Henrik Ibsen Die Stützen der Gesellschaft Schauspiel in vier Akten. Personen Karsten Bernick , Konsul Betty , seine Frau Olaf , ihr Sohn, dreizehn Jahr alt Martha Bernick , des Konsuls Schwester Johann Tönnesen , Frau Bernicks jüngerer Bruder Lona Hessel , ihre ältere Halbschwester Hilmar Tönnesen, Frau Bernicks Vetter Rörlund , Adjunkt Rummel , Großkaufmann Vigeland , Sandstad , Kaufleute Dina Dorf , ein junges Mädchen im Hause Bernicks Krap , Prokurist Aune , Schiffsbaumeister Frau Rummel Frau Holt , Postmeistersgattin Frau Lynge , Doktorsgattin Fräulein Rummel Fräulein Holt Bürger und andere Einwohner, Ausländische Seeleute, Dampfschiffpasagiere. Das Stück spielt in einer kleineren norwegischen Küstenstadt, und zwar im Bernickschen Hause. (Sprich: Wigeland, Lünge.) Erster Akt Ein geräumiges Gartenzimmer im Bernickschen Hause. Links im Vordergrund führt eine Tür in das Zimmer des Konsuls; weiter zurück, an derselben Wand, ist eine ähnliche Tür. In der Mitte der entgegengesetzten Wand befindet sich eine größere Eingangstür. Die Wand im Hintergrunde besteht fast ganz aus Spiegelglas; von ihr führt eine offene Tür zu einer breiten Terrasse, über die sich ein Zeltdach spannt. Ein Teil des Gartens wird unten vor der Treppe sichtbar, die von der Terrasse herabführt. Er ist von einem Gitter eingefriedigt, das eine kleine Pforte hat. Vor und längs dem Gitter draußen zieht sich eine Straße hin, die auf der gegenüberliegenden Seite mit kleinen, hell angestrichenen Blockhäusern bebaut ist. Es ist Sommer, und die Sonne scheint warm. Einzelne Leute gehen von Zeit zu Zeit auf der Straße vorüber; man bleibt stehen und unterhält sich; in einem Kramladen an der Ecke werden Käufer bedient usw. Im Gartenzimmer sitzt um einen Tisch eine Gesellschaft von Damen. Mitten vor dem Tisch sitzt Frau Bernick , zu ihrer Linken Frau Holt mit Tochter ; neben ihnen Frau Rummel und Fräulein Rummel . Rechts von Frau Bernick sitzen Frau Lynge, Martha und Dina . Sämtliche Damen sind mit Handarbeiten beschäftigt. Auf dem Tisch liegen große Stöße halbfertiger und zugeschnittener Wäsche und Kleidungsstücke. Weiter zurück an einem kleinen Tisch, auf dem zwei Blumentöpfe und ein Glas Zuckerwasser stehen, sitzt Rörlund und liest aus einem Buch mit Goldschnitt vor, doch so, daß die Zuschauer nur einzelne Worte hören können. Draußen im Garten läuft Olaf umher und schießt mit einer Armbrust nach der Scheibe. Nach einer kleinen Weile kommt Aune sacht durch die Tür rechts. In der Vorlesung tritt eine kleine Störung ein; Frau Bernick nickt ihm zu und zeigt auf die Tür links. Aune geht leise zur Tür des Konsuls und klopft ein paar Mal leise und in Zwischenräumen an. Krap , den Hut in der Hand und Schriftstücke unter dem Arm, kommt aus dem Zimmer. Krap. So, Sie haben geklopft?! Aune. Der Herr Konsul hat mich rufen lassen. Krap. Allerdings, kann Sie aber nicht empfangen –- hat mir aufgetragen, – Aune. Ihnen? Ich möchte doch lieber – Krap. – mir aufgetragen, Ihnen dies zu sagen: Sie sollen die Vorträge einstellen, die Sie Sonnabends für die Arbeiter halten. Aune. So? Ich dächte doch, meine freie Zeit, die könnte ich verwenden – Krap. Sie können Ihre freie Zeit nicht dazu verwenden, die Leute untauglich zu machen für die Arbeitszeit. Letzten Sonnabend haben Sie über den Schaden gesprochen, den die Arbeiter durch unsere neuen Maschinen und durch die neue Arbeitspraxis auf der Werft haben würden. Warum tun Sie das? Aune. Das tue ich, um die Gesellschaft zu stützen. Krap. Merkwürdig! Der Konsul sagt, es wirke auflösend auf die Gesellschaft. Aune. Meine Gesellschaft ist nicht die Gesellschaft des Herrn Konsul, Herr Krap! Als Obmann des Arbeitervereins muß ich – Krap. Sie sind vor allen Dingen Obmann auf der Bernickschen Werft. Sie haben vor allen Dingen Ihre Schuldigkeit zu tun für die Gesellschaft, die sich »Firma Bernick« nennt; denn von ihr leben wir alle zusammen. – So, nun wissen Sie, was der Herr Konsul Ihnen zu sagen hatte. Aune. Der Herr Konsul würde es mir nicht auf die Art gesagt haben, Herr Prokurist. Aber ich weiß schon, wem ich das zu verdanken habe, – dem verdammten Amerikaner, der hier auf Reparatur liegt. Die Leute wollen, daß hier so gearbeitet werden soll, wie sie es drüben gewohnt sind, und das – Krap. Schon gut! Auf weitere Erörterungen kann ich mich nicht einlassen. Sie kennen jetzt die Ansicht des Herrn Konsul und damit basta! Gehen Sie jetzt nur wieder auf die Werft, da sind Sie gewiß nötig; ich komme selbst sehr bald hinunter. – Entschuldigen Sie, meine Damen! Er grüßt und geht durch den Garten und die Straße hinunter. Aune geht still nach rechts ab. Rörlund, der während dieser mit gedämpfter Stimme geführten Unterredung die Lektüre fortgesetzt hat, ist gleich darauf mit dem Buch zu Ende und klappt es zu. Rörlund. Und somit, meine lieben Zuhörerinnen, ist die Geschichte aus. Frau Rummel. Ach, was für eine lehrreiche Erzählung! Frau Holt. Und so moralisch! Frau Bernick. Ein solches Buch gibt wirklich viel zu denken. Rörlund. O ja! Es bildet ein wohltuendes Gegenstück zu dem, was uns leider täglich Journale und Zeitschriften auftischen. Jene vergoldete und geschminkte Außenseite, die die große Gesellschaft zur Schau trägt, was steckt im Grunde dahinter? Hohlheit und Fäulnis, wenn ich so sagen darf. Kein moralisches Fundament, auf dem man stehen kann. Mit einem Wort, diese große Gesellschaft von heutzutage ist ein übertünchtes Grab. Frau Holt. Nur allzu wahr. Frau Rummel. Wir brauchen uns nur die amerikanische Schiffsmannschaft anzusehen, die hier jetzt liegt. Rörlund. Von solchem Auswurf der Menschheit will ich gar nicht reden. Aber selbst in den höheren Kreisen – wie steht es da ? Überall Zweifel und Gärung; Unfriede in den Gemütern und Unsicherheit in allen Verhältnissen – und wie ist da draußen nicht das Familienleben untergraben! Wie wagen sich nicht freche Umsturzgelüste an die wertvollsten Wahrheiten heran! Dina ohne aufzusehen . Aber geschehen nicht auch dort viele große Taten? Rörlund. Große Taten–? Ich verstehe nicht–- Frau Holt erstaunt . Aber, mein Gott, Dina –! Frau Rummel gleichzeitig . Aber Dina! wie kannst Du nur –? Rörlund. Ich würde es nicht für zuträglich halten, wenn solcherlei Taten Eingang bei uns fänden. Nein, da müssen wir doch Gott danken, daß es hier bei uns so ist, wie es ist. Wohl wächst leider auch hier Unkraut zwischen dem Weizen; aber wir bestreben uns doch redlich, es nach Möglichkeit auszujäten. Es gilt, meine Damen, die Gesellschaft rein und die Verirrungen von ihr fern zu halten, die eine fieberhafte Zeit uns aufdrängen will. Frau Holt. Und davon gibt es hier leider mehr als genug. Frau Rummel. Ja, voriges Jahr hing es nur an einem Haar, und wir hätten nach unserer Stadt die Eisenbahn gekriegt. Frau Bernick. Na, das hat doch Karsten verhindert. Rörlund. Die Vorsehung, Frau Bernick. Sie können überzeugt sein, Ihr Mann war das Werkzeug einer höheren Macht, als er es ablehnte, auf den Schwindel einzugehen. Frau Bernick. Und dennoch mußte er sich in den Zeitungen so viel Häßliches sagen lassen. Aber wir vergessen ganz, Ihnen zu danken, Herr Adjunkt. Es ist wirklich mehr als freundlich von Ihnen, daß Sie uns so viel Zeit opfern. Rörlund , Nicht der Rede wert! Jetzt in den Ferien – Frau Bernick. Nun ja, – ein Opfer ist es doch, Herr Adjunkt. Rörlund rückt seinen Stuhl näher . Bitte, – nichts mehr davon, verehrteste Frau! Bringen Sie nicht alle, eine wie die andere, ein Opfer einer guten Sache zuliebe? Und bringen Sie es nicht froh und freudig? Diese moralisch Verkommenen, für deren Besserung wir arbeiten, gleichen verwundeten Soldaten auf einem Schlachtfeld. Sie, meine Damen, Sie sind die Diakonissinnen, die barmherzigen Schwestern, die Charpie zupfen für die unglücklichen Verstümmelten und den Verband sanft um ihre Wunden legen, sie heilen und wieder gesund machen – Frau Bernick. Es muß eine Himmelsgabe sein, alles in so schönem Lichte sehen zu können. Rörlund. Vieles ist in dieser Beziehung angeboren; aber vieles kann auch erworben werden. Es handelt sich nur darum, die Dinge im Lichte einer ernsten Lebensaufgabe zu sehen. Nun, was sagen Sie, Fräulein Bernick? Finden Sie nicht auch, daß Sie sozusagen einen festeren Boden unter Ihren Füßen fühlen, seitdem Sie Ihr Leben der Schule geweiht haben? Martha. Ach, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Oft, wenn ich da in der engen Schulstube stecke, wünsche ich mir, ich wäre weit draußen auf dem wilden Meer. Rörlund. Ja, sehen Sie, liebes Fräulein, das sind Anfechtungen. Doch solch unruhigen Gästen gegenüber, da heißt es: Tür zu! Das wilde Meer – das meinen Sie natürlich nicht buchstäblich; Sie meinen die große, wogende Gesellschaft der Menschen, in der so viele zugrunde gehen. Und schätzen Sie denn wirklich das Leben so hoch, das Sie da draußen summen und brausen hören? Werfen Sie nur einen Blick auf die Straße! Da gehen die Menschen in der Sonnenglut und schwitzen und plagen sich ab mit ihren kleinen Angelegenheiten. Nein, da haben wir es wahrlich besser, die wir hier in der Kühle sitzen und der Seite den Rücken kehren, von der die Wirrungen kommen. Martha. Gott, Sie haben ja gewiß vollkommen recht – Rörlund. Und in einem Haus wie diesem, in einem guten, makellosen Hause, wo das Familienleben in seiner schönsten Gestalt in die Erscheinung tritt – wo Friede und Eintracht herrschen – Zu Frau Bernick. Wonach horchen Sie, Frau Bernick? Frau Bernick wendet sich zur vordersten Tür links. Wie laut sie da drin sind! Rörlund. Ist da etwas Besonderes los? Frau Bernick. Ich weiß nicht. Ich höre nur, daß jemand drin bei meinem Mann ist. Hilmar Tönnesen , die Zigarre im Mund, kommt durch die Tür rechts; er bleibt stehen, wie er die Damen sieht. Hilmar. O, bitte um Entschuldigung – Er will sich zurückziehen. Frau Bernick. »Hilmar, so tritt doch nur näher; Du störst nicht. Wolltest Du etwas ?« Hilmar. Nein, ich wollte nur einen Blick ins Zimmer tun.– Guten Morgen, meine Damen! Zu Frau Bernick. Na, was ist denn nun geworden ? Frau Bernick. Womit? Hilmar. Bernick hat ja eine Sitzung zusammengetrommelt. Frau Bernick. So?! Was gibt es denn eigentlich? Hilmar. Ach, es ist schon wieder der Schwindel mit der Eisenbahn. Frau Rummel. Ist wohl nicht möglich! Frau Bernick. Der arme Karsten, soll er noch mehr Unannehmlichkeiten haben – Rörlund. Aber wie reimt sich das zusammen, Herr Tönnesen? Der Konsul Bernick hat doch voriges Jahr deutlich genug erklärt, daß er keine Eisenbahn haben will. Hilmar. Ja, das meine ich auch; aber ich habe den Prokuristen Krap getroffen, und der hat mir erzählt, die Eisenbahnfrage wäre wieder aufgenommen worden, und Bernick hätte eine Besprechung mit drei hiesigen Geldleuten. Frau Rummel. Es war mir doch auch so, als hörte ich Rummels Stimme. Hilmar. Natürlich ist Herr Rummel mit dabei, sodann der Kaufmann Sandstad vom Steinweg und Michael Vigeland – Sankt Michael, wie sie ihn nennen. Rörlund. Hm – Hilmar. Verzeihung, Herr Adjunkt! Frau Bernick. Und es war hier doch so schön und friedlich. Hilmar. Ich für mein Teil hätte nichts dagegen, wenn die Balgerei wieder losginge. Da gäbe es wenigstens eine Zerstreuung. Rörlund. Ach, diese Art Zerstreuungen, meine ich, kann man entbehren. Hilmar. Je nun, das kommt auf die Veranlagung an. Gewisse Naturen brauchen ab und zu aufrüttelnde Kämpfe. Doch so was hat das kleinstädtische Leben leider selten zu bieten, und nicht jedem ist's gegeben – Blättert im Buche des Adjunkten. »Die Frau als Dienerin der Gesellschaft.« Was ist das für ein Zeug? Frau Bernick. Aber, Hilmar! Das mußt Du nicht sagen. Du hast sicher das Buch nicht gelesen. Hilmar. Nein; ich habe auch nicht die Absicht es zu tun. Frau Bernick. Dir ist heut gewiß nicht wohl. Hilmar. Allerdings nicht. Frau Bernick. Hast vielleicht heute nacht nicht gut geschlafen? Hilmar. Sehr schlecht. Ich machte gestern abend einen kleinen Spaziergang meines Leidens wegen; dann ging ich ein bißchen in den Klub hinauf und las einen Reisebericht vom Nordpol. Es liegt etwas Stählendes darin, den Menschen in ihren Kampf mit den Elementen zu folgen. Frau Rummel. Und das ist Ihnen wohl nicht gut bekommen, Herr Tönnesen? Hilmar. Es ist mir sehr schlecht bekommen; ich habe die ganze Nacht dagelegen und mich im Halbschlaf gewälzt und geträumt, ich würde von einem greulichen Walroß verfolgt. Olaf , der die Gartentreppe heraufgekommen ist. Du bist von einem Walroß verfolgt worden, Onkel? Hilmar. Im Traum, Du Schafskopf! Aber spielst Du immer noch mit der albernen Armbrust?! Weshalb siehst Du nicht zu, ein richtiges Gewehr zu bekommen ? Olaf. Ich wollte schon gern, aber – Hilmar. In solchem Gewehr, da liegt doch Sinn drin. Es gewährt immer einen Nervenreiz, wenn man Feuer gibt. Olaf. Und dann könnte ich Bären schießen, Onkel. Aber Papa erlaubt es mir nicht. Frau Bernick zu Hilmar. Setz' ihm doch nicht solche Sachen in den Kopf, Hilmar. Hilmar. Hm, – ja, ja, ein schönes Geschlecht, das da heutzutage heranwächst! Da redet man von Körperübungen, – aber, himmlischer Vater! – die ganze Geschichte ist nur Spielerei; kein ernstes Streben mehr nach jener Abhärtung, die ein mannhafter Zusammenstoß mit der Gefahr uns verschafft. – Esel, richte doch nicht immer so die Armbrust auf mich! Sie kann losgehen. Olaf. Aber Onkel, es ist ja kein Bolzen drin. Hilmar. Das kannst Du nicht wissen. Es könnte doch einer drin sein. – Tu sie weg, sage ich! Warum zum Kuckuck bist Du nie mit einem von Deines Vaters Schiffen nach Amerika hinübergefahren? Da könntest Du eine Büffeljagd oder einen Kampf mit den Rothäuten sehen. Frau Bernick Aber, Hilmar – Olaf. Ei, das möchte ich gern, Onkel! Und dann könnte ich am Ende auch Onkel Johann und Tante Lona besuchen. Hilmar. Hm –; dummes Zeug! Frau Bernick. Du kannst jetzt wieder in den Garten gehen, Olaf. Olaf. Darf ich auch auf die Straße, Mutter? Frau Bernick. Ja, aber nicht zu lange. Olaf läuft hinaus durch das Gittertor. Rörlund. Sie sollten dem Kind nicht solche Flausen in den Kopf setzen, Herr Tönnesen. Hilmar. Natürlich; er soll hier sitzen und ein Stubenhocker werden, wie so viele andere! Rörlund. Aber warum reisen Sie nicht selbst hinüber ? Hilmar. Ich? Mit meinem Leiden? Na freilich, auf das nimmt man ja hier in der Stadt nicht viel Rücksicht. Aber trotzdem – man hat doch gewisse Verpflichtungen gegen die Gesellschaft, in der man lebt. Hier muß doch wenigstens ein Mensch sein, der die Fahne der Idee hochhält. Uh! da schreit er wieder. Die Damen. Wer schreit? Hilmar. Ach! Ich weiß nicht. Sie sind niederträchtig laut da drin, und das macht mich nervös. Frau Rummel. Das wird mein Mann sein, Herr Tönnesen. Aber wissen Sie, er ist so gewohnt, in großen Versammlungen zu sprechen – Rörlund. Die andern, finde ich, haben auch grade kein leises Organ. Hilmar. Herrgott ja, – wenn es gilt, den Daumen auf den Geldbeutel zu halten, dann –. Hier geht ja alles auf in kleinlicher, materieller Interessenwirtschaft. Uh! Frau Bernick. Es ist jedenfalls besser als früher, wo alles in Vergnügungen aufging; Frau Lynge. War es früher wirklich so schlimm hier? Frau Rummel. Ja, das können Sie glauben, Frau Lynge. Sie können sich glücklich preisen, daß Sie damals noch nicht hier gewohnt haben. Frau Holt. Es hat sich freilich vieles geändert. Wenn ich an meine Mädchentage zurückdenke – Frau Rummel. Ach, denken Sie bloß so vierzehn, fünfzehn Jahre zurück. Gott stehe mir bei, was für ein Leben war das hier! Damals bestanden noch der Ballverein und der Musikverein – Martha. Und der dramatische Verein. An den kann ich mich noch gut erinnern. Frau Rummel zu Hilmar. Richtig, wo Ihr Stück aufgeführt wurde, Herr Tönnesen. Hilmar geht nach dem Hintergrund. Ach was –! Rörlund. Ein Stück des Studiosus Tönnesen? Frau Rummel. Ja, das war lange, bevor Sie hierher kamen, Herr Adjunkt. Es wurde übrigens nur ein mal gegeben. Frau Lynge zu Frau Rummel. Das war wohl das Stück, worin Sie die Liebhaberin gespielt haben, wie Sie mir erzählten, Frau Rummel? Frau Rummel schielt nach Rörlund. Ich? Kann mich dessen wirklich nicht entsinnen, Frau Lynge. Aber ich entsinne mich noch recht gut dieser ganzen ausgelassenen Geselligkeit in den Familien. Frau Holt. Ich weiß noch die Häuser, wo es jede Woche zwei große Diners gab. Frau Lynge. Und dann war ja hier auch eine umherziehende Schauspielertruppe, habe ich gehört. Frau Rummel. Ja, das war schon das Allerärgste –! Frau Holt unruhig. Hm, hm – Frau Rummel. Wie? Schauspieler? I, davon weiß ich ja gar nichts mehr. Frau Lynge. Freilich, die Leute sollen ja so viele tolle Streiche gemacht haben. Was waren das eigentlich für Geschichten? Frau Rummel. Ach, es war im Grunde nichts, Frau Lynge. Frau Holt. Liebste Dina, reich' mir da die Leinwand her. Frau Bernick zu gleicher Zeit. Dina, mein Herz, sieh doch mal nach, wo Kathrine mit dem Kaffee bleibt. Martha. Ich komme mit Dir, Dina. Dina und Martha ab durch die oberste Tür links. Frau Bernick steht auf. Und mich entschuldigen Sie wohl auch für einen Augenblick, meine Damen, – ich denke, wir trinken den Kaffee draußen. Sie geht auf die Terrasse hinaus und deckt den Tisch. Der Adjunkt steht in der Tür und spricht mit ihr. Hilmar steht draußen und raucht. Frau Rummel leise. Gott, Frau Lynge, was haben Sie mir für einen Schreck eingejagt! Frau Lynge. Ich? Frau Holt. Ja, aber eigentlich haben Sie doch selbst angefangen, Frau Rummel. Frau Rummel. Ich? Nein, wie können Sie nur so etwas sagen, Frau Holt! Es ist ja kein Sterbenswörtchen über meine Lippen gekommen. Frau Lynge. Aber was gibt es denn? Frau Rummel. Wie Sie nur davon anfangen konnten –! Haben Sie denn nicht gesehen, daß Dina im Zimmer war? Frau Lynge. Dina? Aber um Gottes willen, ist denn was los mit –? Frau Holt. Und noch dazu hier im Hause! Wissen Sie denn nicht, daß Frau Bernicks Bruder –? Frau Lynge. Was ist mit ihm? – Ich weiß ja von gar nichts; ich bin ja ganz neu – Frau Rummel. Also Sie haben nicht gehört, daß –? Hm – Zu ihrer Tochter. Du Hilda, Du kannst ein wenig in den Garten gehen. Frau Holt. Du auch, Netta! Und seid recht artig gegen die arme Dina, wenn sie kommt. Fräulein Holt und Fräulein Rummel ab in den Garten. Frau Lynge. Also was war das mit Frau Bernicks Bruder? Frau Rummel. Wissen Sie nicht, daß er es war, der die häßliche Geschichte hatte? Frau Lynge auf Hilmar Tönnesen zeigend. Hat der Studiosus Tönnesen eine häßliche Geschichte gehabt? Frau Rummel. Aber nein doch! Hilmar ist ja ihr Vetter. Ich spreche vom Bruder – Frau Holt. – von dem berüchtigten Tönnesen – Frau Rummel. Johann hieß er. Er ging nach Amerika. Frau Holt. Mußte nach Amerika, verstehen Sie. Frau Lynge. Und er hatte eine häßliche Geschichte? Frau Rummel. Ja, es war so was – wie soll ich's nur nennen? – Es war etwas mit Dinas Mutter. Ich erinnere mich dessen noch, als war's gestern gewesen. Johann Tönnesen war im Geschäft der alten Frau Bernick; Karsten Bernick war eben von Paris heimgekommen, – war noch nicht verlobt – Frau Lynge. Na, und die häßliche Geschichte? Frau Rummel. Ja, sehen Sie, den Winter war Möllers Schauspielertruppe hier – Frau Holt. – und bei der Truppe waren der Schauspieler Dorf und seine Frau. Die jungen Leute hier waren rein vernarrt in das Weib. Frau Rummel. Gott weiß, wie man die schön finden konnte. Da kommt nun Dorf eines schönen Abends spät nach Hause – Frau Holt. – ganz unerwartet – Frau Rummel. – und findet – ; nein, es läßt sich wirklich nicht erzählen! Frau Holt. Nein, Frau Rummel, er hat nichts gefunden; denn die Tür war von innen verschlossen. Frau Rummel. Das wollte ich ja gerade sagen; er fand die Tür verschlossen. Und denken Sie nur! Es ist einer drin, und der muß zum Fenster hinausspringen. Frau Holt. Ganz hoch aus einem Giebelfenster! Frau Lynge. Und das war Frau Bernicks Bruder? Frau Rummel. – Ja freilich! Frau Lynge. Und darum ist er nach Amerika durchgebrannt ? Frau Holt. Er mußte wohl. Das können Sie sich doch denken. Frau Rummel. Und hinterher wurde etwas entdeckt, das fast ebenso schlimm war. Denken Sie sich, er hatte sich an der Kasse vergriffen – Frau Holt. Aber das weiß man ja nicht genau, Frau Rummel; vielleicht waren es nur Gerüchte. Frau Rummel. Ah, da muß ich doch bitten –! War das nicht stadtbekannt? Hätte die alte Frau Bernick nicht um ein Haar dieser Geschichte wegen Bankerott gemacht? Das habe ich doch von Rummel selbst. Aber ich will nichts gesagt haben – Gott behüte! Frau Holt. Doch zu Madam Dorf wanderte das Geld keinesfalls, denn sie – Frau Lynge. Und wie wurde das Verhältnis zwischen Dinas Eltern später? Frau Rummel. Nun, Dorf zog seines Weges und ließ Frau und Kind zurück. Aber die Madam, die war, weiß Gott, so frech, noch ein ganzes Jahr hier zu bleiben. Auf dem Theater durfte sie sich freilich nicht mehr zeigen; aber sie ernährte sich mit Waschen und Nähen – Frau Holt. – und versuchte, Tanzunterricht zu geben. Frau Rummel. Das ging natürlich nicht. Welche Eltern hätten wohl ihre Kinder so einer anvertraut? Aber es dauerte auch nicht mehr lange mit ihr; die feine Madam war doch nicht gewöhnt zu arbeiten. Sie bekam's auf der Brust und starb. Frau Lynge. Ah, das waren freilich häßliche Geschichten. Frau Rummel. Sie können sich denken, wie schwer Bernicks daran getragen haben. Es ist der dunkle Fleck in der Sonne ihres Glücks, wie Rummel sich einmal ausdrückte. Sprechen Sie darum hier im Hause nie wieder von diesen Dingen, Frau Lynge. Frau Holt. Und, um Gottes willen, ebensowenig von der Halbschwester! Frau Lynge. So? Frau Bernick hat auch noch eine Halbschwester? Frau Rummel. Gehabt – glücklicherweise; denn jetzt ist's mit der Verwandtschaft zwischen den beiden aus. Ja, das war ein besonderes Pflänzchen! Denken Sie mal, die schnitt sich die Haare kurz und lief im Regenwetter mit Männerstiefeln umher. Frau Holt. Und als der Halbbruder, das verwahrloste Subjekt, sich auf und davon gemacht hatte, und natürlich die ganze Stadt über ihn aufgebracht war – wissen Sie, was sie da getan hat? Sie ist ihm nachgereist. Frau Rummel. Aber die skandalöse Geschichte, die sie vor ihrer Abreise hatte, Frau Holt! Frau Holt. Pst! Nichts davon! Frau Lynge. Wie? Die hatte auch eine skandalöse Geschichte? Frau Rummel. Ja, hören Sie nur: Bernick hatte sich eben mit Betty Tönnesen verlobt, und wie er mit ihr am Arm zu ihrer Tante kommt, um es anzuzeigen – Frau Holt. Tönnesens waren nämlich elternlos, wissen Sie – Frau Rummel. – da steht Lona Hessel von ihrem Stuhl auf und gibt dem feinen, gebildeten Karsten Bernick eine Ohrfeige, daß es nur so knallte. Frau Lynge. Nein, hat man je –! Frau Holt. Es ist die volle Wahrheit. Frau Rummel. Und dann packte sie ihren Koffer und fuhr nach Amerika. Frau Lynge. So hatte sie es wohl selber auf ihn abgesehen? Frau Rummel. Ja, das können Sie glauben, das hatte sie. Sie bildete sich steif und fest ein, daß ein Paar aus ihnen würde, wenn er von Paris zurückkäme. Frau Holt. Denken Sie nur an! Sich so was einzubilden; Bernick, – der junge, elegante Weltmann, – der vollkommene Kavalier, – der Liebling aller Damen – Frau Rummel. – und trotzdem so anständig, Frau Holt, und so moralisch. Frau Lynge. Aber was treibt denn dieses Fräulein Hessel in Amerika? Frau Rummel. Ja, sehen Sie, darüber liegt, wie Rummel sich einmal ausdrückte, ein Schleier, den man schwerlich lüften dürfte. Frau Lynge. Wieso nicht? Frau Rummel. Sie steht, wie Sie begreifen werden, mit der Familie ja nicht mehr in Verbindung; aber so viel weiß doch die ganze Stadt, daß sie drüben für Geld in den Kneipen gesungen hat – Frau Holt. – und öffentliche Vorträge gehalten hat – Frau Rummel. – und ein ganz verrücktes Buch geschrieben hat. Frau Lynge. Nein denken Sie nur –! Frau Rummel. O, ja! Lona Hessel ist auch so ein Flecken in der Sonne des Bernickschen Glücks. So, jetzt wissen Sie also Bescheid, liebe Frau Lynge. Ich habe, bei Gott, nur deshalb über diese Verhältnisse gesprochen, damit Sie sich in acht nehmen. Frau Lynge. Da können Sie ganz ruhig sein. Aber die arme Dina Dorf! Es tut mir wirklich leid um sie. Frau Rummel. Na, für die war es ja ein reines Glück. Denken Sie nur, wenn sie in den Händen der Eltern geblieben wäre! Wir haben uns natürlich alle ihrer angenommen und ihr nach Kräften gute Lehren gegeben. Später setzte Fräulein Bernick durch, daß sie hier ins Haus kam. Frau Holt. Aber ein schwer zu behandelndes Kind ist sie immer gewesen. Sehr begreiflich – die schlechten Beispiele! Ein solches Kind ist ja nicht wie eins von unsren; man muß Nachsicht mit ihr haben, Frau Lynge. Frau Rummel. Still, da kommt sie! Laut. Ja, die Dina ist wirklich ein sehr geschicktes Mädchen. Ei, bist Du da, liebe Dina ? Wir legen eben die Arbeit weg. Frau Holt. Wie lieblich Dein Kaffee duftet, liebste Dina! So ein Täßchen am Vormittag – Frau Bernick auf der Terrasse. Darf ich bitten, meine Damen! Martha und Dina waren mittlerweile dem Dienstmädchen dabei behilflich, den Kaffee zu servieren. Alle Damen nehmen draußen Platz und überbieten sich in Freundlichkeiten gegen Dina. Nach einer kleinen Weile kommt Dina ins Zimmer und sucht ihre Handarbeit. Frau Bernick draußen am Kaffeetisch. Dina, willst Du nicht auch –? Dina. Nein, danke, – ich mag nicht. Sie setzt sich an ihre Näharbeit. Frau Bernick und der Adjunkt wechseln einige Worte; gleich darauf kommt er ins Zimmer. Rörlund macht sich am Tische zu schaffen und sagt leise: Dina! Dina. Ja. Rörlund. Warum wollen Sie nicht mit draußen bleiben ? Dina. Wie ich mit dem Kaffee hereinkam, da merkte ich der fremden Dame an, daß man über mich gesprochen hatte. Rörlund. Doch haben Sie nicht auch gesehen, wie freundlich sie zu Ihnen draußen war? Dina. Aber das vertrage ich nicht! Rörlund. Sie haben einen streitbaren Sinn, Dina. Dina. Ja. Rörlund. Doch warum? Dina. Ich bin nun einmal so. Rörlund. Könnten Sie nicht versuchen, anders zu werden? Dina. Nein. Rörlund. Und warum nicht? Dina sieht ihn an. Ich gehöre ja zu den moralisch Verkommenen. Rörlund. Pfui, Dina. Dina. Meine Mutter gehörte auch zu den moralisch Verkommenen. Rörlund. Wer hat Ihnen so etwas gesagt? Dina. Niemand; man sagt mir nichts. Warum tun sie das? Man faßt mich so behutsam an, als ob ich zerbrechen würde, wenn –. O, wie ich diese ewige Gutherzigkeit hasse! Rörlund. Liebe Dina, ich verstehe recht gut, daß Sie sich hier bedrückt fühlen; aber – Dina. Ja,! könnt' ich nur weg, weit weg. Ich würde mir schon selbst weiter helfen, wenn ich nur nicht unter Menschen lebte, die so – so – Rörlund. So – ? Dina. – so anständig und so moralisch sind. Rörlund. Aber Dina, das ist nicht Ihre Meinung. Dina. O, Sie verstehen schon, wie ich das meine. Jeden Tag müssen Hilda und Netta her, damit ich sie mir zum Muster nehme. Ich kann nie so wohlanständig werden wie sie. Ich will nicht so werden. Ach, wäre ich weit weg, ich wollte schon brav werden! Rörlund. Sie sind ja brav, Dina. Dina. Was hilft mir das hier? Rörlund. Also fortgehen –. Denken Sie im Ernst daran? Dina. Ich möchte nicht einen Tag länger hier bleiben, wenn Sie nicht wären. Rörlund. Sagen Sie mir, Dina, – warum sind Sie eigentlich so gern mit mir zusammen? Dina. Weil Sie mich so viel Schönes lehren. Rörlund. Schönes? Halten Sie das, was ich Sie lehren kann, für etwas Schönes? Dina. Ja. Oder – eigentlich lehren Sie mich nichts; aber wenn ich Sie reden höre, dann kann ich so viel Schönes sehen. Rörlund. Und was verstehen Sie denn eigentlich unter schön? Dina. Darüber habe ich nie nachgedacht. Rörlund. So denken Sie jetzt darüber nach! Was verstehen Sie unter schön? Dina. Schön ist etwas, das groß ist – und weit weg. Rörlund. Hm. – Liebe Dina, ich mache mir Ihretwegen aufrichtige Sorgen. Dina. Nur das? Rörlund. Sie wissen doch recht gut, wie unsäglich teuer Sie mir sind. Dina. Wenn ich Hilda oder Netta wäre, so würden Sie sich nicht scheuen, es merken zu lassen. Rörlund. Ach, Dina, Sie können gar nicht beurteilen, was für unzählige Rücksichten –. Wenn man dazu berufen ist, eine moralische Stütze zu sein der Gesellschaft, in der man lebt, so –. Man kann nicht vorsichtig genug sein. War' ich nur sicher, daß meine Beweggründe nicht falsch gedeutet würden; – aber dem sei, wie ihm wolle; Ihnen muß und soll geholfen werden. Dina, versprechen Sie mir, daß, wenn ich komme, – wenn die Verhältnisse mir gestatten, zu kommen, – und ich sage: hier ist meine Hand – wollen Sie dann diese Hand ergreifen und meine Gattin werden? – Versprechen Sie mir das, Dina? Dina. Ja. Rörlund. Dank, Dank! Denn auch für mich –. O, Dina, ich bin Ihnen doch so gut –. Still! Man kommt, – Dina, um meinetwillen – gehen Sie hinaus zu den ändern! Sie geht hinaus an den Kaffeetisch. In demselben Augenblick kommen Rummel, Sandstad und Vigeland durch die Tür links, begleitet von Bernick , der einen Stoß Papiere trägt. Bernick. Die Sache ist also abgemacht? Vigeland. Ja, in Gottes Namen! Mag's denn sein. Rummel. Abgemacht, Bernick! Du weißt, eines Norwegers Wort steht fest wie der Fels im Meer. Bernick. Und keiner wankt und keiner weicht, welchem Widerstand wir auch begegnen mögen? Rummel. Wir stehen und fallen miteinander, Bernick! Hilmar in der Gartentür. Fallen? Verzeihung! Die Eisenbahn, die soll doch fallen ? Bernick. Nein, im Gegenteil; sie soll gehen. Rummel. – mit Dampf, Herr Tönnesen. Hilmar näher. So? Rörlund. Wie? Frau Bernick in der Gartentür. Aber, lieber Karsten, was ist denn eigentlich? Bernick. Ach, liebe Betty, das kann Dich doch nicht interessieren! Zu den drei Herren. Doch nun müssen wir die Listen anlegen; je eher, je besser. Es ist selbstverständlich, daß wir vier zuerst zeichnen. Die Stellung, die wir in der Gesellschaft einnehmen, macht es uns zur Pflicht, so weit wie möglich zu gehen. Sandstadt. Versteht sich, Herr Konsul. Rummel. Wir setzen's durch, Bernick; geschworen ist's. Bernick. I, um den Ausgang ist mir gar nicht bange. Jeder von uns muß im Kreise seiner Bekannten zu werben suchen; und können wir erst auf eine recht lebhafte Teilnahme in allen Gesellschaftsschichten hinweisen, so versteht es sich von selber, daß auch die Gemeinde das ihrige beitragen muß. Frau Bernick. Aber Karsten, so mach' doch und erzähl' uns endlich – Bernick. Liebe Betty! Das ist eine Sache, die Damen nur schwer beurteilen können. Hilmar. Du willst also doch die Eisenbahnsache fördern ? Bernick. Natürlich. Rörlund. Aber voriges Jahr, Herr Konsul – ? Bernick. Voriges Jahr war das eine ganz andere Sache. Damals war die Rede von einer Küstenlinie – Vigeland. – die ganz überflüssig gewesen wäre, Herr Rörlund; denn wir haben ja Dampfschiffe – Sandstadt. – und die so unsinnig kostspielig gewesen wäre – Rummel. – ja, und die geradezu die Lebensinteressen der Stadt geschädigt hätte. Bernick. Die Hauptsache war, daß sie nicht einem weiteren Kreise zugute gekommen wäre. Deshalb war ich dagegen; und so wurde die Binnenlinie genehmigt. Hilmar. Aber die berührt ja die Städte hier in der Umgegend nicht. Bernick. Sie wird künftig unsere Stadt berühren, mein lieber Hilmar; denn wir werden eine Zweigbahn bauen zu uns hin. Hilmar. Aha! Also eine neue Idee? Rummel. Ja, und eine köstliche Idee, was? Rörlund. Hm – Vigeland. Es ist nicht zu leugnen, daß die Vorsehung sozusagen das Terrain für eine Zweigbahn geschaffen hat. Rörlund. Ist das Ihr Ernst, Herr Vigeland? Bernick. Ja, auch ich betrachte es als eine Fügung des Schicksals, daß ich im letzten Frühjahr landeinwärts in Geschäften zu reisen hatte und so zufälligerweise an eine Talstraße kam, wo ich früher nie gewesen war. Wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke: hier müßten wir eine Zweigbahn bauen können zu uns herunter. Ich ließ einen Ingenieur die Strecke befahren; hier habe ich die vorläufigen Berechnungen und Kostenanschläge; es steht nichts im Wege. Frau Bernick kommt mit den übrigen Damen naher. Aber Karsten, daß Du dies alles vor uns verheimlicht hast. Bernick. Meine gute Betty, Ihr hättet doch die tiefere Bedeutung nicht ermessen können. Übrigens hab' ich bis zum heutigen Tage zu keiner Menschenseele davon gesprochen. Aber nun ist der entscheidende Augenblick gekommen; nun soll vor aller Augen und mit allen Kräften hier agitiert werden. Und sollte ich meine ganze Existenz an die Sache setzen – ich werde sie durchführen. Rummel. Wir auch, Bernick; darauf kannst Du Dich verlassen. Rörlund. Versprechen Sie sich wirklich so viel von diesem Unternehmen, meine Herren? Bernick. Ja, das sollte ich meinen! Welchen Aufschwung wird da nicht unsere ganze Gesellschaft nehmen. Denken Sie nur an das große Waldland, das aufgeschlossen wird; denken Sie an die vielen reichhaltigen Erzlager, die der Ausbeutung harren; denken Sie an den Fluß mit den zahllosen Wasserfällen. Welcher Boden für eine Industrie! Rörlund. Und fürchten Sie nicht, daß der intensivere Verkehr mit einer verdorbenen Außenwelt – Bernick. Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Adjunkt! Unser kleiner, strebsamer Ort steht – Gott sei Dank – heut auf dem Grund und Boden einer gesunden Moralität. Wir haben ja alle geholfen, ihn zu drainieren, wenn ich so sagen darf; und das wollen wir auch weiter tun, jeder auf seine Weise. Sie, Herr Adjunkt, setzen Ihre segensreiche Wirksamkeit in Schule und Haus fort. Wir, die Männer der praktischen Arbeit, stützen die Gesellschaft, indem wir Wohlstand in möglichst weite Kreise tragen; – und unsere Frauen, – ja, treten Sie nur näher, meine Damen, Sie dürfen es schon hören; –unsere Frauen, sage ich, unsere Gattinnen und Töchter – ja seien Sie nur ungestört im Dienste der Wohltätigkeit weiter tätig, und im übrigen seien Sie Ihrer Familie eine Stütze und ein Trost, so wie meine liebe Betty und meine Martha es mir und Olaf – Er sieht sich um. Ja, wo steckt denn Olaf heut? Frau Bernick. Ach, jetzt in den Ferien ist er unmöglich zu Hause zu halten. Bernick. So ist er gewiß hinunter ans Wasser! Du wirst sehen, es gibt noch ein Unglück. Hilmar. Bah! – ein kleines Spiel mit den Naturkräften– Frau Rummel. Wie schön ist das von Ihnen, daß Sie so viel Familiensinn haben, Herr Konsul! Bernick. Die Familie ist ja doch der Kern der Gesellschaft. Ein gutes Heim, geachtete und treue Freunde, ein kleiner, geschlossener Kreis, in den keine störenden Elemente ihren Schatten werfen – Krap kommt mit Briefen und Zeitungen von rechts. Krap. Die ausländische Post, Herr Konsul, – und ein Telegramm aus New-York. Bernick nimmt es. Ah! von der Reederei des »Indian Girl«. Rummel. So? Die Post ist gekommen? Dann muß ich mich empfehlen. Vigeland. Ja, ich auch. Sandstadt. Adieu, Herr Konsul! Bernick. Adieu, adieu, meine Herren! Vergessen Sie ja nicht, daß wir heute nachmittag fünf Uhr eine Sitzung haben. Die Drei Herren. Bewahre, – gewiß nicht! Sie gehen rechts ab. Bernick , der das Telegramm gelesen hat. Nein, das ist wirklich echt amerikanisch! Geradezu empörend – Frau Bernick. Gott, Karsten, was gibt es? Bernick. Herr Krap, da lesen Sie! Krap liest: »Möglichst wenig Reparatur; sendet »Indian Girl«, sobald segelfertig; gute Jahreszeit; schwimmt im Notfall auf Ladung.« Na, da muß ich denn doch sagen – Bernick. Schwimmt auf Ladung! Die Herren wissen recht gut, daß das Schiff mit der Ladung wie ein Stein sinkt, wenn ihm etwas zustößt. Rörlund. Ja, da sieht man, wie es steht um diese hochgepriesene große Welt! Bernick. Da haben Sie recht! Selbst Menschenleben gelten nichts, sobald der Gewinn auf dem Spiele steht. Zu Krap. Kann »Indian Girl« in vier, fünf Tagen seeklar sein? Krap. Ja, wenn Vigeland darauf eingeht, daß wir unterdessen die Arbeit am »Palmbaum« aussetzen. Bernick. Hm, das tut er nicht. Ach sehen Sie doch die Post durch. Olaf haben Sie wohl nicht an der Brücke getroffen? Krap. Nein, Herr Konsul. Ab in das erste Zimmer links. Bernick blickt wieder in das Telegramm. Diese Herren tragen kein Bedenken, achtzehn Menschenleben aufs Spiel zu setzen – Hilmar. Na aber, es ist doch der Beruf des Seemanns, den Elementen zu trotzen; es muß einen Nervenreiz gewähren, so auf einer dünnen Planke über dem Abgrund zu schweben – Bernick. Ich möchte den Schiffsreeder sehen bei uns, der sich zu so etwas entschließen könnte! Nicht Einer , nicht ein einziger –. Er wird Olaf gewahr. Na, Gott sei Dank, da ist er ja, und unversehrt. Olaf , mit einer Angelrute in der Hand, ist die Straße heraufgelaufen und kommt nun durch das Gartentor. Olaf noch im Garten. Onkel Hilmar, ich war unten und habe das Dampfschiff gesehen. Bernick. Warst Du wieder auf der Brücke? Olaf. Nein, ich war bloß draußen in einem Boot. Denk nur, Onkel Hilmar, es ist eine ganze Kunstreiterbande mit Pferden und ändern Tieren gelandet, und so viel Passagiere! Frau Rummel. Wirklich? Kunstreiter kommen zu uns ?! Rörlund. Zu uns? Das will ich doch nicht hoffen. Frau Rummel. Nein, zu uns natürlich nicht, aber – Dina. Ich möchte gern mal Kunstreiter sehen! Olaf. Ja, ich auch. Hilmar. Du bist ein Schafskopf. Ist denn daran was zu sehen? Lauter Dressur! Da ist es denn doch was andres, den Gaucho auf seinem schnaubenden Mustang über die Pampas jagen zu sehen! Aber, du lieber Himmel, in diesem Nest – Olaf zupft Martha am Kleid. Tante Martha, schau', schau' – da kommen sie! Frau Holt. Bei Gott ja, da sind sie! Frau Lynge. Hu, die häßlichen Menschen! Eine Menge Passagiere und ein ganzer Haufe von Leuten aus der Stadt kommen die Straße entlang. Frau Rummel. Ja, das ist mir schon die rechte Sorte Gaukler. Sehen Sie nur die in dem grauen Kleid, Frau Holt; sie trägt ein Felleisen auf dem Rücken. Frau Holt. Und sehen Sie mal, sie trägt es am Schirmstock! Das ist natürlich die Frau Direktor. Frau Rummel. Und da ist der Direktor selbst; der mit dem Bart. Er sieht aufs Haar wie ein Räuber aus. Sieh weg, Hilda! Frau Holt. Und Du auch, Netta! Olaf. Mutter! Der Direktor grüßt zu uns herauf! Bernick. Was soll daß heißen? Frau Bernick. Was sagst Du, Kind? Frau Rummel. Wahrhaftigen Gott, da grüßt das Frauenzimmer auch! Bernick. Nein, – das ist denn doch zu stark! Martha ruft unwillkürlich aus: Ah –! Frau Bernick. Was ist, Martha? Martha. O, nichts! Ich glaubte nur – Olaf jauchzt vor Freude. Seht, seht – da kommen die übrigen mit den Pferden und den andern Tieren! Und da sind auch die Amerikaner – alle Matrosen von »Indian Girl«! Man hört den »Yankee Doodle«, begleitet von Klarinette und Trommel. Hilmar hält sich die Ohren zu. Uh, uh, uh! Rörlund. Ich meine, wir sollten uns so lange zurückziehen, meine Damen; das ist nichts für uns. Wir wollen wieder an unsere Arbeit gehen. Frau Bernick. Wir können ja die Vorhänge vorziehen ? Rörlund. Ganz meine Meinung. Die Damen nehmen ihre Plätze am Tische ein. Der Adjunkt schließt die Gartentür und läßt die Vorhänge an der Tür, sowie an den Fenstern herunter. Es wird halbdunkel im Saal. Olaf , der hinausguckt. Mutter! Da steht die Direktorsfrau am Brunnen und wäscht sich das Gesicht. Frau Bernick. Was! Mitten auf dem Markt? Frau Rummel. Und das am hellerlichten Tage! Hilmar. Na, wenn ich mich auf einer Reise durch die Wüste befände und auf eine Zisterne stieße, so würde ich mich auch nicht genieren –. Uh, die entsetzliche Klarinette! Rörlund. Es täte wirklich not, daß die Polizei einschritte. Bernick. Ei was! Mit Ausländern muß man's nicht so genau nehmen. Die Leute haben ja nicht das angeborene Schicklichkeitsgefühl, das uns in den rechten Schranken hält. Laßt denen nur ihre Extravaganzen! Was geht das uns an? Dieser ganze Unfug, der sich gegen Brauch und gute Sitten auflehnt, steht glücklicherweise in keinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu unsrer Gesellschaft, wenn ich so sagen darf. – Was heißt denn das? Die Fremde tritt rasch durch die Tür rechts ein. Die Frauen erschrocken, aber leise. Die Kunstreiterin! Die Direktorsfrau! Frau Bernick. Gott, was soll das bedeuten? Martha springt auf. Ah –! Die Fremde. Guten Tag, liebe Betty! Guten Tag, Martha! Guten Tag, Schwager! Frau Bernick schreit auf. Lona –! Bernick taumelt einen Schritt zurück. So wahr ich lebe –! Frau Holt. Gott steh uns bei –! Frau Rummel. Das kann doch nicht möglich sein! Hilmar. Na! Uh! Frau Bernick. Lona–! Bist Du's wirklich – ? Lona Hessel. Ob ich's bin? –Wahrhaftig, ja! Was das betrifft, so könnt Ihr mir ruhig um den Hals fallen. Hilmar. Uh! Uh! Frau Bernick. Und jetzt kommst Du hierher als – ? Bernick. – und willst wirklich auftreten –? Lona. Auftreten? Wieso auftreten? Bernick. Na ja – mit den Kunstreitern – Lona. Hahaha! Du bist wohl nicht bei Troste, Schwager? Glaubst Du, ich gehöre zu den Kunstreitern? Nein! Zwar hab' ich vielerlei Künste getrieben und mich auf manche Art zum Narren gemacht – Frau Rummel. Hm – Lona. – doch Kunststücke auf dem Pferderücken, die habe ich noch nicht gemacht. Bernick. Also doch nicht – Frau Bernick. Ah, Gott sei Dank! Lona. Nein, wir kommen wirklich wie andre anständige Leute, – freilich zweite Kajüte; doch daran sind wir gewöhnt. Frau Bernick. Wir, sagst Du? Bernick einen Schritt näher. Wer ist das – wir? Lona. Ich und das Kind, – natürlich. Die Damen ausrufend: Das Kind! Hilmar. Was! Rörlund. Na, da muß ich sagen –! Frau Bernick. Sprich, was meinst Du damit, Lona ? Lona. Ich meine natürlich John damit; habe ich doch kein andres Kind als John, soviel ich weiß – oder Johann, wie Ihr ihn nanntet. Frau Bernick. Johann –! Frau Rummel leise zu Frau Lynge. Der berüchtigte Bruder! Bernick zögernd. Johann ist mit? Lona. Jawohl, jawohl! Ohne ihn reise ich ja doch nicht. – Aber Ihr seht so traurig aus, und sitzt hier im Halbdunkel und näht was Weißes. Ist etwa ein Todesfall in der Familie? Rörlund. Mein Fräulein! Sie sind hier im »Verein für die moralisch Verkommenen«! Lona halblaut. Was sagen Sie? Diese feinen, anständigen Damen wären – Frau Rummel. Nein, – da hört doch alles auf –! Lona. Ah! verstehe, verstehe! Aber Donnerwetter, das ist ja Frau Rummel! Und da sitzt ja auch Frau Holt. Na, wir drei sind auch nicht jünger geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wißt Ihr was, Ihr guten Leute? Laßt jetzt die moralisch Verkommenen einen Tag warten; sie werden darum nicht schlimmer. Ein Moment der Freude wie dieser – Rörlund. Eine Heimkehr ist nicht immer ein Moment der Freude. Lona. So? Wie Sie Ihre Bibel lesen, Herr Pastor! Rörlund. Ich bin nicht Pastor. Lona. Nun, dann werden Sie's gewiß noch. Aber pfui, pfui, pfui! Dieses moralische Leinenzeug riecht so verdorben – gerade wie ein Leichentuch. Ich bin die Luft der Prärien gewöhnt, will ich Euch sagen. Bernick wischt sich die Stirn. Ja, es ist wirklich etwas dumpf hier im Zimmer. Lona. Warte, warte! Aus der Totengruft da kommen wir schon noch heraus! Sie zieht die Vorhänge auf. Volles Tageslicht muß hier sein, wenn der Junge kommt! Da sollt Ihr einen Burschen sehen, der sich gewaschen hat! Hilmar. Uh! Lona öffnet Fenster und Türen. – das heißt, wenn er sich gewaschen hat – oben im Hotel; denn auf dem Dampfschiff, da wurde er dreckig wie ein Schwein. Hilmar. Uh! Uh! Lona. Uh? Ja, wahrhaftig ist das nicht –? Sie zeigt auf Hilmar und fragt die übrigen: Treibt der sich hier noch immer herum und sagt: Uh ? Hilmar. Ich treibe mich nicht herum – ich mache mir Motion wegen meines Leidens. Rörlund. Hm, meine Damen, ich glaube nicht – Lona , die Olaf erblickt hat. Ist das Deiner , Betty? – Komm, gib mir die Pfote, Junge! Oder bist Du am Ende bange vor Deiner alten, häßlichen Tante? Rörlund , indem er sein Buch unter den Arm nimmt. Meine Damen, ich glaube nicht, daß wir in der Stimmung sind, heute weiter zu arbeiten. Aber morgen kommen wir doch wieder zusammen? Lona , während die Damen aufstehen, um Abschied zu nehmen. Jawohl, das wollen wir. Ich werde zur Stelle sein. Rörlund. Sie? Mit Verlaub, mein Fräulein, was wollen Sie in unserm Verein? Lona. Ich will auslüften, Herr Pastor! Zweiter Akt Das Gartenzimmer im Bernickschen Hause. Frau Bernick sitzt allein am Nähtisch bei ihrer Arbeit. Gleich darauf kommt Bernick , den Hut auf, mit Stock und Handschuhen, von rechts herein. Frau Bernick. Du kommst schon nach Hause, Karsten? Bernick. Ja. Ich habe jemand herbestellt. Frau Bernick mit einem Seufzer. Ach ja! Vermutlich kommt Johann wieder. Bernick. Jemand, sage ich. Nimmt den Hut ab. Wo sind denn heut die Damen alle? Frau Bernick. Frau Rummel und Hilda hatten keine Zeit. Bernick. So? Haben sie abgesagt? Frau Bernick. Ja! Sie hätten zu Haus so viel zu tun. Bernick. Versteht sich. Und die andern kommen natürlich auch nicht? Frau Bernick. Nein; die haben auch heut eine Abhaltung. Bernick. Das hätt' ich Dir vorhersagen können. Wo ist Olaf? Frau Bernick. Ich habe ihn mit Dina ein bißchen an die Luft geschickt. Bernick. Hm; Dina, die leichtsinnige Person –. Daß sie sich gestern gleich so viel mit Johann abgeben mußte –! Frau Bernick. Aber, lieber Karsten, Dina weiß ja gar nicht – Bernick. Na, dann hätte wenigstens Johann so viel Takt haben sollen, sie zu ignorieren. Ich habe recht gut gesehen, was für Augen Vigeland dazu machte. Frau Bernick legt das Nähzeug in den Schoß. Karsten, kannst Du verstehen, was sie hier wollen? Bernick. Hm; er hat ja eine Farm drüben, mit der es wohl nicht sonderlich gut bestellt ist; Lona spielte ja gestern darauf an, daß sie zweite Kajüte reisen mußten – Frau Bernick. Ja, leider muß es wohl so etwas sein! – Aber daß sie mitgekommen ist! Sie! Nach der tödlichen Kränkung, die sie Dir zugefügt hat –! Bernick. So denk doch nicht an diese alten Geschichten! Frau Bernick. Wie kann ich unter diesen Umständen an andres denken? Er ist ja doch mein Bruder; – ja, es ist nicht seinetwegen; aber die vielen Unannehmlichkeiten, die Dir das verursachen würde – Karsten, mir ist so entsetzlich bange, daß – Bernick. Wovor ist Dir bange? Frau Bernick. Können sie ihn nicht fassen und einstecken wegen des Geldes, das Deiner Mutter entwendet wurde? Bernick. Unsinn! Wer kann beweisen, daß Geld entwendet worden ist? Frau Bernick. Ach Gott, das weiß ja leider die ganze Stadt; und Du hast doch selbst gesagt – Bernick. Nichts habe ich gesagt. Die Stadt, was weiß die von der Sache! Alles war haltloses Gerede. Frau Bernick. Wie hochherzig Du bist, Karsten! Bernick. Verschone mich mit diesen Erinnerungen, sage ich! Du weißt nicht, wie Du mich peinigst, wenn Du alle diese Dinge wieder aufwärmst. Er geht im Zimmer auf und ab; darauf schleudert er den Stock fort. Daß sie auch gerade jetzt kommen mußten, – jetzt, wo ich in der Stadt wie in der Presse eine durch nichts getrübte Stimmung brauche! Da wird man Korrespondenzen an die Zeitungen der Nachbarstädte schicken. Nehme ich die beiden gut oder nehme ich sie schlecht auf, – das eine wird so gut diskutiert und bekrittelt werden wie das andere. Da werden die Leute diese ganze alte Sache aufrühren – genau so wie Du. In einer Gesellschaft wie der unsrigen –. Er wirft die Handschuhe auf den Tisch. Und nicht einen Menschen habe ich, mit dem ich mich aussprechen könnte, an dem ich eine Stütze hätte. Frau Bernick. Gar keinen, Karsten? Bernick. Nein, wer sollte das sein? – Sie gerade jetzt auf dem Hals zu haben! Es ist gar kein Zweifel, daß sie auf eine oder die andere Art Skandal machen, besonders Lona. Ist es nicht ein Unglück, solche Menschen in seiner Familie zu haben! Frau Bernick. Ich kann doch nichts dafür, daß – Bernick. Wofür kannst Du nichts? Daß Du mit ihnen verwandt bist? Nein, das ist ein sehr wahres Wort. Frau Bernick. Und ich habe sie auch nicht gebeten, zurückzukommen. Bernick. Siehst Du, da haben wir's! Ich habe sie nicht gebeten zurückzukommen; ich habe nicht deswegen an sie geschrieben; ich habe sie nicht an den Haaren herbeigezogen. O, die Litanei, die kann ich schon auswendig! Frau Bernick bricht in Tränen aus. Du bist aber auch so lieblos – Bernick. So ist's recht! Weine nur noch, damit die Stadt auch da rüber klatschen kann! Laß die Albernheiten, Betty! Setz' Dich draußen hin; es könnte jemand kommen. Soll man vielleicht die Madam mit verweinten Augen sehen? Das wäre herrlich, wenn es unter die Leute käme, daß –. Es klopft. Herein! Frau Bernick geht mit ihrem Nähzeug auf die Terrasse. Aune kommt von rechts. Aune. Guten Tag, Herr Konsul. Bernick. Guten Tag. Na, Sie ahnen wohl schon, was ich von Ihnen will? Aune. Der Herr Prokurist sprach gestern davon, daß Sie nicht zufrieden sind mit – Bernick. Ich bin mit der ganzen Wirtschaft auf der Werft unzufrieden, Aune. Sie kommen ja nicht vorwärts mit den Havaristen. Der »Palmbaum« hätte schon längst unter Segel sein sollen. Herr Vigeland kommt jeden Tag her und drängt mich; den Mann zum Mitreeder zu haben, das ist kein Vergnügen. Aune. Der »Palmbaum« kann übermorgen in See gehen. Bernick. Na, endlich. Aber »Indian Girl«, – der Amerikaner, der seit fünf Wochen hier liegt und – Aune. Der Amerikaner? Ich habe gemeint, wir sollten zuerst mit allen Kräften an Ihrem eigenen Schiff arbeiten. Bernick. Ich habe Ihnen keine Veranlassung gegeben, das zu glauben; auch mit dem Amerikaner hätten Sie sich möglichst beeilen sollen; aber das geschieht nicht. Aune. Der Boden der Schute ist durch und durch morsch, Herr Konsul. Je mehr wir daran flicken, desto schlimmer wird es. Bernick. Nicht das ist die Ursache. Krap hat mir die ganze Wahrheit gesagt. Sie verstehen nicht mit den neuen Maschinen zu arbeiten, die ich angeschafft habe, – oder richtiger, Sie wollen nicht damit arbeiten. Aune. Herr Konsul, ich bin nun schon hoch in den Fünfzigern und bin die alte Arbeitsweise von Kindheit an gewöhnt – Bernick. Die nützt uns heutzutage nichts mehr. Glauben Sie nur nicht, Aune, es wäre mir um den Gewinn zu tun; das habe ich glücklicherweise nicht nötig. Aber ich habe Rücksicht zu nehmen auf die Gesellschaft, in der ich lebe, und auf das Geschäft, dem ich vorstehe. Von mir muß der Fortschritt kommen, oder er kommt gar nicht. Aune. Ich will auch den Fortschritt, Herr Konsul. Bernick. Ja, für Ihren engen Kreis, den Arbeiterstand. O, ich weiß recht gut um Ihre Agitationen. Sie halten Reden; Sie wiegeln die Leute auf; aber wenn sich ein handgreiflicher Fortschritt darbietet, wie jetzt mit unsern Maschinen, dann wollen Sie nicht mitgehen, dann wird Ihnen angst. Aune. Ja, mir wird wirklich angst, Herr Konsul. Mir wird angst um der vielen willen, denen die Maschinen das Brot wegnehmen. Herr Konsul, Sie sprechen so oft davon, daß man Rücksicht auf die Gesellschaft nehmen müßte; aber die Gesellschaft, denke ich, hat doch wohl auch ihre Pflichten. Wie dürfen die Wissenschaft und das Kapital die neuen Erfindungen einführen, ehe die Gesellschaft ein Geschlecht herangebildet hat, das den Erfindungen gewachsen ist? Bernick. Sie lesen und grübeln zu viel, Aune; daran tun Sie nicht gut; das eben macht Sie unzufrieden mit Ihrer Lage. Aune. Das ist es nicht, Herr Konsul; aber ich kann es nicht ertragen, einen braven Arbeiter nach dem andern verabschiedet zu sehen und wegen dieser Maschinen brotlos gemacht. Bernick. Hm, wie die Buchdruckerkunst erfunden wurde, da wurden viele Schreiber brotlos. Aune. Und würden Sie, Herr Konsul, über diese Kunst so froh gewesen sein, wenn Sie damals Schreiber gewesen wären? Bernick. Ich habe Sie nicht herbestellt, um zu disputieren. Ich habe Sie rufen lassen, um Ihnen zu sagen, daß unser Havarist »Indian Girl« bis übermorgen repariert und seetüchtig sein muß. Aune. Aber, Herr Konsul – Bernick. Übermorgen, hören Sie! Zu gleicher Zeit mit unserm eignen Schiff; nicht eine Stunde später! Ich habe meine guten Gründe, die Sache zu beschleunigen. Haben Sie heut morgen die Zeitung gelesen? Na, dann wissen Sie auch, daß die Amerikaner wieder Unfug getrieben haben. Dies ruchlose Pack kehrt ja in der Stadt das Unterste zu oberst. Keine Nacht vergeht ohne Schlägereien in den Wirtshäusern und auf den Straßen, von allen andern Widerwärtigkeiten gar nicht zu reden. Aune. Das ist wahr, es sind arge Leute. Bernick. Und wem wird das Unwesen in die Schuhe geschoben? Mir! Ja, über mich geht's her. Diese Zeitungsschreiber schmähen in verblümter Weise, wir konzentrierten die ganze Arbeitskraft auf den »Palmbaum«. Ich, der ich die Aufgabe habe, durch die Macht des Beispiels auf meine Mitbürger zu wirken, muß mir dergleichen unter die Nase reiben lassen. Das ertrage ich nicht. Ich lasse mir's nicht gefallen, daß mein Name derart besudelt wird. Aune. O, der Name des Herrn Konsul ist so gut, daß er dies und noch mehr aushalten kann. Bernick. Nicht jetzt. Gerade in diesem Augenblick brauche ich mehr denn je die ganze Achtung und das ganze Wohlwollen, das meine Mitbürger für mich haben. Ich habe, wie Sie vielleicht gehört haben, ein großes Unternehmen vor; gelingt es aber diesen böswilligen Menschen, das unbedingte Vertrauen in meine Person zu erschüttern, so können mir daraus die größten Schwierigkeiten erwachsen. Darum will ich um jeden Preis den boshaften und verleumderischen Zeitungsschreibereien aus dem Wege gehen, und darum hab' ich den Termin auf übermorgen festgesetzt. Aune. Herr Konsul, Sie könnten ebensogut den Termin auf heut nachmittag festsetzen. Bernick. Sie meinen, ich verlange Unmögliches? Aune. Mit dem Stamm von Arbeitern, den wir jetzt haben – Bernick. Gut, gut, – so müssen wir uns anderweitig umsehen. Aune. Wollen Sie wirklich noch mehr von unsern alten Arbeitern entlassen? Bernick. Nein, das ist nicht meine Absicht. Aune. Es würde auch meines Erachtens böses Blut machen, wenn Sie das täten, in der Stadt – wie in den Zeitungen. Bernick. Wohl möglich; darum sehe ich auch davon ab. Doch wenn »Indian Girl« übermorgen nicht klar ist, so entlasse ich Sie . Aune mit einem Ruck . Mich? Er lacht. Jetzt scherzen Sie, Herr Konsul. Bernick. Darauf bauen Sie lieber nicht. Aune. Sie könnten die Absicht haben, mich zu entlassen? Mich, dessen Vater und Großvater schon ihr Lebelang auf der Werft gedient haben wie ich selbst – Bernick. Wer zwingt mich denn dazu? Aune. Sie verlangen Unmögliches, Herr Konsul. Bernick. I, bei etwas gutem Willen ist nichts unmöglich. Ja oder nein? Antworten Sie mir bestimmt, oder Sie haben Ihre Entlassung auf der Stelle. Aune einen Schritt näher. Herr Konsul, haben Sie sich's auch recht überlegt, was es heißt, einem alten Arbeiter den Abschied zu geben? Sie meinen, er soll sich nur nach etwas anderem umsehen? O ja, das kann er wohl! Aber ist es damit getan? Sie sollten nur einmal im Hause solch eines entlassenen Arbeiters zugegen sein den Abend, wenn er heimkommt und sein Handwerkszeug an die Wand stellt. Bernick. Glauben Sie, ich entlasse Sie leichten Herzens? War ich Ihnen nicht stets ein wohlwollender Arbeitgeber? Aune. Um so schlimmer, Herr Konsul. Gerade darum werden sie bei mir zu Hause nicht Ihnen die Schuld geben; sagen werden die mir nichts, – denn das wagen sie nicht; aber sie werden mich ansehen, wenn ich's nicht merke, und denken: das wird wohl verdient sein. Sehen Sie, das – das kann ich nicht ertragen! Bin ich auch ein geringer Mann, so war ich doch stets gewohnt, unter den Meinen als der Erste zu gelten. Mein dürftiges Heim ist auch eine Gesellschaft im kleinen, Herr Konsul. Diese kleine Gesellschaft habe ich stützen können und aufrecht erhalten, weil mein Weib an mich glaubte und weil meine Kinder an mich glaubten. Und nun soll das Ganze zusammenbrechen. Bernick. Ja, wenn es nun einmal nicht anders sein kann, so muß das Kleinere dem Größeren Platz machen; das Einzelne muß in Gottes Namen dem Allgemeinen geopfert werden. Das ist alles, was ich Ihnen zu antworten habe, – so geht's nun einmal in dieser Welt. Aber Sie sind ein halsstarriger Mann, Aune. Sie leisten mir Widerstand, nicht weil Sie nicht anders können, sondern weil Sie nicht die Überlegenheit der Maschinen über die Handarbeit zugeben wollen. Aune. Und Sie sind so hartnäckig, Herr Konsul, weil Sie wissen, daß Sie der Presse wenigstens Ihren guten Willen gezeigt haben, wenn Sie mich wegjagen. Bernick. Und wenn dem nun so wäre? Sie hören ja, um was es sich für mich handelt, – entweder die Presse auf dem Hals zu haben oder sie günstig für mich zu stimmen in einem Augenblick, da ich für eine große Sache im Interesse des Gemeinwohls arbeite. Sagen Sie selbst! Kann ich denn anders handeln? Ich kann Ihnen sagen – die Frage ist: entweder das zu erhalten, was Sie Ihr Heim nennen, oder Hunderte von neuen Heimstätten unmöglich zu machen, die nie gegründet werden können, auf denen nie ein Schornstein rauchen wird, wenn es mir mißlingt, das durchzusetzen, was ich jetzt vorhabe. Das ist der Grund, weshalb ich Sie vor die Wahl gestellt habe. Aune. Ja, wenn das so ist, dann habe ich weiter nichts zu sagen. Bernick. Hm, – mein lieber Aune, es tut mir aufrichtig leid, daß wir uns trennen müssen. Aune. Wir trennen uns nicht, Herr Konsul. Bernick. Wie? Aune. Ein simpler Mann hat auch etwas aufrecht zu erhalten hier in der Welt. Bernick. Jawohl, jawohl; – und glauben Sie also, versprechen zu können –? Aune. »Indian Girl« kann übermorgen auslaufen. Er grüßt und geht rechts ab. Bernick. Aha! Dem Burschen hätt' ich die Starrköpfigkeit ausgetrieben. Ich nehme es als ein gutes Zeichen – Hilmar Tönnesen , die Zigarre im Mund, kommt durch das Gartentor Hilmar auf der Treppe. Guten Tag, Betty! Guten Tag, Bernick! Frau Bernick. Guten Tag. Hilmar. Na, Du hast ja geweint, wie ich sehe. Du weißt es also? Frau Bernick. Was soll ich wissen? Hilmar. Daß der Skandal in vollem Gange ist. Uh! Bernick. Was soll das heißen? Hilmar kommt herein. Na, die beiden Amerikaner gehen in den Straßen umher und zeigen sich in Begleitung von Dina Dorf. Frau Bernick folgt ihm auf dem Fuße. Aber Hilmar, – das ist wohl nicht möglich – Hilmar. Leider ja. Es ist die reine Wahrheit. Lona war sogar taktlos genug, mir nachzurufen; aber ich habe natürlich getan, als hörte ich es nicht. Bernick. Und das alles ist wahrscheinlich nicht unbemerkt geblieben? Hilmar. Nein, das kannst Du Dir doch denken. Die Leute blieben stehen und sahen ihnen nach. Es war, als ob ein Lauffeuer durch die Stadt ginge, – ungefähr wie ein Brand auf den westlichen Prärien. In allen Häusern standen Menschen an den Fenstern und warteten, bis der Zug vorbeikäme; Kopf an Kopf hinter den Gardinen – uh! Du mußt entschuldigen, Betty, ich sage uh, denn die Geschichte macht mich nervös; – geht das so weiter, dann sehe ich mich genötigt, eine längere Reise in Erwägung zu ziehen. Frau Bernick. Aber Du hättest doch mit ihm reden und ihm vorstellen sollen – Hilmar. Auf offener Straße? Nein, – da mußt Du schon entschuldigen. Daß aber dieser Mensch es überhaupt wagt, sich auf der Straße zu zeigen! Na, wir wollen sehen, ob ihm die Presse nicht einen Dämpfer aufsetzt. Entschuldige, Betty, aber – Bernick. Die Presse, sagst Du? Hast Du Andeutungen in der Richtung gehört? Hilmar. Je nun, es ist nicht so ganz ohne. Als ich Euch gestern verließ, da ging ich noch ein bißchen in den Klub hinauf meines Leidens wegen. Ich merkte gleich an der Stille, die eintrat, daß die beiden Amerikaner auf dem Tapet gewesen waren. Da kommt der Redakteur Hammer, dieser unverschämte Kerl, herein und gratuliert mir ganz laut zur Rückkehr meines reichen Vetters. Bernick. Reichen–? Hilmar. Ja, so hat er sich ausgedrückt. Ich maß ihn natürlich mit dem Blick, wie er's verdiente, und gab ihm zu verstehen, daß mir von Johann Tönnesens Reichtum nichts bekannt sei. »So?« sagte er, »das ist doch sonderbar. In Amerika pflegt man es doch zu etwas zu bringen, wenn man mit etwas Kapital anfängt, und Ihr Vetter ist ja nicht mit leeren Händen hinübergegangen.« Bernick. Hm, tu mir den einzigen Gefallen – Frau Bernick bekümmert. Da siehst Du, Karsten – Hilmar. Na, jedenfalls hatte ich dieses Menschen wegen eine schlaflose Nacht. Und da spaziert er noch in den Straßen mit einem Gesicht, als wenn gar nichts mit ihm los wäre. Warum ist er nicht für alle Zeit verduftet! Es ist doch kaum zu glauben, was manche Menschen für ein zähes Leben haben. Frau Bernick. Gott, Hilmar, was sagst Du da! Hilmar. Ach, ich sage gar nichts. Aber da entkommt er mit heiler Haut den Eisenbahnunglücken, den Überfällen kalifornischer Bären und der Schwarzfuß- Indianer; nicht einmal skalpiert –. Uh, da ist er ja! Bernick sieht die Straße hinunter. Olaf ist auch mit! Hilmar. Ja, natürlich! Sie wollen den Leuten demonstrieren, daß sie zur ersten Familie der Stadt gehören. Seht nur, seht! Wie die Tagediebe alle aus der Apotheke kommen und ihnen nachgaffen und ihre Glossen machen. Das ist wirklich nichts für meine Nerven; wie ein Mann unter diesen Umständen die Fahne der Idee hochhalten soll, das – Bernick. Sie steuern gerade auf unser Haus zu. Höre, Betty, es ist mein ausdrücklicher Wunsch, daß Du zu ihnen so liebenswürdig, wie nur möglich, bist. Frau Bernick. Das erlaubst Du, Karsten –? Bernick. Gewiß, gewiß; und auch Du, Hilmar. Sie bleiben hoffentlich nicht so lange hier. Und wenn wir unter uns sind – keine Anspielungen; wir dürfen sie durchaus nicht vor den Kopf stoßen. Frau Bernick. O, Karsten, wie hochherzig Du bist! Bernick. Na, na, – laß nur gut sein! Frau Bernick. Nein, laß mich Dir danken und vergib, daß ich vorhin so heftig war! Du hattest ja alle Ursache – Bernick. Schon gut, schon gut, sage ich! Hilmar. Uh! Johann Tönnesen und Dina , denen Lona und Olaf folgen, kommen durch den Garten. Lona. Guten Tag, guten Tag, Ihr lieben Menschen! Johann. Wir sind aus gewesen, Karsten, und haben uns auf den alten Stätten wieder umgesehen. Bernick. Ja, ich höre es. Große Veränderungen, – nicht wahr? Lona. Überall Konsul Bernicks große und gute Taten. Wir waren oben in den Anlagen, die Du der Stadt geschenkt hast – Bernick. So, dort ? Lona. »Karsten Bernicks Schenkung«, wie über dem Eingang steht. Ja, Du bist hier der Mann vom Ganzen. Johann. Und prächtige Schiffe hast Du auch. Ich habe den Kapitän des »Palmbaum« getroffen, meinen alten Schulkameraden – Lona. Und ein neues Schulhaus, das hast Du ja auch gebaut; und auch die Gasanlage und die Wasserleitung verdankt man Dir, wie ich höre. Bernick. Na, man muß doch etwas tun für die Gesellschaft, in der man lebt. Lona. Ja, das ist brav, Schwager; aber es ist auch eine Freude zu sehen, wie stolz die Leute auf Dich sind. Ich bin nicht eitel, glaube ich. Aber ich konnte es doch nicht unterlassen, diesen oder jenen, mit dem wir sprachen, darauf aufmerksam zu machen, daß wir mit zur Familie gehören. Hilmar. Uh –! Lona. Du sagst »uh« dazu? Hilmar. Nein, ich sagte hm – Lona. Das soll Dir erlaubt sein, Du armer Narr. Doch Ihr seid ja heute ganz allein? Frau Bernick. Ja, heute sind wir allein. Lona. Herrje, wir trafen ein paar von den Moralischen oben auf dem Markt; sie schienen es sehr eilig zu haben. Aber wir haben uns ja noch gar nicht ordentlich ausgesprochen. Gestern waren ja erst diese drei Bahnbrecher da, und dann kam der Pastor – Hilmar. Adjunkt. Lona. Ich nenne ihn den Pastor. Aber was sagt Ihr denn zu dem Werk, das ich in diesen fünfzehn Jahren geleistet habe? Ist er nicht ein prächtiger Junge geworden! Wer erkennt den Wildfang wieder, der von Hause durchbrannte? Hilmar. Hm –! Johann. Na, Lona, übertreibe doch nicht! Lona. Nein, darauf tue ich mir wirklich was zugute. Herrgott! Das ist ja das Einzige, was ich hier in der Welt vollbracht habe. Aber das gibt mir auch gewissermaßen ein Recht aufs Dasein. Ja, Johann, wenn ich daran denke, wie wir Zwei drüben begonnen haben mit unsern vier leeren Tatzen – Hilmar. Händen. Lona. Ich sage Tatzen, denn dreckig waren sie – Hilmar. Uh! Lona. – und leer waren sie auch. Hilmar. Leer? Da muß ich aber doch sagen –! Lona. Was mußt Du sagen? Bernick. Hm! Hilmar. Da muß ich doch sagen –,uh! Ab auf die Terrasse. Lona. Was hat denn der Mensch? Bernick. Ach, laß ihn gehen; er ist augenblicklich etwas nervös. Doch willst Du Dich nicht ein bißchen im Garten umschauen? Da bist Du ja noch gar nicht gewesen, und ich habe gerade ein Stündchen freie Zeit. Lona. Ja, das will ich gern. Ihr könnt mir glauben, ich bin gar manches liebe Mal mit meinen Gedanken hier im Garten bei Euch gewesen. Frau Bernick. Du wirst sehen, da sind auch große Veränderungen vor sich gegangen. Bernick, Frau Bernick und Lona ab in den Garten, wo man sie während des Folgenden hier und dort gewahrt. Olaf in der Gartentür. Onkel Hilmar, weißt Du, was Onkel Johann mich gefragt hat? Er hat gefragt, ob ich mit ihm nach Amerika will. Hilmar. Du? So ein Schafskopf, der immer an Mutters Schürze hängt? Olaf. Ja, aber das will ich nicht länger. Du wirst sehen, wenn ich groß bin – Hilmar. Ach, dummes Zeug! Du hast kein ernstes Streben nach der Abhärtung, die – Beide ab in den Garten. Johann zu Dina, die den Hut abgenommen hat, an der Tür rechts steht und den Staub von ihrem Kleid schüttelt. Sie sind ganz warm geworden von der Promenade. Dina. Ja, es war ein schöner Spaziergang; einen so schönen habe ich noch nie gemacht. Johann. Sie gehen wohl nicht oft vormittags aus? Dina. O ja; aber nur mit Olaf. Johann. So. – Sie möchten vielleicht gern in den Garten, oder bleiben Sie lieber hier? Dina. Ich bleibe lieber hier. Johann. Ich auch. Also abgemacht: wir gehen jeden Morgen zusammen spazieren. Dina. Nein, Herr Tönnesen, – das sollten Sie nicht tun. Johann. Warum sollte ich nicht? Sie haben es mir ja doch versprochen. Dina. Das wohl! Aber wenn ich es mir recht überlege, so –. Sie sollten nicht mit mir ausgehen. Johann. Und warum nicht? Dina. Sie sind fremd hier; Sie können das nicht verstehen; aber ich muß Ihnen sagen – Johann. Nun? Dina. Nein, ich will doch lieber davon nicht sprechen. Johann. O doch! Mit mir können Sie von allem sprechen, was es auch sei. Dina. So hören Sie denn: ich bin nicht wie die andern jungen Mädchen; es hat so eine – so eine eigene Bewandtnis mit mir. Deshalb sollen Sie es nicht tun. Johann. Aber von alledem verstehe ich ja kein Wort. Sie haben doch nichts verbrochen? Dina. Nein, ich nicht, aber – nein, nichts mehr davon! Sie erfahren es schon noch durch die andern. Johann. Hm. Dina. Aber – ich möchte Sie gern etwas fragen. Johann. Und das wäre? Dina. Es soll ja so leicht sein, drüben in Amerika etwas Tüchtiges zu werden? Johann. Na, so leicht ist es gerade nicht immer; im Anfang muß man sich oft abrackern und hart arbeiten. Dina. Ach, das möchte ich gerne – Johann. Sie? Dina. Ich kann schon arbeiten; ich bin stark und gesund, und Tante Martha hat mich vieles gelehrt. Johann. Alle Wetter! So kommen Sie und reisen Sie mit uns! Dina. Ach, jetzt scherzen Sie nur! Das haben Sie auch zu Olaf gesagt. Aber ich möchte bloß noch eins wissen, – ob die Leute drüben auch so sehr – so sehr moralisch sind. Johann. Moralisch? Dina. Ja; ich meine, ob sie so – so anständig und gesittet sind wie hier. Johann. Na, jedenfalls sind sie nicht so schlimm, wie man hier glaubt. Davor brauchen Sie keine Angst zu haben. Dina. Sie verstehen mich nicht. Ich wünschte sie gerade nicht so sehr anständig und moralisch. Johann. Nicht? Wie sollten sie denn sonst sein? Dina. Sie sollten natürlich sein. Johann. Jawohl! Das sind sie vielleicht. Dina. Dann wäre es gut für mich, wenn ich hinüberkäme. Johann. Gewiß – und darum sollen Sie mit uns reisen. Dina. Nein, nicht mit Ihnen möchte ich reisen; ich müßte allein reisen. Ach, ich wollte es schon zu etwas bringen; ich wollte schon tüchtig werden – Bernick unterhalb der Terrasse bei den beiden Damen . Bleib, bleib, liebe Betty; ich hol' ihn Dir; Du könntest Dich erkälten. Er kommt in das Zimmer und sucht Frau Bernicks Schal. Frau Bernick draußen im Garten . Du mußt auch mitkommen, Johann; wir gehen in die Grotte. Bernick. Nein, Johann, der soll jetzt hierbleiben! Da, Dina! Bring meiner Frau den Schal und geh mit. Johann bleibt hier bei mir, liebe Betty. Ich muß doch etwas über die Verhältnisse drüben hören. Frau Bernick. Ja, ja! Aber komm bald nach; Du weißt ja, wo wir zu finden sind. Frau Bernick, Lona und Dina links ab durch den Garten. Bernick sieht ihnen einen Augenblick nach, schließt darauf die oberste Tür links; dann geht er auf Johann zu, faßt dessen beide Hände, schüttelt und drückt sie . Johann, jetzt sind wir allein; jetzt laß mich Dir danken. Johann. Ach was! Bernick. Mein Haus und Heim, das Glück meines Herdes, meine ganze bürgerliche Stellung in der Gesellschaft – das alles verdanke ich Dir! Johann. Na, das freut mich, lieber Karsten. So ist doch noch etwas Gutes bei der tollen Geschichte herausgekommen. Bernick schüttelt abermals Johanns Hände . Dank, Dank nochmals. Nicht einer unter Tausenden hätte getan, was Du damals für mich getan hast. Johann. Nicht der Rede wert! Waren wir nicht alle beide jung und leichtlebig? Einer von uns mußte doch die Schuld auf sich nehmen – Bernick. Aber wem kam das eher zu als dem Schuldigen? Johann. Stop! Damals kam es dem Unschuldigen eher zu. Ich war ja frank und frei, elternlos; es war ein reines Glück, aus der Rechenstube und ihren Plackereien herauszukommen. Du hingegen hattest Deine alte Mutter noch am Leben, und außerdem hattest Du Dich gerade heimlich mit Betty verlobt, die Dir so gut war. Was hätte sie angefangen, wenn sie erfahren hätte – Bernick. Wahr; wahr; wahr, aber – Johann. Und hast Du nicht gerade Betty zuliebe dies Techtelmechtel mit Frau Dorf aufgegeben? Um mit ihr ein für allemal zu brechen, warst Du doch bei ihr oben an jenem Abend – Bernick. Ja, an dem unglückseligen Abend, als der Mensch betrunken nach Hause kam –! Ja, Johann, es geschah Betty zuliebe; immerhin, – daß Du so großmütig den Verdacht auf Dich lenken und aus dem Lande gehen konntest – Johann. Keine Skrupel, lieber Karsten. Wir hatten uns ja dahin verständigt, daß es so sein sollte. Gerettet mußtest Du doch werden, und Du warst ja mein Freund. Wie stolz war ich auf diese Freundschaft! Hier ging ich armseliger Prolet umher und schindete mich ab; und da kommst Du, fein und vornehm, von Deiner großen Reise ins Ausland zurück, – warst in London und Paris gewesen und erwählst mich zu Deinem Busenfreund, obgleich ich vier Jahr jünger war als Du; – ja, das geschah, weil Du Betty den Hof machtest; jetzt verstehe ich es schon. Aber wie stolz war ich darauf! Und wer wäre es nicht gewesen? Wer würde sich nicht gern für Dich geopfert haben, zumal es sich um nichts weiter handelte als um einen vorübergehenden Stadtklatsch? Und dann konnte ich ja doch auch hinaus in die weite Welt. Bernick. Hm, mein lieber Johann! Aufrichtig gesagt, die Geschichte ist noch nicht so ganz vergessen. Johann. Nicht? Na, was schert das mich, wenn ich wieder drüben auf meiner Farm sitze – Bernick. Du gehst also zurück? Johann. Versteht sich. Bernick. Aber doch nicht so bald, hoffe ich? Johann. So bald wie möglich. Ich bin ja nur Lona zu Gefallen mit herüber gekommen. Bernick. Lona–? Wieso? Johann. Ja, siehst Du, sie ist doch nicht mehr ganz jung; und in letzter Zeit wurde sie allmählich von einer unbezwinglichen Sehnsucht nach der Heimat ergriffen; aber sie wollte es nicht eingestehen. Er lächelt. Wie durfte sie wagen, mich leichtsinnigen Schlingel allein zurückzulassen, mich, der sich schon mit neunzehn Jahren abgegeben hatte mit – Bernick. Und –? Johann. Ja, Karsten, nun komme ich mit einer Beichte, deren ich mich schäme. Bernick. Du hast Lona doch nicht etwa in die Geschichte eingeweiht? Johann. Ja. Es war unrecht von mir; aber ich konnte nicht anders. Du machst Dir keine Vorstellung davon, was Lona mir gewesen ist. Du hast sie nie ausstehen können; aber mir ist sie eine Mutter gewesen. In den ersten Jahren, als es uns drüben so kärglich ging, – wie hat sie da nicht gearbeitet! Und als ich lange Zeit schwerkrank darnieder lag und nichts verdienen konnte und sie nicht daran hindern konnte, gab sie sich dazu her, in den Kaffeehäusern zu singen, – Vorträge zu halten, über die sich die Leute lustig machten; und dann schrieb sie ein Buch, über das sie später lachte und weinte, – alles nur, um mich am Leben zu erhalten. Konnte ich es da mit ansehen, wie sie im letzten Winter sich unausgesetzt verzehrte, – sie, die für mich geschafft und sich abgeplagt hatte? Nein, das konnte ich nicht, Karsten! Und so sagte ich zu ihr: »Reise nur, Lona; um mich braucht Dir nicht bange zu sein; ich bin nicht so leichtsinnig wie Du denkst.« Und da – da bekam sie es zu wissen. Bernick. Und wie nahm sie es auf? Johann. Nun, sie meinte ganz richtig, wenn ich mich unschuldig wüßte, so läge doch kein Grund vor, warum ich nicht eine Spritzfahrt mit hinüber machen dürfte. Aber Du kannst ganz ruhig sein! Lona verrät nichts; und ich werde meine Zunge ein zweites Mal hüten. Bernick. Ja, ja, – darauf verlasse ich mich. Johann. Hier ist meine Hand! Und nun wollen wir nicht mehr von der alten Geschichte reden. Glücklicherweise ist das der einzige tolle Streich geblieben, den wir beide verbrochen haben, denke ich. Nun will ich die wenigen Tage, die ich hier bin, recht genießen. Du glaubst nicht, was das für ein prächtiger Spaziergang heut morgen gewesen ist. Wer hätte geglaubt, der Knirps, der hier umherlief und die Engel auf dem Theater spielte –! Aber sag' mir, Du, – wie ging es denn später ihren Eltern? Bernick. Mein Lieber, ich weiß nicht mehr zu sagen, als was ich Dir gleich nach Deiner Abreise geschrieben habe. Du hast doch die beiden Briefe bekommen? Johann. Jawohl, jawohl – alle beide. Der Saufaus ist ihr ja wohl durchgebrannt? Bernick. Und hat sich später zu Tode gesoffen. Johann. Sie starb ja auch bald darauf? Aber Du tatest gewiß so in aller Stille für sie, was Du konntest? Bernick. Sie war stolz; sie verriet nichts, und sie wollte nichts annehmen. Johann. Na, es war jedenfalls recht von Dir, daß Du Dina ins Haus genommen hast. Bernick. Allerdings. Übrigens war es eigentlich Martha, die es durchsetzte. Johann. So, Martha? Martha, ist ja wahr, – wo steckt die denn heut? Bernick. Ach, die , – wenn sie nicht Unterricht gibt, so hat sie ihre Kranken. Johann. Also Martha hat sich ihrer angenommen. Bernick. Ja, Martha hat ja von jeher eine gewisse Schwäche für das Erziehungswesen gehabt. Darum hat sie auch eine Stelle an der Volksschule angenommen. Das war eine gewaltige Dummheit von ihr. Johann. Ja, sie sah gestern wirklich sehr angegriffen aus; ich fürchte, sie ist auch nicht gesund genug für so etwas. Bernick. Ach, was ihre Gesundheit anbetrifft, so könnte sie immerhin dabei bleiben. Aber es ist unangenehm für mich ; es sieht so aus, als ob ich, ihr Bruder, nicht gesonnen sei, für ihren Unterhalt zu sorgen. Johann. Unterhalt? Ich glaubte, sie hätte selbst so viel Vermögen, um – Bernick. Keinen Heller. Du entsinnst Dich doch, in was für Verlegenheiten meine Mutter steckte, – damals, als Du gingst. Sie trieb es noch eine Weile mit meiner Hilfe so fort; doch damit konnte mir natürlich auf die Dauer nicht gedient sein. So ließ ich mich in die Firma aufnehmen; aber auf diese Weise ging's auch wieder nicht. Ich mußte also das Ganze übernehmen; und als wir Bilanz machten, da stellte sich's heraus, daß auf Mutters Teil so gut wie nichts übrig blieb. Und als Mutter bald darauf starb, saß natürlich auch Martha auf dem Trocknen. Johann. Die arme Martha! Bernick. Arm, – wieso? Du glaubst doch nicht etwa, ich ließe sie irgend etwas entbehren? O nein, ich kann wohl sagen, ich bin ihr ein guter Bruder. Sie wohnt selbstverständlich mit uns zusammen und speist an unserm Tisch; für ihr Lehrerinnengehalt kann sie sich sehr anständig kleiden, und ein alleinstehendes Frauenzimmer, – was braucht die mehr? Johann. Hm; so denken wir in Amerika nicht. Bernick. Das will ich glauben. In einer so revolutionierten Gesellschaft, wie der amerikanischen. Doch hier in unserm kleinen Kreis, wo gottlob die Verderbnis, bis dato wenigstens, keinen Eingang gefunden hat, – hier begnügen sich die Frauen damit, eine angemessene, wenn auch bescheidene Stellung einzunehmen. Es ist übrigens Marthas eigne Schuld; sie hätte längst versorgt sein können, wenn sie nur gewollt hätte. Johann. Du meinst, sie hätte sich verheiraten können? Bernick. Ja, man hätte sie sogar sehr favorabel anbringen können. Es wurden ihr mehrere vorteilhafte Partien angeboten. Merkwürdig genug! Ein unbemitteltes Mädchen, nicht mehr jung und außerdem ganz unbedeutend. Johann. Unbedeutend? Bernick. Na, ich mache ihr ja keinen Vorwurf daraus. Ich wünsche sie überhaupt nicht anders. Weißt Du, – in einem großen Haus, wie dem unsrigen, da ist es immer gut, so einen einfachen Menschen zu haben, den man zu allem verwenden kann. Johann. Ja, aber sie –? Bernick. Sie? Was denn? Nun ja, sie hat natürlich auch etwas, wofür sie sich interessiert; sie hat ja mich und Betty und Olaf und mich. Die Menschen müssen nicht immer in erster Reihe an sich selber denken, und am allerwenigsten die Frauenzimmer. Wir haben ja doch alle eine mehr oder minder große Gesellschaft zu stützen und für sie zu wirken. Ich tu's jedenfalls. Er weist auf Krap , der von rechts kommt. Hier hast Du gleich den Beweis. Glaubst Du, es sind meine eigenen Geschäfte, die mich da in Anspruch nehmen? O bewahre. Rasch zu Krap. Nun? Krap leise, indem er einen Stoß Papiere zeigt. Alle Kaufverträge in Ordnung. Bernick. Herrlich! Vortrefflich! – Nun mußt Du mich für eine Weile entschuldigen, Schwager. Mit gedämpfter Stimme, indem er ihm die Hand drückt. Dank, Dank, Johann; und sei überzeugt, daß ich Dir jeden Dienst – na, Du verstehst mich schon. – Kommen Sie, Herr Krap. Ab in Bernicks Zimmer. Johann sieht ihm eine Weile nach. Hm – Er will in den Garten gehen; in demselben Augenblick kommt Martha mit einem kleinen Korb am Arm, von rechts. Johann. Ei sieh! Martha! Martha. Ah – Johann – Du bist es? Johann. Du auch schon so früh unterwegs? Martha. Ja. Wart' ein wenig; die andern müssen gleich kommen. Sie will nach links abgehen. Johann. Hör' mal, Martha, hast Du es immer so eilig? Martha. Ich? Johann. Gestern bist Du mir sichtlich aus dem Wege gegangen, so daß ich kein Wort mit Dir sprechen konnte, und heute – Martha. Aber – Johann. Früher waren wir doch unzertrennlich, – wir zwei alten Spielkameraden. Martha. Ach, Johann, das ist viele, viele Jahre her. Johann. Herrje, fünfzehn Jahre ist es her, auf den Kopf. Findest Du etwa, ich hätte mich sehr verändert? Martha. Du? O ja, Du auch, – obgleich – Johann. Nun, was – Martha. Ach, nichts. Johann. Du scheinst mir nicht gerade sehr erfreut, mich wiederzusehen. Martha. Ich habe so lange gewartet, Johann, – zu lange. Johann. Gewartet, – daß ich kommen würde? Martha. Ja. Johann. Und warum, meintest Du, würde ich kommen? Martha. Um zu sühnen, was Du verbrochen hast. Johann. Ich? Martha. Hast Du vergessen, daß eine Frau in Not und Schande um Deinetwillen gestorben ist? Hast Du vergessen, daß um Deinetwillen die schönsten Jahre eines heranwachsenden Kindes verbittert wurden? Johann. Und das muß ich von Dir hören! Martha, so hat Dein Bruder nie –? Martha. Was –? Johann. Hat er nie – nun ja, ich meine, hat er niemals auch nur ein Wort der Entschuldigung für mich gehabt? Martha. Ach, Johann, Du kennst doch Karstens strenge Grundsätze. Johann. Hm – gewiß, gewiß; ich kenne die strengen Grundsätze meines alten Freundes Karsten schon. Aber das ist doch –! Na! Ich habe ihn eben gesprochen. Ich finde, er hat sich merklich verändert. Martha. Wie kannst Du das sagen? Karsten ist doch immer das Muster eines Mannes gewesen. Johann. So war's nicht gerade gemeint; aber laß nur! – Hm, jetzt begreife ich erst, in welchem Licht Du mich gesehen hast: es war die Heimkehr des verlorenen Sohns, auf die Du gewartet hast. Martha. Johann, ich will Dir sagen, in welchem Licht ich Dich gesehen habe. Sie zeigt in den Garten hinunter. Siehst Du sie, die dort unten im Grase mit Olaf spielt? Es ist Dina. Entsinnst Du Dich noch des konfusen Briefes, den Du mir geschrieben hattest, als Du weggingst? Du schriebst, ich sollte an Dich glauben. Ich habe an Dich geglaubt, Johann. All die bösen Dinge, von denen man sich später hier erzählt hat, müssen in der Verwirrung, gedankenlos, ohne Überlegung geschehen sein –- Johann. Was für Dinge meinst Du? Martha. Ach, Du verstehst mich recht gut; – laß das! Aber Du mußtest ja weg, von vorn beginnen – ein neues Leben. Siehst Du, Johann, ich bin Dein Stellvertreter hier in der Heimat gewesen, – ich, Dein alter Spielkamerad. Die Pflichten, die Du hier versäumtest oder nicht erfüllen konntest , die habe ich für Dich erfüllt. Ich sage Dir das, damit Du nicht Dir auch dies noch vorzuwerfen hast. Dem armen, rechtlosen Kinde bin ich eine Mutter gewesen; ich habe es erzogen, so gut ich konnte – Johann. Und hast Dein ganzes Leben damit verschwendet – Martha. Es ist nicht verschwendet. Aber Du bist spät gekommen, Johann. Johann. Martha, – könnte ich Dir nur sagen –. Na, hab' jedenfalls Dank für Deine treue Freundschaft! Martha lächelt wehmütig. Hm –. So, nun hätten wir uns also ausgesprochen. Still, es kommt wer. Adieu! Ich kann jetzt nicht – Ab durch die hinterste Tür links. Lona , begleitet von Frau Bernick , kommt aus dem Garten. Frau Bernick noch im Garten. Um Gottes willen, Lona, was fällt Dir ein! Lona. Laß mich, sage ich! Ich will und muß mit ihm reden. Frau Bernick. Aber das wäre ja der größte Skandal! Ah, Johann, Du bist noch hier? Lona. Hinaus mit Dir, Junge! Hock' nicht immer in der Stube! Geh in den Garten und unterhalte Dich mit Dina! Johann. Das hatte ich eben vor. Frau Bernick. Aber – Lona. Hör' mal, Johann, hast Du Dir Dina ordentlich angesehen? Johann. Ich meine schon. Lona. Du solltest sie Dir recht genau ansehen, Junge! Das wäre was für Dich! Frau Bernick. Aber Lona –! Johann. Was für mich? Lona. Ja, zum Ansehen, meine ich. Geh jetzt! Johann. Mit dem größten Vergnügen! Ab in den Garten. Frau Bernick. Lona! Ich bin starr über Dich! Das kann doch unmöglich Dein Ernst sein. Lona. Mein voller Ernst! Ist sie nicht frisch und gesund und rechtschaffen? Das ist die richtige Frau für Johann; eine, wie er sie drüben braucht. Das ist was anderes als eine alte Stiefschwester! Frau Bernick. Dina? Dina Dorf! So bedenk doch –! Lona. Mein erster und einziger Gedanke ist das Glück des Jungen. Dazu muß ich ihm verhelfen; er selber hat kein Geschick zu dergleichen Sachen; für die Frauenzimmer hat er nie so recht ein Auge gehabt. Frau Bernick. Er? Johann? Na, mir scheint doch, wir hätten traurige Beweise – Lona. Ach, zum Henker mit der dummen Geschichte! Wo ist Bernick? Ich will ihn sprechen. Frau Bernick. Lona, Du wirst es nicht tun, sage ich. Lona. Und doch. Mag der Junge sie leiden und sie ihn, so sollen sie sich auch haben! Bernick ist ja ein so kluger Mann; er muß einen Ausweg wissen – Frau Bernick. Und Du glaubst, man würde diese amerikanischen Unanständigkeiten hier dulden – Lona. Dummes Zeug, Betty – Frau Bernick. – daß ein Mann, wie Karsten, bei seiner strengen moralischen Denkart – Lona. Ach was! Die ist wohl nicht so übertrieben streng Frau Bernick. Was unterstehst Du Dich – ? Lona. Ich unterstehe mich zu behaupten, daß Bernick wohl auch nicht viel moralischer ist als andere Mannsleute. Frau Bernick. So tief also sitzt noch der Haß in Dir! Aber was willst Du denn hier, wenn Du nie hast vergessen können, daß –? Ich begreife nicht, wie Du ihm unter die Augen treten konntest nach der schmählichen Beleidigung, die Du ihm damals zugefügt hast. Lona. Ja, Betty, damals habe ich mich bös vergaloppiert. Frau Bernick. Und wie hochherzig hat er Dir vergeben, und hatte doch nicht das Geringste verbrochen! Denn er konnte doch nichts dafür, daß Du Dir Hoffnungen gemacht hattest. Aber seit der Zeit hast Du auch mich gehaßt. Sie bricht in Tränen aus. Du hast mir nie mein Glück gegönnt. Und nun kommst Du und bringst mich in diese ganzen Widerwärtigkeiten, – um der Stadt zu zeigen, in was für eine Familie Karsten durch mich gekommen ist. Ja, ich werde es auszubaden haben, – aber das willst Du ja gerade. O, das ist abscheulich von Dir! Sie geht weinend ab durch die oberste Tür links. Lona ihr nachblickend. Arme Betty! Bernick noch in der Tür. Ja, ja, es ist gut, Herr Krap, – ausgezeichnet. Schicken Sie vierhundert Kronen für die Speisung der Armen! Wendet sich um. Lona! Näher. Du bist allein? Ist Betty nicht da? Lona. Nein. Soll ich sie vielleicht holen? Bernick. Nein, nein, nein, laß nur! Ach Lona, Du weißt nicht, wie ich darauf gebrannt habe, offen mit Dir zu reden, – um Deine Verzeihung zu erflehen! Lona. Mein lieber Karsten, werden wir nicht sentimental: das steht uns schlecht. Bernick. Du mußt mich anhören, Lona! Ich weiß, wie der Schein gegen mich ist jetzt, nachdem Du die Sache mit Dinas Mutter erfahren hast. Aber ich schwöre Dir zu, es war nur eine kurze Verirrung; ich habe Dich einst wirklich, wahrhaft und aufrichtig geliebt. Lona , Warum, meinst Du, bin ich zurückgekommen? Bernick. Was Du auch vorhaben magst, ich flehe Dich an, nichts zu unternehmen, bis ich mich gerechtfertigt habe. Ich kann es, Lona; zum mindesten kann ich mich entschuldigen. Lona. Du hast jetzt Angst. – Du hast mich geliebt, sagst Du. Ja, das hast Du mir oft genug in Deinen Briefen versichert; und vielleicht ist es auch wahr gewesen – in gewissem Sinne, solange Du noch da draußen in einer großen Welt der Freiheit lebtest, die Dir den Mut gab, selbst frei und groß zu denken. Du hast vielleicht bei mir ein bißchen mehr Charakter und Willen und Selbständigkeit gefunden als bei den meisten hier zu Lande. Und dann war es ja ein Geheimnis zwischen uns beiden; niemand konnte sich über Deinen schlechten Geschmack lustig machen. Bernick. Lona, wie kannst Du nur glauben –! Lona. Aber als Du nun zurückkehrtest, als Du die spöttischen Glossen vernahmst, die auf mich niederhagelten, das Gelächter hörtest über das, was sie hier meine Verdrehtheiten nannten – Bernick. Du warst damals auch rücksichtslos. Lona. Doch eigentlich nur, um diese Zieraffen in Hosen und Unterröcken zu ärgern, die in der Stadt herumwimmelten. – Und als Du dann der jungen, verführerischen Schauspielerin begegnetest – Bernick. Das war ein Dummerjungenstreich, – nichts weiter; ich schwör' es Dir, nicht der zehnte Teil der Gerüchte und Klatschereien, die damals umliefen, ist wahr gewesen. Lona. Schon gut! Aber als nun Betty heimkam, schön, blühend, von allen vergöttert, – und als bekannt wurde, sie würde das ganze Vermögen der Tante erben, und ich bekäme nichts – Bernick. Ja, da sind wir bei der Sache, Lona; und nun sollst Du alles ohne Umschweife hören. Ich liebte Betty damals nicht; ich brach mit Dir nicht um einer neuen Leidenschaft willen. Offen gesagt, es geschah um des Geldes willen. Ich war dazu genötigt; ich mußte mir das Geld sichern. Lona. Und das sagst Du mir so gerade ins Gesicht? Bernick. Jawohl! Hör' mich an, Lona – Lona. Und doch hast Du mir geschrieben, eine unbezwingliche Liebe zu Betty hätte von Dir Besitz genommen, hast meine Großmut angerufen, hast mich beschworen, um Bettys willen von dem zu schweigen, was zwischen uns bestanden hatte – Bernick. Das mußte ich tun. Lona. Nun, beim allmächtigen Gott, dann bereue ich heute nicht, was ich damals in der Leidenschaft getan habe. Bernick. Laß mich Dir meine damalige Lage kühl und ruhig schildern. Meine Mutter war, wie Du Dich erinnerst, Chef des Hauses; aber sie hatte keine Spur von Geschäftssinn. Ich wurde eilig von Paris zurückgerufen; die Zeiten waren kritisch; ich sollte das Geschäft wieder auf die Beine bringen. Was fand ich? Ich fand, was ich als tiefstes Geheimnis hüten mußte, ein so gut wie ruiniertes Haus. Ja, so gut wie ruiniert war' es, dieses alte, angesehene Haus, das drei Generationen hindurch bestanden hatte. Was blieb mir, dem Sohne, dem einzigen Sohne, andres übrig, als mich nach einem Rettungsmittel umzusehen ? Lona. Und so hast Du das Haus Bernick auf Kosten eines Weibes gerettet?. Bernick. Du weißt recht gut, daß Betty mich liebte. Lona. Und ich? Bernick. Glaub' mir, Lona, – Du wärst nie glücklich mit mir geworden. Lona. Geschah es aus Sorge um mein Glück, daß Du mich preisgegeben hast? Bernick. Glaubst Du vielleicht, ich hätte aus Motiven des Eigennutzes so gehandelt, wie ich gehandelt habe? – Hätte ich damals allein gestanden, ich würde mit frischem Mut von vorn angefangen haben. Aber Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ein Geschäftsmann, unter dem Druck einer maßlosen Verantwortung, mit dem Geschäft zusammenwächst, das er geerbt hat. Weißt Du, daß das Wohl und Wehe Hunderter, ja Tausender von ihm abhängt? Bedenkst Du nicht, daß dieser ganzen Gesellschaft, in der Du und ich von Jugend auf heimisch sind, der Sturz des Hauses Bernick sehr fühlbar geworden wäre? Lona. Also auch der Gesellschaft zu Gefallen hast Du diese fünfzehn Jahre in der Lüge ausgehalten? Bernick. In der Lüge? Lona. Wie viel weiß Betty von dem, was ihrer Verbindung mit Dir zugrunde liegt und vorausgegangen ist? Bernick. Wozu ihr Dinge enthüllen, die sie ohne Zweck schmerzen würden? Lona. Ohne Zweck, sagst Du? Ach, Du bist ja Geschäftsmann; Du mußt Dich ja auf das Zweckmäßige verstehen. – Doch, lieber Karsten, jetzt will auch ich kühl und ruhig reden. Sag' mir, – bist Du nun auch wirklich glücklich? Bernick. Im Schoß meiner Familie, meinst Du? Lona. Jawohl. Bernick. Das bin ich, Lona. Ach, Du warst mir nicht vergebens eine so aufopfernde Freundin! Ich darf wohl sagen, daß ich von Jahr zu Jahr glücklicher geworden bin. Betty ist gut und fügsam. Und wie sie im Lauf der Jahre gelernt hat, ihr Wesen meiner Eigenart anzupassen – Lona. Hm. Bernick. Früher hatte sie ja doch ein gut Teil überspannter Vorstellungen von der Liebe; sie konnte sich nicht mit dem Gedanken befreunden, daß die Liebe nach und nach in eine milde Freundschaft übergehen müßte. Lona. Aber jetzt hat sie sich in diesen Gedanken gefunden ? Bernick. Vollständig. Du begreifst wohl, daß der tägliche Umgang mit mir nicht ohne ersprießlichen Einfluß auf sie gewesen ist. Die Menschen müssen lernen, gegenseitig ihre Ansprüche herabzustimmen, wenn sie in der Gesellschaft, der sie angehören, ihre Stelle ausfüllen wollen. Das hat auch Betty nach und nach einsehen gelernt, und darum ist unser Haus jetzt ein Muster für unsere Mitbürger. Lona. Aber diese Mitbürger wissen nichts von der Lüge ? Bernick. Von der Lüge? Lona. Jawohl, – von der Lüge, in der Du nun fünfzehn Jahre lang aushältst. Bernick. Und das nennst Du – ? Lona. Die Lüge nenne ich's. Die dreifache Lüge. Erstlich die Lüge mir gegenüber; dann die Lüge Betty gegenüber; dann die Lüge Johann gegenüber. Bernick. Betty hat nie verlangt, daß ich sprechen sollte. Lona. Weil sie nichts gewußt hat. Bernick. Und Du wirst es nicht verlangen, – aus Rücksicht auf sie wirst Du es nicht. Lona. I freilich, ich werde den Hohn und Spott schon zu ertragen wissen; ich habe einen breiten Rücken. Bernick. Und Johann wird es auch nicht verlangen, – das hat er mir versprochen. Lona. Aber Du selbst, Karsten? Ist nicht etwas in Deinem Innern, das aus der Lüge herauszukommen begehrt ? Bernick. Ich sollte freiwillig das Glück meines Hauses und meine Stellung in der Gesellschaft opfern? Lona. Welches Recht hast Du auf diese Deine Stellung? Bernick. In fünfzehn Jahren habe ich mir täglich ein Stückchen Recht erkauft – durch meinen Wandel und durch mein Wirken und durch den Erfolg. Lona. Ja, Du hast mit vielem Erfolg gewirkt, – für Dich selber und für andere. Du bist der reichste und mächtigste Mann der Stadt; keiner wagt es, sich Deinem Willen zu widersetzen, weil Du für makellos und unantastbar giltst; Dein Haus gilt als ein Musterhaus, Dein Wandel als ein Musterwandel. Doch diese ganze Herrlichkeit steht wie auf schwankendem Moorgrund, und Du mit ihr. Ein Augenblick kann kommen, ein Wort kann fallen, – und Du gehst unter und die ganze Herrlichkeit mit, wenn Du Dich nicht beizeiten rettest. Bernick. Lona, – was willst Du hier? Lona. Ich will Dir festen Grund schaffen unter den Füßen. Bernick. Rache! Du willst Dich rächen! Ich ahnte es schon. Doch das gelingt Dir nicht! Hier ist nur einer, der von Rechts wegen sprechen kann, und der ist stumm. Lona. Johann? Bernick. Ja, Johann. Will irgend ein anderer mich anklagen, so leugne ich alles; will man mich zugrunde richten, so wehre ich mich auf Tod und Leben. Aber nie soll Dir das gelingen, sage ich Dir. Der Mann, der mich stürzen könnte, schweigt, – und er reist wieder ab. Rummel und Vigeland kommen von rechts. Rummel. Guten Tag, guten Tag, lieber Bernick! Du mußt mit uns in den Handelsverein. Wir haben Sitzung in der Eisenbahnfrage, weißt Du doch. Bernick. Ich kann nicht – unmöglich in diesem Augenblick. Vigeland. Aber Sie müssen, Herr Konsul – Rummel. Du mußt, Bernick! Da sind Leute, die Dir entgegenarbeiten. Der Redakteur Hammer und die andern, die für die Küstenlinie waren, behaupten, es steckten Privatinteressen hinter dem neuen Projekt. Bernick. Na, so macht ihnen doch klar – Vigeland. Wenn wir es ihnen klar machen, Herr Konsul, so hilft das nichts – Rummel. Nein, nein, Du mußt selber mit; Dir wird natürlich keiner mit solch einem Verdacht zu kommen wagen. Lona. Nein, das sollt' ich meinen! Bernick. Ich kann nicht, sage ich; ich bin unwohl; – oder – so wartet wenigstens, bis ich mich gesammelt habe. Rörlund kommt von rechts. Verzeihen Sie, Herr Konsul; Sie sehen mich in der heftigsten Aufregung – Bernick. Ja, ja, – was fehlt Ihnen? Rörlund. Ich muß eine Frage an Sie richten, Herr Konsul. Haben Sie Ihre Einwilligung dazu gegeben, daß das junge Mädchen, das unter Ihrem Dach ein Asyl gefunden hat, sich auf offener Straße in Gesellschaft eines Menschen zeigt, der – Lona. Welches Menschen, Herr Pastor? Rörlund. In Gesellschaft des Menschen, den sie am meisten von allen Menschen der Welt meiden sollte. Lona. Hoho! Rörlund. Geschieht es mit Ihrer Einwilligung, Herr Konsul? Bernick , der Hut und Handschuhe sucht. Ich weiß von nichts. Entschuldigen Sie, ich habe Eile; ich muß in den Handelsverein. Hilmar Tönnesen kommt aus dem Garten und geht zur obersten Tür links. Betty, Betty, so hör' doch mal! Frau Bernick in der Tür. Was gibt's? Hilmar. Du mußt in den Garten hinunter und der Liebelei ein Ende machen, die ein gewisses Subjekt mit dieser Dina Dorf treibt. Ich bin ganz nervös geworden vom bloßen Zuhören. Lona. So? Was hat denn das Subjekt gesagt? Hilmar. Er will, daß sie mit ihm nach Amerika geht – weiter nichts! Uh! Rörlund. Ist so etwas möglich! Frau Bernick. Was Du sagst! Lona. Aber das wäre ja herrlich! Bernick. Unmöglich! Du hast nicht recht gehört. Hilmar. So frag' ihn selbst! Da kommt das Pärchen. Aber laß mich aus dem Spiele. Bernick zu Rummel und Vigeland. Ich komme nach – einen Augenblick – Rummel und Vigeland ab nach rechts. Johann Tönnesen und Dina kommen aus dem Garten. Johann. Hurra, Lona! Sie geht mit uns! Frau Bernick. Aber, Johann – Du unbesonnener –! Rörlund. Ist's möglich! Ein Skandal, wie er im Buche steht! Durch welche Verführungskünste ist es Ihnen gelungen –? Johann. Herr! Was nehmen Sie sich heraus? Rörlund. Antworten Sie mir, Dina! – Ist es Ihre Absicht, – ist es Ihr eigener, freier Entschluß? Dina. Ich muß weg von hier. Rörlund. Aber mit ihm – mit ihm! Dina. Nennen Sie mir einen andern, der den Mut hätte, mich mitzunehmen. Rörlund. Nun, dann sollen Sie auch erfahren, wer er ist! Johann. Schweigen Sie! Bernick. Kein Wort weiter! Rörlund. Damit würde ich der Gesellschaft, über deren Moral und Sitten ich als Wächter gesetzt bin, wahrhaftig einen schlechten Dienst leisten; und unverantwortlich würde ich an diesem jungen Mädchen handeln, an deren Erziehung auch ich wesentlichen Anteil hatte, und die mir – Johann. Hüten Sie Ihre Zunge! Rörlund. Sie soll es wissen! Dina, dies ist der Mann, der an dem ganzen Unglück und der Schande Ihrer Mutter schuld war. Bernick. Herr Rörlund –! Dina. Er?! Zu Johann. Ist das wahr ? Johann. Karsten, antworte Du! Bernick. Kein Wort weiter! Heute kein Wort weiter! Dina. Also wahr! Rörlund. Wahr, wahr. Und mehr noch! Dieser Mensch, dem Sie Ihr Zutrauen schenken, brannte nicht mit leeren Händen durch; – die Kasse der Witwe Bernick – der Herr Konsul kann's bezeugen – Lona. Lügner! Bernick. Ah–! Frau Bernick. O Gott, o Gott! Johann mit erhobenem Arm auf Rörlund zu. Und das wagst Du –! Lona abwehrend. Johann! Schlage ihn nicht! Rörlund. Ja, vergreifen Sie sich nur an mir! Aber die Wahrheit soll an den Tag; und dies ist die Wahrheit; der Konsul Bernick hat es selbst gesagt, und die ganze Stadt weiß es. – Jetzt, Dina, jetzt kennen Sie ihn. Kurze Pause. Johann leise, indem er Bernick am Arm faßt. Karsten, Karsten, was hast Du getan! Frau Bernick leise und in Tränen. O Karsten, daß ich diese Schande über Dich bringen mußte! Sandstad kommt rasch von rechts und ruft, die Türklinke in der Hand: Aber jetzt müssen Sie endlich kommen, Herr Konsul! Die ganze Eisenbahn hängt nur noch an einem Haar! Bernick wie geistesabwesend. Was ist –? Was soll ich –? Lona ernst und mit Nachdruck. Du sollst hin, Schwager, und die Gesellschaft stützen. Sandstadt. Ja, kommen Sie, kommen Sie! Wir brauchen Ihr ganzes moralisches Übergewicht! Johann dicht neben Bernick. Bernick, – wir beide sprechen uns morgen! Ab durch den Garten; Bernick geht willenlos mit Sandstad rechts ab. Dritter Akt Das Gartenzimmer im Bernickschen Hause. Bernick, ein spanisches Rohr in der Hand, kommt in heftigem Zorn aus dem hintersten Zimmer links und läßt die Tür halb offen. Bernick. So, nun hätte ich endlich einmal Ernst gemacht! Die Schläge, denke ich, wird er sich merken! In das Zimmer hineinrufend. Was sagst Du? – Und ich sage, Du bist eine unvernünftige Mutter. Du entschuldigst ihn, Du beschönigst alle seine Bubenstreiche. – Keine Bubenstücke? Wie nennst Du's denn sonst? Sich nachts aus dem Hause schleichen, mit einem Fischerboot in die See hinausfahren, bis zum hellichten Tag wegbleiben und mich in tödliche Angst versetzen, – mich, der den Kopf so voll hat! Und da wagt der Bengel noch, zu drohen, er würde davonlaufen! Ja, er soll es nur probieren! – Du? Ja, das glaube ich gern. Du bekümmerst Dich viel um sein Wohl und Weh! Ich glaube, wenn's ihm selbst ans Leben ginge –! So ? – Aber ich habe eine Aufgabe hier auf der Welt zu hinterlassen; mir ist es nicht gleichgültig, ob ich kinderlos bin oder nicht. – Keine Widerrede, Betty! Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe, – er hat Hausarrest. Er horcht. Pst! Laß niemand was merken! Krap kommt von rechts. Krap. Haben Sie einen Augenblick Zeit, Herr Konsul ? Bernick wirft das spanische Rohr weg. Gewiß, jawohl. Kommen Sie von der Werft? Krap. Geradeswegs. Hm – Bernick. Na? Ist etwa mit dem »Palmbaum« was los ? Krap. Der »Palmbaum« kann morgen in See; aber – Bernick. »Indian Girl« also? Ahnt' ich's doch, daß der Dickschädel – Krap. »Indian Girl« kann auch morgen in See; aber – weit kommt es gewiß nicht. Bernick. Was heißt das? Krap. Entschuldigen Sie, Herr Konsul; die Tür ist angelehnt, und ich glaube, es ist wer da drin – Bernick schließt die Tür. So. – Also was ist denn so Schlimmes, daß niemand es hören soll? Krap. Nun denn – dieser Aune hat wahrscheinlich die Absicht, »Indian Girl« mit Mann und Maus ersaufen zu lassen. Bernick. Um Gotteswillen, wie können Sie nur glauben –? Krap. Kann es mir auf andere Weise nicht erklären, Herr Konsul. Bernick. Na, so sagen Sie mir doch in kurzen Worten – Krap. Soll geschehen. Sie wissen selbst, wie schlampig es auf der Werft hergeht, seit wir die neuen Maschinen und die neuen, ungeübten Arbeiter haben. Bernick. Ja, ja. Krap. Aber heut früh, als ich hinunter kam, da merkte ich, daß die Reparatur des Amerikaners auffallend weit vorgeschritten war; das große Leck im Boden – Sie wissen, die faule Stelle – Bernick. Nun ja, – was ist damit? Krap. Vollständig repariert; das heißt: dem Anschein nach; verschalt; sah aus wie ganz neu. Hörte, daß Aune selbst die ganze Nacht bei Licht unten gearbeitet hatte. Bernick. Ja, ja! Was weiter? Krap. Ging mir nicht aus dem Kopf; die Leute waren eben beim Frühstück, und so hatte ich Gelegenheit, unbemerkt mich umzusehen an der Außenseite wie im Innern des Schiffes. Hatte meine liebe Not, in der schwer beladenen Schute nach unten zu kommen; erhielt aber Gewißheit. Schuftigkeiten im Werke, Herr Konsul. Bernick. Ich kann es mir nicht denken, Herr Krap. Ich kann, ich will so was nicht von Aune glauben. Krap. Tut mir leid, – ist aber die reine Wahrheit. Schuftigkeiten, sage ich! Kein neues Bauholz eingesetzt, soweit ich es beurteilen konnte. Nur verspundet und vernietet und verkleistert mit Latten und Teertuch und was weiß ich! Die reinste Pfuscherei! »Indian Girl« erreicht New-York im Leben nicht; sinkt wie ein lecker Bottich. Bernick. Das ist ja entsetzlich! Doch was glauben Sie, mag er damit wohl beabsichtigen? Krap. Will wahrscheinlich die Maschinen in Mißkredit bringen; will sich rächen; will damit erreichen, daß der alte Stamm Arbeiter wieder in Gnaden aufgenommen wird. Bernick. Und so setzt er unbedenklich das Leben vieler aufs Spiel. Krap. Er sagte neulich: nicht Menschen sind an Bord von »Indian Girl«, – nur Bestien. Bernick. Ja, ja, mag sein; aber das große Kapital, das verloren geht, flößt ihm denn das nicht Respekt ein? Krap. Auf das große Kapital ist Aune nicht gut zu sprechen, Herr Konsul. Bernick. Sehr richtig; er ist ein Aufwiegler und Störenfried; aber eine so gewissenlose Handlungsweise–. Hören Sie, Herr Krap; die Sache muß noch einmal untersucht werden. Doch strengstes Stillschweigen darüber! Unsere Werft ist blamiert, wenn die Leute so etwas erfahren. Krap. Versteht sich, aber – Bernick. Während der Mittagspause müssen Sie sehen, noch einmal hinunterzukommen; ich verlange volle Gewißheit. Krap. Sollen Sie haben, Herr Konsul; aber, mit Verlaub, was wollen Sie dann tun? Bernick. Die Sache anzeigen, natürlich. Wir können uns doch nicht zu Mitschuldigen machen, an einem offenkundigen Verbrechen. Mein Gewissen muß rein sein. Außerdem wird es auf die Presse wie auf die Öffentlichkeit überhaupt einen guten Eindruck machen, wenn man sieht, daß ich alle persönlichen Interessen hintansetze und der Gerechtigkeit freien Lauf lasse. Krap. Sehr wahr, Herr Konsul. Bernick. Aber vor allen Dingen Gewißheit. Und reinen Mund halten – Krap. Kein Sterbenswort, Herr Konsul; und Gewißheit, die sollen Sie haben. Ab durch den Garten die Straße hinunter. Bernick halblaut. Empörend! Aber nein! Es ist ja unmöglich, – undenkbar! Indem er in sein Zimmer abgehen will, kommt Hilmar Tönnesen von rechts. Hilmar. Guten Tag, Bernick! Na, ich gratuliere zum gestrigen Siege im Handelsverein! Bernick. Ach, danke schön. Hilmar. Es war ja ein glänzender Sieg, wie ich höre; der Sieg bürgerlicher Intelligenz über Eigennutz und Vorurteil, – ungefähr wie eine französische Razzia gegen die Kabylen. Merkwürdig, daß Du nach dem unangenehmen Auftritt hier im Hause – Bernick. Schon gut – laß das! Hilmar. Aber die Hauptschlacht ist doch noch nicht geschlagen. Bernick. In der Eisenbahnfrage, meinst Du? Hilmar. Ja. Aber weißt Du denn schon, was der Redakteur Hammer da zusammenbraut? Bernick gespannt. Nein. Was denn? Hilmar. Er klammert sich an ein Gerücht, das hier umgeht, und will es für einen Zeitungsartikel ausbeuten. Bernick. Was für ein Gerücht? Hilmar. Natürlich von den großen Terrainkäufen längs der Zweigbahn. Bernick. Was Du sagst! Ist hier ein solches Gerücht verbreitet? Hilmar. Ja, in der ganzen Stadt. Ich hörte es gestern im Klub, wo ich ein bißchen hinkam. Ein hiesiger Rechtsanwalt soll ganz in der Stille kommissionsweise alle Waldungen, alle Erzlager und alle Wasserfälle angekauft haben – Bernick. Und weiß man auch, für wen? Hilmar. Im Klub meinte man, es müßte für ein auswärtiges Konsortium sein, das von Deinem Vorhaben unterrichtet ist und sich beeilt hat, ehe die Preise stiegen – ist das nicht niederträchtig – uh! Bernick. Niederträchtig? Hilmar. Ja, daß Fremde sich so in unsere Gegend eindrängen, und daß gar ein Rechtsanwalt unserer Stadt sich zu so etwas hergeben kann! Also Fremde werden jetzt die Beute davontragen. Bernick. Aber es ist ja nur ein unverbürgtes Gerücht. Hilmar. Das einstweilen geglaubt wird, und morgen oder übermorgen wird Hammer es festnageln als ein Faktum. Im Klub herrschte schon allgemeine Entrüstung. Ich hörte verschiedene Leute sagen, wenn das Gerücht sich bestätigte, so würden sie sich aus den Listen wieder streichen lassen. Bernick. Unmöglich! Hilmar. So? Warum glaubst Du wohl, gingen diese Krämerseelen gleich so bereitwillig auf Deine Vorschläge ein? Meinst Du, sie hätten nicht selbst ihre Nase darauf gespitzt, – Bernick. Unmöglich, sage ich! So viel Gemeinsinn ist doch noch hier in unserer kleinen Gesellschaft – Hilmar. Hier? – Jawohl, Du bist nun mal ein Optimist und beurteilst andere nach Dir selbst. Aber ich, der ich ein ziemlich geübter Beobachter bin, – ich sage Dir, hier ist nicht einer – wir natürlich ausgenommen – nicht einer, der die Fahne der Idee hoch hält. Er geht in den Hintergrund. Uh! Da kommen sie. Bernick. Wer? Hilmar. Die beiden Amerikaner. Sieht rechts hinaus. Und mit wem gehen sie? Herrgott, ist das nicht der Kapitän von »Indian Girl«? Uh! Bernick. Was können sie von dem wollen? Hilmar. I, das ist eine Gesellschaft, die so recht zu ihnen paßt. Der Mann soll ja Sklavenhändler oder Seeräuber gewesen sein; und wer weiß, was die beiden ändern in diesen fünfzehn Jahren getrieben haben! Bernick. Ich sage Dir, es ist sehr unrecht, so von ihnen zu denken. Hilmar. Ja, Du bist eben Optimist. Jetzt haben wir sie natürlich wieder auf dem Hals; ich will deswegen beizeiten – Er geht nach der Tür links. Lona kommt von rechts. Na, Hilmar! Ich vertreibe Dich doch nicht aus der Stube? Hilmar. Durchaus nicht. Ich habe es gerade eilig; ich muß ein paar Worte mit Betty reden. Ab durch die hinterste Tür links. Bernick nach kurzer Pause. Nun, Lona ? Lona. Ja. Bernick. Wie stehe ich heute vor Dir? Lona. Wie gestern. Eine Lüge mehr oder weniger – Bernick. Du sollst Klarheit haben. Wo ist Johann ? Lona. Er kommt nach; er hatte noch jemand zu sprechen. Bernick. Nach dem, was Du gestern gehört hast, wirst Du begreifen, daß meine ganze Existenz vernichtet ist, wenn die Wahrheit an den Tag kommt. Lona. Das begreife ich. Bernick. Es versteht sich natürlich von selbst, daß ich mich des Verbrechens, von dem man hier munkelt nicht schuldig gemacht habe. Lona. Das versteht sich von selbst. Aber wer war der Dieb? Bernick. Es gab keinen Dieb; es wurde kein Geld gestohlen; nicht ein Pfennig ist abhanden gekommen. Lona. Wie das? Bernick. Nicht ein Pfennig, sage ich. Lona. Aber das Gerücht? Wie ist das niederträchtige Gerücht entstanden, daß Johann –? Bernick. Lona, Dir gegenüber kann ich wohl so offen sein wie zu sonst niemand; ich will vor Dir nichts verschweigen. Ich bin mit schuld daran, daß sich jenes Gerücht verbreitet hat. Lona. Du? Und das konntest Du dem Manne antun, der Dir zuliebe – Bernick. Du sollst nicht verurteilen, ohne zu bedenken, wie die Sachen damals standen. Ich erzählte es Dir ja gestern. Ich kam nach Hause und fand meine Mutter verwickelt in eine ganze Reihe törichter Unternehmungen; Pech der verschiedensten Art kam dazu; es war, als ob alles Böse es auf uns abgesehen hätte; unser Haus stand knapp vor dem Ruin. Halb war ich leichtsinnig und halb verzweifelt. Lona, ich glaube, um meine Gedanken zu betäuben, – hauptsächlich darum ließ ich mich in jenes Verhältnis ein, das Johanns Abreise veranlaßt hat. Lona. Hm – Bernick. Du kannst Dir wohl vorstellen, wie nach seiner und Deiner Abreise allerlei Gerüchte die Stadt durchschwirrten. Man sagte: das war nicht sein erster leichtsinniger Streich. Dann hieß es wieder, Dorf hätte eine große Summe Geldes von Johann bekommen, damit er schweige und seines Weges gehe; und andere behaupteten, die Frau hätte es bekommen. Zu gleicher Zeit blieb es nicht verborgen, daß unser Haus seinen Verpflichtungen nur schwer nachkommen konnte. Was war natürlicher, als daß die Klatschmäuler diese beiden Gerüchte miteinander in Verbindung brachten? Da die Frau hier blieb und in Dürftigkeit lebte, so behauptete man, Johann hätte das Geld nach Amerika mitgenommen und das Gerücht nannte eine unaufhörlich wachsende Summe. Lona. Und Du, Karsten – ? Bernick. Ich griff nach diesem Gerücht wie nach einem Rettungsanker. Lona. Und hast es weiterverbreitet? Bernick. Ich habe es nicht widerlegt. Die Gläubiger fingen schon an, uns auf den Leib zu rücken; es galt, sie zu beruhigen. Unter keinen Umständen durfte man gegen die Solidität des Hauses Verdacht schöpfen; eine vorübergehende Verlegenheit hätte uns betroffen; man sollte nur nicht drängen, sollte uns Zeit lassen; keiner würde etwas verlieren. Lona. Und keiner verlor einen Pfennig? Bernick. Nein, Lona. Dieses Gerücht hat unser Haus gerettet und mich zu dem Manne gemacht, der ich jetzt bin. Lona. Eine Lüge hat Dich also zu dem Manne gemacht, der Du jetzt bist. Bernick. Wem hat sie damals geschadet? Johanns Vorsatz war, nie wiederzukommen. Lona. Du fragst, wem sie geschadet hat? Blick' in Dich selbst und sage mir, ob nicht Du Schaden genommen hast dadurch. Bernick. Bei jedem einzigen Manne, wer es auch sei, wirst Du, wenn Du ihm ins Herz schaust, wenigstens einen dunklen Punkt entdecken, den er verbergen muß. Lona. Und Ihr nennt Euch die Stützen der Gesellschaft! Bernick. Die Gesellschaft hat keine besseren. Lona. Und was liegt daran, ob eine solche Gesellschaft gestützt wird oder nicht. Was hat denn Geltung hier? Schein und Lüge – und nichts anderes. Hier lebst Du, der erste Mann der Stadt, in Herrlichkeit und Freuden, in Macht und Ehren, Du, der einem Unschuldigen das Zeichen des Verbrechers aufgedrückt hat. Bernick. Glaubst Du denn, ich fühlte mein Unrecht gegen ihn nicht schwer genug? Und glaubst Du, ich wäre nicht bereit, es wieder gutzumachen? Lona. Wodurch? Durch ein Bekenntnis? Bernick. Und das könntest Du fordern? Lona. Wodurch sonst könnte ein solches Unrecht wieder gutgemacht werden? Bernick. Ich bin reich, Lona; Johann darf jede Forderung stellen – Lona. Ja, biet ihm nur Geld an, und Du wirst hören, was er antwortet. Bernick. Weißt Du, was seine Absichten sind? Lona. Nein. Seit gestern ist er stumm. Es ist, als hätte dieser ganze Vorgang ihn mit einem Mal zum gereiften Mann gemacht. Bernick. Ich muß ihn sprechen. Lona. Da ist er. Johann Tönnesen kommt von rechts. Bernick geht ihm entgegen. Johann – Johann abwehrend. Zuerst spreche ich. Gestern habe ich Dir mein Wort gegeben, zu schweigen. Bernick. Allerdings. Johann. Aber da wußte ich noch nicht – Bernick. Johann, laß Dir nur mit zwei Worten den Zusammenhang erklären – Johann. Nicht nötig; ich verstehe den Zusammenhang sehr wohl. Das Haus war damals in einer schwierigen Lage; und weil ich fort war, und Du mit dem Ruf und dem Namen eines Wehrlosen schalten und walten konntest –. Na, ich mache Dir keinen so großen Vorwurf daraus; wir waren jung und leichtsinnig in jenen Tagen. Aber jetzt brauche ich die Wahrheit, und jetzt mußt Du reden. Bernick. Und gerade jetzt brauche ich mein ganzes moralisches Ansehen, und darum kann ich jetzt nicht reden. Johann. Ich mache mir nicht viel aus den Erfindungen, die Du über mich in Umlauf gesetzt hast. Aber in der anderen Sache da sollst Du Dich schuldig bekennen. Dina soll mein Weib werden, und hier, hier in der Stadt will ich mit ihr leben und wohnen und hausen. Lona. Das willst Du? Bernick. Mit Dina! Als Deiner Frau? Hier in der Stadt? Johann. Ja, gerade hier; ich will hier bleiben, um dieser Lügner- und Verleumderbande Trotz zu bieten. Aber damit Dina die meine werden kann, ist es nötig, daß Du mich rehabilitierst. Bernick. Hast Du bedacht, daß ich mich zu dem einen nicht bekennen kann, ohne zugleich das andere einzugestehen? Du wirst einwenden, aus unseren Büchern könnte ich beweisen, daß keine Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind. Aber das kann ich nicht. Unsere Bücher wurden damals nicht so genau geführt. Und selbst wenn ich's könnte, – was wäre damit gewonnen? Würde ich nicht in jedem Fall als der Mann dastehen, der sich einst durch eine Unwahrheit gerettet und der fünfzehn Jahre lang auch nicht einen Schritt getan hat, um zu verhindern, daß diese Unwahrheit und ihre Folgen Wurzel faßten? Du kennst unsere Gesellschaft nicht mehr, sonst müßtest Du wissen, daß dadurch mein Untergang besiegelt wäre. Johann. Ich kann Dir nur sagen, daß ich Frau Dorfs Tochter heiraten und hier mit ihr leben will. Bernick wischt sich den Schweiß von der Stirn Laß Dir sagen, Johann, – und auch Du, Lona! Es sind nicht die gewöhnlichen Verhältnisse, unter denen ich gerade in diesen Tagen lebe. Ich stehe so, daß Ihr mich ruiniert habt, wenn ein solcher Schlag gegen mich geführt wird, – und nicht nur mich, sondern auch die große und segensreiche Zukunft dieses Gemeinwesens, das ja doch die Heimstatt Eurer Kindheit ist. Johann. Und führe ich den Schlag gegen Dich nicht, so ruiniere ich mein ganzes eigenes Zukunftsglück. Lona. Sprich weiter, Karsten! Bernick. So hört denn. Alles hängt mit der Eisenbahnsache zusammen, und denkt nicht, daß diese Sache so ganz bedeutungslos ist. Es ist Euch gewiß bekannt, daß hier voriges Jahr eine Küstenlinie projektiert war. Sie hatte viele und gewichtige Stimmen für sich, in der Stadt wie in der Umgegend, und namentlich in der Presse; aber ich wußte sie zu verhindern, weil sie der Küstenschiffahrt geschadet hätte. Lona. Bist Du selbst interessiert an dieser Küstenschiffahrt? Bernick. Jawohl. Aber niemand wagte mich in dieser Hinsicht zu verdächtigen; mein geachteter Name deckte mich wie ein Schild. Übrigens hätte ich den Verlust auch ertragen können; doch der Ort hätte ihn nicht ertragen können. So wurde die Binnenlinie beschlossen. Nachdem dies geschehen war, vergewisserte ich mich insgeheim, ob sich eine Zweigbahn zur Stadt herunter legen ließe. Lona. Warum insgeheim? Bernick. Habt Ihr von den großen Ankäufen gehört an Waldungen, Gruben und Wasserfällen –? Johann. Jawohl. Aber das ist doch ein auswärtiges Konsortium –? Bernick. So wie diese Terrains jetzt liegen, sind sie so gut wie wertlos als geteilter Besitz. Deshalb gingen sie verhältnismäßig billig ab. Hätte man gewartet, bis die Zweigbahn auf die Tagesordnung gekommen wäre, so hätten die Eigentümer unverschämte Preise gefordert. Lona. Gewiß, gewiß; aber was weiter? Bernick. Nun kommt das, was verschieden gedeutet werden kann – das, was ein Mann in unsern Kreisen nur dann bekennen darf, wenn er sich auf einen makellosen und geachteten Namen stützen kann. Lona. Nun? Bernick. Ich habe alles zusammen angekauft. Lona. Du? Johann. Auf eigene Rechnung? Bernick. Auf eigene Rechnung. Kommt die Zweigbahn zustande, so bin ich Millionär, wenn nicht – so bin ich ruiniert. Lona. Welche Verwegenheit, Karsten! Bernick. Mein ganzes Vermögen habe ich dran gesetzt. Lona. Ich denke nicht ans Vermögen; doch wenn es an den Tag kommt, daß – Bernick. Ja, da sitzt der Knoten. Mit dem makellosen Namen, den ich bisher gehabt habe, kann ich die Sache auf mich nehmen, sie fortführen und zu meinen Mitbürgern sagen: »Seht, das hab' ich gewagt zum Besten der Gesellschaft!« Lona. Zum Besten der Gesellschaft? Bernick. Ja; und kein einziger wird meine Absichten in Zweifel ziehen. Lona. Da gibt es hier doch Männer, die offener gehandelt hätten als Du, ohne Hintergedanken, ohne Nebenzwecke. Bernick. Und die wären?! Lona. Natürlich Rummel und Sandstad und Vigeland. Bernick. Um sie zu gewinnen, habe ich sie in die Sache einweihen müssen. Lona. Und –? Bernick. Sie haben sich ein Fünftel Gewinnanteil ausbedungen. Lona. O, diese Stützen der Gesellschaft! Bernick. Und zwingt uns nicht die Gesellschaft selbst, krumme Wege zu gehen? Was wäre hier geschehen, wenn ich nicht in der Stille gehandelt hätte? Alle würden sich auf das Unternehmen gestürzt haben, würden die ganze Geschichte geteilt, zersplittert und verdorben und verpfuscht haben. Hier in der Stadt ist außer mir nicht ein Mann, der ein so großes Geschäft zu leiten verstünde, wie dies zu werden verspricht. Hier zu Lande haben überhaupt nur die eingewanderten Familien Geist für Unternehmungen größeren Stils. Darum spricht mein Gewissen mich in diesem Punkte frei. Nur in meinen Händen kann dieser ganze Besitz den Vielen zum dauernden Segen reichen, denen er Brot schaffen wird. Lona. Da magst Du recht haben, Karsten. Johann. Aber ich kenne diese Vielen nicht, und mein Lebensglück steht auf dem Spiel. Bernick. Die Wohlfahrt Deiner Vaterstadt steht auch auf dem Spiel. Werden hier Dinge ruchbar, die auf meine frühere Tätigkeit einen Schatten werfen, so werden alle meine Gegner mit vereinten Kräften über mich herfallen. Eine Jugendtorheit läßt sich in unserer Gesellschaft nicht ungeschehen machen. Man wird mein ganzes dazwischenliegendes Leben durchgehen, tausend kleine Umstände hervorziehen und sie in dem Lichte dieser Enthüllungen betrachten und deuten; man wird mich unter der Wucht der Gerüchte und Verleumdungen zu erdrücken suchen. Von dem Eisenbahnunternehmen muß ich zurücktreten; und ziehe ich meine Hand davon, so fällt es, und ich bin zugleich ruiniert und bürgerlich tot. Lona. Johann! Nach dem, was Du eben gehört hast, mußt Du abreisen und schweigen. Bernick. Ja, ja, Johann, das mußt Du! Johann. Gut; ich werde reisen und schweigen; aber ich komme wieder, und dann rede ich. Bernick. Bleib drüben, Johann; schweige, und ich bin bereit mit Dir zu teilen – Johann. Behalt Dein Geld, aber gib mir meinen guten Ruf und Namen wieder. Bernick. Und meinen soll ich opfern? Johann. Du magst samt Deiner Gesellschaft zusehen, wie Du aus der Geschichte herauskommst. Ich muß und kann und will Dina besitzen. Drum reise ich noch morgen mit »Indian Girl« – Bernick. Mit »Indian Girl«? Johann. Ja. Der Kapitän hat mir versprochen, mich mitzunehmen. Ich reise hinüber, verkaufe meine Farm und ordne meine Angelegenheiten. In zwei Monaten bin ich wieder da. Bernick. Und dann willst Du sprechen? Johann. Dann soll der Schuldige selbst sich zu der Schuld bekennen. Bernick. Vergißt Du, daß ich mich damit auch zu dem bekenne, woran ich unschuldig bin? Johann. Wer war's, der vor fünfzehn Jahren sich das schamlose Gerücht zu Nutzen gemacht hat? Bernick. Du treibst mich zur Verzweiflung! Sprichst Du, so leugne ich alles! Ich sage, es sei ein Komplott gegen mich; ein Racheakt; Du wärst herübergekommen, Geld von mir zu erpressen. Lona. Schäme Dich, Karsten! Bernick. Ich bin ein Verzweifelter, sage ich; und ich kämpfe um mein Leben. – Ich leugne alles, alles! Johann. Ich habe Deine beiden Briefe. In meinem Koffer habe ich sie unter anderen Papieren gefunden. Heute früh habe ich sie durchgelesen; sie reden eine recht deutliche Sprache. Bernick. Und diese Briefe willst Du vorlegen? Johann. Wenn es nötig sein sollte, – ja. Bernick. Und in zwei Monaten bist Du wieder da? Johann. Das hoffe ich. Der Wind ist gut; in drei Wochen bin ich in New York –, wenn »Indian Girl« nicht untergeht. Bernick stutzt . Untergeht? Warum sollte »Indian Girl« untergehen? Johann. Das meine ich auch. Bernick kaum hörbar . Untergehen? Johann. Bernick, jetzt weißt Du also, was bevorsteht. Inzwischen geh mit Dir selbst zu Rate. Lebwohl! Betty kannst Du grüßen, obgleich sie sich zu mir nicht wie eine Schwester benommen hat. Aber Martha will ich doch noch sehen. Sie soll Dina sagen –; sie soll mir versprechen – Ab durch die hinterste Tür links. Bernick vor sich hin . »Indian Girl« – ? Rasch . Lona! Das mußt Du verhindern. Lona. Du siehst doch selbst, Karsten, – ich habe keine Macht mehr über ihn. Sie folgt Johann in das Zimmer links. Bernick in unruhigen Gedanken . Untergehen –? Aune kommt von rechts. Aune. Ist's erlaubt, Herr Konsul, – komm' ich ungelegen? Bernick wendet sich heftig um . Was wollen Sie? Aune. Sie bitten, ob ich eine Frage an Sie richten darf, Herr Konsul. Bernick. Also, – machen Sie schnell! Was wollen Sie fragen? Aune. Ich wollte fragen, ob es feststeht, – unerschütterlich feststeht, – daß ich aus der Werft entlassen werde, wenn »Indian Girl« morgen nicht segelfertig ist. Bernick. Was ist das nun wieder? Das Schiff wird ja seeklar. Aune. Ja, – freilich; wenn es aber nun nicht seeklar würde, – hätte ich dann meine Entlassung? Bernick. Wozu diese müßigen Fragen? Aune. Ich möchte es gern wissen, Herr Konsul. Antworten Sie mir darauf: hätt' ich dann meine Entlassung? Bernick. Pflege ich mein Wort zu halten oder nicht? Aune. Ich hätte also morgen die Stellung nicht mehr, die ich in meinem Haus und bei meinen Angehörigen eingenommen habe, – meinen Einfluß in den Kreisen der Arbeiter nicht mehr, – hätte keine Gelegenheit mehr, Nutzen zu stiften unter den Niederen und Geringen der Gesellschaft?! Bernick. Aune! Dieser Punkt ist erledigt. Aune. Gut! So kann »Indian Girl« segeln. Kurze Pause. Bernick. Hören Sie, Aune! Ich kann meine Augen nicht überall haben, kann nicht für alles verantwortlich sein, – Sie können mir doch die Versicherung geben, daß die Reparatur untadelhaft ausgeführt ist? Aune. Sie haben mir eine knappe Frist gestellt, Herr Konsul. Bernick. Aber die Reparatur ist ordnungsmäßig, sagen Sie? Aune. Wir haben ja gutes Wetter und Sommerzeit. Wieder Pause. Bernick. Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen? Aune. Sonst wüßte ich nichts, Herr Konsul. Bernick. Also – »Indian Girl« segelt – Aune. Morgen? Bernick. Ja. Aune. Gut. Er grüßt und geht. Bernick steht einen Augenblick unentschlossen da; dann geht er rasch zur Ausgangstür, als ob er Aune zurückrufen wollte, bleibt aber voll Unruhe stehen, die Hand auf der Türklinke. In demselben Augenblick wird die Tür von außen geöffnet und Krap tritt ein. Krap mit gedämpfter Stimme . Aha, er war hier? Hat er eingestanden? Bernick. Hm –; haben Sie etwas entdeckt? Krap. Wozu noch? Haben Sie nicht bemerkt, Herr Konsul, wie ihm das böse Gewissen aus den Augen sah? Bernick. Unsinn! So etwas kann man nicht sehen. Haben Sie etwas entdeckt, frage ich? Krap. Konnte nicht dazu kommen; war zu spät; sie holten das Schiff schon aus dem Dock. Aber gerade diese Eile beweist deutlich – Bernick. Nichts beweist sie. Die Besichtigung hat also stattgefunden? Krap. Versteht sich; aber – Bernick. Sehen Sie wohl. Und man hatte natürlich nichts zu beanstanden? Krap. Herr Konsul, Sie wissen recht gut, wie solche Besichtigungen vor sich gehen, besonders auf einer Werft, die einen so guten Ruf hat, wie die unsrige. Bernick. Wenn auch. Wir sind also außer Verantwortung. Krap. Herr Konsul, ist Ihnen wirklich an Aune nicht aufgefallen, daß – Bernick. Aune hat mich vollständig beruhigt, sage ich Ihnen. Krap. Und ich sage Ihnen, daß ich moralisch überzeugt bin, Aune will – Bernick. Was soll das heißen, Herr Krap? Ich merke schon, Sie haben was gegen den Mann; aber wenn Sie Ihr Mütchen an ihm kühlen wollen, so müssen Sie sich eine andere Gelegenheit dazu aussuchen. Sie wissen, wie wichtig es mir – oder richtiger gesagt, der Reederei – ist, wenn »Indian Girl« morgen unter Segel geht. Krap. Nun gut, es mag geschehen; aber wenn wir von dem Schiffe wieder was hören – hm! Vigeland kommt von rechts. Vigeland. Ergebenster Diener, Herr Konsul. Haben Sie einen Augenblick Zeit? Bernick. Zu Diensten, Herr Vigeland. Vigeland. Ja, ich wollte nur mal hören, ob Sie nicht auch dafür sind, daß der »Palmbaum« morgen segelt? Bernick. Gewiß. Das ist ja eine abgemachte Sache. Vigeland. Aber da kommt eben der Kapitän zu mir und meldet, daß Sturm signalisiert ist. Krap. Das Barometer ist seit heute früh stark gefallen. Bernick. So? Wir haben Sturm zu erwarten? Vigeland. Jedenfalls eine steife Kühlte, – aber keinen widrigen Wind; im Gegenteil – Bernick. Hm; ja, was sagen Sie dazu? Vigeland. Was ich schon zum Kapitän gesagt habe: daß der »Palmbaum« in der Hand der Vorsehung steht. Und außerdem passiert er ja fürs erste nur die Nordsee; und in England stehen ja die Frachten jetzt einigermaßen hoch, so daß – Bernick. Ja, es würde uns wahrscheinlich Verlust bringen, wenn wir warteten. Vigeland. Das Schiff ist ja auch solid und überdies voll versichert. Nein, da ist's wahrhaftig doch riskanter mit »Indian Girl« – Bernick. Wie meinen Sie das? Vigeland. Die segelt ja morgen auch. Bernick. Ja, die Reederei hat so sehr gedrängt, und außerdem – Vigeland. Na, wenn der alte Kasten sich hinauswagen kann, – und obendrein mit solch einer Bemannung, – so war's eine Schande, wenn wir nicht – Bernick. Jawohl. Sie haben vermutlich die Schiffspapiere bei sich? Vigeland. Da sind sie. Bernick. Gut; gehen Sie nur bitte mit Herrn Krap hinein. Krap. Bitte schön; soll gleich besorgt werden. Vigeland. Danke sehr. – Und den Ausgang legen wir in die Hand des Allmächtigen, Herr Konsul. Ab mit Krap in das vorderste Zimmer links. Rörlund kommt durch den Garten. Rörlund. Ei, trifft man Sie um diese Tageszeit zu Hause, Herr Konsul? Bernick in Gedanken . Wie Sie sehen. Rörlund. Ja, eigentlich komme ich zu Ihrer Frau Gemahlin. Ich dachte mir, sie könnte ein Wort des Trostes brauchen. Bernick. Das kann sie gewiß. Aber ich hätte Sie auch gern einmal gesprochen. Rörlund. Mit Vergnügen, Herr Konsul. Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen ja ganz bleich und verstört aus. Bernick. So? Wirklich? Ja, wie kann das auch anders sein, – was ist in diesen Tagen nicht alles auf mich eingestürmt! Da ist mein großes Geschäft, – und dann das Eisenbahnprojekt –. Hören Sie mal, Herr Adjunkt, ich möchte eine Frage an Sie richten? Rörlund. Bitte sehr, Herr Konsul. Bernick. Da ist mir ein Gedanke gekommen. Wenn man einem Unternehmen von solcher Tragweite gegenübersteht, das die Wohlfahrt von Tausenden zum Ziele hat – wie, wenn es nun ein einzelnes Opfer fordern sollte –? Rörlund. Wie meinen Sie das? Bernick. Zum Beispiel: Ein Mann will eine große Fabrik bauen. Er weiß mit Sicherheit, – denn das hat die Erfahrung ihn gelehrt – daß früher oder später im Betriebe dieser Fabrik Menschenleben zugrunde gehen. Rörlund. Ja, so etwas ist nur allzu wahrscheinlich. Bernick. Oder es wirft sich einer auf den Bergbau. Er nimmt Familienväter sowie junge, lebensfrohe Menschen in seinen Dienst. Läßt sich nicht mit Gewißheit voraussagen, daß nicht alle diese Leute mit dem Leben davonkommen werden? Rörlund. Ja, leider ist dem so. Bernick. Nun wohl. Ein solcher Mann weiß also im voraus, daß das Unternehmen, das er ins Werk setzen will, unzweifelhaft einmal Menschenleben kosten wird. Aber dieses Unternehmen ist gemeinnützig; für jedes Menschenleben, das es kostet, wird es ebenso unzweifelhaft das Wohl vieler Hunderte fördern. Rörlund. Aha, Sie denken an die Eisenbahn, – an die gefährlichen Erdarbeiten und Sprengungen und all das – Bernick. Ja, jawohl, – ich denke an die Eisenbahn. Und außerdem, – die Eisenbahn wird ja Fabriken und Bergwerksbetriebe ins Leben rufen. Aber meinen Sie nicht trotzdem – Rörlund. Lieber Herr Konsul, Sie sind beinahe zu gewissenhaft. Ich meine, wenn Sie die Sache in die Hand der Vorsehung legen – Bernick. Ja gewiß, ja; die Vorsehung – Rörlund. – so trifft Sie keine Verantwortung, Bauen Sie nur getrost Ihre Eisenbahn. Bernick. Ja, aber nun setze ich einen besonderen Fall. Also gesetzt den Fall, es wäre ein Bohrloch vorhanden, wo an einer gefährlichen Stelle gesprengt werden soll, und ohne diese Sprengung würde die Eisenbahn nicht zustande kommen. Gesetzt den Fall also, der Ingenieur weiß, daß es den Arbeiter, der die Mine anzünden soll, das Leben kosten wird; aber angezündet muß sie werden; und es ist die Pflicht des Ingenieurs, einen Arbeiter hinzuschicken, der das tut. Rörlund. Hm – Bernick. Ich weiß, was sie sagen wollen. Es wäre groß, wenn der Ingenieur selbst die Lunte nähme und hinginge und die Sprengung vornähme. Aber so etwas tut man nicht. Er muß also einen Arbeiter opfern. Rörlund. Das würde bei uns kein Ingenieur tun. Bernick. In den großen Ländern würde kein Ingenieur sich besinnen, dies zu tun. Rörlund. In den großen Ländern? Ja, das glaube ich wohl. In der verkommenen und gewissenlosen Gesellschaft da – Bernick. O, es ist manches recht gut an dieser Gesellschaft. Rörlund. Und das sagen Sie, Sie, der selbst –? Bernick. In der großen Welt, da hat man doch Raum, ein nützliches Unternehmen zu fördern; da hat man den Mut, einer großen Sache ein Opfer zu bringen; aber hier wird man eingeengt von allerlei kleinlichen Rücksichten und Bedenken. Rörlund. Ist ein Menschenleben eine kleinliche Rücksicht? Bernick. Wenn dies Menschenleben dem Wohle Tausender drohend entgegensteht. Rörlund. Aber, Herr Konsul, Sie stellen ja ganz undenkbare Fälle auf! Ich verstehe Sie heute gar nicht. Und dann weisen Sie auf die große Welt hin. Ja, da draußen, – was gilt da ein Menschenleben! Da rechnet man mit Menschenleben wie mit Kapitalien. Aber wir , sollte ich meinen, stehen doch auf einem ganz anderen moralischen Standpunkt. Sehen Sie sich nur einmal den ehrenhaften Stand der Schiffsreeder bei uns an! Nennen Sie mir einen einzigen Reeder hier bei uns, der um schnöden Gewinn ein Menschenleben opfern würde! Und dann denken Sie an jene Schurken in der großen Welt, die um des Vorteils willen ein seeuntüchtiges Schiff nach dem andern verfrachten – Bernick. Ich spreche nicht von seeuntüchtigen Schiffen! Rörlund. Aber ich spreche davon, Herr Konsul. Bernick. Doch was hat das da mit zu tun? Das gehört ja nicht zur Sache. – O diese kleinen, ängstlichen Rücksichten! Wenn bei uns ein General seine Soldaten ins Feuer zum sichern Tode führen müßte, er hätte hinterher schlaflose Nächte. So ist es anderswo nicht. Sie sollten nur hören, was der da drin erzählt – Rörlund. Der? Wer? Der Amerikaner –? Bernick. Jawohl. Sie sollten nur hören, wie man in Amerika – Rörlund. Er ist drin? Und das sagen Sie mir erst jetzt? Ich will gleich – Bernick. Es nützt Ihnen nichts. Mit dem werden Sie nicht fertig. Rörlund. Das wollen wir doch sehen! Da ist er ja. Johann Tönnesen kommt aus dem Zimmer links. Johann spricht zurück durch die offene Tür. Ja, ja, Dina, es ist nun einmal so; aber ich lasse doch nicht von Ihnen. Ich komme wieder; und dann wird schon alles werden. Rörlund. Bitte, was wollen Sie mit diesem Wort sagen? Was ist ihre Absicht? Johann. Meine Absicht ist, das junge Mädchen, bei dem Sie mich gestern verleumdet haben, zu meiner Frau zu machen. Rörlund. Zu Ihrer –? Und Sie können glauben, daß –? Johann. Ich will sie zur Frau haben. Rörlund. Nun, so sollen Sie auch erfahren – Er geht zu der halboffenen Tür. Frau Bernick, Sie haben wohl die Güte, Zeuge zu sein –. Und Sie auch, Fräulein Martha! Und lassen Sie Dina kommen. Zu Lona, die in der Tür erscheint. Ah, Sie sind auch da? Lona in der Tür. Soll ich auch kommen? Rörlund. So viele wie wollen; je mehr, desto besser. Bernick. Was haben Sie vor? Lona, Frau Bernick, Martha, Dina und Hilmar Tönnesen kommen aus dem Zimmer. Frau Bernick. Herr Adjunkt, ich habe ihn mit dem besten Willen nicht daran hindern können – Rörlund. Ich werde ihn daran hindern, gnädige Frau. – Dina, Sie sind ein unbesonnenes Mädchen. Aber ich mache Ihnen keine allzu großen Vorwürfe. Sie haben hier zu lange ohne moralische Stütze gestanden, die Sie hätte aufrecht halten können; ich mache mir selbst Vorwürfe, daß ich Ihnen diese Stütze nicht schon früher gewährt habe. Dina. Sie sollen jetzt nicht sprechen. Frau Bernick. Was soll denn das bedeuten? Rörlund. Gerade jetzt muß ich sprechen, Dina, obgleich Ihr Betragen gestern und heute mir es unendlich schwer gemacht hat. Aber wenn Ihre Rettung auf dem Spiele steht, müssen alle anderen Rücksichten schweigen. Sie erinnern sich des Wortes, das ich Ihnen gegeben habe; Sie erinnern sich, was Sie mir zu antworten versprachen, wenn ich die Zeit für gekommen hielte. Jetzt darf ich mich nicht länger besinnen, und darum –. Zu Johann. Dieses junge Mädchen, dem Sie nachstellen, ist meine Braut! Frau Bernick. Was sagen Sie? Bernick. Dina! Hilmar. Sie! Ihre –? Martha. Nein, nein, Dina! Lona. Lüge! Johann. Dina, – spricht der Mann die Wahrheit? Dina nach kurzer Pause. Ja. Rörlund. Und hiermit sind hoffentlich alle Verführungskünste zunichte geworden. Der Schritt, zu dem ich mich Dina zuliebe entschlossen habe, mag immerhin unserer ganzen Gesellschaft bekannt werden. Ich hege die sichere Hoffnung, daß er nicht mißdeutet wird. Aber nun, Frau Bernick, meine ich, ist es das beste, wir führen sie hinweg und versuchen ihrer Seele die Ruhe und das Gleichgewicht wiederzugeben. Frau Bernick. Ja, komm! O Dina, welch ein Glück für Dich! Sie führt Dina links hinaus; Rörlund folgt ihnen. Martha. Leb' wohl, Johann! Ab durch die zweite Tür links. Hilmar in der Gartentür. Hm, – da muß ich denn doch sagen – Lona , die Dina mit den Augen gefolgt ist. Nicht den Mut verloren, mein Junge! Ich bleibe hier und sehe dem Pastor auf die Finger. Ab nach rechts. Bernick. Johann, jetzt reist Du nicht mit »Indian Girl!« Johann. Jetzt gerade. Bernick. Aber Du kommst doch nicht wieder? Johann. Ich komme wieder. Bernick. Nach dem, was geschehen ist? Was willst Du noch hier? Johann. Mich rächen an Euch allen; von Euch so viele zugrunde richten, wie ich nur kann! Ab nach rechts. Vigeland und Krap kommen aus Bernicks Zimmer. Vigeland. So, nun sind die Papiere in Ordnung, Herr Konsul. Bernick. Gut, schon gut – Krap mit gedämpfter Stimme. Es bleibt also dabei, daß »Indian Girl« morgen segelt? Bernick. Sie segelt. Ab in sein Zimmer links. Vigeland und Krap ab nach rechts. Hilmar will Ihnen folgen; aber in demselben Augenblick steckt Olaf den Kopf vorsichtig durch die Türe links. Olaf. Onkel! Onkel Hilmar! Hilmar. Uh! Bist Du's? Warum bleibst Du nicht oben? Du hast ja Arrest. Olaf geht ein paar Schritte vor. Pst! Onkel Hilmar, weißt Du das Neueste? Hilmar. Ja, ich weiß, daß Du heut Prügel bekommen hast. Olaf sieht drohend nach dem Zimmer des Vaters hin. Er soll mich nicht wieder schlagen. Aber weißt Du, daß Onkel Johann mit den Amerikanern segelt? Hilmar. Was geht das Dich an? Mach', daß Du wieder hinaufkommst! Olaf. Ich gehe vielleicht auch noch einmal mit auf die Büffeljagd, Onkel! Hilmar. Unsinn! So eine Memme wie Du – Olaf. Ja, wart's nur ab! Morgen kriegst Du schon was zu hören. Hilmar. Schafskopf! Ab durch den Garten. Olaf läuft wieder in das Zimmer und schließt die Tür, da er Krap von rechts kommen sieht. Krap geht nach Bernicks Tür und öffnet sie halb. Entschuldigen Sie, daß ich noch einmal komme, Herr Konsul, – aber ein mächtiges Unwetter zieht herauf. Er wartet einen Augenblick. Keine Antwort. Soll »Indian Girl« doch segeln? – Nach einer kurzen Pause, antwortet: Bernick im Zimmer drin. »Indian Girl« segelt doch. Krap schließt die Tür und geht wieder rechts hinaus. Vierter Akt Das Gartenzimmer bei Bernicks. Der Arbeitstisch ist weggeräumt. Es ist ein stürmischer Nachmittag und schon Dämmerung, die während des Folgenden zunimmt. Ein Diener steckt den Kronleuchter an; einige Dienstmädchen bringen Blumentöpfe, Lampen und Lichter, die auf Tische und Wandgesimse gestellt werden. Rummel im Frack, mit Handschuhen und weißer Halsbinde, steht im Zimmer und trifft Anordnungen. Rummel zum Diener . Nur jede zweite Kerze, Jakob. Es darf nicht gar zu festlich aussehen; es soll ja eine Überraschung sein. Und die Blumen da –? Na, laßt sie nur stehen; man kann ja denken, sie ständen alle Tage da – Bernick kommt aus seinem Zimmer. Bernick in der Tür . Was soll das heißen? Rummel. Au weh, au weh! Du bist da? Zu den Dienstboten. Na, jetzt könnt Ihr einstweilen gehen. Der Diener und die Mädchen ab durch die oberste Tür links. Bernick kommt näher . Aber, Rummel, was soll das heißen? Rummel. Es soll heißen, daß der stolzeste Augenblick Deines Lebens gekommen ist. Die Stadt bringt ihrem ersten Mann heut abend einen Festzug! Bernick. Was sagst Du? Rummel. Einen Festzug mit Musik! Wir hätten auch gern Fackeln genommen; aber das durften wir bei diesem stürmischen Wetter nicht wagen. Na, illuminiert wird jedenfalls; und das klingt ja auch ganz gut, wenn es in den Zeitungen steht. Bernick. Hör' mal, Rummel. Ich will das nicht. Rummel. Ja, nun ist es zu spät; in einer halben Stunde sind sie da. Bernick. Aber warum hast Du mir das nicht früher gesagt? Rummel. Eben weil mir bange war, Du würdest was dagegen haben. Und da habe ich mich hinter Deine Frau gesteckt; sie erlaubte mir, ein weniges zu arrangieren, und wird auch für Erfrischungen sorgen. Bernick horcht . Was ist das? Kommen sie schon? Mir ist, als hörte ich Gesang. Rummel an der Gartentür . Gesang? Ach, das sind bloß die Amerikaner; man holt »Indian Girl« zur Tonne hinaus. Bernick. »Indian Girl« holt man hinaus? – Ja –; ach, ich kann nicht heut abend; ich bin krank. Rummel. Ja, Du siehst in der Tat jämmerlich aus. Aber Du mußt Dich aufraffen. Zum Donnerwetter, Du mußt Dich aufraffen! Ich wie auch Sandstad und Vigeland legen das größte Gewicht auf das Zustandekommen dieser Veranstaltung. Unsere Gegner müssen unter der Wucht einer möglichst großartigen Demonstration zum Schweigen gebracht werden. Es bilden sich Gerüchte; mit der Mitteilung von den Terrainkäufen kann man nicht länger hinter dem Berge halten. Du mußt unter allen Umständen schon heut abend bei Gesang und Gläserklang und schönen Reden, kurz unter dem Eindruck einer rauschenden Feststimmung, verkünden, was Du zum Besten der Gesellschaft riskiert hast. Unter dem Eindruck solch einer rauschenden Feststimmung, wie ich mich eben ausdrückte, läßt sich ungeheuer viel bei uns machen. Aber die muß vorhanden sein, – sonst geht es nicht. Bernick. Jawohl, ja – Rummel. Und ganz besonders, wenn man mit einer so delikaten und kitzlichen Sache herausrücken soll. Na, Bernick, Du hast ja, Gott sei Dank, einen Namen, der einen Puff vertragen kann. Aber hör' mal, wir sollten uns doch vorher ein wenig verständigen. Hilmar Tönnesen hat ein Lied auf Dich gedichtet. Es beginnt sehr hübsch mit den Worten: »Hoch die Fahne der Idee!« Und Rörlund hat den Auftrag, die Festrede zu halten. Auf die mußt Du natürlich antworten. Bernick. Ich kann heut nicht, Rummel. Könntest Du nicht –? Rummel. Unmöglich, so gern ich auch wollte. Die Rede wird ja doch, wie Du Dir denken kannst, vor allem an Dich gerichtet. Na, vielleicht werden auch für uns andere ein paar Worte abfallen. Ich habe mit Vigeland und Sandstad darüber gesprochen. Wir haben gedacht, Du könntest mit einem Hoch auf das Gedeihen unserer Gesellschaft antworten; Sandstad will einige Worte über die Eintracht der verschiedenen Gesellschaftsklassen sprechen; Vigeland wird dann auseinandersetzen, wie wünschenswert es sei, daß durch das neue Unternehmen das moralische Fundament, auf dem wir jetzt stehen, nicht erschüttert wird, und ich habe vor, in wenigen passenden Worten der Frauen zu gedenken, deren bescheideneres Wirken auch nicht ohne Bedeutung für die Gesellschaft ist. Aber Du hörst ja gar nicht – Bernick. O doch – gewiß. Aber sage mir, glaubst Du wirklich, daß es auf See draußen jetzt sehr schlimm ist? Rummel. Aha, Du fürchtest für den »Palmbaum«. Der ist doch gut versichert. Bernick. Versichert, ja; aber – Rummel. Und in gutem Stand; und das ist die Hauptsache. Bernick. Hm –. Wenn einem Fahrzeug etwas zustößt, so ist ja damit noch nicht gesagt, daß Menschenleben zugrunde gehen müssen; es können aber Schiff und Ladung zum Teufel gehen –; und man kann Koffer und Papiere einbüßen – Rummel. Zum Kuckuck! An Koffern und Papieren ist doch nicht viel gelegen. Bernick. Das nicht! – Nein, nein, ich meinte bloß –. Still, – da singen sie wieder. Rummel. Das ist an Bord des »Palmbaum«. Vigeland kommt von rechts. Vigeland. Ja! Nun holen sie den »Palmbaum« heraus. Guten Abend, Herr Konsul. Bernick. Und Sie, als seekundiger Mann, Sie bleiben nach wie vor dabei, daß –? Vigeland. Ich bleibe bei der Vorsehung, Herr Konsul. Überdies war ich selbst an Bord und habe etliche Traktätchen ausgeteilt, die hoffentlich Segen stiften werden. Sandstad und Krap kommen von rechts. Sandstad noch in der Tür . Ja, wenn das gut geht, so geht alles gut. Sieh da! Guten Abend, guten Abend! Bernick. Ist was los, Herr Krap? Krap. Ich sage nichts, Herr Konsul. Sandstadt. Die ganze Bemannung von »Indian Girl« ist betrunken; ich will kein ehrlicher Mann sein, wenn die Bestien mit lebendigem Leibe davonkommen. Lona kommt von rechts. Lona zu Bernick . Ja, – so kann ich Dich denn von ihm grüßen. Bernick. Schon an Bord? Lona. Wenigstens bald. Wir haben uns vor dem Hotel getrennt. Bernick. Und sein Vorsatz steht fest? Lona. Felsenfest. Rummel im Hintergrunde an den Fenstern . Der Henker hole diese neumodischen Einrichtungen! Ich kriege die Vorhänge nicht herunter. Lona. Sollen sie herunter? Ich dachte, im Gegenteil – Rummel. Zuerst herunter, Fräulein. Sie wissen doch, was es geben wird? Lona. Freilich. Lassen Sie mich helfen. Ergreift die Schnur. Ich lasse den Vorhang fallen vor den Augen meines Schwagers, – und möchte ihn doch lieber aufziehen. Rummel. Das können Sie auch später. Wenn der Garten voll ist von der wogenden Menge, dann gehen die Vorhänge in die Höhe, und man sieht drinnen eine überraschte und frohe Familie; – das Haus eines Bürgers soll sein wie ein Glasschrank. Bernick scheint etwas sagen zu wollen, wendet sich aber schnell um und geht in sein Zimmer . Rummel. So, nun wollen wir die letzte Beratung halten. Kommen Sie mit, Herr Krap! Sie müssen uns mit ein paar tatsächlichen Aufschlüssen unterstützen. Alle Herren ab in das Zimmer Bernicks. Lona hat die Vorhänge an den Fenstern herunter gelassen und will dasselbe gerade mit dem Vorhang an der Glastüre tun, da springt Olaf von oben die Gartentreppe herunter. Er hat ein Plaid über der Schulter und ein Bündel in der Hand. Lona. O! – Gott verzeih Dir's, Junge, – hast Du mich aber erschreckt Olaf verbirgt das Bündel . Pst, Tante! Lona. Du springst zum Fenster hinaus! Wo willst Du hin? Olaf. Pst, sag' nichts! Ich will zu Onkel Johann; – bloß zur Brücke herunter, weißt Du; – bloß ihm Lebewohl sagen. Gute Nacht, Tante! Er läuft hinaus durch den Garten. Lona. Nein, – bleib! Olaf – Olaf! Johann Tönnesen ,im Reiseanzug, mit einer Tasche über die Schultern, kommt vorsichtig durch die Tür rechts; später Dina und Martha . Johann. Lona! Lona wendet sich um . Was! Du kommst wieder? Johann. Es sind noch ein paar Minuten Zeit. Ich muß sie noch einmal sehen. Wir können nicht so voneinander scheiden. Martha und Dina , beide mit Mänteln, kommen durch die oberste Tür links; letztere hat einen kleinen Reisesack in der Hand. Dina. Zu ihm, zu ihm! Martha. Ja, Du sollst zu ihm, Dina! Dina. Da ist er! Johann. Dina! Dina. Nehmen Sie mich mit! Johann Was –! Lona. Du willst? Dina. Ja, nehmen Sie mich mit! Der andere hat mir geschrieben, – er hat gesagt, daß es noch heute alle Leute wissen sollten – Johann. Dina, – Sie lieben ihn nicht? Dina. Ich habe den Menschen nie geliebt. Ich stürze mich in den tiefen Fjord, ehe ich seine Braut werde. Ach, wie er mich gestern gedemütigt hat mit seinen dünkelhaften Worten! Wie hat er mich fühlen lassen, daß er ein geringes Geschöpf zu sich emporhebt! Ich will nicht mehr, daß man mich gering achtet! Ich will fort. Darf ich Sie begleiten? Johann. Ja, ja – und tausendmal ja! Dina. Ich werde Ihnen nicht lange zur Last fallen. Helfen Sie mir nur hinüber; helfen Sie mir im Anfang ein bißchen weiter. – Johann. Hurra, Dina! Das findet sich schon! Lona zeigt auf die Tür Bernicks . Pst! Leise, leise! Johann. Dina, ich werde Sie auf Händen tragen! Dina. Das sollen Sie nicht. Ich will mich selbst vorwärts bringen; und drüben, da kann ich das schon. Nur fort von hier! O, diese Frauen, – Sie wissen noch nicht, – die haben mir auch heute geschrieben. Sie haben mich ermahnt, mein Glück auch zu begreifen, haben mir vorgehalten, welche Großmut er bewiesen hätte. Morgen und alle Tage werden sie mir aufpassen, um zu sehen, ob ich mich all dessen auch würdig zeige. Wie mir graut vor dieser ganzen Sittsamkeit! Johann. Sagen Sie mir, Dina, wollen Sie nur deshalb fort? Bin ich Ihnen nichts? Dina. Doch, Johann, Sie sind mir mehr als alle andern Menschen. Johann. O Dina –! Dina. Alle sagen sie hier, ich müßte Sie hassen und verabscheuen; das wäre meine Pflicht. Aber ich begreife nicht, warum das meine Pflicht sein soll, und werde es nie begreifen lernen. Lona. Das sollst Du auch nicht, mein Kind! Martha. Nein, das sollst Du nicht; und darum sollst Du ihm auch folgen als sein Weib. Johann. Ja, ja! Lona. Was? Nun muß ich Dich küssen, Martha! Das hätte ich von Dir nicht erwartet. Martha. Glaub's wohl; ich hätte es selbst nicht erwartet. Aber einmal mußte es heraus aus mir. Ach, wie leiden wir hier unter dem Fluch des Herkommens und der Gewohnheiten! Mach' Front dagegen, Dina! Werde sein Weib! Schaff ein Ereignis, daß diesem ganzen Schick und Brauch ins Gesicht schlägt! Johann. Was antworten Sie, Dina? Dina. Ja, – ich will die Ihre sein. Johann. Dina! Dina. Aber erst will ich arbeiten, selber etwas werden – so wie Sie. Ich will nicht eine Sache sein, die man einfach an sich nimmt. Lona. Recht so, – so soll es sein! Johann. Gut denn; ich warte und hoffe – Lona. – und gewinnst, mein Junge! Aber jetzt an Bord! Johann. Jawohl, – an Bord! Du, Lona, liebe Schwester, ein Wort noch! Hör' mal – Er führt sie in den Hintergrund und spricht eilig mit ihr. Martha. Dina, Du Glückliche, – laß mich Dich anschauen, Dich noch einmal küssen, – das letzte Mal. Dina. Nicht das letzte Mal; nein, teure, geliebte Tante, wir sehen uns wieder! Martha. Niemals! Versprich mir, Dina, komm nie zurück! Sie faßt Dinas beide Hände und blickt sie an. Nun gehst Du dem Glück entgegen, Du geliebtes Kind, – übers Meer! O, wie oft habe ich mich nicht aus meiner Schulstube dahin gesehnt! Draußen muß es schön sein: ein größerer Himmel; die Wolken ziehen höher als hier; eine freiere Luft weht über die Häupter der Menschen hin – Dina. Ach, Tante Martha, Du folgst uns schon noch einmal. Martha. Ich? Niemals, niemals! Hier hab' ich meinen kleinen Lebensberuf; und nun glaube ich auch, daß ich ganz und ungeteilt das werden kann, was ich sein soll. Dina. Von Dir scheiden zu müssen – ich kann es nicht ausdenken! Martha. Ach, der Mensch kann von vielem scheiden, Dina. Küßt Dina. Aber die Erfahrung soll Dir erspart bleiben, mein Herzenskind. Versprich mir, ihn glücklich zu machen! Dina. Ich will nichts versprechen; ich hasse Versprechungen. Alles komme, wie es kommen mag. Martha. Ja, ja, so soll es sein; Du sollst nur bleiben, wie Du bist, – wahr und treu gegen Dich selbst. Dina. Das will ich, Tante. Lona steckt einige Papiere in die Tasche, die Johann ihr gegeben hat. Brav, brav, mein lieber Junge. Aber jetzt, fort! Johann. Ja, jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren. Leb' wohl, Lona! Dank für all Deine Liebe! Leb' wohl, Martha; hab' auch Du Dank für Deine treue Freundschaft! Martha. Leb' wohl, Johann! Leb' wohl, Dina! Und das Glück sei mit Euch in allen Tagen! Martha und Lona drängen die beiden der Tür im Hintergründe zu. Johann und Dina gehen rasch ab durch den Garten. Lona schließt die Tür und zieht den Vorhang vor. Lona. Nun sind wir allein, Martha. Du hast sie verloren und ich ihn . Martha. Du – ihn? Lona. Ach, halb und halb hatte ich ihn schon drüben verloren. Der Junge sehnte sich immer und immer danach, auf eigenen Füßen zu stehen. Darum habe ich ihm eingeredet, ich hätte Heimweh. Martha. Darum? Jetzt verstehe ich auch, weshalb Du gekommen bist. Doch er wird nach Dir zurückverlangen, Lona. Lona. Eine alte Stiefschwester, – was soll er jetzt mit der? – Die Männer, die reißen sich von gar vielem los, um zu dem Glück zu gelangen. Martha. Das kommt zuweilen vor. Lona. Aber wir wollen zusammenhalten, Martha! Martha. Kann ich Dir etwas sein? Lona. Wem denn mehr? Wir zwei Pflegemütter, – haben wir nicht beide unsere Kinder verloren? Nun sind wir allein. Martha. Ja, allein. Und darum sollst Du es auch wissen – ich habe ihn über alles in der Welt geliebt. Lona. Martha! Packt Martha am Arm. Ist das wirklich wahr? Martha. Der ganze Inhalt meines Lebens liegt in diesen Worten. Ich habe ihn geliebt und auf ihn gewartet. Jeden Sommer habe ich gewartet, daß er kommen sollte. Und er kam – aber er sah mich nicht. Lona. Ihn geliebt! Und Du selbst hast ihm das Glück zugeführt? Martha. Sollte ich ihm das Glück nicht zuführen, wenn ich ihn liebte? Ja, ich habe ihn geliebt! Mein ganzes Leben ist ein Leben für ihn gewesen, von dem Augenblicke an, als er wegging. Welchen Grund ich hatte zu hoffen, meinst Du? O, ich glaube doch, ich hatte einigen Grund dazu! Doch als er wiederkam, – da war's, als ob alles aus seiner Erinnerung ausgelöscht wäre. Er sah mich nicht. Lona. Dina war's, die Dich in den Schatten gestellt hat, Martha. Martha. Gut, daß sie das getan hat. Als er wegging, da waren wir gleichaltrig; als ich ihn wiedersah, – o, dieser entsetzliche Augenblick! – da wurde es mir klar, daß ich nun zehn Jahre älter war als er. Da hatte er draußen sich getummelt im hellen, warmen Sonnenschein, hatte Jugend und Gesundheit mit jedem Atemzug eingesogen; und unterdessen saß ich hier und spann und spann – Lona. – den Faden seines Glückes, Martha. Martha. Ja, Gold war's, Lona, was ich spann. Keine Bitterkeit! Nicht wahr, Lona, wir sind ihm zwei gute Schwestern gewesen? Lona umarmt sie. Martha! Bernick kommt aus seinem Zimmer. Bernick zu den Herren drin: Jawohl, meine Herren; machen Sie alles, wie Sie wollen. Wenn es Zeit ist, so werde ich schon – Schließt die Tür. Ah! Ihr seid da? Du, Martha, Du mußt ein bißchen Toilette machen; und sage Betty, sie möge dasselbe tun. Ich wünsche keinen Staat, natürlich; nur einen netten häuslichen Zuschnitt. Aber Ihr müßt Euch beeilen. Lona. Und ein glückliches, zufriedenes Gesicht, Martha! Frohe Augen müßt Ihr machen. Bernick. Olaf soll auch herunterkommen; ich will ihn an meiner Seite haben. Lona. Hm; Olaf – Martha. Ich werde es Betty ausrichten. Ab durch die oberste Tür links. Lona. So ist er also da, der große feierliche Augenblick. Bernick geht unruhig auf und ab. Ja – freilich. Lona. In einer solchen Stunde muß sich ein Mann stolz und glücklich fühlen, denke ich mir. Bernick sieht sie an. Hm! Lona. Die ganze Stadt wird ja illuminieren, höre ich. Bernick. Ja, – so was Ähnliches haben sie vor. Lona. Alle Vereine werden mit ihren Fahnen antreten. Dein Name wird in Flammenschrift prangen. Heute nacht wird nach allen Richtungen des Landes telegraphiert werden: »Im Kreise seiner glücklichen Familie nahm der Konsul Bernick die Huldigung seiner Mitbürger entgegen als eine von den Stützen der Gesellschaft.« Bernick. Wird wohl so sein; und draußen werden sie Hoch rufen, und die Menge wird so lange jubeln, bis ich mich zeige; und ich werde genötigt sein, mich zu verbeugen und zu danken. Lona. Genötigt also – Bernick. Glaubst Du, ich fühlte mich glücklich in diesem Augenblick? Lona. Nein, ich glaube nicht, daß Du Dich so im Innersten glücklich fühlen kannst. Bernick. Lona, Du verachtest mich! Lona. Noch nicht. Bernick. Dazu hast Du auch kein Recht. Nein, – kein Recht, mich zu verachten! – Lona, Du kannst es nicht begreifen, wie unsagbar einsam ich hier stehe in dieser engherzigen, impotenten Gesellschaft, – wie ich Jahr für Jahr meine Ansprüche an eine Lebensaufgabe herabstimmen mußte, die mich ganz ausfüllte. Was habe ich zustande gebracht, so mannigfaltig es auch scheinen mag? Stückwerk, – Lappalien. Anderes, Höheres, wird hier ja nicht geduldet! Würde ich der Stimmung und Anschauung, die gerade den Tag beherrschen, nur um einen Schritt vorangehen, so wäre es aus mit meiner Macht. Weißt Du, was wir sind, wir, die als Stützen der Gesellschaft gelten? Wir sind die Werkzeuge der Gesellschaft, – nichts mehr und nichts weniger. Lona. Warum siehst Du das erst jetzt ein? Bernick. Weil ich in letzter Zeit viel darüber nachgedacht habe, – seit Du wieder da bist, – und zumal am heutigen Abend. Ach, Lona, warum habe ich Dich nicht so recht gründlich gekannt damals – in den alten Tagen! Lona. Was dann? Bernick. Dann hätte ich Dich nie aufgegeben; und hätte ich Dich besessen, so stände ich nicht da, wo ich jetzt stehe. Lona. Und bedenkst Du nicht, was sie Dir hätte werden können, Betty, die Du gewählt hast an meiner Statt? Bernick. Jedenfalls weiß ich, daß sie mir nicht das geworden ist, dessen ich so sehr bedurfte. Lona. Weil Du nie die Aufgabe Deines Lebens mit ihr geteilt, weil Du ihr nie ein freies und wahres Verhältnis zu Dir ermöglicht hast; weil Du sie hinsiechen läßt unter dem Vorwurf der Schande, die Du über ihre nächsten Verwandten gebracht hast. Bernick. Ja, ja freilich. Das alles kommt von der Lüge und von der Hohlheit. Lona. Nun denn – warum brichst Du nicht mit dieser ganzen Lüge und Hohlheit? Bernick. Jetzt? Jetzt ist es zu spät, Lona. Lona. Sag' mir, Karsten, welche Befriedigung gewähren Dir dieser Schein und dieser Betrug? Bernick. Keine gewähren sie mir. Ich muß zugrunde gehen, wie diese ganze verhunzte Gesellschaft. Aber ein Geschlecht wächst nach uns heran: für meinen Sohn arbeite ich; ihm schaffe ich ein Lebenswerk. Es wird eine Zeit kommen, da sich Wahrheit auf das Leben der Gesellschaft herniedersenken wird, und auf diese Wahrheit soll er ein glücklicheres Dasein gründen, als das seines Vaters war. Lona. Mit einer Lüge als Grundlage? Bedenk, was Du Deinem Sohne da zum Erbe gibst! Bernick in unterdrückter Verzweiflung. Ich gebe ihm ein tausendmal schlimmeres Erbe, als Du ahnst. Aber einmal muß der Fluch weichen. Und doch – trotzdem – Leidenschaftlich. Wie konntet Ihr das alles über mein Haupt bringen! Aber jetzt ist's geschehen. Jetzt muß ich vorwärts. Mich zu verderben, das soll Euch nicht gelingen! Hilmar Tönnesen , mit einem offenen Billet in der Hand kommt eilig und verstört von rechts. Das ist ja –. Betty, Betty! Bernick. Was gibt es? Kommen sie schon? Hilmar. Nein, nein; aber ich muß dringend wen sprechen – Ab durch die oberste Tür links. Lona. Karsten, Du redest so, als ob wir gekommen wären, Dich zu vernichten. Laß Dir denn sagen, aus welchem Erz er ist, dieser verlorene Sohn, den Eure moralische Gesellschaft scheut wie einen Pestkranken. Er kann Euch entbehren, denn jetzt ist er fort. Bernick. Aber er wollte wiederkommen – Lona. Johann kommt niemals wieder. Er ist fort für immer, und Dina ist mit ihm. Bernick. Kommt niemals wieder? Und Dina ist mit ihm? Lona. Jawohl, um sein Weib zu werden. So schlagen die beiden Eurer tugendreichen Gesellschaft ins Gesicht – gerade so wie einst ich – na! Bernick. Fort – auch sie – mit »Indian Girl« –! Lona. Nein, ein so teures Gut durfte er der ruchlosen Bande nicht anvertrauen. Johann und Dina sind mit dem »Palmbaum« gefahren. Bernick. Ha! – also – vergebens – Er geht rasch nach seinem Zimmer, reißt die Tür auf und ruft hinein: Krap, halten Sie »Indian Girl« auf; es darf heute nicht in See! Krap von drinnen. »Indian Girl« ist schon auf See, Herr Konsul. Bernick schließt die Tür und sagt matt: Zu spät, – und zwecklos – Lona. Was meinst Du? Bernick. Nichts, nichts! Laß mich – Lona. Hm. Sieh her, Karsten! Johann läßt Dir sagen, daß er den Ruf und den Namen in meine Hände legt, den er Dir einmal geliehen hat, und auch den guten Namen, den Du ihm genommen hast, als er fort war. Johann schweigt; und ich kann in der Sache tun und lassen, was ich will. Sieh her, da hab' ich Deine beiden Briefe in meiner Hand. Bernick. Du hast sie! Und nun – nun willst Du – schon heut abend – vielleicht, wenn der Festzug – Lona. Ich kam nicht herüber, um Dich zu verraten, sondern um Dich so aufzurütteln, daß Du freiwillig sprechen müßtest. Das gelang mir nicht. So verharre denn in der Lüge! Sieh her, – ich reiße Deine beiden Briefe in Stücke. Nimm die Fetzen – da sind sie! Nun zeugt nichts mehr gegen Dich, Karsten; nun bist Du sicher; sei nun auch glücklich, – wenn Du kannst! Bernick erschüttert. Lona, – warum hast Du das nicht früher getan! Nun ist es zu spät; nun ist für mich das ganze Leben dahin! Ich kann nicht weiter leben fortan! Lona. Was ist geschehen? Bernick. Frag' mich nicht. – Aber ich muß leben! Ich will leben – um Olafs willen. Er soll alles wieder gutmachen, alles sühnen – Lona. Karsten –! Hilmar Tönnesen kommt eilig zurück. Hilmar. Nirgends zu finden – fort! Und Betty auch nicht! Bernick. Was fehlt Dir? Hilmar. Ich getraue mich nicht, es Dir zu sagen. Bernick. Was ist? Du mußt und sollst es mir sagen! Hilmar. Nun wohl – Olaf ist durchgebrannt, – mit »Indian Girl«. Bernick taumelt zurück. Olaf – mit »Indian Girl«! Nein, Nein! Lona. Doch, – doch! Jetzt verstehe ich –! Ich habe gesehen, wie er aus dem Fenster sprang. Bernick in der Tür seines Zimmers, ruft verzweifelt: Krap, halten Sie »Indian Girl« auf – um jeden Preis! Krap kommt heraus. Unmöglich, Herr Konsul! Wie können Sie nur denken –? Bernick. Wir müssen das Schiff aufhalten – Olaf ist an Bord! Krap. Was sagen Sie? Rummel kommt heraus. Olaf durchgebrannt? Nicht möglich! Sandstad kommt. Er wird mit dem Lotsen zurückgeschickt werden, Herr Konsul. Hilmar. Nein, nein! Er hat mir geschrieben. Zeigt das Billet. Er sagt, er will sich im Schiffsraum verbergen, bis sie auf hoher See sind. Bernick. Ich sehe ihn nie wieder! Rummel. Ach Unsinn! Ein starkes, gutes Schiff, eben repariert – Vigeland , der gleichfalls herausgekommen ist. – auf Ihrer eigenen Werft, Herr Konsul! Bernick. Ich sehe ihn nie wieder, sage ich Euch! Ich habe ihn verloren, Lona, und – jetzt sehe ich es ein – ich habe ihn nie besessen. Horcht. Was ist das? Rummel. Musik. Jetzt kommt der Festzug. Bernick. Ich kann, ich will niemand empfangen! Rummel. Was fällt Dir ein? Das geht unmöglich an. Sandstadt. Unmöglich, Herr Konsul; bedenken Sie, was für Sie auf dem Spiele steht! Bernick. Das alles hat jetzt gar keinen Wert für mich! Wen habe ich nun, für den ich arbeite? Rummel. Wie Du nur so fragen kannst! Du hast doch uns und die Gesellschaft. Vigeland. Ja, das ist ein wahres Wort! Sandstadt. Sie vergessen doch wohl nicht, Herr Konsul, daß wir – Martha kommt durch die oberste Tür links. Man hört die gedämpften Klänge der Musik, fern unten auf der Straße. Martha. Jetzt kommt der Zug; aber Betty ist nicht zu Haus. Ich verstehe nicht, wo sie – Bernick. Nicht zu Haus! Da siehst Du es, Lona; keine Stütze – nicht in Freud', nicht in Leid! Rummel. Die Vorhänge weg! Kommen Sie und helfen Sie mir, Herr Krap! Sie auch, Herr Sandstad! Jammerschade, daß die Familie gerade jetzt so versprengt sein muß! Ganz gegen das Programm. Die Vorhänge an Fenstern und Türe werden weggezogen. Man sieht die ganze Straße illuminiert. An dem Hause gerade gegenüber ist ein großes Transparent angebracht mit der Inschrift: »Es lebe der Konsul Bernick, die Stütze unserer Gesellschaft.« Bernick weicht scheu zurück. Fort mit alledem! Ich will nichts sehen! Löscht aus, löscht aus! Rummel. Mit Respekt zu fragen, bist Du nicht recht bei Troste? Martha. Was fehlt ihm, Lona? Lona. Pst! Sie spricht leise mit ihr. Bernick. Weg mit dieser höhnischen Inschrift, sage ich! Seht Ihr nicht, daß alle Lichter uns die Zunge herausstrecken? Rummel. Aber, da muß ich doch gestehen – Bernick. Ach, was versteht Ihr! Aber ich, ich –! Lichter im Totenzimmer sind das! Krap. Hm. – Rummel. Aber hör' mal, – Du nimmst Dir es auch zu sehr zu Herzen. Sandstadt. Der Junge macht eine Spazierfahrt über den Atlantischen Ozean, und dann kriegen Sie ihn wieder. Vigeland. Vertrauen Sie nur auf die Hand des Allmächtigen, Herr Konsul! Rummel. Und auf die Schute, Bernick; sie ist doch meines Wissens nicht dem Versinken nahe. Krap. Hm – Rummel. Ja, wenn es so einer von den schwimmenden Särgen wäre, von denen man draußen in der großen Welt hört – Bernick. Ich fühle, wie mein Haar grau wird in diesen Augenblicken. Frau Bernick , einen großen Schal über dem Kopf, kommt durch die Gartentür. Frau Bernick. Karsten, Karsten, weißt Du –? Bernick. Ja, ich weiß! Aber Du, – Du, die nichts sieht; Du, die nicht wie eine Mutter ein Auge für ihn hat – Frau Bernick. So hör' doch nur –! Bernick. Warum hast Du nicht über ihn gewacht? Jetzt habe ich ihn verloren. Gib ihn mir wieder, wenn Du kannst! Frau Bernick. Ja, ich kann es! Ich habe ihn! Bernick. Du hast ihn? Die Herren. Ah! Hilmar. Na, dacht' ich's mir doch! Martha. Karsten, Du hast ihn wieder! Lona. Und nun such' ihn auch zu besitzen! Bernick. Du hast ihn! Ist das wahr, was Du sagst? Wo ist er? Frau Bernick. Das erfährst Du nicht, bis Du ihm verziehen hast. Bernick. Ach was, verziehen –! Aber wie hast Du gewußt –? Frau Bernick. Glaubst Du, eine Mutter hätte keine Augen? Ich war in Todesangst, Du möchtest etwas erfahren. Einige Worte, die er gestern fallen ließ, – und da sein Zimmer leer war, und Ranzen und Kleider fort – Bernick. Ja, ja –? Frau Bernick. Ich lief; holte mir Aune; wir fuhren in seinem Segelboot hinaus; der Amerikaner wollte gerade absegeln. Gottlob, wir kamen noch zu rechter Zeit, – gingen an Bord, – durchsuchten das Schiff, – fanden ihn! Ach Karsten, Du darfst ihn nicht bestrafen! Bernick. Betty! Frau Bernick. Und auch Aune nicht! Bernick. Aune? Was weißt Du von ihm? Ist »Indian Girl« wieder unter Segel? Frau Bernick. Nein; das ist es ja gerade – Bernick. Sprich, sprich! Frau Bernick. Aune war ebenso erschüttert wie ich; die Durchsuchung nahm Zeit weg; die Dunkelheit trat ein, so daß der Lotse Schwierigkeiten machte; und da war Aune so eigenmächtig, – in Deinem Namen – Bernick. Nun? Frau Bernick. Das Schiff aufzuhalten – bis morgen. Krap. Hm – Bernick. O, welch unermeßliches Glück! Frau Bernick. Du bist nicht böse? Bernick. O Betty, dieses Übermaß von Glück! Rummel. Du bist auch gar zu gewissenhaft. Hilmar. Ja, wenn es mal einen kleinen Kampf mit den Elementen gilt, so – uh! Krap an einem der Fenster. Jetzt kommt der Zug durchs Gartentor, Herr Konsul. Bernick. Ja, jetzt kann er kommen! Rummel. Der ganze Garten ist angefüllt mit Menschen. Sandstadt. Die ganze Straße ist gepfropft voll. Rummel. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, Bernick! Wirklich, ein erhebender Augenblick! Vigeland. Lassen Sie es uns demütigen Sinnes hinnehmet, Herr Rummel! Rummel. Alle Fahnen sind zur Stelle! Was für ein Zug! Da ist das Festkomitee mit dem Adjunkten Rörlund an der Spitze. Bernick. Laßt sie kommen, sage ich. Rummel. Aber hör' mal; in der aufgeregten Gemütsverfassung, in der Du bist – Bernick. Nun, und –? Rummel. Ich wäre nicht abgeneigt, das Wort statt Deiner zu ergreifen. Bernick. Nein, danke schön! Heut spreche ich selbst. Rummel. Aber weißt Du auch, was Du zu sagen hast? Bernick. Ja, sei unbesorgt; – jetzt weiß ich, was ich zu sagen habe. Die Musik hat mittlerweile aufgehört. Die Gartentür öffnet sich. Rörlund , an der Spitze des Festkomitees, tritt durch die Gartentür ein, begleitet von ein paar Lohndienern, die einen zugedeckten Korb tragen. Dann kommen Bürger der Stadt aus allen Gesellschaftsklassen, soviel der Saal nur faßt. Eine unübersehbare Menge mit Fahnen und Flaggen sieht man draußen im Garten und auf der Straße. Rörlund. Hochgeehrter Herr Konsul! Ich sehe an der Überraschung, die sich auf Ihren Zügen malt, daß wir als unerwartete Gäste eindringen – in den Kreis Ihrer glücklichen Familie, zu Ihrem friedlichen Herd, wo Sie von ehrenwerten und tatkräftigen Freunden und Mitbürgern umgeben sind. Doch es war uns ein Herzensbedürfnis, Ihnen unsere Huldigung darzubringen. Nicht zum erstenmal geschieht solches, aber doch zum erstenmal in so ausgedehntem Maße. Schon öfter haben wir Ihnen unsern Dank dargebracht dafür, daß Sie sozusagen eine breite moralische Grundlage schufen für das Gebäude unserer Gesellschaft. Diesmal aber huldigen wir Ihnen vornehmlich als dem einsichtsvollen, unermüdlichen, uneigennützigen, ja aufopferungsvollen Mitbürger, der die Initiative zu einem Unternehmen ergriffen hat, das, nach der Meinung aller Sachverständigen, dem zeitlichen Wohl und Gedeihen dieser Gesellschaft einen mächtigen Aufschwung geben wird. Stimmen aus der Menge. Bravo! Bravo! Rörlund. Herr Konsul! Sie sind seit manchem Jahre unsrer Stadt mit leuchtendem Beispiel vorangegangen. Ich rede nicht von Ihrem mustergültigen Familienleben, auch nicht von Ihrem tadellosen moralischen Wandel überhaupt. Solche Dinge gehören ins stille Kämmerlein und nicht in den Festessaal! Aber ich rede von Ihrer bürgerlichen Wirksamkeit, so wie sie vor aller Augen offen liegt. Wohlausgerüstete Schiffe gehen aus Ihren Werften hervor und zeigen unsere Flagge auf den fernsten Meeren. Eine zahlreiche und glückliche Arbeiterschar sieht zu Ihnen auf wie zu einem Vater. Indem Sie neue Erwerbszweige ins Leben riefen, haben Sie die Wohlfahrt von vielen hundert Familien begründet. Mit anderen Worten – Sie sind in hervorragendem Sinne der Grundpfeiler dieser Gesellschaft. Stimmen. Hört, Hört! Bravo! Rörlund. Und gerade diese Glorie von Uneigennützigkeit, die über Ihrem ganzen Wandel ruht, ist es, was so unendlich wohltuend wirkt, besonders in Zeiten wie diesen. Sie stehen jetzt im Begriff, uns eine – ja, ich trage keine Bedenken, das Wort ganz prosaisch und schmucklos auszusprechen – eine Eisenbahn zu schaffen. Viele Stimmen. Bravo! Bravo! Rörlund. Aber diese Unternehmung scheint auf Schwierigkeiten zu stoßen, wesentlich diktiert von engherzigen, selbstischen Rücksichten. Stimmen. Hört, Hört! Rörlund. Es ist nämlich nicht unbekannt geblieben, daß gewisse Individuen, die nicht unserer Gesellschaft angehören, den strebsamen Bürgern dieser Stadt zuvorgekommen sind und sich in den Besitz gewisser Vorteile gesetzt haben, die rechtmäßigerweise unserer eigenen Stadt hätten zugute kommen sollen. Stimmen. Ja, ja, hört! Rörlund. Diese beklagenswerte Tatsache ist natürlich auch zu Ihrer Kenntnis gelangt, Herr Konsul. Aber nichtsdestoweniger verfolgen Sie unerschütterlich Ihr Ziel, sich dessen wohl bewußt, daß ein Staatsbürger nicht immer bloß seine eigene Kommune im Auge haben darf. Verschiedene Stimmen. Hm! Nein, nein! Ja, ja! Rörlund. Es ist somit der Mensch und der Staatsbürger – der Mann, wie er sein soll und muß, dem wir in Ihrer Person heut abend unsere Huldigung darbringen. Möge Ihr Unternehmen dieser unserer Gesellschaft zu wahrem und dauerndem Heil gereichen! Die Eisenbahn kann gewiß ein Weg werden, auf dem wir uns dem Eindringen fremder, verderblicher Elemente aussetzen, zugleich aber auch ein Weg, der uns rasch wieder von ihnen befreit. Und schlechte Elemente von draußen können wir ja so wie so auch jetzt uns nicht vom Leibe halten. Aber daß wir gerade an diesem festlichen Abend, wie man hört, glücklich und schneller, als wir erwarten konnten, von gewissen Elementen dieses Schlags befreit worden sind – Stimmen. Pst! Pst! Rörlund. – das nehme ich als ein gutes Zeichen für das Unternehmen. Wenn ich diesen Punkt hier berühre, so beweist das nur, daß wir uns in einem Hause befinden, wo die ethische Forderung mehr gilt als Familienbande. Stimmen. Hört! Bravo! Bernick zu gleicher Zeit. Erlauben Sie mir – Rörlund. Nur noch wenige Worte, Herr Konsul. Was Sie für die Gemeinde getan haben, das haben Sie gewiß nicht mit dem Hintergedanken getan, daß Ihnen irgendwelche handgreifliche Vorteile daraus erwachsen würden. Aber ein geringes Zeichen der Anerkennung von Seiten Ihrer dankbaren Mitbürger dürfen Sie doch nicht ablehnen, am allerwenigsten in einem so bedeutungsvollen Augenblicke, da wir, nach der Versicherung praktischer Männer, am Vorabend einer neuen Zeit stehen. Viele Stimmen. Bravo! Hört! Hört! Rörlund gibt den Dienern einen Wink; sie bringen den Korb herbei. Mitglieder des Festkomitees nehmen während des Folgenden die Gegenstände heraus, von denen die Rede ist, und präsentieren sie. Rörlund. So erlauben wir uns denn, Ihnen, Herr Konsul, ein silbernes Kaffeeservice zu überreichen. Es schmücke Ihren Tisch, wenn wir in Zukunft, wie bisher so oft, die Freude haben, uns in diesem gastlichen Hause zu versammeln. Und auch Sie, meine Herren, die so bereitwillig dem ersten Mann unserer Gesellschaft beigestanden haben, bitten wir, eine kleine Erinnerungsgabe anzunehmen. Dieser Silberpokal ist für Sie bestimmt, Herr Rummel. Sie haben so oft in beredten Worten, beim Becherklang, die bürgerlichen Interessen dieser Gesellschaft verfochten; mögen Sie noch oft würdige Gelegenheiten finden, diesen Pokal zu erheben und ihn zu leeren. – Ihnen, Herr Sandstad, überreiche ich dieses Album mit Photographien Ihrer Mitbürger. Ihrer bekannten und anerkannten Humanität verdanken Sie die Annehmlichkeit, Freunde in allen Schichten der Gesellschaft zu zählen. – Und Ihnen, Herr Vigeland, darf ich, zum Schmuck Ihres Betstübchens, diese Hauspostille auf Velin und in Prachteinband anbieten. Unter dem reifenden Einflusse der Jahre sind Sie zu einer tiefernsten Lebensanschauung gelangt. Ihr Wirken im Drange des Tages ward in der Jahre Lauf durch den Gedanken an ein Höheres und an das Jenseits mehr und mehr geläutert und geadelt. Er wendet sich an die Menge. Und somit, meine Freunde, ein Hoch auf den Konsul Bernick und seine Mitkämpfer! Ein Hoch auf die Stützen unserer Gesellschaft! Die ganze Schar. Hoch Konsul Bernick! Hoch die Stützen der Gesellschaft! Hoch, hoch, hurra! Lona. Ich gratuliere, Schwager! Erwartungsvolle Stille. Bernick beginnt ernst und langsam. Liebe Mitbürger, – Ihr Wortführer gab dem Gedanken Ausdruck, daß wir heut am Vorabend einer neuen Zeit stehen, – und ich hoffe, es wird der Fall sein. Doch damit dies geschehen kann, müssen wir uns die Wahrheit zu eigen machen, – die Wahrheit, die bis heut in dieser Gesellschaft durchgängig und in allen Verhältnissen obdachlos gewesen ist. Überraschung unter den Umstehenden. Ich muß damit beginnen, die Lobsprüche zurückzuweisen, mit denen Sie, Herr Adjunkt, wie bei dergleichen Veranlassungen Brauch und Sitte ist, mich überhäuft haben. Ich verdiene sie nicht; denn ich bin bis zum heutigen Tage kein uneigennütziger Mann gewesen. Hatte ich auch nicht immer pekuniäre Vorteile im Auge, so bin ich jedenfalls doch jetzt davon überzeugt, daß das brennende Verlangen nach Macht, Einfluß und Ansehen bei den meisten meiner Handlungen die Triebfeder war. Rummel halblaut. Was denn –? Bernick. Meinen Mitbürgern gegenüber mache ich mir deswegen keine Vorwürfe; denn ich glaube noch immer, daß ich mich unter den Tüchtigen hier bei uns in die erste Reihe stellen darf. Viele Stimmen. Ja! Ja! Ja! Bernick. Aber woraus ich mir selbst ein Gewissen mache, das ist der Umstand, daß ich so oft schwach genug war, krumme Wege zu gehen, weil ich den Hang unserer Gesellschaft kannte und fürchtete, hinter allem, was ein Mann unternimmt, unreine Beweggründe zu suchen. Und jetzt komme ich zu einem Punkt, der damit in Zusammenhang steht. Rummel unruhig. Hm – hm! Bernick. Es gehen hier Gerüchte um von großen Terrainkäufen oben im Land. Diese Grundstücke habe ich gekauft, – alle, alle, ich allein. Gedämpfte Stimmen. Was sagt er? Der Herr Konsul? Konsul Bernick? Bernick. Sie sind vorläufig in meiner Hand. Natürlich habe ich mich meinen Mitarbeitern, den Herren Rummel, Vigeland und Sandstad anvertraut, und wir haben uns geeinigt – Rummel. Das ist nicht wahr! Beweise, – Beweise –! Vigeland. Wir haben uns über gar nichts geeinigt! Sandstadt. Nein, da muß ich aber sagen –! Bernick. Ganz recht; noch haben wir uns nicht geeinigt über das, was ich vorbringen wollte. Doch hoffe ich bestimmt, die drei Herren werden mir zustimmen, wenn ich sage, ich habe heut abend bei mir selbst beschlossen, aus diesem Bodenbesitz eine öffentliche Gründung zu machen, an der durch Zeichnung von Aktien ein jeder sich beteiligen kann, der da will. Viele Stimmen. Hurra! Der Konsul Bernick lebe hoch! Rummel leise zu Bernick. Ein so schändlicher Verrat –! Sandstad ebenso. Uns so zum besten zu haben –! Vigeland. Na, da hol' mich aber der Teufel –! Herr Jesus, was sage ich da! Die Menge draußen. Hoch! Hoch! Hoch! Bernick. Ruhe, meine Herren. Ich habe keinen Anspruch auf diese Huldigung; denn was ich heut beschlossen habe, das war nicht meine ursprüngliche Absicht. Meine Absicht war, alles selbst zu behalten; und ich bin auch jetzt noch der Meinung, daß diese Grundstücke am rentabelsten werden, wenn sie in einer Hand verbleiben. Doch ich stelle die Wahl. Wünscht man es, so bin ich auch erbötig, sie nach bestem Ermessen zu verwalten. Stimmen. Ja! Ja! Ja! Bernick. Doch zuerst müssen meine Mitbürger mich von Grund aus kennen lernen. Dann mag ein jeder sich selbst prüfen, – und halten wir fest daran, daß wir mit dem heutigen Abend eine neue Zeit beginnen. Die alte Zeit mit ihrer Schminke, mit ihrer Heuchelei und Hohlheit, mit ihrer erlogenen Sittsamkeit und ihren jämmerlichen Rücksichten soll vor uns dastehen als ein Museum – zugänglich denen, die sich belehren wollen. Und in dieses Museum stiften wir, – nicht war, meine Herren? – Kaffeeservice und Pokal, Album und auch die Hauspostille auf Velin und in Prachteinband. Rummel. Ja, natürlich. Vigeland murmelt. Da Sie alles andere genommen haben, so – Sandstadt. Bitte, bitte! Bernick. Doch nun die Hauptabrechnung mit meiner Gesellschaft. Es wurde gesagt, schlechte Elemente hätten uns an diesem Abend verlassen. Ich kann hinzufügen, was man noch nicht weiß: der Mann, auf den diese Worte gemünzt waren, ist nicht allein abgereist; ihm folgte, um sein Weib zu werden – Lona laut. Dina Dorf. Rörlund. Was?! Frau Bernick. Was sagst Du! Große Bewegung. Rörlund. Geflohen? Durchgebrannt – mit ihm ? Unmöglich! Bernick. Um sein Weib zu werden, Herr Adjunkt. Und mehr noch – Leise. Betty, fasse Dich und ertrage, was jetzt kommt! Laut. Ich sage: Hut ab vor dem Manne! Denn er hat hochherzig die Schuld eines andern auf sich genommen. Liebe Mitbürger! Ich will heraus aus der Verlogenheit; es hat nicht viel gefehlt, und die Lüge hätte jeden Blutstropfen in mir vergiftet. Sie sollen alles wissen. Vor fünfzehn Jahren der Schuldige – war ich ! Frau Bernick leise und bebend. Karsten! Martha ebenso. Ah, Johann –! Lona. Da hast Du Dich endlich selbst gefunden! Maßloses Erstaunen unter den Anwesenden. Bernick. Ja, liebe Mitbürger, ich war der Schuldige, und er verließ das Land. Die bösen und erlogenen Gerüchte zu widerlegen, die sich nachher verbreiteten, – das steht jetzt nicht mehr in menschlicher Macht. Doch darüber darf ich mich nicht beklagen. Vor fünfzehn Jahren schwang ich mich empor vermöge dieser Gerüchte; ob ich nun mit ihnen fallen soll, – darüber möge ein jeder mit sich selbst zu Rate gehen. Rörlund. Welch ein Blitzschlag! Der erste Mann der Stadt –! Mit gedämpfter Stimme zu Frau Bernick. O, wie ich Sie beklage, gnädige Frau! Hilmar. Ein solches Geständnis! Na, da muß ich sagen –! Bernick. Doch keine Entscheidung an diesem Abend! Ich bitte jeden, nach Hause zu gehen, – sich zu sammeln, – in sich selbst zu blicken. Wenn Ruhe über die Gemüter gekommen ist, dann wird sich zeigen, ob ich verloren oder gewonnen, indem ich gesprochen habe. Leben Sie wohl! Ich habe noch viel, viel zu bereuen. Aber das geht nur mein Gewissen an. Gute Nacht! Fort mit dem Festgepränge! Wir fühlen alle, daß so etwas hier nicht am Platz ist. Rörlund. Allerdings nicht. Mit gedämpfter Stimme zu Frau Bernick. Durchgebrannt! Sie war also doch meiner ganz unwürdig! Halblaut zum Festkomitee. Ja, meine Herren, nach diesem Vorgang, denke ich, ist es das Beste, wir entfernen uns in aller Stille. Hilmar. Wie man künftig die Fahne der Idee hochhalten soll, das –. Uh! Der Inhalt von Bernicks Rede ist inzwischen unter Flüstern von Mund zu Mund gegangen. Alle Teilnehmer des Festzuges entfernen sich durch den Garten. Rummel, Sandstad und Vigeland gehen ab in heftigem, doch mit gedämpfter Stimme geführtem Wortwechsel. Hilmar schleicht sich rechts hinaus. Bernick, Frau Bernick, Martha, Lona und Krap sind unter Stillschweigen im Saal zurückgeblieben. Bernick. Betty, hast Du Verzeihung für mich? Frau Bernick sieht ihn lächelnd an. Weißt Du, Karsten, daß Du mir in all den Jahren nicht eine so fröhliche Aussicht eröffnet hast wie jetzt? Bernick. Wieso –? Frau Bernick. All die Jahre habe ich geglaubt, ich hätte Dich einmal besessen und wieder verloren. Nun weiß ich, daß ich Dich nie besessen habe. Aber ich werde Dich gewinnen. Bernick umarmt sie. Ach Betty, Du hast mich gewonnen! Durch Lona habe ich Dich erst so recht kennen gelernt. Und nun laß Olaf kommen! Frau Bernick. Ja, jetzt sollst Du ihn haben! – Herr Krap –! Sie spricht im Hintergrund leise mit ihm. Er geht durch den Garten ab. Während des Folgenden werden nach und nach alle Transparente und die Lichter in den Häusern ausgelöscht. Bernick mit gedämpfter Stimme. Dank, Lona! Du hast das Beste gerettet in mir – und für mich. Lona. Habe ich etwas anderes gewollt? Bernick. Nein – oder doch? Ich kann nicht klug aus Dir werden. Lona. Hm – Bernick. Also nicht Haß? Nicht Rache? Warum bist Du denn herübergekommen? Lona. Alte Liebe rostet nicht. Bernick. Lona! Lona. Als mir Johann die Geschichte von der Lüge erzählte, da habe ich bei mir selbst geschworen: der Held meiner Jugend soll dastehen frei und wahr! Bernick. O, wie wenig habe ich erbärmlicher Mensch das um Dich verdient! Lona. Ja, Karsten, wenn wir Frauen nach dem Verdienst fragen wollten –! Aune kommt mit Olaf aus dem Garten. Bernick eilt ihnen entgegen. Olaf! Olaf. Vater, ich verspreche Dir, ich will nie mehr – Bernick. Davonlaufen? Olaf. Ja, ja! Das verspreche ich Dir, Vater. Bernick. Und ich verspreche Dir, Du sollst nie Grund dazu haben. Fortan sollst Du aufwachsen dürfen nicht als Erbe meiner Lebensaufgabe, sondern als ein Mensch, der seine eigene Lebensaufgabe haben wird. Olaf. Und darf ich auch werden, was ich will? Bernick. Ja, das darfst Du! Olaf. Danke schön. Dann will ich keine Stütze der Gesellschaft werden. Bernick. So? Warum nicht? Olaf. Ei, weil ich glaube, das muß recht langweilig sein. Bernick. Du sollst selber etwas werden, Olaf; mag es im übrigen gehen, wie es will. – Und Sie, Aune, – Aune. Ich weiß, Herr Konsul; ich habe meine Entlassung. Bernick. Wir bleiben zusammen, Aune! Und verzeihen Sie mir – Aune. Wie denn? Das Schiff geht ja doch heut nicht in See. Bernick. Und morgen auch nicht. Ich habe Ihnen eine zu kurze Frist gelassen. Es muß gründlicher nachgesehen werden. Aune. Soll geschehen, Herr Konsul, – und zwar mit den neuen Maschinen! Bernick. So sei's. Aber gründlich und ehrlich! Es braucht manches bei uns eine gründliche und ehrliche Reparatur. Na gute Nacht, Aune! Aune. Gute Nacht, Herr Konsul! Und Dank, schönen Dank! Ab nach rechts. Frau Bernick. Nun sind sie alle fort. Bernick. Und wir sind allein. Mein Name leuchtet nicht mehr in Flammenschrift. Alle Lichter sind erloschen in den Fenstern. Lona. Wünschtest Du, sie möchten wieder brennen? Bernick. Um keinen Preis der Welt. Wo bin ich gewesen? Ihr werdet Euch entsetzen, wenn Ihr es erfahrt. Mir ist zumute, als wäre ich nach einer Vergiftung wieder zur Besinnung und zu mir selbst gekommen. Aber ich fühle es – ich kann noch einmal wieder jung und gesund werden. O, kommt näher, – ganz nahe zu mir heran. Komm Betty, Olaf, mein Junge! Und Du, Martha – mir ist, als hätte ich Dich in all den Jahren nicht gesehen. Lona. Das glaube ich gern. Eure Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Hagestolzen; Ihr seht die Frau nicht. Bernick. Sehr wahr! Und eben darum – ja, das steht nun mal fest, Lona – verläßt Du Betty und mich nicht mehr! Frau Bernick. Nein, Lona, das darfst Du nicht! Lona. Wie könnte ich es denn auch verantworten, Euch junge Leute zu verlassen, die erst anfangen, einen Herd zu gründen? Bin ich nicht Pflegemutter? Ich und Du, Martha, wir beiden alten Tanten –. Wonach siehst Du denn? Martha. Wie der Himmel sich aufklärt! Wie es hell wird über dem Meer! Der »Palmbaum« ist ein Glücksschiff. Lona. Und hat das Glück an Bord. Bernick. Und wir – wir haben einen langen, ernsten Arbeitstag vor uns, besonders ich. Doch mag er kommen! Schließt Ihr Euch nur dicht um mich, Ihr wahrhaftigen, treuen Frauen! Das habe ich auch in diesen Tagen gelernt: Ihr Frauen , Ihr seid die Stützen der Gesellschaft. Lona. Dann, Schwager, hast Du eine wacklige Weisheit gelernt. Legt wuchtig die Hand auf seine Schulter. Nein, Du! Der Geist der Wahrheit und der Geist der Freiheit, – das sind die Stützen der Gesellschaft.