Ödön von Horváth Glaube Liebe Hoffnung Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern Dieses Theaterstück wurde unter Mitarbeit von Lukas Kristl verfaßt. Personen: Elisabeth Ein Schupo (Alfons Klostermeyer) Oberpräparator Präparator Vizepräparator Der Baron mit dem Trauerflor Irene Prantl, Frau Amtsgerichtsrat Er selbst, der Herr Amtsgerichtsrat Ein Invalider Eine Arbeiterfrau Ein Buchhalter Maria Ein Kriminaler Der Oberinspektor Ein zweiter Schupo Ein dritter Schupo Joachim, der tollkühne Lebensretter Randbemerkung Februar 1932 traf ich auf der Durchreise in München einen Bekannten namens Lukas Kristl, der schon seit einigen Jahren Gerichtssaalberichterstatter ist. Er sagte mir damals ungefähr folgendes: ich (Kristl) verstehe die Dramatiker nicht, warum nämlich diese Dramatiker, wenn sie Tatbestand und Folgen eines Verbrechens dramatisch bearbeiten, fast immer nur sogenannte Kapitalverbrechen bevorzugen, die doch relativ selten begangen werden – und warum sich also diese Dramatiker fast niemals um die kleinen Verbrechen kümmern, denen wir doch landauf-landab tausendfach und tausendmal begegnen, und deren Tatbestände ungemein häufig nur auf Unwissenheit basieren und deren Folgen aber trotzdem fast ebenso häufig denen des lebenslänglichen Zuchthauses mit Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, ja selbst der Todesstrafe ähneln. Und Kristl erzählte mir einen Fall aus seiner Praxis – und aus diesem alltäglichen Fall entstand der kleine Totentanz Glaube Liebe Hoffnung . Die Personen Elisabeth, den Schupo (Alfons Klostermeyer), die Frau Amtsgerichtsrat und den Oberinspektor hat Kristl persönlich gekannt. Es ist mir ein Bedürfnis, ihm auch an dieser Stelle für die Mitteilung seiner Materialkenntnisse und für manche Anregung zu danken. Kristls Absicht war, ein Stück gegen die bürokratisch-verantwortungslose Anwendung kleiner Paragraphen zu schreiben – aber natürlich in der Erkenntnis, daß es kleine Paragraphen immer geben wird, weil es sie in jeder wie auch immer gearteten sozialen Gemeinschaft geben muß. Zu guter Letzt war also Kristls Absicht die Hoffnung, daß man jene kleinen Paragraphen vielleicht (verzeihen Sie bitte das harte Wort!) humaner anwenden könnte. Und dies war auch meine Absicht, allerdings war ich mir jedoch dabei im klaren, daß dieses »gegen kleine Paragraphen« eben nur das Material darstellt, um wiedermal den gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft zeigen zu können, dieses ewige Schlachten, bei dem es zu keinem Frieden kommen soll – höchstens, daß mal ein Individuum für einige Momente die Illusion des Waffenstillstandes genießt. Wie bei allen meinen Stücken habe ich mich auch bei diesem kleinen Totentanz befleißigt, es nicht zu vergessen, daß dieser aussichtslose Kampf des Individuums auf bestialischen Trieben basiert, und daß also die heroische und feige Art des Kampfes nur als ein Formproblem der Bestialität, die bekanntlich weder gut ist noch böse, betrachtet werden darf. Wie in allen meinen Stücken habe ich auch diesmal nichts beschönigt und nichts verhäßlicht. Wer wachsam den Versuch unternimmt, uns Menschen zu gestalten, muß zweifellos (falls er die Menschen nicht indirekt kennen gelernt hat) feststellen, daß ihre Gefühlsäußerungen verkitscht sind, das heißt: verfälscht, verniedlicht und nach masochistischer Manier geil auf Mitleid, wahrscheinlich infolge geltungsbedürftiger Bequemlichkeit – wer also ehrlich Menschen zu gestalten versucht, wird wohl immer nur Spiegelbilder gestalten können, und hier möchte ich mir nur erlauben, rasch folgendes zu betonen: ich habe und werde niemals Juxspiegelbilder gestalten, denn ich lehne alles Parodistische ab. Wie in allen meinen Stücken versuchte ich auch diesmal, möglichst rücksichtslos gegen Dummheit und Lüge zu sein, denn diese Rücksichtslosigkeit dürfte wohl die vornehmste Aufgabe eines schöngeistigen Schriftstellers darstellen, der es sich manchmal einbildet, nur deshalb zu schreiben, damit die Leut sich selbst erkennen. Erkenne dich bitte selbst! Auf daß du dir jene Heiterkeit erwirbst, die dir deinen Lebens- und Todeskampf erleichtert, indem dich nämlich die liebe Ehrlichkeit gewiß nicht über dich (denn das wäre Einbildung), doch neben und unter dich stellt, so daß du dich immerhin nicht von droben, aber von vorne, hinten, seitwärts und von drunten betrachten kannst! – Glaube Liebe Hoffnung könnte jedes meiner Stücke heißen. Und jedem meiner Stücke hätte ich auch folgende Bibelstelle als Motto voraussetzen können, nämlich: Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen, denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf; und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles was da lebet, wie ich getan habe. So lange die Erde stehet, soll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Mos. I. 8, 21. Erstes Bild Szene Nummer 1 Schauplatz: Vor dem Anatomischen Institut mit Milchglasfenstern. Elisabeth will es betreten und sieht sich noch einmal fragend um, aber es ist nirgends eine Seele zu sehen. In der Ferne intoniert ein Orchester den beliebten Trauermarsch von Chopin und nun geht ein junger Schupo (Alfons Klostermeyer) langsam an Elisabeth vorbei und beachtet sie scheinbar kaum. Es ist Frühling. Szene Nummer 2 Elisabeth spricht den Schupo plötzlich an, während der Trauermarsch in der Ferne verhallt: Entschuldigens bitte – aber ich suche nämlich die Anatomie. Schupo Das Anatomische Institut? Elisabeth Dort wo man halt die Leichen zersägt. Schupo Das dort ist das hier. Elisabeth Dann ist es schon gut. Stille. Schupo lächelt: Gebens nur acht, Fräulein – da drinnen stehen die Köpf in Reih und Glied. Elisabeth Ich habe keine Angst vor den Toten. Schupo Ich auch nicht. Elisabeth Mir graust es noch lange vor nichts. Schupo In diesem Sinne – Er salutiert leger und ab. Szene Nummer 3 Elisabeth sieht dem Schupo spöttisch nach – dann faßt sie sich ein Herz und drückt auf den Klingelknopf des Anatomischen Instituts. Man hört es drinnen klingeln und schon erscheint der Präparator in weißem Mantel. Er steht in der Türe und fixiert die anscheinend unschlüssige Elisabeth. Szene Nummer 4 Präparator Sie wünschen? Elisabeth Ich möchte hier jemand Zuständigen sprechen. Präparator In was für einer Angelegenheit? Elisabeth In einer dringenden Angelegenheit. Präparator Haben Sie einen angehörigen Toten bei uns? Elisabeth Es dreht sich um keinen angehörigen Toten, es dreht sich um mich selbst persönlich. Präparator Wieso denn das hernach? Elisabeth Sind der Herr hier eine zuständige Instanz? Präparator Ich bin der Präparator. Sie können sich mir ruhig anvertraun. Stille. Elisabeth Man hat mich nämlich extra darauf aufmerksam gemacht, daß man hier seinen Körper verkaufen kann – das heißt: wenn ich einmal gestorben sein werde, daß dann die Herren da drinnen mit meiner Leiche im Dienste der Wissenschaft machen können, was die Herren nur wollen – daß ich aber dabei das Honorar gleich ausbezahlt bekomme. Schon jetzt. Präparator Das ist mir neu. Elisabeth Man hat mich aber extra darauf aufmerksam gemacht. Präparator Wer denn? Elisabeth Eine Kollegin. Präparator Was sind Sie denn von Beruf? Elisabeth Jetzt habe ich eigentlich nichts. Es soll ja noch schlechter werden. Aber ich lasse den Kopf nicht hängen. Stille. Präparator Seine eigene Leiche verkaufen – auf was die Leut noch alles kommen werden? Elisabeth Man möchte doch nicht immer so weiter. Präparator Ein krasser Irrtum – Er holt aus seiner Tasche eine Tüte Vogelfutter und füttert damit die Tauben, die vom Dache des Anatomischen Instituts herabfliegen – die Tauben kennen den Präparator gut und setzen sich auf seine Schulter und fressen ihm aus der Hand. Szene Nummer 5 Jetzt begleitet der Oberpräparator einen Baron mit Trauerflor aus dem Anatomischen Institut in das Freie. Oberpräparator Wird prompt erledigt, Herr Baron, und abermals mein innigstes Beileid. Baron Danke, Herr Oberpräparator. Ich mache mir die heftigsten Vorwürfe. Oberpräparator Aber die staatsanwaltschaftlichen Erhebungen haben doch die völlige Haltlosigkeit der gegen Herrn Baron erhobenen etwaigen Beschuldigungen ergeben! Wir alle sind in Gottes Hand. Baron Trotzdem ich stand vor Verdun und an der Somme, aber nichts hat mich so erschüttert, wie diese Katastrophe gestern. Wir waren ja erst seit drei Monaten verheiratet und ich steuerte den Unglückswagen – in der Unglückskurve. Zwischen Lechbruck und Steingaden. Nur gut, daß der Leichnam freigegeben ist. Oberpräparator entdeckt inzwischen den Präparator: Augenblick bitte! Er nähert sich dicht dem Präparator und schreit ihn an. Sie füttern schon wieder die Tauben? Was bilden Sie sich denn ein? Saustall so was! Drinnen liegen die Finger und die Gurgeln nur so herum, daß es eine wahre Freud ist! Tuns die beiden Herzen und die halberte Milz gefälligst in die Schublad! Kreuzkruzifix, ist das aber eine Schlamperei! Präparator Aber das Fräulein dort wollte doch ihre Leiche verkaufen, Herr Oberpräparator – Oberpräparator Ihre Leiche? Schon wieder? Stille. Baron Beispiellos. Oberpräparator Wir haben es zwar schon weißgottwieoft dementiert, daß wir keine solchen lebendigen Toten kaufen, aber die Leut glauben halt den amtlichen Verlautbarungen nichts! Die bilden sich gar ein, daß der Staat für ihren Corpus noch etwas daraufzahlen wird – gar so interessant kommen sie sich vor! Immer soll nur der Staat helfen, der Staat! Baron Eine völlig beispiellose Ansicht über die Pflichten des Staates. Oberpräparator Wird schon noch anders werden, Herr Baron. Baron Hoffentlich. Szene Nummer 6 Der Vizepräparator erscheint mit dem Hute des Oberpräparators rasch in der Tür des Anatomischen Instituts: Telephon, Herr Oberpräparator! Oberpräparator Wer? Ich? Vizepräparator Es dreht sich etwas um das Gutachten in Sachen Leopoldine Hackinger aus Brünn. Herr Oberpräparator sollen sofort in die Klinik zum Professor – Er überreicht ihm seinen Hut. Oberpräparator Sofort! Er zieht hastig seinen weißen Mantel aus und übergibt ihn dem Vizepräparator, der wieder im Anatomischen Institut verschwindet; zum Baron. Pardon Baron! Die Kapazitäten kriegens mir scheint nicht heraus, an was daß diese Sudetendeutsche gestorben ist. Die Pflicht ruft – Baron Oh bitte! Oberpräparator – und abermals mein innigstes Beileid! Baron Oh danke! Oberpräparator Habe die Ehre, Herr Baron! Rasch ab nach rechts. Baron Wiedersehen – Langsam ab nach links, und wieder ertönen in weiter Ferne einige Takte des Chopinschen Trauermarsches. Langsam fängt es an zu dämmern, denn es ist bereits spät am Nachmittag. Szene Nummer 7 Präparator sieht dem Oberpräparator nach: Ein schlechter Mensch. Die armen Tauben. Glaubens mir, Fräulein: das Beste ist, sie springen zum Fenster hinaus. Elisabeth Sie sind aber ein sehr freundlicher Mann, Herr Oberpräparator. Präparator Ich mein es gut mit Ihnen. Wer kauft eine Leiche? Heutzutag! Elisabeth Morgen ist auch ein Tag. Präparator Es wird nicht anders. Elisabeth Das glaub ich nicht. Präparator Sondern vielleicht? Stille. Elisabeth lächelt: Nein – das lasse ich mir auch von Ihnen nicht nehmen, daß ich noch einmal Glück haben werde. Sehens zum Beispiel, wenn ich jetzt meine Leiche hätt verkaufen können, nämlich um hundertfünfzig Mark – Präparator unterbricht sie: – hundertfünfzig Mark? Elisabeth Jawohl. Stille. Präparator grinst: Sie Kind – Elisabeth Wie belieben? Präparator Was ist denn Ihr Vater von Beruf? Elisabeth Ein Inspektor. Präparator Inspektor? Respekt! Elisabeth Aber er kann mir halt auch nicht unter die Arme greifen, weil meine Mama im März das Zeitliche gesegnet hat und da hat er gleich soviel Ausgaben gehabt damit. Präparator Was ist schon so ein lumpiger Oberpräparator neben einem Inspektor? Respekt, Fräulein! Elisabeth Sehens, wenn ich jetzt hundertfünfzig Mark hätt, dann könnt ich jetzt meinen Wandergewerbeschein haben und dann würde sich mir die Welt wieder öffnen – weil ich mit einem Wandergewerbeschein schon morgen eine sozusagen fast selbständige Position bekommen tät in meiner ursprünglichen Branche, aus der ich herausgerissen worden bin durch die Zeitumstände. Stille. Präparator Was war denn das für eine Branche? Elisabeth Hüftgürtel, Korsett. Engros. Auch Büstenhalter und dergleichen. Präparator Interessant. Stille. Elisabeth Wo bist du, goldene Zeit? Stille. Präparator kramt aus seiner Brieftasche eine Fotografie hervor: Da schauns mal her – Elisabeth betrachtet die Fotografie: Ein netter Hund. Präparator Mein Rehpintscher – Elisabeth Aufgeweckt. Präparator Und scharf! Leider ist er mir verreckt. Elisabeth Schade. Präparator pfeift: Das war sein Pfiff. Da ist er dann immer gekommen. Er spricht nun mit der Fotografie. Burschi, Burschi, jetzt bist hin – aus ist es mit dem Gassi-Gassi – Er steckt die Fotografie wieder ein; zu Elisabeth. Aber das freut mich von Ihnen, daß Sie mit dem armen Burschi sympathisieren. Wie heißen denn Sie mit dem Vornamen? Elisabeth Elisabeth. Präparator Die Kaiserin Elisabeth von Österreich, das war auch ein gutes braves Weiberl – aber trotzdem ist sie halt einem ruchlosen Attentat zum Opfer gefallen. In Genf. Überhaupt der Völkerbund – alles ruchlos! Jetzt hab ich halt noch meine Schmetterlingssammlung und den Kanari und gestern ist mir eine Katz zugelaufen. – Interessiert Ihnen ein Aquarium? Elisabeth Wie belieben? Präparator Ich hätte auch ein Terrarium. Elisabeth Terrarium eher. Präparator Also dann kommens halt mal zu mir, Sie Fräulein Inspektor. Elisabeth Vielleicht. Szene Nummer 8 Jetzt kehrt der Oberpräparator aus der Klinik zurück und zwar überraschend – (sein Zeigefinger ist dick verbunden), er erblickt den Präparator, stutzt empört und fixiert ihn, der retirieren möchte, während Elisabeth sich zurückzieht. Szene Nummer 9 Oberpräparator nähert sich langsam dem Präparator und hält dicht vor ihm: Schon wieder? Sie füttern schon wieder die Tauben? Er fährt ihn plötzlich an. Jetzt schauens aber, daß Sie verschwinden! Zu Elisabeth. Verstanden! Elisabeth Gewiß. Ab. Szene Nummer 10 Oberpräparator sieht Elisabeth nach: Na das sind ja saubere Zustände. Statt die Tumors endlich zu katalogisieren, treiben Sie sich da mit dem schönen Geschlecht herum! Präparator Irrtum, Herr Oberpräparator! Das Fräulein ist eine verarmte Zollinspektortochter. Oberpräparator Zollinspektor? Präparator Jawohl. Und wenn jetzt diese Zollinspektortochter hundertfünfzig Mark hätte, dann hätte sie auch ihren Wandergewerbeschein und die Welt würde sich ihr wieder öffnen – Ich weiß, daß Sie mich für unfähig halten, Herr Oberpräparator, weil ich ein Aquarium habe und weil ich die Tauben füttere und weil ich ein gutes Herz habe – Oberpräparator Zur Sache! Präparator Zur Sache: Ich werde dieser Zollinspektortochter unter die Arme greifen. Das steht bei mir felsenfest. Hundertfünfzig Mark. Oberpräparator Hundertfünfzig? Präparator Das Fräulein wird es mir schon zurückerstatten. Oberpräparator Mir scheint, Sie glauben noch an Wunder, Sie leichtsinniger Patron. Sie sollten meine Frau sein, Sie schlaget ich ja tot – Er droht ihm neckisch mit seinem dickverbundenen Zeigefinger. Präparator Was haben Sie denn da mit dem Finger? Verletzt? Oberpräparator Infiziert. Präparator Doch nicht an einem Leichnam? Oberpräparator Natürlich. Eben zuvor. An diesem komplizierten Fall aus Brünn. Präparator Passens nur auf, Herr Oberpräparator! Stille. Oberpräparator betrachtet seinen dickverbundenen Zeigefinger: Es tut nicht weh, das ist verdächtig – Präparator Wenn ich mir zum Beispiel meine Schmetterlingssammlung betrachte, dann denk ich immer, es dreht sich halt alles nach einer höheren Ordnung. Oberpräparator Zur Sache: Kommens, die Pflicht ruft! Ab mit dem Präparator in das Anatomische Institut. Zweites Bild Szene Nummer 1 Schauplatz: Kontor der Firma Irene Prantl. Die Prantl ist besonders in ihrem geschäftlichen Leben eine geschwätzige Person. Jetzt hantiert sie auf ihrem Schreibtisch mit Abrechnungen, und zwar hat sie es recht wichtig. Vor ihr sitzt eine Frau Amtsgerichtsrat. Im Hintergrunde stehen Wachspuppen mit Korsett, Hüfthalter, Büstenhalter und dergleichen – in Reih und Glied, ähnlich wie die Köpf im Anatomischen Institut. Die Prantl Allerhand Hochachtung, Frau Amtsgerichtsrat! Sieben Hüfthalter, sechs Korsetts, elf Paar Straps in knapp drei Tagen – gratuliere, gratuliere! Sie haben es los! Besser als manche Berufsverkäuferin! Ein Talent! Frau Amtsgerichtsrat Mein Gott, unsereins hat halt so seine bestimmten gesellschaftlichen Bekanntenkreise, die wo einer Frau Amtsgerichtsrat kaum einen Korb geben wollen – Die Prantl Zu bescheiden, zu bescheiden! Das Verkaufen ist heutzutage kein Kinderspiel, die Leut schlagen einem die Tür vor der Nase zu! Frau Amtsgerichtsrat Aber es bleibt doch dabei: Wenn jemand fragen sollte, dann sagen Sie selbstredend, ich verkaufe das nur von wegen persönlicher Zerstreuung und so – Die Prantl Ist doch sonnenklar, wollte sagen: bleibt unter uns! Frau Amtsgerichtsrat Bei diesen schweren Zeiten muß man auch dem eigenen Manne unter die Arme greifen, der verdient jetzt noch ganze sechshundert Mark. Da wird abgebaut und abgebaut, aber die Herren Landgerichtsdirektoren und Ministerialräte – Sie stockt, da das Telephon klingelt. Die Prantl am Telephon: Ja. Soll nur gleich herein! – Nur eine Sekunde, Frau Amtsgerichtsrat, wir sind gleich quitt! Szene Nummer 2 Elisabeth tritt ein. Die Prantl Grüß Gott, tritt ein zeigens her – habens Ihr Pensum hinter sich? Elisabeth Hier – Sie überreicht der Prantl ihr Bestellbuch. Die Prantl blättert: Was? Zwei Paar Straps, einen Hüfthalter und ein Korsett, das ist doch radikal nichts! Elisabeth Das Verkaufen ist heutzutage kein Kinderspiel, die Leut schlagen einem die Türe vor der Nase zu. Die Prantl Also nur keine Gemeinplätze! Sie als Vertreterin müssen bei der Kundschaft den Schönheitssinn entwickeln! Jetzt wo das ganze Volk Gymnastik treibt und wo man überall nackerte Weiber sieht, das ist doch für unsere Branche die beste Reklame! Sie müssen Ihnen halt mehr an die Herren der Schöpfung halten, mir ist noch kein Mannsbild begegnet, das wo keinen Sinn für Strapsgürtel gehabt hätte! Wie war es denn in Kaufbeuren? Elisabeth In Kaufbeuren war nichts. Die Prantl Wieso hernach nichts? Kaufbeuren war doch immer phänomenal! Elisabeth Ich war aber nicht in Kaufbeuren. Die Prantl Sondern? Elisabeth Ich wollte nämlich Zeit sparen und bin mit einem Auto gefahren, und zwar direkt in der Luftlinie – aber plötzlich hat die Ölzufuhr ausgesetzt und ich habe in einer Scheune im Walde übernachtet. Die Prantl fährt sie an: Im Wald? Meinens ich zahl umsonst?! Wenn Sie da mit derartigen Luftlinien weitermachen, haben Sie bis zum Jüngsten Gericht die hundertfünfzig Mark noch nicht hereingearbeitet, die wo ich Ihnen für Ihren Wandergewerbeschein vorgestreckt habe! Elisabeth Aber das war doch eine höhere Gewalt. Die Prantl Wenn die Angestellten jetzt auch noch mit der höheren Gewalt anfangen, dann höre ich auf! Dann bring ich mich um! Eine Blutvergiftung oder von der Trambahn herausfallen und einen Haxen brechen, das laß ich mir noch gefallen, aber den Luxus von einer höheren Gewalt habe ich Irene Prantl mir noch nicht geleistet! Elisabeth Ich kann doch schließlich nichts dafür. Die Prantl Schauns nur nicht gar so geschmerzt, Sie Fräulein höhere Gewalt! Schauns doch nur die Frau Amtsgerichtsrat an! Frau Amtsgerichtsrat hätten es gar nicht so notwendig und machen es aus purer Zerstreuung und haben den vierfachen Umsatz. Szene Nummer 3 Der Präparator stürzt herein und fährt sogleich auf Elisabeth los. Er ist außer Rand und Band. Präparator Da sind Sie ja, Sie Betrügerin Sie! Sie Hochstaplerin Sie! Ihr Vater ist ja gar kein Zollinspektor. Wenn Sie mir das gleich gesagt hätten, daß der kein Zollinspektor ist, sondern bloß so ein Versicherungsinspektor, ja glaubens denn, ich hätte Ihnen hernach eine Existenz verschafft? Elisabeth Aber das hab ich doch niemals behauptet – Präparator unterbricht sie: Jawohl haben Sie das behauptet! Elisabeth Nein! Nie! Präparator schlägt mit seinem Spazierstock auf der Prantl ihren Schreibtisch, daß die Geschäftspapiere nur so herumflattern und brüllt: Zollinspektor! Zollinspektor! Zollinspektor! Die Prantl rettet ihre Geschäftspapiere und kreischt: Halt! Halt! Stille. Präparator verbeugt sich chevaleresk zur Prantl und zur Frau Amtsgerichtsrat hin: Entschuldigens meine Herrschaften, daß ich so aus heiterem Himmel, aber neben einem Versicherungsinspektor ist ja sogar noch ein lumpiger Oberpräparator eine Kapazität und diese gefährliche Person dort hat mir mein gutes bares Geld herausgelockt. Elisabeth unterbricht ihn: Ist ja garnicht wahr! Die Prantl Ruhe! Präparator Ruhe! Die Prantl droht mit dem Zeigefinger: Fräulein, Fräulein – wer schreit hat unrecht. Präparator schreit: Unrecht! Jawohl!! Stille. Elisabeth Jetzt sage ich kein Wort mehr. Präparator gehässig: Tät Ihnen so passen – Die Prantl zum Präparator: Nehmen Sie Platz bitte! Präparator Danke – Er setzt sich. Ich bin nämlich ein herzensguter Mensch, aber ich vertrag es halt nicht, daß man mich belügen tut. Elisabeth Ich habe nicht gelogen. Die Prantl Geh so haltens doch endlich den Mund, Fräulein – Präparator Bitte ich mir aus! Die Prantl bietet nun dem Präparator Zigaretten an: Bitte – Präparator Ich bin so frei – Er steckt sich eine an, lehnt sich bequem zurück und bläst genießerisch den Rauch von sich. Alsdann meine Herrschaften – kommt diese Person da zu mir in die Wohnung, schleicht sich in meine väterlichen Gefühle hinein und ich zeig ihr mein Aquarium und habe ihr ein Buch über Tibet geliehen und obendrein kauf ich ihr auch noch einen Wandergewerbeschein – und derweil ist der ihr Vater gar kein Zollinspektor! Ich habe mich nämlich erkundigt, schon wegen meiner inneren Sicherheit als Mensch, weil sich meine Umgebung immer lustig gemacht hat über mein weiches Herz. Die Prantl Wandergewerbeschein? Was denn für Wandergewerbeschein? Den hat doch die dort von mir. Präparator Was?! Von Ihnen auch?! Die Prantl Das ist doch der Usus im Betrieb. Die Firma streckt den Angestellten die Möglichkeit zum Arbeiten vor und die Angestellten arbeiten es ab. Hundertfünfzig Mark. Präparator außer sich: Hundertfünfzig Mark?! Stille. Die Prantl Das ist Betrug. Elisabeth fährt plötzlich los: Ich bin doch keine Betrügerin! Frau Amtsgerichtsrat Darauf kommt es auch nicht an, Fräulein! Sondern ob der Tatbestand des Betruges erfüllt ist, darauf kommt es an! Sonst würd sich ja die ganze Justiz aufhören! Die Prantl Richtig. Frau Amtsgerichtsrat Mich geht es ja nichts an und ich persönlich habe mit dem Gericht gottlob nur insoferner etwas zu tun gehabt, als wie daß ich mit einem Richter verheiratet bin. Aber Sie haben ja Ihren Wandergewerbeschein nicht um das Geld dieses Herrn da gekauft, also – ich höre meinen August schon sagen: Vorspiegelung falscher Tatsachen – Tatbestand des Betruges. Präparator ist verzweifelt in sich zusammengesunken; weinerlich: Ich bin doch ein armer Präparator, der etwas Gutes getan hat – Elisabeth Herr Präparator! Sie werden Ihr Geld schon wiedersehen. Präparator Nein. Elisabeth Doch, jeden Pfennig. Präparator Wann? Elisabeth Ich werd es schon abarbeiten. Die Prantl Wieso? Sie liest aus Elisabeths Bestellbuch. Zwei Paar Straps, ein Hüfthalter und ein Korsett. Und höhere Gewalt. Präparator fährt hoch: »Höhere Gewalt«! Betrug! Gebens mir auf der Stell mein Geld zurück, Sie! Elisabeth Ich habe es jetzt nicht. Die Prantl Aber Ihren Wandergewerbeschein haben Sie doch von mir! Elisabeth Das schon. Präparator Na also! Elisabeth Aber das Geld von dem Herrn habe ich zu etwas Dringenderem gebraucht. Die Prantl Das wird ja immer interessanter! Elisabeth Meinetwegen. Ich habe es zu einer Geldstrafe gebraucht. Präparator wieder außer sich: Was?! Sie haben mit der Justiz schon etwas gehabt?! Eine Vorbestrafte sind Sie also?! Aber Ihnen bring ich noch in das Zuchthaus, das garantier ich Ihnen! Ich war Ihr letztes Opfer! Er rast ab. Szene Nummer 4 Die Prantl Gediegen! Sehr gediegen! Frau Amtsgerichtsrat Wenn der Herr da jetzt das beschwört, das mit dem Zollinspektor und Versicherungsinspektor, dann werden Sie verurteilt. Die Prantl Zuchthaus. Frau Amtsgerichtsrat Aber was! Nur Gefängnis und sonst nichts! Zirka vierzehn Tag. Elisabeth Jetzt werden alle denken, daß ich die größte Verbrecherin bin. Die Prantl Gedanken sind zollfrei und besonders, wenn man es einem verschweigt, daß man schon vorbestraft ist. Elisabeth Ich bin doch nicht verpflichtet, Ihnen das zu sagen. Die Prantl Also nur nicht so von oben herab! Dieser Skandal ist eine Affenschand. Sie gehen natürlich fristlos – jetzt bleibens aber nur da, bis daß die Polizei kommt! Ab. Szene Nummer 5 Frau Amtsgerichtsrat Mich geht es ja nichts an, aber vorbestraft ist immer schon arg. Elisabeth sagt es auf wie ein Schulmädchen: Ich bin vorbestraft, weil ich ohne Wandergewerbeschein gearbeitet habe – und da hat man mir eine Geldstrafe von einhundertundfünfzig Mark hinaufgehaut, bezahlbar in Raten. Aber dann ist alles fällig geworden und ich hätt dafür in das Gefängnis müssen und meine Zukunft wäre wieder in das Wasser gefallen – und so habe ich dafür dem Herrn Präparator sein Geld aufgebraucht. Frau Amtsgerichtsrat Also tuns nur nicht viel leugnen und zeigens Ihnen nicht gescheiter als wie der Richter ist. Mein Mann ist ja ein braver Mensch, aber tuns die Verhandlung nur ja nicht in die Länge ziehn durch unnötige Verteidigung!! Wenn ich zuhaus beim Mittagessen sitz und vergeblich auf ihn wart und er kann nicht weg, weil die Sitzung so lang dauert, dann hört auch bei ihm das Verständnis auf – Wissens, die Angeklagten müssen halt auch ein Einsehen haben, daß schließlich der Richter auch nur ein Mensch ist. Drittes Bild Szene Nummer 1 Schauplatz: Vor dem Wohlfahrtsamt mit minimalem Vorgarten. Gruppe debattierender Kunden des Wohlfahrtsamtes, und zwar eine Arbeiterfrau, ein älterer Buchhalter und ein Fräulein namens Maria. Auch Elisabeth ist dabei. Sie lehnt an dem Vorgartengitter und sonnt sich in der schwachen Spätnachmittagssonne. Jetzt humpelt ein Invalider aus dem Wohlfahrtsamt. Szene Nummer 2 Invalider Bravo bravo! Jetzt wollen die da drin im Wohlfahrtsamte auch nicht zuständig sein, jetzt soll ich wieder woanders hin – Kreuzkruzefix! Arbeiterfrau Sie müßten halt zur Invalidenversicherung. Invalider Invalidenversicherung sagt, das geht ihnen nichts an, das geht die Berufsgenossenschaft was an. Berufsgenossenschaft sagt, meine Füße wären vor dem Unfall auch schon schlecht gewesen, weil ich vorher schon Krampfadern und Plattfüße gehabt hätte – und der Herr Sachverständige hat es mir in das Gesicht hinein gesagt, ich könnt schon längst ohne Stock promenieren, wenn ich nur möchten tät! Buchhalter Warens denn schon beim Spruchausschuß? Invalider Die haben es ja bestätigt, daß mich die Berufsgenossenschaft von sechzig auf vierzig Prozent heruntergesetzt hat – das haben mir die ja direkt in das Urteil hineingeschrieben, daß bei dem Beschwerdeführer der Anreiz fehlen täte, weil er vorher beim Arbeiten auch nicht recht viel mehr verdient hätt, als wie jetzt mit der Rente! Szene Nummer 3 Nun verstummt alles und rührt sich nicht, denn ein Schupo (Alfons Klostermeyer) geht langsam vorbei und beobachtet scheinbar keine Seele. Langsam fängt es bereits an zu dämmern. Szene Nummer 4 Arbeiterfrau sieht dem Schupo nach: Der Herr General – Buchhalter Unser täglich Brot gib uns heute. Maria Bei mir ist das noch schlimmer. Invalider Wie das? Maria Weil wir eine Familie von sieben Köpfen sind und das achte ist unterwegs – aber weil mein Vater in der Woche vierzig Mark heimtragt, ziehens mir sogar noch etwas ab. Invalider Alles Schwindel! Elisabeth Mir wollen die auch nichts geben, weil mein Vater noch etwas verdient. Buchhalter Was ist er denn Ihr Vater? Elisabeth Versicherungsinspektor. Entschuldigens, aber jetzt muß ich lachen – Sie lacht. Arbeiterfrau Warum lachst denn da, damische Gretl? Elisabeth hört plötzlich auf. So geh halt heim! Elisabeth Nein! Arbeiterfrau Nachher bist selber schuld! Hat einen Inspektor zum Vater – Elisabeth unterbricht sie: Versicherungsinspektor! Arbeiterfrau Ist ja wurscht! Elisabeth grinst: Oho! Buchhalter Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Arbeiterfrau Hat ein Zuhause und nützt es nicht aus! Elisabeth Bei mir hat das einen bestimmten Grund. Arbeiterfrau Hast denn gar etwas angestellt? Elisabeth lächelt unsicher: Sieht man es mir denn an? Stille. Buchhalter grinst: Nicht alles ist Gold, was glänzt – Ab. Szene Nummer 5 Maria zu Elisabeth: Man muß sich halt alles gefallen lassen. Elisabeth Ich will nicht mehr erinnert werden. Szene Nummer 6 Invalider zählt für sich: Wohlfahrtsamt. Arbeitsamt. Berufsgenossenschaft. Invalidenversicherung. Spruchausschuß – Auf Wiedersehen im Massengrab! Ab. Szene Nummer 7 Arbeiterfrau für sich: Massengrab – Wie lang das dauert, bis daß einer für dich zuständig ist – Ab. Szene Nummer 8 Maria Was habens denn angestellt? Elisabeth Nichts. Maria Aber eingesperrt hat man Sie doch? Elisabeth schweigt. Mir könnens das ruhig sagen – ich weiß, wie das kommt. Das sind lauter kleine Paragraphen, aber du bleibst hängen – Du weißt eigentlich garnicht, was los war und schon ist es aus. Schauns, meinem Vater habens gleich zehn Tag hinaufgehaut, weil er da paar Bretter vom Bauplatz gestohlen hat – die sind halt so dagelegen und in unserer Holzhütten, da hat es in die Betten hineingeregnet. Wenn man schon etwas anstellt, dann müßt es sich aber auch rentieren tun. Elisabeth schweigt noch immer, es ist inzwischen Nacht geworden und die beiden Fräulein sitzen nun allein auf dem Sockel des Vorgartengitters in dem Lichte, das aus den Fenstern des Wohlfahrtsamtes herausstrahlt . Warens schon einmal verheiratet? Elisabeth Nein. Stille . Wissens, mein Vater und ich, wir sind zwei verschiedene Personen. Zum Beispiel, wie ich das Licht der Welt erblickt habe, da war er ganz außer sich, daß ich nur ein Mädel bin. Und das hat er mir dann fortgesetzt nachgetragen. Dabei hat er aber Allüren wie ein Weltmann. Wenn meine Mutter nicht schon tot war, die könnt darüber so manches trübe Lied zum besten geben. Alle Männer sind krasse Egoisten. Maria Bei Ihnen ist halt der Richtige noch nicht gekommen. Elisabeth Möglich. Maria Der kommt ganz überraschend. Wenn man garnicht denkt. Stille . Elisabeth Mir ist von zehntausend Männern höchstens einer sympathisch. Maria Das schon. Elisabeth Ich hab immer selbständig sein wollen – so mein eigener Herr. Maria Das geht nicht. Stille . Ich hätte ja nichts dagegen, wenn mich einer heiraten tat. Nur schlagen dürft er mich nicht – Was machens denn jetzt? Elisabeth Nichts. Stille . Maria Wir könnten eigentlich per du sein. Elisabeth Gewiß. Stille. Maria erhebt sich plötzlich: Geh komm mit! Schaun wir mal da vor – da sitzt schon einer drinn, der uns ein Schinkenbrot kauft! Elisabeth Also nur das nicht! Stille. Maria Warum? Elisabeth Nein. Aus Selbsterhaltungsprinzip nicht. Stille. Maria Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich – Szene Nummer 9 Jetzt erscheint der Baron mit dem Trauerflor – er sieht etwas ramponiert aus, müde und verbittert. Maria erblickt ihn und starrt ihn fasziniert an. Szene Nummer 10 Baron grüßt chevaleresk: Kompliment Madonna! Ich habe es schon befürchtet, daß du vielleicht nicht erscheinst. Maria tonlos: Ehrensache. Stille. Baron erkennt Elisabeth: Ach! Er lüftet den Hut und lächelt maliziös. Maria Wieso? Du kennst meine fremde Freundin da? Baron »Fremd«? Zu Elisabeth. Ursprünglich wollten Sie doch Ihre werte Leiche verkaufen? Maria Leiche? Baron glättet seinen etwas zerknüllten Trauerflor: Ja, das waren bessere Zeiten. Damals hatte ich noch meine Generalvertretung – Elisabeth grinst: Korsette vielleicht? Baron Nein, Likör. Jetzt bin ich parterre. Maria betrachtet sich in ihrem Taschenspiegel im Lichte, das aus dem Wohlfahrtsamt herausfällt: Hugo! Fällt dir denn nichts auf an mir? Baron Ich wüßt es nicht momentan – Maria Da – Sie fletscht die Zähne. Ich hab seit vorgestern zwei Stiftzähne da vorn – Weißt, meine beiden Zähne waren doch ganz Bruch und schwarz, weil halt der Nerv schon abgestorben war. Baron lächelt hinterlistig: Du hast dich zu deinem Vorteil verändert. Maria Ich gefall mir. Szene Nummer 11 Jetzt erscheint ein Kriminaler, und zwar hinter Maria, die noch ihre Stiftzähne in ihrem Taschenspiegel betrachtet. Der Baron zieht sich etwas zurück und der Kriminaler wartet, bis sich Maria umdreht. Nun erblickt sie ihn und zuckt etwas zusammen. Szene Nummer 12 Kriminaler Sie kommen mit. Sie wissen genau warum. Maria kleinlaut: Ich weiß garnichts. Kriminaler So, Sie wissen garnichts – Baron Und meine Manschettenknöpfe? Stille. Maria leise: Jesus Maria. Baron Wer hat sie mir denn gestohlen? Kriminaler Kriminalpolizei. Sie kommen mit. Maria fixiert den Baron: Du hast mich verschuftet? Kriminaler Sind Sie augenblicklich ruhig! Maria Du? Dem ich drei Mark geliehen hab? Drei Mark? Kriminaler Halten Sie Ihren Mund. Baron grüßt wieder chevaleresk: Kompliment, Madonna! Ab. Maria Du Sau du dreckige! Kriminaler legt ihr rasch die Schließzange an: Maul halten! Vorwärts! Er zerrt sie mit sich ab. Maria Au!! Szene Nummer 13 Der Schupo (Alfons Klostermeyer) kommt rasch auf das Geschrei hin herbei, hält und erblickt Elisabeth. Und sie erblickt ihn. Szene Nummer 14 Schupo Was hat sich denn da abgespielt? Elisabeth lächelt böse: Nichts. Es ist bloß ein Fräulein verhaftet worden. Wegen Nichts. Schupo Geh, das gibt es doch garnicht! Elisabeth Trotzdem. Stille. Was starrens mich denn so an? Schupo lächelt: Ist denn das verboten? Stille. Sie erinnern mich nämlich. Besonders in Ihrer Gesamthaltung. An eine liebe Tote von mir. Elisabeth Sie reden so mystisch daher. Stille. Schupo Welche Richtung gehens denn jetzt? Elisabeth Wollens mich gar begleiten? Schupo Ich hab heut keinen Dienst mehr. Elisabeth Ich geh lieber allein. Schupo ohne Hintergedanken: Habens die Polizei nicht gern? Elisabeth zuckt etwas zusammen: Wieso? Schupo Weil Sie nicht wollen, daß ich Sie begleite. Es muß doch auch Polizisten geben, Fräulein! In jedem von uns schlummert zum Beispiel ein Eisenbahnattentäter. Elisabeth In mir nicht. Schupo Geh das gibt es doch garnicht! Elisabeth ahmt ihm nach: »Das gibt es doch garnicht!« Schupo lächelt: Sie tun ja direkt, als wärens schon einmal hingerichtet worden. Elisabeth Es kümmert sich keiner darum. Schupo Man darf die Hoffnung nicht sinken lassen. Elisabeth Das sind Sprüch. Stille. Schupo Ohne Glaube Liebe Hoffnung gibt es logischerweise kein Leben. Das resultiert alles voneinander. Elisabeth Sie haben leicht reden als Staatsbeamter in gesicherter Position. Schupo Wir müssen doch alle mal sterben. Elisabeth Hörens mir auf mit der Liebe! Stille. Schupo Fräulein. Jetzt hörens mich aber genau an – nämlich ich beobachte Sie hier vor dem Wohlfahrtsamt bereits schon seit Tagen. Weil Sie mich halt auch erinnern tun an eine liebe Tote, wie gesagt. Elisabeth Wer war denn diese Tote? Schupo Meine Braut. Stille. Wir waren nämlich ein Herz und eine Seele. Aber sie hatte es mit der Leber zu tun und jetzt geht mir direkt etwas ab. Warum lächeln Sie da? Elisabeth Nur so. Stille. Schupo Sie sind anscheinend sehr verbittert. Elisabeth Ich geh schnell. Schupo Sie können schnell gehen, aber ich kann auch schnell gehen. In der Ferne fällt ein Schuß – dann noch einer und noch einer; jemand brüllt. Stille. Schupo lauscht: Was war denn jetzt das? Mir scheint, die schießen wieder aufeinander. Also das ist ja schon schier zum Verrücktwerden, dieser latente Bürgerkrieg – ich schau nur mal nach und bin gleich wieder da, wartens bitte auf mich! Elisabeth Gut. Schupo ab nach rechts. Szene Nummer 15 Jetzt kommen Frau Amtsgerichtsrat und er selbst der Amtsgerichtsrat von links. Frau Amtsgerichtsrat So folge mir doch, August! Geh jetzt da schön hinein in das Wohlfahrtsamt und sag es dem Herrn Regierungsrat, daß du ihm heute abend leider nicht zur Verfügung stehen kannst, denn du mußt dich auch mal deiner Ehehälfte widmen. Amtsgerichtsrat Ich geh aber nur ungern ins Kino. Zwei Stunden ohne Zigarre. Frau Amtsgerichtsrat Oh, das tut dir gut! So denk doch an deinen Darm! Amtsgerichtsrat Ich denke. Der Sanitätsrat hat mich erst gestern wieder gewarnt. Frau Amtsgerichtsrat Mich hat er auch gewarnt, daß ich wegen meiner Drüsen nicht soviel Treppen steigen soll – Amtsgerichtsrat unterbricht sie: Mußt du denn Korsette verkaufen?! Kompletter Irrsinn! Frau Amtsgerichtsrat Ich will aber nicht um jeden Pfennig bei dir betteln! Amtsgerichtsrat Versündige dich nicht! Was weißt denn du schon von der großen Not? Wo man doch tagaus tagein die armen Leut verurteilen muß, zu guter Letzt bloß weil sie kein Dach über dem Kopf haben! Frau Amtsgerichtsrat Dann würd ich sie halt nicht verurteilen. Amtsgerichtsrat Hermine! Stille. So. Und jetzt sag ich es dem Herrn Regierungsrat, daß es heute nichts wird mit unserm Tarock, weil ich mich meiner Ehehälfte widmen möchte – aber freu dich, wenn das Kino wieder ein Kitsch ist, du Mickymaus – Ab in das Wohlfahrtsamt. Szene Nummer 16 Frau Amtsgerichtsrat erblicken nun Elisabeth. Sie fixieren sich, aber Elisabeth will niemand mehr kennen aus ihrer Vergangenheit – doch Frau Amtsgerichtsrat lassen nicht locker. Szene Nummer 17 Frau Amtsgerichtsrat Komisch. Wir kennen uns doch – Elisabeth sieht sich ängstlich um: Bitte kennen Sie mich nicht, Frau Amtsgerichtsrat – Frau Amtsgerichtsrat Also nur keine Angst, Fräulein! Mich geht es ja nichts an, aber wieviel habens denn bekommen? Elisabeth Vierzehn Tage. Frau Amtsgerichtsrat Sehens, das hab ich Ihnen gleich gesagt! Elisabeth Aber ohne Bewährungsfrist. Frau Amtsgerichtsrat Ohne? Elisabeth Weil ich halt vorher schon die Geldstrafe gehabt habe – Sie grinst. Wenn ich nur wüßt, was ich verbrochen hab – Frau Amtsgerichtsrat Oh ich weiß, wie das zugeht! Mir müssen Sie das nicht erzählen! Lauter Ungerechtigkeiten und eine neue Stellung habens natürlich auch keine? Elisabeth Nein. Aber zuvor habe ich einen Herrn kennengelernt und dieser Herr hat mir von seiner toten Braut erzählt – Sie grinst wieder. Frau Amtsgerichtsrat Das Beste für Sie wär allerdings: Heiraten. Elisabeth tonlos: Ich sage nicht nein. Frau Amtsgerichtsrat Man könnt Ihnen gratulieren. Elisabeth Wir haben uns durch einen Zufall kennengelernt. Frau Amtsgerichtsrat So fängts an. Kenn ich Fräulein. Kenn ich! Elisabeth Vielleicht ist das der große Zufall in meinem Leben. Frau Amtsgerichtsrat Was ist er denn, der Herr Bräutigam in spe? Elisabeth Staatsbeamter. Frau Amtsgerichtsrat Staatsbeamter? Weiß er denn etwas von Ihren vierzehn Tagen? Elisabeth Nein. Frau Amtsgerichtsrat Hm. Das müßtens ihm aber schon sagen, sonst könnt er eventuell Unannehmlichkeiten kriegen mit seiner Karriere – Elisabeth Ist denn das möglich? Frau Amtsgerichtsrat Absolut. Elisabeth Dort kommt er jetzt wieder zurück. Frau Amtsgerichtsrat Wo? – Was? Ein Polizist? – Na mich geht es ja nichts an. Alles Gute, Fräulein! Sie zieht sich von ihr zurück. Szene Nummer 18 Schupo erscheint wieder; zu Elisabeth: So jetzt bin ich frei. Sie haben einen Unbeteiligten erschossen. Daß wir gerade in einer solchen Zeit leben müssen, das denk ich mir oft, Fräulein – Er deutet plötzlich auf die Frau Amtsgerichtsrat. Was will denn diese Frau dort von Ihnen? Elisabeth lügt: Ich kenne sie nicht. Schupo Weil sie uns so anstarrt. Elisabeth Vielleicht verwechselt sie uns. Man verwechselt doch leicht einen Menschen. Schupo Das schon. Zwar wenn ich als Staatsgewaltsorgan zwei Menschen miteinander verwechseln tät – das wär nicht gut für meine Karriere. Elisabeth Ist das bei Ihnen wirklich so streng? Schupo Sehr. Und oft schon direkt ungerecht. Ist Ihnen denn kalt, weil Sie mit die Zähn so klappern? Elisabeth Ja. Schupo Sehr? Elisabeth Ziemlich. Schupo Ich tät Ihnen schon gern meinen Mantel umhängen, ich brauch ihn nämlich nicht, aber das ist mir verboten. Elisabeth lächelt: Der Mantel ist halt immer im Dienst. Schupo Pflicht ist Pflicht. Elisabeth Kommens, hier zieht es so grausam – Langsam ab mit dem Schupo. Szene Nummer 19 Jetzt verlassen der Herr Amtsgerichtsrat wieder das Wohlfahrtsamt. Frau Amtsgerichtsrat plötzlich klatschsüchtig: Du August – dort drüben geht das Fräulein von der Prantl, das war doch der Betrugsfall mit dem Versicherungsinspektor und Zollinspektor – Amtsgerichtsrat Keine Ahnung! Frau Amtsgerichtsrat Aber du hast sie doch verurteilt – Amtsgerichtsrat Möglich! Stille. Frau Amtsgerichtsrat Daß du ihr aber keine Bewährungsfrist gegeben hast, das war ungerecht von dir – Amtsgerichtsrat wütend: Kümmere dich um deine eigenen Ungerechtigkeiten, Hermine! Viertes Bild Szene Nummer 1 Schauplatz: Elisabeths möbliertes Zimmer. Der Schupo (Alfons Klostermeyer) liegt in Unterhosen im Bett und döst vor sich hin. Elisabeth kocht Kaffee und betrachtet ab und zu die weißen Herbstastern, die in einer Vase neben dem Spirituskocher stehen. Draußen scheint die Oktobersonne, aber die Gardinen sind halb heruntergelassen und das Ganze ist ein Bild des glücklichen Friedens zweier liebender Herzen. Szene Nummer 2 Elisabeth riecht an den weißen Herbstastern: Wie lang, daß die sich halten. Schon fünf Tage. Das hätt ich jetzt aber ursprünglich nicht gedacht, daß du mir weiße Herbstastern kaufen wirst. Schupo Mir hat das sofort eine innere Stimme gesagt. Elisabeth Trotzdem. Schupo Hast gedacht, so ein schneidiger Schupo, das ist ein leichtlebiger Falter? Der möchte nur eine mit viel Geld? Weit gefehlt! Ich schätze eine Frau höher ein, die von mir abhängt, als wie umgekehrt. Krieg ich noch ein Küßchen? Elisabeth Ja. Schupo Ist der Kaffee bald fertig? Elisabeth Sofort. Schupo nimmt die Kopfhörer vom Nachtkastl und legt sie sich an: Stramm! Schneidig – Er summt den Radetzkymarsch mit, den die Militärmusik im Radio gerade spielt. Elisabeth Du Alfons – gestern abend war das eine wunderbare Opernübertragung. Aida. Schupo legt die Kopfhörer wieder auf das Nachtkastl: Hast mich also garnicht vermißt? Elisabeth Aber Alfons! Schupo Krieg ich noch ein Küßchen? Elisabeth Hier hast den Kaffee – Sie bringt ihm eine Tasse. – und hier hast das Küßchen – Sie gibt es ihm und setzt sich auf den Bettrand. Schupo genießt den Kaffee: Ich bin ja nur froh, daß es schon heute ist. Ständig erhöhte Alarmbereitschaft – gut, daß die blöden Wahlen vorbei sind! Erst vorgestern nacht habens wieder einen Kameraden von mir erschossen. Elisabeth Es müssen halt immer viele Unschuldige dran glauben. Schupo Das läßt sich nicht umgehen in einem geordneten Staatswesen. Elisabeth Das seh ich schon ein, daß es ungerecht zugehen muß, weil halt die Menschen keine Menschen sind – aber es könnt doch auch ein bißchen weniger ungerecht zugehen. Schupo Also das ist Philosophie. Was gefällt dir eigentlich an mir? Elisabeth Alles. Schupo Aber welches Wort würde denn am besten zu mir passen? Elisabeth Ich weiß es nicht. Schupo Geh das wirst du doch wissen! Elisabeth Du hast dich etwas verändert, Alfons. Früher warst du trauriger. Schupo Wie das? Elisabeth Halt melancholischer. Schupo Oh das bin ich jetzt auch noch! Das wäre ja gelacht! Elisabeth Entschuldige – Sie erhebt sich. Schupo Wohin? Ach so. Tu deinen Gefühlen nur kein Korsett an. Elisabeth schrickt etwas zusammen, scharf: Wieso Korsett? Schupo überrascht: Warum? Stille. Elisabeth lächelt: Entschuldige bitte, aber ich bin heut halt etwas nervös – Sie verschwindet. Szene Nummer 3 Schupo allein: – melancholisch? Noch melancholischer? – Wieso noch melancholischer? Szene Nummer 4 Elisabeth erscheint wieder. Schupo Das hat aber lang gedauert. Elisabeth Lang? Schupo Doch nichts besonderes? Elisabeth Bitte werde deutlicher. Schupo Ich hab nämlich immer achtgegeben. Elisabeth Achso. Szene Nummer 5 Jetzt klopft es an der Türe. Die zwei liebenden Herzen lauschen – abermals klopft es, und zwar entschiedener. Schupo Pst! Niemand zuhause. Elisabeth Wer kann das sein? Szene Nummer 6 Stimme Kriminalpolizei! Elisabeth Jesus Maria! Schupo Polizei? Und ich lieg da. Ausgerechnet Bananen! Er packt rasch seine Kleidungsstücke und versteckt sich im Schrank. Szene Nummer 7 Es klopft nun noch entschiedener an die Türe. Elisabeth öffnet und ein Herr betritt ihr möbliertes Zimmer. Es ist ein Oberinspektor der Sittenpolizei. Szene Nummer 8 Oberinspektor Geduld bringt Rosen. Er sieht sich um und deutet auf das unordentliche Bett. Ich habe Sie wohl im Schlaf gestört? Elisabeth Warum? Oberinspektor Sie wissen genau warum. Elisabeth Ich bin heut nicht ganz auf dem Damm. Oberinspektor Es gibt allerdings Leute, die haben Nachtdienst und sind deshalb untertags ruhebedürftig. Elisabeth Wie meinen Sie das? Oberinspektor hält einen Sockenhalter hoch, den er auf dem Stuhle gefunden hat: Fräulein pflegen wohl Sockenhalter zu tragen? Stille. Elisabeth Was will man denn von mir? Oberinspektor Sie haben von der Polizei einen Unterkommensauftrag gekriegt, darauf steht, daß Sie sich innerhalb dreier Wochen um ein einwandfreies Unterkommen umsehen sollen. Aber Sie haben weder Arbeit noch haben Sie nachgewiesen, daß Sie sich um eine solche bemüht haben. Elisabeth Kümmern Sie sich doch um die Leut, die kein Unterkommen haben! Oberinspektor Keine Hetzreden bitte! Polizeiwidrig ist nicht, wer kein Unterkommen hat, polizeiwidrig ist nur, wer dadurch die öffentliche Ordnung gefährdet. Elisabeth Aber ich gefährde doch nicht die öffentliche Ordnung! Oberinspektor Solange Sie sich nicht über Ihre Einkünfte ausweisen können, ist dies fraglich. Elisabeth Für mich wird schon gesorgt. Oberinspektor Eben diese freundliche Fürsorge interessiert uns. Elisabeth Das habe ich doch schon früher angegeben. Ich erhalte von meinem Bräutigam zwanzig Mark in der Woche. Davon lebe ich. Oberinspektor Wer ist denn dieser Bräutigam? Stille. Sie nennen also den Namen nicht? Elisabeth Nein. Oberinspektor Und warum nicht? Elisabeth Weil ich meinem Bräutigam kraft seiner Position eventuell schaden täte. Oberinspektor grinst: Hübsch! Sehr hübsch – Eventuell sind bei diesen zwanzig Mark mehrere Bräutigams beteiligt. Elisabeth Das ist eine Unverschämtheit – Oberinspektor unterbricht sie: Immer nur schön ruhig, Fräulein! Sie entschuldigen, wenn ich indiskret werde – Er öffnet plötzlich den Kleiderschrank und ist nicht überrascht, einen Mann darin zu finden, aber daß dieser Mann ein Schupo in Unterhosen ist, der von seiner Uniform nur den Rock und die Mütze anhat, scheint ihn etwas peinlich zu berühren. Szene Nummer 9 Schupo steht stramm im Kleiderschrank. Oberinspektor Sie hier? Schupo Es ist alles wahr, was das Fräulein gesagt hat, Herr Oberinspektor. Stille. Oberinspektor zu Elisabeth: Bitte, lassen Sie uns mal etwas allein – Elisabeth zögert. Schupo zu Elisabeth: Sei so gut. Elisabeth Bitte – Ab. Szene Nummer 10 Oberinspektor Hier verbringen Sie also Ihre freien Stunden. Schupo ist aus dem Kleiderschrank heraus und zieht sich nun hastig an: Wenn ich eine Aufklärung geben darf, Herr Oberinspektor – hier liegt bestimmt ein Irrtum vor. Oberinspektor Irrtum?! Mensch, wie kommen Sie zu dieser Frau?! Wir haben sie doch im Auge, daß sie zu einer bestimmten Damenkategorie gehört! Schupo Damenkategorie? Oberinspektor Wahrscheinlich! Stille. Schupo lächelt: Aber nein, Herr Oberinspektor – Oberinspektor Kennen Sie sie denn überhaupt? Schupo Kennen jawohl. Oberinspektor Und wollen sie heiraten. Schupo Ich habe es vor, Herr Oberinspektor. Oberinspektor Wie alt sind Sie denn? Schupo Vierundzwanzig! Herr Oberinspektor. Oberinspektor Das alte Lied! Schupo ist nun wieder angezogen: Aber das mit den zwanzig Mark stimmt genau, Herr Oberinspektor. Oberinspektor Monatlich achtzig Mark! Sie sind doch auch nicht fürstlich bezahlt! Schupo Meine Eltern unterstützen mich. Oberinspekor Was ist denn Ihr Vater? Schupo Schreinermeister. Oberinspekor Dann hätten Sie lieber Schreiner werden sollen. Schupo Wie verstehen das Herr Oberinspektor? Stille. Oberinspekor Bedaure, aber Sie scheinen es nicht zu ahnen, wen Sie da an den Traualtar führen wollen – Ihre Braut hat doch wegen Betrug bereits vierzehn Tage Gefängnis hinter sich. Schupo Gefängnis? Oberinspekor Betrug. Abgesehen von einer Geldstrafe, die sie sich auch schon mal geholt hat. Daß diesen Damen derlei Verbindungen mit der Polizei ganz erwünscht sind, ist ja menschlich verständlich. Aber ob das Ihrer Karriere sehr förderlich ist – Schupo Keine Ahnung – Oberinspekor Na also! Er öffnet die Türe und ruft hinaus. Kommen Sie herein! Szene Nummer 11 Elisabeth kommt wieder herein. Sie denkt es sich schon, daß jetzt alles aus ist. Stille. Schupo Betrug? Stimmts? Elisabeth Ich weiß, es ist aus. Schupo Gefängnis? Elisabeth Ja. Stille. Schupo Du Elisabeth. Warum hast du mir das alles verschwiegen? Elisabeth So frag mich doch nicht so saudumm. Stille. Schupo steht stramm: Besten Dank, Herr Oberinspektor! Oberinspektor Bitte bitte! Schupo schlägt die Hacken zusammen und will ab. Elisabeth Halt! Stille. Schupo Du hast mich belogen und das ist für mich der entscheidende Punkt. Elisabeth Nein, deine Karriere, das ist er, dein entscheidender Punkt. Schupo Nein! Aber zuerst kommt die Pflicht und dann kommt noch Ewigkeiten nichts! Radikal nichts! Stille. Elisabeth Du Alfons. Zuvor – wie du da drinnen im Schrank warst, da habe ich dich beschützen wollen. Schupo Mich? Elisabeth Uns. Schupo Dich! Dich gegen mich! Ich kenn mich schon aus, Fräulein! Stille. Elisabeth grinst: Ich hab dich halt nicht verlieren wollen, lieber Alfons – Schupo schlägt wieder die Hacken zusammen: Herr Oberinspektor! Rasch ab. Szene Nummer 12 Oberinspektor Also das war wirklich nicht notwendig von Ihnen, dem Mann seine Karriere so leichtfertig zu gefährden – Elisabeth Notwendig? Und meine Karriere? Oberinspektor Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie unschuldig sind? Elisabeth Oh nein, das habe ich mir schon längst abgewöhnt. Entschuldigens, aber jetzt muß ich lachen – Sie setzt sich auf den Bettrand und lacht lautlos. Oberinspektor Lachens Ihnen nur ruhig aus. Ab. Fünftes Bild Szene Nummer 1 Polizeirevier. Nach Mitternacht. Der Schupo (Alfons Klostermeyer) spielt mit einem Kameraden eine Partie Schach. Es regnet draußen, und in weiter Ferne spielt ein Orchester den beliebten Trauermarsch von Chopin – bis Szene 3. Szene Nummer 2 Schupo horcht: Wer spielt denn da? Kamerad Radio. Schupo Nach Mitternacht? Kamerad Vielleicht Amerika. Dort ist es jetzt Tag. Du bist dran. Schupo Sofort. Pause. Schupo zieht mit dem Turm. Kamerad überlegt: Geh ich daher, geht er dahin. Geh ich dahin, geht er daher. Dunkel wars, der Mond schien helle, als ein Wagen blitzeschnelle – g sieben c drei. Schach! Schupo Du auch noch. Pause. Wer ist denn dran? Kamerad Immer der, der fragt. Pause. Schupo erhebt sich: Aufgegeben. Matt. Kamerad Matt? In dieser Position? Schupo Es steckt nichts mehr drinnen. Kamerad Nichts? D fünf d sieben! H zwei g vier! Schupo Möglich. Szene Nummer 3 Kamerad betrachtet noch immer das Brett: Daß du da die Waffen streckst, wo du doch sonst jede Partie zu Ende spielst, auch wenn es für dich hoffnungslos herschaut. Schupo Mir scheint, ich bin krank. Schon seit einer ganzen Zeit. Wenn ich mich niederleg, werd ich wach, und wenn ich aufsteh, schlaf ich ein. Kamerad Das sind die Nerven. Schupo lächelt geschmerzt: Weißt, ich hab halt eine kleine Aufregung hinter mir. Kamerad Dienstlich? Schupo Nein. Privat. Betreffs eines Weibes. Da stellst dich hin und machst alles für so ein Menschenkind, zahlst ihr das Leben, schenkst ihr deine intimsten Gefühle, deine freie Zeit, dein gutes Geld – und das Resultat? Du bist der Lackierte. Kamerad Undank ist der Welt Lohn. Schupo Manchmal fang ich schon zum Grübeln an. Kamerad Also nur das nicht! Grübeln ist Gift! Schupo Von mir aus. Schau – zum Beispiel meine erste Braut, mit der ich sehr harmonisiert habe, die ist mir weggestorben. So bin ich beinander. Die eine stirbt, die andere lügt. Lauter blutige Enttäuschungen. Ich find keinen Menschen, dessen Liebe mir etwas gibt. Szene Nummer 4 Jetzt betritt ein dritter Schupo das Revier, und zwar bringt er den Präparator mit sich, der total betrunken ist – der Vizepräparator ist auch dabei, und ebenfalls nicht mehr ganz auf der Höhe infolge Alkoholgenusses. Dritter Schupo So! Da wären wir! Vizepräparator Aber lieber Herr Wachtmeister – Dritter Schupo unterbricht ihn: Ruhe! Zu seinen Kameraden. Nächtliche Ruhestörung und Beamtenbeleidigung! Vizepräparator Wieso hernach Beamtenbeleidigung? Dritter Schupo Wieso hernach? Hat er denn nicht gebrüllt und getobt und mit diesem seinem Spazierstock gegen die Rolläden getrommelt, daß die ganze Straß aufgewacht ist? Hat er mir nicht gesagt, Sie Rindvieh, Sie krummgebohrtes?! Oder vielleicht?! Stille. Vizepräparator Entschuldigens bitte, aber ursprünglich wollten wir heute abend in aller bescheidenen Zurückgezogenheit den zweiundsechzigsten Geburtstag dieses Herrn dort feiern, aber der Mensch denkt – Kamerad grinst: – und Gott lenkt. Präparator scharf: Und wer ist schuld? Der Oberpräparator. Dritter Schupo Ruhe! Er deutet auf das Schachbrett. Wer hat denn da gewonnen? Kamerad Ich. Dritter Schupo Du? Gegen den? Nicht möglich. Schupo Ich hab heut keinen Kopf. Präparator Meine Herren! Wer ist mein Feind? Der Oberpräparator und nur der Oberpräparator. Dritter Schupo Schluß mit der Debatte! Kamerad Was schwätzt denn der da immer von einem Oberpräparator? Vizepräparator Aber das ist es ja eben – ich bin nämlich der Vizepräparator, und der Oberpräparator das ist dieser Herr da persönlich. Voriges Monat ist er avanciert, aber wenn er sich betrunken hat, vergißt er es immer wieder, daß er befördert worden ist. Jener bewußte Oberpräparator, den dieser Oberpräparator da meint, den hat ja Gottseidank schon längst der Teufel geholt – der hat sich nämlich infiziert, an einem Leichnam. Aus Brünn. Dritter Schupo Jetzt aber Schluß! Setzen! Das Protokoll! Szene Nummer 5 Buchhalter stürzt herein: Hilfe Herr Wachtmeister! Da draußen liegt ein Fräulein drüben beim Kanal! Kamerad Beim Kanal? Dritter Schupo Was für ein Fräulein? Buchhalter Selbstmord! Wir haben sie aus dem Wasser heraus – das heißt nicht ich, sondern ein tollkühner Lebensretter. Mir scheint, sie lebt noch! Da! Szene Nummer 6 Zwei Männer, einer im Smoking, erscheinen nun und auch der tollkühne Lebensretter. Sie tragen die aus dem Kanal herausgerettete Elisabeth und legen sie auf eine Bank. Der tollkühne Lebensretter heißt Joachim und ist total durchnäßt und friert ziemlich – der eine Schupo reicht ihm eine Decke, die er sich umhängt. Alle, außer dem Präparator, beschäftigen sich nun mit Elisabeth. Auch der Schupo Alfons Klostermeyer tritt an sie heran, erkennt sie und starrt sie an. Buchhalter Es ist noch ein Funke Leben in ihr – Dritter Schupo Sofort künstliche Atmung! Vizepräparator Kenn ich genau. Darf ich helfen? Hab zwei Semester Medizin, aber dann ist mir das Geld ausgegangen – Kamerad Los los! Präparator Und etwas Schnaps! Joachim Auch für mich bitte. Präparator zu Joachim: Allerhand Schneid. In stockdunkler Nacht im November ins Wasser springen – tollkühn! Sehr tollkühn! Joachim Aber ich erfüllte doch nur meine normale menschliche Pflicht. Er trinkt aus der Schnapsflasche. Präparator Zu bescheiden, zu bescheiden. Er nimmt ihm die Schnapsflasche weg und wendet sich an den Schupo . Hab ich nicht recht, Herr General? Schupo Ich bin kein General. Präparator Also auf das Wohl des tollkühnen Lebensretters! Prost! Er trinkt . Joachim zum Schupo: Ich ging vorbei und hörte etwas in das Wasser plumpsen und sah einen silbrigen Schein – das war ihr Gesicht. Ich sprang sofort hinein und griff zu. Ehrensache. Hätte doch jeder getan. Sie auch. Schupo Natürlich. Präparator Das kommt groß in die Zeitung. Mit Photographie. Der tollkühne Lebensretter soll leben! Hoch! Er trinkt wieder . Dritter Schupo hei Elisabeth: Wo bleibt denn der Schnaps? Präparator Da! Joachim zum Schupo: Könnt ich mal telephonieren? Schupo Dort bitte. Kamerad tritt zum Schupo: Sie hat nichts bei sich. Nur einen ungültigen Wandergewerbeschein – Präparator Wandergewerbeschein? Kamerad Jawohl. Präparator wendet sich Elisabeth zu und betrachtet sie aufmerksam. Szene Nummer 7 Während sich nun alles, außer dem Schupo und den beiden Männern, die das Polizeirevier bereits wieder verließen, sowie dem Präparator, um Elisabeth bemüht (künstliche Atmung und dergl.), telephoniert Joachim mit seiner Mama. Joachim Hallo! Mama! Bist du es, Mama? – Oh nein, fürchte dich nicht, daß ich dich so aus dem Schlaf heraushol, aber ich habe soeben einer Selbstmörderin das Leben gerettet. – Tollkühn, was? Ehrensache! Komm auch in die Zeitung, mit Photographie, ist doch eine unbezahlbare Reklame für die Firma, so umsonst in der ganzen Presse – Hallo! Aber jetzt krieg ich doch dann mein Motorrad, was? – Wie? Du hast es mir doch versprochen! Werden sehen? Adieu! Er hängt wütend ein. Für sich. Altes Dromedar. Szene Nummer 8 Schupo Ist sie tot? Kamerad Mir scheint, sie atmet. Vizepräparator Werden sehen, werden sehen! Szene Nummer 9 Präparator hat Elisabeth erkannt: Sie ist es. Pfeilgerade. Diejenige welche – Er wendet sich zerknirscht an den Schupo. Herr Staatsanwalt – Schupo unterbricht ihn: So lassens mir doch meine Ruh! Präparator Aber haben Sie doch Zeit für mich, bitte – ich muß Ihnen ja ein Geständnis ablegen. Jenes Fräulein dort ist ermordet worden. Schupo stutzt: Ermordet? Präparator Ich kenne den Mörder. Schupo Was reden Sie da?! Stille. Präparator Nämlich das mit dem Zollinspektor und Versicherungsinspektor – ich hab mich geirrt, Herr Generalstaatsanwalt! Auge um Auge, Zahn um Zahn! So verhaftens mich doch und machens kurzen Prozeß! Seiens fesch, hängens mich auf! Vizepräparator zum Schupo: Jetzt hat er seinen Moralischen. Schupo zum Präparator: Sie Sau Sie! Präparator Oh Gott! Er setzt sich in eine Ecke. Gefaßt betret ich das Schafott – Walte deines Amtes, Henker! Und betet für mich, liebe Leutl, damit ihr nicht in Versuchung kommet, und wenn ihr mal recht blöd seid, dann denkts an mich – Er vergräbt sein Gesicht in die Hände und verharrt so erschüttert. Szene Nummer 10 Dritter Schupo Da ist sie! Szene Nummer 11 Elisabeth erwacht aus ihrer Ohnmacht, ist aber noch immer abwesend – nun sitzt sie auf der Bank und sieht sich um. Noch faßt sie nichts, und nur allmählich kommt ihr wieder die Erinnerung. Szene Nummer 12 Elisabeth zum Buchhalter: Wer bist du? Buchhalter Wer? Meine Wenigkeit? Stille. Dritter Schupo hält ihr die Schnapsflasche hin: Da Fräulein – Elisabeth starrt den Buchhalter noch immer an: Wer bist du? Vizepräparator zum Buchhalter: So redens doch! Buchhalter Ich? Nichts. Elisabeth lächelt: Nichts – Sie sieht sich plötzlich ängstlich um. Bin ich denn noch? Kamerad lächelt: Gewiß. Dritter Schupo hält ihr noch immer die Schnapsflasche hin: Da Fräulein – Elisabeth mustert plötzlich entsetzt den Kameraden: Was hast du denn da an? Kamerad etwas verwirrt: Wieso? Elisabeth Grün, grau, silber – Habt ihr mich denn schon wieder? Was hab ich denn schon wieder verbrochen? Dritter Schupo Nur immer mit der Ruhe – Wir sind doch zu Ihrem Schutze da. Aber sicher. Elisabeth abwesend: Wer hat mich denn da angehaucht? Kamerad So kommens doch wieder zu sich Fräulein – schauns, man lebt nur einmal, wer wird da denn gleich ins Wasser! Elisabeth Habt ihr mich wieder heraus – Joachim Ich. Stille. Elisabeth So kümmert euch doch nicht um mich! Joachim Das ist der Dank. Elisabeth Jetzt war ich schon fort und jetzt gehts wieder los und niemand ist zuständig für dich und du hast so gar keinen Sinn – Vizepräparator berührt ihre Schulter: Nur nicht die Hoffnung sinken lassen – jeder Mensch hat seinen Sinn im Leben, und wenn nicht für sich selbst, dann für einen anderen. Elisabeth Ich nicht. Vizepräparator Doch! Elisabeth Nein! Vizepräparator zum Kameraden: Also da kann ich schon direkt wild werden, wenn mir da jemand widerspricht! Ich hab doch tagtäglich mit die Toten zu tun und dann denkt man doch schon ganz automatisch über den Sinn des Lebens nach. Wenn ich als Vizepräparator – Elisabeth unterbricht ihn: Vizepräparator? – Schrill. Wie gehts denn dem lieben Herrn Präparator? Füttert er noch immer die Tauben? Szene Nummer 13 Präparator Jawohl! Er erhebt sich voll Würde, aber noch immer etwas schwankend. Die Tauben sitzen auf meinen Schultern und fressen mir aus meiner Hand, der Kanari singt und meine Schlange hab ich dressiert. Ich hab einen Stall voll weißer Mäus und meine drei Goldfische heißen Anton, Josef und Herbert. Ich muß um mehr Autorität bitten, und zwar energisch. Man weiß es anscheinend noch nicht, wer ich bin?! Ich bin der Oberpräparator, bitt ich mir aus. Und wenn ich jemand umbring, dann mach ich das schon mit mir selber aus. Allein mit meinem Gott! Wachtmeister! Guten Morgen, Leute! Ab. Alle außer Elisabeth reißen unwillkürlich die Hacken zusammen: Guten Morgen, Herr Oberpräparator! Szene Nummer 14 Elisabeth erblickt nun ihren Schupo, schnellt empor und beißt in ihre Hand. Vizepräparator Nanana! Stille. Buchhalter Mir scheint, sie halluziniert. Joachim Ist doch auch schließlich keine Kleinigkeit das kalte Wasser in dieser Jahreszeit, bei stockdunkler Nacht. Elisabeth hebt langsam die Hand über die Augen, als würde sie von der Sonne geblendet: Bist du das, Alfons? Stille. Kamerad Was denn los, Klostermeyer? Kennt ihr euch? Elisabeth Kennen wir uns? Stille. So sag es ihnen doch, ob du mich kennst – Schupo Wir kennen uns. Elisabeth grinst: Brav, sehr brav – Stille. Was macht denn die Karriere? Dritter Schupo zu Alfons Klostermeyer: Was soll denn das? Schupo Später. Elisabeth Warum später? Stille. Schupo zieht sich seine weißen Handschuhe an: Ich habe Dienst. Ich muß zur Parade. Elisabeth Parade? Schupo Vor der Residenz. Es wird bald Tag. Elisabeth Es ist noch dunkel, Alfons. Schupo Zwischen uns ist alles klar. Elisabeth Meinst du? Schupo Es ist aus. Stille. Elisabeth Wie einfach du fort bist – Schupo Red nicht weiter, bitte. Elisabeth lächelt böse: Warum nicht? Stille. Schupo Provozier hier nicht aus der Erde heraus! Was kann denn ich dafür, daß du ins Wasser gehst?! Ich habe dir meinen Arm gereicht – Elisabeth unterbricht ihn: Laß ihn dir abhacken, deinen Arm! Stille. Jetzt geh ich. – Hörst du mich, Alfons? Dritter Schupo steht vor ihr in der Türe: Halt! Elisabeth sieht ihn groß an: Gute Nacht. Dritter Schupo Nein. Stille. Elisabeth So lassens mich doch fort – Dritter Schupo Wohin? Elisabeth Das geht dich nichts an. Dritter Schupo In diesem Zustand bleiben Sie da. Das ist unsere Pflicht. Stille. Elisabeth lächelt wieder böse : Habt ihr mich wieder? Kamerad Nicht in Haft. Nur in Schutzhaft. Elisabeth Schutzhaft? Dritter Schupo In Ihrem Interesse. Elisabeth Komisch. Jetzt steht ihr da um mich herum und bringt es nicht fertig, daß man seinen Wandergewerbeschein bekommt – Sie grinst . Vizepräparator Sie Kind – Elisabeth Ich rede jetzt nicht direkt persönlich, denn ich bin darüber momentan hinaus – Sie brüllt ihren Alfons plötzlich an . Glotz mich nicht so an! Geh mir aus den Augen, sonst reiß ich mir die Augen aus! Bild dir doch nicht ein, daß ich wegen dir ins Wasser bin, du mit deiner großen Zukunft! Ich bin doch nur ins Wasser, weil ich nichts mehr zum Fressen hab – wenn ich was zum Fressen gehabt hätt, meinst, ich hätt dich auch nur angespuckt?! Schau mich nicht so an!! Sie wirft mit der Schnapsflasche nach seinen Augen, verfehlt aber ihr Ziel . Da! Kamerad erfaßt ihren Arm : Halt! Elisabeth Auslassen! Joachim Im Gegenteil! Elisabeth brüllt : Auslassen! Auslassen! Dritter Schupo Ruhe! Joachim Au! Die beißt! Vizepräparator Was? Beißen wirst du – beißen?! Elisabeth zieht sich verschüchtert zurück . Buchhalter Jetzt beißt sie ihren eigenen Lebensretter – Elisabeth fletscht die Zähne . Szene Nummer 15 In der Ferne marschiert nun eine Formation mit Musik vorbei – und zwar auf den Marsch Alte Kameraden. Dann verhallt die Musik und Elisabeth sitzt in sich zusammengesunken auf einem Stuhl Szene Nummer 16 Schupo Die Parade – Er setzt sich seinen Helm auf. Höchste Eisenbahn. Kamerad Ist noch Zeit, Klostermeyer. Wart auf uns – Er zieht sich seine weißen Handschuhe an. Dritter Schupo Wir müssen doch auch. Vizepräparator Was knurrt denn da? Buchhalter Dem Fräulein ihr Magen. Dritter Schupo zum Kameraden: Hast nichts dabei? Kamerad Doch – Er gibt aus seiner Manteltasche Elisabeth ein Brötchen. Elisabeth nimmt es apathisch und knabbert daran. Dritter Schupo zieht sich ebenfalls seine weißen Handschuhe an: Schmeckts? Elisabeth lächelt apathisch – plötzlich läßt sie das Brötchen fallen und sinkt über den Tisch. Vizepräparator Hoppla! Dritter Schupo Halt! Auch er bemüht sich, genau wie der Vizepräparator, um Elisabeth. Kamerad Das ist nur so ein Schwächegefühl. Buchhalter Wahrscheinlich vom Magen heraus empor – Vizepräparator Ein schwaches Herz. Buchhalter Magen oder Herz – gehüpft wie gesprungen! Joachim Es ist doch auch keine Kleinigkeit bei stockdunkler Nacht im November ins eiskalte Wasser – Vizepräparator zu Elisabeth: Dageblieben, dageblieben – Elisabeth erwacht wieder; lächelt schwach: Könnt ich hier jemand Zuständigen sprechen? Dritter Schupo Zuständig? Elisabeth nickt ja: – in einer dringenden Angelegenheit – es soll ja noch schlechter werden, aber ich lasse den Kopf nicht hängen – Sie schlägt mit der Hand in die Luft, als würde sie Fliegen abwehren. Na! Da fliegen lauter so schwarze Würmer herum – Sie stirbt sanft. Szene Nummer 17 Buchhalter nähert sich leise der toten Elisabeth und klopft auf die Tischplatte; behutsam: Herein, Fräulein. Herein! Dritter Schupo Ich befürchte das Schlimmste. Schupo nimmt seinen Helm ab. Vizepräparator beugt sich über Elisabeth: Sie hat es überstanden. Wahrscheinlich das Herz. Na wir werden es ja morgen sehen – Joachim Es war umsonst – Ab. Szene Nummer 18 Schupo Umsonst – Er tritt an seine tote Elisabeth heran und streicht ihr über das Haar. Du armes Menschenkind. Ich hab kein Glück. Ich hab kein Glück. Buchhalter Ich lebe, ich weiß nicht wie lang, Ich sterbe, ich weiß nicht wann, Ich fahre, ich weiß nicht wohin, Mich wundert, daß ich so fröhlich bin – Ab. Szene Nummer 19 Vizepräparator Ein Dichter. Dritter Schupo Es regnet noch immer. Kamerad Das wird eine verregnete Parade. Schupo Wahrscheinlich. Vizepräparator Darf ich mich jetzt empfehlen – Ab. Szene Nummer 20 Und nun marschiert draußen eine Formation mit Musik vorbei – und zwar abermals auf den Marsch Alte Kameraden. Die drei Schupos setzen sich ihre Helme auf und verlassen das Polizeirevier, denn sie müssen bekanntlich zur Parade. Nur Alfons Klostermeyer wirft noch einen letzten Blick auf seine tote Braut Elisabeth.