Ödön von Horváth Italienische Nacht Volksstück [in sieben Bildern] Personen: Stadtrat Kranz Engelbert Betz Wirt Karl Martin Martins Kameraden Ein Kamerad aus Magdeburg Ein Faschist Der Leutnant Der Major Czernowitz Adele Anna Leni Die Dvorakische Zwei Frauenzimmer Frau Hinterberger Geschwister Leimsieder Republikaner und Faschisten Ort: Süddeutsche Kleinstadt Zeit: 1930-? Erstes Bild Im Wirtshaus des Josef Lehninger. Kranz, Engelbert und der Stadtrat Ammetsberger spielen Tarock. Karl kiebitzt. Betz trinkt zufrieden sein Bier. Martin liest die Zeitung. Der Wirt bohrt in der Nase. Es ist Sonntag vormittag, und die Sonne scheint. Stille. Betz Martin. Was gibts denn Neues in der großen Welt? Martin Nichts. Daß das Proletariat die Steuern zahlt, und daß die Herren Unternehmer die Republik prellen, hint und vorn, das ist doch nichts Neues. Oder? Betz leert sein Glas. Martin Und daß die Herren republikanischen Pensionsempfänger kaiserlich reaktionäre Parademarsch veranstalten mit Feldgottesdienst und Kleinkaliberschießen, und daß wir Republikaner uns das alles gefallen lassen, das ist doch auch nichts Neues. Oder? Betz Wir leben in einer demokratischen Republik, lieber Martin. Jetzt zieht draußen eine Abteilung Faschisten mit Musik vorbei. Alle, außer Stadtrat und Wirt, treten an die Fenster und sehen sich stumm den Zug an - erst als er vorbei ist, rühren sie sich wieder. Stadtrat mit den Karten in der Hand: Von einer akuten Bedrohung der demokratischen Republik kann natürlich keineswegs gesprochen werden. Schon weil es der Reaktion an einem ideologischen Unterbau mangelt. Engelbert Bravo! Stadtrat Kameraden! Solange es einen republikanischen Schutzverband gibt, und solange ich hier die Ehre habe, Vorsitzender der hiesigen Ortsgruppe zu sein, solange kann die Republik ruhig schlafen! Martin Gute Nacht! Kranz Ich möchte das Wort ergreifen! Ich möchte jetzt etwas vorschlagen! Ich möchte jetzt dafür plädieren, daß wir jetzt wieder weitertarocken und uns nicht wieder stören lassen von diesen germanischen Hoftrotteln samt ihrem sogenannten deutschen Tag! Engelbert Samt ihrem Dritten Reich! Stadtrat Einstimmig angenommen! Er mischt und teilt aus. Karl Wie ist das eigentlich heut nacht? Stadtrat Was denn? Karl Na in bezug auf unsere italienische Nacht heut nacht – Stadtrat unterbricht ihn: Natürlich steigt unsere italienische Nacht heut nacht! Oder glaubt denn da wer, daß es sich der republikanische Schutzverband von irgendeiner reaktionären Seite her verbieten lassen könnt, hier bei unserem Freunde Josef Lehninger eine italienische Nacht zu arrangieren, und zwar wann er will? Unsere republikanische italienische Nacht steigt heute nacht trotz Mussolini und Konsorten! Karo As! Er spielt aus. Engelbert Daß du das nicht weißt! Karl Woher soll ich denn das wissen? Betz Ich habs doch bereits offiziell verkündet. Engelbert Aber der Kamerad Karl war halt wieder mal nicht da. Eichel! Karl Ich kann doch nicht immer da sein. Engelbert Sogar beim letzten Generalappell war er nicht da, vor lauter Weibergeschichten! Kranz Solo! Stadtrat Bettel! Engelbert Aus der Hand? Stadtrat Aus der hohlen Hand! Karl zu Betz: Soll ich mir das jetzt gefallen lassen? Das mit den Weibergeschichten? Betz Du kannst es doch nicht leugnen, daß dich die Weiber von deinen Pflichten gegenüber der Republik abhalten – Karl Also das sind doch meine intimsten privaten Interessen, muß ich schon bitten. Und zwar energisch! Jetzt zieht draußen abermals eine Abteilung Faschisten mit Musik vorbei. - Alle lauschen, aber keiner tritt an das Fenster. Stille. Betz Es ist halt alles relativ. Martin Aber was! Eine Affenschand ist das! Während sich die Reaktion bewaffnet, veranstalten wir braven Republikaner italienische Nacht! Betz Eigentlich ist es ja unglaublich, daß die Reaktion derart erstarkt. Martin Einen Dreck ist das unglaublich! Das könnt man sich ja direkt ausrechnen – wer die wirtschaftliche Macht hat, hat immer recht, bekanntlich. Aber ihr vom Vorstand scheint das nicht zu wissen. Noch bild ich es mir ein, daß ihr wissen wollt, aber ab und zu fällt es mir schon recht schwer – Engelbert Hoho! Betz Du bist halt ein Pessimist. Martin Ein Dreck bin ich. Stadtrat Und außerdem ist er ein Krakeeler! Ein ganz ein gewöhnlicher Krakeeler. Stille. Martin erhebt sich langsam: Herr Stadtrat. Sag einmal, Herr Stadtrat, kennst du noch einen gewissen Karl Marx? Stadtrat schlägt auf den Tisch: Natürlich kenn ich meinen Marx! Und ob ich meinen Marx kenn! Und außerdem verbitt ich mir das! Engelbert Sehr richtig! Kranz Solo! Stadtrat Oder glaubst denn du, du oberflächlicher Phantast, daß kurz und gut mit der Verwirklichung des Marxismus kurz und gut das Paradies auf Erden entsteht? Martin Was du unter kurz und gut verstehst, das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, was du unter Paradies verstanden haben willst, aber ich kanns mir lebhaft ausmalen, was du unter Marxismus verstehst. Verstanden? Was ich darunter versteh, daran glaube ich. Kranz Solo, Herrgottsakrament! Er spielt aus. Stille. betz Weißt du, was ich nicht kann? Martin Nein. Betz Ich kann nicht glauben. Stille. Martin Das glaub ich gern, daß du nicht glauben kannst. Du kannst nicht glauben, weil du nicht mußt. Du bist ja auch kein Prolet, du pensionierter Kanzleisekretär – Betz Ich bin zwar Kanzleiobersekretär, aber das spielt natürlich keine Rolle. Martin Natürlich. Betz Das ist gar nicht so natürlich! Martin sieht ihn verdutzt an: Geh, so leck mich doch am Arsch! Rasch ab mit seiner Zeitung. Stadtrat Ein feiner Mann – Stille. Wirt Obs wieder regnen wird? Jedesmal, wenn ich eine Sau abstich, versaut mir das Wetter die ganze italienische Nacht. Betz Das glaub ich nicht. Wirt Warum? Weil es ihr seid? Betz Nein. Sondern weil das Tief über Irland einem Hoch über dem Golf von Biskaya gewichen ist. Stadtrat Sehr richtig! Wirt Wer behauptet das? Betz Die amtliche Landeswetterwarte. wirt Geh, laßts mich aus mit den Behörden! Martin erscheint wieder, tritt zu Betz und legt ein Flugblatt vor ihn hin: Da! Betz Was soll ich damit? Martin Lesen! Betz Warum soll ich das dumme faschistische Zeug da lesen? Martin Weil es dich interessieren dürft. betz Aber keine Idee! Martin mit erhobener Stimme: Das da dürfte sogar alle anwesenden Herrschaften hier interessieren! Die Herrschaften horchen auf. Stadtrat Was hat er denn schon wieder, dieser ewige Querulant? Betz überflog mechanisch das Flugblatt, stockt und schlägt nun mit der Faust auf den Tisch: Was?! Na das ist empörend! Ist das aber empörend, Josef! Wirt wird unsicher und will sich drücken. Betz fixiert ihn empört: Halt! - Halt, lieber Josef- das da dürft nämlich vor allem dich interessieren - weißt du, was da drinnen geschrieben steht? Wirt verlegen: Nein – Betz Du kannst also nicht lesen? Wirt lächelt verzweifelt: Nein – Betz Analphabet? Stadtrat hat aufgehorcht: Was soll denn das schon wieder darstellen dort? Wirt Nichts, Leutl! Nichts – Betz Nichts? Aber was du da nicht sagst, lieber Josef?! Ich glaub gar, du bist ein grandioser Schuft! Wirt Das darfst du nicht sagen, Heinrich! Betz Ich sags noch einmal, lieber Josef. Stadtrat Wieso? Kranz Ja Sakrament – Martin unterbricht ihn: Moment! Betz Moment! Das ist hier nämlich ein sogenannter Tagesbefehl – der Tagesbefehl der Herren Faschisten für ihren heutigen deutschen Tag – Er reicht das Blatt Karl. Josef, wir Republikaner sind deine Stammgäst, und du verkaufst deine Seele! Und alles um des Mammons willen! Karl Also das ist ja direkt impertinent! Bitte mir zuzuhören, Kameraden! Er liest. »Ab sechzehn Uhr bis achtzehn Uhr treffen sich die Spielleute im Gartenlokal des Josef Lehninger« - Kranz Was für Spielleut? Karl Die faschistischen Spielleut! Pfui Teufel! Betz Eine Schmach ist das! Der liebe Kamerad Josef reserviert unsere Stammtisch für die Reaktion! Karl Und wir Republikaner, denkt er, kommen dann hernach dran mit unserer italienischen Nacht und kaufen ihm brav sein Zeug ab! Martin Die Brosamen, die wo die Herren Reaktionäre nicht mehr zammfressen konnten! Engelbert Hört, hört! Wirt Ich glaub, wir reden aneinander vorbei - Martin Aber was denn nicht noch! Karl Ah, das ist aber korrupt! Wirt Ich bin nicht korrupt! Das bin ich nicht, Leutl, das ist meine Frau. Betz Papperlapapp! Wirt Da gibts kein Papperlapapp! Ihr kennt meine Frau nicht, liebe Leutl! Die scheißt sich was um die politische Konstellationen. Der ist es sauwurscht, wer ihre Wurst zammfrißt! Und ich Rindvieh hab mal von einem heiteren Lebensabend geträumt! Und wenn ich jetzt den schwarzweißroten Fetzen nicht raussteck, verderben mir sechzig Portionen Schweinsbraten, das war doch ein furchtbarer Blödsinn, die Reichsfarben zu ändern! Meiner Seel, ich bin schon ganz durcheinand! Kranz Wenn du jetzt nicht mein Freund wärst, tät ich dir jetzt ins Gesicht spucken, lieber Josef! Engelbert Bravo! Stille. Wirt verzweifelt: Meiner Seel, jetzt sauf ich mir einen an, und dann erschieß ich meine Alte. Und dann spring ich zum Fenster naus, aber vorher zünd ich noch alles an. Ab. Stadtrat Ja Himmelherrgottsakrament! Ein jedes Mal, wann ich ein gutes Blatt hab, geht die Kracherei los! Mit erhobener Stimme. Aber sehen möcht ich doch, welche Macht unsere italienische Nacht heut nacht zu vereiteln vermag! Kameraden, wir weichen nicht, und wärs die vereinigte Weltreaktion! Unsere republikanische italienische Nacht steigt heute nacht, wie gesagt! Auch ein Herr Josef Lehninger wird uns keinen Strich durch die Rechnung machen! Ein jeder merkt sich, was er für ein Blatt gehabt hat, wir spielen auf meiner Veranda weiter. Kommt, Kameraden! Martin Hurra! Kranz Du Mephisto – Alle verlassen das Lokal. Zweites Bild Straße. Alle Häuser sind schwarzweißrot beflaggt, weil die hiesige Ortsgruppe der Faschisten, wie dies auch ein Transparent verkündet, einen deutschen Tag veranstaltet. Eben zieht eine Abteilung mit Fahnen, Musik und Kleinkalibern vorbei, gefolgt von Teilen der vaterländisch gesinnten Bevölkerung – auch die Dvorakische und das Fräulein Leni ziehen mit. Leni Jetzt kann ich aber nicht mehr mit. Die Dvorakische Da tuns mir aber leid, Fräulein! Leni Die Musik ist ja fein, aber für die Herren in Uniform könnt ich mich nicht begeistern. Die sehn sich alle so fad gleich. Und dann werdens auch gern so eingebildet selbstsicher. Da sträubt sich etwas in mir dagegen. Die Dvorakische Das glaub ich gern, weil Sie halt keine Erinnerung mehr haben an unsere Vorkriegszeit. Leni Ich muß jetzt da nach links. Die Dvorakische Fräulein, Sie könnten mir eigentlich einen großen Gefallen tun – Leni Gern! Die Dvorakische Ihr Herr Major muß doch ganz pompöse Uniformen haben – Leni Ja, das stimmt, weil er früher auch in den Kolonien gewesen ist, die wo uns Deutschen geraubt worden sind. Die Dvorakische Geh, fragens doch mal den Herrn Major, ob er mir nicht so eine alte Uniform verkaufen möcht, es passiert Ihnen nichts. Leni Wie meinens denn das? Die Dvorakische Das sagt man halt so. Stille. Leni Was möchtens denn mit der Uniform anfangen? Die Dvorakische lächelt: Anschaun. Leni Ist das alles? Die Dvorakische Wie mans nimmt – Stille. Leni Nein, das wär mir, glaub ich, unheimlich – Die Dvorakische plötzlich wütend: Dumme Gans, dumme! Ihr jungen Leut habt halt keine Illusionen mehr! Rasch ab. Trommelwirbel. Karl kommt und erkennt Leni: Ist das aber ein Zufall! Leni Jetzt so was! Der Herr Karl! Karl Ist das aber zweifellos. Leni Wieso? Karl Daß wir uns da nämlich treffen, so rein durch Zufall. Leni Geh, das kommt doch öfters vor. Karl Zweifellos. Stille. Leni Ich hab jetzt nicht viel Zeit, Herr Karl! Karl Ich auch nicht. Aber ich möcht Ihnen doch nur was vorschlagen, Fräulein! Leni Was möchtens mir denn vorschlagen? Karl Daß wir zwei Hübschen uns womöglich heut abend noch treffen, möcht ich vorschlagen – ich hätts Ihnen schon gestern vorgeschlagen, aber es hat sich halt keine Gelegenheit ergeben – Leni Lügens mich doch nicht so an, Herr Karl. Stille. Karl verbeugt sich barsch: Gnädiges Fräulein. Das hab ich doch noch niemals nicht notwendig gehabt, ein Weib anzulügen, weil ich doch immerhin ein gerader Charakter bin, merken Sie sich das! Leni Ich wollt Sie doch nicht beleidigen – Karl Das können Sie auch nicht. Leni starrt ihn an: Was verstehen Sie darunter, Herr Karl? Karl Ich versteh darunter, daß Sie mich nicht beleidigen können, weil Sie mir sympathisch sind – Sie könnten mich höchstens kränken, Fräulein. Das versteh ich darunter. Pardon! Stille. Leni Ich glaub gar, Sie sind ein schlechter Mensch. Karl Es gibt keine schlechten Menschen, Fräulein. Es gibt nur sehr arme Menschen. Pardon! Stille. Leni Ich wart aber höchstens zehn Minuten – Karl Und ich nur fünf. Leni lächelt: Also dann bin ich halt so frei, Sie schlechter Mensch – Ab. Martin und Betz kommen. Martin sieht Leni, die rasch an ihm vorbeigegangen ist, nach; dann betrachtet er Karl spöttisch. Karl Sag mal, Martin: ich nehm natürlich an, daß bei unserer italienischen Nacht heut nacht nicht nur eingeschriebene ordentliche und außerordentliche Mitglieder, sondern auch Sympathisierende gern gesehen sind – Martin Von mir aus. Karl Ich hab nämlich grad jemand eingeladen. Eine mir bekannte Sympathisierende von mir. Martin War das die da? Karl Kennst du die da? Martin Leider. Karl Wieso? Martin Weil das ein ganz stures Frauenzimmer ist. Karl Ich find aber, daß sie was Bestimmtes hat – Martin Natürlich hat sie was Bestimmtes – aber der ihr Bestimmtes steht hier nicht zur Diskussion! Ich meinte doch, daß dieses Frauenzimmer ganz stur ist, nämlich in politischer Hinsicht, das ist doch eine geborene Rückschrittlerin, Hergottsakrament! Wie kann man nur mit so was herumpoussieren! Karl Mein lieber Martin, das verstehst du nicht. Wir zwei beide sind aufrechte Republikaner, aber wir haben dabei einen Unterschied. Du bist nämlich Arbeiter und ich Musiker. Du stehst gewissermaßen am laufenden Band und ich spiel in einem Konzertcafé meinen Mozart und meinen Kalman – daher bin ich natürlich der größere Individualist, schon weil ich halt eine Künstlernatur bin. Ich hab die stärkeren privaten Interessen, aber nur scheinbar, weil sich bei mir alles gleich ins Künstlerische umsetzt. Martin grinst: Das sind aber feine Ausreden – Karl Das bin ich mir einfach schuldig, daß ich in erotischer Hinsicht ein politisch ungebundenes Leben führ – Pardon! Ab. Martin Nur zu! Stille. Betz Martin, du weißt, daß ich dich schätz, trotzdem daß du manchmal schon unangenehm boshaft bist – Ich glaub, du übersiehst etwas sehr Wichtiges bei deiner Beurteilung der politischen Weltlage, nämlich das Liebesleben in der Natur. Ich hab mich in der letzten Zeit mit den Werken von Professor Freud befaßt, kann ich dir sagen. Du darfst doch nicht vergessen, daß um unser Ich herum Aggressionstriebe gruppiert sind, die mit unserem Eros in einem ewigen Kampfe liegen, und die sich zum Beispiel als Selbstmordtriebe äußern, oder auch als Sadismus, Masochismus, Lustmord – Martin Was gehen mich deine Perversitäten an, du Sau? Betz Das sind doch auch die deinen! Martin Was du da nicht sagst! Betz Oder hast du denn deine Anna noch nie gekniffen oder sonst irgend so etwas, wenn du – ich meine: im entscheidenden Moment – Martin Also, das geht dich einen großen Dreck an. Betz Und dann sind das doch gar keine Perversitäten, sondern nur Urtriebe! Ich kann dir sagen, daß unsere Aggressionstriebe eine direkt überragende Rolle bei der Verwirklichung des Sozialismus spielen, nämlich als Hemmung. Ich furcht, daß du in diesem Punkte eine Vogel-Strauß-Politik treibst. Martin Weißt du, was du mich jetzt abermals kannst? Er läßt ihn stehen. Drittes Bild In den städtischen Anlagen. Mit vielen Fahnen. Die Luft ist voll von Militärmusik. An der Ecke stehen zwei Frauenzimmer. Es ist bereits spät am Nachmittag. Der Stadtrat Ammetsberger geht vorbei. Die Frauenzimmer zwinkern. Erste alt und dürr: Kennst du den? Zweite jung und fett: Er ist nicht unrecht. Erste Ich glaub, er ist was bei der Stadt. Irgendein Tier. Zweite Wahrscheinlich. Jetzt wehen die Fahnen im Winde. Zweite sieht empor: Wenns nur keine Fahnen gäb – Erste Fahnen sind doch direkt erhebend. Zweite Nein – wenn ich so Fahnen seh, ists mir immer, als hätten wir noch Krieg. Erste mit dem Lippenstift: Ich kann nichts gegen den Weltkrieg sagen. Das war undankbar. Stille. Zweite sieht noch immer empor: Wie das weht – was nützt uns das? Erste Für mich sind am besten landwirtschaftliche Ausstellungen oder überhaupt künstlerische Veranstaltungen. Auch so vaterländische Feierlichkeiten sind nicht schlecht. Ein Faschist geht vorbei. Erste nähert sich ihm. Faschist Wegtreten! Pause. Zweite Eigentlich ist der Krieg dran schuld. Erste An was denn? Zweite An mir. Erste Lächerlich! Alle reden sie sich naus auf den armen Krieg! Anna kommt und setzt sich mit dem Rücken zu den beiden Frauenzimmern auf eine Bank; sie wartet. Erste Wer ist denn das? Zweite Ich kenn sie nicht. Erste Die sieht so neu aus. Und dann sieht sie doch wem ähnlich – Zweite grinst: Dir – Erste starrt sie an: Also das war jetzt gemein von dir, Agnes. Drei Faschisten kommen an Anna vorbei. Anna weicht ihren Blicken aus. Die Faschisten halten vor ihr und grinsen sie an. Anna erhebt sich und will ab. Martin tritt in den Weg, grüßt kurz und spricht mit ihr. Die Faschisten und die Frauenzimmer horchen, hören aber nichts. Anna Und? Martin Da gibts kein Und. Er hat sich halt wieder herausgelogen, der Herr Stadtrat. Das wäre unter seiner republikanischen Würde, hat er gesagt, daß er wegen denen ihrer deutschen Tage und wegen dem ehrlosen Lehninger auf seine italienische Nacht verzieht. Der typische Parlamentarier in schlechter Aufmachung. Es kommt alles, wie es kommen muß. Anna Ein korrupter Mensch. Martin Herrschen tut der Profit. Also regieren die asozialen Elemente. Und die schaffen sich eine Welt nach ihrem Bilde. Aber garantiert! Heut gibts noch einen Tanz auf denen ihrer italienischen Nacht! Zur freundlichen Erinnerung. Die Faschisten beschäftigen sich nun mit den Frauenzimmern. Anna Weißt du, was die Genossen sagen? Martin Was? Anna Daß du eine Zukunft hast. Martin zuckt die Schultern: Sie kennen mich halt. Ich müßt aber fort. In irgendeine Metropole. Anna Ich hab auch das Gefühl, daß man auf dich wartet. Martin Hier hab ich ein viel zu kleines Betätigungsfeld. Das könnt auch ein anderer machen, was ich hier mach. Anna Nein, das könnt keiner so machen! Martin Du weißt, daß ich das nicht gern hör! Anna Aber es ist so! Wenn alle so wären wie du, stund es besser um uns Menschen. Martin Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich so bin! Daß ich der Intelligentere bin, und daß ich mehr Durchschlagskraft hab, das verpflichtet mich doch nur, mich noch intensiver für das Richtige einzusetzen! Ich mag das nicht mehr hören, daß ich eine Ausnahme bin. Herrgottsakrament! Er brüllt sie an. Ich bin keine, merk dir das! Anna Das kannst du einem doch auch anders sagen, daß du keine Ausnahme bist – Stille. Martin Anna, die Zeit braust dahin, und es gibt brennendere Probleme auf der Welt als wie Formfragen. Vergiß deine Pflichten nicht! Anna Ich? Martin Pflichten verpflichten. Anna Martin. Du tust ja direkt, als war ich ein pflichtvergessenes Wesen – Martin Wieso denn hernach? Das wäre ja vermessen. Komplizier doch nicht den einfachsten Fall! Ich wollt dich doch nur erinnern an das, was wir vorgestern besprochen haben – also sei so gut, ja? Ab. Zwei Faschisten sind inzwischen mit den Frauenzimmern verschwunden. Der Dritte fixiert nun Anna. Anna plötzlich: Nun? Der Dritte grinst. Anna lächelt: Nun? Karl erscheint hinter dem Faschisten. Anna fährt zurück. Karl Pardon! Der Dritte grinst; er grüßt Anna spöttisch-elegant und ab. Stille. Karl unterdrückt seine Erregung: Pardon, Gnädigste! Anna Du Trottel! Karl Um Gottes willen. Eine Anna und dieser Faschist, da stürzt ja in mir eine Welt zusammen – Wer ist jetzt verrückt? Ich oder du?! Anna Du! Ich streng mich da an, fädel was ein, und du zertrampelst mir wieder alles, du unüberlegter Mensch! Karl Unüberlegt! Anna Und unverantwortlich! Karl Unverantwortlich! Grad schimpft mich der Martin zusammen, weil ich mich für ein unpolitisches Weib interessier, und derweil bandelt die Seine mit einem Faschisten an – Meiner Seel, jetzt glaub ichs aber gleich, daß ich verrückt bin! Korrekt verrückt! So wie sichs gehört! Anna So beruhig dich doch! Karl Oh du mein armer Martin! Anna Aber ich tu doch gar nichts ohne Martin! Karl starrt sie an: Wie, bitte? Anna Ich tu doch gar nichts Unrechtes! Karl So? Anna Das ist doch alles in Ordnung – der Martin möcht doch nur etwas genauere Informationen über denen ihre Kleinkaliber haben – und dazu soll ich mich halt einem Faschisten nähern, um ihn auszuhorchen – Stille. Karl zündet sich eine Zigarette an. Anna Was hast denn du jetzt gedacht? Karl Ich? Pardon! Anna Das war doch eine grobe Beleidigung – Karl Pardon! Anna Schäm dich! Stille. Karl Anna. Ich habe schon viel erlebt auf erotischem Gebiete, und dann wird man halt mit der Zeit leicht zynisch. Besonders, wenn man so eine scharfe Beobachtungsgabe hat. Du bist natürlich eine moralische Größe. Du hast dich überhaupt sehr verändert. Anna lächelt: Danke. Karl Bitte. Du warst mal nämlich anders. Früher. Anna nickt: Ja, früher. Karl Da warst du nicht so puritanisch. Stille. Anna plötzlich ernst: Und? Karl Wenn ich dich so seh, krieg ich direkt einen Moralischen. Der Martin hat schon sehr recht, man soll sich nicht so gehen lassen – jetzt hab ich halt schon wieder ein Rendezvous, sie ist zwar politisch indifferent – Er sieht auf seine Armbanduhr. Anna Dann würd ich an deiner Stelle einen heilsamen Einfluß auf sie ausüben. Karl Meiner Seel, das werd ich auch! Ehrenwort! Anna Wie oft hast du das jetzt schon gesagt? Karl Anna. Es ist wichtiger seine Fehler einzusehen, als wie Fehler zu unterlassen. Wenn ich dir jetzt mein Ehrenwort gib, daß ich auf unserer italienischen Nacht heut nacht gewissermaßen eine passive Resistenz üben werd – Anna Wie soll ich das verstehen? Karl Also zum Beispiel: ich werd kein einziges Mal tanzen. Ehrenwort! Keinen Schritt! Auch mit ihr nicht! Es hat doch keinen Sinn, als Vieh durch das Leben zu laufen und immer nur an die Befriedigung seiner niederen Instinkte zu denken – er legt seinen Arm unwillkürlich um ihre Taille, ohne zu wissen, was er tut. Anna nimmt seine Hand langsam fort von dort und sieht ihn lange an. Karl wird sich bewußt, was er getan hat. Stille. Karl tückisch: Aber komisch find ich das doch von Martin. Anna Was? Karl Ich könnt es ja nie – Anna Was denn? Karl Ich kanns mir nicht vorstellen, wie er dich liebt. Ich meine: ob normal, so wie sichs gehört – Anna Was willst du? Karl Es tat mich nur interessieren. Wenn er nämlich sowas von dir verlangt, er schickt dich doch gewissermaßen auf den politischen Strich – ob er dabei innere Kämpfe hat? Anna Innere Kämpfe? Karl Ja! Stille. Anna Aber nein! Du kannst mich nicht durcheinander bringen! Ich kenn den Martin besser! Der steht über uns allen. Ich war blöd, dumm, verlogen, klein, häßlich – er hat mich emporgerissen. Ich war nie mit mir zufrieden. Jetzt bin ichs. Karl verbeugt sich leicht. Anna Jetzt hab ich einen Inhalt, weißt du? Langsam ab. Karl Pardon! Sieht auf seine Armbanduhr, geht wartend auf und ab. Leni kommt: Guten Abend, Herr Karl! Ich freu mich nur, daß Sie noch da sind! Ich konnt leider nicht früher! Karl Wir haben ja noch Zeit. Und dann sieht es ja auch nicht schlechter aus, wenn man später kommt. Leni Warum denn so traurig? Karl Traurig? Leni Nein, diese Stimme - wie aus dem Grab. Sie lächelt. Karl Ich hab grad ein Erlebnis hinter mir. Nämlich ein politisches Erlebnis. Man müßt den Forderungen des Tages mehr Rechnung tragen, Fräulein. Ich glaub, ich bin verflucht. Leni Aber Herr Karl! Wenn jemand einen so schönen Gang hat. Sie lacht. Karl Wie?! Er fixiert sie. Leni verstummt. Stille. Karl Ja, Fräulein, Sie verstehen mich anscheinend nicht, ich müßt Ihnen das nämlich stundenlang auseinandersetzen – Ich seh schwarz in die Zukunft, Fräulein. Leni Geh, Sie sind doch ein Mann – Karl Gerade als Mann darf man eher verzweifeln, besonders ich, weil ich den politischen Tagesereignissen näher steh. – Sie kümmern sich nicht um Politik? Leni Nein. Karl Das sollten Sie aber. Leni Warum redens denn jetzt darüber? Karl In Ihrem Interesse. Leni Wollens mich ärgern? Karl Es war Ihre Pflicht als Staatsbürger – Leni Warum wollens mir denn jetzt die ganze Stimmung verderben, ich hab mich ja schon so gefreut auf Ihre italienische Nacht! Stille. Karl Ich bin nämlich nicht so veranlagt, daß ich eine Blume einfach nur so abbrech, am Wegrand. Ich muß auch menschlich einen Kontakt haben – und das geht bei mir über die Politik. Leni Geh, das glaubens doch selber nicht! Karl Doch! Ich könnt zum Beispiel nie mit einer Frau auf die Dauer harmonieren, die da eine andere Weltanschauung hätt. Leni Ihr Männer habt alle eine ähnliche Weltanschauung. Stille. Karl Sie sind doch eine Deutsche? Leni Ja. Karl Sehns, Fräulein, das ist der Fluch speziell von uns Deutschen, daß wir uns nicht um Politik kümmern, wir sind kein politisches Volk – bei uns gibts noch massenweis Leut, die keine Ahnung haben, wer sie regiert. Leni Ist mir auch gleich. Besser wirds nicht. Ich schau, daß ich durchkomm. Karl Mir scheint, Sie haben keine Solidarität. Leni Redens doch nicht so protzig daher! Karl Mir scheint, daß Sie gar nicht wissen, wer der Reichspräsident ist? Leni Ich weiß nicht, wie die Leut heißen! Karl Wetten, daß Sie nicht wissen, wer der Reichskanzler ist? Leni Weiß ich auch nicht! Karl Also das ist ungeheuerlich! Und wieder einmal typisch deutsch! Können Sie sich eine Französin vorstellen, die das nicht weiß? Leni So gehens halt nach Frankreich! Stille. Karl Wer ist denn der Reichsinnenminister? Oder wieviel Reichsminister haben wir denn? Ungefähr? Leni Wenn Sie jetzt nicht aufhören, laß ich Sie da stehen! Karl Unfaßbar! Stille. Leni Das hab ich mir auch anders gedacht, diesen Abend. Karl Ich auch. Leni Einmal geht man aus – und dann wird man so überfallen. Karl sieht auf seine Armbanduhr: Jetzt wirds allmählich Zeit. Leni Am liebsten möcht ich gar nicht mehr hin. Karl umarmt sie plötzlich und gibt ihr einen Kuß. Leni wehrt sich nicht. Karl sieht ihr tief in die Augen und lächelt geschmerzt: Ja, der Reichsinnenminister – er zieht sie wieder an sich. Viertes Bild In den städtischen Anlagen, vor dem Denkmal des ehemaligen Landesvaters. Zwei Burschen bemalen das Antlitz des Landesvaters mit roter Farbe. Ein Dritter steht Schmiere. Es dämmert bereits stark. In weiter Ferne spielen die Faschisten den bayrischen Präsentiermarsch. Erster Die werden morgen schauen, wie sehr sich Seine Majestät verändert haben – Seine Majestät haben einen direkt roten Kopf bekommen – einen blutroten Kopf – Zweiter Wie stolz daß der dreinschaut! Erster klatscht mit dem Pinsel in seiner Majestät Antlitz: Schad, daß der nur einen Kopf hat! Dritter Halt! Zweiter Ha? Dritter Meiner Seel, da kommen gleich zwei! Zweiter Heim! Erster Fertig! Rasch ab mit seinen Genossen, jetzt wird es bald ganz Nacht. Anna kommt mit einem Faschisten. Der Faschist Es ist das eine wirklich schöne Stadt hier, Ihre Stadt, Fräulein! Sie als Kind dieser Stadt muß das doch mit einem ganz besonderen Stolz erfüllen. Anna Ich bin auch stolz, daß ich von hier bin. Der Faschist Ehre deine Heimat! Und was Sie hier für zweckmäßige Anlagen haben – Anna Wollen wir uns nicht setzen? Der Faschist Gestatten! Sie setzen sich. Anna Ich bin nämlich etwas müd, weil ich den ganzen Tag mitmarschiert bin. Der Faschist Haben Sie auch Militärmusik im Blut? Anna Ich glaub schon, daß ich das im Blut hab – sie lügt nämlich mein Vater war ja aktiver Feldwebel! Der Faschist Stillgestanden! Stille. Das dort drüben, das ist doch das überlebensgroße Denkmal Seiner Majestät? Anna Ja. Der Faschist Ich habe bereits die Ehre gehabt, es kennenzulernen. Wir hatten heut früh hier eine interne Gruppenaussprache – ein wirklich schönes Denkmal ist das, voller Stil. Schad, daß es schon so dunkel ist, man kanns ja gar nicht mehr bewundern! Anna War die interne Gruppenaussprache sehr feierlich? Der Faschist Überaus! Anna Über was hat man denn gesprochen? Der Faschist Über unsere Mission. – Es ist nicht wahr, wenn feige Söldner des Geldes sagen, wir seien in die Welt gesetzt, um zu leiden, zu genießen und zu sterben! Wir haben hier eine Mission zu erfüllen! Der eine fühlt den Trieb stärker in sich, der andere schwächer. In uns brennt er wie Opferfeuer! Wir gehen bis zum letzten durch! Stille. Anna Ich möcht jetzt gern was wissen. Der Faschist Jederzeit! Anna Ich bin nämlich politisch noch sehr unbedeutend und kenn mich noch nicht so recht aus mit Ihrer Bewegung – Der Faschist unterbricht sie: Das Weib gehört an den heimischen Herd, es hat dem kämpfenden Manne lediglich Hilfsstellung zu gewähren! Anna Ich wollt ja nur etwas wissen über die Zukunft, ungefähr – Der Faschist Fräulein, dringen Sie nicht in mich, bitte. Ich darf darüber nichts sagen, weil das ein heiliges Geheimnis ist. Stille. Und was sind das doch schon für ungereimte Torheiten, wenn man behauptet, wir seien keine proletarische Partei! Ich weiß, was ich rede! Ich gehör zu den gebildeteren Ständen und bin doch auch nicht der Dümmste! Ich bin Drogist. Anna Jetzt wirds aber finster. Der Faschist dumpf: Ja, finster. Stille. Finster wie in mir. Fräulein, ich kann Sie ja kaum mehr sehen – Ihr Blondhaar – Anna Ich bin doch gar nicht blond, sondern brünett. Der Faschist Dunkelblond, dunkelblond – Hüte dich, Blondmädel, hüte dich! Du weißt, vor wem – Überhaupt hat uns der Jude in den Krieg hineinschlittern lassen! 1914 war es für ihn die höchste Zeit! Denn es hätte der Zeitpunkt kommen können, wo die Völker vielleicht hellhörig geworden wären. Nehmen wir einmal an, über die Welt wäre eine Epidemie gekommen, da hätten die Leute schon gesehen, daß die Juden dran schuld sind! – Blondmädel, in mir ist Freude, daß Sie sich von mir haben ansprechen lassen – Anna Ich laß mich ja sonst nicht so ansprechen, aber – Der Faschist Aber? Anna Aber von Ihresgleichen – Nein, nicht! – Nein, bitte – lassens mich, bitte! Der Faschist Bitte! Zu Befehl! Stille. Anna Ich kann doch nicht gleich so. Der Faschist Aber das war doch nicht gleich so! Wir haben doch schon eine ganze Zeit gesprochen, zuerst über Kunst und dann über Ihre schöne Stadt und jetzt über unsere Erneuerung – Stille. Fährt sie plötzlich an. Und wissen Sie auch, wer uns zugrunde gerichtet hat?! Der Materialismus! Ich will Ihnen sagen, wie der über uns gekommen ist, das kenne ich nämlich! Mein Vater ist nämlich seit dreiundzwanzig Jahren selbständig. Das war nämlich so. Wo man hinkam, hatte der Jude schon alles weggekauft. Der ist nämlich einfach hergegangen und hat überall das billigste Angebot herausgeschunden. Alles wurde so in den Strudel mit hineingerissen und so hat sich, nicht wahr, der materialistische Geist immer breiter gemacht. Aber wir sind eben zu weibisch geworden! Es wird Zeit, daß wir uns wieder mal die Hosen anziehen und merken, daß wir Zimbern und Teutonen sind! Er wirft sich auf sie. Anna Nicht! Nein! Sie wehrt sich. Jetzt fällt Licht auf das Denkmal, und man sieht nun Seine Majestät mit dem roten Kopf. Der Faschist läßt ab von Anna, heiser: Was? - Nein, diese Schändung – diese Schändung – Der Gott, der Eisen wachsen ließ! – Rache! – Gott steh uns bei! Deutschland erwache! In der Ferne das Hakenkreuzlied. Fünftes Bild Im Gartenlokal des Josef Lehninger. Mit Musik. Die Faschisten trinken Bier und singen: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin, Ein Märchen aus uralten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft ist kühl, und es dunkelt, Und ruhig fließet der Rhein – Ein Faschist Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein – Alle Faschisten Wir alle wollen Hüter sein! Lieb Vaterland magst ruhig sein, Lieb Vaterland magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein, Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein! Die Faschisten mit dem Bierkrug in der Hand: Heil! Heil! Heil! Saufen. Musik spielt nun: »Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot«. Der Leutnant mit der Landkarte; er winkt einen Faschisten an sich heran: Also unsere Nachtübung. Hinter diesem Morast liegt zum Beispiel Frankreich, gleich neben der angelsächsischen Artillerie. Oben und unten Bolschewiken. Verstanden? Der Faschist Zu Befehl! Der Leutnant Und wir? Wir sind hier im Wald. Im deutschen Wald. Eigentlich ist das sogar symbolisch. Wir werden überfallen, selbstverständlich. Es läßt sich doch durch die ganze Weltgeschichte verfolgen, daß wir Deutschen noch niemals einem anderen Volke irgend etwas Böses getan haben. Nehmen wir nun mal an, die ganze Welt wäre gegen uns – Wirt Entschuldigens bitte! Der Leutnant Herr Lehninger! Wirt Herr Leutnant, ich brauch jetzt nämlich mein Lokal – Der Leutnant Was soll das? Wirt Es wird allmählich Zeit – Sie müssen jetzt mein Lokal verlassen – Der Leutnant Mensch, was erlaubt er sich?! Wirt Aber das ist doch nur meine vaterländische Pflicht, daß ich Sie daran erinner – sonst versäumen Sie ja noch Ihre diversen Nachtübungen – Stille. Der Leutnant läßt den Faschisten wegtreten; ruft: Czer – nowitz! Czernowitz ein Gymnasiast: Zu Befehl, Herr Leutnant! Der Leutnant Herr Major erwarten uns im Wald. Herr Major werden sein Referat in unserem deutschen Walde halten. Haben Sie das Referat fertig? Czernowitz Jawohl, Herr Leutnant! Er reicht ihm einige Blätter aus einem Schulheft. Der Leutnant Titel? Czernowitz Was verdanken uns Deutschen die Japaner? Der Leutnant Richtig! – Kerl, warum haben Sie das nicht ins reine geschrieben? Czernowitz Sie kennen meinen Vater nicht, Herr Leutnant! Der kümmert sich nur um meine Schulaufgaben! Meine Familie versteht mich nicht, Herr Leutnant. Als ich mich neulich freute, daß wir so viele Feinde haben, weil das doch eine Ehre ist – da hat mir mein Vater eine heruntergehauen. Wenn meine Mutter nicht wär, Herr Leutnant – meine Mutter ist noch die einzige, die mich versteht – Mein Vater ist liberal. Stille. Der Leutnant Weggetreten! Czernowitz kehrt. Der Leutnant Angetreten! Die Faschisten treten an. Der Leutnant Stillgestanden! Rechts um! Abteilung – marsch! Die Faschisten ziehen ab. Und die Musik spielt den bayrischen Präsentiermarsch. Wirt holt die schwarzweißrote Fahne herunter und hißt die schwarzrotgoldne. Nun ist es finster geworden und nun steigt die republikanische italienische Nacht. Mit Girlanden und Lampions, Blechmusik und Tanz. – Mitglieder und Sympathisierende ziehen mit Musik in das Gartenlokal ein, und zwar auf die Klänge des Gladiatorenmarsches; allen voran der Stadtrat Ammetsberger, Kranz, Betz, Engelbert mit ihren Damen. Auch Karl und Leni sind dabei. Und auch Martin kommt mit seinen Kameraden, finster und entschlossen – und setzt sich abseits mit ihnen. Stadtrat Meine Damen und Herren! Kameraden! Noch vor wenigen Stunden hatte es den Anschein, als wollte das uns Menschen, und nicht zu guter Letzt uns Republikanern, so feindlich gesinnte höhere Schicksal, daß unser aller heißer Wunsch, unser ersehnter Traum, unsere italienische Nacht nicht Wirklichkeit wird. Kameraden! Im Namen des Vorstandes kann ich euch die erfreuliche Mitteilung machen, daß wir unser Schicksal überwunden haben! Wenn ich hier diese stimmungsvolle Pracht sehe, diesen Jubel in all den erwartungsvollen Antlitzen, bei jung und auch bei alt, so weiß ich, was wir überwunden haben! Und so wünsche ich, daß diese unsere Gartenunterhaltung, diese unsere republikanische italienische Nacht allen Anwesenden unvergeßlich bleiben soll! Ein Hoch auf das in der Republik geeinte deutsche Volk. Hoch! Hoch! Hoch! Alle ausser Martins Kameraden erheben sich: Hoch! Hoch! Hoch! Musiktusch. Stadtrat Setzen! Engelbert Meine Damen und Herren! Kameraden! Liebe Sympathisierende! Ich freue mich, daß wir hier sind! Antreten zur Française! Der Stadtrat, Betz, Kranz, Engelbert usw. mit ihren Damen tanzen nun eine Française – Martin und seine Kameraden sehen finster zu. jetzt spielt die Musik einen Walzer. Damenwahl! Damenwahl! Martin zu seinen Kameraden: Daß mir nur keiner tanzt! Disziplin, muß ich schon bitten – Disziplin und Opposition! Einige Fräuleins wollen mit Martins Kameraden tanzen, werden aber abgewiesen. Leni zu Karl: Also darf ich jetzt bitten? Karl schweigt. Leni Also darf ich jetzt bitten zum letztenmal? Karl schweigt. Leni Wie kann man ein Fräulein nur so bitten lassen - Karl Glaubst du, daß ich das so leicht überwind? Leni Zu was sind wir denn da, wenn wir nicht tanzen? Karl Das hat einen tieferen Sinn. Leni Und du willst ein Mann sein? Und traust dich nicht einmal zu tanzen? Karl Man kann als Mann vieles zurückziehen, aber sein Ehrenwort niemals. Leni Ein richtiger Mann kann alles. Nein. Tu die Hand da weg. Karl Was für eine Hand? Leni Die deinige. Karl Du weißt noch nicht, was Konflikte sind – sonst würdest du nicht so appellieren – Er kommt mit ihr unwillkürlich ins Tanzen, und zwar links herum. Erster Kamerad Du, Martin, der hat doch deiner Anna sein Ehrenwort gegeben, daß er unser Mann ist – Martin Er hat bei meiner Anna seine Ehre verpfändet, daß er keinen Schritt tanzen wird, sondern daß er sich unseren Parolen anschließen wird, und zwar durchaus radikal. Zweiter Kamerad Ein Schuft, ein ganz charakterloser. Dritter Kamerad Einer mehr. Erster Kamerad Und jedesmal wegen einem Frauenzimmer – Vierter Kamerad Die bildet sich aber was ein! Dritter Kamerad Gott, wie graziös! Erster Kamerad Die wirds auch nimmer begreifen, wos hingehört. Zweiter Kamerad Wer ist denn das Frauenzimmer? Vierter Kamerad Auch nur Prolet. Erster Kamerad Nein. Das ist etwas bedeutend Feineres. Das ist eine Angestellte – Er grinst. Dritter Kamerad lacht. Vierter Kamerad Wann gehts denn los? Dritter Kamerad verstummt plötzlich. Martin Wenn ich euch das Signal gib! Ich! Er erhebt sich, tritt nahe an die Tanzenden heran und sieht zu; jetzt spielt die Musik einen Walzer, einige Paare hören auf zu tanzen – u. a. auch der Stadtrat Ammetsberger. Stadtrat Na was war das für eine Idee? Engelbert Eine Prachtidee! Stadtrat Ich wußte es doch, daß so ein zwangloses gesellschaftliches Beisammensein uns Republikaner menschlich näherbringen würde. Kranz ist leicht angetrunken: Ich freu mich nur, daß wir uns von dieser Scheißreaktion nicht haben einschüchtern lassen, und daß wir diese bodenlose Charakterlosigkeit unseres lieben Josef mit einer legeren Handbewegung beiseite geschoben haben. Das zeigt von innerer Größe. Stadtrat Eine Prachtidee! Engelbert Eine propagandistische Tat! Kranz Diese Malefizfaschisten täten sich ja nicht wenig ärgern, wenn sie sehen könnten, wie ungeniert wir Republikaner uns hier bewegen! Er torkelt etwas. Engelbert Wo stecken denn jetzt diese Faschisten? Betz Ich hab was von einer Nachtübung gehört. Engelbert Na viel Vergnügen! Kranz Prost! Stadtrat Dieser kindische Kleinkaliberunfug. Betz Aber sie sollen doch auch Maschinengewehre – Stadtrat unterbricht ihn: Redensarten, Redensarten! Nur keinen Kleinmut, Kameraden! Darf ich euch meine Frau vorstellen, meine bessere Hälfte. Kranz Sehr erfreut! Engelbert Angenehm! Betz Vom Sehen kennen wir uns schon. Die bessere Hälfte lächelt unsicher. Stadtrat So – woher kennt ihr euch denn? Betz Ich habe dich mal mit ihr gehen sehen. Stadtrat Mich? Mit ihr? Wir gehen doch nie zusammen aus. Betz Doch. Und zwar dürft das so vor Weihnachten gewesen sein – Stadtrat Richtig! Das war an ihrem Geburtstag! Der einzige Tag im Jahr, an dem sie mitgehen darf, ins Kino – Er lächelt und kneift sie in die Wange. Sie heißt Adele. Das heut ist nämlich eine Ausnahme, eine große Ausnahme – Adele liebt die Öffentlichkeit nicht, sie ist lieber daheim. Er grinst. Ein Hausmütterchen. Kranz zu Adele: Trautes Heim, Glück allein. Häuslicher Herd ist Goldes wert. Die Grundlage des Staates ist die Familie. Was Schönres kann sein als ein Lied aus Wien. Er torkelt summend zu seinem Bier. Betz Ein Schelm. Engelbert zu Adele: Darf ich bitten? Stadtrat Danke! Adele soll nicht tanzen. Sie schwitzt. Pause. Engelbert tanzt mit einer Fünfzehnjährigen. Adele verschüchtert: Alfons! Stadtrat Nun? Adele Ich schwitz ja gar nicht. Stadtrat Überlaß das mir, bitte. Adele Warum soll ich denn nicht tanzen? Stadtrat Du kannst doch gar nicht tanzen! Adele Ich? Ich kann doch tanzen! Stadtrat Seit wann denn? Adele Seit immer schon. Stadtrat Du hast doch nie tanzen können! Selbst als blutjunges Mädchen nicht, merk dir das! Blamier mich nicht, Frau Stadtrat! Er zündet sich eine Zigarre an. Pause. Adele Alfons, warum hast du gesagt, daß ich die Öffentlichkeit nicht liebe? Ich ging doch gern öfters mit. – Warum hast du das gesagt? Stadtrat Darum. Pause. Adele Ich weiß ja, daß du im öffentlichen Leben stehst, eine öffentliche Persönlichkeit – Stadtrat Still, Frau Stadtrat! Adele Du stellst einen immer in ein falsches Licht. Du sagst, daß ich mit dir nicht mitkomm – Stadtrat unterbricht sie: Siehst du! Adele gehässig: Was denn? Stadtrat Daß du mir nicht das Wasser reichen kannst. Pause. Adele Ich möcht am liebsten nirgends mehr hin. Stadtrat Eine ausgezeichnete Idee! Er läßt sie stehen; zu Betz. Meine Frau, was? Er grinst und droht ihr schelmisch mit dem Zeigefinger. Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht. Betz Das ist von Nietzsche. Stadtrat Das ist mir wurscht! Sie folgt aufs Wort. Das ist doch ein herrlicher Platz hier! Diese uralten Stämme und die ozonreiche Luft – Er atmet tief. Betz Das sind halt die Wunder der Natur. Stadtrat Die Wunder der Schöpfung – es gibt nichts Herrlicheres. Ich kann das besser beurteilen, weil ich ein Bauernkind bin. Wenn man so in den Himmel schaut, kommt man sich so winzig vor – diese ewigen Sterne! Was sind wir daneben? Betz Nichts. Stadtrat Nichts. Gott hat doch einen feinen Geschmack. Betz Es ist halt alles relativ. Stille. Stadtrat Du, Betz, ich hab mir ein Grundstück gekauft. Betz Wo denn? Stadtrat Fast ein Tagwerk. Mit einer Lichtung. – Schau, lieber guter Freund, die Welt hat Platz für anderthalb Milliarden Menschen, warum soll mir da nicht von dieser großen Welt so ein kleines Platzerl gehören – Erster Kamerad hat unfreiwillig gelauscht: Feiner Marxist! Stille. Stadtrat Was hat der gesagt? Betz So laß ihn doch! Adele Er hat gesagt: Feiner Marxist. Stadtrat Wie du das einem so einfach ins Gesicht sagst. – Toll! Adele Ich hab ja nur gesagt, was er gesagt hat. Stadtrat Wer? Was sich da diese unreifen Spritzer herausnehmen! Überhaupt! Er deutet auf Martin und seine Kameraden. Dort hat noch keiner getanzt – saubere Jugend! Opposition und Opposition. Revolte oder dergleichen. Spaltungserscheinungen. Nötige Autorität. Man muß – Er will an seinen Biertisch, stockt jedoch, da er sieht, daß Martin und seine Kameraden eine leise debattierende Gruppe bilden; er versucht zu horchen – plötzlich geht er rasch auf Martin zu. Martin, was hast du da gesagt? Feiner Marxist, hast du gesagt? Martin Ich habs zwar nicht gesagt, aber ich könnts gesagt haben. Stadtrat Und wie hättest du das gemeint, wenn du es gesagt hättest? Martin Wir sprechen uns noch. Er läßt ihn stehen. Akkord und Gong. Engelbert auf dem Podium: Meine Damen und Herren! Kameraden! Eine große erfreuliche Überraschung hab ich euch mitzuteilen. Es steht euch ein seltener Kunstgenuß bevor. Frau Hinterberger, die Gattin unseres verehrten lieben Kassierers, hat sich liebenswürdigerweise bereit erklärt, uns mit ihrer Altstimme zu entzücken! Bravorufe und Applaus. Ich bitte um Ruhe für Frau Hinterberger! Frau Hinterberger betritt das Podium, mit Applaus begrüßt: Ich singe Ihnen eine Ballade von Löwe, Heinrich der Vogler. Sie singt die Ballade; großer Beifall, nur Martin und seine Kameraden beteiligen sich nach wie vor an keiner Ovation; nun wird wieder weitergetanzt. Leni zu Karl: Das war aber schön. Ich bin nämlich sehr musikalisch. Karl Das hab ich schon bemerkt. Leni An was denn? Karl An deinem Tanzen. Du hast ein direkt exorbitantes rhythmisches Feingefühl – Leni Das hängt aber nicht nur von mir ab. Das hängt auch vom Herrn ab. Karl Hast es also nicht bereut, daß du mir hierher gefolgt bist? Leni lächelt: Werd mir nur nicht wieder politisch. – Versprichs mir, daß du es nimmer werden wirst, auf Ehrenwort. Karl Das ist nicht so einfach. Leni Wieso? Karl Nämlich, ich geb nur dann gern ein Ehrenwort, wenn ich dasselbe auch halten kann. Man bricht nämlich viel leichter so ein Ehrenwort, als wie daß man es hält. Leni Wenn du es mir gibst, dann geb ich dir auch ein Ehrenwort – Karl Du? Leni Eine Frau hat nicht viel zu geben – aber wenn sie was gibt, macht sie den Mann zu einem König. Martin zu Karl: Karl, darf ich dich einen Augenblick – Karl Bitte. Zu Leni. Pardon! Zu Martin. Nun? Martin Du hast doch der Anna versprochen, nicht zu tanzen – alsdann: ich möchte nur konstatieren, daß du dein politisches Ehrenwort wegen einer Lustbarkeit gebrochen hast. Karl wird nervös: Hab ich das? Martin Ja. Du hast mir sogar versprochen, daß, wenn es jetzt hier zu der bevorstehenden weltanschaulichen Auseinandersetzung – Karl unterbricht ihn: Also bitte, werd nur nicht wieder moralisch! Martin Du hast halt wieder mal dein Ehr geschändet. Karl Ist das dein Ernst? Martin Jawohl, du Künstlernatur – Pause. Karl lächelt bös: Martin, wo steckt denn deine Anna? Martin Was soll das? Karl Die wird wohl bald erscheinen? Martin Hast du sie gesehen? Karl Ja. Martin Allein oder mit? Karl Mit. Martin lächelt: Dann ists ja gut. Karl Meinst du? Martin Ja. Pause. Karl grinst: Honny soit qui mal y pense! Martin Was heißt das? Karl schadenfroh: Das ist französisch. Pause. Martin Ich bin dir ja nicht bös, du tust mir leid. Es ist nämlich schad um dich mit deinen Fähigkeiten. Aber du hast immer nur Ausreden. Ein halber Mensch – Er läßt ihn stehen. Akkord und Gong. Engelbert auf dem Podium: Meine Sehrverehrten! Kameraden! Und abermals gibts eine große erfreuliche Überraschung im Programm! In dem Reigen unserer künstlerischen Darbietungen folgt nun ein auserlesenes Ballett, und zwar getanzt von den beiden herzigen Zwillingstöchterchen unseres Kameraden Leimsieder, betitelt »Blume und Schmetterling« die herzigen Zwillingstöchterchen dreizehnjährig, betreten das Podium, mit mächtigem Applaus begrüßt. Stadtrat Bravo, Leimsieder! die herzigen Zwillingstöchterchen tanzen einen affektierten Kitsch – plötzlich ertönt aus Martins Gegend ein schriller Pfiff, die herzigen Zwillingstöchterchen zucken zusammen, tanzen aber noch weiter, jedoch etwas unsicher geworden; die, denen es gefällt, sehen entrüstet auf Martin – da ertönt abermals ein Pfiff, und zwar noch ein schrillerer. Kranz brüllt: Ruhe, Herrgottsakrament! Wer pfeift denn da, ihr Rotzlöffel?! Lümmel dreckige windige! Engelbert Wems nicht paßt, der soll raus!! Rufe Raus! Raus! Tumult. Die herzigen Zwillingstöchterchen weinen laut. Erster Kamerad schlägt mit der Faust auf den Tisch: Wir wollen hier kein Säuglingsballett! Kranz Halts Maul, sag ich! Zweiter Kamerad Halts du! Eine Tante Seht, wie die Kindlein weinen, ihr Rohlinge! Dritter Kamerad Hoftheater! Vierter Kamerad Hofoper! Oper! Stadtrat Jetzt wirds mir zu dumm! Einige Kameraden Huuu! Stadtrat Oh, ich bin sehr energisch! Die Kameraden Huuu! Stadtrat Jetzt kommt die Abrechnung! Dritter Kamerad Tatü tata! Die Tante Oh diese Jugend! Vierter Kamerad Feiner Marxist! Die Kameraden im Sprechchor: Feiner Marxist! Feiner Marxist! Feiner Marxist! Feiner Marxist! Stadtrat Wer? Ich?! Ich hab das Kommunistische Manifest bereits auswendig hersagen können, da seid ihr noch in den Windeln gelegen, ihr Flegel! Pfiff. Die Tante Diese Barbaren stören ja nur den Kunstgenuß! Vierter Kamerad Du mit deinem Kunstgenuß! Dritter Kamerad Blume und Schmetterling! Erster Kamerad Mist! Mist! Mist! Kranz Oh ihr Kunstbarbaren! Er fällt fast um vor lauter Rausch. Engelbert Seht, was ihr angerichtet habt! Kindertränen! Schämt ihr euch denn gar nicht?! Oder habt ihr denn keine Ahnung, mit welcher Liebe, das hier einstudiert worden ist – Wochenlang haben der Kamerad Leimsieder und seine Frau jede freie Minute geopfert, um uns hier beglücken zu können! Ein Fremder Kamerad aus Magdeburg: Hätte er doch lieber seine freien Minuten geopfert, um die Schlagstärke unserer Organisation auszubauen! Totenstille; maßlose Überraschung über die fremde Mundart. Stadtrat Ah, ein Preuße – Sturm. Die Dvorakische Stören Sie unsere Nacht nicht! Martin Solche Nächte gehören gestört! Der Fremde Kamerad Kameraden! Martin Jetzt red ich! Kameraden! Indem daß wir hier Familienfeste mit republikanischem Kinderballett arrangieren, arrangiert die Reaktion militärische Nachtübungen mit Maschinengewehren! Der Fremde Kamerad Genossinnen und Genossen! Wollt ihr es denn nicht sehen, wie sie das Proletariat verleugnen, verhöhnen und ausbeuten, schlimmer als je zuvor?! Und ihr? Martin unterbricht ihn: Und ihr?! Italienische Nächte! Habt ihr denn schon den Satz vergessen: Oh, wenn doch nur jeder Prolet sein Vergnügen in der republikanischen – Der fremde Kamerad unterbricht ihn: In der revolutionären! In der revolutionären Tätigkeit fände! Es bleibt zu fordern – Stadtrat Hier bleibt gar nichts zu fordern! Martin Es bleibt zu fordern: sofortige Einberufung des Vorstandes und Beschlußfassung über den Vorschlag: Der fremde Kamerad Bewaffnung mit Kleinkalibern! Kranz Halts Maul, Malefizpreuß dreckiger! Rufe Raus damit! Raus!! Der fremde Kamerad Genossinen und Genossen! Martin Jetzt red ich, Herrgottsakrament! Du bringst mich ja noch ganz aus dem Konzept! Ich möchte doch auch dasselbe, aber so kommen wir auf keinen grünen Zweig nicht! So laßt doch hier die angestammten Führer reden! Stadtrat Kameraden! Ein Frevler wagt hier unser Fest zu stören, bringt kleine Kinderchen zum Weinen. – Kameraden, was Martin verlangt, ist undurchführbar! Wir wollen nicht in die Fußstapfen der Reaktion treten. Wir nehmen keine Kanonen in die Hand, aber wer die demokratische Republik ernstlich zu bedrohen wagt, der wird zurückgeschlagen! Martin Mit was denn? Stadtrat An unserem unerschütterlichen Friedenswillen werden alle Bajonette der internationalen Reaktion zerschellen! Siebenter Kamerad lacht ihn aus. Stadtrat So sehen die Leute aus, die die Macht der sittlichen Idee leugnen! Erster Kamerad Sprüch, du Humanitätsapostel! Stadtrat Das sind keine Spruch! Wir wollen keine Waffen mehr sehen, ich selbst hab zwei Brüder meiner Frau im Krieg verloren! Vierter Kamerad Im nächsten Krieg sind wirs, ich und der Stiegler, und der da und der da! Kranz ahmt ihn nach: Und ich da und ich da und ich da! Stadtrat Es hat eben keinen Krieg mehr zu geben! Dieses Verbrechen werden wir zu vereiteln wissen! Das werd ich schon machen. Martin Genau wie 1914! Stadtrat Das waren ganz andere Verhältnisse! Der Fremde Kamerad Immer dasselbe, immer dasselbe! Stadtrat Wo warst denn du 1914!? Im Kindergarten! Der Fremde Kamerad Und du? Du hast auch schon 1914 mit den Taten deiner Vorfahren geprotzt, das können wir Jungen ja allerdings nicht! Martin Kameraden!! Wenn das so weitergeht, erwachen wir morgen im heiligen römisch-mussolinischen Reich deutscher Nation! Der Fremde Kamerad Genossinnen und Genossen!! Kranz außer sich: So schmeißt ihn doch naus, den Schnapspreußen, den hergelaufenen! Naus damit! Naus!! Martin Ruhe!! Ein Preuße her, ein Preuße hin! Kurz und gut: der langen Rede kurzer Sinn: derartige italienische Nächte gehören gesprengt! Radikal, radikal! Stadtrat Zur Geschäftsordnung! Ich fordere kraft unserer Statuten den sofortigen Ausschluß des Kameraden Martin! Engelbert Bravo! Stadtrat Und zwar wegen unkameradschaftlichen Verhaltens! Martin Bravo! Kommt! Ab mit seinen Kameraden. Stadtrat Wir lassen uns unsere italienische Nacht nicht spalten, Kameraden! Seit vierzehn Tagen hab ich mich auf diese Nacht gefreut, und ich laß mich nicht spalten! Musik! Setzen! Sechstes Bild Vor dem Wirtshaus des Josef Lehninger. Martin und seine Kameraden verlassen die italienische Nacht. Rechts eine Bedürfnisanstalt. Martin Also Ausschluß. Wegen unkameradschaftlichen Verhaltens. Wer lacht da nicht? Stille. Zweiter Kamerad Wohin? Martin Zu mir. Der Fremde Kamerad An die Arbeit! Wir dürfen keine Minute verlieren! Martin Bald zieht sich die Bourgeoisie in den Turm der Diktatur zurück. Der Fremde Kamerad Seid bereit! Stille. Martin leise, mißtrauisch: Wer ist denn das überhaupt? Erster Kamerad Ich kenne ihn nicht. Dritter Kamerad Mir ganz unbekannt. Sie gehen alle in die Bedürfnisanstalt. Der Fremde Kamerad folgt ihnen: Ich bin aus Magdeburg, Genossen! Martins Stimme aus der Bedürfnisanstalt: So, aus Magdeburg. Also aus Preußen bist du. – Alsdann: ich möchte dir nur die Mitteilung machen, daß ich hier der offizielle Führer bin, und dann ist das hier bei uns so Sitte, daß der berufene Führer die Aktion leitet, und sonst niemand. Ob der jetzt auch aus Magdeburg ist oder nicht. Er erscheint wieder mit seinen Kameraden. Stille. Martin zum ersten Kameraden: Ist das jetzt den Tatsachen entsprechend, daß du das Denkmal Seiner Majestät versaut hast? Zweiter Kamerad gewollt hochdeutsch: Wir haben es uns erlaubt, das Denkmal Seiner Majestät mit etwas roter Farbe zu verunzieren. Martin Wer wir? Zweiter Kamerad Ich. Vierter Kamerad Und ich. Martin So. Alsdann du ebenfalls. Das ist natürlich gottverlassen blöd. Oder vielleicht, meine Herren?! Der fremde Kamerad Eine Denkmalsschändung ist natürlich lediglich Büberei. Kümmert euch doch nicht um die verjagten Dynastien, Jungs! Sorgt lieber dafür, daß man den Herren Kapitalisten dereinst keine Denkmäler errichtet! Stille. Martin bespricht sich leise mit seinen Kameraden; wendet sich dann dem fremden Kameraden zu: Ich will dir jetzt was sagen: ich meine, du bist ein Agent provacateur – Der fremde Kamerad entsetzt: Genosse! Martin Also das täte uns ja gerade noch abgehen, so fremde Provokateure – aus Magdeburg. Er läßt ihn stehen. Der fremde Kamerad Man könnte verzweifeln. Martin Bist du noch da? Ja, bist du denn noch da?! Er nähert sich ihm drohend. Der fremde Kamerad rasch ab. Karl kommt mit Leni aus dem Wirtshaus: Drinnen geht alles drunter und drüber. Dritter Kamerad Sehr erfreut! Leni Alle Leut gehen fort. Die ganze Stimmung ist beim Teufel. Sechster Kamerad Dann ist sie dort, wo sie hingehört! Karl Martin, ich bitte dich um Verzeihung. Martin Wegen was? Karl Daß ich mein Ehrenwort gebrochen hab. Das war natürlich eine Gaunerei, ich hab mir das genau überlegt, aber es war halt nur scheinbar eine Gaunerei. Ich habs ja nur scheinbar gebrochen. Martin Wie willst du das verstanden haben? Karl Schau, ich mußte doch tanzen! Ich hab es nämlich deiner Anna versprochen, daß ich das Fräulein da hinter mir zu unseren Idealen bekehren werd, und da muß man doch so einem Fräulein entgegenkommen, so was geht doch nur nach und nach – Martin Daß du immer nur Fräuleins bekehrst – Karl Jeder an seinem Platz. Ich gehör halt zu einer älteren Generation als wie du, das macht schon was aus, obwohl zwischen uns ja nur fünf Jahre Unterschied sind, aber fünf Kriegsjahr – Martin Die historischen Gesetze kümmern sich einen Dreck um Privatschicksale, sie schreiten unerbittlich über den einzelnen hinweg, und zwar vorwärts. Karl Da geb ich dir vollständig recht. Martin Du wärst ja brauchbar, wenn man dir glauben könnt. Aber das kann man eben nicht, weil du ein halber Mensch bist. Karl Du hast halt keine Konflikte mit deiner Erotik. Meiner Seel, manchmal beneid ich dich! Martin Und du tust mir leid. Ich habs immer wieder versucht mit dir. Jetzt ists aus. Ich leg keinen Wert mehr auf deine Mitarbeit. Karl verbeugt sich leicht: Bitte! Pardon! Ab mit Leni. Auch die Kameraden sind während dieser Szene verschwunden. Anna kommt. Martin Anna! Anna Jetzt bin ich aber erschrocken! Martin Du? Anna Ich dacht, du wärst wer anders – Martin So. Anna Du warst mir jetzt so fremd. Martin fast spöttisch: War ich das? – Hast was erreicht? Anna Verschiedenes. Martin Erstens? Anna Erstens hab ich erfahren, daß diese Faschisten unsere italienische Nacht sprengen wollen – Martin unterbricht sie: Erstens ist das nicht unsere italienische Nacht! Und zweitens ist denen ihre italienische Nacht bereits gesprengt. Ich persönlich hab sie gesprengt. Anna Schon? Martin Später! Und? Anna Die Faschisten wollen hier alles verprügeln. Martin So ists recht! Das vergönn ich diesem Vorstand! Diese Spießer sollen jetzt nur mal am eigenen Leibe die Früchte ihrer verräterischen Taktik verspüren! Wir Jungen überlassen sie ihrem Schicksal und bestimmen unser Schicksal selbst! Anna Das würd ich aber nicht tun. Martin Was heißt denn das? Anna Ich würds nicht tun. Ich würd ihnen schon helfen, sie stehen uns doch immer noch näher als die anderen. Martin Was du da nicht sagst! Anna Wenn ich dem Stadtrat auch vergönn, daß er verprügelt wird, aber es sind doch auch noch andere dabei, dies vielleicht ehrlich meinen – Martin spöttisch: Meinst du? Anna Und zu guter Letzt geht das doch keinen Dritten was an, was wir unter uns für Konflikte haben! Das sind doch unsere Konflikte! Martin gehässig: Ich glaub, daß das deine Privatansicht ist. Anna Red nicht so hochdeutsch, bitte. Stille. Martin Und? Anna Sonst nichts. Die Faschisten sind halt ganz fürchterlich wütend. Es soll heut abend irgendein Denkmal verunreinigt worden sein – Martin Ja, das war der Stiegler, dieser Idiot – Stille. Anna Martin! Martin überrascht: Ha? Stille. Anna Martin, weil einer von uns das Denkmal verdreckt hat, sollen jetzt die anderen da drinnen verprügelt werden?! Das find ich aber feig! Das ist unser nicht würdig! Das ist ungerecht – Sie stockt, da Martin plötzlich fasziniert auf ihren Hals starrt. Stille. Martin leise: Was ist denn das dort für ein Fleck? Anna Wo? Martin Da. Anna Da? Das ist ein Fleck – Stille. Morgen wird er blau. Martin So. Anna Er war halt so grob. Martin etwas unsicher: So, war er das – Anna So sind sie alle, die Herren Männer. Stille. Martin Schau mich an. Anna schaut ihn nicht an. Martin Warum schaust mich denn nicht an? Anna Weil ich dich nicht anschaun kann. Martin Und warum kannst du mich jetzt nicht anschaun? Schau mich doch nicht so dumm an, Herrgottsakrament! Stille. Anna Mir war jetzt nur plötzlich so eigenartig – Martin Wieso? Anna Was du da nämlich von mir verlangst, daß ich mich nämlich mit irgendeinem Faschisten einlaß – und daß gerade du das verlangst – Martin Was sind denn das für neue Gefühle? Anna Nein, das waren alte – Martin Du weißt, daß ich diese primitiven Sentimentalitäten nicht mag. Was sollen denn diese überwundenen Probleme? Nur keine Illusionen, bitte! Anna Jetzt redst du wieder so hochdeutsch. Stille. Martin Anna, also grob war er zu dir, – der Herr Faschist. Anna Ja. Martin Sehr grob? Anna Nicht besonders. Stille. Martin Aber grob war er doch. – Es ist vielleicht tatsächlich unter unserer Würde. Anna Was? Martin Daß wir nun diesen Vorstand da drinnen für unsere versaute Majestät verprügeln lassen – von diesen Herren Faschisten. Anna Siehst du! Martin Was soll ich denn sehen?! Gar nichts seh ich! Nichts! Radikal nichts! Aber, verstehst mich: diesen Triumph wollen wir den Herren Faschisten nicht gönnen! Komm! Ab mit Anna. Karl kommt mit Leni. Beide scheinen verstimmt zu sein. Sie setzen sich auf eine Bank neben der Bedürfnisanstalt. Leni Warum schweigst du schon so lang? Karl Weil es mir weh um das Herz herum ist. Leni Aber du kannst doch nichts dafür, daß diese italienische Nacht mit einem Mißton geendet hat! Karl Ich danke dir. Er drückt ihr die Hand und vergräbt dann den Kopf in seinen Händen. Stille. Leni Dein Kamerad Martin erinnert mich an einen Bekannten. Mit dem war auch nicht zu reden, weil er nichts anderes gekannt hat wie sein Motorrad. Er hat zahlreiche Rennen gewonnen, und ich hab ihn halt in seinem Training gestört. Sei doch nicht so traurig – Karl Jetzt möcht ich am liebsten nicht mehr leben. Leni Warum denn? Karl Ich hab halt ein zu scharfes Auge. Ich seh, wie sich die Welt entwickelt, und dann denk ich mir, wenn ich nur ein paar Jahre jünger wär, dann könnt ich noch aktiv mittun an ihrer Verbesserung – aber ich bin halt verdorben. Und müd. Leni Das redst du dir nur ein. Karl Ein halber Mensch! Nur die eine Hälfte hat Sinn für das Gute, die andere Hälfte ist reaktionär. Leni Nicht deprimiert sein – Karl Ich glaub, ich bin verflucht – Leni Nein, nicht! Karl erhebt sich: Doch! Stille. Karl setzt sich wieder. Leni Glaubst du an Gott? Karl schweigt. Leni Es gibt einen Gott, und es gibt auch eine Erlösung. Karl Wenn ich nur wüßt, wer mich verflucht hat. Leni Laß mich dich erlösen. Karl Du? Mich? Leni Ich hab viertausend Mark, und wir gründen eine Kolonialwarenhandlung – Karl Wir? Leni Draußen bei meinem Onkel – Karl Wir? Leni Ich und du. Stille. Karl In bar? Leni Ja. Stille. Karl Was denkst du jetzt? Denkst du jetzt an eine Ehegemeinschaft? Nein, dazu bist du mir zu schad! Leni Oh, Mann, sprich doch nicht so hartherzig! Ich kenn dich ja schon durch und durch, wenn ich dich auch erst kurz kenn! Sie wirft sich ihm an den Hals; große Kußszene. Karl Ich hab ja schon immer von der Erlösung durch das Weib geträumt, aber ich habs halt nicht glauben können – ich bin nämlich sehr verbittert, weißt du? Leni gibt ihm einen Kuß auf die Stirn: Ja, die Welt ist voll Neid. Siebentes Bild Im Gartenlokal des Josef Lehninger. Die republikanische italienische Nacht ist nun korrekt gesprengt – nur der Vorstand sitzt noch unter den Lampions, und zwar: der Stadtrat Ammetsberger mit Adele, Betz, Engelbert und Kranz. Letzterer schnarcht über einen Tisch gebeugt. Es geht bereits gegen Mitternacht, und Adele fröstelt, denn es weht ein kaltes Windchen. Betz Was tun, spricht Zeus. Engelbert Heimwärts? Stadtrat schnellt empor: Und wenn die Welt voll Teufel war, niemals! Wir lassen uns unsere italienische Nacht nicht sprengen! Kameraden, wir bleiben und weichen nicht – bis zur Polizeistund! Er setzt sich wieder. Engelbert Hört, hört! Stadtrat steckt sich nervös eine Zigarre an. Kranz erwacht und gähnt unartikuliert; zu Betz: Du, ich hab jetzt grad was Fesches geträumt. Betz Wars angenehm? Kranz Sehr. Ich hab nämlich grad was von einer Republik geträumt und das war eine komplette Republik, sogar die Monarchisten waren verkappte Republikaner – Betz Also das dürft ein sogenannter Wunschtraum gewesen sein. Kranz Ha? Engelbert Wie wärs denn mit einem kleinen Tarock? Stadtrat Tarock? Engelbert Einen Haferltarock – Kranz Haferltarock! Stadtrat Das wär ja allerdings noch das Vernünftigste – Engelbert Karten hab ich. – Er setzt sich mit dem Stadtrat und Kranz unter den hellsten Lampion, mischt und teilt. Eine Idee! Betz kiebitzt. Stadtrat Erster! Engelbert Zweiter! Kranz Letzter! Stadtrat Solo! Kranz Und das Licht leuchtet in der Finsternis – Er spielt aus. Jetzt weht der Wind stärker. Adele erhebt sich und fröstelt: Alfons! Stadtrat läßt sich nicht stören: Bitte? Adele Wann gehen wir denn endlich? Stadtrat Zweimal sag ichs nicht! Eichel! Adele Ich erkält mich noch – Stadtrat Das tat mir aber leid, Herz! Kranz Und Herz! Engelbert Und Herz! Betz nähert sich Adele: Wir bleiben bis zur Polizeistund, Frau Stadtrat. Adele Wann ist denn Polizeistund? Betz Um zwei. Adele Und jetzt? Betz Jetzt gehts gegen zwölf. Adele Oh Gott. Stadtrat zu Betz: So laß sie doch, bitte! Stille. Adele Hier hol ich mir noch den Tod. Betz Oder eine Lungenentzündung. Pause. Der schönste Tod ist ja allerdings der Tod für ein Ideal. Adele Ich kenn kein Ideal, für das ich sterben möcht. Betz lächelt leise: Auch nicht für die Ideale, für die sich Ihr Herr Gemahl aufopfert? Adele Opfert er sich denn auf? Betz Tag und Nacht. Adele Sie müssens ja wissen. Betz Es ist natürlich alles relativ. Pause. Adele Glaubens mir, daß ein Mann, der wo keine solchen öffentlichen Ideale hat, viel netter zu seiner Familie ist. Ich meine das jetzt rein menschlich. Sie sind ein intelligenter Mann, Herr Betz, das hab ich schon bemerkt. Stadtrat Über was unterhaltet ihr euch denn dort so intensiv? Betz Über dich. Stadtrat Tatsächlich? Habt ihr denn kein dankbareres Thema? Adele boshaft: Alfons! Stadtrat Na was denn schon wieder? Adele Ich möcht jetzt gern noch ein Schinkenbrot. Stadtrat Aber du hast doch bereits zwei Schinkenbrote hinter dir! Ich meine, das dürfte genügen! Er zündet sich eine neue Zigarre an. Adele Wenn du deine Zigarren – Stadtrat unterbricht sie: Oh du unmögliche Person! Pfui! – Und ziehen tut sie auch nicht, weil du mir nichts vergönnst! Er wirft wütend seine Zigarre fort. Eine unmögliche Zigarre! Adele erhebt sich: Ich möcht jetzt nach Haus. Stadtrat Also werd nur nicht boshaft, bitte! adele Ich geh – Stadtrat Ich bleib. Adele So komm doch! Stadtrat Nein! Bleib, sag ich! Adele Nein, ich muß doch schon wieder um sechse raus, deine Hemden waschen und – Stadtrat Du bleibst, sag ich! Adele Hier hol ich mir noch den Tod – Stadtrat Du bleibst und basta! Verstanden!? Adele setzt sich wieder und lächelt geschmerzt. Stadtrat Spiele! Engelbert Weiter! Kranz Spiele auch! Engelbert Und zwar? Kranz Gras! Stadtrat Schnecken! Bettel! Jawohl, Bettel! Und herauskommen tu ich selber – Er gewinnt rasch und lacht schallend. Stille. Betz Warum gehen Sie eigentlich nicht allein nach Hause? Adele Weil er mich allein nicht läßt. Betz Nicht läßt? Auch allein nicht läßt? Er hat doch kein Recht über Ihre Person. – Meiner Seel, da erscheint er mir nun plötzlich in einem ganz anderen Licht, obwohl ich daraufgewartet hab. – Alfons Ammetsberger, mein alter Kampfgenosse – fünfunddreißig Jahr. – Ja, ja, das wird wohl das Alter sein. Ob ich mich auch so verändert hab? Stadtrat zu Betz: Ich bitt dich, Betz, so laß sie doch in Ruh! Wirt erscheint; er ist schwer besoffen und grüßt torkelnd, doch keiner beachtet ihn; er grinst: Boykottiert mich nur, boykottiert mich nur! Mir ist schon alles wurscht, ich wein euch keine Träne nach! Überhaupt sind die Reaktionäre viel kulantere Gast. – Eure jungen Leut saufen ja bloß a Limonad! Feine Republikaner! Limonad, Limonad! Kranz Halts Maul! Wirt plötzlich verträumt: Ich denk jetzt an meinen Abort. Siehst, früher da waren nur so erotische Spruch an der Wand dringestanden, hernach im Krieg lauter patriotische und jetzt lauter politische – glaubs mir: solangs nicht wieder erotisch werden, solang wird das deutsche Volk nicht wieder gesunden – Kranz Halts Maul, Wildsau dreckige! Wirt Wie bitte? – Heinrich, du bist hier noch der einzig vernünftige Charakter, was hat jener Herr dort gesagt? Betz Er hat gesagt, daß du dein Maul halten sollst. Wirt Hat er? Dieser schlimme Patron. – Apropos: ich hab eine reizende Neuigkeit für euch, liebe Leutl! Kranz Wir sind nicht deine lieben Leutl! Wirt Was hat er gesagt? Betz Daß wir nicht deine lieben Leutl sind, hat er gesagt. Wirt Hat er das gesagt? – Alsdann: meine Herren! Ich beehre mich, Ihnen eine hocherfreuliche Mitteilung zu machen: Sie sind nämlich umzingelt, meine Herren, radikal umzingelt! Stadtrat horcht auf. Betz Wer ist umzingelt? Wirt Ihr, meine Herren! Engelbert Wieso? Wirt Meine Herren! Ich habs nämlich grad erfahren, daß euch die Herren Faschisten verprügeln wollen – Stadtrat erhebt sich. Wirt Die Herren Faschisten behaupten nämlich, daß ihr, meine Herren, das Denkmal verdreckt habt – Stadtrat Was für Denkmal? Wirt Das Denkmal Seiner Majestät. Engelbert Versteh kein Wort. Wirt Die Herren Faschisten haben nämlich eine pfundige Wut im Bauch und wollen die Ehre Seiner Majestät wiederherstellen! Durch Blut! Hurra! Kranz Oh du dreiundreißigjähriger angenagelter Himmiherrgott! Wirt Leugnen hat doch gar keinen Sinn, meine Herren! Ihr seid überführt! Alle Indizien sprechen gegen euch! Kreuzverhör und so! Stadtrat Lüge! Infame Lüge! Hier hat niemand eine Majestät verdreckt, bitt ich mir aus! Wirt erhebt sein Glas: Sehr zum Wohle! Er leert es. Stille. Betz Josef, wer hat dir denn das gesagt, daß wir jetzt hier verprügelt werden sollen? Wirt Dem Martin seine Anna. Stadtrat scharf: Martin? Interessant! Wirt Diskretion Ehrensache! Kranz Also jetzt bin ich schon ganz durcheinander! Engelbert Das kann doch nur ein Irrtum sein, nach den Gesetzen der Logik – Stadtrat scharf: Oder Verrat! Unsere Weste ist weiß. Wirt Weiß oder nicht weiß – jetzt gibts Watschen, meine Herren! Kranz Du Judas! Wirt weinerlich: Aber ich bin doch kein Judas, meine Herren! Ich bin euch doch innerlich immer treu geblieben, sogar noch nach der Revolution! Aber was ist denn das jetzt auch für eine verkehrte Welt! Früher, da war so ein Sonntag das pure Vergnügen, und wenn mal in Gottes Namen gerauft worden ist, dann wegen irgendeinem Trumm Weib, aber doch schon gar niemals wegen dieser Scheißpolitik! Das sind doch ganz ungesunde Symptome, meine Herren! Kranz Ich möchte das Wort ergreifen! Ich möchte jetzt etwas vorschlagen! Ich möchte jetzt dafür plädieren, daß wir hier den weiteren Gang der Ereignisse seelenruhig abwarten, denn wir werden uns glänzend rechtfertigen, weil wir doch radikal unschuldig sind! Engelbert Hört, hört! Stadtrat Lächerlich! Betz zu Kranz: Du vergißt wieder mal unsere Aggressionstriebe – Kranz Ha? Wirt Jetzt gibts Watschen – Betz Ich spreche jetzt von einem höheren Standpunkt aus. Der Mensch hat doch eine grausame Natur von Natur aus – man muß die Wahrheit vertragen können, lieber Freund! Wirt Oh, wie wahr! Stadtrat Kameraden! Der Mensch ist ein schwaches Rohr im Winde, in bezug auf das Schicksal, ob er nun Monarchist ist oder ein Republikaner. Es gibt nun mal Augenblicke im Leben, wo sich auch der Kühnste der Stimme der Vernunft beugen muß, und zwar gegen sein Gefühl! Kameraden! Das wäre doch ein miserabler Feldherr, der seine Brigaden in eine unvermeidliche Niederlage hineinkommandieren tat! In diesem Sinne schließe ich nun hiermit unsere italienische Nacht! Vis major, höhere Gewalt! Wo ist mein Hut? Betz Ich bleib. Stadtrat Wieso? Betz Ich bin nämlich da nämlich etwas anderer Meinung – Stadtrat Da dürft es doch wohl keine andere Meinung geben! Betz Findst du? Wir haben doch in bezug auf das verdreckte Denkmal ein absolut reines Gewissen. Engelbert Sehr richtig! Betz Und infolgedessen find ich es nicht richtig, so davonzulaufen. Stadtrat Nicht nicht richtig, klug! Diese Faschisten sind doch bekanntlich in der Überzahl und infolgedessen bekanntlich zu jeder Schandtat jederzeit bereit! Wo ist mein Hut? Betz Ich bleib. Und wenn sie mich verhaun! Stille. Stadtrat fixiert ihn höhnisch: Ach, der Herr sind Katastrophenpolitiker? Na viel Vergnügen! Betz Danke! Stadtrat grinst: Gott, wie heroisch! Betz Lieber Prügel als feig. Stille. Stadtrat Findst du? Adele Ich finds auch. Stadtrat Du hast hier überhaupt nichts zu finden! Adele Ich finds aber! Stadtrat nähert sich ihr langsam; unterdrückt: Du hast hier nichts zu finden, verstanden?! Adele Ich sag ja nur, was ich mir denk. Stadtrat Du hast hier nichts zu denken. Adele boshaft: Findst du? Stadtrat Blamier mich nicht, ja! Adele Nein. Stadtrat kneift sie. Adele Au! Au! – Stadtrat Wirst du dich beherrschen?! Adele Au, Alfons! Au! – Stadtrat Daß du dich beherrschst! Daß du dich – Adele reißt sich kreischend los: Au! – Du mit deinem Idealismus! Stadtrat Oh du unmögliche Person! Adele Oh du unmöglicher Mann! Draußen Prolet, drinnen Kapitalist! Die Herren hier sollen dich nur mal genau kennenlernen! Mich beutet er aus, mich! Dreißig Jahr, dreißig Jahr! Sie weint. Stadtrat mit der Hand vor den Augen: Adele! Adele – Stille. Stadtrat ni mmt langsam die Hand von den Augen: Wo ist mein Hut? Wirt erhebt sich schwerfällig: Mit oder ohne Hut – du bist und bleibst umzingelt – Er rülpst und torkelt ab. Adele grinst plötzlich. Stadtrat Lach nicht! Adele Wenn ich dich so seh, find ich das direkt komisch, wie du da den jungen Menschen im Weg herumstehst – Sie schluchzt wieder. Stadtrat Heul nicht! Adele Das sind die Nerven – Kranz Die typische Weiberlogik. Adele weinend: Hättest du zuvor die jungen Leut nicht nauswerfen lassen, würd sich jetzt niemand hertraun – jetzt sind wir doch lauter alte Krüppel – Engelbert Oho! Stadtrat Herr im Himmel! Adele Laß unseren Herrgott aus dem Spiel! Kranz Es gibt keinen Gott. Stille. Ich möchte das Wort ergreifen! Ich möchte jetzt etwas vorschlagen! Ich möchte jetzt dafür plädieren, daß es sozusagen etwas überstürzt war, den Martin so mir nix, dir nix auszuschließen, samt seinem Anhang – er hat doch einen ziemlichen Anhang, einen starken Anhang, und nicht den schlechtesten Anhang – und er hat doch sozusagen gar nicht so unrecht gehabt – Stadtrat Findst du? Kranz Wenn wir jetzt auch solche Kleinkaliber hätten, als wie diese Faschisten, dann müßten wir uns jetzt nicht unschuldig verhaun lassen, sondern könnten uns wehren – wehren – das ist doch logisch, ha? Engelbert Logisch oder nicht logisch! Nach den Statuten mußten wir Martin ausschließen! Kranz Logisch oder nicht logisch! Ich scheiß dir was auf solche Statuten! Engelbert Hört, hört! Kranz Das sind doch ganz veraltete Statuten. Stadtrat Plötzlich? Kranz Ich möchte jetzt offiziell dafür plädieren, daß unseres Kameraden Martin überstürzter Ausschluß wieder rückgängig gemacht werden soll! Stadtrat Rückgängig? Kranz Jawohl! Stadtrat sieht sich fragend um: Was ist das? Betz Ja! Engelbert Hm. Stadtrat zu Engelbert; leise: Ja oder nein? Stille. Engelbert Ja. Stille. Stadtrat Wo ist mein Hut? Adele reicht ihm seinen Hut: Da. Stadtrat setzt den Hut tief in die Stirne; tonlos: Ich werd mich aus dem politischen Leben zurückziehen – jetzt geh ich nirgends mehr hin – höchstens, daß ich noch kegeln werd oder singen – Adele Endlich, Alfons! Trompetensignal. Der Major in ehemaliger Kolonialuniform betritt mit zwei Faschisten rasch den Garten – er hält knapp vor dem Stadtrat und fixiert ihn grimmig. Stille. Der Major Ich habe bereits die zweifelhafte Ehre, Sie zu kennen. Stadtrat nickt apathisch. Der Major Ich sehe es Ihrem unsteten Blick und den schuldbewußten Mienen Ihrer sauberen Genossen an, daß Sie den Zweck meines Kommens bereits erraten haben. Engelbert Wir sind radikal unschuldig! Der Major Ruhe! Jetzt habt ihr euch selbst verraten! Totenstille. Brüllt. Ruhe!! Kurzer Prozeß! Rotes Gesindel! Betz Es ist halt alles relativ – Der Major Maul halten! - Himmellaudon, mit euch werden wir noch fertig! Rache für Straßburg! Wir werden es euch zeigen, Denkmäler zu schänden – ihr habt unsere Ehre verletzt, an unserer Ehre klebt Blut! Betz Vollendeter Blödsinn! Der Major Was?! Betz zündet sich eine Zigarre an. Der Major Rauchen Sie nicht! Betz Bitte – Er legt die Zigarre fort. Stille. Der Major Czernowitz! Czernowitz Zu Befehl, Herr Major! Der Major Erzählen Sie doch mal – wie hat denn Ihr Herr Vater im Felde Kriegsgefangene, die es mit passiver Resistenz versuchten, behandelt? Czernowitz Er hat ihnen die Patronen in den Hintern schlagen lassen, wie einen Nagel in die Wand, Herr Major! Der Major zu Betz: Verstanden? Betz Ich hab keinen Hintern – Der Major geht um den Stadtrat herum; fährt ihn plötzlich an: Hände an die Hosennaht! Setzen! Stadtrat setzt sich wie geistesabwesend. Der Major winkt dem einen Faschisten. Faschist bringt dem Stadtrat Papier, Feder und Tinte. Der Major So. Schreiben Sie, was ich diktiere! Stadtrat folgt apathisch. Der Major diktiert: Ich, der rote Stadtrat Alfons Ammetsberger, erkläre hiermit ehrenwörtlich – haben Sies? – ehrenwörtlich – daß ich ein ganz gewöhnlicher – Stadtrat stockt. Der Major Schreiben Sie! Stadtrat schreibt wieder. Der Major diktiert: – daß ich ein ganz gewöhnlicher – Schweinehund bin! Stadtrat stockt wieder. Der Major Na wirds bald? Stadtrat rührt sich nicht. Der Major Kerl, wenn Sie nicht parieren, kriegen Sie die Hosen voll! Schreiben Sie! Los! Stadtrat beugt sich langsam über das Papier – plötzlich fängt er an zu wimmern und zu schluchzen: Nein, aber ich bin doch kein – Der Major unterbricht ihn brüllend: Sie sind aber ein Schweinehund, ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!! Adele Sie! Das ist kein Schweinehund, Sie! Das ist mein Mann, Sie! Was erlauben Sie sich denn, Sie aufgedonnerter Mensch! So lassen Sie doch den Mann in Ruh! Betz Überhaupt mit welchem Recht – Der Major unterbricht ihn: Maul halten! Adele Halten Sie Ihr Maul! Und ziehen Sie sich mal das Zeug da aus, der Krieg ist doch endlich vorbei, Sie Hanswurscht! Verzichtens lieber auf Ihre Pension zugunsten der Kriegskrüppel und arbeitens mal was Anständiges, anstatt arme Menschen in ihren Garten-Unterhaltungen zu stören, Sie ganz gewöhnlicher Schweinehund! Der Major Ordinäre Person! Na wartet! Draußen stehen vierzig deutsche Männer! Rasch ab mit seinen Faschisten. Adele ruft ihm nach: Das ist mein Mann da, verstanden?! Riesiger Tumult vor dem Gartenlokal. Martin mit Anna, gefolgt von seinen Kameraden, betritt rasch den Garten. Adele Der Martin! Martin Zu Befehl, gnädige Frau! Die Luft ist sozusagen rein, meine Herren! Sie müssen nämlich wissen, daß der Besuch der Herren Faschisten uns gegolten hat, mir und meinen Kameraden – und nicht diesem Vorstand da. Und wir sind halt nun mal so veranlagt, daß wir für unsere Taten einstehen. Ich gestatte mir aber zu melden, daß hier niemand mehr eine Angst zu haben braucht, denn als die Herren Faschisten uns da draußen erblickt haben, da haben sie sich umgruppiert – radikal! Wir haben es halt wieder einmal geschafft! Stadtrat Na also! – Von einer akuten Bedrohung der demokratischen Republik kann natürlich keineswegs gesprochen werden. Kameraden! Solange es einen republikanischen Schutzverband gibt – und solange ich hier die Ehre habe, Vorsitzender der hiesigen Ortsgruppe zu sein, solange kann die Republik ruhig schlafen! Martin Gute Nacht! Varianten Italienische Nacht (1) Drittes Bild Anna Jetzt hab ich einen Inhalt, weißt du – Karl Pardon! Ab. Anna allein. Der Faschist kommt – er geht an ihr vorbei. Anna lächelt und geht auf und ab. Der Faschist folgt ihr mit den Blicken: Fräulein – Anna Bitte? Der Faschist Sie haben etwas, Fräulein. Anna Was soll ich denn haben? Der Faschist Es ist etwas nicht in Ordnung, Fräulein. Anna Was denn? Der Faschist Etwas ganz grandioses. Anna eindringlich: So sagen Sies doch schon, ja?! Der Faschist Sie haben falschen Schritt, Fräulein. Anna starrt ihn an. Der Faschist Das war jetzt ein Witz. Anna Ein Witz. Der Faschist Ja. Stille. So ein Witz wirkt oft nicht. Anna Das liegt an mir – Der Faschist Wahrscheinlich. Stille. Anna Ich hör nämlich sonst sehr gern Witze. Der Faschist Ich mach eigentlich nicht gern Witze. Ich bin sonst ein ernster Mensch, Fräulein. Anna Ich hab gar nichts gegen ernste Menschen – Der Faschist Das ist sehr freundlich von Ihnen. Dann sollten Sie mich ja durch und durch verstehn – Plötzlich. Hast du jetzt Zeit, ha? Anna Wir sind doch noch per Sie. Der Faschist Zu Befehl! Anna Wenn Sie wolln, gehn wir jetzt etwas spaziern – (2) Drittes Bild Anna Jetzt hab ich einen Inhalt, weißt du? Karl Pardon! Ab. Der Faschist kommt. Anna lächelt. Der Faschist will in die Pißbude, besinnt sich und kokettiert mit Anna. Anna Nun? Der Faschist Fräulein. Anna Ja – Unsicher, verlegen. Der Faschist Wissen Sie was, Fräulein? Sie haben etwas, Fräulein. Anna Was soll ich denn haben? Faschist Es ist etwas nicht in Ordnung, Fräulein – Er grinst. Anna wird unsicher: Was denn? Faschist Etwas pikantes – diskretes – Anna So sagen Sies doch schon, ja?! Faschist Sie haben falschen Tritt, Fräulein – Er wiehert. Anna starrt ihn verständnislos an. Faschist verstummt plötzlich; fast gekränkt: Das war jetzt ein Witz. Stille. Eigentlich habe ich ja nicht viel übrig für Witze, Fräulein. Ich bin nämlich ein verschlossener Mensch, ansonsten. Anna Ich hab gar nichts gegen verschlossene Menschen – Faschist Verschlossene Menschen sind auch wertvoller – Konziliant kann ja ein jeder sein. Stille. Plötzlich. Hast du jetzt Zeit, ha? Anna verdutzt: Zeit? Ja. Aber sagen Sie mir noch Sie, bitte – Der Faschist Zu Befehl - Sie gehen ab. Es ist das eine schöne Stadt hier, Ihre Stadt – Ab. (3) Siebentes Bild – Schlußvariante Martins Genossen sind ihm nun in den Garten gefolgt. Kranz Also das ist sehr edel von euch, nicht andere Unschuldige für euere Blödheiten büßen zu lassen! Betz Martin! Du weißt, daß ich dich sehr schätz – Engelbert unterbricht ihn: Martin! Ich bin durch den Gang der Ereignisse zu der Überzeugung gekommen, daß dein Ausschluß ungerechtfertigt war, und ich bedauer es ehrlich, daß ich ihn so überstürzt gefordert hab. Betz Martin! Im Namen des Vorstandes bitte ich dich, wieder unser Kamerad zu werden. Martin verbeugt sich leicht: Danke. Aber leider seid ihr zu spät dran, denn es wurde bereits ein neuer Schutzbund gegründet – Engelbert setzt sich. Martin Und ich euer Kamerad? Ich müßt mich doch nur mit euch herumstreiten, um kämpfen zukönnen! Warum soll ich meine Kraft verpuffen? Betz Irrtum! Martin Das ist doch kein Irrtum! Betz Doch! Wir überlassen dir gerne die Führung und werden nur dann reden, wenn wir gefragt werden – so wie sichs alten Leuten geziemt. Stille. Martin reicht ihm die Hand: So komm! Betz lächelt: Es ist nämlich alles relativ – Martin Aber was! Du vielleicht, aber nicht ich! Erster Genosse Hoch Martin! Alle außer Stadtrat und Adele: Hoch! Hoch! Hoch! Stadtrat leise: Ein neuer Schutzbund Martin Ein junger Schutzbund! Stadtrat Ein junger – Er trocknet sich verstohlen einige Tränen ab. Adele Komm – Martin Ich werd mich aus dem politischen Leben zurückziehen – jetzt geh ich nirgends mehr hin – höchstens, daß ich noch kegeln werd oder singen – Adele Endlich, Alfons (4) Siebentes Bild – Schlußvariante 2 Martins Genossen sind ihm nun in den Garten gefolgt. Kranz Also das ist sehr edel von euch, nicht andere Unschuldige für euere Blödheiten büßen zu lassen! Betz Martin! Du weißt, daß ich dich sehr schätz – Engelbert unterbricht ihn: Martin! Ich bin durch den Gang der Dinge zu der Überzeugung gekommen, daß dein Ausschluß ungerechtfertigt ist, und ich bedauer es ehrlich, daß ich ihn so überstürzt gefordert hab. Betz Martin! Im Namen des Vorstandes bitte ich dich, wieder unser Kamerad zu werden. Martin verbeugt sich leicht: Danke. Aber leider seid ihr zu spät dran, denn es wurde bereits ein neuer Schutzbund gegründet – Engelbert Setzt sich. Martin Und was soll ich denn als euer Kamerad? Ich müßt mich doch nur mit euch herumstreiten, um kämpfen zu können! Warum soll ich meine Kraft verpuffen? Kranz stiert Martin fassungslos an. Stadtrat leise: Ein neuer Schutzbund – Martin Ein junger Schutzbund! Stadtrat Ein junger – Er trocknet sich verstohlen einige Tränen ab. Betz Es ist halt alles relativ. Martin Aber was! Ihr schon, aber nicht wir! Kommt, Genossen! (5) Siebentes Bild – Schlußvariante 3 Betz lächelt: Es ist halt alles relativ – Ab mit Kranz und Engelbert. Martin ruft ihnen nach: Du mit deiner Relativität! Ihr seid vielleicht schon relativ, aber wir denken nicht daran! Wir sind nicht relativ, Kameraden! Erster Kamerad Sehr richtig! Anna Ein dreifaches Hoch unserem neuen Führer Martin! Alle außer Stadtrat und Adele: Hoch! Hoch! Hoch! Stadtrat leise: Ein neuer Führer – Martin Ein junger Führer! Stadtrat Ein junger – Er trocknet sich verstohlen einige Tränen ab. Polizist Jetzt wirds aber höchste Zeit! Polizeistund, meine Herrschaften! Polizeistund! Martin zieht mit seinen Kameraden singend ab – Adele Komm – Stadtrat Ich werd mich aus dem politischen Leben zurückziehen – jetzt geh ich nirgends mehr hin – höchstens, daß ich noch kegeln werd oder singen – Adele Endlich, Alfons! Der Sozialistenmarsch verklingt in der Ferne – dafür ertönt der Radetzki-Marsch; alles geht nach Hause. Die Faschisten ziehen an der Bank vorbei, auf welcher Leni und Karl sitzen. Der Radetzki-Marsch verklingt in der Ferne. Stille. Leni Du – Du – Du – Karl zündet sich eine Zigarette an. Leni Ich bin so glücklich. Oh, wird das Leben jetzt schön – Du, ich will lernen von dir, auch das Politische – Karl Das Politische? Leni Ja. Bei mir ist jetzt das Interesse erwacht – Stille. Karl Bei mir wirst du spielend lernen. Aber als Kolonialwarenhändler – Leni Ein Kaufmann darf nicht politisieren, weil er sonst anstoßt. Wir sind halt noch lang keine freien Menschen – So ist das Leben. Stille. Jetzt möcht ich singen. Immer, wenn ich traurig bin, möcht ich singen – Sie singt. Martin und Anna sind vor ihrer Haustüre angelangt. Anna Jetzt darf ichs aber doch sagen? Martin Inwiesofern? Anna Daß du nämlich eine Ausnahme bist. Stille. Martin Eigentlich ja. Eigentlich aber auch nein. Anna, wenn wir uns derartig über Sonne, Mond und Sterne hinauf loben, dann könnten wir es ja noch vergessen, daß wir nicht für uns, sondern lediglich für die zukünftige Generation arbeiten – Umarmung. Anna Wenn doch nur ein jeder deine Durchschlagskraft hätt – was könnte dann alles schon da sein in dreißig Jahr? Neunzehnhundertsechzig – Martin Neunzehnhundertsechzig – Große Umarmung. (6) Siebentes Bild – Schlußvariante 4 Jetzt betreten die Faschisten den Garten – gleichzeitig erscheint aber auch Martin mit seinen Kameraden durch ein anderes Tor; die Faschisten sind etwas überrascht. Engelbert Martin! Kranz Der Martin! Martin gibt ihnen mit der Hand ein Zeichen, daß sie schweigen sollen; dann setzt er sich mit seinen Kameraden und fixiert die Faschisten erwartungsvoll. Die Faschisten setzen sich ebenfalls und fixieren Martin und dessen Kameraden, sind aber bereits etwas unsicher. Stille. Ein Faschist aus dem Hintergrunde: Ein Heil unserem unvergleichlichen Führer. Alle Faschisten , ein Dreizehnjähriger ist auch dabei: Heil! Heil! Heil! Sie singen: »Siegreich wollen wir Frankreich schlagen«. Martin und seine Kameraden hören es sich zuerst ruhig an, dann kommt aber etwas Bewegung in sie – sie prüfen die Stühle auf ihre Festigkeit, stellen Krüge vor sich hin – werfen mit Bierfilzeln auf den Faschistentisch. Dieses Werfen wird schwach erwidert - ein Kamerad Martins schüttet seinen Krug nach den Faschisten – einer steht auf und krempelt sich die Ärmel hoch – Die Faschisten singen noch immer, werden aber immer weniger. Einer nach dem anderen drückt sich heimlich – Anna erscheint. Der Faschist schnellt empor: Hoho! Wie kommt denn die Person daher?! Schluß mit dem Gesang. Große Stille. Martin perplex: Was für eine Person? Der Faschist direkt geistesabwesend: Dort – dort – Martin Von was für einer Person fabuliert denn der? Anna Das bin ich. Stille. Mich meint er, Martin. Martin begreift allmählich: Dich? ... Ah, das ist aber interessant ... Alsdann: war das etwa der mit deinem Fleck da ...? Der Faschist brüllt: Verrat! Organisierter Verrat! Landesverrat, Landesverrat!! Martin nähert sich ihm drohend: Ich geb dir gleich einen Landesverrat, du Grobian, gottverlassener! Er zieht sich den Rock aus. Ein Polizist und ein Gendarm erscheinen: Polizeistund! Polizeistund, meine Herrschaften. Der Faschist grüßt den Polizisten und ab. Martin sieht ihm nach; zieht sich langsam seinen Rock wieder an. Adele lächelt: Der Martin – Martin gewollt charmant: Zu Befehl, gnädige Frau! Ich gestatte mir nur zu melden, daß hier niemand mehr eine Angst zu haben braucht. Nämlich abgesehen von allem hat der Herren Faschisten ihr Besuch uns gegolten, mir und meinen Kameraden – und euch schon gar nicht! Und wir sind halt nun mal so veranlagt, daß wir für unsere Taten einstehen, selbst wenn so eine Tat auch mal eine richtige Blödheit gewesen sein soll. Betz Irrtum. Martin Das ist doch kein Irrtum! Betz Doch. Wir überlassen dir nämlich gerne die Führerrolle und werden nur dann reden, wenn wir gefragt werden. – So wie sichs alten Leuten geziemt. Er reicht ihm die Hand. Kurze Pause. Martin schlägt ein: Alsdann ist es eh schon wurscht. Betz lächelt: Es ist nämlich alles relativ – Martin Du mit deiner Relativität! Du bist vielleicht schon relativ, aber nicht ich! Polizist Polizeistund, meine Herren! Erster Kamerad Hoch unser neuer Führer! Alle außer Stadtrat, Adele und Polizei: Hoch, hoch, hoch! Stadtrat leise: Ein neuer Führer Martin Ein junger Führer! Stadtrat Ein junger – – Er trocknet sich verstohlen einige Tränen ab. Polizist Jetzt wirds aber höchste Zeit! Polizeistund, meine Herrschaften! Polizeistund!