Karl Immermann Preußische Jugend zur Zeit Napoleons Inhalt                 Einleitung 1. Kapitel. Gustav Adolf. 2. Kapitel. Friedrich der Große. 3. Kapitel. Friedrichs Nachfolger. 4. Kapitel. Napoléon. 5. Kapitel. Preußens Fall. 6. Kapitel. Die Übergabe Magdeburgs. 7. Kapitel. Familienleben in der Franzosenzeit. 8. Kapitel. Erstes Semester in Halle. 9. Kapitel. Der Oheim. 10. Kapitel. Studentenstreiche. 11. Kapitel. Nochmals Napoleon 12. Kapitel. Preußens Erhebung. 13. Kapitel. Als Kriegsfreiwilliger. Nachwort Aus Tagebüchern Einleitung »Mein Leben erscheint mir nicht wichtig genug, um es mit allen seinen Einzelheiten auf den Markt zu bringen. Auch habe ich noch nicht lange genug gelebt, um mir den rechten Überblick zutrauen zu dürfen. Ich werde vielmehr nur erzählen, wo die Geschichte ihren Durchzug durch mich hielt.« So erklärte sich im Frühjahr 1839, als er seine Erinnerungen niederzuschreiben begann, der dreiundvierzigjährige Landgerichtsrat Karl Immermann zu Düsseldorf, den man in ganz Deutschland als einen hochstrebenden Dramatiker, kundigen Bühnenleiter und namentlich als einen großen Meister im humoristisch-phantastischen Roman und Vers-Epos schätzte. Und diese Sätze waren keine Verneigung heuchelnder Bescheidenheit. Er wollte wirklich nur ein Stück deutscher Volksgeschichte schreiben; selbst da, wo er von seinen Knabenerlebnissen sprach, wollte er zeigen, wie »die Geschichte ihren Durchzug durch ihn hielt«. »Denn die großen Ereignisse entspringen zwar nicht selten in einem großen Haupte, ihren Leib aber bekommen sie immer nur aus den Elementen und deren Infinitesimal-Teilchen.« Ohne sich zu überheben, hielt er sich für berufen, ähnlich wie Goethe seine Jugendgeschichte zu erzählen, denn er habe, meinte er, eine Jugendzeit mit erlebt, wie sie kein früheres Geschlecht erfuhr und kein späteres erwarten konnte. Vorher ging die Jugend ihren mäßigen Lebens- und Bildungsschritt; die Weltereignisse traten nicht an sie hinan, die Stille des Hauses umgab ihre ersten Entfaltungen, zugeschnitten war der Unterricht, und dieser überlieferte sie nach gelindem Schäumen und Brausen in den akademischen Jahren einem geordneten Berufe, indem sie nun das wurden, was sie vorher verachtet hatten, nämlich Philister. Zwischen der Gewalt des öffentlichen Lebens und ihr war bis dahin eine unübersteigliche Kluft befestigt gewesen. – Gegenwärtig lebt zwar die Jugend seit dem Erwachen ihrer Aufmerksamkeit mehr in den Weltbegebenheiten, weil diese alle Vorstellungen und Verhältnisse zu durchdringen angefangen haben, allein sie empfängt dieselben doch nur in einer Rückspiegelung und gestaltet sie in einer oft sehr vorschnellen Reflexion, so daß zwischen ihr und dem Öffentlich-Wirklichen abermals ein breiter Strom fließt, nämlich der Strom ruhiger Friedenstage. – Ganz im Gegenteil sah die Jugend, welche beschrieben werden soll, ihrer ersten Blüte die furchtbarsten Erschütterungen in materiellster Aufdringlichkeit annahen und wenige Jahre später fühlte sie sich berufen zu dem Eingreifen in das öffentliche Leben, über welches hinaus es kein tieferes gibt, nämlich: die Waffen zu nehmen, um Thron und Vaterland retten zu helfen. Die Jugend vor der Eroberung war daher politisch null, die gegenwärtige Jugend ist im glücklichsten Falle politisch-kontemplativ, die Jugend (zur Zeit Napoleons) war politisch leidend und handelnd. Und ... die Jugend litt damals als Jugend, handelte als Jugend, Jugendstimmungen wurden angerührt und jugendliche Motive in Bewegung gesetzt.« Aber warum durfte gerade er unter so vielen Zeitgenossen das Erlebte schildern? Weil er sich als einen beobachtenden Geist kannte. »Ich war von frühester Kindheit an sehr neugierig und horchte überall zu, wo ich Erwachsene redend zusammenstehen sah,« erzählt er von sich: diese Neugier werden wir bei andern Wißbegier nennen, denn solche Neugier ist der Anfang vieler Wissenschaft. »Früh entwickelte sich bei mir ein aufmerkender Sinn und eine Neugier, welcher das unscheinbarste Detail der Dinge nie zu geringfügig war. Diese Kraft der Beobachtung, welche man Kälte genannt hat, ergriff einige sonderbare und gewaltige Ereignisse, welche meinem jugendlichen Auge nahe traten, durchdrang sie und folgerte aus ihnen sich Nahes und Verwandtes zusammen, bis mir ein Bild entstand, was meinem Triebe nach Wahrheit genügte.« – – So war Immermann in der Tat aufs beste berufen, seine Erlebnisse zu erzählen, aber trotzdem sind seine Jugenderinnerungen nie sehr bekannt geworden und werden jetzt kaum noch gelesen. Das hat zwei Gründe. Zunächst kamen sie den Deutschen in der allerungünstigsten Zeit vor die Augen. Die lebhaften Geister um 1840 schauten lieber vorwärts, nach 1848 hin, als rückwärts auf jene große Zeit, deren begeisterte Hoffnungen nur so schlecht in Erfüllung gegangen waren. Es gab aber auch Viele, die an den Emporkömmling »Buonaparte«, der eine Zeitlang die alte Ordnung Europas so arg gestört hatte, an den schmählichen Zusammenbruch der deutschen Staaten und an die nur durch starke Mitwirkung des »Volkes« gelingende Vertreibung des Eindringlings nicht gern erinnert werden mochten. Die Menge hat immer nur geringe Teilnahme für Dinge, die 10, 20, 30 Jahre zurückliegen, aber uns Heutigen erscheint es fast unglaublich, wie kalt sich im Jahre 1838 Behörden und Volk verhielten, als Einige die »silberne Hochzeit« der preußischen Erhebung von 1813 zu feiern anregten. Nur in ein paar Städten, z. B. in Hamburg und Dortmund, kam es zu Volks- oder Bürgerfesten, anderwärts blieben die ehemaligen Kriegs-Freiwilligen unter sich. Immermann nahm an dem Kölnischen Feste teil, das für die Krieger der ganzen Rheinlande bestimmt war! Diese Gleichgültigkeit der Menge, von der man historischen Sinn nicht erwarten darf, trug unser Patriot immerhin noch leichter als die bewußte Ablehnung der alten Erinnerungen durch diejenigen, die in der Niederlage bei Jena und in den Siegen »Buonapartes« fatale Ereignisse sahen, die man am besten vergißt und verschleiert. Immermann meint trotzig: »Daß der vierzehnte Oktober (1806, Jena) und der dritte Februar (1813, Aufruf der Freiwilligen gegen Napoleon) zusammengehören, wird der Geschichte wohl unverboten bleiben zu sagen, wenn auch Einige die Erinnerung an den ersten Tag unbequem finden. Diese verraten dadurch, daß sie von dem letzten ebenfalls nichts wissen oder nichts mehr wissen wollen. Denn eine glorreiche Erhebung fand nur statt, weil eine schmähliche Niederlage vorangegangen war. Die also von der Niederlage zu hören tauben Ohres sind, legen Zeugnis ab, daß an ihnen die Erhebung vorübergegangen ist wie etwa ein Sturm, vor dem sich der für seine Gesundheit besorgte Mann unter einem Wetterdache birgt. Am konsequentesten unter diesen verfahren denn auch diejenigen, welche die Jahre 1813, 1814, 1815 geradezu für schädliche Wetterereignisse ansehen.« Wir Heutigen betrachten jene großen Ereignisse längst unbefangener und auch bereitwilliger; wenn Immermanns Erinnerungen noch immer unbekannt blieben, so muß der Fehler an ihnen liegen. In der Tat: sie sind unglücklich redigiert, mangelhaft herausgegeben. Diese Jugenderinnerungen sind in den drei Bänden »Memorabilien« eingeschlossen, die so vielerlei enthalten, daß sie im ganzen nur wenigen Lesern mundgerecht sein können. Sodann hat Immermann durch seine Bescheidenheit und seine Betrachtungslust sich verleiten lassen, die Erzählung der eigenen und der vaterländischen Erlebnisse immer wieder durch lange geschichtsphilosophische, politische, literarische und andere Erörterungen zu unterbrechen und Vergleiche zwischen 1840 und 1810 zu ziehen, die uns Nachkömmlinge nicht mehr fesseln können. Es sind Leitartikel vorzüglichster Art, aber wer mag jetzt noch Leitartikel von Anno 1840 lesen? Auch vermeidet Immermann manche Anspielung nicht, die heute auch dem Gelehrten schwerverständlich geworden ist, gebraucht auch manches Fremdwort, das jetzt bereits veraltet ist. Am raschesten mußte der Titel veralten, denn Immermann nannte diesen Teil seiner Memorabilien: »Die Jugend vor fünfundzwanzig Jahren«. Da nun aber der Kern des Werkes recht wertvoll ist, so haben wir den Versuch gemacht, durch ein unbarmherziges Streichen alles die Erzählung Hemmenden, durch andere Einteilung, durch Umsetzung einiger Seiten, durch Erklärung der Anspielungen und gelehrten Worte aus dem Alten ein Neues zu machen, das wir nun für recht lesbar und anschaulich halten. Ein Kapitel gar, unser zwölftes, haben wir einer andern Schrift des Dichters entnommen, nämlich seinem Bericht »Das Fest der Freiwilligen zu Köln am Rheine den 3. Februar 1830«. Wir halten aus einem besonderen Grunde diese Bearbeitung und Ausnutzung für erlaubt. Immermann war schon tot, als seine »Memorabilien« erschienen; hätte er statt des halben ein volles Menschenleben ausgedauert, so hätte er gewiß selber eine Umarbeitung in ähnlicher Weise vorgenommen. Da er aber in voller Manneskraft hinweggenommen wurde, so wagt ein Landsmann und Gesinnungsverwandter statt seiner diese neue Redaktion. Immermann entstammt einer Familie, die in den Dörfern und kleinen Städten um Magdeburg herum zu Hause war; er selber wurde in Magdeburg am 24. April 1796 geboren. Sein Vater hatte den Titel »Kriegs– und Domänenrat«: heute würde er »Geheimer Regierungsrat« oder »Oberpräsidialrat« heißen. In seinem fünfundvierzigsten Lebensjahre hatte er die achtzehnjährige Tochter des Dompropstes Wilda geheiratet; Karl war das erste seiner sechs Kinder. In einem großen alten Hause in der Klosterstraße wohnte die Familie, gegenüber dem »Kloster Unserer lieben Frauen«, das jedoch längst in ein Pädagogium oder Gymnasium umgewandelt war. Karl empfing seinen ersten Unterricht durch seinen eigenen Vater; Ostern 1807 ward er Quintaner im Klostergymnasium. Ostern 1813, also mit vollendetem siebzehnten Jahre bezog er die nahe Universität Halle, um die Rechte zu studieren. Doch nun möge er selber erzählen! Weimar Dr. Wilhelm Bode. 1. Kapitel. Gustav Adolf. Ich bin in einer Familie erwachsen, welcher von väterlicher Seite her zwei große Gestalten der Vergangenheit in höchstem Glanze vorgeführt wurden. Wie andere Kinder mit Märchen gespeiset werden, so wurde mein frühestes Denken und Fühlen durch das Gedächtnis an sie ernährt – vielleicht war es eine zu strenge Nahrung für das unreife Alter. Die erste jener beiden Gestalten war Gustav Adolf, König von Schweden. Eine glaubwürdige Familientradition, die mein Vater in seinem Hausbuche aufgezeichnet hatte, besagte, daß Peter Immermann, Sergeant in der Armee des großen Schwedenkönigs, der Erste des Namens in Deutschland gewesen sei. Er hatte bei Lützen mitgefochten »für teutsche Gewissensfreiheit«, wie im Hausbuche steht, was da vor mir liegt, war in Deutschland geblieben, hatte eine durch den Dreißigjährigen Krieg wüst gewordene Bauerstelle im Dorfe Etgersleben unweit Magdeburg in Besitz genommen, eine Bäuerin namens Ilse geheiratet und war so der Stammvater der Familie geworden, welche sich dann durch Landleute, Handwerker, Schullehrer und Prediger verbreitete, bis sie in meinem Vater zu einem nach dem Maßstäbe früherer, bescheidenerer Zeiten hochgeschätzten Ansehen gelangte. Er war Königlicher Rat und stand bei der magdeburgischen Krieges- und Domänenkammer. Es ist nicht wahr, daß nur der Adel sich etwas auf seine Ahnen einbilde. Bürgerfamilien sind eben so stolz, wenn sie unter ihren Vorfahren jemand wissen, der den Stammbaum verherrlicht, sei es auch nur dadurch, daß sein Name mit irgendeiner großen oder gerühmten Begebenheit in Zusammenhang steht. Eine sehr natürliche und lobenswerte Neigung im Menschen, der Keim des Staats und alles politischen Lebens. Jener alte Schwede, von dem sonst nichts weiter bekannt war, erhielt sich in der Familienerinnerung als eine respektable Figur; mein Vater erzählte mit Behagen, daß er einstmals jüngere Vettern mit nach Etgersleben hinausgenommen, ihnen das Stammgut der Familie gezeigt und sie veranlaßt habe, den Hut vor dieser Stätte abzunehmen. Das Gütchen war übrigens längst in andere Hände übergegangen, und ich habe es nie zu Gesicht bekommen. Indessen bedurfte denn doch der schwedische Sergeant eines Heros, von dessen Strahlen er erst sein rechtes Licht zu empfangen hatte. Und dieser konnte kein anderer sein als Gustav Adolf. Mein Vater nannte ihn nie anders als den Erretter Deutschlands. Viel wurde von ihm erzählt, der Dreißigjährige Krieg ging für uns eigentlich nur bis zur Schlacht von Lützen. Über allen Zweifel erhaben war es, daß den König eine meuchelmörderische Kugel getroffen hatte, was denn unseren Haß gegen die Ligisten, der ohnehin schon nicht gering war, nur schärfen konnte. Wie die Leiche des Helden nach Weißenfels geschafft worden, wie die Königin sie dort mit Tränen benetzt habe – das und mehr dergleichen stand so vor mir, als wäre ich dabei gewesen. Die Oxenstiernas hörte ich erst weit spater nennen, und sie konnten mir nach einem solchen Vorgänger wenig Interesse abgewinnen. Die andächtige Verehrung des großen Schwedenkönigs fand in meiner Vaterstadt außerdem einen fruchtbaren Boden, in dem sie nachhaltig treiben konnte. Eine Stadt verschmerzt ihre Zerstörung in anderthalbhundert Jahren nicht. Tilly und der Teufel galten in Magdeburg ungefähr gleich viel; Katholische und Kaiserliche kamen dicht hinterher. Rathmanns »Geschichte von Magdeburg« ist das erste Buch gewesen, welches ich gelesen habe. Kam ich nun da an die Stelle, wo es heißt, daß die Belagerer am 9. Mai 1631 zum Schein ihre Stücke aus den Schanzen, ihre Truppen von Krakau und Rotensee abziehen, daß die Belagerten sicher werden, glauben, die Schweden rückten zum Entsatz herbei, und die vom Wachen und Postenstehen ermüdeten Glieder dem Schlummer hingeben, so ergriff mich die heftigste Beklemmung, ich hätte ihnen aus Leibeskräften zurufen mögen: Wacht auf! den Bösewichten ist nicht zu trauen! Es half aber nichts. Wenige Seiten weiter waren die Kroaten, die Wallonen und Lombarden zur Hohenpforte und zum Schrotdorfer Tore eingedrungen, mordeten und brannten. Dietrich von Falkenberg, der schwedische Kommandant, eilt fruchtlos dahin und dorthin, bis ihn eine Falkonettkugel »Falke« ist ein alter Name für Geschütze, die zur größeren Gattung der »Schlangen« gehörten. Das Falkonett war ein kleines Geschütz von 5-8 Fuß Länge, das dreipfündige bleierne oder anderthalbpfündige eiserne Kugeln schoß. niederstreckt. Nun beginnt der Greuel der Verwüstung, durch den sich die jugendliche Einbildungskraft hindurchwürgen mußte! Tilly bekam es freilich darauf bei Leipzig, und im Dome sah ich noch seine angeblichen Stiefel hangen, mit Ketten umwunden; aber was konnte das helfen, da Magdeburg »bis auf den Dom, einige Kirchen und eine Reihe dürftiger Häuserchen am Fischerufer in der Asche lag«, wie ich jederzeit für mich, wenn ich diese grause Lektüre beendigt hatte, ergriffen und pathetisch sagte. Blickte sich nun der Knabe in der Stadt um, so sah er den gewaltigen Dom mit seinen beiden majestätisch emporstrebenden Türmen und im übrigen lauter Häuser, die wie geschnörkelte Kommoden dagegen aussahen. Es war aber zu uns noch nichts gedrungen von gotischer, vorgotischer und späterer Baukunst aus den Zeiten des verderbten Geschmacks, wovon jetzt jedes Kind zu reden weiß. Wir dachten uns also bei jenem Kontraste auch weiter nichts, als daß die Kommodenhäuser nach dem Sturme aufgebaut seien und daß der Dom in seiner Pracht und Festigkeit selbst den verruchten Stürmen widerstanden habe. An dem fiel uns besonders auf, daß der Knopf des einen Turmes fehlte, während der andere doch noch ganz stattlich mit seiner steinernen Blume da droben unter den scharfen, hohen Himmelslüften blühte. Wir mußten nun auch über den fehlenden Knopf vernehmen, ebenfalls er sei von den Kaiserlichen in der Belagerung herabgeschossen worden. Darauf bezog sich denn unser ganzes Interesse an magdeburgischen Geschichten. Denn ich wußte zwar wohl, daß Kaiser Otto der Große die Stadt gegründet habe; ich fand zwar einst in einem alten staubigen Wandschranke hinter dem Sofa in meines Vaters Stube, als dieses Möbel einer Reparatur wegen abgerückt wurde, zwischen Müll und Moder eine Reihe weggestellter Folianten und Quartanten in Schweinsleder, unter den Quartanten einen, der ganz gelbbraun aussah und der »löblichen uralten Stadt Magdeburgk Privilegia« enthielt, und in diesem gelbbraunen Quartanten den deutsch übersetzten Gründungs- und Freiheitsbrief Ottos vom siebenten Tage des Brachmondes Jahres 940, worin der Kaiser »den werten Sachsen, die ihm fürgelegt, wie sie sich in Gottes Frieden zusammenhalten und eine Stadt befesten wollen«, erlaubt »zu bauen und zu befesten und einen Markt zu hegen nach alter Weise, als Marktrecht von alters gestanden hat, auch ewigen Frieden zu haben in der Stadt, welche sie Magdeburgk genannt haben.« Ich sah des Kaisers steinerne Bildsäule zu Pferde, Krone auf dem Haupte, Zepter in der Hand, Mantel um die Schultern unter ihrem Schirmdächlein auf dem Alten Markte stehen, hörte, daß von der Bildsäule aus alle Landstraßen gemessen würden, die in der Stadt zusammenstießen, und wußte, daß die Fischhändlerinnen, die dort mit ihren großen Bütten und Mulden in reichlicher Zahl ausstanden, dem Kaiser als ihrem Patrone noch alljährlich am Sonnabend vor Pfingsten grüne Maien als Zoll der Verehrung an das Postament steckten und ihm ein Frühstück servierten. Auch sah ich ihn mit seiner Editha in weißem Marmor hinter erzgetriebenem Geländer im Chore des Domes liegen, wenn wir uns, während der Gottesdienst zu Ende ging und die Gemeine die Kirche verlassen wollte, dort einschlichen. Aber Privilegienbrief, Bildsäule und Grabmal blieben doch nur Papier, Erz und Stein; der weggeschossene Turmknopf, die Kommodenhäuser und Rathmanns Bericht von den Greueln der Zerstörung gehörten allein zu der Geschichte, die sich um den schwedischen Stammvater und seinen König drehte. 2. Kapitel. Friedrich der Große. Die zweite große Gestalt, von der ich reden hörte, war Friedrich der Zweite. Mein Vater hatte im Jahre 1750 das Licht der Welt erblickt, sich erst als Fünfundvierziger verheiratet, und so kam es, daß ich von jemand abstammen konnte, der mir aus eigenem Gedächtnisse erzählte, daß die französischen Husaren vor der Schlacht bei Roßbach in das Magdeburgische gestreift und bei dem Anblicke der großen Salinenwerke um Salze Jetzt Großsalze genannt, Städtchen bei Schönebeck, unfern von Magdeburg. Immermanns Vater war in Salze, wo sein Vater Rektor war, aufgewachsen. gerufen hätten: C'est dommage! nämlich, daß so schöne Anlagen nun auch bald zerstört und dem Boden gleichgemacht werden müßten. Wenn der Vater das erzählte, so spielte ein satirisches Lächeln um seine fein und scharf geschnittenen Lippen. Da er aber von Natur höchst ernsthaft war, so unterblieb jeder weitere Spott, und er fügte nur hinzu, jenes gutmütige Bedauern der französischen Husaren habe sich etwa Ende Oktober zugetragen, die Schlacht bei Roßbach sei aber am fünften November vorgefallen und durch Seydlitz in einer halben Stunde entschieden gewesen. Roßbach und die Franzosen und Seydlitz gehörten hiernach in der Vorstellung der Kinder untrennbar zusammen. Seine kräftigsten, männlichen Jahre hatte mein Vater im Dienste des preußischen Königshelden verlebt, nämlich als Auditeur bei dem General Saldern Friedrich Christoph v. Saldern (1718-1785) war von 1735 an in preußischen Diensten und zeichnete sich in vielen Schlachten Friedrichs des Großen aus. Namentlich galt er für einen großen Exerziermeister und Taktiker; er verfaßte zwei Lehrbücher der Taktik. Das sogleich genannte Körbelitz ist ein Dörfchen im altmärkischen Kreise Jerichow I. . Viele der großen jährlichen Manöver und Revuen unweit Körbelitz hatte er mitgemacht auf seinem »Braunen«, wie er ein besonders geliebtes Pferd nannte, dem auch, nachdem es untauglich geworden, von ihm aus Dankbarkeit auf die Tage des Lebens der Gnadenhafer und das Pensionsheu bei einem Verwandten auf dem Lande gestiftet worden war. Mein Vater hatte es nicht über das Herz bringen können, das treue Roß, welches die mutigen Tage des Reiters in so manchem fröhlichen Ritte gesehen, totstechen oder bei einem Kärrner zu Tode schinden zu lassen. Dieser Braune gehörte ebenfalls zu den mythischen Figuren meiner Kindheit. Es war fabelhaft, wie lange er noch bei dem Landwirte gelebt haben sollte. Steif, blind und zahnlos war er geworden, weshalb die Sage ging, er habe zuletzt mit Mehlsuppe gefüttert werden müssen, weil das arme, greise Maul Rauh- und Hartfutter nicht mehr bewältigen könne. Mein Vater gehörte aber zu den wenigen Menschen, die von dem, was sie einmal ausgesprochen haben, nicht wieder abgehen, und da der Vetter und Landwirt ein äußerst gutmütiger und sanfter Mann war, weshalb ihn auch der Vater wahrscheinlich zum Siechenpfleger des alten Braunen ernannt hatte, so verdient die Nachricht Glauben, daß das Pferd endlich wirklich eines natürlichen Todes verblichen sei. Freilich schlich neben dieser Nachricht im Hause die heimliche Sage um, man habe den Vater dennoch getäuscht, dem Vetter sei zuletzt der Faden der Geduld gerissen, das ganz stumpf gewordene Tier aber durch einen Genickstich abgetan worden. Erinnerte sich der Vater an die Revuen bei Körbelitz, so pflegte er zu sagen: »Wenn Friedrich die Fronte heraufgeritten gekommen, so sei es in lautloser Stille einem Jeden gewesen, als komme der liebe Gott.« Ich konnte daher als Knabe zwischen dem großen Könige und dem lieben Gotte auch eigentlich keinen Unterschied machen. Dabei war mein Vater nicht blind für die Fehler des gefeierten Herrschers und Herrn. Mit großer Erregung sprach er davon, wie Saldern, sein verehrter Chef, durch die Ungnade des Königs die verbittertsten letzten Lebenstage gehabt habe. Es war dies einer der Fälle gewesen, in welchen Friedrich seiner übeln Laune auf jemand durch herbes Spötteln oder kaltes Übersehen Luft zu machen geliebt hat. Glänzend hob sich dagegen hervor, was mein Vater selbst von der Achtung des Königs für eine unerschrockene Meinung erfahren hatte. Ein armer Soldat war, von einem unmenschlichen Vorgesetzten über alles Ertragen hinaus gereizt, unter dem Gewehr gegen diesen tätlich ausgefallen; der Tod schien ihm sonach gewiß zu sein. Mein Vater aber wußte es, mittels einer Beweisführung, die freilich künstlich genug gewesen sein mag, dahin zu bringen, daß der Missetäter in dem Momente des Verbrechens allenfalls für wahnsinnig hatte gelten können, und wußte in dem Kriegsgerichte mit seiner Beredsamkeit zu siegen. Das Kriegsgericht sprach den Delinquenten frei. Als mein Vater Saldern das Urteil überbrachte, sah dieser ihn mit großen Augen an, fragte ihn, ob er den Kopf verloren habe. Ein solches Erkenntnis könne er nicht auf sich nehmen, über die Sache müsse er an den König schreiben. Der Gescholtene zeigte durch seine stumme militärische Haltung, daß er das erleiden wolle, worauf Saldern ihn heftig anließ und ihm augenblickliche Kassation , Festung und was sonst noch verkündigte. Mein Vater versetzte, daß er in Eid und Pflicht stehe und seine Schuldigkeit getan zu haben glaube. Saldern schickte das Urteil wirklich an Friedrich ein, mit mancher Beschönigung für den Referenten, den er wie einen in den Militärrechten noch unerfahrenen Menschen dargestellt hatte, selbst aber wenig von dieser Verwendung hoffend. Die Sache war in der Tat keine Kleinigkeit, denn über Disziplin verstand Friedrich bekanntlich wenig Scherz. Aber alles nahm eine günstige, selbst eine epigrammatisch-witzige Wendung. Der König, das Ganze durchsehend und der guten Absicht das Mittel vergebend, bestätigte wider Erwarten das Urteil und hatte dem Remissoriat eine seiner wunderbaren Randverfügungen beigesetzt, ungefähr der Fassung: »Vor diesesmal möge es passieren, Saldern solle aber darauf achthaben, daß nicht mehr Kerls unter dem Gewehr solcherweise überschnappten.« – Der Offizier und Mißhändler wurde in eine Art von Strafbataillon versetzt, und die Angelegenheit brachte meinem Vater Ehre und Beglückwünschung, am meisten von Saldern selbst, der ihn lieb hatte. Dieser Tat war er sich mit Freuden bewußt und durfte es auch sein, denn die Menschlichkeit mußte in jenen eisernen Zeiten Schleichwege gehen, wenn sie zum Ziel gelangen wollte. Ein Nebenzug in dem Ereignisse war folgender. Man hatte meinem Vater, als er seine Absicht, den Menschen zu retten, ausgesprochen, vorgestellt, der König werde ihn ja ohne Zweifel begnadigen. Darauf erwiderte mein Vater: die Gnade sei ungewiß, das Recht aber gewiß. Der Mensch brauche keine Gnade, sondern solle Recht bekommen. Ich habe den König »Friedrich den Zweiten« genannt. Ich muß aber hinzufügen, daß ich ihn nie so in meines Vaters Hause nennen hörte. Die Anderen sprachen vom »alten Fritze«, meinem Vater aber hieß er »der König« schlechtweg. »Als der König zur bayerischen Kampagne abreiste«, »als der König zum ersten Male das Podagra hatte«, »als der König dann und dann in Magdeburg war« – in solcher Art wurde geredet. Viel las mein Vater in Friedrichs Schriften; wenn ich ihm nun einen Band derselben bringen sollte, so sagte er nur: »Hole mir den und den Band von des Königs Schriften!« Wir lebten unter Friedrich Wilhelm dem Dritten, dem Vater aber war bei tiefster Anhänglichkeit an den regierenden Herrn Friedrich der Zweite »der König« ohne weiteren Beisatz geblieben. Sprach er von der Gegenwart, so sagte er: »Unser jetziger König.« Unermeßlich war die Wirkung solcher Eindrücke auf das erste Erkennen. Durch den Vater, der selbst wie ein Wesen höherer Art und Ordnung vor den Kindern dastand, wurde der Gedanke an Persönlichkeiten vermittelt, zu welchen alles, was man sonst sah und hörte, nicht mehr zupaßte. Denn auch die Ungerechtigkeiten und Tücken des großen Königs, von welchen, wie ich beispielsweise angab, zuweilen die Rede war, minderten an dem Bilde seiner Gewaltigkeit nichts, weil mein Vater jedesmal hinzusetzte: »Wenn Er sich dergleichen vorgenommen hatte, so konnte kein Mensch auf Erden dawider an.« Und so wurde ein Heroenkultus gestiftet, der auch eine Art von Religion ist. 3. Kapitel. Friedrichs Nachfolger. Fahle, unheimliche Schatten strichen jezuweilen durch die uns aufgetane Lichtwelt, deren Schimmer nur noch heller hervorstellend. Wir hörten vom »Hochseligen« oder sogenannten »dicken Könige« reden, vernahmen, daß man ihm habe Geister erscheinen lassen, daß seine letzten Tage nur durch künstlich bereitete Lebenslust zu fristen gewesen seien; der Name Bischoffswerder Johann Rudolf v. Bischoffwerder (1741-1803), von 1760-1797 in preußischen Staatsdiensten. Er war der Günstling König Friedrich Wilhelms des Zweiten, den er zu Manchem, was man diesem König zum Vorwurf machte, verleitet und durch Geisterseherei und Mystizismus hintergangen haben soll. wurde genannt und von Goldmachern gesprochen. In der Nähe von Emden wurde nie verabsäumt, uns ein einsam und wüstliegendes Häuslein zu zeigen, in welchem die betrügliche, aber damals zu Ansehen gekommene Kunst getrieben sein sollte. Das hatte nun alles keinen rechten Zusammenhang, welcher sich auch bei der eigentümlichen Natur jener Geschichten vor Kindern nicht wohl herstellen ließ, aber es erweckte doch den Gedanken, daß mit dem Tode »des Königs« die Welt eine äußerst schiefe Richtung erhalten haben müsse. Als Söhne der Aufklärung verachteten wir alle Geisterseherei und Goldmachern von Grund des Herzens und konnten in unserer Geringschätzung nicht begreifen, wie man dergleichen habe glauben und dulden können. Ich grübelte und grübelte über die dunkeln Geschichten, die wie Gespenster mir in der Seele lagen. Im Jahre 1805 im Sommer bemerkte man plötzlich eine große Regsamkeit in der Stadt. Mehrere der alten Kommodenhäuser am Neuen Markte wurden abgeputzt; das Pflaster, das von da zum Fürstenwalle hinab führte, wurde ausgebessert; das Gouvernementsgebäude, dessen oberer Stock durch eine hölzerne Überbrücke mit dem Fürstenwalle zusammenhing, instand gesetzt; der Fürstenwall, von wo man die Aussicht auf einen bedeutenden Abschnitt der Elbe und ihrer Ufer hatte, mannigfaltig durch die strengen Linien der gegenüberliegenden Zitadelle und die Baumanlagen des Roten Horns, empfing an schicklichen Stellen einen Überzug von grünem Rasen, in den blühende Stauden und insbesondere blaue und rote Hortensien in unendlicher Anzahl eingesenkt wurden. Endlich errichteten Werkleute und Tapezierer auf einem Vorsprunge des Walls ein russisches Zelt mit buntem Dache. Der Sinn dieser Anstalten wurde bald klar. Es hieß, der König und die Königin würden Magdeburg besuchen. Damals erinnere ich mich zum erstenmal von jener Fürstin reden gehört zu haben. Ich war von frühster Kindheit an sehr neugierig und horchte überall zu, wo ich Erwachsene redend zusammenstehen sah, wie ich denn überhaupt eher ein Verhältnis zu älteren Leuten gehabt habe als zu meinesgleichen. In der bürgerlichen Sphäre wurde damals weit weniger gereiset als jetzt. Viele hatten daher die Monarchin noch nicht gesehen, und Alle waren voll Erwartung des Wunders, oder Entzückens über die Wiederkehr hoher Freude voll. Man sprach nur von der Königin; sie wurde, wo auf sie die Rede kam, »die admirable Frau« genannt. Nicht lange währte es, so legte eines Morgens mein Vater mit ernstem Antlitz seine gestickte Uniform an, in der ich ihn noch nie gesehen hatte und in welcher er mir, Degen an der Seite, dreieckigten Hut auf dem Haupte, wunderbar und fremd vorkam. Ich drückte mich, nachdem ich den Glanz dieses Anblicks oben auf des Vaters Zimmer eingesogen, unten in eine Ecke des Hausflurs, um den Genuß noch einmal zu haben. Er schritt an mir vorüber, ohne mich wahrzunehmen, nachdenklich vor sich hinsehend, und ich war ganz erschüttert und betäubt, denn ich hatte keine Ahnung davon gehabt, daß ein solcher Prachtrock in der Welt, geschweige daß er im Hause sei. Gleich nachher donnerten die Kanonen, läuteten die Glocken, sprengten die roten Kammerhusaren (eine Art von Verwaltungsmiliz, die ein in diesem Friedensdienste unmäßig korpulent gewordener Rittmeister kommandierte) durch die Straße, lärmte und schrie das Volk und lief im wildesten Rennen nach dem Brücktore. Es war uns Kindern streng verboten worden, uns in das Getümmel zu wagen, aber wie wäre da Haltens gewesen! Das Haus war von seinen Bewohnern geleert und nur der Hut einer alten Wärterin anvertraut. Der vorbeizukommen hielt nicht schwer. Rasch hatte ich die Türe hinter mir und war mit den letzten Nachzüglern auch im vollen Rennen nach dem Brücktore. Aber in der Nähe desselben kamen uns glänzende Equipagen entgegen gefahren, nachflutete der Volksstrom dem Fürstenwalle zu: von diesen Wogen wurde auch ich gefaßt, nun schwamm ich mit der Flut und wurde von ihr ruckweise auf die Stirn des Walls befördert. Dort stand Kopf an Kopf, und es schien fast unmöglich, bis zum Gouvernementsgebäude vorzudringen, in welchem die Majestäten abgestiegen waren. Aber was wäre einem von Neugier brennenden Knaben in solchem Falle unausführbar? Gehend und kriechend, schiebend und geschoben, stoßend und gestoßen, schrotete ich mich die schwarze Menschenmasse hindurch und gelangte endlich glücklich, wenn auch etwas gequetscht, an einen Ort, wo ich nun unter den Vordersten gerade der großen Salontüre gegenüberstand, in welcher die Herrscher erscheinen mußten, wenn sie sich, wie jedermann erwartete, dem Volke zeigen wollten. Da stand ich denn also an der glücklichsten Stelle. Aber bald überfiel mich ein entsetzliches Bangen. Im Kampf und Ringen stürmt der Mensch sich bewußtlos auf die schmale Zinne eines Turms hinauf, aber wenn er die Zinne erobert hat und nun da droben steht, kann ihm schwindlig werden. Mir fiel plötzlich zentnerschwer aufs Herz, daß ich denn doch wider das ganz ausdrückliche Verbot meines Vaters da vorhanden sei, welches mir so viel gelten mußte, als ein Befehl Friedrichs seinen Offizieren gegolten hatte. Meinem Geiste trat eine furchtbare Phantasie nahe; ich dachte, der Vater könne da statt des Königs oder der Königin in der Salontüre sich zeigen, sein Auge den Ungehorsamen entdecken! Zurückzuweichen war völlig unmöglich, die Menge hinter mir bildete eine undurchdringbare Mauer. Ich mußte also stehen bleiben, den Fügungen des Geschicks verfallen, und mich noch vor den beiden roten Kammerhusaren in acht nehmen, welche die Brücke nach dem Salon gegen den Andrang zu schützen hatten. Diese machten nicht viel Umstände mit dem Volke, und es ging hier zu wie allerorten bei solchen Gelegenheiten: nicht die Drängenden erlitten unsanfte Behandlung, sondern die Gedrängten, die unschuldigen Vordersten. Aber bald lösete ein reizendes Schauspiel alle Angst auf und jedes herbe Wesen. Die Königin trat in die Salontüre. Ich erinnere mich ihres Anzuges noch ganz deutlich; sie trug einen stahlgrün seidenen Überrock und war übrigens ohne Schmuck, einfach gekleidet. Das Volk begrüßte sie jubelnd, Mützen und Hüte schwenkend. Sie verneigte sich mit holdseliger Freundlichkeit nach allen Seiten, und nun wurde ich Zeuge eines Auftritts, der wohl verdient erzählt zu werden. Auf silbernem Plateau wurde ihr eine Tasse dargeboten, sie nahm sie und frühstückte. Ein Herr mit mehreren Sternen auf der Brust näherte sich ihr aus der Tiefe des Salons und schien des Augenblicks zu warten, wo er ihr nach beendetem Frühstück die Tasse abnehmen dürfte. Plötzlich aber sah die Königin empor, dann mit unglaublicher Freundlichkeit nach dem Volke. Ihr Blick fiel auf ein Kind, mit welchem die Wärterin sich auch unter den Vordersten befand. Die Schönheit des Kindes mochte ihr gefallen und das lange goldgelbe Lockenhaar des Kleinen. Sie winkte erst mit dem Finger, da aber niemand die liebenswürdige Natürlichkeit dieser Gebärde begriff, so sagte sie jemand, der hinter ihr stand, etwas, worauf der Diensttuende über die Brücke gegangen kam und der Wärterin befahl, ihm mit dem Kinde zur Königin zu folgen. Die arme Person wurde blutrot, gehorchte zitternden Schrittes und sah sich dabei unterweilen nach der Menge um, als wollte sie sagen: »Ich maße mir diese Ehre nicht an.« Inzwischen wollte der Herr mit den Steinen der Königin die Tasse abnehmen; sie lehnte es aber ab, neigte sich dem Kinde, welches unbefangen umher lächelte, entgegen, faßte seine Händchen, streichelte ihm die Wangen und gab ihm dann aus ihrer Tasse in dem Teelöffel zu kosten. Sie fragte die Wärterin nach dem Alter des Kindes, nach seinen Eltern und was dergleichen mehr war. Alles dieses geschah in der Entfernung weniger Schritte von dem Platze, wo ich stand, so daß ich diese Einzelheiten genau bemerken konnte. Man begreift, welchen Eindruck der Vorgang im Volke machen mußte, bei dem eine Königin sich so lieblich mütterlich gegen ein fremdes Kind bezeigte. Es wurde nicht gerufen oder sonst eine laute Freude an den Tag gelegt, aber rings um mich her hörte ich murmeln, daß das doch noch eine Königin sei, wie sie sein müsse. Dieser Tag hatte für mich eine Belehrung unerwarteter Art in seinem Schoße. Ich wußte vom alten Fritze, konnte alle Schlachten des Siebenjährigen Krieges nach der Schnur her erzählen, es war mir bekannt, daß die Kaiserlichen Magdeburg zerstört hatten, und die Königin von Preußen hatte ich soeben gesehen. Aber wie das alles mit der Gegenwart zusammenhing, darüber fehlte mir jede Vorstellung, und in betreff der aktuellen Regierung ging es mir, wie Götzens Karl Vgl. Goethes ›Götz v. Berlichingen‹ I. Aufzug , als er nach dem Herrn von Berlichingen befragt wird. Aus Rathmanns Geschichte waren mir die alten magdeburgischen Erzbischöfe als besonders kenntliche Figuren entgegengetreten, und ich glaubte daher an deren Fortbestand so treuherzig, wie Campes Kinder Die Kinder, die die Bücher von Joachim Heinrich Campe (1746 bis 1818) lasen; das verbreitetste war sein 1779 erschienener ›Robinson der Jüngere‹, nach dem Englischen des Defoe. daran glauben, daß ihr Freund Robinson noch am Leben sei. Der Tag aber, von dem ich rede, sollte mich enttäuschen. Glücklich und unbemerkt war ich nach Hause zurückgelangt und saß meinem Vater bei Tische gegenüber. Er hatte sofort nach der Rückkehr von der Cour die Gala abgelegt, war jedoch schweigsam und ernst, und überhaupt herrschte eine gewisse feierliche Schwüle im Familienkreise. Mir wurde dabei im Bewußtsein des verbotenen Genusses, den ich gehabt, nicht ganz wohl. Ich hielt es unter diesen Umständen für doppelt geraten, der Unterhaltung mich nach Kräften anzunehmen, damit sie nicht etwa in verfängliche Nachforschungen abspränge, und so fuhr ich plötzlich, als eine lange Stille im Gespräch entstanden war, mit der Frage heraus: wer jetzt Erzbischof von Magdeburg sei? Hierauf sah mich mein Vater mit einem Blicke an, den ich nie habe vergessen können. Er hatte hellblaue Augen, die eines blitzenden Ausdrucks fähig waren. Diese blitzenden blauen Augen auf mich werfend und auf mir ruhen lassend, sagte er ganz ruhig und gehalten, aber so, daß mir der Ton durch Mark und Bein ging: »Das Erzstift ist lange aufgehoben und zum Herzogtum Magdeburg gemacht. Der König von Preußen ist Herzog von Magdeburg.« »Und du hast heute gegen meinen Befehl die Königin gesehen,« dachte ich, würde nachfolgen, glühend in meiner Sündenschuld. Indessen verblieb es bei jener Auseinandersetzung, die mir eine ganz neue Welt eröffnete, mich aber fast so traurig machte, wie Robinsons junge Freunde wurden, als sie vernahmen, ihr insularischer Einsiedler sei längst im Himmel. Ich hatte mich immer darauf gefreut, einmal einem lebendigen Erzbischofe in dem Ornate, den ich an ihren Stein- und Metallbildern im Dome sah, zu begegnen, und mich lange im stillen verwundert, warum sich statt dessen nur Domprediger zeigten. Jetzt wußte ich freilich, woran ich war; der Herzog von Magdeburg wollte mir aber wenig behagen. In einer so fabelhaften Welt leben Kinder, wenn ihnen die Geschichte und die Wirklichkeit auch noch so handgreiflich aufgerückt wird. 4. Kapitel. Napoléon. Die erste große Weltbegebenheit, welche meinem Sinne einging, war der Krieg der Österreicher im Jahre 1805. Die Dinge, welche ich davon vernahm, sind charakteristisch, um die damalige, jetzt unglaublich aussehende Stimmung in Norddeutschland zu bezeichnen. Ich hörte nämlich eines Tages unter mehreren Bekannten des Hauses von dem nahen Ausbruche jenes Krieges reden, und es war nicht anders, als wenn es ein Unglück wäre, sollten die Österreicher siegen. An welche Schlußfolgerung diese Sorge geknüpft wurde, ist mir entfallen. Sie erschien um so verwunderlicher, als daneben her der Abscheu gegen den französischen Vergewaltiger ging. Ein alter Doktor, der Hausarzt, hatte sich besonders unter jenen Redenden hervorgetan, jedoch die Zweifelmütigen mit der Aussicht auf die gewisse Niederlage der Österreicher beruhigend. Dieser war es auch, der meinem Vater in seine Gartenstube die erste Nachricht von dem greulichen Unglücke bei Ulm brachte. »Was habe ich gesagt, Vetter!« rief er schon von draußen zwischen den Blumenbeeten meinen Vater an; »die Halters haben tüchtige Schmiere gekriegt.« Die »Halters«: die Österreicher wegen ihres beliebten Flickwörtchens. Am 17. Oktober 1805 übergab der österreichische General Mack die starke Festung Ulm an Napoleon, 23800 Mann der Besatzung wurden Kriegsgefangene. In vierzehn Tagen jenes Oktobers wurde eine österreichische Armee von 90000 Mann fast völlig vernichtet, kaum 20000 erreichten erschöpft und mutlos ihre Heimat. Am 13. November zog Murat in Wien ein. Am 2. Dezember folgte die Dreikaiserschlacht bei Austerlitz, in der Napoleon den deutschen und den russischen Kaiser besiegte. Am 26. Dezember wurde der Friede von Preßburg geschlossen, durch den Österreich 1000 Quadratmeilen Land und fast 3 Millionen Einwohner verlor, von der Schweiz und Italien fast ganz abgeschnitten wurde und den Einfluß auf das übrige Deutschland fast gänzlich einbüßte. Am 6. August 1806 legte Kaiser Franz II. die deutsche Kaiserwürde nieder: das alte römische Reich deutscher Nation war damit aufgelöst. – Was Immermann von seiner knabenhaften Stellung zu diesen großen Ereignissen erzählt, ist ein Bildchen für die ganze Haltung Norddeutschlands, zeigt also, daß die Deutschen ein Einheitsgefühl nicht hatten. Ich saß mit meiner Rechentafel beschäftigt in einen schwierigen Bruch vertieft und dachte, als ich nun Macks Kapitulation mitanzuhören bekam, im stillen: »Da habt Ihr es für den Sturm von Magdeburg!« Wie erdichtet klingt es, es ist aber wahr, daß die demnächst erfolgte Auflösung des Reichs und die Niederlegung der Kaiserkrone bei uns nur Freude erregte. Es wurde darüber gewitzelt, gespöttelt, und ein munteres lebhaftes Frauenzimmer, deren Junge bei keiner Gelegenheit zu feiern pflegte, habe ich ausrufen hören: »Nun hat sich das Franzel selbst auf Pension gesetzt!« Ein großer illuminierter Kupferstich hing in einem Bilderladen aus, da sahen wir einen untersetzten Mann im blumenbesäten Mantel von einem alten Manne in Purpur etwas empfangen, was wir nicht recht unterscheiden konnten, und ringsumher Damen und Herren, prächtig gelb, rot, blau, grün angestrichen, und man sagte uns, das sei die Kaiserkrönung Bonapartes. Napoleon war am 18. Mai 1804 zum Erbkaiser der Franzosen ernannt worden, am 2. Dezember assistierte der Papst Pius der Siebente der Kaiserkrönung, doch setzte Napoleon sich und seiner Gemahlin selber die Krone auf. Mit diesem verknüpften wir den Begriff, daß er eine Art von Tollem sei, der sich zu seinem Vergnügen überall in der Welt herumhaue und herumschieße. Daß er uns etwas tun könne, fiel niemandem ein. Wenn von seinen Siegen 1805 die Rede war und nebenher noch manches andere zur Sprache kam, was er getan, so hieß es immer: »Laß ihn sich nur erst einmal gegen die Preußen versuchen!« Für uns Kinder hatte er durchaus etwas Lächerliches, und das kam daher, weil seine einzige Verehrerin im Kreise der Bekanntschaft uns den Lachreiz durch ihre Person gab. Diese Bonapartistin war nämlich eine alte unvermählt gebliebene Jugendfreundin der Großmutter, die uns um so mehr auffiel, als wir sie nur in Gesellschaft der Großmutter sahen und da allerdings ein starker Kontrast hervortrat. Die Großmutter, zu ihrer Zeit eine gepriesene Schönheit, war eine große, wohlerhaltene Frau in den Fünfzigen; die Freundin dagegen eine kleine, verwachsene Gestalt mit einem Gesicht, grau, faltenreich, alräunchenhaft. Die Großmutter sprach laut, daß man es im dritten Zimmer hören konnte, die Freundin hatte den asthmatischen piependen Ton, hüstelte zwischen jedem Satze und mengte in alles französische Phrasen, hinter deren jeder aber das Wörtlein: Hé quoi? angeflickt wurde, gleichsam als Ballast für das unter fremder Flagge fahrende Schiff. Da sie nun überdies auch Tabak schnupfte und immer einen grünseidenen Hut trug mit roten Rosen, so war sie für uns eine entschieden komische Figur und hieß wegen ihrer Anhänglichkeit an den frisch Gekrönten »Rustan«, denn von diesem Leibmamelucken war auch schon vielfach Rede gewesen. Tante Rustan hatte sich also beizeiten für den Gewaltigen entschieden und verhehlte nicht, daß sie ihn für den ersten Helden und größten Mann aller Zeiten halte. Toulon, Ägypten, Montenotte, Millesimo, Dego, Arcole, Lodi, Marengo stäubten ihr nur so von den Lippen, und da sie nach der Art alter Jungfrauen sehr viel sprach, so erfuhren wir von diesen französischen Heldenwundern nicht seltener als von den Schlachten des Siebenjährigen Krieges durch den Vater. Es fehlte aber viel, daß sie auf uns einen ähnlichen Eindruck gemacht hätten, denn Tante Rustan piepte, hüstelte und näselte sie ab, wodurch alle Würde des Vortrags verloren ging. Es kam dazu der Umstand, daß sie in eigensinniger Verkehrtheit dem Namen ihres Helden einen ganz ungehörigen Pleonasmus gegeben hatte. Sie nannte ihn nämlich nie anders als Neapoleon. Vergebens korrigierte sie die Großmutter jedesmal, so oft diese sonderbare Verlängerung hörbar wurde, umsonst wurde sie auf gedruckte Dokumente verwiesen; sie blieb dabei, daß das Wort »Napoleon« eine neidisch verkleinernde Kontraktion sei und dass der Name in seiner wahren Fülle so klinge, wie sie ihn ausspreche. – Wir Kinder aber, die wir wohl wußten, wie es darum stand, setzten bei uns in der Stille fest, daß an einem Manne, den seine eifrigsten Anhänger nicht einmal richtig zu benennen wüßten, unmöglich viel sein könne. Was meinen Vater betrifft, so nannte ihn dieser nur »Bonaparte«, ist auch bei der Bezeichnung die ganze Zeit der Unterdrückung hindurch verblieben. Übrigens stimmte er weder in die Herabsetzungen der Österreicher ein, obgleich er auf dieselben vom »Könige« her nicht gut zu sprechen war – noch ließ er sich zu übermütigen Dingen wider den französischen Kriegsfürsten verleiten, wie er denn der ernsteste und in sich gezogenste Charakter war, der mir je vorgekommen ist. Sein Vertrauen aber auf Friedrichs Staat und Heer sprach er bei jeder Gelegenheit herzhaft aus. Dieses Gefühl steigerte sich noch, als auf einer großen Magdeburger Revue plötzlich französische Marschälle von Hannover aus als schlaue Ehrengäste erschienen. Der Herzog von Braunschweig Herzog Karl Wilhelm Ferdinand (1735-1806), vom Siebenjährigen Kriege her der berühmteste Heerführer Norddeutschlands nach Friedrich dem Großen. In den Feldzügen gegen die Franzosen von 1793 und 1794 hatte er jedoch seinen Ruhm nicht vermehrt; von dieser »Rheinkampagne« ist gleich darauf die Rede. General Bernadotte: der nachmalige erwählte König von Schweden. stand jener Heerschau vor, und eine ganze Woche lang sahen wir alle Morgen die Regimenter im höchsten Staat mit den Fahnen vom Siebenjährigen Kriege her, die nur in Fetzen flatterten, aber wie wir wußten durch diesen Beweis des empfangenen Kugelsegens um so ehrwürdiger waren, ausrücken. Nicht genug konnte man sagen, wie die Marschälle, unter denen wir Bernadotte nennen hörten, des Lobens und Rühmens voll seien über die preußischen Truppen, und Jeder, der davon sprach, tat, als sei ihm etwas Schmeichelhaftes widerfahren. Diese kindischen Geschichten lehren, daß damals der Traum sicherer Größe nicht bloß von einzelnen Verblendeten und nicht von einer Klasse, sondern durch alle Stände und bis zu den Kindern hinab geträumt wurde. Es schien, als ob alle Welt einen Taumelkelch getrunken habe, denn es gab doch Landkarten und statistische Bücher, und die sogenannte Rheinkampagne hatte doch endlich zu dem nicht sehr ehrenvollen Frieden von Basel geführt; aber keine Erinnerung schreckte. Ja es war, als ob der Mann, der sich andrer Orten so furchtbar erwiesen hatte, in diesem Falle den Schwindel mehren sollte, anstatt von ihm heilen. Die preußische Armee, mit der Revolutionsmasse zusammengestoßen, schien da einem ihr nicht gemäßen Elemente begegnet zu sein, die Zweideutigkeit der Erfolge konnte aus einem gewissermaßen unanständigen Versuchen der Kriegsmeisterschaft wider rohes Naturalisieren abgeleitet werden. Wie nun aber Napoleon als unbezweifelbarer Virtuose des Metiers hervortrat, so entstand sofort die Vergleichung mit Friedrich, und da dieser dem Durchschnitte der Menschen noch immer als der Höchste galt, der überhaupt im Kriegswesen denkbar sei, so fiel das Prognostikon unbedingt ungünstig wider den französischen Helden aus. Man nahm an, daß Napoleon sich nach Regeln schlage, und die Regeln aus Friedrichs Schule, deren Tradition noch bei dem Kriegsstaate fortgepflanzt wurde, mußten natürlich die siegbringenden sein, wenn auch von noch so alten und kraftlosen Händen ausgeführt. Möllendorf Generalfeldmarschall Wichard Joachim Heinrich v. Möllendorf (1724-1816); das hohe Alter der preußischen Generale, Obersten usw. war eine Hauptursache der bald folgenden Niederlagen. wurde mit der größten Ehrfurcht genannt, doch erinnere ich mich auch, daß Blücher Gebhard Lebrecht v. Blücher (1742-1819) nahm schon am Siebenjährigen Kriege, jedoch auf schwedischer Seite, teil. In den Rheinfeldzügen zeichnete er sich als preußischer Oberst bei Luxemburg, Kaiserslautern, Mooschheim, Weidental und Moorlautern aus; 1794 ward er Generalmajor. schon damals in den Gesprächen stark hervorklang und daß man wegen eines kühnen und gewaltigen Reiterangriffs (welcher? ist mir entfallen) an ihn die Aussicht knüpfte, vor ihm sei, wenn er zum Einhauen komme, kein Bestand, denn er reite Alles nieder. Indessen glaubte bei uns seit der Revue, welche die Marschälle besucht hatten, niemand mehr an den Krieg mit den Franzosen. Es hieß, daß sich nun die Obersten der fremden Armee selbst von der Vortrefflichkeit des preußischen Exerzitiums überzeugt hätten und daß der französische Kaiser daher wohl Bedenken tragen würde, eine schlimme Lektion in Empfang zu nehmen. Aber eines Tages sahen wir plötzlich in dem großen, gewaltigen Zeughause, welches zunächst dem Dome einem bedeutenden Teile des Neuen Marktes seine Front zukehrte (es ist nachmals abgebrannt), eine unruhige Bewegung. Die Flügelpforten des Gebäudes waren aufgetan; neugierig schauten wir in die geheimnisvollen schwarzen Räume, in welchen Geschütz an Geschütz, Kugelhaufen an Kugelhaufen sich befand. Ein Zufall begünstigte meine Forschbegier, ich drang in diese Werkstätte des Todes ein und gelangte selbst auf die oberen Böden. Dort sah ich mit schaurigem Vergnügen auf unabsehlichen Gerüsten den Feuergewehrbestand des Magazins. Soldaten schleppten sich mit Flinten und Pistolen, unten wurden Kanonen und Lafetten untersucht, hinausgefahren, und zwei Offiziere, hinter denen ich herging, hörte ich die charakteristischen Worte sprechen: »In vier Wochen wissen wir, woran wir sind.« 5. Kapitel. Preußens Fall. Bald nachher wurde die Stadt der Schauplatz eines fortgesetzten Heereszuges. Regimenter zu Fuß und zu Pferde, Batterien, Fuhrkolonnen, Feldbäckereien, Pontons (die uns ganz besonders auffielen) marschierten und fuhren wochenlang zum Brücktore herein, zum Sudenburger Tore hinaus. Eine Kriegsschar in Bewegung hatte damals anderes Beiwerk als jetzt. Der Troß in seiner Sonderbarkeit prägte sich der kindlichen Vorstellung tief ein. Schon die Packpferde waren uns merkwürdig, welche den Regimentern die Zelte nachtrugen. Ein weitläufiges Geschnür von Leinwand und Stricken auf dem Rücken eines solchen Tieres und darüber hinaus die langen Zeltstangen balancierend! Pferd mußte hinter Pferd gehen, weil sich sonst die Stangen gestoßen hätten; man kann also denken, wie lang die Koppel wurde. Noch wunderlicher aber kamen uns die rotangestrichenen Küchenwagen der Generale und Obersten vor. Diese Wagen hatten nämlich zu beiden Seiten lange Gatter mit vorgehängten Freßtrögen, und hinter den Stäben strobelte sich und gackerte das Federvieh: Hühner, Kapaunen, Truthennen, welches die Befehlshaber zur Sicherung ihrer Tafelfreuden mit in den Krieg nahmen. Eine solche Fürsorge kam selbst uns Kindern befremdlich vor, und ich erinnere mich, daß einmal einer meiner Spielkameraden bei dem Anblicke solcher beweglichen Hühnerhöfe ganz naiv fragte: ob es denn unterwegs in den Dörfern keine Hühner gäbe? Herrlich nahmen sich unter dieser schwerfälligen Feldökonomie die leichten bunten Bosniaken und Towarczys Bosniaken nannte man damals ein preußisches Reiterregiment, das mit Lanzen bewaffnet war; aus diesen »Bosniaken« und »Tataren« und »Towarczys« wurde 1808 das erste preußische Ulanenregiment gebildet. Die Towarczys (polnisch: Gefährten bedeutend) waren ein preußisches Regiment, das 1800 aus dem kleinen polnischen Adel gebildet war. Auch die Ulanen kommen zuerst bei den Polen vor; sie sollen nach einem tatarischen Anführer Ullan genannt sein. aus. Tante Rustan war, sobald die verhängnisvollen Züge begonnen hatten, noch quecksilbriger geworden und hatte die deutsche Mundart in ihren Reden immer spärlicher hören lassen. Sie gab uns sogar eines Tages mit Energie den Rat, uns nur fleißig auf das Französischlernen zu verlegen, welchen wir jedoch mit entschiedener Verachtung zurückwiesen. Am Siege wurde nicht gezweifelt. Es war eine seltsame Schlußfolgerung aufgekommen, welche ihn logisch darweisen sollte. Napoleon wurde nämlich mit Alexander von Mazedonien verglichen, hinzugesetzt aber wurde, Alexander habe auch nur über Perser seine Siege erfochten; da nun die Preußen keine Perser seien, so habe es mit ihm nicht viel zu sagen. Die Armee war in Thüringen, und durch unsere niedersächsische Ebene breitete sich nun im September und in der ersten Hälfte des Oktobers die tiefe Stille aus, welche großen Dingen vorherzugehen pflegt. Diese erschienen dann vorgebildet in der tragendsten Fata Morgana. Nämlich so: Am 14. Oktober 1806 war die Familie auf dem Neustädter Markte in einem verwandten Hause. Es war Herkommens, daß dieser Jahrmarktstag dort mit einem großen Essen gefeiert wurde; alle Freunde und nähere Bekannte nahmen daran teil, und zuweilen drängten sich gegen fünfzig Personen in der kleinen Predigerwohnung zusammen. Für die Kinder war der Tag eine andere Weihnacht und monatelang vorher Gegenstand der ausgelassensten Erwartung, denn alle Strenge der Disziplin hörte dann auf und die wildesten Spiele durften ohne Scheu vor Nachahndung in Hof und Hausflur getrieben werden. Es gehörte zu der Eigenart meines Vaters, daß, so stramm er sonst die Zügel festester Ordnung hielt, er solchen Saturnalien Ein römisches Fest um die Mitte des Dezembers, unserm Weihnachten ähnlich. alles nachzusehen wußte. Am Abend jenes Tages tollte denn also auch wieder ein großes Rudel von Knaben und Mädchen mit Haschen und Kämmerchen-Vermieten durch den Flur, als trotz des ungeheuren Lärmens ein Geschrei vom oberen Teile des Hauses sich hörbar machte. Ein Teil der Spielgenossen wurde dadurch nicht beirrt, mehrere aber ergriff doch die Neugier, sie liefen die Treppe hinauf, und unter diesen befand ich mich auch. Oben hatten wir folgenden Anblick: die Stube war gedrängt voll von Basen, Vettern, Öhmen, Muhmen, Freunden und Zugehörigen. In dem kleinen offenen Raume in der Mitte befand sich ein Mensch, der verrückt zu sein schien. Er sprang in kurzen Sätzen empor, hielt sich den Kopf mit beiden Händen, kreischte, jauchzte, umarmte jetzt diesen und dann den. Man drang in ihn, er solle denn endlich sagen, was er wolle; und da gab er in abgebrochener, keuchender Rede, untermischt von unartikulierten Tönen von sich, daß soeben bei dem Gouvernement eine Stafette eingegangen sei der Post und Überlieferung, Napoleon sei bei Schleiz total geschlagen und in voller Flucht nach dem Rheine. Hieran knüpften sich die glorreichsten Nachrichten von der Zahl der Toten, der Gefangenen, der eroberten Kanonen. Die Verluste gingen ins Unermeßliche. Der freudigste Jubel brach aus. Man schüttelte einander die Hände, Tränen der Rührung wurden vergossen, die Seligkeit des Glücks leuchtete aus den Augen der ältesten und trockensten Personen. Ich habe, wenn ich nachmals über diesen Vorfall in meiner Erinnerung kam, stets innig empfunden, wie tief die edeln Regungen, welche da erweckt wurden, in der menschlichen Brust gegründet sind. Man konnte wirklich zu jener Zeit vom Staate nicht viel mehr wissen, als daß er eine Anstalt sei, worin die Soldaten Spießruten liefen, worin der Adel empfange, der Bürger und Bauer aber zu geben habe, und dennoch jauchzten die Menschen über sein Glück: als hätten sie ein Vaterland, welches ihnen die köstlichsten Früchte der Freiheit und des Großsinns trage! Die Nacht und der folgende Morgen ging im Schwelgen des befriedigten Patriotismus hin. Um Mittag kam aber der Vater mit einem ernsten Gesichte von der Kammer zurück und sagte: »Bei dem Gouverneur ist keine Stafette eingegangen, und man weiß überhaupt nicht, woher die ganze Nachricht rührt. Prinz Louis soll bei Saalfeld angegriffen und schwer verwundet worden sein.« Das klang nun freilich gar anders, und die unbestimmte Ahnung eines Unglücks, welche sogleich hervortrat, erhielt die tiefste tragische Wendung. Denn der Prinz war für Magdeburg, was Achill für das Lager in der Ebene von Ilium gewesen. Er war Chef eines der bei uns garnisonierenden Regimenter, Domprobst, aber über diese Prädikate hinaus lagen die Zauber, mit denen er auf die Menschen wirkte. Seine Tapferkeit, Bonhommie, seine große Begabung für Musik nicht minder als seine Waghalsigkeiten und forcierten Ritte nach Berlin und selbst seine Schulden, Ausschweifungen und Liebeshändel hatten ihn in alle Lichter romantischer Beleuchtung gestellt. Der Tag und der folgende verging still und gespannt, und ich weiß noch, daß ich in meinem Knabenkopfe darüber nachdachte, wie es möglich sein könne, daß die Menschen an einem Abende entzückt und am Tage darauf niedergeschlagen wären. Ich wußte freilich keine Lösung zu finden, aber die erste Ahnung von der tiefen Zweideutigkeit und Tücke des Lebens entstand mir damals und knüpfte sich so an ein furchtbares allgemeines Geschick. Niemand wußte, wie die Sachen sich verhielten. Ein Nachbar trat im Dunkel unter das Fenster, zu dem der Vater hinaussah, und sprach von einer großen zweitägigen Schlacht bei Frankenhausen, die, als der Kurier abgegangen, noch unentschieden gewesen sei. Der Vater seufzte tief und stieß den Schmerzensruf aus: »Gott! Friedrichs Soldaten werden denn doch wohl ihre Schuldigkeit tun!« Der Morgen des 17. Oktobers (wenn ich nicht irre) brachte den Jammer der kläglichsten Gewißheit. Schon in der Frühe war ruchbar geworden, die Nacht zuvor sei ein verwundeter Offizier vom Schlachtfelde angekommen, der dem Gouverneur die schlimmsten Dinge entdeckt habe. Der Tod des Prinzen wurde bekannt. Aber, was in gewöhnlichen oder nur nicht ganz entsetzlichen Verhältnissen wie ein Fall sondergleichen erschienen wäre, das verschwand hier fast unbeachtet vor dem Heranschreiten des unerhörtesten Elends. Denn um neun Uhr morgens begann der Rückzug (wenn man ihn so nennen will) der geschlagenen Armee, welche in Magdeburg sich wieder sammeln sollte, und er hat ununterbrochen den ganzen Tag hindurch bis spät in die Nacht, sowie einen Teil des folgenden Tages fortgedauert. Aller Aufsicht entlassen, war ich als elfjähriger Knabe beständig auf der Straße, habe ihn daher mit meinen Augen gesehen und kann mithin sagen, daß meine erste große Anschauung der grausenvollste Sturz und Ruin gewesen ist. Um neun Uhr zogen die ersten Flüchtigen zum Sudenburger Tore herein. Haufen Fußvolks waren mit halben oder viertel Geschwadern Reiterei vermischt; dazwischen fuhren dann wohl einzelne Kanonen oder Pulverkarren. Durcheinander trieben Uniformen aller Regimenter und der verschiedensten Grade sich zur Stadt herein. Auch einzelne Packpferde mit den balancierenden Zeltstangen wurden wieder sichtbar, Feldequipagen folgten, und selbst die erbärmlichen roten Küchenwagen blieben nicht aus. Zuweilen kam ein Stabsoffizier gesprengt, befahl etwas mit heftigen Schreiworten an Leute, die nicht von seinem Regimente waren, und sprengte dann weiter, ohne darauf zu achten, ob sein Befehl ausgeführt wurde. Das Volk hatte sich auf dem Breiten Wege und am Neuen Markt in dichten Haufen versammelt und sah anfangs mit einer Art von dumpfer Hoffnung dieser Verwirrung zu. »Es sind die ersten Ausreißer,« hörte ich mehrere Leute sagen, »die halten sich nie in der Ordnung. Nur Geduld, bald werden reguläre Regimenter kommen!« Aber es wurde Mittag, es wurde Nachmittag, es ging gegen den Abend, und noch hatte das Durcheinander nicht aufgehört, noch immer wälzte sich der verworrene Knäuel, zu welchem der Schlachtengott hier ein Heer zusammengeballt hatte, durch die Straßen. Endlich kamen einige geordnete Scharen, gleichsam zur Probe und um doch auch eine Ausnahme von der grausen Regel zu zeigen. Eingehüllt waren nun die Fahnen, die auf dem Hinzuge so lustig im Winde geflogen hatten. Meistens zog alles ohne Sang und Klang einher. Nur einmal tönte die Musik hell, gleichsam ein Lachen der Verzweiflung über das gramvollste Geschick. Das war, als das Trompeterkorps eines Kürassierregiments einpassierte. Sie hatten ihr Regiment nicht hinter sich, waren überhaupt ganz allein und für sich und bliesen so auf ihre eigene Hand den Dessauer Marsch, als sei alles in bester Ordnung. Sie sahen wohl aus, die Trompeter, und saßen auf feistgenährten Pferden. Überhaupt fiel es auf, daß die einzelnen nicht abgerissen oder abgehungert oder sonst zerstört sich ausnahmen; das Tiefste des Unglücks trat in diesem Kontraste persönlicher Wohlbehaltenheit mit allgemeiner Vernichtung zutage. Am Nachmittage wußte Jeder, daß es ein preußisches Heer eigentlich nicht mehr gebe. Eine marklose Trauer lag auf den Gesichtern der Menschen. Doch selbst in dieser regte sich noch der unbeschreibliche Geist, der jene Zeit charakterisierte. Ich hörte jemand zu seinem Nachbar sagen: »Das mag nun sein, wie es will, schlecht ist es allerdings hergegangen, aber wir haben mit Ehren verloren, denn ich hörte soeben, daß die Franzosen in der Schlacht nicht aus dem Schritt, die Preußen jedoch nicht einmal aus dem Tritt gekommen seien.« Er wollte damit andeuten, wie vortrefflich unsere Armee bei Jena und Auerstädt exerziert habe. Der König war angekommen und in der Domprobstei am Neuen Markte abgestiegen. Man wußte, daß er nach dem Fürstenwalle oder nach dem Gouvernementshause sich begeben hatte. Eine große Menge Menschen war, seine Rückkunft erwartend, in der hinabführenden Straße versammelt. Es dämmerte schon etwas, als der König die breiten Steine an der Seite der Straße zu Fuße heraufgeschritten kam, nur von einem Adjutanten begleitet. Bei seinem Anblicke brach die Menge in ein lauthallendes Vivat aus. Dieser Ruf mochte ihm so unerwartet sein, der Augenblick ihn in dem Bewußtsein seiner Lage so ergreifen, daß ihn die ihm sonst eigene Fassung verließ. Er zog sein Taschentuch hervor, bedeckte damit das Antlitz und ging so verhüllt einige Schritte weiter auf seinem Wege. Dann nahm er das Tuch wieder hinweg und schritt nun ernstgrüßend nach seiner Wohnung den Menschen vorüber, welche, erschüttert von der Träne ihres Herrschers, den gewaltigen Moment durch das tiefste, ehrfürchtigste Schweigen feierten. 6. Kapitel. Die Übergabe Magdeburgs. Die Stadt war von den Trümmern des Heeres überfüllt, und an ein Einquartieren der Soldaten wurde in der allgemeinen Unordnung nicht gedacht. Die armen Menschen suchten sich gegen die Herbstkälte in den Vorhallen der öffentlichen Gebäude, unter Schwibbögen, oder wo sonst ein Schutzdach überhing, zu bergen, wie es eben gehen mochte. Viele Tausende aber, die zu spät gekommen waren, lagen auf dem nackten Pflaster, und um wenigstens im Rücken einen Widerhalt zu haben, hatten sie sich zu beiden Seiten der Gassen gegen die Häuser gesetzt. So bildeten sie lange Spaliere Frierender, Hungernder, Murmelnder. In der Klosterstraße, worin das Haus meiner Eltern stand, war ein solches hauptsächlich aus Überbleibseln von polnischen Regimentern zusammengesetzt. Der Hunger quälte sie und zwang manchen zur Befriedigung durch den verachtetsten Wegwurf, da die Mildtätigkeit der Einwohner einer solchen Menge doch nur spärliche Kost darreichen konnte. Am ersten und zweiten Tage mögen zwischen vierzig- und fünfzigtausend Mann in Magdeburg gewesen sein. Für einen Leckerbissen galt es jenen armen Polacken, wenn sie zu dem hin und wieder empfangenen Kommißbrote eines Töpfchens mit braunem Syrup habhaft werden konnten, in welches dann oft eine ganze Korporalschaft gierig die Brotschnitte eintauchte. Indessen dauerte dieser Zustand nicht lange. Hohenlohe Fürst Friedrich Ludwig v. Hohenlohe-Ingelfingen (1746-1818), der Anführer der Preußen bei Jena. Am 28. Oktober kapitulierte er bei Prenzlau. zog ab, und etwa zweiundzwanzigtausend Mann blieben in der Stadt, die der alte Kleist Man darf diesen altersschwachen General nicht mit dem späteren Generalfeldmarschall Kleist von Nollendorf verwechseln. zu verteidigen denn doch notgedrungen sich das Ansehen leihen mußte. Es wurde sogar ein Wort ausnehmenden Heldenmutes von ihm umgetragen. Er sollte gesagt haben, er werde die Stadt halten, bis das Schnupftuch in seiner Tasche brenne. Jedermann machte sich daher auf eine Belagerung gefaßt und richtete sich auch im Hause ein wie in einer Festung. Die wertvollsten Sachen, das Silberzeug und was sonst einer wenig Raum einnehmenden Verpackung fähig war, wurde in Koffer und Kisten getan und darauf mit saurer Anstrengung in den Keller befördert, den Jeder für sich und die Seinigen auch als Zufluchtsort im Fall eines Bombardements erlas und zurichtete. Namentlich galt es für ein Sicherungsmittel gegen Bomben und Granaten, die Zugänge mit großen Düngerhaufen zu verwahren, so daß die Häuser bald wie polyphemische Herdengrotten Aus Homers ›Odyssee‹ bekannt, ein berühmter einäugiger Riese, der große Herden besaß. aussahen und dufteten. Aber dieses und anderes dergleichen wurde vor dem Antlitze der Gefahr nicht beachtet. Am meisten Sorge machte den Hausvätern die Verproviantierung ihrer Angehörigen. Mein Vater hatte kurz zuvor einen einfältigen Bauerburschen in Dienst genommen, weil es seine Sitte war, sich die Bedienten aus dem Stande der Roheit zuzuziehen; diesen sendete er nun in die nahen Dörfer aus mit dem Befehl, an Lebensmitteln zusammenzubringen, was er bekommen könne. Der Mensch war bis dahin völlig unbrauchbar gewesen, faul, nachlässig, langsam bis zur Widerwärtigkeit; bei diesem Verpflegungsgeschäfte aber nahm er sich, vermutlich aus dem Grunde, weil die Sache seinen Magen mit betraf, unglaublich diensteifrig. Als ein wahrer Eulenspiegel der Versorgung hatte er im Wortsinne der empfangenen Order an Lebensmitteln zusammengebracht, was zu bekommen gewesen. Mit einem vierspännigen Wagen passierte er ein, hochbefrachtet durch Säcke voll Korn, Mehl, Erbsen, Bohnen, Linsen, Kartoffeln; hinterher ging ein Gehilfe und trieb einen Mastochsen, mehrere Hammel und Schweine nach. Den Eltern wurde bei dem Anblicke dieser gigantischen Vorräte, die für einen zweiten trojanischen Krieg auszulangen schienen, doch bedenklich zumute. Man ließ von den Säcken und von der Herde die Hälfte an Befreundete ab und hatte kaum für den Rest Platz im Hause. So waren denn die Bürger wohlbereitet auf Erdulden und Ausharren, und es kam nun darauf an, was der Gouverneur tun würde. Ende Oktobers hieß es eines Morgens plötzlich, man könne nicht mehr zum Tore hinaus, weil die Franzosen davorständen. Jetzt also war die Stadt belagert, und wir Kinder wurden mit in den Belagerungsstand erklärt. Der Vater ließ uns nämlich abends nicht mehr zu Bette gehen, sondern der Reihe nach in den Kleidern auf einem Strohlager niederlegen, damit wir gleich munter und marschfertig seien, wenn das Bombardement angehe und Feuer ausbreche. Ney Michel Ney (1769-1815) 1805 wegen seines Sieges vor Ulm zum »Herzog von Elchingen« ernannt, seit 1812 »Fürst von der Moskwa«, einer der siegreichsten Marschälle Napoleons. machte an einigen Abenden schwache Angriffe auf das Krökentor und die Hohe Pforte, damit denn doch die Sache den Schein von so einer Art von Kriegsbegebenheit gewinne. Generalmarsch wurde geschlagen, ein halbes Stündchen an beiden Toren geschossen, und zwei oder drei Granaten fielen in die Stadt. Das war das Ganze. Der französische Marschall wußte, mit wem er zu tun hatte, und wollte einem Platze nicht schaden, den er schon für das Eigentum seines Herrn ansah. Bei einer jener Gelegenheiten sollten wir zugleich erfahren, wie tief sich das Verderben in den Stand eingefressen hatte, von welchem alles Heil des Vaterlandes erwartet worden war. Zwei Offiziere lagen bei uns in Quartier, zwei junge Leutnants. Als nun in einer Nacht das Schießen begann und die Trommel zum Generalmarsch gerührt wurde, verfügte sich mein Vater zu den beiden hinunter, um sie zu wecken, kam aber nach einigen Minuten blaß vor Entrüstung zurück. Denn als er den beiden gesagt, sie möchten aufstehen, der Feind greife die Stadt an und es werde Generalmarsch geschlagen, hatten sie versetzt, sie würden liegen bleiben. Und als er mit Nachdruck seine Botschaft wiederholt, hinzufügend, sie würden ihn wohl nicht recht verstanden haben, war ihm der eine ungeduldig in die Rede gefallen und hatte gerufen: »Ja doch!« Er solle sich doch deswegen keine unnütze Sorge machen, die Sache draußen werde schon ohne sie vonstatten gehen, und wirklich waren beide nicht zum Aufstehen zu vermögen gewesen. Nachdem wir etwa vierzehn Tage lang in einer stumpfen Erwartung hingelebt hatten, hörten wir von französischen Parlamentären, die mit verbundenen Augen zur Stadt hereingeleitet worden seien, und bald darauf geschah, was bekannt genug ist. Der Fall von Magdeburg war schlimmer als die verlorene Schlacht. Denn daß sich alte ermüdete Geister im offenen Felde wider Napoleon nicht zu helfen gewußt hatten, bewies doch eigentlich nur die Überlegenheit, die dem Genie immer beiwohnt. Allein ganz anders verhielt es sich hinter den Wällen einer mit zweiundzwanzigtausend Mann Garnison und Vorräten aller Art wohlversehenen Stadt, einem Feinde gegenüber, der nicht einmal Belagerungsgeschütz mit sich führte. Hier hätte eine ganz gewöhnliche Pflichterfüllung zugelangt. Und wollte man auch diese zu schwer für einen halb kindisch gewordenen Greis finden, so war doch der Umstand einzig in der Kriegsgeschichte zu nennen, daß unter den achtzehn Generalen und höheren Offizieren, aus denen Kleist seinen Rat zusammengesetzt haben soll, nur Einer der Kapitulation zu widersprechen wagte. Beinahe hätte der Ehrgeiz der Gemeinen, welcher in diesem Falle da rege war, wo er die wenigsten Antriebe empfing, am Morgen der Übergabe gefährliche Auftritte erzeugt. Die Leute waren schwer gereizt durch die schmachvolle Überlieferung, welche ihrer vollen Kraft und Stärke feiges Erliegen zumutete. Schon am Abend des siebenten Novembers hatten sich einzelne Unruhige geäußert, man müsse dem Gouverneur die Fenster einwerfen. Nun hatte man am andern Morgen in der Frühe unvorsichtigerweise von den Branntweinvorräten, welche in den Gewölben der Festung lagerten, den Soldaten reichlich zapfen lassen, weil man lieber diesen das Gute gönnte als den Franzosen. Dadurch aber waren die Köpfe entzündet worden und es bildeten sich, als die Stunde des schimpflichen Hinausmarsches herannahte und als man wußte, daß die Franzosen bereits auf dem Glacis aufmarschiert standen, große Haufen, welche wie wütend durch die Straßen liefen. Verschiedenartig war das rasende Beginnen, welches diese Meuterer androhten. Die Einen schrieen: Sie wollten den alten Hund (womit sie den Anstifter des Elendes meinten) massakrieren; die Anderen vermaßen sich, auf die Franzosen draußen losgehen zu wollen; mit Mord und Brand gegen die Stadt warfen wieder Andere um sich. Wenn der Aufruhr größere Massen ergriffen hätte, so wäre ein schweres Unglück zu besorgen gewesen. Denn Neys Schar wartete wohl nur auf eine günstige Gelegenheit, einzudringen und dann in der Stadt, als in einer erstürmten, zu plündern. Indessen wußten einige der im besten Ansehen stehenden Offiziere, welche den Haufen nachgingen, diese durch Zureden, Güte oder List zu beruhigen, auseinander zu bringen und unschädlich zu machen. Die Garnison wurde getrennt und zu verschiedenen Toren ausgeführt. Auf diese Weise nahm alles einen unschädlichen Verlauf; man erzählte aber, daß ein großer Teil der Soldaten unterwegs zornig die Gewehre auf dem Pflaster zerschmettert habe und ganz waffenlos, oder doch nur mit verstümmelten Waffen auf dem Platze angekommen sei, wo diese gestreckt werden sollten. Französische Husaren mit dicken Haarzöpfen sprengten in die Stadt, Chasseure folgten, bald zogen auch Infanterieregimenter ein, die gegen unsere Truppen ein ziemlich bettelhaftes Ansehen hatten, denn Ney führte eigentlich nur Halbgesindel. Die sogenannte »Löffelbande« war für die Festungen genügend erschienen, und die besten Regimenter hatten den Zug zu dem ernsteren Kampfe in Polen und Ostpreußen angetreten. Wir wußten jetzt wirklich, woran wir waren, wie jene Offiziere im Zeughause vorausgesagt hatten, und der eigentliche Stand der Sache sollte bald ganz klar werden. Die Franzosen benahmen sich nämlich durchaus nicht wie in einem durch Kapitulation übergebenen Orte, sondern eine Menge von Exzessen bezeichneten den Tag ihres Einrückens. Nun hatte sich gleich aus den Notabeln der Stadt eine Kommission zum Verkehr mit dem französischen Heerführer und zur Besorgung der städtischen Angelegenheiten zusammengetan. Diese wandte sich an Ney, da bei den untergeordneten Befehlshabern nichts auszurichten war, und bat um Schutz. Ney empfing die Bittenden äußerst höflich, versetzte aber auf ihr Gesuch, daß er unmöglich glauben könne, was sie ihm vortrügen, er kommandiere zu disziplinierte Truppen, eine kleine Erholung sei dem Soldaten auf seine Strapazen wohl zu gönnen. In der Nacht aber und am folgenden Tage mehrten sich diese »Erholungen«. Schränke wurden erbrochen, Silbersachen geraubt, Mißhandlungen an den ersten Einwohnern, Gewalttätigkeiten an Frauenzimmern verübt, so daß der Zustand nahe an eine Plünderung streifte und in diese übergehen mußte, wenn nicht von seiten des Machthabenden augenblicklich Einhalt geschah. Die arme Kommission begab sich daher wieder zu diesem, wurde anfangs gar nicht vorgelassen, nachher mit finsterem Gesicht empfangen und heftig angefahren: er begreife nicht, wie ihn die Stadt Magdeburg immerfort behelligen könne, da sie sich noch gar nicht um ihn bekümmert habe! – Die Mitglieder sahen einander betroffen an, da sie wußten, daß keine Form verletzt worden war, die der Überwundene dem Überwinder schuldig ist. Ungnädig entlassen verweilten sie draußen im Vorgemache noch einen Augenblick, über den Sinn der dunkelen Rede nachdenkend. Den legte ihnen nun ein Kommissär Ordonnateur aus, welcher mit ihnen in Neys Zimmer gewesen und ihnen gefolgt war, vermutlich abgesandt von dem Marschall, um der deutschen Beschränktheit zu helfen. Er sagte ihnen nämlich ganz freundlich, der Herr Marschall verstehe eigentlich unter dem Bekümmern das übliche Geldgeschenk, womit sich eine eroberte Stadt von der Einbuße ihrer Glocken loskaufen müsse, welche nach Kriegsrecht dem Eroberer angefallen seien. Nachdem die Kommission solchergestalt den Sinn des französischen Kunstausdrucks gefaßt hatte, fragte sie schüchtern den gefälligen Zahlmeister, der aber in diesem Falle zum Einnehmer werden sollte, auf wie hoch denn etwa das »Bekümmern« zu veranschlagen sei, und erhielt den Bescheid, einhundertfünfzigtausend Taler würden wohl hoffentlich genügen. Dem ersten Entsetzen über diese unmäßige Forderung folgte dann ein förmliches Ringen und Feilschen, und man handelte bis auf einhunderttausend Taler (wenn mir recht erinnerlich ist) herunter. Fünfundsiebenzigtausend Taler wurden nun in wenigen Stunden durch Beisteuern der reichsten Einwohner aufgebracht, über den Rest der Summe ließ sich Ney Wechsel gefallen. Es versteht sich, daß auch die Umgebung zu bedenken war und daß namentlich der Dolmetsch des fremden Ausdrucks ansehnliche Übersetzungsgebühren empfing. Tante Rustan hatte als eine wohlhabende Dame gleichfalls ihren Scherf zur »Bekümmerung« zahlen müssen. Ihr Gesicht soll wunderbar ausgesehen haben, als sie nach dem Geldschränkchen ging, die Rolle voll Goldstücke zu holen. Sie wußte nun desgleichen, woran sie war mit ihrem Helden, wenigstens mit seinen Leutnants . Sobald Ney das Glockenlösegeld empfangen hatte, ergingen die geschärftesten Befehle, Mannszucht herzustellen. Einige der Eroberer niederen Grades, welche sich noch beigehen ließen, auch zu ihrem Glockenanteile in den Kisten der Bürger zu gelangen, wurden mit strengster Strafe belegt, und jedermann war nun seines Eigentums und seiner Gliedmaßen sicher. Alle diese Vorgänge, über welche die Biographien des Fürsten von der Moskwa schweigen, hörten wir vom Vater erzählen, der auch in die Kommission eingetreten war. Die Zeiten, welche einem Schlage, wie er damals alle Verhältnisse zerschmetterte, folgen, sind eigentlich keine Zeit. Die Menschen leben nur vom Abend zum Morgen, ihre Vorstellungen schwärmen ohne Zusammenhang umher, den Entschlüssen fehlt jede Konsequenz, alles verzettelt sich, bröckelt auseinander und schnappt in den kurzatmigsten Anstößen nach Luft. Ein Land, eine Provinz, der jeder höhere Lebensatem solcherweise abgeschnürt wurde, bietet den Anblick eines niedergetretenen Ameisenhaufens dar. Die Tätigkeit der Herstellung ist groß, aber die Menschen wimmeln auch nur so durcheinander in tierischem Instinkt, die Eierchen wegzutragen, dieses Gängelchen und jenes Kämmerlein wieder auszutreten. Der Egoismus zeigt sich in seiner häßlichsten Gestalt, und die Gemeinheit deckt ganz scheulos ihre Blöße auf. Eine Karikatur erschien, welche Kleisten mit Beziehung auf das erzählte renommistische Wort des faselnden Greises darstellte. Das Schnupftuch hing ihm lang aus der Tasche, und ein französischer Soldat steckte es mit einem Fidibus hinterrücks in Brand. Und es gab Menschen, welche dieses Witzbild über die Schmach der eigenen Stadt kauften, auch darüber zu lachen imstande waren. Wir Kinder mußten von allen Seiten den großen Kaiser Napoleon nennen hören und seine außerordentliche Familie; da setzten wir uns hinter unsere Tuschkästchen, illuminierten kleine Landschaften und schrieben Dedikationen darunter »an Napoleon, den Unüberwundenen und Unüberwindlichen«, an die Kaiserin Josephine, an Murat. Eylau tönte nach einigen Monaten aus weiter Ferne herüber, und Kolberg, aber das war doch nur Schall und Rauch. Lange vor dem Tilsiter Frieden stand es in der Überzeugung eines Jeden fest, daß das Vaterland für uns verloren sei. Die Franzosen übten eine Nachsicht gegen die Anregungen, die der Patriotismus hätte finden können, welche von ihrer Verachtung zeugte. Schills Bild wurde bald in den Läden ausgeboten, Blücher ebenfalls, wie er bei Lübeck sich tapfer durchhieb, Friedrich der Große stand trübsinnig an eine abgebrochene Säule gelehnt, welche die Inschrift ›Preußens Größe‹ führte. Der Debit dieser Darstellungen wurde nicht gehemmt – ein Widerspruch gegen die nachmaligen argwöhnischen Beaufsichtigungen. Aus historischen Träumen erwacht, die für Wirklichkeit gegolten hatten, stießen sich nun die Menschen gegen eine Wirklichkeit, die fast wie ein grauser Traum aussah. 7. Kapitel. Familienleben in der Franzosenzeit. Die Einwohner des preußisch gebliebenen Staates hatten eigentlich gar keinen Zustand mehr Das Königreich Preußen bestand jetzt, nach dem Frieden von Tilsit, nur noch aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien. Magdeburg gehörte nunmehr zum Königreich Westfalen, dessen Hauptstadt Kassel und dessen König Napoleons Bruder Hieronymus war. , die neuen »Westfalen«, welche aus Niedersachsen, Hannoveranern, Braunschweigern, Hessen und einigen alten Westfalen koaguliert waren, hatten einen Halbzustand, ähnlich dem des Zusammenwohnens in einem teuren und dabei schlechten Gasthofe: sie machten zwar untereinander wohl Gasthofsbekanntschaften, aber immer mit dem Gedanken an baldiges Umziehen. Ihre Furcht empfand zwar, daß bei Sturm und Unwetter das löcherichtste Obdach immer noch besser sei als keines, jedoch erzeugte dieses Gefühl des einigermaßen Geborgenseins keineswegs eine Neigung zu dem traurigen Schutzmittel. Am meisten mögen die Sachsen in der alten Weise sich fortgedacht haben, doch kam auch bei ihnen allgemach die Überzeugung zum Durchbruch, daß ein zu mächtiger Freund eine gar bedenkliche Gabe des Schicksals sei. Der Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen, dessen Truppen bei Jena noch gegen Napoleon gekämpft hatten, trat wenige Wochen darauf dem Rheinbund bei und war ein aufrichtiger Verehrer und Verbündeter Napoleons. Er erhielt von diesem 1807 das Großherzogtum Warschau (das jetzige russische und preußische Polen); sein Land wurde zum Königreich erhoben. Die Städte, welche jetzt überall mit den Häusern zu den Toren hinauswandern, verödeten; in den Straßen begann Gras zu wachsen; ein eigenes Haus, wonach sonst jeder verlangt, wurde an vielen Orten wegen der Heereszüge ein Fluch. In meiner Vaterstadt kam einmal ein altes Mütterchen auf das Rathaus gegangen, überreichte der Serviskommission, ganz froh und erleichtert durch ihren Entschluß, die Schlüssel ihres Häusleins und sagte: die Herren möchten nun damit anfangen, was ihnen gut dünke; sie habe aufgegeben, was ihr doch nicht mehr gehöre, sondern der Einquartierung. So war das Gefühl und die Lage, als man sich von der ersten Betäubung erholt hatte und wieder um sich zu blicken begann. Die Teilnahme an den öffentlichen Dingen, soweit sie sich nicht in Haß entlud, schränkte sich darauf ein, daß jeder in seinem Kreise einzelnes wie Schulen, Stiftungen, Vermächtnisse, Anstalten vor dem Angriff der Fremden zu erhalten suchte. Der Patriotismus, wenn man das so nennen will, wurde durchaus lokal, korporativ; man sieht, wie die gewaltigste Zerschmetterung hier die ersten Keime des Verbindungsgeistes hervorrief, aus welchem naturgemäß ein erneutes öffentliches Leben der Deutschen nur emporwachsen kann. Aber die Familie hatte in ihrem innersten Wesen durch Napoleons Sieg nicht gelitten. Im Gegenteil, da ihr jede Neigung, sich nach außen zu wenden, nachdrücklichst verleidet wurde, da für keinen Besseren in den Beute gewordenen Landstrichen irgend ein Antrieb vorhanden war, im Gemüte mit dem Staate anzuknüpfen, so zog sie sich nur um so straffer, krampfartiger in sich zusammen. Was einer in seiner Frau, in seinen Kindern, in den Hausgenossen und nächsten Freunden hatte, das besaß er noch – und außerdem nichts. Das Gefühl dieses Zusammenhangs mit allen seinen Konsequenzen wurde daher noch gesteigert, jedes Haus war nur für sich da, und in dieser Isolierung und gesonderten Existenz tritt uns nun das Hauptunterscheidungszeichen der deutschen Familie während der Unterdrückung von der jetzigen in ihrer Verflößung nach dem Allgemeinen hin entgegen. Sonderbar mag der Zustand in Preußen gewesen sein. Die Last der Tyrannis war dort noch schwerer, unter ihr aber bestand denn doch der wundgedrückte Staat mit seinem Königshause, seinen Gesetzen und älteren Einrichtungen fort. Dazu kamen die Arbeiten der Wiedergeburt, die bald nach dem Sturze begannen, sowie die Einflüsse Fichtes und Jahns Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) wirkte namentlich 1808 in Berlin durch seine »Reden an die deutsche Nation«. Der »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) eröffnete 1811 eine Turnanstalt in der Hasenhaide bei Berlin; die körperliche Geschmeidigkeit und Abhärtung war ihm ein Mittel, kräftige Bürger eines künftigen Deutschlands heranzubilden. Von Fichtes Reden sagt Immermann: in ihnen »wagt ein einzelner Mann, ein deutscher Gelehrter, mit dem Gebieter der Welt in Kampf zu treten. . . . Man hat gefragt, wie es gekommen, daß keine Füsillade [Erschießung] die Folge jener Reden geworden sei. Die Antwort ist einfach. Es befand sich unter den Zuhörern kein Verräter. Dumpfe und Stumpfe, auch Mißwollende mochten darunter sein, aber Niemand, der schlecht genug gewesen wäre, den Franzosen den Sinn der Reden in ihre Sprache zu übersetzen. Denn Fichte hatte neben dem unerschrockenen Mute des Helden auch seine ganze Klugheit. Er stellte sich nicht unter den Augen des Feindes oder innerhalb der Verhacke desselben auf; er nahm eine feste Stellung auf vorteilhaftem Terrain: in Ideen, in solchen, die diesen Namen verdienten. Von Ideen wußten aber die damaligen Franzosen nichts; sie hatten dazu keine Zeit. Was sie von dem rohen Wortinhalt der Reden hörten, mochte ihnen nur wie puerile [knabenhafte] Schwärmerei des müßigen deutschen Geistes klingen.« Über Jahn urteilt Immermann, er sei einer der größten Sonderlinge deutschen Charakters gewesen. »Er hatte sich nicht bloß auf Erziehung und Sprache versessen, sondern wollte die Welt überhaupt in die Gestalt bringen, wie sie etwa ein gescheiter altmärkischer Bauer, der zufällig zehn Jahre lang studiert hat, erblicken mag. Jahn war der reformatorische Sonderling par excellence; er wollte Alles umkehren. Berlin lag ihm nicht an der rechten Stelle, an der Elbe sollte ein Preußenheim entstehen. Eine Volkstracht empfahl er an, worin Jeder bei den öffentlichen Gelegenheiten zu erscheinen habe; der Frack war ihm eine Todsünde. Volksfeste begehrte er mit dreiabendlichen Feuern an Tagen, deren Gedächtnis erst durch die Gelehrten im Volke hätte wieder erschaffen werden müssen. Handarbeiten müsse Jeder lernen, der Sinn für das Schöne sei zu wecken, nur solle nichts Nackt-Griechisches öffentlich aufgestellt werden. Selbst den Mädchen legte er Leibesübungen auf, und sogar schießen sollten sie lernen. Über den Staat müsse Jeder unterrichtet sein; Niemand solle Staatsbürger werden, der nicht vorher ein Examen über Pflichten und Rechte des Staatsbürgers bestanden hat. – Zwischen solchen Grillen finden sich helle Blicke über Regierungseinrichtungen, allgemeine Bewaffnung, Assoziationen. Jahns Stärke ist altmärkischer derber Bauernverstand; mit diesem Bauernverstande trifft er, soweit ein solcher reicht, nicht selten den Nagel auf den Kopf.« auf ihre nicht kleinen Kreise. Es ist unwahrscheinlich, daß dort die Isolierung der Familie in sich so groß gewesen sei wie links von der Elbe; der Blick mehrerer Menschen auch aus der Mittelschicht der Bildung mag sich in jenen Gegenden in das Öffentliche gesenkt haben, wenngleich die Städteordnung Ein Werk des Freiherrn Karl v. Stein (1757–1831), der im Verein mit Scharnhorst und Gneisenau die Erneuerung Preußens durch zweckmäßige Einrichtungen leitete. , die hier scheinbar den größten Anreiz hätte geben müssen, als ein zu neues Institut in der Tat am wenigsten wirksam war und nur von einem Teile der Städte als willkommene Gabe empfangen, von einem anderen Teile aber als Mittel beargwöhnt wurde, drückende Lasten durch die Belasteten verteilen zu lassen und sie dadurch scheinbar leichter zu machen. Eine besondere Äußerung des sich isolierenden Familiengefühls war der Nepotismus Vom italienischen nepote: Enkel oder Neffe: ungerechte Bevorzugung naher Verwandter bei der Besetzung von Ämtern. jener Zeit. Auch jetzt herrscht der Nepotismus; die Mehrzahl der einigermaßen wichtigeren Anstellungen geschieht in seinem Geiste, aber er wird sorgfältig verborgen, und nur dem Kundigeren gelingt es, in jedem Falle seine geheimen Fäden aufzufinden. Damals aber war er etwas Eingestandenes. Selten hatten die, welche das Geschick anderer zu gründen imstande waren, Hehl, daß sie vorzugsweise für ihre Angehörigen und Freunde sorgten; ja, es wurde wohl für einen Familienehrenpunkt gehalten, in dieser Weise zu verfahren. Sehr natürlich, wenn man die Lage der Dinge, wie sie war, in das Auge faßt. Auf das heranwachsende Geschlecht wirkte daher die Familie nicht als Teil eines Ganzen, sondern als rundes Ganzes. Der Sohn sieht jetzt den Vater in Verwicklung mit so manchen Übermächtigen und dabei Vernünftigen. Früh fängt er daher an, den Vater mit Dingen und Personen zu vergleichen. Ein solcher Seitenblick war der damaligen Zeit sehr fremd. Womit der Vater nicht fertig werden konnte, das war das Unvernünftige, Schlechte; durch keine Niederlage ging die Autorität verloren. Die Alten taten und verlangten allerhand, was der erwachende Verstand der Jungen nicht billigen konnte; das erweckte aber nur den stillen Wunsch der Jungen, auch dereinst so selbständig zu werden, um dergleichen ebenfalls tun und verlangen zu dürfen. Man vergönne mir die Erzählung einer lächerlichen Kindergeschichte! Das Oberhaupt einer Familie hielt Rührei für eine der Jugend schädliche Speise. Sooft sie daher im Hause bereitet wurde, erhielten die Kinder von derselben nur eine äußerst geringe Spende, wahrend der Vater zu sich nahm, soviel ein Mann in seinen Jahren bewältigen konnte. Der Älteste, in dessen lebhaftem Geiste ein frühes Freiheitsgefühl spukte, hatte diese ungleiche Verteilung der Güter auf Erden lange still gekränkt erdulden müssen. Endlich machte sich die Empfindung unter seinen Kameraden Luft. Wir saßen an einem Sonntagnachmittag zusammen und unterhielten uns, vom Spiel ausruhend, von dem, was jeder vornehmen wolle, wenn er erwachsen sein werde. Die Reihe kam auch an jenen Frondeur Mißvergnügter, der mehr im Verborgenen als öffentlich dem Machthaber entgegenarbeitet. , und dieser rief: »Ich lasse mir dann alle Abende noch einmal soviel Rührei machen, als mein Vater jetzt ißt!« Ein brennender Durst nach den Studentenjahren, von welchen man den Himmel aller Freiheit sich verhoffte, war ebenfalls der Ausdruck jener Wünsche. Die jetzige Stimmung junger Leute in Beziehung auf diese Periode läßt sich mit dem damaligen leidenschaftlichen Begehren nicht vergleichen. Aber die geheimen Leiden, Bitterkeiten und Anklagen jenes jugendlichen Alters raubten dem kindlichen Gefühle nichts. Die Eltern standen als der Mittelpunkt der ganzen kleinen Welt da, und eine einfache Pietät, eine schlichte Unterwerfung machte sich daher von selbst. Was aber in dieser durch Willkür und Unrecht hätte erschüttert werden können, wurde wieder befestigt durch den Anblick der Not, die jene litten. Die Kinder sahen die Eltern Not leiden, wenigstens Bedrängnis und Verdruß mancher Art, und deshalb wurden sie ihnen Gegenstand eines ehrfurchtsvollen Mitleids. Die Jugend kommt meistenteils gut aus der Hand der Natur, deshalb ist ihr eine zärtliche Teilnahme an den Leiden älterer Personen gar nicht so fremd, wie die Liebhaber der Erbsünde meinen. Nur verschwindet das Mitleid rasch aus der Erinnerung, wenn das Leiden aufhört. Hier aber waren dauernde Bekümmernisse, und deshalb bildete sich auch die sympathetische Empfindung stationär aus und gab dem ganzen Verhältnisse eine eigene warme Färbung. Patriarchalischer als jetzt war mithin die Gewalt in der eccelesia pressa des damaligen deutschen Hauses. Auch nach außen machte sich dieser patriarchalische Charakter geltend. War gleich von einer früheren, noch größeren Herbigkeit des Regiments schon viel abgeschliffen, so standen doch noch manche Ecken und Kanten da, die jetzt sonderbar auffallen würden. Im allgemeinen galt der Grundsatz, daß die Kinder der Eltern Eigentum seien und daß ein jeder mit seinem Eigentume schalten dürfe, ohne daß andere Einspruch zu erheben das Recht besäßen. Nichts Seltenes war es, daß die Eltern, gleichsam um ihr Eigentumsrecht durch untrügliche Zeichen abzustaben, die Kinder durch seltsame Kleidung oder andere Auffälligkeiten auszeichneten. Varnhagen Der Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense (1785–1858), aus Düsseldorf gebürtig. erzählt, daß ihn sein Vater als Türken habe gehen lassen. Dieser Zug gehört nun allerdings einer älteren Periode an. Aber auch ich erinnere mich noch mancher Dinge ähnlicher Art. So wohnten zwei Familienväter als nächste Nachbarn nebeneinander, deren Eigentumseifer gleich groß war, sich aber verschieden äußerte. Der eine hatte fünf rasch aufeinander gefolgte Knaben. Diese ließ er eines Tages plötzlich völlig uniformiert in rote Jacken mit blauen Sammetkragen und Silberstickerei und in gelbe Nankinghöschen stecken, in welchem schreienden Putze sie dann wie Jockeis verjüngten Maßstabes auf der Straße umherwandelten. Der andere gestattete an dem Haupthaare seiner Kinder nicht Schere noch Schermesser. Sie mußten ihre Mähnen bis auf die Mitte des Rückens hinabwallend tragen, obgleich keines etwa besonders schönes Gelock führte, sondern alle nur sogenannte Lichtspieße Der Lichtspieß ist ein langer, dünner, recht glatter Stab, an den die Seifensieder beim Lichterziehen die mit Schleifen versehenen Dochte stecken, um sie dann in die Lichtformen zu tauchen, wo der Talg sich an die Dochte setzt. Die glatten Strähnen gelblichen oder weißen Kopfhaars erinnerten an diese entstehenden Lichter. , an denen nichts zu schonen war. Dergleichen würde nun jetzt manche Verwunderung erregen, damals aber unterlag es keiner Zensur. Freilich gab es auch manches Haus, in welchem die weichliche Erziehung herrschte, über die Fichte in seinen »Reden an die Deutsche Nation« zürnt und Tieck in der »Verkehrten Welt« spottet. Es fehlte nicht an diesem und jenem »Ehepaare Rabe«, welches die »verehrungswürdigen Kleinen« zu den Gebietern des Hauses erhob. Aber auch diese Abirrungen verloren sich nicht aus dem patriarchalischen Gebiete, dessen Kennzeichen darin bestehen, daß der Untergebene etwas tun muß oder sich erlauben darf, weil der Vorgesetzte, bloß durch sich und seinen Willen bestimmt, ihm gebietet oder verstattet. Es waren schwächliche Despoten, solche Eltern, wie sie aber in größeren Verhältnissen auch vorkommen, wo dann Weiber oder Eunuchen herrschen, ohne daß gleichwohl dadurch der Despotismus in das Repräsentativsystem oder in den Liberalismus umschlüge. Unter solchen Einflüssen entstehen Ungezogenheiten, die Widerstandslust wird genährt, und es kann bis zum offenen Aufruhr kommen; aber alles bleibt in der Sphäre Absaloms und Davids. Der moderne Geist, der die Familie zu durchziehen angefangen hat und dem jetzigen jungen Geschlechte zeitig die Ahnung gibt, daß ihm gegen das ältere Rechte zustehen, daß beide sich unter der Herrschaft eines gemeinsamen Begriffs befinden, war jener verkehrten Welt fremd. Ich für meine Person bin in der allerstrengsten Weise auferzogen worden, und da das, was ich erfahren, wie eine Spitze des alten Systems sich ausnimmt, so will ich einige Erinnerungen mitteilen. Seit meinem zehnten Jahre entbrannte in mir ein Lesehunger, der sich lange fortsetzte und den ich jetzt mir hin und wieder wünschen möchte. Diese Krankheit erscheint fast in allen Kindern, welche mit einigem Talent ausgestattet wurden. Der bloße Anblick eines Buches versetzt das damit behaftete Kind in eine Art von zitternder Begierde, die weniger die Stillung einer eigentlichen Neugier sucht, sondern aus der ersten Ahnung von dem unermeßlichen Reiche des Wissens entspringt. Nur im Gedruckten, was es auch sei, lebt und webt das junge Geschöpf, die entlegensten Winkel werden aufgesucht, um die geliebte Speise in Muße verzehren zu dürfen, frühe Morgen- oder späte Abendstunden bringen keinen Schlaf in das nach den Lettern verlangende Auge. Ich las, wessen ich nur habhaft werden konnte, und genoß die seligsten Stunden bei dem, was ich verstand und nicht verstand. Reisebeschreibungen, Biographien, Romane, Schauspiele wurden verschlungen. Aber auch das, was für meine Jahre von keinem Interesse sein konnte, war mir eine genehme Kost; ich arbeitete mich durch den ganzen weitschichtigen Abbé de la Pluche hindurch und sogar durch drei Bände von »Schlesischer Landwirtschaft«, die ich mir aus des Vaters Bibliothek zu verschaffen gewußt hatte. Ich war unglaublich fertig im Schnellesen, und ein nicht gar zu dicker Band kostete mich selten mehr als einen Tag. Mein Vater aber, dem diese Wut gefährlich für die Sinne und Phantasie seines Sohnes vorkommen mochte, erließ plötzlich das geschärfteste Edikt, daß ich nichts mehr lesen solle, als was er mir in die Hand gebe, worauf mir denn von ihm schmale Portionen zugingen, wöchentlich etwa ein Buch, meistenteils Reisen. Daß eine solche Untersagung, die in dem vollen Wachstum des Naturtriebes einschnitt, nichts verfing, war natürlich. Ich befriedigte mein Gelüste nun heimlich, wie es nur immer angehen wollte, nur noch glücklicher im verbotenen Genuß. Eines Tages saß ich denn auch im stillen Hinterstübchen, hingenommen von einer alten Schwarte und meines Wähnens völlig sicher. Die Lektüre war eine völlig unschuldige; ich las in einer Wiener Übersetzung vom Jahre 1720 oder da so herum »Des christlichen Märtyrers Polyeuct aus dem Französischen des Herrn Peter Corneille«. – Polyeuct will sich taufen lassen, dann will er doch wieder nicht, weil seine Gemahlin schlechte Träume gehabt hat, und dann geht er doch mit Nearch ab, sich taufen zu lassen. Paulina, die Gemahlin, erzählt Stratonicen, daß sie Severen geliebt habe; aber: »Bei aller großen Brunst, die er und ich auch hatten, von meinem Vater nur erwartet' ich den Gatten, wen er mir geben möcht', zu freien stets bereit ...« Auch sie sagt, wie schlecht sie die Nacht geschlafen habe. Felix, der Landpfleger, kommt und meldet seiner Tochter, Sever, der alte, totgeglaubte Galan, lebe und sei vor den Toren von Melitene; sie müsse ihn durchaus mit Höflichkeit empfangen, da er ein großes Tier bei Hofe geworden sei. Paulina will nicht. Da sie aber eine Komposition von Tugend und Gehorsam ist, so wirkt der Vater mit seinem Ansehen auf die letzteren Spezies, und Paulina ruft: »Ja denn! Ich muß von neu'm bezähmen mein Gefühl, bin Eures Machtgebots ergebnes Opferspiel!« Bei diesen verhängnisvollen Worten ergriff mich die Nemesis. Ich hörte meinen Namen mit dem bekannten erschütternden Tone hinter mir rufen, erschrak, der christliche Märtyrer flog, wie sein Kopf im späteren Verlauf der Tragödie, blitzschnell unter den Tisch. Ich wandte mich, mein Vater stand in der Kammer. Er sagte nichts, deutete nur mit dem Finger nach dem Buche, ich erhob es, reichte es ihm dar, ungefähr mit der Empfindung im Herzen, die ich nachmals, da ich den Polyeuct ohne Furcht lesen durfte, an Nearchen kennen lernte, als er nicht so rasch wie der Held in jene Ewigkeit einzugehen wünscht. Mein Vater sah das Titelblatt an, steckte das Buch zu sich, unbeweglich blieb sein Antlitz, kein Vorwurf überschritt die Lippen, schweigend verließ er die Kammer. Ich wußte aber, was es an der Zeit sei, noch ehe ein Dritter kam, der mir ankündigte, der Vater habe als Strafe festgesetzt, daß ich heute und morgen und übermorgen für mich bleiben solle und nicht am Tische der Eltern essen dürfe. Diese Ehrenbuße war mir die empfindlichste; aber weder meine Tränenklage noch die fürbittende Vorstellung des wohlwollenden Dritten, daß jener armenische Blutzeuge unter Kaiser Decius wohl unmöglich meine Einbildungskraft habe vergiften können, vermochte sie zu wenden. Es blieb bei der Sentenz, und sie kam ohne Milderung zur Vollstreckung, denn mein Vater dachte wie der Große Kurfürst: »Ich will, daß dem Gesetz Gehorsam sei.« Mehrere Jahre waren vergangen, aber eine zweite heftige Neigung, die mich von früh an peinigte, hatte sich nicht gesänftigt. Alles Dunkle, Geheimnisvolle, Umhüllte reizte mich über die Maßen. Schon als Kind zerlegte ich Spielzeug, um die Maschinerie zu erkunden, welche da draußen hüpfende Lämmer, hackende Bauern, tanzende Schäfer hervorbrachte. Pflanzen, die mir auffielen, wurden mit dem anhangenden Erdreich aus dem Boden gehoben, um das Wurzelgeflecht und die dazwischen wimmelnde Würmerwelt anzuschauen. Versiegelte Pakete alter Skripturen, die ich irgendwo gesehen, kamen mir nicht aus dem Sinn und galten mir für die Bewahrer merkwürdigster Geschicke. Hinter jeder zugeschlossen gehaltenen Türe witterte ich in Gelassen, die mein Fuß noch nicht betreten hatte, die größten Entdeckungen. Genährt wurde dieser Drang durch das düstre, winklichte Haus, in dem wir wohnten, und durch das Alter des Vaters, hinter dem eine so lange Vergangenheit sich ausbreitete. Besonders war der finstere Oberboden des Hauses der Schauplatz meiner Spürwanderungen. Es stand allerhand Gerät und Gerüll dort umher, das Sparrenwerk sah so sonderbar aus. Mein Vergnügen war, die verblichenen Schirme und Tapeten, die sich dort befanden, zu mustern; ich durchkroch ihn häufig in allen Richtungen und ließ keinen Winkel unbesucht, wobei ich mich an manchem Balken stieß. Nun brachte mich aber eine Bodenkammer, welche nie aufgetan wurde, fast zur Verzweiflung. Es hieß, daß der Vater darin allerhand Sachen aus der Zeit vor seiner Verheiratung aufbewahre. Was hätte ich darum gegeben, in die Kammer einzudringen! Ich suchte die Öffnung mit klugen Redeweisen zu veranlassen; es war aber umsonst. Oft lag ich mit dem Auge am Schlüsselloche, konnte aber nichts erspähen als eine unmäßig große Vache Sprich: Wasch. Bedeutet eigentlich Kuh, hier eine lederne Aufschnallkiste, die auf der Decke eines Reisewagens befestigt wurde. , welche von der Decke herabhing und die Aussicht versperrte. Wir wollten ins Mansfeldsche zum Oheim reisen. Im Hause wurde gepackt; ich trieb mich im ersten Stock in der Nähe der Bodentreppe umher. Eine Magd stieg diese empor, ich hörte oben aufschließen, nicht wieder zuschließen, die Magd kam herunter, einen Koffer mühselig hinter sich herzerrend, dem vermutlich ein anderes Reiseerfordernis aus der Kammer nachgeholt werden sollte. Nun war der langersehnte Augenblick gekommen, der denn auch atemlos benutzt wurde. Ich war im Nu oben und in der Kammer. Die Zeit war kostbar, ich hielt mich daher bei der Vache nicht auf, die wie der Schlauch des Äolus Aiolos, in der griechischen Götterlehre Sohn des Poseidon und König der Winde. Er gab dem Odysseus einen Schlauch voll Wind zur Schiffahrt mit. geschwollen daschwebte, noch bei den Billardqueuen, der eingelegten Armbrust, der Windbüchse, den Jagdtaschen und einer purpurroten Wildschur, sondern schoß auf ein Repositorium zu, welches in der dunkelsten Ecke des spinnenvollen Raums stand. Da lagen in den Gefachen umschnürte Pakete über Paketen, buntes Gequäst und Getroddel, Glaskästen und Wachsfiguren drinnen, ausrangierte Dosen und schadhaft gewordene Perlmutterfutterale. Aber von einem unteren Brette strahlte mir in mattem Glanze etwas entgegen; danach streckte sich meine Hand aus, denn ich war überzeugt, daß das der eigentliche Hort dieser Zauberhöhle sei. Ich hielt einen zinnernen Becher von mäßigem Umfange mit Fuß und bauchiger Wölbung zwischen den Fingern und entfernte mich eiligst mit meiner Beute. Auch im Hause hielt ich mich noch nicht für sicher, suchte mir vielmehr vor dem Tore einen abgelegenen Platz zwischen den Elbweiden, um die Art des Talismans zu erprüfen. In der Tat war derselbe von einer Beschaffenheit, die auch wohl die Aufmerksamkeit eines anderen als eines Knaben rege machen konnte. Ringsherum nämlich und von oben bis unten sah ich in gleichmäßig abgeteilten Quadraten über fünfzig Schildereien eingegraben und, dem Auge kaum lesbar, französische, lateinische, deutsche Verse darunter. Die Gegenstände derselben waren zwar äußerst verschiedenartig: ein Mann mit der Krone auf dem Haupte in Fesseln, ein Schiff, von den Wellen umhergeworfen, ein in die Höhe gewachsener Kürbis, ein Baum, an dessen Wurzel der Fäller hackte, Prometheus mit dem Geier, Tantalus, Ixyon, die Furien, Hunde, die den Hirsch verfolgten, und noch vielerlei mehr aus der Natur, der Geschichte, dem Fabelkreise. Aber nachdem ich einige Unterschriften entziffert und die Darstellungen untereinander verglichen hatte, erkannte ich, daß ihr Zweck nur einer und derselbe sei, nämlich: in wechselnden Bildern das traurigste Geschick zu versinnlichen. Diese Konjektur fand in einigen vergilbten Blättern, die in dem Becher lagen, Bestätigung. Sie waren ganz mürbe. Mit ausgeblaßter Tinte bekannte darin jemand, der sich aber nicht nannte, daß er die Arbeit zur Erheiterung seiner jammervollen Stunden vorgenommen habe. Jede Schilderei wurde nummerweis beschrieben, die Unterschriften hatte der Unglückliche auf dem Papiere wiederholt. Da war er gekrümmt in schweren eisernen Banden und hatte keine Ruhe wie Manasse, der König von Juda, als er gefangen saß zu Babel; seines Lebens Schiff war hin und her gestürmt worden und endlich untergegangen. Stolz und verwegene Wünsche hatten in ihm getrieben wie die Ranken am Kürbis des Propheten Jonas, auch an seine Wurzel war die Axt gelegt, auch an seiner Leber nagte der Geier; die Qualen der Unterwelt, welche der Verfertiger abgebildet hatte, die Furien, waren ihm nicht fremd, tausend Sorgen verfolgten ihn wie Hunde den Hirsch. Die Arbeit war äußerst fein, aber nur sehr flach eingegraben; sie ließ auf ein Instrument wie eine Radiernadel schließen. Auch darüber belehrte das alte mürbe Papier. Mit einem spitz abgeschliffenen Nagel war, so sagte der Unbekannte, das Leidenswerk vollbracht worden. Da saß ich nun mit meinem Zauberbecher zwischen den grauen Weiden und zerbrach mir den Kopf. Daß er eine Kerkerarbeit sein mochte, konnte ich aus dem Könige in Ketten, sowie aus manchen andern Anspielungen schließen. Auch daß der Gefangene eine Person von Stand und Bildung gewesen war, verrieten die Bilder und ihre Unterschriften. Aber wer in aller Welt war er gewesen? Welches entsetzliche Schicksal hatte ihn in den Abgrund solches Elends hinuntergestoßen? Und wie kam mein Vater zum Besitze dieses Schmerzensdenkmals? Ich rieb an ihm wie Aladdin an der Lampe; es erschien aber kein Geist, das Geheimnis zu offenbaren. Endlich ergriff mich, als die Sonne sank, unter den einsamen, traurig flüsternden Stämmen, den Wellen der Elbe gegenüber, die auf dem nassen Sande zu meinen Füßen andringlich ihre Schaumkreise absetzten, ein Grauen; ich schüttelte mich und eilte mit dem gefährlichen Kleinode unter dem Tuche nach Hause. Die Reise in das Mansfeldische, sonst eine Jubelfahrt für die Kinder, konnte nun meine grübelnden Gedanken nicht zerstreuen. Ich schlich mich, so oft es unbemerkt geschehen konnte, beiseite und dachte über meinen Becher nach, der mir allmählich der Kern einer romanhaften Geschichte zu werden begann. Wir kehrten zurück, und meine geheimen Aufregungen dauerten fort. Niemandem sagte ich etwas von der Sache, weder meinen Geschwistern noch meinen vertrautesten Schulkameraden. Sie blieb mein teuerstes, aber auch mein quälendstes Eigentum. Ich war etwa vierzehn Jahre alt, also schon fähig, zu kombinieren. Eine Erzählung von der Eisernen Maske Ein französischer Staatsgefangner, der durch eine schwarze Maske unkenntlich gemacht war; er starb 1703 nach sehr langer Gefangenschaft. Jetzt nimmt man an, daß er ein mantuanischer Minister Mattioli gewesen sei. fiel mir in die Hand, hier fand meine Entdeckung Grund und Boden in einem rätselhaften Geschicke anderer Zeiten; ich meinte, der Becher möge wohl von einem ähnlichen Staatsgefangenen herrühren, und hatte nicht übel Lust, meinem Vater in einer uns verborgenen Periode seines Lebens die Rolle des Gouverneurs von der Insel St. Margareta Der erwähnte Staatsgefangene wurde mit größter Achtung behandelt, nur durfte er mit Niemand als seinem Kommandanten reden, der ihm darum auch selber sein Essen auftrug, und es war ihm angedroht, daß er sofort getötet würde, wenn er die Maske abnehme. Er wurde zuerst dem Kommandanten des Schlosses Pignerol, St. Mars, anvertraut; als dieser auf die Insel St. Marguerita versetzt wurde, nahm er auch den Gefangenen mit; ebenso kam er in die Bastille zu Paris, als St. Mars zu ihrem Kommandanten ernannt wurde. Man hielt im Volke den geheimnisvollen Gefangenen für einen königlichen Prinzen, den Ludwig XIV. beseitigen, aber nicht töten wolle. zuzuteilen. Es wäre nun wohl das kürzeste gewesen, ihm meinen unschuldigen Raub zu gestehen und ihn um den Zusammenhang zu befragen. Denn unschuldig war der Frevel im höchsten Grade gewesen; ich hatte den Becher bei der ersten günstigen Gelegenheit wieder an seinen Ort zu bringen mich beeifert, da mir nichts im Sinne gelegen als die Stillung meiner Wißbegier. Aber keine menschliche Macht hätte mich zu einem solchen Wagnis bewogen. Ich wußte, daß mein Vater mir nichts tun würde, da er nur mit Blicken und kurzen Worten zu wirken pflegte. Die Gewalt dieser Blicke und Worte war aber für uns so mächtig, daß wir uns mehr davor fürchteten als andere Kinder vor den härtesten Strafen. Ich blieb also lieber gepeinigt und unaufgeklärt. Erst weit später, in fremdem Lande, durch einen launischen Zufall, erfuhr ich, was ich damals so vergeblich forschend betrachtet hatte. Immermann hat also zufällig ein Buch recht spät gelesen, das zu seiner Zeit eines der gelesensten war: das Leben des Freiherrn Friedrich v. d. Trenk. Im achtzehnten Jahrhundert waren die Freiherren Franz und Friedrich v. d. Trenk, Vettern, sehr berühmt wegen ihrer körperlichen Stärke, ihres verwegenen Mutes, ihrer geistigen Begabung und ihrer Abenteuerlust; sie waren fähig und geneigt, auf eigene Faust Soldaten anzuwerben und Kriege zu führen, ähnlich wie in früheren Zeiten Wallenstein, Götz v. Berlichingen und andere Ritter und Kondottieri; sie erschienen den Fürsten abwechselnd brauchbar und gefährlich. Friedrich v. d. Trenk genoß zunächst die Gunst Friedrichs des Großen, dann fiel er in Ungnade wegen eines Liebesverhältnisses mit der Prinzessin Amalie von Preußen; später wurde er wieder in Dienste genommen, bald aber schien er wieder verdächtig. Von 1754-63 hielt ihn Friedrich in einem eigens für ihn gebauten Kerker zu Magdeburg gefangen; aus dieser Zeit rührt der von Immermann beschriebene Becher. Der unruhige Mann endigte 1794 zu Paris auf der Guillotine. 8. Kapitel. Erstes Semester in Halle. Zwischen der Schule und Universität ist eine große Kluft. Den Sprung vom erzwungenen zum freien Lernen macht niemand, ohne daß eine Entwicklungskrankheit ihn befiele. Diese bestand in jenen Zeiten für die Meisten, nämlich für diejenigen, welche nicht berufen waren, dereinst als Lehrer der Nation zu glänzen, in dem sogenannten Burschenleben. Es ist untergegangen, weil die Freiheit, deren Surrogat es war, begonnen hat, selbst in das deutsche Leben einzusickern. Die Studenten sind auch jetzt noch vergnügt oder dissolut , sie glauben aber nicht mehr, daß ihre Possen oder Ausschweifungen in ein System gebracht werden müßten. Das Burschenleben war ein ausgebildetes Nichtstun, eine Tabulatur Ungefähr: Hausordnung oder Statut, Gesetze für einen bestimmten Kreis. Die Meistersinger hatten solche Tabulatur von Vorschriften für das Dichten, die viel verspottet wurden. phantastischer Gesetze, von Müßiggängern für Müßiggänger gegeben, ein problematischer Staat, in welchem kindische Tätigkeit, kindische Ehre, kindische Tapferkeit regierten nebst einiger wahren Freundschaft, Hingebung und Brüderlichkeit. Es war die deutsche Komödie, der nationale Schwank. Die mittleren Köpfe füllten damit ihre Zeit aus, bis das Gespenst des Examens herandrohte und sie zu den Studien scheuchte, zu dem Studium, welches damals für die Mehrzahl noch keinen verächtlichen Nebenbegriff hatte. Dies war das Brotstudium. Es ist jetzt mit Recht verrufen und wird nur gleichsam illegitim geliebt. Damals galt es als das ganz ehrenvolle; es war schon ein besonderer Luxus, wenn der Jurist, der Theologe, der Philologe sich noch mit Lehrvorträgen außer seinem »Fache« befaßte. Die Meisten blieben in der Trainkolonne, die unmittelbar zum Amte fuhr, und empfingen, was auf diesem Wege ihnen als Proviant zugemessen wurde. Allerdings gab es zwischen den künftigen Lehrern der Nation und den Handwerksköpfen auch noch eine zahlreiche Klasse, welche durch die eigentlich bildenden Disziplinen erregt blieb. Diese Klasse hat einen höchst achtbaren Bestandteil der nachherigen Männer geliefert. Im April 1813 bezog ich die Universität Halle. Mein Vater hatte in dem sehr richtigen Gefühle, daß Lebensabschnitte die besten Früchte tragen, wenn der neue Boden unvermischt gelassen wird, festgesetzt, daß ich ein ganzes Jahr lang nicht nach Hause kommen und die ersten Ferien zu einer Reise nach Thüringen und Franken benutzen solle. Die Honigmonate meiner jungen Freiheit waren süß. Nach Giebichenstein und Crellwitz wurde allabendlich gepilgert, die Saale in Kähnen, die nicht viel breiter und sicherer waren als die Kanus der Wilden, bis zur Höltybank befahren. Zwischen den grünen Büschen des Giebichensteiner Gartens oder unter den Felsen von Crellwitz lagerte sich die junge Horde, seelenvergnügt bei der schmälsten Kost, und dort ging uns Tiecks Immermann blieb zeitlebens ein großer Bewunderer Ludwig Tiecks, der damals gewissermaßen für Goethes Nachfolger auf dem Throne der deutschen Poesie galt; auch persönliche Freundschaft verband Beide. Gestirn auf, welches wir eben kennen gelernt hatten und das uns mit unsäglicher Freude erfüllte. Wirklich stieg da die wundervolle Märchenwelt uns auf in der alten Pracht, und wie oft stürmten wir jauchzend über den Jäger im Runenberg, über den Kater, die Studenten Löwe und Tiger, das Rotkäppchen und den König Gottlieb in »mondbeglänzter Zaubernacht, die den Sinn gefangen hielt«, heim! Über diese Anregungen hinaus ragte noch eine andere Erscheinung der edelsten Schönheit. Die weimarische Gesellschaft Die weimarischen Schauspieler spielten in den Sommermonaten in dem damals viel besuchten Bade Lauchstädt bei Halle vor den Badegästen und den Hallischen Professoren und Studenten. Sie waren von Goethe und Schiller zu einer hohen Auffassung ihrer Kunst erzogen; Immermann deutet ihre Besonderheiten im Nachfolgenden an, deutet auch an, wie wichtig sie für ihn wurden. Er wurde nicht nur ein Dramatiker, der seine Stücke für ein solches Theater, wie das weimarische war, dachte, sondern er wurde später geradezu ein Nachfolger Goethes in der Erziehung der Schauspieler und des Publikums zu einem Theater höherer Art. Und wie Goethe Theaterintendant und Geheimer Rat war, so war Immermann in Düsseldorf freiwilliger Theaterdirektor und im Hauptberuf Landgerichtsrat. , damals in der höchsten Blüte, spielte in Halle, und so erlebte ich etwas, was unschätzbar in eines Menschen Geschick ist; nämlich, der völlig offene und unentweihte Sinn wurde gleich von einem Höchsten in seiner Art entzündet. Ich fühlte mich seit meinen ersten Kinderjahren leidenschaftlich zum Dramatischen hingezogen; man kann aber nach dem bisher Erzählten sich wohl vorstellen, daß mir der Besuch des Schauspiels eben nicht reichlich verstattet wurde. Ich war bis zu meinem siebzehnten Jahre vielleicht drei- oder viermal im Theater gewesen, und nun wurde mir, der ich durch etwas Falsches noch nicht geirrt worden war, diese Offenbarung des Feinen, Würdigen, diese Musik des Vortrags, dieser Reigentanz des Gangs und der Gebärden, dieser Äther der Poesie, wodurch der große Dichter seine Anstalt zum Abdruck der eigenen harmonischen Brust gemacht hatte. Von Vergnügen war da nicht die Rede, sondern entzückt war ich und verzückt; die alte Kirche, worin man die Bühne eingerichtet hatte, war mir eine geweihte Halle. Regelmäßig hörte ich Schütz Christian Gottfried Schütz (1747-1832), von 1779-1804 in Jena, danach in Halle Professor der Poesie, Literaturgeschichte und Beredsamkeit. Großen Einfluß hatte er durch die von ihm 1785 begründete Allgemeine Literaturzeitung. über Horazens »Episteln« und die »Frösche« des Aristophanes. In diesem Kollegio stellte sich gleichfalls zu jeder Stunde ein feiner, blasser Mann im erbsengelben Oberrock, das Buch wie wir anderen Schüler unter dem Arme, ein, der uns am Abend als Posa, Don Manuel, Wiburg, Klingsberg hinriß oder lachen machte. Es war Wolf Pius Alexander Wolf, der Beste und Gebildetste der weimarischen Schauspieler; Goethe betrachtete ihn als seinen eigentlichsten Schüler. Uns Heutigen tritt er noch nahe als Textdichter der ›Preziosa‹, z. B. durch sein Lied »Die Sonn' erwacht«. . Es ist wahr und muß immer wiederholt werden: die Deutschen hatten in jenen Leidensjahren nur in ihrer großen Dichtung das Evangelium, welches sie zur Gemeine machte, sie über der materiellen Not, über dem Verlieren in eine wüste Verzweiflung emporhielt. Namentlich sind Goethe und Schiller die beiden Apostel gewesen, an deren Predigt sich das deutsche Volk zu Mut und Hoffnung auferbaute. Es ist mehr als sündlich, wenn man dieses unsterbliche Verdienst nachmals hin und wieder in stumpfsinniger oder heuchlerischer Mäkelei hat vergessen werden wollen. Die »Evangelische Kirchenzeitung« und die mit ihr trollende Lämmleinsbrüderschaft hat den beiden ihr Heidentum aufgestochen, und Mancher meint etwas recht Kluges gesagt zu haben, wenn er von sich gibt, daß Goethe doch keine Religion habe. Er hatte die Religion, ein großer Mann zu sein und den Ausländern Bewunderung abzuzwingen, während wir Anderen vor ihnen im Staube knirschten! Das Verhältnis, in welches sich die Jugend zu den großen Schriftstellern setzte, war ein leidenschaftlicher Liebesbund. Das junge Alter pflegt eine richtige Ahnung von dem Höchsten zu haben, was gerade in der Zeit da ist. Die Ersten lebten noch zum Teil, und das tat auch viel, denn das Tote ist abgeschlossen und fällt der Betrachtung anheim, das Lebendige weiset aber immer in eine unendliche Zukunft hin, der Nerv der Bewegung wird von ihm affiziert . Sie kamen uns wie Heilige vor, deren leuchtende Fußtapfen zu sehen schon das höchste Glück gewesen wäre. Von Kritik war unter diesen Jünglingen nicht die Rede. Eine beschränkte Lehre machte die Seele nur um so lechzender, am Quell der Poesie sich zu berauschen, wenn sie einmal zu ihm hinangeleitet worden war. Auch war der Blick nicht zerstreut, die Literatur bot dem geistigen Auge die einzige Weide. Von der bildenden Kunst, welche jetzt Viele ableitet, sprach Niemand. Am gewaltigsten unter Allen wirkte aber doch Schiller, während Goethe uns mehr ein Gott in unendlichem Abstande blieb. »Faust«, der jetzt das Haupt- und Grundbuch der Jugend geworden ist, regte uns eher Schreck als Freude an. Ich erinnere mich noch des eigenen Fröstelns, mit dem ich Mephistopheles und die Meerkatzen zum ersten Male gedruckt las. Einer unserer Lehrer sagte, es solle das größte Werk Goethes sein, man könne es nur leider nicht verstehen. Schiller hat das ganz eigentümliche Genie besessen, scheinbar die Gestalten der Welt heranzubeschwören und sie doch so im Feuer des Begriffs wieder aufzulösen, daß sie Schatten glichen, die nun ein Jeder erst mit seinem wärmsten Herzensblute tränken mußte, um die edeln bleichen Lippen für sich zum Reden zu bringen. Schillern ist die Welt dunkel, und in dieser Dunkelheit läßt er einige Figuren ohne individuelle Züge, aber von glänzender Durchsichtigkeit erscheinen. Gerade diese erhabene Transparentmalerei war es aber, was dem Sinne der damaligen Jugend am mächtigsten zusprechen mußte. Das frische Gefühl der Menschheit verlangt nach Gestalten, es mag aber nicht gern seine noch große Reizbarkeit durch ihren Realismus belästigen lassen. Damals nun bedurfte der auf allen Seiten von der kolossalsten Wirklichkeit umdrängte Sinn nur noch mehr des poetischen Widerhalts, den ihm diese großen und doch leichtfaßlichen Transparente gaben. Obgleich die Empfindsamkeit noch nicht der Jugend verschwunden war, so konnte doch die Poesie jener Stimmung unter so historischen Umständen in uns nur die zweite Stelle einnehmen, und deshalb ist erklärlich, weshalb »Werther« uns nur in geringerem Grade berührte, selbst hinter Klopstocks tönenderen Freundes- und Liebesworten zurückstand und erst unsere reifere Zeit entzücken sollte. In Schiller traf nun aber Alles zusammen, was wir begehrten; gleichsam eine historische Sentimentalität wehte uns aus ihm entgegen. Seine voll hinrauschenden Worte prägten sich fast ohne Absicht, sie zu behalten, dem Gedächtnisse ein; das Gedächtnis ist aber die erste Kraft, welche im Menschen sich ausbildet. Wird man mich mißverstehen, wenn ich sage, ich halte es für das Hauptverdienst Schillers, der größte Jugendschriftsteller der Nation geworden zu sein? Unsere Begeisterung für ihn ging aber bis zur Andacht. Es war uns wunderbar, daß ein solcher Mann hatte sterben können. Das Bewußtsein, daß sein Tod erst vor wenigen Jahren erfolgt sei, schärfte noch die mythische Empfindung, von welcher Jeder in seinem Privatgeschicke ein Analoges erlebt, wenn nun ein Geliebtester soeben abgeschieden ist und die an den Verlust noch nicht gewöhnte Seele aus ihren Tränen und aus ihrer Sehnsucht, aus den Kleidern des Dahingegangenen, aus den Spuren seines Wirkens, aus Allem, was seine Hand berührte, noch eine Zeit lang die teure Schattengestalt sich zusammenwebt. So schritt uns Schiller als Schatten noch umher, denn er war ja in der Mitte seiner Laufbahn hinweggerafft worden, und wir sagten uns, daß wir, wenn er das gewöhnliche Lebensalter erreicht hätte, ihn dereinst von weitem gesehen haben würden. In einer unserer Zusammenkünfte, es mochte sieben Jahre nach seinem Tode sein, als wir wieder einmal über ihn sprachen, rief einer plötzlich aus: »Wenn er noch lebte, wollte ich gern einen Finger meiner rechten Hand darum geben!« – Dieser Eifer blieb nicht ohne Nachahmung. Ein Zweiter setzte die Hand, ein Dritter beide Hände daran. Der Enthusiasmus wuchs und sprach sich in immer größerem Erbieten zu Verstümmelungen aus, so daß, wenn man die Gliedmaßen, welche aufgegeben werden sollten, zusammensummiert hätte, der ganze Kreis zum wenigsten einen vollständigen Menschen eingebüßt haben würde. Man kann diese Szene lächerlich finden und zweifeln, ob der Opfermut stark genug gewesen wäre, sich beim Worte nehmen zu lassen; indessen ist es doch immer schön, wenn die Jugend ihre ersten Aufregungen von starken, positiven Geistern empfängt. 9. Kapitel. Der Oheim. Mein Oheim Yorick Scherzname Yorick nach Shakespeares ›Hamlet‹ und Sternes ›Tristram Shandy‹. Der wahre Name war Immermann, denn dieser Oheim war wie der Vater unseres Studenten ein Sohn des armen Rektors in Groß-Salze. wäre, hätte ihn ein Graf oder ein reicher Patrizier erzeugt, ihm die besten Lehrer gehalten und ihn nachher, mit Wechseln und einem Führer versehen, durch Europa reisen lassen, wahrscheinlich ein bedeutender Mann, gewiß wenigstens ein geistreicher Mäzen geworden. Da aber nur ein armer Schulrektor sein Vater war, den er noch als Knabe verlor, da er auf dem Hallischen Waisenhause über Tertia nicht hinausgelangen konnte, weil er sich sein Stückchen Brot suchen mußte, und da er dann in Europa nichts weiter zu suchen hatte als dieses Stückchen Brot, so wurde er eben nur mein Oheim Yorick. Mein Oheim Yorick pflegte uns Kindern, nachmaligen jungen Leuten (denn seine Erzählungen blieben verschiedene Perioden hindurch dieselben) in seiner energischen Manier zu erzählen, er habe, als er Anno 1777 aus der Pforte des Hallischen Waisenhauses in die Welt getreten sei, um Ökonom zu werden, acht ostensible Stücke in seiner Ökonomie besessen und mehr nicht, nämlich 1. einen runden, groben Hut; 2. einen Rock von schwarzem Kommißtuch; 3. eine Weste von demselben Stoffe mit zinnernen Knöpfen; 4. ein Paar kurzer, gelber, lederner Inexpressibles (der Oheim nannte dieses Stück deutsch); 5. ein Paar schwarzer wollener Strümpfe; 6. ein Paar Hackenschuhe mit Zinnschnallen; 7. das Hallische Gesangbuch; 8. einen Kamm. – Von diesen acht Stücken habe er aber Nummer 7, das Gesangbuch, im ersten Wirtshaus liegen lassen, denn er sei sich noch mit Schauder bewußt gewesen, wie oft er daraus unter freiem Himmel bei Winterfrost, wenn ein Missionar vom Waisenhause entlassen worden, mit den anderen Knaben halbverklommen habe singen müssen. Er hatte sich während seiner kümmerlichen Jugend durch Fleiß und Rechtlichkeit so empfohlen, daß die Sterne ihm auf einmal günstig zu schimmern begannen. Ihm wurde, als er noch in seinen besten Jahren war, die Pachtung eines großen Staatsgutes zuteil, welches unter der französischen Herrschaft in das Los des Herzogs von Dalmatien Zum Herzog von Dalmatien hatte Napoleon seinen Marschall Soult ernannt. fiel. Sowohl der König von Preußen als der Herzog von Dalmatien waren ihm gelinde Pachtherren; man sah auf den sicheren Mann und nicht auf tausend Taler Pachtschillinge mehr. Er lebte daher wie ein Farmer von Old-England bequem und aus dem Vollen, sah seinen Weizen vom fettesten Boden mit Vergnügen einfahren, fuhr selbst in seinem Landauer spazieren und legte, wenn er einhundert Taler auf die Pacht einrollte, eine eben so große Rolle für sich zurück. Er war ein sehr korpulenter Mann und trug in der Regel einen kornblumfarbigen Leibrock mit Messingknöpfen. Er war der Tourist der Familie. Nach Leipzig zur Messe reiste er wenigstens alle zwei Jahre. Tief in Thüringen war er eingedrungen, ja sogar einmal bis nach dem Fränkischen hin geschweift, nach Bad Liebenstein. Dort hatte er einen innerlich illuminierten Berg Gemeint ist die 1779 entdeckte Höhle bei dem Orte Glückbrunnen; sie ist in einem Kalkfelsen, hat keine Tropfsteine, aber mehrere hohe und weite Gewölbe, durch deren eines sich ein Bach hinschlängelt, der sogar einen Teich bildet. Sie wurde den Besuchern des meiningischen Bades Liebenstein bei Fackellicht gezeigt. gesehen, wie er sich ausdrückte. Auch zum Kongresse von Erfurt im Jahre 1808 war er gereist und mit den beiden Kaisern im Theater gewesen, obgleich er zu dieser Freude sich in seidene Strümpfe hatte bequemen müssen, das erstemal in seinem Leben. Napoleon, sagte er, habe aus seinem Fauteuil nicht ein Auge von der Darstellung abgewendet, wovon die gleiche Aufmerksamkeit aller Zuschauer die Folge gewesen. »Wie Talma spielte,« sagte er, »das war was Krasses!« Er wollte damit die Erhabenheit des Spiels bezeichnen. Wir bekamen eine Nachahmung des berühmten Tragikers von ihm zu schauen, worüber uns vor Verwunderung die Haare zu Berg standen. In diesem wiederholenden Abbilde stach besonders der mit weit geöffneten Augen, zitternden Gesichtsmuskeln, donnernder Stimme vorgetragene Ausruf: O mon père! hervor. Allein er setzte seinen Reiseberichten hinzu: der Wein sei in den Gasthöfen geschwefelt, man bekomme darin nur enge und schlechte Betten, müsse von dem unausstehlichen Gedränge bei festlichen Anlässen leiden und freue sich, wenn man sein Haus wieder erblicke. Er reiste aus Pflicht, um der Gefahr des Versauerns zu entgehen. Er liebte, seinen jugendlichen Zuhörern die ungeheuerlichsten Geschichten zu erzählen von ausgetretenen Bächen, von Wolkenbrüchen, von fremdartigem Getier, welches ihm in den Wäldern um sein Pachtgut aufgestoßen. Die alte Holzzelle, so hieß das Amt, war vor der Säkularisation So nannte man die Wegnahme der Kirchengüter und Aufhebung der geistlichen Staaten. Die großen Säkularisationen in Deutschland geschahen 1648 durch den Westfälischen Frieden und 1803 infolge des Luneviller Friedens und des Reichsdeputationsschlusses. Es waren Gewalthandlungen der weltlichen Fürsten, die ihren Land- und Machthunger am leichtesten auf Kosten der Bischöfe und der Klöster befriedigen konnten. ein Jungfrauenkloster gewesen; der Oheim hatte bei seinem Antritt ein zugeschüttetes Verließ aufnehmen lassen und darin wenigstens ein Dutzend Skelette von eingemauerten Nonnen gefunden. Schade, daß auch kein Knöchlein aufbewahrt geblieben war, da wir so gern etwas von diesen Schlachtopfern der Klosterzucht gesehen hätten! Er besaß einen Brunnen, über dem ein eigenes Haus sich erhob, in den Felsen gehöhlt, nur mittels eines großen Tretrades zu benutzen, von wirklich schauerlicher Tiefe, aber dem Oheim genügte diese Tiefe nicht; er behauptete, es gehe da unten von dem abgründlichen schwarzen Wasserspiegel ein Kanal nach dem Süßen und Salzigen See bei Seeburg. Von Jahr zu Jahr versprach er, sich mit uns in den Abgrund hinunterzulassen und unter den Bergen weg nach den Seen zu kahnen. Es ist aber nie etwas daraus geworden. Endlich trug der Oheim zu öfterem außerordentliche Dinge von seiner Brautfahrt und Anwerbung vor, bei welcher Romanze jedoch die Tante, die eine sehr ernste und gehaltene Frau war, das Zimmer zu verlassen pflegte. – – Ein jeder Mensch sollte billigerweise eine Jugend haben und seine Jugend genießen. Es ist einer der seltsamsten Mängel in einem Lebenslaufe, wenn der rechte Schimmer der ersten Tage fehlt; man kann sagen, daß alle späteren Bewegungen des Lebens dann etwas von den Zuckungen haben, die der Galvanismus hervorruft. Was für eine Jugend nun die hatte sein müssen, welcher die Ausstattung durch die acht beschriebenen Stücke zuteil geworden war, läßt sich unschwer erraten. Und gleichwohl hatte der arme Schelm im schwarzen Waisenhäuserrock empfunden, er habe Witz, Munterkeit, Sinne, Lust zu genießen, Drang zu lernen und zu erfahren. Glückliche Menschen hatten es sich vor seinen Augen an den wohlbesetzten Tafeln des Lebens schmecken lassen, er aber war genötigt gewesen, immer seitwärts vorbeizuschleichen und sich den Mund zu wischen. Ein ärgerlich-lustiger Humor, ein verdrießliches Lachen bemächtigte sich seiner Seele. Das Leben rumorte ihm in den Gliedern und warf sich ihm, da es keinen rechten Ausbruch tun durfte, auf die Nerven. Als er daher in Fülle und Wohlleben kam, setzte er sich vor, das Versäumte nachzuholen. Nicht, daß er ausgerufen hätte: »Jetzt will ich jung sein!« sondern es machte sich ganz natürlich. Die versetzte Kindheit und Jugend trat an ihm gleichsam wie ein Ausschlag hervor. Alle Possen, Abenteuerlichkeiten, Gelüste, Schwabenstreiche, welche andere Menschen in ihren frühen Jahren abschäumen, drangen unserem Vierziger über die Haut und waren noch nicht erschöpft, als meine Erinnerung begann, wo der Oheim denn doch sein halbes Jahrhundert hinter sich hatte. Wir lebten in protestantischen Landen, und deshalb hatte er kein wunderlicher Heiliger werden können, aber ein wunderlicher Kauz war er geworden. Wenn wir als Kinder vom Anhaltschen aus in die mansfeldschen Berge hineinfuhren, an ausgewaschenen Stellen vorbei, die uns Abgründe bedünkten, wenn wir später als Studenten die Straße von Halle her über den Salzigen und Süßen See hinausgewandert waren und nun in die grüne Hügelspalte eindrangen, an deren oberem Saume Holzzelle lag, so wehte es uns aus den Wipfeln der Waldbäume, von den engen und tiefen Seitenpfaden des Forstes an wie lauter Ahnung, Lust, Freiheit. Darauf zeigte sich das weiß und rote, weite, mauerumgebene Amt mit seinen Gärten, Höfen, Scheuern und Stallungen. Das geräumige Wohnhaus, worin eine Familie mit zwanzig Kindern vollauf Platz gehabt hätte, der Oheim aber mit der Tante kinderlos horstete, tat seine gastliche Pforte auf, gab uns bunte Erinnerungen, buntere Hoffnungen. Das Amt lag ganz einsam, die nächsten Menschenwohnungen waren über eine halbe Stunde entfernt, nach Eisleben hatte man eine starke Meile. Als Fouqué Mode geworden war und wir die Fahrten Thiodolfs des Isländers gelesen (nein, nicht gelesen, verschlungen!) hatten, nannten wir im Winter das durch unwegsame Schneelager von der Welt geschiedene Paar: Oheim Nefiolf und Base Gunhild. Aber im Sommer war es schön und lustig im alten Nonnenkloster. Nach der einen Seite liefen vom Amte die herrlichsten Kirschplantagen aus, die von weißschimmernden, hellgrün zitternden Birkenhölzchen umstanden waren; nach der andern Seite trat man aus dem Garten unmittelbar in die fettesten Wiesen. Sie senkten sich einige hundert Schritte weit zu Tale, und der Eichen- und Buchenwald bot seine Schatten. In dem stach da und dort spitzes Geklipp hervor, Steinbrüche rissen sich dicht am Wege senkrecht abgeschnitten auf, hohe Mauern standen an einer einsamen Stelle wie Fingerzeige in verschollene Zeiten da. Unten im Grunde aber rieselte zwischen Waldblumen ein Wässerlein, welches aus einer übermauerten Grotte eiskalt und perlenklar entsprang und der Nonnenbrunnen hieß. Man legte dieser Quellflut besondere heilende Kräfte bei; ich weiß nicht, wie es sich damit verhielt, gewiß aber war es, daß ihr Duft und Schaum das Erwachen zärtlicher Triebe förderte. In den Buchen umher fand sich mancher verschlungene Namenszug eingeschnitten, von einem Herzen umgeben; mancher Knabe und manches Mädchen liebten dorthin spazieren zu gehen, und der Oheim, obgleich er an Liebessachen gern sein heiseres Schrauben und seinen schwerschrötigen Spott übte, störte doch eigentlich jene Baumbelustigungen und Promenaden nie, sondern führte eher, wenn er jemand dort unten im Nonnengrunde sah, seine übrige Gesellschaft andere Wege. Dann pflegte er zu sagen: »Es ist zum Verwundern, wieviel Heiraten schon bei mir gestiftet worden sind! Muß wohl am Boden liegen. Mag die Sache ihren Fortgang haben!« Dort war also das Terrain, auf welchem der Oheim seine Steckenpferde tummelte. Er hatte eine außerordentliche Freude daran, allerhand Anlagen und Bauwerke zu machen. So waren nach und nach eine Festung, eine Eremitage, ein Tempel der Diana, ein Theater im Freien, ein Rittersaal, eine Rennbahn und ein Belvedere entstanden. Von einer Teufelsbrücke wurde viel gesprochen, sie kam aber nicht zustande. Eine Neptunsgrotte, die im weiteren Verfluß des Nonnenbrunnens errichtet worden war und eigentlich mit einer Fontäne hatte verbunden werden sollen, geriet in Vernachlässigung. Ich habe sie daher nur noch wenig kenntlich gesehen. Wer nach diesen Andeutungen für des Oheims Kasse besorgt sein möchte, dem kann ich den Trost geben, daß mein Oheim Yorick von seiner Jugend her wußte, wie schlecht trocken Brot schmecke, und das Wörtlein Armut mehr scheute als Gift und Pestilenz. Er hielt daher seine architektonischen Steckenpferde am Zügel des Etats und befolgte aus Sparsamkeit das große Gesetz der Kunst, alles symbolisch zu nehmen, nach der Figur » pars pro toto « zu verfahren und mit Andeutungen zu wirken. Am vollständigsten ausgebaut war die Festung, d. h. sein Schlafgemach, welches er gegen Überfälle von Räubern verwahrt hatte. Auch sie war eine reine Phantasiefestung, ohne militärisches Bedürfnis entstanden. Er schützte zwar die einsame Lage des Amtes als Grund dieser Fortifikation vor, allein ich glaube nicht daran. Denn er war ein starker Mann, der keine Furcht kannte; überdies hielt die Landespolizei die Augen auf, und man hörte nichts von Banden oder gefährlichen Einbrüchen. Ich meine daher, daß Oheim Norick mit der Festung nur seiner Laune ein Fest gegeben hatte. Mancher Räuberroman war in den Stunden der Muße sein Tröster gewesen, seine Einbildungskraft hatte alle die Szenen durchgespielt, in welchen der Haufen durch die Türen eindringt, an den Fenstern emporklimmt, Schüsse fallen, Säbel klirren, Pechfackeln die düstere und entsetzliche Gruppe beleuchten. Er wollte den Genuß haben, abends, wenn er sich zur Ruhe gelegt, diese Auftritte vor dem Einschlummern seiner Seele im süßen Gefühle vollkommener Sicherheit auszumalen. Zu dem Ende hatte er das Gemach mit einer doppelten, eisenbeschlagenen Türe, welche inwendig noch ein vorgeschobener Querbalken verteidigte, und die Fenster mit zollstarken Traillen rüsten lassen. In die Decke war eine Öffnung gebrochen, um, wenn die Festung dennoch aller Verteidigung ungeachtet erstürmt worden, mittels einer Leiter, die immer in der Nähe stand, einen Abzug nach dem Boden zu haben. Es versteht sich, daß es nicht an Waffen in diesen Umwallungen fehlte. Ein Paar geladener Pistolen hing über dem Bette des Oheims, eine Jagdflinte und ein Pallasch dienten als Verstärkung jener Schutz- und Trutzmittel. Die ehemaligen Nonnen seiner Domäne hatten den Oheim in das Mittelalter verlockt. Er war durch sie auf die Ritter gekommen, kannte Hasper a Spada, Brömser von Rüdesheim und Adolf, Raugrafen von Dassel Ritter- und Räuberromane des 18. Jahrhunderts, die außerordentlich viel gelesen wurden. Der erste und der letzte rühren von Karl Gottlob Cramer her. Sein Roman »Hasper a Spada« erschien 1792 als sein 11. Werk, erlebte 4 Auflagen und wurde noch 1837 neu gedruckt. Der Roman ist eine Verarbeitung des Goetheschen »Götz von Berlichingen« ins Grobe, nach Goedekes Ausdruck »die gröbste Verballhornung eines Goetheschen Stoffes, die es gibt«. . Durch den größten Teil des oberen Stockwerks dehnte sich ein großer Saal aus, der ehemalige Rempter Aus dem lateinischen refectorium, der Speise- und Versammlungssaal in Burgen und Klöstern. . Mein Oheim wollte seinen Rittersaal besitzen. Er ließ einen Maler von Eisleben kommen und trug diesem auf, ihm einen Rittersaal zu malen. Der Meister machte ein bedenkliches Gesicht, denn das deutsche Altertum war damals noch nicht so recht bis zu dem Volke durchgedrungen, ersetzte aber durch kühnen Mut, was ihm an Wissenschaft gebrach, strich den Saal graugelb an, machte unten einen grün gekollerten Wandfuß und malte oben verteufelte Schnörkel hin. Der Oheim war mit der Arbeit zufrieden, ließ vom Zimmermann einen einzigen Pfeiler zuhauen, diesen weiß in Leimfarbe anstreichen, in der Mitte des Saales unter die Decke stoßen und ihn durch ein Wappen von des Malers eigener Erfindung auszieren. Dieses künstlerische Streben brachte einen recht ehrwürdigen Rittersaal zustande, in dessen weitem, hallendem Raume wir oft seelenfroh gewesen sind. Mein Oheim wollte aber nicht einseitig sein. Der heiteren Welt der Griechen ließ er ebenfalls ihr Recht widerfahren. Sein Dianentempel stand am Ende der Kirschplantagen vor einem der Birkenhölzchen. Der Oheim wußte sich viel damit, wie wohlfeil ihm dieses klassische Altertum aus alten Latten und Pfosten zu stehen gekommen sei. Die Göttin fehlte darin, weil sie, sagte er, aus Pappe gegen den Regenschlag nicht halte, aus Holz aber zu teuer werde. Desto besser schmeckten die Kirschen darin, die in unendlicher Fülle und Güte umher wuchsen. Nach diesen Proben wird man sich auch ohne meine Hilfe die Eremitage, das Theater im Freien, die Rennbahn und das Belvedere vorstellen können. Es war alles, wenn auch nicht groß gedacht, doch wohlgemeint, und ich sage daher von der Eremitage nur, daß an ihr nichts einsam war als ihr Name. Denn sie war ein Mooshäuschen mit Borke bekleidet mitten im geselligen Baum- und Küchengarten. Und vom Belvedere sage ich, daß man von dort die köstlichste Aussicht bis weit in die güldene Aue hatte, die nichts verloren haben würde, auch wenn das Belvedere gefehlt hätte. 10. Kapitel. Studentenstreiche. Im Rittersaale tummelte sich der junge Schwarm oder bremsete in den weiten, grünen Räumen zwischen Dianentempel, Eremitage und Belvedere hin und her. Die Familie, die Freunde, die näheren Bekannten waren reichlich mit Nachkommenschaft gesegnet; zuweilen trieben da droben an dreißig junge Leute ihr Wesen, die natürlich nicht alle in Betten untergebracht werden konnten, sondern zu Nacht Streulager empfingen. Mit den Studenten hatte der Oheim ein besonders nahes Verhältnis. Es studierte fast alles aus der Familie in Halle, und da dieser akademischen Jugend die Vorratskammern des Amtes werter waren als den Israeliten die Fleischtöpfe Ägyptens, so fehlte es jahraus jahrein nie an Zuspruch von der Hochschule. Auf diese Weise hatte der Oheim sechs bis sieben der kurzlebigen akademischen Generationen an sich ab- und heruntergelebt und wußte die verschiedenen Epochen genau zu charakterisieren. In seinen Schilderungen war jedoch weniger von Fleiß und Wissen, sondern mehr vom »flotten« Wesen die Rede. Der Oheim unterschied die flottesten von den flotteren, flotten und nicht flotten Jahrgängen des studierenden Wachstums. Letztere nannte er »Teekessel«. Mit denen wollte er nichts zu tun haben; sie kamen auch späterhin, wenn sie gemachte Männer waren, nie ohne Seitenhiebe bei ihm durch. Denn er begehrte Spaß von den jungen Leuten, ihr Übriges ging ihn so viel nicht an. Man findet viele ältere Personen, die zu den Schalkspossen der Jugend nicht sauer sehen, man trifft da und dort auch wohl einen muntern Alten, der sich in einen Schwank gefällig einläßt; selten aber wird einer, der in den Ruhestand gehört, sein, welcher den Anführer der Jugend zu allen Schwänken macht. Mein Oheim Yorick ließ sich dieses Kommando nicht nehmen. Er stiftete Sackhüpfen in der Rennbahn, er ließ mit verbundenen Augen nach dem Topfe schlagen und ging mit gutem Beispiele voran, er munterte zum Klettern in die Bäume auf und arbeitete unermüdlich, vom Schweiße seines Antlitzes betrieft, im Fache der Attrappen, deren Zweck und Ziel denn war, daß einer, der die Sache noch nicht kannte, Schläge von unsichtbarer Hand erhielt oder einen mehlweißen Mund bekam oder mit Wasser bespritzt wurde. Letzteres geschah, wenn der Oheim »Zauberer« spielte. Er hatte dann ein großes Bettlaken um sich hangen, ließ den zu Mystifizierenden mit trügerisch-kabbalistischen Worten in ein Becken voll Wasser schauen, worin ein fernes Bild erscheinen sollte, und patschte ihm, wenn Jener sich tief über das Gefäß bückte, das Wasser in das Gesicht. Das Resultat dieser Zauberei war gewöhnlich, daß der Magus nasser wurde als sein Opfer, was aber die Lust daran nicht verdarb. Vielmehr wiederholte der Oheim bei jedem Besuche sein täuschendes Wasserbeschwören, denn es gab immer deren, die noch nicht naß gemacht worden waren. Zuweilen richtete er die sogenannte ägyptische Finsternis an. Diese bestand darin, daß er abends, wenn das Haus ganz voll war, plötzlich sämtliche Lichter auslöschte, die Küche verschloß, damit Niemand zu dem Feuer auf dem Herde gelangen konnte, und nun in dem Dunkel durch gewaltiges Läuten mit der großen Hausglocke das Signal zu einem allgemeinen Getümmel, zum wildesten Tasten, Tappen und Spektakulieren gab. Er selbst pflegte sich aber, um seine Glieder sicher zu stellen, bei dieser Velustigung zeitig einen wohlverwahrten Versteck zu erkiesen, aus dem wir ihn dann, wenn endlich wieder Licht ward, sich schüttelnd vor Lachen, hervorzogen. Daß ein solcher Anreiz unter lauter grüner Zuzucht wie der Funke in einer Pulverkammer war, läßt sich begreifen. Wir suchten auf das beste seinem Vertrauen zu entsprechen: die durch den Zauberspiegel Genäßten wußten ihm reichlich zu vergelten; man legte ihm die Schlüssel weg und tat äußerst unschuldig bei seinem Suchen; man ließ ihn, wenn er gegen Mittag in der Festung aus dem Morgenhabit in den kornblumfarbigen Frack gleiten wollte, lange nicht dazu kommen, weil die Räuberbande unaufhörlich die Festung stürmte, sich in den Besitz der Falltüre vom Boden aus gesetzt hatte und die Leiter hinuntersenkte, um in das Innere einzudringen. Einmal hatten wir vor Tagesanbruch aus den Wagen, Pflügen, Eggen, Walzen und allem sonstigen Ackergeräte des Gutes im Hofe eine ungeheure Konfiguration errichtet, welche ihm, als er am Morgen das Fenster öffnete, einer in Knittelversen als ein Symbol seines Standes auslegte. Der Redner war ganz in Stroh gekleidet, trug einen Kranz von Klatschrosen und nannte sich die blonde Demeter Griechische Göttin des Erdsegens und der Fruchtbarkeit; ihr lateinischer Name ist Ceres. ; wir Andern aber hingen malerisch verteilt, in entsprechenden vegetabilischen Masken als die Repräsentanten der Getreidearten, der Rappsaat und des Turnips zwischen den Stockwerken des Gerüstes. Anfangs ging die Sache gut, nachher aber bekam sie ihr Schlimmes und wäre beinah zu Unfrieden ausgeschlagen. Denn wir hatten in unserem Eifer die Allegorie des Landbaus so fest mit Stricken und Ketten verschnürt, daß ein halber Tag darüber hinging, bevor der Verwalter und die Knechte sie wieder in ihre sinnlichen Bestandteile zerlegt hatten. Der Oheim, dessen Wirtschaft hiedurch und zwar gerade in der drangvollsten Erntezeit unersetzliche Stunden verlor, sah jener Analyse mit grimmigen Zornesworten zu. Ceres aber und sämtliche Cerealien hielten es für gut, Waldeinsamkeit zu suchen. Wir saßen wie die Ebräer im Exil auf Belvedere zusammen und sahen nach der güldenen Aue, als in der Mittagsstunde unser verstimmtes Oberhaupt in unsern Kreis trat, uns eine derbe Strafrede hielt und mit der Weisung schloß, in Zukunft mit unserer Laune ihm Wagen und Pflug zu verschonen. Das Gewitter hatte mit diesem Schlage sich zwar entladen, es folgte ihm aber ein grauer Regenhimmel, denn es ging einige Tage nun sehr nüchtern zu. Das war einer der Fälle, in welchen der Oheim sich plötzlich erinnerte, daß er denn doch ein alter, verständiger Mann sei. Sie kamen zuweilen vor, und dann ließ sich schlimm mit ihm verkehren. Er gab Bälle, veranstaltete Musiken im Freien, ließ, wenn das Wetter besonders schön war, am Dianentempel oder bei dem Nonnenbrunnen speisen. Aber alles das wäre noch nichts gewesen ohne seine Kunstliebe. Diese führte zu den höchsten Entfaltungen des dortigen Lebens. Der Oheim besaß eine ausnehmende Kunstliebe. Sie richtete sich jedoch, wie es damals noch allgemein stattzufinden pflegte, hauptsächlich auf das Schauspiel. Er ließ kein Theater, welches ihm erreichbar war, unbesucht. Ich erinnere mich, daß er einstmals, als Iffland August Wilhelm Iffland (1759-1814) war der berühmteste deutsche Schauspieler jener Zeit; seit 1796 leitete er das jetzige Königliche Schauspielhaus in Berlin. Immermann schätzte auch seine Theaterstücke hoch. in Magdeburg Gastrollen gab, um vier Uhr nachmittags in das Parterre ging, um einen Platz zu bekommen. Er hatte aber doch schon nur einen Stand gewinnen können und war nun bis zehn Uhr abends die sechs Stunden hindurch auf seinen alten, müden Füßen verblieben. Halbtot und fast aufgelöst von Hitze und Gedränge, kam er zurück, seine Züge waren schlaff geworden, übrigens aber fühlte er sich froh und begeistert von dem Friedländer , den Iffland an jenem Abende gegeben hatte. Es war Herkommens in der Familie, ihre Feste mit allerhand Theatralischem zu feiern. Der Oheim hatte sich bei solchen Gelegenheiten vielfältig versucht. Für die Krone seiner Leistungen erklärte er selbst einen Genius, den er zu einer Hochzeit geliefert hatte. Dieser Genius war der Liebesgöttin aus einem Rosenbusche vorangeschwebt und hatte dem Paare verblümt zu erkennen gegeben, was für Gaben die Göttin, die selbst nicht sprach, dem neuen Bunde zudenke. Der Oheim war damals schon über dreißig; »das tat aber nichts,« sagte er, »ich war dennoch der Einzige, der den Genius mit Würde sprechen konnte. Zum Überfluß hatte ich in meiner Rolle einige Worte angebracht, worin ich sagte, heute sei ein Tag, ein Tag so schön, ein Tag so ernsthaft und wichtig, daß kein dummer Junge von Genius an einem solchen Tage seine Sache hätte machen können.« Die meiste Schwierigkeit hatte ihm das Kostüm verursacht. Niemand konnte ihm sagen, wie ein Genius sich eigentlich zu Hause trage. »Endlich,« rief der Oheim, »gab mir die Rolle Aufschluß!« »Von der Milchstraße herab komme ich an diesem schönen Tage – Halt, dachte ich. Milchstraße! Milch – Milchflor. In Milchflor will ich gehen, weil der überhaupt so eine unschuldige Tracht ist, die für ein höheres Wesen paßt. Ich kaufte mir also zwölf Ellen Milchflor, und der Schneider mußte mich ganz darin einnähen vom Kopf bis zu den Füßen. Meinen Kopf ließ ich mir aufbinden, das Haar flog mir lang um die Schultern, und ich sah ganz pompös aus, machte auch einen großen Eindruck.« An letzterem war nicht zu zweifeln. Denn der Oheim besaß rötliches Haar, welches einen herrlichen Abstich gegen den weißen Milchflor gegeben haben muß. Als wir heranwuchsen, gingen die artistischen Bestrebungen der Jugend bei dem Oheim teils den älteren Gang, teils bogen sie auch schon in die neuere Literatur- oder Kunststraße ein. Zu den Darstellungen älteren Stempels gehörten verschiedene Schäferspiele, ein Genre, welches er besonders liebte. Er ließ nicht leicht einen Geburtstag vorüber, ohne auf dem Theater im Freien oder im Rittersaale einen Myrtill mit seiner Daphne, einen Menalk und eine Chloe Die Schäferpoesie führt in eine künstliche Welt, die man nach einer griechischen Landschaft Arkadien nannte: hier erträumte man sich ein idyllisches Naturleben von höchst liebenswürdigen und zierlichen »Schäfern« und »Schäferinnen«, denen griechische Namen beigelegt wurden. Man hat diese Mode in der griechischen, lateinischen, italienischen und deutschen Literatur gehabt, auch in der Malerei [Watteau] und bildenden Kunst [Meißner Porzellan]. Sie reicht in Deutschland etwa von 1625-1777; noch bei dem jungen Goethe finden wir Schäferlieder und auch ein Schäferstück: »Die Laune des Verliebten«. Onkel Yorick wird zumeist an Gellerts Dramen gedacht haben. zu produzieren. Diese Stücke entstanden wie die Poesie der Urzeit: ein bestimmter Verfasser war selten ermittelbar, das dichtende Volk brachte sie hervor. Außerordentlich war besonders eins, dessen Darstellung in die Olympiade In Griechenland ein Zeitraum von vier Jahren, nach den alle vier Jahre wiederkehrenden olympischen Spielen genannt. des Jahres 1810 oder 1811 fiel. Es traten darin mehrere herkömmliche Arkadier auf, dann die Göttin Hygiea, als eine völlig neue Figur aber ein junger Mensch in abgeschabtem grauen Rock, der sich sehr kläglich gebärdete, weil seine Eltern zu nahe dem Schlachtfelde von Aspern Bei Aspern siegten am 21. und 22. Mai 1809 die Österreicher unter Erzherzog Karl über Napoleon. gewohnt hatten und total abgebrannt waren. Hygiea hatte eine Beziehung auf den Gefeierten, denn er war kürzlich von einer schweren Krankheit erstanden; wie sich aber der junge Mensch mit seinen abgebrannten Eltern in die Fabel verflocht, ist mir entfallen. Bei den Vorbereitungen zu diesem Stücke wurde mir eine Aufklärung niederschlagender Art. Der Geschäftsträger des Herzogs von Dalmatien, Monsieur d'Imbert, ein feiner, schöner Franzose, war gerade, wie alljährlich mehrere Wochen geschah, zum Besuche auf dem Amte. Er hatte schon früher einige unserer Darstellungen gesehen und sich dabei leidend verhalten. Diesmal aber griff er tätig ein. Das Stück sollte im Rittersaale gegeben werden, bedurfte also der Lampen. Da sah ich des Abends kurz vor dem Beginn, als ich schon mein arkadisches Gewand trug, Monsieur d'Imbert still umhergehen und die angezündeten Lampendochte herabschrauben, so daß der Schauplatz fast von des Oheims ägyptischer Finsternis erfüllt wurde. Man achtete nicht auf die Sache, und das Stück nahm seinen halbunsichtbaren Verlauf. Ich fragte am andern Morgen Monsieur d'Imbert um den Grund seines Verfahrens und erhielt zur Antwort, daß man immer zwischen den Darstellungen durch Künstler und denen durch Dilettanten unterscheiden müsse. Bei den ersteren könne es nicht hell genug sein, bei den letzteren aber liege es im wohlverstandenen Interesse Aller, wenn man so wenig als möglich davon sehe. Monsieur d'Imbert gab diese Erklärung ohne alle Satire in der größten Höflichkeit; mich aber verletzte sie doch sehr, denn ich hatte mit allen Übrigen gemeint, daß wir unsere Sachen so meisterhaft machten, um den großen Kronleuchter des Théatre français nicht scheuen zu dürfen. Nachmals, wenn ich die Gesellschaftsbühnen bei Hoch und Niedrig sah, mußte ich oft an Monsieur d'Ibert und seine Lampenlöschungstheorie denken. Der neueren Kunstentwicklung gehörten dagegen mimisch-plastische Darstellungen an. Wir beschränkten uns nicht wie die Händel-Schütz Die Schauspielerin Henriette Händel-Schütz (1772-1849) war die erste, die öffentliche mimisch-plastische Vorstellungen gab. auf einzelne Sphinxe, Karyatiden, Madonnen und Magdalenen, sondern führten ganze Gedichte in dieser Manier auf. Lichtwers Die Fabeln des Halberstädter Regierungsrats Lichtwer (1719-1783) waren um jene Zeit sehr bekannt. Das ganze Gedicht lautet:           Der blinde Eifer. Tier' und Menschen schliefen feste, selbst der Hausprophete schwieg, als ein Schwarm geschwänzter Gäste von den nächsten Dächern stieg. In dem Vorsaal eines Reichen stimmten sie ihr Liedchen an, so ein Lied, das Stein' erweichen, Menschen rasend machen kann. Hinz, des Murners Schwiegervater, schlug den Takt erbärmlich schön, und zwei abgelebte Kater quälten sich, ihm beizustehn. Endlich tanzen alle Katzen, springen, lärmen, daß es kracht, zischen, heulen, sprudeln, kratzen, bis der Herr im Haus erwacht. Dieser springt mit einem Prügel in dem finstern Saal herum, schlägt um sich, zerstößt den Spiegel, wirft ein Dutzend Tassen um. Stolpert über ein'ge Späne, stürzt im Fallen auf die Uhr und zerbricht zwei Reihen Zähne. Blinder Eifer schadet nur! »Tier' und Menschen schliefen feste, selbst der Hausprophete schwieg, als ein Schwärm geschwänzter Gäste von den nächsten Dächern stieg ...« bot einen Reichtum von Katzenmotiven dar; Schillers »Handschuh« gab Gelegenheit, höhere Richtungen höherer Tierwelt vorzuführen. Im ersten dieser Gemälde spielte der Oheim den vom Katzenlärmen erwachten Hausherrn, der mit einem Prügel im finstern Saale umherspringt; im letzten saß er als König Franz vor seinem Löwengarten und winkte voll ruhiger Hoheit mit dem Finger. Zu keiner anderen Rolle wollte er sich in diesem Gedichte bequemen. »Wenn ich eine von den Bestien machte, so verlöre ich ganz den Respekt bei Euch,« sagte er. Es war im Februar 1815. Plötzlich fiel es einem von uns ein, daß des Oheims Geburtstag bevorstehe, und einem Andern, daß derselbe noch nie eigentlich recht feierlich begangen worden sei, und uns allen, daß wir die bisher übersehene Pflicht auf das ausbündigste nachleisten müßten. Wir lebten nun ganz in den Vorbereitungen zu dieser Festesfeier. Stillschweigend war angenommen worden, daß nur etwas Ungemeines derselben würdig sei. Mir hatten die Übrigen die Wahl des Stücks übertragen. Ich stöberte in den Bibliotheken umher, fand ein Heft Possen von Julius v. Voß für »lebende Marionetten« geschrieben, und darin nur »Rinaldo und Armida«, die mir das Ungemeine, was Zeit und Gelegenheit verlangte, zu sein schien. Als ich es vorlas, gewann es sich auch den Beifall des ganzen Kreises. Das Ding war überschrecklich genug. Gottfried von Bouillon, der das Glas liebte und immer etwas aus der Fassung auftrat, rief an einer Stelle, wo er sich zum Ausruhen niederlegen wollte: »Ihr Wagen Heu, fahrt mir aus dem Wege, dieweil ich hier mich schlafen lege!« Armida apostrophierte den Abtrünnigen zum Schluß einer herzbrechenden Rede mit den Worten: »Bleib hier bei mir, Du Tigertier!« Kurz, es war alles schon gehörig gesalzen und gepfeffert darin. Allein den Spielern in diesem großen Drama genügte die Würze noch nicht, Jeder setzte in seiner Rolle zu, was ihm an Kraftworten und Geistesblüten aufging. Mir wurde hierbei etwas bedenklich zu Mute, ich dachte an Ceres und die Cerealien. Deshalb schrieb ich einen Prolog, worin ich höchst ernsthaft auseinandersetzte, die Lehre unserer Tragödie gehe dahin, daß der weise Mann sich unter allen Umständen zu fassen wisse. Auch der Oheim habe sich unter schwierigen Umständen zu fassen gewußt, und das Stück sei daher vorzüglich geeignet, sein Wiegenfest zu verherrlichen. Es herrschte eine solche Begeisterung für die Rollen, daß ich leicht aus dem Gedichte fortbleiben konnte; man war sehr zufrieden mit meiner Genügsamkeit, die nur den Prolog für sich in Anspruch nahm. In der Frühe eines rotklaren Wintermorgens machte sich die abenteuerliche Rotte auf den Weg. Es waren vierzehn Studenten im ganzen, welche sich neben und in den Gärten Armidens hören lassen wollten. Die meisten ritten, aber nicht in der Tracht vernünftiger Menschen, sondern in dem damaligen sogenannten »Wichs«, d. h. in buntfarbigen, schnürebesetzten Kolletten, weißgekollerten Lederbeinkleidern, Kanonenstiefeln, Stürmer auf dem Haupte. Ein großer Rumpelkasten von Wagen folgte mit den zusammengerollten Kulissen, mit dem Kostüm, mit kalten Braten, sauer eingekochten Fischen, Kuchen, Gelees. Denn Alles war auf die vollkommenste Überraschung berechnet, und selbst mit der Gesellschaft sollte der Oheim unvermutet angebunden werden. Um aber diese in der Eile von Morgen bis Abend zusammentrommeln zu können, um der Tante die Bewirtung möglich zu machen, hatten wir jene Festspeisen in Halle bereiten lassen, versteht sich auf Rechnungen, die neben den Gerichten im Wagen lagen und dem Oheim am Lendemain als nachträgliche Freude dargereicht werden sollten. Wir waren trotz der Februarkälte warm durchheizt von Lust und Vergnügen, und schon unterwegs brach die Posse aus. Vor Langenbogen, einem Dorfe auf der Hälfte der Straße, sahen wir mehrere Bauern stehen, verwundert über den herannahenden bunten Zug. »Halt!« rief einer von uns, »wir wollen dem Volke weismachen, es sei der König von Sachsen, der in sein Land zurückkehre.« Wirklich war damals schon vielfältig davon die Rede, daß Friedrich August bald aus seiner Gefangenschaft Der König Friedrich August von Sachsen blieb Napoleon auch 1813 noch treu und ward deshalb nach der Schlacht bei Leipzig von den Verbündeten als Gefangener behandelt. Friedrichsfelde bei Berlin wurde ihm als Aufenthalt angewiesen. Anfang 1815 ging er nach Preßburg; sein Land stand zunächst unter russischer, dann unter preußischer Verwaltung. Nach dem Wiener Kongreß kehrte er in sein durch große Abtretungen an Preußen sehr verkleinertes Land zurück. entlassen sein werde. Gesagt, getan! Einer, den wir den Alten nannten, weil er der Verständigste unter uns war, hing sich Gottfried von Bouillons Purpurmantel um die Schultern, setzte die Goldflitterkrone des Mohrenkönigs auf, nahm Zepter und Reichsapfel in die Hand und ließ sein Pferd von Zweien zu Fuß führen. Ein Anderer, ein stämmiger, praller Lockenkopf, sprengte als Reisestallmeister voran. Dieser hieß der Marquis. Er war bei Montmirail unter die französischen Kürassiere geraten, hatte bis zum Frieden in Limoges Kriegsgefangenschaft erduldet und jene Ehrenwürde von den Franzosen, ich weiß nicht durch welches Mißverständnis, empfangen. Der Marquis rief den Bauern zu: »Hüte abgenommen! der König von Sachsen kommt!« Die Bauern nahmen wirklich ganz verdutzt ihre Hüte ab bis auf einen, der vor Erstaunen nicht dazu kommen konnte, sondern mit offnem Munde und starren Augen den im Purpurmantel angaffte. Als dieser neben ihm vorbeiritt, gab er dem Gaffenden einen leichten Schlag mit dem Zepter. »Kann Er nicht den Hut abnehmen, wenn eine Majestät durchpassiert?« sagte er mit einer solchen Würde, daß der Bauer nun nicht allein sein Haupt entblößte, sondern die Bedeckung zu Boden fallen ließ. Als der Oheim von seinem Lug-ins-Land unserer Kavalkade ansichtig wurde, hätte er wohl nicht übel Lust gehabt, die Pforten schließen zu lassen, denn die Ahnung mochte ihm sagen, daß seinem Hause ein arger Wirrwarr bevorstehe. Indessen drangen wir denn doch ein und brachten in gesetzter Fassung unsern Glückwunsch vor. Oheim und Tante musterten den Anzug der Reiter, der etwas vom Reitknecht, etwas vom Husaren hatte und in den übrigen Stücken nur sich selber glich. »Was soll denn nun eigentlich heute losgehn?« fragte er nach einer Pause. »Das ist eine Überraschung,« versetzten wir. Die Tante wurde beiseite genommen, und durch den Anblick des Speisevorrates dem Komplotte zugeneigt. Sie fertigte auf der Stelle mehrere reitende Boten ab und lud aus dem Stegreife die ganze Nachbarschaft auf den Abend ein. Es war in ihr ein wundersames Talent, keinen Scherz zu verderben und dennoch das Uhrwerk des Hauses im regelmäßigsten Gange zu erhalten. Ich machte mich mit einigen Arbeitsleuten an das Werk und richtete im Rittersaale die Bühne zu, womit ich bald fertig wurde, denn ich hatte bei einem früheren, rekognoszierenden Besuche alle Dimensionen gehörig ausgemessen und jegliches in Schnüren, Rollen, Latten vorbereitet. »Ich will wissen,« sagte der Oheim, als ich in das Zimmer zurückkehrte, »woran ich bin.« Er ging mit großen Schritten auf und nieder; die Andern saßen oder standen stumm umher, und ihre Verlegenheit kontrastierte mit den lächerlichen Jacken. »Was spielt ihr heute abend? Hoffentlich ist es doch etwas Vernünftiges?« fuhr er fort, und sein Blick bezeugte, daß die Hoffnung auf Vernunft in ihm schwach war. »Es ist ein Schäferstück,« versetzte einer kleinlaut, »und heißt ›Rinaldo und Armida‹.« »Wenn es ein Schäferstück ist, so bin ich zufrieden, versetzte er einigermaßen beruhigt. »Narrenpossen verbitte ich mir zu meinem Geburtstage. Übrigens habe ich nie von Schäfern gehört, die Rinaldo und Armida hießen.« »Es ist ein Schäferpaar aus dem Morgenlande,« antworteten wir. Rinaldo und Armida sind Personen aus den Rittersagen des Mittelalters; am bekanntesten sind sie aus Tassos »Befreitem Jerusalem«, dessen Fabel jene Studenten karikierten. Armida ist eine heidnische Königstochter und wunderschöne Zauberin, auch den Helden Rinaldo lockt sie in ihre Zaubergärten; er wird von Boten, die Gottfried v. Bouillon aussendet, wieder zu seiner Pflicht, an der Eroberung Jerusalems zu helfen, zurückgeführt. Schließlich wird Armida zum Christentum bekehrt und Rinaldos Gattin. Wagen über Wagen rollten gegen die Dämmerung in den Hof. Die Bühne, diesmal nicht von Monsieur d'Imbert im wohlverstandenen Interesse Aller verdunkelt, strahlte im blendendsten Lichte, so daß man jedes Fädchen an der dünn-grün-bemalten Leinewand sah, welche die berauschenden Zaubergärten der schönen Verführerin darstellen sollte. Der »Marquis« hatte seiner Locken wegen diese übernommen und stand im blauen Taffetrock, rotem Spenzer, Schnabelschuhen da. Würdig einer solchen Geliebten zeigte sich Rinaldo als gepuderter Chevalier mit Taubenflügeln, Haarbeutel, Galanteriedegen. Gottfried v. Bouillon, der nicht viel vertragen konnte, hatte sich mittags auch noch so eine Art von Haarbeutel als Ergänzung der Maske zugelegt. Alle Anderen waren ebenfalls auf das barockste ausstaffiert. Auf einmal sah des Oheims Gesicht neben dem Vorhange durch. »Nie in meinem Leben werden daraus Schäfer,« sagte er, indem er zurückging. Der ganze Rittersaal war voll von mansfeldischen Nachbarn und Freunden. Väter, Mütter, Söhne, Töchter, ein höchst gespanntes Auditorium. Der Oheim nahm mit verlegener Würde in seinem Lehnsessel mitten vor den übrigen Zuschauern Platz und bereitete sich, das Rührende, was seiner Meinung nach kommen mußte, in Empfang zu nehmen. Die Musik begann. Nach den letzten Tönen trat ich vor und sprach meinen Prolog mit dem größten Ernste, indem ich besonders auf die Stellen, die von des Oheims Fassung unter schwierigen Umständen handelten, die empfindendsten Akzente legte. Ich bemerkte während meiner Rede, daß Alles in das gehörige Fahrwasser kam. Der Oheim hörte mit Sammlung zu, im Saale vernahm ich schon ein leises Schluchzen da und dort. Ich bin überzeugt, daß, wenn die Andern sich in ihrem Spiele etwas zu mäßigen verstanden hätten, das ganze Stück diesem Kreise als ein rührendes Drama vorübergegangen sein würde, denn die Stimmung war durchaus günstig für einen solchen Eindruck. Aber sie taten, wie es zu geschehen pflegt, des Guten zuviel, übertrieben und versetzten dadurch den König des Festes und seine Gesellschaft in die eigenste Lage. Ich hatte mich, da es für mich hinter dem Vorhange nichts mehr zu tun gab, unter die Zuschauer gemischt. Den Oheim sah ich bei den Renommistereien Gottfrieds in seinem Sessel unruhig werden; ich hörte ihn, als Rinaldos Seelenqual begann, laut murren; endlich, als das »Tigertier« aus Armidens Lippen sprang, versteinerte er sozusagen und hielt sich in dieser starren Fassung unter schwierigen Umständen bis zum Schluß. Die Gesellschaft dagegen war durchaus in einem gespaltenen Zustande. Daß der Spaß nicht verstanden wurde, konnte hingehen, denn sie machten ihn zu toll. Nun aber wollten die Einen fortschluchzen zur Ehre des Tages, ein innerliches Erschrecken aber hemmte sie in ihren Veranstaltungen. Die Andern hätten wohl hin und wieder lachen mögen, hielten dies aber für unpassend und zwangen sich zu seufzen, womöglich etwas zu weinen. Endlich lösten sich diese künstlichen Bestrebungen in ein allgemeines Ermatten auf, welches immer größer wurde, je mehr sich die Spielenden angriffen, und fast zur Lethargie gediehen war, als der Vorhang vor der unglückseligen Farce niederrollte. – Flöten und Geigen spielten lustige Weisen. Der Ball hatte angefangen, wir wurden aber von den Mansfeldern mit einigem Abscheu betrachtet, und Mancher empfing von den Mädchen einen Korb, wenn er zum Walzen aufforderte. Der Oheim zeigte sonderbar-verdrießliche Mienen und sah uns nicht an, ausgenommen mich, dem er gleich nach dem Spiele die Hand drückte und sagte: »Du kannst nichts dafür! Du hast deine Sachen gemacht, wie sich gehört.« Nur der Pastor eines benachbarten Dorfes war unser Freund und Sachwalter geblieben. Dieser Mann machte die einzige Wintergesellschaft des Oheims aus; er kam im wildesten Eis- und Schneewetter zu ihm, um mit ihm Deutsch-Solo zu spielen, was des Pastors alleinige Lebensfreude war. Von den Schnee- und Eisgängen hatte er eine rote Nase bekommen, die auch im Sommer wie erfroren aussah und von welcher der Oheim behauptete, der Pastor poliere sie sich mit einem Falzbeine, um eine glänzende Naturmerkwürdigkeit aufzuweisen; denn sie glänzte wirklich über die Maßen, diese Nase, in ihrer Blaurötlichkeit. Er hatte der Darstellung mit ununterbrochener Andacht beigewohnt, als höre er die Gastpredigt eines Amtsbruders. Der Pastor mit der Glanz- und Frostnase ging dem Oheim nach und sagte begütigend: »Herr Oberamtmann, das war ein schönes Stück.« »Herr Pastor, was soll ich von Ihnen denken? erwiderte der Oheim. »Ich versichere Ihnen,« fuhr der unerschrockene Begütiger fort, »das Stück war sehr schön, und wenn es an einigen Orten nicht so aussah, so war das Ungeschick der jungen Leute daran schuld; sie werden es das nächste Mal schon besser spielen.« »Nichts als Ränke und Schwänke waren es!« fuhr der Oheim heraus. »Die Wiederholung schenke ich Ihnen.« Der Pastor war unser Freund, weil er ohne uns heute seine Partie nicht gehabt hätte. Es hatte Eins geschlagen, die Gäste hatten sich entfernt. Wir standen im Rittersaale wie ein zusammengeschossenes Bataillon auf dem Felde der verlorenen Schlacht. Der Oheim saß im Lehnstuhl, in dem er eine so unerwartete Feier erlebt hatte, und rauchte seine Nachtpfeife. Niemand hatte den Mut zu sprechen. Er zürnte, das war offenbar. Dergleichen Momente höchster Spannungen bringen aber oft urplötzlich ihr Gegenteil hervor. Denn auf einmal nahm Einer aus bloßer Verlegenheit, aber wie durch einen Gott unterwiesen, aus seiner Tasche Papiere, näherte sich dem Oheim und fragte schüchtern: »Lieber Onkel, wollen Sie die Rechnungen heute oder morgen haben?« Der Oheim sah groß auf, nahm die Braten- und Küchenrechnungen, blickte hinein, blickte den Schüchternen an, der eine Kammerzofe der Armida gespielt hatte und in der Rolle stecken geblieben war, blickte auf unsere stumme und verlegene Schar. Er wollte noch zorniger werden – es ging aber nicht, denn er war schon so zornig gewesen, als ein Mensch überhaupt sein konnte. Er mußte also etwas anderes werden, nämlich lustig – ein gewaltiger Kampf arbeitete in seinen Gesichtsmuskeln, wir halfen den Wehen der Fröhlichkeit nach, brachen in Lachen aus, der Oheim stimmte ein, stand auf, zupfte mehrere am Ohre, was ein Zeichen seines besonderen Wohlwollens war, rief zwischen Lachen und Poltern: »Ihr seid doch ein nichtswürdiges Volk!« und ging mit den Rechnungen in seine Festung, um sich schlafen zu legen. Am andern Morgen war das heiterste Wetter im Hause, ungeachtet der Oheim verschiedene Strafreden hielt. »Mußte denn die Person im blauen Taffetrock so brüllen? Mußte der Liebhaber sich gebärden wie ein Hanswurst? War das ein ordentlicher Held, ein Feldherr, der Gottfried?« sagte er. »Der allein, fuhr er fort, indem er auf mich wies, »war vernünftig, nach dem hättet ihr Anderen euch richten sollen.« Die Geschichte dieses Tages trat in den Kreis seiner ungeheuerlichen Erzählungen. Er sagte es anfangs und glaubte es späterhin, an dem Stücke »Rinaldo und Armida« hätten vierzehn Studenten gearbeitet und umwechselnd einen Vers nach dem andern geschrieben. »Sie können also denken, was für Zeug das war!« fügte der Oheim hinzu. »Und damit wollen sie einen Geburtstag feiern!« – Er vermied seitdem derartige Festlichkeiten. So waren ihm die Schnurren, die er selbst genährt, endlich über den Kopf gewachsen. Wir aber erfuhren vierzehn Tage später, daß in den Stunden, wo wir unsere Eulenspiegeleien getrieben, Napoleon von Elba entkommen sei. Das war wohl eine Konstellation tragischer und komischer Sterne zu nennen. Denn einige Monate später standen die Meisten von uns bei Ligny. Von der Schlacht bei Ligny [16. Juni 1815] ist nachher die Rede. 11. Kapitel. Nochmals Napoleon Es gibt kritische Naturen, welche einen kitzelnden Trieb in sich fühlen, durch Zerstörung bauen, durch Vernichtung beleben zu wollen. Stets in Opposition mit dem Bestehenden, unternehmen sie, ein Neues an seine Stelle zu setzen, und täuschen sich immerfort über das Material, welches sie zu ihrer Schöpfung gebrauchen. Sie sind Architekten, welche aus Schutt Paläste errichten zu können meinen. Was bei dem Einzelnen als vermeidlicher Irrtum erscheint, das ist in kritischen Zeiträumen unabtreibbare Last des Geschicks. Ist ein Menschengeschlecht endlich dahin gestoßen worden, eine Revision seines Gesamtzustandes vornehmen zu müssen, so kann es bei dem bloßen Läugnen und Aufheben nicht stehen bleiben, denn die Gemeinschaft will zu allen Zeiten positive Stützen haben. Diese pflegen dann fälschlicherweise in entgegengesetzten Begriffen gesucht zu werden, da doch das Neue, wahrhaft Lebensfähige nur aus völlig neuen oder umgewandelten Persönlichkeiten entspringen kann. Die Französische Revolution ist der neueste kritische Prozeß der Weltgeschichte. Sie war in allen ihren Stadien Kritik, Metakritik . Auch in Napoleon ist nur der Kritizismus der Revolution unbesieglich, urkräftig. Meisterhaft weiß er das Schwache in seine Nichtigkeit zu werfen. Wie er Spanien seiner Herrscherfamilie beraubt, wie er Preußen zu moralischem und physischem Falle bringt – diese Taten wird zwar die öffentliche Moral stets ächten, der Verstand wird sich aber nicht entbrechen können, sie als die größten Würfe kombinatorischen Scharfsinnes, leisen Wartens, blitzschnellen Zufahrens zu bewundern. Eine Kritik des Nichtigen ist daher seine Stärke. Die Nichtigkeiten der früheren europäischen Verhältnisse kritisch beleuchtet zu haben, scheint mir sein welthistorischer Nutzen zu sein. Dagegen ist alles Tiefste, Wahrste wie zugedeckt vor seinem adlerscharfen Auge. Was über die Einsicht in das Schlechte oder über einen glänzenden Irrtum in den öffentlichen Verhältnissen hinaus liegt, verhöhnt er mit dem selbstgeschaffenen Worte »Ideologie«. – Die seltsamsten Mittel braucht er, sich den Grund unter seinen Füßen zu schaffen. Weil England ihn nicht anerkennen will und der Tag von Trafalgar gewesen ist, so muß er freilich Alles, was nur von fern wie englisch Schiff und englische Flagge aussieht, aussperren, muß dem beharrlich skeptischen Feinde in Portugal, Spanien, Illyrien, an den Mündungen des Rheins, der Weser, Elbe, Trave begegnen. Er redet aber dem Kontinente vor, durch den Verkehr mit England sei er verarmt und unglücklich – dem Kontinente, welcher bei englischem Zucker und Kaffee es sich hatte so ziemlich wohl sein lassen. Und weil er nicht Napoleon der Zweite ist, soll Karl der Große sein Thronlasser sein. In dieser Erfindung zeigt sich am meisten die Trocknis, zu welcher die Phantasie des großen Geistes durch den ihm einwohnenden mathematischen Bestandteil hin und wieder herabgebracht wurde. Sie ist ein dürres Additionsexempel, in welchem noch dazu eine Null zählen soll. Denn arithmetisch ausgedrückt, lautet sie: Die untergegangene französische Monarchie + Napoleon = dem zweiten Charlemagne. Er bedachte nicht, daß ein Genie zwar eine alte Institution neu beleben kann, wie der große fränkische König mit dem abendländischen Kaisertume wirklich getan, nie aber ein früheres Genie fortsetzen wird, weil alle solche höchste Kapazitäten exklusiver Natur sind. Auch wirkte dieser Einfall am wenigsten, was er in der Welt wirken sollte; er brachte vielmehr eine entgegengesetzte gefährliche Ahnung zum Durchbruch. Man fragte, warum Karl der Große erobert habe? Und antwortete: Zum Teil wenigstens deshalb, weil er aufrührerische Vasallen züchtigen, die Christenheit vor den Einfällen der Sarazenen, vor den Neckereien der Sachsen und Slawen schützen mußte. Man fragte, warum Napoleon erobere, und begann zu vermuten, daß ihn seine mißliche Position den unruhigen Franzosen gegenüber dazu auch gleichsam zwinge. Eine Meinung, welche der Meinung von seiner Allgewalt ungünstig war. Doch wir haben es hier weniger mit dem Riesen als mit seinem Schatten zu tun. Der Schatten des Riesen war der Despotismus. Zwar hat man den Schatten leugnen, Napoleon gleichsam zu einem ungeheuren Peter Schlehmihl machen wollen Der »Schatten des Riesen« und »Peter Schlehmihl« sind Anspielungen auf Goethes »Märchen« von 1795, dessen Deutung seitdem Viele beschäftigte, und auf eine Erzählung Chamissos von 1814. . Nachdem der Haß und Abscheu sich an ihm ersättigt hatte, begann eine kindische Vergötterung vor ihm zu keimen. Er war nach der Meinung mancher Menschen eigentlich ein durchaus guter und braver Mann gewesen, ein Apostel vernünftiger, gemäßigter Ideen; man begriff schwer, warum dieser sanfte Charakter nicht Landprediger geworden war. In ähnlicher Art sprach er selbst von sich zuweilen auf seinem Felsen, freilich wohl nur, um sich einen Spaß mit seiner Umgebung zu machen. Die richtige historische Mitte über jenem Haß und Abscheu, und über dieser Vergötterung wird wohl nicht mehr verrückt werden können. Napoleon war ein Despot. Es ist abgeschmackt, beweisen zu wollen, daß das Feuer brenne und das Wasser nässe. Ich erspare mir daher die gleich abgeschmackte Mühe, Napoleons Despotismus zu beweisen. Wer jene Zeit noch mit Bewußtsein durchlebt oder wer auch nur einige Zeilen Geschichte gelesen hat, weiß daß in ihr Alles unsicher, depraviert , vereitelt und das Meiste auch verkäuflich war, daß die Schmeichelei sich an die Stelle der Gesinnung gedrängt hatte, daß den Schwachen und Schlechten wohl, den Starken und Guten übel zumute war, und daß alles dieses von dem Einzigen herrührte, der nichts an seinem Platze gelassen hatte. Mit diesen Sätzen muß ich meine Beweisführung für geschlossen erklären, habe ich zugleich schon bewiesen, daß Napoleons Despotismus ein schlechter war. Denn man kann vom Despotismus reden und braucht dennoch nicht in Montesquieus Charles de Montesquieu (1689-1755), der angesehenste politische Philosoph seines Jahrhunderts, besonders durch seine Werke über den Geist der Gesetze und über die Größe und den Verfall der Römer berühmt, ein Anhänger der englischen Verfassung. Verwünschungen einzustimmen. Die Menschheit schwankt bei allen ihren Schritten zwischen Freiheit und Notwendigkeit; der Despotismus ist nur eine Notwendigkeit mehr, neben welcher manches Leben in Freiheit aufblühen kann. Er kann zu seiner Zeit nützlich sein; bisweilen mag die Welt nichts Anderes verdient haben. Er waltet fast durch den ganzen Orient, und der Orient beweist, daß unter ihm eine ehrwürdige Volksphysiognomie sich ausbilden könne. Lamartine Der französische Dichter und Staatsmann Alphonse de Lamartine bereiste 1832 das Morgenland und gab 1835 seine »Reise in's Morgenland« heraus. hat noch neuerdings gesagt: Wenn man zu den Orientalen komme, so sei es, als trete man unter die erstgeborenen Kinder des Hauses, unter die Bewahrer vornehmerer, anständigerer Sitte. Der Despot will nicht die Hand in den Taschen aller Menschen haben, er will nicht Blut trinken; sondern er will nur, daß die Freiheit der Einzelnen lediglich auf ihre Privatverhältnisse beschränkt sei, in den öffentlichen aber die eine und unteilbare Majestät herrsche. Er vernichtet die politischen Rechte, die bürgerlichen läßt er unangefochten. Er darf es wenigstens tun, ohne seinen unterscheidenden Charakter einzubüßen. Der ungerechte Kadi ist von vielen Despoten des Orients grimmig bestraft worden. In dieser Beziehung hatte auch Napoleon einen richtigen Takt. Er besaß ein wahres Interesse am Privatrechte, er ehrte den Richterstand höchlich, wenn er ihn auch schlecht bezahlte. Das Eigentum ließ er unangetastet, wenn nicht Kriegszwecke einen Konflikt hervorbrachten. Der Despotismus findet seinen Damm in der Religion, im Hause, in der Sitte. Die Gebiete der Freiheit, welche dahinter liegen, werden ihm gegenüber eigensinnig abgemarkt: in ihnen macht sich der Mensch Bewegung. Der Despot bildet die Menschen zu Religiosen, zu Freunden des Hauses und der Sitte um. Man kann nun nicht sagen, daß unsere Verhältnisse für die Ausbreitung und Befestigung des Despotismus ungünstig gewesen seien. Politische Rechte waren nicht vorhanden, oder sie waren an den Berechtigten gehaßt. Sitten und Gebräuche hatten sich zwar abgelebt, dagegen besitzt der Deutsche einen natürlichen Hang, sich zu unterwerfen, zu dienen, bis zur Selbstverleugnung imponiert zu sein. Von jeher flüchtete er gern von der Erde zum Himmel, von draußen in das Innere des Hauses. Wahrlich, ein vernünftiger Despot hatte mit ihm leichtes Spiel. Und Napoleon war von Italien, Ägypten, von den ordnenden Tagen des Konsulats her ohne Frage die größte, bezauberndste Erscheinung. Aber damit der Despotismus in den Seelen Wurzel schlage, muß er rein und naiv auftreten. Er muß sich ankündigen als das, was er ist, als Wille, der nicht zu schmeicheln braucht, als Gewalt, die da sagt: »Ich bin Gewalt, weil Gott in dieser Gewalt wohnt.« Napoleons Erscheinung war aber eine gemischte. Weil seine Weltstellung etwas Zwiespältiges und Gebrechliches hatte, so konnte daraus auch nur ein zwiespältiger, gebrechlicher Despotismus folgen. Der Riese stand in zu verschiedenartiger Beleuchtung: Die Legitimität Die Gesinnung, wonach die angestammten Fürsten von Gottes Gnaden und darum rechtmäßig regierten, so daß man ihnen nach Gottes Willen vollkommenen Gehorsam schuldig sei. Danach war der Emporkömmling Napoleon kein rechtmäßiger Kaiser, sondern wurde nur ertragen, bis man seiner übermächtig werden konnte. beleuchtete ihn, der Republikanismus, die militärische Glorie beleuchteten ihn, das Diogeneslämpchen Von dem griechischen Philosophen Diogenes (414-324 v. Chr.) wird erzählt, daß er einmal bei hellem Tage mit einer Laterne ging und Denen, die sich darüber verwunderten, erklärte, er wolle Menschen suchen. D. hatte sich zur größten Bedürfnislosigkeit erzogen und verachtete auch Ruhm und Macht. Als Alexander der Große, der Napoleon des Altertums, ihm anbot, er möge sich eine Gnade erbitten, erbat sich D., der König möge ihm aus der Sonne gehen, damit er der Wärme besser genieße. , welches nach Ruhe und Frieden suchen ging, ließ seinen schrägen Schein auf ihn fallen. Er warf daher keinen tiefen, schwarzen Schatten, der Schatten irrte das Auge durch blauen, grauen, rötlichen, grünlichen Farbenschiller. Napoleon konnte die Reminiszenzen der Ochlokratie , des Parvenu, das Gefühl der mißlichen Stellung nicht verleugnen. Deshalb mußte er unter allen Hatt-i-Scherifs Türkischer Name für die eigenhändig geschriebenen Befehle der Großherrn; sie haben unmittelbar Gesetzeskraft. , die er erließ, und an der Spitze von fünfhunderttausend Bajonetten demagogisch kajolieren, rhetorisch sich blähen; auch strebte er beständig, zu überzeugen. Mit allen diesen kleinen Mitteln befaßt sich der reine, große Despotismus nicht. Hätte er den Mut gehabt, zu sagen: »Ich bin Gottes Geißel, aus der Niedrigkeit berufen, euch zu züchtigen, wie ihr's durch eure Sünden verdient habt, tut Buße, ein Anderes ist diesem Geschlechte nicht zugeteilt« – wer weiß? .... Denn die Deutschen sind fähig, viel Not zu leiden, wenn sie sich nur mit einer kompakten Idee speisen können. Sie haben ein Talent, an sich zu zweifeln und zu verzweifeln. Fichte sagte ihnen ja ungefähr dasselbe, und sein Auditorium erduldete es. Warum sollten sie nicht resignierend in ihren Busen gegriffen haben, wenn ihnen der Weltgebieter eine ähnliche Bußpredigt gehalten hätte? Statt dessen sagte er: »Armes Volk, schmachtend unter den Lasten, die euch eure Gewaltigen auflegten, verkauft an England, ich nahe, dein Befreier, ich werde euch alle glücklich machen«. Dies mußte das Volk hören, welches, so unzufrieden es auch da und dort mit seinen Fürsten gewesen war, doch für sie ein Familiengefühl, wie das schmollender Kinder ist, bewahrt, welches von Englands Einflusse nie etwas vernommen hatte und inmitten aller Verheißungen des neuen Glücks Hunger und Durst litt. Schlimm war auch die Polissonnerie , die seinem Grimme anklebte und nach Marats verschollenem Blatte Marat, geb. 1744, von Charlotte Corday 1793 ermordet, der blutgierigste unter den Demagogen der Revolution, gab u. a. die Zeitschrift »l'ami du peuple« (»Volksfreund«) heraus, in der er den Gelüsten des Pöbels schmeichelte. schmeckte. Der Despot wirft sein Opfer nieder, verachtet es dann und läßt es im Blute liegen. Napoleon kehrte das blutige Opfer hin und her, beschimpfte es, besudelte es. Er vergaß sich so weit, Frauen zu schmähen, die gegen ihn gewirkt hatten. Man denke an die Königinnen von Neapel und Preußen! Das vergab ihm das Volk nicht, am wenigsten konnte es in solchen Invektiven einen echten Gesandten höherer Geschicke erkennen. Wie ein Fluch folgte ihm noch etwas: das Komische. Der rechte Despot verbirgt sich in erhabener Ruhe hinter seinem Wesir, er ist ein apathischer Gott. Oder um vom Morgenlande abzugehen: Philipp der Zweite hat an seinem briefebelasteten Schreibtisch in der Einsamkeit des Eskorials Bei Eskorial, einem Flecken in der spanischen Provinz Madrid, befindet sich ein von Philipp dem Zweiten erbauter berühmter Palast, die Herbstresidenz der spanischen Könige. Philipp II., Sohn Kaiser Karls des Fünften, lebte von 1527-1598; sein Charakter ist uns jetzt am besten bekannt aus Schillers »Don Carlos«, Goethes »Egmont« und Schillers »Geschichte des Abfalls der Niederlande«. gezeigt, wie sich ein Despot in Europa ausnehmen muß. So konnte und durfte nun zwar Napoleon nicht sein, aber dafür geriet er in das Hantieren, Renommieren, sich Spreizen, in eine Schauspielerei der Größe hinein. So verhielt es sich wenigstens, als er Norddeutschland niedergeworfen hatte und der luxurierende Geist bereits an seinen Einbildungen krankte. Damals war er nur noch unverfälscht groß in seinen Schlachten, in allem übrigen wirklich Jupiter Scapin Scapino oder Scapin ist in den italienischen und französischen Komödien der verschmitzte Bediente. , wie ihn der Erzbischof von Mecheln genannt hat. Napoleon hat sich über dieses Witzwort erzürnt, es trifft aber, denn alle seine Einrichtungen, die großen Kraft- und Schlagworte riefen in dem Volke immer sogleich Spitznamen, heimliche Travestien wörtliche Umkleidungen; gemeint sind possenhafte Veränderungen oder Nachahmungen ernsthaft gemeinter Dichterwerke. auf. Da war kein Pfahlbürger, der einen Trunk über den Durst getan hatte, den seine Kollegen nicht damit schroben, daß er sich »mit Ruhm bedeckt habe«. Kein Poltron lief davon, ohne über »die retrograde Bewegung « verhöhnt zu werden. Es ist aber nicht wahr, daß das Volk »alles Erhabene in eine Posse verwandeln müsse, weil es sonst dasselbe nicht zu ertragen vermöge« (Goethe). Einen Schwank treibt zwar das Volk gern mit jeglichem Großen, aber es persifliert es nicht. Es persifliert nur das Gemachte. Wie selten waren Spöttereien auf Friedrich den Zweiten! Der Geist des Empire Kaiserreich; man meint damit besonders die Glanzzeit Napoleons und dann den Bau- und Kunstgewerbestil, der damals herrschte; es war ein klassizistischer, an griechische und römische Vorbilder sich anlehnender. Auf ihn folgte ein neugotischer und andernorts der Biedermeierstil. war in merkwürdiger Weise ideen- und erfindungslos. Nicht einmal ein echt-heraldisches Wappen konnte er produzieren. Der Adler sah immer nach nichts aus, auch über den »Kuckuck,« wie er genannt wurde, lachte man. Das Komische ist aber der furchtbarste Feind des Furchtbaren; es zerreibt es heimlich. Denn der Mensch fühlt sich souverän, wenn er lacht. Dieses Mischchaos von Größe und Kleinheit, von Schreck und Posse regte ein Chaos in den Geistern der Menschen auf. Zuerst gab es ihnen Energie. Denn unter allem Lächerlichen, und gleichsam nur mit einem grillenhaften Redoutenputze behangen, trat doch ein Übermenschlich-Menschliches vor ihren Blick. Um vor diesem Koloß nicht zu verdunsten, mußte ein Jeder sein bißchen Mut, sein Restchen Eigenes zusammennehmen. Die Seelen der geringsten Philister glichen der kondensierten Luft in der Kugel der Windbüchse In der Windbüchse ist die treibende Kraft zusammengepreßte Luft, die in einen abschraubbaren Kolben eingepumpt wird. , bereit, loszuplatzen, wenn einmal die Klappe vor der Öffnung wiche. Aber jenes Übermenschlich-Menschliche wirkte nur wie eine gewaltsame Naturerscheinung, außer der Regel, konfus, zu kurzer Dauer vorbestimmt. Niemand knüpfte an dieses Phänomen sittliche Aussichten, Hoffnungen einer durchgreifenden sozialen Gestaltung. Wenn ich sage: Niemand, so nehme ich einige aus – besonders Juden, Lieferanten, Stellenjäger, Aristokraten, Fürsten – der große Kern des Volkes blieb aber von jenem Wahnglauben völlig unberührt. Sehr früh war man überzeugt, daß dieses Gerassel und Geprassel nicht lange die Welt durchlärmen könne, daß die Oper der Gloire Ruhm; man braucht das franz. Wort, um den prahlerischen, theaterhaften Ruhm zu bezeichnen, für den die Franzosen gern die größten Opfer brachten. einmal kurz vor Mitternacht ausgesungen sein werde. Ich hörte schon im Jahre 1810, folglich als das Reich auf dem Kulminationspunkte stand, einen ernsten Mann sagen: Napoleons Herrschaft sei schlimm, noch schlimmer aber werde die Flut der schlechten Verse und Karikaturen sein, wenn Napoleons Sturz erfolge. Die Jugend wurde von dem Gewühle disparater Vorstellungen, welche die moderne Völkerwanderung aufstörte, noch inniger ergriffen als das Alter. Sie war noch nicht durch Reflexion und Erfahrung abgebraucht. Sie hatte das frühere Leben nicht gekannt, sie empfing daher von dem Kriegs- und Weltsturm reine, für ihre ganze Zukunft bestimmende Eindrücke. Das Leben in einer seiner ungeheuersten Entfaltungen half die damalige deutsche Jugend mit erziehen. So war keine frühere, so ist die spätere Generation nicht erzogen worden. Abscheuliche Exekutionen traten vor das junge Auge. Ich war dreizehn Jahre alt, als ich eines Morgens von der Zitadelle herauf durch unsere Klosterstraße nach ödem Blachfeld vor dem Tore zwei blasse Männer führen sah. Es war ein junger und ein alter, sie waren mit den Händen aneinander gefesselt und der junge redete dem alten zu, der sehr niedergeschlagen aussah. Gendarmen ritten vor und nach, und ein Kommando Infanterie folgte. Ich hörte, daß es ein Vater und ein Sohn sei und daß sie erschossen würden, weil sie bei Kattes Korps Friedrich Karl v. Katte, 1772 im Magdeburgischen geboren, war 1808 und 1809 sehr tätig, in Norddeutschland einen Aufstand zu erregen, und nahe daran, Magdeburg durch Einverständnis und Überrumplung zu nehmen. Später schloß er sich an den gleich zu erwähnenden Herzog von Braunschweig an, 1813 trat er in die reguläre preußische Armee. gedient hätten. Einige Wochen später hörten wir feuern; es war Schill Ferdinand v. Schill (1776-1809) führte schon 1807 ein Freikorps; 1808 wurde er Kommandeur eines preußischen Husarenregiments; im April und Mai 1809 versuchte er mit seinem Regiment in das Königreich Westfalen einzubrechen. Er eroberte Halle, mußte sich aber bis Stralsund zurückziehen, wo er im Straßenkampfe fiel. , der sich bei Dodendorf mit den Westfalen Also mit den Truppen des Königs Jerome. Dodendorf liegt bei Magdeburg, und dies lag an der preußischen Grenze des damaligen Westfalens. schlug. Ich machte mich, als diese Sache wieder still geworden war, an einen Holzhacker, einen finsteren, bärtigen Kerl, von dem es heimlich bekannt war, daß er unter dem Parteigänger gedient hatte. Er erzählte mir in den Pausen, wo er vom Hacken ausruhte, flüsternd, wie er nach dem Stralsunder Blutbade drei Tage und drei Nächte in einem elenden Kahne auf der See geschwommen habe und endlich von Fischern nach der Insel Usedom gerettet worden sei. Daß Schill geblieben sei, galt für eine französische Fabel; er lebe, hieß es, und werde zu gelegener Zeit schon wieder zum Vorschein kommen. Das Volk läßt seine Lieblinge nicht sterben. Es hieß seinen Helden Schild, in dieser Umgestaltung des Namens unabsichtlich sein Gefühl aussprechend. Dann ging Braunschweig-Oels Der jüngste Sohn und Erbe des unter Fußnote 9 erwähnten Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand, jedoch seines Erbes verlustig, da Napoleon es zum Königreich Westfalen geschlagen hatte. Dieser Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels (1771-1815) errichtete 1809 ein Freikorps, das schwarz uniformiert war, drang zuerst in Sachsen ein und zog bis zum 7. August siegreich über Leipzig, Halle, Halberstadt, Braunschweig, Hannover bis zur Nordsee, fuhr nach England über und kämpfte nun in englischen Diensten gegen Napoleon. Auch er trat 1813 in preußischen Dienst, 1815 fiel er bei Quatrebras. in geordneterem, achtunggebietenderem Zuge durch Niederdeutschland. Wir waren noch Knaben, aber ich kann sagen, daß wir die gewaltige Situation fühlten, als wir vernahmen, der Welfe habe streifend seine Stadt besucht, aber nicht auf dem Schlosse geschlafen, sondern draußen unter dem Sternenhimmel in der Beiwacht. Wie ein ferner, sterbender Ton klang es aus den Tiroler Alpen nach unseren Flächen herunter Aus dem tiefen Eindruck, den die Erhebung der Tiroler im Jahre 1809 auf den Knaben machte, ist 1826 Immermanns Trauerspiel »Andreas Hofer, der Sandwirt von Passeyer« entstanden. . In phantastischer Energie des Hasses entlud sich die verletzte Empfindung der Jugend. Wir wußten nichts von Stabs, wir wußten noch weniger von Georges Cadoudal und Pichegru General Pichegru verband sich 1803 mit Cadoudal, der schon 1800 an einer »Höllenmaschine« beteiligt gewesen war, zur Ermordung Napoleons. Manche andere planten und versuchten solche Attentate; nicht wenige von ihnen wurden hingerichtet. , aber es war unter den jungen Leuten ein gemeines Gespräch, wie man es wohl anfangen könne, Napoleon zu erschießen oder zu erstechen. Daß es Sünde sei, einen Menschen zu töten, kam hierbei nicht in Erwägung; nur daß es den Kopf kosten werde, machte die Sache bedenklich. Man wird zugeben, daß eine Jugend, die in ihren Gedanken mit Mord und Tod spielt, eine eigenartige Jugend gewesen sein müsse. Alle Gegensätze zogen wie die unter dem Machtherrscher zusammengekoppelten Völker durch die unreifen Gemüter. Der gröbste Materialismus, der durch die Not der Zeit aufgezwungene Glaubenssatz, daß es vor allen Dingen darauf ankomme, Unterhalt und Brot zu finden, stand neben den wildesten Träumen von goldenen glänzenden Abenteuern tief in Asien oder fern bei Lissabon, worin eine maßlos an das Unmögliche verlorene Einbildung schwelgte. Drastisch zum Gefühle ihrer Wichtigkeit aufgeregt wurde die Jugend an einigen Orten durch Fichte und Jahn und durch die, welche von den Gedanken dieser Männer einen Anstoß empfangen hatten. Die damalige Jugend lebte mehr in starken Vorstellungen als in umfassenden, mehr in Gefühl und Entschluß als in Verstand und Betrachtung. Ihren Durchschnittszustand möchte ich eine edle Barbarei nennen. In dieser Verfassung traf sie der Krieg. 12. Kapitel. Preußens Erhebung. Preußens Fall nach der thüringischen Doppelschlacht Am 14. Oktober 1806 wurde gleichzeitig zwischen Jena, Apolda und Weimar und etwas nördlich bei Auerstädt gekämpft. Die Schlacht heißt deshalb oft die bei Jena und Auerstädt. wird, solange es eine Geschichte gibt, zu ihren furchtbarsten und warnendsten Ereignissen gezählt bleiben. Am vierzehnten Oktober kämpfen die Heere im Herzen Deutschlands, einen Monat später suchen ihre Reste, hundert Meilen rückwärts, sich an der Warthe und Weichsel im Felde zu erhalten. Acht Tage liegen zwischen einem Glanze, dessen Trüglichkeit nur von wenigen Tieferblickenden erkannt war, und einer Finsternis, durch welche auch nur für die stärksten Gemüter noch ein ferner Lichtschimmer leuchtet. Man hat in den damaligen Zeiten, wo Leidenschaft oder böser Sinn in den Wunden der zerfleischten Mutter zu wühlen liebte, hin und wieder gesagt, der unglückliche Staat sei den Leichen in manchen Gewölben zu vergleichen gewesen, welche, die äußere Form und Gestalt bewahrend, doch bei der ersten Berührung in Staub zerfallen. Nichts kann unrichtiger sein. Ein verwestes Reich besinnt sich nicht, wie Preußen tat, unmittelbar nach dem entsetzlichen Sturz auf gewaltige Lebenskräfte: ein heruntergekommenes und abgenutztes Volk würde etwas mehr als sechs Jahre bedurft haben, um von dem Zustande der Entkräftung zu dem Mute zu genesen, mit welchem der Schild erhoben wurde, als die Stunde gekommen war. Nein! Ein in seinem Kerne eigentlich gesunder und starker Staat fiel – fiel dennoch mit unglaublicher Schnelligkeit! Hier gibt uns der Geist der Geschichte eine praktischere Lehre, als welche aus dem Gleichnisse von erhaltenen Leichen zu ziehen sein möchte. Denn daß Staaten und Völker im Laufe der Zeiten nach und nach altern und dadurch aus der Reihe selbständiger Existenzen verschwinden mögen, ist ein gemeines Schicksal, zu dessen Abwendung sich noch kein Mittel hat entdecken lassen. Aber daß es diesen großen, zusammengesetzten Wesen ebenso ergehen kann, wie einem einzelnen Menschen, der in aller Kraft daniederzuwerfen ist, wenn er sich Arme und Füße band oder sein Auge verhüllte oder auf schlüpfrigen, abschüssigen Grund trat, darin liegt eine Erfahrung, deren Wiederkehr zu vermeiden in unseren Kräften steht. Wie auch Not, Elend und Trübsal sich von allen Seiten damals auftürmten, dennoch wurde die preußische Ehre aufrecht erhalten. Blücher kapituliert erst, als ihm Pulver und Nahrung für Mann und Roß ausgegangen ist; Lestocq entscheidet die Schlacht bei Eylau; Courbière antwortet, als der Parlamentär ihm vorstellig macht, der König habe seine Staaten verlassen: »Dann bin ich König von Graudenz.« Dies Wort wird bis zum heutigen Tage fälschlich zitiert. Courbière erwiderte auf das Wort des Franzosen, es gebe keinen König von Preußen mehr, nicht: »Dann bin ich König von Graudenz«, sondern: »So gibt es doch noch einen König von Graudenz«, womit er König Friedrich Wilhelm den Dritten meinte. Schill entwickelt in seiner beweglichen Schar an der Ostsee die ganze unabschwächbare Elastizität, welche von jeher die beste Ausstattung unsres Reichs war; hinter Kolbergs Mauern taucht Gneisenau auf; Nettelbeck endlich zeigt vorbildlich, was der freie Bürgersinn vermöge, wenn man ihm zu schaffen gibt. Der Friede zerreißt das Land: der Feind bleibt im Lande! Lasten von untragbarem Gewicht sollen jede Hoffnung dereinstigen Auferstehens daniederhalten. Wenn sonst ein Krieg unter den Nationen der europäischen Christenheit auch durch entschieden unglücklichen Ausgang für die eine zum Abschluß kam, so pflegte nach dem Frieden dem Besiegten der Schirm der Verträge und die Stütze des Völkerrechts zu werden. In unserm Falle aber hat sich der Überwinder ein Andres ausgesonnen. Preußen ist ihm nichts als eine Beute, als ein blutiger Fetzen, den er mit dem Fuße im Staube hin und her stößt, wie es seinem Übermute gefällt. Der Mann, von dem ich rede, gehört der Geschichte an, und nur die Sage kennt das Wunder und das Ungeheuer. Die Geschichte weiß allein von Menschen und von der Macht der Umstände. Auch Jener war ein Mensch, aus Gut und Böse gemischt und weit mehr von der Macht übergewaltiger Umstände zu maßlosen Taten entboten, als dieser Macht selbst gebietend. Das aber muß gesagt werden, daß er unser Vaterland und alle Empfindungen, die ein edler Sieger zu schonen pflegt, mit einer Grausamkeit behandelte, welche jemals zu vergessen allem richtigen Selbstgefühle widersprechen würde. Er bleibe uns daher in Gutem und Bösem erinnerlich. Wir wollen seine Großtaten von der Brücke bei Lodi bis zu den Schanzen an der Moskwa und die Kraft, mit welcher er Frankreich im Innern auferbaute, im Gedächtnis behalten, aber daneben wollen wir uns auch an die Schmähungen auf die Königin, an die Beleidigungen bei dem Vertrage von Tilsit, an die Besetzung der Oderfestungen, an die Kontribution von einhundert Millionen Talern und an den Raub der polnischen Kapitalien Die Polen erhofften von Napoleon Wiederherstellung ihres Königreichs; er bildete auch im Frieden zu Tilsit ein »Großherzogtum Warschau« und machte den König von Sachsen, der schon oben wiederholt erwähnt ist, zum erblichen Großherzog. Aber der neue Staat mußte ihm sogleich für 20 Millionen Franken Nationalgüter zu Schenkungen an seine Feldherrn abtreten und wurde auch sonst wie eine eroberte französische Provinz behandelt. erinnern. Und noch an ein Zweites werden wir uns zu erinnern haben. Der Sohn und Held der Revolution stellte in diesen Unbilden, soweit sie nicht seinem rachsüchtigen Ingrimme entsprangen, doch nur den Egoismus und Stolz des Volkes, welches seit lange für das erste gelten zu wollen sich angewöhnt hatte, im größten Maßstabe dar. Diese Eigenschaften aber gehören, wenn wir nicht oberflächlichen Reden, sondern unsern gesunden Augen und Ohren glauben, noch keineswegs der Geschichte, vielmehr der lebendigen und gegenwärtigen Wirklichkeit an. Indem der Eroberer alle Rettungsmittel abschneidet, hat er nur eins übersehen, zum Glück ist es das sicherste: die Kraft großer sittlicher Entschlüsse. Der König umgibt sich mit Räten, würdig des Vertrauens, welches der reine Wille der Majestät in sie gesetzt hat, und gewachsen jener äußersten Krisis des Staats. Es beginnt nun etwas, was, in solcher Ausdehnung unter solchen Schwierigkeiten gelungen, ohne Beispiel sein möchte. Einem geschlagenen Heere wird ein würdiges Bewußtsein eingehaucht; die Ausländer verschwinden; der Gedanke der Landesbewaffnung kommt auf, und weil nur Vierzigtausend unter den Waffen stehen sollen, so wandern nach und nach, indem man immerfort entläßt und aushebt, Hunderttausend in Bauer- und Bürgerröcken umher. Das Eigentum wird in die fleißige Hand gegeben, die morschgewordene Fessel der Zünfte gesprengt, dagegen dem wichtigsten Herde des neueren Lebens, der Stadt, zeitgemäße Gestalt und Gliederung zugeteilt. In die Ämter kommt der Tüchtigste, sei er so oder so geboren. Fichte hält mitten unter den Gewalthabern in Berlin seine Reden an die deutsche Nation. Und damit der Patriot die letzte Versicherung erhalte, daß die Regierung die Wiedergeburt des Staats in der unsterblichen Region des Geistes vollenden wolle und gewissermaßen den Schlußstein des Baus damit empfange, so ersteht unter Finanz- und Verwaltungsnöten aller Art auf dem zitternden, dampfenden Boden die neue Hochschule Die Universität Berlin wurde 1810 begründet. in der Hauptstadt. Alles dieses vollbringt sich vor dem Antlitz des Feindes, während seine Heersäulen das Land durchziehen und Schwärme von Kundschaftern bestellt sind, jeder bedenklichen Regung aufzulauern. Sie sehen den »Tugendbund« Eine dem Könige und den obersten Staatsbeamten bekannte, im übrigen geheime Gesellschaft, die im Frühjahr 1808 in Königsberg entstand und sich rasch über alle preußisch gebliebenen Städte ausdehnte. Der Zweck war die sittliche und politische Erneuerung Preußens als Vorbereitung zur Abwerfung des französischen Jochs. Besonders wirkten seine Mitglieder auf Wiederherstellung der Armee und auf ein besseres Verhältnis zwischen Offizieren und Zivilisten, das bisher recht unfreundlich gewesen war. Im Dezember 1809 mußte der König nach Napoleons Willen den Tugendbund verbieten; die einander bekannt gebliebenen Mitglieder waren jedoch bis zum offenen Kampfe gegen Napoleon dessen Vorbereiter. , sie sehen diesen und jenen Verdächtigen, aber sie übersehen das Größte, Verdächtigste! Welchen Teil an dieser Schöpfung des Schweigens die wirkenden Persönlichkeiten im einzelnen gehabt, wie die inneren Bezüge ihrer Arbeit zu- und aufeinander gewesen, inwiefern der Zufall ihr Schaffen gehemmt oder gefördert, das wahr und erschöpfend darzulegen, ist vielleicht die Stunde noch nicht gekommen; gewiß aber würde meiner Feder jedes nähere Schildern nicht gelingen. Ich nenne also nur die Namen: Stein, Hardenberg, Scharnhorst, Boyen, an welche sich die Ausbeute des erhabenen Werks in ihrer ungeteilten Fülle knüpft. Die Zeit ist eisern, der goldne Schmuck verschwindet, und eherne Zierraten tragen Frauen und Jungfrauen. Aber wie jeder Einzelne leide und darbe: er sieht, daß sein Monarch in würdevollem Dulden, in opfernder Entsagung Allen das glorreichste Beispiel gibt. Der letzte Schlag, an dem sich diese Tugend bewähren soll, bricht über das Haupt des Königs herein. Die Königin stirbt, als der Überwältiger, nach dem Feldzuge in Österreich auf dem Gipfel seiner Macht stehend, nur noch schlecht verhehlt, daß er die völlige Vernichtung des ihm widerwärtigen Staates sinne. Endlich war der Zorn des Geschicks versöhnt. In allen den aufgehäuften Brennstoff heißer Wünsche, heftiger Vorsätze, geheimer Zurüstungen, verborgener Vorbereitungen, wagemutiger Bündnisse fiel wie ein zündender Funke die Post von dem ungeheuern Ereignisse in Rußland. Die Wirkung war eine magische; wer die Grenzen kennt, die jeder Darstellung gesetzt sind, fühlt, daß kein Wort den ganzen Gehalt jener Tage wiedergeben kann. Wunderbare Bilder schwebten den Menschen vor, seltsame Träume umspannen sie; die Welt war wie von einem Fieber geschüttelt, aber in den Schauern dieses Fiebers spürte Jeder die Entscheidung des langen Übels. Alles erwachte, regte sich, fühlte die Zuckungen der von Grund aus annahenden Verwandlung. Zwischen den Gewöhnungen des alten Elends und dem Aufsprießen junger Hoffnungen ergaben sich tiefgreifende, schneidende Widersprüche. York, ein Charakter, wenn es je einen gegeben hat, wirft durch die Konvention von Tauroggen In dem Dorfe Poscherun bei Tauroggen (im russischen Gouverment Kowno) schloß Graf York am 30. Dezember 1812 mit dem russischen General Diebitsch eigenmächtig einen Neutralitätsvertrag; damit traten die bisherigen preußischen Hilfstruppen Napoleons auf die Seite seiner Gegner. zuerst den Keim fester Gestaltung in dieses Chaos. Er wird verurteilt, aber schon hat sich die Erwartung der Nation seinem Schritte angeschlossen, und sie berührt der Spruch des Kriegsgerichtes nicht. Am 3. Februar 1813 sagt der Kanzler im Namen seines Herrn aus, daß der Staat in Gefahr sei, und ruft die Freiwilligen auf. Der Feind wird noch nicht gezeigt, aber Jeder sieht ihn. Endlich, am 17. März, spricht der König selbst zu seinem Volke. In dieser Anrede, die nie vergessen werden wird, sind die Worte Taten, weil in jedem Worte nur eine Wahrheit laut vom Throne herab verkündet wird, welche Millionen schon seit sechs Jahren sich zugeraunt hatten. Wie wenn die Herstellung eines schönen Heldenbildes beschlossen ward, Meißel und Hammer hinter der bergenden Umhüllung lange daran arbeiteten, endlich aber der Mantel fällt und dem entzückten Volke die verehrte Gestalt neu leuchtend entgegenstrahlt, so fiel am 17. März vor dem Bilde Borussias die Umhüllung zusammen, und hergestellt, frischen Glanzes, erregte es wieder das Staunen und die Freude der Welt. Schon bei Groß-Görschen bestehen die Freiwilligen mit ihrem Blute die Waffenprobe. Scharnhorst fällt, aber die Saat, die er geheimnisvoll säen helfen, geht über seinem Grabe auf. Macdonald erfährt an der Katzbach, Oudinot bei Groß-Beeren, Ney bei Dennewitz, was die Landwehr sei. In dem grauen Feldmarschall ist der Geist Preußens am gewaltigsten rege, in seinem Verhältnis stehen die Geschicke Preußens gleichsam zutage. Er wetteifert mit dem großen Feinde nicht in dem Elemente, in welchem dieser mit Meisterschaft zu walten weiß, er stellt ihm vielmehr ein ganz neues entgegen, auf welches der Gegner sich nicht versteht und woran zuletzt dessen Zauber alle zerbrechen. Wie man von Napoleon sagen kann, daß seine Kriege eine politische Färbung hatten, und wie in der Politik immer nur der glückliche Erfolg einen Schritt weiter bringt, so läßt sich von Blücher behaupten, daß er den Krieg wieder zu einer Art von persönlichem Zweikampfe im größten Maßstabe zu veredeln wußte. In einem rechten Zweikampfe aber auf Tod und Leben, wie dieser war, tritt nicht eher die Entscheidung ein, als bis der Eine sterbend am Boden liegt oder ihm der Degen aus der Hand geschlagen ist. Wunden und Nachteile in den einzelnen Gängen tun dem Tapfern da nichts an! Charakteristisch wird es bei unsrer Vergleichung, daß der eine Feldherr aus der Artillerie, der berechnetsten und berechnendsten Waffengattung, der andere aus der Reiterei, der ritterlichsten, hervorgegangen war. Wie der Feind durch Überfall, durch Konzentrierung unwiderstehlicher Massen auf einen Punkt zu wirken versteht, so weiß unser Held mit überraschten oder zerstreutlagernden Truppen zu siegen oder den Widersacher zu ermüden oder mindestens die Ehre des Kampfes auszulösen. Und in einem Zuge ist er unvergleichlich, und dadurch hat er die Feinde am nachhaltigsten in Verwirrung gesetzt: in dem Zuge, daß keine verlorne Schlacht seinen Entschlüssen etwas anhaben konnte. So leistet er denn etwas nie Dagewesenes, nämlich daß er, auch geschlagen, unaufhaltsam immer vorwärts dringt. In der Champagne hart mitgenommen, vor dem Walde von Etoges beinahe aufgerieben, beschließt er, dem Kriege auf eigne Hand in Paris ein Ende zu machen. Er behauptet sich bei Laon und steht wenige Wochen später auf dem Montmartre. Ja, als sollte sich am Ende dieser rühmlichen Bahn ihr Gesetz noch einmal in der glänzendsten Figur verkörpert zeigen: bei Ligny schleudert das verwundete Roß den Dreiundsiebenzigjährigen auf den Boden, er aber erhebt sich von diesem Sturze nur zu dem Siege von Belle-Alliance, jenem Riesen zu vergleichen, der von der Berührung seiner Mutter gedoppelte Kräfte empfing Nach der griechischen Göttersage war der Riese Antaios, Sohn des Meergotts Poseidon und der Gaia (Erde), unüberwindlich, weil er von jeder Berührung mit seiner Mutter neue Kraft gewann. Herkules mußte ihn deshalb in der Luft halten, um ihn zu erwürgen. . Uns aber ergreift bei der Betrachtung dieser Heroengestalt die freudige Rührung, welche für den wohlgesinnten Menschen nie ausbleibt, wenn er sieht, wie aus dem Schoße der Natur einmal etwas Ganzes, Großes, Unvermischtes, Urgewaltiges hervorwuchs. Ist der alte Blücher der erdgeborne Mut, die erfolgbringende Tatkraft, so tritt in einem andern Kreise eine nach außen hin mit solchen Wirkungen nicht vergleichbare, innerlich aber ebenso bedeutende Potenz jenes Kampfes besonders hervor. Die Jugend und Frische des deutschen Gesamtlebens war in seinen zartesten Nerven von der fremden Überziehung angetastet worden. Deutsches Denken, Sinnen und Dichten stand in Gefahr, mit der heimischen Sprache den fremden Lauten und dargeliehenen oder aufgedrungenen Geistesformen weichen zu müssen. Deshalb kämpfte die Blüte der Jugend aus dem Hörsaal, der Kirche, dem Lehrstuhl, der Gerichtshalle so begeistert mit; diese Jugend fühlte, daß das ganze Erbe unsrer großen geistigen Ahnen und die Zukunft des Geistes, welche ihr anheimfallen sollte, auf dem Spiele stehe. Der Atem dieser Jugend durchdrang erfrischend das Heer; überallhin waren ihre Sprossen gepflanzt, nirgends aber stand der junge grüne Hain so dicht als in der Lützowschen Freischar. Hier war der Student der Nebenmann des jungen Geistlichen; Ärzte, Künstler, Lehrer, Naturforscher, ausgezeichnete, zum Teil schon hochgestellte Beamte von besondrem Schwunge des Wirkens, Gelehrte und Forscher mancher Art waren an die wenigen Kompagnien und Schwadronen verteilt, welche zum Zeichen, daß alle Farben des deutschen Lebens erst wieder aufwachen sollten, das farblose Schwarz trugen. Unsre Sinnes- und Geistesart war gewissermaßen dort in einer gedrängten und übersichtlichen Gruppe nach ihren verschiedensten Formen sichtbar. Ein kühner, freisinniger Führer hielt diese eigenartigen Persönlichkeiten, diese wundersame Genossenschaft unter den schwierigsten Umständen in Sieg und Niederlage zusammen. Ich nenne einige wenige Namen, wie sie mir eben einfallen, und ohne damit andeuten zu wollen, daß sie das Ganze auch nur näherungsweise bezeichnen können; die Namen: Friesen, Graf zu Dohna, Reil, Vietinghoff, Eckstein, Dorow, Beuth, Helmenstreit, Ennemoser, Kruckenberg, Petersdorf, Jahn, Berenhorst, Meckel, Foerster, endlich: Theodor Körner. Die Freischar war die Poesie des Heers, und so hat sie denn auch den Dichter des Kampfes in ihrem Schoße ausgetragen: Theodor Körner . Von ihm kann man sagen, was Wallenstein von Max sagt: »Sein Leben liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet.« Ein schönes, beneidenswertes Leben! Indem er den Kriegerrock anzieht, streift er alles Schwache, Nachgeahmte seiner ersten Versuche ab; er ist ein Andrer geworden. Von Feldwacht zu Feldwacht, von Gefecht zu Gefecht quellen ihm Lieder zu, eigne, unnachgeahmte, unnachahmbare, welche die Nation zu ihren Schätzen stellt. Er dichtet sein Schwertlied, einen der höchsten Laute unsrer Sprache; da werben schon die Trompeten. Er wirft den Stift weg und ergreift die Braut, welche er eben besungen. In der Fülle dieser Wonne, auf dem Gipfel solchen Glücks tritt ihn der Tod an, rasch, ohne daß er sein Antlitz gesehen hat, und die Brüder geben ihm den Feuergruß in die erkämpfte Gruft. Er fehlt im Siegesheimzuge, aber er ruht, wie er wollte, und lebt im Volk: »Denn was berauscht die Leier einst gesungen, das hat des Schwertes freie Tat errungen.« Sehen wir in ihm die jauchzende Lust des Daseins, so mischt sich unsrem Gefühle eine tragische Stimmung bei, wenn wir noch einen Blick auf die Schar zurückwerfen, von welcher ich vorhin einen bildlichen Ausdruck gebraucht habe. Dieser Ausdruck ist auch nach der trüben Seite zu kein leerer, er hat eine wehmütige Wahrheit. Jene schnellen Reiter, jene munteren Schützen hätten vor Allen die beflügeltsten Züge, die kecksten und vordersten Wagnisse verdient, sie wären es wert gewesen, dem schlesischen Heere streifend den Weg auf den Montmartre zu zeigen. Die Freischar war geboren, Blüchers Auge zu sein. Aber ein eigensinniges Kriegsgeschick, dessen Beschlüsse unbeugsam sind, bindet einen geraumen Teil des Kampfes hindurch den raschen Führer und sein rasches Häuflein an die gemessenen Schritte eines Zaudernden, dessen Rückhalten zwar den vollgültigsten und gerechtesten Staatsgrund für sich hat, Andern aber freilich, welche mit solchen Gründen nichts zu teilen finden, ein bitter-drückendes Gewicht anhängt. Und so klingt in diesem ganzen sonderbaren Verhältnisse der alte Schmerz an, daß die Fürstin des Geisterreiches, die Poesie, wenn sie in das irdische Dasein hinüberschreitet, als gefesselte Königin aufzutreten meistenteils verurteilt ist. Indessen, was auch unterwegs gehemmt, zerdrückt, von seiner Bestimmung abgelenkt wird, die große Sache des Vaterlandes geht ihren gesegneten Gang und findet in Paris und zum andern Male in Paris die volle Genugtuung. An diesem überschwänglichen Heile löschten alle einzelnen Mißstimmungen aus. Deutschland war eins, sein guter Name hergestellt, und dazu hatte ein Jeder mit Mut, Gut oder Gaben, Rat und Fleiß beigesteuert, ein Jeglicher nach Vermögen. In dem Gefühle dieses allgemeinen Glücks schlossen sich alle Wunden, vor diesem starken Gesamtbewußtsein wichen die Zweifel zurück. 13. Kapitel. Als Kriegsfreiwilliger. Der Aufstand der Jugend in den Landstrichen links der Elbe fand zwar in Masse erst nach der Schlacht bei Leipzig statt: aber dennoch war von Halle schon vor dem Schlusse der Kollegien im März 1813, angefeuert durch geheime Sendboten aus Berlin, eine beträchtliche Schar zu den preußischen Fahnen aufgebrochen, meistenteils zu dem Lützowschen Freikorps. Nach dem Sturme durch Kleist im April waren die siegenden Preußen von den Einwohnern mit Jubel empfangen worden. Man wußte, daß Napoleon das eine wie das andere wisse, und es schwebte daher in den ersten Sommermonaten eine Gewitterluft über der Universität, die freilich uns junge Leute wenig angriff. Auch hofften die Vorstände und Behörden noch durch Mittelspersonen von Einfluß den Schlag abwenden zu können. Auf einmal verkündeten während des Waffenstillstandes und, wenn ich nicht irre, noch im Juli die Zeitungen, der Kaiser werde in den nächsten Tagen von Dresden abreisen und Niedersachsen, besonders Magdeburg in Augenschein nehmen. Wir Studenten achteten dessen wenig. Denen aber, die etwas zu verantworten hatten, mag übel zumute geworden sein, denn Halle mußte von dem Strahle dieser Reise berührt werden. Ich wollte eines Vormittags mir aus den Institutionen das Nötige über die Falcidische Quart Eine gesetzliche Bestimmung, die auf ein römisches Gesetz von 40 v. Chr., die Falcidia lex, zurückgeht. Sie besagt, daß jeder Erbe mindestens ein Viertel seines Erbteils für sich frei von Vermächtnissen beanspruchen darf. holen, fand aber statt eines gesammelten Auditoriums nur einen Haufen unruhiger Kommilitonen, denen der Fiskal eben angekündigt hatte, daß nicht gelesen werde. Auf ferneres Befragen eröffnete er uns, daß der Kaiser soeben der Universität eine andere und zwar eine tödliche Quart Der vierte Hieb oder Stoß der Fechtkunst, auf die linke Seite des Gegners gerichtet. versetzt habe. Die Universität war nämlich aufgehoben oder hatte, wie der damalige Kurialstil lautete, »aufgehört zu sein«. Napoleon war in der Nacht an Halle durchpassiert, hatte draußen vor dem Tore umspannen lassen, die akademischen Behörden, die ihm ihre Aufwartung machen wollten, heftig angelassen und ihnen unter schweren Drohworten für ihre Personen kurzweg erklärt, er brauche keine Studenten, sondern nur Soldaten und Bauern. Er war darauf, wie der Dämon, in das Dunkel entschwunden; in der Frühe aber hatte ein offizieller Aufhebungsbefehl aller Ungewißheit ein Ende gemacht. Die Professoren hingen die Köpfe, die Studenten bezahlten ihre Wirte, oder bezahlten sie auch nicht, und reisten ab. Die Weimaraner Die Schauspieler, von denen unter Fußnote 33 die Rede war. gingen nach Weimar zurück, die Fridericiana wurde wüst und leer. Ich glaubte, für so außerordentliche Umstände sei der Befehl meines Vaters nicht gegeben worden, und da ich überdies nicht wußte, was ich an einem Orte ferner solle, wo es keine Vorträge mehr gebe, so machte ich mich auf den Weg und wanderte zu Fuß im stärksten Sonnenbrande die staubige Chaussee nach der Heimat hinunter. Sobald ich aber unser Haus betreten hatte, überfiel mich die Ahnung, daß ich auf gefährlichem Boden stehe. Beklommen erwartete ich die Rückkunft meines Vaters, der sich in seinen Geschäften auf der Präfektur befand. Als er kam, trat ich ihm begrüßend entgegen. Er maß mich mit seinen Augen, lehnte die Annäherung ab und sagte mit festem Akzent: »Ich habe dir verboten, während des ersten Jahres nach Hause zu kommen. Du wirst Dich hier ausruhen, wenn das geschehen, aber zurückkehren, wohin du gehörst, und für dich studieren, bis ich über dich anderweit bestimmt habe.« Dabei blieb es denn auch. Ich verweilte zwei Tage in Magdeburg, bestand vor meinem Vater ein juristisches Tentamen Prüfung, besonders eine erste oder Vorprüfung nach einem noch nicht vollendeten Studium. und kehrte dann in die Lücke zurück, welche eine Hochschule früher ausgefüllt hatte. Die Einsamkeit, in welcher ich nun gegen zwei Monate leben mußte, ohne Verwandte, Freunde, Ratgeber an einem fremden Orte in so jungen Jahren, hatte etwas von manchem Callotschen Bilde, auf welchem sich Hexen, Teufel und Fratzen umherjagen Die Kupferstiche des Franzosen Jacques Callot (1592-1635) zeichneten sich durch einen wilden phantastischen Humor aus. . Fouqués »Zauberring« hatte ich zu lesen bekommen, Arnims »Gräfin Dolores« und »Ahasver«, Brentanos »Ponce de Leon« und noch Anderes, was dieser hyperromantischen Richtung angehörte. Ich fing an, mich bei hellem Tageslicht vor Gespenstern zu fürchten. Die wimmelnden, spukhaften Gestalten huschten durch mein weites, ödes Zimmer in dem stillen Klügelschen Hause; dazu goß der Regen im August in Strömen herab und bannte mich vollends in jene phantasmagorische Die Phantasmagorie ist die Darstellung von Scheinbildern durch optische Vorrichtungen. Stubenatmosphäre. Ich weiß nicht, wohin diese Eremitenlage mich noch gebracht haben würde, wenn nicht die Tage vor der Leipziger Schlacht dem ganzen Wesen ein Ende gemacht hätten. Die allgemeine Bewegung, welche nun unsere Gegenden ergriff, riß mich auch fort und trieb mich in die Wege, welche so viele Andere gingen. Ich machte eine größere Reise, als mein Vater sie für mich im Sinne gehabt hatte. Und auch nach dem von ihm gesetzten Probejahre sollte ich ihn nicht wieder erblicken. Er starb in der durch Tauentzien belagerten Festung, während ich im Felde war. Nachwort Nur so weit hat Immermann seine Lebensgeschichte erzählen können; am 25. August 1840 nahm der Tod dem erst Vierundvierzigjährigen die Feder aus der Hand; seine ihm am 2. Oktober 1839 angetraute junge Gattin Marianne, eine Enkelin des Kanzlers Niemeyer zu Halle, hatte ihm soeben ein Töchterchen geschenkt, und eben sollte er auch in eine der höchsten Richterstellen des Rheinlandes einrücken. Jetzt erst hatte sein Talent die volle Reife erlangt; manche Dichtung von gleicher Höhe wie »Münchhausen«, »Die Epigonen«, »Tristan und Isolde«, hätte man von ihm noch erwarten dürfen, auch manches Wort an die Zeitgenossen, die gerade eines solchen ebenso freimütigen wie besonnenen und weitblickenden Beraters sehr bedurften. Aus Tagebüchern Wir können über seine Teilnahme an den Freiheitskriegen nur wenig hinzufügen; es geschieht nach seinen Briefen und Tagebüchern, die Gustav zu Putlitz 1870 herausgegeben hat. Nach der Schlacht bei Leipzig meldete sich auch der siebzehnjährige Immermann zu den Waffen; der Vater stimmte gern zu. Er ward in die erste Jägerabteilung des Leib-Infanterieregiments aufgenommen, aber noch vor dem eigentlichen Aufbruch der Truppen ergriff ihn in Neuhaldensleben ein heftiges Nervenfieber, das ihn an den Rand des Grabes brachte. Ein Vierteljahr mußte er krank liegen; als er dann seinen Truppenteil erreichte, war der Krieg zu Ende. Traurig zog er heim, weil es ihm nicht vergönnt gewesen war, für die Befreiung des Vaterlandes zu fechten. In Helmstedt erfuhr er den Tod seines Vaters; im fünfundsechzigsten Lebensjahre war er am Karfreitag 1814 seiner noch jungen Gattin und seinen noch unversorgten Kindern entrissen worden. Karl Immermann wandte sich, als das Freiwilligenkorps aufgelöst war, seinen Studien zu, immer noch Gram im Herzen, daß er als Soldat nur Patient gewesen war. Er war dann vielleicht der einzige Mensch in Deutschland, der jubeln konnte, als Napoleon von Elba entwich und der Kampf von neuem begann. Sofort war er wieder unter den Freiwilligen. Es war ein kleiner Kreis von Freunden, die sich am 29. April 1815 zu Magdeburg dem kommandierenden Generale vorstellten und von ihm einen Vorspannpaß bis zur Armee an der französischen Grenze erhielten. Der vorgeschriebene Marsch führte sie über Helmstedt, Hildesheim, Soest, Elberfeld und Düsseldorf nach Aachen. Es war eine fröhliche Reise; überall wurden die jungen Jäger als die ersten Freiwilligen mit Jubel empfangen. In Aachen gab es einen zweitägigen Aufenthalt und allerhand Plackereien, ehe die Kriegslustigen zum kommandierenden General gelangten. Sie bemerkten jetzt, daß den Exzellenzen der Zuwachs am einigen freiwilligen Jägern nicht so wichtig erschien, als diese selber ihre Ankunft gern betrachtet hätten. Endlich ging es über die Grenze; am 17. Mai wurde das Lager von Ciney erreicht. Dort wurde den Freiwilligen eine eigene Hütte erbaut, und das Lagerleben, das nun bis zum 24. Mai dauerte, war reizvoll genug. Immermann schrieb dort von seiner Lebensweise: »Der Mensch tritt gewissermaßen in den Stand der Natur zurück und sucht sein Leben auf die einfachste und roheste Weise zu fristen. Alle Künstelei fällt weg, und Jeder muß seinen Scharfsinn aufbieten, um ohne die Hilfsmittel, welche das gesellschaftliche Leben gewährt, seine Bedürfnisse zu befriedigen. »Die Grünröcke, bei denen man noch gute Mutterpfennige zu ergattern hoffte, wurden von den Marketendern besonders aufs Korn genommen. Jeder Tag bot neue, wechselnde Bilder. An einem Abend wurde dem kommandierenden General ein Fest gegeben in einer Art von Salon, der aus grünem Laube von den Soldaten erbaut und hübsch dekoriert war. »Morgens und abends wurde stark exerziert, dazwischen gekocht, geschlafen, umhergelaufen, bis am fünften Tage des Biwaks endlich Marschorder kam. Niemand wußte wohin. Um halb acht Uhr traten wir an, der Oberst ritt die Front herab; endlich ging's fort. Wir voran. Die köstliche Musik hinter uns. Mir war dabei recht wohl zu Mute.« In einigen Tagemärschen ward Goyet erreicht, wo wieder ein Lager aufgeschlagen wurde. Bei der Ankunft eines neuen Truppenteils ward Immermann mit einem Gefährten nach Ciney zurückgeschickt, um Lebensmittel zu requirieren. Dabei zogen ihnen ihre Unerfahrenheit und jugendliches Ungeschick manche höfliche oder grobe Zurechtweisung zu, dennoch wurde der junge Freiwillige zum Fourier ernannt und bekam viel Gelegenheit, seine praktischen Talente zu entwickeln, bekam auch viel Mühe und Plage. In Goyet ging es ähnlich her wie in Ciney: Exerzieren, Scheibenschießen, Übung im Wachdienst, dazwischen theatralische Vorstellungen der Marketender und dergleichen. Als die versammelte Mannschaft auf vierhundert Köpfe angewachsen war, wurden die notdürftig einexerzierten Freiwilligen an die einzelnen Bataillone verteilt. »Endlich brach der verhängnisvolle 15. Juni an. Um 10 Uhr wurde in allen benachbarten Kantonierungen Lärm geschlagen und geblasen, worauf sogleich auch für uns der Befehl zum Aufbruch folgte, der nach unendlichem Umherlaufen, Lärm, Geschrei und Verwirrung um 12 Uhr geschah. »Bei Auville trafen wir die Bataillonswagen, an die wir uns anschlossen und denen wir bis zur Chaussee von Namur folgten, wo wir das ganze dritte Armeekorps aufmarschiert fanden. Sobald wir ankamen, mußten wir mit den Fourieren des Regiments fort nach Namur, um dort Fourage zu empfangen. »In Namur war großer Spektakel. Die Nachricht bestätigte sich, daß die Franzosen im Anrücken und General Ziethen gedrängt sei. Während wir mit dem Empfangen beschäftigt waren, rückten das zweite und dritte Armeekorps durch. Daß beim Anblick dieser unendlichen Massen meine Stimmung ernst und feierlich ward, war natürlich, wie überhaupt die Augenblicke, die einer großen Entscheidung vorangehen, etwas beengend sind. »Endlich war der Empfang beendet, und wir setzten uns mit der übrigen Wagenkolonne in Bewegung. Nicht weit von der Stadt leuchteten uns schon unsere zahlreichen Feuer entgegen, und wir erreichten bald das Lager, welches auf einer waldigen Höhe bezogen war. »Eine furchtbare Nacht brach an. Unsere von Ciney mitgebrachten Lebensmittel sollten verteilt, Stiefel, Pulver und Blei ausgegeben und Kugeln gegossen werden. Nie ist wohl vor der Schlacht ein Detachement so wenig gerüstet und in solcher Verwirrung gewesen als das unsrige. Der Leutnant lief in Verzweiflung umher, der Feldwebel rieb sich den Kopf, aus dem kein vernünftiger Gedanke kommen wollte. Wir Fouriere steckten in Mehl, Fleisch und Branntwein bis über die Ohren, riefen uns die Kehle ab, um unsere Vorräte an Mann zu bringen, aber ein Jeder ging taub vorüber. Um zwei Uhr legte ich mich endlich ein wenig auf die Erde, nachdem in mir erhebliche Zweifel über die geträumte Bequemlichkeit des Fourierlebens während des Feldzugs aufgestiegen waren.« Am nächsten Tage war die Schlacht bei Ligny. Immermann konnte einen großen Teil davon sehen, einige seiner Kameraden fielen, aber sein Teil des Bataillons kam nicht zum Angriff. Um drei Uhr nachmittags begann die eigentliche Schlacht, um zehn Uhr wußte man, daß sie verloren war. »Es war aber Keiner mutlos,« erzählt Immermann weiter, »und ich glaube, daß Napoleon übler zu Sinne gewesen ist an jenem Abend als dem preußischen Heere. Die Preußen hatten 14000 Tote und Verwundete, die Franzosen nicht unter 10000. Blücher war mit dem Pferde gestürzt, französische Kavallerie sprengte zweimal an ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken. »Hell leuchtete der Mond und außerdem die Feuersäule vom brennenden Ligny. Das Korn war ganz niedergetreten und der Boden ganz glatt wie eine Eisfläche. Zwei Tage darauf hörten wir in der Mittagsstunde den Kanonendonner von Belle-Alliance und marschierten dorthin.« Immermanns Tagebücher brechen hier leider ab. Nach dem großen Siege wurde das dritte Armeekorps, bei dem er stand, nach Paris geführt. Einige Gefechte waren noch zu überstehen, am 7. Juli war der Einzug in die französische Hauptstadt. Den ganzen Tag mußten die Truppen durch die Hauptstraßen der Residenz ziehen; erst am späten Abend gelangten sie in die Quartiere. Ein zehntägiger Aufenthalt in Paris gab Immermann Gelegenheit, sich manche der Merkwürdigkeiten anzusehen, und gewährte namentlich die willkommenste Erholung von den Strapazen der letzten Wochen. Auf dem Rückmarsch ward er bald im Hauptquartiere verwandt. Es ging über Meaux, Chalons, St. Avold, wo vierzehn Tage Aufenthalt war, und dann in die Heimat. Die Freiwilligen wurden in den letzten Tagen des Jahres 1815 entlassen. Immermann kam als Offizier zu den Seinen zurück. Nach kurzer Ruhe begab er sich wieder nach Halle, um die zweimal unterbrochenen Studien von neuem zu beginnen.