Hugo von Hofmannsthal Die Frau ohne Schatten Oper in drei Akten Inhalt Zur Entstehungsgeschichte Reflexion aus dem Nachlaß Text der Oper Die Handlung Zur Entstehungsgeschichte der ›Frau ohne Schatten‹ In einem alten Notizbuch finde ich die folgende Eintragung des ersten Einfalles unterm 26. Februar 1911. »Die Frau ohne Schatten, ein phantastisches Schauspiel. Die Kaiserin, einer Fee Tochter, ist kinderlos. man verschafft ihr das fremde Kind. Schließlich gibt sie es der rechten Mutter zurück. (›Wer sich überwindet. –‹) Das zweite Paar (zu Kaiser und Kaiserin) sind Arlekin und Smeraldine. Sie will schön bleiben. Er täppisch und gut. Sie gibt ihr Kind her, einer als Fischhändlerin verkleideten bösen Fee; der Schatten als Zugabe.« Dies ist der eigentliche Kern des Stoffes. Für Arlekin und Smeraldine traten bald in meine Phantasie zwei Wiener Volksfiguren. ich wollte das Ganze als Volksstück, mit bescheidener begleitender Musik, machen, zwei Welten gegeneinanderstehend, die Figuren der unteren Sphäre im Dialekt. Nachdem sich das Ganze etwas ausgeformt hatte, erzählte ich es einigen Freunden, darunter auch Strauss. Ich fragte ihn, ob er sich diese Handlung als Oper denken könne, oder er selber, scheint mir, faßte sie gleich als Opernhandlung auf. Das Musikalische des Prüfungs- und Läuterungsmotives, die Verwandtschaft mit dem Grundmotiv der »Zauberflöte« fiel uns beiden auf. Damit war es entschieden, daß beide Figurengruppen im gleichen Stil, in höherer Sprache zu behandeln wären: an Stelle von Arlekin und Smeraldine, oder dem Wiener Flickschneider und seiner schönen unzufriedenen Frau, waren der Färber und die Färberin getreten. 1913 schrieb ich dann den ersten und zweiten Akt und Strauss fing gleich zu komponieren an. Im Juli 1914, wenige Tage vor der Mobilisierung, hatte ich den dritten beendet. 1915 war die Komposition fertig, dann lag die Oper vier Jahre in Strauss' Schreibtisch. Wir konnten uns nicht entschließen, sie während des Krieges spielen zu lassen. Zu einer Gestaltung des gleichen Stoffes in erzählerischer Form, die demnächst erscheint, habe ich die Feder erst angesetzt, nachdem die dramatische, das heißt die Opernform fertig vorlag. Reflexion aus dem Nachlaß (1919) Nicht das leuchtende durch Furcht verdunkeln, nicht dem wunderbaren Vogel die Flügel binden! Mut ist das innere Licht in jedem Märchen, darum ist die Kaiserin so leuchtend und mutig – und wirft sich, wo ihr schaudert, mit  erhobenen Flügeln, wie ein Schwan, dem Fremden und Geheimnisvollen entgegen. Fremd und geheimnisvoll sind solche Nächte, wie alle Geschenke des Himmels, aber darum sind sie heilig, und sie durchleben ist ein heiliger Dienst – in dem darf man nicht zittern. Das Erschütternde ist da, der dunkle schauerlich süße Abgrund ist da – aber du darfst nicht hineinstürzen – seine Nähe ist nur eine Heiligung mehr. Alles ist heilig und schön – jede Sekunde: küsse die Augen und heilige sie und dann laß sie alles in sich trinken, das Oben und das unten und die wunderbare Mitte, die süßen bewegten Arme und die süßen ruhenden Brüste, die Lippen und das Haar. Verbirg nichts – wo das Verbergen ist, da ist die Hast und die Glut der Jagd, da ist der Kaiser und der tödliche Pfeil und die Gazelle; wo alles sich darbringt, da ist die nächtliche Feier, der Tempel und die Sterne. Gib dich sanft und festlich, du Süße, und erschüttere den, der selig wird durch dich, mit deinen zarten Händen – wie du eine Harfe erschütterst –, dann ist die Erschütterung von dir genommen, und was du empfängst, ist die Musik. – Zittere nicht, denn was wird aus dem Tempel, wenn die Priesterin zittert! Wirf dich in den Abgrund, aber nur weil unten die goldene Treppe ist, die zu den Sternen führt. Sei die süße Herrin und nicht das scheue Mädchen, – gieß dich aus in Augen, Hände und Mund, behalte nichts von dir in dir, dann wirst du leicht sein und schweben, Zauberin auf ihrem Zauberbette – Verwandlerin, selber verwandelt, unfindbar allen außer dem einen, den du verzauberst. den 27. X. 19 Personen Der Kaiser Die Kaiserin Die Amme Geisterbote Die Erscheinung eines Jünglings Die Stimme des Falken Barak der Färber Sein Weib Des Färbers Brüder: Der Einäugige Der Einarmige Der Bucklige Kaiserliche Diener. Fremde Kinder. Dienende Geister. Die Stimmen der Wächter. Geisterstimmen Erster Aufzug Auf einem flachen Dach über den kaiserlichen Gärten. Seitlich der Eingang in Gemächer, matt erleuchtet. Die Amme kauernd im Dunkel Licht überm See – ein fließender Glanz – schnell wie ein Vogel! – Die Wipfel der Nacht von oben erhellt – eine Feuerhand will fassen nach mir – bist du es, Herr? Siehe, ich wache bei deinem Kinde nächtlich in Sorge und Pein! Der Bote tritt aus der Finsternis hervor, geharnischt, von blauem Licht umflossen Nicht der Gebieter, Keikobad nicht, aber ein Bote! Ihrer elf haben dich heimgesucht, ein neuer mit jedem schwindenden Mond. Der zwölfte Mond ist hinab: der zwölfte Bote steht vor dir. Die Amme beklommen Dich hab ich nie gesehn. Der Bote streng Genug: ich kam und frage dich: Wirft sie einen Schatten? Dann wehe dir! Weh uns allen! Die Amme triumphierend, aber gedämpft Keinen! bei den gewaltigen Namen! Keinen! Keinen! Durch ihren Leib wandelt das Licht, als wäre sie gläsern. Der Bote finster Einsamkeit um dich, das Kind zu schützen. Von schwarzen Wasser die Insel umflossen, Mond berge sieben gelagert um den See – und du ließest, du Hündin, das Kleinod dir stehlen! Die Amme Von der Mutter her war ihr ein Trieb übermächtig zu Menschen hin! Wehe, daß der Vater dem Kinde die Kraft gab, sich zu verwandeln! Konnt ich einem Vogel nach in die Luft? Sollt ich die Gazelle mit Händen halten? Der Bote Laß mich sie sehn! Die Amme leise Sie ist nicht allein: Er ist bei ihr. Die Nacht war nicht in zwölf Monden, daß er ihrer nicht hätte begehrt! Er ist ein Jäger und ein Verliebter, sonst ist er nichts! Im ersten Dämmer schleicht er von ihr, wenn Sterne einfallen ist er wieder da! Seine Nächte sind ihr Tag, seine Tage sind ihre Nacht. - Der Bote sehr bestimmt Zwölf lange Monde war sie sein! Jetzt hat er sie noch drei kurze Tage! Sind die vorbei: – sie kehrt zurück in Vaters Arm. Die Amme mit gedämpftem Jubel Und ich mir ihr! O gesegneter Tag! Doch er? Der Bote Er wird zu Stein! Die Amme Er wird zu Stein! Daran erkenn ich Keikobad und neige mich! Der Bote verschwindend Wahre sie du! Drei Tage! Gedenk! Der Kaiser tritt in die Tür des Gemaches Amme! Wachst du? Die Amme Wache und liege der Hündin gleich auf deiner Schwelle! Der Kaiser tritt hervor, schön, jung, im Jagdharnisch; es dämmert schwach Bleib und wache, bis sie dich ruft! Die Herrin schläft. Ich geh zur Jagd. heute streif ich bis an die Mondberge und schicke meine Hunde über das schwarze Wasser, wo ich meine Herrin fand, und sie hatte den Leib einer weißen Gazelle und warf keinen Schatten, und entzündete mir das Herz. Wollte Gott, daß ich heute meinen roten Falken wiederfände, der mir damals meine Liebste fing! Denn als sie mir floh und war wie der Wind und höhnte meiner – und zusammenbrechen wollte mein Roß –, da flog er der weißen Gazelle zwischen die Lichter –, und schlug mit den Schwingen ihre süßen Augen! Da stürzte sie hin und ich auf sie mit gezücktem Speer – da riß sichs in Ängsten aus dem Tierleib, und in meinen Armen rankte ein Weib! – Oh, daß ich ihn wiederfände! Wie wollt ich ihn ehren! – Den roten Falken! Denn ich habe mich versündigt gegen ihn in der Trunkenheit der ersten Stunde: denn als sie mein Weib geworden war, da stieg Zorn in mir auf gegen den Falken, daß er es gewagt hatte, auf ihrer Stirn zu sitzen und zu schlagen ihre süßen Lichter! Und in der Wut warf ich den Dolch gegen den Vogel und streifte ihn, und sein Blut tropfte nieder. - Die Amme lauernd Herr, wenn du anstellst ein solches Jagen – leicht bleibst du dann fern über Nacht? Der Kaiser Kann sein, drei Tage komm ich nicht heim! Hüte du mir die Herrin und sag ihr: wenn ich jage – es ist um sie und aber um sie! Und was ich erjage mit Falke und Hund, und was mir fällt von Pfeil und Speer: es ist anstatt ihrer! Denn meiner Seele und meinen Augen und meinen Händen und meinem Herzen ist sie die Beute aller Beuten ohn Ende! Schnell ab. Morgendämmerung stärker, man hört Vogelstimmen. Die Amme zu einigen Dienern, die sich allmählich um den Kaiser versammelt hatten Fort mit euch! Ich höre die Herrin! Ihr Blick darf euch nicht sehn! Die Diener auf und hinab, lautlos. Die Kaiserin tritt aus dem Gemach Ist mein Liebster dahin, was weckst du mich früh? Laß mich noch liegen! Vielleicht träum ich mich zurück in eines Vogels leichten Leib oder einer jungen weißen Gazelle? Oh, daß ich mich nimmer verwandeln kann! Oh, daß ich den Talisman verlieren mußte in der Trunkenheit der ersten Stunde! Und wäre so gern das flüchtige Wild, das seine Falken schlagen – Sieh! – da droben, sieh! – Da hat sich einer von einen Falken – sich – verflogen! Oh, sieh doch hin, der rote Falke, der einst mich mit seinen Schwingen – ja, er ists! O Tag der Freude für meinen Liebsten und für mich! Unser Falke, unser Freund! Sei mir gegrüßt, schöner Vogel, kühner Jäger! Er hat uns vergeben, er kehrt uns zurück. Oh, sieh hin, er bäumt auf! Dort auf dem zeige – wie er mich ansieht – von seinem Fittich tropft ja Blut, aus seinen Augen rinnen ja Tränen! Falke! Falke! Warum weinst du? Des Falken Stimme klagend Wie soll ich denn nicht weinen? Wie soll ich denn nicht weinen? Die Frau wirft keinen Schatten, der Kaiser muß versteinen! Die Kaiserin Dem Talisman, den ich verlor in der Trunkenheit der ersten Stunde, ihm war ein Fluch eingegraben – gelesen einst, vergessen, ach! Nun kam es wieder - Des Falken Stimme Die Frau wirft keinen Schatten, der Kaiser muß versteinen! Wie soll ich da nicht weinen? Die Amme dumpf wiederholend Die Frau wirft keinen Schatten! Die Kaiserin Der Kaiser muß versteinen! Ausbrechend Amme, um alles, wo find ich den Schatten? Die Amme dumpf Er hat sich vermessen, daß er dich mache zu seinesgleichen – eine Frist ward gesetzt, daß er es vollbringe. Deines Herzens Knoten hat er dir nicht gelöst, ein Ungeborenes trägst du nicht im Schoß, Schatten wirfst du keinen. Des zahlt er den Preis! Die Kaiserin Weh, mein Vater! Schwer liegt deine Hand auf deinem Kind. Doch stärker als andre noch bin ich! – – – – – – – – – – Amme, um alles, du weißt die Wege, du kennst die Künste, nichts ist dir verborgen und nichts zu schwer. Schaff mir den Schatten! Hilf deinem Kind! Sie fällt vor ihr nieder. Die Amme streng Ein Spruch ist getan und ein Vertrag! Es sind angerufen gewaltige Namen, und es ist an dir, daß du dich fügest! Unter der Gewalt des Blickes, stockend Den Schatten zu schaffen – – – – – – – – – – wüßt ich vielleicht, – – – – – – – – – – doch daß er dir haftet, müßtest du selber ihn dir holen. Und weißt du auch wo? Die Kaiserin Sie es wo immer, zeig mir den Weg und geh ihn mit mir! Die Amme leise und schauerlich Bei den Menschen! Grausts dich nicht? Menschendunst ist uns Todesluft. Dies Haus, getürmt den Sternen entgegen, emporgetrieben spielende Wasser buhlend um Reinheit der himmlischen Reiche! Uns riecht ihre Reinheit nach rostigem Eisen und gestocktem Blut und nach alten Leichen! Und nun von hier noch tiefer hinab! Dich ihnen vermischen, hausen mit ihnen, handeln mit ihnen, Rede um Rede, Atem um Atem, erspähn ihr Belieben, ihrer Bosheit dich schmiegen, ihrer Dummheit dich bücken, ihnen dienen! Grausts dich nicht? Die Kaiserin sehr bestimmt und groß Ich will den Schatten! Mit großem Schwung Ein Tag bricht an! Führ mich zu ihnen: ich will! Fahles Morgenlicht Die Amme Ein Tag bricht an, ein Menschentag. Witterst du ihn? Schauderts dich schon? Das ist ihre Sonne: der werfen sie Schatten! Ein Verräter Wind schleicht sich heran, an ihren Häusern haucht er hin, an ihren Haaren reißt er sie auf! Allmählich Morgenrot – – – – – – – – – – Voll Hohn und Geringschätzung Der Tag ist da, der Menschentag.,- ein wildes Getümmel, gierig – sinnlos, ein ewiges Trachten ohne Freude! Wild und haßerfüllt Tausend Gesichter, keine Mienen – Augen, die schauen, ohne zu blicken – Kielkröpfe, die gaffen, Lurche und Spinnen – uns sind sie zu schauen so lustig wie sie! – – – – – – – – – – Sie zu fassen verstünde ich schon – mich einzunisten – ihnen Streiche zu spielen im eigenen Haus – ist mein Element! Diebesseelen sind ihre Seelen – so verkauf ich einen dem andern! Eine Gaunerin bin ich unter Gaunern, Muhme nennen sie mich und Mutter gar! Ziehsöhne hab ich und Ziehtöchter viel, hocken wie Ungeziefer auf mir! Warte, du sollst was sehn! Die Kaiserin ohne auf die Amme zu achten Weh, was faßt mich gräßlich an! Zu welchem Geschick reißts mich hinab? Die Amme dicht an ihr Zitterst du? Reut dich dein Wünschen? Heißest du uns bleiben? Lässest den Schatten dahin? Die Kaiserin Mich schaudert freilich, aber ein Mut ist in mir, der heißt mich tun, wovor mich schaudert! Und kein Geschäfte außer diesem, das wert mir schiene, besorgt zu werden! Hinab mit uns! Das Morgenrot flammt voll auf. Die Amme Hinab denn mit uns! Die Geleiterin hast du dir gut gewählt, Töchterchen, liebes, warte nur, warte! Um ihre Dächer versteh ich zu flattern, durch den Rauchfang weiß ich den Weg, und ihrer Herzen verschlungene Pfade, Krümmen und Schlüfte, die kenne ich gut. Sie tauchen hinab in den Abgrund der Menschenwelt, das Orchester nimmt ihren Eulenflug auf. Der Zwischenvorhang schließt sich rasch. Verwandlung Im Hause des Färbers. Ein kahler Raum. Werkstatt und Wohnung in einem. Hinten links das Bette, hinten rechts die einzige Ein- und Ausgangstür. Vorne die Feuerstätte, alles orientalisch-dürftig. Gefärbte Tücher an Stangen zum Trocknen aufgehängt da und dort; Tröge, Eimer, Zuber, an Ketten hängende Kessel, große Schöpflöffel, Rührstangen, Stampfmörser, Handmühlen; Büschel getrockneter Blumen und Kräuter aufgehängt, anderes dergleichen an den Mauern aufgeschichtet; Farbmassen in Pfützen auf dem Lehmboden; dunkelblaue, dunkelgelbe Flecken da und dort. Beim Aufgehen des Vorhanges liegt der Einäugige auf dem Einarmigen, würgt ihn. Der Junge, Bucklige, sucht den Einäugigen wegzureißen. Die Färbersfrau kommt von rückwärts herzu, sucht nach einem Zuber, die Streitenden mit Wasser zu beschütten. Der Einäugige schlägt auf den unter ihm Liegenden Dieb! Da nimm! Unersättlicher Nehmer! Der Einarmige unten, röchelnd Reiß ihn nach hinten! Hund den! Mörder! Der Bucklige Zu Hilfe, Bruder! Sie würgen einander! Die Frau beschüttet sie Schamlose ihr! Eines Hundes Geschick über euch! Die drei Brüder, auf das Tun der Frau, auf und auseinander; fauchen, an der Erde hockend, gegen die Frau Der Einäugige Willst du uns schmähen, Hergelaufene! Du Tochter von Bettlern, wer bist denn du? Unser waren dreizehn Kinder, aber für jeden Armen, der kam, standen die Schüsseln und dampften vom Fett! Der Bucklige Was hebst du die Hand gegen uns, du Schöne, bist doch unserm Bruder mit Lust zu Willen! Der Einarmige Laßt sie, Brüder, was ist ein Weib! Barak, der Färber, tritt eben in die Tür. Die Frau Aus dem Haus mit diesen! Du, schaff sie mir fort! Oder es ist meines Bleibens nicht länger bei dir! Barak gelassen Hinaus mit euch! Ist Zeug zum Schwemmen zehn Körbe voll, was lungert ihr hier? Die drei Brüder gehen ab. Barak schichtet gefärbte Tierhäute übereinander zu einem mächtigen Haufen. Die Frau Sie aus dem Hause, und das für immer, oder ich. Daran will ich erkennen, was ich dir wert bin. Barak weiterschaffend Hier steht die Schüssel, aus der sie sich stillen. Wo sollten sie herbergen, wenn nicht in Vaters Haus? Die Frau schweigt böse. Barak wie vorher, ohne aufzusehen Kinder waren sie einmal, hatten blanke Augen, gerade Arme, einen glatten Rücken. Aufwachen hab ich sie sehn in Vaters Haus. Die Frau ihn höhnend Für dreizehn Kinder standen die Schüsseln dampfend von Fett – kam noch ein Bettler, Platz war für jeden! Sie hält sich die Ohren zu. Barak holt ein Tau, den Pack zu schnüren; hält inne, sieht sie an Speise für dreizehn, wenn es nottut, schaff ich auch mit diesen zwei Händen! Hat sich aufgerichtet, steht dicht bei ihr Gib du mir Kinder, daß sie mir hocken um die Schüsseln zu Abend, es soll mir keines hungrig aufstehn. Und ich will preisen ihre Begierde und danksagen im Herzen, daß ich bestellt ward, damit ich sie stille. Er tritt näher, rührt sie leise an Wann gibst du mir die Kinder dazu? Die Frau hat sich abgekehrt; wie er sie anrührt, schüttelt sies. Barak arglos, behaglich Ei du, 's ist dein Mann, der vor dir steht – soll dich der nicht anrühren dürfen? Die Frau ohne ihn anzusehen Mein Mann steht vor mir! Ei ja, mein Mann, ich weiß, ei ja, ich weiß, was das heißt! Bin bezahlt und gekauft, es zu wissen, und gehalten im Haus und gehegt und gefüttert, damit ich es weiß, und will es von heut ab nicht wissen, verschwöre das Wort und das Ding! Barak Heia! Die guten Gevatterinnen, haben sie nicht die schönen Sprüche gesprochen über deinen Leib, und ich hab siebenmal gegessen von dem, was sie gesegnet hatten, und wenn du seltsam bist und anders als sonst – ich preise die Seltsamkeit und neige mich zur Erde vor der Verwandlung! O Glück über mir und Erwartung und Freude im Herzen! Er kniet nieder zur Arbeit. Die Frau Triefäugige Weiber, die Sprüche murmeln, haben nichts zu schaffen mit meinem Leib, und was du gegessen hast vor Nacht, hat keine Gewalt über meine Seele. Leise Dritthalb Jahr bin ich dein Weib – und du hast keine Frucht gewonnen aus mir und mich nicht gemacht zu einer Mutter. Gelüsten danach hab ich abtun müssen von meiner Seele: Nun ist es an dir, abzutun Gelüste, die dir lieb sind. Barak mit ungezwungener Feierlichkeit und Frömmigkeit des Herzens Aus einem jungen Mund gehen harte Worte und trotzige Reden, aber sie sind gesegnet mit dem Segen der Widerruflichkeit. Ich zürne dir nicht und bin freudigen Herzens, und ich harre und erwarte die Gepriesenen, die da kommen. Barak hat den gewaltigen Pack zusammengeschnürt, hebt ihn auf den Herd und lädt ihn von da, indem er sich bückt und das Ende des Strickes vornüberzieht, auf seinen Rücken, beladen richtet er sich auf. Die Frau finster vor sich Es kommen keine in dieses Haus, viel eher werden welche hinausgehn und schütteln den Staub von ihren Sohlen. Fast tonlos Also geschehe es, lieber heute als morgen. Barak nickt ihr gutmütig zu; ohne auf ihre letzten Worte zu hören; indem er, unter der gewaltigen Last schwer gehend, den Weg zur Tür nimmt, vor sich Trage ich die Ware mir selber zu Markt, spar ich den Esel, der sie mir schleppt! Er geht. Die Frau, allein, hat sich auf ein Bündel oder einen Sack gesetzt, der vorne liegt. Ein Heranschweben, ein Dämmern, ein Aufblitzen in der Luft. Die Amme, in einem Gewand aus schwarzen und weißen Flicken, die Kaiserin, wie eine Magd gekleidet, stehen da, ohne daß sie zur Tür hereingekommen wären. Die Frau ist jäh auf den Füßen Was wollt ihr hier? Wo kommt ihr her? Die Amme nähert sich demütig, ihr den Fuß zu küssen Ach! Schönheit ohnegleichen! Ein blitzendes Feuer! Oh! Oh! Meine Tochter, vor wem stehen wir? Wer ist diese Fürstin, wo bleibt ihr Gefolge? Wie kommt sie allein in diese Spelunke? Sie hebt sich furchtsam aus der fußfälligen Lage Verstattest du die Frage, meine Herrin? War dieser einer von deinen Bedienten oder von deinen Botengängern, der Große mit einem Pack auf dem Rücken, solch ein Vierschrötiger, nicht mehr junger, mit gespaltenem Maul und niedriger Stirne! Die Frau Du Zwinkernde, die ich nie gesehn und weiß nicht, wo du hereingeschlüpft bist – dich durchschau ich so weit. Du weißt ganz wohl; daß dieser der Färber und mein Mann ist, und daß ich hier im Hause wohne. Die Amme springt auf die Füße, wie in maßlosem Erstaunen Oh, meine Tochter, starre und staune! Die wäre das Weib des Färbers Barak? Heran, meine Tochter, es wird dir verstattet: betrachte dir diese Wimpern und Wangen, betrachte dir diesen Leib in der Schlankheit des ganz jungen Palmbaums und schrei: Wehe! Die Kaiserin Ich will den Schatten küssen, den sie wirft! Die Amme Weh! Und das soll ihm Kinder gebären! Und das soll einsam hier verkümmern! O des blinden Geschicks und der Tücke des Zufalls! Die Frau geht ängstlich vor ihr zurück Weh, daß du gekommen bist, meiner zu höhnen! Was redest du da und was starrst du auf mich und willst mich zu einer Närrin machen vor Gott und den Menschen. Sie weint. Die Amme mit gespieltem Erstaunen, indem sie die Kaiserin fortzieht Wehe, mein Kind, und fort mit uns! Diese weist uns von sich und will nicht unsere Dienste. Sie kennt das Geheimnis und will unser spotten, fort mit uns! Die Frau fährt jäh auf Welches Geheimnis, du Unsagbare, du! Bei meiner Seele und deiner, welches Geheimnis? Die Amme neigt sich tief Das Geheimnis des Kaufs und das Geheimnis des Preises, um den du dir alles erkaufst. Die Frau Bei meiner Seele und dem Jüngsten Tag, ich weiß von keinem Kauf, ich weiß von keinem Preis! Die Amme Oh, meine Herren, soll ich dir glauben, daß du deinen Schatten, dies schwarze Nichts hinter dir auf der Erde, daß dir dies Ding ohne Namen nicht feil ist – auch nicht um unvergänglichen Reiz und um Macht ohne Schranken über die Männer? Die Frau dreht sich nach ihrem Schatten um Der gekrümmte Schatten eines Weibes, wie ich bin! Wer gäbe dafür auch nur den schmählichsten Preis? Die Amme Alles, du Benedeite, alles zahlen begierige Käufer, du Herrin, wenn eine Unnennbare deinesgleichen abtut ihren Schatten und gibt ihn dahin! Ei! Die Sklavinnen und die Sklaven, so viele ihrer du verlangest, und die Brokate und Seidengewänder, in denen du stündlich wechselnd prangest, und die Maultiere und die Häuser und die Springbrunnen und die Gärten und deiner Liebenden nächtlich Gedränge und dauernde Jugendherrlichkeit für ungemessene Zeit dies alles ist dein, du Herrscherin, gibst du den Schatten dahin! Sie greift in die aufblitzende Luft und reicht der Frau ein köstliches Haarband aus Perlen und Edelsteinen. Die Frau Dies in mein Haar? Du Liebe, du! – Doch ich armes Weib, ich hab keinen Spiegel! Dort überm Trog mach ich mein Haar! Die Amme Verstattest du, ich schmücke dich! Sie legt ihr die Hand auf die Augen, sogleich ist sie selbst samt der Frau verschwunden. An Stelle des Färbergemaches steht ein herrlicher Pavillon da, in dessen Inneres wir blicken: es ist das Wohngemach einer Fürstin. Der Boden scheint mit einem Teppich in den schönsten Farben bedeckt, doch sind es Sklavinnen in bunten Gewändern. Sie heben sich nun von der Erde, lauschen kniend nach rückwärts. rufen mit süßen, wie ein Glockenspiel ineinanderklingenden Stimmen Dienerinnen Ach, Herrin, süße Herrin! Aah! Durch eine kleine Tür rückwärts, links, tritt die Frau, geführt von der Amme, in das Gemach. Sie ist fast nackt, in einen Mantel gehüllt, gleichsam aus dem Bade kommend; sie trägt das Perlenband ins Haar gewunden. Sie geht mit der Amme durch die knienden Sklavinnen quer durch, an einen großen ovalen Metallspiegel, der rechts vorne steht. Dort setzt sie sich und sieht sich mit Staunen. Stimme der Kaiserin Willst du um dies Spiegelbild nicht den hohlen Schatten geben? Stimme des Jünglings gleichsam antwortend Gäb ich um dies Spiegelbild doch die Seele und mein Leben! Die Frau O Welt in der Welt! O Traum im Wachen! Wie die Frau den Mund auftut, verbleicht alles und beginnt zu entschwinden Dienerinnen Weh! Zu früh! Herrin! Ach Herrin! Das Färberhaus steht wieder da, die Amme wie früher, die Kaiserin seitlich; die Färberin in ihrem ärmlichen Gewand – der Schmuck ist verschwunden – klammert sich taumelnd an die Amme. Die Amme und die Kaiserin wechseln einen Blick. Die Frau sehr aufgeregt Und hätt ich gleich den Willen dazu – Wie tät ich ihn ab und gäb ihn dahin – den an der Erde, ihn, meinen Schatten? Nein, sag doch schnell! Nein, schnell doch, schnell, du Kluge, du Gute! Jetzt sag es, schnell! Die Amme zieht sich um, winkt die Tochter heran, gleichsam als Zeugin. Die Frau kann ihre Ungeduld kaum bemeistern. Die Amme Hat es dich blutige Tränen gekostet, daß du dem Breitspurigen keine Kinder geboren hast? Und lechzt dein Herz darnach bei Tag und Nacht, daß viele kleine Färber durch dich eingehen sollen in diese Welt? Soll dein Leib eine Heerstraße werden und deine Schlankheit ein zerstampfter Weg? Und sollen deine Brüste welken und ihre Herrlichkeit schnell dahin sein? Die Frau leise Meine Seele ist satt worden der Mutterschaft, eh sie davon verkostet hat. Ich lebe hier im Haus, und der Mann kommt mir nicht nah! So ist es gesprochen und geschworen in meinem Innern. Die Amme Abzutun Mutterschaft auf ewige Zeiten von deinem Leibe! Dahinzugeben mit der Gebärde der Verachtung die Lästigen, die da nicht geboren sind! So ist es gesprochen und so geschworen! Du Seltene du! Du erhobene Fackel! O du Herrscherin, o du Gepriesene unter den Frauen, nun sollst du es sehn und es erleben: angerufen werden gewaltige Namen und ein Bund geschlossen und gesetzt ein Bann! Tage drei dienen wir dir hier im Haus, diese und ich, dies ist gesetzt! Sind die vorbei, dem Dienst zum Lohn von Mund zu Mund, von Hand zu Hand, mit wissender Hand und willigem Mund gibst du den Schatten uns dahin und gehest ein in der Freuden Beginn! Und die Sklavinnen und die Sklaven und die Springbrunnen und die Gärten und Gewölbe voll Tonnen des Goldes - Die Frau unterbricht sie jäh Still und verschwiegen: ich höre meinen Mann, der wiederkommt! Finster Nun wird er verlangen nach seinem Nachtmahl, das nicht bereit ist, und nach seinem Lager, Fast tonlos das ich ihm nicht gewähren will. Die Amme hastig Du bist nicht allein: Dienerinnen hast du, diese und mich. Morgen zu Mittag stehn wir dir in Dienst: als arme Muhmen mußt du uns grüßen, nach Mitternacht nur, indes du ruhest, entlässest du uns für kurze Frist, das braucht niemand zu wissen! Jetzt schnell, was nottut! Ein Windstoß durchfährt plötzlich den Raum, den die allmählich einsetzende Dämmerung in Halbdunkel getaucht hat. Die Amme befehlend Fischlein fünf aus Fischers Zuber, wandert ins Öl, und, Pfanne, empfang sie! Feuer, rühr dich! Hierher, du Bette des Färbers Barak! Und fort mit den Gästen, von wo sie kamen! Die Amme hat befehlend in die Hände geschlagen, lautlos. – Die Fischlein fliegen blinkend durch die Luft herein und landen in der Pfanne, das Feuer unterm Herd flammt auf, die Hälfte des ehelichen Lagers hat sich abgetrennt, und es ist ganz im Vordergrunde eine schmälere Lagerstatt für einen einzelnen erschienen, indessen hinten das Lager der Frau durch einen Vorhang verhängt erscheint – und indem dies alles geschah, sind die Amme selbst und die Kaiserin lautlos durch die Luft entschwunden. Der Feuerschein flackert durch den dämmernden Raum. Die Frau steht allein und starr vor Staunen. Plötzlich ertönen aus der Luft, als wären es die Fischlein in der Pfanne, ängstlich Fünf Kinderstimmen Mutter, Mutter, laß uns nach hause! Die Tür ist verriegelt, wir finden nicht ein, wir sind im Dunkel und in der Furcht! Mutter, o weh! Die Frau in höchster Angst über das Unbegreifliche, ratlos um sich blickend Was winselt so gräßlich aus diesem Feuer? Die Kinderstimmen drängender Wir sind im Dunkel und in der Furcht! Mutter, Mutter, laß uns ein! Oder ruf den lieben Vater, daß er uns die Tür auftu! Die Frau in großer Angst O fänd ich Wasser, dies Feuer zu schweigen! Die Flamme unterm Herd wird zusehends schwächer. Die Kinderstimmen verhauchend Mutter, o weh! Dein hartes Herz! Die Frau sinkt vorne auf ein Bündel, wischt sich den Angstschweiß von der Stirne. Barak erscheint in der Tür, mit einem vollgepackten Korb beladen, vor sich, behaglich Trag ich die Ware nur selber zu Markt, spar ich den Esel, der sie mir schleppt. Die Frau hebt sich mühsam, geht nach hinten an ihr Lager, hebt den Vorhang und sagt nichts. Barak kommt nach vorne Ein gepriesener Duft von Fischen und Öl. Was kommst du nicht essen? Die Frau von rückwärts Hier ist dein Essen. Ich geh zur Ruh. Dort ist jetzt dein Lager. Barak wirds gewahr, gemäßigt unwillig Mein Bette hier? Wer hat das getan? Die Frau von ihrer Stelle Von morgen ab schlafen zwei Muhmen hier, denen richt ich das Lager zu meinen Füßen als meinen Mägden. So ist es gesprochen, und so geschieht es. Sie zieht den Vorhang vor. Barak indem er resigniert ein Stück Brot aus dem Gewand zieht und, dieses essend, sich auf die Erde setzt. Sie haben mir gesagt, daß ihre Rede seltsam sein wird und ihr Tun befremdlich die erste Zeit. Aber ich trage es hart, und das Essen will mir nicht schmecken. Die Stimmen der Wächter in den Straßen Ihr Gatten in den Häusern dieser Stadt, liebet einander mehr als euer Leben und wisset: Nicht um eures Lebens willen ist euch die Saat des Lebens anvertraut, sondern allein um eurer Liebe willen! Barak indem er sich umwendet Hörst du die Wächter, Kind, und ihren Ruf? Keine Antwort. Die Stimmen der Wächter Ihr Gatten, die ihr liebend euch in den Armen liegt, ihr seid die Brücke überm Abgrund ausgespannt, auf der die Toten wiederum ins Leben gehn! Geheiliget sei eurer Liebe Werk! Barak horcht abermals, nach rückwärts gewendet, vergeblich; er seufzt tief auf und streckt sich zum Schlaf hin Seis denn! Der Vorhang fällt. Zweiter Aufzug Des Färbers Wohnung. Die Brüder blicken zur Tür herein, bepackt. Der Färber belädt sich, die Kaiserin, als Magd, hilft ihm dabei. Die Amme läuft an die Tür, neigt sich bis zur Erde vor dem Färber Komm bald wieder nach Haus, mein Gebieter, denn meine Herrin verzehrt sich vor Sehnsucht, wenn du nicht da bist! Barak geht. Die Amme läuft zur Frau hinüber, leise Die Luft ist rein und kostbar die Zeit! Wie ruf ich den, der nun herein soll? Die Frau hat sich gesetzt und das Ruch, mit dem ihr Kopf umwunden war, gelöst; ihr Haar ist mit Perlschnüren durchflochten. Die Kaiserin kniet vor ihr, hält ihr den Spiegel. Die Amme O du meine Herrin seit diesem Tage, gib mir doch Antwort! Wie sind deine Bräuche? Soll diese laufen? Oder ruf ich ihn? Mit einem sehnsüchtigen Ruf? Oder einem fröhlichen? Die Frau scharf Auf wen geht die Rede? Die Amme leise Auf den, der thronet in deinem Herzen, und für den du dich schmückest! Die Frau ruhig In leerem Herzen wohnet keiner, und geschmückt hab ich mich für den Spiegel. Die Amme verschlagen Hören ist Verstehen, o meine Herrin! So sprech ich von dem Sehnsuchtverzehrten, dem deines offenen Haares Wehen – in Träumen geahnt, doch niemals gesehen – die Knie löst vor Furcht und Bangen: verstatte, daß ich diesen rufe zur Schwelle der Sehnsucht und der Erlösung! Die Frau steht auf Ich weiß von keinem Manne außer ihm, der aus dem Hause ging. Die Amme dicht an ihr O du Augapfel meiner Träume! Den flüchtig Begegneten, heimlich Ersehnten, den du mit niedergeschlagenen Augen dennoch ansahest – und warst ihm zu Willen in deinen Gedanken –, erbarme dich seiner! Die Frau errötend, verwirrt Wer bist denn du? Wie nimmst du mich denn? Die Amme schnell triumphierend Wir bringen ihn dir, zu dem du jetzt eben aus süßem Erröten dein Denken geschickt! Die Frau Lachen muß ich über dich! – – – – – – – – – – Wenn ich dir sage: ich weiß kaum die Gasse, wo ich ihn traf, nicht das Viertel der Stadt, noch seinen Namen! Die Amme Nun schließ deine Augen und ruf ihn dir! Und schlägst du sie auf, steht er vor dir! Die Frau ihren Gedanken nachhängend Nur, daß ich auf einer Brücke ging unter vielen Menschen, als einer mir entgegenkam, ein Knabe fast, der meiner nicht achtete - Die Amme nimmt verstohlen einen Strohwisch vom Boden auf Du Besen, leih mir die Gestalt! Und Kessel du, leih mir deine Stimme! Die Kaiserin zur Amme Weh! Muß dies geschehen vor meinen Augen? Die Amme leise Zu gutem Handel und dir zu Gewinn. Sie gleitet zu der Frau hin, birgt den Strohwisch hinterm Rücken Geschlossen dein Aug und geöffnet dein herz, du Liebliche, du! Sie wirft den Strohwisch über die Frau. Es blitzt auf, und nachher bleibt das Licht verändert. Die Kaiserin vor sich, flüsternd, währenddem die Frau laut denkt Sind so die Menschen? So feil ihr Herz? Die Amme Kielkröpfe und Molche sind zu schauen so lustig als sie! Die Frau mit geschlossenen Augen, monologisch fortlaufend – der meiner nicht achtete und mit hochmütigem Blick – – – – – – – – – – – und des ich gedachte heimlich, zuweilen, um Träumens willen! Die Amme entschieden Es ist an der Zeit, herbei, mein Gebieter! Sie klatscht in die Hände. Es steht ein Jüngling da, wie entseelt. Zwei kleine dunkle Gestalten stützen ihn, die sogleich verschwinden. Die Frau mit offenen Augen Er und der Gleiche! Und doch nicht! Die Amme dicht bei dem Jüngling, der allmählich sich belebt Um ihretwillen bist du hier, du Vielersehnter! Läuft zur Frau hinüber Wie ist dir um jede Stunde, da du diesen nicht gekannt hast? Die Frau Ich will hinweg und mich verbergen! Der Jüngling steht gesenkten Kopfes. Die Frau hebt unwillkürlich die Hände gegen ihn. Die Amme zwischen beiden Sei schnell, mein Gebieter! Und kühn, du Herrin! Unsagbar fliehend ist solches Glück! Stimmen aus der Luft Sei schnell, mein Gebieter! Und kühn, du Herrin! Unsagbar fliehend ist das Glück! Die Amme läuft zur Kaiserin hin, zieht sie nach rückwärts. Die Kaiserin macht sich jäh los, horcht hinaus Ach! Wehe! Daß sie sich treffen müssen, der Dieb und der, dem das Haus gehört, der mit dem Herzen und der ohne Herz! Die Amme läuft nach vorne Voneinander! Ihr ist gegeben, zu hören, was fern ist, sie meldet: der Färber kehrt nach Hause! Sie wirft ihren Mantel über den Jüngling, der Raum verdunkelt sich jäh, und als es wieder hell wird, ist der Knabe verschwunden. Zu der Amme Füßen liegt der Strohwisch, den sie aufnimmt und in einer Mauernische verbirgt. Die Tür geht auf. Barak tritt ein, eine riesengroße kupferne Schüssel mit den Armen tragend, ihm voraus der Einäugige, den Dudelsack spielend, der Bucklige bekränzt und ein großes Weingefäß schleppend, der Einarmige, mit noch einer kleineren Schüssel, Bettelkinder drängen sich ihnen nach zur Tür herein. Barak stolz und glücklich auf die Frau zu Was ist nun deine Rede, du Prinzessin, vor dieser Mahlzeit, du Wählerische? Die Frau kehrt ihm den Rücken Die Brüder haben sich rechts in eine Reihe gestellt O Tag des Glücks, o Abend der Gnade! Das war ein Einkauf! Schlag ab, du Schlächter, ab vom Kalbe und ab vom Hammel! Und her mit dem Hahn! Du Bratenbrater, heraus mit dem Spieß! Heran, du Bäcker, mit dem Gebackenen, und du, Verdächtiger, her mit dem Wein! Wenn wir einkaufen, das ist ein Einkauf! O Tag des Glücks. o Abend der Gnade! Die Bettelkinder fallen ein O Tag des Glücks, o Abend der Gnade! Die Frau ohne Barak voll anzusehen Wahrlich, es ist angelegt aufs Zertreten des Zarten, und es siegt das Plumpe, und dem, der Brot will, wird ein Stein gegeben! Und wer von der Schüssel der Träume kostete, zu dem treten Tiere und halten ihm den Wegwurf hin vom Tisch des Glücklichen, und er hat nichts, wohin er sich flüchte, als in seine Tränen! Das ist meine Rede, du glückseliger Barak! Die Tränen überwältigen sie, sie setzt sich abseits und verbirgt ihr Gesicht in den Händen . Barak hat die Schüssel auf die Erde gestellt, nach einer Pause der Resignation Esser, ihr Brüder, und lasset euch wohl sein! Ihre Zunge ist spitz, und ihr Sinn ist launisch, aber nicht schlimm – und ihre Reden sind gesegnet mit dem Segen der Widerruflichkeit um ihres reinen Herzens willen und ihrer Jugend. Die Brüder lagern auf der Erde und haben sich über die Schüsseln hergemacht, die Bettelkinder um sie; Barak stopft den Kindern gute Bissen in den Mund. In der Tür sammeln sich Nachbarn, alte Weiber, Krüppel, noch mehr Kinder an, auch Hunde Barak winkt die Magd heran Komm her, du stillgehende Muhme, das ist für dich! Und geh hin zu der Frau: ob sie nicht will vom Zuckerwerk oder vom Eingemachten mit Zimmet. Die Kaiserin schickt sich an, zu der Frau hinüberzugehen Die Frau fährt auf Meinen Pantoffel in dein Gesicht, du Schleichende! Bitternis will ich tragen im Mund und nicht sie verzuckern! Was brauch ich Gewürze, der Gram verbrennt mich! Um der grausamen Tücke willen und des erbärmlichen Geschickes! Die Brüder unter dem Essen durcheinander Wer achtet ein Weib und Geschrei eines Weibes? Aber der Langmütige, der bist du von je! Und der Großmütige vom Mutterleib! Und der Wohltätige! Und der Freigebige! Das bist du! O unser aller Vater! Neigen sich, halbtrunken, küssen die Erde vor Barak Barak zugleich mit ihr und ihnen; fromm, mit ungesuchter Feierlichkeit Hier ist vom Guten, lasset euch wohl sein, meine Brüder, und freuet euch, daß ihr lebt! Es ist euch gegönnt, und ihr seid mir anstatt der Kinder! Die fremden Kinder neigen sich vor Barak O du Färber unter den Färbern und unser aller Vater! Zwischenvorhang fällt. Das kaiserliche Falknerhaus, einsam im Walde. Mondlicht zwischen den Bäumen. Der Kaiser kommt geritten,steigt leise vom Pferde, nähert sich lautlos, bleibt hinter einem Baum verborgen, von wo er den Eingang und das eine Fenster des kleinen Hauses vor Augen hat. – Die Tür ist geschlossen. Der Kaiser Falke, Falke, du wiedergefundener – wo führst du mich hin, kluger Vogel? »Das Falknerhaus, einsam im Walde, soll die drei Tage mir Wohnung sein – niemand um mich als die Amme allein ferne den Menschen, verborgen der Welt« – So schrieb meine Frau – sie gabs dem Boten, künstlich ihr Haarband umflocht den Brief. Nun führst du mich über Berg und Fluß hierher den Weg. Seltsamer du – Soll ich mich bergen hier im Schatten als ihr Jäger immerdar? Hast du darum mich hergeführt? Schläft sie? Mich dünkt, das Haus ist leer! Falke, mein Falke, was ist mir das? Wo ist deine Herrin zu nächtiger Zeit? Falke, mir ist zur unrechten Stunde hast du mich hierher geführt. Er lauscht Still, mein Falke, und horch mit mir! Es kommt gegangen, es kommt geschwebt – ist das die Beute, die du mir schlägst? Stille - Die Amme, hinter ihr die Kaiserin, kommen zwischen den Bäumen herangeschwebt und stehen zwischen den Bäumen; sie sind mit wenigen lautlosen Schritten auf der Schwelle, die Amme öffnet, sie schlüpfen ins Haus, das sich von innen erleuchtet. Der Kaiser O weh, Falke, o weh! Wo kommt sie her! Wehe, o weh! Menschendunst hängt an ihr, Menschenatem folgt ihr nach, wehe, daß sie mir lügen kann – wehe, daß sie nun sterben muß! Er zieht einen Pfeil aus dem Köcher Pfeil, mein Pfeil, du mußt sie töten, die meine weiße Gazelle war! Weh! da du sie ritztest, ward sie ein Weib! – Du bist nicht, der sie töten darf. Er stößt den Pfeil wieder in en Köcher, zieht das Schwert halb aus der Scheide Schwert, mein Schwert, du mußt auf sie! Weh, ihren Gürtel hast du gelöst – du bist nicht, der sie töten darf! Er stößt das Schwert wieder in die Scheide – Und meine nackten Hände! Weh! Meine Hände vermögen es nicht! Wehe, o weh! Auf, mein Pferd, und du, Falke, voran! und führ mich hinweg von diesem Ort, wohin dein tückisches Herz dich heißt, führ mich in ödes Felsengeklüft, wo kein Mensch und kein Tier meine Klagen hört! Wehe, o weh! – – – – – – – – – – Der Zwischenvorhang fällt. Des Färbers Wohnung. – Barak schafft. – Die Frau und die Amme tauschen ungeduldige Blicke . Die Frau halblaut vor sich hin Es gibt derer, die haben immer Zeit, und ist der Markt vorbei, so kommen sie auch noch zurecht. Barak wendet den Kopf nach ihr Schon geh ich. Es ist heiß. Ich habe schwer geschafft seit diesem Morgen, und nicht viel vor mich gebracht. Gib mir zu trinken, Frau? Die Frau ohne sich zu wenden Sind Mägde da. Die Amme gießt ein, tut verstohlen einen Saft in den Trunk. Barak ohne hinzusehen Gibst du mir nicht? Die Amme gibt der Kaiserin das Gefäß. Die Frau, mit ausgestrecktem Arm, heißt sie, es dem Herrn bringen. Die Kaiserin bringt es hin. Barak trinkt Mich schläfert. Es ist heiß. Die Frau vor Ungeduld, singt höhnisch vor sich hin Sag: ich geh – und bleibe sitzen! Sag: ich tu – und laß es sein! Bin ich doch der Herr im Haus! Hab es halt, so ist es mein, Haus und Herd und Bette und Weib! Barak ohne Zorn Mich schläfert sehr. Ich muß hier liegen, Frau. Zu Abend – dann – – trag ich – die Wage zu Markt. Schläft ein auf einem Sack Kräuter. Die Frau höhnisch wild singend Und sparst den Esel, der sie dir schleppt! Sparst den Esel, der dir sie schleppt! Die Amme läuft zu ihr, leise Herrin, halt inne mit Schreien und Zürnen! Ich hab ihm einen Schlaftrunk eingeschüttet! Die Frau Wer hieß dich das tun? Ängstlich Barak! Barak! Sie geht hinüber, sieht den Schlafenden an. Die Amme zieht sie weg Er schläft bis an den Morgen. Ihm ist wohl. Viel schöne Stunden, Herrin, sind vor dir. Die Frau Wer hat dich gelehrt, welche Stunde mir schön heißt? Ich will ausgehen? Du bleib dahinten. Ich will nicht in deinen Händen sein, und daß du ausspähest all mein Verborgenes, du alte weiß und schwarz gefleckte Schlange! Die Amme Willst du den in der Ferne suchen, Herrin, der deiner harret und deines Winkes? Gewähre, ich breit ihn vor deine Füße – und sprich es aus: er darf heran! Die Frau spitz und scharf Spräch ich es aus und spräche einerlei Rede mit dir, es wäre einerlei Rede nicht. Der darf wohl heran, der, den ich meine – doch eben von dir darf nichts heran: darum auch er nicht. Allmählich in verändertem Ton Von ihm darf heran, was du nie wahrnimmst: was nie an d e i n e r Hand sich mir naht. – – – – – – – – – – Träumerisch, sehnsüchtig Von wo der Strand nie betreten wurde, beträte ihn einer von dort her, dem wehrte keine Mauer und kein Riegel. Die Amme schnell Ich ruf ihn! Ein Dunkelwerden, ein Blitz. Die Amme führt an ihrer Hand die Erscheinung des Jünglings heran. Die Frau Schlange, was hab ich mit dir zu schaffen! und solchen, die du bringest! Der Jüngling eine geisterhaft hohe Stimme Wer tut mir das, daß ich jäh muß stehen vor meiner Herrin! Der Macht ist zu viel! Zu jäh die Gewalt! Kniet nieder, verhüllt sich. Die Frau mit verstellter Härte, ohne den Jüngling eines Blickes zu würdigen Wer heißt eine alte Vettel wissen, was ihr zu wissen nicht getan ist? Mit gespielter Verachtung, indem sie den Jüngling mit einem koketten Blick streift Meine Tücher her! Ich war gewillt , ins Freie und auf den Fluß zu fahren in der Kühle. Als wollte sie fort. Die Amme zu ihr, umschlingt ihre Füße, dringend, feurig Peinvoll süße Unruh treibt dich umher. Gewillt bis du zu nichts, als zu Süßem gewillt zu sein jetzt und hier! Gleichsam ins Feuer blasend, nicht ohne kupplerisch-dämonische Größe Wer teilhaftig ist der Wonne, der fürchtet auch den Tod nicht, denn er hat gekostet von der Ewigkeit, aber wie er dahin gelangt ist, das ist ihm vergessen! Der Jüngling Bin ich dir ferne, so ists deine Nähe, die mich zerbricht, bin ich vor dir, so wirst du unnahbar, und deine Ferne ists, die mich tötet! Er fällt nach rückwärts wie ein Ohnmächtiger. Die Frau wie unbewußt Ich habe geträumt, daß ich zu dir fliege mit unablässigen Küssen wie eine Taube, die ihr Junges füttert – und mein Traum hat dich getötet! Sie beugt sich über ihn, will sanft die Hände von seinem Gesicht lösen; sein Blick trifft sie, seine Hand zuckt, die ihrige festzuhalten. Sie fährt mit einem Schrei zurück. Die Amme will die Kaiserin mit sich ziehen, zur Tür hinaus. Die Frau jäh verwandelt Weh mir, wohin? Verräterinnen! Hierher! zu Mir! Sind die Toten lebendig, so sind wohl die Schlafenden tot! Wach auf, mein Mann! Ein Mann ist im Haus! Ich will! wach auf! zu mir! Sie eilt zu Barak hin, rüttelt ihn, bespritzt ihn mit Wasser, die Kaiserin ist bei ihr, hilft ihr. Die Amme wirft ihren Mantel über den Jüngling Gott schütze uns vor einer jungen Närrin! Sei du getrost! Schnell dreht sich der Wind, und wir rufen dich wieder! Barak erwacht aus der Betäubung, richtet sich auf Was schlief ich so schwer? Wer rüttelt mich auf? Die Frau Du sollst nicht schlafen am hellen Tag! Sollst wahren dein Haus vor Dieben und Räubern und meiner achten! Geschieht mir dergleichen von dir noch einmal, so ist meines Bleibens hier nicht länger! Verstehst du mich! Barak sehr aufrecht, blickt wild um sich Sind Räuber hier? Den Hammer dort! Ihr Brüder her! Zum Bruder her! Die Frau windet ihm den Hammer aus der Hand Laß dein Schreien und tölpisch Gehaben! Unter der Arbeit schlägst du mir hin, kommst mir von Sinnen, redest fremd. Hast du die Sucht, oder schierts dich so wenig, mich zu erschrecken täppisch und roh! Die Amme beiseite Wie sie ihn sich hernimmt und sattelt und aufzäumt, die Prächtige die! Barak langsam War dir bange um mich, du Gute! Bin ja wieder bei dir! Die Frau spöttisch Wieder bei mir! Das ist ja recht viel! Er ist wieder bei mir! Ei, große Freude! Wieder bei mir! Barak sucht sein Arbeitszeug zusammen Es widerfährt mir, was ich nicht kenne, und ist eine Gewalt über mir im Dunklen – Starrt vor sich hin Mein bester Mörser ist mir zersprungen – Versteh ich mein Handwerk nicht mehr? Die Frau sieht ihn starr an Ein Handwerk verstehst du sicher nicht, wie dus von Anfang nicht verstanden, sonst sprächest du jetzt nicht von dir und diesem Mörser. Geschah dir das, was dir eben geschah, dein Herz müßte schwellen vor Zartheit, und es müßte dir bangen, die Hand zu heben und deinen Fuß vor dich zu setzen, um des Köstlichen willen, das du zerstören könntest. Fast mit Ekel Aber es geht ein Maulesel am Abgrund hin, und es ficht ihn nicht an die Tiefe und das Geheimnis! Barak halb zu der Magd, die bei ihm ist, ihm hilft, sein Handwerkszeug vom Boden aufzunehmen Ich höre und weiß nicht, was eines redet, und habe vergossen den Leim, da ich hinfiel – und mir ist bange um mein Handwerk, und daß ich nicht werde nähren können, die meinen Händen anvertraut sind. Die Frau Um Nahrung für mich gräme dich nicht! Und wenn du mich siehst meine Tücher nehmen, Sie tuts, die beiden Mägde sind ihr behilflich vielleicht zu fahren auf dem Flusse, vielleicht zu wandeln neben den Gärten oder was immer die Lust mich wird heißen – kann sein, dann komme ich eines Abends nicht wieder heim zu dir. Denn es ist nicht von heute, daß du meine Stimme hörest und fassest sie nicht in deinen Sinn, und ist dir ferne, die du nahe glaubst, und wähnest, du hättest sie im Gehäuse wie einen gefangenen Vogel der dein ist, um wenig Münze gekauft auf dem Markt: die doch anderswo, anders daheim. Sie schickt sich an zu gehen, winkt der Amme, sie zu begleiten, der Kaiserin, zurückzubleiben. Barak sieht bestürzt und trübe vor sich hin. Die Frau und die Amme sind zur Tür hinaus. Die Kaiserin auf den Knien in Baraks Nähe sucht auf der Erde verstreutes Handwerkszeug zusammen. Barak wird erst jetzt gewahr, daß er nicht allein ist Wer da? Die Kaiserin sieht zu ihm auf Ich, mein Gebieter, deine Dienerin! Der Zwischenvorhang fällt. Der Kaiserin Schlafgemach im Falknerhaus. Die Kaiserin liegt auf dem Bett in unruhigem Schlaf. Die Amme schlummert, in ihren Mantel gewickelt, zu Füßen des Bettes : Die Kaiserin aus dem Schlaf, ohne die Augen aufzutun Sieh – Amme – sieh des Mannes Aug, wie es sich quält! Traumhaft, feierlich Vor solchen Blicken liegen Cherubim auf ihrem Angesicht! – – – – – – – – – – Nach einer Stille, jäh auffahrend, mit ausgebreiteten Armen Dir – Barak – bin ich mich schuldig! Sie sinkt hin und scheint nun fest einzuschlafen. Die Wand des Gemaches schwindet, und man sieht in eine gewaltige Höhle, die durch einen Spalt ins Freie mündet. Düstere Lampen, da und dort, erleuchten matt uralte in den Basalt gehauene Grabstätten. Zur Rechten gewahrt man eine eherne Tür, ins Innere des Berges führend. Des Falken Ruf wird hörbar. Dann dringt der Kaiser, als folge er dem Falken nach, mit den Händen sich vorwärts tastend, durch den Spalt in die Höhle. Die Kaiserin bewegt sich im Schlaf, stöhnt einmal leise auf. Der Kaiser nimmt eine der Grablampen; in seiner Hand leuchtet sie hell auf, er wird die eherne Tür gewahr. Ein Rauschen dringt durch diese wie von fallendem Wasser: Stimmen aus dem Innern des Berges , lockend – drohend Lockend Zum Lebenswasser! Drohend Zur Schwelle des Todes! Lockend Nahe! Wage! Drohend Wehe! Zage! Der Kaiser geht gegen die Tür. Der Falke umschwirrt ihn, stößt klägliche, abmahnende Rufe aus. Der Kaiser pocht an die Tür, die sich öffnet und ihn einläßt, dann wieder schließt. Des Falken Stimme Die Frau wirft keinen Schatten, der Kaiser muß versteinen! Die Höhle verschwindet, die Lampen im Schlafgemach leuchten stärker auf. Die Kaiserin fährt mit einem Schrei aus dem Schlummer empor Wehe, mein Mann! Welchen Weg! Wohin? Durch meine Schuld! Die Tür fiel zu, als wärs ein Grab. Er will heraus und kann nicht mehr. Ihm stockt der Fuß, sein Leib erstarrt. Die Stimme erstickt. Sein Auge nur schreit um Hilfe! Weh, Amme, kannst du schlafen! Da und dort alles ist meine Schuld – Ihm keine Hilfe, dem andern Verderben – Barak, wehe! Was ich berühre, töte ich! Weh mir! würde ich lieber selber zu Stein! Der Zwischenvorhang schließt sich. Des Färbers Wohnung. Es dämmert in dem Raum, wird allmählich dunkler und dunkler. Barak sitzt an der Erde Es dunkelt, daß ich nicht sehe zur Arbeit mitten am Tage. Die drei Brüder kommen zur Tür herein mit gesenkten Köpfen. Auch draußen ist es dunkel. Die Brüder Es ist etwas, und wir wissen nicht, was es ist, o mein Bruder! Die Sonne geht aus mitten am Tage, und der Fluß bleibt stehen und will nicht mehr fließen, o mein Bruder! Es widerfährt uns, und wir wissen nicht, was uns widerfährt! Sie brechen in eine langgezogenes Geheul aus. Die Amme mit der Kaiserin seitwärts Es sind Übermächte im Spiel, o meine Herrin, und ein Etwas bedroht uns, aber wir werden anrufen gewaltige Namen, und dir wird werden, worauf du deinen Sinn gesetzt hast! Die Kaiserin vor sich Wehe, womit ist die Welt der Söhne Adams erfüllt! Und wehe, daß ich herein kam, ihren Gram zu vermehren und ihre Freude zu verzehren! Gepriesen sei, der mich diesen Mann finden ließ unter den Männern, denn er zeigt mir, was ein Mensch ist, und um seinetwillen will ich bleiben unter den Menschen und atmen ihren Atem und tragen ihre Beschwerden! Barak vor sich Meine Hände sind, als ob sie gebunden wären, und mein herz, als läge ein Stein darauf, und auf meiner Seele ein Stück der ewigen Nacht. Gepriesen, der die Finsternis nicht kennt und dessen Auge niemals zerfällt, Einer unter allen! Die Frau vor sich, an der Erde seitwärts Wie ertrag ich dies Haus und mache kein Ende – wo es finster ist mitten am Tage und die Hunde heulen vor Furcht und niemand weist sie hinaus! Eine Pause Die Frau ist jäh aufgestanden; sie heftet einen bösen Blick auf Barak, dann geht sie auf und nieder, ohne ihn anzusehen Es gibt derer, die bleiben immer gelassen, und geschähe, was will, es wird keiner jemals ihr Gesicht verändert sehen. Tagaus, tagein gehen sie wie das Vieh von Lager zu Fraß, von Fraß zu Lager und wissen nicht, was geschehen ist, und nicht, wie es gemeint war. Ein greller Blitz, die Brüder heulen auf. Die Frau stampft zornig auf. Die Frau fährt fort Darüber müssen sie verachtet werden und verlacht wer zu ihnen gehört und ist in die Hand eines solchen gegeben. Aber ich bin nicht in deiner Hand, hörst du mich, Barak? Und wenn du ausgegangen warst und trugest dir selbst die Ware zu Markt, so habe ich meinen Freund empfangen, einen Fremdling unter den Fremdlingen, und wenn ich dich weckte aus deinem Schlaf, so kam ich aus seiner Umarmung! Blitz, die Brüder heulen auf. Die Frau fährt fort Hörst du mich, Barak? Schweige doch diese, damit du mich verstehen kannst! Ich will nicht, daß du ein Gelächter sein müßtest unter den Deinen, sondern du sollst wissen! Dies alles tat ich hier im Hause drei Tage lang: aber die Freude war mir vergällt, denn ich mußte an dich denken, wo ich dich hätte vergessen wollen, und dein Gesicht kam hin, wo es nichts zu suchen hatte! Aber es ist mir zugekommen, wie ich dir entgehe und dich ausreiße aus mir, und jetzt weiß ich den Weg! Barak steht jäh auf; die Brüder taumeln zur Seite. Die Frau ohne Furcht Abtu ich von meinem Leibe die Kinder, die nicht gebornen, und mein Schoß wird dir nicht fruchtbar und keinem andern, sondern ich habe mich gegeben den Winden und der Nachtluft und bin hier daheim und woanders, und des zum Zeichen habe ich meinen Schatten verhandelt: und es sind die Käufer willig, und der Kaufpreis ist herrlich und ohnegleichen! Barak in höchster Erregung Das Weib ist irre, zündet ein Feuer an, damit ihr Gesicht sehe! Das Feuer flammt auf. Die Brüder Sie wirft keinen Schatten. Es ist, wie sie redet! Sie hat ihn verkauft und abgehalten die Ungeborenen von ihrem Leibe! Der Schatten ist abgefallen von ihr, und sie ist ohne, die Verfluchte! Die Amme zur Kaiserin Auf und hin, nimm den Schatten. Reiß ihn an dich! Sie hat es gesprochen mit wissendem Mund, so ist es getan! Und nicht der Sterne Gericht macht diesen Handel zunicht! Barak furchtbar losbrechend Hat sie solch eine Hurenstirn und sieht lieblich darein und schämt sich nicht? Heran, ihr Brüder, einen Sack herbei und hinein von den Steinen, daß ich dies Weib ertränke im Fluß mit meinen Händen! Will auf die Frau los. Die Brüder hängen sich an Barak Kein Blut auf diene Hände, mein Bruder! Auf und jage sie aus dem Hause, einer Hündin Geschick über sie in Gosse und Graben! Barak will auf die Frau los; zugleich Mein Aug ist verdunkelt, helft mir, ihr Brüder! Herbei einen Sack und Steine hinein, daß ich sie ertränke mit meinen Händen! Die Brüder hängen sich an Barak Kein Blut auf deine Hände, mein Bruder! Halte dich rein, o unser Vater! Barak zugleich Helft ihr mir nicht, tret ich euch nieder! Ich hab es verhängt in meiner Seele und will es vollziehen mit meinen Händen! Wie er, gleichsam zum Schwure, die Rechte nach oben reckt, stürzt ihm aus der Luft ein blitzendes Schwert in die Hand. Die Brüder haben kaum die Kraft, ihn zu halten. Die Amme rückwärts mit der Kaiserin, ihr Auge unverwandt mit dämonischer Lust auf den Vorgang geheftet; zugleich mit Barak und den Brüdern Wer schreit nach Blut und hat kein Schwert, dem wird von uns die Hand bewehrt! Und fließt nur schnell das dunkle Blut, wir haben den Schatten, und uns ist gut! Die Kaiserin reißt sich von ihr los, wendet den Blick nach oben für sich, aber zugleich mit den andern Ich will nicht den Schatten: auf ihm ist Blut, ich faß ihn nicht an. Meine Hände reck ich in die Luft, rein zu bleiben von Menschenblut! Sternennamen ruf ich an gegen mich, diese zu retten, geschehe was will! Die Frau ist in sprachlosem Schreck über die Wirkung ihrer frevelhaften Rede nach links hinüber geflüchtet; allmählich geht in ihr eine ungeheure Veränderung vor; leichenblaß, aber verklärt, mit einem Ausdruck, wie sie ihn nie zuvor gehabt hat, trägt sie sich Barak und dem tödlichen Schwertstreich entgegen; zugleich, stellenweise dominierend Barak, ich hab es nicht getan! Noch nicht getan! Höre mich, Barak! Verräter ward mein Mund an mir, zuvor die Seele die Tat getan! Muß ich sterben vor deinem Angesicht, muß ich sterben um was nicht geschah, o du, den zuvor ich niemals sah, mächtiger Barak, strenger Richter, hoher Gatte – Barak, so töte mich, schnell! Barak hebt das Schwert, das in seinen Händen funkelt und von dem Blitze ausgehen, die den dunklen Raum – denn das Feuer ist zusammengesunken – zuckend erleuchten. Die Brüder hängen sich mit letzter Kraft an ihn; zugleich Sie werden dich behängen mit Ketten und dich schlagen mit der Schärfe des Schwertes, erbarme dich unser, o unser Vater! Indem Barak zum Streich ausholt, erlischt das funkelnde Schwert plötzlich und scheint ihm aus der Hand gewunden – ein dumpfes Dröhnen macht das Gewölbe erzittern, die Erde öffnet sich, und durch die geborstene Seitenmauer tritt der Fluß herein. Indes die Brüder, ihr Leben zu retten, zur Tür hinausflüchten, sieht man Barak und die willenlos vor ihm liegende Frau, aber jedes für sich, versinken. Die Amme hat die Kaiserin mit sich auf einen erhöhten Platz an der Mauer des Gewölbes emporgerissen und deckt sie mit ihrem Mantel. Man hört aus dem Dunkel, das alles verhüllt, ihre Stimme. Die Amme Übermächte sind im Spiel! Her zu mir! Der Vorhang fällt schnell. Dritter Aufzug Unterirdische Gewölbe, durch eine querlaufende dicke Mauer in zwei Kammern geteilt. In der rechten wird Barak sichtbar, in düsterem Brüten auf dem harten Stein sitzend; zur Linken die Frau, in Tränen, mit aufgelöstem Haar. Sie wissen nicht voneinander, hören einander nicht. Die Frau zuckt zusammen. Im Orchester ertönen die Stimmen der ungeborenen Kinder, wie im ersten Aufzug. Die Frau Schweiget doch, ihr Stimmen! Ich hab es nicht getan!! – – – – – – – – – – Barak, mein Mann, o daß du mich hörtest, daß du mir glaubtest vor meinem Tode! – – – – – – – – – – Dich wollt ich verlassen, o du, den zuvor niemals ich sah! Dich wollt ich vergessen und meinte zu fliehen dein Angesicht: dein Angesicht, es kam zu mir – O daß du mich hörtest, O daß du mir glaubtest. – Dich wollt ich vergessen – da mußte ich dich denken: und wo ich ging verbotene Wege, dein Angesicht... es kam zu mir und suchte mich, zuvor die Seele die Tat getan! Ein fremder Mann, ich zog ihn her, er war mir nah – aber nicht völlig – Barak, Barak, dich weckt ich doch, weißt du es nicht? Barak vor sich hin Mir anvertraut, daß ich sie hege, daß ich sie trage auf diesen Händen und ihrer achte und ihrer schone um ihres jungen Herzens willen! Die Frau teilweise zusammen mit ihm Dienens, liebend dir mich bücken: dich zu sehen! atmen, leben! Kinder, Guter, dir zu geben! - Barak Mir anvertraut – und taumelt zur Erde in Todesangst vor meiner Hand! Weh mir! Daß ich sie einmal noch sähe und zu ihr spräche: Fürchte dich nicht. Eine Stille, dann Stimme von oben, auf Baraks Seite Auf, geh nach oben, Mann, der Weg ist frei! Es fällt zugleich mit der Stimme ein Lichtstrahl von oben in Baraks Verlies; die Stufen einer Wendeltreppe, in den Fels gehauen, werden sichtbar. Barak richtet sich auf und beginnt hinaufzusteigen. Die Frau Barak, mein Mann! Strenger Richter, hoher Gatte! Schwängest du auch dein Schwert über mir, in seinen Blitzen sterbend noch sähe ich dich! Ein Lichtstrahl fällt von oben in ihr Verlies, der Schein in Baraks leerer Kammer ist erloschen. Die gleiche Stimme auf der Linken Frau, geh nach oben, denn der Weg ist frei. Die Färberin eilt nach oben. Das Gewölbe versinkt. Wolken treten vor, teilen sich, enthüllen eine Felsterrasse, jener gleich, die während des Schlafes der Kaiserin sichtbar wurde. Steinerne Stufen führen vom Wasser aufwärts zu einem mächtigen tempelartigen Eingang ins Berginnere. Ein dunkles Wasser, in den Felsgrund eingeschnitten, fließend gegenüber. Die Tür zum mittleren Eingang offen. Auf der obersten Stufe der Bote, wartend. Dienende Geister rechts und links. Ein Kahn kommt auf dem Wasser geschwommen, ohne Lenker. Die Kaiserin liegt darin, schlummernd, die Amme kniet neben ihr, hält sie umschlungen, bewegt um sich schauend, wohin der Kahn treibe. Der Bote hat das herankommen des Kahnes abgewartet. Der Kahn hält an. Dienende Geister Sie kommen! Der Bote Hinweg! Er tritt ins Innere zurück, die Geister zugleich, die eherne Tür schließt sich hinter ihnen. Die Kaiserin erwacht. Die Amme sucht, sie zurückzuhalten, mit dem freien Arm den Kahn vom Ufer wegzustoßen, vergeblich. Die Gegend erhellt sich. Die Kaiserin erhebt sich, blickt um sich, will ans Land. Die Amme drückt sie nieder, hastig, aufgeregt Fort von hier! Hilf mir vom Fels lösen den Kahn! Leise Übermächte spielen mit uns! Zum greulichsten Ort eigenwillig strebt das Gemächte aus bösem Holz! Wär ich nicht gewitzigt, was würde aus dir! Die Kaiserin Der Kahn will bleiben – siehst du denn nicht? Die Treppe, schau! Die Amme gibts auf, den Kahn vom Ufer zu stoßen, treibend, mit fieberhafter Ungeduld So laß den Kahn! Nun fort von hier! Ich weiß den Weg, Mondberge sieben sind gelagert, dies ist der höchste: ein böser Bereich! Geschürzt dein Kleid und hurtig die Füße: ich führ dich hinunter, ich finde hinaus! Die Kaiserin ist auf die Treppe hinausgetreten Hier ist ein Tor! Sinnend, suchend Einmal vordem sah ich dies Tor! Posaunenruf, wie aus dem Innern des Berges. Die Kaiserin Hörst du den Ton? Der lädt zu Gericht. Leise, etwas beklommen Mein Vater, ja? Keikobad? Sag? Lang sah ich ihn nicht, doch weiß ich wohl, er liebt es zu thronen wie Salomo und aufzulösen, was dunkel ist. Hoch ist sein Stuhl und abgründig sein Sinn – Rein und mutig doch ich bin sein Kind: ich fürchte mich nicht. Die Amme, ängstlich, späht nach der Seite, ob sich ein Ausweg finden ließe. Die Posaune ruft abermals, stärker. Die Kaiserin die Hände erhoben, angstvoll Mein Herr und Gebieter! Sie halten Gericht über ihn um meinetwillen! Was ihn bindet, bindet mich. Was er leidet, will ich leiden, ich bin in ihm,er ist in mir! Wir sind eins, ich will zu ihm. Wendet sich, hinaufzuschreiten Die Amme angstvoll Fort mit uns! ich schaff dir den Schatten! So ist es gesetzt und so geschworen! Du bleibst die gleiche, Töchterchen, liebes, und durch deinen Leib gleitet das Licht – allein des Weibes trauriger Schatten, dir verfallen, haftet der Ferse! Ihresgleichen scheinst du dann und bist es nicht: doch du erfüllst, was bedungen war! Schmeichelnd So hab deinen Liebsten und herze ihn! Ich helf dir ihn finden, ich will es tragen, daß ich ihn sehe in deinen Armen auf Jahr und Tag und bleibe die Hündin in seinem Hause! Resigniert, seufzend, nicht heftig Wehe mir! Sehr stark Nur fort von hier! Fort von der Schwelle: sie zu betreten ist mehr als Tod! Die Kaiserin So kennst du die Schwelle? So weißt du, wohin dies Tor sich öffnet? Antworte mir! Die Amme dumpf Zum Wasser des Lebens. Die Kaiserin Antworte mir! Plötzlich erleuchtet Zur Schwelle des Todes! So scholl der Ruf. Steh mir Rede! Du weißt das Geheime und kennst die Bewandtnis. Antworte mir! Die Amme schweigt. Die Kaiserin Schweigest du tückisch? Willst du mit Fleiß den Sinn mir verdunkeln? Hell ist in mir! Hell ist vor mir! Leidenschaftlich Ich muß zu ihm! Wasser des Lebens, ich muß es erspüren, ihn besprengen – Wasser des Lebens – ist es das Blut aus diesen Adern? Fließe es hin, daß ich ihn wecke! Sie wendet sich entschieden dem Eingang zu. Die Amme wirft sich vor sie hin, faßt sie am Gewand Hab Erbarmen! Du verfängst dich: tausend Netzte, Gaukelspiel, greulicher Trug! Wasser des Lebens, greuliches Blendwerk – müßt ich darüber mein Blut hingeben – halte ich ab von deiner Seele und deinem Herzen! Ein Wasser springt wirklich im Berge. Leuchtend steigt es, goldene Säule, aus dem Grund: Wasser des Lebens! Wer daran die Lippen legte – einer der unsern, von Geistern stammend –, mehr als Tod, greulich unsagbar teuflisches Unheil schlürft er in sich rettungslos. Die Kaiserin ist auf die oberste Stufe getreten. Die Amme in höchster Angst Hörst du mich nicht? Fürchterlich ist Keikobad! Was weißt du von ihm! Du bist sein Kind und hast dich gegeben in Menschenhand und dein Herz vergeudet an einen von den Verwesenden! Fürchterlich straft er dich, wenn du fällst in seine Hand. Denn er kennt kein Greuel über diesem, daß eines spiele mit dem Verhaßten und sich mische mit den Verfluchten! Weh über sie, die dich gebar, und Menschensehnsucht dir flößte ins Blut! Weh über dich! Die Kaiserin verklärt, entschlossen Aus unsern Taten steigt ein Gericht! Aus unsern Herzen ruft die Posaune, die uns lädt. – Entschieden, die Hand gegen sie ausstreckend, gebietend Amme, auf immer scheid ich mich von dir. Was Menschen bedürfen, du weißt es zu wenig, worauf ihrer Herzen Geheimnis zielet, dir ist es verborgen. Sehr feierlich und groß Mit welchem Preis sie alles zahlen, aus schwerer Schuld sich wieder erneuern, dem Phönix gleich, aus ewigem Tode zu ewigem Leben sich immer erhöhen – kaum ahnen sies selber – dir kommt es nicht nah. Ich gehöre zu ihnen, Mächtig du taugst nicht zu mir! Sie tritt ans Tor, das sich lautlos öffnet, sie tritt hinein, das Tor schließt sich. Die Amme will ihr nach, wagt sich nicht in den Bereich, verzweifelnd, auf der Treppe Was Menschen bedürfen? Betrug ist die Speise, nach der sie gieren. Betrügt sie selber! Fluch über sie! Das ewige Trachten vorwärts ins Leere, der angstvermischte gierige Wahnsinn – hinübergeträufelt in meines Kindes kristallene Seele! Fluch über sie! Es dunkelt, rötlicher Nebel tritt herein. Baraks Stimme im Wind Ah! Der Frau Stimme von der anderen Seite Ah! Baraks Stimme Daß ich dich fände! Der Frau Stimme klagend O mein Geliebter! Baraks Stimme Fürchte nichts! Sieh, so sieh! Der Frau Stimme zugleich Finde mich, töte mich! Beide Weh, weh, o weh! Die Amme Menschen! Menschen! Wie ich sie hasse! Wimmelnd wie Aale, schreiend wie Adler, schändend die Erde! Tod über sie! Barak im Nebel herein, von rechts Ich suche meine Frau, die vor mir flieht! Erkennt die Amme, angstvoll, gepreßt, fast stöhnend Hast du sie nicht gesehn – O meine Muhme? Die Amme zeigt nach links aufwärts Dort hinüber! Dort hinauf! Sie verflucht dich in den Tod! Strafe sie – räche dich – schnell! Barak ab nach links aufwärts Zu ihr! Zu ihr! Die Frau erscheint von links weiter unten O du – o du – wo ist mein Mann? O du – ich will zu ihm! Die Amme zeigt nach rechts Dort hinüber! Dich zu töten, mit seinen Händen. Rette dich, flieh! Die Frau eilt nach rechts in den Wind und Nebel, wild entschlossen Barak! Hier! Schwinge dein Schwert. Töte mich schnell! Verschwindet rechts, es dunkelt. Die Amme Wehe, mein Kind, ausgeliefert, Gaukelspiel vor ihren Augen, Falle und Stricke vor ihrem Fuß! Sie ist hinein! Sie trinkt! Das goldne, flüssige Unheil springt auf die Lippen, wühlt sich hinab! Ihr Gesicht gräulich zuckt, ein menschlicher Schrei ringt sich aus der wunden Kehle! Ihr zu Hilfe! Müßte ich sterben! Keikobad! Sie will ans Tor. Bote tritt aus dem Tor, ehern Den Namen des Herrn? Hündin, zu wem hebst du die Stimme? Fort mit dir von der Schwelle! Pack dich für immer! Die Amme wie wahnsinnig vor Erregung Mir anvertraut – du selber, Bote! drei Tage lang! ich hab sie gehütet, ich rang mit ihr – sie stieß mich von sich – sie kennt mich nicht mehr – Keikobad! Er muß mich hören! Will an ihm vorbei. Bote vertritt ihr den Weg; ehern Sie ist vor ihm! Wer bedarf deiner? Niemand. Such dir den Weg! Die Amme Keikobad! Deine Dienerin schreit zu dir – Strafe sie, aber verwirf sie nicht ungehört! Mir übergeben, ich steh dir Rede! Keikobad! Der Nebel tritt herein, wird immer dichter, Gewitter und Sturm nehmen zu an Heftigkeit. Es dunkelt mehr und mehr. Im Sturm tönen die Stimmen der Färbersleute,die einander vergeblich rufen und suchen. Zugleich Bote gewaltig, mit einem Anflug von Hohn Wer bist du, daß du ihn rufest? Was weißt du von seinem Willen und wie er verhängt hat ihr die Prüfung? Wenn er dich hieß des Kindes hüten, wer heißt dich raten, ob er nicht wollte, daß sie dir entliefe? Immer schrecklicher Und trotzdem dich verwirft auf ewig: daß du nicht vermochtest, ihrer zu hüten! Barak unsichtbar O du! Die Frau unsichtbar O du! Barak Wo bist du? Die Frau Wo bist du? Barak Fliehe nicht! Die Frau Finde mich! Barak Komm zu mir! Die Frau Komm zu mir! Barak Dich zu sehen – atmen, leben! Die Frau Kinder, Guter, dir zu geben! Barak Weh, verloren! Die Frau Weh, vertan! Barak Diese Hände – ! Die Frau Weh, so jung! Barak Dir vergeben, dich erquicken! Die Frau Liebend, dienend dir mich bücken! Barak Weh, verloren! Die Frau Hab Erbarmen! Barak Sterben! Sterben! Die Frau Weh, uns Armen! Barak Mir anvertraut. daß ich dich hege, und dich trage auf diesen Händen. Die Amme Schlage er mich mit seinem Zorn! Ich will zu ihr! Bote Mit seinem Zorn schlägt er dich, daß du ihr Antlitz nicht wiedersiehst! Die Amme Weh, mein Kind! Mir verloren! Fluch und Verderben über die Menschen – fressendes Feuer in ihr Gebein! Bote mit Hohn Unter den Menschen umherzuirren ist dein Los! Die du hassest, mit ihnen zu hausen, ihrem Atem dich zu vermischen immer aufs neu! Die Amme wie von Sinnen Die ich hasse, mit ihnen zu hausen, ihrem Atem mich zu vermischen immer aufs neu! Sie drängt sich an den Boten, will an ihm vorbei. Bote faßt sie gewaltig und stößt sie die Treppe hinab Auf, du Kahn, trage dies Weib Mondberge hinab den Menschen zu! Die Amme Fressendes Feuer in ihr Gebein! Die Amme stürzt im Kahn zusammen, der Kahn löst sich und treibt jäh hinab. Ihr Schrei, durchdringend, verhallt. Bote ehern Verzehre dich! Dir widerfährt nach dem Gesetze! Blitz, Donner, Posaune. Die Stimmen der Färbersleute Sterben, sterben! Weh uns Armen! Offene Verwandlung Allmählich erhellt sich, aber noch nicht zu völliger Klarheit, das Innere eines tempelartigen Raumes. – Eine Nische, die mittelste, ist verhängt. Die Kaiserin, allein, steigt von unten empor. Dienende Geister, fackeltragend, ihr entgegen, noch im Dunkel. Erster Hab Ehrfurcht! Zweiter Mut! Dritter Erfülle dein Geschick! Sie verschwinden. Die Menschenstimmen tönen von draußen herein; doch schwächer und schwächer, als wären Türen zugefallen Weh, verloren! Hab Erbarmen! – Sterben! Sterben! Weh uns Armen! Die Kaiserin auf die verhängte Nische zu Vater, bist dus? Drohest du mir aus dem Dunkel her? Hier siehe dein Kind! Mich hinzugeben hab ich gelernt, aber Schatten hab ich keinen mir erhandelt. Nun zeig mir den Platz, der mir gebührt inmitten derer, die Schatten werfen. Ein Springquell goldenen Wassers steigt leuchtend aus dem Boden auf. Die Kaiserin einen Schritt zurückgehend Goldenen Trank, Wasser des Lebens, mich zu stärken, bedarf ich nicht! Liebe ist in mir, die ist mehr. Stimme von oben So trink, du Liebende, von diesem Wasser! Trink, und der Schatten, der des Weibes war, wird deiner sein, und du wirst sein wie sie! Die Kaiserin Jedoch was wird aus ihr? Die Stimme der Frau draußen Barak! Baraks Stimme draußen Wo bist du? Die Stimme der Frau Wehe, wo? Baraks Stimme Her zu mir! Die Stimme der Frau Ach, vergebens! Baraks Stimme Weh, verloren! Die Kaiserin Baraks Stimme! Baraks Blick! Meine Schuld hier wie dort, dort wie hier! Das Wasser fällt langsam. Schaudernd Sternennamen rief ich an, rein zu bleiben von Menschenschuld! Blut ist in dem Wasser, ich trinke nicht! Das Wasser versinkt gänzlich. Doch weich ich nicht! Mein Platz ist hier in dieser Welt. Hier ward ich schuldig, hierher gehör ich. Wo immer du dich birgst im Dunkel – in meinem Herzen ist ein Licht, dich zu enthüllen! Ich will mein Gericht! Zeige dich, Vater! Mein Richter, hervor! Das Licht hinter dem Vorhang wird stärker und stärker, endlich ist seine Kraft so groß, daß der Vorhang zum durchsichtigen Schleier wird. In der strahlend erhellten Nische sitzt auf steinernem Thron der Kaiser. Er ist starr und steinern, nur seine Augen scheinen zu leben. Die Kaiserin gesprochen Ach! Weh mir! Mein Liebster starr! Lebendig begraben im eigenen Leib! Erfüllt der Fluch! Meines Wesens unschuldige Schuld an ihm gestraft, weil er zu sehr mein Geheimnis geliebt, um das er mich wählte – erbarmungslos dahingeopfert meinem Geheimnis sein liebendes Herz! Ungelöst meiner Seele Knoten von Menschenhand – Starr nun die Hand, die ihn nicht löste – Versteinert sein Herz von meiner Härte! Mein Geschick seine Schuld! Meine Schuld sein Geschick! Weh, ihr Sterne, also tut ihr an den Menschen! Sie nähert sich in Verzweiflung dem Versteinerten Mit dir sterben, auf, wach auf! Aug in Aug, Mund an Mund mit dir vereint, laß mich sterben! Sie will hervor, den Versteinerten zu umschlingen, und wagt es nicht. Wie sie in Angst vor dem auf sie gerichteten Blick nach der Seite zurückgeht, folgen ihr die Augen des Kaisers nach. Die Kaiserin in höchster Qual Nicht diesen Blick! Ich kann nicht helfen, ich kann nicht! Sie fällt zusammen, bedeckt die Augen mit den Händen. Die Statue glüht im stärksten Licht, die Augen mit stummer Bitte auf die Kaiserin gerichtet. Unirdische Stimmen dumpfdröhnend wie aus Abgründen Die Frau wirft keinen Schatten, der Kaiser muß versteinen! Die Statue verdunkelt sich wie Blei. Vor ihren Füßen hebt sich wie früher das goldene Wasser leuchtend empor. Stimme von oben Sprich aus: Ich will! und jenes Weibes Schatten wird dein! Und dieser stehet auf und wird lebendig und geht mit dir! Und des zum Zeichen neige dich und trink! Die Kaiserin in furchtbarem Kampfe auf dem Boden liegend, gesprochen Versuch mich nicht, Keikobad! Ich bin dein Kind! Laß mich sterben, da ich erliege! Baraks Stimme draußen Nirgend Hilfe! Der Frau Stimme Wehe, sterben! Die Kaiserin erhebt sich auf die Knie, ihren Lippen entringt sich ein qualvoller stöhnender Schrei, in dessen Intervallen die Worte hörbar sind Ich – will – nicht! Sogleich wie diese Worte hörbar werden, sinkt das Wasser hinab, der Raum, nach einer kurzen Dunkelheit, erhellt sich von oben. Von der Kaiserin, die sich wie unbewußt vom Boden erhoben hat, fällt ein scharfer Schatten quer über den Boden des Raumes. Der Kaiser erhebt sich von seinem Thron und schickt sich an, die Stufen hinabzusteigen. Der Kaiser »Wenn das herz aus Kristall zerbricht in einem Schrei, die Ungebornen eilen wie Sternenglanz herbei. Die Gattin blickt zum Gatten, ihr fällt ein irdischer Schatten von Hüfte, Haupt und Haar. Der Tote darf sich heben aus eignen Leibes Gruft – die Himmelsboten eilen hernieder aus der Luft.« So ward mir zugesungen, da ich im Sterben war. Nun darf ich wieder leben! Schon kommt die heilge Schar mit Singen und mit Schweben - Das Licht von der Kuppel herab ist stärker und stärker geworden. Nun dringen, von oben her, die Stimmen der Ungeborenen hernieder. Einzelne Hört, wir wollen sagen: Vater! Andere Hört, wir wollen »Mutter« rufen! Einige Steiget auf! Andere Nein, kommt herunter! Zu uns führen alle Stufen! Die Kaiserin deutet nach oben Sind das die Cherubim, die ihre Stimmen heben? Der Kaiser von der untersten Stufe Das sind die Nichtgeborenen, nun stürzen sie ins Leben mit morgenroten Flügeln zu uns, den fast Verlorenen: uns eilen diese Starken wie Sternenglanz herbei. Du hast dich überwunden. Nun geben Himmelsboten den Vater und die Kinder, die Ungebornen, frei! Sie haben uns gefunden, nun eilen sie herbei! Er ist von der untersten Stufe herabgestiegen. Die Kaiserin will ihm entgegen, deutet nach oben, von wo ein immer hellerer Schein herabdringt, ein silbernes Klingen dem Gesang der Ungebornen präludiert, sie sinkt in die Knie. Der Kaiser, die Kaiserin gegenüber, fällt gleichfalls auf die Knie. Die Ungeborenen fangen an zu singen. Die Kaiserin und der Kaiser bergen jedes sein Gesicht in den Händen. Die Ungeborenen von oben Hört, wir gebieten euch: Ringet und traget, daß unser Lebenstag herrlich uns taget! Was ihr an Prüfungen standhaft durchleidet, uns ists zu strahlenden Kronen geschmeidet! Der Kaiser und die Kaiserin haben sich, mit Entzücken aufwärts blickend, erhoben. Die Kaiserin i ndem ihre und des Kaisers Hände sich berühren Engel sind, die von sich sagen! Ihre Stärke will uns tragen! Ungeboren, preisgegeben, ohne Anker, ohne Ziel! Wie sie rufend uns umschweben, bin ich, bin ich dir gegeben! Der Kaiser Nirgend Ruhe, still zu liegen, nirgend Anker, nirgend Port, nichts ist da – nur aufzufliegen ist ein Ort an jedem Ort. Wie sie rufend uns umschweben, bist du, bist du mir gegeben! Sie halten einander umschlungen. Helles Gewölk umschließt sie. Verwandlung Eine schöne Landschaft, steil aufsteigend, hebt sich heraus. Inmitten ein goldener Wasserfall, durch eine Kluft abstürzend. Kaiser und Kaiserin werden über dem Wasserfall sichtbar, von der Höhe herabsteigend. Die Färberin von links auf schmalem Fußpfad Trifft mich sein Lieben nicht, treffe mich das Gericht, er mit dem Schwerte! Eilt vor bis an den Abgrund. Barak auf der gegenüberliegenden Seite Steh nur, ich finde dich. Schützend umwinde dich, ewig Gefährte! Indem sie ihn gewahr wird, ihm die Arme entgegenstreckt, fällt ihr Schatten quer über den Abgrund . Barak jubelnd Schatten, dein Schatten, er trägt mich zu dir! Die Frau Gattin zum Gatten! Einziger mir! Die Ungeborenen von oben Mutter, dein Schatten! Sieh wie schön! Sieh deinen Gatten zu dir gehn! In dem Augenblick fällt an Stelle des Schattens eine goldene Brücke quer über den Abgrund. Barak und die Frau betreten die Brücke, liegen einander in den Armen. Der Kaiser und die Kaiserin sind oben dicht an den Rand des Absturzes herangetreten. Sie wenden sich nach abwärts, die beiden anderen blicken zu ihnen empor. Barak Nun will ich jubeln, wie keiner gejubelt, nun will ich schaffen, wie keiner geschafft, denn durch mich hin strecken sich Hände, blitzende Augen, kindische Münder, und ich zerschwelle vor heiliger Kraft! Der Kaiser weist hinunter auf die beiden, weiter hinunter auf die Menschenwelt Nur aus der Ferne war es verworren bang, hör es nur ganz genau, menschlich ist dieser Klang! Rührende Laute – nimmst du sie ganz in dich. Brüder, Vertraute! Der Chor unsichtbar, hineinjauchzend Brüder, Vertraute! Die beiden Frauen miteinander Schatten zu werfen, beide erwählt, beide in prüfenden Flammen gestählt. Schwelle des Todes nah, gemordet zu morden, seligen Kindern Mütter geworden! Schleier vorfallend, die Gestalten und die Landschaft einhüllend. Die Stimmen der Ungeborenen im Orchester Vater, dir drohet nichts, siehe, es schwindet schon, Mutter, das Ängstliche, das euch beirrte. Wäre denn je ein Fest, wären nicht insgeheim wir die Geladenen, wir auch die Wirte! Vorhang Hugo von Hofmannsthal Die Frau ohne Schatten Die Handlung Der erste Aufzug Der Kaiser der südöstlichen Inseln ist mit einer Feentochter vermählt, die er sich auf der Jagd gewonnen hat. Da sprang aus einer weißen Gazelle, die sein Pfeil am Halse verwundet hat, ein junges schönes Weib, die Tochter des Geisterkönigs, ihm entgegen. Seit sie vermählt ist, ist die zauberische Gabe, sich in ein Tier verwandeln zu können, ihr verloren, aber völlig zu den Menschen gehört sie auch noch nicht, denn sie wirft keinen Schatten, und sie fühlt sich nicht Mutter: dies ist ein und dasselbe, Zeichen und Bezeichnetes. Es freut sich die Amme, die ihr gefolgt ist und die das Menschliche dumpf haßt und auch den Kaiser. Der zürnende Geisterkönig schickt heimlich seine Boten, die sich mit der Amme unterreden; davon wissen der Kaiser und die Kaiserin nichts und verbringen selige Nächte miteinander. Tagsüber aber reitet der Kaiser auf die Jagd, und die Kaiserin ist allein mit der Amme. So auch eines Morgens: da kreist ein Falk über dem einsamen Gartenpavillon, darin des Kaisers Frau haust, denn er hält sie den Menschen fern. Es ist der Lieblingsfalke des Kaisers, der verflogen war seit jener Jagd, da er hatte die weiße Gazelle erjagen helfen. jetzt naht er wie in höherem Auftrag: ein Talisman in seinen Klauen beglaubigt ihn. Sein drohender und klagender Ruf ist für der Kaiserin Ohr verständlich wie Menschenstimme: »Die Frist ist bald verstrichen, und doch wirft die Frau keinen Schatten – so muß der Kaiser zu Stein werden.« Der Kaiserin Herz versteht, wie dies zusammenhängt: sie ist aus dämonischem Kreis herausgetreten, doch hat die eifersüchtige genießende Liebe des Kaisers den Kreis des Menschlichen nicht um sie geschlossen. Sie steht zwischen zwei Welten, von der einen nicht entlassen, von der andern nicht aufgenommen: dafür trifft ihn, nicht sie, der Fluch, denn er hat es selbstsüchtig liebend verschuldet. Ihr ist es faßlich und entsetzlich, aber in ihr hebt sich Kraft und Mut, dem Drohenden zu begegnen: sie will den Schatten gewinnen, sei es durch welches Opfer immer. Die Amme ist ein Wesen mephistophelischer Art; sie kennt die Menschenwelt mit scharfer und liebloser Kenntnis. Sie weiß, es gibt Verstrickungen, aus denen der betrogene Mensch, sie es Mann oder Weib, sich nur loskauft um den Preis seines Schattens. So wäre ein Schatten zu erhandeln. Die Kaiserin heischt, die Amme gehorcht, beide machen sich auf zu den Menschen. Barak der Färber ist nicht mehr jung, aber fleißig wie keiner und stark wie ein Kamel. ER schafft für ein Weib, das jung und hübsch und unzufrieden ist, und für drei Brüder. Er wäre gesegnet, wenn er auch noch für einen Haufen Kinder schaffen dürfte. Aber auch diese Ehe ist noch unfruchtbar wie jene droben des Kaisers und der Geisterkönigstochter. In des Färbers Haus, in dies ärmliche Leben, treten die Kaiserin und die Amme, verkleidet beide, und der Feentochter strahlendes Gesicht verdeckt mit dunkler Farbe. Sie bieten sich der Färbersfrau zu Mägden an. Die Amme hat auf den ersten Blick herausgehabt, daß diese junge schlanke Verdrossene ein Weib ist, dem man seinen Schatten abgewinnen kann, daß diese um schöne Gewänder und Perlenschnüre und um Liebhaber, seufzend an der Hintertür, den Schatten hingibt und die ungeborenen Kinder dazu – denn diese beiden gehen immer zusammen, wie Zeichen und Bezeichnetes. Kupplerisch und zauberisch umspinnt die Alte das junge Weib mit Reden und Gebärden, mit zweideutigen Sprüchen und reizendem Hexenspuk. Sie deckt ihr den Tisch mit nie geschmeckter Speise, verspricht ihr ein Wohlleben ohnegleichen und haucht die Ahnung davon ihr zu, wie ein Fiebertraumbild. Sie schließt den Pakt, durch den die Frau zum voraus den Schatten dahingibt. Die Kaiserin steht stumm daneben: kaum versteht sie den schlimmen Handel, durch den sie doch gewinnen soll. Der Handel ist geschlossen, jäh sind die Gäste verschwunden, die Färberin ist wieder allein. Aber aus der Bratpfanne, in der sieben kleine Fischlein schmoren, hört sie die Stimme ihrer ungeborenen Kinder aus dem Dunkel klagen und weinen. Der Angstschweiß tritt ihr auf die Stirn, mit wankenden Knien schleppt sie sich in die Ecke auf ein Reisigbündel, dann ins Bett. Arglos tritt indessen der starke Färber ins Haus. Er findet sich allein, das eheliche Lager lieblos entzweigetrennt. So hält das Weib den Pakt, den sie mit der Hexe geschlossen hat. Von draußen tönen Stimmen herein; der nächtliche Wächterruf verherrlicht Ehe und Elternschaft: Ihr Gatten, die ihr liebend euch in Armen liegt, ihr seid die Brücke, überm Abgrund ausgespannt, auf der die Toten wiederum ins Leben gehn! Geheiliget sei eurer Liebe Werk. Die beiden drin liegen jeder für sich stumm auf seinem Bett. Der zweite Aufzug Die Prüfungen gehen an; denn es müssen alle vier gereinigt werden, der Färber und sein Weib, der Kaiser und die Feentochter, zu trübe irdisch das eine Paar, zu stolz und ferne der Erde das andere. Mit einer reizenden Spukgestalt, dem Phantom eines schmachtenden und begehrlichen Jüngling, lockt die Amme das junge Weib auf den bösen Weg. Ist der Färber aus dem Haus, so steht der Jüngling da. Die Färberin meint, ihren dumpfen, gutherzigen Mann zu hassen; ihr ist, es wäre nur ein Kleines, ihn zu betrügen, und doch begeht sie es nicht. Aber freilich, die Amme lockt sie Schritt vor Schritt. Barak der Färber weiß nicht, was im Haus, noch was in der Brust seiner Frau vorgeht. Aber sein dumpfes gutes Herz wird ihm schwerer und schwerer. Er fühlt, daß ihn etwas bedroht; es ist, als riefe etwas zu ihm um Hilfe. sind es – ihm unbewußt – die Stimmen seiner ungeborenen Kinder? Denn um sie geht da Spiel – um sie und den Schatten. In dies böse Spiel ist die Kaiserin verknüpft, unschuldig schuldvoll. Zweideutig gehen ihr die Tage im Färberhaus. Zu Nacht – im Falknerpavillon – in ihren angstvollen Träumen, sieht sie den Gatten öden Wald durchstreifen, hochmütig einsam, verzehrt von selbstsüchtigem Argwohn, das Herz schon versteinert; sie sieht, wie ein Tempeltor den Verstörten aufnimmt, ein steinerner Ort, grabesähnlich – zu welchem Geschick? Die Angst ihres Innern gibt ihr Antwort, des Falken Ruf tönt in ihr nach: »Die Frau wirft keinen Schatten, der Kaiser muß versteinen.« Mit schweren Herzschlägen fährt sie auf aus so wissenden Träumen – aber ihre Tage sind noch gefährlicher als ihre Nächte:das Menschliche umspinnt sie. Es haust kein Geisterkind ungestraft unter den Menschen; sie ist nicht gefeit gegen Menschennähe, wie die niedrig dämonische Natur der Amme. In ihr gibt das Grauen der Fremdheit bald einem reineren Gefühle Raum; hingezogen zu den Menschen im Tiefsten, wird des Färbers stumpfes Auge ihr sprechend. Sein Wesen rührt sie. Bald weiß sie sich schuldig vor dem Arglosen, der ihr zu Gewinn um sein Lebensglück betrogen werden soll. Die dritte Nacht ist da: zur Erfüllung des Paktes treibt die Amme mit dämonischem Willen. Es ist, als gehorche ihr Himmel und Erde, so schwere Finsternis lastet über allem. Aus des Färbers Brüdern bricht ein Stöhnen der Angst heraus, wie aus Tieren vor dem Erdbeben, aus dem Munde der Färberin eine ungezügelte wilde Rede. Sie bezichtigt sich dessen, was sie in der Tat nicht begangen hat,wohl aber in frech vorwegnehmendem Willen, kündigt dem Gatten die eheliche Treue und wirft ihm in die Zähne; sie habe den Schatten verkauft, die ungeborenen Kinder zum voraus abgetan. Die Brüder auf Baraks Wink zünden ein Feuer an; aufschreiend bestätigt Barak, aufschreiend bekräftigen sie: hexenhaft, ohne Schatten vor aller Augen steht das junge Weib vor dem Feuer. Die Amme jubelt auf: so ist durch Wort und Willen der Pakt erfüllt. Die eine gab den Schatten hin, die andre darf ihn an sich raffen. Barak indessen ist mächtig emporgewachsen im fürchterlichen entscheidungsvollen Augenblick, sein Mund, der vordem kein hartes Wort gekannt, verhängt den Tod. Von oben fällt ihm ein Richtschwert blitzend in die Hand, haben es die Ungeborenen herabgeworfen, ihrem Vater die Hand zu bewehren gegen die böse Mutter, die ihnen die Lebenstür verriegeln will? Nicht mehr geheuer ists bei solchen Zeichen der Amme. Höhere Mächte, das fühlt sie, sind im Spiel, denen ihre Dämonenschlauheit nicht gewachsen ist. Anstatt nach dem Schatten reckt zu den Sternen die Kaiserin die Arme, rein zu bleiben von Menschenblut; zu Baraks Füßen aber fällt das Weib und demütigt sich und erhöht den Richter maßlos über sich. Verschlungene Geschicke, furchtbar sich kreuzende Stimmen löst eine Zaubergewalt auseinander. Die Erde tut sich auf und verschlingt den Mann und sein Weib, das Färberhaus bricht zusammen, das heulen der Brüder erfüllt die Finsternis, ein schönes Wasser dringt herein, und in ihren Mantel die Feentochter einhüllend, legt die Amme sie in einen Kahn, der zauberisch zur Stelle ist. Der dritte Aufzug Die Geisterwelt hat sich aufgetan und umschließt die Geprüften: aber die letzte, höchste Prüfung steht noch bevor. Vor dem Tempeleingang, ins Berginnere führend, landet der Kahn, darin die Kaiserin schlummert, die Amme ihr zu Füßen. Posaunen rufen, als wäre es zu Gericht. Die Kaiserin hebt sich aus dem Schlaf, betritt die Tempelstufen. Sie weiß: an sie ergeht die Ladung. Tiefer unten im nämlichen Bereich liegen in einem Kerker, aber durch eine Mauer getrennt, der Färber und die Färberin, voneinander nicht wissend. Eine Geisterstimme, sanft gebietend, ruft ihn und sie nach oben. Sie betreten die obere Region, jedes des anderen unbewußt, aber jedes mit Sehnsucht des anderen denkend: verzeihend er und schon wiederliebend, demütig und zum erstenmal liebend sie. Wo sie heraustreten, jedes für sich von dem Gedanken erfüllt, den anderen zu suchen, da finden sie die Amme vor der verschlossenen Tempeltür. Der Geisterbote wehrt ihr den Eingang. In ohnmächtigem Grimm verzehrt sie sich; die beiden Menschen, die ihr nun doppelt verhaßter Anblick sind, verwirrt sie und hetzt jeden mit Trugworten den falschen Weg,daß sie links und rechts im Bereich des Tempels umherirrend einander erst recht nicht finden. Kläglich schicken sie die Stimmen einer nach dem anderen aus, ihr sehnliches Rufen dringt ins Innerste des Tempels, dorthin wo die Kaiserin steht und des Gerichtes harrt. Aber wer ist es, der zu Gericht sitzt? Ist es der Geisterkönig, ihr strenger Vater? Ein Vorhang verbirgt die Gestalt. Der Kaiserin mutige Anrede bleibt unerwidert, nur die Stimmen der einander suchenden Gatten tönen herein, nur ein goldenes Wasser hebt sich lieblich rauschend, das Wasser des Lebens. »Trink«, ruft eine Stimme von oben, »trink und der Schatten des Weibes wird dein sein.« Angstvoll kreuzen sich von draußen die Stimmen der Getrennten. Die Kaiserin hört sie wohl und tritt zurück, ohne ihre Lippen zu dem goldenen Wasser zu neigen. Aber sie begehrt ihn zu sehen, der zu Gericht sitzt über ihr; sie begehrt ihr Gericht: sie will ihre Buße, sie will ihren Platz in der Menschenwelt. Das Wasser sinkt zusammen, durchsichtig wird der Vorhang. Auf steinernem Thron sitzt der Kaiser da, starr und steinern, nur sein Auge scheint zu leben; angstvoll haftet der Blick auf ihr. Dumpf drohend wie aus Abgründen wiederholen unirdische Stimmen den Schicksalsspruch: »Die Frau wirft keinen Schatten, der Kaiser muß versteinen.« Dunkel wird die Statue wie Blei. Vor ihren Füßen springt wieder das Wasser des Lebens. Schmeichelnd ruft es von oben: »Sprich aus: Ich will – und jenes Weibes Schatten wird dein – und dieser hier steht auf und wird lebendig und geht mit dir.« In verzweifelter Qual tönen die Stimmen der Getrennten herein: »Nirgend Hilfe!« – »Wehe, sterben!« – Die Kaiserin steht im furchtbaren Kampf, ein kaum hörbares: »Ich will nicht!« ringt sich endlich von ihren Lippen. Damit hat sie gesiegt, wie jenes Weib vor Salomonis Richterstuhl, als sie, sich überwindend, der andren das lebendige Kind zusprach. Sie hat gesiegt für sich, für ihn, der ohne ihre Selbstüberwindung um ihretwillen steinern geblieben wäre, und für jene beiden Menschen, die durch Leid aus trüber Schwere emporgeläutert werden mußten. Ein scharfer Schatten fällt quer über den Tempelboden, der Versteinerte steht auf und schickt sich an, die Stufen hinabzusteigen. Jubelnd tönen von oben die Stimmen der ungeborenen Kinder. In Freude verschränken sich alle Stimmen, das eine Paar singt seinen Jubel nach unten, der irdischen Welt entgegen, das andere, vereinigt aufwärtssteigend, singt ihn nach oben, brüderlich tönt ein unsichtbarer Chor darein, der Tempel klingend löst sich auf und wird goldstrahlende Landschaft, ins Irdische hinüberleitend – Schleier ziehen sich vor und geisterhaft tönen die letzten Strophen der ungeborenen Kinder, die bange Gegenwart des Dramas aufhebend: Vater, dir drohet nichts, Siehe, es schwindet schon, Mutter, das Ängstliche, Das euch beirrte! Wäre denn je ein Fest, Wären nicht insgeheim Wir die Geladenen, Wir auch die Wirte?