Henrik Ibsen Die Kronprätendenten Historisches Schauspiel in fünf Akten Personen Håkon Håkonssen , von den Birkebeinern zum König gewählt Inga von Vartejg , seine Mutter Jarl Skule Ragnhild , seine Gattin Sigrid , seine Schwester Margrete , seine Tochter Guthorm Ingesson Sigurd Ribbung – Nikolas Arnesson , Bischof von Oslo Dagfinn der Bauer , Håkons Staller Ivar Bodde , sein Hofkaplan Vegard Väradal , einer seiner Höflinge Gregorius Jonsson , Lehnsmann Paul Flida , Lehnsmann Ingebjörg , Gemahlin Andres Skjaldarbands Peter , ihr Sohn, ein junger Priester Sira Viljam , Hauskaplan des Bischofs Nikolas Meister Sigard aus Brabant, ein Arzt Jatgjer der Skalde , ein Isländer Bård Bratte , ein Häuptling aus dem Trondhjemschen Städter und Landvolk aus Bergen, Oslo und Nidaros Kreuzbrüder, Priester, Mönche und Nonnen Gäste, Höflinge und höfische Frauen Kriegsvolk usw. Das Stück spielt in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts. (Sprich: Hokon Hokonsson, Warteig, Iwar, Wegard Wäradal, Wiljam, Bord und Steinwäg, Bordsson, Gronback, Holagoland, Torsteinsson, Jostein, Eilif, Wike, Rein, Kolbein, Horfager, Eidsvold, Inderred, Ladehammer.) Erster Akt Der Christkirchhof in Bergen. Im Hintergrund die Kirche, deren Hochportal den Zuschauern zugewandt ist. Links im Vordergrunde stehen Håkon Håkonsson, Dagfinn, Vegard Väradal, Ivar Bodde mit mehreren Lehnsmännern und Häuptlingen. Ihnen gegenüber Jarl Skule, Gregorius Jonsson, Paul Flida und andere Anhänger des Jarls. Weiter zurück auf derselben Seite erblickt man Sigurd Ribbung mit seinem Gefolge, und in mäßiger Entfernung von ihm Guthorm Ingesson mit verschiedenen Häuptlingen. Die Zugänge zur Kirche sind mit Wachen besetzt; die Volksmenge erfüllt den ganzen Kirchhof; viele sitzen hoch in den Bäumen und auf der Kirchenmauer; mit höchster Spannung scheinen alle auf etwas zu warten, das sich ereignen soll. Von allen Kirchtürmen fern und nah läuten die Glocken. Jarl Skule mit gedämpfter Stimme und ungeduldig zu Gregorius Jonsson. Auf was harren sie drinnen so lange? Gregorius Jonsson . Still! Jetzt beginnt der Gesang. Aus dem Innern der geschlossenen Kirche erschallt mit Posaunenbegleitung: Chor der Mönche und Nonnen . Domine coeli usw. usw. Während des Gesanges wird die Kirchentür von innen geöffnet; in der Vorhalle gewahrt man den Bischof Nikolas , umgeben von Priestern und Klosterbrüdern. Bischof Nikolas tritt in die Tür und verkündet mit erhobenem Stabe. Nun besteht Inga von Vartejg die Eisenprobe für Håkons Thronrecht. Die Kirche wird wieder geschlossen; der Gesang drinnen dauert fort. Gregorius Jonsson leise zum Jarl. Ruf den heiligen König Olaf an für das, was Rechtens ist. Jarl Skule hastig und abwehrend. Jetzt nicht. Besser, ihn nicht an mich zu mahnen! Ivar Bodde ergreift Håkons Arm. Bete Zu Gott Deinem Herrn, Håkon Håkonsson. Håkon . Tut nicht not – ich bin seiner gewiß. Der Gesang aus der Kirche erschallt stärker; alle entblößen das Haupt, viele fallen auf die Knie und beten. Gregorius Jonsson zum Jarl. Dies ist eine große Stunde für Dich und viele. Jarl Skule blickt voll Spannung nach der Kirche. Eine große Stunde für Norwegen. Paul Flida dicht neben dem Jarl. Jetzt hält sie das Eisen. Dagfinn drüben bei Håkon. Sie schreiten den Kirchenflur hinab. Ivar Bodde . Christus schirme Deine reinen Hände, Inga, Du Königsmutter! Håkon . Diese Stunde will ich ihr gewißlich mein Lebelang lohnen. Jarl Skule , der mit Spannung gelauscht hat, ruft plötzlich. Schrie sie auf? Ließ sie das Eisen fallen? Paul Flida geht auf die Kirche zu. Ich weiß nicht, was es war. Gregorius Jonsson . Die Weiber weinen laut in der Vorhalle. Der Chor in der Kirche fällt jubelnd ein. Gloria in excelsis deo! Das Portal springt auf; Inga tritt heraus, begleitet von Nonnen, Priestern und Mönchen. Inga auf der Kirchentreppe. Gott hat gerichtet! Seht diese Hände – mit ihnen trug ich das Eisen! Stimmen aus der Menge . Sie sind rein und weiß, wie zuvor! Andere Stimmen . Ja, schöner noch! Die ganze Volksmenge . Er ist gewißlich Håkon Sverressons Sohn! Håkon seine Mutter umarmend. Hab Dank, Dank, Du Gesegnete des Herrn! Bischof Nikolas im Vorbeigehen zum Jarl: Unklug war's, die Eisenprobe zu befürworten. Jarl Skule . Nein, Herr Bischof, in dieser Sache mußte Gott sprechen. Håkon hält tiefbewegt Ingas Hand fest. Nun ist es also vollbracht, das, wogegen alles in meiner Seele geschrieen – das, worunter mein Herz sich gewunden und gekrümmt hat – Dagfinn zur Volksmenge. Ja, seht dieses Weib an, und besinnt Euch, alle die Ihr hier seid! Wer hat an ihrem Worte gezweifelt, ehe es einzelnen gelegen kam, daß Zweifel entstände? Paul Flida . Der Zweifel raunte in jeder Hütte von der Stunde an, da Håkon, der Thronerbe, als Kind in Königs Inges Haus getragen ward. Gregorius Jonsson . Und letzten Winter wuchs der Zweifel zu einem Schrei an und ging laut durchs Land, gen Norden und Süden, – das kann jedermann, denk' ich, bezeugen. Håkon . Am besten kann ich selbst es bezeugen. Drum hab' ich auch dem Rate so vieler treuer Freunde nachgegeben und mich so tief gebeugt, wie kein andrer zum König erwählter Mann seit langen Zeiten es getan hat. Mit der Eisenprobe hab' ich meine Geburt, hab' ich mein Recht bewiesen, als Håkon Sverressons Sohn Land und Reich in Erbe zu nehmen. Nicht will ich hier genauer forschen, wer den Zweifel genährt und ihm eine so laute Stimme geliehen hat, wie die Freunde des Jarls sagen; aber das weiß ich, daß ich bitterlich darunter gelitten habe. Schon als Kind bin ich zum König gewählt worden, aber geringe Königsehre ward mir erwiesen, selbst da, wo ich es meines Bedünkens am sichersten hätte erwarten dürfen. Ich will nur an den letzten Palmsonntag in Nidaros erinnern, da ich zum Altar schritt, um dem Herrn zu opfern, und der Erzbischof sich umwandte und tat, als ob er mich nicht sähe, um mich nicht grüßen zu müssen, wie's Könige zu grüßen Brauch ist. Solches hätt' ich leicht zu tragen gewußt; doch offener Krieg drohte im Lande auszubrechen, und den mußte ich verhindern. Dagfinn . Gut mag es für Könige sein, weisen Ratschlägen zu lauschen; aber wäre mein Rat in dieser Sache gehört worden, so wäre nicht mit glühendem Eisen, sondern mit kaltem Stahle Håkon Håkonsson sein Recht wider seine Gegner verschafft worden. Håkon . Beherrsche Dich, Dagfinn; das ziemt dem Manne, der als der Erste im Reich regieren soll. Jarl Skule mit einem leichten Lächeln. Des Königs Feind nennt man so gern jeden, der dem Willen des Königs zuwider ist. Ich meine nun, der ist dem König der ärgste, der ihm davon abrät, sein Recht auf den Königsnamen zu erhärten. Håkon . Wer weiß! Wär' es mein Recht allein, um was es sich hier handelte, dann vielleicht hätt' ich es nicht so teuer erkauft; aber wir müssen den Blick höher richten; hier gilt es Beruf und Pflicht. Ich fühle das tief und warm in mir, und ohn' Erbleichen darf ich sagen: ich allein bin der Mann, der das Land in diesen Zeiten zum Besten vorwärts zu steuern vermag; – königliche Geburt bringt königliche Pflichten mit – Jarl Skule . Es gibt hier mehr Leute, die sich ein so günstiges Zeugnis ausstellen. Sigurd Ribbung . Ich tu's, und aus ebenso gutem Grunde. Mein Großvater war König Magnus Erlingsson – Håkon . Ja, wenn Dein Vater, Erling Stejnvaeg, der Sohn des Königs Magnus war; aber die meisten leugnen das, und noch hat keiner in dieser Sache die Eisenprobe bestanden. Sigurd Ribbung . Die Ribbunger nahmen mich zum König und taten das aus freien Stücken, indessen Dagfinn und andere Birkebeiner Dir einen Königsnamen ertrotzten. Håkon . Ja, so arg hattet Ihr mit Norwegen geschaltet, daß Sverres Sproß sein Recht sich ertrotzen mußte. Guthorm Ingesson . Sverres Sproß bin ich so gut wie Du – Dagfinn . Aber nicht in gerader Linie von Sohn zu Sohn. Bischof Nikolas . Es ist ein weibliches Zwischenglied da, Guthorm. Guthorm Ingesson . Und doch weiß ich, daß Inge Bårdsson, mein Vater, auf gesetzliche Art zum König über Norwegen gemacht wurde. Håkon . Weil da niemand wußte, daß Sverres Enkel am Leben war. Seit dem Tage, da dies ruchbar wurde, regierte er das Reich als Vormund für mich, – nicht anders. Jarl Skule . Das läßt sich nicht mit Sicherheit behaupten; Inge war sein Lebtag König mit aller gesetzlichen Macht und ohne Vorbehalt. Daß Guthorm geringes Anrecht besitzt, kann schon wahr sein – denn er ist von unechter Geburt. Allein ich bin König Inges rechtmäßiger Bruder, und das Gesetz ist für mich, wenn ich nach ihm sein volles Erbe fordere und in Besitz nehme. Dagfinn . Ei, Herr Jarl, sein volles Erbe habt Ihr gewißlich an Euch genommen, und nicht allein das Hausvermögen Eures Vaters, sondern alles, was Håkon Sverresson an Gütern hinterließ. Bischof Nikolas . Nicht alles, guter Dagfinn. Der Wahrheit die Ehre! – König Håkon behielt einen Brustschmuck und den Goldreif, den er um den Arm trägt. Håkon . Sei dem, wie ihm wolle; mit Gottes Hilfe werde ich neues Gut gewinnen. Und nun, Ihr Lehnsleute und Richtersleute, Ihr Kirchenbrüder und Häuptlinge und Gefolgschaften, jetzt ist es an der Zeit, die Reichsversammlung festzusetzen, die beschlossen ist. Mit gebundenen Händen hab' ich gesessen bis zum heutigen Tage; ich meine, kein Mann wird mir's verdenken, daß ich mich sehne, sie gelöst zu sehen. Jarl Skule . Es geht mehr Leuten wie Euch, Håkon Håkonsson. Håkon wird aufmerksam. Herr Jarl, was meint Ihr? Jarl Skule . Ich meine, daß wir Thronforderer alle denselben Grund zur Sehnsucht haben. Alle waren wir gleich straff gebunden; denn keiner von uns wußte, wie weit sein Recht sich erstreckt. Bischof Nikolas . Schlimm stand es um die Angelegenheiten der Kirche wie des Landes; aber nun wird das Gesetz des heiligen Olaf entscheiden. Dagfinn halblaut. Neue Ränke! Håkons Anhänger rücken dichter zusammen. Håkon zwingt sich zur Ruhe und geht dem Jarl ein paar Schritte entgegen. Ich will annehmen, daß ich den Sinn Eurer Worte nicht verstanden habe. Die Eisenprobe hat mein Erbrecht auf das Reich beglaubigt, und daher vermein' ich, daß die Reichsversammlung nur meiner Königswahl, die schon vor sechs Jahren auf dem Oerething stattfand, Gesetzeskraft zu geben hat. Mehrere der Anhänger Jarls und Sigurds . Nein, nein, – das bestreiten wir! Jarl Skule . Das war niemals die Absicht, als beschlossen ward, hier eine Reichsversammlung abzuhalten. Durch die Eisenprobe habt Ihr noch nicht des Reiches Besitz erlangt, sondern nur Euer Anrecht bewiesen, Euch heute mit uns andern Thronbewerbern hier einzufinden und den Anspruch geltend zu machen, den Ihr zu haben vermeint – Håkon beherrscht sich. Das will also klipp und klar heißen, ich habe sechs Jahre lang unrechtmäßig den Königsnamen geführt, und Ihr, Herr Jarl, habt sechs Jahre lang unrechtmäßig das Land als mein Vormund verwaltet. Jarl Skule . Keineswegs. Einer mußte den Königsnamen führen, da mein Bruder tot war. Die Birkebeiner, und zumeist Dagfinn, waren tätig für Eure Sache und setzten Eure Wahl ins Werk, ehe wir andern mit unsern Forderungen hervortreten konnten. Bischof Nikolas zu Håkon. Der Jarl meint, jene Wahl verlieh Euch nur das Nießbrauch-, nicht das Eigentumsrecht auf das Königtum. Jarl Skule . Ihr saßet da im Besitz aller Gerechtsame; aber sowohl Sigurd Ribbung, wie Guthorm Ingesson, wie ich, wir vermeinen ebenso nahe Erben zu sein wie Ihr, und jetzt wird das Gesetz zwischen uns entscheiden und bestimmen, wer das Erbe fest für alle Zeit bekommen soll. Bischof Nikolas . Die Wahrheit zu sagen, der Jarl hat nicht schlechten Grund für seine Meinung. Jarl Skule . Sowohl von der Eisenprobe wie von der Reichsversammlung war mehr als einmal in diesen Jahren die Rede, immer aber kam etwas dazwischen. Und, Herr Håkon, wenn Ihr vermeintet, Euer Recht stünde durch die erste Königswahl unerschütterlich fest, warum habt Ihr da Eure Zustimmung gegeben, daß die Eisenprobe jetzt noch vorgenommen werde? Dagfinn erbittert. Braucht Euer Schwert, Königsmannen, und laßt das entscheiden! Viele der Mannen vorstürmend. Führet die Waffen gegen des Königs Widersacher! Jarl Skule zu den Seinen. Tötet keinen! Verwundet keinen! Haltet sie Euch nur vom Leibe! Håkon hält seine Mannen zurück. Das Schwert stecke jeder ein, der es zog! Steckt das Schwert ein, sag' ich! Ruhig. Ihr macht mir's zehnfach schwer durch solches Gebahren. Jarl Skule . So streitet Mann wider Mann ringsum im Lande. Da seht Ihr's, Håkon Håkonsson; ich denke, jetzt erweist sich's am besten, was Ihr zu tun habt, wenn des Landes Frieden und das Leben der Menschen Euch am Herzen liegen. Håkon nach kurzem Besinnen. Ja, – ich seh's. Er ergreift Ingas Hand und wendet sich zu einem der Umstehenden. Torkell, Du warst ein treuer Mann in meines Vaters Dienst; führe diese Frau heim in Deine Herberge und sei gut zu ihr; – sie war Håkon Sverresson besonders teuer. – Gott segne Dich, meine Mutter, –ich muß jetzt zur Reichsversammlung. Inga drückt ihm die Hand und geht mit Torkell ab. Håkon schweigt eine Weile, dann tritt er vor und spricht mit klarer Stimme: Das Gesetz soll richten – es allein. Ihr Birkebeiner, die Ihr mit auf dem Oerething wart und mich zum König machtet, Ihr seid jetzt des Eids entbunden, den Ihr mir dorten geschworen habt. Du, Dagfinn, bist nicht mein Staller mehr; ich will weder mit Stallern noch mit Gefolge, weder mit Königsmannen noch mit eidverpflichteten Kämpen erscheinen; ich bin ein armer Mann; all mein Erbe ist ein Brustschmuck und dieser Goldreif – das ist zu geringes Gut, um so vieler wackern Mannen Dienste zu lohnen. Jetzt, Ihr andern Thronforderer, jetzt steht es gleich zwischen uns; ich will nichts vor Euch voraushaben, ausgenommen das Recht, das ich von oben empfing, – das kann und will ich mit niemand teilen. – Laßt blasen zur Reichsversammlung, und mögen Gott und das Gesetz des heiligen Olaf richten! Er geht mit seinen Mannen links ab; Hörner- und Lurenklang aus der Ferne. Gregorius Jonsson zum Jarl, indem die Volksmenge sich zu zerstreuen beginnt. Bei der Eisenprobe dünktest Du mich zaghaft, und jetzt siehst Du so froh und zuversichtlich aus. Jarl Skule vergnügt. Sahst Du, er hatte Sverres Augen, da er sprach? Die Wahl wird gut, mögen sie ihn oder mich zum König machen. Gregorius Jonsson unruhig. Aber weiche nicht! Denk an die alle, die mit Deiner Sache fallen. Jarl Skule . Hier steh' ich auf des Rechtes Grund; jetzt versteck' ich mich nicht vor dem Heiligen. Geht mit seinem Gefolge links ab. Bischof Nikolas , Dagfinn nacheilend. Es geht schon, guter Dagfinn, es geht schon – aber halte den Jarl recht fern vom Könige, wenn er gewählt ist – halt' ihn ja recht fern! Alle ab links hinter der Kirche.   Eine Halle im Königsschlosse . Links im Vordergrunde ein niedriges Fenster; rechts eine Eingangstür; im Hintergrunde eine größere Tür, die zur Königshalle hineinführt. Am Fenster steht ein Tisch; sonst Stühle und Bänke. Frau Ragnhild und Margrete kommen durch die kleinere Tür; Sigrid folgt ihnen auf dem Fuße. Frau Ragnhild . Hier herein! Margrete . Ja, hier ist's am dunkelsten. Frau Ragnhild ans Fenster tretend. Und hier kann man auf den Thingwall herniedersehen. Margrete vorsichtig hinausblickend. Ja, drunten hinter der Kirche sind sie alle versammelt. Wendet sich schluchzend ab. Da unten soll nun das geschehen, das so folgenschwer sein wird. Frau Ragnhild . Wer herrscht hier morgen in der Halle? Margrete . O schweig! Nie hätt' ich gedacht, einen so schweren Tag zu erleben. Frau Ragnhild . Der mußte kommen: Königsvormund zu sein, das war ein unzulängliches Geschäft für ihn . Margrete . Ja, – der mußte kommen; der Königsname allein konnte ihm nicht genügen. Frau Ragnhild . Von wem sprichst Du? Margrete . Von Håkon. Frau Ragnhild . Ich sprach vom Jarl. Margrete . Es gibt keine stattlicheren Männer als die beiden. Frau Ragnhild . Siehst Du Sigurd Ribbung? Wie arglistig er dasitzt, – recht wie ein Wolf in Ketten. Margrete . Ja, sieh –! Er faltet die Hände vor sich über dem Schwertknauf und stützt das Kinn darauf. Frau Ragnhild . Er beißt sich in den Schnurrbart und lacht – Margrete . Wie häßlich er lacht. Frau Ragnhild . Er weiß, niemand wird seine Sache vertreten – und das macht ihn so giftig. – Wer ist der Richtersmann, der jetzt redet? Margrete . Das ist Gunnar Grjonbak. Frau Ragnhild . Ist er für den Jarl? Margrete . Nein, er ist wohl für den König – Frau Ragnhild sieht sie groß an. Für wen, sagst Du? Margrete . Für Håkon Håkonsson. Frau Ragnhild blickt hinaus; nach kurzer Pause: Wo sitzt Guthorm Ingesson? – Ich seh' ihn nicht. Margrete . Hinter seinen Leuten, dort , ganz unten, – im langwallenden Mantel. Frau Ragnhild . Ja, dort. Margrete . Er sieht aus, als schäme er sich – Frau Ragnhild . Wohl der Mutter wegen. Margrete . Das hat Håkon nicht nötig. Frau Ragnhild . Wer spricht jetzt? Margrete hinausblickend. Tord Skolle, Richter zu Ranafylke. Frau Ragnhild . Ist er für den Jarl? Margrete . Nein, für – Håkon. Frau Ragnhild . Wie unbeweglich der Jarl dasitzt und zuhört! Margrete . Håkon scheint still, – aber doch zuversichtlich. Lebhaft. Stünde ein wildfremder Mann hier, er müßte die beiden unter all den tausend andern erkennen. Frau Ragnhild . Sieh, Margrete; Dagfinn schiebt Håkon einen vergoldeten Stuhl hin – Margrete . Paul Flida stellt ebenso einen hinter den Jarl – Frau Ragnhild . Håkons Leute wollen es verhindern! Margrete . Der Jarl hält den Stuhl fest –! Frau Ragnhild . Håkon fährt ihn zornig an – Sie tritt mit einem Schrei vom Fenster zurück. O Jesus Christus! Sahst Du die Augen – und das Lächeln –! Nein, das war nicht der Jarl! Margrete , die ebenfalls schaudernd zurückgefahren ist. Und auch nicht Håkon? Weder der Jarl noch Håkon! Sigrid am Fenster. O erbärmlich, erbärmlich! Margrete . Sigrid! Frau Ragnhild . Du bist da? Sigrid . So tief unten herum muß man schleichen, um auf den Königssitz hinauf zu gelangen! Margrete . O, bete mit uns, daß sich alles zum besten wende. Frau Ragnhild bleich und erschrocken zu Sigrid. Sahst Du ihn –? Sahst Du meinen Eheherrn –? Die Augen und das Lächeln, – ich hätte ihn nicht erkannt! Sigrid . Glich er Sigurd Ribbung? Frau Ragnhild leise. Ja, er glich Sigurd Ribbung! Sigrid . Lachte er wie Sigurd? Frau Ragnhild . Ja, ja! Sigrid . Dann laßt uns alle beten. Frau Ragnhild mit der Kraft der Verzweiflung. Der Jarl muß zum König erkoren werden! Er leidet Schaden an seiner Seele, wenn er nicht der erste Mann im Lande wird! Sigrid kräftiger. Dann laßt uns alle beten! Frau Ragnhild . Still! was ist das ? Am Fenster. Was für Rufe! Alle Männer haben sich erhoben – alle Banner und Zeichen flattern im Winde. Sigrid ihren Arm packend. Bete, Weib! Bete für Deinen Eheherrn! Frau Ragnhild . Ja, heiliger Olaf, gib ihm alle Macht in diesem Lande! Sigrid leidenschaftlich. Keine, – keine! Sonst wird er nimmer gerettet! Frau Ragnhild . Er muß die Macht haben. Alles Gute in ihm wird wachsen und blühen, wenn er sie bekommt –. Sieh hinaus, Margrete! Hör' hin! Sie weicht einen Schritt zurück. Alle Hände erheben sich zum Schwur! Margrete lauscht am Fenster. Frau Ragnhild . Bei Gott und dem heiligen Olaf, wem gilt das? Sigrid . Bete! Margrete lauscht und gebietet mit erhobener Hand Schweigen. Frau Ragnhild nach einer Weile. Sprich! Hörner- und Lurenschall vom Thingwalle. Frau Ragnhild . Bei Gott und dem heiligen Olaf, wem galt das? Kurze Pause. Margrete wendet den Kopf und spricht: Nun haben sie Håkon Håkonsson zum König erkoren. Die Musik des Königszuges fällt ein, zuerst gedämpft, dann näher und näher. Frau Ragnhild klammert sich schluchzend an Sigrid, die sie still hinausführt nach rechts; Margrete bleibt unbeweglich am Fenster stehen, gelehnt an den Rahmen. Die Leute des Königs öffnen die Flügeltür; man blickt in die Halle, die allmählich der Zug vom Thingwalle füllt. Håkon wendet sich in der Tür zu Ivar Bodde um. Bring mir Schreibfeder und Wachs und Seide, – Pergament hab' ich schon. Er geht in lebhafter Bewegung zum Tische und legt einige Pergamentrollen darauf. Margrete, jetzt bin ich König! Margrete . Ich grüße meinen Herrn und König. Håkon . Dank! – Er schaut sie an und ergreift ihre Hand. Verzeiht – ich dachte nicht daran, daß es Euch kränken mußte. Margrete zieht die Hand zurück. Es hat mich nicht gekränkt – Ihr seid gewißlich zum König geboren. Håkon lebhaft. Ja, muß nicht ein jeglicher das sagen, wenn er bedenkt, wie wunderbar Gott und die Heiligen mich wider alles Böse beschirmt haben? Als ich ein Jahr alt war, trugen die Birkebeiner mich in Frost und Unwetter übers Gebirge und mitten durch die hindurch, die mir nach dem Leben trachteten. In Nidaros entkam ich unverletzt den Baglern, als sie die Stadt verbrannten und so viele von den Unsern erschlugen, während König Inge sich selbst mit Not an Bord eines Schiffes rettete, indem er am Ankertau emporklomm. Margrete . Ihr hattet eine harte Jugend. Håkon blickt sie fest an. Mich will jetzt bedünken, Ihr hättet sie mir freundlicher machen können. Margrete Ich? Håkon . Ihr hättet mir eine so gute Pflegeschwester sein können in all den Jahren, da wir miteinander aufwuchsen! Margrete . Aber es fügte sich nicht so. Håkon . Nein, – es fügte sich nicht so; – wir schauten einander an, jedes aus seiner Ecke, aber selten sprachen wir zusammen – Ungeduldig. Wo bleibt er nur! Ivar Bodde erscheint mit Schreibgerät. Bist Du da? Gib her! Håkon setzt sich an den Tisch und schreibt. Bald darauf tritt Jarl Skule ein, darauf Dagfinn, Bischof Nikolas und Vegard Väradal . Håkon blickt auf und läßt die Feder sinken. Herr Jarl, wißt Ihr, was ich hier schreibe? Der Jarl kommt näher. Ich schreibe an meine Mutter; ich danke ihr für alles Gute und küsse sie tausendmal – auf dem Papier, versteht sich. Ich schicke sie ostwärts nach Borgasyssel, und dort soll sie mit allen königlichen Ehren leben. Jarl Skule . Ihr wollt sie nicht bei Hof behalten? Håkon . Sie ist mir allzu teuer, Jarl. – Ein König darf keinen um sich haben, der ihm allzu teuer ist; ein König muß mit freien Händen handeln können, muß allein stehen, sich nicht locken und nicht leiten lassen. Hier in Norwegen gibt es so viel zu sühnen. Schreibt weiter. Vegard Väradal leise zu Bischof Nikolas. Das war mein Rat, – die Sache mit der Königsmutter. Bischof Nikolas . Ich erkannte Euch sogleich an dem Rat. Vegard Väradal . Nun aber Gleiches für Gleiches! Bischof Nikolas . Wartet! Ich halte, was ich versprach. Håkon gibt Ivar Bodde das Pergament. Falt' es zusammen und überbring es ihr selbst mit vielen zärtlichen Grüßen – Ivar Bodde , der einen Blick in das Pergament geworfen hat. Herr – noch heute, schreibt Ihr –! Håkon . Der Wind ist jetzt gut, – er streicht südwärts durch die Inseln. Dagfinn langsam. Bedenket, Herr König, daß sie die Nacht hindurch in Fasten und Gebet auf den Altarstufen gelegen hat. Ivar Bodde . Und es könnte sein, daß sie müde ist nach der Eisenprobe. Håkon . Wohl wahr, wohl wahr – meine gute, zärtliche Mutter –! Sich fassend. Ja, wenn sie allzu müde ist, soll sie bis morgen warten. Ivar Bodde . Euer Wille geschehe. Er legt ihm ein anderes Pergament vor. Und nun das andere, Herr! Håkon . Das andere? – Ivar Bodde, ich kann nicht. Dagfinn deutet auf den Brief an Inga. Ihr konntet doch das da. Ivar Bodde . Mit allem, was sündhaft ist, müsset Ihr brechen. Bischof Nikolas , der sich mittlerweile genähert hat. Bindet dem Jarl jetzt die Hände, König Håkon. Håkon mit gedämpfter Stimme. Meint Ihr, das sei nötig? Bischof Nikolas . Ihr werdet den Frieden des Landes um billigeren Preis niemals erkaufen. Håkon . So kann ich's. Her mit der Feder! Er schreibt. Jarl Skule zum Bischof, der nach rechts hinübergeht. Ihr habt das Ohr des Königs, wie es scheint. Bischof Nikolas . Zu Eurem Frommen. Jarl Skule . Ist das wahr? Bischof Nikolas . Vor Abend noch werdet Ihr mir danken. Er entfernt sich. Håkon reicht das Pergament hin. Lest das, Jarl. Jarl Skule liest, sieht den König erstaunt an und sagt mit halber Stimme: Ihr gebt jeden Umgang auf mit Kanga, der jungen? Håkon . Mit Kanga, die ich über alles in der Welt geliebt habe. Von heut an darf sie sich nie auf dem Wege betreffen lassen, den der König wandelt. Jarl Skule . Groß ist, was Ihr da tut, Håkon – ich weiß aus eigener Erfahrung, was es Euch kosten muß – Håkon . Fort muß jeder, der dem König allzu teuer ist. – Binde den Brief zu. Er gibt ihn Ivar Bodde. Bischof Nikolas beugt sich über den Stuhl. Herr König, da habt Ihr einen großen Schritt vorwärts getan in der Freundschaft des Jarls. Håkon reicht ihm die Hand. Dank, Bischof Nikolas; Ihr habt mir zum besten geraten. Bittet Euch eine Gnade aus, sie soll Euch gewährt sein. Bischof Nikolas . Gewiß? Håkon Ich gelob' es Euch mit meinem Königsworte. Bischof Nikolas . So ernennt Vegard Väradal zum Vogt auf Hålogaland. Håkon . Vegard? Er ist der treueste Freund fast, den ich habe; ungern lass' ich ihn so weit fort von mir. Bischof Nikolas . Des Königs Freund verdient königlichen Lohn. Bindet den Jarl auf die Art, wie ich Euch geraten habe, dann seid Ihr für alle Zeiten sicher. Håkon ergreift ein Pergamentblatt. Vegard soll die Vogtei auf Hålogaland erhalten. Er schreibt. Hier geb' ich's ihm königlich verbrieft. Der Bischof tritt zurück. Jarl Skule nähert sich dem Tische. Was schreibt Ihr da? Håkon reicht ihm das Blatt. Lest! Jarl Skule liest und blickt den König fest an. Vegard Väradal? Auf Hålogaland? Håkon . Im nördlichen Amte, das erledigt ist. Jarl Skule . Bedenkt Ihr denn nicht, daß Andres Skjaldarband auch ein Amt dort im Norden hat? Die beiden sind erbitterte Feinde – Andres Skjaldarband hält zu mir – Håkon lächelt und steht auf. Und Vegard Väradal zu mir. Darum müssen sie sehen, sich je eher je lieber zu vertragen. Zwischen den Mannen des Königs und des Jarls darf hinfort kein Zwist mehr sein. Bischof Nikolas . Hm, das könnte doch am Ende schlimm ablaufen! Nähert sich unruhig. Jarl Skule . Ihr denkt klug und tief, Håkon. Håkon mit Wärme. Jarl Skule, ich nahm Euch heute das Reich, – aber laßt Eure Tochter es mit mir teilen! Jarl Skule . Meine Tochter! Margrete . Gott! Håkon . Margrete, – wollt Ihr Königin sein? Margrete schweigt. Håkon ergreift ihre Hand. Antwortet mir. Margrete leise. Ich will gern Eure Ehefrau sein. Jarl Skule mit einem Handschlag. Frieden und Vergleich von Herzen! Håkon . Dank! Ivar Bodde zu Dagfinn. Gelobt sei der Himmel – jetzt tagt es. Dagfinn . Fast glaub' ich's. So gut hat der Jarl mir noch nie gefallen. Bischof Nikolas hinter ihm. Seid immer auf der Hut, guter Dagfinn, – immer auf der Hut! Ivar Bodde zu Vegard. Nun seid Ihr Vogt auf Hålogaland – da habt Ihr des Königs Handschrift. Gibt ihm den Brief. Vegard Väradal . Für seine Gnade werd' ich dem König später danken. Will gehen. Bischof Nikolas tritt ihm in den Weg: Andres Skjaldarband hat einen harten Nacken – laßt Euch nicht einschüchtern. Vegard Väradal . Das ist bisher noch keinem gelungen. Ab. Bischof Nikolas folgt ihm. Seid wie Fels und Kiesel gegen Andres Skjaldarband, – und im übrigen nehmt meinen Segen mit Euch. Ivar Bodde , der mit den Pergamenten in der Hand hinter dem König gewartet hat. Hier sind die Briefe, Herr – Håkon . Gut. Gib sie dem Jarl. Ivar Bodde . Dem Jarl? Wollt Ihr sie nicht siegeln? Håkon . Das pflegt ja der Jarl zu tun – er hat das Siegel. Ivar Bodde mit gedämpfter Stimme. Ja, bisher, – solang er die Vormundschaft für Euch führte – aber jetzt ! Håkon . Jetzt wie sonst – der Jarl hat das Siegel. Entfernt sich. Jarl Skule . Gebt mir die Briefe, Ivar Bodde. Er geht damit zum Tische, zieht das Reichssiegel hervor, das er im Gurte verwahrt trägt, und siegelt während der folgenden Szene. Bischof Nikolas halblaut. Håkon Håkonsson ist König – und der Jarl hat des Königs Siegel – es wird schon gehen, wird schon gehen! Håkon . Was sagt Ihr, Herr Bischof? Bischof Nikolas . Ich sage, Gott und Sankt Olaf wachen über ihre heilige Kirche. Ab in die Königshalle. Håkon nähert sich Margreten. Eine kluge Königin kann Großes im Lande wirken; Euch durft' ich ruhig wählen, denn ich weiß, Ihr seid klug. Margrete . Nur das ? Håkon . Was meint Ihr? Margrete . Nichts, nichts, Herr. Håkon . Und Ihr hegt keinen Groll wider mich, daß Ihr vielleicht holde Wünsche um meinetwillen habt aufgeben müssen? Margrete . Ich habe keine holden Wünsche um Euretwillen aufgeben müssen. Håkon . Und Ihr wollt mir nahe stehen und mir guten Rat geben? Margrete . Ich möchte so gern Euch nahe stehen. Håkon . Und mir guten Rat geben. Ich dank' Euch dafür. Der Rat der Frauen frommt jedem Manne, und ich habe fortan keine andere als Euch; – meine Mutter mußt' ich fortschicken – Margrete . Ja, sie war Euch allzu teuer. Håkon . Und ich bin König. Lebt denn wohl, Margrete! Ihr seid so jung noch – aber nächsten Sommer soll unsere Hochzeit sein, und ich gelobe, von der Stunde an Euch in aller geziemenden Treue und Ehre bei mir zu halten. Margrete mit wehmütigem Lächeln. Ja, ich weiß, es wird lange dauern, bis Ihr mich fortschickt. Håkon lebhaft. Euch fortschicken? Das werd' ich niemals tun! Margrete mit tränenerfüllten Augen. Nein, das tut Håkon nur mit denen, die ihm allzu teuer sind. Sie geht auf den Ausgang zu. Håkon blickt ihr gedankenvoll nach. Frau Ragnhild von rechts. Der König und der Jarl so lange hier drinnen! Die Angst tötet mich – Margrete, was hat der König gesagt und getan? Margrete . O, so viel! Zuletzt hat er sich einen Vogt und eine Königin erkoren. Frau Ragnhild . Du, Margrete? Margrete am Halse ihrer Mutter. Ja! Frau Ragnhild . Du wirst Königin! Margrete . Nur Königin – aber ich glaube, ich bin auch darüber froh. Sie und ihre Mutter rechts ab. Jarl Skule zu Ivar Bodde. Da sind Eure Briefe – bringt sie der Königsmutter und Kanga. Ivar Bodde verneigt sich und geht. Dagfinn in der Tür zur Halle. Der Erzbischof von Nidaros begehrt, dem Könige Håkon Håkonsson seine Huldigung darbringen zu dürfen. Håkon aus voller Brust aufatmend. Endlich bin ich denn König in Norwegen! Ab in die Halle. Jarl Skule steckt das Siegel des Königs in den Gurt. Ich aber regiere Land und Reich. Der Vorhang fällt. Zweiter Akt Festhalle im Königsschloß zu Bergen. Ein großes Bogenfenster in der Mitte des Hintergrunds. Längs der Wand eine Erhöhung mit Sitzen für die Frauen. An der linken Seitenwand steht der um einige Stufen erhöhte Königsstuhl; in der Mitte der rechten Seitenwand eine große Eingangstür. Paniere, Feldzeichen und Waffen nebst bunten Decken hängen von den Wandpfeilern und der geschnitzten Holzdecke herab. Ringsumher im Saale stehen Zechtische mit Kannen, Trinkhörnern und Bechern. König Håkon sitzt auf der Erhöhung neben Margrete, Sigrid, Frau Ragnhild und vielen vornehmen Frauen. Ivar Bodde steht hinter dem Stuhle des Königs. An den Tischen sitzen auf Bänken die Mannen des Königs und des Jarls samt anderen Gästen. Am vordersten Tische rechts sitzen unter anderen Dagfinn der Bauer, Gregorius Jonsson und Paul Flida. Jarl Skule und Bischof Nikolas spielen Schach an einem Tische zur Linken. Diener des Jarls kommen und gehen und bringen Getränke. Aus einem anstoßenden Gemache erklingt Musik während der folgenden Szene. Dagfinn . Nun geht das schon in den fünften Tag, und noch immer bringt das Dienervolk gleich flink die gefüllten Krüge herbei. Paul Flida . Es war nie des Jarls Art, seine Gäste dürsten zu lassen. Dagfinn . Nein, so scheint's. Solch prächtige Königshochzeit hat man bisher noch nicht in Norwegen erlebt. Paul Flida . Jarl Skule hat auch bisher noch keine Tochter verheiratet. Dagfinn . Wohl wahr; der Jarl ist ein mächtiger Mann. Einer aus dem Gefolge . Regiert euch den dritten Teil des Reiches. Das ist mehr, als irgend ein Jarl zuvor gehabt hat. Paul Flida . Des Königs Teil ist doch größer. Dagfinn . Davon wollen wir hier nicht reden; wir sind jetzt Freunde und ehrlich versöhnt. Er trinkt Paul zu. Lassen wir also den König König und den Jarl Jarl sein. Paul Flida lacht. Man hört Dir's gleich an, daß Du ein Königsmanne bist. Dagfinn . Das müssen auch die Jarlsmannen sein. Paul Flida . Nimmermehr. Wir haben dem Jarl den Eid der Treue geleistet, aber nicht dem König. Dagfinn . Das kann noch geschehen. Bischof Nikolas beim Spiele dem Jarl zuflüsternd. Hört Ihr, was Dagfinn der Bauer sagt? Jarl Skule ohne aufzublicken. Ich hör' es wohl. Gregorius Jonsson blickt Dagfinn scharf an. Sinnt der König auf dergleichen? Dagfinn . Na, na, – laß gut sein; – heut keinen Zank! Bischof Nikolas . Der König will Eure Mannen in Eid nehmen, Jarl. Gregorius Jonsson nachdrücklicher. Sinnt der König auf dergleichen? frag' ich. Dagfinn . Ich antworte nicht. Trinken wir auf Frieden und Freundschaft zwischen dem König und dem Jarl! Das Bier ist gut. Paul Flida . Es hat auch lange genug liegen können. Gregorius Jonsson . Dreimal hatte der Jarl die Hochzeit gerüstet, dreimal versprach der König zu kommen – dreimal hielt er nicht Wort. Dagfinn . Da für scheltet den Jarl; er machte uns genug zu schaffen in Vike. Paul Flida . Sigurd Ribbung machte Euch wohl noch mehr zu schaffen in Varmeland, nach allem, was man hört. Dagfinn auffahrend. Ja, wer war es, der Sigurd Ribbung entwischen ließ? Gregorius Jonsson . Sigurd Ribbung entsprang uns in Nidaros, das ist männiglich bekannt. Dagfinn . Aber es ist nicht männiglich bekannt, daß Ihr ihn daran hindertet. Bischof Nikolas zum Jarl, der sich auf einen Zug besinnt. Hört Ihr, Jarl? – Ihr wart es, der Sigurd Ribbung entwischen ließ. Jarl Skule rückt einen Stein. Das Lied ist alt. Gregorius Jonsson zu Dagfinn. Ich dächte doch, Du hättest von dem Isländer gehört, von Andres Torstejnsson, Sigurd Ribbungs Freund – Dagfinn . Jawohl – als Sigurd entwischt war, hängtet Ihr den Isländer, das weiß ich. Bischof Nikolas setzt einen Stein und sagt lachend zum Jarl. Nun schlag' ich den Bauer, Herr Jarl. Jarl Skule laut. Schlagt ihn – ein »Bauer« ist nicht viel wert. Rückt einen Stein. Dagfinn . Nein – der Isländer mußte dran glauben, als Sigurd Ribbung nach Varmeland entwischte. Unterdrücktes Lachen unter den Königsmannen; das Gespräch wird leise fortgesetzt; gleich darauf tritt ein Mann ein und flüstert Gregorius Jonsson etwas zu. Bischof Nikolas . Und nun mach' ich den Zug hier, – und Ihr habt verloren. Jarl Skule . Es scheint so. Bischof Nikolas sich im Stuhle zurücklehnend. Ihr habt zuletzt den König nicht gut geschützt. Jarl Skule wirft die Schachfiguren durcheinander und steht auf. Ich bin es schon lange müde, Königsbeschützer zu sein. Gregorius Jonsson nähert sich und spricht leise. Herr Jarl, Jostejn Tamb läßt melden, das Schiff liege klar und könne unter Segel gehen. Jarl Skule leise. Gut. Er zieht ein versiegeltes Pergament hervor. Hier ist der Brief. Gregorius Jonsson . den Kopf schüttelnd. Jarl, Jarl – ist das ratsam? Jarl Skule . Was? Gregorius Jonsson . Das Siegel des Königs ist darauf. Jarl Skule . Ich handle zu des Königs Nutz und Frommen. Gregorius Jonsson . Dann laßt den König selber das Anerbieten ablehnen. Jarl Skule . Das tut er nicht, wenn er befragt wird. All sein Sinnen ist darauf gerichtet, die Ribbunger zu bändigen, deshalb will er sich nach andern Seiten sichern. Gregorius Jonsson . Klug mag es sein, was Ihr da tut, – aber es ist gefährlich. Jarl Skule . Das überlaß mir. Überbringe den Brief und sage Jostejn, er soll sofort in See gehen. Gregorius Jonsson . Es soll geschehen nach Eurem Gebot. Geht rechts ab und kommt nach einer Weile wieder zurück. Bischof Nikolas zum Jarl. Ihr habt viel zu tun, scheint es. Jarl Skule . Aber wenig Dank davon. Bischof Nikolas . Der König ist aufgestanden. Håkon kommt herunter; alle Mannen erheben sich von den Tischen. Håkon zum Bischof. Es muß uns höchlich erfreuen, wie frisch und wacker Ihr in all diesen lustigen Tagen ausgehalten habt. Bischof Nikolas . Es flackert noch dann und wann einmal auf, Herr König. Aber lange dauert's wohl nicht mehr. Ich hab' den ganzen Winter krank gelegen. Håkon . Ja, ja, – Ihr habt ein kraftvoll Leben gelebt, reich an mancher rühmlichen Tat. Bischof Nikolas schüttelnd den Kopf. Ach, damit ist's so weit nicht her – viel bleibt noch ungetan. Wer nur wüßte, ob man für das alles noch Zeit hat! Håkon . Die Lebenden müssen die Erbschaft derer übernehmen, die abtreten, ehrwürdiger Herr; wir alle wollen ja das Beste für Land und Volk. Er wendet sich zum Jarl. Eins wundert mich höchlich: keiner von unseren Vögten auf Hålogaland hat sich zur Hochzeit eingestellt. Jarl Skule . Wohl wahr – Andres Skjaldarband hatt' ich ganz sicher erwartet. Håkon lächelnd. Und Vegard Väradal auch. Jarl Skule . Auch Vegard, ja. Håkon scherzend. Und ich hoffe, Ihr hättet meinen alten Freund jetzt besser aufgenommen als vor sieben Jahren auf der Brücke von Oslo, wo Ihr ihn so in die Wange stacht, daß das Schwert sich selbst herausschnitt. Jarl Skule mit erzwungenem Lachen . Ja, damals, als Gunnulf, Euer Ohm, meinem besten Freund und Ratgeber Sira Ejlif die rechte Hand herunterhieb. Bischof Nikolas munter . Und als Dagfinn der Bauer und die Hofmannen eine starke Nachtwache auf das Königsschiff sandten und sagten, der König wäre nicht sicher im Schutz des Jarls! Håkon ernst . Die Tage sind vorbei und vergessen. Dagfinn nähert sich. Zum Waffenspiel drunten auf der Wiese kann jetzt geblasen werden, wenn's Euch beliebt, Herr. Håkon . Wohlan! Heut wollen wir noch jedwede Freude mitnehmen – morgen werden wir wieder anfangen, an die Ribbunger und an den Jarl von Orknö zu denken. Bischof Nikolas . Ja so, der weigert sich ja, die Steuer zu zahlen? Håkon . Hätt' ich nur die Ribbunger vom Halse, so zög' ich selbst hinüber westwärts. Håkon geht hinauf zur Erhöhung, reicht Margrete die Hand und führt sie rechts hinaus; nach und nach folgen die andern. Bischof Nikolas zu Ivar Bodde . Auf ein Wort. Wer ist der Mann, der Jostejn Tamb heißt? Ivar Bodde . Es ist ein Schiffersmann von Orknö hier, der so heißt. Bischof Nikolas . Von Orknö? Hm! Und jetzt segelt er heim? Ivar Bodde . Ja, das mag er wohl. Bischof Nikolas leiser . Mit kostbarer Ladung, Ivar Bodde! Ivar Bodde . Mit Korn und Webereien, glaub' ich. Bischof Nikolas . Und mit einem Briefe vom Jarl Skule. Ivar Bodde stutzig . An wen? Bischof Nikolas . Weiß nicht – das Königssiegel war dran – Ivar Bodde packt ihn am Arme. Herr Bischof, – ist das wahr, was Ihr sagt? Bischof Nikolas . Pst! Bringt mich nicht in diese Geschichte hinein. Er entfernt sich von ihm. Ivar Bodde . Da muß ich doch gleich –! Dagfinn! Dagfinn, Dagfinn –! Drängt sich durch die Menge an der Ausgangstür. Bischof Nikolas teilnahmsvoll zu Gregorius Jonsson. Kein Tag, da nicht dieser oder jener Schaden litte an Hab' und Gut und Freiheit. Gregorius Jonsson . Wer ist denn nun daran? Bischof Nikolas . Ein armer Schiffer, – Jostejn Tamb, dünkt mich, nannten sie ihn. Gregorius Jonsson . Jostejn –? Bischof Nikolas . Dagfinn der Bauer will ihn an der Abfahrt hindern. Gregorius Jonsson . Dagfinn will ihn hindern, sagt Ihr? Bischof Nikolas . Gerade eben ging er fort. Gregorius Jonsson . Verzeiht, Herr, ich muß mich beeilen – Bischof Nikolas . Ja, tut das, wackerer Lehnsmann – Dagfinn ist so arglistig. Gregorius Jonsson eilt mit den übrigen Anwesenden rechts hinaus; nur Jarl Skule und Bischof Nikolas bleiben zurück in der Halle. Jarl Skule geht nachdenklich auf und ab; plötzlich ist's, wie wenn er erwache; er blickt sich um und sagt: Wie still ward es hier mit einem Mal! Bischof Nikolas . Der König ging. Jarl Skule . Und alle folgten ihm. Bischof Nikolas . Alle, bis auf uns. Jarl Skule . Es ist doch etwas Großes, König zu sein. Bischof Nikolas ausholend. Möchtet Ihr's erproben, Jarl? Jarl Skule ernsthaft lächelnd. Ich hab's erprobt – jede schlummermüde Nacht bin ich König in Norwegen. Bischof Nikolas . Träume sind Wahrzeichen. Jarl Skule . Nicht auch Versuchungen? Bischof Nikolas . Die Euren kaum. In früherer Zeit, ja, das kann ich mir denken; – aber jetzt, da Ihr den dritten Teil des Reiches besitzt, als der erste Mann im Lande regiert und Vater der Königin seid – Jarl Skule . Jetzt mehr denn je, – jetzt mehr denn je. Bischof Nikolas . Verhehlt mir nichts! Beichtet – denn Ihr leidet gewißlich große Qual. Jarl Skule . Jetzt mehr denn je, wie gesagt. Das ist der große Fluch, der auf meinem ganzen Leben liegt: – dem Höchsten so nahe zu stehen – nur eine Kluft dazwischen – ein Sprung – drüben ist der Königsname, der Purpurmantel, der Königssitz, die Macht und alles! Täglich hab' ich's vor Augen – aber nie komm' ich hinüber. Bischof Nikolas . Sehr wahr, Jarl. Jarl Skule . Als sie Guthorm Sigurdsson zum König machten, stand ich in meiner Jugend vollster Kraft; da war's, als schrie es laut in mir: Weg mit dem Kinde, – ich bin der erwachsene, der starke Mann! – Aber Guthorm war Königssohn; es lag eine Kluft zwischen mir und dem Königssitz. Bischof Nikolas . Und Ihr wagtet nicht – Jarl Skule . Dann ward dem Erling Stejnväg von den Slittungern gehuldigt. Da schrie es wieder in mir: Skule ist ein größerer Häuptling als Erling Stejnväg! Aber ich hätte mit den Birkebeinern brechen müssen, – das war damals die Kluft. Bischof Nikolas . Und Erling ward König der Slittunger und nachmals der Ribbunger, und Ihr wartetet! Jarl Skule . Ich wartete auf Guthorms Tod. Bischof Nikolas . Und Guthorm starb, und Inge Bårdsson, Euer Bruder, ward König. Jarl Skule . Nun wartete ich auf meines Bruders Tod. Er war krank vom ersten Tag an; jeden Morgen, wenn wir uns bei der heiligen Messe trafen, saß ich da und schielte hinüber, ob die Krankheit nicht zunähme. Jeder Schmerzenszug, der über sein Gesicht flog, war wie ein Windstoß in mein Segel und trug mich dem Königssitze näher. Jeder Seufzer, durch den er Weh und Qual sich erleichterte, klang mir wie Posaunenton fern unten auf der Halde, wie eines Sendboten Hörn, der weither gezogen kam, mir zu melden, daß ich nun bald das Steuer des Reichs ergreifen würde. So riß ich jeden zärtlichen Brudergedanken heraus mit Wurzel und Fasern; und Inge starb und Håkon kam, – und die Birkebeiner machten ihn zum König. Bischof Nikolas . Und Ihr wartetet. Jarl Skule . Mir war's, als müßte Hilfe von dort oben kommen. Ich fühlte die Königskraft in mir, und ich alterte; jeder Tag, der verstrich, war ein Tag, der meinem Lebenswerk genommen ward. Jeden Abend dachte ich: morgen geschieht ein Wunder, das ihn erschlägt und mich auf den leeren Sitz erhebt. Bischof Nikolas . Gering war damals Håkons Macht; er war ein Kind noch; es galt bloß einen Schritt von Eurer Seite, aber Ihr tatet ihn nicht. Jarl Skule . Den Schritt zu tun war schwer; er hätte mich von all meinen Verwandten und Freunden geschieden. Bischof Nikolas . Ja, das ist die Sache, Jarl Skule, – das ist der Fluch, der auf Eurem Leben lag. Ihr wollt jeden Weg offen wissen für den Notfall, – Ihr wagt nicht, alle Brücken abzubrechen und nur eine zu behalten, die allein zu verteidigen, und da zu siegen oder zu fallen. Ihr legt Schlingen Eurem Feind, Ihr stellt Fallen seinem Fuß und hängt ein scharfes Schwert über sein Haupt, Ihr streut Gift in alle Schüsseln und spannt hundert Netze aus: aber will er in eins davon hinein, so wagt Ihr nicht den Faden anzuziehen; greift er nach dem Gifte, so dünkt es Euch sicherer, daß er durch das Schwert falle; steht er im Begriff, sich am Morgen fangen zu lassen, so findet Ihr's besser, daß es zur Abendzeit geschehe. Jarl Skule . blickt ihn ernst an. Und was würdet Ihr tun, Herr Bischof? Bischof Nikolas . Sprecht nicht von mir; mein Geschäft ist, die Königssitze in diesem Lande zu zimmern, nicht darauf zu sitzen und Volk und Reich zu regieren. Jarl Skule . nach einer kurzen Pause. Antwortet mir auf Eins, ehrwürdiger Herr, – aber antwortet mir mit voller Wahrheit. Weshalb geht Håkon so unerschütterlich vorwärts auf dem geraden Wege? Er ist nicht klüger als Ihr, nicht kühner als ich. Bischof Nikolas . Wer vollbringt die größte Tat in der Welt? Jarl Skule . Die vollbringt der größte Mann. Bischof Nikolas . Aber wer ist der größte Mann? Jarl Skule . Der mutigste. Bischof Nikolas . So spricht der Kriegshauptmann. Ein Priester würde sagen: der gläubigste; – ein Weiser: der erfahrenste. Aber von ihnen ist es keiner, Jarl. Der glücklichste Mann ist der größte Mann. Der glücklichste vollbringt die größten Taten, – er , über den die Forderungen der Zeit wie ein Brand kommen: sie erzeugen ihm Gedanken, die er selbst nicht faßt, weisen ihm den Weg, dessen Ziel er selbst nicht kennt, den er aber wandelt und wandeln muß , bis er den Jubelschrei des Volkes hört – und mit weit aufgerissenen Augen sieht er sich um und erkennt voll Verwunderung, daß er ein großes Werk vollbracht hat. Jarl Skule . Ja, Håkon hat etwas so unerschütterlich Sicheres. Bischof Nikolas . Er hat das, was die Römer ingenium nannten –. Ich bin sonst nicht der beste Lateiner: aber das hieß ingenium. Jarl Skule . zuerst gedankenvoll, dann in wachsender Erregung. Håkon sollte aus andrem Stoffe geschaffen sein als ich? Der Glücklichen einer? – Ja, gelingt ihm nicht alles? Schlägt nicht alles zum besten aus, wenn es ihn betrifft? Selbst der Bauer spürt das; er sagt, die Bäume trügen zweimal Früchte, und die Vögel brüteten zweimal in jedem Sommer, seit Håkon König ist. Varmeland, das er niederbrannte und verheerte, steht wieder da blitzblank mit seinen neugezimmerten Häusern, und alle Äcker wallen schwer von Ähren im Winde. Es ist, als ob Blut und Asche das Land düngten, das Håkon mit Krieg überzieht; es ist, als ob der Herr mit Wachstum segnete, was Håkon niedertritt; es ist, ob als die heiligen Mächte sich beeilten, jede Schuld hinter ihm her auszutilgen. Und wie leicht gelang es ihm nicht, König zu werden! Er hatte Inges frühzeitigen Tod nötig, und Inge starb; Schutz und Schirm hatte er nötig, und seine Mannen schützten und schirmten ihn; er hatte die Eisenprobe nötig, und seine Mutter kam und bestand sie für ihn. Bischof Nikolas bricht unwillkürlich in die Worte aus: Aber wir – wir beiden –! Jarl Skule . Wir? Bischof Nikolas . Ja, Ihr – Ihr! Jarl Skule . Håkon hat das Recht, Bischof. Bischof Nikolas . Er hat das Recht, weil er der Glückliche ist – das größte Glück ist, das Recht zu haben. Aber mit welchem Recht hat Håkon das Recht, und nicht Ihr? Jarl Skule nach einer kurzen Pause. Es gibt Dinge, an die zu denken Gott mich gnädig bewahren wolle. Bischof Nikolas . Saht Ihr nie ein altes Bild in der Christkirche zu Nidaros? Es stellt die Sintflut dar, die steigt und über alle Berge hinaufschwillt, so daß nur noch eine einzige Zinne emporragt. Diese klimmt ein ganzes Geschlecht hinan, Vater und Mutter und Sohn und des Sohnes Weib und Kinder; – und der Sohn zerrt den Vater in die Wasserflut hinab, um besseren Halt zu gewinnen, und er wird die Mutter hinabreißen und sein Weib und all seine Kinder, um selbst den Gipfel zu gewinnen – denn droben ist ein Fußbreit Land, da kann er sich eine Zeitlang halten – das, Jarl, das ist der Weisheit Saga und jedes Weisen Saga. Jarl Skule . Aber das Recht! Bischof Nikolas . Der Sohn hatte das Recht. Er hatte Kraft und Lust, zu leben, – folge deiner Lust und nütze deine Gaben: das Recht hat ein jeglicher. Jarl Skule . Zu dem, was gut ist, ja. Bischof Nikolas . Spielt und tändelt mit Worten! Es gibt weder Gutes noch Böses, weder Oben noch Unten, weder Hoch noch Niedrig. Solche Worte müßt Ihr vergessen, sonst tut Ihr nie den letzten Schritt, setzt Ihr nie über die Kluft! Leise und eindringlich: Ihr sollt die Menge oder die Sache nicht hassen, weil die Menge oder die Sache dies und nicht jenes verlangt; aber Ihr sollt in der Menge jeden Menschen hassen, weil er Euch widerstrebt, und Ihr sollt einen jeden hassen, der eine Sache vertritt, weil die Sache Euren Willen nicht fördert. Alles, was Euch nützen kann, ist gut; – alles, was Euch Dornen in den Weg legt, ist böse. Jarl Skule blickt grübelnd vor sich hin. Was hat mich nicht der Königssitz gekostet, zu dem ich doch nicht hinaufreichte – und was hat er Håkon gekostet, ihn, der jetzt so sicher darauf sitzt! Ich war jung und opferte meine holde heimliche Liebe, um in ein mächtiges Geschlecht hineinzuheiraten. Ich betete zu den Heiligen, mir möchte ein Sohn geschenkt werden, – ich bekam nur Töchter. Bischof Nikolas . Håkon bekommt Söhne, Jarl, – verlaßt Euch drauf! Jarl Skule tritt an das Fenster rechts. Ja, – für Håkon wendet sich alles zum besten. Bischof Nikolas ihm nachgehend. Und Ihr, Ihr wollt Euch Euer ganzes Leben lang friedlos vom Glücke jagen lassen! Seid Ihr denn blind? Seht Ihr nicht, daß eine stärkere Macht als die Schar Birkebeiner hinter Håkon steht und all sein Tun fördert? Er bekommt Hilfe von dort oben, von denen – denen, die wider Euch stehen, von denen, die Eure Feinde waren von Eurer Geburt an! Und vor diesen Feinden beugt Ihr Euch! Richtet Euch auf, Mann – werft den Nacken empor! Wozu ward Euch sonst Eure unbändige Seele? Denkt daran, daß die erste große Tat der Welt von Einem vollführt wurde, der sich wider ein gewaltiges Reich erhob! Jarl Skule . Wen meint Ihr? Bischof Nikolas . Den Engel, der sich wider das Licht erhob! Jarl Skule . Und der in den tiefsten Abgrund geschleudert wurde – Bischof Nikolas leidenschaftlich. Und da ein Reich erschuf und König wurde, ein mächtiger König, – mächtiger als einer der zehntausend – Jarle dort oben! Er sinkt auf eine Bank am Zechtische. Jarl Skule blickt ihn lange an und spricht: Bischof Nikolas, seid Ihr mehr oder seid Ihr weniger als ein Mensch? Bischof Nikolas lächelt. Ich bin im Unschuldsstand: ich kenne nicht den Unterschied zwischen gut und böse. Jarl Skule halb für sich. Weshalb setzten sie mich in die Welt, wenn sie für mich kein besseres Los bereit hatten? Håkon hat einen so festen und unerschütterlichen Glauben an sich selbst, – all seine Mannen haben einen so festen und unerschütterlichen Glauben an ihn – Bischof Nikolas . Verbergt, daß Ihr keinen solchen Glauben an Euch selber habt. Redet, als hättet Ihr ihn; schwört hoch und teuer, daß Ihr ihn habt, – und alle werden an Euch glauben. Jarl Skule . Hätt' ich einen Sohn! Hätt' ich einen Sohn, der bei meinem Tode das große Erbe antreten könnte! Bischof Nikolas lebhaft. Jarl, – und wenn Ihr einen Sohn hättet? Jarl Skule . Ich habe keinen. Bischof Nikolas . Håkon bekommt Söhne. Jarl Skule ballt die Hände. Und ist von königlicher Geburt! Bischof Nikolas steht auf. Jarl, – wenn er's nicht wäre? Jarl Skule . Er hat's ja erhärtet –; die Eisenprobe – Bischof Nikolas . Und wenn er's nicht wäre, – trotz der Eisenprobe? Jarl Skule . Wollt Ihr sagen, Gott habe gelogen, als er die Eisenprobe gelingen ließ? Bischof Nikolas . Wofür getraute sich Inga von Vartejg das Gottesurteil anzurufen? Jarl Skule . Daß das Kind, das sie in Borgasyssel geboren, Håkon Sverressons Sohn wäre. Bischof Nikolas nickt, sieht sich um und sagt leise: Und wenn nun König Håkon nicht dieses Kind wäre? Jarl Skule fährt einen Schritt zurück. Allmächtiger –! Faßt sich. Das ist undenkbar. Bischof Nikolas . Hört mich an, Jarl. Ich bin sechsundsiebenzig Jahr alt; immer rascher geht's nun mit mir bergab, und diese Sache wage ich nicht mit dahinüber zu nehmen – Jarl Skule . Sprecht, sprecht! Ist er nicht Håkon Sverressons Sohn? Bischof Nikolas . Hört mich an. Es wurde damals niemand kund gemacht, daß Inga eines Kindes genesen sollte. Håkon Sverresson war eben gestorben, und wahrscheinlich fürchtete sie sich vor Inge Bårdsson, der jetzt König war, und vor Euch, – nun ja, auch wohl vor den Baglern. In aller Stille kam sie nieder im Haus des Pfarrers Trond, ostwärts in der Heggenharde, und neun Tage darauf reiste sie heim; aber das Königskind blieb ein ganzes Jahr bei dem Pfarrer, ohne daß sie es sehen durfte, und ohne daß einer darum wußte, ausgenommen Trond und seine beiden Söhne. Jarl Skule . Ja, ja, – und weiter? Bischof Nikolas . Als das Kind ein Jahr alt war, konnte die Sache nicht gut länger verheimlicht werden. Inga vertraute sich also Erlend von Huseby an, – einem alten Birkebeiner aus Sverres Zeit – wißt Ihr. Jarl Skule . Nun ? Bischof Nikolas . Der und ein paar andere Häuptlinge ans den Oberlanden holten das Kind, fuhren mitten im Winter übers Gebirge mit ihm und brachten es zum König, der damals in Nidaros saß. Jarl Skule . Und doch könnt Ihr sagen, daß –? Bischof Nikolas . Eine große Gefahr, könnt Ihr wohl denken, mußt' es für einen geringen Priester sein, ein Königskind großzuziehen. Gleich nach des Kindes Geburt beichtete er daher einem seiner Kirchenoberen und erbat sich dessen Rat. Dieser sein Oberer gebot Trond, das Kind heimlich zu vertauschen, den rechten Königssohn an einen sicheren Ort zu bringen und Inga den falschen zu übergeben, wenn sie oder die Birkebeiner später das Kind begehrten. Jarl Skule empört. Und wer war der Schurke, der solches riet? Bischof Nikolas . Das war ich. Jarl Skule . Ihr? Ja, Ihr habt immer Sverres Geschlecht gehaßt. Bischof Nikolas . Unsicher schien mir's, den Königssohn in Eure Hände zu geben. Jarl Skule . Der Priester aber? Bischof Nikolas . Gelobte zu tun, wie ich befohlen hatte. Jarl Skule packt ihn am Arm. Und Håkon ist das falsche Kind? Bischof Nikolas . Wenn der Priester sein Gelübde gehalten hat. Jarl Skule . Wenn er's gehalten hat? Bischof Nikolas . Der Pfarrer Trond verließ das Land im selben Winter, als das Kind zu König Inge kam. Er wallte nach Thomas Becketts Grab und blieb dann in England bis zu seinem Tode. Jarl Skule . Er verließ das Land, sagt Ihr! So hat er das Kind vertauscht und die Rache der Birkebeiner gefürchtet. Bischof Nikolas . Oder er hat es nicht vertauscht, und meine Rache gefürchtet. Jarl Skule . Und was glaubt Ihr ? Bischof Nikolas . Das eine ist eben so glaubhaft wie das andere. Jarl Skule . Aber die Pfarrerssöhne, die Ihr erwähntet? Bischof Nikolas . Sie zogen mit den Kreuzfahrern ins heilige Land. Jarl Skule . Und hat niemand seit der Zeit etwas von ihnen gehört? Bischof Nikolas . Ja. Jarl Skule . Wo sind sie? Bischof Nikolas . Sie ertranken im griechischen Meer auf der Hinfahrt. Jarl Skule . Und Inga –? Bischof Nikolas . Weiß nichts – weder von der Beichte des Pfarrers noch von meinem Rat. Jarl Skule . Ihr Kind, sagtet Ihr, war erst neun Tage alt, da sie aufbrach? Bischof Nikolas . Ja; und das Kind, das sie wiedersah, war über ein volles Jahr – Jarl Skule . So gibt es auf der Welt keinen, der in diese Sache Licht bringen könnte! Er geht mehrmals heftig auf und nieder. Allmächtiger Gott, kann das Wahrheit sein? Håkon, – der König, – er, der Land und Reich regiert, er sollte nicht der Erbgeborene sein! – Und warum wäre das so unwahrscheinlich? Hat ihn nicht jegliches Glück wunderbar begleitet? – warum denn nicht auch das Glück, als Kind aus der Hütte eines armen Kätners genommen und in die Wiege des Königskindes gelegt zu werden – Bischof Nikolas . Während das ganze Volk glaubt, er sei der Königssohn – Jarl Skule . Während er selbst es glaubt, Bischof, – das ist das wesentliche des Glückes, das ist der Stärkegürtel! Tritt ans Fenster. Seht nur, wie schön er zu Rosse sitzt! Keiner tut's ihm gleich. Es lacht und blitzt wie Sonnenschein aus seinen Augen – er schaut in den Tag hinein, als fühle er sich dazu geschaffen, vorwärts, immer vorwärts zu schreiten. Sich zum Bischof umwendend. Ich bin ein Königsarm, allenfalls auch ein Königshaupt, er aber ist der ganze König. Bischof Nikolas . Und ist es vielleicht doch nicht. Jarl Skule . Ja, vielleicht doch nicht –. Bischof Nikolas legt ihm die Hand auf die Schulter. Jarl, hört mich an – Jarl Skule fährt fort, hinauszublicken. Da sitzt die Königin. Håkon spricht sanft mit ihr; sie wird rot und blaß vor Freude. Er nahm sie zum Weibe, weil es klug war, die Tochter des mächtigsten Mannes im Reich zu wählen. Keine Spur von Wärme war damals für sie in seinem Herzen – aber das wird kommen; das Glück ist mit Håkon. Sie wird ihm sein Leben erhellen – Er stockt, und ruft verwundert aus. Was ist das ? Bischof Nikolas . Was? Jarl Skule . Dagfinn der Bauer drängt sich mit Gewalt durch die Menge, die ringsum steht. Jetzt meldet er dem König etwas. Bischof Nikolas schaut hinter dem Jarl durchs Fenster. Håkon scheint zornig zu werden, – nicht wahr? Er ballt die Faust – Jarl Skule . Er blickt hier herauf – was kann das sein? Will gehen. Bischof Nikolas hält ihn zurück. Jarl, hört mich, – es dürfte ein Mittel geben, über Håkons Recht ins Klare zu kommen. Jarl Skule . Ein Mittel, sagt Ihr? Bischof Nikolas . Der Pfarrer Trond hat vor seinem Tode einen Brief über sein Verfahren aufgesetzt und das Sakrament darauf genommen, daß er die Wahrheit geschrieben hat. Jarl Skule . Und dieser Brief, – um Gottes Barmherzigkeit willen, – wo ist er? Bischof Nikolas . So erfahrt denn, daß – Er blickt nach der Tür. Still, der König kommt! Jarl Skule . Der Brief, Bischof, – der Brief! Bischof Nikolas . Da ist der König. Håkon tritt ein, begleitet von seinem Gefolge und zahlreichen Gästen. Gleich darauf erscheint Margrete ; sie ist in ängstlicher Aufregung und will zum Könige hineilen, wird aber daran gehindert von Frau Ragnhild , die ihr mit mehreren Frauen gefolgt ist. Sigrid hält sich ein wenig abgesondert im Hintergrunde. Die Mannen des Jarls scheinen beunruhigt und scharen sich auf der rechten Seite, in geschlossener Masse, wo Skule steht, jedoch etwas weiter zurück. Håkon in starker innerer Aufregung. Jarl Skule, wer ist König in diesem Lande? Jarl Skule . Wer da König ist? Håkon . So fragt' ich. Ich führe den Königsnamen, aber wer hat die Königsgewalt? Jarl Skule . Die Königsgewalt muß da sein, wo das Königsrecht ist. Håkon . So müßt' es sein – aber ist es so? Jarl Skule . Ladet Ihr mich hier vor Gericht? Håkon . Das tu' ich – denn das Recht steht mir gegen jedermann im Reiche zu. Jarl Skule . Ich getraue mir, meine Handlungen zu verantworten. Håkon . Gut für uns alle, wenn dem so ist. Er steigt eine Stufe zum Königsstuhl hinan und stützt sich auf die Armlehne. Hier steh' ich als Euer König und frage: wißt Ihr, daß sich der Jarl Jon auf Orknö wider mich erhoben hat? Jarl Skule . Ja. Håkon . Daß er sich weigert, mir den Zins zu zahlen? Jarl Skule . Ja. Håkon . Und ist es wahr, daß Ihr, Herr Jarl, heut an ihn einen Brief geschickt habt? Jarl Skule . Wer sagt das? Ivar Bodde . Das sag' ich. Dagfinn . Jostejn Tamb durfte sich nicht weigern, ihn mitzunehmen, da das Königssiegel dran war. Håkon . Ihr schreibt an die Feinde des Königs und drückt des Königs Siegel darauf, obschon der König nicht weiß, was Ihr geschrieben habt! Jarl Skule . Das hab' ich mit Eurer Einwilligung manches Jahr getan. Håkon . Ja, zu der Zeit, als Ihr die Vormundschaft für mich führtet. Jarl Skule . Nie habt Ihr Schaden davon gehabt. Der Jarl Jon schrieb mir und bat um meine Vermittlung; er bot einen Vergleich an, doch unter wenig ehrenvollen Bedingungen für den König. Der Zug gegen Varmeland lastete besonders schwer auf Eurer Seele; hättet Ihr jetzt selber handeln sollen, so wäre der Jarl Jon zu leicht davongekommen; – ich kann die Sache besser ordnen. Håkon . Wir zögen es vor, die Sache selber zu ordnen. – Und was habt Ihr geantwortet? Jarl Skule . Lest meinen Brief. Håkon . Gebt her! Jarl Skule . Ich dachte, Ihr hättet ihn? Dagfinn . Ihr wißt das gewiß besser. Gregorius Jonsson hatte schnellere Beine. Als wir an Bord kamen, war der Brief weg. Jarl Skule wendet sich zu Gregorius Jonsson. Herr Lehnsmann, gebt dem Könige den Brief. Gregorius Jonsson nähert sich unruhig. Hört mich –! Jarl Skule . Nun? Gregorius Jonsson im Flüstertone. Ihr werdet Euch entsinnen, es standen scharfe Worte über den König darin. Jarl Skule . Die werd' ich zu vertreten wissen. Den Brief! Gregorius Jonsson . Ich hab' ihn nicht. Jarl Skule . Ihr habt ihn nicht! Gregorius Jonsson . Dagfinn war uns auf den Fersen. Ich entriß Jostejn Tamb den Brief, band einen Stein daran – Jarl Skule . Nun? Gregorius Jonsson . Er liegt auf dem Grund des Meeres. Jarl Skule . Arg, – arg habt Ihr da gehandelt. Håkon . Ich warte auf den Brief, Herr Jarl! Jarl Skule . Ich kann ihn nicht vorlegen. Håkon . Ihr könnt nicht? Jarl Skule geht einen Schritt auf den König zu. Ich bin zu stolz, mich hinter dem zu verstecken, was Ihr samt Euren Leuten Ausflüchte nennen würdet – Håkon beherrscht seinen hervorbrechenden Zorn. Und so –? Jarl Skule . Kurz und gut, – ich lege ihn nicht vor; – ich will ihn nicht vorlegen! Håkon . Ihr trotzt mir also! Jarl Skule . Wenn es nicht anders sein kann – nun ja, ich trotze Euch. Ivar Bodde kraftvoll . Jetzt, Herr König, jetzt, denk' ich, bedarf es für keinen des Beweises mehr! Dagfinn . Nein, jetzt, denk' ich, kennen wir die Gesinnung des Jarls. Håkon kalt zum Jarl . Wollt Ihr das Königssiegel Ivar Bodde geben! Margrete eilt mit gefalteten Händen auf die Erhöhung zu, wo der König steht. Håkon, sei mir ein milder und gnädiger Gemahl! Håkon macht eine abwehrende Handbewegung zu ihr hin; sie verbirgt das Gesicht in ihrem Schleier und geht zu ihrer Mutter zurück. Jarl Skule zu Ivar Bodde. Hier ist das Königssiegel. Ivar Bodde . Es sollte der letzte Abend des Festes sein. Er endet mit einer schweren Sorge für den König; aber es mußte doch einmal so kommen, und ich meine, jeder treue Mann muß froh sein, daß es so gekommen ist. Jarl Skule . Und ich meine, jeder treue Mann muß sich tief dadurch gekränkt fühlen, daß ein Priester sich solchermaßen zwischen uns Birkebeiner stellt – ja, ich sage: Birkebeiner, denn ich bin ein Birkebeiner – gerade so gut wie der König und seine Mannen. Ich bin aus demselben Geschlecht, Sverres Geschlecht, dem Königsgeschlecht – aber Ihr, Priester, Ihr habt einen Wall des Mißtrauens um den König gezogen und mich von ihm abgesperrt: das war Euer Werk seit vielen Jahren. Paul Flida gereizt zu den Umstehenden. Jarlsmannen! Wollen wir dergleichen länger dulden? Gregorius Jonsson tritt vor. Nein, wir können's und wollen's nicht länger dulden. Laut sei's hier gesagt – keiner von den Mannen des Jarls kann mit voller Treue und Liebe dem Könige dienen, so lange Ivar Bodde im Königsschloß ein- und ausgeht und uns Böses spinnt. Paul Flida . Priester! Ich künde Dir Fehde an auf Leib und Leben, wo ich Dich treffe, auf freiem Felde, zu Schiffe oder in ungeweihtem Hause! Viele Jarlsmannen . Ich auch! Ich auch! Du sollst friedlos sein für uns! Ivar Bodde . Gott verhüte, daß ich zwischen den König und so viele mächtige Häuptlinge treten sollte! – Håkon, mein hoher Herr, ich bin mir bewußt, Euch in aller Treue gedient zu haben. Ich war gegen den Jarl, das ist wahr; aber wenn ich ihm jemals unrecht getan habe, so wird mir das Gott vergeben. Jetzt hab' ich nichts mehr im Königsschlosse zu schaffen; hier ist Euer Siegel; nehmt es in Eure eigene Hand; dort hätt' es schon längst sein sollen. Håkon , der von der Erhöhung herabgestiegen ist. Ihr bleibt! Ivar Bodde . Ich kann nicht. Tag und Nacht hätt' ich Gewissensbisse, wenn ich das täte. Größeres Unheil kann niemand in diesen Zeiten anrichten, als wenn er sich zwischen den König und den Jarl stellt. Håkon . Ivar Bodde, ich gebiete Dir zu bleiben! Ivar Bodde . Und wenn der heilige König Olaf aus seinem Silbersarg erstünde und mir geböte, zu bleiben, so müßt' ich jetzt doch von hinnen. Er legt das Siegel in die Hand des Königs. Lebt wohl, mein edler Herr! Gott fördere und segne all Euer Tun! Er geht durch die Menge rechts ab. Håkon finster, zum Jarl und dessen Mannen. Da verlor ich um Euretwillen einen treuen Freund; großen Ersatz müßt Ihr mir bieten, wenn Ihr den Verlust aufwiegen wollt. Jarl Skule . Ich biete mich selbst und all die Meinen. Håkon . Fast fürcht' ich, daß es noch mehr bedarf. Ich muß jetzt all die um mich sammeln, auf die ich mich fest verlassen kann. Dagfinn, sende gleich Botschaft nordwärts nach Hålogaland; Vegard Väradal soll wieder herkommen. Dagfinn , der etwas abseits gestanden und sich mit einem Manne im Reisegewand unterhalten hat, der in die Halle getreten ist, nähert sich jetzt und sagt erschüttert: Vegard kann nicht kommen, Herr. Håkon . Woher weißt Du das? Dagfinn . Soeben trifft Kunde ein über ihn. Håkon . Was meldet sie? Dagfinn . Daß Vegard Väradal erschlagen ward. Viele Stimmen . Erschlagen! Håkon . Wer hat ihn erschlagen? Dagfinn . Andres Skjaldarband, des Jarls Freund. Kurze Pause. Die Mannen murmeln unruhig untereinander. Håkon . Wo ist der Bote? Dagfinn führt den Mann herbei. Hier, Herr König. Håkon . Was war des Mordes Ursache? Der Bote . Das weiß wohl niemand. Sie sprachen miteinander über den Finnenzins, und plötzlich sprang Anders auf und versetzte ihm den Todesstreich. Håkon . Und war früher schon Hader zwischen ihnen gewesen? Der Bote . Bisweilen. Andres sagte oft, ein kluger Ratgeber hier aus dem Süden habe ihm geschrieben, er möge wie Fels und Kiesel gegen Vegard Väradal sein. Dagfinn . Höchst seltsam! – Ehe Vegard aufbrach, erzählte er mir, ein kluger Ratgeber habe ihm gesagt, er möge wie Fels und Kiesel gegen Andres Skjaldarband sein. Bischof Nikolas ausspuckend. Pfui über solche Ratgeber! Håkon . Wir wollen nicht genauer untersuchen, von welcher Wurzel all das stammt. Zwei treue Seelen hab' ich heut verloren. Ich könnte um Vegard weinen; aber hier gibt es mehr als Tränen; hier gilt es Leib und Leben. Herr Jarl, Andres Skjaldarband ist Euer Vasall; Ihr botet mir jegliche Hilfe als Ersatz für Ivar Bodde an. Ich nehme Euch beim Wort und erwarte, daß Ihr an der Ahndung dieser Untat mitwirken werdet. Jarl Skule . Wahrlich, böse Engel stellen sich heute zwischen uns beide. Bei jedem anderen meiner Mannen hätte ich zugegeben, daß Ihr den Mord ahnden ließet – Håkon mit Spannung. Nun? Jarl Skule . Aber nicht bei Andres Skjaldarband. Håkon auffahrend. Wollt Ihr den Mörder schützen ? Jarl Skule . Diesen Mörder muß ich schützen. Håkon . Und der Grund –? Jarl Skule . Den erfährt keiner als Gott im Himmel. Bischof Nikolas leise zu Dagfinn. Ich weiß ihn. Dagfinn . Und ich ahne ihn. Bischof Nikolas . Sagt nichts, guter Dagfinn! Håkon . Jarl, ich will nicht hoffen, daß es Ernst ist, was Ihr mir da sagt – Jarl Skule . Und hätte Andres Skjaldarband mir meinen eigenen Vater erschlagen, – er müßte doch frei ausgehen. Mehr dürft Ihr nicht fragen. Håkon . Gut. So werden wir uns selbst Recht verschaffen! Jarl Skule mit einem Ausdruck der Angst. König! Das wird ein blutig Werk für uns alle! Håkon . Mag sein – die Strafe soll doch vollzogen werden. Jarl Skule . Sie soll nicht vollzogen werden! – Sie kann nicht vollzogen werden! Bischof Nikolas . Nein, da hat der Jarl recht. Håkon . Und das sagt Ihr, ehrwürdiger Herr!? Bischof Nikolas . Andres Skjaldarband hat das Kreuz genommen. Håkon und Jarl Skule . Das Kreuz genommen! Bischof Nikolas . Und ist schon aus dem Lande. Jarl Skule . Das wäre gut für uns alle. Håkon . Der Tag neigt sich; das Hochzeitsfest muß nun enden. Ich dank' Euch, Herr Jarl, für alle Ehre, die mir in dieser Zeit erwiesen ward, – Ihr zieht vermutlich gen Nidaros? Jarl Skule . Das ist meine Absicht. Håkon . Und ich nach Vike. – Wenn Du, Margrete, lieber hier in den Bergen bleiben willst, so tu' das. Margrete . Wohin Du fährst, will ich folgen, bis Du es mir verbietest. Håkon . Gut, so komm mit. Sigrid . Weithin wird jetzt unser Geschlecht versprengt. Sie kniet vor Håkon. Erweist mir eine Gnade, Herr König. Håkon . Erhebt Euch, Frau Sigrid – was Ihr bitten mögt, es sei gewährt. Sigrid . Ich kann dem Jarl nicht nach Nidaros folgen. Das Nonnenkloster zu Rejn soll geweiht werden; schreibt an den Erzbischof – wirket dahin, daß ich dort Äbtissin werde. Jarl Skule . Du, meine Schwester? Håkon . Ihr wollt ins Kloster gehen? Sigrid erhebt sich. Seit der Blutnacht von Nidaros, da meine Hochzeit war, und die Bagler kamen und meinen Bräutigam erschlugen und viele Hunderte mit ihm, während die Stadt an allen Ecken brannte – seitdem war es, als hätten das Blut und der Brand mein Auge stumpf gemacht und es für die Welt um mich her ertötet. Allein ich empfing die Kraft, zu schauen, was niemand gewahrt – und eins sehe ich jetzt –: eine große Schreckenszeit für das Land! Jarl Skule heftig. Sie ist krank! Achtet ihrer nicht! Sigrid . Reiche Saat wird reifen für den, der im Dunkeln erntet. Alle Frauen in Norwegen sollten jetzt nur ein Werk üben, – in Klöstern und Kirchen knien und beten – beten bei Tag und Nacht! Håkon erschüttert. Ist es Sehergabe oder Seelensiechtum, was also spricht? Sigrid . Lebewohl, Bruder, – wir sehen uns noch einmal wieder. Jarl Skule unwillkürlich. Wann? Sigrid leise. Wenn Du nach der Krone greifst – wenn höchste Gefahr ist, – wenn Du mein bedarfst in Deiner höchsten Not! Sie geht rechts hinaus mit Margrete, Frau Ragnhild und den übrigen Frauen. Håkon zieht nach einer kurzen Pause das Schwert und sagt mit fester, ruhiger Entschlossenheit. Alle Jarlsmannen sollen mir den Eid leisten. Jarl Skule heftig. Ist das Euer ernstlicher Wille? Fast bittend: König Håkon, tut das nicht! Håkon . Kein Jarlsmanne verläßt Bergen, ehe er dem König Treue geschworen hat. Ab mit seinem Gefolge. Alle, mit Ausnahme des Bischofs und des Jarls, gehen ihnen nach. Bischof Nikolas . Er hat Euch heute mit harter Hand angepackt. Jarl Skule schweigt und blickt sprachlos dem Könige nach. Bischof Nikolas mit stärkerer Betonung. Und ist vielleicht doch nicht von königlicher Geburt. Jarl Skule wendet sich plötzlich in starker Erregung um und packt den Bischof am Arm. Des Pfarrers Trond Beichte – wo ist sie? Bischof Nikolas . Er hat sie mir aus England gesandt, eh' er starb; ich weiß nicht, durch wen, – und ich habe sie nicht erhalten. Jarl Skule . Aber sie muß sich finden lassen! Bischof Nikolas . Das glaub' ich fest und bestimmt. Jarl Skule . Und wenn Ihr sie findet, wollt Ihr sie mir dann aushändigen. Bischof Nikolas . Das gelob' ich. Jarl Skule . Schwört Ihr's bei Eurer Seele Seligkeit? Bischof Nikolas . Das schwör' ich bei meiner Seele Seligkeit. Jarl Skule . Gut; – bis dahin will ich Håkon im Wege stehen wo es im stillen und geheimen geschehen kann. Es muß verhütet werden, daß er mächtiger ist als ich, wenn der Kampf beginnen soll. Bischof Nikolas . Aber wenn es sich zeigt, daß er der rechte Königssohn ist, – was dann? Jarl Skule . Dann will ich versuchen zu beten, – zu beten um demütigen Sinn ihm als ehrlicher Häuptling und nach all meinen Kräften zu dienen. Bischof Nikolas . Und wenn er der falsche ist? Jarl Skule . Dann soll er mir weichen! Königsnamen und Königsstuhl, Gefolgschaft und Heer, Schatz und Flotte, Städte und Burgen, alles will ich haben! Bischof Nikolas . Er wird sich nach Vike retten – Jarl Skule . Ich jage ihn aus Vike fort! Bischof Nikolas . So setzt er sich in Nidaros fest. Jarl Skule . Ich stürme Nidaros! Bischof Nikolas . Er sperrt sich ein in Olafs heiliger Kirche – Jarl Skule . Ich breche den Kirchenfrieden! Bischof Nikolas . Er flüchtet sich auf den Hochaltar und klammert sich an Olafs Schrein – Jarl Skule . Ich reiße ihn herunter vom Altar, und müßte ich den Heiligenschrein mitreißen – Bischof Nikolas . Er hat aber doch die Krone noch auf dem Haupte, Jarl! Jarl Skule . Ich schlage die Krone herunter mit meinem Schwerte! Bischof Nikolas . Doch wenn sie zu fest sitzt –? Jarl Skule . Nun denn, in Gottes oder des Satans Namen – so schlag' ich das Haupt mit herunter! Ab rechts. Bischof Nikolas schaut ihm nach, nickt langsam und spricht: Ja – ja; – so gefällt mir der Jarl! Der Vorhang fällt. Dritter Akt Ein Gemach im Bischofspalaste zu Oslo. Rechts die Eingangstür. Im Hintergrunde führt eine kleine offenstehende Pforte zur Kapelle, die erhellt ist. Eine Tür mit einem Vorhange in der linken Seitenwand geht in des Bischofs Schlafzimmer. Vorn auf derselben Seite steht eine gepolsterte Ruhebank. Rechts gegenüber ein Schreibtisch mit Briefen, Dokumenten und einer brennenden Lampe. Das Zimmer ist anfangs leer; hinter dem Vorhange links erschallt der Gesang von Mönchen. Bald darauf tritt von rechts Paul Flida im Reisegewand ein, bleibt in der Tür stehen, wartet, blickt sich um, und pocht dann dreimal mit seinem Stab auf die Diele. Sira Viljam kommt von links heraus und ruft mit gedämpfter Stimme: Paul Flida! Gott sei gelobt – dann ist auch der Jarl nicht mehr weit. Paul Flida . Die Schiffe sind schon auf der Höhe von Hovedö; ich fuhr voraus. Und wie steht's mit dem Bischof? Sira Viljam . Er empfängt eben die letzte Ölung. Paul Flida . Also ist hohe Gefahr? Sira Viljam . Meister Sigard von Brabant hat gesagt, er könnte die Nacht nicht überleben. Paul Flida . Dann, mein' ich, hat er uns zu spät zu sich beschieden. Sira Viljam . Nein, nein, – er hat volles Bewußtsein und auch noch einige Kraft, – jeden Augenblick fragt er, ob der Jarl nicht bald kommt. Paul Flida . Ihr nennt ihn noch Jarl ; wißt Ihr nicht, daß der König ihm den Herzogsnamen verliehen hat? Sira Viljam . Ja, gewiß, ja – es ist nur so eine alte Gewohnheit. Pst! Er und Paul Flida bekreuzigen und verneigen sich. Aus des Bischofs Kammer kommen zwei Chorknaben mit Lichtern, dann zwei andere mit Weihrauchfässern; darauf Priester, die Kelch, Tisch, ein Kruzifix und eine Kirchenfahne tragen; ihnen folgt ein Zug von Priestern und Mönchen; Chorknaben mit Lichtern und Weihrauchfässern beschließen die Prozession, die sich langsam zur Kapelle bewegt, deren Tür sich hinter ihnen schließt. Paul Flida . Da hat nun der alte Herr mit dieser Welt abgeschlossen. Sira Viljam . Ich darf ihm wohl sagen, daß Herzog Skule jeden Augenblick kommen kann? Paul Flida . Er geht von der Brücke geraden. Wegs hierher nach dem Bischofshofe. Lebt wohl! Ab. Mehrere Priester, darunter Peter , nebst Dienern des Bischofs treten zur Linken heraus mit Decken, Kissen und einem großen Kohlenbecken. Sira Viljam . Was soll das? Ein Priester macht die Bank in Ordnung. Der Bischof wünscht hier draußen zu liegen. Sira Viljam . Aber ist das ratsam? Der Priester . Meister Sigard meint, wir sollten ihm nur seinen Willen tun. Da ist er schon. Bischof Nikolas erscheint, von Meister Sigard und einem Priester unterstützt. Er ist im Bischofsornat, doch ohne Mitra und Stab. Bischof Nikolas Steckt mehr Lichter an! Er wird zu der Bank neben dem Kohlenbecken geleitet und in die Decken gehüllt. Viljam, jetzt hab' ich Vergebung erlangt für alle meine Sünden! Sie nahmen sie alle mit – mir ist jetzt so leicht. Sira Viljam . Der Herzog hat Euch einen Boten gesandt, Herr, – er selbst ist schon diesseits Hovedö. Bischof Nikolas . Das ist gut, sehr gut. Der König wird auch wohl bald hier sein. Ich war ein sündiger Hund all mein Lebtage, Viljam; ich habe mich schwer an dem König vergangen. Die Priester drinnen, die sagten, daß all meine Sünden mir vergeben sein sollen; – ja, das mag wohl sein; aber die haben gut versprechen; an ihnen hab' ich mich nicht vergangen. Nein, nein – es ist wohl das Sicherste, es aus des Königs eignem Munde zu hören. Heftig auffahrend. Licht, sag' ich! Es ist so dunkel hier. Sira Viljam . Die Lichter sind ja schon – Meister Sigard winkt ihm zu schweigen und nähert sich dem Bischof. Wie geht's Euch, Herr? Bischof Nikolas . Nun, so so, – so so, meine Hände und Füße sind kalt. Meister Sigard halblaut, indem er das Kohlenbecken näher rückt. Hm, – das ist der Anfang vom Ende. Bischof Nikolas ängstlich zu Viljam. Ich habe gesagt, acht Mönche sollen heut Nacht in der Kapelle für mich singen und beten. Hab' ein Aug' auf sie; es sind faule Knechte drunter. Sira Viljam deutet stumm auf die Kapelle, aus der Gesang ertönt, der während der folgenden Szene fortdauert. Bischof Nikolas . So vieles noch ungetan, und all das verlassen zu müssen! So vieles ungetan, Viljam! Sira Viljam . Herr, denkt an das Himmlische! Bischof Nikolas . Ich habe noch Zeit vor mir; – bis zur Morgenstunde, meint Meister Sigard – Sira Viljam . Herr, Herr! Bischof Nikolas . Gebt mir Mitra und Stab! – Du hast gut reden, daß ich denken soll an – Ein Priester bringt das Verlangte. So, leg die Mütze dahin, sie ist mir zu schwer; gib mir den Stab in die Hand; so, jetzt bin ich gerüstet. Ein Bischof! – Jetzt kann mir der Böse nichts anhaben! Sira Viljam . Wünscht Ihr sonst noch etwas? Bischof Nikolas . Nein. Doch, – sage mir: – Peter, der Sohn von Andres Skjaldarband, – alle sprechen so gut von ihm – Sira Viljam . Er ist gewiß eine schuldlose Seele. Bischof Nikolas . Peter, Du sollst bei mir wachen, bis der König oder der Herzog kommt. Geht so lange hinaus, Ihr anderen, – aber seid bei der Hand! Alle, mit Ausnahme Peters, gehen rechts ab. Bischof Nikolas nach einer kurzen Pause. Peter! Peter nähert sich. Herr! Bischof Nikolas . Hast Du nie alte Leute sterben sehen? Peter . Nein. Bischof Nikolas . Feig sind sie alle zusammen; das könnt' ich beschwören! Da auf dem Tisch liegt ein großer Brief mit Siegel; gib mir den! Peter bringt den Brief. Er ist an Deine Mutter. Peter . An meine Mutter? Bischof Nikolas . Du sollst damit nordwärts reisen nach Hålogaland. Ich hab' ihr über eine große und wichtige Sache geschrieben; es ist Botschaft von Deinem Vater gekommen. Peter . Er kämpft als ein Streiter des Herrn im heiligen Lande. Fällt er dort, so fällt er auf geweihtem Boden; denn dort ist jeder Fußbreit Erde heilig. Ich flehe zu Gott für ihn in allen meinen Gebeten. Bischof Nikolas . Ist Andres Skjaldarband Dir teuer? Peter . Er ist ein ehrenwerter Mann; aber es lebt ein anderer Mann, mit dessen Größe meine Mutter mich sozusagen von der Wiege an genährt und auferzogen hat. Bischof Nikolas hastig und mit Spannung. Ist's Herzog Skule? Peter . Ja, der Herzog, – Skule Bårdsson. Meine Mutter hat ihn in jüngeren Tagen gekannt. Fürwahr, der Herzog muß der herrlichste Mann im Lande sein! Bischof Nikolas . Da ist der Brief; mach' Dich sofort auf damit gen Norden! – Singen sie nicht da drinnen? Peter . Ja, Herr! Bischof Nikolas . Acht handfeste Burschen mit Kehlen wie Posaunen, – das wird doch wohl etwas helfen, denk' ich? Peter . Herr, Herr, ich würde selber beten! Bischof Nikolas . Es ist noch zu vieles ungetan, Peter. Das Leben ist gar zu kurz – und überdies wird der König mir wohl vergeben, wenn er kommt – Er zuckt vor Schmerz zusammen. Peter . Ihr leidet gewiß sehr! Bischof Nikolas . Ich leide nicht; aber es klingt mir vor den Ohren; es blitzt und funkelt mir vor den Augen – Peter . Es sind die himmlischen Glocken, die Euch heimrufen – was da blitzt und funkelt, das sind die Altarkerzen, die Gottes Engel für Euch angezündet haben. Bischof Nikolas . Ja, gewiß, gewiß – es hat keine Gefahr, wenn sie da drinnen nur wacker im Gebet aushalten –. Lebwohl, mach' Dich sofort auf den Weg mit dem Briefe! Peter . Soll ich nicht erst –? Bischof Nikolas . Nein, geh; ich fürchte mich nicht, allein zu sein. Peter . Auf Wiedersehen denn dort oben, wenn die himmlischen Glocken einst auch mir läuten! Ab nach rechts. Bischof Nikolas . Die himmlischen Glocken, – ja, das sagt sich so leicht, wenn man auf zwei flinken Beinen herumläuft. – So vieles ungetan! Aber dennoch wird manches nach meinem Tode fortwirken. Ich gelobte dem Herzog bei meiner Seele Seligkeit, ihm die Beichte des Pfarrers Trond zu geben, wenn sie in meine Hände käme; – gut, daß ich sie nicht bekommen habe. Hätte er Gewißheit, so würde er siegen oder fallen; dann würde einer von ihnen der mächtigste Mann, der je in Norwegen gelebt hätte. Nein, nein, – was ich nicht erreichen konnte, soll auch kein andrer erreichen. Die Ungewißheit ist das Beste; solange sie auf dem Herzog lastet, werden die beiden einander auf Tod und Leben befehden, wo sie nur können; Städte werden brennen, Dörfer verheert, – keiner von ihnen gewinnt durch des andern Verlust – – Entsetzt. Gnade, Erbarmen! Ich bin es ja, der die Schuld trägt – ich, der von Anbeginn den Anstoß zu der ganzen Sache gegeben hat! Sich beruhigend. Ja, ja, ja! aber jetzt kommt der König, – er ist's ja, den es am schwersten trifft, – er vergibt mir schon – man soll Gebete lesen und Messen; es hat keine Not; – ich bin ja Bischof, und ich habe nie einen mit eigener Hand getötet. – Gut ist's, daß Pfarrer Tronds Beichte nicht gekommen ist; die Heiligen sind mit mir, sie wollen mich nicht in Versuchung führen, mein Gelübde zu brechen. – Wer klopft an die Tür? Es muß der Herzog sein! Reibt sich vergnügt die Hände. Er wird mich quälen um Beweise für das Königsrecht, – und ich habe keine Beweise, die ich ihm geben kann! Inga von Vartejg tritt ein; sie ist schwarz gekleidet, mit Mantel und Kapuze. Bischof Nikolas schrickt zusammen. Wer ist das? Inga . Ein Weib aus Vartejg in Borgasyssel, ehrwürdiger Herr. Bischof Nikolas . Die Königsmutter! Inga . So hieß ich einstmals. Bischof Nikolas . Geht, geht! Ich riet Håkon nicht, sich von Euch zu trennen! Inga . Was der König tut, das ist wohlgetan; nicht deshalb komme ich. Bischof Nikolas . Weshalb denn? Inga . Gunnulf, mein Bruder, ist von der Fahrt nach England heimgekehrt – Bischof Nikolas . Von der Fahrt nach England –! Inga . Er ist lange Jahre fortgewesen, wie Ihr wißt, und weit herumgekommen; jetzt hat er einen Brief heimgebracht – Bischof Nikolas atemlos. Einen Brief –? Inga . Vom Pfarrer Trond. Er ist für Euch, Herr. Sie überreicht ihn. Bischof Nikolas . Ja so; – und Ihr bringt ihn? Inga . Das ist Tronds Wunsch. Großen Dank schulde ich ihm von der Zeit, da er Håkon auferzog. Ich hab' erfahren, daß Ihr krank seid; deshalb machte ich mich gleich auf die Reise. Ich bin zu Fuß hieher gekommen – Bischof Nikolas . Es hätte nicht so große Eile gehabt, Inga! Dagfinn von rechts eintretend. Gottes Frieden, ehrwürdiger Herr! Bischof Nikolas . Kommt der König? Dagfinn . Er reitet eben die Ryenberge herab mit der Königin und dem Königskinde und großem Gefolge. Inga auf Dagfinn zueilend. Der König, – der König! er kommt hieher? Dagfinn . Inga! Ihr seid da, Ihr hartgeprüftes Weib? Inga . Wer einen so herrlichen Sohn hat, der ist nicht hartgeprüft. Dagfinn . Jetzt muß sein hartes Herz schmelzen. Inga . Kein Wort zum König von mir! O, aber sehen muß ich ihn doch – sagt, – kommt er hieher? Dagfinn . Ja, bald. Inga . Und es ist dunkler Abend. Man wird dem Könige wohl mit Fackeln voranleuchten? Dagfinn . Ja. Inga . So will ich mich in einen Beischlag stellen, wo er vorüber muß – und dann heimwärts nach Vartejg! Aber zuerst nach Hallwards Kirche; da brennen Lichter diese Nacht; da will ich inbrünstig beten für den König, für meinen herrlichen Sohn. Ab nach rechts. Dagfinn . Ich hab' mich meines Auftrags entledigt; nun geh' ich dem König entgegen. Bischof Nikolas . Grüßt ihn herzlichst, guter Dagfinn! Dagfinn , indem er rechts abgeht. Ich möchte morgen nicht Bischof Nikolas sein. Bischof Nikolas . Pfarrer Tronds Beichte –! Also ist sie doch gekommen – da halt' ich sie in meiner Hand. Er starrt grübelnd vor sich hin. Nie sollte man etwas bei seiner Seele Seligkeit geloben, wenn man so alt ist wie ich. Hätt' ich noch Jahre vor mir, so würd' ich mich schon um ein solches Gelübde herumzudrücken wissen; aber heut, am letzten Abend, – nein, das ist nicht ratsam. – Kann ich es denn halten? Heißt das nicht alles aufs Spiel setzen, wofür ich mein ganzes Leben lang gewirkt habe? Wispernd. O, könnt' ich den Bösen nur noch dies einzige Mal prellen! Lauscht. Was ist das ? Ruft. Viljam! Viljam! Sira Viljam tritt von rechts ein. Bischof Nikolas . Was saust und heult da so furchtbar? Sira Viljam . Das Unwetter ist's, das zunimmt. Bischof Nikolas . Das Unwetter nimmt zu! – Ja, mein Gelübde, das werd' ich sicher halten! Das Unwetter, sagst Du –? Singen sie drinnen? Sira Viljam . Ja, Herr. Bischof Nikolas . Sag' ihnen, sie sollten sich alle Mühe geben; – Bruder Aslak besonders; er spricht immer so kurze Gebete; er knappt, wo er nur kann; er überschlägt, der Hund! Er stößt mit dem Bischofsstab auf die Diele. Geh hinein und sag' ihm, es wäre die letzte Nacht, die ich noch habe; er solle sich Mühe geben, sonst käm' ich zu ihm als Gespenst! Sira Viljam . Herr, soll ich nicht Meister Sigard holen? Bischof Nikolas . Geh hinein, sag' ich! Viljam ab in die Kapelle. Es muß gewißlich des Himmels Wille sein, daß ich den König und den Herzog versöhnen soll, da er mir den Brief des Pfarrers Trond jetzt sendet. Ein hartes Stück, Nikolas; mit einem einzigen Ruck alles niederzureißen, was aufzubauen Du Dein ganzes Leben gebraucht hast. Aber es bleibt keine Wahl; den Willen des Himmels muß ich diesmal erfüllen – Könnt' ich nur noch lesen, was in dem Brief steht. Aber ich kann kein Wort mehr sehen! Nebel flattern vor meinen Augen, es flammt und flirrt –; und von keinem andern darf ich es mir vorlesen lassen! So etwas zu geloben –! Ist der Witz des Menschen denn so jämmerlich, daß er über das zweite und dritte Glied seiner eigenen Tat keine Gewalt mehr hat? Ich sprach so lange und so eindringlich zu Vegard Väradal, um den König zu veranlassen, Inga wegzuschicken, bis es schließlich geschah. Die Tat war klug im ersten Gliede; aber hätt' ich nicht diesen Rat gegeben, so wäre Inga jetzt nicht in Vartejg gewesen, der Brief wäre nicht früh genug in meine Hände gelangt, und ich hätte kein Gelübde zu halten gehabt, – also unklug im zweiten Gliede. Hätte ich wenigstens Zeit vor mir; aber nur diese eine Nacht noch, und kaum die ganz! Ich muß, ich will länger leben! Er stößt mit dem Stabe auf; ein Priester tritt von rechts ein. Meister Sigard soll kommen! Der Priester geht; der Bischof zerknittert den Brief in den Händen. Hier, hinter diesem dünnen Siegel liegt Norwegens Geschichte für hundert Jahre! Sie liegt und träumt, wie das Vogeljunge im Ei! O, wer jetzt mehr als Eine Seele hätte, – oder auch keine ! Er drückt den Brief wild an seine Brust. O, wäre das Ende nicht so jäh über mir, – und das Gericht und die Strafe, – ich wollte dich ausbrüten zu einem Geier, der grausige Schatten über das ganze Land werfen und seine scharfen Krallen in alle Herzen bohren sollte! Zuckt zusammen. Aber die letzte Stunde ist nah! Aufkreischend. Nein, nein, – du sollst ein Schwan werden, ein weißer Schwan! Wirft den Brief zur Erde und ruft: Meister Sigard, Meister Sigard! Meister Sigard von rechts. Wie geht's, ehrwürdiger Herr? Bischof Nikolas . Meister Sigard, – verkauft mir drei Tage Leben! Meister Sigard . Ich hab' Euch gesagt – Bischof Nikolas . Ja, ja; aber das war nicht Euer Ernst; es war eine kleine Strafe. Ich bin ein grilliger Herr gewesen gegen Euch; deshalb wolltet Ihr mir bange machen. Pfui, das war nicht hübsch, – nein, nein, es war wohlverdient! Aber seid jetzt gut und gescheit! Ich werde Euch gut bezahlen; – drei Tage Leben, Meister Sigard, nur drei Tage Leben! Meister Sigard . Und wenn ich selbst in gleicher Stunde scheiden sollte, wie Ihr, so könnte ich doch keine drei Tage zulegen. Bischof Nikolas . Einen Tag denn; nur einen Tag! Laßt es hell werden, laßt die Sonne scheinen, wenn ich von hinnen fahren muß! Hört, Sigard! Er winkt ihn zu sich heran und zieht ihn auf die Ruhebank nieder. Ich habe fast all mein Gold und Silber der Kirche vermacht, damit große Messen hinterher gelesen werden. Ich will's widerrufen. Ihr sollt alles zusammen haben! Na, Sigard, wollen wir die da drin foppen ? Hä, hä, hä! Ihr werdet reich, Sigard, und geht aus dem Lande; ich erhalte Frist und kann meine Sachen ein bischen ordnen und brauche weniger Gebete. Na, Sigard, wollen wir –? Sigard fühlt ihm den Puls; der Bischof schreit angstvoll: Nun, warum antwortet Ihr nicht? Meister Sigard steht auf. Ich habe keine Zeit, Herr. Ich will Euch einen Trank brauen, der Euch den letzten Augenblick etwas erleichtern soll. Bischof Nikolas . Nein, wartet damit! Wartet – und antwortet mir! Meister Sigard . Ich hab' keine Zeit; der Trank muß binnen einer Stunde fertig sein. Ab nach rechts. Bischof Nikolas . Binnen einer Stunde! Er schlägt wild mit dem Stabe auf. Viljam! Viljam! Sira Viljam kommt aus der Kapelle. Bischof Nikolas . Nimm da drin mehr zu Hilfe! Die acht reichen nicht! Sira Viljam . Herr –? Bischof Nikolas . Mehr zu Hilfe, sag' ich! Der Bruder Kolbejn hat fünf Wochen krank gelegen, – er kann nicht viel gesündigt haben während dieser Zeit – Sira Viljam . Er ist gestern zur Beichte gewesen. Bischof Nikolas eifrig. Ja, der muß gut sein – nimm ihn ! Viljam geht wieder in die Kapelle. Binnen einer Stunde! Wischt sich den Schweiß von der Stirn. Puh, wie warm das hier ist! – Der elende Hund, – was nützt all seine Gelehrsamkeit, wenn er nicht eine Stunde zulegen kann. Da sitzt er Tag für Tag in seiner Stube und fügt künstliche Räder und Gewichte und Hebel zusammen; er will ein Werk schaffen, das gehen, gehen und nie stille stehen soll, – perpetuum mobile nennt er's. Weshalb setzt er nicht lieber seine Kunst und seinen Witz daran, den Menschen zu solch einem perpetuum mobile zu machen –? Er hält inne und sinnt nach; es blitzt in seinen Augen. Perpetuum mobile, – ich bin nicht fest im Latein, – aber das bedeutet etwas, was die Fähigkeit hat, ewig zu wirken, durch alle Zeiten hindurch. Könnt' ich wohl selber gar –? Das wär' eine Tat, damit zu enden! Das hieße: seine größte Tat in seiner letzten Stunde tun! Räder und Gewichte und Hebel in der Seele des Königs und des Herzogs in Gang setzen; sie derart in Gang setzen, daß keine Macht der Erden sie zu hemmen vermag; – kann ich das, so leb' ich ja fort, lebe fort in meinem Werk, – und vielleicht läuft das , was man Unsterblichkeit nennt, da rauf hinaus. – Tröstliche, erquickende Gedanken, wie wohl tut ihr dem alten Manne! Er atmet auf und streckt sich behaglich auf die Ruhebank. Diabolus hat mir heut abend schlimm mitgespielt. Das kommt davon, wenn man müßig liegt; otium est pulvis – pulveris – na, Latein hin, Latein her, – Diabolus soll keine Macht mehr über mich bekommen; ich will bis zum letzten Augenblicke tätig sein; ich will – Wie sie da drin blöken –! Er stößt mit dem Stabe auf; Sira Viljam tritt ein. Sag' ihnen, sie sollen schweigen; sie stören mich. Der König und der Herzog kommen bald, – ich habe große Dinge zu bedenken. Sira Viljam . Herr, soll ich also –? Bischof Nikolas . Ihnen gebieten, einstweilen aufzuhören, damit ich in Ruhe denken kann, Sieh da, heb den Brief auf, der dort am Boden liegt. – Gut, gib mir auch die Papiere her – Sira Viljam tritt an den Schreibtisch. Welche, Herr? Bischof Nikolas . Einerlei – die mit dem Siegel; die, die zu oberst liegen. – So; jetzt geh hinein und heiß sie still sein. Viljam geht. – Sterben, und doch regieren in Norwegen! Sterben, und es so fügen, daß kein Mann sich um Kopfeslänge über alle andern erheben kann! Tausend Wege könnten zu diesem Ziel führen; aber nur einer kann taugen; – den gilt's zu finden, – den gilt's einzuschlagen. – Ha! der Weg liegt ja so nah, so nah! Ja, so soll es sein. Ich halte das Gelübde; der Herzog soll den Brief haben; – aber der König – hm, dem will ich den Stachel des Zweifels ins Herz senken. Håkon ist ehrlich, wie man das nennt; mit dem Glauben an sich selbst und an sein Recht wird viel in ihm zu nichte. Beide sollen zweifeln und glauben, auf und nieder schwanken, niemals festen Grund unter den Fuß bekommen, – perpetuum mobile! – Aber wird Håkon meiner Aussage Glauben schenken? Er wird es; ich bin ja ein sterbender Mann; ich werde ihn zuvor mit Wahrheit füttern. – Die Kräfte versagen, aber die Seele wird munter; – ich bin nicht mehr auf dem Siechenlager, ich sitze in meiner Arbeitsstube, ich will arbeiten die letzte Nacht, arbeiten – bis das Licht erlischt – Herzog Skule tritt von rechts ein und geht auf den Bischof zu. Frieden und Gruß, ehrwürdiger Herr! Ich höre, es steht schlecht um Euch. Bischof Nikolas . Ich bin eine knospende Leiche, lieber Herzog; heute nacht spring' ich auf; morgen wird man merken, wie ich dufte. Herzog Skule . Schon heut nacht, sagt Ihr? Bischof Nikolas . Meister Sigard sagt: in einer Stunde. Herzog Skule . Und der Brief des Pfarrers Trond –? Bischof Nikolas . Denkt Ihr noch an den? Herzog Skule . Er kommt mir nicht aus dem Sinn. Bischof Nikolas . Der König hat Euch zum Herzog gemacht; keiner hat vor Euch den Herzogsnamen getragen in Norwegen. Herzog Skule . Genügt nicht. Ist Håkon der unrechte, so muß ich alles haben! Bischof Nikolas . Hu, es ist kalt hier drinnen; mich friert's in allen Gliedern. Herzog Skule . Pfarrer Tronds Brief, Herr! Bei Gott dem Allmächtigen, – habt Ihr ihn? Bischof Nikolas . Ich weiß wenigstens, wo er zu finden ist. Herzog Skule . So sagt es, sagt es! Bischof Nikolas . Wartet – Herzog Skule . Nein, nein, – nutzt die Zeit; ich seh', es geht rasch mit Euch zu Ende, – und der König kommt ja her, hat man mir gesagt. Bischof Nikolas . Ja, der König kommt; daraus seht Ihr am besten, daß ich für Eure Sache sorge, selbst jetzt noch. Herzog Skule . Was ist Eure Absicht? Bischof Nikolas . Erinnert Ihr Euch, – bei der Hochzeit des Königs, da sagtet Ihr, das, was Håkon stark machte, wäre sein unerschütterlicher Glaube an sich selbst. Herzog Skule . Nun? Bischof Nikolas . Wenn ich beichte und den Zweifel in ihm wecke, so fällt der Glaube, und mit ihm die Stärke. Herzog Skule . Herr, das ist sündhaft, sündhaft, falls er der rechte ist! Bischof Nikolas . Es wird in Eurer Macht stehen, ihm den Glauben wieder zu geben. Denn eh' ich von hinnen gehe, werd' ich Euch sagen, wo Pfarrer Tronds Brief zu finden ist. Sira Viljam von rechts. Eben kommt der König mit Fackeln und Gefolge die Straße herab. Bischof Nikolas . Willkommen soll er sein. Viljam ab. Herzog, ich bitt' Euch um einen letzten Dienst. Seid mir ein Verfolger aller meiner Widersacher. Er zieht einen Brief hervor. Da hab' ich sie aufgeschrieben. Die, so zu oberst stehen, hätt' ich gerne gehenkt, wenn sich's machen ließe. Herzog Skule . Denkt jetzt nicht an Rache; Ihr habt nicht lange mehr – Bischof Nikolas . Nicht an Rache, sondern an Strafe. Gelobt mir, das Schwert der Strafe über all meine Feinde zu schwingen, wenn ich tot bin. Sie sind Eure Gegner so gut wie die meinen; wenn Ihr König werdet, müßt Ihr sie züchtigen – gelobt Ihr mir das? Herzog Skule . Ich gelobe und schwöre; – aber Pfarrer Tronds Brief –! Bischof Nikolas . Ihr sollt wissen, wo er ist; – aber, seht – der König kommt; – verbergt die Liste unserer Feinde! Der Herzog steckt das Papier ein; im selben Augenblick erscheint Håkon von rechts. Bischof Nikolas . Willkommen zum Leichentrunk, Herr König! Håkon . Ein scharfer Gegner wart Ihr uns zu allen Zeiten; aber das soll jetzt vergessen und vergeben sein – der Tod löscht selbst die größte Rechnung aus. Bischof Nikolas . Das erleichtert! O, wie wunderbar groß ist die Milde des Königs! Herr, was Ihr heut abend an einem alten Sünder getan habt, das soll zehnfach – Håkon . Laßt gut sein; aber ich muß Euch sagen, daß ich höchlich erstaunt bin. Ihr ladet mich hieher, um meine Verzeihung zu empfangen, und dann bereitet Ihr mir eine solche Begegnung. Bischof Nikolas . Begegnung, Herr? Herzog Skule . Ich bin's, auf den der König anspielt. Wollt Ihr, Herr Bischof, König Håkon bei meiner Treu' und Ehre versichern, daß ich nichts von seinem Kommen gewußt habe, eh' ich meinen Fuß auf die Brücke von Oslo setzte? Bischof Nikolas . Ach, ach; alle Schuld ruht auf mir! Ich bin ein kränkelnder, bettlägeriger Mann das ganze letzte Jahr gewesen; ich habe mich wenig oder gar nicht um die Angelegenheiten des Landes gekümmert; ich habe geglaubt, alles wäre jetzt in schönster Ordnung zwischen den hohen Verwandten! Håkon . Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Freundschaft zwischen dem Herzog und mir am besten gedeiht, wenn wir einander fern bleiben; drum lebt wohl, Bischof Nikolas, und Gott sei mit Euch dorten, wohin Ihr jetzt gehet. Er will sich entfernen. Herzog Skule leise und unruhig. Bischof, Bischof; er geht! Bischof Nikolas plötzlich und mit Leidenschaft. Bleibt, König Håkon! Håkon stutzt. Nun? Bischof Nikolas . Ihr sollt diese Stube nicht verlassen, bis der alte Bischof Nikolas sein letztes Wort gesprochen hat! Håkon legt unwillkürlich die Hand ans Schwert. Seid Ihr vielleicht mit Heeresmacht nach Vike gekommen, Herzog ? Herzog Skule . Ich habe nicht teil an all dem. Bischof Nikolas . Mit der Macht des Wortes allein werde ich Euch zu halten wissen. Wo ein Begräbnis im Hause ist, da ist ja der Tote die Hauptperson; er kann tun und lassen, was er will, – soweit seine Kräfte reichen. Deshalb will ich jetzt meine eigene Grabrede halten; in früherer Zeit fürchtete ich immer, daß König Sverre sie mir halten würde – Håkon . Sprecht nicht so wüst, Herr! Herzog Skule . Ihr schmälert die kostbare Zeit, die Ihr noch habt! Håkon . Euer Aug' ist schon trübe! Bischof Nikolas . Ja, mein Blick ist trübe; ich vermag kaum Euch zu sehen, die Ihr vor mir steht; aber in meinem Innern zieht mein Leben mit lichter Klarheit an mir vorüber. Da hab' ich Gesichte – höret und wisset, König! – Mein Geschlecht war das mächtigste im Lande; viele große Häuptlinge gingen aus ihm hervor; ich wollte der größte von ihnen allen sein. Ich war fast noch ein Knabe, als es mich schon nach Großtaten dürstete; ich glaubte, unmöglich warten zu können, bis ich erwachsen wäre; – da erstanden Könige mit geringerem Recht als ich, – Magnus Erlingsson, der Priester Sverre –; ich wollte auch König werden; aber Kriegshauptmann erst, – das war notwendig. Die Schlacht auf den Ilewällen sollte geschlagen werden; es war das erste Mal, daß ich mit war. Die Sonne stieg empor, und von tausend blanken Waffen gab's einen blitzenden Widerschein. Magnus und all seine Mannen rückten vor wie zum Spiele; mir allein war es beklommen ums Herz. Kühn drang unsere Schar vorwärts; aber ich konnte den Sieg nicht mit erfechten, – ich war feig! Alle anderen Häuptlinge des Königs Magnus stritten mannhaft, und manch Streiter fiel, ich aber floh über den Felsenhang, ich lief und lief und blieb nicht eher stehen, als bis ich wieder weit draußen am Fjord war. Mancher Mann mußte an jenem Abend seine blutigen Kleider im Fjord von Tronthjem waschen; – auch meine mußt' ich rein waschen, aber nicht von Blut. Ja, König, ich war feig; zum Häuptling geboren – und feig! Das traf mich wie ein Blitzstrahl; ich war von Stund an jedem Manne feind; ich betete heimlich in den Kirchen, ich weinte und kniete vor den Altären, ich gab reiche Geschenke, tat heilige Gelübde; ich versuchte und probierte mein Herz in einer Schlacht nach der andern, bei Saltösund, auf den Jonswällen in jenem Sommer, als die Bagler in Bergen lagen, – alles umsonst! Sverre war's, der es zuerst bemerkte; er erzählte es laut und mit Spott, und von dem Tag an lachte ein jeder im Heere, wenn Nikolas Arnesson in Kriegskleidern einherging. – Feig, feig –, und doch wollt' ich Häuptling sein, wollte König sein, fühlte mich in allem andern zum König geschaffen, hätte Gottes Reich auf Erden fördern können – aber die Heiligen selbst waren es, die mir den Schlagbaum schlossen. Håkon . Klagt nicht den Himmel an, Bischof! Ihr habt viel gehaßt! Bischof Nikolas . Ja, ich habe viel gehaßt – jedes Haupt in diesem Lande gehaßt, das sich über die Menge erhob. Aber ich haßte, weil ich nicht lieben konnte. Holde Frauen, – o, ich könnte sie noch jetzt mit glühenden Augen verschlingen! Ich zähle achtzig Jahr, und noch immer lechze ich danach, Männer zu erschlagen und Weiber zu umfahn; – aber es erging mir auch hier , wie in der Schlacht; nur Wille und Begier, entmannt von Geburt an; – heißes Lustverlangen – und doch ein Krüppel! So wurde ich denn Priester; König oder Priester muß der Mann sein, der über alle Macht gebieten will. Lacht. Ich Priester! Ich ein Mann der Kirche! Ja, für eine kirchliche Handlung hatte der Himmel mich besonders geschaffen, – dafür, die hohen Diskanttöne anzugeben, – mit Weiberstimme bei hohen Kirchenfesten zu singen. Und doch begehren die da oben von mir, – dem Halbmann, – was sie das Recht haben von jedem zu begehren, der die volle Kraft für sein Lebenswerk empfangen hat! Es hat Zeiten gegeben, da ein solcher Anspruch mir billig erschien; ich habe hier auf dem Krankenbette gelegen voll grausiger Angst vor Strafe und Gericht! Nun ist das vorüber; ich fühle wieder Mark in den Knochen der Seele! Ich habe nichts verbrochen; an mir wurde das Unrecht verübt; ich bin der Kläger! Herzog Skule mit gedämpfter Stimme. Herr – den Brief! Ihr habt nicht viel Zeit mehr! Håkon . Denkt an Euer Seelenheil und demütigt Euch! Bischof Nikolas . Eines Mannes Tat ist seine Seele, und meine Tat soll auf Erden fortleben. Aber Ihr, König Håkon, Ihr solltet Euch hüten; denn wie der Himmel mir entgegen war und Schaden erntete als Lohn, so seid Ihr dem Manne entgegen, der das Glück des Landes in seiner Hand hält – Håkon . Ha – Herzog, Herzog! Jetzt versteh' ich die Begegnung hier! Herzog Skule heftig zum Bischof. Kein Wort mehr von dergleichen! Bischof Nikolas u Håkon. Er wird wider Euch sein, solange sein Haupt fest auf den Schultern sitzt. Teilt mit ihm! Ich finde nicht Frieden im Sarge, ich kehre wieder, wenn Ihr beide nicht miteinander teilt! Keiner von Euch soll des andern Höhe seinem eigenen Wuchse zulegen; es gäbe einen Hünen hier im Lande, wenn das geschähe, und es soll hier keinen Hünen geben; denn ich war nie ein Hüne! Er sinkt matt auf die Ruhebank zurück. Herzog Skule wirft sich neben der Bank aufs Knie und ruft Håkon zu: Schafft Hilfe! Um Gottes Barmherzigkeit willen, der Bischof darf noch nicht sterben! Bischof Nikolas . Wie es düster wird und düstrer vor meinen Augen! – König, zum letzten Mal, – wollt Ihr mit dem Herzog teilen? Håkon . Kein Scherflein schenke ich weg von dem, was mir Gott gegeben hat! Bischof Nikolas . Gut denn, gut! Leise. Den Glauben soll er auf jeden Fall verlieren. Er ruft. Viljam! Herzog Skule flüsternd. Den Brief! den Brief! Bischof Nikolas ohne auf ihn zu hören. Viljam! Viljam tritt ein; der Bischof zieht ihn dicht zu sich heran und flüstert. Als ich die letzte Ölung empfing, da wurden mir doch alle Sünden vergeben! Sira Viljam . Alle Sünden, von Eurer Geburt an bis zu dem Augenblicke, da Ihr die Ölung empfingt. Bischof Nikolas . Nicht länger? Nicht ganz bis in meinem Tod? Sira Viljam . Herr, Ihr sündigt nicht diese Nacht. Bischof Nikolas . Hm, man kann nicht wissen –; nimm den Goldbecher, den ich vom Bischof Absalon erbte, – gib ihn der Kirche, – und laß noch sieben große Kirchengebete für mich lesen. Sira Viljam . Herr, Gott wird Euch gnädig sein! Bischof Nikolas . Noch sieben Gebete, sag' ich – für das, was ich heut nacht sündige! Geh, geh! Viljam ab; der Bischof wendet sich zu Skule. Herzog, wenn Ihr einmal Pfarrer Tronds Brief lest, und es sich vielleicht erweisen sollte, daß Håkon der rechte ist, – was werdet Ihr dann tun? Herzog Skule . In Gottes Namen, – dann soll er auch König sein. Bischof Nikolas . Überlegt's Euch – es gilt hier viel. Prüft jede Falte Eures Herzens; antwortet, als ob Ihr vor Eurem Richter stündet. Was wollt Ihr tun, wenn er der rechte ist? ' Herzog Skule . Mich beugen und ihm dienen. Bischof Nikolas vor sich hinmurmelnd. Ja, ja, – so trage denn die Folgen! u Skule. Herzog, ich bin schwach und müde; es überkommt mich so milde und versöhnlich – Herzog Skule . Das ist der Tod! Pfarrer Tronds Brief! Wo ist er? Bischof Nikolas . Erst etwas anderes – ich gab Euch die Liste meiner Feinde – Herzog Skule ungeduldig. Ja, ja; ich werde an ihnen Rache nehmen für alles – Bischof Nikolas . Nein, gar mild ist nun mein Sinn; ich will ihnen vergeben, wie geschrieben steht. Gleichwie Ihr der Macht entsagt, so will ich der Rache entsagen. Verbrennt die Liste! Herzog Skule . Gut, gut – wie Ihr wollt! Bischof Nikolas . Hier im Kohlenbecken, daß ich's sehen kann – Herzog Skule wirft das Papier ins Feuer. So, – da brennt sie! Und nun redet, redet! Es gilt das Leben Tausender, wenn Ihr jetzt nicht redet! Bischof Nikolas mit funkelnden Augen. Das Leben Tausender! Schreit auf. Licht! Luft! Håkon eilt zur Tür und ruft: Zu Hilfe! Der Bischof stirbt! Sira Viljam und mehrere Diener des Bischofs kommen herein. Herzog Skule schüttelt den Arm des Bischofs. Norwegens Glück für Jahrhunderte – seine Größe vielleicht für ewige Zeiten! Bischof Nikolas . Ewige Zeiten! Triumphierend. Perpetuum mobile! Herzog Skule . Bei Eurer Seele Seligkeit, – wo ist Pfarrers Tronds Brief? Bischof Nikolas rufend. Noch sieben Gebete, Viljam! Herzog Skule außer sich. Der Brief! der Brief! Bischof Nikolas lächelt im Todeskampfe. Den habt Ihr eben verbrannt, guter Herzog. Er sinkt auf die Bank zurück und stirbt. Herzog Skule stößt unwillkürlich einen Schrei aus, indem er zurücktaumelt und das Gesicht mit den Händen bedeckt. Gott, Du Allmächtiger! Die Mönche in wilder Flucht aus der Kapelle. Rette sich, wer kann! Einzelne Stimmen . Alles Böse ist heut nacht entfesselt! Andere . Es lachte laut in der Ecke! – Es schrie: »Wir haben ihn!« – Alle Lichter erloschen! Håkon . Eben starb Bischof Nikolas. Die Mönche rechts hinausflüchtend. Pater noster, – Pater noster! Håkon nähert sich Skule und spricht leise. Herzog, ich will nicht forschen, was für heimliche Pläne Ihr mit dem Bischof geschmiedet habt, eh' er starb; – aber von morgen an müßt Ihr Eure Macht und Würde in meine Hände zurückgeben; jetzt seh' ich deutlich, – wir beide können nicht denselben Weg zusammen gehen. Herzog Skule blickt ihn wie geistesabwesend an. Denselben Weg zusammen gehen –? Håkon . Morgen halt' ich Thing im Königsschloß; dort muß alles zwischen uns ins Reine kommen. Ab nach rechts. Herzog Skule . Der Bischof tot und der Brief verbrannt! Ein Leben voller Zweifel und Kampf und Grauen! O, könnt' ich beten! – Nein, – handeln muß ich. Heut abend noch muß der entscheidende Schritt geschehen! Zu Viljam. Wohin ging der König? Sira Viljam erschrocken. Christ steh' mir bei, – was wollt Ihr von ihm? Herzog Skule . Glaubt Ihr vielleicht, ich will ihn morden in dieser Nacht? Rechts ab. Sira Viljam sieht ihm kopfschüttelnd nach, während Diener die Leiche links hinaustragen. Noch sieben Gebete, sagte der Bischof – ich denke, das sicherste ist, wir lesen vierzehn. Folgt den übrigen.   Eine Stube im Königsschloß. Im Hintergrund ist die Eingangstür; kleinere Türen an den beiden Seitenwänden; vorn an der rechten Seite ein Fenster. An der Decke hängt eine brennende Lampe. Dicht neben der Tür zur Linken steht eine Bank, weiter zurück eine Wiege, worin das Königskind schläft; Margrete kniet neben dem Kinde. Margrete wiegt und singt. Nun schweben Dach und Decke Zum Sternendom hinauf; Nun schwingt der kleine Håkon Ins Träumereich sich auf. Es raget eine Leiter Von Erden himmelan; Die steigt der kleine Håkon Mit Engeln nun hinan. Das Wiegenkindlein hüten Die Engel Gottes sacht; Gott schütz' Dich, kleiner Håkon, – Auch Deine Mutter wacht. Kurze Pause. Herzog Skule tritt ein durch die Mitte. Margrete springt mit einem Freudenschrei auf und eilt ihm entgegen. Mein Vater! – O, wie hab' ich geseufzt und mich gesehnt nach dieser Begegnung! Herzog Skule . Gottes Frieden mit Dir, Margrete! Wo ist der König? Margrete . Beim Bischof Nikolas. Herzog Skule . Hm, – ja, dann muß er bald hier sein. Margrete . Und Ihr wollt miteinander reden und Euch vergleichen, – wieder Freunde werden, wie in alten Tagen? Herzog Skule . Das wollt' ich gern. Margrete . Håkon will es auch gern; und ich bete jeden Tag zu Gott, daß es geschehen möge. O, aber komm her und sieh – Sie ergreift seine Hand und führt ihn an die Wiege. Herzog Skule . Dein Kind? Margrete . Ja, das liebe Kind ist mein; – ist das nicht wunderbar ? Er heißt Håkon, wie der König! Sieh nur, seine Augen – nein, Du kannst sie jetzt nicht sehen, – er schläft; – aber er hat große blaue Augen; und er kann auch lachen und die Hände ausstrecken und nach mir haschen, – und er kennt mich schon! Sie legt die Wiegendecken sorgfältig zurecht. Herzog Skule . Håkon bekommt Söhne, weissagte der Bischof. Margrete . Dies Kindlein ist mir tausendmal lieber als Land und Reich, – und auch Håkon geht es so. – Nein, mir ist, als könnt' ich immer noch nicht recht an das Glück glauben; ich habe die Wiege vor meinem Bette stehen; jede Nacht, wenn ich aufwache, seh' ich nach, ob sie noch da ist, – ich fürchte schier, es möchte ein Traum sein – Herzog Skule lauscht und tritt ans Fenster. Ist das nicht der König –? Margrete . Ja, er geht die andere Treppe hinauf; ich will ihn holen. Sie ergreift die Hand des Vaters und führt ihn scherzend wieder zur Wiege. Herzog Skule! Stellt unterdessen Wache beim Königskinde, – ja, denn er ist auch ein Königskind – das vergess' ich immer wieder! Und wenn er erwacht, so verneige Dich tief und grüss' ihn, wie man Könige grüßen soll! Jetzt hol' ich Håkon. O Gott, Gott! so soll nun endlich Freude und Frieden dem Geschlecht beschieden sein! Ab nach rechts. Herzog Skule nach kurzem und düsterem Schweigen. Håkon hat einen Sohn. Sein Geschlecht wird fortleben nach ihm. Stirbt er, so ist ein Anwärter da, der dem Throne näher steht als alle anderen. Alles glückt Håkon. Vielleicht ist er der unrechte; aber sein Glaube an sich selbst steht fest nach wie vor; der Bischof wollte ihn erschüttern, aber der Tod ließ ihm keine Zeit, Gott gab es nicht zu. Gott schirmt Håkon, – er ließ ihm den Stärkegürtel. Es ihm jetzt sagen? Jetzt schwören auf des Bischofs Aussage? Was würd', es nützen? Keiner würde mir glauben, nicht Håkon, nicht die andern. Dem Bischof hätte er in der Sterbestunde geglaubt; der Zweifel hätte ihn vergiftet; aber es sollte nicht sein. Und so unerschütterlich wie die Zuversicht bei Håkon ist, so unerschütterlich ist bei mir der Zweifel. Welcher Mensch auf Erden vermöchte ihn auszujäten? Keiner, keiner. Die Eisenprobe ward bestanden, Gott hat gesprochen, und dennoch kann Håkon der unrechte sein, während ich mein Leben verspiele. Er setzt sich finster brütend an einen Tisch zur Rechten. Und wenn ich nun Land und Reich gewänne, würde dann nicht der Zweifel dennoch dableiben und nagen und bohren und mich aushöhlen mit seinen ewigen Eistropfen? – Ja, ja; aber es ist besser, auf dem Königssitze oben zu sitzen und an sich selbst zu zweifeln, als unten in der Menge zu stehen und an dem zu zweifeln, der oben sitzt. – Es muß ein Ende haben zwischen mir und Håkon – Ein Ende? Aber wie? Steht auf. Du Allmächtiger, der das über mich verhängt hat, Du mußt die Schuld auf Dich nehmen für das, was daraus folgt! Er geht auf und ab, bleibt stehen und sinnt. Es gilt alle Brücken abzubrechen, nur eine zu behalten und da zu siegen oder zu fallen, – sagte der Bischof auf der Königshochzeit in Bergen, das ist nun an die drei Jahre her, und in all der Zeit hab' ich meine Kräfte vergeudet und zersplittert, indem ich alle Brücken verteidigte. – Rasch. Jetzt muß ich dem Rat des Bischofs folgen; jetzt oder nie! Wir sind beide hier in Oslo; ich bin diesmal an Mannen stärker als Håkon; warum also nicht das Übergewicht ausnutzen – es ist so selten auf meiner Seite. Schwankend. Aber diese Nacht – sofort –? Nein, nein! Nicht diese Nacht! – Ha, ha, ha, – da ist sie wieder, die Überlegung, – die Unschlüssigkeit! Håkon kennt so etwas nicht! Der geht gerade drauf los, und so siegt er! Geht einige Schritte durch die Stube und bleibt plötzlich vor der Wiege stehen. Das Königskind! – Welch eine Schöne Stirn! Er träumt. Deckt das Kind besser zu und schaut es lange an. So einer wie Du kann in einer Mannesseele vieles aufrecht erhalten. Ich habe keinen Sohn. Beugt sich über die Wiege. Er sieht Håkon ähnlich. – Fährt mit einem Mal zurück. Das Königskind, sagte die Königin! Verneige Dich tief und grüss' ihn, wie man Könige grüßen soll! Stirbt Håkon vor mir, so wird dies Kind auf den Königssitz erhoben; und ich – ich soll unten stehen und mich tief verneigen und es als König grüßen! Mit wachsender Erregung. Dieses Kind, Håkons Sohn, soll oben auf dem Königsstuhl sitzen, auf den ich–vielleicht–ein größeres Anrecht habe, – und ich soll vor dem Schemel seiner Füße stehen, mit weißem Haar, gebeugt von Alter, soll mein ganzes Lebenswerk ungetan sehen, – sterben, ohne König gewesen zu sein! Ich bin an Mannen stärker als Håkon, – es bläst ein Sturm heut nacht, der Wind geht fjordwärts –. Wenn ich das Königskind entführte? Auf die Trondhjemer kann ich mich verlassen. – Was dürfte Håkon wohl wagen, wenn sein Kind in meiner Macht wäre! Meine Mannen werden mir folgen, werden für mich kämpfen und siegen. Ich will sie königlich belohnen, dann tun sie's. – Wohlan! Vorwärts denn! Hinweg über die Kluft – zum ersten Mal! –– Könnt' ich doch sehen, ob Du Sverres Augen hast – oder die Augen von Håkon Sverresson –! Er schläft. Ich kann es nicht sehen. Pause. Der Schlaf ist eine Waffe. Schlaf in Frieden, Du kleiner Königserbe! Er geht zum Tische hinüber. Håkon soll entscheiden; einmal noch will ich mit ihm reden. Margrete tritt mit dem König von der rechten Seite ein. Der Bischof tot! O, glaube mir, aller Unfriede stirbt mit ihm. Håkon . Geh zu Bett, Margrete – Du wirst müde sein von der Reise. Margrete . Ja, ja! Zum Herzog. Vater, sei sanft und willfährig, – Håkon hat mir versprochen, es auch zu sein! Tausendmal Gutnacht Euch beiden! Sie begibt sich an die Tür zur Linken, winkt und geht ab; ein paar Mägde tragen die Wiege hinein. Herzog Skule . König Håkon, wir dürfen diesmal nicht als Widersacher scheiden. Alles Böse würde daraus entspringen; eine Zeit des Schreckens würde über das Land kommen. Håkon . Daran ist das Land jetzt Geschlechter hindurch gewöhnt gewesen. Aber Ihr sehet, Gott ist mit mir; jeder Feind fällt, der mir in den Weg tritt. Es gibt nicht Bagler, nicht Slittunger, nicht Ribbunger mehr; der Jarl Jon liegt erschlagen, Guthorm Ingesson ist tot, Sigurd Ribbung ebenso, – alle Ansprüche, die auf der Reichsversammlung zu Bergen geltend gemacht wurden, haben sich als kraftlos erwiesen, – durch wen sollte die Schreckenszeit jetzt also kommen? Herzog Skule . Håkon, ich fürchte, sie könnte durch mich kommen! Håkon . Als ich König wurde, gab ich Euch den dritten Teil des Reiches – Herzog Skule . Ihr selbst habt zwei Dritteile behalten! Håkon . Immer dürstetet Ihr nach mehr; ich vergrößerte Euren Teil – jetzt ist das halbe Reich Euer. Herzog Skule . Es fehlen zehn Ankerplätze noch. Håkon . Ich machte Euch zum Herzog; das ist kein Mann bisher in Norwegen gewesen! Herzog Skule . Aber Ihr seid König! Es darf kein König über mir sein! Ich bin nicht dazu geschaffen, Euch zu dienen; ich muß selbst herrschen und befehlen! Håkon schaut ihn einen Augenblick an und sagt kalt: Der Himmel schütze Euren Verstand, Herr! Gute Nacht! Will gehen. Herzog Skule vertritt ihm den Weg. So entkommt Ihr mir nicht! Hütet Euch, oder ich sage mich von Euch los. Ihr könnt nicht länger mein Obherr sein; wir zwei müssen teilen! Håkon . Das wagt Ihr mir zu sagen! Herzog Skule . Ich bin an Mannen stärker nach Oslo gekommen als Ihr, Håkon Håkonsson. Håkon . Ist's vielleicht Eure Absicht – ? Herzog Skule . Hört mich! Denkt an des Bischofs Worte! Laßt uns teilen! Gebt mir noch die zehn Ankerplätze; laßt mich meinen Anteil als freies Königtum besitzen, ohne daß ich Euch Zins und Gefälle zu entrichten hätte. Norwegen ist früher schon in zwei Reiche geteilt gewesen – wir wollen unverbrüchlich zusammenhalten – Håkon . Herzog, Ihr müßt krank an der Seele sein, daß Ihr solches fordern könnt! Herzog Skule . Ja, meine Seele ist krank, und auf anderem Wege gibt es keine Heilung für mich. Wir beide müssen einander gleichgestellt sein; es darf keiner über mir stehen! Håkon . Jede baumlose Insel ist ein Stein in dem Bau, den Harald Hårfager und der heilige König Olaf errichtet haben; und Ihr wollt, ich soll auseinanderreißen, was sie zusammengefügt haben? Niemals! Herzog Skule . Nun, so wollen wir uns ablösen in der Herrschaft. Laßt jeden von uns drei Jahre regieren! Ihr habt lange regiert – jetzt ist meine Zeit gekommen. Geht drei Jahre außer Landes; – ich will indessen König sein; ich will Euch den Weg ebnen, bis Ihr heimkehrt, will alles aufs beste verwalten und lenken; – es zehrt und stumpft ab, beständig auf der Wacht zu stehen. Håkon, hört Ihr, – drei Jahre jeder! Laßt uns abwechselnd die Krone tragen! Håkon . Glaubt Ihr, daß meine Krone Euch um die Schläfen passen wird? Herzog Skule . Keine Krone ist zu weit für mich! Håkon . Es gehört göttliches Recht und göttlicher Beruf dazu, die Krone zu tragen. Herzog Skule . Und seid Ihr dessen so sicher, daß Ihr ein göttliches Recht habt? Håkon . Dafür hab' ich das Urteil Gottes. Herzog Skule . Bauet nicht so fest darauf. Hätte der Bischof reden können, – doch, nun wär' es vergebens; Ihr würdet mir nicht glauben. Ja, gewiß habt Ihr mächtige Bundesgenossen dort oben; aber ich trotze dennoch! – Ihr wollt nicht mit mir abwechseln in der Königsgewalt? Ja, ja, – dann bleibt uns nur ein Ausweg noch offen: – Håkon laßt uns beide miteinander kämpfen, Mann gegen Mann, mit schweren Waffen, auf Leben und Tod! Håkon . Sprecht Ihr im Ernst, Herr? Herzog Skule . Ich spreche für mein Lebenswerk und für mein Seelenheil. Håkon . Dann ist wenig Hoffnung für Euer Seelenheil. Herzog Skule . Ihr wollt nicht mit mir kämpfen ? Ihr sollt, Ihr sollt! Håkon . Verblendeter Mann! Ich kann Euch nur bedauern. Ihr wähnt, es sei die Stimme des Herrn, die Euch zum Königssitze emportreibt, – Ihr seht nicht, daß es eitel Hoffart ist. Was lockt Euch denn! Der Königsreif, der purpurverbrämte Mantel, das Recht, drei Stufen über dem Boden erhöht zu sitzen. – O jämmerlich, jämmerlich! – Bestände darin das Königtum, ich würf` es Euch hin, wie man einem Bettler ein Almosen hinwirft. Herzog Skule . Ihr habt mich gekannt von Eurer Kindheit an und beurteilt mich so! Håkon . Ihr habt alle trefflichen Geistesgaben, Klugheit und Mut, Ihr seid dazu geschaffen, nächst dem König zu stehen, aber nicht, selber König zu sein. Herzog Skule . Das wollen wir jetzt erproben! Håkon . Nennt mir ein einziges Königswerk, das Ihr vollbracht habt in all den Jahren, da Ihr das Reich für mich lenktet! Waren die Bagler oder Ribbunger je mächtiger als damals? Ihr wart der reife Mann, aber das Land wurde von aufrührerischen Horden verheert; – habt Ihr eine einzige niedergeworfen? Ich war jung und unerfahren, als ich das Steuer des Reichs ergriff, –seht her – alles fiel mir zu Füßen, als ich König wurde – es gibt keine Bagler, keine Ribbunger mehr! Herzog Skule . Damit solltet Ihr am wenigsten prahlen; denn darin liegt die größte Gefahr: Gefolgschaft muß gegen Gefolgschaft stehen, Anspruch gegen Anspruch, Landesteil gegen Landesteil, wenn der König der Mächtige sein soll. Jedes Dorf, jedes Geschlecht muß entweder seiner bedürfen oder ihn fürchten. Rottet Ihr allen Unfrieden aus, so habt Ihr damit zugleich Euch selbst der Macht beraubt. Håkon . Und Ihr wollt König sein, – Ihr, der so gesonnen ist? Ihr wäret ein tauglicher Häuptling geworden zu Erling Skakkes Zeiten; aber die Zeit ist Euch über den Kopf gewachsen, und Ihr versteht sie nicht. Seht Ihr denn nicht, daß das Reich Norwegen, so wie Harald und Olaf es errichtet haben, nur mit einer Kirche zu vergleichen ist, der noch die Weihe fehlt? Die Mauern erheben sich mit starken Pfeilern, die Dachkuppel wölbt sich weit darüber, der Turm weist himmelan, wie Tannen im Walde; aber das Leben, das pochende Herz, der frische Blutstrom geht nicht durch das Werk; Gottes lebendiger Odem ist ihm nicht eingehaucht: es hat nicht die Weihe empfangen – Ich will ihm die Weihe bringen! Norwegen war ein Reich , es soll ein Volk werden. Der Trondhjemer stand in Waffen wider den Vikväringer, der Agdeväringer wider den Hördaländer, der Hålogaländer wider den Sogndöller – sie alle sollen hinfort Eins sein, und alle sollen's wissen bei sich selber und fühlen, daß sie Eins sind! Das ist die Aufgabe, die Gott auf meine Schultern gelegt hat; das ist das Werk, das Norwegens König jetzt vollbringen muß. Das Werk, Herzog, das lasset Ihr, denk' ich, einem andern – denn wahrlich, dazu habt Ihr nicht die Eignung! Herzog Skule vernichtet. Sammeln –? Zu einem Volke sammeln den Trondhjemer und den Vikväringer, – ganz Norwegen –? Ungläubig. Das ist unausführbar! Nie zuvor hat Norwegens Saga dergleichen gemeldet! Håkon . Für Euch ist's unausführbar – denn Ihr könnt einzig die alte Saga wiederholen – aber für mich ist's leicht, wie es leicht für den Falken ist, die Wolken zu zerteilen. Herzog Skule in unruhiger Aufregung. Alles Volk sammeln, – es erwecken, so daß es sich als Eins begreift! Woher habt Ihr solch seltsamen Gedanken? Er macht mir kalt und heiß. Leidenschaftlich. Ihr habt ihn vom Teufel, Håkon; nie soll er ins Werk gesetzt werden, solange ich noch die Kraft habe, mir den Stahlhelm aufs Haupt zu schnallen. Håkon . Ich hab' den Gedanken von Gott, und ich geb' ihn nicht auf, solange ich des heiligen Olaf Kronreif um die Stirn trage! Herzog Skule . So soll des heiligen Olaf Kronreif fallen! Håkon . Wer will das vollbringen? Herzog Skule . Ich, wenn kein anderer. Håkon . Ihr, Skule, Ihr werdet morgen auf dem Thing unschädlich gemacht. Herzog Skule . Håkon! Versuchet nicht Gott! Treibt mich nicht an den äußersten Rand des Abgrunds! Håkon auf die Tür weisend. Geht, Herr, – und laßt es vergessen sein, daß wir diesen Abend mit scharfen Zungen geredet haben. Herzog Skule sieht ihn einen Augenblick fest an und sagt: Wir werden das nächste Mal mit schärferen Zungen reden. Ab durch die Mitte. Håkon nach kurzer Pause. Er droht! – Nein, nein; so weit wird es nicht kommen. Er muß, er soll sich beugen und mir zu Füßen fallen; ich bedarf dieses starken Armes, dieses klugen Kopfes. – Wenn sich Mut und Witz und Kraft in diesem Lande finden, so sind das Gaben, die Gott den Männern zu meinem Frommen verliehen hat – um mir zu dienen, empfing Herzog Skule alle guten Gaben; mir trotzen, heißt dem Himmel trotzen; es ist meine Pflicht, jedweden zu strafen, der sich dem Willen des Himmels widersetzt, – denn der Himmel hat so viel für mich getan. Dagfinn tritt durch die Mitte ein. Herr, seid wachsam diese Nacht – der Herzog hat sicher Böses vor. Håkon . Was sagst Du? Dagfinn . Was er im Schilde führt, das weiß ich nicht; aber daß etwas im Werke ist, das ist wohl sicher. Håkon . Sollt' er an einen Überfall denken? Unmöglich, unmöglich! Dagfinn . Nein, es ist etwas anderes. Seine Schiffe liegen segelfertig zur Abfahrt; es soll Thing an Bord gehalten werden. Håkon . Du irrst dich –! Geh, Dagfinn, und bringe mir sicheren Bescheid. Dagfinn . Ja, ja – Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Ab. Håkon . Nein, – das wäre undenkbar! Der Herzog darf sich nicht wider mich erheben. Gott wird ihm das verbieten, – Gott, der bisher alles so wundersam gut für mich gelenkt hat. Jetzt muß ich Frieden haben, jetzt soll ich ja eben beginnen! – Ich habe noch so wenig gewirkt; aber ich höre des Herrn untrügliche Stimme in mir rufen: Du sollst ein großes Königswerk in Norwegen vollbringen! Gregorius Jonsson tritt durch die Mitte ein. Mein Herr und König! Håkon . Gregorius Jonsson! Ihr kommt zu mir? Gregorius Jonsson . Ich biete mich Euch als eidverpflichteten Mann an; bis jetzt bin ich dem Herzog gefolgt; jetzt darf ich ihm nicht länger folgen. Håkon . Was ist denn geschehen? Gregorius Jonsson . Was niemand glauben wird, wenn das Gerücht es über das Land trägt. Håkon . Sprecht, sprecht! Gregorius Jonsson . Mir schaudert vor dem Klang meiner eigenen Worte; – so wißt denn – Packt ihn am Arm und flüstert ihm etwas ins Ohr. Håkon fährt mit einem Schrei zurück. Ha, Ihr seid von Sinnen! Gregorius Jonsson . Gäbe Gott, ich wär's. Håkon . Unerhört! Nein, das kann nicht sein! Gregorius Jonsson . Bei Christi teurem Blute, es ist so! Håkon . Geht, geht! Laßt zum Aufmarsch blasen! All meine Mannen sollen sich zusammenscharen! Gregorius Jonsson ab. Håkon geht ein paarmal auf und ab, dann nähert er sich rasch der Tür von Margretens Kammer, klopft an, geht wieder mehrmals auf und ab, geht abermals an die Tür, klopft und ruft: Margrete! Er geht wieder hin und her. Margrete in der Tür, im Nachtkleid, mit aufgelöstem Haar; um die Schultern trägt sie eine rote Schnürjacke, die sie dicht über der Brust zusammenhält. Håkon! Bist Du's? Håkon . Ja, ja – Du mußt herauskommen! Margrete . Dann darfst Du mich aber nicht ansehen – ich war schon im Bett. Håkon . Ich habe jetzt an anderes zu denken. Margrete . Was ist denn geschehen? Håkon . Gib mir einen guten Rat! Eben wurde mir die schlimmste aller Botschaften überbracht. Margrete ängstlich. Was für eine Botschaft, Håkon? Håkon . Daß jetzt zwei Könige in Norwegen sind. Margrete . Zwei Könige in Norwegen! – Håkon, wo ist mein Vater? Håkon . Er nahm an Bord den Königsnamen an; jetzt segelt er gen Nidaros, um sich krönen zu lassen. Margrete . O Du allmächtiger Gott –! Sie sinkt auf die Bank, bedeckt ihr Gesicht mit den Händen und weint. Håkon . Zwei Könige im Lande! Margrete . Mein Eheherr der eine, – und mein Vater der andere! Håkon geht unruhig auf und nieder. Gib mir einen guten Rat, Margrete! Soll ich durchs Oberland ziehen, zuerst in die Gegend von Trondhjem gehen und die Krönung verhindern? Nein – unmöglich; ich habe zu geringe Streitkräfte um mich; dort im Norden ist er mächtiger als ich. – Gib mir einen Rat; wie soll ich den Herzog verderben, eh' er nach Nidaros kommt? Margrete flehend, mit gefalteten Händen. Håkon, Håkon! Håkon . Weißt Du keinen vernünftigen Rat, den Herzog zu verderben, frag' ich! Margrete sinkt vor Schmerz von der Bank herab auf die Knie. O, vergißt Du denn so ganz, daß er mein Vater ist! Håkon . Dein Vater –; ja, ja, das ist wahr; das hab' ich vergessen. Er hebt sie auf. Setz' Dich, Margrete; tröste Dich; weine nicht; Du trägst ja keine Schuld daran. Er tritt ans Fenster. Herzog Skule wird mir gefährlicher als alle anderen Feinde! – Gott, Gott, – warum schlägst Du mich so hart, mich, der nichts verbrochen hat! Es klopft an der Mitteltür; er fährt zusammen, horcht und ruft: Wer klopft draußen so spät am Abend? Ingas Stimme von draußen. Eine, die da friert, Håkon! Håkon mit einem Aufschrei. Meine Mutter! Margrete springt empor. Inga! Håkon eilt an die Tür und schließt auf; Inga sitzt auf der Türschwelle. Meine Mutter! Sitzt wie ein Hund vor ihres Sohnes Tür! Und ich frage, warum Gott mich schlägt! Inga streckt die Arme ihm entgegen. Håkon, mein Kind! Segen über Dich! Håkon richtet sie auf. Komm, – komm herein. Hier ist's hell und warm! Inga . Darf ich zu Dir hinein? Håkon . Wir werden uns nie mehr trennen. Inga . Mein Sohn – mein König, – o, wie gut und lieb Du bist! Ich stand in einem Winkel und sah Dich, als Du aus dem Bischofshofe kamst; Du sahst so sorgenvoll aus; ich konnte so nicht von Dir scheiden! Håkon . Gott sei gedankt dafür. Du warst gewißlich die Beste, die jetzt kommen konnte! Margrete, – Mutter, – ich habe schwer gesündigt; ich habe mein Herz wider Euch beide verschlossen, die Ihr so reich an Liebe seid. Margrete fällt ihm um den Hals. O, Håkon, mein geliebter Mann – bin ich denn nun Deinem Herzen nahe? Håkon . Ja, ja, das bist Du; nicht, um mir klugen Rat zu geben, sondern um meinen Pfad leuchtend zu erhellen. Komme was da wolle, – ich fühle die Stärke des Herrn in mir! Dagfinn kommt eilig durch die Mitte. Herr, Herr! Nun ist das Schlimmste geschehen! Håkon lächelt zuversichtlich, indem er Margrete und Inga fest an sich drückt. Ich weiß – aber es hat keine Not, alter Dagfinn! Sind auch zwei Könige in Norwegen, so ist doch nur einer im Himmel, – und der wird's schon recht machen! Der Vorhang fällt. Vierter Akt Große Halle im Königshaus zu Oslo. König Skule bankettiert mit seinem Gefolge und seinen Häuptlingen. Im Vordergrunde links steht der Hochsitz, auf dem Skule , reich gekleidet, im Purpurmantel und mit dem Kronreif ums Haupt sitzt. Die Abendtafel, an der die Gäste auf Bänken Platz genommen, erstreckt sich vom Hochsitz bis zum Hintergrunde. Skule gegenüber sitzen Paul Flida und Bård Bratte . Eine Anzahl geringerer Gäste wird drüben auf der rechten Seite stehend bewirtet. Es ist später Abend; die Halle ist sehr hell erleuchtet. Das Gelage nähert sich seinem Ende; die Mannen sind sehr lustig und zum Teil betrunken; sie trinken einander zu, lachen und schwatzen durcheinander. Paul Flida steht auf und gebietet Schweigen. Ruhe in der Halle! Jatgejr der Skalde will singen und sagen zu König Skules Ehre. Jatgjer tritt in die Mitte der Halle. Herzog Skule ließ blasen zum Oerething, Als in Nidaros Messe man sang; Zum König sich kürt' er bei Glockengeläut Und bei klirrender Schwerter Klang. König Skule schritt über die Dovrekluft, Auf Schneeschuhn folgte sein Troß; Die von Gulbrandstal, die bebten vor Schreck Und kauften mit Silber sich los. König Skule fuhr über den Mjösensee, Die vom Oberland fluchten zumal; König Skule fuhr über Raumarik Gen Låka beim Nannestad-Tal. Es war um die heilige Fastenzeit, Der Birkbeiner Heer rückte aus; Jarl Knut war ihr Häuptling, – es fällte das Schwert Den Spruch in der Könige Strauß. Nie wurde gekämpft, das ist mir gewiß, Seit Sverres Tagen so heiß; Von blutigen Rosen wurde gefärbt Das Blachfeld, das ehedem weiß. Die Birkbeiner, hei, die flohen in Hast, – Fort warfen sie Speer' und Schilde; Doch viele Hunderte flohen nicht: Denn die lagen erstarrt im Gefilde. König Håkon verscholl; – König Skulen grüßt Manche Burg, manche Stadtmauerkrone. Heil, Heil Dir, Herre! Lang sitze Du groß Auf Norwegs einigem Throne!! Skules Mannen springen unter stürmischem Jubel auf, schwingen die Becher und Krüge, schlagen an ihre Schwerter und wiederholen: Heil, Heil Dir, Herre! Lang sitze Du groß Auf Norwegs einigem Throne!! König Skule . Dank für das Lied, Skalde! So hab' ich das Lied am liebsten: preist es doch meine Mannen in eben dem Maße, wie mich selbst. Jatgjer . Es ist des Königs Ehre, daß man seine Mannen preisen kann. König Skule . Nimm als Skaldenlohn diesen Armring; bleib bei mir und halte Dich in meiner Nähe – ich will viele Skalden um mich haben. Jatgjer . Das kann auch nötig sein, Herr, wenn, man alle Eure Taten singen soll. König Skule . Ich will dreimal so freigebig wie Håkon sein; die Skaldenkunst soll geschätzt und belohnt werden wie andere Großtat, solang' ich König bin. Nimm Platz, – Du gehörst jetzt zum Gefolge; alles dessen Du bedarfst, soll Dir frei verabfolgt werden. Jatgjer setzt sich. Wessen ich am meisten bedarf, daran wird es Euch wohl bald fehlen, Herr. König Skule . Woran? Jatgjer . An Königsfeinden, deren Flucht und Fall ich singen soll. Viele der Mannen unter Gelächter und Beifall. Wohlgesprochen, Isländer! Paul Flida zu Jatgejr. Das Lied war gut; aber ein bißchen Flunkerei muß ja bei jedem Skaldenwerk sein, und so war's auch bei Deinem. Jatgjer . Flunkerei, Herr Staller? Paul Flida . Ja, – Du sagst, man weiß nichts von König Håkons Aufenthalt. Dem ist nicht so: man weiß bestimmt, daß Håkon in Nidaros ist. König Skule lächelnd. Ja, er hat dem Königskinde huldigen lassen und ihm den Königsnamen gegeben. Jatgjer . Das hab' ich gehört; aber ich wußte nicht, daß jemand verschenken kann, was er selbst nicht besitzt. König Skule . Am leichtesten verschenkt man das, was man selbst nicht besitzt. Bård Bratte . Aber hart muß es sein, mitten im Winter von Bergen nach Nidaros zu fahren, wenn man sich durchbetteln soll. Jatgjer . Es geht mit den Birkebeinern im Kreise: mit Hunger und Frost fingen sie an – jetzt enden sie auf dieselbe Art. Paul Flida . In Bergen geht das Gerücht, Håkon hätte der Kirche und allem Heiligen Valet gesagt; am Neujahrstag hörte er nicht die Messe. Bård Bratte . Er hatte einen triftigen Abhaltungsgrund, Paul; er stand den ganzen Tag und schlug seine Silbergefäße und Silbertische entzwei – anderes hatte er nicht, um seine Leute zu lohnen. Gelächter und lautes Gerede unter den Gästen. König Skule erhebt seinen Krug. Da trink' ich Dir zu, Bård Bratte, und danke Dir und allen meinen neuen Mannen. Ihr strittet tapfer für mich bei Låka und habt großen Teil am Siege. Bård Bratte . Es war das erste Mal, daß ich unter Euch stritt, Herr; aber bald war es mir klar, es sei leicht zu siegen, wenn solch ein Häuptling wie Ihr dem Haufen voranreitet. Es war nur schlimm, daß wir so viele erschlugen und sie so weit verfolgten; nun wird lange Zeit vergehen, ehe sie sich wieder an uns heranwagen, fürcht' ich. König Skule . Laß nur erst das Frühjahr kommen, dann treffen wir sie wohl. Jetzt sitzt der Jarl Knut mit denen, die sich gerettet haben, unten an der Tunsberger Höhe, und Arnbjörn Jonsson sammelt Truppen ostwärts in Vike; wenn sie sich stark genug wähnen, werden sie wohl von sich hören lassen. Bård Bratte . Das wagen sie nicht nach dem großen Mannenmord bei Låka. König Skule . So locken wir sie mit List heraus. Viele Stimmen . Ja, ja, – tut das, Herr! Bård Bratte . Auf die List versteht Ihr Euch baß, König Skule. Eure Feinde wissen nie was davon, eh' Ihr über sie kommt, und immer seid Ihr da , wo man's am wenigsten erwartet. Paul Flida . Deshalb nennen uns die Birkebeiner auch »Windbälge.« König Skule . Andere sagen »Wolfsbälge«; aber das schwör' ich jetzt: wenn wir einander das nächste Mal begegnen, sollen die Birkebeiner spüren, wie schwer es ist, solchen Wölfen den Balg abzuziehen. Bård Bratte . Gutwillig werden sie uns nicht begegnen – es wird eine Jagd über das ganze Land. König Skule . Das soll es auch. Zuerst reinigen wir Vike und unterwerfen uns das Land hier im Osten, dann sammeln wir Schiffe und fahren um die Landspitze und hinauf die ganze Küste bis nach Nidaros. Bård Bratte . Und wenn Ihr solchermaßen nach Nidaros kommt, werden Euch die Kreuzbrüder, denk' ich, nicht mehr verwehren, den Schrein des heiligen Olaf auf den Thingwall hinaus zu tragen, wie sie's im Herbst getan haben, als Euch gehuldigt ward. König Skule . Der Schrein soll hinaus; ich will meinen Königsnamen in jeder Weise mit Recht tragen. Jatgjer . Und ich gelob' Euch, ein großes Totenlied zu singen, wenn Ihr den Langschläfer gefällt habt! Lautes Gelächter unter den Mannen. König Skule . Den Langschläfer? Jatgjer . Wißt Ihr nicht, Herr, daß man König Håkon jetzt »Håkon Schlafmütz« nennt, weil er wie gelähmt dasitzt, seit Ihr die Macht bekommen habt? Bård Bratte . Er liegt mit geschlossenen Augen da, heißt es. Er träumt wohl, daß er noch König wäre. König Skule . Laß ihn träumen – das Königtum träumt er sich nimmermehr herbei! Jatgjer . Sorgt dafür, daß sein Schlaf lang und traumlos wird, – dann erhalte ich Stoff für einen schönen Sang. Die Mannen . Ja, ja, tut, wie der Skalde sagt! König Skule . Wenn so viele wackere Mannen dasselbe raten, muß der Rat gut sein; doch – davon wollen wir jetzt nicht reden. Aber ein Versprechen will ich Euch geben: – jeder meiner Mannen soll Waffen und Kleider, Gold und Silber zu Erb' und Eigen nehmen von dem Feinde, den er erschlägt; und jedermann soll die Würde dessen annehmen, dem er den Garaus macht. Wer einen Lehnsmann tötet, soll selber Lehnsmann werden; wer einen Vogt erschlägt, soll des Toten Vogtei erhalten; und alle, die solche Würden und Ämter schon zuvor besaßen, sollen auf andere königliche Weise belohnt werden. Die Mannen springen in wilder Freude auf. Heil, Heil König Skule! Führ' uns wider die Birkebeiner! Bård Bratte . Jetzt seid Ihr in allen Schlachten des Sieges gewiß! Paul Flida . Ich nehme den Dagfinn für mich; er hat ein gutes Schwert, nach dem mich's schon lange gelüstet. Bård Bratte . Ich will Bård Torstejnssons Panzer haben; der schützte sein Leben bei Låka, denn der ist fest gegen Hieb und Stich. Jatgjer . Nein, den laß mir; er paßt mir besser; fünf Mark Goldes sollst Du dagegen haben. Bård Bratte . Woher willst Du fünf Mark Goldes nehmen, Skalde? Jatgjer . Ich will sie Gregorius Jonsson abnehmen, wenn wir nach Norden kommen. Die Mannen durcheinander schreiend. Und ich will – und ich will – Das Weitere wird undeutlich im Lärm. Paul Flida . Auf jetzt, jeder nach seiner Herberge – bedenkt, daß Ihr in der Königshalle seid! Die Mannen . Ja, ja, – Heil dem König, Heil König Skule! König Skule . Zu Bette nun, Ihr wackren Mannen! Wir haben heut lange am Zechtisch gesessen. Einer vom Gefolge , indem der Schwarm sich zu entfernen beginnt. Morgen ziehen wir das Los um der Birkebeiner Hab' und Gut. Ein Andrer . Laßt lieber den Zufall entscheiden! Einige . Nein, nein! Andre . Ja, ja! Bård Bratte . Da streiten sich die Wolfsbälge um das Bärenfell. Paul Flida . Und hinterdrein erlegen sie den Bären. Alle ab durch den Hintergrund. König Skule wartet, bis die Mannen sich entfernt haben; die Spannung in seinen Zügen läßt nach; er sinkt nieder auf eine Bank. Wie bin ich müde, totmüde! Tagaus und tagein inmitten dieses Schwarms zu stehen, lächelnd vorwärts zu blicken, als sei ich des Rechtes und des Sieges und des Glückes so unerschütterlich gewiß! Nicht einen Menschen zu haben, mit dem ich über das reden kann, was so schmerzhaft mich quält! Er springt mit einem Ausdruck des Entsetzens empor. Und dann die Schlacht bei Låka! Daß ich dort siegte! Håkon sandte sein Heer gegen mich; Gott sollte zwischen den beiden Königen richten und entscheiden, – und ich siegte, siegte, wie noch nie einer über die Birkebeiner gesiegt hat! Die Schilde standen fest im Schnee, aber keiner war dahinter; – die Birkebeiner rannten zum Walde, über Hochebenen und Forsten und Hügel, so weit die Füße sie tragen wollten. Das Unglaubliche geschah; Håkon verlor, und ich gewann. In diesem Sieg ist ein geheimes Grauen. Du großer Gott des Himmels, es gibt also kein sicheres Gesetz da oben, nach dem alles sich vollziehen muß? Recht zu haben, da rin liegt keine siegende Macht? Leidenschaftlich abbrechend. Ich bin krank, ich bin krank! – Warum sollte das Recht nicht auf meiner Seite sein? Ist es nicht, als wollte Gott selber mich gewissermaßen davon überzeugen, da er mich siegen ließ? Grübelnd. Die Möglichkeiten sind gleich; – nicht einer Feder Schwere mehr auf der einen Seite als auf der andern, und doch – schüttelt den Kopf – doch neigt sich die Wage für Håkon. Ich habe Haß und heiße Wünsche in meine Schale zu werfen, und doch neigt sich die Wage für Håkon. Kommt mir unversehens der Gedanke an das Königsrecht, so ist immer er, niemals ich, der wahre König. Soll ich mich selbst als den rechten ansehen, so bedarf es künstlicher Mittel; ich muß ein sinnreiches Gebäude, ein Werk des Verstandes errichten; ich muß die Erinnerungen verscheuchen und mich mit Gewalt zwingen zum Glauben. So war es nie zuvor. Was ist denn geschehen, daß mich fortan so zweifeln gemacht hat? Daß der Bischof den Brief verbrannte? Nein, – dadurch wurde die Ungewißheit ewig; aber sie wurde nicht größer. Hat denn Håkon in der letzten Zeit irgend eine große königliche Tat vollbracht? Nein, seine größten Taten vollführte er, als ich am wenigsten an ihn glaubte. Er setzt sich an der rechten Seite nieder. Was ist es? Ha, es ist seltsam; es kommt und schwindet wie ein Irrwisch; es tanzt mir auf der Zungenspitze, wie wenn man ein Wort verloren hat und es nicht wiederfinden kann. Springt auf. Ha! Nun hab' ich's! Nein –! Ja, ja! Nun hab' ich's! – »Norwegen war ein Reich ; es soll ein Volk werden; alle sollen eins werden, und sollen sich dessen bewußt sein, daß sie eins sind!« Seit Håkon diese wahnwitzigen Worte gesprochen hat, steht er allezeit vor mir als der rechte König. – Er sieht sich ängstlich um und flüstert: Wenn nun eine Gottesstimme aus diesen seltsamen Worten tönte? Wenn nun Gott diesen Gedanken bis jetzt bei sich bewahrt hätte und ihn nun ausstreuen wollte – und Håkon zu seinem Sämann erkoren hätte? Paul Flida tritt durch die Mitte ein. Herr König, ich hab' was Neues zu melden. König Skule . Neues? Paul Flida . Ein Mann, der vom Fjord heraufkommt, erzählt, die Birkebeiner hätten ihre Schiffe bei Tunsberg auslaufen lassen, und in den letzten Tagen hätten sich viele Mannen dort bei der Stadt versammelt. König Skule . Gut, wir wollen sie angreifen – morgen oder übermorgen. Paul Flida . Herr, es wäre nicht unmöglich, daß die Birkebeiner mit dem Angriff uns zuvorkämen. König Skule . Dazu haben sie weder Schiffe noch Mannschaften genug. Paul Flida . Aber Arnbjörn Jonsson sammelt Schiffe wie Mannschaften rings um Vike. König Skule . Desto besser – so schlagen wir sie alle miteinander – wie bei Låka. Paul Flida . Herr, es ist nicht so leicht, die Birkebeiner zweimal hintereinander zu schlagen. König Skule . Und warum nicht? Paul Flida . Weil Norwegens Saga nicht meldet, daß solches jemals zuvor geschehen ist. – Soll ich nicht Späher nach Hovedö aussenden? König Skule . Das tut nicht not; 's ist dunkle Nacht und neblig dazu. Paul Flida . Ja, ja, – der König muß das am besten wissen – aber bedenkt, Herr, daß alle hier in Vike Euch feindlich sind. Die Städter von Oslo hassen Euch, und kommen die Birkebeiner, so machen sie gemeinsame Sache mit ihnen. König Skule lebhaft. Paul Flida, wär' es nicht denkbar, daß ich die Vikväringer auf meine Seite brächte? Paul Flida blickt ihn verwundert an und schüttelt den Kopf. Nein, Herr, das ist nicht denkbar. König Skule . Und warum nicht? Paul Flida . Nein, denn Ihr habt ja die Trondhjemer auf Eurer Seite. König Skule . Beide, die Trondhjemer und die Vikväringer will ich haben! Paul Flida . Nein, Herr, das ist nicht möglich. König Skule . Nicht denkbar – nicht möglich! Und warum – warum nicht? Paul Flida . Weil der Vikväringer ein Vikväringer und der Trondhjemer ein Trondhjemer ist, und weil die Saga nichts anderes meldet, und weil es immer so gewesen ist. König Skule . Ja, ja, – Du hast recht. Geh! Paul Flida . Und ich soll keine Späher aussenden? König Skule . Wart' bis zum Tagesgrauen. Paul Flida ab. Norwegens Saga meldet nichts dergleichen; es ist immer so gewesen. Paul Flida antwortet mir, wie ich Håkon geantwortet habe. Gibt's denn eine Stufenleiter nach oben und nach unten? Ist Håkon eben so hoch über mich erhöht, wie ich erhöht bin über Paul Flida? Sähe Håkons Auge die ungeborenen Gedanken, und meines nicht? Wer stand auf gleicher Höhe mit Harald Hårfager zu der Zeit, als ein König auf jeder Landspitze saß, und Harald sprach: »Jetzt sollen sie fallen, fortan soll nur einer sein!« Er warf die alte Saga über den Haufen, – er schuf eine neue Saga. Pause; er schreitet brütend auf und ab; dann bleibt er stehen. Kann ein Mensch dem andern den Gottesruf abnehmen, wie er seinem erschlagenen Feinde Waffen und Gold abnehmen kann? Kann ein Thronforderer das Königswerk auf sich nehmen, wie er den Königsmantel umnehmen kann? Die Eiche, die als Schiffsbauholz gefällt wird, kann sie sagen: ich will der Mast im Schiffe sein, ich will das Amt der Tanne übernehmen, schlank und leuchtend empordeuten, einen güldenen Wimpel auf der Spitze tragen, mit weißen, schwellenden Segeln im Sonnenschein blinken und in weiter, weiter Ferne von den Leuten gesehen werden? – Nein, nein, du schwerer, knorriger Eichenstamm, dein Platz ist unter dem Kiele; dort sollst du liegen und Nutzen schaffen, still und von keinem Auge droben im Licht gesehen; – du sollst verhindern, daß das Schiff im Sturm kentert; der Mast mit dem Goldwimpel und den schwellenden Segeln aber soll es hinführen zu dem Neuen, zu dem Unbekannten, zu fremden Küsten und zur werdenden Saga! Heftig. Seit Håkon seinen großen Königsgedanken aussprach, seh' ich keinen Gedanken mehr in der Welt als den einen. Kann ich ihn mir nicht zu eigen und zur Wahrheit machen, so sehe ich keinen Gedanken, für den es sich zu streiten lohnt. Gedankenvoll. Und kann ich das denn nicht? Wenn ich's nicht könnte, weshalb liebe ich denn Håkons Gedanken! Jatgjer tritt durch die Mitte ein. Verzeiht, Herr König, daß – ich komme – König Skule . Gut, daß Du kommst, Skalde! Jatgjer . Ich hörte die Stadtleute in der Herberge geheimnisvoll davon reden, daß – König Skule . Hernach davon! Sag' mir, Skalde: Du, der weit umhergefahren ist in fremden Landen, hast Du je gesehen, daß ein Weib ein fremdes Kind liebte? Es nicht bloß lieb hatte, – das mein' ich nicht; sondern es liebte , liebte mit ihrer Seele heißester Liebe? Jatgjer . Das tun nur die Weiber, die keine eigenen Kinder haben, die sie lieben könnten. König Skule . Nur die Weiber –? Jatgjer . Und zumeist die Weiber, die unfruchtbar sind. König Skule . Zumeist die unfruchtbaren –? Die lieben die Kinder andrer mit ihrer allerheißesten Liebe? Jatgjer . Das kommt häufig vor. König Skule . Und kommt es nicht auch zuweilen vor, daß solch ein unfruchtbar Weib das Kind einer anderen tötet, weil sie selbst keines hat? Jatgjer . O ja, – allein daran handelt sie nicht klug. König Skule . Klug? Jatgjer . Nein, – denn sie verleiht der, deren Kind sie tötet, die Gabe des Leids. König Skule . Glaubst Du, daß die Gabe des Leids etwas so Gutes ist? Jatgjer . Ja, Herr. König Skule blickt ihn fest an. Es sind so zu sagen zwei Menschen in Dir, Isländer. Sitzest Du inmitten des Schwarmes bei lustigem Gelage, so ziehst Du Mantel und Wams über jeden Deiner Gedanken – ist man allein mit Dir, so erscheinst Du einem zuweilen als der Mann, wie man ihn sich zum Freunde wählen möchte. Woher kommt das? Jatgjer . Wenn Ihr geht im Flusse schwimmen, Herr, so entkleidet Ihr Euch nicht da, wo die Kirchgänger vorbei müssen, sondern Ihr sucht Euch ein heimliches Versteck. König Skule . Versteht sich. Jatgjer . Ich hab' eine schamhafte Seele; deshalb entkleide ich mich nicht, wenn so viele in der Halle sind. König Skule . Hm. Kurze Pause. Sag' mir, Jatgejr, wie ist es zugegangen, daß Du Skalde wurdest? Von wem lerntest Du die Skaldenkunst? Jatgjer . Die Skaldenkunst lernt man nicht. König Skule . Lernt man nicht? Wie ging es denn zu? Jatgjer . Ich empfing die Gabe des Leids, und so ward ich Skalde. König Skule . Die Gabe des Leids also, die braucht der Skalde? Jatgjer . Ich brauchte das Leid, es mag andre geben, die den Glauben oder die Freude brauchen – oder den Zweifel – König Skule . Auch den Zweifel? Jatgjer . Ja, – aber dann muß der Zweifler stark und gesund sein. König Skule . Und wen nennst Du einen ungesunden Zweifler? Jatgjer . Den, der an seinem eigenen Zweifel zweifelt. König Skule langsam. Mich dünkt, – das ist der Tod. Jatgjer . Noch schlimmer – es ist das Halbleben. König Skule rasch, indem er gleichsam die Gedanken von sich abschüttelt. Wo sind meine Waffen? Ich will streiten und handeln, – nicht denken. Was wolltest Du mir melden, als Du herkamst? Jatgjer . Ich wollte melden, was ich in der Herberge wahrgenommen habe. Die Stadtleute reden heimlich untereinander; sie lachen höhnisch und fragen, ob wir so bestimmt wüßten, daß König Håkon drüben im Westen sei – sie freuen sich über etwas. König Skule . Sie sind Vikväringer, und die sind mir feindlich gesinnt. Jatgjer . Sie spotten darüber, daß König Olafs Heiligenschrein nicht auf den Thingwall hinausgeschafft werden konnte, als Euch gehuldigt ward – sie sagen, das sei ein böses Vorzeichen. König Skule . Das nächste Mal, wenn ich nach Nidaros komme, soll der Schrein heraus; er soll unter freiem Himmel stehen, und müßte ich die Olafskirche in Trümmer schlagen und den Thingwall erweitern bis über die Schuttstätte hinaus, wo sie stand! Jatgjer . Eine gewaltige Tat – aber ich will ein Lied darauf dichten, so gewaltig wie die Tat. König Skule . Hast Du viel ungedichtete Lieder in Dir, Jatgejr? Jatgjer . Nein, aber viel ungeborene – sie werden eins nach dem andern empfangen, bekommen Leben, und dann werden sie geboren. König Skule . Und wenn ich, der ich König bin und die Macht habe, Dich töten ließe, würde dann jeder ungeborene Skaldengedanke, den Du hegst, mit Dir sterben? Jatgjer . Herr, es ist eine große Sünde, einen schönen Gedanken zu töten. König Skule . Ich frage nicht, ob es Sünde ist, sondern ich frage, ob es möglich ist! Jatgjer . Ich weiß nicht. König Skule . Hast Du nie einen andern Skalden zum Freund gehabt, und hat er Dir nie ein großes und herrliches Lied geschildert, das er dichten wollte? Jatgjer . Ja, Herr. König Skule . Wünschtest Du dann nicht, ihn töten zu können, um seinen Gedanken ihm zu nehmen und selbst das Lied zu dichten? Jatgjer . Herr, ich bin nicht unfruchtbar; ich habe eigene Kinder; ich brauche nicht die anderer zu lieben. Ab. König Skule nach einer Pause. Dieser Isländer ist gewißlich ein Skalde. Er spricht Gottes tiefste Wahrheit aus und weiß es nicht – Ich bin wie ein unfruchtbares Weib. Deshalb lieb' ich Håkons königliches Gedankenkind, lieb' es mit meiner Seele heißester Liebe. O, könnt' ich es doch an Kindesstatt annehmen! Doch es würde sterben unter meinen Händen. Was ist besser: es stirbt unter meinen Händen, oder es wächst unter den seinen herrlich empor? Find' ich Frieden in der Seele, wenn das geschieht? Kann ich entsagen? Kann ich es mitansehen, daß Håkon sich solch einen Ruhm erwirbt! – Wie tot und leer ist's in mir, – und rings um mich her. Kein Freund – der Isländer! Er geht an die Tür und ruft hinaus: Hat der Skalde schon das Königsschloß verlassen? Ein Gefolgsmann von draußen. Nein, Herr, er steht in der Vorhalle und spricht mit der Wache. König Skule . So sag ihm, er solle kommen. Er geht an den Tisch; bald darauf erscheint Jatgejr . Ich kann nicht schlafen, Jatgejr, – all die großen Königsgedanken, sieh, die halten mich wach. Jatgjer . Es ist mit des Königs wie mit des Skalden Gedanken – das leuchtet mir ein. Sie fliegen am höchsten und gedeihen am besten, wenn ringsum nächtliche Stille ist. König Skule . Ist es so auch mit des Skalden Gedanken? Jatgjer . Ja, Herr, kein Lied wird beim Licht der Tages geboren; man kann es wohl aufzeichnen im Sonnenschein, aber gedichtet wird es in einer stillen Stunde der Nacht. König Skule . Wer hat Dir die Gabe des Leids verliehen, Jatgejr? Jatgjer . Sie, die ich liebte. König Skule . Sie starb? Jatgjer . Nein, sie verließ mich. König Skule . Und da wurdest Du Skalde? Jatgjer . Ja, da wurde ich Skalde. König Skule faßt ihn am Arm. Welche Gabe brauch' ich , um König zu werden? Jatgjer . Nicht die Gabe des Zweifels; sonst fragtet Ihr nicht. König Skule . Welche Gabe brauch' ich? Jatgjer . Herr, Ihr seid ja König. König Skule . Glaubst Du jederzeit so sicher, daß Du Skalde bist? Jatgjer sieht ihn eine Weile stumm an; dann fragt er: Habt Ihr niemals geliebt? König Skule . Ja, einmal, – glühend, süß und in Sünden. Jatgjer . Ihr habt ein Weib. König Skule . Die nahm ich, daß sie mir Söhne gebäre. Jatgjer . Aber Ihr habt eine Tochter, Herr, – eine sanfte und herrliche Tochter. König Skule . Wäre meine Tochter ein Sohn, so fragt' ich Dich nicht, welche Gabe ich brauchte. Leidenschaftlich. Ich muß jemand um mich haben, der mir ohne eigenen Willen gehorcht, – der unerschütterlich an mich glaubt, der in guten wie in schlimmen Tagen aus tiefster Seele zu mir hält, der nur dafür lebt, mein Leben zu erhellen und zu erwärmen, der sterben muß, wenn ich falle. Gib mir einen Rat, Skalde Jatgejr! Jatgjer . Kauft Euch einen Hund, Herr. König Skule . Sollte ein Mensch nicht genügen? Jatgjer . Nach solch einem Menschen müßtet Ihr lange suchen. König Skule plötzlich. Willst Du mir das sein, Jatgejr? Willst Du mir ein Sohn sein? Du sollst Norwegens Krone als Erbe haben, – Du sollst Land und Reich haben, – wenn Du mir ein Sohn sein, für mein Lebenswerk leben und an mich glauben willst! Jatgjer . Und welche Sicherheit sollt' ich stellen, daß ich nicht heuchle? König Skule . Gib Deinen Lebensberuf auf – dichte nie ein Lied mehr, so will ich Dir glauben. Jatgjer . Nein, Herr, – das hieße die Krone zu teuer erkaufen. König Skule . Denk nach! Es ist mehr, König als Skalde zu sein! Jatgjer . Nicht immer. König Skule . Nur Deine ungedichteten Lieder sind es, die Du opfern sollst! Jatgjer . Ungedichtete Lieder sind stets die schönsten. König Skule . Aber ich muß – ich muß einen Menschen haben, der an mich glauben kann! Nur einen einzigen! Ich fühl' es, – hab' ich das, so bin ich gerettet! Jatgjer . Glaubt an Euch selbst, so seid Ihr gerettet! Paul Flida tritt hastig ein. König Skule, nun wehrt Euch! Håkon Håkonsson liegt bei Elgjarnäß mit seiner ganzen Flotte! König Skule . Bei Elgjarnäß –! So ist er nicht mehr weit! Jatgjer . Wehr und Waffen her! Gibt's heut nacht ein Männermorden hier, so will ich mit Freuden der Erste sein, der für Euch fällt! König Skule . Du, der nicht für mich leben wollte? Jatgjer . Es kann einer fallen für das Lebenswerk eines andern – aber weiter leben kann er nur für sein eigenes. Ab. Paul Flida ungeduldig. Was befehlt Ihr, Herr? Was soll geschehen? Die Birkebeiner können binnen einer Stunde in Oslo sein! König Skule . Das Beste wäre, wir könnten nach dem Grabe des heiligen Thomas Beckett fahren; er hat schon so mancher leidvollen und reuigen Seele geholfen. Paul Flida eindringlicher. Herr, redet jetzt nicht irre! Die Birkebeiner sind über uns, sag' ich! König Skule . Laß alle Kirchen aufsperren, auf daß wir dort Schutz und Gnade finden. Paul Flida . Ihr könnt all Eure Feinde mit einem Schlag vernichten, und da wollt Ihr in die Kirchen flüchten! König Skule . Ja, ja, halt' alle Kirchen offen! Paul Flida . Seid überzeugt, Håkon bricht den Kirchenfrieden, wenn es die Windbälge gilt. König Skule . Das tut er nicht – Gott wird ihn gegen solche Sünde schützen; – Gott schützt Håkon immer. Paul Flida mit tiefem und schmerzlichem Zorne. Wer Euch jetzt reden hörte, müßte wohl fragen: wer ist König in diesem Lande? König Skule mit wehmütigem Lächeln. Ja, Paul Flida, das ist die große Frage: wer ist König in diesem Lande? Paul Flida flehend. Ihr seid heut krank an Eurer Seele, Herr – laßt mich für Euch handeln! König Skule . Ja, ja, tu das. Paul Flida im Abgehen. Zuerst will ich alle Brücken abbrechen. König Skule . Wahnwitziger! Bleib! – Alle Brücken abbrechen! Weißt Du, was das heißt? Ich hab's erfahren; – hüte Dich vor solchen Dingen! Paul Flida . Was wollt Ihr denn, Herr? König Skule . Ich will mit Håkon reden. Paul Flida . Er wird Euch mit des Schwertes Zunge antworten! König Skule . Geh, geh – Du sollst meinen Willen später erfahren. Paul Flida . Jeder Augenblick ist jetzt kostbar! Ergreift des Königs Hand. König Skule, laßt uns alle Brücken abbrechen, uns wie Wölfe schlagen und dem Himmel vertrauen! König Skule mit gedämpfter Stimme. Der Himmel vertraut mir nicht – ebensowenig darf ich dem Himmel vertrauen. Paul Flida . Ein rasch' Ende nahm die Saga von den Wolfsbälgen. Ab durch die Mitte. König Skule . Über hundert kluge Köpfe, über tausend gewappnete Arme gebiete ich, doch nicht über ein liebendes, gläubiges Herz. Das ist königliche Armut! Nichts mehr, nichts minder. Bård Bratte aus der Mitte. Draußen stehen Leute, die von fern hergefahren sind, Herr, und mit Euch reden möchten. König Skule . Wer sind sie? Bård Bratte . Ein Weib und ein Priester. König Skule . Das Weib und der Priester sollen kommen. Bård Bratte geht; König Skule setzt sich nachdenklich rechts nieder; gleich darauf tritt eine schwarzgekleidete Frau ein; sie trägt einen weiten Mantel, Hut und dichten Schleier, der ihre Züge verbirgt; ein Priester folgt ihr und bleibt an der Tür stehen. König Skule . Wer bist Du? Die Frau . Eine, die Du geliebt hast. König Skule schüttelt den Kopf. Keine gibt es, die sich dessen erinnert. Wer bist Du? frag' ich. Die Frau . Eine, die Dich liebt. König Skule . Dann gehörst Du gewißlich den Toten an. Die Frau nähert sich und sagt leise und innig: Skule Bårdsson! König Skule erhebt sich, aufschreiend. Ingebjörg! Ingebjörg . Kennst Du mich nun, Skule? König Skule . Ingebjörg, – Ingebjörg! Ingebjörg . O, laß mich Dich ansehen, – lange, lange ansehen! Sie ergreift seine Hände. Pause. Du holder, geliebter, falscher Mann! König Skule . Nimm den Schleier ab – sieh mich an mit den Augen, die einst so klar und blau wie der Himmel waren. Ingebjörg . Diese Augen sind zwanzig Jahr lang ein regenschwerer Himmel gewesen. Du würdest sie nicht wiedererkennen und Du sollst sie nie mehr sehen. König Skule . Aber Deine Stimme ist frisch und weich und jugendlich wie damals! Ingebjörg . Ich habe sie nur gebraucht, um Deinen Namen zu flüstern, um Deine Größe einem jungen Herzen einzuprägen, und zum Gott der Sünder um Rettung für uns beide zu flehen, die in Sünden geliebt haben. König Skule . Das hast Du getan? Ingebjörg . Ich bin stumm gewesen, wenn ich nicht Worte der Liebe von Dir sprach; – deshalb blieb meine Stimme wohl frisch und weich und jugendlich. König Skule . Es liegt ein ganzes Leben dazwischen. Jede holde Erinnerung aus jener Zeit hab' ich verschüttet und vergessen. – Ingebjörg . Das war Dein Recht. König Skule . Und indessen hast Du, Ingebjörg, Du warmes, treues Weib, im Norden dort oben in eisiger Einsamkeit gesessen und hast gehütet und bewahrt – Ingebjörg . Das war mein Glück. König Skule . Dich konnt' ich verlassen, um Macht und Reichtum zu gewinnen! Hättest Du als Gattin an meiner Seite gestanden, so wäre mir's leichter gefallen, König zu werden. Ingebjörg . Gott hat es gut mit mir gemeint, daß es nicht geschah. Ein Sinn wie der meine bedurfte einer großen Schuld, um zur Reue und Buße erweckt zu werden. König Skule . Und nun kommst Du –? Ingebjörg . Als Andres Skjaldarbands Witwe. König Skule . Dein Mann ist gestorben? Ingebjörg . Auf der Fahrt von Jerusalem. König Skule . So hat er Buße getan für Vegards Mord. Ingebjörg . Nicht deshalb hat mein edler Gatte das Kreuz genommen. König Skule . Nicht deshalb. Ingebjörg . Nein – meine Schuld nahm er auf seine starken, liebereichen Schultern; sie abzuwaschen in des Jordans Flut, darum zog er von dannen; für sie hat er geblutet. König Skule leise. Er hat alles gewußt? Ingebjörg . Von der ersten Stunde an. Und Bischof Nikolas hat es gewußt; denn ihm hab' ich gebeichtet; und noch einen gab es, der es erfahren hat, – aber auf welche Art, das ist mir ein Rätsel. König Skule . Wer? Ingebjörg . Vegard Väradal. König Skule . Vegard! Ingebjörg . Er flüsterte meinem Gemahl ein höhnisch Wort über mich ins Ohr; da zog Andres Skjaldarband sein Schwert und erschlug ihn auf der Stelle. König Skule . Er verteidigte die, die ich verlassen und vergessen hatte – Und warum suchst Du jetzt mich? Ingebjörg . Um Dir das Letzte zu opfern. König Skule . Was meinst Du? Ingebjörg deutet auf den Priester, der an der Tür steht. Sieh diesen! – Peter, mein Sohn, komm her! König Skule . Dein Sohn –! Ingebjörg . Und der Deine , König Skule! König Skule halb verwirrt. Ingebjörg! Peter nähert sich in stummer Erregung und sinkt vor Skule in die Knie. Ingebjörg . Nimm ihn hin! Er war zwanzig Jahr meines Lebens Licht und Trost; jetzt bist Du König von Norwegen; der Königssohn muß sein Erbe haben; ich habe kein Recht mehr auf ihn. König Skule zieht ihn in stürmischer Freude empor. An mein Herz, Du, nach dem ich mich so heiß gesehnt habe! Er schließt ihn in seine Arme, läßt ihn los, blickt ihn an und umarmt ihn wieder. Mein Sohn! Mein Sohn! Ich hab' einen Sohn! Ha, ha, ha – wer will mir jetzt widerstehen! Er geht zu Ingebjörg hinüber und ergreift ihre Hand. Und Du, Du gibst ihn mir, Ingebjörg! Du nimmst Dein Wort nicht zurück? Du gibst ihn mir? Ingebjörg . Schwer ist das Opfer, und kaum hätte ich's zu bringen vermocht, wenn Bischof Nikolas ihn nicht mit einem Briefe und der Kunde von Andres Skjaldarbands Tod zu mir geschickt hätte. Der Bischof war's, der mir das schwere Opfer auferlegte, als Buße für all meine Schuld. König Skule . So ist die Schuld ausgelöscht; und von nun an gehört er mir allein – nicht wahr, mir allein? Ingebjörg . Ja – doch ein Gelübde fordre ich von Dir. König Skule . Himmel und Erde, fordre alles, was Du willst! Ingebjörg . Er ist rein wie ein Lamm Gottes, jetzt, da ich ihn in Deine Hände gebe. Es ist ein gefahrvoller Weg, der zum Königssitz hinauf führt; laß ihn nicht Schaden nehmen an seiner Seele. Hörst Du, König Skule, laß mein Kind nicht Schaden nehmen an seiner Seele! König Skule . Das gelob' und schwör' ich Dir. Ingebjörg ergreift seinen Arm. In dem Augenblick, da Du gewahrst, daß er Schaden an seiner Seele nimmt, laß ihn lieber sterben! König Skule . Lieber sterben! Das gelob' und schwör' ich! Ingebjörg . So fahr' ich getrost heim nach Hålogaland. König Skule . Ja, – Du kannst getrost von hinnen fahren. Ingebjörg . Dort will ich büßen und beten, bis der Herr mich ruft. Und wenn wir uns vor Gott wiedersehen, kehrt er rein und schuldlos zu seiner Mutter zurück. König Skule . Rein und schuldlos! Er wendet sich zu Peter. Laß mich Dich ansehen! Ja, das sind Deiner Mutter Züge und die meinen; Du bist der, nach dem ich mich so innig gesehnt habe. Peter . Mein Vater, mein großer, herrlicher Vater, – laß mich leben und streiten für Dich! Laß Deine Sache die meine werden; und sei Deine Sache dann, welche sie wolle, – ich weiß doch: ich streite für das Rechte! König Skule mit einem Freudenschrei. Du glaubst an mich! Du glaubst an mich! Peter . Unerschütterlich! König Skule . Dann ist alles gut; dann bin ich gewißlich gerettet! Höre, Du sollst die Priesterkutte abtun – der Erzbischof soll Dich des Kirchengelübdes entbinden; der Königssohn soll das Schwert tragen, unaufhaltsam zu Macht und Ehren emporsteigen. Peter . Zusammen mit Dir, mein hoher Vater! Hand in Hand mit Dir! König Skule drückt ihn ans Herz. Ja, Hand in Hand – wir beide allein! Ingebjörg für sich. Zu lieben, alles zu opfern und vergessen zu werden, das ward meine Saga. Geht still durch die Mitte ab. König Skule . Ein großes Königswerk soll jetzt in Norwegen getan werden! Peter, mein Sohn, höre mich! Alles Volk wollen wir wecken und zu einem Ganzen sammeln; den Vikväringer und den Trondhjemer, den Hålogaländer und den Agdeväringer, den Oberländer und den Sogndöller, – alles soll sein wie ein großes Geschlecht: da – glaube nur, wird das Land wachsen und gedeihen! Peter . Welch ein großer und schwindelerregender Gedanke ist das –! König Skule . Fassest Du ihn? Peter . Ja – ja! – Ganz klar –! König Skule . Und Du glaubst an ihn? Peter . Ja, ja – denn ich glaube an Dich! König Skule außer sich. Håkon Håkonsson muß fallen! Peter . Wenn Du es willst, so ist's recht, daß er falle. König Skule . Es wird Blut kosten – aber das hilft nichts. Peter . Das Blut, das für Deine Sache fließt, nicht unnütz ist es vergossen. König Skule . Dein soll alle Macht sein, wenn ich das Reich gefestigt habe. Du sollst auf dem Königsstuhle sitzen, mit dem Reif um die Stirn und mit dem weitwallenden Purpurmantel um die Schultern; alle Männer im Lande sollen sich vor Dir beugen – Lurenklang in weiter Ferne. Ha! Was ist das! Mit einem Aufschrei. Das Heer der Birkebeiner! Was sagte doch Paul Flida –? Eilt zum Hintergrunde. Paul Flida tritt ein und ruft: Nun ist unsere Stunde da, König Skule! König Skule verstört. Die Birkebeiner! König Håkons Heer! Wo sind sie? Paul Flida . Sie kommen zu Tausenden über Ekeberg herab. König Skule . Blast zu den Waffen! Blast, blast! Deinen Rat! Wie wollen wir ihnen begegnen? Paul Flida . Alle Kirchen stehen uns offen. König Skule . Die Birkebeiner, frag' ich –! Paul Flida . Für die sind alle Brücken frei. König Skule . Unseliger, was hast Du getan! Paul Flida . Meinem König gehorcht. König Skule . Mein Sohn! Mein Sohn! Weh mir! Ich habe Dein Königreich verspielt! Peter . Nein, Du wirst siegen! Ein so großer Königsgedanke stirbt nicht! König Skule . Schweig, schweig! Die Lurenklänge und Feldrufe tönen näher. Zu Pferd! Zu den Waffen! Es gilt hier mehr als der Mannen Leben und Tod! Eilt durch die Mitte hinaus; die andern folgen.   Eine Straße in Oslo. Niedrige Holzhäuser mit Beischlägen auf beiden Seiten. Im Hintergrunde St. Hallvards-Kirchhof, der von einer hohen Mauer mit einer Pforte umschlossen ist. Links am Ende der Mauer gewahrt man die Kirche, deren Haupteingang offen steht. Es ist noch Nacht; allmählich graut der Tag. Die Sturmglocke läutet; rechts ganz in der Ferne hört man Kriegslärm und wirres Getöse. Der Lurenbläser König Skules erscheint von rechts, bläst und ruft: Zu den Waffen! Zu den Waffen, alle Mannen König Skules! Er bläst abermals und geht weiter; gleich darauf hört man ihn in der nächsten Gasse blasen und rufen. Ein Weib tritt rechts aus einer Haustür. Du großer barmherziger Gott, was ist das? Ein Städter , der halb angekleidet aus einem gegenüberliegenden Hause kommt. Die Birkebeiner sind in der Stadt! Jetzt kriegt Skule den Lohn für alle seine Untaten! Einer von Skules Mannen tritt mit einigen andern, die Mäntel und Waffen auf den Armen tragen, aus einer Seitengasse links. Wo sind die Birkebeiner? Ein Andrer von Skules Mannen aus einem Hause rechts. Ich weiß nicht! Der Erste . Pst! Hört! – Sie müssen unten an der Gejtebrücke sein. Der Zweite . Dann 'nunter zur Gejtebrücke. Alle rasch ab nach rechts; ein Städter kommt von derselben Seite hergerannt. Erster Städter . He, Nachbar, wo kommt Ihr her? Zweiter Städter . Vom Lofluß herauf; dort geht es böse zu. Die Frau . Sankt Olaf und Sankt Hallvard! Sind's die Birkebeiner – oder wer sonst? Zweiter Städter . Ja, gewiß sind's die Birkebeiner. König Håkon ist mit; die ganze Flotte legt bei den Brücken an; aber er selbst ging mit seinen besten Mannen draußen bei Ekeberg an Land. Erster Städter . So nimmt er Rache für den Mannenmord von Låka! Zweiter Städter . Ja, darauf könnt Ihr Euch verlassen! Erster Städter . Seht hin – da flüchten die Windbälge schon. Eine Schar von Skules Mannen kommt fliehend von rechts. Einer von den Mannen . In die Kirche! Keiner kann Stand halten wider die Birkebeiner, so wie sie heute nacht losstürmen! Die Schar eilt in die Kirche und verriegelt die Tür hinter sich. Zweiter Städter blickt nach rechts hinaus. Ich seh', ein Banner fern unten in der Straße; das muß König Håkons Banner sein. Erster Städter . Hui, wie die Windbälge fliehen! Eine neue Kriegerschar kommt von rechts. Einer von der Schar . Rettet Euch in die Kirche und fleht um Gnade! Sie stürmen wider die Tür. Mehrere Windbälge . Sie ist verschlossen! Sie ist verschlossen! Der Erste . Dann hinüber nach Marterstokke! Ein Andrer . Wo ist König Skule? Der Erste . Ich weiß nicht. Fort, da seh' ich das Banner der Birkebeiner! Sie fliehen an der Kirche vorbei links hinaus. Håkon erscheint rechts mit seinem Bannerträger Gregorius Jonsson, Dagfinn und andern seiner Mannen. Dagfinn . Hört den Feldruf! Skule stellt seine Mannen hinter dem Kirchhof auf. Ein alter Städter ruft von seinem Söller Håkon zu: Hütet Euch, lieber Herr – die Wolfsbälge sind grimmig, jetzt, da es ihnen ans Leben geht! Håkon . Bist Du's, alter Guthorm Erlendsson? Du hast ja für meinen Vater und für meinen Großvater gefochten, Du! Der Städter . Wollte Gott, daß ich auch für Euch fechten könnte! Håkon . Dazu bist Du zu alt, und dessen bedarf's nicht – es strömt mir Volk von allen Seiten zu. Dagfinn deutet über die Mauer nach rechts. Da kommt des Herzogs Banner! Gregorius Jonsson . Der Herzog selbst! Er reitet sein weißes Streitroß. Dagfinn . Wir müssen ihm den Ausgang durch die Pforte hier verlegen! Håkon . Blast, blast! Der Lurenbläser bläst. Hast besser geblasen, Du Luder, als Du für Geld bliesest auf der Brücke von Bergen! Der Lurenbläser bläst abermals, jedoch stärker als das erste Mal; viel Kriegsvolk kommt herzu. Ein Windbalg von rechts auf die Kirche zufliehend, von einem Birkebeiner verfolgt. Schone mein Leben! Schone mein Leben! Der Birkebeiner . Nicht, wenn Du auf dem Altar säßest! Macht ihn nieder. Du hast einen kostbaren Mantel, scheint's. Den kann ich brauchen. Er will den Mantel nehmen, stößt aber einen Schrei aus und wirft sein Schwert weg. Herr König! Nicht einen Schlag mehr tu' ich für Euch! Dagfinn . Und das sagst Du in solcher Stunde! Der Birkebeiner . Nicht einen Schlag mehr! Dagfinn macht ihn nieder. So, jetzt kannst Du Dir's auch sparen! Der Birkebeiner auf den toten Windbalg deutend. Ich glaubte, ich hätte genug getan, als ich meinen eignen Bruder erschlug. Stirbt. Håkon . Sein Bruder! Dagfinn . Was! Tritt an die Leiche des Windbalgs. Håkon . Ist's wahr? Dagfinn . Ja, dem ist so. Håkon erschüttert. Da sieht man's am besten, was für einen Krieg wir führen! Bruder wider Bruder, Vater wider Sohn – bei Gott dem Allmächtigen, das muß ein Ende haben! Gregorius Jonsson . Da kommt der Herzog in vollem Kampfe mit Jarl Knuts Schar. Dagfinn . Versperrt ihm die Pforte, Königsmannen! Innerhalb der Mauer erblickt man die Kämpfenden. Die Windbälge brechen sich Bahn nach links, indem sie die Birkebeiner Schritt für Schritt zurücktreiben. König Skule reitet mit gezücktem Schwerte auf seinem weißen Streitroß. Peter geht neben ihm und hält die Zügel des Pferdes, in der linken Hand ein hoch erhobenes Kruzifix. Paul Flida trägt Skules Banner; es ist von blauer Farbe und hat einen aufrecht stehenden goldenen Löwen ohne Axt. König Skule . Macht sie nieder! Schont keinen! Ein neuer Thronerbe ist erschienen in Norwegen! Die Birkebeiner . Ein neuer Thronerbe, sagt er! Håkon . Skule Bårdsson, laßt uns das Reich teilen! König Skule . Alles oder nichts! Håkon . Denkt an die Königin, Eure Tochter! König Skule . Ich hab' einen Sohn, ich hab' einen Sohn! Ich denke an keinen, als an ihn! Håkon . Ich hab' auch einen Sohn, – falle ich, so erhält er das Reich! König Skule . Erschlagt das Königskind, wo Ihr es findet! Erschlagt es auf dem Königssitz! Erschlagt es vorm Altare! Erschlagt es, erschlagt's im Arme der Königin! Håkon . Da fälltest Du Dein Urteil! König Skule um sich hauend. Macht sie nieder, nieder! König Skule hat einen Sohn! Nieder mit ihnen, nieder! Der Kampf zieht sich nach links hinter die Kirche. Gregorius Jonsson . Die Wolfsbälge schlagen sich durch! Dagfinn . Ja, – doch nur, um zu fliehen! Gregorius Jonsson . Ja, beim Himmel, – die andre Pforte steht offen – dort hinaus fliehen sie alle! Dagfinn . Nach Marterstokke hinüber. Ruft hinaus. Ihnen nach, ihnen nach, Jarl Knut! Nimm Rache für den Mannenmord von Låka! Håkon . Ihr habt's gehört. Für vogelfrei erklärte er mein Kind, – mein unschuldig Kind, Norwegens erkorenen König, wenn ich sterbe. Die Königsmannen . Ja, ja, wir hörten es! Håkon . Und welche Strafe verdient solcher Frevel? Die Mannen . Den Tod. Håkon . So muß er denn sterben! Er erhebt die Hand zum Schwur. Hier schwör' ich es: Skule Bårdsson soll sterben, wo auf unheiligem Grunde er betroffen wird! Dagfinn . Es ist jedes treuen Mannes Pflicht, ihn zu töten. Ein Birkebeiner von links. Herzog Skule flieht! Der Städter . Die Birkebeiner haben gesiegt! Håkon . Auf welchem Weg? Der Birkebeiner . An Marterstokke vorüber, gen Ejdsvold hinauf; die meisten hatten ihre Pferde dort oben in den Straßen stehen, – sonst wäre kein einziger mit dem Leben davongekommen. Håkon . Gott sei auch diesmal für seine Hilfe gedankt! Unbesorgt kann jetzt die Königin von der Flotte an Land gehen. Gregorius Jonsson nach rechts weisend. Sie ist schon an Land, Herr, – da kommt sie. Håkon zu denen, die ihm zunächst stehen. Das Schwerste steht noch bevor – sie ist eine zärtliche Tochter; – hört, kein Wort zu ihr von der Gefahr, die dem Kinde droht! Gelobt mir, alle wie Ein Mann, den Sohn Eures Königs zu schützen! Aber lasset sie nichts erfahren. Die Mannen mit gedämpfter Stimme. Das geloben wir! Margrete kommt mit Frauen und Gefolge von rechts. Håkon, mein Gatte! Der Himmel hat Dich beschirmt – Du hast gesiegt und bist unverletzt. Håkon . Ja, ich habe gesiegt. Wo ist das Kind? Margrete . Auf dem Königsschiffe, in sicherer Männerhand. Håkon . Es sollen mehr noch hinuntergehen. Einige von den Mannen ab. Margrete . Håkon, wo ist – Herzog Skule? Håkon . Er hat den Weg in die Oberlande genommen. Margrete . So lebt er! – Mein Gemahl, darf ich Gott danken, daß er lebt? Håkon in schmerzlichem Kampfe mit sich selbst. Hör' mich, Margrete. Du bist mir ein treues Weib gewesen, Du bist mir gefolgt in guten und schlimmen Tagen, Du warst so unsäglich reich an Liebe; – jetzt muß ich Dir einen schweren Kummer bereiten; ich hätte ihn Dir gern erspart; aber ich bin König, darum muß ich – Margrete gespannt. Geht es – den Herzog an? Håkon . Ja. Es kann mich kein schmerzlicheres Los treffen, als mein Leben fern von Dir verbringen zu müssen; aber wenn Du findest, daß es nach dem, was ich Dir jetzt sage, also sein muß, – wenn Du meinst, Du darfst nicht mehr an meiner Seite sitzen, Du kannst mich nicht mehr anschauen, ohne zu erbleichen, – nun, so müssen wir uns trennen, muß jedes für sich leben, – und ich werd' es Dir nimmer zur Last legen. Margrete . Mich trennen von Dir! Wie kannst Du solch einen Gedanken denken! Gib mir Deine Hand – Håkon . Rühr' sie nicht an! – Sie war eben zu einem Schwur erhoben – Margrete . Zu einem Schwur? Håkon . Einem Schwur, der unverbrüchlich ein Todesurteil besiegelt hat. Margrete aufschreiend. Mein Vater! O, mein Vater! Sie schwankt; ein paar ihrer Frauen eilen herbei, sie zu stützen. Håkon . Ja, Margrete, – als König hab' ich Deinen Vater zum Tode verurteilt. Margrete . So hat er sich gewißlich schwerer vergangen, als da er den Königsnamen sich beilegte. Håkon . Das hat er, – und findest Du nun, daß wir uns trennen müssen, so laß es geschehen. Margrete näher und kraftvoll. Nie können wir uns trennen! Ich bin Dein Weib, nichts andres auf der Welt als Dein Weib! Håkon . Bist Du stark genug? Hast Du alles gehört und verstanden? Ich habe Deinen Vater gerichtet. Margrete . Ich hab' alles gehört und verstanden. Du hast meinen Vater gerichtet. Håkon . Und Du verlangst nicht zu wissen, was sein Verbrechen war? Margrete . Es genügt ja, wenn Du es kennst. Håkon . Aber ich hab' ihn zum Tode verurteilt! Margrete kniet vor dem Könige nieder und küßt ihm die Hand. Mein Gemahl und hoher Herr, Du richtest gerecht! Der Vorhang fällt. Fünfter Akt Ein Gemach im Königsschloß zu Nidaros. Die Eingangstür ist rechts; vorn auf derselben Seite ein Fenster; links eine kleinere Tür. Abenddämmerung. Paul Flida, Bård Bratte und mehrere von König Skules vornehmsten Mannen stehen am Fenster und blicken hinaus und zum Himmel auf. Ein Gefolgsmann . Wie rot es leuchtet! Ein Andrer Gefolgsmann . Gleich einem glühenden Schwerte reicht es über den halben Himmel. Bård Bratte . Heiliger König Olaf, was kündet solch ein Schreckenszeichen? Ein alter Windbalg . Es kündet gewißlich eines großen Häuptlings Tod. Paul Flida . Håkons Tod, Ihr braven Windbälge! Er liegt draußen im Fjord mit der Flotte; wir können ihn an diesem Abend in der Stadt erwarten – diesmal gebührt uns der Sieg. Bård Bratte . Baut nicht darauf – das Heer hat nicht mehr viel Mut. Der alter Windbalg . Das ist ganz erklärlich; seit der Flucht von Oslo hat ja König Skule sich eingeschlossen und will seine Mannen nicht sehen noch sprechen. Erster Gefolgsmann . Manch einer in der Stadt weiß nicht, ob er ihn für lebendig oder tot halten soll. Paul Flida . Der König muß heraus, so krank er auch ist. Sprecht mit ihm, Bård Bratte, – es gilt aller Rettung. Bård Bratte . Nützt nichts – ich hab' eben schon mit ihm gesprochen. Paul Flida . So will ich's selbst versuchen. Geht an die Tür links und klopft. Herr König, Ihr müßt das Steuer in die eigenen Hände nehmen; so kann es nicht länger gehen. König Skule von innen. Ich bin krank, Paul Flida! Paul Flida . Kann's anders sein? Ihr habt ja zwei Tage lang nichts gegessen; Ihr müßt Euch stärken und pflegen – König Skule . Ich bin krank. Paul Flida . Beim Allmächtigen, es hilft nichts! König Håkon liegt draußen auf dem Fjord, und wir können ihn jeden Augenblick hier in Nidaros erwarten. König Skule . Schlagt ihn an meiner Statt! Tötet ihn und das Königskind! Paul Flida . Ihr müßt selbst mit sein, Herr! König Skule . Nein, nein, nein, – Ihr werdet am ehesten Glück und Sieg erlangen, wenn ich nicht mit bin. Peter kommt von rechts; er ist gewappnet. Das Stadtvolk wird unruhig – es schart sich in hellen Haufen um das Königsschloß. Bård Bratte . Redet der König nicht zu ihnen, so lassen sie ihn im Stich, wenn die Not am größten ist. Peter . So muß er zu ihnen reden. An der Türe links. Vater! Die Trondhjemer, Deine treuesten Mannen, fallen von Dir ab, wenn Du ihnen nicht Mut machst! König Skule . Was sagte der Skalde? Peter . Der Skalde? König Skule . Ja, der Skalde, der in Oslo für meine Sache starb. Man kann nicht verschenken, was man selbst nicht besitzt, sagte er. Peter . So kannst Du auch das Reich nicht fortgeben – denn es gehört mir, wenn Du stirbst. König Skule . Jetzt komme ich! Paul Flida . Gott sei gelobt! König Skule erscheint in der Tür; er ist bleich und gebrochen; sein Haar ist stark ergraut. Ihr sollt mich nicht ansehen! Ich will nicht, daß Ihr mich anseht, jetzt da ich krank bin! Er geht zu Peter. Dir das Reich nehmen, sagst Du? Großer Gott des Himmels, was wollt' ich da tun! Peter . O, vergib mir – ich weiß ja: was Du tust, ist das Richtigste. König Skule . Nein, nein, bis jetzt nicht; – aber jetzt will ich beherzt und stark sein, – ich will handeln. Laute Rufe von draußen rechts. König Skule! König Skule! König Skule . Was ist das? Bård Bratte am Fenster. Das Stadtvolk strömt zusammen; der ganze Schloßhof ist voll von Leuten – Ihr müßt zu ihnen reden. König Skule . Seh' ich wie ein König aus?! Kann ich jetzt reden? Peter . Du mußt, mein hoher Vater! König Skule . Gut, sei es denn! Tritt ans Fenster und schiebt den Vorhang beiseit, läßt ihn aber sogleich wieder fallen und zuckt entsetzt zurück. Da steht das glühende Schwert wieder über mir! Peter . Es kündet, daß das Schwert des Sieges für Dich gezückt ist. König Skule . Ja, wäre dem nur so! Tritt ans Fenster und spricht hinaus. Trondhjemer, was wollt Ihr? Hier steht Euer König. Ein Städter von draußen. Verlaßt die Stadt! Die Birkebeiner werden sengen und morden, wenn sie Euch hier finden. König Skule . Wir müssen alle zusammenhalten. Ich bin Euch ein milder König gewesen; ich habe nur geringe Kriegssteuer verlangt – Eine Männerstimme drunten in der Menge. Wie nennst Du denn all das Blut, das bei Låka und in Oslo geflossen ist? Eine Frau . Gib mir meinen Bräutigam wieder! Ein Knabe . Gib mir meinen Vater und meinen Bruder! Eine andre Frau . Gib mir meine drei Söhne König Skule! Ein Mann . Er ist nicht König; denn man hat ihm nicht an des heiligen Olaf Schrein gehuldigt! Viele Stimmen . Nein, nein, – man hat ihm nicht am heiligen Olafsschrein gehuldigt! Er ist nicht König! König Skule zieht sich hinter den Vorhang zurück. Nicht gehuldigt –! Nicht König! Paul Flida . Unselig, daß der Heiligenschrein nicht hinausgetragen wurde, als man Euch erkor. Bård Bratte . Lassen uns die Stadtleute im Stich, so können wir uns in Nidaros nicht halten, wenn die Birkebeiner kommen. König Skule . Und sie werden uns im Stiche lassen, solange mir nicht an dem Heiligenschrein gehuldigt worden ist. Peter . So laß den Schrein hinausbringen, und laß Dir jetzt huldigen! Paul Flida kopfschüttelnd. Wie sollte das ausführbar sein? Peter . Ist etwas unausführbar, wenn es ihn betrifft? Laßt zum Thing blasen und tragt den Schrein hinaus! Mehrere der Mannen fahren zurück. Kirchenraub! Peter . Nicht Kirchenraub; – kommt, kommt! die Kreuzbrüder sind König Skule wohlgesinnt; sie werden einwilligen – Paul Flida . Das tun sie nicht; sie dürfen es des Erzbischofs wegen nicht tun. Peter . Ihr seid Königsmannen und wollt nicht helfen, wenn es eine so große Sache gilt! Gut, es sind andere da unten, die willfähriger sein werden. Mein Vater und König, die Kreuzbrüder sollen nachgeben – ich will bitten, will flehen–. Laß blasen zum Thing! Du sollst Deinen Königsnamen mit Recht tragen! Eilt rechts hinaus. König Skule freudestrahlend. Saht Ihr ihn? Saht Ihr meinen herrlichen Sohn? Wie seine Augen blitzten! Ja, wir wollen alle kämpfen und siegen. Wie stark sind die Birkebeiner? Paul Flida . Nicht so stark, daß wir's nicht mit ihnen aufnehmen könnten, wenn nur die Stadtleute zu uns halten. König Skule . Sie sollen zu uns halten. Wir müssen jetzt alle einig sein und diesen Schreckenskrieg enden. Seht Ihr denn nicht, wie der Himmel selbst gebeut, daß wir ihn enden sollen? Der Himmel zürnt ganz Norwegen um der Taten willen, die nun so lange schon verübt worden sind. Glühende Schwerter stehen hoch da oben und leuchten jede Nacht; Weiber fallen um und gebären in den Kirchen; Irrwahn erfaßt Priester und Klosterbrüder, daß sie durch die Gassen rennen und rufen, der jüngste Tag sei gekommen. Ja, beim Allmächtigen, das soll enden mit einem einzigen Schlage! Paul Flida . Was befehlt Ihr – was soll geschehen? König Skule . Alle Brücken sollen abgebrochen werden. Paul Flida . Geht und laßt alle Brücken abbrechen. Einer der Gefolgsmannen geht rechts hinaus. König Skule . Alle Mannen sollen sich auf dem Werder unten versammeln; kein Birkebeiner soll seinen Fuß nach Nidaros setzen. Paul Flida . Wohlgesprochen, König! König Skule . Wenn der Heiligenschrein hinausgetragen ist, soll man zum Thing blasen. Das Heer und die Städter sollen zusammengerufen werden. Paul Flida zu einem der Mannen. Geh hinaus und laß den Lurenbläser durch die Gassen blasen. Der Mann ab. König Skule redet aus dem Fenster zur Menge. Haltet fest zu mir, Ihr Trauernden und Klagenden da unten! Es soll wieder Frieden und Licht über das Land kommen, wie in Håkons ersten schönen Tagen, da das Korn jeden Sommer zweimal reifte. Haltet fest zu mir! Bauet auf mich und vertraut mir – dessen bedarf ich so unsäglich! Ich will wachen und streiten für Euch; ich will bluten und fallen für Euch, wenn es not tut – aber verlaßt mich nicht und zweifelt nicht –! Laute Schreckensrufe erschallen aus der Menge. Was ist das ? Eine fanatische Stimme . Tut Buße! Tut Buße! Bård Bratte blickt hinaus. Ein Priester, der vom Teufel besessen ist! Paul Flida . Er reißt seine Kutte in Fetzen und peitscht sich mit der Geißel. Die Stimme . Tut Buße! Tut Buße! Der jüngste Tag ist gekommen! Viele Stimmen . Flieht, flieht! Wehe über Nidaros! O der sündigen Tat! König Skule . Was ist denn geschehen? Bård Bratte . Alle fliehen, alle weichen zurück, als wär' ein wildes Tier unter sie gefahren. König Skule . Ja, alle fliehen – Mit einem Freudenausruf. Ha! Gleichviel – wir sind gerettet! Seht, seht, – König Olafs Schrein steht mitten im Schloßhof! Paul Flida . König Olafs Schrein! Bård Bratte . Ja, beim Himmel, – da steht er! König Skule . Die Kreuzbrüder sind mir treu – nie haben sie eine bessere Tat getan! Paul Flida . Hört! Es wird zum Thing geblasen. König Skule . Nun wird mir also nach dem Gesetz gehuldigt! Peter kommt von rechts. Leg' den Königsmantel an – der Heiligenschrein steht jetzt draußen. König Skule . So hast Du das Reich gerettet für mich und für Dich; und zehnfach wollen wir den frommen Kreuzbrüdern danken, daß sie nachgegeben haben, Peter . Die Kreuzbrüder, mein Vater? – ihnen hast Du nichts zu danken. König Skule . So waren sie es nicht, die Dir geholfen haben? Peter . Sie sprachen den Kirchenbann aus über jeden, der es wagen würde, das Heiligtum zu berühren. König Skule . Der Erzbischof also! Endlich hat er doch nachgegeben. Peter . Der Erzbischof schleuderte ärgere Bannflüche noch als die Kreuzbrüder. König Skule . O, so seh' ich, daß ich trotz allem noch treue Mannen habe. Ihr standet hier feig und wichet zurück, – Ihr, die mir am nächsten stehen solltet, – und da unten in der Menge hab' ich Leute, die eine so große Schuld um meinetwillen auf sich laden mochten. Peter . Nicht einen treuen Mann hast Du, der solche Schuld auf sich laden möchte. König Skule . Allmächtiger Gott, ist denn ein Wunder geschehen? – Wer trug das Heiligtum hinaus? Peter . Ich, mein Vater! König Skule aufschreiend. Du! Die Mannen weichen scheu zurück. Kirchenräuber! Paul Flida, Bård Bratte und ein paar andere gehen hinaus. Peter . Die Tat mußte geschehen. Auf keines Mannes Treue ist zu bauen, ehe Dir nicht nach dem Gesetz gehuldigt worden ist. Ich bat, ich beschwor die Kreuzbrüder, – es half nichts. Da sprengte ich die Kirchentür; niemand wagte mir zu folgen. Ich sprang auf den Hochaltar, ich erfaßte den Griff und stemmte die Knie gegen die Wand; es war, als ob eine rätselhafte Macht mir übermenschliche Kraft verliehen hätte. Der Schrein lockerte sich, ich zog ihn hinter mir her über den Kirchenflur, während der Bannstrahl wie ein Gewitter hoch oben unter der Wölbung hersauste; ich zog ihn aus der Kirche heraus, – alle flohen und wichen vor mir; als ich in des Schlosshofs Mitten angekommen war, da brach der Griff ab – hier ist er! Hält ihn empor. König Skule still, vor Entsetzen starr. Kirchenräuber! Peter . Um Deinetwillen – um Deines großen Königsgedankens willen! Aber Du wirst die Sünde auslöschen – alles, was böse ist, wirst Du auslöschen. Licht und Frieden werden mit Dir kommen; ein strahlender Tag wird heraufsteigen über dem Lande – was tut's, daß eine Gewitternacht ihm voranging? König Skule . Es lag wie ein Heiligenschein über Deinem Haupte, als Deine Mutter Dich mir brachte – und jetzt dünkt mich's, ich sehe den Bannstrahl flammen. Peter . Vater, Vater, denk nicht an mich – sei nicht besorgt um mein Weh und Wohl. Deinen eignen Willen hab' ich ja erfüllt, – wie kann das mir als Schuld angerechnet werden! König Skule . Deinen Glauben an mich, den wollt' ich besitzen, und Dein Glaube ist zur Sünde geworden. Peter wild. Um Deinetwillen! Um Deinetwillen! Deshalb muß Gott sie abwaschen! König Skule . Rein und schuldlos, gelobte ich Ingebjörg – und er höhnt den Himmel! Paul Flida tritt ein. Alles in Aufruhr! Die Schreckenstat hat Deine Mannen mit Grausen erfüllt – sie fliehen in die Kirchen. König Skule . Sie sollen , sie müssen heraus! Bård Bratte tritt ein. Die Städter haben sich wider Euch erhoben; sie erschlagen die Windbälge rings auf den Gassen und in den Häusern, wo sie sie finden können! Ein Gefolgsmann tritt ein. Jetzt segeln die Birkebeiner den Fluß herauf! König Skule . Blast meine Mannen zusammen! Keiner darf mich hier im Stich lassen! Paul Flida . Unmöglich – der Schreck hat sie gelähmt. König Skule verzweifelt. Aber ich kann jetzt nicht fallen! Mein Sohn darf nicht sterben mit einer Todsünde auf seiner Seele! Peter . Denk nicht an mich – um Dich nur handelt es sich. Versuchen wir's nach Indherred hinüber zu kommen; dort sind alle Mannen treu! König Skule . Ja, fliehen wir! Folge mir, wer sein Leben lieb hat! Bård Bratte . Auf welchem Wege? König Skule . Über die Brücke! Paul Flida . Alle Brücken sind abgebrochen, Herr. König Skule . Abgebrochen –! Alle Brücken abgebrochen, sagst Du! Paul Flida . Ihr hättet sie in Oslo abbrechen sollen, dann hättet Ihr in Nidaros sie können stehen lassen. König Skule . Über den Fluß gleichwohl! – Hier gilt's Leben und Seligkeit zu retten! Flieht! Flieht! Er und Peter eilen links hinaus. Bård Bratte . Ja, lieber das, als von Städtern und Birkebeinern erschlagen zu werden! Paul Flida . In Gottes Namen denn, – die Flucht! Alle folgen Skule. Die Stube steht einen Augenblick leer; man hört fernen und wirren Lärm von den Straßen; dann stürmt ein Trupp bewaffneter Städter durch die Tür rechts herein. Ein Städter . Hieher! Hier muß er sein. Ein Andrer . Erschlagt ihn! Mehrere . Erschlagt auch den Kirchenräuber! Ein Einzelner . Seht Euch vor! Sie beißen um sich. Erster Städter . Das hat keine Not – die Birkebeiner sind schon oben in der Straße. Ein Städter kommt. Zu spät! – König Skule ist geflohen! Mehrere . Wohin? Wohin? Der Ankömmling . In eine der Kirchen, denk' ich – sie sind voller Wolfsbälge. Erster Städter . So wollen wir ihn suchen; – großen Dank und Lohn spendet König Håkon dem Manne, der Skule erschlägt. Ein Andrer . Da kommen die Birkebeiner. Ein Dritter . König Håkon selbst! Viele in der Menge rufen: Heil König Håkon Håkonsson! Håkon tritt von rechts ein; ihm folgen Gregorius Jonsson, Dagfinn und zahlreiche andere. Ja, jetzt seid Ihr demütig, Ihr Trondhjemer, – lange genug habt Ihr mir getrotzt. Erster Städter auf die Knie fallend. Gnade, Herr! Skule Bårdsson hat uns so hart zugesetzt! Ein Andrer gleichfalls kniend. Er zwang uns, – sonst wären wir ihm niemals gefolgt. Der Erste . Er nahm unser Hab und Gut und nötigte uns, für seine ungerechte Sache zu kämpfen. Der Zweite . Ach, hoher Herr, er ist eine Geißel gewesen für seine Freunde wie für seine Feinde. Viele Stimmen . Ja, ja, Skule Bårdsson ist eine Geißel gewesen für das ganze Land! Dagfinn . Das dürfte ein wahres Wort sein. Håkon . Gut, – mit Euch Städtern werd' ich später reden – ich habe vor, streng zu bestrafen, was hier verbrochen worden ist. Aber zunächst gilt es an andres zu denken. Weiß einer, wo Skule Bårdsson ist? Mehrere . In einer der Kirchen, Herr! Håkon . Wißt Ihr das so sicher? Der Städter . Ja, da sind alle Wolfsbälge. Håkon leise zu Dagfinn. Man muß ihn finden, – stellt Wachen vor alle Kirchen der Stadt. Dagfinn . Und wenn man ihn findet – soll er ohne Verzug erschlagen werden. Håkon mit leiser Stimme. Erschlagen? Dagfinn, Dagfinn, wie schwer dünkt mich das! Dagfinn Herr, Ihr habt es hoch und teuer beschworen in Oslo. Håkon . Und jedermann im Lande wird seinen Tod fordern. Er wendet sich zu Gregorius Jonsson und spricht, unhörbar für die andern: Geh! Du warst einstmals sein Freund! Such' ihn auf, und berede ihn, aus dem Lande zu fliehen. Gregorius Jonsson freudig. Das wollet Ihr, Herr? Håkon . Um meiner frommen, lieben Hausfrau willen. Gregorius Jonsson . Aber wenn er nicht flieht? Wenn er nicht will oder nicht kann? Håkon . In Gottes Namen, dann kann ich ihn nicht schonen! Dann muß mein Königswort in Kraft bleiben. Geh! Gregorius Jonsson . Ich werde gehen und mein Bestes tun. Der Himmel gebe, daß es gelinge. Ab nach rechts. Håkon . Du, Dagfinn, geh mit zuverlässigen Männern hinunter aufs Königsschiff. Ihr sollt die Königin und das Kind hinauf nach dem Kloster Elgesäter begleiten. Dagfinn . Herr, glaubt Ihr, daß sie dort sicher ist? Håkon . Sie ist nirgends sicherer. Die Wolfsbälge haben sich in den Kirchen eingeschlossen, – und sie, sie hat so sehr darum gebeten: ihre Mutter ist in Elgesäter. Dagfinn . Ja, ja, ich weiß es. Håkon . Grüße die Königin zärtlich von mir – und grüss' auch Frau Ragnhild. Du kannst ihnen sagen: sobald die Wolfsbälge mir zu Füßen liegen und Begnadigung erhalten haben, dann sollen alle Glocken in Nidaros läuten, zum Zeichen, daß wieder Frieden im Land geworden ist. – Ihr Städter sollt mir morgen Rede und Antwort stehen und Strafe empfangen, – ein jeder nach seinen Werken. Ab mit seinen Mannen. Erster Städter . Weh' uns morgen! Zweiter Städter . Wir haben eine große Sündenrechnung. Erster Städter . Wir, die Håkon so lange getrotzt haben, – die Skule zujauchzten, als er sich den Königsnamen aneignete! Zweiter Städter . Die Skule Schiffe und Kriegssteuer gaben, – die alles Gut kauften, das er Håkons Vögten geraubt hat. Erster Städter . Ja, weh' uns morgen! Ein Städter tritt eilig von links ein. Wo ist Håkon? Wo ist der König? Erster Städter . Was willst Du von ihm? Der Ankömmling . Ihm große und wichtige Botschaft bringen. Mehrere . Welche? Der Ankömmling . Das sag' ich nur dem König selbst. Mehrere . Sag's uns, sag's uns! Der Ankömmling . Skule Bårdsson flieht nach Elgesäter hinauf. Erster Städter . Unmöglich! Er ist in einer der Kirchen. Der Ankömmling . Nein, nein! Er setzte mit seinem Sohne in einer Fähre über den Fluß. Erster Städter . Ha, dann können wir uns vor Håkons Zorn retten. Zweiter Städter . Ja, dann laßt uns sogleich ihm melden, wo Skule ist. Erster Städter . Nein, ich weiß Besseres: sagen wir ihm nichts, sondern gehen wir selbst hinauf nach Elgesäter, Skule zu töten. Zweiter Städter . Ja, ja, – laßt uns das tun! Dritter Städter . Aber sind ihm nicht viele Wolfsbälge über den Fluß gefolgt? Der Ankömmling . Nein, es waren nur wenige Männer in Boote. Erster Städter . Wir waffnen uns, so gut wir können. O, jetzt sind die Städter geborgen! Sagt keinem, was wir vorhaben. Wir sind Mannen genug, – und nun hinauf nach Elgesäter! Alle mit gedämpfter Stimme. Ja, hinauf nach Elgesäter! Sie gehen rasch, aber vorsichtig, links ab.   Tannenwald auf den Hügeln vor Nidaros. Mondschein; aber neblige Nacht, so daß man den Hintergrund nur undeutlich und zuweilen gar nicht sehen kann. Baumstümpfe und große Felsblöcke liegen rings umher. König Skule, Peter, Paul Flida, Bård Bratte und mehrere Windbälge kommen von links durch den Wald. Peter . Komm her und ruh' Dich aus, mein Vater! König Skule . Ja, laß mich ruhen, ruhen. Sinkt an einem Felsblock nieder. Peter . Wie geht es Dir? König Skule . Ich bin hungrig! Krank, krank! Ich sehe die Schatten toter Männer! Peter springt auf. Schafft Hilfe! – Brot für den König! Bård Bratte . Hier ist jedermann König; denn hier gilt es das Leben. Steh auf, Skule Bårdsson; bist Du König, so regiere Dein Land nicht im Liegen! Peter . Höhnst Du meinen Vater, so töte ich Dich! Bård Bratte . Der Tod ist mir ohnehin gewiß; nie gewährt mir König Håkon Gnade; denn ich war sein Vogt und verließ ihn um Skules willen. Macht etwas ausfindig, das uns retten kann! Es gibt keine so verzweifelte Tat, daß ich sie jetzt nicht wagte. Ein Windbalg . Könnten wir nur hinüber nach dem Kloster von Holm entkommen. Paul Flida . Besser nach Elgesäter. Bård Bratte plötzlich ausrufend: Das beste wäre: hinunter auf Håkons Schiff zu gehen und das Königskind zu rauben! Paul Flida . Rasest Du?! Bård Bratte . Nein, nein, das ist unsere einzige Rettung, und leicht ist sie ins Werk zu setzen. Die Birkebeiner durchsuchen jedes Haus und halten Wacht vor den Kirchen; sie glauben nicht, daß einer von uns hat entfliehen können, da alle Brücken abgebrochen waren. Es kann unmöglich viel Mannschaft an Bord der Schiffe sein; haben wir den Königserben in unsrer Gewalt, so soll Håkon uns Frieden gewähren oder sein Sproß soll mit uns sterben. Wer tut mit, das Leben zu retten? Paul Flida . Ich nicht, wenn's auf solche Art geschehen soll. Mehrere . Ich nicht! Ich nicht! Peter . Ha, aber wenn mein Vater dadurch gerettet werden kann –! Bård Bratte . Willst Du mittun, so komm. Ich gehe jetzt hinunter nach Hladehammer; dort liegt die Schar, der wir am Fuß des Hügels begegneten. Es sind die tollsten Waghälse unter allen Wolfsbälgen; sie waren über den Fluß geschwommen, denn sie wußten, daß sie in den Kirchen keine Gnade finden würden. Die Burschen wagen schon, das Königsschiff heimzusuchen. Wer von Euch will also mit? Einige . Ich! Ich! Peter . Vielleicht auch ich; – aber erst muß ich meinen Vater unter sichrem Obdach wissen. Bård Bratte . Ehe der Tag graut, fahren wir den Fluß hinauf. Kommt, hier geht ein Richtweg nach Hlade hinunter. Er und einige andere rechts ab. Peter zu Paul Flida. Sprecht nicht zu meinem Vater von all dem. Er ist heut an der Seele krank. Wir müssen für ihn handeln. Bård Brattes Tat verheißt Rettung; vor Tagesgrauen soll das Königskind in unsern Händen sein. Paul Flida . Um getötet zu werden, versteht sich. Seht Ihr denn nicht, daß das eine Sünde ist –? Peter . Es kann keine Sünde sein. Denn mein Vater erklärte es in Oslo für vogelfrei. Das Kind muß ja so wie so aus dem Wege. Es hindert meinen Vater – mein Vater hat einen großen Königsgedanken durchzusetzen; es kann gleichgültig sein, wer oder wie viele für den fallen. Paul Flida . Unselig der Tag, da Ihr erführet, daß Ihr König Skules Sohn seid! Aufhorchend. Pst! – werft Euch platt auf die Erde – es kommen Leute. Alle werfen sich hinter Baumstümpfen und Felsblöcken zur Erde; man sieht undeutlich durch den Nebel zwischen den Bäumen einen Zug von Reitenden und Fußgängern vorüberkommen, der von rechts nach links passiert. Peter . Das ist die Königin! Paul Flida . Ja, ja, – sie spricht mit Dagfinn dem Bauer. Still! Peter . Sie wollen nach Elgesäter. Das Königskind ist mit! Paul Flida . Und die Frauen der Königin. Peter . Aber nur vier Mann! Auf, auf, König Skule! – nun ist Dein Reich gerettet! König Skule . Mein Reich? Das ist finster, – wie des Engels Reich, der sich wider Gott erhob. Eine Schar Kreuzbrüder erscheint von rechts. Ein Kreuzbruder . Wer spricht da? Sind das König Skules Mannen? Paul Flida . König Skule selbst. Der Kreuzbruder zu Skule. Gott sei gelobt, daß wir Euch getroffen haben, lieber Herr! Wir erfuhren von einigen Städtern, daß Ihr den Weg hier herauf genommen habt, und wir sind ebenso unsicher in Nidaros wie Ihr selbst – Peter . Ihr hättet den Tod verdient, daß Ihr den Olafsschrein nicht herausgabt! Der Kreuzbruder . Der Erzbischof verbot es. Aber wir möchten trotzdem gern König Skule dienen; wir haben ja immer zu ihm gehalten. Hier haben wir Kreuzkutten für Euch und Eure Mannen mitgebracht! Zieht sie an, – so entkommt Ihr leicht in eins der Klöster und könnt versuchen, von Håkon Begnadigung zu erlangen. König Skule . Ja, werft mir eine Kreuzkutte über; ich und mein Sohn, wir müssen auf geweihtem Grunde stehen. Ich will nach Elgesäter – Peter leise zu Paul Flida. Sorgt dafür, daß mein Vater sicher hinkommt – Paul Flida . Vergeßt Ihr, daß Birkebeiner auf Elgesäter sind? Peter . Nur vier Mann; mit denen werdet Ihr leicht fertig, und innerhalb der Klostermauern wagen sie nicht, Euch anzurühren. Ich suche Bård Bratte. Paul Flida . Überlegt es Euch! Peter . Nicht auf dem Königsschiffe, sondern auf Elgesäter sollen die Geächteten das Reich für meinen Vater retten! Schnell ab nach rechts. Ein Windbalg , einem andern zuflüsternd. Gehst Du mit Skule nach Elgesäter? Der Andre . Pst – nein – die Birkebeiner sind ja dort. Der Erste . Ich gehe auch nicht – aber sag' den andern nichts. Der Kreuzbruder . Und nun vorwärts, je zwei und zwei, ein Kriegsmann und ein Kreuzbruder – Ein zweiter Kreuzbruder , der auf einem Baumstumpfe hinter den übrigen sitzt. Ich nehme König Skule. König Skule . Weißt Du den Weg? Der Kreuzbruder . Der breite ist's. Erster Kreuzbruder . Beeilt Euch. Laßt uns auf verschiedenen Pfaden gehen und draußen vor der Klosterpforte zusammentreffen. Sie gehen zwischen den Bäumen rechts ab; der Nebel lichtet sich etwas, und der Komet erscheint rot und glühend am dämmrigen Himmel. König Skule . Peter, mein Sohn –! Fährt zurück. Ha, da steht das glühende Schwert am Himmel! Der Kreuzbruder hinter ihm sitzend auf dem Baumstumpfe. Und da bin ich! König Skule . Wer bist Du? Der Kreuzbruder . Ein alter Bekannter. König Skule . Einen bleicheren Mann hab' ich nie gesehen. Der Kreuzbruder . Und Du kennst mich nicht. König Skule . Nach Elgesäter willst Du mich geleiten. Der Kreuzbruder . Zum Königssitze will ich Dich geleiten. König Skule . Kannst Du das? Der Kreuzbruder . Ich kann's, wenn Du selber willst. König Skule . Und durch welches Mittel? Der Kreuzbruder . Durch das Mittel, dessen ich mich vormals bedient habe – ich will Dich auf einen hohen Berg führen und Dir alle Herrlichkeit dieser Welt zeigen. König Skule . Alle Herrlichkeit dieser Welt hab' ich schon einmal in verlockenden Träumen geschaut. Der Kreuzbruder . Ich war es, der Dir die Träume eingab. König Skule . Wer bist Du ? Der Kreuzbruder . Ein Sendbote des ältesten Thronforderers der Welt. König Skule . Des ältesten Thronforderers der Welt? Der Kreuzbruder . Des ersten Jarls, der sich wider das größte Reich erhob und sich selber ein Reich gründete, das über den jüngsten Tag hinaus währen soll! König Skule aufschreiend. Bischof Nikolas! Der Kreuzbruder erhebt sich. Kennst Du mich nun? Bekannte ja sind wir; – Um Deinetwillen kehr' ich zurück. Es fuhren ja einst mit demselben Wind wir, Im selben Nachen ein weites Stück. Ich war feig, als wir schieden; wild heulte der Sturm, Im Herzen mir wühlte ein garstiger Wurm; Ich flehte um Messen und Glockenklang, Gebete mir kauft' ich und Mönchsgesang, – Für sieben bezahlt' ich und vierzehn empfing ich; Und doch nicht ein zur Himmelstür ging ich. König Skule . Und nun kommst Du von da unten –? Der Kreuzbruder . Vom Reiche dort unten, vom Flammensitze, Der so furchtbar stets scheint Eurer Oberwelt. Pah, glaub' mir, es ist so schlimm nicht bestellt; Es hat keine Not mit der argen Hitze. König Skule . Und Du hast, wie ich sehe, die Skaldenkunst erlernt, alter Baglerhäuptling! Der Kreuzbruder . Die Skaldenkunst und sehr viel Latein! Du weißt, sonst war ich kein guter Lateiner; Jetzt bin ich schier der vorzüglichsten einer. Denn um sich Ansehn dort zu verleihn, Ja, schon um nur durch die Pforte zu gehn, Muß man notwendig Latein verstehn. Und das macht sich ja leicht, wenn man jederzeit Verkehrt mit so großer Gelehrsamkeit, – Mit Päpsten schockweis, mit Ärzten und Richtern, Fünfhundert Kardinälen und sechstausend Dichtern. König Skule . Grüss' Deinen Herrn und dank' ihm für seine Freundschaft. Du kannst ihm sagen, er wäre der einzige König, der Skule dem Ersten von Norwegen Hilfe sende! Der Kreuzbruder . Vernimm jetzt, weshalb ich hieher gesandt. Er hat viele Diener, die für ihn schalten, Und jeder hat sein Gebiet zu verwalten; Norwegen ward mir , denn hier bin ich bekannt. Håkon Håkonsson ist für uns nicht der Mann, Er bietet uns Trotz, er steht uns nicht an; Sieh, er muß fallen, gestürzt vom Throne, Du einzig sollst herrschen als Erbe der Krone. König Skule . Ja, gib mir die Krone! Hab' ich die , so werde ich schon so regieren, daß ich mich wieder loskaufen kann! Der Kreuzbruder . Hm, davon können wir später sprechen. Jetzt gilt's, die Frucht vom Baume zu brechen. Auf Elgesäter schläft Håkons Kind; – Fängst Du das in des Todes Netz geschwind, Dann zerstiebt jedes Hemmnis, wie Spreu verfliegt, Dann bist Du König, dann hast Du gesiegt! König Skule . Glaubst Du sicher, daß ich dann gesiegt habe? Der Kreuzbruder . Es seufzt nach Frieden ja Groß und Klein. Der König darf nicht ohne Thronerbe sein, Dem nach ihm der Kronreif ums Haupt sich schmiege; Denn das Volk ist müde der langen Kriege. Steh auf, König Skule! Triff heut ins Ziel! Jetzt oder niemals gewinnst Du Dein Spiel! Siehst Du: wo's hell wird, drüben gen Nord, Wo draußen die Nebel sich heben fort, Da schließt sich geräuschlos Nachen an Nachen; – Und hörst Du donnernd die Erde krachen? Alles sei Dein für ein bindendes Wort: Tausend Streiter voll stürmischer Wucht, . Tausend Segel in blinkender Bucht! König Skule . So nenne das Wort! Der Kreuzbruder . Die höchste Staffel der Welt zu ersteigen, Sollst Du nur dem eignen Verlangen Dich neigen; Ich gebe Dir Land und Reich zum Lohn, Wenn als Norwegs König Dir folgt Dein Sohn! König Skule erhebt die Hand wie zum Schwure. Mein Sohn soll –! Er hält plötzlich inne und ruft entsetzt aus: Der Kirchenräuber! Ihm alle Macht? Ha, jetzt durchschau' ich Dich – Du willst das Verderben seiner Seele! Weiche von mir, weiche von mir! Streckt die Arme gen Himmel. Und erbarme Dich meiner, Du, zu dem ich jetzt um Hilfe schreie in meiner höchsten Not! Er stürzt zur Erde. Der Kreuzbruder . Verwünscht! Es schien doch so prächtig zu gehn; Ich glaubt' ihn so sicher im Garn schon zu sehn; Da kehrte das Licht einen Trumpf heraus, Den ich nicht gekannt, – und das Spiel ist aus. Gleichviel! zur Eile verspür' ich nicht Drang; Das perpetuum mobile ist ja in Gang; Die Macht ist verbrieft mir durch viele Geschlechter, Die Macht über Zweifler und Lichtesverächter; Die werd' ich in Norwegen leiten und lenken, So wenig sie selber vielleicht an mich denken! Weiter entfernt. Beugt sich in Nordlands Männern der Sinn, Willenlos taumelnd, er weiß nicht wohin; – Herrscht in dem Herzen die Selbstsucht, die blinde, Schwach, wie das schwankende Rohr in dem Winde; – Können sie einzig sich darüber einigen, Jegliche Größe zu stürzen und steinigen; – Stoßen die Ehre sie über die Schwelle, Während das Banner der Schändlichkeit flammt: Dann ist der Baglerbischof zur Stelle, – Bischof Nikolas wartet sein Amt! Er verschwindet im Nebel zwischen den Bäumen. König Skule richtet sich nach einer kurzen Pause halb auf und sieht sich um. Wo ist er, der Schwarze? Springt auf. Wegweiser, Wegweiser, wo bist Du? Fort! – Gleichviel; jetzt kenn' ich selbst den Weg nach Elgesäter – und noch weiter! Rechts ab.   Der Klosterhof zu Elgesäter. Links liegt die Kapelle mit dem Eingangstor vom Hofe; die Fenster sind erleuchtet. An der entgegengesetzten Seite des Klosterhofs ziehen sich einige niedrigere Gebäude entlang; im Hintergrunde die Klostermauer mit einer starken Pforte, die verriegelt ist. Helle Mondnacht. Drei Häuptlinge der Birkebeiner stehen an der Pforte. Margrete, Frau Ragnhild und Dagfinn kommen aus der Kapelle. Frau Ragnhild wie außer sich. König Skule mußte in die Kirche fliehen, sagst Du, – er, er flüchtig, um Frieden bettelnd am Altare, – vielleicht um das Leben bettelnd – o nein, nein, das hat er nicht getan! Aber Gott wird Euch strafen, daß Ihr wagtet, es so weit kommen zu lassen! Margrete . Meine gute, geliebte Mutter, – beherrsche Dich, Du weißt nicht, was Du redest; es ist das Leid, das aus Dir spricht. Frau Ragnhild . Hört, Ihr Birkebeiner! Håkon Håkonsson, der sollte vor dem Altar liegen und von König Skule Leben und Frieden erbetteln! Ein Birkebeiner . Solche Worte anzuhören, ist treuen Mannen zuwider. Margrete . Den Hut ab vor der Trauer einer Gattin! Frau Ragnhild . König Skule geächtet! Hütet Euch, hütet Euch alle zusammen, wenn er wieder zur Macht gelangt! Dagfinn . Zu der gelangt er nie mehr, Frau Ragnhild. Margrete . Schweig, schweig! Frau Ragnhild . Glaubst Du, daß Håkon Håkonsson wagt, das Urteil vollstrecken zu lassen, wenn er den König dingfest macht? Dagfinn . König Håkon weiß selbst am besten, ob ein Königsschwur gebrochen werden darf. Frau Ragnhild zu Margrete. Und solch einem Blutmenschen bist Du in Treue und Liebe gefolgt! Bist Du Deines Vaters Kind? Möge die Strafe des Herrn –! Fort, fort von mir! Margrete . Gesegnet sei Dein Mund, obschon Du jetzt mir fluchst! Frau Ragnhild . Ich muß nach Nidaros hinunter – in die Kirche, König Skule erkunden. Er hat mich entlassen, als er im Glücke saß; da bedurfte er meiner ja nicht; – jetzt wird er nicht zürnen, wenn ich komme. Schließt mir die Pforte auf, laßt mich nach Nidaros! Margrete . Meine Mutter, um Gottes Barmherzigkeit willen –! Es pocht laut an der Klosterpforte. Dagfinn . Wer klopft? König Skule draußen. Ein König. Dagfinn . Skule Bårdsson! Frau Ragnhild . König Skule! Margrete . Mein Vater! König Skule . Macht auf, macht auf! Dagfinn . Den Vogelfreien wird hier nicht aufgemacht. König Skule . Es ist ein König, der anklopft, sag' ich; ein König, der kein Dach über dem Kopfe hat, – ein König, der heiligen Boden suchen muß, um seines Lebens sicher zu sein. Margrete . Dagfinn, Dagfinn, es ist mein Vater! Dagfinn geht an die Pforte und öffnet eine kleine Schiebetür. Kommt Ihr zum Kloster mit vielen Mannen? König Skule . Mit allen den Mannen, die mir in der Not treu geblieben sind. Dagfinn , Und wie viele sind das? König Skule . Weniger als einer . Margrete . Er ist allein, Dagfinn! Frau Ragnhild . Der Zorn des Himmels treffe Dich, wenn Du ihm geweihten Boden versagst! Dagfinn . In Gottes Namen denn! Schließt auf; die Birkebeiner entblößen ehrerbietig ihr Haupt; König Skule tritt in den Klosterhof. Margrete an seinem Halse. Mein Vater! Mein lieber, unglücklicher Vater! Frau Ragnhild stellt sich empört zwischen ihn und die Birkebeiner. Ihr heuchelt Ehrfurcht vor ihm, – Ihr wollt ihn verraten wie Judas! Wagt nicht, ihm nahe zu kommen! Ihr sollt ihn nicht anrühren, solang' ich am Leben bin! Dagfinn . Hier ist er sicher, denn er steht auf geweihtem Grunde. Margrete . Und nicht einer von allen Deinen Mannen hatte den Mut, Dir diese Nacht zu folgen! König Skule . Kreuzbrüder wie Kriegsmannen folgten mir auf dem Wege; aber sie schlichen sich fort von mir, einer nach dem andern, weil sie wußten, daß Birkebeiner auf Elgesäter wären. Als letzter hat mich Paul Flida verlassen; er folgte mir bis zur Klosterpforte – da drückte er mir zum letzten Mal die Hand und dankte mir für die Zeit, da es Wolfsbälge gab in Norwegen. Dagfinn zu den Birkebeinern. Geht hinein, Ihr Häuptlinge – und stellt Euch als Wache um das Königskind – ich muß gen Nidaros und dem Könige melden, daß Skule Bårdsson auf Elgesäter ist; in einer so großen Sache muß er selber handeln. Margrete . O, Dagfinn, Dagfinn, – kannst Du das wollen! Dagfinn . Schlecht würd' ich sonst dem Könige und dem Lande dienen. Zu den Mannen. Verriegelt die Tür hinter mir, wacht über das Kind, und macht keinem auf, bis der König kommt. Mit gedämpfter Stimme zu Skule. Lebt wohl, Skule Bårdsson, – und Gott schenk' Euch ein seliges Ende! Er geht durch die Pforte hinaus; die Birkebeiner schließen hinter ihm zu und gehen in die Kapelle. Frau Ragnhild . Ja, mag Håkon kommen – ich lasse Dich nicht – ich halte Dich so fest und zärtlich in meinen Armen wie nie zuvor. Margrete . O, wie bleich Du bist – und wie gealtert! Dich friert! König Skule . Mich friert nicht, – aber ich bin müde, müde. Margrete . So komm hinein und ruh' Dich aus – König Skule . Ja, ja – es dürfte wohl bald an der Zeit sein, auszuruhen. Sigrid aus der Kapelle. Endlich kommst Du, mein Bruder! König Skule . Sigrid! Du hier? Sigrid . Ich gelobte doch, wieder vor Dich hinzutreten, wenn Du mein bedürftest in Deiner höchsten Not. König Skule . Wo ist Dein Kind, Margrete? Margrete . Es schläft in der Sakristei. König Skule . So ist das ganze Geschlecht auf Elgesäter versammelt in dieser Nacht. Sigrid . Ja – versammelt nach langen, wirren Zeiten. König Skule . Jetzt fehlt nur noch Håkon Håkonsson. Margrete und Frau Ragnhild , sich mit einem Schmerzensausrufe fest an ihn klammernd. Mein Vater! – Mein Gatte! König Skule , sie bewegt anschauend. Habt Ihr mich so sehr geliebt, Ihr beiden? Ich suchte das Glück draußen in der Fremde und bedachte nie, daß ich ein Heim besaß, wo ich es hätte finden können. Ich jagte der Liebe nach in Schuld und Sünde und wußte nie, daß ich sie kraft göttlichen und menschlichen Gesetzes besaß. – Und Du, Ragnhild, mein Weib, Du, an der ich mich so schwer vergangen habe, Du schmiegst Dich warm und weich an mich in der Stunde der höchsten Not, Du kannst zittern und beben für das Leben des Mannes, der nie einen Sonnenstrahl auf Deinen Weg geworfen hat! Frau Ragnhild . Du Dich vergangen! O Skule, sprich nicht so! Glaubst Du, ich würde mich jemals unterfangen, mit Dir ins Gericht zu gehen! Ich bin immer zu gering für Dich gewesen, mein hoher Gemahl – es kann keine Schuld auf irgend einer Tat lasten, die Du getan hast. König Skule . So fest hast Du an mich geglaubt, Ragnhild? Frau Ragnhild . Vom ersten Tag an, da ich Dich sah. König Skule lebhaft. Wenn Håkon kommt, will ich um Gnade bitten! Ihr milden, liebreichen Frauen, – o, es ist doch schön, zu leben! Sigrid mit einem Ausdruck des Schreckens. Skule, mein Bruder! Wehe Dir, wenn Du in dieser Nacht den rechten Weg verfehlst! Lärm draußen; gleich darauf wird an die Pforte gepocht. Margrete . Hört, hört! Wer stürmt da heran? Frau Ragnhild . Wer klopft da an der Pforte? Stimmen von draußen. Die Städter von Nidaros! Macht auf! Wir wissen, daß Skule Bårdsson drinnen ist! König Skule . Ja, er ist hier – was wollt Ihr von ihm? Lärmende Stimmen von draußen. Komm heraus, komm heraus! Du sollst sterben, Du schlechter Mann! Margrete . Und das wagt Ihr Städter ihm anzudrohen? Ein Einzelner . König Håkon hat ihn zu Oslo gerichtet. Ein Andrer . Es ist jedermanns Pflicht, ihn zu erschlagen. Margrete . Ich bin die Königin – ich gebiete Euch, abzuziehen. Eine Stimme . Skule Bårdssons Tochter ist's und nicht die Königin, die so spricht. Ein Andrer . Ihr habt keine Macht über Leben und Tod. Der König hat ihn gerichtet. Frau Ragnhild . In die Kirche, Skule! Um des barmherzigen Gottes willen, laß die Blutmenschen Dir nicht nahe kommen! König Skule . Ja, in die Kirche! Durch die da draußen will ich nicht fallen. Mein Weib, meine Tochter – mir ist, als hätt' ich Licht und Frieden gefunden – o, das darf mir nicht so jäh wieder geraubt werden! Er will in die Kapelle eilen. Peter draußen rechts. Mein Vater, mein König! Nun hast Du bald den Sieg gewonnen! König Skule mit einem Aufschrei. Er! Er! Sinkt auf der Kirchentreppe nieder. Frau Ragnhild . Wer ist das? Ein Städter draußen. Seht, seht! Der Kirchenräuber klettert über das Klosterdach! Andre . Steinigt ihn! Steinigt ihn! Peter erscheint rechts auf einem Dache und springt in den Hof hinab. Glückauf, mein Vater! König Skule starrt ihn entsetzt an. Du? – Dich hatt' ich vergessen –! Wo kommst Du her? Peter leidenschaftlich. Wo ist das Königskind? Margrete . Das Königskind! König Skule springt auf. Wo kommst Du her? frag' ich. Peter . Von Hladehammer – ich habe Bård Bratte und den Wolfsbälgen bedeutet, daß das Königskind diese Nacht auf Elgesäter ist. Margrete . Gott! König Skule . Das hast Du getan! Und nun? Peter . Er sammelt die Schar, und dann kommen sie zum Kloster herauf – Weib, wo ist das Königskind? Margrete , die sich vor die Kirchentür gestellt hat. Es schläft in der Sakristei! Peter . Einerlei, und wenn es auf dem Altar schliefe! Ich habe Olafs Heiligtum herausgeschafft – ich fürchte mich auch nicht, das Königskind herauszuschaffen! Frau Ragnhild ruft Skule zu. Und ihn hast Du so sehr geliebt! Margrete . Vater, Vater! Wie konntest Du uns alle um seinetwillen vergessen? König Skule . Er war rein wie ein Lamm Gottes, als das reuige Weib ihn mir brachte – der Glaube an mich hat ihn zu dem gemacht, der er jetzt ist. Peter , ohne auf ihn zu hören. Das Kind muß heraus! Erschlagt es, erschlagt's im Arme der Königin! – Das waren König Skules Worte in Oslo! Margrete . Sündhaft, sündhaft! Peter . Ein Heiliger dürfte es ohne Bedenken tun, wenn mein Vater es gesagt hat! Mein Vater ist der König – denn er hat den großen Königsgedanken! Der Städter klopfen an die Pforte. Macht auf! Kommt heraus, Du und der Kirchenräuber, oder wir stecken das Kloster in Brand! König Skule wie von einem starken Entschlusse erfaßt. Der große Königsgedanke! Ja, er ist's, der Deine junge liebereiche Seele vergiftet hat! Rein und schuldlos sollt' ich Dich zurückgeben – der Glaube an mich, der treibt Dich wild von Frevel zu Frevel, von Todsünde zu Todsünde! O, aber ich kann Dich noch retten. Ich kann uns alle retten! Er ruft nach dem Hintergrunde. Wartet, wartet, Ihr Städter draußen! Ich komme! Margrete ergreift entsetzt seine Hand. Mein Vater, was willst Du tun? Frau Ragnhild klammert sich schreiend an ihn. Skule! Sigrid reißt sie von ihm weg und ruft mit wild auflodernder Freude: Laßt ihn los, laßt ihn los, Ihr Frauen! – Seinem Gedanken wachsen jetzt Flügel! König Skule fest und stark zu Peter. Du sahst in mir den Erkorenen des Himmels, – ihn, der die große Königstat im Lande vollbringen sollte. Sieh mich besser an, Du Verirrter! Die Königslumpen, mit denen ich mich geschmückt hatte, die waren geliehen und gestohlen, – jetzt lege ich sie ab, Stück für Stück. Peter ängstlich. Mein hoher, herrlicher Vater, sprich nicht so! König Skule . Der Königsgedanke ist Håkons, nicht meiner. Ihn zur Wahrheit zu machen, dazu hat er allein die Kraft vom Herrn empfangen. Du hast an eine Lüge geglaubt – wende Dich ab von mir und rette Deine Seele. Peter mit gebrochener Stimme. Der Königsgedanke ist Håkons! König Skule . Ich wollte der Größte im Lande sein. Gott, Gott! sieh, ich demütige mich vor Dir und stehe da als der allergeringste. Peter . Nimm mich von der Erde, Herr! Strafe mich für all meine Frevel – aber nimm mich von der Erde; denn hier bin ich jetzt heimatlos! Sinkt auf der Kirchentreppe nieder. König Skule . Ich hatte einen Freund, der in Oslo für mich blutete. Er sagte: Ein Mann kann fallen für das Lebenswerk eines andern, aber weiter leben kann er nur für sein eignes. – Ich habe kein Lebenswerk, für das ich leben könnte, und für Håkons kann ich auch nicht leben, – aber ich kann dafür fallen. Margrete . Nein, nein, das sollst Du nimmermehr! König Skule erfaßt ihre Hand und blickt sie freundlich an. Liebst Du Deinen Mann, Margrete? Margrete . Über alles in der Welt. König Skule . Du konntest ertragen, daß er das Todesurteil über mich sprach – aber könntest Du auch ertragen, wenn er es müßte vollstrecken lassen? Margrete . Herr des Himmels, stärke mich! König Skule . Könntest Du's, Margrete? Margrete leise und schaudernd. Nein, nein, – uns trennen müßten wir, – ich dürfte ihn niemals wiedersehn! König Skule . Du würdest das schönste Licht in seinem und in Deinem Leben auslöschen – sei ruhig, Margrete, – Du sollst dazu nicht gezwungen sein. Frau Ragnhild . Zieh aus dem Lande, Skule, – ich folge Dir, wohin und so weit Du willst. König Skule kopfschüttelnd. Mit einem höhnenden Schatten zwischen uns? – Ich habe Dich heut zum ersten Male gefunden; es darf kein Schatten zwischen mir und Dir stehen, mein stilles, treues Weib; – deshalb ist auch ein Zusammenleben auf Erden zwischen uns unmöglich. Sigrid . Mein königlicher Bruder! Ich sehe, Du bedarfst nicht mein – ich sehe, Du kennst den Weg, den Du zu gehen hast. König Skule . Es gibt Männer, die geschaffen sind, um zu leben, und Männer, die geschaffen sind, um zu sterben. Mein Wille strebte stets dahin, wohin nicht Gottes Finger mich wies; deshalb sah ich bis jetzt niemals klar den Weg. Mein stilles häusliches Leben hab' ich verwirkt – ich kann es nicht zurückgewinnen. Was ich an Håkon gesündigt habe, das kann ich sühnen, indem ich ihn von einer Königspflicht befreie, die ihn von dem Teuersten scheiden müßte, was er hat. Die Städter stehen draußen – ich will nicht auf König Håkon warten! Die Wolfsbälge sind nahe; solang' ich am Leben bin, stehen sie nicht von ihrem Vorsatz ab: finden sie mich hier, so kann ich Dein Kind nicht retten, Margrete – Sehet, seht empor! Seht, wie es erblaßt und schwindet, das glühende Schwert, das über mir gezückt war! Ja, ja, – Gott hat gesprochen, und ich hab' ihn verstanden, und sein Zorn ist gestillt. Nicht soll ich mich im Heiligtum zu Elgesäter auf die Knie werfen und einen König der Erde um Gnade anflehen – in die hohe Kirche, die der Sternendom überwölbt, muß ich eingehen, und den König der Könige, den soll ich um Gnade und Erbarmen anflehen für alle meine Taten im Leben! Sigrid . Widersetzt Euch ihm nicht! Widersetzt Euch nicht dem Rufe Gottes! Der Tag graut; es tagt in Norwegen, und es tagt in seiner unruhigen Seele! Standen wir verschüchterten Weiber nicht lange genug im einsamen Kämmerchen, von Schrecken gelähmt und versteckt in den dunkelsten Winkeln, lauschend den Grausamkeiten, die draußen verübt wurden, lauschend dem blutigen Gemetzel, das von einem Ende des Landes bis zum andern herrschte? Haben wir nicht bleich und wie versteinert in den Kirchen gelegen, voll Angst, hinauszublicken, wie Christi Jünger in Jerusalem lagen an dem großen Karfreitage, da der Zug gen Golgatha ging? Brauch' Deine Schwingen, und wehe dem, der Dich jetzt fesseln will! Frau Ragnhild . Fahr hin in Frieden, mein Gemahl! Fahr dahin, wo kein höhnender Schatten zwischen uns steht, wenn wir uns wiedersehen. Eilt in die Kapelle. Margrete . Mein Vater, leb' wohl, leb' wohl, – leb' wohl tausendmal! Sie folgt Frau Ragnhild. Sigrid öffnet die Kirchentür und ruft hinein: Heraus, heraus, Ihr Weiber all'! Sammelt Euch im Gebete! Sendet im Gesang eine Botschaft zum Herrn empor und meldet ihm, daß Skule Bårdsson jetzt reuig heimkehrt von seinem trotzigen Erdenwallen! König Skule . Sigrid, meine treue Schwester, grüße König Håkon von mir; sag' ihm, auch in meiner letzten Stunde wisse ich nicht, ob er als König geboren sei; das aber wisse ich unwandelbar gewiß: er ist der , den Gott erkoren hat. Sigrid . Ich werde ihm Deinen Gruß überbringen. König Skule . Und noch einen Gruß mußt Du überbringen. Es sitzt ein reuig Weib im Norden auf Hålogaland; sag' ihr, daß ihr Sohn ihr vorausgegangen ist; er folgte mir, als die höchste Gefahr für seine Seele war. Sigrid . Das werd' ich. König Skule . Sag' ihr, nicht mit dem Herzen habe er gesündigt; rein und schuldlos werde sie ihn wiedersehen. Sigrid . Das werd' ich. – Deutet nach dem Hintergrunde. Hörst Du? Sie sprengen das Schloß! König Skule deutet nach der Kapelle. Hörst Du? Sie singen laut zu Gott um Erlösung und Frieden! Sigrid . Hörst Du, hörst Du? Alle Glocken läuten in Nidaros –! König Skule lächelt wehmütig. Sie läuten einem König zu Grabe. Sigrid . Nein, sie läuten zu Deiner rechten Krönung jetzt! Leb' wohl, mein Bruder – laß des Blutes Purpurmantel weit um Deine Schultern wallen – mit ihm deckst Du alle Sünde zu! Geh ein, geh ein in die große Kirche und empfange die Krone des Lebens! Rasch ab in die Kapelle. Gesang und Glockengeläut dauern während des Folgenden fort. Stimmen draußen an der Pforte. Jetzt ist das Schloß gesprengt! Zwinge uns nicht, den Kirchenfrieden zu brechen! König Skule . Ich komme. Der Städter . Und der Kirchenräuber soll auch kommen! König Skule . Der Kirchenräuber soll auch kommen, ja! Er geht zu Peter hin. Mein Sohn, bist Du bereit? Peter . Ja, Vater, ich bin bereit. König Skule emporblickend. Gott, ich bin ein armer Mann, ich habe nichts als mein Leben darzubringen – aber nimm es hin und rette Håkons großen Königsgedanken. – So, jetzt reich mir Deine Hand. Peter . Da ist meine Hand, Vater. König Skule . Und fürchte Dich nicht vor dem, was da kommen wird. Peter . Nein, Vater, ich fürchte mich nicht, wenn ich mit Dir zusammen gehe. König Skule . Einen schwereren Weg sind wir nie mitsammen gegangen. Er öffnet die Pforte; die Städter stehen mit erhobenen Waffen draußen geschart. Da sind wir – wir kommen freiwillig; – doch schlagt ihm nicht ins Angesicht! Sie gehen Hand in Hand hinaus; die Pforte fällt hinter ihnen zu. Eine Stimme . Zielt nicht, schont sie nicht; – schlagt zu, wo Ihr könnt! König Skules Stimme . Unrühmlich ist's, so mit Häuptlingen zu verfahren! Kurzer Waffenlärm; dann hört man zweimal einen dumpfen Fall; einen Augenblick ist alles still. Eine Stimme . Sie sind alle beide tot! Das Königshorn erschallt. Eine andre Stimme . Da kommt König Håkon mit seinem ganzen Gefolge! Die Menge . Heil Euch, Håkon Håkonsson; – jetzt habt Ihr keine Feinde mehr! Gregorius Jonsson bleibt einen Augenblick bei den Toten stehen. So bin ich doch zu spät gekommen! Er betritt den Klosterhof. Dagfinn . Unselig für Norwegen, wenn Ihr früher gekommen wäret! Ruft: Hier herein, König Håkon! Håkon bleibt stehen. Die Leiche liegt mir im Wege! Dagfinn . Will Håkon Håkonsson vorwärts, so muß er über Skule Bårdssons Leiche. Håkon . In Gottes Namen denn! Er schreitet über die Leiche und tritt ein. Dagfinn . Endlich könnt Ihr mit freien Händen an Euer Königswerk gehen. Da drinnen sind die, die Ihr liebt; – zu Nidaros wird der Frieden im Lande eingeläutet – und draußen liegt der , so Euch der ärgste war von allen. Håkon . Ein jeder hat ihn schief beurteilt – es war ein Rätsel an ihm. Dagfinn . Ein Rätsel? Håkon faßt ihn beim Arm und sagt leise: Skule Bårdsson war Gottes Stiefkind auf Erden – das war das Rätsel an ihm! Der Gesang der Frauen erschallt lauter aus der Kapelle; alle Glocken läuten in Nidaros fort. Der Vorhang fällt.