Jean Paul Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche     Inhalt Vorrede . I.  Nachdämmerungen für Deutschland mit einer Zueignung an einen deutschen Erbprinzen und an seine Gemahlin. Vorbericht zur Zueignung . An Ihn und an Sie : 1. Der Fackeltanz. – 2. Die Schönheit. – 3. Streit der Perle mit der weißen Rose. – 4. Die Zueignung der Dämmerungen an Zwei. Erste Nachdämmerung : Die geistige Gärung des deutschen Chaos – Morgenstrahlen im Jahre 1816. Zwielichter : 1. Einheit und Vielheit. – 2. Deutsche Gesellschaftlichkeit. – 3. Wir. – 4. Deutsche Oppositionpartei. – 5. Veredelte Lebenart. Zweite Nachdämmerung : Bürgerliche Ehrenlegionen oder Volkadel – Morgenstrahlen im Jahr 1816. Zwielichter : 1. Der Fürsten-Günstling. – 2. Orientalischer Generalstab. – 3. Polarität des Volks. – 4. Deutsche Armut. Dritte Nachdämmerung : Über die Furcht künftiger Wissenschaftbarbarei – Nachschrift über die deutsche Sprache – Morgenstrahlen im Jahre 1816. Zwielichter : 1. Völker-Schlagfluß. – 2. Geschrei wider außen. – 3. Männlichkeit der Autoren. – 4. Unser Durchbruch. – 5. Deutsche Federkraft. – 6. Über das Alter deutscher Heerführer. – 7. Trost. – 8. Soldaten-Plage. – 9. Die Völker-Zypressen. – 10. Das Menschen-Geschlecht. – 11. Wert des Unglücks. – 12. Unterschied des Stillstandes. – 13. Mißkennung großer Taten-Menschen. II.  Mein Aufenthalt in der Nepomuks-Kirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen . III.  Dämmerungschmetterlinge oder Sphinxe. Vorwort . Erste Sphinx : Über die menschlichen Ansichten der Zukunft. Zweite Sphinx : Landes-Reichtum und -Macht. Dritte Sphinx : Dreifacher Mißbrauch der Anspielungen auf die Zeit. Vierte Sphinx : Deutsche Fürstenliebe. Fünfte Sphinx : Schnelle Aufklärung und schnelle Verfinsterung. IV.  Die Doppelheerschau in Großlausau und in Kauzen samt Feldzügen. Erstes Kapitel , worin mehr als ein Fürst auftritt. Zweites Kapitel , worin Erklärungen und Zurüstungen des Kriegs vorkommen. Drittes Kapitel , worin Würste und Galgen von strategischer Bedeutung sind. Viertes Kapitel , worin der Krieg eine ernsthaftere Wendung annimmt. Fünftes Kapitel , worin die Kriegflammen lodern und Eroberungen um sich greifen. Sechstes Kapitel , worin der blutige Krieg in einen andern übergeht, Zeitungschreiber glänzen und ein Anfang zum Ende der ganzen Sache gemacht wird. Nachschrift im Heumond 1816 . V.  Nachsommervögel gegen das Ende des Jahrs 1816 1. Die französischen Emigrés und Rémigrés. – 2. Frankreich. – 3. Die schönere Passionblume. – 4. Erste Pflicht der deutschen Fürsten gegen deutsche Völker. – 5. Gesetze des Friedens. – 6. Ende jeder unsittlichen Gewalt. – 7. Kraft des Lichts. – 8. Fortschritte der Menschheit und einzelner Völker. – 9. Gericht über Staaten. – 10. Licht-Propaganda von oben herab. – 11. Frühere Hoffnungen. – 12. Nutzanwendung nicht der Fastenpredigten, sondern der Zeit.     Vorrede Ich kann die kleine Geschichte der vier vor mehren Jahren gedruckten Abteilungen des Werkchens (denn die fünfte ist neu, so wie auch die Vorrede, und bekommen beide erst künftig eine Geschichte) in einer Minute mitteilen. I. Die Nachdämmerungen wurden im »Deutschen Museum bei Perthes« 1810 gedruckt – II. die Belagerung von Ziebingen im »Kriegskalender bei Göschen« 1810 – III. die Sphinxe im »Deutschen Museum von Schlegel« 1812 – IV. die Doppel-Heerschau im »Kriegskalender bei Göschen« 1811. Da sie nun in jenen lastenden Jahren geschrieben worden, wo weiter keine andern Federn kühn und stolz sich bewegen durften als die auf Helmen, und wo man in Schafkleidern gehen mußte, um Wölfen nicht anstößig zu werden: so wird man sich über die Stellen dieses Buchs nicht entrüsten, wo ich mit den Wölfen zwar nicht heulte, aber auch nicht über sie. Auch gibt es wieder andere Stellen, worin ich, wie noch weltklugere Köpfe, von dem zweiten Bonifatius, der unsere heiligen Eichenwälder fällte, immer noch zu hoffen nicht nachlassen wollte, wiewohl wir Deutschen diesem Bonifatius – uns auch von einer Freiheitinsel zugeschickt wie der erste – die Bekehrung vom moralischen Heidentum der Selberentzweiung und Selbsucht wider seinen Willen verdanken. Alle jene Stellen hab' ich ungebessert und ungefärbt bestehen lassen, um mir nicht durch Zurückdatieren späterer Einsichten und durch Einschiebung jetziger Freimütigkeit einen neuen falschen Glanz zu geben, da ich alten genug habe. Nur Sprachänderungen wurden ins Alte eingeschoben; oder höchstens solche Gedanken, womit man zu allen Zeiten hervorrücken durfte, z. B. mit dem Satze a = a, indes ein Gedanke wie a – a = 0 schon 1072 seine besondern günstigen Zeiten fodert. Auch wollt' ich die Gegenwart gern wieder hören lassen, wie man vor kurzem hat seufzen müssen – besonders nach ihr. Überhaupt sollten die Schriftsteller sich, wie J. J. Rousseau, nicht schämen, in neuen Auflagen ihre alten zu beichten. Warum wollen sie gerade im Drucke die Wunde und den Wundbalsam der Endlichkeit, die Veränderlichkeit, verbergen, als wäre jede ihrer Meinungen die letzte und jeder Wille ein letzter? Wenn doch in der Studierstube eines Gelehrten der Glaube desselben sich so oft verwandeln, häuten, einspinnen, verlarven, verpuppen muß, bis solcher wieder endlich entpuppt ausfliegt – und wenn es auf keine Weise zu ändern ist, daß man es auf allen Gassen weiß, wie der gelehrte Mann in einem fort (es geht beinahe ins Unglaubliche) sich und seinen Glauben änderte und anders dachte, zuerst als Primaner – dann als Student – anders als Privatdozent – noch anders als Professor extraordinarius – von neuem anders als ordinarius – darauf vollends anders als rector magnificus  –: warum will denn der Mann nicht auch der Welt im Freien seine neuen Häutungen zeigen, welche er, wie die Eintagfliege die ihrigen, noch im Fluge vornimmt? – Ohnehin ließe sich fragen, ob nicht zuweilen die Geschichte einer Meinung, so wie gewöhnlich die Geschichte einer Stadt, nicht ergiebiger ist als diese selber. Übrigens geht durch alle meine politischen Aufsätze, von des ersten Konsuls Drucke an bis zu des letzten Kaisers Drucke, etwas ungebeugt und aufrecht, was ich jetzo am liebsten darin stehen sehe – die Hoffnung. Sie, diese Sprecherin und Bürgin der Vorsehung, begleitete mich durch jene Zeit, wo über jeder Wolke eine höhere stand und über diese wieder eine stieg; jene schauete durch diese Wolken hindurch und versicherte es, daß sie noch die Sonne sähe. Jetzo weiß jeder, daß sie recht gehabt, und daß eine Sonne noch scheint. Johannes von Müller Dessen Werke. B. 16. S. 196. sagt: »Wenn der Mensch keinen Rat mehr weiß, fangen die Wege der Vorsehung an; seit mehr als 200 Jahren ist auf dem großen Schauplatze fast immer das Unwahrscheinlichste geschehen.« Und Friedrich Jacobi sagte noch 1073 in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts: »man (die Staaten) solle nie das Bevorstehendscheinende als unvermeidlich fürchten und erdulden.« Diese Hoffnungen im Unglücke der Staaten – so wie diese Befürchtungen im Glücke, d. h. in der hohen Freiheit desselben – gleichen den Träumen, welche nach Kant als geistige Tätigkeiten im Schlafe das Leben fortschüren müssen, das sonst an ihm erlösche; wie der Freistaat Sparta die Furcht anbetete, so findet man die Göttin Hoffnung ( dea spes ) Beckers Augusteum I. nie öfter auf den Münzen als unter schlimmen Kaisern, wie Kaligula. – Die Menschen vergessen und verzweifeln nur zu oft: sonst würden sie finden, daß das Schauen und Vertrauen auf die göttlichen Gesetze des großen Weltganges leichter das Ziel weissagen kann, als oft der Reichtum von Kenntnissen der politischen Einzelheiten vermag; und ein glaubiger Dichter ist zuweilen ein besserer Prophet als ein herzloser Kenner aller Kabinette. – Wenn es nicht zu kühn ist, großen Mächten nachzuahmen und einem kleinen Werke lang vorzureden: so mag hier fortgefahren und der Titel Fastenpredigten kurz entschuldigt werden oder erklärt. Die Aufsätze wurden nämlich in der wirklichen Fastenzeit (oder Quadragesima) Deutschlands geschrieben, welche am meisten als eine geistige uns und unsere Predigten aushungerte und uns nicht viel Bücherkost und Freirede und Tanz und Musik des Herzens zuließ, sondern uns bloß auf Betrachtungen von Leiden einschränkte. Noch dazu war die gedachte Fastenzeit auch eine ordentliche leibliche , in welcher die gallikanische Ur-Kirche umgekehrt statt des Fleisches Seefische und alles, was das Meer zubringt, verbot und den Übertretern, wie im zehnten Jahrhunderte den katholischen Fastenbrechern, die Zähne ausschlug. Doch soll man aus Unparteilichkeit nicht verbergen, daß hier nicht wie im Jahre 1538 zu Paris die Übertreter verbrannt wurden Nach Sleidan wurde ein junger Edelmann für sein Fleischessen selber gebraten, und nur die Flucht rettete drei Niederländer aus demselben Bratfeuer. , sondern nur die Sachen selber, ja daß noch dazu Kreuzbullen mit Fastendispensationen, d. h. Freibriefe genug feil standen und also das 1074 Fasten, welches das Conclave und die Jury – England und Festland – zur Einhelligkeit der Wahl und des Urteils zu zwingen hatte, durch gut zubereitete Fastenspeisen leidlicher ablaufen konnte. Diese Fastenpredigten und ihr Titel verdienen nur einen solchen Aufwand von Anspielungen nicht: sonst wäre sehr leicht noch darauf anzuspielen, daß in der deutschen Quadragesima, wie in der frühern christlichen, wir aus Heiden und Juden mehr Christen und also Katechumen geworden, daher, wie die christlichen früher von Sonntag zu Sonntag, so wir von Schlachten zu Schlachten anders heißen konnten, anfangs Anfänger – dann Hörende – dann Bittende – dann Erleuchtete – endlich »gleichsam Neugeborne« ( Quasimodogeniti ). Indes sind doch – was die Hauptsache ist und auf was alle Leiden- (Passion-) oder Fastenpredigten der Schreiber in den leisen Geschichten der deutschen Leiden hinwiesen – die Auferstehung und Ostern endlich da – die Osterkerzen leuchten – die Osterwasser säubern – und die Osterfladen schmecken, ja das sogenannte »christliche Ostergelächter« oder die »Ostermärlein« herrschen in allen Büchern, ja in diesen Fastenpredigten wurde sogar noch früher gescherzt. Noch steht uns der Sonntag nach Ostern, nämlich der Bundestag zu erleben bevor, oder der sogenannte Sonntag Quasimodogeniti, wie er in der ersten christlichen Kirche hieß von den gleichsam Neugebornen, welche da die Taufhemden ablegten – oder (wie er noch hieß) der Sonntag der Apostel oder Abgesandten (weil da ihnen zuerst der Auferstandene erschienen) – oder auch der Thomastag, weil an ihm Thomas' Bekehrung vorgelesen wurde – endlich gar Gegenostern, weil er der achttägigen Osterfeier ein Ende machte. – Nach letztem Beinamen jedoch hat der Bundestag nicht zu ringen nötig, da wir alle vielmehr wünschen, das Fest der Auferstehung immerfort zu feiern. Baireuth, in der Herbst-Tag- und Nachtgleiche 1816. Jean Paul Fr. Richter 1075   I. Nachdämmerungen für Deutschland mit einer Zueignung an einen deutschen Erbprinzen und an seine Gemahlin Vorbericht zur Zueignung Dämmerungen Deutschlands deutschen Fürsten widmen, heißt Hoffnungen zueignen und unter jenen bloß die morgendliche verstehen, die in den Tag zerschmilzt. Da ich folgende vier Polymeter den hohen Personen ohne ihre Erlaubnis widme – was ich sehr gut ohne das geringste Bedenken tun kann, sobald ich nur ihre Namen nicht ausspreche –, so mögen, falls man diese herausbringt, die Urbilder es sich selber zuschreiben, daß ein Maler sie zu kenntlich darstellt, der bloß lobt; aber in solchem Falle hätte, darf ich wohl behaupten, mehr die Welt zugeeignet als ich.   An Ihn und an Sie 1. Der Fackeltanz Ich kenne einen schönern Fackeltanz der Fürsten als den kurzen der Vermählungsfeier; ich kenn' ein Land, klein und licht, wo Genien wohnen und den Fürsten Fackeln erschaffen und reichen; die Fürsten tragen sie in schöner, leichter, nichts verletzender Bewegung umher, – und hell wird es weit in fremde Länder hinaus. Zwei Genien und deren Gönnerin sind nicht mehr; aber die Gegenwart reift fort, und die Zukunft blüht entgegen. 2. Die Schönheit Wie in Zimmern mit rosenrotem Spiegelglas jedes Angesicht blüht und überall Morgenröte umherliegt: so verschönert und 1076 verjüngt Schönheit alles, was sie umgibt. Sie – der Frühling der Gesellschaft – wärmt jede Kraft zum Aufblühen und die gesellige Rede zur einsamen Dichtkunst – das Alter wird jugendlich, die Jugend wird ernst – jedes Herz bewegt sich mit neuer freudiger Macht – und deutsche Zepter richten sich als zartgezogne Magnetnadeln nach Norden . 3. Streit der Perle mit der weißen Rose Die Perle: »Ich bin Ihr ähnlicher und gehöre Ihr mehr an als du, denn ich glänze mild und rein.« Die weiße Rose: »Aber ich trage die Unschuldfarbe noch heller, ich bin ähnlicher.« Die Perle: »Aber mein Wert verwelket nicht.« Die weiße Rose: »Aber ich hauche Lebensfrühling dem Zephyr zu.« Die Perle: »Und ich berühre zuweilen Ihr Haupt.« Die weiße Rose: »Und ich ruh' an Ihrer Brust zuweilen.« Plötzlich schlug eine rote Rose alle ihre jungen Aurora-Reize auseinander und sagte im blühenden Prangen: »Wetteifert nicht so vergeblich, ihr Schönen! Ich bin Ihr ja auch ähnlich.« 4. Die Zueignung der Dämmerungen an Zwei »Zweierlei Dämmerungen, die des Abends und des Morgens, eignest du Ihm und Ihr; und beiden durch dasselbe Wort; wie rechtfertigst du, was du wagst?« – Beides durch den Himmel: über eine Dämmerung regiert der Abendstern, auch Stern der Liebe genannt; die andere Dämmerung beherrscht der Morgenstern, der Lichtträger genannt. So mögen auch meinen Dämmerungen (sagt der Wunsch) zwei günstige Sterne scheinen. »Aber beiden sagst du einerlei Wort?« – Am Himmel ist Abend- und Morgenstern nur einer und eins . 1077   Erste Nachdämmerung Die geistige Gärung des deutschen Chaos Kein Volk ist jetzo in einem solchen Elementen-Gefechte poetischer , philosophischer und politischer Bildung begriffen als das deutsche, indes die andern Völker um uns her entweder in befriedigter Einheit, oder matter Verblutung, oder selbstsüchtiger Kälte still umherliegen. Wir gleichen in der Philosophie, Dichtkunst und zum Teil in der Politik jenen alten Ketzern des Eutychiasmus, welche sich Acephali (Oberhauptlose) nannten, weil sie sich keinen Anführer andichten ließen. Unsere neue Vielgestaltung ist bloß die Anverwandte unserer alten. Für diese wird ein Geschichtschreiber Mütter genug finden. Nicht bloß darum, weil kein Volk so oft wanderte als (nach Herder) das deutsche, daher der Name Sweven von Schweifen, Vandalen von Wandeln – denn die Juden und Zigeuner machten die längste grand tour , die es gibt, aber als lauter von Ursitten versteinerte Gestalten –, sondern hauptsächlich deshalb, weil das reisende Deutschland zugleich auch ein durchreisetes ist von Kriegherren und Kauffahrtei-Kirwanen – und weil dieses Herz Europens alle Völker als Adern wässert – und weil Deutschland ein ganzes Volk von Völkchen, ein Land voll Ländchen und ein Spielplatz von Himmelsstrichen ist – und weil das vielgestaltete Reich der noch mehr gestaltige Grenzumkreis von Russen, Welschen, Galliern und noch dabei näher die Mannigfaltigkeit der halben oder Dreiviertelbrüderschaft von Schweizern, Holländern und Elsässern und Nordländern und Ungarn einfaßt – und endlich, weil die Deutschen fast auf allen ausländischen Thronen eine Zeitlang gesessen, welche als deutsche geistige Niederlassungen und Warenniederlassungen uns wieder eben darum fremde Waren zuschickten – nach allen diesen Einwirkungen und noch mehren mußte schon früher Deutschland den Steinen gleich werden, auf welchen die Abdrücke der ungleichartigsten Gegenstände von Pflanzen und von See- und von Landtieren zugleich erscheinen. Jetzo nun vollends schaue man in unsere Vielgestaltigkeit, zuerst in die unserer Literatur . Seit den Xenien sind alle literarische 1078 Autoritäten untergraben, und die Autoritäten der Untergräber selber; jeder gilt durch Kraft, keiner durch Namen, vor welchem kaum der winzigste Kritiker mehr flieht. Nirgend und niemals standen sich Jugend und Alter in literarischen Schätzungen mehr entgegen als jetzo in Deutschland, wo der Greis ganz andere deutsche Musterwerke als der Jüngling kennt. In Paris und London hingegen ist der Ruhmtempel ihrer Klassiker eine Gesamt- oder Simultankirche von Alten und Jungen geblieben, so wie man bei uns zu Gellerts oder zu Wielands Zeiten über damaligen Dichterrang und zu Mendelssohns Zeit über Philosophenrang ziemlich einig gewesen. In Madras werden dreiundzwanzig Sprachen gesprochen Niekamp im Auszuge aus den Missionsberichten in Ostindien, 1. T. ; bloß ungefähr so viele Rechtschreibungen – die verschiedenen nicht einmal gerechnet, die derselbe Schriftsteller in verschiedenen Zeiten gebraucht –, aber noch mehre Prosa-Stile und noch mehre Poeten-Stile weisen wir auf. Jeder bläst, wie in der russischen Jägermusik, seinen einzigen Ton und achtet nur auf den Takt, ohne nach den Tönen der andern Mitspieler nur hinzuhören, weil er vielleicht weiß, daß in jedem Tone die ganze Musik auf- und abtöne. Die französische Prose ist kaum verschiedner von deutscher, als solche deutsche Prosaisten voneinander selber es sind, wie da folgen: Herder – Wieland, Goethe – Schiller, Garve – Hamann, Johannes von Müller – Spalding, Fr. Jakobi – Engel, wozu noch kommen Klopstock, Hippel, Schleiermacher, Voß, Adam und Friedrich Müller, Fichte und Sturz. Gleichwohl verschwindet diese Mannigfaltigkeit als keine völlig gegen die weit breitere unter den Dichtern; denn da wir jetzo alle Gesang- und Ton-Arten aller Länder, die spanischen – indischen – griechischen – römischen – gallischen – galischen – altdeutschen – neuestdeutschen zu uns herübersingen: so gleichen wir in der Tat der leibhaften Menschenstimme, welche mit ihrem Singen aller Selblauter allein ein ganzes Konzert von Blasinstrumenten auf einmal ist, indes das Horn nur dem a ähnlich klingt, die Oboe nur dem i, die Klarinette nur dem e und so jedes Instrument einem andern 1079 Selblauter. Die Pestalozzische Gesangbildungslehre von Nägeli . Allerdings hat diese Wesenkette von regierenden Dichtungen und Dichtern, welche die beiden Messen beziehen, das Unangenehme, daß ein alter gekrönter Poet jährlich zweimal nicht zum besten empfangen wird, er mag mit noch so lang bis auf die Achseln hereinhangenden Lorbeerkränzen unter die Mitregenten treten; er hat in seinem Ruhmtempel so etwas von der Aussicht vor sich, die dem Zuchthäusler viel Zukunft versalzt, welchen halbjährlich an Ort und Stelle ein sogenannter Willkommen empfängt. Ja, damit man die Menge der verschiedenartigen Dichter weniger fühle, so macht es die Kritik mit den Dichterwerken wie die Pariser Polizei mit den Anschlagzetteln, welche sie jeden Abend herabreißt für frische. Auch erwäge man das beste Gegengift gegen das dichtende Allerlei und Bunterlei, nämlich das deutsche Gedächtnis; dieses läßt nämlich Leute nach Leuten durchfallen, und das gelehrte Deutschland ist ein schöner Tempel der Minerva, worin die Vergeßlichkeit ihren eignen Altar besaß. Gleichwohl wünsche man diesen Erbfolgekrieg um die Zukunft nicht darum hinweg, weil etwan jugendliche Frechheit die Nachzügler einmischt. Wenn früher unsere Sprache nur ein unscheinbares Grubenkleid war, worin wir Glanz und Gold aus Tiefen holten: so ist sie jetzo schon selber mit diesem Gold besetzt und durchwirkt. Hält nun dieses freie Hineinarbeiten unserer Sprache in alle Sprach- und Dichtformen, dieses Einschmelzen, Zugießen, Ausschmieden und Feinziehen derselben nur noch ein zweites Halbjahrhundert an – ein deutscher Sprachfleiß, welchen die politischen Verhältnisse mehr befeuern als ersticken –: so öffnet sie ein so reiches volles Warenlager von Arbeit- und Reißzeug aller Art, daß, wenn ein zweiter Klopstock oder Goethe erscheint, welcher mit ihrem Reichtum so wuchert wie die ersten mit ihrer Armut, alsdann die moderne Dichtkunst vielleicht den sechsten Schöpfungtag begrüßt. Wollen wir auf die deutschen Philosophien hinschauen! Jetzt haben wir deren so viele, daß nicht einmal der hungrigste Eklektiker noch eine neue mehr verlangt. Was Johannes von Müller 1080 bemerkt In seinen Essais historiques . , daß die drei Päpste, welche im Jahre 1409 auf einmal da waren, durch ihr gegenseitiges Vorwerfen den Ruf päpstlicher Heiligkeit ins Fallen brachten: dies könnte man auf die drei so schnell einander nachrückenden Päpste Kant, Fichte und Schelling für den Ruf der Unfehlbarkeit behaupten; und es ist niemand zu verdenken, wenn er jetzo viele Systeme lieset wie ich, bloß um mit ihnen seine Turn-Übungen oder auch Scherz zu treiben, weil er, wenn Sulzer die Ode für eine erweiterte Ausrufung erklärt, so gern ein System als ein erweitertes Fragezeichen beschreibt. Aber dies gefällt wenigen philosophischen Statthaltern Christi, welche ihre Werke, was kein Dichter bei dem seinigen täte, für ewige und beste erklären. Fichte schwor und fluchte zum Grausen vor ganz Deutschland und vermaß sich gedruckt, er wolle in die Hölle fahren, wenn er sich je ändere; daher er vielleicht Gegner von Übergewicht, wie Schelling, nicht lieset, bloß um nicht verdammt zu werden, wenn er sich bekehrt. Jeder Systematiker bringt – wenn ich anders eine so entfernte Anspielung herbeiziehen darf – mit seiner Baumwolle sogleich die sogenannte Baumwollmühle mit, welche jene von allen Kernen bestens säubert. Aber, beim Himmel, die Kerne sollen eben zu neuer aufgehen; und Kant würde ein lichtschlagender, anreizender Wohltäter Deutschlands bleiben, wäre sogar sein ganzes System ihm nachgestorben, um, wie er, bloß verklärt wieder aufzustehen. In Frankreich freilich ist nur eine Philosophie, wenn man der toten und tötenden der Enzyklopädisten diesen Namen gestatten will; aber dafür ist bei uns eine Zeit des Strebens nach allen philosophischen Richtungen hin, und jeder läuft von einem eignen Punkte des Umkreises aus, um in dem Mittelpunkt einzuschlagen. Kein Ausland kann unserer Wiederholung der einzigen philosophischen Olympiade Athens nachahmen oder nachkommen. Das Ausland bedarf längerer Zeit zum philosophischen Erlernen als wir zum Erfinden; und wir sind schon seit geraumer Zeit über Kant hinausgezogen, indes das Ausland mit allem Blättern noch nicht einmal in ihn hineingekommen. 1081 Jetzo in kurzer Zeit hat sich der philosophische Handel die höchste Bedingung seiner Fracht, eine Meerfreiheit erobert, wie sie bisher niemals in Deutschland war. Daß wir bei dieser Freiheit nicht griechische Sophisten und lateinische Scholastiker künftig laden und ans Land setzen, dafür bürgt uns die Gemeinschaft, welche der Deutsche immer zwischen Kopf und Herz unterhält und welche sich auch jetzo in seiner Philosophie durch deren Einmischen der Mystik und durch ihr Ausdehnen über alle Wissenzweige offenbart. Was vollends das von der Naturphilosophie belebte infusorische Chaos anlangt, so zeigte noch kein Volk als unseres einen solchen Reichtum, Umfang und Unfug von Gleichungen, Polarisierungen und Trauungen auf, weil zu diesem Heere alle Wissenschaften ohne Ausnahme ihre Körper und Geister stellen; eine ungeheure Mischlehre von der Arznei-, Stern-, Natur-, Erdkunde und allen Wissenschaften auf einmal. Aber diese Algebra des Universums macht eben durch die Unzähligkeit ihrer Gleichungglieder die so unendlich-schwere und lange Rechnung leicht und verschieden, weil jeder die Wahl unter den Gliedern hat; daher uns die naturphilosophischen Parallellinealisten so oft das erneuerte Schauspiel der von Lessing bekämpften Harmonisten der Evangelien geben. Wer Zeit hätte, könnte Scherzes halber die Disharmonien unter den Harmonisten selber zusammenstellen, z. B. unter Schelling, Oken, Schubert, Steffens, Walther, Troxler, Görres etc. Aber wahrlich diese Disharmonie, diese Ungleichheit der Gleicher ist weniger Unglück als nur Weglänge zum Ziel. Die Dummheit beginnt, womit die Weisheit schließt, mit Frieden; dazwischen liegt der Krieg. Der politische Gärbottich – wovor ein bekannter einsichtiger Braumeister steht Nämlich 1809. – brauset noch mehr durcheinander. Ein Mann im Hause Nro. 1809 hält dasselbe für deutsche Himmelfahrt, was der andere im Hause Nro. 1789 für Höllenfahrt erklärt, obgleich zwischen beiden Fahrten ein waagrechter Steig und Flug durchgeht; man kann jetzo fast über keine Partei mehr schreiben, ohne zwei Parteien zu beleidigen. Was in Deutschlands 1082 Veränderungen der eine für faulende Gärung ansieht, hält ein Verfasser des Jasons für geistige – ein dritter für weinsaure – ein vierter, wie ich, gar für die drei Gärungen, welche jedes Volk stets auf einmal zugleich durchmacht und aushält. Übrigens wird sich der neue richtigere politische Geist sowohl an Höfen, wo noch meistens die kenntnislose Ungläubigkeit an den Zeitgeist verhärtet, als in den tiefsten Ständen voll Druck und Nacht nicht so rein als im Mittelstande entwickeln. In diesem wird sich die rechte Ansicht der Zeit gerade so durch die Bekanntschaft mit den entgegengesetzten Ansichten am Ende ausbilden, wie durch Verbindung der Gläser, welche vergrößern , mit denen, welche verkleinern , das Sehrohr entsteht. Indes bleibt doch allen entgegengesetzten Parteien die Gemeinschaft eines erhöhten Liebe-Eifers für das Vaterland, und sogar denen, welche davon nur Ruinen noch finden wollen, erscheint es jetzo größer, so wie die Ruinen von Palmyra (nach Gibbon) dem Auge durch die leere Wüste umher erhabener vorkommen. Aus einer solchen Kriegschule von arbeitenden Regungen in Philosophie, in Dichtkunst, in Politik zugleich – vollends gegenüber dem mehr fort anfeuernden als feuernden großen Franken-Reiche voll Reizmittel – muß Deutschlands Gestalt künftig zu hoher Stärke und Fertigkeit entfaltet hervortreten. Nur müssen wir den angefangenen Tag weder im Guten noch Bösen, etwa wie das bürgerliche Recht bei Vorteilen tut Civilis dies inceptus habetur pro completo ; z. B. das Testament eines Minderjährigen gilt schon, obgleich am letzten Tage seiner Minderjährigkeit gemacht. , schon für einen vollendeten ansehen; denn Völker haben oft Tage aus Daniels langen Wochen. Wir müssen uns nur nicht, weil (nach Buffon) zuweilen wirklich lebendige Küchlein ohne Eier geboren worden, darum unsere Eier auszubrüten schämen. Die Franzosen wurden zu den jetzigen Franzosen durch eine längere als die benannte Revolution oder Umwälzung gebildet und geballt. Laßt uns langsame Kalte keine kürzere fodern, wiewohl doch an der ihrigen sich die unsrige ihre Entwicklung verkürzen kann. Die gewöhnliche deutsche Verarbeitung und Verdauung ausländischer Formen 1083 wird aus diesen Saft und Blut von einem neuen Werte zubereiten, den man den Nährstoffen kaum angesehen, so wie wir es mit gallischer Chemie, Philosophie und Poesie getan. – Gesetzt übrigens sogar, was noch gar nicht ausgewogen ist, es arbeitete in der Zeitmasse ein Übergewicht giftiger Reize über gesunde: so braucht ihr nur an das europäische Mittelalter zu denken, wie mitten in einer erwiesenen Überlegenheit von Nacht und Druck sich politische Freiheit in England und Deutschland und kirchliche in Frankreich und zuletzt in ganz Europa wiedergeboren – und von welchen armseligen Anfängen und Zufälligkeiten damals weite Erleuchtung ausströmte – und wie sehr Päpste gerade durch Despotie nur ihre eignen Gegenpäpste wurden: – alsdann werdet ihr nachfühlen und voraussehen, durch wie wenige Lebenkräfte sich die bloß zum Leben geborne Menschheit auf Stufenjahren zu verjüngen weiß; gerade wie der einzelne Mensch gesund in der atmosphärischen Luft fortatmet, obgleich nur ¼ derselben Lebenluft ist, ¾ aber giftige. Sei daher jeder wacker und unverzagt bei dem neuen – wenn nicht Aufbau, doch – Um- und Fortbau Deutschlands. Wenn Montaigne III. 9. die etwas selbsüchtige Freude darüber bezeigt, daß seine Alters-Hinfälligkeit zugleich in die seines Vaterlandes einfalle: so erfreue sich jetzo vielmehr umgekehrt jeder seiner Jugend – dieses Brautstandes der Zukunft –, weil er damit länger und rüstiger am neuen Baue helfen und höhen kann, und schäme sich des feigen Sehnens nach Sterben. Denn gearbeitet muß doch einmal werden; von wem aber wird es feuriger geschehen, von einer schon eingewöhnten eingefahrnen Nachkommenschaft ohne Feuer der Neuheit oder von der jetzigen frischen Gesellschaft deutscher Gesellschaften zu höherem als literarischen Zweck, da schon Herder bei andern Vereinigungen, z. B. der Jesuiten, der Akademien, den höchsten Punkt ihres Wirkeifers in die Zeit ihrer Entstehung setzt? – Ich habe diesen Edlen hier genannt. – Freilich ihm und Klopstock und Gleim und noch einigen Alten, welche genug getan für die vorige Zeit, bleibe aus einer neuen, wo ihre Jünger arbeiten 1084 sollen, ihr Wegziehen gegönnt. – Euer graues Haupt mit dem Lorbeerkranz liege, vom Grabe zugedeckt, ruhig unter dem Krieg- und Elend-Geschrei; denn manches wär' euch in euern sterbenden Jahren zu hart gefallen. – Aber du, noch so junger oder verjüngter Johannes von Müller, solltest nicht entflohen sein; du bauetest so schön der neuen Zeit die alte an und littest und schufest zugleich; – und suchtest in der Nachwelt Vorzeit. So wirke denn dir jeder Verwandte deines Sinnes nach und tue Gutes und Bestes, ohne etwas anders – nicht einmal die Hoffnung, geschweige die Furcht – zu befragen als sein Herz voll Vorwelt. Morgenstrahlen im Jahre 1816 Vielleicht wäre der Ausdruck deutsches Chaos besser weggeblieben. Es gibt aber überhaupt nur ein beziehliches – ein geschaffenes wäre ein Widerspruch –, und jede Vergangenheit ist der Zukunft eines. Kein Gedankenstreit kann einen ewigen Frieden schließen, sondern nur einen Waffenstillstand für einen künftigen höhern Streit; und es wäre seltsam, zu erwarten, daß ein sechstausendjähriger Krieg sich gerade heute mit einem Frieden schlösse, der noch länger dauerte als er. Der philosophische Krieg scheint sich immer mehr in einen theologischen aufzulösen; denn wir haben jetzo neben den freien Christen Mittelchristen, Altchristen, Überchristen und Romchristen. Überhaupt scheint – wenn der gutgemeinte Ausdruck nicht zu kühn ist – der Deutsche ein geborner Christ zu sein; und nie kann die Religion aller Religionen das ehrliche, treue, warme, ruhige Herz der Deutschen verlassen, welche ihren Ernst weder durch Glut der Phantasie dichtend verflüchtigen, noch die Andacht durch bloßen Verstand vereisen. Unsere allseitige Mitte in allem, in Klima, Geist und Herz, eignet sich ja zum Mittelweg, welchen Tugend wie Christentum fodern. Das Chaos, d. h. der Elementenkrieg in der Dichtkunst , von welchem der Aufsatz sprach, muß so lange, obwohl immer matter und friedlicher kämpfend, fortdauern, bis irgendein neuer Genius alle Richtungen durch eine neue auslöscht, welche anfangs wieder in feindliche und freundliche zerspringt. Nur spreche man uns, 1085 weil jeder Dichter, wie in manchen nordamerikanischen Dörfern jedes Haus, seine besondere Sprache hat, darum nicht die literarische Volkeigentümlichkeit ab, wie einige, sondern vielmehr eine eben deshalb zu; denn eben diese ästhetische lingua franca unterscheidet uns in ganz Europa; und der höchste Beweis davon ist, daß wir in keine fremde Sprache rein zu übertragen sind. Es ist mit den deutschen Köpfen wie mit den deutschen Gesichtern: an keiner Wirttafel sitzt ein solches physiognomisches Pickenick und Allerlei als an einer deutschen, wozu wohl manches beigetragen, nicht bloß der Umstand, daß vom dreißigjährigen Kriege an alle Völker unter uns Väter geworden; – und gleichwohl wird durch die ganze Welt das deutsche wechselnde Gesicht so gut erkannt als das stehende englische, welsche, russische, jüdische. Wenigstens möglich ists daher und der Weg auch da, daß die deutsche Dichtkunst einmal ihre so vielvölkerhafte Radien in ein centrum und maximum zusammenneigt, welches den poetischen Stein der Weisen darstellt – und die Eigentümlichkeiten aller Völker-Dichtungen in der höchsten Dichtung auslöscht oder verklärt. Endlich sprach der Aufsatz im Jahr 1809 noch von Deutschlands politischen Chaos. – Aber dies ist noch da; die Spaltungen haben sich nicht ausgeglichen, sondern wieder gespalten und ausgedehnt. Indes wie soll es Einförmigkeit der Meinungen geben als unter einem Großsultan oder unter einem Kaiser von China? Nur in Staaten wie beider Gewalthaber bewegt das geistige Blut, die Meinung, sich nicht, sondern steht fest, aber fault und zersetzt nichts als sich selber. Eine Demokratie ohne ein paar hundert Widersprechkünstler ist undenkbar; was ist aber Deutschland anders als ein Staatenbund von körperlichen Monarchien und einer geistigen Demokratie, oder doch unter einem Amphiktyongericht auf dem Druckblatte und an der Wirttafel? – Sogar Irrtümer und Verfinsterungen, welche den Zwiespalt begleiten, sind in der Tiefe der Stände Nebel, welche bloß betauen und belustigen. Nur wenn sie die Höhe der Stände besuchen, sind sie steigende Nebel, welche den heitern Himmel nicht anders zurückgeben als unter Regen und Blitz. So nehmen auch die Heuchelei, 1086 der Geiz, der Zorn, der Leichtsinn, die Voreile, die Lässigkeit erst auf den Thronen eine giftige Natur an, wie Pflanzen, die im Tale wenig schaden, auf den Bergen sich so giftig bilden, daß das Eisenhütlein droben nur in der Hand gehalten schon vergiftet. * Zwielichter 1. Einheit und Vielheit Deutschland war bisher ein weites vielzweigiges Gesträuch; – aber ein Gesträuch beugt und tritt jeder um, der hindurchwill. Frankreich war ein Baumstamm, den man nicht niederrennt und bricht. Jetzo ist letzter gar zu einem indischen Lianen-Baume, welcher seine Zweige wieder zu Wurzeln einsenkt und zu Gipfeln aufzieht, geworden, vielzweigig und vielstämmig zugleich. (Statt der Vielstämmigkeit des Jahres 1809 findet das Jahr 1816 zwar nur Vielzweigigkeit; aber diese ist desto dichter ineinander geflochten; und das dürre Geflecht der Rache und der Armut widersteht dem Zerreißen vielleicht stärker als mancher schönere Bund.) 2. Deutsche Gesellschaftlichkeit In der Gesellschaft erscheint der Deutsche selten als Mensch, d. h. als Gesellschafter, sondern als guter Beamter, Professor, Soldat. Wie der Büttnergeselle nach den Gesetzen seines Handwerks nicht ohne Schlegel oder Triebel, Bandmesser oder sonstiges Werkzeug auch nur drei Häuser weit ausgehen darf: so zeigen wir uns ungern in Gesellschaft anders als mit unserem juristischen oder medizinischen oder anderem Triebel und Schlegel in der Hand, gleichsam um damit anzuzeigen, wes Handwerks man sei. Daher gibt es keinen köstlichern Gesellschafter als einen Professor, nämlich für Professoren; und so ist ein Jurist einer der besten Unterhalter für – Juristen; – und so jeder vor der offenen Lade seines Gewerks. – Daher reift die jugendliche Freiheit und 1087 Bestimmbarkeit und unsre All- und Weltseitigkeit im Schreiben endlich durch langes Geschäft zur Einseitigkeit im Leben . – Was übrigens jetzt uns in unseren Klubs, Harmonien, Kasinen einen gemeinschaftlichen Ton gibt, ist das politische Kannengießern, und zweitens die Klubs selber, als Kongresse aus allen Ständen. 3. Wir Die deutsche Seele besteht nicht, wie nach Thales die menschliche, aus Wasser, nicht, wie nach Demokritus diese, aus Feuer, sondern, wie nach Hippokrates, aus beiden. Diese Mischung von Feuer und Kälte – zu welcher ich noch die geographische von Süd- und Nord-Deutschland bringe – könnte uns sehr entwickeln und zu hohem Wuchse treiben. 4. Deutsche Oppositionpartei Kein Land sagt sich selber so viele Wahrheiten als Deutschland; denn seine kleinen Staaten bilden sich durch ihre Zerfällung so sehr zu freien wechselseitigen Oppositionparteien gegeneinander aus, daß ein Fürst, der sich aus Gründen ungern von seinen Untertanen eine Wahrheit sagen läßt, sich solche leicht von benachbarten im Druck anschafft. Diesen Vorteil vergleiche ich mit dem ähnlichen der Ehe; denn indes ein vornehmer Hagestolz sich jahrelang mit Fehlern durch alle Gesellschaften ziehen kann, ohne ein einziges Rügewort zu vernehmen: so genießt in der Ehe jede, sogar die schönste Dame, wie sehr auch die ganze Stadt als eine männliche Sirene ihr schmeichle, das Glück, daß wenigstens ihr Mann einen ganz andern Ton anstimmt, ja zuweilen den Text lieset und wettert; was aber auch die Frau mit Dank erwidert, indem sie den Gatten gleichfalls durchnimmt und warm hält; so daß Eheleute von Stande oder Mitteln in Wochen mehr Freimütiges hören als Unvermählte in Jahren. 1088 5. Veredelte Lebenart Die Satyrs griechischer Bildhauer hielten oft kleine Grazien in sich verborgen. Nicht ohne Gewinn für das Auge kehren zuweilen heutige Weiber und Franzosen, ja Deutsche es um und sind Grazien, in deren Innern man erst die Satyrs entdeckt.   Zweite Nachdämmerung Bürgerliche Ehrenlegionen oder Volkadel Der Wunsch und Trieb, nicht bloß im eigenen Bewußtsein, sondern auch im fremden Vollkommenheiten zu besitzen, erfocht bisher größere Wunder als alle übrigen Triebe zusammen; denn er überwand oft diese selber. Die Heiligkeit dieses Triebs, der, wie die Liebe, die einsamen Ich alle nach außen zu einem Geisterbunde einschlingt, der zum eignen Oberhaupt oder Gewissen ein zweites sucht, und der, wie die Sittlichkeit, über Leben und Tod hinausbegehrt im Nachruhme, verdient eine tiefere und mehr würdigende Untersuchung, als ihm bisher Seiner Abwartungen wegen zuteil geworden. An einem andern Orte wird sich stärker zeigen lassen, wie der Ehrtrieb unter allen der nächste Nachbar der Sittlichkeit und gleichsam ein Gewissen nach außen sei, indem er, wie das erste nach innen, nur sittliche Vorzüge zu seinen Preis-Ausstellungen erwählt, so sehr auch gegen diese Ansicht das Prunken mit Schönheit, Verstand, Geld und Glück zu streiten scheint. Denn die sittliche Natur des Menschen hat eine eigne Zauberkunst, alle Gaben, Zufälle und Mißfälle des Lebens in sittliche Folgen einzukleiden, Unglück in Strafe, Glück in Lohn u. s. w. Er finde einen Juwel: so schreibt er viel vom Glücke seinem Verstande zu und den Verstand wieder seiner frühern unbekannten Würdigkeit desselben vor der Geburt. Die schöne Frau hält ihre äußere Schönheit für Zeichen und Reichsinsignien ihrer innern Schönheit und von da aus mit kurzem Sprunge auch für den Lohn und Siegwagen derselben. Daher das Zürnen über Dummheiten, als wären sie Sünden. Doch ohne weitere Erforschung dieser Quelle brauchen wir sie nur als Strömung durch die ganze Geschichte reißen 1089 zu sehen, um zu erstaunen, daß sie noch so wenig zum Bewegen der großen schweren Staat-Maschinen zugeleitet worden. Bedenkt: Verachtung rädert den innern Menschen von unten auf und flicht, kommt eigne dazu, einen fortlebenden Kopf auf das Rad. – An Duell- und Krieg-Ehre sterben Völker, wie an Scham über unverschuldete Zufälle Jungfrauen auf der Stelle. – Noch vielleicht kein Mensch blieb in so finstere kalte Ehrlosigkeit eingegraben, welchen nicht irgendeine Seele durch anwärmendes kleines Werthalten vor dem grimmigen Selber-Gefrieren (wie es ein Selber-Entzünden gibt) errettet hätte. – Ruhige Aushaltung eines eigenen, öffentlichen Ehr-Bankbruchs setzt entweder eine fast unmenschliche Tiefe, oder eine übermenschliche Höhe voraus; kurz zwei Fernen von den gewöhnlichen Menschenstimmen, in welche diese nicht hingelangen; wiewohl doch der Mensch-Gott auf der Höhe immer einen Gottmenschen und Gott selber in seinem Innern hat, der ihn auf dem äußern Pranger durch innere Kronen tröstet. Die Verwunderung über die Vernachlässigung des längsten Völker-Hebels nimmt zu, wenn man die Zeit seiner Kraft berechnet; denn er kennt fast keine und übermannt nicht nur, sondern überlebt auch jeden Eigennutz. Sogar der Güter-Geiz spürt sich durch langes Bereichern endlich auf einen Geldhaufen wie auf einen Berg gestellt, von wo aus er in ein Kanaan langer Goldflüsse blicken kann; aber der Ehrgeiz fängt jedesmal von neuem an – vor einem schändenden Worte versinkt Glanz und Ehrenschatz langer Jahre – ja dieser Hunger begehrt noch Nahrung nach dem Tode des Magens. Wie ließ sich nicht Voltaire bei dem funfzigjährigen Jubiläum seiner Silberhochzeit mit den Musen, als er in Paris war und verschied, wie ließ sich nicht dieser Triumphator unter der Aufführung seiner Irene, seines letzten Trauerspiels (leider für ihn und Literatur ein fünfter Aufzug), sich aus jedem Auftritte Boten mit Nachrichten zufertigen, was gefallen im guten Sinne oder gefallen im bösen! – Und steigt dies nicht bis zu den Fürsten hinauf, welche, obwohl im Lorbeerwalde ihres Hofes und ihres Volkes wohnhaft, doch nach neuen auswärtigen Lorbeern die Hand ausstrecken. 1090 Auch gesteht jeder das Streben nach Ruhm sich und andern ein, aber weniger das nach Nutzen; und die Offenbarung selber leiht dem sich genugsamen Unendlichen dennoch Freude an unserer Anbetung. Was ist aber alle Wirkung des Ruhms gegen den Feuerreiz der durchgreifenden Achtung, welche man von dem geliebten Staate erhält als dessen Bürger und Liebhaber unter den andern Bürgern und Liebhabern! Was ist alles Geld desselben gegen das höhere Ehren-Gepräge, womit der Staat einen Menschen zur Selb-Medaille umstempelt! – Wie viel Austeilung der Staatpreise wirken, sehen wir in olympischen Spielen und römischen Triumphen: – ganze Völker wurden beflügelt; ein leichter flatternder olympischer Blätterkranz hob mit Merkurs Schwingen an Kopf und Fuß ein ganzes Volk. Was gebraucht denn jetzo, außer den schmutzigen Handhaben des Eigennutzes, der Staat, um die deutsche Mehrzahl, das Volk, bei der Ehre zu fassen? – Infamien-Strafen; statt des Lorbeerkranzes das Halseisen, statt des Ölzweiges den Staupbesen, statt griechischer Verehrung nach dem Tode unehrliches Begräbnis, und der Pranger ist das Fußgestell, wo man als Selb-Monument und Schand-Bildsäule steht; die höchsten Staatmänner gehen, wie hohe Geistliche, in ihren schwarzen Galakleidern als höhere Essenkehrer mit unsichtbaren Besen und Leitern durch die Straßen und besteigen zum Abkehren und Abkratzen den Staat mit Staupbesen und Galgenleiter. Kurz, abführende Mittel sind die Lebenmittel der Volkehre. Schon andere haben gegen diese Seelen-Vernichtung, welche dem Staate vom Bürger nichts zurückläßt als eine kalte gekrümmte Bildsäule, oder noch öfter einen kriechend vergiftenden Erbfeind, genug gesprochen. Wenn der Mann höheren Standes nach Entsetzung seiner Würde wenigstens in einen niedrigen hinabkriechen und da noch unter neuen Gleichen leben kann: so trifft dagegen der ehrenentsetzte gemeine Mensch keine tiefere Stelle voll Menschen mehr an, wo er als einer noch gehen könnte, sondern er bleibt liegendes Gewürm unter aufrechten Menschen. Den römischen Triumphator erinnerte eine Geißel und eine 1091 Glocke Die Geißel deutet auf die Möglichkeit der Sklaverei, und die Glocke auf die Möglichkeit der Enthauptung, weil der dazu Verdammte durch ein Glöckchen jeden vor seiner Berührung warnen mußte. Rerum memor. etc. deperditar. Libr. duo a Pancir.; editi etc. per Salmuth. MDIC. p. 630. auf seinem Wagen, daß er noch ein Mensch sei; zu umgekehrtem Zwecke sollte wohl ein Prediger dem an den Schandpfahl geknüpften Unglücklichen mit niederhängendem Gesicht zurufen, er sei doch noch ein Mensch. Bloß dann möchte Entehrung anzuraten sein, wenn man Hoffnung hat, einen ganzen ehrlosen Kongreß und Volkabschnitt in einem Hause zusammen zu bekommen, wie zum Glücke in vollen Zuchthäusern; denn alsdann, so wie bei Volk-Umwälzungen Schimpfnamen der Parteien endlich zu Ehrennamen und Wein- und Handelzeichen derselben reifen, z. B. bei den Sansculottes in Frankreich und den Gueux in Holland unter Philipp II. (welche beide Namen jetzo ohne Parteien, wenn nicht zu Ehren, doch in Gang kommen können): so ist alsdann Aussicht da, daß in einer geschloßnen (ja zusammengeschloßnen) Gesellschaft und Rebhühner-Kette oder -Volk von Spitzbuben aller Art die Ehren-Kleckse endlich zu ehrenden Interpunktionzeichen und Adressen gedeihen, so daß in einem solchen Kränzchen von Ketten und Schellen gerade der größte Spitzbube durch seine Entwürdigung sich zu einem Groß-Indignitar (Groß-Unwürdenträger) umkehrt, und daß die Sitzung überhaupt einen negativen Adel gestaltet. Aber wie ergehts vom Staate dem unbescholtenen Volke? – So weit ich gehört und geblickt, setzen sogar die Stellvertreter desselben – besonders die niedern, die Polizei- und die Dorf-Beamten – in ihren Anreden bei Staatbürgern anstatt Ehrgefühl Ehrendickhaut ( callus ) voraus und sprechen den sogenannten gemeinen Mann (welcher Name für den oft so ungemeinen!) zuweilen so an, als wäre jedes Bürger- und Bauer-Gesicht für sie nur eine altdeutsche Verschreibung mit leerem Raum zu Schandgemälden und Schandworten, welchen sie bloß geschickt auszufüllen hätten mit Schande. So muß der gute Bürger sich gerade in Staatzimmern und Gerichtstuben, welche doch nur durch seine Baufuhren und Baubegnadigungen feststehen, das gefallen lassen, 1092 was er auf dem Straßenpflaster rächen würde; ordentlich als glichen die Beamten solchen Professoren, welche, um es zu verbergen, auf die Bücher am meisten schimpfen, in welchen sie am meisten geplündert. Das Adel-Wort Bürger in Rom und unter der französischen Revolution ist bei uns unter die Bürgerlichen verstoßen. Was überkommt aber denn sonst das gute arme Volk für Staatehre, indes in höhern Ständen täglich alle Titel höher aufwachsen – hundert Bandmühlen für Ordenbänder im Gange sind – und jeder hohe Stand vom höchsten und tiefern zugleich Achtung empfängt, jeder Edelmann sogar im Frieden Kriegauszeichnungen erhält und der Gelehrte gar von der ganzen Gelehrten-Republik erhoben wird in Rezensionen, ja sich von astronomischen Jahrbüchern ins goldne und silberne Buch des Sternhimmels als ein ewiger Fleck im Monde eingetragen sieht, was bekommt denn, fragen wir alle, gerade die größere, wichtigere Menge für Reize der Ehre, für Ermunterungen zum Werte? So viel vor der Hand freilich noch nicht – muß man antworten –, als ein Preis-Schaf und Preis-Rind in England; denn ein solches Tier wird mit dem Messer und sogleich in Kupfer abgestochen und kommt heftweise in Royal-Folio heraus, mit Anzeige von dessen Gewicht und Fett, so daß das Vieh wieder als ein Wappentier den Pächter, der es gemästet, vor dem ganzen Volke zu einem Preis-Menschen adelt und zu sich hinaufzieht. Indessen eine, aber kurze und späte Staatehre erlebt das Volk, aber nur, wenn es stirbt und wenn es in seinem Dorfe begraben wird. Wie Trajan kurz nach seinem Tode triumphierte (seine Bildsäule wurde als die Hauptperson im Zuge getragen), oder wie Tasso einen Tag vor seiner Krönung starb: so stirbt der Bürger gewöhnlich einige Tage vor seiner Leichenpredigt, welche ihm vor der kleinen Versammlung, die den Staat im Dorfe vorstellt, von der Kanzel herab olympische Kränze und Ehrenflinten und alle öffentliche Ehre zuwirft, so daß er um so mehr » avanciert «, da schon ein lebendiger Krieger immer, wenn er den Abschied bekommt, zu einer höhern Stufe aufspringt. Nur fällt der Erfolg und Vorteil der Ermunterung durch ein so spätes Beloben leider 1093 mehr in eine andere Welt als in unsere. Was der Staat durch dieses Versäumen einbüßt, ist kaum zu berechnen, da gerade das Volk Auszeichnungen heißer antreiben als einen andern, unter Lorbeern schon aufgewachsenen Stand, sogar den gelehrten nicht ausgenommen, welcher, ungleich dem ungelehrten, eben in sich die Macht des Lobs durch Betrachtungen darüber entkräften kann. Das Volk widersteht oder entsagt keiner Auszeichnung, wie es etwan ein über Zeiten und Stimmen erhabner Geist vermag; daher wenn dieser den Weg nimmt, den man bei den Römern baukünstlerisch hatte, nämlich durch den Tempel der virtus (Tugendkraft) in den Tempel der honos (Ehre), so schlägt das Volk den umgekehrten ein, und ihm gebiert sich erst aus Scheinen Sein, wie leider oft dem großen Menschen das Sein wieder zu Scheinen wird – so daß man sagen kann: der Weise gleicht zuweilen mit seinen Kleinodien dem Italiener, welcher sie, wenn man sie vor ihm preiset, nach Landessitte anbietet und hinschenkt; hingegen aus dem Volks-Ideellen wird durch Loben Volks-Reelles, wie etwa der Rubel – bis 1700 eine bloße Gedankenmünze geblieben – durch Peter I. eine wahre haltige Münze wurde. Raubt dem höhern Stande die besondere Auszeichnung: er bleibt doch immer mit einer geboren; reicht aber dem Volke keine, so kriecht es tiefer unter und ein. – Und mit welchem Hebezeug wollt ihr vollends die verarmende Menge aus dem schmutzigen Eigennutze aufreißen und gegen die Sonne heben, sie, die sich, sobald sie von vaterländischer Ehre entblößt ist, in jedem ausländischen Sumpfe satt fischt und angelt? – Gegen Wucher hilft nicht Papier-Geld, aber Papier-Adel. Das Lob ist ein sanfter Ton, welcher zum Tragen ungemeßner Lasten mehr stärkt, als die Drohung nur gewöhnliche aufbürden darf, so wie das überladene Kamel zuletzt keinen Peitschen mehr, sondern nur den Flöten folgt. Leichter aber ist die Einsicht in die Notwendigkeit, das Volk, gleichsam wie bei Tänzen die Musik, durch Händeklatschen in feurige Bewegung zu bringen, als die Angabe der Mittel, es in unsern so bandlosen matten Staaten durchzuführen. Wie im Kriege uns die Franzosen durch Ehrenlegionen zuvorkommen, 1094 so früher im Frieden z. B. durch die bekannten Rosenfeste – durch das Sittenfest in St. Ferieux bei Besançon für die beste Jungfrau – in Blotzheim im Elsaß durch die Wahl des Augrafen u. s. w. Dreijährlich wird bloß der beste Jüngling – sind zwei beste da, so geht der ärmere vor – zum Augrafen, d. h. Verwalter der Au, erwählt und bekommt Kranz und Schaumünze. Allein die Ehrensäulen, welche solche Sittenfeste aufrichten, verschatten und erkälten vielleicht die zärtere Tugend, deren Lohn ihr Ort ist, das Herz. Was aber der Staat öffentlich zu belohnen hat, sind eben öffentliche Verdienste, und also die um ihn zuerst. Hier tritt nun vor allen der Fürst hervor; dessen Zepter alles, was er dazu berühren will, in Lorbeer und dadurch den Lorbeerkranz in einen Erntekranz verwandeln kann. Könnte ein Fürst nicht ganzen Städten einen neuen Volkadel für einzelne Verdienste erteilen? – In Japan wird stets die ganze Gasse mitgestraft wegen eines Verbrechers daraus, wie bei uns im Kriege Ortschaften für Vergehungen des Einzelnen verantwortlich und strafbar werden; aber warum wendet man denn nicht viel gerechter diese Übertragung von einem auf alle auch im Falle des Belohnens und Belobens an? Welche Körper und Geister würden uns zufliegen, wenn ein Fürst einer ganzen Stadt oder Dorfschaft bloß wegen eines einzigen Mannes von hohem Staatverdienst Würde und Kranz zuteilte und so aus einem Lebendigen den Ahnherrn geadelter Lebendigen, den Pflanzer von Lorbeergärten machte! Aber die Regierungen halten leider Strafen in Masse für erlaubter und nützlicher als Lohnen in Masse. Man wende nicht ein: daß Auszeichnung aller so viel tue als keine. In Rußland wird nach dem Gewinn einer Schlacht das ganze Heer mit Ehrenbändern beschenkt, aber doch zum Staatvorteil; denn da die Bebänderten und Sieger immer die kleinere Anzahl gegen die Bandlosen ausmachen: so bleiben sie ausgezeichnet genug. In Polen wurden oft bei Feldzügen ganze Corps geadelt; aber ungeachtet der Vielzahl und Armut dieses Adels gewann er doch dadurch ein Ehrgefühl, das ihm blieb, vor der Menge, woraus er stieg, und vor der Menge, in die er kam. Bevor der Preis und Einfluß solcher 1095 Würden durch die Vielzahl nur fällt, so haben sie schon gehoben, oder haben gewonnen, – ehe sie verloren; am Ende bleibt auch nach dem herabgesetzten Preise dieser Wappen weit mehr in einer emporgerückten Menge nachwirkend, als in der umherkriechenden ist. Und behält eine solche ausgezeichnete Stadt, Gasse, Ortschaft etc. nicht noch genug unbezeichnete Nachbarschaft und Ausland übrig? Und ist z. B. der Adel unter lauter Adel sich weniger seiner bewußt? ' Ich rechne darauf, daß man hier nicht Adeln im heraldischen Sinn nehme; – ein Fürst setze eine Krone auf ein Stadttor, oder er verspreche jährlich an einem gewissen Tage die Stadt zu besuchen u. s. w., so beugt sich der Lorbeerbaum über alle Köpfe herüber. – Er hat das Füllhorn der Ehre in der Hand, und ein Tropfen Dinte von ihr ist Öl genug ins Feuer für ihn und Vaterland. – Dem goldnen Buch des Adels in Venedig könnte man wohl ein silbernes, ja bleiernes des Bürgers in Deutschland beizubinden suchen und darin gehörig zu schreiben anfangen. Die ältere deutsche Zeit feuerte weit mehr als wir mit dem Gebläse der öffentlichen Ehre die Glut zum Schmieden an, mit Kaiserreisen – Handwerker-Erhebungen und anderem Titelwesen – Turnieren – Ehrentagen – Bürgerschaften und zuweilen oft mit naiven Auszeichnungen. Unter letzte mag z. B. die gehören, daß in dem weiblichen Krönschmucke, welchen ein Kaiser ins Nürnberger Rathaus geschenkt, die verlobte Tochter einer Patrizierfamilie eine Woche lang täglich zwei Stunden auf dem Rathause sich zur Schau ausstellen durfte und den Namen »Kronenbraut« davontrug. Jetzo dürfte schwerlich eine Kronenbraut mehr zu haben sein, schon aus Mangel an einem Kronenbräutigam. Noch allerlei Paradeplätze der Volkehren ließen sich nennen; z. B. die nur immer zum Beklatschen der Fürsten aufgesparten Bühnen, vor welchen unter den Spiel-Fürsten die Ernst-Fürsten von lauten leeren Händen Dank für volle bekommen. Kann eine Bühne nicht eine Viertelstunde lang ein kränzendes Elis werden? Soll auf dem Theater nur immer gestorbener Wert gefeiert werden, nicht auch lebendiger zuschauender? – 1096 Weiter: wie, wenn die ältere Zeit Censores morum , Sitten- oder eigentlich Unsitten-Richter verordnete, vielleicht weil die Regierform das Gute als Jahr- und Tagbefehl voraussetzte, und nur das Schlechte als flüchtige Nacht- und Mistpilze aufschrieb; wie, sag' ich, wenn wir umgekehrt positive Sittenrichter bestellten, welche, statt wie Mouches oder Mouchards den Unrat, lieber wie Bienen den Honig suchten, und welche gleichsam nur Sonnetafeln und Sternkarten von Handlungen machten, mit welchen Völker glänzen? Ein solcher Sternseher, selber ein Mann von Ehre, vorbereitete vielleicht ein Volk von Ehre. Da unsere Prytaneen jetzo meistens Rumfordische Küchen, höchstens Marschalltafeln sind – da ferner Paradeplätze und Vorzimmer fürstlicher Auszeichnung schwer auf Dörfern anzulegen sind: so wäre diesen ein kleiner Ersatz für diese Ruhmtempel zu gönnen, um so mehr, da sie das Gebäude zu einem Ehrentempel schon aufgeführt besitzen, nämlich die Dorfkirche. Bisher wurde diese mehr zu einem moralischen Notstall und die Buß-Kanzel zur Pillory der Sünderohren genützt; an die Kirchtüren ( ad valvas templi ) wurden statt der Belobung- nur Befehlschreiben angenagelt, und wer sich darin ein Bette der Ehren betten wollte in der Kirche, mußte sich hinlegen und mit Tode abgehen und unter ihrem Fußboden in dasselbe fallen. Aber wie ganz anders könnten die Prediger die Kirchen an großen Festtagen, z. B. am Neujahrtage, am Erntefesttage, zu öffentlichen Krönsälen von Preisbauern erheben und aus der streitenden Kirche triumphierende Kirchgänger entlassen! Es führe nur sich in ein Dorf nach dem andern so der Wettstreit um öffentliche Auszeichnung ein, durch Geistliche und Staat; so könnte man statt der strafenden Bußtage in Kirchen einmal darin Ehren-Tage und geistige Erntefeste feiern. Aber für Dörfer, d. h. für die Mehrzahl, tun wir nichts. Wie öffentliche metallne Denkmäler in Frankreich zugleich zu Springbrunnen dienen: so würden öffentliche Ehren-Denkmäler geistiges Lebenwasser allen Völkern zuspritzen. Aber für die Ehre tun wir nichts. Wenn wir Kapitolium und Olympia einigermaßen ersetzen sollen, so müssen wir Enkel-Stolz einführen. 1097 Aber für Ahnen-Stolz tun wir alles. Wenn auch alles dieses kein Oberer nur der Ausführung würdig achtet: so schreib' ichs doch. Aber für die Ehre schreib' ich alles. Morgenstrahlen im Jahr 1816 – Und für die Ehre wurde doch etwas getan. Die opfernde Auszeichnung des Volks errang eine belobende des Throns. Es ist wenigstens etwas; sobald man sich nur vom Irrziele umkehrt, so wird der kleinste umgewandte Schritt ein doppelter gegen das rechte Ziel. Aber nicht bloß der Krieg soll Betten der Ehre aufschlagen, auch der Friede; und dieser um so mehr, da er länger dauert und also mehre Bettfähige finden und machen kann. Indes hoff' ich, wir dürfen hoffen. * Zwielichter 1. Der Fürsten-Günstling Das Gliederreißen der Staatglieder spürt er – da es anfangs nur die äußersten Volkteile angreift, bevor es in den gekrönten Magen tritt – auf seiner schimmernden Hof-Eisinsel nicht sehr. Ihn geht nur an, wer über , nicht wer unter ihm leidet. Sogar zwei mir bekannte Minister auf dem Kaukasus hatten oft Stunden, wo sie für Pöbel-Tränen – weil die Sonne, oder eigentlich deren Vetter Bekanntlich nennen sich die morgenländischen Fürsten Vettern der Sonne. , häufig Wasser zieht – eine Grube voll lebendigen Kalks waren, oder auch ein Kessel voll geschmolzenen Kupfers. Es gab einmal einige Prinzen-Räuber; aber ein Untertanen-Räuber am Fürsten-Herzen raubt mehr und mehre. 2. Orientalischer Generalstab Was denkt ihr wohl, daß dieser Generalstab ist, welcher zum Elefantenorden unsterblicher Krieger gehört, weil er 1098 Elefantenameisen kommandierte, welche ihn auf Flügeln erhoben – welcher, eben aus der Diamantgrube des Schlachtfeldes steigend, mit seinem Juwelen-Besatz die Weltteile überrascht und blendet – welcher (wenn er nicht blind sein will) den Lehr- und den Nährstand für seine dienenden Zwilling-Brüder ( frères servants ), für den rechten und linken Reserveflügel (um ihn in Ermangelung eines feindlichen zu rupfen), kurz beide Stände für Filial-Stände des Kriegs oder (nach Ähnlichkeit der Pferde) für Vorleg-Kollegien des Kriegkollegiums, kurz, jeden Staatdiener für einen Heerdiener ansehen muß – Ich fragte: was denkt ihr wohl, daß dieser Generalstab ist? – Bescheiden. 3. Polarität des Volks Bei Bewegungen und Umwälzungen des Volks kann der Staatkünstler mehr als bei denen des einzelnen Kraft- und Flammen-Manns darauf rechnen, daß jenes immer dem Korke gleichen werde, der niemals in der Mitte des Wassergefäßes schwimmen bleibt. Er weiß, daß er die Gewalt des Blitzes, welcher durch einen Schlag den anziehenden Pol in den abstoßenden umkehrt, zur Umkehrung der Volkpolarität besitzt. 4. Deutsche Armut Wenn wir einigermaßen wieder zu wahren alten Deutschen geworden, von welchen Tacitus sagt: »sie hätten kein Gold und Silber, ob aus Zorn oder Huld der Götter, wiss' er nicht; ein irdenes Geschirr wäre ihnen so viel als ein silbernes, und Silber sei ihnen ihres Kleinhandels wegen lieber als Gold«; wenn diese Ähnlichkeit da ist: so beweiset es wenigstens, daß ein Land, gleich Schweden, alte Deutsche tragen kann, wenn es sich gleich diesem, wie die Sorbonne, pauperrima domus nennt. Gar zu außerordentlich sollte demnach nicht gejammert werden, wenn man ein ganzes Volk zu jenen älteren historischen Völkern erhoben sieht, welche (nach der Geschichte) stets die größeren Umwälzungen 1099 und Eroberungen gemacht, und die, je weniger sie zu vererben hatten, desto mehr beerbten, und welche die sogenannten ärmsten hießen. Obgleich nicht ohne Unrecht zu verlangen ist, daß wir noch etwas Besseres als alte Deutsche, nämlich gar alte Christen werden, welche durch Entäußerung ihres Vermögens die Welt und deren Vermögen eroberten: so sollten wir uns doch schämen, nicht einmal die Kraft und Ansicht des Mittelalters zu erreichen, welches seine geistigen Heere, die Mönchorden, mit bloßem Nichts-Haben ausrüstete, und zwar mit einem so unerhörten, daß viele darunter nicht einmal das Geld berühren durften – was jetzo niemand verbietet, wenn wirs haben – und daß die meisten nichts das Ihrige nennen durften, selber das nicht, was sie schon im Magen hatten – indes wir alles frei für Unseres ausgeben, was wir gegessen –; denn gleichwohl bezwangen diese unbesoldeten Heere die Welt; und können wir denn mehr zu leisten verlangen?   Dritte Nachdämmerung Über die Furcht künftiger Wissenschaftbarbarei Wenn wir jetzo den antiken Bildsäulen ähnlichen, welche (nach da Vinci) den Kopf immer etwas gebückt tragen, so wollen wir ihnen wenigstens nicht in der andern von ihm bemerkten Eigentümlichkeit gleichen, daß wir nicht auf die rechte Seite hinblicken; ich meine, wir wollen uns wenigstens nur vor fremden Schatten, nicht vor dem eigenen fürchten, als wären wir unsere Orkus-Vorschatten. Was Herder anmerkt: »sobald die Freiheit in Griechenland dahin war (Sprache, Klima, Genius des Volks, Fähigkeit, Charakter blieben), so war der Geist der Wissenschaft wie verschwunden«, dies können wir nicht auf uns beziehen, ohne erstlich Freiheit mit Demokratie, und zweitens ohne Länder mit Ländern zu verwechseln. Allerdings ist der echte Despoten-Thron ein Magnetberg, welcher alles menschenverbindende Eisen dem Staate auszieht und so, nur selber mit Nägeln besetzt, Schiff nach Schiff auseinander fallen läßt. – Aber erstlich Freiheit an und für sich ist nicht die Gottmutter der Wissenschaft und Kunst. Sparta 1100 zeugte nur einen dichterischen Mann, Alkmenes. Attika war nicht unter dem persischen Kriege, sondern unter Perikles und unter den Tyrannen am kopfreichsten – Rom wars nicht in seiner schönsten Zeit, sondern kurz vor und unter den Kaisern – Nordamerika, Holland, die Schweiz lieferten aus ihrer republikanischen Freiheit heraus noch keine solche Denk-, Dicht- und Bild-Werke als Deutschland oder früher Frankreich. Die sogenannte Revolution in England war keine für die Bücherwelt; und noch entdeckt dieses freiere Land nur auf dem Meere, nicht, wie das bestimmtere Deutschland, im Innern der Kunst. Das Wiederaufleben der Wissenschaften in Europa war nicht vom Riechspiritus neuer Freiheit erweckt. Um den Ketten-Thron von Louis XIV. und XV. flogen mehre geflügelte Genius-Köpfe als im freieren Deutschland oder als später in der fessellosen Revolution, welche mehr beweiset, daß Wissenschaft Freiheit, als daß Freiheit Wissenschaft gebäre. Kurz Wissenschaft und Kunst sind Blumen, welche an sich – die grimmige Frostnacht der Sklaverei ausgenommen – in allen anderen Jahrzeiten der Regierungformen unerwartet aufsprießen, wenn sich die uns sehr unbekannten Bedingungen dazu erfüllen, da wir nicht den Flug des Blumenstaubs und den Flug der Bienen, die ihn tragen, oder des Windes, welcher getrennte Geschlechter befruchtet, berechnen können. Z. B. Ein Kant entstand, und neue philosophische Welten verfolgen einander, und jede bringt der andern ihren Jüngsten Tag! Woher kam die bisher nicht zurückgekehrte Brüdergemeinde herrlicher Köpfe unter der Königin Anna in England? – Und warum bleibt eine ähnliche unter Napoleon I. aus? – Will man letztes erklären, so sage man nicht bloß: daß Taten Worte oder Gedichte ersticken, Ähren die Blumen, und daß siegend-tätige Völker, von der Gegenwart berauscht, nicht die zur milden Kunstgestaltung nötige Ferne und Kühle gewinnen, und daß daher eine blitzende und donnernde Gegenwart nur die Beredsamkeit entflamme, nicht die Dichtkunst. Dies sage man nicht bloß, so viel Wahres auch daran ist, sondern man rechne mehre Umstände in die Erklärung ein; z. B. das selbstische Verhältnis der Hauptstadt zum ganzen Reiche; denn gewiß wird 1101 das beste Gedicht einst nicht aus Paris, sondern aus den Provinzen kommen; und was die bildenden Künste anbetrifft, so fehlt ihnen nur Friede, insofern auf sie etwas von dem anzuwenden ist, was Ammianus Marcellinus (XXIV. 6.) von den Persern behauptet, daß sie in den bildenden Künsten etwas zurückgeblieben, weil sie bloß Schlachtstücke gemacht. Auch Fichte, dieser Polyphem mit einem Auge – noch dazu schwer drehbarem –, jagt sich Furcht vor möglicher Barbarei ein. Wieder andere Schriftsteller wissen im Drucke auf gutem Papier vor Angst nicht vor den Barbarismen zu bleiben, welche hereindringende Tatarn oder Russen in den wissenschaftlichen Feldern Europens aussäen würden. Aber so ist der Mensch: bei großen fremdartigen Ereignissen fürchtet er immer seinen Jüngsten Tag; wie die Mexikaner bei der Landung der Europäer die Vorläufer des Weltendes gekommen glaubten. Bedächten wir doch z. B. bei der französischen Landung in Deutschland, daß wir nicht republikanische Freiheit – welche nicht da war – gegen despotische Knechtschaft – welche nicht kommen kann aus einem Lande, wo sie selber nicht ist –, sondern nur mehr oder weniger gemäßigte Monarchen gegen mehr oder weniger gemäßigte Monarchen vertauschten. Wie oft war nicht in Europa dieser Regenten-Umtausch, und ohne Kultur-Mord! Denn etwas anderes ist doch ein Wechsel der Regierungformen – wie der griechische – als der bloße Wechsel der Regenten, welchen der Tod so gut als ein Krieg- oder Friedenschluß verordnet. Die Milde dieser Stelle wurde nicht von Ironie, sondern von zu großer Hoffnung und zu kleiner Bekanntschaft mit den deutschen Ländern eingegeben, die der gallische Oberzepter angebohrt und abgezapft. Übrigens wurden ja im Jahre 1809 und später noch die besten juristischen und publizistischen Abhandlungen über Napoleons Bundes-Akte fortgeschrieben und sehr bündige Schlüsse aus ihr gezogen, die um so weniger zu widerlegen sind, da die Akte selber gar nie zur Erfüllung gekommen. So setzt Lichtenberg die Möglichkeit, daß Sternseher sich gar wohl viele Jahre rechnend und beobachtend mit Fixsternen beschäftigen können, die längst erloschen sind, deren Glanz aber auf dem langen Wege zu uns noch fortbesteht. Was die Tatarn anlangt – von den Russen nicht einmal zu sprechen –, so würde ihr Einfall, wenn ihn Eroberungen festhielten, bloß ein Korrepetitor des alten historischen Satzes sein, 1102 daß ungebildete Völker stets von gebildeten in sich aufgelöset wurden, da Bildung überall als das stärkste Zersetzmittel der Völker gewirkt; denn wäre dies nicht gewesen, so möcht' ich wissen, warum, da die Weltgeschichte mit einer überwiegenden Barbaren-Zahl anfängt, nicht diese Übermacht endlich der Kleinzahl obgesiegt statt untergelegen, und warum fortdauernd nicht die ungebildeten anstatt der gebildeten Völker erobern und ihr Bild aufprägen. Hierbei zog ich einen Hebel, welchen die Alten gar nicht hatten, nämlich den ewigen Perpendikel der Bildung, ich meine den Preßbengel des Buchdruckers, nicht einmal in Betracht. Noch dazu streitet jetzo in Europa gerade für die gebildeten Völker die Mehrzahl, und für diese Mehrzahl wieder Übergewicht der Kunstkräfte, durch welches selber über die tapfern und vielzähligern Alemannen die Römer Siege gewannen. Aber – sagt man – lasset nur erst den Riesenstaat Rußland sich euch nachbilden und sich mit der allmächtigen Vereinigung der Größe mit der Bildung auf euch stürzen . . . . Nun dann, antwort' ich, so bringt er demnach Bildung mit und nimmt sie folglich nicht. Und wo liegt denn das große Unglück, wenn das Licht (gleich dem Glück und dem Handel) Völker nach Völkern durchwandert und von jedem weiterzieht, aber von keinem scheidet, ohne wenigstens Dämmerungen als Spuren zurückzulassen? Wir haben übrigens, ihr Deutsche, sogar beim traurigsten Falle der Wissenschaften auf etwas anderes zu rechnen als auf uns. – Es sollen durch rohe und feine Barbaren alle Pflanzungen der Wissenschaften niedergetreten sein, und eine harte schneidende Winternacht liege über ihren erstarrten Wurzeln auf: über einer andern Halbkugel wird eine Sonne stehen und ein Neu-Deutschland beleuchten und befruchten, das dem Alt-Deutschland Samen und Frühling zurückbringen wird – nämlich Nordamerika; und dieses, das uns, wie an geographischer Lage und Wärmstufe, so an Freiheitsinn und Menschenart so ähnlich, ja von uns zum Teil selber bevölkert ist, wird unser historisches Schauspiel zum zweiten Male geben, nämlich daß auf der entgegengesetzten Halbkugel wieder der Norden den Süden allmählich ergreift und verjüngend auffrischt, bis jener mächtig genug die alte Welt in sein 1103 Pflanzland verwandelt, sie aber, selber von Reichtümern umrungen, weniger drückend behandelt als Europa bisher seine Pflanzungen. Überhaupt ein seltsames Land ist Nordamerika, schon voll geographischer Vorbedeutungen, da in ihm, obwohl in gleicher Breite mit uns, das Wetterglas stets höher steht, und da sein Baum- und Blumen-Wuchs üppiger aufsteigt als unserer – Sinnbilder seines hohen Freiheitstandes; daß es z. B. jede zu groß auswachsende Provinz zu ihrer eignen Gesetzgebung nötigt und absondert, oder daß es neuerdings sich durch Unterschriften der Städte für eine Entsagung von englischen Waren freiwillig bestimmte, zu welcher uns kaum Not und Gewalt bekehren. Die Fälle der Völker sind nicht wie die eines Einzelnen, welcher nach dem Sturze auf dem Boden zu Todes-Staub verfliegt, sondern ihre Katarakten gleichen öfter dem Falle des Stromes, welcher, obwohl unterwegs verstäubend, doch unten im neuen Bette wieder zu einem neuen zusammenwächst. * Nachschrift über die deutsche Sprache Der obengenannte Polyphem sitzt auch noch in einer Nebenangst fest, deutsche Sprache betreffend. Auch hier sei meinem Hasse gegen die Furcht, welche eine größere Lügnerin ist als die Hoffnung, nur daß uns die Lügen der ersten entweder vor Freude darüber oder vor einer frischen Furcht weniger im Gedächtnis bleiben, noch ein Wort an die gegönnt, welche, wie in der Orgel, zu der vox humana (der Menschenstimme) am schönsten den Tremulanten gehen finden. Noch keine Sprache machte bloß auf Geheiß der Eroberer der mitgebrachten Platz, welches die Geschichte der allsiegenden Römer – der von den Normännern besiegten Engländer – der Deutschen, die sich ja früher über alle europäischen Länder wegschwemmend ergossen haben, beweisen, welche alle jede andere Verwüstung in den erstürmten Ländern hinterließen als die der Sprache. Nur durch geistige, nicht durch kriegerische Überlegenheit, nicht durch Soldaten, sondern 1104 durch Schriftsteller kann eine Sprache die andere überwältigen. Wenn wir Deutsche uns nun, wie es scheint, mit einigem Rechte, wenn nicht für die Homere und Platone, doch für die Homeriden und Platoniker neuerer jetziger Kunst und Wissenschaft halten dürfen, und wir den Planeten Merkur und Venus nicht bloß an Kleinheit, sondern auch an der unverhältnismäßigen Höhe unserer (Musen-) Berge gleichen: so haben wir wahrlich nicht zu besorgen, daß unser Sprechen von den Franzosen überwunden werde, sie mögen immer kühn ihre Musen-Hügel aufeinander auftürmen als Himmelstürmer. Da nicht einmal ihre Literatur der unsrigen unterliegt und entweicht: so kann gewiß noch weniger die unsrige sich der ihrigen ergeben und das Feld räumen; um so mehr, da die ihrige – seit Voltaire, den beiden Rousseaus, Diderot, Mercier, Mad. Stael und seit der Revolution – sich fast so viel dem englisch-deutschen Geschmacke genähert, als sich unsere von ihrem entfernt hat. Nur Nachbarländer verfälschen einander wechselseitig die Sprache, wie die französische, die italienische Schweiz, Elsaß u. s. w. Wenn im Mittelalter das Latein als Staat-, als Altar- und als Katheder-Sprache das Deutsche nicht ausjagte; – wenn in Polen neben dem Latein, das da jeder Bediente Sobieskys Geschichte von Abbé Coyer. spricht, das Polnische, wie daneben in Ungarn das Ungarsche, fortbesteht, so seh' ich nicht, wie noch ein paar hundert französische Wörter und Staatverhandlungen, an eine so durchaus widerspenstige, gewaltige Sprache wie Schwärmer geworfen, diese zerstören sollen, anstatt sie eigensinniger und wilder zu machen, so wenig als so vieljährige französische Einquartierung deutsche Städte und Dörfer um ihre Sprache gebracht. So fürchte denn niemand, daß wir unsere Bärensprache Ein Ungenannter in den berlinischen akademischen Jahrbüchern behauptet, daß unsere Sprache am meisten von den Tönen des Bären, am wenigsten von denen des Pferdes – letztes gegen die Meinung Karls XII. – entlehnt habe. Steeb über den Menschen, S. 1078. bloß darum, weil wir gegen unsere Natur einige Quadrillen nach Krieg-Musik zu tanzen haben, verlernen werden; sondern wir werden, dies hoff' ich, auch ohne Wälder fortbrummen. 1105 * Morgenstrahlen im Jahre 1816 Die vorstehende Betrachtung geb' ich mit einem Nachseufzer über die arbeitende Brust, welche damals in der gallischen zusammenziehenden Stickluft sich mit Gewalt aus ihren Krämpfen zu erweitern suchte. Wälder brausen, ohne die Zweige zu regen; nur so viel war damals den Deutschen tunlich, inneres Regen und Tönen ohne äußeres. Gleichwohl behielt ich recht sogar in erquälten Hoffnungen; denn auch ein unausgesetzt fortzwingendes Leben des kaltheißen Ideen-Molochs hätte nur die alten Ernten und die neuen Saaten niedertreten können, nie aber die Samenkörner selber. Sein Tod hätte plötzlich die Schneedecke gehoben. Vielleicht ein Jahrhundert früher, in der literarischen Laubknospenzeit der Deutschen, hätte sein Frost mehr verwüsten können; aber eine dichtende blühende Sprache wird von einigen Jahrzehenden noch weniger erdrückt als die griechische von den so lange und so eifersüchtig niederbeugenden Römern. – So wie aber vollends die Vorsehung alles väterlich gelenkt, so wurde die Gefahr unserer Sprache ein neues Glück derselben; denn so sehr auch in Berlin – der Mutterloge höherer Frei-Maurer deutscher Freiheit – die Auferstehung der altdeutschen Dichtkunst zum Beleben der Scheinleiche Deutschlands trieb und entzündete: so war jene Auferstehung selber früher ein Werk als ein Gegengift der traurigen Zeiten; die Ältest-Deutschen waren gleichsam die Auferstandenen, die unter Christus' Sterben aus ihren Gräbern gingen und predigten. So bleibt auch für Völker die Gärtner-Regel bewährt, daß man Bäume, wenn sie nicht blühen wollen, durch starke Verletzungen zum Blühen nötigen kann.   Zwielichter 1. Völker-Schlagfluß Man schreiet, er habe den deutschen Staatkörper getroffen. Recht gut, sag' ich, die Glieder haben also, wie bei allen Schlagflüssigen, 1106 nur die Bewegung verloren, aber die Empfindlichkeit behalten; aber ist euch kurze Lähmung nicht lieber als fühlloser, sanfter, kalter Brand der Völker? 2. Geschrei wider außen Dieses sollten wir erstlich schon darum einstellen, um dafür lieber ein desto größeres wider innen zu erheben, weil jenes doch in keinem Falle, dieses aber vielleicht in manchem fruchten kann. Zweitens ziehe man, um sanfter und leiser zu schreien, in Betracht, daß die Gegenwart gerade so sehr die Unart habe, den Besiegten zu viel nachzusehen, als die Vergangenheit die andere, dem Sieger zu viel zu verzeihen, z. B. Sieg-Schleichwege. So kommt auch die Mannzucht der Sieger vor ein härteres Gericht als die der Besiegten. Drittens wäre man viel gerechter und milder, wenn man nicht immer die verdorbene Hauptstadt mit den reinern Landstädten und nicht überhaupt die Pariser mit den Franzosen, ja die Gazettiers wieder mit den Parisern verwechselte. Und viertens dürfte auch die Betrachtung nichts schaden, daß ein Regent jetzo – in der noch feindlichen Stellung der Erdstaaten gegeneinander, welche eigentlich nur in einen Bruderstaat zusammenfließen sollten – seinem Lande sehr viel, wenigstens die Länder opfern könne, welche wiederum seines sich opfern wollten. Oder was ist denn Krieg, folglich dessen Friedeschluß anders als ein Losen zwischen zwei Opferaltären? – Man vergebe diesen Wahrheiten ihr altes Alter, da eben die Jugend als festlebende Leidenschaft jedes Alter verkennt, aber darum desto nötiger hat. 3. Männlichkeit der Autoren Kein deutscher Mann beinahe schämt sich jetzo, keiner zu sein, sondern er stellt als Dintenfaß ein Lakrymatorium (Tränengefäß) hin und tunkt ein und setzt der Welt (sogar schon auf dem Titelblatt) die Angstschweiß-Tropfen vor, die man ihm an diesem und jenem »schrecklichsten Jahre oder Augenblicke seines 1107 Lebens« ausgepreßt. Schämt ihr euch denn – eurer Unmännlichkeit nicht sowohl als – eures öffentlichen Bekenntnisses derselben nicht? Im alten Rom hätte kein Mann dergleichen gestanden. Öffentlich durfte man in Sparta nicht einmal über geliebte Leichen weinen, ausgenommen über des Königs seine. Die standhaften früheren Christen – die alten Philosophen – die Römer hatten (wie noch die kräftigen nordamerikanischen Wilden) den Grundsatz des Cartouche, welcher keinen in seinen Bund aufnahm, der nicht die Folter überstehen konnte. Der Held zeigt wohl seine Narben, aber nur der Bettler seine Wunden. 4. Unser Durchbruch Lange schon predigt uns nicht mehr die Kirche, sondern höchstens der Kirchhof. Damit wir aber doch einigermaßen bekehrt würden, sendet uns das Schicksal aus demselben Lande, woraus die ersten Bischöfe und Geistlichen nach Deutschland kamen, – aus Frankreich – Gesetzprediger und Kreuzprediger, Ordenleute des Ehrenordens mit Kirchenparaden, Totenorgeln, Kirchenkollekten – und die Kirchen werden wieder leicht zu Kirchhöfen, welche fortpredigen, gleichsam der erneuerte Gottesdienst der ersten Christen in Gräbergängen (Katakomben). 5. Deutsche Federkraft In der Tat an Federn – sowohl in Krieg- und Rechenkammern als Studierstuben – hatt' es uns bisher nie gemangelt, um damit zu fliegen; dazu aber hätten die Federn in Flügelknochen sitzen sollen. 6. Über das Alter deutscher Heerführer Wenn wir Deutsche leider nicht leugnen können, daß unsere Generale – ungleich den französischen oder gar den römischen, welche nicht auf der Schneckentreppe des grauen Dienstes , 1108 sondern durch den Adlerflug des Verdienstes aufstiegen – erst aus dem Rate der Alten ausgehoben werden, als würden sie schon dadurch jenem Alten vom Berge gleich, dessen Totschlag-Befehle man überall und in jeder Ferne vollzog: so wollen wir uns doch auf der andern Seite nicht absprechen, daß wir tiefer unten, nämlich bei den Unter-Heerführern, d. h. von der Prima Plana bis zum Regimentstabe, allerdings dieselbe Achtung und Wahl für kriegerische Jugend nicht erst seit gestern zeigen, durch welche die Franzosen so ungemein gewonnen; denn wirft man die Bürgerlichen beiseite, so ists, hoff' ich, ungeleugnete Tatsache, daß wir recht oft die Blutjüngsten von Adel auf bedeutende Posten stellen, ja zuweilen Junker ohne alle Kenntnisse, sobald sie nur die erforderliche Jugend besitzen; denn wie sonst bei den Juristen Bosheit das Alter ergänzt, so vertritt hier umgekehrt die Jugend Schlacht-Bosheit und Kenntnis; so daß oft unsern Krieg-Rock, Waffenmantel und Panzer ein Besatz und Gebräme von angebornen Lämmerfellen ausziert. Will man den Edelmann zum Krieg und Krieger haben, so kann man ihn allerdings kaum jung genug aus dem Neste ausheben, da er sich im jetzigen heißen Klima der Lebenweise nur halb so lange frisch erhält als ein gemeiner Mensch; ja eben dieses frühe Verfallen gibt einem großen Teil des Adelstandes für das Auge das schöne Ansehen eines chinesischen Kunstgartens voll krummer Bäume, eingefallner Häuser und ähnlicher Ruinen. Daher gleichen junge Edelleute alten Uhren, welche stets » avancieren «. Aber eben darum ists ein verschiedener Fall mit dem zähen Bürgerlichen, welcher so viel von seiner Jugend noch ins Alter hineinnimmt; daher wie ein Scharfrichter erst durch die Menge seiner Hinrichtungen sich ehrlich und zum Doktor richtet: so muß der Bürgerliche erst durch viele Feldzüge voll Totgemachter sich adelig und zum Offiziere schießen und stechen. Aber auch liegen die Gründe dazu nicht in der Verachtung der Jugend, sondern im vorigen, und auch in der Menge der Edelleute, welche selten wie Bürgerliche etwas gelernt haben, wovon sie leben können, und denen ihre Lebenart nicht immer die Lebenmittel verschafft. 1109 Wenn Verfass. zuweilen mit jungen Offizieren sprach, bevor sie geschlagen waren: so wurd' er mit Vergnügen an ihnen höchste Krieg-Beredsamkeit und Feindes-Verachtung gewahr, gleichsam wahre Herkulesse, obwohl aus Pech, wie Dädalus einen geformt Lessings Schriften B. 10. , und folglich leicht am Schlachtfeuer laufend; indes auch der lebendige Herkules ging bekanntlich im Feuer auf – und davon. Solche leibhafte Anreden voll Anfeuern nun, solche Sieg-Propheten sind alte und gemeine Leute schon selten; und daher junge unschätzbar. Die Griechen nahmen früher Gallier und Deutsche für eins; wenigstens in dieser Achtung für kriegerische Jugend können wir uns mit Galliern verwechseln lassen. Wir gleichen (nur, wie gesagt, die Generale ausgenommen) wie sie den alten Katten, an welchen Tacitus dies als seltene Einsicht bewundert, daß diese das Vertrauen des Siegs nicht auf das Heer, sondern auf den Heerführer setzten; wozu eine andere Stelle desselben recht erläuternd paßt, daß die deutschen Fürsten oder Heerführer für ihren Ruhm, die Heere aber für ihre Heerführer gekämpft. Die Franzosen handeln mit Recht und Glück nach der Voraussetzung, daß der größte Verstand schon Raum habe in einem Kopfe, die Tapferkeit aber in ein paarmal hunderttausend Fäusten. Gewonnen freilich haben wir, so viele ganz junge Edelleute wir auch immer voran- und hochstellten, bisher noch nicht alles, was die Franzosen durch junge bürgerliche Offiziere und Generale errungen; doch dürfen wir als Gewinn daraus sowohl die Erfahrung, daß aus den kleinen Ursachen und Kräften – hier eben aus unkräftigen abgematteten Offizieren – die größten Begebenheiten, d. h. Schlacht-Verluste, Länder-Verrückungen entstehen, als auch die gewisse Hoffnung ansetzen, daß, wenn die besten Fürsten bloß durch Unglück erzogen wurden, ebenso mancher Offizier durch starkes auf dem Schlachtfelde so gebildet heimgekommen, daß mehr von ihm zu erwarten ist. 1110 7. Trost Staatschiffe, welche die Segel verloren, haben darum noch nicht die Anker eingebüßt. 8. Soldaten-Plage Diese kann man länger haben als echte Soldaten; so wie Zahnschmerzen länger als Zähne. 9. Die Völker-Zypressen Der Aufenthalt unter Zypressen, glaubten die Alten Nach Plinius. , heile und stärke. Nun so geht unter die Zypressen der alten deutschen Gräber, ja der neuen. 10. Das Menschen-Geschlecht Die ganze Erde wurde noch in keine Seelen-Nacht eingewickelt – denn wie hätte dann alles Umwenden ihr aus dieser helfen können? –, sondern die Himmelsonne der Bildung senkte sich, wie auf den nordischen Meeren die andere Sonne nach langem Tag, bis auf die Wellen nieder, hob sich aber aus gedrohter Nacht unerwartet auf, und ein neuer Morgen fuhr hinter der Mitternacht aufgeblüht hervor. 11. Wert des Unglücks Ich hatte das Glück, unglücklich zu sein, darf zuweilen ein Volk so gut sagen als ein Mensch. Verunreinigte Völker gleichen Strömen, welche ihren Schlamm nur fallen lassen, wenn sie sich zwischen aufhaltenden eckigen Ufern durchkrümmen. 12. Unterschied des Stillstandes Gleich den Rauchsäulen der Vulkane steigt der große Mann eine Jugendlänge dem Himmel zu, dann zieht er, wie jene, nur 1111 waagrecht fort; – so heben und wenden sich auch die Völker, aber nicht so das Menschengeschlecht. Auf das liegende Volk türmt sich das höhere – Riesen werden von Feuerbergen zugedeckt – ein Grab erhöht das andere, und so entstehen aus den einzelnen Versenkungen die allgemeinen Erhebungen und aus Niederschlägen Gebirgketten. 13. Mißkennung großer Taten-Menschen Sie stehen im Äther-Blau vor der Zeit erhaben als Gebirge; aber eben darum wird alles, was vom tiefen Volkboden an sie fliegt, für ihre Geburt gehalten. So scheinen die hohen Berge zu rauchen; aber der Schein kommt von den Wolken, welche sich von unten an sie ziehen und legen. – Nur die Tiefe nebelt, nicht der Berg. 1112   II. Mein Aufenthalt in der Nepomuks-Kirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen Je kleiner eine Reichs-Stadt, desto größer ihre Geheimnissucht; und ein ganz kleines Reichs-Dorf gesteht gar nicht einmal seine Existenz. Vielleicht glaubte auch Ziebingen – ein anderes Ziebingen als das im crossischen Kreise –, wer sich zu spät beweglich (mobil) wider den Feind mache, werde leicht zu früh beweglich vor demselben und renne. Kurz, wäre Senat und Militär nicht so verschlossen gegen In- und Ausland gewesen als die Jubelpforte in Rom, welche man nur an Jubeljahren aufmacht und sogleich zumauert: so hätt' ich von der bevorstehenden Belagerung etwas erfahren, eh' die Tore zugesperrt worden, und wäre fortgeritten; so aber wurde ich wie jeder Reisende mit einkaserniert, ohne etwas davon zu haben als diesen Aufsatz. Die schon aus öffentlichen Blättern bekannte Veranlassung war diese. Das Reichs-Städtchen Diebsfehra – nicht das meißnische Dorf – besaß mit Ziebingen auf den Grenzen eine Gemeinhut, worauf beide Städte ihre Gänse weiden durften. Unglücklicherweise fiel den 4ten Mai ein so starker Hagel auf die Markung- und Koppelhut-Aue, daß vierzig teils Gänse, teils Ganser erschlagen wurden, den Diebsfehraner Gänsehirten nicht einmal gerechnet, welchen der Blitz niederstreckte. Der ziebingsche Gänsehirt ließ als Patriot alles Tote liegen und trieb so viel Lebendiges wie sonst nach der Festung. Diebsfehra, eine Stadt von mehr als anderthalb hundert Einwohnern, konnte eine solche Verletzung der Weide-Parität nicht schweigend erdulden, wenn sie bleiben wollte, was sie war – Minister mit dem Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten wurden mit den stärksten Vollmachten und Ausdrücken in die Festung geschickt – auf Halbpart oder Parität der Gänse wurde bestanden – Schmerzengelder wurden gefodert – 1113 Sturmläufer gedroht. – Aber die Ziebinger, schuß- und stichfest durch ihre Festung, schickten ihnen nichts als ein Protokoll der Aussage des Gemeinhirten, daß das Hagelwetter bloß über die Diebsfehraner Gänse gezogen; was, wie er beifügte, auch der erschlagene Gänsehirt beschwören würde, wenn er als Gespenst vor Gericht erschiene. Angebogen war noch ein physikalischer Beweis vom Stadt- und Landphysikus, daß nie eine Hagelwolke die ganze Erde treffe, sondern stets nur einen Streif, neben welchem folglich nicht einen Gänsefuß breit davon der ungetroffene liegen müsse; woraus erhelle, warum die in Frage gestellte Wolke sich bloß an den feindlichen Gänsen verschossen. Der Krieg zwischen beiden Mächten war entschieden, und tote Gänse schürten, wie einst lebendige kapitolinische, das Gefechtfeuer an. Denn so sehr auch Diebsfehra an Heereszahl den Ziebingern überlegen war: so besaßen diese doch eine Festung und noch oben darein den wackern tüchtigen Kommandanten Ich sterbe täglich und mein Leben; ein frommer und ziemlich abgekürzter Im Gesangbuche heißt es eigentlich: »Ich sterbe täglich, und mein Leben Eilt immerfort zum Grabe hin etc«; er wollte aber lieber sich kurz und doch fromm, wie Erzgruben z. B. »Gott wird helfen« oder »Gott bescherts«, nennen. , obwohl dennoch langer Name, welchen er nach der Sitte der Donatisten und Presbyterianer bei aller Länge sehr gut führen konnte, da man nur Kürze der Kommandowörter, aber nicht der Kommandantennamen verlangt. Auch brauchten die Belagerten nur die Tore zuzumachen, so konnte niemand wenigstens – hinaus. Eingeriegelt wurden gegen alle Festungmaximen – bloß um recht geheim zu bleiben – noch ein Elefant und ein Buchhändler. Letzter hieß Peter Stöcklein und gab sich für einen Nachkömmling von dem bekannten Peter Stöcklein aus, welcher 1513 der erste Buchhändler in Leipzig war, und der erst in seinem 102ten Jahre mit Tod abging. Vielleicht würde die deutsche Gesellschaft in Leipzig sich um Deutschland, oder die dasige Buchhändlerschaft sich um ihren primum adquirentem und buchhändlerischen Adam einiges Verdienst erwerben, wollte sie an Ort und Stelle 1114 dessen Begebenheiten und Nachkommen genauer nachgraben und so durch anhaltende Forschungen seinen beinahe unter der Erde versteinerten Stammbaum ans Licht ziehen. Ich würde dann sehen, ob der neue Peter Stöcklein wirklich, wie er vorgibt, oben dran sitzt als Wipfel. Der neue Stöcklein nun wollte nach der Messe eine kleine Lust- und Geschäftreise durch die besten Schreib- und Kaufstädte machen, um Gelder, Schriftsteller und Käufer einzunehmen – als der Teufel als ewiger Naturforscher ihn wie einen Hornschröter in die Festung festpflöckte. Stöcklein ist ein wahrhaft gebildeter Mann und voll gedruckter Kenntnisse, um mit mehr Auswahl geschriebene zu verlegen und durch Autoren Wissenschaften um ganze Messen früher als sich selber zu bereichern, gewissermaßen ein Vielwisser, indem er Sortiment- und Verlagbuchhändler zugleich ist. Da er, was mich anging, fast alles gelesen, was von mir gesagt worden in den – Rezensierblättern: so schloß er sich gern an mich und wünschte sich Glück zur gemeinschaftlichen Einsperrung. Darauf setzt' er hinzu: von der einen Seite könn' er wohl eine flüchtige Belagerung gebrauchen für sein Belagermagazin – (er verlegte nämlich eines, so wie jetzo Kleider-, Sarg- oder andere Magazine und bei Buchhändlern fast alle übrigen Magazine zu haben sind) –; aber von der andern Seite wünsch' er als ein Anfänger, den man mitten in seiner Reise aufhalte, und der samt seinem Pferde kaum von der besten beschriebenen Belagerung in seinem Magazin satt werden könnte vor lauter Rabatt – da wünsch' er einen Verlagartikel von mir. Da ich aber keinen in der Tasche noch im Kopfe hatte: so schüttelte ich diesen; darauf sagt' ich, um zu mildern, scherzhaft: ließe ich im Diskurse etwas von Gewicht fallen, so mög' ers aufnehmen und den Käufern auftischen. Aber später sah ich, daß er wirklich mit der Rechten in der Tasche arbeitete, um Einfälle aufzuschreiben, womit er seine Belagerung würzen wollte. – Nun hebt diese selber an. Der geheime Ziebinger Ausschuß wußte bestimmt, daß man die Festung den 8. Mai mittags berennen werde. Dieses Bekanntwerdenlassen zeigt, daß die Diebsfehraner echter deutsch waren als jene; denn wie die 1115 Samojeterinnen ein Glöckchen tragen, damit die Eltern jeden Schritt und Aufenthalt derselben wissen, so klingeln die Deutschen ebenso ihre Märsche den Feinden aus, wodurch diese am ersten baldigen Frieden geben können. Ja wie Hohepriester mit Schellen am Rocksaume ins Allerheiligste gingen, um ihren Gang eben anzuzeigen: so gehen sie ebenso laut in und aus Sitzungen, wiewohl weniger um damit ihren Gang als den Gang der Sachen bekannt zu machen. – Jetzo wurden ernsthafte Vorkehrungen getroffen, wozu lächerliche recht gut taugen. Patriotismus war allgemeine Empfindung – Der Nachtwächter dankte ab, weil Bomben, wie er sagte, ihn gänzlich störten und springende die Diebe noch eher verjagen würden als ein lahmer Mann – Die Fahnen wurden neu geweiht – Die allergefährlichsten, doch kriegerlaubten Stechwaffen wurden zusammengesucht, nämlich stumpfe und rostige, vor deren Wunden Gott bewahre – Alle von uralten Belagerungen in Gebäuden wie Augäpfel eingesetzte Kanonenkugeln wurden ausgehoben, um von neuem loszugehen – Alles Scheibenpulver der Festung wurde dem Kartaunenpulver beigeschüttet, weil von letztem mehr hätte da sein sollen – Wär's in einem der grimmigsten Winter gewesen, so hätte man sich leicht Kanonen aus Eis gebohrt wegen Mangel metallener; denn einige vorrätige hatte kurz vorher der Kommandant, verschlagen genug, den Diebsfehranern aufgehangen und verkauft für eine tüchtige Menge Fässer mit Mehl, da eine Festung wohl das Schießen, aber nicht das Schlucken entbehren kann – Über das schwächste Tor (ihr anderes war gut gedeckt) wurde eilig ein kleiner Hundestall mit einer Türe gegen den Feind und einer gegen die Stadt erbauet und darein ein halb wütiger Hund samt einer Kuppel gesunder getan, die sich untereinander während der Belagerung wütig beißen sollten, so daß man die tolle Nebengarnison aus der Feldtüre auf den anstürmenden Feind konnte hinabspringen lassen; ob aber krieggerecht, da man den Spaniern in Amerika schon die gesunden verdenkt, entscheid' ich nicht – Das Pflaster brauchte man zum Glücke nicht aufzureißen, weil gar keines da war, so auch keinen Dünger aufzutragen, weil er schon da war, indem ihn jeder Bürger vor seinem Hause unterhielt, um sich durch die 1116 verdaueten Heuhaufen an den Frühling zu erinnern – Der Kommandant foderte, um im höchsten Grade aufzumuntern, die Besatzung vor sich und gab ihr eine Ehrenbelohnung für ihre künftige Tapferkeit voraus, indem er sich von jedem seine Flinte reichen ließ, sie an seine eigene Schulter legte und dann mit den Worten wiedergab: »Hier empfange von mir eine Ehrenflinte; bist du in der Nähe ebenso tapfer, so schlag' ich auch deinen Säbel zu einem Ehrensäbel, und dann hast du Ehre am Leibe« – Er setzte kleine Preise auf tapfere Träume voll Siege (wie sonst Tyrannen Strafen auf mörderische), um durch das Träumen das Wachen zu stählen – Er selber kaufte sich den neuesten Kriegschauplatz, nämlich die Ziebinger Stadtkarte, und machte sich darin wie einheimisch, so daß er bei den verwickeltsten Vorfällen, der Feind mochte angreifen, wo er wollte, immer zu Hause war und das örtliche kannte, wohin die Leute zu beordern waren – Endlich sogar der Zeitungschreiber gehörte unter die Bollwerke und Basteien der Stadt, und über alle Beschreibung entzündete er jeden Ziebinger durch die der feindlichen Schwäche und durch die Gewährleistung des Siegs. Vaterlands- und Reichsfestungliebe, schrieb er, schlägt sogar im Herzen des Fötus vermittelst der Mutter, und alles will sich bis auf den letzten Mann wehren (was glaublich ist, wenn vom letzten Mann nicht weit zum ersten ist) – Nur bedauerte der Zeitungschreiber, daß seine Zeitung, welche dem Feinde allen Mut rauben könnte, gerade von demselben mit belagert werde. Kurz nun fehlte zur besten Verteidigung nichts als ein Feind dagegen; der erschien aber redlich den 8ten Mai nachmittags. Fast hätte der Anfang uns sämtlich erschreckt. Nämlich durch einen bloßen Zufall – und noch bevor das belagernde Heercorps sich völlig festgesetzt – fügt' es sich, da eben der Wind gegen die Stadt ging, daß ein Luftballon (kein größter) seinen sinkenden Bogenflug gerade über der Festung beschloß; wir alle hielten den Ballon für eine der verdammtesten Bomben, die man je zum Teufel oder zum Feinde gewünscht; die tapfersten Ziebinger Gesichter wurden so weiß wie Hahnkämme im Winter. Aber diese Kampfhähne sagten: »So beschießt uns aber mit ordentlichen 1117 Bomben, so sollt ihr sehen.« Gewissermaßen glichen also viele dem trefflichen Cicero, der, obwohl ein großer Redner, doch bei jedem Anfange zitterte, darauf fester fortsprach und endlich andere, z. B. einen Cäsar, ins Zittern brachte. Desto seliger sind Belagerte, die ein Kommandant wie Ich sterbe täglich und mein Leben beschützt und verschanzt. Es war zwar gar kein borstiger Mann, dessen Nase ein gespannter Büchsenhahn und die Nasenlöcher Schießscharten sind, und welcher sagt: ich wollte, beim Teufel, alles, Gemeiner und Unteroffizier, Bürger und Bauer, und Weib und Kind, alles wäre von Adel, damit ich mich mit ihm hiebe und schösse als meinesgleichen. – Vielmehr war umgekehrt der Mann sehr milder, milchiger Natur, nicht ein Brei, ein dicker, worin ein Knochen oder Degen feststeht, sondern eine weite knochenlose Marksuppe, und so viele Narben er auch aufwies, so hatte sie doch sämtlich der Aderlaßschnepper geschlagen; – aber sein Mut wurde bloß gedämpft und mehr gehörig eingeschränkt, da nahe an ihm ein Pulverhorn, wie eine Mine, gesprungen und ihn, wie der Blitzschlag Luther, theologisch gemacht hatte. Wie im bloßen Löwen von Butter, welchen Canova als Küchenjunge geformt, sich die ganze Größe des Künstlers verriet, so zeigte der Kommandant als weicher butterner Löwe ganz in jeder Linie den Umriß eines wahren Kriegleuen, und zwar sehr und genug; er ließ die Krieg-Festung-Gesetze, gleich dem Zendaveste, der auf 1200 Häute geschrieben worden, bloß weitläuftiger und gröber, doch unleserlicher, weil das kurze Schreibrohr ein langes spanisches Rohr war, auf die Kompagnien von Häuten schreiben und bringen, für die er zu stehen hatte; – es gab gar keinen so geringen Fehler, den er nicht mit kleiner Festungstrafe ahndete in der großen Festung; – sogar Hunde wurden arretiert und auf die Wache gebracht, welche an Schilderhäuschen den Sturm der Schildwache und ihr eigenes Wasser abgeschlagen. Man kann nun erraten, ob er sich in den Kleinigkeiten wohl weniger streng und kraftvoll benommen. Endlich aber zum Größern zurück! Wer je die Allmacht über Subordinationherzen berechnet hat, welche große Generale durch 1118 herablassende Teilnahme an gemeinen Pflichten ausgeübt: der errät leicht die Gründe, warum der Kommandant selber sich zum Losschießen der ersten Kanone auf den Wall begab und die sieben Kanonen-Magister-Künste Eine Kanone hat bekanntlich 7 Trabanten – wie Saturn, der Planet des Zeitgottes – oder Leute, die sie handhaben. so beorderte: »Wischt aus – Cartouche in den Lauf – setzt an – Schlagröhre hinein und richtet – Feuer!« – Aber der Feind, welcher wohl glaubte, bei einem höflichen Salutieren müsse man ohne Kugeln schießen, fand sich beleidigt davon und machte nun keine Umstände, sondern den Anfang der Belagerung. Es ging los. Schon die erste feindliche Haubitze fuhr ins Schallloch des Kreuzturms und warf mit schrecklichem Klange die Kindtaufglocke auf die Gassen hinaus. Die erste Bombe fiel und zerplatzte und riß den Pranger und einem Invaliden das einzige Bein, das er von Holz hatte, hinweg und einem jungen Patrizier (was aber sehr nach Scherz klingt) die Nase von Wachs. Überhaupt hätte das Bombenfeuer der Diebsfehraner mörderisch werden können, hätten sie mehr als einen Mörser gehabt; denn mit Bomben waren sie fürchterlich versorgt. So aber konnte die Festung sich wenigstens während des Ladsabbats etwas erholen und zurüsten. Die erste Bombe sonderte sogleich die Stadt in drei Teile: der erste, welcher Lagerbier hatte, begab sich zu diesem hinunter, der andere samt den fluchenden Reisenden in die bombenfeste Kirche, und der dritte aus Handwerkern, mit zu vielen Werkzeugen und Kindern belastet, blieb, wo er war, nur daß er seinen alten Düngerhaufen vor dem Fenster viel näher an dasselbe schob, ja auf dasselbe als Fensterladen und Schießhausmauer; eine närrische umgekehrte Art von Mistbeetfenster, wo das Fenster unten liegt. Die ersten, welche in die Kirche gingen, waren ich, der Buchhändler und der Elefant. Der Elefantenherr war zu bedauern; mit Mühe brachte er seinen Christophel (so hieß er seinen Tierriesen) durch das enge Tor hinein – und nun nicht einmal hinaus. Da er ihn schon für 1119 gehöriges Schaugeld vorgewiesen: so war mit einem Vieh, das sich an der Stadt so alltäglich abgefärbt wie eine Katze, kein Pfennig weiter zu verdienen, indes der Christophel so ungeheuer fortfraß, als wär' er noch ein Wunder der Welt. Weil nun den Landwalfisch kein Keller faßte, und ihn doch im Stalle jede Bombe finden konnte: so tat der Elefantenherr (ein struppiger, mongolisch-blickender, plattnasiger Kerl) vor dem Senat mehr als zwanzig ausländische Schwüre, daß er, wenn sein Christophel nicht in der Kirche stallen dürfe, ihm ohne weiteres drei Nößel Branntwein zu saufen gebe, worauf sein Tier (dafür steh' er) das erste beste Stadttor einrenne. Der Christophel wurde als innerer Türsteher hinter die Kirchtüre gestellt. Ich und der Buchhändler betteten uns in die Sakristei, wo es ganz artig war. Er schlief nahe an mir, weil vielleicht im Traum, dacht' er, eine brauchbare Rede abfallen könnte. »Hier ist endlich,« sagt' ich, »Herr Buchhändler, Zeit und Ort zum Spaße und zu einem guten Tage. Die Alten« (ließ ich fallen) »verordneten bei Pest, Niederlagen und dergleichen statt der Bußtage Freudenfeste; warum wollen wir Neuern dann nicht die Trauer statt mit Trauer lieber mit Freude bekämpfen und dem äußern Trauerspiel mit einem innern Lustspiel entgegenspielen? Aus welchen Gründen bestehen Sie denn so sehr auf der entgegengesetzten Meinung, Herr Stöcklein?« – »Gott bewahre mich! Ist einer lustig in Staatnöten, so bin ichs,« sagt' er sehr ernst. »Recht,« sagt' ich; »sollen denn die Menschen den Fischen gleich werden, welche kein Zwerchfell haben und es also nicht erschüttern durch Lachen? – Der Papiermüller kann nur bei heiterem Wetter fabrizieren; heiteres von innen aber ist sowohl mir, der ich das Papier zum zweiten Male bearbeite und kohobiere, als Ihnen, der Sie es zum dritten Male abziehen, wahrlich noch nötiger als dem Papiermüller.« Ich trat ein wenig aus der Sakristei – eine anmutige Übersicht! Jeder weibliche Kirchenstuhl war von Männern bewohnt, alle Logen von Patriziern besetzt, von jeder Empor schaueten Weiberköpfchen herab. Der weibliche Teil hatte sich absichtlich der höheren Emporen bemächtigt, um das männliche 1120 Beobachtungscorps unter sich zu haben. So war die Kirche viel – zugleich Spinnstube – Barbierstube – Ankleidezimmer – Boudoir – Herren- und Bedientenzimmer – Eßsaal – Schlafsaal und alles. Noch vor nachts wurde der Feind fuchswild; unaufhörlich kanonierte und haubitzierte er, wiewohl nicht jedesmal zu unserm Schaden, da wir manche seiner Kugeln ihm wieder zuschicken konnten. Lächerlich genug schoß er einen Gewitterableiter entzwei, als wenn man im Erdengewitter des Kriegs viel danach fragte, daß man von oben herab erschlagen werde, sobald man nur nicht von unten herauf erschossen wird. Zum Besten der Kirchenversammlung waren einige Leitern in die Kirche niedergelegt, welche von Personen, die um die Ihrigen bekümmert waren, aufgerichtet werden konnten, damit sie sähen, wie es draußen herginge. Die langen Kirchenfenster standen nämlich glücklicherweise nackt und von keinen Emporen überbauet da, so daß eine Leiter bequem anzubringen war. Ich legte meine an und stieg hinauf – Stöcklein mir nach, um das aufzufangen, was mir etwa von der Leiter entfiel – und sah in die Straßen hinein: ich sah nichts als Tapferkeit auf der Gasse. Da eben eine Bombe niedergefallen war: so beorderte ein außer ihrer Springweite stehender schöner Patrizier mit einem Mute, der nichts fürchtet, seine Leute, mit ähnlichem hinzulaufen und Wasser daraufzuschütten. Die Leute aber, vielleicht weniger mutig als er, oder glaubend, sie langten zu spät an, zögerten ein wenig, als zum Glück ein entwischter Tollhäusler, der alles in einer versteckten Ecke eingekrümmt vernommen hatte, hervorsprang und so lange auf die Bombe pißte, bis er sie tot gemacht. Darauf grub er sie heraus und rief springend: »Platzkügelchen ist mein, ist mein!« Dieser Vorfechter der Garnison und des Vaterlandes wird aber ewig in der Geschichte glänzen, mit seiner Bombe, gleichsam seinem Parisapfel der Ehre, in der Hand, den er sich selber gegeben; und seine Tollheit wird gerade ein Lob seiner Klugheit mehr sein. »Auch der Patrizier« – sagt' ich, die Leiter zurücksteigend – »tat das Seinige.« – »O Verehrtester,« sagte Stöcklein zurückweichend, »fangen Sie unten wieder an, ich höre nichts.« »Aber ich erriet« – sagt' ich unten am Leiterfuße – »den Braven 1121 schon längst, und zwar aus seinem Geruche. Junge Garnisonoffiziere, wenn sie parfümiert (wohlberäuchert) genug sind, haben das Zeichen, woran man echten damaszierten Stahl erkennt, daß er nämlich einen unvertilgbaren Parfum aushaucht; etwas einziges an einem Metalle! Die gewöhnlichere Ähnlichkeit mit dem Damaszener Säbel – in das Eisen Scharten zu hauen, ohne eigne zu bekommen – bringt der wohlriechende Offizier nicht sowohl in den Krieg als aus dem Kriege, der ihn wie den Stahl wechselnd abkühlt und erhitzt, so daß er bei dem Friedenschlusse als ein Mann dasteht, der jede Stunde ins Feld taugt. Wenn ich sonst wollte, könnte ich das Gleichnis noch zu einem triftigen Spruche steigern: der rechte Mann sei scharf und stark gegen Angriff, und doch zugleich anmutig genug; wie der Damaszener zerhau' er Eisen und hauche Blumenduft.« – Der Buchhändler konnte die Hand nicht aus der rechten Tasche bringen. Die Nacht verdroß manchen von uns, weil das einfältige Hin- und Herschießen uns bald im ersten Schlafe störte, bald im zweiten, bald im dritten. »Wird denn der Gottesfriede des Schlafs so gar wenig bei Belagerungen respektiert?« fragt' ich. Schlaftrunken und ungemein verdrüßlich guckt' ich aus der Sakristei in das Kirchenschiff und dessen wache Schiffsmannschaft hinaus; ergötzte mich aber doch einigermaßen an der Beleuchtung durch die Wachslichter auf dem Altar und durch einen schlechten Kronleuchter, der statt des Taufengels in der Mitte hing. Mehre eingelaufne Juden waren so froh wie Fische im Wasser, das kocht, wiewohl sie für ihren Interims-Übertritt in unsere Kirche etwas Besseres verdienten. Plötzlich schlug gar eine Bombe auf unser Sturmdach auf – alle Schlaftrunkenheit war fort – alle sahen an die Kirchdecke und glaubten, jeder daran gemalte Prophet fahre hinunter und die Bombe ihm nach. Die einkasernierte Judenschaft verwandelte die Nepomukskirche in eine Kasualsynagoge und schrie Zions oder dergleichen, denn für Beten nahm ich ihr Heulen. Am Tage indes machten sie zum Glücke einige Geschäfte im Tempel. Auch hatten verschiedne Betteljuden in Compagnie einem reichen Juden, der bei einer Kloster-Versteigerung und -Zerstörung 1122 mehre guterhaltene Beichtstühle und Altäre erstanden, solche für die Kirche abgemietet, teils um die Altäre wieder an die Geistlichen zu vermieten – da bei den allgemeinen Todesgefahren und Sterbebetten so viele gar nicht eingepfarrte Seelen zum letzten Male, und zwar täglich, das Abendmahl zu nehmen wünschten –, teils um die Beichtstühle selber zu bewohnen und sich darin, wie in kleinern Judengassen, jüdisch-reiner zu erhalten. Sogar die Bettler, welche in der Kirche sich nähren und schützen wollten, machten mehre gar nicht verächtliche Geschäfte, da sie, als ihre eignen Klingelbeutelträger herumsammelnd, immer wahre Christen fanden, die sich gern als solche vor einer ganzen zusehenden Gemeine bezeigten und täglich einen Pfennig heropferten, zumal in solcher Angst. Nur hatte die kirchliche Bettlerschaft vielen Verdruß und Kampf mit einem alten bettelnden Ehepaar, das, seit Jahren vor der großen Kirchtüre seßhaft, jetzo auch hineingetreten war und deshalb eine Art Recht auf die Almosenladung des Kirchenschiffs zu behaupten suchte. Nach meiner Ansicht aber hat hier das Bettelpaar weit mehr Eigennutz als Recht. Am Morgen verließ ich den Kirchenarrest ein wenig und strich – mit Stöcklein neben mir – in den Gassen umher. Wir gingen in den italienischen Keller, wo wir den fröhlichsten Mann der Festung fanden, den Italiener, weil sein Keller zugleich ein Sturmdach und ein Himmel voll Manna für seine Gäste gewesen. Zu letzten schlug ich mich – nur Stöcklein ließ sich weder vom Wirte noch von mir etwas geben –; und nach wenigen Gläsern erhob ich die Ziebinger auf Kosten der Fürsten. Denn ich sagte: »Die meisten Fürsten machen es mit den Kriegern, wie (nach Lichtenbergs Vorwurfe) die Astronomen mit den Sternen, welche sich mehr um die Bewegungen derselben als um deren Natur bekümmerten. – Sie glauben mit Goldkörnern den Staat fruchtbar zu besäen; Goldstaub halten sie für lebendigen Blumenstaub, der befruchtet und fortpflanzt. Indes verstehen sie doch wohl mehr, als wir erraten; man denke an den blinden Huber (den Naturforscher), welcher über die Bienen die größten Entdeckungen bloß dadurch ohne alle Augen machte, daß er von seinem 1123 Staatsbedienten, nämlich seinem Bedienten, sich alles sagen ließ, was dieser sah.« Stöcklein wurde glücklich in der Tasche, seinem Glückhafen. Wir gingen von da aus zu einem Töpfer, um ein Kabinettgefäß zu kaufen, welches allerdings nur dann in eine Kirche gehört, wenn ein Bett dazu dasteht, worunter mans stellt, sonst nie. »Welche reine Farbengebung und Zeichnung!« sagt' ich, als ich in das Gefäß hineinschauete und die Blumenstücke recht ins Auge faßte. »Meister! Führ' Er so fort und lief' Er sich täglich so selber den Rang ab, Meister, ob Er dann zuletzt uns nicht mit einer Barbarini- oder Portlands-Vase überraschte, da möchte ich den Mann sehen, der sich herstellte und schwüre, diese könn' Er so wenig machen als ein ägyptischer Zauberer eine Laus.« – Nur sollte das Töpferhandwerk seine Kunstwerke nicht, wie Christen ihren Schmuck, bloß innen anbringen. Wie so mancher Kunstliebhaber muß jetzo seine Schüssel saurer Milch erst ausessen, bis er allmählich durch den Löffel sich ein gemaltes Blatt nach dem andern von dem Schüssel- oder Blumenstück aufdeckt, so daß er das Ganze nicht eher genießt, als bis er satt ist! Als ich mich aber nach einigen der neuesten Werke des Künstlers umsah, fand ich die Blumenstücke sämtlich wie von einem Höllen-Breughel so verzerrt und die Gefäße so verdreht, daß ich ihn darüber befragte; »ach,« sagte der Töpfer, »vor dem teuflischen Geschieße zittert dem Menschen Arm und Bein; und da verfumfeiet er freilich jeden Bettel.« So ist also die Bemerkung nicht allgemein wahr, daß immer in Kriegläuften, wie z. B. in Athen, die Künste besonders blühen. Unter der Haustüre wetteiferten ich und der Buchhändler freundschaftlich, wer den Topf öffentlich durch die Straßen tragen sollte; er focht mir ihn aber endlich ab. Als wir vor einem Fenster ohne Mist vorbeikamen, sahen wir darin einen Schauspieler sitzen, der sich in der Rolle Falstaffs wollte malen lassen und deshalb anstrengte, eines der komischsten Gesichter aus dem Stegreif zu schneiden, damit es für einen Theateralmanach zu stechen wäre. Aber – aus Bombenschauder – sah er wie ein Gekreuzigter aus, oder wie ein Scheintoter, oder 1124 wie ein Bleikoliker, oder auch wie ein Gichtmaterialist; indes sogar auf diesem Wege erreichte er seinen Zweck, lächerlich auszusehen. Als wir in den Notstall der Nepomuks-Kirche zurückgekommen, so hoffte der listige Stöcklein – teils weil ich in der lachendern Stimmung war, teils weil er den Topf getragen –, sich vielleicht jetzo einen Verlagartikel auszuwirken, und wiederholte sein Anbetteln. Ich versprach in der Not, ihm, wenn er eine Rezensieranstalt anlegte, solche mit mehren Selbrezensionen meiner Werke möglichst zu unterstützen. Um 12 Uhr fuhr eine Hiobs-Post in die Kirche: der Kommandant hatte bei der Parole bekannt gemacht, er habe sichere Nachricht, daß der Feind gestern einen zweiten Bombenmörser aufgetrieben und aufgepflanzt. »Jetzo kann es hitzig hergehen«, sagt' er. Nach der Tafel brachte bei ihm leise der Feldprediger seinen alten Gedanken vor: »fiele er nur einmal in der Nacht aus, so wäre das Meiste vorbei.« In der Welt kann der Umstand nicht allgemein bekannt sein, daß der Prediger als Gewissenrat und Beichtprediger viele Freiheit hatte und gleich einem Kanarienvogel, der sogar gefüttert nach seiner Speisemeisterin mit dem Schnabel hackt, ebenso mit dem seinigen nach ihm picken durfte. Der klügere Kommandant versetzte ihm: »er harre bloß aufs Wetterglas und sehe stündlich darnach; noch fehle das nötige Regenwetter, doch falle das Glas.« Der zweite Bombenmörser beschoß schon voraus die Geister in und außer der Kirche. Die Turmmusik wurde bloß unten im Turme, nicht weit vom Elefanten geblasen – kein Schornsteinfeger thronte mehr mit dem Besenzepter außerhalb des Schornsteins, um über die Stadt hinwegzusingen, und wer einen Augias-Stall besaß, verpachtete dessen Ertrag karrenweise als Jalousieläden gegen das Feuer. Singende Prozessionen wurden jetzo durch die ganze Kirche gehalten (außen wäre Todesgefahr gewesen), und männliche zogen (aus Mangel an Platz) die Treppen hinauf, weibliche herab. Stöcklein, der ein Hasenherz für eine Hasenscharte hielt, deren man sich nicht zu schämen braucht, sagte geradezu heraus: »Ich 1125 wollte, ich schnürte daheim Ballen. Gern gäb' ich das neueste Heft des Belagermuseums auf, könnt' ich aus dem Satansloche hinaus!« »Und gerade jetzo läßt sichs zum Interesse an,« sagt' ich; »Brand, Affären, Stürme nicht einmal angeschlagen, so sehr sie auch ein Museumheft verzieren mögen. Denn von nun an werden beide Städte vom Schicksal zu so ungeheuern Fechtbewegungen gegeneinander getrieben, daß im großen solche erscheinen, als man im kleinen bei einem gewissen Spaße mit Maikäfern bemerkt und belacht. Es werden nämlich zwei Käfer in Brot bis zur Hälfte eingeklebt; – dann werden die beiden Vorderfüße eines jeden in zwei lange Strohhalme eingetrieben, und darauf erwartet man die Folgen. Aber sogleich fangen die inhaftierten, vom Brot gedrückten Käfer, die mit ihren freien Vorderfüßen zappeln wollen, mit ihren Riesenrapieren gegeneinander so gewaltig zu fechten an, und mit solchen Windmühlenbewegungen schlagen ihre langen Speere durch die Luft, daß Leute mitten im Lachen noch fragen: sinds Käfer?« – Stöcklein ging beiseite, er hatte mir in der Tasche nicht ganz nachkommen können. Gegen Abend erschien der alles bedenkende Kommandant mit der Nachricht, daß er jede Nacht ein paar Stunden lang Betstunde wolle halten lassen, gleichsam Wettergebete gegen das Krieggewitter; »in Kirchen kommen ja von jeher Verwundete und Krieggefangene; und was sind wir armen Sünder denn geistlicherweise anders?« Er versicherte noch gewiß, er wolle mit seinem eigenen Beispiele vorgehen. Welcher Mann! Solche Ich sterbe täglich und mein Leben wären mehren Festungen zu gönnen. Er hielt sein schönes Wort und erschien, ungeachtet alles Schießens, nachts in unserm Notstall und -hafen. Wie Agesilaus immer in Tempeln Herberge nahm, damit sein Leben jedem Auge aufgedeckt vorläge: so wollte auch er durch den Kirchenbesuch allen Ziebingern seine Gesinnung offen hinstellen. Er hielt den Gottesdienst aus, so sehr man auch bombardierte – nur daß er von Zeit zu Zeit durch Adjutanten Befehle abschicken mußte –; ja nicht einmal eine auf dem Nepomuks-Dach aufschlagende Bombe vertrieb ihn von seinem Betposten. 1126 Am Morgen brachte der Beichtvater wieder den Ausfall in Vorschlag; aber noch immer stand das Wetterglas nicht bei Sturm , sondern fiel erst auf ihn zu! Am Tage wurde zu wenig geschossen. Aus Langweile sucht' ich, in Erwartung des lebhaften Nachtschießens, meine Gedanken über den größten und insofern wichtigsten Teil der Schriftsteller, nämlich den elenden, mir selber laut zu entwickeln; da aber lautes Sprechen lebendiger wird, wenn jemand da ist, der zuhört: so war mir Stöcklein wie gefunden dazu. Ich entwickelte mir ungefähr folgendes vor ihm: »Alle öffentlichen Bibliotheken bewahrten bisher nur gute Werke der Nachwelt auf. Es fragt sich aber, wenn die Nachwelt den Geist der vorigen Zeit aus dem Innersten kennen lernen will, ob sie diese Kenntnis richtiger aus genialen Werken, welche jedesmal über den Geist ihrer Zeit herausspringen, zu schöpfen vermöge, oder vielmehr aus ganz elenden, welche als Nachdruck und Brut ihrer Zeit und durch ihre Menge am stärksten deren Bild, besonders die Schattenseite abzeichnen. Mit welcher Begierde würden wir z. B. die Schartekenbibliothek der beiden während der Reformation schreienden Parteien durchlaufen! Ebenso wünscht' ich eine Nachahmerbibliothek, z. B. von Goethe, von Klopstock. Schlechte Bücher zerrinnen wie Wolken auf immer; aber etwas in mir will haben, daß von jedem abgedruckten Schmierbuch wenigstens ein Exemplar übrig bleibe. Wie wird künftig Meusel die hungrige Nachwelt hetzen und peinigen, wenn er ihr so viele tausend Büchertitel auftischt, zu welchen kein Blatt mehr auf der ganzen bewohnten Erde zu finden ist! Glücklicher sind wir und Er, die wir doch manches elende Buch noch auftreiben. Ich begehre indes nur eine einzige Sudelbibliothek für ganz Deutschland. Hierzu wäre noch etwas zu wünschen, was wohl paradox genug scheint. Nämlich eine Gesellschaft Buchhändler müßte sich zusammenschließen bloß zum Verlage elender Werke, anstatt daß jetzo nur einer und der andere ganz damit umhangen ist, oder daß sie bei den meisten gar sich mit guten vermischen; um wie reicher würde unsere Literatur an sonst auf immer verlornen 1127 Werken anfangender Schriftsteller von 18 oder 81 Jahren sein! Unehre, lieber Stöcklein, macht ohnehin ein schlechtes Buch nicht dem, der es verkauft und nicht lieset, sondern höchstens dem, der es kauft und lieset; und ein Rittergutbesitzer handelt ohne Befleckung seines Wappens mit Schweinen und Fusel. Auch befürchtet kein Vernünftiger wie Sie, es werde etwan ein Autor sich schämen, an einen Dutzendbuchhändler (nach Ähnlichkeit der Dutzendmaler und Dutzenduhren) etwas zu schicken, was Einzig-Buchhändler abgewiesen. In London war die Gasse Grubstreet zum Pferch erbärmlicher Autoren in allen Büchern verschrien; und dennoch zog einer nach dem andern ohne Scham hinein. Aber jeder mit Recht. Er konnte innerlich lächeln und, indem er seine fünf Treppen hinaufkletterte, vergnügt sagen: ›Der Rock macht nicht den Mann, und die Gasse nicht den Autor; desto schlimmes, daß meine Schreibnachbarn wahre ausgemachte Narren sind.‹ Ebenso wird der Autor, wenn er seine Handschrift an den Dutzendhändler schickt, schalkhaft denken: ›Wenn der Narr im Ernste auf ein miserables Buch aufsieht, so hab' ich ihn gewaltig geprellt; das Werk ist göttlich.‹ Stöcklein, Sie müssen hier Vorurteile fahren lassen, die ich selber sonst gehegt. Schlechte Autoren haben wahren Wert für schlechte Leser, oft für ganze Provinzen; allein gegen zweitausend schlechte Leser gibt es kaum zwei schlechte Schreiber. Ist aber das Publikum dem Chore des Aristophanes, das bald aus Wespen, bald aus Wolken, bald aus Fröschen bestand, so ähnlich: so sollte man doch auf das ernsthaft denken, was es nötig hat. Auch scheint der Himmel, um einigermaßen dem verhältnismäßigen Mangel an gemeinen Autoren abzuhelfen, ihnen desto größere Fruchtbarkeit verliehen zu haben, so daß sie in jeder Messe mit Drillingen, Fünflingen, Sechslingen niederkommen; so bemerkt Doktor Jahn ›über die Kinderkrankheiten‹, daß gerade bei Armen und Schwächlingen Zwillinge am häufigsten erscheinen. Auch treffen Sie ja in der Unterklasse der Schreiber alle Exemplare der Oberklasse, nur aber verkleinert an, kleine niedliche deutliche Klopstocke, Goethe, Herder usw.; so wie sogenannte 1128 fliegende Hirsche oder Stiere, fliegende Böcke, fliegende Ferkel unter den Käfern. Dies mag indes vielleicht die Ursache sein, daß aus solchen schlechten Werken so viele feinere Leser übergroßes Vergnügen schöpfen, wie wenigstens der Ekel nach deren Lesung bezeugt, welcher gewöhnlich das Übermaß der Lust begleitet; denn schon Cicero sagt, überall werden gerade die höchsten Wollüste durch Ekel und Überdruß begrenzt und beschlossen. In omnibus rebus voluptatibus maximis fastidium finitimum est. Cic. de Orat. III. 25. Ich weiß, Stöcklein, daß Sie an das schnelle Dahinfahren und Versterben der Sudelbücher sich am wenigsten stoßen; aber haben Sie nicht recht? Die Hebräer haben kein Präsens, die Buchhändler kein Futurum; denn was hilft das Aufleben eines Verlagartikels nach dem Ableben des Verlegers, wenn der selber ein Ladenhüter des Sargs geworden; viele Werke sollen ihrer Natur nach wie Kalender nicht ins Blaue hinaus leben; Tagschriften z. B. gleichen den Terzien-Uhren, welche desto kürzer gehen, je feiner teilend sie in die Zeit eingreifen; – sie müssen – in einem deutlicheren Bilde – warm wie Eselmilch, so wie sie von dem Tiere kommt, genossen werden. Endlich sollte ich mich wundern, wenn Sie nicht mehr als einmal sich hingesetzt und folgendes erwogen hätten: daß Krüppelbücher einen besondern Freibrief genießen. Allerdings gibts in jeder bedeutenden Stadt einen Mann, der ihn am ausgezeichnetsten genießt; jeden Tag gibt er das Seinige in Druck und ergreift damit tausend Leser, ohne je von einem Kunstrichter (dies ist aber eben der Freibrief) getadelt worden zu sein, so sehr er sich auch wörtlich wiederholt, wiewohl gerade dies seine Leser verlangen und eben darauf bestehen, daß er nichts in Druck gebe als täglich bloß den Namen seiner Station, wovon er – Postmeister ist. Offenbar sprech' ich von den gedruckten Städtenamen auf Briefen. Indes hat der Trödelautor doch den Anteil am Freibriefe, daß er kurz, selten und oft zu spät beurteilt wird. Wenn nämlich die Kunstrichter mit Staupbesen, Prangern, Rädern und Stricken auf der reitenden Post ankommen in Zeitungpaketen, um ihm kein lebendiges Haar, ja kein graues zu lassen: so hat er ohnehin 1129 keines mehr, und alles liegt schon sanft und tief begraben. Betrübt hingegen geht es unsterblichen Werken. Wie sonst die zartduftende Blume aus der scharfen Zwiebel wächset, so entspringt umgekehrt aus der poetischen Blume die beißende Kritik. Verdienste reizen zu nichts als zur Haussuchung nach Sünden; und man erfüllt gerade das Gegenteil des preußischen Gesetzes, das bloß Unteroffiziere, welche Verdienstmedaillen haben, von der Fuchtel freispricht. Ich erstaune oft, daß noch so viele göttlich schreiben. Wenn Plinius die Götter für weniger glücklich hält als die Menschen, weil nur diese sich das Leben nehmen können, jene aber unsterblich bleiben müssen: so ist dieser Satz, obwohl für sterbliche Menschen grundfalsch, doch für deren unsterbliche Werke grundwahr. Versuchen Sie es, Freund Stöcklein, und setzen Sie bloß aus Spaß eine unsterbliche Ilias auf, oder wenns Ihrem Humor mehr zuschlägt, ein aristophanisches Lustspiel; glauben Sie mir, daß Sie dann mit Ihrem so köstlichen Meisterstücke unter dem Arm – das wir alle nicht genug bewundern können, und weshalb ich ordentlich vor Ihnen niederknien möchte – durch ein Jahrhundert und Volk nach dem andern kritische Spießruten oder Gassen laufen müssen – jeder frischgeborne Rezensent setzt von neuem etwas an einem so seltenen Werke aus (ich wollt', ich hätte den Spitzbuben bei der Hand oder bei den Haaren, bloß um einen Unsterblichen wie Sie zu rächen). Nicht etwa einmal, wie Ihre Verlagschreiber, werden Sie rezensiert, sondern ein paar tausend Mal, und fortgestochen, solang' es Federn dazu gibt. Daher rat' ich als guter Freund Ihnen nicht dazu, zur Unsterblichkeit.« – Er tat, als nähm' er wirklich den ganzen Vorschlag – scherzhafte Züge ausgenommen – für sehr wichtig für sein Fachwerk, damit er sich niedersetzen konnte und vor meinen Augen das Hauptsächlichste niederschreiben und mich um Unterstützung seines Gedächtnisses bitten durfte; aber ich wußte wohl, daß der Kauz die Rede nur für einen Spaß ansah, der gedruckt trefflich zu gebrauchen wäre. Nachts übertraf das Bombenfeuer – weil es zwei Mörser machten – jedes, dessen sich die ältesten Ziebinger erinnerten. Sogar 1130 der Kommandant wurde in seiner Andacht gestört und mußte aus der Kirche heraus, besonders da ihr gegenüber das Haus des Helfers (des Diakonus) zu brennen anfing. Ich bestieg die Leiter, um die guten Löschanstalten zu besehen. Aber etwas Wichtigeres zog mich an. Es kam die Helferin im höchsten Putze aus ihrem Hause heraus; sie hatte, um ihre Hände frei zu behalten, und doch ihren Kleiderschrank zu retten, solchen auf einmal angezogen. Sie trug zugleich ihr Brautkleid – ihren Traueranzug – ihr Abendmahlkleid – ihr weißes Spitzenkleid – dann das feuerfarbne seidne und auf dem Kopfe einen majestätischen Hut mit Federn und in den Händen alle ihre feinen Hemden. Aber sie wollte mehr retten. So schwer sie sich als Selberballenbinderin in dieser Kleidergeschwulst bewegen konnte, so schritt sie doch zu dem der Gefahr nahen Schweinstall hin, um hier ein Kleinod aus der Gefahr zu ziehen. Nachdem sie die Hemden aufs Schweindach gelegt, suchte sie im Stalle mit den Händen nach der Schweinmutter, um solche aus dem Koben herauszuholen. Sie fing endlich die Mutter am Schwanze und wollte (welch unbedachtsames Unternehmen und so wenig schicklich für den majestätischen Hut mit Federn!) und wollte, sag' ich, solche an diesem Hinterhefte herauszerren. Aber nachdem sie das Vieh nach unsäglicher Anstrengung mit den Hinterfüßen bis an die Schwelle gezogen: so schoß es wieder in den Koben hinein wie ein Theaterdolch in seinen Griff. Sie erwischte wieder den Schwanzhenkel und zog unmenschlich aus Angst und brachte das Tier schon mit den Vorderbeinen bis an die Schwelle: auf einmal war es wieder hineingefahren. Endlich erbarmte sich ein Fleischerknecht des zu großen Jammers und faßte die Bestie bei den Ohren und schleppte sie dahin, wo die Dame vorausging. Am Morgen hätte der wackere Ich sterbe täglich und mein Leben nicht bei sich sein müssen, sondern des Teufels, wenn er, nachdem zwei Mörser und ein Brand da waren und Regen und das Wetterglas unter Sturm, nicht endlich dem Andringen nachgegeben hätte, in der nächsten Nacht auszufallen. Die ganze Festung spannte sich darauf. Es wurde wirklich ausgefallen. Man schlich durch das untere Tor hinaus (das obere war das andere); aber 1131 kein Feind war zu finden. Der ausfallenden Besatzung wuchs der Mut von Schritt zu Schritt, und sie fluchte leise terribel darüber, daß sie ihn nicht zeigen konnte. Endlich hörte sie am obern Tore Gelärme. Der Ausfall war trefflich gewählt; denn die Diebsfehraner wollten eben einen Einfall tun durchs obere Tor und so sich die Stadtschlüssel oder Stadtdietriche selber schmieden. Die Ziebinger zogen um die halbe Festung herum, und nun zeigte ein zufälliger Mondblick Feind dem Feind. Schrecklicher Anblick! – Die Geschichte meldet, daß der große griechische Feldherr Aratus stets vor einer Schlacht einen heftigen Durchfall bekam, der so lange anhielt, bis die Schlacht in Gang gekommen. Diese unschuldige Anekdote mißbrauchte ein Ziebinger Kauz, um mit ihr, und gedeckt von der finstern Regennacht, seinen Spaß glaublicher einzuleiten. Es hätten nämlich, verfocht der Kauz, beide Heere, sobald sie einander erblickt hätten, sich in ebenso viele Feldherren Aratus verwandelt; sogleich hätten beide durch Wink oder Parlamentäre, oder sonstige Zeichen (hier will es mit der Wahrscheinlichkeit schlecht fort) einen halbviertelstündigen Waffenstillstand geschlossen – während desselben hätten beide Mächte einander gebückt gegenüber gehalten, und erst nach Ablauf der Sache hatten sie sich einmütig aufgerichtet zum Angriff! – Doch zu ernstern Gegenständen! Beide Heere gingen aufeinander los, nur aber mit einer so mißtönigen, sich widerschreienden Feldmusik voll Grauslauten, als je eine Kirchenmusik in einer Dorfkirche glühend in die Ohren gegossen; ein Zeichen der Furcht, woraus man indes bei Feldmusikanten nichts macht. Die Krieger hingegen gingen mit einem Feuer aufeinander zu, daß sie die kleine, schon durch das Wetterglas verkündigte Erderschütterung – so wie einmal die Römer und Karthager ein großes Erdbeben unter dem Gefechte – gar nicht verspürten, sondern glaubten, nur sie selber bebten, nicht die Erde. Wenn man im Gefecht laufende Soldaten mit stehenden vergleicht, so verlieren diese insofern an Ansehen , inwiefern Raffael, welcher seinen Figuren meistens Bewegung , selten feste Stellung gab, ein Mann ist, der Schönheit kennt. Aber Schönheit beiseite! Ein anfangendes Laufen beider Heere hatte seine Gründe; und 1132 wenn unter den Waffen die Gesetze schweigen ( inter arma silent leges ), so gehören die Krieggesetze, z. B. Desertionverbote, auch dazu. Die Ziebinger merkten nämlich, schlau genug, daß einige Diebsfehraner weiterliefen, und verschmitzt witterten sie aus, daß diese wenigen nur ein Vortrab der übrigen wären, die in das jetzo offen gelassene untere Tor hineinstürzen wollten. Hier galts Entschlossenheit. Der ganze Ziebinger Ausfall verkehrte sich auf der Stelle in einen Gesamt-Achilles, den Homer bekanntlich wegen seines Laufens so pries. Alle liefen, rannten, flogen – die Diebsfehraner ihnen nach, aber in der Tat zu langsam und matt – und so erreichten die Ziebinger glücklich als Sieger ihr unteres Tor, ohne einen eignen Mann verloren, oder einen fremden eingelassen zu haben. Man trank die ganze Nacht durch auf den sieghaften Ausgang. Indes wird dieser niemals fehlen, wenn ein Ich sterbe täglich und mein Leben anführet. Am Morgen, als die Menschen wieder zu sich kamen, was auch Stöcklein tat, herrschte dennoch starker Verdruß. So hat noch immer, sagte jeder, das verfluchte Wehren und Siegen kein Ende, und niemand zieht einen Kreuzer davon. Besonders sah der Buchhändler aus wie ein Pfefferstrauch oder wie betrunken in Wermutwein; denn er mochte das, was ich fallen ließ, noch so genau zusammensummieren, so fand er doch am Ende, daß damit, wenns gedruckt würde, nicht einmal die Haferrechnung bezahlt war. »O ihr Götter, helft einem Unschuldigen doch aus diesem unglücklichen Kerker heraus!« sagt' er und sah himmelwärts. »Sie haben Sehnsucht?« sagt' ich und faßte die Rechte, die sonst in der Tasche arbeitete. »O wer nicht?« versetzte er. – »Daran erkenn' ich Sie,« sagt' ich, »oder vielmehr die schöne höhere Natur des Menschen; bei allem Reichtum des irdischen Lebens sehnet er sich nach einem höheren und durstet und verdurstet, so wie auf dem wasserreichen Meere mehr Menschen verdursten als auf dem Trockenen. Sogar im Irdischen treibt der Mensch sein Sehnen noch fort und schmachtet, auf Silberstangen springend, nach einer Goldstange.« Ich drückte die Stöckleinische rechte Hand recht herzlich, welche sich nach nichts so sehnte als 1133 nach der Tasche; er wußte aber nicht, wie ein solcher Liebebund schicklich genug zu zerreißen sei zum Nachschreiben. »Nun was uns mit jedem Heere mehr geschlagene Buchhändler betrifft,« – versetzte er mit einem weinerlichen Lächeln und mit einem Ton ohnegleichen – »so wissen wir nicht einmal von Silberstangen etwas (ach damit wäre jedes Handlungshaus zufrieden); an Leimstangen hängen wie gerupft, oder an Räucherstangen schwarz vor Ärger.« Niemand wundere sich über des Mannes Witz; erstlich ist, wie man aus allen Streitschriften sieht, nichts leichter, als eine gegebene Allegorie fortzusetzen; zweitens spricht jeder über sein eigenes Fach am leichtesten mit Anspielungen. »So ist der Mensch und Sie dazu« – sagt' ich – »Die Weltgeschichte und die Weltkarte entwirft und mappiert er bloß nach den Zwecken und Gängen seines kleinen Lebens, wie der Schiffer auf seinen Karten alle Weltteile als leere Räume bezeichnet, und nur Klippen, Meere usw. als volle hinstellt. Daher will der Mensch stets das Alte, was sich immer leichter in seine Spekulationen einfügt als das Neue; jeder Gebrauch soll seine Silberhochzeit feiern, sagt er, wenn auch Bleihochzeiten und Arsenikhochzeiten daraus werden. Aus diesem Grunde halte ich den deutschen Patriotismus, den so viele gemeine, ums Vaterland ganz unbekümmerte Seelen jetzo zeigen wollen, mehr für einen warmen Privatpatriotismus, den gedachte Seelen für ihre eigne Person haben, weil sie (und mich dünkt, nicht unphilosophisch) alles ( omnia secum portantes ) und folglich auch das Vaterland bei sich tragen. Schön ists wohl; es gibt dem Leichenzuge des betrauerten Vaterlands mehr Ansehen, wenn auch niedrige Seelen schwarz mitgehen; so sind bei vornehmen Leichenbegängnissen nicht nur die Menschen überflort, sondern auch die kalten festen Pferde ziehen in Trauerflören mit . . . . . Apropos, Stöcklein, in dieser Nacht mach' ich, daß die Belagerung übermorgen ein Ende hat.« . . . Stöcklein wollte fragen und herausholen, ja jubeln – ich aber sagte: »Jeder Mensch erwarte die Nacht!« Ich überspringe, wie immer, kleine Kriegvorfälle, welche dem guten Buchhändler, der im Museum vollständig und neu sein 1134 will, vor dem Munde wegzuraffen ein Haus- und Kirchendiebstahl wäre. Nachts nach den Nachtandachten stieg ich, während der Prediger von der Kanzel herabging, dieselbe hinauf; wir grüßten uns im Begegnen, und ich fing oben an – aber fast gestört durch den einfältigen Buchhändler, der unten im Beichtstuhle saß mit Feder und Dinte –: »Euer Exzellenz sehen gütigst nach, daß ein Fremdling, jedoch ein Legationrat, hier auf der Kanzel eine mündliche Friedenpredigt hält, wie er eine gedruckte an Deutschland selber gehalten, wiewohl in diesem die Festung Ziebingen eigentlich mit steckt. Mußte nicht in Venedig sonst sogar der Generalissimus selber ein Ausländer sein, wie in St. Marino der Richter? Und wie wenig ist dagegen ein Prediger! Ich schlage hier Friedensinstrumente vor und vorher Friedenpräliminarien. Unentbehrlich sind sie nicht, sondern entbehrlich. Ich habe gesehen, was Tapferkeit ausführt, was Standhalten, was Gegenspiele mit Geschütz, was Ausfälle teils sind, teils tun. Wie hätte auch sonst die Festung nach Verhältnis ihrer Größe sich so unglaublich länger gehalten als die größten deutschen bisher! Aber es ist ordentlich, als ob die Tapferkeit in den kleinsten Ländern am dichtesten schlage – man denke, wenn nach Verhältnis der Volkmenge Persien oder China so tapfer wären wie die Schweiz –, so wie nach Linné ein Baum, der im weiten Gefäße nur Blätter bringt, in ein engeres versetzt, sogleich Blüten treibt, welches er griechisch genug Prolepsis nennt. Daher ist das Beschneiden der Länder ein häufiges Mittel, sie tapferer zu machen, sobald so viel von ihnen noch übrig gelassen wird, daß noch etwas da ist, was tapferer sein kann; alten abgelebten Ländern, wie deutschen, ist das Beschneiden vollends am nötigsten, wie die Gärtner im Herbste nicht junge, sondern alte Bäume am unbarmherzigsten bescheren. Zu fürchten hat Ziebingen an sich vom Feinde nichts; und es kann täglich zehnmal ausfallen, ohne einen Mann zu verlieren; denn wenn der Ingenieur Borreux recht hat, daß unter den Schüssen des Fußvolkes, da sie immer zu hoch gehen, nur der 1135 tausendste treffe, so sind wir schußfrei, da der Feind nicht so viel auf einmal zu laden hat. Selber große Festungen, wie z. B. Stettin und Magdeburg, die sich nicht so lange hielten als wir, und die weniger den Degen zogen als die Degenscheide (aus dem Gehänge), ergaben sich auch bei ihrer größern Besatzung doch nicht mit Unehre, und unser Beispiel darf sie nicht demütigen. Bedenken wir: Stettiner Kommandanten lassen sich ungern auf ihr Haus (die Festung ist ihres) den roten Hahn setzen, den sie für Anspielung auf rote Mützen und auf den gallischen Gallus halten – Sie schließen, wenn schon auf Theatern, vollends in Heerschauen scheinbare Kriege zufällig wahre Verletzungen gemacht, daß wahrhafte mit noch größern bedrohen, daß sie aber alle Wagen voll Verwundete, alle Gruben voll Tote, alle Gassen ohne Häuser durch zwei Tropfen Dinte, woraus ihre Namenunterschrift besteht, wegschwemmen können. Sie finden es oft so lächerlich, eine Festung fest zuzusperren und also mit dem Feind zugleich die Kost auszuschließen, als die Sitte jener Peruaner ist, welche, um der Seele eines Sterbenden das Fliehen zu wehren, ihm Mund und Nase usw. mit Sorgfalt verstopfen. – Wahre Stettiner und Magdeburger Kommandanten sind viel zu stolz, da sie sich nicht einmal mit Fähndrichen hauen, sich vollends mit dem gemeinsten Volke und Packknechtpack zu schlagen – Auch finden sie jenes feine Talmudische Gebot, daß Weise stets in der Mitte des Disputierens, ohne etwas ausgemacht zu haben, auseinander scheiden sollen, um länger an den Gegenstand zu denken, noch besser auf die wichtigern Kriegdisputationen anwendbar, so daß sie es oft nicht einmal bis zur Mitte kommen lassen – Gute Stettiner Kommandanten bleiben zart und behalten eine Träne im Auge und leiden es nicht, daß, wie Lampenfeuer aus Branntewein allen Umstehenden Totenfarbe anstreicht, dergleichen das Kanonenfeuer noch reeller tue, und sie sagen deshalb gern: wenn in der Türkei tote Feindes-Köpfe auf Wälle und Mauern gesteckt werden, so sei es doch noch grausamer, allda Freundes-, nämlich Soldaten-Köpfe aufzupflanzen. Da übrigens ein Kommandant den Fürsten noch vielseitiger als ein Gesandter darstellt, durch Allmacht desselben, durch 1136 Herrschaft über Leben und Tod: so hat er auch das Recht zu begnadigen, folglich auch den Feind, indem er ihn zu seinem Freunde macht. Doch ich will fremde Festungen nicht länger verteidigen, als sie sich selber verteidigt haben; laßt uns in die zurückkommen, in der wir sind! Exzellenz! Die Ziebingsche Ehre ist gerettet, aber nicht die Ziebinger. Ich meine hier gar nicht, daß der unmächtige Feind, der auf die Festung wie sonst der Raubvogel auf den Käfig stößt des Vogels wegen, endlich auch dem Vogel drohe; sondern nach dem siegenden Wehrstand will auch der Nährstand ein wenig siegen. Wahrlich Gründe zum Friedemachen sitzen in jedem Kirchstuhl, in jeder Gasse, in jedem Keller. Wollen nicht die Böttiger in einigen Tagen ihren Reiftanz halten und zwei Tage darauf die Bäcker ihr Fahnenschwenken, und sehen sie ab, wie mitten unter springenden Bomben aufgeräumt zu springen ist? – Fällt nicht nach acht Tagen der Diebsfehraner Viehmarkt, so ungemein erheblich für hiesige Viehzucht? – Schlagen sich nicht die Altziebinger Altziebingen ist ein unter der Gerichtsbarkeit der Festung Ziebingen stehendes Dörfchen, das gern trinkt, sonst aber von keiner Bedeutung. täglich halbtot mit Stuhlbeinen und schleppen einander an den Zöpfen herum und warten bis diese Stunde vergeblich auf unsere Obrigkeit, die hinausreitet und sie recht derb gerbt und abstraft? – Hab' ich alles gesagt? – Kaum etwas: unter der Türe steht der Apotheker und will seine Kräuter sammeln, nicht hinauskönnend – Die Weiber beten zu Gott um Wetter und wollen Flachs säen – Maikäfer außer der Festung sollen abgeschüttelt werden und die Hecken beschoren – Am Kirchturm frißt der Christophel, der Elefant, greulich fort und reibt seinen eigenen Elefantenherrn auf – Ein gewandter Buchhändler sitzt in der Sakristei und schreibt nach und macht kein Geschäft – Gegenwärtiger Mann selber steht hier und macht eine Predigt und rät an, eine oder ein paar Frieden-Pfeifen zu stopfen. Jedoch segnet er feurig die Gelegenheit, dadurch einem so wachsamen Kommandanten als Euere Exzellenz, wenn auch in der Nacht, bekannt zu werden. Amen!« 1137 Die Kirchversammlung rief: »Vivat Ich sterbe täglich und mein Leben! « – Er aber schweigt sehr bedeutend und begibt sich aus der Kirche. Noch um Mitternacht ist großer Conseil. Ein undurchdringlicher Schleier verbirgt der Welt die Staatgeheimnisse (ich bediene mich hier gern der dreifachen Prediger-Tautologia oder Einerleisagerei als der gewöhnlichsten). Gegen fünf Uhr morgens wird nicht mehr geschossen. Sogar am Morgen hörte man noch nichts Gewisses; aber von feindlicher Seite sah man etwas desto Wichtigeres im Tor, einen Diebsfehraner Parlementär, begleitet (die Stadt wollte vor Erstaunen sterben) von einem Ziebinger Parlementär. »Nun, man ist vielleicht auf keinem falschen Wege, wenn man vermutet, daß der Ziebinger schon in der Nacht abgegangen«, sagten Leute vom Handwerk. Drei Stunden darauf – ich weiche hier von denen ab, die von vier Stunden sprechen – fing ein Gerücht an und dauerte fort, daß mittags Diebsfehraner in die Festung, zugleich aber – spätere Jahrhunderte glauben es nicht mehr – Ziebinger in das Reichs-Städtchen einziehen sollten, damit beide Städte so lange gegenseitige Geiseln und Bürgen ihres Waffenstillstandes besäßen, bis wieder Reichs-Gerichte die Sache entschieden. Doch geschah es wirklich; um 11 Uhr stürmten alle Glocken – alle Hunde bellten wieder auf den Gassen – alle Dächer waren mit Menschen statt mit Schindeln gedeckt und die Fenster statt des Düngers mit Gesichtern belegt – Die Ziebinger Mannschaft stand gegen das obere Tor zum Ausmarsche, den Hintern den Diebsfehranern zukehrend, welche durch das untere einkommen sollten, auf welchem die Hundereserve entsetzlich anschlug, weil die Zeit viel zu kurz gewesen, als daß sie hätte toll und stumm werden können – Der Elefantenherr saß auf dem Christophel vor dem Tore der Nepomuks-Kirche und sah herab und überall hin – Die Gassen waren mit Zuschauergestripp überwachsen – Nur ich und Stöcklein konnten nicht durchsehen und durchkommen. Der Buchhändler wurde darüber ganz toll; er mußte durchaus den Zug haben für sein Museum. Endlich ersah er einen 1138 abgeladnen Frachtwagen; er würde sich auf dessen Leiter stehend zu erhalten gesucht haben durch Balancieren, hätte nicht zum noch größern Glücke ein zwei Mann hohes ausgepacktes Zuckerfaß daneben gestanden. Darauf schwang sich jeder von uns. Als wir viel gemächlicher als die ganze Herde oben auf dem Fasse uns umschaueten und eben die Feldmusik einrücken sahen: brach jähling der Faßdeckel unter unsern vier Füßen zusammen, und ich und der Buchhändler standen unten in der Kartause und sahen uns an. Ein verfluchtes Fallgatter wie ein Fallstrick! – Der Buchhändler klopfte wie ein lebendig Begrabener – schrie wie ein Untergesunkener – pfiff wie eine Maus unter Katzenzähnen; – aber nicht ein neugieriger, spitzbübischer, mit Auge und Ohr in den Zug eingestrickter Dieb nahm sich Zeit, wahrzunehmen, daß ich und der Buchhändler in der Welt und im Fasse waren. Stöcklein wußte des Museums wegen nicht wo aus, wo ein. Er sagte: »Ich werde, wenn alles und der Krieg es länger treibt, am Ende ein ausgemachter Spitzbube und drucke mich und alles nach.« Er verfluchte sich und sein Tabakfeuerbesteck (weil ers vergessen hatte), da er vielleicht, hofft' er, mit dem Schwamme das Faß in Brand hätte stecken können. Er verwünschte meine und seine Schwere, da ohne diese der aufrechte Zwillingsarg mit vier Händen wäre umzustoßen gewesen. Als er gar die Reiterei vernahm, tanzte er im Fasse den künftigen Reiftanz der Böttiger wild voraus und machte ewig, wie eine vergitterte Hyäne, die Runde innen um den Käfig. – Endlich warf er aus unserm parterre noble seinen Hut empor in den Himmel (ich hielts für Jubelausbruch, es war aber Notschuß), um dem schaubesoffenen Volke draußen anzumelden, daß ein Christ elend sich abarbeite im tiefsten Schacht; aber kein Mensch sah den Hut. Er warf ihn zum zweiten Male wilder und höher und – über das Faß hinaus; nun hatt' er auch den letzten Aufsatz oder die Ajustage seines Halses eingebüßt. Er sank in sich hinein – den schlimmsten Ort und Sumpf, wohin er geraten konnte –, ließ seinen Kopf hängen oder sinken – denn der Geist war der Scharfrichter seines Leibes und köpfte solchen –, und er war nichts mehr. Ich blieb alles, was ich war, und dachte, es sei für den Namen 1139 eines Zuckerfasses angemeßner, es zu einer Diogenes-Tonne zu machen, nicht aber, wie er, zu einem Regulus-Fasse. »Ich weiß nicht warum,« – sagt' ich zu ihm – »aber mir wird ordentlich so gemütlich und heimisch in unserem Fasse – wir beide stellen freilich die einzigen Zuckerhüte darin vor – Ich wollte nur, Sie würden nicht vor Ärger schwarz, oder ein Negerschwarzer auf unserer Zuckerinsel. Denn wenn ich mich so rund umsehe und erwäge, welches schöne Los der Abgeschiedenheit mitten im Volkes-Treiben uns bloß einige Faßdauben zusichern: so möcht' ich beinahe fragen, ob wir nicht zwei glücklichen Männern gleichen, die unten auf dem Meerboden in ihrer Täucherglocke sitzen und von dem obern Wellengelärme keine Woge hören. – Wenn schon einem Philosophen im Fasse, das, wie ein griechischer Tempel, nur oben dem Himmel offen ist, die Erde und ihr Ziebinger Getobe lächerlich vorkommt, wie viel mehr zweien auf einmal, die miteinander eine geschloßne, ja eingeschloßne Gesellschaft bilden! – Wie gern, Freund Stöcklein, seh' ich mich als einen Robinson auf diese Zuckerinsel verschlagen, da ich Sie als meinen Freitag Der bekannte Freund Robinsons. oder Karfreitag hier unten antreffe! – Und antworten Sie mir: wer ist außer St. Marino noch so frei als unser Faß, ich bitte?« »Ich höre gar nichts mehr«, sagte kalt Stöcklein, mit dem Ohr am Fasse; er meinte aber nicht meine Worte, sondern die Pferde. Es war auffallend, wie frostig, ja unhöflich der Mann sich auf einmal gegen mich in der Zwischenzeit offenbarte, worin ihm sein Schwanzartikel des Belagerheftes abgeschnitten wurde. Man hält den Eigennützigen stets für zu höflich, wie für zu grob; desto gleichgültiger sei man gegen dessen Erkalten und Erwarmen. Ich machte nichts daraus. Er schrie endlich Feuer, damit das Faß umgestürzt werde, und ich schrie willig mit. Endlich warfen einige Lehrjungen, die aus Neugier auf den Leiterwagen gestiegen waren, um ins laute Faß zu sehen, dieses boshaft um, und wir krochen ins Freie, wie Höhlenforscher auf dem Bauche in die schimmernden Höhlentempel. – – Aber, Empfindung! gibt es etwas Eigensinnigeres – Starrköpfigeres – mehr Wetterwendisches und Umwälzendes – als du 1140 bist? Denn wer war es anders, so viel ich weiß, als du, die mich plötzlich in einen ganz andern Mann (als wär' ich ein Federbuschpolyp) auf der Gasse umstülpte, da ich in dieselbe im tiefsten Bückling und engsten Schritte aus dem Fasse herausging! – »Satt, matt, schal, kahl!« so wiederholtest du immer. »Ganz wahr!« (sagt' ich endlich) »Krieg um Gänse, von Gänsen geführt! O wie gleichgültig ist mirs, daß ich keinen einzigen Punkt der Kapitulation erfahren kann! Napoleon verlangte mit Recht die beiden Reichs-Nester gar nicht. Auch ich mag sie nicht, so wenig als Kalender vom vorigen Jahre, wollte sie mir auch ein Buchhändler um herabgesetzte Bücherpreise lassen. Stöcklein lass' ich Stöcklein sein; und der flachshaarige Ich sterbe täglich und mein Leben kann meinetwegen heute sterben. – Hätt' ich nur nicht so viel Worte darüber gemacht! Aber auf der Stelle soll der Aufsatz auf die Post, damit ich nur keines mehr sage.« Dies alles aber sagt' ich, wie gedacht; so sehr kann die Empfindung den nüchternsten Mann hinreißen. 1141   III. Dämmerungsschmetterlinge oder Sphinxe Vorwort Wer will, kann den folgenden abgerissenen Gedanken noch mehr Ähnlichkeiten mit der Benennung Dämmerungschmetterlinge zugestehen, als mir zur Ehre gereichen. Bekanntlich gibt es drei Geschlechter der Schmetterlinge, Tag- (Papilio), Abend- (Sphinx) und Nachtvögel (Phalaena). Die Zeit dämmert – wiewohl jede irdische dämmert, entweder vor oder nach der Sonne; und nur die Ewigkeit ist licht –; und darin gönne man denn einigen Gedanken den kurzen trägen Flug, oder in einem Museum die Glastafel, worunter sie angespießt glänzen und etwas vorstellen. Nur hängende Flügel haben sie nicht, wie die körperlichen Sphinxe; aber hinten, wie diese, ein Horn, womit sie folglich vornen nicht stoßen. Obwohl so prächtige Abendvögel als das Abendpfauenauge, der Totenkopf und der Phönix in dieses Geschlecht gehören: so bescheide ich mich gern, daß ich hier nichts weiter fliegen und spießen lasse als die kleine Weinmotte, den Taubenschwanz, die Zirkelmotte und die Ringelmotte, um mit Blumenbach in der fünften Auflage seines Handbuchs, S. 353, zu reden. * Erste Sphinx Über die menschlichen Ansichten der Zukunft Wenn wir uns die Vergangenheit Jahrhunderte weit zurückmalen, so erscheint sie uns durch einen Augentrug, der die fremde mit unserer kurzen jugendlichen verwechselt, morgendlich-frisch und grün und mehr mit Jünglingen als Greisen bevölkert, als ob nicht auch die unsrige Greise bewohnten. So legen wir unwillkürlich in das alte Herz unserer Eltern denselben Seelen-Frühling, den unser junges vor ihnen und durch sie durchlebte. Schauen wir aber in 1142 die lange Zukunft jenseits unseres Grabes hinaus oder hinab: so stellt sich uns gerade durch die umgekehrte Verwechslung alles mehr alt, abendlich und greisenhaft dar, als ob jedem Greise nicht ein Jüngling vorgelebt hätte. – Sollte nun nicht diese Lug-Fernmalerei (Perspektive) uns ebenso Völker-Vergangenheit ausschmücken, und Völker-Zukunft verunstalten? – Warum wurde z. B. so oft die Nähe des Jüngsten Gerichts vorausgesagt, welchem doch das Gericht der Verstockung einer ganzen Welt vorausgeht, also eine Vorhöllenzeit? Da übrigens die Quellen des Irrens leichter zu zeigen sind als die Heilmittel desselben – indes die Arzneimittellehre die Ursachen der Krankheiten schwerer als die Gegenmittel ausfindet –, so sei zu der angegebenen Irr-Quelle bloß noch die bekannte dazugesetzt, daß die Menschen ihr Stückchen Marktfleck und ihr Stückchen Augenblick von jeher mit Weltteil und Weltgeschichte entweder fürchtend oder hoffend verwechselt haben, ihr Flüßchen etwa so nennen wie Homer jeden Fluß, nämlich einen Ozean, oder auch wie physische Sündenkränklinge alte verschuldete Schmerzen gern großen Seuchen und Wetterwechseln zurechnen. Daher trug der bloße einsame, mehr im Fernen als Nahen lebende Gelehrte oft über den in seine Zeit- und Thron-Enge eingekerkerten Staatmann den Sieg in politischen Weissagungen davon, gleichsam ein Tiresias, von Göttern für die nahe Umgabe blind gemacht, aber dafür von ihnen durch ein wahres Wahrsagen der Ferne schadlos gehalten! Nun weiter! Der Glaubige einer Vorsehung ruht in den Weltstürmen ohnehin auf einem festen Troste; aber sogar der bloße Glaubige der Geschichte findet in dieser den Anker der Hoffnung, obgleich mit einem noch wenig bezeichneten Unterschiede. Es gibt nämlich einen zwischen einem verschlimmerten Zeitalter oder Volke und zwischen einem verunglückten; wiewohl bloß jenes ganz in dieses übergehen muß, nicht dieses in jenes; folglich kann man über das eine auf lange hinaus prophezeien, über das andere weniger. Das Schicksal hält nämlich fest einem unmoralischen Volke den Giftkelch zum Ausleeren vor und läßt dasselbe alle Verzuckungen des Vergiftens durchmachen, bis es am 1143 selberverfertigten und zurückgeschluckten Gifte, wie die Klapperschlange am eignen Bisse, verscheidet – – alles dies konnte man z. B. dem römischen Reiche auf Jahrhunderte aus der Hand oder Faust lesen, welche die Adlerklaue oder Wolftatze der alten Welt geworden. Hingegen die Zukunft eines verunglückten Volkes hebt sich über menschliche Vorblicke hinaus, und doch zu den Hoffnungen hinauf. Die Menschen glauben nämlich, aber irrig, daß ein gestürztes Volk nur von der Kette der Hülf-Möglichkeiten, die ihnen vor Augen liegen, wieder in die Höhe zu ziehen sei; wenn sie nun finden, daß für den Abgrund, worein es geworfen worden, alle Rettleitern zu kurz sind, um es emporzubringen: so schließen sie daraus auf dessen Rettlosigkeit, ohne sich aus der Geschichte zu erinnern, daß ein Höhlen-Abgrund der Völker – so wie einige physische Abgründe – außer dem Rück-Ausgange nach oben auch einen unten nach der Ebene, ja nach der Tiefe hat, so daß ein unerwarteter Seitengang plötzlich ein freies Weltgrün und Himmelblau auftut. Daher wurde kein Volk durch sichtbare alte Hülfmittel gerettet. Als Rom entseelt ohne Freiheit und Sittlichkeit dalag, und als nun an dem fortfaulenden Riesenkadaver eine ganze daran gekettete Welt vermodern hätte müssen, da selber durch die gesunden Nordheere die ansteckende Sargpest nur weitergedrungen wäre: wer obsiegte der ungeheuren Gift-Roma? Das Dörfchen Bethlehem. Wollet also nicht erraten, sondern vertrauen! * Zweite Sphinx Landes-Reichtum und -Macht Kein Land wird reich oder mächtig – vielmehr das Gegenteil – durch das, was es von außen hineinbekommt, sondern nur durch alles, was es aus sich selber gebiert und emportreibt. Nur der gesunde dichte Baum trägt jährlich seine Honigblüten und Honigfrüchte; aber der Baum, in welchem Bienen ihren Honig aufhäufen, ist hohl und faul und steht bald ohne Honigkelche da. 1144 * Dritte Sphinx Dreifacher Mißbrauch der Anspielungen auf die Zeit Drei ganz verschiedene Parteien leiden und siechen an Anspielungen: die erste macht, die zweite wittert, die dritte rügt sie. Wie nämlich in einer epikurischen Stallzeit auch der reinste Autor unzüchtig denken muß, um nur züchtig zu schreiben, und wie er sich in die unreine Seele des Lesers versetzt, um desto sicherer diesen in seine reine zurückzusetzen: so muß ein politischer Schriftsteller jetzo in sein Inneres alle denkbare Zeitfeinde, Ketzer, Staats-Zeichendeuter zusammenberufen und sie abhören, um nur seine Meinung so zu sagen, daß sie nicht mit der ihrigen zu vermengen ist. Wie dem französischen Trauerspiel die Zeichendeuterei und -mißdeuterei solcher Auguren jeden freien Adlerflug anhielt und an Fäden band: so wird durch sie dem Witze und jeder Betrachtung der Weltgeschichte das Schicksal einer ähnlichen Enge bereitet. Ich mache mich anheischig, aus jedem Buche politischer Gattung, sei es zehen oder mehre Jahrzehende alt, mit einem guten Dionysius-Ohr so viel boshafte und unerlaubte Äußerungen über die jetzige Zeit herauszuhorchen, daß man gar nicht begreifen soll, wie man im siebzehnten Jahrhundert bei einer sonst guten Wachsamkeit so viel zügellose Ausfälle gegen das achtzehnte hat so frei erlauben mögen. Drei Worte seien hier ausgeteilt, eines an die freundschaftlichen Ausleger, eines an die feindseligen und das letzte an die Textmacher selber. Unter einem freundschaftlichen Ausleger mein' ich den, welcher in einem fremden Buche seine eigne Meinung, obwohl tief vergraben, entdeckt und mit seiner Wünschelrute erhebt. Allein die Rute kann wohl dem Rutengänger, aber auch den Vergraber schlagen, und das Gold, das jener hebt, kann leicht dieser geschmolzen zu verschlucken bekommen. Dann schlägt es einem Manne, der gern ruhig, ja freudig schreiben wollte, die Feder aus der Hand, wenn ihm überall eine Entzifferkanzlei nachfährt, welche, lass' er auch allen Text weg, desto mehre Noten ohne Text macht. Er überlegt oft, ob er zu einem Niesenden sicher 1145 sagen dürfe: Gott helf!, weil man fragen könnte: »Aber wem? dem Teufel, oder den Halbteufeln, oder den Halbgöttern, oder welcher Partei?« Treibt ers am weitesten: so schläft er gar nicht ein, sondern läuft wach herum, weil ihm niemand dafür steht, daß er nicht mit seinen Reden im Schlafe anstößt. Ängstigt sich der Mann weniger unsäglich: so verwandelt er sich doch aus einem Rätsel zur Scharade, aus dieser setzt er sich in den Logogryph um, und aus diesem kleidet er sich gar in das Chronodistichon ein, das eine Zeit oder einen Namen mit lauter großen Anfang-Buchstaben lobend zwischen kleinen Gedanken hineinschreibt. Für je höher sich vollends ein solcher Mann hält, desto mehr glaubt er sich verhüllen zu müssen, da er, schützt er vor, selber nicht wissen könne, ob nicht unendlich viel Fund in jedem Satze stecke, den er vorbringe. – An sich ist es wahr: in jedem Kraftschreiber, schon von Pope an, in dessen Gedichten nach seinem eignen Geständnis Warburton mehr Einsicht entdeckte als er selber, bis vollends zu Shakespeare und Homer hinauf, wovon jeder viel von sich selber hätte lernen können, wenn er ihm von guten Kunstrichtern wäre übersetzt und umschrieben worden, kurz in solchen spricht sich, wie im Instinkte der Tiere, eine unbewußte göttliche Fülle aus, gegen welche freilich mancher Bileam nur als sein Reittier erscheint. Der feindselige Ausleger – zweitens –, ein Argus, überall mit Brillen besteckt und bepanzert, sollte bedenken, daß das tätige (nicht das beschauliche) Deutschland nicht einmal Bücher als Hebebäume bewegen und rücken, geschweige das verborgene Stengelkeimchen einer Anspielung. Nur für Feuer-Völker Aber wenn solche so leicht durch ein Bonmot entzündet werden, so werden sie wieder ebenso leicht durch eines besänftigt. wird ein Einfall ein Oberons-Lilienstengel, welcher Massen regt. Von den, noch dazu mit blutigen Beispielen illuminierten Büchern der Revolution blieben die größern deutschen Länder unverrückt. Überhaupt nur der Donner mündlicher Beredsamkeit, der auf einmal über ein halbes Volk hinrollt, dieser erschüttert, befruchtet, erschlägt; aber das Geigenharz des Witzes und der Anspielung macht zwar Blitz und Donner nach, aber abgesondert, jenen 1146 in der Kulisse, diesen auf der Baßsaite im Orchester. Wäre gleichwohl Wirkung von Anspielungen zu besorgen, so wär' es nicht vom Erlauben, sondern höchstens vom Verbieten derselben. Wie man durch lateinische Sprache sonst der theologischen Ketzerei den voreiligen Einfluß auf das Volk abschnitt: warum erwartet man nicht dasselbe von der feinern Anspielung bei politischer Ketzerei? Endlich drittens ist dem Textmacher oder Schriftsteller selber ein Wort ins Ohr zu sagen, das er sich darhinter schreiben kann. Der Textmacher hat den Fehler, daß er zu sehr mir oder andern jungen Leuten nachschlägt, als wir sämtlich auf Akademien waren. Wir glaubten nämlich, je schlechter ein Buch oder je toller eine Mode uns vorkam, desto eiliger hätten wir mit einem Erweise der Tollheit oder mit einer Satire dagegen auszurücken und vorzubrechen, um die Welt beizeiten von dem zu belehren, was sie früher wußte und tadelte als wir. So glaubt nun mancher politische Autor, es sei seine beistimmige Meinung über Vorfälle, worüber jeder Kopf und jedes Gewissen der nämlichen Meinung ist, der Welt zu unentbehrlich, und schickt solche, kaum halb eingewickelt, eingeschachtelt und verzuckert, in diese hinaus; ja zuweilen ist seine Meinung gar nur ein parteiischer Irrtum. Der ganze Erfolg dieses entbehrlichen Aussprechens ist, daß man zuletzt anderen auch das unentbehrliche erschwert, und es ist nicht das Verdienst mancher Voreiligen, daß nicht das Lesen für ein zu lautes Sprechen gilt, wie man sonst in einem gewissen Mönchorden das Geräusch des Blätterns als einen Bruch des Schweigens bestrafte, und daß man nicht am Ende die Mad. Guyon nachahmt, welche Messen lesen ließ, damit sie stumm würde. La vie de Mad. de Guyon I. 6. So erbittert doch, ihr Schriftsteller, – denn dies ist die zweite Folge – nicht Länder gegen Länder durch unnütze (oder gar parteiische) Rügegerichte; zumal wenn ihr mit wechselseitigem Hasse keine andere Macht vermehrt als die fremde. – Wählt nicht Polemik, sondern Thetik, nicht Streitlehre, sondern Satzlehre. Befördert, erhebt, ernährt, wenn ihr etwas Gutes säen wollt, nur das vaterländisch Edle, den Eifer für Wahrheit, den Glauben an 1147 göttliche Dinge, die Treue an gereinigter Volkeigentümlichkeit. Macht nicht für unterirdische Gänge Minierkompasse, oder Leuchtkugeln, um der feindlichen Beschädigung die rechten Stellen anzuweisen; sondern euer Licht sei ein Stern, welcher die unscheinbare Herberge anzeigte, wo der milde nackte kleine Heiland der Menschen schlief. Kein Heiliger ist zu bezwingen. Die Gewalt des Sittlichen, das nur in den Einzelnen wohnen kann, legt sich durch die Quäker, Herrnhuter, ersten Christen dar. Sie gleicht dem leisen, zuweilen harmonischen Fort-Tröpfeln des Tropfsteinwassers in großen Höhlen: die kleinen Tropfen erschaffen zuletzt feste Steingestalten, Altäre und Wunderwesen und verkleiden das Bilden in Tönen. Aber der Strom, die Flut, die Sündflut setzen nicht an, sondern reißen nur weg. * Vierte Sphinx Deutsche Fürstenliebe Wenn Tacitus schreibt: »vom Konsulate des Metellus und Carbo bis zum Kaiser Trajan – also fast 210 Jahre – siegen wir an Deutschland – aber nicht über Deutschland«, so erklärt sich dieses Wunder nicht bloß aus deutscher Tapferkeit und Vaterlandliebe – denn die zwingenden Römer und die bezwungenen Gallier und Helvetier glänzten mit beidem auch –, sondern vielleicht noch daraus, daß die deutschen Fürsten, wie sich Tacitus ausdrückt, für ihren Ruhm fochten, und die deutschen Völker für ihren Fürsten. Auch seine andere Bemerkung gehört hieher, daß die Katten (diese tapfersten Deutschen) große Einsicht bewiesen hätten, indem sie im Kriege mehr auf den Feldherrn als auf das Heer gebauet und vertrauet. Was weckt und stärkt nun in Monarchien jenen Gemeingeist, welcher gleichsam einen Allerseelenleib bildet und eigne und fremde Kräfte zu allen Opfern zusammenschmelzt? Wenn man von der einen Seite mit freudiger Erhebung sieht, wie kräftig schon ein beschränkter Gemeingeist als esprit de corps sich in Körperschaften, Innungen, Ständen mit Selberopferung, mit Achtung für Idee und mit Menschenwürde offenbaret: so 1148 nimmt man auf der anderen Seite desto schmerzlicher wahr, daß nicht nur diese kleinen Staaten dem Einschmelzen in den großen strengflüssig widerstehen, sondern daß auch die Einzelbürger, teilnahmlos getrennt, als einsame Bohrwürmer im Felsen des Staates leben, lieber alles aufopfernd als sich; und fürchterlich sondert in demselben Staatkörper sich Glied von Glied, Nerve von Nerve ab, und jedes Äderchen will schlagen ohne sein Herz. Wer kann nun den Gemeingeist in einer Monarchie wecken und stählen und befestigen? Nur einer, welcher, so weit auch seine physische Vielmacht reiche, doch noch über eine größere moralische gebietet, der Fürst selber. Wie sich vor dem Jüngling Tugend und Weisheit in einen Tugend- und Weisheitlehrer verkörpern, wie ihm dadurch das Göttliche zu einem persönlichen Gotte wird: so verdichtet und verkörpert sich vor dem Volke das Vaterland oder die Idee, welche begeistert, in seinen Fürsten, wenn dieser den heiligen Vorzug, daß Wohlwollen, Einsicht, Kraft, Tapferkeit auf der magischen Thronhöhe mit einem verdoppelten allmächtigen Glanz herunterwirken und mit Sonnenfeuer ganze Frühlinge befruchten, nach Gewissen und Vermögen anwendet. Es ist rührend und menschheitrühmlich, wie ganze Völker freudig schön für einen Helden sterben und noch lieber für einen kriegerischen und moralischen Helden-Fürsten zugleich. Von dieser Seite angesehen, zeugt und zeigt der Krieg in kurzer Zeit mehr Gemeinliebe als der Friede in langer, und mancher Fürst bedarf äußere Feinde, um zu erfahren, daß er keine innere habe, sondern gerade Freunde nur in der Not. Eines Fürsten echte gute Handlung führt selber für den Weltweisen, den keine Gold- und Silberblicke des Thrones blenden, ja für den Ausländer eine ungewöhnliche Süßigkeit bei sich, so wie etwa der Honig, der von Gebirgen kommt, der süßeste ist. Kurz die Staaten müssen wie die Bienen die Zellen in ihren Körben von oben herab zu bauen anfangen. Lebenbeschreibungen echter und guter Fürsten – welche Liebe und Widerstand in schöner Größe verknüpfen und dem Alexander gleichen, welcher (wenn das Gleichnis nicht zu klein ist) ein mild blaues und ein feurig schwarzes Auge zugleich hatte – kurz, ein Plutarch oder gar ein Tacitus 1149 geistig-gefürsteter Fürsten aller Länder und Zeiten wäre ein fruchtbringendes Buch für Kronprinzen und Völker zugleich, und es würde vielleicht ebenso dick ausfallen als Tacitus' Annalen – entgegengesetzter Fürsten. * Fünfte Sphinx Schnelle Aufklärung und schnelle Verfinsterung Man hat in mehr als einem Lande erlebt, daß schnelle, d. h. unvorbereitete Aufklärung ohne Dauer und Reife guter Früchte vorüberzog, und daß der einem zu starken Sonnenlichte ausgesetzte Leuchtstein sich zerbröckelte und nicht lange nachschimmerte im Dunkeln. Aber warum befürchtet man eine längere Dauer der Wirksamkeit von schneller unvorbereiteter Verfinsterung und tröstet sich nicht in kurzer Sonnenfinsternis mit Vertrauen auf den längern Tag? – Denn noch dazu sind die Fälle ganz ungleich: Licht, sogar das plötzlichste, reizt den Menschen zum Licht, wie körperliches zum Niesen; aber auch plötzliche Nacht reizt ihn zum Lichte; daher bleibe mitten in der Geschichte der Freund der Erde ohne Furcht. Alle plötzlichen Dämmerungen sind nur die der Sonnenfinsternisse und also keine wachsenden, sondern ebenso plötzlich verschwindende. Indes, jede Regierung sage daher an ihrem ersten Tage, wie Gott am ersten Schöpfungtage: es werde Licht! Die Sterne jedoch, Mond und Sonne wurden erst am vierten erschaffen; dazwischen am zweiten und dritten wurden die Wasser zwischen Himmel und Erde verteilt und der Erde Blumen und Knospen gegeben; und darauf erschien die Sonne, und die Blumen und Knospen wurden von ihr aufgetan und bis jetzo erhalten. 1150   IV. Die Doppelheerschau in Großlausau und in Kauzen samt Feldzügen Eine Groteske Erstes Kapitel, worin mehr als ein Fürst auftritt Sowohl das kleine Fürstentum Großlausau als das ebenso enge Kauzen Es versteht sich, daß hier nicht vom Volke der Kauzen die Rede ist, welches Tacitus das edelste deutsche, das seine Größe nur auf Gerechtigkeit baute, nennt, und welches im Bremischen, Oldenburgischen und Ostfriesländischen gewohnt haben soll, und das, wenn man den Reisenden so viel glauben muß als dem Tacitus, noch da wohnt. hatten Haupt- oder Residenzstädte – denn diese besitzt auch ein Land, das nicht einmal Dörfer aufzeigt, geschweige Städte; – beide Fürstentümer aber wiesen noch zum Überfluß einige Dörfer um die Hauptstadt auf. Aus der Kleinheit dieser Länder mach' ich mirs am begreiflichsten, warum man sie auf keinen andern Karten angedeutet findet als auf ihren eigenen Spezialkarten; aber auf ihren Generalkarten schon nicht; daher denn für Länder, die in keinem geographischen Atlas vom mythologischen Atlas Napoleon gefunden wurden, auch nichts von ihm getan werden konnte, sondern sie mußten alles selber tun und sich eigenhändig zu Souveräns zu krönen suchen, als alles um sie her sich souveränisierte. Aber niemand erfuhrs im Druck als die Untertanen. Der Großlausauer Fürst, Maria Puer Ein Beiname nach alter Zeit. So hieß z. B. Anno 1235 der erste Herzog zu Braunschweig-Lüneburg Otto puer. , war ein Herr von Ehre und Glanz, so daß er Gott gedankt hätte, wenn ein Friedrich II. bei der Plünderung seines Schlosses, wie bei jener des Grafen Brühl, nicht weniger als 600 Paar Stiefel, 322 Dosen, 80 Stöcke, 528 Kleider und eine Stube voll Perücken vorgefunden hätte Memoiren von Dutens. ; aber zur Anschaffung vorher hatt' er von jeher das Geld nicht. Was er inzwischen ohne edle Metalle ausmünzen konnte, nämlich fremde Ehre, um eigne zu haben, das prägte er bei eintretender 1151 Souveraineté reich aus. Zu seiner Tafel ließ er keinen andern tafelfähigen Mann mehr zu als einen von 32 Ahnen, welchen er aber vorher zu adeln hatte, um im Adelbriefe ihm die nötigen 32 Ahnen anstatt der gewöhnlichen 4 vorzugeben. Was nur sein Zepter erreichen konnte, schlug dieser zum Großkreuz, da er glücklicherweise die nötigen Orden vorher dazu gestiftet, so daß er alles, was er berührte, schöner als Midas, ins Flitter-, Rausch- und Katzengold von Titeln verwandeln konnte und so durch diese Ehren sich selber die honneurs machte; daher er einen Fremden von seiner Tafel selten anders wie als einen Kommandeur fortschickte. Er hätte wohl gern das ganze Land geadelt, mußte sich aber darauf einziehen, daß er die restierenden Unadeligen nur zu Räten machte. Die sämtlichen Dörfer selber erhob er wirklich in den Adelstand von Residenzgassen; und indem er, da die meisten oft über eine halbe Meile von der Hauptstadt ablagen, solche zu Vorstädten der letzten ernannte, so umgab und umzingelte er sich durch bloßes Ausmerzen und Einziehen der Dörfer vielleicht mit einem glänzenden großen Paris im kleinen. – Überhaupt vergrößern Fürsten lieber die Stadt als das Land, weil jene für die Menschen ein Blumentopf ist, in welchem die Gewächse bekanntlich stärker wachsen und treiben als im Lande. – Auch führte Napoleon wenige Ehrenämter ein, die Maria nicht in Ehrenämtchen nachgedruckt hätte; nur daß, da es ihm an Dienern und Geldern gebrach, er mehre nötigste Chevaliers d'honneur in einen zusammenzuschmelzen hatte, wie denn z. B. der Unter-Zeremonienmeister aus Mangel an Gage zugleich Ober-Zeremonienmeister sein mußte. Wer aber den redlichen Maria nicht kannte, sah seine Nachäffung Napoleons ordentlich für eine Satire auf die deutschen Hof-Nachäffungen desselben an; aber der Treffliche wollte ausgemacht nur Glanz. Wie oft hatte er sich nicht als die Katze von La Lande geträumt, die am Himmel als Sternbild sitzt, oder sich an die Stelle eines elenden toten Sextanten von Hadley gesetzt, der ebenfalls oben hängt! Und wie schmerzlich mußt' er aus seiner Täuschung erwachen, wenn er sah, daß nichts von ihm, nicht einmal ein Strumpf oder Stiefel droben glänzte! Wenn er alsdann fluchte und sagte: »ich will 1152 nicht selig werden, wenn ich etwas anderes werde als berühmt«, so ist es wohl zu entschuldigen. Er bewies mehr als gemeinen Verstand dadurch, daß er seinen Erbprinzen Napoleon taufen ließ; denn wenn sein Prinz den kurzstämmigen Thron besteigt, eigentlich beschreitet, so nennt dieser sich, weil er nicht anders kann, Napoleon den Ersten; »und dann« (so denkt der Vater) »wollen wir sehen, ob nicht ein Napoleon der Erste mehr in der Welt ist.« Ein ganz anderer Fall wars mit dem Grenzfürsten von Kauzen, Tiberius dem Neunundneunzigsten (Tiberius LXXXXIX.); ein Herr von so wahrhaft kriegerischem Geiste, ein Feind aller marianischen Paradebetten und Paradepferde, aber ein Freund aller Paradeplätze. Nur gehörte er leider unter die kriegerischen Fürsten, welche dem sitzenden Jupiter von Phidias ähnlichen, welchem man vorwarf, daß er, wenn er in seinem Tempel sich aufrichtete, mit seinem Kolossen-Körper das Dach einstieße; und in der Tat konnte der krieglustige Tiberius sich nicht von seinem Throne erheben, ohne seinen Thronhimmel durchzustoßen. Als er vom Fortgange der eingeführten Konskriptionen hörte, konskribierte er, was nur zu haben war, und verstärkte seine Heermacht dergestalt, daß er mit einer 150 Mann starken jede Minute ausrücken konnte, wiewohl er doch oft heimlich nachsann, ob nicht gar der ganze Staat anzuwerben wäre. Es entging ihm nicht, daß Staaten, so wie man auf Universitäten sich in alle Würden und in die Erlaubnis zu lesen hineindisputieren muß, sich von jeher ebenso in alle Würden und Selbsterlaubnisse hineingeschossen und -gehauen haben. Daher ließ er sogar am Sonntage sein Heer schießen und prügeln. Schildwachen stellt' er auf vor jedes öffentliche Nest, vor das Rathäuschen, vor das Drehhaus des Prangers, vor das heimliche Gemach in seinem Schlosse, und so weiter. Vorposten und enfans perdus verteilte er sogar im Frieden vorsichtig, um alles mehr abzuhärten. Kurz er war der Mann, der auf nichts dachte, als alle seine Untertanen auf dem leichtesten Wege zu den freiesten Republikanern zu machen, nämlich zu Soldaten; denn ein stehendes Heer wird nicht gefesselt, sondern fesselt bloß das sitzende; ja 1153 prätorianische Kohorten voll Kanonenfieber beherrschen nicht nur die Untertanen voll Gefängnisfieber, sondern sogar ihre Beherrscher selber. – Sein Militär stand an Freiheiten der gallikanischen und der triumphierenden Kirche gegen den Zivilstand keinem (vorigen) preußischen nach. Manche Einrichtungen von ihm verdienen daher wohl Nachahmung. Er sah es gern, wenn seine Offiziere im Frieden, wo sie sich mit keinen auswärtigen Feinden messen konnten, sich an nähern übten, zu welchen sie für ihre Fechter- und Ritterspiele sich Bürger und Bauern leicht zuschnitten. Wenn daher ein Offizier, mit kurzem Verzichtleisten auf sein altes Vorrecht, nur mit seinesgleichen und mit gleichen Waffen zu fechten, einen Bürger oder Bauer, der kaum Waffen hatte, geschweige die nämlichen, demungeachtet des Hauens oder Stechens würdigte: so machte der Fürst sich aus ein paar Bauernasen oder Bauerleben, die etwa dabei abgehauen wurden, natürlich wenig, weil damit drei oder vier tapfre Offiziere mehr gar nicht zu teuer erkauft wurden. Nach Dorfkirmessen – an deren Rheinufern der Freude gewöhnlich Rheinschnaken der Soldateska stachen – wurden daher die Gestochenen zur Strafe gezogen, wenn sie durch ihr Verteidigen Männer angriffen, die sich an ihnen bloß für höhere Feinde, wie Schützen an Schwalben für edlere Vögel, zu üben getrachtet. Der Fürst erreichte auch sein Ziel; ja sogar, wie nach Benzenberg die Gewitter im Winter gefährlicher sind als die im Sommer, so schlugen seine Helden in der kühlen gemäßigten Kirmeß-Zeit noch stärker ein als in der Hitze der Schlacht. Aber das Beste fehlte jetzo dem Fürsten, ordentlicher echter Krieg. Es fehlte ihm nämlich an einer Kriegkasse aus Mangel an einer Friedenkasse; daher unter seiner ganzen Regierung keinem Verbrecher (wie etwan im Orient) zerlassenes Gold in den Hals gegossen wurde, indem keines da war. Doch ungeachtet aller Armut hätt' er den seltenen Vogel Phönix, den Krieg, der sich immer im Feuer erneuert, erwischen können (sah er ein), wäre sein Land nur größer gewesen. Daher beneidete er sehr geldarme, aber größere Regenten, welche ihren stilliegenden Untertanen, wenn sie ihnen nichts zahlen und reichen können, bloß Marschordres 1154 geben; eine schöne Nachahmung des wundertätigen Petrus, welcher (Apost. Geschichte c. 3. v. 6) zu einem Bettler sagte: Geld könnt' er ihm nicht geben, aber wohl (durch ein Wunder) Gehvermögen, worauf der lahme Kerl sogleich aufbrach und marschierte. So standen beide Fürsten und Helden dieser Groteske gegeneinander, jeder mit andern Vorzügen ausgerüstet.   Zweites Kapitel, worin Erklärungen und Zurüstungen des Kriegs vorkommen Einst besuchte Tiberius LXXXXIX. seinen Grenznachbar Maria. Jener sprach viel und froh von seiner bevorstehenden Heerschau (Revue) und beklagte nur, daß er des Lumpenpacks so wenig habe: »Herr Vetter, mein Lager wird, sorg' ich, wie eine lebendige Trödelbude aussehen, die Kerle haben nicht viel.« – »Desto besser,« versetzte Maria, »daß Sie auch nicht viele Kerle haben. Ich habe einiges Volk.« – Er sprach nur aus Bescheidenheit so; denn da nach der Jurisprudenz schon 10 Mann Nach Bartolus sind Menschen ein Volk ( populus ); nach Apulejus in seiner Apologie 15 Freie. Gundlings Otia. St. I. ein Volk ausmachen: so wird man sich von seiner Volkmenge einen Begriff machen, wenn ich sage, daß sie sich über 500 Köpfe belief. Tiberius, ein geheimer Spötter des an seine Stelzen noch Kothurne anschuhenden Fürsten, versetzte: »Kleider und Schneider machen Leute und reimen sich.« Es ist wohl kein schicklicherer Ort als dieser, um die Welt an eine alte Notiz zu erinnern, und ihr eine neue zu geben. Erinnern muß sie sich nämlich, daß sie gelesen, wie in Frankreich zwischen den Schneidern und Trödlern ein mehr als zweihundertundsechsundvierzigjähriger Prozeß (Anno 1530 ging er an, 1776 schwebte er noch) geführet worden, worin dreißigtausend Urteile ergangen, um womöglich auszumitteln, welche Kleider zu alten oder zu neuen zu rechnen sind. Französische Miszellen v. 1805. B. 10. St. 3. Nun hatte das Fürstentum Großlausau – dies ist der Welt die neue Notiz – das Eigentümliche, daß es, 1155 um die benachbarten Ländchen mit Kleidern zu versorgen, fast ganz aus Schneidern bestand, wie etwan in Rußland ein Dorf lauter Handwerker von einerlei Art besitzt. Z. B. Rabotnika hat lauter Schmiede, Pawlowsk lauter Schlössermeister, Semenowa lauter Blechschmiede u. s. w. Fabris Journal II, 1809. Die Kauzen hingegen waren lauter Trödler, was weniger seltsam ist, da sowohl im Fürstentum selber als in der Nachbarschaft es sehr an Leuten mangelte, denen wenig mangelte, und die etwas anzuziehen hatten. Beide Länder oder Handwerker wünschten einander nun nichts als wechselseitigen Totschlag; alte und neue Kleider stifteten da hitzigere Sekten als sonst Altes und Neues Testament, oder jetzo ästhetische Antike und Moderne; Flicken des Trödels wurde für Schneidern genommen, ein kaum getragenes Kleid für ein neues und umgekehrt. Nun fällt auf tausend Sachen in unserer Geschichte Licht. Tiberius kam jetzo auf den Vorschlag, den er dem Vetter tun wollte: »Wie wär's, Herr Vetter, würfen wir unsre beiden Revuen für dieses Jahr zusammen, und jeder mit seinem Heere rückte gegen den andern vernünftig an? Es sähe bei Gott ordentlich wie ein Krieg aus; nur müßte man Spaß verstehen. Geübt würden freilich die Leute unglaublich, und alle andere Revuen wären Bettel dagegen.« Ein solches Spiegelzimmer von Selbst-Ansichten erfaßte den Maria als einen Liebhaber glänzender Sünden anfangs über die Maßen; aber als er sich ein wenig sammelte, gab er zu bedenken, es sei, da schon auf dem Theater und in Heerschauen, wo Freunde gegen Freunde fechten, sich der böse Feind zuweilen mit seinem Unkraut einmischte und Feinde aussäete, die einander gute reelle Schläge gäben, es sei, sagt' er, in einem Falle noch mehr zu beherzigen und zu befürchten, wo fremde Heere, vollends gar Trödler und Schneider gegeneinander ins Feld zögen, weil vielleicht mancher Trödler eine Schuld durch einen Kolbenstoß abzustoßen suchen könnte, oder ein Schneider sich seines Kerbholzes durch einen Ladstock zu entledigen. Er gab allerdings so fein als möglich zu verstehen, daß die Kauzen oder Tiberianer viel seinen Großlausauern oder 1156 Marianern schuldig wären. »Ah, pah,« versetzte Tiberius,»schlage meinetwegen einander tot, was will; wenn man nur gescheut kommandiert und seine richtigen Evolutionen macht; Gerechtigkeit darf nach der alten Sprache kein Mitleiden haben ( justitia non compassionem habere debet ), und Krieg ist das allerstärkste peinliche Recht. – Lassen Sie Ihre Schneider, Herr Vetter, nur brav laufen, was ihnen nach dem langen Sitzen recht gesund sein wird: so steh' ich Ihnen dafür, meine Leute schlagen ihnen keinen einzigen Ellenbogen entzwei.« Maria gab nach; er hatte überhaupt nur andeuten wollen, daß Tiberius' Heer nicht viel hätte, ohne zu bedenken, daß er damit wider Willen lobe. Denn eben Platons idealer Republik, worin bloß die Soldaten gar kein Eigentum besitzen durften, nähern sich Staaten doch einigermaßen, in welchen sie wenigstens nicht vieles haben, so daß, wie man oft Bettler zur Strafe unter die Soldaten steckte, man zum Lohne diese unter jene steckt. Nach Arvieux schürzen die arabischen Balbiere sich die Ärmel bis hinter den Ellenbogen zurück, um immer die Narben aufzudecken, welche sie sich zu Ehren ihrer Geliebten eingeschnitten; aber wie viel mehr wird benarbten Kriegern nicht der vielleicht eitle, aber verzeihliche Wunsch, die Ehrenzeichen ihres Leibes den ganzen Tag vorzuzeigen, vom Staate erleichtert, wenn er ihnen absichtlich nichts gegeben, was den Leib und also die Narben bedeckt! Indes war nun der Schaukrieg zwischen beiden Vettern organisiert, und die Zurüstungen fingen an. Maria Puer hielt sogleich Kriegrat und beratschlagte sich darin über die Schutzwaffen, welche Kriegern, wie die Großlausauer Handwerker, noch nötiger waren als Trutzwaffen. Um nur vor allen Dingen sich den Rücken zu decken, wurde vom Fürsten ein Zopf genehmigt, der den ganzen Rücken bis ans Steißbein herablief; hinter diesem Sturmzopfe und Ankerseil war jeder ganz hiebfest, der lief; es war eine Ableitkette der Wunden, wie das Kettchen auf dem Kopfe der französischen Pferde. Außerdem hatte ein ganzes Heer mit solchen Rückenschlangen, Zornruten und Krieggurgeln im Rückzuge etwas Pompöses und jagte Schrecken ein. 1157 Puer war überhaupt in sehr verschiedenem Sinne der Berliner Zopfprediger Schulze, nämlich ein Prediger und Verfechter der Zöpfe, weil er sie für die absteigenden Zeichen und Staubfäden hielt, die den Wehrstand so sehr unterschieden vom Lehrstande – für die den Spitz- und Backenbärten ziemlich entsprechenden längern Nackenbärte von hinten und überhaupt für die Zeiger und Perpendikel des Kriegs; und der Fürst begriff es am leichtesten, wie der Held Ziethen als Knabe an jedem Sonnabend zwei Stunden von Wustrau nach Ruppin marschierte, um sich da einen Zopf machen zu lassen auf eine ganze Woche. Nun konnte ihm als Generalissimus schon längst nicht gleichgültig sein, daß seine Truppen Zöpfe trugen, welche nicht in der Länge über einen Kamm geschoren waren. Demzufolge wurden, da man viele falsche anbinden mußte – manche Bandzöpfe waren wahre Haarröhrchen –, Haarlieferungen an die Großlausauerinnen ausgeschrieben, die sich bei dieser Gelegenheit als schöne Schwestern jener alten Römerinnen erwiesen, welche ihre Haare zu Stricken gegen die belagernden Gallier abgeschnitten und zusammengedreht, daher die Venus calva (die kahle Venus) einen Tempel bekommen. Lactant. Inst. L. I. de falsa religion. c. 10. Wenn oft so eine Geliebte ihrem Geliebten, mit der Schere in der Hand, ihr Haar abtrat und ihres mit seinem durch ein Zopfband – wie beide künftig selber durch ein kirchliches – vereinigt wurden, so fielen Auftritte vor, welche ergriffen und Bearbeiter verdienten. Kostspieliger war die zweite Zurüstung – weil dazu ganz andere Wesen Haare lassen mußten als die Untertanen –, daß man der ganzen Armee die großen Hüte der Franzosen aufsetzte, die jetzo jeder deutsche Offizier und Zivilist, der etwas vorstellen will, aufhat, gleichsam Schwämme mit dünnem Stiel, aber unendlichem Hute. Nach dergleichen wurde sogar für Kleinigkeiten, besonders für Soldaten gesorgt; und es wurde den ganzen Tag konskribiert und exerziert. Statt der Stieglitze, die man sonst Kanönchen abschießen, und statt der Pudel, die man Gewehr halten lehrte, wurden Meister und Gesellen geübt, so daß sie ebenso wie die Juden am Bau des zweiten Tempels arbeiteten, in der einen 1158 Hand das Handwerkzeug, in der andern die Waffe; aber ist denn überhaupt Schneiderhandwerk von Krieghandwerk bei so vielem Stechen, Durchlöchern, Schneiden, Führen des heißen Eisens anders als im Gegenstande unterschieden? Der ganze auf Kriegfuß gesetzte Staat sah zuletzt so martialisch aus wie englische Damen während der Bedrohung der französischen Landung; Flinten, Kanonen, Trommeln waren etwas Gewöhnliches in weiblichen Haaren, und zwar sogar von Gold als Nadeln; Helme und Tartschen hingen in ihren Ohrläppchen, und eine Sturmleiter, vom Juwelier gezimmert, schimmerte am Busen als Busennadel. Französ. Miszellen. B. 13. I. Letztes gefällt mir, daß die Festung selber die Leiter zum Ersteigen heraushängt, und daß die Schönen überhaupt sich bloß bewaffnen, um entwaffnet und erobert zu werden. Ich übergehe mehre Zurüstungen Mariens; gar nicht etwan als wären sie weniger bedeutend – denn eine davon war, daß der Hofmaler als Schlachtenmaler angestellt und mobil gemacht wurde, eine andere die, daß der Zuckerbäcker auf die Hoftafel lauter Aufsätze von alten Helden und Siegen, ganze Schlachtstücke aus Zucker liefern mußte, um die Generalität teils zu erhitzen, teils zu exerzieren –, sondern weil sie in einem »Kriegkalender für gebildete Leser aller Stände« einen Platz wegrauben, der größern Kriegen gehört. Wer nun für den nächsten Feldzug Mut suchte, der konnte ihn bei Maria Puer finden. Als ein glanzhebender Herr wünschte er schon in seiner Jugend nichts so feurig, als großen Helden ähnlich zu werden und wie ein Cäsar, Friedrich II., Napoleon aus großen und häufigen Schlachten zurückzukehren mit dem Leben. Er äußerte oft, wer Kriegruhm liebe, werde wünschen, lebendig heimzukommen, um ihn zu genießen, und bedauerte die tausend Totgeschossenen, die bei Lebzeiten nichts davon haben. »Himmel!« sagt' er, »welche Wunder der Tapferkeit würde mancher tun, wenn er wüßte, er bliebe nicht, sondern könnte sie selber erzählen.« – »Was ist dies anders als Kriegmanier, Herr Vetter?« sagte einmal Tiberius. »Die Pferde, gerade mehr als die Hälfte der Reuterei, gehen auch tapfer ins Feuer und bleiben; aber man 1159 redet von ihnen so wenig im Bulletin als vom Fußvolke; die Ehre gehört den Offizieren.« Tiberius selber fragte, gleich seinen Trödlern, nicht stark nach Glanz. Wie sonst Bärenwildpret auf den Hoftafeln war, so gehörte er zu den wenigen tafelfähigen Bären an der Tafel. Dies würde ich schon glauben, wäre auch die Anekdote von ihm erdichtet – denn eben das Erdichten bewiese für mich –, welche ich im Gasthof selber gehört, wo sie vorgefallen sein sollte, daß er nämlich, als er inkognito aus Eile sich den Bart von einem fremden Balbier abnehmen lassen, welcher zu unvorsichtig einen Viertel-Backenbart mit weggeschoren, den Backenbartputzer so lange geprügelt, bis die Wangen-Mähne wieder nachgewachsen war. Unglaublich genug! Gewiß aber betete er, wie die alten Römer, die Lanze an und hielt die Staaten für Flaschen, welche nur der Flintenschrot, d. h. der Krieg, gut ausspült und reinigt; worin er freilich den Selbvermittler Adam Müller auf seiner Seite hat. Daher wurd' ihm dieser Krieg etwas dadurch verkümmert, daß wenig oder nichts totgeschlagen werden sollte, und er so das ganze Ährenfeld mit seinen Schnittern vergeblich, ohne einen Schnitt zu machen, durchziehen mußte. Maria hatte die entgegengesetzte Bekümmernis, daß er, wie einmal Sophokles für sein Trauerspiel mit einer Feldherrnstelle belohnt wurde, umgekehrt für sein Feldherrnamt mit einem Trauerspiel bezahlt werde; den Trödlern war nicht zu trauen. Daher trauete Tiberius ihnen desto mehr; er ließ seine kecken Tiberianer oder Kauzen fast in nichts vorüben als im Laufen, weil er, sagt' er, sich nicht schmeichle, daß sie darin mit den Schneidern wettliefen, wenn diese das Feld räumten. Übrigens verließ er sich darauf, daß hier Schuldner, also Undankbare, gegen Gläubiger losschlugen und gerade den Zorn mitführten, der den Menschen, wie Sauerteig den Teig, so hebt. Zum Überfluß organisierte er noch ein Freicorps von Kamm- und Knopfmachern, von welchen er sich allerlei versprach, wenn sie alle übrigen Waffen aus der Hand würfen und dann mit der letzten allein – da beide Handwerker die längsten Fingernägel führen müssen – durch ihre zehn Pincetten oder Glaserdiamanten die feindlichen Gesichter, also die gordischen Knoten des Kriegs, vorteilhaft zerschnitten. 1160 Jetzo stehen wir nun vor der großen Stunde, in welcher beide Mächte gegeneinander vorrücken. Nachts zog Maria aus, damit alle Untertanen, wenn der Generalmarsch geschlagen würde, nach der Kriegregel Lichter an die Fenster setzten, gleichsam als Vorspiel und Aurora künftiger Siegerleuchtung. Nie marschierte wohl ein Heer mutiger und gefährlicher aus dem Tore als die Großlausauer Schneidermeisterei, wenn Galiani Recht hat, daß Mut eine Frucht der Furcht ist; denn die Versammlung schien ordentlich die wiedergeborne Kirchenversammlung zu Tours im Jahre 1163, welche bei Kirchenbuße alles Blutlassen verboten, und es gab Betende darunter, vor welchen wohl ein herzhafterer Mann als Galiani hätte zu beben gehabt. Indes wenn die Spartaner sonst bloß unter Flötenspiel auszogen, um ihren wilden Mut zu mildern: so stimmte auf dieselbe glückliche Weise schon die Trommel und Trommete und andere Kriegmusik den Großlausauer Mut um vieles herab. An sich aber wars erhaben, es zu sehen, wie man auszog; nicht nur die sogenannte Prima Plana war bei dem Heere (die Gemeinen verstanden sich von selber), sondern auch ein Regimentstab samt Unterstab und über fünfviertel Generalstab; der Rumormeister aber erschien als wahrer Überfluß. Ich sehe sie noch vor mir hinmarschieren, die Helden der Zukunft. Wenigere Jammergesichter wären freilich in der Armee gesehen und geschnitten worden, hätte nicht Tiberius die Bosheit ausgeübt – wovon leider die ganze Armee gehört –, daß er aus dem Tollhause einen verrückten Trödler, der sich seit Jahren für einen Premierleutnant in Kauzner Diensten aus eigner Idee gehalten, in die Montur stecken und mit anmarschieren lassen. Dies verwirrte aber die Schneider, wenigstens viele. Verständigere darunter sagten sich unverhohlen: »Dergleichen kann keinen vernünftigen Militär erfreuen. Wir ziehen da so fröhlich und keck in den Krieg, aber wer steht uns dafür, wenn der Verrückte dabei ist (der keine Vernunft annimmt), daß nicht unsre Macht Beulen und Prügel heimbringt, ja noch mehre Beulen als Männer? Kann nicht der Premierleutnant Ladstöcke laden und abschießen? – Beim Himmel! Hübsche Vexierschlachten, 1161 wenn darin mehr Leute verwundet werden können als in einem Realkrieg in Welschland sonst im 15ten Jahrhundert, wo oft in einem Feldzuge kein Mann umkam. So hole doch der Teufel einen so unsinnigen Krieg, wobei man kaum des Lebens sicher bleibt! Auch dies verstärkte nicht sonderlich ihren Mut, daß Tiberius seine ganze Generalität von Affen mitgenommen, weil solches Vieh, unbekannt mit Kriegzucht, durch ungestümes Nachäffen tapferer Gefechte ja mehr Schaden anrichten konnte als die Fechtenden selber. Es bestand aber die Generalität aus einem Hundeaffen und zwei Meerkatzen; und der Regimentstab aus einem seltenen Beelzebub mit Rollschwanz (der Coaita oder Pani cus) und einigen Pavianen; allen aber hatte er bestimmte Namen von Kriegwürden zugeteilt. Einer und der andere, der ihn näher kennt als wir alle, will hinter diesem Affen-Militär heimlichen Spott auf Mariens Kopiermaschinen des Hofs und Kriegs vermuten, was ich sehr ungern sähe.   Drittes Kapitel, worin Würste und Galgen von strategischer Bedeutung sind Endlich standen beide Heere einander im Angesicht . . . . . . Aber hier ist der Ort, wo der Verfasser dieses das demütige Geständnis ablegen muß, daß er nur Levanen, Vorschulen, Titanen geschrieben, und niemals Kriegoperationen aus Mangel an Sachkenntnis, und daß folglich dieser Mangel jetzo, wo seine Federzüge an Feldzüge sich wagen sollen, ihn ungewöhnlich bedenklich machen muß, wie er den Großlausauer und Kauzner Feldzug beschreiben soll, ohne entweder sich lächerlich zu machen, oder die Helden, oder beides. Daher verspricht er auch nur Unparteilichkeit für beide Mächte und will ohne Rücksichten bald Tiberius, bald Maria loben; indem er doch der Hoffnung lebt, daß nach ihm irgendeine Feder von Handwerk, die vielleicht mitgefochten – gleichsam aus dem Adlerflügel selber ausgezogen –, der Welt diesen Krieg mit aller der taktischen und strategischen Kenntnis darstellt, ohne welche jede Beschreibung davon lächerlich ausfällt. 1162 Beide Heere waren darüber einig, daß der ganze Erfolg der Heerschau oder des Feldzugs davon abhänge, welches von beiden zuerst sich des Galgenbergs – der übrigens nur mit einem Manne besetzt war, der noch dazu am Galgen hing – bemächtigte; wer dann bei dem oder an dem Galgen war, sah ruhig dem übrigen Kriege zu und machte, wie der Gehenkte, bloß aus Spaß noch Schwenkungen. Alle verständige Militärpersonen, die ich noch darüber gesprochen, versicherten nun einmütig, daß die Kauzen oder Trödler viel früher als die Großlausauer den Galgen, woran so viel hing, hätten besetzen können, wenn nicht unterwegs ein Unglück vorgefallen wäre, welches zum Unglück die Kauzen für ein Glück genommen. O so sehr siegt totes, aber volles Gedärm über lebendiges, das leer ist, und elende Würste schießen sich als Feldschlangen ab und halten ganze Heere auf! Es ist nämlich nur gar zu erwiesene Tatsache – ich kenne jeden Zeitungschreiber, der sie zu verdecken suchte –, daß die streit- und eßlustigen Kauzen auf ihrer Militärstraße gerade vor eines Fleischers Hause vorbeigemußt, das brannte. Nun warf die Lohe aus dem Rauchfange alle darin hängenden Würste und Sausäcke wie Wachteln (dreipfündige Handgranaten) auf die Kauzen heraus, so daß der Kern des hungrigen Heers, davon durchbrochen, sich umher streuete, um die auf sie gefeuerten Würste aufzulesen und aufzuessen, mit welchen der Rauchfang, kein Hungerturm, sondern ein Füllhorn, kaum auf sie zu spielen nachließ. Kein Kugelregen hätte die magern Trödler so aufgehalten, als es der Mannaregen von Einschiebessen tat; daher die Mannschaft, ob sie gleich dem Feinde schon drei falsche Zöpfe abgenommen hatte, doch so spät am Galgenberge anlangte, daß sie ihn von den Großlausauern schon in solchen Stellungen besetzt antrafen, bei welchen wohl mehr als einem Kauzen der Mut sank, weil mit dem Galgen gerade die Hauptfestung verloren ging. Noch dazu hatten die Großlausauer – wahrscheinlich durch Bestechung – sich den Stadtschlüssel des Pförtchens zum Galgen, nämlich zur Ringmauer, die dessen Beine ziemlich hoch umgab, zu verschaffen gewußt, so daß sie im Notfall den Rückzug in die Festungkasematten offen behielten; denn standen sie einmal alle unter dem 1163 Galgen und mitten von diesem runden Mauerverhack hoch umschlossen, so war ihnen nichts anzuhaben, und alle Schneider konnten durch das Galgenpförtchen, wie in einem engen Thermophyläs-Passe, spartisch herausfechten. Der Operationsplan war, wie es scheint, mit Verstand entworfen. Inzwischen drangen dennoch die Trödler unter Anführung des toll seienden Premierlieutenants gegen den furchtbaren Berg vor und daran auf – Beide Generalissimi der Heere fochten von weitem auf dem rechten Flügel; – mit Erdklößen wurde ein böses Erdfeuer gemacht, und es wurde sogar ein Frauenschneider in der Hitze des Gefechtes an den Beinen wie ein Schlitten herabgezogen. Zuletzt mußten die Großlausauer der Übermacht weichen, da der wahrhaft grimmige Premierlieutenant mit gefälltem Bajonett, nämlich mit gefälltem Flintenkolben auf jeden eindrang; denn die Kauzner Übermacht bestand nicht in Menschen – obwohl nach dem alten Kriegglauben der Belagerer zehnmal mehre sein müssen als der Belagerten –, sondern in Kräften und Mut. Wirklich erstürmten die Kauzen den Berg; aber hier erwartete sie jener marianische Kriegverstand, welcher schon lange vorher den Galgenschlüssel zur Januspforte sich in die Hände zu spielen gewußt; der ganze rechte Schneider-Flügel zog sich durch das Pförtchen hinter feste Mauern zurück, entschlossen, aus demselben, Schneider für Schneider, auszufallen. Dennoch trat wieder der Tolle als ihr Unglückvogel auf. Gegen ein fürchterliches Knallfeuer und eine aufgepflanzte Batterie von Flintenkolben drang er allein vor das Galgenpförtchen, faßte den Drücker an, schlug dasselbe zu und zog den Schlüssel ab. Der Kern der halben Armee war nun eingeschlossen vom Galgen; denn die Ringmauer dieses Notstalls war viel zu hoch, als daß, sogar Meister auf Gesellen gestellt, sie hätten auf den Wall heraussteigen können, um etwa von da aus etwas hinabzutun. Anfangs schrie der ganze halbe Flügel: »Aufgemacht unsere Festung! Ist das Krieggebrauch und Revuengebrauch? Den Schlüssel hinein, ihr Galgendiebe!« – Dieser Name war den Trödlern nicht gleichgültig; mehre warfen – um vielleicht Artigkeit und Liebe mit Krieg zu vereinen – 1164 unbehauene Steine, womit das erste Griechenland gerade die Liebe und die Grazien (nach Winckelmann) darstellte, in das Parterre noble hinein, welches, so dicht gedrängt, am Kopfe viel litt. Aus Mut feuerten wieder die Konklavisten ihre Ladstöcke in die Luft und schossen ihren Gehenkten beinahe wie einen Fahnen- und Schützen-Adler ab, ohne den Feind draußen anders zu verwunden als an Ehre durch Schimpfen. Jetzo aber flogen nicht nur Verbalinjurien und Spitznamen, sondern auch die eingeflogenen Steine aus dem Bergkessel, und diese wieder gegenseitig in diesen Festunggraben zurück; ja es ist erwiesen, daß einige Großlausauer aus Mangel an Gelassenheit und an Ladstöcken zuletzt selber Flinten hinauswarfen, um damit, statt zu erschießen, doch zu erwerfen. Es ist in der Tat ein trauriges Amt, Kriege beschreiben zu müssen, worin Feindseligkeiten vorfallen, welche für Gesundheit ja Leben der Krieger so leicht von ernsten Folgen sind. Eine einzige Galgenleiter hätte das Großlausauer Heer errettet und gehoben; dasselbe wäre daran auf die Mauer gestiegen und hätte sich von da unter die Feinde hinabgestürzt. Jetzo aber ließen die Kauzen gar vollends die ganze Gewerkschaft und Besatzung in dieser la grande force des Galgens verhaftet zurück und zogen davon, um zum Flügel des Fürsten Tiberius als Verstärkung zu stoßen. Hier, wo die Fürsten selber kommandierten, hatte in der Tat lange der Sieg geschwankt, ja Maria Puer hatte durch Mehrzahl die Zunge der Waage auf seine Seite gezogen, als der Kauzenflügel gerade vom Galgen kam und die Waagzunge ziemlich in die Mitte richtete, bis wieder das Tiberische Affenkontingent, das nach nachgemachten Gefechten dürstete, den Fürsten Maria so mit Pfoten und Prügeln umringte, daß er in Gefahr kam, von ihnen, da sie schlugen und sprangen und kratzten und nichts nach Fürsten und Heerschauen fragten, gefangen genommen zu werden, – wär' ihm nicht zum größten Glücke gegen das Auxiliar-Vieh seine Schneiders-Scheren-Flotte vom Galgenberge her zu Hülfe geflogen. Diese machten ihn frei und die Mächte wieder gleich gewichtig 1165 und führten leicht den Waffenstillstand, der zum Essen nötig war, herbei, so daß beide Fürsten in einem königlichen Zelte ganz friedlich speiseten.   Viertes Kapitel, worin der Krieg eine ernsthaftere Wendung annimmt Wie der Schneider-Flügel aus dem Galgen-Gewahrsam und Gehorsam gekommen, ist bald erzählt; nämlich der wackere Flügel, dem es am Ende lästig wurde, über sich als Flügelmann oder Adlerflügel nur den Gehenkten zu sehen, und welchen nach Ehre dürstete, und nach Essen hungerte, sprengte zuletzt das Pförtchen auf und machte sich von dieser Untiefe flott, mit Lorbeern bedeckt, nämlich mit Wunden, nicht von hinten , sondern von oben . Aber diese zeigte er leider seinem Fürsten Maria und fragte an, ob dies Völkerrecht und Heerschau sei, solche Kopfbeulen. Da wurde Maria fuchswild. »Ihro Hoheit,« – fing er an mit furchtbarem Anstand und etwas sieg- und weintrunken und rückte den großen französischen Krieghut so recht mit der Spitze gegen Tiberius, mit welcher so viele den Franzosen jetzo eine bieten, gleichsam der geschwollne doppelte schwarze Hahnenkamm – »ich darf dafür, glaub' ich, Genugtuung erwarten.« – »Das glaub' ich gar nicht, Herr Vetter und Bruder!« versetzte Tiberius, der sich von dessen Trunkenheit etwas versprach, nämlich ein Stückchen Krieg; daher nannt' er ihn mit Vergnügen Bruder; denn die Fürsten glauben durch gegenseitiges Geben von Verwandtschaftnamen anzudeuten, daß sie wirklich Verwandten ähnlichen, weil diese immer am meisten hadern und prozessieren. »Nein! Nicht die mindeste« (fuhr er fort) – »Warum hat sich Ihr Volk nicht gutwillig unter dem Galgen ergeben? Und wären allen Schneidermeistern die Nähfinger oben an der Fingerkoppe durchstochen: so wär' es bloß der Fehler, daß sie ohne Fingerhüte ins Feld gerückt.« – Maria antwortete, vielleicht auf die Trödler anspielend: »Aber ich schärfte nach dem Kriegrechte einer Heerschau meinen Leute ein, nicht einem Lumpen einen Lumpen zu rauben.« – Tiberius versetzte: »Ich braucht' es bei meinen Leuten weniger; Stehlen 1166 auch des kleinsten Lappens kennen sie nicht; aber desto mehr warnt' ich vor Totschlagen. Und doch, Herr Vetter, wollt' ichs verschmerzt haben, hätten sie sogar durch Zufall einen oder ein paar Ihrer Offiziere eingefädelt am Galgen als Stricke.« »Narren und Affen waren Ihre Reserven, gehören aber in keinen Krieg«, rief Maria trunken. – »Aber in Ihren Frieden?« fragte Tiberius gelassen, als ob ers bejahe. Solche kalte Tropfen in eine warme Trunkenheit sind bloß Wassertropfen in einen Kessel voll geschmolzenen Kupfer; Maria fuhr wie dieses auf und sagte: »So foder' ich denn Genugtuung!« – »Herr Vetter wissen,« versetzte Tiberius, »daß ich Genugtuungen immer vorrätig halte; nur bitte ich Ihro Hoheit, mich sogleich zu belehren, ob Sie sich mit mir schießen oder hauen, oder ob wir mit allen unsern Kriegvölkern gegeneinander fechten wollen.« Eine ganz verfluchte Wendung der Sache! dachte Maria; da ihr aber nicht auszubeugen war, so wählte er aus Glanzsucht statt des Zweikampfs – dieser schon von Junkern und Studenten abgenutzten Genugtuung – den Allkampf, den Krieg, und wollte sich, um mehr Ehre zu haben, lieber mit zweihundert Armen als mit zweien wehren. »Krieg, Krieg!« – rief er und stand von der Tafel auf. Ein größerer Glückfall konnte allerdings Tiberius nicht begegnen; denn im süßesten Frieden war ihm so erbärmlich zumute als einem Seefisch in süßem Wasser, welcher gewöhnlich darin absteht, aus Durst nach salzigem. Er schloß gern Frieden, wie katholische Priester Ehen, nur mußte er selber nicht daran teilnehmen sollen. Vor Freude über Krieg wurde Tiberius fast friedlich und faßte Mariens Hand und sagte: »Ich denke, in einigen Stunden sehen wir uns wieder, Herr Vetter!« Darauf ritt er davon und befahl seinem Heere, das noch den Bissen im Munde hatte, ihm nachzurücken. – Jetzo wäre der »verbesserte und der neue Kriegs-, Mord- und Tod-, Jammer- und Notkalender auf 1734 von Adelsheim« ein wahres Schatz- und Farbenkästchen auf dem Tische des Verfassers, um Farbenkörner für einen wahren Krieg daraus zu holen, dessen Heerschau schon vorher so sehr ins Tapfere spielte. Aber leider darf ich wenig 1167 hoffen, diese Feldzüge mehr als erträglich darzustellen, so gern ichs für mich selber wünschte, da eine solche Darstellung allerdings einigen Ansatz in mir zu einem kommandierenden General oder doch Division-General hoffen ließe; denn wie nach den Gesetzen nur Personen Zeugen eines Testaments sein können, die selber eines zu machen imstande sind: so braucht man es wohl den vielen Offizieren, die jetzo Kriege so gut beschreiben und bezeugen, nicht erst zu beweisen, daß sie solche eben darum ebensogut zu machen verstehen, sondern man kann sich auf ihr Bewußtsein berufen. Maria schickte eilig den Generaladjutanten an die Marianer und ließ ihnen den Krieg ankündigen, den sie sowohl zu leiden als zu führen hatten; darauf wurde am Nachtisch, während man Zucker-Devisen erbrach, ein kurzer Kriegrat gehalten, um zu wissen, was man zu tun habe. Einer der besten Generale im Conseil gab sogleich den Rat, man müsse, ehe man auf einen andern falle, erst wissen, was der Feind zu tun gedenke. Sofort wurde ein geheimer Spion abgefertigt, um den Bewegungen des Feindes von weitem nachzugehen und nachzusehen. Was allerdings am allermeisten fehlt zum Schießen, waren Kugeln, welche man alle in der Hauptstadt gelassen, gleichsam wie Augen im Haupte; daher wurde beschlossen, vor der Ankunft des Bleies mit allem Möglichen, mit allem Nahen zu laden, also – in Ermanglung der Perlen, womit einmal die Moskowiter aus Kugel-Mangel Singul. Geograph. von Berkenmeyer 1705. geschossen – notfalls Sand abzufeuern, doch aber nur selten die Ladstöcke, weil das ebensoviel hieße, sagte der Kriegrat, als das Gewehr strecken, nämlich dem Feinde die Flinte an den Kopf zu werfen; höchstens möge man mit den Stöcken bei Gelegenheit prügeln und stoßen. Die Bestürzung der marianischen Armee über die Urias- und Hiobspost eines wahren Kriegs war so allgemein und stark, als wären sie geschlagen worden, ja noch stärker; denn im letzten Falle wären sie doch auf der Flucht oder gar in Gefangenschaft gewesen, mithin schußfest. »Kartätschen«, sagte ein Altmeister, »lass' ich mir gern gefallen, aber nur sollen sie Schafwolle 1168 bestreichen, nicht mich.« Was die Leute noch aufrecht erhielt, war, daß zwischen ihnen und den Tiberianern der Unterschied obwaltete, welchen Kunstkenner zwischen den Bildsäulen der beiden Freunde Kastor und Pollux mit Vergnügen wahrnehmen, nämlich den des Läufers und des Kämpfers . Das Heer wünschte feurig, nur recht bald vor den Feind geführt zu werden, um früher davonzulaufen, und die eigne Rolle wie Orchester-Geiger besser zu spielen, so daß dasselbe, wie diese, dem ganzen Kriegtheater nur den Rücken zeigte und nur die Instrumente handhabte. Es gab im ganzen Heere nicht drei, welche nicht christlich und philosophisch dachten und nicht die so oft und so vergeblich gepredigten Todes-Betrachtungen anstellten, unaufhörlich erwägend, daß sie jede Stunde sterben könnten. So denkt der Christ und der Philosoph ohne stolze Sicherheit des Sünders! – So der Geistliche, der, durch seine Leichenpredigt unaufhörlich an den Tod erinnert und erinnernd, nicht keck vor ein ansteckendes Bett voll Typhus tritt, sondern lieber in seinem eignen zu Hause bleibt.   Fünftes Kapitel, worin die Kriegflammen lodern und Eroberungen um sich greifen Nach anderthalb Stunden passierte der heimliche Spion Marias durch die schneiderische Armee zurück und hinterbrachte unterwegs den Truppen, wie er oben auf der Ruine ganz deutlich gesehen, daß die Kauzen sich der großlausauischen Hauptstadt ohne Schwertschlag bloß durch Trommelschlag bemächtigt hätten. Wer in der Welt weiß, was Jammer ist, dem brauch' ich den Großlausauer gar nicht zu schildern. Von den vier Kardinallastern des Kriegs, nämlich Töten, Schwelgen, Plündern und Fliehen , hatte der Feind durch den Vortrab die drei ersten voraus und ließ höchstens das vierte noch übrig. Da der Mensch überhaupt, als Gegenspiel des Bären, der im Kampfe sich menschlich auf zwei Füße stellt, darin gern tierisch auf vier niederfällt, und da an den menschlichen Soldaten wie an bleiernen sich durch langen Gebrauch leicht die Röte abfärbt (die Schamröte), so daß ihnen desto weniger Blut in die Wangen steigt, je mehres sie aus fremden 1169 ausgelassen: so konnten (sah jeder Meister voraus) vollends die Tiberianer in der Hauptstadt nichts anders sein als des Teufels lebendig. Sie konnten – mußten angeseßne Marianer befahren – die besten Schuldscheine und Instrumente durch Blutschulden und Krieg-Instrumente und die Laus deos durch Te deums tilgen und ihre Schulden absitzen durch bloße Einquartierung. Indes ist doch meiner Meinung nach der Gebrauch, jemand zu bezahlen, indem man ihn vor den Kopf schlägt, von dem Gebrauch auf der Insel Sumatra nicht verschieden, wo man ehemals keine andere Münzsorte hatte als feindliche Schädel Dorvilles Reisebeschreibungen. B. 2. S. 329. ; und natürlich greift man am liebsten zum nächsten. Was das Plündern anlangt, so sei man doch gerecht und mehr Christ als Heide; denn ist Krieg ein Ausdreschen der Völker, so ist es nicht billig, wenn man dem Soldaten, der tritt und drischt, wie die Griechen dem dreschenden Tiere mit einem besonderen Zaume (im Griechischen soll er Καυστικαπη geschrieben werden, denn ich versteh' keines) das Maul verbindet; denn Gott hatte den Juden befohlen, so lange die Tiere von der Ernte fressen zu lassen, als sie daran draschen, daher gerade diese Drescher sich durch saure Arbeit mästeten. Jetzo wurde Generalmarsch geschlagen und Marschschritt kommandiert; unter dem unaufhörlichen zwar nicht Kanonen-, aber Trommeldonner ging man auf die eigne Residenzstadt los, um sie loszumachen und zu befreien. Es war kein einziger Held im ganzen Zuge, der nicht gewünscht hätte, gleich einem Taschenspieler Kunstfeuer zu speien, um so damit dem verächtlichen Feinde recht ins Gesicht zu speien und zu feuern; und jeder schwur, ihn zu verfolgen, wenn er liefe. O überhaupt würde selten der Mut fehlen, wenn man mehr wüßte, wie viel dem Feinde davon abgehe! Wenn in Loango das Heer einem Hasen aufstößt, so wird es auf der Stelle heroisch, weil es den Hasen (ein recht nützlicher und wünschenwerter Aberglaube) für einen Geist ansieht, der ihm die Feigheit des Feindes ansagen soll; und in der Tat sollten mir die feigsten Regimenter als ebenso viele Wagehälse über Feinde herfallen, sobald sich diese als Hasen zeigten; der Ehrenpunkt griff' ein, und kein Soldat will gern vor einem Vorläufer laufen. 1170 Gleichwohl wurde der kriegerische Mut später verstimmt von zwei Unfällen. Nämlich ein Rittmeister, welcher (und ich habe nie widersprechen hören) für den Achilles und Heros von Großlausau galt, setzte vor 50 rechten und 50 linken Augen kühn über einen Graben, und an sich glücklich genug; aber durch den Flug fuhr dem Gaule der Schwanz ab, der zu schwach an den Schwanzriemen befestigt war – (o welche Täuscher sind die Roßtäuscher samt und sonders!) und zwar mehre Schwanzlängen vom Tiere hinweg, und das Roß schnalzte nur bloß einen kurzen Schweif-Abhub empor, einen elenden Pfeifenstummel; jedoch keinem tapfern Mann tat dieser ominöse Verlust, gleichsam einer Fahne, eines Bassaschweifes, sonderlich wohl. Für den zweiten Unfall steh' ich weniger, da er Spuren scherzhafter Übertreibung trägt. Es soll nämlich ein Bettelmann an der Militärstraße gesessen haben, mit Wunden bedeckt anstatt mit Pflastern, und zwar im Gesicht. Ein angehender Badergeselle hatte dem Manne, um ihm ein Almosen zu geben, gratis den Bart abgenommen, um sich ungescholten an einem Menschen im Scheren zu üben, welcher schon etwas vertragen konnte; und in der Tat blutete der Mann wie ein erobertes Land. Bettelvögte zwar wollen weiter sehen und wagen die Vermutung, daß der Kerl nur so fließend dagesessen, um auf seinen Blutströmen wie auf Kanälen sich Güter zuzuführen; aber im ganzen steckt' er doch dadurch das tapfere Heer mit einer Blutscheu an; und dasselbe Menschenblut, das Löwen zum Angriffe der Freunde berauscht, machte die Marianer zu einem Angriffe der Feinde zu nüchtern. Fürst Maria ließ nicht nur sofort englisches Pflaster ( the genuine court-plaister ) für die Kinnwunden zerschneiden, damit wenigstens die Nachhut kein Blut sähe; sondern er verteilte auch eine ganze Feldapotheke von diesem Pflaster an die wichtigsten Personen des General- und des Regimentstabes. Dem Generalfeldzeugmeister, dem bedeutendsten bei der Artillerie, gab er am meisten vom court-plaister ; einem braven Manne von ausdauerndem Mute, da er ihn im ganzen langen Frieden gezeigt; nur in Kriegzeiten, die aber desto kürzer dauerten, sank er ihm etwas; daher Leute, die seine Mut-Vakanz im kriegerischen Zwischenraume kannten, 1171 denken mußten, mit seinen militärischen Ordenbändern und Ritzerketten behäng' er sich an Brust und Herz gerade aus der Ursache, warum die französischen Kavalleristen ein Kettchen über den Pferdekopf hängen, nämlich an der schwächsten Stelle der Verwundung. Das Heer erschien endlich von weitem vor seinen eigenen Toren, aber ohne die Freude, mit welcher es ihnen sich sonst genähert: der Feind war Türsteher der Stadttore. Die Tiberianer standen hinter einer Batterie von lauter aus dem Großlausauer Zeughause geholten vernagelten Kanonen, zwischen jeder Kanone stand eine Feuerspritze aus der Stadt, welche der tolle Premierlieutenant aufgeführt, und auf ihr stand ein Oberster und hinter ihr sieben Kanonierbediente. Ein harter Anblick, wie zum Fürchten geschaffen! Und in der Tat wird alles desto härter, wenn man bedenkt, daß ein armer unschuldiger Soldat im Kriege ganz wie ein verurteilter in Friedenzeiten, welchen man durch die Kompagniengasse voll Spießruten recht langsam führt, damit er nicht laufe und sich Hiebe erspare, behandelt wird, indem man den treuen Menschen, der ja nicht zu , sondern vor dem Feinde laufen will, ordentlich an Bewegung hindert, damit er nur desto mehr Schwertschläge empfange. Sehr hart für einen unschuldigen Soldaten, der lieber liefe! Als endlich die Marianer ziemlich nahe an die Kanonen, worüber Lunten brannten, gekommen waren, machten die Tiberianer eine der besten Evolutionen; nun fing das Feuern aus mehr als zwanzig offnen Feuerspritzen an, um das Feuer des Mutes zu löschen. Ein solcher unversehner Kugelregen (aus Millionen Wasserkügelchen bestehend) wütete entsetzlich unter dem Handwerk – das Gewehrwasser fuhr gerade ins Gesicht und Auge, wie Cäsar die Gesichter der Ritter des Pompejus anfallen ließ – Sehen blieb so wenig möglich als Sand-Abfeuern, weil die Wasserstrahlen alle Pulverpfannen vernagelten – sogar die Reiterei wurde zurückgeworfen, weil die Pferde von Augen- und Naseneinspritzungen scheu wurden, und die Reiter ohnehin vorher – auf die empfindlichsten Stellen, Magen und Nabel, spielten unaufhörlich zwanzig offne Wasserschlünde, ein wahres weniger Blut- als 1172 Wasserbad. – Wie auch erst die Nachwelt entscheide, ob diese unerwartete Umwandlung eines Landkriegs in einen Seekrieg, einer Feuertaufe in eine Wassertaufe Kriegrecht für sich habe: darf man doch beklagen, daß so viele Brave durch ein solches Wasserschießen, eine wahre Löschanstalt des Lebenlichts, in einen Zustand gebracht worden, wo sie mehr Schweiß als Blut vergossen. Was hätten nicht die Marianer tun können ohne die neue Kriegwaffe, nicht viel verschieden von dem Kriegbrander vor Kopenhagen, dessen Erfinder sie mehr verdiente Er ersoff. (Neuerlich wurde das Gegenteil versichert.) als die Marianer. Einige ergaben sich schon, um sich abzutrocknen; vielen wäre der Galgenstrick des Gehenkten lieb gewesen, als Trockenseil; jeder wünschte sich einen altdeutschen Schild, als einen Regenschirm gegen den waagrechten Platzregen. Jetzo aber gab der Rittmeister ohne Roßschweif dem Fürsten einen kecken Rat, wofür er ein Pascha von drei Roßschweifen zu werden verdient hätte, den nämlich, dem Feinde verächtlich den Rücken zu kehren und im Trabe davonzurennen und geradezu in dessen nur eine halbe Meile ferne Hauptstadt Kauzen einzubrechen, wenn sie offen wäre; »wir wollen doch beim Teufel sehen,« – fügt' er übermütig hinzu – »ob er uns mit seinem Geschütze nachschießen oder nachkommen kann, zumal da ihm unterwegs die Wassermunition ausgeht.« Maria Puer war ein Mann, – Verwegenheiten flattierten ihn; auf der Stelle genehmigte er den Operationplan, und das Fortlaufen wurde kommandiert, und zwar im Doppelschritte, womit man in einer Minute 90 Schritte machte, und nicht 75 wie im Marschschritte. Diese Krieglist tat ihre Wirkung; die Tiberianer schossen unbedachtsam so lange mit harten Wassern nach, bis sie sich verschossen hatten und der Feind sich verlaufen. Jetzo war an ihnen das Laufen; aber die Großlausauer Sonnen im Wassermann, griechische Statuen in nassen Gewändern, waren schon zu weit voraus, und sie marschierten um so schneller, da sie aus medizinischen Gründen sich aus dem kalten Bade ein Schwitzbad bereiten wollten. Auch schwitzte das ganze Heer; nur aber bedeutete 1173 dieser Schweiß nicht, wie nach Cicero das Schwitzen der Victoria in Cuma, die Niederlage, sondern den Namen der Göttin, die Besiegung. Denn die Kauzen in der Residenz, welche ihre Landsleute so hart hinter den rennenden Großlausauern erblickten, konnten in der Eile nichts anders machen als den Schluß, daß die Schneider in die Stadt eingetrieben würden wie Vieh, und taten demnach das Tor auf. Aber kaum waren diese Kamele durch das Nadelöhr der Stadt: so schlugen sie die Tür hinter sich zu – und draußen standen die Nachsetzer verdutzt. Am Ende machten die Feinde sich nicht viel daraus, sondern zogen, da die Marianer sich als starke Riegel gegen das Tor anschoben, lieber in die marianische Stadt voll Einquartierungen zurück.   Sechstes Kapitel, worin der blutige Krieg in einen andern übergeht, Zeitungschreiber glänzen und ein Anfang zum Ende der ganzen Sache gemacht wird Die ersten, welche beide Feldherren in den eroberten Residenzen vor sich kommen ließen, waren die Zeitungschreiber derselben; Tiberius machte dem großlausauischen, dem Herausgeber des patriotischen Archivs für Großlausau – einem bösen Possenreißer und Mokierspieler –, bekannt, es komme jetzt nur auf ihn selber an, wie viele Prügel er sich wöchentlich erschreiben wolle, indem man ihm kein Haar krümmen würde – wobei der Schreiber, ein Krauskopf , halb lächelte, nämlich mit der linken Mundecke –, wenn er ihn und den Feldzug gehörig würdige, nämlich hoch genug, und der Welt das Beste davon sage, wiewohl man ihm übrigens gern gestatte, seine satirische Kollerader gegen seine Landsleute schwellen zu lassen. Der patriotische Archivarius versetzte: »Mit Freuden, denn mir kanns einerlei sein, wen ich auslache, sobald ich mich künftig gedeckt sehe. Ein Pritschen meister und ein Knittel versmacher wäre ja ein Stock narr im eigentlichsten Sinne, wenn er Knittel und Stock selber fühlen wollte.« Tiberius versprach ihm das Fiskalat oder auch ein Polizeikommissariat in seinem Lande. – Und Schnabel (so hieß der Redner) hielt auch 1174 Farbe und Wort; und mit Vergnügen bekennt der Verfasser dieser Groteske, daß er Schnabeln manche dunkle Mitteltinte verdankt, welche zur höhnischen Darstellung, z. B. der Großlausauer Galgen arrestanten, nur aus dessen patriotischen Archive zu holen war. Fürst Maria hingegen, welcher den Zeitungschreiber des Kriegboten von und für Kauzen , namens Maus , zu sich berief, ließ den engen bangen Mann gar nicht ohne Höflichkeit an, vielmehr bezeigte er ihm Hoffnung, Maus selber werde den kauzischen Kriegboten wohl nicht mißbrauchen, fremde Verdienste, wenn auch feindliche, zu verkleinern; so wie auch er den Verfasser des Kriegboten so sehr achte, daß er ihm den Charakter eines Großlausauer Kriegrats auf der Stelle erteile. Das war zuviel für Maus; so gelobt und gelabt, fiel er ihm zwar nicht zu Füßen, aber auf die eignen vier innern und versprach alles, was in seinen Kräften stand. Freilich stand in diesen nicht viel, und diese sehr unter den Schnabelschen. Indes hob doch Maus noch abends im Druck an dem seltenen Fürsten Maria den milden Eroberer, den mildernden Stadtgouverneur und einsichtigen Feldherrn heraus, ohne sehr gegen den Zeitungschreiber Schnabel oder seine Landmannschaft zu schreiben, teils aus Angst vor beiden, teils aus Achtung. Ein guter Mann! wenn auch kein seltner! Im ganzen auch ein verständiger. Der erste Artikel des Kriegboten unter dem Titel »Kurzes Résumé des Kriegs« (er liegt mir vor) bekränzt am meisten den Fürsten Maria, als Ur- und Bewindheber des Ausgangs, und läßt die Verdienste der Schneider dahingestellt. Sein Gleichnis dabei gefällt denn doch: wie nämlich große Maler, z. B. Rubens, Raffael, sagt er, Schlachtenstücke mit Kraft entwerfen, und dann ihren Schülern das andere zur Ausführung übergeben, ohne daß darum die Stücke den Namen ihres hohen Urhebers zu entbehren hatten: so macht der Fürst den Entwurf zu einem Kriege, und lässet dann seine Schüler, die Krieger, an der Ausführung mitarbeiten, gleichsam ein zweiter Claude-Lorrain, der den Kriegschauplatz, wie der erste die Landschaften, selber bestimmt, und die Menschen, wie dieser, von andern bestimmen läßt. Ich will einen Augenblick über Zeitungschreiber nachsinnen 1175 und dann erwägen, ob ihre nicht gemeine Fertigkeit, durch einen Sieg des Feindes plötzlich, wie oft der Magnet durch einen Blitzstrahl, die Pole umzutauschen – der abstieß, zieht jetzo an –, mehr zu wünschen, oder mehr zu verwünschen sei. Allerdings hat auf der einen Seite die Anlage ihr Gutes, die zum Wechsel mit Tadel; ja sie ist vielleicht ein so reiches Geschenk der Natur als das, welches sie jenem mißgebornen Knaben mit zwei Steißen gemacht Briefe über Indien, im Freimütigen von 1805. , unter welchen der Junge – da beide echter waren als sonst bei einer Dame mit einem Pariser Cul – denjenigen nach Belieben auslesen konnte, womit er zu Stuhle gehen wollte; wie gesagt, ein Zeitungschreiber, der zwei solche Hinterteile für entgegengesetzte Parteien bereit hat, um eines davon jeder geschlagnen zu zeigen, gewinnt stets Ruhm und Schirm von der siegenden. Auf der andern Seite ist leider nicht zu bergen, daß ein solcher Schreiber mir ähnlich ist, als ich noch Philosoph war, oder andern, die es noch sind. Ich erinnere mich deutlich, daß ich als Stubengelehrter in meiner Studierstube saß und das Kantische Lehrgebäude für mich wie eine gute Loge zum hohen Licht im Kopfe trug, als ein Teufel von Buchhändler mir einen Bücherballen von Änesidemus und Fichte und andern ins Haus schickte, wovon ich schon vorher durch andere erfahren, daß der Ballen das Lehrgebäude erschüttere. »Jetzo um 1 Uhr bist du noch«, sagt' ich auf- und abgehend, »glücklich und kantisch und sitzest fest und froh auf deinem kritischen Dreifuß; nun kommts auf dich an, wann du das noch eingepackte System annimmst, das dem Dreifuß die Beine abbricht.« Ich entschloß mich aus Vorliebe, noch die ganze Nacht zu den Kantianern zu gehören und erst am Morgen den Ballen aufzuschnüren, um später zu renegieren. Es würde Schmerzen geben, wenn ich meine Empfindung vom Lebewohl der Kritik, und wie ich diese ordentlich noch einmal glaubend überlief unter dem Aufschnüren, malen wollte. Was half mirs aber, daß ich wieder ein gutes Lehrgebäude am Fichtischen Universitätgebäude und Sakramenthäuschen bekam und darin mich als Mietmann setzte , als gar zu bald ein Schellingscher Ballen einlief! – Ich sagte aber trotzig: »Dieses neue System 1176 will ich noch annehmen, und zum Überflusse hernach das, welches wieder jenes umwirft; aber dann soll mich der Henker holen, wenn ich – bei meinem Ordinariat philosophischer Fakultäten – es nicht anders mache.« Aber ich mach' es auch jetzo anders: ich lasse gewöhnlich sechs oder acht Systeme zusammenkommen und lese das widerlegende früher als das widerlegte und weiß mich also durch dieses Rückwärts-Lesen – wie die Hexen mit dem Rückwärts-Beten des Vaterunsers bezaubern – so glücklich zu entzaubern, daß ich jetzo, wenn ich mir nicht zuviel zutraue, vielleicht der Mann bin, der gar kein System hat. Heimliches Mitleid heg' ich daher, wenn ich nach der Ostermesse neben einem systematischen Kopfe in einem Buchladen stehe und ihn überall von neuen Lehrgebäuden umstellt finde, welche jede Minute, sobald er eines aufschlägt, ihn ummünzen können und zum Selber-Wechselbalge umtauschen. »O Sie Unschuldiger!« sag' ich dann. Wir kehren zu Krieg und Zeitung zurück. – Die Truppen beider Mächte blieben in den feindlichen Städten fest; ohnehin war wechselseitiges Erobern der Städte, bei diesem Mangel an allem groben Geschütz, sogar an vernageltem, unmöglich; und Herauswagen aus der Feindes-Stadt unratsam, weil die feindlichen Bürger das Tor zuwerfen konnten, und der Landesherr, von seiner Hauptstadt abgeschnitten, draußen im nackten Freien stand. Beide Feldherren schienen Windmühlen in Tälern zu sein, denen nur zwei Winde zu Gebote stehen. Man brachte also, mochte man noch so großen Kriegrat halten, keinen andern Rat heraus als den zu täglichen kleinen Streifcorps oder Streiflichtern, damit doch die Dörfer und die feindlichen Streifcorps auch etwas empfinden. Aber diese Scharmützel-Partien waren eben die Engel der Zeitungschreiber, nämlich ihre Zeitungkorrespondenten, so wie die Marodeurs ihre Colporteurs, damit jeder Gazettier sich am andern chagrinierte – O mein Campe und Kolbe! Einige Artikel seien mir aus Schnabels patriotischem Archiv einzurücken erlaubt; ich würde mehre ausziehen, wäre nicht seine Geschicht-Muse eine prima donna buffa . Der Artikel im Sonntagblatt sagt, sie hätten vor der Schlacht am Galgenberg die schöne altdeutsche Sitte zurücknachgeahmt, sich Leichentext und 1177 Sarg bei Lebzeiten zu bestellen. Darauf erhebt er mehre vom Regimentstabe Mariens und sagt, sie wären in ihrer Kühnheit ganz so ins feindliche Lager gegangen, wie sonst Trompeter in eines geführt werden, nämlich mit verbundenen Augen, wiewohl diese Blindheit den Operationen mehr geschadet als genützt. Hämisch fällt er gegen einen der besten Offiziere aus, von welchem er sagt, er sei weit mehr von der Liebe als vom Hasse beschädigt worden, – und führt versteckt die verletzte Stelle an, die Nase, von welcher er behauptet, er habe sie als tapferer Mann verloren, weil er dem feindlichen Geschlechte stets die Stirne geboten. Er will ihn zwar nachher damit entschuldigen, daß nach einer bekannten Bemerkung an alten Bildsäulen gerade die Nasen am meisten beschädigt sind, bringt auch die scheinheilige Fiktion bei, daß, so wie jener Mann Sitzen mied, weil er sich für gläsern hielt, ein anderer das Stehen im Feuer fürchten kann, weil er seiner Nase, nach der rhetorischen Figur pars pro toto , folgt und sich selber für wächsern hält; aber im ganzen will er ihn doch lächerlich machen. Weniger zweideutig ist das Montagblatt desselben Schnabels. Es lautet wörtlich so: »Unser Tiberius hat wieder gesiegt, nicht über den Fürst Maria Puer, sondern über dessen Truppen, so weit sie vorkriechen, und zwar in einem Kruge. Nur sage man nicht vorher, ehe ich weiter beschreibe, daß solches Wirtshäuser-Plänkern nichts entscheide und beweise; freilich kanns anfangs bloß beweisen, und nur später entscheiden; denn ein Plänkler macht ein Streifcorps, Streifcorps ein Regiment, Regimenter das Heer. Ein Tambour vom Regiment Tiberius' traf in einer Kneipe auf zwei feindliche Flügel, wovon jeder einen Mann stark war. Aber der Trommler postierte sich dem Heere kühn entgegen an einem Tische und foderte sein Glas. Er sah scharf beide Flügel an, und Grattenauers Bemerkung konnt' ihm bekannt sein, daß zwar in sonstigen Kriegen die Gesundbrunnen für neutral gehalten wurden, aber nicht in jetzigen; und in der Tat sind Kneipen, Krüge und Wirtshäuser – diese Gesundbrunnen gesunder Trinkgäste – die gewöhnlichen Kriegschauplätze, wo die Krieger gerade das, was sie am meisten gebrauchen und am nächsten besitzen, 1178 Stuhlbeine und Krüge, zu Waffen umarbeiten, gleichsam Glocken zu Kanonen, und so trunken Trauerspiele miteinander spielen; daher die Griechen mit so feinem Sinne den Bacchus, nicht den Apollo zum Patrone der Tragödie erlesen. Wenn übrigens Isenflamm Über die Nerven. recht hat, daß nichts so schnell nüchtern macht als eine Verwundung: so sind Wunden wohl nirgends heilsamer angebracht als in Häusern, wo Trunkenheit an der Tag- und Nachtordnung ist, und ein leerer Krug stellt, gut geworfen, an Köpfen alles wieder her, was der volle in ihnen eingerissen. – Kurz der Trommelschläger nahm nach kurzem Rekognoszieren der Gesichter beider Flügel seine Trommelschlegel und schlug mit dem rechten Schlegel den rechten Flügel, mit dem linken den linken – dermaßen aufs Haupt, daß aus letztem einiges Blut floß. Seine wahren Absichten dabei sind, wenn nicht unbekannt, doch streitig; denn auf der einen Seite nimmt der Feind an, der Tambour habe beiden Flügeln nur zur Ader gelassen, weil sie zu unerschrocken gegen ihn gewesen, womit der Feind auf die Römer anspielen kann, welche den Sklaven, die zu kühn auftraten, zur Ader ließen; auf der andern nimmt der Freund mit mir an, der Pauker habe durch einige Kopfwunden nur das Gedächtnis der Marianer, ihre Niederlage betreffend, stärken und auffrischen wollen, da bekanntlich Kopfwunden oft so stärkend auf das Gedächtnis wirkten wie Kräutermützen.« Nikolai in seiner Fortsetzung der Pathologie führt aus Petrarch an, daß Papst Clemens VI. sein ungeheueres Gedächtnis bloß einer Kopfwunde verdankte. Wahrhaft verwegen wars noch, daß der Zeitungschreiber mitten in der Hauptstadt seines vorigen Fürsten sich erkeckte, dem Blatte eine Extrablatt anzuhängen, worin er den Marianern vorwarf, daß sie eine der erbärmlichsten Aussprachen hätten, da sie nicht einmal v von f zu unterscheiden wüßten, so daß er, wenn sie sonst vor dem Schloßhofe ihres Fürsten Vivat gerufen hätten, leider mit seinem geübteren Ohre immer gehöret habe: Fi! Fat! – was aber gänzlich den Sinn entstelle. Es wäre zu weitläuftig, noch aus dem Dienstag-, Mittwoch-, 1179 Donnerstag-, Freitag-, Sonnabendblatte auszuziehen; genug er ärgerte damit ihren Mausen halb tot, wie mit Giftblättern. Der Zeitungschreiber Maus schränkte sich mehr auf das Loben des Fürsten Maria ein und berührte die Trödler oder Tiberianer nur seitwärts, um nicht von ihnen anders und vorwärts berührt zu werden. Bloß beiher malt er ihre Eß- und Verkauflust aus, welche sie verspürt haben sollen, als sie neben einer offnen Kirchweih in einem ausländischen Grenzdorfe – nur zwei Schritte von ihnen – sich bloß mit Feinden herumzuschlagen hatten, anstatt Essen und Geld einzunehmen. Indes erinnern ihre Begierden und ihr Schicksal in der Beschreibung zu sehr an jene Hunde, welche als (aufrecht) stehende Truppe in menschlicher Draperie ein Lustspiel geben müssen – jämmerlich sehen die stummen Figuranten einander auf die halb sichtbaren Schwänze – die Peitsche ist ihre dea ex machina in ihren Forcerollen – und die Statisten sehnen sich umsonst von ihren Kothurnen, d. h. von ihren zwei Füßen auf ihre vier niederzufallen und ganz andere Erkennungen als theatralische darzustellen. Unlust genug für ein Lustspiel! Zuletzt aber zankten sich die Zeitungschreiber immer wilder – Schnabel setzte den gelassenen Maus ganz außer sich – Wortspiele über die Namen, z. B. sich mausig machen, oder schreiben, wie der Schnabel gewachsen, waren posttägliche Sachen – Maus ließ, so wie jener Schlachtenmaler zur Begeisterung des Pinsels Krieginstrumente um sich zu spielen befahl, gewöhnlich eine Trompete neben sich blasen, damit er besser in die weitere der Fama stieße – Kurz der Krieg war nun vom Festland aufs Papier gespielt, und beide Schreiber verwandelten sich zuletzt ernstlich in die Parteigänger, welche sie anfangs nur aus Schein auf fürstliches Drohen hatten spielen wollen. Ganz anders fiels mit beiden Kriegvölkern aus. Der Krieg hatte nun schon so lange gedauert, so viele Tage als der siebenjährige Jahre, eine Woche lange, mithin nur einen Tag kürzer als ein sinesisches Trauerspiel von acht Tagen, indes Corneille die Trauerzeit gleichsam wie ein voriger Magdeburger Festungkommandant nur auf Stunden einschränkte. In beiden Residenzstädten fraßen die Truppen mit Wetteifer, doch die Tiberianer 1180 das Meiste; denn sie, welche nicht vergaßen, daß die Schneider, ihnen an Anzahl überlegen, mit den zahlreicheren Mägen die Stadt ausschöpfen würden, arbeiteten auf ein Gleichgewicht dadurch hin, daß sie in Großlausau doppelte Portionen und Rationen für einen Magen beorderten. Schwaches Plündern, Requirieren der Schuldscheine und dergleichen war gar nicht gegen die Grundsätze der Tiberianer, welche vielmehr schlossen, wenn schon Freunden alles gemein ist, wie viel mehr Feinden. Ja es gab Köpfe unter ihnen, welche fragten: sollten denn die Kriege, es werde nun darin eignes oder fremdes Blut vergossen, nicht so viel Recht haben wie die elenden fünf jährlichen Aderlaßtage ( dies minutionum ) der Kartäuser, an welchen man diesen fettere Kost, Freiheit vom Kloster und Freiheit zu Spaziergängen und sogar weibliche Gesellschaft verstattet? – Freilich Handel und Wandel , also Trödler und Schneider stockten; nichts war loszuwerden, nichts anzumessen. Beide Heere fühlten, daß die Astronomen ein treffendes Zeichen für den Erdenkreis im Kalender gewählt, nämlich einen Kreis mit einem Kreuze (☣), so wie sie die Venus beinahe wie Thümmel mit einem umgekehrten angezeichnet (♀); – aber an dieses arme Kreuz sind wir zwei Mächte genagelt? Himmel, wir? Wir, die wir umgewandt gern nach dem Evangelium die andern Backen hinhalten , wenn wir etwas auf die vordern bekommen haben; und die wir die Bitte der tapfern Sparter an die Götter, daß sie Beleidigungen möchten ertragen lernen, gar nicht zu tun brauchen, da dies schon Naturgabe bei uns ist? Diese Überlegungen wurden leider in beiden Residenzen so häufig, daß sie eine Verschwörung unter den Truppen beider Heere gegen die Fürsten einleiteten, welcher nichts fehlten als Anführer, die sich unter Heerführern leicht finden. Denn ein wichtiger Umstand – auf welchen alle künftige Geschichtschreiber dieser Umwälzung aufmerksam zu machen sind – entschied gewaltig dabei, der nämlich, daß sowohl die Tiberianer ihres Tiberius so satt waren als die Marianer ihres Maria, beide hingegen nach einem Umtausch der Fürsten hungerten. Bei den Landeskindern bedeutete ihr Landesvater etwas nicht viel Besseres, als was die Studenten sonst einen nannten, ein Loch im Hute: »Ich 1181 habe mehr Landesväter in meinem Hute als du,« sagt der Musensohn, weil bei jedem Gesang, der »Landesvater« genannt, der Hut durchstochen wird. Freilich verstanden Kauzen und Großlausauer unter Löchern ganz andere als in Hüten und Röcken. Es konnte z. B. den Trödlern wenig gefallen, ewig in Monturen gesteckt zu werden, die sie vielmehr selber absetzen wollten; denn Tiberius ließ nur das halbe Land, nämlich die weibliche Hälfte, kantonfrei. Ob es aber nicht besser sei, wenn ein Land kein Winter ist, in welchem man bekanntlich von Amseln nur die Männchen sieht, sondern lieber ein Frühling voll Weibchen, können wohl Trödler nicht ausmachen, sondern Gelehrte. Auf der andern Seite waren die Schneider ebensowenig mit ihrem Fürsten zufrieden, welcher nicht sowohl Menschen als Gelder, weniger Köpfe als Kopfsteuern eintrieb, um ein großes (Fürsten-) Haus zu machen. Daher sagten die Trödler: »Ein Maria, der nur brillieren, nicht exerzieren will, gefällt uns besser, und Trödel dazu haben wir genug vorrätig.« Die Schneider aber fuhren fort: »Ein Tiberius ist wieder uns lieber; Landmeister, Gesellen und Pfuscher haben wir leider genug zum Land-Matrosen-Pressen, aber einen Fürsten wie Tiberius nicht, der nicht verschwendet, keinen Glanz und Zeremonienmeister fodert und jeden als seinesgleichen an die Tafel zieht.« Kurz dieser gegenseitige Wunsch eines Fürsten-, nicht Länder-Tausches trug unglaublich viel zu der Verschwörung der beiden Divisions-Generale bei, nach deren Plane sie die Fürsten in den feindlichen Residenzen sitzen lassen und bloß mit den Völkern wieder heimkehren wollten. Der Erfolg war, wie Männer von Verstand vorausgesagt. Gerade ein solcher Krieg hatte beide Länder einander näher gebracht – was eben nahe am meisten nötig haben – und sie halb ausgesöhnt; jeder wollte jetzo, statt zu bluten und bluten zu lassen, lieber leben und leben lassen. Oft kam es mir vor, wenn ich die friedlichen Folgen dieser Heerschau und Kriegzeit überdachte, als sei alles die Nachahmung eines bekannten hannöverischen Dekrets an die göttingischen Professoren. Die Regierung schickte nämlich allen Professoren, vom Doktor der Theologie an bis 1182 zum Professor der Rechte und der Moralien, die Verordnung zu, daß sie – da bisher unter ihnen weniger gegenseitiges Befreunden als Befeinden obgewaltet – an jedem Sonntag um 4 Uhr eine Stunde lang auf der Esplanade miteinander spazieren gehen sollten Konstantinopel etc. Jahr II. Heft 9. S. 360. , um doch einigermaßen zusammen zu kommen und sich zusammen zu gewöhnen und dadurch einander weniger zu verabscheuen. Nun sah gewiß die weise Regierung so gut wie wir alle voraus, daß die Professoren selten physisch miteinander gehen konnten, ohne systematisch auseinander zu gehen, und daß hundert Disputierübungen stets die gymnastischen um 4 Uhr begleiten würden; aber da sie gleichwohl das Zusammenwandern (sogar für den bloßen Satiriker ein schöner Anblick) dekretierte: so hat sie vorausgesetzt, daß die Professoren eben durch nahes Streiten sich so nahe zusammenknüpfen würden – als unsere Schneider und Trödler. Kurz Kauzen und Großlausauer waren sämtlich nach kurzen stillen Erforschungen, welche die höhern Krieggewalten, die Divisions-Generale und Unterhändler, angestellt, sogleich bereit, nach Hause zu gehen und sich regieren zu lassen vom ersten besten Feind-Fürsten; der eben zu haben stände, sobald nur alles ginge wie sonst oder noch besser; die Fürsten beider eroberten Länder (dies wurde feierlich ausgemacht und untersiegelt) möchten dann in diesen als Geiseln (aber nicht als aktive wie Attila, sondern als passive) so lange bleiben und herrschen, als sie dürften. Alles gelang. Jedes Heer zog nach Haus; nur jeder Fürst blieb in jeder Stadt gleichsam wie in seinem Bienenweisel-Gefängnis zurück und regierte zur Erholung hie und da. Wahrscheinlich hat darin Maria geweint, und Tiberius geflucht. Übrigens wars ein Glück, daß jedes dieser Länder, wie viele jetzige, nicht ein durch Vaterland- und Fürstenliebe fest verknüpfter Staat war, sondern nur aus lose aneinander gestellten Untertanen bestand; ein schweres, aber nötiges Meisterstück der jetzigen Politik, gleich dem Meisterstück der Böttiger, das aus lauter Faßdauben ohne Reifen bestehen muß. 1183 Jetzo war aber vor allen Dingen zu eilen, um dem Gewaltstreiche die nötige Rechtmäßigkeit und Stütze zu geben. Es wurden deshalb Deputierte von beiden Ländern nach Paris geschickt, mit allen glaubwürdigen Landkarten und Zeugnissen versorgt, welche vonnöten waren, um Napoleon zu überzeugen, daß die Länder existierten. Auch brachten sie die Bitte mit, daß sie bald recht fest regiert würden. Aber im Gedränge der wichtigsten Angelegenheiten konnte, wie sich denken läßt, bis diese Stunde nicht über diese kleine entschieden werden; und beide Fürsten regieren die eroberten Interims-Länder noch vor der Hand fort. * Nachschrift im Heumond 1816 – Und noch am heutigen Heumonate sitzen die beiden Fürsten auf ihren Tauschthronen still. Denn damals – im Jahr 1810 – hatte Napoleon so viele weit größere Dinge zu nehmen, Hannover – Holland – die zweite Kaiserin – die Hanse-Städte und Küsten, daß er keine Minute erübrigte, über zwei so kleine Fürstentümchen irgendeinen Spruch Rechtens oder ein rechtliches Erkenntnis ergehen, nämlich sie nehmen zu lassen. Noch länger haben die beiden Fürsten jetzo zu sitzen, da sie auf deutsche Entscheider warten; denn der deutsche Zeiger hat, wie ein richtiger Monatzeiger an einer Uhr, stets Monate von 31 Tagen und keine von 30. Deutschland ist, wie nach Cuvier das größte Tiergerippe der Vorzeit unter das Faultiergeschlecht gehört, vielleicht gleich groß und gleich faul; sozusagen ein Riese, welcher, wie sonst in Spanien Kammerherrn tanzenden Prinzessinnen, mit gelassenen Schritten einer springenden Zwergin die Schleppe trägt. – – Jedoch bei einer dritten Auflage dieses Berichts hoff' ich dem Leser gewiß die Zeit genauer angeben zu können, wo von höhern Händen die Dauer festgesetzt wird, die das Interim haben soll. 1184   V. Nachsommervögel gegen das Ende des Jahres 1816 Ich lasse hier den vorigen Dämmerungschmetterlingen einige Nachsommervögel nachfliegen – ihre Flügel tragen nicht viel Glanzstaub – ihre tausend Augen sehen nicht über ebenso viele Schmetterlinglängen hinaus – ihre Seltenheit ist nicht weit her – aber lasset sie ein wenig flattern und einige Eier für den Frühling legen, ehe sie vergehen mit dem Jahre. 1. Die französischen Emigrés und Rémigrés Der alte Emigranten-Adel gleicht einer vor einigen Jahrzehenden abgelaufenen Repetieruhr, die nach dem Drucke zu allen Stunden der Zeit nur die einzige angibt und wiederholt, bei welcher sie stehen geblieben. 2. Frankreich Unglückliches Land! – Ein Schiff, vom Wasser angefüllt und umgelegt, richtet gerade, wenn es untersinkt, noch einmal seine Masten empor. So hast du die deinigen, unglückliches, nur durch Zepterstiche leckes Land, zweimal aufgerichtet, das erste Mal im Sturm der Bastille, das zweite auf den unnützen Schlachtfeldern Napoleons. Wer kann dich emporheben? Ein Mensch schwerlich, eine Zeit vielleicht. 1185 3. Die schönere Passionblume Die alte der Gärten stellt die Marterwerkzeuge Christi dar, mit ihren Blattspitzen die Dornenkrone, mit ihrem Hute den Schwamm voll Galle, mit den blutfleckigen Fasern die Ruten und mit andern Teilen die Nägel, die Lanze, die Geißelsäule – nur nicht das Kreuz bildet sie nach. Kennt ihr nicht das Königreich, das einst eine große Passionblume war, und in dessen Blättern und Blüten alle Marterwerkzeuge erschienen? Ja; das Kreuz aber, das der kleinen Blume fehlte, hing es sich selber an, ein schönes und festes, das eiserne . Erwägt man, wie der preußische Staat immer nach geographischer und nach historischer Lage und Richtung Licht aus- und verbreitend gewesen, und daß die Lichtstrahlen in der letzten Zeit sich bei ihm zur hebenden Flamme des Staats verdichtet; – rechnet man darauf die Verwandlung des jugendlichen Lern- und Lehrstandes in einen Wehrstand dazu, der Prüfung und Aushärtung und Kräfte in jenen zurückgetragen: so kann man die Verlegung einer Hochschule in eine Hauptstadt, nämlich das Zusammengreifen, wenigstens Zusammenstehen großer Wissenschafter mit großen Staat- und Geschäftmännern, das wechselseitige Ineinanderknüpfen der Lehre ins Tun und das Erziehen der Jugend durch eine Pallas der Tapferkeit und der Weisheit, so kann man dies alles für ein großes Mittel der Zukunft ansehen, den Lücken der geographischen Abründung durch eine geistige abzuhelfen; da zumal die in diesem deutschen Staate mehr als gewöhnlich hinaus- und umwirkende Hauptstadt mit ihren geistigen Armen so gut über den Rhein hinreichen kann als nach Königsberg. Dabei waren bei einem Reiche, das auf so vielen Seiten anzufallen ist, doch auch Umstände gedenklich, wo es eben darum selber auf vielen Seiten anzufallen vermöchte. 4. Erste Pflicht der deutschen Fürsten gegen deutsche Völker Und welche wär' es unter so wichtigen Pflichten? – Ihren deutschen Völkern zu vertrauen. Was andere Völker erst für ihre republikanische Verfassung ausgestanden und dargebracht: dieses Blut und dieses Geld haben Deutsche im 30jährigen Krieg, wie bekannt, schon für die Hoheitrechte ihrer Fürsten geopfert; und wer kann das liebende Opferfeuer der Altbaiern, Tiroler, Hessen, Brandenburger, Ostpreußen, Pommern, Sachsen für ihre Stammfürsten auch auf entgegengesetzten Standhöhen anders 1186 anschauen als erhebend! – Bedenkt, ihr Fürsten, daß die Völker euch gegen den allmächtigen Prätendenten Europens vielleicht treuer geblieben als ihr ihnen gegen ihn, und daß sie dies zu einer Zeit getan, wo er euere Thronen zu Treppen, ja Treppengeländern des seinigen unterstellte, oder wo er unter dem Zeideln eines Landes wie ein ungeschickter Bienenvater den Weisel desselben mit dem Zeidelmesser zerschnitt. Bedenkt, um zu vertrauen, daß dem Volke nicht so viel Hefe von der französischen Umwälzung nachgeblieben als manchen Fürsten Schaum von dem zurückwälzenden Prorektor derselben, und daß nur Völker durch ausländischen Druck und einheimisches Leiden Spannkräfte gewinnen, nicht aber deren Herrscher, ja diese nicht einmal durch ausländische Nachhülfe. Dieses Volk tat das Höchste für euch, nämlich nicht etwa den ersten Feldzug nach Paris, sondern den zweiten. Nichts wiederholt sich schwerer als die Begeisterung; aber doch wiederholte das Volk; und zwar mitten im Glauben, daß ihm die zweite Begeisterung und Opferung vielleicht wäre zu ersparen gewesen. Und was hat denn – bedenkt – dieses Aufflammen und Widerflammen, dieses Ballen sogar der Schreibhand zur Kriegfaust, dieses Überspringen aus der Bücher-Stube des Friedens in die Lager der Gewalt und das Einüben und Gewohnen darin, dieses Stärken und Berauschen der Jünglingherzen gegen den Feind durch altdeutsche Blumen und neudeutsche Blüten der Dichtkunst – so wie Juno bloß durch einer Blume Anrühren den Mars empfangen und geboren –, was hat denn alles dies in neuem tapfern und warmen Bürgern hervorgebracht oder doch vermehrt? Nichts als die Achtung für Recht und euch; das sittliche Gefühl, das gegen außen in rächender Gestalt erschien, nahm gegen innen eine gehorchende an. Welche erquickende Erscheinungen dieser Art wären hier anzuführen: die hessischen Landstände und Offiziere in ihren Vorstellungen, die würtembergischen Landstände, die Bauern am Diemel, sogar die Musensöhne verschiedener Hochschulen in der Abstellung ihrer Landmannschaften u. s. w.! Und warum soll man nicht auch kleinere Fürsten, insofern sie Deutsche sind, in die glänzende Reihe aufnehmen (wie zuerst die von Weimar, Koburg, Hildburghausen, Nassau etc.), welche den größern zu Mustern verbleiben können! 1187 Bedenkt, Fürsten – damit ihr vertrauet –, daß nicht einmal auswärtige Machthaber, welche uns mit republikanischen Hochzeiten heimsuchten, doch von uns keine gallischen Bluthochzeiten zu besorgen hatten, und daß die Deutschen, wie ihre britischen Anverwandten so gern gesetzmäßig verbunden, zu Eidgenossenschaften, zu Hansebündnissen, zu Brüderschaften, zu Gilden, zu wissenschaftlichen Gesellschaften aller Art, sich doch zu nichts seltener verknüpfen als zu einem Aufruhr, zu einer sizilischen Vesper – nämlich gegen Fremde nicht einmal; denn um so weniger ist vom Innern die Rede. Für Thronen gilt wohl, was für die Berge, daß die auf ihnen wohnenden Wetterwolken immer ins Tal des Volks einschlagen, hingegen die gewitterhaften Täler und Ebnen blitzen selten hinaufwärts. Bedenkt, um zu vertrauen, wie sie euch vertrauen und ihre Hoffnungen ruhig der höhern Wahl und Krönung in der Bundes-Stadt aufheben, wo sonst auch andere Hoffnungen, ja zuweilen Befürchtungen die ihrigen gefunden. Wenn ihr nun, ihr Fürsten, dieses harmlose, rachlose, nie heuchlerische, nie meuterische Volk zu würdigen versteht, diesen Schatz von Landes-Kindern, von welchen ihr euch sicherer bewachen laßt als sich der scheue Tyrann Dionys von bloßen Kindern, – wenn ihr den seit Tacitus' Zeiten bestehenden Tugendbund eines zu keinem Lasterbunde fähigen Volkes anerkennt, aus welchem das Zwillinggestirn eines Fürstenbundes und später einer Völkerschlacht aufgegangen: wem werdet ihr vertrauen, dem mehr als tausendjährigen deutschen Tugendbunde? Oder dem Schmalzischen geheimen Rate? 5. Gesetze des Friedens Die Handhabung des Friedens wird uns jetzo vielleicht schwerer als die des Kriegs; und doch ist jene die wichtigere. Das alte athenische Gesetz sollte gelten, welches die Früchte des Ölbaums auf der Burg Athens nur unschuldigen Kindern zu pflücken erlaubte; aber die Siege im Krieg werden gewöhnlich sittlicher erfochten als die diplomatischen und ministeriellen im Frieden. 1188 6. Ende jeder unsittlichen Gewalt Sie endigt wie die reißenden Strom-Wirbel, welche ihren Kessel zuletzt so sehr ausweiten und aushöhlen, daß sie selber untergehen und stehen müssen. 7. Kraft des Lichts Fürsten, lasset es euch täglich aus der neuesten Krieggeschichte wiederholen, weil ihrs täglich vergeßt, daß Einsichten des Volks Kräfte verleihen und Licht Feuer gibt; in der Geschichte hat, wie in der Göttergeschichte, Minerva am meisten die Götter gegen die Giganten beschirmt. – Nicht die feurigen, sondern die lichten Völker überwinden zuletzt und dauern am längsten aus. Welches Sklaven-Volk hat nicht seine Leidenschaften und seine Glut und folglich seinen Mut von den Mongolen an bis zu den Algierern! – Einsichten hingegen, durch alle Klassen verbreitet, wie z. B. im britischen Staate, wirken in allen Verhältnissen und nach allen Richtungen hin und begaben mit einer festern Ausdauer langwieriger Lasten als alles flüchtige Feuer des Eifers. Kraft und Freiheit des Denkens sind die Sonnenstrahlen des Staats, an welchen alles Herbe sich versüßt; so wie die Pflanzen bei aller Wärme und Luft und Nässe kraft- und farblos bleiben, wenn sie keine Sonne beseelt. 8. Fortschritte der Menschheit und einzelner Völker Macht unser Volk einen Fortschritt oder gar einen Aufflug: so glauben wir sogleich, die ganze Menschheit sei mitgefolgt und nachgeflogen. Erblicken wir die Mitfolge nicht: so jammern wir über den großen Stillstand der Welt und verzagen an der Zeit, welche doch so viele tausend Hände hat und stets unzählige zum Geben übrig behält; denn wir vergessen, daß ja das Ganze auch gegangen, nur aber in einem größern Himmel. Ebenso kommt es 1189 uns vor, der Mond laufe und eile, wenn unter ihm die irdischen Wolken fliegen; verwundern uns aber, daß er ungeachtet des Scheins nicht aus seiner Stelle gewichen, bis wir endlich einsehen, daß auch er weitergerückt, nur in einem größern Himmel, als der unserer Wolken ist. – Einen bloßen Nachsommer kann es nur für einzelne Völker geben; aber die Menschheit selber kann keinen Vor-, höchstens nur einen Nachwinter haben. 9. Gericht über Staaten Wird vor Gottes Gericht der Schuldige vorbeschieden vom Unschuldigen, so muß er sterben und erscheinen. Dieser Glaube wird zuerst an Staaten wahr, wenn die Unschuld zu Gott schreit nach Gericht, und sie gehen unter mit ihren Mächtigen und werden gerichtet. 10. Licht-Propaganda von oben herab Allerdings bauen jetzo sogar fast harte Fürsten die Geister ihrer Untertanen mit Eifer an, doch aber so, daß sie diesem geistigen Wachstum eine gewisse Grenze setzen; so wie der Bierbrauer – um ein sehr gemeines Beispiel zu gebrauchen – die Malzkörner durch Treibhauskünste keimen, aber den Keim nicht länger als zwei Linien eines Zolls aufschießen läßt, weil sie sonst auf dem Darrofen zu keinem tauglichen Malz einwelken. – Dennoch würd' ich neuerer Zeiten als Fürst an folgendes denken. Die Völker können sehr leicht gut angekorkten, fürstlich zugesiegelten Bier- oder Champagner-Flaschen ähnlich sein, in welchen so lange der versperrte Geist ohne Schäumen ruht und wächst, solange der Kork nicht herausgezogen worden; darnach aber wirds anders: unaufhörlich steigen die Blasen und Perlen und geisten fort, auch wenn wieder der Stöpsel daraufgedrückt worden. In Europa wird sich nun in einem fort Luft aus den geöffneten Flaschen- oder Körperhälsen entwickeln, die Fürsten mögen so versteckt als möglich verstopfen wollen, entweder mit 1190 durchsichtigen Glasstöpseln, oder, wie die Welschen den Wein, mit weichem Olivenöl. Nur über das Herz der Völker haben die Gewalthaber mehr Gewalt als über das Gehirn derselben; und Völker werden leichter vergiftet als verfinstert. 11. Frühere Hoffnungen Ist man von Gebirgen umgeben, so stellen sich alle Gegenstände zu nahe vor. So zeigten uns die Höhen und Größen der kriegerischen Zeit ähnliche Höhen der friedlichen zu nahe und darum zu groß. 12. Nutzanwendung nicht der Fastenpredigten, sondern der Zeit Es gibt Wendezeiten oder Quatember der politischen Witterung, Entscheidpunkte für Staaten, welche von oben kommen, aber von einem höhern Oben, als die irdischen Obern einnehmen; – diese Zeiten halte man heilig und tue das Beste darin, was man vermag. Eine solche Höhenzeit stand sonnenwarm über Griechenland nach dem Siege über Xerxes: in ihr sprangen alle alte Blüten auf, und alle junge Früchte reiften. Eine solche Zeit arbeitet jetzo in Deutschland nach dem Siege über den neuesten Xerxes – und zwar in Deutschland am meisten; denn nur dieses litt am längsten und härtesten, und nur in ihm wurden Länder und Jahrhunderte mit Kanonenrädern untergeackert zum Brachliegen oder zum Unkrautwuchs oder gegen fremde Absicht zur frischesten Aufblüte und zum Vollwuchs. Wie Gesichter und Krankheiten der Großväter oft über die Väter hinweg und auf die Enkel springen: so sind wir unsern Großvätern geistig vielleicht ähnlicher geworden als unsern Vätern, und eine ältere Vergangenheit schlägt wieder grünend aus, auf einige Zeit wenigstens. Aber in dieser Zeit, aufgegangen durch eine am politischen Himmel wie am blauen gleich seltene Zusammenkunft der obern Planeten, kann nur erst recht geerntet werden, 1191 wenn wir das Ackern nicht für das Säen halten, oder unser überwundenes Leiden für abgeschlossenes Handeln. Wir sind erst der bittern Vergangenheit los, aber der fruchttragenden süßreifen Zukunft noch nicht Herr. Glaubt ihr denn, daß die höhern Weltmänner, die Selbstsüchtigen des Geldes und der Lust, die Eng- und Kaltherzigen, die Klüglinge und die einer jugendlichen frischen Welt längst Abgestorbnen auf einmal sich in einen pythagorischen Bund verwandelt haben? Oder glaubt ihr, daß das Volk unten, das in der Feuersbrunst des Kriegs aus Not und Rache mit einer Verdoppelung von Kräften Riesenlasten bewegte und Rettwunder verrichtete, jetzo im Frieden die Anspannung werde wiederholen anstatt nachlassen wollen, und daß es aus dem Kriege als ein republikanisches Heer alter römischer Plebejer nachgeblieben? – Im Volke muß daher öffentlicher Geist, großer Gemeinsinn erst gebildet werden, und zwar dadurch, daß man ihn befriedigt; und wie man alles Höchste erst durch das Besitzen erkennt und Gutes tun muß, um es recht zu lieben: so muß das Volk höhere Güter freier Regierung umsonst bekommen, um ihrer nachher würdig zu werden. Nur der Landtag kann das Volk – so wie der Bundtag Deutschland – zu Gemeinsinn erhöhen und durch ihn verknüpfen; denn unter allen geistigen Erhebungen des Volks gibt es, außer dem Kriege für das Vaterland, nichts im Frieden außer der Presse, welche einmal in einem größern Königreiche beinahe die Landstände ersetzte, nichts weiter als diese selber frei, vollständig und ausgewählt. So wird das Volk seine Verfassung, nicht bloß den persönlichen Fürsten lieben und wird sein Glück nicht bloß in Abwesenheit der Krieg- und der Friedenübel und persönlicher Lasten, sondern im Genusse allgemeiner Rechte suchen lernen. Wie tiefer würde jetzo ein Druck im Frieden gegen die Erde beugen als ein vorüberlaufender im Kriege! Das Volk, das euch künftig umgibt, kein erniedrigtes, sondern ein aufgerichtetes, ihr Fürsten und ihr Staatenlenker, nur dieses malt euch groß in der Geschichte, aber nicht schimmernde Siege mit dem Schwerte, oder Ländergewinste mit der Feder; so wie ein See – wenn dieses Bild nicht zu kleinlich ist – seine Schönheit 1192 nicht von seiner Ausdehnung, sondern von seiner Umgebung mit Ufern gewinnt, die in ihm Fluren und Weinhügel und Dörfer spiegeln. Den Fürsten stehen nun zum mächtigsten heiligsten Einwirken die Kräfte einer von der Zeit beseelten Jugend zu Gebote, welche den Fahnenschwur, sich und Feinde aufzuopfern, auch im Frieden halten und jetzo ebenso willig für ihre Bürger als vorher für diese und ihre Fürsten streiten wollen. Den Fürsten stehen außer diesen Feuergeistern noch die Lichtgeister der Zeit zur Seite, eine Cincinnatusgesellschaft hochgesinnter Schriftsteller in allen deutschen Kreisen und in allen wissenschaftlichen Fächern; und vor diesen, an welche sich noch ihre Lehrer und Zöglinge, große Heerführer, Geschäft-, Staat- und Weltmänner reihen, gleichsam Uhren in einer großen Stadt, welche, alle ineinander schlagend, zwar das Zählen erschweren, aber doch alle eine Stunde ansagen, vor diesen können Fürsten mit keinem Mangel an treuen warmen Gehülfen oder an fremder Vorbearbeitung sich entschuldigen, ja nicht einmal mit einem Mangel an fürstlichen Mustern und Vorgängern selber, wenn sie im Besitze solcher Hände, Herzen und Köpfe den ewigen Ruhm versäumen, ein schöneres Deutschland zu pflanzen, als das halb verwelkte, halb gemähte gewesen, ein frisches Deutschland, das künftig noch stärker bewaffnete und schneidende Sieg- und Sichelwagen aufhält, abspannt und zerbricht, als die sind, die das alte kahl geschnitten haben. Bedenkt noch, ihr gekrönten und besternten Machthaber aller Art: ihr tragt in der Zukunft entweder alle Schuld, oder allen Glanz. Tausend Sterne oder Sonnen steigen und sinken am Tage; niemand sieht sie und ihr Gehen; nur die Sonne allein geht uns. So siegen und sterben auf dem Schlachtfelde Tausende unbemerkt, und nur der siegende und fallende Held wird mit seinen Strahlen gesehen und genannt; und ebenso durchlaufen im Bürgerleben hundert leuchtende Geister ihren Morgen und Abend unsichtbar. – Und so ist euer Vor-Glück, ihr Hohen, zu beneiden, wenn sich in dasselbe das allgemeine verbirgt. – Doch wie die kleinen Sterne unsern Tag unscheinbar verlassen, aber in der Nacht der neuen Welt zum Schimmern aufgehen: so zeigen auch 1193 die unbemerkten Geistersterne einstens in der andern Welt ihre Strahlen und stehen unter den Sonnen. – Auch diese Fastenpredigten schließt der Verfasser – der, dem Allgütigen dankend, gern die Arzenei der Vergangenheit über die genesene Gegenwart verschmerzt – wiederum mit seinen Hoffnungen und Aussichten; und diese werden, da die vorigen sogar im weiten Nebel der Zeit zuletzt wahr geworden, wohl noch leichter sich jetzo erfüllen, wo der Nebel gefallen ist und als Tau in den Blumen liegt und die Morgensonne hinter den Höhen steht und nach dem Vergolden zu erleuchten anfängt.