Heinrich Hoffmann Die wundersamen Heilungen welche der heilige Rock in Trier zur Zeit seiner Ausstellung im Jahre 1553 an elf frommen Pilgern erwirkt hat Getreu nach einer alten, kürzlich wieder aufgefundenen Handschrift dargestellt von Joseph Dunkel Daß dieser Bericht nichts enthalte, was dem Glauben und den guten Sitten widerstreite, davon kann sich jeder selbst überzeugen. (Bericht etc.) Einleitung Die Fügungen der Vorsehung sind so höchst wunderbar, daß der schwache Erdensohn nichts anderes kann als glauben und vertrauen. Aufklärungssucht und Unglaube der Neuzeit meinten in ihrem Dünkel, sie hätten bereits so viel (falsches oder Irr-) Licht über die Welt gebreitet, daß an eine Wiederkehr der Periode der Wunder nun und nimmermehr gedacht werden könne. Siehe aber, da haben die neuesten merkwürdigen Vorgänge Vgl. Bericht über die wunderbaren Heilungen, welche sich zur Zeit der öffentlichen Ausstellung des heiligen Rockes unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi in dem hohen Dom zu Trier vom 18. August bis 6. Oktober 1844 an elf frommen Pilgern ereignet. Mit Approbation der geistlichen Obrigkeit. Luxemburg. Verlag der Luxemburger Zeitung. 1844. 8°. (Preis 12 Kr.) in Trier zur Überzeugung bewiesen, wie lügenhaft eine solche prosaische Voraussetzung war, oder wenigstens, wie schlecht es mit der sogenannten Welterleuchtung stehen müsse. Über eine Million Gläubige zog in diesen Herbsttagen von allen Seiten herbei, um der im hohen Dom zu Trier ausgestellten Reliquie ihre Verehrung und der bedürftigen Kirche ihre Opfergaben darzubringen. Und wie wurden ihre Wünsche befriedigt! Nicht allein daß Wankende im Geiste gestärkt, Strauchelnde gestützt, Zweifelnde beruhigt wurden, elf Pilger sahen sich (und wir mit ihnen) durch das heilige Gewand von unheilbaren Gebrechen gänzlich wiederhergestellt; ein Mann, zwei Knaben und acht Weiber oder Mädchen hat die Berührung der gebenedeiten Reliquie von jahrelangem Leiden befreit. Ein Zweifel an der Echtheit dieser Wunder kann unmöglich aufkommen. Als Gewährsmann steht uns der (zwar ungenannte) Korrespondent der Luxemburger Zeitung da, eines Blattes, das nur einen Zweck im Auge hat und unmittelbar unter kirchlichem Einfluß steht, und seine Aussagen werden unterstützt von einigen (uns zwar unbekannten) Pfarrern und Schulmeistern der Umgegend. Wer auffallend finden wollte, daß von den elf Heilungen sich sieben auf unbrauchbar gewordene Beine bezogen haben, dem rufen wir zu: Und wenn auch, sind es deshalb weniger Wunder? Ja, wir sehen darin nur die schöne Bedeutung, daß die Sache des alleinseligmachenden Glaubens mit Riesenschritten vorwärts gehen, und daß selbst in die Schwachen die Kraft gelegt werden soll, der Hyder des Unglaubens und der Zwietracht den Kopf zu zertreten. – Niemand möge sich beirren lassen, daß über jene Ereignisse keine authentischen ärztlichen Zeugnisse vorliegen. Die Doktoren ziehen sich bei solchen Gelegenheiten gern zurück, wo sie doch nur die schwachen Seiten ihrer Kunst bloßgeben müßten. Und welches Gewicht könnten wir auch ihren Worten verleihen, da sie ja doch die Krankheiten nicht durch ihre Taten zu bessern im Stande waren Als dieser Aufsatz mir zukam, war die bekannte ärztliche Hilfsbroschüre noch nicht erschienen, durch welche jene Reliquie eigentlich erst offizinell gemacht werden sollte. . Hunderte von Personen haben die Geheilten wenigstens nach dem Vorgange gesehen; wer darf da noch zweifeln? Und wer zweifelt, der glaubt nicht; und wer nicht glaubt, der ist verdammt und verloren in Ewigkeit! Einen neuen Beleg für die Wahrheit jener Mitteilungen (obgleich die Wahrheit nicht wahrer sein kann, als sie ist) dürfte nun gegenwärtige Schrift liefern, zu deren Auffindung und Veröffentlichung mich, einen allerdings Unwürdigen, der Himmel ausersehen hat. Jeder weiteren Betrachtung mich enthaltend, will ich vor allem nun einfach erzählen, wie ich zu dem Manuskripte gekommen bin, aus dem das Nachfolgende entnommen ist. Am 17. September d. J., dienstags abends gegen 7 Uhr, kam ich müde und in einer mir unerklärlichen Weise plötzlich erschöpft, auf der Rückfahrt von Trier, wo ich mit unzähligen andern zum Heile meiner Seele und zur Erbauung meines Herzens bei dem heiligen Rock gebetet hatte, in das Dörfchen Filzen unweit der Mosel. Ich war zu Fuße gepilgert und hatte mir vorgesetzt, an demselben Abend noch Bernkastel zu erreichen; aber meine große Müdigkeit zwang mich für heute, in dem kleinen Dorfe zu rasten. Bald war das einzige unscheinbare Wirtshaus gefunden. Auf die Frage, ob ich hier wohl übernachten könne, wurde mir die Antwort, das Haus sei von Pilgern schon ganz übermäßig besetzt, sogar in der Küche hätten sie ihr Lager aufgeschlagen; wenn ich mich aber mit dem Boden oben behelfen wolle, so sei noch Rat zu schaffen, und ein Strohlager sei schnell bereitet. Da ich nicht zu wählen hatte, war mein Entschluß bald gefaßt, zumal da aus dem unteren Räume des Hauses mir ein wüster Lärm ausgelassener Burschen und laute Tanzmusik entgegenjauchzte, ich auch gar nicht in der Stimmung war, in der Nähe dieses wilden Gesindels die Nacht zu verbringen. Außerdem mußte ich jede Mühseligkeit und Entbehrung ja auch als eine Fügung des Himmels betrachten, womit derselbe mich auf meiner Wallfahrt begnadigen wollte, und die gewiß zur Reinigung meines Herzens von Sünden dienen konnte. Und wie gut hatte es der Himmel mit mir gemeint! Ich bestellte mein einfaches Abendbrot, und stieg mit dem Wirte die steile Treppe hinan. Er wies mich in eine kleine Dachkammer, in der wegen aufgehäuften alten Hausrates und Wirtschaftzeuges kaum der nötige Platz für ein dürftiges Streulager sich gewinnen ließ. Dies wurde denn auch hergerichtet. Der Wirt brachte mein Essen, und indem er mir eine gute Nacht bot, bemerkte er noch: »Wenn der Herr vielleicht Lust hat zu lesen, so findet er dort in der Kiste allerlei Bücher. Es ist zwar altes Zeug; anders haben wir aber nichts im Hause.« – Ich dankte, verzehrte mein Abendbrot; dachte aber nicht daran, von des Wirtes Anerbieten Gebrauch zu machen, sondern, ermüdet wie ich war, wollte ich versuchen, mich durch Schlaf zu stärken. Das war jedoch nun ganz unmöglich, denn der Lärm, das Geschrei und das Musizieren in der unteren Wirtsstube nahm auf eine so greuliche Weise zu, daß ich kein Auge schließen konnte. So mußte also doch die Bücherkiste heran. Ich zog sie mit einiger Anstrengung unter vielem zerbrochenen Geräte hervor, öffnete sie und hatte nun eine ziemliche Anzahl alter, meist gleichmäßig in Pergament gebundener Bücher vor mir. Es waren meist Werke theologischen Inhalts in lateinischer Sprache, z. B. einige Bände »Baronii annales ecclesiasticae«, ein Teil von Margarin de la Bignès »Magna bibliotheca«, ein Band von »Sancti Augustini opera edit. Erasm. Bas.« und einige andere Kirchenväter, zum Teil sehr wertvolle, aber leider inkomplette Werke. Ferner erinnere ich mich, noch mehrere Bände des großen topographischen Werkes von Merian daselbst gesehen zu haben. Es waren auch noch andere Bücher vorhanden; aber alles dies vergaß ich, so sehr überraschte mich eine Schrift, die mir nun zu Händen kam und mir bald so wichtig schien, daß ich der andern Drucksachen gar nicht mehr gedachte. Es war dies ein mäßiger in rauhes Pergament gebundener Oktavband; er enthielt erstens eine Abhandlung von J. Reinold, welche zu Oxford unter dem Titel erschienen ist: J. Reinold: De rom. eccles. idolatria libri 2. Oxford. 1596 Zweitens war ein sehr defektes Exemplar des folgendes Buches darin: J. Musaeus: De usu principiorum rationis et philosophiae in controversiis theologicis etc. Jen. 1644 Von diesem Werke war aber kaum die kleinere Hälfte vorhanden. Außer diesen beiden Büchern aber, die den bei weitem größten Teil, wohl neun Zehntel ausmachten, fand sich nun noch eine Handschrift beigebunden, die, wie ich bald sah, von der allergrößesten Wichtigkeit und von dem bedeutungsvollsten Inhalte war. Sie war auf gelbliches, ziemlich rauhes und mitunter beflecktes Papier mit einer festen, aber doch nicht sehr leserlichen Hand geschrieben. Hie und da war sie leider beschädigt, auch fehlten am Anfang mehrere Blätter, deren Verlust nicht genug bedauert werden kann. Auf der Innenseite des Deckels neben dem Titel des ersten der obigen Bücher stand folgende, augenscheinlich nicht von derselben Hand, wie das Manuskript, herrührende Bemerkung: 3° inest: Descriptio miraculorum undecim exposita sancta tunica Treviris anno Dom. 1553 factorum. Contulit ex narratione testium et quod ipse adspexit Hillinus Wernerus, ludimagister Trevirensis. (Drittens steht hier innen: Beschreibung der elf Wunder, welche durch den in Trier im Jahr 1553 ausgestellten heiligen Rock geschehen sind. Nach der Erzählung der Augenzeugen, und soweit er sie selbst gesehen hat, stellte sie zusammen Hillin Werner, Schulmeister zu Trier.) Man kann sich denken, mit welch freudiger Hast ich diese merkwürdigen Blätter durchflog. Ich hatte ein unverwerfliches Zeugnis für die Wunderkraft der heiligen Tunika und ein höchst achtungswertes, bis jetzt unbekanntes Denkmal für die Glaubensstärke früherer Zeiten vor mir. Mehrmals las ich das kleine Heftchen durch, und die Morgensonne traf mich noch wach bei derselben Beschäftigung, und obgleich ich gar nicht geschlafen hatte, so fühlte ich mich doch so sehr gekräftigt und gestärkt, daß ich diese Stärkung selbst fast für ein Wunder anzusehen geneigt sein möchte. Auf mein Befragen erzählte mir nun der Wirt, die Bücher stammten ursprünglich aus der Bibliothek des nahe gelegenen Klosters Clausen. Wirklich fanden sich auch auf fast allen Bänden die Initialen M. E. (Monasterium Eberhardense). Als zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die Moselgegend durch die Franzosen heimgesucht worden wäre, sei ein Teil dieser Büchersammlung zerstreut worden; die Bücher auf seiner Kammer aber seien vor sechs Jahren in Besitz eines Pfarrers bei Filzen gewesen, und nach dem Tode dieses Geistlichen seien sie an ihn gekommen, da er sie mit anderem Hausgeräte aus dem Nachlasse für eine unbezahlte Schuld habe annehmen müssen. Längst habe er alles verkaufen wollen, aber es habe ihm die Gelegenheit dazu gefehlt; Bücherfreunde kehrten selten bei ihm ein, und die Kiste nach Trier zu fahren, sei ihm zu kostspielig gewesen. Er bot mir nun den ganzen Vorrat an, ich aber hatte nur mein kleines Büchlein im Auge, was ich ihm denn auch für 5 Silbergroschen abhandelte. Ich bezahlte meine Rechnung und pilgerte weiter meiner Heimat zu. Das Haus aber, wo dies geschah, heißt Zum schwarzen Fuchs; es ist das sechste von der Kirche an der rechten Seite, wenn man von Trier kommt; der Wirt nennt sich Tobias Rollmann, und bei ihm kann sich jeder nach der Wahrheit dieser Mitteilung erkundigen. So hatte ich denn ein Kleinod in der Tasche, welches ich nicht um alle Schätze der Welt hergegeben hätte, und das ich sorgfältig bewahrt nach Hause trug. Aber ein solcher Schatz soll nimmer in meiner stillen Kammer vergraben bleiben; das Licht soll auf den Leuchter und nicht unter den Scheffel gestellt werden; alle, die es sehen, sollen sich an seinem Glanze erfreuen und in seinen Strahlen erwärmen. Ob diese Mitteilungen Glauben verdienen, ist eigentlich eine Frage, die gar keine Beantwortung verdient. Ich frage jeden unbefangenen Leser, ob er einen Grund weiß, der ihn in Wahrheit zwänge, von diesen Heilungen aus dem 16. Jahrhundert anders zu denken als von den jüngst in Trier geschehenen. Oder glaubt er, daß, was heutzutag in leider so gottloser Zeit der heilige Rock in Trier vermocht hat, vor dreihundert Jahren unter viel frömmeren Menschen nicht in viel höherem Grade hat stattfinden können? Wenn wir überhaupt einmal eine Wunderkraft zugeben – und wer wagt sie zu leugnen? –, wer gibt uns dann ein Recht zu sagen: Hier ist die Grenze! Wenn durch ein Wunder das für unsern Verstand unmöglich Scheinende, das Unerklärliche geschieht, warum darf nicht auch das Unmöglichste, das Unerklärlichste geschehen sein? Ich bin weit entfernt davon, bei irgendeinem Umstand zu zweifeln, den die aufgefundene Urkunde erzählt; ja, ich sehe vielmehr darin einen wichtigen Beitrag für die Glaubwürdigkeit der neuen Vorgänge. Und nun noch zuletzt ein paar Worte über die Abfassung und Herausgabe der nachfolgenden Blätter. Wer die Sprache und Ausdrucksweise jener Zeit kennt, wo unser Manuskript abgefaßt worden ist, wird es gewiß natürlich finden, daß ich keinen wörtlichen Abdruck des Urtextes der Öffentlichkeit übergebe. Ein solcher würde für die Mehrzahl der Leser und namentlich der unteren Klassen, für welche solche Schriften ja immer zumeist berechnet sind, fast unverständlich und ungenießbar geworden sein, um so mehr wenn man bedenkt, daß ein Trierer Schulmeister des 16. Jahrhunderts wohl ein glaubwürdiger, aber schwerlich trotz seines Amtes ein sehr korrekter Erzähler sein konnte. So blieb also nur die Wahl, den Bericht ganz und gar zu modernem Stil und gebräuchlicher Redeweise umzuschreiben, oder den Mittelweg einzuschlagen, und nur das Unverständliche und gar zu Schwerfällige zu ändern, im ganzen aber der Darstellung jene eigentümliche Färbung des Alters, die aerugo vetustatis zu lassen, welche dieselbe als unbestreitbar echt charakterisieren muß. Und dies habe ich denn auch getan und hoffe, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Noch will ich hinzusetzen, daß alsbald eine Ausgabe des Urtextes nachfolgen soll, von dessen Übereinstimmung mit dieser Bearbeitung man sich einstweilen leicht bei mir überzeugen kann. Bis ersteres aber geschehen sein wird, möge jeder Zweifler und Leugner Angriffe und Verdächtigung versparen! – So gehe denn hin in die Welt, mein Büchlein! Und mögen alle, denen du in die Hände fällst, durch dich auf den Weg der Wahrheit und Erkenntnis weiter befördert werden! Im November 1844 Joseph Dunkel aus Winkelheim in Westfalen Beschreibung der elf Wunderheilungen so durch den in Trier im Jahr 1553 ausgestellten heiligen Rock geschehen sind (Der Herausgeber hat schon einleitend bemerkt, daß der Anfang des Manuskripts defekt ist. So fehlen zu seinem und gewiß auch des Lesers Leidwesen schon die ersten fünf bis sechs Blätter, die fünf folgenden aber sind so beschädigt und verdorben, daß nur einzelne Zeilen und Sätze deutlich zu lesen sind. Ohne sich in gewagte und hier gewiß unstatthafte Ergänzungen einzulassen, soll nur das gegeben werden, was ein klares Verständnis zuläßt. Aus dem, was vorhanden ist, scheint hervorzugehen, daß der Eingang eine Beschreibung der Feierlichkeit überhaupt enthielt.) – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – von Cleve, Graf von Dietz und viel andere Edele Herren, samt viel Volks und Gesinde Einzug hielten, – – – – –. – – – – gar große Frömmigkeit und Gebet allenthalben war, was alles Herr Erzbischof Johannes zu Ehr und Gedeihen der Kirch also verordnet hatte. – – – – – viel Zerknirschung der Herzen und Bereuung der Sünden – – –. – – – Auf St. Margretentag entstund ein solch Gedräng an der Simmerespfort, daß viel Menschen und auch Weiber niedergetreten und arg geschädiget wurden. Zwo Kinder blieben tot. War auch selbigen Tags ein wütiger Hund in der Stadt, biß mehrere. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – am sechsten Tag große Mess in St. Peters Kirch, wo die Erzbischöf von Mainz, von Köln, der Bischof zu Speyer und weltliche große Herren in Meng zugegen waren und auch gläubiges Volk also viel, daß es unzählig war. Allesamt aber waren sie sehr auferbaut und im Glauben gestärket durch Anbetung des heiligen Kleides unseres Herrn. Und es geschahen auch an selbigem Tag zwo wunderbare Heilungen, gleichwie auch in den Tagen vordem geschehen war. Wurden auch sechs Dieb ertappt und eingefangen, so zween Tag nachher gehangen wurden. – – – – – – zu St. Lorenzenkirch gewesen, wo diaconus Ignatius die Predigt gehalten. Selbiger aber sagte gar fein, wie der ungenähte Rock ein Symbolum sei der ungetrennten heiligen Kirch, und fuhr gar wild gegen die Ketzer und Schismatiker her, gegen den verstorbenen Lutherum und andere Ketzerhäupter, so täten, was sich die Kriegsknecht und Henker Selbsten nicht getrauet, nämlich zerschneiden die Kirch und das Kleid Jesu Christi. War schad, daß keiner zugegen war, wär ihm sonst von den Leut wohl schlecht mitgespielet worden, daß ihm das Ketzern hinfür sollte vergangen sein. – – – kommt immerfort noch viel Volks herbeigeströmt, zu beten zu dem heiligen Rock, um Vergebung der Sünden zu empfangen. Viel gläubige Leut, aber zumeist hungrig, arm und elend anzusehen. Schleppen auch allerlei Krankheit und Gebreste mit; geschiehet manche Heilung und Wunder. Folgenden Tages aber war erquicklich zu schauen der Umgang der Nunnen zur Scheuer, derer von St. Agnes und St. Katherinen. Wohl an siebzig Nunnen waren da, adlig und gemein, schön und häßlich, junge und auch alte; gingen gesenkten Hauptes und sungen gar liebliche Weisen und Lieder zu Ehren des heiligen Kleids und zogen in St. Peters Kirch. Selbigen Abends ward eine zu St. Agnes durch einen Herrn von Hohlbach mit Gewalt entführet, eine junge nämlich. Der Stadt-Rat mußte die Zahl der gewapptenen Knecht und Feldwächter vermehren, dieweil durch das immer mehr zukommende Volk die Wege, ja sogar die Gassen nachts nicht mehr sicher waren, und sich viel Gesindel hineingeschlichen hatte. War auch in diesen Tagen in der Herberg zur Blum auf dem Markt ein greulich Gestreite und Schlägerei. Verhielt sich damit also. Aus Frankreich wohnten daselbst zwei Franzosen; die sagten aus, der wahr heilig Rock sei bei ihnen in Argenthal (»Argenteuil«) bei der Hauptstadt Paris in einem Kloster aufgehangen, der in Trier aber sei ein nachgemachter und verlogener. Darauf die Gast, einheimische und fremde, diese Lügenmäuler arg zerschlugen und ihnen ihre unheilige Rock vom Leib rissen. Wurden aber beide nächsten Tags aus der Stadt gejagt. Am zehnten Tag nach St. Margaretentag ward mit großer Feier und Zeremonie das heilige Kleid wieder verschlossen und versiegelt, was ich aber mit anzusehen nicht imstande war, da mir Tags zuvor ein dicker Limburger in der Kirch dergestalt auf den Fuß getreten, daß selbiger selbst sehr geschwollen und rot war, und ich mich nicht vor die Tür getraute. Hat auch eine Münz mit dem Rock gar für nichts genützet. Während der zehn Tage sind wohl an zweimal hunderttausend Menschen in Trier gewesen, und ist weiter gar kein Unglück oder Störung vorgekommen, vielmehr alles zum Heil der Kirche und Glorie hiesiger Stadt aufs beste durchgeführet worden. Ist zwar einigermaßen Teuerung eingetreten, also daß Brot und Fleisch wohl auf das Zwofache kamen; wer aber soviel hatte, brauchte nicht Hunger zu leiden. Und was denen anderen an leiblicher Nahrung gebrach, das haben sie reichlich in geistiger Kost zu ihrer Seelen Erquickung gefunden. Eins aber will ich nun noch erzählen, von dem ich bis dahin mit Grund geschwiegen, nämlich von denen Wundern und Heilungen, so der heilige Rock in diesem Jahr der Gnad unter uns gewirkt hat. Es waren deren elf, so viel mir bekannt geworden; mögen aber noch mehr gewesen sein, wie ich am End bemerken will, wovon ich nichts erfahren hab. Solches aber gescheh', auf daß die, so es lesen, auch daran glauben sollen! Ich hab alles zum Teil selbst gesehen oder doch von glaubwürdigen Personen erzählt. Erste Wunderheilung Heilung der Hanne Fischer aus Trier, und wie es nächsten Tages aussah Was ich hier erzähle, hab ich mit meinen Augen gesehen und kann's bezeugen. Ein armselig Dirnlein, mit Namen Hanne Fischer, wohnt in Trier, und jedermann kennt sie. Selbige hat ein kurz verbogen Bein, litt viel reißende Schmerz, und kunnte mit dem Stock kaum fürbaß. Am vierten Tag in der Früh ging sie zum heiligen Rock und glaubte fest, da würd ihr geholfen. Da sie nun den Rock berühren dürft, so tat sie es. Fiel aber mit einem lauten Schrei für tot hin, und lag eine Zeitlang. Wie sie aber wieder zu sich war, stund sie auf und ging grad und geheilt ohne Stock aus der Kirch, und lobte Gott. Hinkte zwar noch ziemlich, sah ich's aber doch mit meinen Augen. Da ich sie nun folgenden Tags wieder sah, war ihr Fuß grad wie vordem krumm, und sie ging auch wiederum mit dem Stock, also daß die Heilung für nicht lang war. Mag sie wohl sündhafte Gedanken in der Nacht geheget haben, daß es nicht Bestand hielt Wie richtig und der Sache gemäß erklärt der gute Schulmeister nicht diesen Umstand! Hier lernt, Ihr Schwachgläubigen! Was kein Verstand der Verständigen sieht, Das ahnet in Einfalt ein gläubig Gemüt. . Zweite Wunderheilung Ein lahmer Bauer wird ganz gesund Nicklas Bopt, ein Mann aus Ürzich, ist oft in die Stadt gekommen und hat er kein Wehtum gehabt. Am sechsten Tag aber kam er auf Krücken, und litt einen großen Schmerz im linken Bein; das war krumm geworden seit zwei Tagen, und er kunnte nicht auftreten denn mit den Zehen vorn und nur mit den Krücken fort. Er sah aber sehr abgehärmt und leidmütig. Den ganzen Morgen hindurch betete er in der Kirch und rief laut den Rock um Hilf an, so daß aller Augenmerk auf den frommen Mann fiel. So machet uns Leid und Krankheit wohl für den Himmel geschickt, denn vordem war er nicht also, sondern dem lustig Leben mehr zugetan als der Frömmigkeit, und der Wirtsstuhl war ihm ein bequemer Stück als der Betstuhl. Um Mittag aber, als die Kirch ganz voll Leut war und auch viel vornehme Herrn und Fraun, kroch er hinauf zum heiligen Rock, und berührte selbigen. Sogleich aber schrie er: Was kracht denn da? und warf er seine Hölzer weg, und stund fest auf den Beinen beid und ging herunter, denn er war geheilt. Da lobte er Gott und seinen Rock und ging überall in der Kirch umher und sammelte viel Geld in seinen Hut. Auch zog er durch die Stadt und viel Volk hinter ihm, und überall gab man ihm Almosen reichlich. Wohl an sechzig Gulden mag er also an selbigem Tage zusammen gehabt haben. Daß der Bopt aber gut geheilet war, gehet schon daraus herfür, daß er am Abend bis spät nachts in einer Schenke über der Mosel getanzt hat, ohne daß er müde wurde. Hätt sich mancher wohl gern auch also geheilt, wenn er gekunnt hätt. Dritte Wunderheilung Wunderbare Heilung des stummen Jost Karger, eines Trierers, und wer den meisten Vorteil dabei hatte In der Stadt lebte um selbige Zeit ein Mann, mit Namen Jost Karger, wohl siebzig Jahr alt. Was mit dem nun geschehen ist, habe ich selber mit angesehen. Der Mann hatte vor Jahren ein schön Geld und viel Gut zusammengebracht, da er auf Pfand lieh und viel Zins nahm, auch auf anderlei Art, so nicht immer gar löblich gewesen sein mag. War auch, wie solches sein Name besagt, geizig und von hartem Herzen und gab nicht gern her, sondern saß auf seinem Geld und hielt es. Von Beten und Kirchgehen hat er niemals viel verstanden; jetzt aber war er seit drei Jahren schon sehr krank und elend, ja seit etlichen Monaten gänzlich der Sprach beraubt. Die Mönche des Dominikanerordens waren eifrig dabei, ihn zu bekehren und zur Bereuung seines Wandels zu bringen; hatten dabei aber keinen sonderlichen Erfolg zu sehen, indem der Karger weder zu sprechen noch ein Testament zu machen imstande war. So trug man ihn an selbigem sechsten Tage Nachmittag drei Uhr in St. Peter, auf daß er den Rock berühre. Das geschah auch; sowie er aber die Hand hingebracht hatte, schrie er einmal laut auf und fiel um und war tot. Und das war wahr, denn ich selbst sah ihn alsbald für tot hinaustragen. Die aber zunächst ihm standen, sagten aus, er wäre durch ein Wunder wieder der Sprach teilhaftig gewesen und habe gerufen: Die Kirch soll mein Erb sein. Hat's zwar sonst niemand gehört, muß aber doch so gewesen sein, denn bald danach war sein Haus in der Diederichsgass' mit allem, was drinnen war, sowie auch sein Garten vor dem Martinstor in des Domstifts Händen. Vierte Wunderheilung Wie die Gertrud Gundelin mit einem Male groß ward und ihre Kleider mit ihr Am andern Tag begab sich folgendes wunderbare Begebnis bei dem heiligen Rock. Von Pfalzel her, wo sie wohnte, hatte sich die Gertrude Gundelin nach der Stadt aufgemacht. Die war aber ganz verwachsen und krumm und hatte einen Buckel vorn und hinten einen und war so klein und verbogen, daß sie fast an der Erd kroch und nicht höher war denn ein Kind von sechs Jahr. Dabei litt sie sehr am Gichtschmerz in beiden Beinen und kunnte kaum ein Glied rühren. Selbige mochte damals vierzig Jahr zählen; sie war aber fromm und lebte von Almosen. Da sie nun verhoffte, durch Anbetung des heiligen Rocks eine Linderung ihres Gebrestes zu erlangen, war sie gekommen, und war ihr die Erlaubnis erwirket worden, das Kleid berühren zu können. Als sie sich nun durch das Volk durchgedrängt hatte, stieg sie die Stufen hinan und berührte das Kleid. Sogleich aber warf es sie nieder und sie schrie: Ei! du mein Gott! Dann verfiel sie in eine tiefe Ohnmacht und schrie in einem fort. Dabei nun verlor sich der Buckel hinten und der vorn, sie wurde groß und grad, und als sie aufstund, war alles grad geworden, was an ihr krumm war, so daß sie in etlichen Augenblicken so wohl gebaut schien wie eine andre Weibsperson, und maß gut fünf Fuß trierisch Maß. Ihre Kleider aber waren nicht mitgewachsen, so daß dieselben ihr knapp bis an die Knie heruntergingen. Da rief einer, der nah stund, sie solle auch ihre Kleider berühren, und das tat sie. So wie sie aber mit ihrem Rock den heiligen Rock berühret hatte, wuchs auch der, bis er ihr zurecht war, und so verließ sie wohlgewachsen und wohlgekleidet die Kirch und lobte Gott und hatte keine Schmerzen mehr. Und alle, die das sahen, glaubten es. Ich aber hab dies Wunder erzählt von meiner Nachbarin im Laden; die hat es von einer gehört, die es auch gehört hat. Lauter rechtliche und glaubliche Leut! Fünfte Wunderheilung Ein Bauer heilt seinen Sohn und seine Schafe Am dritten Tag kam ein Bauer, Veit geheißen. Der war im Dorf Longwick seßhaft und hatte einen kranken Sohn, der am Wurm litt, und die Ärzte gaben ihn auf und kunnten des Wurms nicht Meister werden. Der Mann aber war arm und hatte nicht, um nach der Stadt zu gehen; da schor er die drei Schaf, so er hatte, und verkaufte die Wolle für neun Pfennig und ging nach der Stadt. Allda ging er in die Kirch, betete viel und ließ ein klein Kreuz, wie es Landleut tragen, an den Rock rühren; damit zog er wiederum nach Longwick. Von den neun Pfennig aber hatte er vier gebraucht zur Zehrung, und fünf hatte er der Kirch geschenkt. Als er nun daheim war, gab er das Kreuzlein dem Sohn, und ward der gesund und blieb's auch. Der Bauer aber vermeinte, des Guten könnt nie zu viel sein, und bestrich selbigen Abends seine drei Schaf mit dem Kreuz, als es sie vor Seuch und Krankheit bewahren mög. Am nächsten Morgen besah er die Schaf, und war schier verwundert. Über Nacht war einem der Schaf die Woll wieder ganz lang gewachsen und dem andern genau zu zwo Dritteln; das andere Drittel aber und das letzte Schaf war kahl geblieben. Solchergestalt kunnte er wieder für fünf Pfennig Woll verkaufen, so viel er der Kirch geschenkt hatte; vier Pfennig aber hatte er für seinen Leib verwendet. Hab's von einer Bauernfrau erzählt, die mir die Eier bringt. Sechste Wunderheilung Ein Jude wird für seine Lästerung bestraft Am achten Tag trug sich zu, was ich nun erzählen will, und ist gewißlich wahr. In der Früh um die zehnte Stund ging ein Jud, mit Namen Heium, über den Freihof, wo viel Leut versammelt stunden. Da sagte selbiger zu einem andern: Wo ist der Rock da drinn so alt! Hat doch mein Vater das Tuch geliefert, daraus sie ihn neu machten! – Solch verruchte Red aber vernahmen etliche, so auf dem Platz waren; die fielen über ihn her und schlugen ihn zu Boden und traten ihn und schleiften ihn über die Stein solchergestalt, daß er für tot mußte fortgeschafft werden. Sie brachten ihn aber in die Herberg Zur blauen Kugel; da erholte er sich wieder in etwas, war aber hart getroffen. Als sie aber des anderen Morgens nachsahen, war der Jud tot und schien in der Nacht plötzlich am Schlag gestorben. Also daß es kein Zweifel war, Gott hatte ihn gestraft für sein frech Maul. War auch sein Glück, denn die Gerichtsknecht waren schon auf nach ihm und wär' ihm schlecht ergangen, hätten sie ihn lebend funden. Siebente Wunderheilung Ein Dachdecker wird wunderbar erhalten In diesen Tagen war ein Steindecker auf dem Dach von St. Peterskirch daran, frischen Schiefer einzusetzen, und hatte sich ein Gerüst gebaut. Selbiges war aber nicht gut gemacht, denn es brach ein, und der Mann, der nicht leicht war, hätte wohl zu Tode fallen müssen. Im Fallen aber rief er den heiligen Rock um Hilf an und sprach ein Gebet zu demselbigen, und alsbald hing er fest in der Luft und fiel nicht weiter, sondern es ging ganz langsam herunter, wie einer, so an einem Seil herabrutschet. Es ist aber die Kirch gar sehr hoch, solchermaßen daß das Gebetlein nicht bis zur Erd hinabreichte, und er zum Amen kam, als er noch etwa acht Fuß davon war. Hätt der Mann nun eilends wieder von vorn begonnen, so wär wohl alles gut abgelaufen; so aber schwieg er, und fiel er noch gar unsanft herab, also daß er beide Bein brach über dem Fuß. Kunnt aber noch von Glück sagen, denn ohne das hätt' er sich wohl zu Tode gefallen. Das hat der Mann mir selber erzählt in seinem Haus, und ist auch wohl zu glauben, dieweil ein gleiches von einem anderen Heiligen erzählt wird, und was ein Heiliger tun kann, dürfte doch auch unserem Rock nicht zu schwer sein. Achte Wunderheilung (Leider müssen wir hier wiederum eine schonungslos barbarische Hand anklagen, indem das Blatt, auf welchem dies achte Wunder verzeichnet war, so gut wie ganz fehlt. Wir bedauern dies um so mehr, als nach den dürftigen Resten vom inneren Rand des Blattes und vom unteren Ende sich voraussetzen läßt, daß dieser Vorgang die schon erzählten an Interesse fast übertrifft und die drei letzten fast erreicht. Die nachfolgenden Worte sind alles, was sich lesen läßt.) – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Leibweh– – – – – – – – – – – – – – – Seit zehen Jahr– – – – – – – – – – – – schrie beständig – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Der Frau – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Ohne Besinnung – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – nach Haus – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – in ein Würgen kam – – – – – – – – – – gut zwölf Stunden lang ohn aufzu– – – und erbrach eine greulich gehörnte Schlange, so wohl dreißig Ellen maß und entsetzlich gebrüllet hat; am anderen Tag aber war sie verschwunden. Mag wohl Teufels Blendwerk oder – – – Neunte Wunderheilung Wie einem Schneider der Teufel ausgetrieben wird In dieser Stadt wohnet ein Gesell, Klein-Burßmann geheißen; das war ein verdorbener Schneider und sehr dem Wein zugetan. Selbiger war nicht oft nüchternen Sinns, aber zu viel Spaß und Schalkerei aufgelegt, und er trieb Kurzweil und sang allerlei lustige Lieder, so man ihm einen Trunk Weines schenkte. Am vierten Tag aber befiel es ihn auf einmal mit Raserei, daß er wütend wurd und schrie und alles zerschlug, was ihm zur Hand war, und sprach viel unsinnig Zeug und war voll gottlästerlicher Red! Da erkannte jedermann, daß dem Burßmann vor sein Sündenleben der Teufel in den Leib gefahren, und er selber sagte es auch: Bat aber flehentlich, man möge einen Krug am heiligen Kleid reiben und aus selbigem ihm einen Trank geben; solches würd den bösen Feind am ehesten bändigen und ihm Ruh schaffen. Das geschah auch; und nach dem ersten Schluck ließ der Lärm nach, und der Mann war ganz still, da er den Wein all getrunken. Solches währte aber nicht lang, da brach das Rasen von neuem los und ärger denn zuvor. Und der Wein aus dem Krug zwang abermals das Unwesen, und so ging es fort, bis er zehn Krüge getrunken. Das war dem Teufel zu viel, und er ließ den Mann los, und fuhr ihm zum Hals hinaus mit viel Unflat. Der aber fiel um, und schlief wohl zwölf Stunden an einem fort und war geheilt. Wird ihn aber der Erzfeind schon wiederum packen, sintemal er das Saufen noch gar nicht abgetan. Selbiges hat mir mein Nachbar Metz, der Bäcker, erzählt, ein einfältiger Mann; der hat's selbst erlebt in der Herberg zur Blum. Zehnte Wunderheilung Ein toter Ketzer wird bekehrt Eine gar wunderbare Geschicht hat sich drüben im Gebirg bei Wertsch in einem geringen Dorf zugetragen; in ganz Trier erzählet man's also. Es waren die Leut aus selbigem Ort auch in großer Zahl nach Trier gekommen mit Fahnen und Singen und hatten ein Kreuz von Holz bei sich, das rührten sie an den heiligen Rock und trugen's heim und stellten's in ihre Kirch. Die Kirch aber, die lag abseits vom Ort; und der Totenacker war dicht bei, und der Küster wohnete auch dort. Am nächsten Sonntag weit in der Nacht, da ward der Mann wach, denn er hörte ein Gekrach und Geräusch und sah den Schein von Licht draußen. Er vermeinte zwar, es seien wohl Dieb an einem Grab; war aber schier entsetzt, als er hinausschaute und gewahrte, daß sich die Toten aufgemacht hatten und zu zweit mit Lichtern nach der Kirch zogen. Die gingen all in die Kirch, und drinnen wurd es ganz hell. Zuletzt kommen noch zwei, aber ohne Licht. Und die da drinnen huben an zu singen leis, aber gar schön, und einer spielte auf der Orgel dazu. Da nahm sich der Küster ein Herz, und schlich hin und sah durch ein Fenster, wie sie all um das Kreuz auf den Knie lagen und zu dem heiligen Rock beteten. Die zwei aber standen an der Tür, denn es waren Ketzer, die aus Neugier mitgegangen waren. Da entstand mit einmal ein arg Gelärm und Getös, denn sie hatten die Ketzer entdeckt und fielen auf sie her. Der eine weinte aber und schrie, er wolle gut christlich werden und abschwören; den anderen warfen sie zur Tür hinaus. Der Küster aber lief heim und kroch ins Bett, und am nächsten Tag war nichts zu sehen mehr und sah aus, als ob nichts geschehen war. Der du dies liest, du kannst es wohl auch glauben, da es so viel andere geglaubt haben! Elfte Wunderheilung Wie der Lanzknecht Gerlach Hetzel in die Wochen kam Als im vorigen Jahr Herr Albrecht, Markgraf zu Brandenburg, Stadt und Land Trier mit Krieg überzogen hatte, war groß Unheil allenthalben, dieweil die Kriegsleut sengten und raubten, wo sie kunnten, und hat die Stadt ihm viel Geld zahlen müssen. Haben auch Klöster und Kirchen nicht geschont, wie noch heut mit vielen andern Stift und Kirch zu St. Paulin mit schwarz gebrannten Mauern ein traurig Zeugnis gibt. Es war aber ein Lanzknecht mit dabei, der nannte sich Gerlach Hetzel. Der war keiner der geringsten gewesen, wie auch im Volk das Gerede ging, er hätt mit seiner Hand Feuer in St. Paulin gelegt; ja er hätt, da er trunken war, dicht dabei ein Weib geschlagen und deren neugeboren Kind in das Feuer geworfen und elendiglich verbrennen lassen. Für seine Freveltat aber hat ihn Gott hart gezüchtigt, so daß er tags darauf schwer krank wurde, und als Herr Albrecht abzog, mußte er selbigen Knecht in Trier zurücklassen, weil er ihn nicht fortschaffen konnte. So blieb er und wurde zu St. Mergen gepflegt; nahm aber mit seiner Krankheit kein guten Gang, denn sein Körper schwoll über und über, solchergestalt, daß alle vermeinten, er litt an der Wassersucht. In der Zeit aber war der Gerlach fromm geworden und hat seine Sünden bereut und betete viel. Da er nun verlangte, zum heiligen Rock gebracht zu werden, ob er allda geheilt würde, so willfahrete man ihm. So wie er aber das Kleinod anrührte, schrie er laut auf, und fiel ohne Sinn zur Erden. Die zunächst standen, vermeinten, als hätten sie da eine Stimm gehört wie aus seinem Leib herfür; die rief: Für seine Sünd ist drinn' ein Kind. Er wurde aber in tiefer Ohnmacht fortgeschafft. Und nun erzählet man, daß er wirklich selbigen abends noch eines Kindes genas, welches aber tot gewesen. Er selber aber hat noch viel gebeichtet und gebetet und ist am andern Morgen in der Früh verstorben. Ich hätt wohl, was ich da erzählt hab, für eitel Fabel und Gerede gehalten, so mir einer nicht nach acht Tagen das Grab gewiesen hätt, wo hinein das Kind begraben worden ist. So mag's wohl so gewesen sein, zumal da er ein unschuldig Kindlein also unbarmherzig umgebracht hat, und bei Gott kein Ding unmöglich ist. Das was ich bis hierher nun aufgeschrieben hab, ist alles, was mir von den Wundern des heiligen Rocks zu Ohren kommen ist. Es mögen aber wohl noch mehr gewesen sein, so ich nicht erfahren hab; hat auch während der ganzen Zeit sichtbar der Segen von oben auf der guten Stadt Trier gelegen, also daß viel Verkehr und Handel daselbst war, und die Schäden von dem Krieg in etwas gebessert wurden, indem viel Geld unter die Leut kam. Absonderlich aber waren gesegnet die Weinwirte und Bierschenken, dermaßen, daß die, so arm waren, reich und die reichen noch reicher wurden. War auch nach den zehn Tagen kein Tropfen Zeltinger Wein mehr zu kriegen. Auch die Ärzte und Bader waren wunderbarlich gesegnet durch viel Krankheit und Unglücksfäll, so eintraten, obgleich nicht so sehr wie im Jahr 1512, wo nach der Aushängung des heiligen Kleides das große mörderisch Sterben losbrach. Auch sollten an vierzig Weibspersonen, so bis dahin unfruchtbar gewesen, gesegnet worden sein, und mögen noch viel andere Wunder geschehen sein, von denen man nichts weiß. Das geschah aber alles zur Ehre Gottes und der Kirche, so daß viele fest an ihrem Glauben hingen, die wohl sonst abgefallen wären. In den Säckel der Kirche kamen in der Zeit an die dreitausend Gulden, und soll dies Geld zur Bekehrung der Ketzer verwendt werden, wozu Gott sein Segen gebe; denn es ist nötig, dieweil der Antichrist gar mächtig jetzt sein Haupt erhoben hat im Reich. (1844)