Ludwig Holberg Hexerei oder Blinder Lärm. Komödie in fünf Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   Die Veranlassung zu diesem Stücke – dem achtzehnten in der jetzt üblichen Reihenfolge der Holbergschen Lustspiele – hat der Dichter größtentheils einem Ereigniß entnommen, das sich kurz zuvor in dem Städtchen Thisted in Jütland zugetragen. Dem Prediger dieses Städtchens nämlich war von einer reichen Bürgersfrau der Stadt die Hand ihrer Tochter verweigert worden. Um sich für diese Zurücksetzung zu rächen, hatte er die Frau als Hexe ins Geschrei gebracht, und zwar mit solchem Erfolge, daß auch verschiedene andere Frauen der Stadt sich freiwillig für besessen ausgaben, bis zuletzt die halbe weibliche Einwohnerschaft von Geistern und Erscheinungen geplagt war. Ein paar muthwillige Studenten, die an dem tollen Treiben ihren Spaß hatten, vermehrten dasselbe noch durch listige Veranstaltungen und brachten es auf die Art endlich dahin, daß die Gerichte, den Bischof Bircherod in Aalborg an der Spitze, sich gemüßigt fanden einzuschreiten. Wirklich wurde eine der unglücklichen Frauen als Hexe zum Feuertode verurtheilt; sie appellirte jedoch, und König Friedrich IV. war einsichtig und vorurtheilsfrei genug, nicht nur das Urtheil zu kassiren, sondern auch die unverständigen Richter, die es gefällt hatten, zur Verantwortung zu ziehen. Dasselbe geschah auch dem Bischof, der sich infolge dessen »eine Commission darüber ausbat«. So kam die Sache schließlich an die medicinische Facultät zu Kopenhagen, die eine »ausstudirte Betrügerei« darin erkannte, worauf die Urheber derselben gehörig bestraft, die Akten des übrigen Processes aber beiseite gelegt wurden. – Außer diesem Erlebniß wurde auch Scarrons berühmter »Roman comique« ein Lieblingsbuch der damaligen Zeit, benutzt; die Doctormaschine, die solche großen verhängnißvollen Rollen in dem Stücke spielt, ist aus »La fille de bon sens« im IV. Band des Théâtre Italien entnommen. Um übrigens die Bedeutung des Stückes recht zu würdigen, muß man sich erinnern, daß zur Zeit seiner Abfassung der Glaube an Hexen noch keineswegs völlig ausgerottet und beseitigt war. Allerdings hatte Balthaser Bekker seine berühmte »Betoverde Weereld« , die auch Holberg offenbar nicht unbekannt gewesen, bereits 1691 erscheinen lassen, und auch Thomasius hatte dem Hexenunwesen bereits mit Erfolg den Krieg erklärt; doch fehlte noch viel, daß diese aufgeklärten und geläuterten Ansichten bereits die Masse des Publikums durchdrungen, und gehörte somit ein mehr als gewöhnlicher Muth dazu, einem Lieblingswahn desselben so entschieden und mit so scharfen Waffen entgegenzutreten, wie es in diesem Stücke geschieht. Gleichwol hat dasselbe auf der Bühne niemals besonderes Glück gemacht; in den 21 Jahren von 1748 bis 1769 wurde es nur neunmal aufgeführt, und auch als es später, zu Ende des Jahrhunderts, aufs neue auf die Bühne gebracht ward, vermochte es sich nicht zu behaupten. Personen: Leander , Vorsteher einer Schauspielertruppe. Heinrich , Schauspieler. Zwei andere Schauspieler . Apollonia , Schauspielerin. Terentia , Leanders Verlobte. Leanders Junge . Ein fremder Herr . Monsieur Glaubegern . Ein altes Weib . Monsieur Wahnschlucker . Zwei Mädchen . Hans Franzen . Zwei Sänftenträger . Ein Diener . Ein Mann . Ein Drehorgeljunge . Ein Zweiter . Anführer . Lars . Bewaffnete .     Zwei Mädchen . Ein Hausknecht . Ein Mädchen . Ein Mann . Ein Schusterjunge . Eine Frau nebst Gesinde. Der Mann der Frau . Ein Wirth . Christoph und Peter , seine Knechte. Drei von der Stadtwache . Lucretia . Jean de France . Hermann von Bremen . Von Quoten . Ein Trommerschläger mit Volkshaufen. Ein Gerichtsdiener . Der Richter . Der Schreiber . Meister Hermann . Eines Schauspielers Mutter .     Erster Akt. Erste Scene. Leander . Später sein Junge . Leander . Mit dem Komödienspielen geht es jetzt doch auch gar zu schlecht, nicht zwanzig Thaler, das kann ich beschwören, sind diesen Monat auf mein Theil gekommen; auch bin ich noch in meinem ganzen Leben nicht in solcher Geldverlegenheit gewesen wie jetzt. Wird mir nun gar noch der Wechsel protestirt, so bin ich verloren. Doch werde ich ja wol hoffentlich mit der Tragödie, die übermorgen zur Aufführnug kommen soll, so viel verdienen, daß ich mich noch wieder herausreißen kann. Es ist eine ziemlich starke Rolle, die ich in dieser Tragödie habe; dieser Polidorus, den ich spiele, hat mehr zu thun als drei andere Darsteller. Heute und morgen muß ich daher fleißig studiren; um nicht gestört zu werden, werde ich alle Besuche abweisen lassen. (Zieht ein Papier aus der Tasche, geht damit auf und nieder und lernt seine Rolle, indem er dabei leise vor sich hin murmelt.) Ein Junge (tritt ein) . Monsieur, ich bringe Euch schlechte Zeitung. Leander (fährt mit lauter Stimme in seiner Rolle fort) . »Ja, Elisa, Deine Falschheit soll nicht ungerochen bleiben! Ist das recht, Deinen treuen Philander zu verlassen, der Dich mit seinem Blute aus den Händen der furchtbaren Riesen gerettet, der Dir seine ganze Wohlfahrt zum Opfer gebracht, der die Liebe der Prinzessin Climene, ihre Seufzer und Thränen verschmäht hat, 216 und das alles um Deinetwillen?! Wo ist wol ein Unglück, das sich demjenigen des Polidorus vergleichen ließe? Wann ist je treue Liebe so übel belohnt worden, wie jetzt die seine? Ach, treulose Elisa, ich werde Dir nicht länger ein Dorn im Auge sein, mit eigener Hand werde ich mir das Leben nehmen und dies wird das Ende meines Jammers sein. Aber wenn ich todt bin, wird Dein Gewissen erwachen und Du wirst für Deine Untreue von allen Menschen gehaßt und verachtet werden!« (Zieht seinen Degen, als ob er sich erstechen will; der Junge hält es für Ernst, läuft hin und hält ihm die Hand zurück.) Was Henker, willst Du jetzt hier, Junge? Auch nicht einen Augenblick kann man Ruhe haben! Der Junge . Was für ein Unglück bringt Euch zu dem verzweifelten Entschluß, Euch selbst das Leben zu nehmen? Leander . Hol' Dich der Henker, Du Narr, ich übe mir ja blos die Tragödie ein, die übermorgen gespielt werden und in der ich den Polidorus geben soll. Der Junge . Ha ha ha, ich hielt es wahrhaftig für Ernst. Leander . Ja richtig, da kannst Du lange warten, bis sich heutzutage Einer aus Liebe das Leben nimmt. Glaube nur, in der ganzen Stadt sind nicht zwei Mannspersonen, die nicht lieber ein altes häßliches Weib mit zwanzigtausend Thalern nehmen, als ein schönes, junges, tugendhaftes Mädchen, das aber nichts mitkriegt als eine gute Erziehung. Giebt es aber überhaupt noch Leute, die verliebt sind, so ist es eine andere Art von Liebe, nicht mehr so ausdauernd auf einen Gegenstand gerichtet wie in alten Zeiten. Der Junge . Ich habe doch hier auf der Straße bei einem Herrn gedient, da war mir doch mal recht bange, er würde sich vor Liebe das Leben nehmen, und ich glaube auch wirklich, er hätte es gethan, hätte ich ihn nicht daran verhindert; der zog seinen Degen geradeso wie Ihr. Leander . Wer war das denn? Der Junge . Ja wie er heißt, sag' ich nicht, es wäre ja eine Schande, wollte ich ihn verrathen; aber er wohnt da drüben an der Ecke. 217 Leander . Ha ha, das ist Jens Pfingstrose; den Kerl kennst Du noch nicht, wie ich merke. Dessen Zärtlichkeit ergießt sich wie ein Kanal durch alle Straßen der Stadt; vor jedem Frauenzimmer kniet er, den Degen auf die Brust gesetzt, jetzt an dieser Ecke, nun an jener Ecke, jetzt mitten in der Straße. Es giebt gar nicht so viele Mädchen in der Straße, als er Herzen hat ihnen zu opfern, noch so viele Seelen, als er Netze ausspannt. Er könnte denselben Wahlspruch führen wie Kaiser Karl der Fünfte: Plus ultra ; vermuthlich will er eine fünfte Monarchie von lauter Frauenzimmern errichten. Du kennst, merke ich wol, den Lauf der Welt noch nicht, daß Du Dir einbildest, ich wollte mir aus Liebe das Leben nehmen. Aber was bringst Du? Ich habe heute keine Zeit zum Plaudern, ich soll morgen den Polidorus spielen und habe noch mehr als die halbe Rolle zu lernen. Der Junge . Nun, Monsieur, wenn Ihr nicht Lust habt aus Liebe zu sterben, so kann ich Euch noch was anderes sagen, was gerade auch gut genug ist, um sich deshalb aufzuhängen. Hier ist ein protestirter Wechsel von fünfzig Thalern, und noch heute Abend, glaube ich, wird man Euch in Arrest bringen. Leander . Alle Wetter, könnte ich mich nur noch diese Woche durchbringen, so hätte ich Aussicht, mit dieser und noch einer Tragödie so viel zu verdienen, daß ich wenigstens etwas davon abbezahlen könnte. Wenn Einer nach mir fragt, so mußt Du sagen, ich wäre verreist, und nun lauf', damit ich zum Studiren komme. (Der Junge geht. Leander geht auf und nieder und fängt wieder an zu murmeln.) Da steckt der Knoten, wenn mir nur die Scene gelingt, wo ich den Teufel beschwöre, das Andere ist alles nur ein Pappenstiel dagegen. Ich muß es noch mal versuchen. (Zieht einen Kreis mit seinem Stab auf der Erde.) Ich rufe und beschwöre Dich, Du Fürst der bösen Geister, Mephistopheles, zu hören meine Befehle und zu vollziehen was ich gebiete. – Schon sehe ich ihn, er kommt in seiner richtigen Gestalt, wie ich ihn schon vor zehn Monaten erblickte. – Nein, halt, Mephistopheles! nicht in diesen Kreis!! (Während dieser Beschwörung wird er eine Person gewahr, die andächtig dabeisteht und ihm zuhört, worauf er weggeht und sagt:) 218 Es ist doch aber auch um des Teufels zu werden, nicht einen Augenblick kann man Ruhe haben. (Ab.) Zweite Scene. Monsieur Glaubegern . Im Text heißt es »Godtroe« d. i. leichtgläubig. Ebenso heißt der in der 4. Scene auftretende »Wahnschlucker« eigentlich »Glaubfresser«, wie auch noch die alte Uebersetzung hat; »Wahnschlucker« findet sich zuerst bei Oelenschläger, und glauben wir uns seinem Vorgang anschließen zu dürfen. A.d.Ü. Glaubegern . Ach Himmel, ist es möglich, daß Christenmenschen in solche Gottlosigkeit verfallen und sich dem Teufel verschreiben?! Bisher habe ich es immer für Fabel gehalten, wenn es von Leuten heißt, die sich dem Teufel verschrieben; aber nun habe ich es ja mit meinen eigenen Ohren hören müssen. Ach, ich bin wahrhaftig so erschrocken, daß ich mich kaum auf den Beinen halten kann; nein, seht blos, wie meine Kniee zittern, ordentlich als hätte ich das Fieber. (Er schlägt sich vor die Brust.) Dritte Scene. Ein alter Weib . Glaubegern . Das Weib . Was fehlt Euch denn, mein Söhnchen, Ihr seht ja so erschrocken aus? Glaubegern . Ach, Großmutter, habt Ihr nichts zu riechen? Ich habe da eben etwas mit angehört, wovon mir ganz schlimm und übel geworden ist. Das Weib . Was war es denn? Glaubegern . Ach, in dem Hause hier wohnt ein Hexenmeister. Das Weib . Ei Possen, der Komödiantenmeister wohnt hier. Glaubegern . Ja allerdings, aber er hat sich dem Teufel verschrieben, eben habe ich gehört, wie er ihn citirte, und zwar mit so schauderhaften Worten, daß ich nicht daran denken kann, ohne daß mir die Haare zu Berge stehen. Das Weib . Habt Ihr den Teufel denn selbst gesehen? Glaubegern . Nein, für mich war er nicht sichtbar, der Hexenmeister aber sah ihn; denn er verbot ihm ja, in den Kreis 219 zu treten, den er gezogen, ich hörte blos die Beschwörung und dann das Gepolter, mit dem der Teufel kam und das so stark war, daß ich dachte: Na nun fällt das Haus ein. Gesehen habe ich weiter nichts, als blos ein paar Blitze, die vor meinen Augen hin- und herflogen. Das Weib . Ei ei, man hört doch auch nichts als Böses. Hätt' ich doch nimmermehr gedacht, daß der Mann in solche Gottlosigkeit verfallen würde; er schien sonst ein ganz ordentlicher Mensch zu sein. Glaubegern . Hättet Ihr aber wol für möglich gehalten, Mutter, daß so was vorkommt? Das Weib . Vorkommt? Ei na recht sehr kommt es vor, leider Gottes, und zwar gerade jetzt am allermeisten; nämlich woher? Gerade weil es jetzt so viele superkluge Menschen giebt, die, statt so was zu hindern, die Klugen spielen und sich stellen, als ob so was gar nicht mehr existirte. Wie lange ist es nicht schon her, daß kein Zauberer, keine Hexe mehr verbrannt wird? Da muß das freilich überhand nehmen. Ei ja, ich will nichts Böses prophezeien, aber gebt nur Acht, wie es gehen wird, wenn die Welt noch länger steht. Indessen ich hoffe, zu Ostern geht sie unter, ich habe so einen gewissen Argwohn. Ich will Euch was erzählen, das so gewiß wahr ist, als ich hier stehe: eine Schmiedsfrau in Mariager ein Stadttheil von Kopenhagen. A.d.Ü. lebte in Feindschaft mit ihrer Nachbarin, die guter Hoffnung war, und als selbige Nachbarin nun in die Wochen kommen sollte, so warf sie ihr einen Knäuel von Haaren und abgebrochenen Nägelköpfen in die Stube, worüber die Wöchnerin zwei Tage unter den größten Schmerzen dalag und konnte nicht niederkommen, bis zum Glück Einer den Knäuel fand und ihn ins Feuer warf, da kam sie auf der Stelle nieder. Glaubegern . Das ist ja was Entsetzliches; hat Mutter es selbst mit angesehen? Das Weib . Nein, aber daß die Geschichte richtig ist, darauf könnt Ihr Euch verlassen; denn mein Gewährsmann, der auch nicht auf den Kopf gefallen ist, der hat es von einem Mädchen gehört, mit dem er versprochen ist, und dieses Mädchen hat eine 220 Cousine, die in demselben Hause dient mit einer Amme, und der Amme hat die Hebamme zugeschworen, daß die Geschichte sich ganz gewiß so zugetragen hat. Glaubegern . Ach, das ist doch entsetzlich! Das Weib . Ja, aber denkt Ihr wol, daß die Obrigkeit sie bestraft hat? Kein Gedanke; der Stadtvogt lachte noch darüber und verbot davon zu sprechen, obwol eine zuverlässige Frau bezeugen wollte, daß sie gesehen, wie die Schmiedsfrau auf dem Wasser geschwommen ohne unterzusinken, was nämlich allemal ein sicheres Zeichen ist, daß Eine hexen kann. Glaubegern . Alle Wetter, was war das? Habt Ihr nichts gesehen, Großmutter? Das Weib . Wo sahet Ihr denn was? Glaubegern . Hier am Fenster, einen feurigen Drachen sah ich durch den Schornstein fahren; sahet Ihr ihn nicht auch? Das Weib . Ja wahrhaftig, nun fällt mir ein, daß ich auch so was sah. Glaubegern . Hier bleibe ich nicht und wenn mir Einer zehn Thaler gäbe; lebt wohl. (Ab.) Vierte Scene. Wahnschlucker . Das Weib . Das Weib . Ha Ihr da, Gevatter, nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht dem Hause da zu nahe kommt. Wahnschlucker . Wieso? Das Weib . Da wohnt ein Mann drin, der hat mit bösen Geistern zu thun und das ganze Haus ist voller Teufel. Wahnschlucker . Woher wißt Ihr das denn? Das Weib . Just wie ich herkam, flog Herr Glaubegern zur Thüre hinaus, und da lag er eine halbe Stunde in Ohnmacht; wie er aber endlich wieder zu sich kam, so fragte ich ihn, was los wäre, und da sagte er mir, daß er an den Haaren heraus gerissen worden sei von drei Teufeln, die der Hexenmeister beschworen, der hier wohnt. 221 Wahnschlucker . Habt Ihr selbst auch was davon gesehen, Gevatterin? Das Weib . Nein, gesehen habe ich nichts, als blos die Füße von dem ersten Teufel, der ihn zur Thüre hinauswarf. Wahnschlucker . Wie sahen sie denn aus? Das Weib . Wie ein paar große Adlerklauen. Ich werde gleich zum Herrn Niels Herr Niels ist natürlich der Prediger. A.d.Ü. laufen und ihm alles sagen, damit er es bei Zeiten weiter berichten kann an die Obrigkeit; denn wenn der Mensch für seine Sünden verbrannt wird, so kann doch seine Seele vielleicht noch gerettet werden. Wahnschlucker . Das Haus muß wahrhaftig ebenfalls verbrannt werden. Das Weib . Ei das versteht sich. Wenn die Obrigkeit es nicht thut, so thuen ich und meine guten Freunde es auf eigene Hand, wie neulich in Jütland, wo auch einige brave Frauenzimmer sich zusammengethan, einer Hexe das Haus in Brand zu stecken. (Während sie so reden, sagt Leander drinnen immer wieder seine Rolle her.) Das Weib . Horch, nun beschwört er schon wieder! Horch, er ruft nach Polidorus, das ist gewiß ein Teufel, der so heißt. Wahnschlucker . Na so viel ist gewiß, daß ich in dieser Straße nicht wohnen möchte, und wenn man mir alle Schätze der Welt gäbe. Das Weib . Nun horch nur, wie das drinnen braust und saust, gleichsam als ob sich ein Sturm erhoben! Sieh nur, das ganze Haus zittert schon! Wahnschlucker . Ja, dies Haus, dächt' ich, und die drei andern mit. Das Weib . Weiß Gott, so ist es. Na, Ihr werdet schon noch sehen, die ganze Straße ist voller Hexenmeister. Aber jetzt muß ich gehen, gehabt Euch wohl, Gevatter. Wahnschlucker . Ach, ich traue mich die Nacht gar nicht ins Bette. Das Weib . O, das hat nichts auf sich, Ihr müßt 222 nur Flachssamen auf die Schwelle streuen und müßt in Eurem Schlafzimmer brav mit Lichtschnuppen räuchern. (Ab.) Fünfte Scene. Zwei Mädchen . Wahnschlucker . Erstes Mädchen . Hier in der Straße soll es sein, Malone. Zweites Mädchen . Sind es denn noch mehr Häuser als das eine, wo der Teufel umgeht? Erstes Mädchen . In dieser ganzen Straße wohnen lauter Hexenmeister, der aber, der in diesem Hause wohnt, ist der Oberste von allen; die ganze Stadt ist schon in Aufruhr, alle Häuser werden schon eingeräuchert. – Sieh, wer mag das wol sein, der da steht? Das ist gewiß auch ein Hexenmeister. Zweites Mädchen . Ja, wahrhaftig, das ist gewiß einer; laß uns nur ja nicht zu nahe herangehen. Wahnschlucker . Na, nur immer näher, Kinder, ich höre, Ihr wißt auch schon von der Sache. Erstes Mädchen . Ja, leider nur allzu viel, Euch und Eurem Hause zum Verderben! Wahnschlucker . Was für Verderben ist denn meinem Hause geschehen? Kommt nur näher und laßt mit Euch reden. (Sie bekreuzigen sich, indem sie auf die Kniee fallen, und schreien Ah, ah! ) Wahnschlucker . Offenbar sehen sie etwas, das ich nicht sehe. Kommt doch nur her, Ihr Kinderchen, und sagt mir, was Ihr seht? Zweites Mädchen . Nein, Ihr sollt keine Gewalt über uns haben! Erstes Mädchen . Seid Ihr der Mann, der hier in dem Hause wohnt? Wahnschlucker . Nein doch, Ihr irrt Euch; ich fürchte mich vor dem Hause gerade ebenso sehr wie Ihr. Zweites Mädchen . So seid Ihr also wol kein Hexenmeister? 223 Wahnschlucker . Hol' Euch der Henker mit Eurem Gewäsche, ich bin Christian Wahnschlucker und wohne am Markt. Erstes Mädchen . Ach, um Verzeihung, Monsieur Wahnschlucker, nun kenne ich Ihn. Aber habt Ihr nicht gehört, was in dem Hause passirt ist? Wahnschlucker . Ja, gehört und gesehen, mehr als mir lieb ist. Aber wie ist es Euch so schnell zu Ohren gekommen? Erstes Mädchen . Ich hörte es auf dem Markte. Wahnschlucker . Wie hörtet Ihr es denn? Erstes Mädchen . Aufs Allergenaueste, nämlich, daß in diesem Hause der Teufel zu sehen ist, in Gestalt eines Wolfes, und daß er drei Männer, die hineingehen wollten, in Stücke zerrissen hat. Wahnschlucker . Und wo hörtet Ihr es? Zweites Mädchen . Ich hörte es am Thor von einem Soldaten, ebenfalls aufs Allergenaueste, nämlich, daß hier in der Straße vier Hexenmeister wohnen, die den Teufel beschwören, der dann in Gestalt eines Kaufmanns kommt, mit Hörnern an der Stirn, und ihnen Geld bringt. Wahnschlucker . Aber Kaufleute, so viel ich weiß, tragen doch keine Hörner. Zweites Mädchen . Ja, das ist doch, wie ich sage, Monsieur Wahnschlucker. Wahnschlucker . Nun sollt Ihr von mir den allergenauesten Bericht kriegen, Kinder, denn ich bin selbst Augen- und Ohrenzeuge. Die ganze Straße hier ist voller Hexenmeister und der Anführer davon wohnt in dem Hause da; vor einer halben Stunde citirte er den Teufel, und der kam denn auch mit einem Gepolter und Gelärme, als ob die Welt untergehen sollte. Erstes Mädchen . Aber hat Herr Wahnschlucker das denn selbst mit angesehen? Wahnschlucker . Ja, gewiß hab' ich es mit angesehen, und darum kann Euch auch niemand besser Bescheid sagen als ich. Zweites Mädchen . Wie sah er denn aus? Wahnschlucker . Er hatte Krallen an den Füßen. 224 Erstes Mädchen . Na, da hörst Du nun die Geschichte, Schwester, und zwar von Einem, der alles selbst mit angesehen hat. Zweites Mädchen . Aber, meiner Six, warum hat er denn nur Krallen an den Füßen? Wahnschlucker . Ja, wie soll ich das wissen, genug, daß ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Wollt Ihr ein bischen hier warten, so kriegt Ihr ihn gewiß auch noch zu sehen, wenn er wieder herauskommt; ich muß jetzt weiter. Erstes Mädchen . Ja, da müßte man ja wol nicht klug sein, wenn man hier warten wollte. Zweites Mädchen . Ich werde mich auch schön hüten. Erstes Mädchen . Ach, wir wollen uns nur dicht an den Herrn Wahnschlucker halten. (Sie fassen ihn jede unter einen Arm und gehen mit ihm ab, indem sie sich bei jedem Schritte ängstlich umsehen.) Sechste Scene. Leander . Heinrich . Leander . Heinrich! Heinrich . Hier. Leander . Die Tragödie, hoffe ich, soll morgen gut werden, wir müssen nur blos noch für ein kleines Nachspiel sorgen. Heinrich . Ja gewiß, ein lustiges Nachspiel müssen wir haben, sonst liegt diese Tragödie vom Polidorus dem Publikum zu schwer im Magen. Leander . Allerdings, es ist eine verflucht schauerliche Tragödie. Heinrich . Laß uns doch noch ein Stück aus dem italienischen Theater nehmen, den Doctor Baloardo. Er meint das von Holberg so vielfach benutzte Théâtre Italien des Gherardi; der Doctor Boloardo steht im IV. Band desselben und ist identisch mit » La fille de bon sens «. A.d.Ü. Leander . Dazu brauchen wir so viel Kostüme und Maschinerien. Heinrich . Ei, jeder besorgt, was er braucht; mit meiner Doctormaschine bin ich schon fertig. Die Doctormaschine war eine Vorrichtung, sich scheinbar nach Belieben groß und klein zu machen; sie kam in den damals so beliebten Arlekinaden häufig zur Anwendung und spielt namentlich in dem schon mehrfach erwähnten »Doctor Boloardo« oder » La fille de bon sens « eine große Rolle. A.d.Ü. 225 Leander . Fertig wol noch nicht; wie wir das letzte Mal spielten, fehlte noch allerhand daran. Heinrich . Nein, wahrhaftig, fix und fertig; ich werde sie mal gleich heraus holen, um Euch den Beweis zu liefern. (Läuft hinein, kommt aber gleich wieder mit der Doctormaschine. Inzwischen geht Leander mit der Rolle in der Hand auf und ab und murmelt.) Heinrich . Nun sieh, ob da nicht alles im Stande ist. Leander . Laß einmal sehen, wie Du Dich dabei anstellst. (Heinrich kriecht in die Doctormaschine und übt sich damit.) Leander . Ei ja, das geht vortrefflich; diese Doctormaschine füllt uns allein vier Logen. Nun übe Dich nur weiter, ich will unterdessen hineingehen. (Heinrich übt sich auf der andern Seite der Bühne in seiner Doctormaschine.) Siebente Scene. Von der andern Seite kommt Hans Franzen in einer Sänfte mit einem Diener. Heinrich . Hans Franzen, der Held des Holbergschen » Jean de France «. Daß derselbe im Personenverzeichniß doppelt aufgeführt wird, einmal als »Hans Franzen« und dann wieder als »Jean de France« (vgl. Akt V, Sc. 4), ist eine bloße Nachlässigkeit des Autors, der auf diese Aeußerlichkeiten ungemein wenig Werth legt. A.d.Ü. Hans Franzen (in der Sänfte) . Hier haltet mal ein bischen, Ihr Kerle, zu nahe möcht' ich dem Hexenmeister seinem Hause doch nicht kommen. (Die Sänftenträger sehen unterdessen, wie Heinrich sich mit der Maschine bald groß, bald klein machte, werfen die Sänfte mit dem Herrn darin um und laufen sammt dem Bedienten fort. Heinrich übt sich noch einige Zeit und geht dann ebenfalls ab.) Achte Scene. Ein fremder Mann . Hans Franzen in der Sänfte. Der Mann . Ehe ich so was glaube, muß ich es meiner Treu erst sehen; die es mir unterwegs erzählt haben, waren lauter alte Kerle, Dienstmädchen oder alte Weiber. Aber da liegt ja eine umgeworfene Sänfte, was soll das denn heißen? Alle Wetter, was seh' ich? da liegt ja ein todter Mensch? Ja, weiß 226 Gott, mausetodt, da hilft kein Spötteln mehr. Aber er ist doch noch warm, ich muß ihn einmal in die Nase kneifen, ob das vielleicht hilft. Hans Franzen (in der Sänfte) . Au! – Ach, Herr Lucifer, laßt mir doch nur Zeit, meine Sünden zu beweinen! Der Mann . Meinetwegen weint, so lange Ihr Lust habt, ich bin nicht gekommen, Euch den Garaus zu machen. Hans Franzen (in der Sänfte) . Seid Ihr denn also kein Teufel? Der Mann . Nicht daß ich wüßte; warum thut mein Herr aber solche Fragen? Hans Franzen (in der Sänfte) . Auch kein Hexenmeister? Der Mann . Was Henker ist das für ein Gewäsche? Hans Franzen (in der Sänfte) . Wie könnt Ihr Euch denn aber solch anderes Aussehen geben? Der Mann . So wenig wie ich können sich gewiß wenig Menschen ein anderes Aussehen geben; ich will des Teufels sein, wenn das nicht meine ganze Garderobe ist, was ich auf dem Leibe trage. Hans Franzen (in der Sänfte) . Ihr saht doch vorhin wie ein Doctor aus und jetzt seht Ihr wieder aus wie ein Mensch? Der Mann . Ist denn ein Doctor kein Mensch? Hans Franzen (in der Sänfte) . Ein Doctor ohne Kopf, wie ich ihn sah, nicht. Der Mann . Ich kenne, meiner Treu, verschiedene Doctoren ohne Kopf, denen doch niemand abstreiten wird, daß sie Menschen sind. Hans Franzen (in der Sänfte) . Ach, nicht doch, Ihr versteht mich nicht. Da war ein Doctor, der hatte einen Kopf und bald wieder hatte er keinen; denn mit Nase, Mund, Augen und Ohren rutschte er herunter bis in den Bauch, so daß zuletzt nichts übrig blieb als der Hut, der ganz allein auf dem Rumpfe stand. Der Mann . Steht doch nur auf, mein Herr, und erzählt mir Euer Abenteuer, Ihr braucht vor mir nicht bange zu sein, ich bin Bürger hier in der Stadt, und bin blos aus 227 Neugierde hierhergekommen, um zu sehen, ob das wirklich wahr ist, was man sich von den Zaubergeschichten erzählt, die hier in der Straße passiren sollen. Hans Franzen (in der Sänfte) . Ja, leider, das ist nur allzu wahr. In derselben Absicht kam auch ich, eben zu meinem Unglück. Denn sowie ich mich dem verwünschten Hause näherte, ließ sich der Teufel sehen, worüber die Sänftenträger so erschraken, daß sie mich mitsammt der Sänfte mitten auf der Straße umwarfen und davonliefen. Der Mann . Alle tausend, so ist es also doch wahr, daß hier Hexerei getrieben wird? Aber sah und hörte mein Herr nichts weiter? Hans Franzen (in der Sänfte) . Ei ja freilich, ich kann es blos nicht alles so genau beschreiben von wegen des Schreckens, der mich gepackt hat; es war ein Unwetter mit Donner und Blitz. Der Mann . So laßt uns denn auch hier nicht länger verweilen. Hans Franzen (in der Sänfte) . Aber nun weiß ich nicht, wie ich nach Hause kommen soll, da die Sänftenträger fort sind. Der Mann . Wie heißt mein Herr denn? Hans Franzen (in der Sänfte) . Ich heiße Hans Franzen und bin eben erst aus Paris zurückgekommen. Der Mann . Ja, da hat Er freilich Recht; da würde es sich allerdings für ihn nicht passen, zumal in der Stadt, zu Fuße zu gehen. Hans Franzen (in der Sänfte) . Ja, am Ende werde ich doch müssen, da ich hier doch nicht länger bleiben kann. Der Mann . Kann mein Herr sich entschließen zu Fuß nach Hause zu gehen, so wird er sich selbst eine Wohlthat erzeigen; denn in dieser Nachbarschaft sich lange aufzuhalten, das thut nicht gut. Hans Franzen (in der Sänfte) . Ja, dann muß ich mich freilich entschließen. Wenn mir nur unterwegs niemand begegnet, der mich kennt. (Steigt hinaus.) 228 Der Mann . Ei, was will das bedeuten, mein Herr, ich habe wol so manchen von unsern ausländischen jungen Herren gekannt, die hatten auch lange Zeit keine Füße, sondern ließen sich fahren und tragen, zuletzt aber gingen sie doch wieder auf zwei Beinen, gerade wie andere gemeine Bürger. (Beide ab.) 229 Zweiter Akt. Erste Scene. Leander . Nachher zwei Drehorgeljungen . Leander . Nun kann ich meine Rolle an den Fingern hersagen. Ich wollte, das Stück wäre noch heute Abend, da nähme ich gleich etwas Geld ein, um den Wechsel zu bezahlen. Ich fürchte nur, sie bringen mich noch vorher in Arrest, darum muß ich mich vor niemand sehen lassen. Käme es übrigens zum Aeußersten, so sollte ich doch meinen, daß sich jemand erbarmte und für fünfzig Thaler für mich gut sagte. (unterdessen ist ein Junge eingetreten, zupft ihn am Arm.( Der Junge . Kaufen der Herr nicht das neue Lied von dem Kerl, der sich dem Teufel verschrieben hat, auf Deutsch und auf Dänisch? Leander . Verschreiben sich die Leute dem Teufel denn jetzt auf Deutsch und Dänisch? Ich dächte, es wäre an einem genug. Der Junge . Nein, das ist nicht so gemeint: das Lied ist deutsch und dänisch zu haben. Leander . Diese Art Lieder machen, was die Schnelligkeit der Uebersetzung anbetrifft, mehr Glück als unsere besten Komödien. Nein, Kamerad, Deine neuen Lieder mußt Du an die alten Weiber verkaufen, ich brauche dergleichen nicht. Ein zweiter Junge (tritt ein) . Monsieur, eine funkelnagelneue Relation von dem Teufel, der Einem erschienen ist in Kaufmannsgestalt mit Hörnern vor dem Kopfe! Leander . Bist Du nicht bei Trost, Junge? Gehen denn 230 die Kaufleute mit Hörnern vor dem Kopfe? Aber freilich, auf gewisse Art ist es doch ganz richtig. Nein, ich kaufe nichts, mach' fort mit Deinen Geschichten. – Das ist was Schreckliches in der Stadt mit diesen neuen Liedern; man hat prophezeit, die Welt werde durch Feuer untergehen, wenn das aber so fort geht, so geht sie, glaub' ich, vielmehr durch neue Lieder unter. Leanders Junge s. Monsieur, jetzt heißt es untergekrochen, die Schaarwache ist auf dem Wege, um Euch ins Loch zu stecken. Leander . Alle tausend, hab' ich's doch gedacht! Das ist doch verflucht hart, einen ehrlichen Kerl um lumpige fünfzig Thaler einzuschweißen, besonders wenn man weiß, daß er etwas verdienen kann. Aber wahrhaftig, da kommen sie, ich muß laufen und die Thüre hinter mit zuschließen. (Sie gehen ab.) Zweite Scene. Eine ansehnliche Schaar Bewaffneter kommt. Lars . Nachher Leander und Heinrich . Der Anführer . Hört, Leute, gehe Einer von Euch zuerst hin und poche an die Thüre; wenn keiner aufmacht, so erbrechen wir sie mit Gewalt, hört Ihr wol? Ich glaube gar, Ihr seid bange; vorwärts, oder es setzt meiner Seele Hiebe! Lars, geh' Du mal hin und klopfe an, Dir fehlt es ja sonst nicht an Courage. Lars . Nein, allerdings, vor Menschen bin ich nicht bange, und wenn ihrer noch so viele sind, aber gegen den Teufel, da bin ich der reine Hasenfuß. Der Anführer . Ei, Possen, was kann er Dir denn anhaben, so lange Du in Deinem Berufe bist? Lars . Warum geht Ihr denn nicht selbst? Der Anführer . Na, das werde ich auch, ich bin nicht bange vor dem Teufel. (Geht einige Schritte vorwärts, kehrt jedoch gleich wieder um.) Hört Ihr wol, Leute, geht gleich hin und pocht, oder Ihr sollt die Schwerenoth kriegen! Ist das nicht der reine Scandal, wir kommen hier zu ganzen Haufen und nicht Einer hat Courage! 231 Ei, Ihr Hundsfötter, so viel Ihr seid, nun sollt Ihr gleich sehen, wie ich anpochen werde! (Geht vorwärts, kehrt aber wieder um.) Wir wollen mal lieber rufen und sehen, ob er vielleicht aufmacht. (Alle rufen: Aufgemacht! ) Leander (oben am Fenster) . Ach, Ihr lieben Leute, ich bin ja doch ein ansässiger Mann, ich laufe Euch ja nicht fort! Der Anführer (leise) . Wir wollen ihm gute Worte geben, um ihn herauszulocken. (Laut) Na kommt nur heraus, Kamerad; seid Ihr unschuldig, so wird Euch ja auch nichts Böses geschehen. Leander . Schuldig bin ich, das kann ich nicht in Abrede stellen. Aber um einen ehrlichen Mann gleich ins Loch zu werfen, dazu ist die Sache doch nicht angethan? Der Anführer . Ha ha, nicht dazu angethan? Leander . Dazu angethan oder nicht, so sind jedenfalls hundert Menschen in der Stadt, die mehr schuldig sind als ich und doch nicht gleich eingesteckt werden. Der Anführer . Das thut uns leid zu hören, daß in einer christlichen Stadt so viel gottlose Menschen sind. Wenn Ihr ins Verhör kommt, müßt Ihr sie alle angeben, so viel wie Ihr kennt, das rathe ich Euch; es ist der einzige Weg, auf dem Ihr noch Pardon bekommen könnt. Leander . Was zum Henker geht es mich an, ob sie schuldig sind oder nicht? Das mag jeder für sich selbst bekennen. Der Anführer . Ja gewiß, jeder soll für sich selbst bekennen, aber Ihr müßt sie nur erst angeben. Leander . Ich soll sie angeben? Die Kerle müssen wirklich verrückt sein. Lars . Sprecht nicht weiter mit ihm, er ist besessen, es ist der böse Feind, der aus seinem Munde spricht. Leander . Und aus Deinem Munde, glaub' ich, spricht der Branntwein. Der Anführer . Hört, Monsieur, kommt in Güte heraus, sonst geht es Euch schlecht; Ihr wißt ja wol selbst, was das heißt, sich der Wache widersetzen. Leander . Einsperren lasse ich mich meiner Seel' nicht; 232 auch habt Ihr gar kein Recht dazu, indem ich mich erbiete, in Zeit einer Stunde Sicherheit zu stellen. Der Anführer . Sicherheit? Nicht die ganze Welt kann Sicherheit für Euch stellen. Leander . Hört, Messieurs, nun geht Eurer Wege und schlaft Euren Rausch aus, Ihr seid im Thrane, merk' ich. Der Anführer . Na, das soll Ihm theuer zu stehen kommen! Leander . Na, dann habt Ihr den Verstand verloren, eines von beiden muß sein; denn sonst könntet Ihr unmöglich sagen, die ganze Welt könnte nicht Sicherheit stellen für solche Lumperei. Der Anführer . Ei, Du Bösewicht, nennst Du das eine Lumperei? Du bist doch wirklich des schmählichsten Todes werth! Leander . Und Ihr seid werth, mit sammt Eurer ganzen Gevatterschaft in den Narrenthurm gesperrt zu werden. Ein- für allemal: wenn Ihr Euch nicht packt, so soll Euch das Donnerwetter auf den Hals kommen, so viele Euer sind! Der Anführer . Hört, Leute, wir müssen das Haus mit Sturm nehmen, formirt Euch in zwei Glieder, ich werde den Rücken decken. Durch bloße Drohungen dürfen wir uns nicht schrecken lassen; mag er so viel Teufel beschwören, wie er will, an uns haben sie keine Macht, sintemal wir in unserm löblichen Berufe sind. Na, so marschirt doch los, was steht Ihr so verzagt? Frisch zu, faßt Euch ein Herz und bedenkt, daß es uns ja für ewige Zeiten zu Spott und Schande gereichte, müßten wir unverrichteter Sache wieder umkehren! Denkt auch an den Zorn Eurer Vorgesetzten und daß Ihr kassirt werdet ohne Paß und Abschied! Ihr habt doch bei verschiedenen anderen Gelegenheiten ein männliches Herz gezeigt; seid Ihr denn nicht mehr dieselben? Wo ist Eure alte Tapferkeit geblieben? Vorwärts, sag' ich! Lars . Ein Schuft will ich sein, wenn ich vorangehe! Das ist nicht unser Metier, uns mit dem Teufel zu schlagen; habt Ihr nicht gehört, wie er uns drohte? Auch nützt es gar nichts, ihn anzugreifen, er hat sich fest gemacht, und wenn wir schießen, so kehren die Kugeln auf uns selbst zurück. 233 Der Anführer . Auf der Stelle mir gefolgt! Die Spieße gefällt! Das muß nun biegen oder brechen! (Leander feuert eine Pistole ab, worauf die ganze Wache zur Erde fällt.) Leander . Ha ha ha! Das sind auch die richtigen Kerle, die man zu einer Execution ausschickt. Heinrich, komm mal schnell her, hier ist was Hübsches zu sehen. – Na, aber steht der Narr nun nicht noch und übt sich mit der Doctormaschine? Komm doch her, Heinrich, und sieh! ( Heinrich kommt heraus in der Doctormaschine; die Wache springt auf, schreit und ergreift die Flucht.) Dritte Scene. Leander . Heinrich . Heinrich . Was Teufel sind das für Geschichten? Ich komme heraus und finde die ganze Straße übersäet mit einem halben Hundert von Bettelvögten und Häschern, und meine bloße Annäherung reicht hin, sie vom Tode zu erwecken und in die Flucht zu treiben; gewinne ich noch mehr solche Bataillen, so ist Alexander Magnus gegen mich ein dummer Junge. Leander . Sie sind alle fort, wie ich sehe, Heinrich. Heinrich . Ja, versteht sich. Leander . Wo sind sie denn geblieben? Heinrich . Ja, frage, wo die geblieben sind; mit dieser Hand schlug ich ihren rechten, mit dieser ihren linken Flügel in die Flucht und mit der Spitze meines Doctorhuts durchbrach ich ihr Centrum. Eigentlich, Monsieur, wäre es wol in der Ordnung, daß Ihr den Hut abnehmt, wenn Ihr mit einem Mann sprecht, wie ich bin. Leander . Soll das etwa eine Heldenthat heißen, so bin ich ein noch größerer Held: denn ich habe ganz allein einem lebendigen Kriegsheer Stand gehalten, Du aber blos einem todten. Heinrich . Das ist keine Kunst, Leute todt zu schlagen, das können noch andere Doctoren als ich: aber sie wieder lebendig machen, das will was heißen. 234 Leander . Aber wo blieben sie nur? Heinrich . Sie liefen fort, die undankbaren Hunde, ohne mir meine Mühe zu vergüten. Leander . Nimm Dich nur in Acht, daß sie Dir nicht das Fell ausklopfen, wenn sie Dich erwischen. Heinrich . Das wäre ja eine schöne Geschichte: dem Doctor, der die Todten lebendig macht, wird das Fell ausgeklopft, der dagegen, der Lebendige todt schlägt, kriegt von den Erben der Verstorbenen sein Salair. Leander . Aber genug des Spaßes; kannst Du irgend etwas hiervon begreifen? Heinrich . Der Teufel soll den holen, der nur das Mindeste begreift! Leander . Mir ist ganz wirre davon im Kopfe. Heinrich . Und mir schwindelt, als wäre ich aus dem Monde gefallen. Leander . Daß man mich Schulden halber einsperren will, das kann ich allenfalls begreifen, die Redensarten aber, deren sie sich dabei bedienten, sind mir ganz unfaßbar. Heinrich . Ich begreife das Eine so wenig wie das Andere. Oder was hat Euer Gläubiger davon, daß er Euch einstecken läßt? Im Gegentheil, es wäre ja gegen sein Interesse, wenn er einen von den Schauspielern greifen ließe. Es ist gar nicht die Wache gewesen, Monsieur, sondern einige Spaßvögel, die sich verkleidet haben, um uns einen Schabernack zu spielen. Leander . Glaubst Du wirklich, Heinrich? Heinrich . Ja, was soll ich anders glauben? Denkt Ihr, Ihr könnt mit einem einzigen Pistolenknall den ganzen Magistrat zu Boden strecken oder mit einem halben Quentchen Zündkraut die ganze streitbare Häscherfacultät in die Pfanne hauen? Leander . Aber man hat mich schon vorher gewarnt, daß mein Gläubiger mich will festnehmen lassen? Heinrich . Der größte Dienst, den Ihr Eurem Gläubiger jetzt erweisen könnt, ist, daß Ihr Eure Rolle gehörig memorirt; das will ich ebenfalls thun und kein Wort mehr über die Narrenspossen verlieren. (Heinrich geht hinein.) 235 Vierte Scene. Leander allein. Leander . Es ist mir doch nicht denkbar, daß diejenigen, die mich auf die böse Absicht meines Gläubigers aufmerksam machten, einen bloßen Scherz mit mir getrieben haben sollten. Denn daß der Wechsel nicht acceptirt worden, ist gewiß; er konnte auch nicht acceptirt werden, weil ich die fünfzig Thaler dafür nicht aufzutreiben wußte, wenigstens nicht in der kurzen Zeit, auf die der Wechsel gestellt war. Aber was hätte er davon, mich einsperren zu lassen? Höchstens, daß er sich einbildet, die andern Schauspieler würden mich auslösen. Da müßte doch wirklich noch ein Artikel ins Gesetzbuch aufgenommen werden, daß niemand einen Schauspieler dürfte einstecken lassen; vielleicht läßt sich auf uns anwenden, was von den Beamten gilt, daß niemand in Ausübung seines Berufes verhaftet werden darf. Darum will ich nur meine Rolle weiter studiren, damit, falls noch einige solcher Vogel Greifs Holberg hat hier einen vortrefflichen, vielleicht dem Rabelais nachgebildeten Ausdruck, der noch jetzt in Dänemark für untergeordnete Polizei und Gerichtsdiener oder überhaupt für unbekannte, zweideutige Menschen in Gebrauch ist: Gripomaenus. Der Ursprung vom französischen griper, gripper ist unverkennbar; der Ausdruck bei Rabelais heißt Grippeminaud . A.d.Ü. kommen, ich sagen kann: Messieurs, Ihr seht, ich bin in meinem löblichen Amte und Berufe. (Geht wieder auf und nieder und murmelt, mit der Rolle in der Hand.) Fünfte Scene. Leander . Zwei Mädchen . Erstes Mädchen . Hier also wohnt er, Schwester? Zweites Mädchen . Ja, und da geht er selbst und murmelt. Erstes Mädchen . Gewiß stellt er Beschwörungen an, um verlorene Sachen nachzuweisen. Zweites Mädchen . Sieh einmal, wie er den Kopf in die Höhe wirft! Erstes Mädchen . Ja, so Geister zu beschwören, das kostet Anstrengung. 236 Zweites Mädchen . Darum lassen sie sich auch tüchtig dafür bezahlen. Erstes Mädchen . Ich möchte doch keinen Geist sehen. Zweites Mädchen . Wir kriegen sie auch gar nicht zu sehen, der Hexenmeister sieht sie ganz allein, und übrigens hab' ich auch einen Stahl in der Tasche Ein Stück Eisen oder Stahl bei sich zu tragen, galt für ein sicheres Mittel, etwaige Bezauberungen abzuwenden. A.d.Ü. , da brauche ich nicht bange zu sein. Aber sieh mal, wie er sich nun anstellt! Leander . Mit wem wollt Ihr sprechen, Ihr Mädel? Erstes Mädchen . Er ist ja wol der, der hier wohnt? Leander . Warum fragt Ihr so, wollt Ihr hier etwa spioniren? Erstes Mädchen . Nein, wahrhaftig, wir verrathen Ihn gewiß nicht, wir sind nicht von der Sorte. Leander . Das hoffe ich ebenfalls; es ist hier ein Lärm gemacht um gar nichts, daß man aus der Haut fahren möchte. Ist das nicht wunderlich, Ihr Kinderchen? Da kommen sie hierher ein ganzes Regiment stark und wollen mich ins Gefängniß bringen um nichts und wieder nichts. Erstes Mädchen . Monsieur mag wol sagen: um nichts und wieder nichts, ich wollte nur, wir hätten mehr solche Leute in der Stadt wie Er, da würden die Diebe das Stehlen hübsch bleiben lassen. Leander . Schön Dank für die gute Meinung, die Ihr von mir habt: aber ich wüßte doch nicht, auf welche Weise ich den Dieben das Handwerk legte. Erstes Mädchen . Nun allerdings, so eigentlich nicht, mein Herr. Aber wenn die Obrigkeit nicht helfen will, so muß man doch seine Zuflucht zu solchen guten Leuten nehmen, wie Er ist. Leander . Alle Wetter, wofür haltet Ihr mich? Denkt Ihr, ich bin die Polizei hier in der Stadt? Erstes Mädchen . Ei nein, wir kennen Monsieur recht gut. Leander . Nun, wer bin ich denn? Erstes Mädchen . Seinen Namen weiß ich zwar nicht, aber meine Madame kennt Ihn; sie schickt mich her und läßt bitten, Monsieur möchte doch so gut sein, Einem, der kürzlich eine 237 goldene Uhr bei ihr gestohlen hat, für Geld und gute Worte ein Auge auszuschlagen. Eine Hauptkunst der Wahrsager und Zauberer war, Einem durch magische Mittel, je nach Gelegenheit, ein oder auch beide Augen zu blenden. A.d.Ü. Leander . Hol' Euch der Teufel, Dich und Deine Madame mitsammt Eurer goldenen Uhr! Schlag' ich etwa den Leuten die Augen aus? Erstes Mädchen . Ja, ich weiß es ja recht gut, daß Monsieur das nicht will bekannt werden lassen. Aber meine Madame verspricht auch heilig, daß sie Ihn nicht verrathen will, und will sich auch nichts merken lassen gegen keine Menschenseele. Leander . Hört, mein Kind, ich will Euch nichts zu Leide thun, Ihr seid vermuthlich ein einfältiges Geschöpf, das man in den April geschickt hat: aber nun geht auch Eurer Wege mit dem Geschwätz. Erstes Mädchen . Ach mein theuerster Monsieur, ich weiß ja, daß Er sich nicht Jedem zu erkennen giebt, aber so wahr ich ehrlich bin, wir verrathen Keinem was. Zweites Mädchen . Das versichere ich ebenfalls; ich will tausendmal lieber ein Beest sein, ehe das über meine Lippen kommen soll. Leander . Die ganze Stadt, glaube ich, ist von einer Krankheit befallen, die sie verrückt macht; eben erst war die Wache hier und wollte mich zwingen, die Leute in der Stadt anzugeben, die etwas schuldig sind, und nun wieder kommen diese hier und verlangen, ich soll den Leuten die Augen ausschlagen. Hört mal, wer hat Euch denn geschickt? Erstes Mädchen . Das hat Madame mir verboten zu sagen; aber diese zwei Ducaten hat sie mir für Monsieur mitgegeben, und wenn der Dieb die Uhr wiederbringt, will sie gern noch mehr geben. Leander (zu der zweiten) . Und Euer Auftrag? Zweites Mädchen . Ich komme von einer jungen Dame, die hat ein zärtliches Verhältniß zu einem jungen Herrn, in den sie verliebt ist, aber er erwidert ihre Liebe nicht, und darum möchte sie nun gern, daß Monsieur vermittelst seiner Kunst ihn ebenfalls in sie verliebt machte; zu dem Ende schickt sie hier zehn Reichsthaler als Vorausbezahlung. 238 Leander . Hört jetzt, was ich Euch sage: seid so gut und vermeldet der Madame sowol wie der jungen Dame meinen gehorsamsten Respect und sagt ihnen, ich hielte sie alle beide für ein Paar Canaillen, bis sie den Beweis führen würden, daß ich ein Hexenmeister bin. Und was Euch anbelangt, wenn Ihr Bestien nun nicht gleich Eurer Wege geht, so haue ich Euch das Fell durch! (Will gehen, sie aber halten ihn zurück, bald zupft ihn die Eine, bald die Andere und zwingt ihm das Geld auf.) Leander (bei Seite) . Das sind vierzehn Thaler, die mir hier ganz unvermuthet aufgedrungen werden. Könnte ich das Geld nicht sachte behalten und mich stellen, als wäre ich wirklich ein Hexenmeister? Riskiren thue ich dabei nichts, da sie sich ebenso wenig davon merken lassen dürfen wie ich, und da sie mir das Geld vorausbezahlen, so kann ich ihnen ja in Gottes Namen versprechen, was sie wollen. (Laut) Hört, liebe Kinder, da Ihr versprecht, niemand nachzusagen, daß ich diese Kunst wirklich übe, so will ich Euch darin zu Diensten sein; ich thue es nicht für Jeden, sondern blos für gute Freunde, von denen ich weiß, daß sie schweigen. Die Obrigkeit ist auf Leute meiner Profession nicht gut zu sprechen, obwol wir unser Pfund lediglich zu unseres Nächsten Besten verwenden. Und nun hört zu! Montag früh, so gegen neun Uhr, da wird der Dieb kommen, auf einem Auge blind, und wird die Uhr zurückbringen; aber Ihr dürft ihm kein Leid weiter thun, er ist schon bestraft genug, daß er sein Auge eingebüßt hat. Was die andere Affaire angeht, so soll der Herr, der jetzt kaltsinnig ist, ebenso verliebt in die junge Dame werden, wie sie jetzt in ihn ist, und sie soll so kaltsinnig werden, als sie bisher in Flammen stand. Zweites Mädchen . Nein, mein Herr, das ist nicht, was sie wünscht, sie will so verliebt bleiben, wie sie ist, aber er soll ebenso feurig werden; verstanden? Leander . Allerdings versteh' ich, die Sache ist aber nicht leicht. Indessen, weil Sie es ist, werde ich ein Uebriges thun; es ist aber gerade noch mal so schwer wie das Andere. Erstes Mädchen . Aber, mein Herr, dürfte ich Euch wol noch etwas unter vier Augen anvertrauen, ich möchte nicht gern, 239 daß Gertrud das hört. Ich bin nämlich des Nachts so erschrecklich von Erscheinungen geplagt; bald schwebt mir dies, bald jenes Mannsbild vor Augen und hindert mich am Einschlafen, und dabei brennen mir die Glieder, als ob ich im hitzigen Fieber läge. Leander . Es taugt Euch nicht, allein zu schlafen, mein Kind; Ihr müßt den Bedienten oder den Kutscher bitten, daß er bei Euch schläft, natürlich unter der Bedingung, daß sie Euch keinen Schaden anrichten. Erstes Mädchen . Nein, das wage ich doch nicht. Leander . So will ich Euch einen andern Vorschlag machen: nehmt einen guten reifen Apfel, theilt ihn in drei Stücke, auf das erste Stück thut Ihr ein bischen Senf und eßt es den ersten Tag, auf das zweite Stück thut Ihr ein wenig Kampher und eßt es den zweiten Tag, auf das dritte Stück streut Ihr ein wenig Kaffe, der darf aber nicht gemahlen sein, blos gestoßen, und eßt es den dritten Tag; damit fahrt drei Tage fort, ohne etwas anderes zu Euch zu nehmen, und wenn die Erscheinungen dann nicht fort sind, dann sollt Ihr Euer Geld wieder haben. Erstes Mädchen . Das ist eine harte Kur, da werde ich doch wol lieber Euren ersten Rath befolgen. Leander . Ja, allerdings, der ist sicher und hat schon vielen geholfen; die Anwesenheit eines Mannes im Schlafzimmer eines Frauenzimmers vertreibt vermittelst der Sympathie, die zwischen beiden ist, die bösen Geister, die sonst da ihr Wesen treiben. Gefahr ist weiter nicht dabei, und wenn Ihr den Männern den Grund sagt und daß Ihr es blos gesundheitshalber thut, und bittet sie, hübsch still zu liegen, so thun sie es gewiß mit dem größten Vergnügen. Erstes Mädchen . Also der Herr glaubt, daß mir niemand einen Vorwurf daraus machen kann, da ich es blos gesundheitshalber thue? Leander . Ei, bewahre, die Gesundheit ist ja das kostbarste Kleinod, das wir besitzen. Erstes Mädchen . Das ist meiner Treu ein vortrefflicher Rath, ich hatte wol schon selbst daran gedacht, ich dachte aber – na, Monsieur kann sich wol denken, was ich meine. 240 Leander . Ja wohl, ich kenne diese und alle Eure sonstigen Gedanken. Erstes Mädchen . Ist es möglich? Kann Monsieur mir da wol sagen, was ich jetzt eben denke? Leander . Ihr denkt, dieser brave Mann, der mir solchen guten Rath gegeben, hätte für seine Mühe wol eine kleine Aufmerksamkeit verdient. Erstes Mädchen . Zum wenigsten hätte ich es denken sollen; will Monsieur diese zwei Mark nicht verschmähen und wollt Ihr mir außerdem auch wol sagen, wen ich liebe? Leander . Ihr habt schon Verschiedene geliebt, jetzt aber richten sich Eure Gedanken am meisten auf einen gewissen . . . . Laß sehen, nun werd' ich den Namen gleich haben. Eine Mannsperson ist es, das weiß ich sicher . . . . Erstes Mädchen . Ja gewiß, in dem Punkt hat Monsieur es getroffen. Leander . Er ist ein großgewachsener Mensch – Erstes Mädchen . Nein, von Statur ist er doch nur mittelmäßig. Leander . Wenn man es so nehmen will, allerdings, aber er ist doch einen ganzen Kopf größer als Ihr. Erstes Mädchen . Wenn Ihr ihn mit mir vergleicht, so habt Ihr allerdings Recht. Leander . Na, das wollt' ich meinen; wenn ich sagte, er wäre groß gewachsen, so that ich das in Beziehung auf Euch, mit wem hätte ich ihn auch wol besser vergleichen können? Erstes Mädchen . Könnt Ihr ihn mir noch weiter beschreiben? Leander . Das ist meine geringste Kunst; er ist bildschön. Erstes Mädchen . Na, davon wollen die Leute nun so eigentlich nichts wissen. Leander . Was scheeren mich die Leute, wer kann allen gefallen? Er ist schön, behaupte ich, in meinen Augen und ist nicht minder schön in Euren Augen. Erstes Mädchen . Ja, das ist meiner Seele richtig. Aber hält Monsieur ihn in der That nicht für recht niedlich? 241 Leander . Es ist einer von den schönsten Mannsbildern, die mir je vor Augen gekommen sind. Erstes Mädchen . Das freut mich, daß er Andern doch ebenso erscheint wie mir. Aber was hat er denn für eine Profession? Leander . Er ist Commissionär. Erstes Mädchen . Nein, in dem Punkt seid Ihr irre, er ist Sergeant. Leander . Na, das meine ich ja eben, der Sergeant ist ja des Fähnrichs Commissionär. Wenn der Fähnrich nicht da ist, habt Ihr da nicht gesehen, wie der Sergeant für ihn eintritt und die Fahne trägt? Denkt Ihr, ich verstehe meine Profession nicht? Ich bin im Stande und beschreibe ihn Euch von oben bis unten; er spricht nicht übel deutsch? Da die Kenntniß der deutschen Sprache damals in Dänemark, namentlich in Kopenhagen, sehr verbreitet war, sogar noch verbreiteter als jetzt, so ließ sich dies allerdings leicht prophezeien. A.d.Ü. Erstes Mädchen . Ja wahrhaftig, das thut er. Leander . Er trägt sein eigenes Haar und eine Schnur um den Hut. Erstes Mädchen . Ja. Leander . Aber wenn er zu Hause ist, da trägt er eine Mütze. Erstes Mädchen . Ach genug, genug, mein Herr, ich mag gar nicht mehr fragen, ich höre schon, daß Ihr doch alles wißt. (Zu dem andern Mädchen) Ach, Schwester, das ist ein erstaunlicher Mann, der weiß alles, das Vergangene und das Zukünftige. Zweites Mädchen . Ach, Schwester, komm, laß uns gehen, ich bin bange, er weiß am Ende auch etwas, wovon ich nicht möchte, daß irgend ein Mensch es je zu wissen kriegt. Erstes Mädchen . So geh' hin und bitte ihn, so sagt er gewiß nichts nach, er ist ein sehr honneter Mann. Zweites Mädchen . Ach, mein theurer Monsieur, ich bin bange, Ihr wißt, was letzte Nacht passirt ist – Leander . Ja gewiß, das weiß ich alles haarklein. Erst kam – Zweites Mädchen (leise zu ihm) . Ach, Monsieur, nicht weiter, ich will nicht, daß die Andere das hören soll; denn wenn es herauskäme, bliebe der Hausknecht nicht eine Stunde länger im 42 Dienste. Möchte Monsieur doch diese achtundzwanzig Schillinge nicht verschmähen – Leander . Schön Dank. Zweites Mädchen . Ihr werdet mich also nicht verrathen? Leander . Nein, Ihr könnt Euch darauf verlassen. Adieu, alle beide, und mein Compliment an die Madame und das Fräulein. Will sich sonst noch jemand Raths bei mir erholen, so bin ich gleich hier gegenüber zu finden. (Die Mädchen ab.) Sechste Scene. Leander allein. Leander . Je länger, je toller; laß sehen, ob ich noch alles zusammenbringe. Bewaffnete Mannschaft vor meiner Thüre; die Sicherheit der ganzen Welt nicht ausreichend für fünfzig Thaler; ein Verbrechen, fünfzig Thaler eine Lumperei zu nennen; Aufforderung, sämmtliche Debitoren der Stadt anzuzeigen. »Viele Empfehlungen von der Madame und sie läßt schön bitten, Er möchte doch einem Dieb ein Auge ausschlagen.« »Eine schöne Empfehlung von dem Fräulein und sie läßt schön bitten, Er möchte doch einen jungen Herrn in sie verliebt machen.« Hier zwei Ducaten in diese Hand, da zehn Reichsthaler in die andere Hand. Was Henker heißt das? Entweder ich bin toll und kenne mich selbst nicht mehr, oder die ganze Stadt ist toll. Ist die ganze Stadt toll, so wünsche ich blos, daß sie nicht eher wieder klug wird, als bis ich sie heile, damit würde ich wenigstens für einige Zeit meine Rechnung finden. Diese Mädchen werden mich um meiner Kunst willen weiter recommandiren und in kürzester Zeit werde ich so viel Geld einnehmen, daß ich meinen Wechsel damit bezahlen kann. Und so will ich denn nur wieder ins Haus gehen; wenn jemand kommt und nach mir fragt, so kann der Junge unterdeß sagen, ich wäre aufs Land und kassirte Geld ein, um bei meiner Rückkunft die fünfzig Thaler zu bezahlen, und wenn jemand kommt, der mich als Hexenmeister consultiren will, so soll er ihn mir nur hineinschicken. 243 Dritter Akt. Erste Scene. Arv , der Hausknecht, allein. Arv . Ach, wenn ich mein Geschäft doch nur erst zu Ende gebracht hätte! Ich soll zu einem Hexenmeister gehen, der hier an der Ecke wohnt, und meine gnädige Fräulein bei ihm anmelden; ihr ist ein Dutzend silberne Löffel weggekommen und da hat sie nun einen von uns Dienstboten in Verdacht. Sie wird gleich selbst kommen mit sämmtlichem Gesinde, um die Wahrheit zu erkunden. Ich zittere am ganzen Leibe; denn noch nie habe ich einen Hexenmeister gesehen, geschweige denn mit einem gesprochen. Aber Courage, Arv, Du hast ja ein gutes Gewissen! Ich fürchte blos, wenn er mich zittern sieht, so denkt er, ich bin der Dieb; ich will mir mal vorstellen, als ob ich bereits mit ihm redete, um zu sehen, wie ich mich dabei benehme. (Arv nimmt den Hut unter den Arm, verbeugt sich.) Ein Compliment von der gnädigen Frau an den Herrn. – »Was ist ihr Begehr?« – Sie läßt ergebenst bitten, der Herr möchte doch ein gutes Wort für sie einlegen beim Lucifer, um zu erfahren, wer ihre silbernen Löffel gestohlen hat. – »Warum zitterst Du so?« – Blos vor Kälte, großgünstiger Herr. – »Das ist das böse Gewissen, glaub' ich, das Dich so zittern macht, Du bist vermuthlich selbst der Dieb.« – Nein, hol' mich der Teufel, wenn ich es bin, großgünstigster Herr! – »So hast Du wenigstens dabei geholfen.« – Nein, großgünstiger Herr, ich weiß von der ganzen Geschichte nicht mehr als ein neugebornes Kind. – »Willst 244 Du wol gleich stillstehen, Du Schlingel?« – Ja, großgünstiger Herr! – »Sieh mir in die Augen! (Sieht in die Höhe.) Jetzt bekenne nur gleich alles, ehe es noch zum Verhör kommt, so soll Dir die Strafe geschenkt sein!« – Ich kann nichts gestehen, großgünstiger Herr, ich bin ganz unschuldig! (Zieht sich selbst bei den Haaren.) »Willst Du Bestie gleich bekennen?!« – Ich habe aber doch nichts zu bekennen, gnädiger Herr, ich bin ganz unschuldig . . . . Na, das geht ja. Aber nun muß ich anpochen. Zweite Scene. Arv . Leander . Arv . (stammelnd) . Gehorsamster Diener, wohlgeborene Frau, ich soll eine schöne Empfehlung machen vom Lucifer, und sie läßt Euch schön bitten, Ihr möchtet ihr doch sagen, wer ihr die – na, Ihr wißt ja schon. (Beiseite) Nun hab' ich rein vergessen, was es war. Leander . Was schwatzest Du da für Zeug zusammen, da ist ja kein Wort zu verstehen? Arv (zitternd, mit gefalteten Händen) . Ich soll Monsör um was bitten. Leander . Um was denn? Arv . Ich weiß es wahrhaftig nicht. Leander . Wer hat Dich denn hergeschickt? Arv . Ich weiß es bei Gott nicht. Leander . Willst Du Hund mich zum Narren halten? Du weißt nicht, wer Dich hergeschickt hat? Arv . O ja, ich weiß es sehr gut. Leander . Und also, wer ist es? Arv . Wozu soll ich Monsör das noch erst sagen? Leander . Ei, so soll Dich das Donnerwetter, willst Du mich zum Narren halten? Arv . Ach, Herr Lucifer, verschont mich! Leander . Du bist voll Furcht, mein Sohn, wie ich sehe, gieb Dich zufrieden, ich thue Dir nichts Böses; denke nach und sage Deinen Auftrag frei heraus. 245 Arv . Ich soll den Herrn schön grüßen von zwölf silbernen Löffeln, und die lassen auch recht sehr bitten, er möchte doch unserer gnädigen Frau ein Auge ausschlagen, denn die hätte sie gestohlen. Leander . Aha, jetzt endlich verstehe ich, was Du meinst, so kauderwelsch Du Dich auch ausdrückst. Deiner gnädigen Frau, merke ich, ist ein Dutzend silberner Löffel gestohlen worden? Arv . Ja, und der Herr möchte doch so gut sein und ihnen ein Auge ausschlagen. Leander . Den silbernen Löffeln ein Auge ausschlagen? Arv . Nein, dem von dem Gesinde, der die Löffel gestohlen hat. Ach, Herr, thut mir nichts zu leide, ich bin so bange, Ihr macht einen Wehrwolf aus mir. (Weint.) Leander . Du wirst sie wol selbst gestohlen haben, daß Du so sehr bange bist. Arv (weinend) . Nein, ich habe noch all mein Lebtag nichts gestohlen, nicht einen Stecknadelknopf. Leander . Hast Du nichts gestohlen, mein Sohn, so hast Du auch nichts zu befürchten. Grüße Deine gnädige Frau und ich ließe sie bitten, mit dem Gesinde herzukommen, so wollte ich ihr den Dieb zeigen. (Arv geht ab, sieht sich unterwegs furchtsam um.) Dritte Scene. Leander . Ein Mädchen . Später ein Mann . Ein Junge . Leander . Wie sich die Menschen doch vom Aberglauben beherrschen lassen; nicht im Traume hätte ich mir einfallen lassen, daß die Leute noch einmal das Kreuz vor mir schlagen sollten. – Aber da ist schon wieder Eine; was wollt Ihr, mein Kind? Das Mädchen . Ach, großgünstiger Herr, mir ist ein Unglück passirt mit einem jungen Mann, der mich zu Falle gebracht hat; ließe es sich nicht machen, daß ich wieder Jungfer würde? 246 Leander . Ja, machen ließe sich es schon, mein Kind; aber was hülfe es wol, Ihr verlört sie ja doch gleich wieder? Das Mädchen . Ja, es könnte mir doch so viel helfen, daß ich desto eher einen Mann kriegte. Leander . Ich will Euch ein gutes Mittel sagen, das Ihr wöchentlich einmal brauchen müßt; aber hier in der Stadt nützt es Euch nicht, soll es Euch helfen, so müßt Ihr in eine fremde Stadt reisen, und wenn Ihr das Mittel da noch einige Tage braucht, so werdet Ihr wieder eine so richtige Jungfer, wie Ihr je gewesen. Das Mädchen . Was habe ich dafür zu bezahlen? Leander . Zwei Thaler. (Sie bezahlt das Geld, kriegt dafür ein Fläschchen und geht ab.) Ein Mann (tritt ein) . Ist Er nicht der weise Mann, der hier wohnt? Leander . Ja; was steht zu Diensten? Der Mann . Mein Herr, ich habe solch verfluchtes Weibsstück, das mich alle Tage bei den Haaren herumzieht; wolltet Ihr sie nicht für Geld und gute Worte wieder zahm machen? Leander . Schneidet von einem Baume einen Zweig, so von Daumendicke, und trocknet ihn bei mäßigem Feuer; wenn er ordentlich getrocknet ist, so schmiert ihn mit Gänsefett und damit gebt Eurer Frau des Morgens früh zwölf tüchtige Hiebe. Hilft es den ersten Tag nichts, so schmiert ihn mit Schweinefett, das aber ein bischen ranzig sein muß, und versucht es damit zwei Morgen nach einander. Will das auch noch nicht helfen, was jedoch sehr unwahrscheinlich ist, so müßt Ihr ihn mit Mandelöl schmieren und damit vier Tage nach einander fortfahren, und Ihr werdet die sanfteste Frau bekommen, die nur Einer verlangen kann. Der Mann . Was kostet der Rath? Leander . Zwei Thaler. Seht aber ja wohl zu, daß der Zweig bei mäßigem Feuer getrocknet wird, sonst wirkt er nicht. (Der Mann ab. Ein Junge tritt ein.) Ei, sieh, da ist schon wieder ein Frischer; das geht ja wie geschmiert. Was fehlt Euch, mein Sohn? 247 Der Junge . Ach, ich bin ein armer Schustergeselle und muß für mein Brod arbeiten wie ein Vieh; mein ältester Bruder dagegen hat sich auf die Bücher verlegt und ist Doctor geworden in der Doctorkunst, und da ist er nun bei den Leuten ebenso angesehen, wie ich verachtet bin, und verdient an einem einzigen Fieber mehr als ich an zehn Paar Stiefeln. Meine unterthänigste Bitte an meinen Herrn geht nun dahin, da Er sich nun doch einmal dem Teufel verschrieben hat und der schwarzen Kunst mächtig geworden ist, daß Er mir doch nur einen einzigen Wunsch erfüllen möchte. Leander . Man kann die schwarze Kunst erlernen, auch ohne sich dem Teufel zu ergeben. Zwölf Personen thun sich zusammen und reisen auf die schwarze Schule nach Wittenberg, elf von ihnen gehen frei aus, nur den zwölften, den das Loos trifft, holt der Teufel. Der Bursche . So ging mein Herr also frei aus? Leander . Gewiß, sonst wäre ich ja nicht hier. Aber was ist Euer Begehr? Der Bursche . Ich möchte gern Doctor werden wie mein Bruder. Leander . Das kostet vier Thaler. Der Bursche . Hier sind vier Thaler. Leander . Nun höre an: Du kaufst Dir zehn Ellen schwarzes Tuch bei dem Kaufmann hier gerade über; denn der hat allein das Tuch, das in der schwarzen Manufactur in Wittenberg gemacht wird. Von diesem Tuche läßt Du Dir einen langen Rock machen, wenn Du das gethan hast, so miethest Du Dir eine hübsche Wohnung und läßt mit großen Buchstaben über die Thüre schreiben – wie ist Euer Name? Der Bursche . Ich heiße Jahn. Leander . Ja, so müßt Ihr schreiben: Hier wohnt der weitberühmte Doctor Jansenius, der jegliche Krankheit curirt. Der Bursche . Aber was soll ich denn brauchen, daß die Kranken gesund werden? Leander . Das ist einerlei, nehmt, was eben bei der Hand 248 ist; habt Ihr nur den langen Rock an, so könnt Ihr in Eure Flaschen gießen, was Ihr wollt, es ist alles gleich. Der Bursche . Nein, aber sollte das wirklich so sein? Leander . Höre, Kamerad, auf Widerspruch lasse ich mich nicht ein. Thut nur, wie ich Euch sage; wol hundert Doctoren kenne ich, die ihr Glück auf keine andere Weise gemacht haben. Glückt es Euch nicht, so erstatte ich Euch die Kosten und zahle das Geld zurück. (Der Bursche ab.) Vierte Scene. Eine Dame mit ihrem Gesinde . Leander . Die Dame . Dienerin, Herr Doctor, ich nehme mir die Freiheit, mich bei Euch in zwei Fällen Raths zu erholen. Vor drei Tagen wurde mir eine silberne Kanne gestohlen und heute wieder ein Dutzend silberne Löffel, und in beiden Fällen bin ich überzeugt, daß es Hausdiebe sind. Will der Herr Doctor mir die nun nachweisen, so will ich Ihm seine Mühe redlich vergelten. Leander . Verzeihung, da muß ich erst ein wenig mit mir selbst zu Rathe gehen. (Bei Seite) Wie soll ich mich da nun herausziehen? Indessen ich kann ja sagen, der Dieb selber soll ihr die Sachen morgen wieder bringen. (Laut) Hört, meine beste gnädige Frau, morgen Abend sollen beide Diebe die gestohlenen Sachen freiwillig zurückliefern. Die Dame . Ach nein, Herr Doctor, ich weiß ja, Er kann es mir gleich sagen. Leander (bei Seite) . Das ist eine verwünschte Versuchung! Aber ich werde mir schon noch heraushelfen. (Laut) Na, dann werde ich sehen, gnädige Frau, was sich thun läßt. Stellt Euch mal alle in Eine Reihe, Ihr Leute! (Geht auf und nieder.) Steht Ihr nun alle in einer Reihe? (Sie antworten: Ja .) Nun fallt mal alle auf die Kniee. (Sie antworten: Ja .) Jeder hebe die rechte Hand auf! Nun hebt die linke Hand auf! Nun hebt beide auf! Nun faltet die Hände! (Während er seine Befehle giebt, wendet er ihnen 249 den Rücken.) Habt Ihr nun alle die Hände gefaltet? (Sie antworten alle: Ja .) Du, der Du die Kanne gestohlen hast, auch? (Er antwortet allein: Ja .) Seht da, gnädige Frau, da habt Ihr Euren Dieb; ich habe müssen drei Geister beschwören, um ihn zum Geständniß zu bringen. Die Dame . Ach, Du abscheulicher Dieb, an Dir ist der Galgen sicher! Leander . Nein, gnädige Frau, strafen müßt Ihr ihn nicht weiter, als blos aus dem Hause jagen. Höre, Kerl, diesmal habe ich noch für Dich gebeten, nun gieb auch hübsch die Kanne zurück und thue dergleichen nicht wieder. Der Dieb (küßt ihm die Hand) . Tausend Dank für Eure Fürsprache, Herr Doctor; ich habe die Kanne mit sammt den Löffeln in einem Loch auf dem Heuboden versteckt. Leander (leise zur gnädigen Frau) . Laßt ihn laufen, um meinetwillen; eben sagt der Geist mir, daß er die Kanne mitsammt den Löffeln in einem Loch auf dem Heuboden versteckt hat. Die Dame . Ach, Herr Doctor, Er ist wahrhaftig der größte Schwarzkünstler in der Welt! Leander . Sie kann sich aber auch kaum vorstellen, meine gute Dame, was Einem das für Mühe macht, so was nachzuweisen; ich will mich lieber sechzehnmal in einen Wehrwolf verwandeln, als einen solchen Diebstahl herausbringen. Die Dame . Kann Monsieur auch Sturm und Gewitter machen? Leander . Pah, das ist Kinderspiel, das kann ja der allerunterste von unserer Kunst. Die Dame . Mein Mann, Herr Doctor, ist ein sehr wißbegieriger und tiefstudirter Mann, aber voll Unglauben, er lachte mich aus, da er hörte, ich wollte mich bei dem Herrn Doctor Raths erholen; er ist nämlich der Meinung, daß es überhaupt keine Zauberei giebt. Jetzt werde ich ihn auf der Stelle herschicken, damit der Herr Doctor selber ihn überführen kann. Adieu, mein Herr! (Die Frau mit dem Gesinde ab.) Leander . Gehorsamster Diener. 250 Fünfte Scene. Leander allein. Leander . Alle Wetter, jetzt geht es mir an den Kragen! Wenn ein Gelehrter, noch dazu ein Feind des Aberglaubens, mich auf die Probe stellt, so bin ich unfehlbar verrathen; so Einem eine Nase zu drehen, das ist was Anderes, als solchem einfältigen Weibsvolk. Es ist daher wol das Gerathenste, ich höre auf, während ich noch im besten Zuge bin, damit es mir nicht am Ende geht wie dem Bauer in der Komödie, der zum Doctor wurde wider seinen Willen. So will ich denn jetzt nach Hause gehen und wenn der Executor kommt, will ich ihm die Hälfte von den fünfzig Thalern abbezahlen, so wird er ja doch wol wegen des Restes Geduld haben. Wenn ich alle diese Abenteuer überdenke, so sind sie so wunderlich, man könnte die schönste Komödie daraus machen; gewiß wohnt hier Einer in unserer Straße, der sich für einen Hexenmeister ausgiebt, und die Mädchen, die zuerst zu mir kamen, haben mein Haus für das seine gehalten. Jedenfalls ist das Beste, ich drücke mich, ehe der gelehrte Herr kommt. Heda, Herr Wirth! Sechste Scene. Der Wirth . Leander . Der Wirth . Was befehlen Monsieur? Leander . Ich kann nicht über Nacht hier bleiben, wie ich erst wollte, ich wünsche meine Rechnung. Der Wirth . Die Rechnung ist nicht groß, Monsieur hat blos zwei Mark verzehrt. Leander . Hier sind zwei Mark. Der Wirth . Serviteur. (Beide ab.) 251 Siebente Scene. Der Mann der Dame . Der Herr . Es ist doch etwas Seltsames, in der That! Alle die Zeit her habe ich dergleichen für Narrenspossen gehalten, nun aber merke ich, daß doch wol etwas daran ist. Ich bin, weiß Gott, nie so begierig gewesen mit jemand zu sprechen, als mit diesem Hexenmeister. Aber hier ist das Haus, wo er wohnen soll! Da ist das Schild mit der Weinkanne und ein Hanswurst auf der Flur; ich muß nur anklopfen. Achte Scene. Der Mann der Dame . Der Wirth . Der Herr . Serviteur, Monsieur. Ist Er hier der Herr vom Hause? Der Wirth . Zu dienen, mein Herr. Der Herr . Ich wollte mich noch recht schön bedanken von wegen meiner Frau. Der Wirth . Gehorsamster Diener, mein Herr. (Bei Seite) Was ist das für Unsinn? Hab' ich denn was mit seiner Frau zu thun gehabt? Der Herr . Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß es überhaupt so etwas giebt. Der Wirth (bei Seite) . Ah, nun merke ich, der gute Herr ist im Thran, mit dem muß ich vorsichtig umgehen. Der Herr . Ich habe bisher niemals glauben wollen, daß so etwas überhaupt passirt. Der Wirth . Ja, wie das nun geht, die Welt ist wunderlich. Der Herr . Hätte meine Frau oder andere Damen mir das erzählt, ich hätte es für Weiberklatsch gehalten. Der Wirth . Nein, nein, wahr ist die Sache. Der Herr . Ja, allerdings, ich habe ja den Glauben in Händen. 252 Der Wirth . Hat der Herr es etwa früher nicht geglaubt? Der Herr . Keine Spur. Der Wirth . Ja, da zweifelt doch übrigens kein Mensch daran. (Bei Seite) Was das für verfluchter Unsinn ist! Er will niemals geglaubt haben, daß die Welt wunderlich! Aber ich sehe schon, der arme Kerl ist im Thran, darum glaubt er, es geht alles in der Welt so vortrefflich; ich muß ihm nur zu Munde sprechen, vielleicht trinkt er dann auch noch bei mir eine Flasche Wein. (Laut) Der Herr hat vermuthlich nie in der Welt vorher einen Verdruß gehabt? Der Herr . Ei, aus dem Verdruß mache ich mir nichts; ich hätte auch weiß Gott gar nichts davon gesagt, es war blos meiner Frau wegen, eine lumpige silberne Kanne mehr oder weniger, das hat nichts zu sagen, Herr Doctor. Der Wirth (bei Seite) . Na nu zum Henker, bin ich nun gar schon Doctor? (Laut) Ich bin weder Doctor, noch Magister, mein Herr, sondern ein ehrlicher, schlichter Bürgersmann. Der Herr . Doctor nenne ich, wer seine Kunst vollkommen inne hat, auch wenn er nicht zum Doctor promovirt ist. Der Wirth . Mich gehorsamst zu bedanken für die gute Meinung, die der Herr von mir hat. (Bei Seite) Auf die Art werden wir verflucht viel Doctoren in der Stadt kriegen; mein Schuster macht die besten Schuhe und da werde ich ihn wol nächstens auch Doctor nennen müssen. Der Herr . Wer es in seiner Wissenschaft so weit gebracht hat, daß er seinen Mitmenschen helfen und Beistand leisten kann, wie Monsieur, den nenne ich Doctor. Der Wirth (bei Seite) . 's ist wahr, mit meinem alten Wein hab' ich schon mehr als Einen gesund gemacht. (Laut) Aber, mein Herr, ich helfe niemand mit meiner Kunst, der nicht bezahlt. Der Herr . Das wäre ja auch unverschämt, so etwas umsonst zu verlangen. Der Wirth (bei Seite) . Nun seh' ich doch, ich habe dem Herrn unrecht gethan, es ist ein ganz ordentlicher, nüchterner Herr. (Laut) Wer mich bezahlt, dem steh' ich sofort zu Diensten. 253 Der Herr . Die Gelehrten freilich wollen voll dem Gewerbe nichts wissen. Der Wirth . Doch nicht alle, mein Herr; da sind zum Beispiel zwei Magister, die sprechen regelmäßig jeden Nachmittag bei mir ein. Der Herr . Ist es möglich? Haben sie auch schon rechte Fortschritte gemacht? Der Wirth . Ei nun, sie sind nicht schlechter als meine andern Gäste. Der Herr . Monsieur sagt Gäste, er meint wol Schüler; indessen das kommt auf Eins heraus. Der Wirth . Schüler kann ich sie nicht nennen, mein Herr, da ich sie ja nicht unterrichtet habe, das soll mir niemand nachsagen. Der Herr . Monsieur hält mich doch hoffentlich nicht für einen Spion, der hierher gekommen ist, ihn zu verrathen? Der Wirth . Davor brauche ich keine Angst zu haben, ich treibe mein Gewerbe mit obrigkeitlicher Erlaubniß. Der Herr . Das ist mehr, als ich gedacht hätte. Der Wirth . Hat der Herr denn etwa geglaubt, ich wäre ein Bönhase? Der Herr . Nein, nein, dazu habe ich selbst ja zu sprechende Beweise erlebt. Aber schreiten wir näher zur Sache; ich bin hierhergekommen, weil ich gern noch weitere Proben von Seiner Kunst sehen möchte. Der Wirth . Gehorsamst zu bedanken, aber das bloße Probensehen nützt nichts, der Herr muß sie auch kosten. Der Herr . Was soll das heißen: kosten? Der Wirth (bei Seite) . Sieh da, nun redet wieder der Branntwein aus ihm. (Laut) Ich habe so einiges, mein Herr, wenn Ihr das seht, so denkt Ihr, es ist nicht werth, daß man es kostet; aber sowie Ihr es nur auf die Zunge bringt, da merkt Ihr, wie köstlich es ist. Der Herr (bei Seite) . Das ist wieder sehr verblümt. Aber diese Leute sprechen immer in Gleichnissen in philosophia occulta. (Laut) Aber, Monsieur, wen haltet Ihr wol für den Meister 254 Eurer Profession? Ist es der Albertus Magnus oder der Cyprianus? Der Wirth . Cyprianus? Bei unsrer Profession kenne ich in der ganzen Stadt keinen, der Cyprianus heißt. Der Herr . Er kennt den Cyprianus nicht? Der Wirth . Nein, der Herr meint vielleicht den Julius. Der Herr . Den Mann kenne ich wieder nicht. Der Wirth . Das ist seltsam, da er doch den besten Wein in der Stadt hat. Der Herr (bei Seite) . Sieh da, nun spricht er schon wieder durch die Blume. (Laut) Wenn Monsieur doch die Güte haben wollte, sich der gewöhnlichen Ausdrücke zu bedienen, ich verstehe sonst nicht, was Er meint. Aber sollte er wirklich den Albertus Magnus nicht gelesen haben, das ist ja doch ein berühmter Autor in magia naturali? Der Wirth (leise) . Horch, nun spricht wieder der Branntwein aus ihm. (Laut) Wie ich jung war, mein Herr, habe ich allerdings etwas von Alexander Magnus gelesen, aber das war ein Kaiser und ich bin blos ein Weinhändler, das sind zwei unterschiedliche Professionen. Der Herr (leise) . Nun spricht er schon wieder durch die Blume. (Laut) Ein Weinhändler seid Ihr? Ha, ha, ha! Der Wirth . Ja gewiß ein Weinhändler, das ist eine Profession, deren ich mich ganz und gar nicht schäme. Der Herr (streichelt ihm die Backen) . Ei, mein Herr. so laßt uns von der Leber wegsprechen, ich weiß ja doch, wer Er ist. Der Wirth (leise) . Ei so soll Dich doch das Donnerwetter! Wo Du Dein Bier trinkst, da kannst Du auch Deine Hefe verschütten. (Laut) Für wen also hält der Herr mich? Der Herr . Ihr seid ja doch Doctor magiae naturalis. Der Wirth . Was heißt das? Der Herr . Ihr seid ja doch Doctor in der Hexenkunst. Der Wirth . Na, wer mir das nachsagt, ist kein ehrlicher Mann! Der Herr . Ist denn dies nicht Euer Haus? Der Wirth . Ja, dies ist mein Haus. 255 Der Herr (streichelt ihm nochmals die Backen) . Ei so laßt uns doch ernsthaft reden, ich verrathe Ihn wahrhaftig nicht. Der Wirth . Monsieur, bisher dachte ich blos, Ihr wäret betrunken, jetzt aber merke ich, daß Ihr verrückt seid. (Will gehen.) Der Herr (hält ihn zurück und liebkost ihn aufs neue.) Ich verrathe Ihn ja wahrhaftig nicht! Der Wirth . Was will Er denn von mir verrathen? Der Herr . Daß Er die schwarze Kunst versteht und übt. Der Wirth . Das ist ein Spitzbube, der mir so was nachsagt! Der Herr . Nein, das geht doch zu weit. (Packt ihn bei den Haaren.) Der Wirth . Heda, Peter, Christoph, kommt heraus! (Peter und Christoph, mit Schürzen vorgebunden, kommen heraus und stehen dem Wirthe bei.) Neunte Scene. Zwei Polizisten . Der Herr . Der Wirth . Peter . Christoph . Erster Polizist . Was giebt's da? Der Herr . Arretirt mir gleich diese Kerle, das sind Hexenmeister. Zweiter Polizist . Ha ha, das sind just dieselben, denen wir heute schon den ganzen Tag nachlaufen. Der Wirth . Glaubt ihm nicht, Ihr guten Freunde, es ist ein Verrückter. Erster Polizist . Ja wenn wir nur die ganze Stadt voll solcher Verrückten hätten, den Herrn Leonard kennen wir. Fort, fort mit Euch, Ihr Zauberteufel, die ganze Stadt, glaub' ich, ist mit dem Gesindel angesteckt! Der Wirth . Hei, hei, Gewalt! Zweiter Polizist . Willst Du gleich still sein, Du Hund, oder ich stoße Dir den Spieß in den Bauch! Aber wie hat der gnädige Herr sie nur ausgespürt? Wir gehen ebenfalls und suchen den Komödiantenmeister, der sich mitsammt der ganzen Bande dem Teufel verschrieben hat. 256 Der Herr . Er hat soeben vor meiner Frau eine Probe seiner Kunst abgelegt, das kann mein gesammtes Gesinde bezeugen. Der Wirth . Ich will gleich des Teufels sein, wenn ich seine Frau jemals gesehen habe; Ihr seht ja, es ist ein Verrückter! Erster Polizist . Herr Leonard ist ein vernünftiger und zuverlässiger Herr, ein Wort aus seinem Munde ist so gut wie hundert aus Eurem. Der Herr . Ich werde meine Frau und mein gesammtes Gesinde als Zeugen stellen. Erster Polizist . Ist gar nicht nöthig, Euer Gnaden; diesen Kerlen sieht man es ja am Gesicht an, daß sie Hexenmeister sind. Wollt Ihr gleich fort, Ihr Teufelsbraten? (Alle drei fangen an zu schreien.) Der Herr . Hättest Du es mir im Guten gestanden und mich nicht noch obenein ausgeschimpft, ich hätte Dich nicht verrathen. Der Wirth . Ach, ach, Du abscheulicher Verräther! Erster Polizist . Marsch fort, Ihr Hunde, die Andern werden wir schon auch noch kriegen. (Sie werden fortgestoßen.) 257 Vierter Akt. Erste Scene. Terentia , des Schauspielers Braut. Apollonia . Terentia . Ach, es ist nur allzu richtig, Apollonia, ich war bei meinem Bräutigam an der Thüre, um zu hören, was es gäbe, aber ich fand das Haus leer und die Thüre verschlossen. Ach, wenn er doch nur dem Gefängniß entflohen wäre; denn wenn er wirklich dem Henker in die Hände fällt, so mag auch ich nicht länger leben. Apollonia . Ei Possen, Mamsell! Zwar wollt Ihr einen Schauspieler heirathen und späterhin selbst Schauspielerin werden, aber darum müßt Ihr doch nicht vor der Zeit Tragödien spielen. Terentia . Wenn er, den ich so heiß geliebt habe, eines schmählichen Todes sterben muß, wie könnte ich es wol überleben? Apollonia . Das ist schon wahr, Mamsell, und ich selbst möchte Ihr nicht rathen, es zu überleben; indessen sorgt wenigstens, daß Ihr nicht anders sterbt, als die Heldinnen der Tragödie nach der Regel des Theaters zu sterben pflegen. Ihr müßt noch erst einige Tragödien durchlesen und Euch eine Heldin zum Muster nehmen, die recht galant und recht nach der Regel stirbt; in diesem Falle wird niemand etwas dagegen haben, im Gegentheil, Ihr erweist dem Publikum noch einen Gefallen damit, da eben großer Mangel an tragischen Stoffen ist. 258 Terentia . Ach, spotte nicht, Apollonia, wüßtest Du, wie ich ihn geliebt habe, Du sprächest gewiß anders. Apollonia . Ich gebe zu, daß Ihr Anlaß hattet ihn zu lieben; jetzt jedoch, nachdem Ihr erfahren habt, daß er sich dem Teufel verschrieben und ein Schwarzkünstler geworden ist, jetzt, wenn Ihr noch die mindesten Nachgedanken habt, muß Eure Liebe sich in Haß verwandeln. Ich für mein Theil, hättet Ihr mich vor Eurer Verlobung um Rath gefragt, würde Euch von vornherein abgeredet haben; das Risico ist doch gar zu groß, sich mit einem Schauspieler zu verloben, der alle Abend neue Liebschaften hat und so viel Frauen nimmt, als der Poet Lust hat Komödien zu schreiben. Terentia (weinend) . Ach, Apollonia, ich kann ihn nicht verlassen, auch wenn ich wollte. Apollonia . Wie so? Da ist wol noch etwas mehr zwischen Euch vorgefallen als Redensarten und Versprechungen? Terentia . Ach eben das ist ja das Unglück, ich bin, unter uns gesagt, nicht mehr so ganz frei – Apollonia . Das ist freilich dumm, aber das Leben nähme ich mir darum doch noch nicht. Ich bin selbst einmal zu Falle gekommen, durch einen jungen Mann, mit dem ich nicht einmal verlobt war, aber darum bin ich doch eine eben so gute Jungfer wie vorher. Ein Mädchen in einer großen Stadt kommt niemals um ihren Ruf; kommt sie in andere Umstände, so liegt statt ihrer eine Bauerfrau in Wochen und kriegt das Kind. Wenn Ihr einen Jungen kriegt, so wäre es ein wahres Glück für Euch; denn wenn ein Hexenmeister einen Jungen macht, das wird allemal ein Wichtelmännchen, das seine Mutter reich macht. Terentia . Ach, ach, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen; ich will von der bösen Zunge nichts mehr hören. (Ab.) 259 Zweite Scene. Apollonia . Lucretia . Apollonia . Es thut mir doch leid, daß ihr das hat passiren müssen; denn da nun sämmtliche Schauspieler als Schwarzkünstler in Verdacht sind, so werden diese Komödien, von denen wir ebenso viel Nutzen als Zeitvertreib hatten, nun wol ganz aufhören müssen. Aber sieh, da kommt die prüde Madame Lucretia; die wird sich gewiß darüber freuen, da sie ja die Komödien niemals leiden konnte. Lucretia . Nun, Apollonia, so habe ich denn endlich Genugthuung von der Komödie. Es ahnte mir gleich, daß es mit diesen Schauspielern kein gutes Ende nehmen würde; mit keinem Menschen in keinem Stande haben sie Frieden gehalten, bald ging es über die Doctoren her, bald über die Advocaten, über Obrigkeiten, Apotheker, Bürger und Edelleute, niemand ist von ihnen verschont worden, nicht einmal Papst, Cardinäle, Bischöfe, Barbiere, Kanngießer, noch Tanzmeister. Apollonia . Eben darum schätzte ich sie werth; das Theater ist der Spiegel, worin die Menschen sich selbst erblicken und ihre Fehler verbessern können. Lucretia . Was mir bei den Komödien am besten gefiel, das war immer der letzte Akt, und dann wieder im letzten Akt die letzte Scene, denn da wußte ich doch jedesmal, daß es zu Ende ging. Mein Mann war vorige Woche da, aber wie er wegging, spuckte er aus. Apollonia . Das ist mir sehr begreiflich; der Held der Komödie war ein geduldiger Ehemann, und da war der Herr Liebste denn für diesmal völlig in seinem Rechte. Lucretia . Ei, Ihr Spottvogel, für wen haltet Ihr mich? Apollonia . Für eine höchst liebenswürdige Dame. Lucretia . Na was sollen denn da die Historien? Und übrigens hat mein Mann nicht blos in dieser Komödie ausgespuckt, sondern auch schon in der vorhergehenden. Apollonia . Dazu wird er ebenfalls seine Gründe gehabt haben; es trat ein Jäger mit seinen Hunden auf, und das ist ein 260 unangenehmer Anblick für gewisse Männer, denen dabei bange wird, es könnte ihnen gehen wie dem Actäon, der von seinen eigenen Hunden für einen Hirsch gehalten und von ihnen zerrissen ward. Lucretia . Was war das für ein Mann, der Actäon? Terentia (kommt) . Das war eine gute alte Haut von Mann, nur – Lucretia . Was meint Ihr mit Eurem Nur? Apollonia . Nur soll er ebenfalls eine sehr liebenswürdige Frau gehabt haben. Lucretia . Ihr müßt Euch deutlicher aussprechen, wenn Ihr mit mir sprecht, ich verstehe solche verblümte Redensarten nicht. Apollonia . Nun, wahrhaftig, ich spreche doch so deutlich, daß man es mit Händen greifen kann. Lucretia . Adieu, Mademoiselle, hier habe ich keine Lust länger zu bleiben. (Ab.) Apollonia . Ganz nach Belieben. Von solchen thörichten Menschen werden wir gewiß noch mehr geplagt werden, die sich über das Ereigniß freuen, weil sie innerlich hoffen, das Theater, das ihre Thorheiten gegeißelt, werde bei dieser Gelegenheit zu Grunde gehen. Aber sieh, wer kommt denn da gesprungen, das ist ja wahrhaftig Hans Franzen. Dritte Scene. Jean . Apollonia . Jean . Vertichoux! quel accident! On dit, que la bande va-être perdue, ha, ha, ha! Apollonia . Worüber ist Er denn so vergnügt, Monsieur? Jean . He bien, Mademoiselle, je vous gratule. Ihr sollt ja, wie ich höre, sammt und sonders gehängt werden. Apollonia . Hat Einer von unserer Gesellschaft sich vergangen, so trifft das doch uns Uebrige nicht. Jean . Que diantre? N'avez-vous, pas – 261 Apollonia . Ei, wenn Ihr es noch im Stande seid, sprecht doch hübsch Eure Muttersprache. Jean . Je vous dis, Mademoiselle, Ihr habt mardi alle zusammen Galgen und Rad verdient für die Schandschriften, die Ihr gemacht habt auf honnête gens. Apollonia . Aber was geht das Monsieur an? Er wird doch hoffentlich nicht närrisch genug sein, sich unter die honnêtes gens zu rechnen? Jean . Je me morcque de vous, Madame Grivoise. Ihr seid ein Kümmeltürke, ich aber als ein Cavalier bin im Auslande gewesen, pour faire honneur à la nation. Apollonia . Pour faire honneur à la nation?! Jean . Oui, Madame, pour faire honneur à la nation! Le roi de France, Monseigneur et Madame, sah mich nie, ohne sogleich zu sagen: Laissez passer et repasser dce Cavalier là; denn er bringt uns Geld ins Land. Ich weiß noch recht gut, was mich die Anzüge gekostet haben, die ich mir allein zu den verschiedenen Geburtstagen machen ließ, blos pour faire honneur à la nation. Oui pardi, Madame! Dafür passirte ich aber auch in Versailles, Fontainebleau und Marly nicht allein für einen honnête homme, sondern auch für einen honnête cavalier. Apollonia . Nach dieser Beschreibung überzeuge ich mich denn freilich, daß ein Pferd mit einer goldgestickten Schabracke ebenfalls ein honnête home heißen kann, besonders wenn le roi de France, Monseigneur und Madame, zu befehlen geruhen: laissez passer und repasser ce cheval. Jean . Vertichoux, quelle comparaison! Ah la pauvre bête! Je vous dis, Mademoiselle, daß Ihr allzusammen den Galgen verdient habt, und Ihr kommt auch an den Galgen, wenn nicht wegen Zauberei, so doch schon von wegen der Schandschriften, die Ihr habt ausgehen lassen gegen honnêtes gens. Apollonia . Je vous dis ebenfalls, Monsieur, daß Ihr mardi an den Galgen gehört, schon allein dafür, weil die mancherlei Rollen, die Ihr in der Komödie habt vorstellen sehen, nicht im Stande gewesen sind, Euch zu bessern. Jean . Das Wenigste, was Ihr kriegt, ist das pilori. 262 Apollonia . Was heißt das: pilori? Jean . Vertichoux! est il possible? Sie weiß nicht, was pilori ist! Ah la pauvre bête! Ha ha ha! (Ab.) Vierte Scene. Hermann von Bremen . Apollonia . Hermann . Alles, was jetzt geschieht, habe ich Bürgermeister und Rath vorausgesagt, aber niemand wollte ja einem scharfsinnigen Kopfe, wie ich bin, Glauben schenken. Apollonia . Da ist meiner Treu der politische Kanngießer Wie Jean de France sind auch Geert Westphaler und der politische Kanngießer Personen aus Holbergs eigenen Stücken; ersterer ist der Held eines dreiaktigen Lustspiels »Hans Westphaler oder der geschwätzige Barbier«, das lange Zeit zu den beliebtesten des Verfassers gehörte und noch ganz neuerdings von Eduard Devrient in Karlsruhe in modernisirter Gestalt auf die Bühne gebracht ward. A.d.Ü. , der wird sich auch nicht schlecht über den Vorfall freuen. Hermann . Der Teufel ist ein großer Politicus, das muß ich wissen, der ich meine Politica studirt habe. Apollonia . Was höre ich, der Teufel hat auch studirt? Hermann . Wer spricht da? Ah so, seid Ihr's, Mamsell? Es hat mir von Herzen leid gethan, das Unglück zu vernehmen, das Eure Bande betroffen hat. Apollonia . Aber soll denn das wol Monsieurs Ernst sein, daß unser Unglück Ihm leid thut? Hermann . Ja, auf mein Wort, es thut mir sehr leid. Freilich haben die braven Leute, die Schauspieler, mit ihren Spöttereien allerhand Aergerniß gegeben, ich für meinen Theil indessen habe niemals den mindesten Werth darauf gelegt. Ein ordentlicher Politicus sieht und hört all so etwas mit Verachtung; Aristoteles sagt: Ein weiser Mann siehet der Thoren Schimpf mit Verachtung an. Apollonia . Aber wenn Er solch ein guter Politicus ist, Monsieur, so müßte Er doch billig alles in Schutz nehmen, was zur Bildung des Volkes beiträgt? Hermann . Was trägt zur Bildung des Volkes bei? Apollonia . Komödien, in denen die Thorheiten der Menschen dargestellt werden. Hermann . Ei, Mademoiselle, das widerspricht ja aller 263 wahren Politik; weit entfernt, etwas zu nützen, befördern die Komödien vielmehr den Untergang des gemeinen Wesens. Apollonia . Das sollte Ihm doch schwer fallen zu beweisen. Hermann . Ich dächte nicht; hört zu, Mamsell, ich werde Euch dienen. Die Stärke eines Staates oder Gemeinwesens besteht in der Einigkeit der Bürger und wird durch Zwietracht vernichtet. Die Weltgeschichte kennt vier große Monarchien, die alle durch Zwietracht zu Grunde gegangen sind. Woran ging die assyrische Monarchie zu Grunde? An Zwietracht, Madame! Woran ging die persische zu Grunde? An Zwietracht, Madame! Was verwüstete die griechische? Zwietracht, Madame! Was endlich brachte die römische zu Falle? Nichts anderes, meiner Seele, als Zwietracht. Alexander Magnus schoß einen Bock, es war ein großer Irrthum von ihm, daß – Apollonia . Ei, Monsieur, das heißt denn doch wol etwas zu weit ausholen, was hat Alexander Magnus mit unserer Komödie zu thun? Hermann . Ich sage es auch blos, um zu beweisen, daß Zwietracht und Uneinigkeit einen Staat zu Grunde richten. Apollonia . Aber Komödien verursachen doch keine Uneinigkeit? Hermann . Komödien geben einem Stande Anlaß, sich über den anderen zu mokiren. Apollonia . Auf die Art lernt ein Jeder mit der fremden zugleich seine eigene Narrheit kennen, und das kann ihm offenbar nur höchst nützlich sein. Hermann . Dann wäre es also auch sehr nützlich, sich alle Tage herumzuprügeln, weil man auf die Art seine und anderer Stärke erprobt. Nein, nein, Madame, laßt uns als verständige Leute sprechen, ohne Rancune, und in Ueberlegung ziehen, was die Komödien für Folgen haben. Da hält ein ehrlicher Junggesell etwas auf seinen Anzug, gleich weisen sie mit Fingern auf ihn und rufen: Jean de France! Meint Sie etwa, er wird sich dafür nicht zu rächen suchen? Da ist ein anderer braver Mann, der sein Pfund nicht in die Erde graben will, vielmehr sich durch gelehrte Discurse nützlich zu machen sucht – gleich heißt er Geert Westphaler. Ein Mann, tief eingedrungen in die 264 Wissenschaft des Staates, will der Obrigkeit einen Wink ertheilen – gleich heißt er der politische Kanngießer. Seht Ihr, das ist die Frucht Eurer Schauspiele, Madame, nämlich daß ein Bürger des andern spottet. Aus Scherzen und Necken erwächst Verdruß, aus Verdruß erwächst Haß, aus Haß Zwietracht und aus Zwietracht das Verderben des Staates; ergo deswegen dürfen keine Schauspiele geduldet werden. Apollonia . Durch Neckereien, Monsieur, fühlen sich nur Thoren verwundet, die in dem Spiegel, den man ihnen entgegenhält, sich selbst erkennen; lernen sie sich selbst erkennen, so suchen sie auch ihre Fehler abzulegen; legen sie ihre Fehler ab, so werden sie gute Menschen; werden sie gute Menschen, so werden sie auch gute Bürger; ergo deswegen müssen Komödien geduldet werden. Hermann . Mein Principium ist unumstößlich, daß Spott Zwietracht erzeugt und daß Zwietracht die Bande der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung löst. Apollonia . Und wenn ich nun beweise, Monsieur, daß Komödien dazu dienen, die Zwietracht zu beseitigen und die Eintracht zu befördern? Hermann . Das wäre ich wirklich begierig zu hören. Apollonia . Ist es etwa nicht wahr, Monsieur, daß des Abends der Eine hierhin, der Andere dahin geht, der ins Wirthshaus, der in die Ressource, das Theater dagegen vereinigt sie und hält sie zusammen an demselben Orte, ergo nach meinem Principium beseitigt es die Zwietracht, befördert die Einigkeit und befestigt den Staat? Hermann . Nein, Spaß bei Seite, laßt uns ernsthaft sprechen, Madame. (Indem er sie bei Seite führt) Apropos, Madame, weil Ihr doch eben von Versammlungen sprecht, so muß ich doch etwas hervorheben, worüber ich mir in der Stille schon seit Langem meine Gedanken gemacht habe, nämlich ob es dem Staate wol wirklich dienlich ist, daß derartige Versammlungen überhaupt stattfinden. Kann dadurch nicht leicht Veranlassung zu Zusammenrottungen gegeben werden? Ich habe von einem persischen König gelesen, der aus eben dieser Ursache alle Versammlungen verbot; selbiger König hieß, wenn ich mich recht erinnere, 265 Pul Asser und hatte nur Ein Bein, wie aus Anders Christensens politischer Reisebeschreibung zu ersehen ist, aber Gehirn für zwei. Apollonia . Pul Asser hatte ganz Recht, Monsieur, er wollte aber blos solche Versammlungen hintertreiben, wie von Euch und anderen politischen Handwerksleuten auf der Bierbank abgehalten werden, um vom Staate zu schwadroniren und die Obrigkeit durchzuhecheln; solche Versammlungen sind – Hermann . Adieu, Madame. Apollonia . Adieu, mein Herr Politicus. Hermann . Statt zu spotten, Madame, solltet Ihr lieber zusehen, wie Ihr Euch aus dieser Hexengeschichte rettet. (Ab.) Apollonia . Damit habe ich nichts zu schaffen, der Schuldige mag für sich selbst Rede stehen. Aber da kommt von Quoten. Alle Wetter, was der vergnügt aussieht; nun denkt er gewiß mit seinem Puppenspiel wieder auf den Strumpf zu kommen. Fünfte Scene. Von Quoten . Im Original spricht Quoten halb deutsch, halb dänisch, was wir hier möglichst wiederzugeben versucht haben. Etwas Aehnliches findet später beim Auftreten Geert Westphalers statt, doch ist es hier minder ausgeprägt, und hat der Uebersetzer diesen Zug daher fallen lassen. A.d.Ü. Apollonia . Apollonia . Serviteur, mein Herr von Quoten, Er sieht ja sehr vergnügt und wohlgemuth aus. Von Quoten . Ick aben auch Ursachen, mich über Ihre Fall zu erfreuen. Denn erstens kommen ick nu wieder in meiner alte Brodstelle und zweitens werde ick gerächt an dene, die mich und meine Bande so schändlich persiflirt aben. Apollonia . Das Erste, was Ihr nun gebt, wird gewiß Doctor Faustus sein, weil jetzt doch gerade so viel von Hexerei gesprochen wird. Von Quoten . Nein, Madame, wir aben noch was Besseres, das eißt Saubereien von die Armida und ist ein tout-à-fait- Stück; es spielen von Anfang bis zu Ende in die Luft. Apollonia . Alle Welt, von Anfang bis zu Ende in der Luft? Von Quoten . Ja, und so oft Armida erscheinen, reiten sie 266 auf eine feuerspeiende Drache; das sein was anderes als Eure magere Komödier. Apollonia . Bitte recht sehr, wir haben auch Komödien mit feuerspeienden Drachen gehabt, als zum Exempel das Stück, das sich betitelt: Ulysses von Ithacien. Von Quoten . Ick verstehen schon, was Ihr meinen. Aber für dieser und anderer Boseiten gehen es Euch nun an die Kragen. Apollonia . Glaubt Ihr wirklich, daß das Vergehen Eines die ganze Bande zu Grunde richten wird? Von Quoten . Man sagen doch, daß mehr als ein Exenmeister bei Eurer Bande gewesen; ganzes Publikum freuen sich über Eurer Sturz, Ihr aben in Eure Komödier anständiger Menscher auf die Theater gebracht und das sein niederträcktig. Apollonia . Der Beweis möchte Euch schwer fallen, wohl aber können wir beweisen, daß Ihr in Euren Komödien anständige Menschen auf das Theater bringt, ja den lieben Gott selber, wie in der Komödie von Adam und Eva Die Geschichte des Sündenfalls war schon zur Zeit der kirchlichen Spiele ein sehr beliebter Gegenstand gewesen und hatte sich als solcher auch auf die Hanswurstkomödie sowie auf die Oper vererbt. A.d.Ü. , und auf die Art die heilige Geschichte selbst in ein leichtfertiges Märchen verwandelt. Von Quoten . In das Spanien, wo der Nation doch weit gebildeter sein, sein die meister Schauspieler so. Apollonia . Ja, in Spanien fällt auch das Parterre auf die Kniee und betet, wenn ein Mönch mit dem Crucifix in der Hand auf der Bühne erscheint. Von Quoten . Fallen Ihr, wenn Ihr schuldig sein, nur selbst auf der Knie und bereiten Euch zum Tode; sein Ihr aber unschuldig, so sehen Ihr zu, daß Ihr eine Advocate kriegen, der Eure Sache durchbringen, nämlich wenn sick vor Euch überaupt noch eine Advocate finden, weil Ihr es ja doch aben verderben mit die ganzer Welt. (Geht ab.) 267 Sechste Scene. Apollonia allein. Apollonia . Ich will ebenfalls gehen. Aber da kommen zwei von unseren Schauspielern; es taugt nicht, daß man uns jetzt beisammen sieht, ich will mich zu Hause halten, bis ich höre, wie die Geschichte zu Ende geht. (Ab.) Siebente Scene. Zwei Schauspieler . Erster Schauspieler . Ach, Monfrère, wenn das wirklich wahr ist, so ist es eine furchtbare Geschichte. Zweiter Schauspieler . Es ist außer Zweifel, er ist eingezogen und hat alles gestanden. Erster Schauspieler . Aber wie wäre es denn nur möglich gewesen, daß wir in einem so langen Verkehr nicht das Mindeste hätten merken sollen? Zweiter Schauspieler . Ja, das sagst Du nur so; er hat sich eben meisterhaft darauf verstanden, seine Bosheit zu verbergen, in die Kirche ging er wie Einer, auch habe ich niemals ein lästerliches Wort aus seinem Munde vernommen. Erster Schauspieler . Ich denke, es muß noch irgend anders zusammenhängen. Zweiter Schauspieler . Nein, Monfrère, Du kannst Dich darauf verlassen, die Sache ist richtig, er hat es selbst gestanden. Erster Schauspieler . Wenn es wirklich so wäre, so wollte ich gewiß nicht das kleinste Wort zu seinen Gunsten sagen, vielmehr selbst noch Holz zu dem Scheiterhaufen tragen, auf dem er verbrannt werden soll. Aber kann ein Mensch sich nicht selbst belügen? Zweiter Schauspieler . Was für Gewäsche! Sich selbst belügen, um des schmählichsten Todes zu sterben? Erster Schauspieler . Sage das nicht, Monfrère, so etwas kann allerdings geschehen, sei es aus Wahnsinn oder weil jemand 268 seines Lebens müde ist und sich doch nicht selbst umbringen mag, so hilft er sich auf diese Art vom Dasein. Hat man ja doch Exempel, daß melancholische Menschen gemordet haben, blos um hingerichtet zu werden, während Andere sich Verbrechen andichten, welche sie nie begangen haben, blos um zu sterben. Denn mit der sogenannten Hexerei ist das eine seltsame Geschichte, die mir niemals hat einleuchten wollen; sind doch gerade diejenigen Völker, bei welchen der Teufel angeblich am allermeisten zu Hause ist, die allerärmsten. Oder ist es nicht seltsam, daß die Finnen, die doch für die größten Teufelsbeschwörer gelten Die Finnen, als Bewohner Norwegens, das damals noch zu Dänemark gehörte, standen und stehen noch heute im Ruf, besonders geschickt in Zauberkünsten und Beschwörungen zu sein. A.d.Ü. , arm sind zum Sterben, während es dem Teufel doch leichter fallen müßte, seinen Anhängern Geld zu verschaffen, als die größten Wunder zu thun, Wind und Wetter zu machen und um ihretwillen von einem Ende der Welt zum andern zu laufen, so oft sie befehlen? Ist es nicht ebenfalls seltsam, daß man in den großen Städten Paris und London, wo der Teufel in einem Tage mehr erbeuten könnte, als in Lappland in zehn Jahren, gleichwol niemals von solchen Geschichten hört? Eins von beiden ist gewiß: entweder ist die Zauberei eine natürliche Wissenschaft, oder sie ist eine Kunst des Teufels. Ist sie eine natürliche Wissenschaft, so müßte sie in Blüte stehen bei den gebildeten Nationen, welche eigene gelehrte Anstalten zur Erforschung der Natur errichtet haben, nicht aber bei armen Schächern, die weder lesen, noch schreiben können. Ist es dagegen eine Teufelskunst, wie geht es dann zu, daß diejenigen, welche sie ausüben, gerade die allerärmsten sind? Aus welchem Grunde wol sollte der Teufel die großen Städte mit ihrer Gottlosigkeit vorbeigehen und sich in Lappland ansiedeln, wo er ja eine bloße Hand voll Menschen zu verführen findet, es müßte denn etwa sein, weil ihm für gewöhnlich glühend heiß ist, und so ginge er denn vielleicht nach Finnland, um sich abzukühlen: eine Hypothese, die aber doch auch mehr witzig als gründlich ist? Nein, die Zauberei hat ihren Ursprung allein in der Unwissenheit und gedeiht nur da, wo die Menschen nicht im Stande sind, den Dingen auf den Grund zu sehen. Darum sieht man auch: ist wo eine Provinz, in der die Obrigkeit dem Aberglauben die Zügel schießen 269 läßt, gleich wimmelt das ganze Land von Teufeln; befördert sie dagegen die Aufklärung, so wird es augenblicks von allen solchen Dingen still. Zweiter Schauspieler . Das alles räume ich Dir gerne ein, hier jedoch liegt sowol sein eigenes Bekenntniß, als die Aussage zahlreicher Zeugen vor, welche gesehen haben, wie er den Teufel beschwor. Du kennst ihn ja so gut wie ich, er gehört doch sicher nicht zu den Lebensmüden und hat sich doch gewiß nicht selbst so etwas andichten wollen. Erster Schauspieler . Blos vielleicht die Schulden, in denen er steckt, die könnten ihn möglicherweise dazu gebracht haben. Zweiter Schauspieler . Ei warum nicht gar, er pflegte sich die Dinge nicht so nah zu nehmen, daß eine vorübergehende Geldverlegenheit ihn hätte sollen so muthlos machen. Ueberdies beweist gerade sein Geldmangel, daß er kein Zauberer ist; denn wenn sich Einer doch mal dem Teufel ergiebt, so ist Geld jedesmal die erste Bedingung. Erster Schauspieler . Aber vielleicht hat gerade der Geldmangel ihn verleitet und man hat ihn ergriffen, bevor er zu seinem Zwecke gekommen. Zweiter Schauspieler . Das kann wol sein, aber für jeden Fall will ich ihn doch nicht vor der Zeit verdammen. Achte Scene. Ein Gerichtsdiener . Die Vorigen . Ein Trommelschläger tritt auf, geht dreimal um die Bühne, veranlaßt einen Auflauf bald von Einen, bald von Andern, wobei man so viel Personen zusammenbringen muß, wie sich irgend auftreiben lassen, besonders Kinder und alte Weiber, welche sich um den Trommelschläger herumstellen, während Nachfolgendes verlesen wird. Gerichtsdiener . Wir Bürgermeister und Rath dieser Stadt thun hiermit kund und zu wissen, welchergestalt der Schauspieler Leander überwiesen ist, sowol durch ausreichendes Zeugniß, als durch eigenes Geständniß, vermöge der schwarzen Kunst den Teufel in sein Hans citirt zu haben, allwo er auch 270 ergriffen worden und im Gefängnisse bekannt hat, daß die meisten Schauspieler derselben Bande sich des gleichen Verbrechens mit ihm schuldig gemacht: als wird hiermit männiglich, der solche Schauspieler beherbergt, verwarnt, unverzüglich danach zu sehen, daß selbige bleiben, wo sie sind, und sich nicht aus dem Hause entfernen; so aber jemand befunden würde, der Einen von ihnen verheimlicht, damit sie der Obrigkeit entrinnen und der gebührenden Strafe, welche sie verdient haben, andern zum abschreckenden Exempel, entzogen werden, selbiger soll als Mitwisser der gleichen Strafe verfallen sein, auch wenn ihm nichts weiteres nachgewiesen werden kann. (Rührt nochmals die Trommel und geht ab, begleitet von dem ganzen Haufen, der ein großes Geschrei erhebt.) Neunte Scene. Die beiden Schauspieler . Nachher zwei Jungen . Erster Schauspieler . Hast Du es gehört, Monfrère? Zweiter Schauspieler . Ja, ich habe es gehört und kann mich vor Schrecken kaum auf den Beinen halten; was haben wir doch nur verbrochen, daß man uns unschuldigen Menschen so etwas andichten kann?! Erster Schauspieler . Wer im Unglück ist, sucht Gesellschaft. Was sollen wir nun anfangen? Fliehen wir, so machen wir uns verdächtig, und bleiben wir, so setzen wir uns der äußersten Gefahr aus. Zweiter Schauspieler . Mir scheint am besten, wir bleiben; eines Mannes Zeugniß ist nicht hinreichend, uns zu stürzen. Erster Schauspieler . Aber weil doch kein Mensch glauben wird, daß er seine besten Freunde mit Unrecht eines solchen Verbrechens bezüchtigt haben sollte, wird man uns nicht auf die Folter spannen, und werden wir da nicht am Ende Dinge bekennen, die uns nie in den Sinn gekommen sind? Ja, welcher Gefahr sind wir nicht von der Raserei des Pöbels ausgesetzt, gegen den die Obrigkeit selbst nicht im Stande sein wird uns zu beschützen? 271 Zweiter Schauspieler . Du hast Recht, es ist doch wol das Beste, wir ergreifen die Flucht. Aber wohin sollen wir fliehen? Gewiß wird niemand mehr aus dem Thore gelassen. Zwei Jungen (kommen mit Liedern) . Neue Lieder von den sämmtlichen Komödianten, die sich in Wehrwölfe verwandelt haben! (Sie kaufen das Lied und blättern darin.) Erster Schauspieler . Ach Himmel, ist es möglich, mit solcher Ausführlichkeit zu lügen? Hier finde ich uns beide, Monfrère, Dich und mich, in einer langen Unterredung, die wir mit dem Teufel gepflogen, und auch Tag und Stunde ist angegeben, wo wir uns in Wehrwölfe verwandelt haben! Zweiter Schauspieler . Eine Lüge ist wie ein Schneeball, der wird auch immer größer und größer. Erster Schauspieler . Wir wollen uns zu meinem Schwager flüchten, er wird uns verbergen, bis dieser Wahnsinn vorüber ist. Zehnte Scene. Drei Bewaffnete . Die Vorigen . Erster Soldat . Zwei von ihnen sollen ja hier auf der Straße stehen. Zweiter Soldat . Ja, denk' mal die Unverschämtheit, stehen da mitten unter dem Volk bei der Trommel, während die obrigkeitliche Bekanntmachung verlesen wird! Aber sieh hier, wahrhaftig, das sind sie! (Die Soldaten spannen den Hahn und zwingen sie, ihre Degen abzugeben.) Erster Schauspieler . Ach, ist es möglich, daß Unschuldige in einem christlichen Lande so mißhandelt werden? Erster Soldat . Ja richtig, Du hast auch wol noch von Unschuld und Christenthum zu sprechen, Du, der seinen Glauben abgeschworen und sich mit seinem eigenen Blute dem Teufel verschrieben hat?! Erster Schauspieler . Nicht gedacht habe ich daran, geschweige denn es gethan. Zweiter Soldat . Und hat sich in einen Wehrwolf 272 verwandelt, um Nachts auf der Straße unschuldige Menschen zu morden. Erster Schauspieler . Davon wissen wir nichts. Erster Soldat . Der aus Bosheit Sturm und Ungewitter gemacht hat, den Seefahrern zum Unglück und Verderben! Gestern allein sind drei Schiffe gescheitert, und den Sturm, in dem sie untergegangen sind, hat kein anderer verursacht, als diese verfluchten Zauberhunde! Erster Schauspieler . Ach, ach, welche unerhörten falschen Beschuldigungen! Zweiter Soldat . Und drei honnete Bürgerfrauen haben sie auch behext. Erster Schauspieler . Glaubt nur, der Himmel wird unsere Unschuld rächen. Erster Soldat . Der Himmel? Was habt Ihr Kerle mit dem Himmel zu thun? Dem habt Ihr ja doch durch Euer Bündniß ein für allemal entsagt? Zweiter Soldat . Wunderbar, daß diese Bestien nur überhaupt noch den Himmel zu nennen wagen; ich dachte, das dürften die Zauberer gar nicht. Erster Soldat . Nein, Bruder, die Hunde, hol' sie der Henker, machen es sich im Contract aus, daß sie sowol beten, als in die Kirche gehen dürfen, damit niemand von ihrer Zauberei was merkt. Erster Schauspieler . Aber genügt denn eine bloße falsche Beschuldigung? Ist unsere Aussage nicht so gut wie seine? Wir sind jeden Augenblick bereit, die Hand zum Himmel zu erheben und unsere Unschuld zu beschwören. Zweiter Soldat . Ob Ihr schwört oder ein Hund bellt, das kommt auf Eins heraus; solche Schurken werden gar nicht zum Schwure zugelassen, die Folter wird Euch schon zum Geständniß bringen. (Die Schauspieler werden abgeführt.) 273 Fünfter Akt. Erste Scene. Die Gerichtsstube wird vorgestellt. Ein Richter . Ein Schreiber . Gerichtsdiener . Leander . Zuerst kommt ein Gerichtsdiener mit einer Räucherpfanne, indem er sagt: » Ich muß räuchern, damit die Zauberei keine Macht hat .« Darauf kommt der Richter und setzt sich an das eine Ende des Tisches und der Schreiber an das andere. Die Gerichtsdiener stehen in der Nähe des Richters. Der Richter . Na, Kinder, mit solcher Angst wie heute habe ich noch niemals zu Gericht gesessen. Denn hier ist nicht von Mord oder Diebstahl oder Raub die Rede, sondern davon, eine Zauberei auszurotten, die vielleicht schon viel weiter um sich gegriffen hat, als wir denken. – Führt den Hauptverbrecher zuerst herein, damit wir ihn allein hören, nachher wollen wir die Andern vernehmen, und zuletzt wollen wir sie alle confrontiren. Ach, ach, unsere gute Stadt! (Der Angeklagte tritt ein.) Laßt ihn mir nur nicht zu nahe kommen, hört Ihr wol? Bleib' da stehen, Mensch, da neben dem Schreiber! (Der Schreiber rückt an den Richter heran.) Bleibt nur sitzen, Herr Schreiber. Der Schreiber (zitternd) . Ich möchte gern hier sitzen und schreiben, Herr Richter, da drüben ist es so finster. Der Richter . Ei, bleibt nur sitzen, es ist da gerade so hell wie hier. Der Schreiber . Bitt' um Verzeihung, ich kann da wahrhaftig keinen Buchstaben sehen. 274 Der Richter . Ich befehle Euch aber, auf Eurem gewöhnlichen Platze zu bleiben. (Schreiber setzt sich mit Zittern wieder hin, sieht sich öfters um und fährt jedesmal in die Höhe, sowie der Angeklagte sich ihm nähert, und das geht so durch den ganzen Akt.) Höre, junger Mensch, gestehst Du die Schuld, um deren willen Du in Verhaft genommen bist? Leander . Gewiß thue ich es, Herr Richter; ich werde niemals meine Handschrift verleugnen. Der Richter (leise) . Ha ha, nun wissen wir also doch, daß er einen schriftlichen Contract mit dem Teufel geschlossen hat. (Laut) Hast Du sie mit Deinem eigenen Blute geschrieben? Leander . Das ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine seltsame Frage, Herr Richter; so lange ich Tinte zum Schreiben habe, brauche ich kein Blut. Der Richter (leise zu den Nächststehenden) . Kann man sich dem Teufel auch mit Tinte verschreiben? Gerichtsdiener . Ja, ich glaube, Herr Richter, man hat Exempel davon. Der Richter . Was diesen betrifft, so bedarf es also keiner weiteren Untersuchung, da er ja selbst alles zugesteht. Leander . Gewiß habe ich es nie geleugnet, Herr Richter, nur begreife ich nicht, wie man mich um einer solchen geringfügigen Sache halber so behandeln und mich ins Gefängniß setzen kann. Der Richter . Hilf Himmel, ist das eine geringfügige Sache? Schreibt, Herr Schreiber, daß er öffentlich vor Gericht gesagt hat, es wäre eine geringfügige Sache! Leander . Ja, und in Betreff des Weiteren erbiete ich mich, sofort einundzwanzig Thaler bei Gericht zu deponiren. Der Richter . Schreibt, Herr Schreiber, daß er öffentlich die Absicht zu erkennen gegeben hat, das Gericht zu bestechen! Leander . Das Gericht bestechen will ich nicht, aber . . . . Der Richter . Halt' Du Dein Maul, bis Du gefragt wirst! Wie lange ist es denn her seit der Verschreibung? Leander . Der Wechsel ist sechs Monate alt, aber . . . . 275 Der Richter . Sechs Monate! (Leise) Es ist wirklich spaßhaft, daß er dies einen Wechsel nennt und auf die Art den Teufel zum Banquier macht. Der Schreiber . Der Teufel, Herr Richter, ahmt dem Menschen in allen Stücken nach und so macht er denn jetzt auch den Banquier; ich vermuthe, er nennt den Contract einen Wechsel, weil bekanntlich das Wechselrecht am strengsten ist. Der Richter (laut) . Es ist aber doch schrecklich, daß sich so etwas hat ein ganzes Jahr lang hinziehen können. Leander . Der Mann hatte Geduld mit mir und prolongirte. Der Richter . Du hättest klug genug sein sollen, Dich vor dem Manne in Acht zu nehmen. Leander . Wie so? Es ist ja sonst ein ganz honneter Mann. Der Richter . Schreibt, Herr Schreiber, er nennt ihn einen honneten Mann! (Leise) Das ist der leibhaftige Teufel, der aus ihm spricht. Leander . Er hat mich sonst nie gedrückt, sondern mir immer Credit gegeben, bis heute. Der Richter . Ja, stelle Dich nur dumm, Patron, als ob Du nicht wüßtest, daß er nur darum einige Zeit Credit giebt, um nachher desto unerbittlicher zu sein! Wann warst Du denn zuletzt in der Kirche? Leander . Das ist noch nicht acht Tage her. Aber ich begreife wiederum nicht, warum ich in dieser lumpigen Sache nach solchen Dingen gefragt werde? Der Richter . Bist Du es selbst, junger Mensch, der Du redest, oder spricht der Teufel aus Dir? – Schreibt, Herr Schreiber, er nennt das eine lumpige Sache. Leander (ein wenig bei Seite tretend) . Ich glaube, der Richter und die ganze Stadt sind toll im Kopfe; ich muß nur auch thun, als wäre ich toll, vielleicht geht es auf die Art besser. Der Richter . In welcher Kirche bist Du getauft? Leander (verzerrt das Gesicht und stellt sich, als wäre er toll) . Der Richter . Ach, Himmel, seht, was er für Convulsionen 276 kriegt, sowie ich von Getauftsein spreche! Schreibt, Herr Schreiber . . . . (Der Schreiber kriecht unter den Tisch.) Wo ist denn nur aber der Schreiber? Hilf Himmel, das nenn' ich Zauberei! Er ist verschwunden, glaub' ich! Ein Gerichtsdiener . Nein, Herr Richter, er sitzt unter dem Tische. (Leander verzerrt das Gesicht nochmals und wird in Folge dessen hinausgeführt, worauf der Schreiber wieder hervorkriecht.) Der Richter . Ich wollte, wir hätten die Sache erst glücklich zu Ende; mit solcher Art Leuten zu thun zu haben, ist was Furchtbares. Aber freilich, seine Amtspflicht muß man erfüllen. Der Schreiber . Ja, gewiß, Herr Richter, wie geschrieben steht: Scheu' das Recht und thu' dem Teufel nichts. Der Richter . Ja, Ihr habt auch wol mitzureden, unter den Tisch seid Ihr gekrochen. Der Schreiber . Mir war blos eine Feder heruntergefallen, Herr Richter, aus Furcht habe ich es wahrhaftig nicht gethan. Der Richter . Na, dann paßt nur gut auf, daß Euch keine Federn mehr herunterfallen, es wird hier sich gleich noch ein ganz anderer Sturm erheben. Zweite Scene. Die beiden Schauspieler . Die Vorigen . Der Richter . Ich ermahne Euch, Eure Unthat freiwillig zu bekennen und uns nicht zu Mitteln zu nöthigen, zu denen wir nur ungern greifen, nämlich Euch die Wahrheit durch ein peinliches Verhör abzuzwingen. Euer Kamerad hat Euch sämmtlich angegeben und seine Missethat frei bekannt, er ist dadurch dem, was Euch noch droht, entgangen und wird ohne weitere Marter für feine Sünden kurzweg vom Leben zum Tode gebracht werden. Folgt seinem Beispiele, es ist der beste Rath, den ich Euch ertheilen kann, und gebt Eure Mitschuldigen an. 277 Erster Schauspieler . Wir haben nie gethan, noch gedacht zu thun, wessen man uns beschuldigt, leben daher auch der Hoffnung, daß man uns nicht auf die falsche und leichtfertige Anklage eines bösen Menschen hin verdammen wird; kann man uns jedoch dergleichen überführen, so sind wir gerne bereit, uns jeder Strafe zu unterwerfen, die das Gesetz über uns verhängt. Der Richter . Das ist denn doch nicht wahrscheinlich, daß eines Menschen Bosheit so weit gehen sollte, ohne Aussicht auf den geringsten Nutzen oder Vortheil seine Freunde mit sich in solchen Abgrund zu ziehen; ich merke daraus, daß Ihr verstockte Sünder seid und mit Gewalt auf die Folter gebracht werden wollt. Erster Schauspieler . Aber da wir ganz unschuldig sind, können wir uns doch unmöglich selbst solche Missethaten andichten?! Der Richter . Herr Schreiber, examinirt sie denn nach bestem Wissen und Vermögen; wir wollen es erst mit den sanften Mitteln versuchen, bevor wir zu den strengen schreiten. (Der Schreiber, welcher dasitzt und ein Riechfläschchen unter die Nase hält, stellt sich, als ob er auf einmal heiser wäre, schlägt sich vor die Brust und sagt mit einer ganz erloschenen Stimme, es wäre ihm so erbärmlich auf der Brust, daß er unmöglich reden könne.) Der Richter . Die Heiserkeit ist Euch sehr schnell gekommen; pfui doch, wer wird so furchtsam sein! Bleibt nur sitzen, ich werde es schon selbst besorgen. Sagt denn, Ihr Verbrecher, wer hat Euch zuerst zur schwarzen Kunst verführt? Erster Schauspieler . Niemand hat uns verführt, und unser letztes Wort ist und bleibt, daß wir diese Kunst niemals getrieben haben. Der Richter . Sagt mir denn, wie lange ist es her, daß Euer Kamerad sich zuerst damit befaßt hat? Beide . Auch davon wissen wir nicht das Mindeste. Hätten wir etwas davon gewußt, würden wir es sogleich angezeigt haben. Der Richter . Ihr wollt also wirklich nicht bekennen? So laßt den Ersten wieder hereinkommen, der wird sie schon überführen. 278 Dritte Scene. Leander . Die Vorigen . (Der Schreiber kriecht wieder unter den Tisch.) Der Richter . Wir haben Euch nochmals hierher rufen lassen, nicht in Eurer eigenen Angelegenheit, sondern um gegen Eure Spießgesellen auszusagen, die in ihrer beispiellosen Hartnäckigkeit nichts gestehen wollen. Leander . Das geht mich nichts an, Herr Richter; jeder mag sich selbst verantworten, mein Päckchen ist gerade schwer genug. Der Richter . Habt Ihr nicht gestanden, daß die Uebrigen von der Bande ebenso schuldig sind wie Ihr? Leander . Ja, gesagt habe ich es allerdings, aber kümmern thut es mich nicht. Erster Schauspieler . Wenn Ihr gesagt habt, Monsieur Leander, daß wir ebensowol schuldig sind als Ihr, so habt Ihr nicht als ehrlicher Mann gesprochen; wir wissen uns durchaus rein und frei davon. Leander . Nun seht, was die sich heilig stellen; na, ich möchte wahrhaftig nicht Euer Advocat sein. Ich sage blos, daß Ihr ebenfalls schuldig seid, und darin liegt ja weiter kein Vorwurf, da Ihr es ja leicht gut machen könnt. Der Richter . Ach, welch ein Spötter! Schreibt, Herr Schreiber – aber wo ist der Schreiber nun wieder geblieben? Ein Gerichtsdiener . Er sitzt wieder unter dem Tische, glaub' ich. Der Richter . Holt ihn vor, er hat sich heute so betragen, daß er nie wieder mit zu Gericht sitzen kann. Der Gerichtsdiener . Ach, Herr Richter, er ist ohnmächtig. Der Richter . Seht zu, daß Ihr ihn herausbekommt, sonst ist er noch des Todes, rein vor Furcht. (Man trägt ihn hinaus.) Zweiter Schauspieler . Aber was haben wir Euch denn nur zu Leide gethan, Monsieur Leander, daß Ihr uns so etwas auf den Hals redet und uns dadurch ins Unglück stürzet? 279 Leander . In was für ein Unglück stürze ich Euch denn? Ich habe blos gesagt, warum ich in meinem dumpfigen Loch sitzen soll, während Andere frei sind, die ebenso viel schuldig wie ich. Zweiter Schauspieler . So habt Ihr uns also nicht namentlich angegeben? Leander . Wie sollte mir das einfallen, Messieurs, Euch anzugeben? Ich sage blos, daß die meisten von unserer Bande nicht weniger schuldig sind als ich. Zweiter Schauspieler . Das ist der reine Teufel, der Euch verleitet, so etwas zu sagen. Leander . Ich glaube wirklich, Ihr seid toll im Kopfe; seid Ihr nichts schuldig, so ist das ja desto besser für Euch. Erster Schauspieler . Aber warum habt Ihr uns denn angegeben? Leander . Ich habe Euch nicht angegeben, ich sagte blos . . . . Der Richter . Bringt die Folterbank her! Leander . Die Folterbank wegen eines lumpigen Wechsels von fünfzig Thalern, wovon ich die Hälfte stehenden Fußes bezahlen will, so daß blos noch fünfundzwanzig Thaler bleiben, die ich in drei Tagen bezahlen kann! Der Richter . Ach, Himmel, nun ist er ganz toll! Erster Schauspieler . Der Herr Richter hört, daß er den Verstand verloren, und also kann auch kein Werth gelegt werden auf das, was er uns schuld giebt. Leander . Und mir scheint, daß alle, die ich diese ganze Zeit über gesprochen habe, toll und verrückt sind. Der Richter . Das ist eben das rechte Kennzeichen der Verrücktheit, wenn Einer sich einbildet, allein klug zu sein, während alle andern verrückt sind. Erster Schauspieler . Scheint dem Herrn Richter nicht zweckmäßig, daß Ihr ihm erst zur Ader ließet und hinterdrein hörtet, ob er noch bei seiner Anklage stehen bleibt? Der Richter (zum Gerichtsdiener) . Geh' auf der Stelle zu Meister Hermann, er soll doch mal so gut sein, mit seiner Lanzette herzukommen! 280 Leander . Das ist ganz überflüssig; wer seinen richtigen Verstand hat, wird mir einräumen, daß es ein viel größeres Zeichen von Verrücktheit ist, einen ehrlichen Kerl in ein finsteres Loch zu werfen um fünfzig Thaler willen, die er in drei Tagen zu bezahlen verspricht, als über solche Behandlung Klage zu führen. Der Richter . Horch, nun spricht er wieder vom Wechsel; es ist wahrhaftig ein starker Paroxysmus. Leander . O mein Herr Richter, ich bin noch völlig bei Verstande. Erster Schauspieler . Das kommt Euch blos so vor, Monsieur Leander. Leander . Hol' Euch der Henker mit Eurem Vorkommen, muß ich nicht am besten selbst wissen, wie es mit mir steht? Erster Schauspieler . Nein, erst wenn der Patient merkt, daß er krank ist, ist Hoffnung zur Besserung. Vierte Scene. Meister Herrmann . Die Vorigen . Meister Hermann . Wer ist das, dem ich hier zur Ader lassen soll? Der Richter . Da steht er. Leander (zeigt auf den zweiten Schauspieler) . Nein, der ist es, Meister. (Der Barbier kriegt den unrechten zu fassen und will ihm mit Gewalt zur Ader lassen; er läuft fort und schreit » Ich bin es nicht !« Der Barbier läuft ihm nach.) Der Richter (leise zum Barbier) . Nein, Meister, der Andere ist es; er ist angeklagt wegen Zauberei und hat bereits vor Gericht gestanden, daß er sich in der That dem Teufel verschrieben hat. Nun wir ihn aber weiter verhören, schwatzt er dummes Zeug von einem Wechsel von fünfzig Thalern. Aber ganz gewiß stellt er sich blos so, um die Sache in die Länge zu ziehen. Die zwei Andern dagegen, die er als seine Spießgesellen angegeben hat, behaupten, er wäre verrückt, und verlangen vom 281 Gerichtshofe, daß er zur Ader gelassen wird, um zu sehen, ob er dann noch bei seiner Klage beharren wird. Glaubt Ihr nun wol, daß dies angebracht ist? Meister Hermann . Ja versteht sich. Vom Aderlassen rathe ich niemand ab; ein einziger Aderlaß hilft dem Patienten mehr, als wenn er die Pillen des Doctor Bombastus ein ganzes Jahr durch braucht. Ich will dem Herrn Richter sagen, weil das Blut, auf Latein sanguis, obstruxirt ist, so folgt ja nothsächlich, daß die Ader oder vena muß eröffnet werden. Sextus Empiricus schreibt sehr gründlich davon also – Der Richter . Wir haben jetzt keine Zeit zu hören, was Sextus Empiricus schreibt; vollzieht hier nur rasch Euer Geschäft, damit wir endlich mit dieser verfluchten Geschichte zu Ende kommen. Meister Hermann . Aber sollte der Andere nicht auch zur Ader gelassen werden? Schaden kann es nicht, ein gutes Mittel läßt sich ja nie zu oft anwenden. Der Richter . Nein, nein, blos dieser Eine. Meister Hermann . Nach Befehl. Aber gut wäre es doch, daß alle zusammen zur Ader ließen, der Herr Richter mit eingeschlossen, in einer halben Stunde sollten sie alle zusammen expediret sein. (Zum Angeklagten) Nun, mein Freund, wo wollt Ihr denn nun zur Ader lassen, am Arm, am Fuß oder an der Stirn? Leander . Nirgend will ich zur Ader lassen, denn mir fehlt überhaupt nichts. Meister Hermann . Ja was geht das mich an, hier liegt ein interlocutorisches Urtheil vor, wonach Ihr zur Ader gelassen werden sollt; ich wollte, es würden bei Gericht lauter solche Urtheile gefällt, da wäre doch noch was zu verdienen. Nun kommt, Kamerad, setzt Euch her, ich mache das so geschickt, daß Ihr es kaum fühlen sollt. Leander . Bleibt mir vom Leibe, sag' ich, Euch selbst thut ein Aderlaß wol mehr noth als mir! Der Richter . Geht mal hin, zwei Mann, und haltet ihn! Leander . Ach, Herr Richter, verfahrt doch nicht so 282 grausam mit mir, bedenkt, ich habe das Recht, an die höhere Instanz zu appelliren! Ich bin wahrhaftig so gesund und frisch, wie ich nur jemals gewesen bin; wenn mir etwas weh thut, so ist es blos der Kummer, mich so unschuldig mißhandelt zu sehen. Der Richter . Aber Ihr habt doch selbst erst vor Gericht zugestanden, daß Ihr Euch vor sechs Monaten dem Teufel verschrieben, habt die Andern von der Bande angegeben, habt den Teufel als einen honneten Mann und Eure Sache als eine Kleinigkeit bezeichnet, zuletzt aber, wenn man Euch weiter befragt wegen der schwarzen Kunst, so antwortet Ihr uns etwas von einem Wechsel von fünfzig Thalern; wie soll man nun wol so etwas nennen? Meister Hermann . Das heißt nichts anderes als furorem oder mania . Leander . Ach, Herr Richter, hier muß nothwendig ein Mißverständniß vorliegen. Da wird nämlich ein Wechsel auf mich protestirt, gleich kommt Einer gelaufen und warnt mich, daß ich in Arrest gebracht werden soll; nachher kommen die Stadtwächter und wollen mein Haus stürmen; das war mir nun auch noch einigermaßen begreiflich, weil ich dachte, es handle sich um den Wechsel. Das Uebrige dagegen, was nun folgt, das waren böhmische Wälder für mich. Denn wie ich mich erbot, Bürgschaft zu stellen, da gaben sie zur Antwort, nicht die ganze Welt könnte für mich Bürgschaft stellen, und da ich sagte, das wäre doch nicht die Sache, um Einen deshalb ins Gefängniß zu werfen, so nannten sie mich einen Gotteslästerer. Hinterdrein kamen dann verschiedene Leute und wollten mich um Rath fragen von wegen der schwarzen Kunst, und endlich höre ich zu meinem Entsetzen, daß es nicht der Wechsel ist, weshalb ich angeklagt bin, sondern wegen Zauberei. Ich möchte darauf sterben, Herr Richter, daß ich mit jemand anders verwechselt worden, dem ich vermuthlich ähnlich sehe. Der Richter . Was Henker ist das? Seid Ihr denn nicht wegen Zauberei verklagt? Leander . Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich nicht weiß, was Zauberei ist. 283 Der Richter . Aber warum sagtet Ihr denn da zu Anfang, Ihr wäret schuldig? Leander . Wie der Richter mich fragte, dachte ich, er spräche von dem Wechsel. Der Richter . Aber hier sind ja doch Leute, die selbst mit angehört haben, wie Ihr den Teufel citirtet? Leander . Ich bitte gehorsamst, mir die Leute gegenüberzustellen. Glaubegern (tritt vor) . Ich bin der Mann, Herr Richter, der zuerst dahintergekommen ist; ich habe gehört sowol wie gesehen, wie er den Teufel citirte. Der Richter . Habt Ihr den Teufel selbst gesehen? Glaubegern . Nein, aber es kam mir vor, als hörte ich ein ungeheures Gepolter. Leander . Ich bitte gehorsamst, der Richter wolle mir gestatten, dem Manne einige Fragen vorzulegen, die Licht in die Sache bringen werden. Um welche Zeit war es denn wol, daß Ihr mich die schwarze Kunst ausüben hörtet? Glaubegern . Das war heute früh neun Uhr. Leander . Und wo that ich es? Glaubegern . Auf dem Vorsaal Eures Hauses. Leander . Könnt Ihr Euch nicht noch an die Worte erinnern, die ich dabei brauchte? Glaubegern . So ziemlich. Ihr citirtet einen bösen Geist mit Namen Mephistopheles und verbotet ihm, einen Kreis zu beschreiten, den Ihr auf den Boden gezogen hattet; eine halbe Stunde später hörte ich zugleich mit noch einem andern Bürger, wie Ihr noch einen zweiten Geist citirtet, mit Namen Polidorus. Leander . Eben dieser Mann, der mich anklagt, soll mich auch freisprechen. Der Richter . Mir scheint das Gegentheil. Erster Schauspieler . Wohledler Herr Richter, jetzt rührt sich auch mein Gewissen und zwingt mir das Bekenntniß ab, daß Monsieur Leander in der That den Teufel citirt hat und daß wir seine Mitschuldigen dabei sind. 284 Der Richter . Na das freut mich, daß Ihr endlich in Euch geht. Leander . Ich getraue mir sogar zu beweisen, daß Meister Hermann, der Barbier, ebenfalls unser Mitschuldiger ist. Meister Hermann . Wer? ich? Nu seh' Einer die verfluchten Kerle an! Glaubt ihnen nicht, Herr Richter, ich bin bekannt als ein ehrlicher Mann und ein abgesagter Feind von all diesen Geschichten; ja mit dieser meiner eigenen Hand habe ich ein Haus angesteckt, das wegen Zauberei in Verdacht stand, und doch wurden die Bewohner, die dabei sämmtlich ums Leben kamen, hinterher unschuldig befunden, so daß ich also sechs unschuldige Menschen auf einmal aus der Welt geschafft habe, ja es fehlte nicht viel, so hätte ich aus lauter frommem Eifer die ganze Stadt angesteckt. Leander . Stellt Euch nur so fromm, wie Ihr wollt, Meister Hermann, ich werde es doch ganz genau mit allen Umständen beweisen, so daß Ihr es selber noch eingestehen sollt. Der Richter . Hilf Himmel, wie schnell die Sünde die Oberhand gewinnt; zuletzt ist noch die ganze Stadt mit Zauberei angesteckt! Meister Hermann . Aber der Herr Richter merken ja doch wol, daß er das blos sagt, um uns mit ins Verderben zu ziehen? Leander . Ich verlange durchaus nicht, daß man mir aufs Wort glauben soll, wol aber erbiete ich mich, solche Zeugen beizubringen, daß alle Welt beistimmen soll, daß Ihr in der That mein Mitschuldiger seid. (Meister Hermann weint.) Der Richter . Ja, mein guter Meister Hermann, jetzt kommt das Weinen zu spät, das hättet Ihr früher bedenken sollen. Meister Hermann . Ach, ach, ich bin so unschuldig als ein Schaf! Der Richter . Es thut mir nur leid um Eurer hübschen Frau und Kinder willen. Darauf übrigens könnt Ihr Euch verlassen, wenn nicht noch andere gerichtliche Beweise 285 vorliegen, auf diese bloße Aussage hin sollt Ihr nicht verurtheilt werden. Leander . Ich will ihn dazu bringen, daß er selbst bekennt. Der Richter . Habt Ihr vielleicht noch sonst jemand anzugeben? Leander . Ja, Herr Richter, wenn ich ein bischen nachdenke, so würde das schon gehen; unter andern kann ich beweisen, daß der Schreiber beim Gericht hier ein ganzes Jahr lang Mitwisser gewesen. Der Richter . Der Schreiber?! Nun begreife ich auch, warum der Schuft unter den Tisch kriecht; das war noch mehr aus bösem Gewissen, als aus Furcht vor diesem Zauberer. Wo ist er geblieben? Ein Gerichtsdiener . Wir haben ihn in das Cabinet gebracht, gleich hier nebenan. Der Richter . Ist ihm wieder wohl? Der Gerichtsdiener . Ei ja, er sitzt und spielt Dame mit des Herrn Richters Lakai. Der Richter . Er soll mal auf der Stelle hereinkommen. (Der Schreiber wird hereingeschleppt, wobei er gottsjämmerlich schreit.) Der Schreiber . Aber, Herr Richter, wenn ich von lauter Zauberern umgeben bin, so kann ich doch unmöglich meinem Amt vorstehen, sie haben mir die Hände so verhext, daß ich nicht eine Silbe schreiben kann! Der Richter . Ei ei, was Ihr für ein frommer Mann seid! Und wenn man Euch nun beweist, daß Ihr ebenfalls mit der schwarzen Kunst Bescheid wißt? Leander . Zehnfacher Strafe will ich mich unterwerfen, wenn ich nicht beweisen kann, daß er zu verschiedenen Malen Augen- und Ohrenzeuge bei dem gewesen, dessen wir angeklagt sind. Die beiden Schauspieler . Wir erbieten uns ebenfalls, es zu beweisen. Der Richter . Pfui, schämt Euch, so dazustehen! Ihr seid Beamter des Gerichts und sollt daher doppelte Strafe leiden. Der Schreiber . Ich bin jetzt vierzig Jahre alt, aber wenn ich bis zu diesem meinen vierzigsten Jahre auch nur so viel 286 gesehen habe von einem Kobold oder Wichtelmännchen, geschweige denn von einem ordentlichen ausgewachsenen Teufel, so will ich auf der Stelle selbst des Teufels sein. Der Richter . Wenn nur erst die Zeugen vernommen werden, da wird die Wahrheit schon an den Tag kommen. Der Schreiber . Was scheeren mich alle Zeugen der Welt, ich muß das ja doch selbst am besten wissen. Leander . Jetzt werde ich Euch allen sofort aus dem Traume helfen. Habt Ihr nicht vergangenes Jahr eine Tragödie gesehen, Polidorus betitelt? Der Schreiber . Allerdings. Leander . Erinnert Ihr Euch noch, daß in dieser Tragödie eine Scene vorkommt, in welcher der Teufel citirt wird? Der Schreiber . Ja gewiß erinnere ich mich, und zwar heißt der Teufel, der citirt wird, Mephistopheles. Aber das war nur ein Spiel. Leander . Und ein bloßes Spiel hat auch diesen großen Lärm veranlaßt. Die Sache ist diese: um neun Uhr ging ich auf meinem Vorsaal auf und nieder und memorirte meine Rolle in der genannten Tragödie, die morgen zur Aufführung kommen sollte. Der Biedermann hier hat dabei gestanden, hat es gehört, hat es für Ernst genommen und hat mich in der ganzen Stadt als Zauberer ausgeschrieen. Da ist die Geschichte denn noch ausgeschmückt worden, wie das so zu geschehen pflegt, und in dieser Gestalt ist sie denn der Obrigkeit zu Ohren gekommen, und die hat nun sofort die Polizei geschickt, mich greifen zu lassen. Nun war eben zu derselben Zeit ein Wechsel mit Protest auf mich zurückgekommen, ich glaubte, es wäre aus diesem Grunde, daß man mich einsperren wollte, und darum habe ich dem Gericht auch ganz ehrlich bekannt, daß ich allerdings schuldig – nämlich Geld schuldig, nicht aber der Zauberei, an die ich auch nicht im Traume gedacht habe. Zum Beweise dieser meiner Aussage überreiche ich hiermit dem Kläger meine Rolle, er kann sich daraus selbst überzeugen, ob nicht genau dieselben Worte darin stehen, die er gehört hat. Der Kläger (liest darin und fällt auf die Kniee) . Ach ja. Herr 287 Richter, es sind wirklich dieselben Worte! Aber der Lärm, den ich verursacht habe, ist gewiß nicht böse gemeint gewesen, sondern ein bloßes Mißverständniß; der Mann ist ganz unschuldig und ich bitte demüthigst, mich mit einer bloßen Abbitte und Ehrenerklärung zu entlassen. Der Richter . Na, so soll Euch doch das Donnerwetter mit Euren verfluchten Denunciationen! (Geht ab, indem er den Kopf hängen läßt.) Fünfte Scene. Die Mutter eines der Schauspieler . Leanders Braut . Die drei Schauspieler . Der Schreiber . Die Mutter (indem sie den Schreiber zu packen kriegt) . Ach, Herr Schreiber, verfahrt doch nicht so grausam mit meinem Sohne! Die Braut (zerrt ihn nach der andern Seite hin) . Ach, Herr Schreiber, legt doch ein gutes Wort für meinen Bräutigam ein! Der Schreiber . Ei, laßt mich in Ruhe! Die Mutter . Ach, Herr Schreiber, ein junger Mensch ist ja doch so leicht verführt! Die Braut . Ach, Herr Schreiber, legt doch ein gutes Wort für ihn ein bei dem Herrn Richter! Der Schreiber . Daß Euch das Donnerwetter, wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt! Die Mutter . Ach, Herr Schreiber, wir sind doch alle Menschen! Die Braut . Ach, Herr Schreiber, laßt ihn doch nur wenigstens ehrlich unter die Erde kommen! Der Schreiber . Laßt mich in Ruhe, sonst soll Euch das Donnerwetter! Die Mutter . Ach, Herr Schreiber, wir lassen Euch nicht los, bis Ihr uns versprochen habt, zu helfen! Der Schreiber . Heda, Gewalt! (Die beiden Frauen werfen sich dem Schreiber zu Füßen und umklammern seine Beine mit solcher Gewalt, daß er umfällt; er springt in die Höhe und läuft fort, während die Frauenzimmer ihn verfolgen.) 288 Leander (an die Zuschauer) . Hier waltet Glaubenslosigkeit Und dort herrscht Aberglaube, Und beiden wird Religion Und Landeswohl zum Raube. Und fragst Du, was das Schlimmste sei, Das Schädlichste von beiden, So sag' ich, daß die Welt durch sie Muß gleich viel Böses leiden. Nur einen winz'gen Unterschied Vermag ich zu ergründen, Daß hier der Aberglaube sich Macht Tugenden aus Sünden. Er brüstet sich mit Mord und Brand, Er prahlt mit frommen Mienen Und glaubt, durch schnöde Missethat Den Himmel zu verdienen.