Ludvig Holberg Nachricht von meinem Leben in drei Briefen an einen vornehmen Herrn   Lateinischer Originaltitel: Epistolae ad virum perillustrem (1727-43)   Der erste Brief Mein Herr, niemals übernehme ich etwas mit größerem Vergnügen, als was Sie mir auftragen. Itzt aber fordern Sie fast zuviel, da Sie mir befehlen, Ihnen eine Nachricht von meinem Leben zu erteilen, da ich doch niemals imstande gewesen, etwas auszurichten, welches aufgezeichnet zu werden verdiente. Sie verlangen Kleinigkeiten zu erfahren, auf deren Durchlesung auch die Müßigsten kaum einige flüchtige Augenblicke wenden dürften. Sie fordern von mir, daß ich eine Geschichte entwerfen soll, welche, aller angewandten Mühe ohngeachtet, dennoch ihrem Schicksale nicht wird entfliehen können, daß sie nicht zuletzt den Krämern in die Hände geraten sollte. Es fällt mir gewiß ebenso schwer, etwas zu tun, welches wert wäre, aufgeschrieben zu werden, als etwas abzufassen, welches sich den Beifall der Leser versprechen könnte. Daher habe ich es allemal von mir abgelehnet, sooft man mich angetrieben, diese Kleinigkeiten aufzuzeichnen. Ihr Befehl, mein Herr, ist allein vermögend gewesen, meinen Vorsatz zu ändern. Ich weiß, wie geneigt Sie von mir und meinen Schriften zu urteilen gewohnt sind, und man würde mich mit Recht sehr undankbar nennen, wenn ich mich Dero Verlangen noch ferner widersetzen wollte. Hier ist demnach die von Ihnen längst gewünschte Nachricht von meinem Leben. Wie bald aber wird Ihnen nicht die geringe Wichtigkeit der Dinge, die ich berichte, in die Augen fallen? Wie bald werden Sie nicht die schlechte Schreibart, worin ich alles vorgetragen, bemerken? Wie bald werden Sie nicht einsehen, daß es ratsamer gewesen wäre, wenn Sie mich vom Schreiben abgehalten als dazu aufgemuntert hätten? Werden die meisten müde und abgeschreckt, wenn sie eine an sich überaus nützliche Materie in einem rauhen und widrigen Vortrage lesen sollen: Was werden denn solche strenge Richter von dieser Schrift urteilen, worin sie weder eine reiche Materie noch eine reizende Schreibart antreffen? Ich richte deswegen diesen Brief allein an Sie, mein Herr, und nicht an andere. Wollen Sie sich aber durch die bereits angeführten Ursachen nicht bewegen lassen, diese Nachrichten geheimzuhalten, so füge ich noch dies hinzu, daß Sie dabei weit mehr als ich zu besorgen haben. Sie sind es, von denen ich den Befehl zu schreiben erhalten. Sie haben die erste Gelegenheit dazu gegeben. Mir aber ist nichts als die Ehre des Gehorsams übriggeblieben. Wie leicht könnte Sie Ihr gegebener Befehl reuen, da ich meinen Gehorsam niemals bereuen werde. Ich habe vor einiger Zeit die Geschichte des Peter Paarses beschrieben, worin die Torheit solcher Schriftsteller lebhaft abgemalet wird, die nichtswürdige Dinge mit dem größten Fleiße aufzeichnen und solche Nachrichten auf alle mögliche Art bekanntzumachen suchen, die man aufs äußerste verbergen sollte. Wie leicht könnte mich nicht jemand mit meinen eignen Waffen bestreiten und mir eben dasselbe vorwerfen, was ich an andern getadelt habe. Wie leicht könnte man sagen, ich hätte die Geschichte des Don Juans, eines spanischen Edelmanns, abgefaßt, von dem man erzählt, daß er nach Rom gereiset sei und, nachdem er daselbst einige Tage in einem gemieteten Zimmer ausgeruhet, die Rückreise nach seinem Vaterlande mit dem größten Ruhm gleich wieder angetreten habe. Sollten Sie sich also noch entschließen, mein Herr, diese unnütze Schrift bekanntzumachen, so wird alle Schuld allein auf Sie fallen, weil Sie diese Nachrichten verlangt haben. Mich aber wird man leicht dadurch entschuldigen, daß ich dem Befehl eines so geneigten Gönners nicht gerne ungehorsam sein wollen. Jedoch, es ist Zeit, daß ich mich zur Sache selbst wende, damit die Vorrede nicht größer werde als meine Geschichte, worin ohnedem nur sehr wenige merkwürdige Umstände enthalten sind. Ich werde Ihnen aber nicht, mein Herr, wie andre zu tun pflegen, mit einer langen Reihe von meinen Ahnen beschwerlich fallen. Ich würde dieses auch, wenn ich gleich wollte, nicht tun können, weil meine Vaterstadt Bergen in Norwegen der Arche Noah ähnlich ist, worin sich alle Arten der Kreaturen aufhalten. Es kommen daselbst, wie in einem gemeinschaftlichen Vaterlande, nicht nur aus den angrenzenden und nahgelegenen, sondern auch aus entfernten Ländern allerlei Menschen zusammen, welche sich in dieser Stadt wohnhaft niederlassen und, da sie sich mit den Einwohnern durch Heiraten verbunden, hienächst ein Volk mit ihnen ausmachen. Doch habe ich diesen Vorzug vor meinen meisten Mitbürgern, daß mein Ältervater von der mütterlichen Seite in Bergen geboren worden. Er hieß Ludwig Munthe und war Bischof in Bergen. Er konnte sich einer adelichen Herkunft rühmen, und der Himmel hatte ihn mit so vielen Kindern gesegnet, daß er mit dem größten Rechte einen Platz unter den Patriarchen in Norwegen behaupten konnte. Von meinen Voreltern von der väterlichen Seite habe ich, welches ich aufrichtig gestehe, gar keine Nachricht. Mein seliger Vater ist von der untersten Stufe zu der Würde eines Obristen gelangt und hatte sich also nicht durch die Geburt, sondern durch seine Verdienste dieser Ehre würdig gemacht. Mir ist es Ehre genung, daß er ein aufrichtiger, tapferer und frommer Mann gewesen und von allen wegen seiner klugen und redlichen Aufführung geliebt worden. Insonderheit hat er sich der Gnade seiner hohen Exzellenz, des Herrn Ulrich Friederich Güldenlöwe, rühmen können, unter dessen Anführung er ehedem in Norwegen mit Ruhm Dienste getan. Man kann von den meisten Einwohnern der Kauf- und Handelsstädte sagen: Maiorum primus quisquis fuit ille tuorum \&c. Maiorum primus ...: Der erste deiner Vorfahren, wer er auch gewesen ist, (war entweder ein Hirt oder gar etwas, was ich nicht sagen mag). (Juvenal, Satiren VIII, 274 f.) Denn die Bauren allein machen die ältesten Geschlechter aus, und man sagt von vielen unter ihnen, daß sie sehr berühmten Stämmen ihren Ursprung schuldig sind. Man kann sie billig glücklich schätzen, daß sie ihre Abkunft nicht wissen. Denn wenn sie sich bemüheten, ihre Geschlechtsregister in Ordnung zu bringen und wüßten, von wem sie herstammeten, so würde es ihnen wie jenen armen Edelmann ergehen, der sich mit seinen Ahnen brüstete und, nachdem er sein ganzes Vermögen verzehret und beinahe Hungers sterben mußte, ausrief: Ach! wollte Gott, daß ich arm wäre, so wollte ich mein Brot wie ein andrer geringer Mensch verdienen! Ich büßte meinen Vater ein, wie ich noch an meiner Mutter Brüsten lag. Er hinterließ uns ein ansehnliches Vermögen. Wir verloren aber fast alles durch eine unglückliche Feuersbrunst, welche mitten in der Nacht in dem Hause unsers Nachbars aufging und uns zugleich in die armseligsten Umstände versetzte. Es waren nur noch einige Bauernhöfe übrig, welche mein Vater kurz vor seinem Tode gekauft hatte, deren Einkünfte aber zu Unterhaltung einer so zahlreichen Familie kaum hinreichten. Bloß die Sparsamkeit und eine vernünftige Wirtschaft ersetzten diesen Mangel, und unsre Mutter hinterließ nach zehn Jahren, da noch sechs Kinder lebten, diese kleinen Landgüter frei und ohne Schulden. Wie meine Mutter auch gestorben war und ich das zehnte Jahr meines Alters zurückgelegt hatte, so erwählte ich die Kriegsdienste und ward unter das upländische geworbene Regiment aufgenommen. Es war damals in Norwegen eingeführt, daß man den Kindern der höhern Kriegsbedienten die ordentliche Verpflegung der Soldaten reichte und dieselben also schon in der Wiege dem Kriegsstande widmete. Man nennt diejenigen insgemein Korporale, welche einen kleinen Vorzug vor den gemeinen Soldaten haben und einer geringen Mannschaft, die aus zehn Soldaten bestehet, vorgesetzet sind. Unter dieselben ward ich mit der Bedingung aufgenommen, daß ich mich in Kriegssachen sollte unterrichten lassen. Dieses aber eröffne ich Ihnen im Vertrauen. Denn es dürfte einigen ganz unerhört, ja als eine ovidianische Verwandlung vorkommen, daß aus einem Korporal ein öffentlicher Lehrer der Weltweisheit geworden. Man könnte mir, wenn sich diese Sache weiter ausbreiten sollte, allerhand Strittigkeiten wegen meines eigentlichen Standes erregen, und vielleicht müßte ich sodann mein öffentliches Lehramt niederlegen und wieder ein Korporal werden. Ich ward von meinem Vormund nach Upland geschickt, um daselbst in der Kriegswissenschaft unterrichtet zu werden. Wie ich aber von meiner Jugend an die Wissenschaften sehr liebte, und dieser Trieb auch denen nicht unbekannt war, unter deren Aufsicht ich stand, so nahm sich Otto Munthe, mit dem ich von der mütterlichen Seite verwandt war und dessen Aufsicht man mich insonderheit übergeben hatte, meiner auf eine ausnehmende und liebreiche Art an. Er munterte mich auf, den schönen Wissenschaften ferner treu zu sein; und damit dieser natürliche Trieb immer mehr möchte angeflammet werden, so übergab er mich der Unterweisung ebendesselben Hofmeisters, den er seinen Kindern vorgesetzet hatte. Dieser aber verdiente mit weit größerm Rechte den Namen eines Zuchtmeisters. Denn sein größtes Vergnügen bestand darin, wenn er seine Untergebenen auf das härteste züchtigen konnte. Übrigens war er zu diesem Amte, welches man ihm aufgetragen hatte, ganz und gar nicht geschickt. Ich habe nachher erfahren, daß er eine andre Lebensart erwählet, worüber ich mich besonders in Absicht auf die lateinische Sprache freue, deren Untergang er mit äußersten Kräften zu befördern suchte. Mir fällt noch eine von den Zierlichkeiten bei, womit er die lateinische Sprache verschönern wollte und welche darin bestand, daß man die Partikel Non allemal zuletzt am Ende eines Satzes anbringen und anstatt: non possum tibi satisfacere , non possum ...: Ich kann dir nicht genugtun. setzen müßte: possum tibi satisfacere non , woraus sein Aberwitz deutlich genug hervorleuchtet. Wäre ich nicht in seine Hände gefallen, so könnte ich mich rühmen, daß ich in der ganzen Zeit, da ich die niedern Schulen besucht, niemals gezüchtiget worden. Denn meinen andern Lehrern bin ich sowohl bei öffentlichen als besondern Unterweisungen jederzeit angenehm gewesen. Ich weiß noch, wie entrüstet ich ward, da der Konrektor in Bergen mich einmal auf die Finger klopfte, daß ich auch kein Bedenken trug, aufzustehen und ihn einen Bock zu nennen, durch welchen Spottnamen man ihn von seinen übrigen Kollegen wegen des Barts, den er trug, zu unterscheiden pflegte. Dieser ehrliche Mann ertrug diesen Schimpf mit einer spanischen Großmut; damit er sich aber doch einigermaßen rächen möchte, so nannte er mich bloß ein Böcklein. Hiebei hatte es sein Bewenden, da er doch sonst im Strafen nicht zu säumen pflegte. Ich aber durfte meine Kühnheit nicht härter büßen, und der Friede ward nach dieser kleinen Rache wieder unter uns hergestellet. In der Zeit, da ich Korporal gewesen, ist mir nichts Merkwürdiges begegnet, wo man dieses nicht dahin rechnen will, daß ich nicht einen Heller von meiner Besoldung erhalten. Ich weiß auch nicht, wer dieselbe an meiner Stelle eingehoben. Mein Wirt hatte sich meine Besoldung ausbedungen, um dadurch die Unkosten zu bestreiten, die er auf meine Unterweisung wenden mußte. Wie er aber sahe, daß solche nicht erfolgte und andern zuteil ward, so schickte er mich wieder nach Hause. Wie ich auf dem Rückwege bei meinem Verwandten, den Obristen von Krog, eingekehrt war, so widerfuhr mir eine Begebenheit, die ebenso lächerlich als merkwürdig war. Der Obriste hatte drei Söhne, von denen der jüngste bei dem Hofmeister schlief, welcher Erasmus hieß und im Saufen von niemanden in der ganzen Gegend übertroffen ward. Derselbe kam einmal zur Nachtzeit sehr berauscht nach Hause und warf sich mit seinen Kleidern ins Bette. Sein Schlafgesell aber sprang geschwinde aus dem Bette, und da er sich, ohne daß wir es gemerkt hatten, in unsre Schlafkammer geschlichen hatte, so legte er sich zu unsern Füßen, um daselbst völlig auszuruhen. Wir schliefen insgesamt ohngefähr eine Stunde, da er im Traum an meine Füße stieß. Ich ward dadurch aufgeweckt und machte auch diejenigen munter, die bei mir schliefen, denen ich zugleich sagte, daß ein Gespenst in unserer Kammer sei. Wir wurden alle von Furcht dergestalt eingenommen, daß wir nicht anders glaubten, als daß wir eine ganze Legion Teufel um uns hätten. Unser vermeinte Teufel war auch durch das Zischeln und Gemurmel aufgeweckt worden und fürchtete sich ebensosehr als wir. Er glaubte, daß er der Gefahr am meisten unterworfen sei, weil er allein läge, und daß er der erste sein dürfte, den das Gespenst wegschleppen würde. Er lag eine lange Zeit unbeweglich und fast halb tot und erwartete die Ankunft des Feindes. Endlich nahm ihn die Furcht so sehr ein, daß er seine Stelle zu verlassen suchte, um sich neben uns zu legen. Je mehr er sich aber rührte, desto größer ward unsere Angst, daß wir nicht anders glaubten, als alle Gespenster der Höllen vor unsern Augen zu sehen. Unser böser Geist konnte also mit Recht von sich sagen: Flammas moveoque, feroque. Flammas moveoque ...: Ich rufe den Affekt hervor und fühle ihn selbst. (Ovid, Metamorphosen III, 464) Furcht und Angst hatten uns so sehr eingenommen, daß uns der kalte Schweiß ausbrach, und wir waren sonst auf nichts bedacht, als uns auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. Es kam kein Schlaf in unsre Augen, wir besorgten alles, wir bildeten uns alles ein und stellten uns, wie die Furchtsamen zu tun gewohnt sind, die schrecklichsten Dinge vor. Ich bin versichert, wenn man die Gebetsformeln aufgezeichnet hätte, die uns damals die Angst auspreßte, daß man eine ziemlich starke Sammlung davon würde haben machen können. Meine Schlafgesellen, die in ihrer Theologie nicht weit gekommen waren und außer dem Vaterunser nicht viel wußten, wiederholten beständig die Gebetsformeln, welche sie bei Tische herzusagen pflegten. Sie waren soviel eifriger im Beten, weil sie bisher die Gottesfurcht ziemlich versäumt hatten und glaubten, daß sie nun deswegen sollten gestraft werden. Keiner von uns unterstand sich zu seufzen, viel weniger zu schreien, sowohl aus Furcht vor dem Gespenste, als auch aus Furcht vor dem Herrn Erasmus, da wir leicht vorhersahen, daß der letztere ein Taggespenst vorstellen und uns noch viel härter ängstigen würde. Wir brachten die Nacht so elend hin, bis die Morgenröte anbrach, da endlich unser Gespenst ungedultig ward und mit diesem heftigen Geschrei vom Bette aufsprang: Herr Hofmeister, helfen sie uns doch, es sind Gespenster bei uns in der Kammer. Wir andern hatten dieses kaum gehört, als wir mit ihm einstimmten und dieses eben mit einem so heftigen Geschrei wiederholten. Hierdurch ward unser Hofmeister aufgeweckt, und ob er gleich den gestrigen Rausch noch nicht völlig ausgeschlafen hatte, so wußte er doch nicht, was er von dieser Sache denken sollte, da er uns so fürchterlich schreien hörte. Er machte ein Kreuz vor sich und erwartete mit der größten Angst und mit der äußersten Sehnsucht den Anbruch des Tages. Wie endlich derselbe anbrach, so entdeckte sich das ganze Rätsel zu unserer gemeinschaftlichen Beschämung. Nachher habe ich eine lange Zeit die Möglichkeit der Gespenster geleugnet und alles, was man insgemein davon erzählt, für Fabeln und bloße Vorstellungen gehalten. Und ich glaube auch, daß viele durch dergleichen Begebenheiten von dem Aberglauben zum Unglauben verleitet worden. Man weicht allemal von der Mittelstraße, die man doch sorgfältig beobachten sollte. Man tut entweder der Sache zuviel oder zuwenig, man glaubt entweder nichts oder gar zuviel. Wenn wir einmal betrogen worden, so glauben wir alles und sehen den Schatten für das Wesen an. Wenn die Furcht einmal unser Gemüt eingenommen, so erhalten alle Dinge, auch diejenigen, die nicht vorhanden sind, gleich die Gestalt, welche ihnen unsre Vorstellung beilegt. Wenn aber der Betrug entdeckt und die Dunkelheit, welche bisher unsern Blick aufgehalten, weggeräumet worden, so fallen wir leicht auf die andere Seite und leugnen ohne Bedenken auch, was wir selbst sehen, ja es finden sodann auch die glaubwürdigsten und mit unwidersprechlichen Beweisgründen bestätigten Geschichte nicht den geringsten Eingang bei uns. Daher rührt es ohne Zweifel, daß die Römisch-Katholischen am allerleichtesten Atheisten werden können, weil keine Sekte so leichtgläubig ist als diese. Denn sobald sie den Aberglauben erkennen, wodurch man sie bisher gefesselt, und die Betriegereien einsehen, wodurch sie bisher durch die römische Geistlichkeit hintergangen worden, so fallen sie meistenteils auf die andere Seite, und ihr Aberglaube verwandelt sich in den Unglauben. Wie glücklich sind demnach diejenigen, welche den Mittelweg treffen können. Es trifft hier ein, was Cicero von dem Wahrsagen urteilet, wenn man alles schlechthin verwirft, so kann man leicht in den Unglauben fallen und sich einer Gottlosigkeit schuldig machen. Wenn man aber auch alles ohne Untersuchung annimmt, so ist man auf eine törichte Art abergläubisch. Becker mag noch mehrere Betriegereien offenbaren, er mag seine Gründe verdoppeln, um seine Meinung zu bestärken, er wird uns dennoch nicht überreden können, alles für falsch und erdichtet zu halten, wo wir nicht alle Glaubwürdigkeit der Geschichte verwerfen wollen. Jedoch ich muß in der Hauptsache fortfahren. Wie ich wieder zu Hause angekommen war, so nahm mich meiner Mutter Bruder und rechtmäßiger Vormund, Peter Lemm, zu sich. Bei demselben blieb ich bis auf die letzte unglückliche Feuersbrunst, welche Bergen im Jahr 1702 erfahren mußte; damals verließ ich die Schule und begab mich nach Kopenhagen. Dieser Peter Lemm, von dem ich eben gesagt habe, war ein sehr aufgeweckter Kopf und überaus angenehm im Umgange. Sie werden solches aus der Begebenheit schließen können, die ich erzählen will. Ich hatte, wie ich noch bei ihm war, in einigen stachlichten Versen einen von den Anverwandten seiner Frauen durchgezogen, um mich an denselben wegen eines mir widerfahrnen Unrechts zu rächen. Hierdurch ward die Frau meines Vormunds gegen mich aufgebracht und bat ihren Mann, daß er mich deswegen strafen möchte. Er mußte sich auch der Sache annehmen und ließ mich zu sich rufen. Im Anfange stellte er sich, als ob er sehr empfindlich wegen meiner Aufführung wäre. Wie er aber die Verse selbst untersuchen sollte, so bestand der ganze Verweis darinnen, daß ich nicht Mühe genug bei meinem Gedichte angewandt, daß der Reim an verschiedenen Stellen nicht richtig sei und daß ich die Regeln nicht sorgfältig genug in acht genommen. Hier entstand also ein grammatikalischer Krieg, welcher aber, nachdem wir eine Stunde miteinander gestritten hatten, glücklich wieder beigelegt ward. Der Friedensschluß enthielt einen einzigen Artikel und bestand darin, daß ich mehrern Fleiß anwenden sollte, wenn ich zu einer andern Zeit mir wieder vornähme, Verse zu machen. Im Jahre 1702 sandte mich mein Rektor, Severin Lintrup, nach der kopenhagenschen hohen Schule, ob ich gleich das Alter noch nicht erreicht hatte, welches die Schulgesetze erforderten. Man sähe aber damals nicht so genau darauf, weil die Kirchen und Schulen in der Asche lagen, und mein Rektor urteilte, daß ich ebenso würdig und geschickt sei als die andern, welche damals auch die öffentliche Schule in Bergen verließen. Mein geringes Vermögen verstattete mir nicht, mich lange in Kopenhagen aufzuhalten, und deswegen reisete ich wieder nach Hause, sobald ich mein Examen überstanden hatte. Nicht lange darnach ward mir von dem Probst zu Vos die Unterweisung seiner Kinder aufgetragen, ob ich gleich selbst noch sehr jung war. Ich mußte mich zugleich verpflichten, seine Stelle im Predigen zu vertreten, sooft er entweder durch Krankheit oder durch andere Verhinderungen sollte abgehalten werden, sein Amt selbst zu verrichten. Ich war also ein ganzes Jahr beschäftiget, die Kinder zu züchtigen und die Bauren zu bekehren. Doch das Predigen gelung mir besser als mein Schulmeisteramt, denn wie ich dem jüngsten Sohne, den die Mutter zärtlich liebte, mit einiger Schärfe bessere Sitten und die Lust, etwas zu lernen, beibringen wollte, so erhielt ich meinen Abschied und mußte wieder nach Bergen reisen. Ich nahm nichts mit als eine Menge von Lobsprüchen, womit mich die Bauren wegen meiner Beredsamkeit auf der Kanzel belegten. Sie verglichen mich mit dem sel. Magister Peter, welcher ehedem an diesem Orte Prediger gewesen war, und den sie als einen andern Chrysostomus ansahen. Ich war mit meinem Abschiede sehr wohl zufrieden, da einem cholerischen Temperament nichts mehr zuwider ist, als Kinder zu unterrichten, wodurch das Gemüt, wenn es bereits durch allerhand widrige Zufälle niedergeschlagen ist, noch immer verdrießlicher wird. Überdem war ich mit einer Krankheit behaftet, welche man insgemein den Alp zu nennen pflegt, wodurch man des Nachts im Schlafe geplagt wird, daß es scheint, als wenn man eine schwere Last auf sich liegen hätte. In alten Zeiten bildete man sich ein, daß es Waldgötter und Gespenster wären, nachdem aber die Leute in neuern Zeiten klüger worden, so glauben sie, daß es der Geist einer Matrone oder Jungfer sei, welcher den Schlafenden beschwerlich falle. Ich gedachte, daß ich niemals von dieser Krankheit würde befreiet werden, wo ich nicht den Ort verließe, wo diese bösen Geister regiereten. Ich brauchte die in dergleichen Fällen gewöhnlichen Mittel, die ich nur erdenken konnte, ich setzte alle Abend meine Pantoffeln umgekehrt vors Bette, ich legte Stahl unter mein Kopfküssen, ich sang die Lieder, die man zu den Zeiten Peter Paarsens zu singen pflegte, um solche unangenehme Reuter dadurch zu vertreiben. Aber es war alles vergebens; desfalls geriet ich fast auf die Gedanken, daß es ein Hausgeist sein müsse, welcher ein Vergnügen daran fünde, die Hofmeister an diesem Ort zu reiten. Ich ärgerte mich nicht wenig darüber, daß ich mich in einer solchen Sklaverei befinden sollte, da ich doch von ehrlichen Eltern geboren worden und nicht verdient hatte, ein Reitpferd des weiblichen Geschlechts abzugeben, da ich allemal ein züchtiges und keusches Leben geführet hatte. Ich verließ aus dieser Ursache diesen Ort mit Freuden, weil ich hoffte, daß diese Plage aufhören würde, sobald ich an einen andern Ort käme; denn ich glaubte gewiß, daß die Schuld nicht mir, sondern dem Orte beizumessen sei. Ich begab mich hierauf abermals nach Kopenhagen, um mich zu dem hohen Examine vorzubereiten. Ich suchte mir die Gottesgelahrtheit nebst der französischen und italienischen Sprache noch mehr bekannt zu machen, und ich brachte es auch so weit, daß ich kein Bedenken trug, nachdem ich einen Winter daselbst zugebracht, mich der öffentlichen Prüfung der Gottesgelehrten zu unterwerfen. Man billigte meinen Fleiß vollkommen, und ich erhielt den besten Charakter, welchen man Laudabilem nennet. Mit diesem, aber auch mit einem leeren Beutel reisete ich wieder nach meinem Vaterlande; und der letzte Umstand zwang mich, das Joch wieder zu übernehmen, dem ich mich vor kurzer Zeit erstlich entzogen hatte. Es verlangte eben damals Magister Nicolaus Schmidt, Lektor der Theologie und Vizebischof in Bergen, einen Hofmeister bei seinen Kindern, und ich war so glücklich, daß ich diese Stelle erhielte. Ich hatte dieses Amt aber kaum einige Monate verwaltet, da es mir schon so hart und beschwerlich schien, als wenn ich in die ärgste Sklaverei geraten wäre. Der Vizebischof hatte sich in seinen jüngern Jahren sehr lange in fremden Ländern aufgehalten und die meisten Reiche Europens gesehen. Ich nahm mir deswegen vor, wenn ich von meiner Arbeit Ruhe hatte, sein Tagebuch durchzulesen, welches er auf seinen Reisen gehalten und worin er alle Merkwürdigkeiten, die er gesehen, aufgezeichnet hatte. Hierdurch ward eine große Lust, außerhalb Landes zu reisen, in mir erwecket. Und obgleich meine kümmerlichen Umstände, da ich von allen Mitteln entblößt war, leicht diese edle Begierde hätten dämpfen sollen, so ward ich doch durch die vielen Beschwerlichkeiten, die ich allenthalben bemerkte, nur noch mehr aufgebracht und hielt um meine Erlassung an. Ich ließ mich auch von dem einmal gefaßten Vorsatze weder durch den Zorn meiner Anverwandten, noch durch die Vorstellung des Vizebischofs abwendig machen, welcher mich sehr ungerne von sich ließ, da er merkte, daß seine Kinder bereits durch meine Unterweisung sehr viel gefaßt hatten. Wie ich demnach abermals mein eigener Herr geworden, so scharrte ich alles zusammen, woraus ich nur irgends Geld zusammenbringen konnte. Ich verkaufte meine beweglichen und unbeweglichen Güter, meine Ansprüche, Freiheiten, Rechte und alles, was nur konnte veräußert werden, und suchte als ein Alchimist aus allen Dingen Gold zu machen. Wie ich aber alles zusammenrechnete, so konnte ich doch nicht mehr als sechzig Taler herausbringen. Ich blieb aber doch bei meinem Vorhaben und ging nach Holland. Ich verließ mich nicht so sehr auf mein Geld als auf das, was ich gelernet hatte. Denn weil ich die französische und italienische Sprache einigermaßen gefaßt hatte, so hoffte ich, wenn meine Schatzkammer würde ausgeleeret sein, durch diese Sprachen soviel zu erwerben, daß ich davon leben könnte. Und überhaupt ändere ich nicht leicht, was ich mir einmal fest vorgenommen habe. Da wir unsere Reise so weit abgelegt hatten, daß wir die Insul Vlie sehen konnten, so begegnete uns ein Seeräuber, welcher uns aber nicht angriff, sondern vielmehr zu einer lächerlichen Begebenheit Anlaß gab. Unser Koch auf dem Schiffe besorgte, daß sein weniges Geld dem Seeräuber zuteil werden möchte, und warf deswegen seinen ganzen Schatz, den er in ein altes unreines Tuch eingewickelt hatte, in einen Topf mit Erbsen, welchen er eben an das Feuer gesetzt hatte, da denn die Unreinigkeit des Tuchs zugleich ausgekocht ward und sich mit den Erbsen vermischte. Sobald der Seeräuber uns vorbeigesegelt war, so erhielte der Koch Befehl, die Mahlzeit anzurichten, welcher denn seinen Schatz nebst dem von seiner Unreinigkeit gesäuberten Tuch geschwinde herausnahm und uns dieses herrliche Gerichte vorsetzte. Kaum aber hatten wir solches zu uns genommen, so offenbarte er selbst seine Erfindung und meinte, sehr vorsichtig gehandelt zu haben. Einige wurden zornig, einige lachten, einige schämten sich und einige konnten dieses Gericht nicht bei sich behalten. Endlich ward Rat gehalten, wie man diesen Streich bestrafen sollte; jedoch der Schluß fiel dahin aus, daß man ihn freisprach und wegen seines Einfalls lobte. Der Weg, welchen wir noch zu reisen hatten, ward unter beständigem Lachen über diese Begebenheit zurückgelegt. Vierzehen Tage lebte ich gleichfalls sehr vergnügt zu Amsterdam. Nachdem ich aber meine Augen an den dort befindlichen Seltenheiten gesättiget, machte ich Rechnung wegen des Geldes, das ich noch hatte, und befand, daß meine Schatzkammer bald würde ausgeleeret sein. Ich wußte nicht, wodurch ich dieselbe wiederum anfüllen sollte, und ward daher nicht nur bestürzt, sondern ich fing auch an, mein Unternehmen zu bereuen. Ich hatte die Gemütsneigung der Holländer kennenlernen und sähe nunmehro sehr wohl ein, daß ich auf die Art, wie ich mir eingebildet hatte, nicht so viel verdienen konnte, davon ich insonderheit in Amsterdam leben konnte, wo man einen Schiffer weit höher achtet als einen Grotius oder Salmasius. Sie dürfen nicht denken, mein Herr, daß man mir in den Häusern, wohin mich bisweilen meine Landsleute führten, den vornehmsten Platz werde eingeräumt haben, welchen ich als ein Kandidat des Predigtamts, der bei dem Examine den besten Charakter erhalten, mir doch mit Recht hätte zueignen können: Nein, ich mußte vielmehr öfters stehen, wenn die Bootsleute und mit Pech allenthalben beschmierten Schiffer saßen, und die Vermahnungen und Erinnerungen der Kaufleute in Amsterdam anhören, womit sie mich beständig quälten und glaubten, ihrer Pflicht, wozu sie gegen mich als einen jungen Menschen sich verbunden zu sein achteten, eine Genüge zu leisten. Ich aber hörte sie und ihre Vermahnungen mit dem äußersten Verdrusse an. Denn ob ich gleich selbst noch sehr jung war, so bildete ich mir doch fest ein, daß ich bereits so viel gefaßt, daß ich diesen törichten Sittenlehrern selbst hätte Regeln vorschreiben können. Kurz, ich befand mich wie Herkules an einem Scheidewege und wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte. An der einen Seite stellte ich mir die Schande lebhaft vor, die ich gewiß zu erwarten hatte, wenn ich so bald wieder zu Hause anlangte. An der andern Seite aber sahe ich die Unmöglichkeit ein, mich länger in Holland aufzuhalten; denn ich merkte, daß ich von dem Gelde, welches ich noch hatte, nicht noch sechs Monate würde leben können, wenn ich meine Haushaltung auch noch so sparsam einrichtete. Zugleich war ich wegen meiner schwächlichen Gesundheit besorgt. Ich war mit einem stetswährenden Fieber befallen, wodurch ich nicht nur sehr abnahm, sondern auch sehr abgemattet ward. Alles dieses ging mir so sehr zu Herzen, daß ich im Ernst auf die Rückreise nach meinem Vaterlande bedacht war. Ich stand auch bereits im Begriff, meine Reise anzutreten, da mir mein Arzt, Ivan Brederock, dem ich mich anvertrauet hatte, den Rat gab, nach Aken zu reisen, weil die warmen Bäder bei langwierigen Krankheiten sehr zuträglich gehalten werden. Er brauchte nicht viele Mühe, mich zu überreden, weil ich selbst eine große Lust dazu bezeugte, und ich folgte demnach nicht so sehr dem Rate meines Arztes als meiner eigenen natürlichen Neigung, fremde Länder zu sehen. Ich trat also die Reise nach Deutschland in der gewissen Hoffnung an, daß meine Verwegenheit gut ablaufen würde; aber die Reise kostete wider mein Vermuten soviel, daß ich nicht absehen konnte, wie ich wieder zurückkommen wollte. Insonderheit, da ich zu Ruremond einige Gulden für einen Paß ausgeben mußte. Ich besaß also, da ich in Aken anlangte, nicht einen Heller mehr als sechs Reichstaler und einen unnützen Reisepaß, den ich nicht ohne Verdruß lesen konnte. Mir schien derselbe einer Satire ähnlicher als einen Passe zu sein, da er also eingerichtet war: Laissez passer et repasser le Garçon, Louis d' Holberg d'Amsterdam. Ich bin öfters verachtet worden, weil ich sehr jung aussahe, und meine Reisegefährten nahmen einmal heimlich unter sich die Abrede, daß man mich zur Rede setzen müßte, warum ich bei so frühen Jahren mein Vaterland verlassen, da man doch nicht außerhalb Landes zu reisen pflegte, bis man zu etwas reiferen Jahren gekommen. Sobald wir demnach in dem Gasthofe angekommen waren, so trug man diese Untersuchung einen Prediger auf, welcher eben daselbst befindlich war. Dieser setzte sich sogleich nieder und befahl mit einer ernsthaften Stimme, daß ich näher zu ihm treten sollte. Hierauf redete er mich mit diesen Worten an: Hoer gy well, manche! quando deseruisti studia tua? Hierüber ärgerte ich mich heftig und ließ denselben nicht weiterreden, sondern ich griff ihn mit einem so starken Heere von lateinischen Wörtern und Redensarten an, daß der arme Priester nicht länger aushalten konnte. Er legte den Augenblick sein Richteramt nieder und sprang vom Richterstuhl auf, wobei er diese Worte ausrief: Die Heer ist en theologant, ick gratuleere myn Heer. Wie ich nach zwei Jahren mich in England aufhielt und zum Zeitvertreibe in dem Wirtshause eine Pfeife Tobak rauchte, so schien dieses einem Bürger in London, der neben mir saß und mich für einen sehr jungen Menschen hielt, so seltsam, daß er sich nicht enthalten konnte, zu lachen und auszurufen: The boy will smoock Tobaco. Ein gleiches widerfuhr mir in Frankreich, da ich schon Professor Extraordinarius war. Denn wie mein Wirt mit einem parisischen Bürger sprach und sich bei ihm wegen meines Alters erkundigte, so antwortete derselbe: C'est un Garçon de dix-huit ans. Ich lebte drei Wochen in Aken so sparsam, daß mich niemand der geringsten Verschwendung beschuldigen konnte. Aber damals trieb mich die Not, eine Tat zu begehen, die ich weder vorher noch nachher jemals wieder begangen habe. Ich gedachte nämlich, weil ich nicht imstande war zu bezahlen, mich heimlich aus dem Staube zu machen. Ich packte deswegen mein Geräte zusammen und ging des Morgens sehr frühe zu einem Hintertor hinaus. Weil ich aber annoch in diesem Stücke gar zu unerfahren oder mein Wirt zu wachsam war, so ward ich von meinem mißtrauischen Wirte auf der Flucht ergriffen und mußte ihm alles bis auf den letzten Heller bezahlen. Diese Begebenheit schwebte mir hernach eine lange Zeit sowohl des Tages als des Nachts vor Augen. Sehr öfters kam es mir im Traum vor, als wenn der Wirt mich abermals einholte und mit Gewalt wieder ins Haus zurückzog. Hierdurch ward meine Kasse in so elende Umstände gebracht, daß ich die Rückreise nach Holland zu Fuße antreten mußte. Ich vollendete aber dennoch diese Reise mit einem aufgeräumtem Gemüte, als ich sonst gewohnt war. Meine Gesundheit hatte gleichfalls zugenommen. Ob ich aber solche der beständigen Bewegung oder dem warmen Bade zuzuschreiben habe, solches kann ich nicht sagen. Ich erfuhr damals, daß der Leib sich wohl befindet, wenn das Gemüt aufgeräumt ist. Meine Schatzkammer war ausgeleeret, und es war keine Hoffnung übrig, solche wieder anzufüllen. Dennoch war mein Gemüte bei dieser Not beständig ruhig und zufrieden. Ich durchsuchte alle Gassen und Winkel der Stadt Amsterdam und wandte alle meine Beredsamkeit an, etwas Geld von den Wechslern zu erpressen. Ich war bereit, ihnen so viele Zinsen zu versprechen, als sie nur verlangten. Endlich traf ich einen an, welcher mir so viel vorstreckte, daß ich damit wieder nach Hause kommen konnte. Hierdurch ward ich aller meiner Bekümmernis auf einmal entlediget und faßte den Entschluß, mich nach Norwegen zurückzubegeben. Nur in diesem Stücke war ich zweifelhaft, ob ich wieder nach Bergen gehen oder an einem andern Orte in Norwegen anländen sollte. In Bergen hatte ich zwar Anverwandte, von denen ich einige Beihilfe erwarten konnte, aber ich sahe auch vorher, daß sie über meine törichte Reise spotten würden. Denn in dem Vaterlande trifft es insonderheit ein, was der Poet sagt: Nil habet paupertas durius in se, quam quod ridiculos homines facit. Nil habet paupertas ...: Das ist das Härteste an der Armut, daß sie die Menschen zum Gespött macht. (Juvenal, Satiren III, 152 f.) An andern Orten hatte ich dieses nicht zu befürchten. Wie ich alles reiflich überlegt hatte, so entschloß ich mich endlich, nach Christiansand zu reisen. Hieselbst richtete ich bald nach meiner Ankunft eine vertrauliche Freundschaft mit einem Studenten von Drontheim auf, welcher Christian Brixen hieß. Durch dessen Hülfe ward ich bei den vornehmsten Bürgern und Einwohnern bekannt, welche mir ihre Kinder in großer Zahl anvertraueten, solche in fremden Sprachen, insonderheit aber in der französischen Sprache zu unterweisen. Zu ebenderselben Zeit lase ich eine kleine Schrift, worin der Verfasser durch sechzig Gründe erweisen wollen, daß man das weibliche Geschlecht nicht unter die Menschen rechnen könne. Diese Einfälle gefielen mir ganz ungemein, weil solche neue und seltene Dinge mir überaus angenehm waren. Und weil ich diese Schrift erstlich vor kurzer Zeit gelesen und also noch alles im Gedächtnis hatte, ja fast auswendig hersagen konnte, so fing ich an, bei einer jeden Gelegenheit diese Materie auf die Bahn zu bringen und meine Ketzerei in der ganzen Stadt auszustreuen. Im Anfange geschähe es nur zum Scherz und Zeitvertreib: Wie sich aber einige mit Ernst dagegensetzten und diese schmähliche Ketzerei auf alle Art zu dämpfen suchten, so verteidigte ich auch meine Meinung mit einem desto größerem Eifer. Meine vornehmsten und stärksten Gegner waren die Söhne des vorigen Bischofs in Christiansand. Ihre Schwester war ein sehr wohlgebildetes Frauenzimmer, und weil sie glaubten, daß derselben das größte Unrecht widerführe, wenn man sie nicht unter die Menschen rechnen wollte, so nahmen sie sich dieser Sache mit einem unglaublichen Eifer an. Wie ich aber nachher erfuhr, daß man allenthalben in der Stadt übel von mir redete, welches auch so weit ging, daß eine Magd auf der Gasse mit Fingern auf mich wies und sagte: ›Sehet, dorten gehet der Kerl, welcher uns die Türe des Paradieses zuschließen will‹, so ließ ich nicht nur meine ehemalige Ketzerei fahren, sondern, damit ich auch zeigen möchte, wie sehr mir mein voriger Irrtum zu Herzen ginge, so bemühete ich mich, bei aller Gelegenheit den Ruhm des Frauenzimmers auszubreiten. Hierdurch trennte ich nicht nur diejenigen glücklich, welche sich gegen mich verschworen hatten, sondern ich fand auch Gelegenheit, weil ich die Musik verstand, mich bei dem vornehmsten Frauenzimmer an diesem Orte in ein gutes Ansehen zu setzen, welche ich wegen ihrer Höflichkeit, Sittsamkeit und wegen ihres artigen Wesens allen Jungfern in ganz Norwegen vorzog. Wie ich mich einige Wochen in Christiansand aufgehalten hatte, so nahm mich ein Prediger, mit dem ich verwandt war, in sein Haus, woselbst ich auch den ganzen Winter blieb. Damit ich mich aber einigermaßen dankbar erzeigen möchte, so lehrte ich meinen Wirt die Grundsätze der englischen Sprache. Meine geringe Erkenntnis, die ich in drei oder vier fremden Sprachen hatte, erwarb mir einen großen Namen in Christiansand. Wie ich einmal durch die Stadt spazierenging, so hörte ich, daß zweene Knaben, welche nicht weit von mir waren, zueinander sagten, dieses ist der gelehrte Mann, welcher so viele Sprachen verstehet und französisch, italienisch, polnisch, moskowitisch und türkisch reden kann. Ich war also hier ebenso berühmt wie Mithridates, König von Pontus, von dem die Geschichte melden, daß er zweiundzwanzig Sprachen hat fertig reden können. Die Anzahl derjenigen nahm täglich zu, welche sich von mir in fremden Sprachen unterweisen ließen. Ich hatte zugleich die Ehre, Personen vom ersten Rang darin zu unterrichten. Unter diesen befand sich auch der Kommendant der Stadt, Herr von Nostitz, welcher nachher in russische Dienste gegangen und einer der größten Generale zu unsern Zeiten geworden ist. Hierdurch rettete ich mich nicht nur aus allen meinen Schulden, sondern ich hatte auch im Anfang des Frühjahrs noch zwölf Reichstaler übrig. Mein Verdienst ward aber nicht wenig durch die Ankunft eines holländischen Kaufmanns verringert, welcher in seinem Vaterlande so große Schulden gemacht hatte, daß er seine Güter verlassen und nach Norwegen flüchten mußte. Dieser kam auch nach Christiansand und erbot sich, für einen sehr geringen Preis die französische Sprache zu lehren, da ich doch glaubte, diese Freiheit allein zu haben. Wie ich hörte, daß seine Wissenschaft in diesem Stücke nicht die stärkste sei, so hatte ich Lust, mit meinem Gegner anzubinden. Es war die Zeit und der Ort festgesetzt. Wir erschienen beide und stritten in Gegenwart unserer beiderseitigen Schüler; aber wir schieden mit gleichem Glücke voneinander. Ich brachte ihm norwegisch-französische Stöße bei, welche er mit französisch-holländischen ausparierte, und ich glaube nicht, daß die französische Sprache jemals so sehr als in diesem Streite mißgehandelt worden. Denn wir redeten beide bereits ohnedem sehr schlecht und unverständlich, und nun verstellte die Hitze in diesem Zweikampf unsere Sprache noch weit mehr. Wie wir aber in diesem Streite unsere Unwissenheit an beiden Teilen wahrnahmen, so hielten wir es am ratsamsten zu sein, unsern Zorn, der uns beiden gleich schädlich war, fallenzulassen und eine genaue Freundschaft aufzurichten. Es ward also die Herrschaft unter uns beiden wie unter dem Cäsar und Pompejus geteilt, und anstatt der vorigen Monarchie ward nunmehro ein Duumvirat aufgerichtet. Ich nahm an meinem Teil die Friedenspunkte sehr genau in acht, insonderheit, da ich den Entschluß gefaßt hatte, bei herannahenden Frühling eine Reise nach England vorzunehmen. Zu meinem Reisegefährten erwählte ich den Studenten Christian Brix, von dem ich bereits vorher gesagt habe. Er war zwar eben nicht reicher als ich; es lebte aber seine Mutter in Drontheim noch, welche ihm im Notfall Hülfe leisten konnte. Wir traten die Reise auf einem Schiffe an, welches eben damals bei Arendahl segelfertig lag, und gelangten nach einer viertägigen Schiffahrt bei Gravesand an, welches ein Seehafen ist am Ausfluß der Themse. Weil wir keine Lust hatten, länger zu segeln, so ließen wir unser Zeug auf dem Schiffe und gingen zu Fuß nach London. Ich erinnere mich, daß ich damals von einem Engländer gefragt worden, der entfernt in dem Lande wohnte und nun nach Gravesand gekommen war, was es doch für eine Beschaffenheit mit Norwegen hätte, welches er für eine Stadt in Schweden hielte. Ich glaubte, daß er dieses nur so hersagte, ohne sich recht zu besinnen; allein, es sind mir hiernächst öfters solche lächerliche Fragen in England vorgelegt worden. Ja, ich habe auch bei den meisten klügsten Völkern, als den Franzosen, Italienern und Engländern eine solche Unwissenheit in Absicht auf die nordischen Sachen wahrgenommen. In Paris war ein Priester, welcher durchaus nicht zugeben wollte, daß die nordischen Völker getauft würden. Ein Sachwalter bei dem höchsten Gericht in Paris verlangte von mir zu wissen, ob nicht der nächste und bequemste Weg nach Dänemark durch die Türkei gehe. Ein andrer wollte wissen, ob diejenigen, welche nach Norwegen segeln wollten, nicht zu Marseille, einem Hafen am mittelländischen Meere, zu Schiffe gehen müßten. In Rom traf ich einen jungen Menschen aus Piemont an, welcher nicht glauben wollte, daß ich aus Norwegen gebürtig sei. Der Grund dieses Unglaubens war, weil er in einer Reisebeschreibung, die er zu Hause hätte, gelesen, daß die Normänner ganz ungestalt wären und nicht nur Schweinsaugen, sondern auch Mäuler hätten, die ihnen bis an beide Ohren reichten. Man sieht daraus, daß diese Völker sich nur um solche Dinge bekümmern, die bei ihnen vorgehen, und fremde Dinge nicht achten. Wir hingegen verachten alles, was einheimisch ist, und das Fremde scheint uns allein schön und nachahmungswürdig zu sein. Sie legen sich nur auf ihre Muttersprache und geben sich um andre Sprachen keine Mühe. Bei uns zeigt sich gerade das Gegenteil. Wir bemühen uns, fremde Sprachen zu lernen und verachten unsre eigne Muttersprache. Wenn ein Engländer den Entschluß gefaßt hat, außerhalb Landes zu reisen, so reiset er zuvörderst sein eigen Vaterland durch und macht sich dasselbe bekannt, ehe er fremde Länder siehet. Wir aber bekümmern uns nicht um unser Vaterland, sondern reisen in unsern jungen Jahren gleich außerhalb Landes. Wir verließen Gravesand und gingen zu Fuß nach London. Auf dem Wege war ich meines Gefährten Dolmetscher. Derselbe konnte mit den Engländern nicht anders als durch Gebärden reden und stellte sich dabei ärger an als ein Gaukler. In London hielten wir uns nicht lange auf, sondern begaben uns gleich nach Oxford, wo wir, ob wir gleich nicht viel Geld übrig hatten, uns dennoch durch Erlegung einiger Kronen, einen freien Zutritt zu der Bibliothek verschafften. Denn es wird niemanden der Gebrauch dieses vortrefflichen Büchervorrats verstattet, wo er nicht vorher eingeschrieben worden und einen Eid abgelegt hat. Wir wurden also unter die Mitglieder der Akademie zu Oxford aufgenommen. Unsre wenigste Sorge aber war dahin gerichtet, die Codices nachzusehen oder aus den alten Handschriften etwas auszuzeichnen, sondern unsre einzige Bemühung war, wie wir der uns drohenden Armut vorbauen wollten. Mein Gefährte gab sich desfalls für einen Musicum aus, und ich nahm den Namen eines Grammatici an; aber er war leider ebensowenig ein Meister in seiner Kunst als ich in der meinigen, und desfalls konnten wir nicht hoffen, daß wir durch unsre Künste viel bei einem Volke verdienen würden, welches sich nicht bei der Schale allein aufzuhalten pflegt. Wir lebten deswegen auch so sparsam zu Oxford, daß wir nur um den vierten Tag Fleisch aßen, an den andern Tagen aber uns mit trocknen Speisen genügen ließen. Ich befand mich bei diesen Umständen immer gleich munter und aufgeräumt, denn meine Kräfte, welche durch den Überfluß geschwächt werden, nehmen durch die Mäßigkeit zu. Allein, mein Gefährte, welcher nicht gewohnt war, ein so strenges Leben zu führen, nahm so sehr ab, daß er einem, der das Fieber sehr lange gehabt, nicht unähnlich sähe. Er ärgerte sich, sooft er hungrig war, über seine Torheit, daß er sich außerhalb Landes begeben hatte, insonderheit bedauerte er, daß er das Geld, um sich der Bibliothek zu bedienen, so unnütz und unbedachtsam ausgegeben, welches doch nun weit besser könnte angelegt werden. Er nahm sich unsre bedrängten Umstände so sehr zu Herzen, daß er den Umgang mit andern Menschen scheuete. Ich wendete allen möglichen Fleiß an, ihn zufriedenzustellen, und suchte ihn insonderheit durch den Scherz des Bions aufzurichten: Es ist töricht, sich aus Gram die Haare auszureißen, als wenn durch eine kahle Platte der Schmerz gelindert würde. Aber es war alles vergebens. Wie wir endlich nicht einen Heller mehr hatten, so ließen wir unser Zeug zu Oxford und gingen zu Fuß wieder nach London. Hieselbst erhielte mein Gefährte, nachdem ein Kaufmann aus Drontheim für ihm Bürge geworden war, bei einem Wechsler Geld, und war nunmehro einzig und allein darauf bedacht, wie er seinen Leib pflegen und dasjenige wieder ersetzen möchte, was er vorher versäumt hatte. Er nahm auch in kurzer Zeit ungemein zu, und derjenige, welcher vor einem Monate mit eingesunkenen Augen, einem magern und eingefallenen Körper Oxford verlassen hatte, kam nun mit einem dicken Bauche und ganz munter wieder zurücke. Wie wir wieder in Oxford angekommen waren, so wollte uns unsre vorige eingezogene Lebensart nicht länger gefallen. Wir zogen deswegen in ein Wirtshaus, wohin viele Studenten, die sich in Oxford aufhielten, zu kommen pflegten. Hier wurden wir in einer kurzen Zeit mit ihnen allen bekannt, und mit einigen richteten wir eine vertraute Freundschaft auf. Ein Schottländer, welcher bisher unser aufrichtiger Freund gewesen war, fing von der Zeit an, kaltsinnig gegen uns zu werden. Wir wußten eine lange Zeit nicht, woher diese Veränderung rühren möchte. Wie wir uns endlich darnach erkundigten, so sagte er uns auf eine überaus redliche Art: Wir würden wohltun, wenn wir ein andres Haus zu unserem Aufenthalt erwählten. Es sei wohlgesitteten Studenten unanständig, in einem Wirtshause sich aufzuhalten. Zum wenigsten sei es zu Oxford nicht gebräuchlich. Es ist wohl nicht leicht eine Akademie, wo die Studierenden eine solche Ehrerbietung gegen die Obrigkeit und gegen die Gesetze bezeugen und wo sie so ehrbar, anständig und christlich leben als zu Oxford. Auch die geringsten Fehler werden daselbst aufs schärfste bemerkt, verbessert und bestraft. Deswegen ist es der studierenden Jugend ebenso nützlich, wenn solche nach Oxford geschickt wird, als es derselben schädlich ist, wenn man sie nach andern hohen Schulen sendet, wo die jungen Leute zwar in den Wissenschaften unterrichtet werden, aber auch zugleich in ein höchst unordentliches Leben verfallen. Wenn man nach zehn Uhr das Abends auf der Gasse gehet, so sollte man fast nicht denken, daß man in einer Stadt sei, sondern man sollte vielmehr glauben, man befinde sich in einer Einöde, so ruhig und stille ist alles. Denn um diese Zeit geht die Polizei in alle Gassen und Winkel und bricht auch in die Wirtshäuser ein. Wird ein Student daselbst angetroffen, so wird er scharf gestraft. Hieran aber sind, welches in der Tat lächerlich ist, die Doktores und Magistri nicht gebunden. Diese haben die Freiheit, in den öffentlichen Weinhäusern zu sitzen, und wenn sie wollen, bis an den hellen Morgen zu trinken, recht, als wenn sie durch die akademischen Ehrenstellen zugleich die Freiheit erlangten, öffentlich zu disputieren und zu trinken. Daher rühret es, daß alle diejenigen, welche Liebhaber vom Zechen sind, sich aus allen Kräften bestreben, eine von den angeführten Ehrenstellen zu erhalten, weil damit solche ansehnliche Freiheiten verknüpft sind. Wenn dieses auf andern hohen Schulen auch eingeführt wäre, so dürften sich vielleicht noch weit mehrere nach den höchsten akademischen Würden bestreben, und man würde endlich auf der Gasse vor der Menge graduierter Personen nicht fortkommen können. Zu einer Ursache, warum man eine so sonderbare Einrichtung gemacht, gibt man in Oxford an, weil es zu vermuten sei, daß diejenigen, welche wegen ihrer Gelehrsamkeit zu akademischen Würden erhoben worden, von selbst geneigt sein würden, solche Laster zu fliehen, von denen andre durch Strafen müßten abgehalten werden. Deswegen trinken auch die meisten, welche noch nach zehn Uhr zu zechen Lust haben, unter der Anführung eines Magisters. Es ist öfters geschehen, daß die Polizei Studenten in unserm Hause angetroffen. Sooft sie aber unter der Anführung eines Magisters trunken, so antworteten sie unerschrocken: We are in Company with Master of arts . Und dadurch ließ sich die Polizei abweisen. Übrigens ist es in Oxford in diesem Stücke wie ehedem in Lacedämon beschaffen, daß man den alten Personen mit großer Ehrerbietung begegnet. Es ist kein Ort, wo man diejenigen, welche ein hohes Alter erreicht haben, so ehrwürdig hält als hier, und man siehet sie fast als Orakel an. Deswegen gibt man auch mehr auf dasjenige acht, was ein alter Student, als was ein Doktor oder Professor sagt. Wenn meine Absicht wäre, in dieser kleinen Schrift alles ausführlich und vollständig zu beschreiben, so könnte ich von einigen Anordnungen und Einrichtungen verschiedene Nachrichten beibringen, die dieser hohen Schule vor allen andern eigen sind, und welche Sie, mein Herr, nicht ohne Vergnügen lesen würden. Weil ich mir aber nur vorgenommen habe, mein Leben aufs kürzeste zu beschreiben, so will ich mich in keine Nebenumstände einlassen, sondern bloß bei meinem Hauptzwecke bleiben. Wir hatten nach unsrer Rückkunft von London ohngefähr einen Monat mit dem größten Vergnügen in Oxford zugebracht, da mein Gefährte einen Brief von seiner Mutter nebst dem Befehl erhielt, daß er sich nach London begeben und daselbst unter Aufsicht des Magisters Georg Ursius, Predigers an der dänischen Kirche, leben sollte. Er durfte aus Furcht dem Befehl seiner Mutter nicht ungehorsam sein, deswegen verließ er mich und reisete gleich nach London. Hierdurch ward ich in neue Bekümmernis gesetzet, und die Wunde, welche kaum geheilet war, ward wieder aufgerissen. Das einzige, womit ich mich tröstete, bestand darin, daß ich mit einigen Studenten in Oxford bekannt geworden, welche allenthalben meine große Wissenschaft in den ausländischen Sprachen und in der Musik ausbreiteten, und durch das große Lob, welches sie mir beilegten, so viel ausrichteten, daß viele ihre Informatores abschafften und mich wieder annahmen, den sie für den allerbesten Sprachmeister und Musikanten in der ganzen Stadt hielten. Aber ich kann es selbst nicht sagen, ob meine Wissenschaft in den Sprachen oder in der Musik größer war. Einige wenige von meinen Schülern, welche die klügsten waren, sahen meine Schwäche ein, aber sie waren dabei so edelmütig, daß sie mich nicht verrieten. Am meisten kam mir die Unbeständigkeit meiner Schüler zustatten, welche meistenteils gleich nach Verlauf des ersten Monats und wenn sie kaum die Grundsätze gefaßt hatten, wieder aufhörten. Dadurch ward meine Schwäche verborgen, und man hielt mich immer für einen gelehrten Mann. Ich hatte aber auch noch außerdem einen Vorteil dabei, weil ich nach der alten und preiswürdigen Gewohnheit für den ersten Monat doppelt bezahlt ward, welches sie die Introduktion Entrance nennen. In der Musik aber nahm ich dadurch, daß ich solche andern wieder beibrachte, sosehr zu, daß man mich für den größten Meister auf der Flöte in der ganzen Stadt hielt. Ich ward auch in ein Konzert aufgenommen, welches alle Mittwochen in Oxford gehalten und the musical clubb genannt wird. Man räumt niemanden die Ehre eines Mitgliedes in dieser Gesellschaft ein, wo er nicht vorher eine Probe abgelegt hat. Ich tat dieses auch, und wie meine Probe bei allen Anwesenden Beifall fand, so ward ich zuletzt unter die würdigsten Mitglieder dieser Gesellschaft gerechnet. Ich blieb nach meines Gefährten Abreise noch fünfzehn Wochen in Oxford, in welcher Zeit ich recht prächtig lebte, da ich sowohl mittags als abends bei denen, die auf den Collegiis wohnten, zu Tische geladen ward, welches die Studenten in Oxford nennen: take common . Eine ganze Zeit hieß ich in Oxford nicht anders als myn Heer , und hiezu hatte mein Barbier Gelegenheit gegeben. Dieser hielte mich und meinen Gefährten für Deutsche, und damit er zeigen möchte, daß er deutsch reden könnte, ob er gleich nichts mehr als dieses wußte, so nannte er uns allezeit myn Heer , weil er unsere rechte Namen nicht wußte. Dieses hatten andere gehört und glaubten, daß es unser rechter Name sei, desfalls nennte man mich eine lange Zeit nicht anders als myn Heer . Und weil diese Benennung nichts Schimpfliches in sich enthielt, so wollte ich ihnen auch diesen Irrtum nicht benehmen. Vielleicht wäre auch mein rechter Name niemals bekannt worden, wenn ich nicht ohngefähr einen Studenten, welcher Holber hieß, angetroffen hätte. Zu diesem sagte ich zuerst, daß wir einen Namen führten. Und weil unsere Gemüter auch miteinander übereinstimmten, so richteten wir eine vertrauliche Freundschaft auf. Ich sagte öfters im Scherz zu ihm, daß wir beide vielleicht noch aus einem Geschlechte entsprossen sein könnten und daß er vielleicht von einem meiner Vorfahren abstammte, der mit dem König Canut dem Großen nach England hinübergekommen wäre. Ich muß gestehen, daß ich den Einwohnern in Oxford aufs höchste verbunden bin. Von den vielen Proben der Güte und Freigebigkeit, welche sie gegen mich spüren lassen, will ich allein eine einzige anführen. Ich hatte mich bereits zwei Jahre in Oxford aufgehalten und mußte nun auch einmal wieder auf die Rückreise nach meinem Vaterlande bedacht sein. Kurz vor meiner Abreise besuchte mich einer von dem Collegio der Maria Magdalena. Nachdem er sich nebst mir von der andern Gesellschaft entfernet hatte, so sagte er, ich möchte mich nicht schämen, sondern ihm frei entdecken, in was für einem Zustande sich meine Kasse befände. Er versprach mir zugleich im Namen des ganzen Collegii ein ansehnliches Reisegeld, wenn ich es nur annehmen wollte. Ich ward über diesen Antrag und über eine so unerwartete Freigebigkeit so bestürzt, daß ich ihm nicht gleich antworten konnte; weil ich aber noch soviel Geld übrig hatte, als ich zu meiner Rückreise brauchte, so schlug ich seinen Antrag mit dem verpflichtesten Danke ab. Sie werden hierbei zweifelhaft sein, mein Herr, ob sie mehr die Edelmütigkeit dieses Freundes oder meine Großmut bewundern sollen, mit welcher ich das Anerbieten abschlug. Diese kleine Schrift erlaubt mir nicht, die großen Gefälligkeiten stückweise zu erzählen, welche ich von den Einwohnern in Oxford empfangen habe. Ich gestehe es, die Engländer bilden sich zu viel auf ihre Tugenden ein, und ich habe es bei den meisten, mit denen ich umgegangen bin, bemerkt, daß der Stolz ein Hauptfehler dieser Nation ist. Aber diesen Fehler muß man billig bei ihnen entschuldigen, wenn man die andern herrlichen Eigenschaften betrachtet, die man bei ihnen wahrnimmt. Ich habe ihnen niemals geheuchelt, ob ich gleich merkte, nachdem ich die Nation habe kennengelernet, daß man durch Schmeicheln alles von ihnen erhalten konnte. Dieses Laster aber habe ich jederzeit verabscheuet. Ich war bei den Einwohnern in Oxford bloß wegen meines ehrbaren und stillen Lebens, wegen meiner guten Sitten und insonderheit wegen meines aufgeweckten Wesens beliebt, woran die Engländer, weil sie selbst munter sind, einen großen Gefallen finden, hauptsächlich, wenn sie sehen, daß der Scherz mit Witz verbunden ist. Sie glaubten auch, ich sei ein Prediger oder wenigstens ein Diakonus, weil sie in dem Zeugnisse, das mir die theologische Fakultät erteilet, gelesen hatten: modo nihil sacro ordine indignum designaverit . Deswegen fingen diejenigen, welche meine guten Eigenschaften allenthalben ausbreiteten, ihre Lobrede insgemein mit diesen Worten an: This gentleman is in order . Einige bildeten sich auch ein, ich sei ein rechter Held in der Gottesgelahrtheit, weil ich die Gründe der Gegner und die Einwendungen derselben so hurtig und geschickt beantworten konnte. Die Engländer lassen sich nicht gern in Streitschriften ein, aber in der Philologie, in der Auslegungskunst, in der Kirchengeschichte und in den Kirchenvätern besitzen sie eine große Stärke. Man muß billig einen Unterschied unter den Wissenschaften und deren Anhänger machen. Einige sind gründlich, andre fallen mehr in die Augen. Einige scheinen nur gelehrt zu sein, andre sind es in der Tat. Andre Völker wenden alle ihre Zeit auf Streitschriften und auf die Historie der Gelahrtheit und bringen so viele Lehrbegriffe, Auszüge und Nachrichten ans Licht, daß sie dadurch in einer kurzen Zeit und auf eine sehr bequeme Art Polyhistores werden. Ein Engländer aber sieht eine Sache tiefer ein und übereilt sich nicht. Er ist also schon vorher gelehrt, ehe er es zu sein scheinet. Ich glaubte selbst, daß ich nur schlecht und gezwungen Latein redete, aber die Engländer legten mir das Lob bei, daß ich zierlich und fertig redete. Sie üben sich so wenig darin, daß ich zu der Zeit nicht mehr als einen einzigen, nämlich den Doktor Smalrich, fand, welcher einigermaßen gut Latein redete. Auch nicht einmal der Bibliothecarius Hudson konnte mit dem Lateinreden fertigwerden, welchen man doch für einen der größten Philologen zu den damaligen Zeiten hielte. Die Studenten in Oxford üben sich wohl bisweilen im Disputieren, aber sie stammlen sehr, und wenn sie einen Fremden wahrnehmen, so setzt sie dieser Anblick nicht nur in eine große Verwirrung, sondern sie hören bisweilen gleich auf, weil sie denselben nicht als einen Zuhörer, sondern vielmehr als einen strengen Richter ansehen. Endlich verließ ich Oxford und reisete nach London, woselbst ich alles in Augenschein nahm, was merkwürdig war und was man ohne Geld sehen konnte. Ich besahe auch nebst einem Freunde, welcher Peter Holm hieß, den Ort, wo sich die Anabaptisten zu versammlen pflegten. Wir kamen eben zu einer solchen Zeit dahin, da sie im Begriff waren, ein altes Weib umzutaufen. Mein Freund hatte allemal einen Hund bei sich, und weil derselbe mehr zur Jagd als zu den Kirchengebräuchen der Anabaptisten gewohnt war, so ward er hitzig, wie man das Weib ins Wasser tauchte, und wäre gewiß auch ins Wasser gesprungen, wenn ihn sein Herr nicht an dem Halsband zurückgehalten hätte. Hiedurch wendete er zwar ein großes Unglück von uns ab, dennoch aber ließen die Anabaptisten dieses nicht ganz ungestraft hingehen, sondern sie belegten uns mit vielen Schmähworten und trieben uns aus ihrer Versammlung. Endlich begab ich mich auf ein schwedisches Schiff und langte, nachdem wir fünf Tage auf dieser Reise zugebracht hatten, glücklich zu Helsingör an, von welchem Orte ich zu Lande nach Kopenhagen ging. Ich befand mich damals sehr wohl, außer daß ich keinen Wein trinken konnte, welcher mein Geblüt in eine gar zu große Wallung brachte. Dieses war mir auch in dieser Absicht zuträglich, weil ich nicht sonderlich mit Gelde versehen war: Aber von andern, die mich kannten, ward mir dieses übel ausgelegt. Einige hielten mich für töricht und glaubten, ich hätte es verschworen; andre suchten mich durch weitläuftige und ungereimte Vermahnungen zu überwinden und stellten mir vor, wie zuträglich dieses meinem schwachen Körper sein würde, wenn ich täglich Wein trünke. Ich antwortete ihnen aber, daß die Beschaffenheit meines Körpers mir am besten bekannt sei und daß ich, wenn ich anders gesund sein wollte, nicht nur die Unmäßigkeit fliehen, sondern auch noch von dem abkürzen müßte, was die Notwendigkeit erfordert. Diese Strittigkeiten, wodurch sie mich täglich ermüdeten, machten mich in dieser Materie so erfahren, daß ich, wenn ich einmal öffentlich disputieren sollte, die Materie von der Kraft und Würkung des Weins und Biers erwählen würde: Ich ward in diesem Stücke denen ähnlich, die von einer Religion zu der andern übertreten, denn da diese Leute am meisten von den Gliedern der Kirche angefochten werden, von welcher sie abgefallen sind, so setzen sie sich am meisten in den Glaubensartikeln feste, die sie abgeschworen haben. Sie können leicht erachten, mein Herr, wie sehr ich durch solche abgeschmackte Reden geplagt worden, da sie wissen, wie sehr mir solche so oft aufgewärmte Sachen verhaßt sind, und daß mir auch die allerartigste Erzählung zuwider ist, wenn man mir solche mehr als einmal erzählet. Damit ich aber in meiner Lebensbeschreibung weiter fortfahre, so befand ich mich zwar wohl und gesund, aber meine Kasse war ausgeleeret. Es schien mir, mit meiner Ehre zu streiten, einen Schulmeister abzugeben, da ich vor kurzer Zeit prächtig gelebt hatte. Kurz, ich war arm und hochmütig. Wie ich aber endlich gar kein Mittel wußte, wie ich mich forthelfen sollte, so fiel ich auf eine edle Erfindung, ohne Kränkung meiner Würde mein Brot zu erwerben. Ich verwandelte mein Zimmer in einen Hörsaal und meinen Stuhl in eine Katheder und lud die Konviktoristen durch gelehrte lateinische Zettel zu meinen Vorlesungen ein. Ich versprach ihnen, keine Sprachen vorzutragen, sondern ihnen einen rechten Schatz von ausländischen Seltenheiten mitzuteilen. Sie ließen sich durch die prächtigen Zusagen einnehmen und kamen in großer Anzahl in meinen Hörsaal. Sie hörten auch alles mit großer Aufmerksamkeit an, was ich ihnen sagte, und schrieben alles sorgfältig auf. Wie ich aber meine Bezahlung haben sollte, so hatten sie die Kunst gefaßt, sich unsichtbar zu machen, daß ich mit dem Poeten ausrufen mußte: Nee frugem segetes praebent, nec pabula terrae. Nee frugem ...: Die Saaten geben kein Korn und die Fluren kein Futter. (Panegyricus in Messallam, Pseudo-Tibull III, 7, 162) Die einzige Frucht, welche ich von meiner Arbeit einerntete, bestand darin, daß diejenigen, welche meine Vorlesungen verlassen hatten, mich sehr tief grüßten, wenn ich ihnen auf der Gasse begegnete, welches zwar ein Zeichen der Dankbarkeit war, aber meiner Armut ward dadurch nicht abgeholfen. Wie ich endlich merkte, daß der Hochmut meinen Umständen gar nicht zuträglich war, so fing ich wieder an zu philosophieren, wie die meisten von meinen Landsleuten zu tun pflegen, wenn keine Hoffnung weiter vor ihnen übrig ist, fortzukommen, und wenn ihnen alle Wege zur Beförderung verschlossen sind. Auf solche Art ward ich wenigstens nach meinen Gedanken ein Philosophe und nahm die Gestalt eines Schulmeisters wieder an, wodurch ich mich, ob es gleich mit keiner sonderlichen Ehre verknüpft war, wieder einigermaßen forthalf. Doch war mein Schulmeisteramt von keiner langen Dauer. Der vor kurzer Zeit verstorbene Staatsrat Paul Winding wollte seinen jüngsten Sohn Andreas Winding nach Deutschland reisen lassen, und weil derselbe eines Reisegefährten bedürftig war, so fiel die Wahl auf mich, ob er mich gleich vorher nicht kannte. Wir reiseten geradesweges nach Dresden; woselbst Herr Winding bei dem Baron von Löwendahl, dem er empfohlen war, bleiben sollte; desfalls erhielt ich auf das höflichste meinen Abschied. Auf der Reise begegnete uns nichts Merkwürdiges, als daß wir zu Braunschweig, wie wir des Morgens sehr frühe wegreisen mußten, unsern Kuffer mit allen unsern Kleidern vergaßen, welcher aber nach einigen Wochen unbeschädigt bei Winding in Dresden anlangte. Wir mußten auf dieser Reise ganze Nächte wachen, und wenn man uns einige Stunden zur Ruhe gönnte, so verfielen wir in einen so tiefen Schlaf, daß man uns kaum ermuntern konnte. Und deswegen wundere ich mich, daß wir unser ander Zeug, welches wir bei uns hatten, ja unsre Beinkleider nicht auch vergessen haben. Wer mit der Post in Deutschland fahren will, der muß fleißig Kaffee trinken, dadurch können auch die, welche am meisten zum Schlaf geneigt sind, munter erhalten werden, wo sie nicht die Kunst, zu schlafen, so wohl gelernet haben, daß sie auf dem Wagen schlafen können, ohne durch die beständige Bewegung aufgeweckt zu werden, welches die Postknechte sehr wohl verstehen, die zu gleicher Zeit fahren und schlafen. Man kann sich auf der ganzen Reise keinen ruhigen Schlaf versprechen, weil man unter der Nacht und dem Tage nicht den geringsten Unterscheid macht. Wie ich den Herrn Winding in Dresden verlassen hatte, so ging ich nach Leipzig. Hier traf ich einen von meinen Landsleuten an, welcher Fleischer hieß und nunmehro Probst zu Altona ist. Er war ein sehr aufgeweckter Kopf, und weil ich jederzeit an muntern Einfällen einen großen Gefallen gehabt, so durfte er mich nicht lange bitten, daß ich mich einige Zeit bei ihm aufhalten möchte. Wir besuchten die Collegia fleißig, wiewohl nicht in der Absicht, etwas daraus zu lernen, sondern bloß, uns über die Lehrer und deren Vortrag aufzuhalten. Wenn wir nach Hause kamen, so beurteilten wir mit einem Mutwillen, welcher der Jugend eigen ist, dasjenige, was wir gehört und aus dem Vortrage der Lehrer aufgezeichnet hatten. Aus dieser Ursache besuchten wir am fleißigsten die Vorlesungen des Magister Stivels, welcher jederzeit allerhand lächerliche und ungereimte Dinge vorzubringen pflegte. Es gab sich einmal Mühe zu erweisen, daß die Seligen mittags und abends Mahlzeiten im Paradiese halten würden. Zu einer andern Zeit hielte er in dem zierlichsten Latein eine Leichenrede über seine Handschuh, die ihm den Tag vorher von seinen Zuhörern gestohlen worden. Wir besahen übrigens alles aufs genaueste, was auf dieser berühmten Akademie merkwürdig war; wir besuchten auch die meisten Gelehrten und unter andern insonderheit Cyprian, Rechenberg, Börner und Menke, bei denen uns allemal der Zutritt offenstand. Die Gelehrten in Deutschland sind gegen die Fremden so höflich, daß man sie nicht genung deswegen rühmen kann. Von Leipzig ging ich nach Halle. Die Kürze der Zeit erlaubte mir nicht, jemanden von den öffentlichen Lehrern zu besuchen. Doch sprach ich den berühmten Thomasius. Ich ward aber durch seinen Umgang nicht sonderlich erbauet. Denn er sprach nur von der rauhen Jahrszeit, von der kalten Luft und andern allgemeinen Dingen und hielte es nicht für nötig, mit einem Jünglinge von wichtigern Dingen zu reden. Wie ich wieder nach Braunschweig kam, so hörte ich, daß der Kuffer, welcher ehedem von mir vergessen worden, weggesandt sei; was aber nicht soviel wert war, das fand ich alles in meinem Quartier unbeschädigt wieder. Unter andern Sachen traf ich auch meine mit Bärenfellen gefütterten Stiefeln an, welche mir bei dem gleich darauffolgenden harten Winter sehr gute Dienste leisteten. Denn ich war kaum von Hamburg nebst andern weggereiset, so fing die Kälte an so stark zuzunehmen, daß wir dieselbe kaum ertragen konnten, ob wir uns gleich mit allem, was zu dieser Jahreszeit, um der Kälte zu widerstehen, erfordert ward, aufs beste versehen hatten. Ich war krank, und dazu waren mir die vielen Kleider, worin ich mich eingehüllet hatte, sehr beschwerlich, die mich überdem so ungestalt machten, daß man mich eher für eine Mißgeburt als für einen Menschen hätte halten sollen. Niemand aber unter allen meinen Reisegefährten empfand die Kälte so stark als ein schwedischer Kapitän, welcher vor kurzer Zeit von Paris zurückgekommen war und sich auf französisch gekleidet hatte. Er fluchte heftig auf seine seidenen und leichten Kleider, welche er herzlichgerne mit einem grönländischen Pelz oder einen andern warmen Mantel vertauscht hätte. Es war einem jeden verdrießlich, mit ihm umzugehen, und ob er sich gleich für allen andern Reisegefährten allein zu mir hielt, so scheuete ich ihn doch am meisten. Und weil er noch überdem sehr ruhmrätig und von seinen großen Eigenschaften sehr eingenommen war, so wurde er mir ganz unerträglich. Übrigens war er doch nicht ganz ungeschickt, und zu gewissen Zeiten nahm man etwas von ihm wahr, welches zu erkennen gab, daß er von keiner geringen Herkunft sein müßte. Er redete einige Sprachen fertig und hatte auch in der Musik eine ziemliche Wissenschaft. In den Geschichten war er auch nicht ganz unerfahren, ob man gleich aus seinen Erzählungen abnehmen konnte, daß er in denselben nicht gründlich war, weil er die Zeiten und Umstände sehr öfters miteinander verwechselte. Wie die Post einmal des Abends stillag, so gerieten wir in ein Gespräch von den großen Taten der alten römischen Helden. Hierauf fing er an, um seine Weisheit auch hören zu lassen, die Tugend und Tapferkeit des Marcus Curtius folgendermaßen zu rühmen: Wie die Erde mitten auf dem Markte zu Rom voneinander geborsten war und man eine Weissagung hatte, daß dieselbe sich nicht eher wieder schließen würde, bis sich jemand lebendig hineinstürzte, so trug Quintus Curtius Rufus, welcher die Geschichte des Alexanders beschrieben hat, kein Bedenken, sein Leben, welches er von dem Vaterlande empfangen hatte, demselben wieder aufzuopfern. Er stieg desfalls auf sein Pferd und stürzte sich hinein, wodurch er sich ebenso berühmt machte als Alexander, dessen Historie von ihm beschrieben worden. Der kleine Belt war so stark zugefroren, daß wir ganz sicher über das Eis bis nach Middelfahrt in Fünen gehen konnten. Aber über den großen Belt war das Eis nicht sicher. Wir hielten uns deswegen acht Tage in Nieburg auf, weil wir hofften, daß das Eis inzwischen halten oder brechen sollte. Weil es aber gar zu lange dauerte, so mußten wir uns endlich entschließen, auf dem Eisboot überzugehen, mit welchem wir den ersten Tag bis an die Insel Sprö kamen und den andern Tag zu Corsör anlangten. Ob es gleich wider meine Absicht ist, durch Beschreibung verschiedener Städte und Örter diese magere Schrift etwas angenehmer zu machen; so kann ich mich doch nicht entbrechen, die Beschreibung dieser Insel hier beizufügen, insonderheit, da derselben in keiner Geographie Meldung geschiehet. Ich will zugleich untersuchen, ob diese Insel mit Recht einen so schlechten Namen und ein so böses Gerüchte habe. Denn wenn die Dänen einem etwas Böses wünschen, so sagen sie, wollte Gott, du wärest auf der Insel Sprö. Die Insel Sprö liegt mitten zwischen Nieburg und Corsör. Von der Fruchtbarkeit der Insel kann ich nichts Gewisses sagen, weil damals alles mit Schnee bedeckt war. Mitten auf der Insel liegt die Hauptstadt, welche nur von einer Familie bewohnt wird. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich außer einer alten Frauen und zwo Töchter sonst einen Menschen gesehen hätte. Der Statthalter, oder daß ich mich noch genauer erkläre, der Patriarch, von dem ich die Regierungsform und andere Merkwürdigkeiten hätte lernen können, war leider nicht vorhanden. Damit ich aber die Pflicht eines Geographi erfüllen möge, so muß ich auch etwas von den Gemütseigenschaften dieses Volks sagen, welches, weil es von allen andern Menschen abgesondert ist, noch immer die alte Ehrlichkeit beibehält. Denn die eine Tochter, welche man doch noch für wohlgesitteter hielt als ihre Schwester, bewillkommte mich mit diesen Worten: Sehet doch den Hund an, der an die Wand pisset. Kann man auch die alte Redlichkeit durch nachdrücklichere Worte an den Tag legen? Ich glaube, daß hier der Ort sei, wo man die alte Aufrichtigkeit, welche in den nordischen Historien so sehr gerühmt wird, noch in dem vorigen Glanze antreffen kann, weil diese Leute immer von andern abgesondert gewesen und also von den Sitten der neuen Zeiten befreiet geblieben. Aber ich fand hiernächst, daß sie die Lebensart der itzigen Welt besser als die Franzosen und Italiener selbst gefaßt hatten, da sie für ein Nachtlager zwei Reichstaler forderten. Diese Forderung schien dem schwedischen Kapitän gar zu unbillig, desfalls verteidigte er die gemeinschaftliche Sache und wandte alle seine Beredsamkeit an, unsre Wirtin wegen ihrer Unbilligkeit auszuschänden. Aber dieselbe ward dadurch nur desto mehr aufgebracht und empfing den Kapitän dergestalt, daß er seinen Zorn fallenlassen und sich ihren Gesetzen unterwerfen mußte. Die Jungfern auf dieser Insel legten nicht weniger bei diesem Streite Ehre ein, denn sie standen ihrer Mutter redlich bei und verteidigten solche sehr mutig gegen den Kapitän. Ich glaube, daß sie annoch Jungfern gewesen sind. Ich urteile dieses teils aus ihrer Frechheit, welche, wie man sagt, ein Zeichen der Keuschheit ist, teils aber schien es mir auch daher glaublich, weil sie an einem so einsamen Orte lebten, wo sie ihre Jungfrauschaft nicht einmal einbüßen konnten, wenn sie gleich gerne gewollt hätten. Man setzte uns nichts anders zu essen vor als gebratene und gekochte Enten. In dem ganzen Hause war nur ein Bette, welches eine Jungfer, die mit uns auf der Reise begriffen war, für sich allein gemietet hatte. Wir andern lagen auf der Erde auf Stroh, außer einen lustigen Holländer, welcher glaubte, daß er bequemer auf der Bank schlafen würde. Wie er aber um Mitternacht aufwachte, und sowohl am Kopfe als in den Gliedern wegen seines harten Lagers Schmerzen empfand, so kroch er ganz still zu der Jungfer ins Bett und lag bei derselben mit einer recht holländischen Kaltsinnigkeit bis an den hellen Morgen. Die Jungfer merkte dieses nicht eher, als bis sie erwachte und ihn noch schnarchend neben sich liegen sahe; sie erschrak recht heftig über diesen groben Streich und sprang alsobald mit einer jungfräulichen Schamhaftigkeit aus dem Bette. Der Holländer gab sich nicht die geringste Mühe, sie zurückzuhalten, sondern freuete sich vielmehr, daß er hiedurch einen größern Raum erhalten hatte, sich auszustrecken. Wir verließen endlich diese Insel Sprö und reiseten des Morgens sehr frühe nach Corsör. Auf dieser Reise geriet der schwedische Kapitän in die größte Lebensgefahr. Es pflegt insgemein zu geschehen, daß diejenigen verlieren, welche bei dem Spiele gar zu hitzig sind und leicht aufgebracht werden; daß diejenigen am zeitigsten sterben, die den Tod am meisten scheuen, und daß diejenigen am leichtesten Verdruß erfahren, welche am wenigsten vertragen oder einziehen können. Der Kapitän wollte eine Probe seiner Tapferkeit ablegen und trat aus dem Eisboote aufs Eis, er fiel aber plötzlich ins Wasser, da das Eis unter ihm brach, und ward mit genauer Not von den Bootsleuten durch ihre Bootshaken gerettet und wieder herausgezogen. Er mußte aber dennoch, ob er gleich vor Kälte halb erstarret war, trockne Kleider anziehen und überdem seinen Fürwitz zu Kopenhagen mit einem bösartigen Fieber büßen, wovon er doch endlich wieder hergestellt ward und nach Schweden reisete. Diese beständigen ausländischen Reisen machten mich so beliebt, daß mir, wie ich von dieser dritten Reise zurückgekommen war, der vor kurzer Zeit verstorbene Geheime Rat und Admiral Friedrich Gedde die Hofmeisterstelle bei seinen Söhnen antragen ließ. Ich war lange zweifelhalt, ob ich diese beschwerliche Arbeit wieder übernehmen wollte, aber die Not zwang mich dazu, insonderheit da diese Stelle mit vieler Ehre verbunden war und meinen Hochmut nicht wenig schmeichelte. In den ersten sechs Monaten stand ich meinem neuen Amte vollkommen gut vor. Da aber meine Kräfte durch diese beschwerliche Arbeit immer mehr und mehr abnahmen, so ward ich endlich so ohnmächtig, daß ich nicht imstande war, meine Discipel mehr zu strafen; sondern ich mußte entweder einen Zuschauer abgeben oder auch, anstatt der vorigen Schärfe, nunmehro mit guten Worten einen Vergleich unter ihnen stiften, wenn sie sich in meiner Gegenwart einander in die Haare fielen. Sie bezeugten alle eine große Lust zum Lernen, aber sie schlugen sich beständig. Der Älteste von ihnen nahm unter meiner Anweisung sehr gut zu, welches er aber seinem eignen Fleiße mehr als meiner Arbeit zu danken hatte. Es würde auch gewiß, wie ich es vorher gesagt hatte, eine Zierde und Ehre des Vaterlandes geworden sein, wenn seine Tugenden zur Reife gekommen wären. Aber dieser junge Herr, von dem man sich soviel versprechen konnte und welcher nach allendem strebte, wodurch man eine wahre Ehre erlangen kann, starb zu frühe. Er ward nicht lange darnach in Brabant von einem norwegischen Kapitän erstochen, den er zum Zweikampf ausgefordert hatte. Der mittlere Sohn kam im Wasser ums Leben, wie er über einen Fluß setzen wollte, so daß jetzt keiner mehr lebt als der jüngste, Herr Baron Carl Gedde, Major bei der Garde zu Pferde. Nach einem Jahre ward ich in das medizinische Collegium aufgenommen und begehrte deswegen meine Erlassung. Wie ich mich hier aufhielte, so arbeitete ich zwo Schriften aus. Die erste war meine Einleitung in die europäische Historie nach der Lehrart des Puffendorfs. Wenn man dieses Werkchen obenhin ansiehet, so scheinet es, als wenn es bloß aus dem Puffendorf übersetzt wäre. Daher hat auch ein gewisser Mann, welcher eine dänische Historie geschrieben, kein Bedenken getragen zu behaupten, daß ich alles aus dem Puffendorf ausgeschrieben. Wenn man aber die Sache etwas genauer überlegt, so findet man, daß alles außer dem Abschnitt von Deutschland, aus andern Geschichtschreibern zusammengetragen worden. Ich fing dieses Werk schon an, als ich noch in England war und auf der bodlejanischen Bibliothek eine erwünschte Gelegenheit hatte, mich der daselbst befindlichen Bücher zu bedienen, die mir zu meinem Vorhaben nützlich sein konnten. Hauptsächlich aber ward ich durch die Betrachtung zu diesem Werke aufgemuntert, daß es etwas sehr Rühmliches sei, bei so jungen Jahren einen Platz unter den Schriftstellern zu erhalten. Durch diese Vorstellungen ward ich immer mehr und mehr in meinem Vorhaben bestärkt und schrieb eine Universalgeographie. Am Ende fügte ich die Historie eines jeden Landes bei. Wie ich aber dieses Werk eben der Zensur übergeben hatte, so trat des Pflugs Geographie in 4° ans Licht. Ich änderte desfalls meinen Vorsatz und löschte alles aus, was darin von der Erdbeschreibung angebracht war und gab dasjenige, was historisch war unter dem Titul einer Einleitung zur europäischen Historie heraus. Ich habe mich öfters entschlossen, das ganze Werk von neuen auszuarbeiten und es verbessert und vermehret ans Licht zu stellen; denn da ich zuerst anfing, daran zu arbeiten, so war ich ohngefähr von eben demselben Alter wie der Poet, wie er zuerst anfing, Verse zu machen: Barba resecta mihi bisue semelue fuit. Barba reseeta ...: Den Bart hatte ich mir erst ein- oder zweimal schneiden lassen. (Ovid, Tristien IV, 10, 58) Aber ich bin allemal durch andre Verhinderungen davon abgehalten worden. Kurz darauf gab ich ein andres kleines Werk unter dem Titul: ›Anhang zur Historie der europäischen Reiche‹ heraus, welches den gegenwärtigen Zustand der vornehmsten Reiche und Republiken in sich faßt und aus fünf Teilen bestehet, von denen aber nur der erste gedruckt worden, die andern liegen noch bei mir geschrieben. Da aber kurz nachher S[e].Majest. unser großmächtigster König mir die Stelle eines außerordentlichen Lehrers bei der kopenhagenschen hohen Schule allergnädigst verliehe, so mußte ich meine vorigen Bemühungen ein wenig an die Seite setzen und mich auf solche Dinge legen, welche von demjenigen erfordert werden, der auf hohen Schulen lehren soll. Ich erwählte also andre Arbeiten und bekümmerte mich nicht weiter um diejenigen Dinge, die in neuern Zeiten vorgegangen waren, sondern ich begrub mich ganz in den alten Geschichten. Ich liebte nunmehro die alten Bücher, die ich vorher so gering geschätzt hatte, und verwarf die neuen, die mir vorher so angenehm gewesen waren. Den Weg zu dieser Ehre bahnte mir ein in Folio geschriebenes Buch, welches Ihro Königlichen Majestät alleruntertänigst von mir zugeeignet ward. Ich hatte nur bei sehr wenigen Großen am Hofe einen Zutritt, und desfalls setzte ich meine Hoffnung allein auf den König und erwartete, was ich für Früchte von meinen Bemühungen einernten würde. Meine Hoffnung traf auch sehr gücklich ein, denn ich empfand gleich einige Strahlen, welche diese Sonne auf mich warf. Das geschriebene Werk enthält die großen Taten Christian des Vierten und Friedrichs des Dritten; durchgehends wird alles durch die Zeugnisse der glaubwürdigsten Geschichtschreiber bestätiget. Was aus den allgemeinen Geschichtschreibern, als dem Aitzema, Victorio Siri und dem ersten Teil des theatri Europaei, welchen man für den besten unter allen hält, entlehnt worden, macht kaum einige Blätter aus. Ich gestehe sehr gerne, daß dieses Werk sehr mangelhaft ist, und aus dieser Ursache habe ich es auch noch nicht gewagt, demselben den Titul einer Historie beizulegen, sondern ich habe es nur eine Einleitung in die dänische Geschichte des vorigen Jahrhunderts genannt. Ich habe dieses Werk in zwei Teile abgesondert. Der andre Teil aber, welcher die großen Taten Christian des Fünften in sich faßt, ist von mir noch nicht völlig ausgearbeitet worden. Alles dieses brachte ich zustande, wie ich noch ein Mitglied des medizinischen Collegii war, und nichtsdestoweniger ward ich von einigen für einen Müßiggänger gehalten, weil ich nach den Gesetzen dieses Collegii weder disputierte noch öffentliche Reden hielte. Einige glaubten auch aus ebendieser Ursache, daß ich mich in der lateinischen Sprache nicht wohl umgesehen hätte. Da ich doch, wenn ich den Aufseher des Collegii, den Magister Nicol. Agard ausnehme, unter allen denen, welche sich nebst mir fünf Jahre in dem Collegio aufhielten, der einzige war, der sich recht auf diese edle Sprache der alten Römer legte. Insonderheit schien es den meisten lächerlich, daß ich unter die öffentlichen Lehrer aufgenommen ward, da ich doch niemals die Katheder betreten und folglich unter diejenigen, welche einen besondern Namen, nämlich Academici, zu führen pflegen, auf keine Art konnte gerechnet werden. Wenn ein alter Schulfuchs in dieser Sache Richter sein sollte, und wenn man es wegen des Begriffs von der wahren Gelehrsamkeit auf dessen Urteil allein wollte ankommen lassen, so gestehe ich, daß ich sehr ungelehrt bin. Ich bin auch versichert, daß ich sehr schlecht würde bestanden sein, wenn ich mich der Prüfung der Philosophen unterworfen hätte. Ich konnte zwar auch damals schon einen Syllogismus zustande bringen, allein dies geschähe nur zufälligerweise, ohne daß ich es wußte, wie man eigentlich dabei verfahren müßte, denn es war mir unbekannt, ob er in Barbara oder Elisabetha war. Ich habe gleichfalls gehöret, daß etwas in der Welt vorhanden sei, welches man die Instrumentalphilosophie nennet, worin dem Berichte nach die Logik und Metaphysik regieren sollen; aber mit derselben habe ich niemals etwas zu schaffen gehabt. Ich bekenne aufrichtig, daß ich noch nicht weiß, wieviele Praedicamenta und Praedicabilia die Vernunftlehre zu Kriegszeiten ins Feld stellen kann, durch was für Künste und Maschinen man eine Katheder stürmen und durch was für Kanonen man den Präses von derselben herunterwerfen kann. Ich habe es mir öfters vorgenommen, einige Zeit hierauf zu wenden, aber ich bin niemals so glücklich gewesen, daß mir einige Zeit dazu übriggeblieben wäre. Sie werden aber so gütig sein, mein Herr, und dieses nicht weiter ausbreiten. Wenn meine so große Unwissenheit kund werden sollte, so würde ich von allen alten Scholasticis verachtet werden. Denn ich bin in der Instrumentalphilosophie ganz und gar unerfahren, wenn man die Instrumentalmusik ausnimmt, welche doch auch einigermaßen ein Teil der Philosophie kann genannt werden. Ich will aber von dieser Sache nicht weitläuftiger reden, da so viele Köpfe schwerlich unter einem Hute zu vereinigen sind und ich einem jeden sehr gerne seine Meinung lasse, was er glauben will, ob derjenige, der in diesen Sachen unerfahren ist, zum öffentlichen Lehramte geschickt sei oder nicht. Dieses aber ist außer allem Streit, daß ich wirklich die Stelle eines öffentlichen Lehrers bekleide und daß diejenigen mich dazu würdig und tüchtig geachtet haben, welche von der Gelehrsamkeit auf eine andere Art wie jene Scholastici zu urteilen gewohnt sind und sich nicht durch den bloßen Schall der Worte irremachen lassen. Bei meinem neuen Amte erfuhr ich auch neue Beschwerlichkeiten. Ich mußte mich nunmehro demselben gemäß aufführen, wodurch die Würde zwar keinen Zuwachs, aber doch eine Zierde erhält. Ich mußte aus eben dieser Ursache auch meine ganze Lebensart verändern, weil ich es für unanständig hielte, mich, da ich ein öffentlicher Lehrer geworden, auf eben dieselbe Art als vorher zu ernähren, da ich noch besonders andre unterrichtete. Kurz vorher, ehe ich diese Beförderung erhielte, ward mir ein Stipendium jährlich von hundert Reichstalern auf vier Jahre verliehen, wozu S[e]. Exzellenz der Herr Geheime Rat von Rosencranz als Patron der von den Rosencranzen gestifteten Stipendien mir behülflich war. Dieses kam mir, der ich sonst allein von der Hoffnung zu leben gewohnt war, sehr zustatten. Wie aber, kraft der Stiftung, diejenigen, denen dieses Stipendium verliehen wird, gehalten sind, lutherische hohe Schulen zu besuchen, und mir dieses auch von dem Ephoro befohlen ward, so war ich hiemit sehr wohl zufrieden. Denn da ich sehr sparsam haushalten mußte, um mit meinen Einkünften auszukommen, so glaubte ich nicht unbillig, daß solches viel leichter in der Fremde als in dem Vaterlande geschehen könnte. Ich reisete also geradesweges nach Amsterdam, wo ich mich einige Tage aufhielte. Hierauf setzte ich meinen Weg weiter nach Gouda und von diesem Orte nach Rotterdam zu Lande fort, woselbst ich einen ganzen Tag ausruhete. Es war mir dieses um soviel nötiger, weil man in den Treckschoyten weder Tag noch Nacht Ruhe hat. Es finden sich unter so vielen Reisenden allemal einige aufgeweckte Köpfe, welche durch ihren Scherz und durch ihre Gaukeleien ihre Gefährten beständig munter und wachsam erhalten. Auf der Reise nach Gouda ward uns alle Ruhe durch einen jungen Schweden benommen, welcher ein sehr künstlicher Gaukler war und alles nachäffen konnte. Bald stellte er sich an, als wenn er schliefe, und schnarchte stark, ehe man es sich aber versähe, so sprang er gleichsam aus Furcht auf und schrie bald diesem, bald jenem in die Ohren. Zu Rotterdam sahe ich des Abends, daß die Kinder, wie sie aus der Schule kamen, ihr gewöhnliches Spiel wieder anfingen und zum Zeitvertreib mit Steinen nach der Bildsäule des Erasmus von Rotterdam warfen. Ich wunderte mich nicht so sehr über den Mutwillen der Knaben als über diejenigen, welche die Aufsicht über sie hatten und dieser Bosheit steuren sollten. Es war gewiß schändlich, daß man ein solches Ehrenmal entehrte, welches nicht nur den Einwohnern von Rotterdam, sondern auch der ganzen gelehrten Welt heilig sein sollte wegen der großen Verdienste eines solchen Mannes, dessen Staub auch noch würdig ist, daß er von die Nachkommen geküsset werde. Von Rotterdam reisete ich nach Antwerpen, wo ich mich bei einem Hamburger aufhielte, den ich in Amsterdam gekannt und der ehedem einige Jahre in Drontheim gewohnt hatte. Von Antwerpen ging ich zu Schiffe nach Brüssel. Meine Reise von Amsterdam nach Brüssel kostete mir nicht viel, aber ich besorgte, daß der Weg, welchen ich noch zurücklegen mußte, mir weit mehr kosten würde, weil ich zu Schiffe nicht fortkommen konnte. Ich hielt mich deswegen einige Tage zu Brüssel auf, um desfalls einen Schluß zu fassen. Inzwischen sahe ich, daß viele angesehene Leute den Weg, welchen ich vor mir hatte, zu Fuß antraten; und daher machte ich mir selbst diese Gedanken. Wir ahmen den Franzosen in ihrer Torheit nach, warum wollten wir ihnen denn auch nicht in ihren löblichen Gewohnheiten nachahmen, nämlich, sparsam zu leben, wenn wir nichts haben, wovon wir reichlich leben können. Warum wollten wir denn auch nicht zu Fuße gehen, wenn wir nicht soviel Geld haben, daß wir einen Wagen mieten können; desfalls schickte ich mich auch dazu an, zu Fuße zu gehen, mein Zeug aber sandte ich mit einem Wagen fort. Ich besorgte zu den damaligen Kriegszeiten nichts so sehr, als daß ich, weil ich mit keinem Passe versehen war, von den Schildwachen und Postierungen möchte angehalten werden. Es ist mir aber dieses nur ein einzig Mal widerfahren, wie ich zu Mons ankam, da ich gefragt ward, wohin ich wollte, ob ich einen Paß hätte und worum man sonst im Tor die Ankommenden zu fragen pflegt. Wie ich aber demselben antwortete, daß ich nach Paris wollte und einen königlichen Paß hätte, so zweifelte er nicht weiter an meiner Ehrlichkeit und ließ mich frei durchgehen. Den größten Verdruß verursachten mir die Zollbedienten, welche alle meine Kleider und auch sogar meine Beinkleider durchsuchten, um zu erfahren, ob ich auch Tobak oder andre verbotene Waren bei mir führte. Übrigens war ich von allen Beschwerlichkeiten befreiet, welchen die Reisenden in Deutschland und in den nordischen Landen unterworfen sind, da man außen vor dem Tore stehen und warten muß, bis der Commendant oder die Obrigkeit des Orts von der Ankunft der Fremden Nachricht erhält und Befehl erteilt, daß man eingelassen wird, wo man überdem in dem Hause, wo man einkehret, seinen Namen, Stand, seine Verrichtung und was man sonst vorzunehmen willens ist, anzeigen muß, welches alles den Reisenden höchst beschwerlich fällt und von dem Mißtrauen zeuget, welches den nordischen Völkern eigen ist. Denn ohne Paß wäre es mir unmöglich gewesen, eine solche Reise, wie ich nun vornahm, durch Deutschland anzustellen, wo man wohl zehnmal des Tages von einem rauhen Soldaten diese Worte: wer da? zurück! wohin? hören muß. Mir ist ein solcher Zufall hier in Dänemark begegnet, da ich noch auf dem borrichischen Collegio war und einmal zu Fuß nach Helsingör ging. Ich traf nicht weit von der Stadt einen Lieutenant an, dem ich erzählte, daß ich diese fünf Meile von Kopenhagen nach Helsingör zu Fuß abgelegt hätte. Dieser ward darüber im Anfange so bestürzt, als wenn er dergleichen vorher niemals gehört, und bildete sich ein, ich wäre ein schwedischer Spion. Er freuete sich nicht wenig darüber, daß ich ihm so unvermutet in die Hände gefallen war und befahl, daß ich ihm unverzüglich folgen sollte. Ich wandte zwar alles dagegen ein, was ich nur konnte, ich versicherte auf Treu und Glauben, daß ich sein Landsmann sei; ich entdeckte ihm meinen Namen, mein Vaterland, meinen Stand und die Ursache meiner Reise. Aber es war alles vergebens, und ich mußte mich mit Gewalt in Verhaft nehmen lassen. Ich ward also als ein andrer Jugurtha von einem neuen Marius im Triumph durch einen Reuter aufgeführt, welcher den Feldherrn begleitete, und mußte mich ganz unschuldigerweise nach einem Wirtshause zurückbringen lassen, welches auf der Hälfte des Weges nach Helsingör lag. Hier ward ich aufs schärfste befragt, mein Degen ward mir abgenommen, man verurteilte mich, endlich aber ward ich losgesprochen und mit einer höflichen Entschuldigung wieder in die Freiheit gesetzt. Mein Feldherr aber hat weder einen großen noch kleinen Triumph wegen dieses Sieges gehalten. Jedoch ich muß meine Reisebeschreibung weiter fortsetzen. Die Franzosen sind sehr auf ihren Nutzen bedacht und suchen die Reisenden auf alle Art um ihr Geld zu bringen. Deswegen pflegen auch die Fremden, denen diese Gemütsart der Franzosen bekannt ist, allemal vorher mit den Wirten zu bedingen, was sie ihnen bezahlen sollen, ehe sie zu ihnen ins Haus ziehen; denn wo sie dies unterlassen, so müssen sie alles doppelt bezahlen. Jedoch, so unbillig sie in diesem Stücke sind, so angenehm und liebenswürdig sind sie in ihren Sitten und in ihrem Umgang. Deswegen legte ich auch diese Reise mit Vergnügen ab, obgleich meine Füße durch das beständige Gehen wund wurden. Je näher man nach Paris kommt, desto begieriger sind die Leute daselbst nach dem Gelde, aber desto besser ist auch ihre Art zu leben; und je teurer alles wird, desto artiger sind auch die Einwohner. Ich ging also durch Festungen ohne Paß und durch die dicksten Wälder und ödesten Wüsten ohne Reisegefährten und auch ohne alle Furcht. Denn weil ich kein Geld bei mir führte, so war ich vor allen Räubern und Nachstellungen sicher. Endlich kam ich ganz ermüdet nach Paris, wo ich eine ganze Stunde in der Stadt herumging und mich nach einem Quartier umsahe, aber vergebens. Dann da ich das französische Wort logis nicht recht aussprach, so verstand mich niemand, was ich dadurch anzeigen wollte. Ich mußte vielmehr mit Ärgernis anhören, daß eine Magd in Paris über meine Aussprache dieses Urteil fällete: Er redet französisch wie ein deutsches Pferd. Dieser Schimpf fiel mir sehr schwer, da ich in den Gedanken stund, daß ich ein Meister in der französischen Sprache wäre. Vor einiger Zeit unterrichtete ich selbst andre im Französischen, und nun lachte sogar eine Dienstmagd über meine schlechte Aussprache. Die Silbe gi , welche wir nicht recht aussprechen, war schuld daran, daß ich fast wie ein Landflüchtiger durch alle Gassen in der Vorstadt laufen mußte. Überdem nennt man in Paris eine Stube, welche die Fremden zu mieten pflegen, nicht logis , sondern chambre garnie . Und also schien es, daß ich kein Quartier, sondern vielmehr eine Maitresse, nicht ein logis , sondern eine Lucie suchte. Deswegen lächelten auch einige, bei denen ich mich desfalls erkundigte, und gaben mir zur Antwort: Je ne la connois point Monsieur . Es fällt den Fremden überaus schwer, den Buchstaben g oder ch , wenn derselbe für die Lautbuchstaben i und e stehet, auszusprechen. Wie ich nach einigen Monaten verschiedene historische Schriften und nebst andern auch den du Chene kaufte, so wurden die Buchführer durch meine Aussprache verleitet und gaben mir anstatt des du Chene den Lucian, welcher auf französisch Lucien genannt wird. Endlich erhielt ich eine Stube in der Vorstadt St. Germain. Ich lebte einige Monate überaus philosophisch. Bei einer so großen Menge von Menschen ging ich doch mit keinem einzigen um und lebte wie in einer Einöde. Ich redete mit niemanden als mit mir selbst und mit meinen Büchern, und außer meinem Wirte kannte ich sonst keinen Menschen, und niemand kannte mich. Ich besuchte zwar täglich die öffentlichen Gärten, wo ich eine unzählige Menge von Menschen antraf. Aber die Gärten waren in Absicht auf mich wie Wälder und die Menschen wie Bäume, und ich hatte eben das Schicksal, welches der Tantalus hatte, welcher Durst litte, da er doch ganz im Wasser stand. Die öffentlichen Bibliotheken des Mazarins und St. Victors besuchte ich unausgesetzt, obgleich die letztere von meinem Quartier ziemlich weit entlegen war. Ich wunderte mich sehr, daß an diesem Orte, welcher doch so sehr mit Gelehrten angefüllet ist, sich so wenige auf den Bibliotheken einfanden. In dem ganzen darauffolgenden Winter habe ich sonst keinen Menschen daselbst wahrgenommen als einen deutschen Studenten, welcher sich bisweilen einstellte, aber seine Zeit allein darauf anwandte, daß er die Landkarten besahe, wesfalls ich ihn aus Scherz Cartesius nannte. Jedoch auf der Mazarinischen Bibliothek fanden sich mehrere ein. Denn das sogenannte Collegium der vier Nationen liegt mitten in der Vorstadt oder in dem Quartier St. Germain. Man trifft daselbst auch eine ziemliche Anzahl von neuen Büchern an. Vor der Tür der Bibliothek versammleten sich die Studenten sehr frühe und warteten auf den Bibliothecarius. Wenn die Türe geöffnet ward, so stritten sie, wer zuerst hineinkommen könnte, recht, als wenn ein großer Preis darauf gesetzt wäre. Denn das Lexikon des Bayle, worin sie alle gerne lesen wollten, ward demjenigen zuteil, der zuerst sich dessen bemächtigen konnte. Deswegen stritten sie stets miteinander, und derjenige erhielte allemal das Buch, welcher zuerst in die Türe drang oder stärker als die andern laufen konnte. Auf solche Art lebte ich zwei Monate in Paris und ging mit niemanden um. Ich habe allemal einen Abscheu gehabt, mich mit gemeinen Leuten in eine Gesellschaft einzulassen, hingegen besorgte ich nicht unbillig, daß die Bekanntschaft der Vornehmern mir zu kostbar fallen möchte. Mein Wirt war also mein einziger Freund, und da derselbe ein großer Liebhaber der Historie war, so erzählte ich ihm bisweilen zu seinem Vergnügen einige Taten der Alten, wogegen er mir allerhand neue Historien mitteilte. Ich erzählte ihm wahre Geschichte, aber stammelnd und in einem gebrochenen Vortrage, er aber brachte nur Märchen vor, jedoch überaus fertig und munter. Einmal erkundigte er sich, welchen Namen der Kaiser geführt, von dem Jerusalem zerstört worden. Ich antwortete: Titus. Er wollte ferner wissen, ob er ein Römer oder Grieche gewesen. Ein Parlamentsadvokat aber antwortete an meiner Statt und sagte: Er war ein Römer und hieß Titus Livius. Welche Antwort mit Recht eine Stelle unter den responsis prudentum responsis prudentum ...: Den Bescheiden der Rechtsgelehrten. verdienet. Ich ging öfters, die Zeit zu verkürzen, nach dem Orte, wo Gericht geheget wird, um zu sehen, wie dorten in Rechtssachen verfahren werde. Ich wunderte mich nicht wenig über die Beredsamkeit der Advokaten, sie reden überaus zierlich und mit großem Nachdrucke und können die Affekten so geschickt erregen, daß man denken sollte, es wären lauter Demosthenes oder Cicerones, welche französisch redeten, so genau stimmt ihr Vortrag mit der Beredsamkeit der Alten überein. Aber wenn das Urteil soll abgefaßt werden, so nimmt man allenthalben eine große Verwirrung wahr. Man läßt den Advokaten weiter keine Zeit zu reden, die Versammlung höret nicht auf zu plaudern, und die Beisitzer des Gerichts haben keine Geduld zu sitzen. Die Stimmen werden ohne Ordnung gesammlet. Bisweilen stehen die Herren des Gerichts auf, ehe noch der Prozeß zu Ende gebracht worden, und stellen sich in einen Kreis, wo sie dem Präsidenten etwas in die Ohren zischeln, der gleich darauf das Urteil spricht. Während der Zeit, daß der Rat wegen des Urteils einen Schluß faßt, höret man allenthalben ein verwirrtes Geräusch, die Advokaten zanken inzwischen heftig miteinander, und es trifft hier ein, was der Poet sagt: Tunc immensa cavi spirant mendacia folles Conspuiturque sinus. Tunc immensa cavi ...: Da quellen unermeßliche Schwindeleien aus den hohlen Schläuchen, und der Speichel netzt den Bausch des Gewandes. (Juvenal, Satiren VII, in f.) Überdem bemerkt man ein so großes Geräusche und Geschwätze unter den Umstehenden, wenn die Sachen verhandelt werden, daß man denken sollte, man wäre auf einem Markte und nicht in einer Gerichtsstube; deswegen müssen auch die Bedienten fast hundertmal in einer Stunde den Anwesenden ein Stillschweigen auflegen. Es ist aber diese Bemühung vergeblich, denn wenn sie sich auch müde schrien und schlügen, so würden sie doch diese so sehr zum Schwatzen geneigte Leute nicht zum Schweigen bringen. Ich war aber nicht damit allein vergnügt, daß ich alles, was in Paris merkwürdig ist, in Augenschein genommen, sondern ich besahe auch die in der Nähe gelegene Städte und Schlösser, insonderheit betrachtete ich das königliche Lustschloß Versailles und befand solches weit größer und herrlicher, als ich es mir jemals vorgestellet hatte. Wie mir aber zuletzt die einsame Lebensart gar zu beschwerlich fiel, so machte ich mich mit einem schwedischen Prediger bekannt, welcher in eben demselben Teile der Stadt und nicht weit von meinem Quartier wohnte. Von demselben erfuhr ich, daß sich drei Dänen in Paris aufhielten, nämlich ein Medicus, ein Priester und ein Schneider, von denen aber die beiden ersten, ob sie gleich ein Vaterland hätten, dennoch von so verschiednen Sitten wären, daß sie von dem Schneider, daß ich mich dieses Ausdrucks bediene, niemals könnten zusammengenähet werden. Ich besuchte sie kurz darauf alle beide und fand, daß sie einander sehr ungleich waren. Der Medicus hatte eine solche Ehrfurcht gegen die Gebräuche der römischen Kirche, daß er lieber krank sein als zur Fastenzeit Fleisch essen wollte. Der andre hingegen, welcher die katholische Religion bloß seines Vorteils wegen angenommen hatte, beobachtete nur diejenigen Dinge, die zu der Glückseligkeit der Geistlichen in diesem Leben erfordert werden, um das übrige aber bekümmerte er sich gar nicht. Jener war nicht wankelhaft und ging nicht von demjenigen wieder ab, was er einmal für wahr angenommen hatte, man mochte ihm auch vorstellen, was man wollte, dieser aber war ein rechtes Bild von dem Sänger Tigellius. Er traf bei keiner Handlung, die er unternahm, den Mittelweg, sondern er trieb alles aufs äußerste. Zu einer Zeit war er sparsamer und genauer als Diogenes; zu einer andern Zeit war er wollüstiger und verschwendete mehr als Apicius. Bald war er sehr sauber und reinlich, bald wieder sehr unrein gekleidet. Itzt sagte er, man könne außerhalb der katholischen Kirche nicht selig werden, und gleich darauf, die lutherische Religion sei die wahre und rechte Religion. Heute sagte er, daß er ein ansehnliches Einkommen habe; morgen aber schwur er, daß er in einem ganzen Monate nicht einen Heller eingenommen. Ich bemerkte hienächst noch einige andre Dinge, in denen der Medicus und dieser Geistliche voneinander unterschieden waren. Jener war gar zu sparsam, dieser ließ gar zu viel aufgehen. Jener redete zuwenig und dieser zuviel. Jener redete allemal die Wahrheit, dieser aber redete nicht zwei Worte, von denen nicht allemal das eine falsch und erdichtet war. Jener liebte und schätzte die Studien sehr hoch, dieser aber verachtete sie. Er war zwar einer Bibliothek vorgesetzt, welche, wenn man auf die Anzahl der Werke und Bücher sieht, der wienerischen oder florentinischen nichts nachgibt. Aber der Bibliothecarius derselben war kein Lambec oder Magliabechi und hütete sich sehr, daß er nicht durch übertriebenes Studieren hypochondrisch werden möchte. Wie ich einmal die Antiquitates des Josephi von ihm forderte, so antwortete er: Der Name sei ihm nicht bekannt, und ich würde ohne Zweifel den Joseph mit dem Philo verwechseln. Wie ich mich zu einer andern Zeit bei ihm erkundigte, wie groß wohl eigentlich die Anzahl der hier vorhandenen Bücher sein möchte, so gab er mir eine zwar ungelehrte, aber doch recht artige Antwort: Pauperis est, numerare gregem. Pauperis est ...: Nur ein armer Schlucker zählt seine Herde. (Ovid, Metamorphosen XIII, 824) Er war in Fünen geboren, und, nachdem er eine Zeitlang in der Schule zu Odense den Studien obgelegen hatte, in Kopenhagen unter die akademischen Bürger aufgenommen worden. Wie er sich aber hieselbst einige Jahre aufgehalten hatte, so reisete er, ich weiß nicht aus was für einer Ursache, nach Frankreich, wo er die Religion veränderte und sich bei dem Abbé de Bignon so sehr einzuschmeicheln wußte, daß derselbe ihm die Aufsicht über seinen Büchervorrat anvertraute. Ich habe aber nachher erfahren, daß ihm wegen seiner schlechten Aufführung diese Stelle wieder genommen worden und daß er sich gegenwärtig in sehr elenden Umständen befinde. Ich habe öfters mit Vergnügen seine ungereimten Reden angehört, die insgemein sein eigen Lob zum Endzweck hatten. Sooft von unsern Vaterlande oder von unsern Landsleuten geredet ward, so rühmte er sich, daß er alsbald das ganze Reich bekehren wollte, wenn man ihm nur die Freiheit geben würde, öffentlich in Dänemark zu predigen und zu disputieren. Nur einmal ward ich gegen ihn aufgebracht, da er so unverschämt war und sagte, daß die Lutheraner kaum verdienten, Christen genannt zu werden, weil bei ihnen nicht der geringste Schein des Christentums anzutreffen sei, wenn man das Sakrament der Taufe ausnähme. Hierüber fingen wir an, miteinander zu streiten, und es war mir überaus leicht, die Gründe eines so ungelehrten Gegners zu widerlegen und über einen so unbewaffneten Feind zu siegen. Wie er aber nicht weiterkommen konnte und nichts mehr anzuführen wußte, so kam eben ein Doktor von der Sorbonne in die Bibliothek, welchen er als einen Engel ansahe, der ihm zu Hülfe vom Himmel gesandt worden. Wir beide gerieten demnach, auf des Bibliothecarii Anstiften, in einen heftigen Streit, welcher aber ohne Frucht war; wie gemeiniglich zu geschehen pflegt. Ich bemühete mich, weil ich in der Kirchenhistorie nicht ganz unerfahren war, meinen Gegner durch seine eigenen Gründe zu widerlegen. Wie wir aber eine Stunde miteinander gestritten hatten, so schieden wir mit einem gleichen Vorteile voneinander, und ein jeder eignete sich den Sieg zu. Wie wir noch miteinander stritten, so gab Bormann einen bloßen Zuhörer ab. Wie aber der Streit geendiget war, so sagte er mir heimlich ins Ohr, ich hätte mich wohl gehalten, und nachdem der Doktor uns verlassen hatte, so gestand er, daß die Lehre Lutheri sich auf Gottes Wort gründe. Gleich darauf aber zeigte sich nach seiner alten Gewohnheit sein Wankelmut und er verteidigte seine papistischen Sätze wieder. Sein Patron, der Abt von Bignon, verdienet mit dem größten Rechte eine der vornehmsten Stellen unter den berühmtesten Prälaten der damaligen Zeiten. Er war ebenso erfahren in Staatshändeln als in gelehrten und geistlichen Dingen. Er unterhielt auf seine Kosten einen Bibliothecarium, vier Secretärs, vier Musicos und eine Sängerin. Ich habe ihn zweimal auf der sogenannten Akademie der Wissenschaften Reden halten hören. Man hätte bei der außerordentlichen Anmut, womit er alles vorzutragen und worin er alles einzukleiden wußte, denken sollen, daß die Musen selbst gegenwärtig wären und französisch redeten. Wenn er in der Kirche des heiligen Germani Antissiodorensis predigte, so war die Kirche dergestalt mit Zuhörern angefüllt, daß man weder hinein- noch herauskommen konnte, ohne die Kleider zu zerreißen. Der andre Landsmann, den ich dorten antraf und der ein Medicus war, dessen ich bereits vorher Erwähnung getan, hieß Winslow. Er war auch in Fünen geboren und hatte zwar die Religion seines Vaterlandes abgeschworen, aber nicht die Liebe zu seinem Vaterlande abgeleget. Denn es war ihm nichts angenehmer, als wenn er seinen Landsleuten gefällige Dienste erweisen konnte. Er empfing mich freundlich und führte mich allenthalben in der Stadt herum, so daß durch seine Anführung meine Neugierde hinlänglich gestillet ward. Er war allem Hochmute feind, er war aufrichtig, ehrlich, offenherzig und dienstfertig; doch war sein Umgang den Fremden etwas beschwerlich wegen der großen Neigung, die er zum Disputieren hatte. Er fing allezeit theologische Strittigkeiten an, er führte seine Freunde auch zu andern ebenso streitbaren Männern, daß man also die meiste Zeit mit Disputieren und Streiten zubringen mußte. Dieses war mir sehr beschwerlich, denn ich hatte zu den damaligen Zeiten noch nicht gelernet, durch welche Waffen man dergleichen zanksüchtige Streiter am leichtesten überwinden könnte. Es war mir auch damals die Logik des vortrefflichen Nicolaus Griese noch nicht bekannt, denn wie dieser von einem vornehmen Abt zum gelehrten Zweikampf aufgefordert ward, so antwortete er, daß ein solcher Streit von keinem Nutzen sei, weil Personen, die von einer Religion wären, nicht miteinander wegen Religionssachen streiten könnten. Wie aber der Abt wissen wollte, worin denn das Glaubensbekenntnis der Dänen bestünde, so antwortete Herr Nicolaus Gries: Die Dänen glauben, daß der Papst seiner Schatzkammer und seinem Nutzen gemäß handelt, wenn er das Ansehen und die Heiligkeit des päbstlichen Stuhls mit so großem Eifer verteidiget, und eben dieses glaubt das römische Konsistorium auch. Hierauf schwieg der Abt stille, und die Anwesenden lachten über diese Begebenheit. Herr Winslow ist übrigens bei den Franzosen sowohl wegen seiner aufrichtigen Lebensart als auch wegen seiner großen Erfahrung in der Arzneiwissenschaft und insonderheit in der Zergliederungskunst in großem Ansehen. Es ist nicht glaublich, daß er die Religion seines Vaterlandes verlassen, um sich zu bereichern oder befördert zu werden; denn er würde einen weit größern Vorteil in seinem Vaterlande gehabt haben, wo nur wenige Ärzte anzutreffen sind und wo folglich die Praxis weitläuftiger und einträglicher ist. Er hatte auch in Paris eine Person geheiratet, welche weder reich noch von vornehmen Stande war. Ich habe aber allemal bei ihm, seiner großen Gelehrsamkeit ungeachtet, eine große Einfalt wahrgenommen. Er hatte ein Gemüt, welches sehr leicht durch äußerliche und geringe Dinge konnte eingenommen werden, und desfalls war es den dortigen Lockvögeln um soviel leichter, ihn in ihr Netz zu ziehen. Er gestand es selbst, daß er durch die Kontroversien bekehrt worden, welche alle Sonntage und Festtage in der Kapelle der Kirche des heiligen Sulpicius pflegen öffentlich abgehandelt zu werden, da ein Prediger von dem Könige zu dem Ende eine Besoldung erhält, daß er die Lehrsätze der katholischen Kirche gegen einem jeden, der solche angreift, verteidige. Ich habe diesem Streite öfters beigewohnet und gestehe, daß diejenigen, welche nicht wohl gesetzt sind, leicht dadurch können gefangen und irregemacht werden. Denn da dieser Priester durch die beständige Übung sich im Disputieren eine große Fertigkeit erworben hatte, so fiel es ihm nicht schwer, diejenigen zu besiegen, welche ihm widersprachen. Er wußte die Gründe, welche sie gegen ihn vorbrachten, so künstlich herumzudrehen und so lächerlich vorzustellen, daß alle Zuhörer so laut lachten, daß man es in der ganzen Kapelle und Kirche hören konnte, so daß man hier eher ein Schauspiel als eine heilige Übung hätte vermuten sollen. Überdem waren diejenigen, welche ihm Einwürfe machten, entweder ungelehrte Leute, mit denen er bald fertig werden konnte, oder selbst katholisch, welche ihm gerne recht gaben. Und welcher Sieg ist doch leichter, als wenn sich niemand widersetzt? Wenn sonst niemand zugegen war, der mit dem Geistlichen anbinden wollte, so trat ein Schuhflicker gegen ihn auf. Diesen wußte der Priester, welcher in dergleichen Dingen sehr geübt war, auf eine seltsame Art abzufertigen und ihn zu den abgeschmacktesten Schlüssen zu bringen. Unter unsern Schuhflickern dürfte man wohl wenige antreffen, welche mehr als ihr Handwerk verstehen. Aber dieser war so ungelehrt nicht. Bisweilen verteidigte er sich mit Sprüchen der Schrift, bisweilen berief er sich auf die Kirchenväter und bisweilen entlehnte er seine Einwürfe aus der Kirchenhistorie. Ich leugnete im Anfange, daß dieser Opponent ein Schuhflicker sei, und man konnte mich auch nicht eher überzeugen, bis man mich zu seiner Bude führte, worin unser Philosoph saß und Schuhe flickte. Sollte man wohl von einem Polyhistor eine weitläuftigere Wissenschaft fordern können? Vielleicht trifft man bei uns ebensogute Schuhflicker an, die ihr Handwerk ebensogut verstehen, aber eine solche Gelehrsamkeit dürfte man auch bei dem größten Schuster in unsern Gegenden vergebens suchen. Die andern, welche sich mit dem Geistlichen einließen und ihm widersprachen, waren Leute von ebenderselben Beschaffenheit, desfalls betrat er allemal mit Freuden die Katheder, weil er des Sieges immer vorher gewiß versichert war. Zu ebenderselben Zeit gegen den Herbst langte ein dänischer Student in Paris an. Dieser faßte den Entschluß, mit dem katholischen Geistlichen anzubinden, weil er in theologischen Strittigkeiten ziemlich geübt war. Weil man aber nur französisch zu disputieren pflegte und der Student sich in dieser Sprache nicht fertig ausdrucken konnte, so ward ich als ein Herold ausgesandt, den Krieg ordentlich anzukündigen und zugleich Nachricht einzuziehen, mit was für Waffen man streiten wolle und ob es nicht erlaubt sei, lateinisch zu disputieren. Der Priester ließ sich dieses gefallen und setzte einen gewissen Tag feste, da sie zusammenkommen wollten. Sie fingen demnach beide den Streit an und erneuerten denselben nachher wieder an verschiedenen Orten mit abwechselnden Glücke. In dem ersten Treffen, welches an dem gewöhnlichen Orte in der Kapelle gehalten ward, siegte der Däne. Der Priester verließ mit großem Eifer sein Katheder und forderte den Studenten an einem andern Orte der Stadt zu einem neuen Zweikampf aus. Aber mit dem Orte veränderte sich auch das Glücke. Denn da der Geistliche, welcher bisher nur mit solchen Personen gestritten hatte, die er leicht übersehen konnte, wahrnahm, daß er mit einem stärkern Gegner zu tun habe, so nahm er sich sehr in acht und disputierte nicht nur ordentlicher und gelehrter, sondern er redete auch besser Latein. Der Fehler des Studenten bestand hauptsächlich darin, daß er in der Kirchenhistorie nicht so sehr als in der Polemik erfahren war. Denn sobald sich der Priester in die Enge getrieben sähe, so führte er seinen Gegner in die Kirchenhistorie als in einen Labyrinth, woraus dieser sich nicht wieder zurechtefinden konnte. Der Krieg aber ward doch durch diese beide Feldschlachten nicht geendiget. Sie machten zwar bisweilen einen Stillstand, aber es kam niemals zu einem völligen Frieden. Denn der Krieg ging zwischen ihnen beiden zu verschiedenen Malen von neuen an und ward mit abwechselnden Glücke geführet. Es würde viel zu weitläuftig fallen, wenn ich alle kleine Streifereien und die geringen Treffen, welche sie miteinander hielten, hier erzählen wollte. Ich will vielmehr nur noch zwo merkwürdige Feldschlachten anführen, in der einen büßte der Geistliche sehr viel ein. Es entstand ein Streit unter ihnen wegen einen Partikel, die in der Vulgata durch denn ausgedruckt worden, im hebräischen Grundtext aber soviel als und bedeutet. Der Student berief sich auf den Grundtext, und wie er merkte, daß der Priester darin ganz unerfahren war, so ließ er denselben nicht los, sondern führte ihn, alles Widerstandes ungeachtet, nach dem gelobten Lande, worüber aber der Priester dergestalt erschrak, daß er nichts darauf zu antworten wußte, sondern einen andern Gegner aufforderte. Aber das letzte Treffen fiel schlecht für den Studenten aus, da die Frage war: Wem es zukomme, die Schrift zu erklären? Wie der Geistliche damals von der Katheder stieg, so sahen ihn die Pariser ebenso an wie die Karthaginenser nach der Schlacht bei Cannas den Hannibal. Wenn der Student in der Kirchenhistorie besser wäre erfahren gewesen, so hätte er seinen Gegner mit seinen eignen Waffen bekriegen können. Er hätte ihm nur die Unbeständigkeit der römischen Kirche vorwerfen und ihm zeigen können, wie sehr die Canones, die auf den Conciliis festgesetzt worden, miteinander streiten. Denn durch solche Gründe kann man die Papisten am besten widerlegen. Aber unsere jungen Geistlichen üben sich nur in der Polemik und versäumen die Kirchengeschichte, welche Nachlässigkeit öfters den Weg zum Abfall bahnet. Die Papisten pflegen insgemein diese Frage, welche vielen Schein hat, aufzuwerfen. Da die Schrift so verschiedentlich erklärt und auf diese Art von den allgemeinen Conciliis, auf eine andre Art aber von einem wittenbergischen Mönchen ausgelegt wird, welchen Weg soll man nun erwählen als den sichersten? Wenn jemand in der Kirchenhistorie sich nicht umgesehen hat, so wird ihm ohnstreitig die Erklärung die sicherste und beste zu sein scheinen, welche von so vielen und fast von der ganzen christlichen Welt angenommen worden. Ein ganz andres Urteil aber wird derjenige fällen, dem die Betriegerei der Geistlichen, die Unbeständigkeit und schlechte Beschaffenheit der Concilien und die Gewalt, welche sich die Päpste dabei angemaßet haben, aus der Kirchengeschichte bekannt ist. Diese Ausschweifung ist fast gar zu lang geraten, es ist Zeit, daß ich zu meiner eignen Geschichte zurückekehre. Ich merkte, daß mein Stipendium von hundert Reichstalern in Paris nicht hinreichen würde, und desfalls war ich in dem ersten Monate sehr besorgt, weil ich nach gemachten Überschlag nicht wußte, auf was für eine Art ich mich aus diesen bedrängten Umständen reißen sollte. Man mußte alles sehr teuer bezahlen, nur die Gelehrsamkeit konnte man um ein geringes kaufen, weil beinahe alle Gelehrte im ganzen Reiche nach Paris als dem Mittelpunkte des Landes sich begeben, wodurch die dortige hohe Schule mit Gelehrten recht beschweret ist. Man siehet allenthalben ganze Scharen von Rektoribus, Grammaticis und Juristen, welche für ein gar geringes Geld die Jugend unterrichten und insgemein Repetiteurs genannt werden. Einer unter diesen war mein vertrauter Freund. Von demselben erfuhr ich, daß Paris kein Paradies der Gelehrten sei, sondern daß dieselben an diesem Orte sehr elend leben müßten. Er war in der Arzneikunst wie auch in dem geistlichen und weltlichen Recht nicht unerfahren. Dennoch aber erwies er durch sein Beispiel, daß das Sprüchwort auch seine Ausnahme leide, wenn es heißt: Dat Galenus opes, dat Justinianus honores. Dat Galenus opes ...: Als Arzt wird man reich, als Jurist ein angesehener Mann (neulateinisch, wörtlich: Galenus [der berühmte Arzt, hier gewissermaßen der Patron der Mediziner] gibt Reichtum, Justinian [der Kaiser, unter dem das Corpus Juris abgeschlossen wurde] bringt Ehren). Denn es war zweifelhaft, ob er ärmer oder gelehrter war. Dieses muß man den Einwohnern von Paris zugestehen, daß sie die Gelehrsamkeit nicht nach dem Barte oder nach den groben Kleidern beurteilen, wie wohl ehedem zu geschehen pflegte, sondern derjenige ist nach dem Urteile des gemeinen Mannes der gelehrteste, der am meisten geputzt ist, da im Gegenteil derjenige, der schlecht oder unsauber einhergehet, als sehr ungeschickt und ungelehrt angesehen wird. In dem Hause, worinnen ich wohnte, hielt sich auch ein Zahnarzt auf, welcher aber mit seiner Kunst nichts verdiente, weil er sehr sparsam und genau lebte. Wie er aber nachher die Gemütseigenschaft der Nation kennenlernte, so schaffte er sich einen kostbaren Wagen an und lebte prächtig, wodurch er sehr viel Geld erwarb. So schwer hält es, daß man den gemeinen Mann in Paris dahin bringe, daß er glaube, was Cäcilianus sagt: Saepe est etiam sub pallio sordido sapientia. Saepe est etiam ...: Oft birgt sich auch unter dürftigem Gewand ein weiser Sinn. (Caecilius Statius, Fragm. v. 266) Mein Wirt, der ein Schneider war, ging stets sehr geputzt und nett und gab mir, wie ich mich nach der Ursache seiner Aufführung erkundigte, zur Antwort: Wenn ich mich nicht so sauber kleidete, so würde man mich für einen schlechten Arbeiter halten. Es ist bereits sowohl von alten als neuen Scribenten bemerkt worden, daß die Einwohner in Paris vor allen andern darin etwas besonders haben, daß sie sich durch Kleinigkeiten, welche in die Augen fallen, so leicht einnehmen lassen, desfalls sie auch von ihren eigenen Landsleuten, welche umher in den Provinzen wohnen, les Badaux de Paris genannt werden. Denn obgleich Paris, wenn man auf die Menge der Einwohner sieht, allein eine kleine Welt ausmacht, ob man gleich dorten wie auf einem Sammelplatze alles antrifft, was der Fleiß und Hochmut, die Verschwendung und Eitelkeit der Menschen zuwege bringen kann, ja, obgleich Paris eine der fruchtbarsten Städte an Veränderungen und Abwechslungen ist, die man sich nur jemals vorzustellen vermögend ist: So kann doch nicht das allergeringste vorgehen, daß nicht gleich die ganze Stadt in Bewegung gesetzt wird und alle mit der größten Geschwindigkeit nach der Türe eilen, um das zu sehen, wesfalls unsre Bauren kaum einen Fuß aus dem Hause setzen würden. Aus dieser Ursache kann auch die Obrigkeit, welche das Naturell ihrer Bürger genau kennet, dieselben durch allerhand lächerliche Aufzüge zu allem, was sie wünschet, bewegen und dadurch in dem Gehorsam erhalten. Selbst in ihrem Aufruhre zeigen sie etwas Lächerliches. Auch die Ernsthaftesten werden die Historie der Schleuderer nicht ohne Lachen lesen können, welche alles und auch sogar ihr Brot wie eine Schleuder machen lassen. Ebenso lächerlich war der Aufruhr, der zu den Zeiten Clemens' des Eilften wegen der berüchtigten Konstitution entstand, da sich die Parteien durch verschiedene Bänder, die sie à la Constitution oder à la Regence nannten, voneinander unterschieden und dadurch anzeigen wollten, daß sie entweder zu der Partei des Papstes oder des Regenten gehörten. Manchmal ist ein Aufruhr durch die allergeringsten Dinge gedämpft worden, von dem man vorher besorgte, daß er den Untergang des gemeinen Wesens nach sich ziehen würde. Dieses war dem Kardinal Retz sehr wohl bekannt. Wenn die Bürger sich versammlet hatten und in der äußersten Bewegung waren, so pflegte er zu sagen, sie würden schon auseinander gehen, wenn die Zeit käme, daß sie speisen oder spazieren sollten, denn diese Stunden versäumen die Pariser nicht gerne. Sie nennen dieses mit einem eignen Namen, se Jesheurer . Ich habe bereits vorher erwähnt, daß der Jurist, mit welchen ich in Paris eine vertraute Freundschaft aufgerichtet, mir den Zustand der Gelehrten so kläglich abgeschildert, daß bei mir alle Hoffnung verschwand, etwas durch das, was ich gelernet hatte, zu verdienen. Doch gab er mir zugleich sehr gute ökonomische Regeln. Ich hatte mein Zimmer in der Vorstadt St. Germain genommen, welche Gegend der Stadt den Fremden am bequemsten ist, da sie nahe bei dem Schlosse, dem Rathause, dem Opernhause und den öffentlichen Gärten liegt. Und aus dieser Ursache pflegen diejenigen, welche sich bloß ihres Vergnügens halber in Paris aufhalten, diese Gegend allen andern vorzuziehen. Man trifft auch deswegen hier die erfahrensten Wirte an. Hingegen die Franzosen selbst, welche aus den Provinzen nach Paris kommen, erwählen lieber die Gegend der Stadt, welche die Universität genannt wird, wo alles wohlfeiler, die Luft mehr gereinigt und das Wasser gesunder ist. In der Vorstadt St. Germain muß man Flußwasser trinken, welches zwar denen Einwohnern selbst keinen Schaden tut, aber den Fremden sehr ungesund ist. Denn diese werden insgemein, ehe sie sich dazu gewohnen, am Fieber oder auch an der Diarrhee krank, welches man in Paris nennt, den Schatz bezahlen oder hänseln. Ich lag einen ganzen Monat an der Diarrhee krank, mein einziger Trost aber bestand darin, daß alle Fremde mit mir ein gleiches Schicksal erfahren mußten. Mit der Zeit ward ich in der Haushaltungskunst so erfahren, daß ich meinen Lehrmeister selbst darin übertraf. Wenn nachher ein Däne oder Norweger nach Paris kam und sich wegen solcher Umstände bei dem Bibliothecario Bormann, dessen ich bereits oben erwähnt, erkundigen wollte, so wies er denselben mit diesen Worten zu mir: Da habt ihr einen Landsmann, welcher die parisische Ökonomie weit besser als ich verstehet. Wie ich die Vorstadt St. Germain verließ, so erhielt ich ein Zimmer nahe bei der Sorbonne für einen sehr geringen Preis. Diese Gegend ist ganz mit armen Studenten, teils Franzosen, teils katholischen Irländern angefüllt. Mit diesen letztern geriet ich leicht in Bekanntschaft, weil ich Englisch konnte. Unter denen, mit welchen ich umging, befanden sich auch Minister und Räte des St.-Georg-Ordens; ihr Umgang aber war mir gar nicht kostbar, weil ihr Adel, nicht aber ihre Reichtum sie allein von dem gemeinen Volke unterschied. Sie waren auch gar nicht hochmütig. Ein Glas Bier und eine Pfeife Tobak verschmäheten sie nicht, und in Ermangelung andrer Confituren konnte man ihnen dieses ohne Bedenken vorsetzen. Wie ich einmal von einem adelichen Irländer zur Hochzeit geladen ward, so bestand das ganze Gastmahl in Käse, verschimmelten Brot und schlechten Wein, mehr war nicht vorhanden. Die Nebengerichte waren Küsse, denn wir küßten alle die neue Braut, auch sogar in der Kirchen, welches bei den Irländern gebräuchlich ist. Mir aber gefiel diese Gewohnheit nicht. Denn unsre Braut war so beschaffen, quali per medium nolis occurrere noctem . quali per mediam ...: ... daß man um Mitternacht so jemand nicht begegnen möchte. (Juvenal, Satiren V, 54) Die meisten Irländer, welche sich in Paris aufhalten, leben von öffentlichen Geldern, weil sie kein Bedenken tragen zu behaupten, daß sie wegen der Religion ihr Vaterland verlassen haben. Sie reden alle von großen Mitteln, von ihrem hohen Stande, welche Vorzüge aber von ihnen der Religion wegen willig verlassen worden. Übrigens aber kann man sie durch ihre Aufführung im geringsten nicht von dem gemeinen Manne unterscheiden, wenn man den Hochmut allein ausnimmt, womit sie geplagt werden. Ihre Lebensart ist so grob und gemein, daß ich mich mit der Zeit ihres Umgangs gänzlich entschlug und die Freundschaft der Franzosen wieder suchte. Denn ob solche gleich sehr leichtsinnig und unbeständig sind, so zwingen sie doch einen jeden durch ihr angenehmes Wesen, daß man sie wider seinen Willen lieben muß. Wie aber keine Regel so feste ist, daß sie nicht ihre Ausnahme haben sollte, so bemerkte ich auch noch bei einigen Franzosen gewisse Überbleibsel der alten Grobheit. Denn es schien, als wenn diejenigen, welche mit mir in einem Hause wohnten, die französische Artigkeit ganz verbannt hätten. Sie waren alle hypochondrisch und mürrisch, bis auf die Wirtin, aber dieser Fehler ward durch einen sehr redlichen und aufrichtigen Umgang reichlich wieder ersetzt. Weil ich selbst hypochondrisch bin, so glaubte ich, daß ich durch eine magnetische Kraft in dieses Haus gezogen worden, wo ich alles fand, was meinem Sinne und Wunsche in der ganzen Stadt gemäß war. Wenn man ein Verzeichnis von denen hypochondrischen Personen in ganz Paris hätte machen wollen, so würde man nicht so viele in den allergrößten Gassen der Stadt als in diesem Hause allein angetroffen haben. Unter allen war keiner ärger und mürrischer als ein Studiosus theologiae, welche dorten alle Abbé genannt werden. Er war aber ehrlich, aufrichtig und ein sehr treuer Freund seiner Freunde, daß man ihm alles sicher und ohne das geringste Bedenken übergeben konnte. Ich faßte auch daher ein solches Vertrauen zu ihm, daß ich alles, was ich hatte, bis zu meiner Wiederkunft in seine Hände gab, da ich nach Italien reisete. Kurz darauf kamen viele von meinen Landsleuten in Paris an. Der erste, den ich sahe, war Michael Rög, ein vortrefflicher Medaillist. Er hatte nebst mir die Schule zu Bergen besucht, und der berühmte Lintrup hatte ihn würdig befunden, daß er die hohe Schule in Kopenhagen mit Nutzen besuchen konnte, wo er sich auch eine Zeitlang aufhielt. Nicht lange darauf aber verließ er das Studieren und legte sich auf diese Kunst, worin er innerhalb einer kurzen Zeit der beste Meister bei uns geworden. Wie er nach Paris kam, so legte er seine Probe ab und ward in königliche Dienste aufgenommen. Nach ihm kamen noch mehrere von meinen Landsleuten, und desfalls hörte ich völlig auf zu philosophieren. Ich war nunmehr anderthalb Jahr in Paris gewesen und war nicht damit vergnügt, daß ich Frankreich, Deutschland, Holland und England gesehen, sondern ich hatte eine große Begierde, noch mehrere Länder zu sehen. Die Lust, außerhalb Landes und immer weiter zu reisen, vergrößert sich allezeit mehr und mehr und hält ebensowenig Maße, als derjenige sich halten kann, der von einem steilen Berge herabläuft. Ich hörte von einem französischen Studenten, daß eine Reise von Paris nach Rom nicht mehr koste als zwanzig Reichstaler. Dieses war mir eine überaus angenehme Nachricht, und nachdem ich mir alle Umstände von ihm erzählen lassen, so konnte ich mich dieser Gedanken nicht mehr entschlagen. Auf der einen Seite hatte ich mit der Lust zu kämpfen, auf der andern aber stund die Vernunft und widerriet mein törichtes Unternehmen. Hier machten mich mein schwacher Körper, mein geringes Vermögen, Banditen, Seeräuber, Staub und Hitze unruhig. Dort aber winkte mir die eitle Ehre, wodurch die Menschen, und insonderheit meine Landsleute, angetrieben werden, daß sie kein Bedenken tragen, außerhalb Landes zu reisen, um dasjenige zu sehen, was sie mit viel geringerer Gefahr in ihrem eignen Vaterlande ebensogut sehen könnten. Ich stritte eine lange Zeit mit mir selbst, endlich ward dennoch die Vernunft durch die Lust überwunden, und ich faßte den Entschluß, die Reise anzutreten. Dieses gab Anlaß zu dem Gerüchte, welches man in meinem Vaterlande von mir ausstreuete, daß ich meine Religion verändert hätte und niemals wieder zurückekommen würde. Im Anfang des Augustmonats ging ich mit einer Schoyte gerade nach Auxerre. Die Einwohner dieses Orts scheinen sehr andächtig zu sein. Denn die Bildsäule des heiligen Christoph, welche man hier siehet, ist weit größer als die Bildsäule dieses Heiligen zu Paris, obgleich diese auch so groß ist, daß ein Altar zwischen den Beinen stehet, worauf die Katholiken in der Marienkirche Messe halten. Beide Städte verehren den heiligen Christoph mit großer Andacht, welches aus den größten Statuen erhellet, die sie ihm zu Ehren errichtet haben. Doch gehöret Auxerre in diesem Stücke der Vorzug. Diese ganze Reise kostete mir nicht mehr als fünf oder sechs Gulden, da doch Paris und Auxerre einige Tagreisen voneinander entfernt sind. Dieses aber war mir am beschwerlichsten, daß wir auch des Nachts fahren mußten, denn unter so vielen Reisenden kann man niemals zum Schlaf gelangen. Einige lehnten sich an die Wand, einige lagen einander auf die Arme, einige steckten die Köpfe zusammen, und es schien mehr, daß sie schliefen, als daß sie wirklich schlafen sollten. Dennoch legte ich diese Reise nicht ohne Vergnügen ab. Denn das Ufer ist allenthalben mit Wäldern oder Feldfrüchten besetzt, hin und wieder sind auch einige Städte an diesen Flüssen gebauet, welcher Anblick dem Auge eine angenehme Veränderung macht, und endlich fehlte es auch nicht an allerhand Scherz und lustigen Historien. Ich sahe, daß der größte Teil meiner Reisegefährten den Entschluß faßte, zu Fuße weiterzugehen. Ich folgte ihren ruhmwürdigen Fußstapfen nach, welches mir auch am dienlichsten war, und ging zu Fuß nach Chalons in Burgund. Auf dieser Reise brachte ich sechs Tage zu. Ich erwählte zu meinen Reisegefährten diejenigen, welche ich für die besten und aufrichtigsten ansahe. Aber ich ward sehr betrogen und befand, daß der Poet wahr gesagt: Nimium ne crede colori. Nimium ne crede ...: Verlaß dich nicht zu sehr auf den äußeren Schein. (Virgil, Eclogen II, 17) Denn unter diesen dreien Reisegefährten war nur ein einziger befindlich, der ehrlich und wohlgesittet war, dem ich aber im Anfang gar nichts Gutes zutrauete. Die andern beiden waren nichtswürdige Leute. Auf der Reise hörte ich nichts anders von ihnen als Lügen und ein unzüchtiges und unnützes Geschwätze, wodurch sie hinlänglich zu erkennen gaben, zu was vor einem herrlichen Leben sie müßten gewohnt sein. Übrigens war ihre Aufführung nicht ganz ungeschickt, sondern sie hatten noch etwas Artiges im Umgange aus Paris an sich. Einer von ihnen versicherte sehr hoch, daß er mehr als zwanzig Maitressen von vornehmen Stande herrechnen könne, mit denen er in Paris sehr vertraut umgegangen. Der andere gab uns von einigen neuen, und wie er sie nannte, sehr klugen und noch nicht gemeinen Eidschwüren Nachricht, die er in Paris gelernet und die in denen Provinzen noch nicht gebräuchlich wären. Ob sie gleich der päpstlichen Kirche zugetan waren, so fand ich doch, daß die Verehrung der Heiligen ihnen nicht sonderlich zu Herzen ging. Denn da wir mitten in Burgund waren, überfiel uns ein so heftiger Platzregen, daß wir in eine Bauerhütte, die wir auf dem Wege antrafen, fliehen mußten. Hier erzählte uns ein altes Weib, daß die Einwohner diesen Regen durch eine feierliche Prozession von einem gewissen Heiligen, der ein Patron des Orts war, erbeten hätten. Wie aber die Frau dieses mit aufgehobenen Händen sagte, so ward einer von meinen Reisegefährten, der am Feuer stand und seine Kleider trocknete, darüber so erbittert, daß er derselben im Zorn antwortete: Que le diable vous emporte avec votre bougre de Saint . Ich hörte sonst auch von ihnen, daß sie die meisten Heiligen absetzen würden, wenn man ihnen zuließe, eine Reformation unter denselben vorzunehmen. Aber den Patriarchen Noah würden sie sich zum Patron wählen, weil er die Kunst erfunden, Weinberge anzulegen. Nichtsdestoweniger fielen sie doch alle Abend, ehe sie zu Bette gingen, auf die Knie und beteten sehr andächtig. Sie wunderten sich, daß ich nicht ein Gleiches tat. Ich aber bewunderte die Verwegenheit dieser gottlosen Leute noch weit mehr, welche ein so ruchloses Leben führten und sich doch nicht scheueten, sich so oft vor dem Angesichte Gottes einzustellen. Der dritte von meinen Gefährten war ein Apotheker aus Lyon, welchen ich als meinen Schutzgeist ansahe. Denn wenn derselbe bei mir war, so befürchtete ich nichts, weil er mir aufs verbindlichste die Versicherung gegeben hatte, daß er mir auf alle Art dienen wollte, und wenn die andern Strittigkeiten anzufangen Lust bezeugten, so hätte er Kräfte und Mut genug, es mit beiden aufzunehmen. Wie ich aber einmal des Abends des rechten Weges verfehlte, so büßte ich zugleich meinen Patron ein und war gezwungen, mit dem andern gottlosen Menschen durch die engen Wege zu gehen, worauf mich derselbe geführt hatte. Wie ich dieses merkte, so geriet ich in eine große Angst. Obstipui, steteruntque comae, vox faucibus haesit. Obstipui, steteruntque ...: Ich fuhr zurück, die Haare standen mir zu Berge, die Stimme blieb mir in der Kehle stecken. (Virgil, Aeneis II, 774, III, 48) Sobald er aber meine Furcht wahrnahm, so fing er an, mich mit allerhand Scheltworten zu belegen und mir zugleich mit dem Degen, an welchem er öfters die Hand legte, zu drohen. Hiedurch ward meine Angst verdoppelt, ich sahe mich nach der Flucht um, aber ich sahe keine Gelegenheit, zu entfliehen, da ich wußte, daß er schneller laufen konnte und stärker als ich war. Wie er aber mit seinem Degen ohne Unterlaß ins Gebüsche hauete und dadurch einen Ausgang suchte, so verlor er denselben in dem Gesträuche. Er ward durch diesen Verlust noch mehr erbittert, mir aber gereichte dieser Zufall zu einem großen Troste. Ich verbarg aber meine desfalls geschöpfte Freude auf alle Art und stellte mich vielmehr, als wenn mir dieser Zufall sehr zu Herzen ginge. Ich suchte dem Schein nach ebenso sorgfältig als er in dem Gesträuche, um den Degen wiederzufinden, ob ich gleich sehr erfreuet war, daß er denselben verloren, und ich es am liebsten gesehen hätte, wenn er ganz nackend gewesen wäre. Ich suchte den Degen sehr lange oder stellte mich vielmehr, als wenn ich ihn suchte, denn wenn ich ihn gleich gefunden hätte, so würde ich denselben doch meinen Gefährten nicht wiedergegeben haben, da er mich vor kurzer Zeit mit demselben gedrohet hatte. Endlich trafen wir ohngefähr einige Bauren an, welche uns wieder auf den rechten Weg brachten. Wir trafen endlich unsere andern Reisegefährten in einem Wirtshause wieder an. Ich erzählte dem Apotheker das Unglück, welches mir inzwischen begegnet war, und wir faßten im Anfange den Entschluß, allein unsre Reise fortzusetzen. Weil wir aber nur vier Meile von Chalons entfernet waren, so verbargen wir unsern Verdruß und blieben in ihrer Gesellschaft. Von Chalons reiseten wir mit einer Schoyte nach Lyon. Auf dieser Reise hatte ich nebst meinen andern Reisegefährten ein großes Vergnügen an einem Abte, welcher ein eifriger Cartesianer und in der lateinischen und griechischen Literatur sehr wohl erfahren war. So große Wissenschaft er aber auch besaß, so grob und ungeschickt war seine Aufführung. Er konnte mit niemanden Frieden halten und ward deswegen auch von allen wieder angegriffen. Ich ruhete einige Tage zu Lyon aus, welche Stadt an Größe, Zierde und schönen Gebäuden keiner Stadt in Frankreich als Paris etwas nachgibt. Es schien, als wenn ich in eine neue Welt gekommen wäre, so sehr sind die Einwohner in Lyon von denen andern Franzosen in dem nordlichen Teil Frankreichs in Absicht auf die Sprache, Lebensart und Sitten unterschieden. Die Stadt war damals wegen des Todes Ludwig des Vierzehenten in großer Bestürzung, und wie insgemein die Todesfälle großer Herren durch wunderbare Begebenheiten pflegen vorher verkündiget zu werden, so bildete sich auch damals der Pöbel in Lyon ein, daß der Geist des Königs hin und wieder erschienen sei. Ich konnte aber nicht alles, was sie sagten, verstehen, weil ich das Gaskonische, was sie redeten, nicht verstand. Diese Sprache ist aus der italienischen und spanischen zusammengesetzt und ist also keiner von beiden vollkommen ähnlich, weil sie von beiden etwas angenommen hat. Zum Exempel: anstatt lieu und poule sagen die Gaskonier lega und gallina; und aus dieser Ursache können auch die übrigen Franzosen sie nicht verstehen. Von Lyon ging ich mit einer Schoyte nach Avignon. Diese Reise ist sehr bequem. Denn sie bedienen sich keiner Treckschoyten, sondern sie gehen allein mit dem Strome nieder über die Rhone. Der Strom ist zu gewissen Zeiten so stark, daß das Schiff leicht Schaden nehmen kann, wenn nicht ein verständiger und erfahrner Steuermann am Ruder sitzet. Denn das Schiff will sich bisweilen durch das Ruder nicht regieren lassen. Wir legten also diese vierzig gaskonische Meilen ohne Segel und Ruder in zwei Tagen zurücke, und daher rührt es, daß man kaum mit aller Macht wieder hinaufkommen kann, wenn der Strom stark niedergehet. Nun waren nur noch siebzehn Meile durch Provence übrig. Diesen Weg ging ich mit dem größten Vergnügen. Denn man trifft daselbst mehrere Städte als Dörfer an. Das Feld ist mit Korn, Wiesen, Weinbergen und kleinen Wäldern allenthalben angefüllet, daß es scheint, als ob man stets in einem Garten ginge. Und daß ich alles kurz zusammenfasse, ich habe niemals ein Land gesehen, welches fruchtbarer und angenehmer gewesen wäre als dieses. Wie ich aber auch diesen Weg zurückgelegt hatte, so stellte ich mir mein törichtes Unternehmen recht lebhaft vor Augen, daß ich mich durch eine blinde Lust so sehr hinreißen lassen und mich einer so großen Gefahr und so vieler Beschwerlichkeit unterworfen. Mein Gemüt aber ward bald wieder beruhiget, da ich mir vorstellte, daß ich das Schwerste bereits überwunden und daß ich in einer kurzen Zeit über alles, was mir etwa noch bevorstünde, würde gesiegt haben. Überdem gefiel es mir zu Marseille sehr gut, woselbst ich vieles sahe, was ich vorher noch niemals gesehen hatte und wodurch meine Neugierde sehr gereizt ward. Ich sahe daselbst verschiedene orientalische Nationen, eine große Menge Galeeren und viele christliche und türkische Gefangene, welche das Eisen, so ihnen entweder an die Hände oder Füße geschmiedet war, durch die Stadt schleppten. Dieser Anblick sollte einem billig Tränen auspressen, bei mir aber erweckte er eine Art des Vergnügens, weil ich solches vorher noch niemals gesehen hatte. Außer den Galeeren war der Hafen auch mit andern Schiffen angefüllet, die segelfertig lagen und nach Konstantinopel, Smyrna, Alexandrien und andre Städte an dem mittelländischen Meere abgehen wollten. Der bloße Anblick des mittelländischen Meeres erweckte in mir eine besondere Freude, weil mich dünkte, ich sei in einer kurzen Zeit in eine neue Welt gekommen. Außerhalb der Stadt auf dem Felde sollte man im Anfange fast glauben, als wenn viele Städte beieinanderlägen. Denn die Dörfer sind an einigen Orten in einer sehr geringen Entfernung voneinander angelegt, an andern Orten aber liegen sie ganz nahe beisammen. Insonderheit gefiel mir der Ort, wo sich die Kaufleute zu versammlen pflegen und den die Einwohner les loges nennen, sowohl wegen des prächtigen Gebäudes, als auch wegen der großen Anzahl der daselbst befindlichen Kaufleute, welche in Absicht auf die Sprache und Sitten mit den übrigen europäischen nicht übereinstimmen, doch schienen mir die Einwohner an diesem Orte nicht so umgänglich und wohlgesittet zu sein als die andern Franzosen. Aus dieser Ursache pflegen auch die Italiener, welche den Städten gewisse Beinamen geben, diese Stadt Marsigli la brutta zu nennen. Da ich mich acht Tage zu Marseille aufgehalten hatte, ging ich zu Schiffe nach Genua. Man kann in den Hafen zu Marseille nicht gut hineinkommen, und es fällt ebensoschwer, wenn man aus demselben wieder hinaus ins Meer will. Denn man muß gleichsam in einem Kreise segeln, ehe man in die offenbare See kommen kann. Je beschwerlicher es aber ist, in diesen Hafen zu kommen oder auch aus demselben wieder in die See zu gelangen, desto sicherer liegen auch die Schiffe in demselben. Denn die Macht der Wellen wird allemal vorher gebrochen, ehe sie in den Hafen dringen, und wenn es in der See am stärksten stürmt, so merkt man im Hafen nur sehr wenig davon. Ich übergehe alles, was uns auf dieser Schiffahrt begegnete, wie oft wir guten Wind gehabt und wie oft uns derselbe entgegen gewesen. Denn ich besorge, daß ich durch die auf den Schiffen gebräuchliche Redensarten, Südwest, Nordost etc., Ihr zärtliches Gehör beleidigen möchte. Dieses einzige will ich nur anführen, daß ich auf dieser Reise durch ein Fieber sehr angegriffen ward. Es ist sehr glaublich, daß ich mir solches dadurch zugezogen, daß ich gar zu viele Trauben gegessen, denn daher entstehet die meiste Zeit ein Fieber, in Sonderheit, wenn die Trauben noch unreif sind. Das Fieber nahm so sehr überhand, daß ich acht Tage in der Kajüte des Schiffers zubringen mußte. Meine andern Reisegefährten aber traten öfters ans Land, sich zu erfrischen. Wie sie einmal vom Lande wieder an Bord kamen, so erzählten sie mir mit einem großen Gelächter, daß die Einwohner in einer gewissen Stadt in Ligurien eine ganz wunderliche Sprache redeten. Sie sagten mir auch verschiedene Wörter, die weder französisch noch italienisch waren. Zum Exempel Tosa , wodurch sie eine Magd anzeigten. Die Norweger pflegen noch heutiges Tages eine Magd Tosa oder Tausa zu nennen, und daher zweifelte ich nicht, daß dieses Wort der Goten und Langobarden an noch den Ursprung schuldig sei, wie verschiedene andre, z. E. Tosca, Stuffo, Stalla, Stivali etc. Wie ich nach Genua gekommen war, so hoffte ich, durch Hülfe einiger Arzneien in kurzer Zeit von meinem Fieber befreiet zu werden. Aber meine Krankheit nahm sosehr zu, daß ich gezwungen ward, das Bette zu hüten. Gleich darauf aber verwandelte sich mein Fieber in ein Quartanfieber, und man sagte mir in Genua, daß solches den ganzen Winter durch anhalten würde. Wenn man im Sommer mit dem Fieber befallen wird, so verwandelt sich dasselbe gegen den Herbst allemal in ein Quartanfieber und währet den ganzen Winter durch, welches Juvenal bereits zu seinen Zeiten durch diese Worte bemerkt hat: Autumno quartanam sperantibus aegris. Autumno quartanam ...: ... im Herbst, wenn die Kranken das Viertagefieber erwarten. (Juvenal, Satiren IV, 57) Ich würde mit Geduld diesen harten Zufall überstanden haben, wenn mir derselbe nur in einem andern Lande als Italien und in einer andern Stadt als Genua begegnet wäre. Denn an diesem Orte mußte ich erfahren, daß die Gottesfurcht, Barmherzigkeit und andere christliche Tugenden bei den Wirten niemals einen Eingang gewonnen. Denn wenn sie von den Italienern selbst Genti senza fede genannt werden, so können sie gewiß von andern keinen bessern Ruhm erwarten, ja da die Genueser selbst die Wirte Raben nennen, so können die Fremden dieselben sicher mit dem Namen der Wölfe belegen. Mein Wirt war von eben einer solchen Gemütsart. Er rechnete nicht, wieviele Nächte ich bei ihm zugebracht, wie andere Wirte zu tun pflegen, sondern er zählte jede Stunde, da ich schlief, und wenn ich mich nachmittags aus Mattigkeit bisweilen auf das Bette warf, so forderte er für eine jede Stunde Geld und sagte: Tanto per la notta, e tanto per il giorno. Endlich griff mich die Krankheit so stark an, daß ich an meinem Aufkommen zweifelte. Sie können leicht erachten, mein Herr, wie sehr ich meine törichte Reise werde bereuet haben, da ich in Paris den Winter sehr vergnügt bei meinen vertrauten Freunden hätte zubringen können. Hier lag ich ohne alle menschliche Hülfe, es war niemand vorhanden, welcher meinen sinkenden Körper durch seine Hülfe unterstützte, und ich hatte keinen Freund, der sich meiner Seele, die bereits auf ihrer Flucht begriffen war, annehmen und solche zu dem wichtigen Schritte, den sie tun sollte, bereiten konnte. Dennoch verbarg ich meine gefährliche Krankheit, soviel es nur immer möglich war, weil ich mich für die Mönche fürchtete, die durch ihr ungereimtes Geschwätze mich vollends mit leichter Mühe würden hingerichtet haben. Ich überließ demnach alles dem Höchsten und dessen Vorsehung; ich sprach mir selbst einen Mut ein und widerstand dem Kummer, so gut ich konnte, ich ertrug alles mit Geduld und verbarg meine Krankheit. Dieselbe ward auch wirklich dadurch, daß ich mich so hart hielte, nicht nur gebrochen, sondern das Glück schien mir auch wieder gewogener zu werden. Denn da ich einmal aus dem Fenster sahe und einen jungen Franzosen erblickte, so bat ich denselben, ob ich ihn gleich sonst nicht gar genau kannte, daß er zu mir kommen möchte, und stattete ihm von meinen Widerwärtigkeiten, die ich hier erduldet hatte, einen umständlichen Bericht ab. Er trug Mitleiden mit mir und sagte dem Wirte derbe Wahrheiten. Dieser aber blieb ihm nichts schuldig, wesfalls der Franzose so erbittert ward, daß er aus allen Kräften auf ihn zuschlug. Der Wirt ersetzte dieses nach äußersten Vermögen wieder, welches alles ich durch eine Ritze in der Türe mit ansahe. Wie endlich der Streit geendiget war, so kam der Franzose wieder in mein Zimmer und bat mich, daß ich meine Sachen zusammensuchen möchte, weil er mir eine andere Wohnung anweisen wollte. Wie ich auf eine so glückliche Art aus diesem Raubneste entwischt war, so erholte ich mich in meinem neuen Quartier in kurzer Zeit so sehr wieder, daß ich, wenn das Fieber etwas nachließ, ausgehen konnte. Ich bewunderte die prächtigen Gebäude dieser Stadt ungemein, welche ich weit schöner und herrlicher fand, als ich jemals gedacht oder als mir solche auch von andern beschrieben worden. In der Gasse, welche Strada nuova genannt wird, siehet man keine Häuser, sondern lauter Paläste. In den andern Straßen der Stadt, ob sie gleich mit der sogenannten neuen Gasse nicht können verglichen werden, trifft man dennoch auch sehr herrliche und prächtige Gebäude an, unter denen einige von Marmor aufgeführet worden und die man nicht ohne Erstaunen und ohne die größte Bewunderung sehen kann. In den meisten Kirchen sind die Wände und der Fußboden mit Marmor überzogen. In dieser Stadt hörte ich auch zum ersten Mal ein italienisches Konzert, da aber die Genueser in vielen Stücken wegen der Nachbarschaft mit den Franzosen übereinstimmen, so sind ihre Konzerte auch den französischen ähnlich, denn sie brauchen viele blasende Instrumente, welche bei den andern Italienern mehrenteils abgeschafft worden. In der Vokalmusik scheint es, als wenn sie weinen, so daß ich auch glaubte, wie ich dieses zum ersten Mal hörte, daß der Sänger von dem Direktor geschlagen worden und gezwungen sei, wider seinen Willen zu singen. Aber ich habe befunden, daß dieses an andern Orten in Italien ebenfalls geschiehet. Und deswegen ist das Sprichwort der Franzosen nicht aus Neid entstanden, wenn sie sagen: Die Italiener weinen. Die Regierungsform zu Genua ist aristokratisch, und die Stadt wird durch den Adel regieret. Der Vornehmste im Rat wird der Doge genannt. Diese Würde bleibt nicht beständig bei einer Person, wie bei den Venezianern gewöhnlich ist, sondern sie wechselt ab. Zu der Zeit, wie ich in Genua war, legte eben ein Doge sein Amt nieder, und ein andrer ward wieder an des vorigen Stelle erwählt, welches alles aber mit so wenigem Geräusche vollzogen ward, daß an vielen Orten ein weit größerer Auflauf ist, wenn nur ein neuer Rektor auf einer Akademie erwählet wird. Die Genueser sind dergleichen Umstände bereits so sehr gewohnt, daß sie keinen Fuß aus der Türe setzen, die Prozession anzusehen. Ich ging eben damals durch die Stadt und traf einen Haufen Soldaten an, welche meistenteils alle Korsen waren. Auf meine Frage, warum sie sich versammlet hätten, erhielte ich die Antwort, daß ihr neues Oberhaupt nicht weit mehr entfernt wäre. Gleich darauf kam er auch mit der ganzen Prozession und ging in die Kirche, um seine Danksagung gegen Gott abzulegen. Wie aber die Trommelschläger anfingen, die Trommel zu rühren, so konnte ich das Lachen kaum verbergen. Denn sie schlugen ebensooft auf den Rand der Trommel als auf das Fell, welchen Gebrauch ich aber nicht allein zu Genua, sondern auch an andern Orten Italiens wahrgenommen habe. Vierzehen Tage hielt ich mich zu Genua auf, und in dieser Zeit bemühete ich mich, die Gemütseigenschaft dieser Nation kennenzulernen. Ich fand, daß sie alle sehr höflich und wohlgesittet waren, bis auf die Fuhrleute und Matrosen. Zugleich aber bemerkte ich auch eine große Falschheit an ihnen. Insonderheit sind sie so große Meister im Lügen, daß sie auch den Cretensern, wie solche zu den Zeiten des Epimenides beschaffen waren, darin den Vorzug streitig machen könnten. Dieses Urteil aber rührt die Vornehmsten dieses Volks nicht, mit denen ich nicht das Glück gehabt umzugehen. Denn vielleicht haben dieselben ebensowenig Teil an den Lastern der Nation als die vornehmen Personen in England. Ich rede bloß von dem Pöbel, welcher sich so stark in dieser Kunst übet, als wenn eine Belohnung von der Obrigkeit darauf gesetzt wäre. Der junge Franzose, dem ich meine Gesundheit und meine Freiheit zu danken hatte, reisete nach einigen Tagen mit ebendemselben Schiffe von Genua wieder weg, mit welchem ich angekommen war. Er ward von allen für einen Franzosen gehalten, denn er redete das Französische so zierlich und rein, als wenn er in Paris oder Orleans geboren wäre. Gleich darauf aber erfuhr ich, daß er sein rechtes Vaterland verhehlt habe. Denn mein Wirt zeigte mir das Buch, worin alle Fremde auf Befehl des Rats ihre Namen aufzeichnen müssen. Hier fand ich seinen rechten Namen und sein wahres Vaterland, Carolo Montfort, Danese . Ich freuete mich herzlich, daß mir ein so großer Dienst durch einen mir unbekannten Landsmann erwiesen worden. Denn er wußte meinen Namen auch nicht und woher ich gebürtig war. Ich verhehlte beides in Italien. Wenn man sich bei mir erkundigte, welches mein Vaterland sei, so antwortete ich: Aachen, und wenn man meinen Namen wissen wollte, so gab ich zur Antwort: Michael Rög. Diesen Namen hatte ich von meinem Landsmanne Michael Rög entlehnet. Wie ich nach Italien reisen wollte und mit keinem Passe versehen war, so gab mir derselbe seinen Paß, damit ich desto sicherer fortkommen möchte. Nicht lange nach der Abreise meines Landsmannes, dessen ich vorher erwähnt habe, ging ich mit einem Schiffe nach Rom. Hier erfuhr ich neue Beschwerlichkeiten. Ich war von meinem Fieber noch nicht befreiet, und die Seeräuber schwebten mir auch stets vor Augen, welche das mittelländische Meer bis in den Herbst durchzustreifen pflegen, um welche Zeit sie wieder nach Hause zu kehren gewohnt sind. Ich besorgte aber nicht unbillig, daß sie wegen der ungewöhnlichen Meeresstille, die wir damals hatten, ihre ordentliche Rückreise etwas weiter hinaussetzen dürften. Unser Schiff führte zwar zwo Kanonen, aber dadurch konnte man gegen ein Kriegsschiff, welches mit Stücken und Musketen gut versehen ist, nicht viel ausrichten. Und obgleich auf unserm Schiffe vierzig Personen ohne das Schiffsvolk befindlich waren, so konnte man sich doch auf dieselben sehr wenig verlassen. Es waren zehn Mönche darunter, welche zitterten, sooft sie nur von den Türken reden hörten, und sechs Frauenzimmer, welche die Kajüte des Schiffers für sich gemietet hatten. Daher war ich nebst meinen andern Reisegefährten gezwungen, auf dem Tauwerk oben auf dem Verdeck zu liegen, welches mir insonderheit sehr beschwerlich fiel, da ich mich noch mit meinem Fieber schleppen mußte. Unter meinen Reisegefährten befand sich auch ein französischer Kapitän, welcher in kaiserlichen Diensten gestanden hatte. Dieser trug Mitleiden mit meinem elenden Zustande und erwies mir große Gefälligkeiten. Er liehe mir seinen Mantel und sein übriges Reisegeräte, daß ich mich damit zudecken konnte. Er aber lag ganz frei unter offenen Himmel. Wir hatten Genua kaum aus dem Gesichte verloren, so sahen wir schon die von den Italienern also genannten Sbirri, deren Amt darin bestehet, daß sie die auf dem Schiffe befindlichen Waren untersuchen, und wenn sie verbotene Waren antreffen, diejenigen strafen, welche solche einzuführen willens gewesen. Wenn man die türkischen Seeräuber ausnimmt, so fürchten sich die Schiffer für niemanden so sehr als für diese Sbirri, insonderheit, wenn sie kein gutes Gewissen haben. Wir wurden durch diese Untersuchung zwo Stunden aufgehalten, ehe wir weitersegeln konnten. Kaum aber hatten wir einige Meilen zurückgelegt, so war der Wind völlig still und uns endlich ganz entgegen. Wir waren deswegen genötiget, nachdem wir lange in der See herumgeschwebt, zu Porto Verdo, einem Hafen in Ligurien, einzulaufen, wo wir solange zu bleiben gedachten, bis der Wind sich ändern würde. Wir lagen neun Tage in diesem Hafen, weil der Wind uns noch stets zuwider war. Meine Reisegefährten suchten sich auf allerhand Art ein Vergnügen zu machen. Ich aber entzog mich ihrer Gesellschaft und schützte mein Fieber vor, wodurch ich gezwungen würde, sehr enthaltsam und ordentlich zu leben. Sie sahen diese Entschuldigung auch für gültig an, und meine Kasse befand sich zugleich sehr wohl dabei. Das italienische Frauenzimmer hielt sich die ganze Zeit über beständig in der Kajüte des Schiffers auf, außer einer Frau aus Rom, welche sich bisweilen nebst ihrem Manne ans Land setzen ließ. Diese Frau sprach auf der ganzen Reise fast kein Wort. Die Franzosen, welche vor allen andern Nationen am meisten zum Umgange mit andern geschickt sind, wandten ihre ganze Beredsamkeit an, das Stillschweigen dieser Frauen zu unterbrechen, aber vergebens. Wenn sie mit uns speisete, so sahe sie niemanden an, geschweige denn, daß sie mit jemanden hätte reden sollen. Mich allein durfte sie nicht nur ansehen, sondern sie hatte auch die Freiheit, mir eine kurze Antwort zu erteilen, wenn ich mich einiger Sachen halber bei ihr erkundigte. Denn da ich beinahe halb tot war, so konnte ich auch dem eifersüchtigsten Manne nicht verdächtig sein. Ich sahe so ohnmächtig und fast erstorben aus, daß man mich ohne Bedenken zum Aufseher eines türkischen oder persischen Serails hätte machen können. Weil der Wind uns so lange entgegen war, so nahmen die Mönche, welche sich mit uns auf dem Schiffe befanden, daher Anlaß, uns einen klugen Vortrag zu tun, daß wir eine Summa Geldes zusammenlegen sollten, um einen gewissen Heiligen zu Ehren, dessen Gebeine ihrem Berichte nach an diesem Orte begraben worden, eine Prozession davon anzustellen und von demselben guten Wind zu erbitten. Dieser Vorschlag gefiel den Spaniern und Italienern sehr gut, weil diese sich einbilden, daß Gott durch das Gebet allein nicht könne versöhnt werden. Aber die Franzosen machten allerhand Einwendungen. Endlich gaben sie auch ihre Einwilligung, damit man sie nicht für offenbar gottlose Menschen halten möchte, jedoch mit dieser ausdrücklichen Bedingung, daß das Geld inzwischen an einem sichern Ort niedergelegt werden sollte, damit ein jeder seinen Anteil wieder zurücknehmen könnte, wenn wir unsern Zweck nicht erhielten und der Wind nicht gut würde. Wie die Mönche sahen, daß sie offenbar verspottet wurden, so kamen sie zu mir, weil sie mich für einen Deutschen, und also für frömmer als die Franzosen hielten. Sie beklagten sich bei mir über den Unglauben der Franzmänner und prophezeiten aus diesen Merkmalen, daß die wahre Religion noch einmal in Frankreich gänzlich untergehen würde. Wie endlich neun Tage verflossen waren, so legte sich der Sturm, und der Wind fing an, uns günstig zu werden. Wir begaben uns deswegen ohne Verzug ans Schiff und zogen die Segel auf. Nicht lange darauf kamen wir zu Livorno, einer an der See gelegenen Stadt in Hetrurien, und endlich zu Civita Vechia an. Zwischen Livorno und Civita Vechia nahmen wir mitten in der Nacht nahe an dem Lande eine Jacht wahr, welche sehr langsam ging und nur ein halbes Segel aufgezogen hatte. Wir gerieten desfalls auf die Gedanken, daß es ein Seeräuber sein möchte. Unser Steuermann rief dreimal, wer er sei und woher er komme. Da wir aber keine Antwort erhielten, so konnten wir leicht denken, daß es ein Seeräuber sein müsse. Wir riefen alsobald, daß uns unsre Convoye zu Hülfe eilen sollte. Die Laternen wurden angebrannt, die Stücken in Ordnung gebracht und geladen, ein jeder, der auf dem Schiffe war, ward bewaffnet, und es ward ihm entweder ein gewisser Posten, den er verteidigen sollte, angewiesen, oder auch sonst ein Amt aufgetragen. Ich ward im Anfange über dieses Geräusch aus Furcht so kalt, daß ich einen neuen Anfall von meinem Fieber besorgte, welches mich eben verlassen hatte. Wie aber die erste Angst überstanden war, so kann ich mit Wahrheit zu meinem Ruhme sagen, daß man keinen Seufzer und kein furchtsames Wort von mir gehöret. Ich gedachte vielmehr, daß wir alle ein gleiches Schicksal zu erwarten haben würden, welches zwar ein elender, aber doch gewiß zugleich ein großer Trost bei solchen Unglücksfällen ist. Das italienische Frauenzimmer setzte die italienische Schamhaftigkeit ganz an die Seite und kam mit fliegenden Haaren aus der Kajüte heraus. Ihre Beständigkeit hatte ein Ende, und man konnte den Tod recht auf ihren Gesichtern abgemalt sehen. Sie gingen allenthalben auf dem Schiffe herum und machten ein so großes Geschrei, daß man es sehr weit hören konnte. Bis endlich das Schiffsvolk sie ermahnete, nicht so heftig zu schreien, wodurch doch nichts ausgerichtet würde. Sie hörten demnach zwar auf, laut zu schreien, aber sie fuhren doch fort, ihre Hände zu ringen und den Himmel mit tiefen Seufzern zu bestürmen. Die Mönche waren ebenso verzagt wie das Frauenzimmer. Obgleich ihre Lehre eine beständige Predigt vom Tode ist, so stellten sie sich doch ebenso bange und betrübt an als die andern. Einige unter ihnen lagen auf der Decke und riefen ihre Heiligen an, andre rauften sich selbst die Haare aus, und es war unmöglich, dieses Heulen und Schreien zu stillen, wie sehr sie auch von den andern deswegen bestraft und aufgemuntert wurden, mehr auf die Erhaltung des Schiffs und ihrer Personen bedacht zu sein, als ein so unnützes Geschrei und Wehklagen anzustellen. Wenn sie mich damals gesehen hätten, mein Herr, wie ich durch die langwierige Krankheit so ausgemergelt war, daß ich kaum gehen konnte, nichtsdestoweniger aber doch mit einem Degen an der Seite in Schlachtordnung stand und den heiligen Antonium ebenso andächtig wie die andern anrief, es würde Ihnen gewiß dieser Anblick überaus lächerlich gewesen sein. Aber der Seeräuber griff uns nicht an, sondern ging auf unsre Convoye los. Während der Zeit, daß der Kaper dieses Schiff beschoß und damit genug zu schaffen hatte, bedienten wir uns des Windes und entgingen dieser Lebensgefahr. Ich könnte zwar bei dieser Gelegenheit dieses magere Werkchen etwas ansehnlicher machen, wenn ich verschiedene Umstände hinzufügen wollte, welche der Geschichte zur Zierde gereichen könnten, wenn sie sich gleich nicht also verhielten. Ich könnte in diesen Stücke der Gewohnheit einiger Schriftsteller folgen, welche glauben, daß es besser sei, zierlich zu lügen, als ohne Schmink die nackte Wahrheit zu erzählen. Ich könnte hier (denn wer wollte mich wohl der Unwahrheit überzeugen?) mit vieler Weitläuftigkeit ausführen, wieviele Stunden wir mit den Türken gefochten, was für einen unsterblichen Ruhm wir durch unsre Tapferkeit eingelegt, wieviele Räuber ich allein durchbohrt und was sich sonst Merkwürdiges bei diesen Seetreffen zugetragen. Wenn man aber dieses kleine Werk tadeln will, so mag man es viel lieber deswegen tadeln, weil es gar zu trocken geschrieben worden, als daß ich zuviel darin gelogen habe. Es wird mir angenehm sein, wenn ich höre, daß man sagt, ich hätte die Geschichte des Don Juans beschrieben, als daß man urteilt, ich hätte geschmückte Fabeln und angenehme Lügen aufgezeichnet. Wie wir dieser Gefahr entgangen waren, so schrieben die meisten, welche mit mir auf dem Schiffe waren, dieses Glücke den Gelübden zu, welche sie dem heiligen Antonius getan hatten. Ich aber schrieb es vielmehr der Untreue des Schiffers zu, welcher sein mit dem andern Schiffe aufgerichtetes Bündnis aus den Augen setzte und seine Convoye so schändlich verließ, wie sehr dieselbe auch schrie, daß er ihr zu Hülfe kommen sollte. Wenn die Schiffer und Seeleute einer Gefahr entgangen sind, so pflegen sie insgemein sehr weitläuftig von der großen Gefahr zu reden, worin sie sich befunden haben, und dies geschahe auch hier. Ein jeder stellte sich die widrigen und elenden Schicksale lebhaft vor, die man würde haben ausstehen müssen, wenn man in die Hände des Seeräubers gefallen wäre. Hierin stimmten sie alle überein, daß man mich, weil ich krank und elend war, als eine unnütze Last würde ins Wasser geworfen haben. Ich aber bildete mir im Gegenteil ein, daß ich nicht nur wegen der fremden Sprachen, die ich verstand, vor allen andren würde unbeschädigt geblieben sein, sondern, daß man mir auch in Algier das Amt eines Notarii oder Schreibers würde aufgetragen haben. Nach dieser glücklich überstandenen Gefahr langten wir endlich zu Civita Vechia an. Ich war des Segelns bereits überdrüssig und faßte den Entschluß, zu Fuße nach Rom zu gehen. Ich hielt dieses für weit erträglicher, als daß ich mich noch drei Tage auf der Tiber sollte herumwerfen lassen. Der ganze Weg, welcher nach Rom gehet, war mit Schlangen angefüllt, deswegen durfte ich fast niemals stillestehen, viel weniger aber mich niedersetzen. Ich glaube, daß dieser Umstand und nicht die Nachtluft, welcher man es insgemein zuschreibt, zu dem Gerüchte Anlaß gegeben, daß die Luft in der Gegend der Stadt Rom so vergiftet sei, daß man ohne Lebensgefahr sich des Nachts nicht unter freiem Himmel aufhalten könne. Wenn dieses Übel allein von der ungesunden Luft herkommt, so muß man sich billig wundern, daß die Seeleute davon nichts empfinden, welche im Hafen unter freiem Himmel liegen. Dieses kann man indessen nicht leugnen, daß die Fremden, welche im Sommer nach Rom kommen, insgemein krank werden. Deswegen pflegen auch alle diejenigen, welche sich, um ihre Neugierde zu stillen, dahin begeben, ihre Reise so lange auszusetzen, bis der Weinmonat seinen Anfang genommen. Aber es ist nicht so leicht, die Ursache davon anzuzeigen. Die Lage und Gegend der Stadt ist annoch unverändert, wie sie in alten Zeiten gewesen, und kein alter Schriftsteller erwähnt einer so giftigen und den Fremden so gefährlichen Luft. Wenn ich auch gleich einräume, daß das heutige Rom von dem Ufer des Meeres etwas weiter entfernet ist, wie einige glauben, die sich zu Bestärkung ihrer Meinung auf andere Städte berufen, welche vorher an die See gegrenzt haben und nun fast mitten im Lande liegen. So kann doch die Nähe des Meers zur Abwendung dieses Übels nichts beitragen, da die Luft ebenso ungesund, wo nicht noch ungesunder zu Civita Vechia ist, welches doch an der See liegt. Nach einer zweitägigen Landreise kam ich in Rom und zwar durch das Tor an, welches nahe bei dem Vatikan ist, wo der Papst ordentlich sich aufzuhalten pflegt. Es fiel mir also gleich das Wunderwerk in die Augen, welches nicht nur in Rom, sondern auch in der ganzen Welt am allermerkwürdigsten ist und am meisten verdient, gesehen zu werden. Bloß dadurch, daß ich die Kirche, das Schloß und den Schloßplatz besähe, vergaß ich alle meine vorigen Widerwärtigkeiten. Am meisten wunderte ich mich über die herrliche und über alle Maßen prächtige St.-Peters-Kirche. Denn wo man nur die Augen hinwendet, da findet man allenthalben den kostbarsten Marmor und die unschätzbarsten Überbleibsel des Altertums. Wie ich meine Augen durch einen so prächtigen Anblick einigermaßen gesättiget hatte, so suchte ich ein Quartier und begab mich nach der Gegend der Stadt, welche heutigentages von den Römern Piazza di spagna genannt wird. Ich war bereits eine Stunde herumgegangen, da ich endlich ein Quartier fand, worin ich mich einen ganzen Monat aufhielt und mein hartnäckiges Fieber durch Pillen und Pulver zu vertreiben suchte. Ich erwählte zu meinem Arzte einen Mönch, der zugleich Apotheker in dem nicht weit von meiner Wohnung entlegenen Trinitatiskloster war. Aber es schien, daß die Krankheit durch die gebrauchten Hülfsmittel nur noch ärger ward. Ich faßte daher den Schluß, weil das Fieber nicht durch Arzneimittel sich wollte heben lassen, dasselbe bloß durch die Enthaltsamkeit zu vertreiben. Ich habe auch nachher erfahren, daß man dadurch das Fieber am sichersten loswerden kann. Wie der erste Monat zu Ende ging, so war ich bereits meines Quartiers überdrüssig und suchte ein andres. Denn mein Wirt war schwindsüchtig und weckte mich, da seine Schlafkammer nahe an meiner Stube war, durch sein beständiges Husten und Räuspern des Nachts über zehnmal aus dem Schlafe. Seine Frau war ein versoffenes und unverschämtes Weib, welche durch unerlaubte Kunstgriffe ihre Gäste zum Saufen und zu andern Unordnungen verleitete und dieselben bei dieser Gelegenheit um ihr Geld brachte. Sie schrieb es meinem Fieber allein zu, daß ich so enthaltsam lebte, und gab mir die Versicherung, daß ich dasselbe am leichtesten vertreiben würde, wenn ich mir ein Vergnügen machte und meinem Leibe nichts versagte. Sie pflegte auch bisweilen die Deutschen, weil sie von ihnen beschenkt worden, in diesem Stücke zu rühmen, daß dieselben kein Vergnügen aus den Händen gehen ließen und sich durch ein lustiges Leben, welches sie Tag und Nacht ohne Aufhören fortsetzten, am besten gegen die Krankheiten schützten, von denen die Fremden insgemein bei ihrer Ankunft in Rom pflegten überfallen und angegriffen zu werden. Hingegen schwur sie, daß ein junger Deutscher vor kurzer Zeit in einem sehr elenden Zustande in ihrem Hause gestorben sei, welchen die andern nicht zu einer so unordentlichen Lebensart hätten bereden können. Diese Philosophie mißfiel mir dergestalt, daß ich ohne Verzug ihr Haus verließ und mich nach einer andern Wohnung umsahe. Ich fand dieselbe auch bei einem Piemonteser, welcher Johann Paptist hieß. Hier traf ich alles anständiger und billiger an. Mein Wirt war ein sehr ehrlicher und dienstfertiger Mann, von dem ich lernte, wie man seine Wirtschaft in Rom einrichten müsse. Ich schaffte mir deswegen Kessel und Töpfe an und kochte selbst, was ich des Mittags und Abends speisen wollte. Dieses gereicht den Reisenden in Italien zu keinem Nachteil, weil es bereits allenthalben eingeführet worden. Der Wirt kommt alle Morgen, ehe er zu Markte geht, zu denen, die bei ihm wohnen, und erkundiget sich, was sie des Mittags und Abends speisen wollen. Sobald man ihm dieses gesagt, so gehet er aufs Markt und bringt Fleisch, Wurzeln, Kräuter oder was man sonst verlangt, mit zurück. Die Zubereitung aber überläßt er einem jeden selbst. Ich will mich hier nicht weitläuftig mit der Erzählung aufhalten, wie ich meine Speisen zugerichtet, wie künstlich und ordentlich ich eine Suppe oder andere italienische Gerichte zubereiten können. Ich weiß wohl, daß nach den strengen Regeln auch solche Kleinigkeiten in einer vollständigen Historie Platz finden müssen. Aber ich will lieber den Namen eines nachlässigen Geschichtschreibers haben, als mich dem scharfen Urteil der französischen Köche unterwerfen, welche mir vielleicht öfters zeigen dürften, wie ich hin und wieder gefehlt und wie wenig ich ihre Regeln im Kochen in acht genommen. Habe ich gleich in den schönen Wissenschaften nicht sonderlich in Rom zugenommen, so habe ich doch solche Dinge gefaßt, die zum Küchenwesen gehören. Ich habe gelernt, wieviel Feuer man braucht, eine Menestra oder Suppe zu bereiten, wie lange Erbsen, Grütze und andere Speisen kochen müssen, wieviele Ave Maria man beten müssen, Eier abzusieden, und was man sonst noch von einem Koche zu fordern pflegt. Wenn man demnach auf diese Wissenschaften siehet, so leidet das Sprüchwort bei mir eine Ausnahme: Er reisete einfältig nach Rom und kam einfältig wieder zurücke. Einige behaupten, daß derjenige den Namen eines Gelehrten nicht verdiene, der seine eignen Schuhe nicht ausbessern kann. Wenn sich dieses also verhält, so kann derjenige noch mit weit wenigerm Rechte ein Gelehrter genannt werden, der nicht imstande ist, sich selbst im Notfall eine Suppe zu kochen. Damit aber die Stunden, die ich den Studien zu widmen gewohnt war, nicht durch meine Küchenverrichtungen leiden möchten, so hatte ich allemal, wenn ich vor dem Kamin stand, Feder und Tinte in der Nähe. In der einen Hand hielte ich das Buch und in der andern den Löffel. Ich erfuhr aber öfters mit meinem eignen Schaden, daß es nicht so leicht sei, zu einer Zeit zu kochen und zu philosophieren. Wenn ich bisweilen den Sachen, die ich las, gar zu eifrig nachdachte, so tyrannisierte das Feuer inzwischen so sehr über meine Töpfe, daß die Speisen entweder verbrannten oder auch einen räucherichten Geschmack annahmen und ins Feuer kochten. Im Anfange schien mir diese schmutzige Arbeit sehr niederträchtig zu sein, insonderheit, wenn ich daran gedachte, wie sauber ich mich allemal zu kleiden pflegte. Aber diese Schamhaftigkeit war von keiner langen Dauer, da ich sahe, daß diese Gewohnheit durchgehends in Italien eingeführt war. In meinem Quartier hielten sich auch zweene neapolitanische Edelleute auf, diese traf ich öfters bei ebenderselben Verrichtung an. Wenn wir unsre Türen eröffneten, so machten unsre Töpfe, wenn sie am Feuer stunden, ein rechtes Konzert. Mein Topf, welcher der kleineste war, sang den ersten Diskant, ihr Topf aber, der größer war, hielt den Baß. Ich bemerkte auf dieser Reise, daß die Leute der Völlerei und Trunkenheit immer weniger ergeben sind, je weiter sie von den nordischen Gegenden entfernet wohnen. Ich habe in Frankreich nur sehr wenige trunken gesehen, keinen einzigen aber in Italien angetroffen, der einen Rausch gehabt hätte. Die Dänen glauben, daß die Norweger in diesem Stücke zuviel tun, dagegen meinen die Dänen und Deutschen, daß die Franzosen gar zu sparsam haushalten. Den Italienern scheinen die Franzosen große Verschwender zu sein, und von den Spaniern fällen sie im Gegenteil dieses Urteil, daß sie gar zu geizig sind. In den Häusern der vornehmsten Herren ist es nichts Ungewöhnliches, daß sie einige Speisen, welche des Mittags übriggeblieben sind, bis zur Abendmahlzeit aufheben. Ich war einen ganzen Monat allein in meinem Quartier. Im Anfange wunderte ich mich sehr, daß sich in einem so großen Hause, worin so viele Zimmer waren, nicht mehrere Menschen aufhielten, aber ich befand nachher, daß es in den meisten Häusern der Stadt ebenso beschaffen sei. Wenn man Rom nach der Größe der Stadt an sich selbst betrachtet, so wird sehr wenig fehlen, daß dieser Ort nicht ebensogroß sein sollte als Paris. Wenn man aber auf die Anzahl der Einwohner sehen will, so wird diese Stadt von sehr vielen andern europäischen Städten übertroffen. Denn wenn man die Einwohner zählen wollte, so würde man kaum 200 000 Menschen zusammenbringen. Daher kann man auch außer der Zeit, wenn ein Jubelfest einfällt oder ein neuer Papst soll gewählt werden, ein Haus um einen sehr billigen Preis mieten. Bei diesen außerordentlichen Begebenheiten aber kommt eine so erstaunliche Menge Menschen nach Rom, daß sie kaum alle können untergebracht werden. Daher glauben auch die römischen Bürger, daß die Wohlfahrt der Stadt darin bestehe, daß öfters ein neuer Papst gewählt werde. Sie waren aus ebendieser Ursache mit dem Papst Clemens dem XI. gar nicht zufrieden, weil derselbe so lange lebte. Bis zu Ende des Christmonats war in meinem Quartier alles überaus stille. Aber nach dem neuen Jahre kamen alle Gaukler, Komödianten und Seiltänzer nach Rom, die, wie ich glaube, in ganz Italien befindlich waren. Unser ganzes Haus ward mit Komödianten angefüllet, welche sich bis in die späte Nacht in ihren Vorstellungen und Komödien übten. Hiedurch plagten sie mich, der ich annoch mit dem Fieber behaftet war, des Nachts, und des Tages verhinderten sie mich in meinem Studieren. Nach dem Weihnachtsfeste kommen allemal zehn bis zwölf Banden Komödianten nach Rom. Eine jede Bande hat ein gewisses Schauspiel, das sie jedesmal vorstellt. Die Bande, welche sich in unserm Hause aufhielte, hatte eine Komödie von einem Arzte, welche mit dem Lustspiele des Moliere, Medecin malgré lui , viele Ähnlichkeit hatte. Das Haupt dieser Bande spielte die Rolle des Doktors und desfalls war er den ganzen Winter durch der Doktor, weil sie nur dieses einzige Stück vorstellten. Er ward deswegen von allen, auch wenn man ernsthaft mit ihm sprach, Sign. Dottore genannt, und er nahm auch diesen Titel an, daß man denken sollen, er sei kein Komödiante, sondern diese Würde sei ihm ordentlich auf einer hohen Schule beigelegt worden. Vielleicht dürften einige glauben, daß solche Komödianten ihren eignen Nutzen entgegen handelten, da sie allezeit einerlei Vorstellungen aufführen, wodurch endlich die Zuhörer müde werden, wenn sie eine Sache so oft anhören sollen. Aber unter so vielen Menschen, als sich in dieser Stadt befinden, sind allemal einige, welche die Vorstellung eines solchen Stücks noch nicht gesehen haben, und die desfalls aus einer Komödie in die andre laufen. Ich mußte mich in dieser ganzen Zeit mit meinem Fieber schleppen, welches sich durch keine Arznei wollte heben lassen. Man rühmte einen Schuster in Rom, welcher das Fieber allein durch einige Worte vertreiben könnte. Man riet mir, daß ich denselben um Rat fragen sollte. Ich habe aber jederzeit solche Leute gehasset, welche die Augen verdrehen, die Lippen regen, mit den Fingern spielen und endlich mit allen ihren Bewegungen und Possen nichts ausrichten. Ich hielte deswegen die Krankheit für erträglicher, als daß ich solchen Menschen zum Gespötte dienen sollte, die das Urteil nach dem Gelde fällen, was man ihnen gibt. Und da ich hörte, daß der Schuster selbst öfters krank sei, so fiel mir ein, was der Poet sagt: Non habeo denique nauci Marsum Augurem, Non vicanos haruspices, non de circo Astrologos, Non Isiacos coniectores, non interpretes somnium, Non enim sunt ii, aut scientia aut arte diuini, Sed superstitiosi Vates, impudentesque harioli Aut inertes, aut insani, aut quibus egestas imperat, Qui sibi semitam non sapiunt, alteri monstrant viam, Quibus diuitias pollicentur, ab iis drachmam ipsi petunt. Non habeo denique ...: Weniger als eine taube Nuß achte ich marsische Auguren, Eingeweidebeschauer, die auf den Dörfern herumziehen, Sterndeuter aus dem Zirkus, weissagende Isispriester und Traumdeuter. Denn das sind keine Seher von Wissen und Können, sondern: ... (Cicero, De divinatione I, 132) abergläubische Propheten, unverschämte Wahrsager; entweder können sie nichts, oder sie sind verrückt, oder bittere Not treibt sie. Sich selber wissen sie keinen Pfad und wollen anderen den Weg weisen, und denen sie goldene Berge versprechen, von denen erbitten sie selbst eine elende Drachme. (Ennius, Telamo, Fragm. v. 272 ff.) Ich antwortete deswegen immer meinen guten Freunden, wenn sie mir meinen Unglauben vorwarfen, wenn der Schuster mehr als seinen Leisten verstehet, so muß er sein Meisterstück dadurch beweisen, daß er sich selbst helfe. Indessen hinderte doch mein Fieber nicht, daß ich nicht beinahe alle Tage ausgehen und die Merkwürdigkeiten dieser Stadt in Augenschein nehmen konnte. Ich besuchte auch die öffentlichen Bibliotheken fleißig, unter denen die Minerven- und Sapientienbibliotheken die vornehmsten waren. Die Bibliothecarii sind daselbst so dienstfertig, daß sie einem jeden nicht nur die verlangten Bücher reichen, sondern auch den Studierenden, wenn dieselben es begehren, Feder, Tinte und rein Papier verschaffen. Dennoch aber ist es nicht erlaubt, sich der verbotenen Bücher zu bedienen, wo es der Inquisitor nicht zugelassen. Aus dieser Ursache litte ich als ein andrer Tantalus bei einem so großem Vorrate Mangel und mußte mich allein damit begnügen lassen, daß ich die Bücher von außen ansahe. Denn was ich auch für ein Buch forderte, das war meistenteils immer verboten. Ein einfältiger und ungelehrter Mönch, welcher ein Famulus des Bibliothecarii war, reichte mir einmal auf mein Begehren das Wörterbuch des Bayle. Er ward aber wegen dieses Versehens von dem Bibliothecario, welcher ein Dominikaner und Mitglied des Inquisitionskollegii war, aufs heftigste ausgescholten. Ich suchte denselben mit guten Worten zu besänftigen, aber es war vergebens, ich mußte das Buch wieder weggeben und erhielte die Antwort, daß ich die Erlaubnis von einem andern bitten müßte, welcher solche allein erteilen könnte. Aber es schien mir gar zu unsicher und zu beschwerlich, mich dieser Prüfung zu unterwerfen. Ich verließ desfalls die Minervenbibliothek, weil ich sahe, daß ich davon gar keinen Nutzen haben würde, und begab mich nach der Sapientienbibliothek. Es war die Aufsicht über dieselbe einem Weltlichen anvertrauet, daher hoffte ich, meinen Zweck desto eher zu erlangen und nicht einen solchen Widerstand wie bei den Geistlichen anzutreffen. Aber ich erhielt hier ebendieselbe abschlägige Antwort, ob ich gleich öffentlich sagte, daß ich ein Ketzer sei, der durch Lesung der verbotenen Bücher nicht geärgert werden könnte. Meine Studien wurden dadurch sehr genau eingeschränkt, und es war nichts weiter vor übrig, als daß ich mir die römischen Altertümer und einige neue Beschreibungen von Rom bekannt machte. Diese Bücher zeigten mir auch den Weg, wenn ich durch alle Gegenden und Straßen der Stadt ging und die Überbleibsel des Altertums aufsuchte. Ich ging alle Tage, sooft es nur das Wetter erlaubte, ganze Stunden zwischen den alten und merkwürdigen Ruinen herum und hatte die Nachrichten in der Hand, die ich mir auf der Bibliothek aufgezeichnet hatte, durch deren Hülfe ich alles finden konnte. Doch suchte ich beinahe einen ganzen Monat die portam trigeminam der Horatier, bis ich solche endlich auch durch die Anweisung meiner Auszüge entdeckte. Die meisten alten Monumente sind selbst den Gelehrten nach ihrem vorigen Namen unbekannt. Wenn man sich bei denen, die man auf der Gasse antrifft, erkundiget, wo man das Pantheon suchen müsse, so antworten sie, non lo so . Fragt man nach dem Amphitheatro Vespasiani , so erhält man die Antwort, non intendo . Da doch diese Monumente durch die Länge der Zeit noch nicht zerstöret worden. Wenn man also dieselben finden will, so muß man sich erstlich die neuen Namen bekannt machen, welche ihnen beigelegt worden. Man muß nach dem Celiseo fragen, so zeigt man einem den Schauplatz des Vespasians, und wenn man den alten Tempel aller Götter, das Pantheon, sehen will, so muß man la Rotonda sagen. Ich vertiefte mich aber dennoch nicht so sehr in den alten und durch die Länge der Zeit fast aufgeriebenen Überbleibseln des alten Roms, daß ich mir nicht auch das neue Rom sollte bekannt gemacht haben. Bald fand ich an den alten Monumenten ein Vergnügen, bald aber betrachtete ich die neuen Gebäude. Ich ging durch alle Gassen und Winkel der Stadt und nahm die vornehmsten Paläste, Kirchen und Klöster in Augenschein. Vor allen andern gefiel mir die neue Kirche, welche man insgemein Chiesa Nuova nennet, und zwar wegen der zierlichen und netten Reden, die alle Tage daselbst von dreien Priestern des Predigerordens gehalten werden. Kaum verläßt einer von ihnen den Predigtstuhl, so tritt ein andrer wieder auf, und man kann also in anderthalb Stunden drei Reden hören, unter welchem allemal eine von dem Leben eines Heiligen und dessen Lobe handelt. Ich bin aber jederzeit zweifelhaft gewesen, ob ich bei diesen Lobeserhebungen der Heiligen mehr die Schönheit der Reden oder die geringe Wichtigkeit der Sachen bewundern sollen. Denn die geringsten Kleinigkeiten und die abgeschmacktesten Träume wurden in den prächtigsten Ausdrücken vorgetragen. Wie ich mich in Rom aufhielte, so handelte einer von diesen Rednern von der kräftigen Fürbitte der Jungfrau Maria und bestätigte seinen Vortrag durch folgende Geschichte. Es lebte ehedem ein Mann, welcher den Namen Johannes führte und sich dem Schutze der Jungfrau Maria gänzlich übergeben hatte. Er mußte aber desfalls sehr viele Versuchungen und Anfechtungen von dem Teufel erdulden, welche er jedoch eine lange Zeit glücklich überwand, weil er sich alle Morgen mit dem Ave Maria verwahrte. Endlich ward er von einem seiner Verwandten zur Hochzeit eingeladen und kam halbberauscht wieder nach Hause. Der Satan wollte diese gute Gelegenheit nicht aus den Händen gehen lassen und nahm zu dem Ende die Gestalt einer schönen Jungfrau an und ging dem Johannes entgegen. Der gute Johannes tat zwar im Anfang eine ziemliche Gegenwehr, endlich aber ließ er sich durch die so oft wiederholten Reizungen hinreißen und schwächte die Jungfrau. Wie Johannes am andern Morgen den Rausch ausgeschlafen hatte und zugleich überlegte, was er gestern für eine große Sünde begangen, so wachte sein Gewissen nicht allein auf, sondern er schämte sich auch so sehr, daß er sich nicht getrauete, sein Ave Maria zu beten. Weil also Johannes sich seiner gewöhnlichen Waffen nicht bedienen konnte, so griff ihn der Teufel immer stärker an, ehe er sich durch die Buße seiner Gewalt wieder entreißen mochte. Johannes wollte kurz darauf in einem Boot über einen Fluß setzen, das Boot aber stürzte um, und Johannes ging zugrunde. Er mußte auch drei Tage in der Tiefe des Flusses verharren, wo er zugleich vom Teufel besessen war. Die Jungfrau Maria aber hatte dieses kaum vernommen, so ging sie zu ihrem Sohne und erzählte demselben, wie elend einer von ihren Anhängern von dem Teufel geplagt würde. Der Heiland stieg gleich auf seinen Richterstuhl und sprach den Johannes los, der denn alsbald von den Banden des bösen Geistes erlöset ward und aus der Tiefe hervorkam. Er floß so lange wie ein Stück Holz oben auf dem Wasser, bis ihn der Strom ans Land trieb. Hier ward er von der Jungfrau Maria sehr freundlich empfangen und erquickt, wodurch er seine vorigen Kräfte wieder erlangte und endlich auch der Jungfrau Maria eine Kapelle erbauete, in welcher er seine übrige Lebenszeit zubrachte. Aus dieser abgeschmackten Geschichte zog unser Redner diese Folge, was sich diejenigen für Vorteile zu versprechen hätten, welche die Jungfrau Maria aufrichtig verehrten. Ich habe noch andre Geschichte gehöret, welche ich nicht, ohne zu erröten, wiedererzählen kann. So leicht die Zuhörer alles glauben, so unverschämt und frech lügen die Redner. Ich vergnügte übrigens mein Gesicht und Gehör sowohl durch die Pracht, welche in allen Kirchen herrschet, als auch durch die vortreffliche italienische Musik. Am meisten ward ich durch die Instrumentalmusik eingenommen, welche mir weit besser als die Vokalmusik gefiel, weil der erste Diskantist nach der italienischen Gewohnheit allezeit die Stücke mit einer weinenden Stimme absingt. Zweimal habe ich nur das Glück gehabt, Clemens den Eilften zu sehen, weil er wegen Alter und Schwachheit sehr selten mehr öffentlich zu erscheinen pflegte. Vor dieser Zeit und wie er annoch jünger war, verstattete er einem jeden den Zutritt, da er am ersten Tage eines jeden Monats allen, die es verlangten, Audienz gab. Er ließ sich in die Kapelle von vier Schweizern tragen, welche die Leibgarde des Papstes sind. Wie er auf seinem Stuhl saß und von den Schweizern getragen ward, so hob er seine milde Hand auf und erteilte damit allen und jeden den apostolischen Segen, welcher bei den wahren Glaubigen von einer herrlichen Wirkung zu sein pflegt. Aber ich, als ein Ketzer, empfand gar keinen Nutzen davon, denn mein Fieber ward nicht im geringsten dadurch gelindert. Dem Papste folgten die Kardinäle in ihrer Ordnung und küsseten seinen Finger, welcher mit dem Fischerring gezieret war. Hierauf fing er mit einer zitternden Stimme an: Dominus Vobiscum , ein Cardinal aber setzte das übrige gleich hinzu. Weil ich gewohnt bin, Ihnen, mein Herr, alles zu entdecken, was ich auf dem Herzen habe, so will ich Ihnen auch zwei Verbrechen bekannt machen, die von mir in Rom begangen worden. Sie sind wichtig oder geringe, nachdem Sie, mein Herr, solche beurteilen werden. Das erste Verbrechen bestehet darin, daß ich mit dem ganzen Volk, wie der Papst vorübergetragen ward, auf die Knie niedergefallen bin. Hiezu müssen sich alle diejenigen verstehen, welche den Papst sehen wollen. Wenn man aber nach Rom reiset und den Papst nicht siehet, so ist solches so töricht, daß man ein eigenes Sprichwort davon gemacht hat. Ich bin zwar ein Lutheraner, aber ich falle der Meinung derer jenigen nicht bei, welche es als eine Todsünde ansehen, wenn man einem Potentaten, der einer fremden Religion zugetan ist, mit einer äußerlichen Ehrerbietung begegnet. Das andre Verbrechen kann um soviel weniger entschuldiget werden, weil ich nicht gezwungen war, es zu begehen, ich kletterte nämlich mit meinen Knien die heilige Stiege hinan, von welcher man sagt, daß unser Erlöser auf derselben in das Richthaus Pilati gegangen sei, wie er vor dessen Gericht sollte gestellet werden. Ich machte aber bei mir selbst diesen Schluß zu meiner Entschuldigung: Ist es wahr, was man von dieser heiligen Treppe vorgibt, so verdienen diese heiligen Fußstapfen mit allem Rechte, daß man sie verehret, verhält es sich aber nicht also, so verdient meine Aufführung doch keine Strafe, weil mein Irrtum selbst ein Beweis einer gottseligen Demut ist. Auf solche Art brachte ich den ganzen Winter in Rom zu, und wie derselbe überstanden war, so mußte ich auf die Rückreise nach meinem Vaterlande bedacht sein. Ich hielte es aber für unsicher, mich wieder aufs Meer zu begeben und mich der Gefahr noch einmal zu unterwerfen, welcher ich vor kurzer Zeit so glücklich entgangen war. Hingegen war die Reise zu Lande, welche ich zu Fuß vorzunehmen willens war, zwar mühsamer und beschwerlicher, aber doch zugleich weit sicherer. Ich überlegte beides sehr wohl, und endlich erwählte ich das letzte, und zwar meistenteils auch deswegen, weil ich durch die Not dazu gezwungen ward. Ich hoffte auch, durch die beständige Bewegung mein Fieber zu vertreiben. Ich brach desfalls zu Ende des Hornungs von Rom auf und kam nach vierzehn Tagen gesund und vergnügt zu Florenz an. Im Anfange besorgte ich, daß die kurze Luft, womit ich geplagt war, mir die Kräfte benehmen dürfte, und deswegen ging ich auch sehr langsam, weil ich keine Ursache zu eilen hatte, außer daß ich mich bisweilen, um ein gutes Wirtshaus zu erreichen, etwas stärker angreifen und den Weg geschwinder wie sonst zurückelegen mußte. Aber durch das beständige Gehen ward ich mit der Zeit so abgehärtet, daß ich zu Florenz stärker und hurtiger zu Fuße war als zu Rom. Ich traf daselbst einen Deutschen an, welcher sich von freien Stücken anbot, daß er mich in der Stadt, um solche zu besehen, herumführen wollte. Ich dankte ihm für seine Höflichkeit und glaubte, daß sein gutes Gemüt ihn allein dazu antriebe. Da aber unser Spaziergang geendiget war und ich ihm durch die verpflichtesten Worte meine Danksagung abgestattet hatte, so trug er kein Bedenken, für seine Bemühung eine Bezahlung zu fordern. Dadurch hörte unsre vor kurzer Zeit aufgerichtete Freundschaft wieder auf. Denn man hat nicht nötig, jemanden für einen erwiesenen Dienst zu danken, wenn man denselben bezahlt. Und überdem wußte ich auch, daß er mit Recht keine Bezahlung fordern konnte, weil ich ihm nichts versprochen hatte. Und er konnte mich auch nicht zwingen, ihm etwas zu geben, weil er sich selbst von freien Stücken ohne mein Begehren angeboten hatte. Inzwischen fiel mir ein, was man zu sagen pflegt, daß man dem andern soviel und noch mehr wiedergeben soll, als man von ihm empfangen hat, wenn es möglich ist, und deswegen bezahlte ich ihn auch. Hierauf setzte ich meine Reise über das Apenninische Gebürge nach Bononien fort, woselbst ich, um von der Verordnung, in der Fastenzeit kein Fleisch zu essen, befreiet zu werden, zu einem Arzte ging und mir von demselben ein Zeugnis geben ließ, daß meine Krankheit mir nicht erlaubte, mich an dieses Gesetz zu binden. Ich erhielt dasselbe auch und verfügte mich gleich darauf zu den Priestern, die sich aus dieser Ursache in der Domkirche zu versammlen pflegten. Wie diese die Schrift des Doktors gesehen hatten, so erteilten sie mir die Erlaubnis, Fleisch zu essen, durch einen offenen Schein, welcher also abgefaßt war: Comme il Sign. Mich. Recco non puo senza pericolo di sanita guardare la Quaresima etc. Da man mich von diesen Gesetzen befreiet hatte, so reisete ich weiter nach Parma, Placenz und Turin, in welcher Stadt ich mich einige Tage aufhielt, nicht eben aus der Ursache, mich auszuruhen, sondern meine Neugierde zu vergnügen. Denn Turin ist die schönste Stadt unter allen, die ich jemals gesehen habe. In der Gegend, welche die neue Stadt genannt wird und den halben Teil der Stadt in sich faßt, sind alle Häuser so prächtig und so genau nach den Regeln der schönsten Baukunst aufgeführt, daß man diese Gebäude nicht für Häuser, sondern für einen sehr großen und sich sehr weit in die Länge erstreckenden Palast ansiehet. Man kann die Häuser auch sonst nicht als durch gewisse Merkmale und durch die Überschriften der Türen voneinander unterscheiden. Ich hielte mich zwei Tage in dieser prächtigen Stadt auf und setzte hiernächst meinen Weg weiter fort, da ich zugleich ausgeruhet und, wie ich glaubte, meinen Körper eine Erfrischung gegönnt hatte. Aber ich merkte, daß eben durch diese Ruhe meine Kräfte geschwächt worden. Es fallen einem die Reisen lange nicht so schwer, wenn man dieselben in einer nie unterbrochenen Folge fortsetzt, als wenn man solche immer wieder von neuem anfängt. So mühsam es ist, das Feuer wieder von neuem anzuzünden, welches doch durch die beständige Bewegung auf eine sehr leichte Art kann erhalten werden, so sorgt auch ein Reisender viel besser für seine Kräfte, wenn er beständig reiset, als wenn er viele Rasttage dazwischen hält, desfalls konnte ich auch im Anfange nicht anders als sehr langsam gehen und in den ersten Tagen kaum zwo oder vier Meilen zurückelegen. Wie ich aber wieder gewohnt worden, zu Fuße zu gehen, so befand ich mich ebenso munter und hurtig wie vorher. Von Turin reisete ich über die Alpen nach Savoyen, welches Land zwar wegen der vielen darin befindlichen Klippen und Berge einen fürchterlichen Anblick macht, aber dennoch mit sehr vielen schönen Örtern und Städten angefüllet ist. Man traf in beiden Fürstentümern noch viele traurige Spuren von der Grausamkeit der Franzosen an, welche fast alle Städte zerstört hatten. Aber desto leichter fiel es mir, allenthalben durchzukommen, da in den Plätzen, die ehedem sehr fest gewesen, aber nun durch den Krieg sehr viel gelitten hatten und allenthalben offen stunden, keine Besatzung befindlich war. Wie ich über die Alpen ging, so bemerkte ich an einem Tage drei Jahrszeiten. Auf der Ebne von Piemont war es so warm, wie es mitten im Sommer sein kann. Am Fuß der Alpengebürge schien es mir so kalt zu sein, als wenn der Winter bereits eingetreten wäre, und in Savoyen kam es mir vor, als wenn der Herbst seinen Anfang genommen hätte. Auf dieser Reise über die Alpen bedient man sich der Maulesel, welche man unten an dem Gebürge für einen sehr geringen Preis mieten kann. Oben auf dem Gebürge trifft man eine solche Ebne an, daß auch daselbst ein Wagen fahren könnte. Wie ich über diese Ebne gekommen war, so begegneten mir allenthalben Mietschlitten, worauf man in einigen Minuten hinunterfährt, oder wie es scheint, hinunterfliegt; und dieses nennen sie daselbst ramasser . Hierauf ging ich abermals zu Fuß durch Savoyen und Dauphine bis Lyon, wo ich glaubte, alle Mühe und Gefahr überwunden zu haben, da ich den Weg, welchen ich noch vor mir hatte, ohne Beschwerde zurücklegen konnte, wenn ich einige Meilen durch Burgund davon ausnahm. Weil ich noch soviel Geld übrig hatte, daß ich dem Schiffer die Fracht bezahlen konnte, so trat ich zu Lyon sehr vergnügt ins Schiff, aber der Ausgang war sehr schlecht. Ich erzählte meinen Reisegefährten den schlechten Zustand meiner Gesundheit, und diese rieten mir alle zum Trinken. Sie schrien alle aus einem Munde, es sei kein bewährteres Mittel gegen das Fieber vorhanden als ein Rausch, und ich müßte mich hiezu notwendig entschließen, wenn ich mich nicht ewig mit dem Fieber schleppen wollte. Ich ließ mich endlich durch ihr Zureden überwinden und trank den ganzen Abend in dem Wirtshause, worin wir eingekehrt waren, lustig mit ihnen herum und ging endlich ziemlich berauscht zu Bette. Weil ich aber krank und des Trinkens nicht gewohnt war, so ward mein Blut durch diesen Rausch so sehr erhitzt, und die Dünste hatten meinen Kopf so sehr eingenommen, daß ich mir vorstellte, meine Gefährten spotteten über mich, wie ich des Morgens frühe erwachte und dieselben mich mit ins Schiff ziehen wollten. Ich widersetzte mich ihnen also aufs äußerste. Da das Blut in einer so starken Wallung war, so wundere ich mich billig, daß meine Phantasie nicht noch ungereimtere Dinge hervorgebracht. Einige von meinen Reisegefährten griffen an meinen Arm, um mir die Ader zu öffnen, andre rissen mir die Kleider auf, um mir Luft zu machen, ich aber bildete mir ein, daß ich unter eine Rauberbande geraten war und rief deswegen nicht nur: Gewalt!, sondern ich flehete sie auch an, daß sie mir doch meine Freiheit und mein Leben schenken möchten. Ich mußte demnach allein in meinem Quartier zurückebleiben und büßte nicht nur meine Reisegefährte, sondern auch das Geld ein, welches ich dem Schiffer bereits gegeben hatte. An dem folgenden Tage aber, da ich diesen Rausch durch Fasten wieder gehoben hatte, erholte ich mich und legte den Weg, der nach Paris noch übrig war, zu Fuße ab. Wie ich hier ankam, so kannte mich weder meine Wirtin noch meine andern Freunde, teils, weil ich so braun im Angesichte geworden war, daß man mich für einen Mohren hätte ansehen sollen, teils, weil ich sehr stark am Leibe zugenommen hatte. Bei meiner Abreise nach Rom war ich so mager, daß ich fast durchsichtig war, nun aber kam ich so stark und völlig zurück, daß es nicht schien, daß ich so viele Länder zu Fuße durchgegangen, sondern daß vielmehr ich mich an einem Orte beständig aufgehalten und der Ruhe genossen hätte. So sehr zuträglich ist eine beständige Bewegung meiner Gesundheit. Ob ich mich auch gleich auf dieser ganzen Reise mit meinem Fieber plagen mußte, so hatte ich doch immer eine große Begierde zu essen, weil ich durch das immerwährende Gehen allezeit hungrig ward. Ich hielte mich einen ganzen Monat in Paris auf und wandte alle meine Zeit darauf, mein Fieber loszuwerden. Aber alle Mittel der bewährtesten Ärzte waren ebenso fruchtlos angewandt, als wenn man Wasser in ein Sieb gießet. Ich ließ demnach alle Hoffnung fahren, jemals von meinem Fieber befreiet zu werden, und machte vielmehr alle Anstalten, die Rückreise nach meinem Vaterlande ohne Verzug anzutreten. Doch ward meine Reise einige Tage aufgehoben wegen eines Streits, worin ich mit einem Bürger in Paris wegen einer gewissen Summe Geldes geriet, die ich bei ihm niedergesetzt hatte. Die Sache an sich war sehr klar, und dennoch erregte er mir einen Streit, weil der Wert des Geldes in meiner Abwesenheit heruntergesetzt war. Wir erwählten endlich einen gemeinschaftlichen Freund zum Schiedsmanne, welcher sich auch der Sache annahm und mir das Geld ohne den geringsten Abzug zuerkannte. Wie dieser Streit geendiget war und ich vermöge dieses Ausspruchs mein Geld erhalten, so reiste ich geradesweges nach Holland und fand bei meinem alten Wirte in Amsterdam alle meine Sachen in dem Zustande wieder, wie ich sie bei ihm zurückgelassen. Er war, wie er mir erzählte, bereits darauf bedacht gewesen, mein Zeug bei einer sich findenden Gelegenheit meinen Freunden zuzusenden, weil er nicht geglaubt, daß ich noch am Leben wäre. Bis hieher war das Fieber jederzeit mein beständiger Reisegefährte gewesen, und es erweckte bei allen eine Verwunderung, daß dasselbe weder durch die besten Arzneien, noch durch die beständige Bewegung, welche ich mir machte, konnte gehoben werden. Endlich ward ich davon auf eine ganz besondere Art befreiet. Unter meinen Freunden in Amsterdam war auch ein Bürger, welcher Adrian Geelmeyden hieß. Dieser war mein Landsmann und zu Bergen in Norwegen geboren worden. Er gab mir die Versicherung, daß er in seinem Hause einen Arzt hätte, welcher mich von meinem Fieber befreien sollte, ohne Geld für seine Bemühung zu fordern. Wie ich aber zu ihm in sein Haus kam, so fand ich anstatt eines Arztes einige Musikanten, mit denen ich ein Konzert zu halten pflegte, ehe ich nach Frankreich reisete. Diese boten mir ein Instrument an, und ich vertrieb den ganzen Tag bis in die späte Nacht mit Vergnügen und Musizieren, da ich mich endlich nach Hause verfügte und an dem folgenden Tage nach alter Gewohnheit mein Fieber erwartete. Aber ich fand, daß dasselbe ohne Zweifel nach Italien zurückgegangen war, wo ich es zum ersten Mal empfunden hatte. Ich habe auch nachher nicht den geringsten Anstoß von demselben gehabt, außer daß ich an den Tagen, da ich ehedem mit dem Fieber geplagt war, eine kleine Mattigkeit empfand. So ward ich durch die Musik wiederhergestellet, da alle Arzneien dieses nicht zu bewerkstelligen vermögend waren. Vielleicht dürfte man sagen, es wäre mir ebendasselbe begegnet, was andern Kranken zu widerfahren pflegt. Wenn diese ohne Arzneien gesund werden und die Krankheit endlich selbst weicht, so schreiben sie insgeheim ihre Gesundheit denen Ärzten zu, welchen sie sich zuletzt anvertrauet haben und verachten die andern, welche ihnen beigestanden da die Krankheit am heftigsten gewesen, wodurch sie aber denselben sehr zu nahe treten. Vielleicht scheint es einigen ebenso lächerlich, daß ich der Musik die Kraft zuschreibe, daß ich dadurch von dem Fieber befreiet worden. Es mag inzwischen durch die Kraft der Musik oder durch die Natur selbst geschehen sein, so war ich sehr froh, daß ich meine vorige Gesundheit wiedererlangt hatte. Gleich darauf ging ich zu Schiffe nach Hamburg und hiernächst gleich weiter zu Lande nach Kopenhagen. Wie ich wieder zu Hause angelangt war, so mußte ich mich zwei Jahr sehr kümmerlich behelfen und war deswegen auch sehr mißvergnügt, daß kein öffentlicher Lehrer mir Platz machen wollte, deren langes Leben mir höchst beschwerlich war. Inzwischen gab ich eine Schrift in dänischer Sprache unter diesem Titel heraus: Einleitung in das Natur- und Völkerrecht. Ich bauete meine Arbeit auf die Grundsätze des Grotius und Puffendorfs, welche nebst Christ, Thomasius meine Wegweiser waren. Anstatt des römischen Rechts sind die dänischen und norwegischen Gesetze angeführt, und die historischen Beispiele, wodurch die Moral pflegt erläutert zu werden, habe ich ebensowohl von den Taten der nordischen Völker als aus den römischen und griechischen Geschichten entlehnt. Aber dem gemeinen Manne gefiel diese Schrift nicht, da es doch einem jeden in die Augen leuchtet, daß den Untertanen dieses Reichs nichts nützlicher und vorteilhafter ist, als daß sie das Recht der Natur verstehen. Das dänische Gesetz ist so kurz gefaßt und eingeschränkt, daß ein Richter, wenn er in dem Rechte der Natur nicht wohl erfahren ist, öfters zweifelhaft sein muß, was er für einen Spruch fällen soll. In Deutschland und an den Örtern, wo das römische Recht eingeführt ist, verhält es sich ganz anders. Denn daselbst kann ein Richter, wenn er gleich selbst unerfahren ist und seiner eignen Einsicht nicht trauen darf, bei einem so großen Vorrate allemal finden, wie dieser Fall durch einen rechtserfahrnen und verständigen Mann bereits ehedem entschieden worden, und er urteilt also nicht selbst, sondern stimmt nur dem Ausspruche bei, den andre bereits vor ihm gefället haben. Aber bei einem so kurz gefaßten Gesetze wird weit mehr Mühe erfordert, ein Urteil zu entwerfen, da man sich bei einem Falle sehr viele andere ähnliche Fälle vorstellen muß. Ich könnte dieses weitläuftig ausführen, wenn ich mir vorgenommen hätte, eine Vorrede zu dem dänischen Gesetze zu schreiben. Jedoch diese kleine Schrift hatte ein sehr schlechtes Schicksal, indem von tausend Stücken, die gedruckt wurden, in zehn bis zwölf Jahren kaum dreihundert konnten abgesetzt werden. Der Buchführer, welcher die Kosten dazu hergegeben hatte, war sehr übel damit zufrieden, weil der Rest der Auflage dazu schien bestimmt zu sein, daß er vom Staub und Moder verzehrt würde. Vielleicht denken meine Landsleute, daß ich zu scharf urteile oder daß ich gesonnen sei, mit ihnen wegen der Liebe zu den Wissenschaften zu streiten, aber hievon bin ich weit entfernt. Ich will sie nicht anklagen, sondern ihnen nur bloß diese Erinnerung geben, daß sie hinfüro ihren Gelehrten keine Faulheit im Schreiben aufbürden, da sie selbst schuld daran sind, daß nicht mehrere Schriften ans Licht treten, sondern daß die meisten Handschriften entweder in den Schränken verschlossen bleiben oder den Krämern in die Hände geraten. Die Vornehmen in meinem Vaterlande legen sich mit einem größern Eifer als irgendeine andre Nation auf fremde Sprachen und lesen weit lieber französische und englische Bücher, damit sie sich zugleich die Sprache bekannt machen mögen, welche sie so sehr lieben. Der gemeine Mann aber ist so sehr an die geistlichen Schriften gewohnt, daß er nichts lieset, was den Namen einer weltlichen Abhandlung hat. Daher rührt es, daß einige arme Schriftsteller, um ihr Brot zu verdienen, so viele Gebetbücher, Kerne und Sterne der Gebeter, Himmelsleitern, Paradiesgärten, geistliche Andachten, und wie sie sonst die unzähligen Bücher von dieser Art zu nennen pflegen, zusammenschreiben, tausendmal aus andren wieder ausschreiben, neue Titel erfinden und für neue Bücher verkaufen. Wie ich zwei Jahre so elend zugebracht und in denselben fast alle Stunden und Minuten gezählt hatte, so ging endlich mein Glücksstern auf, worauf ich so lange gehofft hatte, und ich erhielt ein ordentliches Gehalt, wodurch meine unerträgliche Armut einigermaßen gelindert ward. Ich erhielte das Amt, die Metaphysik öffentlich zu lehren, ob es gleich gegen meine Neigung war. Deswegen prophezeiten diejenigen, welche mich genauer kannten, dieser vortrefflichen Wissenschaft den Untergang. Und hierin irrten sie sich auch nicht. Denn ich bekenne aufrichtig, daß ich die Fußstapfen meiner Vorgänger nicht betreten und daß die Metaphysik niemals in größerer Gefahr gewesen als unter meiner Vormundschaft. Doch verbarg ich meine Absichten im Anfange, so gut ich konnte, und hielt kurz darauf eine Rede zum Lobe der Metaphysik. Aber diese Rede war so beschaffen, daß alle wahre Verehrer der Metaphysik dieselbe nicht ohne Ärgernis anhören konnten, weil sie glaubten, ich hätte eine Leichenrede auf den Tod der Metaphysik, nicht aber eine Rede zu ihrem Lobe gehalten. Wie sie aber zwei Jahr bei mir in der Dienstbarkeit gewesen war, so ward sie endlich wieder auf freien Fuß gesetzt. Hiernächst geschahen bei der Akademie sehr viele Veränderungen. Einige öffentliche Lehrer gelangten zu der Würde eines Bischofs, andre wurden Prediger, und einige sturben. Hierdurch ward ich in einer kurzen Zeit Beisitzer im Consistorio und erhielt einen größern Rang und ein höheres Gehalt, welches sich, wie Ihnen bekannt ist, nach dem Alter richtet. Nun war ich also von Haus- und Nahrungssorgen befreiet, welche mir meine ganze Lebenszeit so sauer gemacht hatten. Ich war nunmehr auch einzig und allein darauf bedacht, meine Kräfte wieder zu erfrischen, welche durch eine so langwierige Krankheit, durch so viele beschwerliche Reisen und durch den Verdruß so vieler Jahre ungemein geschwächt waren, und meine übrige Lebenszeit in Ruhe und Stille zuzubringen. Aber es war ein andres über mich beschlossen. Einer von meinen Kollegen erregte mir einen Streit wegen gewisser Einkünfte, die nach der Stiftung dem Ältesten zufallen sollten. Wie aber die Sache von dem Consistorio untersucht worden, so ward mir das Vorrecht des Alters und zugleich das Recht zu den Einkünften zugesprochen. Kaum war dieser Streit beigelegt, so mußte ich mich schon wieder mit einem andern Feinde einlassen. Dieses war ein neuer Geschichtschreiber, welcher einen kurzen Begriff der dänischen Historie in deutscher Sprache herausgab. In der Vorrede zu diesem Werke hatte er; außer andern Fehlern, die ich hier übergehen will, alle dänische, sowohl alte als auch neue, Geschichtsschreiber heftig durchgezogen und einige für nachlässig, andre für Schwätzer und gelehrte Diebe angegeben. Ich ward gleichfalls unter ihre Anzahl gerechnet und hart angegriffen, da ich doch nur einen kurzen Auszug aus der Universalhistorie zum Nutzen der Jugend herausgegeben. Es ward mir insonderheit vorgeworfen, daß ich die nordische Historie aus dem Puffendorf ausgeschrieben hätte. Ich nahm diese Beschuldigung im Anfange sehr kaltsinnig auf und hielte es nicht der Mühe wert zu sein, wegen einer Sache zu streiten, die an sich selbst falsch war. Ich ward mit Gewalt unter die dänischen Geschichtschreiber gerechnet, da ich doch keine dänische Historie, sondern einen kurzen Begriff der Universalhistorie geschrieben hatte. Und überdem war ich auch damals, wie ich zuerst Hand an dieses Werk legte, noch nicht zu reifen Jahren gekommen. Ich schätzte deswegen dieses Urteil keiner Antwort würdig, sondern schwieg solange stille, bis ich endlich durch das unermüdete Anhalten meiner Feinde überwunden ward, welche mein Stillschweigen einer Trägheit oder Furcht zuschrieben. Ich gab demnach eine kleine Schrift unter diesem Titel heraus: Dissertatio Quinta De Historicis Danicis Quam in Collegio Regio publice tuebitur Paulus Ryterus cum Defendente pereximio Christiano Andreae. Dissertatio Quinta ...: Fünfte Abhandlung über die dänischen Geschichtsschreiber, welche in der Königlichen Gesellschaft öffentlich verteidigen wird Paulus Ryter unter dem Beistande des hochansehnlichen Christian Andreae. Diese kleine Dissertation ward mit großem Beifalle aufgenommen, nur der einzige Paulus Ryter bezeugte sein Mißfallen darüber, weil ich seinen Namen angenommen hatte. Doch dieser sechzigjährige Mann gab sich bald wieder zufrieden, da er hörte, daß diese Schrift zur Verteidigung des Vaterlandes geschrieben worden. In dieser Abhandlung wird allein die bittere Vorrede des Verfassers untersucht. Denn das Werk selbst durchzugehen und den Verfasser wegen der vielen Fehler, die er in den Geschichten und in der Zeitrechnung begangen hat, gleichsam im Triumph aufzuführen, solches ist mir niemals in den Sinn gekommen. Diese Art der Untersuchung hat gar zuviel Schulmäßiges bei sich. Denn wo tritt doch wohl jemals eine Schrift ans Licht, von welcher die streitbaren Scholastici nicht behaupten, daß ihr Verfasser auf allen Seiten gefehlt habe? Nicht lange darauf gab ebenderselbe Mann eine andere Abhandlung heraus, worin er zu behaupten suchte, daß die Ehen der nahen Anverwandten weder in dem göttlichen noch in dem natürlichen Gesetz verboten wären. Durch dieses Werk ward die kaum geheilte Wunde bei vielen wieder aufgerissen. Die Gottesgelehrten und Rechtserfahrnen griffen zu den Waffen, Meine Freunde trieben mich gleichfalls an, den Krieg wieder von neuen anzufangen. Ich ließ mich auch um so viel leichter dazu bereden, weil die vorige Hitze noch nicht völlig verraucht war. Desfalls setzte ich eine kleine Schrift auf und ließ sie unter diesem Titel drucken: Olai Petri Norvagi Dissertatio Juridica De Nuptiis Propinquorum in linea recta iure naturali prohibitis. Olai Petri Norvagi ...: Des Norwegers Olaus Petrus juristische Abhandlung über die vom Naturrecht verbotenen Ehen zwischen Verwandten in gerader Linie. In diesen wenigen Blättern widerlegte ich bloß die Einwürfe des Verfassers, welche er gegen die Gründe der Rechtsgelehrten beigebracht hatte, die andern Sätze, die in dieser Schrift enthalten waren, überließ ich der Untersuchung der Gottesgelehrten, wider welche dieselben größtenteils gerichtet waren. Aus dieser Ursache schien einigen Fremden, denen meine Absicht unbekannt war, diese Widerlegung nicht vollständig und hinlänglich. Ich wollte aber nicht aus meinen Grenzen gehen und mich in fremde Dinge mischen, desfalls hielte ich es am ratsamsten, nur einen kleinen Versuch zu wagen und das übrige den Gottesgelehrten zu überlassen. Einige glaubten auch, daß ich meine Widerlegung gar zu bitter abgefaßt und in beiden Abhandlungen gar zu stark gespottet hätte. Und vielleicht ist dieses Urteil nicht ungegründet. Aber meine Gemütsart bringt es mit sich, daß ich allemal im Scherz die Wahrheit sage. Dennoch habe ich mich aller Scheltworte enthalten und den guten Namen des Verfassers nicht angegriffen, da ich kein Feind des Verfassers war, sondern nur seine Schriften prüfte. Wie der Verfasser meine beiden Abhandlungen aufgenommen und wie derselbe gegen mich gesinnet sei, das weiß ich nicht. Ich überlasse die ganze Sache dem unparteiischen Urteile der gelehrten Welt, ja des Verfassers selbst, welcher wegen einer großen Dreistigkeit sehr gelinde von mir gezüchtiget worden. Aber ich erfuhr selbst hernach, was vielen großen Eiferern zu begegnen pflegt, daß sie bisweilen selbst in den Irrtum fallen, von dem sie andre überzeugen wollen. Da ich meine Feder gegen Stachelschriften schärfte, so ward ich selbst ein Satiricus und hatte auch ebendieselben, ja noch viel härtere Schicksale, welche den Satiricis begegnen pflegen. Caedimus, inque vicem praebemus erura sagittis. Vinitur hoc pacto ... Caedimus, inque vicem ...: Wir schlagen drein und lassen uns dafür unsererseits in die Beine schießen. So lebt man ... (Persius, Satiren IV, 42 f.) Bisher hatte ich alle meine Zeit auf die Rechtsgelahrtheit, die Geschichte und Sprachen angewandt und alles andre, insonderheit die Dichtkunst, an die Seite gesetzt. Diese war mir so sehr zuwider, daß ich auch an dem schönsten Gedichte kein Vergnügen finden konnte. Ich las zwar bisweilen lateinische Gedichte, aber doch nicht anders, als wenn ich dazu gezwungen war. Ich las sie auch nicht in der Absicht, daß ich ein Vergnügen daraus schöpfen wollte, sondern allein, mich in der lateinischen Sprache zu üben. So wie die Kranken alle Tage widrige Arzneien einnehmen, nicht deswegen, weil sie ihnen wohlschmecken, sondern weil die Ärzte sagen, daß sie zur Gesundheit dienen. Aber so ist es mit der Neigung der Menschen beschaffen. Bisweilen fängt man an, dasjenige hochzuschätzen, was man vorher verworfen hat. Die Veränderung der Studien ist uns ebenso angenehm und zuträglich wie dem Lande die Veränderung des Samens. Ich hatte bereits dreißig Jahre zurückgelegt, ehe ich mir jemals vorgenommen, ein Gedichte zu schreiben, ob ich gleich an einem Ort lebte, wo ebenso viele Poeten waren, als man Fliegen im Herbstmonate antrifft. Wie aber meine Ohren täglich durch lauter Verse betäubt wurden und ich sahe, daß fast alle Einwohner der Stadt Poeten geworden waren, so faßte ich endlich den Schluß, auch einen Versuch zu machen und ein Gedicht aufzusetzen, damit ich nicht allemal ein bloßer Zuhörer sein möchte. Ich machte also mit einer Stachelschrift den Anfang, worin ich mir vorsetzte, die sechste Satire des Juvenals nachzuahmen, und es ist dieselbe auch nebst andern Satiren vor kurzer Zeit ans Licht getreten. Wie ich damit zustande gekommen war, so zeigte ich sie nach einigen Tagen einem guten Freunde, welcher urteilte, daß die Gedanken zwar richtig und juvenalisch wären, aber die Regeln der Dichtkunst nicht in acht genommen worden. Er lobte ferner die gute Wahl der Sachen, aber er verwarf die Ordnung, welche ich erwählt, und die Wortfügungen, deren ich mich bedient hatte. Er unterrichtete mich hierauf in der dänischen Dichtkunst und gab mir gewisse Regeln, welche ich auch nachher sorgfältig beobachtete, sooft ich Gelegenheit hatte, ein Gedicht zu schreiben. Wie ich endlich noch einige Versuche gemacht und dieselben mir wohl gelungen waren, so nahm ich mir vor, das so bekannte scherzhafte Heldengedicht zu schreiben, welches noch jetzt von den Schweden und Deutschen gelesen und fast aus den Gedächtnis hergesagt wird, die sich, um dieses Gedicht zu verstehen, die dänische Sprache bekannt machten. Diese poetische Schrift ward auf verschiedene Art aufgenommen. Einige konnten ihren Zorn nicht bergen, sondern ließen denselben öffentlich ausbrechen. Einige zürnten heimlich, und wie die Neigungen der Menschen sehr unterschieden sind, so mißfiel einigen diese und andern jene Stelle. Einige wurden dadurch gegen mich aufgebracht, weil sie glaubten, daß sie unter verdeckten Namen hier abgeschildert wären. Andre besorgten wegen ihres bösen Gewissens ebendasselbe und verbunden sich untereinander, gegen den Verfasser die Waffen zu ergreifen. Noch andere, welche nicht gewohnt waren, etwas anders zu lesen als Hochzeits-, Leichen- und Lobgedichte, erstaunten über diese Neuerung und tadelten die Kühnheit des Verfassers. Einige bildeten sich ein, daß ihre Feinde hier durchgezogen würden. Diese nahmen das Gedicht mit Freuden auf und glaubten, daß sie hiedurch Anlaß erhalten hätten, über ihre Feinde zu spotten. Sie ließen auch keine Gelegenheit aus den Händen gehen, ihren Feinden die ihrer Meinung nach auf sie gerichteten Stellen vorzusagen. Hierdurch ward aber nichts anders ausgerichtet, als daß die Leute noch mehr in ihrer ungegründeten Meinung bestärkt wurden. Der gemeine Mann, welcher sich nur bei der Schale aufzuhalten pflegt, hielt dieses Gedicht für eine unnütze Arbeit eines Menschen, der sonst keine Geschäfte habe. Einige Gelehrte, welche die Sache genauer überlegten, sahen diese Blätter, wie insgemein geschieht, mit neidischen Augen an. Es fehlte aber auch nicht an gesunden Auslegern und beherzten Verteidigern dieses kleinen Werks, welche es für etwas Großes und Angenehmes hielten, auf eine solche scherzhafte Art die nützlichsten Wahrheiten zu sagen. Und wie nachher mein Name bekannt ward, so erhielt ich desfalls von ihnen eine doppelte Danksagung. Anstatt daß einige daher Anlaß nahmen zu sagen, daß man anfinge, die Dichtkunst in ein Geschwätze zu verwandeln, so urteilten diese vielmehr, daß man nun aufhörte, dieses zu tun, und daß man nun ein Gedichte hätte, welches man ohne Schande den Franzosen und Engländern zeigen könnte. Durch deren Vorstellung ließ ich mich überreden, dieses Gedicht völlig zustande zu bringen, welches denn in einer kurzen Zeit ein großes Werk ward und aus vier Teilen bestand. Es ward auch in anderthalb Jahren, welches bisher noch keinem dänischen Buche jemals widerfahren war, dreimal wieder aufgelegt. Die letzte Ausgabe, welche ich aufs neue durchgesehen und ausgebessert, war vollständiger als die ersten und auch noch überdem mit Kupfern gezieret. Ich habe vor kurzer Zeit erfahren, daß meine Gedichte auch in Schweden und Deutschland verkauft werden, und freue mich, daß dieselben auch außerhalb Landes ebendenselben Beifall finden, den sie in meinem Vaterlande erhalten haben. Vielleicht dörfte mir dieses jemand als eine Ruhmrätigkeit oder als ein eigen Lob auslegen. Es ist zwar den Dichtern erlaubt, sich selbst sittsam zu rühmen, dennoch urteile ich aber in diesem Falle nicht selbst, sondern ich führe nur an, was andre davon geurteilet haben. Und die Urteile andrer Leute über mich und meine Arbeiten erwecken mir allemal ein Vergnügen, sie mögen gegründet sein oder nicht. Wenn ich meine eigne Meinung von dieser Sache entdecken soll, so halte ich dasjenige für anständig und unschuldig, was an so vielen Orten von allen gebilliget wird, und was auch die allerernsthaftesten mit Anmut und Vergnügen lesen. Es würde zu weitläuftig und Ihnen, mein Herr, zu beschwerlich sein, wenn ich die Unruhe, welche durch dieses kleine Werk erregt worden, und die Beschuldigungen, womit man dasselbe angegriffen, hier umständlich erzählen wollte. Ich übergehe dieses alles vielmehr mit Stillschweigen. Dieses einzige will ich nur anführen, daß dies Gedicht auch von den höchsten und weisesten Räten Sr. Majest. selbst untersucht und für eine unschuldige und aufgeweckte Schrift erkläret worden. Wie dieser Streit geendiget war und sich der Haß mit der Zeit verlor, den ich mir durch die Historie des Peter Paarsens, welchen Titel mein Gedicht führte, zugezogen hatte, so fing ich an, auf andre Satiren zu denken, und ließ gleich darauf noch fünf andere ans Licht treten. Die erste Satire ist die schärfste und spottet über die Torheit des menschlichen Geschlechts. Sie führt die Aufschrift: Democritus und Heraclitus. Die andre enthält eine Verteidigung des Sängers Tigellius. Es wird in derselben erwiesen, daß weder Horatius noch die meisten Menschen in der Welt von der Unbeständigkeit frei sind, welche Horatius dem Tigellius aufbürdet. In der dritten Satire wird die Historie des Peter Paarsens beurteilet. Die vierte Satire ist diejenige, in welcher ich den Juvenal nachzuahmen gesucht: Der Dichter sucht seinen Freund, einen alten Mann, von seinem Vorhaben, ein junges Mädchen zu heiraten, abwendig zu machen. Die fünfte Satire ist eine Schutzschrift über das Frauenzimmer. Es wird dargetan, daß das weibliche Geschlecht nicht nach dem Rechte der Natur, sondern bloß durch willkürliche menschliche Gesetze von allen öffentlichen Bedienungen und Ämtern ausgeschlossen worden. Einer jeden Satire ist eine Vorrede vorgesetzt, worin die Absicht dieser Gedichte entdeckt und die Gemütsart des Dichters bekannt gemacht wird und zugleich die Vorwürfe, welche man denselben machen könnte, abgelehnet werden. Der Zorn legte sich zwar nunmehro einigermaßen, dennoch aber hörte derselbe nicht gänzlich auf, und er ist auch noch nicht völlig verschwunden. Noch sind viele, welche einander heimlich ermahnen, daß man sich für den Dichter hüten müsse, dessen scharfe Feder mit einem so großen Nachdruck die Fehler der Menschen abmale. Wie ich einmal von einem nicht ungelehrten Manne ersucht ward, auf seinen Bruder, welcher ein sehr unordentliches Leben führte, eine Schmähschrift zu machen, so antwortete ich ihm mit den Worten des Plinius: Man muß die Laster und nicht die Menschen verfolgen. Wenn ich außer den Schranken weichen und einen jeden tadeln wollte, so würde ich von mir selbst den Anfang machen. Durch diese aufrichtige Erklärung, welche ich öfters wiederholete, konnte ich doch die bösen Gedanken, welche man von mir gefaßt hatte, nicht austilgen. Die meisten glauben noch und lassen sich diesen Irrtum nicht benehmen, daß unter allen Worten, die ich rede, ein heimliches Gift verborgen sei, und aus dieser Ursache sehen sie auch meine Auslegungen nicht für aufrichtig, sondern als eine Frucht der Furcht an. Wenn ich auch nur von den Jahrszeiten oder von dem Wetter rede, so legt man diesen Worten gleich einen doppelten Sinn bei, wie sie teils nach den Buchstaben, teils nach meiner Absicht können verstanden werden: Da doch niemand offenherziger ist als ich. Diejenigen kennen mich nicht recht, welche mich für einen Meister in der Kunst, sich zu verstellen, ansehen. Weil ich von Natur hitzig und zum Zorn geneigt bin, so ist es mir ohnmöglich, weder durch Kunst noch mit Macht, meine Affekten zu unterdrücken und eine andere Gestalt anzunehmen, als die mit meinem Herzen übereinstimmet. Was ich auf dem Herzen habe, das entdecke ich frei, und man kann den Zorn oder die Freude allemal aus meinem Gesichte lesen. Wenn ich mich desfalls wegen einer Schwachheit, die ich an mir habe, tadeln wollte, so könnte solches mit weit mehrerm Rechte deswegen geschehen, weil ich gar zu offenherzig bin, als weil ich gar zu sehr heuchele. Übrigens ist es einem jeden, sowohl aus den meisten Satiren, als auch aus der Rede, die ich zum Lobe der Metaphysik hielte, bereits zur Gnüge bekannt, daß mir nichts so schwerfalle, als jemanden zu loben. Wie ich Sekretär der Akademie war und es mein Amt erforderte, eine öffentliche Schrift abzufassen, worin diejenigen, welche den Titel eines Baccalaurei oder Magistri annehmen, nach der alten Gewohnheit mußten gelobt werden, so prophezeiten meine Freunde gleich, daß diese Arbeit keinen guten Ausgang nehmen würde. Und hierin irrten sie sich auch nicht. Denn mein Programma ward unterdruckt, und man redete in der ganzen Stadt sehr übel von mir. Ob man aber in diesem Stücke recht mit mir verfahren, solches werden Sie, mein Herr, am besten aus der Schrift selbst urteilen können, die ich hier von Wort zu Wort mitteile.   Urteilen Sie nunmehro selbst nach Dero großen Einsicht, ob dieses Programma so beschaffen sei, daß man deswegen einen so großen Streit anfangen dürfen. Urteilen Sie selbst auch hier so redlich und aufrichtig, wie Sie sonst zu tun gewohnt sind. Ich will mit Ihrem Urteile zufrieden sein und diese Schrift für verwerflich erkennen, wenn Sie dieselbe nicht billigen. Ich werde es aber auch gerne dulden, daß andre dieses Programma verwerfen, wenn ich nur damit bei Männern von Dero Einsicht Beifall finde. Zum wenigsten ward dieses Programma, weil man es öffentlich auszuteilen verboten hatte, sehr teuer bezahlt, so wie sich ein Gerüchte immer stärker ausbreitet, je mehr man solches zu unterdrucken sucht. Endlich ward ich einer solchen fruchtlosen Arbeit überdrüssig, welche mir einen so schlechten Lohn und einen so geringen Nutzen brachte, und nahm meine alten Bemühungen wieder zur Hand, welche ich eine so lange Zeit an die Seite gesetzt hatte. Ich nahm mir vor, das Werk zustande zu bringen, woran ich bereits vor einigen Jahren zu arbeiten angefangen. Es begreift dasselbe eine kurze Abbildung der geistlichen und weltlichen Verfassung in beiden Reichen. Wie ich aber mit dieser Arbeit beschäftiget war, so geriet ich auf die Gedanken, nach dem Beispiel andrer Völker, einige Schauspiele in dänischer Sprache abzufassen. Ich glaubte selbst, daß ich nicht ganz ungeschickt sein möchte, solche Fabeln zu schreiben, und deswegen bat man mich sehr oft, die Arbeit wieder fortzusetzen, welche ich neulich verlassen und fast verschworen hatte. Auf der einen Seite reizte mich das inständige Anhalten meiner Freunde, unter denen sich auch die vornehmsten Herren in der Stadt befanden, deren Befehl ich nicht gerne ungehorsam sein wollte. Auf der andren Seite aber schreckte mich von diesem Vorhaben der Verdruß ab, den dergleichen Schriften mit sich zu führen pflegen. Aus den Anfällen, die ich vorher erlitten, hatte ich bereits zur Gnüge gelernt, wie beschwerlich es sei, sich mit der ganzen Welt in einen Krieg einzulassen. Endlich ward ich durch das unermüdete Anhalten meiner Freunde überwunden, meine vorigen Arbeiten wieder anzufangen, und schrieb die Schauspiele, welche nachher auch gedruckt worden und nun in jedermanns Händen sind. Ich habe mir in diesen neuen Schauspielen insonderheit angelegen sein lassen, neue Laster anzugreifen, die von andern noch nicht vorgestellt worden und zu welchen die dänische Nation für andern geneigt ist. Ich unterwarf meine Arbeit zuerst der Prüfung einiger Freunde und war annoch zweifelhaft, ob ich dieselbe sollte ans Licht treten lassen. Weil aber meine Freunde nicht nachließen, mich darum zu bitten, und ich auch besorgen mußte, daß die Stücke verstümmelt und unvollkommen herauskommen möchten, so gab ich doch endlich die fünf ersten Stücke einer hiesigen Bande Komödianten zur öffentlichen Vorstellung. Das erste Schauspiel führte den Namen ›Der politische Kanngießer‹ und ward im Jahr 1722 mit dem größten Beifalle aufgeführt. Es war eine solche Menge von Zuschauern gegenwärtig, daß viele im Vorhofe mußten stehenbleiben, die sich auf keine Art durchdrängen konnten. Einigen aber mißfiel dieses Lustspiel doch, weil sie den Endzweck desselben nicht einsahen und sich einbildeten, daß der Magistrat der Stadt darin durchgezogen worden, da man doch noch niemals eine Komödie geschrieben, welche das Ansehen obrigkeitlicher Personen nachdrücklicher behauptet. Die Satire zielt allein auf gemeine Leute, welche in den Wirtshäusern die Obrigkeiten und Feldherrn tadeln, das Verhalten der Könige und Fürsten untersuchen und von allen ein freches Urteil fällen, daß man denken sollte, es wären keine geringe und gemeine Leute, sondern die erfahrensten Generals und die verdientesten Bürgermeister versammlet, welche ihre Ämter niedergelegt und sich der Ruhe gewidmet hätten. Die Torheit dieser Leute wird in diesem Lustspiel in der Person des Kanngießers lächerlich gemacht, zu dem einige Ratsherren gleichsam als Abgeordnete des ganzen Rats zu dem Ende kommen, daß sie ihm einbilden mögen, er sei zum Bürgermeister erwählt worden. Wie er hierauf in allerhand Geschäfte eingeflochten wird, welche er auszurichten nicht vermögend ist, so lernt er daraus, wie beschwerlich es sei, einer Republik vorzustehen. Er wird auch dadurch bewogen, seine vorige Torheit einzusehen und zu verlassen, die Schwäche seines Verstandes zu erkennen und sich inskünftige in seinen Schranken zu halten. Ich glaube nicht, daß man eine bessre und nützlichere Materie, besonders in freien und Reichsstädten, erwählen kann, wo die Freiheit des gemeinen Pöbels im Reden so weit gehet, daß sie weder durch Gesetze noch durch Strafen kann eingeschränkt werden. Das andre Lustspiel führt den Namen ›Lucretia oder die Wankelmütige‹ und tadelt hauptsächlich die törichte Unbeständigkeit des Sinnes, welche bei vielen angetroffen wird. Der Inhalt ist nicht gemein und noch von niemanden auf der Schaubühne vorgestellt worden. Die Hauptperson in diesem Schauspiele ist ein unbeständiges und wankelmütiges Frauenzimmer, deren Sitten die Frau Montaigu so lebhaft vorzustellen wußte, daß man es nicht besser wünschen konnte. Dennoch ward dieses Lustspiel von einigen kaltsinnig aufgenommen, weil sie glaubten, daß verschiedene Auftritte gar zu ernsthaft wären. Andre aber, welche die Sache genauer einsahen, schätzten dieses Lustspiel ebensohoch als alle übrigen. Dieses ist mir Ehre genung. Die rechten Tonkünstler richten sich nicht nach dem Urteil ihrer meisten Zuhörer, sondern nach dem Ausspruch der wenigen Kenner. Und es ist mir gleichgültig, was die meisten urteilen, ich bin zufrieden, wenn ich nur den Beifall von einigen erhalte, die imstande sind, ein richtiges Urteil davon zu fällen. Das dritte Lustspiel ist ›Jean de France oder der dänische Franzose‹. Hierin wird die Torheit unsrer Jugend lächerlich gemacht, welche in großer Anzahl außerhalb Landes reisen und, wenn sie ihre Mittel durchgebracht haben, halb nackend, aber reich an törichten und abgeschmackten Sitten zurückekommen und hiernächst alles in ihrem Vaterlande mit Verachtung ansehen. Von diesem Lustspiele kann man mit Recht sagen: Omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci, Omne tulit ...: Allgemeinen Beifalls erfreut sich, wer das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden weiß. (Horaz, Ars poetica, 343) denn es ist nützlich und aufgeweckt abgefaßt. Das vierte Lustspiel ist ›Jeppe auf dem Berge oder der dänische Menalcas‹. Die Materie habe ich aus der Utopia des Bidermanns entlehnt, und desfalls eigne ich mir auch keinen Ruhm wegen dieser Arbeit zu. Doch hat mir Bidermann nur den ersten Stoff dazu hergegeben. Die erste Vorstellung ging nicht gut vonstatten, weil die Komödianten eben an demselben Abend untereinander uneins geworden waren. Aber die andre Vorstellung geriet desto besser. Dieses Lustspiel erhielt dadurch noch eine besondre Annehmlichkeit, weil ein Mitglied der Bande einen seeländischen Bauer in Absicht auf die Sprache, Gebärden und Sitten vortrefflich vorzustellen wußte. Das fünfte Lustspiel, ›Gerhard Westphaler oder der schwatzhafte Balbierer‹, mißfiel allen Zuschauern so sehr, daß sehr viele weggingen, ehe noch die Komödie geendiget war. Einige schlichen sich heimlich weg, einige aber gingen offenbar von dem Schauplatze. Dieses hätte ich mir niemals vorgestellt, weil ich dieses Lustspiel jederzeit fast allen andern vorgezogen. Wie ich die Ursache erfuhr, wesfalls diese Komödie einen so schlechten Beifall gefunden, und daß es den Zuhörern verdrießlich gewesen, daß einerlei Rede so oft wiederholt worden, so setzte ich eine Vorrede zu dieser Komödie auf, worin ich dieselbe verteidigte und die Absicht derselben entdeckte. Eben die beständige Wiederholung war der Kern der Satire, und es fehlte diesem Lustspiele nichts, als daß man dem Balbierer anstatt dreier Historien, womit er seine Freunde ermüdete, nur eine in den Mund legte, und ihn dieselbe immer wiederholen ließe. Wie ich hierdurch den Irrtum gehoben hatte, so veränderten sich auch die Gemüter. Und diejenigen, welche vorher dieses Lustspiel aufs äußerste verachtet hatten, hielten dasselbe nunmehr für eines der allerangenehmsten Schauspiele. Das sechste Lustspiel führt den Namen ›Der eilfte Junius‹. Weil dasselbe an eben diesem Tage zum ersten Mal aufgeführt ward, so ward dadurch fast die ganze Stadt angereizt, die Vorstellung desselben mit anzusehen. Der Inhalt der Komödie besteht darin: Ein großer Kapitalist sendet seinen einfältigen Sohn nach Kopenhagen, um die Zinsen von den ausgeliehenen Geldern einzufordern. Denselben sucht ein Schuldner, welcher dem großen Kapitalisten sehr viel zu bezahlen hatte, bei dieser Gelegenheit zu betriegen. Der Diener des Schuldners gibt sich für einen Vetter des jungen Menschen aus und spielt seine Rolle so gut, daß er nicht nur seinen Herrn von allen Schulden befreiet, sondern auch den jungen Menschen fast nackend ausplündert. Dieses Lustspiel ist sehr aufgeweckt, aber nach dem allgemeinen Geschmack eingerichtet. Ich muß bisweilen meine eigne Neigung an die Seite setzen und mich nach dem Geschmacke des größten Haufens richten. Das siebente Schauspiel ist ›Die Wöchnerin oder die Wochenstube‹, worin alle Beschwerden und Gebräuche, die in Wochenstuben üblich sind, mit lebendigen Farben abgemalt werden, welche Umstände noch empfindlicher und unerträglicher sind als die Geburtsschmerzen selbst. Es wird eine große Anzahl Frauenzimmer aufgeführt, welche mit verdrießlichen und abgeschmackten Glückwünschen wie auch mit andern höflichen Beschwerden die arme Wöchnerin plagen. Weil dieses Lustspiel den Torheiten des Frauenzimmers recht den Spiegel vorhält, so glaubten einige dadurch beleidiget zu sein. Aber eben aus diesem Grunde halten vernünftige Richter dieses Lustspiel für eines der allerbesten. Das achte Lustspiel besteht bloß aus einem Aufzuge und wird ›Der Empiricus oder das arabische Pulver‹ genannt. Hierin werden die Toren lächerlich vorgestellt, welche sich auf eine recht unsinnige Art bemühen, Gold zu machen. Es wird ein Betrieger aufgeführt, welcher sich für einen Goldmacher ausgibt und einen vornehmen Herren zu hintergehen sucht, welcher sich denn auch durch dessen List dergestalt einnehmen läßt, daß er glaubt, den Stein der Weisen bereits zu besitzen. Endlich aber erfährt er, wiewohl zu späte, mit seinem größten Schaden, daß er betrogen worden, und beklagt mit Tränen, daß er dem fremden Betrieger gar zu leicht Glauben zugestellet. Es zielt aber dieses Lustspiel nicht allein auf die Goldmacher, sondern es begreift auch andre Vorstellungen in sich, welche diese Komödie sehr reizend und angenehm machen. Sobald sich das Gerüchte ausbreitet, daß dieser Mann aus gemeinem Stande durch Hülfe eines Pulvers Gold machen kann, so geraten alle Einwohner der Stadt in Verwunderung, und auch diejenigen, welche ihn vor kurzer Zeit verachtet hatten, dringen nebst andern in sein Haus, um ihren Glückwunsch abzulegen, und verraten dadurch ihre schändliche Verstellung. Das unvermutete Glück aber macht den andern Mann stolz, er empfängt diejenigen, welche ihm Glück wünschen wollen, auf eine sehr hochmütige Art und wirft ihnen in einer bittern Anrede ihre schändliche Aufführung vor. Wie er aber noch hiermit beschäftiget ist, so wird der Betrug entdeckt, und das ganze Haus erschallet von Heulen und Lachen. Weil der Inhalt dieses Lustspiels so wichtig ist, so ist an demselben nichts weiter auszusetzen, als daß es nur aus einem Aufzug bestehet. Mit einem ebenso großen Beifall ward das neunte Schauspiel, ›Juulestue oder die Weihnachtstube‹, von den Zuschauern aufgenommen. Es ist nichts Wichtiges darin vorgestellt worden, aber es ist so lustig, daß man fast kein Wort davon hören konnte, wie es zum ersten Male vorgestellt ward, weil die Zuschauer durch ihr lautes Lachen solches verhinderten. Die Komödianten selbst konnten sich des Lachens kaum enthalten, und es fehlte nicht viel, so hätte man deswegen die Vorstellung in der Mitte abbrechen müssen. Das zehnte Lustspiel ist von ebenderselben Beschaffenheit und führt den Namen ›Das Bacchusfest oder die Maskerade‹. Es ist zweifelhaft, ob dasselbe dem gemeinen Manne mehr gefallen, welcher nur auf das siehet, wodurch das Auge gereizt wird, oder den Vornehmen, welche zugleich das Ohr wollen vergnügt wissen. Der Inhalt ist angenehm und verliebt, und die Unterredungen sind durchgehends satirisch. Es ward dieses Lustspiel dreimal nacheinander aufgeführt, welches Glücke noch keiner Komödie bei uns jemals widerfahren. Das eilfte Schauspiel, ›Jacob von Tyboe oder der prahlende Soldat‹, gefiel den Zuschauern gleichfalls, obgleich die Materie nicht neu war und ich in diesem Lustspiele einen Vorgänger an dem Plautus hatte. Ich halte aber selbst dafür, daß dieses Stück in etwas verändert werden müsse, weil gar zu lange Soliloquia darin vorkommen, welche zwar wegen der darin enthaltenen witzigen Stellen einem Leser, nicht aber den Zuschauern zum Vergnügen gereichen. Das zwölfte Lustspiel, ›Ulysses‹, ward mit größerm Beifall aufgenommen. Hierin werden die abgeschmackten Komödien, da man eine Zeit von fünfzig Jahren in einem Abend vorstellt und gar keine Regeln der Schaubühne beobachtet, scharf durchgezogen. Solche Schauspiele pflegten ehedem von Landstreichern hieselbst gespielet zu werden. Dieses Lustspiel enthält eine Zeit von vierzig Jahren, die Maschinen werden stets verändert, die Fürsten und Generals unterscheiden sich bloß durch ihre hohen und schwülstigen Reden. Sooft ein König die Bühne betritt, so werden die Trompeten geblasen. Die Personen in diesem Lustspiele sind in dieser Stunde jung und in der andern sind sie schon so alt, daß sie auf der Grube gehen. Allenthalben werden Fehler in der Zeitrechnung gemacht, die Personen und Örter erhalten unrichtige Namen, und es ist nichts ausgelassen, was man in den Komödien der Landstreicher zu bemerken pflegt. Alle diese Fehler entdeckte Harlekin, ein Diener des Ulysses, auf eine so geschickte Art, daß dieses Lustspiel nicht nur dem gemeinen Mann gefiel, der doch sonst an moralischen und kritischen Vorstellungen keinen Gefallen findet, sondern es war auch den Großen und Vornehmen angenehm. Das dreizehnte Lustspiel führt den Namen ›Kildereise oder Brunnenreise‹. Dieses zielt auf diejenigen, welche sich eine so große Vorstellung von der Kraft eines Brunnens machen, der nicht weit von Kopenhagen liegt, und daher zu einer gewissen Jahreszeit, nämlich in der Johannisnacht, in großer Menge dahin wallfahrten. Das vierzehnte Stück ist eine Tragikomödie und heißt ›Melampus‹. Der Held in diesem Stücke ist ein kleiner Hund, welchen zwo Schwestern zugleich so heftig lieben, daß daher unter ihren beiden Liebhabern ein großer Streit entsteht. Es wird aber endlich dieser Krieg durch den Bruder der beiden Schwestern glücklich beigelegt, welcher den Hund, um den sie stritten, aus dem Wege räumte. Diese Vorstellung gefiel den Zuschauern ganz außerordentlich, wegen der seltnen und wohlausgeführten Erfindung, denn da die Betrübnis, welche aus einer so geringen und lächerlichen Ursache entstanden, überaus glücklich ausgedruckt wird, so werden die Zuschauer sowohl zum Lachen als Weinen bewogen. Dieses Stück hat eine doppelte Absicht. Teils werden die Trauerspiele lächerlich gemacht, die bloß in weitläuftigen und prächtigen Worten bestehen, teils werden dem Frauenzimmer einige höfliche Wahrheiten gesagt, welche, wie der Poet sich ausdrückt: Morte Viri cupiunt animam seruare catellae. Morte Viri ...: ... den Mann umbringen möchten, wenn sie damit dem Schoßhündchen das Leben retten könnten. (Juvenal, Satiren VI, 654) Das funfzehnte Schauspiel führt die Aufschrift ›Zweene ungleiche Brüder‹. Die Helden in diesem Stücke sind zweene Brüder, von denen der eine abergläubisch ist und alles glaubt, der andre aber will gar nichts glauben. Ein Freund sucht ihnen beiden zu helfen, durch seine Bemühung aber verfällt der Zweifler in den Aberglauben, und der vorher alles geglaubt hat, glaubt nun nichts mehr. Dieses Schauspiel zeigt, daß man niemals die Mittelstraße wähle, sondern daß der Eifer, jemanden von seinem Irrtum zu überzeugen, öfters so weit gehe, daß man selbst auf die entgegengesetzte Seite fällt. Aber dieses Schauspiel ist angenehmer, wenn man es lieset, als wenn man es aufführen sieht. Diese funfzehn Lustspiele wurden in drei Bänden herausgegeben, von denen der erste dreimal in zwei Jahren gedruckt worden. Die andern wurden damals nicht unter die Presse gegeben, aber doch der Schaubühne mit Beifall der Zuschauer aufgeführt. Das erste Lustspiel hieß ›Dieterich von Menschenschreck oder der listige Henrich‹. Diesen Namen hat der Diener in allen meinen Lustspielen. Das andre ›Henrich und Petronille‹. Das dritte ›Der Pfalzgraf oder der verpfändete Bauernjunge‹. Das vierte ›Der geschäftige Müßiggänger‹ und das fünfte ›Der treulose Stiefvater‹. Einige wunderten sich, daß ich in einer so kurzen Zeit zwanzig Lustspiele schreiben können, von denen die meisten solche Laster und Torheiten angreifen, die von andern noch nicht berühret worden. Einige bildeten sich auch ein, man könne auf mich deuten, was Horaz sagt: Nam fuit hoc vitiosus, in hora saepe ducentos Ut magnum, versus dictabat, stans pede in uno. Nam fuit hoc vitiosus ...: Denn das war seine Schwäche: in einer Stunde diktierte er oft, als wäre das etwas Großes, stehenden Fußes zweihundert Verse. (Horaz, Satiren I, 4, 9 f.) Aber diese Leute kann man nicht widerlegen, wo man nicht zugleich seinen eignen Ruhm ausbreiten will. Dieses einzige will ich nur anführen, daß meine Komödien, welche mit den besten Lustspielen des Moliere wechselsweise aufgeführt wurden, mit einem gleichen Beifalle aufgenommen worden, außer daß die Vorstellung der Molierischen Stücke besser vonstatten ging, da der Herr Montaigu, ein berühmter französischer Schauspieler in Kopenhagen, seine Leute in der Art des Vortrags, in den Sitten, Gebärden und andern Umständen aufs sorgfältigste unterrichtete. Hiezu kommt, daß fast keine Nation so wenigen Geschmack an dem findet, was bei ihnen zum Vorschein kommt, als meine Landsleute. Insonderheit hat das Frauenzimmer in diesem Lande den Fehler an sich, daß es weder etwas gerne siehet oder höret, wo es nicht in der französischen Sprache abgefaßt worden. Daß also meine Lustspiele einen so großen Beifall funden und so oft zum größten Vorteil der Komödianten aufgeführt wurden, solches rührte weder daher, daß sie neu waren, noch daß die Vorstellung derselben mit glücklichem Erfolg geschahe. Es fehlte vielmehr nicht an solchen Leuten, welche diese Schauspiele mit neidischen Augen ansahen und solche heimlich und offenbar ihres Ruhms zu berauben suchten. Allein ihre Bemühung ist vergebens gewesen, denn meine Schauspiele haben ihren Wert behalten und werden auch noch von vornehmen und geringen Personen hochgeachtet. Sie wundern sich, mein Herr, in Ihrem letzten Schreiben, daß die Schauspiele bei uns aufgehört haben. Ich aber wundere mich noch weit mehr, daß dieselben noch so lange haben dauren können. Sie beklagen desfalls das Publikum und zugleich auch mich. Daß Ihnen, in Absicht auf das gemeine Wesen, der Untergang des dänischen Schauplatzes nahegehe, solches glaube ich sehr leicht, da ich weiß, wie patriotisch Sie gegen Dänemark gesinnet sind. Dieses ist auch von andern geschehen, die eben eine so zärtliche Liebe gegen ihr Vaterland hegen, wie Sie, mein Herr, zu tun gewohnt sind, und welche jederzeit in den Gedanken gestanden, daß die Ehre und der Nutzen der dänischen Nation durch die Schauspiele gar sehr befördert worden. Alle wohlgesittete Völker haben sich die äußerste Mühe gegeben, ihre Schaubühnen gut einzurichten, und eifern stets miteinander, die Schauspiele so regelmäßig und vollkommen zu machen, als es nur immer möglich ist. Und so muß es ja der dänischen Nation notwendig zur Ehre gereichen, wenn dieselbe auch in diesem Stücke andern Völkern nichts nachgeben darf. Der Nutzen, welchen die Schauspiele leisten, leuchtet einem jeden in die Augen. Die Tugenden und Laster werden in denselben mit lebendigen Farben abgeschildert. Der gemeine Mann hatte davon vorher gar keinen Begriff, weil er keine andere Komödien gesehen hatte, als welche die Landstreicher hier ehedem aufzuführen pflegten. Solange der dänische Schauplatz noch imstande war, so lange konnten die fremden und elenden Komödianten von unsern Grenzen abgehalten werden, welche sonst gewohnt waren, alle Jahre hierherzukommen, und nicht nur das Geld aus dem Lande schleppten, sondern auch die Zeit verdurben und ihren Zuschauern böse Sitten beibrachten. Wie Sie, mein Herr, vor einigen Jahren hier in der Stadt waren und nicht ohne Vergnügen anhörten, wie eine Magd über die Torheit des menschlichen Geschlechts, die man in den Schauspielen vorstellet, vernünftig urteilte, so brachen Sie in diese Worte aus: Die Stadt ist glücklich, wo die Dienstmägde philosophieren. Ich will den Nutzen nicht einmal berühren, welcher mit den Schauspielen verbunden ist, daß die dänische Sprache dadurch zu einer mehrern Reinigkeit kann gebracht werden, welche wegen der Unachtsamkeit der Schriftsteller noch viele Fehler hat. Ihr Urteil ist demnach vollkommen gegründet, wenn Sie den Untergang des dänischen Schauplatzes in Absicht auf das gemeine Wesen bedauren. Warum Sie aber auch mich zugleich beklagen, solches kann ich nicht einsehen. Ich bin nunmehr von allem Streit, von aller Arbeit und Mißgunst befreiet, womit ich stets beladen war, solange die Schauspiele währten. Diese Frucht brachte mir meine Bemühung an diesem Orte, da im Gegenteil ein Verfasser in Frankreich oder England durch ein Schauspiel, wenn es Beifall findet, zwei- bis dreitausend Reichstaler gewinnen kann. Desfalls sollten Sie mir billig Glück wünschen, daß ich von so beschwerlichen und kostbaren Arbeiten nunmehro befreiet worden. Ich merkte endlich, daß meine Kräfte durch diese geschwinden und beständigen Arbeiten sehr geschwächt wurden. Ich faßte daher den Schluß, nach Aken ins Bad zu gehen, und trat auch diese Reise wirklich im Jahr 1725 im Anfang des Brachmonats an, nachdem ich mich vorher mit einem königlichen Reisepasse versehen hatte. Ich hoffte, daß die Bewegung des Leibes mir einen größern Nutzen schaffen sollte als das warme Bad. Aber ich erfuhr, daß die Bewegung meinem Körper bei zunehmenden Jahren und da ich der strengsten Mäßigkeit gewohnt war, ebenso vielen Schaden zufügte, als mir dieselbe bei jüngern Jahren und da ich noch nicht gar so strenge lebte, dienlich gewesen. Die Witterung war in diesem Jahre sehr rauhe, und ob ich gleich im Anfange des Brachmonats meine Reise antrat, so war doch die Luft so kalt und stürmisch, als wenn der Winter bereits eingetreten wäre. Der Sturm hatte auch die See überaus unruhig und zur Überfahrt über den großen und kleinen Belt sehr gefährlich gemacht. Es fehlte auch nicht viel, daß ich nicht das Leben eingebüßt hätte, wie ich über den kleinen Belt fuhr. Endlich kam ich nach Hadersleben, woselbst die Einwohner sehr dienstfertig und höflich zu sein schienen. Aber in Flensburg merkte ich, daß man die Reisenden nicht so höflich aufnahm. Unter allen Einwohnern des Fürstentums Schleswig haben die Flensburger den Ruhm, daß sie die größten Haushälter sind. Sie sind genau und arbeitsam und wissen ihr Geld gut anzuwenden. ... parcum genus est, patiensque laborum. Quaesitique tenax, et quod quaesita reseruat. ... parcum genus est...: Ein sparsames Geschlecht ist's, ausdauernd in Arbeit, eifrig bedacht auf Erwerb und wohl das Erworbene bewahrend. (Ovid, Metamorphosen VII, 656 f.) Man darf sich deswegen auch nicht wundern, daß in Flensburg sehr viele reiche Leute angetroffen werden, zumal, da ihnen vor andern Einwohnern des Fürstentums Schleswig verschiedene Freiheiten zugestanden worden. Mein Quartier, welches ich in Flensburg erhielt, war sehr unbequem. Das Haus, worin ich einkehrte, war zwar sehr groß und hatte sehr viele Zimmer, aber es war zugleich allenthalben, wo man sich nur hinwandte, so unrein, daß man fast nirgends für Gestank bleiben konnte. Ich ward daher gezwungen, alle Stunden in meinem Zimmer räuchern zu lassen, wenn ich den häßlichen Geruch nicht beständig einziehen wollte. So war das Haus beschaffen, und diejenigen, mit denen ich speisete, waren ebensowenig reinlich. Unter meinen Tischgenossen waren zwo Personen befindlich, deren Gesellschaft mir ebenso lächerlich als verdrießlich war. Der eine stammelte sehr stark, und der andre hatte seine Nase ich weiß nicht in was vor einem Kriege verloren und schien mehr zu zischeln als zu sprechen. Beide hatten einen großen Trieb zu reden, und man konnte sie also teils nicht ohne Lachen, teils aber auch nicht ohne Verdruß anhören. Um den Tisch stunden fünf bis sechs große Hunde und Katzen, welche durch ihr Geschrei und Heulen mich bald umgebracht hätten. Alle diese Umstände waren mir unerträglich. Ich ging desfalls heimlich nach einem andern Wirtshause und erzählte dem Wirte daselbst alle Beschwerlichkeiten, die ich hier erdulden mußte. Ich ersuchte ihn zugleich, daß er mich in sein Haus aufnehmen möchte, da ich gezwungen wäre, mich noch einige Tage in der Stadt aufzuhalten. Dieser aber entschuldigte sich, daß er solches nicht tun könne, weil er besorgen müßte, daß ihn mein voriger Wirt bei der Obrigkeit verklagte. Wie also diese Hoffnung fehlschlug, so mußte ich mich zu meinem alten Quartier zurückbegeben. Ich stellte mich aber krank, damit ich allein auf meinem Zimmer speisen konnte. Endlich verließ ich Flensburg und kam nach Hamburg. Hier ruhete ich einige Tage aus und setzte hernach meine Reise weiter fort. Obgleich in dieser prächtigen und reichen Stadt viele Merkwürdigkeiten enthalten und sehr viele berühmte Gelehrte anzutreffen sind, so besuchte ich doch keinen von ihnen, außer den hochehrwürdigen Herrn Fleischer, Probsten zu Altona, meinen sehr werten Freund und ehemaligen Reisegefährten. Es sind drei Wege, welche nach Amsterdam gehen. Man kann entweder durch Osnabrück mit dem Wagen reisen, welcher, weil er sehr langsam gehet, die Ochsenpost genannt wird, oder man kann sich kleiner Schiffe und Fahrzeuge bedienen, die zu gewissen Zeiten des Jahrs dahin segeln, oder man kann auch seinen Weg über Bremen und Oldenburg nehmen. Diesen letzten Weg erwählte ich, weil er mir von meinen Freunden als der beste und sicherste gerühmt ward. Nach einer zweitägigen Reise langte ich in Bremen, aber vom Regen ganz durchnetzt und vor Kälte fast erstarret, an. Die Luft war in diesem Jahre mit Kälte und Regen so sehr angefüllet, und der Wind stürmte bisweilen so heftig, daß wir besorgten, er möchte die Bäume, wie an verschiedenen Orten geschahe, aus der Erde reißen und zu uns in den Wagen stürzen. Wegen der strengen Kälte waren wir gezwungen, in einem jeden Wirtshause ein Feuer anzumachen, um uns wieder einigermaßen zu erwärmen, und es war doch schon in der Mitte des Junius. Die Einwohner der Stadt Bremen wissen von keiner Art der Wollust oder des Vergnügens, sondern führen ein strenges und rauhes Leben. Man siehet bei ihnen keine Komödien, niemals wird daselbst ein öffentliches Schauspiel aufgeführt, wo sich nicht zu gewissen Zeiten des Jahres einige Landstreicher einfinden und einige abgeschmackte Komödien vorstellen. Die Bremer gehen weder aus, andre zu sehen, noch sich von andern sehen zu lassen. Wenn also jemand sein Leben in der größten Stille und Ruhe zubringen will, der kann dazu keinen bequemern Ort als Bremen wählen, wo er nach seinem eignen Gefallen in der größten Ruhe leben kann, ohne durch jemanden darin gestöret zu werden. Es ist etwas sehr Seltenes, daß man in der Stadt von einem Tumult oder Aufruhr etwas erfährt, und fast niemals höret man, daß jemand bestohlen worden. Wie man zu der Zeit, da ich mich in Bremen aufhielte, einen Dieb ergriff, so ward dadurch die ganze Stadt in Bewegung gesetzt. Ein jeder eilte, den Dieb zu sehen, weil der Diebstahl in ihrer Stadt etwas gar Ungewöhnliches war. Mit der Regierungsform ist es fast in Bremen wie bei dem deutschen Contoir in Bergen beschaffen. An beiden Orten sind gewisse Altermanns und Achtzehner, so daß es fast das Ansehen gewinnt, als wenn die Gesellschaft in Bergen nach der bremischen Regierungsform eingerichtet worden. In Bergen trifft man ebendieselben obrigkeitlichen Ämter, ebendieselben Gebräuche, ja ebendieselben Namen an. So genau ist das bergensche Contoir in allen Stücken nach der bremischen Republik eingerichtet. Man kann sehr bequem und mit wenigen Kosten durch Bremen und Oldenburg nach Amsterdam reisen, wenn man Reisegefährten hat. Weil ich aber allein war, so bereuete ich, daß ich diesen Weg erwählt hatte. Es war kein andres Fuhrwerk vorhanden, und also mußte ich die sogenannten Ordinanziewagen nehmen. In Oldenburg hielt ich mich einige Tage auf. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich noch an keinem Orte mit mehrerm Vergnügen als hier gelebt habe. Ich hatte solches der gnädigen Aufnahme des Statthalters dieser Grafschaften, Sr. Exzellenz des Herrn von Sehestedt, zuzuschreiben. Dieser Herr war allem Hochmute feind und unterschied sich allein durch seine Tugend und Freundlichkeit wie auch durch seinen ungemeinen Verstand von den Geringern. Sein Haus war eine Zuflucht so vieler Gelehrten, daß dasselbe fast einer kleinen Akademie oder einem Gymnasio ähnlich war. Während der Tafel ward von lauter gelehrten Sachen geredet, woraus man sowohl Vergnügen als Nutzen schöpfen konnte. Vielleicht wäre man an andern Orten kostbarer bewirtet worden, nirgends aber konnte man freier und mit mehrerm Vergnügen speisen. Und daher ist es leicht zu vermuten, daß ich Oldenburg sehr ungern werde verlassen haben. Der Weg, welchen man noch durch Ostfriesland bis Neucastel zurücklegen muß, ist kostbar und beschwerlich. Aber wenn man hier angelangt ist, so hat man das Schwerste überwunden. Man kann sich nunmehr der Treckschoyten für einen sehr mäßigen Preis bedienen. Die Reisenden pflegen dieses auch insgemein zu tun, insonderheit, wenn sie willens sind, auch des Nachts in den Schoyten zu bleiben. Denn man kommt nicht nur sodann geschwinder fort, sondern man vermeidet auch die Wirtshäuser, welche in Holland durchgehends kostbar und unbequem sind. Man findet in diesen Provinzen allenthalben prächtige Städte und kostbare Häuser. Auch in den ordentlichen Wohnhäusern ist alles sehr sauber und reinlich. Aber durch dieses alles wird das Auge mehr als das Gemüt vergnügt. Denn da die meisten Wirte sich noch aus allerhand Nebengewerben einen Vorteil zu machen wissen, so nehmen sie die Reisenden nicht so höflich auf wie in Frankreich oder Italien. Die Stuben sind daselbst wie in einem Lazarett eingerichtet und mit sehr vielen und hohen Betten besetzt, zu denen man mit Leitern hinansteigt. Hier muß man des Nachts liegen und in der Gesellschaft von Dieben und Räubern schlafen oder vielmehr wachen, daß man nicht von ihnen umgebracht werde. Die Reinlichkeit, von welcher die Holländer so viel Rühmens machen, gehört mit zu den Verdrießlichkeiten, die man dort empfindet. Denn wenn man auf den Boden speiet oder auch nur den kleinsten Tropfen Wassers auf den Boden fallen läßt, so drohet der Wirt gleich mit einem Prozeß, recht als wenn man eine große Missetat begangen oder einen heiligen Ort befleckt hätte. Von der Reinlichkeit der Holländer habe ich allemal dieses Urteil gefället. Sie sind sauber und nette in Kleinigkeiten, aber schmutzig und unflätig in größern Dingen. Sie waschen ihre Straßen fleißig, aber nicht ihre Hände. Sie speisen alle aus einer Schüssel und schämen sich nicht, mit allen Fingern hineinzugreifen, welches den andern Tischgenossen notwendig einen Ekel erwecken muß, insonderheit, wenn man einen allenthalben mit Pech beschmierten Schiffer oder Bootsmann neben sich sitzen hat, welches sich öfters zuträgt, da diese Leute bei den Holländern in großem Ansehen stehen. Es ist kein Volk, dessen Schicksal ich mehr bedaure. Sie besitzen einen großen Reichtum und leben doch sehr arm. Sie wohnen in prächtigen Palästen und sind doch sehr enge eingeschränkt, weil sie keinen Hofraum bei ihren Häusern haben und die wenigsten einen Garten besitzen. Ich ward einmal von einem vornehmen Kaufmann zu Gast geladen, allein der ganze Schmaus bestand in einem Gerichte Fische. Desfalls entschuldigte ich mich nachher immer, sooft man mich wieder einlud. Dieses sind die Beschwerlichkeiten, denen die Reisenden in Holland unterworfen sind. Aber dieselben werden durch verschiedene herrliche Gesetze und nützliche Anordnungen wieder ersetzt, wodurch auch die entferntesten Völker nach Holland gelockt werden, daß man auch deswegen dieses Land als ein gemeinschaftliches Vaterland aller Einwohner der Welt ansehen kann. Übrigens sind die Holländer aufrichtig und redlich. Wie meine Freunde in Amsterdam die Ursache meiner Reise erfuhren, so rieten sie mir alle einhellig, daß ich meinen Vorsatz ändern möchte. Im Anfang achtete ich ihre Erinnerungen nicht sonderlich. Endlich aber ließ ich mich doch durch die Vorstellungen derjenigen bewegen, denen die Beschaffenheit meines Körpers bekannt war, und änderte mein Vorhaben. Weil ich aber eine beschwerliche Reise gehabt hatte, so hielte ich es nicht für ratsam, die Rückreise gegen den Herbst anzutreten. Anfangs war ich willens, den Winter in Brüssel zuzubringen. Ich verwarf aber diesen Vorsatz wieder und faßte den Entschluß, mich den Winter über in Paris aufzuhalten. Ich ging deswegen mit einem Fahrzeuge von Amsterdam nach Rotterdam. Ich kann mich nicht entbrechen, von diesem Fahrzeuge eine Nachricht zu erteilen, damit andere sich dafür hüten können. Es scheint dasselbe, insonderheit solchen Leuten sehr bequem zu sein, welche ihr Zeug mit sich führen. Man muß aber vor allen Dingen darauf bedacht sein, daß man beizeiten des Schiffers Kajüt miete, wo man keine elende und schlaflose Nacht haben will. Dieses erfuhr ich zu meinem größten Verdrusse. Die Kajüt war bereits an andre vermietet, und ich war daher gezwungen, die Nacht bei den andern Passagiers zuzubringen. Der Raum, worin ich mich aufhielt, war mit Bootsleuten angefüllt, die vor kurzer Zeit aus Indien zu Hause gekommen waren und nun nach Zeeland reisen wollten. Dieses Schiffsvolk hätte mich beinahe durch die unzüchtigsten Reden und durch die ärgerlichsten Schandlieder umgebracht. Überdem hatten sie einen solchen Dampf von Tobaksrauch um mich her gemacht, daß ich nicht einen Schritt weit sehen konnte, ob es gleich am hellen Mittag war. Man hätte aus dem großen Dampf und Rauch urteilen sollen, daß wir einen feuerspeienden Berg im Schiffe bei uns hätten. Indessen ertrug ich dieses alles mit großer Geduld. Wie ich aber hörte, daß sie einen Rat hielten und in demselben beschlossen, daß niemand die ganze Nacht einen Augenblick schlafen sollte, so fürchtete ich mich nicht wenig. Ich hoffte, daß dieses Gesetz, welches in der Trunkenheit abgefaßt worden, wieder würde aufgehoben werden, wenn sie den Rausch ausgeschlafen hätten. Weil sie aber die ganze Nacht in der Völlerei zubrachten, so ward dieses Gesetz so genau in acht genommen, daß sie mich, sooft mir nur die Augen zufielen, gleich mit dem Ellbogen anstießen und mich aufweckten. Ich langte deswegen zu Rotterdam krank und sehr verdrießlich an und erzählte mein Schicksal einem französischen Obristen, der Ganeau hieß. Er war vor kurzer Zeit aus Spanien zurückgekommen und hatte auf dem Schiffe eben eine so elende Nacht als ich gehabt. Dieser Obriste war hiernächst mein Reisegefährte, und ich habe ihn als einen edelmütigen, redlichen und sehr wohlgesitteten Mann befunden, welcher mir auf alle mögliche Art zu dienen suchte. Man kann bisweilen, wenn der Wind gut ist, in einer Zeit von zwölf Stunden nach Antwerpen segeln. Weil uns aber der Wind entgegen war, so brachten wir auf dieser Reise vierundzwanzig Stunden zu. Wenn man von Rotterdam nach Antwerpen reiset, so sieht man, wie diese beiden Städte in allen Stücken einander recht gerade entgegengesetzt sind. Weil Rotterdam nach Amsterdam die vornehmste Handelsstadt in Holland ist, so trifft man dorten alles in großer Bewegung an; in Antwerpen aber ist alles ganz stille. Rotterdam hat lauter reiche Einwohner, in Antwerpen sind lauter Bettler. Dort sind die Bürger grob und unhöflich, hier wohlgesittet und artig. Dort trifft man verschiedene Glaubensgenossen und Sekten an, hier allein römisch-katholische. Denn Flandern und Brabant, welches so lange unter spanischer Herrschaft gewesen, gibt selbst den Italienern in Absicht auf den Aberglauben nichts nach und ist dem Papste ebenso treu und gehorsam. Städte, Vorstädte, Dörfer und Landstraßen sind dergestalt mit Klöstern und Heiligen angefüllet, daß man eher einen Heiligen als einen Menschen antreffen kann. Von Antwerpen reisete ich nach Mecheln, woselbst ich mich einige Zeit nach einem Wagen aufhalten mußte. Inzwischen ging ich durch die Stadt, um solche zu besehen, und traf einen Franziskanermönch an, welcher mich in sein Kloster führte. Dieser Mönch ging allenthalben mit mir herum und zeigte mir einen jeden Winkel in seinem Kloster. Es war ein schöner Garten bei demselben. Weil aber alle Gänge mit Bildern der Heiligen besetzt waren, so war es für einen Ketzer sehr beschwerlich, in demselben zu spazieren. In der Kirchen war der ganze Lebenslauf des heiligen Franziskus auf verschiednen Tafeln abgemalt. Hier verriet der Mönch seine Unwissenheit auf eine ausnehmende Art, da er mir eine von diesen Tafeln erklären wollte. Er sagte: Hier kann man sehe, wie der heilige Franziskus Buße tut und die calvinische Lehre wieder verleugnet, welcher er vorher ergeben war. Hier fällt er seinem Vater zu Fuße, welcher ihm desfalls einen harten Verweis gibt und ihn derbe abstraft. In Brüssel blieb ich nur einige Tage und reisete gleich weiter nach Paris. In dieser berühmten Stadt sahe es damals wegen der großen Teurung sehr betrübt aus, da man für ein Pfund Brot zehn Sols bezahlen mußte. Der Pöbel ward darüber desperat und erregte einen Aufruhr, welcher nicht eher wieder gestillt werden konnte, bis zweene Bürger das Leben dabei eingebüßt hatten. Zu ebenderselben Zeit ward ein Weib, welches den Blutfluß gehabt, durch ein Wunderwerk geheilet. Die Geschichte ward gedruckt, und man konnte sie allenthalben kaufen. Aber die gemeinen Bürger waren nur allein darauf bedacht, wie sie den Hunger stillen möchten, und bekümmerten sich nicht um Wunderwerke, wovon sie doch sonst sehr viel zu machen pflegen. Ich hörte, daß einige zueinander heimlich sagten, dieses Jahr ist fruchtbarer an Wunderwerken als an Brot. Wie auch während der Zeit, daß die Wunderwerke geschehen, sterben wir für Hunger. An der Richtigkeit der Geschichte kann man fast nicht zweifeln, denn alle Nachbarn bezeugten es, daß dieses Weib seit einigen Jahren den Blutfluß gehabt. Und die schnelle Heilung desselben geschahe auch in Gegenwart des ganzen Volks. Wie man in der Prozession mit der Hostie ging, so richtete sich dieses Weib auf und folgte mit einem Stock der Prozession nach, wobei das Blut annoch stromweise von ihr floß. Kurz darauf aber kam sie ganz frisch und gesund aus der Kirche zurücke. Nur die Jesuiten und Ärzte wollten dieses Wunderwerk nicht recht gelten lassen und verringerten dasselbe auf alle Art. Die Jesuiten gaben eine sehr schlechte Ursache an und meinten, es sei unmöglich, daß Gott hier ein Wunderwerk zugelassen habe, weil der Priester, der die Hostie getragen, sich verdächtig gemacht, daß er der Lehre des Jansenius beipflichtete. Die Gründe der Ärzte waren wichtiger, denn diese behaupteten, daß eine solche Heilung ganz natürlich durch eine starke Einbildung könne zuwege gebracht werden, wovon sie unzählige Beispiele anführten. Aber ich muß fortfahren, von mir selbst zu reden. Ich mietete mir ein Zimmer in der St. Jakobsstraße, nicht weit von dem Luxemburgischen Garten, welchen ich wegen der gesunden Luft den andern öffentlichen Gärten vorzog. Aber es war sehr verdrießlich, in demselben zu spazieren, wegen der vielen Bettler, womit alle Gänge angefüllet waren. Ich konnte mich bisweilen nicht enthalten zu lachen, wenn ich sahe, daß Leute, die sehr prächtig gekleidet waren, herumgingen und von einem jeden, den sie sahen, Almosen baten, oder wenn viele mit gepuderten und gekrausten Haaren und Perücken schrien: Wir sterben für Hunger, wir haben in einigen Tagen nicht das geringste gegessen. Ich traf einmal in ebendiesem Garten einen sehr sauber gekleideten Menschen an, der von einer vorübergehenden Dame ein Almosen bat, und gleich darauf bettelte diese Dame wieder bei einem andern. Nicht lange darnach kam eine Jungfer, die ein seidenes Kleid trug und in Ohnmacht fiel. Wie sie von den Anwesenden wieder ermuntert und nach Hause gebracht ward, so fand man, daß ihr Zimmer in einem Hause ganz oben unter dem Dache war, und daß ihre ganze Speiskammer in einigen Kohlsträuchen, Äpfeln und Erbsen bestand. Ich führe dieses nur zu dem Ende an, damit man daraus den Ehrgeiz dieser Nation auch bei der größten Armut sehen möge. Die Bettler selbst sind so sauber gekleidet, daß man sie nicht anders von reichen Leuten unterscheiden kann als allein dadurch, daß sie mager und bleich im Gesichte sind. Man kann also sehr leicht einen Komödianten, einen Fecht- oder Tanzmeister für einen Marquis ansehen. Wenn man einen Schuster oder Gerber sieht, so sollte man fast schwören, daß es ein Ratsherr wäre, ja, ein gemeines Weib führt sich so prächtig auf, daß man glauben sollte, es sei eine Hofdame. Dieses war auch mir einigermaßen beschwerlich. Denn ob ich gleich ganz anständig gekleidet war, so konnte ich doch mit genauer Not nur unter diejenigen gerechnet werden, welche die Franzosen honnettes gens nennen, insonderheit an diesem Orte, wo Armut und Hoffart unzertrennlich miteinander verbunden sind und wo die Bedienten selbst goldene oder silberne Zwickeln tragen. Jedoch alles dieses konnte mich nicht bewegen, die parisischen Sitten und Torheiten anzunehmen. Ich war nicht zu dem Ende nach Paris gekommen, um meinen Namen daselbst durch Pracht und Verschwendung unsterblich zu machen, und alles, was ich hatte, auf einmal zu verzehren, welches die Wirte in der Vorstadt St. Germain, um die jungen Herren zur Verschwendung zu reizen, faire honneur à le Nation nennen. Meine Absicht ging bloß dahin, mich so lange an diesem Orte aufzuhalten, bis ich bei einer bequemen Jahreszeit die Rückreise nach meinem Vaterlande wieder antreten könnte. Man nannte mich desfalls auch nur schlechthin Monsieur , da man hingegen die Fremden, ja sogar auch die Kaufmannssöhne von Hamburg und Lübeck, Grafen und Barons zu nennen pflegt. Dieser letzte Titel ist der geringste, und den erhält ein jeder, der ein mit Silber besetztes Kleid trägt. Läßt man aber Gold auf seine Kleider setzen, so erhält man gleich den Titel Monsieur le Comte . Es ist nicht zu beschreiben, wie sehr die jungen Leute durch diese Heuchelei zur Verschwendung gereizt werden. Sobald nur ein Fremder in der Vorstadt St. Germain ankommt, so nehmen die daselbst befindlichen Wirte ihn gleich ungemein höflich auf und führen ihn in die kostbarsten Zimmer, die sie haben. Man bringt ihnen einige Mietlakaien zu, welche zugleich ihre Hofmeister sein sollen. Diese lassen es auch an einem treuen Unterricht nicht ermangeln und zeigen ihren Herrn einen sehr leichten und bequemen Weg, das väterliche Erbgut in kurzer Zeit zu verzehren. Es finden sich ferner allerhand Maitres ein, welche die Fremden im Tanzen, Fechten und in der Sprache unterrichten. Es sind aber dieselben durchgehends rechte Schmarutzer, welche sich nur um einen freien Schmaus, nicht aber um die Lebensart der Fremden bekümmern. Den Schluß dieser Tragödie macht das liederliche Weibsvolk, welches die jungen Leute ins Netz zieht und dieselben dadurch völlig um Ehre, Geld und Gesundheit bringet. Ich greife hierdurch nicht die französische Nation an. Der Geiz ist kein Hauptlaster dieses Volks, sondern die Franzosen sind vielmehr freigebig und dienstfertig. Ich rede auch nicht von allen Einwohnern der Stadt überhaupt, sondern allein von den Wirten in der Gegend der Stadt, wo die Fremden insgemein sich aufzuhalten pflegen. Die Ursache fällt einem jeden leicht in die Augen, warum in diesem Teile der Stadt eine solche Lebensart herrschet. Die vornehmsten Städte in Europa, welche von den Fremden besucht werden, sind meistenteils Handelsstädte, welche ihre eigne Handlung treiben. Und dieselbe ist allein hinlänglich, die Einwohner nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu bereichern. Aber Paris liegt mitten im Lande, und desfalls leben sehr viele Bürger allein von den Fremden, sogar, daß sie öfters ausgehen, um zu erfahren, ob keine Wagen von Brüssel, Metz oder Straßburg angekommen, so wie die Kaufleute an andern Orten sich erkundigen, ob ihre Schiffe im Hafen angelangt sind. Wenn ein junger Mensch dahin kommt und Gold und Silber mitbringt, so nimmt er nichts anders wieder mit nach Hause als einen leeren Beutel, einen närrischen und gezwungnen Gang und eine Menge von französischen Liedern oder andern parisischen Torheiten ( franchise parisienne ), welche nach dem Ausspruche eines unbekannten Schriftstellers allein darin bestehen, daß man Capriolen schneiden und andre Leute durch Singen und Flöten taub machen kann. Ich suchte damals in Paris ein bequemes Zimmer, aber dieses ist sehr schwer zu erhalten. Denn die erstaunliche Menge von Menschen, welche in Paris ist, und der große Lärm, welchen die Kutschen und andre Zufälle beständig auf der Gassen erregen, gönnen einen fast gar keine Ruhe. Man ist oben und unten und an den Seiten von ganzen Familien umgeben, und da die Nation etwas Komisches an sich hat, so muß man sich hüten, daß man kein Zimmer miete, welches unmittelbar an die Stube eines jungen Kavaliers ( petit maitre ) oder einer Jungfer stößt, wo man nicht durch ein unaufhörliches Singen allerhand verliebter Lieder geplagt sein will. Auch muß man der Wohnung eines Gelehrten nicht zu nahe kommen, weil man wegen des beständigen Gemurmels und Brummens niemals Ruhe haben kann. Denn die meisten Gelehrten in Paris können nicht studieren, wo sie nicht herumgehen und alles hermurmeln, was sie lesen. Diese große Anzahl von Menschen gibt auch noch zu mehrern Unbequemlichkeiten Anlaß, von denen man zu London und Amsterdam nichts weiß. Obgleich London weit größer ist als Paris, so glaube ich doch, daß in London lange nicht so viele Einwohner anzutreffen sind als in Paris. Die Engländer leugnen dieses beständig und bilden sich ein, daß sie aus den jährlichen Totenregistern ( the bills of mortality ) das Gegenteil erweisen können. Weil aber Paris eine gesundere Luft hat und die Einwohner dieser Stadt eine viel mäßigere Lebensart führen als die Engländer in London, so können sie auch weit länger leben. Verschiedene Engländer gestehen selbst, daß alle Jahre einige Tausend Menschen aus den Provinzen nach London geschickt werden und daß die Stadt bald von Einwohnern würde entblößt sein, wenn man dieses unterlassen wollte. Hieraus erhellet, daß man aus den Totenregistern nichts Gewisses schließen kann und daß, um diesen Streit mit Gewißheit auszumachen, ein genauers Verzeichnis von den Einwohnern erfordert werde, weil die Listen der Gebornen und Verstorbenen dazu allein nicht hinlänglich sind. Überdem ist eine Nation allemal fruchtbarer als die andre. Man muß auch die vielen Klöster, Collegien und Societäten in Paris in Betrachtung ziehen, wo der göttliche Befehl: Seid fruchtbar und mehret euch, durch das geistliche Recht abgeschafft worden, welchen aber die englische Geistlichkeit auf das sorgfältigste beobachtet. Dieses sind die Beschwerlichkeiten, die ich in Paris erfuhr, und dennoch lebte ich an keinem Orte vergnügter als hier. Ich war auch stets gesund und munter und durfte nicht, wie an andern Orten, durch eine Bewegung die Begierde zu essen bei mir erwecken. Ich konnte gut speisen und weiß nicht, ob ich solches der gesunden Luft oder der teuren Zeit zuschreiben soll, da man alles aufs genaueste abwog und austeilte. Dieses ist gewiß, daß der Überfluß mir den Appetit schwächt, und desfalls gehe ich auch wegen des großen Überflusses, den man bei den hiesigen Gastmahlen wahrnimmt, mehrenteils hungrig vom Tische. Es sind noch viele andre Dinge in Paris, welche insonderheit einem Gelehrten zum Vergnügen gereichen. Man findet daselbst so viele öffentliche Bibliotheken und so viele Gelehrte, öffentliche und besondere Gesellschaften, worin man gar leicht zum Mitgliede kann aufgenommen werden, denn die Gelehrten in Paris geben sich sehr viele Mühe, den Fremden gefällige Dienste zu erweisen. Zweimal besuchte ich den berühmten Montfoucon. Ich fand ihn zwar unter ganzen Haufen von Büchern vergraben, aber er war nichtsdestoweniger so munter und freundlich, als wenn er ganz müßig gewesen wäre. Ich redete mit ihm von der lateinischen Aussprache, und wie ich mich am meisten darüber wunderte, daß der Buchstab M mit dem vorhergehenden Lautbuchstaben in einem Verse ausgelassen und nicht gelesen würde, so antwortete er mir, daß die Alten diesen Buchstaben auch in ungebundener Rede weggeworfen, und daß er selbst einige lateinische Inschriften besäße, wo factu anstatt factum und Romanoru statt Romanorum stünde. Wie er aber eben im Begriffe war, mir dieses zu zeigen und meine Neugierde zu stillen, so kamen einige andre zu ihm und verhinderten es. Der Pater Harduin war nicht so höflich und freundlich und ließ selten jemanden zu sich kommen, wo man ihm nicht einbildete, daß man ihn in einer dunklen und schweren Sache um Rat fragen und solche von ihm entscheiden lassen wollte. Ich erfuhr dieses von einem andern Pater und besonn mich lange, was ich für einen Knoten binden wollte, um mir dadurch den Weg zu seiner Zelle zu bahnen. Endlich fiel mir ein, daß Herr Collin, der Verfasser des Buchs › De libertate cogitandi ‹, De libertate cogitandi...: Von der Gedankenfreiheit. Messala Consule ...: Unter dem Konsulate des Messalla werden auf Befehl des Kaisers Anastasius die heiligen Evangelien, dieweil die Evangelisten, die sie aufgezeichnet haben, unwissende Leute waren, verbessert und berichtigt. aus der Chronik des Bischof Viktors folgende Worte angeführt: Messala consule, Anastasio Imperatore iubente, sancta evangelia, utpote ab idiotis Evangelistis scripta, corriguntur, et emendantur . Ich ging hiermit zu ihm und bildete ihm ein, daß ich dieses bloß für eine Erfindung des Herrn Collins hielte. Er aber sagte das Gegenteil, und damit er mir diesen Zweifel desto nachdrücklicher benehmen möchte, so langte er die Chronik des Victors aus seiner Bibliothek hervor und zeigte mir mit seiner alten und zitternden Hand selbst die angeführte Stelle. Er sagte zugleich, die Religion hätte durch diesen Befehl nichts gelitten, sondern der gute Name des Anastasius sei allein dadurch geschmälert worden. Und wenn derselbe auch gleich die byzantinischen neuen Testamente ändern lassen, so sei ihm doch ohnmöglich gewesen, alle übrige neue Testamente, die in den Händen der Rechtgläubigen gewesen, umgießen zu lassen. Mit welcher Erklärung ich zufrieden war. Wie er aber gleich darauf sagte, daß es ihm sehr leicht sein sollte zu erweisen, daß der Kaiser Anastasius niemals in der Welt gewesen, so konnte ich mich kaum enthalten zu lachen. Ich merkte, daß er noch aus dem alten Tone redete und annoch ein Zweifler sei, ob er gleich seine vorigen Irrtümer längst widerrufen. Er hatte damals bereits ein hohes Alter erreicht, aber er setzte sein Studieren noch immer fort und verwarf den Ausspruch des Milo als nachlässig und unanständig, welcher, da er alt geworden und wahrgenommen, wie andre sich in den Kampfspielen übten, seine Arme soll angesehen und folgende Worte mit Tränen gesprochen haben: Diese sind schon erstorben. Nicht lange darauf besuchte ich den Pater Tournemine. Dieses war ein angenehmer, beredter und recht unvergleichlicher Mann. In seinen Sitten und in seinem Umgange hatte er so etwas Reizendes und Einnehmendes an sich, daß man ihn für einen Minister hätte halten sollen, und er ward auch bloß durch seine große Gelehrsamkeit von einem Hofmanne unterschieden. Er redete sehr lange mit uns von allerhand gelehrten Sachen, weil zugleich noch einige deutsche Studenten nebst dem dänischen Gesandtschaftsprediger, dem Herrn Cruse, zugegen waren. Dieser letztere hatte sich durch seine Gelehrsamkeit und schönen Eigenschaften bei allen dortigen Gelehrten bekannt und beliebt gemacht, und es fiel mir deswegen nicht schwer, unter seiner Anführung einen Zutritt bei allen zu erhalten. Tournemine zeigte uns seinen eignen Büchervorrat, worin auch nebst andern dänischen Geschichtschreibern des Torfaei norwegische Chronik befindlich war. Zu den Seltenheiten seiner Bibliothek gehörte ein Exemplar des Neuen Testaments, welches 800 Jahr alt war und worin der wichtige Spruch bei dem Johannes fehlte, welcher gleichfalls in vielen griechischen Neuen Testamenten und auch in dem neuen und bekannten Exemplar nicht anzutreffen ist, welches in der St.-Victors-Bibliothek verwahret wird. Pater Tournemine glaubte, daß diejenigen, welche die Bibel nachsehen sollen, nämlich Eusebius, Lucianus und Hesychius, welche der arianischen Ketzerei verdächtig waren, diesen Spruch mit Fleiß ausgelassen hätten. Ich antwortete, daß die arianische Ketzerei sich am meisten gegen Abend ausgebreitet habe, und nichtsdestoweniger träfe man diesen Spruch in allen lateinischen Exemplaren an. Man fünde auch nicht, daß dieser Spruch von den rechtgläubigen Vätern gegen die Arianer angeführt worden. Hierauf aber gab er uns nur eine ganz kaltsinnige Antwort. Er führte uns hernach in die Bibliothek des Huetius, welche dieser berühmte Bischof dem Jesuitercollegio vermacht hat. Und endlich gingen wir in die gemeinschaftliche Bibliothek der Jesuiten, die größtenteils aus dem Büchervorrat des Menage besteht, welchen dieser gelehrte Mann den Jesuiten geschenkt hat. Der Pater Tournemine ist zugleich ein ungemein lebhafter und aufgeweckter Mann. Es arbeitete damals eben der Jesuit Castel an einem gewissen neuen Instrument, welches durch die Vorstellung der Farben die Augen auf ebendieselbe Art rühren sollte, wie die Ohren durch ein musikalisches Instrument pflegen gerührt zu werden. Wie ich mich desfalls bei Tournemine erkundigte, was er von dieser Bemühung des Herrn Castels urteilte, so lächelte er und sagte, er habe selbst ehedem an einer gewissen Orgel für den Geschmack gearbeitet und sein Vorhaben dem berühmten Tonkünstler, dem Herrn Marchand, entdeckt, dem diese Erfindung sehr wohl gefallen, weil solche für einen hungrichen Musikanten überaus nützlich sei. Nicht lange hernach besuchte ich den Pater Castel selbst, um zu erfahren, ob er würklich an einer solchen Orgel arbeite, oder ob alles, was man davon gesagt, nur Scherz sei. Er aber gab mir die Versicherung, daß sich alles wirklich so verhalte und nach den Buchstaben eigentlich zu verstehen sei. Er erklärte mir auch alles aufs genaueste und stückweise, aber ich konnte, aller angewandten Aufmerksamkeit ohngeachtet, dennoch nicht begreifen, was dieser vernünftige Mann eigentlich mit seiner Orgel sagen wollte. Denn wenn diese Orgel keine andre Wirkung hat als das Spielwerk, womit die Landstreicher herumlaufen, so kann gewiß diese Erfindung ihrem Urheber zu keiner sonderbaren Ehre gereichen. Ich besuchte gleichfalls den berühmten Herrn Fontenelle, welcher in seinem hohen Alter noch nicht müßig, sondern stets beschäftiget war, daß man auch von ihm mit Recht sagen konnte: Serit arbores, quae alteri seculo prosunt. Serit arbores...: Er pflanzt Bäume, die erst einem anderen Jahrhundert Nutzen bringen. (Caecilius Statius, Synephebi, Fragm. v. 210) Er hatte vor kurzer Zeit in der Akademie der Wissenschaften eine Lobrede auf den verstorbenen Kaiser in Rußland, Peter den Ersten, abgefaßt, welche aber ein andrer abgelesen, weil er selbst durch eine Krankheit daran gehindert worden. Er hatte aber von der russischen Nation etwas hart geredet, um seinen Held desto mehr zu erheben und desto nachdrücklicher zu zeigen, was für eine erstaunliche Mühe dazu erfordert worden, ein so rohes Volk gesittet zu machen. Dieses aber nahm der russische Ambassadeur, der Fürst Cürakin, sehr übel auf, und man glaubte, daß Herr Fontenelle desfalls großen Verdruß haben würde. Ich war sehr begierig, von ihm zu erfahren, ob diese Rede sollte gedruckt werden, und er gab mir die Versicherung, daß solche von Wort zu Wort, wie sie gehalten worden, dem Drucke sollte übergeben werden. Fontenelle redet gleichfalls mit sehr großer Hochachtung von den Verdiensten der Dänen in gelehrten Sachen. Diejenigen irren nicht, welche glauben, daß allein in Paris mehrere Bibliotheken anzutreffen sind als an andern Orten in ganzen Reichen. Denn außer den öffentlichen Bibliotheken des Mazarins, St. Victors und der Juristen hat fast ein jedes Kloster und ein jedes Collegium seine eigne Bibliothek, und es hält nicht schwer, die Freiheit zu erlangen, daß man sich derselben bedienen kann. Ehedem besuchte ich die vortreffliche Bibliothek des Abt Bignons, aber nun war dieselbe nebst ihrem Bibliothecario unsichtbar geworden. Die Bibliothek hatte der berühmte Law gekauft und nach England bringen lassen. Der Bibliothecarius aber saß bereits seit einigen Jahren in einem öffentlichen Gefängnisse. Es ist mir sein Verbrechen noch nicht eigentlich bekannt, doch bedauerte ich sein Schicksal der dänischen Nation halber. Ich besorgte, daß der Abt Bignon sich von den Dänen keinen guten Begriff machen möchte, insonderheit, da gleich darauf einer von meinen Landsleuten, Matthias Bagger, welcher durch Hülfe des Herrn Bignons Dolmetscher auf der Königl. Bibliothek geworden war, sein Gehalt vorher aufnahm und sich damit aus dem Staube machte. Es wäre wohl der Mühe wert, daß jemand das Leben dieses wandernden Ritters beschriebe, damit man zugleich ein Beispiel von einem überaus flüchtigen und unbeständigen Gemüte haben möchte. Ich würde diese Bemühung sehr gerne selbst übernehmen, wenn ich nur Stoff genug dazu hätte. Mir aber sind nur sehr wenige Umstände von ihm bekannt, und doch sind diese allein schon hinlänglich, einen Abriß von diesem höchst unbeständigen Menschen zu machen, welcher ein rechtes perpetuum mobile war, und dem es nicht schwerfiel, alle Augenblicke Aufenthalt, Religion, Neigung, Studien, Sitten und alles zu verändern. Wie ich mich vor zehn Jahren in Paris aufhielte, so waren mir nur zwo öffentliche Bibliotheken bekannt. Denn ich wußte zu derselben Zeit nichts von der Juristenbibliothek, welche zwar nicht zahlreich, aber doch sehr bequem ist, da sie mitten in der Stadt liegt und also eingerichtet worden, daß man die Bücher selbst herausnehmen kann. Diese Bibliothek hatte damals zweene Aufseher, nämlich einen jungen Menschen ohngefähr von siebzehn Jahren und ein altes Weib, welches auf der Bibliothek saß und sponn, wenn die andern lasen und studierten. Wie ich die Bibliothek durchsahe, so erkundigte sich das Weib bei mir, was ich für ein Buch verlangte? Ich konnte mich kaum enthalten zu lachen und antwortete, daß ich solches schon dem Bibliothecario sagen wollte. Wie sie aber nicht nachließ zu fragen, so nannte ich endlich das Buch, das ich haben wollte, welches sie zu meiner größten Verwunderung gleich aus dem Bücherschrank herausnahm und mir in die Hände gab. Der Aufseher der St.-Victors-Bibliothek hieß Bon ami , und sein Umgang kam mit seinem Namen vollkommen überein, denn er war überaus freundlich und dienstfertig. Ein artiger Zufall gab zu der vertrauten Freundschaft Gelegenheit, die wir nachher miteinander aufrichteten. Ich fand unter den dänischen Geschichtschreibern ein Buch unter dem Titel › Ludouici Requesensis Historia Danica ‹. Weil ich aber dieses Buch gleich für verdächtig hielt, da der Verfasser, Ludovicus Requesensis , mir ganz unbekannt war, so ging ich zu dem Bibliothecario und bat denselben, daß er mir dieses Buch zeigen möchte. Ich hatte aber das Buch kaum eröffnet, so fiel mir der Irrtum in die Augen. Es war des Meursii dänische Historie, und zu derselben hatte man das von eben demselben Verfasser beschriebene Leben des Ludovici Requesensis gebunden. Einen ebenso lächerlichen Titel nahm ich in dem Bücherverzeichnisse der bodlejanischen Bibliothek wahr. Nämlich: Friederici II., Imperatoris, Constitutiones Haffniae . Dieser Bibliothecarius zeigte mir auch einen schönen Vorrat von auserlesenen Handschriften. Es war eben damals zugleich der Sohn des Herrn Geheimen Rats Tott gegenwärtig, ein Herr, welcher nicht nur wegen seiner großen Eigenschaften und gründlichen Gelehrsamkeit, sondern auch wegen seiner vornehmen Herkunft eine besondre Hochachtung verdiente. Außer den öffentlichen und Privatbibliotheken, welche einem jeden offenstehen, sind noch unzählige gelehrte Gesellschaften in Paris, von denen man, wenn man nur einigermaßen einen Zutritt hat, sehr leicht zum Mitgliede kann aufgenommen werden. Ich besuchte zu verschiedenen Malen die Versammlung, welche man alle Sonntage bei einem Pater des Predigerordens zu halten pflegte. In dieser Gesellschaft wurden einige gründliche Abhandlungen hergelesen, welche in der vorhergehenden Woche von den Mitgliedern waren abgefaßt worden. Ein jeder fällte sein Urteil darüber und untersuchte die Abhandlung sowohl überhaupt als auch stückweise. Man sollte denken, diese ganze Gesellschaft bestünde aus lauter Protestanten, so groß ist die Freiheit, welche hier herrschet, und so wenig achtet man den Papst, mit welchem man öfters scherzet. Bisweilen fand ich mich auch in der Gesellschaft ein, die man mit einem besondern Namen und vor allen andern die galante Gesellschaft nennet und welche sich an dem Orte versammlet, der den Namen führt: Le Caffée des beaux esprits . Ich sage nicht ohne Ursache bisweilen, damit man nicht denken möge, ich hätte mich sehr fleißig daselbst eingefunden, um unter die galanten Köpfe gezählt zu werden. Die Wirtin in diesem Hause war eine alte Frau, welche den Namen Marion führte. Daher ward dieser Ort auch bisweilen aus Scherz genannt: Le Caffée des Marionettes . Der berühmte de la Motte, dessen Name den Gelehrten nicht unbekannt ist, fand sich fast alle Tage hieselbst ein und war gleichsam der Präsident in dieser Gesellschaft. Wenn man dieses alles bedenkt, so darf man sich nicht wundern, daß in Frankreich jährlich so viele schöne Schriften herauskommen. In solchen gelehrten Gesellschaften werden alle Bücher, ehe sie ans Licht treten, sorgfältig untersucht und ausgebessert. Dieses gestehen inzwischen die Gelehrten in Paris selbst, daß die Künste und Wissenschaften bei ihnen in diesem Jahrhundert einen großen Abbruch gelitten. Tournemine gab eine dreifache Ursache an. Die erste Ursache war seiner Meinung nach die heutige Art, die Jugend zu erziehen. Dieser Unterweisung maßten sich nunmehr, wie er sagte, größtenteils die Priester an und, da dieselben Feinde aller weltlichen Wissenschaften wären, so glaubten sie, ein junger Geistlicher sei gelehrt genung, wenn er nur wisse, auf eine geschickte Art die Knie zu beugen, die Hostie in der Prozession auf eine anständige Art zu tragen und etwas bei der Messe herzumurmeln, so, wie ehedem bei den Russen jemand sehr gelehrt und zum geistlichen Amte geschickt genung gewesen, wenn er nur ohne abzubrechen die Worte hospodi pomilio zehnmal nacheinander hersagen können. Diese Ursache aber schien mir etwas parteiisch zu sein, weil die Jesuiten allein das Recht zu besitzen glauben, die Jugend zu unterrichten. Die andre Ursache, welche Tournemine von dem Verfall der Wissenschaften anführte, war von der gar zu ruchlosen und liederlichen Lebensart hergenommen, worin sich nun die Jugend vertiefte. Aber auch diese Ursache konnte ich nicht als gültig annehmen, ob ich gleich gestehen mußte, daß die Trunkenheit itzt viel stärker als vor zehn Jahren in Paris überhandgenommen. Die dritte Ursache aber war ohnstreitig die wahre und eigentliche Ursache, weil die Stipendia und die Gnadengelder, wodurch die Gelehrten ehedem pflegten zu allerhand Unternehmungen aufgemuntert zu werden, sehr verringert worden. Und es ist freilich nicht zu leugnen, daß dergleichen außerordentliche Belohnungen seit dem Tode des Königs Ludwig des XIV. nicht wenig abgenommen haben. Ich merkte gleichfalls, daß die Pariser nicht mehr so hitzig waren, ihre Religion fortzupflanzen und die Ketzer zu bekehren, wie sie zu sein pflegten. Wie ich mich vor zehn Jahren in Paris aufhielte, so hörte ich fast nichts als lauter Religionsstrittigkeiten. Ich war aber damals noch sehr jung, und vielleicht glaubten sie, mich desto eher ins Netz zu ziehen. Nun erregte mir nur einmal ein alter Mann, welcher große Lust zu disputieren hatte, einen Streit der Religion halber. Ehe ich den Streit mit ihm anfing, so erkundigte ich mich bei ihm, ob er etwas Neues vorzubringen wüßte, welches noch nicht in gedruckten Schriften anzutreffen wäre. Denn wenn er nur die alten Beweisgründe, deren sich die Verteidiger der katholischen Religion zu bedienen pflegten, wieder vorbringen wollte, so würde die Zeit und Mühe nur vergeblich angewandt werden, weil mir ihre Sätze zur Gnüge bekannt wären. Wie er hierauf antwortete, daß er nichts Neues vorbringen würde, so bat ich ihn, daß er mich nicht zu diesem Streite auffordern möchte. Ich sagte ihm zugleich, es sei überaus töricht, einen Krieg wieder von neuem anzufangen, bei welchem auch die tapfersten und klügsten Streiter Zeit und Mühe unnützlich verschwendet hätten. Wie er aber dennoch nicht nachgeben wollte, so griff ich ihn auf eine neue und ungewöhnliche Art an. Ich räumte ihm ein, daß die meisten Glaubensartikel der Protestanten vielleicht noch zweifelhaft sein könnten, weil man die Schrift auf so verschiedene Art erklärte, und daß es daher geschehen könne, daß die Protestanten hin und wieder irrten. Aber ich behauptete auch zugleich, daß ihre Irrtümer selbst dennoch Gott nicht mißfallen könnten. Wie die andern, welche bei diesem Streite gegenwärtig waren, hierüber in eine große Verwirrung gerieten und nicht wußten, was ich eigentlich dadurch anzeigen wollte, so fuhr ich weiter fort und sagte: Die Papisten glauben, daß man durch gute Werke die Seligkeit verdienen könne, und vielleicht verhält es sich auch also. Wir aber glauben weit sicherer, daß man nichts dadurch verdienen könne. Denn wie ein König auf den Untertan keine Ungnade wirft, welcher nicht glaubt, daß er einige Belohnung verdient habe, ob er gleich die wichtigsten Dienste geleistet, sondern vielmehr die Vergeltung seiner Bemühungen nicht als ein Verdienst, sondern als ein Glück ansieht, welches er der königlichen Gnade lediglich zu danken hat: So muß auch unser Irrtum in diesem Stücke, wenn es ein Irrtum ist, Gott notwendig angenehm sein, weil er eine so große Demut anzeigt. Die Papisten glauben ein Fegfeuer, und vielleicht ist ein solcher Mittelort zwischen Himmel und Hölle, wo die Sünden können versöhnet werden. Dennoch glauben die Protestanten weit sicherer, daß man gleich nach dem Tode von dem auf der Welt geführten Leben Rechenschaft geben müsse. Denn dadurch werden die Menschen beständig aufgemuntert, einen unsträflichen Wandel zu führen, damit sie selig sterben mögen, weil keine Hoffnung übrig ist, daß die Sünden nach dem Tode können vergeben werden. Die Papisten beten die Heiligen an und glauben, daß dieselben im Himmel für sie bitten. Gesetzt, die Sache verhielte sich also, so handeln die Protestanten doch weit sicherer, daß sie die Heiligen nicht anrufen. Denn wenn wir auch hierin irren, so kann doch dieser Irrtum weder Gott noch den Heiligen mißfällig sein. Gott kann daran kein Mißfallen tragen, weil er diejenigen allemal gnädig aufnimmt, die unmittelbar ihn selbst anrufen, weil er uns selbst befohlen, daß wir zu ihm kommen sollen und weil er uns zugleich die Versicherung gegeben, daß er nicht müde werden wolle, unser Gebet anzuhören. Den Heiligen kann dieses Verfahren gleichfalls nicht mißfallen, weil wir sie als unsre besten Wegweiser ansehen, in ihre Fußstapfen treten und nebst ihnen den Heiland der Welt als unsern einzigen Fürsprecher erkennen und ansehen. Sollten aber die Heiligen darüber zürnen, daß man Gott allein anruft, so sind sie nicht mehr heilig. Die Papisten verehren die Bilder, und vielleicht ist der Bilderdienst unschuldig und gleichgültig, es ist aber sicherer, mit den Protestanten Gott allein zu verehren. Ich räume gerne ein, daß sich unter den Bilderdienste der Papisten und Heiden ein sehr großer Unterscheid befindet. Wenn aber jemand vor der Säule des heiligen Christophers auf der Erde liegt und zugleich einen Chineser wegen seines Bilderdienstes strafen will, so ist es ebenso lächerlich, als wenn ein besoffener Mann sehr wider die Völlerei und Trunkenheit eifert. Die Papisten glauben, daß beides, Brot und Wein, im Sakrament des Altars nicht nötig sei; und vielleicht ist es auch nicht allemal nötig, daß man beides gebrauche. Aber es ist dennoch sicherer, daß wir die Notwendigkeit sowohl des Brotes als des Weins im Abendmahl behaupten, da die Papisten selbst nicht leugnen können, daß dieses Sakrament unter beiderlei Gestalt von dem Erlöser selbst eingesetzt worden. Die Papisten glauben, daß die kleinen Kinder, welche vor der Taufe sterben, verdammt werden. Wir aber handeln weit vernünftiger, da wir behaupten, daß sie selig werden, damit es nicht scheine, als wenn Gott die Unschuldigen strafe. Denn diejenigen, welche sagen, daß Gott die Unschuldigen straft, müssen zugleich leugnen, daß die Welt von einem weisen, gerechten und barmherzigen Herrn regiert werde, und vielmehr ein blindes Schicksal in allen Dingen zugeben. Daß dieses Argument von einem großen Gewichte sein müsse, erhellet daraus, weil sich die Papisten selbst in dem Streite mit den Jansenisten wegen der Prädestination desselben bedienen. Die Papisten verbieten den Laien und Ungelehrten die Lesung der heiligen Schrift aus der Ursache, weil dadurch allerhand Irrtümer entstehen können. Und vielleicht entstehen solche auch daraus. Indessen handeln wir doch sicherer, daß wir allen und jeden verstatten, die Schrift zu lesen, indem es doch weit besser ist, einen irrigen Glauben als gar keinen zu haben. Diejenigen, welche blindlings alles glauben, ohne vorher zu untersuchen, was sie glauben, die glauben gar nichts, wo man nicht auch hier will gelten lassen, was man in den Rechten dafür hält, daß, wenn jemand etwas durch einen andern verrichten läßt, solches ebenso anzusehen sei, als wenn er es selbst getan habe, und daß es also auch ebenso kräftig sei, wenn jemand durch einen Gevollmächtigten glaubt, als wenn er selbst glaubte. Aber ich befürchte, daß ein päpstlicher Laie sich in diesen Gedanken sehr irren werde, wenn er meint, daß er den Höchsten, wenn derselbe von seinem Glauben Rechenschaft fordert, mit diesen Worten werde zufriedenstellen können: Ich habe aufs allergenaueste eben dasjenige geglaubt, was diejenigen glaubten, die mit mir in einer Gasse wohnten. Denn das Buch, worin die Sätze enthalten sind, die man glauben soll, habe ich niemals gesehen. Aber ich habe mich daran begnügen lassen, daß es einigen von meinen Landsleuten zu Gesichte gekommen. Gewiß, ein andrer wird weit besser mit dieser Entschuldigung bestehen: Dieses sind diejenigen Punkte, von denen ich nach langer und genauer Überlegung endlich geurteilet habe, daß man solche glauben müsse. Hierauf schwieg mein Gegner stille. Ich aber fuhr noch weiter fort und sagte zu ihm: Die Papisten können hieraus abnehmen, wie billig ich mit ihnen handele, da ich ihnen einräume, daß die meisten Streitigkeiten, welche unter uns und ihnen geführt werden, noch nicht außer allem Zweifel gesetzt sind. Ich habe ihnen zugestanden, daß die heilige Schrift schwer zu erklären sei, ja ich habe, um mich den Papisten noch gefälliger zu erzeigen, zugegeben, daß die heilige Schrift so dunkel sei, daß man, aller angewandten Mühe ohngeachtet, dennoch den rechten Verstand der Worte allemal zu treffen nicht vermögend sei. Ich behaupte auch nicht, daß wir nicht irren können, sondern nur allein, daß, wenn wir ja irren, solches doch ohne Gefahr sei, da hingegen die Papisten, wenn sie irren, sich solcher Irrtümer schuldig machen, welche ihnen die größte Gefahr drohen. Wenn wir nicht durch die guten Werke selig werden, sondern wenn Gott will, daß wir die Seligkeit allein durch seine Gnade erhalten sollen, so ist der Stolz und Hochmut der Papisten auf keine Art zu entschuldigen, welche das als eine Schuldigkeit fordern, was ihnen aus bloßer Gnade verliehen wird. Wenn die Lehre vom Fegfeuer eine menschliche Erfindung ist, so können die Papisten diesen gefährlichen Irrtum niemals entschuldigen, da derselbe das Verdienst Christi unvollkommen macht. Man muß notwendig bei diesem Satze darauf fallen, daß das Verdienst Christi nicht allein hinlänglich sei, weil durch das Fegfeuer dasjenige muß ersetzt werden, was daran fehlet. Ich übergehe hier die Folgen, welche aus dieser Lehre fließen und welche den Menschen wegen der Sicherheit, die dadurch erweckt wird, zu einem ebenso großen Verderben und Schaden gereichen, als sie der Klerisei nützlich sind, welche sich dadurch bereichert. Wenn die Papisten in dem Dienst der Heiligen irren, so sündigen sie gröblich, da sie andern die Ehre beilegen, welche Gott allein zukommt. Überdem sind die Heiligen, welche von den Papisten angebetet werden, entweder wirkliche Heilige oder auch solche Heilige, die nur in der Einbildung bestehen und entweder niemals in der Welt oder doch wenigstens Betrieger gewesen. Wegen des Dienstes, den die Papisten den wirklichen Heiligen erweisen, können sie sich mit dem Unterscheid, inter cultum religiosum et civilem , dennoch von einer schändlichen Abgötterei nicht freimachen. Denn dadurch, daß sie den Heiligen Kirchen weihen und Gelübde tun, daß sie dieselben täglich anrufen und ihre Bilder anbeten, machen sie die Heiligen wenigstens zu Halbgöttern. Wenn aber die Heiligen niemals in der Welt gewesen, als die zehntausend Märtyrer, der heil. Almanach und andre, deren Namen von den klügsten Papisten selbst aus dem Verzeichnisse der Heiligen ausgetilget worden, so ist ja der Dienst, welchen man ihnen erweiset, höchst ungereimt und lächerlich. Sind aber die Heiligen gar Betrieger gewesen, so ist dieser Dienst noch ärger als der Götzendienst der Indianer. Diese beten die bösen Geister, die Papisten aber auf solche Art die allergottlosesten Menschen an. Wenn die Verehrung der Bilder ein Irrtum ist, so kann man den Papisten mit Recht den Vorwurf machen, daß sie Abgötter sind, und sie haben kein Recht, die Heiden desfalls zu tadeln. Denn der Unterscheid ist sehr geringe, ob man Gott unter der Gestalt eines Tiers oder eines andern goldnen Bildes anbetet. Wenn die Papisten darin irren, daß sie den Kindern, weil sie nicht getauft worden, die Seligkeit absprechen, so ist dieser Irrtum gewiß recht groß. Sie treten dadurch der Gerechtigkeit Gottes gar sehr zu nahe, da doch ein gerechter Richter die Unschuldigen niemals zu strafen pflegt. Und wenn endlich beide Teile im Sakrament des Altars nötig sind, so begehen die Papisten einen Diebstahl. Und wenn es notwendig ist, daß alle und jede die heilige Schrift lesen, so sind ja die Papisten schuld daran, daß die Laien keinen Glauben haben, weil derselbe nicht ohne Erkenntnis sein kann. Hieraus erkennet man deutlich, wie wenig König Henrich der Vierte auf seine Sicherheit gesehen habe, da er, um in einer zweifelhaften Sache das Sicherste zu erwählen, zu der katholischen Kirche überging. Dieses alles aber brachte ich nicht auf einmal und in einer solchen Ordnung vor, denn mein Gegner wandte bei einem jeden Stücke etwas ein. Er berief sich auf das Alter der römischen Kirche, da die Protestanten nur einer neuen Sekte beipflichteten. Er führte die Unmöglichkeit zu irren an, womit die Päpste begabt wären. Er setzte mir die dem heiligen Petro gegebene Verheißung und noch andre Dinge entgegen, deren sich die Papisten bedienen, wenn sie in die Enge getrieben worden. Weil ich aber des Sieges versichert sein konnte, wenn ich mich nur fest an die bereits vorgetragenen Sätze hielte, so ließ ich ihm nicht zu, daß er aus den Grenzen weichen und allerhand Ausschweifungen machen durfte. Ich bat ihm demnach bloß darum, daß er unsre angeführten Irrtümer untersuchen möchte, ob sie mit der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes stritten, ob die Majestät des Allerhöchsten Gottes dadurch geschmälert würde oder ob sie die Gottesfurcht und Liebe aufhüben. Wie mein Gegner nichts darauf antwortete, so verließ ich ihn mit diesen Worten: Warum verfolgt ihr denn diejenigen mit Schwert und Feuer, welche sich bei ihren Irrtümern nicht in so großer Gefahr befinden als ihr? Wie ich diesen Streit glücklich geendiget hatte, so bin ich nachher von niemanden in Paris weiter der Religion halber beunruhiget worden. Wie ich aber auf der Rückreise begriffen war, so geriet ich mit einem beredten Kapitän und einer alten abergläubischen Frauen in Gesellschaft. Ich saß auf den Postwagen eben zwischen beiden, da der Kapitän erzählte, wie einige protestantische Soldaten, die unter seiner Kompanie gewesen, durch ein Wunderwerk vor kurzer Zeit bekehrt worden. Wie er aber hörte, daß ich solches nicht wie die andern glauben wollte, so geriet ich gleich bei ihm in den Verdacht, daß ich ein Protestant sein müßte, und er fing demnach mit mir ohne Verzug einen Streit der Religion wegen an. Ich bat inständigst um Friede und entschuldigte mich mit meinen Kopfschmerzen, weil ich es nicht für ratsam hielte, mich mit einem Offizier in Streit einzulassen. Ich konnte aber weder Frieden noch Stillstand erhalten. Denn er suchte durch ein weitläufiges Geschwätz meine Beständigkeit zu überwinden. Ich ließ mich aber doch davon nicht abwendig machen und sprach mit der alten Frauen vom Wetter. Diese sahe aus meiner ganzen Gesichtsstellung, daß ich erzürnt war, und glaubte, daß mich der Kapitän bereits überzeugt hätte. Sie wollte deswegen den Schluß zu meiner Bekehrung hinzutun und erzählte mir verschiedene ungereimte Geschichte und ein ganz Dutzend Wunderwerke, worauf sie den Kapitän zum Zeugen rief, der denn, weil er selbst sehr fruchtbar an Wunderwerken war, nicht nur mit seinen Feldeiden alles bekräftigte, was die alte Frau gesagt hatte, sondern auch noch einige neue Mirakel hinzusetzte, um diese Materie vollständig zu machen. Damit ich endlich diesem höchst verdrießlichen Geschwätze ein Ende machen möchte, so erdachte ich selbst auch einige Mirakel, von denen ich vorgab, daß solche vor kurzer Zeit in meinem Vaterlande geschehen wären. Ich erzählte, daß eine schwangere Frau, welche ihre Religion verändert, ein Kind mit zwei Köpfen geboren, und eine andere Frau eben in dem Augenblicke, da sie die lutherische Religion abschwören wollen, in einen Flintenstein verwandelt worden. Ich setzte hinzu, daß alle Jahre einige von dem Engel Gabriel geschriebene Briefe vom Himmel fielen, wodurch die Lutheraner gewarnet würden, die katholische Religion ja nicht anzunehmen. Wie sie sahen, daß ich offenbar über sie spottete, so wurden sie böse, und ich ward dadurch auf einmal von allen Wunderwerken befreiet. Ich hatte den Entschluß gefaßt, den Winter über in Paris zu bleiben, weil ich bemerkt, daß die Luft an diesem Orte meiner Gesundheit sehr zuträglich war. Außerdem hatte ich zwei von meinen Lustspielen ins Französische übersetzt, und meine Freunde glaubten, daß es der Mühe wert sei, einen Versuch zu tun, wie die Vorstellung derselben auf dem parisischen Schauplatze gelingen würde. Aber ich ward durch verschiedene Umstände gezwungen, mein Vorhaben zu ändern. Die beiden Banden der Schauspieler wurden am Ende des Herbstmonats nach Fontainebleau gerufen, wo sie bis zu dem Weihnachtsfest blieben. Weil ich aber meine Rückreise nicht länger als bis in den Hornung aufschieben konnte, so schlug mir die Hoffnung fehl, sie dorten aufführen zu lassen, weil zum wenigsten einige Monate dazu erfordert wurden. Ich schickte allein durch einen guten Freund den Inhalt von dem ›politischen Kanngießer‹ nach Fontainebleau, um das Urteil der italienischen Bande davon zu erfahren. Das Haupt derselben, Herr Lelius, antwortete mir, daß dieses Schauspiel ihm sehr gut gefalle, da es sehr aufgeweckt und artig abgefaßt worden ( tutta meravigliosa ); gleich darauf aber erklärte er sich in einem andern Briefe, daß ihm der Inhalt dieses Schauspiels so wichtig und bedenklich schiene, daß er besorgte, es möchte dasselbe so verkehrt aufgenommen werden, als wenn man verschiedene vornehme Herren darin hätte lächerlich machen wollen. Es wandte zwar mein Freund alle Mühe an, ihm diese Furcht zu benehmen, allein er wollte sich von dieser einmal gefaßten Meinung nicht wieder abwendig machen lassen. Inzwischen geriet dieses Lustspiel einem andern Verfasser in die Hände, der allezeit aus andern zu stehlen gewohnt war. Dieser gab kurz darauf dem Herrn Lelius ein Stück von ebenderselben Erfindung, aber auch dieses durfte Lelius aus der bereits angezogenen Ursache nicht auf den Schauplatz bringen. So sehr ist itzt die Freiheit eingeschränkt, welche man vorher in den italienischen Schauspielen so sehr bewunderte und die zu den Zeiten Ludwig des XIV. recht die Seele derselben war. Ich muß mich hier mit Recht über diejenigen beschweren, welche ich in diesem Stücke zu meinen Vertrauten machte. Denn ob sie mir gleich auf Treu und Glauben versprochen hatten, nichts auszuschwatzen, und dadurch von mir erhielten, daß ich ihnen mein Lustspiel anvertrauete, so hatten sie dasselbe doch nicht nur dem bereits obenerwähnten Verfasser gezeigt, sondern das Haupt der italienischen Bande hatte auch von demselben mit einigen französischen Schauspielern geredet. Diese letztern suchten auf alle Art zu verhindern, daß die Italiener, denen sie feind waren, dieses Schauspiel nicht erhalten möchten und ließen mir deswegen durch einen von ihrer Bande heimlich sagen, daß ich meinen Nutzen gar nicht gemäß handeln würde, wenn ich den Italienern eine so wichtige Komödie überließe. Die andre Hindernis legte mir der verdorbene Geschmack der Pariser in den Weg, welche alle Dichter und andre Verfasser, die in diesem Stücke etwas Großes leisten könnten, aufs äußerste beneiden, wesfalls auch in einigen Jahren in Paris kein vernünftiges und regelmäßiges Schauspiel aufgeführet worden. Es stimmen alle einhellig darin überein, daß, wenn Moliere selbst annoch lebte, man doch so verkehrt urteilen und sein bestes Schauspiel verachten und verwerfen würde. Ich bin auch durch meine eigne Erfahrung hierin bestärkt worden. In einem ganzen Monate, da die allerregelmäßigsten und besten Komödien aufgeführt wurden, waren fast gar keine Zuschauer vorhanden. Wenn man aber das höchst ungereimte Stück › Le Boi des Coquaignes ‹ mit allen seinen Gesängen, Tänzen und Gaukeleien vorstellete, so war eine große Menge von Zuschauern gegenwärtig, da doch dieses Stück nur für Landstreicher gehört und nicht verdient, daß es auf einer solchen Schaubühne aufgeführt werde. Endlich hinderte mich auch die Mißgunst, welche unter beiden Banden herrschte. Dieser Neid brach zu Fontainebleau in einen öffentlichen Krieg aus, welcher auch sehr überhand nahm, daß sie sich, wie sie wieder zu Paris ankamen, mit den bittersten und giftigsten Stachelschriften angriffen. Die französische Bande spielte den italienischen Schauspielern zum Verdruß ein Stücke, welches sie › Impromptu de la folie ‹ nannten und nach dem heutigen Geschmack der parisischen Einwohner in Gaukeleien, Tanzen und Singen bestand. Die Italiener, welche ohnedem sehr rachgierig sind, rächten sich kurz darauf durch zwei Stücke, welche fast von ebenderselben Art waren. Und dieser Krieg dauerte fast einen ganzen Monat. Überhaupt aber ward ich durch einige abgeschmackte und ungereimte Regeln von meinem Vorhaben zurückgehalten, welche die Franzosen itzt bei ihren Schauspielen zu beobachten pflegen. Sie behaupten, daß ein moralisches Lustspiel nur aus einem Aufzuge bestehen müsse, da doch alle meine Lustspiele aus fünf oder wenigstens aus drei Aufzügen bestehen. Hiernächst wollen sie auch keine geringe Personen auf den Schauplatz kommen lassen. Wenn also der ›politische Kanngießer‹ dort sollte vorgestellt werden, so müßte ich alle Handwerksleute in Doktores und Advokaten oder andre vornehme Leute verwandeln, wodurch aber dieses Lustspiel recht sein Leben verlieren würde. Die Satire ist allein auf den gemeinen Mann gerichtet. Denn die Doktores, Advokaten und andre ihnen am Stande ähnliche Personen urteilen nicht nur bisweilen gründlich und vernünftig von Staatssachen, sondern werden auch selbst von Königen und Fürsten in solchen Angelegenheiten gebraucht. Die andre Absicht dieses Lustspiels, welche den Stolz derjenigen zeiget, die aus einem geringen Stande zu höhern Ehrenstellen gelangen, würde bei einer solchen Veränderung völlig wegfallen. Wenn man deswegen dieses Lustspiel in eine parisische Tracht einkleiden wollte, so würde man aus einer lustigen und moralischen Komödie ein schläfriges und ungereimtes Schauspiel machen. Daß aber die Regeln, welche die Pariser nun bei der Schaubühne beobachten, sich nicht auf eine gesunde Vernunft, sondern bloß auf den verdorbenen Geschmack der Zuschauer gründen, erhellet auch daraus, weil sie es nicht für unanständig halten, daß Bedienten und Bauern aufs Theater kommen. Die Pariser sind denen ähnlich, welche beständig Rebhühner essen und endlich derselben so überdrüssig werden, daß sie auch nicht einmal den Geruch davon vertragen können. Ein Schauspiel, welches aus fünf Aufzügen bestehet, und nicht nur regelmäßig abgefaßt ist, sondern sich auch auf eine artige Art schließet, gefällt ihnen gar nicht. Kurz, je ordentlicher und vernünftiger ein Schauspiel abgefaßt ist, desto verwirrter und unangenehmer scheint es itzt den Parisern zu sein. Wenn ich ihre meisten neuen Schauspiele untersuchen wollte, so könnte ich mit sehr leichter Mühe zeigen, daß sie nicht nur höchst ungereimt sind, sondern auch nicht die geringste Gleichheit mit einem Schauspiele haben. Wie ich mich in Paris aufhielt, so traten zwo Komödien von verschiedenen Verfassern ans Licht, welche den Titel › Le Babillard ‹ und › L'indiscret ‹ führten. Aber in diesen Lustspielen sind nicht nur die Regeln des Aristoteles völlig aus den Augen gesetzt, wie man dieses endlich auch von solchen elenden Schriftstellern, denen die rechte komische Schreibart ganz unbekannt ist, nicht anders vermuten kann, sondern die Ausführung stimmt auch nicht einmal mit dem Titel überein. Man müßte denn glauben, derjenige habe z. B. einen Schwatzhaften recht abgeschildert, der einen Menschen auftreten läßt, der durch sein Gewäsche einmal in einer Komödie die Zuhörer ermüdet, oder es sei einer, der kein Geheimnis verschweigen kann, dadurch recht nach dem Leben gemalt worden, wenn man ihn einige Mal das wieder offenbaren läßt, was ihm unter der Bedingung, es geheimzuhalten, anvertrauet worden. Dieses muß in einer Szene allein vorgestellet werden. Man muß in die Charaktere tiefer eindringen und denjenigen, welchen man aufführen will, auf eine solche Art vorstellen, daß weder Furcht, Gewalt noch Schimpf vermögend sind, ihn von seiner Torheit abzuhalten, welches alles sich zuletzt geschickt und wahrscheinlich auflösen muß, da die Zuschauer bisher wegen des Ausgangs ungewiß gewesen. In diesem französischen Schauspiele aber wird ein Schwätzer vorgestellt, der einmal mit seinen Freunden sehr lange von allerhand Dingen plaudert, bis endlich ein Diener oder ein andrer hineintritt und ihm sagt, daß er durch sein unnützes und weitläuftiges Gewäsche die schönste Gelegenheit versäumt habe, sein Glück zu befördern. Dennoch sind diese Lustspiele, wenn man sie mit andern vergleicht, noch vortrefflich. Denn die folgenden, als: › Impromptu de la folie ‹ und › Les Amusements de l'automne ‹ wurden von allen vernünftigen Leuten für unwürdig gehalten, daß sie auf einem so berühmten Schauplatze und von so geübten Schauspielern sollten vorgestellt werden, welche, wenn sie Fleiß und Mühe anwenden, die Zuschauer in die größte Bewegung und Verwunderung setzen können. Die Schauspiele der italienischen Komödianten sind nicht zu verwerfen, wenn sie solche in italienischer Sprache aufführen. Wenn sie aber französisch reden, so verlieren sie bei den Zuschauern allen Beifall, weil außer der Frau des Herrn Lelius kein einziger unter der ganzen Bande auch nur einigermaßen gut französisch redet. Der Harlekin, den sie haben, kann keine andre Person als einen Mops oder einen einfältigen Menschen vorstellen. Wenn also die Komödie einen guten Ausgang nehmen soll, so muß man ihm allemal diese Rolle geben. Desfalls kommen auch fast alle Schauspiele miteinander überein und sind fast von einem Inhalte; als: › Les Amants ignorans ‹, › Arlequin poli par l'Amour ‹, › Arlequin sauvoge ‹, › Timon Misanthrope ‹ u. s. f. Aus dieser Ursache kann auch keine von den alten Komödien mit gutem Erfolg gespielet werden, weil die heutigen Harlekins von denen alten Harlekins oder Scaramutzen unendlich weit unterschieden sind und nichts anders vorzubringen wissen, als was man in allen Schauspielen der Landstreicher antrifft. Doch erhalten die Parodien, welche nach den neuen französischen Trauerspielen eingerichtet werden, dieses Theater noch in einigem Werte. Denn einige von dieser Bande können die Gebärden und Stimmen der französischen Schauspieler überaus glücklich und natürlich ausdrücken. Diese Parodien sind sehr artig und haben mir ungemein gefallen. Allein, die Verfasser derselben machen gar zuviel davon. Und daher sind sie so gemein und häufig, daß die ganze Stadt, die Vorstädte, die öffentlichen Plätze und die Schaubühnen mit Parodien angefüllet sind. Einige können daher fast den Namen nicht mehr leiden und ziehen gleich Runzeln an der Stirne, sobald man nur anfängt, von Parodien zu reden. Die Untersuchung der französischen Schauspiele ist fast zu weitläuftig geraten. Sie erwarten nunmehro auch ohne Zweifel, mein Herr, daß ich Ihnen von dem Zustande des Hofes Nachricht geben soll. Wenn ich an einen jungen Herrn oder auch an einen Hofmann schriebe, so würde ich ihnen den ganzen Hof aufs genaueste abmalen. Ich würde ihnen ein Bild von dem Könige, von der Königin, von den Prinzen vom Geblüte und von andern hohen Ministern entwerfen, und endlich würde ich auch von den Lustbarkeiten handeln, welche bei Hofe vorgenommen werden, die ich aber doch niemals gesehen habe. Ich würde dieses so weitläuftig, als es nur möglich wäre, ausführen, damit ich mich von dem Verdachte befreien möchte, daß ich als ein Einsiedler in Frankreich gelebt und dasjenige versäumt, was allein vermögend ist, andre dahin zu locken. Da ich aber diesen Brief an einen Freund und, was noch mehr ist, an einen Philosophen schreibe, so will ich frei bekennen, daß ich dieses Mal weder Versailles noch Fontainebleau gesehen habe. Doch dieses vertraue ich Ihnen abermals allein. Wenn mich sonst jemand ersuchen sollte, ihm von dem Zustande des Hofes eine Nachricht zu erteilen, so würde ich ihm sagen, der König schiene mir sehr munter und lebhaft zu sein, die Königin sei sehr gnädig und gottselig, der Herzog von Bourbon sei etwas schwärzlich und ernsthaft, und der Herzog von Orleans sei seinem Vater ähnlich. Wer wollte mich überzeugen, daß ich die Unwahrheit geredet hätte. Denn es verhält sich wirklich alles so, ich habe es aber nur von andern gehöret. Wie ich den Winter in Paris zugebracht hatte, so mußte ich wieder auf die Rückreise bedacht sein. Ehe ich dieselbe antrat, so war ich beinahe einen ganzen Monat so betrübt und niedergeschlagen, als wenn ich nach Indien hätte reisen sollen. Wenn ich die Beschwerlichkeiten, die ich nachher erfuhr, stückweise erzählen wollte, so scheint es nicht der Mühe wert zu sein, davon zu reden. Wenn sie aber alle zusammengenommen werden, so sind sie nicht so gar geringe. Wie ich bereits reisefertig stand, so kam eine Verordnung heraus, worin bei harter Strafe verboten ward, daß kein Geld, es möchte französische oder andre Münze sein, aus dem Reiche sollte geführt werden, sondern es sollte alles in die königliche Schatzkammer mit Verlust des vierten Teiles geliefert werden. Hiedurch ward das Geld, welches ich zu meiner Reise nach Amsterdam bestimmt hatte, sosehr vermindert, daß ich nicht unbillig besorgte, ich möchte zu kurz kommen. Ich ward daher auch genötiget, mit meiner Reise zu eilen, und nahm mitten im Hornung einen Wagen von Paris nach Artois. Ein Reisender, welcher nicht viel Geld hat, muß sich insonderheit auf Reisen für zwei Dingen in acht nehmen, nämlich für Kapuziner und für Weibspersonen. Jene haben wegen ihres Standes und diese wegen ihres Geschlechts die Freiheit, daß sie nichts bezahlen, sondern von den übrigen Reisegefährten freigehalten werden. Wie ich auf dem Wagen stieg, so sahe ich, daß bereits einige artige Jungfern auf demselben saßen. Ich zitterte bei diesem Anblick, insonderheit, da ich wahrnahm, daß zweene Kapitäne gerade gegenüber saßen, deren Blicke und Unterredungen mit dem Frauenzimmer mir droheten, daß ich abermals den vierten Teil von meinem Gelde einbüßen würde. Ich hatte bereits aus der Erfahrung gelernt, wie sehr diese Art von Göttinnen von den Kriegsleuten pflegt verehrt zu werden, und daher mutmaßte ich gleich, daß die Herren Kapitäne nicht zugeben würden, daß diese edlen Kreaturen mitbezahlten. Ich irrte auch in diesem Stücke nicht. Wenn sie zu Tische gerufen wurden, so stellten sie sich alsbald ein, wenn sie aber bezahlen sollten, so gingen sie entweder weg oder sie schwiegen auch stille und gaben dadurch zu erkennen, daß sie Frauenzimmer waren. Zwei Tage wurden diese Gesetze in unserer kleinen Republik beobachtet. Wie ich aber mit meinem Gelde Rechnung machte, so merkte ich, daß ich diese Societät würde verlassen müssen, wenn die Regierungsart nicht anders eingerichtet würde. Ich offenbarte demnach dem einen Kapitän meinen Zustand, und dieser brachte es dahin, daß man das alte Gesetz abschaffte und an dessen Statt ein neues einführte, daß ein jeder selbst bezahlen sollte, was er verzehrt hätte. Wie wir in einem Dorfe nicht weit von Peronne angekommen waren, so wollte ich einen Tisch ans Feuer setzen, wobei ich aber beinahe meine Finger abgebrochen hätte. Man hätte fast denken sollen, dieser Tisch sei eine Maschine, welche mit Fleiß zu dem Ende gemacht worden, daß man die Finger einbüßen sollte, sobald man nur daran rührte. Meine Finger wurden so stark gepreßt, als wenn man sie unter einen Amboß gelegt hätte, und ich konnte solche mit aller Macht nicht wieder herausziehen. Meine Reisegefährten suchten ein Beil, die Bretter voneinanderzuhauen, inzwischen aber mußte ich doch die heftigste Pein empfinden. Wie ich nicht lange darauf vom Wagen stieg und einen Fußsteig gehen wollte, den mir der Fuhrmann zeigte, so verirrte ich mich von dem rechten Wege. Wie ich lange herumgeirret hatte, so traf ich endlich bei anbrechenden Abend einen Bauren an, welcher mich wieder auf den rechten Weg brachte. Damit ich aber auch wieder bei der Gesellschaft, die ich verlassen hatte, anlangen möchte, so war ich gezwungen, ein Pferd bis Bapaume zu nehmen. Man gab mir ein mageres und ausgehungertes Pferd, welches schien, daß es keine Stunde mehr leben würde. Ich befand es aber so mutig und hurtig, daß ich alle Augenblicke besorgte, es möchte mich abwerfen, und ich möchte, ehe ich selbst etwas davon wüßte, aus einem ansehnlichen Reuter ein lahmer Fußgänger werden. Ich fühlte auch daher den starken Nordwind nicht, welcher damals aufgestiegen war, weil ich in vollem Schweiß auf meinen Hengst und zwar aus Furcht saß, daß ich mit Schimpf und Schaden aus dem Ritterorden möchte gestoßen werden. Endlich langte ich zu Bapaume an, wo ich meine Reisegefährten wieder antraf und ihnen alle Verdrießlichkeiten erzählte, die mir seit unsrer Trennung begegnet waren. Wie ich hierauf zu Amsterdam anlangte, so waren die Briefe, die ich aus meinem Vaterlande erwartete, noch nicht angekommen. Ich war von allem Gelde entblößt und mußte mich desfalls acht Tage sehr genau einschränken, bis mir ein alter Freund auf mein Anhalten einige Dukaten liehe. Nach vierzehn Tagen kam endlich ein Brief an, aber der Inhalt war nicht so beschaffen, wie ich mir denselben vorstellte. Der Brief war von einem guten Freunde geschrieben, welcher mir riet, soviel nur immer möglich wäre, meine Rückreise zu beschleunigen, weil meine Feinde mir in meiner Abwesenheit allerhand Verdruß zu erwecken suchten. Dieses alles führe ich nur zu dem Ende an, daß ich zeigen möge, daß die Verdrießlichkeiten, welche mir begegnen, insgemein miteinander verbunden zu sein und wie eine Kette aneinander zu hangen pflegen. Ich könnte solches durch unzählige Beispiele beweisen, welche, ob sie gleich alle ihre Ursachen haben, dennoch nicht als bloße Zufälle anzusehen sind. Wenn man von Paris nach Brüssel reiset, so erwählt man insgemein den Weg, der durch Bergen in Hennegau gehet, weil man glaubt, daß dieses der nächste Weg sei und daß man bei demselben viel ersparen könne. Allein, man kann weit bequemer und mit weit geringern Kosten durch Ryssel reisen, auf welchem Wege man auch sehr viele andre Städte antrifft, die alle sehenswürdig sind, als: Bapaume, Arras, Douya, Ryssel, Cortryk, Menin, Gent, welche Örter so nahe beieinanderliegen, daß man nur einige Stunden braucht, von einer Stadt zu der andern zu reisen. Und da ich allemal an der Verschiedenheit der Menschen und Städte ein großes Vergnügen gefunden, so zog ich den Weg durch Ryssel allen andern vor, wo man alle Tage frische Pferde und neue Reisegefährten hat. Bald ist man mit Engländern, Spaniern und Deutschen, bald mit Kriegsbedienten und bald mit Gelehrten in Gesellschaft. Zwei Tage hatte ich einen alten Mann zum Reisegefährten, welcher in Westindien einen Räuber von der Gattung, die man Flibustiers oder Boucaniers zu nennen pflegt, abgegeben hatte. Von demselben erfuhr ich alles, was diese Räuberbande betrifft, überaus gründlich, und ich hörte vieles von ihm, was man sonst nicht findet oder in gedruckten Büchern nicht ausführlich genug beschrieben wird. Wie ich ihm meine Verwunderung entdeckte, daß er, als ein so frommer und redlicher Mann, wie er mir zu sein schien, eine so gottlose Lebensart hätte ergreifen können, so antwortete er mir, daß er sich als ein Knabe in diese ruchlose Gesellschaft begeben, da er noch keinen Unterscheid unter dem Guten und Bösen hätte machen können. Sobald er aber nur zu mehrern Jahren gekommen, so habe er diese schändliche Lebensart gleich fahrenlassen. Auf ebenderselben Reise traf ich um Mittagszeit noch einen andern Wagen an, und wir gingen alle ins Wirtshaus, um daselbst die Mittagsmahlzeit einzunehmen. Auf diesem fremden Wagen waren zweene Deutsche, zweene Franzosen und ein Spanier. Die Deutschen forderten alles, was nur in der Küche Gebratenes und Gekochtes anzutreffen war. Die Franzosen ließen sich bloß einige Eier bringen, und der Spanier trat ans Fenster und schien allein von der Luft zu leben. So druckte ein jeder das Naturell seiner Nation aus. Denn die Spanier sind wie Geister, die weder essen noch trinken. Ich hielte mich drei Wochen in Amsterdam auf und lebte inzwischen in dieser berühmten Handelsstadt wie in einer Einöde. Denn da die Einwohner allein auf ihren Handel achtgeben und die Gelehrsamkeit dorten gar nicht hochgeschätzt wird, so kann sich ein Gelehrter dorten kein besonderes Vergnügen versprechen. Doch besuchte ich den berühmten Johann Clerk zweimal, dessen Leibes- und Gemütskräfte bei seinen hohen Alter annoch völlig ungeschwächt waren. Wir wurden einmal durch die Magd in dem Zimmer verschlossen, und ich gestehe es, daß mir diese Gefangenschaft überaus angenehm war. Denn während der Zeit, daß wir auf die Ankunft der Magd warteten, welche uns die Türe wieder öffnen sollte, redeten wir von allerhand gelehrten Sachen. Der Name dieses großen Mannes war selbst in der Gasse, worin er wohnte, ganz unbekannt, worüber man sich billig ärgern sollte. Denn wenn man fragt, wo Jacob der Wechsler, Cornelius der Gerber, Ephraim der Jude und Adrian der Schiffer, ja andre Leute bis auf die Fischweiber wohnen, so weiß ein jeder das Haus mit Fingern zu zeigen, wo sie sich aufhalten. Wie endlich der Brief anlangte, nach dem ich mich so lange in Amsterdam gesehnt hatte, so reiset ich durch Ostfriesland nach Hamburg. Ich hörte sehr viel auf dieser Reise von der Unruhe, womit damals das Fürstentum Ostfriesland und insonderheit die Stadt Liere angefüllt war. Da ich aber bereits längstens aus der Erfahrung gelernet, daß das Gerücht größer zu sein pflegt als die Sache selbst, so setzte ich meine Reise ohne die geringste Furcht fort. Gegen Mittag langte ich zu Liere an, wo man nichts als lauter Anstalten zum Kriege sahe. Die Soldaten marschierten in geschlossenen Gliedern und stellten sich in Schlachtordnung, die Stücken wurden auf den Markt gepflanzt, der gemeine Mann lief mit allerhand Gewehr in der Stadt herum. Die Bauren waren gepanzert und hatten große Keulen, die mit Eisen beschlagen waren, nebst andern mörderischen Waffen in Händen. Ich hielt es für töricht, mich lange in dieser unruhigen Stadt aufzuhalten, und mietete deswegen unverzüglich einen Wagen, mit welchem ich, nachdem ich mich ein wenig erfrischet hatte, wieder aus der Stadt fuhr. Damit man dieses desto besser verstehen möge, so will ich die Ursache des Streits hier zugleich beifügen. Es wird Ihnen ohne Zweifel bekannt sein, daß ein sehr gelehrter Geheimer Rat des Fürsten von Ostfriesland vor einigen Jahren eine ostfriesische Historie in zwei Teilen herausgegeben. In derselben zeigt der Verfasser, Herr Breneysen, daß die Gerechtsame des Fürsten gegen die kaiserlichen Decreta von den Ständen geschwächt worden. Er geht zu dem Ende die kaiserlichen Decreta aufs genaueste durch und erkläret sie zum Vorteil seines Fürsten. Aus dieser Ursache wird er auch von den Ständen für den ersten Urheber dieses Krieges gehalten. Es hat bei vielen eine Verwunderung erweckt, daß dieses Buch von niemanden widerlegt worden. Einige sagen, daß ein gewisser gelehrter Holländer die Widerlegung übernommen und den Ständen eine andre Geschichte, die der ostfriesischen Historie des Herrn Breneysens gerade entgegen wäre, angeboten hätte. Wie er aber wegen der Bezahlung mit den Ständen sich nicht vergleichen können, so hätte er seine Arbeit zurückgehalten. Es mag mit dieser Sache beschaffen sein, wie es will, so ist bisher noch nichts dagegen ans Licht getreten. Ob solches von der Unwissenheit der Rechtsgelehrten in solchen Sachen, die Ostfriesland betreffen, oder von dem Mißtrauen, welches man in die Gerechtigkeit dieser Sache gesetzt, herrühre, solches kann ich nicht eigentlich sagen. Nachdem man einige Jahre miteinander gestritten, so kam es endlich so weit, daß der alte Rat zu Emden abgeschafft und ein neuer Rat wieder zu Emden eingesetzt ward. Dieses war den Ostfriesen unerträglich. Sie schrien, nun sei es um ihre Freiheit geschehen, und griffen zu den Waffen. Die Freunde und Anhänger der fürstlichen Partei behaupteten, daß der Fürst keine andre Absicht habe, als daß die Gevollmächtigten der Stände von den öffentlichen Geldern Rechenschaft ablegen sollten. Dieses aber leugneten diejenigen, welche die Rechte der Stände verteidigten, und sagten, es sei nur ein bloßer Vorwand, dessen sich Breneysen bediente, um die schon längst von ihm beschlossene Veränderung im Lande durchzutreiben. Und damit sie den gemeinen Mann desto leichter in ihre Partei ziehen möchten, so bildeten sie ihm ein, es sei um die reformierte Religion in Ostfriesland geschehen, wo man sich nicht diesen Neuerungen aufs äußerste widersetzte. In Emden nahm der Aufruhr zuerst seinen Anfang, der hernach zu Liere fortgesetzt ward, in welchem letztern Orte nicht ohne Blutvergießen gestritten worden. Nach einiger Zeit ward einige Mannschaft von dem Fürsten ausgesandt, um einen Ort, der nicht weit von Liere lag, wegzunehmen. Dieses wollten die Einwohner in Liere durchaus nicht dulden und zogen deswegen, nachdem sie einige Bürger und Bauren zusammengebracht hatten, bewaffnet aus der Stadt, um die Mannschaft des Fürsten wieder daraus zu vertreiben. Und wie sie eben marschfertig stunden, diesen Kreuzzug anzutreten, so langte ich in der Stadt an. Wie ich mir einen Wagen gemietet hatte, so trat ich gleich nach der Mittagsmahlzeit meine Reise an. Der ganze Weg war mit bewaffneten Bauren besetzt, welche den Wagen umringten und sich nicht wenig darüber wunderten, daß jemand so verwegen sein könnte, mitten durch eine so fürchterliche Reihe bewaffneter Kriegsleute zu reisen. Jedoch, weil ich mit einem königlichen Reisepaß versehen war, so besorgte ich keine Gefahr und setzte meine Reise fort. Wie ich aber bei Natmora anlangte, wo beide Armeen in Schlachtordnung stunden, so wollte es der Kutscher nicht wagen, weiterzufahren, insonderheit, da er sahe, daß einige verwundete Bauren nach der Stadt zurückgebracht wurden, ob ich gleich nachher hörte, daß sie nicht von dem Feinde, sondern aus Unachtsamkeit von ihren eignen Leuten verwundet worden. Wie wir noch stillehielten und nicht wußten, wozu wir uns entschließen sollten, so zog sich die ganze Armee der Stände wieder in die Stadt zurücke. Man hätte denken sollen, daß sie die Flucht ergriffen hätten, wenn sie von einem Feinde wären verfolgt worden. Die Bürger und Bauren wandten vor, damit man nicht über sie spotten möchte, daß sie sich aus dieser Ursache zurückgezogen hätten, weil sie nicht mit Feldstücken, wie der Gegenteil, versehen wären. Es ist aber viel wahrscheinlicher, daß ihnen die Hitze vergangen war, da sie den Rausch ausgeschlafen hatten. Denn wie sie diesen Ausfall vornahmen, so waren sie ganz berauscht von Branntewein. Ich entschloß mich endlich auch, wieder umzukehren, und traf einen Kapitän an, welcher Andri hieß. Dieser erkundigte sich bei mir nach meinem Namen; und wie ich ihm alles gesagt, woher ich käme und wohin ich gedächte, so riet er mir auch, wieder umzukehren. Dieser Andri war ein Sohn eines Bürgermeisters aus Emden und ein sehr artiger Mann. Die Einwohner in Liere sahen ihn ebenso an wie die Römer den Junius Brutus, da sie für ihre Freiheit fochten. Wie ich wieder in die Stadt zurückgekommen war, so geriet ich mit meinem Fuhrmann in Streit, welcher sich von seiner Bezahlung, die ich ihm für die ganze Reise versprochen hatte, nicht das geringste wollte abziehen lassen. Ich antwortete ihm, daß ich an unserm Kontrakt nicht gebunden wäre, denn da der Wagen mir nicht die versprochene Dienste geleistet, so käme ihm gar nichts zu, und wenn die Sache zum Prozeß ausschlagen sollte, so würde er gewiß verlieren. Aber es ist vergebens, sich in einer Stadt, wo kein Gesetz gilt, auf die Gesetze und die Gerechtigkeit zu beziehen, und es ist auch der Obrigkeit ohnmöglich, in einer aufrührischen Stadt ihrer Pflicht eine Gnüge zu leisten, wenn man auch die allergerechteste Sache hätte. Ich mußte also nicht nur den Fuhrmann entrichten, was er von mir forderte, sondern ich mußte auch den Wagenmeister doppelt bezahlen. Nachdem ich eine betrübte und schlaflose Nacht in dieser unruhigen Stadt gehabt hatte, so mietete ich an dem folgenden Tage eine Schoyte. Doch durfte ich nicht ehe an das Ufer kommen, bis das Kriegsheer wieder aus der Stadt gezogen war. Diese mutigen Streiter hatten nun zwei Feldstücke mitgenommen und rüsteten sich zu einer neuen Unternehmung. Diese einzige Meile kostete mir mehr als beinahe der ganze Weg von Amsterdam nach Neucastel. Wie ich des Abends in einem Dorfe, welches Dederen hieß, anlangte, so erhielt ich die Nachricht, daß das Vornehmen der lierischen Einwohner einen glücklichen Ausgang gewonnen und daß die Soldaten des Fürsten von ihnen vertrieben worden. Ich setzte meinen Weg durch Oldenburg nach Bremen fort, woselbst ich mich drei Tage aufhalten mußte. Während der Zeit besuchte ich einige Professores bei dem dortigen Gymnasio und nebst andern auch den Doktor Hasäus, welcher ein sehr belesener Mann war. Er zeigte mir seinen Büchervorrat, welcher ohnstreitig der schönste und ansehnlichste in der ganzen Stadt war, und zwar sowohl in Absicht auf die Anzahl der Bücher, als auch, weil die Schriften alle auserlesen waren. Die Bibliothek des Gymnasii ist sehr zahlreich, aber alle Bücher sind meistenteils in Folio. Die Einwohner in Bremen können füglich in Gelehrte und Bürger eingeteilt werden. Es sind so viele Doktores in Bremen, daß man aus diesem Orden allein zu Kriegszeiten ein ziemliches Kriegsheer ins Feld stellen könnte. Denn wo man sich nur hinwendet, da siehet man einen Doktor. Wenn man also keinen Unterscheid macht zwischen doctus und Doctor, unter gelehrt sein und den Namen eines Gelehrten führen, so verdient Bremen mit allem Rechte, die gelehrteste Stadt in der ganzen Welt genannt zu werden. In Hamburg besuchte ich einige Gelehrte, den berühmten Fabricius, Johann Hübner und andre. Endlich langte ich glücklich und gesund wieder in Kopenhagen an. Wie ich von dieser fünften ausländischen Reise wieder zu Hause gekommen war, so nahm ich mir vor, die poetische Schrift völlig zustande zu bringen, woran ich bereits vor meiner Abreise zu arbeiten angefangen und ihr den Namen Metamorphosis beigelegt hatte. Es wird darin eine Societät von Tieren, Bäumen und Pflanzen vorgestellt, welche von verschiedenen Waldgöttern und Göttinnen, als dem Pan, Sylvanus, Flora, Bubona, Pomona und andern regiert werden. Und wie die Menschen bei dem Ovidius in Tiere und Bäume verwandelt werden, so werden hier Tiere und Bäume in Menschen verwandelt. Z.B.: Eine große hohe Eiche wird in einen Menschen verwandelt, von demselben stammen die großen und vortrefflichen Leute her, welche ihrem Stamme gleichen und nicht wie andre Bäume Früchte tragen, sondern allein Blätter hervorbringen, unter deren Schatten die Armen Zuflucht suchen und leben müssen. Eine Alster wird in einen Balbier verwandelt, und daher rührt es, daß diese Leute so gerne plaudern. Aus einem Ziegenbock wird ein Philosoph, daher sind die Weltweisen streitbar und die alten Philosophen bärtig. Eine Sonnenblume wird in eine Hofdame verwandelt. Diese Blumen wenden sich allezeit gegen die Sonne und verwelken, ehe man es sich versiehet. Und auf ebendieselbe Art müssen sich auch die Hofdamen stets nach dem Willen ihrer Herrschaft richten, und wenn sie am schönsten blühen, so verdorren sie. Ich habe mich äußerst bemühet, die Schreibart des Ovidius nachzuahmen, soweit es meiner ungeübten Feder möglich gewesen. So selten es aber den Malern glückt, die Vollkommenheit des Originals in ihren Copeyen in allen Stücken auszudrücken, so ist es mir auch in diesem Stücke ergangen. Denn in meinem Gedichte fehlt der Geist des Ovidius und der Reichtum nebst der Zierlichkeit der lateinischen Sprache. Bei Vornehmen und Gelehrten fand diese poetische Schrift großen Beifall wegen der artigen Erfindung, wegen der reinen und verständlichen Poesie, und endlich wegen der Einrichtung des ganzen Werks, welches eine stetswährende Kette von Fabeln ist, die immer aneinander hangen. Aber von dem gemeinen Manne, welcher bloß auf die Satire sieht und nur allein diejenigen Dinge, die ihm in die Augen fallen, zu beurteilen fähig ist, ward es nach verschiednen Absichten auch verschiedentlich aufgenommen. Gleich darauf kam ein abgeschmacktes und pöbelhaftes Gedicht gegen mich zum Vorschein, welches mit lauter groben Ausdrücken angefüllet war. Viele suchten mich zu überreden, daß ich mich dagegen verteidigen sollte. Aber je gröber und unverschämter sich der Verfasser in seinem Gedichte ausgedrückt, desto weniger schätzte ich ihn einer Antwort würdig. Unter den Stücken, worüber er sich beschwerte, war dieses das vornehmste, daß die Leute nachlässig und zu ihren Ämtern untüchtig werden würden, wenn sie hörten, daß sie ihren Ursprung Tieren und Bäumen zu danken hätten, gerade, als wenn ein Ehebrecher, den ich von einem Kuckuck herkommen lassen, dadurch weniger unzüchtig oder ein Balbier nicht so schwatzhaft oder ein Scholastiker sanftmütiger werden würde. Ich ließ mich durch die andern groben Beschuldigungen so wenig aufbringen, daß ich auch den Buchdrucker, welcher mich doch öfters schon gereizt hatte, desfalls nicht einmal zu Rede setzte, obgleich die Obrigkeit selbst mir die Mittel dazu an die Hand gab und auch viele mich antrieben, mich zu rächen, damit die Bosheit dieses Feindes nicht gestärket werden möchte. Aber die Zänkereien sind mir so sehr zuwider, daß ich lieber alles erdulden, als einen Prozeß führen will. In der Vorrede, welche ich dieser poetischen Schrift vorsetzte, gab ich zu erkennen, daß ich mich ernstlich bestrebte, mit dem menschlichen Geschlechte Frieden zu halten, und daß ich inskünftige keine Satiren mehr schreiben würde. Einige glaubten, daß diese Friedensvorschläge aus einem bösen Gewissen herrührten und daß ich meine vorigen Bemühungen bereuete. Aber hierin irrten sie sich sehr. Es erweckte mir zwar einigen Verdruß, daß ich mich so viele Jahre ohne den geringsten Nutzen mit dieser Arbeit geplagt hatte, aber die Arbeit selbst habe ich niemals bereuet, welche meinem Urteile nach, dem Leben und übrigen Bemühungen eines wahren Philosophen zu keiner Schande gereichet. Die Ursache und den Endzweck, warum ich diese gefährliche Schreibart so lange fortgesetzt, zeigen die Schutzschriften an, welche ich meinen poetischen Arbeiten beigefügt habe. Sollten sich aber dennoch einige hierdurch nicht wollen besänftigen lassen, sondern beständig fortfahren, einen Verdacht auf mich zu werfen und widrige Gerüchte von mir auszustreuen, so ersuche ich dieselben, daß sie ihre Tadelsucht auch auf diejenigen gelehrten und rechtschaffenen Männer ausbreiten mögen, auf deren Antrieb und Gutbefinden ich meine poetischen Schriften, Satiren und Schauspiele herausgegeben. Habe ich denn geirret, so haben in diesem Falle auch alle diejenigen vernünftigen Männer geirret, welche mich teils zum Schreiben aufgemuntert, teils meine Schriften gebilliget haben. Und dieses ist hinlänglich, alle Beschuldigungen auf einmal von mir abzulehnen. Wenn ich nur bloß diejenigen nennen wollte, deren Rat ich jederzeit gefolgt bin und deren Urteil ich meine Schriften allemal unterworfen habe, ehe sie gedruckt worden, so würde gewiß alles Mißtrauen, welches man gegen mich hegt, auf einmal wegfallen. Es haben mich aber doch endlich die Schandschriften, welche beständig in der Stadt von einigen ungenannten Verfassern ausgestreuet wurden, ganz von diesen Bemühungen abgeschreckt, weil einige aus Unwissenheit und weil ihnen meine Gründe und meine Gemütsneigung nicht hinlänglich bekannt war, einige aber aus Bosheit für den Verfasser solcher unwürdigen Blätter ausgaben. Aber ich versichere heilig und aufs zuverlässigste, daß ich nichts in dieser Schreibart jemals herausgegeben habe, als was unter dem Namen Hans Mikkelsen ans Licht getreten ist. Hier würde ich diesen Brief schließen, wenn ich nicht noch zum Beschlusse etwas von meinen Neigungen und Sitten hinzufügen müßte. Denn da keiner von den öffentlichen Lehrern bei der Akademie jemals so vielen Urteilen als ich unterworfen gewesen, so hoffe ich, es werde Ihnen, mein Herr, nicht unangenehm sein, wenn ich mein Bild mit eben der Aufrichtigkeit abmale, mit welcher ich das Bild von so vielen andern Menschen der Nachwelt übergeben habe. Ich habe von meiner ersten Jugend an wahrgenommen, daß meiner Gesundheit nichts so schädlich sei als eine unordentliche und ausschweifende Lebensart. Aus dieser Ursache habe ich jederzeit sehr eingezogen und enthaltsam gelebt, daß man mich auch bereits in meinen ersten Jahren für einen Jüngling dem Alter nach, aber für einen Greis wegen meiner Lebensart gehalten. Ich ward daher auch öfters von einigen getadelt, welche glaubten, daß ein so strenges und enthaltsames Leben meinen Jahren nicht gemäß sei. Welche Erinnerungen mir um soviel verdrießlicher waren, je mehr ich zu derselben Zeit noch zum Zorne geneigt war. Nichtsdestoweniger blieb ich doch bei meiner alten Lebensart und veränderte solche nicht nach dem Gutachten meiner Freunde. Mit den Jahren nahm auch meine Enthaltsamkeit zu. In meiner Jugend pflegte ich noch Wein zu trinken, wenn ich ihn mit Wasser vermischt hatte. Nun aber scheue ich denselben ärger als Gift. Vor einigen Jahren trieb ich meine Enthaltsamkeit so weit, daß ich auch nicht einmal mit meiner gewöhnlichen Lebensart zufrieden war, sondern ich ließ alles, was ich essen und trinken wollte, nach dem Gewichte abmessen und folgte hierin dem Beispiel derjenigen, welche sich bei dieser mathematischen Lebensart sehr wohlbefunden haben. Aber meine Freunde hielten dieses für eine große Torheit und fingen desfalls an, mit mir zu streiten, ja sie prophezeiten, daß ich bald sterben würde, wenn ich dieses eine Zeitlang fortsetzen wollte. Sie führten mir zu Gemüte, daß nichts Törichters könnte erdacht werden, als sich bei blühenden Jahren allem menschlichen Umgange zu entziehen, und wenn man nicht in der Gesellschaft mit andern speisen wollte, so sei es ebenso gut, als wenn man die Welt bereits verlassen oder sich selbst landflüchtig gemacht hätte. Ich antwortete ihnen zwar, daß der Umgang nicht im Fressen und in der Völlerei bestehe, aber hierdurch richtete ich nichts aus. Andre, welche noch nachdrücklicher philosophierten, plagten mich mit einigen Sprüchen aus der Schrift und bemüheten sich, daraus zu zeigen, daß man, wenn man sich Speise und Trank abmessen ließe, dadurch der Vorsehung Gottes zu nahe trete. Ja, ihr Eifer ging soweit, daß sie mir einbilden wollten, es fehle nicht an Beispielen solcher Leute, welche sich durch diese Lebensart den Zorn und die Ungnade Gottes zugezogen hätten. Auch diesen suchte ich ihren Irrtum durch diese Antwort zu benehmen, daß mir dergleichen Exempel gar nicht bekannt wären, und wenn man ja einige erzählte, so würden solche doch ebenso wenigen Glauben als andre Fabeln und Märlein verdienen. Ich wüßte wohl, daß man dem Johannes Chrysostomus bei einer Kirchenversammlung dieses vorgeworfen habe, wie wichtig aber diese Beschuldigung gewesen, solches könne man aus den andern Vorwürfen, die man ihm gleichfalls gemacht, zur Gnüge abnehmen, da man an ihm getadelt, daß er sich allein badete usw. Überhaupt hielte ich dafür, daß ein jeder Mensch insonderheit darnach streben müsse, daß in einem gesunden Körper eine gesunde Seele wohne. Und da man verbunden sei, für die Seele Sorge zu tragen, so müsse man auch die Sorge für den Leib nicht aus den Augen setzen, weil die Seele sich darauf gründe und ruhe. Diese Vorstellungen setzte ich den Anfällen meiner Freunde entgegen, welche mich täglich mit neuen Ermahnungen angriffen. Da ich aber weder Frieden noch Stillstand erlangen konnte, so ließ ich mein Vorhaben endlich fahren, damit ich nicht ewig mit meinen Freunden streiten und immer einerlei hören möchte. Die Schwachheit, womit ich geplagt bin, ist erblich. Denn die Erfahrung zeigt, daß die Krankheiten ebenso wie andere Dinge können fortgepflanzt werden. Doch brauche ich keine Arzneien, weil mir die Ursache meiner Krankheit unbekannt ist. Bisweilen überfällt mich eine so große Mattigkeit, daß ich fast nicht gehen kann, sondern nur von einer Stelle zur andern kriechen muß. Zu einer andern Zeit aber kann ich so hurtig und schnell als nur irgendein andrer gehen. Bald nimmt die Krankheit den Kopf, bald die Füße und bald den Magen ein, und alsdann empfinde ich bald Kälte, bald Hitze in den Gedärmen, bald bemerke ich gar zu viele Säure im Magen, und zu einer andern Zeit empfinde ich gar nichts davon. Ich war einmal beinahe zwei Jahr so heftig mit Kopfschmerzen geplagt, daß ich mich alles Nachsinnens und Studierens enthalten mußte und während der Zeit nichts anders als historische Bücher und Auszüge von Büchern und Schriften lesen konnte. Aber nach dieser Zeit und wie sich die Krankheit nach einem andern Orte gezogen hatte, so fand ich mein größtes Vergnügen an philosophischen Betrachtungen und an der Dichtkunst, und damals schrieb ich auch die Gedichte, die Satiren und die Schauspiele, von denen ich oben bereits Nachricht gegeben habe. Ich bin desfalls mein eigner Arzt und nehme von niemanden einen Rat an. Denn ich glaube nicht, daß die Ärzte imstande sind, eine so unbeständige und wandelbare Krankheit zu heben. Daher ist mein Sinn auch ebenso unbeständig, und desfalls bin ich mir selbst öfters nicht ähnlich. Ich muß alle Mühe anwenden, daß die Unbeständigkeit, welche in meinem Gemüte herrscht, nicht ausbrechen möge. Freude, Betrübnis, Furcht, Mut, Mattigkeit, Hurtigkeit, Hitze und Kaltsinnigkeit sind diejenigen Leidenschaften, welche wechselsweise bei mir die Herrschaft haben, und dieses richtet sich nach dem Orte des Leibes, den die bösen und scharfen Feuchtigkeiten bald hier, bald dort einnehmen. Wenn sie sich in der Gegend des Herzens aufhalten, so entdecke ich allenthalben Fehler und habe eine überaus große Lust, dieselben zu verbessern, ja ich lehne mich gegen die ganze Welt auf. Aber gleich darauf, wenn die Feuchtigkeiten sich an einen andern Ort ziehen, so ist niemand sanftmütiger und verträglicher als ich. Sooft mich also der Trieb zu reformieren überfällt, so halte ich es am ratsamsten, mich selbst zu reformieren, denn ich habe erfahren, daß sich dieser Eifer durch einige abführende Pillen heben läßt. Sobald dieser Zufall gehoben worden, so sehe ich die Menschen wieder mit andern Augen an, und die Welt scheint mir alsdann wieder besser als vorher. Andre sind mit einem Magen geplagt, welcher nicht alle Speisen annimmt, ich aber bin mit einem Gemüte geplagt, welches fast vor allen Dingen einen Ekel hat, und unter hundert Menschen kann ich kaum einen finden, dessen Aufführung mir gefällt. Dieser erweckt mir durch sein Geschwätz und jener durch seine Gebärden Verdruß. Deswegen verlasse ich auch die meisten Gesellschaften mit Widerwillen und suche mein Vergnügen in der Einsamkeit. Und da mich nichts so sehr vergnügt als die Kürze, so ist mir auch im Gegenteil nichts mehr zuwider, als wenn einige nicht vier Worte reden können, wo sie nicht sechzehn Zwischensätze einschalten und ihre Erzählung mit so vielen Nebendingen anfüllen, daß man das Ende davon nicht absehen kann. Deswegen gefällt mir unter allen meinen Lustspielen ›Gerhard Westphaler oder der schwatzhafte Balbier‹ am allerbesten, weil darin diejenigen lächerlich gemacht werden, welche mir öfters durch ihre weitläuftigen und ungereimten Erzählungen den äußersten Verdruß verursachet haben. Weil ich mit solchen Leuten nicht gerne umgehe, so bin ich desfalls von einigen getadelt worden, die keinen Unterscheid unter dem Ekel und Haß zu machen wissen. Man kann einen Menschen fliehen, aber man darf ihn eben nicht zugleich hassen. Einige urteilen gleichfalls, daß ich in meinen Satiren gar zu bitter gewesen und daß die gehörigen Grenzen von mir überschritten worden. Ich gestehe es, daß meine Satiren mit Bitterkeit angefüllet sind, aber ich schärfe meine Feder allein gegen die Laster und nicht gegen die Menschen. Ich sehe sehr wohl ein, daß den wenigsten diese Schreibart gefällt und daß ein Lobgedichte sich weit leichter aufsetzen lasse und weit besser aufgenommen werde als eine Stachelschrift. Die Herolde der Tugenden und großen Eigenschaften werden mit Ehre und Gütern überhäuft, aber die Satirenschreiber sieht man als Aufrührer an, da doch diese wieder aufbauen, was jene niederreißen, da diese Pflaster auf die Wunden legen, jene aber die Wunden wieder aufreißen. Diese sind insgemein verhaßt, weil sie wie die Ärzte bittre, aber doch gesunde Tränke den Kranken darreichen. Jene sind beliebt und angenehm, weil sie den Kranken heucheln und ihnen süße, aber tödliche Tränke geben. Diese hält man für böse und schädlich, jene sind es wirklich. Diese scheinen Feinde des menschlichen Geschlechts zu sein, da sie doch Freunde desselben sind. Diese hält man für Freunde, da sie sich doch als Todfeinde der Menschen beweisen. Viele haben sich darüber gewundert, daß ich eben diese Schreibart erwählt, wovon ich doch nichts anders vermuten können, als daß ich mir Neid und Mißgunst zuziehen und andre gegen mich aufbringen würde. Aber mich dünkt, es ist besser, etwas anzufangen, wenn es auch gleich mit Schaden verbunden ist, als ganz stille zu sitzen, und es ist rühmlicher, zwischen Klippen und Felsen zu segeln, als nachlässig und faul im Hafen stillzuliegen. Und überdem ist es sehr schwer, die Lust zu dämpfen, wozu man von Natur geneigt ist, und den Kräften des Geistes und Gemüts einen Zügel anzulegen, daß sie sich nicht äußern mögen. Insonderheit, wenn es nicht an Freunden fehlt, die uns zu einer solchen Arbeit aufmuntern, wodurch der Name bekannt, das Andenken ehrwürdig und das Leben selbst nach dem Tode verlängert werden kann. Hiedurch wird das Gemüt immer mehr angereizt, und es ist fast ohnmöglich, diesem Triebe, wenn er einmal überhandgenommen, wieder Schranken zu setzen. In meinen Schriften ist überhaupt mehr Scherz als Bitterkeit anzutreffen, und die Fehler der Menschen werden nicht sowohl getadelt als verbessert. Indessen leugne ich nicht, daß nicht noch Verschiedenes darin könnte verbessert werden. Ob ich gleich niemanden ohne Ursache den Krieg angekündiget habe, so bin ich doch gar zu hitzig im Angriffe gewesen. Ich habe auch den Streit mit denen, von welchen ich gereizt worden, gar zu lange und eifrig fortgesetzt. Ich erkenne meinen Fehler und mißbillige selbst meine gar zu große Hitze. So wenig man es einem Sprachlehrer vergeben kann, wenn er schlecht redet, und so schlecht man billig von demjenigen urteilet, der sich für einen Sänger ausgibt und dennoch schlecht singt, weil beide eben in der Wissenschaft fehlen, in welcher sie Meister sein wollen: Ebensowenig und noch viel weniger ist es einem Weltweisen zu verzeihen, wenn er Fehler in seinem Leben begehet, weil er sich eben in den Stücken versieht, in welchen er andre unterrichten will. Gewiß, dadurch werden die Laster nicht aufgehoben und vertilgt, sondern vielmehr noch tiefer eingeprägt und befestiget. Aber wie leicht läßt man nicht den Zügel fahren, wenn man erhitzt und aufgebracht ist, und wie leicht begeht man denn selbst nicht die Fehler, welche man an andern getadelt hat. Ich wünschte, daß meine poetische Schriften bloß allein aus dieser Ursache wieder von neuem möchten aufgelegt werden, damit ich einige bittre Stellen auslöschen könnte, welche ich, ob man sie mir gleich abgezwungen, dennoch als Flecken und Fehler in meinen Gedichten ansehe. Es ist töricht, wenn einige den Zorn verteidigen, denselben gleichsam als einen Wetzstein des Mutes und der Tapferkeit ansehen. Ebenso abgeschmackt ist es, wenn einige nur diejenigen für rechte Redner und ehrliche Männer halten, welche in Eifer und Wut geraten können. Vernünftige aber halten denjenigen für keinen Mann, der nicht imstande ist, seinen Zorn zu dämpfen. Dieses sind meine natürlichen Fehler, welche ich zwar öfters bestritten habe, aber bisher noch nicht völlig unterdrücken können. Es wird sehr viele Mühe dazu erfordert, eingewurzelte Laster auszurotten. Ein Augenarzt muß weit mehr Mühe bei denen anwenden, welche schon lange Schaden an den Augen gehabt haben, als bei andern, denen die Augen nur seit einiger Zeit etwas geschwollen sind. Da es unanständig ist, sich selbst zu rühmen, so überlasse ich es andern, von meinen guten Eigenschaften zu reden, wenn sie ja einige bei mir wahrnehmen sollten. Die Fehler, zu denen ich geneigt bin, sind bekannt. Doch haben auch die Tugenden bisweilen den Schein und das Ansehen der Laster. Einige halten meine Aufführung für unanständig, weil ich mich nett und sauber kleide und mich vielleicht öfterer in den Gesellschaften des Frauenzimmers finden lasse, als es einen Philosophen anstehet. Andre glauben, es sei einem Manne von meinem Stande nachteilig, Komödien zu schreiben und die Schauspieler zu verteidigen. Einige sehen mich für wollüstig an, und doch flieht niemand die Wollust und ein unordentliches Leben so sehr als ich. Ich spotte über die Philosophen, und doch philosophiere ich selbst. Ich rede von der Eitelkeit der Wissenschaften, und dennoch bemühe ich mich, dieselben zu fassen. Ein unschuldiges Vergnügen verteidige ich offenbar, und dennoch lebe ich selbst sehr strenge und eingezogen. Ehedem ging ich fleißig in die öffentlichen Wirtshäuser, aber ich habe niemals daselbst weder gegessen noch getrunken. Ich befand mich täglich in einer Gesellschaft, wo gespielt ward, ich habe aber niemals mitgespielt. Im Scherz verhehle ich bisweilen die Wahrheit, in ernsthaften Sachen aber niemals. In Kleinigkeiten und gleichgültigen Dingen bin ich verschwiegen, in wichtigern Sachen aber offenherzig. In meinen Schriften bin ich bitter und streitbar, im Umgange aber so verträglich und sanftmütig, daß ich auch oft wider den Willen meiner Freunde und mit meinem eignen Schaden mein Recht fahrenlassen. Bei einer solchen Lebensart hat es wohl nicht anders sein können, als daß diejenigen, welche einen Philosophen allein nach dem Äußerlichen beurteilen, sehr schlechte Gedanken von meiner Person fassen müssen. Ich habe mir auch keine Mühe gegeben, diese unbilligen Richter auf bessere Gedanken zu bringen. Es ist einem wahren Philosophen Ehre genug, wenn er ein reines Gewissen hat und von den Lastern frei ist, die man ihm aufbürden will. Ich weiß wohl, daß der Schein öfters nützlicher als das Wesen selbst ist. Allein, was andre einem Philosophen höchst unanständig halten, das sehe ich als die schönste Zierde in seinem Leben an. Denn derjenige scheint es gewiß sehr weit gebracht zu haben, der die Wollust nicht so sehr scheuet, als ihr vielmehr entgegengeht, sie angreift und endlich überwindet. Dieses mag von meiner Lebensart und von meinen Neigungen genug sein. Es ist nichts mehr übrig, als daß ich von meiner Religion noch etwas hinzufüge. Viele stehen in den Gedanken, weil ich den Lukian in meinen Schriften nachgeahmt, so sei ich auch ebensowenig ein Freund der Religion als derselbe gewesen. Dieses Schicksal habe ich mit allen den berühmten Männern gemein, welche nicht gleich alles ohne Untersuchung glauben wollen. Aber ebendenselben Philosophen, den ich in Bestreitung des Aberglaubens nachfolge, verabscheue ich aufs äußerste, wenn er mit der Religion scherzt und dieselbe angreift. Ich weiche zwar bisweilen von den allgemeinen Meinungen ab, aber die Vorwürfe, welche man mir aus meinen Schriften machen kann, sind so geringe und von so wenigem Gewichte, daß dadurch zwar allerhand Urteile, niemals aber ein rechter Streit wider mich erregt worden. Daß ein Gott sei, daran habe ich niemals gezweifelt. Derjenige müßte gewiß ein Stein und Klotz sein, der nach des Poetens Ausspruch sieht: Coelum nitescere, arbores frondescere, Segetes largiri fruges, florere omnia Fontes scatere, herbes prata conuestirier; Coelum nitescere...: ...wie der Himmel klar wird, wie die Bäume ausschlagen, wie auf den Feldern das Korn reift, wie alles blüht, wie die Quellen sprudeln, wie sich mit Gras die Wiesen kleiden. (Cicero, Tusculanen I, 69, wahrscheinlich aus den Eumeniden des Ennius) und dennoch leugnen wollte, daß einer sein müsse, der dieses alles regiere und den Menschen soviel Gutes verleihe. Indessen gestehe ich doch aufrichtig, daß durch das Lesen gewisser verbotenen Bücher vor einigen Jahren verschiedene Zweifel gegen die Offenbarung in mir erregt worden. Da ich sahe, daß die Menschen von den unvernünftigen Tieren am allermeisten dadurch unterschieden werden, daß sie die Freiheit haben, sich ihrer Vernunft zu bedienen, so glaubte ich, daß es die Pflicht eines Menschen sei, das zu untersuchen, was er von seinen Vorfahren gehört hat; ich glaubte auch, daß es erlaubt sei, in den verbotenen Büchern zu lesen und an allen Dingen zu zweifeln. Aus dieser Ursache habe ich alle verbotene Bücher, die ich nur auftreiben können, gelesen; und ich gestehe, daß mir solche viele Zweifel erregt haben. Ich ward noch ungewisser, da ich einige neuere Schriften las, worin die Verfasser jüdische Sätze vorgetragen und fast in einem jeden Spruche ein Bild und Gegenbild anzutreffen glaubten. Die größte Unruhe aber verursachten mir einige päpstische Skribenten, welche das Ansehen der Offenbarung schwächen, damit sie die Macht der Kirche desto besser behaupten können. Denn was die Feinde des Glaubens offenbar tun, das bewerkstelligen die Papisten durch verborgene Kunstgriffe. Diese Schriften, welche ich sehr fleißig las, brachten mich würklich auf einen Irrweg, von welchen ich aber doch nach einigen Jahren wieder befreiet ward. Ich habe solches der Abhandlung des Abadie von der Wahrheit der christlichen Religion hauptsächlich zu danken, welches unvergleichliche Buch die Wahrheit der heiligen Schrift überaus herrlich erweiset und den Unglauben durch die stärksten Waffen bestreitet. Grotius, Huetius und andre Verteidiger der Wahrheit der christlichen Religion leisteten mir auch in diesem Falle die vortrefflichsten Dienste. Es blieben mir zwar noch einige Zweifel übrig, welche das Studium physicae coelestis in mir rege machte, woran ich jederzeit einen sehr großen Gefallen gehabt. Die Vortices Cartesiani und die Vielheit der Welten schienen mir auch mit der Nachricht zu streiten, welche Moses von der Schöpfung erteilet. Aber einige vernünftige Ausleger, von welchen die Bücher Mosis erkläret worden, haben mir auch diese Zweifel benommen, da sie die Sätze der heutigen Weltweisen mit der mosaischen Nachricht von der Schöpfung überaus glücklich und vernünftig vereinigen. Weil ich so oft krank und nicht wohl aufgeräumt bin, so finde ich eine große Erleichterung, wenn ich studiere, auch die betrübtesten Schicksale werden bei mir durch das Studieren ungemein gelindert. Wenn mich deswegen Sorgen und Bekümmernisse überfallen, so nehme ich zu den Studien als zu einem gewissen Mittel gegen den Schmerz meine Zuflucht. Ich lege mich auf verschiedene Arten der Wissenschaften, ich verlasse mich aber auf keine insonderheit. Ich lese ausgesuchte Bücher, worin bald diese, bald jene Wissenschaft abgehandelt wird. Aber medizinische und mathematische Bücher lese ich niemals, weil ich sie nicht verstehe. Ehedem wandte ich allen Fleiß einzig und allein auf die Geschichte und Sittenlehre. Ferner machte ich mich mit den alten Gesetzen bekannt; hierauf folgte die Dichtkunst, und endlich erneuerte ich die ersten Bemühungen wieder und beschäftigte mich am liebsten mit den Geschichten und mit der Moral. Ich hätte es vielleicht in den Wissenschaften weiter bringen können, wenn nicht die beständige Krankheit meinen natürlichen Trieb zum Studieren so oft unterbrochen hätte. Vielleicht wäre auch mein Namen auswärts berühmter geworden, wenn ich nicht meine Schriften in dänischer Sprache abgefaßt hätte, welche so sehr eingeschränkt ist, daß man fast in Dänemark selbst schon jemand suchen muß, der dieselbe verstehet. Aber es ist mir Ehre genug, daß ich mich einigermaßen von dem Vorwurfe der Nachlässigkeit befreiet, daß ich mir allein bei meinen Landsleuten ein Andenken gestiftet, daß ich mich um meine Muttersprache wohl verdient gemacht und daß ich Ihrem Befehl, mein Herr, welcher mich zum Schreiben aufgemuntert, gehorsam gewesen. Und da das Alter mir annoch keinen Stillstand auflegt, so werden Sie mich, wenn ich noch einige Zeit lebe, allemal gleich willig und munter finden, Ihr Verlangen zu erfüllen. Denn durch das Vergnügen, welches Sie bei dem Lesen bezeugen, wird meine Begierde zu schreiben immer stärker. Meine Arbeit ist mir reichlich genug bezahlt, wenn meine Bücher nur bei Ihnen Beifall finden und wenn Sie es für der dänischen Nation rühmlich halten, daß man nunmehr nicht nötig hat, aus fremden Schriften Tugend und Anständigkeit zu lernen. Die widrigen Urteile, welche andre von meinen Arbeiten fällen, werden mich von meinem Vorhaben nicht abschrecken. Ich bin derselben bereits so gewohnt, daß ich, wie jener bei dem Euripides, sagen kann: Si mihi nunc tristis primum illuxisset dies, Nec tam aerumnoso navigassem salo Esset dolendi caussa ut iniecto equulei Freno repente tactu exagtitantur novo. Si mihi nunc tristis ..: Wäre heute mein erster Unglückstag, wäre ich nicht auf diesem Meere der Trübsal schon weit herumgefahren, ja, dann hätte ich Grund zum Klagen, gleichwie jungen Rossen, denen man plötzlich ein Gebiß anlegt, die ungewohnte Berührung eine Qual ist. (Cicero, Tusculanen III, 67; Übersetzung aus dem Phrixus des Euripides) Aber ich bin durch die häufigen Verleumdungen bereits ganz abgehärtet, und wenn ich nur des Beifalls eines so großen Mannes versichert bin, so werde ich nicht nur alle Urteile gerne erdulden, sondern auch solche durch andre Arbeiten aufs neue verdienen. Die Scherzgedichte aber will ich andern überlassen, deren Alter dazu bequemer ist, indem der vorige Geist und die ehemalige Lebhaftigkeit, welche dazu erfordert werden, mich bereits verlassen haben. Ich bin ... Kopenhagen, den 31. des Christmonats 1727 Der zweite Brief Mein Herr, obgleich bereits acht Jahre verflossen sind, seitdem wir keine Briefe miteinander gewechselt haben, so kann ich dennoch aus dem mir vor kurzer Zeit eingehändigten Schreiben abnehmen, daß die vorige Freundschaft in einer so langen Zeit noch nicht erloschen sei, und da Sie mir annoch ein geneigtes Andenken gönnen. Sie verlangen von mir, daß ich meine Lebensgeschichte weiter fortsetzen und Ihnen zugleich Nachricht von meinen Schriften erteilen soll, die ich seit der Zeit, da ich meinen ersten Brief an Sie geschrieben, ans Licht treten lassen. Ich schätze es billig für eine Pflicht, diesem Befehl ohne Verzug nachzukommen. Wie ich aufhörte, satirische Schriften herauszugeben, womit ich mich einige Jahre beschäftiget hatte, so nahm ich meine alte und längst angefangene Arbeit wieder zur Hand. Es ward zwar der dänische Schauplatz nicht lange darauf wieder eröffnet, und meine Freunde munterten mich öfters auf, neue Lustspiele aufzusetzen. Ich blieb aber bei meinem Entschlusse und hatte keine Lust, mir neue Verdrießlichkeiten zuzuziehen. Ich sahe also nur bloß die vorigen Lustspiele noch einmal durch und verbesserte solche an verschiedenen Orten. Die neue theatralischen Stücke, welche ich ausgearbeitet hatte, schenkte ich den Komödianten. Endlich suchte ich das Werk völlig zustande zu bringen, woran ich bereits so oft zu arbeiten angefangen und welches eine Beschreibung des geistlichen und weltlichen Zustandes in Dänemark und Norwegen in sich fassen sollte. Wie ich mit dieser Arbeit beschäftiget war, so wurden von einigen ungenannten Verfassern verschiedene Schandschriften gegen die ostindische Handelsgesellschaft ausgestreuet. Die Handlung nach Indien war wegen der damaligen schlechten Zeiten so sehr in Abnahme geraten, daß sie dem Ansehen nach nicht bestehen konnte, wo man nicht bald andre Mittel zu ihrer Erhaltung vorkehrte. Desfalls wandten die Directeurs dieser Handelsgesellschaft alle Mühe an und suchten, diese sinkende Handlung durch einen neuen und nützlichen Anschlag wieder auf festen Fuß zu setzen. Sie suchten, neue Kaufleute von den nächstangrenzenden Nationen zu bewegen, daß sie mit in diese Gesellschaft treten möchten. Weil aber einige die Aufnahme des nordischen Handels mit neidischen Augen ansahen, so gaben sie diese Bemühung für unnütz und vergeblich aus, damit andre möchten abgeschreckt werden, einen Vorschuß an Geld herzugeben. Man ersuchte mich, eine Schutzschrift aufzusetzen und in derselben diese Verleumdungen zu widerlegen. Weil ich aber in Handelssachen nicht sonderlich erfahren war, so suchte ich sehr lange, diesen Antrag von mir abzulehnen. Endlich ließ ich mich durch das beständige Anhalten meiner Freunde überreden und gab eine Schrift in lateinischer Sprache heraus, welche auf Veranstaltung der Directeurs gleich darauf ins Dänische und Deutsche übersetzt ward. Nicht lange darnach gab ich eine andre Schrift heraus, worin ich diese Sache in eine noch reifere Überlegung zog. Diese Arbeit ward von den Kaufleuten in dieser königlichen Residenzstadt so wohl aufgenommen, daß auch einige den Vorschlag taten, den Verfasser für seine Bemühung reichlich zu belohnen. Wie man aber deswegen auf der Börse ratschlagte, so wandten einige sehr vernünftig ein: Weil ich niemals etwas für Geld geschrieben, so würde es mir weit angenehmer sein, wenn sie mir mündlich ihre Danksagung abstatteten. Und hierin irrten sie sich auch nicht, denn dieses Zeichen der Dankbarkeit war alles, was ich verlangte. Nun muß ich von dem betrübten Tage reden, an den man nicht ohne Entsetzen gedenken kann, da der größte Teil dieser königlichen Residenzstadt nebst den vornehmsten Kirchen und der ganzen Akademie in die Asche gelegt ward. Gewiß, dieser höchst unglückliche und betrübte Zufall könnte allein zu einer sehr weitläuftigen Ausführung Gelegenheit geben. Das Feuer ging des Abends in der Gegend des sogenannten Westertors zuerst auf und breitete sich gleich auf eine unglaubliche Art aus, teils, weil der Wind sehr stark war und das Feuer aus einer Gasse in die andre trieb, teils, weil die Leute über dieses ungewöhnliche und plötzlich einbrechende Unglück gleich so bestürzt waren, daß sie als ledige und müßige Zuschauer dieses große Elend ansahen. Es sind hier sonst bei einer Feuersbrunst die vortrefflichsten Anstalten vorgekehrt, und obgleich in einem Jahre sehr oft ein Feuer entsteht, so geschieht es dennoch sehr selten, daß ein ganzes Haus in die Asche gelegt wird. So unerwartet demnach dieses Unglück einbrach, desto bestürzter waren die Einwohner und stellten sich die Gefahr weit größer vor, als sie an sich selbst war. Männer, Kinder und Weiber heulten und schrien untereinander, und es fehlte auch nicht an Leuten, welche den Leichtgläubigen einbildeten, daß sich in der Stadt Mordbrenner aufhielten, welche erkauft wären, die Stadt in Brand zu setzen. Auch diejenigen, welche dazu bestellt waren, das Feuer zu dämpfen, waren so bestürzt, daß sie nicht wußten, was sie anfangen sollten. Sie liefen wie die Unsinnigen herum, und der eine fiel dem andern ins Amt. Sie hatten keine Sprützen, keine Brandleitern, keine Brandhaken oder sonst irgendein Werkzeug, wodurch das Feuer kann gedämpft werden. So verwirrt und bestürzt hatte sie dieses unvermutete Elend gemacht. Inzwischen nahm das Feuer immer stärker überhand. Die öffentlichen Gebäude und die andern Häuser wurden so schnell von dem Feuer in die Asche gelegt, daß man sie nicht für steinerne Gebäude, sondern vielmehr für Strohhütten hätte halten sollen. Je weiter man im Anfange von dem Orte entfernet war, wo das Feuer zuerst aufging, desto größern Schaden litte man. Denn diejenigen, deren Häuser zuerst den Flammen zuteil wurden, retteten annoch größtenteils ihr Gut und Vermögen, indem ihre Freunde gleichsam recht miteinander stritten, ihnen Hülfe zu leisten und ihre Sachen in Sicherheit zu bringen. Da aber hienächst auch diejenigen, welche weit entfernt in der Stadt wohnten, kaum soviel Zeit hatten, ihr eignes Vermögen zu retten, so konnte einer dem andern nicht mehr zu Hülfe kommen. Das Feuer fand keinen Widerstand, und daher nahm es je länger, je stärker zu. Und da die Einwohner die Stadt an verschiedenen Orten zugleich in Brand stehen sahen, so verließen sie dieselbe und glaubten, solche niemals wiederzusehen. Einige flohen aus den Toren, einige begaben sich in Boote und fuhren damit aufs Wasser, weil sie glaubten, daselbst sicherer zu sein als auf dem Lande. Es war recht erbärmlich anzusehen, wie die armen Menschen aus Verwirrung und Schrecken allenthalben herumliefen und die Stadt ohne Rettung ließen. Wie das Feuer bereits zwei Tage so sehr gewütet hatte, daß beinahe das ganze alte Kopenhagen nebst einem Teile der Neustadt in die Asche gelegt worden, so wurden die Einwohner gleichsam aus einem tiefen Schlafe aufgeweckt, um dasjenige wieder zu ersetzen, was sie versäumt hatten. Es ist unglaublich, mit welcher Hurtigkeit sie nunmehro das äußerste wagten, um den noch übrigen Teil der Stadt zu retten. Kein Stand, kein Alter, kein Geschlecht weigerte sich, auch die allerbeschwerlichste Arbeit zu übernehmen, indem sowohl der König selbst, als auch der Kronprinz, unser itztregierender allergnädigster König, nebst allen hohen Ministern gegenwärtig waren und die Leute zum Retten aufmunterten. Hier konnte man recht sehen, was die Menschen erdenken können und was so viele Hände und vereinigte Kräfte mit dem Beistand des Höchsten auszurichten vermögend sind. Denn, wo man auch nur itzt dem Feuer Widerstand tat, da ward dasselbe gleich gelöscht. In dieser höchst unglücklichen Feuersbrunst gingen im Rauch auf: die Marienkirche, die Kirche Zum Heiligen Geist, die Trinitatiskirche nebst der darangebauten akademischen Bibliothek, der astronomische Turm mit dem Globo und den übrigen Instrumenten des Tycho Brahe, die Peterskirche, das Rathaus, die Hospitäler, die ganze Akademie nebst den Häusern der Professoren, die Communität, wo hundert arme Studenten gespeiset wurden, vier herrliche Collegia, nämlich die Regenz, das Walkendorfische, das Mediceische und das Elersische und unzählige andre Häuser, welches alles so bekannt ist, daß es überflüssig sein würde, wenn ich weitläuftig davon reden wollte. Das Konsistorium allein, worin die Professores ihre Versammlungen zu halten pflegen, blieb mitten in diesem unaussprechlichen Elend und mitten unter so vielen brennenden Häusern und Gebäuden unbeschädigt. Nun konnte man von dieser berühmten hohen Schule sagen: Hic seges, ubi Troja fuit. Hie seges ...: Dort, wo Troja gestanden hat, ist jetzt ein Saatfeld. (Ovid, Heroides I, 53) Wie das Feuer gedämpft war, so empfunden die Einwohner erstlich das Unglück und den Schaden recht, welchen sie erlitten hatten. Diejenigen, welche vor kurzer Zeit sehr reich gewesen waren, mußten nunmehro fast ihr Brot von andern bitten und bereueten, wiewohl zu spät, daß sie vorher so verschwenderisch hausgehalten hatten. Die Mittel waren verschwunden, und es blieb ihnen davon nichts als die Erinnerung übrig, daß sie ehedem reich gewesen waren. Da sahe man diejenigen zu Fuße gehen, welche vor kurzer Zeit gleichsam keine Beine hatten und sich beständig herumfahren ließen. Diejenigen begehrten nun selbst Almosen, welche sonst andern Almosen gereicht hatten. Ich kann dieses indessen zu meinem Ruhme anführen, daß mein Gemüt bei dieser großen Verwirrung und bei diesem außerordentlichen Elend nicht niedergeschlagen gewesen. Denn da ich von meiner Jugend an sehr genau und enthaltsam gelebt, so schlägt mich auch ein jedes Unglück nicht gleich so sehr als andre nieder, welche im Überflusse zu leben gewohnt sind und nur allein zu dem Ende in der Welt sind, daß sie darin essen mögen. Dieses war mir sehr empfindlich, daß ich aus meiner alten Wohnung und von meinem alten Wirt zu weichen gezwungen worden und daß ich meine Studierstube verlassen mußte, worin ich recht vergnügt und ruhig so viele Jahre unter meinen Büchern und Schriften zugebracht hatte. Ich ward durch den Verlust meiner bequemen Wohnung weit mehr als durch den Verlust meines Vermögens gerührt, weil ich an der Stille und Ruhe mein größtes Vergnügen finde und mein Gemüt niemals besser als bei einer wohleingerichteten Lebensart aufgeräumt ist. Ich hatte alles aufs bequemste nach meinem Sinne eingerichtet. Ich konnte ruhen oder arbeiten, schlafen oder wachen, wie und zu welcher Zeit ich wollte. Ich konnte ernsthafte Dinge vornehmen oder auch an Kleinigkeiten ein Vergnügen finden. Eine jede Beschäftigung hatte ihre gewisse Zeit und Ordnung. Ich bemühete mich einige Tage, in der annoch überbliebenen Stadt eine so bequeme Wohnung wieder anzutreffen, und ich war endlich auch so glücklich, daß ich dieselbe fand, wo ich meine verwirrten Sachen wieder einigermaßen in Ordnung bringen und meine alte Lebensart wieder anfangen konnte. Unter die größten Unglücksfälle, von denen man einen neuen Zeitlauf in den Geschichten festsetzen kann, ist mit dem größten Rechte die kopenhagensche Feuersbrunst zu rechnen. Zwar, wenn man auf die Größe allein siehet, so wird diese Residenzstadt von vielen andern Städten in Europa übertroffen; wenn man aber auf die Wichtigkeit siehet, so gibt sie sehr wenigen etwas nach, indem hier, wie in einem Mittelpunkte, alles angetroffen wird, was die Zierde und Stärke beider Reiche ausmacht. Bei diesem äußersten Elende der Stadt hatte die ganze Welt Gelegenheit, die hohen und recht königlichen Eigenschaften des höchstseligen Königs und die recht väterliche Huld Sr. Majest. zu bewundern. Auch die spätesten Nachkommen werden es noch mit der tiefsten und ehrerbietigsten Erkenntlichkeit preisen, mit welcher weisen Sorgfalt dieser große Monarch der teuren Zeit, die insgemein darauf zu erfolgen pflegt, vorgebauet, wie S[e]. Majest. den Jammer der Armen durch eine außerordentliche und recht königliche Mildtätigkeit und Großmut gelindert und mit welcher Klugheit dieser huldreichste Landesvater alle fernere Unglücksfälle abgewendet. Und es scheint fast, daß dieses große Unglück eben zu dieser Zeit geschehen sollen, damit der König eine so große Gelegenheit erhalten möchte, von seiner ungeheuchelten Gottesfurcht und recht väterlichen Liebe zu seinen Untertanen solche erhabene und unwidersprechliche Merkmale abzulegen. Ob man nun gleich das Feuer bereits gelöscht hatte, so verging doch in drei Wochen fast kein Tag, da nicht eine neue Gefahr zu besorgen war. Denn wenn man eilte, dieses Haus, welches von neuem brannte, zu retten, so erhielt man gleich darauf die Nachricht, daß ein anderes in einer andern Gegend der Stadt ebenfalls in vollen Flammen stünde. Daher geriet man auf einen neuen Argwohn und auf neue Prophezeiungen, daß man öfters aus Furcht in einigen Nächten nicht schlafen konnte. Einige konnten sich in diesen ungewöhnlichen Zufall nicht finden und prophezeiten der Stadt ihren gänzlichen Untergang. Einige wurden erbittert und schrien, es müßten Mordbrenner in der Stadt sein, die man aufsuchen und nach Verdienst abstrafen sollte. Ich habe aber bereits lange aus der Erfahrung gelernet, daß ein Unglück insgemein ein andres nach sich zieht und daß aus einer Feuersbrunst insgemein eine andre zu entstehen pflegt. Ich weiß, daß sich dieses in Bergen zweimal zugetragen. Und da die dortigen Einwohner dieses Unglück öfters erfahren, so pflegen sie sich nach einer überstandenen Feuersbrunst gleich wieder auf eine neue gefaßt zu machen. Wie nun mit der Zeit dieses Unglück gedämpft war und man darauf bedacht sein mußte, die Stadt wieder aufzubauen, so zeigte es sich recht, wie sehr Kopenhagen mit Räten überhäuft war. Hier waren so viele Anschläge als Köpfe, so viele Baumeister als Hände und so viele Rathäuser als Wohnungen. Man hätte denken sollen, daß die ganze Stadt ein Collegium politicum geworden wäre, so groß war die Anzahl der Staatsmänner, welche aus der Asche der Stadt hervorzukommen schienen. Es war kein Schiffer, der nicht von weit mehrern Dingen zu reden wußte als vom Winde, ein jeder Schuster verließ seinen Leisten und erteilte einen guten Rat, wie man die Sache angreifen müßte. Nichts aber erregte so viele Streitigkeiten als die ersten Gelder, welche man auf die Häuser gelegt hatte und wovon fast kein Haus befreiet war. Einige meinten, die vorigen Schulden müßten erlassen werden, andre wollten solche bezahlt haben, und noch andre glaubten, der beste Weg, allen Verdrießlichkeiten ein Ende zu machen, bestünde darin, daß man sich bemühete, einen Vergleich zu treffen. Ich übergehe noch andre Streitigkeiten, wodurch die Gemüter gleichfalls sehr gegeneinander aufgebracht wurden. Bei einem so allgemeinen Geräusche faßte ich den Entschluß, nicht allein müßig zu sitzen, sondern meine Gedanken von den vornehmsten Streitigkeiten, die damals geführt wurden, etwas genauer und ausführlicher zu entwerfen. Ich habe nachher erfahren, daß der König selbst meine Aufsätze öfters durchgelesen, und es erweckte mir ein überaus großes Vergnügen, daß meine geringen Blätter das Glück hatten, einen so großen Monarchen zu gefallen. Endlich hörte alle Unruhe völlig auf, die aus einer so großen Veränderung insgemein zu entstehen pflegt. Und ich konnte also auch mein Studieren wieder ruhig fortsetzen. Ich arbeitete hierauf in dem folgenden Winter das Werk völlig aus, worauf ich so lange gedacht hatte. Es trat auch 1729 unter dem Titel: ›Beschreibung der Königreiche Dänemark und Norwegen‹ ans Licht und ward in zwei Jahren dreimal, nämlich zweimal in dänischer und einmal in deutscher Sprache zum Druck befördert. Hiedurch ward ich zu mehrern und wichtigern Arbeiten aufgemuntert und entschloß mich, die Geschichte des dänischen Volks vom Anfang des Reichs bis auf unsre Zeiten abzufassen. Es war dieses ein überaus schweres Werk, welches andre noch nicht versucht hatten. Denn alle diejenigen, die dem Vaterlande diesen Dienst erweisen wollen, waren durch die mit dieser Arbeit verknüpfte Beschwerlichkeit gleich wieder davon abgeschreckt worden. Da ich aber bereits ehedem allerhand Hindernisse glücklich überwunden und ich mich dadurch um mein Vaterland wohlverdient machen konnte, so ward ich durch die Wichtigkeit des Werks selbst aufgemuntert, einen Versuch zu wagen, ob meine Kräfte dazu hinlänglich sein würden. Das ganze Werk, welches ich auch glücklich zustande gebracht habe, bestehet aus drei Teilen, von denen der erste, welcher die Geschichte des dänischen Volks vom Anfang des Reichs bis auf Christian den II. in sich faßt, 173a in 4t. 4 Alph. 15 Bogen stark aus der Presse gehoben ward. In diesem ersten Teile habe ich die Quellen, aus denen der berühmte Hvitfeld seine Historie entlehnt, aufs genaueste untersucht und durch deren Hülfe nicht nur verschiedene Irrtümer verbessert, sondern auch dasjenige, was noch hin und wieder fehlte, hinzugetan. Die Handschriften, Bücher und Urkunden, woraus das meiste genommen ist, habe ich in der Vorrede angezeigt, und die große Anzahl der Geschichtschreiber, welche am Rande bemerkt und größtenteils gleichzeitig sind, bezeigen zur Gnüge, was für einen großen Vorrat ich gebraucht habe, diese Geschichte abzufassen. In dem gleich darauffolgenden Jahre trat der andre Teil ans Licht, welcher 5 Alph. ausmacht. Der halbe Teil desselben ist fast allein mit den Taten Christian des Vierten angefüllet, welche ich größtenteils aus ungedruckten Urkunden und eigenhändigen Briefen dieses großen Königes beschrieben habe, wodurch dieses Werk einen großen Vorzug erhält. Der dritte Teil, welcher 4 Alph. 10 Bogen beträgt und die Geschichte Friedrich des Dritten allein begreift, kam 1735 mit einem Register über alle drei Teile heraus, und ich fügte demselben anstatt einer Vorrede ein Bedenken über die nordischen Geschichtschreiber bei. Das meiste in diesem Teile ist gleichfalls aus Urkunden, Briefen und andern Handschriften genommen, und ich kann also mit Wahrheit behaupten, daß ich eine neue und bisher unbekannte Geschichte von dem dänischen Volke ans Licht gebracht habe. Ehe ich dieses wichtige Werk anfing, so sahe ich zur Gnüge ein, daß mir ein großer Vorrat von Urschriften zu diesem Vorhaben nötig sein würde. Ich sparete deswegen keine Mühe, von allen Orten des ganzen Reichs historische Nachrichten aufzutreiben und diejenigen, denen mein Vorhaben kundworden, stritten recht miteinander, mir ihren Vorrat, den sie gesammlet hatten, mitzuteilen. Wie ich noch hiemit beschäftiget war, so wurden meine Komödien, die teils bereits gedruckt, teils aber noch ungedruckt waren, von neuem herausgegeben. In dieser neuen Ausgabe, welche aus fünf Teilen besteht, sind fünfundzwanzig Lustspiele befindlich. Die letzten, welche niemals aufgeführt worden, führen folgende Namen: ›Rasmusberg‹, ›Die Unsichtbaren‹, ›Der edle Ehrgeiz‹, worin diejenigen lächerlich gemacht werden, die unter dem Deckmantel eines erlaubten Ehrgeizes nach Ehrentiteln ringen, ›Der glückliche Schiffbruch‹ und ›Der panische Schrecken‹. Von dem Inhalte und der Absicht dieser Lustspiele will ich hier nichts beifügen. Sie sind alle philosophisch und moralisch, ob man gleich aus ihrer Aufschrift nichts als lauter Scherz vermuten sollte. In meinem ersten Briefe habe ich bereits eines kleinen Werks erwähnt, dem ich den Namen einer Einleitung in das Natur- und Völkerrecht beigelegt. Ich habe daselbst auch angeführt, wie schlecht dieses Werk im Anfange aufgenommen worden. Nach Verlauf einiger Jahre aber ward es desto begieriger gesucht, und es wurden nicht nur alle noch übrige Exemplare von der ersten Ausgabe verkauft, sondern es ist auch hiernächst noch zweimal wieder aufgelegt worden. Die dritte Auflage erfolgte 1734 und war vollständiger als die ersten Ausgaben. Ich änderte daselbst auch den Titel und wagte es, dieses Buch nicht mehr eine Einleitung, sondern ein System des Natur- und Völkerrechts zu nennen. Dieser letztern Ausgabe ist auch ein Register beigefügt, welches in den vorigen fehlet. Diese Arbeiten bezeugen hoffentlich zur Gnüge, daß ich meine Tage nicht müßig zugebracht habe. Wie vorteilhaft aber auch andre von meinem Fleiße urteilen mögen, so werden mich doch diejenigen von dem Müßiggang kaum freisprechen, welche die Gelehrsamkeit von einer andern Seite ansehen und ihren ganzen Ruhm im Reden und Disputieren suchen. Denn da die Dialektik auf einigen hohen Schulen als die vortrefflichste Wissenschaft angesehen wird, so können Sie leicht erachten, mein Herr, daß diejenigen von meinen Arbeiten nur sehr schlecht urteilen werden, welche gewohnt sind, sich Ehrenbogen aus der Niederlage ihrer Opponenten aufzubauen, welche nur von Barocco und Dario reden und welche ihre einzige Ehre darin suchen, daß sie ein halb Dutzend Syllogismos zernichten können. Wenn überhaupt von der Beförderung der Künste und Wissenschaften die Rede ist, so stimme ich mit andern Gelehrten vollkommen überein. Wenn man aber auf die Art und Weise kömmt, wie solche müssen befördert und weiter ausgebreitet werden, so weiche ich oft von ihren Meinungen ab, weil mich dünkt, daß durch die Mittel, welche andre so sehr anpreisen, öfters der Ausbreitung der Wissenschaften die größten Hindernisse in den Weg gelegt werden. Sie verlangen in Ihrem letzten Schreiben eine Nachricht von meinem gegenwärtigen Zustande und von den Arbeiten zu erhalten, mit welchen ich mich itzt beschäftige. Und es ist billig, daß ich auch in diesem Stücke ihrem Befehl Gehorsam leiste: Ich beobachte annoch meine alte Lebensart, und obgleich meine Umstände sich soweit gebessert haben, daß ich mehr aufwenden könnte, so weiche ich doch von meiner alten und einmal erwählten Lebensart nicht im geringsten ab. Wenn sie desfalls nach so vielen Jahren wieder hieherkommen sollten, so würden Sie bei mir alles nach der alten und Ihnen längst bekannten Einrichtung antreffen. Ich bin annoch ganz unverändert, außer daß sich das Alter durch verschiedene Spuren in meinem Gesichte deutlicher zeigt und daß meine Stirn runzlichter geworden. Sie würden sehen, daß ich noch zu Fuße, ohne einen Bedienten oder eine Leibwache durch die Stadt gehe und daß ich noch öfters von den Karossen besprützt werde, worin diejenigen fahren, die mir vorher am Stande gleich gewesen, nun aber große und vornehme Herren sind. Denn die Begierde nach Rang und Titeln, welche Sie so sehr haßten, da Sie sich annoch hier in der Stadt aufhielten, ist nun so unmäßig und allgemein, daß man fast ehe eine Person vom Range als einen Menschen finden kann. Aber ich will dieses übergehen und nur von mir selbst reden. Einige glauben, daß meine genaue und enthaltsame Lebensart vom Geiz herrühre. Damit ich aber diese Beschuldigung von mir ablehnen möge, so gebe ich den Armen jährlich so viel, als ich sonst zur Unterhaltung eines müßigen Fußgängers oder Lakain anwenden müßte. Ich habe schöne und nette Zimmer, ich kleide mich sauber, ich kaufe öfters neue Bücher und, damit ich mich endlich von allem Verdachte befreien möge, so habe ich mein ganzes Vermögen dem Nutzen des gemeinen Wesens gewidmet. Der erste Entwurf der Stiftung zu diesem Endzweck ist bereits von mir abgefaßt. Ich habe ihn einigen, deren Rat ich in allen Stücken zu folgen pflegte, zur Untersuchung vorgelegt, und diese versprechen dem Publico daher sehr viel Gutes. Ich studiere noch, soviel es meine schwachen Kräfte erlauben. Ich schreibe, lese und denke, soviel in einer Stadt geschehen kann, welche sehr fruchtbar an solchen Dingen ist, die jemand von dem Fleiße im Studieren abhalten können. Und worüber sich manche vielleicht am meisten wundern werden, so lebe ich bei diesem großen Geräusche für mich allein und in der größten Einsamkeit. Zwo oder drei Stunden wende ich allein des Nachmittags zu meiner Aufmunterung an und gehe entweder spazieren oder besuche auch gute Freunde. Die übrige Zeit des Tages widme ich teils der Arbeit, teils der Musik. Hierin besteht mein einziges und größtes Vergnügen. Zum Nutzen der Jugend habe ich vor kurzer Zeit eine Einleitung in die Geschichte und Geographie herausgegeben, welche sowohl in den Schulen in beiden Reichen als auch auf der Akademie der Jugend erklärt wird. Wenn man diese Schrift meinen andern Schriften beifügt, so ist das Verzeichnis derselben gewiß recht ansehnlich. Der dritte Brief Mein Herr. Sie haben bisher jederzeit meine Arbeiten gebilliget und mich zu neuen Unternehmungen aufgemuntert. Ihr Beistand hat mich unterstützt, und Ihnen allein habe ich es zu danken, daß ich so vieles zustande bringen können. Was werden Sie aber itzt von mir urteilen, da ich, ohne Ihren Rat vorher einzuholen, das beschwerliche Rentmeisteramt bei der hiesigen hohen Schule übernommen habe. Wird Ihnen diese Veränderung, da ich als ein Philosoph in einen Rentmeister verwandelt worden, nicht ebenso lächerlich scheinen als die erste, da ich die Stelle eines Korporals mit einem öffentlichen Lehramte verwechselt? Werden Sie nicht urteilen, daß ich der Minerva untreu geworden, da ich angefangen, mich dem Merkur zu ergeben? Quis locus ingenio, nisi quis se carmine solo Vexet? Quis locus ingenio ...: Wie kann ein Dichtertalent sich betätigen, wenn man sich noch mit anderen Dingen plagen muß als mit dem Dichten? (Juvenal, Satiren VII, 63 f.) Gewiß, ich habe es selbst geglaubt, daß ich die Studien nunmehr verlassen würde, weil ich wußte, daß nur sehr wenige Menschen vermögend sind, diese beiden so ungleichen Beschäftigungen miteinander zu vereinigen. Und da ich auch wirklich wahrnahm, daß ich durch meine neuen Amtsverrichtungen von meinem gewöhnlichen Studieren abgehalten ward, so suchte ich indessen andre aufzumuntern, einige kleine und wohlausgearbeitete Schriften herauszugeben, und versprach demjenigen, der den Preis erhalten würde, eine kleine Belohnung. Hiedurch hoffte ich, von denen ein gelinderes Urteil zu erhalten, welche mich gleich bei dem Antritte meines neuen Amts als einen Überläufer ansahen. Diese aber verfuhren ohnstreitig zu scharf mit mir. Konnte ich denn nach einer vierzigjährigen fast beständigen Arbeit nicht ohne Schande meine Erlassung fordern? So, wie man diejenigen, welche so viele Jahre Dienste geleistet haben, mit Recht und ohne sie des Müßiggangs zu beschuldigen, zu erlassen pflegt. Wenigstens entschuldigte ich mich hiedurch, wenn man mir wegen meines neuen Amts Vorwürfe machte. Ich legte hierauf alle andre Arbeiten an die Seite und las in einigen Monaten nichts als Rechnungsbücher. Aber die natürliche Neigung läßt sich nicht gut dämpfen. Meine alte Lust, zu studieren, wachte wieder auf, und ob ich sie gleich eine Zeitlang unterdrückt hatte, so konnte ich sie doch nicht völlig auslöschen. Es glimmten noch einige Funken in der Asche, welche das Feuer von neuem erregten. Und, daß ich alles kurz zusammenfasse, ich widmete mich meinen vorigen Bemühungen wieder. Ich erfuhr selbst, was der Poet von andern sagt: ... tenet insatiabile multos Scribendi cacoëthes, et aegre in corde senescit. tenet insatiabile...: Viele hält das unersättliche böse Geschwür der Schreibwut in seiner Gewalt, und bis ins Alter sitzt es fest in dem kranken Herzen. (Juvenal, Satiren VII, 61 f.) Denn diejenigen, welche sich einmal den Studien recht ergeben haben, können die Lust, zu studieren, ebensowenig dämpfen, als diejenigen ihre Begierde, zu trinken, zwingen können, welche seit langer Zeit sich dazu gewöhnt haben. Ich teile demnach meine Stunden und widme einen Teil derselben dem Merkur und den andern der Minerva; jenen ehre ich wegen meines Amts; diese aber liebe ich aus Neigung. Und da meine Schriften Beifall finden und zugleich, wie einige urteilen, nicht ohne Nutzen sind, so hoffe ich, daß mir sowohl Merkur als Minerva sollen gewogen werden, da ich mich bemühe, den Nutzen und die Ehre von beiden zu befördern. Und gewiß, ich bin dem Studieren niemals eifriger ergeben als im Brach- und Christmonat, da ich zwar durch allerhand ökonomische Dinge, durch Wechsel, Rechnungen, Briefe und Gerichtshändel vom Studieren abgehalten, aber auch zugleich von neuen dazu aufgemuntert werde. Denn wie das Wasser, wenn es eine Zeitlang durch Dämme aufgehalten worden, nach aufgezogenen Schleusen einen desto stärkern Lauf hat, so wird man auch durch solche ungleiche und miteinander streitende Verrichtungen zwar vom Studieren abgehalten, aber auch zugleich wieder dazu angereizt. Ich kann solches durch die Bücher und Schriften bezeugen, die ich in der Zeit, da ich Quästor gewesen, herausgegeben habe. In meinem vorigen Briefe versprach ich, eine Kirchenhistorie in dänischer Sprache herauszugeben. Diese Arbeit, welche ich wegen der bereits obenangeführten Ursachen eine Zeitlang ruhen lassen, nahm ich wieder zur Hand, und wie ich mit derselben zustande gekommen war, so gab ich dieses Buch unter folgenden Titel heraus: Allgemeine Kirchenhistorie vom Anfang des Christentums bis auf die Reformation Lutheri mit einigen Anmerkungen über die in der Historie benannten Cyclos und Jahrrechnungen. Alle Exemplare wurden in einem Jahre verkauft, und es erschien gleich darauf eine neue Auflage auf Kosten des Buchhändlers Jacob Preussens. Sie werden sich gewiß über den großen Abgang dieses Werks wundern, da doch in demselben nur eine längst bekannte und so oft bereits abgehandelte Materie vorgetragen wird. Die Welt ist längst mit Universalhistorien überhäuft, und die Leser werden schon durch den bloßen Titel abgeschreckt. Aber dieses Buch hat verschiedene Vorzüge, wodurch es einen besondern Wert erhält. Die Redlichkeit und Unparteilichkeit, welche man überhaupt von einem jeden Geschichtschreiber fordert, habe ich auch in diesem Werke, soviel mir möglich gewesen, aufs sorgfältigste beobachtet. Die Fehler der Kirchenväter werden nicht verschwiegen, bisweilen werden die Ketzer, wenn sie es verdienen, gelobt; ja selbst den römischen Päpsten wird der Ruhm, der ihnen gebühret, nicht entzogen. Ferner habe ich die weltliche Historie allenthalben mit zu Hülfe genommen, soweit dieselbe zur Erläuterung der Kirchengeschichte dienen kann. Es wird eine Begebenheit aus der andern hergeleitet, und eine Geschichte bahnt der andern den Weg. Überall werden die Ursachen entdeckt, woher die Ketzereien, die Empörungen und die Verfolgungen entstanden. Hiedurch unterscheidet sich dieses Werk von einigen magern Chroniken, welche alles ohne Ordnung und Zusammenhang erzählen und, anstatt gründlicher und angenehmer Geschichte, trockne und leere Verzeichnisse von Kirchenlehren und Ketzern enthalten. Endlich habe ich mir angelegen sein lassen, den Ursprung aller Stiftungen und Ordnungen in der Kirche aufzusuchen. Am Ende eines jeden Jahrhunderts wird der Zustand der Kirche in Absicht auf Lehre und Leben aufrichtig beschrieben. Diese Eigenschaften, welche man nebst einigen andern Vorzügen bei meinem Werke wahrnimmt, haben dasselbe, ob es gleich nur eine bekannte Materie abhandelt, dennoch beliebt und gleichsam neu gemacht. Ich urteile aber nicht selbst, sondern ich führe nur an, was andre geurteilet haben. Und der Abgang, den dieses Werk gefunden, zeigt zur Gnüge, daß diejenigen ihre Mühe nicht vergebens anwenden würden, welche sich entschließen wollten, diese Kirchenhistorie in fremde Sprachen zu übersetzen. Ein Geschichtschreiber kann dennoch angenehm und nützlich sein, wenn er gleich eine bereits sehr oft vorgetragene Materie von neuem abhandelt. Es kommt alles auf die Art der Ausführung an, und man weiß, mit welchem Beifalle die historischen Werke des Puffendorfs, Posvets und anderer gelehrten Männer aufgenommen worden. Ich habe allezeit den Mittelweg zwischen Gottfried Arnold und einigen gar zu eifrigen Lutheranern gehalten. Aber diese Aufführung hat nicht allenthalben Beifall gefunden. Ein solches Schicksal haben die Schriftsteller zu erwarten, die keiner Partei blindlings trauen, sondern allein der historischen Wahrheit folgen. Wie ich diese Arbeit zustande gebracht hatte und wegen meiner beständig anhaltenden Schwachheit nicht unbillig besorgte, daß ich nicht vermögend sein würde, mehrere Schriften auszuarbeiten, so machte ich den Anfang durch verschiedene Belohnungen, die Kräfte der studierenden Jugend zu prüfen. Ich suchte deswegen einige moralische Materie aus und versprach demjenigen, der dieselben in einem dänischen Gedichte am besten ausführen und also den Preis erhalten würde, eine gewisse Belohnung. Bei den meisten fand dieses Vorhaben einen sehr großen Beifall, ob es gleich auch an solchen Leuten nicht fehlte, welche, weil es etwas Ungewöhnliches war, diese Erfindung für töricht hielten. Es war aber doch diese Aufmunterung nicht ohne die gehoffte Wirkung. Denn es traten mit der Zeit fünf Sammlungen von Preisschriften ans Licht, welche nun in jedermanns Händen sind. Andre Freunde der Wissenschaften wurden durch mein Beispiel angetrieben und machten unter ebendenselben Bedingungen andre Materien bekannt, worauf sie gleichfalls gewisse Preise setzten. Durch diese Belohnungen wurden viele neue und bisher unbekannte Dichter, welche ihre eigne Stärke nicht gekannt hatten, aufgemuntert, daß sie sich bemüheten, den Preis zu erhalten. Nunmehr aber wird diese Übung nicht weiter fortgesetzt. So groß auch die Hitze im Anfange war, so sehr ließ dieselbe mit der Zeit nach. Wenn also diese Übungen wieder sollten erneuert werden, so müßte man nicht nur auf eine neue Erfindung, sondern auch auf neue Bedingungen bedacht sein, damit nicht nur junge Leute, sondern auch Männer von Alter und Stande sich darum bemühen möchten. Ich war aber doch, da ich andre zum Schreiben aufmunterte, selbst nicht müßig, sondern schrieb eine Vergleichung der Geschichte und Taten verschiedener, insonderheit orientalischer und indianischer großer Helden und berühmter Männer, nach dem Beispiel des Plutarchs. Ich habe in diesem Werke folgende Ordnungen erwählt: Zuerst wird eine Abhandlung von einigen Tugenden und Lastern vorangesetzt, wozu die eignen Taten der Helden Gelegenheit geben. Hierauf folgen die Geschichte der Helden und berühmten Männer selbst, und den Schluß macht die nach dem Beispiel des Plutarchs angestellte Vergleichung. Ich habe meistenteils asiatische und indianische Helden erwählt, deren Taten insgemein unbekannt sind. Ich will dieses Werk nicht weitläuftig beschreiben, da es bereits ins Deutsche übersetzt und also auch auswärts nicht unbekannt ist. Ob ich den Schriftsteller einigermaßen erreicht, welchen ich mir in dieser Schrift zum Muster vorgesetzt, solches überlasse ich andern zu entscheiden. Wenn man die Scharfsinnigkeit, den Reichtum der Materie, die Anmut der griechischen Sprache, die freie Schreibart und andre schöne Eigenschaften bedenkt, welche die Schriften des Plutarchs so schätzbar machen, so würde man mich für sehr töricht halten, wenn ich mich mit einem so großen Mann vergleichen wollte. Die Freiheit, welche die alten Schriftsteller hatten, daß sie schreiben konnten, was sie wollten, gibt ihnen auch noch einen großen Vorzug vor den neuern Skribenten, welche entweder ihres Nutzens halber oder auch aus Heuchelei schlechte Schriften abfassen und durch Schmeicheleien das Urteil des Lesers so sehr verderben, daß man die Historien, welche nach der alten und aufrichtigen Art abgefaßt sind, für Satiren und Schandschriften hält. Es ist dieses Buch in Deutschland nach dem Zeugnis der daselbst herauskommenden gelehrten Berichte sehr wohl aufgenommen worden, und es gereicht mir gewiß zu einem besondern Vergnügen, daß meine Arbeit bei unparteiischen und in dieser Sache erfahrnen Richtern Beifall gefunden. Wie ich noch mit dieser Schrift beschäftiget war, so gab ich eine Beschreibung von meiner Vaterstadt Bergen in Norwegen heraus. Die merkwürdigen Zufälle, welche diese Stadt erfahren, und die vielen Parteien, wodurch dieselbe ehedem zerrüttet und ein Schauplatz bürgerlicher Kriege geworden, geben nicht nur einen reichen Stoff zur Beschreibung dieser Stadt, sondern machen auch das Werkgen selbst den Lesern angenehm und nützlich. Aus diesen letztern Arbeiten erhellet zur Gnüge, daß ich die Dichtkunst und andre scherzhafte Schriften gänzlich fahrenlassen und mich bloß mit solchen Dingen beschäftiget, welche einem Manne von meinem Alter anständig sind, weil ich selbst überzeugt war, daß dieses meinen Jahren und der ernsthaften Zeit, worin wir leben, am meisten gemäß sei. Aus dieser Ursache unterdrückte ich auch beständig das bekannte Werk, ›Die unterirdische Reise‹, welches nunmehr in verschiedenen Sprachen gelesen wird. Ich hatte solches bereits vor einigen Jahren ausgearbeitet, und ob ich gleich von meinen Freunden unaufhörlich aufgemuntert ward, dasselbe herauszugeben, so blieb ich doch unbeweglich bei meinem einmal gefaßten Vorsatze und ließ mich durch keine Vorstellungen überwinden. Endlich aber erfuhr ein Buchhändler, daß ich eine Schrift ausgearbeitet hätte, wovon sich der Verleger einen gewissen Nutzen versprechen könnte. Es erbot sich also derselbe, nicht nur diese Schrift zu kaufen, sondern er ließ auch nicht ehe nach, mich durch Bitten zu ermüden, bis er dieselbe endlich von mir erhielt. Ich überließ ihm aber doch dieses Werk nicht anders als mit der ausdrücklichen Bedingung, daß er dasselbe, ehe es gedruckt würde, der Zensur übergeben und meinen Namen dabei verschweigen sollte. Es ist zwar in diesem Werke nichts anders als eine Sammlung moralischer Wahrheiten enthalten, welche, wie es die Natur einer solchen Schrift mit sich bringt, in einen unschuldigen Scherz eingekleidet worden. Ich wollte mir aber doch nicht gerne, da ich einmal angefangen hatte, mich mit ernsthaften und wichtigen Dingen zu beschäftigen, von neuem allerhand widrige Urteile von solchen Personen zuziehen, welche alles, was aufgeweckt und scherzhaft ist, für sündlich und der christlichen Ehrbarkeit unanständig ansehen. Ich besorgte, daß man sich bei einer so ernsthaften Zeit darüber wundern möchte, wie ich noch itzt an solchen Kleinigkeiten ein Vergnügen finden können; ja man dürfte wohl gar denken, ich sei bei zunehmenden Jahren wieder zu einem Kinde geworden. Überdem befürchtete ich, daß man von dieser Arbeit, wie von andern moralischen Fabeln, ein verkehrtes und widriges Urteil fällen möchte, welches zwar einem jeden zum Mißvergnügen gereicht, keinem aber beschwerlicher ist als einem Manne, der bereits ein ziemliches Alter erreicht hat und sich beständig mit allerhand Krankheiten plagen muß. Es traf alles vollkommen ein, was ich vermutet hatte. Das erste und einzige Exemplar, welches aus Deutschland hergebracht ward, setzte die ganze Stadt in Bewegung. Allenthalben hörte man verschiedene Reden und Auslegungen, insonderheit von solchen Leuten, welche das Buch nicht gelesen hatten. Es wurden so viele Zusätze und Erklärungen hinzugefügt, und die ganze Einrichtung ward so verkehrt vorgetragen, daß ich endlich selbst glaubte, es sei ein neues Werk, welches von einem andern ausgearbeitet worden. Diese Bewegung dauerte so lange, bis das Buch unparteiischen und vernünftigen Richtern in die Hände geriet. Denn da legte sich der Sturm, und die meisten faßten bessere Gedanken. Ich sage mit Bedacht, die meisten. Denn man findet solche Leute, welche auch in dem deutlichsten Vortrag Heimlichkeiten suchen und sich nach den Schlüssel zu demselben forschen. Man kann solche Leute am besten mit den schädlichen Insekten in der gelehrten Welt vergleichen. Sie machen sich unnötige Sorgen und dichten den Schriftstellern Dinge an, welche ihnen nie in den Sinn gekommen sind. Damit ich aber doch diese tiefsinnigen Leute einigermaßen befriedigen möge, so will ich ihnen hier den Schlüssel zu dem ganzen Werke aufrichtig mitteilen. Man trifft in meinem Vaterlande verschiedene Personen beiderlei Geschlechts an, welche offenbar von ihrer Gemeinschaft mit den Zauberern und unterirdischen Einwohnern reden und darauf schwören, daß sie in tiefe Höhlen von unterirdischen Leuten abgeholt und hineingezogen worden. Die Torheit dieser Menschen hat zu der gegenwärtigen Erdichtung Gelegenheit gegeben und wird durch das Beispiel des Helden in dieser Fabel, des Nicolaus Klims, lächerlich gemacht. Die Abbildungen, welche hin und wieder in dem Werke angetroffen werden, sind so verschieden und mancherlei und erstrecken sich auf den ganzen Umfang der Sittenlehre, daß also zu einer jeden Seite ein Schlüssel erfordert wird. Ich gestehe, daß diese Schrift in gewisser Absicht eine Satire kann genannt werden, und zwar wegen der scharfen und bittern Schreibart, womit die Laster abgemalt werden. Da aber das menschliche Geschlecht überhaupt angegriffen wird, so ist es eine Satire, die einem Philosophen nicht unanständig ist. Und vielleicht scheint einigen die Schreibart noch gar zu eingeschränkt, furchtsam und kraftlos, weil es die Eigenschaft solcher Schriften notwendig mit sich bringt, daß sie scharf eingerichtet sein und sowohl angreifen als vergnügen müssen. Hierbei aber erfordert die Klugheit, daß die Verfasser solcher Schriften sich sehr wohl hüten, daß sie nicht die Grenzen überschreiten und jemand besonders angreifen. Sie müssen vielmehr ihre Pfeile auf das ganze menschliche Geschlecht überhaupt losdrücken. Wenn sie dieses beobachten, so schreiben sie keine Stachelschriften, sondern sie unterweisen die Menschen, sie verwunden nicht, sondern sie heilen. Je allgemeiner eine Satire ist, desto weniger verdienet sie diesen Namen. Es ist viel leichter zu entschuldigen, wenn man das ganze menschliche Geschlecht angreift, als wenn man eine Nation allein tadelt. Man handelt billiger, wenn man die Laster eines ganzen Volks, als die eines einzelnen Geschlechts bestreitet. Und endlich ist die Satire weit erträglicher, die ein ganzes Geschlecht lächerlich macht, als welche die Fehler und Gebrechen einer Person insonderheit aufdeckt und vorstellt. Diese unterirdische Reise kann mit Recht ein philosophischer Scherz genannt werden, welcher jederzeit erlaubt gewesen, insonderheit, da die Abbildungen so eingerichtet sind, daß sie auf ein jedes Volk gezogen werden können. Es ist also kein Schlüssel nötig, wo die Pforte offenstehet, und man braucht keine Erklärung, wenn die Sache an sich selbst helle und deutlich ist. Ich will aber doch allen denjenigen zum Besten, welche stets einen Schlüssel suchen, das ganze Rätsel auflösen und zeigen, was in diesem Gedichte vergnügt, angreift und unterweiset. Die ganze Geschichte ist von keiner Erheblichkeit und dienet bloß dazu, die moralischen Lehren und Betrachtungen desto angenehmer vorzutragen. Der Inhalt dieser Fabeln ist, wie ich bereits erwähnt habe, von dem Aberglauben einiger Leute in meinem Vaterlande entlehnt, welche von ihrem Umgange, den sie mit unterirdischen Personen haben, sehr viel zu erzählen pflegen. Es wird vorgegeben, daß der Held dieser Fabeln, Nicolaus Klim, in die Unterwelt geraten sei, welche Erfindung, weil sie neu ist, desto mehr gefällt. Die seltsamen Schicksale dieses Mannes bewegen und vergnügen den Leser durch ihre beständige Veränderungen. Es werden Tiere von einer wunderbaren Gestalt aufgeführt, worauf noch niemand gefallen ist. Es kommen redende Bäume und musikalische Instrumente vor, die Vernunft haben. Der Ausgang dieser Geschichte setzt den Leser in Bewegung, da der Stifter der fünften Monarchie in einer halben Stunde in einen armen Studenten verwandelt wird. Desfalls lesen auch viele dieses Buch bloß in der Absicht, die Zeit dadurch zu verkürzen. Es bestehet also die ganze Geschichte in einer bloßen Erdichtung, aber deswegen darf man dieselbe doch nicht als ein bloßes Geschwätz ansehen. Denn diejenigen, welche nicht gerne ernsthafte Vermahnungen hören, werden durch dergleichen Erfindungen aufgemuntert, ein solches Buch zu lesen. Trimalchio hatte unmittelbar bei seinem Grabmal eine Uhr gesetzt, damit alle diejenigen, welche nach der Uhr sehen wollten, zugleich seinen Namen lesen müßten. Und denen zu Gefallen, welche gern etwas Munteres lesen mögen, hat man den Ernst mit Scherz vermengt. Wenn ein Fischer sich nicht solcher Dinge bedient, wodurch die Fische gelockt werden, auf die Angel zu beißen, so wird seine Fischerei nur sehr schlecht vonstatten gehen. Und aus ebendieser Ursache haben auch die größten Weltweisen öfters lustige und reizende Fabeln ersonnen, damit sie ihre Zuhörer auf eine angenehme Art unterweisen könnten. Ich habe mir Mühe gegeben, in Absicht auf die Moral, welche das Augenmerk des ganzen Buchs ist, solche Charaktere vorzustellen, welche bisher noch nicht hinlänglich aufgeführt worden. Wie oft werden wir nicht durch den Schein der Tugenden und Laster betrogen, wie oft hält man nicht den Schatten für das Wesen selbst. Der Charakter derjenigen Personen ist vor allen andern merkwürdig, die durch ihr Feuer alles ausrichten wollen, welche zwar eine Sache gleich einsehn, aber dennoch dieselbe nicht gründlich fassen. Solche Leute pflegt man insgemein mit den größten Lobsprüchen zu belegen. Aber in der Landschaft Potu werden sie als Müßiggänger angesehen, weil sie durch ihre beständige Arbeiten nichts ausrichten. Hingegen pflegt man diejenigen nachlässig und einfältig zu nennen, welche sich nicht übereilen, sondern alles vorher wohl überlegen und daher auch nicht mehr auf sich nehmen, als sie leisten können. Von beiden geben die Einwohner in Potu und Martinia ein Beispiel. An dem einen Orte hielt man den Klim für ein unnützes Geschöpf, weil er so schnell eine Sache begreifen und fassen konnte, und an dem anderen Orte tadelte man an ihm, daß er so viele Zeit dazu brauchte. So sind die übrigen Charaktere auch eingerichtet. Alles, was Klim, welcher eine jede Sache nach der gemeinen Vorstellung beurteilet, in den Ländern, wohin er gerät, siehet und antrifft, das ist ungereimt, und was er dem ersten Ansehen nach tadelt und verwirft, das bewundert und erhebt er, wenn er alles reiflicher überlegt hat. Das ganze Werk zielt also beinahe allein dahin, den Menschen ihre allgemeinen und irrigen Meinungen zu benehmen und die Dinge, welche nur den Schein der Tugenden und Laster haben, von den rechten Tugenden und Lastern zu unterscheiden. Die meisten Moralisten predigen mit solchen Eifer gegen den Geiz, gegen die Wollust und Verschwendung, daß sie ganz müde werden. Aber sie wärmen das Alte nur wieder auf und sagen nichts mehr, als was andre bereits davon gesagt haben und was allen Leuten längstens bekannt ist. Hiedurch werden zwar die Ohren betäubt, aber das Herz wird nicht gebessert. Diejenigen aber richten weit mehr aus, welche die falschen Meinungen aus dem Wege räumen und die wahren Begriffe mit aller Schärfe den Herzen einprägen, welche allgemeine und fast durchgehends angenommene Irrtümer angreifen und den geschminkten Tugenden die Maske abziehen. Sollte jemand glauben, daß ich dieses alles bloß zu dem Ende angeführt, mich selbst zu rühmen, der muß wissen, daß ich nicht von mir, sondern von dem Zwecke rede, den ich bei der Abfassung dieses Werks vor Augen gehabt habe. Ich behaupte, daß es der Pflicht eines Philosophen gemäßer sei, die Menschen zu unterrichten, als gegen die Fehler zu eifern, welche die Lasterhaften selbst erkennen und einsehen. Dahin zielen die in diesem Gedichte gegebenen Lehren. Wieweit ich aber meinen Zweck erreicht, solches mögen andre beurteilen. Dieses will ich nur noch zu meiner Verteidigung hinzutun: Wenn etwa jemand meine Schrift mit andern prächtigen und schönen moralischen Fabeln vergleichen und in Absicht auf dieselben meine Arbeit matt und unvollkommen nennen wollte, der wird zugleich bedenken, daß das Schicksal und die Umstände der Skribenten nicht allenthalben gleich sind. In Deutschland, Frankreich und insonderheit in England, wo man alles frei sagen darf, was man denkt, und wo dem Geiste kein Zügel angelegt wird, ist es viel leichter, seine Stärke zu zeigen, als in unserm Norden, wo wir mit scharfen Zensuren geplagt werden, wodurch Munterkeit und Feuer bei einem Skribenten gedämpft wird. Wenn desfalls auch in hiesigen Ländern solche Dichter und Philosophen gefunden werden, die den Engländern nichts nachgeben, so erreichen sie doch die Vollkommenheit derselben nicht. Wer auf einen unbekannten und mit Dornen besetzten Wege nach dem Ziel läuft, gelangt weit später dahin, als der auf einem ebnen und gebahnten Wege dahineilet. Aber die Schuld ist nicht den Füßen, sondern dem Wege zuzuschreiben. Wenn ein Lehrer seinem Schüler beständig drohet, so macht er denselben verzagt. Man muß ohne Furcht und Sorgen sein, wenn man zeigen soll, was man ausrichten kann. Wie Horaz anfing, Satiren zu schreiben, so hatte er bereits ein gutes Auskommen. Satur est, cum dicit Horatius, eheu! Satur est...: Satt ist Horaz, wenn er Evoe ruft! (Juvenal, Satiren VII, 62) Die größte Plage, welche unsre Dichter kennen und empfinden, bestehet darin, daß sie ihren Geist und ihr Feuer unterdrücken, damit ihnen die scharfen und mißtrauischen Censores keinen Verdruß erregen. Ich habe aus ebendieser Ursache, welches ich gewiß versichern kann, manchen artigen Einfall weggelassen, damit man nicht denken sollte, ich hätte auf gewisse Personen gezielet. Und dennoch ist es mir unmöglich gewesen, dieser Beschuldigung zu entgehen. Ich habe bereits bei der Ausgabe meiner vorigen scherzhaften Schriften das Naturell meiner Landsleute kennenlernen, und aus ebenderselben Ursache hatte ich mir auch fest vorgenommen, diese Schrift nicht ans Licht kommen zu lassen. Und gewiß, kein Ruhm, keine Aufmunterung soll mich ferner bewegen, jemals wieder diesen Weg zu betreten oder mich nochmals auf dieses Meer zu wagen. Diese Arbeit will ich solchen Leuten überlassen, welche stärker als ich sind. Ich will aber vielmehr durch einen anständigen Müßiggang und durch eine edle Nachlässigkeit alle Fehler wieder ersetzen und aussöhnen, die ich durch meinen Fleiß begangen habe. Insonderheit bin ich sehr sorgfältig gewesen, daß ich der Geistlichkeit keine Gelegenheit geben möchte, gegen mich die Waffen zu ergreifen, da ich aus der Erfahrung weiß, Animis quantae coelestibus irae . Animis quantae...: ...wie gewaltig der Zorn der Himmlischen ist. (Virgil, Aeneis I, 11) Und gewiß, niemand hört mit größerm Widerwillen, daß man seine Laster angreift, als derjenige, der selbst öffentlich dagegen eifert, und niemand verfolgt heftiger als derjenige, der allezeit gegen die Verfolgung prediget. Einige, welche mir nicht gewogen waren, fingen gleich an, sich gegen mich zu rüsten. Sie liefen allenthalben in der Stadt herum und streueten allerhand törichte und unbillige Dinge aus, welche in meiner Schrift sollten enthalten sein. Wie sie aber merkten, daß sie nur bei wenigen Glauben funden, und daß man mit leichter Mühe ebenso viele Satiren aus ihren Predigten ziehen könnte, wenn man unbillige Erklärungen darüber machen wollte, so wurden sie endlich müde, herumzulaufen, und weil sie sich für diesen Erinnerungen fürchteten, so schwiegen sie stille. Man meint, daß dieselben die unbillige Zensur geschmiedet haben, welche zu Göttingen herauskam. Ich kann dieses aber doch nicht gewiß behaupten, weil ich es nicht der Mühe wert achtete, mich nach dem Urheber derselben zu erkundigen. Einige trieben mich an, diese ungegründeten Beschuldigungen zu widerlegen. Aber ich halte dafür, daß man mit solchen Leuten sich in keinen Streit einlassen, noch ihre Fehler nachahmen muß, weil man ihnen sonst ähnlich wird. Ich freue mich vielmehr, daß ich dieses unbillige Urteil mit Verachtung angesehen habe. Und gewiß, es scheinet gegenwärtig mit der gelehrten Welt sehr schlecht bestellt zu sein, da solche Leute nicht nur Bücher schreiben, sondern auch dieselben beurteilen. Die Urteile, welche andre Völker von meiner Arbeit gefället haben, bezeugen zur Gnüge, mit welchem Beifalle man diese Schrift aufgenommen, und das Glück, welches dieses Buch erfahren, da man es gleich in fünf Sprachen übersetzt, gibt deutlich gnug zu erkennen, daß es auch auswärts mit ebendemselben Vergnügen wie in meinem Vaterlande gelesen worden. Die Urteile, welche man in einigen andern gelehrten Tagebüchern von dieser Arbeit antrifft, sind mir gleichfalls nicht unangenehm gewesen. Man gibt mir das Lob, daß die Erfindung sehr sinnreich und artig sei, nur meinen einige, ich hätte die Wahrscheinlichkeit nicht beachtet. Und da endlich diese Richter den Ausspruch tun, man müsse dem Verfasser diese Fehler verzeihen, so ist es billig, daß ich ihnen dieses Urteil wieder verzeihe und zugute halte. Dies aber werden mir diese gelehrten Männer erlauben hinzuzusetzen, daß diese Fehler, welche sie tadeln, von andern für ebenso viele Zierraten angesehen werden. Der Endzweck dieser Erfindung zielet dahin, gewisse Schriftstellen lächerlich zu machen, welche in der Beschreibung weit entlegner Lande uns so viele Fabeln für Wahrheiten verkaufen. Daß ich diese Absicht gehabt habe, solches erhellet aus den beiden Vorreden, welche diesem Werke vorgesetzt sind. Und wenn wir uns eine neue Welt vorstellen, so muß uns weiter nichts unglaublich vorkommen. Sollte auch wohl einer, der, wie Cicero sagt, auf der Insel Seripho geboren worden und niemals weiter gekommen, sich überreden lassen, daß Löwen und Panthertiere vorhanden wären, da er auf seiner Insel keine andre Tiere als Hasen und Füchse gesehen; und würde er nicht glauben, daß man über ihn spottete, wenn man anfangen wollte, mit ihm von Elefanten zu reden. Wenn jemand in den Saturn, Jupiter, den Mond oder einen andern Planeten hingerückt würde und daselbst unsre Erde beschriebe: Würden diejenigen, welche in den Planeten die Bücher beurteilen, nicht ebendasselbe Urteil fällen, daß der Verfasser die Wahrscheinlichkeit nicht beobachtet und daß er ungereimte Dinge ersonnen, welche mit der Natur und Erfahrung stritten? Würden sie nicht bei Erblickung einer menschlichen Gestalt erstaunen und ausrufen: Eni qualis facies, et quali digna tabella . Eni qualis facies...: Ei! welch ein Anblick und welches Gemäldes würdig! (Juvenal, Satiren X, 157) Einige gestehen, daß diese Schrift mit sehr vielem Witz geschrieben und mit vielen gründlichen Gedanken und Lebensregeln angefüllt sei. Sie glauben aber, daß diese Schrift vollkommen sein würde; wenn ich einige scherzhafte Stellen, die einem Manne von meinem Alter und einem Philosophen nicht anständig wären, weggelassen hätte. Jedoch, diese Gedanken werden nur bei solchen Platz finden, welche nicht wissen, daß auch die gelehrtesten, frömmsten und ernsthaftesten Männer solche scherzhafte Schriften abgefaßt haben. Diejenigen aber, welchen bekannt ist, was für große Männer ich zu meinen Vorgängern erwählt, werden mir leicht verzeihen, wenn ich mit denen irre, deren Scherz und Munterkeit nachzuahmen einem jeden Schriftsteller notwendig Ehre bringen muß. Vielleicht urteilt man auch gelinder, wenn man erwägt, daß man auf eine doppelte Art scherzen könne. Einige finden an einem unanständigen, unverschämten, schändlichen und unzüchtigen Scherz einen Geschmack. Andern aber gefällt nur ein muntrer, unerwarteter, kluger und angenehmer Scherz. Mit dieser letztern Gattung des Scherzes sind die Bücher der sokratischen Weltweisen angefüllt. Viele haben sich eines solchen artigen Scherzes mit Vorteil bedienet; und hieher gehört die Sammlung des Cato, worin lauter kluge und witzige Einfälle vorkommen. Cicero hat gewiß nicht ohne Grund geurteilet, daß man auch aus dem Scherz ein edles Gemüt erkennen könne. Indessen urteilen diese Richter noch ziemlich gelinde, und da man überhaupt vom Geschmack nicht viel zanken kann, so lasse ich einem jeden gerne seine Einsicht. Ich gestehe auch, daß die Erinnerungen derjenigen eine Aufmerksamkeit verdienen, welche wissen, daß man nicht durch Dornen gehen könne, ohne sich zu verletzen, und daher diese Schreibart einem alten und schwachen Manne widerraten haben. Aber so ist es mit der Neigung der Menschen beschaffen: Man unterwirft sich mit Freuden dem größten Verdrusse, damit man einen unsterblichen Namen erhalte. Man eilt der größten Gefahr mit dem innigsten Vergnügen entgegen, damit die spätesten Nachkommen unsre Standhaftigkeit rühmen mögen. Gewiß, ein Gemüt, welches nach Ehre und Ruhm ringet, wird durch nichts so sehr als durch die Betrachtung angefeuert, daß man sowohl durch wichtige als geringere Bemühungen nicht allein noch im Leben berühmt werden, sondern auch noch nach dem Tode leben könne. Ich habe es dennoch öfters recht reiflich bei mir überlegt, ob es ratsam sei, sich wieder auf das Meer zu wagen, woselbst ich dem Schiffbruche öfters so nahe gewesen. Weil aber meine Freunde, denen meine Schrift gefiel, mir die Versicherung gaben, daß keine Gefahr zu besorgen sei und keine Bewegung daher entstehen könne, so ließ ich mich endlich überreden. Ich besorgte, daß die Erfindung und der hin und wieder eingemischte Scherz die meisten wider mich in den Harnisch bringen würde. Einige sagen die Wahrheit mit Bitterkeit, andre mit Lachen; beide haben einerlei Absicht, ob sie sich gleich verschiedener Wege bedienen, dieselben zu erreichen. Was man aber bei den ersten Eifer nennet, das wird bei den andern Mutwillen genannt. Denn da diese die Laster durch Erdichtungen und Scherz angreifen, so geraten die Leser, welche kein gutes Gewissen haben, gleich auf den Argwohn, daß man sie dadurch lächerlich machen wolle. Denen verzeihe ich am liebsten, welche mich mit meinen eignen Waffen zu bestreiten und also zu urteilen pflegen. Der Verfasser tadelt es bei einer jeden Gelegenheit, wenn man sich über andre aufhält, und dennoch urteilet er selbst über andre Leute. Er streitet gegen die Fehler, welche er selbst begeht. Er muß entweder aufhören zu schreiben, oder er muß seine eigne Fehler verbessern. Er muß entweder nicht weiter über die bittern Urteile spotten, welche von andern gefället werden, oder er muß selbst sein Richteramt niederlegen, damit es nicht scheine, als wenn man ihm allein das Recht eingeräumt hätte, sich über andre aufzuhalten. Diesen Vorwurf aber kann ich nicht besser von mir ablehnen, als wenn ich diesen Richtern zu Gemüte führe, daß nichts edler sei, als wenn man seine Fehler nicht verhehlet, sondern solche frei bekennet. Dadurch gibt man zu erkennen, daß man den Anfang gemacht habe, auf die Besserung seines Lebens zu gedenken. Und diese Aufführung ist einem jeden Philosophen rühmlich. Hiermit stimmt auch das Urteil überein, welches die Verfasser der gelehrten Zeitungen bei der Gelegenheit, da sie meine Schriften angeführt, von mir gefället haben. In den Hamburgischen Gelehrten Zeitungen auf das Jahr 1732 heißt es von mir: Die Laster, Mißbräuche und üble Gewohnheiten läßt er so wenig an sich selbst als an andern ungestraft. Und an einem anderen Orte sagen die Verfasser: Wenn er seinen eignen Charakter entwirft, so macht er sich kein Bedenken, sich selbst bisweilen durchzunehmen. Wer also seine eignen Fehler aufrichtig bekennt und nicht einmal seinen Namen verschweigt, der kann die Fehler des menschlichen Geschlechts frei und ohne Bedenken tadeln. Der andre Einwurf wird durch die Absicht hinlänglich widerlegt, welche ich in diesen Briefen deutlich genug zu erkennen gegeben. Ich habe niemals in meinen Schriften die Absicht gehabt, jemand lächerlich zu machen, sondern ich habe mich lediglich bemühet, einige Proben in den sogenannten schönen Wissenschaften zu geben, damit mein Vaterland auch solche Schriften aufweisen und dadurch den Vorwurfe derjenigen von sich ablehnen können, die uns den Mangel solcher Schriften vorrücken. Aus dieser Ursache habe ich in solchen Abhandlungen, welche ihrer Natur und Absicht nach eine scharfe Schreibart erfordern, solche auch gebraucht und die Fehler ohne Scheu scharf und bitter angegriffen. Man könnte daher eher fragen, warum der Verfasser Komödien, Satiren und moralische Fabeln geschrieben, als aus welcher Ursache er sich einer beißenden Schreibart bedienet habe. Verwirft man dieses, so tadelt man sogleich die witzigsten Völker, die berühmtesten Weltweisen, den Plato und Sokrates selbst. Wenn man aber durch diese Beispiele zurückgehalten wird, diese Schreibart zu verwerfen, so ist man gezwungen einzuräumen, daß Scherz und Schärfe in solchen Schriften notwendig erfordert werden. Ein Lustspiel ohne Scherz, eine Satire ohne Stacheln ist einem Wagen ohne Räder ähnlich. Deswegen muß man entweder jenes gänzlich verwerfen oder auch dieses zugeben. Dennoch aber müssen sich auch die Verfasser selbst wohl hüten, daß sie nicht unter dem angenommenen Schutz der Sittenlehre rasen und sich dadurch an ihren Feinden zu rächen suchen. Von diesem Fehler sprachen mich alle diejenigen frei, welche meine scherzhaften Schriften mit unparteiischen Augen ansehen. Ich habe mich auch selbst bemühet, durch unaufhörliche Erinnerungen die Schriftsteller davon abzuraten, daß sie nicht über eine Person besonders spotten sollten. Ich habe mich oft selbst in meinen Vorreden desfalls getadelt, daß ich in der Antwort auf einige Beschuldigungen etwas hitzig gewesen, ob man gleich glaubt, daß es nach dem Kriegsrecht zugelassen und als eine erlaubte Notwehr anzusehen sei. Und sollte es darauf ankommen, solche Schriften zu schreiben, wodurch jemand besonders beleidiget würde, so würde ich gewiß unter meinen Landsleuten der allerletzte sein, welcher sich dazu durch Belohnungen oder Aufmunterungen würde anreizen lassen. Denn dieses ist nicht nur einem Philosophen, sondern auch einem jeden redlichen Menschen höchst unanständig. Wie sehr wollte ich mich freuen, wenn dieses mein einziger Fehler wäre und wenn meine Feinde mir sonst nichts vorzuwerfen wüßten, als daß ich unter erdichteten Namen über die Fehler des menschlichen Geschlechts gespottet oder daß ich unter lustigen Fabeln nützliche Lebensregeln gegeben. Aber ich habe andre Fehler an mir, welche ich bisweilen mit einer fast gar zu großen Aufrichtigkeit selbst bekannt habe. Jedoch, ich will von dieser unterirdischen Reise nicht weitläuftiger handeln, welches meine letzte Schrift von dieser Art sein soll. Dieses kleine Werk ward gleich darauf in verschiedene fremde Sprachen übersetzt. Daß man es aber so späte erstlich in der dänischen Sprache gelesen, dazu habe ich selbst Anlaß gegeben. Die meisten Dänen verstehen die deutsche Sprache, und ich hielt es nicht für ratsam, diese aus der Sittenlehre entlehnten Regeln und Vorschriften dem verkehrten Urteil des gemeinen Mannes zu unterwerfen, welcher nicht vermögend ist, dieselben einzusehen. Was andre mit Nutzen lesen und verstehen, das kann der gemeine Mann kaum durch die Brille sehen. Folgende Fabel drückt dieses sehr schön aus: Der Maulwurf hörte, daß die Menschen Brillen brauchten, und bat desfalls seine Mutter, daß dieselbe ihm auch eine solche Brille kaufen möchte. Die Mutter aber gab ihm diese Antwort: Begehre solche Dinge nicht, die deiner Natur nicht gemäß sind. Denn die Brillen, welche den Menschen dienlich sind, leisten den Maulwürfen nicht den geringsten Nutzen. Wie ich also dieses Werk zustande gebracht hatte, so nahm ich mir wieder etwas Ernsthaftes vor. Ich hatte den Entschluß gefaßt, eine Geschichte zu schreiben, aber ich wußte nicht eigentlich, welchen Teil der Geschichte ich wählen sollte. Nach einer reifen Überlegung beschloß ich endlich, die Geschichte des jüdischen Volks zu schreiben. Folgende Ursachen bewegten mich insonderheit, diesen Entschluß zu fassen. Unter so vielen berühmten Männern, welche die Schicksale und Sitten dieses Volks beschrieben haben, hat keiner eine zusammenhängende Geschichte von dem Ursprung dieses Volks bis auf unsere Zeiten geliefert. Josephus fängt von der Schöpfung der Welt an und geht bis auf die Zerstörung des Tempels unter dem Titus. Unter den neuern Skribenten sind außer Zweifel Prideaux und Basnage die vornehmsten. Der erste hat einen Teil der jüdischen Geschichte abgefaßt, nämlich von dem babylonischen Gefängnis bis auf die Zeiten Christi. Der letzte fängt da wieder an, wo der erste aufgehöret. Aus dieser Ursache sind diese drei Skribenten demjenigen unentbehrlich, welcher die jüdische Geschichte vom Anfange bis zu Ende wissen will. Damit man aber alles, was die jüdische Nation betrifft, desto leichter fassen und einsehen möge, so habe ich alles, was bei den erwähnten Skribenten von den vornehmsten Schicksalen, Sitten und Gesetzen dieses Volks enthalten ist, in einem Buche zusammengetragen. Wie ich noch hiemit beschäftiget war, so kam ein Werk in französischer Sprache unter dem Titel heraus: › Historie du peuple de Dieu ‹, welches aus zehn Teilen in 4. bestand. Ich urteilte, daß meine Arbeit nunmehr überflüssig sein würde. Aber diese Furcht verschwand, sobald mir das Buch zu Gesichte kam. Es ist in demselben nur die Geschichte des Alten Testaments enthalten. Doch verdient diese Arbeit nicht einmal den Namen einer Geschichte, wegen der vielen Zusätze und erdichteten Reden, womit diese Bände angefüllt und zu einer großen Weitläuftigkeit gediehen sind. Die kleinsten Begebenheiten sind hier mit der größten Beredsamkeit vorgetragen. Und weil Adam, Noah und die übrigen Patriarchen in diesem Werke überaus gekünstelt sprechen und sehr weitläuftige und nach den Regeln der Beredsamkeit ausgearbeitete Reden halten, so sollte man fast auf den Gedanken geraten, daß sie sich zu unsern Zeiten zu Paris oder Versailles aufgehalten hätten. Ich übergehe hier die andern Fehler, welche in diesem Buche enthalten sind und den Lesern einen Ekel erregen. Ich setzte also meine Arbeit mit allem Fleiße fort und entlehnte das meiste aus den bereits oben angeführten Skribenten. In dem Leben der Patriarchen habe ich sehr viel aus der prächtigen Historie genommen, welche von einer gewissen Gesellschaft in England herausgegeben wird. Da ich aber nur die ersten beiden Teile besaß und der andre Teil nicht weitergehet als bis auf die Zeiten Sauls, so habe ich nachher keine andre Wegweiser gehabt als die Bücher des Alten Testaments und den Josephus bis auf das Ende des israelitischen Reichs, wo Prideaux anfängt. Dennoch aber ist dieser Teil der Geschichte desfalls nicht trockner oder von geringerm Nutzen als die übrigen. Außer den angeführten Skribenten habe ich mich der schönen und wohlausgearbeiteten Schriften der berühmtesten und in den Altertümern höchst erfahrnen Männer bedienet. Philo, Cunäus, Lightfoot, Vitringa, Richard Simon, Spencer, Reland, Seldenus, Salomon Ben Virga, Ganz, Bartolaccius und andre berühmte christliche und jüdische Schriftsteller sind meine Vorgänger und Gehülfen gewesen. Dieses bezeugen die vielen Zeugnisse, die ich aus ihnen entlehnet und auf allen Blättern angezeigt habe. Schutt ist ausführlicher als Basnage und hat auch viele Fehler entdeckt, welche derselbe begangen. Er hat die jüdische Geschichte in dem letzten Jahrhundert in ein großes Licht gesetzt. Wie ich endlich mit diesem Werke zustande gekommen war, so gab ich dasselbe in zween Bänden in Quart heraus. Die großen Kosten, welche zum Drucke desselben erfordert wurden, verursachten, daß ich sehr lange bei mir überlegte, ob ich nicht den itzt so bekannten und üblichen Weg der Pränumeration bei dem Verlag dieses sehr weitläuftigen Werks erwählen wollte. Ich ward aber durch den großen Mißbrauch, welcher bei dem Vorschuß eingeschlichen, davon abgehalten. Es gewinnt mit der Pränumeration gegenwärtig fast ebendasselbe Ansehen, als wenn man Almosen bittet, und deswegen ließ ich das Werk auf meine eigene Kosten drucken. Diejenigen kann man mit Recht entschuldigen, welche sich dieses Mittels bei großen Werken bedienen, die viele Kosten erfordern. Nun aber werden alle und jede eingeladen, auf Schriften von wenigen Blättern zu pränumerieren, welches wirklich ebensoviel heißt, als wenn die Skribenten sagten: Gebt mir doch ein Almosen, um Gottes willen. Da die Pränumerationes so weit getrieben werden, so befürchte ich, daß sich solches bis auf die Kaufleute und Tagelöhner, ja gar bis auf die unzüchtigsten Personen erstrecken wird, von denen man inskünftige nichts wird erhalten können, wo man nicht ihnen das Geld vorausbezahlet. Alles dieses habe ich während der Zeit zustande gebracht, da ich das Rentemeisteramt verwaltet; und ob ich gleich durch allerhand Verhinderungen abgehalten worden, so sollte man doch hieraus vielmehr schließen, daß ich mich dem Studieren ganz aufgeopfert hätte. Einige haben auch daher den Schluß gemacht, daß ich wegen meines großen Triebes zu den Wissenschaften mein Amt nachlässig verwalten würde. Es ist aber, soviel mir bewußt ist, nicht das geringste von mir in diesem Stücke versäumen sollte, da man vielmehr aus den Wissenschaften selbst sorgfältigste beobachtet habe. Der Trieb zu den Wissenschaften muß uns niemals so sehr hinreißen, daß man darüber sein Amt versäumen solle, da man vielmehr aus den Wissenschaften selbst lernet, daß solches aufs genaueste erfüllet werden muß. Ich ehre die Minerva, sooft Merkur es mir erlaubet. Ich sehe es als eine Pflicht eines Philosophen an, daß man sein Studieren beiseite setze, wenn das Amt andre Verrichtungen erfordert. Die meisten Wissenschaften, denen ich bereits in meiner Jugend ergeben gewesen, gefallen mir auch noch im Alter, außer daß ich lieber alte als neue Bücher lese und lieber die Quellen selbst aufsuche, als aus den Strömen schöpfe, die man daraus hergeleitet. Es sind aber doch nicht viele Bücher nach meinem Geschmacke: Denn die mittelmäßigen Schriften sind mir ebensosehr zuwider als die abgeschmackten. Und gewiß, wenn ich gar keine gute Bücher haben könnte, so würde ich lieber solche Schriften lesen, worin nichts als Märlein und Fabeln befindlich sind, als diejenigen, welche mittelmäßig oder schlecht geschrieben worden. Wie ich desfalls vor einigen Jahren gezwungen ward, in einem Wirtshause außerhalb der Stadt eine Nacht zuzubringen und selbst keine Bücher bei mir hatte, so durchsuchte ich des Wirts Bibliothek mit großem Fleiße, und nach gehaltener Musterung wählte ich mir endlich die Historie vom Eulenspiegel als ein geringeres Übel unter so vielen schlechten und gemeinen Büchern. Da ich demnach nur an guten Büchern ein Vergnügen finde, so fehlet es mir bisweilen an Büchern, und meine Lust zu studieren wird dadurch sehr unterbrochen, weil ich genötiget bin, die guten Bücher so oft wieder durchzulesen. An einigen Büchern aber finde ich ein so großes Vergnügen, daß ich niemals müde werden kann, dieselben von neuem durchzulesen. Das Buch des Grotius von dem Recht des Krieges und des Friedens scheint mir allemal neu zu sein, ob es gleich bereits unter die alten Bücher gehört. Dieser große Mann hat das Eis in der Sittenlehre gebrochen, unzählige andere sind ihm hierin gefolgt, keiner aber hat seine Vollkommenheit erreicht. Ein jedes Wort ist eine Regel, eine jede Regel ist ein Orakel, und die Schreibart ist so schön und reizend, daß man glaubt, einen der besten alten Schriftsteller zu lesen. Gewiß, der Name dieses großen Mannes und die von ihm vorgetragenen Lehren werden niemals, auch bei denen spätesten Nachkommen der Vergessenheit übergeben werden. Unter den lateinischen Skribenten halte ich den Petronius Arbiter für den größten Meister. Denn es scheint, daß er in allen Stücken vollkommen gewesen. Das Historische, was sich in des Petronius Schriften findet, ist so deutlich, rein und reizend abgefaßt, daß er in diesem Stücke auch dem Livius den Vorzug streitig machen kann. Die Gedichte, welche allenthalben angeführt werden, sind mit einem virgilianischen Geiste geschrieben. Die Satiren sind beißend und munter, und man bemerkt allenthalben einen so reichen Witz, wodurch alle komische Skribenten übertroffen werden. Petronius ist auch der einzige, welcher die gemeinen Redensarten anführt und die törichte Schwatzhaftigkeit mit lebendigen Farben abmalet. Man sollte denken, daß er seine ganze Lebenszeit unter dem gemeinsten und niederträchtigsten Pöbel zugebracht hätte, wenn er die Reden und das Geschwätze anführt, welche die Gäste des Trimalchio vorgebracht haben. Weil er aber zugleich unzüchtig schreibt, so muß man ihn der Jugend nicht in die Hände geben. Noch niemals haben wir uns, mein Herr, wie Ihnen längst bekannt ist, wegen der lateinischen Dichter vereinigen können. Ihnen gefällt der Virgil am besten, ich aber halte den Ovidius für den größten. Sie folgen dem Urteile andrer gelehrter Männer, ich aber folge in diesem Stücke meinem eignen Geschmack. Ich glaube, daß ich hierin irre, aber ich habe diesen Fehler noch niemals überwinden können, denn mich dünkt, daß man bisher noch keinen gefunden, den man diesen Dichter auch nur mit einigem Schein an die Seite setzen könnte. Er mag hoch oder niedrig, kurz oder weitläuftig, ernsthaft oder munter schreiben, so ist er jederzeit vollkommen. Seine Metamorphosis ist in prächtigen Ausdrücken abgefaßt, aber doch auch zugleich so fließend, angenehm und leicht geschrieben, daß man dieselbe auch Anfängern in der lateinischen Sprache erkläret. Wenn man den Ovidius mit andern Dichtern vergleicht, so wird man mit leichter Mühe wahrnehmen, wie gekünstelt alles bei den andern ist und wie natürlich alles bei dem Ovidius fließet. Auch wenn man seine Gedichte in eine ungebundene Schreibart zergliedert, so herrscht doch allenthalben der erhabene Geist des Ovidius, und dieser allein ist es, welcher seine Gedichte von einer ungebundenen Rede unterscheidet. Die Prosodie, die Geißel der Dichter, quält den Ovidius nicht. Seine Gedichte fließen in einer so natürlichen Ordnung der Wörter, als wenn er an keine gewisse Art der Gedichte gebunden wäre, und er unterscheidet sich hiedurch von denjenigen, welche die Wörter so sehr verwerfen und das zuerst setzen, was billig zuletzt am Ende erstlich folgen sollte. Und diese natürliche Ordnung der Wörter beobachtet er nicht nur in seinen verliebten Schriften, in seinen Klaggedichten und in seinen Briefen, sondern auch in den prächtigsten Beschreibungen der Verwandlungen; ja, auch in den feurigsten und lebhaftesten Stellen schweift er doch niemals aus. Die Prosodie, ein abgemessenes Silbenmaß und was sonst andre Poeten so sehr zu martern pflegt, hält meinen Dichter niemals auf. Daher kann man auch keinen andern Poeten aufweisen, der dem Ovidius an erhabenen Ausdrücken und zugleich an Deutlichkeit gleichgekommen. Wenn andre sich, auch nur in kleinen Gedichten, die größte Mühe geben, deutlich zu schreiben, so trifft man bei dem Ovidius die größte Deutlichkeit ohne den geringsten Zwang in ganzen Büchern an. Und daß ich alles kurz zusammenfasse: Ovidius gehört unter diejenigen Dichter, welche von der Natur allein gebildet werden, und man kann von ihm mit Wahrheit sagen, daß er von den Musen ernährt und erzogen worden. Ich will mich aber doch deswegen mit denen in keinen Streit einlassen, welche den Virgil allen andern vorziehen. Dieses ist mir nur unerträglich, daß einige neue Kunstrichter so schlecht von dem Ovidius urteilen und ihn geringer schätzen als den Horaz, Lucan und andre. Man kann verschiedene Ursachen anführen, warum einige den Ovidius so kaltsinnig und mit so wenigem Vergnügen lesen: Ich habe solche bereits vor einigen Jahren in einer öffentlichen Rede berührt, aber dieselbe will ich hier nicht wiederholen. Dieses einzige will ich nur bemerken, daß die geringe Achtung, welche man gegen den Ovidius heget, auch daher entstehen kann, weil man die Schriften desselben beständig in Händen hat und gar zu oft lieset. Seine Verwandlungen werden von Dichtern, Malern, Kupferstechern, Gelehrten und Ungelehrten ohne Unterlaß gelesen und auf mancherlei Art angewandt. Dieselben haben eben das Schicksal, was die Tonkunst erfährt. Weil die sanften Töne und die angenehme Übereinstimmung derselben so oft gebraucht und unzähligemal angewandt worden, so sind die neuern Tonkünstler derselben überdrüssig und finden nun an rauschenden und lärmenden Tönen einen Gefallen. Im Anfange finden wir bisweilen an dieser oder jener Speise ein ganz besonderes Vergnügen, wenn man sich aber dieselbe täglich zubereiten läßt, so wird sie uns zuletzt so sehr zuwider, daß wir auch kaum den Anblick und den Geruch derselben ertragen können. Die meisten Verse des Ovidius scheinen wegen der netten Erfindung und des darin herrschenden Witzes lauter Sinngedichte zu sein, und dennoch sind sie zugleich auch deutlich, als wenn sie in ungebundener Rede abgefaßt wären. Den Juvenal habe ich so fleißig gelesen, daß ich seine Satiren fast aus dem Gedächtnisse hersagen kann. Die Strafgedichte desselben gefallen mir besser als die Satiren des Horaz. Dieser übertrifft zwar den Juvenal an Munterkeit, er wird aber wieder von dem Juvenal an Gründlichkeit übertroffen. Horaz vergnügt und ergötzt. Juvenal aber ist bitter und straft scharf. Jener beurteilt nur das Äußerliche und was in die Augen fällt, dieser aber dringt tiefer ein. Er deckt auch die verborgnen Laster auf und erweckt bei seinen Lesern ein tiefes Nachdenken. Juvenal ist auch in seinen Lehren und Vorstellungen reicher und fruchtbarer. Horaz greift nur gewisse Laster an und bringt öfters einerlei Betrachtungen wieder vor. Juvenal führt seinen Satz sehr wohl und gründlich aus und weicht nicht von demselben ab, aber das Gegenteil nimmt man bei dem Horaz wahr. In der ersten Satire spottet Horaz über die Unbeständigkeit der Menschen, und gleich darauf sucht er den Geiz lächerlich zu machen. In der dritten Satire tadelt er diejenigen, welche bei andern so leicht Fehler entdecken, bei sich selbst aber keine wahrnehmen können. Und gleich darauf kommt er auf die Stoiker, welche sagen, daß alle Sünden und Fehler gleich groß sind. Und so verfährt er auch in den übrigen Satiren. Doch bekenne ich auch, daß hin und wieder in den Schriften des Horaz solche Stellen angetroffen werden, welche von einer sehr reifen und gründlichen Beurteilungskraft zeugen. Aber er ist sich selbst nicht immer ähnlich, denn man mag auf die Materie oder auf die Schreibart sehen, so ist er unbeständiger als der Tigellius, über den er spottet. Und da seine Verse überdem sehr gezwungen sind, so dünkt mich, daß er kein Poet von Natur sei, sondern daß ihn die Kunst nur zu einem Dichter gemacht habe. Er pflichtet auch überdem den Sätzen des Epikurs bei, daher leugnet er eine Vorsehung und preiset die Tugenden bloß ihres Nutzens wegen an. Die Moral des Juvenals ist weit besser. Er redet ehrerbietig und vernünftig von Gott und dem Endzwecke der guten Handlungen und trägt viele Gedanken vor, die selbst einem Christen nicht unanständig sind. Ferner ziehe ich den Plautus dem Terenz vor. Ich andre mein Urteil nicht, und wenn ich auch den Horaz und seine Anhänger dadurch erzürnen sollte. Terenz ist zwar ohne Fehler, von denen Plautus nicht frei geblieben. Mir aber gefällt ein schönes Gesicht, welches einige Flecken hat, weit besser als ein gemeines Gesicht, welches ohne alle Flecken ist. Die sorgfältige und reine Schreibart macht den Terenz einzig und allein beliebt, im übrigen aber kann man ihn nicht mit dem Plautus vergleichen. Man mag die Erfindung oder die Ausführung, die Munterkeit und den witzigen Scherz ansehen, welcher die Seele eines Lustspiels ist, so wird Terenz von dem Plautus sehr weit übertroffen und kann mit diesem in gar keine Vergleichung gesetzt werden. Einige Lustspiele des Plautus, als ›Amphitruo‹, ›Menechmi‹, ›Aulularia‹, ›Mostellaria‹, sind ins Französische übersetzt worden. Man hält dieselben für die besten unter den neuen Schauspielen und für eine rechte Zierde des Schauplatzes. Ich könnte weitläuftiger von diesen beiden komischen Skribenten handeln, und man würde mir auch ohne Zweifel zutrauen, daß ich ein gegründetes Urteil davon fällen könnte, da ich selbst fünfundzwanzig Lustspiele geschrieben, aber die engen Grenzen, welche ich mir in diesem Briefe gesetzt habe, verstatten solches nicht. Dieses einzige will ich nur noch hinzufügen, daß man bei dem Plautus die Munterkeit antrifft, welche alle Lustspiele so angenehm macht und die niemand nachher so glücklich wieder nachahmen können als Moliere. Die Komödien, die nach dem Moliere geschrieben worden, sind matt und meistenteils unangenehm. Sie gefallen daher auch sonst niemanden als den Franzosen, deren Geschmack gegenwärtig ganz verdorben ist. Die neuen Komödienschreiber lassen es allein dabei bewenden, daß sie einige magere Unterredungen vorstellen, welche sie in drei oder fünf Aufzüge abteilen. Dies ist nach ihrem Urteile die einzige Pflicht, welche ein komischer Skribent zu beobachten hat. Diejenigen, von welchen meine Schriften beurteilet worden, haben bemerkt, daß ich in meinen Sinngedichten den Martial und in meinen Briefen den Jüngern Plinius zu meinen Vorgängern erwählt. Ich leugne dieses auch nicht. Wenn man die unzüchtigen Stellen bei dem Martial wegtut, so ist seine Schrift ein rechtes Muster, nach welchem die Sinngedichte müssen eingerichtet werden. Der Plinius gefällt mir so wohl, daß ich niemals müde werde, ihn zu lesen. Ja, ich würde ihn selbst dem Cicero in den Briefen vorziehen, wenn ich mich nicht für die eifrigen Anhänger des Cicero fürchtete. Ich ersuche Sie aber zugleich, mein Herr, dieses nicht weiter auszubreiten. Denn ich weiß, daß es eine große Ketzerei ist, einen Jüngern lateinischen Skribenten einem altern vorzuziehen. Vielleicht scheint Ihnen selbst dies Urteil unbillig zu sein, und ich gestehe gerne, daß ich oft von der gemeinen Bahn abweiche. Aber ich folge in diesem Stücke meiner Einsicht, welche mich oft wider den Strom treibt. Und da der Geschmack der Menschen so sehr unterschieden ist, so habe ich doch vielleicht noch einige auf meiner Seite. Die Schriften des Seneca scheinen mir mit mehrem Fleiße ausgearbeitet zu sein als die Schriften des Cicero. Es ist wahr, Cicero hat sich einer fließenden Schreibart bedienet, und deswegen wird er auch am meisten gerühmt. Einige aber halten etwas für eine natürliche Schönheit, was andre als eine Unachtsamkeit ansehen. Einigen gefällt nichts, was mit Fleiß und großem Nachdenken abgefaßt worden, und daher sagen sie, daß man in den Schriften der Jüngern Skribenten die Beredsamkeit und die Zierlichkeit nicht wahrnehme, welche man bei den Skribenten des goldnen Alters, wie man zu reden pflegt, billig bewundert. So urteilt Quintilian, welcher wie Cicero den Demetrius Phaleräus bei den Griechen desfalls tadelt, auch bei den Lateinern den Seneca und verborgnerweise auch den Plinius als solche angibt, welche die Schönheit und Reinigkeit der lateinischen Sprache gekränkt hätten, recht, als ob er dadurch die Schreibart verdorben oder der Nachdruck einer Sprache entkräftet würde, wenn man seine Feder schärft. Wir folgen oft ohne alles Bedenken dem Urteile unsrer Vorfahren. Und wenn einer jähnet, so jähnen die andern auch. Stellen Sie sich vor, mein Herr, daß der jüngre Plinius und Seneca in dem goldnen Zeitalter und daß Cicero in dem silbernen Alter gelebt; was gilts, Sie werden ganz anders urteilen. Ich hatte mir vor einiger Zeit vorgenommen, diesen Satz in einer besondern Schrift auszuführen, ich bin aber durch andre Verrichtungen davon abgehalten worden. Die meisten glauben, daß ich in der griechischen Sprache ganz unerfahren sei. Aber diese irren sich in ihrem Urteile. Ich lese die griechischen Geschichtschreiber mit ziemlicher Fertigkeit und habe auch wirklich zwölf griechische Skribenten, unter denen auch der Diodorus Siculus ist, ganz durchgelesen. Weil mir aber die Grammatik unbekannt ist, so scheint es, als ob ich auch nicht einmal die ersten Grundsätze gefaßt hätte. Von den griechischen Dichtern habe ich allein die beiden ersten Komödien des Aristophanes gelesen. Die Ilias des Homers aber bin ich oft durchgegangen. Weil ich wegen meiner schwachen Beurteilungskraft von der Meinung andrer gelehrten Männer oft abweiche, so muß ich auch hier frei gestehen, daß ich an dem Homer nicht finde, was andre an ihm gefunden haben. Doch trete ich denen nicht bei, welche den Homer auf alle Art tadeln und ihm gar keinen Platz unter den guten Skribenten einräumen wollen. Ich halte es aber auch nicht mit seinen blinden Verehrern. Die Schreibart und der Geist des Homers erweckt bei mir wie bei andern Criticis eine Bewunderung, und man kann seine Arbeit als eine rechte Quelle der griechischen Sprache anpreisen. Aber ich kann den Schatz und die großen Vorteile nicht finden, welche sich nach dem Ausspruche der Verehrer des Homers die Redner, die Staatsleute und die Kriegshelden zunutze machen können. Man wird es wohl keinen General raten, daß er mitten in der Schlacht sein Kriegsheer verlasse und sich nach Hause begebe, um sein Hauswesen zu besorgen, wie Homer von dem Hektor berichtet. Ebensowenig kann man den Rednern die Reden des Nestors zur Nachahmung anpreisen, welche mir öfters einen Schweiß ausgetrieben haben. Einige Freunde dieses alten griechischen Schriftstellers legen ihm auch eine vollkommene Erkenntnis aller Künste und Wissenschaften bei, welche ich aber wegen meiner schwachen Einsicht niemals bei ihm wahrnehmen können. Ich urteile aber bloß nach meinem Begriffe und lasse einem jeden sein Urteil frei. Es würde unbillig und töricht sein, wenn man sich desfalls mit andern in einen Streit einlassen wollte. ... Hanc veniam petimusque damusque . Hanc veniam...: Diese Freiheit erbitte ich mir und gestehe sie anderen zu. (Horaz, Ars poetica, 11) Unter den griechischen Skribenten schätze ich den Plutarch am höchsten und werde niemals müde, ihn zu lesen. Denn in diesem einzigen Schriftsteller ist ein rechter Schatz der Weisheit der Alten anzutreffen. Bücher, die in den neuern Zeiten geschrieben worden, lese ich selten öfterer als einmal, doch sind einige Geschichtschreiber, als Humpredus Prideaux, Burnet, P. Daniel und Toiras Rapin, hievon ausgenommen. Dieses sind aber auch die einzigen, die ich öfters durchlese. Die beiden letzten sind zu unsern Zeiten die merkwürdigsten. Deswegen lese ich sie mit dem größten Fleiße und beurteile alles, was ich lese. Wenn man diese beiden vortrefflichen Geschichtschreiber miteinander vergleicht, so räumen die meisten dem Rapin den Vorzug ein. Ich kann aber diesem Ausspruche nicht beifallen, weil ich zweifelhaft bin, wer von ihnen beiden den Vorzug verdiene. Denn nach meinem Urteile fällt diese Entscheidung überaus schwer: Inter utrumque volat dubiis victoria pennis . Inter utrumque volat ...: Zwischen beiden schwebt die Siegesgöttin mit unentschiedenen Schwingen hin und her.(Ovid, Metamorphosen VIII, 13) Dieser scheint zwar die Wahrheit mehr auf seiner Seite zu haben, jener aber scheint mehr mit wichtigen Schriften und Dokumenten versehen zu sein. Soweit die Acta Publica des Rymers gehen, von denen die englische Geschichte ein so großes Licht erhält und wodurch so viele andere Geschichtschreiber verbessert und ergänzt werden, solange ist Rapin der vornehmste, weil er die meisten Dinge aus den Quellen selbst herleitet. Sobald aber diese Acta aufhören, so ergreift er wie einer, der Schiffbruch gelitten hat, alles, was ihm zuerst in die Hände kömmt. Ja, er folgt bisweilen den schlechtesten Geschichtschreibern, welche er öfters bloß nennet, ohne dabei anzuzeigen, in welchen Sammlungen sie anzutreffen sind oder auf welcher Seite das angeführte Zeugnis zu finden ist, sondern es heißt schlechthin: Camden, Backer, Du Chesne etc. Überdem fehlt sehr viel, sowohl in dem Leben der Königin Elisabeth, als auch in der Regierung des Königs Jakob des Ersten, welches alles man aus andern Geschichtschreibern ersetzen muß. Der größte Teil der Geschichte Carls des Ersten ist aus den Sammlungen des Rushwords genommen und erhält eine große Menge von königlichen Verordnungen, Patenten und offenen Briefen, welche zwar sehr nützlich sind, aber von den besten Geschichtschreibern zuletzt in einem Werke pflegen angeführt zu werden. Der P. Daniel scheint keine Mühe gespart zu haben, aus allen Winkeln des Königreichs Nachrichten zu seinem Werke aufzutreiben und sich damit zu versehen, ehe er seine Arbeit angefangen. Allenthalben führt er gleichzeitige Skribenten und die Tagebücher und Nachrichten solcher Männer an, welche alles, was von ihnen verrichtet worden, selbst aufgezeichnet haben. Rapin hat sich allein den Teil der Geschichte angelegen sein lassen, welcher die Gesetze und den politischen Staat in sich begreift. Denn die Kriegshändel hat er ganz weggelassen, oder wenn er bisweilen davon redet, sehr kurz berührt. P. Daniel aber ist in solchen Dingen, die den Krieg betreffen, am allerweitläuftigsten, er führt auch die kleinsten Begebenheiten, ja die geringsten Scharmützel an. Daher scheint es, daß der erste gar zu wenig, der andre aber gar zu viel von dergleichen Dingen gemacht habe. Man sollte fast auf die Gedanken geraten, daß der erste ein Mönch und der andre ein Soldat gewesen, da doch Rapin in Kriegsdiensten stand, P. Daniel aber ein Jesuit war. Man kann sie auch daher beide mit gleichem Rechte tadeln, und zwar den ersten, weil er die Kriegshändel übergeht, von denen er am besten hätte urteilen können, und den andern, weil er am weitläuftigsten in solchen Dingen ist, die er nicht verstehet. Stellt man sich aber vor, daß der erste ein Mönch und der andre ein Kriegsmann gewesen, so kann man sie beide weit leichter entschuldigen. Ich will aber hiedurch dem billigen Ruhme nichts abbrechen, den Rapin wegen seiner großen Beurteilungskraft und wegen seiner Liebe zur Wahrheit erhalten hat. Dieses will ich nur behaupten, daß P. Daniel sich bei seiner Historie weit mehr Mühe gegeben und mit einem weit größerm Vorrat von öffentlichen und wichtigen Schriften versehen gewesen, als er sein Werk angefangen. Es ist gewiß, wenn er anstatt der französischen Geschichte die englische Historie geschrieben hätte, welche die fruchtbarste von allen ist und bei keinem Geschichtschreiber trocken werden kann, er würde einen weit größern Ruhm erworben und einen noch größern Beifall erhalten haben. Denn die Materie selbst gereicht einem Verfasser öfters zum Vorteil. Diejenigen, welche die Schriften beurteilen, irren oft, wenn sie nicht auf die Materie achtgeben, welche ein Geschichtschreiber ausführt, ob es eine solche Materie sei, welche wegen ihres Reichtums bei keinen Schriftsteller matt und trocken werden kann. Man muß auch Zeit und Umstände erwägen, worin sich ein Geschichtschreiber befunden. In den meisten Ländern ist die Freiheit der Geschichtschreiber gar zu sehr eingeschränkt. In England aber hat ein Geschichtschreiber völlige Freiheit, und die Furcht, wodurch so viele abgehalten werden, verursacht ihm keine Hindernis. Wie weit meine Kräfte in der Moral gehen, solches kann man aus den von mir herausgegebenen moralischen Schriften abnehmen. Einige Wissenschaften machen uns zu Menschen, andre zu wohlgesitteten Menschen und zeigen uns den Weg zu einem ruhigen, stillen und glückseligen Leben. Keine Wissenschaft verdienet nach dem Ausspruche des Cicero diesen Namen, als diejenige, durch welche wir die Glückseligkeit erwerben können. Man nennt zwar diejenigen recht gelehrt, welche ihre ganze Lebenszeit damit zubringen, daß sie Poeten lesen und sich in der Meßkunst, Rechenkunst und Sternkunde üben. Aber diejenigen verdienen diesen Namen mit weit größerm Rechte, welche alle Bemühungen einzig und allein darauf anwenden, glückselig zu werden. Durch die Moral lernen wir, wie wir unsre Handlungen in unserm ganzen Leben klug und vernünftig einrichten müssen. Wir lernen dadurch die Tugend kennen und hochachten, und die Laster werden uns durch ihre Lehren zum Abscheu. Durch dieselbe wird das gemeine Wesen erhalten. Die Moral vereiniget hin und wieder zerstreuete Menschen in eine Gesellschaft und macht, daß dieselben erstlich beieinander wohnen und nachher in Eheverbündnisse treten. Durch sie sind die Gesetze erfunden, und sie zeigt uns, wie wir uns aufführen und was wir vornehmen sollen. Desfalls habe ich mich auch derselben ganz gewidmet. Doch erweitere ich meine Erkenntnis nicht so sehr dadurch, daß ich lese, was andre davon geschrieben haben, als vielmehr dadurch, daß ich selbst nachdenke. Ich rede also mehr mit mir selbst als mit andern in ihren Schriften. Und es ist auch nicht notwendig, daß man stets bei allen Fällen nachschlage, was andre davon geurteilet haben. Die moralischen Schriften der alten Philosophen sind mir sehr wohl bekannt. Cicero, Seneca und Plutarch sind meine besten Freunde, und ich lese ihre Schriften öfters. Aber unter den neuen Moralisten sind mir nur sehr wenige bekannt. Was ich nützlich und notwendig zu erinnern finde, das trage ich lieber in muntern Unterredungen und Lustspielen als in scharfen und bittern Schriften vor. Ich spotte nicht über die Sitten der gegenwärtigen Zeiten, ich bestreite die Laster nicht durch weitläuftige Ermahnungen, sondern ich suche bloß die gemeinen Irrtümer zu entdecken und vor Augen zu legen. Das erste erfordert die Pflicht eines Redners und Predigers, das andre aber kommt einem Weltweisen zu. Wenn ich die Irrenden überzeugen will, so bediene ich mich der Lehrart des Sokrates. Ich greife die Festung nicht mit offenbarer Gewalt an, sondern ich suche, sie zu untergraben. Ich suche sie durch Erdichtungen, durch Fabeln und Gleichnisse dahin zu bringen, daß sie die Wahrheit erkennen. Ich hatte einen Freund, dessen Ungeduld und Unzufriedenheit ich durch keine Gründe besänftigen konnte, den ich aber durch eine Fabel aus meiner unterirdischen Reise völlig zufriedenstellte. Dennoch hält man mich für keinen Philosophen, weil ich mich der philosophischen Sprache nicht bediene. Denn alles, was ich vortrage, suche ich so deutlich und verständlich zu machen, als es nur immer möglich ist. Je undeutlicher und dunkler aber zu diesen Zeiten jemand redet, desto größer ist sein Ansehen, und desto eher hält man ihn für einen großen Weltweisen. Man findet einige Leute, welche nichts lieber lesen, als was sie nicht verstehen. Man nehme die Decke weg, worin die meisten Gelehrten unsrer Zeiten sich einhüllen. Man sondere die unverständlichen Worte und die ausgekünstelten Redensarten ab, so wird man befinden, daß vieles von dem, was man als das Vornehmste und Beste angesehen, trocken, gemein und elend ist. Wenn einige Schriften, die nun so sehr bewundert werden, in einer ordentlichen und faßlichen Schreibart entworfen wären, so würde man sie lange nicht so hoch schätzen, als sie itzt von denen angesehen werden, welche sich durch bloße Worte betrügen lassen. Der hochtrabenden Schreibart, den ausgekünstelten und unverständlichen Redensarten und den philosophischen Kunstwörtern haben es die mittelmäßigen Schriften einzig und allein zu danken, daß sie als Orakel angesehen werden. Den Montagne liebe ich sehr wegen der Aufrichtigkeit, die in seinen Schriften herrschet, und ich würde ihn noch höher schätzen, wenn er nicht so viel von sich selbst gehalten hätte. Seine paradoxen Sätze gefallen mir wohl. Wenn ich jemanden solche Meinungen beilege, so verstehe ich dieses dadurch, daß derselbe durch kräftige oder zum wenigsten wahrscheinliche Gründe die gemeinen Urteile zu bestreiten und auszurotten sucht, welche gleichsam das Bürgerrecht bei den Menschen gewonnen haben. Wenn aber solche paradoxe Meinungen nicht wahrscheinlich sind, so hasse ich dieselben aufs äußerste. Aus dieser Ursache ist mir der Verfasser des Buchs von der Falschheit der menschlichen Tugenden: De la fausseté des vertûs humaines , sehr zuwider, denn er verwandelt alle Tugenden in Laster und leitet die Demut aus der Hoffart und die Mäßigkeit aus der Eigenliebe her. Die menschliche Klugheit und Vorsichtigkeit verspottet er, weil die allerverwegensten Handlungen bisweilen den glücklichsten Ausgang gehabt haben. Aber alle Beispiele, welche er anführet, beweisen doch nichts anders, als daß der Ausfall nicht allemal mit dem Anfange übereinstimmet. Es ist ebenso unglücklich, wenn er seine andern paradoxen Meinungen beweisen will. Wer solche ungewöhnliche Sätze vorträgt und auch so schlechte Gründe braucht, dieselben zu bestärken, der verdient mit Recht, daß man ihn einen verwegenen Neuling nenne, und er ist fast gar nicht von einen solchen Menschen unterschieden, der seinen Verstand verloren hat. Übrigens bin ich ein Liebhaber solcher Meinungen und Sätze, wenn sie mit Verstand vorgetragen werden, wie Montagne, Charon und der Philosoph zu Rotterdam, Herr Peter Bayle, getan haben. Dieser letztere führt zwar viele Dinge an, welche ein Christ billig verabscheuet, indessen ist auch sehr viel Gutes in seinen Schriften anzutreffen, und auch die falschen Sätze weiß er mit einer so großen Geschicklichkeit vorzutragen, daß man sie wenigstens für wahrscheinlich hält. Es ist bekannt, was für einen Streit die Meinung des Bayle vom Ursprung des Bösen unter den Gelehrten erregt hat, und wie solche von vielen, insonderheit von dem gelehrten Clericus, angefochten worden, welcher seine ganze Gelehrsamkeit und alle Kräfte anwandte, diesen Satz des Bayle zu bestreiten und zu widerlegen. Es würde töricht sein, wenn jemand das Richteramt übernehmen und über diese beiden großen Männer urteilen wollte. Wenn man diesen Streit von neuem rege zu machen und auszuführen willens wäre, so müßte man notwendig dasjenige wiederholen, was Clericus davon beigebracht hat, welches so vollständig ist, daß nichts hinzugesetzt werden kann. Denn es ward auf beiden Seiten so scharf gestritten, daß Clericus endlich genötiget ward, sich mit der Lehre des Origenes zu verteidigen: Anchora namque suam iam tenet illa ratem . Anchora namque ...: Denn dieser Anker hält nunmehr das Schiff, zu dem er gehört.(Nach Ovid, Tristien V, 2, 42) Dieses einzige will ich nur anführen, daß es mir sehr töricht zu sein scheinet, wenn man von den menschlichen Schwachheiten und angebornen Fehlern Anlaß nimmt, die Güte Gottes zu bestreiten. Gott hat verschiedene Dinge erschaffen. Ein Geschöpfe ist vollkommener als das andere, und doch ist ein jedes in seiner Art vollkommen. Ein Mensch ist vollkommen, soweit er ein Mensch ist. Eine Fliege ist vollkommen, soweit sie eine Fliege ist. Will der Mensch sich mit den Engeln vergleichen, so muß er über seine Unvollkommenheit seufzen und sein Schicksal beklagen. Vergleicht er sich mit gewissen Tieren, so muß er die kurze Dauer seines Lebens beweinen. Man erzählt von dem Theophrastus, daß er auf seinem Totbette die Natur angeklagt, daß sie den Hirschen und gewissen Vögeln ein so langes Leben gönnte, hingegen die Tage der Menschen so sehr verkürzte, da doch dieselben verdienten, am längsten zu leben. Wenn ein Mensch aber die Würmer und Insekten ansieht, so kann er sich erheben und sich als das vollkommenste Geschöpf ansehen. Die Fliegen haben insonderheit ein elendes Schicksal. Es scheint, daß sie im Sommer bloß zu dem Ende geboren werden, daß sie von dem Menschen mögen getötet werden, aber doch nachher für Kälte sterben. Nichtsdestoweniger, wenn sie sich mit gewissen Arten der Würmer oder mit den kleinen Tiergen vergleichen könnten, welche, nach dem Bericht des Aristoteles, nur allein einen Tag leben, so würden sie sich einbilden, daß sie lange lebten, ja ihr Übermut dürfte soweit gehen, daß sie sich vorstellten, die Welt sei um ihrer Vorzüge willen erschaffen. Ebendann bestehet die Schönheit, daß die Kreaturen so sehr voneinander unterschieden sind, und dadurch wird das Werk der Schöpfung nicht nur größer, sondern diejenigen, welche darauf achthaben, werden dadurch in ein noch größeres Erstaunen gesetzt. Wie es aber auch mit dem Schicksal der Menschen beschaffen sein mag, welches Bayle so betrübt und elend vorstellt, so ist doch dieses gewiß, daß man fast niemals jemand antrifft, der gerne sterben wollte. Mir sind einige alte Personen bekannt, die zwar durch die hohen Jahre und mancherlei Krankheiten ganz ausgemergelt worden, aber dennoch eine solche Furcht vor dem Tode haben, daß sie schon zittern, wenn sie nur den Tod nennen hören. Wenn ich dieses bei mir überlege, so muß ich mich wundern, daß die Lehre des Bayle von den beiden Principiis einen so großen Streit erregen können. Aus dem ungleichen Schicksal der Kreaturen läßt sich nichts beweisen, man müsse denn behaupten, daß die Fliegen, weil sie geringer sind als die Löwen, oder das Blei, weil es geringer ist als Gold, aus dem bösen Principio den Ursprung erhalten. Hier läßt sich einigermaßen die Antwort anwenden, welche ein Prediger einem bucklichten Menschen erteilt, der unter seinen Zuhörern befindlich war. Da der Prediger in seinem Vortrage erwähnt, daß alles, was Gott erschaffen, sehr gut sei, so trat dieser bucklichte Mensch gleich zu ihm, wie er vom Predigtstuhl kam, und sagte zu ihm: Sehen Sie, ich bin bucklicht, und nun müssen Sie selbst bekennen, daß nicht alles, was Gott erschaffen hat, gut sei. Der Prediger aber antwortete ihm überaus artig: Als ein bucklichter Mensch seid Ihr sehr wohlgebildet. Obgleich diese Antwort nur in einem Scherz bestand, so war sie doch nicht ungereimt. Denn wenn gleich alle Menschen bucklicht wären, so würde doch die Güte Gottes dadurch nicht leiden. Einige Tiere hat Gott zum Schwimmen erschaffen, weil er wollte, daß dieselben sich im Wasser aufhalten sollten. Einige sind zum Fliegen erschaffen, weil Gott wollte, daß sich dieselben der freien Luft bedienen sollten. Einige Tiere sind erschaffen, daß sie kriechen, und andre, daß sie gehen sollen, und von diesen leben einige für sich selbst, einige aber in Gesellschaft mit andern. Einige sind zahm, andre aber wild und grausam. Ein jedes Tier ist in seiner Art vollkommen. Ich gestehe zwar, daß die Menschen hätten vollkommener erschaffen werden können, ich gestehe auch, daß sie so hätten können erschaffen werden, daß sie niemals hätten sündigen können. Ja, ich räume endlich auch ein, daß Gott es durch seine unumschränkte Allmacht hätte verhüten können, daß seine Gebote niemals von den Menschen wären übertreten worden. Wenn sie aber auf eine solche Art hätten sollen erschaffen werden, daß es ihnen unmöglich gewesen wäre zu sündigen, so wären sie entweder Engel oder bloße Maschinen gewesen, und wenn Gott sie durch seine unumschränkte Macht von Sünden abgehalten hätte, so hätte er auch nicht länger ein Gesetzgeber oder ein Richter sein können. Denn es streitet miteinander, ein Gesetz geben und zugleich durch eine ungebundene Macht verhüten, daß dasselbe nicht übertreten werde. Was die Strafen der Gottlosen betrifft, so darf man nur lediglich mit dem Clericus antworten: Gott tut nichts, was entweder mit seiner Gerechtigkeit oder auch mit seiner Güte streitet. Es stehet einem jeden Richter frei, ohne dadurch seiner Gerechtigkeit und Wahrheit zu nahe zu treten, die Drohungen einzuschränken und die Strafen zu mildern. Mit den Belohnungen verhält es sich ganz anders: Denn was einmal versprochen worden, solches muß aufs genaueste erfüllet werden. Es ist bekannt, mit welchem Eifer die gelehrtesten Männer wegen dieses Satzes gestritten haben, daß auch zuletzt die gehörigen Schranken von ihnen nicht mehr beobachtet worden. Man muß sich billig wundern, daß Männer, welche sonst sich so sehr zwingen können und wegen ihrer Mäßigung einen so großen Ruhm erlangt, die Regeln, welche sie andern gegeben, so gar vergessen und sich einander mit Scheltworten angreifen können. Aber diese gelehrten Männer waren wie ehedem Cäsar und Pompejus gesinnet, von denen der erste keinen Obern leiden, der andre aber keinen ertragen konnte, der ihm an Macht und Stande gleich war. Bayle und Clericus sind fast die letzten, mit denen die gelehrte Welt, die nunmehr schon ein hohes Alter erreicht hat, recht prangen kann. Der erste war der Scharfsinnigste, der andre aber der Gelehrteste. Beide haben sehr viele Bücher geschrieben. In den Schriften des Clericus trifft man eine gründliche Gelehrsamkeit an, da er sowohl in den Grundsprachen als auch in andern Sprachen überaus wohl erfahren war. In den Schriften des Bayle aber ist mehr Witz und Scharfsinnigkeit. Er schreibt so reizend und blühend, daß man von ihm glauben sollte, er habe beständig am Hofe gelebt. Man findet nicht die geringste Spur von dem scholastischen Wesen, worin er doch erzogen worden. Ich nenne diese Männer nicht ohne Ursache die beiden letzten Helden in der gelehrten Welt, welche nun alt und unkräftig geworden. Die Natur ist zwar auch zu unsern Zeiten noch nicht so entkräftet, daß sie auch nicht noch itzt ebenso fähige Köpfe als ehemals erzeugen sollte. Wenn man aber die großen Männer betrachtet, welche die vorigen Zeiten aufzuweisen haben, so kann man nicht leugnen, daß der Flor der Wissenschaften ungemein vermindert worden: ... Iam languent exhausto robore vires . Iam languent exhausto ...: Schon ist die Stärke erschöpft, sind die Kräfte erschlafft. (Ovid, Ex Ponto I, 4, 3) Ich habe die Ursachen, denen man diesen Verfall zuzuschreiben hat, bereits in meinem vorigen Brief angeführt, und desfalls will ich dieselben hier nicht wiederholen. Dieses einzige will ich nur hinzusetzen, daß die heutigen Gelehrten, anstatt daß sie in den vorigen Zeiten durch Belohnungen und Ehre aufgemuntert wurden, nunmehr das Schicksal des Poeten Eumolpus befürchten und mit ihm seufzen müssen: Novimus plausum ingenii nostri . Sint Moecenates, et erunt quoque in orbe Marones, Nasonemque Tibi vel tua rura dabunt . Novimus plausum...: Wir wissen schon, was für einen Beifall man den Erzeugnissen unseres Talentes zu spenden pflegt. (Petronius, Saturae c.90) Sobald es Leute wie Mäcenas gibt, gibt es auch Virgile in der Welt, und einen Ovid wird dir selbst deine ländliche Abgeschiedenheit hervorbringen. (Martial, Epigramme VIII, 56,5f.) Dieses ist ohnstreitig die vornehmste Ursache des Verfalls, den die Wissenschaften erlitten haben. Einige setzen noch andre Ursachen hinzu. Ich glaube, daß man hieher auch die scharfe Zensur rechnen könnte, welcher itzt alle Schriften müssen unterworfen werden. Denn dadurch wird nichts anders ausgerichtet, als daß lauter geringe, matte und elende Schriften ans Licht kommen. Durch die Furcht und Unwissenheit wie auch durch den verdorbenen Geschmack der Censorum werden öfters die besten Bücher unterdrückt und die schönsten Stellen ausgelöscht. Aus dieser Ursache halten es auch viele Verfasser für ratsamer, ihre Arbeiten gleich in der Geburt zu ersticken oder sie lieber dem Staube und der Vergessenheit zu überliefern, als dieselben solchen Richtern zur Beschimpfung in die Hände zu geben. Sollte jemand an dieser Wirkung der Zensuren zweifeln, so darf man nur die Bücher, welche einer so scharfen Untersuchung unterworfen gewesen, mit andern vergleichen, die ohne Zensur gedruckt worden, so wird man gleich den großen Unterscheid bemerken. Das Imprimatur, welches man den Büchern vorzusetzen pflegt und wodurch man dem Verfasser die Freiheit erteilt, sein Werk drucken zu lassen, bedeutet soviel, als wenn der Zensor sagte: Hier ist ein Buch, welches lauter gemeine und von andern bereits tausendmal vorgetragne Dinge enthält, daß man dieselben nicht ohne Ekel und Widerwillen lesen kann. Oder auch: Dieses Werk kann gedruckt werden, denn es sind nur solche Wahrheiten darin enthalten, welche allen und jeden bereits längstens bekannt sind, und der Verfasser hat nur solche Meinungen vorgetragen, die in unsrer Republik seit undenklichen Jahren angenommen worden. Man wendet zwar ein, daß einige Schriftsteller sich einer gar zu großen Freiheit anmaßen würden, wenn man solche nicht auf diese Art einschränkte. Aber aus zweien Übeln muß man doch allemal das kleinste erwählen, und das Gute, welches durch diese Behutsamkeit ausgerichtet wird, ist gar nicht gegen den Schaden zu rechnen, welcher dadurch entstehet. Unser Norden bringt vortreffliche Köpfe hervor. Aber sie werden niemals nach meinem Urteile zur Reife kommen, wo man nicht diese Hindernisse völlig aus dem Wege räumet und diese Überbleibsel des alten gotischen Wesens abschaffet. Je gesitteter ein Volk ist, desto größer ist die Freiheit, welche man den Skribenten verstattet. Die Wirkung davon kann man in Frankreich sehen, woselbst zu den Zeiten Ludwig des Vierzehenten so viele große Geschichtschreiber, Redner, Philosophen und Dichter aufstunden, deren Arbeiten unsre heutige Skribenten bewundern, aber vergebens nachzuahmen suchen. Wie aber die Freiheit zu schreiben durch scharfe Gesetze eingeschränkt ward und die Redner und Dichter, ja sogar die Komödienschreiber, ihre Schriften und Arbeiten einer strengen Zensur unterwerfen mußten, so fiel alles auf einmal, und seit der Zeit hat man nicht gehört, daß etwas Außerordentliches von ihnen geleistet worden. In Schweden fingen die Gelehrten an, sich zu erholen, wie der Krieg geendiget war und der Friede wiederhergestellet ward. So viele Gaben auch jemand aber von Natur haben mag und so vollkommen er solche auch durch den Fleiß immer zu machen sucht, so wird er doch niemals etwas Großes ausrichten können, solange die alten Zensuren währen, welche fähigen Köpfen recht einen Zaum anlegen. Die Regeln halte ich für sehr nützlich und notwendig, daß man nichts schreiben müsse, wodurch die Religion und die guten Sitten können beleidiget werden. Aber die gar zu behutsamen Censores dehnen dieselbe gar zu weit aus. Sie machen sich auch bei solchen Dingen ein Bedenken, wo gar kein Zweifel statthat, und erheben ein Geschrei, wenn sie etwas lesen, das sie vorher noch nicht gewußt haben. Ich wünschte, daß die Zensuren auf diese Art möchten eingerichtet sein, daß die Censores genau achtgäben, daß keine gemeine, längst bekannte oder aus andern Schriften gestohlene Sachen und Bücher gedruckt würden, welche der gelehrten Welt zur Schande gereichen. Die Wirkung dieses Gesetzes würde sich dadurch hinlänglich äußern, daß wir anstatt so vieler elenden und gemeinen Schriften, womit itzt alles angefüllet ist, schöne und gründliche Bücher haben würden, von denen unsre Zeiten Ehre hätten. Einige glauben, daß ich ein großer Feind der Metaphysik sei, und sie mutmaßen solches aus der Rede, die ich vor einigen Jahren zum Lobe der Metaphysik gehalten habe, welche mehr einer Leichenrede auf das Absterben derselben als einer Lobrede ähnlich gewesen. Ich habe aber durch die Metaphysik die vielen Kunstwörter und die unendlichen Einteilungen verstanden, welche man bei öffentlichen Disputationen bloß zu dem Ende mißbraucht, daß man seinen Gegner dadurch berücken und fangen möge. Wenn man aber das Wort Metaphysik in einem andern Verstande nimmt, so halte ich dieselbe für eine Wissenschaft, die einem Philosophen anständig ist. Ich lese selbst öfters metaphysische Bücher, ob ich gleich gestehen muß, daß ich in dieser Wissenschaft nicht weit gekommen bin. Denn man trifft solche verborgene Dinge darin an, welche, aller angewandten Untersuchung ohngeachtet, uns stets verborgen bleiben werden. Zwar einigen Gottesgelehrten und Philosophen scheinen solche Dinge gar nicht dunkel zu sein, denn sie beschreiben uns die Natur Gottes, der Engel und der Geister mit der größten Zuversicht. Hieher gehört der Ausspruch des Tertulians: Ein jeder christlicher Handwerksmann kann Gott finden und zeigen. Mich dünkt aber, daß Simonides in diesem Stücke weit vernünftiger geurteilet habe, denn da derselbe von dem Hiero, einem Könige in Sizilien, Befehl erhielt, eine Beschreibung von Gott zu machen, so bat er sich zuerst einen Tag aus, sich darauf zu besinnen. Hierauf forderte er zwei Tage, und wie er endlich, ohne sich zu entschließen, die Tage immer verdoppelte, so wunderte sich Hiero darüber und wollte die Ursache wissen. Worauf Simonides antwortete: Je länger ich dieser Sache nachdenke, desto dunkler und unerforschlicher scheint mir dieselbe zu sein. Es wäre zu wünschen, daß alle diejenigen, welche sich auf diese Wissenschaft legen, ebendieselbe Bescheidenheit von sich blicken ließen, welche man an dem Newton billig rühmet. Es wäre zu wünschen, daß sie sich aller Beweise, welche man a priori zu nennen pflegt, enthielten und die Beschreibung fahrenließen, welche sie von dem Wesen und der Natur der Seelen und Geister erteilen. Ich wünschte, daß man anstatt dieser Fragen, wie es mit dem Wesen der Geister beschaffen sei, was es mit unsrer Seele eigentlich für eine Bewandtnis habe, wie sich ihre Wirkungen äußern, wie sie bestehe, wie sie fortgepflanzt werde, was sie für Schlüsse mache, wenn sie von dem Körper abgesondert ist, was sie für eine Gestalt habe, ob solche so beschaffen sei, wie sie in der gemalten Welt den Kindern vorgestellet wird, oder ob sie wie ein kleines unteilbares Sonnenstäubgen beschaffen sei, ob man ihr eine Höhe, Breite und Länge zuschreiben könne. Ich wünschte, daß man anstatt aller dieser Fragen, welche man dennoch wegen der schwachen Einsicht, womit der Mensch hier begabt ist, niemals entscheiden wird, einzig und allein auf die Wirkungen sehen möchte, welche einem jeden vor Augen liegen. Ich wünschte, daß man, anstatt sich mit Auflösung dieser verborgnen Dinge aufzuhalten, welche den Menschen weder notwendig noch möglich ist, lieber sein Unvermögen bekennte und mit jenem Poeten ausriefe: O! utinam nobis non sordida veslis adesset, Vidissem propius mea numina ... O! utinam nobis ...: O trüge ich nicht dies unreine Gewand, aus größerer Nähe hätte ich meine Gottheiten sehen dürfen. Wenn man so behutsam und bescheiden verführe, so würde man, anstatt unzähliger ungewisser Dinge, doch wenigstens einige gewiß wissen. ... Incerta haec si tu postules Ratione certa facere, nihilo plus agas, Quam si des operam, ut cum ratione insanias . Incerta haec ...: Wolltest du diese unbestimmten Dinge nach bestimmter Methode betreiben, so wäre das genau dasselbe, als wenn du dir Mühe gäbest, mit Methode wahnsinnig zu sein. (Terenz, Eunuchus 61-63) Auf die systematische Theologie und auf die Polemik habe ich so wenigen Fleiß gewandt, daß ich sehr schlecht bestehen dürfte, wenn ich mich der Prüfung der Gottesgelehrten unterwerfen wollte. Aber die Geschichte der Juden und Christen sind mir sehr wohl bekannt, und um die Grundsätze der christlichen Religion habe ich mich mit der größten Sorgfalt bekümmert. Und da ich es für eine Pflicht eines vernünftigen Menschen halte, alles zu untersuchen, so lese ich bald ketzerische Schriften, bald aber solche Bücher, welche von Rechtgläubigen abgefaßt worden. Alles, was man zu unsern Zeiten in England gegen die Religion ausgestoßen und geschrieben, das habe ich mit dem größten Fleiße durchgelesen. Jedoch die Unruhen und Zweifel, welche Toland, Collin, Tindal, Whoolston und das Buch, welches unter dem Titel › The moral philosopher ‹ herausgekommen ist, in meinem Gemüte erregt haben, sind mir durch andre herzhafte und rechtschaffene Verteidiger der christlichen Religion glücklich wieder benommen worden. Was man nur Gottseliges und Schönes, aber auch zugleich Ärgerliches und Gottloses erdenken kann, das kommt über das Meer und wird von dieser Insel nach unsern Ufern gebracht. Wenn man den Hobbes und Spinoza mit dem Whoolston vergleicht, so scheinen jene noch vernünftig und bescheiden zu sein. Die Raserei und Bosheit, womit dieser die Religion angreift, hat keine Grenzen. Einige mißbilligen es zwar, daß man solche Bücher lieset, weil man ihrem Urteil nach ein Gemüt verrät, das an solchen Neuerungen ein Vergnügen findet. Nach meiner Einsicht aber gibt man dadurch zu erkennen, daß man für seine Seele Sorge trage und um seine Wohlfahrt bekümmert sei. Man pflegt diejenigen mit vielen Lobsprüchen zu belegen, welche keine Arbeit und Gefahr scheuen, neue Länder zu entdecken. Wie kann man denn diejenigen tadeln, die wegen des Zustandes nach dem Tode besorgt sind, die alles versuchen und sich auf alle Meere wagen, um den Hafen in dem verheißenen Lande zu erreichen? Einige werden, wie Cicero sagt, recht als durch einen Sturm zu diesem oder jenem Satze hingerissen, ohne denselben zu untersuchen, und von demselben lassen sie sich auch nicht wieder abwendig machen. Diese lobt man insgemein und versetzt sie bisweilen wohl gar unter die Heiligen. Aber ebendadurch lobt man die Faulheit, die Nachlässigkeit und die Unachtsamkeit. Denn wer es nicht der Mühe wert achtet, den Weg, welcher zu der verheißenen Glückseligkeit führet, mit der allergrößten Sorgfalt aufzusuchen, der ist wenig von einem Tier unterschieden. Und wie können diejenigen doch dieser Pflicht eine Gnüge leisten, die sich weiter um nichts bekümmern, als was sie einmal gefaßt haben. Wie kann man doch solchen Leuten einen Glauben zuschreiben, welche niemals untersucht haben, was sie glauben. Gewiß, ein Ketzer, der eine genaue Prüfung angestellt hat, ist eher zu entschuldigen als ein Rechtgläubiger, der niemals an eine Untersuchung gedacht hat. Wenn jemand ohne vorhergegangene Prüfung und ohne daß sich jemals ein Zweifel bei ihm geregt den rechten Glauben hat, der glaubt nur zufälligerweise und kann sich auch keinen andern Lohn versprechen. Wenn aber jemand alles versucht, alle Kräfte braucht und keine Mühe scheuet, die Wahrheit zu finden, so sind seine Bemühungen, auch wenn er seinen Zweck nicht erreicht, dennoch lobenswürdig, und er kann sich von dem himmlischen Richter, welcher ganz anders als die Menschen urteilet, ein gelindes und gnädiges Urteil versprechen. Hieraus erhellet, wie unbillig diejenigen verdammt werden, welche sich aufs sorgfältigste bemühen, die Wahrheit zu erforschen und gute und böse Bücher gegeneinanderhalten, um die Wahrheit herauszubringen. Denn diese Bemühung gehet auf die Erkenntnis, und der Grund dieser Bemühung beruhet in der Gewißheit und Überzeugung. Da uns nach dem Ausspruch des Cicero eine mit Vernunft angestellte Untersuchung zu solchen Dingen führet, die wir vorher nicht eingesehen haben, so kann man nicht begreifen, warum die meisten lieber irren und den einmal angenommenen Satz auf das hartnäckigste verteidigen, als dasjenige recht untersuchen wollen, was man mit solchen Eifer zu behaupten pflegt. In dieser Absicht trage ich kein Bedenken, die Bücher zu lesen, worin die Religion angefochten wird, und ich weiß die Arbeit der verdienten Männer nicht hoch genug zu schätzen, welche die von den Feinden der Religion erregten Zweifel so glücklich gehoben haben. Gegen die Irrenden hege ich das zärtlichste Mitleiden, diejenigen aber hasse ich, welche andre so schlechthin und ohne alles Erbarmen verdammen. Folgenden dreien Sätzen hänge ich in Absicht auf die Religion aufs festeste an und verteidige sie aufs eifrigste: 1. Ich glaube nichts und nehme nichts an, was gegen die Sinnen und die allgemeinen Begriffe streitet. 2. Ich unterschreibe keinen Lehrsatz, der mit den Grundsätzen der Religion streitet, die ich bekenne. 3. Ich verwerfe, was den göttlichen Eigenschaften zu nahe tritt und dieselben beleidiget und angreift. Daher wird mich die Lehre von der Transsubstantiation jederzeit von der römischen Kirche abhalten, weil ich meinen Augen und Sinnen den Glauben nicht versagen kann noch darf. Denn wer etwas behauptet, das mit den allgemeinen Begriffen streitet, der macht alles wankend und ungewiß. Daher fliehe ich die Lehre, de indolerantia , welche die ersten Reformatores der päpstlichen Kirche vorgeworfen haben, da sie den Grund der verbesserten Religion umstößt. Und endlich habe ich auch für die Lehre von dem absoluto decreto oder dem unbedingten Ratschluß Gottes einen Abscheu, weil es scheint, daß Gott dadurch zum Urheber der Sünde gemacht wird. Ich falle denen nicht bei, welche alle Heiden ohne Unterscheid verdammen und einen Sokrates, einen Epictet, einen Aristides und andre tugendhafte Männer, die außerhalb der Kirchen geboren sind, zu einer ewigen Qual verurteilen. Welche sich einen solchen Gott vorstellen, mit denen verlange ich keine Gemeinschaft zu haben. Ich glaube an einen höchst gütigen und gnädigen Gott, der ein Freund des menschlichen Geschlechts ist. Einen strengen und grausamen Richter überlasse ich andern zu verehren. Daher habe ich auch beständig mit denen zu streiten, welche ein jedes unschuldiges Vergnügen verwerfen, hingegen ein trauriges Wesen anpreisen und die knechtische Furcht als eine christliche Tugend ansehen. Was ist doch dieses anders, als einen gnädigen und gütigen Vater in einen strengen und neidischen Herrn verwandeln? In dem Begriffe, den ich mit der Frömmigkeit verbinde, stimme ich mit einigen nicht überein. Andre nennen die Gottseligkeit eine Furcht Gottes, ich aber nenne sie eine Liebe zu Gott, die mit der Ehrerbietung verbunden ist. Aus diesem irrigen Begriffe, welchen man von der Frömmigkeit hat, entstehet es, daß die Traurigkeit öfters mit der Frömmigkeit vermischt wird. Ich halte dafür, daß man Gott mit einer kindlichen Liebe, nicht aber mit einer knechtischen Furcht verehren müsse. Und die Ernsthaftigkeit derer, welche die Laster vermehren, scheint mir insonderheit zu diesen Zeiten sehr übel angebracht zu sein, da sich so viele Feinde gegen die Religion auflehnen und, unter dem Vorwand, da sie auf die Macht der Geistlichkeit schmähen, die Religion zu untergraben und den Himmel selbst zu stürmen suchen. Dieser unruhige Zustand erfordert mehr ein gemäßigtes als ein übertriebenes Wesen. Einer solchen Mäßigung, welche auch die Klugheit erfordert, bedient sich die englische Geistlichkeit, und dadurch macht sie die Pfeile der Gegner unschädlich. Bacchae bacchanti si velis adversarier Ex insana insaniorem facies . Bacchae bacchanti ...: Wenn du dich einer rasenden Bacchantin in den Weg stellen wolltest, so würdest du die Wahnsinnige nur noch wahnsinniger machen. (Plautus, Amphitruo 703f.) Mein Gebet ist nicht weitläuftig, weil ich glaube, daß der Gottesdienst nicht so sehr im Beten, als vielmehr in der Tat, im Gehorsam und in der Verbesserung der Sitten bestehet. Ich bemerke, daß man täglich das Beten und Sündigen miteinander verknüpft, und es scheint, daß einige nur desfalls desto eifriger beten, damit sie desto freier sündigen mögen, oder daß sie desto öfterer einen Fehltritt begehen, damit sie desto eifriger beten mögen. Ich rede hier nicht von den Heuchlern, deren Andacht einem jeden leicht selbst in die Augen fällt, sondern allein von der mechanischen Andacht dererjenigen, welche zu gewissen Stunden beten und zu gewissen Stunden sündigen. Ich habe es niemals zusammenreimen können, wenn ich gesehen, daß man das Beten und Singen mit dem Verbrechen verdoppelt und mit gleichen Schritten zu beiden eilet. Endlich aber habe ich dieses Geheimnis entdeckt, da ich bemerkt, daß einige diesen mündlichen Gottesdienst als eine Abrechnung oder Ersetzung wegen der von ihnen begangenen Bosheiten ansehen. Da es nicht schwer ist, die Lippen zu bewegen, hingegen sehr viele Standhaftigkeit und ein großer Ernst erfordert wird, den Lüsten zu widerstehen und die bösen Leidenschaften zu überwinden, so erwählet man das Leichteste und meinet, daß dadurch die Pflicht eines Christen einigermaßen erfüllet werden könne. Aber solche Leute stehen in großer Gefahr, daß ihr Bezeigen einen sehr schlechten Lohn erhalten werde. Und gewiß, es ist sicherer, gänzlich zu schweigen, als die Vergebung solcher Übertretungen zu bitten, die man willens ist, mit dem ehesten wieder zu erneuren. Daher sagte Bion zu einigen Bootsleuten, welche eifrig beteten, da ein heftiges Ungewitter alle Augenblick das Schiff zu zertrümmern drohete: Schweiget doch, damit Gott nicht höre, daß ihr euch hier aufhaltet. Dieses sind diejenigen Stücke, welche ich an andern aussetze, und welche andre an mir tadeln werden. Ob die von mir vorgetragenen Sätze ketzerisch sind, solches mögen Sie, mein Herr, und nebst Ihnen alle unparteiisch Gesinnte urteilen. Wenn man mich desfalls einer Ketzerei beschuldigen will, so wird sie auch allein darin bestehen. Denn in den Grundsätzen weiche ich nicht im allergeringsten von der wahren Lehre unsrer Kirche ab, und wenn ich ja davon abwiche, so würde ich es aufrichtig anzeigen, da ich für einem Menschen und einem Christen nichts schändlicher und unwürdiger halte als die Verstellung. Die Zweifel, welche mir die verbotenen Bücher erregen, eröffne ich meinen Freunden, und durch deren Hülfe löse ich sie größtenteils glücklich auf. Da das Leben so kurz ist, ... Et iam venit aegra senectus , Et iam venit ...: ...Und schon naht das beschwerliche Alter. (Ovid, Metamorphosen XIV, 143) so scheint es mir der Mühe wert zu sein, alles aufs genaueste zu prüfen und selbst die Grundsätze der Offenbarung zu untersuchen. Es ist mir nicht unbekannt, daß man diejenigen, welche dieses tun, zu tadeln pflegt. Da aber Gott gütiger und gnädiger urteilt als die Menschen, so hege ich auch das Vertrauen, daß eine solche Untersuchung, welche allein durch eine Sorgfalt wegen des Künftigen rege gemacht wird, dem himmlischen Richter nicht mißfallen werde. Ich beklage England und verdamme die ausschweifende Frechheit, womit man die Religion angreift, insonderheit, da das Übel immer weiter einzureißen scheint. Aber ich bedaure das Schicksal Spaniens, Italiens und einiger andern Länder noch mehr, wo man in geistlichen Dingen alle Freiheit einschränkt und dem Verstande Fessel anlegt. Denn dadurch werden die öffentlichen Lehrsätze verdächtig, und eine verbogene, aber auch desto scheußlichere Gottesverleugnung nimmt die Gemüter ein. In Spanien, wo man fast ebenso viele Heilige dem äußerlichen Ansehen nach als Menschen antrifft, scheinen mehrere Christen zu sein, in England aber sind vielleicht wirklich mehrere vorhanden. Denn die Engländer verschweigen nichts von dem, was ihnen auf dem Herzen liegt, weil sie es für schändlich halten, anders zu reden und anders zu denken. Andre aber, die entweder durch die Furcht für die Strafe abgeschreckt werden oder auch ihren Vorteil dadurch zu befördern suchen, entblöden sich nicht, Gott selbst ein Blendwerk zu machen, und pflanzen die Religion, welche sie in ihrem Herzen verabscheuen, öfters durch Feuer und Schwert fort. Nun stelle man sich beide Völker vor und erwäge, was Gott, der in dem verborgensten Winkel des Herzens dringet, von ihnen urteilen werde. Man stelle in Gedanken dem letzten Gerichte solche Menschen dar, welche aus einer frommen Absicht in der Schrift geforscht, aber aus Schwachheit ihrer Urteilskraft in verschiedene Irrtümer gefallen sind. Man lasse aber auch solche Menschen vortreten, welche entweder aus Nachlässigkeit eine so wichtige Sache nicht untersuchen wollen oder welche über eine Religion, die sie öffentlich mit dem Munde bekennen, in ihrem Herzen spotten, und die, wie der Poet sagt: ... ficto simulant pia pectora vultu . ficto simulant ...: ... mit scheinheiliger Miene ein frommes Herz vortäuschen. Man stelle beide Teile fürs Gerichte, und es wird nicht schwerfallen, das Urteil zu erraten, was über sie wird gesprochen werden: Cum summus Iudex terras inviset ab aula Sydere a, ul vitas actas ac crimina discat . Cum summus Iudex ...: ... wenn der höchste Richter vom Sternenzelt herab die Lande überschauen wird, auf daß er Lebensläufe und Sünden erkenne. In Spanien trifft man sehr viele und recht merkwürdige Beispiele einer verstellten Frömmigkeit an, wo diese schändliche Verstellung von den Eltern auf die Kinder fortgepflanzt wird und wo man Priester, Bischöfe, ja Mitglieder des Inquisitionsgerichts entdecket hat, welche heimlich dem Judentum ergeben gewesen. Ich verdamme niemanden, welcher wünscht, selig zu werden. Ich verdamme vielmehr diejenigen, welche an andern öffentlich tadeln, was sie heimlich selbst billigen, und welche öffentlich etwas bekennen, worüber sie spotten, wenn sie allein sind und keine Zeugen haben. Es ist menschlich, daß man irret, wenn man aber offenbar über das höchste Wesen spottet, wie die letztern tun, so macht man sich der strengsten Rache würdig. Damit man aber nicht glauben möge, daß ich die Ketzer öffentlich verteidige, so mache ich einen Unterscheid unter diejenigen, welche aus Schwachheit und Unwissenheit fehlen, und unter diejenigen, welche aus Bosheit und Vorsatz irren. Diese verdamme ich. Mit jenen trage ich Mitleiden, wo sie nicht etwa ihre Irrtümer allenthalben auszubreiten suchen, denn in diesem Fall werden sie mit allem Rechte als Störer der gemeinen Ruhe gestraft. Bloß in dieser Absicht kann es entschuldiget werden, daß man die Irrenden nicht dulden muß. Denn alles, wodurch eine Gesellschaft gestöret wird, muß durch die Gesetze der Gesellschaft unterdrückt werden. Deswegen werden die Räuber, Totschläger, Diebe und andre Missetäter von dieser Art als Feinde der gemeinen Ruhe von denen, welche einen Staat regieren, billig gestraft. Hingegen andre Laster, als Geiz, Undankbarkeit, Völlerei, Verschwendung, irrige Meinungen, werden von ihnen nicht geahndet, sondern dem göttlichen Richterstuhl anheimgestellt. Es erhellet zwar aus der Heiligen Schrift, daß der Götzendienst mit dem Leben gestraft worden, aber die göttliche unmittelbare Regierung, unter welcher die Israeliten damals lebten, erforderte diese Schärfe notwendig. Denn der Dienst, welchen man fremden Göttern erwies, war als ein Aufruhr gegen Gott, den König des israelitischen Volks anzusehen. Wenn man demnach fremde Götter verehrte, so war dieses bei den Israeliten ebensoviel, als wenn man die ordentliche Regierung verachtete, wodurch die aufgerichtete Gesellschaft zugrunde gerichtet ward. Daher wurden öfters geringere Verbrechen scharf gestraft, größere aber, weil sie mehr in der bloßen Erkenntnis als in der Ausübung bestunden, nicht geahndet. Man duldete die Sadduzäer, welche die Auferstehung der Toten leugneten und weder Engel noch Teufel zugaben. Hingegen ward die Todesstrafe festgesetzt, wenn auch nur die geringste Zeremonie nicht auf das vollkommenste und genaueste beobachtet ward. Hieraus erhellet, daß ich bloß diejenigen von der Toleranz ausschließe, welche solche Sätze behaupten, die der weltlichen Regierung und dem Staat entgegen sind. Diese sind nach meinem Urteil in keiner Republik zu dulden. Ich schließe also die Papisten aus, welche selbst keine andere dulden, und mit Gewalt und List ihre Sätze auszubreiten suchen. Ich schließe auch die Schwärmer aus, welche sich nicht durch einen Eid zum Gehorsam gegen die Obrigkeit verbindlich machen wollen und ihre Hartnäckigkeit durch ein zartes Gewissen zu bedecken trachten. Auf die Mathematik habe ich mich niemals gelegt. Doch hat die Naturlehre, welche sich mit himmlischen Körpern beschäftiget, mir allemal ein sehr großes Vergnügen verursacht, und ich lese auch noch alles, was in dieser Materie geschrieben worden, mit sehr vieler Begierde. Ich habe mich noch niemals entschließen können, ob ich den Sätzen des Cartesius oder des Newtons mehr Beifall geben soll, und deswegen habe ich noch keine von beiden vollkommen angenommen. Dennoch haben sich die Cartesianischen Wirbel meinem Gemüte sehr stark eingeprägt. Denn dieser Satz von den Wirbeln ist so leicht und augenscheinlich, daß auch Kinder dieselbe als eine notwendige Wirkung von der Umdrehung der Sonne erkennen können. Hingegen muß die Meinung des Newtons von der anziehenden und magnetischen Kraft der Sonne den Ungelehrten als eine Zauberei vorkommen, und sie können unmöglich begreifen, wie die Sonne, welche so viele Feuerstrahlen von sich wirft, dennoch zu gleicher Zeit die Planeten an sich ziehen könne, da es gegen die Natur streitet und einen offenbaren Widerspruch mit sich führt, zu einer Zeit von sich zu stoßen und an sich zu ziehen. Da aber die Meinung des Cartesius leichter zu begreifen und auch glaublicher ist und man überdem den Umlauf der Planeten keinen wahrscheinlichem Ursachen zuschreiben kann, so halte ich diese Meinung für die beste und für diejenige, welche den meisten Beifall verdient. Sollten einige Phänomena vorkommen, welche dagegen zu streiten scheinen, als der elliptische Lauf der Kometen und andre dergleichen Dinge, so kann dieses von solchen Ursachen herrühren, die wir nicht wissen, oder in der Natur der Kometen selbst seinen Grund haben, die uns unbekannt ist. Ich übergehe, was man sonst noch hievon sagen könnte, weil ich nicht zum Richter in dieser Sache gesetzt bin. Nur dieses will ich annoch hinzufügen, daß der ausschweifende Lauf der Kometen ebenso stark gegen die Sätze des Newtons als gegen die Sätze des Cartesius streitet. Denn wenn man fragt, woher es komme, daß der Komet eine andre Laufbahn hat als die andern Planeten, die in runden Kreisen um die Sonne laufen, so wird einem Anhänger des Newtons diese Frage ebensoschwer aufzulösen sein, warum ein Komet, wenn er sich der Sonne genähert, wieder auf seiner Bahn von ihr weglaufe. Denn wenn die Sonne die Planeten vermittelst ihrer magnetischen Kraft an sich zieht, so müßte sie den Kometen, wenn er sich ihr so sehr genähert, vermöge dieser Kraft ganz an sich ziehen und verschlingen. Newton sähe diese Einwürfe wohl vorher, welche man ihm wegen der Sätze in Absicht auf die Schwere machen könnte, und ließ es daher einen jeden frei, ob er lieber das Wort attractio oder impulsio brauchen wollte. Es ist aber beides einerlei. Man muß indessen die Bescheidenheit dieses großen Mannes billig rühmen. Ob er gleich eine so tiefe Einsicht in diese Dinge vor unzähligen andern hatte, so bekannte er doch, daß es Geheimnisse wären, welche der menschliche Verstand nicht erreichen könnte. Die Mathematici, welche nach ihm gekommen sind, haben auf den von ihm gelegten Grund gebauet, und nachher sind viele Sätze des Cartesius verworfen worden. Das Rentmeisteramt, welches ich gegenwärtig verwalte, unterbricht öfters mein Studieren, wozu mich ein natürlicher Trieb anreizet, und ich muß manchen Tag bloß damit zubringen, daß ich Quittungen schreibe, verschiedene ungelehrte Briefe abfasse und über Einnahme und Ausgabe Rechnung führe. Überdem hält mich auch die Sorge für mein Landgut, Brorup, öfters ab, welches in Seeland liegt und, wie Sie wissen, vor einigen Jahren von mir gekauft worden. Denn bald muß ich die Klagen der Bauern anhören und bald mit meinen Nachbaren streiten. Vor allen Dingen aber hüte ich mich, daß ich nicht in solche Prozesse möge eingeflochten werden, welche insgemein mit dem Besitz der Landgüter pflegen verknüpft zu sein. Sooft sich demnach ein Streit erhebt, so suche ich denselben auf eine freundschaftliche und glimpfliche Art beizulegen. Aber man richtet dadurch auf dem Lande wenig aus. Wenn man sich auf dem Lande befindet, so muß man eine ganz andere Lebensart als in der Stadt annehmen. In der Stadt lebe ich philosophisch, frei und unbesorgt, sobald ich aber aufs Land reise, so ziehe ich den Harnisch an und lege meine Philosophie und alle meine moralischen Regeln so lange in der Accisbude vor dem Westertore nieder, bis ich wieder zurückkomme. Seitdem ich also dieses Gut gekauft, so stelle (ich) zwo Personen vor: In der Stadt bin ich ein Philosoph und auf dem Lande ein Soldat. Hier verteidige ich mich allein mit Worten, wo aber die Worte allein nicht helfen wollen, da muß ich andre Mittel gebrauchen. Ich habe mich zwar im Anfange bemühet, mit Höflichkeit und guten Worten die entstandnen Unruhen zu stillen und durch Sanftmut die Bösen zu überwinden, die Erfahrung aber hat mich nachher gelehrt, daß man auf eine andre Art mit den Landleuten verfahren müsse und daß auf dem Lande Justinian mehr als Seneca ausrichten könne. Meine Nachbaren bildeten sich ein, ich sei dem Studieren so sehr ergeben, daß sie mir ohne Bedenken allerlei Verdruß erregen und mich so sehr, als sie nur wollten, beleidigen könnten. Sie taten auch wirklich einen Versuch, mich durch Schmeicheleien, Drohungen und andre Künste, worin die Landleute sehr erfahren sind, zu reizen, um zu sehen, wie weit meine Geduld sich erstrecken würde. Wie sie aber merkten, daß ich nicht ganz unbewaffnet war, sondern vielmehr auf meine Sachen genau achtgab, so errichteten sie zuerst einen Stillstand und hiernächst einen vollkommenen Frieden mit mir. Es finden sich bei dieser Lebensart allerhand verdrießliche Umstände, und bisweilen erhalte ich die unangenehme Zeitung: ... Morbo periere capellae, Spem mentita seges, bos est enectus aratro . Morbo periere ...: An Krankheit sind die Ziegen eingegangen, die Saat hat die Hoffnung betrogen, der Ochs hat sich zu Tode gepflügt. (Horaz, Episteln I, 7, 86 f.) Aber das Gemüt wird doch auch zugleich durch verschiedene angenehme Begebenheiten wieder aufgerichtet und vergnügt. Nichts ist meiner Einsicht nach angenehmer, anständiger und einem Philosophen gemäßer als der Ackerbau. Meine Neigung stimmt damit vollkommen überein, und die schwatzhafte Aufrichtigkeit eines Bauren vergnügt mich mehr als die geschmückte Rede eines Gelehrten. Wie ich Besitzer von diesem Gute ward, so lag alles verheeret und darnieder. Mit der Zeit aber gerät alles wieder in einen bessern Stand, und ich spare nichts, den Wachstum und die Aufnahme dieses Guts zu befördern. Ich baue die verfallenen Häuser wieder auf und bringe das Verwirrte wieder in Ordnung. Sooft ich dieses betrachte und den itzigen Zustand des Gutes mit dem vorhergehenden vergleiche, so freue ich mich ungemein. Es gereicht mir zugleich zu einem ganz besondern Vergnügen, daß ich die Pflichten eines rechtschaffenen Bürgers einigermaßen erfüllt und nicht nur einem verheerten Lande eine bessere Gestalt gegeben, sondern auch das elende Schicksal der Landleute, welche ehedem unter einem harten Joche seufzten, erträglicher gemacht habe. Nun empfinde ich erstlich die Schwachheiten, welche das Alter mit sich bringt. Vorher nahm die Furcht mich niemals ein, nun bin ich sehr furchtsam. Was ich in meinen jungem Jahren eifrig geliebt, das fliehe ich nunmehro, und so gerne ich ehedem in Gesellschaften war, so sehr gefällt mir itzt die Einsamkeit. Vorher war ich aufgeräumt, nun bin ich verdrießlich, und dieses nimmt mit den Jahren zu. Was mir vormals ein großes Vergnügen erweckt, dafür habe ich itzt einen Ekel. Ehedem hatte mich die Musik ganz eingenommen, nun kann ich das allerangenehmste Konzert mit der größten Kaltsinnigkeit anhören. Am meisten aber kann ich selbst daraus abnehmen, daß mein Alter mit starken Schritten herannahet, weil ich ein größeres Vergnügen an geringen Erzählungen als an gelehrten Unterredungen finde. Wenn man von den wichtigsten Begebenheiten, als von dem Kriege der Türken mit den Persern, von der Tripelallianz, von der pragmatischen Sanktion, von der Kaiserund Papstwahl und von andern dergleichen Dingen redet, wobei ich ehedem sehr aufmerksam war, so höre ich doch nun weit lieber zu, wenn jemand allerhand Kleinigkeiten, von dem Streite der Nachbarn untereinander, von Hochzeiten, Kindtaufen und Verlöbnissen erzählt. Insonderheit sehen meine Freunde dieses als ein gewisses Zeichen meines herannahenden Alters an, daß widrige Nachrichten und Drohungen mich gar zu leicht schrekken und niederschlagen, und daß ich gleich wie bei dem Anblick eines Kometen zittere, sooft mir etwas Ungewohntes begegnet. Diesen Fehler haben auch einige bereits in meinen Jüngern Jahren und bei meinem männlichen Alter bemerkt und daher den Schluß gemacht, daß ich nur bloß in Worten, nicht aber in der Tat ein Philosoph sei. Ich gestehe, daß ich niemals ein praktischer Philosoph gewesen. Ich habe auch bereits aufrichtig bekannt, daß ich dem Zorn, der Unruhe des Gemüts und andern Schwachheiten unterworfen bin, und die Gewohnheit, welche doch sonst das Gemüt gesetzt zu machen pflegt, hat mich gegen alle Zufälle noch nicht genug gewaffnet. Ich weiß wohl, daß man durch Hülfe der Weltweisheit alle Schmerzen und widrige Schicksale überwinden und verachten kann, und aus dieser Ursache lese ich auch beständig philosophische Schriften. Ich habe es aber, aller Bemühung ohngeachtet, wohl nicht dahin bringen können, daß ich aller Übereilung zu widerstehen vermögend wäre. Die Philosophen pflegen zwar zu behaupten, daß man alles, was man abzulegen imstande ist, auch verhüten könne, daß man es nicht annehme. Aber da die Fälle, welche uns begegnen, nicht von uns abhängen, so ist es auch nicht möglich, zu verhindern, daß unerwartete Zufälle nicht unser Gemüt in Bewegung setzen sollten: Unde timere hominis sapientis et insipientis Primos cum motus fistere nemo queat. Hoc tantum distant, pavor oppugnat sapietitem, Expugnat stolidum, perpetuaque premit . Unde timere ...: Darum befällt Furcht den Toren wie den Weisen, denn niemand kann der Regung seines Gemüts im ersten Augenblick Herr werden. Darin aber unterscheiden sie sich: die Furcht bekriegt den Weisen, den Toren besiegt sie und plagt ihn dauernd. Man kann es deswegen mit Recht für einen eitlen Stolz halten, der nicht die geringste Wahrscheinlichkeit zum Grunde hat, wenn einige darin einen Ruhm suchen, daß sie vorgeben, sie wüßten von gar keinen Leidenschaften. Wir sind nicht aus Holz und Stein gehauen. Der erste Anfall, insonderheit wenn er unerwartet kommt, kann auch die Allerklügsten verwirren und die Standhaftesten in Bewegung setzen. Wenn man aber das Unglück vorher siehet, so wird dasselbe dadurch sehr gemindert. Deswegen sagt der Poet: Ne me imparatum cura laceraret repens . Ne me imparatum ...: ... auf daß mich nicht unvorbereitet plötzliche Sorge zerfleische. (Cicero, Tusculanen III, 29; Übersetzung aus dem Theseus des Euripides) Weil es also unmöglich ist, die erste Bewegung zu unterdrücken, so sind diejenigen billig zu entschuldigen, bei denen die schnell bewegten Säfte eine Hitze in dem Körper verursachen. Ich bin selbst mit solchen Säften geplagt und empfinde auch die Wirkung davon. Es ist mir daher auch nicht möglich, das Gemüt eher wieder zu beruhigen, bis das Blut nach dem ersten Anfall wieder seinen vorigen Lauf angenommen und die zerstreueten Gedanken wieder gesammlet und in Ordnung gebracht worden. Gewiß, der Anstoß vom Fieber wird dadurch nicht gelindert, daß man den Cicero, Seneca und Sokrates lieset. Wenn aber der größte Sturm überstanden ist und der Schmerz seine empfindlichste Wirkung verloren hat, so sind diese Mittel überaus heilsam, damit die Wunde nicht wieder aufbreche. Wenn die Hitze sich legt und Vernunft und Nachdenken ihre alte Herrschaft behaupten, so lache ich über meine Torheit und suche den durch Zorn oder Furcht bestürmten Sinn fest und unbeweglich zu machen, daß er nicht dadurch möge überwunden werden. In diesem Falle ist die Philosophie von einem sehr großen Nutzen, und Cicero sagt gar schön: Wie man viele Arzneien gegen das Gift der Schlangen hat, wie Fleiß und Unverdrossenheit sichere Mittel sind, die Armut und den Mangel abzuhalten, und wie man durch die Schamhaftigkeit einem leichtfertigen Wesen am besten widerstehen kann: So ist uns auch die Philosophie von dem Höchsten als ein Geschenk verliehen worden, um dadurch den Schmerz zu überwinden. Es ist genug, wenn ein Mann dem Übel entgegengeht, wenn es abgenommen hat, damit es sich nicht verstärke und von neuen anfange zu quälen. Das weibliche Geschlecht allein läßt sich durch den Gram überwinden. Und hieher gehört, was der Poet sagt: Conqueri fortunam adversam, non lamentari decet, Id viri est officium, fletus muliebri ingenio additus . Conqueri fortunam adversam. ..: Unglück soll man beklagen, nicht laut darüber jammern; das ziemt sich für den Mann, Tränen sind weibisch. (Pacuvius, Niptra, Fragm. v. 268 f.) In meinen vorigen Briefen habe ich die Schwachheiten meines Gemüts aufrichtig bekannt. Einige haben zwar mit der Zeit aufgehöret, aber es haben sich an deren Stelle mit dem alten neue eingefunden. Die Zeiten ändern sich, und wir werden mit ihnen verändert, und öfters wird ein neues Laster erzeugt, wenn wir ein altes ablegen. Ich aber bin dennoch in Absicht auf die meisten Tugenden und Fehler unverändert. So furchtsam ich auch bei meinem herannahenden Alter geworden, so sind dennoch einige Überbleibsel von meiner vorigen Standhaftigkeit übriggeblieben, welche sich noch bisweilen äußern. Denn wenn ich von meinen Gegnern angefallen werde, so verteidige ich mich aus allen Kräften. Nur allein vor denjenigen fürchte ich mich, welche mich unter der Bedeckung der Religion angreifen. Sobald ich diese anrücken sehe, so werfe ich ohne Verzug meine Waffen nieder und ergreife die Flucht. Ich habe aus der Erfahrung bemerkt, wie heftig der Eifer solcher heiligen Gemüter zu sein pflegt, wie unversöhnlich sie sind und mit was vor einem großen Glücke sie ihre Kriege führen. Fausti hirsuta cohors minor est mihi Castoris ira, Iniuste patiens me puto iure pati . Fausti hirsuta cohors...: Des Faustus struppige Schar gilt mir weniger als der Groll Castors; obwohl ich ungerecht leide, bilde ich mir doch ein, gerecht zu leiden. Die Heuchelei und Verstellung ist mir jederzeit aufs äußerste verhaßt gewesen, und ich bin fast gar zu offenherzig. Einige glauben, daß ich in meinen Schriften dem weiblichen Geschlecht gar zu sehr geheuchelt habe. Wenn man aber alles, was ich zu ihrem Vorteil geschrieben, recht untersucht, so wird man finden, daß ich ihnen nicht geschmeichelt, sondern mit Recht ihre Partei genommen habe. Es ist deutlich von mir erwiesen worden, daß die meisten Fehler, welche man diesem Geschlechte beilegt, nicht von der Natur, sondern von der Auferziehung herrühren, und daß man die Natur öfters mit der Erziehung vermengt. Ich habe gezeigt, daß man auch bei dem Frauenzimmer männliche Tugenden wahrnehmen würde, wenn man sie auf ebendieselbe Art wie die Mannspersonen von Jugend auf erzöge, und daß die meisten Vorzüge, deren sich das männliche Geschlecht anmaßt, demselben mehr durch eine äußerliche Ordnung als durch das natürliche Recht verliehen worden. Und endlich habe ich dargetan, daß man mehr auf die Tugenden als auf die Namen sehen müsse, und daß man allein der Geburt wegen das Frauenzimmer nicht von allen Verrichtungen ausschließen sollte, wozu Verstand und Nachdenken erfordert wird. Zumal, da sehr viele Beispiele vorhanden sind, daß man sehr fähige Köpfe unter ihnen antrifft, denen es nicht an Geschicklichkeit mangelt, in öffentlichen und besondern Sachen sich mit Ruhm zu zeigen. Aus dieser Ursache schmeichele ich dem Frauenzimmer nicht, sondern ich halte vielmehr das männliche und weibliche Geschlecht gleich hoch, ohne dem einen vor dem anderen einen besondern Vorzug einzuräumen. Wenn ich merke, daß die Schwester besser schweigen kann als der Bruder, so vertraue ich ihr und nicht ihm mein Geheimnis. Wenn ich wahrnehme, daß ein Frauenzimmer geschickter ist, dieses oder jenes auszurichten als eine Mannsperson, so ziehe ich dieselbe billig vor. Und auf diese Art kann man demjenigen keine Heuchelei schuld geben, der einen jeden beilegt, was ihm zukommt. Die verdienen weit eher den Namen der Heuchler, welche stets sich selbst und ihr Geschlecht erheben, und das weibliche Geschlecht, welches sich nicht verteidigen kann, angreifen und schwächen. Die meisten fallen zwar derjenigen Partei zu, welche den Sieg erhalten und überwunden hat. Ich aber trete viel lieber zu denen, welche überwunden und unterdrückt werden. Das erste ist zwar das sicherste, das andre aber das anständigste. Bloß in dieser Absicht verteidige ich die Gerechtsame des Frauenzimmers, dem ich mich übrigens niemals verbindlich gemacht habe, weil ich niemals verheiratet gewesen. Meine Freunde treiben mich zwar öfters an und suchen mich durch allerhand Gründe zu bewegen, den Ehestand dem einsamen Leben vorzuziehen. Diese Aufmunterungen aber lehne ich jederzeit mit Lachen ab und berufe mich bald auf meine Unwissenheit in der Experimentalphysik, bald auf meine Jahre, welche sich dem Alter bereits so stark nähern. Ehe ich vierzig Jahre erreichte, konnte ich keine Frau ernähren, und nachher bin ich durch allerhand Ursachen davon abgehalten worden. Vorher erweckte mir die Armut Sorgen und Bekümmernisse, nun aber fürchte ich mich für das Horn des Überflusses, wenn ich mich verheiraten sollte. Ich habe dieses Schicksal mit den meisten von meinen Landsleuten gemein, welche sich aus Armut nicht ehe in den Ehestand begeben können, bis sie alt und kümmerlich und durch die hohen Jahre bereits dazu untüchtig geworden. Wenn ich mich derohalben bei meinem jetzigen Alter nach einer Gehülfin umsehen wollte, so würde meine Frau den Mann und ich die Frau vorstellen. Mit dieser Entschuldigung pflege ich jederzeit meinen einsamen Stand zu rechtfertigen. Die eigentliche Ursache aber bestehet darinnen, daß ich alle Umstände gar zu genau erwäge und auf die geringsten Kleinigkeiten sehe. Mich schrecken die Sorgen ab, die mit einem Hausstande verbunden sind. Mich schrecken noch andre geringere Dinge ab, welche andern zwar leichtfallen, mir aber unerträglich sind. Und wenn ich überdem einen Freier abgeben sollte, so würde ich alle meine Schwachheiten offenherzig bekennen. Sie sind zwar von geringer Erheblichkeit, indessen ist ihre Anzahl doch so groß, daß sie gar leicht eine Jungfrau oder Witwe abschrecken können, mir das Jawort zu geben. Wie ich vor kurzer Zeit von einer Matrone gefragt ward, ob ich mich etwa durch ein Gelübde verpflichtet hätte, nicht zu heiraten, so antwortete ich, daß ich zwar kein Gelübde geleistet, es wären aber viele andre Ursachen vorhanden, welche mir das einsame Leben angenehm machten und mich abhielten, in den Ehestand zu treten. Sie versetzte hierauf: Die Unbequemlichkeiten, welche mit dem Ehestande verbunden sind, würden durch unzählige angenehme Umstände wieder ersetzt. Eine verständige und fromme Frau könne sehr viele Beschwerlichkeiten erleichtern und die Sorgen des Hauses entweder teilen oder dieselben auch, wenn es der Mann verlangte, allein auf sich nehmen. Sie fing hierauf an, das Vergnügen, welches die Ehe begleitet, herzurechnen und mit den schönsten Farben abzumalen, woraus sie den Schluß machte, die Beschwerlichkeiten, die sich etwa dabei einfinden möchten, durch die Zufriedenheit in der Ehe auf einmal gehoben würden. Ich antwortete, daß ein sechzigjähriger Mann niemals das Vergnügen, sondern allein die Beschwerlichkeiten des Ehestandes empfinde. Wie ich nun auf ihren Befehl die Beschwerlichkeiten erzählen sollte, die ich besorgte, so sagte ich, ob sie etwa des Nachts schnarchte. Und wie sie antwortete, daß sie sehr stark schnarchte, so erwiderte ich, bloß um dieser geringen Ursache willen würden wir uns trennen. Desfalls habe ich jederzeit ein einsames Leben geführet, und es ist sehr wahrscheinlich, daß ich niemals in den Stand der Ehe treten werde, wenn ich auch noch viele Jahre erreichen sollte. Ich pflanze allein Bäume, damit ich doch etwas zur Fruchtbarkeit der Erde beitragen möge. Weil ich keine Kinder zeuge, so schreibe ich Bücher, und auf solche Art erfülle ich doch einen Teil meiner Pflicht, da ich derselben nicht völlig ein Genügen leisten kann. Es stehet nicht in eines jeden Macht, alles zugleich zu tun. Ich rühme den Bürger, welcher beides zugleich vollkommen leisten kann. Man muß das eine tun und das andre nicht versäumen. Ich habe nun die Ursachen öffentlich kundgemacht, wesfalls ich ein einsames Leben erwählet, und hoffe also, daß mich niemand wegen der Veränderung meines Standes weiter plagen werde. Es sind noch andre Dinge, welche meine Freunde an mir tadeln, wenn ihnen aber nur die eigentlichen Ursachen bekannt wären, so würden sie erkennen, daß ich mit Recht also verführe und nicht ohne Bedacht handelte. Wenn ich niedergeschlagen und betrübt bin, so schreibe ich lustige und aufgeräumte Schriften, weil dieses meinem Gemüte zu einer Arznei dienet. Ich entziehe meinem Leibe allen Überfluß, weil mir eine solche Lebensart am zuträglichsten ist. Ich lebe einsam und gleichsam in einer Einöde, weil das einzige Vergnügen meines Sinnes in der Einsamkeit und Ruhe bestehet. Ich bin niemals weniger allein, als wenn ich ohne Gesellschaft bin. Einen Lakai brauche ich nicht, denn ich sehe denselben als ein Hauskreuz und als ein unnützes Hausgerät an. Ich gehe zu Fuße, um gesund zu sein. Ich lebe in unverheirateten Stande, weil ich befürchte, daß ich die Verdrießlichkeiten, welche der Ehestand mit sich bringt, nicht dürfte ertragen können. Wer eine Frau nimmt, der muß außer andern allgemeinen Beschwerden auch noch diese insonderheit übernehmen, daß er sich des Verdrusses, welcher seinem ganzen Hause, seiner Frau und seinen Hausgenossen widerfährt, annehmen muß. Denn er kann sich nicht entziehen, für diejenigen alle nur mögliche Sorgfalt zu tragen, mit welcher er durch das Band der Ehe so genau verbunden ist. Sie wundern sich, mein Herr, warum ich mich lieber in der Stadt als auf dem Lande aufhalte, da ich doch die Einsamkeit und Ruhe so sehr liebe. Aber eben aus Liebe zur Ruhe halte ich mich in der Stadt auf, wo ich wie in einer Einöde lebe. Auf dem Lande bin ich mit Unruhe und andern Beschwerlichkeiten geplagt, von denen man in großen Städten befreiet ist. Denn daselbst hat ein jeder mit seinen Geschäften genug zu tun und wird dadurch gehindert, sich in fremde Händel zu mengen. Auf dem Lande aber ist man müßig, und daher sucht man immer Gelegenheit, Unruhe und Streit anzufangen. Nam capiunt Vitium, ni moveantur, aquae. Nam capiunt vitium...: Denn das Wasser wird faul, wenn es nicht bewegt wird. (Ovid, Ex Ponto I, 5, 6) Ich habe dieses selbst in der Gegend erfahren, wo mein Landgut liegt. Denn daselbst muß ich weit vorsichtiger als in der Stadt leben. Weil ich beständig von der Sanftmut und Geduld rede und lehre, daß man die Irrenden dulden müsse, so tadeln mich deswegen einige gar zu scharfe Gottesgelehrte, welche das Gegenteil mit der größten Heftigkeit behaupten, da doch die vernünftigsten Papisten zu unsern Zeiten Bedenken tragen, solches öffentlich zu verteidigen. Man hält mich im Verdacht, daß ich einige Leute in Schutz nehme, die zu unsern Zeiten die Kirchengebräuche verachten und verwerfen. Ich habe aber gleich von der Zeit an, da ich Gutes und Böses voneinander unterscheiden können, dafürgehalten, daß es nicht nur der Tugend eines Christen gemäß sei, sondern auch mit der Lehre Christi und des Evangelii übereinstimme, die Irrenden zu dulden. Man kann dieses aus den Erinnerungen abnehmen, die ich in meinen bereits vor zwanzig Jahren herausgegebenen Schriften erteilt habe. Wenn man von diesem Satze abweicht, so untergräbt man selbst unsre Religion und macht sich dessen schuldig, was wir selbst an den Papisten aussetzen und als gottlos erkennen. Außerdem wird die Sittenlehre Christi, deren Vortrefflichkeit auch die ärgsten Feinde der Religion erkennen müssen und gegen welche sie auch nicht das geringste einzuwenden sich getrauet haben, unbillig und schlechter als die Lehren der Weltweisen, wenn man die Worte ›nötige sie, hereinzukommen‹ nach dem Buchstaben erkläret. Einige haben gleichfalls aus meinen Schriften verschiedene Sätze herleiten wollen, welche dem geistlichen Stande empfindlich sein könnten. Und daher macht man den Schluß, ich sei demselben nicht gewogen. Aber man irrt, wenn man also von mir urteilet. Denn ich ehre die Prediger, weil sie das göttliche Wort vortragen. Wenn sie rechtschaffene Lehrer sind, so schätze ich sie aller Ehrerbietung und Liebe würdig. Wenn sie aber nicht so beschaffen sind, so verehre ich sie doch äußerlich wegen des Amts, das sie bekleiden. Ich folge in diesem Stücke dem Beispiel einer vernünftigen Matrone, welche den Prediger, wie er von der Kanzel kam, mit diesen Worten anredete: Ich danke Ihnen für die schönen und herrlichen Ermahnungen, welche Sie uns erteilet haben; Gott gebe Ihnen die Gnade, daß Sie selbst darnach leben mögen. Ich billige es gar nicht, wenn einige die Prediger auf eine höchst unanständige und unter gesitteten Menschen zum Abscheu gewordene Art angreifen und schreien, daß man ihre Einkünfte vermindern müsse. Nach meinem Urteile muß den Predigern so viel gereicht werden, daß sie davon anständig und reichlich leben können. Man muß aufs sorgfältigste verhüten, daß sie nicht wegen eines gar zu geringen Einkommens von andern verachtet oder genötiget werden, sich auf eine solche Art zu ernähren, die mit ihrem Stande nicht übereinkommt. Denn es ist unmöglich, daß diejenigen ihr Amt recht verwalten können, welche wegen ihres notdürftigen Unterhalts stets besorgt sein und von der Gnade andrer Menschen leben müssen. Man irret demnach sehr, wenn man sich einbildet, daß ich dem geistlichen Stande nicht gewogen sei. Bloß diejenigen fliehe ich, welche fälschlich den Namen der Heiligen zu dem Ende annehmen, daß sie das Ansehen verdienter Männer kränken mögen. Ferner tadeln auch einige an mir, daß ich nicht ehrerbietig genug von hohen Schulen und überhaupt gelehrten Sachen rede. Und es scheint, daß man mir dieses mit einem soviel größerm Rechte vorwerfen könne, da ich selbst ein Mitglied der Akademie bin. Aber ich greife nicht die Wissenschaften selbst, sondern allein die Art und Weise an, dieselben zu erlernen. Die akademischen Disputationen habe ich in meiner unterirdischen Reise unter die Schauspiele gerechnet. Einige akademische Gebräuche, welche bei den Zuschauern ein Gelächter erwecken, mißbillige ich und spotte über das unnütze Gewäsche und über die leeren Dinge, womit man auf so manchen hohen und niedern Schulen so viele Zeit zubringt. Dieses Urteil greift nicht die Wissenschaften, sondern nur diejenigen an, welche mit denselben umgehen. Es erhellet vielmehr daraus, daß ich die Studien sehr hoch schätze und wünsche, daß die edlen Wissenschaften nicht durch eine verkehrte Art zu studieren und durch einige lächerliche Gebräuche in Verachtung geraten mögen. Es gereicht einigen akademischen Verordnungen zum großen Nachteil, daß sie zu einer solchen Zeit abgefaßt worden, da die Barbarei und Unwissenheit so sehr überhandgenommen, daß man sich nicht genug darüber wundern und die Sitten, Gebräuche und Studien der damaligen finstern Zeiten nicht ohne Lachen ansehen und lesen kann. Aber wieviel Törichtes haben wir nicht beibehalten. Alles ist bei gewissen Vorfällen in großer Bewegung, und man bemerkt in den Hörsälen und auf den Kathedern ein starkes Geräusche, wenn aber alles geschehen ist, so hat man doch nichts ausgerichtet. Ich habe deswegen öfters gewünscht, daß man eine Reformation vornehmen möchte, die unsern Zeiten anständig wäre. Ich wünschte, daß alles Geschrei in Stillschweigen und die Schwatzhaftigkeit in ein Nachdenken verwandelt würde. Ich wollte, daß man anstatt so vieler Doktoren und Magister, welche öffentliche Vorlesungen anstellen, nur einige wenige erwählte, denen nicht freistünde, alles vorzutragen, was sie wollten, sondern die nur allein die Fragen und Zweifel beantworten und auflösen sollten, welche ihnen von ihren Schülern und Zuhörern würden vorgelegt werden. Eine solche Einrichtung würde einen doppelten Nutzen nach sich ziehen. Zuvörderst würden die Zuhörer dasjenige lernen, was sie zu wissen verlangten, und hiernächst würde auch niemand das Lehramt eher übernehmen, bis seine Studien in der Wissenschaft zur Reife gekommen, in welcher er sich für einen Meister ausgibt. Wie herrlich würden die Wissenschaften blühen, wenn zu der Zeit, da dieselben wieder emporkommen, nebst dem Luther, der die Religion von den Schlacken reinigte, auch ein andrer Luther aufgestanden wäre, der die gelehrten Sachen reformiert, den Sauerteig der alten Zeiten völlig weggenommen und die Fehler abgeschafft hätte, welche noch von der Barbarei der mittlem Zeiten herkommen. Es sind noch viele Dinge übrig, welche einer Änderung bedürfen, und die hohen Schulen, die in den finstern Zeiten gestiftet worden, erfordern solche Einrichtungen, daß die Wissenschaften daselbst mit wenigerm Geräusche, aber mit größerm Nutzen können getrieben werden. Die Akademien, welche zu den neuern Zeiten in Frankreich und England gestiftet worden, zeigen zur Gnüge, wie notwendig eine solche Reformation sei. Die Stiftungen und Gesetze derselben sind gerade den Stiftungen und Gesetzen andrer hohen Schulen entgegen, wo die Studierenden gehalten sind, alles zu glauben, was ihnen von ihren Lehrern vorgesagt wird, wo man den Kopf des Untergebenen nicht aufräumt, sondern verwirrt, wo der Geschmack desselben verderbt wird und wo man vieles lernet, was man nachhero mit Mühe wieder vergessen muß. Daher rührt es, daß die meisten von hohen Schulen, als den Örtern, wo man sich die Wissenschaften zu eigen machen soll, zwar bisweilen gelehrter, aber nicht frömmer und mit geübten und in Ordnung gebrachten Begriffen zurückkommen. Denn anstatt daß die alten Vorurteile sollten abgeschafft worden sein, wodurch sich die Gelehrten allein von dem gemeinen Manne unterscheiden müssen, so sind dieselben vielmehr mit neuen vermehrt worden. Wenn man aber einen jungen Menschen die Wissenschaften mit Nutzen beibringen will, so muß das Gemüt desselben vorher von allen Vorurteilen gänzlich befreiet sein. Sonst nimmt er nichts an und hält nichts für gewiß, als was mit dem ihm einmal beigebrachten Satze übereinstimmet. Hieraus erhellet deutlich, daß diejenigen mir Unrecht tun, welche aus einigen scherzhaften Stellen, die hin und wieder in meinen Schriften vorkommen, den Schluß ziehen, daß ich ein Feind der Studien sei. Meine unausgesetzte Arbeit, die vielen Schriften, welche ich herausgegeben, und die Belohnungen, wodurch ich andre zum Schreiben aufgemuntert habe, zeigen vielmehr einen Eifer als eine Kaltsinnigkeit und weit mehr eine Ehrerbietung gegen die Wissenschaften als eine Verachtung derselben an. Auch diejenigen irren sehr, welche glauben, daß ich um meines Nutzens halber die Feder ergriffen. Ich habe andre Mittel in Händen gehabt, wodurch ich mir mit geringerer Mühe einen größern Gewinnst hätte erwerben können. Der Fleiß, womit ich meine Schriften ausgearbeitet, gibt deutlich genug zu erkennen, daß ich nicht durch die Geldbegierde zum Schreiben aufgemuntert worden. Ich habe die allerbequemsten und einträglichsten Gelegenheiten fahrenlassen, weil ich sie als Hindernisse in meinem Studieren angesehen und allemal die Zeit für verloren gehalten habe, die man nicht auf das Studieren wendet. Dennoch scheint es nicht, daß ich bei diesem großen Triebe zu den Wissenschaften etwas besonders ausgerichtet. Und ob mir gleich einige den Ruhm geben, daß ich sehr fleißig gewesen, so dünkt mich doch, daß von mir gar nichts zustande gebracht worden. Wenn ich mich mit andern vergleiche, tadle ich selbst meine Trägheit, daß ich meine Zeit fast wie im Schlafe zugebracht habe. Die Krankheiten, mit welchen ich beständig geplagt werde, hindern mich sehr in meinem Studieren, insonderheit aber werde ich durch die Kopfschmerzen abgehalten, welche zwar einem jeden beschwerlich sind, niemanden aber empfindlicher fallen als einem Studierenden. Wenn ich deswegen die Macht hätte, die Krankheiten auszuteilen, die doch dem menschlichen Geschlecht unvermeidlich sind, so würde ich die Kopfschmerzen entweder dem Frauenzimmer allein zuteilen, oder ich würde ihnen bei solchen Leuten einen Platz anweisen, deren Geschäfte nicht erfordern, daß man mit dem Kopf arbeite, oder ich würde auch befehlen, daß sie sich allein bei abgeschmackten und elenden Skribenten aufhalten sollten, von denen wir eine so große Menge haben. Wo ich mich ja auf einige Art um die Wissenschaften verdient gemacht, so bestehet es bloß darin, daß ich gesucht habe, den pedantischen und allgemeinen Geschmack zu dämpfen, welchen man noch bei den meisten wahrnimmt. Weil die englischen und französischen Akademien von mir sehr früh besucht worden, so habe ich daselbst nicht sowohl gelernet, wie man gelehrt schreiben, sondern wie man seine Gedanken auf eine angenehme und reizende Art ausdrücken müsse. Und ich kann auch ohne die geringste Prahlerei behaupten, daß ich fast der erste unter meinen Landsleuten gewesen, der anstatt magrer und verwirrter, kranken, ordentliche pragmatische Geschichte geliefert und die Moral wiederhergestellet, die vorher in Norden gleichsam begraben war. Einige erkennen meine Verdienste auch und rühmen meinen Fleiß. Nur dieses scheint ihnen so seltsam, daß ein Mann, der stets krank ist und ein bereits ziemlich hochgestiegenes Alter erreicht hat, an solchen Kleinigkeiten einen Gefallen finden und allerhand Scherzgedichte und lustige Fabeln schreiben könne. Aber eben die Schwachheit meines Leibes und das betrübte Wesen, welches bisweilen mein Gemüt einnimmt, treiben mich dazu an, und ich habe diese Arbeiten auch wirklich als eine Arzenei befunden. Desfalls rate ich auch andern, sich dieses Mittels bei solchen Zufällen zu bedienen. Ich ward einmal von einem gewissen Manne wegen meiner aufgeweckten Schreibart mit diesen Worten getadelt: Wie können Sie doch so lustige Sachen schreiben, da Sie doch selbst so ernsthaft sind und ein so eingezognes Leben führen? Ich aber gab demselben diese Antwort: Wie können Sie doch solche ernsthafte Schriften abfassen, da Sie doch selbst einem Komödianten so ähnlich sind? Obgleich meine Bemühungen und Arbeiten durch die Schwachheiten meines Leibes öfters unterbrochen werden, so werden sie doch auch zugleich dadurch befördert. Denn eben diese Krankheiten, womit ich beständig geplagt bin, haben mich gezwungen, fast allen Gesellschaften zu entsagen, und ich lebe dennoch in dieser großen Stadt wie in einer Einöde, ob es hier gleich nicht an solchen Dingen fehlet, die das Studieren unterbrechen können. Die Paläste großer Herren besuche ich niemals, weil ich mit meinem Zustande vergnügt bin und dem Schatten leerer Ehrentitel längstens entsagt habe, nach welchem andre mit großen Eifer trachten. Wenn große Herren zugleich mit Rang, Titeln und Vorzügen auch die Gesundheit verleihen könnten, so würde ich nicht ablassen, sie durch Bittschriften so lange zu beunruhigen, bis ich meinen Endzweck erhalten hätte. Da dieselben mir aber in diesem Stücke nicht helfen können, so bleibe ich zu Hause und warte meine Geschäfte ab. Man meint, daß ich in dieser Aufführung etwas von der englischen Nation angenommen. Die Engländer pflegten ehedem von meinem Gesichte zu urteilen: He looks as an english Man . Jedoch in meinen Neigungen komme ich noch mehr mit diesem Volke überein. Mir hat die Nation jederzeit sehr Wohlgefallen, und ich bin derselben auch nicht unangenehm gewesen. Man hat gleichfalls an mir bemerkt, daß ich in meinen Studien und Sitten die Gemütsart und den Geschmack dieses Volks vollkommen ausgedruckt. Alles, was ich auf den Herzen habe, das entdecke ich mit der größten Aufrichtigkeit, und aus allen erwähle ich dasjenige, was der Wahrheit am nächsten zuzukommen scheint. Ich beobachte auch noch in meinem Alter überaus sorgfältig diejenige Enthaltsamkeit, wozu ich mich bereits in meiner Jugend gewöhnt habe, und höre alle Vermahnungen sehr kaltsinnig an, wodurch mich meine Freunde zu einer andern Lebensart zu bewegen suchen. Man glaubt, die Wollüste zu dämpfen sei nichts anders, als die Begierde zu zwingen, die man zu dieser oder jener Sache trägt, und daher betäuben sie meine Ohren durch die philosophischen Regeln, die hier in Norden eingeführt worden und worin insonderheit befohlen wird, daß man seinem Leibe nichts entziehen müsse. Dies nennen sie den Leib pflegen, ich aber nenne es, den Leib bestürmen. Da ich aus der Erfahrung weiß, daß der Leib weit mehr durch eine solche Pflege als durch die Mäßigkeit geschwächt werde, kann ich dieses auch mit meinem eignen Beispiele bestärken. Vor vierzig Jahren war ich so schwach und ausgemergelt, daß meine Freunde urteilten, ich würde nicht lange leben, wo ich meinen Leib nicht besser pflegen würde. Aber die meisten von diesen, welche ihrem Leibe nichts entzogen, sind längstens gestorben und begraben worden. Ich aber lebe noch, da ich meine alte Gewohnheit sorgfältig beibehalten und immer enthaltsam gelebt. Diejenigen tun am besten, die den Mittelweg treffen. Man muß essen, damit man das Leben erhalte, man muß aber auch nicht glauben, daß man bloß zu dem Ende in der Welt sei, damit man essen möge. Derjenige verdienet ebensowohl getadelt zu werden, der seinem Leibe alles versagt, als der ihm alles erlaubt. Man kann beide als Feinde ihres eignen Leibes ansehen. Man muß soviel essen und trinken, daß die Kräfte dadurch gestärkt, nicht aber unterdrückt werden, und diejenigen handeln am klügsten, welche zwischen den Übungen des Leibes und des Gemüts den Mittelweg halten. Das menschliche Leben ist nach dem Ausspruche des Cato den Eisen ähnlich, wenn man es beständig braucht, so wird es abgerieben, wenn man es aber nicht braucht, so wird es durch den Rost verzehret. Auf ebendieselbe Art bemerkt man auch, daß die Menschen durch die beständige Arbeit aufgerieben werden. Wenn sie sich aber gar nicht üben, so werden sie durch Faulheit und Nachlässigkeit zu allen Dingen völlig untüchtig gemacht. Einigen scheint es lächerlich zu sein, daß ich Geld sammle, insonderheit, da ich unverheiratet bin und daher auch glaublich ist, daß ich ohne Erben sterben werde. Ich werde durch dieses Urteil nicht zum Unwillen bewegt. Denn bisweilen lache ich selbst über mich. Ich habe beides versucht und kann daher am besten davon urteilen. Wie ich von allen Mitteln entblößt war, so wußte ich auch von keinen Sorgen. Cantabam vacuus coram latrone viator . Cantabam vacuus...: Munter sang ich angesichts des Räubers, ein Wanderer, bei dem nichts zu holen ist. (Juvenal, Satiren X, 22) Mit meinen Vermögen aber haben sich auch Furcht und Bekümmernis zugleich eingefunden. Und da ich meinen Leib weder pflegen kann noch darf, so empfinde ich bloß die Beschwerlichkeiten, welche mit dem Reichtum verbunden sind, niemals aber schmecke ich das damit verknüpfte Vergnügen. Es scheint also, daß man mit Recht über mich spotten könne. Wenn ich aber nichtsdestoweniger einen von meinen Spöttern zum Erben einsetzen wollte, so dürfte derselbe sich doch nicht weigern, die Sorge, Furcht und Bekümmernisse zu übernehmen, welche mit dem Reichtum verbunden sind. Anstatt so vieler Spötter würde ich so viele ergebne und verbundenste Diener haben, welche sich nicht entziehen würden, mir auch die geringsten Dienste zu leisten. Und daher würde man aufs deutlichste abnehmen können, daß alle solche Vermahnungen und Spöttereien aus einer bloßen Mißgunst herrühren. Wir stellen uns bisweilen, als wenn wir die Dinge verachteten, die uns nicht zuteil werden können, und hierauf zielt die Fabel von dem Fuchs, welcher die Birnen für sauer hielte, weil ihn der Weg zu denselben verschlossen war. Wer also in diesem Stücke über mich spottet, der spottet über die meisten Menschen, die mit ebenderselben Schwachheit behaftet sind, ja, der spottet auch über sich selbst. Bloß allein diejenigen scheinen ein besseres Recht zu haben, darüber zu spotten, welche ein müßiges Leben führen und in einem Tage mehr verzehren, als sie in vielen andern Tagen wieder zu erwerben imstande sind. Jedoch, da die Sparsamen von ihnen verlacht werden, so geben sie zugleich dadurch Anlaß, daß man mit weit größerm Rechte über sie spotten kann. Nennt man die Sparsamkeit eine Torheit, so muß die Verschwendung gewiß den Namen einer Tollheit erhalten. Wir können nicht begreifen, aus welcher Ursache alte Leute, die ihrem Grabe so nahe sind, dennoch Mittel sammlen, von denen sie niemals einigen Nutzen erwarten können. Denn was kann ungereimter sein, als daß man zu einer kurzen Reise sich mit so vielen Reisegeld versiehet. Aber das ist noch viel schwerer zu begreifen, daß die Armen soviel Geld verschwenden, da sie doch, wenn sie vernünftig damit haushielten, Armut und Hunger dadurch abhalten könnten. Die ersten pflanzen Bäume, die, wenn sie ihnen gleich selbst keine Früchte bringen, doch den Nachkommen nützlich sein können, aber die letzten hauen die Bäume ab, damit weder sie, noch ihre Nachkommen Nutzen davon haben mögen. Sie leben einen Tag sehr herrlich und im Überflusse, in den folgenden Tagen aber herrscht der größte Mangel bei ihnen. Die Sparsamkeit der Reichen erweckt ein Gelächter, aber die Verschwendung der Armen verdient billig Mitleiden. Man kann beide Schwachheiten eine Krankheit nennen, aber die erste besteht nur in einem Fieber, hingegen die andre in einer offenbaren Raserei. Die Beschaffenheit meines Körpers verbindet mich zu einer sparsamen und mäßigen Lebensart, und der Überfluß würde mir gewiß allerhand Krankheiten zuziehen. Deswegen ist meine Mittagsmahlzeit also eingerichtet, daß ich auch noch eine Abendmahlzeit halten kann. Und um meine Gesundheit zu erhalten, gehe ich zu Fuße. Es ist ein Kennzeichen eines vernünftigen Menschen und der Pflicht eines guten Bürgers gemäß, daß man Mittel auf eine anständige Art zu sammlen sucht und das Erworbene zu erhalten sich bemühet. Ich gestehe, daß diese Vorsichtigkeit bei einem solchen Manne einen größern Ruhm verdienet, der mit Kindern gesegnet ist, als bei dem, der in einem unverheirateten Stande lebt. Aber was würde man denn sagen, wenn ich noch einmal auf die Gedanken fiele, in den Stand der Ehe zu treten? Denn ich habe bemerkt, daß diese Hitze meine Landesleute bisweilen ganz unvermutet überfällt. Es können sich aber auch noch außerdem verschiedene Fälle zutragen, denen das menschliche Leben unterworfen ist, und welche uns antreiben können, auf das Künftige bedacht zu sein. Hienächst habe ich mir angelegen sein lassen, sowohl durch mein Leben, als auch durch meine Schriften, meine Landsleute zu erbauen, und also muß ich sie auch sowohl durch Beispiele als durch Vermahnungen aufmuntern. Wenn ich in Spanien geboren wäre, wo die Einwohner ihrem Leibe alles entziehen und bloß von der Luft zu leben scheinen, so würde ich meine Mitbürger sowohl durch mein Leben als auch durch meine Schriften zu einem größern Aufwand angereizt und von einer so gar genauen und eingeschränkten Lebensart auf alle Art abgeraten haben. Aber in unserm Norden, wo man die Ceres und den Bacchus aufs eifrigste verehret, werden andre Regeln und andre Beispiele erfordert. Und ist es denn endlich töricht, vorsichtig zu handeln und die Ameisen in diesem Stücke zum Vorbilde zu nehmen, so trifft diese Beschuldigung sowohl denjenigen, der Kinder hat, als den, der nicht verehelichet ist. In den Augen eines Philosophen ist der Grund, welchen ein Vater zur Beschönigung seines Geizes braucht, daß die Kinder nach seinem Tode anständig leben mögen, gar nicht hinlänglich, denn der Tod hebt alle Verbindungen auf, und in jenem Leben wird an irdische Dinge nicht mehr gedacht, wo wir uns nicht mit dem gemeinen Manne einen solchen Himmel vorstellen wollen, worin man essen und trinken wird. Und endlich kann man auch nicht sagen, daß derjenige ohne Kinder stirbt, der das gemeine Wesen zu seinem Erben einsetzt. Weil ich soviel von meinem Vermögen rede, so sollten Sie bald auf die Gedanken geraten, daß ich sehr reich sein müsse. Aber ich bin weder arm noch reich. Soviel habe ich mir erworben, daß ich reichlicher als vorher leben kann, und dieses habe ich mir auch nur einzig und allein gewünscht. Derjenige handelt klug und vorsichtig, der einen anständigen und erlaubten Vorteil nicht aus den Händen gehen läßt, sondern sich die Gelegenheit zunutze macht und soviel zu erwerben sucht, daß er auf alle Fälle, die man nicht vorher weiß, so viel besitze, wovon er leben und sich ernähren kann. Wer hiemit nicht zufrieden ist, sondern beständig scharret und Mittel auf Mittel häuft, damit er einen außerordentlichen Schatz zusammenbringen möge, der verdient nicht den Namen eines klugen und vorsichtigen Haushalters, sondern ist vielmehr auf eine recht schändliche Art geizig. Für diesen Laster behüte mich Gott! Die Mittel, die ich besitze, sind durch Fleiß und Arbeit erworben und durch Mäßigkeit erhalten worden. Dieser auf eine rechtmäßige Art erworbenen Güter bediene ich mich zu meiner Notdurft. Einen Teil derselben wende ich auf die Verbesserung meines Landguts an, und das übrige will ich, nach dem desfalls gemachten Entwürfe, zum Besten des gemeinen Wesens anwenden, so daß die Nachkommen mich nicht sowohl für einen Besitzer, als vielmehr für einen Verwalter meines Vermögens halten sollen. Mein Leib empfindet auch noch im Alter ebendieselben Schwachheiten, denen er bereits in der Jugend unterworfen war. Ich bin noch mit ebendenselben Krankheiten geplagt, die ich in meiner Jugend durch Enthaltsamkeit, Arbeit und beständige Bewegung gelindert habe. Da sie aber nun mit dem Alter zunehmen, so ist ein aufgeräumtes Gemüt das einzige Mittel, welches ich ihnen entgegensetzen kann. Es ist bei beständig anhaltenden Schwachheiten des Leibes nichts nützlicher und nötiger, als daß man Sorge trage, daß das Gemüt ruhig und munter bleibe, da der Leib der Regelung der Seele und die Seele des Dienstes von dem Körper bedarf. Ich merke, daß ich beständig krank bin, dennoch habe ich bisher nicht entdecken können, worin meine Krankheit eigentlich bestehet. Meinem Urteile nach ist mir nichts zuträglicher als die China-Rinde, weil aber die Ärzte solches nicht für gut ansehen, so darf ich es nicht wagen, mich täglich dieses Mittels zu bedienen, weil ich die Eigenschaft und Natur desselben nicht kenne. Wenn diese Arznei die Kraft hätte, die scharfen Säfte wegzunehmen, so würde ich kein Bedenken tragen, dieselbe täglich zu gebrauchen. Wenn man aber sonst keine Wirkung davon empfindet, als daß die Wallung nur auf eine Zeitlang gestillet und beruhiget wird, so halte ich diese Arznei nicht allein für unnütz, sondern auch für schädlich. Das Heilungsmittel, wodurch die Krankheit noch gebrochen, nicht aber völlig gehoben wird, verursachet nur, daß das Übel nachher mit desto größerer Gewalt wieder überhandnimmt. Meine Krankheit dauret also beständig, und meine Jahre nehmen dabei zu, ohne daß ich es selbst einmal merke. Und vielleicht lebe ich lange, weil ich beständig krank bin. Meine stets anhaltende Schwachheit treibt mich an, enthaltsam zu leben, und dadurch wird mein Leben, obgleich auf eine beschwerliche Art, verlängert. Die Beschaffenheit meines Leibes kömmt mit meinem Geschmack überein. In beiden Teilen bin ich von andern unterschieden. Was andern wohlschmeckt, das erweckt bei mir einen Ekel, und mir ist dasjenige zuträglich, was andern Schaden bringt. Niemals bin ich gesunder, als wenn ich verstopft bin und des Nachts nicht geschlafen habe. Die Bücher sind noch, wie jederzeit, mein angenehmster Zeitvertreib, aber das Lesen derselben schafft mir keinen sonderlichen Nutzen. Was ich auch dem Gedächtnis gerne einverleiben will, das vergesse ich doch gleich wieder, und bisweilen wollen mir auch die Namen der allerbekanntesten Sachen nicht beifallen. Wenn Sie deswegen verlangen sollten zu wissen, warum ich denn bei so bewandten Umständen noch mein Studieren fortsetzte, so würde ich mit jenem Professor antworten, der seine Vorlesungen hielte, da kein einziger Zuhörer vorhanden war: Ich lese um Gottes und meines Amts willen. Die Ursachen, welche mich sonst noch zum Studieren anreizen, habe ich folgendermaßen zu erkennen gegeben: ... Causa studendi Ipsis in studiis, ut studeam, studeo . Causa studendi...: Der Grund meines Studierens liegt im Studium selbst; um zu studieren, studiere ich. Mein Gedächtnis nimmt nichts mehr an, und am allerwenigsten kann ich historische Sachen behalten. Auch die Wörter und Ausdrücke fehlen mir oft, ja, bisweilen muß ich mich selbst auf meinen eignen Namen besinnen. Desfalls nehme ich in meinem Studieren durch das Lesen nicht weiter zu, doch vergesse ich niemals wieder, was ich in meiner Jugend gelernet habe. In den Wissenschaften, wobei das Gedächtnis keinen so großen Einfluß hat, komme ich doch etwas fort, aber mehr durch eignes Andenken als durch Lesen. Ich studiere, daß ich mich selbst und andre, sowohl in Absicht auf einzelne Personen, als auch auf ganze Völker, kennenlerne. Und da ich auf meinen ausländischen Reisen mit größerm Fleiße die Menschen als die Büchersäle durchforscht, so habe ich das Naturell der meisten europäischen Völker ziemlich genau kennenlernen. Sie haben mich öfters aufgemuntert, mein Herr, daß ich die Beschreibung meiner Reisen mit solchen Abbildungen ausschmücken möchte. Weil aber dieses mit gar zu vielen Beschwerlichkeiten verbunden ist, so habe ich es allemal von mir abgelehnet und verbitte es auch noch. Ich habe immer gehofft, Sie würden mir erlauben, daß ich Ihnen dieses mit ebenderselben Ergebenheit abschlagen dürfte, mit welcher ich sonst Dero Befehle zu vollziehen gewohnt bin. Jedoch, Ihr letzter Brief bezeugt das Gegenteil: Und da Sie nicht nur Dero Befehl wiederholen, sondern mir auch die Vollziehung desselben bei dem Verlust Ihrer Freundschaft auflegen, so will ich eine kurze Abbildung von gewissen Nationen mitteilen, damit es nicht scheine, daß ich einem Manne ungehorsam gewesen, dem ich soviel schuldig bin.   Bedenken über gewisse europäische Nationen Unter den auswärtigen Völkern bin ich mit den Franzosen, Engländern, Italienern, Deutschen und Holländern umgegangen. Die Franzosen rühme ich, weil sie zur Gesellschaft und zum Umgange so sehr aufgelegt sind, ich würde sie aber noch weit mehr lieben, wenn sie nicht so gar geschickt dazu wären. Denn so leicht ein mürrisches Wesen einen zum Zorn reizen kann, ebensoleicht erweckt ein gar zu höfliches und freundliches Wesen einen Verdruß und Widerwillen. Da die Franzosen ein sanguinisches Temperament haben, so können sie im Augenblicke zornig werden, aber dieser Sturm legt sich gleich darauf wieder. Sie richten sehr geschwinde Freundschaft auf, aber sie brechen dieselbe auch sehr bald wieder. Und da weder die Liebe noch der Haß bei ihnen von einer langen Dauer ist, so verdient diese Nation, weder geliebt noch gehaßt zu werden. Die angeborne Aufrichtigkeit macht insonderheit die Franzosen beliebt. Denn sie sind insgemein so offenherzig, daß man sie auch deswegen tadeln kann. Sie sind freigebig und barmherzig und üben bisweilen solche erhabne Tugenden aus, die den Namen heroischer Tugenden verdienen, aber sie werden mehr durch einen plötzlichen Einfall als durch ein reifes Nachdenken dazu angetrieben, und alles geschiehet bei ihnen so schnell, als wenn sie durch einen unerwarteten und heftigen Zufall hingerissen würden. Ebendieses kann man auch von ihren Lastern sagen. Hierin aber irren doch die meisten Skribenten, daß sie der ganzen Nation die Fehler beilegen, welche allein den Einwohnern in Paris eigen sind. Der Fehler rührt daher, weil die meisten allein mit den Parisern umgegangen sind. Der gemeine Mann in meinem Vaterlande glaubt, daß alle Franzosen schwarz sind, weil diejenigen, die zu Schiffe aus den südlichen Provinzen dieses Königsreichs zu uns kommen, größtenteils Bootsleute sind, deren Haut durch Sonne und Luft braun geworden. Diese aber sind in der Farbe, in den Sitten und Gebräuchen von den Parisern gar sehr unterschieden und pflegen wie die andern Franzosen, die in den Provinzen wohnen, ebensosehr über die Torheiten der Pariser als andre Nationen zu lachen. Dennoch verwerfe ich den Anstand der Pariser nicht gänzlich. Nur diejenigen tadele ich, welche über die Pariser spotten und doch Affen derselben sind, welche über Meer und Land reisen, um solche Sitten anzunehmen, die mit ihrer Natur streiten. Denn die Gebärden und Sitten, welche den Parisern wohl anstehen, weil sie ihnen angeboren sind, verstellen andre und machen sie lächerlich. Man stelle sich einen einfältigen und echten Holländer vor, der mit einer starken Ladung von parisischen Galanterien die Rückreise in sein Vaterland antritt. Wird derselbe nicht allen Menschen zum Gelächter und Gespötte dienen, weil er seine eigne Natur abgelegt und eine fremde angenommen? Ich habe in meinen vorigen Briefen gesagt, daß die Franzosen sehr eigennützig sind und die Reisenden und Fremden insgemein um ihr Geld zu bringen pflegen. Aber hiedurch verstehe ich weder die ganze französische Nation, noch alle Einwohner der Stadt Paris, sondern allein die Wirte in der Vorstadt St. Germain, wo die Fremden sich insgemein aufzuhalten pflegen. Man findet an diesem Orte, daß die Wirte, Krämer, Sprachmeister und andre eine große Erfahrung besitzen, die jungen Leute zur Verschwendung und zum unnötigen Aufwand zu reizen. Dieses aber ist kein Fehler der ganzen Nation. Denn die Franzosen sind so edelmütig, freigebig, aufrichtig und unbesorgt, daß sie öfterer von andern betrogen werden, als daß sie andere betriegen sollten. Ja, die Wirte selbst in der Vorstadt St. Germain leiden durch ihre Leichtgläubigkeit Schaden. Sie betriegen die Fremden und werden von denselben wieder betrogen. Denn viele Ausländer, wenn sie alles verzehrt und große Schulden gemacht haben, werden unsichtbar, wenn sie nicht bezahlen können, oder werden auch mit der Versicherung erlassen, daß sie das Geld bald schicken wollen, woran sie aber nachher niemals gedenken. Die Tugenden, mit welchen sich die Franzosen am meisten brüsten und wodurch sie einen Vorzug vor allen andern Nationen zu haben glauben, bestehen in ihren angenehmen Sitten, in ihrer zierlichen Sprache und in ihrem freien Umgange. Aber es stimmen nicht alle in der Beschreibung der Tugenden und Laster überein. Was bei dieser Nation eine Tugend ist, das wird bei einer andern als ein Laster angesehen, und was man hier mit dem Namen der Artigkeit belegt, solches heißt an einem andern Orte Gaukelei. Was die Franzosen unter der Anmut und Freiheit der Sitten begreifen, solches nennen die Spanier eine Frechheit. Was man in Spanien für eine anständige Ernsthaftigkeit hält, das scheint den Franzosen ein mürrisches Wesen zu sein. Wenn die nordischen Völker jemand geizig nennen, so erhält derselbe in Italien den Ruhm, daß er ein guter Haushalter sei. Wer den Deutschen freigebig zu sein scheint, der ist nach dem Urteil der Holländer sehr verschwenderisch. Was die Engländer als eine Beständigkeit rühmen, das verwerfen andre Völker als eine Hartnäckigkeit. Auf solche Art verändern sich die Tugenden und Laster und erhalten nach dem Naturell der Völker auch andre Namen. Und daher können auch die Tugenden, mit welchen sich die Franzosen brüsten, mit größerem Rechte französische Zierlichkeiten als wirkliche Tugenden genannt werden. Denn wenn es wirkliche Tugenden sein sollten, so müßten sie auch von andern Völkern dafür angesehen werden. Zwar die Franzosen können sich in diesem Stücke auf die Übereinstimmung andrer Nationen berufen, indem die Jugend beinahe aus ganz Europa in großer Anzahl nach Paris kommt, um die französischen Sitten anzunehmen. Weil aber die jungen Leute ein weit größeres Vergnügen an Kleinigkeiten als an ernsthaften und wichtigen Dingen finden, so können die Franzosen sich auf diesen Beweis nicht gar zuviel verlassen, welcher ihnen weit mehr ihre Fehler vorrückt, als daß er von ihrer Tugend zeugen sollte. Ob ich gleich an einer anständigen Freiheit und an einem aufgeweckten Wesen ein großes Vergnügen finde, so sind mir doch die ihrer Nation so eigentümlichen Tugenden, womit sie sich so großmachen, und deren Mangel sie bei anderen Völkern beklagen, jederzeit beschwerlich gewesen. Man trifft aber doch auch unter den Franzosen selbst einige an, welche an diesen so berühmten Galanterien einen Ekel haben und sich nach den Sitten anderer Völker richten. Die Officiers und andere Kriegsbediente, welche in fremden Diensten gestanden haben, unterscheiden sich von ihren Landsleuten, die niemals einen Fuß aus ihrem Vaterlande gesetzt haben, durch die Verschwiegenheit, Ehrbarkeit, Ernsthaftigkeit und durch anständige Sitten auf eine überaus merkliche Art. Aber diejenigen, welche mit denen sogenannten groben und unpolierten Nachbarn keinen Umgang gehabt haben, insonderheit die jungen Leute, die man Petits Maitres nennt, sind ganz unerträglich, und ich habe schon gezittert, sobald ich sie nur von ferne wahrgenommen. Nach meiner Einsicht handeln die Franzosen vernünftiger, wenn sie ihre jungen Leute in fremde Länder reisen ließen. Und andre Nationen verführen klüger, wenn sie ihre Jugend zu Hause behielten. Wenn unsre jungen Leute aus Frankreich zurückekommen, so scheint es, als wenn sie in lauter Mißgeburten verwandelt worden, weil sie die französischen Gebärden wider ihre Natur nachäffen wollen. Es ist nichts schöner und anständiger, als wenn einer in seinem Leben sich jederzeit selbst ähnlich ist. Dieses aber kann niemals geschehen, wenn man die Natur eines andern nachzuäffen sucht und darüber seine eigne vergißt. Das ziert uns am meisten, was unsrer Natur am gemäßesten ist. Ich rede hier bloß von den französischen Sitten und Zierlichkeiten: Manieres françoises . Denn in Absicht auf die Studien ist Paris der rechte Sitz der schönen Wissenschaften, und es ist kein Ort, wo man in einer kurzen Zeit mehr zunehmen und wo der Geschmack mehr geläutert werden kann. Ich gestehe, daß ich alles, was ich weiß, den französischen Büchern zu danken habe. Denn durch das Lesen derselben habe ich meinen Geschmack auf eine vernünftige Art eingerichtet und dadurch auch nachher meine Schriften wieder beliebt gemacht. So frei die französischen Sitten sind, so ordentlich und vernünftig sind ihre Schriften abgefaßt, und es scheint fast, daß die Franzosen, wenn sie schreiben, solange ihre Natur verändern und ablegen. Die Wissenschaften, welche am stärksten in Paris getrieben werden, sind die Beredsamkeit, die Dichtkunst und die Geschichte. In ihren Briefen und Reden sehen sie nicht so sehr auf die Ausschmückung und Zierlichkeit der Worte als auf die Wichtigkeit der Sachen. Denn die französische Sprache ist zu zweideutigen geschmückten Redensarten gar nicht geschickt. Weil aber die Sprache so sauber und rein ist, so können die Franzosen in Heldengedichten, die eine pathetische Schreibart erfordern, den Engländern und Italienern nicht gleichkommen. Aber in der Historie übertreffen sie alle andre Völker. Die Schriften der Franzosen sind überaus schön, und wenn sie so frei schreiben dürften als die Engländer, so würden ihre Arbeiten die allervollkommensten sein. Frankreich hat auch die allergrößten Philosophen hervorgebracht. Weil es ihnen aber unmöglich ist, sich lange bei einer Sache aufzuhalten, so dringen sie selten in das innere Wesen eines Dinges. Und daher ist auch das Sprichwort entstanden: Wenn ein Franzose einer Sache etwas mehr und ein Engländer etwas weniger nachdächte, so wären sie beide in allen Stücken vollkommen. Ein hurtiger Begriff und die Gegenwart des Geistes bei allen Zufällen, presence d'esprit, ist diejenige Tugend, welche bei dieser Nation am meisten hervorleuchtet. Ein Franzose begreift eine Sache schnell und verrichtet seine Geschäfte mit einer großen Hurtigkeit. Desfalls sind sie auch in solchen Dingen, die keinen Aufschub leiden, ganz unvergleichlich zu gebrauchen. Die Gegenwart des Geistes ist bei unvermuteten Zufällen und Begebenheiten, da man nicht viel Zeit übrig hat, sich zu bedenken, was man tun soll, von einem ungemeinen Nutzen; nirgends aber ist sie unentbehrlicher als in einer Feldschlacht, wo man öfters im Augenblicke nach den sich ereignenden verschiedenen Umständen einen Entschluß fassen muß. Und weil die Franzosen hierin sehr vieles vor andern Völkern voraushaben, so sieht man leicht die Ursache ein, warum Frankreich mehr große Generals aufweisen könne als beinahe das ganze übrige Europa. Obgleich auch die Vorsichtigkeit und eine scharfe Einsicht von einem General erfordert werden, so wird er sich doch gewiß eine noch größere Hochachtung und Bewunderung erwerben, wenn man die Gegenwart des Geistes bei ihm wahrnimmt, die insonderheit in dem hitzigsten Gefechte nötig ist. Ein kluger Mann siehet ein Unglück vorher; aber einem unvermuteten Unglücke geschwinde und kühn entgegengehen und in einem Augenblicke die Sachen, welche sehr schlecht stunden, wieder auf einen guten Fuß setzen, das übersteigt fast die Kräfte eines Menschen. In solchen Sachen aber, wo es lediglich auf die Urteilskraft ankommt, reichen die Franzosen, wie einige glauben, nicht an die Vollkommenheit verschiedener benachbarten Völker. Denn durch ebendieselbe Fertigkeit, mit welcher sie allerhand Unruhen zu stillen vermögend sind, verwirren sie auch öfters solche Sachen, welche bereits in Ordnung gebracht waren, und sie haben die Verdrießlichkeiten, woraus sie sich mit vieler Geschicklichkeit befreien, öfters ihrer eignen Unvorsichtigkeit zuzuschreiben. Ich bewundere diejenigen, welche von einem sehr steilen Berge ohne Schaden heruntersteigen; aber diejenigen lobe ich noch weit mehr, die ohne Not nicht hinaufsteigen. Wenn die französische Hurtigkeit mit der spanischen Langsamkeit verbunden wäre, so würde alles besser vonstatten gehn, aber man findet beides sehr selten in einer Person vereiniget. Denn die Franzosen können keinen Verzug oder Aufschub leiden, und was sie wollen, das soll in einem Augenblick geschehen. Daher ist auch das artige Sprichwort entstanden: Wenn man will, daß ein Franzose die Wahrheit sagen soll, so darf man ihn nicht durch allerhand Marter dazu bringen. Man darf ihm nur ein Pferd geben, welches sehr langsam geht und nicht aus der Stelle kommen kann. Die Franzosen sind so sehr zum Umgang mit andern geneigt, daß sie diejenigen, welche die Einsamkeit lieben, nur für halbe Menschen ansehen, und sie zum Spott Philosophen oder Nachteulen nennen. Daher lieben sie auch das Hofleben, obgleich solches mit der größten Gefahr und mit sehr vielen Beschwerlichkeiten verbunden ist. Wenn sie demnach vom Hofe entfernt und in der Einsamkeit zu leben gezwungen werden, so halten sie dieses für einen großen Schimpf und glauben, daß diese Lebensart von einer stetswährenden Gefangenschaft nicht unterschieden sei. Mehr will ich von den Franzosen nicht beibringen. Ich will mich nun über das Meer zu den Engländern wenden, deren Gemütsart mir vollkommen bekannt ist. Die Engländer sind weder Engel noch Teufel. Denn diese Nation hält in keinem Dinge die Mittelstraße. Die Tugendhaften sind bei ihnen im höchsten Grad tugendhaft, und mit den Lasterhaften ist es ebenso beschaffen. Es leiden die Laster und Tugenden bei diesem Volke gar keine Zusätze. Es ist kein Reich, welches so viele Exempel, sowohl von heroischen und vollkommenen Tugenden, als auch von so schändlichen Verrätereien aufweisen kann. Bisweilen wagen die Stände des Reichs alles für die Wohlfahrt des Vaterlandes, und bisweilen verraten sie alles. Religion, Unglaube, Eifer, Nachlässigkeit, Gelehrsamkeit, Unwissenheit, Arbeitsamkeit, Trägheit, Tugenden, Laster, alles kommt in diesem Reiche aufs höchste und zur völligen Reife. Und wenn man hier einige edle Neigungen nicht genug loben kann, so kann man an der andern Seite einige lasterhafte Eigenschaften nicht genug tadeln. Man wird dieses aufs deutlichste erkennen, wenn ich alles ordentlich auseinandersetzen und erzählen werde. Man findet keine Nation, welche müßiger und nachlässiger, aber doch auch zugleich arbeitsamer wäre. Die Engländer, welche der Faulheit und Trägheit ergeben sind, können weder durch Hunger, noch durch andre Strafen dahin gebracht werden, daß sie arbeiten und zu dem Ende einen Fuß aus dem Hause setzen sollten. Man siehet deswegen auch Künstler und Handwerksleute in großer Armut in öffentlichen Gefängnissen sitzen, welche doch nicht nur ihre Schulden bezahlen, sondern auch ihr reichliches Auskommen haben könnten, wenn sie nur Hände und Füße rühren wollten. Die arbeitsamen Engländer aber wagen alles und lassen sich durch keine Beschwerlichkeit und Mühe abhalten. Sie durchstreichen fremde Reiche und Staaten, sie begeben sich mit der größten Lebensgefahr aufs Meer und dringen bis in die entferntesten Länder, sie greifen alles an, es mag möglich oder unmöglich sein, sie suchen solche Dinge durchzutreiben, welche andre nicht einmal versuchen wollen, und dieses alles zu dem Ende, daß sie entweder ihre Neugierde befriedigen oder auch etwas gewinnen mögen. Daher sagt man auch von den Engländern, daß sie entweder durch ihre eigne Nachlässigkeit umkommen oder wegen der gar zu sehr übertriebenen Arbeit sterben. In Absicht auf die Wissenschaften halten sie ebensowenig die Mittelstraße. Sie verwerfen entweder durchgehends alles, Bücher und Wissenschaften, oder sind dem Studieren so eifrig ergeben, daß sie Tag und Nacht damit zubringen, und suchen ihren Verstand so sehr zu schärfen, daß sie denselben öfters darüber gar verlieren. Daher findet man fast keinen Ort, wo so viele gelehrte und ungelehrte Geistliche angetroffen werden als in England. Der Religion sind sie entweder mit dem aufrichtigsten Herzen ergeben oder sie fechten dieselbe auch mit der größten Bosheit an. Der Aberglaube, der Unglaube, ein fanatisches Wesen und die Gottesverleugnung haben wechselsweise die Herrschaft: denn man glaubt entweder gar nichts, oder man glaubt auch zuviel. Ihre Religion verwandelt sich bisweilen in den Aberglauben, und die Ungläubigen werden nicht selten Naturalisten. Die Römisch-Katholischen unter ihnen sind in ihrer Religion weit eifriger als die Spanier und Italiener und tragen kein Bedenken, für den römischen Papst Leben, Güter und Ehre aufzusetzen, ja ihr Vaterland selbst zu verraten. Welche aber einer andern Religion beipflichten, die setzen den Papst und den Teufel in eine Klasse. Sowohl die Liebe als der Haß haben bei ihnen keine Grenzen. Der gar zu heftige Eifer und die gar zu große Nachlässigkeit in Absicht auf die Religion verursachen gleichfalls, daß dieselbe nirgends heftiger angefochten, aber auch nirgends eifriger verteidiget wird. Es ist daher offenbar, wie sehr die Skribenten in der Abbildung dieser Nation irren, indem sie dem ganzen Volke solche Tugenden und Laster beilegen, welche nur von einem Teile desselben können gesagt werden. Denn die englische Nation verdient, die beste und auch zugleich die schlimmste unter allen andern genannt zu werden. Andre Völker haben gleichfalls ihre Tugenden und Laster, aber sie halten in beiden mehr Maße, und sie gelangen auch bei ihnen zu keiner so großen Reife. Denn die meisten beobachten die Mittelstraße so wohl, daß man selbst nicht weiß, zu welcher Klasse man sie rechnen soll. Es sind dennoch einige Eigenschaften, welche der ganzen englischen Nation können beigelegt werden. Sie sind fast alle von der Eigenliebe so sehr eingenommen, daß sie alles, was ausländisch ist, verachten. Man kann ihnen aber diese Eigenliebe um soviel leichter verzeihen, wenn man die Glückseligkeit, den Reichtum, die Fruchtbarkeit und andre herrliche Vorzüge bedenkt, womit die Natur dieses Land begabt hat. Die Männer sind insgemein unerschrocken, und das Frauenzimmer ist schön. Jene regieren außerhalb des Hauses, diese aber im Hause. Die Engländer, welche sonst die Herrschaft über andre Völker zu behaupten suchen, unterwerfen sich geduldig dem Joche ihrer Weiber und sind hierin den Löwen ähnlich, welche einem jeden unerschrocken entgegengehen, aber sich für einer Maus fürchten. Man hat vor einiger Zeit einen Herzog gesehen, dessen bloßer Name den größten Teil Europens zittern machte, welcher sich aber von seiner Gemahlin in allen Stücken regieren ließ. Und man hat dieses nicht nur an diesem großen Helden bemerkt, sondern auch fast bei allen andern Engländern wahrgenommen. Die Engländer begreifen eine Sache nicht so schnell als die Franzosen, aber ihr Urteil ist gründlicher. Sie reden wenig, aber was sie reden, das ist vorher von ihnen wohlüberlegt worden. In der Beredsamkeit haben sie es am höchsten gebracht, und sie sind die einzigen zu unsern Zeiten unter allen Völkern in Europa, welche den alten Griechen und Römern in der Beredsamkeit nachahmen und sie erreichen. Die Reden, welche in andern Ländern gehalten werden, sind zwar geschmückt und wohlausgearbeitet, aber doch ohne Kraft und Nachdruck. Denn weil die Redner nicht die Freiheit haben, zu reden, was sie wollen, so können sie ihre Reden bloß durch die Zierlichkeit angenehm machen. Aber die englischen Reden, welche in den Parlamentshäusern gehalten werden, sind vollkommen nach den Mustern der alten Reden eingerichtet. Es werden die wichtigsten Dinge darin vorgetragen, und sie zielen eben, wie die alten griechischen und römischen Reden, auf die Republik und auf den Staat. Die Redner füllen dieselben nicht mit unnützen Worten, noch mit vielen scharfsinnigen und weitgesuchten Stellen und Aussprüchen an; und sie dürfen auch dazu um soviel weniger ihre Zuflucht nehmen, je reicher die Materie ist, von welcher sie reden. Daher trifft man auch in England solche Redner an, die diesen Namen mit Recht verdienen. Ebendieselbe Freiheit, welche sie im Reden und Schreiben haben, verursachet auch, daß sie in solchen Schriften, welche die Moral und Religion angehen, andre Völker übertreffen. In der Historie aber hält man die Franzosen für stärker. Denn obgleich die Engländer aus Furcht die Wahrheit nicht verhehlen dürfen, so beobachten sie doch öfters die Ordnung nicht, und ihre Historien kann man eher Chroniken nennen, die bloß dasjenige erzählen, was vorgefallen ist, als daß man sie mit dem Namen wohlabgefaßter und zusammenhangender Geschichte belegen sollte. Und weil in England fast beständig allerhand Parteien sind, so wird die Wahrheit öfters dadurch unterdrückt. Den Ursprung der englischen Sprache erzählet man folgendermaßen: Der Teufel habe alle alte und neue Sprachen in einen Topf geworfen, und wie der Topf zu kochen angefangen, so habe er aus dem Schaum die englische Sprache zusammengesetzt. Man sieht leicht, daß diese Fabel von den Verächtern dieser Sprache erdichtet worden, welche die englische Sprache für keine eigentliche und besondre Sprache, sondern für eine Vermischung aller andrer Sprachen halten. Da aber dieser Schaum eine Sammlung von allen andern Sprachen ist, so fehlt es den Engländern auch nicht an Wörtern, sondern sie können alles nett, hinlänglich und vollständig ausdrücken. Diesen Reichtum der Sprache, welcher mit dem erhabnen Geiste der Engländer verbunden ist, haben wir den allervortrefflichsten Heldengedichten zu danken. Denn nach dem Homer und Virgil hat es noch niemand so hoch gebracht als Milton und Pope. In Schauspielen aber kommen sie den Franzosen nicht gleich, weil sie hierin einen besondern Geschmack haben, der andern Nationen unangenehm ist. Wie der dänische Schauplatz noch hier im Flor war, so machte ich einen Versuch und übersetzte einige englische Komödien in die dänische Sprache, aber es fand niemand einen Gefallen daran. Es mangelt ihnen zwar nicht an Scherz und lustigen Einfällen, aber es fehlt die rechte Munterkeit, welche die Seele eines Schauspiels ist. Da die Engländer sehr tief und gründlich eine Sache zu überlegen gewohnt sind und lieber ihren Verstand verlieren, als daß sie den Satz, worauf sie einmal gekommen sind, sollten fahrenlassen, so kann man England eine rechte Schule der Weltweisheit nennen. Ihre Philosophen sind nicht nur wegen ihrer Lehre, sondern auch wegen ihres Lebens ansehnlich und verehrungswürdig, denn sie suchen die Menschen ebensowohl durch ihre Sätze als durch ihren Wandel zu bessern und zu unterrichten. Sie sind also von den alten Philosophen, welche sie in Lehre und Leben zu Mustern nehmen, allein dadurch unterschieden, daß sie sich ihnen in der Kleidung, im Hochmut und in lächerlichen Gebärden nicht gleichstellen. Man kann also von den Engländern sagen, daß man daselbst Weltweise, aber ohne Mantel und Bart, antrifft. Es ist einem jeden bekannt, wieviel die Engländer in der Mathematik und in der Moral geleistet haben, und die großen Beispiele eines recht philosophischen Lebens werden auch noch von den Nachkommen bewundert werden. Man muß demnach England mit dem größten Rechte den Ruhm beilegen, daß es wahre Helden und Philosophen hervorgebracht. Ihr Geschmack in gelehrten Sachen hat sich mit den Zeiten öfters geändert, und Blackmore berichtet uns folgendes davon: In alten Zeiten lasen meine Landsleute mit großer Begierde die abgeschmacktesten Fabeln von Riesen, Mißgeburten und irrenden Rittern. Hiernächst funden sie an zweideutigen Wörtern und ferner an solchen Redensarten einen Gefallen, die auf Schrauben gesetzt waren. Hierauf liebten sie eine fließende Schreibart und wohlausgesonnene Gleichnisse, und endlich haben sie eine gründliche Gelehrsamkeit ohne Schminke angenommen. Und gewiß, die hochtrabenden Redensarten, woran die englischen Geistlichen vorher einen so großen Gefallen funden, sind ihnen nunmehr aufs höchste verhaßt, und sie lassen sich nur bloß angelegen sein, die rechte und wahre Meinung des Textes zu erforschen. Daß die Gelehrten in England es in den Wissenschaften so weit bringen können, solches ist den großen Belohnungen und Ehrenbezeugungen zuzuschreiben, womit dorten ihr Fleiß aufgemuntert und ihre Mühe belohnt wird. Staatsräte, Minister, Generals, ja die Könige selbst halten es nicht für unanständig, Bücher herauszugeben und die Zahl der Skribenten zu vermehren. Vor kurzer Zeit ward der berühmte Newton mit königlicher Pracht zur Erden bestattet, da die Vornehmsten des Reichs selbst ihn zu Grabe trugen. Und wie ehedem Burnet seine Reformationshistorie zustande gebracht hatte, so erhielte er von dem ganzen Parlament desfalls eine feierliche Danksagung. Da man also die Wissenschaften hier so hoch schätzt, so darf man sich nicht wundern, daß die Engländer sich den Vorzug in den Künsten und Studien zueignen, welche recht ihren Wohnplatz auf der Insel aufgeschlagen haben. Außerdem läßt sich auch keine Nation weniger durch Vorurteile einnehmen als die englische. Der Verstand der Engländer ist einer glatten und reinen Tafel ähnlich und nimmt mit leichter Mühe an, was mit der gesunden Vernunft übereinkommt, da im Gegenteil die Gewohnheit und das Herkommen so stark bei andern Völkern herrschen, daß dieselben bei ihnen bereits zur andern Natur geworden. Wenn man einen Spanier von der Wahrheit eines Satzes überzeugen will, so muß man ihm erstlich die alten Vorurteile benehmen. Man muß also eine doppelte Arbeit anwenden und die alten Irrtümer ausrotten, ehe man neue Wahrheiten an deren Stelle setzen kann. Sobald aber die Engländer etwas hören, was ihnen ungewohnt vorkommt, so ergreifen sie dasselbe alsobald. Sie untersuchen es, und wenn sie es für gut befunden haben, so nehmen sie es an und lehren es öffentlich. Daher rührt der große Unterscheid der Meinungen, den man bei ihnen in geistlichen, moralischen und politischen Sachen wahrnimmt. Die Engländer glauben nichts, als was sie begreifen können, und was sie begriffen haben, das bekennen sie frei. Und da die Freiheit zu denken durch kein Gesetz eingeschränkt ist, so trifft man hier so viele Atheisten als andern Orten Heuchler an. Vielleicht ist die Anzahl der Atheisten in Italien größer; aber sie scheint doch kleiner zu sein, weil die meisten unter der Decke der Gottesfurcht verborgen liegen. In England ist es sehr leicht, die Frommen von den Gottlosen zu unterscheiden. Wer in England gottselig zu sein scheinet, der ist es auch in der Tat, welches in den meisten andern Ländern sehr schwer zu behaupten ist, wo man aus Furcht vor der Strafe seine wahre Meinung verhehlet. Hier kann man die rechtschaffenen Bürger von den übelgesinnten Untertanen mit leichter Mühe unterscheiden: Ein Bürger, welcher redlich zu sein scheint, der ist es auch wirklich, und auf denselben kann sich die Obrigkeit sicher verlassen. Dies sind die Früchte der englischen Freiheit, welche zwar einige Beschwerlichkeiten, aber doch noch einen viel größern Nutzen mit sich bringt. Gegen die Irrenden bezeugen sie eine große Sanftmut; nur für diejenigen haben sie einen Abscheu, welche in geringen Dingen fehlen. Denn ob sie gleich Juden, Türken und Heiden dulden, so verfolgen sie doch diejenigen aufs heftigste, welche einer andern Meinung in gewissen Gebräuchen oder andern gleichgültigen Dingen beigetan sind. Wenn man deswegen im Friede leben und unter die rechtschaffnen Bürger gerechnet sein will, so muß man entweder vollkommen orthodox oder ein vollkommener Ketzer sein. Ein mittelmäßiger oder geringer Irrtum kann einem sehr leicht Haß und Verfolgung zuziehen. Hingegen kann man eines ungestörten Friedens genießen, wenn man entweder nichts oder alles glaubt. Jedoch, dieses Laster ist der englischen Nation nicht allein eigen, ob man es gleich am meisten bei derselben wahrnimmt. Man sieht, daß dasselbe auch bei andern Völkern herrschet. Ein Türke haßt einen Persianer weit heftiger als einen Christen oder als einen Juden. Ein Katholik verfolgt einen Jansenisten weit eifriger als einen Anhänger des Calvins. Ja, man bemerkt, daß unter verschiednen Orden der Mönche ein geistlicher Haß aufs heftigste regieret. Die Geistlichen leben hier weit freier als an andern Orten: denn sie halten es nicht für unanständig, sich täglich auf dem Schauplatz und in den Kaffeehäusern einzufinden. So frei aber auch ihre Lebensart ist, so ernsthaft, erbaulich und anständig ist ihr Bezeigen bei ihren Predigten. Sie stehen auf dem Predigtstuhl ganz unbeweglich und mit niedergesenkten Angesicht und erklären den Text überaus gründlich und erwecklich. Sie sind in diesem Stücke ganz von den Predigern jenseits des Meers unterschieden, welche heftige Bewegungen auf der Kanzel machen, sich hin- und herwenden, die Glieder verdrehen und durch ihre theatralische Gebärden die Zuhörer weit eher zum Lachen als zum Seufzen bewegen. Man tadelt es zwar an den Engländern, daß sie ihre Predigten vom Papier herlesen, aber damit ist dieser Nutzen verbunden, daß ihre Predigten zusammenhangen und man nicht einerlei sechzehnmal höret. Es wurden meine Ohren nicht wenig durch die erste Predigt beleidiget, welche ich nach meiner Zurückkunft aus England hörte. Ich war eines gründlichen und wohlzusammenhangenden Vortrags gewohnt. Hier aber hörte ich unzählige Wiederholungen und bemerkte, daß der Prediger alles in einer Viertelstunde hätte sagen können, womit er eine ganze Stunde zubrachte. Zwischen den Engländern und Franzosen kann man folgende Vergleichung anstellen: Die Franzosen reden, und die Engländer denken am meisten. Jene haben mehr Witz, diese eine reifere Beurteilungskraft. Die Franzosen kleiden sich prächtiger, die Engländer aber saubrer. Jene essen nichts als Brot, diese nichts als Fleisch. Beide sind hitzig, aber das Feuer der ersten rührt von dem Blute, und die Hitze der andern von der Galle her. Deswegen ist der Zorn der Franzosen stärker, aber der Haß der Engländer ist von einer längern Dauer. Jene verzehren ihr Vermögen durch die kostbaren Kleidungen, diese aber durch Verschwendung im Essen und Trinken. Die Franzosen lassen sich durch die Mode, die Engländer durch ihre Phantasie regieren. Jene lassen sich ohne Überlegung mit dem Strome hinreißen, diese aber schiffen immer gegen den Strom. Die Franzosen stiften am geschwindesten, die Engländer aber am langsamsten Freundschaft. Jene brechen dieselbe am ehesten, diese aber am spätesten. Denn das Freundschaftsband, welches die Engländer nach und nach auflösen, reißen die Franzosen auf einmal ab. Ferner ehren die Franzosen ihre Oberherren, die Engländer aber sich selbst am meisten. Jene sind die besten Bürger, diese die besten Menschen. Jene haben eine größere Übung, diese aber sind ihnen an Gemütsgaben überlegen. Beide üben öfters heroische Tugenden aus. Jene aus der Ursache, sich ein Ansehen zu erwerben, diese aber aus Liebe zur Tugend. Jene suchen die Belohnungen in dem Beifall des Volks, diese aber in der Tat selbst. Ebenso ist es mit den Lastern beider Nationen beschaffen. Sie begehen beide Fehler. Jene aus Hoffnung eines Gewinnstes oder aus Begierde, sich zu rächen, oder aus andern Ursachen. Diese aber sündigen bloß darum, daß sie sündigen mögen. Die Franzosen haben dieses mit andern Nationen gemein, daß sie sündigen in der Hoffnung, daß es ungestraft vorbeigehen werde. Aber die Engländer sündigen öfters, weil sie wissen, daß es nicht ungestraft bleiben wird. Die Schärfe des Gesetzes, welche jene von Ausschweifungen abhält, treibt diese vielmehr dazu an. Und wenn ein Franzose sagt: Ich wollte dieses oder jenes gerne tun, wenn es nicht im Gesetz verboten wäre, so sagt ein Engländer: Ich würde nicht sündigen, wenn es nicht im Gesetze verboten wäre. Die Franzosen entziehen ihrem Leibe nichts, und die Engländer noch viel weniger. Jene aber essen, damit sie leben mögen, diese aber leben, damit sie essen mögen. Die Franzosen finden an künstlich zubereiteten Speisen einen Gefallen, die Engländer essen viel lieber solche Gerichte, die ohne Kunst zubereitet, aber dabei zugleich kräftig sind. Jene folgen in Zurichtung der Speisen allein ihren Einfällen, diese allein ihrem Magen. Die Franzosen trinken, um den Durst zu löschen oder ihren Geist aufzumuntern. Die Engländer trinken öfters bloß in der Absicht zu trinken. Die Franzosen glauben alles, ehe sie es untersucht haben, die Engländer untersuchen alles, ehe sie etwas annehmen. Das französische Frauenzimmer lebt frei, obgleich ihre Männer gar nicht eifersüchtig sind, das englische Frauenzimmer lebt noch viel freier, obgleich die Männer aus Eifersucht rasen. Die Einbildungskraft ist bei beiden Nationen fruchtbar, doch dieselbe ist bei den Franzosen mehr in Ordnung gebracht als bei den Engländern, welche öfters aus den Schranken weichen. Daher herrscht in den Schriften der Franzosen mehr Anmut und Scherz, die Engländer schweifen in ihren Schriften öfters aus. Die Franzosen leben größtenteils kümmerlich und im Elende, und dennoch haben sie das Leben lieb, die Engländer haben alles im Überflusse und hassen dennoch das Leben. Denn man darf sie nicht nach dem Gerichtsplatz schleppen, sondern sie laufen aus freien Stücken dahin und gehen dem Tode mit Lachen, Singen und Scherzen entgegen. Ja, wenn der Scharfrichter fehlt, so hängen sie sich öfters selbst auf. Es ist also sehr leicht zu begreifen, warum zwischen diesen beiden Völkern ein beständiger Haß herrscht, weil ihre Gemüter und Sitten so sehr voneinander unterschieden sind. Man siehet gleichfalls hieraus, daß die englische Nation sehr viel Besonderes an sich hat. Man bemerkt an derselben sehr viele Umstände, welche man bei andern Völkern nicht antrifft und über welche man sich billig wundern muß. Sollte jemand mir den Einwurf machen, daß ich die Tugenden und Laster dieses Volks gar zu großgemacht, der wird bedenken, daß man bei einem solchen Volke, welches niemals die Mittelstraße gehet, auch den Mittelweg nicht treffen kann. Nun will ich mich wieder auf das feste Land zurückbegeben und eine Abbildung von einigen Völkern mitteilen, die der Natur gemäßer leben. Außer den Franzosen und Engländern habe ich auch mit den Holländern, Deutschen und Italienern Umgang gehabt. Den Holländern ist die Natur nicht günstig gewesen. Sie wohnen an sumpfigen Örtern, und in einem kleinen Lande hält sich eine unzählbare Menge von Menschen auf. Ja, man kann nicht einmal sagen, daß die Natur ihnen das Land verliehen, welches sie bewohnen, sondern sie haben es selbst zubereitet. Daher sagt auch jener Dichter scherzhaft: Tellenim fecere dii sua littora Belgae . Tellerum fecere...: Das Land schufen die Götter, ihre Gestade die Niederländer. (Neulateinisch) Und überdem bringt dieses kleine Stück Landes, welches nicht hinlänglich ist, den hundertsten Teil der Einwohner zu ernähren, nichts als Stroh und Gras hervor. Auch in Austeilung der Gemütsgaben hat sich die Natur nicht gar zu freigebig gegen sie erwiesen. Denn sie können weder im Witze noch in der Beurteilungskraft mit den Franzosen und Engländern verglichen werden. Jedoch bei dieser allgemeinen Unfruchtbarkeit und Armut verdient doch Holland, die allerreichste und allerweiseste Republik genannt zu werden. Denn was ihnen die Natur versagt hat, das kann ihr Fleiß überflüssig ersetzen. Ein jedes Land pflegt seine Vorzüge zu rühmen. Holland hat nichts aufzuweisen und besitzt doch alles. Andre Völker erheben sich wegen ihrer Tugenden und großen Gemütsgaben. Die Holländer sind ihnen freilich in diesem Stücke nicht zu vergleichen. Indessen richten sie doch mehr aus und bringen viel größere und nützlichere Werke zustande, als andre mit ihrer großen Scharfsinnigkeit zu bewerkstelligen vermögend sind. Andre vollführen solche Werke, die einen größern Schein haben und mehr ins Auge fallen. Die Holländer aber richten solche Dinge aus, die wirklich groß sind. Jene bringen bewundernswürdige Dinge zustande, welche aber oft von keinen Nutzen sind. Die Holländer aber bewirken solche Anstalten, die jederzeit nützlich sind, aber ohne großes Geschrei und ohne viele Bewunderung. Jene laufen schnell, diese aber kriechen nur und erreichen das Ziel dennoch eher als die andern. Jene haben einen Überfluß an außerordentlichen Gemütsgaben und irren öfters, diese sind nicht so reichlich damit versehen und fehlen nicht so ofte. Man sagt, daß die Holländer nichts Neues erfinden können, sie sind aber in der Nachahmung solcher Dinge überaus glücklich, die von andern bereits erfunden worden, und wenn sie bisweilen das Original nicht recht treffen, so gerät ihnen öfters die Kopie besser als das Original selbst. Denn sie sind nicht nur überaus geschickt, allerhand Künste und Wissenschaften anzunehmen, sondern sie verbessern solche auch und suchen sie vollkommener zu machen, daß man also mit Recht von ihnen sagen kann: Omnia conando docilis solertia vincit. Omnia conando...: Alles versucht und alles überwindet gelehrige Geschicklichkeit. (Manilius, Astronomica I, 95) Sie haben die Moräste, worin sie wohnen, und die sumpfichten Örter in ein rechtes Paradies verwandelt, welches mit den schönsten Städten und Gebäuden pranget. Und hiedurch haben sie zur G[e]nüge bewiesen, was ein unverdrossener Fleiß auszurichten vermögend ist. Wohin man nur die Augen wendet, da erblickt man Dinge, welche man nicht sehen kann, ohne sie zugleich zu bewundern. Wie desfalls vor einigen Jahren ihre Dämme von den Würmern zerfressen wurden, so war ich sehr bekümmert, daß dieses Land, welches als eine Zierde und Schmuck der ganzen Welt anzusehen ist, Schaden leiden und endlich ganz abnehmen möchte. Durch Fleiß und Mühe ist diese Republik entstanden und auch bisher dadurch im Flor und Wachstum erhalten worden. Sollten die Holländer einmal anfangen, faul und nachlässig zu werden, so kann ihre Republik nicht lange bestehen. Einige legen den Holländern viel Witz bei und schließen solches aus den vielen Satiren und scharfsinnigsten Sinngedichten, welche jährlich bei ihnen in großer Anzahl zum Vorschein kommen. Aber in ihren Reden und Schriften herrscht mehr die Freiheit als der Witz, welches man leicht einsehen kann, wenn man die stachlichten Verse der Franzosen und Engländer mit den holländischen Stachelgedichten vergleicht. Und man kann hier sagen: Quos natura negat, facit ecce! licentia versus . Quos natura negat...: Die Natur versagt ihnen die Gabe des Versemachens, aber siehe, die Freiheit lehrt sie's. (Nach Juvenal, Satiren I, 79) Diese freie Schreibart, deren sich die Holländer bedienen, wird öfters mit der Scharfsinnigkeit verwechselt, und die Holländer verdienen den Charakter nicht, den man ihnen beilegt. Die holländische Sprache aber macht dennoch ihren Scherz angenehm, denn dieselbe ist natürlich, ungeschminkt und artig und weit geschickter zu scherzhaften Ausdrücken und Lustspielen als zu ernsthaften Dingen und Trauerspielen. Ich machte vor einigen Jahren einen Versuch, was meine Komödien für einen Beifall finden würden, wenn sie in die holländische Sprache übersetzt wären. Ich ließ deswegen den ›politischen Kanngießer‹ in die deutsche und holländische Sprache übersetzen. Die deutsche Übersetzung schien mir matt und ohne Nachdruck zu sein; die holländische Übersetzung aber übertraf das Original selbst. Aber in ernsthaften und erhabenen Dingen klingt diese Sprache gar nicht und kann den Zuhörer eher zum Lachen bringen als die Affekten bei ihnen rege machen, welches man mit sehr vielen Beispielen aus den holländischen Trauerspielen beweisen kann. Die Sprachlehrer dieses Landes haben sich sehr viele Mühe gegeben, die holländische Sprache auszubessern und zu schmücken; aber sie geben sich ohne Zweifel gar zu viele Mühe in diesem Stücke. Denn, indem sie die Sprache zu reinigen suchen, so machen sie dieselbe zugleich unverständlich. Alles, was aus fremden Sprachen entlehnet ist, das sondern sie aus, und wenn es ihnen an holländischen Wörtern fehlet, die sie an deren Stelle setzen können, so erfinden sie täglich neue. Die philosophischen und grammatikalischen Wörter sind nebst den Kunstwörtern allen und jeden bekannt, weil sie von allen Nationen angenommen worden. Aber diese werden auf das sorgfältigste ausgesucht und vermieden, damit die Reinigkeit der holländischen Sprache dadurch nicht möge befleckt werden. Jedoch, dadurch füllen sie, anstatt der alten und bekannten Wörter, die Sprache mit unbekannten Ausdrücken und Redensarten an. Wenn sie zum Exempel Praesens, Praeteritum, Futurum, Nominativus, Genitivus, Subiectum, Obiectum auf holländisch geben wollen, so müssen sie erstlich neue Wörter erfinden, wodurch diese Sprache, auch den Holländern selbst, unverständlich wird. Man siehet hieraus, daß die Sprachlehrer dieses Landes sich allein damit beschäftigen, daß sie nichts tun oder vielmehr, daß sie neue Mißgeburten hervorbringen mögen. Man muß sich billig wundern, daß man in der grammatikalischen Republik keine fremden Wörter dulden will, da man doch in dem geistlichen und weltlichen Staat so mitleidig und gütig ist, daß man kein Bedenken trägt, allen Sekten, ja fast allen Tieren das Bürgerrecht zu erteilen und den Aufenthalt zu verstatten. Ja, es ist seltsam, daß Holland, welches ein gemeinschaftliches Vaterland aller Nationen ist, einige Wörter und Redensarten aus seinen Grenzen verbannet, welche doch von allen Völkern angenommen worden. Von den Holländern kann man mit Recht sagen: Parcum genus est, patiensque laborum Quaesitique tenax, et quod quaesita reseruat . ... parcum genus est...: Ein sparsames Geschlecht ist's, ausdauernd in Arbeit, eifrig bedacht auf Erwerb und wohl das Erworbene bewahrend. (Ovid, Metamorphosen VII, 656 f.) Da die Republik zuerst ihren Anfang nahm, so wurden sie gezwungen, arbeitsam zu sein, und dieses ist bei ihnen nunmehro schon zur Natur geworden. Denn die Holländer sind unter allen andern Völkern am fleißigsten und entziehen sich keiner Arbeit. Einige tadeln die Sparsamkeit der Holländer, einige aber loben dieselbe. Die ersten sagen, die Holländer wären dem Tantalus ähnlich und litten bei einem so großen Überfluß dennoch Hunger und Durst. Die andern aber führen zu Behauptung ihres Satzes an, daß die Republik durch Fleiß und Sparsamkeit zugenommen und durch dieses einzige Mittel auch nur könne erhalten werden. Denn, da andre Völker sich mit dem bereichern, was ihr Land hervorbringt, so können sich die Holländer allein von der Frucht ihrer Arbeit bereichern. Indessen findet man doch einige unter ihnen, welche gar keine Maße halten, sondern sich gar zu viel um das Zukünftige bekümmern und daher ihrem eignen Leibe die nötige Pflege entziehen. Was von dem Fleiße und der Unverdrossenheit der Holländer beigebracht worden, solches kann man auch von ihrer so sehr gerühmten Reinlichkeit sagen. Die Beschaffenheit des Landes und der Luft erfordert, daß sie sich der Reinlichkeit befleißigen müssen. Aber hierin halten sie keine Maße. Da sie nicht auf die Erde speien wollen, so besetzen sie ihre Tische mit Speitöpfen, welches bei den Fremden einen großen Ekel verursacht. In dem Gebrauch des Rauchtobaks, wozu die Holländer gezwungen sind, gehen sie auch zu weit. Weil sie in Morästen wohnen und die Luft bei ihnen immer sehr dick und neblicht ist, so glauben sie, daß der Rauchtobak ihnen sehr dienlich sei. Aber sie überschreiten in diesem Stück alle Grenzen. Wenn man in ein Haus kommt, so kann man wegen des starken Tobaksdampfs nicht einen Schritt weit sehen. Wenn es deswegen auch in Holland, wie in Amerika, gebräuchlich wäre, Menschenfleisch feilzubieten, so könnte man das Fleisch der Holländer als geräuchertes Fleisch verkaufen. Die Holländer lassen sich so wenig von ihren Affekten regieren, daß die holländische Kaltsinnigkeit bereits zu einem Sprüchwort geworden. Einige tadeln diese Gleichgültigkeit an ihnen, weil die menschlichen Leidenschaften, als Zorn und Liebe, gleichsam die Tugend anspornen und unterhalten. Aber daher rührt es auch, daß weder Tugenden noch Laster bei dieser Nation zur Reife kommen. Die Holländer üben keine heroische Tugenden aus, aber dagegen wissen sie auch nichts von Eifersucht, Rachbegierde und andern bösen Neigungen, womit andre Völker geplagt werden. Das Frauenzimmer ist daselbst sehr keusch, und man bemerkt an ihnen noch viel Spuren von der alten Schamhaftigkeit und Einfalt. Niemals sieht man daselbst, daß die Jugend die Liebe zu hoch treiben und entweder den Verstand darüber verlieren oder sich das Leben nehmen sollte. Und aus ebenderselben Ursache werden die Streitigkeiten mehr durch das Gesetz als durch einen Zweikampf entschieden. Denn die Holländer halten es für ungereimt, ein erlittenes Unrecht mit Gefahr des Lebens zu rächen. Jedoch, in der Verwaltung der Republik und auf ihren Rathäusern zeigt sich die vortrefflichste Wirkung von dieser Kaltsinnigkeit. Es wird alles mit Bedacht und sehr reiflich überlegt. Wenn aber erstlich ein Schluß gefaßt worden, so wird derselbe ohne den geringsten Verzug in Erfüllung gebracht. Und man weiß nicht, ob man die Langsamkeit, womit sie eine Sache überlegen, oder die Hurtigkeit mehr bewundern soll, mit welcher sie alles zustande bringen. Die Ordnung, welche sie auch in den geringsten Dingen beobachten, setzt die Fremden in Verwunderung, ja fast in Erstaunen, und zwingt sie, daß sie die Verfassung dieser so wohleingerichteten Republik mit den billigsten Lobsprüchen erheben müssen. Indessen bemerkt man doch auch hin und wieder einige Fehler, aber dieselben sind zugleich mit der Republik entstanden und haben nachher nicht wieder abgeschafft werden können. Denn es ist bekannt, wie schleunig und bei welchen unruhigen Zeiten dieser Staat der vereinigten Provinzen gestiftet worden. Hier muß man auch zugleich bemerken, wie sehr der gemeine Mann in Holland irret, wenn er glaubt, daß die ganze Macht der Republik in seinen Händen sei, da doch derselbe von aller Verwaltung der Regierung völlig ausgeschlossen ist und das Regimentsruder sich allein in den Händen einiger wenigen Geschlechter befindet. Man kann die Holländer einigermaßen mit den Fröschen vergleichen und zu den Tieren zählen, die im Wasser und auf dem Lande leben können, denn sie halten sich ebensoviel auf dem Wasser als auf dem festen Lande auf. Mit den Verrichtungen, die sie auf der See haben, nehmen sie auch zugleich die Sitten der Seeleute an und sind größtenteils grob und unhöflich. Man findet zwar einige unter ihnen, welche die französischen Zierlichkeiten nachäffen wollen, aber da sie eine fremde Natur annehmen wollen, so büßen sie ihre eigne darüber ein und dienen nicht nur den Franzosen, sondern auch ihren eignen Landsleuten zum Gelächter, denn sie machen alles entweder verkehrt oder treiben es auch zu hoch. Insonderheit hat man diese angenommene, gezwungne Lebensart bei den Ambassadeurs und Abgesandten bemerkt, welches öfters Gelegenheit zu allerhand Spöttereien gegeben hat. Wie 1653 zweene Gesandten von Witt und von Wawern zu Lübeck ankamen, um einen daselbst angestellten Kongreß beizuwohnen, so ließen sie nach der bei andern Nationen eingeführten Gewohnheit den übrigen Gesandten ihre Ankunft melden. Zugleich aber entschuldigten sie sich, daß sie nicht gleich den Besuch von ihnen würden annehmen können, weil sie einige Tage brauchten, ihre Zimmer aufzuputzen und alles in Ordnung zu setzen, ehe sie die fremden Gesandten bei sich in ihrem Hause sehen könnten. Und wie ehedem Carl der II. den Herren Staaten vorrückte, daß sie ihm vieles nicht einräumen wollten, was sie doch dem Cromwell verstattet hätten, so antworteten sie: Es wären nun andre Zeiten, damals hätte ein großer Mann am Ruder gesessen, welcher allen schrecklich gewesen wäre. Aus dieser kurzen Abbildung, welche ich von dieser Nation gegeben habe, kann man zur Gnüge abnehmen, daß die Holländer ihrem Fleiße mehr als ihren Naturgaben zu danken haben, und daß sie durch ihre unermüdete Arbeit dasjenige ersetzen, was ihnen die Natur versagt hat. Wenn man auf die Gemütskräfte allein siehet, so trifft man bei diesem Volke gar nichts Besonderes oder Ausnehmendes an. Die Holländer haben zwar viele herrliche und so große Dinge zustande gebracht, daß man ihnen hierin sehr wenige andre Nationen an die Seite setzen kann. Aber es ist alles eine Frucht ihres Fleißes und ihrer Unverdrossenheit, wozu sie durch die Not getrieben worden. Ebendasselbe Urteil kann man auch von den Deutschen fällen. Auch diese kann man unter die Völker rechnen, welche auf eine vernünftige Art die Mittelstraße halten, denn sie gehen in keinem Dinge zu weit, wo es nicht im Essen und Trinken ist. Sie weichen sehr selten von der ordentlichen Bahn ab, sie gehen langsam zum Ziel und erreichen dasselbe glücklich. Ihre Tugenden sind selten heroisch. Sie sind tapfer, aber sie eilen dem Tode nicht wie die Engländer mit offenen Armen und auf eine vermessene Art entgegen. Sie lieben die Wissenschaften, aber sie sind denselben nicht so eifrig ergeben, daß sie darüber ihren Verstand verlieren. Sie sind arbeitsam, aber sie halten in ihrer Arbeit mehr Maße als die Holländer. Die Holländer arbeiten, damit sie sich einen großen Reichtum erwerben mögen. Aber die Deutschen haben bei ihrer Arbeit diesen Endzweck, so viel dadurch zu verdienen, daß sie anständig leben können. Jene ruhen niemals, diese aber setzen ihre Arbeit bisweilen auf einige Zeit aus. Desfalls sind die Tugenden und Laster, welche man an den Deutschen bemerkt, dem ganzen menschlichen Geschlechte gemein. Wenn man aber auf die Regierungsform, auf die Gesetze und auf einige Gewohnheiten sieht, so ist Deutschland unter allen Reichen am seltsamsten eingerichtet. Die Regierung wird auf eine solche Art geführet, daß man bei keiner Nation eine solche Verfassung antrifft. Es ist keine Monarchie und auch keine Aristokratie. Die Gewalt ist weder in den Händen der Vornehmsten noch der Bürger, und ebensowenig ist die Macht unter beiden geteilt. Wenn sich demnach jemand nach der Regierungsform in Deutschland erkundigen sollte, so muß man ihm antworten: Deutschland wird auf deutsch regiert. Ebendieses gilt auch von ihren Gesetzen, Rechten und Freiheiten. Viele sind mit Vorrechten und Freiheiten begabt, aber sie dürfen sich derselben nicht bedienen. Sie lieben Titel und leere Schatten. Sie machen sich mit Sachen und Gütern groß, welche unsichtbar sind: Sie machen Ansprüche auf andre europäische Reiche und Länder, die ihnen niemand einräumet. Sie nennen sich römisch und haben doch nichts mit den Römern gemein. Sie reden von der vierten Monarchie, welche noch in Deutschland blühen soll, andre aber glauben, daß man diese Monarchie allein in dem Gehirne der Deutschen suchen müsse. Denn die römischen Gesetze, deren sie sich bedienen, die Titel, die Redensarten, die Namen, welche sie führen und andre Dinge, die sie mit den Römern gemein haben, können ihnen kein Recht geben, dieses zu behaupten. Aber ich will diesen Streit nicht entscheiden und eine Benennung angreifen, welche schon seit undenklichen Jahren eingeführt worden. Die Deutschen scheinen wenigstens hieran gar nicht zu zweifeln, weil sie sich einige mit der vierten Monarchie verbundene Gerechtsame zueignen. Weil sie aber gar zu eifrig sind, die Sitten, Gebräuche und Schreibart der Römer nachzuahmen, so treiben sie die Sache gar zu weit. Jene pflegten nur ihre Bürger ins Elend zu jagen, diese aber erklären auch Fremde in die Acht. Jene verfuhren nur also gegen die Lebendigen, diese aber greifen auch die Verstorbenen an: Denn die Reichsacht erstreckt sich bisweilen auch auf die Toten. Die Römer pflegten insgemein drei Namen zu gebrauchen. Die Deutschen haben diese Gewohnheit auch angenommen, allein sie sind zu weit gegangen und lassen sich kaum an acht oder zehn Namen begnügen. Die Ordnung ist in der römischen Sprache verkehrt. Die Deutschen sind den Römern auch in diesem Stücke gefolgt und haben dadurch ihre Sprache noch verkehrter gemacht. Die Römer setzen insgemein das Verbum zuletzt, die Deutschen aber endigen gerne mit zwei oder drei Verbis. Jene trennen das Substantivum und Adjektivum nur durch ein Wort, diese aber schieben sechs bis sieben Wörter ein. So sorgfältig sind die Deutschen gewesen, die Schönheit der römischen Sprache auszudrücken, daß sie auch die Fehler selbst verdoppelt haben. Diese Dinge aber verdienen eher Schwachheiten als wirkliche Fehler genannt zu werden. Von den Tugenden und Lastern der Deutschen will ich nicht weitläuftig handeln. Einige haben bemerkt, daß sie die Ceres und den Bacchus sehr verehren. Sie streben sehr nach Ehrentiteln und führen große Namen, ohne das geringste von der Sache selbst zu besitzen. Es ist fast kein Volk, wo man so viele Namen ohne Eigentum und so viele Titel ohne wirkliche Herrschaft findet. Sie nennen sich bisweilen nicht schlechthin Herren, sondern auch ganze Herren, und zwar von einer Sache, die niemals in der Welt gewesen. Übrigens sind die Deutschen edelmütig, tapfer und aufrichtig. Um die Wissenschaften haben sie sich sehr verdient gemacht. Einige reden zwar mit Verachtung von den Schriften der Deutschen, weil solche nur Sammlungen, nicht aber wohleingerichtete Werke zu sein scheinen, aber diesen Streit will ich nicht entscheiden. Dies müssen doch die strengen Richter selbst gestehen, daß sie vieles aus den Schriften der Deutschen entlehnt haben. Wenn andre Nationen zierlicher schreiben, so schreiben die Deutschen gelehrter und gründlicher. Die Sammlungen der Deutschen zeugen von einer ganz ungemeinen Belesenheit, welche andre öfters in Ordnung bringen und für ihre eigne Schriften ausgeben. Und auf solche Art tadeln sie diejenigen, welche sie berauben und abschreiben, welches undankbar und unbillig ist, wo sie sich nicht mit dem Kriegsrecht entschuldigen, vermöge dessen sich ein jeder alles zuzueignen berechtiget ist, was er vom Feinde erbeuten kann. Wenn jemand behaupten wollte, daß die Deutschen keine gute Köpfe hätten, dem muß die Geschichte der Künste und Wissenschaften ganz unbekannt sein. Denn daselbst findet man die vortrefflichsten und nützlichsten Erfindungen, welche von den Deutschen ersonnen und zuerst ans Licht gebracht worden. Die deutsche Sprache ist an sich rauh und schwer und wird durch die Nachahmung der lateinischen Sprache noch viel schwerer gemacht, weil die Wörter aus ihrer natürlichen Ordnung gesetzt werden. Denn da man die durch die Natur verbundenen Wörter trennet und das letzte zuerst setzt, so kann man eher nichts davon verstehen, bis man den Satz zu Ende gelesen. Und da ihre Perioden insgemein lang sind, so vergißt man das erste, wenn man das letzte lieset. Zuletzt schließen die Deutschen sehr gern mit zwei oder drei Verbis, welche sich auf das vorhergehende beziehen. Und daher ist man gezwungen, dasjenige, was man schon gelesen hat, wenn man es recht verstehen will, noch einmal wieder durchzulesen. Diese Qual der Leser nennen die Deutschen die Majestät ihrer Sprache. Jedoch, ein jeder hat seinen besondern Geschmack; dieser findet an süßen und jener an bittern Speisen einen Gefallen. Und der Wein, welchen dieser mit Vergnügen trinkt, erweckt jenen einen Ekel. Und da man wegen des Geschmacks nicht viel zanken muß, so würde es unbillig sein, wenn man mit den Polen streiten wollte, weil sie so gerne stinkende und verfaulte Heringe essen, oder wenn man den Engländern vorwerfen wollte, daß sie das Fleisch halb roh essen, oder wenn man endlich die Italiener tadeln wollte, weil sie an rauschenden und harten Tönen einen Gefallen finden. Ein jeder hat seine besondre Einsichten, und was dieser für schön und angenehm hält, das wird von dem andern verworfen. Man erzählt von einem Bauren, der alle Bäume um seinen Hof weggehauen, weil ihm die Nachtigall mit ihrem Gesang beschwerlich war. Und die Geschichte berichten uns, daß ein gewisser skythischer König viel lieber das Wiehern der Pferde als die schönste Musik gehöret habe. Ich tadle den Geschmack der Deutschen in gelehrten Sachen nicht. Ich sage dieses einzige nur, daß derselbe den meisten andern Völkern mißfällt. Weil die Italiener verschiedene Nationen ausmachen, so können sie nicht füglich überhaupt betrachtet und abgebildet werden. Denn sie sind in Absicht auf ihre Sitten und Gemüter sehr unterschieden. Hierin aber kommen sie alle überein, daß sie durchgehends, wenn man einige wenige ausnimmt, aus der Art geschlagen sind und die Tugend ihrer Väter nicht mehr an sich haben. Die Alten waren tapfer und unerschrocken, die Söhne sind furchtsam und gar nicht streitbar. Jene führten Krieg mit Spieß und Degen, diese aber fechten mit List und Gift. Jene regierten über alle Nationen, diese sind Knechte von allen Völkern. Jene stritten allein mit Bewaffneten, diese zittern, sobald sie einen Bewaffneten sehen, und herrschen allein über ihre Weiber. So viele tapfere Helden das alte Italien gezeuget, so viele Weichlinge bringt das neue Italien hervor. Sie kommen in keinem Stücke als allein in dem Aberglauben miteinander überein. Wenn man die Wunder des Titus Livius mit den Legenden und Fabeln der Italiener vergleicht, so kann man billig zweifeln, welche von beiden die ungereimtesten sind. Sooft es in alten Zeiten Steine geregnet, sooft redet man jetzt von blutigen Hostien, und sooft ehedem die Ochsen in Hetrurien redeten, ebensooft tun nun die italienischen Ochsen, nämlich die Mönche, Wunder. Dennoch kann man den heutigen Italienern den Geist und die Scharfsinnigkeit keineswegs absprechen. Die Maler, Bildhauer und Künstler haben ihren rechten Wohnplatz in Italien aufgeschlagen. Aber in theologischen, philosophischen, moralischen und historischen Sachen tritt hier nichts Wichtiges ans Licht. Und es ist auch nicht möglich, daß man in solchem Lande etwas Großes erwarten kann, wo die Inquisition den Verfassern alle Freiheit zu schreiben einschränket. Wie die Barbarei der vorigen Zeiten ausgerottet ward, so fing auch Italien an, das Haupt emporzuheben, und es begaben sich alle und jede dahin, um in Künsten, Wissenschaften und Kriegssachen unterrichtet zu werden. Aber es war nur ein Luftzeichen, welches bald wieder verschwand. Und daher kann man sagen, daß die Fehler, welche man jetzt bei dieser Nation bemerkt, mehr von den Umständen der Zeit als von dem Naturell des Volks herrühren. Wenn die alten Zeiten wiederhergestellet würden, so würden auch die alten edlen Eigenschaften, welche nun entkräftet sind, wieder erwachen und hergestellt werden. Mit den Spaniern habe ich niemals Umgang gehabt, und daher unterstehe ich mich auch nicht, von ihnen eine Abbildung zu machen. Es haben auch bereits andere von den Eigenschaften der Spanier weitläuftig gehandelt, und desfalls will ich das, was von andern schon gesagt worden, hier nicht wiederholen. Die Sitten der Spanier, die ich auf meiner Reise angetroffen, haben mir nicht mißfallen. Sie schienen sehr ehrlich zu sein und redeten sehr wenig, und da ich selbst sehr wenig esse und trinke, so konnte mir eine Nation nicht unangenehm sein, die allein von der Luft lebet. Da ich aber kein Liebhaber von langem Zaudern bin, so urteilte ich schon damals, daß mir der beständige Umgang mit den Spaniern sehr verdrießlich sein würde, und zwar wegen der Langsamkeit, die diesem Volke eigen ist. Ich tadele diejenigen nicht, welche behutsam verfahren, denn ihre Arbeiten und Schriften werden desto vollkommner, je mehr Zeit sie anwenden. Aber einige gehen in diesem Stücke zu weit und verderben alles durch ihre ewigen Beratschlagungen. Wie der Vaugelas dreißig Jahr auf die Übersetzung des Curtius anwandte, so ward er mit Recht deswegen von einem seiner Freunde getadelt, welcher glaubte, daß sich die französische Sprache ganz verändern dürfte, ehe jener mit seiner Übersetzung zustande käme. Und hieher gehört das Sinngedicht des Martials: Eutrapelus Tonsor, dum circuit ora Luperci Expinguitque genas, altera barba subit . Eutrapelus Tonsor...: Derweil der Barbier Eutrapelus um den Mund des Lupercus herumfährt und ihm die Wangen putzt, sproßt schon ein neuer Bart. (Martial, Epigramme VII, 83) Von ebenderselben Art ist auch die spanische Saumseligkeit, welche auch bereits bei andern zum Gespötte geworden. Ich darf es nicht wagen, von den nordischen Völkern zu reden, ob mir gleich ihr Naturell sehr wohl bekannt ist. Denn dieselben sind gar zu argwöhnisch und können auch wegen der geringsten Dinge mit einem Skribenten einen Streit anfangen. Und da es bei der Abbildung eines Volks unumgänglich nötig ist, sowohl ihre Laster als ihre Tugenden zu erzählen, so will ich dieses andern überlassen, welche mehr Lust zu streiten haben. Aber ich merke, daß diese Materie weitläuftiger geworden, als es die Eigenschaft eines Briefes zuläßt. Ich will desfalls wieder von mir selbst reden und von meinen übrigen Bemühungen noch etwas hinzusetzen. Auf die künstliche Vernunftlehre habe ich mich sehr wenig gelegt, weil ich allemal mit der Vernunftlehre zufrieden gewesen, welche mir die Natur verliehen. Ich widerrate niemanden, dieselbe sich bekannt zu machen, da alle und jede ihren großen Nutzen erkennen. Ich behaupte allein dieses, daß dasjenige, was von Natur unordentlich ist, durch die künstliche Logik nicht in Ordnung gebracht werden könne. Und man bemerkt, daß einige, denen die künstliche Vernunftlehre ganz und gar unbekannt ist, dennoch überaus gründlich urteilen. Mich dünkt, man könne hievon ebendasselbe Urteil fällen, was man von der Gedächtniskunst zu urteilen pflegt. Man findet einige, welche öffentlich in dieser Kunst andre unterweisen und Proben davon ablegen. Weil aber die Erfahrung zeigt, daß man den Kopf sehr dabei anstrengen muß und dennoch der Nutzen sehr geringe ist, so gerät die Kunst von selbst in Abnahme. Auf die Rechtsgelahrtheit habe ich so viele Zeit gewandt, daß ich den Namen eines Juristen einigermaßen führen kann. Die Theorie habe ich sehr wohl gefaßt, aber die Übung fehlet mir. Deswegen bin ich auch, wenn es auf gewisse Nebenumstände und Formalien ankommt, die man bloß aus der Praxis lernen muß, so unerfahren, daß ich andere um Rat fragen muß. Da in unsern Gerichten die Urteile meistenteils gleich abgefaßt werden, so verwalten diejenigen die Stelle eines Richters am besten, welche sich durch die Übung einen guten Vorrat von Formalien gesammlet haben. Und weil die Urteile gleich ohne langes Bedenken müssen gesprochen werden, so sind die Jüngern, weil sie die Sache geschwinder einsehen, besser dazu geschickt als die Alten. Denn jene, ob sie gleich nicht eine so scharfe Beurteilungskraft haben, können doch etwas vorbringen, da jene mit ihrer ganzen Einsicht nichts entscheiden können, weil sie die Beschaffenheit der Sache nicht so geschwinde begriffen haben. Deswegen sind die jungen Leute die besten Richter, wenn das Urteil ohne Verzug muß abgefaßt werden. Die Alten urteilen aber weit gründlicher, wenn man ihnen Zeit gönnet, die Sache zu überlegen. Ich habe einen großen Teil meiner jungen Jahre auf die Erlernung der Sprachen angewandt. Aber das Hebräische ist mir so unbekannt, daß ich auch nicht einmal die Buchstaben kenne. Sie wundern sich vielleicht, mein Herr, über diese Nachlässigkeit, da diese Sprache in kurzer Zeit bei uns so sehr beliebt geworden, daß fast ein jeder Student einen Rabbi vorstellen kann. Und da eben einige zu der Zeit mit dem größten Eifer die hebräische Sprache zu lernen anfingen, wie die Meinung von dem tausendjährigen Reiche einige Gemüter an diesem Orte eingenommen hatte, so bildete ich mir ein, es geschähe zu dem Ende, damit sie dichtige Bürger und Bediente in dem neuen Reiche werden möchten, welches sie im Traume gesehen hatten. Die hebräische Sprache ist nicht zu versäumen, sondern sie muß vielmehr von denen getrieben werden, welche sich der Gottesgelahrtheit gewidmet haben. Nur dieses gefällt mir nicht, daß alle und jede sich mit solchen Eifer darauf legen, weil ich glaube, daß solches nur allein diejenigen tun müßten, welche dermaleins ein öffentliches Lehramt zu bekleiden gedenken. Denn die übrigen vergessen doch alles gleich wieder, was sie in einigen Jahren gelernet haben. Ebendieses Urteil fälle ich von einigen andern akademischen Studien, welche man mit Mühe lernet, damit man dieselben desto geschwinder wieder vergessen möge. Worauf sich, nach meiner Einsicht, unsre Studenten am meisten legen sollten, das wird am meisten von ihnen versäumet. Die größte Anzahl derselben sucht mit der Zeit ein solches Amt zu erhalten, wobei die Beredsamkeit erfordert wird. Diese leistet auch gewiß einem Prediger den größten Nutzen. Aber die geistliche Beredsamkeit, deren sie sich in ihrem Amte am meisten bedienen sollen, machen sie sich zu späte, und nicht eher als zu der Zeit bekannt, wenn sie derselben bedürfen. Daher rührt es, daß sie bei einem erhaltenen Predigtamte annoch in der Sache ganz unerfahren sind, die sie doch allein treiben sollen. Und alsdenn sehen sie erstlich ein, daß sie ihre Zeit und Mühe auf solche Wissenschaften gewandt haben, welche ihnen zu ihrem Endzweck nicht dienlich sind. Sie haben sich mit allen Arten der Waffen versehen, aber es fehlen ihnen diejenigen, deren sie sich bedienen sollen. In welcher Absicht und zu welchem Ende ich die Geschichte lese, solches bezeugen meine historische Schriften. Denn dieselben sind keine magere Chroniken, sondern auf eine solche Art eingerichtet, daß sie nebst den Kriegshändeln auch einen Abriß von den geistlichen und weltlichen Rechten und Verfassungen geben, daß sie das Naturell der Regenten und der Untertanen abbilden und endlich Tugenden und Laster lebhaft vorstellen. Die meisten Historien enthalten nichts anders als eine Sammlung von solchen Sachen, die den Krieg betreffen. Deswegen glaubt auch ein jeder, daß er mit leichter Mühe ein Geschichtschreiber sein könne, weil man nur dasjenige erzählen dürfe, was sich zugetragen hat. Es ist aber gewiß eine so schwere Sache, eine rechte Historie abzufassen, welche diesen Namen verdient, daß unter so vielen Geschichtschreibern nur sehr wenige ihrer Pflicht ein vollkommenes Genügen geleistet. Ich selbst schmeichele mir nicht, daß ich es vollkommen getroffen habe. Es ist nur allein von mir gezeigt worden, wie eine Historie müsse geschrieben werden, und daß nicht ein jeder so glücklich sei, seinen Endzweck vollkommen zu erreichen. Ich habe insonderheit die Fehler angezeigt, welche sich bei unsern Geschichtschreibern finden. Es pflegen die Liebhaber der alten Papiere und Handschriften alles, was von den Würmern zerfressen oder von einer alten Hand geschrieben ist, als einen großen Schatz anzusehen und ohne vorhergegangene Untersuchung ihren Schriften einzuverleiben. Dieses hat Clericus an unsern Torfäus getadelt, und ebendieses kann man auch von dem Hvitfeld und von anderen Geschichtschreibern sagen. Man schreibt große Bücher, wenn man aber alles herausnehmen wollte, was darin überflüssig ist, so würden sie sehr klein werden. Man muß nichts in die Geschichte mengen, als was merkwürdig ist, so wie man in den menschlichen Handlungen alles Überflüssige scheuen und unterlassen muß. Der Überfluß schadet sowohl der Kirche als der Republik, und es ist damit öfters wie mit dem menschlichen Leibe beschaffen, dem gar zu viele Säfte schädlich sind. Hierauf habe ich insonderheit allemal sehr genau achtgegeben, da ich ein großer Feind von aller unnötigen Weitläufigkeit bin, und glaube, daß man alles noch einmal so geschwinde würde verrichten können, wenn man alles, was nicht zur Sache gehöret, wegließe. Dies drückt auch das Sinngedicht an den Fabulus aus: Res solidas tantum cura, sepone minutas, Et longe proprior meta laboris erit, Nam recto gressu si pergeret ire viator, Dimidio brevior terra, Fabulle foret . Res solidas...: Nur um wichtige Dinge kümmere dich, Kleinigkeiten laß beiseite, und das Ziel deiner Tätigkeit rückt erheblich näher. Denn wenn der Wanderer unentwegt geradeaus ginge, dann, mein Fabull, wäre die Welt halb so klein. Ich habe bereits öfters eine Abhandlung von dem Überflusse entwerfen wollen. Weil ich aber jederzeit durch andre Verrichtungen davon abgehalten worden, so habe ich diesen Fürsatz fallenlassen oder vielmehr nur auf eine bequemere Zeit verschoben. In der Moral bin ich, wie schon vorher von mir erwähnt worden, durch eigenes Nachdenken weiter als durch das Lesen anderer moralischer Schriften gekommen. Meine Lehrsätze habe ich in einigen von mir herausgegebenen Schriften, insonderheit in meinen Sinngedichten, in meiner unterirdischen Reise und in meinen moralischen Gedanken öffentlich an den Tag gelegt. Die Arzneikunst ist mir so unbekannt, daß ich auch nicht einmal die ersten Gründe derselben innehabe. Dennoch aber versäume ich nicht, für meinen Leib zu sorgen, weil die Seele an den Schwachheiten des Körpers teilnimmt. Doch folge ich mehr meiner eignen Einsicht als dem Rate der Ärzte, weil die Beschaffenheit meines Leibes mir besser bekannt ist als andern, wenn solche gleich Meister in ihrer Kunst sind. Ich gestehe, daß die Kräuter ihre Wirkung haben, und ich rühme den Fleiß der Ärzte, die Kräfte der Arzneien immer mehr zu erforschen. Aber die Beschaffenheit des menschlichen Körpers ist nach dem Ausspruche jenes großen Medici ein unbekanntes Land, dessen Küsten wir noch nicht einmal kennen. Und daher rührt es auch, daß die Arzneiwissenschaft noch nicht auf gewisse und unumstößliche Gründe hat können gebauet werden. Ich teile deswegen keinem Kranken einen Rat mit, wenn es aber meinen eigenen Leib betrifft, so übertreffe ich meiner Meinung nach selbst den Hippokrates. Durch eine Krankheit, welche nun bald vierzig Jahre beständig angehalten, habe ich mir eine Erkenntnis erworben, die andern fehlet. Ich weiß aus langer Erfahrung, was mir dienlich oder schädlich ist. Aber ich glaube, daß dasjenige, was mir Nutzen schafft, andern schädlich sein dürfte, wenn sie auch mit ebenderselben Krankheit geplagt wären. Denn es ist nicht genug, daß man die Krankheit kennet, man muß auch einen jeden Ort inwendig im Leibe kennen, wo sich die Krankheit aufhält. Wenn ich einen Arzt abgeben sollte, so würde ich meine Kranken auf folgende Art gesundzumachen suchen: Ich würde mich bei ihnen erkundigen, welche Speise und welchen Trank sie aus der Erfahrung ihnen am zuträglichsten befunden hätten. Und wenn sie mir antworteten, sie wären gewohnt, Kalk und Sand zu essen und Tinte zu trinken und hätten sich wohl dabei befunden, so würde ich ihnen den Rat geben, hierin fortzufahren. Die Musik habe ich von Jugend auf geliebt. In meiner Jugend bin ich derselben mit großem Eifer ergeben gewesen. Nun aber läßt dieser Trieb mit den Jahren nach. Ich fälle ebendasselbe Urteil von der Musik, was ich von andern Künsten und Wissenschaften urteile, welche durch die Ausbesserungen mehr Schaden als Nutzen empfinden. Die Tonkünstler scheinen zu unsern Zeiten einzig und allein darauf bedacht zu sein, daß sie die natürliche Anmut der Musik ganz aufheben mögen, welche ihnen seit einigen Jahren zuwider geworden. Sie wenden vielmehr alle Mühe an, die Musik rauh, widrig und rauschend zu machen. Je schwerer also die Komposition ist, desto größer ist der Ruhm desjenigen, der dieselbe verfertiget hat. Es ist kein Zweifel, daß die Kunst ganz untergehen wird, wenn man also fortfährt. Quanto praestantius esset, Numen aquae viridi si margine clauderet undas, Herba, nec ingenuum violarent marmora tophum . Quanto praestantius...: Wieviel besser wäre es doch bestellt um die Gottheit des Quells, wenn Gras mit grünem Rund das Gewässer umschlösse und nicht Marmorquadern den anstehenden Tuffstein zerrissen. (Juvenal, Satiren III, 18-20) Ich weiß wohl, daß man einem jeden Meister in seiner Kunst glauben muß und daß man auch von der Musik wie von den Gemälden sagen kann, daß die verborgene Schönheit derselben allein von Kennern recht eingesehen und nach Würden geschätzt werden könne. Da der gemeine Mann öfters die Arbeit des größten Meisters tadelt und derselben ein weit schlechteres Stück vorzieht, aber es ist ein verderbter Geschmack, welcher wie eine Seuche zu unsern Zeiten in der Musik herrscht. Die rechten Künstler sehen dieses auch ein, aber sie müssen sich nach dem herrschenden Vorurteil richten, weil sie wahrnehmen, daß die meisten zu Jahnen anfangen, wenn man das allersüßeste und angenehmste Konzert aufführet. Diejenige Musik halte ich für die vollkommenste, welche den Kunstverständigen gefällt und doch auch zugleich den Ohren des gemeinen Mannes nicht verdrießlich ist. Die Musik und Harmonie sind gleichgültige Worte, wenn man diese aufhebt, so kann jene nicht bestehen. Nun glaube ich, daß Ihr Befehl erfüllet worden, da ich mein Leben, meine Sitten, meine Beschäftigungen, meine Fehler und guten Eigenschaften, wo sich ja einige bei mir finden, mit der vollkommensten Aufrichtigkeit beschrieben habe. Bin ich etwa gar zu weitläuftig gewesen, so werden Sie mir solches als einem alten Mann desto eher verzeihen, da die Alten insgemein die Weitläuftigkeit zu lieben und gerne zu reden pflegen. Sie finden hier, mein Herr, sowohl was gelobt, als auch was getadelt zu werden verdienet. Es ist nunmehro Zeit, daß ich mich auf meinen Abschied gefaßt mache und die wenigen Tage meines Lebens, die ich noch übrig habe, auf die Fürsorge für meinen Leib und auf die Besserung meines Lebens anwende. Dieses letzte halte ich für das Notwendigste, weil ich bereits im Begriffe stehe, meine Reise anzutreten, jenes aber darf ich auch nicht gänzlich unterlassen. Denn die Kräfte des Körpers werden durch das Alter leicht verzehret, wo man sie nicht, wie die Flamme durch das Öl, beständig stärket und unterhält. Aus: ›Ludwig Holberg und seine Zeitgenossen‹ von Georg Brandes Die Apologie des Sängers Tigellius, Holbergs zweite Satire, behandelt ein Problem, das den Dichter von frühester Jugend an beschäftigte, aber fort und fort als Rätsel vor ihm steht: die Wandelbarkeit des menschlichen Charakters, dieser Reichtum von Gegensätzen und Selbstwidersprüchen, aus welchem das menschliche Wesen zu bestehen scheint, das Schweben ganzer Völkerschaften zwischen Barbarei und gekünstelter Kultur, Aberglaube und Unglaube, und das Wechseln einzelner Persönlichkeiten zwischen Fleiß und Trägheit, Verschlossenheit und Mitteilsamkeit, Hochmut und Einfachheit. Jeden Augenblick, heißt es in der Satire, begegnet man einem Protheus. Der Sänger Tigellius, bei Horaz ein Muster von Veränderlichkeit, ist so wenig eine Ausnahme, daß, wenn vor den Herzen Fenster wären, man etwas Tigellianisches in jedem Menschen finden würde. Und die Satire schließt mit dieser Charakteristik des menschlichen Wesens: Wer über Andere lacht, der lästert blos sich selbst. Das große Medium, das sieht man Niemand halten, In jedem Menschen wird ein seltsam Chaos walten Von Furcht, Verwegenheit, von Ruh und wildem Geist, Der uns im Wirbel fort in seinen Abgrund reißt; Von Thorheit, Gravität, Bravoure, Coujonerie, Unglaub' und Aberglaub', von Lust, Misanthropie, Fahrlässigkeit und auch zu viel Akkuratesse, Freigebigkeit und Geiz, Gemeinheit und Noblesse, Von Mitleid, Rachbegier, Haß, Neigung, Trägheit, Fleiß, Von Frieden und von Krieg, von Feuer und von Eis. Was ist also die Definition des Menschen? fragt Holberg, und er antwortet, indem er die Idee des Gedichtes in die letzte Zeile zusammenfaßt: Er ist ein Thier, das sich nicht definiren läßt. Niemand, der, mit einem lebhaften Eindruck von den bekanntesten Holbergschen Komödienfiguren, auf diese Schilderung und die zitierte Schluß-Charakteristik des Menschenwesens stößt, kann umhin, zu stutzen, wie wenig dieser Satz für diese Gestalten zutrifft. Wie? Der politische Kannegießer, Jacob von Tyboe, Jean de France, der geschäftige Müßiggänger, der geschwätzige Barbier – das sollten Wesen sein, die sich nicht definieren lassen! Sie werden ja unaufhörlich von ihrer Umgebung definiert; sie definieren sich selbst sozusagen in ihrem Namen. Sie sind aus einem Guß und gleichartig durch und durch. Wünschen wir bei dichterischen Gestalten zu verweilen, die reich an inneren Widersprüchen sind, so lassen wir unsere Gedanken zu Shakespeare und Goethe, zu Hamlet oder Faust schweifen, nicht aber zu Holberg und seinen Hauptpersonen. Wir sehen sogar, daß, wenn Holberg es ausdrücklich darauf anlegt, einen solchen sich selbst widersprechenden, veränderlichen und aus scheinbar unvereinbaren Eigenschaften bestehenden Charakter darzustellen, ihm dies vollständig mißlingt – wie gleich bei seinem zweiten Stück ›Die Wankelmütige‹. Madame ändert zwar ihren Sinn siebenmal in der Stunde, aber man sieht, besonders in der ersten Fassung des Schauspiels, ganz und gar nicht, was eigentlich den Stimmungswechsel veranlaßt. Es heißt bloß: ›Inzwischen ist sie anderer Laune geworden‹ oder ähnlich. Der Beweggrund fehlt und damit das Band, welches die widerstreitenden Eigenschaften und Handlungen zusammenhalten sollte. Man gewinnt keinen Einblick in die Tiefe einer Persönlichkeit. Falls ›Die Wankelmütige‹, wie leicht denkbar, obschon der Reihe nach das zweite, das von Holberg zuerst angelegte Stück ist, so möchte es den Anschein haben, als ob er von Anfang an versucht hätte, mit seinem Geist einen weiteren Umkreis zu umspannen als er eigentlich beherrschte, dann den Versuch aufgegeben und später in der Regel sich auf einfachere Aufgaben beschränkt hätte. Wahrscheinlich ist indes, daß er das Ungenügende in dieser Charakterzeichnung nicht selbst gefühlt, sondern die Launenhaftigkeit nur als widersinnige Unruhe – im Stile des geschäftigen Müßiggängers – aufgefaßt hat. Unwillkürlich hat er sich seine Aufgabe erleichtert, indem er sie vereinfachte. Was bedeutet dies? Was ist die Ursache dieser Erscheinung? Der Grund hiervon liegt in der Beschaffenheit seines geistigen Auges, in seiner Art, das Leben zu betrachten. Holberg sieht, wie man in Europa zu seiner Zeit sah. Sein Blick für die Menschen und seine Menschendarstellung sind von der herrschenden Geistesform des Zeitalters, dem Klassizismus, bedingt. Die klassische Geistesrichtung beginnt, als mit dem Aufhören der Renaissance die Zeit der gewaltigen Temperamente vorbei ist, und endet, als gegen Beginn des neunzehnten Jahrhunderts der Glaube an die Macht des Unbewußten im Gegensatz zu der Bedeutung des räsonierenden Denkens zurückkehrt. Der klassische Geist ist ein Verstand, der an die persönliche Vernunft glaubt: dieselbe regiert als Gottheit das Weltall und beherrscht als Tugend die Leidenschaften in der Menschenwelt. In der Wissenschaft bedeutet sie die Herrschaft der literarischen Bildung, in der Kunst und Poesie die Herrschaft des guten Geschmacks, der Politur. Der klassische Geist faßt das, was unmittelbar hinter ihm liegt, als das Zeitalter der Barbarei, der Ungeschliffenheit auf; und während er den Menschen Vernunft predigt, will er zugleich der Sprache Glanz verleihen. Darum sagt Holberg: Ich schreibe nicht allein um zu moralisiren, Nicht nur das Volk, nein auch die Sprache zu poliren. Dieser Geistesform voran geht in den großen Hauptländern die Zeit, welcher die sprudelnden Naturgenies ihr Gepräge aufdrückten, Männer wie Boccaccio, Rabelais, Luther und Shakespeare. Die großen Namen des Klassizismus sind Molière, Boileau und Racine, Pope und Addison; er kulminiert in Frankreich mit Voltaire, in Deutschland mit Lessing. Er ersteht, als bei den herrschenden Nationen vermöge des Aufschwungs der Kultur die dichterische Einbildungskraft ihre Stärke, ihre Stütze, ihre Begrenzung, ihre Ideale in dem innigsten Verein mit einem klaren, universell gebildeten Verstande sucht und findet; er erlischt, als Herder und Goethe in Deutschland, Chateaubriand in Frankreich, Burns und Wordsworth in England, Ewald und Oehlenschläger in Dänemark, eine neue Zeit verkündigen. Es gilt als allgemeine Regel, daß der Menschengeist, der Natur und den Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt, eine doppelte Tätigkeit auszuüben hat: Erstlich möglichst reiche und vielseitige Eindrücke aufzunehmen, und zweitens dieselben zu verarbeiten, zu zerlegen und nach Vermögen die dadurch hervorgerufenen Vorstellungen zu ordnen und auszudrücken. Auf verschiedenen Entwicklungsstufen ist die Menschheit zu der einen Tätigkeit geeigneter als zu der andern, ebenso zeigen die verschiedenen Rassen und Zeitalter sich hierin von ungleicher Stärke. Der klassische Geist besitzt eine größere Fähigkeit, die Vorstellungen zu ordnen und sie in logischem Zusammenhang zu entwickeln, als einen vollen, gesammelten Eindruck zu erhalten, vermag deshalb auch nicht denselben durch künstlerische Mittel wiederzugeben, die aller Logik spotten, aber entweder unfaßlich malerisch oder durch ihren Klang fast magisch wirken. Der Renaissance-Dichter Shakespeare hat den vollständigen allseitigen Eindruck von dem Charakter Hamlets; Hamlet ist gut und grausam, entschlossen und ohne Tatkraft, genial und bis zur Grenze des Wahnsinns schwermütig, durchgebildet und brutal, pläneschmiedend und planlos; und Shakespeare stellt die Gestalt hin, ohne über sie irgendwie zu räsonieren, ohne jedweden Versuch, sie zu erklären; Hamlet ist rätselhaft wie das Leben selbst. Holberg ist genug Dichter, um selbst von dem flüchtig Gesehenen und Beobachteten einen tiefen und nachhaltigen Eindruck zu empfangen. In seinem Hirn haben sich Tausende von Bildern aus der Wirklichkeit angehäuft; er weiß aufs Haar, wie ein jütländischer Proprietär denkt und spricht, und der westjütische Dialekt liegt ihm im Ohr; er kann dänische Bauern, Handwerker, Bürger und Schulmeister, Lakaien und Edelfrauen zeichnen, daß die Ähnlichkeit frappant ist und kein wesentlicher Zug vergessen oder weggelassen scheint. Achtet man aber genauer auf die Handlungsweise der Hauptpersonen, so entdeckt man, daß Holberg als klassischer Dichter den Eindruck zerteilt, von dem vollständigen, stereoskopisch gesehenen Bild zumeist nur eine einzelne Haupteigenschaft herausgreift, wie Rastlosigkeit, Geschwätzigkeit oder Prahlerei, den ganzen Charakter um diese Eigenschaft formt und nun die Gestalt in ein Kreuzfeuer stellt von lauter Unterhaltungen über ihre auffallende Eigentümlichkeit, deren Entstehen wir nicht miterlebt haben, und die sich durch die ganze Komödie gleichbleibt. Der Klassizismus entwickelt sich zu einem Zeitpunkt, wo in den leitenden Ländern Europas das Königtum ganz neuen Glanz und ganz neue Macht gewinnt, indem es entweder wie in Frankreich unter Ludwig XIV. absolut wird, nachdem es den Reichsadel gebrochen und ihn von den Landgütern an den Hof gezogen hat, oder wie in England unter Karl II. nach der Besiegung einer Republik wieder neu eingeführt wird. Diese Geistesform geht von Frankreich aus und wird Europas Muster, zu gleicher Zeit, als die französische Königsmacht das Muster für Europa wird. Als Kunstform ist der Klassizismus ursprünglich aus dem Verhältnis des Dichters zu dem neuen Publikum hervorgegangen, das sich aus einem Hofadel bildet, der wohlerzogen und müßig ist und der sich in Ermangelung jeder anderen Beschäftigung auf diejenige, die Gesprächskunst zu pflegen, verlegt. Die Männer und Frauen, die – welchem Stand sie auch durch Geburt angehören – Hofbildung erhalten haben, finden ein bisher ungekanntes Vergnügen daran, ein Gespräch zu führen: Es freut sie, daß sie selbst wie auch die anderen die jüngst noch so steife und unpolierte Sprache in ihrer Gewalt haben. Sie unterhalten sich mit Geschmack und Leichtigkeit über alle ernsten oder scherzhaften Gegenstände, welche für Männer und Frauen der guten Gesellschaft, die keine Fachkenntnisse besitzen, ein Interesse haben. Es wird für den Fachmann eine Aufgabe, seine Gedanken und sein Wissen so mitzuteilen, daß er nicht durch technische Einzelheiten, nicht durch eine der feinen Welt unverständliche Terminologie abschreckt. Die Hofbildung sieht auf die Universitätsbildung mit Verachtung herab. Es ist bezeichnend, daß der vielseitigste und vielleicht am meisten typische Denker jener Zeit, Leibniz (1646 bis 1716), der seine Bildung, die literarische sowohl wie die wissenschaftliche; an den Höfen und in Paris vollendet hatte, welche Stadt er lobpreisend ›die Hauptstadt der Galanterie‹ nennt, oft mit unverhohlener Verachtung von den Universitäten spricht; er dachte von sich selbst zu groß, um sich mit der Stellung eines Professors begnügen zu können. Er nennt die Universitäten mönchische Anstalten, die sich mit bloßen Grillen abgeben, und wundert sich darüber, daß angesehene Männer, wenn sie als Schriftsteller auftreten, lieber Proben ihrer Gelehrsamkeit als ihrer Erfahrung und Urteilskraft ablegen wollen. Die Höfe waren seine Zufluchtsstätten; er wünschte öfters, obschon vergebens, von ihnen aus eine Universitätsreform vorzunehmen; er suchte vermittels seiner vornehmen Verbindungen wissenschaftliche Akademien, nach dem Vorbild der französischen, in Berlin wie auch in Wien und Petersburg zu gründen. So ferne stand er, obgleich ein Deutscher, der deutschen Professorenwelt, daß er weder in seinen Schriften sich mit ihr einließ, noch seine Werke an sie richtete, sondern dieselben philosophischen Königinnen und Fürsten widmete. Von nun an also ist nicht mehr der Hochgelehrte (wie Scaliger z. B.) Schiedsrichter über das, was richtig oder schön oder geschmackvoll, sondern der Geschmack des Hofes ist maßgebend. Alles kommt auf die Meinung an, die der Mann von Lebenserfahrung und weltmännischer Bildung hegt – ›der honette Mann‹, wie man in Frankreich sagt, ›guter Leute Kind‹, wie Holberg sagen würde. Clitandre oder Philinte bei Molière, Leonard bei Holberg ist der vernünftige Richter, welcher die ›Pedanten‹, die Pfleger des gelehrten Spezialstudiums, auf welches der Klassizismus herabsieht, verdrängt. Auch in Dänemark steht der Triumph der klassischen Geistesrichtung durch Holberg mit der Errichtung der absoluten Monarchie in Verbindung. Holbergs ganze Wirksamkeit kann – wie schon früher von Heiberg, wenn auch in ganz anderm Zusammenhang bemerkt worden ist – ›als eine der durch die Einführung der absoluten Souveränität hervorgerufenen Erscheinungen‹ betrachtet werden. Nur daß der arme große Schriftsteller jede Unterstützung von Seiten der Könige entbehrte. Frederik IV. glich Ludwig XIV. in dessen Beziehung zur Literatur nicht; er hatte nicht viel andere Züge mit ihm gemein als die vielen Mätressen en titre – nur daß er, mehr bürgerlich angelegt, sie zur linken Hand zu ehelichen pflegte. Die Gräfinnen Velo, Viereck, Schindel und Anna Sophia waren seine Montespan, La Vallière, Fontanges und Maintenon. Er hat als Persönlichkeit etwas vom Wesen Frederiks VII., war beliebt und fand Nachsicht wie dieser. Im Zeitalter Christians VI., das folgte, waren die Zustände noch ungünstiger für die Literatur: Strenge Sitten waren die offizielle Parole; der Hof hielt sich vom Volk abgeschlossen; der König arbeitete, sparte, baute und betete. Nach der regellosen, aber lebhaften Physiognomie, die das Land unter Frederik IV. gehabt hatte, war nun die vollständige Verwischung aller lebhaften Züge erfolgt; die geistliche Liederdichtung blühte, die Unterhaltungsliteratur wurde zurückgedrängt, Holberg mußte als Dichter verstummen. Als endlich mit der Thronbesteigung Frederiks V. der Horizont sich wieder für ihn aufklärte, war er bereits ein alter Mann. Und doch kam er auch nun dem König nicht näher. Während Ludwig XIV., wenigstens der Sage nach, um seine Hofleute zu ärgern und zu strafen, mit Molière allein zu Mittag gespeist hatte, ließ Frederik V., der mit so großen Erwartungen begrüßte, aufgeklärte Monarch, es bekanntlich dem greisen Holberg verbieten, an demselben Tische zu speisen wie er, und noch dazu bei eben dem Fest, das man dem König bei Errichtung jener Akademie zur Soröe gab, welche Holberg aus eigenen Mitteln gestiftet hatte. Aber trotz alledem: Holberg stützte sich an das Königshaus und den Hof. Nur durch den Beistand hochstehender Männer gelang es, eine dänische Schaubühne zu errichten. Dies ist vielleicht zuerst einem Manne zu verdanken, dessen Liebe zur Sprache und Literatur ihn verhältnismäßig rasch bewog, seinen Haß gegen Holberg aufzugeben – Friedrich Rostgard, Präsident der dänischen Kanzlei, mit einer natürlichen Tochter des Grafen Konrad Reventlow vermählt, dessen andere Tochter Anna Sophia die Geliebte und spätere Gemahlin des Königs war. Demnach verdankt man es dem Großkanzler und Universitätspatron Ulrich von Holstein, welcher mit der Halbschwester derselben Anna Sophia vermählt war. Holberg sagt selbst, daß es einige von ›den vornehmsten Leuten der Stadt hier‹ waren, ›sogar Leute vom ersten Rang, welchen Hartnäckigkeit entgegenzusetzen, keine leichte Sache wäre‹, die ihn aufforderten, Komödien zu schreiben und ihn in seinen Bestrebungen, ein dänisches Theater zu gründen, unterstützten. Ihren Beifall wünschte er sich, nicht den der Gelehrten; sie hatten die moralische und sprachliche ›Politur‹, welche den Kollegen fehlte. Hier fällt ein neues Licht auf Holbergs Haß zu den Pedanten, diesen Haß, der so auffallend ist, daß der Franzose Legrelle – von allen Ausländern derjenige, welcher Holberg heutzutage am genauesten kennt – denselben nicht für wirklich empfunden hielt, sondern in dem Kriege Holbergs gegen die Pedanterie eine pure Nachahmung von Molière sah. Er hebt hervor, daß immer die Pedanterie es sei, welche bei Holberg unter den verschiedensten Formen den Gipfelpunkt des Lächerlichen bezeichne; er räumt ein, daß sie zu jener Zeit in Kopenhagen epidemisch war, wie sie es ein Jahrhundert vorher in Frankreich gewesen. ›Aber‹, sagt er, ›ich kann nicht glauben, daß es zu Holbergs Zeit nichts anderes Lächerliches in Kopenhagen gab als die eingebildeten Gelehrten und die Eitelkeit, womit ihre Unwissenheit sich aufblähte. Das Lächerliche ist nie etwas, worauf nur eine kleine Anzahl bestimmter Professionen ein Alleinrecht hätte.‹ (Legrelle: Holberg considéré comme imitateur de Molière.) Holberg denkt, ganz im Geiste des Klassizismus, geringschätzig vom Spezialstudium. Seine stetigen Angriffe auf die damaligen Gelehrten sind befreiend, vortrefflich, aber sie sind unrichtig geformt. Wieder und wieder, sein ganzes Leben hindurch, wirft er ihnen vor, daß die Gegenstände, womit sie sich befassen, zu speziell, zu geringfügig seien: ›Die Sandalen der Alten‹, ›Woher das Summen der Mücken und Fliegen kommt‹ u. s. w. – aber für die Wissenschaft ist nichts zu gering. Die Behandlungsweise ist's, worauf es allein ankommt. Kein Thema ist so groß, daß es nicht durch eine geistlose Behandlung unsäglich armselig und hohl werden könnte – in unseren Tagen umspannen die Dummköpfe mit Vorliebe in jedem Aufsatz die ganze Weltgeschichte – und keines ist so klein, daß es nicht, geistvoll aufgefaßt, einen Einblick in das Große, das Unendliche zu eröffnen vermöchte, in Gesetz und Zusammenhang der Gesetze. Dies hat Holberg als ausgeprägter Klassiker nicht begriffen. Das Allgemeine ist die Domäne des klassischen Geistes, darum auch die seine. Die Beschäftigung mit dem bloß oder ganz Speziellen wird ihm leicht zur Pedanterie. In der zweiten Ausgabe seiner Dänischen Reichsgeschichte läßt er all die wertvollen Spezialforschungen Grams, die seit Erscheinen der ersten herausgekommen waren, unbenutzt. Der klassische Geist ist auch bei ihm in erster Linie die Gabe der Rede, die Befähigung, sich klar und kernig auszudrücken, die Kunst der Darstellung, des Vortrags. Das Oratorische vernimmt man deutlich sogar in seinen Schauspielen. Zuerst aus dem regelmäßigen, einfachen Plan der Stücke, welcher als Beweisführung angelegt ist und mit einem quod erat demonstrandum endet, indem die Schlußverse die Moral zusammenfassen, sozusagen das Resultat ziehen. Seine Methode ist häufig die folgende: Er schildert eine Hauptfigur, die durch einen Fehler, einen Irrtum, eine Einbildung komisch ist; in dieser lächerlichen Eigentümlichkeit steht sie der Vereinigung zweier Liebenden als Hindernis im Wege, entweder als Vater (Hermann von Bremen, Vielgeschrei, Ranudo) oder als Rivale (Jean de France, Gert Westphaler). Durch eine auf die schwache Seite des Betreffenden berechnete Intrige werden nun die Liebenden vereinigt und dem Verirrten die Augen geöffnet. Nur selten wird die Intrige durch die Umstände herbeigeführt (in ›Die Wankelmütige‹, ›Hexerei‹, ›Ohne Kopf und Schwanz‹, ›Die Maskerade‹); in der Regel wird ein Plan geschmiedet, und in den eigentlich moralischen Holbergschen Komödien läuft das Ganze auf eine (fruchtende oder nicht fruchtende) Lehre hinaus, welche die törichte Hauptperson erhält. Bisweilen indes ist dies nicht der Fall; wie in ›Der 11. Juni‹, wo keine Absicht da ist, den Betrogenen, das Opfer der Intrige, zu bessern oder zu belehren; ferner nicht in ›Der verpfändete Bauernjunge‹, wo die Komik in dem Werkzeug der Intrige liegt, während die Opfer derselben weder Interesse haben noch verbessert werden, und am allerwenigsten in ›Die Weihnachtsstube‹, wo die Lustigkeit so frei ist. Es ist also nicht der moralische Zweck, der im tiefsten Grunde den Plan der Stücke bestimmt und beherrscht, sondern die klassisch-oratorische Geistesform. Und diese ist bei Holberg so starr, daß sie die Handlung ganz nach der ursprünglichen Absicht des Dichters beugt. Niemals läßt er durch die Beweglichkeit der Menschennatur sich einen Strich durch die Rechnung machen – unvermeidlich führt er die Intrige durch das lustigste Imbroglio zu der von den ersten Szenen von den Zuschauern vorausgesehenen Lösung. Das Oratorische im Klassizismus tritt ferner in der Eigentümlichkeit hervor, daß die Hauptpersonen immer vortrefflich zu sprechen verstehen. Ein Held und eine Heldin bei Corneille sind nicht größere Meister der Redekunst, als es ein Lakai und ein Kammermädchen, Henrik und Pernille, bei Holberg sind. Sie haben ein so gutes Mundwerk, als wären sie Advokaten, in der Tat sind sie auch Advokaten, nämlich Wortführer der gesunden Vernunft; ihre Monologe sind nicht selten eine ganze Holbergsche Epistel, und der Dialog nähert sich bei den entscheidenden Stellen einem oratorischen Lanzenrennen. Man nehme z. B. Troels großen Einleitungsmonolog in der ›Wochenstube‹. Der vortreffliche Einfall mit der Liste ›so lang wie das ganze Theatrum‹, worauf all die 93 Namen der Frauen verzeichnet sind, denen die Geburt des Kindes mitgeteilt werden soll, ist nicht ursprünglich von Holberg. Dieses Verzeichnis ist eigentlich die Leporelloliste, welche das alte italienische Stück ›Il Convitato di Pietra‹ eröffnet. Doch abgesehen von diesem Namen-Herschnurren ist der Monolog, welcher der trefflichen Expositionsszene vorangeht, eine echt Holbergsche Abhandlung, eine im Namen der gesunden Vernunft gehaltene Kapuzinerpredigt, mit Einleitung, Steigerung und Kulmination: Die Unarten der Hochzeiten, Begräbnisse, Wochenstuben werden der Ordnung gemäß behandelt, die Widersinnigkeiten werden in ebenso beredter wie ausgelassener Weise durch Erklärungen, Vergleiche u. s. w. aufgeklärt. Die Übergänge von Glied zu Glied sind so willkürlich wie dieser: ›Wende ich mich aber von den Hochzeiten zu den Begräbnissen, so find ich bei den letzteren ebensoviel Narrheit wie bei den erstem ... Die Vernunft sagt ... aber die Mode sagt ...‹ u. s.w. Man sehe Gusmans großen Monolog in ›Melampe‹ (I, 5), worin er ein Dutzend Beweisgründe nacheinander dafür anführt – mit Vordersatz, Nachsatz und Ergo –, daß er größer ist als Prinz Paris. Man lese Sparenbergs Monolog in dem ursprünglichen Entwurf zu ›Die Wankelmütige‹; derselbe ist in seinem ganzen Aufbau eine Holbergsche Epistel über Trinkgelder, mit Gründen, erklärenden Anekdoten, konsequent durchgeführter Kritik und Verbesserungsvorschlägen. Oder man denke an Henriks berühmte Verteidigung der Maskeraden; an den Strom von Argumenten, Einwendungen und Paradoxen, welcher Jeronimus gegenüber ihm zu Gebote steht (›er könnte ein perfekter Lakaien-Prokurator werden‹, heißt es); an das Leben und den Witz, womit er in demselben Stück das Ehegericht spielt, abwechselnd der Anwalt der Jungfrau und der des jungen Mannes ist. Man denke überhaupt an alle die Stellen, wo der Dialog bei Holberg den Charakter eines Prozesses, einer akademischen oder juridischen Disputation annimmt; z. B. im ›Kannegießer‹ an den Streit der Advokaten und die Gesuche der beiden Bürger anläßlich der gegenseitigen Gewerbsbeeinträchtigung; in ›Jeppe‹ an die weitläufigen (Bidermann entnommenen) Erzählungen der beiden Doktoren mit der daran geknüpften Beweisführung sowie an den ganzen Gerichtsakt mit den Reden des Anklägers und Verteidigers; in ›Melampe‹ an den Monolog Sganarells, wo dieser annimmt, als Spion vor ein Tribunal mit Richtern und Folterbank geschleppt zu sein; in ›Erasmus‹ an die Disputation zwischen dem Helden und dem Küster Peter; in ›Der glückliche Schiffbruch‹ an den ganzen fünften Akt mit all den von den früheren Schauspielern bekannten Komödienfiguren vor den Schranken. Die Replik ist immer beredt, wie komisch sie auch ist. Das heißt mit anderen Worten: Holberg treibt das Wort niemals bis zu der Grenze, wo es sich in Ton oder Farbe, Musik oder Bild verwandelt. Sehr bezeichnend ist in dieser Hinsicht folgender Vers aus ›Peter Paars‹: Der Vers besteht allein in Schönheit der Gedanken . Holbergs eigene Verse sind häufig schlecht, immer steif; es sind Verse, die verstandesmäßig, wie mit der Maschine gemacht sind. Wo er, wie in seiner verfehlten ›Metamorphosis‹, die Absicht hat, eine rührende oder pathetische Wirkung damit zu erzielen, wird das Resultat langweilig oder parodistisch. Man fühlt wohl, daß jede Seite voll Verse ihm, wie er erzählt, ›schier ein tüchtig Kopfweh benebst 12 Schilling für Caffe‹ kostet. Stimmung und Lyrik sind verdunstet, der nackte Alexandriner zurückgeblieben. Darum finden wir auch niemals bei Holberg einen Monolog, der das stille Flüstern der Seele mit sich selbst ist. Sogar der Monolog ist oratorisch gebaut, eine direkte Mitteilung an den Zuschauer. ›Will Jemand meinen Namen wissen, so heiß ich, mit Verlaub, Oldfuchs, will Jemand mein Gewerbe wissen, so bin ich Schmarotzer, zu Diensten‹ – Ja, zuweilen ist der Monolog als Mittel angewandt, um die übrigen Personen des Stückes, die unbemerkt lauschen, von irgend etwas in Kenntnis zu setzen (in ›Die Wochenstube‹, ›Melampe‹, ›Der glückliche Schiffbruch‹). Diejenigen, welche von Natur nicht redegewandt sind, werden es durch Erziehung oder Profession, wie die Dienstboten, Barbiere, Putzmacherinnen, Doktoren, Advokaten und Pedanten. Mit dieser Neigung zum Allgemein-Oratorischen hängt der Umstand zusammen, daß die Personen nicht sämtlich und nicht immer ganz wirklich sind. Holberg hat einen schärferen Blick für Gattungs- und Standeseigenschaften als für die individuellen. Er hat den Griff des klassischen Dichters, das eigentümliche Gepräge eines Alters, eines Standes, einer Profession, eines Lasters oder einer Lächerlichkeit zu erfassen und zu akzentuieren; er vermag mit kühner Künstlerhand die bestimmende Eigenschaft herauszugreifen, zu isolieren und alles von ihr durchdringen zu lassen, aber selten gelingt es ihm, dem Individuum die ganze schillernde Mannigfaltigkeit des Lebens zu verleihen. Dies ist ein Mangel, den die klassische Geistesrichtung in allen Ländern mit sich führte. Wie wir in den französischen Tragödien fortwährend Charaktertypen begegnen, dem Tyrannen, der Vertrauten usw., Persönlichkeiten, deren Wesen sich fast in einer oder der anderen Eigenschaft, wie Ehrgeiz oder Treue erschöpft – so treffen wir auch in der klassischen Komödie, die doch ganz anders und viel bewußter darauf ausgeht, ein Bild von dem Zeitalter und der Wirklichkeit zu geben, Figuren wie den strengen, beschränkten Vater, den moralisierenden Onkel, den Geizigen, den Spieler, die heiratslustige alte Jungfer – Personen, deren Wesen sich auf ganz wenige Anhaltspunkte zurückführen läßt. Deshalb auch bei Holberg. Nicht selten ist der individuelle Charakter unvollständig durchgeformt; der Typus des Großprahlers oder des Stutzers tritt wie die Hirnschale unter der Haut hervor. Das Wesentliche, Allgemeine ist bei der Hauptfigur bisweilen zu derb betont; dementsprechend ist bei den Nebenfiguren die Individualität nicht selten völlig in die Standesuniform eingehüllt. Holbergs Advokaten, Ärzte, Poeten, Offiziere sind nur Masken. Am schärfsten zeigt sich dieser Mangel in den jüngeren Jahren Holbergs in ›Ohne Kopf und Schwanz‹ (in Deutschland unter dem Namen ›Die Irrtümer‹ bekannt), wo Roland und Leander auf höchst einförmige, ganz symmetrische Art Repräsentanten für Aberglauben und Unglauben sind, um mit einem Male die Rollen zu vertauschen; während Ovidius, ohne irgendwelche persönliche Eigentümlichkeit, immer balancierend, den Mittelweg bezeichnet. Wir fühlen diesen Mangel in der Regel am deutlichsten, wenn eine einzelne Person als Sprachrohr des Dichters auftritt und eine kleine moralische Abhandlung oder Deklamation zum besten gibt (der Baron in ›Jeppe‹, der Leutnant in ›Montanus‹). Shakespeare liebt es, eine lebhafte Vorstellung von dem Äußern, den körperlichen Eigentümlichkeiten seiner Personen zu geben: Percy, der Heißsporn, stammelt, Falstaff ist eine Fleischmasse und ohne seinen Fettwanst gar nicht denkbar. Holberg als Klassiker überläßt es dem Schauspieler, seine Personen fett oder mager, brünett oder blond darzustellen. Bei ihm kommt kein Dicksack vor, und wenn von den Poeten als dürr und mager die Rede ist, so ist dies das Standesgepräge und keine individuelle Charakteristik. Hiermit hängt die Benennung der Personen bei Holberg wie bei anderen Klassikern zusammen. Bekanntlich haben seine Personen keine rechten Eigennamen; sie heißen Leander und Leonora, Jeronimus und Magdelone, sogar wenn unter einem und demselben Namen ein bedeutender Charakterunterschied liegt. Jeronimus ist in der ›Weihnachtsstube‹ ein Kleinstadt-Spießbürger, in ›Montanus‹ ein Landmann, der etwas höher steht als ein Bauer, in ›Der glückliche Schiffbruch‹ Chef eines großen Handelshauses, in ›Henrik und Pernille‹ ein Gutsbesitzer, in ›Die honette Ambition‹ ein schwacher, rangsüchtiger Narr, in ›Pernilles kurzer Fräuleinstand‹ ein habgieriger Heuchler; dennoch haben alle diese Rollen ein gewisses, sehr deutliches gemeinsames Gepräge, das Holberg so frappiert hat, daß er sich nicht – wie ein moderner Dichter täte – die Mühe gab, einen Namen auszufinden, der auf irrationelle, malende Weise, schon durch seinen Klang die individuelle Vorstellung, die er beabsichtigte, hervorrief. Nicht selten sind seine Namen im Geiste des Klassizismus definierend, aber malend sind sie nie. Und bezeichnend genug: In allen Stücken, die Holberg überarbeitete, hat er die früheren individuellen Namen gestrichen und sie, gleichsam unter dem Druck der herrschenden Geistesform, durch die stereotypen Gattungs- oder Rollennamen ersetzt. Er beginnt mit Namen wie Antonius, Engelke, Elsbeth; bald aber weichen sie vor den ständigen Namen der Liebhaber und Liebhaberinnen. In ›Gert Westphaler‹ hieß das junge Mädchen ursprünglich Marie, erst später Leonora; in ›Die Wankelmütige‹ hieß Leonora zuerst Terentia und Henrik Torben. Mit dieser Eigentümlichkeit steht auch der Umstand in Verbindung, daß Holberg, ganz im Geiste des Klassizismus, sich nicht nur durch die Einfachheit und Überschaulichkeit der Handlung – ihre Einheit, wie man es nannte – auszeichnet, sondern sich auch nach Kräften befleißigt, die von den französischen Ästhetikern angeblich nach Aristoteles aufgestellten Regeln betreffs der Einheit der Zeit und des Ortes zu wahren. Ist es schon sonderbar, daß man in Frankreich im Zeitalter des Klassizismus etwas als technische Pflicht betrachten konnte, einzig und allein, weil Aristoteles es für richtig gehalten, so könnte es noch wunderlicher scheinen, daß man sich freiwillig einen dreifachen Zwang auferlegte und denselben mit einer falschen Autorität ausrüstete. Doch man las eben aus Aristoteles heraus, was die eigene Geistesform mit sich brachte. Der allzu starke Glaube an das Allgemein-Menschliche bedingte es, daß man den Ort, wo die Handlung vorging, so wenig wie möglich bezeichnete. Die Umgebung spielte keine Rolle, bildete nicht den Menschen – man faßte sie abstrakt auf. Und die Regel, daß die Handlung vom Anfang bis zum Schluß an demselben Orte spielen sollte, brachte es naturgemäß mit sich, daß der Ort nicht näher bezeichnet, daß die Einheit desselben auf Kosten seiner Bestimmtheit erreicht wurde. Holberg setzt sich hie und da, wo er nicht anders kann, über die Regel hinweg, wie in ›Jeppe‹; aber er huldigt ihr und sträubt sich so lange wie möglich, sich einer Übertretung derselben schuldig zu machen – ja, länger als möglich: wie in ›Henrik und Pernille‹, wo ein Junker und ein Fräulein in einem Anfall von Eifersucht einander Porträts, Tabaksdosen, Schmucksachen, einen Stock mit Goldknopf auf offener Straße zuwerfen. Zuweilen ist die Szene so unbestimmt, daß man in Zweifel gewesen, in welchem Lande die Handlung vorgehe (›Pernilles kurzer Fräuleinstand‹); zuweilen ist die Bezeichnung so humoristisch allgemein wie diese Notiz vor ›Melampe‹: ›Scena ist ein offener Platz bei Pandolfi Grab.‹ Und obwohl Holberg nicht selten, wie in ›Jeppe‹ und in ›Die Brunnenreise‹ die knappe Zeit von 24 Stunden überschreitet, in welche der Vorschrift gemäß die Handlung gepreßt werden soll, so geht aus seinem ›Ulysses von Ithacia‹, ›einer deutschen Komödie‹, deutlich hervor, daß fast nichts von den wirklichen, psychologischen Ungeheuerlichkeiten der deutschen Komödie ihn in dem Grade verletzt und sein künstlerisches Gewissen aufgebracht hat wie der beständige Szenenwechsel und die Ausdehnung der Handlung durch eine ganze Reihe von Jahren. Die Unordnung des Lebens, dessen Formlosigkeit und bunte Mannigfaltigkeit, die Shakespeare erfreut und in welcher er sich so frei bewegt – dies Unübersehbare widerstrebt dem klassischen Dramatiker, geradeso wie das undefinierbare Ganze, der vollständige Organismus von Eigenschaften und Eigentümlichkeiten sich in der Regel seiner Auffassung entzieht. Der Klassizismus hat, wie bekannt, nur in den romanischen Ländern seinen vollendetsten Ausdruck erreicht. Es ist kein bloßer Zufall, daß Englands Poesie ihre höchste Entwicklung unmittelbar vor seinem Auftreten erhielt und daß in Deutschland erst nach Überwindung desselben die Dichtkunst zu ihrer schönsten Blüte gedieh. Der romanische Geist ist nämlich im tiefsten Innern klassisch angelegt, und darum sehen wir auch im Zeitalter Ludwigs XIV. in Frankreich und den von Frankreich beeinflußten Ländern diejenigen Kunstformen hervortreten, welche eben im alten Rom die herrschenden waren und die genau mit dem römischen Wesen übereinstimmten: die Satire und das burleske Lustspiel (Siehe über die Bedeutung der Satire als romanische Kunstform Hegels Ästhetik, zweiter Teil: ›Die römische Welt als Boden der Satire‹.) Zu Holberg gelangen die Kunstformen, sowohl die Form der Satire wie diejenige der Komödie, von Rom über Frankreich (Juvenal und Horaz – Boileau – Holberg; Plautus und Terenz – Molière – Holberg). Doch die klassische Geistesform ist in der modernen Zeit hauptsächlich französisch, stimmt eigentlich nur genau zu dem französischen Nationalcharakter, der in seinem innersten Wesen darauf angelegt ist, sich in Verstandeserwägungen zu bewegen und die Redekunst zu ihrer höchsten Vollendung zu bringen. Wenn ein Volkscharakter im Laufe der Zeit einer herrschenden Geistesform begegnet, die derartig beschaffen ist, daß das Volk in ihr seine eigentümlichsten Fähigkeiten zu entfalten vermag – so erreicht es seinen höchsten künstlerischen Ausdruck. Darum sehen wir Frankreich zur Zeit Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. sich ganz Europa geistig unterwerfen. Die französische Tragödie ist selbst in England und in Italien mustergültig; Molière und seine weit unbedeutenderen Nachfolger wie Destouches beherrschen die Bühnen Europas, und in Voltaire endlich erhält – nachdem Holberg kulminiert hat – der französische Nationalgeist und der Geist Europas in jenen Tagen seinen größten Vertreter, welcher Roman, Tragödie, satirisches Epos, die wissenschaftliche Abhandlung, die philosophische Epistel, ja die Geschichtsschreibung und das Diktionär ganz zu seinen Organen umbildet. Dänemark ist das einzige nichtromanische Land, dessen dramatische Poesie in der klassischen Periode ihre höchste Blüte erreicht. Der Norden war in der Renaissancezeit künstlerisch nicht mitgekommen, ja die Dänen existierten damals geistig noch nicht als Volk, nun bringt das dänisch-norwegische Reich sein größtes literarisches Genie während des Klassizismus hervor, obwohl das klassische Wesen zweifellos dem germanischen Rassen- und nordischen Volkscharakter des Landes widerstreitet. Dies ist so auffallend, daß man sich versucht fühlen könnte, zu glauben, der Rasse- und Volkscharakter sei unrichtig bestimmt; aber auf tausend Wegen und durch mannigfache Untersuchungen und Vergleiche ist es festgestellt worden, wie fremd der Klassizismus dem nordischen Volksgeist in der Tat ist. Wie wenig der Volksgeist jenem Zeitgeist entsprach, verrät sich auch in der niemals vorher genügend aufgeklärten Tatsache, daß Holberg ohne irgendwelche Schule vollständig allein steht. Zwar sagt man oft in ähnlicher Weise von Molière, er habe keine Schule von nahezu ebenbürtigen dramatischen Talenten; im übrigen hat Molière Nachfolger und Schüler genug. Holberg steht vor uns, soweit dies überhaupt von einem geistigen Gebieter sich sagen läßt, als eine ganz isolierte Gestalt. Die Ursache scheint denn ausschließlich die zu sein, daß in der rein individuellen Beschaffenheit dieses Geistes Anlagen vorhanden waren, die nur in der Atmosphäre des Klassizismus zu ihrem Rechte gelangen konnten. Dieser Geist fühlte sich ausnahmsweise in dieser Atmosphäre heimisch wie in seinem Element. Holbergs tiefstes Wesen war Verstand; aus diesem sproß seine Einbildungskraft hervor. Seine reproduzierende Phantasie war die des Verständnisses; er sah, weil er verstand. Doch seine Einbildungskraft war wiederum gänzlich auf das Komische gerichtet. Seine freie Phantasie hatte ihren Hauptabfluß in kühnen Übertreibungen. Der wesentlich oder ausschließlich Verständige kann als Dichter nur Komiker werden, und es ist wohl bekannt und oft genug hervorgehoben worden, daß Holberg als Dichter nicht nur seine einzige Stärke im Komischen hatte, sondern daß er nicht einmal imstande war, die Berechtigung der nicht-komischen Dichtungsarten anzuerkennen. Da der Klassizismus Herrschaft des Verstandes und da das Komische im bürgerlichen Schauspiel die Verstandesseite der Poesie ist, so paßte Holbergs Wesen gut zu dem des Zeitgeistes. Hätte der dänische Dichter nur den geringsten Hang zur Lyrik gehabt, so wäre Gefahr vorhanden gewesen, daß ein Glied seines geistigen Organismus in jenen Tagen amputiert worden wäre. Hätte er einen entschiedenen Hang zum Pathos gehabt, so läge die Gefahr nahe, daß er – für uns unlesbare – Tragödien im Stil von ›Melampe‹ geschrieben hätte; Sprache und Kultur standen im Norden zu weit zurück, als daß ein pathetisches oder tragisches Talent eine Form hätte finden können, die nicht unmittelbar danach sich als veraltet erwiesen hätte. Holberg aber brauchte nicht das geringste zu opfern oder einzubüßen. Keine seiner Fähigkeiten versiegte aus Mangel an Nahrung. Der lustige und derbe Humor, die komische Phantasie allein konnten damals künstlerisch gedeihen; sie litten nur wenig unter der Beengung des Zeitalters, wurden von der ungenügenden Entwicklung der Sprache nicht berührt – im Gegenteil: Die unentwickelte Sprache gibt für die folgende Zeit Holbergs Werken größere komische Kraft. Während das Schöne und Große, das in einer alten Sprachform niedergelegt ist, unter der Unvollkommenheit der Form leidet, im Lauf der Zeit Rostflecken bekommt, hat das Komische bei Holberg einen Verbündeten in der Zeit: Es saugt, wie der Wein, Kräfte aus den Jahren. Die Sprachform der Holbergschen Komödien hat im Verlauf von anderthalb Jahrhunderten dieselbe anziehende Eigentümlichkeit gewonnen, welche alte Bilder durch das Nachdunkeln ihrer Farben gewinnen. Wenn Holberg ›Leichdornen‹ und ›Lehnkutscher‹ schreibt, so ist er ergötzlicher für uns, als er geahnt. Ja, er ist nicht nur ergötzlicher, er ist liebenswürdiger. Er erhält Eigenschaften, welche die Natur ihm verweigert hatte, z. B. eine ganz besondere Anmut. Versagt ihm der Ausdruck, wenn er das Naive im Gespräch eines jungen Mädchens wiedergeben will, so verleiht die Zeit dem Ausdruck eine neue Naivität. Schon eine Titulatur wie ›Monsieur‹, eine Form wie ›fürnehm‹ statt ›vornehm‹ genügt für uns, um dem ganzen Stil Charakter zu geben; es ist etwas Zierliches und Graziöses darin, ein altmodischer, aber kleidsamer Rokoko-Anstand, der dem Werk zugute kommt. Auf dem Gebiete der ernsthaften Poesie findet sich nichts Analoges außer dem Reiz, den die nunmehr verlorengegangenen Wortformen der alten Volksweisen, durch die weit zahlreicheren Jahrhunderte, die über sie hingegangen, gewonnen haben. Die ernste Poesie des achtzehnten Jahrhunderts ist noch bei weitem nicht alt genug, um durch ihr Alter schon ehrwürdig zu sein; ihre Sprachform schreckt ab, wie eine kürzlich aus der Mode gekommene Tracht. Eben der mangelhafte Zustand der damaligen Sprache, welcher der ernsten Dichtung Abbruch tat, wurde durch das Glück, das dem Genie zur Seite steht, ein Gewinn für Holberg. Wäre er ein Jahrhundert später, im Zeitalter der Romantik geboren, mit diesem großen, aber eng begrenzten poetischen Talent, das so reich an Verstandeswitz und dessen großartige Phantasie so ganz auf die Wirklichkeit gerichtet war, dem es aber an Gefühl und Erotik so sehr gebrach – so würde er Lebensbedingungen entbehrt, jedenfalls die volle Entfaltung seiner Fähigkeiten nicht erreicht haben. Nun hatte er das Glück, daß sogar seine Begrenzung seine Stärke wurde. Für dieses Verhältnis hat man früher kein Verständnis gehabt. Heiberg sagt in seinen übrigens fein und auch sorgfältig abgefaßten Paragraphen über Holberg: ›Holberg, der als Literat und Schriftsteller im allgemeinen zur rechten Zeit kam, erschien dagegen als Komiker zu früh; denn die komische Dichtkunst setzt [in Heibergs System] die anderen Dichtungsarten voraus ... Die eigentümliche Erscheinung, daß Holberg mehr als ein Jahrhundert lang fast keinen merklichen Einfluß auf die Literatur geübt (während Moliere eine ganze Schule von komischen Dichtern bildete), erklärt sich aus der schon oben gemachten Bemerkung, daß Holberg in unserer Literatur zu früh kam, gleichwie die meisten bemerkenswerten Epochen in ihr zur unrechten Zeit[!] gekommen sind. Ein unmittelbares Genie, wie Oehlenschläger, sollte zu Holbergs Zeit erstanden sein, und ein reflektierendes, wie Holberg, zu derjenigen Oehlenschlägers.‹ Jawohl, wenn Heiberg die Geschichte hätte zurechtmachen dürfen! Dann freilich wären alle beide zugrunde gegangen: Oehlenschläger wäre ein abstrakter Deklamator, Holberg niemals ein Dichter geworden. Aber welche Verachtung der Naturwissenschaft, welch ein Mangel an Einblick in die Bedingungen jeder Entwicklung und welche Geringschätzung der Geschichte liegt nicht in diesen spekulativen Worten! Weil Heiberg das Geschehene nicht versteht, wird das Geschehene als tadelnswert behandelt: Die Geschichte muß sich geirrt haben, da die Zeitfolge nicht mit dem Gange des Hegel-Heibergschen Systems zusammenfällt. Sehen wir nun, wie die klassische Geistesform mit Holbergs individuellem Wesen zusammentrifft und dasselbe in sich aufnimmt! Von ihr rührt seine Stärke und Schwäche als Geschichtsschreiber her. Da sein Wesen der räsonierende Verstand, ist ihm das Verständnis alles Allgemein-Menschlichen erleichtert; aber als Klassiker fehlt ihm gänzlich die geschmeidige Sympathie, welche den Historiker treibt, sich in die Empfindungsweise ferner Länder und Zeiten einzuleben und sein eigenes Seelenleben in demjenigen fremder Völkerschaften und Persönlichkeiten aufgehen zu lassen. Er ist als Historiker erstaunlich wenig Psychologe und Dichter. Nach der geschichtlichen Voraussetzung, welcher er sich anschließt, ist Odin, ›gemeiniglich genannt Odin Vallfaudr‹, der erste nordische Monarch; die Religion, welche er stiftet, bezweckt, das Volk streitbar zu machen. Und bereits im Geiste 293 des klassischen Nationalismus fährt Holberg fort: ›Dahero bildete er ihnen ein, daß keiner nach dem Tode in der Glückseeligen Wohnungen kommen könne, er sey denn in der Feldschlacht wider seine Feinde gestorben.‹ Selbstverständlich hat Holberg nur geringes Interesse an der barbarischen Zeit; der ganze Zeitraum von König Skjold bis zu Christiern dem Ersten nimmt in seiner ›Dänischen Reichsgeschichte‹ nicht so viel Platz ein wie König Frederik III. allein. Und als echtem Klassiker gebricht ihm ganz und gar die Fähigkeit, den Eindruck von einer Gestalt aus dem nordischen Altertum zu geben. Er zeichnet sie immer im Kostüm des 18. Jahrhunderts. Wenn er Saxos Bericht von der Ermordung Harald Blaatands durch Palnatoke mitteilt, sagt er, daß eine solche Tat ›nicht wahrscheinlich konnte vollführt worden seyn von einem Manne, der zu seiner Zeit vor einen nordischen Philosopho passirete.‹ Er bezeichnet Einar Tambeskjälver als Svend Estridsens ›alten Norwegischen Minister‹. Er fühlt sich nicht bewogen, seinen Stil nach dem Zeitalter, das er schildert, oder nach den Persönlichkeiten, die er sprechen läßt, umzubilden. Um zu zeigen, mit welcher Kriegszucht die Goten unter ihrem König Theodorich gegen die Feinde zogen, führt er folgende Rede dieses Königs an sein Volk an: ›Marschiret voran alswie Leute, die sich aufopfern vor das gemeine Beste, und übet keine Gewalt wider selbige, zu deren Schutz ihr entsendet werdet‹ – ein gotischer Heerbefehl im Rokoko-Stil. Die religiöse Bekehrung eines Landes ist seiner Auffassung nach eine Folge der zufälligen Denk- oder Handlungsweise einzelner Personen, nicht Ausdruck eines sozialen Zustandes. Auf den Gedankengang der Könige, welche das Christentum gewaltsam einführten, geht er nicht ein; er bestrebt sich nicht, in seiner Darstellung barbarische Energie wiederzugeben. Das Komische, welches für ihn in dem Widerspruch liegt: mit Feuer und Schwert ein Land zum Christentum zu bekehren, färbt seinen Stil und macht denselben leicht spöttelnd, wo er groß sein sollte. So heißt es von Olaf Trygvesön, daß er ›sehr cavallierement‹ zu Werke ging, geschwind sein ganzes Reich christlich zu machen: ›Wie wohl solcher gestalt gar nicht in die Fußstapfen der Apostel getreten ward, ingleichen nicht die Vorschriften erfüllet, so Christi Lehre gebeut, nehmlich den Glauben zu verpflanzen durch Lehre. Leben und kräftige Persuasionen; denn der König selbst, dieweil er en passant Christ geworden, so hielt er es nicht vor nothwendig, viele Conferencen und große Weitläuftigkeiten anzuwenden, sondern reisete von einer Province zur andern und frug die Leute mit dem Degen in der Hand, ob sie wollten Christen werden, welches fürwahr die meist compendieuse Art ist, ein Volk zu bekehren, wiewohl nicht, es gut und zuverlässig zu bekehren.‹ Deshalb treten die Könige der Sage und des Altertums bei Holberg wie Könige in modernem Sinne des Wortes hervor. Alle seine Könige gleichen einander wie Kartenkönige. Valdemarus IL Victoriosus ist für ihn ein König von derselben Beschaffenheit wie die zeitgenössischen. Und deshalb vermag Holberg auch kein klares Bild vom Mittelalter zu geben. Das Mittelalter war katholisch, und er sieht es in dem Lichte, worin es ihm als rationalistischem Protestanten erscheint, der noch dazu besondern Abscheu vor dem Katholizismus hegt. Er zweifelt nicht daran, daß die Päpste und Prälaten bewußte Betrüger gewesen, und er ist mit seiner rationellen Vorliebe für den Mittelweg, ›das große Medium‹, der Leidenschaft und der Begeisterung des Mittelalters gegenüber kalt. Holberg hatte die höchsten Vorstellungen von dem Beruf und der Würde eines Geschichtsschreibers – ›eine Historie ist eines von den schwierigsten Werken, so Jemand unternehmen kann‹ –, und bekanntlich bezeichnet er selbst einen epochemachenden Fortschritt in der dänischen Geschichtsschreibung. Zu einer Zeit, wo trockene Chroniken einerseits, weitläufige Aufzählungen aller Einzelheiten von Krönungs- und Begräbniszeremonien andererseits, in Dänemark noch für Geschichte galten, drang er mit seiner hohen klassischen Geistesbildung, seiner durchaus verständigen Anschauungsweise, seiner Übersichtlichkeit und Erzählungskunst durch. Auch widerlegt er eifrig die Behauptung, daß Studieren allein genüge, einen Historiker zu bilden; dazu erforderlich seien noch ›Einsicht und Reflexionen‹; ferner handele es sich um Objektivität; bewunderungswürdig sei der Historiker, aus dessen Werk man weder erkenne, welchem Volk noch welchem Religionsbekenntnis er angehöre. Der Geschichtsschreiber dürfe nichts hineinbringen, was nicht zu seiner Erzählung gehöre, auch den Stil nicht zu sehr ausschmücken. Die Engländer finden Geschmack ›an unordentlichen und verwirrenden Schauspielen‹; aber, heißt es echt klassisch, ›der größte Zierrath der Historie ist Simplicität.‹ Der Hauptzweck der Geschichtskunde sei nicht, zu ergötzen, sondern zu unterweisen ›und ein Spiegel zu seyn, darinnen man aus vergangenen Dingen die zukünftigen sehen und beurtheilen‹ könne (›Erwägung über Geschichte‹). In zwei Hauptpunkten zeigt Holberg sich deswegen in seiner Eigenschaft eines Geschichtsschreibers als ausgeprägter Repräsentant des Klassizismus. Erstens in seinem Verhältnis zu dem Material, das er benützt. Strenge, fachwissenschaftliche Kritik der Quellen ist seine Sache nicht. Deutliche Widersprüche oder offenbare Einseitigkeit der Autoren, aus denen er schöpft, rufen allerdings seine Kritik hervor, sowie er andere klassische Historiker, Voltaire zum Beispiel, durch seine Gewissenhaftigkeit außerordentlich übertrifft; doch stellt er sich nie mit peinlicher Strenge die Frage: Was ist Wahrheit in dem aus der Vergangenheit Überlieferten, und wo finde ich dieselbe, falls sie in der Überlieferung nicht enthalten ist? – Nicht die unterirdische Detailkritik des Gegebenen, sondern die lichte und klare Darstellung eines interessanten und anregenden Stoffes machte ihm Freude. Er war von Natur nicht Gelehrter, sondern Schriftsteller, seiner Geistesrichtung nach kein Spezialist, sondern ein Mann des Überblicks. Darum sehen wir, daß, wo Holberg und Gram zu denselben Hauptresultaten gelangen, sie dies jeder auf seinem Weg erreichen, Gram auf dem der Kenntnis und der Kritik, Holberg auf dem der Betrachtung und des Urteils; und darum sehen wir auch, daß, nachdem Gram einen entscheidenden Fortschritt gemacht, indem er die eigentlich historische Kritik in Dänemark einführte, Holberg nicht nur, wie schon erwähnt, bei seiner neuen Ausgabe der dänischen Geschichte Grams Forschungen unbenutzt läßt, sondern daß er sich überhaupt von dem Feld abwendet, wo nun neue Bahnen, die er nicht einschlagen konnte, gebrochen waren; daß er seine historischen Forschungen aufgibt und die Geschichte Dänemarks mit anderen Gebieten vertauscht, wo die Forderungen weniger streng waren und er sich mit größerer Freiheit bewegen konnte. Zweitens ist Holberg in seiner historischen Darstellungsweise entschiedener Klassiker. Es handelt sich, wie er meint, hauptsächlich darum, ›was man schreibet, in einem simpeln und zugleich zierlichen und bündigen Stil auszuführen.‹ Gleich den zeitgenössischen Historikern des Auslandes hat er seine Hauptstärke im Erzählen und Erklären. Er trägt klar und fließend vor (doch nicht ohne Wiederholungen) mit der Absicht, dem Leser eine verständige Unterhaltung zu gewähren; er erklärt sorgfältig, leidenschaftslos, mit einem gesunden, wenn auch etwas zu leicht befriedigten Trieb, sich Rechenschaft und dem Leser Gründe zu geben. Was fehlt, ist einerseits Sinnlichkeit, andererseits Seele: Holbergs Mitteilungen sind klar, aber niemals anschaulich, sie geben kein Bild. Man sieht nicht das vor sich, was dem Berichte nach geschieht – der Erzähler ist kein Maler. Und andererseits: Da er ja einzig, weil die Begebenheiten ihm die Hauptsache sind, wesentlich Erzähler und pragmatischer Erklärer wird, so treten die Persönlichkeiten in seiner Geschichte nur um der Begebenheiten willen auf; ob auch genügend Leben und Handlung, ist doch im Grunde keine Seele darin. Die Beschaffenheit des Stiles bringt es mit sich, daß derselbe niemals eines von den Worten gebraucht, die plötzlich, wie ein Blitz aufzuckend, uns den Einblick in eine Menschenseele eröffnen. Daß Geschichte wesentlich Psychologie ist – dieser Gedanke ist Holberg und seinem Zeitalter fremd. Sehr deutlich offenbart sich die Begrenzung in den Werken, die augenscheinlich gerade aufs Psychologische angelegt sind, wie in der ›Geschichte verschiedener Heldinnen‹. Entsprach das Heroische an und für sich nicht sonderlich Holbergs Talent, so war dies mit dem speziell Weiblichen noch weniger der Fall. Deshalb liegt nicht der schwächste Hauch von Weiblichkeit über dieser ganzen Schrift. Selbst wo Holberg dem Weiblichen ganz nahe ist, erfaßt er es nicht, weil er keinen Blick dafür hat. Bei den Widersprüchen im Wesen der großen Frauen bemerkt er nicht, daß sie feminin sind; sie erregen nur seinen komischen Sinn. Nachdem er z.B. die Königin Elisabeth in ihrer Größe geschildert und ein paar Anekdoten zur Erhärtung ihrer eitlen Gefallsüchtigkeit daran geknüpft, schließt er zur Überraschung des Lesers: ›Man siehet hieraus, daß diese Königin etwas an sich hatte, so ›comique‹ war.‹ Man stutzt förmlich bei dem Wort. In der ›Geschichte verschiedener Helden‹ tritt die klassische Anschauungsweise vielleicht am klarsten und grellsten hervor. Die Helden sind – nicht ohne Zwang – nach Plutarchs Muster, je zwei und zwei, zusammengestellt. Jedoch Plutarch hatte eine Grundlage für seine Vergleiche: Er parallelisierte beständig einen Griechen mit einem Römer des Altertums. Holberg dagegen stellt den Großmogul Akebar mit Zar Peter dem Großen zusammen, Zoroaster mit Muhammed etc., als wären sie gleichartige Größen. Gestalten aus der Vorzeit und Persönlichkeiten aus dem 18. Jahrhundert, Tataren, Perser, Türken, Russen, Mexikaner und Peruaner werden in demselben lebhaften, unterhaltenden, verständigen und klaren Stil geschildert: Sie nehmen sich alle gleichmäßig aus. Holberg hat sie in Szene gesetzt, wie die französische Tragödie zu seiner Zeit ihre Perser und Mexikaner in Szene setzte, mit Helm und Degen, im wesentlichen wie die Zeitgenossen gekleidet und räsonierend wie sie. Er schildert sie so, weil er sie in dieser Weise sich vorstellt. Im Grunde ist seine eigene Zeit die einzige, welche er versteht, gleichwie sein eigenes Land und dessen Könige – trotz all seines Strebens, historische Objektivität zu erreichen – unwillkürlich in einem weit bessern Lichte vor ihm stehen als alle andern. Dänemark ist, wie er sagt, seit Christiern des Ersten Zeit ›regieret worden von lauter Fredericis und Christianis, und gleichwie selbige Könige alle den Namen überein gehabt, so waren sie auch alle einander gleich in Tugenden, also daß man in beiden Hinsichten kann den Oldenburgschen Königs-Stamm vor den merkwürdigsten und ansehnlichsten in der Historie halten. Der einzige Fleck‹, fügte er hinzu, ›ist Christiani II. Regiment.‹ Christian II. hielt ja keineswegs ›das große Medium.‹ – Es ist, als ob selbst die Gleichheit der Namen Holbergs klassischem Instinkt zugesagt hätte; sie wechseln ab wie Leonard und Jeronimus in der Komödie, alle auf einem gewissen Verstandes-Niveau stehend, einen gewissen Mittelweg einschlagend, ohne durch irgendeine das Land erschütternde Leidenschaft, Größe oder Torheit die Regularität zu unterbrechen – mit alleiniger Ausnahme der Regierung jenes Christians, die einen Fleck bildet. Ein Jahrhundert später hätte Holberg diesen Platz als Historiker nicht ausgefüllt. Nun konnte er seinem räsonierenden Trieb folgen, sich von seinem großen Erzählungstalent leiten lassen, seiner Neigung, auch auf diesem Felde zu erklären und zu moralisieren, freie Zügel geben, und durch seine Urteilskraft und seinen Takt gelangte er dazu, der dänischen Geschichtsschreibung die Bahn zu brechen. Die Begrenzung des historischen Gefühls und das Übergewicht des abstrahierenden Verstandes bestimmten bei Holberg, wie fast bei allen hervorragenden Schriftstellern des Zeitalters, den Gesichtspunkt für Religion und Moral. Gleich ihnen geht er davon aus, daß man auf Vernunft, nicht auf Autorität bauen soll. Aber der Glaube an die Vernunft hat den Sinn, daß man überzeugt ist, sie sei in allem historisch Entstandenen als Kern zu finden; sie ist ursprünglich darin gewesen, nur später durch Zusätze entstellt worden. – Diese Religionsauffassung stammt zum Teil von den Reformatoren; gleich diesen meinten die Deisten, gegenüber dem Christentum gelte es, dasselbe zu einer früheren ursprünglichen Reinheit zurückzuführen, nur daß sie einen anderen Blick für diese ehemalige Reinheit der Lehre hatten. Die wahre Religion ist ihrer Ansicht nach von den Priestern verdorben, so wie die unwahren Religionen durch bewußten Betrug von den Priestern erdichtet sind. Die Polemik des Zeitalters gegen die Geistlichkeit finden wir wiederum bei Holberg, wo er sich getraut, gegen dieselbe vorzugehen; sie kommt, wie wir sahen, zu Worte in ›Peter Paars‹; aber die Vorsicht, welche die Aufnahme des Gedichtes und überdies die Zensur Holberg eingeprägt, hatte zur Folge, daß in den Komödien kein einziger Geistlicher vorkommt. Dagegen nimmt Holberg den Angriff wieder auf in ›Niels Klim‹, wo die Polemik auf Umwegen und lateinisch geführt wird, und in der ›Kirchengeschichte‹, deren Päpste für ihn nur eine Reihe machtliebender Intriganten sind. Die verschiedenen Schriftsteller jener Zeit, welche sämtlich die Vernunft als obersten Richter erklären – ›glauben ist dasselbe wie wissen‹ (Holberg) –, bleiben nun auf verschiedenen Stufen stehen: Einige, vornehmlich Engländer und Franzosen, brechen offiziell mit dem Christentum; andere, wie die Deutschen und Holberg, sind bestrebt, es in Übereinstimmung mit der Vernunft zu bringen; aber auf einem gewissen Punkt stockt bei ihnen allen ihr Einigungsprozeß des Überlieferten. In der festen Überzeugung, durch Verschmelzung der Orthodoxie das reine Gold der philosophischen Wahrheit gewinnen zu können, wirft der Verstand die altsemitische Religion – wie in Holbergs Schauspiel der Alchimist sein arabisches Pulver – auf die Pfanne und findet nach vollbrachter Operation einen bildlichen Niederschlag, den er Gott nennt, der aber in Wirklichkeit durchaus nichts anderes ist als das undeutliche Spiegelbild dieses nämlichen Verstandes, der die Einschmelzung vornimmt und nun auf dem Boden der Pfanne sich selbst wiederfindet. Ohne diesen Gott kann der Verstand sich den Anfang nicht denken; ist aber einmal angefangen worden, dann greift dieser Gott nicht mehr ein. Taine hat mit Recht diesen klassischen Gott als Rest der Religion mit dem klassischen Vers, dem Alexandriner, verglichen, welcher als Rest der Poesie zurückblieb, als der klassische Verstand Lyrik und Epos einschmolz: ›Gleich dem Alexandriner nimmt dieser Gott sich gut aus, wird ohne Schwierigkeit verstanden, ist in stetem Gleichgewicht, hat weder Schwung noch Kraft in sich, setzt niemand von denen, die sich mit ihm befassen, in irgendwelche Gemütserregung, und gleich dem Alexandrinerverse ist er nicht das Produkt einer poetischen oder prophetischen Begeisterung, sondern des kalten, räsonierenden Verstandes.‹ (Hist. de la litt. anglaise IV.) Holbergs Gott gleicht Holbergs Vers. Nur ist zu bemerken, daß nach und nach, wie die Jahre dahingingen und die heimischen Verhältnisse ihren täglichen, ununterbrochenen Einfluß auf ihn ausübten, Holberg sich von dem Standpunkt seiner Jugend wenigstens soweit entfernte, daß er die Pflicht, an die Mysterien der Religion zu glauben, betont und sich den englischen Angriffen gegenüber auf die Seite des Offenbarungsglaubens stellt. Und ganz wie nach der Ansicht der Zeit hinter den falschen Glaubensbekenntnissen sich eine wahre, natürliche Religion findet – Gott, Freiheit, Strafe und Belohnung nach dem Tode –, ebenso findet sich auch hinter den positiven bürgerlichen und politischen Gesetzen ein Naturrecht, das herausgefunden werden kann und das zurückbleibt, wenn man all das Veraltete ausschmelzt, wie es z. B. in Holbergs ›Natur- und Völkerrecht‹ geschieht. Der Kern der Religion ist die Moral. Religion ohne Moral ist keine Religion, aber ›Moral ohne Religion ist immer Moral‹. Und die Moral ist wieder Vernunft. Wie es im ›Natur- und Völkerrecht‹ heißt: ›Vernunft ist die einzige Grundlage des Gewissens.‹ Dieser Gott ist also gleich weit von dem althebräischen Feuergott und Gesetzesgott wie von der Weltgottheit der modernen deutschen Poesie und Philosophie entfernt. Diese Moral steigt nicht zu einem Kantschen kategorischen Imperativ oder zu irgendeinem christlichen Paradoxon empor. Diese Vernunft stürmt nicht den Himmel, läßt sich nicht auf die höchsten, schwierigsten Spekulationen ein. Diese moralisierende Vernunft oder Vernunft-Moral lebt und atmet, atmet gesund und frei, hier auf Erden; sie ist gemütlich und bürgerlich, ernst, ohne rigoristisch zu sein, schalkhaft und oftmals witzig in ihrem Ausdruck, wohlgeeignet, einer Nation von schlichten Bürgers- und Handwerksleuten Lebensweisheit zu lehren. Sie begnügt sich mit Mittelwahrheiten und paßt ganz ausgezeichnet für jenen Mittelstand, dessen Emanzipation der Zeit Holbergs vorangegangen war und dessen Dichter und Lehrer er wurde. Oft scheint das Sujet, welches den Komödien zugrunde liegt, fast zu untergeordnet, wie z.B. in ›Die Wochenstube‹ oder in ›Der geschäftige Müßiggänger‹ aber die sprudelnde Laune sowie die vielseitige und scharfe Beobachtung machen Darstellung und Lehre unvergeßlich. Bisweilen können die Gegenstände, wie die in ›Moralische Gedanken‹ behandelten, allzu gewöhnlich, allzu naheliegend scheinen: Wir wissen, daß man nicht zu alt heiraten soll; daß man weder ein Stutzer sein noch unnötig gegen die Mode sich auflehnen soll; daß man eher danach trachten soll, sich Verdienste, als einen Rang zu erwerben usw.; aber der Aufsatz über die Ehe in ›Moralische Gedanken‹ ist gleichwohl so gesund gedacht, so meisterlich geschrieben, so witzig begründet und in seinem schönheitshuldigenden Schlußvorschlag – man solle die schönen Mädchen in unvermähltem Stande bewahren zur Zierde für die Stadt – so dichterisch ausgelassen, daß kein noch so tiefer Gedanke größere Anziehungskraft ausüben oder sich stärker einprägen könnte als dieses Bekenntnis eines Weltmannes. Endlich waren die Abhandlungen über die falsche Gottesfurcht, die uns heutzutage so selbstverständlich scheinen, einstmals dreist und sind jetzt noch witzig. Überhaupt dürfen wir Jetztlebenden Holberg gegenüber nie vergessen, daß, was nun zu wahr ist, um noch ausgesprochen zu werden, einst ein Paradoxon gewesen, und daß Holberg es war, der den Mut gehabt, unsere moralischen und ästhetischen Lebenswahrheiten als Paradoxen aufzustellen und den Kampf für dieselben auszuhalten, bis sie Truismen wurden. Er stand einem Publikum gegenüber, dem er seine Satire mit Löffeln eingießen und seine Moral in den Mund eintrichtern mußte. Und nichts entsprach mehr seinem Talent als diese Propaganda für den Moral- und Vernunftglauben, dem er wie das ganze Zeitalter so naiv und ernsthaft huldigte. Die klassische Geistesform bedient sich in Frankreich und England jedes Genres, um in geschmackvoller und ansprechender Weise zu moralisieren. Darstellungsarten, die bisher außerhalb der schönen Literatur lagen, verwertet sie literarisch: die moralische Abhandlung, die Epistel, die Fabel. Holberg aber hat (im Gegensatz zu Molière, dessen Jahrhundert hinter ihm liegt, doch ganz wie Voltaire) den Trieb des Publizisten, sich in den verschiedensten Kunstformen zu versuchen. Die Form der Fabel mißlingt ihm, weil es ihm an Naivität gebricht und weil er allzusehr mit didaktischer Absicht beladen ist; aber er beweist seinen Landsleuten, daß moralphilosophische Erwägungen ein lehrreiches Unterhaltungsbuch abgeben können. Die klassische Geistesform bildet endlich den Roman um, wie sie allen andern Kunstarten ihren Stempel aufdrückt; sie macht ihn philosophisch, allegorisch, wie wir ihn in England besonders bei Swift, in Frankreich vornehmlich bei Voltaire treffen – und zufolge einer förmlichen Tradition, ganz im Sinne des Zeitgeistes, schreibt Holberg ›Niels Klim‹. Um den ererbten Vorurteilen zu Leibe zu gehen, ohne direkt sich mit den sie tragenden und von ihnen getragenen Institutionen zu überwerfen, verglich man diese Vorurteile mit andern, die etwa in Persien, auf dem Sirius oder unter der Erde an der Tagesordnung waren und deren Herrschaft dort ebenso unangefochten war. Indem man den üblichen Sitten und Bräuchen, dem herrschenden Religions- und Rechtssystem die Lebensweise anderer Völker, die Ansichten der Bewohner anderer Weltkörper, die Gesellschaftseinrichtung der Menschenbäume oder der Affenmenschen gegenüberstellte, wurde das, was in der Heimat für das unbedingt Geziemende galt, relativ gemacht und einer ironischen Beleuchtung ausgesetzt. Vortrefflich paßte dieses Kampfverfahren für Holberg, dessen Phantasie stets vom Befreiungstrieb geleitet war und dessen Humor, selbst wenn er sich in Ausgelassenheit ergehen ließ, immer vom Verstand im Zügel gehalten wurde. Überdies war es für den großen Schriftsteller, zumal da die Zeiten drückend wurden, eine Versuchung, auf einem neuen Umweg zu philosophieren. Die Kunstform des philosophischen Romans ist heutzutage veraltet; nichtsdestoweniger ist ›Niels Klim‹ – obschon etwas unfrisch – eine von den am besten gelungenen Arbeiten Holbergs. Wir sehen also, daß auf allen diesen zahlreichen Gebieten Holberg die klassische Geistesform fertig und ausgebildet vorfindet; sein Geist schlüpft in diese Form wie in sein natürliches Gewand, ein Waffenkleid, das ihn niemals drückt, ihn vielmehr stets schützt, wappnet und stärkt – und durch diese glückliche Übereinstimmung wird dieser Geist dermaßen ausgerüstet, daß er der herrschende in der Kultur seines Landes wird. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß der klassische Panzer ihn niemals drückt. Derselbe kann ihm jedoch zu eng werden, und in diesem Falle legt er ihn ab – ist er doch von Anfang an eigentlich eine Waffentracht für romanische Krieger! Molière trägt diesen Panzer mit unendlicher Grazie, mit gleicher Leichtigkeit zum Kampf wie zum Fest. Der Glückliche! Glücklich in all seinem Unglück! Er saß an der Quelle; er fand um sich den ersten Hof der Welt, die beste und schlechteste Gesellschaft der Zeit; ihm stand Europas am höchsten und feinsten entwickelte Sprache zu Gebote, und er beherrschte sie vollkommen. Außerdem fand er mit seinem reichen Gemüt Ausdruck für das tiefe Gefühl, die edle Entrüstung, für Schwärmerei und Liebe nicht weniger als für Witz und Humor. Er konnte bis zu Alcestes erhabener Menschenverachtung emporsteigen, während Holberg bei Philemons ehrbarer Selbstverteidigung stehen bleiben mußte; er konnte Tartuffe in all seiner unheimlichen Größe schildern, während Holberg sich damit begnügen mußte, den kleinen, verschrumpften Heuchler Jeronimus in ›Pernilles kurzer Fräuleinstand‹ zu zeichnen. Selbst wenn Holberg an Tiefe und Innigkeit des Gefühls, an Glut und Duft der Erotik sich mit Molieire hätte messen können, müßte er doch als Sohn eines unzivilisierten Landes mit einer unentwickelten Sprache in Freiheit und Anmut des Ausdrucks weit hinter ihm zurückstehen. In Humor und Ausgelassenheit dagegen mißt er sich mit ihm (man denke an ›Ulysses von Ithacia‹); in bezug auf Tiefe ist er ihm bisweilen ebenbürtig – aber in einem Punkte übertrifft er ihn sogar. Wir sahen, wie Holberg in der Apologie des Sängers Tigellius das Problem stellt, auf welche Weise es zugehe, daß gänzlich verschiedenartige Eigenschaften in einem und demselben Individuum vereinigt sein können, und wie er in ›Die Wankelmütige‹ an dem Problem herumtappt, viele Seiten, selbst die einander widersprechenden, in einem menschlichen Charakter zu vereinigen; doch sahen wir auch, daß er geschwind im Geiste des Klassizismus und in der Art Molières sich darauf beschränkt, den Schwerpunkt des Charakters auf eine einzelne vorherrschende Eigenschaft zu legen, in welcher alles aufgeht. Und doch – mitunter ist es, als ob in ihm die Neigung seines Stammes gegen diese Anschauungsweise und dieses Verfahren reagiere, das einfacher, aber weniger umfassend und befriedigend ist; und alsdann begegnen wir bei ihm der vollständigen Beobachtung und vollständigen Phantasie, wie wir bei Molière sie niemals treffen. In den Entwürfen zu seinen Schauspielen, in der szenischen Anordnung entfernt Holberg sich nie von dem klassischen Muster, wohl aber in der Charakterschilderung. Das geschieht, wo er am allerhöchsten reicht, in ›Erasmus Montanus‹, am deutlichsten vielleicht in ›Jeppe vom Berge‹. Hier ist es, als ob der Nordländer in Holberg, fast möchte man sagen, der Niederländer in ihm, der Mann aus der halbniederländischen Hansestadt droben in Norwegen, das romanische Sehrohr, welches die fremde Kultur ihm in die Hand gedrückt, weggeworfen hätte. Hier ist die Allseitigkeit erreicht. Man denke an Jeppe! Alles, was wir wissen möchten, wenn wir die Bekanntschaft eines Menschen zu machen wünschen, ja weit mehr noch, als wir sonst von den Menschen zu wissen pflegen, die wir in Wirklichkeit kennen oder auf der Bühne treffen, erfahren wir von Jeppe. Was für eine Art Mensch ist er, und wie wurde er zu dem, der er ist? Wie ist sein Temperament, welche Laster und Tugenden hat er? Wieviel Willenskraft kann er aufbieten? Hat er Verstand, und welcher Art ist derselbe? Was ist seine herrschende Leidenschaft? Für welche Vergnügungen ist er empfänglich, und was ist sein Ideal vom Glück? Was ist sein Stolz oder seine schwache Seite, wo steckt der Narr und wo der Irrsinnige in ihm? Worin ist er borniert, und welche sind seine Vorurteile? Was hat er erlebt, gelernt und gelesen? Was ist der feste Kern in ihm, der sich gleichbleibt unter allen äußerlichen Wandlungen, und welche von seinen Eigenschaften sind einfach Folgen der Umstände, unter denen er lebt, und ändern sich mit diesen? Was ist seine Religion und was seine Philosophie? Welche Vorstellungen hat er von Leben und Tod, von Gott und der Welt, von einem anderen Leben? Welche Eindrücke hat er von dem Treiben der Menschen empfangen, mit denen er in Berührung kam? Wie lebt er, und mit welchen Gefühlen wird er sterben? – Auf jede dieser Fragen gibt das Stück uns Antwort, und jede dieser Antworten steht in so naher Verbindung mit den anderen, daß sie aus ihnen konstruiert werden können. Hier also haben wir einen Jeppe, der unterhaltend für Kinder und Dienstboten ist, aber zugleich einen andern, der Interesse bietet für den Psychologen, den Staatsmann, den Bauernfreund, den Offizier, den Historiker und den Arzt. Nehmen wir Jeppe, wie er vor uns steht im ersten Akt, unterdrückt bis zum Stumpfsinn, Sklave des Gutsbesitzers, des Reitvogtes und seiner eigenen Frau, von ihr und dem Küster betrogen und verhöhnt, mutlos gegenüber seinem weiblichen Plagegeist, rechtlos gegenüber seinen männlichen Despoten, geschimpft und geprügelt, weil er trinkt, und trinkend, um Scheltworte und Prügel zu vergessen! Wir sehen ihn aus dem Hause gesprengt in früher Morgenstunde, um einen langen Weg in undenkbar kurzer Zeit zurückzulegen, nüchtern, ohne daheim einen Bissen oder einen Tropfen genossen zu haben. Begreift man da nicht, daß er seine Zuflucht zum Schuhmacher Jakob nimmt, und daß er dies tagaus, tagein getan? Der Branntwein ist sein einziges Alibi, ist dasselbe für ihn, was Musik und Poesie für uns sind. Während des Rausches tauchen Jeppes Erinnerungen auf: Seine Soldatenzeit fällt ihm ein, sein bißchen Deutsch, seine Kampagnen; und obschon diese nicht gerade sonderlich ehrenvoll gewesen, sind die Feldzüge, die er mitgemacht, augenscheinlich doch seine stolzeste Erinnerung; er findet keine rühmlicheren Worte, die er an seiner Bahre dem Pfarrer in den Mund legen möchte, als die so unsäglich komischen, daß er als Soldat gelebt habe und als Soldat gestorben sei. Zehn Jahre seines Lebens hat er unter der ›Malicie‹ (Miliz) gestanden und vielleicht dreimal so lange Zeit unter der noch schlimmeren Malice seiner Frau; immer ist er geplagt worden und immer hat er sich plagen müssen, gelernt hat er soviel wie nichts. Es ist leicht zu erraten, welcher Art seine Kenntnisse sind: Seine Bilder sind aus dem Stall und aus der Bibel geholt, und Jeppe ist sicherer in Anwendung der ersteren als der letzteren; von Bücherweisheit hat er so viel inne, daß er ein paar Namen aus der biblischen Geschichte, aus den Volksweisen und aus Holger Danskes Chronik unrichtig anbringen kann (Abraham und Eva, Klein Kirsten und Herr Peter, Abner und Roland). Er hat einen Freund, den braven Moons Christoffersen, der ihm gute Ratschläge gibt, die ihm nichts helfen, und einen andern noch bessern und viel nützlicheren Freund: sein scheckiges Pferd, das eine Hauptrolle in seinem Ideenkreis spielt; dreimal kommt er auf dasselbe zurück; er liebt es, wie seine Vorfahren vor alters her dessen Ahnen liebten. Er war immer arm wie eine Kirchenmaus; darum weiß er, was Geld wert ist; darum wird er so geizig und habsüchtig, als er sich im Besitz von Gelde glaubt; darum krümmt er sich und küßt einem die Hand für vier Reichstaler und wirft den Kopf in den Nacken und läßt sie in der Tasche klappern, sobald er sie hat. Wohl möglich, daß der Scheck, wenn alles zu allem kommt, bessere Tage gehabt als Jeppe! Es ist natürlich, daß einer, der wie ein Gaul arbeitet, kein besseres Vergnügen kennt als ein Hund. Der rohen Vorstellung von Arbeit entspricht die rohe Vorstellung von Lustbarkeit. Was Wunder also, daß Jeppe als Baron über die Maßen ißt und trinkt, daß er die Süßigkeit der Macht und der Rache einsaugt und dem Reitvogt dasselbe Schicksal bereiten will, welches der Küster ihm bereitet hat. Welche andere Vorstellung von Glück kann er haben, als daß man ein gutes Bett hat, feine Kleider, viel zu essen, süßen Wein im Überfluß, viele Diener und eine Dienerin? Ein Grad höher: ein extra gutes Bett, extra feine Kleider usw. – das ist nicht mehr Glück, das ist Seligkeit! Mit gutem Grund nimmt Jeppe daher an, da man Fuchsprellen mit ihm gespielt, daß er direkt in den Himmel hineingeflogen sei. Er weiß, für welchen Preis man der Seligkeit teilhaftig wird: Rechtschaffenheit, Anständigkeit – dies sind die erforderlichen Tugenden. Worin besteht denn die Anständigkeit? Wer hat von Rechts wegen Anspruch aufs Himmelreich? – Das hat der , welcher ›bei der Herrschaft niemals auch nur mit einem Schilling in Rest blieb‹. Alles steht im Zusammenhang: Dem Begriff von der höchsten Tugend entspricht der Begriff vom höchsten Glück. Die eine Vorstellung ist ebenso positiv, handgreiflich, leibhaftig wie die andere. ›Ein seelenguter Kerl‹ ist Jeppe; doch ist es ganz in der Ordnung, daß seine Glückseligkeit von so kurzer Dauer; denn die ewige Seligkeit hat er nicht verdient; allzurasch vergißt er seine Abgaben und die Verpflichtungen, welche sein Pachtkontrakt ihm auferlegt, und – ein echt dänischer Zug aus dem gemeinen Volk – Jeppe achtet einen Eidschwur nicht höher als den Pachtkontrakt; er will mit Freuden den ›höchsten Eid darauf ablegen, daß alles Lügen sind, worauf er vorhin geschworen hat.‹ Er hat nicht mehr Respekt vor dem Gericht als vor den übrigen Autoritäten. Gleichwie ein Gutsherr für ihn ein von unbekannten Mächten eingesetztes gebieterisches Wesen ist, dessen Geschäft darin besteht, den Bauern ihre sauer erworbenen Pfennige zu nehmen, um selbst wieder von denen bestohlen und betrogen zu werden, die in seinem Auftrag die Plünderung vollziehen; gleichwie ein Priester für ihn ein Mann ist, dessen Haupttugend in einem gewaltigen Rednerorgan besteht, vermöge dessen er den Bauern den Glauben beibringen kann; und gleichwie ein Küster erst dann ein rechter und gelernter Küster ist, wenn er eine durchdringende Singstimme hat, womit er seinen Glauben so hinauskräht, daß er den Glauben von allen andern Küstern überschreit, so sind Richter und Prokuratoren für Jeppe bloß ein Haufen schwarzgekleideter, bestechlicher Schurken. Er zweifelt nicht daran, daß der echte religiöse Stoßseufzer folgender ist: ›Gott erhalte unsere Freunde, und der Teufel hole alle unsere Feinde!‹ Jeppe kennt die Welt und die Menschen; er hat seine eigene, nicht im geringsten bittere, aber düstere Lebensphilosophie. Er ist pfiffig und mißtrauisch. Welche echt dänische Bauerneigenschaft ist nicht wieder dieses Mißtrauen! Das Leben hat ihn dasselbe gelehrt, und Jeppe hat es nötig, um durchs Leben zu kommen; darum ist es so verwachsen mit ihm. Niemals gelingt es, seinen Argwohn zu überlisten, selbst wenn er betreffs seiner innern und äußern Verhältnisse am allermeisten getäuscht und irregeführt ist. Jeppe hat Gemüt – wer zweifelt daran! – ja, soviel, daß jede Behauptung, Holberg selbst habe kein Gemüt gehabt, sich für den, welcher Jeppe vor Augen hat, albern ausnimmt; aber Jeppe ist besonnen, schlau, seeländisch genug, daß das Herz nicht mit ihm durchgeht. Jedesmal, wenn man glaubt: jetzt wird er gerührt, jetzt verliert er den festen Halt und seine sichere Verstandesüberlegenheit all den Philistern gegenüber, die mit ihm ihren Schabernack treiben – so wird man aufs angenehmste überrascht, indem man sieht, daß er augenblicklich wieder er selbst ist. Seine Einfältigkeit wird von der Kenntnis und der Bildung der anderen ausgebeutet, sein Gefühl dient ihrer Erfahrung zum Spielzeug; aber er behält stets den Kopf oben, und sein Verstand weiß das Gefühl immer wieder zu befreien. Gewiß bricht er in Tränen aus, als sein Defensor ihn verteidigt; mit einem ›Gott segne Deinen Mund!‹ bietet er ihm seinen Kautabak an – man meint, er zerschmelze vor Dankbarkeit; als aber der Advokat die Gabe zurückweist, da er nicht um des Gewinstes willen spreche, ist Jeppe weit entfernt, sonderlich bewegt zu werden; er sagt trocken: ›Da bitt ich um Entschuldigung, Herr Procurator; ich hätte nicht gedacht, daß Euresgleichen so ehrlich wäre.‹ Ähnlich ist es auch, als der Richter ihn wieder zum Leben verurteilt; Jeppe ist bewegt, man erwartet Dank und Herzensergüsse. ›Dank' uns‹, sagt der Richter, ›daß wir so gnädig gewesen, dich wieder zum Leben zu verurtheilen.‹ – ›Wenn Ihr mich nicht selbst aufgehängt hättet‹, antwortet Jeppe, ›wollt ich Euch gerne dafür danken, daß Ihr mich losgeschnitten habt.‹ Diese mißtrauische Klugheit ist sein Schild: An ihr prallen in seinem Baronstand Bitten und Schmeicheleien, ›Complimente und Baslemente‹ ab; Jeppe ist weniger empfänglich dafür, als vermutlich der Baron selbst gewesen. Sein guter Kopf, sein gesunder Witz bleibt sich stets gleich; und hierin gibt sich, wie Carsten Hauch sagte, die Zähigkeit und Lebenskraft des Volksstammes unter allen Erniedrigungen zu erkennen. Im ersten Akt äußern diese Eigenschaften sich als Schelmerei, als Bauernwitz, als ausgelassener Humor des Trunkenboldes; von dem Augenblick aber, da Jeppe im zweiten Akt als Baron erwacht, bekommt sein armer Kopf derartige theoretische und praktische Aufgaben zu lösen, daß all sein angeborener Scharfsinn in Beschlag genommen und daran zuschanden wird. Unter außerordentlichen Verhältnissen entwickeln sich bekanntlich außerordentliche Kräfte, und nichts ist nun mehr unterhaltend, als hier zu sehen, wie dieser arme ungeschliffene Verstand, dem plötzlich Riesenprobleme vorgelegt werden, sich nach besten Kräften damit abarbeitet und mit seiner gesunden, aber unzulänglichen Logik gegen alle diese Schwierigkeiten kämpft wie ein David gegen einen Goliath. Sind es doch keine geringeren als die höchsten metaphysischen Aufgaben, welche an Jeppe herantreten! Es ist das Problem vom Ich oder Nicht-Ich. Ist all dieses, was er ringsum sieht, eine äußere Wirklichkeit oder nur ein Bild seiner Phantasie? ›Träum ich oder wach ich?‹ fragt er. Dieser Knoten, der durch Argumente und Beweise unmöglich zu lösen ist, wenn der unmittelbare Sinn ins Schwanken geriet und denselben nicht zu durchhauen vermag – dieser Knoten ist's, den er zu entwirren sucht. Er weiß nicht, daß sein Gedankengang sich immer im Kreislauf bewegt und nicht von der Stelle kommen kann; er rührt an seinen hohlen Zahn, er kneift sich in den Arm, um Gewißheit zu erlangen, vergißt aber, daß auch die Empfindung erträumt sein kann. – Träum ich oder wach ich? Bin ich lebendig oder gestorben? Bin ich Jeppe vom Berge, oder bin ich nicht Jeppe vom Berge? Das sind die Fragen, welche ihn beschäftigen. Als tüchtiger Denker gelangt er zuletzt so weit, an seiner eigenen Identität zu zweifeln. Dies ist der schreiendste, am höchsten potenzierte und darum am meisten komische Widerspruch von allen. Hier ist der Widerspruch, auf welchem die Komik beruht, so stark gespannt als nur möglich, ohne bis zum Aberwitz ausgedehnt zu werden. Jeppe steht am Rande des Wahnsinns, gleich dem geschäftigen Müßiggänger, wenn dieser ausruft: ›Ich bin Alexander Magnus!‹ Die Situation ist eine unerschöpfliche Quelle des Lachens. Wieviel Schlauheit Jeppe auch aufbietet, wie gesund er auch räsoniert – es gelingt ihm doch nicht, das Problem zu lösen, sondern nur, es allmählich zu entfernen. Aber es läßt ihm keine Ruhe: Am nächsten Tag kehrt es in verschärfter Form zurück. Vom Galgen herabgenommen, muß Jeppe sich die Frage stellen, ob er lebendig oder tot sei, ob ein Mensch oder ein Geist, ein Gespenst? Er kann es nicht in seinen Kopf hineinbringen, daß er noch lebendig sein soll; er ist unempfänglich für die Sophismen des Richters, und er vermag sich endlich nur durch die schlaue Hypothese zu beruhigen: ›Vielleicht, wenn man die Leute lebendig hängt, so sterben sie; hängt man sie aber todt, so werden sie wieder lebendig.‹ Er hat das Bedürfnis, wenigstens formell einigermaßen Ordnung in seine Begriffe zu bringen. Die Ordnung ist nur soso; aber der Drang dazu macht Jeppes Kopf alle Ehre. Der zweite Akt ist eine apokalyptische Komödie: Wir sehen darin, wie Jeppe sich nach seinem Tode verhalten wird; der vierte Akt ist ein Trauerspiel, aus dem wir lernen, mit welchen Gedanken er aus dem Leben scheiden wird. In der verkehrten Welt dieses Stückes kommt die Auferstehung zuerst und hintennach der Tod. Jeppe hat allen Grund, sich für gestorben, für ungerecht hingerichtet zu halten. Sollte indes etwas imstande sein, uns mit der unverzeihlichen Barbarei des Barons auszusöhnen, so war es dies, daß wir durch dieselbe Kenntnis erhalten, wie Jeppe sich in seiner Sterbestunde benehmen wird. Er ist nicht mutig seinem Weib gegenüber und war in seiner Jugend nicht mutig vor der Schlacht; aber er ist nicht bange vor dem Tode – soviel hat er dem Leben nicht zu verdanken. Im ersten Augenblick sinkt er in die Knie, dann aber erhebt er sich mit einer Bitte an den Richter. Diesmal nimmt er seine Zuflucht nicht zu ›Davids Psaltfaß‹ (Psalter), wie da der Tod ihm als Möglichkeit vor Augen schwebte. Jetzt, da derselbe ihm gewiß ist, fällt die konventionelle Frömmigkeit von selber weg. Die Branntweinflasche tritt an Stelle des Psalters als der einzig erprobte, zuverlässige Tröster; Jeppes Gedanke bleibt an der Erde haften. Und als dann die drei Gläser Branntwein getrunken sind, als er erfährt, daß es kein Pardon gebe, ja das Urteil bereits vollstreckt sei – da wendet er sich mit einer Liebe, die seine Frömmigkeit überdauerte und sich stärker als diese bewährte, ganz still und gemütlich an seinen ganzen irdischen Kreis: Er sagt seinen Kindern, seinem Schecken, seinem treuen Hund und all seinem Vieh Lebewohl und ›Dank für gute Gesellschaft‹. So stellt denn das Stück unter den tollsten Scherzen einen konkreten, typischen Charakter und ein ganzes Menschenleben von der Wiege bis zum Grabe dar. Das Resultat ist also folgendes: Der klassische Geist, welchen Holberg als den herrschenden in Europa vorfindet und der seiner Zeit, aber nicht seinem Lande angehört (weshalb Holberg auch keine Schule stiftet), paßt merkwürdig für seine Individualität mit ihrer Verstandesbegabung und ihrem Verstandeswitz, ihrer auf das ausschließliche Gebiet des Satirischen und Komischen beschränkten dichterischen Kraft, ihrem Talent zur Abstraktion ohne Schwung – dafür aber mit dem ständigen Gleichgewicht des gesunden Verstandes – und mit ihrer Neigung zur Vernunftreligion und zur Vernunftmoral. In Verskunst, Satire und komischem Epos, in Schauspieldichtung, Geschichtsschreibung und Philosophie versieht der Klassizismus ihn mit einer ganzen Reihe fertiger Geistesformen, Phantasieformen, Gedankenformen, literarischer Formen, worin sein originelles Wesen zu entfalten ihm leicht und natürlich wird. Wo Holberg aber am höchsten reicht, da hat er mit der Entschiedenheit und Kraft des Genies – ohne es selbst klar zu fühlen oder zu wissen – die klassische Geistesform gesprengt und den Menschencharakter ohne Abstraktion mit voller Phantasie, wie Shakespeare es tut, verstanden und dargestellt – und in solchen Fällen übertrifft er sogar sein großes romanisches Vorbild: Molière.