Ludwig Holberg Ulysses von Ithacia, oder Eine deutsche Komödie. Komödie in fünf Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   »Ulysses von Ithacia«, das zwölfte der Holbergschen Stücke, 1724 unmittelbar nach »Jacob von Tyboe« zuerst aufgeführt, ist, sowol in Betreff der Erfindung als der Ausführung, das Kühnste und Gewagteste, was die komische Muse des Dichters überhaupt geschaffen. Dasselbe ist in Form einer Parodie gegen die Ungeheuerlichkeiten der damaligen deutschen Bühne gerichtet, namentlich gegen die Haupt- und Staatsactionen, die Hanswurst- und Zauberkomödien, deren plumpe Uebertreibungen Holbergs nüchternem maßvollen Sinne doppelt anstößig waren. Nun rivalisirte eben damals ein derartiges deutsches Theater, unter Leitung eines gewissen von Quoten, mit der jungen dänischen Bühne, und so war es für Holberg zugleich ein Kampf pro domo , indem er in diesem »Ulysses von Ithacia« von Quoten und seine deutschen oder doch nach deutscher Mode zugerichteten Stücke der ausgelassensten Verspottung preisgab. Die Fabel des Stücks ist in der Hauptsache nichts Geringeres als ein komisches Zerrbild der gesammten Ilias und Odyssee, von der Entführung der schönen Helena bis zu Ulysses' Heimkehr nach Ithaka; im einzelnen haben zahlreiche Stücke des » Théâtre Italien « wie »Ulysses und Livia«, »Die Wünsche«, »Harlekin Proteus«, »Der Phönix« und andere, dazu beisteuern müssen. – Das Stück gehörte Anfangs zu den beliebtesten des Dichters; erst seit dem Regierungsantritt Friedrichs V. wurde es seltener gegeben, so daß es in den 21 Jahren von 1750 bis 1771 nur noch sechzehnmal über die Breter ging. Nachdem es dann einige Jahre ganz beiseite gelegt worden, ward es im Mai 1774 neu in Scene gesetzt, und zwar mit solchem Erfolg, daß es von da ab volle 10 Jahre hindurch (bis 1784) regelmäßig am Fastnachtabend als Carnevalstück gegeben ward. Von der Ausgelassenheit, welche, getreu dem Genius des Stücks, auch die Darstellung erfüllte, kann man sich einen Begriff machen, wenn man weiß, daß Juno und Minerva (im Urtheil des Paris) von den komischen Alten, die jüngferliche Helena aber, die in Ohnmacht fällt, so oft sie von einer Mannsperson hört, von einem Manne dargestellt wurde. – Auch in Deutschland wurde das Stück längere Zeit hindurch häufig und mit großem Beifall gegeben. Personen: Personen des Prologs:         Iris . Prinz Paris . Juno . Venus . Pallas . Personen der Komödie: Marcolfus . Paris . Helena . Hildegard . Ulysses . Kilian . Rosimunda . Penelope . Kaiser Asverus . Hofgesinde . Ein Werber . Holofernes . Mithridates . Tiresius . Ein Trojaner . Dido . Elisa , Dido's Kammermädchen. Rasmus , ihr Kammerdiener. Ulysses' Gefährten . Hauptleute . Ein Bauer . Erster Jude . Zweiter Jude . Zwei Diener .     Prolog. Iris mit Strahlen um den Kopf. Iris . Ich bin Iris oder der Regenbogen, der großen Juno Kammermädchen. Ich habe dieselbe Verrichtung bei der Juno, wie Mercurius beim Jupiter. Sobald der Göttinnen Oberste mir einen Wink giebt, muß ich mich auf die Reise machen; nun bin ich im Himmel, nun auf Erden; nun am Südpol, nun am Nordpol; nun in großen Städten, nun zwischen Hirten und Hirtinnen auf dem Lande. Was mir aber die meiste Beschwerde macht in meinem Amte, das ist meiner gnädigen Frau Jalousie und Mißtrauen. Denn sobald der Götter Monarch seines Auges gnädige Strahlen auf eine Hirtin oder Nymphe wirft, so geräth meine Madame stracks in Allarm. Da muß ich mich erstlich von einer Wolke zur Erde bringen lassen, um die Beschaffenheit der Sache auszuforschen, demnächst zu Pluto's nächtiger Wohnung, mit Ordre an eine oder die andere Höllengöttin, die Nymphe oder Hirtin zu bestrafen, in welche Jupiter sich verliebt hat. Aber keine Zeit ist so beschwerlich für mich als dieser verwetterte elfte Juni Der elfte Juni war zu Holbergs Zeit derjenige Tag im Jahre, an welchem die Geschäftstreibenden von nah und fern in der Hauptstadt zusammenkamen, ihre Geschäfte zu ordnen und abzuschließen; da wurden Contracte unterzeichnet und verlängert, Kapitalien einkassirt und ausgeliehen, Zinsen bezahlt und neue verschrieben \&c. Die jütländischen Pächter und Grundbesitzer, reich durch ihre Viehzucht, spielten dabei eine Hauptrolle; sie waren die eigentlichen Geldlieferanten für die Hauptstadt, deren Vergnügungen sie sich dabei nebenher im reichsten Maße zu nutze machten. A.d.Ü. . Denn da meine Madame die größte Dame ist im Himmel und auf Erden, so hat sie auch die meisten Zinsen einzufordern. Jetzt aber bin ich hergekommen, um mit dem trojanischen Prinzen Paris zu sprechen, welchen Juno nebst zwei andern Göttinnen ausgewählt hat, Richter zu sein in einem Streite, der sich zwischen ihnen erhoben hat. Er pflegt sich in diesem Haine aufzuhalten. Aber da seh' ich ihn. ( Paris tritt ein.) Paris . Ich sehe hier der Juno treue Botschafterin. 88 Willkommen hier unten auf Erden, himmlische Nymphe! Was hat Sie für Geschäfte? Mit wem will Sie sprechen? Iris . Ich bin beordert, mit dem holdseligen trojanischen Prinzen Paris zu sprechen. Paris . Das bin ich. Iris . Hört, Paris, Ihr, der Ihr nicht minder um Eurer Schönheit als um Eurer Unparteilichkeit willen bekannt seid durch ganz Asien, von des Mohrenlandes Grenze bis zum äußersten Ende von Amerika: meine Madame Juno, nebst zwei andern Göttinnen, Pallas und Venus, haben Euch auserwählt, Richter zu sein in einem Zwiste, der sich unter ihnen erhoben hat. Paris . Sag' mir, o Iris, worin dieser Zwist besteht. Iris . Den dreizehnten hujus warf der große Jupiter einen goldenen Apfel zwischen sie, auf welchem diese Worte geschrieben standen: Dieser soll der holdseligsten Göttin gehören. Nun wißt Ihr selbst, wie die Frauenzimmer sind, daß nämlich keine, wie häßlich sie auch sei, der andern an Schönheit nachstehen will; so ist's auf Erden, und unsere Göttinnen im Himmel haben denselben Nagel im Kopf. Und weil nun Juno, Pallas und Venus sämmtlich wegen ihrer Schönheit bekannt sind, so ist es schwer, den Streit beizulegen. Doch sind sie alle drei einig geworden, sich Eurem Spruche zu unterwerfen, ohne Appellation. Denn Anfangs waren sie alle so erpicht darauf, daß sie mit einander vors Oberlandesgericht Wörtlich: vors höchste Gericht, til höjeste Ret, eine noch jetzt bestehende, auch in unsern Tagen häufig genannte Behörde in Kopenhagen A.d.Ü. gehen wollten. Paris . Ich werde ihre Ankunft erwarten und urtheilen, was Rechtens ist. Iris . Juno verlangt nichts als ein rechtschaffenes Urtheil. Inzwischen bittet sie ergebenst, daß Eure Durchleuchtigkeit doch diese zehn Ducaten nicht verschmähen wollen, welche sie offerirt, nicht damit Ihr zu ihren Gunsten entscheidet, sondern blos aus Freundschaft. Paris . Nein, Mademoiselle Iris, Geschenke nehme ich wahrhaftig nicht an. Ein Richter muß sich nicht bestechen lassen; wäre ich verheirathet, so hätte Sie sich allenfalls an meine Frau adressiren können, die hätte das dann können annehmen, und mein Gewissen wäre rein. 89 Iris . Ach, ich bitte doch recht sehr, verschmähe Er das nicht! Das ist ja wirklich kein Geschenk, um Ihn zu bestechen, sondern blos ein Freundschaftszeichen; sieh' mal, wie sie glänzen! Paris . Ich sehe, daß das gute holländische Ducaten sind. Ja höre, meine liebe Jungfer, wenn ich gewiß wüßte, daß das nicht in der Absicht geschenkt wird, so wollte ich das schon nehmen, denn mit Geld ist in diesen Zeiten nicht zu spaßen. Uebrigens kann Sie der Juno meinen Respect vermelden und ihr sagen, daß ich ihr ihre Höflichkeit schon gedenken werde. (Iris ab.) Paris (allein) . Kein Amt ist doch so beschwerlich als das Richteramt. Man soll Kopf haben, eine Sache zu begreifen, Scharfsinn, die Argumente des Einen gegen die des Andern abzuwägen, und endlich Rechtschaffenheit, den Versuchungen zu widerstehen. Was mich betrifft, so habe ich mir durch meine unparteiischen Urtheilssprüche einen solchen Namen erworben, daß nicht blos Menschen, sondern sogar Göttinnen mich zum Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten erwählen. Aber da seh' ich sie kommen. ( Juno , Pallas , Venus in Adriennen treten auf.) Juno . Dir geschieht heute eine Ehre, o Paris, wie sie wenigen Menschen widerfahren ist; drei mächtige Göttinnen unterwerfen sich Deinem Urtheil. Welche von uns Du für die Holdseligste erklärst, die behält den goldenen Apfel, den Jupiter zwischen uns geworfen. Paris . Ihro Durchleuchtigkeiten, meine gnädigsten Frauen! Diese Anrede ist auch im Text deutsch A.d.Ü. Nach dem Gesicht allein kann man eines Menschen Schönheit nicht beurtheilen; ja von den rechten Kennern wird heutzutage gerade darauf am wenigsten gesehen. Es ist daher nöthig, Ihro Durchleuchtigkeiten, daß Dieselben sich ganz nackt ausziehen. Juno . Was? Ganz nackt ausziehen sollen wir uns? Paris . Ich kann doch nicht über etwas urtheilen, das ich nicht sehe? Pallas . Ich thue das in Ewigkeit nicht! Venus . Will niemand anders, so will ich es; denn auf eine andere Weise kann unser Streit doch nicht entschieden werden. 90 Pallas . Das sieht Ihnen ähnlich genug, ma soeur; es wird, denk' ich mir, wol nicht das erste Mal sein, daß Sie sich nackt vor jungen Mannspersonen sehen lassen. Venus . Haben Sie was gesagt, Sie lederne Weisheit? Diesen gelehrten zimperlichen Damen ist nicht mehr zu trauen als andern. Juno . Sie haben auch eine Ehre mitzureden, Madame, seitdem Ihr Mann Vulcanus Sie schon einige Male vor dem Consistorio belangt hat; man weiß recht gut, was Sie für Historien gehabt haben mit Mars und andern Offizieren. Venus . Trotz geboten Ihnen und den Andern, die mir das Geringste auf meinen ehrlichen Ruf und Namen bringen! Ich gebe zu, daß mein Mann Vulcanus mich in Verdacht gehabt hat, aber bin ich nicht freigesprochen worden vor Gericht? Hat er mir nicht Abbitte thun müssen obenein? Wäre Jupiter so jaloux wie Vulcanus, so hoff' ich, wir kriegten auch von Ihnen einige Historien zu vernehmen. (Sie reden alle drei auf einmal und ballen die Fäuste.) Paris . Holla, seid ruhig! Respect vor dem Gericht! Ihr macht ja einen Spectakel, als ob Ihr Advocaten wäret! Laßt Eine zuerst reden! Juno . Höre, Paris, zweifeln, daß meine Schönheit allen übrigen Göttinnen vorangeht, hieße dem Jupiter einen schlechten goût zuschreiben, da er doch mich von allen zu seiner Gemahlin erkoren hat. Nimm dich daher in Acht, die Schönheit der Andern mit meiner gleichzustellen. Wenn Du den goldenen Apfel mir zusprichst, so sollst Du der reichste und mächtigste Herr auf der Welt werden. Pallas . Juno giebt Reichthum und Wohlstand, ich dagegen Weisheit und Tugend. Wie aber nun Tugend und Verstand besser ist als Reichthum, so hoffe ich, o Paris, daß Du für mich entscheiden wirst, da ich Dir die herrlichste Belohnung geben kann. Venus . Reichthum und Verstand werden für große Gaben gehalten; aber wie Mancher wird nicht unglücklich mit seinem Reichthum, und wie Wenige finden ihr Fortkommen in der 91 Welt mit Tugend und Verstand, die ja schon längst aus der Mode sind? Ich, wenn Du den streitigen Apfel mir zusprichst, verspreche Dir das holdseligste Frauenzimmer der Welt zur Gemahlin. Paris (zu sich selbst) . Reichthum hab' ich so viel, als ich verlange; Verstand mehr, als nöthig ist in unsern Zeiten; das holdseligste Frauenzimmer der Welt, das ist der Magnet, der zieht. Ich muß das Urtheil verkündigen. (Setzt sich auf einen Stuhl.) In Sachen der drei wohlgebornen Göttinnen wird für Recht erkannt wie folgt: Sintemalen und alldieweil Juno und Pallas sich nackt auszukleiden verweigert und solchergestalt das Mißtrauen, welches sie selbst in ihre Schönheit setzen, ausdrücklich zu erkennen gegeben haben, dahingegen Venus, im Bewußtsein ihrer gerechten Sache, nichts von ihren Documenten, was zur Entscheidung dieser Angelegenheit dienen kann, verhehlen, sondern alles zur Kenntniß des Gerichts hat bringen wollen, so wird für Recht erkannt, daß sie den goldenen Apfel behalten soll, sintemalen sie die Schönste ist. Juno und Pallas bezahlen zur Erstattung der Unkosten zweihundert Reichsthaler und überdies für ihre frechen Aeußerungen vor Gericht zehn Reichsthaler an die Kirche von Christianshafen Eine Vorstadt von Kopenhagen auf der Insel Amag A.d.Ü. . Juno (bei Seite) . Dich soll der Henker holen für meine zehn Ducaten! Nie wieder geb' ich einem Richter was voraus. (Laut) Höre, Paris: das holdselige Frauenzimmer, das Venus Dir giebt, soll werden Dein, Deiner Familie und des ganzen trojanischen Reichs Untergang! (Alle ab.) 92 Erster Akt. Erste Scene. Marcolfus allein. Marcolfus . Serviteur très humble, Messieurs: ich weiß nicht, ob mich Einer von Euch kennt? (Sieht sich nach allen Seiten um.) Ich diene bei Paris, König Priapi Sohn von Troja. Wir kommen von Ithacien, über vierhundert deutsche Meilen weit, um die schöne Helena zu entführen, was Ihr aber so gut sein wollt für Euch zu behalten. Seit Paris in Troja ihr Porträt gesehen, hat er weder Tag noch Nacht Ruhe gehabt, bis er sich entschlossen, hierherzureisen. Ihr würdet ihn nicht für den großen Herrn halten, der er ist, weder nach seiner Figur, noch nach seiner Tracht; denn er sieht eher aus wie ein alter abgedankter Thorschreiber als wie so ein großer Herr, so hat die Reise ihn zugerichtet. Wir haben uns so beeilt, Tag und Nacht, daß wir uns nicht einmal Zeit genommen haben, um, mit Respect zu sagen, ein reines Hemde anzuziehen auf der ganzen Reise. »Aber was thut die Liebe nicht?« sagt der Deutsche. Was mag nun wol aber die Glocke sein? (Thut, als ob er nach der Thurmuhr sähe.) Alle Wetter, die Glocke ist schon acht, nun kommt mein Herr den Augenblick. Denn ich habe ausspionirt, daß die schöne Helena gerade um diese Zeit mit ihrer Magd hier spazieren geht. Mein Herr hat im Sinne sie zu entführen und sie mit sich nach Troja zu nehmen. Denn unter uns gesagt, Messieurs: er will sie gar nicht zur Frau haben, sondern blos zur Maitresse, und das kann nicht geschehen, wenn er hier im Lande hleibt. Denn sowie sie 93 einmal ein Kind bekäme, so müßte, wiewol es mit ihrer Jungferschaft ziemlich zweideutig aussieht, der gute Paris doch mit ihr feliciter vor das Consistorium tanzen und sie heirathen, so gut wie ein unbescholtenes Mädchen. Denn wer Teufel kann solchen Menschern was beweisen? Die lassen sich mitunter von anständigen Leuten beschlafen, blos um von ihnen Atteste für ihre Ehrlichkeit zu bekommen. Aber da kommt mein Herr! Zweite Scene. Paris . Marcolfus . Paris . Ach, Cupido, Du bist ein Tyrann! Marcolfus . Ja, das sag' ich auch, wahrhaftig, und wenn seine Mama Venus es tausendmal mit anhörte. Paris . Ach, mein treuer Diener Marcolfus, hier ist ja die Stätte, der Horizont, wo Ithaciens Sonne und Morgenstern heute aufgehen wird. Marcolfus . Ja das ist sie. Paris . Ach Marcolfus, mir ist bange, daß ich in Ohnmacht sinke, sowie ich sie erblicke, und deshalb nicht im Stande sein werde, auszuführen, was ich mir vorgesetzt. Ach Venus, was habe ich Uebles gethan, daß Du Deinem blinden und geflügelten Sohne Cupido solche Ordre gegeben hast, mein prinzliches Herz so grausam zu verwunden? Marcolfus . Ja das ist sicher, das war ein recht carnaliöser Streich von der Venus, das will ich ihr unter die Nase sagen. Das Weibsbild ist ja noch schlimmer, als die Marie Eheschneidern vor diesem war. Wär' ich Jupiter, ich wollte, hol' mich dieser und jener, ihr schon was andres zu thun geben als herumzulaufen und die Leute zusammenkuppeln; ich würde ihr auf eine höfliche Art sagen: Hör', Du Vieh, nimm mal gleich Dein Spinnrad und setze Dich hin und arbeite, das ist besser. Aber da kommen sie, nun haltet die Ohren steif! Paris . Ach halte mich, Marcolfus, ich kann nicht auf meinen Beinen stehen! 94 Marcolfus . Ei Herr, so stellt Euch doch nicht so verwettert dazu an; Ihr seid ja so bange, als ob Ihr ins Examen solltet. Dritte Scene. Helena . Hildegard . Paris . Marcolfus . Helena . Meine allertheuerste Hildegard, war das nicht ein prächtiger goldener Apfel, den meine Mama mir heute verehrte? Ich habe vergessen, ihn mitzunehmen, um ihn meinen Gespielinnen in diesem Wäldchen zu zeigen. Hildegard . Meine allerholdseligste Jungfrau, den müßt Ihr einem jungen adeligen Ritter verehren, den Ihr recht besonders ästimirt. Aber ach, was ist das? Wird der Jungfrau übel? (Hält ihr ein Riechfläschchen vor die Nase.) Helena . Ach Hildegard, meine Keuschheit kann es nicht vertragen, daß man in meiner Gegenwart von Mannsleuten redet; ich warne Dich, daß Du in meiner Gegenwart nie wieder den Namen einer Mannsperson aussprichst. Marcolfus (leise) . Ja, das glaub' ihr der Henker! Ich weiß schon, wie das mit diesen peniblen Weibsbildern ist, die sind just die tollsten. Helena . Höre mal, wie lieblich die süße Nachtigall singt! Marcolfus . Das muß ein Lump sein, der was hört! Und das sag' ich ihm von meinetwegen, ich höre blos, daß man auf der Galerie Nüsse knackt. Hildegard . Alle Vögel singen vor Freude, wenn sie die Sonne sehen, ich meine meiner Jungfrau göttergleiches Antlitz, so Ithaciens Sonne ist. Marcolfus . Mir kommt, meiner Treu, die Magd bei weitem hübscher vor; finden Sie das nicht auch, Messieurs? (Sich zu Paris wendend) Herr, nun ist es Zeit, nun frisch dran! Ei flink! flink! (Er stößt ihn vorwärts, Paris ergreift die Helena und führt sie fort; sie ruft Gewalt! reißt eine Perlenschnur ab, wirft sie der Hildegard zu.) 95 Helena . Bringe dies Perlenhalsband dem edlen Ritter Ulysses und bitte ihn, diesen Raub zu rächen. Ah . . . . Ah . . . . Ah . . . .! Marcolfus . Na, so schreit doch nicht so teufelsmäßig, Jungfer! Ihr wißt nur nicht, wer das ist: das ist Paris, König Priapi Sohn von Troja, Sie kommt in guter Leute Hände. (Sie gehen ab.) Vierte Scene. Hildegard allein. Hildegard . Ach Himmel, ist es möglich, daß die edle Jungfrau, Ithaciens kostbarstes Kleinod, mir aus den Händen entrissen ward? Das ganze Land wird darüber in Desperation gerathen. Ich beklage das Schicksal von ganz Ithacien, das solche Verfinsterung erlitten, seine größte Zierde verloren hat. Aber am allermeisten beklage ich mich selbst; denn ich habe in ihr eine sehr gnädige Herrschaft verloren. Nie mehr kriege ich Dich zu sehen, schönste Jungfrau; Deine Keuschheit wird Dein Mörder werden. Denn sowie Dein Räuber Dir Zärtlichkeiten zumuthet, das weiß ich, so tödtest Du Dich selbst. Auf, ihr ithacianischen Helden, rächt diesen Jungfrauenraub! Zeiget nun, daß die vielen Opfer, die ihr meiner Jungfer gebracht, die vielen Seufzer, die vielen Kniebeugungen nicht blos Verstellung gewesen, sondern von Herzen gekommen sind! Aber da sehe ich des Kaisers Schwestersohn, den tapfern Ulysses kommen. Fünfte Scene. Ulysses . Hildegard . Kilian . Zwei Diener . Ulysses (mit affectirter, grausenerregender Stimme) . Höre, mein treuer Diener Kilian, was dünket Dich, wer hat wol am besten bestanden in diesem Ritterspiele, so gestern präsentiret worden? Auf 96 welchen Ritter, dünket Dich, hat die reizende Helena, Ithaciens Sonne, zumeist ihre Strahlen geworfen? Mich dünket, ihre Brillantaugen standen zumeist auf den edlen Ritter Polidorus gerichtet; auch sah ich, wie der schlangengiftige Neid der Hofleute adelige Wangen färbte. Aber Mißgunst ist allzeit der Tugend Genosse. Wie könnte dieser Ritter davon frei sein, der von Tugend schimmert wie der Mond von der Sonne goldenen Strahlen? Denn bei des Kaisers goldener Krone und Scepter schwöre ich, daß Polidorus der stattlichste Ritter ist zwischen Mundien und dem rothen Meere. Aber was will diese Jungfrau hier? Hildegard (auf den Knieen) . Ach Hülfe, Euer Hoheit! Hülfe! Ulysses . Stehet auf, Nymphe, und lasset mich Euer Anliegen hören. Hildegard . Ich lasse Eure Füße nicht los, bis Ihr mir versprochen habt, mich anzuhören. Ulysses . Wenn Euer Begehren möglich ist und nicht wider die Ehrbarkeit streitet, so sollt Ihr sicher erhört werden; stehet auf! Hildegard . Ach Herr, Ithaciens Sonne ist verfinstert, die schöne Helena ist nach Troja entführt, von Paris, König Priapi Sohn! Seht her, dieses Perlenband riß sie sich vom Halse und bat mich, es Eurer Ritterlichkeit zu überliefern, mit der Aufforderung, diesen Raub zu rächen und sie mit gewaffneter Hand den Händen der Trojaner wieder zu entreißen. Ulysses . Ach Himmel, was höre ich, welch ein Unglück? Weinet nicht mehr, Jungfer: ich schwöre Euch bei Penelopens unschätzbarer Seele, daß der Frevel gerächt werden soll durch ganz Troja's Untergang. Geht nun fort, Jungfrau, und gebt Euch zufrieden. (Hildegard ab.) 97 Sechste Scene. Ulysses . Kilian . Ulysses . Kilian, wir müssen sofort Anstalten machen; der Friedenstempel muß auf einige Zeit verschlossen und der Bellona Tempel wieder geöffnet werden. Mein mit Drachenblut getünchtes Schwert Theuerdank muß aus der Scheide gezogen, mein Schild, den ich dem Könige von Mesopotamien in der großen Schlacht bei Mingrelien abgewonnen, muß hereingebracht werden zusammt meinem demantharten Harnisch und meinem Helm, den die brasilianische Königin von Saba mit ihren Alabasterhänden auf mein ritterliches Haupt setzte, als ich in den Kampf ging gegen den vierköpfigen Ritter Langulamisopolidorius. Mein im Kriege flammenspeiendes Roß Pegasianus, welches zuvor der stolze Ritter Poliphemius von Mundien gewesen, allein seine neidische Stiefmutter Constantinopolitanie verwandelte ihn in ein Pferd, muß gesattelt werden mit meinem elfenbeinernen Sattel und meiner von der longobardischen Jungfrau Rosimunda mit Gold und Perlen durchwirkten Schabracke. Kilian . Das kann bald geschehen sein, hätten wir nur erst eine Armee auf den Beinen. Ulysses . Armee? In einem Augenblick werden wir so viel Volks beisammen haben, als Sandkörner sind in den Wüsten Arabiens. Du sollst mein Ambassadeur sein und Dich sofort verfügen erstlich zu Mithridates, dem König von Mundien, der in einem goldenen Schlosse wohnt, daß er mit seiner silberschildenen Armee, die da besteht aus tausendmaltausend Mann Fußvolk und fünfmalhunderttausend Mann Reitern, mir zu Hülfe komme gegen König Priapus, dessen Sohn Ithacien des unschätzbarsten Kleinods, ich meine der schönen Helena, beraubet hat. Demnächst sollst Du Dich zu Herzog Nilus von Podolien begeben, der in einem silbernen Schlosse wohnt, und ihn bitten, mir zu Hülfe zukommen mit seinen zehntausend Schiffen, welche alle mit Sammet überzogen, deren Masten vom Horne des Einhorns, deren Segel von Seide sind. Sodann sollst Du zum 98 Holofernes gehen, dem Grafen von Bethulien, welcher in einem hohen elfenbeinernen Schlosse wohnt – denn er selbst ist sieben Ellen lang – und ihn bitten, mir zu Hülfe zu kommen mit seinen fünftausend elfenbeinernen Kanonen, welche sämmtlich Sechzigpfünder sind. Ich unterdessen will mir den Bart nicht abschneiden lassen, bis Du wieder kommst. (Geht ab.) Siebente Scene. Kilian allein. Kilian . Das wird eine ziemlich weitläufige Reise werden. Bis ich zurückkomme, ist Helena vielleicht nicht mehr am Leben; denn während das Gras wächst, stirbt die Kuh, und dann können wir Krieg ins Blaue führen. Ich muß nur erst hin und muß mir ein Paar Schuhe mit doppelten Sohlen holen, die auf der Reise aushalten. Ich sehe gar nicht so viel Schönes an dieser Helena, daß man solchen großen Allarm um sie zu machen brauchte. Paris ist ein kleiner Narr, daß er so weit hergereist ist, sie zu entführen, und wir sind große Narren, daß wir Krieg führen wollen, sie wieder zu bekommen. Aber mit meinem Herrn darf ich darüber nicht disputiren; darum will ich nur hinein und mich zu dieser weiten Reise in Stand setzen. Uebrigens das kann ich sagen, daß ich der erste Ambassadeur bin, der zu Fuße ambassadirt. Aber das will nichts sagen, ich bleibe doch, wer ich bin. Aber da sehe ich Rosimunda, Helena's Schwester, kommen; ich habe keine Lust, ihr Geheule über das Unglück ihrer Schwester mit anzuhören, darum retirire ich mich. (Ab.) Achte Scene. Rosimunda allein. Rosimunda . Ach, meine allertheuerste Schwester, Ithaciens Sonne und Freude, Zierde und Juwel der Familie! Wie ist es möglich, daß ich leben kann ohne Dich? In den drei Monaten, 99 seit Du, meine Sonne, mir versunken, das heißt seit Du mir geraubet bist, ist mein Körper so erschöpfet und mein Aeußeres so von Kummer verändert worden, daß meine Freundinnen und Gespielinnen mich nicht ansehen können, ohne ihre Thränen stromweis fließen zu lassen. Ach Rosimunda, sagen sie, wo ist Dein blühendes Antlitz, Deine demantfunkelnden Augen? Alles an Dir ist so verdunkelt, verwelkt und abgefallen, gleich einer abgebrochenen Blume, die keine Säfte mehr hat, ihre natürliche Schönheit zu erhalten. Ach, daß es sich doch für mich schickte, Theil zu nehmen an diesem Zuge, den die ithacianischen Helden mit dem stolzen Ulysses wider den trojanischen Räuber unternehmen! Ach, daß . . . . Aber da kommt die edle Penelope, des unüberwindlichen und löwenherzigen Ulysses Gemahlin. Nun werde ich von ihr erfahren, wie weit man mit den Zurüstungen gekommen ist. Neunte Scene. Penelope . Rosimunda . Penelope . Sieh da, Madame, ist Sie hier? Ihr sollt noch sehen, daß daraus nichts wird; bildet Ihr Euch ein, daß mein Mann durch die Welt vagabundiren soll, blos um Eure lumpige Schwester aufzugabeln? Rosimunda . Was? So verächtlich untersteht Ihr Euch von derjenigen zu reden, welche von Allen als Ithaciens größte Zierde anerkannt ist? Penelope . Pfui, auf die Zierde spucke ich. Die Hure! die will sich wol einbilden, das ganze Land soll um ihretwillen in Bewegung gesetzt werden? Rosimunda . Ihr mögt wol selbst eine Hure sein! Die großen Kriegszurüstungen, welche um ihretwillen gemacht werden, beweisen hinlänglich, daß meine Schwester an Tugend und Schönheit alles übertrifft, was sonst noch in Ithacien ist; Ihr seid allzu ohnmächtig, die ithacianischen Helden in ihrem edlen Vorsatze zu hindern. 100 Penelope . Ja, ich bin so frei und hindere das. Rosimunda . Ihr das hindern? Penelope . Ja, Euch vor der Nase. Rosimunda . Die Sache wird vor sich gehen und wenn Ihr den Verstand darüber verliert. Penelope . Und die Sache wird nicht vor sich gehen und wenn Ihr den Verstand darüber verliert. Rosimunda . Sagt Ihr das? Penelope . Ja das sag' ich und da (mit den Fingern schnippend) hast Du was für Dich, Du Trine! Rosimunda (schlägt gleichfalls Schnippchen) . Und da hast Du was für Dich! Penelope (giebt ihr eine Ohrfeige) . Und das ist für Dich! Rosimunda (giebt ihr wieder eine) . Und das ist für Dich! (Sie fallen einander in die Haare und reißen sich die Hauben vom Kopfe.) Zehnte Scene. Kilian in Reisekleidern. Penelope . Rosimunda . Kilian . Heda, plagt Euch der Teufel! Wollt Ihr einander umbringen? (Kilian tritt zwischen sie, sie fallen ihm in die Haare und reißen ihn zu Boden.) Kilian . Ich bin Ambassadeur! Das ist gegen das Völkerrecht! (Rosimunda läuft ab, Penelope ihr nach.) Elfte Scene. Kilian allein. Kilian . Ist das eine Unverschämtheit, so mit einem Ambassadeur umzugehen, dessen Person so heilig, daß es wider das Völkerrecht ist, Hand anzulegen an sein Pferd, seinen Hund oder den Geringsten von seiner Suite, geschweige an ihn selbst! Ich werde die Huren lehren, was das heißt, einen extraordinären 101 Ambassadeur bei den Haaren ziehen! Wartet nur, bis ich zurückkomme, da soll ein höllisches Examen mit Euch angestellt werden! Jetzt hab' ich keine Zeit, mich zu rächen, denn ich muß meine Reise fortsetzen. (Geht ab.) Zwölfte Scene. Trompeten. Kaiser Asverus mit Trabanten und Hofleuten tritt ein. Ein Werber . Asverus . Ihr edlen Ritter und stolzen Helden! Ihr könnt selbst urtheilen, wie schwer es meinem Herzen fällt, meinen theuren Schwestersohn, den tapfern Ulysses, so weit von mir zu lassen. Aber was vermag ihn in einem so edlen Vorsatz zu hindern? Ich habe ihm auf sein Ansuchen erlaubt, so viel Volks zu werben, als ihm beliebt. Ich erlaube auch allen, welche Lust haben an diesem Zuge Theil zu nehmen, ihm zu folgen. Ich habe ihm Erlaubniß gegeben, die Trommel rühren zu lassen durch das ganze Kaiserthum. Ein Ritter . Wir danken Euer Kaiserlichen Majestät, daß Sie uns erlauben will, diesen Jungfrauenraub zu rächen. Die schöne Helena war eine Jungfrau, auf welche aller Augen gerichtet waren, so daß nicht allein die Ehre des Landes, sondern auch die Hoffnung, ein solches Kleinod zu gewinnen, uns in diesen Krieg treibt. Asverus . Ich lobe Euren adeligen Sinn, ihr stolzen Ritter, Ihr könnt gewiß sein, daß, wenn Ihr siegreich zurückkommt, Jeder nach seinen Meriten reichlich belohnt werden soll. Laßt uns nun wieder hineingehen, um wegen des Feldzuges weiter zu berathschlagen. (Sie gehen hinein und ein Werber kommt mit einer Trommel unter zahlreichem Gefolge . Derselbe liest von einem Zettel.) Werber . Nachdem die Ithacianer unter des tapfern Ulysses Anführung, um den Jungfrauenraub zu rächen, den König Priapi Sohn Paris begangen hat, entschlossen sind, einen Feldzug gegen die Trojaner zu unternehmen, als werden alle und jede, so an diesem Zuge Theil nehmen wollen, aufgefordert, sich 102 unverweilt auf dem großen Markt einzufinden, allwo eine Standarte aufgerichtet ist. Dieselben sollen sofort angenommen werden und bekommen drei Monate Sold voraus. (Rührt die Trommel, geht ab.) Dreizehnte Scene. Ulysses allein, mit einem langen Barte. Ulysses . Dieses ganze Jahr ist nun allein mit Kriegsrüstungen vergangen. Jetzt warte ich noch allein auf Kilians Rückkunft, und nicht eher habe ich wollen meinen Bart abschneiden lassen, als bis ich Antwort von den Fürsten habe, zu denen ich gesendet. Aber ich merke, daß Morpheus, der Gott des Schlummers oder Bruder des Todes, mir eine Visite machen will; ich kann kaum mehr meine Augen offen halten, solche Müdigkeit überkommt mich. (Setzt sich nieder und schläft ein.) Vierzehnte Scene. Kilian . Ulysses . Kilian . Nun endlich nach einem vollen Jahre bin ich wohlverrichteter Sache in mein Vaterland zurückgekommen. Ein Jahr vergeht doch recht schnell; mir selbst ist, als hätte es keine halbe Stunde gedauert. Aber da seh' ich meinen Herrn sitzen und schlafen. Element, was hat der in der Schnelligkeit für einen langen Bart gekriegt! Doch es ist wahr, er hat ja ein ganzes Jahr Zeit gehabt zu wachsen. Aber ich habe ja keinen Bart gekriegt unterdessen, das kann ich nicht begreifen; am Ende wachsen die Bärte anderwärts nicht so wie hier. Aber, was Henker, der sitzt ja ganz lose? (Er nimmt dem Ulysses den Bart ab und befestigt ihn an sein Kinn; dann wendet er sich zu den Zuschauern.) Merkt Ihr nun, Messieurs, an meinem Barte, daß ich ein ganzes Jahr fortgewesen bin? Ihr seid so verflucht ungläubig, nun werdet 103 Ihr doch endlich den Glauben in Händen haben? (Kilian geht bei Seite, unterdessen wacht Ulysses auf und faßt sich nach dem Kinn.) Ulysses . Ach, ihr Götter, ich merke, mein Traum ist erfüllt. Der geflügelte Gott Mercurius, träumte ich, kam zu mir und sagte mir diese Worte ins Ohr: Dein treuer Diener Kilian ist zurückgekehrt! Worauf er mir meinen ritterlichen Bart abrasirte. Da sehe ich ihn; willkommen, mein treuer Diener, ich zweifle nicht, daß Dein Auftrag glücklich ausgeführt ist, denn der Himmel selbst hat Dich hin- und zurückgeleitet. Kilian . Spaelamdisimo renkaalavet Speckavaet. Ulysses . Ach, Himmel, hätte er vielleicht gar seine Muttersprache vergessen?! Kilian . Copisoisandung Slaestimund Spaelamdisimo renkaalavet Speckavaet. Ulysses . Kilian, ich verstehe nicht, was Du sagst. Kilian . Juchatan Skabhalsiaskomai Klemmebasiopodolski. Ulysses . Hast Du denn Deine Muttersprache ganz und gar vergessen? Kilian . Ski olski dolski podolski opodolski iopodolski siopodolski asiopodolski basiopodolski ebasiopodolski mebasiopodolski emmebasiopodolski klemmebasiopodolski. Ulysses . Die mesopotamische Sprache ist eine wunderliche Sprache; das ist doch jammerschade, daß ich sie nicht verstehe und darum auch nicht hören kann, was er ausgerichtet hat. Aber hast Du die ithacianische Sprache denn so gänzlich vergessen, daß Du nicht mehr verstehest, was ich frage? Kilian . Ja, ich habe sie rein vergessen. Aber so viel kann ich doch sagen, daß die Fürsten ihren Respect vermelden lassen und sagen, daß sie sich vor Troja einfinden werden, und zwar baldmöglichst. Ulysses . So komm denn, wir wollen uns schnell reisefertig machen. 104 Zweiter Akt. Erste Scene. Mit der Ansicht von Troja. Kilian allein. Kilian . Ei, ei, was die Zeit vergeht! Nun sind wir schon vor Troja angekommen, das doch vierhundert Meilen von unserer Heimath liegt. Sähe ich die Stadt nicht vor meinen Augen, ich dächte, es ginge hier zu wie in der deutschen Komödie, wo man mitunter auch mit einem Fußaufheben tausend Meilen macht und in einem Abend vierzig Jahre älter wird, als man war. Aber die Sache hat ihre Richtigkeit; hier liegt Troja, wo ich mit dem Finger hinzeige. (Er nimmt ein Licht und geht auf die Decoration zu.) Hier steht es ja angeschrieben mit Fractur: Dieses bedeutet Troja. Aber da sehe ich einen trojanischen Bauern kommen, ich muß ihn doch fragen, wie es in der Stadt aussieht. Zweite Scene. Kilian . Ein Trojaner . Kilian . Guten Tag, Kamerad, wo seid Ihr zu Hause? Der Trojaner . Ich bin in Troja zu Hause. Kilian . Da soll ja eine fremde Jungfer sein, mit Namen Helena; kennt Ihr die? Der Trojaner . Nu gewiß kenne ich sie, die gute Jungfer; sie ist erst vor Kurzem mit Zwillingen in die Wochen gekommen. 105 Kilian . Na, da dächt' ich, wäre sie doch keine Jungfer mehr? Der Trojaner . Ja, bei uns werden sie noch für Jungfern gerechnet, und wenn sie sechzehn Kinder gehabt haben, bis sie sich verheirathen. Kilian . Also just wie bei uns. Der Trojaner . Wo seid Ihr denn zu Hause, Landsmann, daß Ihr so fragt? Kilian . Ich bin ein fremder Kaufmann. Aber was für ein Schlag Leute sind denn die Trojaner? Der Trojaner . Je nun, es sind ziemlich arme und hoffärtige Leute, denn sowie Einer zwei Mark in der Tasche hat, so kann man sich auch darauf verlassen, daß er den Tag nicht mehr zu Fuße geht. Kilian . Just wie bei uns. Der Trojaner . Die größte Tugend bei uns ist, mehr zu verzehren, als man im Stande ist zu verdienen. Kilian . Just wie bei uns. Aber was für ein Ende nimmt das? Der Trojaner . Das Ende ist, daß Hab' und Gut vermöbelt wird, und dann kriegen sie zuletzt freies Quartier auf dem Rathhaus oder in ähnlichen öffentlichen Anstalten, wo sie dann sacht zu Tode gefüttert werden. Kilian . Just wie bei uns. Aber sind die Richter auch hübsch unbestechlich bei Euch? Der Trojaner . Verflucht unbestechlich; sie nehmen niemals Geschenke, sondern um sich ein reines Gewissen zu bewahren, lassen sie dieselben von ihren Frauen annehmen. Kilian . Just ebenso geht es bei uns. Aber wird bei Euch stark Wucher getrieben? Der Trojaner . Nein, damit geht's so leidlich. Oeffentlich werden niemals mehr als fünf Procent genommen Dies war seit 1695 der gesetzliche Zinsfuß in Dänemark, der vorher sechs Procent betragen hatte, 1767 aber auf vier Procent herabgesetzt ward. A.d.Ü. , um kein Aergerniß zu geben; aber unter der Hand, damit das Gesetz hübsch unverletzt bleibt, lassen sie sich von den Schuldnern zwanzig Procent vorausbezahlen. Kilian . Just so geht es bei uns. Aber Eure Weiber, halten die gut Haus? 106 Der Trojaner . Haus halten sie wol, das Unglück ist nur, daß das Haus sie nicht halten kann. Doch muß man ihnen das Zugeständniß machen, daß sie niemals vor Morgens um zehn ausgehen. Kilian . Aufs Haar wie bei uns. Werden denn auch die Straßen bei Euch hübsch rein gehalten? Der Trojaner . O ja, so im Julimonat, da läßt sich nichts daran ausstellen. Aber freilich den Rest vom Jahre kann man nicht wohl ausgehen, ohne daß man riskirt, im Schmutz zu ertrinken. Doch das sind blos elf Monate im Jahre, die vergehen rasch. Könnte man überhaupt nur Anstalten treffen, daß es niemals regnete, so wollt' ich mal die Stadt sehen, wo es so rein sein sollte wie bei uns. Kilian . Just wie bei uns. Aber gehen die Frauenzimmer bei Euch auch so viel aus? Der Trojaner . Nein, das wären schlechte Menschen, die ihnen das nachsagen wollten; sie gehen nicht, sie fahren blos alle, bis zu den geringsten Handwerkerfrauen; in diesem Betracht könnte das Weibsvolk bei uns die Füße ganz entbehren. Kilian . Just wie bei uns. Aber arbeiten sie recht fleißig? Der Trojaner . Nein, nicht sonderlich. Kilian . So könnten sie also auch die Hände entbehren? Der Trojaner . Na, richtig, womit sollten sie dann Karten spielen? Was hätten die jungen Herren zu küssen? Kilian . Bravo, just wie bei uns. Aber machen die Gelehrten bei Euch viele Bücher? Der Trojaner . Nein, blos Kinder. Kilian . Just wie bei uns. Werden bei Euch viele nützliche Projecte gemacht? Der Trojaner . Ich habe noch kein Project gesehen, das viel Nutzen gebracht hätte, ausgenommen für die Projectenmacher selbst. Kilian . Just wie bei uns. Aber sind die Dienstboten bei Euch hübsch hurtig? Der Trojaner . Teufelsmäßig; unsere Dienstmädchen sind so hurtig und so flink, daß sie nicht einen Monat bei einer 107 Herrschaft bleiben, sondern ihren Dienst zwölfmal des Jahres verändern. Kilian . Just wie bei uns. Aber sind die Leute bei Euch recht gottesfürchtig? Der Trojaner . Sehr gottesfürchtig. Kilian . Leben sie auch nach Gottes Geboten? Der Trojaner . Nein, sie halten es mehr mit den Gebeten als mit den Geboten. Kilian . Just wie bei uns. Aber was ist Euer Hauptzeitvertreib? Habt Ihr Komödien oder Opern? Der Trojaner . Ei, freilich. Kilian . Wie sind denn Eure Opern? Der Trojaner . Possierlich genug. Wenn zum Exempel ein Herr seinem Diener sagen will, er soll ihm die Stiefel ausziehen, so sagt er das singend und trillernd als: (singend) Höre Klaus, zieh' mir meine Stie . . . fel aus . . . Kilian . Just wie bei uns. Der Trojaner . Adieu, mein Herr, ich muß gehen; ich bin von ganzem Herzen Sein ergebener Diener. Kilian . Na, das hat doch wol nicht viel zu bedeuten? Der Trojaner . Ei, bewahre, nicht das Mindeste, das ist blos so eine Redensart bei uns. (Geht ab.) Kilian . Just wie bei uns, adieu. Es ist eine wahre Sünde, daß wir Krieg führen sollen mit diesen Leuten, die uns in allen Stücken so ähnlich sind, und noch dazu wegen einer Jungfer, die bereits Zwillinge gehabt hat. Nun hab' ich ausspionirt, wie es mit der Stadt bestellt ist; sie kann, glaub' ich, keine achttägige Belagerung aushalten. Kenntniß von der Lage des Feindes haben ist die Hauptsache im Kriege. Wird die Stadt nun eingenommen, so hat doch, wie es in der Regel geschieht, Ulysses oder Holofernes den Ruhm davon, und ich werde nicht einmal in den Zeitungen genannt. Ach, es ist doch eine rechte Lumperei, so ein Subalterner zu sein! Aber da seh' ich das Kriegsheer kommen. 108 Dritte Scene. Kilian . Ulysses . Holofernes . Das Kriegsheer kommt herein und wird in Schlachtordnung gestellt. Holofernes (hält folgende Rede) . Ihr stolzen Ritter und streitbaren Helden! Wir sind hierhergekommen, nicht um Länder zu erobern oder uns zu bereichern, sondern um Rache zu nehmen für einen Jungfrauenraub, so daß also nie ein Krieg aus honnetern Gründen geführt worden ist. Spiegelt Euch alle nur an meinem Exempel, fechtet mannhaft und haltet gute Kriegsdisciplin. Die Hauptsache, worauf Ihr Acht haben müßt, ist das richtige Tempo, eins, zwei, drei, und daß Ihr alle zu gleicher Zeit mit der Hand an die Patrontasche schlagt. Denn wenn Ihr darauf nicht ganz genau Acht habt, so geb' ich für das Uebrige keine vier Schillinge. Ulysses . Hört, Ihr guten Herren! Bevor wir zur Belagerung schreiten, ist es das Beste, wir schicken den Kilian zum König Priapus mit einem Oelzweig in der Hand und bieten ihm Frieden an, unter der Bedingung, daß er uns die schöne Helena zurückgiebt. (Alle stimmen dem bei.) Kilian . Ihr guten Herren, ich wünschte sehr, daß ein Anderer Ambassadeur sein möchte. Denn wie leicht könnte es nicht geschehen, daß König Priapus, der ein hitziger Mann ist, mir den Kopf abschlagen ließe, und das wäre doch ein schlechter Spaß, wenn ich dann so ohne Kopf dastände. Ulysses . Damit hat es keine Gefahr, Kilian; läßt er Dir den Kopf abschlagen, so werden wir desgleichen thun mit zwanzig von den vornehmsten Trojanern, welche uns zuerst in die Hände fallen. Kilian . Schon recht, Herr; aber wer weiß, ob von all den zwanzig Köpfen ein einziger auf meinen Rumpf paßt? Ulysses . Ei geh' Du nur hin, das Völkerrecht bricht er nicht. Kilian . Nun nun, so will ich denn gehen. Ulysses . Wir wollen uns so lange mit der Armee zurückziehen. 109 Vierte Scene. Kilian allein. Kilian . Wo soll ich nun aber in der Geschwindigkeit einen Oelzweig herkriegen? Sieh, das trifft sich glücklich, da find' ich ja einen. (Hebt einen Besen auf, der auf der Bühne liegt, und nimmt ihn in den Arm. Zu den Zuschauern:) Nein, wahrhaftig, das ist kein Besen, Messieurs! Ihr seid ja doch, hoff' ich, nicht blind – da könnt Ihr nun sehen, daß das ein Oelzweig ist! Ihr müßt ja kein Körnchen Respect mehr haben vor einem Ambassadeur, daß Ihr ihn so auslacht; der Teufel soll Euer Narr sein, wißt Ihr das? Nun geh' ich nach Troja. (Klopft an.) Fünfte Scene. Helena . Kilian . Helena . Wer erdreistet sich in Kriegszeiten dermaßen an das Thor von Troja zu klopfen? Mit wem wollt Ihr sprechen? Ich bin Helena! Kilian . Ei sieh da, liebe Jungfer, muß Sie sich selber noch bemühen, mir aufzumachen? Die Jungfer kennt mich wol nicht mehr? Helena . Ich dächte, ich hätte Ihn schon wo gesehen. Kilian . Ich bin der Ambassadeur von Kilian. Helena . Ach, nun erinnere ich mich, Du bist des stolzen Ritters Ulysses treuer Diener. Kilian . Nein, schön Dank, jetzt nicht mehr, jetzt bin ich Ambassadeur extraordinair von der ganzen Armee und dependire von niemand, als allein vom General Holofernes, welcher sieben und eine Viertel Elle lang ist. Die ganze Armee präsentirt das Gewehr vor mir, wenn ich vorbeigehe. Denn Ihr müßt wissen, Jungfer, extraordinäre Ambassadeure die wachsen nicht so auf den Bäumen. Helena . Das glaub' ich schon, daß man so leicht keinen 110 Ambassadeur findet, der so extraordinär ist wie Du. Aber was hast Du sonst zu bestellen? Kilian . General Holofernes, welcher sieben und eine Viertel Elle lang ist, läßt schön grüßen und König Priapus soll ihm die Jungfer wieder zurückgeben oder soll sich gefaßt machen, daß wir die Stadt belagern. Helena . Darauf kannst Du Dich verlassen, daß ich nicht ausgeliefert werde, so lange noch ein Mann in Troja ist; darauf hat König Priapus geschworen. Kilian . Ja, Ihr guten Leute, so müßt Ihr tragen was folgt. Ich muß nur rasch wieder nach Hause und muß Stiefel anziehen: denn morgen hoff' ich im Blut der Trojaner zu gehen bis an die Kniee. Helena . Ach, unglücklich die Stunde, da ich geboren ward, daß ich durch meine Schönheit die Veranlassung geben soll zu solchem Blutvergießen! Wie viel besser doch wäre mir, ich wäre mißgestaltet zur Welt gekommen, so hätte ich doch vergnügt und ruhig leben können, während ich nun meiner Schönheit halber gehaßt und verachtet bin von allen Frauenzimmern, ja von den Göttinnen selbst! (Sie weint.) Kilian . Jungfer, was mir öffentlich aufgetragen, das hab' ich nun ausgerichtet; aber wie alle Ambassadeurs geheime Anliegen zu haben pflegen, so bin ich auch beordert, mich unter der Hand zu erkundigen, wie es mit der Jungfer ihrem Kränzchen steht? Helena . Ich schwöre Dir, Kilian . . . Kilian . Ei was, Kilian! ich heiße Ihro Excellenz. Helena . Ich schwöre Ihro Excellenz, daß nie eine Mannsperson mich auch nur mit dem kleinen Finger angerührt hat, seit ich entführt bin. Kilian . Ei Jungfer, die Finger sind dazu auch weiter nicht nöthig; ich habe einen Mann gekannt, dem waren beide Arme abgeschossen und doch wurde er sechsmal vors Consistorium citirt Das früher besprochene »Tamperret«, das auch über Alimentationsklagen \&c. entschied A.d.Ü. . Aber ich muß fort. (Helena ab.) 111 Sechste Scene. Kilian allein. Kilian . Entweder ich bin blind, oder alle andern Menschen sind es. Denn so viel meine Augen sehen können, sieht die ja mehr aus wie eine Hebamme, als wie Eine, welche von den Göttinnen selbst wegen ihrer Schönheit beneidet wird. Wie ich sie zuerst sah, dacht' ich doch wahrhaftig, es wäre Peter Wagnern seine Dörte, so stach sie mir in die Augen. Aber ich bin wol blind, sowol hierin als wie in allem Uebrigen, was diese Historie angeht. Nun muß ich hin und der Armee die Antwort sagen. Präsentirt's Gewehr, ihr Carnalien! Aber richtig, da stehen sie und sperren das Maul auf. Ihr Herren, jetzt heißt es Krieg; sie wollen lieber das Aeußerste abwarten, als die Helena ausliefern. Siebente Scene. Ulysses . Kilian . Holofernes . Hauptleute . Ulysses . Ihr habt nun gehört, Ihr stolzen Ritter, was Troja uns geantwortet hat, und müssen wir uns also rüsten, die Stadt mit der äußersten Gewalt anzugreifen. Inzwischen, Ihr guten Herren, dünkt es mich doch das Beste, wenn Einer von uns nach alter löblicher Manier Einen von den Trojanern zum Zweikampf heransforderte. Nun weiß ich freilich, daß Euch allen zusammen das ritterliche Haupt nach einem Lorbeerkranze juckt und daß Ihr alle Verlangen tragt nach der Ehrensäule, welche der Sieger verdient hat. Daher um zu verhindern, daß keine Saat der Mißgunst zwischen uns gestreut werde, halte ich es für das Rathsamste, daß wir darum würfeln. Wem dann das Loos zufällt, den kann keine Mißgunst treffen, da nicht Volksgunst und Gewogenheit und Faveur ihm den Weg bahnen, auf welchem er sein Haupt mit dem Lorbeerkranze schmücken wird. Versteht Ihr mich recht, Ihr edlen und stolzen Ritter? 112 Kilian (leise) . Zur Noth. Ulysses . Bringt denn also Würfel her! (Sie würfeln.) Kilian . Ich habe wol nicht nöthig mitzuwürfeln, Ihr Herren, weil ich doch nicht unter die Malice gehöre, sondern eine Civilperson bin, ein extraordinärer Ambassadeur? Ulysses . Ei Kilian, vor solchem alten treuen Diener, wie Du bist, hab' ich viel zu viel Hochachtung, als daß ich Dich der Gelegenheit berauben sollte, Ehre einzulegen, und Dir im Wege sein, wenn das Glück auf seiner Kugel Dir den Kranz aufs Haupt setzen will, den sie vielleicht für Dich allein geflochten hat. Kilian . Glaubt der Herr etwa, ich wäre bange? Ei ja doch, ich wollte wahrhaftig den Hector selbst auf mein Gewissen nehmen. Es geht aber unmöglich an, der Herr weiß ja selbst, was für verflucht lose Mäuler die Leute haben. Sie haben schon jetzt genug zu klatschen, nämlich, daß wir wie die Narren von Haus und Hof, Frau und Kindern rennen, blos um ein Weibsstück wieder zu bekommen, das ein Anderer, nämlich Paris, König Priapi Sohn, schon ein ganzes Jahr gehabt hat, und unterdessen . . . . ich darf nichts weiter sagen; wer weiß, was unsere Frauen uns für Possen spielen können. Ich habe einen Mann gekannt, der reiste auch Jahre lang, um seinen einzigen Sohn wiederzufinden, der ihm geraubt war, und wie er zurückkam, fand er vier Söhne; aber er soll nicht sonderlich vergnügt darüber gewesen sein. Sollen die Leute nun noch obendrein in den Zeitungen ihre Glossen darüber machen, daß ich, als eine Civilperson, ein Ambassadeur, von der Armee abgeschickt bin, einen Trojaner zum Zweikampf zu fordern, so würde das Ende schlimmer als der Anfang. Ulysses . Ei pfui doch, Kilian, sich so etwas merken zu lassen! Ich befehle Dir augenblicklich zu würfeln. (Kilian wirft alle Sechsen; die Andern nehmen die Hüte ab und gratuliren ihm.) Kilian . Hört, Ihr guten Herren, ich sehe schon, daß es auf mich abgesehen ist; die Würfel sind falsch, darauf lass' ich meinen Kopf; noch nie, so lang' ich lebe, hab' ich können alle Sechsen werfen, und nun sollte ich sie just heute treffen? 113 Ulysses . Mach' mir keine Schande, Kilian, ich habe Dich erst vorhin beim General gerühmt wegen Deiner Tapferkeit. Geh' gleich und rüste Dich zum Kampf! Ich werde Dir mein eigenes Schwert Theuerdank leihen, welches mit Drachenblut getüncht ist. Stelle Dich doch nicht so an, man muß ja denken, Du wärst bange. Kilian . Bange bin ich wahrhaftig nicht, aber ich bin ein Politicus, das ist bekannt vor Gott und den Menschen, darum schickt es sich für mich nicht, daß ich mich schlage. Ja, wenn ich nicht Politicus wäre, da fragte ich den Henker danach. Aber ich kann mich nicht entschließen, etwas zu thun, was sich für meinen Charakter nicht paßt. Ich bestehe auf den Rechten meines civilen Standes, diene in Friedenszeiten als ein ehrlicher Mann und wage Leib und Leben für die Polizei, aber mit dieser Art Geschichten hab' ich nichts zu thun. Holofernes . Ja, da muß Standrecht über ihn gehalten werden; wir merken schon, daß er in Güte nicht will. Kilian . Ach, Ihr guten Herren, ehe ich Standrecht über mich halten lasse, da will ich es lieber freiwillig thun. Nur das bitt' ich mir aus, und dafür muß gesorgt werden, daß der, mit dem ich mich schlagen soll, keine Hand an mich legt; denn Hand an einen Ambassadeur zu legen, ist gegen das Völkerrecht. Holofernes . Hört, Ihr stolzen Ritter, damit wir ihm die politischen Gedanken aus dem Kopf bringen, so will ich ihn zum Obersten machen, damit sind dann alle Hindernisse beseitigt. Kilian (leise) . Na, wer Dich das gelehrt hat, Du langer Lümmel, den soll auch der Teufel holen! (Kilian wird vom Kopf bis zu Fuß bewaffnet.) Zum wenigsten muß ich jetzt noch einen kleinen Cornelius haben, bevor ich in den Kampf gehe. (Trinkt ein Glas Branntwein.) (Alle wünschen ihm Glück und gehen ab.) Ulysses . Wenn Du als Sieger zurückkommst, ist Dir ein Lorbeerkranz gewiß. Kilian (leise) . Ich scheere mich nichts um Lorbeeren, ausgenommen wenn ich sie in einer Pastete oder Torte sehe. 114 Achte Scene. Kilian allein. Kilian . Hol' der Henker den Kerl, der zuerst den Krieg erfand! Es ist ja ein ganz dummer Einfall, daß man hingehen soll und soll einen Menschen morden, den man nicht kennt. Aber ich werde doch noch ein Mittel finden, ihnen eine Nase zu drehen. Ich will sehen, daß ich Paradiesens Diener Marcolfus zu packen kriege. Ich war zweimal mit ihm in Gesellschaft in Ithacien, da haben wir Smollis mit einander getrunken; ich werde ihm ein Paar Mark in die Hand drücken, daß er vor mir davonläuft. Hört, Ihr trojanischen Männer, ich habe etwas Wichtiges mit Paradiesens Diener Marcolfus zu sprechen; bitte, schickt ihn doch heraus zu mir. Neunte Scene. Kilian . Marcolfus . Kilian . Serviteur, Marcolfus, wie geht's? Marcolfus . Sieh da., Kilian, wie kommst Du denn dazu, im Harnisch zu gehen? Kilian . Es sind ja Kriegszeiten, da muß man doch bewaffnet gehen, Du hast ja auch so einen kleinen Lichtspieß an der Seite. Marcolfus . Aber warum seid Ihr denn mit so großer Macht hierhergekommen, unsere Stadt zu belagern? Ich dächte doch, es wäre der Mühe nicht werth, solch ein Aufhebens zu machen wegen eines Weibsstücks? Kilian . Ich denke wahrhaftig ebenso; auch war ich erst heute so dreist, dem General Holofernes genau dasselbe unter die Nase zu sagen. Du und ich, Marcolfus, sind nur Diener: aber wir sind, glaub' ich, die Einzigen, die noch ihren Verstand haben von allen in und außer der Stadt. Marcolfus . Ha ha ha, das glaub' ich wahrhaftig auch: 115 der Helena wenigstens, um die man sich schlägt, möchte ich keinen Liebesdienst mehr erweisen und wenn sie mir einen Thaler für die Nacht geben wollte. In Ithacien hab' ich schöne Weiber die Menge gesehen, von geringem Stande, die man für achtundzwanzig Schillinge kriegen konnte; da war eine Frau mit Namen Polidora, gleich an der Ecke bei der ägyptischen Marmorsäule, bei der bin ich verschiedene Male gewesen und habe ihr nie mehr gegeben. Kilian . Eine Frau mit Namen Polidora? Marcolfus . Ja, Polidora. Kilian . In einem Eckhause? Marcolfus . Ganz recht, in einem Eckhause. Kilian . Gerade über der ägyptischen Säule? Marcolfus . Wie ich sage. Aber weshalb wirst Du so bestürzt? Ich will doch nicht hoffen, daß es Deine Frau gewesen ist? Kilian . Allerdings war es meine Frau, Marcolfus; na der soll es schlecht gehen, wenn ich zurückkomme. Marcolfus . Das bedaure ich ja sehr, Herzensbruder, daß ich Dich wider meinen Willen zum Hahnrei gemacht habe. Holofernes . Was mag das wol bedeuten, daß die beiden Helden so lange mit einander reden, bevor sie sich schlagen? Ulysses . Ich denke mir, Herr General, sie werden sich wol gegenseitig ihre Stammbäume vorrechnen, Geburt und Herkunft nebst den Thaten ihrer Ahnen, bevor sie den Kampf beginnen. Kilian . Höre, Marcolfus, ich bin bereit, Dir Dein Vergehen zu verzeihen, wenn Du mir einen kleinen Dienst erweisen willst. Marcolfus . Und was für einen, Schwager? Willst Du vielleicht bei meiner Frau liegen, damit wir doppelte Schwäger werden? Kilian . Nein, das nicht. Ich bin abgeschickt vom Kriegsherrn, einen Trojaner zum Kampf herauszufordern, aber gegen meinen Willen. Denn Kilian hat zwar jederzeit Courage gehabt, jedermann unter die Augen zu treten, aber laß Dir dienen, mein Herzensbruder: warum sollt' ich hingehen und Einen 116 morden, der mir nichts gethan hat? Das wäre ja so zu sagen bestialisch. Nun will ich Dich bitten: stelle Dich an, als ob Du Dich eine Weile mit mir schlägst, und zuletzt begieb Dich auf die Flucht. Mir thust Du einen großen Dienst damit und Dir schadet es nichts. Denn die Trojaner wissen nicht, warum Du hierhergekommen bist; meine Leute aber stehen und warten auf den Ausgang des Kampfes. Marcolfus . Willst Du mir schwören, daß, wenn Eure Leute die Stadt einnehmen, Ihr mich und meine Eltern verschonen wollt? Kilian . Ja, das schwöre ich Dir. (Die Trompeter blasen, sie schlagen sich verstellter Weise. Die übrigen Hauptleute fallen auf die Kniee und beten um Sieg für Kilian.) Ulysses . Ha, halte Dich brav, Kilian! Die Ehre der ganzen Armee hängt an diesem Kampf. Ach Himmel, nun ist es vorbei mit uns, nun kriegt der Feind die Oberhand! Sollen wir hin und ihm beistehen? Holofernes . Nein, das wäre gegen die Kriegsregel. Ulysses . Es ist auch schon nicht mehr nöthig, Herr General, ich sehe schon, er erholt sich wieder. Hei, frischen Muth, Kilian! Der Sieg ist wahrhaftig Dein! Schon wendet der Feind den Rücken; wir sind gerettet! (Alle erheben ein großes Freudengeschrei und Kilian verfolgt den Marcolfus bis ans Thor. Kilian wird im Triumph ins Lager geführt und unter dem Schall der Trompeten wird ihm ein Lorbeerkranz aufs Haupt gesetzt.) 117 Dritter Akt. Erste Scene. Die Hauptleute der Armee. Kilian . Ulysses . Ihr Herren! Nach der letzten Victorie und Hectors Tod können wir sofort die Königin von Asien angreifen, ich meine die stolze Stadt Troja, deren dreidoppelt gethürmte und mit Ziegelsteinen gedeckte Mauern unserer Macht nicht lange widerstehen werden. Aber bevor wir zur Belagerung schreiten, scheint es mir das Beste, daß wir einen Wahrsager um Rath fragen, damit er den alten und in solchen Fällen gebräuchlichen Sitten gemäß mit seiner schwarzen Kunst aus des Plutarchus mächtiger Wohnung den einen oder andern Geist heraufbeschwört, der uns den Ausgang der Belagerung verkündigen kann. Höre, Kilian, lasse den in natürlichen Wissenschaften fast göttergleichen Tiresius hereinkommen. Kilian . Ich weiß nicht, Herr, ob dergleichen Ambassade mir anständig ist. Doch bin ich bereit, zu gehen: denn mich gelüstet selbst zu wissen, wie dieser Krieg ablaufen wird. (Geht ab.) Ulysses . Der große Tiresius, Ihr Herren, ist zwar blind, sieht aber doch Dinge, die uns verborgen sind. Seine Blindheit rührt davon her, daß er nämlich einmal zum Schiedsrichter erwählt wurde zwischen dem Gott der Arzneikunst und der Musik, Apollonius, und Pan, dem Oberförster der Götter, um zu entscheiden, wer von ihnen das edle und fast göttlich zu erachtende Instrument Chitara am besten spiele. Tiresius, unvorsichtig, 118 wie junge Leute sind, sprach Pan den Sieg zu und dafür wurde er von dem himmlischen Doctor medicinae Apollonius mit Blindheit bestraft. Da er sich aber deshalb beim Jupiter beschwerte, fühlte der Göttermonarch seine Eingeweide von Mitleid über Tiresius ergriffen, also daß er ihn mit der Macht begabte, die Geister aus des höllischen Gottes Plutarchus Wohnungen heraufzubeschwören, von denen er die Zukunft kann zu erfahren kriegen. Aber da sehe ich ihn kommen. Zweite Scene. Tiresius . Kilian . Die Vorigen . Ulysses . Höre, Du weiser Tiresius, welchen die Götter mit zukünftiger Dinge Erkenntniß begabten! Wir griechische und mesopotamische unüberwindliche Helden haben Dich hierher entboten, um von Dir zu erfahren, wie lange wir noch liegen werden vor der dreidoppelt ummauerten Stadtkönigin Troja, bevor wir sie überwinden. Wir wissen, daß Dir kein Ding verborgen ist. Nestorius selbst überragst Du an Alter und Verstand um so viel, wie der Glashimmel die Erde. Sag' uns daher unbeschwert, wie dieser Krieg ausfallen wird, und zürne nicht, daß wir Dich von Deiner Herde gerufen und Deine Ruhe gestört haben. Tiresius . Ihr edlen griechischen und mesopotamischen Helden, die Ihr mit Euren mannhaften und großen Thaten alle Enden der Welt erfüllet habt, Ihr seid allzusammen Narren und habt Euch in Pechstiefeln fangen lassen; geht hübsch wieder nach Hause und habt Acht auf Eure eigenen Weiber und laßt mich in Ruhe. (Will gehen.) Ulysses . Halt', Du alter halsstarriger Mann, wir lassen Dich nicht los, bevor Du unser Verlangen nicht erfüllt hast! Tiresius . Ich bin vor Alter ermattet, meine Zeit ist um, und mein Wahrsagergeist längst von mir gewichen. Ulysses . Höre, mein treuer Diener Kilian, laß diesem 119 halsstarrigen Mann goldene Ketten anlegen und wirf ihn ins Gefängniß. Kilian (leise) . Wo soll ich die goldenen Ketten herkriegen? Wenn der General selbst sich aufhängen wollte, so müßt' er mit einem bloßen Strick vorlieb nehmen. Aber ich kann ja ebenfalls einen alten Strick nehmen; so gut wie ein Besen für einen Oelzweig, kann ja auch ein Strick für eine goldene Kette passiren. Tiresius . Ihr edlen Ritter, schont meines Lebens! Es geschieht ja nicht aus bösem Willen oder aus Halsstarrigkeit, daß ich mich weigere, Euch den Ausgang des Krieges zu verkündigen, sondern weil meine Weissagung etwas Trauriges mit sich führt, was das ganze Kriegsheer erschrecken wird. Ulysses . Sprich nur frei heraus und verhehle uns nichts. Tiresius . Weil Ihr mir denn befehlt, Alles rein heraus zu sagen, so will ich Euch auch nichts verhehlen. Troja kann nicht überwunden werden und Ihr könnt nicht als Sieger zurückkehren, wenn nicht Ulysses' treuer Diener, der kluge und mannhafte Kilian, den Opfertod stirbt für das gesammte Kriegsheer. (Geht ab.) Ulysses . Ei, nichts weiter? Das thut mein treuer Diener Kilian mit Vergnügen. Kilian (leise) . Ja richtig, der Teufel soll den holen, der das thut. Ulysses . Kenne ich ihn recht, so wird er sich selbst dazu erbieten. Kilian (bei Seite) . Den Teufel magst Du kennen! Ich müßte ja toll sein, wenn ich das thäte. Ulysses . Er wird es mit Freuden thun. Kilian (leise) . Welch ein verwünschtes Gewäsche! Ich sähe ja lieber das ganze Kriegsheer am lichten Galgen, ehe ich nur den kleinen Finger dafür opferte. Ulysses . Höre, Kilian, ich verkündige Dir eine freudige Botschaft: die Götter haben Dich auserwählet, das Werkzeug zu sein, durch das wir allein zum Siege gelangen. Das Orakel sagt, daß Du Dich opfern sollst, um mit Deinem Tode das ganze Kriegsheer zu retten. 120 Kilian . Nein, Herr, das Orakel ist wol nicht richtig im Kopf, sonst könnt' es so etwas nicht verlangen. Ulysses . Giebt es eine angenehmere Botschaft für eine edle Seele, die ihr Vaterland liebt, als zu sterben für seine Rettung? Kilian . Das ist eine schöne Botschaft: freue Dich, Du sollst hängen. Ulysses . Hier helfen keine Redensarten, Kilian, willst Du Dich nicht freiwillig dazu bequemen, so werden wir Dich mit Gewalt dazu nöthigen. Kilian . Ach, Ihr guten Herren, seid doch nicht so eilig, Christenblut zu vergießen. Das Orakel kann es ja unmöglich so gemeint haben. Dieser Tiresius ist ja so alt, daß er schon wieder ganz kindisch geworden ist. Erst entschuldigte er sich selbst, er könne vor Alter nicht mehr weissagen: aber wir haben ihn durch Drohungen gezwungen zu weissagen, und da hat er nun, blos um wieder auf freien Fuß zu kommen, so etwas hingeplappert, das Erste das Beste, was ihm in den Mund gekommen ist. Uebrigens ist hier noch ein anderer bekannter Prophet, mit Namen Nabucodonosor. Der treibt das Geschäft schon seit vielen Jahren mit großem Glück und wird weit höher geschätzt als Tiresius; laßt uns erst hören, was der meint. Er wird sich eine Ehre daraus machen, uns aus freien Stücken unser Schicksal zu verkünden. Denn wenn man Propheten zwingt, so wahrsagen sie nie was Gutes. Wahrsagen und Versemachen, das muß ohne Zwang geschehen. Mithridates . In dem Punkt hat Kilian nicht ganz Unrecht. Ulysses . Laßt den Propheten denn sofort hierherkommen. Kilian (leise) . Nun will ich die doch wahrhaftig brav zum Narren halten: ich werde selbst den Propheten agiren und werde gerade das Gegentheil wahrsagen. (Geht ab.) Mithridates . Von dem Propheten Nabucodonosor hab' ich schon viel sprechen hören. Sein Wahrsagergeist soll die Uebrigen sämmtlich übertreffen; können wir ihn dazu vermögen, so sagt er uns den Ausgang des Krieges ohne Zweifel pünktlich voraus. 121 Ulysses . Aber gesetzt nun, daß seine Wahrsagung der des Vorigen ganz widerspricht, wem sollen wir da glauben? Mithridates . Das Richtigste scheint mir, daß wir dem glauben, der ungezwungen wahrsagt. Denn des Tiresius Rede, das sieht Jeder, war nicht ganz ohne Bosheit, er war trotzig und erbittert und wollte uns Böses erweisen. Wenn er nun gesagt hätte, es wäre der Wille der Götter, den General selbst zu opfern, würden wir es deshalb gethan haben? Das freilich geb' ich zu, wenn der zweite Prophet wieder dasselbe sagt, so müssen wir es thun. Aber wir müssen uns auch anders gegen ihn benehmen und müssen ihm eine gute Belohnung versprechen, im Fall der Ausgang mit seinen Worten übereinstimmt. Ulysses . Aber was meinen Euer Hoheit, was wir mit dem Andern machen, falls wir vernehmen, daß er uns wirklich betrogen hat? Mithridates . Wir wollen ihn mit Verachtung behandeln. Denn sich mit Poeten und Propheten einzulassen, das dient zu nichts. Einen Propheten umbringen, heißt ihn zum Märtyrer machen, und einen Poeten bestrafen, heißt nicht selten ihm eine Ehrensäule errichten. Aber da seh' ich einen Mann kommen in seltsamer Tracht; ohne Zweifel ist das der Prophet. Dritte Scene. Kilian , mit einem langen Bart und einem breiten Hut, den er tief in die Augen gedrückt hat. Die Vorigen . Kilian (mit verstellter Stimme) . Ihr tapfern Helden, Ihr sehnt Euch, den Ausgang des Krieges zu wissen. Denn letzte Nacht erschien mir Einer im Traume, der sagte: Mache Dich auf und gehe in das Lager der Griechen, sage den Anführern alles, was Dir in den Mund gelegt werden wird, widerlege des Tiresius falsche Worte und hindere den Mord, welchen er gerathen hat zu begehen an dem im Militär- und Civildienst unvergleichlichen Manne Kilian. 122 Ulysses . So hat uns also Tiresius zuerst falsche Dinge berichtet? Kilian . Ganz gewiß. Aber Ihr selbst wart schuld daran, weil Ihr nämlich Hand gelegt habt an einen Propheten und habt ihn genöthigt, gerade das zu verkündigen, was allein die Ursache Eures Unglücks geworden wäre. Denn just an dieses Kilians Erhaltung ist die Wohlfahrt des ganzen Kriegsheeres geknüpft. Ulysses . Ach, sage uns doch unverhohlen, o weiser Mann, was wir thun sollen, und welchen Ausgang der Krieg nehmen wird? Kilian . Es ist der Götter Wille, daß Ihr den großen Kilian keiner Gefahr aussetzen sollt, denn wofern ihm etwas zustößt, wird dieser ganze Krieg ein unglückseliges Ende nehmen. Das wußte Tiresius voraus und deshalb, aus Rachgier, rieth er Euch ihn aufzuopfern. Ihr sollt ihn daher bei der Belagerung schonen und ihn nie ins Gefecht führen, sondern Euch seiner allein als eines guten Rathgebers bedienen. Der Krieg wird übrigens nicht lange dauern, sondern Ihr werdet Troja endlich zerstören und triumphirend in Euer Vaterland zurückkehren. Das ist alles, was mir befohlen ward, Euch zu verkündigen, Ihr edlen Ritter; nun laßt mich wieder in meine Wohnung zurückkehren. Ulysses . Ach, weiser Mann, zürne nicht, daß wir Dich noch um Eines fragen: sag' uns, woran sollen wir denn wissen, daß Dein Wort richtiger ist als das des Tiresius? Kilian . Ihr ungläubigen Menschen, woher sollte ich denn wissen, was Ihr vorhin mit dem Tiresius verhandelt habt, wäre es mir nicht offenbaret worden? Wie könnte ich es Euch wiedersagen, und zwar mit allen Umständen? Ulysses . Wir dachten, Du hättest Dich vielleicht mit unserem Botschafter deshalb besprochen. Kilian . Beim Gott der Wahrsagung, Apollonius, schwöre ich, daß ich heute mit keinem Menschen gesprochen, bevor ich hierhergekommen bin. Ulysses . Sage mir denn unbeschwert, wer ich bin. 123 Kilian . Du bist der große Ulysses von Ithacia, Deine Gemahlin ist Penelope, Dein einziger Sohn, welcher drei Jahre alt ist, heißt Telemachus, Deine Tochter Rosmarina. Hier steht Mithridates, König von Mundien, und hier Holofernes, Graf von Bethulien. Ulysses . Ja, nun sehen wir, daß Dir nichts verborgen ist, Du weiser Mann. Kilian . So laßt denn inskünftige Euren Unglauben fahren. (Geht ab.) Mithridates . Dieser, das konnte man hören, war ein richtiger Prophet. Ulysses . Sogar vergangne Dinge sind ihm bekannt. Mithridates . Also müssen wir auch seinem Rathe folgen. Ulysses . Wir wollen schnell Ochsen und Schafe schlachten, ihm ein Opfer anzurichten. Mithridates . Erst müssen wir warten, bis Kilian zurückkommt, da wir ja doch in Zukunft nichts thun dürfen ohne seinen Rath. Aber da sehe ich ihn kommen, er sieht sehr betrübt aus. Vierte Scene. Kilian in seiner frühern Tracht. Die Vorigen . Kilian . Ach, ich armer Mensch, ich kann den Propheten nicht finden, den ich suche und der mich hätte retten können! Inzwischen, wenn ich es recht bedenke, so habe ich keinen Grund mich zu betrüben, im Gegentheil: freuen muß ich mich darüber, daß durch meinen Tod die Armee gerettet und der Sieg erworben werden soll. Ach, Ihr edlen Ritter, ich hab' es mir nachträglich überlegt, welche Ehre es für mich ist, auf diese Art aufgeopfert zu werden. Darum will ich mit Freuden sterben und begehre nur, daß man mir eine Ehrensäule errichtet mit folgendem Peritaphium: Hier ruhet der große Kilian – Na, das Uebrige wird Euch wol noch selbst einfallen. Ulysses . Nein, mein treuer Diener, das sei ferne, Deine Person ist allzu kostbar, um aufgeopfert zu werden; denn an 124 Dein Leben ist die Rettung des ganzen Kriegsheeres geknüpft. Kilian . Nein, Ihr guten Herren, nachdem das Smaraculum mir einmal mein Urtheil gesprochen, so will ich nun auch nicht länger leben. Ulysses . Wir haben seitdem einen andern Aufschluß bekommen: Du sollst leben und sollst bewahrt werden wie das Auge im Kopfe, als das kostbarste Kleinod und Palladium. Kilian . Bei Euch regiert der Neid, das merk' ich schon, und darum, wenn Ihr mich nicht opfern wollt, so opfere ich mich selbst. (Er zieht sein Messer heraus, die drei Anführer fallen auf die Kniee und bitten ihn, doch nur erst zu hören, was geschehen ist.) Steht nur wieder auf und laßt mich hören. Ulysses . Während Du fort warst, ist der große Prophet Nabucodonosor aus freiem Antrieb zu uns gekommen und hat uns aufgeklärt über des Tiresius falsche Weissagung: nämlich weil er gewußt hat, daß an Deine Erhaltung die Wohlfahrt des Kriegsheeres geknüpft ist, so hat er uns aus Rachgier gerathen, Dich aufzuopfern. Deswegen darfst Du auch von jetzt an keiner Gefahr mehr ausgesetzt werden. Kilian . Wie doch? will man mich zum Spitzbuben machen? Nein, das geschieht nimmermehr. Mein Muth ist zu groß, mein Herz zu tapfer, als daß ich aus irgend einem Gefecht zurückbleiben sollte; wo die Gefahr am größten, da will ich dabei sein! Ulysses . Nein, Kilian, das erlauben wir nimmermehr! Kilian . Soll ich die Hände in den Schooß legen, wo die Anderen ihr Leben wagen? Nein, ehe ich mich dazu entschließe, eher will ich sterben! Ulysses . Ach, Kilian, zähme doch Deinen martialischen Muth! Kilian . Das ist mir unmöglich, dazu bin ich zu sehr Feuer und Flamme; meine Hauptpassion ist es eben, einem mannhaften Feinde unter die Augen zu treten. Die Anführer (wieder auf die Kniee) . Ach, Kilian, moderire doch Deine Hauptpassion, unsere ganze Wohlfahrt ist an Deine Erhaltung geknüpft! 125 Kilian . Steht nur wieder auf, ich will mir Mühe geben, meine Hitze so viel als möglich zu bezwingen. Ulysses . Wenn die Stadt eingenommen ist, sollst Du das Recht haben, das Köstlichste der ganzen Beute vorweg zu wählen, während der Belagerung aber soll Dein Geschäft darin bestehen, daß Du dem Feinde die Zufuhr verhinderst, deshalb sollst Du auf diesem Posten stehen bleiben, während wir die Stadt angreifen. Bleib' Du hier mit der Reiterei, welche wir Dir übergeben. Nun soll es aber auch mit der Belagerung gleich los gehen. (Sie gehen ab.) Fünfte Scene. Kilian allein. Kilian . Diese Kerle, merk' ich schon, kann ich zum Narren halten wie ich will; wär' ich jetzt nicht auf den Einfall gekommen, den Propheten zu agiren, sie hätten mich wahrhaftig aufgeopfert. Es soll mir ein wahres Vergnügen sein, wenn ich sie noch weiter vexiren kann; denn sie haben alle ein Bret vor dem Kopf. Nun gebt mal Acht, wie vortrefflich ich mit meinem Regiment Reiterei auf Posten stehe. Ist das nicht ein schönes Regiment? Lauter starke und handfeste Kerle, schöne Pferde, prächtige Montur! Ich glaube wirklich nicht, daß man jemals solch ein Regiment Reiter gesehen hat. Hört, Kerle, paßt wohl auf, daß niemand in die Stadt kommt; wird nur das kleinste Schinkenbeinchen hineinpracticirt, so lasse ich das ganze Regiment hängen. Hört Ihr wol? Die dummen Hunde können nicht antworten. Auf mein Wort, wie ich gesagt habe, so geschieht's! Wer da? (Läuft um das Theater.) Wo willst Du hin! Nach Troja willst Du, so? Hast Du auch einen Paß? Ohne Paß kommst Du keinen Schritt weiter. Willst Du zurück, sag' ich? Zurück! oder es geht Dir schlecht! So, pack' Dich fort, hier kommt niemand in die Stadt ohne Paß, nicht eine graue Katze. Aber da seh' ich ja einen andern alten Schelm kommen, den muß ich examiniren. 126 Element, es ist ja mein Herr Ulysses! Wo zum Henker hat der in der Schnelligkeit den langen Bart hergekriegt? Sechste Scene. Ulysses . Kilian . Ulysses . Nun ist es schon das zehnte Jahr, daß wir vor Troja liegen und haben unterdessen so manchen großen Anführer verloren, selbst unsern General Holofernes, der bei dem großen Ausfall vor drei Jahren so unglücklich umkam. Kilian (leise) . Merkt Ihr wol, Messieurs? Ist das nicht verteufeltes Zeug? Zehn Jahre habe ich hier gestanden! Ich will nicht disputiren, ob das zehn Jahre sind oder nicht; aber das weiß ich, daß ich in der ganzen Zeit nichts Nasses noch Trocknes gekriegt habe, ja ich glaube, ich könnt' es noch zehn Jahre aushalten. Ulysses . Ach, mein treuer Diener Kilian, wie freue ich mich über diese Ausdauer, mit der Du noch jetzt auf demselben Posten stehst, auf den ich Dich vor zehn Jahren beordert habe. Kilian . Meiner Treu, nicht von der Stelle hab' ich mich seitdem gerührt. Aber was haben die Andern unterdessen ausgerichtet? In so langer Zeit und mit solch großer Macht, dächt' ich, hätte man ja können die ganze Stadt in Trümmer werfen. Ulysses . Jetzt haben wir uns auch vorgesetzt, einen Generalsturm zu thun und entweder alle umzukommen oder die Stadt zu erobern. Du bleibst inzwischen hier und siehst wohl zu, daß keine Zufuhr in die Stadt gebracht wird. Siebente Scene. Kilian allein. Kilian . All dies Zeug kommt mir vor, als wär' es eine deutsche Komödie: denn wenn ich mich auf den Kopf stellte, so 127 kann ich nicht begreifen, wie zehn Jahre so rasch vergehen können. (Zu den Zuschauern) Hört, Ihr guten Leute, daß sich Keiner von Euch untersteht, auch nur eine Bretzel in die Stadt einzuführen, sonst kriegt er es mit mir zu thun. Aber horcht, welcher Lärm! Die Stadt ist über: ich höre die Einen Victoria rufen und die Andern Quartier! Wir wollen inzwischen hier stehen bleiben, die Zufuhr zu hindern. Aha, jetzt wird schon unsere Fahne auf die Mauern gepflanzt! Ja, nun mag der Teufel hier länger stehen bleiben, wir müssen auch sehen, daß wir etwas von der Beute abkriegen. 128 Vierter Akt. Erste Scene. Ulysses . Kilian . Ulysses . Ach, Kilian, ich habe alle Mittel versucht, den Zorn des Neptunus zu besänftigen, aber Gebete, Opfer, alles ist vergebens. Nun flankiren wir schon zwanzig Jahre seit Troja's Eroberung so von einer Stelle zur andern, bis wir hierhergekommen sind nach Cajanien Bei seiner Krönung im Jahre 1607 hatte König Karl  IX. von Schweden sich den Titel »König der Lappen und Cajaner« zugelegt, von dem freilich niemand recht wußte, was er bedeuten sollte. Doch existirt in der That eine alte Homannsche Landkarte, auf der die Provinz Ostbothnien in dem früher zu Schweden gehörigen Finnland (wo es noch jetzt ein Städtchen Cajana oder Cajaneborg giebt) mit dem Namen »Cajanien« bezeichnet wird A.d.Ü. , wo die Königin Dido uns zwar versprochen hat, uns mit Schiffen zur Fortsetzung unserer Reise zu unterstützen – aber ach, die Zeit vergeht, und ich fürchte, es wird noch länger dauern, als wir denken. Denn ich fürchte etwas, woran ich nicht einmal zu denken wage – ich fürchte . . . Kilian . . . Kilian . Na, was fürchtet der Herr? Ulysses . Ich fürchte, Dido ist in mich verliebt! Kilian . Kann sein . . . . Ulysses . Ach, ich unglückseliger Mann! Wenn das wirklich so ist, Kilian, so kommen wir hier niemals wieder weg. Kilian . Will der Herr mir nicht übel nehmen, wenn ich ihn frage, wie alt der Herr war, da wir vom Hause reisten? Ulysses . Ich war in der Blüte meines Alters, nicht über vierzig Jahre. Kilian . Gut: erstlich vierzig Jahre und nachher zehn Jahre bei der Belagerung macht ein halbes Hundert; zwanzig Jahre auf der Heimreise, das macht siebzig. Die gute Dido ist vermuthlich eine große Liebhaberin von Antiquitäten, daß sie so 129 kalt ist gegen so viel junge Leute, unter denen sie die Wahl haben könnte, und verliebt sich in einen steinalten Graubart. Ulysses . Höre, Kilian, solche Raisonnements mag ich nicht hören, Du scheinst mir eine ganz falsche Rechnung zu machen. Ich bin noch in meinem besten Alter; was Du mit Augen siehst, daran darfst Du nicht länger zweifeln. Wenn Du Schnee siehst mitten im Sommer, so darfst Du nicht sagen, das ist nicht möglich, das kann kein Schnee sein, denn es ist ja Sommer; es muß Dir genug sein, daß Du den Schnee in der That siehst. Kilian . Ich merke schon, Herr, daß ich in allem, was uns geschehen ist, die Vernunft gefangen geben muß. Ich will auch nicht mehr daran zweifeln, sondern lieber darauf denken, wie wir uns aus dieser Schlinge erretten können. Ulysses . Auf welche Weise wollen wir uns denn retten von einem Unglück, das einmal über uns verhängt ist? Kilian . Da ist kein anderes Mittel, als daß wir uns heimlich aus dem Lande schleichen. Ulysses . Da hast Du auch Recht, Kilian. Ich muß gleich hin und die Sache mit meinen treuen Gefährten überlegen, bleib' Du nur so lange hier. Zweite Scene. Kilian allein. Kilian . Hätt' ich doch nur eine Prise Tobak, daß ich Luft kriegen könnte; es ist mir, als wär' ich verrückt im Kopfe. Wenn mein Herr zurückkommt, sagt er ganz gewiß wieder, daß zehn Jahre vorbei sind, seit er das letzte Mal mit mir gesprochen. Fünf- bis sechstausend Jahre werden wir wol werden, bis wir in unser Vaterland zurückkommen. Denn, wie ich merke, gehen wir nicht mit der Zeit, sondern die Zeit läuft vor uns, und wir bleiben stehen. Sieh, hier hab' ich noch ein Stück englischen Käse, den ich vor dreißig Jahren mit von Ithacien genommen habe und der noch ganz frisch ist. Auch ist es nicht allein die Zeit, die vor uns läuft, sondern die Erde, auf der wir stehen, 130 macht es ebenso. Denn manchmal, wenn ich meine Pfeife anstecke, sind wir im Osten der Erde, und wenn ich die Pfeife ausgeraucht habe, sind wir im Westen. Dritte Scene. Ulysses . Kilian . Ulysses . Ach, Himmel, ist es möglich, daß so etwas in der Natur stattfinden kann?! Kilian . Was ist denn nun wieder los, Euer Gnaden? Ulysses . Ach, Kilian, niemals hätte ich mir so etwas vorstellen können, wenn ich es nicht selbst mit diesen meinen Augen gesehen hätte. Kilian . Was ist es denn, Herr? Ulysses . Ach, Dido! Dido! Was habe ich Dir Böses gethan, daß Du solche Zauberkünste ausübst gegen meine treuen Gefährten? Kilian . Sind sie denn verhext? Ulysses . Höre, Kilian, die wundersamste Historie, die sich jemals zugetragen hat von Deukalions Flut bis auf diese Stunde. Ich habe in den vier Wochen, seit ich zuletzt mit Dir sprach . . . . Kilian . Sind das nicht mehr als vier Wochen? Ich dachte, es wären vier Jahre. Ulysses . Ich habe, sag' ich, in den vier Wochen mit meinen Gefährten überlegt, wie wir heimlich von hier wegreisen möchten. Schon waren wir bereit, an Bord zu gehen, als Dido, die den Braten gerochen hatte, um unsere Abreise zu hindern, durch Zauberkunst alle meine Gefährten in Schweine verwandelte. Kilian . Ei, das ist ja gar nicht möglich, gnädiger Herr; (Leise) nämlich, weil es schon vorher Schweine waren. Ulysses . Ach, es ist nur allzu gewiß, Kilian! Ich dachte, meine Augen täuschten mich, und redete sie an; aber die Sprache hatte sie ihnen auf dieselbe Weise verändert wie die Gestalt, und statt mir zu antworten, grunzten sie mich an. Sofort ergriff ich 131 die Flucht, aus Furcht, ich möchte ebenfalls in ein Schwein verwandelt werden. Aber sieh, da kommen sie; ich getraue mich nicht länger hier zu bleiben. (Geht weinend ab.) Vierte Scene. Ulysses' Gefährten kriechen auf Händen und Füßen und grunzen wie Schweine. Kilian . Kilian . Ha ha ha ha ha ha! Ei so hol' Euch der Henker alle mit einander! Hab' ich mein Lebtag solche Tollheit gesehen! Die Schweine . Oeh Oeh Oeh Oeh Oeh Oeh Oeh Oeh Oeh Oeh. Kilian . Hört, Kerle, welcher Teufel reitet Euch? Seid Ihr verrückt? Die Schweine . Wir sind Schweine, Gevatter. Oeh Oeh Oeh Oeh. Kilian . Den Teufel mögt Ihr Schweine sein! Die Schweine . Oeh Oeh Oeh Oeh Oeh Oeh. Kilian (fängt an ebenfalls zu kriechen) . Oeh Oeh Oeh! Hört, Kerle, ist das auch sicher, daß Ihr Schweine seid? Die Schweine . Oeh Oeh Oeh Oeh. Kilian . Nun, wenn Ihr Schweine seid, sollt Ihr auch wahrhaftig Schweineconfect bekommen. Gleich freßt mir den Dreck, der hier liegt. Die Schweine . Wir sind nicht hungrig, Gevatter. Oeh Oeh Oeh. Kilian (prügelt sie mit einer Peitsche) . Fort, sag' ich! Eßt mir diesen Dreck auf, oder ich schlage Euch Euren Schweinerücken in Stücke. Fort, fort! Seid Ihr Schweine, so ist das ja Eure beste Kost. (Prügelt sie tüchtig. Die Schweine richten sich auf, werden wieder Menschen.) Die Schweine . So wahr wir ehrlich sind, so sollt Ihr uns diese Schläge bezahlen, mein guter Mosje Wegener! Ist das nicht unverschämt, die ganze Historie so zu verderben? (Laufen fort.) 132 Fünfte Scene. Ulysses . Kilian . Kilian . Ich habe die Geschichte nicht verdorben, ich habe sie blos wieder zu zweibeinigen Schweinen gemacht, was sie vorher waren. Aber da kommt mein Herr zurück. Ulysses . Ach, Kilian, sind sie wieder fort? Kilian . Ja, Herr, sie sind fort und gehen wieder auf zwei Beinen wie vorher. Ulysses . Sind sie keine Schweine mehr? Kilian . Das sag' ich nicht, das sei ferne von mir; aber ich habe sie durch meine Arzenei so weit gebracht, daß sie wieder auf zwei Beinen stehen. Ulysses . Ach, Du großer Sohn des Aesculapius! Du bist würdig, daß Dir zu Ehren Tempel und Altäre errichtet würden. Von welchem Gott oder Göttin hast Du diese himmlische Kunst erlernt? Kilian . Ich legte mich ein bischen aufs Feld und beweinte mit bittern Thränen das Unglück unserer Leute. Mitten im Weinen fiel ich in den Schlaf, und da offenbarte sich mir die Göttin der Arzneikunde Proserpina (denn so heißt sie ja wol?) und sagte: Kilian, ich habe dein Weinen und dein Bitten erhört. Stehe auf und schneide einen Zweig von der ersten Birke, die du findest zu deiner linken Hand, das ist ein heiliger Baum, der noch keines Menschen Hand berühret hat. Sobald du deine Landsleute damit berührst, werden sie sich aufrichten und auf zween Beinen wandeln als zuvor – und so geschah es auch. Ob sie noch Schweine sind oder nicht, das kann ich nicht sagen; gewiß ist nur, daß sie aussehen wie zuvor, auf zwei Beinen gehen und sprechen. Denn sie zankten mit mir, weil ich sie ein bischen stark mit dem heiligen Zweig berührt hatte. Ulysses . Ach, Kilian, mein Erretter! Laß Dich umarmen! Kilian . Serviteur; es sollte mir ein Vergnügen sein, wenn der Herr auch ein Schwein würde, damit ich das Vergnügen haben könnte, ihn ebenfalls zu curiren. 133 Ulysses . Höre, Kilian, wir müssen machen, daß wir fortkommen, das Schiff ist ganz fertig. Laß uns unsere Leute sammeln, damit wir in aller Stille rasch davon kommen. Sieh, da ist Dido, wir müssen laufen. (Sie gehen ab.) Sechste Scene. Dido . Rasmus . Dido . Ach, wer hätte denken sollen, daß ich, die ich so lange als Muster der Keuschheit und Unempfindlichkeit dagestanden, jetzt im zehnten Jahre meines Wittwenstandes von Liebesfeuer entbrennen sollte? Ach Ulysses, unglückselig war die Stunde, da Du Deinen Fuß an die Küste Cajaniens setztest, unglückselig der Wind, der Dich hierherbrachte, unglückselig die Welle, welche den Schiffbruch veranlaßte, in welchem meine Ehre und Reputation ebenfalls Schiffbruch erleiden! Ach, Diana, Diana, was habe ich wider Dich gesündiget, daß Du auf solche Weise mein Herz mit Deinen Liebespfeilen verwundest? Rasmus . Gnädige Frau wollen sagen Cupido. Dido . Ja, richtig; ach Cupido, Cupido, Du hast mein Herz verwundet zum Tode und mich entzündet mit einem solchen Liebesfeuer, daß ich keine Linderung habe bei Tag noch bei Nacht! Rasmus . Hole der Henker den Cupido; er hätte müssen den Ulysses ebenfalls verwunden. Aber ich kenne den Schlingel; schießt er einen verliebten Pfeil auf den Einen, welcher liebt, so schießt er gewöhnlich einen kaltsinnigen Pfeil auf den, welcher geliebt wird, blos um die Leute desto mehr zu plagen. So ist es mir ergangen; alle, in welche ich verliebt bin, wenden mir den Rücken, und die ich nicht ausstehen kann, brennen von Zärtlichkeit gegen mich. Und solchem Kerl soll man noch Tempel errichten und Opfer bringen; ist er das wol werth? Den Teufel 134 sollte er kriegen, nicht Opfer oder gutes Räucherwerk, weder er, noch seine Mutter. Dido . Ach, Rasmus, es ist gewiß so, wie Du sagst. Ich habe dem Ulysses unterschiedene Liebeszeichen gegeben, aber ich merke nichts an ihm als Kaltsinn. Und heute hat er sich vorgesetzt, sich heimlich aus dem Lande zu stehlen, ja vielleicht wäre er schon fort, hätte ich nicht bei Zeiten den Braten gemerkt und hätte seine Gefährten in Schweine verwandelt, in welchem Zustande sie bleiben sollen, bis er sich entschließt . . . . Rasmus . Zu was soll er sich entschließen? Dido . Ei, wie Du so einfältig fragst: bis er sich entschließt – zu dem, was ich verlange. Rasmus . Und was verlangt Euer Gnaden? Dido . Je nun, was verlangt ein verliebtes Herz? Rasmus . Ei ja doch, ich verstehe wol, was Euer Gnaden meinen, ich frage nur blos so . . . . Dido . Was Du weißt, danach brauchst Du nicht erst zu fragen. Rasmus . Ja, das hat so seine Gründe. Aber da kommt Elisa, der Athem stockt ihr im Halse. Sie sieht aus, als wäre sie ebenfalls verliebt. Vermuthlich in einen von Ulysses' Gefährten, die in Schweine verwandelt sind. Wenn das so ist und sie ist wirklich in einen von ihnen verliebt, so hat sie die Schweinesucht am Halse. Siebente Scene. Elisa . Dido . Rasmus . Elisa . Ach, welche Zeitung bringe ich! Was wird meine Madame sagen, wenn sie erfährt, daß Ulysses' Gefährten, die wir durch unsern Zauber in Schweine verwandelt hatten, wieder Menschen geworden sind und fix und fertig dastehen zur Abreise?! Dido . Ist das wahr, was Du sagst, Elisa? Elisa . Ja, ich schwöre es bei allem, was heilig ist. 135 Dido . Dann muß ich hinauf in die Luft und muß meine Kunst auf eine andere Manier üben. (Sie bläst auf einer Pfeife, worauf ein Drache aus der Luft hernieder kommt, auf welchen Dido sich setzt und in die Höhe geführt wird.) Achte Scene. Rasmus . Elisa . Rasmus (mit der Nase an der Erde) . Ach, Elisa, ist der Drache fort? Elisa . Ja, steht nur wieder auf. Rasmus . Ach, war das ein Beest von einem Drachen! Ich bin nur bange, daß er wieder kommt. Ich will Dir was sagen, Elisa: ich habe nicht Lust hier länger zu dienen; denn da könnte wieder einmal solch eine Carnalie von Drachen kommen und mich ebenfalls entführen. Elisa . Darum mach' Dir keine Sorge, solch ein Schwein, wie Du bist, kommt nicht dazu, auf höllischen Drachen zu reiten, die Ehre erweist Jupiter blos Regenten, Propheten und Prophetinnen. Rasmus . Ach, wie gut ist das, daß ich weder Regent noch Poet noch Poetin bin. Aber Elisa, bist Du wol auch schon einmal von solchen Drachen in die Luft geführt worden? Elisa . O ja, mitunter, wenn Ihro Gnaden in den obersten Regionen der Luft sind und meiner bedürfen, so lassen Sie mich durch einen Drachen abholen. Rasmus . Wo wirst Du denn da hingebracht? Elisa . Einige tausend Meilen aufwärts in die Luft. Aber da fällt ein Brief hernieder, das ist gewiß eine Ordre von Ihro Gnaden. (Sie liest den Brief.) Element, Rasmus, Ihro Gnaden bedarf Deiner und schickt den Drachen, um Dich auf der Stelle abzuholen. Rasmus . Ach, Elisa, fahre Du statt meiner! Ich will Dir dienen mit Gut und Blut in allem, was mir möglich ist; Du kannst der Madame ja sagen, ich wäre krank. 136 Elisa . Ei was Possen, der Madame ihrer Ordre muß nachgelebt werden. Sieh, da kommt der Drache, nun mach' schnell! Rasmus (auf den Knieen) . Ach, Mosje Drache, schont mein Leben! (Je näher der Drache zur Erde kommt, je größere Titel giebt ihm Rasmus.) Ach, wohledler Herr Drache, schont mein Leben! Ach Euer Wohlwürden, nehmt lieber die Elisa! Ach, wohlgeborner Herr Drache, verschont mich! Ich habe niemals reiten können, nicht einmal auf einer Kuh, geschweige denn auf einem Drachen! Ach, wohlgeborner Herr Skorpion! Ach, Euer Drachenexcellenz! Ach, Euer Gnaden! Ach, Euer Drachenmajestät! Ach, Herr Kaiser! Ach, Herr Papst! Ach . . . .! (Elisa zieht ihn mit Gewalt zum Drachen und nöthigt ihn, sich auf denselben zu setzen; der Drache führt ihn in die Luft. während er aus vollem Halse schreit.) Neunte Scene. Elisa allein. Elisa . Ich habe herzliches Mitleid mit meiner Madame wegen ihrer Liebe; denn wie ich merke, hat dieselbe solchen Grad erreicht, daß, wenn des ithacianischen Prinzen Herz sich ihr nicht zuneigt, eine Tragödie daraus wird, die nur mit seinem oder ihrem Tode endigt. Aber Eins nimmt mich Wunder, daß meine Madame, die doch so erfahren in der Zauberkunst ist und der alle Andern, so viel in der Luft schweben, willig dienen, mit ihren Künsten nicht im Stande ist, das Herz des Ulysses umzuschaffen. Vermuthlich geht es ihr wie gewissen andern Leuten, die über Wind und Wetter gebieten, sich und Andere in wilde Thiere verwandeln, in einem Augenblick tausend Meilen reisen und doch mit all ihrer Allmächtigkeit nicht selten Noth leiden und in Armuth sterben müssen. (Das Innere des Theaters öffnet sich und man sieht die Gefährten des Ulysses dastehen in weißen Hemden, die Hände aufrecht, mit Zweigen darin, gleichsam als wären sie in Bäume verwandelt.) Ach, Himmel, da sehe ich eine neue Wirkung von meiner 137 Madame ihren Künsten: Ulysses' Gefährten sind in Bäume verwandelt! So muß sie doch wenigstens wieder auf Erden sein; ich muß laufen. (Ab.) Zehnte Scene. Kilian mit einem Bündel auf dem Rücken. Kilian . Na, nun sind wir doch endlich so weit, daß die Reise losgehen wird, ich hätte meiner Treu nicht übel Lust, das Kammermädchen mitzunehmen; ich kann sie gut leiden, die hat, meiner Six, ein paar hübsche Brüste und außerdem . . . . Aber was Teufel seh' ich denn da? Hört, Kerle, seid Ihr verrückt? Ist das jetzt die Zeit, hier herumzustehen und Narrenspossen zu treiben? Ihr da, was soll die Narrheit bedeuten? (Einer von den Bäumen sagt: Wir sind Bäume. ) Kilian . Ei so will ich auch ein Baum sein. (Er nimmt zwei Zweige in die Hände und setzt sich in dieselbe Positur wie die Uebrigen.) Elfte Scene. Ulysses . Die Vorigen . Ulysses . Ach Himmel, was sehe ich hier?! Meine geliebten und treuen Gefährten sind durch Zauberkunst in Bäume verwandelt! Ach Dido, höre doch einmal auf, mich zu verfolgen! Bedenke, daß ich mich nicht aus Verachtung oder Kaltsinn weigere, Dir zu Willen zu sein, sondern aus Treue gegen meine allerliebste Penelope. Denn ehe ich gegen die nur die kleinste Untreue beginge, wollte ich ja lieber den schmachvollsten Tod sterben. (Geht auf die Bäume zu.) Ach, meine lieben Gefährten, wer soll Euch zum zweiten Male retten? Denn mein treuer Diener Kilian, durch dessen Hülfe Ihr neulich erlöst wurdet, befindet sich diesmal, wie ich sehe, in derselben Lage wie die Andern. Nach dem Exempel, das er mir gegeben, werde ich mich schlafen legen, vielleicht offenbart Aesculapius oder Apollo auch mir 138 ein Mittel, meine theuren Freunde zu erlösen. (Legt sich hin mit dem Gesicht nach unten; während dessen schlägt Kilian ihn mit seinem Zweig über den Kopf, setzt sich aber gleich darauf wieder in Positur.) Ah, ich merke schon, daß ein Gott oder eine Göttin mich berührt, ich muß mich nur wieder schlafen legen und ihre Hülfe erwarten. (Kilian giebt ihm mit der flachen Hand einen tüchtigen Schlag auf den Hintern und setzt sich sogleich wieder in Positur. Ulysses schreit und ergreift die Flucht.) Zwölfte Scene. Kilian . Die Vorigen . Kilian . Der Teufel mag hier länger stehen, die Arme sind mir schon ganz steif; laß die Schufte stehen, so lange sie wollen, ich und mein Herr können ja allein reisen. Aber bevor ich reise, will ich doch nach alter guter Sitte meinen Namen einschneiden zum Andenken in einen von diesen Bäumen, blos diese Worte: Kilian Peersen manu mea propria. (Sucht ein Messer und fängt an, dem Einen in den Rücken zu schneiden. Der fängt an zu schreien und fällt dem Kilian in die Haare, der wieder einen andern Baum bei den Haaren kriegt, so daß eine allgemeine Schlägerei entsteht, während deren sich das Innere des Theaters schließt.) Dreizehnte Scene. Dido . Rasmus . Dido . Höre Rasmus, ein ander Mal mußt Du Dich besser aufführen, wenn ich Dir so etwas befehle; Du bist nun ein gereister Mann und hast ohne Mühe und Gefahr Dinge gesehen, welche andere Menschen sich zu sehen glücklich schätzen. Rasmus . Ich hatte wirklich gar keine Angst, gnädige Frau. ich dachte blos, mich würde vor Schrecken der Schlag rühren; ich glaube auch nicht, daß ich es jemals verwinde. Uebrigens war ich doch neugierig genug, daß ich unterwegs ein paarmal die Augen öffnete, und da sah ich einen ganzen Klump Sterne auf einmal. Ich fürchtete blos, ich würde an den Mond stoßen, 139 dem ich so nahe war, daß, hätte ich ein Messer bei mir gehabt, ich ein Stück davon hätte abschneiden können. Denn wie ich bemerkte, ist er aus dem schönsten holländischen Käse gemacht, den man sich nur wünschen kann; wär' ich nicht so bange gewesen, hätt' ich Seine Excellenz den Herrn Drachen gebeten, mir ein Messer dazu zu leihen. Früher hatt' ich mir immer eingebildet, der Mond wäre nicht so groß wie ein Eierkuchen, so etwa von acht oder neun Eiern, und wenn Maria Anna im Monde säße, so dacht' ich mir, müßte die ihn mit ihrem dicken Hintern ganz verdunkeln, besonders wenn sie ihren Reifrock mit Fischbein anhätte. Aber jetzt sehe ich, daß er größer ist, als ich dachte; denn ich will darauf schwören, daß er so groß ist wie sechzehn von den großen Sonnenblumen, die bei uns im Garten stehen. Dagegen ist er so dünn wie ein Sträußelkuchen, so daß es lauter Lügen sind, wenn die Leute sagen, im Monde wohnen Menschen, zum mindesten können die nicht größer sein wie Käsemilben. Dido . Ei hör' doch auf mit Deinem dummen Geschwätz! Furcht und Schrecken haben Dich so verblendet, daß Du Dir einbildest, Dinge gesehen zu haben, die gar nicht existiren, Du bist blos einige Meilen in die Luft hinaufgekommen. Rasmus . Na wie viel Meilen glauben Euer Gnaden denn, daß es zum Monde ist? Nicht über fünfviertel Meilen, und ich will darauf schwören, daß ich nicht weit vom Glashimmel gewesen bin, welcher nach Jacob Schulmeisters Berechnung über acht Meilen von der Erde ist; ich konnte schon die Sterne sehen, die in den Glashimmel eingesetzt sind, so säuberlich, wie kein Juwelier es kann. Ja ja, ich habe gute Augen, meiner Treu; ja, ich hab' etwas gesehen, meiner Treu, was noch mehr ist, nämlich die Milchstraße. Dido . Ha, ha, ha! Was denkst Du denn, was die Milchstraße ist? Rasmus . Nun wahrhaftig, das weiß ich jetzt ziemlich genau, das ist die Milch, die von den Himmelszeichen gemolken wird, genannt Stier und Jungfrau, davon wird der Käse gemacht, womit der Mond ausgeflickt wird, wenn er im Abnehmen ist. Rasmus ist meiner Treu nicht so dumm, wie Euer Gnaden denken. 140 Dido . Machst Du noch eine solche Reise, so wirst Du rein verrückt. Hör' auf mit Deinem Geschwätz, ich habe nun an Anderes zu denken. Ich habe Elisa ausgesandt, nachzuforschen, was Ulysses treibt, seitdem seine Gefährten in Bäume verwandelt sind. Aber da, sehe ich, kommt sie. Vierzehnte Scene. Dido . Rasmus . Elisa . Elisa . Ach, gnädige Frau, alle unsere Künste, alle unsere Veranstaltungen sind vergeblich: Ulysses und seine Gefährten haben bereits die Flucht ergriffen, sie sind schon so weit fort, daß man nichts mehr von ihnen erblicken kann. Dido . Ist das wahr, was Du sagst, Elisa? Elisa . Nur allzu wahr, ich selbst habe das Schiff weit draußen im Meere erblickt. Dido . Ha, Elisa, so will ich auch keine Stunde länger leben! (Sie zieht einen Dolch und setzt ihn sich auf die Brust. Elisa und Rasmus laufen herzu und halten ihre Hände.) Laßt mich los, oder es kostet Euch das Leben! Ich habe beschlossen zu sterben und ich werde sterben! Elisa (auf den Knieen) . Ach, gnädige Frau, bedenkt doch, was die Nachwelt dazu sagen wird, daß die preiswürdige Dido aus Liebe zu einer fremden Person sich das Leben genommen und durch dies unerhörte Ende alle ihre früheren Tugenden vernichtet hat! Bedenkt, gnädige Frau, die traurige Lage, in die Ihr das ganze Land versetzt, das durch solchen jähen Tod ein Raub der Feinde, eine Beute der Fremden wird! Bedenkt . . . . Dido . Nichts kann mich in meinem blutigen Vorsatze erschüttern; wollt Ihr nicht aufhören, mich daran zu hindern, so wird mein ganzer Zorn sich auf Euch werfen. Elisa . Ach, gnädige Frau, als treue Diener und Dienerin sind wir in solchem Falle verbunden, lästig zu fallen! Dido . Ihr könnt mich doch nicht hindern, es sei denn für jetzt; was nicht in dieser Stunde geschieht, wird in der nächsten geschehen. Dies allein erreicht Ihr durch Eure Widersetzlichkeit, 141 daß Ihr zunächst als Rebellen wider meinen Willen bestraft werdet, und hinterdrein wird mein Vorsatz ohne Hinderniß ausgeführt werden. (Sie reißt sich los und stößt zuerst die Elisa, welche die Flucht ergreift, und dann Rasmus von sich.) Rasmus . Ach, gnädige Frau, stecht mich nicht todt! Ich will ja Euer Gnaden wahrhaftig nicht hindern, im Gegentheil, als ein treuer Diener will ich Euch ja in Eurem Vorsatz behülflich sein. Dido . Willst Du mich nicht mehr hindern? Rasmus . Nein, wahrhaftig, ich nicht. Dido . So will ich mir auch das Leben nicht nehmen; Euch zum Trotz will ich nun leben. Auch läßt es, wenn ich es mir recht überlege, doch gar zu romanhaft. Kommt, laßt uns gehen. (Ab.) Rasmus . Ich dachte mir schon, daß es so kommen würde; ich glaube wirklich, die alten Heldinnen, von denen die Poeten so manchen Vers gemacht, haben es nicht anders getrieben. – 142 Fünfter Akt. Erste Scene. Ulysses . Kilian . Ulysses . Ach, Kilian, nun ist die Stunde gekommen, wo ich mein theures Vaterland wiedersehe; laß uns nach der alten Helden Exempel niederfallen und den heimathlichen Boden küssen. (Sie fallen nieder und küssen den Boden.) Kilian (springt gleich wieder auf) . Twi, twi, twi, daß Dich der Henker! Wozu sind nun wol solche dummen Ceremonien? Da hat eben Einer sein Wasser abgeschlagen, ich kann es noch riechen. Ulysses . Kilian, nun wollen wir uns beide verkleiden und zusammen als Pilger ins Schloß gehen, um Penelopen zu überraschen. Kilian . Das ist nicht vonnöthen, Herr! Denn da wir dreißig und etliche Jahre weggewesen sind, so brauchen wir uns nicht erst zu verkleiden. Auch hab' ich gar keine Lust, meine Frau zu überraschen: denn was ich nicht mit Augen seh', davon thut mir das Herz nicht weh'. Ulysses . Zweifle Du immerhin an der Treue Deiner Frau, an Penelopen zweifle ich nicht, dazu hab' ich schon zu große Proben von ihrer Tugend und Keuschheit. Kilian . Ja ja, Herr, in dreißig und einigen Jahren kann sich manches verändern. Aber da kommt ein Bauer, den können wir examiniren, wenn es Euer Gnaden so beliebt. 143 Zweite Scene. Ulysses . Kilian . Der Bauer . Kilian . Guten Tag, Landsmann! Gehörst Du zu diesem Dorfe oder gehört dieses Dorf Dir? Der Bauer . Keins von beiden: denn ich wohne noch im Dorfe. Kilian . Eins von beiden muß aber doch sein? Der Bauer . Nein, keins von beiden: denn ich wohne noch in diesem Dorfe. Um aber auch eine Frage zu thun: gehören diese langen Ziegenbärte Euch oder gehört Ihr den Ziegenbärten? Kilian . Das ist ja eine läppische Art zu reden. Der Bauer . Das ist wunderlich, daß Du von mir verlangst, ich soll vernünftig mit Dir reden. Kilian . Kennst Du mich denn? Der Bauer . Nicht weiter, als daß ich einige Male die Ehre gehabt habe, Dich im Kartenspiel zu sehen. Bist Du nicht der Treffbube? Ulysses . Dieser Bauer hat einen offenen Kopf. Kilian . Nein, Landsmann, laß uns ernsthaft sprechen: hast Du nicht von dem trojanischen Kriege gehört? Der Bauer . Ja, es ist mir so, als hätt' ich einmal davon geträumt; das war ja wol der Krieg, wo Du aus dem Treffen liefst und dafür gehängt wurdest. Kilian . Wär' ich gehängt, so könnte ich jetzt doch nicht hier sein? Der Bauer . Ich dachte, es wäre Dein Geist; auch siehst Du zum wenigsten so aus, als hättest Du schon einmal am Galgen gehangen. Kilian . Nein, Landsmann, am Galgen gehangen hab' ich noch niemals. Der Bauer . Das ist Schade: denn Du siehst doch aus, als hättest Du es verdient. Aber was für Leute seid Ihr? Seid Ihr Ziegen, Böcke, Menschen, Schweine oder Esel? Entschuldigt 144 nur, daß ich so dreist frage: aber die Leute hier im Dorf sind neugierig. Kilian . Schweine und Esel, so viel ich weiß, gehen nicht auf zwei Beinen. Der Bauer . Ja so, ich meinte, Ihr wäret vielleicht von den zweibeinigen Eseln. Ulysses . Höre, Landsmann, Du mußt nicht solchen Spott treiben mit fremden Leuten. Der Bauer . Seid Ihr Fremde? Warum bleibt Ihr denn nicht zu Hause? Wir haben so schon Landstreicher genug. Aber mit Verlaub, aus welchem Lande seid Ihr? Kilian . Wir sind aus einem Lande, das heißt Monomotapabrasiliadelphia. Der Bauer . Was für ein Land ist das? Heißt das im Winter ebenso, wenn die Tage kurz sind? Kilian . Das ist ein gesegnetes Land, da spazieren die gebratenen Schweine auf dem Felde mit Messer und Gabeln darin, da fliegen die gebratenen Tauben in der Luft, und für jede Stunde, die man schläft, bekommt man von der Obrigkeit einen Thaler. Der Bauer . Ah so, so seid Ihr vermuthlich aus Jütland, weil Ihr so brav lügen könnt. Uebrigens wundert es mich, daß Ihr hierhergekommen seid und solch gutes Land verlassen habt, wo man einen Thaler bekommen kann für jede Stunde, die man verschläft. Ulysses . Laß mich mit dem Manne allein reden, Du vertrödelst blos die Zeit mit Deinen Possen. Höre, Landsmann, wir sind nicht in dies Land gekommen, um Geld zu verdienen, sondern wegen anderer wichtiger Geschäfte. Sieh hier, da hast Du etwas, dafür mache Dich lustig. Der Bauer (mit dem Hut unter dem Arm) . Ich bedanke mich, gnädiger Herr, und wünsche nur, ich könnte Euer Wohlgeboren wieder dienen. Ulysses . Wir verlangen nichts, als daß Du uns schickliche Antworten giebst auf unsere Fragen. Kennst Du die hochadelige Frau Penelope? 145 Der Bauer . Ja freilich kenn' ich sie; ich habe ja die ganze Woche in ihres Liebsten Hause gearbeitet. Ulysses . Was? Liebsten? Ihr Herr ist ja nicht zu Hause, er ist in fremden Landen. Der Bauer . Ganz recht, ich meine auch nicht ihren Mann, der ist außer Landes, wenn er noch lebt. Ulysses . Ei freilich lebt er noch. Der Bauer . Da bedaure ich den braven Herrn, der ist, seit er weg ist, wol sechzehnmal zum Hahnrei geworden. Aber wenn man es recht bedenkt, so ist er doch nicht zu bedauern; der Narr verläßt Frau und Kinder, um ein eitles Weibsstück wieder zu holen, mit Namen Helena. Das war auch wol der Mühe werth, außer Landes zu ziehen mit so vielen stolzen Rittern, welche unser Kaiser hinterdrein bei verschiedenen Gelegenheiten sehr vermißt hat. Ulysses (zu Kilian) . Ach Himmel, was höre ich, Kilian? Kilian . Kennst Du auch eine Frau mit Namen Polidure? Der Bauer . Polidure, die Hure? Kilian . Das sagst Du wol nur so um des Reimes willen? Der Bauer . Ob es sich reimt oder nicht, wahr ist es doch. Sie ist zu beklagen, das arme Mensch, sie hat lange nicht die Nahrung mehr, wie das erste Jahr nach Kilians, ihres Mannes, Abreise; auch ist sie kaum mehr zu gebrauchen. Kilian . Da wird es ihr übel gehen; denn ihr Mann Kilian lebt nicht allein, sondern wird auch in wenigen Tagen hier eintreffen. Der Bauer . Was will das sagen, ob solch ein Schlingel lebt oder nicht; kriegten wir nur unsern Herrn Ulysses wieder, der war des Kaisers andere Hand. Kilian . Kennst Du nicht Einen, mit Namen Langulafret, der Kilians Bruder war? Der Bauer . Ei ja, aber der ist seit zehn Jahren nicht hier gewesen. Kilian . Warum denn nicht? Der Bauer . Es war da ein gewisser Umstand, weshalb er 146 nicht kommen konnte: nämlich weil er schon seit elf Jahren draußen aufgehängt ist. Kilian . Danke für gütige Nachricht; adiös. (Der Bauer geht ab.) Dritte Scene. Ulysses . Kilian . Kilian . Haben wir nicht eine schöne Reise gemacht, Herr? Ulysses . Ach, Kilian, das Herz bricht mir, wenn . . . . Kilian (schlägt seinen Klapphut nieder und setzt ihn verquer wieder auf) . Was das bedeutet, entsinnt der Leser sich aus der » Wochenstube « A.d.Ü. Haben wir nicht eine schöne Reise gemacht, Herr? Ulysses . Was sollen die Fratzen bedeuten? Kilian . Ich wollte, sie bedeuteten nichts; aber wenn das Unglück da ist, so muß man sich drein schicken. Jeder muß sich in seine Lage schicken und sich danach kleiden. Ulysses . Ach, Kilian, ist das nun Zeit zu spaßen, da uns das Unglück rings umschlossen hält? Kilian . Ich spaße wahrhaftig nicht; es ist nicht zum Zeitvertreib, daß ich mir den Hut so setze. Ulysses . Noch bevor die Sonne untergeht, werde ich mich für ihre Untreue rächen; ihre Buhler sollen den schmachvollsten Tod sterben und sie mit ihnen. Was werden die übrigen stolzen Ritter der Welt sagen, wenn sie das erfahren? Kilian . Nun was wollen sie weiter sagen, als daß wir Hahnreie sind? Und das ist gewiß genug. Ulysses . Nichts soll mich in meinem Vorhaben hindern, keine Entschuldigung soll gelten. Beruft sie sich auf meine lange Abwesenheit, auf ihre blühende Jugend, die sie mit solchen Versuchungen heimgesucht, so stopfe ich mir die Ohren zu. Denn sie soll wissen, daß sie nicht allein ihren Eheherrn beschimpft hat, sondern auch einen von den größten Helden Ithaciens, der mit seinem siegreichen Arme Asiens größte Zierde verwüstet hat, ich meine die edle und stolze Stadt Troja. Kilian . Aber da der Herr doch von Penelopens blühenden 147 Jahren spricht – wie alt war sie denn, da wir unsere Reise antraten? Ulysses . Sie war erst fünfundzwanzig Jahre alt; den edlen Junker Telemachus brachte sie zur Welt im sechzehnten Jahre ihres Alters, und dieser unseres Ehestandes erster Sproß und edle Pflanze war erst neun Jahre alt, da wir gen Troja zogen. Kilian . Die Rechnung stimmt, sechzehn und neun macht fünfundzwanzig. Aber darf ich den Herrn wol fragen, wie lange wir fortgewesen sind? Ulysses . Es ist jetzt im sechsunddreißigsten Jahre. Kilian . Sechzehn und neun ist fünfundzwanzig und sechsunddreißig dazu macht einundsechzig. Ja freilich, sie ist noch in blühendem Alter. (Zu den Zuschauern) Ich hab' es ja vorausgesagt, in dieser Historie will ich nicht weiter nachdenken: denn sonst werd' ich verrückt im Kopfe. (Zu Ulysses) Auch mich, Herr, soll nichts daran hindern, mich an meiner Frau zu rächen, weil sie in der Blüte ihrer Jugend, die vielen Versuchungen unterworfen ist, nicht allein ihren Mann beschimpft hat, sondern auch einen extraordinären Ambassadeur, einen Helden, der von dem ganzen Kriegsheere dazu auserwählt worden, sich im Einzelkampf zu schlagen mit dem stärksten Trojaner, und zwar war das, wie ich hinterher gehört habe, niemand anders, als Hector selbst; ja, der zehn Jahre lang ohne Nasses und Trockenes auf einem Fleck gestanden hat, um der Stadt die Zufuhr abzuschneiden, und wäre das nicht geschehen, so hättet Ihr Andern mit Respect zu sagen . . . . Ulysses . Schnell, Kilian, bring' mir meine kostbare Kleidung, ich will mich in meiner ganzen Herrlichkeit zeigen, um meinen Feinden einen desto größeren Schreck einzujagen. Kilian (holt eilig ein prächtiges Kleid und einen Hut mit Federn; er zieht dem Ulysses den Rock an, und sagt) . Element, was sieht der Herr martialisch aus. Mars steht ihm in den Augen geschrieben und Vulcanus an der Stirn! (Macht die Schnüre am Hute los und setzt ihn dem Ulysses mit ganz niederhängenden Krempen wieder auf.) 148 Ulysses . Nun sieh, Du Tölpel, mein Hut hängt ja ganz herunter. Kilian . Ei, das soll so sein, Herr. Ulysses . Kilian, nähme ich nicht Rücksicht auf Deine langen treuen Dienste, so sollte Dich das Dein Leben kosten; schlag' den Hut wieder in die Höhe. Kilian . Nur einen Augenblick Geduld, Herr, ich will nur erst meinen eigenen Hut in die Höhe schlagen; denn wenn der Herr seinen Hut nicht so tragen will, so will ich meinen wahrhaftig auch nicht so tragen. (Er klappt erst seinen Hut in die Höhe, dann nimmt er den des Ulysses.) Ich glaube, der Teufel sitzt in dem Hute; sowie ich die eine Seite in die Höhe klappe, fällt die andere wieder herunter. Ach, Herr, laßt uns die Hüte tragen, wie sie sind. Ulysses . Meine Geduld geht augenblicks zu Ende! Kilian . Ach, Herr, Geduld ist eben die Tugend, die wir beide künftig am nöthigsten haben; von allen Tugenden paßt sie am besten für unsere Lage. Ach, Herr, laßt uns die Hüte tragen, wie sie sind, es hat seine Ursachen. Ulysses . Kilian, ich warne Dich ein für allemal, daß Du mich nicht zum Zorne reizest, es würde Dich das Leben kosten. Kilian . Ach, gnädiger Herr, ich thue das ja wahrhaftig nicht aus bösem Willen, sondern aus politischen Gründen; ich denke, wenn die Leute uns in diesem Zustande sehen, sollen sie sich desto mehr bewogen fühlen, unsere Partei zu nehmen und das Unrecht zu rächen, das uns widerfahren ist. Aber ich will dem Herrn gehorsam sein. (Klappt den Hut wieder auf.) Ach, Herr, laßt sie uns doch tragen, wie sie sind; denn . . . . Ulysses (seinen Degen ziehend) . Willst Du, Hund, Deinen Spott mit mir treiben? Kilian (auf den Knieen) . Ach, Herr, verzeiht mir meine Dreistigkeit; ich will diese Materie nie wieder berühren! Ulysses . Steh' auf und lauf' ungesäumt in die Stadt und lasse Penelope sammt ihren Galanen, sowie sämmtliche Einwohner wissen, daß ich zurückgekommen bin, und verkündige 149 ihnen meinen Vorsatz, Rache zu nehmen für die Schmach und Schande, die meinem Hause widerfahren. Kilian . Ach, Herr, mir ist blos bange, daß mir unterwegs ein Hund begegnet: es könnte mir gehen wie dem Actäon, welcher, nachdem er in einen Hirsch verwandelt worden, zerrissen ward von seinen eigenen Hunden. (Geht ab.) Vierte Scene. Ulysses allein. Ulysses . Jeder Augenblick dünkt mich ein Jahr zu sein, so brennt mir das Eingeweide vor Zorn und Bitterkeit gegen meine treulose Gemahlin. – Ach, ach, ich dachte, der Himmel wäre es jetzt müde, mich weiter zu verfolgen, und die vielen Jahre des Unglücks, der Beschwerden und Mühseligkeiten sollten nun versüßt werden durch Penelope's Umarmungen – Penelope, um deren willen ich das Gebot der Keuschheit so streng beobachtet, um deren willen ich mir vor der göttergleichen Dido verliebten Seufzern die Ohren zugestopft und ihre zärtlichen Anerbietungen zurückgewiesen habe. Ach, Ihr Götter, steht mir bei in meiner gerechten Rache! Die ganze Stadt soll dafür im Blut schwimmen. Erst werde ich ihre Galane opfern, dann sie selbst, damit niemand sage: der große Ulysses, der Troja zerstörte, der Helden Uebermuth dämpfte, unschuldige Jungfrauen von Berggeistern und Nixen errettete, den Stall des Augias reinigte, die Amazonen überwand, die hundertköpfigen Sirenen tödtete, verbringt den Rest seines Lebens in Schmach und Schande. Ach, ach, Penelope! Wie konntest Du, o sprich, so den Ulyß verlassen? Ha, selbst ein wildes Thier muß solche Untreu' hassen.     Vergißt auch Liebe je? Kann sterben sie so leicht?     Ist das auch Ehrlichkeit und Treu', was so entweicht? 150 Dein edler Herre, der so tapfer war, so bieder, Ja, Dein Ulysses, ward er also Dir zuwider?     Veracht'st Du also ihn? Hast Du Dich so gewandt     Von dem, der also fest wie eine Mauer stand? Ja, wie ein Fels sogar in allen Ungewittern, Wie eine Eiche, die kein Sturmwind kann erschüttern?     Wo ist der Himmelsstrich, das Land, das Volk, das Reich,     Das eine That gesehn, die Deiner Untreu' gleich? Und ob im Osten man, im Westen wollte suchen, Doch als der Schlimmsten wird man allerwärts Dir fluchen,     Nie las in einem Buch man solche Mordgeschicht';     Doch paß nur auf, jetzt trifft Dich Gottes Strafgericht! Denn ehe sollen sich die Elemente mischen, Eh' sollen Erd' und Meer wild durch einander zischen,     Eh' kehr' in Chaos' Nacht das Weltall ganz zurück,     Eh' ich noch zaudere nur einen Augenblick! Aber ich merke, daß Morpheus, der Gott des Schlummers und des Todes Bruder, sich auf meine Wimpern senkt; ich muß mich ein wenig schlafen legen, bis mein Diener zurückkommt. (Setzt sich auf einen Stuhl und schläft, während die Musik das Lied spielt »du alter Hahnrei du!«) Fünfte Scene. Zwei Juden . Ulysses . Erster Jude . Das is doch eppes Verfluchtiges mit denne Komödianter, wenn man den an Kleidung lahnt, schicke se se nimmer zurück zu rechter Zeit, und da muß man warte eine ganze Woche auf die Beßohlung. Zweiter Jude . Des is wohr, Ephraim. Aber worum sein wir so dumm? Ober sieh en mol do: do sitzt er und schloft mit de schene Rock. Hob' ich's mer nicht gedocht? Es is eine 151 Unverschamtheit so umzugehen mit gelahene Kleiders. (Geht zu Ulysses und zerrt ihn am Arm.) Heda, Musje, is das ane Manier zu schlofen mit solche Kladerche? Ulysses . Wer untersteht sich, mich in meinem Schlaf zu stören? Zweiter Jude . Das bin ich. Musje kennt doch den Ephraim? Ulysses . Ich kenne Dich nicht. Zweiter Jude . So kenne ich ihn, Musje. Ulysses . Ich bin der große Ulysses von Ithacien. Zweiter Jude . Und ich bin der klane Jude Ephraim. Ulysses . Ich bin derselbe, der die edle Stadt Troja zerstört hat, Asiens Schmuck und Augapfel. Zweiter Jude . Und ich bin an Mann, wessen Vorfahren hoben gewohnt in der graußen Stadt Jerusalem. Ulysses . Und bin hierher gekommen, um blutige Rache zu nehmen an meiner treulosen Gemahlin Penelope. Zweiter Jude . Und ich bin hierher gekommen, um einzukassire de Beßohlung vor mane gelahnte Kladerche; ober des soll ablaafe ohne Blut. Ulysses . An Deinem Bart sehe ich, daß Du ein wandernder Ritter bist. Zweiter Jude . Wai geschrien, nur ßu sehr wandernd, sowol ich, als andere Israels-Kinder! Ulysses . Sag' mir, edler Ritter, wie steht es in Ithacien? Zweiter Jude . Musje, ich hob' kane Zeit, ich muß auslahne die Kladerche heit Abend ßu an Maskerod. Ulysses . Unterstehst Du Dich, Hand zu legen an meinen edlen Leib? Pack Dich fort, augenblicks, oder Du sollst die Wirkung meines Zornes fühlen! Zweiter Jude . Zieht Euch nur aus oder De sollst fühle de Werkung von Gesetz und Recht! Ulysses . Ach, Himmel, so etwas soll mir begegnen nach vierzigjähriger Wanderschaft! (Sie ziehen ihm den Rock aus.) Die Juden . Bist De gewesen wag verzig Johr, mußt De auch 152 beßohlen fer verzig Johr, de Rechnung wulle mehr gleich mache. Adjes so lang. Ulysses . Ach Himmel, hätte ich mir vorgesetzt, alle Juden auszurotten, statt nach Troja zu gehen, so wäre es mit meiner Ritterschaft nicht so rasch zu Ende gegangen. (Zu den Zuschauern) Jetzt, hoff' ich doch, wird Keiner mehr Darüber sich beschweren, Daß er Komödien gesehn, Die mehre Tage währen. Auch klagt gewißlich Keiner mehr, Es müsse mehr geschehen; Was gehen uns die Regeln an? Wer zahlt, der will was sehen. Hier giebt es für dasselbe Geld Mehr als drei Dutzend Jahre, Von Troja geht's nach Griechenland, Ein Tag macht graue Haare. Hier sieht man Helden stolz und kühn, Belag'rungen, Kanonen, Schlacht, Jungfernraub und Hexerei, Und Länder aller Zonen. Nun Einen, der aus Gram und Pein Hand an sich selbst will legen, Verhexte Menschen, Drachen nun, Die durch die Lüfte fegen. Ja, was am nöthigsten vordem, Heut soll es auch nicht fehlen: Ein Harlequin mit schnödem Wort Muß seine Herrschaft quälen. 153 Drei Dutzend Jahr' sind nicht zu lang, Will man sich amüsiren; Was thut's, muß man auch hinterdrein Sich lassen trepaniren. Lehrt in Brolägger-Straße Hier hatte [Holbergs Rivale] von Quoten sein Theater. A.d.Ü. mich Ein deutsches Schauspiel kennen, Das besser ist, als dieses war, Sollt Ihr mich Peter nennen.