Henrik Ibsen Die Frau vom Meere Schauspiel in fünf Akten Henrik Ibsen – Sämtliche Werke Fünfter Band S. Fischer Verlag, Berlin, 1907 Herausgegeben von Julius Elias und Paul Schlenther Einzige autorisierte deutsche Ausgabe Personen Doktor Wangel, Bezirksarzt   Ellida, seine zweite Frau Bolette   Bolette Hilde, halbwüchsig seine Töchter aus erster Ehe Arnholm, Oberlehrer   Lyngstrand   Ballested   Ein fremder Mann   Junge Leute aus der Stadt. Touristen. Sommergäste     Das Stück spielt zur Sommerszeit in einer kleinen Fjordstadt des nördlichen Norwegens. [Sprich: Lüngstrand; Skiwe; Scholdwiken.] Erster Akt Doktor Wangels Haus, mit großer überbauter Veranda links. Garten vor dem Haus und um das Haus. Unterhalb der Veranda eine Flaggenstange. Rechts im Garten eine Laube mit Tisch und Stühlen. Heckenzaun mit einer kleinen Eingangstür im Hintergrund. Hinter dem Zaun ein Weg den Strand entlang. Baumreihen längs des Weges. Zwischen den Bäumen sieht man den Fjord und hohe Gebirgszüge und Bergzinnen in der Ferne. Es ist ein warmer und leuchtend klarer Sommermorgen. Ballested ,  ein Mann in mittleren Jahren, der eine alte Samtjacke und einen breitkrämpigen Künstlerhut trägt, steht unten an der Flaggenstange und macht sich an der Leine zu schaffen. Die Flagge liegt auf der Erde. Ein wenig von ihm entfernt eine Staffelei mit aufgespannter Leinwand. Nebenan liegen auf einem Feldstuhl Pinsel, Palette und ein Malkasten. Bolette  tritt durch die offene Tür des Gartenzimmers auf die Veranda hinaus. Sie trägt eine große Vase mit Blumen, die sie auf den Tisch stellt. Bolette . Na, Ballested, – kriegen Sie's auch in Ordnung? Ballested . Jawohl, Fräulein. Nichts leichter als das. – Mit Verlaub, – erwarten Sie heut Fremdenbesuch? Bolette . Ja, wir erwarten heut morgen den Oberlehrer Arnholm. Er ist vergangene Nacht in der Stadt angekommen. Ballested . Arnholm? Warten Sie mal –. Arnholm? Hieß der nicht Arnholm, der vor Jahr und Tag hier Hauslehrer war? Bolette . Ja. Der und kein anderer. Ballested . Schau', schau'! Kommt der auch einmal wieder in diese Gegend. Bolette .  Da rum möchten wir gern flaggen. Ballested . Ja, das gehört sich wohl auch so. Bolette geht wieder in das Gartenzimmer. Bald darauf kommt Lyngstrand  von rechts den Weg hinauf und bleibt interessiert stehen, wie er die Staffelei und die Malgeräte sieht. Er ist ein schmächtiger junger Mann, bescheiden aber ordentlich gekleidet, und von schwächlichem Aussehen. Lyngstrand   draußen an der Hecke. Guten Morgen. Ballested   dreht sich um. Hoh –! Guten Morgen. Hißt die Flagge. So – nun steigt der Ballon. Befestigt die Leine und macht sich an der Staffelei zu schaffen. Guten Morgen, Verehrtester. Ich habe allerdings nicht das Vergnügen – Lyngstrand . Sie sind gewiß Maler, Sie? Ballested . Ja, natürlich. Warum sollte ich nicht auch Maler sein? Lyngstrand . Ja, ich seh's. – Darf ich mir die Freiheit nehmen, ein bißchen einzutreten? Ballested . Wollen Sie vielleicht herein, um zuzusehen? Lyngstrand . Ja, das möchte ich riesig gern. Ballested . Ach, da ist noch nichts Besonderes zu sehen. Aber bitte schön. Treten Sie nur näher. Lyngstrand . Besten Dank. Er kommt zur Gartentür herein. Ballested   malt. Bei dem Fjord da zwischen den Inseln, bei dem halte ich gerade. Lyngstrand . Ich seh's, jawohl. Ballested . Aber die Figur fehlt noch. Hier in der Stadt ist kein Modell aufzutreiben. Lyngstrand . Soll auch eine Figur hinein? Ballested . Ja, hier im Vordergrund an der Klippe, da soll eine halbtote Meerfrau liegen. Lyngstrand . Warum muß sie denn halbtot sein? Ballested . Sie hat sich vom Meere hereinverirrt und kann nicht wieder hinausfinden. Und nun liegt sie da und kommt im Brackwasser um, verstehen Sie. Lyngstrand . Ach so. Ballested . Die Frau vom Hause hier, die hat mich auf den Gedanken gebracht, so etwas zu malen. Lyngstrand . Wie wollen Sie das Bild nennen, wenn es fertig ist? Ballested . Ich denke, es soll heißen: »Der Meerfrau Ende«. Lyngstrand .  Das paßt famos. – Da können Sie sicherlich etwas Schönes draus machen. Ballested   sieht ihn an . Ein Mann vom Fach vielleicht? Lyngstrand . Sie meinen Maler? Ballested . Ja. Lyngstrand . Nein, das bin ich nicht. Aber ich will Bildhauer werden. Ich heiße Hans Lyngstrand. Ballested . So, Sie wollen Bildhauer werden? Ja, ja, die Skulpturkunst ist auch eine nette, flotte Kunst. – Ich glaube, ich habe Sie einige Male auf der Straße gesehen. Halten Sie sich schon lange hier bei uns auf? Lyngstrand . Nein, ich bin erst so an die vierzehn Tage hier. Aber ich will sehen, ob ich nicht den Sommer über hier bleiben kann. Ballested . Um die Annehmlichkeiten des Badelebens zu genießen? Was? Lyngstrand . Ich muß versuchen, ein bißchen zu Kräften zu kommen. Ballested . Doch wohl nicht kränklich? Lyngstrand . Ja, ich bin wohl eigentlich ein bißchen kränklich von Natur. Aber es ist weiter nicht gefährlich. Es sind nur so eine Art Beklemmungen auf der Brust. Ballested . I, – die Bagatelle! Übrigens sollten Sie doch einmal mit einem erfahrenen Arzt sprechen. Lyngstrand . Ich dachte, gelegentlich Doktor Wangel zu fragen. Ballested . Ja, tun Sie das nur. Sieht links hinaus. Da kommt wieder ein Dampfer. Gestopft voll von Passagieren. Das Reisen hat hier in den letzten Jahren einen beispiellosen Aufschwung genommen. Lyngstrand . Ja, es ist hier ein ganz gewaltiger Verkehr, finde ich. Ballested . Und Sommerfrischler haben wir hier auch die Masse. Mir ist manchmal bange, unsere gute Stadt wird bei all dem fremden Wesen ihr Gepräge verlieren. Lyngstrand . Sind Sie hier in der Stadt geboren? Ballested . Nein, das nicht. Aber ich habe mich akkla – akklimatisiert. Ich fühle mich mit dem Ort verknüpft durch die Bande der Zeit und der Gewohnheit. Lyngstrand . Sie wohnen also schon lange hier? Ballested . Na, so an die siebzehn, – achtzehn Jahre. Ich bin mit Skives Theatergesellschaft hergekommen. Aber wir gerieten da in finanzielle Schwierigkeiten. Und infolgedessen löste sich die Gesellschaft auf und zerstob in alle Winde. Lyngstrand . Aber Sie selbst, Sie sind hier geblieben? Ballested . Ich bin geblieben. Und das ist mir auf die Dauer auch ganz gut bekommen. Ich war nämlich damals vorzugsweise im Dekorationsfach beschäftigt, will ich Ihnen sagen. Bolette  kommt mit einem Schaukelstuhl heraus, den sie auf die Veranda stellt. Bolette   spricht in das Gartenzimmer hinein: Hilde, – sieh einmal nach, ob Du den gestickten Fußschemel für Papa findest. Lyngstrand   geht an den Fuß der Veranda und grüßt. Guten Morgen, Fräulein Wangel! Bolette   am Geländer. Ei sieh da, – Sie sind es, Herr Lyngstrand? Guten Morgen. Entschuldigen Sie einen Augenblick, – ich will nur – geht in das Haus. Ballested . Kennen Sie die Familie? Lyngstrand . Nicht näher. Ich habe die Fräuleins nur ab und zu bei anderen Leuten getroffen. Und dann habe ich flüchtig mit der gnädigen Frau gesprochen, – neulich beim Konzert auf der »Aussicht«. Sie sagte, ich möchte sie doch einmal besuchen. Ballested . Na, wissen Sie, – die Bekanntschaft sollten Sie kultivieren. Lyngstrand . Ja, ich habe auch die Absicht, einen Besuch zu machen. Was man so eine Visite nennt. Hätte ich nur erst einen Anlaß – Ballested . Ach was, – Anlaß–. Sieht links hinaus. Himmeldonnerwetter! Packt seine Sachen zusammen. Das Dampfboot ist schon an der Brücke vorn. Ich muß nach dem Hotel. Vielleicht hat einer von den Neuangekommenen Verwendung für mich. Ich bin nämlich auch als Haarschneider und Friseur tätig, müssen Sie wissen. Lyngstrand . Sie, Sie sind wohl riesig vielseitig. Ballested . An kleinen Orten muß man verstehen, sich in unterschiedlichen Fächern zu ak – akklimatisieren. Sollten Sie einmal irgend etwas nötig haben in der Haarbranche, – etwas Pomade oder dergleichen, so fragen Sie nur nach dem Tanzlehrer Ballested. Lyngstrand . Tanzlehrer – ? Ballested . Vorstand des »Bläserbunds«, wenn Sie wollen. Heut Abend haben wir Konzert auf der »Aussicht«. Adieu, – adieu! Er geht mit den Malgeräten durch die Stakettür und dann links ab. Hilde  kommt heraus mit dem Schemel. Bolette  bringt mehr Blumen. Lyngstrand grüßt Hilde vom Garten herauf. Hilde   am Geländer, ohne wiederzugrüßen. Bolette sagt, Sie hätten sich heut hereingetraut. Lyngstrand . Ja, ich bin so frei gewesen, auf einen Moment einzutreten. Hilde . Sie haben wohl gerade eine Morgenpromenade gemacht? Lyngstrand . Ach nein, – aus dem Spaziergang ist heute nicht viel geworden. Hilde . Sind Sie im Bad gewesen? Lyngstrand . Ich war ein paar Augenblicke draußen im Wasser. Ich habe da unten Ihre Frau Mama gesehen. Sie ging in ihre Badezelle. Hilde . Wer ging da hinein? Lyngstrand . Ihre Frau Mama. Hilde . Ach so, so. Sie stellt den Schemel vor den Schaukelstuhl. Bolette ,  als ob sie das Gespräch unterbrechen wollte. Haben Sie von Papas Boot etwas gesehen auf dem Fjord draußen? Lyngstrand . Ja, mir war es, als hätte ich ein Segelboot landeinwärts steuern sehen. Bolette . Das ist gewiß Papa gewesen. Er war draußen auf den Inseln, um Patienten zu besuchen. Sie macht sich, ordnend, am Tisch zu schaffen. Lyngstrand   tut einen Schritt vorwärts auf der Verandatreppe. Nein, aber diese Blumenpracht hier –! Bolette . Ja, sieht das nicht gut aus? Lyngstrand . O, es sieht himmlisch aus. Es sieht aus, als wäre ein Festtag hier im Haus. Hilde . Das ist es auch. Lyngstrand . Habe ich mir es doch fast gedacht. Es ist sicher heut der Geburtstag Ihres Herrn Papa ? Bolette   warnend zu Hilde. Hm – hm! Hilde   ohne sich daran zu kehren. Nein, Mama ihrer. Lyngstrand . So, – der Geburtstag Ihrer Frau Mama. Bolette   leise, ärgerlich. Aber, Hilde –! Hilde   ebenso. Laß mich in Ruh'! Zu Lyngstrand. Sie gehen wohl jetzt nach Hause frühstücken? Lyngstrand   steigt von der Treppe hinab. Ja, ich müßte wohl bald ein bißchen was zu mir nehmen. Hilde . Sie sind wohl da im Hotel recht gut aufgehoben? Lyngstrand . Ich wohne nicht mehr im Hotel. Es wurde mir zu teuer. Hilde . Wo wohnen Sie denn jetzt? Lyngstrand . Jetzt wohne ich oben bei Madam Jensen. Hilde . Bei was für einer Madam Jensen? Lyngstrand . Der Hebamme. Hilde . Pardon, Herr Lyngstrand, – aber ich habe wirklich mehr zu tun, als – Lyngstrand . Ach, ich hätte das gewiß nicht sagen sollen. Hilde . Was denn? Lyngstrand . Was ich eben gesagt habe. Hilde   ungnädig; mißt ihn mit den Augen . Ich verstehe Sie ganz und gar nicht. Lyngstrand . Nein, nein. Aber jetzt muß ich mich von den Damen bis auf weiteres verabschieden. Bolette   geht an die Treppe heran . Adieu, adieu, Herr Lyngstrand! Sie müssen uns für heute schon entschuldigen –. Aber später einmal, – wenn Sie einmal ordentlich Zeit haben – und wenn Sie Lust haben, – da kommen Sie nur zu uns und sagen Sie Papa guten Tag und – uns anderen. Lyngstrand . Ja, danke sehr. Das will ich herzlich gern tun. Er grüßt und geht durch die Gartentür ab. Indem er draußen auf dem Wege links vorbeigeht, grüßt er noch einmal zur Veranda hinauf. Hilde   halblaut . Adieu, Mosjö! Und grüßen Sie Mutter Jensen recht schön von mir. Bolette   leise, schüttelt sie am Arm . Hilde –! Du ungezogenes Ding! Du bist wohl nicht recht bei Trost? Wie leicht hätte er Dich hören können. Hilde . I, – glaubst Du, da raus mache ich mir etwas! Bolette   sieht rechts hinaus . Da kommt Papa. Wangel  im Reiseanzug und mit einem kleinen Reisesack in der Hand kommt auf dem Fußpfad rechts zum Vorschein. Wangel . So, da bin ich wieder, Kinderchen! Er tritt zur Stakettür ein. Bolette   geht ihm unten im Garten entgegen . Ach, wie schön, daß Du da bist. Hilde   geht gleichfalls zu ihm hinunter . Hast Du Dich jetzt für den ganzen Tag frei gemacht, Papa? Wangel . Ach nein, ich muß später noch einmal einen Augenblick zum Bureau hinunter. – Sagt mal, – wißt Ihr, ob Arnholm angekommen ist? Bolette . Ja, er ist vergangene Nacht gekommen. Wir haben nach dem Hotel hingeschickt. Wangel . Gesehen habt Ihr ihn also noch nicht? Bolette . Nein. Aber er wird sicher noch heut morgen herkommen. Wangel . Ja, das tut er ganz sicher. Hilde   zupft ihn . Papa, jetzt sieh Dich einmal um. Wangel   sieht nach der Veranda . Ja, ich sehe schon, Kind. – Es ist ja recht festlich hier. Bolette . Ja, nicht wahr, das haben wir hübsch arrangiert? Wangel . Ja, das muß ich allerdings sagen. – Sind – sind wir allein zu Hause? Hilde . Ja, sie ist aus, um – Bolette   fällt rasch ein . Mama ist im Bad. Wangel   sieht Bolette freundlich an und streichelt ihr den Kopf. Darauf sagt er ein wenig zaudernd: Nun hört mal, Ihr Mädchen, – soll das den ganzen Tag so bleiben? Und auch die Fahne soll den ganzen Tag gehißt sein? Hilde . Na, das kannst Du Dir doch wohl denken, Papa! Wangel . Hm, – jawohl. Aber seht mal – Bolette   blinzelt und nickt ihm zu . Du kannst Dir doch denken, daß wir das alles dem Oberlehrer Arnholm zuliebe gemacht haben. Wenn so ein guter Freund das erste Mal kommt, Dich zu besuchen – Hilde   lächelt und zupft ihn . Denk doch nur, Papa, – Bolettes alter Lehrer! Wangel   mit einem halben Lächeln . Ihr beide seid mir ein paar rechte Racker –. Na, mein Gott, – schließlich ist es doch auch ganz natürlich, daß wir ihrer gedenken, die nicht mehr unter uns ist. Aber trotzdem. Da, Hilde! Gibt ihr den Reisesack. Er soll nach dem Bureau hinunter. – Nein, Kinder, – das gefällt mir nicht. Die Art und Weise nicht, wißt Ihr. Daß wir so jedes Jahr –. Na, – aber was soll man sagen! Es ist wohl nicht gut anders möglich! Hilde   will mit dem Reisesack durch den Garten links gehen, bleibt aber stehen, dreht sich um und zeigt hinaus . Sieh mal den Herrn, der da kommt. Das ist sicher der Oberlehrer. Bolette   sieht hin . Der da? Lacht. Nein, Du bist aber gut! Glaubst Du, der angejahrte Bursche, das ist Arnholm! Wangel . Wart' mal, Kind. Ja, wahrhaftigen Gott, ich glaube, das ist er! – Ja, gewiß, das ist er! Bolette   starrt hin, mit stillem Erstaunen . Ja, weiß Gott, ich glaube auch –! Arnholm  in elegantem Morgenanzug mit goldener Brille und einem dünnen Stock erscheint draußen auf dem Wege links. Er sieht etwas überarbeitet aus. Er blickt in den Garten hinein, grüßt freundlich und tritt durch die Stakettür ein. Wangel   geht ihm entgegen . Willkommen, lieber Arnholm. Herzlich willkommen auf der alten Scholle! Arnholm . Danke sehr, danke sehr, lieber Herr Doktor. Tausend Dank! Sie schütteln einander die Hände und gehen zusammen durch den Garten. Arnholm . Und da sind auch die Kinder! Reicht ihnen die Hand und sieht sie an. Die beiden, die hätte ich kaum wiedererkannt. Wangel . Ja, das glaube ich schon. Arnholm . Na doch, – Bolette vielleicht doch. – Ja, Bolette würde ich schon wiedererkannt haben. Wangel . Doch wohl kaum, meine ich. Es ist doch jetzt auch schon acht, – neun Jahre her, daß Sie sie zuletzt gesehen haben. Ach ja, hier hat sich wohl gar manches verändert in der Zeit. Arnholm   sieht sich um . Das kann ich eigentlich nicht finden. Abgesehen davon, daß die Bäume noch ein gutes Stück gewachsen sind – und dann, daß da die Laube hingekommen ist – Wangel . Ach nein, äußerlich – Arnholm   lächelnd . Und dann natürlich: Sie haben jetzt zwei große heiratsfähige Töchter im Hause. Wangel . Na, heiratsfähig ist doch wohl nur die eine. Hilde   halblaut . Da höre mal einer den Papa! Wangel . Aber jetzt, denke ich, setzen wir uns auf die Veranda. Da ist es kühler als hier. Bitte schön. Arnholm . Danke sehr, danke sehr, lieber Doktor. Sie gehen hinauf. Wangel nötigt Arnholm im Schaukelstuhl Platz zu nehmen. Wangel . So, – jetzt machen Sie sich es nur recht bequem und ruhen Sie sich aus. Es scheint wirklich, die Reise hat Sie etwas angestrengt. Arnholm . O, das hat weiter nichts zu sagen. In dieser Umgebung hier – Bolette   zu Wangel . Sollen wir nicht ein bißchen Sodawasser und Fruchtsaft ins Gartenzimmer bringen? Hier draußen wird es gewiß bald zu warm werden. Wangel . Ja, tut das, Kinder. Bringt uns Sodawasser und Saft. Und vielleicht auch ein bißchen Cognac. Bolette . Auch Cognac sollen wir –? Wangel . Nur ein bißchen. Wenn jemand welchen haben will. Bolette . Na ja. Hilde, bring Du den Reisesack nach dem Bureau hinunter. Bolette geht in das Gartenzimmer und schließt die Tür hinter sich. Hilde nimmt den Reisesack und geht durch den Garten hinter dem Hause links ab. Arnholm ,  der Bolette mit den Augen gefolgt ist . Das ist doch wirklich ein prächtiges –. Da sind Ihnen aber zwei prächtige Mädchen herangewachsen! Wangel   setzt sich . Ja, finden Sie auch? Arnholm . Ja, ich bin geradezu überrascht von Bolette. Und von Hilde auch. – Doch nun Sie selbst, lieber Doktor –. Wollen Sie denn Ihr ganzes Leben lang hier wohnen bleiben? Wangel . Ach ja, das wird schon so kommen. Hier bin ich geboren, hier hat meine Wiege gestanden. Hier habe ich so unendlich glücklich mit ihr gelebt, die uns so früh verlassen hat. Mit der Frau, die Sie gekannt haben, von früher her, Arnholm. Arnholm . Ja – ja. Wangel . Und jetzt lebe ich hier so glücklich mit der Frau, die mir an ihrer Statt geworden ist. Ja, ich kann wohl sagen, im großen und ganzen ist das Schicksal mir hold gewesen. Arnholm . Aber Kinder aus zweiter Ehe haben Sie nicht? Wangel . Wir haben vor zwei, – zweieinhalb Jahren einen kleinen Jungen bekommen. Aber behalten haben wir ihn nicht lange. Er ist gestorben, als er vier, – fünf Monat alt war. Arnholm . Ist Ihre Frau heut nicht zu Hause? Wangel . Doch, – sie muß nun bald kommen. Sie ist hinunter, um zu baden. Das tut sie jeden lieben Tag, die ganze Zeit. Was für Wetter auch sein mag. Arnholm . Fehlt ihr denn etwas? Wangel . So eigentlich fehlen tut ihr nichts. Obgleich sie allerdings merkwürdig nervös in den letzten paar Jahren gewesen ist. Das heißt, ab und zu. Ich kann nicht recht klug daraus werden, was eigentlich mit ihr los ist. Aber ins Wasser zu gehen, sehen Sie, das ist so recht ihr Lebenselement. Arnholm . Ich erinnere mich von früher her. Wangel   mit einem kaum merkbaren Lächeln . Ja, Sie kennen Ellida ja von der Zeit, als Sie Lehrer waren in Skjoldviken draußen. Arnholm . Versteht sich. Sie kam oft nach dem Pfarrhof zu Besuch. Und ich traf sie meistens auch, wenn ich im Leuchtturm war und bei ihrem Vater vorsprach. Wangel . Die Zeit da draußen, können Sie glauben, hat tiefe Spuren in ihr zurückgelassen. Die Leute hier in der Stadt können das gar nicht begreifen. Sie nennen sie die »Frau vom Meere«. Arnholm . Was Sie sagen! Wangel . Ja. Und sehen Sie, darum –. Sprechen Sie doch mit ihr von den alten Zeiten, lieber Arnholm. Das wird ihr ungemein wohl tun. Arnholm   sieht ihn zweifelnd an . Haben Sie denn einen Grund, das zu glauben? Wangel . Ja, gewiß habe ich den. Ellidas Stimme wird im Garten rechts vernehmbar. Ellida . Du bist es, Wangel? Wangel   steht auf . Ja, meine Liebe. Ellida ,  mit einem großen, leichten Umschlagtuche und mit nassem, über die Schultern ausgebreitetem Haar, kommt zwischen den Bäumen an der Laube hervor. Arnholm steht auf. Wangel   lächelt und streckt ihr die Hände entgegen . Sieh, – da ist ja die Meerfrau! Ellida   geht eilig nach der Veranda hinauf und ergreift seine Hände . Gott sei Dank, daß Du wieder da bist! Wann bist Du gekommen? Wangel . Jetzt eben. Vor einer kleinen Weile. Zeigt auf Arnholm. Aber willst Du nicht einen alten Bekannten begrüßen –? Ellida   gibt Arnholm die Hand . Da wären Sie also. Willkommen! Und entschuldigen Sie, daß ich nicht zu Hause war – Arnholm . Aber ich bitte. Machen Sie nur keine Umstände – Wangel . War das Wasser schön frisch heut? Ellida . Frisch! Ach Gott, hier ist das Wasser nie frisch. So lau und so schlaff. Uh! Das Wasser ist krank hier drin in den Fjorden. Arnholm . Krank? Ellida . Ja, es ist krank. Und ich glaube, es macht einen auch krank. Wangel   lächelt . Na, Du verstehst aber den Badeort zu empfehlen. Arnholm . Ich glaube vielmehr, Sie, Frau Wangel, stehen in einem besonderen Verhältnis zum Meer und zu allem, was vom Meere ist. Ellida . Ach ja, mag sein. Ich möchte es beinah selbst glauben. – Aber sehen Sie nur die festlichen Arrangements, die die Mädchen Ihnen zu Ehren getroffen haben? Wangel   verlegen . Hm –. Sieht auf seine Uhr. Jetzt muß ich aber bald – Arnholm . Wirklich mir zu Ehren –? Ellida . Nun, das können Sie sich doch denken. Solchen Staat machen wir nicht alle Tage. – Uh, wie stickend heiß es hier unter dem Dach ist! Geht in den Garten hinunter. Kommen Sie hier herüber! Hier ist doch wenigstens etwas wie ein Luftzug. Sie setzt sich in die Laube. Arnholm   geht dahin . Hier, finde ich, geht in der Tat ein ganz frisches Lüftchen. Ellida . Ja, wer an die drückende Atmosphäre in der Hauptstadt gewöhnt ist, wie Sie. Da soll es ja im Sommer ganz entsetzlich sein, habe ich gehört. Wangel ,  der gleichfalls in den Garten hinunter gegangen ist . Hm, liebe Ellida, Du mußt jetzt unsern lieben Freund ein Weilchen allein unterhalten. Ellida . Hast Du zu tun? Wangel . Ja, ich muß nach dem Bureau hinunter. Und dann muß ich doch auch wohl ein bißchen Toilette machen. Aber ich bleibe nicht lange – Arnholm  setzt sich in die Laube. Beeilen Sie sich nur ja nicht, lieber Doktor. Ihre Frau und ich werden uns schon die Zeit zu vertreiben wissen. Wangel   nickt . O ja, – daran zweifle ich nicht. Na also denn – auf Wiedersehen! Geht links durch den Garten ab. Ellida   nach einer kleinen Pause . Finden Sie nicht, es sitzt sich gut hier? Arnholm . Ich für mein Teil sitze gut. Ellida . Das Lusthaus hier heißt mein Lusthaus. Denn ich habe es einrichten lassen. Oder vielmehr Wangel – mir zu Gefallen. Arnholm . Und hier sitzen Sie also gewöhnlich? Ellida . Ja, hier sitze ich den größten Teil des Tages. Arnholm . Wohl mit den Mädchen. Ellida . Nein, die Mädchen – die sind mehr auf der Veranda. Arnholm . Und Wangel? Ellida . Ach, Wangel geht so hin und her. Bald ist er hier bei mir und bald ist er drüben bei den Kindern. Arnholm . Haben Sie das so haben wollen? Ellida . Ich glaube, alle Teile befinden sich am wohlsten dabei. Wir können ja zueinander hinübersprechen – wenn wir dann und wann einmal finden, wir hätten uns etwas zu sagen. Arnholm   ist eine Weile in Gedanken. Als ich zuletzt Ihre Wege kreuzte –. In Skjoldviken, meine ich –. Hm, – das ist nun schon lange her –. Ellida . Es sind jetzt gut und gern zehn Jahre, daß Sie bei uns da draußen waren. Arnholm . Ja, so ungefähr. Aber wenn ich Sie mir da in dem Leuchtturm vorstelle –! Die Heidin, wie Sie der alte Pfarrer nannte, weil Ihr Vater Sie auf einen Schiffsnamen hatte taufen lassen, wie er sagte, und nicht auf den Namen eines Christenmenschen – Ellida . Nun, und – ? Arnholm . Da hätte ich alles andere eher gedacht, als daß ich Sie hier als Frau Wangel wiederfinden würde. Ellida . Damals war ja auch Wangel noch nicht –. Damals lebte doch noch die erste Mutter der Kinder. Ihre rechte Mutter – Arnholm . Jawohl. Jawohl. Aber wenn das auch nicht der Fall gewesen wäre –. Wenn er auch frank und frei gewesen wäre, – so hätt' ich doch nie gedacht, daß es so kommen würde. Ellida . Ich auch nicht. Nie und nimmermehr – damals. Arnholm . Wangel ist ja so brav. So ehrenhaft. So herzensgut und freundlich gegen alle Menschen – Ellida   warm und herzlich. Ja, das ist er wirklich! Arnholm . – aber er muß doch himmelweit von Ihnen verschieden sein, meine ich. Ellida . Da haben Sie recht. Das ist er auch. Arnholm . Na, wie ist es denn aber gekommen? Wie ist es gekommen? Ellida . Ach, lieber Arnholm, danach dürfen Sie mich nicht fragen. Ich würde es Ihnen doch nicht erklären können. Und selbst wenn ich es könnte, Sie wären doch niemals imstande, das Mindeste davon zu fassen und zu verstehen. Arnholm . Hm – Etwas leiser. Haben Sie je Ihrem Mann etwas anvertraut von mir? Ich meine natürlich von dem vergeblichen Schritte, – zu dem ich mich einmal habe hinreißen lassen. Ellida . Nein. Wie können Sie nur glauben! Nicht ein Wort habe ich ihm gesagt von – von dem, was Sie da andeuten. Arnholm . Das freut mich. Denn ich fühlte mich etwas bedrückt bei dem Gedanken, daß – Ellida . Das brauchen Sie gar nicht. Ich habe ihm nur gesagt, was ja auch wahr ist, daß ich Sie sehr gern hatte, und daß Sie mein treuster und bester Freund waren, den ich da draußen hatte. Arnholm . Ich danke Ihnen. Aber, nun sagen Sie mir, – warum haben Sie mir nie geschrieben, seit ich weg war? Ellida . Ich dachte, es würde Ihnen vielleicht wehe tun, von einer zu hören, die – die Ihnen nicht in der Weise entgegenkommen konnte, wie Sie's gewünscht hatten. Ich meinte, ich würde damit doch nur wieder alte Wunden aufreißen. Arnholm . Hm –. Ja, ja, da hatten Sie vielleicht recht. Ellida . Aber warum haben Sie niemals geschrieben? Arnholm   sieht sie an und lächelt mit leichtem Vorwurf. Ich? Den Anfang machen? Vielleicht den Verdacht erwecken, ich wollte etwas Neues einleiten? Nach einem solchen Abfall, wie ich ihn erlitten hatte? Ellida . Na ja, das verstehe ich auch ganz gut. – Haben Sie später nie an eine andere Verbindung gedacht? Arnholm . Niemals. Ich bin meinen Erinnerungen treu geblieben. Ellida   halb im Scherz. Ach was! Lassen Sie die alten tristen Erinnerungen ruhen. Ich finde, Sie sollten wirklich lieber daran denken, ein glücklicher Ehemann zu werden. Arnholm . Das müßte dann aber bald geschehen, Frau Wangel. Vergessen Sie nicht: ich habe wahrhaftig – zu meiner Schande sei es gesagt – schon die Siebenunddreißig hinter mir. Ellida . Nun ja, um so mehr Grund, sich zu beeilen. Schweigt ein Weilchen, dann sagt sie ernst und mit gedämpfter Stimme: Nun hören Sie einmal zu, lieber Arnholm, – jetzt will ich Ihnen etwas sagen, was ich damals nicht über die Lippen gebracht hätte, und wenn es mir das Leben gekostet hätte. Arnholm . Was denn? Ellida . Als Sie, wie Sie eben sagten, – den vergeblichen Schritt taten, – da konnte ich Ihnen nicht anders antworten, als ich getan habe. Arnholm . Ich weiß. Sie hatten mir nichts anderes zu bieten als gute Freundschaft. Ich weiß das ja. Ellida . Aber Sie wissen nicht, daß mein ganzes Sinnen und Trachten damals anderswohin gerichtet war. Arnholm . Damals! Ellida . Ja doch. Arnholm . Aber das ist ja unmöglich! Sie irren sich in der Zeit! Ich glaube, damals haben Sie Wangel kaum gekannt. Ellida . Ich rede nicht von Wangel. Arnholm . Nicht von Wangel? Aber zu der Zeit, – in Skjoldviken –. Ich kann mich auch nicht eines Menschen da draußen erinnern, mit dem ich Sie mir auch hätte verlobt denken können. Ellida . Ja, ja, – das glaube ich schon. Es war ja auch alles so toll, – rein um den Verstand zu verlieren. Arnholm . Aber so lassen Sie mich doch Näheres davon hören! Ellida . Ach, es genügt ja, wenn Sie wissen, daß ich damals gebunden war. Und das wissen Sie ja nun. Arnholm . Und wenn Sie nun damals nicht gebunden gewesen wären? Ellida . Was dann? Arnholm . Wäre Ihre Antwort auf meinen Brief dann anders ausgefallen? Ellida . Wie kann ich das wissen? Als Wangel kam, da fiel die Antwort ja doch anders aus. Arnholm . Was hat es dann für einen Zweck, daß Sie mir erzählen, Sie wären gebunden gewesen? Ellida   steht auf in einer Art Angst und Unruhe. Weil ich einen haben muß, dem ich mich anvertrauen kann. Nein, nein, bleiben Sie nur sitzen. Arnholm . Ihr Mann weiß also nichts von der Sache? Ellida . Ich habe ihm gleich im Anfang bekannt, daß mir der Sinn einmal wo andershin gestanden hatte. Mehr hat er nicht zu wissen verlangt. Und wir haben das später nie berührt. Es war ja auch im Grunde nichts andres als Wahnsinn. Und dann war es ja auch gleich wieder zu Ende. Ja, das heißt – in gewisser Beziehung. Arnholm   steht auf. Nur in gewisser Beziehung? Nicht ganz! Ellida . Doch, doch, gewiß! Ach Gott, es ist gar nicht so, wie Sie denken, lieber Arnholm. Es ist etwas ganz Unbegreifliches. Ich weiß nicht, wie ich es erzählen soll. Sie würden nur glauben, ich wäre krank gewesen. Oder ich wäre ganz von Sinnen gewesen. Arnholm . Aber beste Frau Wangel, – jetzt müssen und sollen Sie sich wirklich ganz aussprechen. Ellida . Nun denn! Ich will es versuchen. Wie können Sie als vernünftiger Mann sich's erklären, daß – sieht hinaus und bricht ab. Warten Sie bis nachher. Da kommt Besuch. Lyngstrand  kommt auf dem Wege von links zum Vorschein und tritt in den Garten. Er hat eine Blume im Knopfloch und trägt ein großes schönes Bukett, mit Papier und Seidenband umwickelt. Er bleibt ein wenig zögernd und unentschlossen an der Veranda stehen. Ellida   tritt aus der Laube hervor. Sie suchen wohl die Mädchen, Herr Lyngstrand? Lyngstrand   wendet sich um. Ah, die gnädige Frau sind da. Grüßt und tritt näher. Nein, das nicht. Ich suche nicht die jungen Damen. Sie selbst suche ich, Frau Wangel. Sie haben mir doch gestattet, Sie zu besuchen – Ellida . Ja, gewiß habe ich das. Sie sind uns immer willkommen. Lyngstrand . Vielen Dank. Und da es sich so glücklich trifft, daß heute gerade eine Festlichkeit hier im Hause ist – Ellida . So, das wissen Sie? Lyngstrand . Jaha. Und darum möchte ich so frei sein, der gnädigen Frau das da zu überreichen – Er verneigt sich und präsentiert das Bukett. Ellida   lächelt. Aber, bester Herr Lyngstrand, wäre es nicht richtiger, Sie übergäben Ihre schönen Blumen dem Herrn Oberlehrer Arnholm selbst? Denn eigentlich ist er es doch, der – Lyngstrand   sieht die beiden unsicher an. Verzeihen Sie, – aber ich kenne den fremden Herrn nicht. Es ist nur –. Ich komme aus Anlaß des Geburtstages, gnädige Frau. Ellida . Des Geburtstages? Da haben Sie sich geirrt, Herr Lyngstrand. Es ist kein Geburtstag heut hier im Hause. Lyngstrand   lächelt verschmitzt. O, ich weiß schon. Aber ich glaubte nicht, es sollte geheim sein. Ellida . Was wissen Sie denn? Lyngstrand . Daß der gnädigen Frau ihr Ge – ihr Wiegenfest ist. Ellida . Meins? Arnholm   sieht sie fragend an. Heute? Nein, sicher nicht, nein. Ellida   zu Lyngstrand. Wie kommen Sie denn da rauf? Lyngstrand . Fräulein Hilde, die hat es verraten. Ich war vorhin schon ein Weilchen hier. Und da habe ich die jungen Damen gefragt, wozu dieser reiche Blumenschmuck und das Flaggen wäre – Ellida . Nun ja, und – ? Lyngstrand . – und da antwortete Fräulein Hilde: es ist ja heut Mamas – Wiegenfest. Ellida . Mamas –! Ach so. Arnholm . Aha! Er und Ellida blicken sich verständnisvoll an. Ja, wenn der junge Mann es also weiß, Frau Wangel – Ellida   zu Lyngstrand. Ja, wenn Sie es nun einmal wissen, so – Lyngstrand   präsentiert wieder das Bukett. Darf ich mir also erlauben, zu gratulieren – Ellida   nimmt die Blumen. Ich danke Ihnen recht schön. – Wollen Sie nicht einen Augenblick Platz nehmen, Herr Lyngstrand? Ellida, Arnholm und Lyngstrand nehmen in der Laube Platz. Die Sache – mit meinem Geburtstag – die hätte ein Geheimnis bleiben sollen, Herr Oberlehrer. Arnholm . Ich verstehe schon. Es sollte nicht für uns Uneingeweihte sein. Ellida   legt das Bukett auf den Tisch. Ja eben. Nicht für die Uneingeweihten. Lyngstrand . Ich werde es wahrhaftig keiner Menschenseele sagen. Ellida . O, so ist es nun nicht gemeint. – Aber – wie geht es Ihnen denn? Ich finde, Sie sehen jetzt besser aus als früher. Lyngstrand . Ja, es geht mir ganz leidlich, glaube ich. Und dann nächstes Jahr, wenn ich vielleicht nach dem Süden reisen kann – Ellida . Und das werden Sie ja doch, wie die Mädchen sagen. Lyngstrand . Ja, denn ich habe doch einen Wohltäter in Bergen, der mich unterstützt. Und der hat mir versprochen, er wird mir nächstes Jahr helfen. Ellida . Wie sind Sie denn zu dem gekommen? Lyngstrand . Ach, das traf sich riesig glücklich. Ich bin nämlich einmal auf See gewesen mit einem von seinen Schiffen. Ellida . So? Sie wollten also damals gern zur See? Lyngstrand . Nein, ganz und gar nicht. Aber als Mutter gestorben war, da wollte Vater nicht, daß ich mich länger zu Hause herumtriebe. Und so schickte er mich auf See. Da hatten wir Schiffbruch im Kanal auf der Heimfahrt. Und das war doch gut für mich. Arnholm . Wieso meinen Sie? Lyngstrand . Na, bei dem Schiffbruch eben kriegte ich meinen Knax. Diese Geschichte hier auf der Brust. Ich lag so lange in dem eiskalten Wasser, bis sie gekommen sind und mich geborgen haben. Und da mußte ich doch die See aufgeben. – Ja, das war wirklich ein großes Glück. Arnholm . So? Finden Sie das? Lyngstrand . Ja. Denn der Knax ist ja weiter nicht gefährlich. Und nun kann ich doch Bildhauer werden, was ich so von Herzen gern wollte. Denken Sie nur – in dem wunderbaren Ton zu modellieren, der sich so fein unter den Fingern fügt! Ellida . Und was wollen Sie denn modellieren? Meermänner oder Meerweiber? Oder gar alte Wikinger – ? Lyngstrand . Nein, so was wird es wohl nicht werden. Sobald es nur angeht, will ich versuchen, ein großes Werk zu machen. Eine Gruppe, wie man so sagt. Ellida . Nun ja, – aber was soll denn die Gruppe vorstellen ? Lyngstrand . Ach, das sollte etwas sein, was ich selbst erlebt habe. Arnholm . Ja, ja, – halten Sie sich nur da ran. Ellida . Aber was soll es denn sein? Lyngstrand . Ja, ich hatte mir so gedacht, es sollte ein junges Seemannsweib sein, das daliegt und merkwürdig unruhig schläft. Und träumen tut sie auch. Ich glaube wohl, ich werde es so herauskriegen, daß man es ihr ansehen kann, wie sie träumt. Arnholm . Soll das alles sein? Lyngstrand . Nein, es soll noch eine Figur mit dabei sein. Was man so eine Erscheinung nennt. Das soll ihr Mann sein, dem sie die Treue gebrochen hat, während er weg war. Und der ist im Meer ertrunken. Arnholm . Wie, sagen Sie – ? Ellida . Er ist ertrunken? Lyngstrand . Ja. Er ist ertrunken auf der Seereise. Aber nun ist das Seltsame das, daß er gleichwohl heimgekommen ist. Bei nachtschlafender Zeit. Und nun steht er da vor dem Bett und sieht sie an. Er soll dastehen so von Nässe triefend, wie einer, den man aus dem Wasser gezogen hat. Ellida   lehnt sich im Stuhle zurück. Was für eine wunderliche Sache! Schließt die Augen. O, ich kann es leibhaftig vor mir sehen. Arnholm . Aber um alles in der Welt, Herr – Herr –! Sie haben doch gesagt, es sollte was sein, das Sie erlebt hätten. Lyngstrand . Jaha, – das habe ich auch erlebt. Das heißt: in gewisser Beziehung. Arnholm . Erlebt, daß ein Toter – ? Lyngstrand . Na ja, ich meine doch nicht: so unmittelbar erlebt. Nicht äußerlich erlebt, versteht sich. Aber doch so – Ellida   lebhaft, gespannt. Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen und erzählen können. In diese Sache muß ich vollen Einblick haben. Arnholm   lächelnd. Ja, das muß so recht etwas für Sie sein. So etwas mit Meeresstimmung. Ellida . Also wie war es, Herr Lyngstrand? Lyngstrand . Ja, das war so. Damals, wie wir mit der Brigg nach Hause wollten, von einer Stadt, die Halifax heißt, da mußten wir den Bootsmann dort im Krankenhaus zurücklassen. Wir musterten dann für ihn einen Amerikaner an. Dieser neue Bootsmann – Ellida . Der Amerikaner? Lyngstrand . – ja; der lieh sich eines Tages vom Kapitän einen Stoß alter Zeitungen, und darin las er nun immerzu. Denn er wollte Norwegisch lernen, sagte er. Ellida . Nun? Und – ? Lyngstrand . Da war es mal abends bei einem gewaltigen Wetter. Alle Mann waren auf Deck. Ausgenommen der Bootsmann und ich. Er hatte sich nämlich den einen Fuß verstaucht, so daß er damit nicht auftreten konnte. Und ich war auch nicht so recht auf den Beinen und lag in der Koje. Na, da saß er nun da in der Back und las wieder in einem von den alten Blättern – Ellida . Jawohl! Jawohl! Lyngstrand . Aber wie er mitten im besten Lesen ist, da höre ich, wie er auf einmal ein Gebrüll ausstößt. Und wie ich ihn dann ansehe, da sehe ich, daß er kreideweiß im Gesicht ist. Und da fängt er an, das Blatt zu zerknittern und zu zerknüllen und es in tausend kleine Fetzen zu zerreißen. Aber das tat er still, so ganz still. Ellida . Hat er denn gar nichts gesagt? Hat er nicht gesprochen? Lyngstrand . Nicht gleich. Aber nach einer Weile sagte er zu sich selbst: Verheiratet. Mit einem andern. Während ich fort war. Ellida   schließt die Augen und sagt halb leise: Hat er das gesagt ? Lyngstrand . Ja. Und denken Sie bloß, – das hat er auf gut norwegisch gesagt. Dem muß es riesig leicht geworden sein, fremde Sprachen zu lernen, dem Mann. Ellida . Und was dann ? Was geschah dann weiter ? Lyngstrand . Ja, nun kommt das Merkwürdige, was ich nie im Leben vergessen werde. Denn er setzte hinzu, – und auch das ganz leise: Aber mein ist sie und mein soll sie bleiben. Und mir soll sie folgen, und sollt' ich auch heimkommen und sie holen als ein Ertrunkener aus der schwarzen See. Ellida   gießt sich ein Glas Wasser ein. Ihre Hand zittert. Ah, – wie schwül es heute hier ist – Lyngstrand . Und das sagte er mit einer solchen Kraft des Willens, daß ich mir dachte, er müßte imstande sein, es auch auszuführen. Ellida . Wissen Sie nicht, – was aus dem Mann geworden ist? Lyngstrand . Ach, gnädige Frau, er ist gewiß nicht mehr am Leben. Ellida   schnell. Warum glauben Sie das? Lyngstrand . Ja, weil wir ja doch Schiffbruch gelitten haben hernach im Kanal. Ich hatte mich ins große Boot hinunter gerettet mit dem Kapitän und fünf anderen. Der Steuermann ging in die Heckjolle. Und dadrin war auch der Amerikaner und noch ein Mann. Ellida . Und von denen hat man später nichts mehr gehört? Lyngstrand . Nein, gnädige Frau, nicht das allergeringste. Mein Wohltäter hat es mir neulich noch in einem Brief geschrieben. Aber eben darum habe ich so riesige Lust bekommen, ein Kunstwerk draus zu machen. Die treulose Seemannsfrau sehe ich leibhaftig vor mir. Und dann den Rächer, der ertrunken ist und doch heimkehrt von der See. Ich sehe sie alle beide ganz deutlich vor mir. Ellida . Ich auch. Steht auf. Kommen Sie, – wir wollen hinein. Oder lieber hinunter zu Wangel! Ich finde es hier so stickend schwül. Sie verläßt die Laube. Lyngstrand,   der ebenfalls aufgestanden ist. Ich für mein Teil muß wohl danken. Es sollte nur ein kurzer Besuch sein aus Anlaß des Wiegenfestes. Ellida . Na, wie Sie wollen. Reicht ihm die Hand. Adieu, und schönen Dank für die Blumen. Lyngstrand   grüßt und geht durch die Stakettür links ab. Arnholm   steht auf und geht zu Ellida hin. Ich sehe schon, es ist Ihnen sehr zu Herzen gegangen, liebe Frau Wangel. Ellida . Ach ja, das können Sie schon sagen, obgleich – Arnholm . Aber im Grunde mußten Sie ja doch wohl darauf vorbereitet sein. Ellida   sieht ihn, stutzig geworden, an . Vorbereitet sein? Arnholm . Ja, das finde ich. Ellida . Darauf vorbereitet, daß einer wiederkommen könnte –! Wiederkommen könnte auf solche Art? Arnholm . Aber was in aller Welt –! Die Schiffergeschichte des verdrehten Bildhauers ist es, die –? Ellida . Ach, lieber Arnholm, er ist vielleicht doch nicht so verdreht. Arnholm . Also das Geschwätz von dem Toten, das hat Sie so erschüttert? Und ich, ich habe geglaubt, – Ellida . Was haben Sie geglaubt? Arnholm . Ich habe natürlich geglaubt, es wäre nur Komödie von Ihnen. Sie säßen da und litten Qualen, weil Sie dahinter gekommen sind, daß hier im Hause hinter Ihrem Rücken ein Familienfest gefeiert wird. Daß Ihr Mann und seine Kinder ein Leben der Erinnerung führten, an dem Sie nicht teil haben. Ellida . Ach nein, nein. Das mag sein, wie es will. Ich habe kein Recht, meinen Mann ganz und allein für mich zu beanspruchen. Arnholm . Ich dächte doch, das hätten Sie. Ellida . Ja. Aber ich habe es doch nicht. Das ist es ja eben. Ich selbst lebe ja auch in etwas, – was den anderen verschlossen ist. Arnholm . Sie! Leiser. Ist es so zu verstehen –? Sie – Sie haben eigentlich Ihren Mann nicht lieb? Ellida . O doch, doch, von ganzem Herzen habe ich ihn lieb gewonnen! Und eben darum ist es so entsetzlich, – so unerklärlich, so ganz undenkbar –! Arnholm . Nun müssen Sie mir aber Ihre Sorgen ohne jeden Vorbehalt anvertrauen! Wollen Sie, Frau Wangel? Ellida . Ich kann nicht, lieber Freund. Wenigstens jetzt nicht. Vielleicht später einmal. Bolette  erscheint auf der Veranda und geht in den Garten hinunter. Bolette . Jetzt kommt Papa vom Bureau. Wollen wir uns da nicht alle zusammen ins Gartenzimmer setzen? Ellida . Ja, das wollen wir. Wangel ,  in anderm Anzuge, kommt mit Hilde  links hinter dem Hause zum Vorschein. Wangel . So! Da bin ich, – ein franker, freier Mann. Nun wollen wir uns aber auch einen guten kühlen Trunk leisten, und der soll schmecken! Ellida . Wart' einmal. Sie geht in die Laube hinein und holt das Bukett. Hilde . Ei sieh mal! Die wunderbaren Blumen! Wo hast Du die her? Ellida . Die habe ich vom Bildhauer Lyngstrand, meine liebe Hilde. Hilde   stutzt . Von Lyngstrand? Bolette   unruhig . Ist Lyngstrand hier gewesen – schon wieder? Ellida   mit einem halben Lächeln . Ja. Er war da und hat das gebracht. Weil Geburtstag ist, weißt Du. Bolette   sieht Hilde verstohlen an . Oh –! Hilde   murmelnd . Das Rindvieh! Wangel   in peinlicher Verlegenheit zu Ellida . Hm –. Ja, sieh mal –. Ich muß Dir sagen, meine liebe, gute, einzige Ellida – Ellida   abbrechend . So kommt, Ihr Kinder! Wir wollen meine Blumen mit den andern zusammen ins Wasser tun. Sie geht auf die Veranda hinauf. Bolette   leise zu Hilde . Ach, im Grunde ist sie doch lieb! Hilde   halblaut, mit bösem Ausdruck . Affereien! Sie tut nur so, um Papa zu gefallen. Wangel   oben auf der Veranda, drückt Ellida die Hand . Dank – Dank! Herzlichen Dank, Ellida! Ellida   macht sich bei den Blumen zu schaffen . Ach was, – sollte ich etwa nicht mittun, wenn man – Mamas Geburtstag feiert? Arnholm . Hm –. Er geht hinauf zu Wangel und Ellida. Bolette und Hilde bleiben unten im Garten. Zweiter Akt Auf der »Aussicht«, einer mit Gebüsch bestandenen Anhöhe hinter der Stadt. Etwas weiter hinten ist eine Warte und eine Wetterfahne. Große Steine, die sich zum Sitzen eignen, sind um die Warte herum und im Vordergrunde verteilt. Tief unten im Hintergrunde sieht man den äußeren Fjord mit Inseln und vorspringenden Landspitzen. Das offene Meer ist nicht sichtbar. Es ist Sommernacht mit Halblicht. Ein gelblich-roter Schimmer in der Luft und über den Bergzinnen weit in der Ferne. Vom Fuß der Hügel unten rechts ertönt gedämpft der Gesang eines Quartetts. Junge Leute aus der Stadt ,  Damen und Herren, kommen paarweise von rechts und gehen im vertraulichen Geplauder an der Warte vorüber und links ab. Nach einer Weile kommt Ballested  als Führer einer Gesellschaft von ausländischen Touristen und deren Damen. Er ist mit Schals und Reisetaschen beladen. Ballested   zeigt hinauf mit dem Stock . Voyez, messieurs et mesdames, – dort là-bas, est située encore une autre Anhöhe. Celle-là nous voulons auch monter et après descendre – Er setzt das Gespräch englisch fort und führt die Gesellschaft links hinaus. Hilde  kommt schnell die Böschung rechts herauf, bleibt stehen und blickt zurück; bald darauf kommt Bolette  denselben Weg herauf. Bolette . Aber, Kind, warum müssen wir denn dem Lyngstrand ausreißen? Hilde . Weil ich es nicht ausstehen kann, so langsam bergauf zu gehen. Sieh mal, – sieh, wie er raufkraxelt. Bolette . Ach, Du weißt doch, wie übel er dran ist. Hilde . Meinst Du, es ist sehr gefährlich? Bolette . Ja, allerdings. Hilde . Er war ja heute nachmittag bei Papa. Ich möchte nur wissen, was Papa von ihm hält. Bolette . Papa hat mir gesagt, es wäre eine Verhärtung in der Lunge, – oder so etwas Ähnliches. Er wird nicht alt, sagte Papa. Hilde . Wirklich, hat er das gesagt! Denk nur, Du – akkurat dasselbe habe ich auch vermutet. Bolette . Aber um Gottes willen laß Dir nichts anmerken. Hilde .  Ach, was fällt Dir denn ein. Halbleise. Sieh mal, – jetzt ist Hans glücklich raufgekraxelt. Hans –. Meinst Du nicht auch, man kann es ihm am Gesicht ansehen, daß er Hans heißt? Bolette   flüsternd . Jetzt sei aber artig. Das rate ich Dir. Lyngstrand  kommt von rechts mit einem Sonnenschirm in der Hand. Lyngstrand . Ich muß die Damen um Entschuldigung bitten, daß ich nicht so flott gehen konnte wie Sie. Hilde . Auch einen Sonnenschirm haben Sie sich zugelegt? Lyngstrand . Er gehört Ihrer Frau Mama. Sie sagt, ich sollte ihn nur als Stock gebrauchen. Denn ich hatte keinen mit. Bolette . Sind sie noch da unten? Papa und die anderen? Lyngstrand . Ja. Ihr Herr Papa ist einen Augenblick ins Restaurant gegangen. Und die anderen sitzen draußen und hören sich die Musik an. Aber später wollen sie heraufkommen, sagt Ihre Frau Mama. Hilde ,  die dasteht und ihn ansieht . Sie sind jetzt wohl tüchtig müde. Lyngstrand . Ja, ich glaube fast, ich bin so etwas wie müde. Ich denke schon, ich muß mich ein kleines Weilchen hinsetzen. Er setzt sich auf einen Stein im Vordergrunde rechts. Hilde   steht vor ihm . Wissen Sie, daß unten an der Musikkapelle später getanzt werden soll? Lyngstrand . Ja, ich hörte, es war die Rede davon. Hilde . Das Tanzen, das macht Ihnen wohl Vergnügen? Bolette ,  die im Heidekraut nach kleinen Blumen sucht . Ach, Hilde,– laß doch Herrn Lyngstrand sich erst einmal verschnaufen. Lyngstrand   zu Hilde . Ja, Fräulein, ich würde gern tanzen, – wenn ich nur könnte. Hilde . Ach so. Haben Sie es nie gelernt? Lyngstrand . Nein, das auch nicht. Aber das meinte ich gar nicht. Ich meinte, ich kann nicht wegen meiner Brust. Hilde . Von wegen des Knaxes, wie Sie sagen. Lyngstrand . Ja, – deswegen. Hilde . Sind Sie sehr betrübt, daß Sie den Knax haben? Lyngstrand . Ach nein, das kann ich nicht einmal sagen. Lächelt. Denn gerade deswegen, finde ich, sind alle Menschen so nett und so freundlich und so wohltätig zu mir. Hilde . Und dann ist es ja auch weiter nicht gefährlich. Lyngstrand . Nein, nicht im mindesten gefährlich. So habe ich Ihren Herrn Vater auch verstanden. Hilde . Und dann geht es ja vorüber, sobald Sie erst auf Reisen gehen können. Lyngstrand . Ja. Dann geht es vorüber. Bolette   mit Blumen . Sehen Sie einmal, Herr Lyngstrand, – die sollen Sie ins Knopfloch stecken. Lyngstrand . Ach, tausend Dank, Fräulein! Das ist wirklich zu liebenswürdig von Ihnen. Hilde   sieht rechts hinunter. Da kommen sie auf dem Weg unten. Bolette   sieht gleichfalls hinunter. Wenn sie nur wissen, wo sie abbiegen müssen. Nein, jetzt gehen sie falsch. Lyngstrand   steht auf. Ich will da hinunter an die Ecke und ihnen zurufen. Hilde . Da müssen Sie aber recht tüchtig rufen. Bolette . Nein, das lohnt nicht. Da werden Sie nur wieder müde. Lyngstrand . Ach, bergab geht es ganz flott. Er geht rechts ab. Hilde . Bergab, jawohl. Sieht ihm nach. Jetzt hopst er sogar! Und daran denkt er nicht, daß er wieder herauf muß. Bolette . Der arme Mensch –. Hilde . Wenn Lyngstrand um Dich anhielte, würdest Du ihn dann nehmen? Bolette . Bist Du verrückt geworden? Hilde . Ach, ich meine natürlich, wenn er diesen Knax nicht hätte. Und wenn er nicht so bald sterben müßte. Würdest Du ihn dann nehmen ? Bolette . Ich finde, Du solltest ihn nehmen. Hilde . I, wo denkst Du hin! Er hat ja nicht einen Pfennig. Er hat nicht einmal so viel, um selbst davon zu leben. Bolette . Warum gibst Du Dich denn immer so viel mit ihm ab? Hilde . Ach, das tue ich ja nur seines Knaxes wegen. Bolette . Ich habe noch nichts davon gemerkt, daß Du ihn des wegen bemitleidest. Hilde . Nein, das tue ich auch gar nicht. Aber ich finde, es hat solchen Reiz. Bolette . Was denn? Hilde . Ihn anzusehen und ihn erzählen zu lassen, daß es nicht gefährlich ist. Und dann, daß er ins Ausland reisen und Künstler werden will. Das alles glaubt er fest und ist so seelenvergnügt dabei. Und doch wird nichts draus werden. Nie und nimmer. Er lebt ja nicht mehr lange. Sich das vorzustellen, das finde ich so spannend. Bolette . Spannend? Hilde . Ja, gerade das finde ich spannend. Ich bin so frei. Bolette . Pfui, Hilde, Du bist ein recht garstiges Ding! Hilde . Das will ich auch sein. Nun erst recht. Sieht hinunter. Na endlich! Arnholm, der mag wohl nicht gern hoch steigen. Wendet sich um. Ach, übrigens, – weißt Du, was ich heut mittag bei Arnholm bemerkt habe? Bolette . Nun? Hilde . Denk nur, Du, – die Haare fangen an ihm auszugehen – hier oben mitten auf dem Kopf. Bolette . Ach, Unsinn! Das ist gewiß nicht wahr. Hilde . Doch. Und dann hat er Runzeln hier an beiden Augen. Ach Gott, Bolette, daß Du so in ihn verschossen sein konntest, wie er noch Dein Lehrer war! Bolette   lächelt . Ja, verstehst Du das? Ich weiß noch, ich weinte einmal bittere Tränen, weil er gesagt hatte, den Namen Bolette fände er häßlich. Hilde . Ja, denk mal an! Blickt wieder hinunter. Du, sieh nur mal dorthin! Da geht die »Frau vom Meere« – im Gespräch mit ihm. Nicht mit Papa. – Es sollte mich nicht wundern, wenn die beiden ein Auge aufeinander geworfen hätten. Bolette . Du solltest Dich aber wirklich schämen, Du! Wie kannst Du nur so etwas von ihr sagen ? Unser Verhältnis war doch nun so gut geworden – Hilde . Jawohl, – rede Dir das nur ein, mein Kindchen! Ach nein, Du, das Verhältnis zwischen uns und ihr wird nie im Leben gut. Denn sie paßt gar nicht zu uns. Und wir auch nicht zu ihr. Gott noch einmal, warum mußte Papa sie auch ins Haus schleppen! – Ich würde mich nicht wundern, wenn sie eines schönen Tages hinginge und vor unsern Augen überschnappte. Bolette . Überschnappte! Wie kommst Du auf so etwas? Hilde . Je nun, das wäre gar nicht so merkwürdig. Ihre Mutter war ja auch nicht richtig. Sie ist als Verrückte gestorben, das weiß ich. Bolette . Ja, weiß der Himmel, wo Du nicht überall Deine Nase hineinsteckst. Aber sag' es gefälligst nicht weiter. Sei jetzt nett – Papa zuliebe. Hörst Du wohl, Hilde? Wangel ,  Ellida ,  Arnholm  und Lyngstrand  kommen von rechts herauf. Ellida   zeigt mit der Hand nach dem Hintergrund . Da draußen liegt es! Arnholm . Ja, richtig. In der Richtung muß es sein. Ellida . Da draußen liegt das Meer. Bolette   zu Arnholm. Finden Sie nicht auch, daß es schön hier oben ist? Arnholm . Großartig finde ich es hier. Prachtvolle Aussicht. Wangel . Sie sind wohl früher nie hier oben gewesen? Arnholm . Nein, niemals. Zu meiner Zeit, glaube ich, war kaum hier durchzukommen. Nicht einmal einen Fußsteig gab es. Wangel . Und auch keine Anlagen. Das haben wir alles in den letzten Jahren bekommen. Bolette . Da drüben auf der »Lotsenkuppe« ist die Fernsicht noch großartiger. Wangel . Wollen wir vielleicht dahin, Ellida? Ellida   setzt sich auf einen Stein rechts. Danke. Ich nicht. Aber geht Ihr anderen nur. Ich bleibe dann hier so lange sitzen. Wangel . Gut, so will ich bei Dir bleiben. Die Mädchen können ja Herrn Arnholm herumführen. Bolette . Haben Sie Lust, mit uns zu gehen, Herr Arnholm? Arnholm . O, sehr gern. Führt auch dort hinauf ein Weg. Bolette . O ja. Da ist ein schöner, breiter Weg. Hilde . Der Weg ist so breit, daß zwei Menschen bequem Arm in Arm gehen können. Arnholm   scherzend. Ist wohl nicht wahr, Sie kleines Fräulein? Zu Bolette. Wollen wir beide probieren, ob sie recht hat? Bolette   unterdrückt ein Lächeln. Schön. Probieren wir's. Sie gehen Arm in Arm links ab. Hilde   zu Lyngstrand. Wollen wir auch –? Lyngstrand . Arm in Arm – ? Hilde . Na, warum denn nicht? Meinetwegen gern. Lyngstrand   nimmt ihren Arm und lacht zufrieden. Das ist aber doch wirklich furchtbar komisch! Hilde . Komisch – ? Lyngstrand . Ja, es sieht doch genau so aus, als wenn wir verlobt wären. Hilde . Sie haben gewiß noch nie mit einer Dame am Arm promeniert, Herr Lyngstrand. Sie gehen links hinaus. Wangel,   der hinten an der Warte steht. Liebe Ellida, jetzt haben wir ein Weilchen für uns – Ellida . Ja, komm und setze Dich hier neben mich. Wangel   setzt sich. Hier ist's so frei und still. Nun wollen wir uns ein wenig unterhalten. Ellida . Wovon? Wangel . Von Dir. Und dann von unserem Verhältnis, Ellida. Ich sehe wohl, so kann es nicht weitergehen. Ellida . Was, meinst Du, sollte denn an die Stelle treten ? Wangel . Volles Vertrauen, meine Liebe. Ein Zusammenleben, – wie früher. Ellida . Ach, wenn das sein könnte! Aber es ist so ganz unmöglich! Wangel . Ich glaube, ich verstehe Dich. Aus gewissen Äußerungen, die Du hie und da getan hast. Ellida   heftig. Das tust Du nicht! Sag' nicht, daß Du mich verstehst –! Wangel . Doch. Du bist eine ehrliche Natur, Ellida. Du hast einen treuen Sinn – Ellida . Ja, den habe ich. Wangel . Jedes Verhältnis, in dem Du Dich sicher und glücklich fühlen solltest, muß ein ganzes und ungeteiltes Verhältnis sein. Ellida   sieht ihn gespannt an. Nun, und –? Wangel . Du bist nicht dazu geschaffen, eines Mannes zweite Frau zu sein. Ellida . Wie kommst Du mit einem Male da rauf ? Wangel . Es ist mir oft etwas wie eine Ahnung durch den Kopf geschossen. Heute ist es mir zur Gewißheit geworden. Das Erinnerungsfest der Kinder –. Du hast in mir eine Art Mitschuldigen gesehen –. Nun ja, – eines Mannes Erinnerungen lassen sich doch nicht auslöschen. Die meinen wenigstens nicht. Ich bin nicht so. Ellida . Das weiß ich. Ach, das weiß ich so gut. Wangel . Aber dennoch irrst Du Dich. Du hast die Vorstellung, als wäre die Mutter der Kinder sozusagen noch am Leben. Als stände sie unsichtbar zwischen uns. Du glaubst, mein Herz sei gleich geteilt zwischen Dir und ihr. Und dieser Gedanke ist es, der Dich empört. Du siehst sozusagen etwas Unsittliches in unserem Verhältnis. Und eben da rum kannst Du – oder willst Du nicht mehr mit mir leben als meine Frau. Ellida   steht auf . Hast Du das alles gesehen, Wangel? In das alles hineingesehen? Wangel . Ja, heute habe ich endlich da ganz tief hineingeblickt. Bis auf den Grund geblickt. Ellida . Bis auf den Grund, sagst Du. Ach, glaube nur das nicht. Wangel   steht auf . Ich weiß sehr wohl, das da ist noch nicht alles, liebe Ellida. Ellida   ängstlich . Du weißt, es ist noch mehr? Wangel . Ja. Daß Du die Umgebung hier nicht ertragen kannst. Die Berge drücken und lasten auf Deiner Seele. Es ist hier nicht Licht genug für Dich. Der Himmel rings über Dir nicht weit genug. Nicht Kraft und Fülle genug im Strom der Luft. Ellida . Da hast Du wirklich recht. Tag und Nacht, Sommer und Winter ist es über mir – dieses Heimweh, das mich nach dem Meer hinzieht. Wangel . Das weiß ich wohl, liebe Ellida. Legt die Hand auf ihren Kopf. Und deshalb soll das arme, kranke Kind wieder dahin, wo es zu Hause ist. Ellida . Wie meinst Du das? Wangel . Ganz einfach. Wir ziehen fort. Ellida . Ziehen fort! Wangel . Ja. Hinaus nach irgend einem Platz am offenen Meer, – nach einem Ort, wo Du ganz nach Deinem Sinn ein Heim finden kannst. Ellida . Ach, mein Lieber, gib für immer diesen Gedanken auf! Das ist ganz unmöglich. Du kannst in der Welt nirgendwo anders glücklich leben als hier. Wangel . Das kommt gar nicht in Betracht. Und außerdem, – glaubst Du, ich kann hier glücklich leben – ohne Dich? Ellida . Aber ich bin ja da. Und ich bleibe da. Du hast mich doch. Wangel . Habe ich Dich, Ellida? Ellida . Ach, sprich nicht von dieser andern Sache. Hier hast Du doch all das, wofür Du lebst und strebst. Die ganze Tätigkeit Deines Lebens liegt eben hier. Wangel .  Das kommt gar nicht in Betracht, sage ich. Wir ziehen fort von hier. Ziehen irgendwo dahinaus. Das steht nun einmal unerschütterlich fest, liebe Ellida. Ellida . Und was glaubst Du, würden wir da bei gewinnen? Wangel . Du würdest Deine Gesundheit und den Frieden Deiner Seele wiederfinden. Ellida . Das kaum. Und Du selbst! Denk doch auch an Dich. Was würdest Du dabei gewinnen? Wangel . Ich würde Dich wiederfinden, Du Liebe. Ellida . Aber das kannst Du nicht! Nein, nein, das kannst Du nicht, Wangel! Der Gedanke ist ja gerade das Entsetzliche, – das Verzweifelte. Wangel . Es wird auf den Versuch ankommen. Gehst Du hier mit solchen Gedanken herum, so gibt es in der Tat keine andere Rettung für Dich, als – fort von hier! Und das je eher, je lieber. Die Sache steht nun einmal unerschütterlich fest, hörst Du. Ellida . Nein! So will ich denn in Gottes Namen Dir lieber alles gerade heraussagen! So, wie es ist. Wangel . Ja, ja, – tu das nur! Ellida . Denn unglücklich sollst Du Dich nicht machen um meinetwillen. Ganz besonders, da es uns doch nichts nützen kann. Wangel . Ich habe jetzt Dein Wort, daß Du mir alles sagst, – so, wie es ist. Ellida . Ich werde es Dir sagen, so gut ich kann. Und so, wie ich es zu wissen glaube. – Komm her und setz' Dich zu mir. Sie setzen sich auf die Steine. Wangel . Nun, Ellida? Also – ? Ellida . An dem Tage, als Du da hinauskamst und mich fragtest, ob ich Dir angehören könnte und wollte, – da hast Du so offen und so ehrlich zu mir von Deiner ersten Ehe gesprochen. Die wäre so glücklich gewesen, sagtest Du. Wangel . Das war sie auch. Ellida . Ja, ja, – ich glaube schon, mein Lieber. Nicht des wegen erwähne ich das jetzt. Ich will Dich nur daran erinnern, daß ich meinerseits auch aufrichtig gegen Dich gewesen bin. Denn ich sagte Dir ohne jeden Vorbehalt, daß ich einmal in meinem Leben einen andern geliebt hatte. Daß es zwischen uns zu – zu einer Art Verlobung gekommen war. Wangel . Einer Art – ? Ellida . Ja, so etwas Ähnliches. Nun, das dauerte ja nur ganz kurze Zeit. Er reiste ab. Und später machte ich dann der Sache ein Ende. Das habe ich Dir alles gesagt. Wangel . Aber, liebe Ellida, warum rührst Du denn diese Geschichten wieder auf? Im Grunde ging mich das ja gar nichts an. Und ich habe ja doch auch nicht einmal die Frage an Dich gerichtet, wer es war. Ellida . Nein, das hast Du nicht. Du bist immer so rücksichtsvoll gegen mich. Wangel   lächelt . Ach, in diesem Falle –. Ich konnte mir ja wohl ungefähr den Namen denken. Ellida . Den Namen! Wangel . In Skjoldviken und in der Umgebung da draußen hat es ja nicht viele gegeben, auf die man raten konnte. Oder, richtiger gesagt, es war wohl nur ein einziger – Ellida . Du meinst gewiß, es war – Arnholm. Wangel . Ja, – etwa nicht – ? Ellida . Nein. Wangel . So? Nicht? Ja, dann steht mir wahrhaftig der Verstand still. Ellida . Erinnerst Du Dich, es kam einmal im Spätherbst ein großes amerikanisches Schiff mit Havarie nach Skjoldviken. Wangel . Ja, ich erinnere mich ganz gut. An Bord dieses Schiffes hat man ja eines Morgens den Kapitän ermordet in der Kajüte gefunden. Ich war selbst draußen und obduzierte die Leiche. Ellida . Ja, das mag sein. Wangel . Der zweite Steuermann war es ja wohl, der ihn ermordet hatte. Ellida . Das kann keiner sagen! Denn es ist nie an den Tag gekommen. Wangel . Da ist doch kaum ein Zweifel möglich. Warum wäre er denn sonst ins Wasser gegangen, wie er getan hat? Ellida . Er ist nicht ins Wasser gegangen. Er ging hinauf mit einem Nordlandsfahrer. Wangel   stutzt. Woher weißt Du das ? Ellida   mit Überwindung. Ja, Wangel, – der zweite Steuermann: mit dem war ich ja eben – verlobt. Wangel   springt auf. Was sagst Du da! Kann das möglich sein! Ellida . Ja, – so ist es. Er war es. Wangel . Aber um alles in der Welt, Ellida –! Wie konnte Dir so etwas einfallen! Dich mit so einem zu verloben! Mit einem wildfremden Menschen! – Wie hieß er mit Namen? Ellida . Damals nannte er sich Friman. Später, in den Briefen, unterschrieb er sich Alfred Johnston. Wangel . Und wo war er her? Ellida . Von Finmarken oben, sagte er. Geboren war er übrigens in Finnland drüben. War wohl als Kind eingewandert – mit seinem Vater, glaube ich. Wangel . Also ein Kwäne. Ellida . Ja, so heißen sie ja. Wangel . Was weißt Du sonst von ihm? Ellida . Nur, daß er früh zur See gegangen war. Und daß er weite Fahrten gemacht hatte. Wangel . Sonst gar nichts? Ellida . Nein. Wir kamen nie dazu, von so etwas zu sprechen. Wangel . Wovon habt ihr denn gesprochen? Ellida . Wir haben meist vom Meere gesprochen. Wangel . Ah –! Vom Meer also? Ellida . Von Sturm und von Stille. Von finsteren Nächten auf dem Meer. Von dem Meer an glitzernden, sonnenhellen Tagen sprachen wir auch. Aber meist sprachen wir von den Walfischen und von den Delphinen und von den Seehunden, die in der Mittagshitze gewöhnlich draußen auf den Schären liegen. Und dann sprachen wir von den Möwen und von den Adlern und all den anderen Seevögeln, weißt Du. – Denk Dir nur, – ist es nicht seltsam, – wenn wir von solchen Dingen sprachen, da kam es mir vor, als wären sie alle, Seetiere und Seevögel, mit ihm verwandt. Wangel . Und Du –? Ellida . Ja, es schien mir fast, als wäre auch ich mit ihnen allen verwandt geworden. Wangel . Ja, ja. – Und da also, da hast Du Dich mit ihm verlobt? Ellida . Ja. Er sagte, ich sollte es tun. Wangel . Solltest? Hattest Du denn keinen eigenen Willen? Ellida . Nicht, wenn er in der Nähe war. O, – hernach kam mir das ganz unbegreiflich vor. Wangel . Bist Du oft mit ihm zusammengekommen? Ellida . Nein, nicht sehr oft. Eines Tages war er draußen bei uns und sah sich den Leuchtturm an. Dadurch wurde ich mit ihm bekannt. Und nachher trafen wir uns hin und wieder. Aber dann kam ja die Geschichte mit dem Kapitän dazwischen. Und da mußte er weg. Wangel . Jawohl, – erzähle mir doch noch mehr davon! Ellida . Es war frühmorgens in der Dämmerung, – da bekam ich einen Zettel von ihm. Und darauf stand, ich sollte zu ihm hinauskommen nach Bratthammer, – Du weißt, die Landspitze zwischen dem Leuchtturm und Skjoldviken. Wangel . Ja gewiß, gewiß – die kenne ich gut. Ellida . Da hinaus sollte ich gleich kommen, schrieb er, er hätte mit mir zu reden. Wangel . Und Du bist hingegangen? Ellida . Ja. Ich konnte nicht anders. Nun, und da erzählte er mir denn, er hätte in der Nacht den Kapitän erstochen. Wangel . Das hat er also selbst gesagt! So ohne weiteres! Ellida . Ja. Aber er sagte, er hätte nur getan, was recht und billig war. Wangel . Recht und billig? Warum hat er ihn denn erstochen? Ellida . Er wollte nicht mit der Sprache heraus. Er sagte, das wäre nichts für meine Ohren. Wangel . Und Du glaubtest ihm auf sein bloßes Wort? Ellida . Ja, was anderes kam mir gar nicht in den Sinn. Na, weg mußte er ja doch. Aber wie er mir nun Lebewohl sagen wollte –. Nein, das kannst Du Dir nicht vorstellen, auf was er da verfiel. Wangel . Na? So laß doch hören! Ellida . Er zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und nahm dann vom Finger einen Ring, den er gewöhnlich trug. Mir zog er auch einen kleinen Ring ab, den ich am Finger hatte. Diese beiden steckte er zusammen an das Schlüsselbund. Und dann sagte er, nun müßten mir uns alle beide dem Meer antrauen. Wangel . Antrauen –? Ellida . Ja, so sagte er. Und somit warf er mit aller Kraft das Bund mit den Ringen in die Meerestiefe hinaus, so weit er konnte. Wangel . Und Du, Ellida? Du machtest das alles mit? Ellida . Ja, denk nur an, – es kam mir damals vor, als müßte das alles so und nicht anders sein. – Aber, Gott sei Dank, – dann ist er weggefahren! Wangel . Und wie er nun glücklich weg war –? Ellida . Ach, Du kannst Dir wohl denken, daß ich bald wieder zur Besinnung kam. Zu der Einsicht kam, wie toll und sinnlos das alles gewesen war. Wangel . Du sprachst vorhin von Briefen. Du hast also später doch noch von ihm gehört? Ellida . Ja, ich habe von ihm gehört. Zuerst bekam ich ein paar kurze Zeilen aus Archangel. Er schrieb nur, er wollte hinüber nach Amerika. Und dann gab er mir an, wo ich die Antwort hinsenden könnte. Wangel . Und Du hast das getan? Ellida . Gleich. Ich schrieb natürlich, es müßte alles zwischen uns aus sein. Und daß er nicht mehr an mich denken sollte, wie ich nie mehr an ihn denken wollte. Wangel . Und trotzdem hat er doch wieder geschrieben? Ellida . Ja, er hat wieder geschrieben. Wangel . Und was antwortete er auf das, was Du ihm zu verstehen gegeben hattest? Ellida . Auf das nicht mit einem Wort. Es war, als hätte ich überhaupt nicht mit ihm gebrochen. Er schrieb ganz besonnen und ruhig, ich sollte nur auf ihn warten. Sobald er mich zu sich nehmen könnte, wollte er es mich wissen lassen. Und dann sollte ich gleich kommen. Wangel . Er wollte Dich also nicht freigeben? Ellida . Nein. Dann habe ich wieder geschrieben. Fast Wort für Wort dasselbe wie das erste Mal. Oder noch entschiedener. Wangel . Und dann hat er doch nachgegeben? Ellida . Ach nein, glaub' das nur nicht. Er schrieb so ruhig wie zuvor. Nicht ein Wort davon, daß ich mit ihm gebrochen hatte. Da sah ich denn ein, daß es vergeblich wäre. Und deshalb habe ich nie wieder an ihn geschrieben. Wangel . Und hast auch nichts von ihm gehört? Ellida . Doch, ich habe hernach noch drei Briefe von ihm bekommen. Einmal schrieb er mir aus Kalifornien und ein anderes Mal aus China. Der letzte Brief, den ich von ihm bekam, war aus Australien. Da schrieb er, er wollte nach den Goldminen gehen. Aber seit der Zeit hat er nichts mehr von sich hören lassen. Wangel . Dieser Mann hat eine ungewöhnliche Macht über Dich gehabt, Ellida. Ellida . Ach ja, ja. Der grauenvolle Mensch! Wangel . Aber daran darfst Du nicht mehr denken. Nie mehr! Das mußt Du mir versprechen, meine liebe, teure Ellida! Jetzt wollen wir eine andere Kur mit Dir versuchen. Eine frischere Luft als hier in den Fjorden. Die salzichte, stärkende Seeluft! Wie? Was sagst Du dazu? Ellida . Ach, sprich davon nicht! Denk nicht an dergleichen! Damit ist mir nicht geholfen. Ich fühle es nur zu gut, – die Last werde ich auch da draußen nicht loswerden. Wangel . Was für eine Last, meine Liebe, – was meinst Du denn eigentlich damit? Ellida . Das Grauenvolle, mein' ich. Diese unbegreifliche Macht über das Gemüt – Wangel . Aber das bist Du ja doch los. Schon lange. Seit Du mit ihm gebrochen hast. Das ist ja nun doch längst vorbei. Ellida   springt auf . Nein, das ist es eben nicht! Wangel . Nicht vorbei! Ellida . Nein, Wangel, – es ist nicht vorbei! Und ich fürchte, das wird nie vorbei sein. Nie im Leben! Wangel   mit erstickter Stimme . Willst Du damit sagen, Du hast in Deinem Innersten den Fremden nie vergessen können? Ellida . Ich hatte ihn vergessen. Aber dann mit einem Mal war es, als käme er wieder. Wangel . Wie lange ist das her? Ellida . Es ist jetzt ungefähr drei Jahre her. Oder ein wenig länger. – Zu der Zeit, als ich das Kind erwartete. Wangel . Ah! Zu der Zeit also? Ja, Ellida, – da fange ich an, mir über alles Mögliche klar zu werden. Ellida . Du irrst Dich, mein Lieber! Was über mich gekommen ist, das –. O, ich glaube: man wird sich im Leben nicht darüber klar werden. Wangel   blickt sie schmerzerfüllt an . Sich das vorzustellen – drei ganze Jahre bist Du da umhergegangen – im Herzen Liebe für einen andern. Für einen andern! Nicht für mich, – nein, für einen andern! Ellida . O, da irrst Du Dich durchaus. Ich fühle für keinen andern Liebe als für Dich. Wangel   mit gedämpfter Stimme . Warum hast Du denn diese ganze Zeit über nicht als meine Frau mit mir leben wollen? Ellida . Wegen des Entsetzens, das von dem fremden Mann ausgeht. Wangel . Entsetzen –? Ellida . Ja, Entsetzen. Ein Entsetzen, so grauenvoll, wie es, glaube ich, nur das Meer haben kann. Denn nun, Wangel, sollst Du hören – Die jungen Leute aus der Stadt  kommen von links zurück, grüßen und gehen rechts ab. Mit ihnen zusammen kommen Arnholm ,  Bolette ,  Hilde  und Lyngstrand .  Bolette ,  indem sie vorübergehen . Was, Ihr geht noch immer hier oben spazieren? Ellida . Ja, es ist so kühl und schön hier auf der Höhe. Arnholm . Wir für unser Teil wollen jetzt einmal hinunter und tanzen. Wangel . Schön, schön. Wir kommen auch bald hinunter. Hilde . Adieu denn inzwischen. Ellida . Herr Lyngstrand, – ach, warten Sie einen Augenblick. Lyngstrand bleibt stehen. Arnholm, Bolette und Hilde rechts ab. Ellida   zu Lyngstrand . Wollen Sie auch tanzen? Lyngstrand . Nein, gnädige Frau, ich glaube, ich darf nicht. Ellida . Ja, es ist besser, Sie nehmen sich in acht. Die Sache mit der Brust –. Sie haben es doch immer noch nicht ganz verwunden. Lyngstrand . So ganz noch nicht, – nein. Ellida   etwas zögernd . Wie lange mag es jetzt nun wohl her sein, daß Sie die Reise machten –? Lyngstrand . Wo ich den Knax abbekam? Ellida . Ja, die Reise, von der Sie heute früh erzählt haben. Lyngstrand . Ach, das ist nun wohl so an die –? Warten Sie mal. Ja, das ist nun wohl gut und gern drei Jahre her. Ellida . Drei Jahr also. Lyngstrand . Oder ein bißchen länger. Wir verließen Amerika im Februar. Und dann im März hatten wir den Schiffbruch. Es war die Tag- und Nachtgleiche, in deren Stürme wir hineingekommen waren. Ellida   sieht Wangel an . Also um die Zeit ist es gewesen –. Wangel . Aber, liebe Ellida –? Ellida . Na, lassen Sie sich nicht aufhalten, Herr Lyngstrand. Gehen Sie nur. Aber nicht tanzen! Lyngstrand . Nein, nur zusehen. Er geht rechts ab. Wangel . Liebe Ellida, – warum hast Du ihn wegen der Reise ausgefragt? Ellida . Johnston ist mit an Bord gewesen. Davon bin ich überzeugt. Wangel . Woraus schließt Du das? Ellida   ohne zu antworten . Er hat an Bord erfahren, daß ich mich mit einem andern verheiratet habe. Während er fort war. Und dann – zu derselben Stunde kam das da über mich! Wangel . Das – Entsetzen? Ellida . Ja. Mit einem Mal kann ich ihn dann plötzlich leibhaftig vor mir stehen sehen. Oder eigentlich mehr seitwärts. Er sieht mich niemals an. Er ist nur da. Wangel . Wie erscheint er Dir denn? Ellida . So, wie ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Wangel . Vor zehn Jahren? Ellida . Ja. Draußen auf Bratthammer. Am allerdeutlichsten sehe ich seine Brustnadel mit der großen, blauweißen Perle. Die Perle gleicht dem Auge eines toten Fisches. Und das stiert mich so an. Wangel . Um Gottes willen –! Du bist kränker, als ich geglaubt habe. Kränker, als Du selbst weißt, Ellida. Ellida . Ja, ja, – hilf mir, wenn Du kannst! Denn ich fühle, wie sich's mehr und mehr um mich zusammenzieht. Wangel . Und in solch einem Zustand gehst Du nun drei ganze Jahre hier umher. Trägst diese geheimen Leiden, ohne Dich mir anzuvertrauen. Ellida . Aber das konnte ich ja doch nicht! Bis zu diesem Augenblicke nicht, wo es nötig wurde – um Deiner selbst willen. Hätte ich Dir das alles anvertrauen sollen, – so hätte ich Dir ja doch auch – das Unaussprechliche anvertrauen müssen. Wangel . Das Unaussprechliche –? Ellida   abwehrend . Nein, nein, nein! Frag' nicht! Nur eins noch. Dann nichts mehr. – Wangel, – wie sollen wir es ergründen – dieses Rätsel mit den Augen des Kindes –? Wangel . Liebste, beste Ellida, ich versichere Dir, es war nur eine Einbildung von Dir. Das Kind hatte ganz genau solche Augen wie andere normale Kinder. Ellida . Nein, das hatte es nicht! Daß Du das nicht sehen konntest! Die Augen des Kindes wechselten die Farbe wie die See. Lag der Fjord in der Ruhe des Sonnenlichts, so waren die Augen danach. Bei stürmischem Wetter ebenfalls. – Ach, ich sah es wohl, wenn Du es auch nicht gesehen hast. Wangel   nachgebend . Hm, – mag schon sein. Aber selbst wenn dem so wäre? Was dann? Ellida   leise und näher . Ich habe solche Augen schon einmal gesehen. Wangel . Wann? Und wo –? Ellida . Draußen auf Bratthammer. Vor zehn Jahren. Wangel   weicht einen Schritt zurück . Was soll das –? Ellida   flüstert bebend: Das Kind hatte des fremden Mannes Augen. Wangel   schreit unwillkürlich auf: Ellida –! Ellida   schlägt in Verzweiflung die Hände über dem Kopf zusammen . Nun wirst Du wohl verstehen, warum ich nicht mehr als Deine Frau mit Dir leben will , – nicht mehr leben darf . Sie wendet sich schnell ab und flieht über die Anhöhen nach rechts hinab. Wangel   eilt ihr nach und ruft: Ellida, – Ellida! Meine arme unglückliche Ellida! Dritter Akt Ein abseits gelegener Teil von Wangels Garten. Der Ort ist feucht, sumpfig und von großen alten Bäumen überschattet. Rechts sieht man den Rand eines schimmeligen Teiches. Ein niederer offener Zaun trennt den Garten von dem Fußwege und dem Fjord im Hintergrunde. Ganz hinten die Gebirgskette und die Bergzinnen jenseits des Fjords. Es ist später Nachmittag gegen Abend. Bolette  sitzt nähend auf einer Steinbank links. Auf der Bank liegen ein paar Bücher und ein Nähkorb. Hilde  und Lyngstrand ,  beide mit Fischereigeräten, bewegen sich am Rand des Teiches. Hilde   gibt Lyngstrand ein Zeichen . Stehen Sie still! Da sehe ich einen großen. Lyngstrand   sieht dahin . Wo ist er denn? Hilde   zeigt mit der Hand . Sehen Sie nicht – da unten ist er. Und sehen Sie da! Donnerwetter ja, da ist noch einer! Sieht zwischen den Bäumen hindurch. Uh, – da kommt er und verscheucht sie uns! Bolette   sieht auf . Wer kommt? Hilde . Dein Oberlehrer, Madam! Bolette . Meiner –? Hilde . Meiner ist er doch wahrhaftigen Gott nie gewesen. Arnholm  wird rechts zwischen den Bäumen sichtbar. Arnholm . In dem Teich, da gibt's jetzt Fische? Hilde . Ja, es wimmeln ein paar mächtig alte Karauschen drin. Arnholm . Sieh mal an, die alten Karauschen sind noch am Leben? Hilde . Ja die, die sind zäh. Nun wollen wir aber mal sehen, wie wir ein paar davon abmurksen. Arnholm . Sie sollten es doch lieber draußen auf dem Fjord versuchen. Lyngstrand . Nein, der Teich – der ist sozusagen gewissermaßen geheimnisvoller. Hilde . Ja, hier ist es spannender. – Kommen Sie eben aus dem Wasser? Arnholm . Soeben. Ich komme direkt aus der Badeanstalt. Hilde . Sie sind wohl in dem Napf dringeblieben? Arnholm . Ja, ich bin kein sonderlicher Schwimmer. Hilde . Können Sie auf dem Rücken schwimmen? Arnholm . Nein. Hilde . Aber ich. Zu Lyngstrand. Wir wollen es da oben auf der andern Seite probieren. Sie gehen den Teich entlang rechts ab. Arnholm   geht näher zu Bolette heran . Sie sitzen so allein, Bolette? Bolette . Ach ja, das tue ich gewöhnlich. Arnholm . Ist Ihre Mama nicht hier unten im Garten? Bolette . Nein. Ich glaube, sie ist mit Papa aus. Arnholm . Wie geht es ihr denn heut nachmittag? Bolette . Ich weiß nicht recht. Ich habe zu fragen vergessen. Arnholm . Was sind das für Bücher, die Sie da haben? Bolette . Ach, das eine ist so eine Pflanzenlehre. Und das andere eine Erdbeschreibung. Arnholm . Lesen Sie gern solche Sachen? Bolette . Ja, wenn ich Zeit dazu habe. – Doch zunächst und vor allen Dingen habe ich ja für die Wirtschaft zu sorgen. Arnholm . Aber hilft denn nicht Ihre Mama – Ihre Stiefmutter – hilft sie Ihnen nicht dabei? Bolette . Nein, das ist meine Sache. Ich mußte dem ja doch vorstehen während der zwei Jahre, wo Papa allein war. Und dann ist es nachher auch dabei geblieben. Arnholm . Aber Sie haben nach wie vor die gleiche große Lust zum Lesen? Bolette . Ja, ich lese, was ich von nützlichen Büchern auftreiben kann. Man will ja doch gern etwas von der Welt wissen. Hier leben wir doch so ganz abseits von allem, was vorgeht. Oder so gut wie abseits. Arnholm . Aber, liebe Bolette, sagen Sie das doch nicht. Bolette . I ja. Ich finde, wir leben nicht viel anders als die Karauschen im Teich da unten. Den Fjord haben sie unmittelbar in der Nähe, und da streichen die großen wilden Fischschwärme aus und ein. Aber davon erfahren die armen zahmen Hausfische nichts. Da dürfen sie nie mit dabei sein. Arnholm . Ich glaube auch, es würde ihnen nicht besonders gut bekommen, wenn sie da hinausschlüpften. Bolette . Ach, ich meine, das wäre doch wohl einerlei. Arnholm . Übrigens können Sie doch nicht sagen, daß man hier so ganz abseiten des Lebens sitzt. Jedenfalls nicht im Sommer. Hier ist doch gerade jetzt so was wie ein Sammelplatz des Weltlebens. Beinah ein Knotenpunkt – so vorübergehend. Bolette   lächelt . Ach ja, Sie, der Sie ja selbst nur so vorübergehend hier sind, Sie haben es wohl leicht, sich über uns lustig zu machen. Arnholm . Ich mich lustig machen –? Wie kommen Sie darauf? Bolette . Ja, diese ganze Geschichte mit dem Sammelplatz und dem Knotenpunkt des Weltlebens, das haben Sie ja doch nur von den Leuten in der Stadt gehört. Denn die gebrauchen solche Ausdrücke. Arnholm . Ja, aufrichtig gesagt, das habe ich bemerkt. Bolette . Im Grunde genommen ist aber doch kein wahres Wort daran. Für uns nicht, die wir hier ständig leben. Was haben wir davon, daß die große fremde Welt hier vorbeikommt auf der Reise nach der Mitternachtssonne da oben? Wir selbst dürfen ja doch nicht mit dabei sein. Wir bekommen keine Mitternachtssonne zu sehen. Ach nein, – wir müssen hübsch artig unser Leben hier in unserm Karauschenteich verbringen. Arnholm   setzt sich neben sie . Sagen Sie mir einmal, liebe Bolette, – ist es denn irgend etwas, – ich meine etwas Bestimmtes, wonach Sie hier zu Hause sich so sehnen? Bolette . Ach ja, das wäre es schon. Arnholm . Und was ist es denn eigentlich? Wonach sehnen Sie sich denn so? Bolette . Wegzukommen – da nach vor allem. Arnholm . Danach also in erster Linie? Bolette . Ja. Und dann möchte ich auch etwas mehr lernen. Recht ordentlich zu Hause sein in allen Dingen. Arnholm . Damals, als ich Ihnen Unterricht gab, hat Ihr Vater oft gesagt, er würde Ihnen erlauben, zu studieren. Bolette . Ach ja, der arme Papa, – er sagt so vieles. Aber wenn es Ernst werden soll, dann –. Es ist kein richtiger Zug in Papa. Arnholm . Nein, – da haben Sie leider recht. Der fehlt ihm recht eigentlich. Aber haben Sie denn jemals mit ihm von der Sache gesprochen? So recht ernsthaft und eindringlich? Bolette . Nein, das habe ich eigentlich auch nicht getan. Arnholm . Aber, wissen Sie, das sollten Sie doch wirklich tun. Ehe es zu spät wird, Bolette. Warum tun Sie das nicht? Bolette . Nun, weil auch in mir kein rechter Zug ist, wie ich glaube. Das habe ich gewiß von Papa geerbt. Arnholm . Hm, – ob Sie da wohl nicht gegen sich selbst ungerecht sind? Bolette . Ach, leider nein. Und dann hat ja auch Papa so wenig Zeit, an mich und an meine Zukunft zu denken. Er hat auch wenig Lust dazu. Dem geht er am liebsten aus dem Wege, wenn er irgend kann. Denn er ist doch so ganz von Ellida in Anspruch genommen – Arnholm . Von wem –? Wie –? Bolette . Ich meine, er und meine Stiefmutter –. Abbrechend. Papa und Mama haben genug mit sich selber zu tun, das können Sie sich doch denken. Arnholm . Na, dann wäre es um so besser, Sie versuchten fortzukommen aus den Verhältnissen hier. Bolette . Ja, aber ich glaube, dazu habe ich auch kein Recht. Kein Recht, Papa zu verlassen. Arnholm . Aber, liebe Bolette, ein mal werden Sie ja doch das müssen. Darum meine ich, sollten Sie je eher je lieber – Bolette . Ja, es bleibt wohl nichts andres übrig. Ich muß ja doch auch an mich denken. Muß versuchen, irgend eine Stellung zu bekommen. Wenn Papa einmal nicht mehr da ist, dann habe ich ja keinen, an den ich mich halten kann. – Doch der arme Papa, – mir graut davor, ihn zu verlassen. Arnholm . Graut –? Bolette . Ja, um seiner selbst willen. Arnholm . Herrgott, – und Ihre Stiefmutter? Sie bleibt doch bei ihm. Bolette . Ja, allerdings. Aber sie ist so gar nicht tauglich zu all den Dingen, in denen meine Mutter eine so glückliche Hand hatte. Es gibt so mancherlei, was die nicht sieht . Oder was sie vielleicht nicht sehen will , – oder was ihr gleichgültig ist. Ich weiß nicht, was es eigentlich ist. Arnholm . Hm, – ich glaube, ich verstehe schon, was Sie damit meinen. Bolette . Der arme Papa, – er ist schwach in einzelnen Dingen. Sie haben das vielleicht selbst schon bemerkt. Zu tun hat er ja auch nicht genug, um die Zeit damit auszufüllen. Und dann, – daß sie so ganz außerstande ist, ihm eine Stütze zu sein. – Daran ist er übrigens wohl teilweise selber schuld. Arnholm . Wieso meinen Sie? Bolette . Ach, Papa möchte immer gern fröhliche Gesichter um sich sehen. Es muß Sonnenschein und Lustigkeit im Hause sein, sagt er. Deshalb fürchte ich, er gibt ihr manchmal eine Medizin, die ihr auf die Dauer gar nicht zuträglich ist. Arnholm . Glauben Sie das wirklich? Bolette . Ja, ich kann den Gedanken nicht los werden. Denn sie ist so seltsam zuweilen. Heftig. Aber ist es denn nicht wider Recht und Billigkeit, daß ich immer hier zu Hause hocken muß! Im Grunde hat Papa ja doch nicht den mindesten Nutzen davon. Und ich habe doch auch Pflichten gegen mich selbst, finde ich. Arnholm . Wissen Sie, liebe Bolette, diese Dinge müssen wir beide eingehender besprechen. Bolette . Ach, was kann das viel helfen! Ich denke, ich bin wohl dazu bestimmt, hier im Karauschenteich zu bleiben. Arnholm . Kein Gedanke. Das kommt nur auf Sie an. Bolette   lebhaft . Meinen Sie? Arnholm . Ja, glauben Sie mir. Das liegt ausschließlich in Ihrer Hand. Bolette . O, könnte ich doch nur –! Wollen Sie vielleicht bei Papa ein gutes Wort für mich einlegen? Arnholm . Das auch. Aber vor allen Dingen möchte ich offenherzig und von der Leber weg mit Ihnen selbst reden, liebe Bolette. Sieht nach links hinaus. Still! Lassen Sie sich nichts merken. Wir kommen später darauf zurück. Ellida   kommt von links. Sie ist ohne Hut und hat nur ein großes Tuch über Kopf und Schultern geworfen. Ellida   in unruhiger Lebhaftigkeit . Hier ist es gut! Hier ist es herrlich! Arnholm   steht auf . Haben Sie einen Spaziergang gemacht? Ellida . Ja, einen langen, langen, wundervollen Spaziergang über die Höhen – mit Wangel. Und jetzt wollen wir aufs Wasser und segeln. Bolette . Willst Du Dich nicht setzen? Ellida . Nein, danke. Nicht sitzen. Bolette   rückt auf der Bank zur Seite . Hier ist ja Platz genug. Ellida   geht umher . Nein, nein, nein. Nicht sitzen. Nicht sitzen. Arnholm . Der Spaziergang ist Ihnen ohne Zweifel gut bekommen. Sie sehen so erfrischt aus. Ellida . O, ich fühle mich ach! so wohl, so wohl! Ich fühle mich unbeschreiblich glücklich! So sicher! So sicher –. Sieht nach links hinaus. Was ist das für ein großes Dampfschiff, das da kommt? Bolette   steht auf und sieht hinaus . Das muß der große englische Dampfer sein. Arnholm . Er hält draußen an der Tonne. Läuft er diesen Ort gewöhnlich an? Bolette . Nur auf eine halbe Stunde etwa. Er geht weiter den Fjord hinauf. Ellida . Und dann wieder hinaus – morgen. Hinaus auf das große offene Meer. Weit übers Meer hin. Der Gedanke – da mit dabei zu sein! Wer das könnte! Wer das nur könnte! Arnholm . Haben Sie nie eine größere Seereise gemacht, Frau Wangel? Ellida . Nie im Leben. Nur so kleine Fahrten hier in den Fjorden. Bolette   mit einem Seufzer . Ach ja, wir müssen schon mit dem Festlande vorlieb nehmen. Arnholm . Na, da sind wir ja auch eigentlich zu Hause. Ellida . Nein, das glaube ich eben nicht. Arnholm . Nicht auf dem Festland? Ellida . Nein. Ich glaube das nicht. Ich glaube, wenn sich die Menschen nur von Anfang an gewöhnt hätten, ihr Leben auf dem Meere zu verbringen, – oder vielleicht im Meere, – so wären wir weit vollkommener, als wir jetzt sind. Nicht nur besser, auch glücklicher. Arnholm . Glauben Sie wirklich? Ellida . Ja, ich möchte wissen, ob wir das nicht wären. Ich habe schon oft mit Wangel darüber gesprochen – Arnholm . Nun, und er –? Ellida . Ja, er meinte, es wäre wohl nicht unmöglich. Arnholm   scherzend . Na, meinetwegen. Aber geschehen ist geschehen. Wir haben also ein für alle Mal unsern Beruf verfehlt und sind Landtiere geworden statt Seetiere. Unter allen Umständen aber dürfte es jetzt zu spät sein, den Fehler wieder gut zu machen. Ellida . Ja, da sprechen Sie eine traurige Wahrheit aus. Und ich glaube, die Menschen ahnen selbst so etwas. Und tragen es mit sich herum wie eine geheime Reue und Kümmernis. Sie können mir glauben, – eben da rin hat die Schwermut der Menschen ihren tiefsten Grund. Ja, – das können Sie mir glauben. Arnholm . Aber, beste Frau Wangel, – ich habe nicht den Eindruck bekommen, daß die Menschen wirklich so schwermütig sind. Ich finde im Gegenteil: die Mehrzahl sieht das Leben leicht und lustig an – und mit einer großen, stillen, unbewußten Freude. Ellida . Ach nein, das ist wohl nicht so. Die Freude – die mag ähnlich sein wie unsere Freude über den langen, lichten Sommertag. Über ihr hängt die Ahnung von den kommenden Zeiten der Dunkelheit. Und eben diese Ahnung, die wirft ihren Schatten auf die Freude der Menschen, – wie die treibende Wolke ihren Schatten wirft über den Fjord. So blank und blau lag er da. Und dann mit einem Mal – Bolette . Du solltest Dich jetzt nicht mit so traurigen Gedanken beschäftigen. Eben noch warst Du so froh und so frisch – Ellida . Ja, ja, gewiß war ich das. Ach, das alles. – das ist so dumm von mir. Sieht sich unruhig um. Wenn nur Wangel erst käme. Er hat es mir so fest versprochen. Und nun kommt er doch nicht. Er hat es gewiß vergessen. Ach, lieber Herr Arnholm, sehen Sie doch einmal nach, ob Sie ihn mir finden können. Arnholm . Sehr gern. Ellida . Sagen Sie ihm, er möchte doch ja gleich kommen. Denn jetzt kann ich ihn nicht sehen – Arnholm . Ihn nicht sehen –? Ellida . Ach, Sie verstehen mich nicht. Wenn er nicht da ist, kann ich mich manchmal nicht darauf besinnen, wie er aussieht. Und dann ist es, als hätte ich ihn ganz verloren. – Das ist ach! so qualvoll. Aber gehen Sie nur! Sie geht an dem Teich umher. Bolette   zu Arnholm . Ich gehe mit Ihnen. Sie wissen ja nicht Bescheid – Arnholm . Ach – ich werde schon – Bolette   halblaut . Nein, nein, ich bin unruhig. Ich habe Angst, er ist an Bord des Dampfschiffes. Arnholm . Angst? Bolette . Ja, er sieht gewöhnlich nach, ob Bekannte mit sind. Und dann ist ja doch eine Restauration an Bord – Arnholm . Ach so! Dann kommen Sie nur. Er und Bolette gehen links ab. Ellida steht eine Weile und starrt in den Teich. Ab und zu spricht sie leise und in abgebrochenen Lauten mit sich selbst. Draußen auf dem Fußpfad hinter dem Gartenzaun kommt von links ein fremder Mann im Reisegewand. Haar und Bart sind buschig und von rötlicher Farbe. Er hat eine schottische Mütze auf dem Kopf und eine Reisetasche an einem Riemen über der Schulter. Der Fremde   geht langsam den Zaun entlang und späht in den Garten hinein. Wie er Ellidas ansichtig wird, bleibt er stehen, sieht sie unverwandt und prüfend an und sagt mit gedämpfter Stimme: Guten Abend, Ellida! Ellida   wendet sich um und ruft: Ach mein Lieber, bist Du endlich da! Der Fremde . Ja, endlich einmal. Ellida   sieht ihn überrascht und ängstlich an . Wer sind Sie? Suchen Sie jemand? Der Fremde . Das kannst Du Dir doch denken. Ellida   stutzt . Was ist das ! Wie reden Sie mich an! Zu wem wollen Sie? Der Fremde . Ich will doch wohl zu Dir. Ellida   zuckt zusammen . Ah –! Starrt ihn an, taumelt zurück, mit einem halb erstickten Aufschrei: Die Augen! – Die Augen! Der Fremde . Nun, – komme ich Dir endlich wieder bekannt vor? Ich, – ich habe Dich gleich erkannt, Ellida. Ellida . Die Augen! Sehen Sie mich nicht so an! Ich rufe um Hilfe! Der Fremde . Pst, pst! Hab' keine Angst. Ich tu Dir ja nichts. Ellida   hält die Hände vor die Augen . Sehen Sie mich nicht so an, sag' ich! Der Fremde   lehnt sich mit den Armen auf den Gartenzaun . Ich bin mit dem englischen Dampfer gekommen. Ellida   schielt scheu nach ihm hin . Was wollen Sie von mir? Der Fremde . Ich habe Dir doch versprochen wiederzukommen, sobald ich könnte, – Ellida . Reisen Sie ab! Reisen Sie wieder ab! Kommen Sie nie – nie wieder her! Ich habe Ihnen doch geschrieben, daß alles zwischen uns zu Ende sein müßte! Alles, alles! Das wissen Sie doch! Der Fremde   unbeirrt, ohne darauf zu antworten . Ich wäre gern früher zu Dir gekommen. Aber ich konnte nicht. Nun endlich konnte ich. Und da bin ich, Ellida. Ellida . Was wollen Sie denn von mir? Was haben Sie vor? Aus welchem Grunde sind Sie gekommen? Der Fremde . Du kannst Dir doch wohl denken, ich bin gekommen, um Dich zu holen. Ellida   weicht entsetzt zurück . Mich zu holen! Das haben Sie vor? Der Fremde . Ja, versteht sich. Ellida . Aber Sie müssen doch wissen, daß ich verheiratet bin! Der Fremde . Ja, das weiß ich. Ellida . Und trotzdem –! Trotzdem kommen Sie, um – um – mich zu holen! Der Fremde . Allerdings will ich das. Ellida   faßt sich mit beiden Händen an den Kopf . O, dies Entsetzliche –! O, dies Grauenvolle, Grauenvolle –! Der Fremde . Willst Du vielleicht nicht? Ellida   verstört . Sehen Sie mich nicht so an! Der Fremde . Ich frage, ob Du nicht willst? Ellida . Nein, nein, nein! Ich will nicht! In meinem ganzen Leben nicht! Ich will nicht, sage ich! Ich kann nicht und will nicht! Leiser. Ich darf auch nicht. Der Fremde   steigt über den Zaun und kommt in den Garten hinein . Nun denn, Ellida, –: so laß mich Dir nur eines sagen, ehe ich gehe. Ellida   will fliehen, kann aber nicht. Sie steht wie von Schreck gelähmt und stützt sich auf einen Baumstamm am Teich . Rühren Sie mich nicht an! Kommen Sie mir nicht nahe! Nicht näher! Rühren Sie mich nicht an, sage ich! Der Fremde   behutsam, ein paar Schritte näher . Du brauchst nicht solche Angst vor mir zu haben, Ellida. Ellida   bedeckt die Augen mit den Händen . Sehen Sie mich nicht so an. Der Fremde . Nur nicht ängstlich. Nicht ängstlich. Wangel  kommt durch den Garten von links. Wangel   noch auf halbem Wege zwischen den Bäumen . Na, Du hast wohl tüchtig lange auf mich gewartet. Ellida   stürzt ihm entgegen, klammert sich fest an seinen Arm und ruft: Ach, Wangel, – rette mich! Rette Du mich – wenn Du kannst! Wangel . Ellida, – was um Gotteswillen –! Ellida . Rette mich, Wangel! Siehst Du ihn denn nicht? Dahinten steht er ja! Wangel   sieht dahin . Der Mann da? Tritt näher. Darf ich fragen, – wer sind Sie? Und was haben Sie hier im Garten zu suchen? Der Fremde   deutet mit einer Kopfbewegung auf Ellida . Ich habe mit der Frau da zu sprechen. Wangel . Ach so. Dann sind Sie es wohl gewesen, der –? Zu Ellida. Ich höre, es ist ein Fremder im Hof gewesen und hat nach Dir gefragt. Der Fremde . Ja, das war ich. Wangel . Und was wollen Sie von meiner Frau? Wendet sich um. Kennst Du den Mann, Ellida? Ellida   leise, ringt die Hände . Ach, ob ich ihn kenne! Ja, ja, ja! Wangel   schnell . Nun –? Ellida . Ach, Wangel! Er ist es ja. Er ist es selbst. Du weißt doch – Wangel . Was! Was sagst Du da! Dreht sich um. Sind Sie der Johnston, der mal –? Der Fremde . Nun, – nennen Sie mich immerhin Johnston. Meinetwegen. Übrigens heiße ich nicht so. Wangel . Nicht? Der Fremde . Nicht mehr, nein. Wangel . Und was wollen Sie eigentlich von meiner Frau? Es ist Ihnen doch wohl bekannt, daß die Tochter des Leuchtturmwärters schon lange verheiratet ist. Und mit wem sie verheiratet ist, das müssen Sie doch auch wissen. Der Fremde . Das weiß ich nun schon länger als drei Jahre. Ellida   gespannt . Wie haben Sie das erfahren? Der Fremde . Ich war auf dem Heimweg zu Dir. Da fiel mir eine alte Zeitung in die Hand. Es war ein Blatt hier aus der Gegend. Und da stand die Sache von der Trauung. Ellida   sieht vor sich hin . Von der Trauung –. Also das war es – Der Fremde . Das packte mich so seltsam. Denn das mit den Ringen, – das war ja auch eine Trauung, Ellida. Ellida   vergräbt das Gesicht in den Händen . O –! Wangel . Wie können Sie wagen –! Der Fremde . Hattest Du das vergessen? Ellida   fühlt seinen Blick; ungestüm: Sehen Sie mich doch nicht so an! Wangel   stellt sich ihm entgegen . An mich haben Sie sich zu wenden und nicht an sie. Also, kurz und gut, – nun Sie die Verhältnisse kennen, – was haben Sie denn eigentlich hier noch zu suchen? Warum kommen Sie her und behelligen meine Frau? Der Fremde . Ich hatte Ellida versprochen, zu ihr zu kommen, sobald ich könnte. Wangel . Ellida –! Schon wieder! Der Fremde . Und Ellida hat mir ganz fest versprochen, auf mich zu warten, bis ich käme. Wangel . Ich höre, Sie nennen meine Frau beim Vornamen. Solche Art Vertraulichkeit ist nicht Landesbrauch. Der Fremde . Ich weiß wohl. Aber da sie doch in erster Reihe mir gehört – Wangel . Ihnen? Noch immer –! Ellida   versteckt sich hinter Wangel . O –! Er läßt mich nie mehr los. Wangel . Ihnen? Sie sagen, daß sie Ihnen gehört? Der Fremde . Hat sie Ihnen nicht von den zwei Fingerringen erzählt? Von meinem und Ellidas Ring? Wangel . Jawohl. Aber was weiter? Sie hat es doch später wieder rückgängig gemacht. Sie haben doch ihre Briefe bekommen. Sie wissen es also doch selbst. Der Fremde . Ellida und ich, wir waren einig darin: das mit den Ringen sollte zu Recht bestehen und die volle Geltung einer Trauung haben. Ellida . Aber ich will nicht, hören Sie! In meinem ganzen Leben will ich nichts mehr von Ihnen wissen! Sehen Sie mich nicht an! Ich will nicht, sag' ich! Wangel . Sie müssen nicht bei Troste sein, Mann, wenn Sie glauben, Sie können hier irgend ein Recht auf solche Kindereien begründen. Der Fremde . Das ist wahr. Ein Recht, – in dem Sinne, wie Sie das auffassen, – habe ich allerdings nicht. Wangel . Aber was wollen Sie denn noch? Sie bilden sich doch nicht etwa ein, Sie könnten sie mir mit Gewalt nehmen. Gegen ihren eigenen Willen! Der Fremde . Nein. Was sollte das auch wohl nützen? Will Ellida mit mir kommen, so muß es freiwillig geschehen. Ellida   stutzt und sagt stürmisch: Freiwillig –! Wangel . Und das könnten Sie denken –! Ellida   vor sich hin. Freiwillig –! Wangel . Sie müssen von Sinnen sein. Gehen Sie Ihres Wegs! Wir haben nichts mehr mit Ihnen zu schaffen. Der Fremde   sieht auf seine Uhr. Bald ist es für mich Zeit, wieder an Bord zu gehen. Einen Schritt näher. Nun wohl, Ellida, – so hätte ich denn meine Schuldigkeit getan. Wieder näher. Ich habe mein Wort gehalten, das ich Dir gegeben habe. Ellida   flehend, weicht ihm aus. O, rühren Sie mich nicht an! Der Fremde . So überleg' es Dir bis morgen Nacht – Wangel . Hier ist nichts zu überlegen. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Der Fremde   noch immer zu Ellida. Jetzt gehe ich mit dem Dampfer den Fjord hinauf. Morgen Nacht also komme ich wieder. Und dann werde ich Dich aufsuchen. Du magst im Garten hier auf mich warten. Denn ich möchte am liebsten die Sache mit Dir allein abmachen, verstehst Du. Ellida   leise und bebend. O, hörst Du es, Wangel? Wangel . Sei nur ruhig. Den Besuch werden wir schon zu verhindern wissen. Der Fremde . Bis dahin leb' wohl, Ellida. Morgen Nacht also. Ellida   flehentlich. Ach nein, nein, – kommen Sie nicht! Kommen Sie nie wieder! Der Fremde . Und solltest Du dann willens sein, mir übers Meer zu folgen – Ellida . Ach, sehen Sie mich doch nicht so an! Der Fremde . Ich meine nur, dann mußt Du Dich reisefertig halten. Wangel . Geh ins Haus hinein, Ellida. Ellida . Ich kann nicht. Ach, hilf mir! Rette mich, Wangel. Der Fremde . Denn das bedenke wohl; gehst Du nicht morgen mit mir, dann ist alles aus. Ellida   sieht ihn bebend an. So ist alles aus? Für immer –? Der Fremde   nickt mit dem Kopf. Dann läßt sich nichts mehr ändern, Ellida. Ich komme nie mehr in diese Lande. Du wirst mich nimmer wiedersehen. Auch nie mehr von mir hören. Dann bin ich für Dich tot und gestorben auf immer. Ellida   atmet unruhig. O –! Der Fremde . Überleg' Dir also genau, was Du tust. Leb' wohl. Geht und steigt über den Zaun, bleibt stehen und sagt: Also, Ellida, – halte Dich reisefertig morgen Nacht. Denn da komme ich und hole Dich. Er geht langsam und ruhig den Fußpfad entlang und rechts ab. Ellida   sieht ihm eine Weile nach. Freiwillig, sagte er! Denk nur an, – er sagte, ich sollte freiwillig mit ihm gehen. Wangel . Faß Dich nur. Er ist ja jetzt fort. Und Du wirst ihn nie wiedersehen. Ellida . Ach, wie kannst Du denn das sagen? Morgen kommt er ja doch wieder. Wangel . Laß ihn nur kommen. Dich soll er jedenfalls nicht finden. Ellida   schüttelt den Kopf. Ach, Wangel, glaub' nur ja nicht, daß Du ihn hindern kannst. Wangel . Doch, meine Liebe, – vertrau' nur auf mich. Ellida   grübelnd, ohne ihn anzuhören. Wenn er nun hier gewesen ist – morgen – ? Und wenn er dann mit dem Dampfschiff übers Meer ist –? Wangel . Ja, was dann? Ellida . Ich möchte wissen, ob er dann nie – nie wiederkommt ? Wangel . Nein, liebe Ellida, – da kannst Du ganz sicher sein. Was hätte er dann auch wohl hier noch zu suchen? Jetzt hat er ja aus Deinem eigenen Munde erfahren, daß Du gar nichts von ihm wissen willst. Damit ist die Sache erledigt. Ellida   vor sich hin . Morgen also. Oder nie. Wangel . Und sollte es ihm auch einfallen wieder herzukommen – Ellida   gespannt . Was dann –? Wangel . Dann steht es ja in unserer Macht, ihn unschädlich zu machen. Ellida . Ach, glaub' das nur nicht. Wangel . Es steht in unserer Macht, sage ich Dir! Kannst Du nicht auf andere Weise Ruhe vor ihm finden, dann soll er büßen für die Ermordung des Kapitäns. Ellida   heftig . Nein, nein, nein! Nur das nicht! Wir wissen nichts von der Ermordung des Kapitäns! Ganz und gar nichts! Wangel . Wir wissen nichts?! Er hat es Dir doch selbst eingestanden! Ellida . Nein, nichts da von! Sagst Du etwas, so leugne ich es. Man soll ihn nicht einsperren! Er gehört hinaus aufs offene Meer. Da gehört er hin! Wangel   sieht sie an und sagt langsam : Ah, Ellida, – Ellida! Ellida   klammert sich ungestüm an ihn an . Ach, Du Lieber, Treuer, – rette mich vor diesem Mann! Wangel   macht sich sanft los . Komm! Komm mit mir! Lyngstrand  und Hilde ,  beide mit Fischereigeräten, kommen rechts am Teich zum Vorschein. Lyngstrand   geht schnell auf Ellida zu . Gnädige Frau, jetzt sollen Sie aber etwas Kurioses hören! Wangel . Was denn? Lyngstrand . Denken Sie bloß, – wir haben den Amerikaner gesehen! Wangel . Den Amerikaner? Hilde . Ja, ich habe ihn auch gesehen. Lyngstrand . Er ist oben am Garten herum gegangen und dann an Bord des großen englischen Dampfers. Wangel . Woher kennen Sie den Mann? Lyngstrand . Ich bin einmal zur See mit ihm gefahren. Ich habe fest geglaubt, er wäre ertrunken. Und nun ist er ganz lebendig. Wangel . Wissen Sie etwas Näheres von ihm? Lyngstrand . Nein. Aber er ist sicher gekommen, um sich an seinem treulosen Seemannsweib zu rächen. Wangel . Was sagen Sie da? Hilde . Lyngstrand will ihn zu einem Kunstwerk benutzen, das er vor hat. Wangel . Ich verstehe kein Wort – Ellida . Du sollst es später erfahren. Arnholm  und Bolette  kommen auf dem Fußpfad jenseits des Gartenzauns von links her. Bolette   zu denen im Garten . Kommt her und seht! Jetzt geht der englische Dampfer den Fjord hinauf. Ein großes Dampfschiff gleitet langsam vorbei in gemessener Entfernung. Lyngstrand   zu Hilde hinten am Gartenzaun . Heute Nacht kommt er gewiß über sie. Hilde   nickt . Über das treulose Seemannsweib, – ja. Lyngstrand . Denken Sie nur, – zu mitternächtiger Stunde. Hilde . Ich glaube, das muß spannend werden. Ellida   sieht dem Schiffe nach . Morgen also – Wangel . Und dann nie mehr. Ellida   leise und bebend . O, Wangel, – rette mich vor mir selbst! Wangel   sieht sie besorgnisvoll an . Ellida! Ich ahne es, – dahinter ist etwas. Ellida . Ein etwas ist dahinter, das zieht und lockt. Wangel . Das zieht und lockt –? Ellida . Der Mann ist wie das Meer. Sie geht langsam und grübelnd durch den Garten links hinaus. Wangel geht unruhig neben ihr und beobachtet sie forschend. Vierter Akt Gartenstube bei Wangel. Türen rechts und links. Im Hintergrund zwischen beiden Fenstern eine offene Glastür nach der Veranda hinaus. Unter ihr draußen ist ein Stück Garten sichtbar. Links ein Sofa mit Tisch. Rechts ein Piano und weiter hinten ein großer Blumentisch. Mitten im Zimmer ein runder Tisch mit Stühlen. Auf dem Tisch ein blühender Rosenstock, umgeben von anderen Topfpflanzen. – Es ist Vormittag. In der Stube am Tisch links sitzt Bolette  auf dem Sofa, mit einer Stickerei beschäftigt. Lyngstrand  sitzt auf einem Stuhl am oberen Ende des Tisches. Unten im Garten sitzt Ballested  und malt. Hilde  steht daneben und sieht ihm zu. Lyngstrand ,  die Arme auf dem Tisch, sitzt eine Weile schweigend da und sieht zu, wie Bolette arbeitet. Das muß verteufelt schwer sein so eine Borte zu nähen, Fräulein Wangel. Bolette . Ach nein. Das ist nicht so schwer. Wenn man nur beim Zählen ordentlich aufpaßt – Lyngstrand . Zählen? Müssen Sie auch zählen? Bolette . Ja, die Stiche. Sehen Sie her. Lyngstrand . Richtig, ja! Denken Sie nur! Das ist ja beinah eine Art Kunst. Können Sie auch zeichnen? Bolette . O ja, wenn ich ein Muster vor mir habe. Lyngstrand . Sonst nicht? Bolette . Nein, sonst nicht. Lyngstrand . Dann ist es aber doch keine richtige Kunst. Bolette . Nein, zum größten Teil ist es doch bloß – Handfertigkeit. Lyngstrand . Aber ich glaube schon, Sie könnten vielleicht Kunst lernen . Bolette . Wenn ich keine Anlagen dazu habe? Lyngstrand . Tut nichts. Wenn Sie beständig mit einem richtigen, echten Künstler zusammen sein könnten – Bolette . Glauben Sie, dann könnte ich von ihm lernen ? Lyngstrand . Nicht lernen so auf die gewöhnliche Art. Aber ich glaube, es käme über Sie nach und nach. Durch etwas wie ein Wunder, Fräulein Wangel. Bolette . Das wäre wundersam. Lyngstrand   nach einer kleinen Pause . Haben Sie schon einmal nachgedacht –? Ich meine – ob Sie schon gründlicher und ernsthaft über die Ehe nachgedacht haben, Fräulein? Bolette   sieht ihn flüchtig an . Über –? Nein. Lyngstrand . Aber ich. Bolette . So? Haben Sie das? Lyngstrand . I ja, – ich denke sehr oft über solche Dinge nach. Ganz besonders über die Ehe. Und dann habe ich doch auch in verschiedenen Büchern darüber gelesen. Ich glaube, die Ehe, die muß man als wie eine Art Wunder betrachten. Daß die Frau sich allmählich umwandelt und ihrem Mann ähnlich wird. Bolette . Seine Interessen teilt sie, meinen Sie? Lyngstrand . Ja, eben das meine ich! Bolette . Nun, und seine Gaben? Und seine Anlagen und Fertigkeiten? Lyngstrand . Hm ja, – ich möchte wissen, ob nicht das alles auch – Bolette . So glauben Sie vielleicht auch, das, was ein Mann durch Lektüre – oder Gedankenarbeit – sich angeeignet hat, – das könnte wohl auch auf seine Frau übergehen? Lyngstrand . Das auch, jawohl. Nach und nach. Wie durch ein Wunder. Aber ich weiß schon, so etwas kann nur in einer Ehe vorkommen, die treu und voll Liebe und so recht glücklich ist. Bolette . Sind Sie nie auf den Gedanken gekommen, daß auch ein Mann vielleicht so zu seiner Frau hinübergezogen werden und mit ihr verwachsen könnte? Ihr ähnlich werden könnte, meine ich. Lyngstrand . Ein Mann? Nein, – der Gedanke ist mir nie gekommen. Bolette . Aber warum kann nicht das eine so gut wie das andere geschehen? Lyngstrand . Weil ein Mann doch einen Beruf hat, für den er lebt. Und das eben macht einen Mann so stark und fest, Fräulein Wangel. Ein Mann, der hat einen Lebensberuf. Bolette . Jeder ohne Ausnahme? Lyngstrand . O nein. Ich denke zunächst nur an den Künstler. Bolette . Meinen Sie, ein Künstler tut recht daran, wenn er sich verheiratet? Lyngstrand . Allerdings meine ich das. Wenn er nur eine finden kann, die er recht von Herzen lieb hat, so – Bolette . Und doch. Ich denke mir, er sollte lieber nur für seine Kunst leben. Lyngstrand . Gewiß soll er das. Aber das kann er doch ganz gut, auch wenn er sich verheiratet. Bolette . Ja, aber sie? Lyngstrand . Sie? Wieso –? Bolette . Die Frau, die er heiratet. Wofür soll denn die leben? Lyngstrand . Sie soll auch für seine Kunst leben. Ich finde, eine Frau müßte sich dabei von Herzen glücklich fühlen. Bolette . Hm, – ich weiß nicht recht – Lyngstrand . Ja, Fräulein, das können Sie glauben. Nicht allein die Ehre und das Ansehen ist es, das sie durch ihn genießt –. Denn ich finde, da rauf ist schließlich der geringste Wert zu legen. Vielmehr der Umstand, daß sie ihm beim Schaffen helfen kann, – daß sie ihm die Arbeit leichter machen kann, indem sie um ihn ist und ihn hegt und pflegt und ihm das Leben so recht heiter macht. Das, meine ich, müßte geradezu himmlisch für eine Frau sein. Bolette . Ach, Sie wissen selbst nicht, wie egoistisch Sie sind! Lyngstrand . Ich egoistisch! Du lieber Gott –! Ach, wenn Sie mich nur ein wenig besser kennen würden, als Sie – Neigt sich näher zu ihr hin. Fräulein Wangel, – wenn ich nun einmal nicht mehr da bin, – und das bin ich doch bald nicht mehr – Bolette   sieht ihn teilnehmend an . Fangen Sie wieder an? Glauben Sie doch so etwas Trauriges nicht. Lyngstrand . Ich finde, im Grunde ist das doch gar nicht so traurig. Bolette . Wie meinen Sie das denn? Lyngstrand . Ich reise doch etwa in einem Monat. Zunächst von hier fort. Und später gehe ich doch nach dem Süden. Bolette . Ach so. Jawohl. Lyngstrand . Wollen Sie dann ab und zu einmal an mich denken, Fräulein? Bolette . Ja, das will ich gern. Lyngstrand   froh . Das müssen Sie mir versprechen! Bolette . Ja, das verspreche ich. Lyngstrand . Hoch und heilig, Fräulein Bolette? Bolette . Hoch und heilig. Fällt in einen andern Ton. Ach, aber was hat denn das eigentlich für einen Zweck! Das führt ja doch zu rein gar nichts. Lyngstrand . Wie können Sie das nur sagen! Für mich wäre es ein so herrliches Bewußtsein, daß Sie hier zu Haus herumgehen und an mich denken. Bolette . Na, und was dann weiter? Lyngstrand . Ja, was? – weiter weiß ich eigentlich nicht so recht – Bolette . Ich auch nicht. Es steht so viel im Wege. Alles , finde ich, steht im Wege. Lyngstrand . Ach, es könnte doch irgend ein Wunder geschehen. Eine glückliche Fügung des Schicksals – oder so etwas. Denn ich glaube nun einmal, das Glück ist mit mir. Bolette   lebhaft . Ja, nicht wahr! Das glauben Sie doch! Lyngstrand . Ja, das glaube ich fest und sicher. Und dann – nach einigen Jahren – wenn ich wieder heimkomme als ein namhafter Bildhauer und in guten Verhältnissen und in der Fülle der Gesundheit – Bolette . Ja, ja, gewiß. Das wollen wir hoffen. Lyngstrand . Das können Sie getrost hoffen. Wenn Sie nur treu und warm an mich denken, während ich fern im Süden bin. Und darauf habe ich ja nun Ihr Wort. Bolette . Das haben Sie. Schüttelt den Kopf. Aber es kommt doch sicher nichts dabei heraus. Lyngstrand . Doch, Fräulein Bolette, – und wenn auch nur das dabei herauskäme, daß ich um so leichter und flotter an meinem Werk arbeiten könnte. Bolette . Also das glauben Sie? Lyngstrand . Ja, das fühle ich in meinem Innersten. Und dann meine ich, muß es doch auch für Sie erquickend sein, – hier in der Abgeschiedenheit – das Bewußtsein, daß Sie mir sozusagen beim Schaffen geholfen haben. Bolette   blickt ihn an . Nun, – und Sie Ihrerseits? Lyngstrand . Ich –? Bolette   blickt in den Garten hinaus . Still! Sprechen wir von etwas anderem. Da kommt Herr Arnholm. Arnholm  kommt unten im Garten links zum Vorschein. Er bleibt stehen und spricht mit Ballested und Hilde. Lyngstrand . Haben Sie Ihren alten Lehrer gern, Fräulein Bolette? Bolette . Ob ich ihn gern habe? Lyngstrand . Ja, ich meine, ob Sie ihn leiden mögen? Bolette . O freilich. Denn man hat an ihm einen so wackeren Freund und Ratgeber. – Und dann ist er immer hilfsbereit, wo er nur kann. Lyngstrand . Aber ist das nicht merkwürdig, daß er nicht geheiratet hat? Bolette . Das finden Sie so merkwürdig? Lyngstrand . Ja. Denn er soll doch ein wohlhabender Mann sein. Bolette . Das soll er sein. Aber es ist für ihn wohl nicht so leicht gewesen eine zu finden, die ihn haben wollte, denke ich mir. Lyngstrand . Wieso denn das? Bolette . Na, er ist doch der Lehrer von fast all den jungen Mädchen gewesen, die er kennt. Das sagt er selbst. Lyngstrand . Nun, was tut denn das? Bolette . Herrgott, man heiratet doch nicht einen, der unser Lehrer gewesen ist! Lyngstrand . Glauben Sie nicht, daß ein Mädchen ihren Lehrer lieben könnte? Bolette . Wenn sie einmal erst richtig erwachsen ist, nicht. Lyngstrand . Nicht – denken Sie nur an! Bolette   warnend . So, so, so! Ballested hat inzwischen seine Sachen zusammengepackt und trägt sie rechts in den Garten hinaus. Hilde hilft ihm. Arnholm geht auf die Veranda hinauf und kommt in die Stube. Arnholm . Guten Morgen, meine liebe Bolette. Guten Morgen, – Herr – Herr – hm! Er sieht mißvergnügt aus und nickt Lyngstrand kalt zu, der aufsteht und sich verbeugt. Bolette   steht auf und geht auf Arnholm zu . Guten Morgen, Herr Oberlehrer. Arnholm . Wie geht es hier heute? Bolette . Danke, ganz gut. Arnholm . Ist Ihre Stiefmutter am Ende auch heut im Wasser? Bolette . Nein, sie ist oben auf ihrem Zimmer. Arnholm . Nicht ganz munter? Bolette . Ich weiß nicht. Sie hat sich eingeschlossen. Arnholm . Hm, – so? Lyngstrand . Frau Wangel hat sich wohl gestern ordentlich alteriert über den Amerikaner! Arnholm . Was wissen Sie davon? Lyngstrand . Ich habe der gnädigen Frau erzählt, ich hätte ihn leibhaftig hinten am Garten herum gehen sehen. Arnholm .  Ach so. Bolette   zu Arnholm . Sie und Papa sind gewiß diese Nacht lange aufgeblieben. Arnholm . Ja, ziemlich lange. Wir kamen auf ernste Dinge zu sprechen. Bolette . Haben Sie auch ein wenig über mich und meine Angelegenheiten mit ihm sprechen können? Arnholm . Nein, liebe Bolette. Ich bin nicht dazu gekommen. Denn er war von etwas ganz anderem so völlig eingenommen. Bolette   seufzt . Ach ja, – das ist er immer. Arnholm   sieht sie bedeutungsvoll an . Aber nachher wollen wir beide eingehender davon sprechen. – Wo ist Ihr Vater jetzt? Vielleicht nicht zu Hause? Bolette . Doch. Er ist gewiß unten im Bureau. Ich will ihn gleich heraufholen. Arnholm . Nein, danke. Tun Sie das nicht. Ich will lieber zu ihm hinuntergehen. Bolette   horcht nach links . Warten Sie ein wenig, Herr Oberlehrer. Ich glaube, Papa ist schon auf der Treppe. Ja. Er ist wohl oben gewesen, um nach ihr zu sehen. Wangel  kommt durch die Tür links herein. Wangel   reicht Arnholm die Hand . So, lieber Freund, – sind Sie schon da? Es ist nett von Ihnen, daß Sie so zeitig gekommen sind. Ich möchte gern mehr mit Ihnen sprechen. Bolette   zu Lyngstrand . Wollen wir vielleicht einen Augenblick in den Garten hinuntergehen zu Hilde? Lyngstrand . Ja, riesig gern, Fräulein. Er und Bolette gehen in den Garten hinunter und zwischen den Bäumen im Hintergrunde ab. Arnholm ,  der ihnen mit den Augen gefolgt ist, wendet sich zu Wangel . Kennen Sie den jungen Mann näher? Wangel . Nein, durchaus nicht. Arnholm . Halten Sie es denn aber für richtig, daß er sich da mit den Mädchen so viel herumtreibt? Wangel .  Tut er das? Das habe ich nicht einmal bemerkt. Arnholm . Auf so etwas, finde ich, sollten Sie doch ein wenig achten. Wangel . Ja, da haben Sie ganz recht. Aber, lieber Gott, was soll ich armer Mann tun? Die Kinder sind doch nun einmal so dran gewöhnt, ihr eigener Herr zu sein. Sie lassen sich nichts sagen, nicht von mir noch von Ellida. Arnholm . Auch nicht von ihr? Wangel . Nein. Und schließlich kann ich doch auch nicht verlangen, daß sie sich in so etwas hineinmischt. Das ist auch nichts für sie. Abbrechend. Aber nicht da von wollten wir sprechen. So sagen Sie mir denn, – haben Sie weiter über die Sache nachgedacht? Über alles das, was ich Ihnen erzählt habe? Arnholm . Ich habe an nichts anderes gedacht, seit wir uns heute Nacht trennten. Wangel . Und was meinen Sie also, ist da zu tun? Arnholm . Lieber Doktor, ich meine, Sie als Arzt müssen das besser wissen als ich. Wangel . Ach, wenn Sie wüßten, wie schwierig das ist für einen Arzt, ein richtiges Urteil zu gewinnen über einen Kranken, der ihm so nahe steht! Und das hier ist doch auch keine gewöhnliche Krankheit. Hier hilft kein gewöhnlicher Arzt, – und keine gewöhnlichen Mittel. Arnholm . Wie geht es ihr heut? Wangel . Ich war jetzt eben bei ihr, und da kam sie mir ganz ruhig vor. Aber hinter allen ihren Stimmungen ist etwas verborgen, über das ich mir durchaus nicht klar werden kann. Und dann ist sie so unbeständig, – so unberechenbar, – so überraschend veränderlich. Arnholm . Das ist wohl eine Folge ihres krankhaften Gemütszustandes. Wangel . Nicht ausschließlich. Im letzten Grunde ist ihr das angeboren. Ellida gehört zum Meervolk. Das ist die Sache. Arnholm .  Wie meinen Sie das eigentlich, lieber Doktor? Wangel . Haben Sie nicht bemerkt, wie die Menschen da draußen am offenen Meer gewissermaßen ein Volk für sich sind? Es ist beinah, als lebten sie des Meeres eigenes Leben mit. Es ist Wellengang – und auch Ebbe und Flut – in ihrem Denken wie in ihren Empfindungen. Und dann lassen sie sich niemals verpflanzen. Ach, ich hätte das früher bedenken sollen. Es war geradezu eine Versündigung an Ellida, sie da wegzunehmen und hierher zu bringen. Arnholm . Zu der Ansicht sind Sie jetzt gekommen? Wangel . Ja, mehr und mehr. Aber ich hätte mir das von vornherein sagen sollen. Ach, im Grunde habe ich es ja auch gewußt. Aber ich ließ es in mir nicht zu Worte kommen. Denn ich hatte sie doch so lieb, sehen Sie! Darum dachte ich in erster Reihe an mich selbst. So unverantwortlich egoistisch war ich damals! Arnholm . Hm, – ein jeder Mann ist sicherlich ein bißchen egoistisch unter solchen Umständen. Übrigens habe ich den Fehler bei Ihnen nie bemerkt, Doktor. Wangel   geht unruhig im Zimmer auf und ab . O doch! Und hernach bin ich es auch noch gewesen. Ich bin ja so viel, viel älter als sie. Ich hätte ihr ein Vater sein sollen – und zugleich ein Führer. Ich hätte mein Mögliches tun sollen, um ihr Gedankenleben zu entwickeln und zu klären. Aber leider ist daraus nie etwas geworden. Ich habe nicht die rechte Energie dazu gehabt, sehen Sie. Wollte ich sie doch am liebsten so haben, wie sie war. Aber dann wurde es schlimmer und schlimmer mit ihr. Und ich ging hier umher und wußte nicht, was ich machen sollte. Leiser. Darum habe ich an Sie geschrieben in meiner Not und Sie gebeten herzukommen. Arnholm   sieht ihn erstaunt an . Was heißt das! Da rum haben Sie geschrieben? Wangel . Ja. Aber lassen Sie nichts merken. Arnholm . Aber Herrgott noch einmal, lieber Doktor, – was für eine Förderung haben Sie sich denn eigentlich von mir versprochen? Das verstehe ich nicht. Wangel . Na, das ist doch ganz verständlich. Weil ich auf falscher Fährte war. Ich glaubte, Ellida hätte einmal ihr Herz an Sie gehängt. Es hinge im geheimen noch ein klein wenig an Ihnen. Es täte ihr am Ende gut, Sie wieder zu sehen und mit Ihnen zu sprechen von der Heimat und den alten Tagen. Arnholm . Also Ihre Frau meinten Sie, als Sie schrieben, es wäre hier jemand, der auf mich wartete und sich vielleicht nach mir sehnte! Wangel . Ja, wen sonst? Arnholm   schnell . Nein, nein, Sie haben recht. – Aber ich habe es nicht verstanden. Wangel . Sehr natürlich, wie gesagt. Ich war doch auf ganz falscher Fährte. Arnholm . Und Sie sagen von sich, Sie sind egoistisch! Wangel . Ach, ich hatte doch eine so große Schuld abzutragen. Ich meinte, ich dürfte kein Mittel unversucht lassen, das ihr Gemüt vielleicht ein wenig erleichtern könnte. Arnholm . Wie erklären Sie denn nun eigentlich die Macht, die dieser Fremde auf Ihre Frau ausübt? Wangel . Hm, lieber Freund, – die Sache dürfte Seiten haben, die sich nicht erklären lassen . Arnholm . Etwas, was an und für sich unerklärlich ist, meinen Sie? Durchaus unerklärlich? Wangel . Wenigstens unerklärlich bis auf weiteres. Arnholm . Glauben Sie denn an so etwas? Wangel . Ich glaube nicht, ich bestreite nicht. Ich weiß nur nicht. Deshalb lasse ich es dahingestellt sein. Arnholm . Ja, aber nun sagen Sie mir eins. Diese ihre seltsame, unheimliche Behauptung, daß die Augen des Kindes –? Wangel   eifrig . An die Sache mit den Augen glaube ich ganz und gar nicht! Ich will an so etwas nicht glauben! Das muß die pure Einbildung von ihr sein. Nichts andres. Arnholm . Haben Sie auf die Augen des Mannes acht gegeben gestern, als Sie ihn sahen? Wangel . Ja gewiß habe ich das getan. Arnholm . Und Sie haben keinerlei Ähnlichkeit gefunden? Wangel   ausweichend . Hm, – Herrgott, was soll ich da antworten? Es war doch nicht mehr ganz hell, als ich ihn sah. Und außerdem hatte Ellida doch vorher so viel von dieser Ähnlichkeit gesprochen –. Ich weiß durchaus nicht, ob ich imstande gewesen wäre, ihn ganz unbefangen anzusehen. Arnholm . Ja, ja, das mag sein. Aber nun das andere? Daß diese ganze Angst und Unruhe gerade zu der Zeit über sie gekommen ist, als dieser fremde Mensch allem Anschein nach auf der Heimreise war? Wangel . Ja, sehen Sie, – das ist auch etwas, in das sie sich seit vorgestern hineinphantasiert und hineingeträumt haben muß. Es ist gar nicht so plötzlich – so mit einem Mal – über sie gekommen, wie sie jetzt behauptet. Aber seit sie von dem jungen Lyngstrand gehört hat, daß Johnston – oder Friman – oder wie er nun heißen mag, – vor drei Jahren – im März – auf der Herreise gewesen ist, – da glaubt sie jetzt offenbar, die Unruhe hätte ihr Gemüt genau in eben demselben Monat ergriffen. Arnholm . War das denn nicht der Fall? Wangel . Aber ganz und gar nicht! Es lassen sich Spuren und Anzeichen dafür lange vor der Zeit nachweisen. – Allerdings kam es – zufälligerweise – gerade im März vor drei Jahren zu einem ziemlich heftigen Ausbruch bei ihr – Arnholm . Also doch –! Wangel . Ja, aber das läßt sich ganz einfach aus dem Zustande – den Umständen, – erklären, in denen sie sich damals gerade befand. Arnholm .  Also Zeichen gegen Zeichen. Wangel   ballt die Hände . Und ihr nicht helfen zu können! So ganz ratlos zu sein! So gar kein Mittel zu sehen –! Arnholm . Wenn Sie sich nun entschließen könnten, den Wohnort zu wechseln? Anders wohin zu ziehen? So daß sie in Verhältnissen leben könnte, wo sie sich heimischer fühlte? Wangel . Ach, mein Lieber, – glauben Sie denn, ich habe ihr nicht auch das angeboten! Ich habe ihr vorgeschlagen, wir wollten nach Skjoldviken hinausziehen. Aber sie will nicht. Arnholm . Auch das nicht? Wangel . Nein. Sie meint, das hätte keinen Zweck. Und da hat sie vielleicht auch nicht so unrecht. Arnholm . Hm, – meinen Sie? Wangel . Ja, und außerdem, – wenn ich es mir überlege, – so weiß ich wirklich nicht, wie ich das anstellen sollte. Denn ich glaube, ich kann es wirklich der Mädchen wegen nicht verantworten, wenn ich nach einem so entlegenen Winkel ziehe. Sie müssen ja doch an einem Orte leben, wo wenigstens ein bißchen Aussicht ist, sie einmal zu versorgen. Arnholm . Versorgen? Denken Sie schon ernstlich da ran? Wangel . Ja, du lieber Gott, – ich muß doch auch da ran denken! Aber dann – andrerseits wieder – die Rücksicht auf meine arme kranke Ellida –! Ach, lieber Arnholm, – ich bin wirklich – in vielen Beziehungen – zwischen Hammer und Amboß. Arnholm . Wegen Bolette brauchen Sie sich vielleicht keine so große Sorge zu machen – abbrechend . Ich möchte nur wissen, wo sie ist – wo sie hin sind? Er geht hin zur offenen Tür und sieht hinaus. Wangel   nach dem Piano hinüber . Ach, ich würde so gern jedes Opfer bringen, – für sie alle drei. – Wenn ich nur wüßte, wie. Ellida   kommt durch die Tür links herein. Ellida   schnell zu Wangel . Geh ja nicht aus heute Morgen! Wangel . Nein, gewiß nicht. Ich bleibe zu Hause bei Dir. Zeigt auf Arnholm, der sich nähert. Aber willst Du nicht unsern Freund begrüßen? Ellida   wendet sich um . Ah, Sie sind da, Herr Arnholm! Gibt ihm die Hand. Guten Morgen. Arnholm . Guten Morgen, gnädige Frau. Na, heut haben Sie also nicht gebadet, wie sonst? Ellida . Nein, nein, nein! Davon kann heute nicht die Rede sein. Aber vielleicht wollen Sie sich einen Augenblick setzen? Arnholm . Nein, ich danke sehr, – jetzt nicht. Sieht zu Wangel hin. Ich habe den Mädchen versprochen, zu ihnen in den Garten hinunter zu kommen. Ellida . Gott weiß, ob Sie sie im Garten treffen. Ich weiß nie recht, wo die sich herumtreiben. Wangel . O doch, sie halten sich gewiß unten am Teich auf. Arnholm . Nun, ich werde ihnen schon auf die Spur kommen. Er nickt zum Gruß und geht über die Veranda rechts nach dem Garten hinaus. Ellida . Was ist die Uhr, Wangel? Wangel   sieht auf die Uhr . Es ist eben elf vorbei. Ellida . Elf vorbei. Und um elf – halb zwölf heut Abend kommt das Dampfschiff. Ach, hätte ich es nur erst überstanden! Wangel   tritt näher an sie heran . Liebe Ellida, – eins möchte ich Dich gern noch fragen. Ellida . Was denn? Wangel . Vorgestern abend – oben auf der »Aussicht« – da sagtest Du, in den letzten drei Jahren hättest Du ihn oft leibhaftig vor Dir gesehen. Ellida . Ja, das habe ich auch. Das mußt Du mir glauben. Wangel . Nun, wie hast Du ihn denn da gesehen? Ellida .  Wie ich ihn gesehen habe? Wangel . Ich meine, – wie hat er ausgesehen, wenn Du ihn vor Dir zu sehen glaubtest? Ellida . Aber, lieber Wangel, – Du weißt doch jetzt selbst, wie er aussieht. Wangel . Sah er auch so aus in Deinen Vorstellungen? Ellida . Ja, freilich. Wangel . Genau so, wie Du ihn gestern abend in der Wirklichkeit gesehen hast? Ellida . Ja, genau so. Wangel . Aber weshalb hast Du ihn denn da nicht gleich wiedererkannt? Ellida   stutzt . Habe ich das nicht? Wangel . Nein. Du hast selbst nachher gesagt, zuerst wußtest Du ganz und gar nicht, wer der Fremde war. Ellida   betroffen . Ja, ich glaube wirklich, Du hast recht. Findest Du das nicht sonderbar, Wangel? Denk nur, – ich habe ihn nicht gleich erkannt! Wangel . Nur an den Augen, sagtest Du – Ellida . Ach ja, – die Augen! Die Augen! Wangel . Na, – aber auf der »Aussicht« oben hast Du gesagt, er zeige sich Dir immer so, wie er war, als Ihr Euch getrennt habt. Da draußen vor zehn Jahren. Ellida . Habe ich das gesagt? Wangel . Ja. Ellida . Dann hat er damals wohl ungefähr so ausgesehen wie jetzt. Wangel . Nein. Du hast vorgestern auf dem Heimweg eine ganz andere Schilderung von ihm gegeben. Vor zehn Jahren trug er keinen Bart, hast Du gesagt. Ganz anders gekleidet war er auch. Und dann die Busennadel mit der Perle –! Die hat der Mann doch gestern gar nicht gehabt. Ellida . Nein, die hat er nicht gehabt. Wangel   sieht sie forschend an . Denk also ein wenig nach, liebe Ellida. Oder – kannst Du Dich vielleicht nicht mehr darauf besinnen, wie er ausgesehen hat, als er auf Bratthammer mit Dir stand? Ellida   nachdenklich, schließt die Augen eine Weile . Nicht ganz deutlich. Nein, – heute kann ich es durchaus nicht. Ist das nicht sonderbar? Wangel . Gar nicht so sonderbar. Es ist Dir jetzt ein neues Wirklichkeitsbild entgegengetreten. Und das hat das alte in den Schatten gestellt, – so daß Du es nicht mehr sehen kannst. Ellida . Glaubst Du, Wangel? Wangel . Ja. Und es stellt auch Deine kranken Vorstellungen in den Schatten. Deshalb ist es gut, daß die Wirklichkeit gekommen ist. Ellida . Gut! Das nennst Du gut? Wangel . Ja. Daß sie gekommen ist, – das dürfte Dir die Genesung bringen. Ellida   setzt sich aufs Sofa . Wangel, – komm und setz' Dich her zu mir. Ich muß Dir alle meine Gedanken sagen. Wangel . Ja, tu das, liebe Ellida. Er setzt sich auf einen Stuhl auf der andern Seite des Tisches. Ellida . Es war eigentlich ein großes Unglück – für uns beide, – daß gerade wir zwei zusammenkommen mußten. Wangel   stutzt . Was sagst Du da! Ellida . Ach ja. Das war es. Und das ist ja doch auch so natürlich. Es mußte ein Unglück werden. So, wie wir zwei zusammengekommen sind! Wangel . Was hat denn nicht gestimmt an der Art, wie wir zwei –! Ellida . Hör' jetzt, Wangel, – es hilft nichts, daß wir noch länger uns selbst belügen – und einander belügen! Wangel . Tun wir denn das? Wir belügen uns, sagst Du! Ellida . Ja, allerdings. Oder – wir verbergen wenigstens die Wahrheit. Denn die Wahrheit – die klare, nackte Wahrheit – die ist doch, – daß Du zu uns herausgekommen bist und – und mich gekauft hast. Wangel . Gekauft –! – »gekauft«, sagst Du? Ellida . Ach, ich war ja doch nicht um ein Haar besser als Du. Ich schlug ein. Ging hin und verkaufte mich an Dich. Wangel   sieht sie schmerzvoll an . Ellida, – bringst Du es wirklich übers Herz, das so zu nennen? Ellida . Aber gibt es denn einen andern Namen dafür! Du konntest nicht länger die Leere in Deinem Hause ertragen. Du sahst Dich um nach einer neuen Frau – Wangel . Und nach einer neuen Mutter für die Kinder, Ellida. Ellida . Vielleicht auch das – so nebenbei. Obwohl – Du wußtest ja gar nicht, ob ich mich zu der Stellung eignen würde. Du hattest mich ja doch nur gesehen – und ein paar Mal oberflächlich mit mir gesprochen. Dann bekamst Du Lust auf mich und dann – Wangel . Ja, nenn es nur ganz so, wie es Dir beliebt. Ellida . Und ich meinerseits –. Ich stand ja so ganz hilflos da und ratlos und so ganz allein. Es war ja so selbstverständlich, daß ich einschlug – als Du kamst und mir anbotest, mich auf Lebenszeit zu versorgen. Wangel . Von meiner Seite war das sicher nicht als eine »Versorgung« gemeint, liebe Ellida. Ich fragte Dich ehrlich, ob Du mit mir und den Kindern das Wenige teilen wolltest, was ich mein Eigen nennen durfte. Ellida . Ja, das hast Du getan. Aber ich hätte es doch nicht annehmen sollen! Um keinen Preis der Welt hätte ich das annehmen sollen! Hätte mich nicht verkaufen sollen! Lieber die niedrigste Arbeit, – lieber das ärmste Los in – in Freiwilligkeit – und nach eigener Wahl! Wangel   steht auf . Die fünf oder sechs Jahre, die wir miteinander verlebt haben, sind also so ganz ohne Wert für Dich gewesen? Ellida . Ach, glaub' das nur nicht, Wangel! Ich habe es so gut hier bei Dir gehabt, wie es sich ein Mensch nur wünschen mag. Aber ich bin nicht in Freiwilligkeit zu Dir ins Haus gekommen. Das ist die Sache. Wangel   blickt sie an . Nicht in – Freiwilligkeit! Ellida . Nein. Nicht freiwillig bin ich Dir gefolgt. Wangel   mit gedämpfter Stimme . Ah, – ich erinnere mich – das Wort von gestern. Ellida . In dem Wort liegt das alles. Das hat mir die Augen geöffnet. Und darum sehe ich es jetzt. Wangel . Was siehst Du? Ellida . Ich sehe, das Leben, das wir zwei miteinander führen, – das ist im Grunde keine Ehe. Wangel   bitter . Da hast Du ein wahres Wort gesprochen. Das Leben, das wir jetzt führen, das ist keine Ehe. Ellida . Auch früher nicht. Niemals. Von Anfang an nicht. Sieht vor sich hin. Die erste – die hätte eine ganze und reine Ehe werden können. Wangel . Die erste? Welche erste meinst Du? Ellida . Meine – mit ihm . Wangel   blickt sie verwundert an . Ich verstehe kein Wort! Ellida . Ach, lieber Wangel, – wir wollen einander nicht belügen. Und auch uns selbst nicht. Wangel . Nun ja? Aber was denn weiter? Ellida . Ja, siehst Du, – wir können nie da rüber hinwegkommen – daß ein freiwilliges Gelübde genau so bindend ist wie eine Trauung. Wangel . Aber da muß ich doch sagen –! Ellida   erhebt sich mit Heftigkeit . Willige ein, daß ich Dich verlasse, Wangel! Wangel . Ellida –! Ellida –! Ellida . Ja, ja, – willige doch nur ein! Du kannst mir glauben, – zu dem Ende führt es schließlich doch. So wie wir beide nun einmal zusammengekommen sind. Wangel ,  indem er seinen Schmerz beherrscht . So weit mußte es also mit uns kommen. Ellida . Es mußte so kommen. Es konnte nicht anders kommen. Wangel   sieht sie schwermütig an . Also hätte ich Dich auch nicht durch das Zusammenleben gewonnen. Dich nie – nie ganz besessen. Ellida . Ach, Wangel, – wenn ich Dich nur so lieb haben könnte, wie ich gern möchte! So recht von Herzen, wie Du es verdienst! Aber ich fühle es wohl, – das kommt nie. Wangel . Eine Scheidung also? Was Du verlangst, das ist eine Scheidung, – eine regelrechte, gesetzliche Scheidung? Ellida . Mein Lieber, Du verstehst mich so wenig. Die Formen, die sind mir ganz gleichgültig. Auf solche Äußerlichkeiten, denk' ich, kommt es doch nicht an. Ich will nur, daß wir beide uns in Freiwilligkeit dahin einigen, auseinanderzugehen. Wangel   bitter, nickt langsam . Den Handel rückgängig zu machen, – ja. Ellida   lebhaft . Ja eben! Den Handel rückgängig zu machen! Wangel . Und was dann, Ellida? Nachher? Hast Du erwogen, was wir beide dann zu erwarten haben? Wie sich fernerhin das Leben für Dich und für mich gestalten wird? Ellida . Das ist gleichgültig. Es mag sich gestalten hernach, wie es will. Was ich flehentlich von Dir erbitte, Wangel, – das ist ja doch das Wichtigste! Gib mich doch nur frei! Gib mir meine volle Freiheit wieder! Wangel . Ellida, – Du stellst da eine furchtbare Zumutung an mich. Gib mir doch wenigstens Zeit, mich zu einem Entschluß zu sammeln. Wir wollen uns eingehender besprechen. Und gönn' auch Du Dir Zeit zu überlegen, was Du tust! Ellida . Aber wir haben doch keine Zeit zu verlieren mit so etwas! Ich muß ja heute noch meine Freiheit wiederhaben! Wangel . Warum denn das? Ellida . Er kommt ja doch heut nacht. Wangel   fährt zusammen . Kommt! Er! Was hat der Fremde mit dieser Sache hier zu tun? Ellida . Ich will ihm in voller Freiheit gegenüberstehen. Wangel . Und was – was gedenkst Du dann weiter zu tun? Ellida . Ich will nicht die Ausrede gebrauchen, ich wäre die Frau eines andern. Nicht die Ausrede gebrauchen, ich hätte keine Wahl. Denn sonst wäre es keine Entscheidung. Wangel . Du sprichst von Wahl! Wahl, Ellida! Wahl in solcher Sache! Ellida . Ja, die Wahl muß ich haben. Die Wahl nach beiden Seiten hin. Muß die Möglichkeit haben, ihn allein ziehen zu lassen –. Oder auch – ihm zu folgen. Wangel . Weißt Du denn auch selbst, was Du sagst? Ihm folgen! Dein ganzes Schicksal in seine Hände geben! Ellida . Aber habe ich denn nicht mein ganzes Schicksal in Deine Hände gegeben! Und zwar – ganz ohne weiteres. Wangel . Mag sein. Aber er! Er! Ein Wildfremder! Ein Mensch, den Du kaum kennst! Ellida . Aber Dich kannte ich ja doch vielleicht noch weniger. Und trotzdem bin ich Dir gefolgt. Wangel . Damals wußtest Du doch wenigstens so ungefähr, was für einem Leben Du entgegengingst. Aber hier? Hier? So überlege doch! Was weißt Du hier? Nicht das Geringste weißt Du. Nicht einmal, wer er ist – oder was er ist. Ellida   sieht vor sich hin . Das ist wahr. Aber das ist ja gerade das Grauenvolle. Wangel . Wohl ist das grauenvoll, ja –. Ellida .  Darum ist mir auch, als ob ich da hinein müßte. Wangel   sieht sie an . Weil es Dir vor Augen steht als etwas Grauenvolles? Ellida . Ja. Eben darum. Wangel   näher . Hör' einmal, Ellida, – was verstehst Du denn eigentlich unter dem Grauenvollen? Ellida   denkt nach . Das ist das Grauenvolle, – was abschreckt und anzieht. Wangel . Anzieht auch? Ellida . Vor allem anzieht, – glaube ich. Wangel   langsam . Du bist dem Meer verwandt. Ellida . Das ist auch das Grauenvolle. Wangel . Und das Grauenvolle wiederum ist Dir verwandt. Du schreckst ab und ziehst an. Ellida . Meinst Du, Wangel? Wangel . Ich habe Dich doch wohl noch nie so recht gekannt. Nicht ganz bis auf den Grund. Das wird mir jetzt nach und nach klar. Ellida . Darum sollst Du mich auch freigeben! Mich von einem jeden Verhältnis zu Dir und Deinem Haus entbinden. Ich bin nicht die, für die Du mich gehalten hast. Nun siehst Du es ja doch selbst. Nun können wir uns trennen in Einklang – und in Freiwilligkeit. Wangel dumpf . Es wäre vielleicht das beste für uns beide – wenn wir uns trennen würden. – Und dennoch, – ich kann nicht! – Du bist für mich das Grauenvolle, Ellida. Was anzieht, – das ist das Stärkere in Dir. Ellida . Meinst Du? Wangel . Wir wollen sehen, mit Überlegung über diesen Tag hinwegzukommen. Mit voller Ruhe des Gemütes. Ich darf Dich heut nicht freigeben noch fortlassen. Dazu habe ich nicht die Befugnis. Nicht die Befugnis dazu um Deiner selbst willen, Ellida. Ich mache mein Recht geltend und meine Pflicht, Dich zu beschützen. Ellida .  Beschützen? Wogegen braucht es hier Schutz? Es droht mir ja keinerlei rohe Gewalt von außen her. Das Grauenvolle liegt tiefer, Wangel! Das Grauenvolle, – das ist jenes Ziehen und Locken in meinem eigenen Gemüt. Und was kannst Du wohl dagegen tun? Wangel . Ich kann Dich stärken und widerstandsfähiger machen. Ellida . Ja, – für den Fall, daß ich Widerstand leisten wollte . Wangel . Willst Du denn das nicht? Ellida . Ach, gerade das weiß ich ja selber nicht! Wangel . Heute entscheidet sich alles, liebe Ellida – Ellida   ungestüm . Ja, denke Dir! Die Entscheidung so nahe! Die Entscheidung fürs ganze Leben! Wangel . – und morgen – Ellida . Ja, morgen! Vielleicht ist dann meine wahre Zukunft dahin! Wangel . Deine wahre –? Ellida . Ein Leben in Freiheit, ein volles und ungeteiltes, dahin, – dahin für mich! Und vielleicht – auch für ihn. Wangel   leiser, faßt sie am Handgelenk . Ellida, – liebst Du diesen fremden Mann? Ellida . Ob ich –? Ach, was weiß ich ! Ich weiß nur, daß er für mich voll des Grauens ist und daß – Wangel . – und daß –? Ellida   reißt sich los . – und daß mir ist, als gehörte ich zu ihm . Wangel   senkt den Kopf . Nun fange ich an, mehr und mehr zu verstehen. Ellida . Und was für ein Mittel hast Du denn dagegen? Und weißt Du mir einen Rat? Wangel   blickt sie schwermütig an . Morgen, – da ist er also fort. Dann ist das Unglück von Deinem Haupt abgewendet. Und dann bin ich bereit, Dich freizugeben und ziehen zu lassen. Wir machen den Handel wieder rückgängig, Ellida. Ellida .  Ach, Wangel –! Morgen – dann ist es ja doch zu spät –! Wangel   sieht nach dem Garten . Die Kinder! Die Kinder –! Die wollen wir doch wenigstens schonen – bis auf weiteres. Arnholm ,  Bolette ,  Hilde  und Lyngstrand  werden im Garten sichtbar. Lyngstrand verabschiedet sich unten und geht links ab. Die übrigen kommen in die Stube. Arnholm . Ja, glauben Sie nur, wir haben da eben Pläne geschmiedet – Hilde . Wir wollen heut abend auf den Fjord hinaus und – Bolette . Nein, nichts sagen! Wangel . Auch wir beide haben hier Pläne geschmiedet. Arnholm . Ah, – wirklich? Wangel . Morgen geht Ellida nach Skjoldviken – für einige Zeit. Bolette . Geht –? Arnholm . Sehen Sie, das ist sehr vernünftig, Frau Wangel. Wangel . Ellida will wieder heim. Heim zum Meere. Hilde   mit einem Sprung auf Ellida zu . Gehst weg! Gehst von uns weg? Ellida   erschrocken . Aber Hilde! Was hast Du denn? Hilde   faßt sich . Ach, nichts weiter. Halblaut, wendet sich von ihr ab. Geh Du nur! Bolette   angstvoll . Papa, – ich sehe es Dir an, – Du gehst mit – nach Skjoldviken! Wangel . Gewiß nicht, nein! Vielleicht spreche ich da draußen ab und zu einmal vor – Bolette . Und hier bei uns –? Wangel . Da spreche ich auch vor – Bolette . – ab und zu einmal, ja! Wangel . Liebes Kind, es muß so sein. Er geht durch das Zimmer. Arnholm   flüstert: Wir reden hernach weiter, Bolette. Er geht zu Wangel hin. Sie sprechen leise zusammen hinten an der Tür. Ellida   halblaut zu Bolette . Was war das mit Hilde? Sie sah ja wie verstört aus! Bolette . Hast Du nie gemerkt, wonach Hilde hier tagein tagaus gedürstet hat? Ellida . Gedürstet? Bolette . Von dem Augenblick, als Du ins Haus gekommen bist. Ellida . Nein, nein, – wonach denn? Bolette . Nach einem einzigen zärtlichen Wort von Dir. Ellida . Ah –! Sollte hier eine Aufgabe für mich sein! Sie faßt sich mit den Händen an den Kopf und sieht unbeweglich vor sich hin, als ob widerstreitende Gedanken und Stimmungen sie durchkreuzten. Wangel und Arnholm kommen im flüsternden Gespräch durchs Zimmer nach vorn. Bolette geht nach rechts und sieht in das Seitenzimmer hinein. Dann macht sie die Tür auf. Bolette . Lieber Papa, – es ist angerichtet – falls Du – Wangel   mit erzwungener Fassung . So, mein Kind? Das ist ja nett. Bitte schön, Arnholm! Wir wollen jetzt hinein und einen Abschiedstrunk tun – mit der »Frau vom Meere«. Sie gehen auf die Tür rechts zu. Fünfter Akt Der abgelegene Teil von Wangels Garten am Karauschenteich. Zunehmende Dämmerung in der Sommernacht. Arnholm ,  Bolette ,  Lyngstrand  und Hilde   in einem Boot; sie stoßen sich mit dem Ruder vorwärts das Ufer links entlang. Hilde . Sehen Sie, hier können wir ganz bequem ans Land hopsen! Arnholm . Nein, nein, tun Sie das nicht! Lyngstrand . Ich kann nicht hopsen, Fräulein. Hilde . Sie, Arnholm, können Sie auch nicht hopsen? Arnholm . Das möchte ich lieber bleiben lassen. Bolette . Dann wollen wir da hinten anlegen an der Treppe vom Badehaus. Sie stoßen sich mit dem Ruder nach rechts hinaus. In demselben Augenblick wird Ballested  rechts auf dem Fußpfad sichtbar. Er trägt Notenhefte und ein Waldhorn. Er begrüßt die Insassen des Boots, wendet sich um und spricht mit ihnen. Man hört die Antworten entfernter und entfernter von draußen. Ballested . Was sagen Sie? – Ja, freilich ist es von wegen des englischen Dampfers. Denn es ist dies Jahr das letzte Mal, daß er kommt. Aber wenn Sie noch etwas von den melodischen Tönen haben wollen, dann dürfen Sie nicht zu lange machen. Ruft: Was? Schüttelt mit dem Kopf. Verstehe nicht, was Sie sagen! Ellida  tritt, mit ihrem Schal um den Kopf, von Wangel  begleitet, links auf. Wangel . Aber, liebe Ellida, – ich versichere Dir, – es ist noch reichlich Zeit. Ellida . Nein, nein, – das ist es nicht! Er kann jeden Augenblick kommen. Ballested   draußen am Gartenzaun . Ah, guten Abend, Herr Doktor! Guten Abend, gnädige Frau! Wangel   wird ihn gewahr . Ach, Sie sind es? Auch Musik wird hier heut abend gemacht? Ballested . Ja. Der »Bläserbund« will was zum besten geben. An festlichen Veranlassungen haben wir um diese Zeit keinen Mangel. Heut soll's dem Engländer zu Ehren sein. Ellida . Dem Engländer! Ist er schon in Sicht? Ballested . Noch nicht. Aber er kommt ja vom Land herein – zwischen den Inseln durch. Ehe man sich's versieht, mit einem Mal ist er da. Ellida . Ja, – genau so ist es. Wangel   halb zu Ellida gewendet . Heut ist seine letzte Fahrt. Dann kommt er nicht mehr. Ballested . Ein trauriger Gedanke, Herr Doktor. Aber darum wollen wir auch, wie gesagt, ihm Ehre antun. Ach ja, ach ja! Nun geht bald die frohe Sommerszeit zu Ende. »Bald sind sie zu, die Sunde all«, wie's in dem Trauerspiel heißt. Ellida . Sind sie zu, die Sunde all, – jawohl. Ballested . Ein trister Gedanke das. Nun sind wir seit Wochen und Monden des Sommers frohe Kinder gewesen. Es hält schwer, sich mit den Tagen der Dunkelheit auszusöhnen. Wenigstens im Anfang, finde ich. Denn die Menschen können sich alki – a – klimatisieren, Frau Wangel. I ja, das können sie. Er grüßt und geht links hinaus. Ellida   blickt auf den Fjord hinaus . Ach, diese qualvolle Spannung! Diese beklemmende letzte halbe Stunde vor der Entscheidung. Wangel . Es steht also fest, Du willst selber mit ihm sprechen? Ellida . Ich muß selber mit ihm sprechen. Denn in Freiwilligkeit soll ich ja doch meine Wahl treffen. Wangel . Du hast keine Wahl, Ellida. Du darfst nicht wählen. Du darfst nicht – um meinetwillen. Ellida . Die Wahl kannst Du nimmermehr verhindern. Weder Du noch sonst jemand. Du kannst mir verbieten, mit ihm zu gehen, – ihm zu folgen, – für den Fall, daß ich das wähle. Du kannst mich hier mit Gewalt zurückhalten. Gegen meinen Willen. Das kannst Du. Aber daß ich wähle, – im Innersten meines Herzens wähle, – ihn wähle und nicht Dich, – wenn ich so wählen will und muß, – das kannst Du nicht verhindern. Wangel . Nein, da hast Du recht. Das kann ich nicht verhindern. Ellida . Und woher sollte ich denn auch die Kraft des Widerstandes nehmen! An dieses Haus hier fesselt und knüpft mich auch nicht das Allergeringste. Ich habe ja doch so gar nicht Wurzel geschlagen in Deinem Hause, Wangel. Die Kinder gehören mir nicht. Ihre Herzen gehören mir nicht, meine ich. Nie hat mir das gehört. – Wenn ich fortgehe, – das heißt, für den Fall, daß ich fortgehe, – entweder heut mit ihm – oder morgen nach Skjoldviken, so habe ich auch nicht einen Schlüssel abzugeben, – nicht eine Anordnung zu treffen, auch nicht die allerkleinste. So gar nicht habe ich Wurzel geschlagen in Deinem Hause. So ganz außer Zusammenhang mit allem bin ich gewesen vom ersten Augenblick an. Wangel . Du hast es selbst so gewollt. Ellida . Nein, das habe ich nicht. Ich habe es weder gewollt, noch habe ich es nicht gewollt. Ich habe ganz einfach nur alles so gelassen, wie ich es vorgefunden habe an dem Tage, als ich kam. Du – und kein anderer – hat es so gewollt. Wangel . Ich dachte, es wäre so zu Deinem Besten. Ellida . Ach ja, Wangel, das weiß ich ja ganz gut. Aber es liegt eine Vergeltung darin. Etwas, das sich rächt. Denn jetzt sehe ich mich hier vergeblich nach einer Kraft um, die bindet, – nach einer Stütze, – nach einer Hilfe, – nach einem Gefühl, das mich hinzieht zu alledem, was unser beider innerstes Besitztum hätte sein sollen. Wangel . Das sehe ich ja wohl ein, Ellida. Und deshalb sollst Du auch von morgen an Deine Freiheit wieder haben. Du sollst fortan Dein eigenes Leben führen dürfen. Ellida . Und das nennst Du mein eigenes Leben! Ach nein, mein eigenes, richtiges Leben, das ist aus seinem Geleise geraten, als ich mich auf ein Zusammenleben mit Dir einließ. Ballt die Hände in Angst und Unruhe. Und nun, – heut nacht – in einer halben Stunde – kommt er, den ich im Stich gelassen habe, – der Mann, an dem ich unverbrüchlich hätte festhalten sollen, so wie er an mir festgehalten hat! Nun kommt er und bietet mir – zum letzten und einzigen Male – an, das Leben von neuem zu leben, – mein eigenes, richtiges Leben, – das Leben, das abschreckt und anzieht – und dem ich nicht entsagen kann . In Freiwilligkeit nicht! Wangel . Eben darum ist es nötig, daß Dein Mann – der zugleich Dein Arzt – die Entscheidung Dir abnimmt – und in Deinem Namen handelt. Ellida . Ja, Wangel, ich verstehe das ganz gut. Ach, glaube nur nicht, daß es nicht auch manchmal Augenblicke gibt, wo mir ist, als würde mir Frieden und Rettung, wenn ich mich flüchtete ins Innerste Deiner Seele, – wenn ich versuchte, all den Mächten zu trotzen, die anziehen und abschrecken. Aber ich kann auch das nicht. Nein, nein, – ich kann es nicht! Wangel . Komm, Ellida, – wir wollen zusammen ein wenig auf und ab gehen. Ellida . Ich möchte so gern. Aber ich getraue mich nicht. Denn er sagte doch, ich sollte hier auf ihn warten. Wangel . Komm nur. Du hast noch Zeit genug. Ellida . Glaubst Du? Wangel . Noch reichlich Zeit, sage ich Dir. Ellida . Nun, dann wollen wir ein wenig gehen. Sie gehen im Vordergrunde rechts hinaus. In demselben Augenblick werden Arnholm  und Bolette  an dem oberen Ufer des Teiches sichtbar. Bolette   bemerkt die Fortgehenden . Sehen Sie doch –! Arnholm   leise . Pst, – lassen Sie sie gehen. Bolette . Können Sie begreifen, was sie seit den letzten Tagen miteinander haben? Arnholm . Haben Sie etwas bemerkt? Bolette . Na und ob! Arnholm . Etwas Außergewöhnliches? Bolette . O ja. So mancherlei. Sie nicht? Arnholm . Ach, ich weiß nicht so recht – Bolette . Doch, doch! Aber Sie wollen bloß nicht mit der Sprache heraus. Arnholm . Ich glaube, Ihrer Stiefmutter wird die kleine Reise, die sie macht, gut tun. Bolette . Meinen Sie? Arnholm . Ja, ich sollte meinen, es wäre für alle Teile gut, wenn sie ab und zu ein bißchen wegkommt. Bolette . Geht sie morgen in ihre alte Heimat, nach Skjoldviken, dann kommt sie sicherlich nie mehr zu uns zurück. Arnholm . Aber, liebe Bolette, wie kommen Sie denn auf so etwas? Bolette . Ja, das glaube ich steif und fest. Warten Sie nur ab! Sie sollen sehen, – sie kommt nicht wieder. Wenigstens nicht, solange ich und Hilde hier im Hause sind. Arnholm . Auch Hilde? Bolette . Na, mit Hilde ginge es am Ende noch. Denn sie ist ja doch schließlich noch ein Kind. Und dann vergöttert sie Ellida im Grunde, glaube ich. Aber mit mir ist es etwas anderes, sehen Sie. Eine Stiefmutter, die gar nicht so sehr viel älter ist als man selbst – Arnholm . Liebe Bolette, – was Sie betrifft, so ist der Augenblick vielleicht nicht zu fern, wo Sie fort dürfen. Bolette   lebhaft . So? Meinen Sie! Sie haben also mit Papa darüber gesprochen? Arnholm . Das habe ich auch getan, jawohl. Bolette . Na, – und was hat er denn gesagt? Arnholm . Hm, – Ihren Vater haben ja doch andere Gedanken so lebhaft in diesen Tagen beschäftigt. Bolette . Ja, ja, dasselbe habe ich doch schon früher gesagt. Arnholm . Aber so viel bekam ich doch aus ihm heraus, daß Sie von seiner Seite auf Beistand kaum zu rechnen haben. Bolette . Nicht –? Arnholm . Er setzte mir seine Verhältnisse so einleuchtend auseinander – meinte, so etwas wäre für ihn geradezu ein Ding der Unmöglichkeit. Bolette   vorwurfsvoll . Und da konnten Sie es übers Herz bringen, mich hier zum besten zu haben. Arnholm . Das habe ich ganz gewiß nicht getan, liebe Bolette. Es hängt einzig und allein von Ihnen ab – ob Sie von hier fort kommen wollen oder nicht. Bolette . Was hängt, sagen Sie, von mir ab? Arnholm . Ob Sie in die Welt hinaus wollen. Das alles lernen wollen, wozu Sie die meiste Neigung haben. An alledem teilnehmen wollen, wonach Sie sich hier immer und immer sehnen. Unter freundlicheren Bedingungen leben wollen, Bolette. Was meinen Sie dazu? Bolette   schlägt die Hände zusammen . Ach, du großer Gott –! Das ist ja doch aber alles ganz unmöglich. Wenn Papa nicht will und nicht kann, so –. Denn ich wüßte doch sonst keine Menschenseele, an die ich mich wenden könnte. Arnholm . Und wenn Ihnen nun Ihr alt – Ihr früherer Lehrer die Hand zur Hilfe böte – würden Sie sich entschließen können, sie zu ergreifen? Bolette . Sie, Herr Arnholm! Sie wären gesonnen –? Arnholm . Ihnen beizustehen? Ja, von Herzen gern. Mit Rat und mit Tat. Das können Sie glauben. – Sie schlagen also ein? Wie? Gehen drauf ein? Bolette . Ob ich drauf eingehe! Hinauszukommen, – die Welt zu sehen, – etwas recht Ordentliches zu lernen! Was da groß und herrlich ist und so unerfüllbar mir vor Augen stand –! Arnholm . Ja, das kann Ihnen jetzt alles zur Wirklichkeit werden. Wenn Sie nur wollen. Bolette . Und zu diesem unerhörten Glück wollen Sie mir verhelfen! Ach, – aber sagen Sie mir, – kann ich ein solches Opfer von einem fremden Menschen annehmen? Arnholm . Von mir können Sie es schon annehmen, Bolette. Von mir können Sie annehmen, was es auch sei. Bolette   faßt seine Hände . Ja, ich möchte beinah auch glauben, ich kann es! Ich weiß nicht, wieso; aber – impulsiv . O, ich könnte zugleich lachen und weinen vor Freude! Vor Glückseligkeit! Ach, – so soll ich also doch noch wahrhaft leben dürfen. Ich hatte allmählich schon Angst bekommen, auf das Leben verzichten zu müssen. Arnholm . Darum brauchen Sie keine Angst zu haben, liebe Bolette. Aber nun müssen Sie mir auch ganz aufrichtig sagen – ob etwas – irgend etwas Sie hier festhält? Bolette . Mich festhält? Bewahre, – nichts. Arnholm . Wirklich gar nichts? Bolette . Nein, gar nichts. Das heißt, – Papa hält mich ja gewissermaßen fest. Und Hilde auch. Aber – Arnholm . Na, – Ihren Vater müssen Sie früher oder später ja doch verlassen. Und Hilde wird ja auch einmal im Leben ihren eigenen Weg gehen. Das ist also nur eine Frage der Zeit. Nichts anderes. Und sonst also gibt es nichts, was Sie zurückhält, Bolette? Keine Beziehung irgend welcher Art? Bolette . Nein, durchaus nichts. Was das betrifft, so kann ich schon reisen, wohin es auch sei. Arnholm . Ja, wenn das so ist, liebe Bolette, – so sollen Sie auch mit mir reisen. Bolette   klatscht in die Hände . Ach, Gott im Himmel – welch ein Glück, sich das vorzustellen! Arnholm . Denn ich hoffe doch, daß Sie volles Vertrauen zu mir haben? Bolette . Ja, das habe ich wirklich! Arnholm . Und Sie zögern also nicht, sich und Ihre Zukunft getrost und zuversichtlich in meine Hände zu legen, Bolette? Nicht wahr? Sie zögern doch nicht? Bolette . Ach, gewiß nicht! Wie sollte ich auch? Wie können Sie nur denken! Sie sind doch mein alter Lehrer – mein Lehrer aus den alten Tagen, meine ich. Arnholm . Nicht darum nur. Auf die Seite der Sache will ich weiter keinen Nachdruck legen. Aber –. Na, – Sie sind also frei, Bolette. Es gibt keinerlei Beziehung, die Sie zurückhält. Und so frage ich Sie denn – ob Sie geneigt – geneigt wären, sich mir fürs Leben zu verbinden? Bolette   tritt erschrocken zurück . Oh, – was sagen Sie da! Arnholm . Fürs ganze Leben, Bolette. Ob Sie meine Frau werden wollen. Bolette   halb zu sich selbst . Nein, nein, nein! Das ist unmöglich! Ganz unmöglich! Arnholm . Sollte es Ihnen wirklich so ganz unmöglich sein, zu –? Bolette . Aber, was Sie da sagen, das können Sie doch nun und nimmer im Ernst meinen, Herr Arnholm! Sieht ihn an. Oder – doch –. Haben Sie es so gemeint, – als Sie sich erboten haben, so viel für mich zu tun? Arnholm . Nun hören Sie mich einmal an, Bolette. Es scheint, ich habe Sie sehr überrascht. Bolette . O, wie sollte mich so etwas nicht – von Ihnen –. Das mußte mich doch überraschen! Arnholm . Da mögen Sie recht haben. Sie wußten ja doch nicht, – konnten nicht wissen, daß ich Ihret wegen die Reise hierher gemacht habe. Bolette . Sie sind hergekommen – meinetwegen? Arnholm . Allerdings bin ich das, Bolette. Im Frühjahr habe ich einen Brief von Ihrem Vater erhalten. Und darin kommt eine Wendung vor, die mich auf den Gedanken brachte – hm –, daß Sie Ihrem früheren Lehrer eine – mehr als freundschaftliche Erinnerung bewahrt hätten. Bolette . Wie konnte Papa so etwas schreiben! Arnholm . So hatte er es ja auch gar nicht gemeint. Aber ich lebte mich doch nun einmal in die Vorstellung hinein, hier wäre ein junges Mädchen, das meine Wiederkehr sehnsüchtig erwartete. – Nein, Sie dürfen mich jetzt nicht unterbrechen, liebe Bolette! Und, – sehen Sie wohl, – wenn man wie ich die eigentlichen Jugendjahre hinter sich hat, dann übt ein solcher Glaube – oder solche Vorstellung – eine überaus nachhaltige Wirkung aus. Es bildete sich in mir eine lebhafte – eine dankbare Neigung für Sie heraus. Mir war es, als müßte ich zu Ihnen hin. Sie wiedersehen. Ihnen sagen, daß ich die Gefühle teile, die Sie für mich hegten, wie ich mir eingeredet hatte. Bolette . Wenn Sie aber nun wissen, daß das nicht der Fall war! Daß es ein Irrtum gewesen ist! Arnholm . Hilft nichts, Bolette. Ihrem Bilde, – so wie ich es in mir trage, – hat die Stimmung, in die der Irrtum mich versetzt hat, für immer Farbe und Gepräge gegeben. Sie können das vielleicht nicht verstehen. Aber so ist es. Bolette . Nimmermehr hätte ich es für möglich gehalten, daß so etwas draus werden würde! Arnholm . Wenn es sich nun aber zeigt, daß es doch so ist? Was sagen Sie dann, Bolette? Könnten Sie sich dann nicht entschließen, meine – ja, meine Frau zu werden? Bolette . Aber ich finde, es ist ein Ding der Unmöglichkeit, Herr Arnholm. Sie sind ja doch mein Lehrer gewesen! Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich je in einem anderen Verhältnis zu Ihnen stehen könnte. Arnholm . Ja, ja, – wenn Sie wirklich meinen, Sie könnten nicht –. Dann bleiben also unsere Beziehungen unverändert, liebe Bolette. Bolette . Wie meinen Sie? Arnholm . Ich halte natürlich trotzdem mein Wort. Ich werde dafür sorgen, daß Sie fortkommen und sich in der Welt umsehen können. Etwas lernen können, wozu Sie wirklich Lust haben. In sicheren und unabhängigen Verhältnissen leben können. Ihre spätere Zukunft werde ich auch noch sichern, Bolette. Denn in mir werden Sie immer einen guten, treuen, zuverlässigen Freund haben. Das können Sie glauben! Bolette . Ach Gott, – Herr Arnholm, – das ist jetzt doch aber alles ganz und gar unmöglich geworden? Arnholm . Auch das ist unmöglich? Bolette . Das können Sie sich doch wohl denken! Nach dem, was Sie mir eben gesagt haben, – und nach der Antwort, die ich Ihnen gegeben habe –. Ach, Sie müssen doch selbst einsehen, daß ich nun unter keinen Umständen mehr so unermeßlich viel von Ihnen annehmen kann! Nicht das Allergeringste kann ich von Ihnen annehmen. Fortan nimmermehr! Arnholm . Sie wollen also lieber nach wie vor hier zu Hause hocken und das Leben Leben sein lassen? Bolette . Ach, der Gedanke da ran – was ist das für eine furchtbare Qual! Arnholm . Sie wollen darauf verzichten, von der großen Welt etwas zu sehen? Darauf verzichten, an alledem teilzunehmen, wonach Sie hier lechzen, wie Sie selbst sagen? Zu wissen, daß es in der Welt so unendlich vieles gibt, – und doch von gar nichts je so eine rechte Anschauung zu bekommen?! Überlegen Sie wohl, Bolette. Bolette . Ja, ja, – Sie haben im höchsten Grade recht, Herr Arnholm. Arnholm . Um dann, – wenn Ihr Vater einmal nicht mehr ist, – am Ende hilflos und allein in der Welt dazustehen. Oder auch sich einem anderen Manne hinzugeben, – für den Sie – möglicherweise – auch keine Neigung empfinden könnten. Bolette . Ach ja, – ich sehe wohl, wie wahr das alles ist –, was Sie sagen. Aber trotzdem –! – Oder vielleicht doch –? Arnholm   schnell . Nun? Bolette   sieht ihn voll Zweifel an . Am Ende wäre es doch so unmöglich nicht –. Arnholm . Was, Bolette? Bolette . Daß es sich machen ließe, – auf das einzugehen, – was Sie mir vorgeschlagen haben. Arnholm . Meinen Sie, Sie wären vielleicht doch nicht abgeneigt – ? Sie könnten auf jeden Fall mir die Freude gönnen, Ihnen als ein treuer Freund zur Seite zu stehen? Bolette . Nein, nein, nein! Das nimmermehr! Das wäre ja jetzt ganz und gar unmöglich. – Nein, Herr Arnholm, – dann nehmen Sie mich lieber. Arnholm . Bolette! Sie wollen also doch! Bolette . Ja, – ich glaube – ich will. Arnholm . Sie wollen also doch meine Frau werden! Bolette . Ja. Wenn Sie noch glauben, daß – daß Sie mich nehmen können. Arnholm . Ob ich das glaube –! Ergreift ihre Hand. Dank, – Dank, Bolette! Was Sie sonst noch sagten, – Ihre Unschlüssigkeit vorhin, – das schreckt mich nicht ab. Habe ich auch jetzt nicht Ihr ganzes Herz, so werde ich es mir schon noch erobern! Ach, Bolette, ich werde Sie auf Händen tragen! Bolette . Und dann darf ich mich in der Welt umsehen. Darf mit im Leben stehen. Das haben Sie mir versprochen. Arnholm . Und das halte ich. Bolette . Und ich darf alles lernen, wozu ich Lust habe. Arnholm . Ich will selbst Ihr Lehrer sein. Wie früher, Bolette. Denken Sie an das letzte Schuljahr –. Bolette   still und in sich vertieft . Der Gedanke, – sich frei zu wissen – und in die Fremde hinaus zu können. Und sich auch nicht mehr wegen der Zukunft ängstigen zu müssen. Nicht immer um das dumme Auskommen besorgt zu sein –. Arnholm . Nein, alledem brauchen Sie nicht einen Gedanken mehr zu opfern. Und – nicht wahr, meine liebe Bolette, – das ist auch eine ganz schöne Sache? Was? Bolette . Ja. Das ist es freilich. Das ist wahr und gewiß. Arnholm   nimmt sie in seine Arme . Ach, Sie werden schon sehen, wie gemütlich und behaglich wir uns einrichten werden! Und wie gut und friedlich und einträchtig wir zwei miteinander auskommen werden, Bolette! Bolette . Ja, ich fange auch an zu –. Ich glaube im Grunde – es wird schon gehen. Sieht nach rechts hinaus und macht sich schnell los. Ah! Sagen Sie ja nichts! Arnholm . Was ist denn, Liebste? Bolette . Ach, es ist der arme –. Zeigt hinaus. Sehen Sie da hinten. Arnholm . Ist das Ihr Vater –? Bolette . Nein, es ist der junge Bildhauer. Er geht da hinten mit Hilde. Arnholm . So, Lyngstrand. Was ist denn mit ihm los? Bolette . Ach, Sie wissen doch, wie schwach und kränklich er ist. Arnholm . Wenn es nur nicht Einbildung ist. Bolette . Ach nein, es ist schon wahr. Er macht es gewiß nicht mehr lange. Aber für ihn ist das vielleicht das Beste. Arnholm . Meine Liebe, wieso das Beste? Bolette . Ja, weil – weil doch aus seiner Kunst gewiß nichts Ordentliches wird. – Wir wollen gehen, ehe sie da sind. Arnholm . Herzlich gern, meine liebe Bolette. Hilde  und Lyngstrand  werden am Teich sichtbar. Hilde . He, – he! Wollen die Herrschaften nicht auf uns warten? Arnholm . Bolette und ich wollen lieber ein paar Schritt vorausgehen. Er und Bolette gehen links hinaus. Lyngstrand   lacht still . Es ist jetzt hier gar sehr vergnüglich. Alle Leute gehen paarweis. Immer zwei und zwei zusammen. Hilde   sieht ihnen nach . Ich möchte drauf schwören, er geht auf Freiersfüßen. Lyngstrand . So? Haben Sie so etwas bemerkt? Hilde . O ja. Das ist doch nicht schwer, – wenn man die Augen offen hat. Lyngstrand . Aber Fräulein Bolette nimmt ihn nicht. Da bin ich sicher. Hilde . Nein. Sie findet, er hat ein so eklig altes Aussehen gekriegt. Und dann meint sie, wird er auch bald eine Glatze haben. Lyngstrand . Na, deswegen ist es nicht allein. Sie würde ihn doch nicht nehmen. Hilde . Woher können denn Sie das wissen? Lyngstrand . Doch – es ist eben jemand anders da, an den sie versprochen hat immer zu denken. Hilde . Bloß zu denken? Lyngstrand . Ja, solange er nicht da ist. Hilde . Ach, dann sind Sie es wohl selbst, an den sie denken soll! Lyngstrand . Das könnte schon sein. Hilde . Hat sie Ihnen das versprochen? Lyngstrand . Ja, denken Sie an, das hat sie mir versprochen. Aber Sie dürfen ihr ja nicht sagen, daß Sie etwas wissen. Hilde . O, Gott behüte meine Zunge. Ich bin verschwiegen wie das Grab. Lyngstrand . Ich finde das nun zu lieb von ihr. Hilde . Und wenn Sie nun wieder hierher zurückkommen, – wollen Sie sich dann mit ihr verloben? Und sie heiraten? Lyngstrand . Nein, das wird sich nicht gut machen lassen. Denn ich darf doch die ersten Jahre an so etwas nicht denken. Und wenn ich einmal so weit bin, dann wird sie wohl schon ein bißchen zu alt für mich sein, glaube ich. Hilde . Aber doch wollen Sie, sie soll immer an Sie denken? Lyngstrand . Ja, weil das für mich so förderlich ist. Für mich als Künstler, verstehen Sie. Und sie kann es doch leicht tun, weil sie selber keinen rechten Lebensberuf hat. – Aber lieb ist es trotzdem von ihr. Hilde . Meinen Sie, Sie könnten flotter an Ihrem Werk arbeiten, wenn Sie wissen, daß Bolette hier herumgeht und an Sie denkt? Lyngstrand . Ja, ich stelle mir das vor. Sehen Sie, – da irgendwo in der Welt ein junges, feines und verschwiegenes Weib zu wissen, das so Tag und Nacht still von einem träumt –. Ich meine, das muß so etwas – etwas –. Ich weiß nicht recht, wie ich es nennen soll. Hilde . Meinen Sie vielleicht – etwas Spannendes? Lyngstrand . Spannendes? Ja richtig. Spannendes, – das meine ich. Oder so etwas Ähnliches. Sieht sie eine Weile an. Sie, Fräulein Hilde, Sie sind klug. Ganz riesig klug sind Sie. Wenn ich wieder nach Hause komme, dann sind Sie ungefähr so alt wie jetzt Ihre Schwester. Vielleicht sehen Sie dann auch so aus, wie Ihre Schwester jetzt aussieht. Und vielleicht denken und fühlen Sie dann ebenso wie jetzt Ihre Schwester. So daß Sie vielleicht dann Sie und Ihre Schwester – in einer Gestalt sind sozusagen. Hilde . Würden Sie das wünschen? Lyngstrand . Ich weiß nicht recht. Ja, ich glaube fast. Aber jetzt – für diesen Sommer – wäre es mir lieber, Sie blieben Sie selbst. Und akkurat so, wie Sie sind. Hilde . Mögen Sie mich so am besten leiden? Lyngstrand . Ja, so mag ich Sie gar zu gut leiden. Hilde . Hm, – sagen Sie mir einmal, als Künstler, – finden Sie es hübsch, daß ich immer in hellen Sommerkleidern gehe? Lyngstrand . Ja, freilich finde ich das hübsch. Hilde . Finden Sie, daß die hellen Farben mich kleiden? Lyngstrand . Ja, hell kleidet Sie wunderbar, nach meinem Geschmack. Hilde . Aber sagen Sie mir einmal, als Künstler, – wie glauben Sie, würde mir schwarz stehen? Lyngstrand . Schwarz, Fräulein Hilde? Hilde . Ja, schwarz von oben bis unten. Glauben Sie, daß mir das gut stände? Lyngstrand . Schwarz ist zwar eigentlich nichts für die Sommerzeit. Übrigens stände Ihnen gewiß auch schwarz ausgezeichnet. Gerade Ihnen bei Ihrem Äußeren. Hilde   sieht vor sich hin . Ganz schwarz bis an den Hals. – Schwarze Halskrause. – Schwarze Handschuhe. – Und ein langer schwarzer Schleier hinten herunter. Lyngstrand . Wenn Sie sich so anzögen, Fräulein Hilde, dann wünschte ich, ich wäre ein Maler – und müßte eine junge schöne, trauernde Witwe malen. Hilde . Oder eine junge trauernde Braut. Lyngstrand . Ja, dazu würden Sie noch besser passen. Aber das möchten Sie doch wohl nicht, sich so kleiden? Hilde . Ich weiß nicht recht. Aber ich finde, es ist spannend. Lyngstrand . Spannend? Hilde . Spannend, sich das vorzustellen, jawohl. Zeigt plötzlich nach links hinaus. Sehen Sie mal da ! Lyngstrand   sieht dahin . Der große englische Dampfer! Und ganz vorn an der Brücke! Wangel  und Ellida  werden am Teich sichtbar. Wangel . Aber ich versichere Dir, liebe Ellida, – Du irrst Dich! Sieht die anderen. So, seid Ihr beide da? Nicht wahr, Herr Lyngstrand, er ist noch nicht in Sicht? Lyngstrand . Der große Engländer? Wangel . Jawohl! Lyngstrand   zeigt hin . Da liegt er schon, Herr Doktor. Ellida . Ah –! Ich wußte es doch. Wangel . Gekommen! Lyngstrand . Gekommen wie ein Dieb in der Nacht, kann man schon sagen. Ganz unauffällig und lautlos – Wangel . Gehen Sie nur mit Hilde zur Brücke hin. Machen Sie schnell! Sie will sich gewiß die Musik anhören. Lyngstrand . Ja, wir waren eben im Begriff zu gehen, Herr Doktor. Wangel . Wir anderen kommen vielleicht nach. In ein paar Minuten kommen wir. Hilde   flüstert Lyngstrand zu: Die beiden gehen auch paarweis. Sie und Lyngstrand gehen durch den Garten links ab. Während des Folgenden hört man fern draußen auf dem Fjord Blechmusik. Ellida . Gekommen! Er ist da! Ja, ja, – ich fühle es. Wangel . Du solltest lieber hineingehen, Ellida. Laß mich allein mit ihm reden. Ellida . Oh, – das ist unmöglich! Unmöglich, sage ich! Stößt einen Schrei aus. Ah, – siehst Du ihn, Wangel! Der fremde Mann  kommt von links und bleibt auf dem Fußweg jenseits des Gartenzauns stehen. Der Fremde   grüßt . Guten Abend. Da wäre ich also wieder, Ellida. Ellida . Ja, ja, ja, – nun ist die Stunde gekommen. Der Fremde . Also bist Du reisefertig? Oder bist Du es nicht? Wangel . Sie sehen doch selbst, daß sie es nicht ist. Der Fremde . Nicht den Reiseanzug meine ich oder dergleichen. Auch nicht gepackte Koffer. Was sie auf der Reise braucht, das habe ich alles bei mir an Bord. Eine Kajüte habe ich auch schon für sie besorgt. Zu Ellida. Ich frage Dich also: bist Du bereit, mir zu folgen, – in Freiwilligkeit mir zu folgen? Ellida   flehend . Ach, fragen Sie mich nicht! Seien Sie nicht ein solcher Versucher! Man hört die Schiffsglocke in gewisser Entfernung. Der Fremde . Jetzt läutet es an Bord das erste Mal. Jetzt mußt Du ja oder nein sagen. Ellida   händeringend . Entscheidung! Entscheidung fürs ganze Leben! Es nie mehr ändern können! Der Fremde . Nie mehr. In einer halben Stunde ist es zu spät. Ellida   sieht ihn scheu und forschend an . Warum halten Sie eigentlich so unerschütterlich fest an mir? Der Fremde . Fühlst Du nicht mit mir, daß wir zwei zusammengehören? Ellida . Meinen Sie des Gelübdes wegen? Der Fremde . Gelübde binden keinen. Nicht Weib, noch Mann. Wenn ich so unerschütterlich an Dir fest halte, so geschieht es, weil ich nicht anders kann . Ellida   leise und bebend . Warum sind Sie nicht früher gekommen? Wangel . Ellida! Ellida   ungestüm . Ach, – wie's mich zieht und sucht und lockt – ins Unbekannte hinein! Des Meeres ganze Macht drängt sich da rin allein zusammen. Der Fremde steigt über den Gartenzaun. Ellida   flüchtet hinter Wangel . Was ist das? Was wollen Sie? Der Fremde . Ich seh' es, – ich hör' es Dir an, Ellida, – mich wählst Du schließlich doch . Wangel   tritt ihm entgegen . Meine Frau hat hier nicht zu wählen. Ich bin da für sie zu wählen – und sie zu schützen! Jawohl zu schützen! Wenn Sie sich nicht von hier wegverfügen, – aus dem Lande weg – auf Nimmerwiedersehen – wissen Sie, was Sie dann zu gewärtigen haben? Ellida . Nein, nein, Wangel! Nicht doch! Der Fremde . Was können Sie mir tun? Wangel . Ich kann Sie festnehmen lassen – als einen Verbrecher! Auf der Stelle! Noch ehe Sie wieder an Bord sind! Denn ich bin ganz genau unterrichtet über den Mord in Skjoldviken. Ellida . Oh, Wangel, – wie kannst Du –! Der Fremde . Darauf war ich vorbereitet. Und deswegen – nimmt einen Revolver aus der Brusttasche – deswegen habe ich mich auch mit dem da versehen. Ellida   wirft sich zwischen beide . Nein, nein, – töten Sie ihn nicht! Töten Sie lieber mich! Der Fremde . Nicht Dich, noch ihn. Deswegen sei unbesorgt. Der da ist zu eigenem Gebrauch. Denn ich will leben und sterben als ein freier Mann. Ellida   in zunehmender Erregung . Wangel! Laß mich Dir sagen, – sagen, daß er es hört! Wohl kannst Du mich hier zurückhalten! Dazu hast Du Macht und Mittel! Und das willst Du ja doch auch tun! Aber mein Inneres, – meine Gedanken – dieses ganze lockende Sehnen und Begehren – das kannst Du nicht in Fesseln schlagen! Das wird streben und stürmen – ins Unbekannte hinaus, für das ich geschaffen war, – und das Du mir verschlossen hast! Wangel   in stillem Schmerz . Ich sehe wohl, Ellida! Schritt für Schritt entgleitest Du mir. Das Verlangen nach dem Grenzenlosen und Endlosen – und nach dem Unerreichbaren, – das treibt Deinen Geist zuletzt noch ganz ins nächtige Dunkel hinein. Ellida . Ach, ja, ja, – ich fühle es über mir – wie schwarze, lautlose Schwingen! Wangel . So weit soll es nicht kommen. Eine andere Rettung ist nicht möglich für Dich. Ich sehe wenigstens keine. Und darum – darum mache ich – den Handel jetzt auf der Stelle rückgängig. – Nun magst Du also Deinen Weg wählen – in voller – voller Freiheit. Ellida   starrt ihn eine Weile an, als ob sie die Sprache verloren hätte. Ist es wahr, – wahr, – was Du sagst! Meinst Du das – kommt Dir das aus innerstem Herzen? Wangel . Ja, – aus innerstem, qualvollem Herzen. Ellida . Und kannst Du es auch? Kannst Du es geschehen lassen? Wangel . Ja, das kann ich. Ich kann es – weil ich Dich so innig liebe. Ellida   leise und bebend . So nahe also stände ich Dir – so innerlich nahe. Wangel . Das haben die Jahre und das Zusammenleben gewirkt. Ellida   schlägt die Hände zusammen . Und ich, – ich habe das so gar nicht gesehen! Wangel . Deine Gedanken gingen andere Wege. Aber nun, – nun bist Du außer jedem Zusammenhang mit mir und meinem Hause. Und mit den Meinen. Nun kann Dein eigenes, Dein wahres Leben – wieder hinein – in sein rechtes Geleise kommen. Denn jetzt kannst Du in Freiheit wählen. Und unter eigener Verantwortung, Ellida. Ellida   faßt sich an den Kopf und starrt vor sich hin, in der Richtung, wo Wangel steht . In Freiheit und – und unter eigener Verantwortung! Unter eigener Verantwortung auch? – Da rin liegt – die Kraft der Wandlung! Die Dampfschiffsglocke läutet zum zweiten Male. Der Fremde . Hörst Du, Ellida! – Da läuten sie zum letzten Mal. Also komm! Ellida   wendet sich ihm zu, blickt ihn fest an und sagt mit machtvoller Stimme: Nimmermehr gehe ich mit Ihnen nach dieser Stunde. Der Fremde . Du gehst nicht! Ellida   klammert sich an Wangel . O, – nimmermehr verlasse ich Dich von dieser Stunde an! Wangel . Ellida, – Ellida! Der Fremde . Es ist also aus? Ellida . Ja! Aus für alle Zeiten! Der Fremde . Ich seh' es wohl. Hier ist etwas, das stärker ist als mein Wille. Ellida . Ihr Wille hat auch nicht so viel Macht mehr über mich! Für mich sind Sie ein toter Mann, – der vom Meere heimgekehrt ist. Und dahin wieder zurückkehrt. Aber mir graut nicht mehr vor Ihnen. Und nichts lockt und zieht mich mehr. Der Fremde . Leben Sie wohl, Frau! Er schwingt sich über den Gartenzaun. Von diesem Augenblick an sind Sie in meinem Leben nicht mehr und nicht minder als – ein überstandener Schiffbruch. Er geht links ab. Wangel   sieht sie eine Weile an . Ellida, – Dein Inneres ist wie das Meer. Es hat Ebbe und Flut. Woher ist die Wandlung gekommen? Ellida . Ach, begreifst Du denn nicht, daß die Wandlung gekommen ist, – daß die Wandlung kommen mußte – in dem Augenblick, da ich in Freiheit wählen durfte? Wangel . Und das Unbekannte, – das lockt und zieht Dich nicht mehr? Ellida . Weder zieht es mich an, noch schreckt es mich ab. Ich hätte ins Unbekannte hinein schauen – hätte hinein gehen können, – wenn ich selbst nur gewollt hätte. Ich hätte es ja doch wählen können. Und darum konnte ich auch darauf verzichten. Wangel . Ich fange an, Dich zu verstehen – nach und nach. Du denkst und empfindest in Bildern – und in sichtbaren Vorstellungen. Dein Sehnsuchtsdrang nach dem Meer, – jenes Etwas, das Dich lockend hinzog zu ihm, – dem fremden Manne, – das war der Ausdruck für den Freiheitstrieb, der in Dir erwacht und gewachsen war. Nichts andres. Ellida . Ach, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Aber Du bist mir ein guter Arzt gewesen. Das rechte Mittel, das hast Du nicht nur gefunden , – Du hast auch gewagt, es zu gebrauchen , – das einzige , das mir helfen konnte. Wangel . Ja, – in der äußersten Not und Gefahr wagen wir Ärzte so viel. – Aber jetzt kommst Du doch wieder zu mir zurück, Ellida? Ellida . Ja, lieber, treuer Wangel, – nun komme ich zu Dir zurück. Nun kann ich es. Denn nun komme ich zu Dir in Freiheit, – freiwillig – und unter meiner Verantwortung. Wangel   blickt sie innig an . Ellida, Ellida! Ach, – der Gedanke, daß wir beide jetzt ganz füreinander leben können – Ellida . – und mit gemeinsamen Lebenserinnerungen. Deinen – sowie meinen. Wangel . Ja, nicht wahr, Du Liebe! Ellida . – und für unsere beiden Kinder, Wangel. Wangel .  Unsere sagst Du! Ellida . Die nicht mein Eigen sind, – aber die ich mir schon erringen werde. Wangel . Unsere –! Küßt froh und eilig ihre Hände. Dank, – unendlichen Dank für dies Wort! Hilde ,  Ballested ,  Lyngstrand ,  Arnholm  und Bolette  erscheinen im Garten links. Gleichzeitig viele junge Leute aus der Stadt und Sommerfrischler auf dem Fußweg draußen. Hilde   halblaut zu Lyngstrand . Sehen Sie nur einmal – wie verlobt sie und Papa ausschauen. Ballested ,  der es gehört hat . Es ist Sommerzeit, Fräuleinchen! Arnholm   sieht zu Wangel und Ellida hin . Da segelt der Engländer. Bolette   geht an den Zaun . Von hier aus kann man ihn am besten sehen. Lyngstrand . Die letzte Reis' in diesem Jahr. Ballested . »Bald sind sie zu, die Sunde all«, wie der Dichter sagt. Das ist traurig, Frau Wangel! Und jetzt verlieren wir auch Sie für einige Zeit. Morgen ziehen Sie ja doch nach Skjoldviken hinaus, wie ich höre. Wangel . Nein, – daraus wird nichts. Wir beide haben uns soeben anders entschlossen. Arnholm   sieht sie abwechselnd an . Ah, – wirklich! Bolette   kommt nach vorn . Papa, – ist es wahr? Hilde   auf Ellida zu . Du bleibst doch bei uns?! Ellida . Ja, liebe Hilde, – wenn Du mich haben willst. Hilde ,  kämpfend zwischen Weinen und Lachen . O, – Du fragst noch – ob ich will –! Arnholm   zu Ellida . Das kommt aber in der Tat überraschend –! Ellida   lächelt; ernst . Nun, sehen Sie wohl, Herr Arnholm –. Erinnern Sie sich, – wir haben gestern davon gesprochen! Wenn man einmal eine Festlandskreatur geworden ist, – dann findet man nicht mehr den Weg zurück – zum Meer. Und auch nicht zum Meeresleben. Ballested . Aber das ist ja akkurat so wie mit meiner Meerfrau! Ellida . Ungefähr so, – ja. Ballested . Nur mit dem Unterschied: die Meerfrau – die stirbt daran . Die Menschen dagegen – die können sich akklam – akkli–matisieren. Ja, ja, – ich versichere Ihnen, Frau Wangel, die können sich ak–kli–matisieren! Ellida . Ja, in Freiheit, da können sie es, Herr Ballested. Wangel . Und unter eigener Verantwortung, liebe Ellida. Ellida   rasch, reicht ihm die Hand . Das ist es. Das große Dampfschiff gleitet lautlos über den Fjord weg. Die Musik ertönt näher am Lande.