andern darin nach. Jean . Ich thäte das ma foi gleich. Alle Welt würde Anfangs über mich lachen; aber bevor das Jahr zu Ende, wäre die Mode überall, das hab' ich oft observirt. Allein, Monsieur valet de chambre hat sich da auch sonst noch was verändert mit Perücke, Hut, Schuhen oder Strümpfen? Espen . Nein, Euer Hut und Perücke, sagt Madame, können allenfalls noch passiren, aber die Zipfel von Monsieurs Halstuch müssen hübsch hinten heraushängen. Jean . So so, ei das ist ja eine recht artige Mode. Dies Paris, das denkt doch in einer Woche mehr Galanterien aus als die ganze Welt in einem Jahre; ich werde das ma foi gleich 123 ebenso machen. Aber warum wollte Madame La Fleche mir das nicht selber sagen? Espen . Ach, Monsieur kennen ja die französischen Damen, die sind viel zu höflich, einen guten Freund auf seine Fehler aufmerksam zu machen, sie lachen blos darüber und lassen den Andern blos rathen, was sie meinen. Aber nun ist Alles in Ordnung, nun wird es ihr ein Vergnügen sein, Monsieur binnen hier und einer Stunde in ihrem Hause wiederzusehen. Ich selbst werde die Ehre haben, ihn zu begleiten, wenn ich nur erst meine Geschäfte besorgt habe. Jean . Je vous recommande, Monsieur d'Espang. Espen . Votre serviteur! Aber à propos, eine Kleinigkeit hab' ich noch vergessen, Monsieur in Madame's Auftrag zu sagen: nämlich, wenn Monsieur mit Permission zu sagen gähnt, so muß er sich ja nicht die Hand vor den Mund halten, das ist nun ganz aus der Mode und geschieht in Paris von keinem anständigen Menschen mehr. Jean . Ovis da. Espen . Serviteur. (Ab.) Fünfte Scene. Jean . Pierre . Jean (tanzt und singt) : t La la la la la la . . . . (Besieht das Portrait.) La la la la la la . . . . Alles Neue erscheint zuerst seltsam. Aber nun find' ich schon, daß das eine reizende Mode ist, fort commode et fort dégagé. La la la la la! – Mon Père und mon Schwieger- père sollen ma foi ebenso gehen, sie mögen wollen oder nicht, ich will keine altmodische Familie haben. Mein Papa wird sich wol noch im Guten dazu bringen lassen, seine alte Spießbürgertracht abzulegen; aber mein Schwiegerpapa, der es noch für einen Glaubensartikel hält, gerade so angezogen zu gehen wie sein Großvater, den muß ich sans façon dazu zwingen. Daß ich selbst zu leben weiß und galant bin, das 124 genügt mir nicht; auch meine Familie soll mir keine Schande machen. Mais voilà Pierre, qui vient? Pierre . Ach, ach, Monsieur, Ihr müßt mich mainteniren oder ich kann nicht länger in Monsieurs Dienste bleiben. Jean . Qu'as tu? dis moi, Pierre! Pierre . Ach, Monsieur Jeronimus hat mich so geschlagen, daß ich kaum gehen kann. Jean . Pourquoi donc? Pierre . Weil Monsieur ein Gemälde vor der Brust trägt. Jean . Pardi, ich werd' ihn lehren, was das heißt, einen gentil-homme's-laquai zu prügeln! Est il possible, daß er gewagt hat Dich zu schlagen?! Pierre . Ovis, Monsieur! Aber Monsieur geht gewiß in Liebesgedanken, er hat sich den Rock verkehrt zugeknöpft; reste un moment, damit ich es wieder in Ordnung bringe. Jean Ei, du sot! badaud! bouffon! maraud! Weißt Du nicht, daß das die neueste Pariser Mode und daß Madame La Fleche mich ausgelacht hat, weil ich meinen Rock noch nach der hiesigen Art zuknöpfte? Pierre . Die Mode hab' ich doch in Paris nicht gesehen? Jean . Sie ist aufgekommen, während wir in Dünkirchen waren. Pierre . Ovis da! Ja, da muß ich mich nur auch so knöpfen. Jean Non pardi, non; das ist blos für gens de qualité. Pierre . Aha, die vornehme Welt soll allein verrückt sein. Aber wenn Monsieurs Schwiegervater das zu sehen kriegt, dann wird er toll. Jean . Nicht blos sehen soll er das, sondern es ist auch mein Wille, daß er die Mode mitmachen soll. Pierre . Das thut er nimmermehr. Jean . Er muß! Pierre . Comment donc? Jean Ich zwinge ihn mit Gewalt, denn wenn Madame La Fleche über das ganze Land lacht, so soll sie doch nicht über meine Familie lachen. Pierre . Hat Monsieur sich dazu einmal resolvirt, so will 125 ich Ihm helfen als ein ehrlicher Kerl; ich wollte nur, wir hätten ihn gleich hier, so lange ich noch die Prügel fühle, die ich von ihm gekriegt habe. Aber da kommt er und allein, ma foi, fort à propos! Sechste Scene. Jeronimus . Die Vorigen . Jeronimus . Vierzehn Tage gehen ja wol zu Ende, das hat nichts zu sagen, ich will gern die Zeit aushalten, damit man mir nicht sagen kann, ich hätte mein Wort gebrochen. Aber es wird nicht anders, ich will darauf sterben. – Aber da steht er ja; ich muß doch mal versuchen, ihn allein in die Beichte zu nehmen, wenn sein barmherziger Vater nicht dabei ist. Hört, Hans Franzen, laßt uns mal ein bischen ernsthaft mit einander reden . . . Aber was Henker seh' ich da? Seid Ihr bang, die Leute merken nicht ohnedies schon, wie verkehrt Ihr im Kopfe seid, daß Ihr auch noch Eure Tracht verkehrt? Wie ist wol je ein Mensch auf die Tollheit gekommen, sich den Rock hinten zuzuknöpfen? Das heißt ja den Rücken zum Bauch machen! Na so beklag' ich doch den alten braven Mann, der einen so verrückten Sohn hat. (Jean und Pierre lachen zugleich: Ha ha ha! ) Jeronimus . Ja Du magst auch lachen, jetzt und später, so oft Du daran denkst, was für ein Narr, ein Geck, ein Gaukler Du bist. (Jean und Pierre: Ha ha ha! ) Jean . A propos, mon cher Schwiegerpapa, der Rock, den Ihr da tragt, wurde der nicht zum letzten Jubeljahre gemacht? Ha ha ha ha ha! Jeronimus . Ei du Hanswurst, Du Narr, ist Dein nach hinten gekehrter Rock nicht auf Fastnachtsabend gemacht oder auf den ersten April? Ha ha ha ha ha! Jean . Mon cher Schwiegerpapa, verzeiht, daß ich über Seine wunderliche altmodische Tracht gelacht habe. Es läßt sich aber leicht ändern; wenn der Rock nur hinten zugeknöpft 126 wird, so kann er immer noch passiren; wie ich hier gehe, so gehen alle honneten Leute in Paris. Jeronimus . Es ist doch thöricht von mir, noch dazustehen und mit solchen Gecken zu sprechen. Jean . Attendez, mon cher Schwieger- père Ihr kommt nicht vom Fleck, moi foi, bis Ihr Euren Rock umgedreht habt wie ich den meinen. Das ist pardi die vornehmste Mode in Paris; Madame La Fleche, die eben erst von Paris kommt, berichtet . . . . Jeronimus . Holla, Ihr Schlingel, wollt Ihr Hand an einen ehrlichen Bürgersmann legen?! Hier ist das für Madame La Fleisch und das für Madame La Kraut und das ist für Madame La Bratwurst und das ist für Madame La Speck! (Theilt Ohrfeigen aus.) Jean . Pierre, ici, tenez! Halt den alten eigensinnigen Knaster fest! Ich will, ma foi, keinen Pedanten in der Familie haben – zieh' aus! Pierre . Vitement, Monsieur! Jeronimus . He, Gewalt! Gewalt! Jean . Wenn alte Leute kindisch werden, muß man sie zwingen wie Kinder. Jeronimus . He, he, Gewalt! Pierre . He, he, Geschwätz! Es ist ja zu Eurem eigenen Besten; wenn es nur erst gethan ist, nachher werdet Ihr uns noch danken, gerade wie ein Patient sich auch erst gegen den Feldscheer zur Wehre setzt, der ihm einen Zahn ausziehen will; aber wenn es überstanden ist, so küßt er ihm nachträglich die Hand und bedankt sich. Jeronimus . O weh, o weh! Jean . Nur still, mon cher Schwiegerpapa! Nun seht Ihr pardi aus wie ein Ambassadeur. Die ganze Familie muß umgearbeitet werden; ich werde meine Schwiegermama und Mademoiselle Isabelle zu Madame La Fleche führen, damit sie lernen, was jetzt die feinste Damenmode in Paris ist. Pierre . Monsieur, soll ich Eurem Schwiegervater nicht auch das Halstuch anders binden? 127 Jean . Ovis pardi si fait. (Während der Andere ihn hält, bindet Pierre ihm das Halstuch um.) Jeronimus . Ah ah ah . . . . Siebente Scene. Die Vorigen . Antonius . Antonius (mit dem Degen in der Hand) . Holla, Ihr Straßenräuber, ich will Euch lehren, einen alten vornehmen braven Herrn zu überfallen! Ach, mein theurer Herr Jeronimus, was schmerzt mich das, Sie so übel behandelt zu sehen! Sieh, wie die Schelme den vornehmen wackern Herrn zugerichtet und prostituirt haben. . . . Gebt Euch zufrieden, Herr Jeronimus, den Schimpf räche ich und wenn es mich das Leben kosten soll! (Jean und Pierre laufen fort.) Jeronimus . Ach, mein theurer Monsieur, Ihr habt mein Leben, meine Ehre gerettet! Denn lieber wollt' ich sterben, als daß mich Einer so zugerichtet gesehen. Es würde mir eine große Freude sein, wenn ich Ihm in irgend etwas wieder dienen könnte; möcht' Er doch meiner Hülfe bedürfen und möchte es Ihm nur belieben, mich auf die Probe zu stellen. Antonius . Ach, mein Herr Jeronimus, ich sehe, der Himmel selbst favorisirt meine Absicht und bahnt mir den Weg, Euch dasjenige vorzustellen, wovon ich bisher noch nie die Dreistigkeit hatte, mit Euch zu sprechen. Ihr habt ja wol eine Tochter, mein Herr? Jeronimus . Ja, aber was gehört das hieher? Antonius . Ach, mehr darf ich nicht sagen, Ihr müßt selbst errathen, was ich meine – Jeronimus . Ich errathe es, ja wol. Vermuthlich ist Er in meine Tochter verliebt: aber darauf kann ich Ihm keine Antwort ertheilen, weil ich den Herrn ja gar nicht kenne. Dürft' ich fragen, wer Seine Eltern sind? Antonius . Ich bin Jesper Lorenzens Sohn in der kurzen 128 Straße; mein Vater ist bekannt bei allen anständigen Leuten in Kopenhagen. Jeronimus . Ja freilich ist er bekannt. Ist Er Jesper Lorenzens Sohn, so hat Er einen braven Mann zum Vater und einen von den anständigsten Bürgern der Stadt; wir sind ehedem zusammen gereist, auf den Kieler Umschlag und den Schnapsmarkt in Wiborg Der Kieler Umschlag (Kieler Messe) ist noch jetzt berühmt, während wir vom Wiborger Schnapsmarkt (es ist natürlich nicht das bekanntere Wiborg in Finnland, sondern ein gleichnamiges Städtchen in Jütland gemeint) nichts weiter zu sagen wissen. A.d.Ü. . Es wird mir eine Freude und eine Ehre sein, mit ihm verwandt zu werden; spreche Er nur selbst mit meiner Tochter. Antonius . Wenn weiter kein Hinderniß ist, so bin ich schon so gut wie Euer Schwiegersohn. Die Sache ist diese: Schon seit einigen Jahren hab' ich nicht nur Eure Tochter Elsbeth geliebt, sondern auch ihr Herz habe ich gewonnen. Allein keines von uns unterstand sich davon zu sprechen, aus Rücksicht auf die anderweite Verlobung, die zwischen ihr und Eures Nachbars Sohn geschlossen war. Dessen Zurückkunft hat mich tief betrübt, nicht minder Eure Tochter, und uns fast in Verzweiflung gebracht. Jeronimus . Steht da sonst nichts im Wege, so ist der Knoten gelöst; seht her, da hat Er meine Hand drauf, daß Niemand anders meine Tochter kriegen soll. Aber da kommt ja meine Tochter selbst, recht zur gelegenen Stunde. Achte Scene. Die Vorigen . Elsbeth . Jeronimus . Hör', Elsbeth, kennst Du diesen Herrn? Elsbeth . Nein, in der That, ich kenne ihn nicht, Papa – Jeronimus . Ja, Du kennst ihn meiner Six . . . Sieh, wie roth die wird! Nun, nun, gieb Dich zufrieden, weine nicht, mein Kind, ich kenne die ganze Sache; komm her, gieb ihm Deine Hand, Du sollst seine Braut werden. Elsbeth . Ach, mein Herzensvater, warum treibt Ihr solchen Scherz mit mir? Ihr habt mich ja doch einmal, wenn auch gegen meinen Willen, mit Hans Franzen verlobt. 129 Jeronimus . Ja das war früher; jetzt aber habe ich gelobt, Hans Franzen freies Quartier auf dem Rathhause zu verschaffen, und dazu soll Dein künftiger Eheliebster, der es mit angesehen hat, welchen Schimpf er mir angethan, behülflich sein. Geh' hin und reich ihm die Hand. Nu guck, wie schüchtern sie thut, als ob sie ihn noch nie gesehen hätte! Kommt, laßt uns mit einander nach Hause gehen, ich muß Rache an Hans Franzen haben, bevor die Sonne untergeht. – 130 Fünfter Akt. Erste Scene. Jean . Pierre . Jean . Par di, est il possible? Quelle brutalité! Pierre . Monsieur, wenn wir uns nicht retiriren, so geht es uns an den Hals; Jeronimus sucht uns überall und Euer Vater, hör' ich, ist nicht minder aufgebracht als er. Jean Ist das nicht ein Elend, Pierre, in einem Lande zu wohnen, wo die Leute so wenig Einsicht haben! Ich hatte gedacht, Monsieur mon Papa und mein Schwiegerpapa sollten vor Freude über meinen Anblick in Ohnmacht fallen. Pierre . Ich meiner Seel' ebenso. Jean . Fremde wissen das besser zu schätzen als meine eigenen Eltern. Pierre . Ja, es geht, Monsieur, wie es im Sprüchwort heißt: der Poet gilt nichts im Vaterlande. Jean . Ich will von meinen artigen Manieren nichts weiter sagen, es genügt, daß eine der liebenswürdigsten Damen dans la France hiehergekommen ist lediglich um meinetwillen. Pierre . Ja, und was das Merkwürdigste ist, Monsieur, just von Paris. Denn wäre es noch eine hottentottische, kosakische, calekutische, husarische, malabarische Dame gewesen, oder eine aus Thye, Bogöe Zwei kleine jütische Städtchen; in Thye war der Historiker Gram, Holbergs gelehrter Nebenbuhler, geboren. A.d.Ü. , Island oder Grönland, so hätte man denken können, die Dame hätte in dem Lande, wo sie herkommt, noch nicht viel galante Leute gesehen, darum fände sie so viel Geschmack an Euch. Aber, Monsieur, sie kommt direct von 131 Paris, wo alle Welt die feinsten Manieren hat, wo gemeine Weiber im Friesrock Journale lesen, Menuet tanzen und perfect französisch sprechen. Und das sind ja doch die drei Dinge, die einen vollkommenen Menschen ausmachen. Angenommen selbst, Monsieur hätte keine artigen Manieren, so muß Ihm doch alle Welt die Meriten zugestehen, in wenigen Monaten funfzehnhundert Thaler in der galantesten Stadt von Europa verzehrt zu haben, und das ist schon allein ein Grund, weshalb alle redlichen Menschen Monsieur ästimiren müssen. Jean . O vis, par di si fait. Pierre . Denn schon diese Depensen geben zu erkennen, daß Monsieur in Paris als ein vornehmer Mann gelebt hat. Jean . Si fait. Pierre . Nicht wie ein Knicker. Jean . Vous avez raison. Pierre . Nicht wie ein Schlingel. Jean . Si fait. Pierre . Nicht wie ein Schwein. Jean . Cela s'entend. Pierre . Nicht wie ein Küchenjunge. Jean . Non, par di, non. Pierre . Nicht wie ein fauler Esel. Jean . Non, si fait, non. Pierre . Nicht wie ein ordinärer Hund. Jean . Peste! Halt' einmal auf mit diesen Titeln, ich verstehe schon so, was Du meinst. Pierre . Ich wollte nur dies sagen, Monsieur, daß jeder redliche Mann, der blos dies Eine hört, wie viel Geld Ihr in wenigen Monaten in Paris verbraucht habt, sogleich folgendes Raisonnement anstellen wird: an dem Monsieur muß doch was sein, für so viel Geld muß er doch was gelernt haben, und darum wird er sich nicht weigern, Monsieur seine Tochter zu geben. Jean . Und doch siehst Du, wie wenig meine Eltern es zu schätzen wissen. Pierre . Wie können solche Dummköpfe, als hier im Lande sind, Monsieur zu schätzen wissen? Weit entfernt, Seine 132 Qualitäten zu würdigen, legen sie Ihm alle Nichtsnutzigkeiten bei, die es nur giebt. Jean . Was sagen sie denn von mir? Pierre . Ich schäme mich, davon zu sprechen, es wäre mir neulich beinahe schlecht gegangen Seinetwegen. Jean . Ah, dites hardiessement! Du weißt ja, daß wir Pariser uns so etwas nicht zu Herzen nehmen. Pierre . Einige nennen Monsieur Hans Bäsemängs, weil er umhergeht und allen Frauenzimmern die Hände küßt. Jean . Par di, quels sots! Das ist just eine von den artigsten Qualitäten, die ein Galanthomme besitzen kann. Pierre . Einige sind gröber und nennen Monsieur Hans Narr, Hans Affe, Hans Gaukler, Hans Topfgucker, Hans Marktschreier, Hans Drehdenhintern, Hans Stelzengänger, Haus Capriolenschneider, Hans . . . . Jean . Nun nun, genug, genug, ich mag nichts mehr davon hören. Pierre . Hans Petit-Maître, Hans Tänzer, Hans Sprachverderber, Hans . . . . Jean . Halt' auf, sag' ich, Maraud! Pierre . Hans Spieler, Hans Pflastertreter, Hans Harlekin . . . . Jean . Wenn Du nicht aufhörst, schlag' ich Dir den Schädel ein, je t'ecraserai ton tête! Pierre . Monsieur hat mich ja selbst drum gebeten. Aber da kommt Arv wieder. Zweite Scene. Arv . Jean . Pierre . Nachher ein Spieler hinter der Scene. Arv . Ich möchte jetzt meiner Seel' nicht an Hans Franzens Stelle sein und wenn mir Einer zwei Mark gäbe. Jeronimus hat darauf geschworen, er will nicht zu Bette gehen, bevor er ihn nicht ins Spinnhaus gebracht hat oder was man so nennt in Prison. Es war aber auch unverschämt, so mit einem alten 133 Manne umzugehen, der seine bürgerlichen Steuern und Abgaben so manches Jahr richtig bezahlt hat. Nehmt nur mal an, Ihr guten Leute, wie er ihn behandelt hat. Als zum Exempel: ich ziehe meine Jacke aus und kehr' sie um (kehrt die Jacke um) – seh' ich nun nicht aus wie ein Narr? Ha ha ha ha ha ha, genau so sah Jeronimus aus. Ich möchte so nicht auf die Straße unter die Leute gehen und wenn mir Einer zwei Schillinge gäbe; die Bettelvögte könnten denken, ich wäre verrückt, und schleppten mich in den Narrenthurm. (Er dreht seine Jacke wieder ordentlich.) Die Madame sitzt zu Hause und weint, als hätte sie Prügel gekriegt. Aber das ist ihr schon recht; denn wenn der Herr ihm kein Geld schicken wollte, wie er da in Westindien oder Frankreich war, wie das nun heißt, da verkaufte sie Rock und Schürze, blos um es ihm zuzuwenden. Jean Arv, wie steht's zu Hause? Arv (sich im Kopfe kratzend) . Ganz gut, Monsör. Jean . Na, da Du Dich so im Kopfe kratzest, so kann das nicht weit her sein; sag' mir nur, wie es steht. Arv . Ganz gut, Monsör, ich danke für gütige Nachfrage, aber . . . . lebt wohl, Monsör, ich muß gehen. Jean Was willst Du sagen mit diesem Aber? Rasch, sprich, wie steht es? Du kriegst sonst ma foi Prügel. Arv . Es steht Alles wohl, meiner Seel'. Aber Einiges steht auch verflucht übel. Jean . Sprich nur dreist, Arv, ich schenke Dir auch einen Livre. Arv . Nein, Monsör, Leber ess' ich nicht, die geb' ich jedesmal dem Hunde, so oft ich sie kriege. Aber will Monsör mir vielleicht was zu einer Kanne Bier schenken? Jean . Sieh her, da sind zwei Mark, das war dasselbe, was ich vorhin meinte. Arv . Gramarci, Monsör. Jean (zu Pierre) . Was für ein dummes Vieh der Kerl doch ist, der wußte nicht einmal, was ein Livre de France ist. Arv . Na da will ich Monsören nur warnen, daß Er sich bei Zeiten auf die Socken macht; Jeronimus hat schon nach den Nachtwächtern und Bettelvögten geschickt, um Ihn in Arrest 134 schmeißen zu lassen. Unser Herr hat ebenfalls seine Hand von Ihm gezogen und schwört darauf, daß Er ins Loch gesperrt werden soll, ein ganzes Jahr. Pierre . Soll ich auch eingesperrt werden? Arv . Nein, das hat keine Noth, Peter, Du sollst blos unterm Schandpfahl durchgehauen werden, und nachher kannst Du laufen, wohin Du willst. Jean . Aber was ist da draußen für ein Lärm? Ein Spieler (draußen) . Ich will den Kerl lehren, sich aus dem Staube machen, ohne zu bezahlen! Jean . Peste, was ist da zu machen?! Da kommt mir Einer auf den Hals, an den ich neulich hundert Thaler verspielt habe; sowie er den Rücken wandte, lief ich fort, denn ich konnte ihn nicht bezahlen. Der Spieler (draußen) . Entweder muß er sich mit mir schlagen, oder er muß mir mein Geld geben. Pierre . Ach Herr, ich muß einen Augenblick fort, mir thut was noth; ich komme gleich wieder . . . . Jean . Willst Du bleiben, Maraud? Ist das jetzt Zeit fortzulaufen, da Du siehst, daß ich angefallen werde? Pierre . Ach mein Bauch, mein Bauch! Ich habe zu rasch auf den Kohl getrunken, das war mein Unglück. (Läuft in einen Winkel und verkriecht sich.) Der Spieler (draußen) . Ich will ihn lehren, was das heißt, mit anständigen Leuten zu spielen! Jean . Ach lieber Arv, kannst Du mir nicht helfen, mich zu verstecken? Ich will Dich belohnen als ein honnête homme. Arv . Ich habe hier einen Sack bei der Hand, wenn Monsör sich dahineinstecken lassen will? Jean . Es ist alles gleichviel, Arv, wenn ich mich nur verstecken kann. (Arv steckt ihn in den Sack und setzt sich darauf, wie auf ein Packet.) 135 Dritte Scene. Der Spieler . Arv . Jean . Pierre im Versteck. Der Spieler . Ich will meiner Seel' heut Abend nicht zu Bette gehen, bis ich ihn gepackt habe! Es ist mir weniger um das Geld, als um das böse Exempel, das Andere sich daran nehmen können, aus dem Spiel zu laufen, ohne zu bezahlen! (Jean in dem Sack fängt an zu zittern.) Arv (schlägt ihn und sagt) . Lieg' still oder Dich holt die Schwerenoth. Der Spieler . Mit wem sprichst Du, Kamerad? Arv . Ich spreche mit meinem Sack. Der Spieler . Mit Deinem Sack? Was hast Du denn in Deinem Sack? Arv . (wird ängstlich und stammelt) . Ich habe meiner Seel' nichts drin als Butter. Der Spieler . Butter in dem Sack, auf dem Du sitzest? Das ist nicht möglich. Arv . Nein, es ist wahr, es sind Lichter. Der Spieler . Lichter? Das ist ja noch toller. Arv . Nein, es ist wahr, ich versprach mich, es sind feine Spitzen. Der Spieler . Das muß ja ein verwünschter Haufen Spitzen sein; das hängt nicht richtig zusammen, das sind gewiß gestohlene Sachen. Arv . Nein, es ist wahr, es sind Erbsen. Der Spieler . Du bist ein Dieb, ganz gewiß, ich merk' es schon. Fort, laß mich sehen, was Du da hast? Arv . Es ist gewiß nicht Hans Franzen, Monsör. ich will Euch einen Eid darauf leisten; wie sollte Hans Franzen dazu kommen, in einem Sack zu stecken? Der Spieler . Ha ha, nun sollt Ihr noch sehen, nun komme ich doch noch zu meinem Gelde . . . . Sieh da, Monsieur Franzen, seid Ihr hier? Das ist mir ja recht angenehm. Hier habt Ihr nun die Wahl zwischen zwei Dingen: entweder Ihr bezahlt mir sofort mein Geld, oder Ihr schlagt Euch. 136 Jean . Monsieur! je n'ai point d'argent. Der Spieler . Monsieur, Französisch verstehe ich nicht, wir wollen uns auf Dänisch schlagen. Rasch: zieh! oder Geld! Jean . Ich will Ihm eine Verschreibung geben, Monsieur. Der Spieler . Keine Redensarten: Geld her oder sich schlagen! Arv . Schuft, wer länger hier bleibt! (Läuft fort.) Jean . Ach Monsieur, habt doch Geduld mit mir, Ihr sollt ja das Geld gewiß noch kriegen. Der Spieler . Ich verlange nichts, als daß Ihr zieht! Jean Monsieur, hier habt Ihr meine Uhr. Der Spieler . Die ist gut, die nehm' ich für vierzig Thaler; nun gebt noch Rock, Weste und Hut her, so will ich mich als bezahlt ansehen. Jean . Ihr werdet doch, hoff' ich, nicht haben wollen, daß ich nackt gehen soll? Der Spieler (zieht seinen Degen) . Allons! Rock, Weste und Hut her, oder sich schlagen! (Jean zieht Rock und Weste aus und giebt dem Spieler mit dem Hut auch zugleich die Perücke.) Monsieur! votre très humble serviteur! Quittire dankend. (Ab.) Pierre (kommt aus dem Versteck) . Ach Monsieur, nun seid Ihr ja so nackt, als ob Ihr aus Mutterleibe kämt? Was für ein Unglück doch das Spiel anrichtet! Jean . Ei nun, bitte sehr, mit Hosen, Schuhen und Strümpfen kommt man doch, so viel ich weiß, nicht zur Welt. Aber Du Poltron, wollt' ich Dir thun, wie Dir gebührt, so müßt' ich Dir den Kopf spalten; ist das nicht unverantwortlich, so Deinen Herrn zu verlassen? Pierre . Es ist wahr, ich wollte selbst, daß ich hätte können da bleiben und so tapfer fechten wie Monsieur. Allein ich riskire jedesmal eine Ohnmacht, sowie ich einen bloßen Degen sehe. Jean . Allons, retirons nous à la Madame la Fleche, die wird uns wol in Protection nehmen; Du weißt ja, wo sie wohnt? Pierre . Ich? Woher sollt' ich das wissen? Jean . Ach, was sind das doch für grobe und unpolirte Leute, unter denen wir wohnen! Ach Paris, Paris! Wären 137 wir nur erst wieder in Paris, Pierre! Mais voilà, Madame la Fleche's valet de chambre, Monsieur d'Espang! Vierte Scene. Espen . Jean . Pierre . Espen . Ich suche Monsieur Jean de France, aber er ist nirgends zu finden; ich habe nach ihm gefragt in seines Vaters Haus, ich habe nach ihm gefragt bei . . . . . Aber da ist er ja sammt seinem Bedienten. Monsieur, Madame La Fleche läßt ihren gehorsamen Respect vermelden und hat mir diesen Brief übergeben, bevor sie abreiste. Jean Ist Madame La Fleche abgereist? Espen . Ja, vor einer halben Stunde. Jean . Warum reistet Ihr denn nicht mit? Espen . Weil sie mich nicht mehr vonnöthen hatte. Jean . Ist sie denn allein gereist? Espen . Ja richtig, solche Damen allein reisen! Sie hatte nicht weniger als vier Lakaien mit sich, ich war blos so einstweilen der Sprache halber angenommen worden. Hier ist ein Brief, den sie mir für Monsieur übergab. Jean (liest den Brief) . Pierre! Pierre . Monsieur! Jean Wir sind oben drauf, hoch in den Lüften. Pierre . Sollen wir denn gehängt werden? Jean Wie Madame La Fleche schreibt, hat sie von meinem Verdruß gehört und mag deshalb nicht länger hier bleiben. Aber ich soll sie in Hamburg bei Monsieur Gobere treffen, sie will mich mit sich nach Paris nehmen und mich in die glänzendste Lage versetzen. Wir müssen reisen, wie wir gehen und stehen; allons! dépêchons! Ich bin fertig, bestelle nur immer den Wagen; denn ich will nur einen Abschiedsbrief an meinen Papa schreiben. Adieu mon cher Monsieur d'Espang! Je vous rends mille graces pour votre civilité (Jean und Pierre ab.) 138 Fünfte Scene. Espen . Marthe . Espen . Marthe, komm her, der Narr ist fort! Marthe . Ging das nicht herrlich? Mußt Du nicht einräumen, Espen, daß ich eine habile Person bin? Espen . Ja, kleines Mamsellchen, wenn Glück bei Verstand ist, lassen sich große Dinge mit geringer Kunst ausführen. Eure Intrigue war meiner Treu' keine Hexerei, Eure Absicht war nur, Hans Franzen noch französischer und närrischer zu machen, als er schon war. Die wahre Ursache zu Antonius' Glück seid eigentlich nicht Ihr, sondern eine Prügelei. Es geschieht wol öfters, daß Einer etwas weislich überlegt, ein Anderer dagegen fängt seine Sache ganz unbesonnen und thöricht an: aber wenn Glück und Unglück dazwischen kommen, so kann es so ausfallen, daß der Erstere für einen Dummkopf gehalten wird und der Andere für einen weisen Mann. Denn die Welt urtheilt nicht nach der Absicht, sondern allein nach dem Erfolg. Marthe . Das bleibt sich gleich, da geht es mir wie manchen großen Generalen: wenn die eine Schlacht gewinnen, so werden sie auch dargestellt als große und einsichtsvolle Männer: und doch, wenn man alle Umstände näher prüft, so verdanken sie ihren Sieg und ihre Ehre nicht selten reinen Zufälligkeiten, an die sie selbst nicht im Mindesten gedacht haben. Die Welt wird nun einmal vom Glück regiert und das Glück ist eine Schlumpe. Espen . Marthe, Du sprichst wie ein Engel, Du bist so gelehrt, daß Du Bücher schreiben könntest; ließe man Dich studiren, Du würdest noch die zweite Brigitte Tott Ein berühmter dänischer Blaustrumpf, besonders bekannt durch eine Uebersetzung des Seneca (oder, wie Marthe sagt, »Senecus«), die 1658 in prachtvoller Ausstattung zu Soröe erschien. A.d.Ü. . Marthe . Ja, ja, ich lese mitunter im Senecus. Espen . Ja, das merk' ich schon seit einiger Zeit. Marthe . Wie so denn? Espen . Ja weil unsere Grütze, die wir zu Abend kriegen, entweder nicht gar oder angebrannt ist. Ich schätze gelehrte Frauenzimmer sehr, aber zur Frau oder zur Haushälterin mag ich sie nicht haben. Marthe . Ei Possen! Aber da kommen die beiden Alten. 139 Sechste Scene. Jeronimus . Franz . Marthe . Espen . Ein Knabe . Jeronimus . Nein, die Sache laß' ich nicht stecken, Nachbar! Ihr thut nicht recht, einen solchen verlorenen Sohn noch zu vertheidigen. Franz . Ich vertheidige meinen Sohn nicht mehr, ich will ihn nie wieder vor Augen sehen, ich spreche nur für mich selbst; denn wenn Ihr ihn beschimpft, beschimpft Ihr die ganze Familie. Weg da, Junge, was hast Du hier zu thun? Der Knabe . Da war Einer, der gab mir einen Brief auf der Straße, ihn dem Herrn zu bestellen. (Ab.) Franz (liest) . »Madame La Fleche, eine vornehme französische Dame, hat mich zu gut für dieses Land gefunden und mich deshalb mit sich nach Frankreich genommen. Ich habe mich im Auslande an Artigkeit und Galanterie gewöhnt und kann es daher unmöglich bei solch gemeinem und grobem Volke aushalten, wie meine Familie ist. Ich komme nicht wieder; wollt Ihr mir schreiben, so könnt Ihr den Brief adressiren: à la Madame la Fleche, Dame très célèbre et très renommée dans la France. Der Brief muß französisch geschrieben sein, denn in wenigen Monaten habe ich mir vorgesetzt, kein Wort dänisch mehr zu verstehen. Die Aufschrift auf dem Briefe aber muß so lauten: A Monsieur Monsr. Jean de France, gentil-homme et grand favorit de la Madame la Fleche, Courtisane très renommée, dans la Cour de France. Briefe ohne diese Aufschrift schicke ich unerbrochen zurück. Je suis le Votre: Jean de France, gentil-homme Parisien. Copenh. d. 18. Majus... « Jeronimus . Wollt Ihr ihn noch für Euern Sohn anerkennen? Hab' ich nun nicht die Freiheit, meine Tochter zu geben wem ich will? Franz . Ja gewiß. Jeronimus . Ich habe sie mit Jesper Lorenzens Sohn versprochen. Franz . Das ist ein wackerer junger Mensch; ich gratulire. 140 Jeronimus . Lasse der Nachbar sich überreden, zur Hochzeit zu kommen und guter Dinge zu sein. Franz . Ganz gewiß; meinen Sohn hab' ich mir schon aus dem Sinn geschlagen. Jeronimus . Daran thut Ihr Recht. Franz . Was mich am meisten ärgert, das ist auseinanderzukommen mit solchem guten wackern Manne, wie Ihr, dem ich mich durch Verwandtschaft zu verbinden hoffte. Jeronimus . Ei Nachbar, Eure Tochter Lisbeth ist ja erwachsen? Franz . Ja das ist sie. Jeronimus . Mein Sohn Jochen ebenfalls, kann das nicht eine neue Verwandtschaft geben? Franz . Ja, wenn Ihr meint, so kann das schon gehen. Jeronimus . Da habt Ihr meine Hand darauf, daß er ihr Mann werden soll; er hat sie meiner Seel' schon auf dem Korne, das hab' ich schon gemerkt. Nun, Nachbar, für ein ander Mal Scheint mir's doch mehr zu passen, Man giebt den Söhnen rasch ein Weib, Als sie erst reisen lassen. Es zeigt sich ja die Lehre klar An Eures Sohns Geschicke: Was nützt es, fremde Länder sehn, Kehrt man als Narr zurücke? Seht andre Nationen an: Da wird zu Haus geblieben, Und nur von Dänemarks Söhnen wird Das Narrenspiel getrieben, Daß sie verlernen dänisch Wort, Verlernen unsre Sitten, Und kommen wie die Affen dann Neumodisch heimgeschritten. 141 Und kommt man ohne Reisen denn Durchaus nicht zu Verstande, So reist bis an die Elbe nur, So bleibt das Geld im Lande. Was nützt es, große Sprünge bis In fremde Länder machen? Am schönsten wird dem Dänen doch Stets Dänemarks Sonne lachen.