Victor Hugo Die Miserabeln. Vierter Band Zweite Abteilung: Cosette. Zweiter Band.   Berlin, Reichardt \& Zander.   1862. Fünftes Buch. Stumme Meute auf dunkler Jagd. I. Strategische Zickzacks. Es ist hier eine Bemerkung nöthig. Seit vielen Jahren schon ist der Verfasser dieses Buches, der leider jetzt gezwungen ist, von sich zu sprechen, von Paris abwesend. Seit er es verlassen, hat es sich umgestaltet. Eine neue Stadt, die ihm in gewisser Beziehung unbekannt, hat sich erhoben. Daß er Paris liebt, braucht er wohl nicht zu sagen; es ist ja die Geburtsstadt seines Geistes. In Folge von Neubauten ist das Paris seiner Jugend, jenes Paris, das er andächtig in seinem Gedächtnisse mitgenommen hat, heutzutage ein Paris von ehemals. Man erlaube ihm, von diesem Paris zu sprechen als existire es noch. Möglicher Weise ist da, wohin der Verfasser die Leser mit den Worten führen will: »in der und der Straße steht das und das Haus« heutzutage weder eine Straße noch ein Haus. Die Leser mögen berichtigen, wenn sie sich die Mühe nehmen wollen. Was ihn, den Autor, selbst betrifft, er kennt das neue Paris nicht; er schreibt in einer Illusion, die ihm theuer ist, mit dem alten Paris vor den Augen. Der Gedanke ist süß für ihn, es sei etwas von dem hinter ihm geblieben, was er sah, als er in der Heimath war und daß noch nicht Alles geschwunden sei. So lange wir in der Heimath hin und her gehen, glauben wir, die Straßen wären uns gleichgültig; die Fenster, die Dächer, die Thüren seien nichts für uns; die Mauern seien uns fremd; die Bäume seien wie alle anderen; die Häuser, in die wir nicht gehen, nützten uns nichts und das Straßenpflaster, auf dem man geht, wäre nichts als Steine. Später aber, wenn man nicht mehr da ist, erkennt man, daß jene Straßen uns theuer, daß jene Dächer, Fenster und Thüren uns fehlen, daß jene Mauern uns nothwendig, jene Bäume unsere Lieblinge waren, daß wir in die Häuser, in die wir nicht gingen, doch jeden Tag gehen konnten und daß wir etwas von unserm Innern, von unserm Blute, von unserm Herzen auf jenem Straßenpflaster zurück gelassen haben. Alle jene Orte, die man nicht mehr sieht, die man vielleicht nie mehr wieder sehen wird, deren Bild man bewahrt, erhalten einen schmerzlichen Reiz; sie tauchen in uns immer und immer wieder auf mit der Melancholie einer Erscheinung, machen uns das theuere Land sichtbar und sind gewissermaßen die Gestalt des Vaterlandes selbst. Man liebt sie, man erinnert sich ihrer wie sie waren, hält daran fest und will nichts daran ändern; denn an dem Bilde des Vaterlandes hängt man wie am Gesicht seiner Mutter. Es sei uns also erlaubt in der Gegenwart von der Vergangenheit zu sprechen. Wir bitten den Leser dieses zu berücksichtigen und fahren nunmehr weiter fort. Johann Valjean hatte sofort den Boulevard verlassen und sich in die Straßen hineingemacht. Er ging möglichst wenig gerade aus und kehrte bisweilen sogar um, um sich zu überzeugen, daß man ihm nicht folge. So macht es der verfolgte Hirsch. Auf einem Boden, wo die Spur sich eindrücken kann, hat solches Verfahren unter Anderem auch den Vortheil, daß die Jäger und die Hunde durch das Hin und Her getäuscht werden. Man nennt dies in der Jagdsprache »einen falschen Rückgang.« Es war eine Vollmondnacht. Johann Valjean war deshalb nicht betrübt. Der noch tief am Horizonte stehende Mond warf große Flecken Schatten und Licht in die Straßen. Johann Valjean konnte auf der Schattenseite an den Häusern und Mauern hinschleichen und die helle Seite beobachten. Vielleicht dachte er nicht genug daran, daß die dunkele Seite sich ihm dadurch entziehe. Indeß hielt er sich überzeugt, daß in den öden Gäßchen um die Straße Poliveau herum Niemand hinter ihm hergehe. Cosette ging neben ihm, ohne eine Frage an ihn zu richten. Die Leiden der ersten sechs Jahre ihres Lebens hatten ihrer Natur etwas Passives gegeben. Uebrigens – und das ist eine Bemerkung, auf die wir noch bei mehreren Gelegenheiten zurückkommen werden – war sie, ohne sich hierüber Rechenschaft zu geben, an die Seltsamkeiten des guten Mannes und an die Wunderlichkeiten des Geschicks gewöhnt. Und dann fühlte sie sich auch sicher, wenn sie bei ihm war. Johann Valjean wußte eben so wenig wie Cosette, wohin er ging. Er vertraute sich Gott an wie sie sich ihm anvertraute. Es kam ihm vor, als hielte auch er die Hand eines Größeren, als er selbst sei und das ihn leite. Er glaubte ein unsichtbares Wesen zu fühlen, das ihn führe. Uebrigens hatte er keinen bestimmten Gedanken, keinen Plan, keine Absicht. Er wußte nicht einmal gewiß, ob es Javert gewesen. Und konnte es denn Javert sein, ohne daß dieser wußte, er sei Johann Valjean? War er nicht anders gekleidet? Hielt man ihn nicht für todt? Freilich gingen seit einigen Tagen seltsame Dinge vor. Mehr bedurfte es für ihn nicht. Er war entschlossen, in das Haus Gorbeau nicht mehr zurückzukehren. Wie das aus seinem Lager vertriebene Thier suchte er ein Loch, wo er sich verstecken könne, bis er eines zu einer Wohnung gefunden haben würde. Johann Valjean beschrieb auf seiner Wanderung mehrere Labyrinthe in dem Stadtviertel Mouffetard, das bereits schlief, als bestehe noch die Ordnung des Mittelalters und das Joch der Feierabendglocke. Mit der Klugheit eines Feldherrn ging er durch verschiedene Gassen, trat aber in keines der Häuser ein, da er etwas Passendes nicht fand. Er zweifelte nicht, daß, wenn man zufälligerweise seiner Spur nachgegangen, man ihn nicht hätte verlieren können. Als es elf Uhr schlug, ging er in der Straße Pontoise vor dem Bureau des Polizeicommissars in No. 14 vorbei. Einige Augenblicke später veranlaßte ihn der Instinkt, von dem wir oben gesprochen, sich umzuwenden. In diesem Augenblicke sah er deutlich, Dank dem Lichte der Laterne des Commissars, die sie verrieth, drei Männer, die ihm ziemlich nahe folgten, wie sie einer hinter dem andern unter der Laterne in der Schattenseite der Straße vorbeigingen. Der Eine trat in den Flur des Hauses des Commissars hinein. Der, welcher voranging, kam ihm entschieden verdächtig vor. »Komm, Kind!« sagte er zu Cosette, und er beeilte sich die Straße Pontoise zu verlassen. Er machte einen Cirkel durch verschiedene Gassen bis er sich endlich in der Post- oder, wie sie eigentlich heißen sollte, Topf-Straße verlor. Der Mond warf ein helles Licht auf die eine der Straßenecken. Johann Valjean versteckte sich unter eine Hausthür, weil er meinte, daß wenn ihn die drei Männer weiter verfolgten, er sie jedenfalls deutlich würde sehen können, sobald sie über diesen hellen Fleck gingen. Es waren in der That kaum drei Minuten vergangen, als die Männer erschienen. Es waren jetzt vier, Alle groß, in lange braune Röcke gekleidet, mit runden Hüten und dicken Stöcken in der Hand. Ihr düsterer Gang im Finstern war nicht weniger beunruhigend, als ihre Größe und ihre starken Fäuste. Sie sahen aus wie vier Gespenster in Bürgerkleidung. In der Mitte des erleuchteten Straßenplatzes blieben sie stehen und stellten sich so zusammen, als berathschlagten sie. Sie schienen unentschlossen zu sein. Derjenige, welcher ihr Führer zu sein schien, wandte sich um und zeigte lebhaft mit der rechten Hand in der Richtung hin, wo Johann Valjean sich versteckt hatte, ein Anderer schien mit Hartnäckigkeit die entgegengesetzte Richtung zu bezeichnen. In dem Augenblicke, als der Erste sich umwendete, beschien der Mond sein Gesicht. Johann Valjean erkannte deutlich Javert. II. Glücklicherweise trägt die Austerlitz-Brücke Wagen. Für Johann Valjean war die Ungewißheit vorbei, glücklicher Weise dauerte sie noch für die vier Männer fort. Er benutzte ihr Zögern, es war für sie verlorene, für ihn gewonnene Zeit. Er ging aus seinem Verstecke hervor und nach dem botanischen Garten zu. Cosette fing an müde zu werden, er nahm sie in seine Arme und trug sie. Er begegnete Niemand und des Mondscheins wegen hatte man die Laternen nicht angezündet. Er verdoppelte seine Schritte, passirte den botanischen Garten und gelangte endlich auf den Quai. Hier drehte er sich um. Der Quai war leer. Die Straßen waren öde. Niemand hinter ihm Er athmete auf. Er erreichte die Austerlitz-Brücke. Damals mußte noch Brückengeld bezahlt werden. Er trat an die Einnahmestelle und zahlte einen Sous. »Es macht zwei Sous,« sagte der Invalide. »Sie tragen da ein Kind, das gehen kann. Sie müssen für zwei bezahlen.« Aergerlich darüber, daß er zu einer Bemerkung Veranlassung gegeben, bezahlte er. Jede Flucht muß ein Entschlüpfen sein. Gleichzeitig mit ihm passirte ein schwer beladener Wagen die Seine. Dieser wollte sich, ebenso wie er, auf das rechte Ufer derselben begeben. Das war ihm nützlich. Er konnte die ganze Brücke im Schatten dieses Wagens überschreiten. Ungefähr in der Mitte der Brücke wünschte Cosette wieder zu gehen, da ihr die Beine eingeschlafen. Er ließ sie herunter und nahm sie wieder bei der Hand. Hinter der Brücke sah er ein wenig rechts Holzlagerplätze. Er ging darauf zu. Um dorthin zu gelangen, mußte er sich in einen ziemlich großen, freien und hellbeschienenen Raum wagen. Er zögerte nicht. Die, welche ihn verfolgten, hatten offenbar seine Spur verloren. Johann Valjean glaubte sich außer Gefahr. Man suchte ihn noch – ja, man folgte ihm aber nicht mehr. Zwischen zwei von Mauern eingeschlossenen Lagerplätzen ging ein Gäßchen hin, schmal und dunkel, als sei es ganz besonders für ihn gemacht. Ehe er hineintrat, sah er hinter sich. Von seinem Standpunkt aus konnte er die ganze Länge der Brücke von Austerlitz übersehen. Vier Schatten traten eben auf die Brücke. Sie wendeten dem botanischen Garten den Rücken zu und gingen auf das rechte Seineufer. Diese vier Schatten waren die vier Männer. Johann Valjean empfand das Zittern eines wiedergefangenen Wildes. Eine Hoffnung blieb ihm: daß die vier Männer in dem Augenblicke, als er mit Cosetten an der Hand über den hellen Platz gegangen, noch nicht auf der Brücke gewesen und ihn noch nicht gesehen hätten. In diesem Falle konnte er entkommen, wenn er durch das vor ihm liegende Gäßchen die Holzplätze erreichte und die unbebauten äußeren Stellen der Stadt. Er glaubte sich dem schweigsamen Gäßchen anvertrauen zu können und schritt hinein. III. Wo ein Plan von Paris aus dem Jahre 1727 zu sehen ist. Nach dreihundert Schritten kam er an einen Punkt, wo das Gäßchen in zwei Straßen auslief, die eine nach der Linken, die andere nach der rechten Seite. Wohin sollte er sich wenden? Er schwankte nicht und wählte rechts. Warum? Weil der linke Strahl nach der Vorstadt, das heißt nach bewohnten Orten, der rechte Zweig dagegen ins Feld, das heißt nach verödeten Orten führte. Schnell freilich kamen sie nicht vorwärts. Cosettens Schritt hielt Johann Valjean zurück. Er nahm sie wieder in den Arm. Cosette legte ihren Kopf auf seine Achsel und sprach kein Wort. Von Zeit zu Zeit drehte er sich um und sah zurück. Sorgfältig hielt er sich an der Schattenseite. Hinter ihm war das Gäßchen eng. Die ersten zwei oder drei Mal als er sich umkehrte, sah er nichts; es war ganz still und er setzte seinen Weg etwas beruhigter fort. Plötzlich aber, als er sich umdrehte, glaubte er in demjenigen Theile des Gäßchens, das er passirte, im Dunkel Etwas zu sehen, das sich bewegte. Er stürzte mehr als er ging, weil er irgend ein Seitengäßchen zu finden, durch dasselbe zu entkommen und so noch einmal seine Fährte zu unterbrechen hoffte. Er gelangte an eine Mauer, die es ihm indeß nicht unmöglich machte weiter zu kommen. Die Mauer stieß an ein Quergäßchen, in welches die Straße endete, wo Johann Valjean sich befand. Er mußte sich wiederum entscheiden, ob links, ob rechts. Er sah nach rechts. Das Gäßchen zog sich zwischen Schuppen oder derartigen Gebäuden hin und schloß sich dann ohne Ausgang. Es war eine Sackgasse. Deutlich sah man die große weiße Mauer am Ende, welche das Gäßchen schloß. Er sah nach links. Nach dieser Seite hin war das Gäßchen offen und mündete nach etwa zweihundert Schritten in eine Straße, wozu sie gleichsam einen Nebenfluß bildete. Von dieser Seite war Rettung. In dem Augenblicke, als Johann Valjean daran dachte, sich links zu wenden, um die Straße zu erreichen, welche er von weitem halb und halb sah, erblickte er an der Ecke, da, wo diese Gäßchen zusammentrafen, eine Art dunkeler, unbeweglicher Statue. Es war ein Mann, der offenbar dahingestellt worden war, wartete und die Passage versperrte. Johann Valjean wich zurück. Die Stelle von Paris, wo Johann Valjean sich befand, zwischen der Vorstadt St. Antoine und La Ravée, gehört zu denen, welche vom Grundpfeiler bis zum Giebel durch die neuen Bauten umgestaltet worden sind. Die Felder, die Lagerhöfe, die alten Gebäude sind verschwunden. Heut zu Tage sind lauter ganz neue große Straßen, Circusse, Arenen, Hippodromes, Bahnhöfe und das Gefängniß Mazas da: – der Fortschritt, wie man sieht, und sein Correctiv Zucht, Strafe, Besserung, Milderungsmittel – auf das Gefängniß bezüglich. . Vor einem halben Jahrhunderte hieß die Stelle, wo Johann Valjean angekommen war, in der Volkssprache »Klein Picpus«. Klein Picpus, wie das Thor des heiligen Jakob, die Sergeanten-Barriere u. dgl. sind Namen des alten Paris, welche noch in die Neuzeit hineingeschwommen sind. Klein Picpus, das übrigens kaum existirt hat und nur eine Stadtviertelskizze gewesen ist, hatte fast das klösterliche Aussehen einer spanischen Stadt. Die Straßen waren wenig gepflastert und wenig bebaut. Außer den zwei oder drei Gäßchen, von denen wir gesprochen haben, war hier alles Mauer und Einöde. Nicht ein Verkaufsladen, nicht ein Wagen; kaum hie und da ein Licht hinter einem Fenster. Nach zehn Uhr wurden alle Lichter ausgelöscht. Dafür Gärten, Klöster, Holzhöfe, Sümpfe; selten niedrige Häuser und Mauern fast so hoch wie die Häuser. So war dieses Viertel zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Vor dreißig Jahren verschwand es unter der Rasur neuer Bauten. Heut zu Tage ist es ganz anders geworden. Klein Picpus, von dem man keine Spur auf einem jetzigen Plane sieht, ist in dem von 1727 ziemlich genau bezeichnet. Es war ein Y von Gassen. Die beiden Schenkel dieses Y waren in der Spitze wie durch eine Stange verbunden, welche den Namen Rechts-Mauer führte. Hier also war Johann Valjean, welcher ohne Zweifel durch jenes Fantom bewacht wurde. Was sollte er thun? Zum Umkehren war keine Zeit mehr. Das, was er im Schatten einige Schritte hinter sich hatte bewegen sehen, war offenbar Javert mit seinen Begleitern. Javert war wahrscheinlich schon im Anfange des Gäßchens, an dessen Ende Johann Valjean sich befand. Javert kannte Allem Anscheine nach dieses kleine Labyrinth und hatte seine Maßregeln genommen, indem er einen seiner Leute zur Bewachung des Ausgangs ausgeschickt. Diese so wahrscheinlichen Vermuthungen wirbelten plötzlich wie eine Hand voll Staub, der mit dem Winde sich erhebt, schmerzlich in dem Kopfe Johann Valjeans umher. Er prüfte die Sackgasse; sie war versperrt. Er prüfte das Gäßchen Picpus, da stand eine Schildwache. Vorwärts gehen hieß gerade auf den Mann fallen. Zurück hieß sich in die Arme Javerts werfen. Johann Valjean fühlte sich wie in einem Netze gefangen, das sich langsam zusammen zieht. Verzweiflungsvoll sah er gen Himmel. IV. Das Hin- und Hertappen der Flucht. Um das Nachfolgende zu verstehen, muß man sich die Oertlichkeit deutlich machen, in welcher sich die erzählten Begebenheiten zutrugen: rechts fast überall ärmliche Häuser, links dagegen ein einziges großes Haus mit verschiedenen Nebengebäuden, welche so gebaut waren, daß sie sich allmälig um eine oder zwei Etagen erhöhten, je mehr sie sich dem Picpus-Gäßchen näherten, so daß nach der Ecke zu, von welcher wir gesprochen haben, diese Gebäude so niedrig waren, daß sie nur eine Mauer waren, welche überdem von der Straße zurückstand. Neben derselben befand sich eine Einfahrt von gewöhnlicher Größe. Eine Linde streckte ihre Aeste über die Wand. Auf der anderen Seite war die Mauer mit Epheu bekleidet. In der drohenden Gefahr, in welcher sich Johann Valjean befand, sah dieses düstere Gebäude einsam und unbewohnt aus. Das zog ihn an. Er musterte es rasch mit den Augen und sagte sich, daß, wenn er hineingelangen könnte, er sich vielleicht retten könne. Er schöpfte Hoffnung. In dem mittleren Theile der Vorderseite des Gebäudes nach der Straße Rechts-Mauer zu befanden sich in allen Fenstern sämmtlicher Etagen alte trichterförmige, bleierne Becken. Die verschiedenen Verzweigungen der Röhren, die von einer Hauptröhre zu allen Becken gingen, bildeten an der Façade eine Art Baum. Dieses seltsame Spalier mit seinen bleiernen Zweigen war der erste Gegenstand, welcher Johann Valjean auffiel. Er setzte Cosetten mit dem Rücken an einen Stein, empfahl ihr still zu sein und lief an die Stelle, wo das Rohr das Straßenpflaster berührte. Vielleicht war es möglich von hier hinaufzusteigen und in das Haus zu gelangen. Aber das Rohr war entzwei. Uebrigens waren alle Fenster dieses stillen Hauses, selbst die Dachfenster, mit dicken Eisenstäben vergittert. Auch erhellte der Mond mit vollem Licht diese Façade und der Mann, welcher am Ausgange der Straße auf Beobachtung stand, hätte ihn beim Hinaufsteigen gesehen. Und was mit Cosetten machen? Wie sie auf ein drei Stock hohes Haus hinauf bringen? Er gab es auf, an dem Rohre hinaufzusteigen und schlich längs der Mauer hin. Als er an die einspringende Mauer gelangt, da wo er Cosetten gelassen hatte, bemerkte er, daß ihn hier Niemand sehen könne. Auch waren zwei Thüren hier und vielleicht konnte man sie öffnen. Die Mauer, über welcher er die Linde sah, und der Epheu gehörten offenbar zu einem Garten, wo er sich wenigstens verbergen konnte, obgleich noch keine Blätter an den Bäumen waren. Vielleicht konnte er auch in diesem Garten übernachten. Die Zeit verging. Er mußte sich beeilen. Er tastete an dem Einfahrtsthore und erkannte sofort, daß es von innen und außen zugenagelt war. Mit mehr Hoffnung näherte er sich dem anderen Thore. Dieses war scheußlich morsch und selbst seine ungeheure Größe machte es minder fest. Die Bretter waren verfault und die drei eisernen Bänder verrostet. Es schien möglich zu sein dieses wurmstichige Thor aufzubrechen. Er untersuchte es und sah, daß das Thor kein Thor war. Es hatte weder Angeln, noch Schloß, noch Flügel. Die eisernen Bänder liefen ohne Unterbrechung von einem Ende bis zum andern. Zwischen den Bretterritzen hindurch konnte man dick mit Mörtel versehene Steine sehen. Niedergeschlagen gestand er sich, daß diese scheinbare Thür einfach der Verschlag irgend eines Gebäudes sei. Er hätte wohl leicht ein Brett abreißen können, würde dann aber vor einer Mauer gestanden haben. V. Das wäre bei Gasbeleuchtung unmöglich. In diesem Augenblicke ließ sich ein dumpfes tactmäßiges Geräusch in einiger Entfernung hören. Johann Valjean wagte seinen Blick ein Wenig um die Ecke. Sieben oder acht Soldaten marschirten in die Gasse hinein. Er sah die Bajonette blinken. Sie kamen auf ihn zu. Die Soldaten, an deren Spitze er die hohe Gestalt Javerts erkannte, schritten langsam und mit Vorsicht vor. Oft blieben sie stehen. Sie durchsuchten offenbar alle Mauerwinkel und alle Thürvertiefungen. Es war, und diese Vermuthung konnte keine irrige sein, es war eine Patrouille, welche Javert getroffen und welche er requirirt hatte. Die beiden Helfershelfer Javerts waren unter den Soldaten. Nach dem Schritte, mit dem sie gingen, und dem öfteren Stehenbleiben brauchten sie etwa eine Viertelstunde, um an die Stelle zu gelangen, wo sich Johann Valjean befand. Es war ein schrecklicher Augenblick. Einige Minuten trennten Johann Valjean von diesem entsetzlichen Abgrunde, der sich zum dritten Male vor ihm öffnete. Und jetzt war der Bagno nicht blos mehr Bagno, er bedeutete auch den Verlust Cosettens, d. h. ihn bedrohte ein Leben ähnlich dem im Grabe. Nur Eins war noch möglich. Johann Valjean hatte das Eigenthümliche, daß man sagen konnte, er trug zwei Säcke: in dem einen hatte er die Gedanken eines Heiligen, in dem anderen die entsetzlichen Talente eines Sträflings. Je nach den Umständen und Gelegenheit griff er in den einen oder in den andern. Dank seinen zahlreichen Fluchtversuchen aus dem Bagno in Toulon war er, unter Anderem, wie man sich erinnert, vollendeter Meister in der unglaublichen Kunst, ohne Leiter, ohne Klammern, allein durch die Kraft seiner Muskeln, durch Anstemmen und Anklammern in einer Mauerecke im Nothfalle sich bis zum sechsten Stockwerke emporzuarbeiten: eine Kunst, welche die Ecke des Hofes der Conciergerie in Paris so erschrecklich und berühmt gemacht hat, in welcher vor etwa zwanzig Jahren der Verurtheilte Battemolle entwischte. Johann Valjean maß mit den Augen die Mauer, über welcher er die Linde sah. Sie hatte etwa achtzehn Fuß Höhe. Die Ecke, welche sie mit dem Giebel des großen Gebäudes bildete, war in ihrem inneren Theile mit Mauerwerk in dreieckiger Gestalt ausgefüllt, was ungefähr fünf Fuß hoch war. Von der Höhe desselben bis zur Spitze der Mauer waren nicht leicht mehr oder weniger als vierzehn Fuß. Oben auf der Mauer lag ein glatter Stein ohne Sparren. Die Schwierigkeit war Cosette. Sie verstand es nicht an einer Mauer emporzuklettern. Sie verlassen? Daran dachte Johann Valjean nicht. Sie mitnehmen war unmöglich, da sein Plan alle seine Kräfte für seine eigene Person beanspruchte. Die geringste Last würde seinen Schwerpunkt verrücken und ihn hinabstürzen. Einen Strick hätte er brauchen können. Johann Valjean hatte keinen. Wo um Mitternacht einen finden? Gewiß, wenn Johann Valjean in diesem Augenblicke ein Königreich gehabt hatte, er würde es für einen Strick hingegeben haben. Jedes extreme Verhältniß, jede extreme Lage hat ihre Blitze, welche bald blenden, bald uns erleuchten. Der verzweiflungsvolle Blick Johann Valjeans begegnete dem Laternenträger in der Sackgasse. In jener Zeit gab es in den Straßen von Paris keine Gasbrenner. Mit beginnender Dunkelheit zündete man Laternen an, welche in gewissen Entfernungen von einander mittels eines Stricks, welcher über die Straße und in einem Falz eines Pfahls herabhing, empor und herniedergelassen wurden. Die Rolle, auf welcher der Strick lief, befand sich in einem eisernen Schränkchen über dem Pfahl, zu dem der Laternenanzünder den Schlüssel hatte. Der Strick selbst steckte in einem Etui von Metall. Mit der Energie eines Kampfes auf Tod und Leben sprang Johann Valjean mit einem Satze über die Straße, lief in die Sackgasse, sprengte das Schloß des Laternenpfahlschränkchens mit der Spitze seines Messers auf und einen Augenblick nachher war er wieder bei Cosetten. Er hatte einen Strick. Grade wenn es dringend darauf ankommt, wenn ein schweres Verhängniß droht, da geht es schnell mit dem Auffinden eines Rettungsmittels. Daß die Laternen an diesem Abende nicht angezündet worden waren, haben wir schon gesagt. Die in der Sackgasse war also natürlich wie alle übrigen nicht angezündet und man konnte bei ihr vorbeigehen, ohne zu bemerken, daß sie nicht mehr auf ihrem Platze war. Indeß fing die Zeit, der Ort, die Dunkelheit, die Unruhe Johann Valjeans, seine seltsamen Geberden, sein Kommen und Gehen, alles dies fing an Cosetten zu beunruhigen. Jedes andere Kind würde längst schon laut geschrieen haben. Sie beschränkte sich darauf Johann Valjean am Rockschooße zu ziehen. Man hörte immer deutlicher das Geräusch der sich nähernden Patrouille. »Vater,« sagte sie ganz leise, »ich fürchte mich. Was kommt denn da?« »Still!« antwortete der unglückliche Mann. »Es ist die Thenardier.« Die Kleine zitterte. Er setzte hinzu: »Sprich kein Wort, laß mich nur machen. Wenn Du schreiest, wenn Du weinst, so hört Dich die Thenardier. Sie will Dich wiederholen.« Darauf, ohne sich zu übereilen, aber doch mit Eile und mit fester und entschlossener Sicherheit, die um so bemerkenswerther in solchem Augenblick war, als die Patrouille und Javert jeden Augenblick ankommen konnten, machte er sein Halstuch ab, band dasselbe Cosetten unter den Achseln um den Leib, wobei er darauf sah, daß er dem Kinde nicht weh thun konnte, befestigte mit einem sogenannten Schwabenknoten das Halstuch an das eine Ende des Strickes, nahm das andere Ende des Strickes zwischen die Zähne, zog seine Schuhe und Strümpfe aus, warf sie über die Mauer, stieg auf das Mauerwerk, welches wir oben erwähnt haben, und begann sich dann in dem Mauerwerke mit solcher Sicherheit empor zu heben, als habe er Stufen unter den Füßen und den Ellenbogen. Noch war eine halbe Minute nicht vorüber und schon kniete er oben auf der Mauer. Cosette sah ihm staunend zu, ohne ein Wort zu sagen. Die Ermahnung Johann Valjeans und der Name der Thenardier hatten sie starr vor Entsetzen gemacht. Mit einem Male hört sie die Stimme Johann Valjeans, welcher ihr möglichst leise zurief: »Lehne Dich an die Mauer.« Sie gehorchte. »Sprich kein Wort und fürchte Dich nicht,« fuhr Johann Valjean fort. Und sie fühlte, wie sie von der Erde empor gezogen wurde. Ehe sie Zeit hatte daran zu denken, war sie oben auf der Mauer. Johann Valjean erfaßte sie, nahm sie auf seinen Rücken und ihre beiden kleinen Hände in seine linke Hand, legte sich platt auf den Bauch und kroch auf der Höhe der Mauer hin bis an das Thor, was wenigstens so aussah. Wie er errathen hatte, stand da ein Gebäude, dessen Dach oben an dem Holzverschlage anfing und sanft abfallend bis fast an den Boden hinunter reichte, wobei es die Linde berührte. Das war ein glücklicher Umstand, denn die Mauer war auf dieser Seite viel höher als auf der Straßenseite. Er war eben an den beschriebenen Ort gelangt und hatte die Mauer noch nicht losgelassen, als heftiger Lärm die Ankunft der Patrouille anzeigte. Man hörte die donnernde Stimme Javerts: »Durchsucht die Sackgasse! Die beiden anderen Gassen sind bewacht. Ich stehe dafür, daß er in der Sackgasse ist.« Die Soldaten stürzten sich in die Sackgasse. Johann Valjean ließ sich, während er Cosette festhielt, längs des Daches hingleiten, erreichte die Linde und sprang hinunter auf den Boden. Sei es Angst oder Muth, Cosette hatte nicht gemuckst. Ihre Hände waren ein wenig geschunden. VI. Anfang eines Räthsels. Johann Valjean befand sich in einem sehr großen Garten von eigentümlichem Aussehen, in einem jener traurigen Gärten, die dazu gemacht zu sein scheinen, um im Winter und in der Nacht gesehen zu werden. Dieser Garten war von länglich-viereckiger Form mit einer Allee hoher Pappeln und einem schattenlosen Raum in der Mitte, wo man einen sehr großen einzelnen Baum, einige verkrüppelte, gebüschwerkartige Obstbäume, Gemüsebeete und ein Melonenbeet bemerkte, dessen Glocken im Mondschein glänzten, sowie einen alten Schöpfbrunnen. Hier und da standen Steinbänke, die von Moos schwarz zu sein schienen. Die Alleen waren mit kleinen, dunkeln, graden Sträuchern eingefaßt. Bis über die Hälfte der Alleen wuchs Gras, die andere Hälfte bedeckte eine grünliche Feuchtigkeit. Neben sich hatte Johann Valjean das Gebäude, dessen Dach ihm beim Heruntersteigen dienlich gewesen, einen Haufen Reisigbündel und hinter diesem, ganz an der Wand, eine steinerne Statue, deren verstümmeltes Gesicht nur noch eine unförmliche Maske war, die man undeutlich in der Dunkelheit wahrnahm. Das Gebäude war eine Art Ruine, wo man von außen hie und da zerstörte Zimmerwände wahrnahm. Ein Zimmer war ganz verfallen und schien als Schuppen zu dienen. Das große Gebäude an der Rechts-Mauer-Straße entwickelte zwei Façaden, welche sich in den Garten hinein erstreckten. Diese sahen von innen noch schauerlicher als von außen aus. Alle Fenster waren vergittert. Nirgends sah man ein Licht. In den oberen Etagen waren Verschlage, wie an einem Gefängnisse. Eine der Façaden warf auf die andere ihren Schatten, der wie ein großes schwarzes Tuch auf den Garten fiel. Ein anderes Haus nahm man nicht wahr. Der Hintergrund des Gartens verlor sich im Dunkel und in der Nacht. Man erkannte indeß undeutlich Mauern, welche sich kreuzten, als wenn jenseits derselben noch andere Culturanlagen wären, sowie die niedrigen Dächer einer Straße. Man konnte sich nichts Wilderes und Einsameres vorstellen, als diesen Garten. Niemand war darin, was allerdings in Rücksicht der Tageszeit ganz einfach war. Der Ort sah aber nicht aus, als wäre er dazu da, daß Jemand darin gehen solle, selbst nicht einmal am hellen Mittage. Die erste Sorge Johann Valjeans war, daß er seine Schuhe wieder suchte, welche er vorher über die Mauer geworfen hatte, und sich diese wie die Strümpfe wieder anzog. Darauf ging er mit Cosetten in den Schuppen. Der Fliehende hält sich niemals für sicher genug versteckt. Das Kind, welches immer an die Thenardier dachte, theilte seinen Trieb sich möglichst zu verkriechen. Cosette zitterte und schmiegte sich an ihn. Man hörte den stürmischen Lärm der Patrouille, welche die Sackgasse durchstöberte, das Aufstoßen der Gewehrkolben auf die Steine, die Rufe Javerts an seine Leute und seine mit unverständlichen Worten vermischten Flüche. Nach Verlauf einer Viertelstunde schien der Lärm sich zu verziehen. Johann Valjean athmete kaum. Leicht hatte er seine Hand auf den Mund Cosettens gelegt. Uebrigens war die Stille, in welcher er sich befand, eine so seltsame Ruhe, daß selbst nicht einmal jener schreckliche Lärm in dieselbe den Schatten einer Störung warf. Die Mauern schienen aus jenen tauben Steinen gebaut zu sein, von denen die Schrift spricht. Plötzlich erhob sich mitten in dieser tiefen Ruhe ein neues Geräusch, himmlisch, göttlich, unbeschreiblich, eben so entzückend, wie das andere gräßlich gewesen. Es war ein Gesang, der aus der Finsterniß kam, eine Blendung des Gebets und der Harmonie in dem Dunkel und der schauerlichen Stille der Nacht; Frauenstimmen, zugleich aus dem reinen Klang der Jungfrauen und dem naiven der Kinder zusammengesetzt, Stimmen, die nicht der Erde angehören und denen gleichen, welche die Neugebornen noch hören und den Sterbenden entgegenklingen. Der Gesang kam aus dem dunkeln Gebäude, welches den Garten beherrschte. In dem Augenblicke, als der Lärm der Dämonen sich entfernte, näherte sich, so hätte man glauben können, im Dunkel ein Chor von Engeln. Cosette und Johann Valjean sanken auf die Kniee. Sie wußten nicht, was es war, sie wußten nicht, wo sie waren, aber sie fühlten alle beide, der Mann wie das Kind, der Büßende wie die Unschuldige, daß sie niederknieen müßten. Diese Stimmen hatten das Eigentümliche, daß sie das Gebäude nicht belebten, das eben so öde zu bleiben schien wie vorher. Es war wie ein übernatürlicher Gesang in einem unbewohnten Hause. Während die Stimmen sangen, dachte Johann Valjean an nichts mehr. Er sah die Nacht nicht mehr, er sah nur einen blauen Himmel. Es kam ihm vor, als entfalteten sich jene Flügel in ihm, welche wir alle in uns haben. Der Gesang erlosch. Er hatte vielleicht lange gedauert. Johann Valjean hätte es nicht sagen können. Die Stunden der Verzückung sind immer nur eine Minute. Alles war wieder in Stillschweigen versunken. Man hörte nichts mehr in dem Garten, nichts mehr in der Straße. Alles war vorüber: das, was ihn bedroht, wie das, was ihn beruhigt hatte. Der Wind zerknitterte einige dürre Gräser aus dem Kamm der Mauer, wodurch ein leises, trauriges Geräusch entstand. VII. Fortsetzung des Räthsels. Der Nachtwind hatte sich erhoben. Es mußte also zwischen ein und zwei Uhr früh sein. Die arme Cosette sagte nichts. Da sie an seiner Seite saß und den Kopf an ihn lehnte, dachte Johann Valjean sie sei eingeschlafen. Er bückte sich und sah ihr in das Gesicht. Sie hatte die Augen weit offen und eine nachdenkliche Miene. Das ging ihm nahe. Sie zitterte noch immer. »Willst Du nicht schlafen?« fragte Johann Valjean. »Ich friere sehr,« antwortete sie. Nach einiger Zeit setzte sie hinzu: »Ist sie noch da?« »Wer?« fragte Johann Valjean. »Madame Thenardier.« Er hatte bereits vergessen, durch welches Mittel er Cosetten dazu gebracht, still zu sein. »Ach,« antwortete er. »Die ist fort. Fürchte Dich nicht mehr.« Das Kind seufzte, als ob ihm eine schwere Last von der Brust genommen werde. Der Boden war feucht, der Schuppen nach allen Seiten offen, der Wind wurde mit jedem Augenblick kälter. Der brave Mann zog seinen Rock aus und hüllte Cosetten in denselben. »Frierst Du so weniger?« fragte er. »Ach ja, Vater!« »Warte einen Augenblick; ich komme bald wieder.« Er ging aus der Ruine hinaus und längs des großen Gebäudes hin, um irgend einen besseren Schutz zu finden. Er traf auf Thüren, sie waren aber geschlossen. An allen Fenstern des Erdgeschosses befanden sich Gitter. Als er bei der inneren Ecke des Gebäudes herumgekommen war, bemerkte er Bogenfenster und in denselben einen Lichtschein. Er hob sich auf die Fußspitzen, und sah durch eines der Fenster hinein. Sie gingen alle in einen ziemlich großen Saal, der mit großen Steinplatten gepflastert und mit Bogen und Säulen versehen war, wo man aber nichts weiter als einen schwachen Schein und große Schatten erkannte. Der Schein kam von einem in einer Ecke brennenden Lämpchen. Der Saal war öde und nichts rührte sich in demselben. Indessen glaubte er, nachdem er seinen Blick angestrengt, am Boden, auf dem Steinpflaster, etwas zu sehen, das mit einem Leichentuche bedeckt zu sein schien und einer menschlichen Gestalt ähnlich war. Es lag platt auf dem Leibe, mit dem Gesicht auf den Steinen, die Arme kreuzförmig gelegt, in der Unbeweglichkeit des Todes ausgestreckt. Der ganze Saal schwamm in jenem Dunkel kaum beleuchteter Orte, welches stets Schrecken einstößt. Johann Valjean hat später oft gesagt, wie viel Gräßliches er auch im Leben gesehen, niemals habe er etwas Schrecklicheres gesehen, als im Halbdunkel diese räthselhafte, geheimnißvolle Gestalt an diesem schauerlichen Orte. Sie konnte todt sein – entsetzlich; noch entsetzlicher, wenn das noch lebte. Er hatte den Muth, seine Stirn an die Fensterscheibe zu drücken und zu lauschen, ob das Ding sich bewege. Er mochte, wenigstens seiner Meinung nach, lange so dagestanden haben, die Gestalt machte aber durchaus keine Bewegung. Plötzlich fühlte er sich von einer unbeschreiblichen Furcht ergriffen und lief von dannen. Er lief wieder nach dem Schuppen zurück, ohne zu wagen, sich umzusehen. Es kam ihm vor, daß, wenn er sich umwende, er die Gestalt langsamen Schritts ihm folgen sehen würde. Athemlos kam er in der Ruine wieder an. Seine Kniee zitterten; der Schweiß drang ihm durch alle Poren. Wo war er? Was war dieses seltsame Haus? Und es war wirklich ein Haus. Denn es hatte ja eine Straßennummer. Es war kein Traum. Er mußte die Steine mit den Händen berühren, um daran zu glauben. Die Kälte, die Angst, die Unruhe, die Aufregungen dieser Nacht hatten ihn in ein wahres Fieber versetzt. Alle seine Gedanken gingen ihm im Kopfe wirr durcheinander. Er trat zu Cosetten. Sie schlief. VIII. Das Räthsel verdoppelt sich. Das Kind hatte den Kopf auf einen Stein gelegt und war eingeschlafen. Er setzte sich neben sie und begann sie zu betrachten. Allmälig, je länger er sie betrachtete, beruhigte er sich und erhielt die Freiheit seines Geistes wieder. Deutlich erkannte er diese Wahrheit, die Grundlage seines künftigen Lebens, daß, so lange sie da sei und er sie bei sich habe, er nur für sie etwas brauchen, nur um ihretwillen etwas fürchten werde. Er fühlte nicht, daß er sehr kalt war, da er den Rock ausgezogen, um sie einzuhüllen. Mitten in seiner Träumerei, in welche er versunken war, hörte er indeß seit einiger Zeit ein wunderliches Geräusch. Es war als wenn eine Schelle bewegt würde. Es war im Garten. Man hörte sie, wenn auch schwach, so doch deutlich. Es glich dem fernen, undeutlichen Klange, welchen die Glöckchen der Kühe des Nachts auf der Weide machen. Johann Valjean drehte sich in Folge dessen um. Er sah hin und bemerkte, daß Jemand im Garten war. Ein Wesen, das einem Manne ähnlich war, ging zwischen den Glocken des Melonenbeetes umher, bückte sich, richtete sich wieder auf, blieb stehen, alles mit regelmäßigen Bewegungen, als wenn er etwas am Boden hinziehe oder ausbreite. Dieses Wesen schien zu hinken. Johann Valjean zitterte wie Unglückliche zu zittern pflegen. Alles ist ihnen feindselig und verdächtig. Sie mißtrauen dem Tage, weil er bewirkt, daß man sie sieht; der Nacht, weil man sie in ihrem Dunkel überraschen kann. Kurz vorher schauerte ihn, weil der Garten öde, jetzt schauerte ihn, weil Jemand darin war. Aus eingebildetem Schrecken verfiel er in wirklichen. Er meinte, Javert und seine Schaar seien vielleicht noch gar nicht fortgegangen; er habe ohne Zweifel Leute als Wache in der Straße zurückgelassen; wenn der Mann ihn im Garten bemerkte, würde er wahrscheinlich: Diebe! rufen und ihn ausliefern. Er nahm die schlafende Cosette sanft in seine Arme und trug sie hinter einen Haufen alter, außer Gebrauch gesetzter Geräthe, in den verstecktesten Winkel des Schuppens. Cosette rührte sich nicht. Von da aus beobachtete er die Umrisse des Wesens in dem Melonenbeete. Sonderbar war, daß der Schellenklang allen Bewegungen des Mannes folgte. Näherte er sich, so kam das Klingen näher; entfernte er sich, so entfernte sich auch dieses; machte er eine rasche Bewegung, so begleitete sie ein Tremolo; blieb er stehen, so schwieg das Klingen. Offenbar waren die Schellen an dem Manne befestigt, was konnte das nur bedeuten? Wer war der Mann, dem man ein Glöckchen angehangen hatte wie einem Schaf oder einer Kuh? Während er sich diese Fragen vorlegte, berührte er die Hände Cosettens. Sie waren eiskalt. »Mein Gott!« dachte er und rief leise: »Cosette!« Sie schlug die Augen nicht auf. Er schüttelte sie lebhaft. Sie erwachte nicht. »Sollte sie todt sein!« dachte er und, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, richtete er sich auf. Die entsetzlichsten Gedanken durchkreuzten wirr seinen Geist. Es giebt Augenblicke, in denen die widerwärtigsten Vermuthungen uns wie eine Cohorte Furien umlagern und gewaltsam die Scheidewände in unserem Geist verschließen. Wenn es sich um diejenigen handelt, welche wir lieben, erfindet unsere Klugheit alle Thorheiten. Er erinnerte sich daran, daß der Schlaf in freier Luft und in einer kalten Nacht tödtlich sein kann. Cosette war bleich zu seinen Füßen ausgestreckt an den Boden gesunken, ohne sich zu bewegen. Regungslos lag sie da. Er hörte ihren Athem, denn sie athmete. Der Athem aber war so schwach, daß er jeden Augenblick zu verlöschen schien. Wie sie erwärmen, wie sie erwecken? Alles Andere verwischte sich vor dem einen Gedanken und außer sich stürzte er aus der Ruine hinaus. Ehe eine Viertelstunde verging, mußte Cosette durchaus entweder vor einem Feuer oder in einem Bett sein. IX. Der Mann mit der Schelle. Er ging grade auf den Mann zu, welchen er in dem Garten bemerkte, nachdem er eine Rolle mit Geld, welche er in der Westentasche getragen, in die Hand genommen. Da der Mann gebückt dastand, so sah er ihn nicht kommen. Mit einigen Schritten war Johann Valjean bei ihm. »Hundert Francs!« war sein erstes Wort, als er bei ihm war. Der Mann fuhr empor und blickte auf. »Hundert Francs sind zu verdienen,« fuhr Johann Valjean fort, »wenn Sie mir für diese Nacht ein Obdach geben!« Der Mond schien auf das zerstörte Gesicht Johann Valjeans. »Sie sind's ja, Vater Madeleine!« sagte der Mann. Bei diesem Namen, der in solcher Weise in dieser mitternächtlichen Stunde, an diesem unbekannten Orte, von diesem unbekannten Manne ausgesprochen wurde, fuhr Johann Valjean zurück. Auf Alles, nur auf das nicht, war er gefaßt gewesen. Der, welcher ihn so angeredet hatte, war ein hinkender, gebeugter alter Mann, beinahe wie ein Bauer gekleidet. Am linken Knie hatte er ein Band von Leder, an welchem ein ziemlich großes Glöckchen hing. Sein Gesicht konnte man nicht erkennen, da der Schatten darauf fiel. Mittlerweile hatte der alte Mann seine Mütze abgenommen und rief in zitterndem Tone: »Ach, mein Gott, Vater Madeleine, wie kommen Sie denn hier her? Wie sind Sie denn hier hinein gekommen? Sie müssen vom Himmel gefallen sein. Nun ja, freilich, wenn Sie einmal fallen, müssen Sie von da fallen. Und wie Sie aussehen! Sie haben kein Halstuch, keinen Hut, keinen Rock! Wissen Sie auch, daß Sie Einen erschrecken konnten, der Sie nicht kennt! Keinen Rock! Herr, mein Gott, sind denn die Heiligen närrisch geworden? Wie sind Sie denn hierhergekommen?« Ein Wort erwartete nicht das andere. Der alte Mann sprach mit einer unbeschreiblichen Zungenfertigkeit, welche jedoch nichts Beunruhigendes hatte. Er sagte alles das mit einer Mischung von naiver Gutmüthigkeit und Verwunderung. »Wer sind Sie? Was ist dieses Haus?« fragte Johann Valjean. »Zum Teufel, das ist stark!« rief der Alte. »Ich bin ja der, den Sie hier untergebracht haben; das ist ja das Haus, in das Sie mich gebracht. Wie! Kennen Sie mich denn nicht?« »Nein,« antwortete Johann Valjean. »Woher kennen Sie mich?« »Sie haben mir ja das Leben gerettet,« sagte der Mann. Er drehte sich um, ein Mondstrahl ließ sein Gesicht erkennen und Johann Valjean erkannte den alten Fauchelevent. »Ah!« sagte er, »Sie sind es? Ja, ich erkenne Sie.« »Das ist Ihr Glück,« antwortete der Alte in vorwurfsvollem Tone. »Was machen Sie hier?« fragte Johann Valjean weiter. »Hm! Ich decke meine Melonen zu.« Der alte Fauchelevent hatte in der That, als Johann Valjean an ihn herangetreten, das Ende einer Strohkappe in der Hand, die er über eine Melone auszubreiten eben beschäftigt war. Er hatte bereits eine gewisse Anzahl davon aufgestellt, seit einer Stunde ungefähr, so lange er in dem Garten gewesen war. Von dieser Beschäftigung schrieben sich die eigenthümlichen Bewegungen her, welche Johann Valjean von dem Schuppen aus bemerkt hatte. Er fuhr dann fort: »Ich dachte mir: der Mond scheint; es wird frieren. Wie wär's, wenn ich meinen Melonen die Rocke anzöge. Und« – setzte er mit einem Blicke und hellem Lachen gegen Johann Valjean hinzu: – »das hätten Sie, weiß Gott, auch thun sollen. Aber, wie sind Sie denn eigentlich hier hineingekommen?« Da Johann Valjean sich von diesem Manne erkannt sah, wenigstens unter den Namen Madeleine, so glaubte er desto mehr Vorsicht anwenden zu müssen. Er verdoppelte also seine Fragen, so daß sonderbarerweise die Rollen umgekehrt zu sein schienen: er der Eingedrungene fragte. »Was bedeutet die Schelle, die Sie da am Knie haben?« »Die da?« fragte Fauchelevent. »Die ist dazu da, daß man mir aus dem Wege gehe.« »Wie, daß man Ihnen aus dem Wege gehe?« Der alte Fauchelevent blinzelte in ganz unbeschreiblicher Weise und sagte dann: »Sehen Sie, es sind nur Frauenzimmer in diesem Hause, viel junge Mädchen. Es scheint, daß es gefährlich für sie ist, wenn sie mir begegnen. Die Schelle setzt sie von meiner Nähe in Kenntniß. Wenn ich komme, machen sie, daß sie fort kommen.« »Was ist das für ein Haus?« »Das wissen Sie ja selbst recht gut.« »Nein, ich weiß es nicht.« »Sie haben mich ja als Gärtner hierher gebracht.« »Antworten Sie mir, als ob ich nichts wüßte.« »Gut, es ist das Kloster von Klein-Picpus.« Johann Valjean erinnerte sich. Der Zufall, d. h. die Vorsehung, hatte ihn gerade in das Kloster des Viertels St. Antoine geführt, in das vor zwei Jahren auf seine Empfehlung der alte Fauchelevent aufgenommen worden war, den der Fall unter den Wagen zum Krüppel gemacht hatte. Wie mit sich selbst sprechend, wiederholte er: »Das Kloster von Klein-Picpus.« »Freilich!« sagte Fauchelevent. »Wie zum Teufel sind Sie denn hier hineingekommen, Vater Madeleine? Wenn Sie auch ein Heiliger sind, ein Mann sind sie doch und Männer dürfen nicht herein.« »Sie sind ja da.« »Außer mir aber Keiner.« »Ich muß aber auch hier bleiben.« »Ach, du mein Gott!« rief Fauchelevent aus. Johann Valjean trat näher zu ihm heran und sprach mit ernstem Tone: »Vater Fauchelevent, ich habe Ihnen das Leben gerettet.« »Ich habe mich zuerst daran erinnert,« entgegnete der Alte. »Gut, heute können Sie für mich thun, was ich einst für Sie gethan habe.« Fauchelevent ergriff mit seinen alten runzeligen, zitternden Händen, die beiden starken Hände Johann Valjeans. So vergingen einige Sekunden, ehe er sprechen konnte; endlich rief er: »Das wäre eine Gnade vom lieben Gott, wenn ich Ihnen das ein wenig vergelten könnte! Ich Ihnen das Leben retten! Herr Maire! Verfügen Sie über mich alten Mann, wie Sie wollen!« Eine bewundernswürdige Freude hatte den alten Mann gleichsam wie umgestaltet. Von seinem Gesicht schien ein Licht auszugehen. »Was soll ich thun?« fragte er weiter. »Ich werde Ihnen das erklären. Haben Sie eine Stube?« »Ich habe eine einzeln stehende Baracke, dort hinter der Ruine des alten Klosters, in einem Winkel, den Niemand sieht. Drei Stuben sind darin.« Die Hütte war in der That so hinter der Ruine versteckt und so gut gelegen, daß sie Niemand sah und auch Johann Valjean sie nicht gesehen hatte. »Gut!« antwortete Johann Valjean. – »Jetzt bitte ich um Zweierlei.« »Um was, Herr Maire?« »Erstens sagen Sie Niemandem was Sie von mir wissen, und zweitens suchen Sie nicht mehr zu erfahren.« »Wie Sie wollen. Ich weiß, daß Sie nur Ehrenhaftes thun können und daß Sie stets ein Mann Gottes gewesen sind. Und dann haben Sie mich ja auch hierher gebracht. Es ist Ihre Sache. Ich stehe Ihnen zu Diensten.« »Abgemacht! Jetzt kommen Sie mit mir. Wir wollen das Kind holen gehen.« »Ach!« entgegnete Fauchelevent, »auch ein Kind ist noch da!« Weiter sagte er nichts und folgte Johann Valjean wie ein Hund seinem Herrn folgt. In nicht ganz einer halben Stunde schlief Cosette, die in der Wärme eines tüchtigen Feuers ihre rosige Farbe wieder erlangt hatte, in dem Bett des alten Gärtners. Johann Valjean hatte sein Halstuch wieder umgebunden und seinen Rock wieder angezogen; auch der über die Mauer geworfene Hut war wieder gefunden und aufgehoben worden. Während Johann Valjean seinen Rock anzog, nahm Fauchelevent das Knieband mit dem Glöckchen ab, das jetzt, an einem Nagel an der Wand aufgehängt, das Zimmer schmückte. Die beiden Männer wärmten sich und nahmen an dem Tische Platz, auf den Fauchelevent ein Stück Käse und schwarzes Brod gelegt und eine Flasche Wein mit zwei Gläsern gestellt hatte. Darauf legte der Alte seine Hand auf das Knie Johann Valjeans und sagte zu ihm: »Vater Madeleine, daß Sie mich nicht sogleich wieder erkannten! Sie retten den Leuten das Leben und hinterdrein denken Sie nicht mehr an sie! Das ist gar nicht hübsch! Sie erinnern sich Ihrer. Sie sind recht undankbar! X. Wie es gekommen, daß Javert nichts gefunden. Als Johann Valjean in der Nacht des Tages, an welchem Javert ihn am Sterbebett Fantines verhaftet hatte, aus dem städtischen Gefängniß von M... am M... entflohen war, vermuthete die Polizei, daß der flüchtige Sträfling sich nach Paris gewendet haben müsse. Paris ist ein Strudel, in dem Alles sich verliert und Alles verschwindet. Kein Wald verbirgt einen Menschen, so wie diese Menschenmassen. Das wissen auch die Flüchtlinge jeder Art. Sie stürzen sich nach Paris, wie in einen Schlund. Es giebt Abgründe, welche zur Rettung dienen. Die Polizei weiß es auch. In Paris sucht sie, was sie anderswo verloren hat. So suchte sie hier auch den Ex-Maire von M... am M... Javert wurde nach Paris berufen, um bei den Nachforschungen Auskunft zu geben. Auch trug er in der That sehr viel zur Wiederergreifung Johann Valjeans bei. Der Eifer und die Klugheit Javerts wurden bei dieser Gelegenheit von dem Präfectur-Secretair Chabouillet bemerkt, und Chabouillet, welcher schon früher Javert protegirt hatte, ließ den Inspector von M... am M... bei der Polizei in Paris anstellen. Hier machte sich Javert in verschiedener und, wie wir hinzusetzen müssen, wenn das Wort für solche Dienste auch unerwartet erscheint, in ehrenhafter Weise nützlich. Er dachte nicht mehr an Johann Valjean – die Hunde, welche immer zur Jagd benutzt werden, vergessen über den Wolf von heute, den von gestern – als er im Dezember 1823 eine Zeitung zur Hand nahm, er, welcher sonst niemals öffentliche Blätter las. Als gut königlich gesinnter Mann lag ihm jedoch daran, alle Einzelnheiten des Triumphzuges des Prinzen Generalissimus in Bayonne kennen zu lernen. Als er den interessanten Artikel gelesen hatte, fiel ihm ein Name, der Name Johann Valjean, unten auf einer Seite auf. Das Blatt zeigte an, daß der Sträfling Johann Valjean gestorben sei und zwar in so bestimmten Ausdrücken, das Javert die Richtigkeit der Mittheilung nicht bezweifelte. Er sagte weiter nichts, als: »So ist's am besten.« Dann warf er die Zeitung bei Seite und dachte nicht mehr daran. Einige Zeit darauf wurde der Polizeipräfectur von Paris amtlich die Entführung eines Kindes gemeldet, welche, wie es hieß, unter eigenthümlichen Umständen in der Gemeinde Montfermeil stattgefunden haben sollte. Das Kind sei von ihrer Mutter, einer gewissen Fantine, die in einem nicht näher bekannten Hospital gestorben, dem dortigen Gastwirth anvertraut gewesen. Diese Notiz sah Javert. Dieselbe machte ihn sehr nachdenklich. Ohne ein Wort zu sagen, machte er sich auf und reiste nach Montfermeil. Hier hoffte er vollständigst Aufklärung zu finden. Die fand er aber nicht. Die Sache blieb so dunkel für ihn wie vorher. In den ersten Tagen, im Aerger, hatten die Thenardiers geplaudert. Das Verschwinden der Lerche hatte Aufsehen im Dorfe gemacht. Es liefen sogleich verschiedene Versionen über die Sache um, bis endlich ein Kinderraub daraus wurde. Als indeß der erste Aerger vergangen, hatte Thenardier mit seinem bewunderungswürdigen Instinkt schnell erkannt, daß es nie gerathen sei, den Herrn Staats-Anwalt in Bewegung zu setzen und daß seine Klage über die Entführung Cosetten's zunächst nur bewirken würde, daß sich das funkelnde Auge der Justiz auf ihn, Thenardier, und mancherlei dunkele Geschichten richten könnte. Die Eulen wünschen vor allen Dingen kein Licht. Und wie sollte er sich aus der Geschichte mit den fünfzehnhundert Francs, die er erhalten, herausziehen? Er machte rasch Kehrt, verbot demnach seiner Frau von der Sache zu reden und stellte sich ganz verwundert, wenn man zu ihm von dem »geraubten Kinde« sprach. Er wisse gar nicht, was man haben wolle. Anfangs habe er wohl geklagt, daß man ihm die liebe Kleine so schnell »entführt,« die er aus Liebe gern noch zwei oder drei Tage behalten hätte. Ihr Großvater habe sie aber geholt und das sei doch etwas ganz natürliches. Der »Großvater« machte sich ganz gut. Diese Geschichte hörte Javert, als er nach Montfermeil kam. Der »Großvater« verdrängte Johann Valjean aus seinen Vermuthungen. Sondiren mußte er doch noch ein Wenig. Einige Fragen über die Geschichte Thenardiers konnten nichts schaden: wer der Großvater sei und wie er heiße? Thenardier antwortete unbefangen: »Es ist ein wohlhabender Landmann. Ich habe seinen Paß gesehen. Wilhelm Lambert, glaube ich, heißt er.« Lambert ist ein unschuldiger, sehr beruhigender Name. Javert kehrte nach Paris zurück. »Der Johann Valjean ist richtig todt,« sagte er sich, »und ich bin ein Dummkopf.« Er fing die ganze Geschichte wieder zu vergessen an, als er im Laufe des März 1824 von einer sonderbaren Persönlichkeit sprechen horte, welche in der Pfarrgemeinde von St. Medardus wohne und welche man den Bettler heiße, welcher Almosen gebe. Ein Rentier, dessen eigentlichen Namen Niemand kenne und der allein mit einem Mädchen von acht Jahren lebe, das selbst nichts anderes wisse, als daß es von Montfermeil gekommen sei. Montfermeil! Der Name kam ihm wieder vor. Javert spitzte die Ohren. Ein alter Bettler und Polizeispion, welchem der Betreffende öfter Almosen gab, fügte noch einige Einzelnheiten hinzu: Der Rentier sei sehr scheu – gehe nur des Abends aus – spreche mit Niemandem – nur bisweilen mit Armen – und lasse nicht an sich herankommen. Er trage einen schrecklich alten gelben Rock, der aber mehrere Millionen werth sei, da er durch und durch mit Banknoten gefüttert sei. – Das reizte entschieden die Neugierde Javerts. Um diesen phantastischen Rentier ganz in der Nähe zu sehen, ohne ihn zu verscheuchen, lieh er sich eines Tages von dem Bettler seine Lumpen und den Platz, wo der alte Spion alle Abend niedergekauert seine Gebete hernäselte und beim Gebete spionirte. »Das verdächtige Individuum« kam wirklich auf den so verkleideten Javert zu und gab ihm ein Almosen. In diesem Augenblicke erhob Javert den Kopf. Der Stoß, den in diesem Augenblicke Johann Valjean erhielt, war derselbe, welcher Javert traf; ersterer erschrak, weil er Javert, dieser, weil er Johann Valjean zu erkennen glaubte. Das Dunkel hatte ihn indeß täuschen können; der Tod Johann Valjeans war officiell; es blieben Javert ernste Zweifel und in zweifelhaften Fällen nahm Javert, der gewissenhafte Javert, Niemanden beim Kragen. Er verfolgte seinen Mann bis an das alte Haus Gorbeau und wußte »die Alte« zum Reden zu bringen, was ihm nicht schwer wurde. Die Alte bestätigte ihm die Geschichte mit dem Rocke und erzählte ihm die Episode von dem Tausendfrancsbillet. Sie hatte es gesehen! Sie hatte ihn befühlt! Javert miethete eine Stube. Noch an demselben Abend zog er ein. Er horchte an der Thür des geheimnißvollen Miethers, da er hoffte hierbei den Ton seiner Stimme hören zu können, Johann Valjean aber war still geblieben. Am anderen Tage machte sich Johann Valjean aus dem Staube. Das Geräusch aber, welches das Fünffrancsstück, das er hatte fallen lassen, gemacht hatte, wurde von der Alten gehört, die, als sie Geld klingen hörte, die Absicht Johann Valjeans errieth und sich beeilte, Javert davon zu benachrichtigen. In der Nacht, als Johann Valjean fortging, erwartete ihn Javert mit zwei Mann hinter den Bäumen des Boulevard. Javert hatte in der Präfectur bewaffnete Mannschaft verlangt, aber den Namen des Individuums nicht genannt, das er zu fassen hoffte. Das war sein Geheimniß. Er bewahrte es aus drei Gründen: erstens weil die geringste Indiscretion Johann Valjean aufmerksam machen konnte; zweitens weil ein Unternehmen, das darin bestand, einen alten entwichenen, für todt gehaltenen Sträfling zu ergreifen, einen Verurtheilten, den die Acten der Behörden stets schon unter die Verbrecher der allergefährlichsten Art gezählt hatten, ein glänzender Erfolg gewesen wäre, den die Polizei-Vorgesetzten sicherlich einem Neulinge wie Javert nicht überlassen haben würden, und endlich weil Javert als Künstler das Unvorhergesehene liebte. Er haßte die vorausangekündigten Erfolge, die den Hauptreiz verlieren, wenn man lange vorher davon spricht. Er suchte seine Meisterstücke im Stillen vorzubereiten und sie dann plötzlich zu enthüllen. Javert war Johann Valjean von Baum zu Baum, von Straßenecke zu Straßenecke gefolgt und hatte ihn nicht einen Augenblick aus den Augen verloren, selbst dann nicht, wenn Johann Valjean sich für sicher hielt; das Auge Javert's ruhte stets auf ihm. Warum aber verhaftete er Johann Valjean nicht? Weil er noch zweifelte. Man muß sich erinnern, daß sich die Polizei zur damaligen Zeit nicht sehr behaglich fühlte. Die freie Presse genirte sie. Einige willkürliche Verhaftungen, welche die Zeitungen rügend besprochen, hatten in den Kammern ihren Wiederhall gefunden und die Polizeipräfectur eingeschüchtert. Die Antastung der individuellen Freiheit war ein wichtiges Ding. Die Polizei-Agenten fürchteten hierbei einen Irrthum zu begehen; der Präfect zog sie zur Rechenschaft; ein Versehen hierbei hieß so viel wie Absetzung. Man stelle sich den Eindruck vor, welchen in Paris folgender in wenigstens zwanzig Zeitungen abgedruckter, kurzer Bericht gemacht haben würde: »Gestern ist ein alter Großvater mit weißem Haar, ein achtbarer Rentier, der mit seiner achtjährigen Enkelin spazieren ging, verhaftet und als angeblich entsprungener Sträfling ins Gewahrsam der Polizeipräfectur gebracht worden!« Wir müssen auch wiederholen, daß Javert seine eigenen Bedenken hatte; zu den Empfehlungen des Präfecten traten die seines Gewissens. Er war in der That zweifelhaft. Johann Valjean wendete ihm den Rücken und ging im Dunkel. Traurigkeit, Unruhe, Besorgniß, Angst, Niedergeschlagenheit, das neue Unglück, in der Nacht fliehen und auf Gradewohl in Paris eine Zufluchtsstätte für sich und für Cosette suchen zu müssen, der Zwang, seine Schritte nach denen des Kindes zu richten, alles hatte den Gang Johann Valjeans geändert und seiner Körperhaltung so etwas Alterndes aufgedrückt, daß selbst die in Javert verkörperte Polizei sich täuschen konnte und täuschte. Die Unmöglichkeit ihm ganz nahe zu kommen, seine Kleidung als Lehrer aus der Zeit der Emigration, die Erklärung Thenardiers, die ihn zum Großvater machte, endlich der Glaube an seinen Tod im Bagno erhöhte noch die im Geiste Javerts sich verdichtenden Zweifel. Einen Augenblick hatte er den Gedanken, ihn plötzlich nach seinen Papieren zu fragen. Wenn dieser Mann aber nicht Johann Valjean und auch nicht ein gutmüthiger, alter Mann war, so war er wahrscheinlich irgend ein eng mit dem dunklen Gewebe der Pariser Verbrechen verbundener Mensch, irgend ein gefährlicher Bandenchef, der Almosen gab, um seine anderen Talente zu verbergen. Diese Rubrik existirt schon von altersher in den Verbrecherlisten. Die Umwege, die er in den Straßen machte, schienen darauf hinzuweisen, daß er kein gewöhnlicher, unschuldiger Mensch war. Ihn sofort verhaften, hieß das Huhn mit den goldenen Eiern schlachten. Welchen Nachtheil hatte dagegen das Warten? Javert war ja sicher, daß er ihm nicht entgehen konnte. Ziemlich spät erst, in der Straße Pontoise, erkannte er zufolge des hellen Lichtes, das aus einem Wirthshause fiel, Johann Valjean ganz bestimmt. Es giebt in dieser Welt zwei Wesen, welche das heftigste Zittern zu empfinden vermögen: die Mutter, welche ihr Kind und der Tiger, welcher seine Brut wieder findet. Javert empfand dieses Zittern. Mit dem Augenblicke, als er Johann Valjean, den furchtbaren Sträfling, genau wieder erkannt hatte, fiel es ihm auf, daß sie nur drei Mann stark waren und er erbat sich daher von dem Polizeicommissar in der Straße Pontoise Verstärkung. Ehe man in einen Dornbusch greift, zieht man Handschuhe an. Dieser und noch ein anderer Aufenthalt brachten ihn beinahe von der Spur. Er errieth indeß bald, daß Johann Valjean den Fluß zwischen sich und seine Verfolger zu bringen suchen werde. In gebeugter Stellung dachte er nach wie ein Spürhund, der die Nase an den Boden hält, um seiner Sache sicher zu sein. Mit seinem unfehlbaren Instinkt ging Javert gerade auf die Brücke von Austerlitz zu. Ein Wort mit dem Brückengeld-Einnehmer brachte ihn jedoch wieder auf die Spur: – »Haben Sie einen Mann mit einem kleinen Mädchen gesehen?« – »Ja, ich ließ mir von ihm zwei Sous zahlen,« antwortete der Einnehmer. – Javert gelangte noch zu rechter Zeit auf die Brücke, um Johann Valjean mit Cosetten an der Hand über den vom Mond beschienenen Platz gehen zu sehen. Er sah ihn sich in die Sackgasse, wie in eine Falle begeben. Sogleich schickte er auf einem Umwege Einen seiner Leute voraus, um den einzigen Ausgang der Gasse nach der Kleinen Picpusstraße bewachen zu lassen. Eine Patrouille, die ihm begegnete, requirirte er als Begleitung. Bei solchen Partien sind die Soldaten Trümpfe. Uebrigens ist es Princip, daß der, welcher einen Eber überwältigen will, das Wissen des Jägers und die Kraft des Hundes besitzen muß. Nachdem Javert diese Anordnungen getroffen hatte, nahm er eine Priese Taback. Darauf begann er zu spielen. Er hatte einen teuflischen Augenblick des Entzückens und ließ seinen Mann vor sich hergehen, da er wußte, er habe ihn sicher und wünschte nur den Augenblick des Zugreifens so weit als möglich hinaus zu schieben, glücklich ihn gefangen zu wissen und frei zu sehen. Er empfand die Wollust einer Spinne, welche die Fliege flattern, die Wollust der Katze, welche die Maus laufen läßt. Die Klauen haben ein ungeheuerliches Sinnlichkeitsgefühl: das Zucken des gefangenen Thieres zwischen den Krallen. Welche Wonne ist dieses Ersticken! Javert empfand sie. Die Maschen seines Netzes waren fest geknüpft. Er war des Erfolges sicher, er brauchte nur die Hand zuzudrücken. Bei der Begleitung, die er hatte, war selbst der Gedanke an Widerstand unmöglich, so stark und verzweifelt Johann Valjean auch sein mochte. Javert ging langsam weiter. Alle Winkel und Ecken der Straße durchsuchte er wie die Taschen eines Diebes. Als er an's Netz kam, fand er die Fliege nicht mehr darin. Man stelle sich seine Verzweiflung vor. Er befragte die ausgestellte Wache. Der Mann, der unveränderlich auf seinen Posten geblieben war, hatte Niemand vorüberkommen sehen. Bisweilen entkommt ein gehetzter Hirsch trotzdem, daß er die Meute auf dem Nacken hat. Dann wissen auch die ältesten Jäger nicht, was sie sagen sollen: Ein solcher meinte in einem ähnlichen Fall: »das war gar kein Hirsch, sondern ein Zauberer.« So mochte wohl auch Javert zu Muthe sein. Er war einen Augenblick der Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe. Gewiß haben selbst die größten und berühmtesten Feldherrn in ihren Kriegen Fehler begangen. Auch Javert beging einen Fehler in diesem Feldzuge gegen Johann Valjean. Es war vielleicht Unrecht, daß er den ehemaligen Züchtling nicht gleich erkannte. Der erste Blick hätte ihm genügen, er hätte ihn einfach in dem alten Hause verhaften müssen. Es war ein Fehler, daß er ihn nicht in der Straße Pontoise verhaftete, als er ihn ganz bestimmt erkannte. Es ist gewiß nützlich, verschiedene Ansichten zu hören und es ist gut, diejenigen von den Hunden zu befragen, welche Vertrauen verdienen. Der Jäger kann aber nicht vorsichtig genug sein, wenn er auf unruhige Thiere Jagd macht, wie auf einen Wolf oder einen Sträfling. Weil Javert sich zu viel Mühe gab, die Meute auf die rechte Fährte zu bringen, machte er das Thier unruhig, gab ihm Wind und es konnte entfliehen. Vorzüglich hatte er daran Unrecht gethan, daß er, als er die Spur auf der Brücke von Austerlitz wiedergefunden, das furchtbare und kindische Spiel trieb einen solchen Mann an einem Faden zu halten. Er hielt sich für stärker als er war und glaubte mit dem Löwen wie mit einer Maus spielen zu können. Auf der anderen Seite hielt er sich für zu schwach, als er nöthig fand, sich mit Verstärkung zu versehen. Javert machte alle diese Fehler, war aber nichts desto weniger Einer der geschicktesten und correctesten Spione, welche je existirt haben. Wer aber ist vollkommen? Auch der Geist der großen Strategen verdunkelt sich manchmal. Sei dem nun wie ihm will, in dem Augenblicke, als Javert erkannte, daß Johann Valjean ihm entgangen, verlor er den Kopf nicht. In der festen Ueberzeugung, daß der Sträfling nicht weit entfernt sein könne, stellte er Wachen aus und durchsuchte und durchforschte die ganze Nacht den Stadttheil. Das erste, was er bemerkte, war die Unordnung an der Laterne, wo der Strick abgeschnitten war. Das war ein werthvoller Fingerzeig, der ihn aber trotzdem irre leitete, weil er ihn veranlaßte, alle seine Nachforschungen auf die Sackgasse zu richten. Es giebt in derselben ziemlich niedrige Mauern, welche in an weite Felder stoßende Gärten gehen. Johann Valjean war augenscheinlich, jedenfalls in dieser Richtung hin entflohen. Thatsache ist, daß wenn er ein wenig früher in die Sackgasse gekommen, er dies wahrscheinlich gethan haben und dann verloren gewesen sein würde. Javert durchsuchte diese Gärten und dieses Terrain, als wenn er nach einer Stecknadel gesucht hätte. Mit Tagesanbruch ließ er zwei kluge Leute zur Beobachtung zurück und gelangte verschämt wie ein Spion, dem ein Dieb entgangen ist, auf die Präfectur. Sechstes Buch. Klein-Picpus. I. Kleine Picpus-Straße Nr. 62. Das Einfahrtsthor der Nr. 62 in der kleinen Picpusstraße war vor fünfzig Jahren ein Thor, wie jedes andere. Es stand in der einladendsten Weise gewöhnlich halb offen und ließ einen von weinumrankten Mauern umgebenen Hof und das Gesicht eines faullenzenden Portiers sehen. Ueber der Mauer am Ende bemerkte man große Bäume. Wenn ein Sonnenstrahl den Hof oder ein Glas Wein den Portier erheiterte, konnte man schwerlich an Nr. 62 vorbei gehen, ohne einen freundlichen Eindruck mitzunehmen. Und doch war es ein trauriger Ort, den man hier vor sich hatte. Die Schwelle lachte, das Haus betete und weinte. Wenn man, was nicht leicht, ja was sogar gewissermaßen unmöglich war, dazu gelangte, von dem Portier eingelassen zu werden, so trat man rechts in eine kleine Halle, in welcher eine zwischen zwei Mauern zusammengepreßte Treppe emporstieg, welche so schmal war, daß nur eine Person auf einmal darauf gehen konnte; wenn man sich durch den gelben Anstrich der Wände nicht abschrecken ließ und sich weiter wagte, kam man über zwei Absätze im ersten Stockwerk in einen Corridor, wo man von derselben Farbe der Wände verfolgt wurde. Treppe und Corridor waren durch zwei schöne Fenster erhellt. Dann bildete der Corridor eine Ecke und wurde dunkel. Umschiffte man dieses Vorgebirge, so gelangte man nach einigen Schritten vor eine ebenso geheimnisvolle, wie nicht verschlossene Thür. Stieß man sie auf, so befand man sich in einem ganz kleinen, reinlichen, kalten, mit Steinplatten belegten Zimmer mit nankinfarbigen grün geblümten Tapeten. Ein mattes Licht fiel durch ein großes Fenster mit kleinen Scheiben, das sich links befand und die ganze Breite des Zimmers einnahm. Man sah sich um, erblickte aber Niemanden; man hörte, man vernahm keinen Schritt, keine menschliche Stimme. Die Wand war kahl, das Zimmer nicht meublirt; nicht einmal ein Stuhl stand darin. Sah man sich um, so bemerkte man an der Wand der Thür gegenüber ein viereckiges, ungefähr einen Quadratfuß großes Loch mit einem Gitter von schwarzen, starken gekreuzten Eisenstäben, welche Quadrate – ich hätte beinahe gesagt Maschen – von etwa anderthalb Zoll bildeten. Die grünen Blümchen auf der nankinfarbigen Tapete reichten ruhig und in Ordnung bis an diese Eisenstäbe, ohne daß diese traurige Berührung sie erschreckte und scheu auftrieb. Wäre ein lebendiges Wesen so wunderbar mager gewesen, um versuchen zu können in das viereckige Loch hinein oder aus ihm heraus zu kommen, das Gitter hätte es verhindert. Nur die Augen d. h. den Geist ließ es durch, nicht den Körper. Man schien auch daran gedacht zu haben, denn hinter der Oeffnung war noch ein siebartig durchbohrtes Blech befestigt, dessen Tausende von Löchern noch kleiner waren als die eines Schwammes. Unten an dem Blech befand sich eine Oeffnung gleich dem Spalt eines Briefkastens. Rechts neben der vergitterten Oeffnung hing eine Klingelschnur. Wenn man dieselbe in Bewegung setzte, so erklang ein Glöckchen und man hörte ganz nahe bei sich eine Stimme, daß man erschrecken konnte. »Wer ist da?« fragte die Stimme. Es war eine weibliche Stimme, so weich, daß sie traurig klang. Hier ebenso wie bei dem Portier gab es wiederum ein Zauberwort, das man wissen mußte. Wußte man es nicht, so schwieg die Stimme und die Mauer wurde wieder so still, als ob das Dunkel des Grabes hinter derselben sich befände. Kannte man jenes Wort, so antwortete die Stimme: »Rechts eintreten.« Da bemerkte man zu seiner Rechten, dem Fenster gegenüber, eine Glasthür mit einem grau angestrichenen Glasrahmen oben. Man hob den Drücker, schritt durch die Thür und empfand denselben Eindruck, als wenn man in einem Theater in eine vergitterte Loge tritt, ehe das Gitter niedergelassen und der Kronenleuchter angezündet ist. Und in der That man befand sich in einer Art Theaterloge, die kaum erhellt durch das schwache Licht der Glasthür, klein und mit zwei alten Stühlen, so wie einer Strohdecke versehen war. Diese Loge war vergittert, aber nicht mit vergoldeten Holzstäben wie in der Oper; das Gitter war ein scheußliches, dichtes Geflecht von Eisenstangen. Nach den ersten Minuten, wenn das Auge in dem Halbdunkel allmälig sehen lernte, versuchte der Blick durch das Gitter zu schauen, aber er reichte nicht weiter als sechs Zoll darüber hinaus. Da traf er auf eine Schranke von schwarzen Läden mit gelbbraun angestrichenen Querhölzern. Diese Läden waren zum Zusammenlegen eingerichtet, bestanden aus langen, dünnen Brettern und verdeckten die ganze Länge des Gitters. Sie waren immer geschlossen. Nach einigen Augenblicken hörte man eine Stimme hinter diesen Läden rufen und sagen: »Ich bin da. Was wünschen Sie von mir?« Es war eine geliebte, manchmal eine angebetete Stimme. Man sah Niemand. Man vernahm kaum das Geräusch des Athems. Es war als ob ein beschworener Todter aus seinem verschlossenen Grabe herausspräche. Unter gewissen, aber sehr seltenen Bedingungen öffnete sich das schmale Brett eines der Läden dem Anwesenden gerade gegenüber und die Beschwörung wurde eine Erscheinung. Hinter dem Gitter, hinter dem Laden bemerkte man, soweit es das Gitter gestattete, einen Kopf, von dem man nichts weiter als den Mund und das Kinn sah; das Uebrige war mit einem schwarzen Schleier bedeckt. Halb und halb sah man den schwarzen Brustschleier der Nonne und undeutlich einen mit einem schwarzen Tuche bedecken Kopf. Dieser Kopf sprach, sah aber den Anwesenden nicht an und lächelte nie. Das Licht, das hinter dem Besuchenden herkam, war so angebracht, daß dieser wohl halb jenen Kopf sah, dieser aber nicht den Besuchenden. Dieses Licht war ein Symbol. Begierig drangen die Augen durch die so entstandene Oeffnung, in diesen allen Blicken verschlossenen Raum. Eine unklare Tiefe umhüllte die schwarze Gestalt. Die Augen suchten zu erforschen und zu erkennen was um diese Erscheinung her sei; sehr bald aber überzeugten sie sich, daß man nichts sehen könnte. Das, was man sah, war Nacht, Leere, ein schauerlicher Frieden, Finsterniß, winterliches Dunkel, gemischt mit dem Hauch des Grabes, eine Stille, in der man nichts vernahm, nicht einmal Seufzer, ein Schatten, in dem man nichts unterschied, nicht einmal Gespenster. Was man sah, war das Innere eines Klosters. Es war das Innere jenes ernsten, strengen Hauses, welches man das Kloster der Bernhardinerinnen von der ewigen Anbetung nannte. Jene Loge, in der man sich befand, war das Sprechzimmer. Die Stimme, die erste, welche man gehört, war die der Pförtnerin, welche immer schweigend und unbeweglich hinter der Wand neben der viereckigen, vergitterten Oeffnung saß. Das Dunkel, in das die vergitterte Loge versenkt war, kam daher, daß das Sprechzimmer zwar ein Fenster nach der Außenwelt hin, keines aber nach dem Kloster zu hatte. Die profanen Augen durften nichts sehen von diesem heiligen Orte. Dennoch gab es etwas jenseits, dieses Schattens, ein Licht: ein Leben in diesem Tode. Obgleich dieses Kloster abgeschlossener war als alle anderen, so wollen wir doch mit dem Leser hineinzudringen versuchen. II. Die Regel Martin Vergas. Dieses Kloster, welches im Jahre 1824 schon seit vielen Jahren in der Picpus-Straße existirte, war eine Gemeinschaft von Bernhardinerinnen von der Regel Martin Vergas, welcher im Jahre 1425 diesen Ordenszweig nach den Grundsätzen des heiligen Benedikt zu Salamanka stiftete. Die Bernhardiner-Benediktinerinnen dieser Regel essen das ganze Jahr über kein Fleisch, fasten nicht blos in den Fasten, sondern an vielen andern Tagen, stehen im besten Schlafe zwischen ein und drei Uhr früh auf, um das Brevier zu lesen und die Metten zu singen, schlafen ohne Rücksicht auf die Jahreszeit in wollenen Tüchern auf Stroh, nehmen nie ein Bad, brennen nie Feuer an, geißeln sich alle Freitage, beobachten die Regel des Schweigens, sprechen nur während der Erholungszeiten, die sehr kurz sind und tragen sechs Monate lang vom vierzehnten September, das ist vom Tage der Kreuzes-Erhöhung bis Ostern rauh wollene Hemden. Diese sechs Monate sind eine Ermäßigung: die Regel schreibt solche Hemden das ganze Jahr vor, in der Sommerhitze sind dieselben aber unerträglich und veranlaßten Fieber und Nervenkrämpfe. Man mußte deßhalb den Gebrauch beschränken. Selbst aber nach dieser Milderung haben die Nonnen vom vierzehnten September an, an welchem Tage sie die rauhen Hemden anlegen, drei bis vier Tage Fieber. Gehorsam, Armuth, Keuschheit, Ausdauer sind ihre durch die Regel noch sehr erschwerten Gelübde. Die Priorin wird auf drei Jahre von den Müttern erwählt, welche die »Stimmmütter« heißen, weil sie eine Stimme im Kapitel haben. Nur zweimal kann eine Priorin wieder gewählt werden, so daß die Regierung einer Priorin sich auf neun Jahre beschränkt. Den Geistlichen, welcher das Amt abhält, sehen sie niemals. Er ist ihnen stets durch einen neun Fuß hohen wollenen Vorhang verborgen. Bei der Predigt in der Kapelle ziehen sie den Schleier über das Gesicht. Sie müssen immer leise sprechen und beim Gehen die Augen niederschlagen und das Haupt senken. Nur ein einziger Mann darf in das Kloster eintreten, der Erzbischof der Diöcese. Zwar ist noch ein anderer da, der Gärtner: das ist aber stets ein Greis. Auch haben wir bereits gesehen, wie die Nonnen vor seiner Nähe gewarnt werden. Der Priorin sind sie unbedingten, blinden Gehorsam schuldig. Ohne ihre ausdrückliche Erlaubniß dürfen sie selbst nichts lesen oder schreiben. Der Reihe nach hat eine Jede die reparatio Wiederherstellung, Versöhnung, Abbitte. zu verrichten. Es ist dies ein Gebet für alle Sünden, alle Fehler, alle Ungehörigkeiten, alle Verletzungen, alle Unbilligkeiten und alle Verbrechen, die in der Welt begangen werden. Zwölf ganze Stunden lang hinter einander, von vier Uhr Abends bis vier früh, oder von vier Uhr früh bis vier Uhr Abends, kniet die Schwester, welche die reparatio verrichtet auf dem Stein vor der Monstranz mit gefalteten Händen, den Strick um den Hals. Wenn die Müdigkeit unerträglich wird, so legt sie sich glatt auf den Leib, mit dem Gesicht am Boden, die Arme gekreuzt, das ist ihre ganze Erleichterung. In dieser Stellung betet sie für alle Schuldigen der Welt. Das ist bis zur Erhabenheit großartig. Da dieser Act vor einem Pfahl geschieht, auf welchem eine Kerze brennt, so sagt man sowohl die reparatio verrichten, als »am Pfahl sein.« Die Nonnen ziehen aus Demuth die letztere Bezeichnung vor, weil in ihr eine Idee von Strafe und Erniedrigung liegt. Die reparatio nimmt die ganze Seele in Anspruch. Die Nonne am Pfahl würde sich nicht umwenden und wenn der Blitz hinter ihr einschlüge. Außerdem kniet eine Nonne stets vor der heiligen Monstranz. Sie hat eine Stunde dazubleiben. Sie lösen einander alle Stunden ab, wie wachestehende Soldaten. Das ist die »Ewige Anbetung.« Sie nennen nichts mein. Sie besitzen nichts, sie dürfen auf nichts Werth legen. Sie sagen von Allem unser, z. B. unser Schleier, unser Rosenkranz; auch wenn sie von ihrem Hemd sprechen, sagen sie unser Hemd. Bisweilen fangen sie an sich an irgend einen kleinen Gegenstand, an eine geweihte Medaille zu gewöhnen. Sobald sie dies aber bemerken, müssen sie ihn weggeben. Sie erinnern sich der Worte der heiligen Therese, zu welcher eine vornehme Dame bei dem Eintritt in ihren Orden sagte: »Gestatten Sie Mutter, daß ich eine Bibel holen lasse, an welcher ich sehr hänge.« »Ha, Sie hängen an irgend etwas! In diesem Fall treten Sie nicht bei uns ein.« Keine, welche es auch sein mag, darf ein Zimmer für sich haben. Sie wohnen in nicht geschlossenen Zellen. Wenn sie einander begegnen, so sagt die Eine: »Gelobt und angebetet sei das heilige Sacrament des Altars.« Die Andere antwortet: »In Ewigkeit.« Wenn die Eine bei der Andern anklopft, findet dieselbe Ceremonie Statt. Kaum ist die Thür berührt, so hört man hinter derselben eine sanfte Stimme rasch sagen: »In Ewigkeit.« Bei jedem Stundenschlage des Tags ertönen an dem Thurme der Kirche des Klosters noch drei Ergänzungsschläge. Auf dieses Zeichen unterbrechen Alle, die Priorin, die Stimmmütter, die, welche die Gelübde abgelegt haben, wie die Novizen das, was sie sagen, thun oder denken und alle sprechen gleichzeitig wenn es z. B. fünf Uhr ist: »Um fünf Uhr und zu, jeder Stunde sei gelobt und angebetet das heilige Sacrament des Altars.« Die Nonnen von Klein-Picpus hatten unter ihrem Hochaltar ein Grabgewölbe für sich anlegen lassen. Die Regierung aber erlaubte nicht, daß Särge hineingestellt würden. Im Tode mußten sie also das Kloster verlassen. Das betrübte sie sehr und hatte sie in die größte Bestürzung versetzt. Ein Mal wöchentlich versammelt sich das Kapitel. Die Priorin führt unter den beisitzenden Stimmmüttern den Vorsitz. Eine Schwester nach der andern kniet auf den Stein und bekennt mit lauter Stimme in Aller Gegenwart die Fehler und Sünden, welche sie in der Woche begangen hat. Die Stimmmütter berathschlagen nach jeder Beichte und sprechen dann laut die zuerkannte Buße aus. Außer der lauten Beichte, für welche man alle etwas schwereren Fehler aufspart, haben sie für die geringeren Fehler die sogenannte Culpa. Die Culpa verrichten, heißt während des Gottesdienstes sich platt auf den Leib vor die Priorin legen, bis diese, welche nicht anders als »unsere Mutter« genannt wird, der Büßenden durch ein leises Klopfen auf den Lehnstuhl andeutet, daß sie aufstehen könne. Die Culpa Verrichtet man wegen sehr geringer Kleinigkeiten, wegen eines zerbrochenen Glases, eines zerrissenen Schleiers, einer unwillkürlichen Verspätigung um einige Secunden beim Gottesdienst, eines falschen Tons beim Gesang u. s. w. Die Culpa ist freiwillig: die Schuldige Culpa heißt Schuld. selbst richtet und straft sich. Die Priorin nur allein kann mit den Fremden verkehren. Die andern dürfen nur die nächsten Mitglieder ihrer Familie sehen und auch nur sehr selten. Wenn zufällig Jemand von außen sich meldet, um eine Nonne zu sehen, die er gekannt oder vielleicht geliebt hat, so veranlaßt das eine ganze Unterhandlung. Ist es eine Frau, so kann die Erlaubniß bisweilen gegeben werden. Die Nonne kommt und der Besuch spricht zu ihr durch den Laden, der nur für eine Mutter oder Schwester geöffnet wird. Selbstverständlich wird Männern die Erlaubniß stets versagt. Das ist die durch Martin Vergas erschwerte Regel des heiligen Benedikt. Die Nonnen sind nicht heiter, rosig frisch wie es oft jene der andern Orden sind. Sie sind bleich und ernst. In den Jahren von 1825 bis 1831 wurden drei wahnsinnig. III. Strenge. Man hatte in der Regel zwei, oft auch vier Probejahre durch zu machen. Nur in seltenen Fällen war es gestattet, das Gelübde vor dem drei oder vierundzwanzigsten Jahre abzulegen. Wittwen wurden gar nicht aufgenommen. In ihren Zellen unterwerfen sie sich vielen unbekannten Peinigungen, von denen sie nicht sprechen dürfen. An dem Tage, an welchem eine Novize das Gelübde ablegt, legt man ihr den schönsten Schmuck an, schmückt ihr Haar mit weißen Rosen, glättet und lockt ihr Haar. Darauf wirft sie sich kniend zur Erde. Man breitet einen großen schwarzen Schleier über sie und singt die Todtenmesse. Demnächst theilen sich die Nonnen in zwei Reihen. Mit den in klagendem Tone ausgesprochenen Worten: »Unsere Schwester ist todt« zieht die eine Reihe an ihr vorüber, die andere Reihe antwortet laut: »Lebend in Jesus Christus.« In der Zeit, in welcher unsere Geschichte spielt, war mit dem Kloster eine Pensionsanstalt für junge vornehme, meist reiche Mädchen verbunden. Diese jungen von den Nonnen innerhalb vier Mauern erzogenen Mädchen wuchsen auf in Abscheu gegen die Welt und gegen das Jahrhundert. Eine von ihnen sagte eines Tages zu uns: »Wenn ich das Straßenpflaster sah, zitterte ich vom Kopfe bis zu den Füßen.« Sie waren blau gekleidet und trugen ein weißes Häubchen und auf der Brust die Taube des heiligen Geistes von vergoldetem Silber oder Kupfer. Au gewissen großen Festtagen, besonders am Tage der heiligen Martha, gestattete man ihnen als hohe Gunst und höchstes Glück sich wie Nonnen zu kleiden und einen ganzen Tag lang wie diese zu beten, zu singen und sich zu kasteien und ganz nach der Regel des Heiligen Benedikt zu leben. Die Zöglinge gewöhnten sich an fast alle die strengen Uebungen des Klosters. Die Gewohnheit wurde ihnen zur zweiten Natur. So war eine junge Frau, welche in die Welt eingetreten, selbst nach mehrjähriger Verheirathung noch nicht dazu gelangt, sich abzugewöhnen, jedes Mal, wenn es an ihrer Thür klopfte, rasch zu antworten: »In Ewigkeit!« Wie die Nonnen, so sahen auch die Pensionärinnen ihre Verwandten nur im Sprechzimmer. Selbst ihre Mütter erlangten nicht das Recht, sie umarmen zu dürfen. So weit ging die Strenge in diesem Punkte. Eines Tages wurde ein junges Mädchen von ihrer Mutter besucht. Dieselbe war von ihrer kleinen, dreijährigen Schwester begleitet. Das kleine Mädchen weinte, denn es hätte gern ihre Schwester umarmt. Unmöglich! Sie bat wenigstens zu erlauben, daß das Kind die kleine Hand durch das Gitter stecke, damit sie sie küssen könne. Auch dies wurde versagt, ja es entstand beinahe ein Aergerniß darüber. IV. Heiterkeit. Nichts desto weniger haben die jungen Mädchen dieses ernste Haus auch mit reizenden Erinnerungen erfüllt. Zu gewissen Stunden blitzte die Kindheit in diesem Kloster. Wenn die Erholungsstunde schlug, so drehte sich eine Thür in ihren Angeln. Die Vögel dachten: »Gut! Jetzt kommen die Kinder!« Ein Strom der Jugend ergoß sich über den Garten. Strahlende Gesichter, weiße Stirnen, treuherzige Augen voll heiteren Lichts, alle Arten Morgenröthen zerstreuten sich in diesem Dunkel. Nach den Psalmen, Singen, Beten, dem Glockenläuten, dem Gottesdienst, plötzlich dieses Gesumme kleiner Mädchen, sanfter noch als das Summen von Bienen. Der Bienenkorb der Freude öffnete sich und jedes Bienchen brachte seinen Honig freudig herbei. Man spielte, rief einander, sammelte sich in Gruppen, lief; hübsche kleine, weiße Zähne plauderten in den Ecken und Winkeln. Von fern bewachten die Schleier das Lachen, die Schatten hielten Wache über die Strahlen, aber gleichviel! Man strahlte und lachte. Es war wie ein auf Trauer fallender Rosenregen. In diesem Hause sind vielleicht mehr als irgend wo anders »Kinderworte« gesprochen worden, welche so viel Reiz haben und alle Mal wenn wir sie hören, uns ein träumerisches Lächeln abgewinnen. So verzeichnen wir hier folgendes Gespräch, welches einst geführt wurde: Eine Stimmmutter : »Warum weinst Du, mein Kind?« Das Kind (sechs Jahre alt, schluchzend): »Ich habe zu Alix gesagt, ich wüßte meine französische Geschichte ganz gut. Sie meint, ich wüßte sie nicht und ich weiß sie doch. Alix , die ältere (neun Jahre alt): Nein; sie weiß sie nicht. Die Mutter : Wie so nicht, mein Kind? Alix : Sie sagte mir, ich solle das Buch auf's Geradewohl aufschlagen und ihr eine Frage daraus vorlegen. Sie würde sie beantworten. »Nun?« »Sie hat sie nicht beantwortet.« »Sieh doch! Was hast Du sie denn gefragt?« »Ich schlug das Buch auf Geradewohl auf und fragte die erste Frage, die ich fand.« »Was war das für eine Frage?« »Sie lautete: was geschah hierauf?« Ferner wurde auf einer Steinplatte dieses Klosters eine schriftliche Beichte gefunden, die eine siebenjährige Sünderin sich vorher aufgeschrieben hatte, um sie nicht zu vergessen: »Mein Vater, ich klage mich an, geizig gewesen zu sein.« »Mein Vater, ich klage mich an, die Ehe gebrochen zu haben.« »Mein Vater, ich klage mich an, meine Blicke zu den Männern erhoben zu haben.« Das dunkele und feuchte Refectorium war, wie die Kinder sagten – voll Thiere. Jede der vier Ecken hatte in der Sprache der Pensionärinnen einen besonderen, ausdrucksvollen Namen erhalten. Da gab es die Ecke der Spinnen, die der Raupen, die der Asseln und die der Heimchen. Die Heimchenecke war mit der Küche benachbart und sehr geschätzt. Da war es weniger kalt als anderswo. Von dem Refectorium waren die Namen in das Pensionat übertragen worden und dienten hier wie im alten College von Mazarin zur Unterscheidung von vier Nationen. Jede Schülerin gehörte zu einer der vier Nationen je nach der Ecke des Refectoriums, in welcher sie in den Eßstunden saß. Eines Tages sah der Erzbischof bei seinem Besuch im Kloster in die Classe ein hübsches, kleines, blühendes Mädchen mit bewunderungswürdigen, blonden Haaren eintreten. Er fragte eine in seiner Nähe stehende, andere Pensionärin, eine reizende Brünette mit frischen Wangen: »Wer ist die?« »Eine Spinne, Ew. Gnaden.« »Ah! und die andere?« »Ein Heimchen.« »Und die da?« »Eine Raupe.« »Wirklich? Und was bist Du?« »Ich bin eine Assel, Ew. Gnaden.« V. Zerstreuungen. Ueber der Thür des Refectoriums stand mit großen schwarzen Buchstaben das so genannte »weiße Vater Unser«, ein Gebet, welches die Kraft besitzen soll, die Leute, diejenigen welche es beten, jedenfalls ins Paradies zu bringen. Im Jahre 1827 war es unter dem Anstrich verschwunden, jetzt ist es auch in der Erinnerung der meisten jungen Mädchen von damals, welche heute alte Frauen sind, erloschen. Ein großes, an die Wand genageltes Crucifix vervollständigte die Ausschmückung des Refectoriums, dessen einzige Thür sich nach dem Garten zu öffnete. Zwei schmale Tafeln bildeten zwei lange, parallele Linien von einem Ende des Refectoriums, bis zum andern. Längs der Tische standen zwei Bänke von Holz. Die Wände waren weiß, die Tische schwarz. Diese beiden Trauerfarben sind die einzigen Abwechselungen in den Klöstern. Die Mahlzeiten waren unfreundlich und selbst das Essen der Kinder war spartanisch. Eine einzige Schüssel Fleisch und Gemüse oder gesalzener Fisch; das war der Luxus. Dieses allein für die Pensionärinnen vorbehaltene Essen war indeß eine Ausnahme. Die Kinder aßen schweigend unter der Aufsicht der Wochen-Mutter, welche von Zeit zu Zeit, wenn eine Fliege gegen die Regel zu fliegen und zu summen anfing, geräuschvoll ein hölzernes Buch auf- und zuschlug. Dieses Schweigen würzten Lebensbeschreibungen von Heiligen, welche auf einer kleinen Kanzel mit einem am Fuße des Crucifixes angebrachten Pult mit lauter Stimme vorgelesen wurden. Die Vorleserin war eine große Pensionärin, welche die Woche hatte. In gewissen Entfernungen standen auf dem ungedeckten Tische Schüsseln, in denen die Pensionärinnen selbst ihr Couvert abwuschen und in die sie zuweilen auch einige Stücke von Ueberbleibseln warfen, zähes Fleisch oder verdorbenen Fisch. Das wurde bestraft. Dasjenige Kind, welches das Schweigen brach, machte »mit der Zunge ein Kreuz.« Wo? Am Fußboden. Der Staub, dieses Ende aller Freuden, mußte diese armen kleinen Rosenblätter züchtigen, die sich des Rauschens schuldig gemacht. In dem Kloster befand sich ein Buch, das nur in einem einzigen Exemplar gedruckt worden und in dem zu lesen verboten ist. Es enthält die Regel des heiligen Benedikt, ein Geheimniß, in das kein profanes Auge dringen darf. Eines Tages gelang es den Pensionärinnen das Buch zu entwenden und sie fingen gierig an darin zu lesen, machten aber das Buch schnell wieder zu, da sie in ihrer Lectüre durch die Angst, überrascht zu werden, zu häufig unterbrochen wurden. Einige unverständliche Seiten über die Sünden kleiner Knaben, war noch das »Interessanteste« darin gewesen. Trotz der ungeheueren Aufsicht und Strenge der Strafen gelang es ihnen doch bisweilen, wenn der Wind die Bäume geschüttelt hatte, verstohlen einen grünen Apfel, eine verdorbene Aprikose oder eine wurmstichige Birne aufzuheben. Ich lasse jetzt einen Brief sprechen, der vor mir liegt und den vor fünfundzwanzig Jahren eine der ehemaligen Pensionärinnen, die jetzt Herzogin M... und eine der elegantesten Frauen von Paris ist, geschrieben hatte. Er lautet wörtlich wie folgt: »Man versteckt seine Birne oder seinen Apfel wie man kann. Wenn man hinauf geht, um vor dem Abendessen den Schleier auf das Bett zu legen, so steckt man das Obst unter das Kopfkissen und ißt es Abends im Bett oder, wenn das nicht geht, im geheimen Orte.« Das war das größte Vergnügen. Einmal, auch um die Zeit eines Besuches des Erzbischof's in dem Kloster, wettete ein junges Mädchen, ein Fräulein Bouchard, gewissermaßen eine Verwandte der Montmorency, daß sie den Erzbischof um einen freien Tag bitten würde, etwas Unerhörtes! Die Wette wurde angenommen, aber keine von denen, die sie annahmen, auch Fräulein Bouchard nicht, glaubte daran. Als der Augenblick gekommen war, als nämlich der Erzbischof an den Pensionärinnen vorbei ging, trat Fräulein Bouchard, zum unbeschreiblichen Entsetzen ihrer Kameradinnen, aus der Reihe heraus und sagte: »Gnädiger Herr, einen freien Tag!« Fräulein Bouchard war groß und frisch, mit dem niedlichsten Rosengesicht von der Welt. Herr von Quelen lächelte und sagte: »Wie, mein liebes Kind, einen freien Tag? Drei Tage, wenn Du willst. Ich bewillige drei Tage.« Die Priorin konnte nichts dagegen thun, der Erzbischof, hatte gesprochen. Es war ein Aergerniß für das Kloster, aber eine Freude für das Pensionat. Die Wirkung kann man sich denken. Dieses abstoßende Kloster war indeß nicht so fest ummauert, daß das Leben der Leidenschaften, der Außenwelt, das Drama, sogar der Roman nicht hineingedrungen wären. Zum Beweise beschränken wir uns hier kurz eine wirkliche und unbestreitbare Thatsache anzudeuten, welche indeß an und für sich mit der Geschichte, die wir erzählen, in gar keiner Verbindung steht. Wir erwähnen die Thatsache um das Bild des Klosters im Geiste des Lesers zu vervollständigen Um diese Zeit also befand sich, in dem Kloster eine geheimnißvolle Person, die nicht Nonne war, die man mit großer Achtung behandelte und »Madame Albertine« nannte. Man wußte weiter nichts von ihr, als daß sie irr war und daß sie in der Welt für todt galt. Es steckten, wie man sagte, Vermögensbeziehungen dahinter, welche wegen einer großen Heirath nöthig gewesen waren. Diese kaum dreißig Jahre alte, brünette ziemlich schöne Frau sah mit großen schwarzen Augen unsicher um sich her. Sah sie wirklich? Man zweifelte daran. Sie glitt mehr als sie ging; sie sprach niemals, es war nicht einmal gewiß, ob sie athmete. Ihre Nase war spitz und bleich wie nach dem letzten Seufzer. Ihre Hand berühren hieß Schnee anfühlen. Sie hatte eine seltsame gespenstische Anmuth. Man fror, wo sie erschien. Man erzählte hunderterlei Geschichten über Madame Albertine. Sie war der Gegenstand der ewigen Neugierde der Pensionärinnen. In der Kapelle befand sich eine Tribüne, welche man das »Ochsenauge« nannte. Auf dieser Tribüne, die nur ein rundes Fenster hatte, ein »Ochsenauge«, wohnte Madame Albertine dem Gottesdienste bei. Sie war gewöhnlich hier allein, weil man von der im ersten Stockwerke befindlichen Tribüne den Geistlichen oder den Administranten sehen konnte, was den Nonnen verboten war. Eines Tages stand ein junger Priester von hohem Range auf der Kanzel, der Herzog von Rohan, Pair von Frankreich, gestorben 1830 als Cardinal und Erzbischof von Besançon. Er predigte zum ersten Mal in dem Kloster von Klein-Picpus. Madame Albertine wohnte gewöhnlich der Predigt und der Messe in vollkommener und vollständiger Unbeweglichkeit bei. An diesem Tage aber richtete sie sich, als sie kaum Herrn von Rohan bemerkt, halb in die Höhe und rief laut in die Stille der Kapelle hinein: »Sieh doch, August!« Die ganze Klostergemeinde sah sich entsetzt um, der Prediger blickte empor, Madame Albertine aber war wieder in ihre Unbeweglichkeit versunken. Ein Hauch von der äußeren Welt, ein Schein des Lebens war einen Augenblick auf diese verschlossene, eisige Gestalt gefallen, dann war alles wieder verschwunden und die Irre war wieder Leichnam geworden. Jene drei Worte aber machten Alles, was im Kloster reden durfte, reden. Was lag Alles in dem: »siehe da! August!« Welche Enthüllungen! Herr von Rohan hieß in der That August. Offenbar hatte Albertine den höchsten Kreisen angehört, da sie Herrn von Rohan kannte; offenbar hatte sie selbst eine hohe Stellung eingenommen, da sie von einem so hohen Herrn so familiär sprach; offenbar stand sie in Verbindung mit ihm, vielleicht gar in verwandtschaftlicher, und am Ende war sie gar ganz nahe mit ihm verwandt, da sie seinen Taufnamen kannte. Von außen drang kein Geräusch in das Kloster. Nur in einem gewissen Jahre drang der Ton einer Flöte bis hier hinein. Das war ein Ereigniß, dessen sich die Pensionärinnen von damals noch erinnern. Jemand in der Nachbarschaft blies die Flöte und zwar immer ein und dieselbe Melodie; zwei bis dreimal hörte man sie den Tag über. Stunden lang hörten die jungen Mädchen zu. Die Stimmmütter waren außer sich, alle Köpfe waren verkehrt, es regnete von Strafen. Das dauerte mehrere Monate. Die Pensionärinnen waren alle mehr oder weniger in den unbekannten Flötenbläser verliebt. Sie hätten alles versucht, um, und wenn auch nur eine Secunde, den »Jüngling« zu sehen, zu bemerken, der so köstlich die Flöte blies. Es war aber ein alter, emigrirt gewesener, blinder und zuletzt in Vermögensverfall gerathener Edelmann, welcher in seinem Dachstübchen die Flöte blies, um sich die Langeweile zu vertreiben. VI. Das kleine Kloster. Innerhalb der Grenzmauern von Klein-Picpus standen drei ganz von einander verschiedene Gebäude: das große Kloster, wo die Nonnen, das Pensionat, wo die Zöglinge wohnten und endlich das sogenannte kleine Kloster. Es war ein Gebäude mit Garten, in welchem gemeinschaftlich alle Arten alter Nonnen von verschiedenen Orden wohnten, Reste aus den durch die Revolution zerstörten Klöstern, eine buntscheckige Sammlung von schwarz, grau und weiß, von allen Gemeinschaften und allen Raritäten. Wenn eine solche Wortpaarung zulässig wäre, hätte man es ein Harlekin-Kloster nennen können. Seit dem Kaiserreich war es allen diesen armen vertriebenen und umher verstreuten Mädchen erlaubt worden, unter den Fittichen der Bernhardiner-Benedictinerinnen Schutz zu suchen. Die Regierung gab ihnen eine kleine Pension und die Frauen von Klein-Picpus hatten sie mehr als gern mit religiös schwesterlicher Liebe aufgenommen. Das war ein seltsames Durcheinander. Jede lebte nach ihrer Ordensregel. Bisweilen erlaubte man den Pensionärinnen als besondere Erholung ihnen einen Besuch zu machen. Um 1820 oder 1821 wollte Frau von Genlis, welche damals eine kleine periodische Schrift unter dem Titel »Der Unerschrockene ( l'Intrèpide ) herausgab in das Kloster von Klein-Picpus als Mietherin einziehen. Der Herzog von Orleans empfahl sie. Das gab Aufregung in dem Bienenkörbe! Die Stimmmütter zitterten, Frau von Genlis hatte ja Romane geschrieben; sie hatte aber erklärt, daß sie die erste sei, welche dieselben verwerfe und dann hatte sie auch einen verzweifelt hohen Grad von Frömmigkeit erreicht. Gott half, der Prinz auch und sie zog ein. Nach Verlauf von sechs oder acht Monaten zog sie aber wieder aus, weil der Garten nicht schattig genug war. Die Nonnen waren entzückt darüber. Obgleich sie schon sehr alt war, spielte sie noch die Harfe und zwar sehr gut. Als sie auszog, ließ sie ihr Zeichen in der Zelle zurück. Frau von Genlis war abergläubisch und verstand lateinisch. Diese beiden Worte geben ein ziemlich treues Bild von ihr. Noch vor einigen Jahren sah man an der Innenseite eines kleinen Schrankes ihrer Zelle, in welchem sie ihr Geld und ihren Schmuck bewahrte, einige lateinische Verse angeklebt, die sie eigenhändig, mit rother Dinte auf gelbes Papier geschrieben hatte und welche ihrer Meinung nach die Kraft hatten, die Diebe zu verscheuchen. VII. Einige Silhouetten dieses Schattens. Während der sechs Jahre, welche 1819 von 1825 trennen, war die Priorin von Klein-Picpus Fräulein von Blameur, die als Nonne Mutter Innocentia hieß. Eine ihrer Vorfahren hatte »das Leben der Heiligen vom Orden des heiligen Benedikt« geschrieben. Sie war wieder erwählt worden. Sie war eine Frau von sechszig Jahren, klein und dick. Ihre Stimme hörte sich an, als spräche sie aus einem gesprungenen Topf. Sonst war sie vortrefflich; die einzige heitere im ganzen Kloster und deshalb verehrt. Mutter Innocentia war belesen, gelehrt, wußte viel, eine zuverlässige Beurtheilerin, hatte merkwürdige Geschichtskenntnisse, verstand etwas Lateinisch und Griechisch, viel Hebräisch und war mehr Benediktiner als Benediktinerin. Die Subpriorin war eine alte, spanische, fast blinde Nonne, Mutter Cineres. Mutter St. Mechtildis, welche mit der Leitung des Gesanges und des Chors beauftragt war, verwendete hierzu gern die Pensionärinnen. Gewöhnlich nahm sie sieben Mädchen, also eine ganze Tonleiter, Mädchen von zehn bis sechszehn Jahren, und stellte sie genau nach Stimme und Wuchs der Reihe nach neben einander. Das sah wie eine aus kleinen Mädchen gebildete Papagenopfeife aus, wie eine lebendige Panflöte von Engeln. Alle Nonnen waren freundlich gegen alle Kinder, sie waren nur streng gegen sich selbst. Nur im Pensionat wurde geheizt und das Essen war, wenigstens im Vergleich zu dem im Kloster, schmackhaft und gewählt. Nur antwortete die Nonne niemals, wenn ein Kind bei ihr vorüberging und sie ansprach. Diese Regel des Schweigens hatte bewirkt, daß im ganzen Kloster das Wort sich von den menschlichen Geschöpfen zurückgezogen und auf unbelebte Dinge sich übertragen hatte. Bald sprach die Kirchenglocke, bald die Schelle des Gärtners. Eine sehr laut schallende im ganzen Hause hörbare Klingel neben der Pförtnerin gab durch verschiedene Klänge, durch eine Art akustischer Telegraphie, alle Verrichtungen des materiellen Lebens an, sowie sie, wenn es nöthig war, die oder jene Bewohnerin des Klosters in das Sprechzimmer rief. Für jede Person und für jede Sache gab es ein besonderes Klingeln. Neunzehn Töne meldeten ein außerordentliches Ereigniß, nämlich die Oeffnung des Hauptthores, ein schreckliches mit Eisen beschlagenes, von Riegeln starrendes Brett, das sich nur vor dem Erzbischof in seinen Angeln bewegte. VIII. Post corda lapides. Erst das Herz (das Innere), dann die Steine (das Aeußere. Nachdem wir von der geistigen Gestalt des Klosters eine Skizze gegeben, dürfte es nicht unnütz sein,, mit einigen Worten auch sein körperliches Aussehen, die Gestalt und Lage der Gebäude zu besprechen, wenn auch Einiges dem Leser hiervon schon mitgetheilt worden ist. Das Hauptgebäude war eine Nebeneinanderstellung nicht zusammen gehörender Bauten, die, aus der Vogelperspective gesehen, ziemlich genau wie ein am Boden liegender Galgen aussahen. Das Knie des Galgens war ein vierseitiger Saal, welcher als Speisekammer benutzt wurde. In dem großen Arm befanden sich die Zellen der Mütter und Schwestern und das Noviciat; in dem kleinen die Küchen, das Refectorium und die Kirche. Das Pensionat, das man von außen gar nicht sah, lag zwischen dem Einfahrtsthor in der Picpusstraße und der Ecke eines Gäßchens. Mitten im Garten stand auf einer Erhöhung eine schöne, kegelförmig gewachsene Tanne, von welcher vier große Alleen und, zwei zu zwei in der Verästung der großen angebracht, acht kleine der Art ausliefen, daß, wenn der Raum rund gewesen wäre eine Zeichnung der Alleen einem Kreuze auf einem Rade geglichen hätte. Die Alleen, welche alle auf die sehr unregelmäßigen Mauern des Gartens stießen, waren von ungleicher Länge. Sie waren an den Seiten mit Johannisbeersträuchen bepflanzt. Vor dem kleinen Kloster hieß ein Stück der kleine Garten. Denkt man sich zu diesem Allen einen Hof, allerlei verschiedene Ecken, welche die inneren Gebäude bildeten, Gefängnisse, Mauern, als Aussicht und Nachbarschaft nichts als eine lange, dunkele Dächerreihe, so wird man sich ein vollständiges Bild von dem machen können, was das Haus der Bernhardinerinnen von Klein-Picpus vor fünfundvierzig Jahren war. Dieses heilige Haus war genau auf der Stelle gebaut worden, wo vom vierzehnten bis zum sechszehnten Jahrhunderte ein berühmtes Ballspielhaus gestanden hatte, welches unter dem Namen »der elftausend Teufel« bekannt gewesen ist. IX. Ein Jahrhundert unter einem klösterlichen Busentuche. In dem kleinen Kloster befand sich eine Nonne von hundert Jahren, die aus der Abtei von Fontevrault gekommen war. Vor der Revolution hatte sie sogar in der Welt gelebt. Sie sprach viel vom Herrn Miromesnil, Siegelbewahrer unter Ludwig XVI. und von einer Präsidentin Duplat, welche sie sehr gut gekannt. Es war ihre Freude und ihr Stolz, diese beiden Namen bei jeder Gelegenheit zu erwähnen. Sie erzählte Wunderdinge von der Abtei Fontevrault, daß sie wie eine Stadt sei und daß es Straßen in dem Kloster gebe. Sie sprach im Dialekt der Picardie, worüber die Pensionärinnen immer sehr lachen mußten. Alle Jahre erneuerte sie feierlich ihr Gelübde. Geschichten erzählte sie sehr gern. Sie sagte, »in ihrer Jugend hätten die Bernhardiner den Mousquetairen nicht nachgestanden.« Sie erzählte auch von der Sitte mit den vier Weinen, welche vor der Revolution in der Champagne und in Burgund üblich gewesen war. Wenn eine hohe Persönlichkeit, ein Marschall von Frankreich, ein Prinz, ein Herzog oder ein Pair, durch eine Stadt kam, so hielt die städtische Behörde eine Rede an ihn und überreichte ihm vier silberne Becher, in welche man vier verschiedene Weinsorten gegossen hatte. Auf dem ersten las man folgende Inschrift: »Affenwein,« auf dem zweiten: »Löwenwein,« auf dem dritten: »Schafwein,« und auf dem vierten: »Schweinewein.« Diese vier Inschriften bezeichneten die vier Grade der Trunkenheit. Der erste Grad der Trunkenheit macht heiter, der zweite zornig, der dritte stumpf, der vierte zum Vieh. In ihrem Schranke hatte sie unter Schloß und Riegel einen geheimnißvollen Gegenstand, an dem sie sehr hing. Die Regel von Fontevrault untersagte ihr das nicht. Niemandem wollte sie den Gegenstand zeigen. Sie schloß sich ein, was die Regel ihres Ordens ihr ebenfalls gestattet, und versteckte sich jedesmal, wenn sie ihn betrachten wollte. Wenn sie in dem Corridor gehen hörte, so schloß sie den Schrank so eilig, als sie mit ihren alten Händen nur konnte, zu. Sobald man darüber mit ihr sprach, schwieg sie, sie, welche doch so gern sprach. Die Neugierigsten scheiterten an ihrem Schweigen und die Zähesten an ihrer Hartnäckigkeit. Nach dem Tode der armen Alten, eilte man schneller vielleicht als es schicklich war an den Schrank und öffnete ihn. Dreifach in Leinwand eingehüllt, fand man den Gegenstand. Es war ein Fayence-Teller mit Malerei. Amoretten, welche, verfolgt von Apothekerjungen mit großen Klystierspritzen, davonfliegen. Es wimmelt von komischen und lächerlichen Stellungen. Ein reizender kleiner Amor ist bereits gespießt. Er wehrt sich, schlägt mit seinen kleinen Flügeln und versucht noch zu fliegen, aber der kleine Spritzenheld lacht satanisch. Die Moral ist: die Liebe besiegt durch Kolik. Diese gute Alte nahm Besuche von außen nicht an. Das Sprechzimmer war ihr »zu traurig,« wie sie sagte. X. Ursprung der Ewigen Anbetung. Der Orden der Ewigen Anbetung ist nicht sehr alt. Es sind seit seinem Entstehen noch nicht zweihundert Jahre verflossen. Im Jahre 1649 wurde die Heilige Monstranz zwei Mal in einer Zeit von nur wenigen Tagen in zwei Kirchen zu Paris entweiht. Diese entsetzliche und seltene Kirchenschändung setzte die ganze Stadt in Aufregung. Der Prior Groß-Vicar von St. Germain des Pres ordnete eine feierliche Prozession seiner ganzen Geistlichkeit an, bei welcher der päpstliche Nuntius celebrirte. Diese Sühnung genügte jedoch zweien würdigen Frauen, der Madame Courtin, Marquise v. Boucs und der Gräfin von Chateauvieux nicht. Diese gegen das »allerheiligste Sakrament des Altares« verübte Schmähung konnten die beiden frommen Seelen nicht vergessen und schien ihnen nicht anders gut gemacht werden zu können als durch eine Ewige Anbetung in einigen Nonnenklöstern. Beide, die eine 1652, die andere 1653 übermachten der Mutter Katharina von Bar, genannt vom heiligen Sakrament, einer Benedictinerin, ansehnliche Summen zum Geschenk, um zu diesem frommen Zwecke ein Kloster vom Orden des heiligen Benedict zu gründen. Die erste Erlaubniß zu dieser Stiftung erhielt Katharina von Bar von Herrn v. Metz, Abt von St. Germain, unter der Bedingung, »daß kein Mädchen aufgenommen werde, welche nicht dreihundert Livres Renten, also ein Kapital von sechstausend Livres, mitbringe.« Die königliche Bestätigung datirt von 1654. Drei Jahre später, also im Jahre 1657 ermächtigte der Papst Alexander XII. durch ein besonderes Breve, auch die Bernhardinerinnen von Klein-Picpus die Ewige Anbetung zu verrichten, ebenso wie die Benedictinerinnen vom Heiligen Sakrament. Die beiden Orden selbst sind jedoch ganz verschieden von einander. XI. Ende von Klein-Picpus. Seit dem Beginn der Restauration verfiel das Kloster von Klein-Picpus; es unterlag dem allgemeinen Hinsterben des Klosterlebens, welches seit Ablauf des achtzehnten Jahrhunderts vergeht, wie alle religiösen Orden. Die beschauliche Selbstbetrachtung ist wie das Gebet ein Bedürfnis des Menschen. Wie alles aber, was die Revolution berührt hat, wird sie sich umgestalten und dem gesellschaftlichen Fortschritte nicht ferner feindlich sein, sondern ihm günstig werden. Das Haus in Klein-Picpus entvölkerte sich schnell. Im Jahre 1840 war das kleine Kloster verschwunden, ebenso das Pensionat. Es gab weder alte Frauen noch junge Mädchen darin; die einen waren gestorben, die anderen hatten das Haus verlassen. Wegen der Strenge der Ordensregel ergänzt sich der Orden nicht mehr. Vor vierzig Jahren waren ungefähr noch hundert Nonnen im Kloster, vor fünfzehn Jahren nur noch achtundzwanzig. Im Jahre 1847 war die Priorin eine junge Dame von noch nicht vierzig Jahren, ein Zeichen, daß der Kreis der Wählbaren zusammengeschrumpft war. Und in dem Maaße, in welchem die Anzahl sich verringert, in demselben Maaße wird der Dienst einer Jeden beschwerlicher. Wegen dieses Verfalles hat das Kloster auch die Erziehung von Mädchen aufgegeben. – Wir haben vor diesem außerordentlichen, unbekannten, dunklen Hause nicht vorüber gehen können, ohne in dasselbe einzutreten, ohne in dasselbe das Gemüth der Leser, welche uns begleiten und denen wir unsere Erzählung vortragen, einzuführen. Für Manche wird dieser Besuch vielleicht nicht nutzlos gewesen sein. Wir haben von diesem seltsamen Orte mit möglichster Ehrfurcht gesprochen, wenn die Mittheilung einiger Einzelheiten uns auch manchmal betreffs der dem heiligen Orte schuldigen Rücksicht verdächtigt haben mag. Wir begreifen nicht Alles, wir wollen aber Niemand beleidigen. Wir sind ebenso weit entfernt von dem Hosiannah Joseph de Maistres, wie von dem höhnischen Grinsen Voltaires, welcher sogar das Crucifix verspottete. Im neunzehnten Jahrhundert erleidet die religiöse Idee eine Krisis. Man verlernt gewisse Dinge und man thut wohl daran, wenn man nur statt dessen etwas anderes lernt. Im menschlichen Herzen darf es keinen leeren Raum geben. Wenn dem Einsturz der Neubau folgt, so kann man sich trösten. Die Nachahmungen der Vergangenheit nehmen falsche Namen an und nennen sich gern Zukunft. Die Vergangenheit ist ein Gespenst, das gar zu häufig seinen Paß fälscht. Wir müssen uns in Acht nehmen, daß wir uns von diesem Passe nicht täuschen lassen und Todtes nicht für das Leben der Zukunft halten. Die Vergangenheit hat ein Gesicht und eine Maske; das Gesicht ist der Aberglaube, die Maske ist die Heuchelei. Zeigen wir das Gesicht und reißen wir die Maske ab. Die Klosterfrage ist eine sehr verwickelte. Sie ist eine Frage der Civilisation, welche sie verurtheilt; sie ist eine Frage der Freiheit, welche sie in ihren Schutz nimmt. Siebentes Buch. Parenthese. I. Das Kloster als abstracter Begriff. Dieses Buch ist ein Drama, in welchem das Unendliche die erste, der Mensch die zweite Rolle spielt. Da dem so ist und wir auf unserm Wege ein Kloster gefunden haben, so mußten wir in dasselbe eintreten, denn das Kloster, dem Morgenlande wie dem Abendlande, dem Alterthume wie der modernen Zeit, dem Heidenthume, dem Buddhaismus, dem Mohamedanismus, wie dem Christenthume eigen, ist ein optischer Apparat, welchen der Mensch auf das Unendliche richtet. Es ist hier nicht der Ort, über die Grenzen dieses Werkes hinaus gewisse Ideen zu entwickeln; bei aller Einschränkung jedoch müssen wir aber sagen, daß wir jedesmal uns von Achtung ergriffen fühlen, wenn wir in den Menschen dem Unendlichen begegnen; der Mensch mag es gut oder schlecht verstanden haben. Es giebt in der Synagoge, in der Mosche, in der Pagode, dem Wigwam eine häßliche Seite, die wir verwünschen, aber auch eine erhabene, die wir verehren. Welche endlose Betrachtung für den Geist ist die Widerspiegelung Gottes im Menschen! II. Das Kloster als historische Thatsache. Vom Gesichtspunkte der Geschichte, der Vernunft und der Wahrheit aus ist das Mönchthum verurtheilt. Wenn die Klöster bei einer Nation zu zahlreich sind, so bilden sie Knoten, welche die Cirkulation hindern und Mittelpunkte der Faulheit. Die Klostergemeinden verhalten sich zu der großen gesellschaftlichen Gemeinschaft wie die Mispel zur E:che, wie die Warze zum menschlichen Körper. Ihr Gedeihen ist die Verarmung des Landes. Die Mönchsherrschaft, welche im Anfange der Civilisation gut war und dazu beitrug, durch das Geistige die Roheit zu mäßigen, ist, nachtheilig im Mannesalter der Völker. Die Klöster haben ihre Zeit gehabt. Nützlich der ersten Erziehung der modernen Civilisation, wurden sie ihrem Wachsthum lästig und ihrer Entwickelung schädlich. Im zehnten Jahrhunderte waren sie gut, im fünfzehnten konnte man über ihren Werth streiten, im neunzehnten Jahrhundert aber sind sie unbedingt verwerflich. Der Mönchsaussatz hat zwei bewundernswürdige Nationen, Italien und Spanien, von denen Jahrhunderte lang die eine die Leuchte, die andere der Glanz Europas gewesen waren, bis fast zum Gerippe zerfressen. Erst jetzt beginnen die beiden erlauchten Völker, Dank der gesunden und kräftigen Gesundheitslehre von 1789, zu genesen. Das Kloster, namentlich das ehemalige Frauenkloster, wie es an der Schwelle unseres Jahrhunderts noch in Italien, in Oestreich und in Spanien erscheint, ist eine der düstersten Schöpfungen des Mittelalters. Thatsachen sprechen. Sie lassen sich schwerlich in Abrede stellen, sie stehen fest. Der Verfasser dieses Buches hat mit eigenen Augen, acht Meilen von Brüssel in der Abtei von Villers das Loch der Verließe gesehen, mitten in der Wiese, wo der Hof des Klosters gewesen war, am Dyle, vier steinerne Kerker, halb unter der Erde, halb unter dem Wasser. Das waren die in pace D. h. in Frieden, bezeichnet in gewisser ironischer Weise Kerker. . Jeder dieser Kerker hat einen Ueberrest von einer eisernen Thür, eine Latrine und ein vergittertes Fenster, außen zwei Fuß über dem Flusse, innen sechs Fuß über dem Boden. Außen längs der Mauer hin fließt vier Fuß tief der Fluß. Der Boden ist immer feucht. Diejenigen, welche in pace wohnten, hatten diesen Boden als Bett. In einem dieser Kerker befindet sich ein Stück eines in der Wand geschmiedeten Halseisens; in einem andern sieht man einen viereckigen aus vier Granitplatten gemachten Kasten, zu kurz, um sich hinein zu legen, zu niedrig, um darin aufstehen zu können. Darein steckte man einen Menschen und darüber legte man eine Steindecke! Diese in pace, diese Kerker, diese Eisenangeln, jenes Halseisen, jenes Fenster, jener Fußboden, jener Steinkasten mit dem Steindeckel darauf wie ein Grab – sind das keine Thatsachen, sind das keine Zeugen!? III. Unter welcher Bedingung man die Vergangenheit achten kann. Das Mönchsthum, wie es in Spanien bestand und in Thibet noch besteht, ist eine Art Schwindsucht für die Civilisation. Es hält das Leben auf, schon aus dem einfachen Grunde, weil es entvölkert. Dazu nehme man die so oft dem Gewissen angethane Gewalt, den erzwungenen Beruf für das Kloster, das sich auf das Kloster stützende Feudalwesen, das Erstgeburtsrecht, welches das Zuviel der Familie dem Kloster zuführte, die Grausamkeiten, von denen wir gesprochen haben, und wir werden zittern vor der Kutte und dem Schleier, diesen beiden Grabtüchern menschlicher Erfindung. Gleichwohl dauert hartnackig an gewissen Orten trotz der Philosophie und des Fortschritts der Klostergeist noch fort mitten im neunzehnten Jahrhundert. Der Eigensinn veralteter Einrichtungen, fortdauern zu wollen, gleicht der Hartnäckigkeit ranzigen Parfüms, das unser Haar ölen, der Anmaßung eines verdorbenen Fisches, der gegessen sein will, der Anmaßung eines Knabenanzuges, den ein Mann noch tragen soll: ist grade so als wenn ein Leichnam noch zärtliche Umarmungen machen wollte. Ihr Undankbaren! sagt der Knaben-Rock; ich habe Euch bei schlechter Zeit geschützt, warum wollt ihr nichts mehr von mir wissen? Ich war im frischen, klaren Wasser des Sees, sagt der Fisch. Ich war eins Rose, sagt das Parfüm. Ich habe Euch geliebt, sagt der Leichnam. Ich habe zu Eurer Civilisation beigetragen, sagt das Kloster. Darauf giebt es nur eine Antwort: Ehemals. Ist es doch seltsam, zu glauben, Dinge, welche gestorben sind, lebten noch und würden noch ewig leben; es ist doch seltsam, wenn der Gegenwart die Vergangenheit sich aufdringen will. Und doch giebt es Vertreter dieser Theorie. Diese sonst geistreichen Leute haben ein sehr einfaches Verfahren: sie übertünchen die Vergangenheit und diesen Ueberzug nennen sie gesellschaftliche Ordnung, göttliches Recht, Moral, Familie, Achtung vor den Vorfahren, alte Autorität, heilige Tradition, Legitimität, Religion. Es ist dies die bekannte Logik der Alten, welche auch bei den Haruspices in Uebung war. Sie bestrichen eine junge schwarze Kuh mit Kreide und sagten: sie ist weiß. Der sogenannte bos eretatus (bekreidete Ochse). Was uns betrifft, so achten und schonen wir hier und da die Vergangenheit, wir schonen sie jedoch nur dann, wenn sie nicht aufs Leben Anspruch machen, wenn sie todt sein will. Will sie leben, so greifen wir sie an und suchen sie zu tödten. Aberglaube, Bigotterie, Muckerthum, Vorurtheile, diese Larven haben, obgleich sie Larven und Schatten sind, ein zähes Leben. Der Schatten ist schwer an der Kehle zu packen und niederzuwerfen.« Ein Kloster im vollen Mittag des neunzehnten Jahrhunderts, mitten in der Stadt von 1789, 1830 und 1848, Rom in Paris, ist ein Anachronismus. IV. Beurtheilung der Existenzberechtigung des Klosters. Menschen vereinigen sich und wohnen gemeinschaftlich mit einander. Nach welchem Recht? Nach dem Associationsrechte. Sie schließen sich ein. Nach welchem Rechte? Nach dem Rechte, das jeder Mensch hat, seine Thür nach Belieben zu öffnen und zu schließen. Sie gehen nicht aus. Nach welchem Rechte? Nach dem Rechte eines Jeden zu gehen und zu kommen, wie es ihm beliebt, das das Recht in sich schließt, zu Haus zu bleiben. Und zu Hause, was thuen sie da? Sie sprechen leise; sie schlagen die Augen nieder; sie arbeiten. Sie entsagen der Welt, den Städten, den Sinnengenüssen, den Vergnügungen, den Eitelkeiten dieser Welt, dem Stolze, den Sonderinteressen. Keiner von ihnen besitzt irgend Etwas eigentümlich. Beim Eintritt wird der Reiche arm. Der Adlige, der Edelmann und gnädige Herr wird dem gleich, der Bauer war. Der Fürst wird der gleiche Schatten, wie die anderen. Titel gibt es nicht mehr. Selbst die Familiennamen sind verschwunden. Nur Vornamen haben sie noch. Sie haben die fleischliche Familie aufgelöst und in ihrer Gemeinde die geistige gegründet. Sie haben keine anderen Aeltern als die Menschheit. Sie stehen den Armen bei und pflegen die Kranken. Sie wählen die, welchen sie gehorchen. Einer sagt zu dem Andern: »mein Bruder.« Abgesehen von der Geschichte und Politik, welche beide das Kloster verdammen und lediglich nach allgemeinen Principien, vom rein philosophischen Gesichtspunkte aus beurtheilt, betrachte ich die klösterliche Gemeinschaft, unter der Bedingung, daß sie durchaus freiwillig gewählt wird, stets mit einem gewissen aufmerksamen, ja in gewisser Hinsicht achtungsvollen Ernste. Wo eine Gemeinschaft ist, ist eine Gemeinde und wo eine solche ist, ist das Recht. Das Kloster ist ein Erzeugniß der Worte: Gleichheit, Brüderlichkeit. Und die Freiheit? O, wie groß, wie glänzend ist die Freiheit! Die Freiheit reichte hin, das Kloster in eine Republik umzugestalten. Fahren wir fort. Gut, die Männer, die Frauen hinter diesen vier Mauern kleiden sich in rauhe Gewänder, sind gleich untereinander und nennen sich Brüder. Gut! Thun sie aber noch etwas Anderes? Ja. Was? Sie betrachten das Dunkel, sie knien nieder, sie falten die Hände. Was bedeutet das? V. Das Gebet. Sie beten. Zu wem? Zu Gott. Was heißt das, zu Gott beten? Beten heißt, durch den Gedanken das Unendliche hienieden mit dem Unendlichen über uns in Verbindung bringen; denn die Seele des Menschen ist ein ebenso unendliches Ich, wie die unendliche Ichheit Gottes oben. Unser Ich ist die Spiegelung, der Wiederschein, das Echo des göttlichen Ichs. Das Gebet ist die geistige Verbindung Beider. Entziehen wir dem menschlichen Geiste nichts; unterdrücken ist schlecht. Man muß umgestalten, neugestalten. Gewisse Fähigkeiten des Menschen sind nach dem Unbekannten hin gerichtet: das Denken, das Traumen, das Beten. Das Unbekannte ist ein Ocean, und der Compaß in diesem ist das Gewissen. Denken, Träumen, Beten sind große, geheimnißvolle Strahlungen des unendlichen Lichtes, Wir müssen sie achten. Die Größe der Demokratie besteht darin, daß sie dem Menschen nichts Menschliches ableugnet, nichts verleugnet. Neben dem Rechte des Menschen liegt das Recht der Seele. Das Gesetz lautet, den Fanatismus ausrotten, das Unendliche verehren. Beschränken wir uns nicht darauf, uns unter den Schöpfungsbaum niederzuwerfen und seine unermeßlichen Aeste voll Sterne zu betrachten. Wir haben eine Pflicht: an der menschlichen Seele zu arbeiten, das Geheimniß gegen das Wunder zu verteidigen, das Unbegreifliche anzubeten und das Thörichte zu verwerfen, bei dem, was unerklärlich ist, nur das Nothwendige zuzugeben, den Glauben gesund zu machen, den Aberglauben aus der Religion zu entfernen. VI. Der absolute Nutzen des Gebetes. Alle Arten des Gebets sind gut, wenn sie nur aufrichtig sind. Selbst aus einem verkehrt in die Hand genommenen Buche kann man mit Nutzen beten, wenn man hierbei mit seinen Gedanken nur im Unendlichen ist. Es giebt, wie wir wissen, eine Philosophie, welche das Unendliche leugnet. Es giebt auch eine, welche die Sonne leugnet. Diese Philosophie heißt Blindheit. Einen Sinn, der uns fehlt, als Quelle der Wahrheit aufzustellen, ist eine Geschicklichkeit des Blinden. Das Merkwürdige dabei ist die hochmüthige, überlegene und mitleidsvolle Miene, welche diese Tast-Philosophie der Philosophie gegenüber annimmt, welche Gott sieht. Man glaubt einen Maulwurf ausrufen zu hören: »Ihr thut mir recht leid mit Eurer Sonne.« Es giebt große, berühmte Atheisten. Diese, welche allein durch ihren Geist zur Wahrheit geführt werden, sind im Gründe nicht einmal sicher, ob sie Atheisten sind; bei ihnen handelt es sich eigentlich nur um eine Definition. Wie dem aber auch sei, wenn sie auch nicht an Gott glauben, so beweisen sie dadurch, daß sie große Geister sind, für die Existenz Gottes. Wunderbar ist es auch, wie leicht sie sich mit Worten bezahlt machen. Eine nordische, ein Wenig von dem Nebel ihrer Heimath durchdrungene philosophische Schule glaubte eine Revolution im menschlichen Verstände dadurch bewirken zu können, daß sie für das Wort Kraft das Wort Wille setzte. Wenn man sagt: die Pflanze will, anstatt die Pflanze wächst, so könnte man auch bald hinzusetzen: die Welt will. Warum? Weil daraus auch hervorginge: die Pflanze will, sie hat also ein Ich; das Universum will, also hat es einen Gott. Uns scheint ein Wille in der Pflanze schwerer annehmbar zu sein als ein Wille in dem Universum. Und ersteren nimmt sie an, letzteren leugnet sie! Den Willen des Unendlichen, das heißt Gottes, kann man nur unter der Bedingung leugnen, wenn man das Unendliche leugnet. Das Leugnen des Unendlichen führt gradeswegs zum Nihilismus. Alles wird »ein Begriff des Geistes.« Mit dem Nihilismus ist eine Discussion nicht möglich, denn der logische Nihilismus zweifelt ja, ob er selbst und sein Gegner sind. Von seinem Gesichtspunkte aus ist es möglich, daß er selbst für sich nur »ein Begriff seines Geistes« sei. Er bemerkt nur nicht, daß er alles, was er als Einzel-Existenzen leugnet, im Ganzen wieder zugiebt, indem er das Wort: Geist ausspricht. Es giebt kein Nichts. Eine Null existirt nicht. Alles ist etwas. Nichts ist nichts. Der Mensch lebt von der Bejahung noch mehr als vom Brode. Sehen und Zeigen genügt nicht; energisch muß die Philosophie das Ziel zu erreichen suchen, den Menschen zu bessern. Socrates muß in Adam eindringen und einen Marc-Aurel erzeugen; das heißt so viel, als den Menschen aus dem Glücke, aus der Weisheit entstehen lassen. Die Wissenschaft muß eine Kräftigung des Herzens sein. Genießen! Welch trauriger Zweck und welch ärmlicher Ehrgeiz! Das Thier genießt; Denken, das ist der wahre Triumph der Seele. Allen Menschen den Begriff Gottes beizubringen, das Gewissen mit dem Wissen in Uebereinstimmung zu bringen und die Menschen dadurch gerecht zu machen, das ist die wahre Aufgabe der Philosophie. In der Moral soll die Wahrheit Knospen schlagen. Betrachten soll zum Handeln führen. Das Absolute muß practisch werden, das Ideal muß belebt, es muß eß- und trinkbar werden für den menschlichen Geist. Das Ideal hat das Recht zu sagen: »Nehmet, es ist mein Fleisch und Blut.« Die Weisheit und die Religion haben beide dasselbe heilige Sakrament des Abendmahls. Ohne Glaube und Liebe, diesen beiden mächtigen Hebeln der Menschheit, begreifen wir wenigstens nieder das Warum? noch das Woher? und Wohin? des menschlichen Daseins. VII. Beim Tadeln muß man vorsichtig sein. Die Geschichte und die Philosophie haben Pflichten, welche ebenso unendlich wie einfach sind. Der Tadel gegen gewisse Persönlichkeiten, wie z. B. gegen Kaiphas als Bischof, Drako als Richter, Trimalcion als Gesetzgeber, Tiberius als Kaiser ist klar und deutlich. Das Urtheil über gewisse Dinge bietet keine Schwierigkeiten. Anders mit dem Recht, für sich zu leben, mit der Beurtheilung jenes sich freiwillig auferlegten Lebens voller Unbequemlichkeiten und freier Mißbräuche. Es will constatirt, aber geschont sein. Wenn man von den Klöstern spricht, diesen Stätten des Irrthums aber der Unschuld, der Verirrung aber des guten Willens, der Unwissenheit aber der Demuth, der Strafe aber des Märtyrerthums, so muß man fast immer ja und nein sagen. Ein Kloster ist ein Widerspruch. Als Zweck das Heil, als Mittel das Opfer. Das Kloster ist der höchste Egoismus, der den größten Grad der Selbstverleugnung zum Zweck hat. Abzudanken, um zu herrschen, dies scheint die Devise des Mönchthums zu sein. Im Kloster leidet man, um zu genießen. Man zieht einen Wechsel auf den Tod. Man discontirt das himmlische Licht in irdischer Finsterniß. Im Kloster nimmt man die Hölle im Voraus von der Erbschaft des Paradieses an. Das Nehmen des Schleiers oder der Kutte ist ein mit der Ewigkeit bezahlter Selbstmord. Der Spott scheint bei einem solchen Gegenstände nicht angemessen zu sein. Hier ist Alles ernst, das Gute wie das Böse. Der Gerechte runzelt die Augenbraunen, das böswillige Lächeln aber liegt ihm fern. Man darf zornig aber nicht boshaft sein. VIII. Glaube, Gesetz. Wir tadeln die Kirche, wenn sie sich an Intriguen satt frißt, wir verachten das Geistliche, das nach dem Weltlichen giert, überall aber ehren wir den denkenden Menschen. Wir verneigen uns vor dem Knieenden. Der Glaube ist für den Menschen eine Nothwendigkeit. Wehe dem, der an nichts glaubt! Man ist nicht unbeschäftigt, wenn man in Gedanken versunken ist. Es giebt eine sichtbare und unsichtbare Arbeit. Betrachten heißt pflügen, denken handeln. Die übereinandergeschlagenen Arme, die gefalteten Hände arbeiten auch. Der Blick zum Himmel ist auch ein Werk. Thales blieb vier Jahre unbeweglich. Er begründete die Philosophie. Für uns sind die Klosterbewohner keine Müßiggänger, die Einsamen keine Faullenzer. Trotz alledem, was wir gesagt haben, ist die Bemerkung nicht inconsequent, daß der stäte Gedanke an das Grab den Lebendenden nicht unziemlich ist. In diesem Punkte stimmen der Geistliche und der Philosoph überein. Es giebt ein materielles Wachsthum und eine moralische Größe; wir wollen Beides. Die, welche immer beten, beten mit für die, welche nie beten. Für uns kommt Alles auf die Gedanken an, mit denen man betet. Wenn Leibnitz betet, so ist das groß; wenn Voltaire betet, so ist das etwas Schönes. Wir sind für die Religion gegen die Religionen. Wir gehören zu denen, welche an die Erbärmlichkeit der Gebete und an die Erhabenheit des Gebetes glauben. Uebrigens erscheint uns in der jetzigen uns zum Leben angewiesenen Minute, die hoffentlich dem neunzehnten Jahrhundert ihre Gestalt nicht hinterlassen wird, in dieser Stunde, in welcher so viele Menschen eine niedrige Stirn und eine kleine Seele haben, unter so vielen Lebenden, welche nur den Genuß als Moral kennen und die sich mit kleinlichen unbedeutenden Interessen der Materie beschäftigen, jeder ehrwürdig, der sich in die Verbannung begiebt. Wenn auch die Art, wie das Opfer gebracht werden mag, falsch ist, das Opfer bleibt doch immer Opfer. Es hat sein Großartiges, einen strengen Irrthum als Pflicht anzunehmen. An sich, als Ideal, hat das Kloster, das Frauenkloster namentlich – denn in unserer Gesellschaft leidet das Weib am meisten und in diesem Exil des Klosters liegt eine Protestation – unbestreitbar eine gewisse Majestät. Dieses so strenge und düstere Klosterleben ist nicht das Leben, denn es ist nicht die Freiheit; es ist auch nicht das Grab, es ist der seltsame Ort, von dem aus man, wie von der Spitze eines hohen Berges, auf der einen Seite den Abgrund, in dem wir sind, auf der anderen den Abgrund, in dem wir sein werden, erblickt; es ist eine schmale neblige Grenze, welche zwei Welten von einander trennt, von beiden zugleich beleuchtet und verdunkelt, wo der schwache Strahl des Lebens mit dem undeutlichen Schimmer des Todes sich mischt: es ist das Halbdunkel des Grabes. Achtes Buch. Die Kirchhöfe nehmen, was man ihnen giebt. I. Abhandlung über die Art, wie man in ein Kloster hineinkommen kann. In dieses Haus war Johann Valjean »vom Himmel gefallen,« wie Fauchelevent gesagt hatte. Der Engelsgesang, den er mitten in der Nacht gehört hatte, war die Mette gewesen, welche die Nonnen gesungen, der Saal, welchen er im Halbdunkel gesehen, die Kapelle, die Gestalt, welche er ausgestreckt am Boden bemerkt hatte, die Schwester, welche die reparatio verrichtete, das Glöckchen, dessen Klang ihn so seltsam überrascht hatte, jenes am Knie des Gärtners, des Vaters Fauchelevent. Nachdem Cosette eingeschlafen war, hatten Johann Valjean und Fauchelevent, wie wir mitgetheilt, vor einem lustigen Feuer ein Stück Käse gegessen und ein Glas Wein getrunken. Da Cosette das einzige Bett erhalten, so hatten sie sich nach dem Abendbrodt jeder auf ein Strohlager hingestreckt. Ehe er die Augen schloß, sagte Johann Valjean zu sich selbst: »Hier muß ich von nun an bleiben.« Keiner von den beiden Männern hatte geschlafen, wenn wir wahr sein wollen. Johann Valjean, der sich auf seiner Flucht entdeckt und Javert auf seiner Spur glaubt, sah ein, daß er nebst Cosetten verloren sei, wenn sie nach Paris zurückkehrten. Da der neue Windstoß, welcher ihn getroffen, ihn in diesem Kloster hatte stranden lassen, so hatte Johann Valjean nur den einen Gedanken hier zu bleiben. Für einen Unglücklichen in seiner Lage war dieses Kloster gleichzeitig der gefährlichste und sicherste Ort; der gefährlichste deshalb, weil wenn man Johann Valjean entdeckte, da kein Mann hereingelassen wurde, er auf einem Verbrechen ergriffen war, und er nur Einen Schritt aus dem Kloster in das Gefängniß gethan hatte; der sicherste deshalb, weil wenn er dableiben durfte, ihn Niemand hier suchen würde. An einem unmöglichen Orte zu wohnen war Rettung. Seinerseits zerbrach sich Fauchelevent den Kopf. Er sagte sich sehr bald, daß er nichts von allem begreife. Wie kam Herr Madeleine hierher? Ueber Klostermauern kann man doch nicht springen. Und noch dazu mit einem Kinde im Arm? Wer war das Kind? Woher kamen sie beide? Seit Fauchelevent in dem Kloster war, hatte er von M. an M. nichts mehr sprechen hören und er wußte nicht von dem, was sich dort ereignet hatte. Vater Madeleine hatte das Gesicht, das von Fragen abschreckt, und endlich sagte sich Fauchelevent: einen Heiligen frägt man nicht aus. Für ihn hatte Madeleine noch den alten Zauber. Aus einigen Worten nur, die Johann Valjean entschlüpft waren, glaubte der Gärtner schließen zu können, daß Madeleine wahrscheinlich in Folge der schlechten Zeiten Bankerott gemacht habe und daß er von seinen Gläubigern verfolgt werde, oder daß er sich wegen einer politischen Sache verstecken müsse. Das mißfiel Fauchelevent keineswegs. Wie viele Bauern im nördlichen Frankreich trug er noch einen guten alten bonapartistischen Vorrath in seinem Herzen. Das Unerklärliche für Fauchelevent, auf das er immer wieder zurückkam und worüber er sich den Kopf zerbrach, war nur, daß Madeleine da war und gar mit einem Kinde. Fauchelevent sah beide, berührte sie, sprach mit ihnen und konnte es nicht glauben. Das Unbegreifliche hatte seinen Einzug gehalten in die Hütte Fauchelevents. Er tappte in Vermutungen herum und sah nichts klar als: Madeleine hat mir das Leben gerettet. Diese einzige Gewißheit war für ihn genügend und bestimmend. Er sagte sich, nun kommt an mich die Reihe. In seinem Gewissen fügte er hinzu: Madeleine hat sich nicht so lange besonnen, als es sich darum handelte, unter den Wagen zu kriechen, um mich hervor zu ziehen. Er beschloß Madeleine zu retten. Er stellte sich indeß verschiedene Fragen und gab sich verschiedene Antworten: nach dem, was er für mich gethan, würde ich ihn retten selbst wenn er ein Dieb wäre? Gewiß. Und wenn er ein Mörder wäre? Gewiß. Rette ich ihn, da er ein Heiliger ist? Gewiß. Aber welche Aufgabe, ihn im Kloster zu behalten! Fauchelevent wich vor diesem fast fabelhaften Versuche nicht zurück. Ohne andere Hilfsmittel als seine Hingebung, seinen guten Willen und etwas von der alten Bauernschlauheit, die diesesmal im Dienste einer edlen Absicht stand, unternahm er es die Unmöglichkeiten des Klosters und die Steilheiten der Regel des heiligen Benedikt zu übersteigen. Vater Fauchelevent war sein ganzes Leben lang ein Egoist gewesen. Am Ende seiner Tage, da er lahm und gebrechlich war und kein Interesse mehr an der Welt hatte, fand er es aber angenehm dankbar zu sein und fiel über die tugendhafte Handlung, die sich ihm darbot, wie ein Mann her, der im Moment des Sterbens plötzlich in seiner Hand ein Glas guten Weines fühlt, gekostet und nun begierig austrinkt. Man kann auch hinzufügen, daß die Luft, die er seit mehreren Jahren in dem Kloster geathmet, das Persönliche in ihm vernichtet und endlich irgend eine gute That nothwendig für ihn gemacht hatte. Er faßte also den Entschluß sich für Madeleine aufzuopfern. Bei Tagesanbruch, nachdem er ungeheuer nachgedacht, öffnete er die Augen und sah wie Madeleine auf seinem Strohlager sitzend in den Anblick der schlafenden Cosette versunken war. Er richtete sich in die Höhe und sagte: »Da Sie nun da sind, wie werden Sie es machen um herein zu kommen?« Diese paar Worte drückten die ganze Schwierigkeit der Lage aus und weckten Johann Valjean aus seinen träumerischen Sinnen. Sie hielten Rath. »Vor Allem,« sagte Fauchelevent, »dürfen Sie keinen Schritt vor die Thür setzen, weder Sie noch die Kleine. Ein Schritt in den Garten und es brennt.« »Das ist richtig.« »Herr Madeleine,« fuhr Fauchelevent fort, »Sie sind zu sehr guter Zeit, ich wollte sagen zu sehr schlechter Zeit hierher gekommen; eine der Damen ist sehr krank. Deshalb wird man sich nicht viel um uns hier kümmern. Wahrscheinlich wird sie sterben. Man hält das vierstündige Gebet. Die ganze Nonnengemeinde ist dabei. Die, welche sterben will, ist eine Heilige. Freilich hier sind wir alle Heilige; der ganze Unterschied zwischen ihnen und mir besteht nur darin, daß sie sagen: » unsere Zelle« und ich sage: » mein Nest.« Es wird ein Gebet für Sterbende geben und dann ein Gebet für Gestorbene. Heute bleiben wir ungestört hier; für morgen kann ich aber nicht stehen.« »Indessen,« bemerkte Johann Valjean, »das Häuschen hier steht so versteckt, man kann es vom Kloster aus nicht sehen.« »Und die Nonnen kommen diesem Orte auch niemals zu nahe.« »Nun?« fragte Johann Valjean. »Ja aber die Kleinen!« antwortete Fauchelevent. »Welche Kleinen?« fragte Johann Valjean. Als Fauchelevent den Mund aufthat, um das Wort, das er gesprochen hatte, zu erklären, hörte man einen Glockenschlag. »Die Nonne ist todt,« sagte er. »Das ist das Todtenglöckchen.« Er winkte Johann Valjean zu horchen. Die Glocke ertönte ein zweites Mal. »Es ist die Todtenglocke, Herr Madeleine. So wird die Glocke von Minute zu Minute, vier und zwanzig Stunden lang, bis die Leiche die Kirche verlassen hat, tönen. Sehen Sie, das spielt hier im Garten. Wenn sie in der Erholungsstunde im Garten sind, braucht nur ein Ball hierher zu rollen, so kommen sie, wenn's auch verboten ist, suchen und durchstöbern alles. Es sind wahre Teufel die Engel!« »Wer?« fragte Johann Valjean. »Die Kleinen. Sie würden sehr bald entdeckt werden. Sie schrieen gleich: »ein Mann!« Heute aber ist keine Gefahr. Heute ist keine Erholungsstunde. Den ganzen Tag wird gebetet. Hören Sie die Glocke? Wie ich Ihnen sagte, jede Minute ein Schlag. Das ist die Todtenglocke.« »Ich verstehe, Vater Fauchelevent. Es giebt Pensionärinnen hier.« Und bei sich dachte er: »Da wäre ja die Erziehung Cosette's gleich gefunden.« Fauchelevent rief aus: »Freilich! Die kleinen Mädchen würden schön schreien und wie sie dann davon laufen würden! Hier ein Mann sein heißt grade so viel wie die Pest. Sie sehen ja, daß man mir ein Glöckchen an das Bein gebunden hat, wie einem wilden Thiere.« Johann Valjean dachte mehr und mehr nach. »Das Kloster könnte uns retten,« murmelte er, dann sagte er laut: »Ja das Schwierige ist, hier zu bleiben.« »Nein,« sagte Fauchelevent, »hinaus zu kommen.« Johann Valjean fühlte, daß ihm das Blut nach dem Herzen steige. »Hinaus zu kommen!« »Ja, Herr Madeleine, um herein zu kommen, müssen Sie erst hinaus gehen.« Nachdem er eine Pause gemacht, um die Glocke wieder einen Schlag thun zu lassen, fuhr er fort: »Man darf Sie hier nicht so finden. Woher kommen Sie? Für mich sind Sie vom Himmel gefallen, weil ich sie kenne. Aber für die Nonnen muß man durch die Thüre kommen. Plötzlich hörte man außer dem Todtenglöckchen eine zweite Glocke. »Ha!« sagte Fauchelevent, »man läutet den Stimmmüttern. Sie gehen in's Kapitel. Kapitel hält man, immer, wenn Jemand stirbt. Sie starb mit Tagesanbruch. Man stirbt gewöhnlich mit Tagesanbruch. Könnten Sie denn nicht auf dem Wege hinausgehen, auf dem Sie hereingekommen sind? Ich will Sie nicht fragen, aber wo sind Sie denn eigentlich hereingekommen?« Johann Valjean erbleichte. Der Gedanke schon, in jene schreckliche Straße wieder hinüber zu steigen, machte ihn zittern. Man denke sich, man entfliehe aus einem Walde voll Tieger und, wenn man glücklich demselben entronnen, räth Einem ein Freund, dahin zurück zu kehren. Johann Valjean stellte sich vor, die ganze Polizei lauere noch in dem Stadtviertel, Wachen seien aufgestellt, überall Posten, schreckliche Fäuste streckten sich aus, ihn am Kragen zu fassen und Javert wartete vielleicht an der Ecke. »Unmöglich!« sagte er, »Vater Fauchelevent nehmen Sie an, ich sei von oben herunter gefallen.« »Ich glaube es, ich glaube es,« antwortete Fauchelevent. »Mir brauchen Sie es nicht zu sagen. Der liebe Gott wird Sie in die Hand genommen haben, um Sie in der Nähe zu besehen und dann wird er Sie wieder losgelassen haben. Er wollte Sie freilich gewiß in ein Mönchkloster fallen lassen und hat sich hierbei geirrt. Da läutet's wieder. Der Portier soll der Behörde melden, daß eine Leiche da ist, damit sie der Arzt besehe. Das gehört alles zur Ceremonie des Sterbens. Die guten Damen haben diesen Besuch nicht sehr gern. Ein Arzt, der glaubt an nichts. Er hebt den Schleier auf, manchmal auch noch was anderes. Wie schnell sie diesmal den Arzt rufen lassen! Was giebt's nur? Ihre Kleine schläft immer noch. Wie heißt sie denn?« »Cosette.« »Ist's Ihre Tochter? Oder sind Sie ihr Großvater? »Ja.« »Für sie wäre es nicht schwer, hinaus zu kommen. Ich habe meine Dienst-Thüre, die in den Hof geht. Ich gehe, der Portier macht auf, ich trage meinen Korb auf dem Rücken, die Kleine ist darin, ich gehe hinaus. Der Vater Fauchelevent geht mit seinem Korbe hinaus; das ist ganz einfach. Sie müssen nur der Kleinen sagen, daß sie sich ganz ruhig verhalte. Ich gebe sie dann, so lange wie es nöthig ist, zu einer alten, guten Freundin, einer Obstfrau hier in der Straße, die taub ist und ein kleines Bett übrig hat. Ich schreie ihr in's Ohr, daß es eine Nichte von mir sei, die sie mir bis Morgen aufheben soll. Dann kömmt die Kleine mit Ihnen wieder herein; denn herein bringe ich sie wieder. Das muß sein. Wie kommen Sie aber heraus? Johann Valjean schüttelte den Kopf. »Es kommt alles darauf an, Vater Fauchelevent, daß mich Niemand sieht. Denken Sie sich ein Mittel heraus, daß auch ich, wie Cosette hinausgebracht werden kann.« Fauchelevent kratzte sich mit dem Mittelfinger der linken Hand hinter dem Ohre, ein Zeichen ernstlicher Verlegenheit. Da unterbrach ein drittes Läuten der Glocke die Unterhaltung. »Das ist der Leichenschauarzt, der geht schon wieder,« sagte Fauchelevent. »Er hat hingesehen und gesagt: sie ist todt, es ist gut. Wenn der Arzt den Paß für's Paradies visirt hat, da wird ein Begräbniß gemacht. Ist's eine Mutter, so begraben sie die Mütter; ist's eine Schwester, so begraben sie die Schwestern. Und ich nagle den Sarg zu. Das gehört zu meiner Gärtnerei. Ein Gärtner ist auch ein wenig Todtengräber. Man stellt die Todte in einen niedrigen Saal der Kirche, aus dem es auf die Straße geht. In den darf kein Mann hinein, nur der Leichenarzt, die Leichenträger und ich. Die Leichenträger rechne ich nicht zu den Männern. In diesem Saale nagle ich den Sarg zu. Die Leichenträger nehmen ihn hier in Empfang und fort geht's in den Himmel. Einen leeren Kasten bringt man herein, wenn man ihn hinausträgt, ist was drin. Das ist ein Begräbniß.« Ein Strahl der horizontal stehenden Sonne beschien das Gesicht Cosetten's, welche noch schlief und den Mund halb offen hatte. Sie sah aus, wie ein Engel, der Luft trinkt. Johann Valjean betrachtete sie wieder und hörte nicht auf Fauchelevent. Nicht gehört zu werden ist kein Grund zu schweigen. Der brave, alte Gärtner fuhr ganz ruhig in seinem Geplauder fort: »Auf dem Kirchhofe Vaugirard macht man das Grab. Man will ihn aufheben. Es ist ein alter Gottesacker, der pensionirt werden soll. Es ist schade, denn er liegt bequem. Ich habe da einen alten Freund, den Todtengräber. Die Nonnen hier haben das Privilegium, mit sinkender Nacht auf diesen Kirchhof getragen zu werden. Die hohe Polizei hat's ausdrücklich für sie befohlen. Was doch Alles seit gestern hier passirt ist! Die Mutter Crucifixion ist gestorben und der Vater Madeleine ...« »Wurde begraben,« sagte Johann Valjean mit traurigem Lächeln. »Freilich! Wenn Sie ganz hier wären, dann wären Sie auch wahrhaft begraben.« Man hörte einen vierten Glockenschlag. Fauchelevent nahm schnell das Glöckchen vom Nagel und band es an sein Knie. »Dieses Mal gilt's mir. Die Mutter Priorin verlangt mich. Herr Madeleine, rühren Sie sich nicht und warten Sie auf mich. Es giebt was Neues. Wenn Sie Hunger haben, da ist Wein, Brod und Käse.« Und mit den Worten: »man kommt, man kommt!« verließ er die Hütte. Johann Valjean sah ihn eiligst durch den Garten gehen, so schnell, als es ihm sein lahmes Bein gestattete. Nach weniger als zehn Minuten klopfte Vater Fauchelevent, dessen Glöckchen die Nonnen auf seinem Wege in die Flucht trieb, leise an eine Thür. Eine sanfte Stimme antwortete: »In Ewigkeit!« In Ewigkeit heißt: »Herein.« Es war die Thür des für den Gärtner in Dienstsachen bestimmten Sprechzimmers. Es gränzte an den Kapitelsaal. Die Priorin saß auf dem einzigen Stuhle, der sich in dem Sprechzimmer befand und erwartete bereits Fauchelevent. II. Fauchelevent vor einer Schwierigkeit. Ein unruhiges und ernstes Aussehen zu haben, ist bei kritischen Gelegenheiten gewissen Charakteren und gewissen Ständen eigen, besonders Geistlichen und Klosterleuten. In dem Augenblicke, als Fauchelevent eintrat, lag dieser Ausdruck auf dem Gesicht der Priorin. Der Gärtner grüßte furchtsam und blieb auf der Schwelle der Zelle stehen. Die Priorin, welche ihren Rosenkranz durch die Finger laufen ließ, schlug die Augen auf und sagte: »Ha, Sie sind es, Vater Fauvent!« »In dieser Weise war im Kloster sein Name abgekürzt worden. Fauchelevent wiederholte seinen Gruß. »Vater Fauvent, ich habe Sie rufen lassen ...« »Hier bin ich, hochwürdige Mutter.« »Ich habe mit Ihnen zu sprechen.« »Und ich meinerseits,« entgegnete Fauchelevent mit einer Kühnheit, vor der er sich innerlich fürchtete, »ich habe der sehr hochwürdigen Mutter etwas zu sagen.« Die Priorin sah ihn an. »Sie haben mir eine Mittheilung zu machen?« »Eine Bitte.« »Sprechen Sie.« Der gute Fauchelevent, der ehemalige Dorfgerichtsschreiber, gehörte zu derjenigen Klasse Bauern, die in ihrem Auftreten eine gewisse Sicherheit haben. Eine gewisse, geschickte Unwissenheit ist eine Kraft; man ist vor ihr nicht auf der Hut und wird überlistet. In dem Zeitraum von etwas über zwei Jahren, seit er in dem Kloster wohnte, hatte er bei der Klostergemeinde Glück gemacht. In seiner Einsamkeit und allein mit seiner Gärtnerei beschäftigt, hatte er nicht leicht etwas anderes zu thun, als neugierig zu sein. In der Entfernung, in der er sich von allen den hin- und hergehenden verschleierten Frauen halten mußte, kamen ihm diese wie Schatten vor, welche sich hin- und herbewegen. Vermöge seiner Aufmerksamkeit und seines Scharfsinnes gelang es ihm aber, alle diese Schatten mit Fleisch zu bekleiden, so daß diese Todten für ihn lebten. Durch seine Achtsamkeit hatte er den Sinn des verschiedenen Läutens entziffert. Er hatte es so weit gebracht, daß das räthselhafte und schweigsame Kloster für ihn nichts Verborgenes hatte. Fauchelevent, der Alles wußte, ließ sich jedoch nichts merken. Darin bestand seine Kunst. Das ganze Kloster hielt ihn für dumm. Die Stimmütter hielten was auf ihn. Er flößte Vertrauen ein. Uebrigens lebte er sehr regelmäßig und ging nur wegen der nöthigsten Besorgungen aus. Das wurde ihm hoch angerechnet. Nichts destoweniger hatte er zwei Männer zum Ausplaudern gebracht, im Kloster den Portier, so daß er alle Sprechzimmer-Angelegenheiten erfuhr, und auf dem Kirchhofe den Todtengräber, der das Interessanteste von den Begräbnissen wußte. Auf diese Weise hatte er über die Nonnen eine doppelte Aufklärung, über ihr Leben und ihren Tod. Er mißbrauchte aber nichts. Er war alt, lahm, beinahe blind, wahrscheinlich auch etwas taub – was für Eigenschaften! Man hätte schwer einen Ersatzmann für ihn finden können. Mit der Sicherheit dessen, der weiß, daß man viel auf ihn hält, begann der gute Mann eine ziemlich weitläuftige Bauern-Anrede an die hochwürdige Priorin. Er sprach lange von seinem Alter, von seiner Gebrechlichkeit, von der Last der Jahre, von den zunehmenden Anforderungen der Arbeit, von der Größe des Gartens, von den Nächten, in denen er, wie z. B. in den vergangenen, arbeiten müsse. Zum Schluß sagte er endlich: er habe einen Bruder – (die Priorin machte eine Bewegung) – jung sei er nicht (die Priorin machte eine zweite Bewegung, aber eine beruhigtere); wenn man wollte, so könnte der Bruder bei ihm wohnen und ihm helfen, er sei ein ausgezeichneter Gärtner; die Klostergemeinde würde die besten Vortheile von ihm ziehen; wenn man seinen Bruder nicht annehme, werde er, der ältere, da er sich schwach und der Arbeit nicht mehr gewachsen fühle, freilich zu seinem großen Bedauern, genöthigt sein, zu gehen; sein Bruder habe ein kleines Mädchen, das er mit sich bringen würde und das groß werden könnte in Gott. Vielleicht, wer könnte das wissen, könnte sie eines Tages eine Klosterschwester werden. Als er mit seiner Rede zu Ende gekommen war, unterbrach die Priorin das Spiel mit dem Rosenkranze zwischen ihren Fingern und sagte zu ihm: »Könnten Sie sich bis Abend eine starte Eisenstange verschaffen? « »Wozu?« »Um als Hebel zu dienen.« »Ja, hochwürdige Mutter,« antwortete Fauchelevent. Ohne ein Wort weiter hinzuzusetzen, erhob sich die Priorin von ihrem Sitze und trat in das Nebenzimmer, den Kapitelsaal, in welchem wahrscheinlich die Stimmütter versammelt waren. Fauchelevent blieb allein. III. Mutter Innocentia. Nach Verlauf von etwa einer Viertelstunde kam die Priorin zurück und setzte sich wieder auf den Stuhl. »Vater Fauvent ...« »Hochwürdige Mutter?« »Sie kennen die Kapelle?« »Ich höre da hinter einem kleinen Gitter die Messe.« »Sind Sie Ihrer Arbeit wegen schon ein Mal im Chor gewesen?« »Zwei oder drei Mal.« »Es handelt sich darum, einen Stein aufzuheben.« »Ist er schwer?« »Die Steinplatte neben dem Altar.« »Den Stein, der das Gewölbe schließt?« »Ja.« »Das ist so ein Fall, wo zwei Männer gut wären.« »Mutter Ascension, die so stark ist wie ein Mann, wird Ihnen helfen.« »Eine Frau ist nie ein Mann.« »Wir können Ihnen aber nur eine Frau als Hülfe geben. Jeder thut was er kann. Das Verdienst liegt darin, nach seinen Kräften zu arbeiten. Ein Kloster ist kein Zimmerplatz.« »Und eine Frau ist kein Mann. Mein Bruder, der ist sehr stark.« »Und dann haben Sie ja auch einen Hebel.« »Er ist ja der einzige Schlüssel, der solche Thüren aufschließt.« »Am Steine ist ein Ring.« »In den stecke ich den Hebel.« »Der Stein ist so eingerichtet, daß er sich dreht.« »Gut, hochwürdige Mutter. Ich werde das Gewölbe öffnen.« Und die vier Singmütter werden Ihnen dabei helfen.« »Und wenn das Gewölbe offen sein wird ...?« »Muß es wieder geschlossen werden.« »Das ist Alles?« »Nein.« »Befehlen Sie, hochwürdige Mutter.« »Fauvent, wir haben Vertrauen zu Ihnen.« »Ich bin hier um Alles zu thun.« »Und um zu schweigen.« »Ja, hochwürdige Mutter.« »Wenn das Gewölbe offen ist ...« »Werde ich es wieder schließen.« »Vorher aber ...« »Was, hochwürdige Mutter?« »Muß etwas hinunter gebracht werden.« Es trat eine Pause ein. Die Priorin machte zum Zeichen ihres Zauderns eine Bewegung mit der Unterlippe und fuhr dann fort: »Vater Fauvent ...« »Hochwürdige Mutter?« »Sie wissen, daß diesen Morgen eine Mutter gestorben ist?« »Nein.« »Haben Sie denn nicht die Glocke gehört.? »Hinten im Garten hört man nichts.« »Wirklich?« »Ich höre kaum mein Glöckchen.« »Mit Tagesanbruch ist sie gestorben.« »Heute früh kam der Wind nicht von da her.« »Es ist die Mutter Crucifixion. Sie ist glücklich.« Die Priorin schwieg und bewegte einen Augenblick die Lippen, als bete sie still für sich. »Ach ja, hochwürdige Mutter, jetzt höre ich die Sterbeglocke.« »Die Mütter haben sie in die Todtenkammer neben der Kirche getragen.« »Ich weiß es.« »Kein anderer Mann als Sie kann und darf in diese Kammer hinein. Sorgen Sie dafür. Das wäre schön, wenn ein Mann in die Todtenkammer käme.« »Oefter!« »Wie?« »Oefter!« »Was sagen Sie?« »Ich sage öfter.« »Oefter als was?« »Hochwürdige Mutter, ich sage nicht öfter als was, ich sage öfter.« »Ich verstehe Sie nicht. Warum sagen Sie öfter?« »Um das zu sagen, was Sie sagten, hochwürdige Mutter.« »Ich habe ja nicht öfter gesagt.« »Sie haben es nicht gesagt, ich sagte es nur, um zu sagen wie Sie.« In diesem Augenblick schlug es neun Uhr. »Um neun Uhr früh und zu jeder Stunde sei gelobt und angebetet das allerheiligste Sacrament des Altars« sagte die Priorin. »Amen!« sagte Fauchelevent. Es hatte grade zur rechten Zeit geschlagen, denn es machte dem »öfter« ein Ende. Ohne die Glocke würden die Priorin und Fauchelevent sich wohl niemals aus diesem Wirrwarr des »öfter« befreit haben. Fauchelevent wischte sich die Stirn. »Bei ihren Lebzeiten bewirkte Mutter Crucifixion Bekehrungen; nach ihrem Tode wird sie Wunder verrichten.« »Sie wird sie verrichten,« stimmte Fauchelevent ein. »Vater Fauvent, die Gemeinschaft ist in der Mutter Crucifixion gesegnet gewesen. Die Mutter Crucifixion hat einen kostbaren Tod gehabt. Sie hat bis zum letzten Augenblicke ihr Bewußtsein behalten. Sie sprach mit uns, dann sprach sie mit den Engeln, Sie hat uns ihre letzten Wünsche mitgetheilt. Wenn Sie etwas mehr Glauben hätten und wenn Sie in ihrer Zelle hätten sein können, so würde sie durch Auflegen der Hand Ihr Bein geheilt haben. Sie lächelte. Man fühlte, daß sie in Gott auferstand. In diesem Sterben lag ein Stück des Paradieses.« Fauchelevent glaubte, sie beende ein Gebet und sagte: »Amen.« »Vater Fauvent, man muß das thun, was die Todten wollen.« Die Priorin ließ einige Körner ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten. Fauchelevent schwieg. Sie fuhr fort. »Ich habe über diese Frage mehrere berühmte Geistliche befragt ...« »Hochwürdige Mutter, hier hört man das Sterbeglöckchen viel deutlicher als im Garten.« »Uebrigens ist sie ja auch mehr als eine Todte, sie ist eine Heilige.« »Wie Sie, hochwürdige Mutter.« »Seit zwanzig Jahren schlief sie mit ausdrücklicher Erlaubniß unseres heiligen Vaters Pius VII. in ihrem Sarge.« »Das ist der, welcher den Kai... Bonaparte krönte.« Für einen gewandten Mann wie Fauchelevent war diese Erwähnung ungeschickt. Glücklicherweise hörte sie die Priorin nicht, welche ganz in ihre Gedanken versunken war. Sie fuhr fort: »Vater Fauvent!« »Hochwürdige Mutter?« »Der heilige Diodorus, Erzbischof von Capadocien, wünschte, daß man auf sein Grab nur das eine Wort schriebe: Acarus d. h. Wurm. Es geschah. Ist's wahr?« »Ja, hochwürdige Mutter.« »Der heilige Mezzocane, Abt von Aquila, wollte unter dem Galgen begraben sein; es geschah.« »Es ist wahr.« »Vater Fauvent, die Mutter Crucifixion wird in dem Sarge begraben werden, in welchem sie seit zwanzig Jahren geschlafen hat.« »Das ist recht.« »Es ist eine Fortsetzung des Schlafes.« »Ich werde also diesen Sarg zuzunageln haben.« »Ja.« »Und wir lassen den andern Leichenträger bei Seite?« »So ist es.« »Ich stehe der hochwürdigen Gemeinschaft zu Diensten.« »Die vier Singemütter werden Ihnen helfen.« »Den Sarg zuzunageln? Dazu brauche ich sie nicht.« »Nein, um ihn hinunter zu lassen.« »Wohin?« »In das Gewölbe.« »Welches Gewölbe?« »Unter dem Altare.« Die Seele Fauchelevents machte einen Seitensatz wie ein scheues Pferd. »In das Gewölbe unter dem Altare?« wiederholte er. »Unter dem Altare.« »Aber ...« »Sie haben eine eiserne Stange.« »Ja, aber ...« »Sie werden die Stange in den Ring des Steines stecken und dadurch den Stein in die Höhe heben.« »Aber ...« »Den Todten muß man gehorchen. In dem Gewölbe unter dem Altare der Kapelle beerdigt und nicht in profane Erde gebracht zu werden, im Tode da zu bleiben, wo sie im Leben gebetet, das war der letzte Wunsch der Mutter Crucifixon. Sie hat es von uns gewünscht, das heißt so viel, als sie hat es uns befohlen.« »Es ist ja aber verboten.« »Verboten von den Menschen, geboten von Gott.« »Wenn es herauskäme?« »Wir haben Vertrauen zu Ihnen.« »Das können Sie auch, denn ich bin ein Stein von Ihrer Mauer.« »Das Kapitel ist versammelt. Die Stimmmütter welche ich noch einmal befragt habe und welche sich darüber noch in Berathung befinden, haben beschlossen, daß die Mutter Crucifixion ihrem Wunsche gemäß in ihrem Sarge unter unserm Altare begraben werde. Denken Sie, Vater Fauvent, wenn sich hier Wunder ereigneten! Welcher Ruhm in Gott für unsere Gemeinschaft! Die Wunder kommen aus den Gräbern.« »Aber hochwürdige Mutter, wenn der Beamte der Gesundheitskommission ...« »Der heilige Benedictus II. hat in Begräbnißangelegenheiten dem Constantin Pogonat widerstanden ...« »Indeß der Polizeikommissar ...« »Chonodemarius, einer der sieben deutschen Könige, welche unter der Regierung des Constanz nach Gallien kamen, hat ausdrücklich das Recht der Mönche und der Nonnen, in ihrer Kirche unter dem Altar begraben zu werden, anerkannt.« »Aber der Präfecturinspector ...« »Die Welt ist nichts vor dem Kreuze. Stat crux dum volvitur orbis .« Fest steht das Kreuz, während die Erde sich dreht. »Amen,« sagte Fauchelevent, unveränderlich in dieser Art sich alle Mal aus der Sache zu ziehen, wenn er Lateinisch hörte. »Es ist abgemacht, Vater Fauvent?« »Abgemacht, hochwürdige Mutter.« »Kann man auf Sie rechnen?« »Ich werde gehorchen.« »Es ist gut.« »Ich bin dem Kloster ganz ergeben.« »Man weiß es. Sie werden den Sarg zumachen, die Schwestern werden ihn in die Kapelle tragen. Nachdem das Todtenamt abgehalten worden, kehrt man in das Kloster zurück. Zwischen elf Uhr und Mitternacht kommen sie mit Ihrer Eisenstange. Es muß Alles ganz im Geheimen geschehen. Niemand wird in der Kapelle sein als die vier Singmütter, die Mutter Ascension und Sie.« »Und die Schwester vor dem Pfahle.« »Diese wird sich nicht umsehen.« »Aber hören.« »Sie wird nicht hören. Uebrigens, die Welt weiß nicht, was das Kloster weiß.« Es trat wiederum eine Pause ein. Die Priorin fuhr fort: »Sie werden Ihr Glöckchen abnehmen. Es ist nicht nöthig, daß die Schwester vor dem Pfahle erfahre, daß Sie da sind.« »Hochwürdige Mutter.« »Was, Vater Fauvent?« Hat der Leichenarzt schon seinen Besuch abgestattet?« »Er wird um vier Uhr Nachmittags kommen.« »Hochwürdige Mutter, wir werden einen Hebel von wenigstens sechs Fuß haben müssen.« »Woher werden Sie ihn besorgen?« »Wo es nicht an Gittern fehlt, fehlt es auch nicht an Eisenstäben. Ich habe hinten im Garten einen ganzen Haufen altes Eisen.« »Etwa dreiviertel Stunden vor Mitternacht, vergessen Sie es nicht!« Hochwürdige Mutter!« »Was?« »Wenn Sie noch andere solche Arbeit hätten, mein Bruder ist sehr kräftig. Ein wahrer Türke.« »Beeilen Sie sich so sehr als möglich.« »Geschwind geht es bei mir nicht mehr. Ich bin schwach; darum brauche ich einen Gehülfen. Ich hinke.« »Hinken ist kein Nachtheil, vielleicht ein Segen. Der Kaiser Heinrich II., welcher mit dem Gegenpabst Gregor im Streit lag und Benedikt VIII. wieder einsetzte, hatte zwei Namen: der Heilige und der Lahme.« »Zwei Röcke sind freilich besser,« murmelte Fauchelevent, der wirklich ein wenig schwer hörte. »Vater Fauvent ich denke, wir verwenden eine ganze Stunde darauf. Es ist nicht zu viel. Seien Sie um elf Uhr mit Ihrer Stange an dem Hauptaltar. Das Amt beginnt um Mitternacht. Eine gute Viertelstunde vorher muß alles vorbei sein.« »Ich werde alles thun, um meinen Eifer für das Kloster zu beweisen. Es ist abgemacht. Ich nagele den Sarg zu. Punkt elf Uhr bin ich in der Kapelle. Die Singemütter werden auch da sein, ebenso die Mutter Ascension. Zwei Männer wären freilich besser. Was thuts! ich habe meinen Hebel. Wir öffnen das Gewölbe, lassen den Sarg hinunter und schließen das Gewölbe wieder zu. Ist's vorbei, so ist keine Spur mehr davon zu sehen. Die Regierung wird nichts ahnen. Ist so alles geordnet, Hochwürdige Mutter?« »Nein.« »Was giebts noch?« »Noch Eins ist zu erledigen, der leere Sarg. Vater Fauvent, was machen wir mit dem?« »Man trägt ihn in das Grab, auf den Kirchhof.« »Leer?« Fauchelevent machte mit der linken Hand die Geberde, welche eine unbequeme Frage abweist. »Hochwürdige Mutter, ich bin es, der den Sarg in der niedrigen Kammer neben der Kirche zunagelt und das Grabtuch darauflegt. Außer mir kommt Niemand hinein.« »Ja, aber die Träger, wenn sie ihn auf den Wagen heben und in das Grab hinunterlassen, werden es merken, daß nichts darin ist.« »Ha, zum Teu...!« rief Fauchelevent. Die Priorin begann ein Zeichen des Kreuzes und sah den Gärtner fest an. Das ...fel« war ihm in der Kehle stecken geblieben. Er beeilte sich, damit der Fluch vergessen werde, ein Auskunftsmittel zu erfinden. »Hochwürdige Mutter, ich werde Erde in den Sarg thun. Das wird so gut sein, als wenn Jemand darin wäre.« »Sie haben Recht. Erde ist dasselbe wie der Mensch. Sie werden es also mit dem leeren Sarge so machen?« »Ich werde meine Schuldigkeit thun.« Das Gesicht der Priorin, das bis dahin ernst und trübe gewesen war, heiterte sich auf. Sie verabschiedete ihn mit dem Zeichen, das den Vorgesetzten eigen ist, wenn sie den Untergebenen entlassen. Fauchelevent ging nach der Thür zu. Als er schon auf der Schwelle stand, sagte die Priorin mit freundlichem Tone zu ihm: »Vater Fauvent, ich bin mit Ihnen zufrieden. Morgen nach der Beerdigung führen Sie mir Ihren Bruder zu und sagen Sie ihm, daß er seine Tochter mitbringe.« IV. Als ob Johann Valjean den Justin Castillejo gelesen hätte. Große Schritte des Lahmen sind wie Liebesblicke des Einäugigen; sie kommen nicht schnell zum Ziele. Außerdem war Fauchelevent ganz perplex geworden, so daß er beinahe eine Viertelstunde brauchte, um in seine Hütte zurück zu kommen. Cosette war erwacht. Johann Valjean hatte sie an das Feuer gesetzt. In dem Augenblicke, als Fauchelevent eintrat, zeigte ihr Johann Valjean den Tragkorb, der an der Wand hing und sagte zu ihr: »Gieb jetzt gut Achtung auf das, was ich Dir sagen werde, meine kleine Cosette. Wir müssen aus diesem Hause gehen, aber wir werden wieder zurück kommen und uns dann hier sehr wohl befinden. Der gute Mann hier wird Dich da drin auf seinem Rücken forttragen. Du wirst mich bei einer Frau erwarten, von der ich Dich abholen werde. Wenn Du nicht willst, daß Dich die Thenardier wieder holen soll, so sei folgsam und still.« Cosette machte mit dem Kopf ein sehr ernstes Zeichen. Bei dem Geräusch, welches Fauchelevent durch das Oeffnen der Thür machte, drehte sich Johann Valjean um. »Nun?« »Alles ist geordnet und nichts,« antwortete Fauchelevent, »Ich habe die Erlaubniß Sie hier herein zu lassen, aber ehe ich das kann, muß ich Sie hinausschaffen. Mit der Kleinen, da ist's leicht.« »Sie tragen sie fort?« »Wird sie still sein?« »Ich stehe dafür.« »Aber Sie, Vater Madeleine?« Nach einer ziemlich ängstlichen Pause rief Fauchelevent: »Gehen Sie doch auf dem Wege hinaus, auf dem Sie hereingekommen sind!« Johann Valjean beschränkte sich, wie das erste Mal, darauf, daß er antwortete: »Unmöglich.« Fauchelevent, der mehr mit sich selbst als zu Johann Valjean sprach, murmelte: »Noch etwas Anderes quält mich. Ich habe gesagt, daß ich Erde hinein thun würde. Das wird nicht gehen; sie wird sich bewegen, sich verschieben. Die Leute werden's merken. Die Regierung wird es erfahren, das begreifen Sie, Vater Madeleine.« Johann Valjean sah ihn mit halb zugekniffenen Augen an und glaubte, er rede irre. Fauchelevent fuhr fort: »Wie zum Teu...fel werden Sie hinauskommen? Und morgen muß Alles gemacht werden! Morgen soll ich Sie bringen. Die Priorin erwartet Sie.« Hierauf theilte er Johann Valjean die ganze im vorigen Kapitel verzeichnete Unterhaltung zwischen ihm und der Priorin mit, so wie auch die beiden Verlegenheiten, in denen er sich befände: wie Johann Valjean hinausbringen, und wie den leeren Sarg füllen? »Was ist das für ein leerer Sarg?« fragte Johann Valjean. »Nun der Sarg der Verwaltung,« antwortete Fauchelevent. »Welchen Sarg? Welche Verwaltung? »Jetzt stirbt eine Nonne. Da kommt der Stadtarzt und sagt: eine Nonne ist gestorben. Die Regierung schickt einen Sarg. Den nächsten Tag schickt sie einen Leichenwagen und Leichenträger und die tragen ihn auf den Kirchhof. Nun werden die Leichenträger kommen, den Sarg aufheben und es wird Nichts darin sein.« »Legen Sie etwas hinein.« »Einen Todten? Ich habe keinen.« »Nicht einen Todten.« »Was denn?« »Einen Lebendigen.« »Welchen Lebendigen?« »Mich,« sagte Johann Valjean. Fauchelevent, der sich gesetzt hatte, sprang auf als wäre eine Bombe unter seinem Stuhle losgegangen. »Sie?« »Warum nicht?« Johann Valjean hatte eines der seltenen Lächeln, die in seinem Gesicht erschienen wie ein Sonnenblick am Winterhimmel. »Sie wissen, Fauchelevent, daß Sie gesagt haben: Mutter Crucifixion ist gestorben und daß ich hinzugefügt habe: Und Vater Madeleine wird begraben, Und so wird es sein.« »Sie lachen! Sie reden nicht im Ernst.« »Sehr im Ernst. Soll ich nicht hinaus?« »Ohne Zweifel.« »Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollten auch für mich einen Tragekorb und eine Decke darüber finden.« »Nun?« »Der Tragkorb ist in dem Sarge, die Decke im Leichentuch gefunden.« »Sie sind nicht ein Mann wie die andern, Vater Madeleine.« Solche Einfälle zu sehen, die nichts anderes sind, aIs wilde und verwegene Erfindungen des Bagno, hier mitten in einem friedlichen Kloster, das versetzte Fauchelevent in ein ungeheures Staunen. Johann Valjean fuhr fort: »Es handelt sich darum, ungesehen von hier hinaus zukommen. Das ist ein Mittel. Zunächst aber erzählen Sie alles genau. Wo ist der Sarg?« »Der leere?« »Ja.« »Unten im sogenannten Todtensaale. Auf zwei Böcken steht er unter dem Leichentuche.« »Wie lang ist er?« »Sechs Fuß.« »Was ist das, der Todtensaal?« »Eine Kammer im Erdgeschoß, mit einem vergitterten Fenster nach dem Garten zu, das von außen mit einem Laden geschlossen wird, und mit zwei Thüren. Die eine führt in das Kloster, die andere in die Kirche. »In welche Kirche?« »In die Straßenkirche, in die Kirche für alle Welt.« »Haben Sie die Schlüssel zu den beiden Thüren?« »Nein. Ich habe nur den Schlüssel zu der Thür, welche in's Kloster führt; den andern hat der Portier.« »Wann macht der Portier diese Thür auf?« »Nur um die Leichenträger einzulassen, welche den Sarg holen kommen. Ist der Sarg hinaus, wird die Thür wieder geschlossen.« »Wer nagelt den Sarg zu?« »Das bin ich.« »Wer legt das Tuch darüber?« »Das bin ich.« »Sind Sie dabei allein?« »Kein anderer Mann, außer dem Polizeiarzte, darf in die Todtenkammer hinein. Es steht sogar an der Wand geschrieben.« »Könnten Sie mich in der Nacht, wenn alles im Kloster schläft, in diesem Saale verbergen?« »Nein. Aber in einem kleinen dunklen Kämmerchen kann ich Sie verstecken, das in den Saal führt, wo ich meine Beerdigungsgeräthe aufbewahre und wozu ich den Schlüssel habe.« »Zu welcher Zeit wird morgen der Leichenwagen kommen?« »Gegen drei Uhr Nachmittags. Die Beerdigung findet kurz vor einbrechender Nacht statt. Der Kirchhof ist nicht ganz nahe.« »Ich werde die Nacht und den Tag in dem Kämmerchen mit den Gerätschaften bleiben. Ich werde aber Hunger bekommen, was soll ich essen?« »Ich werde ihnen etwas bringen.« »Sie könnten mich um zwei Uhr in den Sarg einnageln.« Fauchelevent fuhr zurück und knackte die Fingergelenke. »Das ist nicht möglich!« »Was? einen Hammer zu nehmen und Nägel in ein Brett zu schlagen?« Das was Fauchelevent unerhört vorkam, war für Johann Valjean ganz einfach. Wer gefangen gewesen ist, versteht die Kunst, seinen Körper zusammen zu ziehen und klein zu machen, sich in eine Kiste einnageln und forttragen zu lassen, wie ein Waarenballen, lange in einem Kasten zu leben, Luft zu finden, wo keine ist, Stunden lang mit dem Athem sparsam umzugehen, zu ersticken ohne zu sterben. Uebrigens ist dieses Auskunftsmittel, ein Sarg mit einem Lebenden darin, sowohl eines des Sträflings, wie des Kaisers. Wenn man dem Mönch Justin Castillejo glauben darf, war es das Mittel, welches Karl V., als er nach seiner Abdankung ein letztes Mal die Plombes sehen wollte, anwendete, um sich in das Kloster St. Just und aus demselben bringen zu lassen. Als Fauchelevent wieder ein Wenig zu sich gekommen, rief er: »Wie wollten Sie denn athmen?« »Ich werde athmen.« »In diesem Kasten! Ich ersticke schon bei dem bloßen Gedanken daran.« »Sie haben doch gewiß einen Bohrer und werden um den Mund herum da und dort einige Löcher machen können, auch den Sarg zumachen, ohne die Bretter zu fest darauf zu nageln.« »Gut! Aber wenn Ihnen das Husten oder das Niesen ankommt?« »Wer entflieht, hustet und nieset nicht. – Vater Fauchelevent,« setzte Johann Valjean hinzu, »wir müssen uns entschließen: entweder hier gefangen oder hinein in den Sarg, der uns aus aller Verlegenheit bringt.« Jedermann hat gewiß schon die Vorliebe der Katzen bemerkt, zwischen den beiden Flügeln einer halboffenen Thür sich aufzuhalten oder herumzuschleichen. Es giebt auch Menschen, die in einem halb vor ihnen geöffneten Vorgange unentschlossen zwischen zwei Entschlüssen bleiben, auf die Gefahr hin, von dem sich plötzlich schließenden Geschick zerquetscht zu werden. Die allzu Vorsichtigen laufen bisweilen größere Gefahr als die Kühnen, Fauchelevent gehörte zu diesen zögernden Naturen. Indeß gewann die Kaltblütigkeit Johann Valjeans die Oberhand über ihn. Er murmelte: »In der That, es giebt kein anderes Mittel.« Johann Valjean fuhr fort: »Das Einzige, was mich beunruhiget, ist das was auf dem Kirchhofe geschehen wird.« »Gerade das beunruhigt mich gar nicht,« sagte Fauchelevent. »Wenn Sie sicher sind, mit dem Sarge zurecht zu kommen, so bin ich meinerseits auch sicher, mit dem Grabe fertig zu werden. Der Todtengräber ist mein Freund und immer betrunken. Der Todtengräber legt die Todten in das Grab und ich stecke den Todtengräber in die Tasche. Ich will Ihnen sagen, wie es kommen wird. Kurz vor der Abenddämmerung, drei Viertelstunde ehe die Gitter geschlossen werden, wird man kommen. Der Leichenwagen fährt bis an das Grab. Ich folge; es ist mein Amt. Hammer und Zange habe ich in der Tasche. Der Leichenwagen hält, die Leichenträger legen ein Seil um Ihren Sarg und lassen Sie hinunter. Der Geistliche spricht das Gebet, macht das Zeichen des Kreuzes, sprengt Weihwasser und macht sich aus dem Staube. Ich bleibe mit dem Todtengräber allein zurück. Er ist mein Freund, wie ich Ihnen schon gesagt habe, Eins von beiden: entweder ist er schon betrunken oder er ist es noch nicht. Ist er es nicht, so sage ich: komm! wir wollen eins trinken. Ich führe ihn fort und mache ihn betrunken. Das dauert bei ihm nicht lange, denn den Anfang hat er immer schon gemacht. Liegt er unter dem Tische, so nehme ich ihm seine Karte ab, um auf den Kirchhof zurück gelangen zu können und komme ohne ihn wieder an. Sie haben es dann nur mit mir zu thun. Ist er schon betrunken, so sage ich: geh Du. Ich werde es schon für Dich mit besorgen. Er geht und ich ziehe Sie aus dem Loche heraus.« Johann Valjean reichte ihm die Hand, auf die Fauchelevent sich mit bäuerlichem Enthusiasmus stürzte. »Es ist abgemacht, Vater Fauchelevent. Es wird Alles gut gehen.« »Wenn nichts dazwischen kommt,« dachte Fauchelevent. V. Betrunkensein reicht nicht aus zur Unsterblichkeit. Am anderen Tage, als die Sonne unterging, nahmen die wenigen Vorübergehenden auf dem Boulevard du Maine den Hut vor einem Leichenwagen, einem alten Modell, ab, der mit Todtenköpfen, Todtengebeinen und Todtenlarven verziert war. In dem Leichenwagen befand sich ein mit einem weißen Tuche bedeckter Sarg, auf welchem ein großes schwarzes Kreuz stand, das wie eine todte Frau mit herabhängenden Armen aussah. Ein schwarz behangener Wagen, in dem man einen Geistlichen und einen Chorknaben bemerkte, folgte. Zwei Todtengräber in grauem Anzuge mit schwarzen Aufschlagen gingen zur Rechten und Linken des Leichenwagens. Hinter demselben kam ein alter Mann in Arbeiterkleidung zu Fuß. Dieser hinkte. Der Gottesacker Vaugirard, wohin sich der Zug bewegte, hatte früher den Bernhardinern und Benediktinerinnen von Klein-Picpus gehört, deshalb hatten sie es erlangt, dort in einem besonderen Winkel und des Abends begraben zu werden. Die Todtengräber, welche aus diesem Grunde auf dem Kirchhofe im Sommer des Abends und im Winter des Nachts Dienst hatten, waren einer besonderen Aufsicht unterworfen. Die Thore der Kirchhöfe zu Paris wurden damals mit Sonnenuntergang geschlossen. Die beiden Thore des Kirchhofes von Vaugirard waren zwei anstoßende Gitter neben einem kleinen Häuschen, wo der Kirchhofs-Portier wohnte. Diese Gitter schlossen sich unerbittlich, sobald die Sonne hinter dem Invalidendome verschwand. Wenn irgend ein Todtengräber sich auf dem Kirchhofe verspätet hatte, so konnte er nur heraus, wenn er seine Karte vorzeigte, welche ihm von der allgemeinen Begräbnißverwaltung ausgestellt worden war. In dem Fensterladen des Portier war eine Art Briefkasten angebracht. In diesen Kasten warf der Todtengräber seine Karte, der Portier zog die Schnur und das Thor ging auf. Hatte der Todtengräber seine Karte nicht bei sich, so nannte er sich, der bereits eingeschlafen gewesene Portier stand auf, erkannte den Todtengräber, schloß auf und ließ ihn heraus. Dafür mußte der Todtengräber aber fünfzehn Francs Strafe bezahlen. Die Sonne war noch nicht untergegangen, als der Leichenwagen mit dem weißen Tuche und dem schwarzen Kreuze in die Allée des Kirchhofs einfuhr. Das Begräbniß der Mutter Crucifixion in dem Gewölbe unter dem Altare, das Hinaustragen Cosettes, das Hineinführen Johann Valjeans in den Todtensaal, alles dies war ohne Hinderniß ausgeführt worden. Die Bestattung der Mutter Crucifixion unter dem Altare macht uns übrigens auf jene Gattung von Vergehen aufmerksam, welche einer Pflicht gleichen. Die Nonnen hatten es begangen nicht nur ohne Unruhe, sondern mit innerer Befriedigung. Dasjenige, was man im Kloster »die Regierung« nennt, ist nur eine immer streitige Einmischung in die kirchliche Autorität. Erst kommt die Ordensregel. Macht Gesetze, ihr Menschen da draußen, so viel Ihr wollt, behaltet sie aber für Euch! Was ist ein Fürst neben einem Princip? Fauchelevent hinkte ganz zufrieden hinter dem Leichenwagen her. Bisher war ihm Alles geglückt. Er zweifelte auch an dem weiteren Erfolge nicht, denn das was noch zu thun übrig, war so gut wie nichts. Seit zwei Jahren hatte er den Todtengräber zehnmal betrunken gemacht. Er spielte mit ihm und machte mit ihm, was er wollte. Er fühlte sich vollkommen sicher. Als der Zug in den Kirchhof hineinfuhr, war Fauchelevent glücklich und rieb sich vergnügt die Hände. Plötzlich hielt der Leichenwagen; man war vor dem Gitter und der Begräbnißschein mußte vorgezeigt werden. Man sprach mit dem Portier und während dieses Gespräches, das immer einen Aufenthalt von Ein oder Zwei Minuten verschaffte, stellte sich Jemand hinter den Wagen neben Fauchelevent, eine Art Arbeitsmann in einer Jacke mit großen Taschen und einer Hacke unter dem Arme. Fauchelevent sah den Unbekannten an und fragte: »Wer sind Sie?« Der Mann antwortete: »Der Todtengräber.« Wenn man noch lebte, nachdem man eine Kanonenkugel in die volle Brust erhalten, so würde man ein Gesicht machen, wie Fauchelevent es jetzt machte. »Der Todtengräber?« »Ja.« »Sie?« »Ich.« »Der Todtengräber ist der Vater Mestienne.« »Er war es.« »Wie so war es?« »Er ist gestorben.« Fauchelevent hatte es alles erwartet, nur das nicht, daß ein Todtengräber sterben könnte. Fauchelevent war ganz bestürzt. »Das ist ja aber nicht möglich.« »Es ist so.« »Der Todtengräber ist ja aber der alte Mestienne,« erwiederte er mit schwacher Stimme. »Nach Napoleon Ludwig der XVIII. Nach Mestienne Gribier. Ich heiße Gribier.« Fauchelevent war ganz blaß und besah sich diesen Gribier. Es war ein langer, hagerer, bleicher Mann, ein wahrer Leichenmensch. Er sah aus wie Einer der während er Arzt werden wollte, Todtengräber geworden ist. Fauchelevent brach in lautes Lachen aus. »Was doch für komische Sachen passiren! Der Vater Mestienne ist todt! Der kleine Vater Mestienne ist todt! Es thut mir leid; er war ein guter Kerl, als er noch lebte. Sie sind aber auch ein guter Kerl. Nicht wahr, Camerad, wir trinken Eins mit einander auf der Stelle?« Der Mann antwortete: »Ich habe studirt. Ich trinke nie.« Der Leichenwagen hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. Fauchelevent fing an langsamer zu gehen. Er hinkte noch mehr aus Angst als aus Gebrechlichkeit. Der Todtengräber ging vor ihm. »Camerad!« rief Fauchelevent. Der Mann drehte sich um. »Ich bin der Todtengräber des Klosters.« »Mein College also,« antwortete der Mann. Fauchelevent war nicht gelehrt, aber sehr pfiffig und begriff, daß er mit einer fürchterlichen Gattung Menschen, mit einem Schönredner zu thun habe. Er murmelte: »Hm! hm! Ist der alte Mestienne gestorben!« Der Mann antwortete: »Vollständig. Der liebe Gott sah in seinem Wechselportefeuille nach. Es war die Reihe an den alten Mestienne und der alte Mestienne starb.« Fauchelevent wiederholte mechanisch: »Der liebe Gott ...« »Der liebe Gott,« fiel der Andere mit einer gewissen Autorität ein. »Für die Philosophen ist es der ewige Vater, für die Jacobiner das höchste Wesen.« »Wollen wir nicht Bekanntschaft mit einander machen?« stotterte Fauchelevent. »Ist schon gemacht. Sie sind Bauer, ich bin Pariser.« »So lange man nicht mit einander getrunken hat, kennt man einander nicht. Wer sein Glas leert, leert auch sein Herz aus. Wir trinken Eins mit einander. Das schlägt man einander nicht aus.« »Erst die Arbeit.« Fauchelevent dachte: »ich bin verloren.« Man war nur noch einige Schritte von dem Wege entfernt, welcher zu dem Winkel führte, wo die Nonne begraben wurde. Da sagte der Todtengräber: »Bauer, ich habe sieben Mäuler zu füttern. Da sie essen wollen, darf ich nicht trinken. Ihr Hunger ist der Feind meines Durstes.« Der Leichenwagen fuhr um einen Cypressenbaum herum, verließ die große Haupt-Allee, bog in eine schmale hinein, verließ dann auch diese und fuhr auf ungebahntem Erdreich hin, ein Zeichen, daß er nicht mehr weit vom Grabe war. Fauchelevent ging langsamer, aber den Wagen konnte er nicht aufhalten. Zum Glück war der Boden vom Winterregen weich und feucht, so daß die Räder tief einschnitten und er nicht schnell gehen konnte. Er trat wieder zu dem Todtengräber und sprach verlockend: »Es giebt einen so vortrefflichen Wein von Argenteuil.« »Bauer,« antwortete der Andere, »eigentlich sollte ich nicht Todtengräber sein. Mein Vater war Portier im Prytanäum. Er bestimmte mich für die Literatur. Er hatte aber Unglück. Er hatte Verluste an der Börse. Ich mußte auf den Schriftstellerstand verzichten, bin aber noch öffentlicher Schreiber.« »So sind Sie also nicht Todtengräber?« fragte Fauchelevent, indem er sich an diesem so schwachen Aste anzuklammern suchte. »Eins schließt das Andere nicht aus.« »Trinken wir doch Eins,« sagte Fauchelevent. Hier ist die Bemerkung nöthig, daß so groß auch die Angst Fauchelevents war, er sich bei seiner Aufforderung zum Trinken über den Punkt des Bezahlens nicht ausließ. Er war so aufgeregt, daß er gar nicht ans Bezahlen dachte. Mit einem überlegenen Lächeln fuhr der Todtengräber fort: »Man muß essen. Ich habe die Erbschaft des Vaters Mestienne angetreten. Wenn man die Schule fast durchgemacht hat, ist man Philosoph. Ich arbeite nicht nur mit dem Arme, auch mit der Hand. Meine Schreiberstube steht in der Sevresstraße, wissen Sie, am Paraplui-Markte. Alle Köchinnen des Viertels wenden sich an mich. Ich schreibe die Briefe an ihre Täuber. Früh schreibe ich Liebesbriefe, Abends mache ich Gräber. So ist das Leben, Landmann.« Der Leichenwagen fuhr immer weiter. Fauchelevent, der sich in der größten Unruhe befand, sah sich nach allen Seiten um. Große Schweißtropfen fielen von seiner Stirn. »Indessen,« fuhr der Todtengräber fort, »zweien Herren kann man nicht dienen. Ich werde wählen müssen, entweder die Feder oder das Grabscheit. Das Grabscheit verdirbt mir die Hand.« Der Leichenwagen hielt. Der Chorknabe stieg aus dem schwarz behangenen Begleitwagen, dann der Geistliche. VI. Zwischen vier Brettern. Wer lag in dem Sarge? man weiß es. Johann Valjean. Er hatte sich eingerichtet, um darin leben zu können und athmete kaum. Es ist merkwürdig, wie sicher Einen die Ruhe des Gewissens machen kann. Der ganze von Johann Valjean ausgedachte Plan verlief seit dem vorigen Abend ganz gut. Johann Valjean rechnete wie Fauchelevent auf den Vater Mestienne. Er zweifelte nicht an dem guten Ende. Es konnte keine gefährlichere Lage, aber auch keine größere Ruhe geben. Die vier Bretter des Sarges umschließen einen gewissen, schrecklichen Frieden. Auch die Ruhe Johann Valjeans schien etwas von der Ruhe der Todten zu haben. Er hatte aus dem Sarge heraus allen Phasen des furchtbaren Dramas folgen können, das er mit dem Tode spielte. Bald nachdem Fauchelevent den Sarg zugenagelt, hatte Johann Valjean gefühlt, daß er fortgetragen, dann fortgefahren werde. An den geringeren Stößen merkte er, daß man das Pflaster verlassen und nach dem Boulevard gekommen sei. Aus einem dumpfen Geräusch hatte er errathen, daß der Wagen über die Brücke von Austerlitz fahre. Als man das erstemal anhielt, merkte er, daß man beim Kirchhofe angelangt sei; bei dem zweiten Halt sagte er sich: wir sind am Grabe. Er fühlte, daß Hände den Sarg ergriffen, sodann ein rauhes Reiben an den Brettern. Das war das Seil, das man um den Sarg legte, um ihn in die Grube hinunter zu lassen. Dann fühlte er sich eine Zeitlang ganz betäubt. Wahrscheinlich hatten die Leichenträger und der Tootengräber beim Hinunterlassen des Sarges die Kopfseite zuerst hinunter sinken lassen. Als er fühlte, daß sich der Sarg unbeweglich in horizontaler Lage befinde, kam er wieder zum Bewußtsein, Er befand sich unten auf dem Boden des Grabes. Es war ihm kalt. Ueber ihm erhob sich eine kalte, feierliche Stimme: » Qui dormiunt in terrae pulvere, evigilabunt, alii in vitam aeternam, et alii in opprobrium, ut videant semper. « (Die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen, die Einen zum ewigen Leben, die Andern zu ewiger Schande.) Eine Knabenstimme sprach: » De profundis. « (Aus den Tiefen.) Die tiefere Stimme begann von neuem: » Requiem aeternam dona ei, domine. « (Gieb ihnen, o Herr, ewige Ruhe.) Die Knabenstimme antwortete: » Et lux aeterna luceat ei. « (Und es leuchte ihnen das ewige Licht.) Er hörte auf dem oberen Brette ein leises Klopfen wie von einigen Regentropfen. Das war wahrscheinlich das Weihwasser. Er dachte: jetzt ist's zu Ende. Noch ein wenig Geduld. Der Geistliche entfernt sich, Fauchelevent führt den alten Mestienne zum Trinken. Man wird mich liegen lassen. Dann kommt Fauchelevent allein zurück und ich bin befreit. Die tiefe Stimme begann nochmals: » Requiescat in pace. « (Ruhe in Frieden.) Und die Knabenstimme antwortete: » Amen. « Johann Valjean spitzte die Ohren und glaubte etwas wie sich entfernende Schritte zu hören. »Nun gehen sie,« dachte er. »Ich bin allein.« Plötzlich hörte er über seinem Kopf ein donnerähnliches Getöse. Eine Schaufel Erde fiel auf den Sarg; dann eine zweite. Eines der Löcher, durch die er athmete, verstopfte sich. Eine dritte und eine vierte Schaufel voll fiel herunter. Es giebt Dinge, welche selbst der stärkste Mensch nicht ertragen kann. Johann Valjean verlor das Bewußtsein. VII. Nur die Karte nicht verlieren. Als der Leichenwagen sich entfernt hatte, als der Geistliche und der Chorknabe wieder eingestiegen und fortgefahren waren, sah Fauchelevent, der seine Augen von dem Todtengräber nicht abwendete, daß derselbe sich bückte und die Schaufel ergriff, die rechts in einem Erdhaufen stak. Da faßte Fauchelevent einen letzten Entschluß. Er stellte sich zwischen das Grab und den Todtengräber, kreuzte die Arme und sagte: »Ich bezahle.« Der Todtengräber sah ihn erstaunt an und fragte: »Was, Bauer?« »Ich bezahle,« wiederholte Fauchelevent. »Was denn?« »Den Wein.« »Welchen Wein?« »Den Argenteuil.« »Wo?« »In der Guten Quitte.« »Geh zum Teufel!« antwortete der Todtengräber, und warf wieder eine Schaufel voll Erde auf den Sarg. Das gab einen dumpfen Klang. Fauchelevent fühlte sich wanken und wäre beinahe selbst in das Grab gefallen. Er rief mit röchelnder Stimme des Todeskampfes: »Kamerad, ehe die »Gute Quitte« zugemacht wird!« Der Todtengräber nahm wieder Erde mit der Schaufel und Fauchelevent fuhr fort: »Ich bezahle.« Er ergriff den Arm des Todtengräbers und sagte: »Hören Sie, Kamerad. Ich bin der Todtengräber des Klosters und hergekommen, um Ihnen zu helfen. Die Arbeit kann auch in der Nacht gemacht werden. Zuerst wollen wir aber Eins trinken.« Während er so sprach und sich hartnäckig an dieses Rettungsmittel anklammerte, legte er sich die traurige Frage vor: »Und wenn er trinkt, wird er sich betrinken?« »Mensch aus der Provinz,« sagte der Todtengräber, »wenn Sie durchaus daraus bestehen, so willige ich ein. Wir wollen trinken, aber erst nach der Arbeit, vorher nie.« Und er warf eine Schaufel voll Erde in das Grab. Fauchelevent hatte den Augenblick erreicht, in dem man nicht mehr weiß, was man sagt. »So kommen Sie doch und trinken Sie mit mir!« rief er. »Ich bezahle ja.« »Wenn wir das Kind zu Bett gebracht haben,« antwortete der Todtengräber. Und er warf wieder eine Schaufel voll in das Grab. Darauf stach er von Neuem in die Erde und setzte hinzu: »Sehen Sie, es wird kalt werden die Nacht und die Todte könnte hinter uns herschreiten, wenn wir sie nicht zudeckten.« In diesem Augenblicke bückte sich der Todtengräber, um seine volle Schaufel in die Höhe zu nehmen, wobei sich die Tasche seiner Weste gähnend aufsperrte. Der wilde Blick Fauchelevents fiel mechanisch auf diese Tasche und blieb fest an derselben hängen. Die Sonne war noch nicht hinter dem Horizonte verschwunden, es war noch hell genug etwas Weißes in dieser Tasche wahrnehmen zu können. Ohne daß der Todtengräber es bemerkte, griff ihm Fauchelevent von hinten in die Tasche und zog das weiße Ding darin heraus. Der Todtengräber warf wieder eine Schaufel Erde in das Grab. Als er sich umdrehte, um eine neue Schaufel voll zu nehmen, sah ihn Fauchelevent mit der größten Ruhe an und sagte: »Sie sind neu hier, haben Sie denn auch Ihre Karte mitgebracht?« »Welche Karte?« »Die Sonne wird gleich untergegangen sein.« »Meinetwegen. Mag sie sich ihre Nachtmütze aufsetzen.« »Die Kirchhofthür wird zugemacht werden.« »Nun und dann?« »Haben Sie ihre Karte bei sich?« »Ach so, meine Karte!« wiederholte der Todtengräber und suchte in der Tasche. Nachdem er die eine durchsucht, gings zur andern, zuletzt zu den Westentaschen. »Nein!« sagte er. »Ich habe meine Karte nicht. Ich werde sie vergessen haben.« »Fünfzehn Francs Strafe,« sagte Fauchelevent. Der Todtengräber wurde grün. »Herr Jesus, mein Gott!« rief er. »Fünfzehn Francs Strafe!« »Drei Hundertsousstücke,« sagte Fauchelevent. Der Todtengräber ließ seine Schaufel fallen. Nun war die Reihe an Fauchelevent. »Na, na, Recrut,« sagte er, »nur nicht verzweifelt! Fünfzehn Francs sind Fünfzehn Francs und übrigens können Sie sie nicht bezahlen. Ich bin alt und Sie sind neu. Ich will Ihnen einen guten Rath geben. Eins ist klar: die Sonne geht unter, sie berührt schon den Invalidendom, in fünf Minuten wird der Kirchhof geschlossen werden.« »Es ist wahr,« antwortete der Todtengräber. »In fünf Minuten können Sie das Grab nicht zu machen, es ist tief wie der Teufel, und dann können Sie nicht mehr hinauskommen, ehe das Thor geschlossen wird.« »Das ist richtig.« »Da müssen Sie fünfzehn Francs Strafe zahlen.« »Fünfzehn Francs.« »Aber Sie haben Zeit ... Wo wohnen Sie?« »Zwei Schritte von der Barriere. Eine Viertelstunde von hier, Vaugirardstraße Nr. 87. »Wenn Sie die Beine in die Hand nehmen und. gleich fortmachen, haben Sie noch Zeit.« »Das ist richtig.« »Sind Sie einmal außerhalb des Gitters, so laufen Sie was Sie können und holen Ihre Karte, Sie kommen wieder zurück und der Thorwärter macht Ihnen auf. Wenn Sie Ihre Karte haben, so brauchen Sie nichts zu bezahlen. Dann begraben Sie Ihre Todte in aller Ruhe. Ich gebe mittlerweile Achtung, damit sie nicht fortläuft.« »Sie retten mir das Leben, Bauer.« »Räumen Sie nur das Feld,« sagte Fauchelevent. Der Todtengräber schüttelte ihm, außer sich vor Dankbarkeit, die Hand und lief eiligst davon. Sobald er im Dickicht verschwunden war und Fauchelevent nicht mehr seine Tritte hörte, bückte er sich über das Grab und rief halblaut: »Vater Madeleine!« Keine Antwort. Fauchelevent überlief es kalt. Er fiel mehr in das Grab als er hineinstieg, warf sich auf den Kopftheil des Sarges und rief: »Sind Sie da?« Alles still in dem Sarge. Fauchelevent konnte vor Zittern kaum athmen, nahm seinen Meißel und seinen Hammer und sprengte den Deckel des Sarges auf. Er sah das Gesicht Johann Valjeans, bleich und mit geschlossenen Augen in der Abenddämmerung daliegen. Fauchelevent standen die Haare zu Berge; er richtete sich auf, sank dann rücklings an die Wand des Grabes und war nahe daran, auf den Sarg in Ohnmacht zu fallen. Er sah Johann Valjean an. Johann Valjean lag da, bleich und unbeweglich. Wie der Hauch eines Windes, so leise murmelte Fauchelevent mit halber Stimme vor sich hin: »Er ist todt.« Dann richtete er sich wieder auf, schlug die Arme so heftig zusammen, daß die beiden geballten Fäuste seine Achseln berührten und rief: »So habe ich ihn gerettet!« Und der arme Mann fing an zu schluchzen und mit sich selbst zu sprechen: denn es ist ein Irrthum, wenn man glaubt, daß das Selbstgespräch nicht in der menschlichen Natur begründet sei. »Daran ist der Vater Mestienne schuld. Warum ist er gestorben, der Dummkopf! Mußte er denn da grade abfahren, wo man es am allerwenigsten erwartete? Alles ist vorbei! Ach, mein Gott, er ist todt! Und seine Kleine, was fange ich mit der an? Was wird die Obstfrau sagen? Daß ein solcher Mann sterben kann! Das ist ja ganz unmöglich! Wenn ich daran denke, wie er unter meinen Wagen kroch! Vater Madeleine! Er ist, weiß es Gott, erstickt! Er hat es mir ja nicht glauben wollen. Todt ist er, der brave Mann, der beste Mann unter allen guten Leuten! Und seine Kleine! Ich gehe gar nicht fort. Ich bleibe hier. Wie mag er nur in das Kloster gekommen sein? Das war schon der Anfang. Man soll solche Dinge nicht thun. Vater Madeleine! Vater Madeleine! Madeleine! Herr Madeleine! Herr Maire! Er hört mich nicht!« Er riß sich vor Verzweiflung die Haare aus. In der Ferne hörte man ein scharfes Knirrschen in den Bäumen: das Gitterthor des Kirchhofes wurde geschlossen. Fauchelevent bog sich über Johann Valjean. Als er hinsah, empfand er einen Schreck, wie man ihn nur im Grabe empfinden kann. Johann Valjean hatte die Augen offen und sah ihn an. Einen im Tode sehen ist grauenhaft, Jemand aus dem Tode wieder erwachen zu sehen, ist beinah ebenso. Fauchelevent wurde wie ein Stein bleich, bestürzt, überwältigt von allen diesen Gefühlserschütterungen; er wußte nicht, ob er es mit einem Todten oder einem Lebenden zu thun habe. Er sah Johann Valjean an und dieser ihn. »Ich war eingeschlafen,« sagte dieser und setzte sich auf. Fauchelevent fiel auf die Knie. »Gerechte, heilige Jungfrau, wie haben Sie mich erschreckt!« Darauf erhob er die Stimme und rief: »Ich danke, Vater Madeleine.« Johann Valjean war nur ohnmächtig geworden, die frische Luft hatte ihn wieder erweckt. Die Freude ist die Fluth nach dem Schrecken. Fauchelevent hatte beinah ebenso viel Mühe wie Johann Valjean, um wieder zu sich zu kommen. »Sie sind also nicht todt! Wie gescheidt Sie sind! Ich rief Sie so lange, bis Sie zu sich kamen. Als ich Ihre geschlossenen Augen sah, dachte ich: gut! Er ist erstickt. Ich wäre verrückt geworden, so verrückt, daß man mir hätte die Zwangsjacke anlegen müssen. Man hatte mich nach Bicètre bringen müssen. Was sollte ich denn anfangen, wenn Sie gestorben gewesen wären? Und Ihre Kleine? Die Obstfrau würde ja gar Nichts begriffen haben! Ihr ein Kind bringen und dann sagen, der Großvater ist gestorben! Eine schöne Geschichte! Alle Heiligen im Paradiese, was für eine Geschichte! Aber Sie leben, das ist das Beste.« »Mich friert,« sagte Johann Valjean. Dieses Wort brachte Fauchelevent vollständig in die Wirklichkeit zurück, die in der That dringend war. »Schnell von hier hinaus,« rief Fauchelevent. Er suchte in seiner Tasche und holte eine Korbflasche heraus, mit der er sich versehen hatte. »Erst einen Tropfen!« sagte er. Die Korbflasche vollendete, was die frische Luft begonnen hatte. Johann Valjean trank einen Schluck Branntwein und kam wieder vollständig zu sich. Er stieg aus dem Sarge und half Fauchelevent den Deckel wieder draufnageln. Drei Minuten später waren sie außerhalb des Grabes. Fauchelevent war ruhig und nahm sich Zeit. Der Kirchhof war geschlossen, die Rückkunft des Todtengräbers war nicht zu fürchten. Dieser »Rekrut« suchte bei sich zu Hause seine Karte und konnte sie freilich nicht finden, da sie sich in der Tasche Fauchelevents befand. Ohne Karte konnte er auf den Kirchhof nicht zurück. Fauchelevent nahm die Schaufel und Johann Valjean den Spaten. So begruben beide den leeren Sarg. Als das Grab ausgefüllt war, sagte Fauchelevent zu Johann Valjean: »Gehen wir jetzt. Ich behalte die Schaufel, tragen Sie den Spaten.« Es wurde Nacht. Johann Valjean hatte Mühe zu gehen, so erstarrt war er in dem Sarge geworden. Die Lähmung des Todes hatte ihn zwischen den vier Brettern überfallen. Er mußte gewissermaßen erst vom Grabe aufthauen. Vermittelst der Karte des Todtengräbers kamen sie leicht und ohne Aufenthalt durch das Thor des Kirchhofes. Als sie in der Vaugirardstraße waren, sagte Fauchelevent zu Johann Valjean: »Vater Madeleine, Sie haben bessere Augen als ich, sagen Sie mir doch, wo Nummer 87 ist.« »Da ist sie grade,« antwortete Johann Valjean. »Es ist Niemand in der Straße!« fuhr Fauchelevent fort. »Geben Sie mir den Spaten und warten Sie ein paar Minuten.« Fauchelevent trat in das Haus Nummer 87, ging die Treppen bis ganz hoch hinauf, seinem Instinkte nach, welches den Armen immer bis unter das Dach führt und klopfte im Dunkel an eine Kammerthür. Eine Stimme rief: »Herein!« Es war die Stimme Gribiers. Fauchelevent machte die Thür auf. Die Wohnung des Todtengräbers war, wie alle diese unglückseligen Wohnungen, ohne Möbel und doch vollgepfropft. Eine Packkiste – vielleicht ein Sarg – vertrat die Stelle der Komode, ein Buttertopf den des Wasserhälters, ein Strohsack das Bett, der Fußboden Stühle und Tisch. In einer Ecke, auf einem Lumpen, einem alten Teppichfetzen, kauerte eine hagere Frau und ein Haufen Kinder. Fauchelevent trat ein und sagte: »Ich bringe Ihnen Ihren Spaten und Ihre Schaufel.« Gribier sah ihn verwundert an. »Sind Sie es, Bauer?« »Und morgen früh können Sie auch bei dem Thorwärter Ihre Karte finden.« Dabei legte er Schaufel und Spaten an den Boden. »Was soll das bedeuten?« fragte Gribier. »Das bedeutet, daß Sie Ihre Karte aus der Tasche haben fallen lassen, daß ich sie gefunden, sie aufgehoben, den Todten begraben, das Grab fertig gemacht habe. Der Thorwärter wird Ihnen Ihre Karte geben und Sie brauchen nicht fünfzehn Francs zu bezahlen. So ist's, Recrut!« »Ich danke, Bauer,« antwortete Gribier erfreut. »Das nächste Mal bezahle ich die Zeche.« VIII. Das Verhör. Eine Stunde später, in ganz finsterer Nacht, erschienen zwei Männer und ein Kind vor Nr. 62 der kleinen Picpusstraße. Der ältere der Männer hob den Klopfer und pochte. Es waren Fauchelevent, Johann Valjean und Cosette. Die beiden Männer hatten Cosette bei der Obstfrau abgeholt, zu der sie Fauchelevent am vorigen Tage gebracht. Cosette hatte diese vierundzwanzig Stunden verbracht, ohne Etwas zu begreifen, im Stillen aber hatte sie gezittert, so sehr gezittert, daß sie nicht weinte. Sie hatte weder gegessen noch geschlafen. Die würdige Obstfrau hatte hundert Fragen an sie gerichtet, ohne eine andere Antwort zu bekommen als einen traurigen und immer denselben Blick. Von Allem, was Cosette in den letzten beiden Tagen gehört und gesehen hatte, ließ sie durchaus nichts durchblicken. Sie errieth, daß sie eine Krisis durchmache und fühlte, daß sie vernünftig sein müsse. Uebrigens bewahrt Niemand ein Geheimniß besser als ein Kind. Als sie aber nach diesen traurigen vierundzwanzig Stunden Johann Valjean wiedergesehn, hatte sie ein solches Freudengeschrei ausgestoßen, daß jeder Mensch mit Verstand, der es gehört, errathen hätte, daß sie mit diesem Schrei einen Kerker verlasse. Fauchelevent war aus dem Kloster und wußte die Passirworte. Alle Thore öffneten sich ihm. So war die doppelte und schreckliche Aufgabe gelöset: hinaus und herein zu kommen. Sie begaben sich sofort in das Sprechzimmer, wo Fauchelevent am vorigen Tage den Befehl der Priorin empfangen hatte. Die Priorin erwartete sie mit dem Rosenkranz in der Hand. Eine Stimmmutter stand mit herabgelassenen Schleier neben ihr. Eine bescheidene Kerze erhellte oder that so als erhellte sie das Sprechzimmer. Die Priorin ließ Johann Valjean die Revue passiren. Nichts mustert so gut, wie ein niedergeschlagenes Auge. Dann fragte sie ihn: »Sie sind der Bruder?« »Ja, hochwürdige Mutter,« antwortete Fauchelevent. »Wie heißen Sie?« Fauchelevent antwortete: »Ultime Fauchelevent.« Er hatte in der That einen Bruder Namens Ultime gehabt, der gestorben war. »Woher sind Sie?« Fauchelevent antwortete: »Aus Picquigny bei Amiens.« »Wie alt sind Sie?« »Funfzig Jahre.« »Was sind Sie?« »Gärtner.« »Sind Sie ein guter Christ?« »Jedermann in meiner Familie ist ein guter Christ.« »Die Kleine gehört Ihnen?« »Ja, hochwürdige Mutter.« »Sie sind Ihr Vater?« »Ihr Großvater.« Die Stimmmutter sagte leise zur Priorin: »Er antwortet gut.« Johann Valjean hatte nicht ein Wort gesprochen. Die Priorin sah Cosetten mit Aufmerksamkeit an und sagte leise zur Stimmmutter: »Sie wird häßlich werden.« Die beiden Mütter sprachen einige Minuten sehr leise in der Ecke des Sprechzimmers, darauf drehte sich die Priorin um und sagte: »Vater Fauvent, Sie werden noch ein Knieband mit einem Glöckchen bekommen. Wir brauchen jetzt zwei.« Am andern Tage hörte man in der That zwei Glöckchen im Garten und die Nonnen konnten nicht umhin, die eine Ecke ihres Schleiers ein klein Wenig in die Höhe zu heben. »Das ist der Gärtnergehilfe,« sagten sie. Die Stimmmütter setzten hinzu: »der Bruder des Vater Fauvent.« Am meisten hatte die von der Priorin gemachte Bemerkung »Sie wird nicht hübsch werden« bewirkt, daß »Ultime Fauchelevent« und sein Kind in das Kloster aufgenommen worden waren. Die Priorin hatte sofort Cosette lieb gewonnen und ihr unentgeltlich ein Pensionat eingeräumt. Das ist alles sehr logisch. Wenn man auch keinen Spiegel im Kloster hat, die Frauen haben ein besonderes Gewissen, das ihnen sagt, wie sie aussehen. Die Mädchen, welche wissen, daß sie hübsch sind, lassen sich nicht leicht zu Nonnen machen; denn der Klosterberuf steht, wenn er freiwillig gewählt wird, im umgekehrten Verhältniß zur Schönheit. Man hofft mehr auf Häßliche als auf Schöne. Daher die Vorliebe für die kleinen häßlichen Mädchen. IX. Schluß. Cosette bewahrte auch im Kloster ihr Schweigen. Sie hielt sich natürlich für die Tochter Johann Valjeans. Uebrigens da sie nichts wußte, konnte sie nichts sagen; in jedem Fall würde sie auch nichts gesagt haben. Cosette hatte so viel gelitten, daß sie Alles, selbst das Reden, fürchtete. Wie oft hatte ein Wort ihr einen wahren Hagel von Schlägen zugezogen. An das Kloster gewöhnte sie sich schnell. Sie bedauerte nur, daß sie ihre Puppe nicht haben konnte, aber sie wagte es nicht zu sagen. Einmal nur sagte sie zu Johann Valjean: »Vater, hätte ich es gewußt, so würde ich sie mitgenommen haben.« Als Pensionärin des Klosters mußte Cosette die Kleidung der Schülerinnen des Hauses anlegen. Johann Valjean erlangte die Erlaubniß, daß man ihm das Kleid überließe, das sie ablegte. Es war dasselbe Trauerkleid, mit dem er sie bekleidet, als sie das Haus Thenardiers verließen. Johann Valjean schloß alle die kleinen Gegenstände Cosettens, auch die Strümpfe und Schuhe nebst vielem Kampher und Wohlgerüchen, die in den Klöstern in Masse zu haben sind, in einen kleinen Koffer ein, welcher auf einem Stuhl neben seinem Bett stand. Den Schlüssel dazu trug er stets bei sich. »Vater,« fragte ihn eines Tages Cosette, »Was ist denn das für eine Schachtel, die so gut riecht?« Wenn die Nonnen etwas von dem Blicke Javerts gehabt hätten, würden sie endlich haben bemerken können, daß wenn etwas Geschäftliches außerhalb des Klosters zu besorgen war, immer der ältere Fauchelevent ging, der alte, gebrechliche, lahme, nie der andere; aber sei es weil die immer auf Gott gerichteten Augen nicht spioniren können, sei es, weil sie lieber unter einander Beobachtungen anstellen, kurz sie achteten nicht darauf. Uebrigens that Johann Valjean wohl daran, sich ruhig zu verhalten und sich nicht zu rühren, denn Javert ließ die Gegend noch über einen ganzen Monat bewachen. Das Kloster war für Johann Valjean gleichsam eine rings von Abgründen und Schlünden umgebene Insel. Die vier Mauern waren von nun an für ihn die Welt. Er sah darin von dem Himmel genug, um heiter, und Cosetten so oft, um glücklich zu sein. Es begann für ihn ein stilles, angenehmes Leben. Er arbeitete alle Tage im Garten und machte sich sehr nützlich. Da er früher Baumschäler gewesen, so fand er sich auch bald als Gärtner zurecht. Man erinnert sich, daß er allerlei Recepte und geheime Mittel für den Ackerbau kannte. Daraus zog er Nutzen. Beinahe alle Bäume im Garten waren Wildlinge. Er pfropfte viele Bäume und zog vortreffliches Obst. Cosette hatte die Erlaubniß alle Tage eine Stunde bei ihm zu sein. Da die Schwestern traurig waren, er aber freundlich, so verglich ihn das Kind mit den Nonnen und vergötterte ihn. Zur bestimmten Stunde flog sie nach der Gärtnerhütte. Wenn sie in das Hüttchen kam, erfüllte sie es mit dem Paradiese. Johann Valjean fühlte sein Glück wachsen mit dem Glücke, das er dem Kinde bereitete. Die Freude, die wir bereiten, hat den Reiz, daß sie, weit entfernt sich zu schwächen wie jeder Widerschein, mit stärkerem Strahle auf uns zurückfallt. In den Erholungsstunden sah ihr Johann Valjean von Weitem zu, wie sie spielte und lief, und ihr Lachen kannte er; denn jetzt »lachte« Cosette. Sogar das Gesicht Cosetten's hatte sich in einem gewissen Grade verändert. Das Düstere war daraus verschwunden. Das Lachen ist die Sonne; es vertreibt den Winter aus dem menschlichen Gesichte. Wenn Cosette nach der Spielstunde in das Kloster zurückging, sah Johann Valjean nach den Fenstern ihrer Klasse; des Nachts stand er auf um nach den Fenstern ihres Schlafsaales zu sehen. Gott hat seine Wege. Das Kloster trug, wie Cosette, dazu bei, in Johann Valjean das Werk des Bischofs aufrecht zu erhalten und zu vervollständigen. Eine Seite der Tugend grenzt sicherlich an den Stolz. Dieser ist eine vom Teufel gebaute Brücke. Johann Valjean war vielleicht, ohne daß er es wußte, dieser Seite und dieser Brücke nahe, als die Vorsehung ihn in das Kloster von Klein-Picpus warf. So lange er sich nur mit dem Bischofe verglichen, hatte er sich unwürdig gefunden und war demüthig gewesen; seit einiger Zeit aber fing er an sich mit den Menschen zu vergleichen und der Stolz regte sich in ihm. Wer weiß? Vielleicht wäre er dadurch ganz allmälig wieder dem Princip des Hasses verfallen. Das Kloster hielt ihn auf diesem abschüssigen Wege auf. Es war der zweite Gefängnißort, den er sah. In seiner Jugend, in dem Beginne seines Lebens und später, ganz neuerlich noch, hatte er einen anderen gesehen, einen furchtbaren, schrecklichen Ort, dessen Strenge ihm immer als das Unrecht der Justiz und das Verbrechen des Gesetzes erschienen war. Jetzt sah er nach dem Bagno das Kloster, und wenn er bedachte, daß er Mitglied des Bagno gewesen und jetzt Zuschauer im Kloster sei, verglich er diese beiden Gefängnißorte im Geiste mit einander. Bisweilen stützte er sich auf den Spaten und versenkte sich langsam in die grundlosen Schlangenwindungen seiner träumerischen Gedanken. Er erinnerte sich seiner ehemaligen Gefährten und der strengen Zucht ihrer Lebensweise. Dann wieder betrachtete er die Wesen, welche er jetzt vor Augen hatte und welche einem nicht minder strengen, vielleicht einem noch härteren Leben unterworfen waren. Die einen waren Männer, diese waren Frauen. Was hatten die Männer gethan? Sie hatten gestohlen, geraubt, gemordet. Was hatten diese Frauen gethan? Sie hatten nichts verbrochen. Auf der einen Seite alle Arten Verbrechen und Verletzungen der öffentlichen Moral, auf der anderen nur Eins: Unschuld, vollkommene Unschuld, die mit der Erde durch die Tugend, mit dem Himmel durch ihre Heiligkeit in Verbindung stand. Auf der einen Seite Verbrechen, die Einer dem Andern leise anvertraut; auf der anderen laute Beichte geringer Uebertretungen. Und welche Verbrechen! Und was für Uebertretungen! Zwei Orte der Sclaverei, aber in dem ersten eine mögliche Befreiung, eine gesetzliche Grenze und die Flucht. In dem zweiten die Ewigkeit der Sclaverei, und als Hoffnung, am fernsten Ende der Zukunft, jener Schein der Freiheit, welchen die Menschen Tod nennen. Im ersten war man nur durch Ketten gefesselt, im zweiten durch seinen Glauben. Was entstand aus dem ersten? Ein unermeßlicher Fluch, Zähneknirschen, Haß, verzweiflungsvolle Bosheit, ein Wuthschrei gegen die menschliche Gesellschaft, eine Verhöhnung der Gottheit. Was entsteht aus dem zweiten? Segen und Liebe. Johann Valjean begriff sehr wohl die eine Buße, die persönliche, die für sich selbst. Aber er begriff nicht die andere, die jener Geschöpfe ohne Vorwurf und Flecken, und mit Zittern fragte er sich: Weshalb büßen sie? Eine Stimme antwortete in seinem Gewissen: die göttlichste Art des menschlichen Edelmuthes ist die Buße für Andere. Er hatte den höchsten Gipfel der Selbstverläugnung und die höchste Höhe der möglichen Tugend vor Augen: die Unschuld, welche den Menschen ihre Vergehen verzeiht und dieselben für sie büßt; sanfte, schwache Wesen mit dem Elende derer, welche bestraft, und mit dem Lächeln jener, die belohnt werden. Und er erinnerte sich daran, daß er zu klagen gewagt habe! Oftmals stand er mitten in der Nacht auf, um den Dankgesang jener Schuldlosen, von Strenge niedergedrückten Geschöpfe anzuhören und fühlte es eiskalt in seinen Gliedern, wenn er daran dachte, daß diejenigen, welche mit Recht ihre Züchtigung erhalten, ihre Stimme zum Himmel nur erheben, um zu lästern und daß auch er, der Elende, Gott mit der Faust gedroht habe. Leise flüsterte es in ihm: Mauern hast du überstiegen, Schlösser erbrochen, todesgefährliche Abenteuer gewagt, um aus dem ersten Orte der Buße zu entkommen, jetzt hast du dasselbe gethan, um in diesen Ort der Buße herein zu kommen. Gitter, Riegel, Eisenstangen sah er wieder und zwar, um wen zu hüten? Engel. Diese hohen Mauern, welche zur Bewachung von Tigern geeignet gewesen wären, sah er hier rings um eine Heerde unschuldiger Lämmer gezogen. Es war ein Ort der Buße, nicht der Strafe, und dennoch war er viel düsterer, strenger, unbarmherziger als der andere. Ein kalter, rauher Wind, jener Wind, welcher seine Jugend erkältet hatte, stürmte durch das vergitterte Grab der Geier im Bagno, ein noch schärferer und schmerzlicherer Wind wehte in dem Käfig der Tauben im Kloster. Warum? Wenn er daran dachte, so verlor sich Alles, was in ihm war, in diesem Mysterium der Erhabenheit. Bei solchen Betrachtungen schwand sein Stolz; er ging häufig in sich, fühlte sich gering und unbedeutend und weinte oft. Alles was seit sechs Monaten in sein Leben getreten war, führte ihn zu den heiligen Ermahnungen des Bischofs zurück; Cosette durch Liebe, das Kloster durch Demuth. Bisweilen, Abends in der Dämmerung, in der Zeit wenn der Garten vereinsamt war, sah man ihn mitten in der Allee, welche an der Kapelle hinführte, vor dem Fenster, durch das er in der Nacht seiner Ankunft hineingesehen hatte, in knieender Stellung nach der Stelle zu, wo er wußte, daß die die reparatio verrichtende Schwester ausgestreckt dalag. So betete er knieend vor dieser Schwester. Vor Gott direct zu knieen, schien er nicht zu wagen. Alles was ihn umgab, der friedliche Garten, die fröhlichen spielenden Kinder, die ernsten und einfachen Frauengestalten, das stille Kloster, alles dieses durchdrang ihn langsam, und allmälig erfüllte sich seine Seele mit Stille wie dieses Kloster, mit Frieden wie der Garten, mit Einfachheit wie die Nonnen, mit Freude wie die Kinder. Er dachte daran, wie ihn zwei Gotteshäuser nacheinander, in den gefährlichsten Augenblicken seines Lebens, aufgenommen hatten: das erste als alle Thüren sich vor ihm verschlossen und die menschliche Gesellschaft ihn zurückstieß, das zweite als die menschliche Gesellschaft sich wieder aufmachte ihn zu verfolgen und der Bagno sich von neuem hinter ihm öffnete. Er bedachte, wie er ohne das erste wieder in das Verbrechen, ohne das zweite in die Strafe zurückgefallen wäre. Sein ganzes Herz zerfloß in Dankbarkeit. – So vergingen mehrere Jahre. Mittlerweile wuchs Cosette heran.   Ende des vierten Bandes.