Henrik Ibsen Der Bund der Jugend Lustspiel in fünf Akten Personen Kammerherr Bratsberg , Eisenhüttenbesitzer Erik , sein Sohn, Kandidat der Rechte und Großindustrieller Thora , seine Tochter Selma , Eriks Frau Doktor Fjeldbo , Hüttenarzt Stensgård , Rechtsanwalt Monsen , Gutsherr auf Storli Bastian , sein Sohn Ragna , seine Tochter Kandidat Helle , Hauslehrer auf Storli Ringdal , Hütteninspektor Anders Lundestad , Gutspächter Daniel Hejre Madam Rundholmen , Krämerswitwe Aslaksen , Buchdrucker Ein Dienstmädchen im Haus des Kammerherrn Ein Kellner Ein Mädchen der Madam Rundholmen Volk. Gäste des Kammerherrn , usw. Das Stück spielt auf der Hütte nahe bei einer Handelsstadt im südlichen Norwegen. [Sprich: Steensgohr(d), Fjellbo, Heire.] Erster Akt Der 17. Mai. Abend. Volksfest. Ein Waldplatz in der Nähe des Gutshofes. Musik und Tanz im Hintergrund; bunte Lampen an den Bäumen. In der Mitte, ein wenig nach hinten, ein Rednerpult; rechts der Eingang zu einem großen Restaurationszelte; davor ein Tisch mit Bänken. Auf der anderen Seite im Vordergrund ein zweiter, mit Blumen geschmückter und von Lehnstühlen umgebener Tisch. Große Menge Volks. Lundestad , mit der Komiteeschleife im Knopfloch, steht am Rednerpult. Ringdal , ebenfalls mit der Komiteeschleife, am Tische links. Lundestad. – – Und darum, verehrte Mitbürger, – ein Hoch unserer Freiheit! Wie wir sie von unseren Vätern ererbt haben, so wollen wir sie uns und unseren Söhnen erhalten! Ein Hoch dem Verfassungstag! Der siebzehnte Mai, er lebe hoch! Die Zuhörer. Hoch! Hoch! Hoch! Ringdal , indem Lundestad herabsteigt. Und nun ein Hoch auf Vater Lundestad! Einzelne Stimmen. Scht! Scht! Viele Stimmen , die Zischer übertönend. Lundestad lebe hoch! Vater Lundestad soll leben! Hoch! Die Menge zerstreut sich. Monsen , sein Sohn Bastian , Stensgård und Aslaksen drängen sich durch den Schwarm nach vorne. Monsen. Ja, weiß Gott, er wird alt! Aslaksen. Er hat unseren lokalen Verhältnissen das Wort geredet! Haha! Monsen. Die Rede hat er nun jedes liebe Jahr gehalten, solange ich denken kann. Kommen Sie her –! Stensgård. Nein, nein, nein! Nicht da entlang, Herr Monsen! Wir verlieren ja sonst Ihre Tochter ganz aus den Augen. Monsen. Ei was! Ragna findet uns schon wieder. Bastian. Die ist gut aufgehoben, – Kandidat Helle ist bei ihr. Stensgård. Helle? Monsen. Ja, Helle. Gibt ihm einen freundschaftlichen Rippenstoß. Aber ich halte mich zu Ihnen, hähä! Und das tun wir alle miteinander. Also kommen Sie! Hier sind wir sicher vor Krethi und Plethi und können uns ein bißchen eingehender über das unterhalten, was – Hat inzwischen an dem Tische links Platz genommen. Ringdal tritt heran. Verzeihung, Herr Monsen, – dieser Tisch ist belegt – Stensgård. Belegt? Für wen? Ringdal. Für den Kammerherrn und seine Familie. Stensgård. Ach was! Es ist ja von den Leuten keiner da. Ringdal. Nein, aber wir können sie jeden Augenblick erwarten. Stensgård. So sollen sie sich wo anders hinsetzen. Nimmt einen Stuhl. Lundestad legt seine Hand auf den Stuhl. Der Tisch bleibt frei, wie Sie gehört haben. Monsen steht auf. Kommen Sie, Herr Stensgård; der Platz drüben ist ebenso gut. Geht nach rechts hinüber. Kellner! Hm, nicht mal ein Kellner da! Na, dafür hätte doch das Festkomitee beizeiten sorgen sollen. Ach, Aslaksen, gehen Sie mal hinein und holen Sie uns vier Flaschen Champagner. Verlangen Sie den teuersten. Sagen Sie nur, Monsen zahlt! Aslaksen geht ins Zelt; die drei andern setzen sich. Lundestad geht gemütlich zu ihnen hinüber und wendet sich an Stensgård. Sie dürfen es mir wirklich nicht übel nehmen – Monsen. Übel nehmen? Gott bewahre! Kein Gedanke! Lundestad immer noch zu Stensgård gewandt. Denn nicht ich persönlich, sondern das Festkomitee hat bestimmt – Monsen. Versteht sich. Das Festkomitee hat zu befehlen, und wir müssen gehorchen – Lundestad wie oben. Wir sind ja hier auf dem Grund und Boden des Kammerherrn. Er hat uns für diesen Abend Forst und Park freundlichst zur Verfügung gestellt; und so glaubten wir – Stensgård. Wir sitzen hier ausgezeichnet, Herr Lundestad, – wenn wir nur unbehelligt sitzen bleiben, – ich meine, unbehelligt von der Volksmasse. Lundestad freundlich. Nun, dann ist ja alles schön und gut. Ab durch die Mitte. Aslaksen aus dem Zelt. Der Kellner bringt den Wein gleich. Setzt sich. Monsen. Eigener Tisch – unter besonderer Aufsicht des Festkomitees! Und das am Freiheitstage! Da haben Sie eine Probe von der ganzen Wirtschaft. Stensgård. Aber, Ihr lieben, guten Leute, – warum in aller Welt laßt Ihr Euch so was gefallen? Monsen. Alter vererbter Schlendrian, sehen Sie. Aslaksen. Sie sind noch nicht lange in unserer Gegend, Herr Stensgård. Aber würden Sie erst ein wenig unsere lokalen Verhältnisse kennen, so – Kellner bringt Champagner. Es wurde doch hier bestellt –? Aslaksen. Freilich. Schenken Sie nur ein! Kellner einschenkend. Und, – nicht wahr, für Ihre Rechnung, Herr Monsen? Monsen. Die ganze Geschichte; seien Sie unbesorgt! Kellner ab. Monsen stößt mit Stensgård an. Willkommen denn in unserer Mitte, Herr Obergerichtsanwalt! Es freut mich unendlich, Sie kennen gelernt zu haben; und ich darf sagen, es ist eine Ehre für den Distrikt, daß ein Mann wie Sie sich hier niederläßt. Wir haben so viel von Ihnen in den Zeitungen gelesen, bei Gelegenheit von Gesangsfesten und andern Versammlungen. Herr Stensgård, Sie haben große Rednergaben, und Sie haben ein Herz für das Gemeinwohl. Möchten Sie doch nun auch mit Lust und Liebe herzhaft eingreifen – hm, eingreifen in – Aslaksen. – die lokalen Verhältnisse. Monsen. Jawohl, in die lokalen Verhältnisse. Darauf wollen wir anstoßen. Sie trinken. Stensgård. An Lust und Liebe soll's nicht fehlen. Monsen. Bravo! Hören Sie mal! Noch ein Glas auf dies Versprechen! Stensgård. Nein – halt! Ich habe vorhin schon – Monsen. Ach, Unsinn! Noch ein Glas, sage ich – es ist ein Becher der Verheißung! Sie stoßen nochmals an und trinken; während des folgenden füllt Bastian fleißig die Gläser. Monsen. Übrigens, – da wir nun mal auf das Thema gekommen sind –, so muß ich sagen, es ist nicht eigentlich der Kammerherr, der hier alles niederhält. Nein, wer dahinter steht und die Drähte zieht, Sie, – das ist Vater Lundestad. Stensgård. Das habe ich von mehreren Seiten gehört. Ich begreife nicht, wie ein so freisinniger Mann – Monsen. Lundestad? Anders Lundestad nennen Sie einen freisinnigen Mann? Allerdings gab er sich dafür aus in seinen jungen Jahren, als es galt, Karriere zu machen. Deshalb hat er auch den Reichstagssitz beim Tode seines Vaters geerbt. Lieber Himmel, alles erbt sich hier jetzt fort! Stensgård. Aber diesem ganzen Unfug müßte man doch ein Ende machen können. Aslaksen. Donnerwetter ja, Herr Rechtsanwalt, – machen Sie ein Ende! Stensgård. Ich sage ja nicht, daß ich  – Aslaksen. Ja, gerade Sie! Sie sind der Mann dazu. Sie haben das Maul auf dem rechten Fleck, wie man zu sagen pflegt; und noch mehr, Sie verstehen mit der Feder umzugehen. Meine Zeitung steht Ihnen zur Verfügung, das wissen Sie. Monsen. Aber, soll etwas geschehen, so müßte es recht bald geschehen. Die Urwahl ist nächster Tage. Stensgård. Und Ihre vielen Privatangelegenheiten würden Ihnen kein Hindernis sein, wenn die Wahl auf Sie fiele? Monsen. Meine Privatangelegenheiten würden allerdings darunter leiden; aber wofern man der Ansicht ist, daß die Bedürfnisse der Kommune es erfordern, so müßte ich mich natürlich darein finden, persönliche Rücksichten hintanzusetzen. Stensgård. Ja, ja, – so ist's brav. Und eine Partei haben Sie schon, das habe ich wohl bemerkt. Monsen. Ich schmeichle mir, daß der größte Teil der jungen tatenlustigen Generation – Aslaksen. Hm, hm; da schnüffelt was herum! Daniel Hejre aus dem Zelt; kurzsichtig, späht er umher und kommt näher. Ach, dürft' ich wohl um einen leeren Stuhl bitten? Ich möchte mich gern dadrüben hinsetzen. Monsen. Hier sind feste Bänke, wie Sie sehen; aber wollen Sie nicht hier am Tisch Platz nehmen? Herje. Da? An dem Tisch? Ja, warum nicht. Setzt sich. Ei, ei, Champagner! Monsen. Ja. Trinken Sie vielleicht ein Glas mit? Herje. Nein, danke! Der Champagner, den Madam Rundholmen liefert –; na, ein Gläschen kann ich ja wohl zur Gesellschaft mittrinken; – hm, hm, wenn man nur ein Glas hätte ! Monsen. Bastian, geh und hol' ein Glas! Bastian. Ach, Aslaksen, gehen Sie und holen Sie ein Glas! Aslaksen ab ins Zelt. Pause. Herje. Die Herren genieren sich doch nicht meinetwegen? Ich möchte wirklich nicht –! Danke, Aslaksen! Begrüßt Stensgård. Ein fremdes Gesicht. Noch nicht lange hier. Vermutlich der Herr Obergerichtsanwalt Stensgård, wenn mich nicht alles täuscht. Monsen. Ganz recht. Vorstellend. Obergerichtsanwalt Stensgård, Herr Daniel Hejre – Bastian. Kapitalist. Herje. Richtiger gesagt: ehemaliger. Jetzt habe ich mich der ganzen Geschichte entledigt, – habe darauf Verzicht geleistet, könnte man sagen. Jawohl, kein Bankerotteur! Kreuzschwerenot, das müssen Sie nicht glauben. Monsen. Trinken Sie, trinken Sie, so lange er noch schäumt! Herje. Aber Schuftereien, sehen Sie; Ränke und so weiter – genug! Na ja, ich will hoffen, es ist nur vorübergehend. Wenn ich meine älteren Prozesse und einige andere Affären los bin, so werde ich mir den hochwohlgeborenen Herrn Reineke eines Tages schon vornehmen. Prost! Stoßen Sie nicht mit drauf an? Was? Stensgård. Darf ich mir zunächst die Frage erlauben, wer der hochwohlgeborene Herr Reineke ist? Herje. Hähä! Sie brauchen kein so verlegenes Gesicht zu machen. Sie glauben doch nicht etwa, ich spielte auf Herrn Monsen an? Herrn Monsen kann man doch nicht hochwohlgeboren nennen. Nein, ich meine den Kammerherrn Bratsberg, mein lieber junger Freund. Stensgård. Was denn? In geschäftlicher Beziehung ist der Kammerherr doch gewiß ein Ehrenmann. Herje. So, meinen Sie, junger Mann? Hm, genug! Rückt näher. Vor einigen zwanzig Jahren war ich eine Tonne Goldes wert. Hatte ein großes Vermögen von meinem Vater geerbt. Sie haben wohl von meinem Vater gehört? Nein? Vom alten Matz Hejre? Sie nannten ihn Goldmatz. Er war Schiffsreeder; verdiente ein Heidengeld in der Privilegienzeit; ließ seine Fensterrahmen und Türpfosten vergolden; hatte die Mittel dazu; genug – deshalb nannten sie ihn Goldmatz. Aslaksen. Vergoldete er nicht auch seine Schornsteine? Herje. Nein, das ist bloß 'ne Zeitungslüge – die ist übrigens lange vor Ihrer Zeit entstanden. Aber Geld verputzte er; und das hab' ich denn auch getan. Eine kostspielige Reise nach London –; haben Sie nicht von meiner Londoner Reise gehört? Ich nahm einen förmlichen Hofstaat mit; – haben Sie wirklich nie davon gehört? Nein? – Und was habe ich nicht weggeworfen für Kunst und Wissenschaft! Und wie hab' ich nicht junge Talente unterstützt! Aslaksen steht auf. Besten Dank, meine Herren! Monsen. Wie? Sie wollen fort? Aslaksen. Ich will mir ein bißchen Bewegung machen. Ab. Herje mit gedämpfter Stimme. Das ist auch so einer. Dankt mir's wie alle andern, hähä! Wissen Sie wohl, daß ich ihn ein ganzes Jahr habe studieren lassen? Stensgård. Wirklich? Aslaksen hat studiert? Herje. Wie der junge Monsen; – wurde nie was Ordentliches; – und wie – doch genug! Was ich sagen wollte, – ich mußte ihn aufgeben; bemerkte schon früh jenen unseligen Hang zu Spirituosen – Monsen. Aber Sie sind ja ganz davon abgekommen, was Sie Herrn Stensgård über den Kammerherrn erzählen wollten. Herje. Ja, das ist 'ne weitläufige Historie. Als mein Vater auf dem Gipfel seines Glückes stand, da ging es bergab mit dem alten Kammerherrn, – dem Vater des jetzigen, verstehen Sie; denn der war auch Kammerherr – Bastian. Natürlich; alles erbt sich hier fort. Herje. Und alle angenehmen Eigenschaften mit. Genug! Geldnot, – Unvorsichtigkeiten, Scherereien, die er sich Anno 1816 und später zuzog, zwangen ihn, sich seiner Ländereien stückweise zu entäußern – Stensgård. Und Ihr Vater hat sie gekauft? Herje. Hat sie gekauft und bezahlt. Na, was geschieht? Ich trete die Erbschaft an, – mache tausenderlei Verbesserungen – Bastian. Natürlich. Herje. Prost! – Tausenderlei Verbesserungen, wie gesagt; ich mache es in den Wäldern ein bißchen luftiger; eine Reihe von Jahren vergeht; – da kommt mein Herr Urian, – ich meine den jetzigen, – und macht den Handel wieder rückgängig! Stensgård. Aber, verehrtester Herr Hejre, das hätten Sie doch verhindern können. Herje. Nicht so leicht! Er behauptete, ein paar kleine Formalitäten wären vergessen worden. Außerdem befand ich mich damals in momentaner Geldverlegenheit, die später allmählich chronisch wurde. Und wie weit kommt man wohl heutzutage ohne Kapitalien? Monsen. Bei Gott, ein wahres Wort! Ja, in gewisser Beziehung kommt man auch mit Kapitalien nicht weit. Das habe ich fühlen müssen. Ja, selbst meine unschuldigen Kinder – Bastian schlägt auf den Tisch. Vater, – hätte ich gewisse Leute hier! Stensgård. Ihre Kinder, sagen Sie? Monsen. Na ja; sehen Sie, zum Beispiel Bastian. Hat er nicht etwa was Tüchtiges gelernt? Herje. In drei Fächern! Zuerst als Student; dann als Maler; und dann um – nein, ist ja wahr – Zivilingenieur, das ist er ja. Bastian. Jawohl, das bin ich, Donnerwetter! Monsen. Jawohl, das ist er; das kann ich beweisen durch Rechnungen wie durch Examensatteste! Aber wer hat die städtischen Arbeiten gekriegt? Wer hat bei uns die Straßenbauten gekriegt, – zumal in den zwei letzten Jahren? Ausländer haben sie gekriegt – oder doch jedenfalls Fremde, – kurzgesagt, Leute, von denen man nichts weiß! Herje. Ja, es geht hier in allen Verhältnissen schandbar zu. Als man zu Neujahr einen Sparkassenverwalter brauchte, überging man Herrn Monsen und wählte ein Subjekt, das sich darauf verstand – hustet – das sich darauf verstand, den Daumen auf den Geldbeutel zu halten, was man unserm splendiden Wirt bekanntermaßen nicht nachsagen kann. Handelt es sich um ein Vertrauensamt in der Gemeinde, – genau dasselbe! Niemals Monsen, immer einer, der Vertrauen genießt – bei den Machthabern! Na, commune suffragium! wie es im römischen Rechte heißt; das will sagen, die Kommunalsachen gehen dabei in die Brüche. Pfui Teufel! Prost! Monsen. Danke! Doch um auf etwas anderes zu kommen, – was machen denn Ihre vielen Prozesse? Herje. Die schweben noch immer; mehr kann ich Ihnen für den Augenblick nicht sagen. Ja, welchen Schikanen bin ich nicht deswegen ausgesetzt! Nächste Woche bin ich leider genötigt, den ganzen Magistrat vor die Vergleichskommission laden zu lassen. Bastian. Ist es wahr, was die Leute sagen, daß Sie einmal sich selbst vor die Vergleichskommission geladen haben? Herje. Mich selbst? Ja, aber ich bin nicht erschienen. Monsen. Haha! Sie sind nicht erschienen? Herje. Ich hatte einen gesetzlichen Abhaltungsgrund. Mußte Grönsund passieren, und das war unglücklicherweise in dem Jahr, wo Bastian die Brücke gebaut hatte; – Sie wissen ja, – plumps! – und sie ging ad undas – Bastian. Da schlage doch ein Donnerwetter –! Herje. Ruhig Blut, junger Mann! Hier gibt's so viele, die den Bogen spannen, bis er bricht, – den Brückenbogen meine ich; alles erbt sich ja fort, – genug! Monsen. Hahaha! Genug, – jawohl! Trinken Sie mal, – genug! Zu Stensgård. Sie hören, Herr Hejre hat unbeschränkte Redefreiheit. Herje. Das Recht der freien Meinungsäußerung ist auch das einzige staatsbürgerliche Recht, auf das ich Wert lege. Stensgård. Schade nur, daß die Gesetze dies Recht beschränken. Herje. Hähä! Dem Herrn Obergerichtsanwalt wässert vielleicht der Mund nach einem Injurienprozesse? Was? Lassen Sie die Hand davon, Verehrtester! Ich bin ein alter Praktikus! Stensgård. Betreffs Injurien? Herje. Verzeihen Sie, junger Mann! Der Unwille, den Sie empfinden, macht Ihrem Herzen alle Ehre. Ich bitte Sie zu vergessen, daß ein alter Mann freimütig über Ihre abwesenden Freunde gesprochen hat. Stensgård. Meine abwesenden Freunde? Herje. Der Sohn ist gewiß aller Ehre wert, – genug! Die Tochter auch. Und wenn ich beiläufig mich unterstand, den Charakter des Kammerherrn aufs Korn zu nehmen – Stensgård. Des Kammerherrn? Den Kammerherrn und seine Familie, die nennen Sie meine Freunde? Herje. Ja, – denn bei seinen Feinden macht man doch keine Visiten, sollte ich meinen. Bastian. Visiten? Monsen. Was ist das ? Herje. O weh, o weh! Da hab' ich gewiß was verraten, das –! Monsen. Sie haben dem Kammerherrn eine Visite gemacht? Stensgård. Unsinn! Verleumdung! Herje. In der Tat, höchst fatal! Aber wie konnte ich auch wissen, daß es ein Geheimnis ist? Zu Monsen. Übrigens dürfen Sie meine Worte nicht allzu buchstäblich nehmen. Wenn ich Visite sage, so meine ich nur eine Art formellen Besuch; – allerdings in Frack und mit gelben Glacés; aber was – Stensgård. Und ich sage Ihnen, ich habe kein Sterbenswort mit der ganzen Familie gesprochen! Herje. Ist's möglich? Wurden Sie auch das zweite Mal nicht angenommen? Denn das erste Mal ließ man sich verleugnen, das weiß ich wohl. Stensgård zu Monsen. Ich hatte ihm von jemand in Christiania ein Schreiben zu überbringen, – das ist alles. Herje aufstehend. Die Geschichte ist weiß Gott empörend! Kommt da ein junger, vertrauensseliger, unweltläufiger Mensch; sucht den erprobten Weltmann in seinem Haus auf; wendet sich an ihn, der sein Schäfchen im Trockenen hat, und möchte – genug! Der Weltmann schlägt ihm die Tür vor der Nase zu; man ist nicht zu Hause; – nein, man ist niemals zu Hause, wenn es gilt, – genug! Mit Heftigkeit. Aber obendrein ist es auch noch die schändlichste Grobheit! Stensgård. Ach, hören Sie jetzt mit der langweiligen Geschichte auf. Herje. Nicht zu Hause! Er, der zu sagen pflegt: für anständige Leute bin ich immer zu Hause! Stensgård. Sagt er das? Herje. Solch ein Maulheld. Herr Monsen wird auch nie angenommen. Aber ich begreife nicht, wodurch Sie sich seinen Haß zugezogen haben. Ja, Haß; denn wissen Sie, was ich gestern gehört habe? Stensgård. Ich will nicht wissen, was Sie gestern gehört haben. Herje. Also Punktum! Die Äußerung hatte übrigens für mich nichts auffallendes, – im Munde des Kammerherrn Bratsberg! Ich kann nur nicht begreifen, weshalb er »Wühler« hinzusetzte. Stensgård. Wühler? Herje. Wenn Sie mich denn durchaus zwingen, so muß ich gestehen, daß der Kammerherr Sie einen Wühler und Glücksritter genannt hat. Stensgård aufspringend. Was denn? Herje. Wühler und Glücksritter, – oder Glücksritter und Wühler; ich kann mich nicht dafür verbürgen, in welcher Reihenfolge die Worte fielen. Stensgård. Und das haben Sie selbst gehört? Herje. Ich? Wäre ich zugegen gewesen, Herr Rechtsanwalt, so würde Ihnen sicher nicht die Verteidigung gefehlt haben, die Sie verdienen. Monsen. Da sehen Sie, was dabei herauskommt, wenn – Stensgård. Wie kann der unverschämte Mensch sich erdreisten –? Herje. Na, na, na! Nicht so hitzig! Es war figürlich gemeint, – meinen Kopf zum Pfande. Vielleicht nur eine scherzhafte Wendung. Morgen können Sie sich ja eine Erklärung ausbitten. Sie sind doch zu dem großen Diner geladen, was? Stensgård. Ich bin nirgendswo zum Diner geladen. Herje. Zwei Visiten und doch keine Einladung –! Stensgård. Wühler und Glücksritter! Was kann er damit gemeint haben? Monsen. Sehen Sie dorthin! Wenn man vom Teufel spricht, ist er nicht weit. Komm, Bastian! Monsen und Bastian ab. Stensgård. Was sollte denn das heißen, Herr Hejre? Herje. Kann Ihnen wirklich nicht mit einer Antwort dienen. – Sie leiden? Ihre Hand, junger Mann! Verzeihen Sie, wenn ich Sie mit meinem Freimut verletzt habe. Glauben Sie mir, Sie haben noch manche bittere Erfahrung auf Ihrer Lebensbahn zu machen. Sie sind jung; Sie sind vertrauensselig und ohne Arg. Das ist schön, das ist sogar rührend; aber, aber, – Arglosigkeit ist Silber, Welterfahrung ist Gold; – das ist ein Sprichwort von meiner eigenen Erfindung, mein Bester. Gott befohlen! Ab. Kammerherr Bratsberg , seine Tochter und Doktor Fjeldbo kommen von links. Anders Lundestad am Rednerpult, schlägt mit dem Hammer auf, um sich Gehör zu verschaffen. Herr Ringdal hat das Wort! Stensgård ruft: Herr Lundestad, ich verlange das Wort! Lundestad. Später! Stensgård. Nein, jetzt! Sofort! Lundestad. Jetzt können Sie das Wort nicht bekommen. Herr Ringdal hat es. Ringdal am Rednerpult. Geehrte Versammlung! In diesem Augenblicke haben wir die Ehre, den Mann mit dem warmen Herzen und der offenen Hand in unserer Mitte zu sehen, – ihn, zu dem wir seit langen Jahren wie zu einem Vater aufzuschauen gewohnt sind; – ihn, der immer bereit ist zu Rat und Tat; – ihn, dessen Tür sich niemals einem ehrenhaften Mitglied unserer Gesellschaft verschließt; – ihn – ihn –. Unser geschätzter Ehrengast liebt keine langen Reden, und deshalb ein Hoch und Hurra dem Kammerherrn Bratsberg und seiner Familie! Sie leben hoch! Hoch! Hurra! Die Menge. Hoch! Hoch! Hurra! Stürmischer Jubel; man umringt den Kammerherrn, der dankt und denen, die ihm zunächst stehen, die Hände drückt. Stensgård. Habe ich jetzt das Wort? Lundestad. Bitte. Das Rednerpult steht Ihnen zur Verfügung. Stensgård auf den Tisch springend. Ich schaffe mir mein eigenes Rednerpult! Die Jüngeren scharen sich um ihn. Hurra! Der Kammerherr. Wer ist der unmanierliche Mensch? Fjeldbo. Rechtsanwalt Stensgård. Der Kammerherr. So, der! Stensgård. Hört mich, Ihr festlich gestimmten Brüder und Schwestern! Hört mich, die Ihr des Freiheitstages Jubel und Sang, wenn auch noch gefesselt, in Euren Herzen habt. Ich bin ein Fremdling unter Euch – Aslaksen. Nein! Stensgård. Meinen Dank für dieses Nein! Ich nehme es als ein Zeugnis der Sehnsucht und des Strebens auf. Gleichwohl – ein Fremdling bin ich; aber geschworen sei's: hier stehe ich, und mein Herz schlägt stark und frisch für Euer Leid und Eure Lust, für Euren Kampf und Sieg. Fürwahr, hätte ich einige Macht darüber, so – so – Aslaksen. Die haben Sie, Herr Rechtsanwalt! Lundestad. Keine Unterbrechung! Sie haben nicht das Wort. Stensgård. Sie noch weniger! Ich setze das Festkomitee ab! Freiheit am Freiheitstage, Kinder! Die Jüngeren. Die Freiheit hoch! Stensgård. Man will Euch die Zunge binden! Ihr habt es gehört. Man will Euch den Mund verbieten! Weg mit solcher Gewaltherrschaft! Ich will nicht hier stehen und Reden halten vor einem mundtot gemachten Haufen! Ich will sagen, was ich auf dem Herzen habe. Und das sollt Ihr auch. Wir wollen frei von der Leber weg reden. Die Menge unter wachsendem Jubel. Hurra! Stensgård. Nicht mehr diese leeren, zeremoniellen Festversammlungen! Eine goldne, tatenschwangere Saat soll künftig aus der Feier des siebzehnten Mai hervorsprießen. Mai! Das ist ja die Zeit des Keimens; das ist des Jahres junger, schwellender Jungfernmond. Am ersten Juni werden es gerade zwei Monate, daß ich mich hier unter Euch niedergelassen habe. Und was habe ich nicht Großes und Kleines, Häßliches und Tüchtiges hier gesehen! Der Kammerherr. Wovon spricht er eigentlich, Doktor? Fjeldbo. Von den lokalen Verhältnissen, wie Buchdrucker Aslaksen sagt. Stensgård. Ich habe tief unten im Volke Fähigkeiten glänzen und leuchten sehen. Aber ich habe auch den Geist des Verderbens erblickt, der über diesen Fähigkeiten erdrückend lastet und sie nicht an die Oberfläche kommen läßt. Ja, ich habe junge, warme, vertrauensvolle Herzen herbeistürmen sehen, – aber auch Leute, die engherzig ihre Tür verschlossen haben! Thora. O Gott! Der Kammerherr. Was meint er damit? Stensgård. Ja, Brüder und Schwestern in fröhlicher Zuversicht! Es liegt im Wetter, in der Luft ein Bann, ein Gespenst aus verwitterten Tagen, das Schwüle und Finsternis da verbreitet, wo Licht und freier Aufschwung sein sollten. In die Erde zurück mit dem Gespenst! Die Menge. Hoch! Hoch der siebzehnte Mai! Thora. Komm, Vater –! Der Kammerherr. Was in aller Welt ist das für ein Gespenst? Doktor, wovon spricht er? Fjeldbo hastig. Je nun, von – Flüstert ihm etwas ins Ohr. Der Kammerherr. Aha! So? In der Tat? Thora leise. Dank! Stensgård. Will kein anderer den Drachen zerschmettern, so will ich es! Aber wir müssen zusammenhalten, Kinder! Viele Stimmen. Ja! Ja! Stensgård. Wir sind die Jugend. Wir gehören der Zeit; aber die Zeit gehört auch uns. Unser Recht ist unsere Pflicht! Die Ellenbogen frei für jeden Tatendrang, jeden Willen, dessen Ursprung Kraft ist! Hört mich! Wir wollen einen Bund stiften. Der Geldsack hat aufgehört zu herrschen in dieser Gegend! Der Kammerherr. Bravo! Zum Doktor. Der Geldsack, sagte er; also doch wirklich –! Stensgård. Ja, Kinder, wir, wir sind die Valuta, so wahr Erz in uns ist. Unser Wille, der ist das klingende Silber, das zwischen Mann und Mann gelten wird. Krieg und Niederlage jedem, der uns hindern will, uns auszumünzen! Die Menge. Hurra! Stensgård. Man hat mir soeben hier ein höhnisches Bravo ins Gesicht geschleudert – Der Kammerherr. Nein! Stensgård. Gleichviel! Weder Dank noch Drohung kümmert den, der da will , was er will. Und somit Gott befohlen! Ja, ihm! In seinem Geiste gehen wir ja doch an unser junges, vertrauensvolles Werk. Hinein denn in die Restauration! Noch in dieser Stunde wollen wir unsern Bund stiften! Die Menge. Hurra! Tragt ihn! Tragt ihn! Man hebt ihn auf die Schultern. Stimmen. Reden! Weiter! Weiter! Stensgård. Halten wir zusammen, sage ich! Mit dem Bund der Jugend steht die Vorsehung im Bunde. Es liegt bei uns, ob wir die Welt regieren wollen – hier im Distrikt! Er wird unter stürmischem Jubel ins Zelt getragen. Madam Rundholmen wischt sich die Augen. Nein, was hat der Mann für ein Mundwerk am Leibe! War er nicht zum Küssen, Herr Hejre? Herje. Nein, ihn küssen, das möchte ich nun gerade nicht. Madam Rundholmen. Sie! Das glaub' ich gern. Herje. Möchten Sie ihn vielleicht küssen, Madam Rundholmen? Madam Rundholmen. Ach, Sie Abscheulicher! Ab ins Zelt; Hejre folgt ihr. Der Kammerherr. Gespenst – und Drache – und Geldsack! Das war schrecklich grob – aber es stimmte! Lundestad nähert sich. Ich bedaure von ganzem Herzen, Herr Kammerherr – Der Kammerherr. Ja, wo hatten Sie Ihre Menschenkenntnis? Na, na – das kann jedem passieren. Gute Nacht, Herr Lundestad, und vielen Dank für den heutigen Abend! Wendet sich zu dem Doktor und Thora. Aber zum Kuckuck, – gegen den prächtigen jungen Mann bin ich recht unhöflich gewesen. Fjeldbo. So? Thora. Die Visite, meinst Du –? Der Kammerherr. Zwei Visiten. Aber nur Lundestad ist Schuld; er hatte ihn mir als einen Glücksritter geschildert und als – als etwas, das ich vergessen habe. Na, glücklicherweise kann ich's wieder gut machen. Thora. Wie –? Der Kammerherr. Komm, Thora; wir wollen noch heut Abend – Fjeldbo. Ach nein, Herr Kammerherr, lohnt es sich wohl –? Thora leise. Pst! Der Kammerherr. Hat man sich verhauen, so muß man's wieder gutmachen; das ist nur Pflicht und Schuldigkeit. Gute Nacht, Doktor! So habe ich doch noch eine vergnügte Stunde gehabt. Das ist mehr, als Sie mir heute bereitet haben. Fjeldbo. Ich, Herr Kammerherr? Der Kammerherr. Ach ja, ja, ja; – Sie und andere – Fjeldbo. Dürfte ich fragen, was ich –? Der Kammerherr. Herr Doktor, – keine Zudringlichkeit! Ich bin niemals zudringlich. Nun, übrigens in Gottes Namen, – gute Nacht! Der Kammerherr und Thora entfernen sich nach links; Fjeldbo blickt ihnen gedankenvoll nach. Aslaksen aus dem Zelte. He, Kellner! Tinte und Feder! Nun geht's los, Herr Doktor! Fjeldbo. Was geht los? Aslaksen. Stensgård stiftet den Bund. Er ist schon so gut wie gestiftet. Lundestad hat sich sachte genähert. Unterschreiben viele? Aslaksen. Wir haben jetzt ungefähr 37 Unterschriften, von Witwen und dergleichen abgesehen. Feder und Tinte, sage ich! Kein Kellner zu finden – daran sind die lokalen Verhältnisse Schuld. Ab ins Zelt. Lundestad. Puh, das war ein heißer Tag. Fjeldbo. Ich fürchte, es wird noch heißere geben. Lundestad. Glauben Sie, daß der Kammerherr sehr böse war? Fjeldbo. Ach, durchaus nicht; das haben Sie doch gesehen. Aber was sagen Sie zu dem neuen Bunde? Lundestad. Hm, ich sage nichts. Was soll man dazu sagen? Fjeldbo. Aber das ist ja der Anfang zu einem Kampfe um die Macht hier im Distrikte. Lundestad. Ja, ja! Kampf ist gut. Er ist ein Mann von großen Fähigkeiten, dieser Stensgård. Fjeldbo. Und ein Mann, der vorwärts will. Lundestad. Die Jugend will immer vorwärts. Ich wollte auch vorwärts, als ich jung war. Dagegen läßt sich nichts sagen. Aber man könnte vielleicht hineingehen – Herje aus dem Zelt. Nun, Herr Lundestad, wollen Sie hinein und interpellieren? Was? Opposition machen? Hähä! Dann müssen Sie sich beeilen. Lundestad. Ich komme wohl noch immer früh genug. Herje. Zu spät, Liebster! Wenn Sie nicht Gevatter stehen wollen. Hurrarufe aus dem Zelte. Da singen die Küster Amen; nun ist der Taufakt vorüber. Lundestad. Man darf doch wohl zuhören? Ich werde mich ruhig verhalten. Geht hinein. Herje. Das ist auch so einer von den fallenden Stämmen! Viele andere noch werden zu Fall kommen! Es wird hier bald aussehen wie in einem Walde nach dem Sturm. Ei, das ist famos – famos ist das! Fjeldbo. Aber sagen Sie mir, Herr Hejre, was kann Sie das eigentlich interessieren? Herje. Mich interessieren? Ich bin kein interessierter Mensch, Herr Doktor! Wenn ich mich freue, so freue ich mich, um meiner Mitbürger willen. Hier wird's jetzt Leben, Inhalt, Stoff geben! Für mich persönlich – das versteht sich – für mich kann es gleichgültig sein; ich sage, wie der Großtürke von dem Kaiser von Österreich und dem König von Frankreich sagte: »Es ist mir einerlei, ob das Schwein den Hund frißt oder der Hund das Schwein.« Ab durch die Mitte rechts. Die Menge im Zelte. Rechtsanwalt Stensgård soll leben! Er lebe hoch, hoch! Ein Hoch dem Bund der Jugend! Wein! Punsch! Heda, Wirtschaft! Bier! Hoch! Bastian Monsen aus dem Zelte. Gott segne Sie und alle Menschen! Mit tränenerstickter Stimme. O, Doktor, ich fühle mich heute abend so stark. Ich muß etwas tun! Fjeldbo. Genieren Sie sich nicht! Aber was wollen Sie tun? Bastian. Ich denke, ich gehe auf den Tanzboden und prügle ein paar von meinen Freunden durch. Ab hinter dem Zelt. Stensgård kommt aus dem Zelte, ohne Hut und sehr aufgeregt. Lieber Fjeldbo, Du bist's? Fjeldbo. Zu Diensten, Herr Volkstribun! Du bist doch wohl gewählt –? Stensgård. Natürlich; aber – Fjeldbo. Und was wird es nun weiter abwerfen? Welches Vertrauensamt in der Gemeinde? Den Posten eines Bankverwalters? Oder vielleicht –? Stensgård. Ach, red' mir von so was nicht! Du meinst das ja gar nicht so. Du bist nicht so arm und leer an Gemüt, wie Du Dir gern den Anschein gibst. Fjeldbo. Also schieß los! Stensgård. Fjeldbo! Sei mir ein Freund wie früher! Es ist eine Entfremdung zwischen uns eingetreten. Du hattest so viel Unheimliches an Dir, – Spaß und Spott, – was mich abgestoßen hat. Ach, es war doch unrecht von mir! Umarmt ihn. O Gott, wie glücklich ich bin! Fjeldbo. Du auch? Ich ebenfalls! Ich ebenfalls! Stensgård. Müßte ich nicht die elendeste Kreatur auf Erden sein, wenn all der Segen mich nicht gut und brav machte? Womit habe ich das alles verdient, Du? Was habe ich sündiger Wicht getan, daß ich so reich begnadet worden bin? Fjeldbo. Hier meine Hand! Wahrhaftig! Heut abend gefällst Du mir! Stensgård. Ich danke Dir! Sei aufrichtig und treu. Auch ich werde es sein. – Ja, ist es nicht ein unbeschreibliches Glück, die große Menge so mit sich fortreißen zu können? Muß man nicht schon aus Dankbarkeit ein guter Mensch werden? Und wie muß man nicht alle Menschen lieben! Mir ist, als könnte ich sie alle an mein Herz drücken und sie weinend um Verzeihung bitten, weil Gott so parteiisch gewesen ist, mir mehr als ihnen zu geben. Fjeldbo leise. Ja, so unaussprechlich viel wird dem einzelnen gegeben. Keinen Wurm, kein grünes Blatt am Wege könnte ich heute zertreten. Stensgård. Du? Fjeldbo. Punktum! Davon ist nicht die Rede. Ich will nur sagen, daß ich Dich verstanden habe. Stensgård. Was für eine herrliche Nacht! Die Musik und der Jubel klingen weit über die Flur hinaus. Dort unten ist es stille. – Ja, der Mann, dessen Leben nicht von solch einer Stunde seine Weihe empfängt, verdient nicht auf Gottes Erde zu leben. Fjeldbo. Ja, aber nun sag' mir, – was wollt Ihr jetzt weiter bauen, – morgen und so alltags weiter? Stensgård. Bauen? Zuerst gilt es niederzureißen. – Du, Fjeldbo, mir hat einmal geträumt, – vielleicht sah ich es auch; – doch nein, ich träumte, aber so lebhaft! Mir war, als sei der Tag des Gerichtes auf Erden gekommen. Ich konnte das ganze Erdenrund sehen. Keine Sonne war da; nur ein gelbes Gewitterlicht. Da brach ein Sturm los; er fegte von Westen daher und fegte alles vor sich her; zuerst fegte er das dürre Laub fort, dann fegte er die Menschen mit sich fort; – aber sie hielten sich doch auf den Beinen. Die Mäntel umflatterten sie dicht, als sie wie in wilder Flucht dahinstoben! Zuerst sahen sie aus wie Bürgersleute, die im Winde ihren Hüten nachlaufen; aber als sie näher kamen, da waren es Kaiser und Könige; und was sie da im Laufe zu erhaschen suchten und nie erhaschten, so nahe daran sie auch immer waren, das waren Kronen und Reichsäpfel. Ach, zu Hunderten und aber Hunderten jagten sie vorbei, und niemand wußte, was vorgehe; aber viele jammerten und fragten: »Woher kommt nur dieser schreckliche Sturm!« Da erscholl die Antwort; eine Stimme sprach, und diese einzige Stimme weckte solchen Widerhall, daß dadurch der Sturm erregt wurde! Fjeldbo. Wann hattest Du diesen Traum? Stensgård. Ach, irgend einmal, – ich weiß nicht mehr recht; vor mehreren Jahren. Fjeldbo. Es war gerade irgendwo in Europa Revolution, und da hattest Du schwer zu Abend gegessen und nachher die Zeitungen gelesen. Stensgård. Denselben Schauder, der damals mir eiskalt den Rücken hinunterlief, den habe ich heut empfunden. Ja, ich werde tun, was meines Amtes ist. Ich will die Stimme sein – Fjeldbo. Hör', lieber Stensgård, Du solltest Dir die Sache ruhig noch einmal überlegen. Du willst die Stimme sein, sagst Du. Gut! Aber wo willst Du die Stimme sein? Hier in der Vogtei? Oder, wenn es hoch kommt, im Amtsbezirke! Und wer soll das Echo sein, dessen Schall den Sturm erweckt? Leute wie Gutsbesitzer Monsen und Buchdrucker Aslaksen und das fettwanstige Genie, der Herr Bastian! Und statt der fliehenden Kaiser und Könige werden wir Herrn Lundestad sehen können, wie er seinem Reichstagsmandate nachläuft. Was wird dann die ganze Geschichte? Es wird, was es im Anfang Deines Traumes schien, – Spießbürger im Winde! Stensgård. In nächster Nähe, ja! Aber niemand weiß, wie weit ein Gewitter einschlägt. Fjeldbo. Hör' mir auf mit Deinem Gewitter! Und wenn es dahin kommt, daß Du, blind und verführt und mißleitet, wie Du bist, Deine Waffen gerade wider die Ehrenhaften und Tüchtigen unter uns kehrst – Stensgård. Das ist nicht wahr! Fjeldbo. Es ist wahr! Monsen auf Storli hat Dich mit Beschlag belegt, gleich nachdem Du hier ins Land gekommen; und machst Du Dich nicht von ihm frei, so wird es Dein Unglück sein. Kammerherr Bratsberg ist ein Ehrenmann; darauf kannst Du Dich verlassen. Weißt Du, weshalb Monsen ihn mit seinem Haß verfolgt? Nun, weil – Stensgård. Kein Wort weiter! Kein einziges Wort, das meine Freunde kränkt! Fjeldbo. Frag' ehrlich Dich selbst, Stensgård! Ist Herr Mons Monsen wirklich Dein Freund? Stensgård. Der Gutsbesitzer Monsen hat mir mit größter Zuvorkommenheit sein Haus geöffnet – Fjeldbo. Er öffnet vergebens sein Haus den Besseren hier am Orte. Stensgård. Pah! Wen nennst Du die Besseren? Ein paar großmäulige Beamte! Ich weiß das wohl. Aber was mich betrifft, so hat man mich auf Storli mit einer Liebenswürdigkeit und Anerkennung aufgenommen – Fjeldbo. Anerkennung; ja leider, – da sind wir bei dem Kernpunkte. Stensgård. Durchaus nicht! Ich bin Manns genug, um unbefangen zu sehen. Monsen hat Fähigkeiten, ist belesen, hat Sinn für die öffentlichen Angelegenheiten. Fjeldbo. Fähigkeiten? Nun ja, in seiner Art. Auch ist er belesen – er hält Zeitungen und hat sich daraus gemerkt, welche Reden Du gehalten und was für Artikel Du geschrieben hast. Und daß er Sinn für die öffentlichen Angelegenheiten hat, das hat er natürlicherweise dadurch bekundet, daß er Deinen Reden wie Deinen Zeitungsartikeln beipflichtet. Stensgård. Sieh, Fjeldbo, da tritt wieder Deine innerste Natur hervor. Kannst Du denn gar nicht Deinen Gedankengang von diesem Schmutz reinhalten? Weshalb immer schlechte oder lächerliche Beweggründe voraussetzen? Aber nein, Du meinst das ja gar nicht so! Jetzt siehst Du wieder so treuherzig aus. Nun sollst Du das Beste hören – den wirklichen Kernpunkt. Kennst Du Ragna? Fjeldbo. Ragna Monsen ? Ja, – gewissermaßen aus zweiter Hand. Stensgård. Sie kommt zuweilen in das Haus des Kammerherrn. Fjeldbo. In aller Heimlichkeit. Sie und Fräulein Bratsberg sind Freundinnen seit der Konfirmationszeit. Stensgård. Nun, und was hast Du für einen Eindruck von ihr? Fjeldbo. Nach allem, was ich von ihr gehört habe, muß sie ein ganz vortreffliches Mädchen sein. Stensgård. O, Du solltest sie daheim sehen. Sie hat keinen andern Gedanken als ihre beiden kleinen Geschwister. Und wie soll sie erst ihre Mutter gepflegt haben! Du weißt, die Mutter war in ihren letzten Lebensjahren gemütskrank. Fjeldbo. Ja, gewiß; ich war da selber eine Zeitlang Arzt. Aber sag', lieber Freund, Du bist doch wohl nicht – Stensgård. Ja, Fjeldbo, ich liebe sie wirklich; Dir kann ich es sagen. Ich begreife recht gut Dein Erstaunen. Du findest es auffällig, daß ich so schnell, nach – nicht wahr, Du weißt, daß ich in Christiania verlobt gewesen bin? Fjeldbo. Man hat es mir erzählt. Stensgård. Das ganze Verhältnis war ein Irrtum. Ich mußte es lösen; es war für alle Teile das beste. Glaub' mir, ich habe genug darunter gelitten; ich fühlte mich gedrückt und gequält –. Na, Gott sei Dank, jetzt bin ich aus der Geschichte heraus. Das war auch der Grund, warum ich von dort weggezogen bin. Fjeldbo. Und Ragna Monsen gegenüber bist Du Deiner selbst sicher? Stensgård. Ja, das bin ich! Hier ist keine Täuschung möglich. Fjeldbo. Nun denn, mach' in Gottes Namen Ernst! Das ist ein großes Glück! O, ich könnte Dir so vieles sagen – Stensgård. Wirklich, das kannst Du? Hat sie etwas geäußert? Vielleicht zu Fräulein Bratsberg? Fjeldbo. Du verstehst mich nicht. Aber wie ist es möglich, daß Du bei alledem hingehen und in politischen Orgien schwelgen kannst? Daß der Stadtklatsch Eingang findet in ein Gemüt, das – Stensgård. Und warum nicht? Der Mensch ist doch keine so durchaus einseitige Maschine. Ich bin's jedenfalls nicht. Überdies, – eben durch diese Kämpfe und Balgereien geht der Weg zu ihr. Fjeldbo. Ein verflucht trivialer Weg! Stensgård. Fjeldbo, ich bin ehrgeizig; das weißt Du. Ich muß vorwärts in der Welt. Wenn ich daran denke, daß ich dreißig Jahr alt bin und noch am Anfang meiner Laufbahn stehe, so fühle ich den Zahn des Gewissens in mir nagen. Fjeldbo. Aber es ist nicht sein Weisheitszahn. Stensgård. Es ist zwecklos, mit Dir davon zu reden. Du hast nie diesen Stachel, diesen aufreizenden Trieb gefühlt. Du bist Dein Lebtag ein ganz phlegmatischer Mensch gewesen, – als Student, beim Examen, im Auslande, und jetzt hier – Fjeldbo. Ach ja, vielleicht; aber jedenfalls habe ich mich sehr wohl dabei befunden. Und es folgt keine Erschlaffung nach, wie man sie empfindet, wenn man vom Tisch heruntersteigt, nachdem – Stensgård. Alles lass' ich Dir hingehen, – nur das nicht! Du verübst eine schlechte Tat mit solchen Reden. Du raubst mir die gehobene Stimmung – Fjeldbo. Weißt Du was, – wenn Deine gehobene Stimmung so locker sitzt – Stensgård. Hör' auf, sage ich! Was für ein Recht hast Du, in mein Glück einzubrechen? Hältst Du mich etwa nicht für ehrlich? Fjeldbo. Weiß Gott, ich halte Dich dafür! Stensgård. Na, was soll denn das heißen, daß Du mich verzagt und verdrießlich und mißtrauisch gegen mich selbst machst? Lärm und Hochrufe im Zelt. Hör' nur, höre! Sie trinken meine Gesundheit! Was so viele packen kann, beim Allmächtigen, das muß wahr sein! Fräulein Bratsberg, Fräulein Monsen und Kandidat Helle von links; sie gehen über den freien Platz in der Mitte. Helle zu Fräulein Bratsberg. Sehen Sie, Fräulein! Da steht Herr Stensgård gerade. Thora. So, dann verlass' ich Sie. Gute Nacht, Ragna! Gute Nacht! Gute Nacht! Helle und Fräulein Monsen. Gute Nacht! Gute Nacht! Rechts ab. Thora nähertretend. Ich bin die Tochter des Herrn Bratsberg. Ich habe einen Brief an Sie von Papa. Stensgård. An mich? Thora. Bitte sehr, hier ist er. Will gehen. Fjeldbo. Darf ich Sie nicht begleiten? Thora. Nein, danke; begleiten Sie mich nicht! Gute Nacht! Ab nach links. Stensgård liest bei einer Papierlaterne. Was heißt das! Fjeldbo. Nun, mein Lieber? Was schreibt der Kammerherr? Stensgård bricht in Lachen aus. Das hätte ich in der Tat nicht erwartet! Fjeldbo. Aber so sag' doch –? Stensgård. Der Kammerherr Bratsberg ist doch ein erbärmlicher Kerl! Fjeldbo. Und das wagst Du – Stensgård. Jämmerlich, jämmerlich! Das kannst Du jedem wieder sagen, der's hören will. Übrigens, laß gut sein. Steckt den Brief ein. Es bleibt unter uns! Die Gesellschaft kommt aus dem Zelt. Monsen. Herr Vorsitzender! Wo ist Herr Stensgård? Die Menge. Da steht er! Hoch! Lundestad. Herr Obergerichtsanwalt haben Ihren Hut vergessen. Reicht ihm den Hut. Aslaksen. Bitte schön, – hier ist Punsch! Eine ganze Bowle! Stensgård. Danke – ich habe genug. Monsen. Und die Mitglieder wollen, bitte, nicht vergessen, daß wir uns morgen bei mir auf Storli versammeln, um – Stensgård. Morgen? Es war doch nicht morgen – Monsen. Ja, gewiß; um das Rundschreiben zu genehmigen, das – Stensgård. Morgen paßt es mir wirklich nicht –. Vielleicht übermorgen oder den Tag drauf. Na, gute Nacht, meine Herren! Herzlichen Dank für den heutigen Tag, und ein Hoch auf die Zukunft! Die Menge. Hoch! Wir begleiten ihn nach Hause! Stensgård. Danke, danke! Sie sollen wirklich nicht – Aslaksen. Wir gehen alle mit! Stensgård. Sei es denn! Gute Nacht, Fjeldbo; Du gehst nun wohl nicht mit? Fjeldbo. Nein, aber das sage ich Dir: was Du über den Kammerherrn Bratsberg geäußert hast – Stensgård. Pst, Pst! Es war übertrieben im Ausdruck. Schwamm drüber! – Also, meine verehrten Freunde, wollt Ihr mit, so kommt! Ich gehe voran! Monsen. Ihren Arm, Stensgård! Bastian. Sänger, stimmt an! Etwas recht Patriotisches! Die Menge. Gesang! Gesang! Musik! Ein Volkslied wird gespielt und gesungen. Der Zug marschiert rechts nach dem Hintergrunde ab. Fjeldbo zu Lundestad, der zurückgeblieben ist. Eine stattliche Gefolgschaft! Lundestad. O ja. Aber auch ein stattlicher Führer! Fjeldbo. Und wohin gehen Sie, Herr Lundestad? Lundestad. Ich? Ich gehe nach Haus und lege mich aufs Ohr. Er grüßt und geht. Fjeldbo bleibt allein zurück. Der Vorhang fällt. Zweiter Akt Ein Gartenzimmer im Haus des Kammerherrn. Elegante Möbel, ein Pianoforte, Blumen und seltene Pflanzen. Die Eingangstür im Hintergrunde. Links die Tür zum Speisesaale; rechts mehrere offene Glastüren, die zum Garten hinausführen. Aslaksen steht an der Eingangstür. Ein Dienstmädchen ist im Begriff, zwei Fruchtschalen nach links hineinzutragen. Das Dienstmädchen. Aber Sie hören doch, die Gesellschaft sitzt noch bei Tisch. Sie müssen später wiederkommen. Aslaksen. Könnt' ich nicht hier warten? Das Dienstmädchen. Ja, wenn Sie das lieber wollen. Sie können dort so lange Platz nehmen. Ab in den Speisesaal. Aslaksen setzt sich dicht bei der Tür hin. Pause. Doktor Fjeldbo kommt durch die Mitte. Fjeldbo. Guten Tag, Aslaksen. Sie hier ? Das Dienstmädchen kommt zurück. O, wie spät der Herr Doktor kommen! Fjeldbo. Ich mußte noch einen Krankenbesuch machen. Das Dienstmädchen. Der Kammerherr und das Fräulein haben so oft nach Ihnen gefragt. Fjeldbo. So, wirklich? Das Dienstmädchen. Ja, der Herr Doktor müssen jetzt aber hinein. Oder soll ich vielleicht sagen, daß – Fjeldbo. Nein, nein, lassen Sie nur! Ich werde nachher immer noch einen Bissen bekommen; jetzt warte ich lieber hier. Das Dienstmädchen. Ja, sie sind gleich fertig. Ab nach dem Hintergrunde. Aslaksen nach kurzer Pause. Und Sie können ein solches Diner stehen lassen, – mit Kuchen, feinem Wein und lauter guten Sachen? Fjeldbo. Hol' mich der Kuckuck, man kriegt hierzulande eher zu viel als zu wenig von den guten Sachen! Aslaksen. Das könnte ich wirklich nicht behaupten. Fjeldbo. Hm. Aber sagen Sie mir – warten Sie hier auf jemand? Aslaksen. Ich warte auf jemand, o ja! Fjeldbo. Und zu Hause geht's leidlich? Ihre Frau –? Aslaksen. Liegt, wie gewöhnlich, zu Bett; hustet und magert ab. Fjeldbo. Und Ihr Zweitältester? Aslaksen. Ach, der ist und bleibt ein Krüppel; das wissen Sie ja. Es soll uns einmal nicht besser gehen; – was, zum Henker, nützt es, davon zu reden? Fjeldbo. Sehen Sie mir mal ins Gesicht, Aslaksen. Aslaksen. Na, was denn? Fjeldbo. Sie haben heut getrunken. Aslaksen. Das habe ich gestern auch getan. Fjeldbo. Gestern, das mag noch hingehn; aber heut und – Aslaksen. Und die da drin? Die trinken wohl nicht! Fjeldbo. Eigentlich haben Sie nicht unrecht, lieber Aslaksen; aber die Lose sind nun einmal verschieden in der Welt. Aslaksen. Ich habe mir mein Los nicht gewählt. Fjeldbo. Nein, der liebe Herrgott hat für Sie gewählt. Aslaksen. Das ist nicht wahr. Menschen haben für mich gewählt. Daniel Hejre hat für mich gewählt, als er mich aus der Buchdruckerei nahm und mich studieren ließ. Und Kammerherr Bratsberg hat für mich gewählt, als er Daniel Hejre ruinierte, so daß ich wieder in die Druckerei zurück mußte. Fjeldbo. Jetzt reden Sie wider besseres Wissen. Der Kammerherr Bratsberg hat Daniel Hejre gar nicht ruiniert; Daniel Hejre hat sich selbst ruiniert. Aslaksen. Mag sein! Aber wie durfte Daniel Hejre sich ruinieren, wenn er eine solche Verantwortung mir gegenüber hatte? Der liebe Gott ist auch mit schuld, versteht sich. Weshalb hat er mir Gaben und Talente verliehen? Die hätt' ich doch schließlich als ordentlicher Handwerksmann verwenden können; aber da kommt der alte Quatschkopf – Fjeldbo. Schämen Sie sich, so etwas zu sagen! Daniel Hejre hat sich Ihrer doch gewiß in der besten Absicht angenommen. Aslaksen. Seine gute Absicht kann mir verdammt wenig helfen. – Da drin, wo sie jetzt sitzen und anstoßen und Reden halten, da habe ich auch gesessen; war wie ihresgleichen; trug feine Kleider –! Und das war so recht was für mich, – für mich, der ich so viel gelesen und so lange danach gelechzt hatte, an allem Teil zu haben, was herrlich ist in der Welt. Prost die Mahlzeit! Wie lange war Jeppe im Paradies? Eins, zwei, drei, war er wieder draußen; – die ganze Herrlichkeit zerfiel in Zwiebelfische, wie wir Drucker sagen. Fjeldbo. Nun ja; aber Sie waren doch nicht gar so schlecht gestellt. Sie hatten doch Ihr Handwerk, zu dem Sie Ihre Zuflucht nehmen konnten. Aslaksen. Das hört sich sehr schön an. Nach so etwas ist der alte Stand nicht mehr der alte Stand. Man hat mir den sicheren Boden unter den Füßen weggezogen und mich aufs Glatteis gestellt, – und nun muß ich auch noch Scheltworte hören, weil ich strauchle. Fjeldbo. Na, ich will gewiß nicht hart mit Ihnen ins Gericht gehen – Aslaksen. Daran tun Sie auch recht. – Wunderliche Wirrungen das! Daniel Hejre und die Vorsehung und der Kammerherr und das Schicksal und die Verhältnisse – und ich selbst dazu! Ich habe oft daran gedacht, das zu entwirren und ein Buch drüber zu schreiben; aber es ist so verdammt verwickelt, daß – Schielt nach der Tür zur Linken. Doch, – da stehen sie von Tisch auf. Die Gesellschaft, Damen und Herren, geht unter lebhaftem Geplauder aus dem Speisesaale in den Garten. Unter den Gästen Stensgård mit Thora am linken und Selma am rechten Arm. Fjeldbo und Buchdrucker Aslaksen stehen an der Tür im Hintergrunde. Stensgård. Ich bin fremd hier; die Damen müssen sagen, wohin ich sie führen soll. Selma. Ins Freie hinaus, – Sie müssen den Garten sehen. Stensgård. Ach ja, das wäre herrlich! Ab durch die vorderste Glastür zur Rechten. Fjeldbo. Donnerwetter, das war ja Stensgård! Aslaksen. Eben Stensgårds muß ich habhaft werden. Ich bin lange genug nach ihm herumgerannt; glücklicherweise habe ich noch Daniel Hejre getroffen – Daniel Hejre und Erik Bratsberg kommen aus dem Speisesaale. Herje. Hähä! Das war, meiner Treu, ein excellenter Sherry! Ich habe keinen so guten mehr zu trinken gekriegt, seit ich in London war. Erik. Ja, nicht wahr? Der kann einen Menschen auf die Beine bringen! Herje. Ach, ach, es ist 'ne wahre Wonne, sein Geld so gut angewandt zu sehen! Erik. Wieso? Lacht. Na ja, jawohl, ja! Sie gehen in den Garten. Fjeldbo. So, Sie haben mit Stensgård zu reden? Aslaksen. Allerdings. Fjeldbo. In Geschäften? Aslaksen. Versteht sich; der Festbericht im Blatt – Fjeldbo. Ja, wissen Sie, da werden Sie draußen so lange warten müssen – Aslaksen. Auf dem Korridor? Fjeldbo. Im Vorzimmer, ja! Hier ist weder die Zeit noch der Ort –; ich werde aufpassen, wenn Stensgård einen Augenblick allein ist; hören Sie –! Aslaksen. Gut, ich werde warten, bis man für mich Zeit hat. Ab durch die Mitte. Kammerherr Bratsberg, Lundestad, Inspektor Ringdal und ein paar andere Herren aus dem Speisesaale. Der Kammerherr im Gespräch mit Lundestad. Unverschämt, sagen Sie? Nun, bei der Form will ich mich nicht weiter aufhalten; aber es waren Goldkörner in der Rede; das kann ich Ihnen versichern. Lundestad. Na, wenn der Herr Kammerherr zufrieden sind, so kann ich es wohl auch sein. Der Kammerherr. Das sollte ich auch meinen. Ei sieh, da ist ja der Doktor! Und wahrscheinlich mit leerem Magen? Fjeldbo. Tut nichts, Herr Kammerherr; es ist ja nicht weit zur Speisekammer; – ich betrachte mich hier halb und halb wie zu Hause. Der Kammerherr. Sieh, sieh! Wirklich? Das sollten Sie doch nicht vor der Zeit tun. Fjeldbo. Wieso? Sie nehmen mir's doch wohl nicht übel? Sie haben mir ja selbst erlaubt – Der Kammerherr. Was ich Ihnen erlaubt habe, ist Ihnen erlaubt. – Nu, nu, betrachten Sie sich immerhin hier wie zu Hause, und suchen Sie den Weg zur Speisekammer. Klopft ihm leicht auf die Schulter und wendet sich zu Lundestad. Sehen Sie, das ist einer; den können Sie einen Glücksritter nennen und – und das andere, was ich vergessen habe. Fjeldbo. Aber, Herr Kammerherr! Lundestad. Nein, ich versichere – Der Kammerherr. Keinen Disput nach dem Essen! Das bekommt nicht gut. Nun kriegen wir draußen bald den Kaffee. Ab mit den Gästen nach dem Garten. Lundestad zu Fjeldbo. Haben Sie bemerkt, wie wunderlich der Kammerherr heut ist? Fjeldbo. Das habe ich schon gestern abend bemerkt. Lundestad. Denken Sie, er bleibt dabei, ich hätte Herrn Stensgård einen Glücksritter – na, und so weiter genannt. Fjeldbo. I was, Herr Lundestad; und wenn dem nun so wäre? Doch entschuldigen Sie, – ich muß hinunter und die Damen des Hauses begrüßen. Ab nach rechts. Lundestad zu Ringdal, der einen Spieltisch arrangiert. Wie mag es nur zusammenhängen, daß Stensgård hierher kommt? Ringdal. Ja, sagen Sie mir das! Er stand ursprünglich nicht auf der Liste. Lundestad. Also erst später? Nach der Standrede, die der Kammerherr gestern zu hören bekam – Ringdal. Ja, können Sie so etwas begreifen? Lundestad. Begreifen? O ja, o ja. Ringdal leiser. Meinen Sie, dem Kammerherrn sei vor ihm bange? Lundestad. Ich meine, er ist vorsichtig, – das mein' ich. Sie gehen plaudernd nach dem Hintergrund und dann in den Garten hinaus. Gleichzeitig erscheinen Selma und Stensgård in der vordersten Gartentür. Selma. Wollen Sie, bitte, hinschauen – dort über den Baumwipfeln sehen wir den Kirchturm wie den ganzen oberen Teil der Stadt. Stensgård. Ja, in der Tat; das hätte ich nicht geglaubt. Selma. Ist die Aussicht von hier oben nicht herrlich? Stensgård. Alles hier ist herrlich; der Garten und die Aussicht und der Sonnenschein und die Menschen! Himmel, wie schön ist das alles! Und hier wohnen Sie den ganzen Sommer? Selma. Nein, ich und mein Mann nicht; wir kommen und wir gehen wieder. Wir haben ein großes, prächtiges Haus in der Stadt, viel prächtiger als das hier; Sie sollten es nur sehen. Stensgård. Und Ihre Familie wohnt wohl auch in der Stadt? Selma. Familie? Was für Familie sollte das sein? Stensgård. Ja, ich wußte nicht – Selma. Wir Märchenprinzessinnen haben keine Familie. Stensgård. Märchenprinzessinnen? Selma. Höchstens haben wir so eine böse Stiefmutter – Stensgård. Eine Hexe, jawohl! Sie sind also eine Prinzessin? Selma. Von versunkenen Schlössern, wo's in der Donnerstagsnacht funkelt und glitzert. Doktor Fjeldbo meint, es müßte eine sehr angenehme Lebensstellung sein; aber – nun sollen Sie hören – Erik kommt aus dem Garten. Findet man endlich die kleine Frau? Selma. Die kleine Frau erzählt Herrn Stensgård ihre Lebensgeschichte. Erik. Ei, ei! Und welche Rolle spielt der Mann in ihrer Lebensgeschichte? Selma. Des Prinzen natürlich. Zu Stensgård. Sie wissen, es kommt immer ein Prinz und bricht den Zauber, und dann ist alles gut und schön, und dann ist in der Welt Freude und Beglückwünschung, und dann ist das Märchen aus. Stensgård. Ach, das war zu kurz. Selma. Vielleicht, – in gewissem Sinne. Erik legt den Arm um sie. Aber aus dem Märchen entspann sich ein neues, und die Prinzessin wurde Königin. Selma. Unter derselben Bedingung, wie die richtigen Prinzessinnen? Erik. Welcher Bedingung? Selma. Sie müssen ins Ausland, – weit weg in ein fremdes Reich. Erik. Eine Zigarre, Herr Stensgård? Stensgård. Danke; jetzt nicht. Fjeldbo und Thora aus dem Garten. Selma ihnen entgegen. Liebe Thora, bist Du da? Du bist doch nicht krank? Thora. Ich? Nein. Selma. Doch, doch! Du bist es sicherlich; mich dünkt, Du konsultierst den Doktor so eifrig in den letzten Tagen. Thora. Nein, ich versichere Dir – Selma. Still! Laß mich fühlen! Du glühst. Lieber Doktor, meinen Sie nicht, die Hitze geht vorüber? Fjeldbo. Alles will seine Zeit haben. Thora. Frost ist doch auch nicht besser – Selma. Nein, die gleichmäßige Mitteltemperatur, – das sagt mein Mann auch. Der Kammerherr kommt aus dem Garten. Die ganze Familie im vertraulichen Tête-à-Tête? Das ist gerade nicht sehr höflich gegen die Gäste. Thora. Lieber Vater, ich will gleich – Der Kammerherr. Aha, Ihnen machen die Damen den Hof, Herr Stensgård! Das werde ich besorgen! Thora leise zu Fjeldbo. Bleiben Sie! Ab in den Garten. Erik , Selma den Arm bietend. Gnädige Frau erlauben –? Selma Komm! Beide rechts ab. Der Kammerherr blickt ihnen nach. Die beiden auseinander zu bringen, das ist nun einmal undenkbar! Fjeldbo. Das wäre auch ein sündhafter Gedanke. Der Kammerherr. Wie doch unser Herrgott die Einfalt in seinen Schutz nimmt! Ruft hinaus. Thora, Thora, so gib doch acht auf Selma! Hol' ihr einen Schal; und laß sie nicht so herumlaufen; sie erkältet sich! Ja, wir Menschen sind kurzsichtig, Doktor! Wissen Sie kein Mittel gegen diesen Fehler? Fjeldbo. O ja, – Lehrgeld. Das soll man sich hinter die Ohren schreiben, dann sieht man das nächste Mal klarer. Der Kammerherr. Ei, ei! Dank für den Rat. Aber Sie, der Sie sich hier wie zu Hause betrachten, sollten sich wirklich auch etwas Ihrer Gäste annehmen. Fjeldbo. Jawohl –. Stensgård, wollen wir beide vielleicht –? Der Kammerherr. O nein, mein Lieber, – draußen geht mein alter Freund Hejre – Fjeldbo. Der betrachtet sich hier auch wie zu Hause. Der Kammerherr , Hahaha! Ja, das tut er allerdings! Fjeldbo. Na, wir beide wollen mit vereinten Kräften unser mögliches tun. Ab in den Garten. Stensgård. Der Herr Kammerherr nannten Daniel Hejre. Ich muß gestehen, ich war verwundert, ihn hier zu sehen. Der Kammerherr. So, wirklich? Herr Hejre und ich sind Schulkameraden und Jugendfreunde. Überdies hatten unsere Lebensverhältnisse so viele Berührungspunkte – Stensgård. Eben über diese Berührungspunkte hat Herr Hejre gestern abend Verschiedentliches zum besten gegeben. Der Kammerherr. Hm! Stensgård. Wäre er nicht gewesen, so würde ich gewiß nicht in solche Aufwallung geraten sein, wie es leider geschah. Aber er hat eine Art, über Personen und Vorfälle zu reden, die – kurzum, er hat einen losen Mund. Der Kammerherr. Mein lieber junger Freund, – Herr Hejre ist mein Gast; das dürfen Sie nicht vergessen. Volle Freiheit in meinem Haus, aber mit dem Vorbehalt: keine unritterliche Äußerung über die, mit denen ich verkehre! Stensgård. Ich bitte sehr um Entschuldigung – Der Kammerherr. Na, na, na, – Sie gehören zu dem jungen Geschlecht, das die Dinge nicht so genau nimmt. Was Herrn Hejre betrifft, so bezweifle ich, daß Sie ihn gründlich genug kennen. Herr Hejre ist jedenfalls ein Mann, dem ich außerordentlich viel verdanke. Stensgård. Das behauptete er allerdings; aber ich glaubte nicht, daß – Der Kammerherr. Ich verdanke ihm das Beste von unserem Familienglück, Herr Stensgård. Ich verdanke ihm meine Schwiegertochter. Es ist wirklich so. Daniel Hejre nahm sich ihrer in ihrer Kindheit an. Sie war ein kleines Wunder; gab schon mit zehn Jahren Konzerte –. Sie haben gewiß von ihr gehört? Selma Sjöblom –? Stensgård. Sjöblom? Ja, gewiß; ihr Vater war ein Schwede. Der Kammerherr. Ein schwedischer Musiklehrer, jawohl! Er kam vor einer Reihe von Jahren hierher. Die Stellung eines Musiklehrers ist, wie Sie wissen, in der Regel nicht die beste; und seine Lebensgewohnheiten sind auch wohl nicht immer förderlich für –. Na, Herr Hejre war immer ein Talentsucher. Er nahm sich der Kleinen an, er schickte sie nach Berlin; und als später der Vater starb und Hejres Vermögensverhältnisse andere geworden waren, kam sie nach Christiania zurück, wo sie natürlich bald Aufnahme in den besten Kreisen fand. Dadurch, sehen Sie, hat sich meinem Sohne Gelegenheit geboten, ihr zu begegnen. Stensgård. Auf diese Art ist der alte Daniel Hejre allerdings ein Werkzeug gewesen – Der Kammerherr. So greift hier im Leben eins ins andere. Werkzeuge, das sind wir alle; – Sie auch; das heißt ein Werkzeug des Niederreißens – Stensgård. O, Herr Kammerherr, ich bitte Sie – ich bin ganz beschämt – Der Kammerherr. Beschämt –? Stensgård. Ja, es war im höchsten Grade unpassend – Der Kammerherr. Gegen die Form ließe sich vielleicht manches einwenden; aber die Gesinnung war gut. Und deshalb möchte ich Sie bitten: wenn Sie künftig etwas auf dem Herzen haben, so kommen Sie zu mir; reden Sie offen mit mir, ehrlich und gerade heraus. Sehen Sie, wir wollen ja doch alle das Beste; es ist ja meine Pflicht – Stensgård. Und Sie erlauben, daß ich offen mit Ihnen rede? Der Kammerherr. Weiß Gott, ja. Glauben Sie, ich hätte nicht schon längst gesehen, daß das Leben hier in gewissen Punkten eine Richtung genommen hat, die alles andere eher als wünschenswert ist? Aber was sollte ich tun? Zur Zeit des hochseligen Königs Karl Johann lebte ich zumeist in Stockholm. Nun bin ich alt; außerdem ist es wider meine Natur, mich mit Reformen vorzudrängen oder mich persönlich in diese ganze öffentliche Bewegung zu mischen. Sie dagegen, Herr Stensgård, Sie haben alle Vorbedingungen dazu; deshalb lassen Sie uns zusammenhalten. Stensgård. Dank, Herr Kammerherr! Dank, Dank! Inspektor Ringdal und Daniel Hejre kommen aus dem Garten. Ringdal. Und ich sage Ihnen, es muß ein Mißverständnis sein. Herje. So? Das wäre spaßhaft! Ich sollte meinen eigenen Ohren nicht mehr trauen dürfen? Der Kammerherr. Was Neues, Hejre? Herje. Anders Lundestad ist im Begriffe, zur Storlipartei überzugehen – weiter nichts! Der Kammerherr. Ach, Du spaßest! Herje. Entschuldige, Verehrtester! Hab' es aus seinem eigenen Munde. Der Herr Lundestad beabsichtigt, sich wegen seiner geschwächten Gesundheit ins Privatleben zurückzuziehen; und so kann man auf das andere ja schließen. Stensgård. Und das haben Sie aus seinem eigenen Munde? Herje. Wie gesagt; er hat die wichtige Neuigkeit unten vor versammeltem Volke verkündet, hähä! Der Kammerherr. Aber, mein guter Ringdal, wie kann das zusammenhängen? Herje. Ach, das ist nicht schwer zu erraten. Der Kammerherr. Allerdings nicht. Aber das ist ja für den Distrikt eine wichtige Sache. Kommen Sie, Ringdal; wir müssen ernstlich mit dem Manne reden! Mit Ringdal ab in den Garten. Fjeldbo aus der hintersten Gartentür. Ist der Kammerherr fort? Herje. Pst! Die Weisen müssen Rat halten. Große Neuigkeit, Doktor! Lundestad legt sein Reichstagsmandat nieder. Fjeldbo. Nicht möglich! Stensgård. Ja, kannst Du das begreifen? Herje. Jetzt gibt's hier Leben und Bewegung. Der Bund der Jugend fängt an zu wirken, Herr Stensgård! Wissen Sie, wie Sie den Verein nennen sollten? Na, ich will's Ihnen später sagen. Stensgård. Glauben Sie wirklich, daß unser Bund –? Herje. Darüber besteht doch wahrlich kein Zweifel. Na, so werden wir also die Freude haben, den Herrn Proprietarius von hier weg ins Parlament zu schicken. Wäre er nur erst fort! – meinen Reisesegen, den hat er wahrhaftig! – genug! Hähä! Ab in den Garten. Stensgård. Aber so sag' mir, Fjeldbo, – kannst Du Dir einen Reim auf dies alles machen? Fjeldbo. Es gibt Dinge, auf die sich noch schwerer ein Reim machen läßt. Wie kommst Du hierher? Stensgård. Ich? Wie die andern, natürlich. Ich bin eingeladen. Fjeldbo. Das wurdest Du gestern abend, höre ich, – nach Deiner Rede – Stensgård. Nun ja? Fjeldbo. Aber daß Du die Einladung angenommen hast! – Stensgård. Was zum Kuckuck sollte ich tun? Ich konnte doch so artige Leute nicht kränken. Fjeldbo. So? Das konntest Du nicht? In Deiner Rede hast Du es doch gekonnt. Stensgård. Unsinn! In meiner Rede griff ich Prinzipien an, nicht Personen. Fjeldbo. Und wie erklärst Du Dir jetzt die Einladung des Kammerherrn? Stensgård. Ja, lieber Freund, die ist nur auf eine Art zu erklären. Fjeldbo. Nämlich, daß der Kammerherr Dich fürchtet? Stensgård. Dazu soll er, weiß Gott, nie Anlaß haben! Er ist ein Ehrenmann. Fjeldbo. Das ist er. Stensgård. Und liegt nicht etwas Rührendes darin, daß der alte Herr die Sache von der Seite nimmt? Und wie reizend war Fräulein Bratsberg, als sie den Brief überbrachte! Fjeldbo. Aber sag' mir, – der Auftritt von gestern ist doch hier nicht zur Sprache gekommen? Stensgård. Keine Spur! Sie sind viel zu gebildete Leute, um so etwas zu berühren. Aber das quält mein Gewissen; ich will mich hernach doch entschuldigen – Fjeldbo. Nein, davon muß ich entschieden abraten! Du kennst den Kammerherrn nicht – Stensgård. Gut; so sollen meine Handlungen für mich reden. Fjeldbo. Du willst doch nicht mit der Storlisippe brechen? Stensgård. Ich will eine Aussöhnung zustande bringen; ich habe ja meinen Verein; der ist schon eine Macht, wie Du siehst. Fjeldbo. Ja, aber noch eins, ehe ich's vergesse – Deine Liebe zu Fräulein Monsen –; ich riet Dir gestern, Ernst mit der Sache zu machen – Stensgård. Ja, ja, das können wir immer noch – Fjeldbo. Nein, höre! Ich habe mir die Sache genauer überlegt. Du solltest Dir die Idee aus dem Kopf schlagen. Stensgård. Ich glaube, da hast Du recht. Heiratet man in eine ungebildete Familie, so verheiratet man sich gewissermaßen mit der ganzen Familie. Fjeldbo. Allerdings; aus diesem wie aus anderen Gründen – Stensgård. Monsen ist ein ungebildeter Mensch, das sehe ich jetzt ein. Fjeldbo. Sehr viel Lebensart hat er gerade nicht. Stensgård. Nein, weiß Gott nicht! Er geht umher und spricht schlecht von Leuten, die er bei sich sieht; das ist unritterlich. Auf Storli riecht es nach schlechtem Tabak in allen Stuben – Fjeldbo. Aber, mein Lieber, – daß Du den Tabaksgeruch erst jetzt spürst –? Stensgård. Das macht der Vergleich. Meine Stellung hier in der Gegend war vom ersten Augenblick an schief. Ich geriet in die Klauen von Parteigängern, die mir die Ohren voll tuteten. Das soll ein Ende nehmen! Ich will mich hier nicht auf die Dauer als ein Werkzeug des Eigennutzes oder der Roheit und Dummheit mißbrauchen lassen. Fjeldbo. Aber wozu willst Du denn Deinen Verein benutzen? Stensgård. Der Verein bleibt unverändert; er ist auf einer ziemlich breiten Basis angelegt; – das heißt, er ist gestiftet worden, um schlechten Einflüssen entgegen zu arbeiten; – jetzt erst sehe ich, von welcher Seite diese Einflüsse kommen. Fjeldbo. Aber meinst Du, »die Jugend« wird dieselbe Anschauung haben? Stensgård. Das soll sie. Ich darf wohl verlangen, daß solche Bengel sich meiner besseren Einsicht fügen. Fjeldbo. Wenn sie nun aber nicht wollen? Stensgård. So können sie ihre eigenen Wege gehen. Ich bedarf ihrer nicht mehr. Und außerdem – meinst Du, ich würde in halsstarriger Blindheit und aus elender Prinzipienreiterei meine Zukunft auf eine falsche Bahn drängen lassen, so daß ich nie das Ziel erreiche? Fjeldbo. Was verstehst Du unter Ziel? Stensgård. Ein Leben, das meinen Fähigkeiten entspricht und alle meine Interessen ausfüllt. Fjeldbo. Keinen Phrasenschwall! Was verstehst Du unter Ziel? Stensgård. Na, Dir kann ich es ja wohl sagen. Unter Ziel versteh' ich, mit der Zeit einmal Reichstagsabgeordneter oder Staatsrat zu werden und in eine reiche und angesehene Familie glücklich hineinzuheiraten. Fjeldbo. Schau', schau'! Und da denkst Du, mit Hilfe des Kammerherrn und seiner Verbindungen –? Stensgård. Durch eigene Hilfe denke ich's zu erreichen! Es wird kommen und muß kommen, aber ganz von selbst. Na, bis dahin hat es übrigens noch gute Wege, – still davon! Inzwischen will ich leben und hier Schönheit und Sonnenschein genießen – Fjeldbo. Hier? Stensgård. Ja, hier. Hier herrschen feine Sitten; hier ruht Liebreiz auf dem Dasein; hier ist der Fußboden geschaffen, um sozusagen nur mit Lackstiefeln betreten zu werden; hier sind die Lehnsessel bequem, und die Damen sitzen so hübsch darin; hier schwebt das Gespräch leicht und elegant wie ein Federspiel; hier plumpst nicht Roheit in die Stube und macht die Gesellschaft verstummen. Ach, Fjeldbo, hier erst fühle ich, was Vornehmheit ist. Ja, wir haben doch wirklich unsern Adel; einen kleinen Kreis, einen Adel der Bildung; und dem will ich angehören. Fühlst Du nicht selber, daß man hier geläutert wird? daß hier der Reichtum von anderer Art ist? Wenn ich an Monsens Reichtum denke, so stelle ich mir ihn vor als große Pakete fettiger Banknoten und ölbefleckter Pfandobligationen; – aber hier, hier ist er Metall, blinkendes Silber! Und mit den Menschen ist's ebenso. Der Kammerherr, – welch ein prächtiger, feiner Greis! Fjeldbo. Das ist er. Stensgård. Und der Sohn, – bieder, offenherzig, tüchtig! Fjeldbo. Ganz gewiß. Stensgård. Und die Schwiegertochter erst –! Sie ist eine Perle! Herrgott, welch reiche und eigenartige Natur – Fjeldbo. Das ist Thora – Fräulein Bratsberg auch. Stensgård. Jawohl; aber schau', sie ist doch nicht so bedeutend. Fjeldbo. Ach, Du kennst sie nicht. Du weißt nicht, wie tief und still und treu sie ist. Stensgård. Aber die Schwiegertochter! So offen, fast rücksichtslos; und so voll Anerkennung, so erobernd – Fjeldbo. Ich glaube wirklich, Du bist in sie verliebt. Stensgård. In eine verheiratete Frau? Bist Du verrückt, Mensch? Wohin sollte das führen? Nein, aber ich werde mich verlieben, das fühle ich schon. Ja, sie ist wirklich tief und still und treu! Fjeldbo. Wer? Stensgård. Fräulein Bratsberg, natürlich. Fjeldbo. Was denn? Du denkst doch nicht etwa daran, –? Stensgård. Gewiß, in vollem Ernste. Fjeldbo. Aber ich versichere Dir, das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Stensgård. Hoho! Der Wille ist eine Weltmacht, Du! Wir werden sehen, daß es möglich ist. Fjeldbo. Nein, aber das ist ja der reine, bare Leichtsinn! Gestern war's Fräulein Monsen – Stensgård. Ja sieh, das war Übereilung; doch davon hast Du mir ja selbst abgeraten – Fjeldbo. Ich rate Dir aufs bestimmteste davon ab, an eine von beiden zu denken. Stensgård. So? Du gedenkst Dich am Ende selbst für eine von ihnen zu entscheiden? Fjeldbo. Ich? Nein, ich versichere Dir – Stensgård. Ich hätte mich auch nicht davon abhalten lassen, wenn dem so wäre. Will man mir in den Weg treten, will man mir die Zukunft versperren, so kenne ich keine Rücksicht. Fjeldbo. Hüte Dich, daß ich nicht dasselbe sage! Stensgård. Du! Mit welchem Rechte wirfst Du Dich zum Vormund und Beschützer der Familie Bratsberg auf? Fjeldbo. Zum mindesten mit dem Recht des Freundes. Stensgård. Pah, – mit dem Gerede fängst Du mich nicht. Mit dem Recht des Eigennutzes, – das ist's. Es befriedigt Deine kleinliche Eitelkeit, hier im Haus der Hahn im Korbe zu sein; deshalb soll ich fern bleiben. Fjeldbo. Es wäre für Dich auch das beste. Du stehst hier auf unterhöhltem Grunde. Stensgård. So? Wirklich? Schönsten Dank! Den Grund werde ich schon zu stützen wissen. Fjeldbo. Versuch's; aber ich prophezeie Dir, er wird vorher einbrechen. Stensgård. Hoho! Du führst was im Schilde?! Gut, daß ich das weiß! Ich kenne Dich jetzt; Du bist mein Feind, – der einzige, den ich hier habe. Fjeldbo. Das bin ich nicht. Stensgård. Das bist Du doch! Du bist es immer gewesen, schon in der Schulzeit. Sieh Dich hier um, wie alle mich anerkennen, obschon ich für sie ein Fremder bin. Du dagegen, der mich kennt, Du hast mich nie anerkannt. Es ist überhaupt das Schlimme an Dir, daß Du keinen je anerkennen kannst; Du hast Dich in Christiania nur in Teegesellschaften herumgetrieben und Deine Existenz damit ausgefüllt, schlechte Witze zu reißen. So was rächt sich, Du! Der Sinn für das, was mehr wert ist im Leben, – für das Hohe und Erhabene wird abgestumpft, und zuletzt taugt man zu gar nichts mehr. Fjeldbo. Also ich tauge zu gar nichts! Stensgård. Hast Du mich jemals anzuerkennen vermocht? Fjeldbo. Was sollte ich denn anerkennen? Stensgård. Meinen Willen, wenn nichts anderes. Der wird von allen ändern anerkannt, von den simplen Leuten beim Feste gestern, von dem Kammerherrn Bratsberg und seiner Familie – Fjeldbo. Von Monsens dito, von –. Donnerwetter, was ich sagen wollte, – hier draußen steht einer und wartet auf Dich – Stensgård. Wer denn? Fjeldbo geht nach dem Hintergrunde. Einer, der Dich anerkennt. Öffnet die Tür und ruft hinaus. Aslaksen, kommen Sie rein! Stensgård. Aslaksen? Aslaksen eintretend. Na, endlich! Fjeldbo. Auf Wiedersehn! Ich will die Freunde nicht stören. Ab in den Garten. Stensgård. Was, zum Henker! wollen Sie hier? Aslaksen. Ich habe notwendig mit Ihnen zu reden. Sie haben mir gestern einen Bericht über die Stiftung des Vereins versprochen und – Stensgård. Der kann nicht kommen; – wir müssen ihn für eine andere Gelegenheit zurückstellen. Aslaksen. Unmöglich, Herr Stensgård; das Blatt soll morgen zeitig heraus – Stensgård. Unsinn! Das Ganze muß geändert werden. Die Sache ist in ein neues Stadium getreten; es sind andere Momente hinzugekommen. Was ich über den Kammerherrn Bratsberg geäußert habe, muß ganz umredigiert werden, ehe es verwendbar ist. Aslaksen. Der Passus gegen den Kammerherrn ist aber schon gesetzt. Stensgård. Dann muß er wieder raus! Aslaksen. Wieder raus? Stensgård. Ja, ich will ihn nicht in der Form drucken lassen. Sie sehen mich an? Glauben Sie vielleicht, ich verstünde nicht die Angelegenheiten des Vereins zu leiten? Aslaksen. I, Gott bewahre! Aber ich muß Ihnen doch sagen – Stensgård. Keine Widerrede, Aslaksen; dergleichen dulde ich ein für allemal nicht! Aslaksen. Herr Rechtsanwalt Stensgård, ist Ihnen auch bekannt, daß ich das bißchen trocken Brot, das ich habe, dabei riskiere? Wissen Sie das? Stensgård. Nein, – das ist mir unbekannt. Aslaksen. Aber es ist so. Letzten Winter, ehe Sie hierher kamen, ging mein Blatt gut. Ich redigierte es selbst, will ich Ihnen sagen, und ich redigierte es nach einem Prinzip. Stensgård. Sie? Aslaksen. Jawohl! Ich sagte mir: nur durch das große Publikum kann sich ein Blatt halten; aber das große Publikum ist das schlechte Publikum, – das liegt eben in den lokalen Verhältnissen; – und das schlechte Publikum will ein schlechtes Blatt haben. Sehen Sie, so redigierte ich mein Blatt – Stensgård. Schlecht! Das ist unbestreitbar. Aslaksen. Ja, und ich stand mich gut dabei. Aber da kamen Sie und führten hier in der Gegend Ideen ein; und das Blatt erhielt eine Farbe, und deshalb fielen die Freunde Anders Lundestads alle ab. Die übrig geblieben, die zahlen schlecht – Stensgård. Aber das Blatt wurde gut. Aslaksen. Ich kann nicht existieren von einem guten Blatt. Es sollte hier Leben in die Bude kommen; es sollte ein Ende gemacht werden, so versprachen Sie gestern; die großen Herren sollten an den Pranger; es sollten Dinge in die Zeitung kommen, die jedermann lesen müßte, – und nun wollen Sie mich im Stich lassen – Stensgård. Hoho! Glauben Sie, ich wollte Ihnen und dem Skandal dienen? Nein, danke schön, mein lieber Mann! Aslaksen. Herr Stensgård, treiben Sie mich nicht zum Äußersten, sonst passiert etwas! Stensgård. Was meinen Sie damit? Aslaksen. Ich meine, daß ich dann mein Blatt auf andere Weise rentabel machen muß. Gott ist mein Zeuge, ich tue es nicht gern. Ehe Sie kamen, nährte ich mich redlich von Unglücksfällen und Selbstmorden und derlei unschuldigen Dingen, die oft nicht einmal passiert waren. Aber jetzt haben Sie alles auf den Kopf gestellt; jetzt muß eine andere Kost an die Reihe – Stensgård. Das will ich Ihnen nur sagen: handeln Sie auf eigene Faust, tun Sie einen Schritt ohne meine Order, und machen Sie die Bewegung hier zu einem Mittel Ihres schmutzigen Eigennutzes, so gehe ich zu Buchdrucker Alm und gründe ein neues Blatt. Wir haben Geld, das sage ich Ihnen nur! Und in vierzehn Tagen ist Ihr Käseblatt kaput. Aslaksen blaß. Das tun Sie nicht! Stensgård. Ja, das tue ich; und ich werde der Mann sein, das Blatt so zu redigieren, daß es das große Publikum auf seiner Seite hat. Aslaksen. Dann gehe ich noch in dieser Stunde zum Kammerherrn Bratsberg – Stensgård. Sie? Was wollen Sie da? Aslaksen. Was ich da will? Glauben Sie, ich weiß nicht, warum der Kammerherr Sie eingeladen hat? Er hat Angst vor Ihnen und vor dem, was Sie tun wollen; und daraus ziehen Sie Nutzen. Aber wenn er Angst hat vor dem, was Sie tun wollen, so hat er wohl auch Angst vor dem, was ich drucken will; und daraus werde ich Nutzen ziehen. Stensgård. Das könnten Sie wagen? Sie? Ein solcher Stümper –! Aslaksen. Ich werde es Ihnen beweisen. Soll Ihre Rede wieder aus dem Blatte heraus, so soll der Kammerherr mich für den Ausfall bezahlen. Stensgård. Wagen Sie's, wagen Sie's nur! Sie sind betrunken, Mensch –! Aslaksen. Nicht über Gebühr. Aber ich werde ein Löwe, wenn man mir mein bißchen Brot nehmen will. Sie können sich nicht in meine häusliche Lage versetzen: eine bettlägerige Frau, ein verkrüppeltes Kind – Stensgård. Packen Sie sich! Wollen Sie mich in den Schmutz Ihrer Gemeinheit mit hinabziehen? Was gehen mich Ihre gichtbrüchigen Frauen und Ihre Mißgeburten an? Wagen Sie's, sich mir in den Weg zu stellen, unterstehen Sie sich, mir eine einzige Aussicht zu verschließen, so sind Sie an den Bettelstab gebracht, noch ehe das Jahr um ist! Aslaksen. Ich werde einen Tag warten – Stensgård. Na, es scheint, Sie kehren zur Vernunft zurück. Aslaksen. Ich werde in einer Extranummer den Abonnenten mitteilen, daß der Redakteur, infolge einer Unpäßlichkeit, die er sich beim Fest zugezogen hat – Stensgård. Jawohl, tun Sie das; es ist nicht unmöglich, daß wir zwei uns noch verständigen. Aslaksen. Wenn's doch nur ginge! – Herr Obergerichtsanwalt, bedenken Sie: die Zeitung ist meine einzige Kuh. Ab durch die Mitte. Lundestad in der vordersten Gartentür. Nun, Herr Stensgård? Stensgård. Nun, Herr Lundestad? Lundestad. Sie sind hier so allein? Wenn es Ihnen nicht ungelegen ist, so möchte ich gern ein paar Worte mit Ihnen reden. Stensgård. Mit Vergnügen. Lundestad. Zunächst möchte ich Ihnen sagen: falls Sie gehört haben, ich hätte etwas Unvorteilhaftes über Sie geäußert, so müssen Sie das nicht glauben. Stensgård. Über mich? Was sollten Sie denn gesagt haben? Lundestad. Nichts; ich versichere Ihnen. Aber es gibt hier so viele Tagediebe, die sich ein Gewerbe draus machen, Leute gegen einander aufzuhetzen. Stensgård. Ja, – im ganzen genommen, sind wir beide leider in ein etwas schiefes Verhältnis zueinander geraten. Lundestad. Es ist ein ganz natürliches Verhältnis, Herr Stensgård. Es ist das Verhältnis des Alten zum Neuen; das ist immer so. Stensgård. I bewahre, Herr Lundestad, Sie sind doch gar nicht so alt. Lundestad. O doch, doch, ich werde so langsam alt. Ich habe nun seit 1839 im Reichstag gesessen. Mich dünkt, es wäre nachgerade an der Zeit, Ablösung zu bekommen. Stensgård. Ablösung? Lundestad. Die Zeiten ändern sich, sehen Sie. Neue Aufgaben erwachsen, und zu ihrer Förderung bedarf es neuer Kräfte. Stensgård. Ehrlich und aufrichtig, Herr Lundestad, – wollen Sie also wirklich Monsen das Feld räumen? Lundestad. Monsen? Nein, Monsen will ich nicht das Feld räumen! Stensgård. Aber dann verstehe ich nicht –? Lundestad. Gesetzt, ich räumte Monsen das Feld; glauben Sie, er hätte dann Aussicht, gewählt zu werden? Stensgård. Ja, das ist schwer zu sagen. Die Urwahl soll zwar schon übermorgen stattfinden, und die Stimmung ist allerdings noch nicht genügend bearbeitet; aber – Lundestad. Ich glaube nicht an einen Erfolg. Meine und des Kammerherrn Partei werden nicht für ihn stimmen. »Meine Partei«, das ist nun so eine Redensart; ich meine die Grundbesitzer, die alten Familien, die fest auf ihrer Scholle sitzen und hier heimisch sind. Sie wollen von Monsen nichts wissen. Monsen ist ein Zugezogener; niemand ist so recht gründlich über ihn und seine Verhältnisse unterrichtet. Und so hat er denn viel um sich herum niederstrecken müssen, um Platz zu gewinnen; Wälder und Familien niederstrecken müssen, sozusagen. Stensgård. Wenn Sie nun aber meinen, es wäre keine Aussicht –? Lundestad. Hm. Es sind seltene Gaben, alles in allem, Ihnen zuteil geworden, Herr Stensgård. Der liebe Gott hat Sie reich ausgestattet. Aber eine Kleinigkeit hätte er Ihnen mit in den Kauf geben sollen. Stensgård. Und das wäre? Lundestad. Sagen Sie, – warum denken Sie nie an sich selbst? Weshalb haben Sie gar keinen Ehrgeiz? Stensgård. Ehrgeiz? Ich? Lundestad. Warum gehen Sie hier umher und vergeuden Ihre Kräfte für andere? Kurz und gut, – warum wollen Sie nicht selbst ins Parlament? Stensgård. Ich? Das ist nicht Ihr Ernst! Lundestad. Sie haben sich ja das Stimmrecht verschafft, wie ich höre. Aber nützen Sie jetzt nicht die Gelegenheit, so kommt ein anderer hinein, und der bleibt vielleicht fest im Sattel, und dann ist er nicht so leicht wieder herauszuheben. Stensgård. Aber, um des Himmels willen, was Sie da sagen, ist das wirklich Ihre Meinung, Herr Lundestad? Lundestad. Es führt ja zu nichts; wenn Sie nicht wollen, so – Stensgård. Wollen? Wollen? Aufrichtig gestanden, ich bin nicht so ganz ohne Ehrgeiz, wie Sie meinen. Aber glauben Sie wirklich, so etwas wäre möglich? Lundestad. Möglich wäre es schon. Ich würde mein Bestes tun. Der Kammerherr täte gewiß auch das Seine; er kennt ja Ihre Rednertalente. Die Jungen haben Sie für sich, und – Stensgård. Herr Lundestad, wahrhaftig, Sie sind mein wahrer Freund! Lundestad. Ach, das ist wohl nicht gar so ernst von Ihnen gemeint. Wäre ich Ihr Freund, so nähmen Sie mir die Last ab; Sie haben junge Schultern, – Sie könnten die Last so leicht tragen. Stensgård. Verfügen Sie in dieser Hinsicht über mich; ich werde Sie nicht im Stich lassen. Lundestad. So wären Sie nicht abgeneigt –? Stensgård. Hier ist meine Hand! Lundestad. Danke. Glauben Sie mir, Herr Stensgård, Sie werden es nicht zu bereuen haben. Aber nun müssen wir behutsam zu Werke gehen. Wir müssen dafür sorgen, daß wir beide Wahlmänner werden, – ich, um Sie als meinen Nachfolger vorzuschlagen und Ihnen in der Versammlung ein bißchen auf den Zahn zu fühlen, und Sie, um Ihre Ansichten zu vertreten – Stensgård. Ach, sind wir erst so weit, dann sind wir geborgen. In der Wahlmännerversammlung sind Sie ja allmächtig. Lundestad. Die Allmacht hat ihre Grenzen; – Sie müssen natürlich Ihre Rednertalente ausnutzen; Sie müssen sich bemühen, das hinwegzuerklären, was am meisten Anstoß und Befremden erregen kann – Stensgård. Sie meinen doch nicht etwa, daß ich mit meiner Partei brechen soll? Lundestad. Betrachten Sie die Sache nur einmal mit Besonnenheit. Was will das heißen, daß es hier zwei Parteien gibt? Es will heißen, daß es hier auf der einen Seite eine Anzahl Männer oder Geschlechter gibt, die im Besitz der allgemeinen bürgerlichen Güter sind, – ich meine Eigentum, Unabhängigkeit und Anteil an der Macht. Das ist die Partei, der ich angehöre. Und auf der andern Seite, da stehen viele jüngere Mitbürger, die sich gern diese sozialen Güter erwerben möchten. Sehen Sie, das ist Ihre Partei. Aber diese Partei geben Sie ganz natürlich und ohne weiteres preis, wenn Sie jetzt einen Anteil an der Macht erhalten und sich dadurch als richtiger, tüchtiger Grundbesitzer hier eine Stellung schaffen; – ja, denn das ist nötig, Herr Stensgård! Stensgård. Ja, das glaube ich auch. Aber die Zeit ist kurz; eine solche Stellung erwirbt man sich nicht im Handumdrehen. Lundestad. Das freilich nicht; allein die bloße Aussicht würde Ihnen vielleicht schon förderlich sein – Stensgård. Die Aussicht? Lundestad. Würde Ihnen der Gedanke an eine gute Partie so furchtbar schwer fallen, Herr Stensgård? Hier in der Gegend gibt es reiche Erbinnen. Ein Mann mit einer Zukunft, wie Sie, – ein Mann, der den Anspruch auf die höchsten Ämter erheben darf, – glauben Sie mir, keine wird Sie verschmähen, wenn Sie Ihre Karte fein spielen. Stensgård. So helfen Sie mir bei meinem Spiel! Herrgott –! Sie zeigen mir das gelobte Land – herrliche Aussichten! Alles, was ich erhofft und erstrebt habe: als ein Befreier vor dem Volk einherzugehen, – das Ferne, wovon ich geträumt, das rückt mir alles so leibhaftig nahe! Lundestad. Ja, lassen Sie uns die Augen offen halten, Herr Stensgård! Ihr Ehrgeiz ist schon auf den Beinen, sehe ich. Das ist gut. Das andere wird sich von selbst machen. – Na, einstweilen meinen Dank! Ich werde Ihnen nie vergessen, daß Sie die Bürde der Macht von meinen alten Schultern nehmen wollen! Die Gäste und die Hausbewohner kommen allmählich aus dem Garten. Zwei Dienstmädchen bringen Lichter und reichen während des Folgenden Erfrischungen. Selma geht zum Piano links im Hintergrund. Herr Stensgård, Sie müssen mittun; wir spielen Pfänderspiele. Stensgård. Mit Vergnügen; ich bin in ausgezeichneter Stimmung! Geht ebenfalls nach dem Hintergrund, trifft mit ihr Vorkehrungen, rückt Stühle zurecht usw. Erik mit gedämpfter Stimme. Was, zum Kuckuck, erzählt da Papa, Herr Hejre? Was ist das für eine Rede, die Stensgård hier gestern gehalten haben soll! Herje. Hähä! Weiß man das nicht? Erik. Nein; wir Leute aus der Stadt waren ja zum Diner und Ball im Klub. Aber Papa sagt, Herr Stensgård hätte mit dem Storliklüngel ganz gebrochen, und er wäre schrecklich grob gegen Monsen gewesen –- Herje. Gegen Monsen? Nein, da haben Sie gewiß nicht recht gehört, Verehrtester – Erik. Es standen da allerdings so viele Leute herum, daß ich nicht recht klug draus werden konnte; aber ich hörte doch ganz deutlich, daß – Herje. Genug! Warten Sie bis morgen, – da kriegen Sie die Geschichte zum Frühstück in Aslaksens Zeitung. Entfernt sich von ihm. Der Kammerherr. Na, mein lieber Lundestad, bleiben Sie noch immer bei Ihrer Grille –? Lundestad. Es ist keine Grille, Herr Kammerherr; wenn jemand Gefahr läuft, verdrängt zu werden, so soll er freiwillig seinen Platz räumen. Der Kammerherr. Redensarten! Wer dächte wohl daran, Sie zu verdrängen? Lundestad. Hm; ich bin ein alter Wetterprophet. Hier liegt ein Wetterwechsel in der Luft. Na, ich habe schon einen Stellvertreter. Rechtsanwalt Stensgård ist bereit – Der Kammerherr. Rechtsanwalt Stensgård? Lundestad. Ja, war das nicht Ihre Meinung? Ich hielt es für einen Wink, als Herr Kammerherr sagten, man müßte den Mann unterstützen und sich ihm anschließen. Der Kammerherr. Ja, ich meinte in seinem Auftreten gegen den ganzen verderblichen Schwindel, der auf Storli getrieben wird. Lundestad. Aber wie konnten Sie dessen so sicher sein, daß Stensgård mit den Leuten brechen würde? Der Kammerherr. Mein Lieber, das hat sich doch gestern abend gezeigt. Lundestad. Gestern abend? Der Kammerherr. Jawohl, als er von Monsens verderblichem Einfluß in unserer Gegend sprach. Lundestad mit offenem Munde. Monsens –? Der Kammerherr. Allerdings; auf dem Tische – Lundestad. Auf dem Tische, jawohl –? Der Kammerherr. Er war schrecklich grob; nannte ihn einen Geldsack und einen Basilisken oder Drachen oder dergleichen. Haha, es war wirklich spaßhaft mitanzuhören. Lundestad. So, – es war spaßhaft mitanzuhören? Der Kammerherr. Ja, ich leugne nicht, Lundestad, ich gönne es den Leuten, wenn man ihnen derart eins versetzt. Aber jetzt müssen wir ihn unterstützen; denn nach einem so blutigen Angriff – Lundestad. Wie gestern –? Der Kammerherr. Jawohl. Lundestad. Auf dem Tische? Der Kammerherr. Ja, auf dem Tische. Lundestad. Gegen Monsen? Der Kammerherr. Ja, gegen Monsen und seinen Anhang. Jetzt werden sie sich natürlich zu rächen suchen, und das kann man ihnen nicht verdenken – Lundestad entschieden. Dieser Stensgård muß unterstützt werden, – das ist klar! Thora. Lieber Papa, Du mußt mitspielen. Der Kammerherr. Ach, Unsinn, Kind – Thora. Ja, gewiß, komm! Selma will es durchaus. Der Kammerherr. Ja, ja, dann muß ich mich wohl fügen. Leise im Abgehen. Es ist doch traurig mit Lundestad, er fängt wirklich an stumpf zu werden; denke Dir, er hat absolut nicht verstanden, was Stensgård – Thora. Ach komm, komm! Wir müssen jetzt spielen! Sie zieht ihn in den Kreis hinein, wo das Spiel unter den Jüngeren in vollem Gange ist. Erik ruft von seinem Platze aus: Herr Hejre, Sie sind zum Pfandrichter ernannt! Herje. Hähä, das ist wahrhaftig die erste Ernennung in meinem Leben. Stensgård ebenfalls im Kreise. Wegen Ihrer Bekanntschaft mit der Justiz, Herr Hejre! Herje. Ach, meine liebenswürdigen jungen Freunde, es sollte mir eine Freude sein, Sie alle miteinander zu verdonnern –. Genug! Stensgård schleicht zu Lundestad hin, der links im Vordergrunde steht. Sie haben mit dem Kammerherrn gesprochen. Wovon war die Rede? Von mir vielleicht? Lundestad. Leider; von der Szene gestern abend – Stensgård die Hände ringend. Tod und Teufel! Lundestad. Er meint, Sie wären schrecklich grob gewesen. Stensgård. Ja, glauben Sie denn nicht, daß es mir leid tut –? Lundestad. Sie könnten es jetzt wieder gutmachen. Erik ruft aus dem Kreise. Herr Stensgård, die Reihe ist an Ihnen! Stensgård. Ich komme! Schnell, zu Lundestad. Wieder gutmachen – auf welche Weise? Lundestad. Finden Sie eine Gelegenheit, so entschuldigen Sie sich beim Kammerherrn. Stensgård. Das werde ich weiß Gott tun! Selma. Geschwind! geschwind! Stensgård. Ich komme, gnädige Frau! Da bin ich. Das Spiel wird unter Lachen und Scherzen fortgesetzt. Rechts spielen einige ältere Herren Karten. Lundestad setzt sich links; Daniel Hejre in seiner Nähe. Herje. Der Grünschnabel sagt, ich hätte mit der Justiz zu tun gehabt! Lundestad. Er hat einen etwas unverschämten Mund, das ist nicht zu leugnen. Herje. Deshalb schwänzelt auch die ganze Familie um ihn herum. Hähä; es ist ein jammervoller Anblick, wie ihnen bange vor ihm ist. Lundestad. Nein, da irren Sie sich, Herr Hejre; dem Kammerherrn ist nicht bange. Herje. Nicht? Meinen Sie, ich wäre blind, Verehrtester? Lundestad. Gewiß nicht, aber – ja, können Sie auch schweigen? Gut, ich will Ihnen sagen, wie die Sache zusammenhängt. Der Kammerherr glaubt, die Rede gestern hätte Monsen gegolten. Herje. Monsen? Ach, Unsinn! Lundestad. Bei Gott, Herr Hejre! Ringdal oder das Fräulein mögen es ihm eingeredet haben – Herje. Und da geht er hin und ladet ihn zum großen Diner ein! Nein, das ist, hol' mich der Teufel, ausgezeichnet! Wissen Sie was, da kann ich nicht den Mund halten! Lundestad. Pst! Pst! Vergessen Sie nicht, was Sie mir versprochen haben. Der Kammerherr ist ja Ihr alter Schulkamerad; und wenn er auch ein wenig hart mit Ihnen umgesprungen ist – Herje. Hähä; ich werde es ihm mit Zinsen heimzahlen – Lundestad. Nehmen Sie sich in acht; der Kammerherr ist mächtig. Reizen Sie den Löwen nicht! Herje. Bratsberg ein Löwe? Pah, er ist ein Tropf, mein Lieber, – und das bin ich nicht. Ei, welchen Stoff zu köstlichen Schikanen, zu Anzüglichkeiten und Stichelreden wird mir diese Geschichte bieten, wenn erst einmal unser großer Prozeß im Gang ist! Selma ruft aus dem Kreise: Herr Richter, was soll der tun, dem dieses Pfand gehört? Erik unbemerkt zu Hejre. Es gehört Stensgård! Erfinden Sie was Ulkiges. Herje. Dieses Pfand? Hähä, laßt sehen; er könnte ja zum Beispiel, – genug! Er soll eine Rede halten! Selma. Es ist Herrn Stensgårds Pfand. Erik. Herr Stensgård soll eine Rede halten! Stensgård. Ach nein, erlassen Sie es mir, ich habe gestern meine Sache schlecht genug gemacht. Der Kammerherr. Vortrefflich, Herr Stensgård; ich verstehe mich auch ein wenig auf Beredsamkeit. Lundestad zu Hejre. Alle Wetter! wenn er sich jetzt nur nicht verheddert! Herje. Verheddert? Hähä, Sie sind ein Schlaukopf! Ein kapitaler Einfall! Halblaut zu Stensgård. Haben Sie gestern Ihre Sache bös gemacht, so können Sie sich ja heut selbst eins auf den Mund geben. Stensgård plötzlich von einer Idee erfaßt. Lundestad, die Gelegenheit ist da! Lundestad ausweichend. Spielen Sie Ihre Karte fein! Sucht seinen Hut und schleicht langsam zur Tür hin. Stensgård. Ja, ich werde eine Rede halten! Die jungen Damen. Bravo! Bravo! Stensgård. Ergreifen Sie Ihre Gläser, meine Damen und Herren! Ich werde eine Rede halten, die als ein Märchen beginnt; denn ich fühle, wie der belebende Strom der Phantasie mich in diesem Kreise durchflutet. Erik zu den Damen. Hört! Hört! Der Kammerherr nimmt sein Glas vom Spieltische rechts und bleibt dort stehen. Ringdal, Fjeldbo und ein paar andere Herren kommen aus dem Garten herein. Stensgård. Es war in der Frühlingszeit. Da kam ein junger Kuckuck ins Tal geflogen. Der Kuckuck ist ein Glücksvogel; und es war da just ein großes Vogelfest unten auf dem flachen Felde, und wildes wie zahmes Geflügel versammelte sich dort. Aus den Hühnerhöfen trippelten sie herbei; von den Gänseteichen watschelten sie heran; vom Storlihof kam ein dicker, schwerer Auerhahn herab in niedrigem, geräuschvollem Fluge, ließ sich nieder, rauschte mit den Federn, schlug scharrend mit den Flügeln und machte sich noch feister als er war; und zwischendurch krähte er: Krak! Krak! Krak! Was so viel heißen sollte wie: Ich bin der Mogul von Storli! Der Kammerherr. Vortrefflich! Hört! Stensgård. Und dann war da ein alter Specht. An den Baumstämmen huschte er gestreckten Leibes auf und nieder, bohrte mit seinem spitzen Schnabel das Holz an, schlang Würmer und all das Zeug, das Galle ansetzt, und rechts und links hörte man: Prik! prik! prik! – das war der Specht – Erik. Entschuldigen Sie, war das nicht ein Storch oder ein –? Herje. Genug! Stensgård. Es war der alte Specht. Aber da kam Leben in die Gesellschaft; denn sie fanden einen, über den sie gackern konnten; und so scharten sie sich zusammen und gackerten im Chorus, so lange, bis der junge Kuckuck anfing mitzugackern – Fjeldbo unbemerkt. Um Gottes willen, Mensch, hör' auf! Stensgård. Aber der, dem es galt, war ein Adler, der in einsamer Ruhe auf einem steilen Felsen saß. Über ihn waren sie alle einer Meinung. »Er ist ein Schrecken für die Gegend,« sagte ein heiserer Rabe. Doch der Adler schwebte in schrägem Fluge herab, packte den Kuckuck und trug ihn empor zur Höhe. – Das war ein Raub aus Liebe! Und von dort oben blickte der Glücksvogel heiter hinaus, weit über die Tiefe hin; dort war Stille und Sonnenschein; dort lernte er sie beurteilen, die Plebs von den Hühnerhöfen und von den Brachfeldern – Fjeldbo laut. Schluß! Schluß! Musik! Der Kammerherr. Pst! Unterbrechen Sie ihn nicht! Stensgård. Herr Kammerherr Bratsberg – hier ist mein Märchen zu Ende, und ich trete vor Sie hin und bitte vor allen Leuten Sie um Verzeihung wegen des gestrigen Vorfalls. Der Kammerherr , einen halben Schritt zurücktretend. Mich –? Stensgård. Ich danke Ihnen für die Art, wie Sie sich für meine unbesonnenen Äußerungen gerächt haben. An mir haben Sie fortan einen gerüsteten Streiter. Und nun, meine Damen und Herren, ein Hoch auf den Kammerherrn Bratsberg! Der Kammerherr tastet nach dem Tisch. Ich danke, Herr Obergerichtsanwalt! Die Gäste , zumeist in peinlicher Verlegenheit. Herr Kammerherr! Herr Kammerherr Bratsberg! Der Kammerherr. Meine Damen! Meine Herren! Leise. Thora! Thora. Vater! Der Kammerherr. Ach, Doktor, Doktor, was haben Sie getan! Stensgård , mit dem Glase in der Hand, strahlend vor Vergnügen. Und nun wieder auf die Plätze! He, Fjeldbo, komm mit, – in den Bund der Jugend! Hier ist das Spiel im Gange! Herje links im Vordergrunde. Ja, weiß Gott, hier ist das Spiel im Gange! Lundestad verschwindet durch die Hintertür. Der Vorhang fällt. Dritter Akt Elegantes Vorzimmer, mit Eingang im Hintergrunde. Links die Tür zum Comptoir des Kammerherrn; weiter zurück die Tür zur Wohnstube. Rechts eine Tür zu den Comptoiren des Inspektors; davor ein Fenster. Thora sitzt weinend auf dem Sofa links. Der Kammerherr geht aufgeregt hin und her. Der Kammerherr. Da haben wir nun das Nachspiel! Tränen und Jammer – Thora. O Gott, hätten wir doch den Menschen nie gesehen! Der Kammerherr. Welchen Menschen? Thora. Den abscheulichen Stensgård, natürlich. Der Kammerherr. Du solltest lieber sagen: hätten wir doch nie den abscheulichen Doktor gesehen! Thora. Fjeldbo? Der Kammerherr. Ja, Fjeldbo, Fjeldbo! War er 's nicht, der mir vorgelogen hat –? Thora. Nein, liebster, bester Papa, ich war's. Der Kammerherr. Du? Also Ihr beide! Im Einverständnis miteinander – hinter meinem Rücken! Das ist ja reizend! Thora. Ach, Papa, wenn Du wüßtest – Der Kammerherr. Ach, ich weiß genug; mehr als genug und noch mehr! Doktor Fjeldbo durch die Mitte. Fjeldbo. Guten Morgen, Herr Kammerherr! Guten Morgen, gnädiges Fräulein! Der Kammerherr geht weiter auf und ab. Na, sind Sie da? – Sie Unglücksrabe, – Fjeldbo. Ja, es war ein höchst unangenehmer Vorfall. Der Kammerherr sieht zum Fenster hinaus. Finden Sie das wirklich? Fjeldbo. Ich meine, Sie müssen bemerkt haben, wie ich die ganze Zeit über Stensgård nicht aus den Augen gelassen habe. Als ich hörte, man arrangiere ein Pfänderspiel, da dachte ich leider, es wäre keine Gefahr – Der Kammerherr mit dem Fuße stampfend. An den Pranger gestellt zu werden von solch einem Windbeutel! Und was haben nicht meine Gäste von mir denken müssen? Daß ich erbärmlich genug sei, diesen Wicht kaufen zu wollen, diesen – diesen – wie nennt ihn doch Lundestad? Fjeldbo. Ja, aber – Thora , ohne daß ihr Vater es bemerkt. Still! Der Kammerherr nach einer kurzen Pause; wendet sich zu Fjeldbo. Sagen Sie mir aufrichtig, Doktor, – bin ich wirklich dümmer als die meisten andern Menschen? Fjeldbo. Wie können Sie so fragen, Herr Kammerherr? Der Kammerherr. Aber wie konnte es denn geschehen, daß ich wahrscheinlich der einzige war, der nicht verstanden hat, daß die verdammte Rede auf mich gemünzt war? Fjeldbo. Soll ich's Ihnen sagen? Der Kammerherr. Gewiß sollen Sie das. Fjeldbo. Darum, weil Sie selbst Ihre Stellung hier in der Gegend mit andern Augen ansehen als die übrige Bevölkerung. Der Kammerherr. Ich sehe meine Stellung so an, wie mein seliger Vater seine Stellung hier angesehen hat. Meinem seligen Vater hätte man nie so etwas zu bieten gewagt. Fjeldbo. Ihr seliger Vater starb aber auch so um 1830 herum. Der Kammerherr. Nun ja; seit der Zeit ist so manches hier anders geworden. Übrigens bin ich selbst schuld daran. Ich habe mich zu tief mit den guten Leuten eingelassen. Deshalb muß ich mich jetzt darein finden, mit einem Lundestad auf eine Stufe gestellt zu werden. Fjeldbo. Offen gesagt, darin sehe ich keine Herabwürdigung. Der Kammerherr. Sie verstehen mich recht gut. Ich poche natürlich nicht auf irgend welche Vornehmheit oder auf Titel oder dergleichen. Aber was ich in Ehren halte, und was andere mir in Ehren halten sollen, das ist die durch alle Generationen vererbte Rechtschaffenheit unsrer Familie. Was ich meine, ist das : wenn man, wie Lundestad, in das öffentliche Leben eingreift, so kann man seinen Charakter und Wandel nicht durchaus makellos erhalten. Deshalb muß Lundestad es sich auch gefallen lassen, daß man ihn mit Schmutz bewirft. Aber mich soll man in Ruhe lassen; ich stehe über den Parteien. Fjeldbo. Nicht so ganz, Herr Kammerherr. Sie haben sich jedenfalls gefreut, solange Sie glaubten, der Angriff gälte Monsen. Der Kammerherr. Nennen Sie mir diesen Namen nicht! Monsen ist's, der den moralischen Sinn hier in der Gegend abgestumpft hat. Leider hat er auch meinem Herrn Sohn den Kopf verdreht. Thora. Erik? Fjeldbo. Ihrem Sohn? Der Kammerherr. Ja; was brauchte der sich in Handelsgeschäfte einzulassen? Das führt ja doch zu nichts. Fjeldbo. Aber, lieber Herr Kammerherr, er muß doch leben und – Der Kammerherr. Bei einiger Sparsamkeit könnte er recht gut von seinem Muttererbe leben. Fjeldbo. Ja, da von könnte er vielleicht leben; aber wo für sollte er leben ? Der Kammerherr. Wofür? Nun, mußte er durchaus für etwas leben, so ist er ja Rechtskandidat; er konnte ja für seine Wissenschaft leben. Fjeldbo. Nein, das konnte er nicht; denn es ist wider seine Natur. Er konnte fürs erste auch nicht daran denken, sich um ein Amt zu bewerben; die Verwaltung Ihrer Besitztümer haben Sie sich selbst vorbehalten; Ihr Sohn hat keine Kinder zu erziehen. Und wenn er unter solchen Umständen verführerische Beispiele vor sich sieht, – Leute sieht, die im Begriffe sind, aus nichts eine halbe Million zu machen – Der Kammerherr. Eine halbe Million? Ach, hören Sie mal, lassen Sie uns bei den Hunderttausend bleiben. Aber weder die halbe Million noch die Hunderttausend kratzt man mit so ganz reinen Händen zusammen; – ich meine nicht der Welt gegenüber, Gott bewahre! Die Gesetze kann man ja streng beobachten; doch dem eigenen Bewußtsein gegenüber. Zu dergleichen kann sich ja natürlich mein Sohn nicht verstehen. Sie können daher ganz ruhig sein: die Tätigkeit des Großkaufmanns Bratsberg wirft sicherlich keine halbe Million ab. Selma ,im Promenadenkostüm, kommt durch die Mitte. Selma. Guten Morgen! Ist mein Mann nicht hier? Der Kammerherr. Guten Morgen, Kind! Du suchst Deinen Mann? Selma. Ja, er sagte, er müßte hierher. Monsen kam heute früh zu ihm, und da – Der Kammerherr. Monsen? Monsen kommt zu Euch? Selma. Ab und zu einmal; meist in Geschäften. Aber, liebe Thora, was ist das? Du hast geweint? Thora. O, es ist nichts. Selma. Doch! – Zu Hause war Erik verstimmt, und hier – ich seh's Euch allen an, irgend etwas ist los. Was ist es? Der Kammerherr. Na, na; für Dich ist es jedenfalls nichts. Du bist zu fein, um Bürden zu tragen, meine kleine Selma. Geht Ihr beide so lange in die Wohnstube. Hat Erik gesagt, daß er kommt, so wird er wohl auch kommen. Selma. Laß uns gehen; – und bewahr' mich ja vor der Zugluft! Umarmt sie . O, ich könnte Dich zermalmen, süße Thora! Beide Damen ab nach links. Der Kammerherr. So sind sie also handelseins geworden, die beiden Spekulanten! Sie sollten ein Kompagniegeschäft eröffnen. Monsen und Bratsberg, – das würde herrlich klingen! Es klopft im Hintergrunde. Herein! Stensgård tritt ein. Der Kammerherr weicht einen Schritt zurück. Was ? Stensgård. Ja, da bin ich wieder, Herr Kammerherr. Der Kammerherr. Das sehe ich. Fjeldbo. Aber, Mensch, bist Du toll? Stensgård. Sie haben sich gestern abend zeitig zurückgezogen. Nachdem Fjeldbo mich über den Zusammenhang aufgeklärt hatte, waren Sie bereits – Der Kammerherr. Ich bitte, – jede Erklärung wäre überflüssig – Stensgård. Ganz gewiß. Sie dürfen auch nicht glauben, daß ich deshalb komme. Der Kammerherr. So? und weshalb? Stensgård. Ich weiß, daß ich Sie schwer gekränkt habe. Der Kammerherr. Das weiß ich auch; und ehe ich Sie zur Tür hinauswerfen lasse, werden Sie mir vielleicht sagen, weswegen Sie gekommen sind. Stensgård. Weil ich Ihre Tochter liebe, Herr Kammerherr! Fjeldbo. Wie –! Der Kammerherr. Was sagt er, Doktor? Stensgård. Sie können sich da nicht hineindenken, Herr Kammerherr. Sie sind ein alter Mann; Sie haben nichts, wofür Sie kämpfen – Der Kammerherr. Und Sie unterstehen sich –! Stensgård. Ich komme, Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten, Herr Kammerherr. Der Kammerherr. Sie –, Sie –? Wollen Sie nicht Platz nehmen? Stensgård. Danke; ich stehe lieber. Der Kammerherr. Was sagen Sie dazu , Doktor? Stensgård. Ach, Fjeldbo sagt nur Gutes; er ist mein Freund; der einzige wirkliche Freund, den ich habe. Fjeldbo. Nein, nein, Mensch; bei Gott im Himmel nicht, wofern Du – Der Kammerherr. Haben des wegen der Herr Doktor ihn in unser Haus eingeführt? Stensgård. Sie kennen mich nur aus meinem Auftreten von vorgestern und gestern. Und das genügt nicht. Auch bin ich heute nicht derselbe wie gestern. Das Zusammensein mit Ihnen und Ihrer Familie ist wie ein Frühlingsregen über mich gekommen. In einer einzigen Nacht sind Keime aufgeschossen! Sie dürfen mich nicht wieder zurückstoßen ins Unwirtliche. Ich habe niemals bis auf diesen Tag teil gehabt an des Lebens Herrlichkeit –; die war für mich nur wie der Vogel auf dem Dach – Der Kammerherr. Aber meine Tochter –? Stensgård. O, die werde ich gewinnen. Der Kammerherr. So? Hm! Stensgård. Ja, weil ich es will. Erinnern Sie sich, was Sie mir gestern erzählt haben. Sie waren auch mit der Heirat Ihres Sohnes nicht zufrieden; – sehen Sie, es hat sich doch zum Guten gewandt. Sie sollen sich das Lehrgeld hinter die Ohren schreiben, wie Fjeldbo sagte – Der Kammerherr. Hm, war das so gemeint? Fjeldbo. Nicht im entferntesten! Lieber Herr Kammerherr, lassen Sie mich allein mit ihm reden – Stensgård. Unsinn! Ich habe mit Dir nichts zu reden. Hören Sie, Herr Kammerherr! Seien Sie gescheit und vernünftig. Eine Familie, wie die Ihrige, bedarf neuer Verbindungen, sonst verdummt das Geschlecht – Der Kammerherr. Jetzt wird's mir aber zu arg! Stensgård. Pst! Pst! Nur nicht hitzig! Lassen Sie diese törichten vornehmen Grillen! Zum Geier, es sind ja doch im Grunde nur Narrenspossen. Sie sollen sehen, wie zufrieden Sie mit mir sein werden, wenn Sie mich nur erst kennen gelernt haben. Ja, ja! Sie sollen zufrieden mit mir sein, – Sie wie Ihre Tochter! Die werd' ich zwingen – Der Kammerherr. Was meinen Sie, Herr Doktor? Fjeldbo. Ich glaube, es ist Tollheit! Stensgård. Für Dich würd' es Tollheit sein; aber ich, siehst Du, ich habe hier auf Gottes schöner Erde ein Werk zu vollbringen; – ich lasse mich nicht abschrecken durch Gerede und Vorurteil! Der Kammerherr. Herr Rechtsanwalt, dort ist die Tür! Stensgård. Sie weisen mir – Der Kammerherr. Die Tür. Stensgård. Tun Sie das nicht! Der Kammerherr. Hinaus mit Ihnen! Sie sind ein Glücksritter und ein – ein –; verwünscht noch einmal! Sie sind – Stensgård. Was bin ich? Der Kammerherr. Sie sind das andere; das, was mir auf der Zunge liegt, das sind Sie! Stensgård. Halten Sie mich in meiner Karriere auf, so hüten Sie sich! Der Kammerherr. Wovor? Stensgård. Dann werde ich Sie verfolgen, in den Zeitungen gegen Sie schreiben, Sie verleumden, Ihre Ehre untergraben, wo ich nur kann. Sie sollen schreien unter den Geißelhieben. Sie sollen wähnen, Geister in der Luft zu sehen, die auf Sie einhauen. Sie sollen sich verkriechen vor Angst, die Arme verschlungen über dem Kopf halten, um die Streiche abzuwehren – auf allen vieren Schutz vor mir suchen – Der Kammerherr. Suchen Sie selber Schutz – im Tollhause! Da gehören Sie hin! Stensgård. Haha! das ist ein wohlfeiler Rat! Aber Sie verstehen es nicht besser, Herr Bratsberg! Lassen Sie mich Ihnen sagen: der Zorn des Herrn ist in mir! Es ist sein Wille, dem Sie widerstreben. Er will meinen Weg mit eitel Sonnenschein segnen, – werfen Sie keinen Schatten darüber. – Na, ich sehe schon, daß ich heut mit Ihnen zu keiner Verständigung komme; aber das tut nichts. Ich verlange nichts weiter, als daß Sie mit Ihrer Tochter reden. Bereiten Sie sie vor; geben Sie ihr doch Gelegenheit, zu wählen! Überlegen Sie sich's, und sehen Sie sich hier um. Wie können Sie erwarten, einen Schwiegersohn unter diesen Schafsköpfen und Tagedieben zu finden? Fjeldbo sagt, sie ist tief, still und treu. Nun wissen Sie alles. Leben Sie wohl, Herr Kammerherr; Sie können mich haben, wie Sie wollen, – zum Freund oder zum Feind. Adieu! Ab durch die Mitte. Der Kammerherr. So weit ist es also gekommen! So etwas wagt man mir in meinem eigenen Hause zu bieten! Fjeldbo. Stensgård wagt es; kein anderer. Der Kammerherr. Er heut; morgen andere. Fjeldbo. Mögen sie kommen! Ich werde den Stoß parieren, ich werde durchs Feuer für Sie gehen – Der Kammerherr. Ja Sie, der an allem schuld ist! – Hm; dieser Stensgård ist doch der unverschämteste Schlingel, der mir je vorgekommen ist! Und doch, – was, zum Kuckuck, ist es nur? – er hat etwas an sich, was mir gefällt. Fjeldbo. Er weckt Hoffnungen – Der Kammerherr. Es ist Offenherzigkeit in ihm, Herr Doktor! Er treibt sein Spiel nicht hinter unserm Rücken, wie gewisse Leute! Er nicht! Fjeldbo. Darüber verlohnt es sich nicht zu streiten. Nur fest geblieben, Herr Kammerherr! Nein und abermals nein Stensgård gegenüber – Der Kammerherr. Behalten Sie Ihren Rat für sich! Sie können sich darauf verlassen, daß weder er noch irgend ein anderer – Inspektor Ringdal aus der Tür zur Rechten. Erlauben Sie, Herr Kammerherr, – ein Wort – Flüstert ihm etwas zu. Der Kammerherr. Was ? Bei Ihnen drin? Ringdal. Er ist durch die Hintertür gekommen und bittet nachdrücklich um eine Unterredung mit Ihnen. Der Kammerherr. Hm. – Ach, Doktor, gehen Sie einen Augenblick zu den Damen hinüber; da ist einer, der –; aber sagen Sie Selma nichts von Herrn Stensgård und seinem Besuch. Sie darf von all diesen Widerwärtigkeiten nichts erfahren. Was meine Tochter betrifft, so wär's mir ebenfalls lieb, wenn Sie reinen Mund hielten; aber – –. Ich möchte nicht –! Bitte, gehen Sie hinein! Fjeldbo ab nach der Wohnstube. Ringdal ist inzwischen wieder in sein Comptoir gegangen, aus dem gleich darauf Monsen herauskommt. Monsen in der Tür. Ich bitte den Herrn Kammerherrn recht sehr um Entschuldigung – Der Kammerherr. Na, nur herein, nur herein! Monsen. Die Familie ist doch hoffentlich wohl? Der Kammerherr. Danke. Wünschen Sie etwas? Monsen. Das könnte ich nicht sagen. Ich bin, gottlob! ein Mann, der so ziemlich alles hat , was er sich wünschen kann. Der Kammerherr. Ei, ei! Ein großes Wort. Monsen. Aber ich habe auch gearbeitet, Herr Kammerherr. Ja, ich weiß, Sie sehen meine Wirksamkeit nicht mit günstigen Augen an. Der Kammerherr. Es ist wohl auch ohne Einfluß auf Ihre Tätigkeit, mit was für Augen ich sie ansehe. Monsen. Wer weiß? Jedenfalls gedenke ich mich so allmählich von den Geschäften zurückzuziehen. Der Kammerherr. Wirklich? Monsen. Ich habe Glück gehabt, will ich Ihnen sagen. Ich bin jetzt so weit gekommen, wie ich zu kommen strebte; deshalb, mein' ich, wär's an der Zeit, nach und nach zu liquidieren und – Der Kammerherr. Na, da gratuliere ich Ihnen und vielen anderen. Monsen. Und wenn ich dabei gleichzeitig dem Herrn Kammerherrn einen Dienst leisten könnte – Der Kammerherr. Mir? Monsen. Als die Wälder von Langerud vor fünf Jahren unter den Hammer kamen, da machten Sie ein Gebot – Der Kammerherr. Ja, aber nach der Auktion haben Sie mich überboten und den Zuschlag bekommen. Monsen. Sie könnten sie jetzt mit Sägewerk und allen Gerechtsamen kriegen – Der Kammerherr. Nach der sündhaften Abholzung, die dort vorgenommen worden –? Monsen. I, sie haben noch beträchtlichen Wert; und bei Ihrer Betriebsart werden sie in wenig Jahren – Der Kammerherr. Danke; ich kann leider auf die Sache nicht eingehen. Monsen. Aber es wäre ein schön Stück Geld dabei zu verdienen, Herr Kammerherr. Und was mich betrifft, – ich will Ihnen sagen, ich habe eine große Spekulation vor; es steht viel dabei auf dem Spiel; ich meine, es ist viel dabei zu verdienen; zirka hunderttausend Taler. Der Kammerherr. Hunderttausend Taler? Das ist in der Tat keine geringe Summe. Monsen. Hahaha! Recht nett mitzunehmen und auf die hohe Kante zu legen. Aber wenn einer 'ne große Schlacht schlagen will, so braucht er Reserven, wie man so sagt. Bar Geld gibt's hier nicht viel; die Namen, die was taugen, sind stark in Anspruch genommen – Der Kammerherr. Ja, dafür haben gewisse Leute gesorgt. Monsen. Eine Hand wäscht die andere. Na, Herr Kammerherr, wollen wir nicht das Geschäft machen? Sie können die Waldungen für ein Spottgeld kriegen – Der Kammerherr. Ich will sie um keinen Preis, Herr Monsen. Monsen. Aber ein gutes Anerbieten ist doch ein anderes wert. Herr Kammerherr, wollen Sie mir helfen? Der Kammerherr. Was meinen Sie? Monsen. Ich stelle natürlich Sicherheit. Ich habe ja Liegenschaften genug. Sehen Sie hier! Diese Dokumente – darf ich Ihnen auseinandersetzen, wie ich stehe? Der Kammerherr , die Schriftstücke zurückweisend. Mit Geld soll ich Ihnen aushelfen –? Monsen. Nicht mit barem Geld, bewahre! Nur des Herrn Kammerherrn Garantie –. Gegen Vergütung natürlich; – und gegen Sicherheit, und – Der Kammerherr. Und mit einer solchen Zumutung wagen Sie mir zu kommen? Monsen. Ja, gerade Ihnen. Ich weiß, Sie haben schon manchmal Ihren Groll vergessen, wenn einer so recht in der Patsche saß. Der Kammerherr. Nun, in gewisser Beziehung muß ich Ihnen für Ihre gute Meinung danken, – zumal in einer Zeit, wie dieser; gleichwohl – Monsen. Herr Kammerherr, wollen Sie mir nicht sagen, was Sie gegen mich haben? Der Kammerherr. Was für einen Zweck könnte das haben? Monsen. Den Zweck, daß unser Verhältnis besser würde. Soviel ich weiß, habe ich Ihnen nie auch nur einen Strohhalm in den Weg gelegt. Der Kammerherr. Wirklich nicht? Da will ich Ihnen doch einen Fall nennen, wo Sie mir in den Weg getreten sind. Ich gründete den Hütten-Vorschußverein zugunsten meiner Untergebenen und anderer. Aber da fingen Sie an, sich auf Bankgeschäfte zu legen; die Leute gehen zu Ihnen mit ihren Sparpfennigen – Monsen. Begreiflich, Herr Kammerherr; denn ich gebe höhere Zinsen für Einlagen. Der Kammerherr. Freilich; aber Sie nehmen auch höhere Zinsen für Darlehen. Monsen. Und dann mache ich nicht so viel Schwierigkeiten mit Kautionen und dergleichen. Der Kammerherr. Leider; deshalb sieht man auch, daß hier Geschäfte in der Höhe von zehn-, zwanzigtausend Talern abgeschlossen werden, ohne daß der Käufer oder der Verkäufer einen roten Heller besitzt. Sehen Sie, Herr Monsen, das habe ich gegen Sie. Und noch etwas, das noch näher liegt. Glauben Sie etwa, es geschah mit meinem Willen, daß mein Sohn sich in diese wüsten Unternehmungen eingelassen hat? Monsen. Aber da für kann ich doch nichts! Der Kammerherr. Es war Ihr Beispiel, das ihn und die übrigen angesteckt hat. Weshalb sind Sie nicht bei Ihrem Leisten geblieben? Monsen. Als Holzflößer, wie mein Vater? Der Kammerherr. War es etwa ein Schimpf, in meinen Diensten zu stehen? Ihr Vater ernährte sich redlich und war geachtet in seinem Stande. Monsen. Jawohl, bis er sich zuschanden gearbeitet hatte und schließlich mit seinem Floß im Bergstrom unterging. Haben Sie eine Ahnung von dem Leben dieses Standes, Herr Kammerherr? Haben Sie ein einzig Mal durchgemacht, was die Leute ertragen müssen, die sich für Sie abschinden drinnen in den Hochwäldern und auf und längs den Flußläufen, während Sie in Ihrer warmen Stube sitzen und die Früchte ernten? Können Sie's solch einem Manne verdenken, daß er sich emporarbeiten will? Ich habe nun etwas besseren Unterricht genossen, als mein Vater; hatte vielleicht auch ein bißchen bessere Anlagen – Der Kammerherr. Mag sein. Aber durch was für Mittel sind Sie emporgekommen? Sie fingen an mit einem Branntweinhandel. Dann kauften Sie unsichere Schuldforderungen und trieben sie unerbittlich ein; – dann gingen Sie weiter und weiter. Wie manchen haben Sie nicht ruiniert, um vorwärts zu kommen! Monsen. Das ist des Handels Lauf; der eine kommt herauf, der andere herunter. Der Kammerherr. Aber die Art und die Mittel? Hier gibt es ehrenwerte Familien, die durch Ihre Schuld an den Bettelstab gebracht sind. Monsen. Daniel Hejre ist auch nicht weit vom Bettelstab. Der Kammerherr. Ich verstehe Sie. Aber mein Verfahren kann ich vor Gott und den Menschen verantworten! Als nach der Trennung von Dänemark das Land in Not war, half mein seliger Vater über seine Kräfte. Dadurch kam ein Teil unserer Güter an die Familie Hejre. Zu was führte das? Es saßen Geschöpfe von Fleisch und Blut auf diesen Gütern, und die litten unter Daniel Hejres unkluger Verwaltung. Er ließ die Wälder abholzen zum Schaden, ja, ich kann wohl sagen zum Unglück des Distrikts. War es nicht geradezu meine Pflicht, solches zu hindern, wenn ich konnte? Und ich konnte es; ich hatte das Gesetz auf meiner Seite; ich habe also mit gutem Fug mein Allodialrecht wieder geltend gemacht. Monsen. Auch ich hab' mich nicht gegen das Gesetz vergangen. Der Kammerherr. Aber gegen Ihr eigenes Bewußtsein, gegen Ihr Gewissen, das Ihnen hoffentlich noch nicht ganz abhanden gekommen ist. Und wie haben Sie nicht Brauch und Ordnung hier zerstört? Wie haben Sie nicht die Achtung untergraben, die der Reichtum wecken sollte! Man fragt nicht mehr danach, wie ein Vermögen erworben ward, oder wie lange es im Besitz einer Familie gewesen ist; man fragt nur noch: wieviel hat der oder der? Und danach wird er beurteilt. Unter all diesen Dingen leide auch ich; wir beide sind gewissermaßen Kameraden geworden; man nennt uns zusammen, weil wir die beiden größten Grundbesitzer hier sind. Das dulde ich nicht! Ich will es Ihnen einmal für allemal sagen: das habe ich gegen Sie. Monsen. Das soll ein Ende haben, Herr Kammerherr; ich will meine Tätigkeit einstellen, will Ihnen überall das Feld räumen; aber ich bitte, ich beschwöre Sie, helfen Sie mir nur dies eine Mal! Der Kammerherr. Ich tu's nicht. Monsen. Ich bin bereit, jede Summe zu zahlen – Der Kammerherr. Zu zahlen! Und das wagen Sie – Monsen. Wenn nicht um meinetwillen, so um Ihres Sohnes willen! Der Kammerherr. Meines Sohnes? Monsen. Ja, er ist mit dabei; ich denke, es werden zirka zwanzigtausend Taler auf seinen Teil fallen. Der Kammerherr. Gewinn? Monsen. Ja! Der Kammerherr. Aber, du lieber Gott, wer verliert denn das Geld? Monsen. Wieso –? Der Kammerherr. Wenn mein Sohn es verdient, so muß es doch einer verlieren! Monsen. Ein vorteilhafter Handel; mehr darf ich nicht sagen. Aber ich brauche einen geachteten Namen; schon Ihre Unterschrift – Der Kammerherr. Unterschrift? Auf Dokumenten –? Monsen. Nur für zehn- bis fünfzehntausend Taler. Der Kammerherr. Und Sie haben einen einzigen Augenblick denken können, daß –? Mein Name! In einer solchen Affäre! Mein Name? Als Garantie also? Monsen. Nur der Form wegen – Der Kammerherr. Schwindelei! Mein Name! Um keinen Preis. Ich habe nie meinen Namen unter fremde Schriftstücke gesetzt. Monsen. Nie? Das ist doch eine Übertreibung, Herr Kammerherr! Der Kammerherr. Es ist wörtlich so, wie ich Ihnen sage. Monsen. Wörtlich so – aber nicht doch! Ich habe es ja selbst gesehen! Der Kammerherr. Was haben Sie gesehen? Monsen. Den Namen des Herrn Kammerherrn, – zum mindesten unter einem Wechsel. Der Kammerherr. Erlogen, sag' ich Ihnen! Das haben Sie nie gesehen! Monsen. Aber ja doch! Unter einem Wechsel, der auf zweitausend Taler lautet. Besinnen Sie sich nur! Der Kammerherr. Weder auf zwei- noch auf zwanzigtausend! – Auf mein Ehrenwort, niemals! Monsen. Dann ist er falsch. Der Kammerherr. Falsch? Monsen. Jawohl, falsch; die Handschrift muß nachgemacht sein – denn gesehen habe ich ihn. Der Kammerherr. Falsch? Falsch! Wo haben Sie ihn gesehen? Bei wem? Monsen. Das sage ich nicht. Der Kammerherr. Haha, wir werden es schon herausbekommen! Monsen. Hören Sie mich an – Der Kammerherr. Schweigen Sie! So weit hat man es getrieben! Eine Fälschung! Mich in schmutzige Sachen zu verwickeln! Ja, dann ist es kein Wunder, daß ich mit den andern auf dieselbe Stufe gestellt werde. Aber jetzt sollen mich die Leute kennen lernen. Monsen. Herr Kammerherr, – um Ihrer selbst und vieler willen – Der Kammerherr. Bleiben Sie mir vom Leibe! Gehen Sie Ihrer Wege! Sie sind der Anstifter –! Ja, das sind Sie! Wehe dem, durch den das Ärgernis kommt! Es ist ein sündhaftes Leben, das man in Ihrem Hause führt. Und was für Umgang suchen Sie! Personen aus Christiania und anderswoher, die nur darauf ausgehen, gut zu fressen und gut zu trinken, und denen es nicht so genau darauf ankommt, in welcher Gesellschaft das geschieht. Schweigen Sie! Ich habe selbst Ihre noblen Weihnachtsgäste die Landstraße herauffahren sehen wie ein Rudel heulender Wölfe. Und noch Schlimmeres passiert da. Sie haben skandalöse Geschichten mit Ihren eigenen Dienstmädchen gehabt. Über Ihren Ausschweifungen und Ihrer rohen Behandlung hat Ihre Frau den Verstand verloren. Monsen. Nein, das geht zu weit! Die Worte sollen Sie bereuen! Der Kammerherr. Zum Henker mit Ihren Drohungen! Was können Sie mir anhaben? Mir? Sie haben gefragt, was ich gegen Sie hätte. Sie haben jetzt die Antwort. Jetzt wissen Sie, warum ich Ihnen die gute Gesellschaft verschlossen habe. Monsen Jawohl; aber jetzt werde ich die gute Gesellschaft herunterziehen – Der Kammerherr. Hinaus – da! Monsen. Ich kenne den Weg, Herr Kammerherr! Ab durch die Mitte. Der Kammerherr geht zur Tür rechts, öffnet und ruft: Ringdal! Ringdal, – kommen Sie herein! Ringdal. Herr Kammerherr? Der Kammerherr ruft in die Wohnstube: Herr Doktor, seien Sie so gut –! Ringdal , nun gehen meine Prophezeiungen in Erfüllung. Fjeldbo. Was steht zu Diensten, Herr Kammerherr? Ringdal. Was für Prophezeiungen? Der Kammerherr. Was sagen Sie nun, Doktor? Sie haben immer gemeint, ich übertriebe mit der Behauptung, daß Monsen unsere Bevölkerung verdirbt. Fjeldbo. Nun ja; und was ist –? Der Kammerherr. Man hat es herrlich weit gebracht, – davon kann ich Ihnen erzählen. Was glauben Sie wohl? Falsche Wechsel sind hier in Umlauf. Ringdal. Falsche Wechsel? Der Kammerherr. Falsche Wechsel, jawohl! Und mit wessen Unterschrift, glauben Sie? Mit meiner! Fjeldbo. Aber um Gottes willen, wer hat das getan? Der Kammerherr. Wie kann ich das wissen? Kenne ich alle Spitzbuben? Aber es wird schon eines Tages herauskommen! – Doktor, tun Sie mir einen Gefallen. Die Wechsel sind entweder bei der Sparkasse oder beim Hütten-Vorschußverein untergebracht worden. Fahren Sie zu Lundestad; von den Bankverwaltern hat er die klarste Einsicht in alles. Ermitteln Sie, ob ein solches Dokument – Fjeldbo. Gleich, gleich! Ringdal. Lundestad ist heut hier auf der Hütte; er hat Sitzung in der Schulkommission. Der Kammerherr. Um so besser. Suchen Sie ihn auf; bringen Sie ihn her. Fjeldbo. Unverzüglich, – wird gleich besorgt werden. Ab durch die Mitte. Der Kammerherr. Und Sie, Ringdal , müssen sich beim Vorschußverein erkundigen. Sobald wir klar in der Sache sehen, machen wir Anzeige beim Staatsanwalt. Kein Erbarmen mit den Betrügern! Ringdal. Gut, Herr Kammerherr. Ach du lieber Gott, wer hätte je so etwas gedacht! Ab nach rechts. Der Kammerherr geht mehrmals auf und ab; dann will er in sein Comptoir treten. Im selben Augenblick kommt Erik durch die Mitte. Erik. Lieber Vater –! Der Kammerherr. So, – Du bist es? Erik. Ich habe notwendig mit Dir zu reden. Der Kammerherr. Hm; ich bin wirklich zu Unterhaltungen wenig aufgelegt. Was gibt's? Erik. Du weißt, Vater, ich habe Dich noch nie mit meinen Geschäften behelligt. Der Kammerherr. Das wollt' ich mir auch sehr verbeten haben. Erik. Aber heute bin ich genötigt – Der Kammerherr. Wozu bist Du genötigt? Erik. Vater, Du mußt mir helfen! Der Kammerherr. Geld! Du kannst Dich darauf verlassen, daß –! Erik. Nur ein einziges Mal! Ich schwöre Dir, daß ich nie wieder –; ich muß Dir sagen, ich stehe in gewissen Verbindungen mit Monsen – Der Kammerherr. Das weiß ich. Ihr habt ja eine schöne Spekulation vor. Erik. Eine Spekulation? Wir? Nein. Wer hat das gesagt? Der Kammerherr. Monsen selbst. Erik. Ist Monsen hier gewesen? Der Kammerherr. Jawohl – in diesem Augenblick; und ich habe ihm die Tür gewiesen. Erik. Vater, wenn Du mir nicht hilfst, so bin ich ruiniert. Der Kammerherr. Du? Erik. Ja, – Monsen hat mir Geld vorgestreckt. Das mußte ich furchtbar hoch bezahlen; und überdies ist es jetzt fällig – Der Kammerherr. Da haben wir's! Was hab' ich gesagt –? Erik. Ja, gewiß, – aber es ist zu spät, darüber zu reden – Der Kammerherr. Ruiniert! Nach zwei Jahren! Ja, hast Du es etwa anders erwartet? Was hast Du unter diesen Taschenspielern zu suchen, die geschäftig hier den Leuten Reichtümer vorspiegeln, die nie existiert haben? Das war doch keine Gesellschaft für Dich; – unter der Bande muß man mit allen Hunden gehetzt sein, sonst wird man übers Ohr gehauen. Da siehst Du's nun. Erik. Vater, willst Du mich retten oder nicht? Der Kammerherr. Zum letztenmal, nein; ich will nicht. Erik. Meine Ehre steht auf dem Spiel – Der Kammerherr. Ach, nur keine hochtrabenden Phrasen! Es ist absolut keine Ehrensache, hier ein glücklicher Geschäftsmann zu sein; im Gegenteil, hätte ich fast gesagt. Geh nach Hause und ordne Deine Angelegenheiten; gib jedem das Seine, und mache der Geschichte je eher je lieber ein Ende. Erik. Ach, Du weißt nicht –! Selma und Thora kommen aus der Wohnstube. Selma. Ist das nicht Eriks Stimme? – Gott, was ist denn los? Der Kammerherr. Nichts. Geht wieder hinein! Selma. Nein, ich gehe nicht. Ich will es wissen. Erik, was ist geschehen? Erik. Was geschehen ist? – Ich bin verloren. Thora. Verloren! Der Kammerherr. Da haben wir's! Selma. Was ist verloren? Erik. Alles. Selma. Meinst Du Dein Geld? Erik. Geld, Haus, Erbteil, – alles! Selma. Freilich, für Dich ist das »alles«. Erik. Selma, komm, laß uns gehen. Jetzt bist Du das Einzige, was ich noch habe. Wir müssen das Unglück zusammen tragen. Selma. Das Unglück? Es zusammen tragen? Schreit auf. Bin ich jetzt gut genug? Der Kammerherr. Um Gottes willen –! Erik. Was meinst Du damit? Thora. Aber so fasse Dich doch! Selma. Nein! Ich will nicht! Ich kann nicht länger schweigen und heucheln und lügen! Jetzt sollt Ihr's wissen. Nichts will ich ertragen! Erik. Selma! Der Kammerherr. Kind, was sagst Du? Selma. O, wie habt Ihr mich mißhandelt! Schändlich, – einer wie der andere! Immer sollte ich nehmen; nie durfte ich geben. Ich bin die Arme unter Euch gewesen. Nie seid Ihr gekommen, ein Opfer von mir zu fordern; ich war nicht gut genug, auch nur das Kleinste mitzutragen. Ich hasse Euch! Ich verabscheue Euch! Erik. Was ist denn das? Der Kammerherr. Sie ist krank; sie ist außer sich! Selma. Wie habe ich nicht gedürstet nach einem Tropfen von Euren Sorgen! Doch wenn ich bat, so habt Ihr mich immer nur mit einem leichten Scherz abgewiesen. Ihr zogt mich an wie eine Puppe; Ihr spieltet mit mir, wie man mit einem Kinde spielt. Und ich hätte doch mit heller Freude das Schwere getragen; ich hatte eine ernste Sehnsucht nach allem, was da stürmt und emporhebt und erhöht. Jetzt bin ich gut genug; jetzt, da Erik nichts anderes mehr hat. Aber ich will nicht der Notbehelf sein. Jetzt will ich nichts von Deinen Sorgen haben! Ich will fort von Dir! Lieber spielen und singen auf der Gasse –! Laßt mich! Laßt mich! Eilt durch die Mitte hinaus. Der Kammerherr. Thora, war in alledem ein Sinn, oder –? Thora. O ja; jetzt sehe ich's erst; es war Sinn darin. Ab durch die Mitte. Erik. Nein! Alles – nur sie nicht! Selma! Ab durch die Mitte. Ringdal kommt von rechts. Herr Kammerherr – Der Kammerherr. Was wollen Sie? Ringdal. Ich komme vom Vorschußverein – Der Kammerherr. Vom Vorschußverein ? Nun, und der Wechsel –? Ringdal. Alles ist in Ordnung; es ist niemals ein Wechsel mit Ihrem Namen vorgekommen. Doktor Fjeldbo und Lundestad kommen aus dem Hintergrunde. Fjeldbo. Blinder Lärm, Herr Kammerherr! Der Kammerherr. So? Auch nicht in der Sparkasse? Lundestad. Kein Gedanke. In den ganzen Jahren, da ich die Kasse verwalte, habe ich nicht ein mal Ihren Namen gesehen; – das heißt natürlich: ausgenommen auf dem Wechsel Ihres Sohnes. Der Kammerherr. Dem Wechsel meines Sohnes? Lundestad. Jawohl, auf dem Wechsel, den Sie im Frühjahr für ihn akzeptiert haben. Der Kammerherr. Mein Sohn? Mein Sohn! Was unterstehen Sie sich –! Lundestad. Aber lieber Himmel, so besinnen Sie sich doch; der Wechsel auf zweitausend Taler von Ihrem Sohn – Der Kammerherr nach einem Stuhle tastend. O, du barmherziger –! Fjeldbo. Um des Himmels willen! Ringdal. Es ist doch nicht möglich –! Der Kammerherr ist auf den Stuhl gesunken. Ruhig, ruhig! Ein Wechsel von meinem Sohne? Mit meinem Akzept? Auf zweitausend Taler? Fjeldbo zu Lundestad. Und dieser Wechsel, der ist in der Sparkasse? Lundestad. Nicht mehr; vergangene Woche wurde er von Monsen eingelöst – Der Kammerherr. Von Monsen! Ringdal. Monsen ist vielleicht noch auf der Hütte; ich will gleich – Der Kammerherr. Bleiben Sie! Daniel Hejre kommt durch die Mitte. Guten Morgen, meine Herren! Guten Morgen, Verehrtester! Schönsten Dank für den angenehmen Abend gestern! Jetzt sollen Sie aber Geschichten hören – Ringdal. Verzeihen Sie, wir haben es eilig – Herje. Es gibt noch andere, die es auch eilig haben; der Proprietarius von Storli zum Exempel – Der Kammerherr. Monsen? Herje. Hähä! Eine großartige Geschichte! Die Wahlintrigen sind im vollen Gange. Weißt Du, was man beabsichtigt? Man will Dich bestechen, Verehrtester! Lundestad. Bestechen, sagen Sie? Der Kammerherr bitter. Man beurteilt den Stamm nach dem Apfel. Herje. Ja, straf mich Gott, es ist das Plumpste, was ich je gehört habe. Ich komme zu Madam Rundholmen, um mir einen Bittern zu leisten. Da sitzen Monsen und Stensgård und trinken Portwein; scheußliches Zeug; pfui Teufel, brächt's nicht über die Lippen! Na ja, sie haben mir auch nichts angeboten; das zu behaupten, wäre eine Gemeinheit. Aber da sagt Monsen – »Was wetten Sie,« sagt er, »daß Kammerherr Bratsberg sich morgen bei der Urwahl unserer Partei anschließen wird?« So? frag' ich, wie sollte das zugehen? »O,« sagt er, »mit Hilfe dieses Wechsels –« Fjeldbo und Ringdal. Wechsels? Lundestad. Bei der Urwahl? Der Kammerherr. Nun! Und was weiter? Herje. Ja, weiter weiß ich nichts. Es war ein Wechsel, hörte ich, auf zweitausend Taler. So hoch taxiert man vornehme Leute. Das ist schändlich – schändlich! Der Kammerherr. Ein Wechsel auf zweitausend Taler? Ringdal. Und den hat Monsen? Herje. Nein, er hat ihn an Stensgård zediert. Lundestad. Ja so! Fjeldbo. An Stensgård? Der Kammerherr. Bist Du dessen sicher? Herje. Bei Gott, das bin ich. »Sie können Gebrauch davon machen, ganz nach eigenem Belieben und Ermessen,« sagte er. Aber ich begreife nicht – Lundestad. Hören Sie, Herr Hejre; – und auch Sie, Ringdal – Die drei reden leise im Hintergrunde miteinander. Fjeldbo. Herr Kammerherr! Der Kammerherr. Ja. Fjeldbo. Der Wechsel Ihres Sohnes ist natürlich echt – Der Kammerherr. Man sollte es meinen. Fjeldbo. Natürlich. Aber wenn nun der falsche Wechsel ans Licht kommt –? Der Kammerherr. Ich werde keine Anzeige beim Staatsanwalt machen. Fjeldbo. Selbstverständlich; – aber Sie müssen mehr tun. Der Kammerherr steht auf. Mehr kann ich nicht tun. Fjeldbo. Doch, doch, um Gottes willen! Sie können und Sie müssen. Sie müssen den Unglücklichen retten – Der Kammerherr. Und auf welche Weise? Fjeldbo. Ganz einfach; erkennen Sie die Unterschrift an. Der Kammerherr. Ihre Meinung ist, Herr Doktor, daß in unserer Familie jede Art von Handlungsweise möglich ist? Fjeldbo. Ich habe die beste Meinung, Herr Kammerherr. Der Kammerherr. Und Sie konnten mich auch nur einen Augenblick einer Lüge für fähig halten? Konnten glauben, ich möchte mit Fälschern unter einer Decke stecken? Fjeldbo. Und wissen Sie, was die Folge ist? Der Kammerherr. Eine Auseinandersetzung zwischen dem Verbrecher und Strafgesetz. Ab nach links. Der Vorhang fällt. Vierter Akt Ein Gastzimmer bei Madam Rundholmen. Die Eingangstür im Hintergrunde, kleinere Türen auf beiden Seiten. Rechts ein Fenster; davor ein Tisch mit Schreibgerät; ein anderer Tisch, weiter zurück, mitten in der Stube. Madam Rundholmen laut hinter der Tür links. Ich schere mich den Teufel drum! Du kannst sagen, sie sind hergekommen, um zu wählen, und nicht um zu trinken. Wollen sie nicht warten, so können sie's bleiben lassen. Rechtsanwalt Stensgård kommt durch die Mitte. Guten Morgen! Hm, hm! Madam Rundholmen! Geht an die Tür links und klopft an. Guten Morgen, Madam Rundholmen! Madam Rundholmen von drinnen. Na, wer ist denn da? Stensgård. Ich bin's, – Stensgård. Darf ich eintreten? Madam Rundholmen. Nein, um Gottes willen nein! Das dürfen Sie nicht! Ich habe noch nichts an. Stensgård. Was ist das? Sind Sie so spät heut aufgestanden? Madam Rundholmen. I, auf war ich schon mit den Hühnern, aber man muß doch wie ein Mensch aussehen, mein' ich. Guckt heraus, ein Umschlagetuch um den Kopf. Na, was gibt's denn? Nein, Sie dürfen mich wirklich nicht ansehen, Herr Stensgård! – Hu, da ist schon wieder einer! Wirft die Tür zu. Aslaksen mit einem Paket Zeitungen durch die Mitte. Guten Morgen, Herr Stensgård! Stensgård. Na, steht's drin? Aslaksen. Ja, natürlich. Sehen Sie hier: »Die Feier des Verfassungstages,« – »von unserem Spezialberichterstatter.« Hier, auf der anderen Seite, kommt die Gründung des Vereins; Ihre Rede steht obenan; ich habe alle Grobheiten gesperrt gesetzt. Stensgård. Mir scheint, Sie haben alles gesperrt gesetzt. Aslaksen. Na ja, es wird so ungefähr alles sein. Stensgård. Und die Extranummer ist natürlich gestern ausgegeben worden? Aslaksen. Versteht sich; in unserer ganzen Gegend; an die Abonnenten wie an Nichtabonnenten. Wollen Sie sehen? Reicht ihm ein Exemplar. Stensgård läuft das Blatt durch. – – »Der Ehrenmann Anders Lundestad gedenkt sein Reichstagsmandat niederzulegen« – »lange und treue Dienste« – »wie der Dichter sagt: Nun, Bürger, ruh dich aus, es ist verdient!« Hm; – »der am Freiheitstage gegründete Verein, der Bund der Jugend« – »Rechtsanwalt Stensgård, der leitende Geist des Vereins« – »zeitgemäße Reformen, Erleichterung des Kredits« – Na ja, es ist recht nett geschrieben. Hat der Wahlakt begonnen? Aslaksen. Er ist in vollem Gange. Unser ganzer Verein ist angetreten, die stimmberechtigten Mitglieder wie die andern. Stensgård. Der Teufel hole die andern, – unter uns gesagt! Doch gehen Sie jetzt hin und reden Sie mit denen, die Sie für zweifelhafte Kantonisten halten – Aslaksen. Jawohl, jawohl! Stensgård. Sie können ihnen sagen, ich und Lundestad seien ungefähr einig. Aslaksen. Verlassen Sie sich auf mich; ich kenne die lokalen Verhältnisse. Stensgård. Und dann noch eins! Seien Sie vernünftig, Aslaksen; trinken Sie heut nicht – Aslaksen. Ach, was das anbetrifft –! Stensgård. Nachher machen wir uns einen lustigen Abend; aber vergessen Sie nicht, was auch für Sie selbst auf dem Spiele steht, Ihre Zeitung –; ja, mein Lieber, beweisen Sie mir jetzt, daß Sie sich beherrschen können – Aslaksen. Ach, lassen Sie nur, ich will nichts weiter hören; ich denke, ein jeder kümmere sich um sich selbst. Ab nach rechts. Madam Rundholmen , fein angezogen, von links. So, Herr Stensgård, da bin ich! War's denn etwas so Wichtiges ? Stensgård. Nein, – ich wollte Sie bloß bitten, mich zu benachrichtigen, sobald Herr Monsen kommt. Madam Rundholmen. Der kommt heut ganz gewiß nicht her. Stensgård. Kommt nicht her? Madam Rundholmen. Nein; er ist heut morgen um vier Uhr hier vorbeigefahren; er liegt jetzt immer auf der Landstraße. Und so sprach er hier vor und holte mich aus den Federn. Er wollte Geld leihen, denken Sie! Stensgård. Geld leihen? Monsen? Madam Rundholmen. Ja. Der Mann braucht Geld die schwere Menge. Möcht's ihm nur glücken! Und das wünsche ich auch Ihnen; denn es gibt Leute, die sagen, daß Sie in den Reichstag gewählt werden sollen. Stensgård. Ich? Unsinn! Wer sagt das? Madam Rundholmen. Einige von Lundestads Leuten. Daniel Hejre durch die Mitte. Sieh, sieh! Guten Morgen! Ich störe doch nicht? Madam Rundholmen. I bewahre! Herje. Donnerwetter, – dieser Staat! Sie haben sich doch nicht etwa für mich so schön gemacht? Madam Rundholmen. Allerdings habe ich das. Unsereins putzt sich ja doch für die Junggesellen. Herje. Für die Freier, Madam Rundholmen; für die Freier. Leider nehmen die vielen Prozesse so sehr meine Zeit in Anspruch – Madam Rundholmen. Ei der Tausend! Zum Heiraten, dazu hat man immer Zeit. Herje. Das hat man nicht , – bei Gott nicht! Heiraten, das erfordert einen ganzen Mann. Na, was tut's? Können Sie mich nicht kriegen, so kriegen Sie schon noch einen andern. Denn heiraten, das sollten Sie! Madam Rundholmen. Ja, im Vertrauen, ich denke zuweilen daran! Herje. Begreiflicherweise! Wenn man einmal die Glückseligkeit des Ehestandes gekostet hat – Rundholm selig war ja ein Prachtexemplar – Madam Rundholmen. Das will ich nicht gerade sagen; grob war er, und saufen tat er auch; aber ein Mann ist doch immer ein Mann. Herje. Ein wahres Wort, Madam Rundholmen! Ein Mann ist ein Mann, und eine Witwe ist eine Witwe – Madam Rundholmen. Und Geschäfte sind Geschäfte. Oft möchte ich aus der Haut fahren, wenn ich dran denke, was mir alles aufliegt. Kaufen wollen sie alle; aber wenn der Zahltag kommt, so muß man sich zu Vorladung und Exekution und Pfändung entschließen. Manchmal hätte ich Lust, mir einen festen Sachwalter zuzulegen. Herje. Wissen Sie was, Madam Rundholmen? Da sollten Sie sich wahrhaftig den Rechtsanwalt Stensgård zulegen; er ist ein freier Mann – Madam Rundholmen. Ach, Sie haben solch losen Mund! Ich will nichts mehr von Ihnen wissen! Ab nach rechts. Herje. Ein gediegenes Frauenzimmer! Flott und flink; keine Kinder bis dato; Gelder auf Zinsen. Und Bildung hat sie auch; 'ne riesige Belesenheit, mein Lieber! Stensgård. Riesige Belesenheit, sagen Sie? Herje. Hähä, das sollte ich meinen; sie war zwei Jahr abonniert in Alms Leihbibliothek. Aber heute haben Sie wohl ganz andere Dinge im Kopf, denke ich mir. Stensgård. Durchaus nicht; vielleicht werde ich nicht einmal meine Stimme abgeben. Aber für wen werden Sie denn stimmen, Herr Hejre? Herje. Ich bin nicht stimmberechtigt, Verehrtester! War hier doch von den gerichtlich eingetragenen Hundehütten bloß eine zu verkaufen, und die haben Sie an sich gebracht. Stensgård. Sollten Sie obdachlos werden, so stelle ich sie Ihnen zur Verfügung. Herje. Hähä, Sie sind ein Spaßvogel; – ach ja, die liebe Jugend, die hat einen glücklichen Humor. Aber jetzt will ich doch hin und mir die Menagerie ansehen. Ihr ganzer Verein, höre ich, soll angetreten sein. Erblickt den Doktor Fjeldbo , der durch die Mitte eintritt. Da ist auch der Doktor! Sie finden sich wohl im Interesse der Wissenschaft ein? Fjeldbo. Der Wissenschaft? Herje. Wegen der Epidemie; hier ist ja eine bösartige rabies agitatoria ausgebrochen. Gott befohlen, meine lieben jungen Freunde! Ab nach rechts. Stensgård. Du, sag' mir geschwind: hast Du den Kammerherrn heute gesehen? Fjeldbo. Ja. Stensgård. Und was hat er gesagt? Fjeldbo. Was er gesagt hat? Stensgård. Jawohl; ich habe ihm geschrieben. Fjeldbo. So? Was hast Du geschrieben? Stensgård. Daß ich an der Hoffnung auf die Hand seiner Tochter festhalte; daß ich über die Angelegenheit mit ihm sprechen will, und daß ich ihn darum morgen besuchen würde. Fjeldbo. Du solltest den Besuch jedenfalls aufschieben. Morgen ist des Kammerherrn Geburtstag; es kommen da eine ganze Menge Leute – Stensgård. Eben deshalb; je mehr, desto besser. Ich habe Trümpfe in der Hand, sage ich Dir. Fjeldbo. Und auf die hast Du am Ende angespielt? Stensgård. Wieso? Fjeldbo. Ich meine, Du hast vielleicht Deine Liebeserklärung mit einigen netten kleinen Drohungen oder dergleichen verbrämt? Stensgård. Fjeldbo, Du hast den Brief gesehen! Fjeldbo. Nein, ich versichere Dir – Stensgård. Nun ja, offen gesagt, – ich habe ihm gedroht. Fjeldbo. Dann habe ich etwas wie eine Antwort für Dich. Stensgård. Eine Antwort? Mensch, her damit! Fjeldbo zeigt ihm ein versiegeltes Papier. Sieh her, – der Stimmzettel des Kammerherrn. Stensgård. Und für wen stimmt er? Fjeldbo. Jedenfalls nicht für Dich. Stensgård. Für wen denn? Für wen, frage ich. Fjeldbo. Für den Amtmann und den Propst. Stensgård. Was soll das heißen? Nicht einmal für Lundestad? Fjeldbo. Nein. Und weißt Du, warum? Weil Lundestad Dich als seinen Nachfolger empfehlen will. Stensgård. So weit wagt er's zu treiben! Fjeldbo. Er ist so frei. Und er fügte hinzu: »Treffen Sie Stensgård, so erzählen Sie ihm, wie ich stimme; er soll wissen, wie wir miteinander stehen.« Stensgård. Gut; ihm soll werden, was er haben will. Fjeldbo. Überleg' es Dir; es ist gefährlich, einen alten Turm niederzureißen, – man kann selbst dabei zu Falle kommen. Stensgård. O, ich bin in den paar Tagen gescheit geworden. Fjeldbo. Wirklich? Aber doch nicht so gescheit, daß Du Dich nicht jetzt von dem alten Lundestad gängeln ließest. Stensgård. Glaubst Du, ich hätte Lundestad nicht durchschaut? Glaubst Du, ich hätte nicht gemerkt, daß er sich mir zugewandt hat, weil er gemeint, ich hätte den Kammerherrn gewonnen, und weil er unsern Verein sprengen und Monsen beseitigen wollte? Fjeldbo. Aber nun, da er weiß, daß Du den Kammerherrn nicht gewonnen hast – Stensgård. Er ist zu weit gegangen, um zurück zu können, und ich habe die Zeit benutzt und Flugblätter herausgegeben; die meisten seiner Anhänger finden sich nicht ein; die meinen sind alle hier – Fjeldbo. Aber vom Wahlmann zum Reichstagsabgeordneten ist doch kein Katzensprung. Stensgård. Lundestad weiß recht gut: wenn er mich in der Wahlmännerversammlung im Stiche läßt, so bin ich kapabel, ihn aus der Kommunalverwaltung hinauszuagitieren. Fjeldbo. Nicht übel ausgesonnen. Aber Du fühlst wohl selbst: um dies alles durchzusetzen, mußt Du solider hier Wurzel fassen als bisher. Stensgård. Ja, diese Menschen verlangen ja immer materielle Gewähr, Gleichheit der Interessen – Fjeldbo. Richtig; und deshalb soll Fräulein Bratsberg geopfert werden? Stensgård. Geopfert? Dann wär' ich ja ganz einfach ein Schurke. Aber ich fühle tief, daß es zu ihrem Glücke sein wird. Aber wie! Fjeldbo, was hast Du? Auch Du führst etwas im Schilde – Fjeldbo. Ich? Stensgård. Ja, Du! In aller Stille gehst Du umher und arbeitest gegen mich. Warum tust Du das? Sei ehrlich –! Willst Du? Fjeldbo. Aufrichtig gesagt, nein. Du bist zu gefährlich, zu gewissenlos, – na ja, zu rücksichtslos auf jeden Fall, als daß man ehrlich gegen Dich sein dürfte. Was Du weißt, davon machst Du unbedenklich Gebrauch. Aber so wahr ich Dein Freund bin, – ich gebe Dir den Rat: schlage Dir Fräulein Bratsberg aus dem Sinn. Stensgård. Ich kann nicht. Ich muß heraus aus den Widerwärtigkeiten, die mich hier umgeben. Ich kann nicht länger in diesem Rummel leben. Hier muß ich mich fortwährend von Ole Persen und Per Olsen unter den Arm nehmen lassen, muß in den Winkeln mit ihnen tuscheln, Schnaps mit ihnen trinken, aus vollem Halse über ihre Bierwitze lachen, auf Du und Du stehen mit Seminaristen und derlei halbstudiertem Pack. Wie kann ich unter solchen Verhältnissen meine Liebe zum Volke frisch erhalten? Es ist, als ob das zündende Wort mich im Stich ließe. Ich habe keinen Raum für meine Ellbogen, keine reine Luft zum Atmen. Ach, mich überkommt zuweilen eine wahre Sehnsucht nach vornehmen Frauen. Ein Verlangen nach etwas, worin Schönheit lebt! Ich liege hier wie in einer schlammigen Bucht, und draußen zieht der klare, blaue Strom an mir vorbei; – ach, was verstehst Du davon! Lundestad durch die Mitte. Da trifft man ja gute Gesellschaft. Guten Morgen! Stensgård. Nun sollen Sie eine Neuigkeit hören, Herr Lundestad! Wissen Sie, für wen der Kammerherr stimmt? Fjeldbo. Schweig still! Das ist gemein von Dir! Stensgård. Was liegt mir dran! Er stimmt für den Amtmann und den Propst. Lundestad. Na ja, das ließ sich erwarten. Sie haben es ja mit ihm verdorben; ich habe Sie doch so dringend gebeten, Ihre Karte fein zu spielen. Stensgård. Das werde ich auch – fortan. Fjeldbo. Nimm Dich in acht, daß nicht andere desgleichen tun! Ab nach rechts. Stensgård. Der Mensch hatte etwas Verschmitztes an sich. Durchschauen Sie seine Absichten? Lundestad. Nein. Aber, was ich sagen wollte, – ich sehe, Sie haben in der Zeitung losgelegt. Stensgård. Ich? Lundestad. Mit einem netten Nekrolog auf mich. Stensgård. Natürlich hat Aslaksen, das Rindvieh – Lundestad. Ihr Ausfall gegen den Kammerherrn steht auch drin. Stensgård. Ich habe nichts davon gewußt. Wenn ich dem Kammerherrn zu Leibe will, habe ich schwereres Geschütz. Lundestad. So? Stensgård. Kennen Sie diesen Wechsel? Sehen Sie ihn an. Ist er gut? Lundestad. Ob der gut ist? Der Wechsel da? Stensgård. Gewiß; betrachten Sie ihn genau. Herje von rechts. Aber was in des Henkers Namen mag da wohl –? Ei, sieh da! Bitte, meine Herren, bleiben Sie doch so stehen! Wissen Sie, woran Sie mich lebhaft erinnern? Sie erinnern mich an eine Sommernacht im hohen Norden. Lundestad. Ein komisches Bild. Herje. Ein sehr treffendes Bild. Die untergehende und die aufgehende Sonne in traulichem Verein. Ach, es war himmlisch – in der Tat! Doch apropos, was zum Henker ist da draußen los? Die Staatsbürger fahren durcheinander wie aufgescheuchte Hühner und gackern und krähen und wissen nicht, auf welche Stange sie sich setzen sollen. Stensgård. Es ist aber auch ein Tag von Wichtigkeit. Herje. Ach, Sie mit Ihrer Wichtigkeit! Nein, es ist ganz was andres, meine lieben Freunde! Man munkelt von einem großen Krach; Bankerott, – nicht etwa politischen, Herr Lundestad! I bewahre! Stensgård. Bankerott! Herje. Hähä, nun kommt Leben in den Rechtsanwalt! Jawohl, Bankerott; es steht einer vor seinem Sturz; die Axt ist an die Wurzel des Baumes gelegt, – genug! Zwei fremde Herren sollen vorbeigefahren sein; aber wohin? Um wen handelt es sich? Ist Ihnen nichts bekannt, Herr Lundestad? Lundestad. Mir ist die Kunst des Schweigens bekannt, Herr Hejre. Herje. Natürlich; Sie sind ja ein politisches Tier; ein Staatsmann, hähä! Aber ich muß, hol' mich der Kuckuck, weiter, um Klarheit in der Sache zu haben. Es ist furchtbar amüsant mit diesen Wechselreitern; sie sind wie Perlen auf einer Schnur; rollt erst eine runter, so rollen sie alle miteinander. Ab durch die Mitte. Stensgård. Ist an dem ganzen Klatsch etwas Wahres? Lundestad. Sie haben mir einen Wechsel gezeigt. Ich glaube, es stand der Name Erik Bratsbergs drauf? Stensgård. Auch der des Kammerherrn. Lundestad. Und dann fragten Sie mich, ob er gut wäre. Stensgård. Gewiß; schauen Sie ihn nur an. Lundestad. Er ist, weiß Gott, nicht viel wert. Stensgård. Sie sehen es also? Lundestad. Was? Stensgård. Daß er falsch ist. Lundestad. Falsch? Falsche Wechsel sind meistens die sichersten; die löst man zuerst ein. Stensgård. Aber was meinen Sie? Ist er nicht falsch? Lundestad. Sehr gut ist er gerade nicht. Stensgård. Wieso? Lundestad. Ich fürchte, es gibt hier zu viele der Art, Herr Stensgård. Stensgård. Wie? Es ist doch kaum möglich, daß –? Lundestad. Rollt Erik Bratsberg von der Schnur, so rollen wohl auch die mit, die ihm am nächsten stehen. Stensgård faßt ihn am Arm. Wen meinen Sie mit diesen Nächsten? Lundestad. Steht sich wer näher als Vater und Sohn? Stensgård. Aber großer Gott –! Lundestad. Ich will nichts gesagt haben! Vergessen Sie nicht, es war Daniel Hejre, der von Bankerott und Krach schwätzte und von – Stensgård. Das trifft mich wie der Blitz! Lundestad. So mancher wohlhabende Mann geht ja doch zum Teufel. Da ist man zu gutmütig und leistet Bürgschaft; bar Geld ist nicht immer aufzutreiben; und kommen die Güter zur Auktion, so werden sie für ein Butterbrot verkauft – Stensgård. Und das alles trifft natürlich, – das trifft auch die Kinder! Lundestad. Ja, um das Fräulein tut es mir wirklich leid; ihr mütterliches Erbteil ist gering, und Gott weiß, ob das wenige, was sie hat, sicher steht. Stensgård. O, jetzt verstehe ich Fjeldbos Rat; er ist doch noch der alte, treue Freund! Lundestad. Was hat Herr Doktor Fjeldbo gesagt? Stensgård. Er ist zu treu, um etwas zu sagen; aber ich verstehe ihn trotzdem. Und ich verstehe jetzt auch Sie, Herr Lundestad. Lundestad. Haben Sie mich bis jetzt nicht verstanden? Stensgård. Nicht ganz; ich vergaß die Geschichte von den Ratten und dem sinkenden Schiffe. Lundestad. Die Bemerkung ist nicht gerade schön von Ihnen. Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen ja so verstört aus. Herrgott, ich habe doch kein Unheil angerichtet? Stensgård. Unheil? Wieso? Lundestad. Jawohl, ja, ich seh's! O, ich alter Dummkopf! Lieber Herr Stensgård, wenn Sie das Mädchen wirklich lieben, was tut's dann, ob sie reich oder arm ist? Stensgård. Was das tut? Nein, ganz gewiß – Lundestad. Herrgott, das Glück einer Ehe gründet sich doch nicht gerade auf Geld. Stensgård. Freilich nicht. Lundestad. Und mit Strebsamkeit und Fleiß können Sie doch noch mal Karriere machen. Lassen Sie sich nicht durch die Enge der Verhältnisse abschrecken. Ich weiß, was Liebe ist; über dies Kapitel habe ich in meiner Jugend viel gelesen. Häusliches Glück, ein treues Weib –; mein Lieber, mein Lieber, handeln Sie so, daß Sie später keine Reue haben! Stensgård. Aber was soll denn mit Ihnen werden? Lundestad. Mag werden, was will. Glauben Sie, ich würde ein solches Opfer des Herzens von Ihnen verlangen? Stensgård. Aber ich werde das Opfer bringen! Ja, ich werde Ihnen zeigen, daß ich die Kraft dazu habe. Da draußen steht ein Volk voll Sehnsucht; es ruft nach mir gleichsam mit wortloser Klage. O, wie dürfte ich mich da meinem Volk entziehen! Lundestad. Ja, aber der Grundbesitz –? Stensgård. Ich werde die Ansprüche meiner Mitbürger auch in dieser Hinsicht zu befriedigen wissen, Herr Lundestad! Ich sehe den Weg, einen neuen Weg, und den schlage ich ein. Ich verzichte auf das Glück, in stiller Entsagung für die Geliebte zu arbeiten. Ich spreche zu meinem Volke: da bin ich – nimm mich hin! Lundestad blickt ihn mit stiller Bewunderung an und drückt ihm die Hand. Wahrhaftig, Sie haben viel Talent, Herr Stensgård. Ab nach rechts. Stensgård geht mehrmals auf und ab; bald bleibt er am Fenster stehen, bald rauft er sich das Haar. Gleich darauf kommt Bastian Monsen durch die Mitte. Bastian. Da bin ich! Stensgård. Wo kommst Du her? Bastian. Von der Nation! Stensgård. Von der Nation? Was heißt das? Bastian. Weißt Du nicht, was die Nation ist? Die Nation, so heißt das Volk, das gemeine Volk; die, die nichts haben und nichts sind, die gefesselt liegen – Stensgård. Was, zum Henker, sind das für Affereien? Bastian. Wie? Stensgård. Ich habe in der letzten Zeit bemerkt, daß Du herumgehst und mich kopierst, bis auf die Kleidung und die Handschrift. Das sollst Du bleiben lassen. Bastian. Wie? Gehören wir nicht zu derselben Partei? Stensgård. Das wohl; aber dergleichen dulde ich nicht; – Du machst Dich lächerlich – Bastian. Lächerlich, wenn ich mich nach Dir richte? Stensgård. Ja, durch das Nachäffen. Sei vernünftig, Monsen, und unterlasse das; 's ist ein scheußlicher Anblick. – Aber, sag' mir eins, – wann kommt Dein Vater zurück? Bastian. Das weiß ich nicht. Er ist, glaube ich, nach Christiania gereist; am Ende kommt er vor acht Tagen nicht zurück. Stensgård. So? Das wäre schlimm. Aber er hat ja ein großes Geschäft vor, heißt es? Bastian. Ich habe auch eins vor. Höre, Stensgård, Du mußt mir einen Dienst leisten. Stensgård. Gerne; was soll es sein? Bastian. Ich fühle mich so stark. Das danke ich Dir, Du hast mich aufgeweckt. Ich muß etwas tun, etwas tun; – ich will heiraten! Stensgård. Heiraten? Wen? Bastian. Pst! Hier im Haus eine. Stensgård. Madam Rundholmen? Bastian. Pst! Ja, sie. Leg' ein gutes Wort für mich ein – ja? In so was, da muß ich hinein! Sie sitzt in einem kolossalen Geschäft; sie steht sich gut mit dem Kammerherrn noch von der Zeit her, als ihre Schwester dort als Haushälterin diente. Kriege ich sie, so kriege ich vielleicht auch die Kommunalarbeiten. Und überhaupt, – ich liebe sie, Donnerwetter ja! Stensgård. Ach, Liebe, Liebe! Laß doch die ekelhafte Heuchelei! Bastian. Heuchelei? Stensgård. Ja, besten Falles belügst Du Dich selbst. Da schwätzt Du in einem Atem von Wegebauten und Liebe. Nenn doch jedes Ding beim rechten Namen. In so was liegt eine schmutzige Gesinnung; ich will nichts damit zu schaffen haben – Bastian. Aber so hör' doch –! Stensgård. Laß mich aus dem Spiel, sage ich! Zu Doktor Fjeldbo , der von rechts kommt. Na, wie steht die Wahl? Fjeldbo. Für Dich gewiß vortrefflich. Ich sprach eben Lundestad; er sagte mir, Du bekämest fast alle Stimmen. Stensgård. Nein, wirklich? Fjeldbo. Aber was zum Henker nützt Dir das? Wenn Du nicht Grundbesitzer bist, so – Stensgård mit leiser Stimme. 's ist doch 'ne verwünschte Geschichte! Fjeldbo. Na, man kann doch nicht zwei Dinge auf einmal treiben. Wenn man auf der einen Seite gewinnen will, so muß man sich drauf gefaßt machen, auf der andern zu verlieren. Adieu! Ab durch die Mitte. Bastian. Was meinte er mit dem Gewinnen und Verlieren? Stensgård. Das werde ich Dir ein ander mal sagen. Aber, lieber Monsen, – um auf unsere Unterhaltung zurückzukommen, – ich versprach, ein gutes Wort für Dich einzulegen – Bastian. Das versprachst Du? Ich glaubte im Gegenteil – Stensgård. Ach Unsinn! Du ließest mich ja nicht zu Worte kommen. Ich wollte sagen, es läge eine schmutzige Gesinnung darin, seine Liebe mit Wegebauten und dergleichen zu verquicken; das ist eine Sünde gegen das Beste, was man in seiner Brust hat; – und deshalb, lieber Freund, wenn Du also wirklich das Mädchen liebst – Bastian. Die Witwe. Stensgård. Na ja; das ist ja dasselbe. Ich meine: wenn man ein Weib wirklich liebt, so sollte das an und für sich entscheidend sein – Bastian. Ja, das mein' ich doch auch. So willst Du also für mich sprechen? Stensgård. Ja, mit tausend Freuden. Aber nur unter einer Bedingung. Bastian. Und die wäre? Stensgård. Eine Liebe ist der andern wert, teurer Bastian; – Du sollst auch für mich sprechen. Bastian. Ich? Bei wem? Stensgård. Hast Du wirklich nichts gemerkt? Es liegt doch so nahe. Bastian. Es ist doch nicht etwa –? Stensgård. Ragna, Deine Schwester! Ja, sie ! Ach, Du weißt nicht, wie es mich gerührt hat, sie so in stiller, anspruchsloser Häuslichkeit schalten zu sehen – Bastian. Nein, ist's möglich? Stensgård. Aber daß Du, bei Deinem Scharfblick, gar nichts gemerkt hast? Bastian. Anfangs glaubte ich allerdings –; aber man munkelt jetzt doch so viel, daß Du da beim Kammerherrn herumscharwenzelst – Stensgård. Ach was, beim Kammerherrn! Aufrichtig gesagt, Monsen, – es hat einen Augenblick gegeben, wo ich sozusagen schwankte – aber, gottlob! das ist vorüber; jetzt bin ich mir klar über mich selbst und über den Weg, den ich zu gehen habe. Bastian. Hier ist meine Hand! Ich werde für Dich sprechen, verlaß Dich drauf. Und was Ragna betrifft, – sie darf nichts anderes tun, als was ich und Vater wollen. Stensgård. Ja, aber Dein Vater, – von dem wollte ich gerade reden – Bastian. Pst! Donnerwetter – da höre ich Madam Rundholmen; sprich gleich für mich, – doch nur, wenn sie's nicht allzu eilig hat: denn da ist mit ihr nichts anzufangen. Ja, mein Lieber, jetzt tu Dein mögliches; das andere werd' ich selbst besorgen. Hast Du Aslaksen nicht hier gesehen? Stensgård. Er ist gewiß bei der Wahl. Bastian ab durch die Mitte; in demselben Augenblick kommt Madam Rundholmen von rechts. Madam Rundholmen. Jetzt geht's aber wie geschmiert, Herr Stensgård; alle stimmen ja für Sie. Stensgård. Das ist doch merkwürdig. Madam Rundholmen. Ja, weiß Gott – da wird der Monsen ein schönes Gesicht machen. Stensgård. Madam Rundholmen, auf ein Wort! Madam Rundholmen. Na was denn? Stensgård. Wollen Sie mich anhören? Madam Rundholmen. Herrje, mit dem größten Vergnügen. Stensgård. Wohlan! Sie haben vorhin von Ihrem ledigen Stand gesprochen – Madam Rundholmen. Ach, das war ja der alte abscheuliche Hejre – Stensgård. Sie klagten, wie schwer es für eine Witwe wäre – Madam Rundholmen. Weiß Gott, ja, Sie sollten's nur mal probieren, Herr Stensgård! Stensgård. Wenn nun aber ein flotter junger Mann käme – Madam Rundholmen. Ein flotter junger Mann – Stensgård. Einer, der Sie schon lange so in aller Stille lieb gehabt hat – Madam Rundholmen. Ach, lassen Sie man – ich will nichts weiter hören. Stensgård. Sie müssen! Ein junger Mann, der's auch satt ist, so allein zu stehen – Madam Rundholmen. Ja, wie denn? Ich verstehe Sie nicht. Stensgård. Wenn Sie nun das Glück zweier Menschen begründen könnten, Madam Rundholmen, – Ihr eigenes und – Madam Rundholmen. Des flotten jungen Mannes? Stensgård. Allerdings. Antworten Sie mir – Madam Rundholmen. Ach nein, Stensgård, es ist doch wohl nicht Ihr Ernst? Stensgård. Wie können Sie glauben, daß ich Sie zum besten habe? Wären Sie also geneigt –? Madam Rundholmen. Mit tausend Freuden! Lieber, süßer – Stensgård prallt einen Schritt zurück. Was? Madam Rundholmen. Ah, da ist wer! Fräulein Monsen kommt eilig und aufgeregt durch die Mitte. Ragna. Verzeihen Sie, ist Papa nicht hier? Madam Rundholmen. Ihr Papa? Ja, – nein; – ich weiß nicht; – entschuldigen Sie – Ragna. Wo ist er? Madam Rundholmen. Ihr Vater? Ach so, der ist vorübergefahren – Stensgård. Auf dem Weg nach Christiania. Ragna. Nein, das ist unmöglich – Madam Rundholmen. Vorübergefahren ist er, das weiß ich. Ach, Fräulein Monsen, Sie können sich nicht vorstellen, wie vergnügt ich bin! Warten Sie einen Augenblick, ich laufe nur in den Keller und hole eine Flasche Echten. Ab nach links. Stensgård. Sagen Sie mir, Fräulein, – suchen Sie wirklich nur Ihren Vater? Ragna. Sie hören es ja. Stensgård. Und Sie haben nicht gewußt, daß er weggefahren ist? Ragna. Ach, was weiß ich! Man sagt mir nichts. Aber nach Christiania? Das ist unmöglich; sie müßten ihm ja begegnet sein. Adieu! Stensgård tritt ihr in den Weg. Ragna! Hören Sie! Weshalb sind Sie so anders gegen mich? Ragna. Ich? Lassen Sie mich! Halten Sie mich nicht auf! Stensgård. Nein, Sie sollen bleiben! Ich halte es für ein Werk der Vorsehung, daß Sie gerade in diesem Augenblick kommen. Nicht diese Schüchternheit! Früher waren Sie anders. Ragna. Ja, das ist – Gott sei Dank – vorbei! Stensgård. Aber warum –? Ragna. Ich habe Sie kennen gelernt – glücklicherweise noch zur rechten Zeit. Stensgård. Ah so? Man hat mich angeschwärzt? Ja, vielleicht war ich auch selber schuld; ich war wie eingesponnen in eine Verirrung. Das ist jetzt vorüber! Ach, wenn ich Sie sehe, werde ich ein besserer Mensch. Ihnen allein bin ich wahrhaft und von Herzen gut; Sie allein liebe ich, Ragna, – Sie und keine andere! Ragna. Lassen Sie mich! Mir ist angst vor Ihnen – Stensgård. Aber morgen, Ragna, – darf ich morgen zu Ihnen kommen und mit Ihnen reden? Ragna. Ja, ja, meinetwegen, nur heute nicht. Stensgård. Nur heute nicht? Hurra! Ich bin wieder obenauf! Ich bin glücklich! Madam Rundholmen mit Wein und Kuchen von links. So, nun wollen wir mal ein Glas trinken auf Glück und Wohlergehn! Stensgård. Aufs Glück in der Liebe! Glück und Liebe sollen leben! Ein Hoch auf den morgigen Tag! Er trinkt. Helle von rechts zu Ragna. Haben Sie ihn gefunden? Ragna. Nein, er ist nicht hier. Kommen Sie, kommen Sie! Madam Rundholmen. Aber, Himmel, was ist denn passiert? Helle. Nichts; es sind nur Gäste nach Storli gekommen, und – Ragna. Besten Dank für all Ihre Freundlichkeit, Madam Rundholmen – Madam Rundholmen. So? Haben Sie wieder Gäste auf den Hals gekriegt? Ragna. Ja, ja, – entschuldigen Sie; ich muß nach Haus! Adieu! Stensgård. Adieu – bis morgen! Helle und Fräulein Monsen ab durch die Mitte. Daniel Hejre von rechts. Haha, jetzt geht's wie'n Donnerwetter! Stensgård, Stensgård, Stensgård, gackern sie; sie wählen ihn einer wie der andere. Jetzt sollten Sie ihn auch wählen, Madam Rundholmen! Madam Rundholmen. Hihi! Was Sie sagen! Aber stimmen sie wirklich alle für ihn? Herje. Wahrhaftig, ja! Herr Stensgård hat das Vertrauen des Volkes, wie die Phrase lautet. Der alte Lundestad geht umher mit einem Gesichte wie 'ne saure Zuckergurke. O, 's ist 'ne wahre Wonne, das mit anzusehen. Madam Rundholmen. Sie sollen ihn nicht umsonst gewählt haben. Kann ich nicht stimmen, so kann ich doch traktieren! Ab nach links. Herje. Sie sind der geborene Witwentröster, Herr Stensgård, – das sind Sie. Wissen Sie was, – bei der sollten Sie sich festbeißen, – dann wären Sie geborgen! Stensgård. Bei Madam Rundholmen? Herje. Allerdings; das ist ein Frauenzimmer, – solide in jeder Beziehung; sie wird das erste Huhn im Korbe, wenn die Schwindelbude auf Storli mal zusammenkracht. Stensgård. Wie? Ist etwa auf Storli was faul? Herje. Ei, sieh mal an! Sie sind schwach von Gedächtnis, Verehrtester. Spricht man nicht von Ruin und Bankerott und –? Stensgård. Ja, ja, und was weiter? Herje. Was weiter? Das sollen Sie mir sagen. Hier hat man nach Monsen gesucht; es sind zwei Herren auf Storli angekommen – Stensgård. Ein paar Gäste; jawohl, ich weiß, – Herje. Ungebetene Gäste, mein teurer, junger Freund; man munkelt von Polizei und tückischen Gläubigern; – Sie müssen nämlich wissen, es ist mit den Dokumenten etwas nicht in Ordnung. Apropos, – was war das für ein Dokument, das Sie gestern von Monsen bekommen haben? Stensgård. Ach, irgend ein Schriftstück – –. Mit den Dokumenten etwas nicht in Ordnung, sagen Sie? Hören Sie mal, Sie kennen doch die Unterschrift des Kammerherrn Bratsberg? Herje. Hähä; das sollte ich meinen. Stensgård zieht den Wechsel hervor. Nun, so sehen Sie sich das an. Herje. Etwas näher! – ich bin freilich 'n bißchen kurzsichtig, aber –. Nach genauem Hinsehen. Das da, Verehrtester? Nie und nimmer ist das die Handschrift des Kammerherrn. Stensgård. Nie und nimmer? Also doch –! Herje. Und der ist von Monsen ausgestellt? Stensgård. Nein, von Erik Bratsberg. Herje. Unsinn! Lassen Sie sehen! Prüft den Wechsel und gibt ihn zurück. Damit können Sie Ihre Zigarre anstecken. Stensgård. Was? Auch der Name des Ausstellers –? Herje. Gefälscht, junger Mann; gefälscht, so wahr ich Daniel heiße. Man braucht ihn ja nur mit dem geschärften Blicke des Mißtrauens zu betrachten – Stensgård. Aber wie war das denn möglich –? Monsen muß nicht gewußt haben – Herje. Monsen? Nein, der Kerl wußte wohl weder mit seinen eigenen noch mit den Dokumenten anderer Bescheid. Aber es ist gut, daß das ein Ende nimmt, Herr Stensgård! Es ist eine Genugtuung für das moralische Gefühl. Ah, ich fühlte mich oft von edlem Zorn entflammt, wenn ich selbst so sagen darf – daß ich hier immerfort Zeuge sein mußte, wie – genug! Aber das Spaßhafteste daran ist: wenn jetzt Monsen purzelt, so reißt er zuerst und vor allen den Erik Bratsberg mit sich; Erik reißt seinen Vater mit – Stensgård. Ja, das hat Lundestad auch gesagt. Herje. Aber es ist natürlich Methode in dem Bankerott. Passen Sie auf; ich bin ein alter Prophet: Monsen kommt ins Zuchthaus, Erik kommt zum Akkord, und der Kammerherr kommt unter Administration; das heißt, seine Gläubiger verehren ihm ein paar tausend Taler jährlich als lebenslängliche Pension. So geht's, Herr Stensgård! Ich kenne das. Wie sagt der Klassiker? Fiat justitia, pereat mundus! Das heißt: Pfui Teufel, was für eine Justiz in dieser verdorbenen Welt! Stensgård erregt auf und ab schreitend. Einer so wie der andere! Beide Wege versperrt! Herje. Was zum Henker –? Stensgård. Und gerade jetzt! Jetzt, – jetzt! Aslaksen kommt von rechts. Gratuliere, gratuliere, Herr Wahlmann! Stensgård. Gewählt? Aslaksen. Mit hundertundsiebzehn Stimmen, – und Lundestad mit dreiundfünfzig. Die andern Stimmen sind zersplittert! Herje. Also Ihr erster Schritt auf dem Felde der Ehre, Herr Stensgård! Aslaksen. Und das kostet auch 'ne Bowle Punsch – Herje. Freilich, – es heißt ja: der erste Schritt ist's, der was kostet. Aslaksen nach links hin rufend. Punsch her, Madam Rundholmen! Der neue Wahlmann traktiert! Lundestad und mehrere Wähler treten nacheinander von rechts ein. Herje teilnahmsvoll zu Lundestad. Dreiundfünfzig! Das ist des greisen Bürgers Lohn! Lundestad flüstert Stensgård zu: Sind Sie nun wirklich zu dem entschlossen, was –? Stensgård. Was hilft's, entschlossen zu sein, wo alles wankt und schwankt? Lundestad. Meinen Sie, das Spiel sei verloren? Aslaksen von links zurückkehrend. Madam Rundholmen braut in eigner Person den Punsch; sie wäre die Nächste dazu, sagt sie. Stensgård , von einer Eingebung erfaßt. Madam Rundholmen! Die Nächste dazu –! Lundestad. Wie? Stensgård. Das Spiel ist noch nicht verloren, Herr Lundestad! Setzt sich an den Tisch und schreibt. Lundestad leise. Sagen Sie, Aslaksen, können Sie übermorgen etwas von mir in Ihrem Blatte bringen? Aslaksen. Immerzu! Ist's grob? Lundestad. Nein, es ist durchaus nicht grob. Aslaksen. Einerlei, ich druck's doch. Lundestad. Es ist mein politisches Testament; ich schreibe es noch heute. Er geht im Zimmer auf und ab. Ein Dienstmädchen von links. Hier schickt Madam den Punsch. Aslaksen. Hurra! Jetzt kommt Leben in die lokalen Verhältnisse! Er setzt die Bowle auf den Tisch in der Mitte, schenkt den anderen ein und trinkt fleißig während des Folgenden. Bastian Monsen ist mittlerweile von rechts hereingekommen. Bastian leise. Vergessen Sie auch nicht meinen Brief? Aslaksen. Seien Sie unbesorgt! Schlägt an seine Brusttasche. – Da habe ich ihn. Bastian. Und Sie besorgen ihn so bald wie möglich; – wenn Sie sehen, daß sie Zeit hat, verstehen Sie? Aslaksen. Verstehe, verstehe! Ruft: Heran, Ihr Leute! Die Gläser sind gefüllt! Bastian. Sie sollen es, hol' mich der Teufel, nicht umsonst getan haben. Aslaksen. Gut, gut. Zum Dienstmädchen. Eine Zitrone, Karen; – aber mit Windeseile! Bastian entfernt sich. Stensgård. Ein Wort, Aslaksen! Kommen Sie morgen abend hier vorbei? Aslaksen. Morgen abend? Das kann ich schon so einrichten. Stensgård. Schön; so sprechen Sie hier vor und übergeben Sie Madam Rundholmen diesen Brief. Aslaksen. Von Ihnen? Stensgård. Ja. Stecken Sie ihn in die Tasche. So! Morgen abend also. Aslaksen. Wird besorgt; verlassen Sie sich drauf. Das Dienstmädchen bringt das Verlangte; Stensgård tritt ans Fenster. Bastian. Na, hast Du mit Madam Rundholmen gesprochen? Stensgård. Gesprochen? Ja so. Ich sprach sie nur eben so – Bastian. Und was glaubst Du? Stensgård. Je – nun –; wir wurden unterbrochen; ich kann Dir Bestimmtes nicht sagen. Bastian. Ich versuch's dennoch; sie klagt schwer über ihr Witwentum. In einer Stunde soll's entschieden sein. Stensgård. In einer Stunde? Bastian erblickt Madam Rundholmen, die von links eintritt. Pst! Laß niemand was merken! Geht auf und ab. Stensgård leise zu Aslaksen. Geben Sie mir den Brief zurück. Aslaksen. Sie wollen ihn wiederhaben? Stensgård. Ja, geschwind! Ich will ihn selbst besorgen. Aslaksen. Bitte schön; da ist er. Stensgård steckt den Brief in die Tasche und mischt sich unter die Gesellschaft. Madam Rundholmen zu Bastian. Was sagen denn Sie zu der Wahl, Monsen? Bastian. Paßt mir durchaus; ich und Stensgård sind dicke Freunde, kann ich Ihnen sagen. Es sollte mich nicht wundern, wenn er ins Parlament käme. Madam Rundholmen. Aber Ihr Vater würde dazu nicht gerade ein freundliches Gesicht machen. Bastian. Ach, mein Vater, der hat so viele Eisen im Feuer. Überdies – kommt Stensgård ins Parlament, so bleibt die Ehre doch genau so in der Familie, denke ich. Madam Rundholmen. Wieso? Bastian. Er geht auf Freiersfüßen – Madam Rundholmen. Herrje! Hat er was gesagt? Bastian. Ja, und ich habe ihm versprochen, für ihn zu reden. Es wird sich schon machen; ich glaube sicher, Ragna ist ihm gut. Madam Rundholmen. Ragna? Lundestad kommt näher. Na, wovon unterhalten Sie sich denn so eifrig, Madam Rundholmen? Madam Rundholmen. Denken Sie mal, er sagt, Stensgård ginge auf Freiersfüßen – Lundestad. Jawohl; aber der Kammerherr wird sich so leicht nicht bestimmen lassen – Bastian. Der Kammerherr? Lundestad. Sie ist ihm wahrscheinlich zu gut für einen simplen Rechtsanwalt – Madam Rundholmen. Wer? Wer? Lundestad. Das Fräulein, – seine Tochter, natürlich. Bastian. Er wirbt doch wohl nun und nimmermehr um Fräulein Bratsberg? Lundestad. Gewiß tut er das! Madam Rundholmen. Und das können Sie beschwören? Bastian. Und mir hat er gesagt –! Hören Sie, – ich habe mit Ihnen zu reden. Lundestad und Bastian ab nach dem Hintergrund. Madam Rundholmen nähert sich Stensgård. Sie müssen auf Ihrer Hut sein, Stensgård! Stensgård. Vor wem? Madam Rundholmen. Vor schlechten Menschen. Hier sind Leute, die Ihnen Fallstricke legen. Stensgård. Mögen sie, – wenn sie mir nur nicht Fallstricke legen bei Einer . Madam Rundholmen. Wer ist die Eine? Stensgård steckt ihr heimlich den Brief zu. Da! Lesen Sie das, wenn Sie allein sind. Madam Rundholmen. Ach, wußt' ich's doch! Ab nach links. Ringdal von rechts. Na, ich höre, der Sieg ist Ihnen zugefallen, Herr Rechtsanwalt. Stensgård. Allerdings, Herr Inspektor; und zwar trotz der Bemühungen Ihres hochwohlgeborenen Prinzipals. Ringdal. Um was hat er sich bemüht? Stensgård. Mich niederzustimmen. Ringdal. Er macht Gebrauch von seinem Wahlrecht wie jeder andere. Stensgård. Schade nur, daß er wohl nicht mehr oft in der Lage sein wird, davon Gebrauch zu machen. Ringdal. Was wollen Sie damit sagen? Stensgård. Ich meine, weil's mit gewissen Dokumenten doch solche Sache ist – Ringdal. Mit gewissen Dokumenten? Mit was für Dokumenten? Was heißt das? Stensgård. Ach, stellen Sie sich doch nicht so, als ob Sie nichts wüßten. Ist hier nicht ein Gewitter im Anzuge? Bankerotte in großem Maßstabe? Ringdal. Ja, das höre ich von allen Seiten. Stensgård. Und ist etwa nicht der Kammerherr sowie sein Sohn dabei beteiligt? Ringdal. Mit Verlaub: sind Sie toll? Stensgård. Es ist ja natürlich, daß Sie's zu verheimlichen suchen. Ringdal. Was sollte das nützen? Läßt sich dergleichen verheimlichen? Stensgård. Ist es denn nicht wahr? Ringdal. Nicht eine Silbe davon, – soweit der Kammerherr in Frage kommt. Wie haben Sie nur so etwas glauben können? Wer hat Ihnen das eingeredet? Stensgård. Das sage ich nicht, – wenigstens jetzt nicht. Ringdal. Gleichviel. Aber wer es auch getan haben mag, er hat eine Absicht dabei gehabt. Stensgård. Eine Absicht –! Ringdal. Jawohl, besinnen Sie sich. Ist hier niemand, der seinen Vorteil dabei haben könnte, Sie dem Kammerherrn zu entfremden –? Stensgård. Wahrhaftig; ja, ja – es gibt einen. Ringdal. Der Kammerherr hat im Grunde sehr viel für Sie übrig – Stensgård. Hat er das? Ringdal. Ja, und das will man hintertreiben; – man rechnet damit, daß Sie die Verhältnisse hier nicht kennen, daß Sie aufbrausend und leichtgläubig sind, daß – Stensgård. O, die Nattern! Und die Rundholmen, – die hat jetzt meinen Brief! Ringdal. Was für einen Brief? Stensgård. O, nichts. Aber es ist noch nicht zu spät! Lieber Herr Ringdal , sprechen Sie heut abend den Kammerherrn? Ringdal. Jedenfalls. Stensgård. So sagen Sie ihm, es wäre dummes Zeug mit den Drohungen, – er weiß schon; sagen Sie ihm, ich käme morgen selbst, um alles aufzuklären. Ringdal. Sie kämen? Stensgård. Jawohl, um ihm zu beweisen, – ah, beweisen! Da, Herr Ringdal ! Geben Sie dem Kammerherrn diesen Wechsel von mir. Ringdal. Den Wechsel –! Stensgård. Jawohl; Sie können das nicht verstehen, aber geben Sie ihm bloß den – Ringdal. Wirklich, Herr Stensgård – Stensgård. Und dazu bestellen Sie nur einfach von mir die Worte: so handelte ich an Leuten, die mich bei der Urwahl niederstimmen wollten. Ringdal. Verlassen Sie sich drauf. Ab durch die Mitte. Stensgård. Hören Sie mal, Herr Hejre, – wie konnten Sie mir die Geschichte von dem Kammerherrn aufbinden? Herje. Wie ich Ihnen –? Stensgård. Ja, gewiß; es ist ja die schwärzeste Lüge – Herje. Ei, schau', schau'; das freut mich von Herzen! Denken Sie sich, Herr Lundestad, die Sache mit dem Kammerherrn, das ist eine Lüge. Lundestad. Pst! Eine falsche Spur! Es liegt wohl näher. Stensgård. Wieso näher? Lundestad. Ich weiß nichts; aber die Leute munkeln von Madam Rundholmen – Stensgård. Was! Herje. Habe ich's nicht prophezeit? Diese Verbindungen mit dem Proprietarius auf Storli – Lundestad. Er ist heut morgen vor Tagesanbruch über Land gefahren – Herje. Und die Familie rennt herum und sucht ihn – Lundestad. Und der Sohn gibt sich solche Mühe, seine Schwester gut zu versorgen – Stensgård. Versorgen! »Morgen«, sagte sie; und ihre Unruhe wegen des Vaters –! Herje. Hähä; Sie sollen sehen, der ist hingegangen und hat sich aufgehängt! Aslaksen. Es hat sich einer aufgehängt? Lundestad. Herr Hejre sagt, daß Monsen – Gutsbesitzer Monsen durch die Mitte. Champagner her! Aslaksen und Mehrere . Monsen! Monsen. Jawohl, Monsen! Der Champagner-Monsen! Der Moneten-Monsen! Wein her, in des Teufels Namen! Herje. Aber, Verehrtester – Stensgård. Sie! Woher kommen Sie? Monsen. Von Geschäften! Hunderttausende verdient! Hei, morgen gebe ich auf Storli ein Diner, daß es nur so kracht! Alle sind eingeladen. Champagner, sage ich! Gratuliere, Stensgård, Sie sind ja Wahlmann geworden. Stensgård. Lassen Sie sich erklären – Monsen. Pah, was schert mich das? Wein! Wo ist Madam Rundholmen? Will nach links hinein. Das Dienstmädchen , das eben eingetreten ist. Da darf niemand herein; Madam sitzt und liest einen Brief – Bastian. Alle Hagel! Ab durch die Mitte. Stensgård. Sie liest einen Brief? Das Dienstmädchen. Ja, und sie ist rein wie verstört. Stensgård. Adieu, Herr Monsen; morgen mittag auf Storli – Monsen. Adieu – auf morgen! Stensgård leise. Herr Hejre, wollen Sie mir einen Gefallen tun? Herje. Mit Vergnügen, mit Vergnügen. Stensgård. Dann schwärzen Sie mich ein klein wenig bei Madam Rundholmen an; reden Sie ein bißchen zweideutig von mir; so was verstehen Sie ja ausgezeichnet. Herje. Aber, zum Henker, weshalb? Stensgård. Ich habe meine Gründe; es ist ein Scherz, will ich Ihnen sagen, – eine Wette mit – mit einem, auf den Sie eine Pieke haben. Herje. Aha, ich verstehe –; genug! Stensgård. Also, verderben Sie nichts; machen Sie sie nur ein wenig irre in ihrem Urteil über mich; ein wenig unsicher fürs erste, – verstehen Sie –? Herje. Vollkommen; es soll mir eine wahre Wonne sein – Stensgård. Danke, danke einstweilen! Über den Tisch hinweg. Herr Lundestad, wir beide sprechen uns wohl morgen vormittag beim Kammerherrn. Lundestad. Haben Sie Hoffnung? Stensgård. Na und ob! Lundestad. So? Aber ich verstehe nicht – Stensgård. Ist auch nicht nötig; fortan werde ich mir selber helfen. Ab durch die Mitte. Monsen bei der Punschbowle. Noch ein Glas, Aslaksen! Wo ist Bastian? Aslaksen. Er ist zur Tür hinausgerannt. Aber ich habe einen Brief für ihn zu besorgen. Monsen. So? Aslaksen. An Madam Rundholmen. Monsen. Na, endlich! Aslaksen. Aber nicht vor morgen abend, sagte er; keine Stunde früher oder später; genau auf den Glockenschlag! Prost! Herje zu Lundestad. Was, zum Henker, ist das für ein Getue zwischen diesem Herrn Stensgård und Madam Rundholmen? Lundestad leiser. Er wirbt um sie. Herje. Dachte ich's nicht! Aber er hat mich gebeten, ihn ein bißchen anzuschwärzen, ihn verdächtig zu machen – genug! Lundestad. Und das haben Sie versprochen? Herje. Ja, natürlich. Lundestad. Er soll von Ihnen gesagt haben: was Sie im Osten versprächen, das hielten Sie im Westen. Herje. Hähä, die liebe Seele! – da soll er sich diesmal doch verrechnet haben. Madam Rundholmen mit einem offenen Briefe in der Tür links. Wo ist Herr Stensgård? Herje. Er hat Ihr Dienstmädchen geküßt und sich empfohlen, Madam Rundholmen! Der Vorhang fällt. Fünfter Akt Großes Empfangszimmer beim Kammerherrn. Eingang durch die Mitte; Türen rechts und links. Inspektor Ringdal steht an einem Tische und blättert in etlichen Papieren. Es klopft. Ringdal. Herein! Doktor Fjeldbo durch die Mitte. Guten Morgen! Ringdal. Guten Morgen, Herr Doktor! Fjeldbo. Na, wie geht's? Gut? Ringdal. Danke; hier geht's recht gut, aber – Fjeldbo. Aber? Ringdal. Ja, Sie haben doch gewiß die große Neuigkeit gehört? Fjeldbo. Nein. Was gibt's denn? Ringdal. Wie? Sie haben nicht gehört, was auf Storli passiert ist? Fjeldbo. Nein! Ringdal. Monsen ist heut nacht durchgebrannt. Fjeldbo. Durchgebrannt? Monsen? Ringdal. Durchgebrannt. Fjeldbo. Aber, Du guter Gott –? Ringdal. Hier gingen gestern schon wunderliche Gerüchte um, doch da kam Monsen zurück; er muß sich gut verstellt haben – Fjeldbo. Aber der Grund? Der Grund? Ringdal. Ungeheure Verluste in Bauholz, heißt es; ein paar Häuser in Christiania sollen insolvent geworden sein, und da – Fjeldbo. Und da ist er durchgebrannt! Ringdal. Wahrscheinlich nach Schweden. Heut früh ist die Behörde auf Storli eingetroffen; da wird geschrieben und versiegelt – Fjeldbo. Und die unglückliche Familie –? Ringdal. Der Sohn ist wohl unbeteiligt; jedenfalls tut er jetzt so, wie ich höre. Fjeldbo. Aber die Tochter? Ringdal. Still! Die Tochter ist hier. Fjeldbo. Hier? Ringdal. Der Hauslehrer brachte sie und die Kleinen heut morgen her; unser Fräulein hat sich ihrer in aller Stille angenommen. Fjeldbo. Und wie trägt sie's? Ringdal. Ich denke, so leidlich. Schließlich, nach der Behandlung, die sie zu Haus erfahren hat –; und außerdem kann ich Ihnen erzählen, daß sie – Pst! Da ist der Kammerherr! Der Kammerherr von links. Ei, schon da, lieber Doktor? Fjeldbo. Ich habe mich ziemlich früh auf den Weg gemacht. – Aber nun will ich Ihnen Glück zum Geburtstag wünschen, Herr Kammerherr! Der Kammerherr. Ach Gott, ein schönes Glück, das der uns bringt! Nehmen Sie immerhin meinen Dank; ich weiß, Sie meinen's gut. Fjeldbo. Und darf ich fragen, Herr Kammerherr –? Der Kammerherr. Vor allen Dingen – lassen Sie fortan den Titel weg! Fjeldbo. Was soll das heißen? Der Kammerherr. Ich bin Hüttenbesitzer – schlecht und recht. Fjeldbo. Was ist das für ein Unsinn? Der Kammerherr. Ich leiste Verzicht auf Titel und Bestallung. Mein untertänigstes Schreiben geht noch heut ab. Fjeldbo. Das sollten Sie doch noch erst beschlafen. Der Kammerherr. Als mein König mir die Gnade erwies, mich in seine nächste Umgebung aufzunehmen, so geschah es auf Grund des Ansehens, das meine Familie durch viele Generationen behauptet hatte. Fjeldbo. Nun, und –? Der Kammerherr. Meine Familie ist entehrt, genau so wie der Gutsbesitzer Monsen. Sie haben doch von Monsen gehört? Fjeldbo. Allerdings. Der Kammerherr zu Ringdal. Weiß man nichts Genaueres? Ringdal. Nur das eine, daß er eine ganze Reihe jüngerer Pächter mit sich reißt. Der Kammerherr. Und mein Sohn? Ringdal. Ihr Sohn hat mir eine Bilanz übersandt. Er bleibt keinem etwas schuldig; aber er behält nichts übrig. Der Kammerherr. Hm. So schreiben Sie bitte mein Gesuch ins Reine. Ringdal. Es soll geschehen. Ab durch die vorderste Tür rechts. Fjeldbo. Haben Sie sich's auch überlegt? Die ganze Geschichte läßt sich ja in aller Stille ordnen. Der Kammerherr. So? Kann ich vor mir selbst das Geschehene ungeschehen machen? Fjeldbo. Aber was ist denn im Grunde geschehen? Er hat ja an Sie geschrieben, seine Unbesonnenheit eingestanden und Sie um Verzeihung gebeten; es ist das erste und einzige Mal, daß er sich solcher Dinge schuldig gemacht hat; was ist denn dabei, frage ich Sie? Der Kammerherr. Würden Sie handeln, wie mein Sohn gehandelt hat? Fjeldbo. Er wird's nicht wieder tun; das ist die Hauptsache. Der Kammerherr. Und woher wissen Sie, daß er's nicht wieder tun wird? Fjeldbo. Wenn aus keinem andern Anzeichen, so wüßte ich's doch schon aus dem Vorfall, von dem Sie mir selbst erzählt haben, – der Szene mit Ihrer Schwiegertochter. Was sich auch schließlich draus ergeben mag, – jedenfalls wird er dadurch aufgerüttelt werden zur Ernsthaftigkeit. Der Kammerherr geht auf und ab. Meine arme Selma! Zerstört unser schöner Friede und unser Glück! Fjeldbo. Es gibt etwas, das noch höher steht. Dieses Glück ist leerer Schein gewesen. Ich will es Ihnen sagen: Sie haben hier, wie in so vielen andern Dingen, auf Sand gebaut; Sie waren verblendet und hochmütig, Herr Kammerherr! Der Kammerherr bleibt stehen. Ich? Fjeldbo. Ja, Sie! Sie haben sich was zugute getan auf die Ehrenhaftigkeit Ihrer Familie; aber wann wurde diese Ehrenhaftigkeit auf die Probe gestellt? Wissen Sie, ob sie der Versuchung widerstanden hätte? Der Kammerherr. Sie können sich jegliche Predigt ersparen, Herr Doktor; die Ereignisse dieser letzten Tage sind nicht spurlos an mir vorübergegangen. Fjeldbo. Das glaube ich schon; aber möge sich das in einem milderen Urteil und in einer klareren Erkenntnis äußern. Sie machen Ihrem Sohne Vorwürfe; aber was haben Sie für Ihren Sohn getan? Ihre Sorge war wohl, seine Talente auszubilden, aber nicht, in ihm den Grund zu einem Charakter zu legen. Sie haben ihm Vorträge über das gehalten, was er seiner ehrenhaften Familie schuldig wäre; aber Sie haben ihn nicht so gelenkt und gemodelt und herangebildet, daß es eine unbewußte Notwendigkeit für ihn wurde, ehrenhaft zu handeln. Der Kammerherr. Meinen Sie? Fjeldbo. Ich meine es nicht nur, ich weiß es auch. Aber das ist hier ja eine ganz allgemeine Erscheinung; man legt das Hauptgewicht auf die Lehre anstatt auf das Leben. Wir sehen auch, wohin das führt; wir sehen es an Hunderten begabter Menschen, die halbfertig herumlaufen und in Gefühlen und Stimmungen ganz andere sind als in Taten und Verrichtungen. Sehen Sie sich nur diesen Stensgård an – Der Kammerherr. Stensgård! Richtig! Was denken Sie über Stensgård? Fjeldbo. Stückwerk. Ich habe ihn von Kindesbeinen an gekannt. Sein Vater war ein Trottel, ein Lump, eine Null; er hatte einen kleinen Hökerladen und betrieb nebenher Pfandleihgeschäfte; oder vielmehr, seine Frau besorgte das. Sie war ein ungeschlachtes Frauenzimmer, das Unweiblichste, was ich je gekannt habe. Den Mann hatte sie unter der Fuchtel. Von Herzensbildung war in ihr auch nicht eine Spur. Und in diesem Heim wuchs Stensgård auf. Und gleichzeitig besuchte er die Lateinschule. »Er soll studieren,« sagte die Mutter; »er soll ein tüchtiger Geldagent werden.« Roheit zu Hause, – Erhebung in der Schule; Geist, Charakter, Wille, Talente – alles auseinanderstrebend! Wozu konnte das anders führen als zu einer Zersplitterung der Persönlichkeit? Der Kammerherr. Ich weiß nicht, wozu es führen konnte. Aber ich möchte wissen, was Ihrem Ideal genügt. Von Stensgård kann man nichts erwarten, von meinem Sohn auch nicht, aber von Ihnen natürlich, von Ihnen –! Fjeldbo. Ja, von mir; gerade von mir. Bitte, lächeln Sie nicht; ich überhebe mich nicht; aber mir ist das zu teil geworden, was das innere Gleichgewicht begründet, und was den Menschen sicher macht. Ich bin in einer schlichten Familie des Mittelstandes, in einer Luft des Friedens und der Harmonie aufgewachsen. Meine Mutter ist eine echte, eine ganze Frau; bei uns zu Hause waren Wünsche und Mittel stets im Einklang; die Ansprüche scheiterten nicht an der Klippe der Verhältnisse; kein Todesfall griff zerstörend in unser Leben ein und hinterließ das Gefühl der Leere und Entbehrung in unserem Kreise. Liebe zur Schönheit war vorhanden; aber sie lag tief begründet in der Lebensanschauung und ging nicht äußerlich neben ihr her. Keine Ausschweifungen des Verstandes noch des Gefühls – Der Kammerherr. Sieh, sieh! und deshalb sind Sie auch ein so riesig vollkommener Mensch geworden? Fjeldbo. Ich bin weit entfernt davon, das zu glauben. Ich sage nur, daß die Lebensbedingungen sich so außerordentlich günstig für mich gestaltet haben; und ich empfinde das wie eine Verpflichtung. Der Kammerherr. Nun wohl; aber wenn Stensgård eine solche Verpflichtung nicht hat, dann ist es doppelt schön, daß er gleichwohl – Fjeldbo. Wie? Was? Der Kammerherr. Sie beurteilen ihn falsch, mein guter Doktor! Sehen Sie her! Was sagen Sie dazu? Fjeldbo. Der Wechsel Ihres Sohnes! Der Kammerherr. Jawohl, – den hat er mir zurückgeschickt. Fjeldbo. Aus freien Stücken? Der Kammerherr. Aus freien Stücken und ohne Bedingungen. Das ist schön, das ist nobel; – und deshalb steht ihm auch mein Haus von heut an offen. Fjeldbo. Überlegen Sie sich's! Um Ihrer selbst, um Ihrer Tochter willen – Der Kammerherr. Ach, lassen Sie mich in Ruhe! Er hat viel vor Ihnen voraus; er ist wenigstens geradezu; aber Sie, Sie gehen heimlich zu Werke. Fjeldbo. Ich? Der Kammerherr. Jawohl! Sie sind hier im Hause der Regent geworden, Sie gehen hier aus und ein, ich frage Sie in allen Dingen um Ihren Rat, – und dennoch – Fjeldbo. Ja, ja; und dennoch –? Der Kammerherr. Dennoch haben Sie etwas Verschmitztes, etwas Verzwicktes an sich, etwas – Vornehmes, das ich nicht ausstehen kann! Fjeldbo. Aber so erklären Sie mir doch – Der Kammerherr. Ich? Nein, an Ihnen wär's, sich mir zu erklären! Aber jetzt lassen Sie's nur gut sein! Fjeldbo. Herr Kammerherr, wir beide verstehen uns nicht. Ich habe keinen Wechsel zurückzusenden; aber es wäre doch wohl möglich, daß ich ein noch größeres Opfer brächte. Der Kammerherr. So? Womit denn? Fjeldbo. Durch mein Schweigen. Der Kammerherr. Durch Ihr Schweigen? Soll ich Ihnen sagen, wozu ich Lust hätte? Grob zu werden, zu fluchen, in den Bund der Jugend einzutreten! Sie sind ein hochnäsiger Starrkopf, Herr Doktor; – und das paßt nicht in unsere freie Gesellschaft. Sehen Sie sich Stensgård an; der ist nicht so; und deshalb soll er Zutritt in mein Haus haben; ja, er soll, – er soll –! Ich muß denn doch bitten –! Das geschieht Ihnen ganz recht; wie man sich bettet, so liegt man! Lundestad durch die Mitte. Viel Glück zum heutigen Tage, Herr Kammerherr! Und ich wünsche Ihnen alles Schöne und Gute – Der Kammerherr. Scheren Sie sich zum –, hätte ich bald gesagt. Alles Firlefanz, mein lieber Lundestad. Auf dieser Welt besteht kein Ding die Probe, wenn man ihm auf den Grund geht. Lundestad. Das sagen Monsens Gläubiger auch. Der Kammerherr. Ja, – diese Geschichte mit Monsen! Hat Sie das nicht wie ein Blitz getroffen? Lundestad. Sie hatten es ja doch so lange vorausgesagt, Herr Kammerherr. Der Kammerherr. Hm, hm; – das hatte ich freilich; und noch vorgestern kam er her, um mich zu prellen – Fjeldbo. Vielleicht, um sich zu retten. Lundestad. Unmöglich; er saß schon zu tief drin; – und was geschieht, das ist schließlich immer das beste. Der Kammerherr. Prost Mahlzeit! Halten Sie's auch für das beste, daß Sie gestern bei der Wahl durchgefallen sind. Lundestad. Ich bin nicht durchgefallen; es ging mir ja doch nur so, wie ich selber gewollt hatte. Mit Stensgård soll man nicht anbinden; er hat das, wonach wir andern uns die Finger lecken würden. Der Kammerherr. Den Ausdruck verstehe ich nicht ganz – Lundestad. Er hat das Talent, die Menge mit sich fortzureißen. Und da er nun so glücklich ist, weder durch Charakter noch durch Überzeugung noch durch eine bürgerliche Stellung gehindert zu werden, so hat er's außerordentlich leicht, liberal zu sein. Der Kammerherr. Ich sollte doch wirklich meinen, daß wir auch liberal sind. Lundestad. Freilich sind wir das; ganz ohne Zweifel. Doch wir sind nur liberal auf unsere eigenen Kosten; aber da kommt nun dieser Stensgård und ist liberal auf Kosten anderer. Das ist das Neue an der Sache. Der Kammerherr. Und diesen ganzen Umsturzschwindel wollen Sie fördern? Lundestad. Ich habe in alten Geschichtsbüchern gelesen, daß es vorzeiten Leute gab, die Geister rufen konnten, – aber sie wieder los werden, das konnten sie nicht. Der Kammerherr. Aber, lieber Lundestad, wie können Sie als aufgeklärter Mann –? Lundestad. Ich weiß wohl, es ist ein papistischer Aberglaube, Herr Kammerherr; aber mit neuen Gedanken ist es wie mit Geistern; man kann sie nicht wieder los werden, und darum muß man sehen, mit ihnen auszukommen, so gut es eben geht. Der Kammerherr. Aber jetzt, da Monsen gefallen ist, und mit ihm wahrscheinlich diese ganze Bande von Ruhestörern – Lundestad. Wäre Monsen zwei bis drei Tage früher gefallen, so wäre vieles anders gekommen. Der Kammerherr. Leider; Sie waren zu hastig – Lundestad. Ich nahm dabei auch Rücksicht auf Sie, Herr Kammerherr. Der Kammerherr. Auf mich? Lundestad. Unserer Partei muß die Achtung in den Augen des Volkes erhalten bleiben. Wir repräsentieren die alte, wurzelechte norwegische Ehrlichkeit. Hätte ich Stensgård im Stich gelassen, so hat er ein Dokument, Sie wissen doch – Der Kammerherr. Nicht mehr. Lundestad. Was? Der Kammerherr. Da ist es. Lundestad. Hat er es Ihnen zurückgesandt? Der Kammerherr. Ja. Persönlich ist er ein Ehrenmann; das Zeugnis muß ich ihm geben. Lundestad nachdenklich. Dieser Herr Stensgård hat viel Talent. Stensgård durch die Mitte, bleibt in der Tür stehen. Darf ich eintreten? Der Kammerherr geht ihm entgegen. Sie dürfen, ohne Zagen. Stensgård. Und wollen Sie einen Glückwunsch von mir annehmen? Der Kammerherr. Das will ich. Stensgård. Er kommt aus warmem Herzen! Und einen Strich durch alle dummen Schreibereien –. Der Kammerherr. Ich halte mich an die Taten, Herr Stensgård. Stensgård. Gott segne Sie! Der Kammerherr. Und von heut an – da Sie es so wünschen – von heut an sind Sie hier wie zu Hause. Stensgård. Ich darf – darf –? Es klopft. Der Kammerherr. Herein! Mehrere Bürger, Deputierte des Magistrats usw. Der Kammerherr geht ihnen entgegen, nimmt ihre Gratulationen in Empfang und unterhält sich mit ihnen. Thora , die inzwischen aus der hinteren Tür links eingetreten ist. Herr Stensgård, darf ich Ihnen unter vier Augen danken? Stensgård. Sie, Fräulein? Thora. Papa hat mir gesagt, wie schön Sie gehandelt haben. Stensgård. Aber –? Thora. Und wie haben wir Sie verkannt! Stensgård. Wirklich –? Thora. Sie waren ja auch selbst schuld daran; – nein, nein, wir waren schuld. O, wie herzlich gern möchte ich es wieder gutmachen! Stensgård. Sie? Sie selbst? Wollten Sie wirklich –? Thora. Wir alle; wofern es nur in unserer Macht steht – Der Kammerherr. Erfrischungen für die Herren, mein Kind! Thora. Gleich! Sie geht wieder auf die Tür zu, aus der gleich darauf das Dienstmädchen mit Wein und Backwerk tritt, die während des Folgenden herumgereicht werden. Stensgård. Lieber, trefflicher Lundestad, mir ist zumute wie einem Siegesgotte! Lundestad. So war Ihnen gestern wohl auch zumute! Stensgård. I! Heut ist es etwas anderes! Das Beste! Die Krone des Ganzen! Die Glorie, der Glanz des Lebens! Lundestad. Aha – Liebesgedanken? Stensgård. Gedanken nicht! Glück, Glück, Liebesglück! Lundestad. So hat Schwager Bastian Ihnen die Antwort gebracht? Stensgård. Bastian –? Lundestad. Ja, er munkelte gestern von so was; er hatte ja wohl versprochen, für Sie ein Wort bei einem gewissen kleinen Mädchen einzulegen? Stensgård. Ach was, Unsinn – Lundestad. Haben Sie keine Angst vor mir. Wenn Sie es noch nicht wissen, so kann ich es Ihnen sagen: Sie haben gesiegt, Herr Stensgård; ich hab's von Ringdal. Stensgård. Was haben Sie von Ringdal? Lundestad. Jungfer Monsen hat ihr Jawort gegeben. Stensgård. Was sagen Sie! Lundestad. Ihr Jawort, sag' ich. Stensgård. Ihr Jawort? Jawort? Und der Vater ist durchgebrannt! Lundestad. Aber die Tochter nicht. Stensgård. Ihr Jawort! Unter dem Eindruck eines solchen Familienskandals! Wie unweiblich! So was muß doch jeden feinfühlenden Mann abstoßen. Aber es ist ein Mißverständnis – diese ganze Geschichte! Niemals habe ich Bastian ersucht –; wie konnte das Rindvieh nur –? Gleichviel, es geht mich nichts an; was er getan hat, das mag er selbst verantworten. Daniel Hejre durch die Mitte. Hähä – große Gesellschaft; ja, natürlich; man macht seine Aufwartung, reißt sich ein Bein aus, wie man so sagt, – da darf am Ende auch ich – Der Kammerherr. Danke, danke, alter Freund! Herje. Herrgott noch einmal, Verehrtester, – mach' Dich doch nicht so gemein! Neue Gäste kommen. Sieh, – da haben wir die Handlanger der Gerechtigkeit, – – die Exekutive, – genug! Zu Stensgård. Ah, mein lieber, glücklicher junger Mann, Sie hier? Ihre Hand! Ein alter Mann versichert Sie seiner ungeheuchelten Freude. Stensgård. Freude – worüber? Herje. Sie haben mich gestern gebeten, zu ihr ein bißchen zweideutig von Ihnen zu reden, – Sie wissen doch – Stensgård. Nun ja – was weiter? Herje. Es war mir eine rechte Herzenslust, Ihrem Wunsche nachzukommen – Stensgård. Was weiter? frage ich; was weiter? Wie nahm sie es auf? Herje. Wie ein liebendes Weib, natürlich; sie kriegte es mit dem Weinen; schmiß die Tür ins Schloß; wollte nicht antworten, noch sich sehen lassen – Stensgård. Ah, Gott sei Dank! Herje. Sie sind ein Barbar! Ein Witwenherz so grausam auf die Probe zu stellen; hier herumzugehen und sich an den Qualen der Eifersucht zu weiden –! Aber die Liebe, die sieht im Finstern, – genug! denn heut, als ich vorbeifuhr, da stand Madam Rundholmen frisch und fröhlich am offenen Fenster und kämmte sich das Haar; sah aus wie ein Meerweib, mit Permission zu sagen; – ah, es ist ein tüchtiges Frauenzimmer! Stensgård. Nun, und dann? Herje. Ja, mein Lieber, und dann lachte sie wie besessen, und dabei hielt sie einen Brief empor und rief: »Ein Heiratsantrag, Herr Hejre, – ich habe mich gestern verlobt!« Stensgård. Was? Verlobt? Herje. Meinen herzlichsten Glückwunsch, junger Mann! Es freut mich unsäglich, der erste gewesen zu sein, der Ihnen melden konnte – Stensgård. Geschwätz! Dummes Zeug! Herje. Geschwätz – wieso? Stensgård. Sie haben sie nicht verstanden; oder sie hat nicht verstanden –. Verlobt? Sind Sie verrückt? Nun, da Monsen gefallen ist, ist sie doch wohl auch – Herje. Aber kein Gedanke, mein Bester! Madam Rundholmen steht auf soliden Füßen. Stensgård. Gleichviel! Ich habe ganz andere Absichten. Die Sache mit dem Brief war nur ein Scherz, eine Wette, – Sie haben's doch gehört. Lieber Herr Hejre, tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie zu keinem Menschen von dieser dummen Geschichte. Herje. Verstehe, verstehe! Es soll ein Geheimnis bleiben; was man so Romantik nennt. Ach ja, die liebe Jugend, die muß immer so was Poetisches haben! Stensgård. Jawohl, ja! Schweigen Sie nur! Ich will's Ihnen lohnen, – will Ihre Prozesse führen –; pst! ich verlasse mich auf Sie! Entfernt sich. Der Kammerherr , der inzwischen mit Lundestad gesprochen hat. Nein, Lundestad, – das kann ich unmöglich glauben! Lundestad. Ich schwör's Ihnen zu, Herr Kammerherr! Ich habe es aus Hejres eigenem Munde. Herje. Was haben Sie aus meinem Munde, wenn ich fragen darf? Der Kammerherr. Sag' mal, – hat Stensgård Dir gestern einen Wechsel gezeigt? Herje. Alle Wetter, ja! Das hat er! Was hat es damit für eine Bewandtnis? Der Kammerherr. Das sollst Du später erfahren. Aber Du hast ihm doch gesagt – Lundestad. Sie haben ihm doch eingeredet, der Wechsel wäre falsch? Herje. Ach, ein unschuldiger Spaß, um ihn in seinem Siegesrausche ein bißchen zu ducken – Lundestad. Aber Sie haben ihm doch gesagt, beide Unterschriften wären falsch? Herje. Ja, zum Henker, warum nicht ebensogut beide wie eine? Der Kammerherr. Also doch! Lundestad zum Kammerherrn. Und als er das hörte – Der Kammerherr. Da erst gab er Ringdal den Wechsel! Lundestad. Den Wechsel, den er zu Drohungen nicht mehr verwenden konnte. Der Kammerherr. Spielt den Hochherzigen; führt mich abermals hinters Licht; – verschafft sich Zutritt in mein Haus; nötigt mir Dankbezeugungen ab, – der, der –! Und solch ein Kerl –? Herje. Aber was sind das für Possen, Verehrtester? Der Kammerherr. Später; später, lieber Freund! Er zieht Lundestad beiseite. Und solch einen Kerl beschützen Sie, poussieren Sie, bringen Sie in die Höhe! Lundestad. Und Sie selbst? Der Kammerherr. O, ich hätte Lust, ihn –! Lundestad deutet auf Stensgård, der sich mit Thora unterhält. Sehen Sie dorthin. Was für Gedanken, glauben Sie, machen sich wohl die Leute –? Der Kammerherr. Die Gedanken werde ich ihnen schon austreiben. Lundestad. Zu spät, Herr Kammerherr; er hilft sich vorwärts mit Aussichten und Vorspiegelungen und Wahrscheinlichkeiten – Der Kammerherr. Ich kann auch manövrieren, Herr Lundestad! Lundestad. Was wollen Sie tun? Der Kammerherr. Passen Sie auf! Geht auf Fjeldbo zu. Herr Doktor, – wollen Sie mir einen Dienst leisten? Fjeldbo. Mit Vergnügen. Der Kammerherr. So schaffen Sie mir den Kerl da aus dem Hause. Fjeldbo. Stensgård? Der Kammerherr. Ja, den Glücksritter; ich will seinen Namen nicht mehr hören; hinaus mit ihm! Fjeldbo. Aber wie kann ich –? Der Kammerherr. Das ist Ihre Sache; ich gebe Ihnen freie Hand – Fjeldbo. Freie Hand! Wirklich? In jeder Beziehung? Der Kammerherr. Zum Henker, ja! Fjeldbo. Ihre Hand darauf, Herr Kammerherr! Der Kammerherr. Da ist sie. Fjeldbo. In Gottes Namen denn! Jetzt oder nie! Laut. Darf ich für einen Augenblick die Anwesenden um Gehör bitten? Der Kammerherr. Herr Doktor Fjeldbo hat das Wort! Fjeldbo. Ich habe die Freude, Ihnen, mit Einwilligung des Herrn Kammerherrn Bratsberg, meine Verlobung mit seiner Tochter anzuzeigen. Große Überraschung. Thora stößt einen leisen Schrei aus; der Kammerherr will etwas sagen, faßt sich aber. Man drängt sich heran, um zu gratulieren. Stensgård. Verlobung! Deine Verlobung –! Herje. Mit des Kammerherrn –? Mit Deiner –? Mit – mit –? Lundestad. Ist der Doktor von Sinnen? Stensgård. Aber, Herr Kammerherr –? Der Kammerherr. Was kann ich tun? Ich bin liberal. Ich schließe mich dem Bund der Jugend an! Fjeldbo. Dank, Dank, – und Vergebung! Der Kammerherr. Wir leben in der Zeit der Assoziationen, Herr Rechtsanwalt, – die freie Konkurrenz soll leben! Thora. Mein teurer Vater! Lundestad. Wir leben auch in der Zeit der Verlobungen; ich kann Ihnen noch von einer andern Verlobung melden – Stensgård. Es ist erfunden! Lundestad. Ganz und gar nicht; Jungfer Monsens Verlobung – Stensgård. Erlogen, erlogen, sage ich! Thora. Doch, Vater, es ist wahr; sie sind beide hier. Der Kammerherr. Wer? Wo? Thora. Ragna und der Kandidat Helle. Da drin – Auf die vorderste Tür rechts deutend. Lundestad. Helle? Der also –? Der Kammerherr. Und hier bei mir? Öffnet die Tür. Heraus, liebe Kinder! Ragna weicht scheu zurück. O, nein, nein,– hier sind so viele Menschen! Der Kammerherr. Nur nicht schüchtern! Was können Sie für das, was geschehen ist. Helle. Herr Kammerherr, sie ist jetzt heimatlos. Ragna. O, nehmen Sie sich unser an! Der Kammerherr. Das will ich. Und schönen Dank, daß Ihr Eure Zuflucht zu mir genommen habt! Herje. Ja, meiner Treu, wir leben in einer Zeit der Verlobungen; ich bin in der Lage, die Liste zu ergänzen – Der Kammerherr. Was? Du? In Deinem Alter; – was für ein Leichtsinn! Herje. Oh –! Genug! Lundestad. Das Spiel ist verloren, Herr Stensgård! Stensgård. So? Laut. Jetzt werde ich die Liste ergänzen, Herr Hejre! Eine Mitteilung, meine Herren; auch ich bin in einem Hafen gelandet. Der Kammerherr. Wieso? Stensgård. Man spielt doppeltes Spiel; man verbirgt seine wahren Absichten, wenn es nötig ist. Ich halte das für erlaubt, wenn es im Dienste des Gemeinwohls geschieht. Meine Lebensaufgabe liegt vorgezeichnet vor mir, und sie geht mir über alles. Mein Wirken ist diesem Distrikt geweiht: es gibt hier eine Gärung der Ideen, in die Klarheit gebracht werden muß. Aber dieses Werk wird nicht von einem Glücksritter vollbracht. Es muß einer der Ihrigen sein, um den sich die Leute dieses Landes scharen können. Darum habe ich nun meine Existenz fest und unlösbar mit den Interessen des Landes verbunden, – verbunden durch die Bande des Herzens. Habe ich einem oder dem andern zu Mißverständnissen Anlaß gegeben, so möge man mir verzeihen. Auch ich bin verlobt. Der Kammerherr. Sie? Fjeldbo. Verlobt! Herje. Ich kann's bezeugen. Der Kammerherr. Aber wie –? Fjeldbo. Verlobt? Mit wem? Lundestad. Es ist doch nicht etwa gar –? Stensgård. Eine Frucht von Erwägungen des Verstandes und des Gefühls. Ja, liebe Mitbürger, ich bin verlobt mit der Witfrau Rundholmen. Fjeldbo. Mit Madam Rundholmen! Der Kammerherr. Der Krämerswitwe! Lundestad. Hm. Ja so! Der Kammerherr. Mir wird von alledem ganz dumm. Wie konnten Sie denn da –? Stensgård. Manöver, Herr Bratsberg! Lundestad. Er hat viel Talent. Aslaksen sieht zur Mitteltür herein. Bitte vielmals um Entschuldigung – Der Kammerherr. Treten Sie nur ein, Aslaksen! Wollen Sie auch gratulieren? Aslaksen. I bewahre! so unverschämt bin ich nicht. Aber ich habe dringend mit Herrn Stensgård zu reden – Stensgård. Später; Sie können draußen warten. Aslaksen. Nein, zum Donnerwetter! Ich muß Ihnen sagen – Stensgård. Halten Sie Ihren Mund! Was ist das für eine Aufdringlichkeit? – Ja, meine Herren, so wunderbar sind die Wege des Schicksals. Es bedurfte eines festen und dauernden Bandes zwischen dem Distrikte und mir; ich fand eine Frau in reifen Jahren, die mir eine Heimat schaffen konnte. Nun habe ich die Haut des Glücksritters abgestreift, und da trete ich in Eure Mitte als ein schlichter Mann aus dem Volke. Nehmt mich hin! Ich bin bereit, mit Euch zu stehen und zu fallen auf jedem Posten, auf den Euer Vertrauen mich berufen mag. Lundestad. Er hat gewonnen Spiel. Der Kammerherr. In der Tat, ich muß sagen – Zu dem Dienstmädchen, das sich von der Mitteltür her genähert hat. Nun, was gibt's? Was kicherst Du? Das Dienstmädchen. Madam Rundholmen – Die Umstehenden. Madam Rundholmen? Der Kammerherr. Was ist mit ihr? Das Dienstmädchen. Madam Rundholmen steht draußen mit ihrem Schatz – Die Meisten wie aus einem Munde. Schatz? Madam Rundholmen? Aber wie –? Stensgård. Was für ein Unsinn! Aslaksen. Ja, ich sagte Ihnen doch – Der Kammerherr zur Tür hin. Herein! Herein! Bastian Monsen tritt, Madam Rundholmen am Arme, durch die Mitte ein; allgemeine Bewegung. Madam Rundholmen. Herr Kammerherr, Sie dürfen wirklich nicht böse sein – Der Kammerherr. Bewahre, bewahre! Madam Rundholmen. Aber ich mußte durchaus her und Ihnen und dem Fräulein meinen Schatz vorstellen. Der Kammerherr. Ja, ja, – Sie haben sich ja verlobt; aber – Thora. Aber, wir wußten nicht – Stensgård zu Aslaksen. Aber wie ist denn das nur –? Aslaksen. Ich hatte gestern so viel im Kopf, an so viel zu denken, meine ich – Stensgård. Aber sie hat doch meinen Brief bekommen, und – Aslaksen. Nein, sie hat Bastian Monsens Brief bekommen; hier ist Ihrer. Stensgård. Bastians? Und hier –? Er wirft einen Blick auf die Adresse, zerknittert den Brief und steckt ihn ein. O, Sie verfluchter Unglücksrabe! Madam Rundholmen. Ja, mit Freuden schlug ich ein! Man soll sich vor dem falschen Mannsvolk hüten; aber wenn ein Mannsbild es einem schwarz auf weiß gibt, daß er's redlich meint, so –. Ei, da ist ja auch der Herr Stensgård! Na, Herr Stensgård, Sie wollen mir gewiß gratulieren? Herje zu Lundestad. Wie höhnisch sie ihn ansieht! Der Kammerherr. Das will er gewiß, Madam Rundholmen –; aber wollen Sie nicht Ihrer zukünftigen Schwägerin gratulieren? Madam Rundholmen. Wem? Thora. Ragna; sie hat sich auch verlobt. Bastian. Ragna, Du? Madam Rundholmen. Ja so? Mein Schatz sagte mir ja, daß ein gewisser Herr auf Freiersfüßen ginge. Viel Glück allen beiden, – und willkommen in der Familie, Herr Stensgård! Fjeldbo. Nein, nein! Der ist's nicht! Der Kammerherr. Kandidat Helle ist's. Eine vortreffliche Wahl. Und meiner Tochter, der können Sie auch gratulieren. Madam Rundholmen. Dem gnädigen Fräulein! Na, so hatte Herr Lundestad doch recht! Gratuliere, gnädiges Fräulein; gratuliere, Herr Rechtsanwalt! Fjeldbo. Doktor, müssen Sie sagen. Madam Rundholmen. Was? Fjeldbo. Doktor! Ich bin's. Madam Rundholmen. Nee! Nu weiß ich weder aus noch ein! Der Kammerherr. Aber ich, – ich weiß erst jetzt aus und ein! Stensgård. Entschuldigen Sie – ein dringliches Geschäft – Der Kammerherr leise. Lundestad, was war doch das andere? Lundestad. Welches andere? Der Kammerherr. Nicht Glücksritter – doch das andere – Lundestad. Wühler. Stensgård. Ich empfehle mich! Der Kammerherr. Ein Wort, das zehn aufwiegt, Herr Rechtsanwalt Stensgård! Ein Wort, – ein Wort, das mir lange auf dem Herzen gelegen hat – Stensgård dem Ausgang zueilend. Entschuldigen Sie, ich habe Eile. Der Kammerherr , ihm folgend. Wühler! Stensgård. Adieu! Adieu! Ab durch die Mitte. Der Kammerherr kommt wieder zurück. Jetzt ist die Luft rein, liebe Freunde! Bastian. Und, Herr Kammerherr, Sie lassen mich nicht entgelten, was da bei uns zu Haus passiert ist? Der Kammerherr. Ein jeder fege vor seiner eigenen Tür! Bastian. Ich habe auch nicht das Geringste damit zu schaffen. Selma , die während des Vorhergehenden an der obersten Tür rechts gelauscht hat. Vater! Jetzt bist Du guter Laune; – darf er jetzt kommen? Der Kammerherr. Selma! Du! Du bittest für ihn? Und hast doch noch vorgestern – Selma. Pst; seit vorgestern ist eine lange Zeit. Alles ist gut. Jetzt weiß ich, daß er auch mal einen tollen Streich machen kann – Der Kammerherr. Und darüber freust Du Dich? Selma. Ja, weil er's kann ; aber er soll sich nicht wieder unterstehen – Der Kammerherr. Herein mit ihm! Selma wieder rechts ab. Inspektor Ringdal aus der vordersten Tür rechts. Hier ist das Abschiedsgesuch. Der Kammerherr. Danke, – aber zerreißen Sie's nur! Ringdal. Zerreißen? Der Kammerherr. Ja, Ringdal; das ist nicht der rechte Weg. Ich kann es auf andere Art sühnen, durch ernste Tat – Erik mit Selma von rechts. Hast Du Vergebung für mich? Der Kammerherr reicht ihm den Wechsel. Ich darf nicht unbarmherziger sein als das Schicksal. Erik. Vater! Noch heute werde ich mein Geschäft aufgeben, das Dir so sehr zuwider ist. Der Kammerherr. Nein, erlaube, – im Gegenteil; Du sollst es behalten. Keine Feigheit! Keine Flucht vor der Versuchung! Aber ich werde Teilhaber. Laut. Wissen Sie das Neueste, meine Herren? Ich bin in die Firma meines Sohnes eingetreten. Mehrere von den Gästen. Was? Sie, Herr Kammerherr? Herje. Du, Verehrtester? Der Kammerherr. Ja, es ist eine ehrenhafte und segensreiche Tätigkeit, – oder kann es wenigstens sein. Und jetzt habe ich auch keinen Grund mehr, mich vornehm abzuschließen. Lundestad. Ja, wissen Sie, Herr Kammerherr, wollen Sie zum Wohl des Distrikts mit Hand anlegen, so wäre es doch wahrhaftig eine Sünde und Schande, wenn ich alter Fronknecht meiner Wehrpflicht mich entziehen würde. Erik. Sie –? Wirklich –? Lundestad. Ich muß doch wohl. Nach dem Liebeskummer, der den Rechtsanwalt Stensgård heute getroffen hat –. Ich möchte um des Himmels willen den Menschen nicht jetzt in Staatsaffären hineinnötigen. Er muß sich erholen, muß reisen, das muß er! Und ich werde ihm dazu behilflich sein. Und deshalb, meine lieben Mitbürger, wenn Ihr mich brauchen könnt, so verfügt über mich. Die Anwesenden unter Händedrücken und in froher Bewegung. Danke, Lundestad! Sie sind doch der Alte! Sie lassen uns nicht im Stich! Der Kammerherr. Sehen Sie, so soll's sein; jetzt kommt alles wieder ins rechte Geleise. Aber wer ist im Grunde schuld an der ganzen Geschichte? Fjeldbo. Sie, Aslaksen, – die Frage müssen Sie beantworten können – Aslaksen erschrocken. Ich, Herr Doktor? Ich bin so unschuldig wie das Kind im Mutterleibe! Fjeldbo. Aber der Brief, der –? Aslaksen. Ich war nicht schuld, sage ich! Sondern die Urwahl und Bastian Monsen und das Schicksal und der Zufall und Madam Rundholmens Punsch; – es war keine Zitrone drin, und ich stand gerade da mit der Presse in der Hand – Der Kammerherr näher. Wie? Was? Mit was? Aslaksen. Mit der Presse, Herr Kammerherr – Der Kammerherr. Die Presse! Da haben wir's! Habe ich nicht immer gesagt, daß in unseren Tagen die Presse eine außerordentliche Macht hat? Aslaksen. Aber, Herr Kammerherr – Der Kammerherr. Keine unzeitige Bescheidenheit, Herr Aslaksen! Ich habe bisher Ihre Zeitung nicht gelesen; fortan will ich sie lesen. Dürfte ich um zehn Exemplare bitten? Aslaksen. Sie können sogar zwanzig haben, Herr Kammerherr! Der Kammerherr. Na also. Danke schön. So schicken Sie mir zwanzig! Und sind Sie mal in Geldverlegenheit, so kommen Sie zu mir; ich will die Presse unterstützen; aber das sage ich Ihnen im voraus, schreiben tue ich nichts dafür. Ringdal. Aber, was hör' ich da! Ihre Tochter ist verlobt! Der Kammerherr. Ja, was sagen Sie dazu? Ringdal. Herrlich, sage ich! Aber wann ist es denn geschehen? Fjeldbo hastig. Ach, das werde ich später – Der Kammerherr. Lassen Sie sich sagen, – das ist letzthin am siebzehnten Mai geschehen. Fjeldbo. Wie –? Der Kammerherr. Denselben Tag, da die kleine Ragna – Thora. Papa, Papa, Du hast gewußt –? Der Kammerherr. Ja, meine Lieben, ich habe es die ganze Zeit gewußt. Fjeldbo. O, Herr Kammerherr –! Thora. Aber wer hat –? Der Kammerherr. Ein andermal müßt Ihr jungen Mädchen etwas leiser reden, wenn ich im Erker sitze und mein Schläfchen halte. Thora. O Gott! Du hast hinter der Gardine gesessen? Fjeldbo. Jetzt verstehe ich auch Ihr Benehmen – Der Kammerherr. Ja, Sie, der Sie den Mund nicht auf tun konnten! Fjeldbo. Was hätte es genützt, wenn ich früher gesprochen hätte! Der Kammerherr. Sie haben recht, Fjeldbo; was dazwischen liegt, das mußte hinzukommen. Thora leise zu Fjeldbo. Ja, schweigen kannst Du. Diese ganze Geschichte mit Stensgård, – warum bekam ich nichts davon zu wissen? Fjeldbo. Wenn ein Habicht den Taubenschlag umkreist, so hütet und beschützt man sein Täubchen, aber man ängstigt es nicht. Ihr Gespräch wird durch Madam Rundholmen unterbrochen. Herje zum Kammerherrn. Du, – Du mußt wirklich entschuldigen; aber unsere Prozeßangelegenheiten, die müssen wir auf unbestimmte Zeit vertagen. Der Kammerherr. So? Na ja doch! Herje. Ich will Dir nämlich sagen, ich habe eine Stelle als Reporter bei Aslaksens Zeitung angenommen. Der Kammerherr. Das freut mich. Herje. Und Du wirst selbst einsehen, – die vielen laufenden Geschäfte – Der Kammerherr. Gut, gut, mein alter Freund; ich kann warten. Madam Rundholmen zu Thora. Ja, ich habe weiß Gott blutige Tränen um den schlechten Menschen geweint. Aber nun danke ich meinem Schöpfer für Bastian. Der andere, der ist falsch wie Schaum auf dem Wasser; und dann ist er so unverschämt mit den Zigarren, Fräulein; und dann will er es für alle Tage so lecker haben, – er ist der reine Vielfraß! Das Dienstmädchen von links. Es ist angerichtet. Der Kammerherr. Na, dann bitte ich Sie alle zu Tisch. Herr Gutsbesitzer Lundestad, Sie sitzen neben mir; und Sie auch, Herr Typograph Aslaksen. Ringdal. Da wird es reichlichen Stoff zu Trinksprüchen geben! Herje. Ja, und es ist wohl nicht unbescheiden, wenn ein alter Mann sich den Toast auf die teuren Abwesenden vorbehält. Lundestad. Ein Abwesender, der kommt wieder, Herr Hejre. Herje. Der Rechtsanwalt? Lundestad. Ja, passen Sie auf, meine Herren! In zehn bis fünfzehn Jahren sitzt Stensgård im Reichstag oder im Ministerium, – vielleicht in beiden zugleich. Fjeldbo. In zehn bis fünfzehn Jahren? Ja, aber dann kann er nicht mehr dem Bunde der Jugend präsidieren. Herje. Warum nicht? Fjeldbo. Nein, – weil er dann von recht zweifelhaftem Alter sein wird. Herje. Aber dann kann er ja dem Bund der Zweifelhaften präsidieren, mein Lieber! Das meint Lundestad auch. Er sagt ungefähr wie Napoleon: die Zweifelhaften, sagt er, sind der Stoff, woraus man Politikusse macht, hähä! Fjeldbo. Dem sei nun, wie ihm wolle, – unser Bund soll bestehen in jungen wie in zweifelhaften Tagen. Und er soll der Bund der Jugend sein und bleiben. Als Stensgård seinen Verein stiftete und im Rausch und Jubel des Freiheitstages auf die Schultern des Volkes gehoben ward, da sagte er: »Mit dem Bund der Jugend steht die Vorsehung im Bunde!« Was uns betrifft, so denke ich, wird selbst unser Theologe da das Wort gelten lassen. Der Kammerherr. Das denke ich auch, meine Freunde; denn wahrlich, – wir taumelten und tappten in Torheit; aber gute Engel standen hinter uns. Lundestad. Ach, helf uns der liebe Himmel, – die Engel, die waren doch nur so so. Aslaksen. Das liegt an den lokalen Verhältnissen, Herr Lundestad! Der Vorhang fällt.