Wladimir Korolenko Die Geschichte meines Zeitgenossen Erster Band Verlegt bei Paul Cassirer Berlin Aus dem Russischen übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Rosa Luxemburg Wladimir Korolenko Vorwort des Verfassers. Ich habe in diesem Buche eine Reihe von Bildern des vergangenen halben Jahrhunderts aus meinem Gedächtnis hervorgelockt und festgehalten, wie sie sich in der Seele erst des Kindes, dann des Jünglings, endlich des Erwachsenen spiegelten. Meine frühe Kindheit und die ersten Jahre meiner Jugend fallen in die Zeit der sogenannten großen Reformen Alexanders II. Die Mitte meines Lebens habe ich unter der finsteren Reaktion im herrschenden Regierungssystem und in der Gesellschaft, sowie unter den ersten Regungen des revolutionären Kampfes verlebt. Heute sehe ich so manches, wofür meine Generation geschwärmt und gefochten hat, in wirren Formen in die Schranken des Lebens hereinstürmen. Mich dünkt, daß manche Erlebnisse aus der Zeit meiner Irrfahrten in der Verbannung, daß Ereignisse, Charaktere, Gedanken und Empfindungen jener Zeit und jener Umgebung auch heute noch das Interesse der lebendigen Wirklichkeit nicht verloren haben. Ja, ich möchte glauben, daß auch die Zukunft sie nicht ganz wertlos finden dürfte. Unser heutiges Leben wankt und erzittert unter dem heftigen Zusammenprall des Neuen mit dem Abgelebten, und ich hoffe wenigstens einige Keime dieses Widerstreits beleuchten zu können. Doch zunächst war es mir darum zu tun, die Aufmerksamkeit des Lesers auf die ersten Regungen des aufkeimenden und wachsenden Bewußtseins einer Menschenseele zu lenken. Ich wußte wohl, daß es mir nicht leicht fallen würde, mich jetzt, mitten im dröhnenden Lärm der Gegenwart, beim ersten dumpfen Grollen des heraufziehenden Gewitters, in jene alten Erinnerungen zu vertiefen, aber ich sehe, daß ich diese Schwierigkeit noch bedeutend unterschätzte. Ich schreibe hier nicht die Geschichte meiner Zeit, sondern bloß die Geschichte eines Menschenlebens in dieser Zeit, und ich möchte, daß der Leser zuerst das Prisma kennen lerne, in dem die Zeit sich spiegelte. Diese Bekanntschaft ihm zu verschaffen ist nur in einer zusammenhängenden Erzählung möglich. Die Kindheit und die Jugend sollen den Inhalt dieses ersten Teils meiner Geschichte bilden. Noch eins. Diese Erinnerungen sind keine Selbstbiographie: ich habe mich um die erschöpfende Genauigkeit der biographischen Angaben kaum gekümmert. Sie sind auch keine Beichte: ich glaube nicht an öffentliche Beichten, noch an ihren Nutzen. Sie sind endlich kein Selbstbildnis: ist es doch schwer, wenn man sich selbst schildert, irgend eine Gewähr für die Ähnlichkeit zu bieten. Jedes Spiegelbild unterscheidet sich von der Wirklichkeit schon dadurch, daß es eben ein Spiegelbild ist: wievielmehr ein bewußt unvollständiges Lebensbild. Dieses gibt stets die ausgewählten Einzelbilder, ich möchte sagen, in satteren Farben wieder und ist deshalb mitunter bei aller Echtheit anziehender, bedeutender, meinetwegen reiner als die Wirklichkeit. Ich strebte in meiner Arbeit nach möglichst getreuer geschichtlicher Wahrheit und habe ihr oft die schönere und leuchtendere künstlerische Wahrheit zum Opfer gebracht. Man wird hier nichts finden, was mir nicht in Wirklichkeit begegnet wäre, was ich nicht erlebt, empfunden, gesehen hätte. Und doch wiederhole ich: es war nicht mein Trachten, ein Bildnis meiner selbst zu geben, hier findet der Leser nur »die Geschichte meines Zeitgenossen«, das Lebensbild eines Menschen, den ich besser gekannt habe, als irgend einen der Lebenden ... Einleitung. 1. »Meine Seele von dreierlei Nationalität fand endlich eine Heimat, – es war das vor allem die russische Literatur«, sagt Korolenko in seinen Lebenserinnerungen. Die Literatur, die für Korolenko Vaterland, Heimat, Nationalität und deren Zierde er selbst geworden, ist, ihrer Geschichte nach, eine einzig dastehende Erscheinung. Ganze Jahrhunderte, das Mittelalter und die Neuzeit hindurch, bis zum letzten Drittel des 18. Jahrh., herrschte in Rußland finstere Nacht, Friedhofsstille, Barbarei. Keine gebildete Schriftsprache, keine eigene Metrik, keine wissenschaftliche Literatur, kein Buchhandel, keine Bibliotheken, keine Zeitschriften, keine Mittelpunkte des geistigen Lebens. Der Golfstrom der Renaissance, der sämtliche Länder Europas bespült und einen blühenden Garten der Weltliteratur hervorgezaubert hat, die aufrüttelnden Stürme der Reformation, der Gluthauch der Philosophie des 18. Jahrh., – all das hat Rußland unberührt gelassen. Das Zarenreich besaß noch keine Organe, um die Lichtstrahlen der westlichen Kultur aufzufangen, keinen geistigen Humusboden, um sich ihre Keime anzueignen. Die spärlichen literarischen Denkmäler jener Zeiten muten heute durch ihre fremdartige Häßlichkeit wie Kunsterzeugnisse der Salomonsinseln oder der Neuen Hebriden an; zwischen ihnen und der Kunst des Westens besteht anscheinend keine Wesensverwandtschaft, kein inneres Band. Dann geschieht etwas wie ein Wunder. Nach einigen schüchternen Anläufen zur Schaffung einer nationalen Geistesbewegung gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts, zünden die Napoleonischen Kriege wie ein Blitz, sowohl durch die tiefste Erniedrigung Rußlands, die zum ersten Mal das nationale Bewußtsein im Zarenreich weckt, wie später durch die Triumphe der Koalition, welche die russische intelligente Jugend nach dem Westen, nach Paris, ins Herz der europäischen Kultur führen und mit einer neuen Welt in Berührung bringen. Wie über Nacht blüht eine russische Literatur auf, die fertig, im schimmernden Rüstzeug, wie Minerva aus Jupiters Haupte, steigt, – eine eigene nationale Kunstform, eine Sprache, die den Wohllaut der italienischen mit der männlichen Kraft der englischen und dem Adel sowie dem Tiefsinn der deutschen paart, ein übersprudelnder Reichtum an Talenten, an strahlender Schönheit, an Gedanken und Empfindungen. Die lange finstre Nacht, die Friedhofsruhe war Schein, war Trugbild. Die Lichtstrahlen aus dem Westen blieben nur als latente Kraft verborgen, die Keime der Kultur warteten nur in der Scholle auf günstigen Augenblick, um zu treiben. Die russische Literatur stand auf einmal da, als unverkennbares Glied der europäischen Literatur, in ihren Adern kreiste das Blut Dantes, Rabelais', Shakespeares, Byrons, Lessings, Goethes. Sie holte mit einem Löwensprung die Versäumnisse eines Jahrtausends nach und trat in den Familienkreis der Weltliteratur als ebenbürtige ein. Ein merkwürdiger Rhythmus dies in der Geschichte der russischen Literatur und eine merkwürdige Analogie zu der jüngsten politischen Entwicklung Rußlands, was wohl geeignet ist, manch braves Schulmeisterlein aus dem Konzept zu bringen. Was aber das Kennzeichnende dieser so jäh emporgesprossenen russischen Literatur, ist, daß sie aus Opposition zu dem herrschenden Regime, aus Kampfgeist geboren wurde. Dies Zeichen trägt sie sichtbar das ganze 19. Jahrh. hindurch. Daraus erklärt sich der Reichtum und die Tiefe ihres geistigen Gehalts, die Vollendung und Originalität ihrer künstlerischen Form, namentlich aber ihre schöpferische und bewegende soziale Kraft. Die russische Literatur war unter dem Zarismus, wie in keinem Lande und zu keiner Zeit, eine Macht im öffentlichen Leben geworden, und sie blieb ein Jahrhundert lang auf dem Posten, bis sie von der materiellen Macht der Volksmassen abgelöst, bis das Wort zum Fleisch ward. Die schöne Literatur war es, die dem halbasiatischen Despotenstaat einen Platz in der Weltkultur erobert, die vom Absolutismus aufgerichtete chinesische Mauer durchbrochen und eine Brücke zum Westen geschlagen hatte, um hier nicht nur als Nehmende, sondern auch als Gebende, nicht bloß als Schülerin, sondern auch als Meisterin zu erscheinen. Man braucht nur die drei Namen: Tolstoi, Gogol, Dostojewski zu nennen. In seinen Erinnerungen charakterisiert Korolenko seinen Vater, einen Staatsbeamten aus der Zeit der Leibeigenschaft in Rußland als typischen Vertreter der Psychologie ehrlicher Leute jener Generation. Vater Korolenko fühlte sich lediglich für seine persönlichen Handlungen verantwortlich. Das nagende Gefühl der Verantwortlichkeit für das soziale Unrecht war ihm fremd. »Gott, Zar und Gesetz« waren für ihn über jede Kritik erhaben. Als Kreisrichter fühlte er sich nur berufen, die Gesetze mit peinlichster Gewissenhaftigkeit zur Anwendung zu bringen. »Daß die Gesetze selbst untauglich sein mögen, das schlägt in die Verantwortlichkeit des Zaren vor Gott, – er, der Richter, ist für die Gesetze so wenig verantwortlich, wie dafür, daß der Blitz vom hohen Himmel manchmal ein unschuldiges Kindlein erschlägt ...« Die sozialen Zustände im ganzen gehörten für die Generation der 40er und 50er Jahre in Rußland in den Bereich des Elementaren, Unerschütterlichen; das widerstandslose Milieu wußte sich unter der Zuchtrute der Obrigkeit nur wie unter dem Anprall des Wirbelwindes zu beugen, hoffend und harrend, daß das Ungemach vorübergehen möge. »Ja,« sagt Korolenko, »das war eine Weltanschauung aus einem Guß, eine Art unerschütterlichen Gleichgewichts der Gewissen. Ihre inneren Grundlagen wurden nicht durch Selbstanalyse unterwühlt, und die ehrlichen Leute jener Zeit kannten den tiefen inneren Zwiespalt nicht, der sich aus dem Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit für die ganze Gesellschaftsordnung ergibt.« Nur eine solche Weltanschauung sei das echte Fundament des Gottesgnadentums, und solange diese Weltanschauung noch unerschütterlich bestehe, sei die Macht des Absolutismus groß. Es wäre verfehlt, die von Korolenko charakterisierte Psychologie als spezifisch russisch oder nur mit der Periode der Leibeigenschaft verbunden zu betrachten. Jene Stimmung der Gesellschaft, die, frei von nagender Selbstanalyse und innerem Zwiespalt, die »gottgewollten Abhängigkeiten« wie etwas Elementares empfindet und die Fügungen der Geschichte als eine Art Himmelsschickung hinnimmt, für die man so wenig verantwortlich sei, wie dafür, daß der Blitz manchmal ein unschuldiges Kindlein erschlägt, kann sich mit verschiedensten politischen und sozialen Systemen vertragen. Sie ist auch in der Tat noch unter modernen Verhältnissen anzutreffen, sie war namentlich bezeichnend für die Psychologie der deutschen Gesellschaft während der ganzen Dauer des Weltkrieges. In Rußland fing dieses »unerschütterliche Gleichgewicht der Gewissen« in breiten Kreisen der Intelligenz schon in den 60er Jahren zu bröckeln an. Korolenko schildert in anschaulicher Weise jenen geistigen Umschwung der russischen Gesellschaft, wobei er zeigt, wie gerade seine Generation die »leibeigene« Psychologie überwunden hatte und von einer neuen Zeitströmung ergriffen wurde, deren vorherrschende Note der »zernagende, qualvolle aber schöpferische Geist der sozialen Verantwortlichkeit« war. Diesen hohen Bürgersinn in der russischen Gesellschaft geweckt, die tiefste psychologische Wurzel des Absolutismus unterwühlt zu haben, ist das Verdienst der russischen Literatur. Sie hat ihrerseits von Anbeginn ihrer Laufbahn, seit Anfang des 19. Jahrhunderts, nie die soziale Verantwortlichkeit verleugnet, nie den zernagenden, qualvollen Geist der gesellschaftlichen Kritik vergessen. Seit sie mit Puschkin und Lermontow in unvergleichlichem Glanz eine sichtbare Fahne vor der Gesellschaft aufgerollt hatte, war ihr Lebensprinzip der Kampf gegen Finsternis, Unkultur und Bedrückung. Sie rüttelte mit verzweifelter Kraft an den sozialen und politischen Ketten, scheuerte sich an ihnen wund und zahlte ehrlich die Kosten des Kampfes mit ihrem Herzblut. In keinem anderen Lande ist eine so auffallende Kurzlebigkeit der hervorragendsten Vertreter der Literatur zu beobachten, wie in Rußland. Zu Dutzenden starben und verdarben sie im blühenden Mannesalter, fast noch im Jünglingsalter von 26, 27 Jahren, oder, wenn es hoch ging, kaum über 40 Jahre alt, durch den Strang, durch direkten oder als Duell verkleideten Selbstmord, Irrsinn, vorzeitige Erschöpfung. So der edle Freiheitsdichter Rylejew, der als Führer des Dekabristen-Aufstandes im Jahre 1826 hingerichtet wurde. So Puschkin und Lermontow, die genialen Schöpfer der russischen Dichtkunst, – beide Opfer des Duells – mit ihrem ganzen Kreis aufblühender Talente. So der Begründer der literarischen Kritik und Verfechter der Hegelschen Philosophie in Rußland, Bjelinski sowie Dobroljubow. So der ausgezeichnete, zarte Poet Kolzow, dessen Lieder vielfach, wie verwilderte Gärtnerblumen, in die russische Volkspoesie hineingewachsen sind. So der Schöpfer der russischen Komödie Gottfried und sein größerer Nachfolger Gogol. So erst wieder in neuerer Zeit die beiden glänzenden Novellendichter Garschin und Tschechow. Andere schmachteten Jahrzehnte im Kerker, im Zuchthause, in der Verbannung, wie der Begründer der russischen Journalistik Navikow, wie der Dekabristen-Führer Bestuschew, wie Fürst Odojewski, Alexander v. Herzen, wie Dostojewski, Tschernyschewski, Schewtschenko, Korolenko. Turgenjew erzählt gelegentlich, daß er zum ersten Mal irgendwo bei Berlin das Trillern der Lerche mit vollem Bewußtsein genossen habe. Diese beiläufige Bemerkung scheint mir sehr charakteristisch. Die Lerchen trillern in Rußland nicht weniger schön als in Deutschland. Das gewaltige Russische Reich birgt so viele und so mannigfaltige Naturschönheiten, daß ein empfängliches poetisches Gemüt auf jedem Schritt Gelegenheit findet, im Gefühl der Naturfreude restlos aufzugehen. Was einen Turgenjew an dem ungetrübten Genuß der Naturschönheit in seinem eigenen Vaterlande hinderte, war eben die peinigende Disharmonie der gesellschaftlichen Verhältnisse, das ständige drückende Gefühl der Verantwortlichkeit für die schreienden sozialen und politischen Zustände, das man nie loswerden konnte und das, tief im Innern bohrend, keinen Augenblick völligen Selbstvergessens aufkommen ließ. Erst im Auslande, wenn er die tausend niederdrückenden Bilder der Heimat hinter sich gelassen hatte und fremden Verhältnissen gegenüberstand, deren wohlgeordnete Außenseite und materielle Kultur den Russen seit jeher naiv imponierte, vermochte ein russischer Dichter sich unbekümmert, aus voller Brust, dem Gefühl der Naturfreude hinzugeben. Nichts irriger freilich, als sich danach die russische Literatur als Tendenzkunst in rohem Sinne, schmetternde Freiheitsfanfare, Armeleutemalerei vorzustellen oder gar alle russischen Dichter für Revolutionäre, zum mindesten für Fortschrittler zu halten. Schablonen wie »Reaktionär« oder »Fortschrittler« besagen an sich in der Kunst noch wenig. Dostojewski ist, zumal in seinen späteren Schriften, ausgesprochener Reaktionär, frömmelnder Mystiker und Sozialistenhasser. Seine Schilderungen der russischen Revolutionäre sind boshafte Karikaturen. Tolstojs mystische Lehren schillern zum mindesten in reaktionären Tendenzen. Und doch wirken auf uns beide in ihren Werken aufrüttelnd, erhebend, befreiend. Das macht: nicht ihr Ausgangspunkt ist reaktionär, nicht sozialer Haß, Engherzigkeit, Kastenegoismus, Festhalten an dem Bestehenden beherrschen ihr Denken und Fühlen, sondern umgekehrt: weitherzigste Menschenliebe und tiefstes Verantwortlichkeitsgefühl für soziales Unrecht. Gerade der Reaktionär Dostojewski ist der künstlerische Anwalt der »Erniedrigten und Enterbten«, wie der Titel eines seiner Werke lautet. Nur die Schlüsse, zu denen er wie Tolstoj, jeder in seiner Art, gelangen, nur der Ausweg, den sie aus dem gesellschaftlichen Labyrinth zu finden glauben, führt auf Abwege der Mystik und Askese. Doch beim wahren Künstler ist das soziale Rezept, das er empfiehlt, Nebensache: die Quelle seiner Kunst, ihr belebender Geist, nicht das Ziel, das er sich bewußt steckt, ist das Ausschlaggebende. Ebenso kann man in der russischen Literatur, wenn auch in beträchtlich kleinerem Format, eine Richtung finden, die, statt der tiefen, weltumspannenden Ideen eines Tolstoj oder Dostojewski, bescheidenere Ideale: materielle Kultur, modernen Fortschritt, bürgerliche Tüchtigkeit propagiert. Zu den talentvollsten Vertretern dieser Richtung gehören von der älteren Generation Gontscharow, von der jüngeren Tschechow. Hat doch letzterer aus Oppositionsgeist gegen die asketisch-moralisierende Tendenz Tolstojs seinerzeit den charakteristischen Ausspruch getan: Dampf und Elektrizität enthielten mehr Menschenliebe als geschlechtliche Keuschheit und Vegetarianismus. Aber auch diese etwas nüchterne »kulturträgerische« Richtung atmet in Rußland naturgemäß, nicht wie bei französischen oder deutschen Schilderern des juste milieu, satte Philistrosität und Plattheit, sondern jugendlichen, aufrüttelnden Drang zur Kultur, zur persönlichen Würde und Initiative. Zumal Gontscharow hat sich in seinem »Oblomow« zu einem Bild der menschlichen Indolenz aufgeschwungen, das in der Galerie der großen Menschheitstypen von allgemeiner Gültigkeit einen Platz verdient. Es gibt in der russischen Literatur endlich auch Vertreter der Dekadenz. Eines der goldglänzenden Talente der Gorki-Generation muß hierher gezählt werden: Leonid Andrejew, dessen Kunst eine schaudererregende, modrige Grabluft ausströmt, unter deren Hauch jeder Lebensmut welkt. Aber Wurzel und Wesen dieser russischen Dekadenz sind derjenigen eines Baudelaire oder eines D'Annunzio diametral entgegengesetzt. Hier liegt im Grunde nur Übersättigung mit der modernen Kultur, ein im Ausdruck höchst raffinierter, im Kern sehr robuster Egoismus, der seine Befriedigung im normalen Dasein mehr findet und deshalb nach giftigen Anregungsmitteln greift. Bei Andrejew fließt die Hoffnungslosigkeit aus einem Gemüt, das unter dem Ansturm niederdrückender sozialer Verhältnisse von Schmerz überwältigt ist. Andrejew hat, wie die Besten der russischen Literatur, tief in die mannigfachen Leiden der Menschheit geblickt. Er hat den japanischen Krieg, die erste Revolutionsperiode, die Schrecken der Konterrevolution 1907 – 11 erlebt und hat sie in erschütternden Bildern, wie »Das rote Lachen«, »Die Geschichte von den sieben Gehängten« und andere mehr geschildert. Nun geht es ihm wie seinem »Lazarus«, der, von der Küste des Schattenreiches zurückgekehrt, den Hauch des Grabes nicht mehr überwinden kann und unter Lebenden wandelt, als »ein vom Tode halbverspeister Brocken«. Der Ursprung dieser Dekadenz ist typisch russisch: es ist das Übermaß an sozialem Mitgefühl, unter dem die Aktions- und Widerstandsfähigkeit des Individuums zusammenbricht. Dieses soziale Mitgefühl ist es eben, was die Eigenart und künstlerische Größe der russischen Literatur bedingt. Ergreifen und erschüttern kann nur, wer selbst ergriffen und erschüttert ist. Talent und Genie sind freilich in jedem einzelnen Falle eine »Gabe Gottes«. Aber das größte Talent allein reicht zur nachhaltigen Wirkung nicht aus. Wer dürfte dem Abbate Monti Talent oder sogar Genie absprechen, der in Danteschen Terzinen bald die Ermordung des Gesandten der französischen Revolution durch den römischen Pöbel, bald die Siege dieser Revolution selbst, bald die Österreicher, bald das Direktorium, bald, auf der Flucht vor den Russen, den tollen Sumarow, dann wieder Napoleon und wieder den Kaiser Franz besang, jederzeit jedem Sieger mit Nachtigallentönen ins Ohr schluchzend, wer möchte das große Talent eines Sainte-Beuvé, des Schöpfers des literarischen Essay, in Abrede stellen, der mit seiner blendenden Feder so ziemlich in allen politischen Lagern Frankreichs nacheinander Dienste tat, um heute zu verbrennen, was er gestern anbetete, und umgekehrt. Zur bleibenden Wirkung, zur wirklichen Erziehung der Gesellschaft gehört mehr als Talent: dichterische Persönlichkeit, Charakter, Individualität, die im Felsgrund einer geschlossenen großen Weltanschauung verankert sind. Die Weltanschauung ist es eben, das sein vibrierende soziale Gewissen der russischen Literatur, das ihren Blick für die Psychologie der verschiedenen Charaktere, Typen, sozialen Lagen der Menschen so außerordentlich geschärft, es ist das schmerzlich zuckende Mitfühlen, das ihr bei ihren Schilderungen Farben von dieser leuchtenden Pracht eingegeben, es ist das rastlos Suchende, über die gesellschaftlichen Rätsel Grübelnde, was sie befähigt hat, den gesellschaftlichen Bau in seiner ganzen Größe und inneren Verschlungenheit mit künstlerischem Auge zu erschauen und in gewaltigen Werten festzuhalten. Mord und Verbrechen passieren überall und alle Tage. »Der Friseurgehilfe X hat die Rentiere J. ermordet und beraubt. Die Strafkammer Z. hat ihn zum Tode verurteilt.« Solche Notizen von drei Zeilen »aus dem Reich« liest jeder in seiner Morgenzeitung, streift sie mit gleichgültigem Blick, um weiter nach den letzten Nachrichten vom Rennplatz oder nach dem neuen Wochenspielplan der Theater zu suchen. Wer außer der Kriminalpolizei, den Staatsanwälten und Statistikern interessiert sich für Mordfälle? Höchstens der Detektivroman und das Kinodrama. Dostojewski ist durch die Tatsache, daß ein Mensch einen Menschen ermorden kann, daß solches alle Tage neben uns, mitten in unserer »Zivilisation«, Wand an Wand mit unserem bürgerlichen Hausfrieden, passieren kann, bis auf den Grund der Seele erschüttert, wie für Hamlet durch das Verbrechen seiner Mutter alle Bande der Menschheit aufgelöst, die Welt aus den Fugen ist, so für Dostojewski angesichts der Tatsache, daß ein Mensch einen Menschen ermorden kann. Er findet keine Ruhe, er fühlt die Verantwortung, die auf ihm, wie auf jedem von uns, für dies Entsetzliche lastet. Er muß sich die Psyche des Mörders klar machen, seinen Leiden, seinen Qualen bis in die verborgenste Falte seines Herzens nachspüren. Er hat diese Foltern alle durchgekostet und ist geblendet durch die furchtbare Erkenntnis: Der Mörder ist selbst das unglücklichste Opfer der Gesellschaft. Nun ruft Dostojewski mit furchtbarer Stimme Alarm, er weckt uns aus der stupiden Gleichgültigkeit des zivilisierten Egoismus, der den Mörder dem Kriminalkommissar, dem Staatsanwalt und dem Henker oder dem Zuchthaus überantwortet und damit erledigt zu haben wähnt. Dostojewski zwingt uns, alle Martern des Mörders mit zu erleben und wirft uns zum Schluß vernichtet zu Boden: wer einmal seinen Raskolnikow, wer das Verhör Dimitri Karamasows in der Nacht nach der Ermordung seines Vaters, wer die »Memoiren aus dem toten Hause« erlebt hat, wird sich nie in das Schneckenhaus des Philistertums und des selbstzufriedenen Egoismus mehr zurückfinden können. Die Romane Dostojewskis sind die furchtbarste Anklage gegen die bürgerliche Gesellschaft, der er ins Gesicht schleudert: der wahre Mörder, der Mörder der Menschenseelen, bist du! Niemand versteht an der Gesellschaft für ihre an dem Einzelnen begangenen Verbrechen so grausame Rache zu nehmen, sie so raffiniert auf die Folter zu spannen, wie Dostojewski, – dies sein spezifisches Talent. Aber alle führenden Geister der russischen Literatur empfinden ebenso den Mord als eine Anklage gegen die bestehenden Verhältnisse, als ein Verbrechen an dem Mörder als Menschen, für das wir alle – jeder Einzelne – verantwortlich sind. Daher kehren die größten Talente wie fasziniert immer wieder zum Thema des großen Kriminalverbrechens zurück, um es uns in höchsten Kunstwerken vor die Augen zu führen, uns aus der gedankenlosen Ruhe aufzuscheuchen: Tolstoj in der »Macht der Finsternis« und in der »Auferstehung«, Gorki im »Nachtasyl« und in den »Drei Menschen«, Korolenko in der Erzählung »Der Wald rauscht« und in seinem wunderbaren sibirischen »Totschläger«. Die Prostitution ist so wenig eine spezifisch russische Erscheinung wie die Tuberkulose; sie ist vielmehr die internationalste Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens. Nur daß auch sie, trotzdem sie mitten im modernen Leben eine beinahe beherrschende Rolle spielt, offiziell, im Sinne der konventionellen Lüge, nicht als normaler Bestandteil der heutigen Gesellschaft gilt, sondern als angeblich außerhalb ihrer Pfähle befindlich, als ihr Auswurf behandelt wird. Die russische Literatur behandelt die Prostituierte nicht in dem pikanten Stil eines Boudoir-Romans oder mit weinerlicher Sentimentalität der Tendenzbücher, auch nicht als eine geheimnisvolle reißende Bestie, einen »Erdgeist«. Keine Literatur der Welt enthält Schilderungen von grausamerem Realismus, als das grandiose Bild der Orgie in den Karamasows oder die Tolstojsche »Auferstehung«. Der russische Künstler sieht aber in der Prostituierten bei alledem nicht die »Gefallene«, sondern einen Menschen, dessen Psyche, Leiden und innere Kämpfe all sein Mitgefühl beanspruchen. Er adelt die Prostituierte und verschafft ihr Genugtuung für das an ihr begangene Verbrechen der Gesellschaft, indem er sie mit den holdesten und reinsten Typen der Weiblichkeit um das Herz des Mannes wetteifern läßt, er krönt ihr Haupt mit Rosen und erhebt sie, wie Mahadö die Bajadere, aus dem Fegefeuer ihrer Korruption und ihrer seelischen Qualen in die Höhe sittlicher Reinheit und weiblichen Heldentums. Doch nicht nur krasse Sondererscheinungen auf dem grauen Hintergrund des Alltagslebens, auch dieses Leben selbst, der Durchschnittsmensch mit seiner Misere flößen dem sozial geschärften Blick der russischen Literatur ein tiefes Interesse ein. »Menschliches Glück,« sagt Korolenko in einer seiner Erzählungen, »ehrliches menschliches Glück hat für die Seele etwas Heilendes und Aufrichtendes. Und ich denke mir immer, wissen Sie, daß die Menschen eigentlich verpflichtet sind, glücklich zu sein.« In einer anderen Erzählung, die »Ein Paradox« betitelt ist, legt er einem ohne Arme geborenen Krüppel die Worte in den Mund: »Der Mensch ist für das Glück geschaffen, wie der Vogel zum Fliegen.« Im Munde der elenden Mißgeburt ist eine solche Maxime ein offensichtliches »Paradox«. Für Tausende und Millionen von Menschen sind es aber nicht zufällige körperliche Gebrechen, sondern soziale Verhältnisse, die den menschlichen »Beruf zum Glück« ebenso paradoxal erscheinen lassen. Die Bemerkung Korolenkos enthält in der Tat ein wichtiges Stück sozialer Hygiene: Glück macht die Menschen geistig gesund und rein, wie Sonnenlicht über einem offenen See am wirksamsten das Wasser desinfiziert. Damit ist auch gesagt, daß in abnormen sozialen Verhältnissen – und abnorm sind im Grunde genommen alle auf sozialer Ungleichheit basierten Verhältnisse – die verschiedenartigsten Seelenverkrüpplungen zur Massenerscheinung werden müssen. Unterdrückung, Willkür, Unrecht, Armut, Abhängigkeit und auch eine zur einseitigen Spezialisierung führende Arbeitsteilung als ständige Einrichtungen modeln die Menschen geistig in bestimmter Weise, und zwar auf beiden Polen: der Unterdrücker wie der Unterdrückte, der Tyrann wie der Kriecher, der Protz wie der Schmarotzer, der rücksichtslose Streber wie der indolente Bärenhäuter, der Pedant wie der Hanswurst sind gleichermaßen Produkte und Opfer ihrer Verhältnisse. Gerade diese besonderen psychologischen Abnormitäten, sozusagen der schiefe Wuchs der Menschenseele unter der Einwirkung alltäglicher gesellschaftlicher Verhältnisse haben bei Gogol, Dostojewski, Gontscharow, Saltykow, Uspenski, Tschechow und anderen Schilderungen von Balzac'scher Wucht gefunden. Die Tragödie der Trivialität eines ganz gewöhnlichen Alltagsmenschen, wie sie Tolstoi in »Iwan Iljitschs Tod« geliefert hat, steht wohl einzig in der Weltliteratur da. Namentlich aber für die Kategorie jener kleinen Schelme, die ohne bestimmten Beruf, untauglich zum richtigen Erwerb, zwischen Schmarotzerdasein und gelegentlichen Konflikten mit dem Strafkodex herumgeworfen, den Abfall der bürgerlichen Gesellschaft bilden und von dieser Gesellschaft im Westen durch die bündige Tafel: »Betteln, Hausieren, Musizieren verboten« von der Schwelle gewiesen werden, für diese Kategorie vom Typus des Ex-Beamten Popkow im vorliegenden Buche, findet die russische Literatur seit jeher ein lebhaftes künstlerisches Interesse und ein gutmütiges Lächeln des Verständnisses. Mit Dickensscher Warmherzigkeit, aber ohne seine gut bourgeoise Sentimentalität, vielmehr mit großzügigem Realismus, rechnen die Turgenjew, Uspenski, Korolenko, Gorki all diese »Schiffbrüchigen«, ebenso wie den Verbrecher, wie die Prostituierte, einfach zur menschlichen Gesellschaft als Gleichberechtigte mit und erzielen gerade dank dieser weitherzigen Auffassung Schöpfungen von größter künstlerischer Wirkung. Mit besonderer Zärtlichkeit und Feinheit wird in der russischen Literatur die Kinderwelt geschildert, wie bei Tolstoj im »Krieg und Frieden« und in der »Anna Karenina«, bei Dostojewski in den »Karamasows«, bei Gontscharow im »Oblomow«, bei Korolenko in den Erzählungen »In schlechter Gesellschaft« und »Des Nachts«, bei Gorki in den »Drei Menschen«. Es gibt einen Roman von Zola » Page d'amour « aus dem Zyklus Rougon-Maquart, in dem das seelische Drama eines vernachlässigten Kindes im Mittelpunkt der Handlung steht und in ergreifender Weise geschildert ist. Hier ist aber das von Geburt kränkliche, hypersensible Mädchen, das, durch einen kurzen egoistischen Liebesrausch der Mutter tödlich ins Herz getroffen, wie eine kaum erschlossene Knospe verdorrt, doch nur ein »Beweismittel« des Zolaschen experimentellen Romans, ein Mannequin, an dem die These von der Vererbung dargestellt wird. Für die Russen ist das Kind und dessen Psyche ein selbstständiges vollwertiges Objekt des künstlerischen Interesses, ein ebensolches menschliches Individuum wie der Erwachsene, nur natürlicher, unverdorbener und namentlich wehrloser gegen die sozialen Einflüsse. Wer einen von diesen Kleinen ärgert, dem wäre besser, ihm würde ein Mühlstein an den Hals gehängt, usw. Die heutige Gesellschaft »ärgert« aber Millionen dieser Kleinen, indem sie ihnen das kostbarste und Unersetzlichste raubt, was ein Mensch sein eigen nennen kann: eine glückliche, sorglose, harmonische Jugend. Als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse steht die Kinderwelt mit ihren Leiden und Freuden dem Herzen des russischen Künstlers besonders nahe und wird von ihm nicht in dem falschen spielerischen Ton behandelt, mit dem die Erwachsenen zumeist zur Welt der Kinder herabsteigen zu müssen glauben, sondern im aufrichtigen und ernsten Ton der Kameradschaft, ohne jede unbegründete Selbstüberhebung des Alters, ja, mit innerer Scheu und Ehrfurcht vor dem unberührt Menschlichen, das in jeder Kinderseele schlummert, wie vor dem Golgathaweg des Lebens, der vor jedem Kinde offen liegt. Ein wichtiges Symptom des geistigen Lebens der Kulturvölker ist die Stellung, die der Satire in ihrer Literatur zukommt. Deutschland und England sind in dieser Hinsicht die zwei Gegenpole der europäischen Literatur. Um den Faden von Hutten bis Heine zu spannen, müßte man schon Grimmelshausen zu den Satirikern rechnen, was doch nur bedingt angeht. Und auch dann bieten die Zwischenglieder das Bild eines erschreckenden Niedergangs im Verlaufe von drei Jahrhunderten. Von dem genial-phantastischen Fischart mit seiner strotzenden Natur, in der man deutlich den Hauch der Renaissance spürt, zu dem nüchtern-barocken Moscherosch; und von Moscherosch, der immerhin die Großen keck am Bart zauste, zu dem kleinen Philister Rabener, – welcher Verfall! Rabener, der sich über die »Verwägenheit« jener Leute ereifert, die fürstliche Personen, Geistlichkeit und »obere Stände« lächerlich zu machen sich erdreisten, während doch ein braver deutscher Satiriker vor allem lernen müsse, »ein guter Untertan« zu sein, hat denn auch die sterbliche Stelle der deutschen Satire bloßgelegt. In der nachmärzlichen Literatur fehlt die Satire höheren Stils so gut wie ganz. In England hat die satirische Gattung seit Beginn des 18. Jahrh., seit der großen Revolution, einen beispiellosen Aufschwung genommen. Nicht nur hat die englische Literatur eine Reihe solcher Meister, wie Mandeville, Swift, Sterne, Sir Philip Francis, Byron, Dickens, hervorgebracht, in welcher Corona natürlich Shakespeare für die Falstafffigur allein der erste Platz gebührt: die Satire ist hier, aus einem Privilegium der Geistesheroen zum Allgemeingut, sie ist sozusagen nationalisiert worden. In politischen Pamphleten, Libellen, Parlamentsreden, Zeitungsartikeln funkelt sie seit jeher ebenso wie in der Dichtkunst auf. Sie ist so sehr tägliches Brot, normale Luft der Engländer geworden, daß man z. B. in den höheren Töchter-Erzählungen einer Croker, mitunter ebenso ätzende Schilderungen der englischen Aristokratie finden kann, wie bei Wilde, Shaw oder Galsworthy. Häufig wird diese Blüte der satirischen Gattung aus der alten politischen Freiheit Englands abgeleitet und durch sie erklärt. Ein Blick auf die russische Literatur, die in dieser Hinsicht neben die englische gestellt werden kann, beweist, daß es nicht sowohl auf die Verfassung eines Landes, wie auf den Geist der Literatur, nicht auf die Institutionen, sondern auf die Gesinnung der führenden Kreise der Gesellschaft ankommt. In Rußland hat sich die Satire seit der Entstehung der modernen Literatur aller ihrer Gebiete bemächtigt und auf jedem Hervorragendes geleistet. Puschkins Poem »Eugen Onegin«, Lermontows Novellen und Epigramme, Krylows Fabeln, Ostrowskis und Gogols Komödien, Nekrassows Gedichte – sein satirisches Epos »Wer lebt in Rußland frei und glücklich« gibt selbst in der schwierigen deutschen Übersetzung In Reclams Universalbibliothek. einen Begriff von der köstlichen Frische und Farbigkeit seiner Schöpfungen, – sind ebensoviele Meisterwerke, jedes in seiner Art. Endlich hat die russische Satire in Saltykow (Schtschedrin) ein Genie hervorgebracht, das für die grimmige Geißelung des Absolutismus und der Bureaukratie eine ganz eigenartige literarische Form, eine eigene unübersetzbare Sprache erfunden und die geistige Entwicklung der Gesellschaft in tiefgreifender Weise beeinflußt hat. So vereinigt die russische Literatur mit hohem sittlichem Pathos künstlerisches Verständnis für die ganze Tonleiter menschlicher Empfindungen, so hat sie mitten in dem großen Gefängnis, in der materiellen Armut des Zarismus ein eigenes Reich geistiger Freiheit und üppiger Kultur geschaffen, in dem man atmen und an den Interessen und geistigen Strömungen der Kulturwelt teilnehmen konnte. Dadurch vermochte sie auch eine soziale Macht in Rußland zu bilden, Generation um Generation zu erziehen und für die Besten, wie Korolenko, zur wahren Heimat zu werden. 2. Korolenko ist eine durchaus poetische Natur. Um seine Wiege brauen dichte Nebel des Aberglaubens. Nicht des korrupten Aberglaubens der modernen großstädtischen Dekadenz, wie er z. B. in Berlin im Spiritismus, Kartenlegen und Gesundbeten unausrottbar sein Wesen treibt, sondern des naiven Aberglaubens der Volkspoesie, der so rein ist und würzig-duftend, wie der freie Wind der ukrainischen Steppe und die Millionen wilde Schwertlilien, Schafgarben und Salvien, die dort in mannshohem Grase wuchern. In der gruseligen Atmosphäre der Gesindestube und des Kinderzimmers im Elternhause Korolenkos spürt man deutlich, daß seine Wiege in nächster Nachbarschaft von dem Zauberlande Gogols stand, mit seinen Erdgeistern, Hexen und dem heidnischen Weihnachtsspuk. Auch in Harnyj Lug wird man lebhaft an die Gogolsche Welt, an die Mirgoroder Schildbürger Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch erinnert, nur noch mit starkem polnischem Einschlag, da Wolhynien doch auch Nachbarland Litauens ist, der Heimat des ehemaligen polnischen Krautjunkertums und dessen unsterblichen Barden Adam Mizkiewitsch. Korolenko ist eben seiner Abstammung nach Pole, Ukrainer und Russe zugleich, und schon als Kind mußte er dem Ansturm der drei »Nationalismen« stand halten, von denen jeder ihm zumutete, »irgend jemanden zu hassen und zu verfolgen«. An der gesunden Menschlichkeit des Knaben scheiterten frühzeitig alle derartigen Versuchungen. Die polnischen Traditionen wehten ihn nur als letzter ersterbender Hauch einer geschichtlich überwundenen Vergangenheit an. Von dem ukrainischen Nationalismus fühlte sein gerader Sinn sich durch das Gemisch von maskeradenhaftem Geckentum und reaktionärer Romantik abgestoßen. Und die brutalen Methoden der offiziellen Russifizierungspolitik gegenüber den unterdrückten Polen wie den Unierten in der Ukraine waren eine wirksame Warnung vor dem russischen Chauvinismus für ihn, den zarten Knaben, der stets instinktiv zu den Schwachen und Bedrückten, nicht zu den Starken und Triumphierenden sich hingezogen fühlte. Aus dem Widerstreit der drei Nationalitäten, dessen Feld seine wolhynische Heimat war, rettete er sich in die Humanität. Mit 17 Jahren vaterlos und materiell ganz auf sich gestellt, geht er nach Petersburg, um sich in den Strudel des Universitätslebens und der politischen Gärung zu stürzen. Nach dreijährigem Studium am Technikum zieht er auf die Landwirtschaftliche Akademie in Moskau. Allein schon nach zwei Jahren werden seine Lebenspläne, wie bei so manchem seiner Generation, durch die »höhere Gewalt« durchkreuzt. Korolenko wird als Teilnehmer und Wortführer einer Studentendemonstration verhaftet, von der Akademie relegiert und nach dem Gouvernement Wologda im Norden des europäischen Rußlands verschickt, später zum Domizil unter polizeilicher Aufsicht nach Kronstadt entlassen. Nach Jahren kehrt er nach Petersburg zurück, um wieder Lebenspläne zu bauen, erlernt hier das Schuhmacherhandwerk, um im Sinne seiner Ideale den arbeitenden Volksschichten näher zu treten und zugleich eine vielseitige Entwicklung der eigenen Individualität zu fördern, wird jedoch im Jahre 1879 abermals verhaftet und diesmal weiter nordöstlich, nach dem Gouvernement Wjatka, in ein ganz weltentlegenes Nest verschickt. Auch damit findet sich Korolenko mit heiterer Laune ab. Er sucht sich in dem neuen Verbannungsort schlecht und recht einzurichten und betreibt fleißig sein neuerlerntes Handwerk, um auf diese Weise auch seinen Unterhalt zu bestreiten. Doch die Ruhe sollte ihm nicht lange gegönnt werden. Plötzlich wird er ohne jeden ersichtlichen Grund nach Westsibirien überführt, von da wieder nach Perm, von Perm aber nach dem äußersten Osten Sibiriens. Allein auch hier war seinen Wanderungen noch kein Ziel gesetzt. Im Jahre 1881 trat, nach dem Attentat auf Alexander II., der neue Zar Alexander III. auf den Thron. Korolenko, der inzwischen Eisenbahnbeamter geworden war, leistete zusammen mit dem übrigen Dienstpersonal den üblichen Eid an die neue Regierung. Dies wurde jedoch nicht für genügend erachtet. Er sollte auch als Privatperson, als »politischer Verbannter« den Treueid leisten. Korolenko wies – wie alle anderen Verbannten – diese Zumutung ab und wurde dafür nach den Eiswüsten des Distrikts Jakutsk verschickt. Es war dies zweifellos eine »leere Demonstration«, so wenig demonstrativ sie von Korolenko gemeint war. Ob ein einsamer Verbannter irgendwo in der sibirischen Tajga, in der Nähe des Polarkreises, der Zarenregierung seinen Untertaneneid schwor oder nicht, das änderte materiell und unmittelbar an den bestehenden Verhältnissen nicht das geringste. Es war aber im zaristischen Rußland Brauch, dergleichen leere Demonstrationen zu machen. Übrigens nicht in Rußland allein, war denn das eigensinnige Eppùr si muove Galileo Galileis nicht eine ebensolche leere Demonstration, ohne andere praktische Wirkung, als die Rache der heiligen Inquisition an dem gefolterten und eingekerkerten Manne? Und doch ist für Tausende von Menschen, die von der kopernikanischen Lehre nur die nebelhafteste Vorstellung haben, der Name Galileis für immer an jene schöne Geste geknüpft, an der es ganz nebensächlich ist, daß sie nicht einmal stattgefunden hat. Eben die Legenden, mit denen die Menschheit ihre Helden zu schmücken liebt, sind ein Beweis, wie sehr ihr dergleichen »leere Demonstrationen«, trotz ihres unwägbaren materiellen Nutzens, im geistigen Gesamthaushalt ein unentbehrlicher Posten sind. Vier Jahre mußte Korolenko für seine Eidesverweigerung in einer elenden Niederlassung halbwilder Nomaden, am Ufer Aldans, eines Nebenflusses der Lena, mitten im sibirischen Urwald, bei Wintertemperaturen von 40 – 45 Kältegraden büßen. Doch alle Entbehrungen, Einsamkeit, die düstere Szenerie der Tajga, elende Umgebung, Abgeschiedenheit von der Kulturwelt vermochten der geistigen Elastizität und dem sonnigen Temperament Korolenkos nichts anzuhaben. Er nimmt eifrig an dem kümmerlichen Leben und den Interessen der Jakuten teil, ackert fleißig, mäht Heu und melkt Kühe, im Winter verfertigt er für die Eingeborenen Schuhwerk oder auch Heiligenbilder .... Über diese Periode des »Lebendigbegrabenseins«, wie George Kennan das Dasein der Verbannten von Jakutsk nannte, berichtet Korolenko später in seinen Skizzen ohne Klage, ohne jede Bitterkeit, ja, mit Humor, in Bildern von zartester, poetischer Schönheit. Sein dichterisches Talent reift indessen und er sammelt eine reiche Beute an Natureindrücken und psychologischen Beobachtungen. 1885, endlich zurückgekehrt aus der Verbannung, die ihn mit kurzer Unterbrechung fast zehn Jahre seines Lebens gekostet hat, veröffentlicht er eine kleine Erzählung, die ihn mit einem Schlage unter die Meister der russischen Literatur reiht: »Makars Traum«. In der bleiernen Atmosphäre der 80er Jahre wirkte diese erste ganz reife Frucht des jungen Talents wie das erste Lerchenlied an einem grauen Februartag. In rascher Folge reihten sich nun weitere Skizzen und Erzählungen an: »Aufzeichnungen eines sibirischen Touristen«, »Der Wald rauscht«, »Dem Heiligenbilde nach«, »In der Nacht«, »Jom Kippur«, »Der Fluß schäumt« und viele andere. Sie alle weisen dieselben Grundzüge des Korolenkoschen Schaffens auf: Zauberhafte Landschafts- und Stimmungsmalerei, liebenswürdige, frische Natürlichkeit und warmherziges Interesse für die »Erniedrigten und Enterbten«. Diese starke soziale Note in Korolenkos Schriften hat jedoch gar nichts Lehrhaftes, Streitbares, Apostolisches an sich, wie etwa bei Tolstoj. Sie ist einfach ein Teil seiner Liebe zum Leben, seines gütigen Naturells, seines sonnigen Temperaments. Bei aller Großzügigkeit und Weitherzigkeit der Ansichten, bei aller Abneigung dem Chauvinismus gegenüber, ist Korolenko durch und durch ein russischer Dichter, vielleicht der nationalste unter den großen Prosaikern der russischen Literatur. Er liebt nicht bloß sein Land, er ist in Rußland verliebt wie ein Jüngling, verliebt in seine Natur, in die intimen Reize jeder Gegend des Riesenreiches, in jedes schläfrige Flüßchen und jedes stille waldumsäumte Tal, verliebt in das einfache Volk, seine Typen, seine naive Religiosität, seinen urwüchsigen Humor und seinen grübelnden Tiefsinn. Nicht in der Stadt, nicht im bequemen Eisenbahnabteil, nicht im Rummel und in der Hast des modernen Kulturlebens: nur auf der Landstraße fühlt er sich in seinem Element. Mit Rucksack und selbstgeschnittenem Wanderstab, »in leichtem Wanderschweiße« fürbaß ausschreiten, sich dem Zufall hingeben, bald einem Trupp frommer Pilger zum wundertätigen Heiligenbild folgen, bald am Flußufer gelagert bei nächtlichem Feuer mit Fischern plaudern, bald auf einem schläfrig dahinkriechenden, kleinen defekten Dampfschiff, in eine bunte Menge Bauern, Holzhändler, Soldaten, Bettler gemischt, ihre Gespräche belauschen, – das ist die Lebensweise, die ihm am besten behagt. Und er bleibt auf diesen Wanderungen nicht bloß Beobachter, wie Turgenjew, der feine, gepflegte Aristokrat. Korolenko kostet es gar keine Mühe, mit Leuten aus dem Volke nach wenigen Worten Fühlung zu bekommen, ihren Ton zu treffen, in der Menge unterzutauchen. Fast ganz Rußland hat er auf diese Weise kreuz und quer zu Fuß durchwandert. Hier sog er auf jedem Schritt den Zauber der Natur, die naive Poesie der Primitivität ein, die auch Gogol ein Lächeln entlockte, hier beobachtete er mit Entzücken das elementare fatalistische Phlegma des russischen Volkes, das in ruhigen Zeiten unerschütterlich und unerschöpflich scheint, um in Augenblicken des Sturmes in Heldenmut, Größe und stahlharte Kraft umzuschlagen – ganz wie jener liebliche Fluß seiner Erzählung, der bei gewöhnlichem Wasserstand sanft und demütig dahinplätschert, bei Hochwasser aber zu einem stolzen, ungeduldigen, prächtig drohenden Strom anschwillt. Hier, im unmittelbaren und ungezwungenen Verkehr mit der Natur und dem einfachen Volke, füllte Korolenko sein Tagebuch mit frischen, farbigen Eindrücken, die fast unverändert, noch von blinkenden Tautropfen bedeckt, von Erdgeruch umweht, seine Skizzen und Novellen ergaben. Ein eigenartiges Produkt der Korolenkoschen Feder ist »der blinde Musiker«. Anscheinend ein rein psychologisches Experiment, behandelt das Werk, streng genommen, kein künstlerisches Thema. Angeborene Krüppelhaftigkeit kann zwar Quelle vieler Konflikte im menschlichen Leben werden, ist aber selbst jenseits des menschlichen Wollens und Handelns, jenseits von Schuld und Sühne, ausgenommen etwa die Fälle, wo sie als Erbstück das Verschulden der Eltern zum Fluche der Kinder macht. Deshalb werden körperliche Gebrechen sowohl in der Literatur wie in der bildenden Kunst nur episodisch behandelt, entweder in satirischer Absicht, um die geistige Häßlichkeit einer Gestalt noch verächtlicher zu machen, wie im Falle des Thersites bei Homer (auch etwa der stotternden Richter in den Komödien Molières und Beaumarchais'), oder mit gutmütig-humoristischem Einschlag, wie auf den Genrebildchen der niederländischen Renaissance, z. B. auf der Krüppelskizze von Cornelis Dussart. Anders bei Korolenko: Das seelische Drama des Blindgeborenen, der von einem unwiderstehlichen Drang zum Licht gepeinigt wird, ohne ihn je befriedigen zu können, steht hier im Mittelpunkt des Interesses, und die Lösung, die ihm Korolenko gibt, führt unerwartet wieder auf den Grundton seiner Kunst wie der russischen Literatur überhaupt. Sein blinder Musiker erlebt eine geistige Wiedergeburt, er wird geistig »sehend«, indem er aus dem Egoismus seines eigenen ausweglosen Leides heraustritt, um sich zum Sprachrohr der Leibes- und Seelennot aller Blinden zu machen. Den Höhepunkt der Studie bildet das erste öffentliche Wohltätigkeitskonzert des Blinden, der auf seinem Instrument unerwartet die bekannte Melodie der blinden Bänkelsänger in Rußland variiert und zum Thema einer Improvisation macht, die das aufhorchende Publikum in einer Aufwallung heißen Mitleids erbeben läßt. Das soziale Element, die Solidarität mit dem Massenleid ist hier das Rettende und Lichtspendende für den Einzelnen wie für die Allgemeinheit. * Der polemische Charakter der russischen Literatur bringt es mit sich, daß sie die Grenzen zwischen der Belletristik und der publizistischen Produktion bei weitem nicht so streng zieht, wie dies heute im Westen der Fall ist. In Rußland fließt häufig das eine in das andere über, wie auch in Deutschland in jener Zeit, da Lessing dem Bürgertum die Wege wies und ihm Theaterkritik, Drama, philosophisch-theologische Streitschrift, ästhetische Abhandlung abwechselnd dazu dienten, einer neuen Weltanschauung die Bahn zu brechen. Nur daß Lessing, was die Tragik seines Schicksals war, ein Einsamer und Unverstandener zeitlebens blieb, während in Rußland eine lange Reihe hervorragender Talente die verschiedensten Domänen der Literatur abwechselnd als Vorkämpfer einer freien Weltanschauung beackerten. Alexander v. Herzen vereinigte mit einem namhaften Talent als Romanschriftsteller eine geniale journalistische Feder und verstand es mit seiner »Glocke« in den 50er und 60er Jahren vom Auslande aus das ganze denkende Rußland wachzuläuten. Der alte Hegelianer Tschernyschewski tummelte sich mit gleicher Frische und Kampflust auf dem Gebiete der publizistischen Polemik, des philosophischen Traktats, der nationalökonomischen Abhandlung und des Tendenzromans. Die literarische Kritik als ein hervorragendes Mittel, die Reaktion in allen ihren Schlupfwinkeln zu bekämpfen und eine fortschrittliche Ideologie systematisch zu propagieren, fand, nach Bjelinski und Dobroljubow, einen glänzenden Vertreter in Michajlowski, der jahrzehntelang die öffentliche Meinung beherrschte und namentlich auch auf die geistige Entwicklung Korolenkos einen großen Einfluß ausübte. Tolstoj hat sich, neben dem Roman, der Erzählung und dem Drama, des moralisierenden Märchens und des polemischen Pamphlets für seine Ideen bedient. Korolenko seinerseits vertauschte immer wieder Pinsel und Palette des Künstlers mit der Klinge des Journalisten, um zu aktuellen Fragen des sozialen Lebens Stellung zu nehmen und in die Kämpfe des Tages unmittelbar einzugreifen. Zu den ständigen Einrichtungen des alten zaristischen Rußlands gehört chronische Hungersnot so gut wie Trunksucht, Analphabetentum und Budgetdefizit. Als eine Frucht der eigentümlich gestalteten »Bauernreform« bei der Aufhebung der Leibeigenschaft, der erdrückenden Steuerlast und der äußersten Rückständigkeit der landwirtschaftlichen Technik, suchte die Mißernte alle paar Jahre während des ganzen achten Dezenniums die Bauernschaft heim. Das Jahr 1891 brachte die Krönung: in 20 Gouvernements folgte auf eine außerordentliche Dürre totale Mißernte und eine Hungersnot von wahrhaft alttestamentarischen Dimensionen. In der offiziellen Enquete über den Ausfall der Ernte befand sich, unter den mehr als siebenhundert Antworten aus den verschiedensten Gegenden, die folgende Schilderung aus der Feder eines schlichten Geistlichen eines der zentralen Gouvernements: »Seit drei Jahren schleicht sich die Mißernte heran, ein Ungemach nach dem andern kommt über den Landmann. Die Raupenplage ist da, Heuschrecken fressen das Korn auf, Würmer benagen es, Käfer vertilgen den Rest. Die Ernte ist auf dem Felde vernichtet, die Saat in der Scholle verdorrt, die Scheunen stehen leer, das Brot ist aus. Tiere ächzen und fallen hin, Rinderherden schleppen sich matt, Schafe verschmachten, kein Futter gibt es für sie ... Millionen Bäume, zehntausende Landhäuser sind ein Raub der Flammen geworden. Eine Feuerwand und Rauchsäulen standen um uns ringsherum ... Wie es beim Propheten Zephanja heißt: Alles werde ich vom Antlitz der Erde vertilgen, sagt der Herr, Menschen, Rinder und wildes Getier Vögel und Fische. Welche Mengen vom gefiederten Reich sind bei den Waldbränden, wieviel Fische in den seichten Gewässern umgekommen! ... Der Elch ist von unseren Wäldern geflüchtet, der Marder ist verschwunden, das Eichhörnchen ist umgekommen. Geschlossen hat sich der Himmel und ward wie Erz, kein Tau fällt mehr hernieder, nur Dürre und Feuer. Verdorrt sind Fruchtbäume, Gräser und Blumen, keine Himbeere reift mehr, keine Blaubeere, Brombeere noch Preißelbeere weit und breit, alle Torfmoore und Sümpfe sind ausgebrannt ... Wo bist du, frisches Waldesgrün, wo köstliche Luft, wo Balsamduft der Fichten, die ihr dem Kranken Heilung brachtet? Alles ist hin!« Der Schreiber bat zum Schluß als erfahrener russischer »Untertan« ergebenst, ihn für die obige Schilderung »nicht zur Verantwortung ziehen zu wollen« ... Die Befürchtung des guten Dorfpopen war nicht unbegründet: eine mächtige Adelsfronde erklärte – so unglaublich das klingt – die ganze Hungersnot für böswillige Erfindung von »Aufwieglern« und jegliche Hilfsaktion für überflüssig ... Nun entbrannte der Kampf zwischen dem reaktionären Lager und der fortschrittlichen Intelligenz auf der ganzen Linie. Die russische Gesellschaft kam in Wallung, die Literatur schlug Alarm. Eine Hilfsaktion größten Umfangs wurde eingeleitet. Ärzte, Schriftsteller, Studenten und Studentinnen, Lehrer, Frauen der Intelligenz strömten zu Hunderten aufs Land, um Volksspeisungen zu veranstalten, Saatkorn zu verteilen, den Korneinkauf zu billigen Preisen zu organisieren, Kranke zu pflegen. Allein die Sache war nicht einfach. Der ganze Wirrwarr und die alteingewurzelte Mißwirtschaft des von Bureaukraten und Militärs regierten Landes, in dem jedes Gouvernement und jeder Kreis ein Satrapenbezirk für sich war, kamen an den Tag. Rivalitäten, Kompetenzstreitigkeiten und Gegensätze zwischen Gouvernements- und Kreisbehörden, zwischen Regierungsämtern und ländlicher Selbstverwaltung, zwischen Dorfschreibern und der Bauernmasse, dazu das Chaos der Begriffe, Erwartungen und Forderungen der Bauern selbst, ihr Mißtrauen gegen die Städter, der Gegensatz zwischen der reichen Dorfbourgeoisie und der verelendeten Masse, – all das richtete plötzlich vor der Intelligenz und ihrem guten Willen tausend Schranken und Hindernisse auf, die sie zur Verzweiflung brachten. Alle die zahllosen örtlichen Mißbräuche und Bedrückungen, denen die Bauernschaft bis dahin, in normalen Zeiten, im stillen tagtäglich ausgesetzt war, alle Absurditäten und Widersprüche der Bureaukratismus traten an das hellste Licht, und der Kampf mit dem Hunger, der an sich eine einfache Wohltätigkeitsaktion war, verwandelte sich von selbst in einen Kampf mit dem sozialen und politischen Regime des Absolutismus. Korolenko stellte sich, wie Tolstoj, an die Spitze der fortschrittlichen Intelligenz und widmete sich der Sache nicht nur mit der Feder, sondern mit seiner ganzen Persönlichkeit. Im Frühjahr 1892 begab er sich in einen Kreis des Gouvernements Nischni-Nowgorod, gerade in das Wespennest der reaktionären Adelsfronde, um in den notleidenden Dörfern die Volksspeisung zu organisieren, völlig unbekannt mit dem örtlichen Milieu, drang er bald in jede Einzelheit ein und begann ein zähes Ringen mit den tausend Widerständen, die sich ihm in den Weg legten. Vier Monate lang blieb er in dem Kreis, ständig auf der Wanderung von Dorf zu Dorf, von Instanz zu Instanz, wobei er Nächte hindurch in Bauernstuben beim trüben Schein eines blakenden Lämpchens sein Tagebuch füllte, und zugleich in den Zeitungen der Hauptstadt einen frisch-fröhlichen Kampf mit der Reaktion Schlag auf Schlag führte. Sein Tagebuch, worin er das ganze Golgatha des russischen Dorfes – bettelnde Kinder, verstummte, gleichsam versteinerte Mütter, weinende Greise, Krankheit und Hoffnungslosigkeit –, in einem grauenhaften Gemälde vorführt, ist ein unvergängliches Denkmal des zarischen Regimes geworden. – Der Hungersnot folgte auf dem Fuße der zweite apokalyptische Reiter: die Pest. Aus Persien kam 1893 über die Niederungen der Wolga, den Fluß hinauf, die Cholera gezogen und hauchte über die vom Hunger ausgemergelten apathischen Dörfer ihren mörderischen Odem aus. Das Verhalten der zaristischen Regierungsorgane diesem neuen Feind gegenüber wirkt wie eine Anekdote, war aber bittere Wahrheit: der Gouverneur von Baku flüchtete vor der Pest ins Gebirge, der Gouverneur von Saratow versteckte sich, als die Volksunruhen ausbrachen, auf einem Dampfschiff. Der Gouverneur von Astrachan schoß den Vogel ab: er sandte in den Kaspi Wachschiffe aus, die allen aus Persien und aus dem Kaukasus kommenden Fahrzeugen, als choleraverdächtigen, den Zutritt in die Wolga versperrten, sandte aber den Quarantänegefangenen weder Brot noch Trinkwasser. Mehr als 400 Dampfschiffe und Barken wurden auf diese Weise abgesperrt, 10 000 Menschen, Gesunde und Kranke, zusammen dem Untergang durch Pest, Hunger und Durst geweiht. Endlich kam gen Astrachan ein Schiff die Wolga herunter, als Sendbote der obrigkeitlichen Fürsorge, die Blicke der Verschmachteten richteten sich voller Hoffnung auf das rettende Schiff. Es brachte Särge ... Da brach das Gewitter des Volkszornes los. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde van der Absperrung und dem Martyrium der Quarantäne-Gefangenen im Kaspi die Wolga hinauf, ihr folgte der Verzweiflungsruf: die Obrigkeit verbreite absichtlich die Pest, um das Volk zu dezimieren ... Als erste Opfer der »Cholerarevolten« fielen die Sanitäter, Männer und Frauen der Intelligenz, die mit Selbstaufopferung und Heroismus herbeigeeilt waren, um in den Dörfern Baracken zu errichten, Kranke zu pflegen, Maßnahmen zur Rettung Gesunder zu treffen. Baracken gingen in Flammen auf, Ärzte und Krankenschwestern wurden erschlagen. Darauf folgten die üblichen Strafexpeditionen, Blutvergießen, Kriegsgerichte und Hinrichtungen. In Saratow allein gab es 20 Todesurteile ... Die herrliche Wolgagegend verwandelte sich wieder einmal in ein Dantesches Inferno. Nur eine hohe moralische Autorität und ein tiefes Verständnis für die Nöte und die Psyche der Bauern vermochten in diese blutige Wirrsal Licht und Sinn zu bringen, und zu dieser Rolle eignete sich in Rußland – außer Tolstoj – niemand wie Korolenko. Einer der Ersten war er auf dem Posten, nagelte die wahren Schuldigen des Aufstands, die absolutistische Administration, an den Schandpfahl und vermachte wieder der Öffentlichkeit ein erschütterndes Denkmal von gleichem historischen wie künstlerischen Wert: den Aufsatz »Die Cholera-Quarantäne«. – Im alten Rußland war die Todesstrafe für gemeine Verbrechen längst abgeschafft. Die Hinrichtung war in normalen Zeiten eine Auszeichnung, die für politische Verbrechen vorbehalten war. Besonders seit dem Aufleben der terroristischen Bewegung Ende der 70er Jahre kam die Todesstrafe in Schwung, und nach dem Attentat auf Alexander II. scheute die zaristische Regierung sogar nicht davor zurück, Frauen dem Galgen zu überantworten: so die berühmte Sophie Perowskaja und Hessa Helfmann. Immerhin blieben die Hinrichtungen damals und noch später Ausnahmefälle, bei denen jedesmal die Gesellschaft erbebte. Als in den 80er Jahren vier Soldaten des »Strafbataillons« hingerichtet wurden, zur Strafe für die Ermordung ihres Feldwebels, der sie systematisch gepeinigt und mißhandelt hatte, spürte man selbst in der widerstandslosen, gedrückten Stimmung jener Jahre so etwas wie ein Erschauern der öffentlichen Meinung in stummem Entsetzen. Dies änderte sich seit der Revolution des Jahres 1905. Nachdem die Gewalt des Absolutismus 1907 wieder Oberhand gewonnen hatte, begann eine blutige Racheaktion. Kriegsgerichte arbeiteten Tag und Nacht, die Galgen kamen nicht zur Ruhe. Zu Hunderten wurden Attentäter, Teilnehmer an bewaffneten Revolten, namentlich aber sogenannte »Expropriateure«, meist halbwüchsige Burschen, hingerichtet, häufig mit lässigster Beobachtung der Formalitäten, mit »ungeübten« Henkern, schadhaften Stricken und phantastisch improvisierten Galgen. Die Konterrevolution feierte Orgien. Da erhob Korolenko seine Stimme zu einem lauten Protest gegen die triumphierende Reaktion. Seine Artikelserie, die 1909 als Broschüre unter dem Titel »Eine alltägliche Erscheinung« herausgegeben wurde, trägt alle typischen Züge seines Schrifttums. Genau wie in der Arbeit über das Hungerjahr und das Cholerajahr, findet man hier keine Phrasen, kein lautes Pathos, keine Sentimentalität, nichts als größte Schlichtheit und Sachlichkeit, eine anspruchslose Sammlung tatsächlichen Materials, Briefe der Hingerichteten, Beobachtungen ihrer Zellennachbarn. Diese einfache Materialsammlung zeichnet sich aber durch ein so tiefes Eindringen in alle Details der menschlichen Qual, in alle Schauer des gepeinigten Menschenherzens und alle Falten des gesellschaftlichen Verbrechens, das in jedem Todesurteile liegt, sie ist von solcher Herzenswärme und hoher Sittlichkeit durchdrungen, daß die kleine Schrift zur erschütternden Anklage wurde. Tolstoj, der Zweiundachtzigjährige, schrieb an Korolenko, unter dem frischen Eindruck jener Artikelserie: »Eben habe ich mir Ihre Schrift über die Todesstrafe vorlesen lassen und konnte mich, so sehr ich mich bemühte, der Tränen, ja, des Schluchzens nicht erwehren. Ich finde keine Worte, um Ihnen meine Dankbarkeit und Liebe für diese nach Ausdruck, Gedanken und Gefühl gleich vortreffliche Arbeit auszusprechen. »Sie muß nachgedruckt und in Millionen Exemplaren verbreitet werden. Keine Duma-Reden, keine Abhandlungen, keine Dramen noch Romane sind imstande, den tausendsten Teil, der wohltätigen Wirkung auszuüben, die von dieser Arbeit ausgeht. »Sie muß deshalb so wirken, weil sie ein derartiges Mitleid mit dem erweckt, was jene Opfer des menschlichen Wahns erlebten und noch erleben, daß man ihnen unwillkürlich verzeiht, was sie auch getan haben mögen, während man, so sehr man's wünschte, unmöglich den Schuldigen dieser Schrecken verzeihen kann. Neben diesem Gefühl weckt Ihre Schrift noch ein Erstaunen über die selbstbewußte Verblendung von Menschen, die diese Grausamkeiten verüben, über das Sinnlose ihres Tuns, denn es ist klar, daß alle diese dummen Grausamkeiten, wie Sie dies ausgezeichnet dartun, nur das Gegenteil von dem erreichen, was sie bezwecken. Außer all dieser Gefühle ruft Ihre Schrift noch ein anderes hervor, das mich ganz erfüllt: das Gefühl des Mitleids nicht mit den Gemordeten allein, sondern auch mit jenen getäuschten, einfachen, mißbrauchten Menschen: den Gefängniswärtern, Aufsehern, Henkern, Soldaten, die all die Scheußlichkeiten verüben, ohne zu wissen, was sie tun. »Erfreulich ist nur dies: daß eine Schrift wie die Ihrige, viele, sehr viele lebendige, unverdorbene Menschen in einem gemeinsamen Ideal des Guten und Wahren vereinigt, einem Ideal, das, mögen seine Feinde sich gebärden wie sie wollen, immer heller und heller aufleuchtet.« Vor fünfzehn Jahren ungefähr hat eine deutsche Tageszeitung unter den namhaftesten Vertretern der Kunst und Wissenschaft eine Umfrage über die Todesstrafe veranstaltet: die klangvollsten Namen der Literatur und Jurisprudenz, die Blüte der Intelligenz im Lande der Denker und Dichter hatte sich mit Feuereifer – für die Todesstrafe ausgesprochen. Für denkende Beobachter war dies eines von den Symptomen, die auf manches vorbereiteten, was man während des Weltkrieges in Deutschland erlebte. – In den 90er Jahren spielte sich in Rußland der berühmte Prozeß der »Multaner Wotjaken« ab. Sieben wotjakische Bauern des Dorfes Großer Multan im Gouvernement Wjatka, halbe Heiden und halbe Wilde, wurden des Ritualmordes beschuldigt und zum Zuchthaus verurteilt. Es ist eine der Einrichtungen der modernen Zivilisation, daß die Volksmassen, wenn sie der Schuh aus diesem oder jenem Grunde drückt, von Zeit zu Zeit Angehörige eines anderen Volkes oder anderer Rasse, Religion, Hautfarbe zum Sündenbock machen, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen, um darauf erfrischt zum gesitteten Tagewerk zurückzukehren. Es versteht sich, daß sich zur Rolle des Sündenbocks nur schwache, historisch mißhandelte oder sozial zurückgesetzte Nationalitäten eignen, an denen sich, weil sie eben schwach oder von der Geschichte einmal mißhandelt worden sind, auch jede weitere Mißhandlung straflos vornehmen läßt. In den Vereinigten Staaten Nordamerikas sind es die Neger. In Westeuropa fällt diese Rolle manchmal den Italienern zu. Vor etwa zwanzig Jahren gab es in dem proletarischen Stadtteil Zürichs, Außersihl, aus Anlaß eines Kindermordes, einen kleinen Italiener-Pogrom. In Frankreich erinnert der Ortsname Aigues-Mortes an die denkwürdige Aufwallung der Arbeitermenge, die, durch die Lohndrückerei der bedürfnislosen italienischen Wanderarbeiter erbittert, ihnen im Stile des Urahnen, des Homo Hauseri aus der Dordogne, höhere Kulturbedürfnisse beibringen wollte. Beim Ausbruch des Weltkrieges haben übrigens auch die Neanderthaltraditionen einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die »große Zeit« kündigte sich im Lande der Denker und Dichter durch einen plötzlichen Massenrückfall in die Instinkte der Zeitgenossen des Mammuts, des Höhlenbären und des wollhaarigen Nashorns an. Immerhin, das zarische Rußland war noch kein richtiger Kulturstaat, und die Mißhandlung der Fremdvölker war dort, wie jede Art öffentlicher Betätigung, nicht eine Äußerung der Volkspsyche, sondern Regierungsmonopol, pflegte deshalb von der Obrigkeit durch staatliche Organe und mit Hilfe des staatlichen Wutki in passenden Momenten organisiert zu werden. Der Multaner Ritualmordprozeß war allerdings nur eine kleine beiläufige Episode der zaristischen Regierungspolitik, die der gedrückten Stimmung der hungrigen und geknebelten Massen wenigstens hie und da mit einer kleinen Ablenkung aufwarten wollte. Aber die russische Intelligenz und an ihrer Spitze wieder Korolenko nahm sich der halbwilden Wotjaken an. Korolenko stürzte sich mit seinem ganzen Eifer in die Sache und entwirrte das Netz der Mißverständnisse und der Fälschungen mit einer Sachlichkeit, Geduld und Loyalität, mit einem untrüglichen Instinkt für das wahre, die an Jaurès in der Dreyfusaffäre erinnern. Korolenko mobilisierte die Presse, die öffentliche Meinung, erzwang ein Wiederaufnahmeverfahren, nahm persönlich auf der Verteidigerbank vor Gericht Platz und erreichte den Freispruch. Das beliebteste Objekt für die Blitzableiterpolitik war freilich im Osten seit jeher die jüdische Bevölkerung, und es kann noch fraglich erscheinen, ob sie diese dankbare Rolle ganz ausgespielt hat. Es liegt jedenfalls etwas Stilvolles in dem Umstand, daß der letzte große öffentliche Skandal, mit dem sich der Absolutismus von dieser Welt verabschiedete, sozusagen die Halsbandaffäre des russischen ancien régime ein jüdischer Ritualmordprozeß: der berühmte Bejlißprozeß des Jahres 1913 war. Als verspäteter Nachzügler der finsteren konterrevolutionären Periode der Jahre 1907 – 11, zugleich symbolischer Vorbote des Weltkrieges, wurde der Kischinewer Ritualmordprozeß sofort zum Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die gesamte fortschrittliche Intelligenz Rußlands erklärte die Sache des Kischinewer jüdischen Schlächtermeisters für die ihrige, der Prozeß verwandelte sich in eine Generalschlacht zwischen dem freiheitlichen und dem reaktionären Lager Rußlands. Gewiegteste Juristen, beste journalistische Federn stellten sich in den Dienst der Sache. Nach allem vorhergehenden braucht nicht erst gesagt zu werden, daß Korolenko mit an der Spitze war. Knapp bevor der blutige Vorhang des Weltkrieges aufgerollt werden sollte, trug die Reaktion in Rußland eine betäubende moralische Niederlage davon: unter dem Ansturm der oppositionellen Intelligenz brach die Ritualmordanklage zusammen und enthüllte zugleich die Hypokratuszüge des zaristischen Regiments, das innerlich bereits morsch und tot auf den Gnadenstoß der freiheitlichen Bewegung wartete. Der Weltkrieg verhalf ihm nur noch zu einer letzten kurzen Gnadenfrist. – Allein nicht nur soziale Hilfsaktion und moralischer Protest gegen jegliches Unrecht fanden in Korolenko jederzeit ihren Wortführer. In den 80er Jahren, nach dem Attentat auf Alexander II., war über Rußland eine Periode starrster Hoffnungslosigkeit hereingebrochen. Die liberalen Reformen der 60er Jahre wurden in der Gerichtsbarkeit, der ländlichen Selbstverwaltung allenthalben zurückrevidiert. Friedhofsruhe herrschte unter den Bleidächern der Regierung Alexanders III. Der russischen Gesellschaft, die durch das Scheitern aller Hoffnungen auf friedliche Reformen wie durch die anscheinende Wirkungslosigkeit der revolutionären Bewegung gleichermaßen entmutigt war, bemächtigte sich eine gedrückte resignierte Stimmung. In dieser Atmosphäre der Apathie und Verzagtheit kamen unter der russischen Intelligenz metaphysisch-mystische Strömungen auf, wie sie durch die philosophische Schule Solowjews vertreten waren, Nietzsches Einflüsse ließen sich deutlich spüren, in der schönen Literatur herrschte der hoffnungslos-pessimistische Ton der Novellen Garschins und der Gedichte Nadsons. Vor allem aber entsprach jener Stimmung der Mystizismus Dostojewskis, wie er in den Karamasows zum Ausdruck kommt, und namentlich die asketischen Lehren Tolstojs. Die Propaganda des »Nichtwiderstehens dem Übel«, die Verpönung aller Gewaltanwendung im Kampfe mit der herrschenden Reaktion, der man nur die »innere Läuterung« des Individuums entgegenzustellen habe, diese Theorien der sozialen Passivität wurden in der Stimmung der 80er Jahre zur ernsten Gefahr für die russische Intelligenz, zumal sie sich so berückender Mittel bedienen konnte, wie der Feder und der moralischen Autorität Leo Tolstojs. Michajlowski, das geistige Haupt der Richtung der »Volkstümler«, richtete darauf gegen Tolstoj eine bitterböse Polemik. Korolenko seinerseits trat vor. Er, der zartbesaitete Dichter, dem ein Erlebnis aus Kindheitsjahren im rauschenden Walde, eine Knabenwanderung an dunklem Abend über ein ödes Feld, ein Landschaftsbild in allen Nuancen der Beleuchtung und der Stimmung zeitlebens nachgehen, er, dem politische Parteiungen im Grunde genommen stets etwas Fremdes und Abstoßendes blieben, erhob jetzt entschlossen seine Stimme, um wehrhaften, schwertblitzenden Haß und tatkräftigen Widerstand zu predigen. Auf die Tolstojschen Legenden, Parabeln und Erzählungen im Stile der Evangelien, antwortete Korolenko mit der »Legende vom Florus«. In Judäa herrschten die Römer mit Schwert und Feuer, plünderten das Land und sogen die Bewohner aus. Das Volk stöhnte und beugte sich unter dem verhaßten Joch. Vom Anblick der Leiden seines Volkes ergriffen, erhebt sich der weise Menachem, der Sohn Jehudas, appelliert an die Heldentraditionen der Vorfahren und predigt den Aufstand gegen die Römer, den »heiligen Krieg«. Dem tritt die Sekte der sanftmütigen Sossäer entgegen, die gleich Tolstoj jede Gewaltanwendung verpönen und nur in der inneren Läuterung, der Weltflucht und der Entsagung das Heil erblicken. »Mit deinem Aufruf zum Kampfe säest du Unheil!« rufen sie Menachem zu. »Wird eine Stadt belagert und sie leistet Widerstand, dann pflegen die Belagerer den unterwürfigen Einwohnern das Leben zu schenken, jene aber, so Widerstand geleistet haben, dem Tode zu überantworten. Wir predigen unserem Volke Unterwürfigkeit, damit es vor dem Untergang bewahrt werde ... Man trocknet nicht Wasser mit Wasser und löscht nicht Feuer mit Feuer. So wird auch die Gewalt nicht durch Gewalt überwunden, denn sie ist selbst von Übel.« Darauf antwortete Menachem, der Sohn Jehudas, unbeirrt: »Gewalt ist weder Wohltat noch Übel, sie ist Gewalt; wohl oder übel ist nur ihre Anwendung. Die Gewalt des Armes ist ein Übel, wenn er zum Raub und zur Bedrückung Schwacher erhoben ist; wird er aber zur Arbeit oder zur Verteidigung des Nächsten erhoben, dann ist seine Gewalt eine Wohltat. Wahr ist: man löscht nicht Feuer mit Feuer und trocknet nicht Wasser mit Wasser, doch den Stein zerschmettert man mit dem Stein, den Stahl wehrt man mit dem Stahl ab und Gewalt mit Gewalt. Und noch: die Übermacht der Römer ist das Feuer, eure Demut aber – Holz. Das Feuer wird nicht einhalten, ehe es das ganze Holz gefressen hat.« Die »Legende« schließt mit dem Gebet Menachems: »O Adonai, Adonai! laß uns nie, solange wir leben, dem heiligen Gebote untreu werden: dem Kampfe wider Unrecht ... Laß uns nie die Worte sprechen: retten wir uns selber und überlassen wir die Schwachen ihrem Schicksal ... Auch ich glaube, o Adonai, daß dein Reich auf Erden kommen wird. Verschwinden wird Gewalt und Unterdrückung, die Völker werden zum Fest der Verbrüderung zusammenströmen, und nie mehr wird Menschenblut von Menschenhand vergossen werden.« Wie eine frische Brise stürmte dieses trotzige Bekenntnis in die stickigen Nebel der Indolenz und der Mystik. Korolenko bereitete an seinem Teil die Wege einer neuen geschichtlichen »Gewalt« in Rußland, die bald ihren wohltätigen Arm erheben sollte, den Arm der Arbeit wie des Befreiungskampfes. IV Vor kurzem ist eine deutsche Ausgabe der Jugenderinnerungen Maxim Gorkis erschienen »Meine Kindheit«. Übers. von Scholtz, Verlag Ullstein 1917. , die in mannigfacher Beziehung ein interessantes Gegenstück zu dem vorliegenden Buche Korolenkos bilden. Künstlerisch sind die beiden Dichter gewissermaßen Antipoden. Korolenko, gleich dem von ihm so hoch verehrten Turgenjew, eine durchaus lyrische Natur, ein weiches Gemüt, ein Mann der Stimmung; Gorki – darin ein Nachfolger der Tradition Dostojewskis – von ausgesprochener dramatischer Weltanschauung, ein Mann der zusammengeballten Energie, der Handlung. Bei Korolenko, der für alle Schrecken des sozialen Lebens einen Blick hat, erscheinen jedoch, ganz wie bei Turgenjew, in der künstlerischen Darstellung auch die größten Schrecken in eine gewisse mildernde Perspektive der Stimmung gerückt, in zarten Duft der poetischen Vision, des landschaftlichen Reizes eingehüllt. Für Gorki wie für Dostojewski ist sogar der nüchterne Alltag voller grauenhafter Gespenster, marternder Visionen, die mit unbarmherziger Schärfe, sozusagen ohne Luft und Perspektive, meist mit völliger Vernachlässigung der Landschaft, hingestellt werden. Wenn das Drama nach Ulricis treffendem Ausdruck die Poesie der Tat ist, so ist das dramatische Element in den Romanen Dostojewskis unverkennbar. Sie strotzen derart von Handlung, Erlebnis und Spannung, daß ihre sich übereinandertürmende sinnverwirrende Fülle das epische Element des Romans zu erdrücken, seine Schranken jeden Augenblick zu sprengen droht. Kann man doch meist, nachdem man einen oder zwei dicke Bände in atemloser Spannung gelesen, kaum fassen, daß man Vorgängen von nur zwei oder drei Tagen soll beigewohnt haben. Ebenso charakteristisch für die dramatische Veranlagung Dostojewskis ist, daß die Hauptknoten der Handlung schon zu Beginn seiner Romane geschürzt, die großen Konflikte fertig, reif zur Explosion, vorliegen, ihre langsame Vorgeschichte, ihr Heranreifen nicht miterlebt, sondern der rückschließenden Wirkung der Handlung auf den Leser überlassen wird. Gorki wählt, selbst wenn er die verkörperte Aktionsunfähigkeit, den Bankrott der menschlichen Tatkraft – wie im »Nachtasyl«, in den »Kleinbürgern« – schildern will, zu ihrer Darstellung die dramatische Form und weiß ihnen einen Schimmer des Lebens ins blasse Antlitz zu hauchen. Korolenko und Gorki repräsentieren nicht bloß zwei dichterische Individualitäten, sondern auch zwei Generationen der russischen Literatur und der freiheitlichen Ideologie. Für Korolenko steht noch der Bauer im Mittelpunkt des Interesses, für Gorki, den begeisterten Adepten des deutschen wissenschaftlichen Sozialismus, – der städtische Proletarier und sein Schatten, der Lumpenproletarier. Während bei Korolenko die Landschaft der natürliche Rahmen der Erzählung, ist es bei Gorki die Werkstatt, die Kellerwohnung, das Asyl für Obdachlose. Die grundverschiedene Lebensgeschichte gibt den Schlüssel zur Persönlichkeit beider Künstler. Korolenko, der in behaglichen bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, hatte in der Kindheit das normale Gefühl der Unverrückbarkeit, der Stabilität der Welt und ihrer Dinge, wie es allen glücklichen Kindern eigen ist. Gorki, teils im Kleinbürgertum, teils im Lumpenproletariat wurzelnd, in echt Dostojewskischer Atmosphäre brütender Schrecken, Verbrechen und Elementarausbrüche menschlicher Leidenschaften aufgewachsen, schlägt schon als Kind um sich wie ein gehetztes Wölflein und weist dem Schicksal seine spitzen Zähne. Diese Kindheit voller Entbehrungen, Kränkungen, Bedrückungen, im Gefühl der Unsicherheit, des Hinundhergeworfenseins, in nächster Nachbarschaft mit dem Bodensatz der Gesellschaft, schließt in sich alle typischen Züge aus dem Schicksal des modernen Proletariats. Und nur wer Gorkis Lebenserinnerungen gelesen kann seinen wunderbaren Aufstieg aus dieser sozialen Tiefe zur vollen Sonnenhöhe moderner Bildung, genialer Kunst und einer wissenschaftlich fundierten Weltanschauung ermessen. Auch darin sind Gorkis persönliche Schicksale symbolisch für das russische Proletariat als Klasse, das sich mitten aus dem Rauhen und Krassen der äußeren Unkultur des Zarenreiches durch die harte Schule des Kampfes in erstaunlich kurzer Zeit von zwei Jahrzehnten zur geschichtlichen Aktionsfähigkeit emporgearbeitet hat. Sicher ein unbegreifliches Phänomen dies für alle Kulturphilister, die gute Straßenbeleuchtung, pünktlichen Eisenbahnverkehr und saubere Stehkragen für Kultur, sowie fleißiges Klappern der parlamentarischen Mühlen für politische Freiheit halten. Der starke Zauber der Korolenkoschen Poesie bildet zugleich ihre Schranke. Korolenko wurzelt ganz in der Gegenwart, im erlebten Moment, im sinnlichen Eindruck. Seine Erzählungen sind wie ein Strauß frischgepflückter Feldblumen; die Zeit ist ihrer fröhlichen Farbigkeit, ihrem köstlichen Duft nicht hold. Das Rußland, das Korolenko schildert, ist nicht mehr, es ist das Rußland von gestern. Die zarte poetische verträumte Stimmung, die über seinem Land und seinen Leuten liegt, ist vorbei. Sie hat schon vor einem, vor anderthalb Jahrzehnten der tragischen gewitterschwülen Stimmung der Gorki und Genossen Platz gemacht, den schrillstimmigen Sturmvögeln der Revolution. Sie hat bei Korolenko selbst der Kampfstimmung weichen müssen. In ihm, wie in Tolstoj, siegte zum Schluß der soziale Kämpfer, der große Bürger über den Dichter und Träumer. Als Tolstoj in den achtziger Jahren anfing, sein sittliches Evangelium in einer neuen literarischen Form, in kleinen volkstümlichen Erzählungen zu predigen, wandte sich Turgenjew in einem flehenden Briefe an den Weisen von Jasnaja Poljana, um ihn im Namen des Vaterlandes zur Rückkehr in die Gefilde der reinen Kunst zu bewegen. Auch um Korolenkos duftige Poesie trauerten seine Freunde, als er sich mit Feuereifer in die Journalistik stürzte. Doch der Geist der russischen Literatur: das hohe soziale Verantwortlichkeitsgefühl erwies sich bei diesem begnadeten Dichter stärker sogar als die Liebe zur Natur, zum ungebundenen Wanderleben, zum poetischen Schaffen. Von der Woge der nahenden revolutionären Sturmflut mitgerissen, verstummt er als Dichter am Ende der neunziger Jahre immer mehr, um nur noch als Vorkämpfer der Freiheit, als geistiger Mittelpunkt der oppositionellen Bewegung der russischen Intelligenz seine Klinge blitzen zu lassen. »Die Geschichte meines Zeitgenossen,« die in den Jahren 1906 – 10 in der von Korolenko herausgegebenen Revue »Der russische Reichtum« erschien, ist das letzte Produkt seiner Muse, nur noch halb Dichtung, aber ganz Wahrheit, wie alles, was zu diesem Leben gehört. Geschrieben im Strafgefängnis Breslau, im Juli 1918. R. Luxemburg. Frühe Kindheit. Die ersten Eindrücke des Daseins. Meine Lebenserinnerungen beginnen sehr früh, die ersten Eindrücke, die ich bewahrt habe, sind jedoch zerstreut, gleichsam hell beleuchtete kleine Inseln inmitten farbloser nebliger Leere. Die früheste dieser Erinnerungen weckt mir das grelle Bild einer Feuersbrunst. Ich mag damals im zweiten Lebensjahre gestanden haben, und doch sehe ich heute noch ganz deutlich die Flammenzungen am Dach eines Schuppens im Hof emporlecken, ich sehe mitten im nächtlichen Dunkel seltsam beleuchtete Mauern eines großen steinernen Hauses und den feurigen Widerschein in den Fensterscheiben. Ich weiß mich selbst, warm eingehüllt, bei irgend jemandem auf dem Arm, mitten in einem Häuflein Leute auf der Treppe. In dieser unbestimmten Menge weiß mein Gedächtnis die Gestalt meiner Mutter zu unterscheiden, zugleich sehe ich meinen hinkenden Vater, der sich beim Gehen auf seinen Stock stützt, die Treppe des steinernen Hauses im Hofe gegenüber hinaufsteigen, und mir ist, als ginge er direkt ins Feuer. Doch das erschreckt mich garnicht. Mich nehmen die im Hof wie Fackeln da und dort aufblitzenden Helme der Feuerwehrleute sehr in Anspruch, dann bemerke ich ein Löschfaß am Tor und einen Gymnasialschüler mit einem kurzen Bein und hohem Stiefelabsatz, der gerade ins Tor tritt. Ich empfand damals, wie ich glaube, weder Angst noch Unruhe, der Zusammenhang der Dinge entging mir noch völlig. In meinem Gesichtskreis war zum erstenmal im Leben ein großes Feuer erschienen, metallene Helme und ein Gymnasialschüler mit kurzem Bein, und ich betrachtete aufmerksam alle diese Dinge, die auf dem tiefen Hintergrund der Nacht plastisch hervortraten. Irgendwelcher Schalleindrücke entsinne ich mich dabei nicht: das ganze Bild spielt in meiner Erinnerung lautlos in zuckenden Reflexen purpurroter Flammen. Dann stehen einige ganz unbedeutende Begebenheiten vor mir wieder auf, wie man mich auf dem Arm hielt, meine Tränen stillte oder mit mir spielte. Sehr dunkel erinnere ich mich, so kommt es mir vor, an meine ersten Schritte. Als Kind hatte ich einen großen Kopf und schlug mit ihm oft, wenn ich fiel, auf den Boden hin. Einmal war dies auf der Treppe passiert. Die Beule tat ordentlich weh, und ich heulte aus Leibeskräften, bis mein Vater auf einen eigenartigen Trost verfiel: er züchtigte mit dem Stock die Treppenstufe, auf der ich hingeschlagen war, und das verschaffte mir augenblickliche Genugtuung. Wahrscheinlich befand ich mich damals in der Periode des Fetischismus und vermutete in dem Holzbrett einen bösen und feindlichen Willen. Nun wurde es für mich durchgeprügelt und konnte nicht einmal weglaufen ... Diese Worte geben freilich meine damaligen Empfindungen nur vergröbert wieder, ich sehe aber das bestrafte Brett in seinem gleichsam demütigen Ausdruck unter den Schlägen noch deutlich vor mir. Später einmal habe ich dieselbe Empfindung auf verwickeltere Art wieder erlebt. Ich war schon etwas größer. Es war ein heller, milder Mondscheinabend, der erste Abend in meinem Leben, den ich in meinem Gedächtnis festgehalten habe. Die Eltern waren irgendwohin zu Besuch gefahren, meine Brüder schliefen wohl schon, unsere alte Amme hatte sich in die Küche begeben, und ich war mit dem Diener Handylo allein geblieben. Die Eingangstür zum Flur stand offen und aus der mondbeschienenen Ferne kam ein schwaches Wagengerassel. Auch das Wagengerassel habe ich damals zum ersten Mal als besondere Erscheinung im Bewußtsein festgehalten, wie ich zum ersten Mal überhaupt so lange aufgeblieben war. Mir war ängstlich zu Mute. Wahrscheinlich war bei uns am Tage von Einbruchsdiebstählen erzählt worden. Mir kam es plötzlich vor, als sähe unser Hof bei Mondschein ganz merkwürdig aus und als müßte durch die offene Außentür im nächsten Augenblick totsicher »der Dieb« eintreten. Ich wußte zwar so ungefähr, daß unter einem Dieb ein Mensch zu verstehen sei, gleichzeitig aber stellte ich mir ihn doch nicht ganz als einen Menschen vor, vielmehr als ein menschenähnliches geheimnisvolles Wesen, das mir durch sein bloßes Erscheinen ein Leid zufügen würde. Ich brach in Tränen aus. Kraft welcher Logik, weiß ich nicht mehr, genug, der Diener Handylo brachte wieder Vaters Stock herbei und führte mich auf die Treppe hinaus, wo ich, vielleicht in Erinnerung an die frühere Episode, anfing, heftig den Treppenabsatz zu bearbeiten. Auch diesmal verschaffte mir dies Genugtuung. Meine Feigheit war bald so weit gewichen, daß ich noch zweimal und zwar allein, ohne Handylo, furchtlos hinausging, um wieder auf der Treppe den eingebildeten Dieb zu züchtigen und mich an dem eigenartigen Gefühl der eigenen Courage zu berauschen. Am andern Morgen berichtete ich der Mutter mit Begeisterung, daß gestern, als sie fort war, sich bei uns ein Dieb eingeschlichen hätte, und daß wir beide, Handylo und ich, ihn tüchtig durchgeprügelt hätten. Die Mutter nickte gütig zu der Erzählung. Ich wußte genau, daß gar kein Dieb dagewesen war, und daß auch die Mutter dies wußte. Und doch hatte ich sie in jenem Augenblick besonders lieb, weil sie mir nicht widersprach. Es wäre mir schmerzlich gewesen, auf jenes Phantom zu verzichten, vor dem ich erst Angst empfunden hatte und das ich hernach beim Schein des Mondes zwischen meinem Stock und der Treppenstufe förmlich »fühlen« konnte. Das war natürlich keine Sinnestäuschung des Auges, vielmehr eine Art Rausch, in den mich die Überwindung der eigenen Furchtsamkeit versetzte. Dann haftet noch in meinem Gedächtnis wie eine kleine Insel die Reise nach Kischinew zum Großvater von Vaters Seite. Von dieser Reise ist mir deutlich eine Flußüberfahrt (ich glaube, es, war der Pruth) in Erinnerung geblieben. Ich weiß, wie unsere Kalesche auf die Fähre gestellt wurde, die mit sanftem Schaukeln vom Ufer stieß, – oder stieß das Ufer von ihr, – ich unterschied es dazumal noch nicht. Zur selben Zeit setzte ein Militärtrupp über den Fluß, wobei, wie ich noch weiß, die Mannschaft zu zweit und zu dritt auf kleinen quadratischen Fähren hinübersetzte, was sonst bei Truppenüberfahrten wohl nicht üblich ist. Ich betrachtete die Soldaten neugierig, während diese ihrerseits unsere Kalesche betrachteten und dabei einige Worte miteinander wechselten, die ich nicht verstand, wenn ich nicht irre, stand diese Überfahrt in Verbindung mit dem Krimkriege. Am gleichen Tage lernte ich zum erstenmal das schneidende Gefühl der Enttäuschung und der Kränkung kennen. In unserer geräumigen Reisekutsche war es dunkel. Ich saß vorne bei irgend jemandem auf dem Schoß, als meine Aufmerksamkeit durch einen rötlichen Punkt angezogen ward, der in der Tiefe, wo mein Vater saß, abwechselnd aufflammte und wieder erlosch. Ich lachte fröhlich und streckte meine Hand nach dem Lichtpunkt aus. Die Mutter warnte mich, allein ich wurde von einem so lebhaften Verlangen erfaßt, mit dem interessanten Ding oder Wesen Bekanntschaft zu machen, daß ich zu weinen anfing. Nun brachte mir der Vater das kleine rote Sternlein näher, das sich neckisch unter der Asche versteckte. Ich streckte ihm den Zeigefinger meiner rechten Hand entgegen. Erst wollte das Sternlein sich nicht fassen lassen, dann aber flammte es hell auf, und mich durchfuhr plötzlich das brennende Gefühl eines scharfen Bisses. Ich denke, daß mir heute den gleichen Eindruck etwa nur der unvermutete Biß einer Schlange machen würde, die aus einem Blumenstrauß hervorgekrochen käme. Mir kam vor, als sei das Flämmchen mit Vorbedacht tückisch und boshaft. Als mir nach zwei oder drei Jahren die Erinnerung an jenen Vorfall aufstieg, lief ich zur Mutter, begann ihr zu erzählen und brach in Tränen aus. Das waren wieder Tränen der Enttäuschung und Kränkung. Eine ähnliche Enttäuschung erlebte ich, als ich das erste Mal ins kalte Bad stieg. Der Fluß hatte mir einen zauberhaften Eindruck gemacht: neu, eigenartig und herrlich waren die kleinen hellgrünen Wellchen, die unter den Wänden des Badehäuschens hineinglucksten und mit Lichtreflexen, mit Splittern der Himmelsbläue, mit bunten Scherben der gleichsam zerbrochenen Kabine spielten. Das Wasser atmete Frische und Munterkeit, war lieblich und lockend, und ich bestürmte die Mutter, mit mir so rasch wie möglich hinunter zu steigen. Und dann das unvermutete schneidende Gefühl von, ich weiß nicht, eisiger Kälte oder brennender Hitze. Ich brach in lautes Weinen aus und zappelte so heftig in den Armen der Mutter, daß sie mich beinahe ins Wasser fallen ließ. Aus meinem Bade war natürlich für diesmal nichts geworden, während die Mutter mit einer mir unbegreiflichen Wollust im Wasser plätscherte, saß ich beleidigt auf der Bank, betrachtete die tückischen Wellchen, die immer noch so lockend mit Splittern des Himmels und Scherben der Badekabine spielten, und schmollte ... Mit wem? Ich glaube, mit dem Flusse. Solcher Art waren meine ersten Enttäuschungen: ich eilte den Naturerscheinungen in vertrauensseliger Unkenntnis entgegen, die Natur aber vergalt meine Hingebung mit einem elementaren Gleichmut, den ich als bewußte Feindseligkeit empfand. Oft später im Leben erwachten bei ernsten Enttäuschungen aus dem Grunde meiner verwundeten Seele jene ersten Erlebnisse. Und mehr als einmal bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß mein Gefühl der Kränkung zwar in den späteren Fällen verwickelterer Natur, aber im Grunde genommen nicht viel vernünftiger war, als jene ersten Enttäuschungen des Kindes. Hier noch eins von jenen frühesten Erlebnissen, wenn eine Naturerscheinung für uns zum erstenmal aus der umgebenden Welt heraustritt, um sich als ein gesondertes, scharfumrissenes Bild dem Bewußtsein einzuprägen. Es ist die Erinnerung an meinen ersten Spaziergang im Fichtenwalde. Mich hatte dies wiegende Rauschen der Baumwipfel förmlich verzaubert, und ich blieb wie erstarrt mitten am Wege stehen. Niemand hatte es bemerkt, und unsere ganze Gesellschaft war weitergegangen. Der Waldweg fiel einige Meter weiter steil ab, und ich schaute, wahrscheinlich mit aufgerissenen Augen, wie in dieser Bodenfalte erst die Beine meiner Leute verschwanden, dann ihre Körper, endlich ihre Köpfe. Ich wartete mit beklommenem Herzen, bis der leuchtendweiße Hut Onkel Heinrichs, des größten unter den Brüdern meiner Mutter, als letzter verschwand. Endlich war ich allein ... Ich fühlte wohl, daß »allein im Walde« eigentlich nicht geheuer sei, und doch vermochte ich, wie ein Behexter, weder eine Bewegung zu machen, noch einen Laut von mir zu geben. Ich lauschte nur, wie der Wald leise pfiff und flüsterte und seufzte und wie alle diese Laute in eine tiefe, unendliche, ergreifende Melodie zusammenflossen, – eine Melodie, in der mein Ohr zugleich den allgemeinen rollenden Chor des Waldes, wie die einzelnen Stimmen der Waldriesen, das langsame Wiegen und das leise Knarren der roten Stämme unterschied. Alles dies drang auf mich ein und schlug über mir wie eine mächtige Woge zusammen. Ich hörte auf, mich als ein von jenem lebendigen Meere gesondertes Wesen zu fühlen, und dieser Zustand war derart stark, daß, als man meine Abwesenheit schließlich gewahr wurde und der Bruder meiner Mutter zurückkam, um mich zu holen, ich immer noch auf demselben Fleck stand, ohne Antwort zu geben. Ich sah den Onkel in seinem hellen Anzuge und weißen Strohhut auf mich zukommen, wie man einen wohlbekannten Menschen im Traume sieht. Oft in späteren Jahren, zumal in Stunden, wo ich des Lebens müde war, stand jener Augenblick als der Inbegriff des tiefen lebendigen Friedens in meiner Seele wieder auf. Die Natur lockte das Kind freundlich an der Schwelle seines Lebens mit ihren undurchdringlichen Geheimnissen, als verhieße sie irgendwo in unbestimmter Ferne die Tiefen des Erkennens und die Wonnen der Lösung ... Aber ach, wie vergröbert geben doch die Worte das, was man empfunden, wieder ... Unsere Seele hat eben auch ihr undeutliches Flüstern, das sich von unserer plumpen Sprache so wenig fassen läßt, wie das Raunen der Natur ... Und jenes Unsagbare ist's ja gerade, worin die Seele des Menschen und die Natur eins sind ... Alles dies sind zerstreute Eindrücke eines halb bewußten Daseins, anscheinend ohne ein anderes Verknüpfungsband als die persönliche Empfindung. Als letztes Bild in jener Reihe ersteht vor mir ein Wohnungsumzug. Eigentlich nicht einmal der Umzug, dessen ich mich gar nicht mehr entsinne, so wie mir auch an die alte Wohnung gar keine Erinnerung geblieben ist, sondern wiederum der erste Eindruck des »neuen Hauses«, des »neuen Hofes« und des Gartens. Das kam mir wie eine neue Welt vor, und doch, merkwürdig genug: jene Erinnerung an die erste Bekanntschaft mit der neuen Welt war vorerst für lange Zeit ganz aus meinem Gedächtnis geschwunden. Sie kam mir erst nach Jahren wieder, und als sie kam, da war sie mir selbst eine Überraschung, denn ich lebte dazumal in der Vorstellung, als wohnten wir in diesem Hause seit einer Ewigkeit, und als gäbe es in der Welt überhaupt keine erheblichen Veränderungen. Den Grundton meiner Eindrücke aus den paar ersten Kinderjahren bildete die unbewußte Überzeugung von der völligen Abgeschlossenheit und Unverrückbarkeit der Dinge, die mich umgaben. Wäre mir damals die Schöpfungsgeschichte bekannt gewesen, so hätte ich wahrscheinlich behauptet, daß mein Vater (der schon lahmte, als ich geboren wurde) eben mit dem Krückstock in der Hand auf die Welt gekommen sei, daß Großmama einfach schon als Großmama vom lieben Gott erschaffen wurde, daß meine Mutter immer das schöne blauäugige Weib mit dem dicken blonden Zopf war, ja, daß selbst der Schuppen hinter dem Hause wohl schon von allem Anfang an so baufällig mit moosbewachsenem grünen Dach erstanden war. Das war ein stilles ruhiges Wachstum der Lebenskräfte, das mich sanft forttrug mitsamt der kleinen Welt, die mich umgab, wobei die Ufer der unendlichen Außenwelt, an denen ich die Bewegung hätte messen können, damals noch für mich nicht vorhanden waren. Auch war ich selbst – so kam es mir vor – schon immer der kleine Junge mit dem großen Kopf gewesen, dessen älterer Bruder etwas größer, der jüngere aber kleiner war. Und diese Beziehungen sollten für immer so bleiben. Wir sprachen manchmal davon, was alles passieren würde, »wenn wir groß sind« oder »wenn wir sterben«, aber das waren leere Redensarten ohne lebendigen Inhalt. Eines Morgens trat mein jüngerer Bruder, der vor mir schlafenzugehen und früher aufzustehen pflegte, zu mir ans Bett und sagte mit besonderer Betonung: »Steh auf, schnell ... Was ich dir zeige!« »Was denn?« »Wirst schon sehen. Aber mach' schnell, warten tu ich nicht.« Und er ging mit wichtiger Miene, wie ein Mensch, der keine Zeit zu verlieren hat, wieder hinaus. Ich zog mich eilig an und folgte ihm. Es zeigte sich, daß ein paar fremde Männer dabei waren, unsere Freitreppe gänzlich auseinanderzunehmen. Alles, was von ihr übriggeblieben, war ein Haufen Bretter und Moder, und die Eingangstür hing wunderlich oben frei in der Luft. Was aber am merkwürdigsten war: unter der Tür klaffte eine tiefe Wunde aus abgestoßenem Verputz, dunklen Balken und Pfählen. Der Eindruck, den das Ganze auf mich machte, war ein unheimlicher, beinahe schmerzlicher, vor allem aber überraschender. Der Bruder stand regungslos da und folgte in größter Spannung jeder Bewegung der Zimmerleute mit den Augen. Ich schloß mich seiner schweigsamen Betrachtung an, und bald gesellte sich zu uns beiden unser Schwesterchen. So standen wir alle drei lange Zeit wortlos und ohne uns zu rühren. Zwei oder drei Tage später war an Stelle der alten Treppe eine neue fertig, und mir kam entschieden vor, als hätte sich die Physiognomie unseres Hauses völlig verändert. Die neue Treppe war sichtlich »angesetzt«, während die frühere ein organischer Teil unseres ehrwürdigen alten Hauses schien, wie die Nase oder die Augenbrauen im menschlichen Antlitz. Zum ersten Male prägte sich meiner Seele der Begriff der »Kehrseite« ein, der Gedanke, daß sich unter der glattgehobelten und überstrichenen Oberfläche feuchte vermoderte Balken und gähnende Leere verbargen ... Mein Vater, der Richter. Nach unserer Familienüberlieferung stammte unser Geschlecht von irgendeinem Mirgoroder Kosakenhauptmann, dem von polnischen Königen der Adelstitel mit Wappen verliehen war. Nach dem Tode meines Großvaters brachte mein Vater, der zum Begräbnis gefahren war, ein wunderliches Sigill mit heim, auf dem ein Boot mit zwei Hundeköpfen an den beiden Enden und mit einem gezackten Turm in der Mitte zu sehen war. Als wir Kinder fragten, was denn das wäre, sagte der Vater, das sei unser »Wappen«, mit dem wir unsere Briefe zu siegeln das Recht hätten, während andere Leute dazu nicht berechtigt wären. Das Ding hatte auf polnisch einen kuriosen Namen: »Korab z Lodzia« (Arche mit Boot), was das jedoch zu bedeuten hatte, wußte der Vater selbst nicht zu erklären; vielleicht war auch gar kein Sinn dabei. Es gäbe da – erzählte er – ein anderes Wappen, das heiße viel einfacher: »Ein Floh tanzt auf der Trommel«, was immerhin einen Sinn habe, denn die Kosaken und die polnischen Schlachzizen mußten sich auf ihren Feldzügen mit Flöhen wacker herumschlagen. Und mit einem Bleistift in der Hand entwarf er rasch auf dem Papier einen Floh, der auf der Trommel einen kühnen Tanz aufführt, umgeben von Schild und Schwert und allen adligen Attributen. Er war kein übler Zeichner, und wir mußten lachen. So flocht der Vater in unsere erste Bekanntschaft mit den adligen »Kleinodien«, wie mir scheinen will, nicht ohne Absicht, eine gewisse spöttische Note. Unser Urgroßvater war, dem Vater zufolge, ein kosakischer Regimentsschreiber, der Großvater aber schon, wie auch der Vater selbst, russischer Beamter. Ein Landgut oder leibeigene Bauern hatten sie wohl kaum besessen. Mein Vater dachte nie daran, seinen erblichen Adelstand wiederherzustellen, und als er starb, waren wir, wie es hieß, »Söhne des Hofrats Soundso«, mit den Rechten des Beamtenadels ohne Ar und Halm, ohne jedes reale Band mit dem adligen Milieu und, die Wahrheit zu sagen, ebensowenig mit irgendeinem anderen Milieu. Das Bild meines Vaters sehe ich deutlich vor mir: ein Mann von mittlerer Statur, mit leichter Neigung zur Korpulenz. Wie alle Beamten jener Zeit rasierte er sein Gesicht mit peinlicher Sorgfalt. Seine Gesichtszüge waren schön und nicht ohne Feinheit: eine Adlernase, große braune Augen und ein Mund mit stark geschweifter Oberlippe. Er soll in seiner Jugend dem Napoleon sehr ähnlich gewesen sein, besonders wenn er seinen Beamten-Dreimaster à la Bonaparte aufsetzte., Mir freilich wollte es nicht gelingen, mir den Napoleon als hinkenden Mann zu denken, Vater aber stützte sich immer auf den Krückstock und schleppte leicht sein linkes Bein nach. Auf seinem Gesicht lag stets der Ausdruck heimlichen Kummers und nagender Sorge, selten nur hellte es sich auf. Hin und wieder pflegte er uns in seinem Arbeitszimmer um sich zu sammeln, ließ uns auf sich herumklettern und spielen, zeichnete Bildchen und erzählte lustige Geschichten und Märchen. In der Seele dieses Mannes war sicher ein ungehobener Schatz kindlicher Einfalt und Heiterkeit verborgen: selbst seine Belehrungen wußte er in eine halbhumoristische Form zu kleiden, und in solchen Augenblicken hatten wir ihn sehr lieb. Doch diese Lichtblicke wurden mit den Jahren immer spärlicher, sein angeborener Frohsinn wurde immer dichter vom Nebel der Melancholie und Sorge eingehüllt. Zum Schluß brachte er es kaum fertig, unsere Erziehung schlecht und recht zu Ende zu führen, und in den Jahren, wo wir bereits bewußter zu leben anfingen, gab es zwischen uns und dem Vater gar keine innere Fühlung mehr ... So starb er schließlich, ohne daß ihn seine eigenen Kinder eigentlich gekannt hätten. Erst nach vielen Jahren, als bei mir die Periode der jugendlichen Sorglosigkeit vorüber war, ging ich daran, zu sammeln, was sich irgend an einzelnen Zügen aus seinem Leben aufspüren ließ, und das Bild des tiefunglücklichen Mannes lebte in meinem Herzen auf – mir teurer und näher als damals, wo ich ihn noch um mich hatte. Er war ein Beamter, sein äußerer Lebenslauf ist deshalb in den Konduitenlisten aufbewahrt worden. Geboren 1810, als Kanzleischreiber in den Staatsdienst getreten 1826, gestorben im Rang des Hofrats 1868. Dies der schlichte Roman, in dem doch ein ganzes Menschenschicksal eingeschlossen war: Hoffnungen, Erwartungen, Lichtblicke des Glücks, Enttäuschungen ... Unter den vergilbten Papieren des Vaters war eins erhalten, das eigentlich doch keinen Wert mehr besaß, das er jedoch als Erinnerung aufbewahrte. Es war dies ein halboffizieller Brief des Fürsten Wassiltschikoff, worin er meinen Vater auf den Posten des Kreisrichters nach Schitomir berief. »Diese Gerichtskammer – schrieb der Fürst – der auch der Magistrat angeschlossen wird, stellt nunmehr einen größeren und daher auch wichtigeren Wirkungskreis dar und erfordert einen Vorsitzenden, der seiner Aufgabe völlig gewachsen und der Rechtsprechung daselbst die erwünschte Richtung zu geben befähigt ist.« Für diese Aufgabe hatte der Fürst eben meinen Vater ausersehen. Zum Schluß des Briefes geht der »hohe Herr« mit viel Aufmerksamkeit auf die Interessen des kleinen Beamten ein, für den als Familienvater der Umzug gewiß mit manchen Opfern verbunden sei, dem er aber zugleich große Aussichten für die Zukunft eröffnet und den er bittet, so schnell wie möglich zu kommen. – Die letzten Zeilen sind von der eigenen Hand des Fürsten geschrieben, und der Ton des Schreibens atmet nicht bloß gnädige Herablassung, sondern auch Achtung. Dies war ein bescheidener, heute vergessener und damals gescheiterter Anlauf zu einer Reform; aber ein Reformversuch war es doch, und der glänzende Magnat, launenhaft und despotisch wie die meisten Magnaten jener Zeit, doch zugleich nicht ohne einen gewissen wohlgemeinten »Sturm und Drang« im Busen, forderte den bescheidenen Beamten auf, in dem er offenbar den neuen Mann für das neue Werk erkannt hatte, sein Mitarbeiter zu sein. Dies war im Jahre 1849, und damals bot man dem Vater den Posten eines Kreisrichters in einer Gouvernementsstadt an. Zwanzig Jahre später starb er auf demselben Posten – in einem weltentlegenen Krähwinkel. ... Er ist also, was die dienstliche Laufbahn betrifft, entschieden ein Pechvogel gewesen. Für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß daran hauptsächlich seine donquichottehafte Ehrlichkeit schuld war. Jedes Milieu pflegt die Ausnahmen, die es nicht begreift, und durch die es sich bloß aus seiner Ruhe aufgestört fühlt, gering zu schätzen. Jedesmal wenn mein Vater an einem neuen Ort seinen Dienst antrat, wiederholten sich dieselben Auftritte: es meldeten sich bei ihm alsbald, kraft »uralter Sitte«, die Repräsentanten verschiedener städtischer Bevölkerungsschichten mit Gaben. Der Vater lehnte zuerst ziemlich ruhig ab. Alsdann kamen die Deputationen am anderen Tag mit verdoppelten Gaben, die der Vater aber bereits mit Grobheiten zurückwies. Am dritten Tage gab es schon tragikomische Sturmszenen: mein Vater, der sehr jähzornig war, schimpfte ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und jagte die »Repräsentanten« mit dem Stock zum Haus hinaus, worauf sich diese mit erstaunten und betretenen Gesichtern in der Tür drängten ... Später, als man Vaters Tätigkeit näher kennen gelernt hatte, pflegten alle für ihn die größte Hochachtung zu hegen. Vom kleinen Krämer bis zur Gouvernements-Obrigkeit bestätigten alle, daß es keine Macht gab, die den Richter dazu vermocht hätte, wider Gewissen und Recht zu fehlen. Aber ... man war dennoch allgemein der Meinung, daß, wenn der Richter bei alledem auch noch bescheidene »Erkenntlichkeiten« genehmigen wollte, es doch verständlicher, einfacher und, wie man damals zu sagen pflegte, »menschlicher« gewesen wäre. Ich erinnere mich noch aus der Zeit, wo ich schon ein ziemlich bewußtes geistiges Leben führte, eines bezeichnenden Falls dieser Art. Vor das Kreisgericht war der Prozeß zwischen einem reichen Gutsbesitzer, Grafen E., und seiner armen Verwandten, wenn ich nicht irre, der Witwe seines Bruders, gekommen. Der Graf war ein großer Herr mit mächtigen Konnexionen, Mitteln und Einflüssen, die er auch rührig ins Werk setzte. Die Witwe verfocht ihren Anspruch kraft des »Armenrechts«, ohne Stempelgebühren zu zahlen. Man prophezeite, daß sie verlieren würde, da der Rechtsfall immerhin verwickelt war, von des Grafen Seite aber ein kräftiger Druck auf das Gericht ausgeübt wurde. Vor der Entscheidung sprach der Herr Graf bei uns in eigener Person vor; seine wappengeschmückte Kutsche hielt zwei- oder dreimal vor unserem bescheidenen Häuschen und sein langbeiniger Heiduk in Livree stelzte vor unserer windschiefen Treppe auf und ab. Die ersten beiden Male beobachtete der Graf eine majestätische und vorsichtige Haltung, und der Vater schob nur kühl und förmlich seine Tastversuche zurück. Beim dritten Besuch jedoch war der Herr wahrscheinlich mit einem direkten Anerbieten herausgerückt. Der Vater brauste plötzlich auf, warf dem hohen Herrn einen unparlamentarischen Ausdruck an den Kopf und klopfte dabei heftig mit dem Stock auf den Boden. Der Graf verließ Vaters Zimmer hochrot vor Wut, Drohungen murmelnd, und bestieg eilig wieder seine Kutsche. Auch die Witwe war ein paarmal gekommen, wiewohl der Vater diese Besuche nicht sonderlich liebte. Das arme Weib setzte sich in seinen Trauergewändern, mit verweinten Augen, bedrückt und schüchtern zu meiner Mutter, erzählte ihr etwas und weinte. Die Ärmste glaubte, sie müsse dem Richter immer noch etwas auseinandersetzen. Wahrscheinlich waren es bloße Lappalien, denn der Vater winkte mit der bei ihm in solchen Fällen üblichen Redensart ab: »Ach was! Belehre Kranker den Medikus! Alles wird gemacht, wie das Gesetz es vorschreibt.« Der Prozeß wurde zugunsten der Witwe entschieden, wobei alle Welt wußte, daß dies ausschließlich der Festigkeit meines Vaters zu danken war. Der Senat bestätigte diesmal die Entscheidung unerwartet schnell, und die armselige Witwe war plötzlich eine der reichsten Gutsbesitzerinnen des Kreises, wenn nicht gar des Gouvernements geworden. Als sie wieder vor unserem Hause, diesmal in eigener Kalesche, erschien, war die frühere kümmerliche Bittstellerin kaum zu erkennen. Ihre Trauer war zu Ende, sie schien beinahe verjüngt und strahlte vor Glück. Der Vater nahm sie sehr freundlich mit jenem Wohlwollen auf, das wir Leuten gegenüber zu fühlen pflegen, die uns stark verpflichtet sind. Als sie aber ein Gespräch »unter vier Augen« erbeten hatte, trat sie bald aus Vaters Zimmer mit gerötetem Gesicht und verweinten Augen. Die gute Frau wußte, daß die Wendung in ihrem Schicksal gänzlich an der Festigkeit, man kann beinahe sagen, an dem Heroismus dieses schlichten lahmen Mannes gehangen hatte. Und nun durfte sie ihm nicht einmal irgendwie ihre Erkenntlichkeit zeigen. Sie war bekümmert, ja gekränkt. Am Tag darauf kam sie wieder, als mein Vater im Dienst, die Mutter aber zufällig fortgegangen war und schleppte einen Haufen verschiedener Stoffe und Waren her, die sie auf allen Möbeln in unserem Wohnzimmer aufstapelte. Unter anderm rief sie mein Schwesterchen heran und gab ihm eine riesige, herrlich gekleidete Puppe mit blauen Augen, die sich schlossen, wenn man die Puppe schlafen legte. Die Mutter kriegte keinen geringen Schreck, als sie der Bescherung ansichtig wurde. Als aber der Vater vom Dienst kam, brach in unserer kleinen Wohnung eines der heftigsten Gewitter los, deren ich mich entsinnen kann. Er erging sich in Schimpfworten über die Witwe, überhäufte die Mutter mit Vorwürfen und gab nicht eher Ruhe, bis ein Handwägelchen vor der Treppe erschien, auf das sämtliche Geschenke aufgeladen und zurückgeschickt wurden. Dabei stellte sich jedoch eine unerwartete Schwierigkeit heraus: als die Reihe an die Puppe kam, legte mein Schwesterchen entschiedenen Protest ein, und dieser Protest nahm so dramatische Formen an, daß Vater nach einigen Versuchen, wiewohl mit großer Unzufriedenheit, nachgab. »Durch euch bin ich also doch ein käuflicher Kerl geworden,« brummte er ärgerlich und verschwand in seinem Zimmer. Solches Gebaren wurde damals allgemein für zwecklose Marotte angesehen. »Nun sage doch selbst, ich bitte dich, wem schadet so ein bißchen Erkenntlichkeit, – setzte mir ein tugendhafter Assessor, der selbst ›nicht nahm‹, auseinander – überlege einmal: der Prozeß ist ja beendet, die Person weiß, daß sie euch alles zu danken hat und kommt mit vollem Herzen. Und nun wird sie von euch beinahe mit Hunden hinausgehetzt! Na, wozu denn das?« Ich bin fest überzeugt, daß mein Vater diese Dinge auch nie vom Standpunkte unmittelbaren Schadens oder Nutzens erwog. Er war einst, wie ich vermute, mit hohen, für jene Zeit wohl ungewöhnlich hohen Erwartungen ins Leben getreten. Das Leben hatte ihn in dem grauen unsauberen Milieu niedergetreten. Und nun hegte er wie ein letztes Heiligtum diesen Zug seines Wesens, der ihn nicht bloß von dem Troß notorisch »Käuflicher«, sondern auch von den Tugendbolden der damaligen goldenen Mitte schied. Je schwerer er mit der zahlreichen und rasch anwachsenden Familie an seinem Päckchen zu tragen hatte, um so argwöhnischer und hartnäckiger behütete er seine seelische Unantastbarkeit und Unnahbarkeit ... Für mich blieb dabei ein Zug im Charakter meines Vaters ein gewisses psychologisches Rätsel. Rings um ihn her starrte mauerdick – jawohl, »starrte« geradezu, wie ein dicker Morast – allgemeine Bestechlichkeit und Korruption. Die Beamten desselben Gerichts, an dem mein Vater wirkte, nahmen zweifelsohne mit der rechten und mit der linken Hand und nicht bloß »Erkenntlichkeiten«, sondern notorische Schmiergelder. Ich entsinne mich noch, wie einmal ein »verehrter« und lieber Bekannter unseres Hauses, ein lustiger und flotter Herr, während einer Abendgesellschaft bei uns vor zahlreichem Auditorium außerordentlich drastisch erzählte, wie er einmal einem jüdischen Schmuggler aus der Patsche geholfen hatte, wobei es gelang, ihn nicht nur der Verantwortung zu entziehen, sondern auch eine enorme Partie der beschlagnahmten Ware zu retten. Die Schmuggler hatten versprochen, den kleinen Beamten, damals noch Neuling in seiner Laufbahn, für diesen Dienst mit Reichtum zu überhäufen, worauf der Beamte ihrer Bitte willfahrte, ehe jene ihr Versprechen wahrgemacht hatten. Zur Abrechnung wurde ein Stelldichein in der Nacht an irgendeinem einsamen Ort ausgemacht und der Beamte wartete richtig bis zum Morgengrauen. Ich erinnere mich noch deutlich an die lebhafte Schilderung jener Nacht. Der Beamte wartete auf den Juden, »als wie ein verliebter Jüngling seines Schätzchens harrt«. Er lauschte fieberhaft auf die nächtlichen Laute, sprang bei jedem Geräusch auf ... Und die ganze Gesellschaft folgte dem Schmugglerdrama in atemloser Spannung. Als sich aber herausstellte, daß der Beamte geprellt war, löste sich die Spannung in allgemeine Heiterkeit auf, in die sich zugleich Entrüstung über die Juden und eine gewisse Teilnahme für den Geprellten mischten. Mein Vater war bei der Erzählung zugegen. Wenngleich ich mich seines Gesichtsausdrucks nicht mehr entsinne, so sehe ich doch noch deutlich das folgende Bild vor mir: ein von Talglichtern beleuchteter Kartentisch, um den Tisch herum vier Partner; einer von diesen ist mein Vater, sein Gegenüber der Held der Schmugglergeschichte, der jedesmal, wenn er seine Karte auf den Tisch haut, ein Witzwort losläßt. Und der Vater lacht heiter dazu... Überhaupt stellte er sich zu seinem Milieu äußerst gutmütig und suchte nur den kleinen Bereich, der unter seinem unmittelbaren Einfluß stand, von Korruption rein zu halten. Ich erinnere mich, wie er ein paarmal mit schwerem Kummer vom Gericht heimkam. Einmal als ihm die Mutter, mit ängstlicher Teilnahme in sein gedrücktes Gesicht blickend, einen Teller Suppe reichte, versuchte er zu essen, nahm zwei, drei Löffel zu sich und schob den Teller weg. »Ich kann nicht,« sagte er. »Ist die Sache zu Ende?« fragte die Mutter leise. »Ja ... Zuchthaus ...« »O Gott!« rief sie erschrocken. »Nun und du?« »Ach, was, belehre Kranker den Medikus!« antwortete der Vater gereizt, »ich! ich! was kann ich denn tun?« Dann fügte er sanfter hinzu: »Ich habe getan, was ich konnte ... Das Gesetz war ganz klar.« An diesem Tage aß er nicht zu Mittag und legte sich nicht wie gewöhnlich nach Tisch hin, sondern wanderte lange in seinem Zimmer auf und ab, mit seinem Stock auf den Boden aufstoßend. Als mich Mutter nach zwei Stunden in sein Zimmer gehen hieß, um nachzusehen, ob er schlief und falls er nicht schlief, ihn zum Tee zu bitten, fand ich ihn knieend vor seinem Bette. Er betete inbrünstig zum Heiligenbild hinauf, und sein ganzer, etwas voller Körper erzitterte vor krampfhaftem Schluchzen ... Jedennoch bin ich sicher, daß dies Tränen des Mitleids mit dem »Opfer des Gesetzes« waren und nicht etwa das peinigende Bewußtsein eigener Mitschuld als Werkzeug des Gesetzes. In dieser Hinsicht war Vaters Gewissen stets unerschütterlich ruhig, und wenn ich jetzt darüber nachdenke, so wird mir klar, wie grundverschieden der Seelenzustand ehrlicher Leute jener Generation von der Stimmung unserer Tage war. Mein Vater fühlte sich lediglich für seine persönlichen Handlungen verantwortlich. Das nagende Gefühl der Verantwortlichkeit für das soziale Unrecht war ihm völlig fremd. Gott, Zar und Gesetz waren für ihn über jede Kritik erhaben. Gott ist allmächtig und doch gibt es auf Erden viel triumphierende Niedertracht und leidende Tugend. Nun, das steht offenbar in den unerforschlichen Ratschlüssen der höchsten Gerechtigkeit geschrieben und damit basta. Der Zar und das Gesetz entziehen sich gleichfalls dem menschlichen Witze, und wenn sich einem mitunter bei der Anwendung des Gesetzes vor Kummer und Mitleid das Herz im Leibe umdreht, so ist das eben Elementarunglück, das zu keinerlei Schlüssen allgemeiner Natur berechtigt. Der Eine geht am Typhus zugrunde, der andere am Gesetz. Schicksalsschläge! ... Des Richters Sache ist, lediglich zu wachen, daß das Gesetz, wenn es einmal in Wirksamkeit tritt, auch richtig angewendet wird. Trifft indes auch dies nicht zu, wird das Gesetz von der käuflichen Beamtenschaft dem Starken zu Gefallen gebeugt, dann wird er, der Richter, im Bereich seines Amtes dagegen mit allen verfügbaren Mitteln ankämpfen. Sollte er dafür büßen müssen, so wird er sich auch dadurch nicht beirren lassen. Mag er büßen, aber in den Akten Numero soundso wird jede von seiner Hand eingetragene Zeile von Unrecht frei sein. Und in dieser Gestalt wird die Sache über den Bereich des Kreisgerichts vor den Senat treten, vielleicht noch höher hinaus. Wird der Senat des Richters Erwägungen beitreten, so wird ihn das für die Partei, die das Recht auf ihrer Seite hat, aufrichtig freuen. Werden sich auch die Senatoren vor Macht und Geld beugen, so ist das ihre Gewissenssache und sie werden sich dafür, wenn nicht vor dem Zaren, so vor Gott zu verantworten haben. Daß die Gesetze selbst untauglich sein mögen, das schlägt hinwiederum in die Verantwortlichkeit des Zaren vor dem Herrgott, er, der Richter, ist für Gesetze so wenig verantwortlich, wie dafür, daß der Blitz vom hohen Himmel manchmal ein unschuldiges Kindlein erschlägt ... Ja, das war eine Weltanschauung aus einem Guß, eine Art unerschütterlichen Gleichgewichts der Gewissen. Ihre inneren Grundlagen wurden nicht durch Selbstanalyse unterwühlt, und die ehrlichen Leute jener Zeit kannten den tiefen inneren Zwiespalt nicht, der sich aus dem Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit für »die ganze Gesellschaftsordnung« ergibt. Ich weiß nicht, ob heute auch nur eine Beamtenseele jenes innere Gleichgewicht in diesem Grade kennt. Ich bezweifle es. Die Zeiten jener Weltanschauung sind unwiederbringlich dahin, und schon die denkende Jugend meiner Generation war von dem zernagenden, qualvollen, aber schöpferischen Geist der sozialen Verantwortlichkeit ergriffen. Mein Vater starb früh. Wäre er länger am Leben geblieben, dann hätten wir Jungen, vom Geiste der Kritik besessen wie wir waren, wohl mehr als einmal seine Lieblingsformel zu hören bekommen: »Belehre Kranker den Medikus!« Wobei als der majestätische Medikus in diesem Fall wohl jene oberste Gewalt gemeint wäre, vor der nach seiner Auffassung jede Kritik Halt zu machen hatte. Welchen Ausgang dieser Konflikt schließlich genommen hätte, dies ist mir eine Frage geblieben, über die ich oft mit reuiger Wehmut nachsinne ... Vater und Mutter. Mein Vater hatte wohl seine Gründe für den verborgenen Kummer und die Reue, die sein ganzes, uns Kindern bekanntes Leben beschatteten. Er war in seinen jungen Jahren ein schöner Mann gewesen und hatte enormen Erfolg bei Frauen gehabt. Den ganzen Überschuß seiner vielleicht über den Durchschnitt hervorragenden jungen Kräfte mag er in allerlei Unternehmungen und Abenteuern dieser Art verzettelt haben, und so trieb er es bis in seine dreißiger Jahre. Die eigene Lebenserfahrung hatte ihm tiefes Mißtrauen gegen weibliche Tugend eingeflößt, und als er zu heiraten beschloß, machte er sich einen eigenartigen Plan zurecht, um seine häusliche Ruhe auf sicheren Grund zu bauen... Im Kreise Rowno des wolhynischen Gouvernements, wo er damals als Kreisrichter amtierte, lebte ein polnischer Schlachziz, der sich als Pächter mittlerer adeliger Güter durchschlug. Von diesem Manne war bekannt, daß er eine zeitlang rechtmäßiger Besitzer und faktischer Gebieter enormer Ländereien war, die dem Grafen W. gehörten. Der alte Graf lag einst auf den Tod krank, als sein Sohn, der in Polen in der Garde diente, wegen irgendeiner Sache vors Kriegsgericht kam. In der Befürchtung, daß der Sohn aller bürgerlichen Rechte verlustig gehen und die Güter der anderen Linie zufallen würden, ließ der Graf den ihm wohlbekannten Schlachziz rufen, nahm ihm ein bestimmtes Versprechen ab und setzte ihn zu seinem Universalerben ein. Darauf starb der alte Graf. Der junge wurde als gemeiner Soldat nach dem Kaukasus verschickt, und der Schlachziz trat den rechtmäßigen Besitz der enormen Güter an. Einige Jahre später, als der junge Graf, der sich in Kämpfen mit den eingeborenen Bergbewohnern des Kaukasus durch Tollkühnheit ausgezeichnet hatte, begnadigt und in die Heimat zurückgekehrt war, rief der Schlachziz die Nachbarn herbei, legte dem Grafen in ihrer Gegenwart, wie ein einfacher Gutsverwalter, genaueste Rechnung ab und übergab ihm große Geldsummen, die er in der Zeit seiner Verwaltung aufgespart hatte. Der junge Aristokrat umarmte den Schlachziz, nannte ihn seinen Wohltäter und schwur ewige Freundschaft. Sehr bald waren jedoch alle Schwüre vergessen, und das Herrchen machte sich irgendwelcher leichtsinnigen und unehrenhaften Übergriffe gegen die Familie seines Wohltäters schuldig. Der Alte ging zu ihm hin, züchtigte den Junker und verließ dessen Schwelle als Bettler, hatte er doch die ganze Zeit seiner Gutsverwaltung über nicht gewagt, sich »eigenmächtig« ein Gehalt zu bestimmen. Der Magnat seinerseits dachte daran nach dem Streite erst recht nicht... Dies die Familienüberlieferung betreffend den Vater meiner Mutter. Er hatte eine zahlreiche Familie: vier Töchter und zwei Söhne. Eine von den Töchtern war erst dreizehn Jahr alt, noch ganz Kind, das kurze Röckchen trug und mit Puppen spielte. Dieses Kind eben traf die Wahl meines Vaters. Mit unbewußtem Egoismus setzte er offenbar in dieser Weise den Plan ins Werk, um seinen zukünftigen häuslichen Herd vor Unbilden zu bewahren: er wählte in einer Familie, in der Ehrenhaftigkeit als allgemein anerkannte Tradition herrschte, eine Braut, die noch ein Kind war und die er sich unter Umgehung der Periode der mädchenhaften Koketterie selbst zu erziehen gedachte. Der Großvater war gegen diese frühe Heirat, gab aber dem Drängen der Großmutter nach. Formale Hindernisse, die sich aus der Minderjährigkeit der Braut ergaben, wurden durch das Zeugnis von »fünfzehn Nachbarn« beseitigt; man nahm meiner künftigen Mutter das Spielzeug weg, zog ihr anstatt des kurzen Kleidchens das Brautkleid mit Schleppe an – und die Ehe war geschlossen. Es ist stets eine schwierige Sache, das Fazit eines Menschenlebens zu ziehen. Glück und Freude sind derart mit Unglück und Kummer vermischt, daß ich jetzt nicht zu sagen wüßte, ob die Ehe meiner Eltern glücklich oder unglücklich war. Ihre erste Zeit war jedenfalls für meine Mutter recht schwer... Zur Zeit ihrer Verheiratung war sie ein schwächlicher, noch nicht fertig entwickelter, zierlicher Backfisch mit einem schweren hellblonden Zopf und wundervollen, strahlenden grau-blauen Augen. Zwei Jahre nach der Hochzeit gebar sie ein Töchterlein, das jedoch schon nach Verlauf einer Woche starb. In dem noch kindlichen Herzen der Mutter ließ dieser Verlust eine tiefe Wunde zurück. Der Vater seinerseits war fürchterlich eifersüchtig, und seine Eifersucht äußerte sich ungestüm und brutal: jeder männliche Blick, der seine junge Gattin streifte, schien ihm unrein, und ihr kindliches Lachen über einen Scherz in der Gesellschaft sah er für unverzeihliche Koketterie an. Es ging so weit, daß er, wenn er fortging, seine Frau in der Wohnung einsperrte, und das junge Weib, eigentlich nach ein Kind, weinte hinter Schloß und Riegel bittere Tränen vor kindlichem Kummer und tief verletztem Frauenstolz... Im dritten oder vierten Jahre der Ehe hatte mein Vater einmal dienstlich auf dem Lande zu tun, wo er in einer rauchigen Stube übernachtete. Am anderen Morgen trug man ihn bewußtlos hinaus und legte ihn im bloßen Hemd auf den Schnee. Er kam wieder zu sich, war aber zur Hälfte gelähmt. Als man ihn der Mutter zurückbrachte, war er fast völlig unbeweglich und er blieb, trotz aller ergriffenen Maßnahmen, für sein Leben ein Krüppel. So war das Schicksal meiner Mutter gleich im Anfang an einen Mann gekettet, der mehr als doppelt so alt war wie sie, den sie noch nicht lieben konnte, weil sie ein völliges Kind war, der sie vom ersten Tage an quälte und kränkte und der endlich ein Krüppel wurde. Und doch weiß ich nicht zu sagen, ob sie unglücklich war... Schon zu meiner Zeit wurde einmal auf Grund irgendeiner Denunziation das Verfahren zwecks Ungültigkeitserklärung der Ehe meiner Eltern eingeleitet, und mein Vater war ernstlich in Sorge. In unserem Hause tauchten uns bis dahin unbekannte Gestalten in Uniformen mit Messingknöpfen auf, die der Vater empfing, zu Tisch lud, denen zu Ehren er Abendgesellschaften mit Kartenspiel veranstaltete. Aus dieser Kollektion von Konsistorialbeamten hat sich besonders ein Sekretär meinem Gedächtnis eingeprägt: ein kleines Kerlchen in langem Uniformrock, dessen Falten beinahe am Boden schleiften, mit unsauberem Gesicht, das wie ein rotes Löschblatt mit schwarzen Tintenklexen aussah und in dem zwei kleine funkelnde Äuglein in stetiger Bewegung waren. Dieser Herr hatte die Gepflogenheit, bevor er sich an den Mittagstisch bei uns setzte, im Wohnzimmer herumzuschnüffeln und die darin befindlichen Gegenstände zu betrachten und zu betasten. Ich merkte auch, daß diejenigen Sachen, auf denen seine stechenden Äuglein mit besonderer Aufmerksamkeit verweilten, bald darauf aus unserer Wohnung zu verschwinden pflegten. So verschwand unter anderem eine Familienkostbarkeit: ein großes Teleskop, durch das uns der Vater oft den Mond zeigte. Wir Kinder jammerten sehr um diesen Verlust, Vater aber sagte mit traurigem Humor: der Herr mit den langen Rockfalten könne so machen, daß er, Vater, und Mama nicht mehr miteinander verheiratet wären und daß sie ein Mönch und eine Nonne werden. Da aber unverheiratete Leute und obendrein Mönche keine Kinder haben dürfen, fügte der Vater hinzu, so werdet auch ihr zu existieren aufhören .... Wir wußten wohl, daß dies ein Scherz war, dennoch bemächtigte sich unser das Gefühl, daß nunmehr unser ganzes Familiendasein auf rätselhafte Weise von jenem Kerl mit den Metallknöpfen am Rock und mit dem Gesicht wie ein Tintenklex abhing. Einmal, als ich zu jener Zeit aus irgendeinem Anlaß in das Schlafzimmer meiner Mutter lief, fand ich dort Vater und Mutter beide mit verweinten Gesichtern beieinander. Der Vater saß vorgebeugt und küßte ihre Hand, sie aber streichelte zärtlich seinen Kopf und tröstete ihn wie ein Kind. Ich hatte bis dahin zwischen meinen Eltern derartiges nicht gesehen, und mein Knabenherz zuckte in dunkler Ahnung zusammen. Offenbar war jenes Schreckliche, wovor sich Vater so fürchtete, schon losgebrochen .... Es stellte sich jedoch heraus, daß das Gewitter sich glücklich verzogen hatte, und bald verschwanden auch die unheimlichen Konsistorialgestalten aus unserer Wohnung. Mir ist aber jener Augenblick, als ich Vater und Mutter so erschüttert und voller Liebe und Mitleid für einander sah, unvergeßlich geblieben. Offenbar hatten sie sich zu jener Zeit bereits gefunden und waren einander in stiller aber inniger Liebe zugetan. Der Vater mochte endlich begriffen haben, welches Wesen ihm das Schicksal zufällig, unabhängig von seinen Plänen geschenkt hatte, und seine beleidigende Eifersucht machte ruhigem Vertrauen Platz. Eben dieser Ton gegenseitiger Achtung und Freundschaft zwischen meinen Eltern ist in meinem Gedächtnis mit jener Periode verbunden, in der mir die Welt unveränderlich und unbeweglich schien. Die Tragödie dieser Ehe und der Schicksalsschlag, der meinen Vater niedergestreckt hatte, waren für uns Kinder irgendwo in die graue Vorzeit unserer Familie entrückt, in jene Vorzeit, von der bei uns nicht einmal mehr gesprochen wurde .... Auf meinen Vater hatten jedoch all jene Erlebnisse einen düsteren Schatten geworfen. Er war ein Mensch von inniger Religiosität und betrachtete sein Unglück, wie ich glaube, als die gerechte Strafe für seine Jugendsünden. Ja, er argwöhnte, daß seine verfehlte Jugend sich auch an seinen Kindern rächen möchte, daß wir unbedingt körperlich schwächlich geraten und daß er selbst es nicht mehr erleben würde, uns zum Kampfe ums Dasein gehörig auszurüsten. Deshalb war es seine größte Sorge, an sich selbst und an uns beständig herumzukurieren. Ein Mensch von phantastischen Einfällen und von unerschütterlichem Glauben an wundertätige Universalmittel, ließ er uns nacheinander die wohltätige Wirkung der Pulswärmer erproben, der Fontanellen hinter den Ohren, des Lebertrans mit Brot und Salz, des blutreinigenden Syrups Matthäi, der Morissonschen Pillen, sogar des »Bohnscheidtschen Punktierapparats«, der durch tausend kleine Nadelstiche angeblich die Blutzirkulation wunderbar anregte. Dann tauchte bei uns ein Homöopath Dr. Tscherwinski auf, ein rundes Männlein mit dickem Spazierstock in Gestalt des Merkurstabs mit einer Schlange. In jener Periode brach mein älterer Bruder, der ein großes Leckermaul war, einmal in Abwesenheit der Eltern in der homöopathischen Hausapotheke ein und schluckte den ganzen väterlichen Vorrat an Arsenpillen. Der Vater kriegte einen heftigen Schreck, als er aber sah, daß mein Bruder heil und munter blieb, stiegen ihm etwelche Zweifel in bezug auf die Homöopathie auf. Nach diesem Vorfall verschwanden die tiefsinnigen Werke Hannemanns von Vaters Tische und an ihrer Stelle erschien ein neues Büchlein in schlichtem, schwarzem Einband. Auf dem Titelblatt war eine Vignette mit folgendem poetischen Spruch in polnischer Sprache angebracht: Willst ein hohes Alter du erreichen und Muskel wie Stahl, So trinke Wasser, bade, steh unter dem kalten Strahl! Zur größeren Überzeugung waren auf der Vignette drei nackte Männer von achtunggebietendem Leibesumfang abgebildet, von denen der eine unter dem »kalten Strahl« stand, der andere in der Badewanne saß, der dritte aber mit sichtlichem Behagen aus einem gewaltigen Krug Wasser in seinen Schlund goß. Wir Kinder betrachteten arglos die Vignette. Ihre eigentliche Bedeutung sollte uns erst am andern Morgen aufgehen, als der Vater uns aus den Betten holen und in sein Zimmer bringen ließ. Dort stand bereits ein großer Bottich mit kaltem Wasser. In diesen ließ uns der Vater, nachdem er die ganze Prozedur am eigenen Leibe vorgemacht hatte, der Reihe nach steigen, schöpfte dann mit einer Blechkanne Wasser und begoß uns von Kopf bis Fuß mit dem eisigen Naß. Das Verfahren war freilich etwas barbarisch, hat uns aber weiter keinen Schaden zugefügt, und bald waren wir derart »abgehärtet«, daß wir beide – ich und mein jüngerer Bruder – uns jeden Morgen barfuß im bloßen Hemde in einen alten Wagen im Hof retteten, wo wir zitternd vor Kälte (es war nämlich im Herbst und Rauhreif lag schon in der Frühe) warteten, bis der Vater zum Dienst ging. Die Mutter versprach ihm jedesmal, die Prozedur des Begießens nach der Rückkehr der Flüchtlinge gewissenhaft vorzunehmen, aber – der liebe Gott wird ihr's wohl nachsehen – manchmal täuschte sie sein Vertrauen. Und da wir uns ohnehin bei jeglichem Wetter den ganzen Tag draußen in frischer Luft und völliger Freiheit tummelten, so mußte angesichts unseres unveränderlich blühenden Äußeren und unserer Unversehrtheit selbst die ängstliche Sorge des Vaters endlich weichen. Dieser heilige Glaube an »das Buch« und »die Wissenschaft« war überhaupt ein bemerkenswerter und rührender Zug im Wesen meines Vaters, obwohl er manchmal unerwartete Ergebnisse zeitigte. So hatte der Vater einmal, ich weiß nicht wo, eine Broschüre erstanden, deren Verfasser versicherte, man könne mit Borax, Salpeter und, ich glaube, Schwefel, unter Zusatz von ganz geringen Mengen des üblichen Pferdefutters die Pferde wunderbar aufzüchten. Wir hatten damals ein paar kräftige Wallachen, an denen Vater nun zu experimentieren anfing. Die armen Tiere magerten ab und verfielen zusehends, Vater jedoch war derart von der Unfehlbarkeit seines gelehrten Rezepts eingenommen, daß er nichts merkte und auf die besorgten Fragen der Mutter, ob die Tiere an der Wissenschaft am Ende nicht krepieren würden, bloß antwortete: »Belehre Kranker den Medikus! Die Tiere nehmen zu und du erzählst solchen Unsinn. Nicht wahr, Phillipp, sie nehmen doch zu?« »Na gewiß doch haben sie zugenommen,« bestätigte der schlaue Kutscher. »Des Richters Mähren« wurden in der ganzen Stadt durch ihre erschreckende Magerkeit berühmt sowie durch die Gier, womit sie die Koppel und alle Zäune benagten. Der Vater jedoch sah nur die »Besserung«, bis eines schönen Morgens eines der Tiere ohne jeden ersichtlichen Grund das Zeitliche segnete. Ich sehe noch den Ausdruck schmerzlichen Staunens und der Reue, womit Vater an dem Leichnam des armen Dulders stand. Dem anderen Pferd ließ er sofort Hafer und Heu, diesmal ohne wissenschaftlichen Zusatz, aufschütten, und nach einiger Zeit hat er es, glaube ich, verkauft. Übrigens stellte sich später heraus, daß an jenem Fiasko nicht die Wissenschaft allein ihr Teil hatte, sondern auch der Kutscher, der auch das bißchen Hafer und Heu, das für die Pferde bestimmt war, zu vertrinken pflegte und die Tiere auf reinen Borax mit Salpeter setzte. Wie dem sein mochte, das Experiment wurde nicht wieder erneuert. Meinem Vater gingen augenscheinlich irgendwelche früheren Pläne noch lange im Kopfe herum, und er suchte auf jede Weise aus den eisernen Fesseln der grauen Alltagsrutine zu entkommen. Bald verschaffte er sich ein Fernrohr und astronomische Werke, bald fing er an, Mathematik zu studieren, bald kam er mit italienischen Büchern beladen nach Hause und besorgte sich Wörterbücher. Abends, wenn er keine Schriftsätze und Urteile auszufertigen hatte, verwendete er seine Muße zum Lesen und wandelte mitunter in der Wohnung auf und ab, offenbar in tiefes Nachdenken über das Gelesene versunken. Manchmal teilte er seine Gedanken der Mutter mit, manchmal aber, wenn die Mutter nicht zugegen war, wandte er sich mit rührender Harmlosigkeit an eins von uns Kindern. Ich erinnere mich, wie ich einmal allein mit ihm im Zimmer saß, als er sein Buch weglegte, nachdenklich das Zimmer durchmaß und dann vor mir stehen blieb. »Die Philosophen behaupten, daß der Mensch ohne Worte gar nicht denken könne,« sagte er. »Sobald der Mensch anfängt zu denken, verstehst du, hat er auch schon Worte im Kopf... Hm, was sagst du dazu?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann er im Zimmer auf und ab zu wandern, wobei er mit dem Stock aufstieß und das linke Bein leicht nachschleppte, offenbar ganz in die Nachprüfung des psychologischen Problems vertieft. Dann hielt er wieder vor mir und sagte: »Wenn dem so ist, dann kann ein Hund nicht denken, denn er kennt keine Worte.« »Der Star versteht Worte,« antwortete ich mit Überzeugung. »Nun was, das genügt nicht!« Ich war damals noch ein ganz kleiner Junge und ging noch nicht einmal in die Schule, aber die harmlose Art, wie der Vater jene Frage an mich richtete und seine Nachdenklichkeit steckten mich an. Während er schweigend im Zimmer auf und ab wanderte, saß ich auch still und suchte meinem Denkprozeß nachzuspüren. Natürlich kam dabei nichts heraus, aber ich bemühte mich auch später mehr als einmal, jene verschwommenen Gedankenbilder und formlosen Ansätze zu Wortbildungen zu packen, die manchmal wie Schatten auf dem Hintergrund des Bewußtseins vorübergleiten, ohne feste Form anzunehmen. »Da versprechen die Engländer viel Geld demjenigen, der ein neues Wort erfindet,« sagte mein Vater ein anderes Mal, als wir alle am Mittagstisch saßen. »Ein großes Kunststück das!« rief naseweis mein ältester Bruder, »ich werde gleich eins erfinden.« Und er sprudelte, ohne sich lang zu besinnen, irgendein ganz tolles Wort hervor. Wir anderen lachten. »Äh, du Schafskopf!« sagte der Vater, sichtlich geärgert durch dies leichtsinnige Verhalten gegenüber der Preisaufgabe der gelehrten Engländer. Wir alle ergriffen jedoch für den Bruder Partei. »Wieso denn Schafskopf, wenn er doch wirklich eines erfunden hat?« »Erfunden, erfunden! Nun und was bedeutet denn dein Wort?« »Was es bedeutet?« ... Mein Bruder stutzte einen Moment, setzte aber rasch hinzu: »Gar nichts bedeutet es, aber neu ist es.« »Da haben wir's eben, daß du ein Schafskopf bist! Das Wort soll etwas bedeuten und einen Sinn haben und kein anderes Wort von gleicher Bedeutung darf es geben ... Denn so kann freilich manch einer was erfinden. Die Gelehrten sind nicht dümmer als ihr und werden nicht in den Tag hineinreden ... Immerhin – fügte er dann hinzu – erfinden läßt sich das Wort, denk ich, wohl ...« »Einige Philosophen behaupten, es gebe keinen Gott,« sagte er ein anderes Mal bei Tisch. »Ach Unsinn!« meinte die Mutter, »wozu wiederholst du solches Zeug?« »Belehre Kranke den Medikus!«, erwiderte der Vater. »Das sagen nicht bloß dumme Leute, sondern sehr gelehrte Männer ...« »Nun, wer hat denn dann die Welt und die Menschen geschaffen?« »Ein Engländer will wissen, daß der Mensch vom Affen abstammt.« »Na und der Affe von wem?« Wir alle, den Vater inbegriffen, mußten lachen. »Das ist freilich eine Verirrung des menschlichen Geistes,« sagte der Vater und fügte dann mit Überzeugung und einiger Feierlichkeit hinzu: »Es gibt freilich einen Gott, Kinder, der alles sieht ... alles! Und er bestraft schwer die Sünden ...« Ich weiß nicht, war es bei dieser oder bei einer anderen Gelegenheit, daß er mit besonderem Nachdruck sagte: »In der Schrift heißt es, daß die Eltern in ihren Nachkommen bis zum siebenundsiebzigsten Glied bestraft werden. Das mag schon ungerecht erscheinen, aber ... vielleicht verstehen wir nicht ... Gott ist dennoch barmherzig ...« Erst jetzt weiß ich, welche Bedeutung für ihn dieser Spruch der Bibel hatte ... Er fürchtete, daß wir für seine Sünden zu büßen haben würden. Sein Gewissen bäumte sich gegen diese Ungerechtigkeit auf, während ihn der Glaube zur Demut mahnte und Hoffnung verhieß ... In der Konduitenliste meines Vaters steht der Vermerk, daß er seine Erziehung in einem »nichtprivilegierten Pensionat« der Stadt Kischinew genossen hatte. Offenbar lief diese Erziehung ungefähr auf die »häusliche« hinaus. Doch fast bis an sein Lebensende hatte der Vater geistige Interessen bewahrt und die ersten Vorstellungen, die über den Rahmen der uns damals vertrauten Welt hinausgingen, Vorstellungen von Gott und von einer Wissenschaft, welche die Menschenseele und die Weltordnung zu ergründen sucht, haben wir Kinder von diesem schlichten, halbgebildeten Manne empfangen. So naiv und einfach diese Vorstellungen waren, sie drangen, vielleicht gerade infolge ihrer beinahe kindlichen Einfalt, tief in unsere Seelen und blieben dort als erste Keime künftiger Gedanken haften ... Jenes Haus, in dem wir, wie ich einmal glaubte, »schon immer« gewohnt hatten, stand in einem engen Gäßchen, das auf einen kleinen Platz mündete. Von diesem strahlten mehrere Straßen aus, zwei davon führten auf Friedhöfe. Eine dieser Straßen hieß »die Chaussee«. Sie wurde von Postkutschen mit aufgebundenen Glöckchen befahren, und da der belebte Teil der Stadt eigentlich hier zu Ende war, so pflegten die Postillone manchmal zu halten und die Glöckchen loszubinden. Dann setzte sich die Kutsche mit lautem Schellengeläute in Bewegung, das nach und nach ferner und schwächer erklang und endlich erstarb, in dem Maße wie die Kutsche immer kleiner wurde und schließlich zu einem Punkt zusammenschrumpfte. Die schnurgerade Straße war sehr lang. Häuser wechselten hier ab mit Zäunen, unbebauten Plätzen, halb eingesunkenen Hütten; die Fernsicht schloß mit Gruppen üppigen Grüns ab, das über die Zäune auf die Straße herabhing. Dieses Grün kam auf der einen Seite vom »orthodoxen«, d.h. russischen Friedhof, auf der anderen aus irgendeinem Privatgarten. Zwischen diesen grünen Flecken tauchte zum letztenmal alles auf, was sich die Chaussee entlang aus der Stadt entfernte, bis es in der dunstigen Ferne entschwand ... Mein Bruder und ich, wir beobachteten von der Ecke unseres Gäßchens oder von der Höhe unseres Zaunes oft stundenlang, wie in dieser Fernsicht abwechselnd Postwagen, hohe jüdische »Balagulen« Früher bei den polnischen Juden gebräuchliche große Transportwagen mit gewölbtem Dach aus Leinwand, die auf Reifen gespannt war. D. Ü. , ungefüge Eilkutschen, einfache Bauernwagen verschwanden. Gab es aber ein Begräbnis, dann waren wir von unserer Ecke nicht fortzubringen, ehe der Leichenzug jenen äußersten Punkt erreicht hatte. Dann trat der formlose Fleck des Menschenhaufens noch einmal deutlich in Sicht. Die Kirchenfahnen tauchten auf und senkten sich unter den Toren und Baumzweigen, der Katafalk zeigte sich als wagerechter Strich, und alles das strömte in die Umzäunung des Friedhofs hinein. Dann wußten wir: »Alles ist aus« ... Meine frühesten Vorstellungen von der Ferne sind unzertrennlich mit der langen Perspektive jener Chaussee verbunden und vielleicht hat bei mir diese Verknüpfung mit Begräbnis und Tod zu der Tiefe und Traumhaftigkeit jener Vorstellungen beigetragen. Die Straße stieg, in dem Maße wie sie sich entfernte, sanft hinan, und alles, was sich auf ihr zur Stadt heranbewegte, schien gleichsam hinabzugleiten. Ich weiß jetzt noch, wie ich in meiner frühesten Kindheit einmal überwältigt war, als ein kleiner viereckiger Fleck, der sich in der Fernsicht der Chaussee vom Horizont ablöste, zu wachsen begann, immer näher heranglitt, bis er sich nach einiger Zeit als zahllose Soldatenkolonnen entfaltete, die ganze Straße einnahm, sie mit dem Gestampf von Tausenden von Füßen, mit dem Gedröhn der Militärmusik erfüllte ... Die Soldaten trugen kleine, schirmlose Mützen und kurze, stark verschlissene Jacken, die Offiziere hatten steife Tschakos mit Federbusch oder mit metallenen Troddeln auf dem Kopfe. Alle marschierten im Takt, und es lag etwas Stahlhartes in diesem strenggemessenen Massentritt. In der Menge um uns wurde gesagt, die Leute kehrten aus dem Krieg »von Sebastopol« heim ... Auch Sträflinge mit klirrenden Ketten passierten mitunter die Chaussee, und ich entsinne mich, wie einmal eine finstere Gestalt zur »öffentlichen Züchtigung« an uns vorbeigeführt wurde. An der Spitze marschierte ein Trupp Soldaten mit vier Trommlern, die hart und dicht den Trommelwirbel schlugen; bei jedem Schritt hoben sich die Trommeln auf ihrem linken Knie in die Höhe, der Wirbel ergoß sich aber immer gleich unerbittlich, streng und unheilkündend. Den Soldaten folgte ein Leiterwagen, auf dem eine hohe Bank angebracht war; ein Mensch saß darauf mit rückwärts angebundenen Armen. Sein unbedeckter Kopf hing tief auf die Brust herab und baumelte kraftlos bei jeder Erschütterung des Wagens auf dem Pflaster. Vor seiner Brust hing eine schwarze Tafel, auf der mit großen weißen Lettern etwas geschrieben stand. Und diese ganze unheimliche Gestalt schien hoch über der Menge in der Luft zu schwimmen, als beherrsche sie den lebendigen Strom zu ihren Füßen. Dem Wagen folgte wieder ein Trupp Soldaten und hinter diesen liefen Menschen in dichten Scharen einher. Wir Kinder begriffen kaum, um was es sich handelte, und auf den Platz selbst ließ man uns natürlich nicht gehen. Aber der Diener Handylo, der mit der Menge hingelaufen war, berichtete nachher in der Küche sehr eingehend, wie der »Mordbube« auf dem Schaffott auf eine Bank geschnallt wurde, wie der Henker mit der Knute knallte und dabei angeblich den Spruch tat: »Vater und Mutter haben dich nicht gelehrt, nun werde ich dich lehren!« Wie er dann rief: »Hab acht, es geht los!«, und wie dann auf dem ganzen Platz das Sausen der Knute und die unmenschlichen Schreie des Gezüchtigten zu hören waren ... Unsere weibliche Dienerschaft stieß auch bei der Erzählung Schreie aus und schlug das Kreuz. Dies war, glaube ich, die letzte »öffentliche Züchtigung« in unserer Stadt. Überhaupt zog über die gerade Chaussee gar viel des Interessanten, Neuen und manchmal Furchtbaren hin zur Stadt und aus der Stadt an uns vorüber. Die andere Straße, die an unserem Gäßchen schroff nach links abbog, führte zum katholischen und zum evangelischen Friedhof. Sie war breit, wenig bebaut, ungepflastert und tief mit Sand bedeckt. Lautlos bewegten sich hier die Leichenwagen bis zur Nabe im reinen gelben Sand versinkend, sonst aber gab es hier wenig Leben. In dem spitzen Winkel, den diese Straße mit unserem Gäßchen bildete, stand ein Schilderhäuschen, worin ein alter Polizeiwächter postiert war, der noch eine Hellebarde trug (kurz darauf wurden die Hellebarden abgeschafft). Hinter dem Schilderhäuschen, inmitten eines üppigen Gartens, der, ich weiß nicht mehr wem, gehörte, ragte eine kolossale »Figur« – wie man in Polen sagt –, ein altes Kruzifix, mit kleinem Schutzdach über dem Haupte des Christus. Irgendeine fromme Seele hatte es hier an der Ecke errichtet, und der Gekreuzigte schien mit seinen ausgestreckten Armen sowohl diejenigen, die sich auf der Chaussee zum »russischen Friedhof« entfernten, wie diejenigen, die von schwarzbehangenen, im Sande versinkenden Pferden lautlos auf den »polnischen Friedhof« geführt wurden, zur ewigen Ruhe zu segnen. Gerade gegenüber der »Figur« stand aber seit uralter Zeit eine Schenke, eine dunkle, verfallene Baracke, die sich stark auf die Seite geneigt hatte und sich nach vorne zur Straße hinaus auf ein paar Holzpfähle wie auf Krücken stützte. Drinnen kreischte fast zu jeder Tages- und Nachtzeit der Fiedelbogen und dröhnte die Trommel. Manchmal mischte sich in die durchdringende weibliche Klage, die einen Sarg begleitete, das wilde Juchzen und der trunkene Lärm der Schenke. Es waren noch einfache Sitten ... Unser Hof war still und gemütlich. Von den Straßen war er durch zwei steinerne Häuser getrennt. In einem dieser Häuser wohnte die Familie unseres Hausbesitzers, deren Wohnung und Einrichtung mir als der Gipfel des Reichtums und des Luxus vorkamen. Das Hoftor ging auf das Gäßchen hinaus, und darüber hing das dichte Gezweig einer alten Silberpappel tief herab. Wenn der majestätische Kutscher mit der Kalesche des Hausbesitzers zum Hoftor hineinfuhr, mußte er den Kopf jedesmal sehr tief vornüberbeugen, damit sein hoher, mit Band und Posamenten geschmückter Hut nicht von den Zweigen heruntergerissen wurde. Das Quergebäude, in dem wir wohnten, stand im Hintergrunde des Hofes, mit der einen Seite an das große steinerne Haus, mit der anderen Seite an einen dicht bewachsenen Garten stoßend. Rückwärts von dem unseren stand aber noch ein winziges Hintergebäude, in dem seit undenklichen Zeiten der Militärarzt Dubarew hauste. Unser Hausbesitzer war Pole, den man »Pan Komornik« (Herr Landmesser) titulierte. Das war ein Greis von hoher Gestalt und ziemlicher Beleibtheit, aber immer noch eine stattliche Erscheinung, mit weißem Schnurrbart und weißem, rund um den Kopf gerade geschnittenem Haar. Ich erinnere mich dunkel an diese eigenartige altmodische Gestalt. Werktags pflegte er gewöhnlich vom frühen Morgen an in blauer Jacke auf dem Hof, wie ein fleißiger Verwalter, in der Wirtschaft zu hantieren. Kam aber der Sonntag, dann zog Pan Komornik einen prächtigen »Kontusch« von blauer oder himbeerroter Farbe mit Schlitzärmeln an, darunter einen hellen »Schupan«, weite samtene Pluderhosen, schnallte einen kostbaren Gurt um, hängte einen krummen Säbel daran, setzte eine polnische »Konföderatenmütze« mit vier Zipfeln auf und begab sich, sein Gebetbuch in der Hand, zur Kirche. Seine Frau, die bedeutend jünger war als er, sowie deren weiblicher Hofstaat fuhr bei solchen Gelegenheiten in einer mit prachtvollen Pferden bespannten Kalesche, er aber ging stets zu Fuß. Geschah es einmal, daß er erkrankte, dann befahl er gewöhnlich den Backofen in der Küche glühend heiß zu machen, ließ Stroh drein breiten und legte sich ganz nackt auf das Strohlager. Nach mehreren Stunden verließ er den Ofen wie gebrüht, trank Lindenblütentee, und am anderen Morgen wirtschaftete er gewöhnlich wieder in Hof und Stall herum. Alles dies erfuhr ich erst später aus Erzählungen. Des Herrn Kolanowski selbst entsinne ich mich deutlich nur aus seinen letzten Tagen. Einmal fühlte er sich unwohl und ergriff seine üblichen Maßnahmen, die jedoch diesmal versagten. Alsdann erklärte er seiner Frau: »Jetzt ist es aus mit mir.« Die Frau schickte nach Ärzten. In unserem Hof ließ sich bald der homöopathische Herr Tscherwinski mit seinem Merkurstab, bald der dicke Herr Woyciechowski sehen. Der alte »Komornik« blickte mißtrauisch auf diese Anstalten und behauptete unerschütterlich, er werde bald sterben. Deutlich sehe ich mich selbst zu jener Zeit in seinem Krankenzimmer. Ich hockte auf dem Fußboden neben einem Sessel, spielte mit irgendeiner Quaste und blieb so stundenlang sitzen. Ich bin mir jetzt nicht klar, welche Vorstellung damals mein Gehirn beherrschte. Ich weiß nur, daß ich, als mich einer der Besucher, der mich neben dem Stuhl entdeckt hatte, frug: »Und was treibst denn du hier, Büblein?«, mit großem Ernst geantwortet habe: »Ich halte Wache bei dem alten Kolanowski.« Der Bauch des Kranken erzitterte ein wenig unter der Decke, und er sagte mit mattem Lächeln: »Er wird dir aber doch entwischen.« Und er entwischte mir in der Tat. Zwei oder drei Tage später lag der alte Kolanowski feierlich und majestätisch auf der Bahre. Man hatte ihm seine Sonntagstracht angezogen: den hellgelben Schupan und den blauen Kontusch, ihm zur Seite lag der krumme Säbel und daneben auf dem Stuhl die Konföderatenmütze mit der Reiherfeder. Sein bei Lebzeiten rotes Gesicht war so weiß wie sein Schnurrbart ... Tags darauf füllte sich unser Hof mit einer Menge Menschen, die Kirchenfahnen wurden herbeigeholt, allein es zeigte sich, daß der riesige Katafalk nicht zum Tor hineinkonnte. Alsdann stieg jemand von dem Gesinde auf die Silberpappel und fing an, den großen untersten Zweig herunterzuhauen. Als der Zweig am Boden lag, betrachtete ich ihn und die oben über dem Tor entstandene Lücke mit derselben Empfindung, wie die seltsame Figur des alten Kolanowski. Mag sein, daß ich wußte, dies sei der Tod, aber das flößte mir damals weder Furcht noch Trauer ein. Der Zweig – dachte ich mir – ist eben merkwürdigerweise auf den Boden gefallen, statt oben zu hängen, und Pan Kolanowski hat sich herausgeputzt, um zur Kirche zu gehen, anstatt dessen aber blieb er den ganzen Tag auf dem Tisch liegen ... Nach dem Begräbnis erhielt sich in unserem Hof eine Zeitlang das Gerücht, der alte Komornik würde des Nachts gesehen, wie er sich, ganz als wäre er noch am Leben, in der Wirtschaft zu schaffen mache. Das war wiederum eine Merkwürdigkeit an ihm, denn früher pflegte er ja seine Wirtschaft bei Tag zu besorgen. Ich glaube jedoch, wenn ich damals dem Alten irgendwo im Hof, im Garten oder im Stall begegnet wäre, so hätte mich das nicht sonderlich überrascht, und ich hätte ihn am Ende nur gefragt, wie er das seltsame Benehmen erklären wolle, das er seit dem Tage zur Schau trage, an dem er mir »entwischte«. In jenen Jahren war die polnische Nationaltracht bereits aus der Mode gekommen oder sogar schon verboten. Doch der reiche und hochmütige »Pan Komornik« fügte sich den neuen Sitten nicht; er lebte und starb sich selbst und seiner Zeit getreu. Und wenn ich jetzt an jene eigenartige Charaktergestalt, die an mir nur undeutlich vorbeigehuscht war, zurückdenke, so ist es mir, als ob es das ehemalige alte Polen, das Vaterland meiner Mutter selbst wäre, das eigenartig, stark und in seiner Eigenart schön, durch eine geheimnisvolle Tür entschwindet, während ich gleichzeitig eine andere Tür öffne und dabei jener entschwindenden Gestalt doch noch einen hellen, prüfenden Kinderblick nachsende ... Das Leben in unserem Hof floß immer still im gleichen Geleise dahin. Mein ältester Bruder war um zweieinhalb Jahre älter als ich, der jüngere hingegen im gleichen Jahre mit mir geboren. Daher standen wir zwei uns natürlich näher. Wir pflegten beide sehr früh aufzustehen, während die Häuser im Hof noch in tiefem Schlummer lagen. Nur die Knechte in den Ställen putzten schon um jene Stunde die Pferde und führten sie zur Tränke. Hin und wieder erlaubten sie uns, die Tiere an der Leine zu führen, und dieses Vertrauen hob uns sehr in der eigenen Meinung. Nach den Stallknechten pflegten die Köchinnen zu erwachen und zum Holzholen in den Schuppen zu gehen. Pünktlich um halb acht Uhr fuhr an unserer Treppe der Wagen vor, und der Vater begab sich zum Dienst. Dies alles wiederholte sich jeden Tag und erschien uns wie ein unverbrüchliches Naturgesetz, desgleichen, daß die Mutter bereits gegen drei Uhr den Tisch deckte. Um drei ließ sich wieder das Rollen der Wagenräder vernehmen, der Vater trat ins Haus, und gleichzeitig wurde die Suppenschüssel aus der Küche ins Speisezimmer getragen. In der Zwischenzeit war unser Hof gewöhnlich wie ausgestorben. Die müßigen Stallknechte legten sich schlafen, wir beide aber – mein Bruder und ich – schlenderten im Hof und Garten umher, blickten vom Zaun auf das Gäßchen oder auf die lange Chaussee hinaus, erkundigten uns nach Neuigkeiten und teilten sie einander mit. Indes stieg die Sonne immer höher, erhitzte die Pflastersteine bis zur Glut und goß über unser Anwesen eine echt »oblomow'sche« Mattigkeit und Öde aus Oblomow ist der Held eines bekannten gleichnamigen Romans von Gontscharow , in deutscher Übersetzung bei Bruno Cassirer, Berlin, erschienen. D. Ü. . Eine eigenartige Erinnerung ist mir aus jenen Stunden des Herumlungerns in der ermattenden Mittagshitze im Gedächtnis geblieben. Auf unseren Hof hatte sich einmal eine Katze verirrt, die eine schlimme Pfote hatte. Wir gaben ihr zu fressen, und sie gewöhnte sich an uns. Manchmal in den Mittagsstunden suchte ich die Katze hervor, trug sie in den Hinterhof, wo alte Wagenschlitten herumstanden, legte mich mit ihr in einen dieser Kasten hinein und begann sie zu streicheln. Das Tier schnurrte dankbar, leckte mein Gesicht, blickte mir in die Augen und schien mein Wohlwollen und meine Teilnahme ganz bewußt zu erwidern. Diese Freundschaft mit dem Tierchen nahm mich mitunter stundenlang in Anspruch. In dem Maße jedoch, als ihre Pfote zuheilte und die Katze selbst, wohlgenährt und satt, sich immer besser herausmachte, schwand ihre Dankbarkeit dahin. Früher pflegte sie auf jeden Ruf von mir sofort herbeizulaufen, tauchte aus Gott weiß welchen Löchern und Schlupfwinkeln auf, – jetzt passierte es, daß sie mir zu entschlüpfen suchte und sich offensichtlich stellte, als ob sie mich nicht gehört hätte. So verfuhr sie auch an einem heißen Tage, als ich, der ich mich gerade mit meinem Bruder verzankt hatte, ein besonders starkes Verlangen nach ihrer Freundschaft empfand. Sie strich eben am Zaun entlang, als ich aber rief, wollte sie mit ausgesuchter Tücke an mir vorbei in den Spalt huschen. Ich kriegte sie aber doch. Diesmal erwiderte sie meine Zärtlichkeit sehr zerstreut, ja selbst als ich sie daran mahnte, wie elend und unglücklich sie doch gewesen sei, machte es ihr durchaus keinen Eindruck. In ihren Augen war der ehemalige Widerschein meiner Gefühle nicht mehr zu finden, und in einem passenden Augenblick machte sie den Versuch, mir zu entwischen. Da packte mich Kummer und Ärger. Ihr Betragen schien mir als der Gipfel des Undanks, und außerdem verlangte ich leidenschaftlich nach unserer früheren Freundschaft. In meinem Hirn tauchte plötzlich der Gedanke auf, sie hätte mich nur geliebt, solange sie litt und ich ihr Mitleid erwies ... Ich packte sie am Schwanz und warf sie über meine Schulter. Das Tier schrie kläglich auf und hakte schmerzlich seine Krallen in meinen Rücken. Ich ließ augenblicklich los, und die Katze schoß wie ein Pfeil davon, während ich mit dem brennenden Gefühl der Schuld und der Reue zurückblieb ... Es kostete mich nachher nicht geringe Mühe, die Katze wieder zu fangen, und als mir dies gelungen war, gebrauchte ich alle Mittel, um ihr klar zu machen, daß ich mir meiner Schuld wohl bewußt sei und nur noch an die Wiederaussöhnung mit ihr denke. Unsere späteren Beziehungen waren friedlich, wenn auch ziemlich kühl, doch erinnere ich mich noch lebhaft an jenen merkwürdigen Anfall gekünstelten Mitleids unter der ermattenden Wirkung der Öde in dem glühendheißen und bis zum Überdruß wohlbekannten Hofe. Das »Jenseits« und die mystische Furcht. Ich kann mich kaum entsinnen, wann ich zum ersten Male vom »Jenseits« hörte. Das kommt wohl daher, weil dies sehr früh der Fall war, und das Wort mir eher vertraut wurde, als seine eigentliche Bedeutung. Ich wußte, soweit ich zurückdenken kann, daß wir ein kleines Schwesterlein, die Sonja, gehabt hatten, das gestorben war und sich im »Jenseits« beim lieben Gott befand. Diese Vorstellung war mit Trauer vermischt, denn die Mutter hatte, wenn man von Sonja sprach, gewöhnlich Tränen in den Augen. Zugleich war es aber eine lichte Vorstellung: die kleine Sonja ist ein Engel, hat es also sehr gut. Und da ich sie nie gekannt hatte, so schwebte sie selbst und ihr Engeldasein mir im »Jenseits« wie ein kleiner leuchtender Nebelfleck vor, der nichts Mystisches an sich hatte und mir keinen besonderen Eindruck machte. Dann hatte sich der Hausbesitzer, Pan Kolanowski, ins »Jenseits« begeben. Dieser pflegte dem Gerücht zufolge von dort bei Nacht zurückzukehren, und wenn ich vor ihm zunächst keine Furcht empfand, so lag in seinem Benehmen doch schon etwas Befremdendes. Er hatte gesagt, er werde mir doch »entwischen«, so spielte er gleichsam Verstecken, und nun kam er vor seinen Angehörigen und dem Gesinde insgeheim zurück. Das war unbegreiflich, beinahe hinterlistig, in allem Unbegreiflichen aber, was uns nahe berührt, steckt schon ein Element der Furcht. Zwei oder drei Jahre später leuchtete »Das Jenseits« vor uns Kindern plötzlich auf – diesmal unheimlich und grell, wie ein Wetterleuchten in dunkler Nacht ... Wir waren mit einem Knaben bekannt, der in unserem Alter stand und Slawek Lissowski hieß. Ich weiß nicht, was das für ein Name ist Slawek ist eine Verkleinerungsform des polnischen Vornamens Wladyslaw oder Boleslaw. D. Ü. , aber so wurde er gerufen, und uns gefiel der Name, wie wir auch den Knaben sehr gut leiden mochten. Er trug immer ein ganz kurzes Jäcklein mit weißem Krägelchen, war sehr schlank und über sein Alter hochaufgeschossen. Als er uns das erste Mal besuchte, kam er selbst, wie auch sein Gang, sein kurzes Jäcklein, sein weißer Kragen und seine Manschetten, uns außerordentlich komisch vor. Doch schon eine halbe Stunde später erwachte in dem langstieligen Knaben eine solche Fülle ursprünglicher Munterkeit und Schelmerei, daß wir ganz hingerissen waren. Und jedesmal, wenn er zu uns kam, brach bei uns eine tolle Ausgelassenheit aus, die weit über die Grenzen unserer üblichen Spiele hinausging. Einmal blieb er fast den ganzen Tag bei uns, und wir waren besonders mutwillig. Wir kletterten auf Zäune und Dächer, bewarfen einander mit Steinen, stiegen in fremde Gärten, beschädigten Bäume; Slawek zerriß an einem wilden Birnbaum sein Jäcklein, – überhaupt trieben wir so viel Unfug, daß uns noch zwei Tage nachher vor den Folgen angst und bange war. Alle hatten wir ein schlechtes Gewissen ... Und nun geschah es am dritten Tage um drei Uhr, bald nachdem sich das übliche Waffengerassel im Hofe vernehmen ließ, daß wir statt zu Tische in Vaters Zimmer gerufen wurden. Überzeugt, daß nun das dicke Ende unserer Streiche bevorstehe, traten wir leise und einigermaßen gedrückt ein. Im Zimmer fanden wir die Mutter mit einem ergriffenen, von Tränen feuchten Gesicht; auch der Vater schien ergriffen und traurig. »Kinder« sagte er, als er unser ansichtig wurde, »ich muß euch eine sehr traurige und schreckliche Nachricht mitteilen: Slawek ist gestern abend gestorben.« Keins von uns erwiderte etwas, und den Erwachsenen mochte es vorkommen, daß diese Nachricht auf uns Kinder keinen Eindruck gemacht hatte. Wir verließen leise das Zimmer und setzten uns an den Tisch. Aber keines von uns freute sich, daß der Schreck der väterlichen Züchtigung vorübergegangen war. Wir ahnten ein anderes, geheimnisvoll düsteres Schrecknis ... Am nächsten Tage wurden wir zum Begräbnis Slaweks geführt. Seine Eltern wohnten in der sandigen Friedhofstraße, dicht am Friedhof, und ich bekam zum erstenmal eine Ahnung, was Tod sei ... Slawek lag, ebenso schlank, fast noch höher aufgeschossen, in demselben dunkelgrünen Jäcklein mit weißem Kragen auf dem Tisch, genau wie Pan Kolanowski, er war ganz weiß im Gesicht und unbeweglich. Um ihn brannten Kerzen mit gelber Flamme, die Luft war dick und von einem besonderen Geruch erfüllt; im Zimmer hörte man leises Flüstern und Seufzen. Als aber Slawek mitsamt dem Sarge hochgehoben und aus dem Zimmer hinausgetragen wurde, stürzte ihm seine Mutter verzweifelt nach, schrie, man solle sie zusammen mit dem Sohn in die Erde legen, und jammerte, daß sie an seinem Tode selbst die Schuld trage. Abends flüsterte bei uns in der Küche die Dienerschaft, daß Slawek von seinen Eltern wegen des zerrissenen Jäckleins und der ausgelassenen Streiche die Rute gekriegt hatte. Er küßte ihnen die Hände, versprach, es nie wieder tun zu wollen, bat, ihm die Strafe nur diesmal zu erlassen und ihn lieber ein anderes Mal desto härter zu bestrafen, denn diesmal – rief er – würde er unbedingt daran sterben. »Sein Herz ahnte es also«, fügte man bedeutsam hinzu. Die Eltern wollten es jedoch nicht glauben und züchtigten ihn sehr hart. Gleich in der folgenden Nacht kriegte er hohes Fieber. Man holte den Arzt, allein tags darauf verschied der Junge gegen Abend, wie der Arzt meinte: »an einer Halsentzündung« ... Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir mit auf dem Friedhof waren. Wohl kaum, denn ich entsinne mich weder des Grabes noch des Versenkens in die Erde. Bei uns wurde den ganzen Tag über nur von diesem Todesfall gesprochen. Die Mutter sah geängstigt aus: sie war um uns besorgt, – obwohl man damals noch nicht so sehr an Ansteckung glaubte –, auch trauerte sie um fremdes Leid. Es war, glaube ich, am gleichen Tage, daß uns Pan Skalski, ein guter Freund meines Vaters und mein Pate, abends besuchte. Er hatte selbst ein Jahr zuvor einen Sohn verloren, der in Kijew im Kadettenkorps studierte. Sein Schmerz, der noch nicht ganz geheilt war, erneuerte sich nun, und er erzählte uns, wie er den Tod seines Sohnes erfahren hatte. Auf eine Nachricht des Vorstehers der Kadettenanstalt hin war er gleich nach Kijew gefahren. Ehe er aber in der Stadt anlangte, war es mittlerweile Abend und zu spät geworden, um noch in die Anstalt zu gehen. Er stieg also im nächsten Gasthof ab und blieb lange am offenen Fenster sitzen. Es war ein warmer heller Abend. Der Gedanke an den kranken Sohn wich nicht von ihm. Endlich schloß er das Fenster und blies das Licht aus ... »Da höre ich plötzlich«, erzählte Skalski mit ruhiger, trauriger Stimme, »höre, wie jemand an die Scheiben klopft, so: ein-, zwei- dreimal ... Ich stehe auf und trete ans Fenster: Niemand ist zu sehen. Auch lag das Zimmer im zweiten Stock. Ich lege mich also hin und höre wieder: poch – poch, poch – poch! Jemand bittet leise um Einlaß. Und der Mond scheint taghell, das Licht flutet nur so herein. Ich stehe wieder auf, trete ans Fenster und blicke hinaus, – da schlägt etwas in der Tat an die untere Scheibe, so ein kleines Knäuelchen schlägt gegen das Glas und pocht ... Ich laufe schnell wieder ans Fenster, reiße es auf« ... »Nun, und?« fragte der Vater. »Ein Maikäfer war's,« antwortete Skalski mit traurigem Ernst. »Ein Maikäfer?« »Ja, ein großer dunkler Maikäfer. Er schwirrte vom Fenster weg und flog – in der Richtung zur Kadettenanstalt. Ich blickte ihm nach und hörte noch eine Zeitlang sein Brummen, ganz wie Ächzen hörte es sich an ... Und da schlug gerade die Kirchenuhr. Ich zähle: elf war es« ... »Nun, was ist denn dabei?,« meinte wieder ruhig mein Vater. »Ein Maikäfer war vorbeigeflogen, das ist alles.« »Warte mal,« versetzte Skalski. »Am anderen Morgen gehe ich in die Kadettenanstalt. Ich frage beim Portier: Wo kann ich hier meinen kranken Sohn sehen?« »Belieben Euer Wohlgeboren in die Leichenkammer zu gehen,« sagt mir der Mann. Dann berichtete man mir: Schlag elf Uhr war er gestorben. Er also war es gewesen, den ich nicht ins Zimmer gelassen hatte. Seine Seele kam geflogen, um Abschied von mir zu nehmen.« »Ach was! Belehre Kranker den Medikus!« rief mein Vater. »Nichts als Köhlerglaube und Ammenmärchen. Der Junge ist an seiner Krankheit gestorben, und der Maikäfer hat nichts damit zu tun. Fliegen nicht genug Maikäfer herum?« »Nein, sage das nicht. Er pochte an die Scheibe so ... ganz eigentümlich. Und dann schwirrte er fort und ächzte. Ich aber blickte ihm nach, und mein Herz wollte mir aus der Brust springen.« Mein Vater war ein innig religiöser Mensch, jedoch von Aberglauben völlig frei, und seine nüchterne, mitunter humoristische Art, gruselige Erzählungen zu kommentieren, pflegte unsere Phantome und Ängste in hohem Maße zu verscheuchen. Allein diesmal, bei der Erzählung vom sterbenden Sohn und vom Maikäfer drang mir jedes Wort Skalskis, das von tiefer Überzeugung des erlebten Leids bebte, in die Seele. Und schon war es mir, als höre auch ich etwas an unsere Fensterscheibe schwirren und pochen ... An jenem Abend waren wir später als gewöhnlich schlafen gegangen, und ich erwachte tränenüberströmt mitten in der Nacht. Ich hatte einen schrecklichen Traum gehabt, dessen Einzelheiten mir nicht klar waren und die nur einen wirren Knäuel vor mir bildeten. Ich hatte dennoch den Slawek gesehen, hörte ihn um irgend etwas bitten, flehen und schluchzen ... Mein Herz krampfte sich vor tiefem Mitleid und zugleich vor Furcht zusammen. Im Nebenzimmer stand ein Leuchter mit brennender Kerze auf dem Fußboden, man hörte die Atemzüge meiner schlafenden Geschwister, hinter dem Fenster seufzte der Wind ... Ich wußte, daß dort draußen unser Hof lag, die Gartenwege, die alte Laube am Ende der Allee. Aber bei dem bloßen Gedanken, daß auf diesen mir so wohlbekannten Wegen nun vielleicht der alte Kolanowski und Slawek umhergingen, schnürte mir Grauen und Mitleid die Brust zusammen ... Ich brach in Schluchzen aus. Meine Mutter, die mich oft zur Nacht in ihr Bett zu nehmen pflegte, hörte mein Wimmern, erwachte und drückte mich an sich. Ich erfaßte ihren Arm, schmiegte mich an ihn und bedeckte ihn mit Küssen. Die Berührung ihres warmen lebendigen Körpers und ihre Liebkosungen beruhigten mich und ich schlief bald wieder ein. Doch selbst im Einschlafen fühlte ich, daß irgendwo in der Nähe, hinter den verriegelten Fensterläden, in dem dunklen Garten, in den von Finsternis erfüllten Winkeln des Zimmers irgend etwas Fremdes lauerte, – ein unheimliches lebendiges Wesen, etwas von dem geheimnisvollen Leben des »Jenseits«, das dem unsrigen aus irgendeinem Grunde feind ist ... So war die mystische Furcht in unseren Kinderseelen schon im Keime da, und die Umgebung trug natürlich nur dazu bei, sie großzuziehen. Mein Schwesterlein, das um 2-1/2 Jahr jünger war als ich, hatte eine alte Amme, die auch auf uns aufpassen sollte. Das war ein ganz kleines Hutzelweibchen mit verschrumpftem Gesicht und einer großen Haube auf dem Kopf, der dadurch ganz enorm erschien. Dieses alte Weiblein wußte eine Menge schrecklicher Erzählungen, übrigens vorwiegend Räubergeschichten. Besonders tiefen Eindruck machte mir eine Geschichte von der Mutter und Tochter. Der Räuber hatte die Mutter mit der Tochter allein im Hause getroffen und forderte ungestüm, sie sollten ihm ihr ganzes Geld hergeben. Die Mutter sagte, das Geld sei im Keller und führte den Räuber dahin. Die Tochter leuchtete voran mit der Laterne, ihr folgte der Räuber und die Mutter ging hinterdrein. Als der Räuber eingetreten war, schlug die Mutter die Kellertür zu. Die Tochter war mit dem Räuber allein geblieben. Das Weitere war ein kurzes Poem des Martyriums und des Todes. Die Tochter fleht aus dem Keller: »Schließ auf, schließ auf, lieb Mütterlein, sonst ist es um dein Kind geschehen« ... »Weh uns, weh uns, lieb Töchterlein, und schließe ich auf, so ist es um uns beide geschehen« ... »Schließ auf, schließ auf, lieb Mütterlein,« fleht wieder die Tochter ... Und so entwickelt sich Schritt für Schritt in dem Dialog an der verschlossenen Kellertür das Bild bestialischer Martern, die mit einem letzten Aufschrei enden: »Schließ nicht auf, schließ nicht auf, lieb Mütterlein, denn schon hat er deinem Kinde den weißen Leib aufgeschlitzt« ... Und dann wird es in dem dunklen Keller still. Die Alte belebte sich selbst bei diesen Schauergeschichten. Tagsüber pflegte sie meist auf ihrem Stuhl zu schlummern und im Schlaf Federn zu schleißen; ganze Berge des weißen Flaums erwuchsen vor ihr auf dem Boden. Abends hingegen im Halbdunkel des Schlafzimmers ließ sie sich, an der eigenen Erzählung erwärmt, von der Sache selbst hinreißen. Sie trug mit Baßstimme die Rolle des Räubers vor und im weinerlichen Rezitativ die der Mutter. Als aber die Tochter ihren letzten Abschied nahm, da vibrierte die Stimme der Alten in erstickter Klage und erstarb, als käme sie tatsächlich aus einem unterirdischen Verließ ... Auf diese Weise gedachte die gute Alte uns in den Schlaf zu wiegen, der Schlummer floh uns aber natürlich wie ein aufgescheuchter Vogel; wir pflegten nach solchen Erzählungen vor Angst die Decke über den Kopf zu ziehen und schliefen erst spät in der Nacht ein. Die richtige Poesie der mystischen Furcht jedoch sogen wir in der Küche an den langen Winterabenden ein, wenn unsere Eltern irgendwohin zu Besuch fuhren, wir aber bis in die späte Nacht hinein bei dem Gesinde hockten. Unsere Amme pflegte ihr Abendbrot in der Küche zu essen, und wenn eines von uns bis dahin noch nicht eingeschlafen war, so hielten wir es für unser gutes Recht, sie dorthin zu begleiten, denn auf der anderen Seite der Wohnung allein zu bleiben, hätten wir nicht über uns gebracht. In der Küche war es stets mollig, die Luft war von einem besonderen satten Duft erfüllt, Schaben krochen langsam an den Wänden. Das Heimchen zirpte hinter dem Ofen, das Spinnrad surrte und »Pani Budzynska«, unsere Köchin, gab verschiedene Erlebnisse aus ihrer Kindheit zum Besten. Sie war auch schon eine ältere Frau, hatte sogar einen erwachsenen Sohn, der »in der Kanzlei« angestellt war und der sie Sonntags zu besuchen pflegte; sie sah aber noch rüstig und stattlich aus. Ihr Vater hatte einst in früheren Jahren als »Tschumak« gelebt, d.h. er zog jedes Jahr mit anderen Bauern auf ochsenbespannten Wagen nach der Krim, um Fische und Salz einzuhandeln; da ihre Mutter früh gestorben war, so nahm der Vater sie gewöhnlich mit. So verfloß ihre Kindheit in tschumakischen Wanderungen, auf knarrenden Fuhren, bei Nachtlagern in der endlosen freien Steppe. Und auf diesen Wanderzügen hatte sie »mit eigenen Augen« gar viel Geheimnisvolles und Wunderbares gesehen. Einmal war der Vater mit seinem Wagen hinter dem Transport zurückgeblieben und mußte ihn weit in der Steppe bei fallender Nacht einholen. Die Nacht war taghell (die meisten ihrer gruseligen Geschichten pflegten sich gerade in hellen Nächten zu begeben). Der Mond schien vom hohen Himmel herab und jedes Grashälmchen war in der Steppe zu sehen. Das Mädchen war auf dem Wagen eingeschlafen, wurde aber plötzlich munter. Der Vater schritt neben dem Wagen, murmelte etwas vor sich hin und trieb von Zeit zu Zeit die Ochsen an. Das Mädchen blickte sich in der Steppe um und bemerkte weit am Saume eines kleinen Wäldchens, über einer Schlucht, eine weiße Gestalt. »Papa,« sagte sie »schau, dort geht wer Weißer am Wald entlang.« »Schweige still, Töchterlein,« flüsterte der Vater »bete rasch ein Vaterunser.« Sie fing zu beten an, so gut sie konnte, die weiße Gestalt aber flitzte rasch im Kreise herum, erst am äußersten Rande der Steppe, dann immer näher und näher zum Wagen. Und wie sie sich näherte, konnte man sehen, daß es ein Weibsbild mit geschlossenen Augen war, das wuchs und wuchs immer höher über den Wald hinaus, bis an den Himmel. »Bete, Töchterlein, bete was du kannst«, sagte der Vater, »dein Gebet hat mehr Kraft.« ... Und sie schrien beide in der öden Steppe alle Gebete, die sie kannten, schrien in ihrer Herzensangst immer lauter und lauter ... Alsdann fing die Gestalt, gerade wie wenn jemand sie zurückstieße, sich zu entfernen an, drehte sich wieder im Kreise herum, bis sie zu einem kleinen weißen Fleck am Waldrande zusammenschrumpfte. Just blinkten auch schon die Feuer des Tschumakenlagers ganz in der Nähe ... Ein anderes Mal waren sie wieder hinter dem Transport zurückgeblieben und mußten nachts zwischen Sümpfen über einen langen Damm fahren, der zu einer Mühle führte. Die Nacht war natürlich wieder taghell, in Mühlen aber und in Bruchteichen treibt der Böse – wie alle Welt weiß – mit Vorliebe sein Unwesen. Das Mädchen lag wieder wach auf dem Wagen und bemerkte, kaum, daß sie den Damm befuhren, daß hinter ihnen ein kleines Ding »als wie ein Mäuslein«, daherlief. »Papa,« sagte sie zum Vater, der eingenickt war, »schau, da läuft ein Mäuslein hinter uns her.« Der Vater schaute sich um und fing gleich an, Kreuze zu schlagen. »Bete, Töchterlein, ein Vaterunser« ... Wieder beteten sie beide, was sie konnten, indessen wuchs die Maus zu einer Ratte an, bald war sie wie eine Katze, dann wie ein Fuchs, wie ein Wolf, schließlich wie ein junges Bärchen. Dieses wuchs zu einem ansehnlichen Bären an und fuhr immer noch zu wachsen fort, so daß in dem Moment, wo sie das Ende des Dammes erreichten, und bei der Mühle anlangten, das Untier die Mühle bereits überragte, hier stellte sich zum Glück heraus, daß auch der ganze Tschumakentransport sich verspätet und hinter der Mühle auf der Wiese ein Nachtlager aufgeschlagen hatte. Man vernahm auch von dorther bereits Stimmen, Gesang und Geschrei. Als der Böse die Feuer und eine solche Menge Christenvolkes sah, richtete er sich auf zwei Beinen in die Höhe, stieß ein dumpfes Geheul aus und stürzte sich kopfüber in den Pfuhl ... Der Vater erreichte nun das Lager und bat, ihn mit seinem Wagen in die Mitte vorzulassen. Als die Tschumaken erfuhren, was ihm widerfahren, erkannten sie sein Begehren als berechtigt an, schoben ihre Fuhren auseinander und machten ihm den Platz frei. Der Vater war aber ein Mensch, der »Bescheid wußte«, deshalb zog er, ehe er sich schlafen legte, mit dem Peitschenstiel rings um den Wagen einen Kreis, schlug ein Kreuz darüber und besprach ihn mit kräftigen Beschwörungen. Und das war gut so. Denn nachts suchte offenbar jemand im schlafenden Lager nach ihm und seinem Töchterlein herum. Am Morgen zeigte sich, daß das ganze Lager in der größten Unordnung war, als wenn es von einer unsichtbaren Macht durcheinandergerüttelt und umhergeschleudert worden wäre, so daß die Wagen ganz verkehrt standen, die Tschumaken lagen jeder auf einer fremden Fuhre, einige waren sogar vom Lager weg in die Steppe verschlagen ... Das sind zwei Geschichten aus Pani Budzynskas Schatze. Sie wußte aber noch eine Menge anderer: von Wassernixen, Hexen, von Toten, die ihre Gräber verließen. Sie alle bezogen sich freilich auf vergangene Zeiten, Pani Budzynska gab zu, daß neuerdings das Volk schlauer geworden sei, weshalb der Spuk wesentlich abgenommen habe. Immerhin wurden Beispiele auch aus der jüngsten Zeit angeführt. Es traf sich, daß mitten in einer solchen Erzählung einmal meine Mutter in die Küche trat. 5ie hörte die Geschichte aufmerksam bis zu Ende und sagte dann: »Sieh, Budzynska, du bist doch eine alte Frau und erzählst nun solchen Unsinn. Schämst du dich denn nicht? Deine Tschumaken hatten einfach zu tief in die Flasche geguckt, das ist alles.« Die Budzynska war sehr gekränkt. »Ich habe mein Lebtag noch nicht gelogen,« gab sie mit großer Würde zurück. »Aber man weiß ja, heute wollen einem die Herrschaften kein Wort mehr glauben ...« Ich wurde stutzig. Die gruseligen Geschichten erdrückten förmlich unsere Kinderseelen, wenn wir abends aus der Küche wieder ins Schlafzimmer gingen und dabei im Korridor an einem dunklen Ofenloch vorbei mußten, das aus irgendeinem Grunde immer offen blieb, so hatten wir die größte Angst auszustehen, wir waren sicher, daß sich aus diesem Loch einmal unbedingt ein Arm vorstrecken und nach uns greifen würde: eine zottige schwarze Bärentatze oder umgekehrt eine weiße Totenhand, wie wir sie bei Kolanowski und bei Slawek gesehen hatten. Wir rannten gewöhnlich, wenn wir an dieser Öffnung anlangten, wie wahnsinnig vorwärts und stürzten atemlos und bleich ins Schlafzimmer ... Nun wirkte schon die sichere Überzeugung der Mutter, daß all dies Unsinn sei, beruhigend und schwächte den Eindruck der Erzählungen erheblich ab. Wenn ich mich jetzt an die holde Gestalt meiner jungen Mutter erinnere, wie sie in der halbdunklen, von einem schwälenden Talgstümpchen beleuchteten Küche stand, mitten in der Atmosphäre herzbeklemmenden Gruselns, so schwebt mir ihr Bild wie ein lichter Engel, dessen ungläubiges überlegenes Lächeln allein den finsteren Spuk der Nacht verscheucht, vor Augen. Gleichzeitig fühlte ich jedoch lebhaft, daß Pani Budzynska keine Lügnerin sei und daß in ihren Erzählungen von bewußter Unwahrheit nichts enthalten war. Natürlich machte ich nicht einmal den Versuch, diese widersprechenden Eindrücke miteinander auszusöhnen, von Halluzinationen und den Autosuggestionen war dazumal noch nichts bekannt, auch der Vater hatte bei seinen »Gelehrten und Philosophen« nichts darüber entdeckt. So kam es, daß wir immer mehr und mehr der Macht des »Jenseits« verfielen, das uns von lauernden feindlichen Geistern erfüllt schien. Einmal schrie mein Bruder in der Nacht gräßlich auf und erzählte, als alle durch sein Geschrei wach wurden, daß aus dem dunklen Nebenzimmer ein Teufel auf ihn zugekommen sei und vor seinem Bette recht höflich und spöttisch einen Diener gemacht habe. Seitdem litten wir öfters an solchen Halluzinationen. Ich war, glaube ich, der nervöseste unter uns Buben und hatte deshalb die meisten Qualen auszustehen. Meine Brüder pflegten früher einzuschlafen, ich aber wälzte mich gewöhnlich lange im Bette und erzitterte bei dem geringsten Geräusch. Besonders schrecklich war es, wenn die Eltern fortgingen, und dies geschah eine Zeitlang sehr oft. Nachdem der Vater seine Eifersuchtsanfälle überwunden hatte, suchte er sie offenbar wieder gut zu machen und führte die Mutter häufig zu Abendgesellschaften aus, wo sie sich dem Tanz widmete, während er selbst mit älteren Herren Schach oder Karten spielte. An solchen Abenden pflegten unsere Stubenmädchen in die Küche oder in die Nachbarschaft zu verschwinden, bei uns aber blieb bloß die alte Amme, die gewöhnlich bald einnickte. Ich fürchtete mich, allein zu bleiben, fürchtete mich über den dunklen Korridor zu gehen, fürchtete mich ins Bett zu legen. Zuweilen schlief ich denn auch vor Müdigkeit irgendwo im Winkel ein, indem ich auf dem Koffer saß und ins dunkle Nebenzimmer starrte. Die Finsternis wimmelte von wesenlosen Gestalten, die hin und her wogten und manchmal in den Vordergrund traten. Am häufigsten erschien ein schlanker stutzerhafter Herr, der eigentlich nichts Schreckliches an sich hatte, als daß er in der Dunkelheit schlich, wahrscheinlich war er eine Ausgeburt meiner Augenermüdung, denn er bewegte sich immer in einer Kurve, wie jene Lichtflecke, die wir manchmal im eigenen Auge sehen und die sofort im Bogen vorbeihuschen, wenn man sie festhalten will. Derselbe Herr erschien mir auch in den Träumen, doch das größte Grauen packte mich jedesmal, wenn sich in meinem Traumgesicht ein gewisser Offizier zeigte. Er trat gewöhnlich aus der Dunkelheit und blieb einige Sekunden lang regungslos stehen. Er hatte ein gewöhnliches, ich glaube sogar, recht hübsches Gesicht, doch blieben mir seine Züge nicht im Gedächtnis haften, nur der Eindruck blieb, daß sie sehr bleich waren. Nachdem er einen Moment still gehalten hatte, beugte er sich vor und fing an auf mich loszugehen, und dies war das Schrecklichste. Er beschleunigte seine Schritte immer mehr, dann ergriff uns beide ein Wirbel und wir sausten mitten in einen seltsamen Lärm, wieder in einer Kurve, in einen bodenlosen Abgrund hinab. Ich erwachte jedesmal mit Herzklopfen, in Schweiß gebadet. Im Zimmer waren die Atemzüge meiner schlafenden Brüder zu hören, aber diese vertrauten Laute schienen in etwas Fremdes und Seltsames gehüllt, das sich aus dem Jenseits hineingeschoben hatte. Im Nebenzimmer ticktackt die Wanduhr, die heruntergebrannte Kerze knistert. Die alte Amme schreit auf und murmelt im Schlaf. Auch sie ist mir fremd und schrecklich ... Der Wind rüttelt am Fensterladen, als wenn etwas Lebendiges von außen an ihm zerrte, und die Scheiben klirren leise. Jemand atmet und geht mit unhörbaren Schritten umher, und blickt aus blinden Augen, jemand, der Unnennbares erduldet und der unsagbares Leid bringt ... Die Vorstellung von Gott übte dabei gar keine Wirkung auf uns aus. Gehört hatten wir von ihm so ziemlich vom ersten Lebenstage an, jedoch »glauben« lernten wir, wie mir scheint, an den Bösen eher als an den lieben Gott ... In jener qualvollen Periode meiner Kindheit war mein Begriff von Gott sehr verschwommen. Bei diesem Wort pflegte irgendwo auf dem Grunde meines Bewußtseins die Vorstellung von etwas sehr Umfangreichem und durchaus Hellem, aber Unpersönlichem aufzutauchen. Etwa wie ein unendlich großer, unendlich feiner Sonnenfleck schwebte er mir vor. Aber das Sonnenlicht übte nachts keine Wirkung aus, und die Nacht war ganz in die Gewalt des feindlichen »Jenseits« gegeben, das sich jedesmal mit einbrechender Finsternis in den Bereich des gewohnten Lebens hineinschob. Ich muß dabei bemerken, daß der eigentliche Teufel in unseren Kindervorstellungen die bescheidenste Rolle spielte. Nachdem er meinem Bruder einmal erschienen war, meldete er sich nicht wieder, und ließ er sich blicken, so jagte er uns keinen großen Schreck ein. Zum Teil mag dies damit zusammenhängen, daß in der Phantasie des ukrainischen wie des polnischen Volkes der Teufel nun einmal als die putzige Figur eines kurzbeinigen »Deutschen« lebt. Noch mehr hat aber dazu ein altertümliches dickes, in Schweinsleder gebundenes Buch getan, das mein Vater einmal aus Kijew mitgebracht hatte: Das »Heiligenbuch des Klosters zu Petschora«. In diesem von Unwissenheit und Aberglauben strotzenden, dabei durchaus aufrichtigen Machwerk wimmelte jede Seite von Abbildungen größerer und kleinerer Teufel, die den frommen Einsiedlern zu erscheinen pflegten. Auf den plumpen Holzschnitten war die Teufelsbrut als ein Haufen lächerlicher Halbaffen mit geringelten Schwänzchen und mit Hörnlein dargestellt, und stets zeigten sie sich hier bloß als schalkhafte Plagegeister, die sich bald in Waschbecken versteckt hielten, wo sie von den Mönchen, wenn sie ertappt waren, zur Strafe bekreuzigt und eingesperrt wurden, bald in der Gestalt von Jungfrauen oder auch von Schweinen, großen Eidechsen, Schlangen und Hunden hineinschlüpften. Sie spielten den frommen Vätern jeden erdenklichen Possen, mitunter gelang es jedoch, der Schelme habhaft zu werden, dann bekamen sie ihre Strafe: sie mußten Holz schleppen und ähnliche Arbeit verrichten, zu guter Letzt pflegte man sie aber aus seltsamer Gutmütigkeit stets wieder freizulassen. Mein Vater zeigte uns manchmal zum Spaß jene Bildchen und erzählte, was sie darstellen sollten. Dabei pflegte um seine Lippen dasselbe Lächeln zu spielen, das ich bei der Mutter damals in der Küche gesehen hatte, und in seinen Erzählungen hörten wir deutlich eine humoristische und spöttische Note heraus. Ich glaube, daß gerade jenes ehrwürdige Heiligenbuch, in dem ich übrigens später altslavisch lesen lernte, bei uns Kindern den schlimmen Ruf des Teufels beträchtlich gemildert hatte, und während wir an seine Existenz glaubten, verloren wir jeden Respekt und jede Furcht vor ihm. Nicht der beschwänzte Teufel mit Hörnern und feurigem Rachen flößte uns Furcht ein. Es war die Vorstellung von einer anderen Welt mit ihren unfaßbaren und unheimlichen Eingriffen in das diesseitige Leben, was uns mit Grauen erfüllte. Geschah es, daß in der Nachbarschaft jemand eines plötzlichen Todes »unbußfertig« verschied, dann bekam die Nachtfinsternis für uns alle Schrecken der Hölle: wir bebten, wenn der Wind hinter dem Fenster seufzte oder am Laden rüttelte, wenn die Bäume im Garten rauschten, wenn die alte Amme im Schlaf aufschrie, ja, wenn ein Maikäfer mit dumpfem Brummen an die Scheibe schlug ... Es war das Rätsel des Lebens und des Todes, was uns schreckte, und vor diesem Rätsel standen wir Kinder damals im Grunde genommen wie die reinsten Heiden. Ein Gebet unter dem Sternhimmel. Von Gebeten hat man uns frühzeitig das Vaterunser und das Ave Maria beigebracht. Ich besaß ein gutes Gedächtnis und hatte rasch beide Texte: den polnischen und den altslavisch-ukrainischen auswendig gelernt. Freilich hatte ich mir die Worte nur mechanisch wie eine Reihenfolge von Lauten eingeprägt. Das Vaterunser z.B. lautete für mich ursprünglich so: Vater unser, der du bis zum Himmel ... Später kam ich einmal darauf, nachzuprüfen, wie andere Knaben, die ich kannte, denselben Text hersagten. Einer von ihnen, ein stämmiger Bursche, der um einige Jahre älter war als ich, leierte den Anfang folgendermaßen herunter: Vater unser, der du büßt den Himmel ... Als der Vater das papageienhafte unseres Morgengebetes gemerkt hatte, versammelte er uns in seinem Zimmer und ging daran, uns die richtige Aussprache und den Sinn des Gebetes beizubringen. Seitdem verdrehten wir den Text nicht mehr und verstanden auch seine wörtliche Bedeutung. Unsere Gebete blieben trotzdem eine trockene Äußerlichkeit, die mit unserem Innenleben gar keine Berührung hatte. Eines Tages beschloß der Vater, es sei jetzt für mich und meinen Bruder an der Zeit, zur ersten Beichte zu gehen, und er nahm uns beide mit in die Kirche. Wir kamen zur Abendmesse. In der fast menschenleeren Kirche war nur hier und da ein vorsichtiges, schüchternes, pietätvolles Raunen vernehmbar, wie gewöhnlich, wenn sich nur wenige Fromme zur Beichte einfinden. Von der dunklen Gruppe der Wartenden löste sich von Zeit zu Zeit eine Gestalt und kniete nieder, der Priester bedeckte ihren Kopf und beugte sich aufmerksam vor. Dann begann ein leises, ernstes, inniges Flüstern. Mir wurde bange zu Mute, und ich blickte mich unwillkürlich nach dem Vater um. Infolge seiner Lahmheit vermochte er nicht lange aufrecht zu stehen und betete weiter im Stuhl sitzend. Auf seinem Gesicht lag ein besonderer Ausdruck von Trauer, Ergriffenheit und innerer Sammlung. Die Trauer war freilich deutlicher als die Rührung ausgeprägt, am deutlichsten war in seinen Zügen eine innere Anstrengung zu lesen. Der Vater schien etwas droben unter der Kuppel mit den Augen zu suchen, wo in leichten Schwaden der bläuliche Dunst des Weihrauchs schwebte, von den letzten Strahlen des sinkenden Tages erleuchtet. Seine Lippen flüsterten immer nur das eine Wort. »Vater ... Vater ... Vater ...« Es war, als könnte er über dieses erste Wort nicht hinwegkommen. Als er bemerkte, daß ich ihn mit unwillkürlicher Verwunderung betrachtete, wandte er sein Gesicht mit leichtem Ärger ab, sank mit Mühe in die Knie und betete eine Zeitlang fast auf dem Boden liegend. Als er sich wieder aufrichtete, waren seine Züge ruhig, seine Lippen flüsterten gleichmäßig die Worte des Gebetes und die feuchten Augen, in denen ein stilles Leuchten lag, waren in irgendeine Vision hoch oben im schwachen Dämmerschein der Kuppel versunken. Nochmals beobachtete ich häufig auch dasselbe zu Hause, wenn Vater beten wollte. Mitunter erhob er seine zusammengelegten Finger zum Zeichen des Kreuzes an die Stirn, ließ sie sinken und legte sie dann wieder mit sichtlicher Anstrengung an die Stirn, als wollte er seinem Kopfe etwas mit Gewalt einprägen oder als hindere ihn etwas, das Begonnene zu beenden. Dann schlug er das Zeichen des Kreuzes und flüsterte wieder mehrmals hintereinander: Vater ... Vater ... Vater ..., bis sein Gebet endlich ruhig und gleichmäßig dahinfloß. Zuweilen wollte ihm dies nicht gelingen. Dann erhob er sich müde mit tränenden Augen und ging lange Zeit aufgeregt und traurig in der Wohnung auf und ab, worauf er das Gebet von neuem versuchte. Einmal sagte der Vater, ich weiß nicht mehr aus welchem Anlaß, eine seiner Sentenzen: »Beten, Kinder, muß man so, daß man sich dabei direkt an Gott wendet, als stände er dicht vor euch ... Ganz so, wie wenn ihr bei mir oder bei der Mutter um etwas bittet.« Und nach einer Weile fügte er noch hinzu: »In der Schrift ist gesagt: bittet, so wird euch gegeben. Es ist auch gesagt: wenn ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so könnt ihr Berge versetzen ...« Diese Worte sprach er mit trauriger Nachdenklichkeit: er ließ es an heißen Gebeten wahrlich nicht fehlen und doch war sein Leben fehlgeschlagen ... In meinem Hirn flossen jene beiden Sentenzen plötzlich zusammen, wie das Flämmchen des Zündholzes mit der Flamme des angezündeten Lichtes in eins fließt. Die seltsame Stimmung des Vaters beim Beten wurde mir klar: er wollte also Gott vor sich fühlen, wollte fühlen, daß er eben zu ihm spräche und daß Gott ihn höre. Und bittet man Gott in dieser innigen Weise um etwas, so kann er die Bitte nicht verweigern, auch wenn der Mensch Berge versetzen wollte ... Berge gab es bei uns nicht, und so erübrigte es sich, sie zu versetzen. Bald jedoch fand sich für mich Gelegenheit, bei einem anderen Unternehmen die Macht des Gebetes zu erproben. Mein ältester Bruder verfiel eines Tages darauf, zu fliegen. Seine Idee war äußerst einfach: man brauchte etwa nur auf einen hohen Zaun zu klettern, einen Luftsprung zu machen und dann immer höher zu springen. Er war überzeugt, daß, wenn man es nur fertig brächte, den ersten Luftsprung abzusetzen, ehe man die Erde erreicht hat, die Sache weiter keine Schwierigkeiten habe, und man so in der Luft hüpfend dahinfliegen könne. Mit dieser Idee im Kopf kletterte er, zum Überfluß mit einem Paar reichlich mißgestalteter Schaufeln aus Latten und Papier, die eine Art Flügel darstellen sollten, ausgerüstet, auf den Zaun, schwenkte seine Flügel, machte einen Sprung – und streckte sich natürlich im nächsten Moment auf der Erde lang hin. Wie so viele Erfinder, gab er seine Idee darum noch nicht preis. Nach seiner Meinung war der Zaun eben noch nicht hoch genug. Nahm man von diesem den Anlauf, dann hatte man ja noch nicht Zeit, die Beine richtig im Knie zu beugen, und schon lag man am Boden. Hingegen beispielsweise so vom Dach aus ... Aber sein gequetschtes Bein schmerzte ihn erst einige Tage lang, und später war ihm die Lust vergangen. Die Idee blieb unausgeführt. Bei mir hatte sie jedoch mächtig auf die Einbildungskraft gewirkt. Ich gab mich dem Fluggedanken ganz hin, und da geschah es einmal – daß ich mich tatsächlich in die Luft erhob. Im Beisein der Geschwister schwang ich mich vom Dach des Schuppens in die Höhe, es gelang mir einen Luftsprung zu machen, bevor ich die Erde wieder erreicht hatte, und dann blieb ich in der Luft schweben, erst vermittelst einer Reihe von Luftsprüngen, gleichsam auf einer unsichtbaren Leiter hinaufsteigend, sodann schon im gleichmäßigen Gleitflug, fast wie ein Vogel. Ich drehte und wendete mich in den Lüften, legte mich flach, überschlug mich und zog Kreise. Erst schwebte ich über dem Hof, dann flog ich weiter über Felder und eine Mühle dahin. Diese Mühle war mir wohl von irgendeiner Reise in der frühen Kindheit her im Gedächtnis geblieben. Ihre Räder drehten sich, rauschten, spritzten blendendweißen Gischt und funkelnde Wassertropfen umher, ich aber flog furchtlos darüber hin, mitten durch Wasserstaub und strahlendes Sonnenlicht ... Als ich erwachte, wollte ich lange nicht glauben, daß jenes Erlebnis kein wirkliches Leben sei, und daß das wirkliche Leben eben in diesem Zimmer mit den Betten und den Atemzügen meiner schlafenden Brüder bestehe. Meine Traumflüge wiederholten sich, wobei ich mich jedesmal der früheren Luftexkursionen entsann und zu mir selbst mit Entzücken sagte: damals war es nur ein Traum, und ich bin darnach in meinem Bett erwacht, nun aber fliege ich endlich auch im Wachen! ... Meine Empfindungen waren eben derart lebhaft, grell und mannigfaltig, wie die Wirklichkeit selbst. Ich schwang mich wieder und wieder in die Höhe, schwebte in den Lüften, streifte das Gewicht, das die armen Sterblichen an die Erde fesselt, ab und gab mich ganz dem Fluge hin. Mein höchster Flugrekord bestand regelmäßig darin, daß ich die Mühle erreichte, ihre Wasserspritzer unter mir funkeln sah und das Rauschen der Räder vernahm. Aber auch in den Fällen, wo ich meine Künste nur über unserem Hof oder unter der Decke eines mir unbekannten enormen Saales, der vom Menschengedränge gefüllt war, ausübte, auch dann war das Erwachen für mich jedesmal ein schneidender jäher Schmerz ... Und ich überlegte, wie ich es anstellen könnte, das der Traum zur Wirklichkeit werde. Plötzlich erweckte Vaters Belehrung über die richtige Art zu beten in mir einen Hoffnungsstrahl. Sind jene Worte des Vaters wahr, dann wäre ja die Sache sehr einfach: man brauchte nur mit starkem innigen Glauben den lieben Gott um ein paar Flügel zu bitten ... Nicht um jene jämmerlichen Fittiche, wie sie der Bruder aus Latten und Papier verfertigt hatte, sondern um echte, mit Federn, wie sie Vögel und Engel haben. Dann könnte ich endlich in Wirklichkeit fliegen! ... Diesen Gedanken teilte ich niemandem, nicht einmal dem jüngeren Bruder mit. Ich hatte beschlossen – ich weiß selbst nicht warum – diese Angelegenheit sollte ein Geheimnis zwischen mir und dem lieben Gott bleiben. Ich sah auch ein, wenn sich mein Wunsch wirklich erfüllen sollte, dies unmöglich mitten am lärmenden Tag und ebensowenig in der schläfrigen Mittagszeit geschehen konnte, wo es allgemeines Aufsehen erregen mußte, wenn ein paar Flügel herab auf mich fielen. Solches konnte selbstverständlich nur an einem Abend von statten gehen. Die Flügel würden irgendwo hoch oben, in der silbrigen Dämmerung des nächtlichen Himmels sichtbar werden und dann leise zu meinen Füßen niedersinken ... Später, falls ich sie behalten dürfte, sollten auch mein jüngerer Bruder und mein Schwesterlein hin und wieder davon Gebrauch machen. Ob die Flügel in meinem dauernden Besitz verbleiben würden, war mir freilich nicht ganz klar, doch zerbrach ich mir den Kopf nicht weiter darüber. Wir hatten milde Abende, und als ich einmal nach dem Abendbrot auf den Hof ging, blickten mir von allen Seiten weit offenstehende beleuchtete Fenster entgegen. Im Schatten der Mauern saßen an den Türschwellen kleine Gruppen von Leuten, die sich halblaut plaudernd unterhielten. Mich störte dies alles garnicht. Die offenen Fenster, in denen niemand zu sehen war, die gedämpften Gespräche im Schatten der Häuser, die hellschimmernden Pflastersteine des Hofes, das Flüstern im Gezweig der großen Pappeln am Tor, alles dieses verwob sich zu einer besonderen Stimmung. Ich schickte mich allen Ernstes an, mit dem Jenseits in Verkehr zu treten, und doch empfand ich gar keine Furcht dabei, – vielleicht weil der Verkehr sozusagen streng sachlicher Natur war ... Nachdem ich ein paarmal im Hof auf und abgegangen war, fing ich an Gebete zu flüstern: das Vaterunser und das Ave Maria, wobei ich mir jedoch bewußt war, daß dies noch nicht das Richtige sei, und daß dabei von Flügeln eigentlich noch gar nicht die Rede war. Ich war nun bestrebt, daß meine Anrede: Vater unser sich an jemand Lebendigen und Persönlichen richte. Zuerst wollte mir dies nicht gelingen, und ich betete einfach ein Gebet nach dem anderen herunter, mich dabei gleichsam erst auf etwas Wichtiges vorbereitend, – ich hatte schon gehört, daß man in besonderen Fällen »zehn Vaterunser und zehn Ave« hersagen müsse. Endlich, als ich fühlte, daß mein Herz erwärmt und in richtiger Stimmung war, blieb ich im Winkel des Hofes stehen, und hob meine Augen zum Himmel. Zum erstenmal offenbarte sich mir damals die Erhabenheit des strahlenden Himmelszeltes. Über dem Giebel des steinernen Hauses stand der Mond, doch sein Licht überstrahlte nicht dasjenige der Sterne. Sie loderten, funkelten, flackerten in verschiedenen Farben, feierlich und lautlos, und die ganze unermeßliche dunkelblaue Tiefe schien zu leben und zu atmen ... Nachmals sind meine Augen schwächer geworden, und heute lebt die unvergleichliche Schönheit des Sternenhimmels in meiner Seele nur als leuchtende Erinnerung aus jener einen Nacht meiner frühen Kindheit. Damals sah ich jeden einzelnen Stern deutlich. Ich unterschied ihre wechselnden Farben, und das erregte Knabenherz empfand klar die unergründliche Tiefe des Himmelsgewölbes wie die unendliche Zahl seiner lebendigen Lichter, die in die geheimnisvolle dunkelblaue Ferne tauchten. Als ich wieder ein Vaterunser sagte, wurde ich von einer neuen Empfindung überwältigt: vor mir öffnete sich das zitternde Leben jener strahlenden Unendlichkeit und sie blickte aus ihrer abgrundtiefen Bläue und ihren zahllosen Lichtern mit mildem Lächeln auf das törichte Büblein hinab, das im verborgenen Winkel des Hofes stand und den Himmel um ein paar Flügel bat. In dem lebendigen Ausdruck des flimmernden Gezelts glaubte ich eine stumme Verheißung, eine ermunternde Liebkosung zu lesen. Nun schob ich die auswendig gelernten Gebete beiseite und legte meinen Wunsch dar: zwei Flügel wollte ich haben, zwei richtige gute Flügel, wie sie die Vögel und die Engel tragen. Ganz als meinen Besitz wollte ich sie haben, oder auch nur für einige Zeit, um mich wenigstens einmal im Wachen in jene wunderbar lockende Höhe schwingen zu können. Darnach wollte ich meinetwegen die Flügel wieder an denselben Ort zurücklegen. Über das weitere mochte ich nicht nachdenken: all mein Sinnen war nur auf den einen heißen Wunsch gerichtet: über die Stadt hinaufzufliegen, und tief unter mir die kleinen Lichter in den Häusern zu erblicken, wo die Menschen beim Abendessen sitzen und gewöhnliche Gespräche führen, ohne zu ahnen, daß hoch über ihren Häuptern in der leuchtenden geheimnisvollen Bläue ein Jemand schwebt und von dort auf ihre armseligen Dächer herabblickt ... Freudig bewegt richtete ich mich auf und fing an den Himmel unverwandt anzustarren, in der Erwartung, daß dort die Flügel zuerst als zwei leichte Flaumflocken erscheinen würden. Der Himmel funkelte, atmete und blickte auf mich immer gleich liebreich herab, doch die Bläue blieb leer. Dann kam mir in den Sinn, daß es nicht das Richtige sei, zum Himmel hinaufzustarren, das Mysterium wird einfacher vollbracht: die Flügel würden an dem Ort liegen, den ich in meinem Gebet bezeichnete. Ich beschloß deshalb, auf dem Hof auf und ab zu gehen und wieder zehn Vaterunser und zehn Ave herzusagen. Da die Hauptsache getan war, betete ich nun rein mechanisch, wobei ich genau zählte und nach jedem Gebet einen Finger einkniff. Ich verwirrte mich dabei aber doch in der Rechnung und legte auf jeden Fall noch je zwei Gebete zu. Indes die Flügel waren an der verabredeten Stelle nicht zu finden ... Wieder fing ich an im Hof hin- und herzuwandeln und zu beten, die verborgensten Winkel schlug ich dem lieben Gott vor: unter der Pappel, an dem Gartenpförtchen, neben dem Brunnen ... Ich ging dann ohne die leiseste Furcht an allen Stellen suchen, obwohl es dort dunkel und einsam war. Inzwischen wurde der Hof ganz leer. Die Leute, die im Schatten der Mauern geplaudert hatten, waren in ihre Wohnungen getreten, und nach einer Weile gingen auch die Stallknechte, nachdem sie ihr Abendbrot gegessen hatten, in die Ställe schlafen. Die Bekannten, die an jenem Abend bei uns zu Besuch waren, begaben sich gleichfalls allmählich auf den Heimweg, wobei die letzten noch eine Weile plaudernd und lachend auf den Treppen stehen blieben. Auch diese gingen schließlich durch den Hof, und ihre Schritte verhallten im Gäßchen. In unseren beleuchteten Fenstern erschien die Silhouette des Zimmermädchens, das ein Fenster nach dem andern zu schließen begann. Dann trat der Diener Handylo auf den Hof und fing an, die Läden vorzumachen. Er schob von außen die eisernen Bolzen durch, rief Nun! und ärgerte sich, daß das Mädchen sie nicht rasch genug von innen mit kleinen eisernen Riegeln durchsteckte. Alsdann reckte er sich und gähnte laut mit weitaufgerissenem Rachen, langsam und behaglich ... Um meine Stimmung war es geschehen. Ich wußte, daß die Mutter jeden Augenblick meine Abwesenheit merken mußte, worauf man sofort nach mir suchen würde, denn die Geschwister waren sicher schon alle im Bett. Es wäre dringend notwendig – dachte ich – noch einmal das Gebet zu wiederholen ... Allein – die Müdigkeit verbreitete sich rasch in meinem ganzen Körper, die Beine waren mir steif vom langen Herumstehen, vor allem fühlte ich, daß sich bereits der Zweifel in meine Seele einschlich. Also würde es wohl nichts damit werden ... Richtig erschien auf der Treppe das Zimmermädchen und hieß mich zu Bette gehen. »Gleich!« antwortete ich und machte noch in fliegender Hast eine Runde durch den Hof. Vielleicht dort ... Oder nein – ich weiß schon wo! ... Allerlei Vermutungen kreuzten sich in meinem Hirn, und ich stürzte mich fieberhaft aus einem Winkel in den anderen. Enttäuscht, mit zerschlagenen Gliedern begab ich mich endlich ins Schlafzimmer und begann mich in düsterer Verzweiflung auszukleiden. Kaum hatte aber der Schlummer meinen fieberheißen Kopf umfangen, als ich mich plötzlich im Bett aufrichtete, als hätte mir jemand einen Stoß in die Seite versetzt. Ich war ja fortgegangen, gerade als der Hof ganz leer geworden und für jedes Mysterium erst frei war! Die Flügel waren ja schon da, – ich wußte ganz genau wo. Wie merkwürdig es auch scheinen mag, mit meinem geistigen Auge sah ich sie ausgerechnet in einem ziemlich schmutzigen Winkel zwischen dem Schuppen und dem Zaun liegen. Ich sprang aus dem Bett und schlich mich im bloßen Hemdchen auf den Flur. Die Dienstboten schliefen noch nicht. Die Mädchen räumten nach dem Besuch das Wohnzimmer auf. Handylo verzehrte unter lautem Schmatzen sein Abendbrot. Die Tür stand offen, und ich trat hinaus. Der Mond hatte sich inzwischen hinter dem Giebel des Hauses versteckt, und der Hof sah völlig verändert aus. Er war dunkler, kälter und farbloser, als wäre er eingeschlummert. Auch der Himmel hatte den Ausdruck gewechselt: die Sterne flackerten zwar und schimmerten in anderen Farben wie früher, sie beachteten mich aber nicht mehr, der ich im bloßen Hemde auf der Flurtreppe stand. Sie schienen sich vielmehr miteinander über etwas zu unterhalten, was in gar keiner Beziehung zu meiner Wenigkeit stand. Es war, als ob eine große Versammlung, die sich eine kurze Weile für meine Angelegenheit interessiert hatte, nunmehr zu anderen wichtigeren und erhabenen Gegenständen übergegangen wäre, und jetzt bestand keine Hoffnung mehr, ihre Aufmerksamkeit wieder für mich zu gewinnen. Die sternbesäte Nacht war würdig, unnahbar und streng. Und ein kühler Windhauch umfing unliebenswürdig meine nackten Beine ... Müde, mit Kälte im Herzen, kehrte ich ins Zimmer zurück und kniete vor dem Bette nieder, um das vergessene Nachtgebet zu sprechen. Ich sagte es in mürrischem Ton, mechanisch und ganz eilig her. Plötzlich tauchte mitten im Gebet in meinem abgespannten Hirn ganz deutlich und klar, als hätte ihn mir jemand ins Ohr geflüstert, ein fremder Satz auf: »Der liebe Gott ist ein ...« Hier folgte ein gewöhnliches Bubenschimpfwort, das unter uns Brüdern gebräuchlich war, wenn wir miteinander Streit kriegten. Ich war starr vor Schreck. Nun war ich ja ein hoffnungslos verlorener Bursche, soviel war klar. Den lieben Gott beschimpfen! ... Mitten in diesem geistigen Wirrwarr schlief ich ein. Ich weiß nicht mehr, welche Schlüsse ich am anderen Tage aus meinem mißglückten Abenteuer gezogen habe. Ich kümmerte mich wohl überhaupt nicht um Schlüsse, sondern gab mich einfach, nachdem ich über Nacht ausgeruht hatte, den neuen Eindrücken des Tages hin. Aber seitdem pflegte auch ich das Gebet oft mit der qualvollen Wiederholung: Vater ... Vater ... Vater ... anzufangen, bis erst mein Inneres recht erwärmt und ergriffen war. Oft gelang mir dies nur sehr mühsam: die Empfindung von der Nähe des lebendigen persönlichen Gottes ließ sich nicht erzwingen. Manchmal war die Anstrengung so qualvoll, daß mir der Schweiß auf der Stirne ausbrach und Tränen in die Augen traten. Ich strengte meine Einbildung redlich an, aber vor mir gähnte eine unpersönliche Leere, die gar kein Echo im Herzen zu wecken vermochte. Und mehr als einmal fiel mir zur Vollendung der Qual mitten in dem verworrenen Gebet ganz deutlich und plastisch der lästerliche Satz ein ... Merkwürdigerweise pflegten sich diese ermüdenden inneren Kämpfe mit der Leere gerade in den Perioden der religiösen Überspanntheit bei mir einzustellen ... Herr Ulanizki und die »gekauften Knaben«. Jeden Morgen spielte sich zu einer bestimmten Stunde im »Souterrain«, d.h. in der Kellerwohnung des Hauses uns gegenüber unveränderlich ein und dieselbe Szene ab. Erst kam der eiserne Riegel des Fensterladens in Bewegung und jemand drückte von innen den Bolzen heraus, mit dem der Laden bei Nacht geschlossen war; die Eisenstange schob sich auf die Seite als wäre sie lebendig und fiel mit Gepolter herunter, worauf eine Hand durch die Luftklappe langte und die Läden vollends öffnete. Alsdann wurde auch das Fenster selbst, das zu ebener Erde lag, aufgemacht, und darin erschien ein Kopf mit einer Schlafmütze. Das war der Mieter Herr Ulanizki, ein alter Junggeselle. Er schob sein scharfes Profil vor, das mit dem Zwickelbärtchen und der Höckernase gleichsam das Bild Napoleons III . karikierte, dann warf er einen unruhigen Blick auf die Fenster unseres Flügels. Bei uns waren die Läden meist noch geschlossen. Dessen versichert, tauchte Herr Ulanizki wieder in seine Kammer zurück, und bald darauf erschien auf dem Fensterbrett seine ganze winzige magere Gestalt mit der Zipfelmütze, im bunten Schlafrock, unter dem das Unterzeug und bloße Füße in Pantoffeln hervorguckten. Nachdem er noch einen raschen Blick um sich geworfen hatte, huschte Herr Ulanizki, irgendeinen Gegenstand unter den Schößen seines Schlafrockes verbergend, um die Ecke und auf den Hinterhof, von wo er alsbald im gleichen Aufzug zurückkehrte. Wir wußten, daß seine ängstlichen Blicke hauptsächlich unserem Hause galten: er wollte nicht, daß er im Morgenanzug von unserer Tante gesehen werde, die er manchmal zur Kirche begleitete. Man zog die Tante damit auf und gratulierte ihr zum Bräutigam. Über Herrn Ulanizki lachte man auch, nannte ihn einen »Hagestolz« und erzählte, daß er der Tante einmal ein ganzes Dutzend Fallbirnen in einem Papierdütchen und zwei Bonbons zu einem Pfennig verehrt hätte. Das Äußere des Herrn Ulanizki war in diesen Morgenstunden in der Tat sehr unansehnlich: der Schlafrock war schlampig und zerrissen, die Pantoffeln arg ausgetreten, die Wäsche schmutzig und der Schnurrbart zerzaust. Nachdem Herr Ulanizki wieder in seinem Zimmer untergetaucht war, begann er seinen Adam in Ordnung zu bringen. Das war eine lange und schwierige Prozedur, besonders das Rasieren erinnerte entschieden an eine Art Hochamt. Wir genossen das durch Gewohnheit geheiligte Vorrecht, unterdessen draußen am offenen Fenster zu stehen, wobei zuweilen auch unser kleines Schwesterlein ihr Näslein zwischen uns hindurchschob. Herr Ulanizki hatte nichts dagegen. Wenn er sich ans Rasieren begab, pflegte er uns bloß einzuschärfen, daß wir uns mäuschenstill zu verhalten hätten, weil in diesem wichtigen Augenblick jedwede Ruhestörung durch uns für sein Leben gefahrbringend sein könnte. Wir hielten diese Abmachung heilig, ja, in dem kritischen Augenblick, wo Herr Ulanizki seine Nase ergriff und, die Wange mit der Zunge herausdrückend, vorsichtig mit dem Rasiermesser um den Schnurrbart ging oder an der Gurgel von unten am Zwickelbärtchen schabte, suchten wir sogar den Atem anzuhalten, bis er das Rasiermesser zum letzten Mal abwischte und das Rasierzeug wegräumte. Darauf wusch sich Herr Ulanizki, rieb ingrimmig Hals und Wangen mit dem Handtuch, puderte das Gesicht, bestrich den Schnurrbart mit Brillantine und drehte dessen Enden fein spitz auf, zum Schluß verschwand er hinter dem Wandschirm. Nach Verlauf einer Viertelstunde erschien er bis zur Unkenntlichkeit verändert wieder: er hatte kurze fliederfarbene Höschen an, Lackstiefel, eine helle Weste und einen blauen Rock mit runden Fältchen. Auch sein Gesicht stak gleichsam in neuer Toilette: das Abgetragene und die Falten darin waren verschwunden. Sein Erscheinen in einem verjüngten Leibe machte auf uns stets den tiefsten Eindruck, und das bereitete wiederum Herrn Ulanizki viel Vergnügen. Manchmal warf er beim Zuknöpfen seines sauberen Röckchens mit sichtlicher Selbstzufriedenheit einen Blick auf uns und sagte: »He? Nun? Was? Wie?« Unsere Beziehungen zu Herrn Ulanizki waren dazumal die allerbesten. Wir wußten, daß er ein »alter Junggeselle«, ein »Hagestolz« sei, und daß alle Welt dies lächerlich finde. Wie die Fama ging, machte Herr Ulanizki jedem Fräulein, das er kennen lernte, den Hof und holte sich überall seinen Korb. Seine Gestalt mit dem Ziegenbärtchen und den dünnen Beinen, die in kurzen engen Höschen steckten, kam uns ebenfalls lächerlich vor. Doch war das alles harmlos, und vollends der alltägliche Prozeß seiner Verjüngung flößte uns nicht bloß eine begreifliche Neugier, sondern auch eine Art ehrfurchtsvoller Bewunderung ein. Jedesmal kam sie uns wie ein kleines Himmelswunder vor, und später, als ich zum ersten Mal von den Verwandlungen des Gottes Osiris las, tauchten in meiner Erinnerung sofort die morgendlichen Wandlungen des Herrn Ulanizki auf. Indessen, mit der Zeit ging unsere Freundschaft mit dem alten Junggesellen gründlich in die Brüche. Eines schönen Morgens hatte er es für seinen Ruf eines angehenden Bräutigams als unziemlich empfunden, ohne jeden dienstbaren Geist zu hausen. Bis dahin hatte er das Zimmer in eigener Person auskehren und sich jeden Tag mit einem geheimnisvollen Gegenstand unter den Schlafrockschößen auf die Wanderschaft begeben müssen. Nunmehr stellte er zu seiner Bedienung den kleinen Petrus an, dessen Mutter bei den Hauswirtsleuten Köchin war. Die Köchin, »Pani Romaschowska«, gemeiniglich die »olle Romaschen« genannt, war ein sehr dickes und krakeelsüchtiges Frauenzimmer. Man sagte von ihr allgemein, daß sie ein rechter Satan sei. Ihr Sohn hingegen war ein stiller Junge mit blassem, pockennarbigem Gesicht, dazu vom Wechselfieber arg geplagt. Herr Ulanizki, der ein Geizkragen erster Güte war, einigte sich mit der Frau auf einen bescheidenen Lohn, und der Knabe trat seinen Dienst im »Souterrain« an. Die Sache nahm ein böses Ende. Eines schönen Tages stellte sich die olle Romaschen auf den Hof, stemmte die Arme in die Hüften, beschimpfte Herrn Ulanizki nach Noten und schrie, daß sie ihr »Kindlein« nicht mißhandeln lasse, daß man die Kinder freilich zurechtweisen dürfe, aber nicht auf diese Weise ... »Da, schaut her, ihr lieben Leute, wie er dem Jungen den ganzen Rücken mit Striemen zugerichtet hat!« Dabei riß sie dem kleinen Petrus mit solcher Wut das Hemd in die Höhe, daß er vor Schmerz aufheulte, als ob sie nicht ihren Jungen, sondern Herrn Ulanizki in Person unter den Händen hätte. Der saß inzwischen in seiner Kammer, ohne sich durch das Geschrei des erbosten Weibes herauslocken zu lassen. Am anderen Morgen aber erschien er wieder über dem Fensterbrett mit dem geheimnisvollen Gegenstand unter dem Schlafrock. Während er sich ankleidete, erklärte er uns, daß der kleine Petrus ein »böser, böser, böser Junge« sei, seine Mutter aber ein »gemeines, ganz gemeines Weibsbild«. Auch sei sie erzdumm, er aber, Ulanizki, werde sich einen anderen Knaben, einen viel besseren, verschaffen. Der alte Junggeselle war offenbar geärgert, stotterte und sein Ziegenbärtchen zitterte höchst ausdrucksvoll. Bald darauf verreiste er für einige Zeit aufs Land, wo sein alter Vater lebte. Als er wieder zurückkam, folgte ihm ein ganzer Wagen voll verschiedener ländlicher Erzeugnisse; auf dem Wagen aber saß ein zehn- bis elfjähriger Junge, im kurzen Jäckchen, mit bräunlichem Gesicht und runden Augen, die in der neuen Umgebung ängstlich dreinschauten. Seit jenem Tage wohnte der Knabe in der Kammer Ulanizkis, räumte auf, trug Wasser und ging mit dem Speisekorb ins Wirtshaus, um das Mittagessen zu holen. Er hieß Mamertus, oder einfach Mamerik, und es wurde bald auf dem Hofe bekannt, daß er eine Waise und dazu ein Leibeigener sei. Ulanizki habe ihn entweder von seinem Vater geschenkt erhalten oder von einem Gutsherrn gekauft. Ich kann mich durchaus nicht erinnern, daß der Gedanke an die Möglichkeit, »einen Knaben zu kaufen«, in mir einen bewußten Widerspruch oder ein Gefühl der Empörung hervorgerufen hätte. Ich nahm dazumal die Eindrücke des Lebens ziemlich einfach in mich auf. Ich sah, daß es junge und alte Menschen gebe, gesunde und kranke, Reiche und Bettler, und all das schien mir, wie schon gesagt, »seit jeher« so gewesen zu sein. Das waren für mich einfach Tatsachen, gleichsam gegebene Naturerscheinungen. Als eine solche Tatsache erschien mir auch, daß es in der Welt Knaben gab, die man kaufen könne. Immerhin machte diese Tatsache den neuen Ankömmling zu einem interessanten Gegenstand, da wir schon allerhand Knaben kannten, einen gekauften jedoch noch nie gesehen hatten. Auch regte sich dabei doch etwas Unklares in unserer Seele. Es war nicht leicht, mit dem gekauften Knaben Bekanntschaft anzuknüpfen. Selbst in der Tageszeit, wo Herr Ulanizki zum Dienst fort war, saß sein Knabe hinter Schloß und Riegel. Nur zu den dringendsten Geschäften verließ er das Haus, etwa um den Kehricht hinauszutragen, Wasser zu holen oder mit der Menage ins Wirtshaus zu gehen. Näherten wir uns ihm gelegentlich und redeten ihn an, dann blickte er scheu wie ein Wölflein um sich, schlug die runden schwarzen Augen ängstlich nieder und machte sich schleunigst davon, als wenn ihn die Unterhaltung mit einer Gefahr bedrohte. Nach und nach schmolz jedoch das Eis. Der Knabe hörte auf, seine Augen niederzuschlagen, blieb, von der Unterhaltung verlockt, stehen und lächelte, wenn er an uns vorbeiging. Schließlich einmal, als er uns hinter der Hausecke traf, stellte er seinen schmutzigen Eimer hin, und wir kamen ins Gespräch. Erst folgten natürlich die Fragen nach dem Namen, »wie alt bist du?«, »woher kommst du?« usw. Der Knabe fragte seinerseits, wie wir hießen, und bat um ein Stückchen Brot. Bald waren wir Freunde. Herr Ulanizki kehrte pünktlich wie ein Uhrwerk zu einer bestimmten Stunde heim, wir konnten also selbst in sein Zimmer eintreten, ohne daß wir befürchten mußten, von ihm ertappt zu werden. Wir erfuhren dabei, daß unser sich jeden Morgen verjüngender Nachbar ein ganz gefährlicher Geizhals und Quälgeist sei, seinem Mamerik nichts zu essen gebe, ihn bloß das leere Geschirr auslecken lasse und ihm Brotrinden zum Beißen gebe, und daß er den Knaben schon zweimal ohne jedes Verschulden grausam verprügelt habe. Damit der Junge nicht müßig bleibe oder sich mit verschiedenen Taugenichtsen herumtreibe (wir ahnten, daß mit diesem Schmeichelnamen niemand anderes als wir gemeint seien), hinterließ ihm Ulanizki den Auftrag, Federn zu schleißen, die er alsdann an Judenweiber verkaufte. Wir brachten dem Mamerik gewöhnlich Brot mit, das er mit großer Gier verschlang. Die angstvollen Blicke der traurigen schwarzen Augen, das Gedrückte in dem braunen Gesicht Mameriks, seine Erzählungen und die Gier, mit der er sich auf das von uns mitgebrachte Essen stürzte, alles dies flößte uns für den gekauften Knaben eine innige, heiße Teilnahme ein, die sich denn auch eines Morgens glücklich Luft machen sollte. Der arme Kerl hatte sich irgend etwas zuschulden kommen lassen, und schon am Tage vor dem, was folgen sollte, beklemmte ihn die Ahnung, daß er von seinem Herrn unbedingt Prügel zu erwarten habe. Am Morgen trat Ulanizki nicht in dem üblichen Glanz von Selbstzufriedenheit hinter dem Wandschirm hervor, sondern mit einem rätselhaften Ausdruck im Gesicht. Er war ohne Rock und hielt die Hände auf dem Rücken. Er blieb vor dem Schirm stehen, rief Mamerik und ließ sich irgend etwas von ihm reichen. Kaum war aber der Knabe schüchtern herangetreten, als ihn Ulanizki mit raschem Katzengriff packte, ihm den Rücken beugte, den Kopf zwischen die Kniee klemmte, das Höschen herunterriß und ein Bündel Ruten in der Luft pfeifen ließ. Mamerik heulte auf und zappelte verzweifelt. In unserem Hause herrschten im allgemeinen milde Sitten, und wir hatten bis dahin noch nie eine so grausame Handlung erlebt. Ich glaube, dem damaligen Eindruck auf mich könnte heute nur etwa die Wirkung eines Mordes gleichkommen, der plötzlich vor meinen Augen verübt würde. Wir, die wir vor dem Fenster standen, heulten gleichfalls laut, trampelten heftig mit den Füßen, beschimpften Herrn Ulanizki und riefen, er sollte Mamerik in Ruhe lassen. Ulanizki geriet jedoch nur noch mehr in Eifer; der Ausdruck seines Gesichts wurde ganz abstoßend, die Augen traten vor, der Schnurrbart sträubte sich, und die Rute sauste unermüdlich durch die Luft. Wir hätten uns wahrscheinlich in einen Weinkrampf hineingeheult, wenn sich in diesem Augenblick nicht etwas ganz Unerwartetes ereignet hätte. Auf dem Fensterbrett des Herrn Ulanizki standen Blumentöpfe, die er mit großer Sorgfalt pflegte. Uns am nächsten stand sein geliebter Resedastock. In einer plötzlichen Eingebung packte unser kleines Schwesterlein die Reseda und warf sie mit samt dem Topf ins Zimmer. Der Topf ging in Scherben, die Erde mit der Blume fiel heraus. Herr Ulanizki war eine Sekunde lang starr, dann ließ er Mamerik fahren, und – ehe wir Zeit hatten, uns zu besinnen – erschien sein wütendes Gesicht über dem Fensterbrett. Wir packten unser Schwesterlein unter den Armen und liefen, so schnell wir konnten, unserer Treppe zu, auf die wir uns ruhig hinsetzten, in dem sicheren Gefühl, dort in unserem eigenen Reich zu sein. Herr Ulanizki blieb denn auch unweit seines Fensters stehen; die Hand mit der Rute auf dem Rücken, fing er an, uns mit flötender Stimme zu sich zu locken, indem er jedem von uns zur Versöhnung ein Bonbon versprach. Die Kriegslist war jedoch zu durchsichtig, wir blieben ruhig sitzen, sein kindisch schlaues Manöver gleichgültig beobachtend. Am gleichen Tage oder bald darauf gingen wir mit Mutter und Tante auf der Straße – es war an einem Feiertage –, und Herr Ulanizki trat zu uns heran. Er war wie immer stutzerhaft gekleidet, seine Lackschuhe strahlten in blendendem Glanze, die Schnurrbartspitzen standen stocksteif, wie zwei Drahtenden, und im Knopfloch seines Rockes prangte eine Blume. Bei seinem Erscheinen empfand ich einen leichten Druck im Herzen, denn ich war überzeugt, daß er bei meiner Mutter über unsere Untat Klage führen werde. Zu unserer größten Verwunderung trug er indessen nicht nur keine Klagen vor, sondern faßte einen von uns unters Kinn und fing an, »die lieben Kinderchen«, mit denen er in der besten Freundschaft lebe, vor der Mutter mit falscher süßer Stimme über die Maßen zu loben. Dieses verfehlte Manöver flößte uns erstens Verachtung ein, zweitens gab es uns die Gewißheit, daß Herr Ulanizki den Zusammenstoß mit uns aus irgendwelchen Gründen vor der Mutter zu verbergen suche. Wollte er ihn aber verbergen, nun, dann mußte er sich schuldig fühlen. Von dieser Seite her fühlten wir uns also völlig sicher, und nun begann zwischen uns und Ulanizki ein förmlicher Krieg. Kinder haben manchmal eine erstaunliche Beobachtungsgabe und verstehen es wunderbar, sie sich zunutze zu machen. Herr Ulanizki hatte viele Seltsamkeiten: er war von einem unvergleichlichen Geiz, er konnte nicht vertragen, wenn in seinem Zimmer und auf dem Tische die Gegenstände umgestellt wurden, und er hatte Furcht vor scharfen Werkzeugen. Einmal, als er sich ganz in die Arbeit des Rasierens vertieft hatte, und, die Nasenspitze mit den Fingern haltend, mit der Zunge die geschabte Wange herausdrückte, schob mein älterer Bruder durch die Luftklappe den Fensterriegel zurück, ließ sich vorsichtig ins Zimmer hinab und öffnete die Eingangstür. Nachdem er sich so den Rückzug gesichert hatte, fing er an, mitten im Zimmer einen teuflischen Indianertanz aufzuführen: er machte Sprünge, schnitt Grimassen und schrie mit wilder Stimme: »Hoppapa, Bumtara, Schrumbum!« Wir anderen am Fenster erwarteten mit Schrecken, was erfolgen würde. Zu unserem größten Erstaunen blieb jedoch der unselige Kavalier ruhig sitzen. Kein Muskel zuckte auf seinem Gesicht, achtsam wie gewöhnlich hielt er seine Nasenspitze mit den Fingern, während er mit dem Messer um den Schnurrbart ging und wie sonst seine Wange herausdrückte. Als wir sahen, daß das Werk des Rasierens erst in den Anfängen war, Herr Ulanizki aber nicht gesonnen schien, es zu unterbrechen, ließen wir – ich und der jüngere Bruder – uns gleichfalls ins Zimmer hinab und schlossen uns dem tollen Tanz an. Das war eine Art kindlicher Raserei: Stühle, Kleider von den Wandhaken, Bürsten und Bürstchen – alles flog auf den Fußboden. Der erschrockene Mamerik schaute mit blöde glotzenden Augen auf diesen Weltuntergang. Nur Herr Ulanizki bewahrte seine unerschütterliche Ruhe, die Serviette um den Hals, das Rasiermesser in der Hand, und mit den Augen nach einem kleinen Spiegelchen schielend. Erst als das Rasieren mit der gewohnten peinlichen Sorgfalt beendigt und das Rasiermesser ins Futteral gesteckt war, sprang er plötzlich auf und stürzte nach der Rute. Der ältere Bruder rettete sich durch die Eingangstür, wir beiden jüngeren aber schossen wie aufgescheuchte Katzen zum Fenster. Ich war schon auf dem Fensterbrett, als die Rute dicht über meinem Ohr sauste und ein wenig meinen Rücken streifte. Seit diesem Streich schloß Herr Ulanizki sorgfältig das Fenster, bevor er ans Rasieren ging. Allein die Fensterrahmen waren alt, und die Riegel schlossen schlecht. Wenn wir sahen, daß der Kavalier bereits beim Rasieren war, traten wir kühn ans Fenster, rüttelten an der Luftklappe, steckten dünne Holzstäbchen durch die Spalte und schoben damit die Haken zurück. Wie Ulanizki es so weit kommen lassen konnte, weiß ich nicht: wahrscheinlich infolge seiner Angst vor scharfen Werkzeugen. Genug, wenn er einmal mit dem Rasieren begonnen hatte, vermochte er das schwierige Werk nie mehr zu unterbrechen, er mußte es zu Ende führen. Bei unseren räuberischen Versuchen, in sein Allerheiligstes einzudringen, schielte er nur ein wenig mit einem Auge nach uns, und in sein Gesicht trat ein Ausdruck ängstlicher Beklommenheit. Hatten wir mit unseren Versuchen Glück, dann flog das Fenster mit Gepolter auf, und in der Kammer des alten Junggesellen begann ein Indianertanz. Eines Morgens erschien Herr Ulanizki wieder mit dem geheimnisvollen Gegenstand unter dem Schlafrock über dem Fensterbrett, dann trat er an unsere Treppe, blickte seltsam forschend in unsere Gesichter und begann zu versichern, daß er im Grunde genommen sowohl uns wie seinen lieben Mamerik sehr, sehr gern habe. Diesem wollte er sogar eine neue blaue Jacke mit blanken Knöpfen kaufen und bitte uns, den Jungen mit dieser Nachsicht zu erfreuen, wenn wir ihm begegnen würden. Es stellte sich heraus, daß der gekaufte Knabe verschwunden war. Am gleichen Tage rief mich mein jüngerer Bruder abends geheimnisvoll aus dem Zimmer und führte mich in den Schuppen. Dort war es dunkel. Der Bruder schritt aber kühn vorwärts und stieß, in die Mitte gekommen, einen Pfiff aus. Zuerst blieb alles still. Dann raschelte etwas im Winkel zwischen dem Holz, und Mamerik trat zu uns. Es ergab sich, daß er sich zwischen der Holzbeuge und der Wand eine Art Lager bereitet hatte und schon zwei Tage hier hauste. Er erklärte uns, daß es ihm nicht übel gehe, nur Hunger habe er, und nachts habe er sich zuerst gefürchtet, jetzt aber sei er daran gewöhnt. Auf unsere Mitteilung von Ulanizkis Zuneigung und von der schönen neuen Jacke gab er voll Entschiedenheit zur Antwort: »Ich gehe nicht. Lieber springe ich ins Wasser.« Seitdem waren wir im Besitz eines Geheimnisses. Jeden Abend brachten wir Mamerik zu essen und gingen zusammen in verborgenen Winkeln des Hofes spazieren. Wir hatten unsere verabredeten Signale und ein ganzes System der Verschwörung. Das dauerte noch einige Tage, bis die Mutter unser geheimnisvolles Getue bemerkte. 3ie fragte uns über alles aus und erzählte dem Vater von der Sache. Die Erwachsenen nahmen sich des Knaben an, und Herr Ulanizki mußte »hinauf« zur Wirtin, Pani Kolanowska, um sich zu verantworten. In unserem Hofe herrschten ziemlich patriarchalische Sitten, und alle fanden es natürlich, daß die Hausbesitzerin einen Mieter vor sich zitierte, um von ihm Erklärungen über sein Tun zu fordern und ihn nötigenfalls zurechtzuweisen. Wir wahrten streng das Geheimnis des Verstecks, denn wir hatten hoch und heilig geschworen, daß wir es »niemandem in der Welt« verraten würden. Als daher »oben« die Bedingungen der Kapitulation mit Herrn Ulanizki ausgearbeitet waren, wurden die Verhandlungen durch uns geführt. Mamerik entschloß sich endlich zur Übergabe, die Macht Ulanizkis wurde aber durch die öffentliche Meinung eingeschränkt. Im ganzen Hofe wurde es bekannt, daß Pani Kolanowska dem Herrn Ulanizki gedroht hatte, ihn »aus dem Souterrain zu verjagen«. Nach einiger Zeit verreiste jedoch der alte Kavalier. Der gekaufte Knabe verschwand für immer in der fernen fremden Welt, und seine weiteren Schicksale blieben uns unbekannt. Nur einmal glaubten wir beinahe, daß wir, wenn nicht ihm selbst, so doch seinem Doppelgänger begegnet wären. An einem Sommertage tauchte in unserem Gäßchen eine neue Gestalt auf. Das war ein Knabe in Mameriks Alter mit einem ebenso braunen Gesicht und ebensolchen runden schwarzen Augen. Bei näherem Zusehen zeigte sich jedoch, daß weder sein Gang, noch sein sonstiges Benehmen im geringsten an unseren bescheidenen und schüchternen Freund erinnerten. Der Knabe trug eine nagelneue kurze Jacke mit zwei Reihen blanker metallener Kugelknöpfchen, enge blaue Hosen, unten mit Strippen, und große, tadellos gewichste Stiefel. Auf dem Kopfe hatte er ein rundes Mützchen ohne Schirm, das er nach Kosakenart ganz verwegen schief trug. Als er bemerkte, daß wir ihn mit der größten Neugier betrachteten, das Gesicht zwischen die Zaunpfähle gedrückt, fing der Fremdling an, uns im Gehen merkwürdige Kunststücke vorzumachen. Er stellte die Beine so steif, als ob er sie in den Knien gar nicht biegen könnte, hielt die Arme rund wie zwei Henkel, den Kopf warf er in die Höhe und blickte mit der größten Verachtung über die Achsel auf uns, offenbar sehr stolz auf sein neues Kostüm: vielleicht, daß er einen älteren Livreebedienten nachahmte. Er strahlte über das ganze Gesicht und war höchst zufrieden mit sich selbst, überzeugt, daß wir von seiner Herrlichkeit ganz erdrückt waren und vor Neid barsten. Nachdem er irgendeinen Auftrag im Stall ausgeführt hatte, ging er wieder an uns vorüber, wobei er die Beine vor sich herwarf und sich in den Hüften wiegte, dann kehrte er um, als hätte er etwas vergessen, und tänzelte nochmals an uns vorüber. Alles das kam uns wie eine Kränkung vor, und einer von uns sagte: »Dummkopf!« Der Knabe spuckte aus und antwortete: »Schwein!« Mein Bruder hob den Ton des Dialogs um eine Stufe höher: »Gesindel!« Doch der Knabe schien in allen Regeln des verfeinerten Umgangs wohl beschlagen zu sein und erwiderte auf der Stelle: »Ich bin Gesindel, beim Zaren lieb Kindl, und du, Bruder, bist ein Luder.« Wir fühlten, daß der Fremdling obsiegte. Im nämlichen Augenblick jedoch kam ein erwachsener Mann in einem Livreefrack mit breiten langen Schößen eiligen Schrittes auf den Knaben zu. Auch sein Gang war gespreizt und seltsam, und ich erriet, daß der fremde Knabe die Bewegungen eben dieses Mannes nachahmte: auch er hielt die Beine in den Knien steif und die Arme rund gebogen wie zwei Henkel. Er rief den Knaben an, kaum hatte sich der aber umgedreht, als ihm schon eine schallende Ohrfeige im Gesicht brannte. Er heulte vor Schmerz und fuhr sich an die Wange. Der Mann gab ihm noch eine auf die andere Backe und sagte: »Marsch! Was hat man dir befohlen? ...« Und er versetzte dem Knaben noch einen kräftigen Stoß ins Genick. Jedes unfreundliche Gefühl für den fremden Knaben war in unseren Herzen augenblicklich verflogen, um einem brennenden Mitleid Platz zu machen. Wir erzählten den Vorfall den Eltern, in der Erwartung, daß auch diesmal, wie in der Sache Mameriks, ihre Einmischung erfolgen würde. Doch der Vater erklärte uns, daß der kleine Diener fremden Leuten gehöre, die zu unseren Nachbarn zu Besuch gekommen seien, und daß da nichts zu machen wäre. Wir lauerten darauf, ob sich der Knabe nicht wieder zeigen würde, bereit, ihm wie einem Freunde zu begegnen. Doch er zeigte sich nicht, und bald sahen wir ihn auf dem hohen Kutschbock der Kalesche; in der die Angehörigen der vornehmen Herrschaft Platz nahmen. Es stiegen auch Kinder ein, die sehr sauber und schön gekleidet waren, unser stärkstes Interesse gehörte jedoch unserem Fremdling. Er trug dieselbe Jacke und dasselbe schief aufgesetzte Mützchen wie damals, als wir ihn zum erstenmal gesehen hatten, doch der frühere Stolz und die Herrlichkeit waren verschwunden. Der Knabe schien es zu vermeiden, uns anzublicken. Erst als sich das riesige Gefährt in Bewegung setzte, wendete er uns seine schwarzen Augen zu, die uns wieder erstaunlich an Mamerik erinnerten, und verstohlen nickte er uns freundlich zu. Lange begleiteten unsere Blicke die abfahrende Kalesche auf der Chaussee, bis sie zum letzten Male auf der Anhöhe auftauchte. Die geputzten Kinder schienen uns, ich weiß nicht warum, unangenehm und kalt. Dem fremden kleinen Diener hingegen, mit dem wir doch nur Zeit gehabt hatten ein paar Schimpfworte zu wechseln, folgte das Gefühl unserer heißesten Teilnahme und innigen Zuneigung in die unbekannte Ferne ... Hier noch eine Erinnerung aus den Zeiten der Leibeigenschaft. Eine Zeitlang hatten wir einen Kutscher, Jochen mit Namen. Das war ein Mann von zierlicher Gestalt mit hellem Bartwuchs in einem frischen gebräunten Gesicht und einem Paar gutmütiger blauer Augen mit tiefem Blick. Er hatte etwas äußerst Nettes an sich, konnte wunderschön auf der Rohrpfeife spielen und erfreute sich in unserem Hofe allgemeiner Beliebtheit. Wir Kinder gar klebten an dem Mann wie die Kletten, zumal in der Dämmerung, wenn er sich im Stall auf sein schlichtes Lager zu setzen und seine Rohrpfeife vorzunehmen pflegte. Die Frau Kolanowska hatte damals eine Lieblingszofe, die Hörige Maria. Ich war damals ein schlechter Kenner der Frauenschönheit, erinnere mich aber noch, daß die Maria dichte schwarze, wie mit der Kohle gezeichnete Augenbrauen hatte und ebenso schwarze feurige Augen. Jochen verliebte sich in dieses Mädchen und es erwiderte seine Liebe. Als aber meine Mutter auf Jochens Bitte zur Frau Kolanowska ging, um für ihn um das Mädchen anzuhalten, geriet die hochmütige Dame in heftigen Zorn, brach beinahe in Tränen aus und rief, daß sowohl sie wie ihre Töchter dem Mädchen sehr zugetan wären, es vom Dorfe zu sich ins Haus genommen und mit jederart Wohltaten überschüttet hätten, um nun solchen empörenden Undank dafür zu ernten ... Diese Geschichte mochte sich über 2 oder 3 Monate hingezogen haben. Bei uns in der Küche wurde erzählt, daß Jochen mit dem Gedanken umgehe, sich selbst als Hörigen zu verschreiben, wenn man ihm bloß das geliebte Mädchen zur Frau geben wollte, von der Maria aber wurde berichtet, daß sie zusehends dahinsieche und am Ende Hand an sich legen werde. Einmal war ich im Kolanowskischen Garten auf einen großen Birnbaum geklettert. Unter dem Baum stand in dichtem Schatten eine Ruhebank, und auf dieser saß gerade die Maria. Ich vernahm mit Verwunderung, daß sie weinte und etwas vor sich hinredete oder sang. Dann trat Jochen an sie und versuchte schüchtern und zärtlich seinen Arm um die Taille des Mädchens zu legen. Sie stieß ihn jedoch schroff von sich und weinte noch heftiger. Er suchte sie zu trösten, sagte, daß seine »Pani« (meine Mutter) die Kolanowska doch noch herumkriegen werde und meinte, alles würde sich noch zum Guten wenden. Doch Maria fuhr zu schluchzen fort, wobei sie bald Jochen stürmisch umarmte, bald wieder von sich stieß, mit Vorwürfen überhäufte und versicherte, sie wolle sterben, sich erhängen, sich den Hals abschneiden, in den Bach stürzen, überhaupt in jeglicher Weise ihrem Leben ein Ende machen. Ich belauschte aus meinem Versteck in dem dichten Gezweige mit naiver knabenhafter Neugier die Äußerungen dieser mir noch unbekannten stürmischen Leidenschaften. Die Sache nahm übrigens einen völlig befriedigenden Ausgang. Die Frau Kolanowska war zwar eine hochfahrende und heftige, aber im Grunde herzensgute Dame, und nachdem sie endlich eingewilligt hatte, ihre Lieblingsmagd abzutreten, gab sie ihr auch noch eine Aussteuer mit und richtete auf eigene Kosten die Hochzeit aus. An einem schönen Herbsttage kam das junge Paar mit Hochzeitsgeleite und Musik daher, und auf dem mit Sand bestreuten Hofe stampfte und wirbelte bald Jochen mit den Brautführern einen solchen »Kasatschok«, wie ich ihn nie mehr im Leben zu sehen bekam. Dann bezog das Paar eine eigene Hütte am Flusse Teterew, und wir Buben pflegten die Leutchen häufig zu besuchen, wenn wir zum Fluß baden gingen. Die kleine Hütte stand an der Böschung, ganz im Grün versunken, das mit leuchtenden Blüten der hohen Malven besprenkelt war, und die Erinnerung an jenen blühenden Winkel und an das glückliche Paar, das darin hauste, ist in meinem Herzen als ein lichtes Bild von eigenem poetischen Reiz lebendig geblieben. Erst viel später ging mir der eigentliche Sinn des grausamen Unrechts auf, das den Hintergrund zu jener Leibeigenen-Idylle abgab, die doch auch einen ganz anderen Ausgang hätte nehmen können. »Es kommt was! ...« Ich schreibe nicht die Geschichte meiner Zeit. Ich versenke einfach meinen Blick in den Nebel der eigenen Vergangenheit und nehme die Bilderreigen auf, die von selbst ins Licht treten, wobei sie andere nahe und verwandte Erinnerungen, mit denen sie verflochten sind, mit an den Tag ziehen. Ich bemühe mich nur darum, diesen unmittelbaren Stoff, den mir mein Gedächtnis liefert, klar und deutlich in Worte zu fassen, und die verräterische Mitarbeit der Einbildung streng zu überwachen. Im Oktober des Jahres 1858, als ich fünf Jahre alt war, kam der junge Zar Alexander II . nach Schitomir. Die Stadt hatte zu seinem Empfang ein festliches Gepräge entfaltet. Auf dem Platz an der katholischen Bernhardinerkirche wurde eine gewaltige Triumphpforte errichtet. Wir hatten sie uns am Vorabend der Feierlichkeit angesehen, und ich war betroffen von der Riesengröße dieses hölzernen Baues, der sich mitten im leeren Platz gar seltsam ausnahm, und über seine eigene Überflüssigkeit verwundert schien. Dann erinnere ich mich dunkel an ein beängstigendes Gedränge, ein betäubendes Getöse menschlicher Stimmen und etwas Unsichtbares, das irgendwo in der Tiefe dieser Menschenwogen blitzschnell vorüberzog, worauf das Volk, plötzlich wie von Sinnen, gegen das Zentrum der Stadt nachstürzte. Alle sagten, eben sei der Zar vorbeigefahren. Viel deutlicher ist mir die abendliche Illumination im Gedächtnis geblieben. Ich erinnere mich an die langen Ketten lichterloh brennender Töpfe, die, im Rinnstein zu beiden Seiten der Straßen in gleichen Abständen aufgestellt, eine Doppelreihe bildeten. Diese Feuerketten zogen sich zu jenem Platz hin, auf dem der enorme Triumphbogen wie ein Scheiterhaufen loderte. Zu seinen Füßen wogten Menschenmassen hin und her, die sich auf dem blendenden Hintergrund wie schwarze Ströme ausnahmen, und über alledem hing ein noch schwärzerer Nachthimmel. Von Zeit zu Zeit erhob sich irgendwo ein »Hurra«, das, sofort von vielen Stimmen aufgegriffen, fortlaufend erstarkte und sich wie ein Donnerrollen durch die Straßen wälzte. Dann weiß ich nur, daß ich mich an irgendeinen Frauenrock geklammert habe, daß ich hinübergestoßen wurde, und daß unsere Dienstmädchen uns nur mit Mühe aus dem Gedränge hinausführten. Die Mutter empfing uns in großen Ängsten und schalt die Dienstmädchen. Dann fuhren Vater und Mutter – er in Uniform mit Degen, sie in Gesellschaftstoilette – irgendwohin in die Stadt. Uns ward befohlen schlafen zu gehen, aber wir konnten nicht einschlafen. Wir wohnten zwar in einem stillen Seitengäßchen, dennoch drang der gedämpfte Lärm und die Aufregung der Stadt bis in unser Schlafzimmer. Als unsere alte Amme uns wie allabendlich die Kerze fortgenommen und ins Nebenzimmer getragen hatte, glaubten wir durch den Spalt im Fensterladen den Schein einer Feuersbrunst zu sehen. Wir schoben ein Bett dicht an das Fenster, sprangen alle drei hinauf und drückten unsere Nasen an den Scheiben platt, um durch den Spalt des Ladens hinauszuspähen, dem fernen Lärm zu lauschen und unsere Eindrücke vom Tage zu besprechen, die alle, gleichsam wie die Menschenmassen um den Triumphbogen, um das eine bedeutsame Wort kreisten: der Zar! Unser ältester Bruder wußte natürlich am meisten von uns Bescheid. Er wußte vor allem das auf das Ereignis bezügliche Lied, das folgendermaßen anfing: Einst zog wie ein weißer Aar Der rechtgläubige Reußenzar Fern aus seinem Land dahin, Ruhm zu holen und Gewinn ... Das Lied gefiel uns recht gut, machte uns indes nicht klüger. Der Bruder fügte noch hinzu, der Zar gehe ganz in Gold gekleidet, esse mit goldenen Löffeln von goldenen Schüsseln und – was das Wichtigste – »er dürfe alles«. Er dürfe zu uns ins Zimmer kommen, und an sich nehmen, was ihm gefalle, und keiner würde ihm ein Wort zu sagen wagen. Nicht genug: er dürfe einen beliebigen Menschen zum General machen und einem anderen den Kopf mit eigenem Säbel abhauen oder auch abhauen lassen, und der Befehl werde augenblicklich vollzogen. Der Zar habe eben »das Recht« ... Der Zarenbesuch ging vorüber, aber seine Nachklänge bildeten noch eine geraume Zeit den Hauptinhalt unseres Lebens. Wir hatten einen entfernten Verwandten, den wir Onkel Peter nannten. Das war ein Mann schon von Jahren, groß und stark, mit lebensprühenden Augen, glattrasiertem Kinn und einem kleinen, spitz aufgedrehten Schnurrbärtchen. Wenn Onkel Peter mit lustigem Augenzwinkern seine Schnurrbartspitzen bewegte, dann konnten wir Kinder bis zu Tränen lachen, wenn er aber etwas erzählte, weckte er auch oft bei den Erwachsenen schallende Heiterkeit. Onkel Peter hatte nämlich den Ruf eines ausgemachten Witzboldes. Auch nach dem Zarenbesuch gab er bei uns einige Anekdoten zum besten. An eine kann ich mich noch erinnern. Knapp vor dem Augenblick, wo die Zarenequipage passieren sollte, hatten die Polizisten in einer Seitengasse eine ledig einherlaufende Kuh bemerkt und wollten sie in Sicherheit bringen. Als die Kuh die beiden Uniformierten auf sich zulaufen sah, kriegte sie einen tödlichen Schreck, nun aber erst das »Hurra«-Geschrei machte das Tier vollends rasend. Es stürzte in das Menschengewühl und fing an, die Menge mit den Hörnern auseinanderzustoßen. Auf diese Weise hatte sich die Kuh bis zu dem Raum durchgearbeitet, der für die Zarenequipage freigehalten wurde und sprang dort just in dem Moment vor, als der kaiserliche Wagen vorbeisauste. Sie setzte sich hinter dem Wagen in Galopp und langte richtig zusammen mit Seiner Majestät vor dem Hause des Gouverneurs an, hinter ihr zwei atemlose und auf den Tod erschreckte Polizisten. Ich wußte nicht, was ich aus der Geschichte machen sollte: der Zar und plötzlich – eine Kuh ... Am Abend besprachen wir das Ereignis in unserem Bubenzimmer und rieten über das Schicksal der unglückseligen Schutzleute sowie des Eigentümers der Kuh. Die Mutmaßung, daß man alle drei köpfen würde, schien uns ziemlich wahrscheinlich. Ob das gerecht, ob es nicht doch zu grausam war, diese Fragen kamen uns nicht in den Sinn. Etwas Gewaltiges war über der Stadt wie eine Gewitterwolke vorbeigerauscht, und inmitten desselben der Zar, der »alles darf« ... Was hat daneben das Schicksal zweier Polizisten zu bedeuten? Freilich, ein wenig taten sie uns leid ... Wahrscheinlich wurde schon damals von der bevorstehenden Bauernbefreiung gesprochen. Onkel Peter und noch ein Bekannter äußerten einmal Zweifel, ob »der Zar selbst« alles durchsetzen könne, was er wolle. »Was für ein Herrscher war doch z. B. Nikolaus,« alles zitterte vor ihm. Und doch »welches Ende hat er genommen!« ... Mein Vater antwortete mit seiner üblichen Redensart: »Belehre Kranker den Medikus! Wenn er nur will, wird er's schon schaffen.« Seitdem verging ein Jahr, dann noch ein Jahr. Die Gerüchte traten immer hartnäckiger auf. In unser stilles Provinzleben hatte sich gleichsam ein fremder Splitter gebohrt, der ein dunkles Unbehagen erregte, und alte Ereignisse schienen damit in einem eigentümlichen Zusammenhang zu stehen. Da geschah plötzlich ein Zeichen: in die »alte Figur« schlug der Blitz ein. Ich habe schon von dieser »Figur« gesprochen. Das war ein großes Kruzifix, das im Garten unseres Nachbars, Pan Dobrowolski, an der Kreuzung unseres Gäßchens mit zwei anderen Straßen, zwischen üppigen Akazien, Holunder- und Ebereschensträuchern in die Höhe ragte. Man erzählte sich, der ehemalige Eigentümer des Grundstücks habe von den Toten, die fast täglich auf den evangelischen Friedhof gebracht wurden, früher viel auszustehen gehabt; um sich vor ihnen Ruhe zu verschaffen, soll er das Kruzifix aufgestellt haben. Das war einst, in alter Zeit. Seitdem war auch der Grundbesitzer selbst den sandigen Weg hinausgefahren, das Kruzifix aber verwitterte, wurde rissig, überzog sich ganz mit bunten Flechten und nahm überhaupt das Aussehen eines würdigen Greisenalters an. Wer einmal einen Freund oder Verwandten zur letzten Ruhe zu geleiten hatte, behielt die melancholische »Figur«, die an der Straßenbiegung zum Friedhof feierlich in die Höhe ragte und der ganzen Gegend als Wahrzeichen diente, sicher für immer im Gedächtnis. Von uns z. B. pflegte man nicht anders zu sagen, als daß wir in Kolanowskis Hause »neben der alten Figur« wohnten. Eines Nachts brach ein starkes Gewitter aus. Schon am Abend kamen von allen Seiten dunkle Wolken zusammengezogen, die sich unheimlich umeinanderschoben, im Kreise drehten und aufblitzten. Als es Nacht wurde, folgten sich die Blitze fast ununterbrochen und beleuchteten die Häuser, das verblaßte Grün des Gartens und die schwarze »Figur« mit Tageshelle. Irregeführt durch diese Helligkeit erwachten die Sperlinge und steigerten durch ihr verstörtes Gezwitscher die gleichsam in der Luft liegende Angst und Beklemmung. Die Mauern unseres Hauses erbebten einmal über das andere von Donnerschlägen und die Fensterscheiben klirrten dazu in leiser Klage. Man hatte uns ins Bett gebracht, wir schliefen jedoch nicht, sondern lauschten beklommen den lärmenden Schreien des Gewitters, dem ängstlichen Gezwitscher der Sperlinge und spähten durch den Spalt im Fensterladen ins Freie, durch den immerfort violettes Licht aufzuckte. Endlich spät in der Nacht legte sich das Gewitter. Das Rollen des Donners entfernte sich allmählich, und nur ein gleichmäßiger heftiger Regen peitschte die Dächer. Auf einmal krachte irgendwo in nächster Nähe ein einziger Donnerschlag, von dem die Erde in den Grundvesten erzitterte ... In unserem Hause wurde Alarm geschlagen. Die Mutter stand auf. Hinter dem Heiligenbild holte man eine große Wachskerze, die »Gewitterkerze«, hervor und zündete sie an, und lange noch blieb alles im Hause wach in der ängstlichen Erwartung eines besonderen Zeichens von dem erzürnten Himmel. Am anderen Morgen standen wir Kinder spät auf und das erste, was wir hörten, war, daß jener letzte furchtbare Donnerschlag in der Nacht die »alte Figur« getroffen hatte. Unser ganzer Hof und die Küche schwirrten natürlich von Berichten über das große Ereignis. Dessen Augenzeuge war nur der alte Wächter mit der Hellebarde, der in dem Schilderhäuschen dicht neben dem Kruzifix wohnte. Mit eigenen Augen hatte er gesehen, wie vom Himmel plötzlich eine feurige Schlange herniederfuhr und sich gerade auf das Kreuz setzte, das von oben bis unten aufflammte. Dann erfolgte ein furchtbares Getöse, die Schlange flog auf einen alten Baumstamm hinüber, das Kruzifix aber neigte sich langsam zur Erde. Als mein Bruder und ich an die Ecke unseres Gäßchens liefen, war dort schon ein ganzer Haufen Menschen versammelt. Das Kruzifix war geborsten. Sein zerschmetterter Stumpf ragte immer noch in ansehnlicher Höhe in die Luft, während der obere Teil mit den verkohlten Armen und der Figur des Gekreuzigten im zerwühlten Grün der Sträucher am Boden lag. Der Anblick war eigentümlich ergreifend. Allmählich gab das Grün unter der Last nach, irgendein Zweig knisterte, der Kopf der Figur schwankte wie lebendig und versank noch tiefer. Dann verstummten wir, Kinder wie Erwachsene, für einen Augenblick in abergläubischem Schrecken ... Um jene Zeit diente bei uns als Kutscher ein alter Mann mit Namen Petrus, der Sommers und Winters im Schafpelz ging. Er hatte ein runzliges Gesicht und dünne Lippen, die unter dem spärlichen Bartwuchs stets den Ausdruck einer unerklärlichen Bitterkeit bewahrten. Er war äußerst schweigsam, beteiligte sich nie an dem Tratsch und Klatsch des Gesindes und ließ sein Tonpfeifchen, in dem er zuweilen den glimmenden Tabak einfach mit dem Daumen umrührte, nicht aus dem Munde. Ich glaube, dieser Mann war es, der beim Anblick des geborstenen Kruzifixes sagte: »Hm ... Es kommt wohl was« ... Seitdem war dieser Satz für einige Zeit zum Grundton meiner Eindrücke geworden, vielleicht auch deshalb, weil dem Zusammenbruch der alten »Figur« noch ähnliche bedeutungsvolle Ereignisse folgten. In einem Dorfe in der Nachbarschaft fing es nämlich an zu spuken ... Etwa vierzig Werst von unserer Stadt lag hinter einem dichtbewaldeten, fast ununterbrochenen Forstgebiet, von dem übrigens heute nur kümmerliche Reste übrig geblieben sein mögen, das Städtchen Tschudnoff. Im Forst waren Wachthäuschen und Hütten von Waldhütern zerstreut, hie und da gab es sogar, dem Waldflüßchen entlang, ganz bewohnte Dorfflecken. Ich entsinne mich nicht mehr, wer von unseren Dienstboten – vielleicht war es sogar derselbe Petrus – in jener Gegend Verwandte hatte, die hin und wieder in unsere Stadt kamen. Diese werden es wohl gewesen sein, die die Kunde mitgebracht hatten, daß in einem der Waldflecken bei Tschudnoff seit einiger Zeit ein Gespenst umgehe. Es war eine große weiße Gestalt, die, selbstverständlich bei Nacht, auf dem gegenüberliegenden Flußufer zu erscheinen pflegte. In dem riesengroßen Kopf leuchteten zwei glühende Augen, aus dem Rachen schlugen feurige Flammen. Das Gespenst pflegte sich plötzlich in der Finsternis auf der Böschung, gerade dem Dörflein gegenüber, aufzupflanzen und mit schauerlicher Grabesstimme zu heulen: »Ach, es kommt was! Ach – ach – ach« ... Dann erloschen die Augen, und der Spuk löste sich in der Luft auf. Das wiederholte sich zum Entsetzen der Dorfbewohner Abend für Abend. Nachmals hat uns der Vater, der zu jener Zeit, wenn ich nicht irre, Untersuchungsrichter war und häufig im Kreise zu tun hatte, von einer seiner Fahrten heimgekehrt, das Ende jener Geschichte erzählt. Dem Vater zufolge passierte gerade ein beurlaubter oder verabschiedeter Soldat den Flecken, hörte von der Sache und beschloß für eine verhältnismäßig bescheidene Entlohnung in Schnaps, das Volk von dem Spuk zu erlösen. Nach Eintritt der Dunkelheit setzte er über das Flüßchen und kauerte sich unter dem Uferabhang nieder. Als zur gewohnten Stunde das lange Gespenst mit den feurigen Augen sich an der üblichen Stelle einfand, gaben die Dörfler den tollkühnen Soldaten natürlich verloren. Allein bei den ersten Lauten des unheimlichen Geheuls spielte sich drüben in der Dunkelheit eine seltsame Balgerei ab, aus dem Kopfe des Gespenstes stürzte eine Garbe Funken, und das Gespenst selbst verschwand. Der Soldat aber rief nach einiger Zeit, als wäre nichts geschehen, man solle ihn im Kahne überholen. Übrigens wollte er den geängstigten Einwohnern Näheres nicht berichten, versicherte sie bloß, daß es mit dem Spuk »aus« wäre. Der Vater hatte für den geheimnisvollen Vorgang eine eigene Erklärung. Wie er behauptete, handelte es sich einfach um einen Schabernack, einen üblen Spaß, den sich ein dortiger Taugenichts, nämlich des Popen Neffe, mit den dummen Leuten leistete. Der Spaßvogel stellte sich abends auf Stelzen, drapierte sich in Bettlaken und setzte sich einen Topf mit glühenden Kohlen auf den Kopf, in den Topf aber hatte er Löcher gemacht, die Mund und Augen darstellen sollten. Als der Soldat den Burschen unvermutet bei den Stelzen packte, purzelte »das Gespenst« auf den Boden, der Topf ging in Scherben, und die Kohlen wurden verschüttet. Der also Entlarvte gab dem Soldaten ein gutes Trinkgeld, damit dieser das Geheimnis des Spuks nicht verrate. Uns Kindern gefiel die lustige Erklärung, welche die grausige Vorstellung von dem heulenden Gespenst zerstreute, ausnehmend gut, und der Vater mußte uns die Geschichte noch oft erzählen. Sie wurde jedesmal unter allgemeiner Heiterkeit beschlossen. Allein in der Küche hatte diese nüchterne Erklärung nicht den geringsten Eindruck gemacht. Pani Budzynska, die Köchin, und mit ihr andere wußten die Sache noch viel einfacher zu deuten: der Soldat war eben selbst mit Geistern im Einvernehmen, er hatte sich schiedlich-friedlich mit dem Gespenst verständigt und der Böse war auf einen anderen Ort verzogen. Daher blieb die Moral der ganzen Episode in voller Kraft: »Es kommt halt was« ... Kurz darauf tauchte ein neues Gerücht auf: man fing an, von sogenannten »goldenen Freibriefen« zu raunen, die weiß Gott woher auf Landwege, in Felder, auf Zäune hinweggeweht lagen ... Diese geheimnisvollen Urkunden, die den Bauern Freiheit verhießen oder gar verliehen, sollten »vom Zaren selbst« herrühren und bei dem Bauernvolk natürlich Glauben gefunden haben, während die Herren ihnen keine Beachtung schenken wollten, wobei die Bauern – wie es hieß – immer trotziger, die Herrschaften aber immer verzagter wurden ... Endlich schlug um dieselbe Zeit in unserer Gegend wie eine Bombe die unglaubliche Geschichte vom »gehörnten Popen« ein... Mit dieser Geschichte hatte es folgende Bewandtnis. Ein Bauer grub beim Pflügen auf seinem Acker einen eisernen Kessel mit Dukaten aus. Er trug den Fund nach Hause und vergrub ihn, ohne einem Menschen ein Wort davon zu sagen, im Garten. Dann hielt er es aber nicht aus und vertraute das Geheimnis seinem Weib an, indessen er sie vorher schwören ließ, daß sie es niemandem verraten werde. Die Bäuerin versprach hoch und heilig zu schweigen, es litt sie aber doch nicht lange. Sie lief zum Popen, und nachdem dieser sie von dem geleisteten Eid freigesprochen hatte, plapperte das dumme Weib alles von A bis Z aus. Der Pope war ein ebenso habgieriger wie listiger und verschlagener Mensch. Er tötete und enthäutete ein junges Rind, zog selbst dessen Haut mitsamt den Hörnern an, wobei ihm die Popin die Verkleidung hier und da mit Nadel und Zwirn befestigen mußte, dann begab er sich um Mitternacht zur Hütte des Bauern, und klopfte mit dem Horn an das kleine Fenster. Der Bauer schaute hinaus und erstarrte. Die Nacht darauf wiederholte sich dasselbe, nur daß der Teufel diesmal die kategorische Forderung stellte: »Gib meine Batzen heraus!« Der Bauer erschrak tödlich, grub am nächsten Tag den Kessel aus und trug ihn in die Hütte. Als sich der Teufel in der dritten Nacht wieder mit seiner Forderung meldete, öffnete der Bauer das Fenster und hing dem unheimlichen Gast den Kessel mitsamt den Dukaten um die Hörner. Der erfreute Pope lief stracks zu seiner Popin, neigte die Hörner und befahl ihr: »Nimm die Batzen herunter.« Als aber die Popin den Befehl ausführen wollte, zeigte sich, daß der Kessel an den Hörnern wie angewachsen hing und sich nicht abnehmen ließ. »Nun, dann schneide die Naht auf und nimm ihn mit der Haut herunter,« befahl der Pope. Kaum begann aber die Popin die Naht mit der Schere aufzutrennen, als der Pope mit gräßlicher Stimme schrie, sie schneide ihm die Adern durch. Es stellte sich heraus, daß die Dukaten an den Kessel festgewachsen waren, der Kessel an die Hörner und die Rindshaut an den Popen. Die Sache kam natürlich, wie alles Wichtige, vor den Zaren. Dieser hielt mit seinen Ältesten Rat und sie beschlossen, daß man den Popen über die ganze Erde, über Städte und Dörfer führen und auf Marktplätzen ausstellen solle, damit alle Leute herantreten und ihm den Kessel abzunehmen versuchen. Das Geld rührte nämlich – so urteilte der weise Zarenrat klüglich – entweder von einem Menschen her, den Räuber erschlagen hatten, oder von einem Zauberer, der seinen Schatz vergraben und verwunschen hatte. Findet sich nun der Erbe desjenigen Mannes, dem das Geld nach Recht und Billigkeit gehörte, so wird der Kessel sich von eines solchen Hand, und nur von ihm, abnehmen lassen, alsdann, aber nicht eher, wird auch der Pope seiner Rindshaut ledig ... Der Vater erzählte uns lachend diese Geschichte und fügte hinzu, daß nur dumme Leute auf dieses Gerücht hereinfallen könnten, da es sich einfach um ein uraltes Volksmärchen handele, das, man weiß nicht wie, plötzlich wieder in Schwung gekommen sei. Doch das einfache Volk glaubte fest daran, und hie und da mußte schon die Polizei einschreiten, um Menschenaufläufe zu zerstreuen, die auf das Gerücht hin, daß man den »gehörnten Popen« bringe, da und dort entstanden. In unserer Küche wurde die Marschroute des unseligen Popen aufmerksam verfolgt: es wurde genau angegeben, er sei bereits in Petersburg, in Moskau, in Kijew, ja selbst in Berditschew gewesen und nächstens solle er zu uns nach Schitomir gebracht werden. Mein jüngerer Bruder und ich schwankten zwischen Glauben und Zweifel, jedenfalls hatten wir jetzt eine neue Beschäftigung. Wir kletterten auf Zaunpfähle an der Ecke unseres Gäßchens und hielten Ausschau in die Fernsicht der Chaussee. Wir pflegten so regungslos stundenlang zu hocken, manchmal mit Brotstullen versehen, und spähten unverwandt in die staubige Ferne, in der wir jeden auftauchenden Fleck verfolgten. Eine unwiderstehliche beharrliche Erwartung hielt uns in dieser unbequemen Lage unter sengenden Sonnenstrahlen gebannt, bis uns der Schädel schmerzte. Manchmal waren wir schon nah dran, den Posten zu verlassen, aber am Horizont tauchten fortwährend in dem schmalen Durchblick der Chaussee am Friedhof neue Umrisse auf, die herunterrollten, wuchsen und sich schließlich als die prosaischsten Dinge herausstellten, hinter denen aber wieder andere auftauchten, und die Hoffnung neu erweckten: wie, wenn gerade jetzt dasjenige käme, worauf alle warten! ... Einmal rief jemand im Hof: »Man bringt ihn her!« Sofort entstand ein unbeschreibliches Durcheinander: Dienstboten rannten aus der Küche, Zimmermädchen rannten, Stallknechte rannten, Nachbarn aus dem Gäßchen rannten, und von der Straßenkreuzung her waren Trommelwirbel und unbestimmtes Getöse zu hören. Mein Bruder und ich rannten natürlich gleichfalls. Es stellte sich heraus, daß ein Sträfling auf erhöhtem Wagensitz zur Hinrichtung transportiert wurde. Dieses dumme Märchen verflocht sich nun mit dem Sturz des Kruzifixes, mit dem Gespensterspuk von Tschudnoff und fiel in die ohnehin mit Erwartung geschwängerte Atmosphäre: »Es kommt was« ... Was eigentlich kommen sollte, wußte niemand. Goldene Freibriefe, Bauernrevolten, Mordanschläge, der gehörnte Pope, alles fügte sich zu einer beklemmenden, irritierenden Spannung. Die einen glaubten dies, die anderen das, alle hatten das Gefühl, daß es mit dem gesunden Pflanzenschlaf der früheren Zeiten vorüber war, daß etwas Neues auf uns alle zuschritt, und das unbedeutendste Symptom wurde mit wachsamer Unruhe aufgenommen. Von meinem einstigen kindlichen Glauben an die Unveränderlichkeit alles Bestehenden war zu jener Zeit auch nicht eine Spur mehr übrig geblieben. Ich hatte im Gegenteil die deutliche Empfindung, daß nicht bloß meine winzige Welt, sondern auch die große Welt, daß auch jenseits unseres Hofes und jenseits der Stadt, irgendwo fern »in Moskau und Petersburg,« alles auf etwas warte und durch die Erwartung in peinigende Unruhe versetzt werde ... Die Zeitung war damals in unserer stillen Provinz eine Seltenheit. Die hinterwäldlerische Öffentlichkeit war auf Gerüchte, Mutmaßungen, überhaupt auf das »unmaßgebliche Raisonnieren« des beschränkten Untertanenverstandes angewiesen. Irgendwo in den oberen Regionen wurde die große Reform vorbereitet, und die Zukunft warf ihre Schatten voraus. Im Schatten tauchten Gespenster auf, die Unsicherheit wurde zum Grundton des Lebens. Die großen Züge des Kommenden waren unbekannt, und Lappalien wuchsen sich zu großen Ereignissen aus. Um jene Zeit ist die erste Telegraphenlinie durch unsere Stadt gelegt worden. Zuerst wurden frischbehauene Pfähle in Menge gebracht und in gleichen Abständen in den Straßen abgeladen. Dann grub man Löcher in das Pflaster, und eines davon kam just an der Ecke unseres Gäßchens und der vom Verkehr belebten Wilnaer Straße zu liegen. Sodann wurden die Pfähle eingerammt und gewaltige Knäuel Draht auf Handkarren angefahren. Ein Beamter in nagelneuer Telegraphistenuniform beaufsichtigte die Arbeit. Auf jeden Pfahl kletterte ein Arbeiter, hielt sich mit beiden Füßen sowie mit einer Hand an den aus den Pfählen ragenden Haken fest und zog oben den Draht durch. War ein Pfahl derart erledigt, dann rollten sie eilig den Handkarren zum nächsten, so daß gegen Abend schon drei oder vier Drähte über der Stadt in Parallellinien schwebten, und die Pfähle sie die Chaussee entlang mit fort in die Ferne trugen. Die Arbeiter wurden lebhaft angespornt und schafften auch die ganze Nacht hindurch. Am nächsten Morgen waren sie schon weit draußen, hinter dem städtischen Schlagbaum, und einige Tage später sagte man, daß der Draht bis nach Brody gelegt und mit dem Auslande verbunden wäre. Auch ein Toter blieb bei dieser Gelegenheit in unserer Stadt zurück. Einer von den Arbeitern war von der Telegraphenstange abgestürzt, geriet im Fall mit der Kinnlade auf einen Haken und blieb mit zerschmettertem Schädel hängen ... Ich entsinne mich nicht, je in der Folgezeit ein so lautes Dröhnen der Telegraphendrähte gehört zu haben, wie damals in den ersten Tagen. Besonders erinnere ich mich an einen hellen Abend; in unserem Gäßchen war es ungewöhnlich still, das Wagengerassel der Stadt verstummte auch allmählich und das ungewohnte Dröhnen trat desto deutlicher hervor. Mich beschlich bei diesem eintönigen unverständlichen Schrei des toten Metalls, das wer weiß woher aus der fernen Hauptstadt, »wo der Zar wohnt,« durch die Luft gezogen kam, eine seltsame Bangigkeit ... Die Sonne war untergegangen, nur zwischen fernen Dächern nach der Seite des polnischen Friedhofs hin glühte noch am Himmel ein purpurroter Streifen. Der erkaltende Draht schrie immer lauter und erfüllte die Luft mit seiner schrillen Klage. Später wurden die Drähte wahrscheinlich fester angezogen, und das Klingen legte sich allmählich. An gewöhnlichen windstillen Tagen pflegte der Telegraph nur leise zu summen, wie wenn sein anfänglicher Schrei nun zur dumpfen Rede herabgestimmt wäre. In jenen ersten Tagen konnte man vielfach Neugierige ihr Ohr an die Pfähle legen und aufmerksam lauschen sehen. Der Volksglaube überholte hier bei weitem den Fortschritt der Technik: es wurde behauptet, daß man vermittels des Drahts in die Ferne sprechen könne, da aber unser Draht zur Grenze führte, so tauchte begreiflicherweise die Mutmaßung auf, es sei niemand anderes als der Zar selbst, der sich eben mit ausländischen Kaisern über Regierungsgeschäfte unterhalte. Mein Bruder und ich verbrachten auch viele Stunden an den Telegraphenstangen. Als ich zum erstenmal mein Ohr an das Holz drückte, war ich durch die Mannigfaltigkeit der flüssigen Laute frappiert. Das war nicht mehr der einzelne hohle metallische Klang, sondern ein ganzes Rinnsal von Tönen, das durch den hölzernen Pfahl strömte, ein verworrenes, spannendes Gemisch von Lauten. Und manchmal wollte meine erregte Einbildung entschieden etwas wie ein seines Gespräch aufgefangen haben. Eines schönen Morgens wurden diese dunklen Gespräche endlich in klare menschliche Sprache übersetzt. Jemand brachte nämlich in unsere Küche die Kunde, daß der verabschiedete Beamte Popkoff »das Gespräch durch den Telegraph« glücklich entziffert habe. Der Beamte Popkoff galt für einen außerordentlich wohlinformierten Mann. Er war vor langer Zeit aus unbekannten Gründen vom Dienst verjagt worden, trug aber noch zum Zeichen seiner vergangenen Herrlichkeit einen alten Uniformmantel mit Metallknöpfen und zum Zeichen seiner gegenwärtigen Drangsale manchmal Bastschuhe an bloßen Füßen. Das war ein kleiner Kautz mit ungeheuerlich großem Kopf und einer wahrhaft außerordentlichen vorstehenden Stirn, der sich mit dem Aufsetzen von Bittschriften und Klagen für kleine Leute schlecht und recht durchschlug. Solches war ihm zwar als einem »notorischen Verleumder und Ränkeschmied« in aller Form verboten, diesem Umstand hatte er es jedoch zu danken, daß seine »Handschriften« sich desto größeren Zuspruchs beim einfachen Volke erfreuten. Nahm man doch an, daß dem Exbeamten gerade deshalb verboten ward, seine Schriftstücke anzufertigen, weil denselben eine Kraft innewohnte, gegen die auch die mächtigste Obrigkeit nicht aufzukommen vermochte. Bei alledem führte er im ganzen ein recht kümmerliches Dasein und versuchte sich in bösen Stunden, wenn alle Stricke rissen, als Hanswurst und Taschenspieler. Eines seiner Paradestücke bestand darin, daß er Walnüsse mit bloßer Stirn aufschlug. Eben dieser Mensch, der eigentlich aus keinem anderen Grunde einst vom Amte verjagt war, als weil ihm – wer wollte daran zweifeln! – zu viel von Regierungsgeheimnissen bekannt war, hatte es fertig gebracht, auch die geheimen Gespräche unseres Zaren mit den ausländischen Kaisern, namentlich mit dem französischen Napoleon, zu belauschen. Nun war es heraus: die ausländischen Kaiser forderten von dem unsrigen, er solle ... alle leibeigenen Bauern freilassen. Dabei soll Napoleon laut und barsch, der unsrige aber freundlich und leise gesprochen haben. Die Legende von der Einmischung fremder Mächte in die Sache der Bauernbefreiung in Rußland ist mir noch mehrere Jahre später im Kreise Arsamaß des Gouv. Nischni Nowgorod zu Ohren gekommen. Anm. d. Verf. Dies war, wie ich glaube, die, erste ganz deutliche Form, in der ich von der bevorstehenden Bauernbefreiung zu hören bekam. Die dunkle Prophezeiung des Gespenstes von Tschudnoff: »es kommt was!« ... nahm feste Gestalt an: der Zar wollte den Gutsherren ihre Bauern nehmen und sie freilassen ... War das gut oder schlecht? Würde ich einen Roman schreiben, dann wäre es sicher verlockend, diese Frage mit den Schicksalen der beiden oben beschriebenen »gekauften Knaben« zu verknüpfen. Es würde sich ohne weiteres ergeben, daß ich noch als Kind, aus zartem Mitleid mit meinem in der Sklaverei bei Herrn Ulanizki schmachtenden Freunde, von ganzem Herzen die Bauernreform herbeisehnte, und für den guten Zaren, der alle gekauften Knaben von den bösen Ulanizkis befreien wollte, heiß zu Gott betete. Das würde eine artige Empfehlung für mein jugendliches Herz und obendrein ein recht effektvolles Motiv abgeben: irgendwo in einem kleinen Provinzstädtchen glüht ein unverdorbenes Knabenherz für den guten Zaren und die Volksfreiheit ... Leider sehe ich mich gezwungen, wenn ich die Bilder betrachte, die jetzt aus dem Nebel der Vergangenheit vor mir aufsteigen, auf dieses rührende Motiv zu verzichten. Ich weiß wirklich nicht zu sagen, wie das kam: sei es, weil Kinder zu sehr von den unmittelbaren Eindrücken des Augenblicks leben, als daß sie das Erlebte zu allgemeineren Schlüssen verknüpfen können, sei es aus einem anderen Grunde, genug, ich kann mich absolut nicht entsinnen, die Absichten des Zaren in bezug auf alle Bauern und alle Grundbesitzer, etwa mit den persönlichen Schicksalen, sagen wir, Mameriks oder des anderen Knaben, dem wir begegnet waren, in irgendeinen Zusammenhang gebracht zu haben. Ich konnte daher auch zu jener Zeit nicht finden, daß die herannahende Bauernbefreiung etwas Gutes sei. Auch waren meine Eindrücke von den kommenden Dingen ziemlich vage und unsichere. Bei uns in der Küche erwartete man, soviel ich mich erinnere, von der Sache nichts Gutes, – vielleicht deshalb, weil hier gewissermaßen das aristokratische Volkselement überwog. Unsere Köchin war »Pani« Budzynska, das Stubenmädchen, ein Frauenzimmer mit feinen und anmutigen Gesichtszügen, das stets nur polnisch sprach, hieß »Pani« Chumowa; auch der Diener Handylo würde sich äußerst beleidigt gefühlt haben, wollte man ihn zu den Bauern zählen. Von allen unseren Dienstboten hatte nur die alte Amme und die Budzynska die Dorftracht beibehalten und beide trugen noch ein Tuch um den Kopf, aber auch sie sahen nicht mehr bäurisch aus. Nur der Kutscher Petrus in seinem ewigen Schafpelz und den schweren Bauernstiefeln, deren Schäfte er nach außen umgekrempelt trug, mutete wie ein echter Muschik an. Dies war aber ein äußerst schweigsamer Geselle, der immer nur zu rauchen und von Zeit zu Zeit auszuspucken pflegte, ohne irgendwelche allgemeinen Urteile abzugeben. Sein Ausdruck blieb stets gleich hart, verschlossen und finster. Menschen messen überhaupt die eigenen Geschicke gern am Schicksal anderer, mit denen sie sich vergleichen. Dieser ganze Kreis von Dienstboten lebte unter dem milden Regime meiner Mutter nicht übel, und in den Abendstunden pflegte sich in unserer Küche, die tüchtig eingeheizt und deren Luft mit kräftigem Geruch fetter Kohlsuppe und warmen Brotes gesättigt war, eine kleine Gesellschaft von Leuten zu versammeln, die im großen ganzen mit ihrem Los zufrieden waren. Das Heimchen zirpte, ein Stümpfchen Talglicht flackerte auf dem Ofensims, die Spindel surrte, spannende Erzählungen rissen nicht ab, bis irgend jemand, vom Gefühl der Sättigung und der molligen Hitze übermannt, sich von der Bank erhob und die Glieder behaglich dehnend bemerkte: »Schau, wie es doch schon spät geworden ist! Allmählich wird's wohl Zeit, in die Federn zu kriechen ...« Unter den abendlichen Erzählungen kamen mitunter auch Episoden vor, die von der Grausamkeit der Gutsherren Zeugnis ablegten, doch wurden sie nicht zu Verallgemeinerungen verwendet. Es gibt in der Welt halt gute Herrschaften und böse Herrschaften. Diese letzteren werden vom lieben Gott, zuweilen sogar sehr nachdrücklich, bestraft. Aber auch der Bauer muß wissen, was sich für ihn geziemt, denn so will es die vom Herrgott bestimmte Weltordnung. Den Leutchen in unserer Küche hatte der Herrgott eine verhältnismäßig leichte Arbeitslast, volle Sättigung und nicht zu knappe Mußezeit zugemessen. Daher schien ihnen jenes Unbekannte, das herrannahte, zum Teil beängstigend. »Es kommt was« ... Ob aber was Gutes oder Schlimmes – wer weiß! Auf jeden Fall war es mit der lieben Ruhe vorbei... Derart war die Stimmung nicht bloß in unserer Küche. Eines Morgens erschien in aller Frühe in unserem Hofe ein großer Haufen Bauern in Kitteln und Schafpelzmützen. Sie kamen geradenwegs vom Lande hergestapft, viele trugen Körbe aus Birkenrinde auf dem Rücken und leinene Säcke über die Schulter gehängt. Der Haufe drängte sich mit gedämpftem Stimmengewirr vor der großen Freitreppe des steinernen Hauses und der herbe Bauerngeruch von Schweiß, Theer und Schafpelz war aus ziemlicher Entfernung zu spüren. Bald traten zwei Greise – offenbar Wortführer der anderen – barhäuptig aus dem Haufe und warfen den ängstlich Aufhorchenden einige Worte hin. Unter den Bauern erhob sich lebhaftes, anscheinend freudiges Gemurmel und im nächsten Augenblick fiel der ganze Haufe auf die Knie: oben auf der Freitreppe erschien auf ihre Kammerfrauen gestützt Pani Kolanowska. Das war eine wohlbeleibte imposante Dame mit sehr lebhaften schwarzen Augen, einer Adlernase und einem ziemlich deutlichen dunklen Flaum auf der Oberlippe, wie sie oben auf der Treppe über der knieenden Menge stand, erschien sie wie eine Königin unter ihren Untertanen. Sie sagte ihnen ein paar huldreiche Worte, die der Haufe mit freudigem und ergebenem Gemurmel beantwortete. Zur Mittagszeit wurden im Hofe mehrere lange Tafeln zusammengestellt, an denen die Bauern vor dem Heimweg einen Imbiß vorgesetzt bekamen. Aus Gesprächen Erwachsener erfuhr ich, daß dies Leibeigene der Frau Kolanowska aus dem fernen Dorfe Skoluboff waren, die darum baten, daß man sie im alten Dienstverhältnis belassen möge: »Wir gehören halt zu euch, und ihr gehört zu uns.« Die Kolanowska war eine gutherzige Frau. Ihre Bauern hatten genügend Land, überdies pflegten fast alle tüchtigen Arbeitskräfte von Skoluboff über die Winterzeit zu Zimmerarbeiten abzuwandern, was tüchtigen Nebenverdienst eintrug. Den Leuten ging es offenbar besser als manchen ihrer Nachbarn, und die Kunde: »es komme was«, hatte in ihnen die Befürchtung geweckt, die unbekannte »Zukunft« könnte sie den anderen am Ende noch »gleichmachen« ... Im selben Sommer nahmen mich die Kolanowskis mit auf ihr Landgut. Jener Landaufenthalt ist in meinem Gedächtnis wie ein zauberhaftes Traumbild haften geblieben. Ein großes und prunkvolles Herrenhaus und nicht weit davon eine Reihe kleiner Bauernhütten, die hinter der Böschung mit ihren Strohdächern und weißgetünchten Wänden hervorlugten ... Abends leuchtete das herrschaftliche Haus aus großen Fenstern hell auf, während die Bauernhütten mit ihren trüben zerstreuten Lichtlein sanft und demütig in der Dunkelheit blinkten. Und all dies schien so friedfertig, anheimelnd und einträchtig ... In den Hütten wohnten dieselben Bauern, die einst unsere Haustreppe auseinandergenommen und eine neue gezimmert hatten – kluges und kräftiges Volk. In dem großen Hause hingegen wohnte die Herrschaft, – milde und freundliche Menschen. Am Tische der Frau Kolanowska pflegten sich entfernte Verwandte und Gutsbeamte zu versammeln, – lauter ruhige und gefällige Leute. Über allem lag ein eigenes Gepräge sicherer und fest gefügter Daseinsformen, ohne Widersprüche und ohne Mißtöne. Ich erinnere mich, daß einmal ein durchreisender Herr in stutzerhaftem Rock, gestreiftem Vorhemd und einem goldenen Zwicker auf der Nase zum Abendtisch erschien, – eine Gestalt, die von dem allgemeinen ländlichen Ton des Hauses schroff genug abstach. Dieser Herr führte unter anderem aus, daß die Bauern samt und sonders Faulenzer, Trunkenbolde, Taugenichtse, kurz »Vieh« seien. Frau Kolanowska erwiderte ruhig: das Haus, in dem wir saßen und alles, was sich darin befand, bis zum letzten Stuhl, sei von ihren Bauern verfertigt. Ihr Stadthaus sei gleichfalls von denselben Bauern gebaut, und alles unter der Leitung eines alten klugen Bauern ausgeführt worden. Es fragte sich: welcher ausländische Baumeister dies alles solider und praktischer zustande gebracht hätte? Die sanftmütige Verwandtschaft der Hausherrin und die Offizialisten stimmten ihren Äußerungen eifrig zu, und die Ansichten des Fremdlings prallten an dieser geschlossenen und unerschütterlichen Weltanschauung glatt ab. Ich fühlte gleichfalls, daß Frau Kolanowska recht hatte. Das Dorf, die mir nur aus der Ferne bekannte Welt der Starken, Tüchtigen und Demütigen erschien mir in ihrer Demut gut und schön. In den Abendstunden pflegten an dem herrschaftlichen Hause vorbei Knechte und Mägde von der Arbeit heimzukehren, mit Rechen und Sensen über der Schulter, mit Kornblumenkränzen auf dem Kopf, mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen. Wenn die erste Garbe im Feld gebunden war, wurde sie feierlich ins herrschaftliche Haus gebracht. Die Garbe schwankte über den Schafpelzmützen der Knechte und den Kornblumenkränzen der Mädchen hoch in der Luft und schien an dieser allgemeinen Arbeitsfreude mit ernstem Nicken selbst teilzunehmen. Man hieß das den »Vorschnitt«. Mit noch größerer Feierlichkeit wurde die letzte Garbe zum Erntedankfest heimgebracht. Vor dem herrschaftlichen Hause standen alsdann auf dem Platz Tische mit Imbiß, Knechte und Mägde tanzten miteinander bis in die späte Nacht, während die ganze herrschaftliche Familie im Vorhof saß und der Lustbarkeit heiter und freundlich zuschaute. Dann zog die Menge von dem hellerleuchteten herrschaftlichen Hause wieder zu den demütig hinter der Böschung blinkenden Hütten mit Gesang heimwärts, und in dem Maße, wie die Sänger, einer nach dem anderen, sich von der Gruppe lösten und in ihren Hütten verschwanden, erscholl das Lied immer schwächer, verhallte und erstarb schließlich in der linden Abendluft irgendwo am anderen Ende der Dorfstraße ... All dies erschien mir wieder so friedlich und schön, so geschlossen und unerschütterlich ... In meiner Erinnerung lebt jener idyllische Winkel aus der Zeit der Leibeigenschaft wie von den letzten rosigen Strahlen einer untergehenden Sonne beschienen ... Unterdessen wurden die Schicksale der Leibeigenschaft schon in den hohen Regierungskreisen erwogen, und in unserer Provinz herrschte bange Erwartung. »Es kommt was!« ... heulte das Gespenst von Tschudnoff. Das alte Kruzifix, das seit undenklichen Zeiten gestanden hat, barst plötzlich und stürzte zur Erde. Der gehörnte Pope geht von Stadt zu Stadt um, – ein offenbares Zeichen des bevorstehenden Weltendes. »Es kommt was«, schreit bange der Telegraphendraht. In der Küche werden statt der Gespenstermärchen Nachrichten über »goldene Freibriefe« verbreitet, es wird erzählt, daß sie Bauern nicht mehr fronen und robotten wollen, daß der Karmeluk aus Sibirien zurückgekehrt sei, alle Gutsherren niedermachen und die Muschiks gegen die Stadt führen wolle ... Das unbekannte platte Land jenseits der Stadtmauern erschien mir nach diesen Erzählungen finster, drohend, vom düsteren Widerschein der Feuersbrünste beleuchtet. In meiner Knabenseele zuckte mitunter, wie unheilverkündendes fernes Wetterleuchten, ein unbestimmtes Angstgefühl auf, das übrigens vor den Eindrücken des nächsten hellen Tages rasch wieder zu verschwinden pflegte ... Der kleine Thomas aus Sandomir und der Gutsbesitzer Degert. Um jene Zeit habe ich mein erstes dickes Buch gelesen und mit einem hervorragenden Vertreter der Leibeigenschaft Bekanntschaft gemacht. Wir alle, ich und meine Geschwister, haben fast unmerklich, ohne jede Mühe, lesen gelernt. Man hatte uns ein polnisches Abcbuch mit Holzschnitten gekauft, und wir prägten uns die Buchstaben im Spielen ein. Allmählich gingen wir zum unvermeidlichen »Struwwelpeter« über, und dann fiel mir zufällig eine größere Erzählung eines polnischen Schriftstellers, wenn ich nicht irre, war es Korzeniowskis: »Der kleine Thomas aus Sandomir« in die Hände. Im Anfang kam ich darin nur mühsam buchstabierend vorwärts, wurde aber nach und nach vom Inhalt dermaßen gepackt, daß ich unablässig über dem Buche hockte, und als ich es weglegte, konnte ich ziemlich fließend lesen. Aus jener verfrühten Lektüre trug ich, wie ich annehme, meine schwachen Augen, zugleich aber eine bedeutende Erweiterung meiner Begriffe über die gesellschaftlichen Verhältnisse davon. Es war ein gutes Buch, was ich auf diese Weise zum ersten Mal zum Lesen bekam. Es erzählte von einem kleinen verwaisten Bauernknaben, der im Dorf Vieh hütete. Einmal begegnete er zufällig der Nichte des Ortspfarrers. Die gleichartigen Kinder schlossen Freundschaft, und das Mädchen brachte dem Knaben bald das Lesen und Schreiben bei, weckte überhaupt seine geistigen Interessen. Der gute Geistliche überredete den Gutsherrn, den begabten Knaben aus der Hörigkeit freizulassen, und der Kleine zog in die Welt hinaus, um seinen Wissensdurst zu stillen. Die Geschichte enthielt weder geheimnisvolle Abenteuer, noch eine verwickelte Intrigue. Der Verfasser erzählte mit Wärme, aber schlicht und sachlich, wie der kleine Thomas aus Sandomir sich mühselig den Weg durchs Leben bahnte, wie er sich als Diener beim Lehrer einer Klosterschule vermietete, wie er später die Erlaubnis erhielt, mit anderen Schülern am Unterricht teilzunehmen, wobei er fortfuhr, seinem Lehrer Stiefel zu putzen und das Zimmer aufzuräumen, wie ihn die stolzen Adelssöhnchen im Anfang verhöhnten, und wie er sie Schritt für Schritt im Wissen überholte, um endlich das Schulexamen als Erster zu bestehen. Eine glänzende Laufbahn eröffnete sich nun dem Jüngling, er jedoch, der gelehrte Bauernsohn, kehrte aufs Land zurück, um Dorfschullehrer zu werden. Hier begegnete er wieder der Freundin seiner Kindheit. Der etwas sentimentale Schluß schildert, wenn ich mich recht entsinne, das bescheidene Glück zweier rechtschaffener Menschenkinder. Ich gedenke auch jetzt noch mit Dankbarkeit jenes Buches wie der polnischen Literatur jener Zeit überhaupt. Sie war schon damals von dem ersten Hauch einer freilich noch ganz naiven Volkstümelei belebt und betonte nachdrücklich, ohne noch auf die eigentlichen Zeitprobleme der damaligen Gesellschaftszustände direkt einzugehen, die Idee der Gleichheit aller Menschen. Über diesem Buche verbrachte ich ganze Tage, mitunter auch Abende, bei dem schwachen Schein eines Talglichtes – Stearinkerzen waren damals noch Luxus – Seite um Seite mühsam entziffernd. Ich erinnere mich auch noch, daß die Erwachsenen mir mehrmals mit freundlicher Herablassung versicherten, ich verstände ja doch gar nichts von dem so eifrig Gelesenen, worauf ich verwundert bei mir dachte: was war denn da Besonderes zu verstehen? Sah ich doch einfach mit eigenen Augen alles, was der Verfasser schilderte: den kleinen Hütejungen im Felde, das Pfarrhäuschen mitten in blühenden Fliedersträuchern, die langen Korridore der Klosterschule, in denen der kleine Thomas aus Sandomir die blank geputzten Schuhe des Herrn Lehrers eilig dahintrug, um dann in das Klassenzimmer zu laufen; ich sah endlich auch die schon erwachsene Jungfrau, die den »gelehrten« Thomas, ihren ehemaligen Schüler, schüchtern errötend begrüßte ... Die Vorstellungen vom Dorfleben, die ich mir aus dieser Lektüre erworben hatte, waren freilich naive Bücherweisheit. Auch die Erinnerungen an das Kolanowskische Landgut waren nicht geeignet, sie realer zu gestalten. Doch wer weiß, ob ich eine lebenswahrere Vorstellung gewonnen hätte, wäre es mir passiert, damals mitten in den schrillen Dissonanzen des leibeigenen Dorfes zu leben. Meine Auffassung wäre in diesem Falle vielleicht konkreter, kaum aber vernünftiger und weitherziger geworden. Wie dem nun sei, jedenfalls lebte in meinen Gedanken neben dem finsteren und feindseligen Dorfe, von dem man irgendein Unheil unklar erwartete, doch zugleich schon ein anderes Bild der ländlichen Verhältnisse. Und die imaginäre Gestalt des kleinen Thomas war mir direkt ans Herz gewachsen. Einmal, während der Vater noch auf dem Gericht war, die Mutter aber mit ihren Schwestern und einigen Freundinnen bei irgendeiner Handarbeit fröhlich plauderte, wurde vor dem Hause Wagengerassel hörbar. Eine der Tanten blickte durch das Fenster und rief mit banger Stimme: »Der Degert!« ... Die Mutter erhob sich rasch vom Stuhl, räumte – ich weiß nicht weshalb – ihre Handarbeit eilig vom Tische weg und sagte aufgeregt: »Jesus, Maria und Joseph, ist das ein Kreuz! Wäre doch wenigstens mein Mann zu Hause« ... Degert war ein Gutsbesitzer und irgendwie weitläufig mit uns verwandt. In unserer Familie waren über ihn ganze Legenden im Umlauf, die seinen Namen mit finsteren Schrecken umgaben. Man erzählte von unmenschlichen Grausamkeiten, die er an seinen Bauern verübte. Er hatte zahlreiche Kinder, unter denen er geliebte und verhaßte unterschied. Letztere lebten in der Gesindestube und wurden von ihm, wenn sie ihm unter die Augen kamen, wie Hunde mit Fußtritten bedacht. Seine Frau, ein völlig gebrochenes Geschöpf, wagte nur insgeheim zu weinen. Eine Tochter, ein schönes Mädchen mit traurigen Augen, lief vom Elternhause fort, ein Sohn hatte sich erschossen ... Alles dies vermochte offenbar auf den Wüterich nicht den geringsten Eindruck auszuüben. Er war ein Herrentypus der Leibeigenschaft in Reinkultur, ein roher Gewaltmensch, der außer seinem Ich und seiner ungezügelten Willkür nichts in der Welt gelten ließ. Die Stadt war ihm zuwider: hier fühlte er gewisse Schranken, und das erregte in ihm ständig eine kochende Wut, die jederzeit auszubrechen drohte. Eben dies war es, was ihn zu einem äußerst lästigen, ja unheimlichen Gast machte. Diesmal erklärte er, kaum daß er von seiner Kalesche geklettert war, der Mutter kategorisch, er sei am Sterben. Er war nämlich um seine liebe Gesundheit außerordentlich besorgt und pflegte bei der geringsten Unpäßlichkeit alle Welt auf die Beine zu bringen. Ohne Umstände nahm er jetzt Vaters Zimmer in Beschlag, und von dort ertönte bald im ganzen Hause sein Ächzen, Schreien, seine Befehle und Flüche. Als der Vater vom Gericht heimkam, fand er sein Zimmer mit Becken, Kompressen, Kühlwassern, Phiolen erfüllt. In seinem Bette lag der »Sterbende«, der bald dumpf stöhnte, bald laut brüllte, wie ein Wachtmeister auf dem Exerzierplatz. Mein Vater zuckte die Achseln und ergab sich in sein Schicksal. An die wenigen Tage, die dieser originelle Kranke bei uns zubrachte, erinnere ich mich wie an einen schweren Traum. Niemand im Hause vermochte auch nur für einen Augenblick zu vergessen, daß in Vaters Zimmer der enorme, unheimliche, sterbende Degert lag. Bei seinen rohen Schreien pflegte die Mutter zusammenzufahren und kopfüber zu ihm hinzustürzen. Manchmal, wenn das Schreien und Stöhnen verstummte, war es noch unheimlicher: dann ertönte hinter der verschlossenen Tür ein kentaurisches Schnarchen. Alles ging dann auf Fußspitzen, uns Kinder aber schickte die Mutter aus der Wohnung fort. Die Krankheit nahm übrigens ein ziemlich unerwartetes Ende. Der Vater brachte einmal, als er vom Gericht heimkam, den lustigen Onkel Peter mit. Onkel Peters Augen lachten, als er meiner Mutter die Hand küßte, und seine Schnurrbartspitzen bewegten sich. Mit ungezwungener Stimme, wie man sie schon seit mehreren Tagen in unserer Wohnung nicht gehört hatte, frug er sie: »Nun, wo ist denn euer Kranker?« Die Mutter blickte ihn ängstlich an und sagte mit flehender Stimme: »Um Gottes willen, was habt Ihr vor? Nein, nein, bitte, gehen Sie nicht hinein« ... Der Vater aber, der die lästige Geschichte satt hatte, öffnete ruhig die Tür, und sie traten beide in sein Zimmer. Peter ging ohne Umstände an das »Krankenbett« und sagte laut auf polnisch: »Ich höre, du liegst im Sterben! Ich bin gekommen, um von dir Abschied zu nehmen ...« Der Kranke ächzte und fing an sich zu beklagen, daß er Stiche in der Seite verspüre, daß er keinen Stuhl habe und sich überhaupt ganz miserabel fühle. »Nun, da ist nichts zu machen,« sagte Peter, »ich sehe's ja selbst: es geht mit dir zu Ende. Sterben müssen wir ja alle. Heute dir, morgen mir ... Laßt doch den Geistlichen kommen, damit er sich vorbereiten kann, wie einem Christenmenschen geziemt ...« Degert ächzte wieder; Peter indes trat zwei Schritte zurück und fing an, den Sterbenden von Kopf zu Fuß mit den Blicken zu messen. »Was schaust du mich denn so an?« brummte Degert weinerlich. »Nichts, gar nichts ...« beruhigte ihn Peter und dann, ohne ihn zu beachten, geschäftsmäßig zum Vater: »Aber ein Sarg wird da nötig sein, – na, ich sage dir, – ach du meine Güte!« ... Bei diesen Worten fuhr Degert in die Höhe. »Anspannen!« brüllte er so laut, daß sein Kutscher wie eine Bombe aus der Küche stürzte und zu den Pferden lief. Degert kleidete sich an, wobei er schrie, er werde unterwegs den Geist aufgeben, aber nicht eine Minute länger wolle er in einem Hause verbleiben, wo man sich über einen sterbenden Verwandten lustig mache. Im nächsten Augenblick fuhr die Kalesche vor, und er kletterte, verbunden und in Tücher gewickelt, ohne Abschied zu nehmen hinauf und rasselte davon. Das ganze Haus atmete auf. In der Küche unterhielt man sich abends darüber, wie es den »Leuten« wohl unter einem solchen Pan ergehen möge, und verschiedene Beispiele herrschaftlicher Unmenschlichkeiten wurden angeführt. Lange zeigte sich Degert in unserem Hause nicht wieder, nur neue Gerüchte von seinen Ausschreitungen in der Familie und im Dorfe kamen von Zeit zu Zeit zu unseren Ohren. Seitdem mochte ein Jahr verflossen sein. Der Nebelstreif am Horizont: »Es kommt was« wuchs, entfaltete sich, nahm feste Umrisse an. Der Vater arbeitete schon in irgendwelchen »neuen Komitees«, doch wurde von dem eigentlichen Sinn und Zweck dieser Arbeit nur wenig und vorsichtig gesprochen. Einmal saß ich im Eßzimmer mit einem Buch in der Hand, Vater aber las, in einen weichen Lehnstuhl zurückgelehnt, im »Sohn des Vaterlandes«. Es war wohl kurz nach Tisch, denn Vater war noch im Schlafrock und Hausschuhen. Er hatte in irgendeinem neuen Buch gelesen, es sei schädlich nach Tisch zu schlafen, und wollte sich gewaltsam diese Unsitte abgewöhnen; hin und wieder überraschte ihn aber doch der tückische Schlummer im Lehnstuhl. So war es auch diesmal. Im Eßzimmer herrschte tiefe Stille, in der nur von Zeit zu Zeit abwechselnd das Rascheln der Zeitung und ein leises Schnarchen des Vaters zu hören war. Plötzlich ließen sich im Nebenzimmer schwere eilige Schritte vernehmen, die Tür ging, oder richtiger: flog auf und auf der Schwelle erschien die hagere, große Gestalt Degerts. Wie ein Gespenst tauchte er auf: mit bleichem Gesicht, zerzaustem Bart und gesträubtem Haar, ein düsteres wildes Flackern in den Augen ... Ins Zimmer getreten, blieb er stehen, dann fing er an auf und ab zu rennen, als wollte er die kochende Wut in seinem Innern bemeistern. Ich drückte mich in meinen Winkel, um mich möglichst unbemerkbar zu machen, doch hielt mich etwas davon ab, mich aus dem Zimmer zu stehlen: es war die Angst um den Vater. Degert sah so groß und böse aus, während mein lahmer Vater so schwach und hilflos schien ... Nachdem er ein paar Mal jäh umgekehrt war, blieb Degert plötzlich mitten im Zimmer stehen und sagte: »Hör mal! Das soll also wahr sein?« »Was denn?« frug der Vater, der ihm mit lachenden Augen folgte. Degert fuhr ungeduldig auf und schrie: »Hol' euch der Satan! Nun, du verstehst doch, – das, was jetzt an allen Straßenecken geschwatzt wird ... Sogar die Bauernkanaille unterhält sich schon laut darüber ...« Der Vater fuhr fort, ihn mit heiteren Augen zu betrachten und nickte schweigend mit dem Kopfe. Degerts Brust entrang sich ein Ächzen oder vielmehr ein dumpfes Brüllen. Er fing wieder an im Zimmer auf und ab zu rennen, dann hielt er schroff inne: »Soso also ... Nun, dann sage ich euch ... Solange sie mir noch gehören ... Solange ihr noch eure niederträchtigen Projekte ausbrütet ... Ich ... ich ...« Er hielt inne, vor Wut erstickend. Im Zimmer wurde es unheimlich still. Dann wandte er sich zur Tür, aber gleichzeitig ertönte von Vaters Stuhl der trockene Schlag mit dem Stock auf den Fußboden. Degert blickte sich um, auch ich wandte mich unwillkürlich zum Vater. Sein Gesicht war ruhig, in den großen ausdrucksvollen Augen lag aber ein mir wohlbekanntes Blitzen. Er machte eine Anstrengung, um sich zu erheben, fiel dann in den Stuhl zurück und sagte, Degert fest ins Auge fassend und seinen Jähzorn sichtlich bemeisternd, auf polnisch: »Hör mal, du – wie nennt man dich gleich ... Wenn du jetzt ... auch nur einen Menschen in deinem Dorf anrührst, dann schwöre ich bei Gott: man wird dich unter Konvoi nach der Stadt bringen. –« Degerts Augen rundeten sich wie bei einem verwundeten Raubvogel. Grenzenloses Erstaunen blickte aus ihnen. »Wer ... wer wird wagen?« keuchte er heiser. »Das wirst du schon sehen,« sagte der Vater, wobei er seine Schnupftabakdose ruhig hervorlangte. Degert betrachtete ihn noch eine Weile mit starrem Blick, dann drehte er sich um und verließ das Zimmer. Von seinen mageren Schultern schien der Mantel plötzlich schlapp und hilflos herabzuhängen. Er schlug nicht einmal die Eingangstür zu und verschwand ungewöhnlich leise ... Der Vater aber blieb in seinem Lehnstuhl sitzen. Unter dem offenen Schlafrock erzitterte leicht sein mit Tabak bestreutes Hemd. Der Vater lachte sein unhörbares gutes Lachen, das stille Lachen eines beleibten Mannes; ich aber betrachtete ihn entzückt, und freudiger Stolz regte sich in meinem Kinderherzen. Die Mutter stürzte ins Zimmer und frug ängstlich: »Was ist mit ihm los? Ist er fort? Um Gottes willen, was habt ihr miteinander gehabt?« Als Vater das Vorgefallene kurz wiedergab, schlug sie die Hände zusammen: »Jesus, Maria! Was wird jetzt werden ... Die armen Leute! ...« »Er wird's nicht wagen,« antwortete der Vater bestimmt. »Die Zeiten haben sich geändert ...« Einmal stellte mir der Vater die »philosophische« Frage: ob man ohne Worte denken könne? Im Zusammenhang mit der geschilderten Szene taucht in meiner Erinnerung ein Abend auf, an dem ich auf der Treppe vor unserem Hause saß, den Himmel über mir betrachtete und über alles, was um mich vorging, »ohne Worte« nachdachte ... In meinem Hirn waren keine aus Worten geformten Gedanken oder allgemeine Schlüsse vorhanden. »Es kommt was«, – dieses Phantom entfaltete sich vor meinem geistigen Auge in einem Reigen von Bildern. Das geborstene Kreuz ... Die Bauern der Frau Kolanowska ... Die Bauern Degerts ... Seine ohnmächtige Wut ... Die ruhige Sicherheit meines Vaters ... All dies schmolz schließlich durch eine eigenartige Logik der Bilder zu einer starken Empfindung zusammen, die so klar und deutlich war, daß sie heute noch in meinem Gedächtnis lebt. Kurz zuvor war für Frau Kolanowska ein enormes Klavier in einer Schutzkiste gebracht worden. Sechs Mann mußten zugreifen, um das Möbel vom Wagen abzuladen, und während sie es trugen, dröhnte und klang etwas dumpf im Innern des Kastens. Als er auf den Wagenrand gestellt wurde, und die Männer gerade daran waren, sich ihn auf die Schultern zu laden, gab es eine Sekunde lang eine Verwirrung. Die über den Leuten schwebende Last schwankte plötzlich und schien auf ihre Köpfe niederstürzen zu wollen ... Eine Sekunde lang ... Dann gaben kräftige Arme noch einen Ruck, und die tote Last fing an gehorsam die Treppe hinaufzuschweben ... Nun wurde mir auf einmal an jenem stillen Abend zu Mute, als ob irgendwo hoch oben in dem nächtlichen Dunkel, über unserem Hof, über der Stadt und weit über dem platten Lande und der ganzen vorstellbaren Welt, eine enorme Last unsichtbar schwebe, dröhne und schwanke und herabzustürzen drohe ... Ein Starker hält sie fest und dirigiert sie und sucht sie auf dem rechten Platz aufzustellen. Wird es ihm gelingen? Wird die Kraft ausreichen? Wird sich die Last heben und aufstellen lassen oder stürzt sie donnernd und krachend auf diese mir bekannte Welt herab? Nun, die damalige Zeit ist mit ihrer Aufgabe schlecht und recht fertig geworden. Die Last wurde am rechten Platz aufgestellt, und das Leben hat durch den festen Menschenwillen eine neue Richtung erhalten. Seitdem ist bald ein halbes Jahrhundert verflossen... Und jetzt, während ich diese Erinnerungen aufzeichne, schweben über unserem Lande wieder schwere Aufgaben einer neuen Zeit und wieder erdröhnt und schwankt eine Last, die schon angegriffen und hochgehoben, aber noch nicht am rechten Platz niedergestellt ist. Und in meiner Seele entstehen bange Fragen: ob die Kraft ausreichen wird? Ob es gelingt, die Last zurechtzurücken und fest aufzustellen? Wo ist der gute Wille, der dazu gehört, wo das klare Verständnis, wo der einmütige Angriff und wo die starken Arme? ... In unserer schönen Literatur pflegt die Schilderung jener Zeiten gewöhnlich mit einer Apotheose der Bauernbefreiung gekrönt zu werden. Ein Gedränge freudig erschütterter Volksmassen, Weihrauch, Dankgebete, überschwängliche Hoffnungen ... Ich für mein Teil habe nichts Derartiges zu sehen bekommen, vielleicht weil ich in der Stadt lebte. Allerdings entsinne ich mich einer offiziellen Feierlichkeit, die, sei es aus Anlaß der Bauernbefreiung, sei es aus Anlaß der Eroberung des Kaukasus, in Schitomir stattgefunden hat. Zur öffentlichen Verlesung des betreffenden »Manifests« wurden Vertreter der Bauernschaft aus der Umgegend in die Stadt »zusammengetrieben«, und schon am Vorabend wimmelten die Straßen von Bauernkitteln aus grobem Hausmachertuch. Es waren darunter viele Muschiks mit Medaillen auf der Brust, desgleichen viele Weiber und Kinder vom Lande zu sehen. Der letztere Umstand erklärte sich dadurch, daß im Volke ein unheimliches Gerücht umging: die Gutsherren hätten angeblich beim Zaren Oberhand bekommen und die ganze Bauernbefreiung zu hintertreiben gewußt, das Landvolk werde nunmehr zu dem Behufe in die Stadt getrieben, um daselbst ... massenweise niedergeknallt zu werden! ... In Gutsbesitzerkreisen wiederum wurde gemurmelt, es sei höchst unvorsichtig, in so unruhigen Zeiten solche Massen Landvolk in der Stadt zusammenströmen zu lassen. Auch bei uns wurde darüber am Vorabend der Feier gesprochen. Mein Vater winkte in gewohnter Weise ab: »Belehre Kranker den Medikus!« Am Tage der Festlichkeit war auf dem großen Platz im Zentrum der Stadt Militär im Carré aufgestellt. Innerhalb des Vierecks standen auf der einen Seite blanke kupferne Kanonen, auf der anderen, ihnen gegenüber, die »freien« Bauern. Auf ihren Gesichtern lag der Ausdruck einer finsteren Ergebung in das Schicksal. Die Bauernweiber aber, die von der Polizei hinter den Militärkordon zurückgedrängt waren, seufzten bald schwer, bald jammerten sie laut und weinten. Als nach der Verlesung des offiziellen »Papiers« die Böller losgingen, kreischte die Menge hysterisch auf, und eine Panik entstand ... Die Bauernweiber dachten nämlich, man fange an ihre Männer niederzuknallen ... So vermachte die alte Zeit der neuen einen Rest ihrer traurigen Erbschaft ... Erste Lehrzeit. Der polnische Aufstand Das Pensionat. Ich mag wohl sechs Jahre alt gewesen sein, als man mich in das kleine polnische Pensionat der Madame Okraschewska steckte. Das war eine gute Dame, die eigentlich nur aus dem Grunde dazu gekommen war, sich der Erziehungskunst zu widmen, weil ihr Mann ihr davongelaufen war und sie mit zwei Töchtern ihrem Schicksal überlassen hatte. Madame Okraschewska tat, was sie konnte: bei ihr habe ich französisch lesen gelernt und die Vokabeln studiert. Darauf ließ sie mich in polnischer Sprache die »historischen Gesänge« von Niemcewicz auswendig lernen. Mir gefielen sie, und mein Geist bereicherte sich durch dichterische Kenntnisse aus der polnischen Wappenkunde. Als aber die gute Frau zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte und mich nach einem französischen Lehrbuch Geographie studieren ließ, da erhob mein Kinderhirn entschieden Einspruch. Vergeblich suchte sie die Portionen dieser nützlichen Kenntnisse zu verkleinern, bis zu einer halben Seite, einer Viertelseite, einer Zeile ... Ich saß über dem Buche, meine Augen füllten sich mit Tränen, und der Versuch endete damit, daß ich nicht mehr imstande war, auch nur zwei Worte hintereinander auswendig zu lernen. Bald darauf erkrankte ich am Wechselfieber, nach der Krankheit aber kam ich in das große Pensionat des Herrn Rychlinski, das auch mein älterer Bruder besuchte. Das war einer von den Wendepunkten in meinem Leben ... Im Pensionat der Madame Okraschewska wurden nur Kinder unterrichtet, und ich fühlte mich dort als Kind. Ich wurde jeden Morgen im Wagen dahin gebracht, und nach Schluß des Unterrichts saß ich und wartete, bis der Kutscher mit dem Wagen oder das Dienstmädchen mich abholte. Bei Rychlinski lernten nicht bloß kleine Knaben, sondern auch hochaufgeschossene junge Leute, die manchmal schon einen ordentlichen kleinen Schnurrbart aufdrehen konnten. Ein Teil von ihnen nahm im Pensionat selbst Unterricht, andere besuchten das Gymnasium. Infolgedessen hatte ich das stolze Bewußtsein, zum erstenmal Mitglied einer Art Korporation geworden zu sein. Nach zwei, drei Malen, als ich den Weg gut kannte, erlaubte mir die Mutter, allein zur Schule zu gehen ... Ich erinnere mich ganz genau an diese meine erste selbständige Reise. In der linken Hand hielt ich ein Bündel Bücher und Hefte, in der rechten eine kleine Gerte, um die Hunde abzuwehren. Zu jener Zeit waren wir schon aus der inneren Stadt nach der Außenstadt gezogen, und aus den Fenstern unseres Hauses sah man auf ein wüstes Feld, auf dem sich halbverwilderte Hunde rudelweise herumtrieben. Ich ging und fühlte mich so, wie sich wohl ein Jäger im Urwald fühlen mag. Die Gerte fest in der Faust, hielt ich scharf Umschau, nach einer Gefahr spähend. Ein jüdischer Knabe, der in die Handwerkerschule lief, ein Schusterlehrling, mit beschmutztem Gesicht und bloßen Füßen, aber mit einem großen Stiefel in der Hand; ein langer Kerl, der mit der Peitsche in der Faust neben einem mit Lehm beladenen Wagen einherging; endlich ein herrenloser Hund, der mit gesenktem Kopf an mir vorüberschlich – sie alle wußten, wie mir schien, daß ich ein kleiner Junge sei, den seine Mutter zum ersten Male ohne Begleitung hatte gehen lassen, und dessen Taschen obendrein die ungeheure Summe von drei Kopeken bargen. Und ich war bereit, den Überfall des jüdischen Knaben wie des Burschen mit dem Stiefel abzuwehren. Nur der lange Kerl konnte mich, das war mir klar, mit Leichtigkeit berauben, und der Hund konnte tollwütig sein ... Doch weder dieser noch jener schenkte mir Beachtung. Endlich kam ich an das Tor des Pensionats und blieb still stehen ... Ich blieb stehen, nur um das eigentümliche stolze Glücksgefühl auszukosten, das mein ganzes Wesen durchdrang. Wie Faust mochte ich dem Augenblick zurufen: Verweile doch, du bist so schön! Ich überblickte mein noch kurzes Leben und fühlte, wie ich schon so groß geworden war, und welche Stellung ich gewissermaßen in der Welt einnahm: ich war durch zwei Straßen und das Feld gewandert, und jedermann erkannte mein Recht auf diese Selbständigkeit an ... Es lag offenbar etwas Besonderes in jenem Augenblick, denn er hat sich für immer meinem Gedächtnis eingeprägt, mit seinen inneren Empfindungen wie mit seinen äußeren Einzelheiten. Jemand in mir betrachtete gleichsam von der Seite den kleinen Knaben vor dem Tor, und wenn man die Ergebnisse dieser Betrachtung in Worte fassen wollte, so käme etwa folgendes heraus: »Das also bin – ich! Ich bin jener, der einst in die nächtliche Feuersbrunst schaute, während er auf dem Arm der Amme saß; der an einem mondbeschienenen Abend den eingebildeten Dieb mit dem Stock prügelte; der seinen kleinen Finger verbrannt hatte und bei der bloßen Erinnerung daran weinte; der einst im Walde sich und die Welt vergaß unter dem ersten Eindruck des Rauschens in den Baumkronen; den man noch vor kurzem an der Hand zur Madame Okraschewska führte ... Und nun bin ich der, der furchtlos an so vielen Gefahren vorbeigegangen und bis an das Tor des Pensionats gekommen ist, wo ihn schon das hohe Amt des »Schülers« erwartet. Ich blicke um mich und in die Höhe. Da ist die Straße, und da sind die Häuser, oben ist der alte Querbalken des Tores und darauf zwei Tauben. Die eine sitzt still, die andere aber spaziert auf dem Balken hin und her und girrt dabei so sonderbar wohllautend und rein. Und alles umher ist so rein und lieblich: die Häuser, die Straße, das Tor, besonders aber der hohe blaue Himmel, an dem eine weiße Wolke wie mit leichten Stößen leise dahinrudert ... Und alles dies ist mein, alles dies durchdringt mich so eigentümlich und wird zu meinem Besitz. Ich schrie fast auf vor Glückseligkeit und ging, das Bündel Bücher schwenkend, mit langen Schritten wie ein Erwachsener über den Hof ... Und mir war, als wenn mit mir eine höchst bedeutende und wichtige Person in das Pensionat Rychlinskis träte ... Was mich übrigens nicht hinderte, alle Pensionäre, die vor mir eingetreten waren, mit der tiefsten Ehrfurcht zu betrachten, von den Lehrern natürlich gar nicht zu reden ... Man kann nicht sagen, daß in diesem Pensionat die letzte Weisheit der Erziehungskunst herrschte. Rychlinski selbst war ein schon bejahrter Mann, der auf Krücken ging. Er hatte einen kurzgeschorenen, viereckigen Kopf mit einem fleischigen breiten Gesicht. Seine Schultern waren von dem ständigen Druck auf die Krücken ungewöhnlich breit und hochgezogen, weshalb seine ganze Gestalt vierschrötig und massig erschien. Wenn er nun manchmal, im Stuhle sitzend, seine sehnigen Arme ausstreckte und mit weit aufgerissenen Augen schmetterte: »Alle Knochen zerschlage ich euch! Alle Knochen ...« dann fielen unsere Kinderherzen in die Hosen ... Doch das ereignete sich nicht allzu oft; der gute Alte sparte mit diesem Mittel und griff nur in den äußersten Fällen dazu. Die Sprachen erlernte man auf eigenartige Weise: gleich am ersten Tage meines Eintritts erfuhr ich, daß ich an einem Tage französisch, am nächsten deutsch zu reden habe. Ich konnte weder die eine noch die andere Sprache, kaum aber hatte ich etwas auf polnisch gesagt, als um meinen Hals ein Schnürchen geschlungen wurde, an dem ein Lineal aus Eichenholz von ansehnlicher Dicke hing. Das Lineal hatte die Form eines schmalen Spatens, auf dem französisch geschrieben stand »la règle« (das Lineal) und auf der anderen Seite polnisch »Zum Schlagen«. Beim Frühstück, als alle Zöglinge an den fünf oder sechs Tischen Platz genommen hatten, wobei am mittelsten Herr Rychlinski selbst, an den anderen aber seine Frau, seine Tochter sowie die Lehrer den Vorsitz führten, frug Rychlinski auf französisch: »Wer hat das Lineal?« »Geh raus! geh!« stießen mich die Kameraden. Ich trat schüchtern an den mittleren Tisch und reichte das Lineal hin. Rychlinski war ein entfernter Verwandter meiner Mutter, besuchte uns, spielte mit Vater Schach und war zu mir immer sehr lieb gewesen. Jetzt nahm er schweigend das Lineal, ließ mich die Hand ausstrecken, und eine Sekunde später brannte auf meiner Handfläche ein roter Striemen ... Ich war als Kind nervös und weinerlich, bei körperlichem Schmerz vergoß ich jedoch selten Tränen. Auch diesmal weinte ich nicht, ja, ich dachte bei mir nicht ohne Stolz: nun habe ich also, wie ein richtiger Pensionär, auch eine »Tatze« bekommen. »Ist gut,« sagte Rychlinski. »Nimm das Lineal und gib es einem andern weiter. Und ihr, Taugenichtse, erklärt dem Bürschlein, was man mit dem Lineal macht. Der trägt es ja, wie wenn er einen Orden gekriegt hätte.« In der Tat hielt ich das Lineal sichtbar in der Hand, während es doch galt, es zu verstecken und demjenigen um den Hals zu schlingen, der sich ein polnisches oder russisches Wort entschlüpfen ließ. Das sah ein wenig nach Ermunterung zur Spionage aus, hatte sich aber nach dem allgemeinen Ton im Pensionat in eine Art scherzhaften Sports verwandelt. Die Schüler warfen einander lustig das Lineal zu, derjenige aber, der mit ihm an den Tisch trat, nahm männlich den kräftigen Schlag in Empfang. Dafür war jegliches Spionieren und gegenseitiges Verklagen in allen Beziehungen streng verpönt. In den Fällen, wo irgendein Neuling mit einer Klage oder Anzeige kam, rief Rychlinski unverzüglich den Schuldigen vor und stellte eine strenge Untersuchung an. Erwies sich die Anzeige als richtig, dann folgte die Strafe. Das besagte Lineal kam in Tätigkeit, oder der Schuldige mußte niederknien. Bei der Strafe hatte aber auch der Angeber unbedingt zugegen zu sein. Manchmal frug ihn Rychlinski: »Ist's dir nun wohl?« Alle fühlten, daß das Verklagen des Kameraden herber verurteilt wurde als das Vergehen selbst. Sämtliche Schüler blickten mit Teilnahme auf den Bestraften und mit Verachtung auf den Angeber. Später neckte man ihn, indem man wie eine Ziege meckerte und ihm nachrief: »Ziegenbock!« ... Überhaupt herrschte in dem Pensionat ein eigener Ton, und alles dort gefiel mir sehr, außer dem Lehrer der Mathematik, Herrn Paschkowski. Das war ein Mann jenseits der Dreißig, hochgewachsen und mager, aber kräftig und ziemlich hübsch. Ich schätzte übrigens damals seine allgemein anerkannte Schönheit wenig. Mir waren seine großen, eulenrunden Augen und die scharfe Nase mit dem starken Höcker, die an einen Sperber erinnerte, höchst unangenehm. Herr Paschkowski hatte einen langen gefärbten Schnurrbart, dessen Spitzen wie dünne Fäden zusammengedreht waren, und wohlgepflegte Fingernägel. Die Nägel waren sehr lang und scharf zugespitzt, überhaupt hatte der ganze Mann etwas Gepflegtes, Stutzerhaftes und Gewaschenes an sich, trug farbige Westen, Ringe an den Fingern, sowie Uhrkettchen mit Anhängseln, und verbreitete einen Duft von Haarpomade, kräftigem Tabak und frisch gestärkter Leinwand. Während des Unterrichts pflegte er entweder seine Nägel mit einer kleinen weißen Feile zu polieren oder mit den Spitzen seiner langen knöchernen, tabakgelben Finger sorgfältig den Schnurrbart zu drehen. Man erzählte, daß Paschkowski auf der Suche nach einer reichen Braut wäre und sich bereits einige Körbe geholt hätte. Unterdessen war ich dazu ausersehen, von diesem schönen Mann die Elementarkenntnisse der mathematischen Wissenschaft zu empfangen ... Die Sache ging nun gleich von Anfang an schief. Mir schien, daß dieser große Mensch eine unüberwindliche Verachtung für sehr kleine Jungen empfände, ich war aber neben einem Kameraden namens Surin der kleinste im Pensionat. Und wir beide vermochten merkwürdigerweise bei Paschkowski nicht einen einzigen Lehrsatz und noch viel weniger eine »Probe« aufs Exempel zu erfassen. Die Unterrichtsweise des Herrn Paschkowski war eigenartig: er faßte das Büblein um die Taille, stellte es neben sich und legte ihm freundlich die linke Hand auf den Scheitel. Das Büblein fühlte sofort, wie in seine kurzgeschorene Kopfhaut fünf nadelspitze Fingernägel eindrangen, die ihm die mathematische Weisheit offenbar in den Kopf einbohren sollten. »Nun, lieber Junge, hast du verstanden?« In den großen vorquellenden Augen (wer konnte sie nur schön finden!) glomm ein grünes Fünklein auf. Meine ganze Aufmerksamkeit wurde durch die fünf Stiche auf meinem Schädel abgelenkt, und ich antwortete leise: »Ich habe verstanden.« »So setz' es auseinander.« Ich fing an, ein wirres Zeug daherzureden. Die Nadelspitzen bohrten sich immer tiefer in meine Kopfhaut ein, und die letzte Spur des Verständnisses verschwand ... Ich sah nur noch den grünen Funken in den widerwärtigen Augen und spürte fünf brennende Punkte auf dem Kopfe. Sonst sah und fühlte ich nichts ... »Surin, setz' du's ihm auseinander!« Dieselbe Geschichte wiederholte sich mit Surin. Auch an die Tafel rief er uns beide zusammen. Wir traten gottergeben vor, stellten uns auf die Zehenspitzen, schrieben irgend etwas hin und erklärten es einander. Das runde Gesicht Surins mit den guten Augen blickte gerade in das meine mit der unbegründeten Hoffnung, daß ich irgend etwas verstanden haben mochte; ich blickte mit der gleichen Hoffnung auf ihn. Die Kameraden schwiegen düster, Paschkowski genoß die Lage, aber die Fünklein in seinen Augen wurden immer größer. Plötzlich reckte er sich zu seiner ganzen Höhe auf, und dann entlud sich irgendein Gewitter über uns. Am häufigsten packte er ein großes Kissen von einem Bett und warf uns beide mit einem wohlgezielten Schlag zu Boden. Dann ging er im Schlafsaal von Bett zu Bett, und ein Berg von Kissen wuchs an der Tafel über unsern unglückseligen Leibern empor. »Atmest du?« frug mich leise der gute Kerl Surin. »Ich atme. Und du?« »Es geht ...« Paschkowskis Schreie drangen immer dumpfer zu uns, und wir wären nicht abgeneigt gewesen, so zugedeckt bis zum Schluß des Unterrichts liegen zu bleiben. Allein bald flogen die Kissen, eines nach dem anderen, wieder auf die Betten, unser glückliches Begräbnis nahm ein Ende, und wir erstanden zu neuem Unheil. Einmal trat der Quälgeist an mich heran, packte mich am Kragen und hob mich mit seinem kräftigen Arm in die Luft. »Wo, wo ist hier ein Nagel?« rief Paschkowski mit gepreßter Stimme, und die Blicke seiner vorstehenden Augen suchten die Wände ab. »Ich hänge den Taugenichts auf!« Ein Nagel fand sich nicht. »Das Fenster auf!« Das Fenster wurde aufgerissen, Paschkowski stellte sich ihm gegenüber und begann mich wie ein Pendel hin und her zu schwingen, wobei er im Verstakt sang: »Jetzt – schmeiße ich Den – Tau–genichts In den Te – terew ...« Das war einer von den grauenhaftesten Augenblicken meines Lebens. Der Fluß, mit dem mir Paschkowski drohte, war vom Fenster aus nicht zu sehen, hinter dem Bergrücken aber konnte man den Abhang ahnen, und weiterhin schimmerte die steile Anhöhe des anderen Ufers ... Das Fenster mit dieser Landschaft flog vor meinem traurigen Blick hin und her, während Paschkowski mit grausamer Wollust weitere Aussichten eröffnete: »Die Mutter erwartet ihren kleinen Jungen ... Der kleine Junge kommt nicht. Sie schickt nach ihm den Kutscher Philipp. Der Philipp kommt den jungen Herrn abholen. Aber ach! Der junge Herr liegt im Fluß, die Beine am Ufer, den Kopf im Wasser, und in beiden Nasenlöchern sitzt je ein Krebs.« Ich horchte, während ich durch die Luft flog, gespannt zu, und mir tat der arme kleine Junge leid ... Besonderes Grausen rief in mir das grelle Bild von den Krebsen hervor ... Solche starke und ziemlich abwechslungsreiche Empfindungen stellten sich zwischen mich und die Rechenkunst wie eine unübersteigliche Mauer. Selbst als Paschkowski nach einiger Zeit entlassen wurde – oder als er eine Braut gefunden hatte –, blieb ich der Überzeugung, daß man die »Probe« beim Dividieren nur durch eine besondere Gnade Gottes begreifen könne, die mir von Geburt an versagt war ... In den anderen Fächern ging es mir vortrefflich, ich eignete mir alles ohne sonderliche Mühe an, und den Grundton meiner Erinnerungen aus jener Zeit bildet die Freude des sich entfaltenden Lebens, eine lärmende liebe Schar Kameraden, eine nicht beschwerliche, obgleich stramme Schulzucht, das Tummeln in der frischen Luft und hochgeworfene Spielbälle. Das Beste an jenem Erziehungssystem war das Gefühl einer eigentümlichen Vertraulichkeit, fast Kameradschaft mit den Erziehern. Während der Schulstunden herrschte stets eine so völlige Ruhe, daß man im ganzen Pensionat nur die Stimmen der Lehrer vernahm, die in verschiedenen Zimmern Unterricht erteilten. Dafür beteiligten sich dieselben jungen Lehrer am Ballspiel auf dem großen Platz oder im Winter am Schneemannbauen und Schneeballwerfen. Und dann gab es ihnen gegenüber keine Rücksichten und keine Schonung. Man bewarf sie ebenso kräftig wie die Kameraden mit Bällen, und es galt als ein vollkommen erlaubtes Vergnügen, wenn einer von uns einen nassen Schneeball auf dem Gesicht des Monsieur Huguenette zerplatzen ließ, unseres Erziehers und Lehrers der französischen Sprache ... Huguenette war ein junger Franzose, lebhaft, vollblütig, beweglich, sehr lustig und überaus jähzornig. Wir gehorchten ihm unbedingt, wo er zu befehlen hatte, und liebten besonders die Tage, an denen er die Aufsicht führte, wobei es ungemein lustig und lebhaft zuging. Ihm machte unsere Gesellschaft gleichfalls Freude. Zum Baden ging er sogar mit uns, selbst wenn er nicht an der Reihe war ... Wir mußten dazu über den großen Jungfernplatz, der vor dem alten Nonnenkloster lag. In diesem Kloster befand sich ein Töchterheim. Und jedesmal, wenn wir uns in lustigem Haufen zum Teterew und von dort zurück begaben, machten die Klostermädchen in den langen, weißen, steifen Hauben, die ihre Gesichter ganz verhüllten, still und züchtig im Gänsemarsch ihre Runde auf dem Platz ... Vor und hinter ihnen gingen die aufsichtführenden Nonnen, während eine Greisin, wohl die Äbtissin, auf einer Bank sitzend, Strümpfe strickte oder den Rosenkranz betete, hin und wieder die Spazierenden mit den Blicken musternd, einer alten Henne gleich, die ihre Küchlein überwacht. Nachdem wir diesen Platz durchquert hatten, sprangen wir lustig den Abhang hinunter, der dicht mit jungem Hornstrauch bewachsen war, und dann schallte das Ufer des Teterew von unserem Geschrei und Geplätscher wider, und der Fluß wimmelte von zappelnden Knabenleibern. Unterdessen setzte sich der entkleidete Monsieur Huguenette auf den sandigen Abhang und überwachte alle scharf, wobei er die kleinen Büblein beim Schwimmenlernen ermunterte und den Übermut der Älteren zügelte. Schließlich gab er für alle das Kommando zum Verlassen des Wassers und stürzte sich dann selber in den Fluß. Dabei pflegte er vom Ufer aus einen erstaunlichen Salto mortale zu vollführen, prustete, plätscherte und schwamm den Teterew weit hinunter. Einmal begann Huguenette, während er noch am Ufer saß, meinen älteren Bruder und den jüngeren Rychlinski zu necken, die als letzte das Wasser verließen. Bänke gab es am Wasser nicht; um die Stiefel anzuziehen, mußten wir also auf einem Bein eine Strecke weit hüpfen, das andere im Fluß abgewaschene hochhaltend. Monsieur Huguenette war an jenem Tage besonders ausgelassen und bewarf die beiden mit Sand, kaum daß sie aus dem Wasser waren. Die Buben mußten wieder ins Wasser, um sich abzuwaschen. Er wiederholte das Spiel unter Lachen und Tollen mehrere Male, bis sie darauf verfielen, ihre Kleidungsstücke zu packen und damit weit auf die Seite zu gehen. Nunmehr stürzte sich Monsieur Huguenette sorglos ins Wasser und begann zu tauchen und zu schwimmen wie eine Ente. Dann stieg er ordentlich ermüdet und atemlos ans Ufer und wollte gerade ins Hemd schlüpfen, als beide Buben ihn ihrerseits mit Sand bewarfen. Huguenette lachte auf und begab sich wieder ins Wasser. Kaum war er jedoch bei seinen Kleidern, als sich derselbe Streich wiederholte. Der Lehrer machte gute Miene zum Spiel, während sein Gesicht rot wurde. Er blieb stehen und sagte kurz: » Assez ! ...« Darauf begann er wieder das Hemd über den Kopf zu ziehen. Allein der eine von den losen Bengeln konnte nicht an sich halten und bewarf Huguenette wiederum mit Sand. Der Franzose verfiel plötzlich in Raserei. Das gestärkte Hemd flog auf den Sand, das Gesicht Huguenettes wurde blau, und seine Augen rollten wild. Beide Strolche begriffen, daß sie zu weit gegangen waren, und stürzten erschreckt den Fußpfad hinauf; Huguenette, nackt, stürzte ihnen nach, und bald entschwanden alle drei unseren Blicken. Was sich darauf begab, ist wahrscheinlich lange Zeit Gegenstand ernster Erörterungen in den düsteren Mauern des Klosters geblieben als ein Fall von offensichtlicher Versuchung des Teufels. Zuerst tauchten am Uferabhang die Gestalten von zwei erschreckten Schülern auf, die sich durch die Reihen der im Kreise wandelnden Klostermädchen schlugen und auf den breiten Weg zwischen den klösterlichen Gemüsegärten stürzten. Kaum hatte sich die Verwirrung gelegt, die durch diese Flucht verursacht war, als auf der Anhöhe der atemlose und splitternackte Huguenette erschien: im Vordergrund waren noch die Gestalten der beiden Flüchtlinge sichtbar, und der tolle Franzose setzte nun seinerseits über den Platz ... Die erschreckten Nonnen sammelten rasch, sich bekreuzigend und Gebete murmelnd, ihre Herde und trieben sie wie eine Schar Küchlein ins Kloster, indes Huguenette weiterlief ... Die Buben waren in dem großen klösterlichen Gemüsegarten, zwischen den dichten Bohnen und Erbsen verschwunden. Huguenette stürzte an die Umzäunung, und erst da überzeugte er sich, daß die weitere Verfolgung zwecklos sei. Zugleich erkannte er, wie Adam nach dem Sündenfall, daß er nackend war, und er schämte sich. Just inmitten des breiten Grasstreifens zwischen den Gemüsebeeten, durch die der Gartenweg führte, stand eine malerische Baumgruppe, unten von dichtem Jungholz umgeben. Dort verkroch sich der arme Franzose und wartete, den Kopf vorstreckend, bis seine Zöglinge darauf kommen würden, ihm die Kleider zu bringen. Wir kamen aber nicht darauf. Das plötzliche Verschwinden des nackten Erziehers hatte uns verblüfft. Wir dachten nicht, daß er so weit laufen würde, und in der Erwartung seiner Rückkehr fingen wir an, Steine in den Fluß zu werfen und am Ufer hin und her zu laufen ... Im Vorhof des Klosters hatte sich gleichfalls alles einigermaßen beruhigt, und das Leben kam allmählich wieder in das gewohnte Geleise. Die ältlichen Nonnen spähten auf den weitläufigen Platz hinaus, und da sie sahen, daß alle Spuren der teuflischen Versuchung verschwunden waren, beschlossen sie, den Spaziergang beenden zu lassen. Einige Minuten später kreisten wieder die Mädchen in den weißen Hauben züchtiglich im Gänsemarsch unter der Führung der ehrwürdigen Brigittenschwestern um den Platz. Die Greisin mit dem Rosenkranz nahm wieder von ihrer Bank Besitz. Unterdessen neigte sich die Sonne zum Untergang. Der arme Franzose, den das vergebliche Warten in seinem Gesträuch zu langweilen begann, und der sah, daß ihm niemand zu Hilfe kam, entschloß sich plötzlich zu einem verzweifelten Handstreich. Er sprang aus seinem Versteck und stürzte wieder mitten durch die Lustwandelnden zum Fluß. Wir stiegen gerade die Anhöhe hinan, um nach ihm Ausschau zu halten, als der Franzose unter entsetztem Weibergekreisch und allgemeiner Verwirrung wie ein Blitz an uns vorbeischoß und, ohne die Pfade zu beachten, durch das Gesträuch zum Ufer hinabstürzte ... Als wir in das Pensionat zurückkamen, waren beide Schuldigen schon zur Stelle und fragten ängstlich, wo Huguenette geblieben sei und in welcher Verfassung wir ihn verlassen hätten. Der Franzose kam zum abendlichen Tee; seine Augen blitzten lustig, doch sein Gesicht war ernst. Am Abend saßen wir, wie gewöhnlich, reihenweise an langen Tischen und lernten laut unsere Aufgaben, die Finger in die Ohren gesteckt. Ein unbeschreiblicher Lärm herrschte in der Stube, und Monsieur Huguenette ging, streng und ganz bei der Sache, zwischen den Tischen hin und her, um zu wachen, daß kein Schabernack getrieben wurde. Erst spät am Abend, als alle schlafen gegangen waren und die Lampe ausgelöscht wurde, erscholl plötzlich vom Lager des »Wachthabenden«, wo Huguenette schlief, lautes Lachen. Da saß er auf dem Bett, hielt sich den Bauch und lachte Tränen. ... Gegen das Ende meiner Schulzeit im Pensionat entschwand der gutmütige Franzose unserem Gesichtskreis. Man sagte, er sei irgendwohin gefahren, um sein Examen abzulegen. Ich war in der dritten Klasse des Gymnasiums, als ich einmal, zu Beginn des Schuljahrs, plötzlich an eine Gestalt anprallte, die Huguenette merkwürdig ähnlich sah, bloß daß sie bereits in einem blauen Professorenfrack steckte. Ich ging gerade mit einem Jungen, der gleichfalls von Rychlinski aufs Gymnasium gekommen war, und so stürzten wir beide dem alten Bekannten freudig entgegen. »Monsieur Huguenette! ... Monsieur Huguenette! ...« Die Gestalt blieb stehen und maß uns mit einem offiziellen Blick von oben bis unten. Wir wurden beide verlegen und verstummten. » Hein ? Was ist gefällisch?« fragte der neue Lehrer, schritt, mit einem kalten Blick uns streifend, weiter den Gang entlang, ohne sich umzudrehen, und schwenkte das Klassenbuch. »Ist er's nicht?« fragte mein Kamerad. Es stellte sich jedoch heraus, daß der neue Lehrer richtig Huguenette hieß, nur war man jetzt auf dem Gymnasium, einer offiziellen Anstalt, in der der lustige Franzose selbst offiziell geworden war. Ein zweites Mal begegnete ich ihm auf der Straße. Mein Herz schlug heftig. Ich dachte bei mir, daß Monsieur Huguenette wohl nur innerhalb des Gymnasiums streng und unnahbar wäre, hier aber, auf der Straße, in alter Weise mit Scherz und Lachen antworten würde wie ein alter Kamerad. Als wir aneinander waren, zog ich meine Schülermütze und blickte ihn voll Hoffnung und Erwartung an. Ich war sicher, daß er mich erkannt hatte. Doch sein Blick streifte nur über mein Gesicht, Huguenette kniff die Augen zusammen, erwiederte kalt meinen Gruß und wandte sich ab. Mein Herz schnürte sich so schmerzlich zusammen, wie wenn ich einen nahestehenden und teuren Menschen verloren hätte ... Ein Jahr Unterricht im Pensionat Rychlinski hatte auf mich tief eingewirkt und mich bedeutend vorwärts gebracht. Es kam mir schon seltsam vor, wenn ich mich meiner selbst auf jener ersten selbständigen Reise entsann. Jetzt kannte ich bereits ausgezeichnet das ganze öde Feld sowie alles Gestrüpp und Steppengras, das darauf wuchs, ebenso die nächsten Straßen und Gäßchen, den Weg zum Fluß ... Eines Abends hatte meine Mutter viel zu tun und vergaß, mich vom Abendunterricht abholen zu lassen. Im Pensionat zu übernachten hatte ich keine Lust. Die Aussicht, allein heimzugehen, erfüllte mich mit Angst, war jedoch zugleich seltsam verlockend. Kurz entschlossen schnürte ich mein Bündel Bücher und verließ den Schlafsaal, wo die Schüler sich bereits hinzulegen begannen. »Ist jemand gekommen dich abzuholen?« fragte mich der Lehrer. »Jawohl,« gab ich zur Antwort und lief eilig, wie vor einer Versuchung fliehend, auf die Treppe und hinaus auf den Hof. Es war Spätherbst, tagsüber hatte es geschneit, der Schnee war aber fast ganz wieder weggeschmolzen, nur einzelne weiße Flecke schimmerten stellenweise undeutlich im Dunkel. Am Himmel krochen schwere Wolken dahin, und man konnte die Hand vor den Augen nicht sehen. Ich trat durch das Tor ins Freie und begann mit klopfendem Herzen die Wanderung durch das dunkle öde Feld wie über ein Meer. Zunächst blickte ich mich alle Augenblicke nach den erleuchteten Fenstern des Pensionats um, die sich immer mehr entfernten und immer kleiner wurden. Solange sie noch deutlich zu sehen waren, hatte ich das Gefühl, als sei ich außer Gefahr. Nun aber war ich bis zur Mitte des Feldes gelangt, wo sich eine tiefe Furche im Boden dahinzog, sei es ein alter Graben, der auf die einstige Stadtgrenze hindeutete, oder einfach eine kleine Schlucht. Ich fühlte, daß ich hier gleich weit vom Pensionat und vom Hause entfernt war, dessen Lichter ich bereits irgendwo in der feuchten Dunkelheit vor mir blinken sah. Plötzlich ertönte hinter mir, ein wenig zur Rechten, ein schriller durchdringender Pfiff, bei dem ich mich instinktiv sofort niederduckte. Links von mir ließ sich ein ebensolcher Pfiff zur Antwort vernehmen. Ich begriff sogleich, daß da zwei Menschen einander entgegengingen, um sich ungefähr an derselben Stelle, die auch ich passieren mußte, zu treffen. In der Dunkelheit glaubte ich schon beinahe die vagen Umrisse einer Gestalt zu unterscheiden und hörte schwere Schritte hinter mir. Ich bückte mich rasch und kroch in den Graben. Inzwischen ertönte noch ein dritter Pfiff, und bald darauf standen drei Männer beieinander, kaum einige Meter weit von der Stelle, wo ich kauerte. Mein Herz schlug dermaßen heftig, daß ich befürchtete, die fremden Männer möchten mich an seinem Klopfen entdecken. Sie standen nämlich so nahe vor mir, daß ich aus meinem Versteck ihre undeutlichen Silhouetten auf dem Hintergrund des nebligen Himmels sehen konnte. Die Drei unterhielten sich erst eine Weile über irgend etwas mit verdächtig gedämpften Stimmen, sodann entfernten sie sich feldeinwärts, ich aber lief was ich konnte schnurstracks nach Hause ... Und wieder war mein Knabenherz von freudigem Gefühl geschwellt, daß ich diesmal schon fast sicher »richtigen Dieben« begegnet war, somit eine wirkliche Gefahr mit leidlicher Tapferkeit bestanden hatte. Damit mochte es in der Tat seine Richtigkeit gehabt haben. Es verging nämlich beinahe keine Nacht, ohne daß in unserer entlegenen Gegend ein Diebstahl oder Raubüberfall passiert wäre. Die Fensterläden pflegte man zur Nacht ganz fest zu verriegeln. Trotzdem gab es bei uns, zumal wenn Vater auf Dienstreisen war, des Nachts häufig Alarm. Alles erhob sich geängstigt von den Betten, die Frauen bewaffneten sich mit Bratspießen und Feuerhaken und schlichen an die Fenster. In der Stille konnte man deutlich hören, wie von draußen tastende Hände vorsichtig untersuchten, ob man nicht etwa vergessen hätte, die Riegel vorzuschieben, und ob die Läden nicht irgendwie aufzukriegen wären. Alsdann schlugen die Frauen Lärm und polterten gewaltig mit ihren Waffen an die Fensterrahmen. In ihren Stimmen aber zitterte tödliche Angst ... Die erste Theatervorstellung. Das erste Theaterstück, das ich in meinem Leben zu sehen bekam, war ein polnisches und obendrein eins, das ganz vom Geiste der national-historischen Romantik durchdrungen war. Der Leser hat wohl schon nach dem Bisherigen gemerkt, daß unsere Familie kaum als eine rein russische anzusprechen war. Wir lebten in Wolhynien, d.h. in jenem am rechten Ufer des Dnjepr gelegenen Teile der Ukraine, der am längsten unter polnischer Herrschaft verblieben war. Unsere Provinz lag zunächst jenem Machtbereich, den Fürst Jeremias Wischnewetzki einst in seiner eisernen Faust gehalten hatte. Wischnewetz, Polonnoje, Korez, Ostrog, Dubno, überhaupt alle wolhynischen Städtchen und selbst manche Dörfer weisen heute noch massenhaft Ruinen polnischer Magnatenschlösser oder Klöster auf. Landadel wie städtischer Mittelstand gehörten zur polnischen Nationalität oder sprachen doch polnisch. Die Bauernschaft aber sprach den eigenartigen ukrainischen Dialekt, in dem der Einfluß sowohl des Russischen, wie des Polnischen deutlich zu spüren ist. Der russischen Sprache bedienten sich lediglich Beamte – und auch von diesen nur eine Minderheit – und das Militär. Ferner bestanden in unserer Gegend nebeneinander – abgesehen von den Juden – dreierlei Religionsgemeinschaften: die römisch-katholische, die griechisch-orthodoxe und zwischen diesen beiden die ärmste und am meisten bedrückte unierte. Die Polen hatten seinerzeit die unierte Kirche als eine minderwertige Religion mißachtet. Von Kosaken und Hajdamaken, die einst vom Dnjepr Einfälle zu machen pflegten, wurden die Unierten massenhaft abgeschlachtet. Schließlich kam an die Russen die Reihe, sie zu bedrücken und zu verfolgen. Auf diese Weise ward die Religion, die als kleinmütiger Kompromiß entstanden war, dann aber doch in den Herzen mehrerer Generationen Wurzel geschlagen hatte, zu einem verfolgten Glauben, der die Festigkeit und den Opfermut seiner Bekenner auf eine harte Probe stellte. Ich erinnere mich eines jener unierten Geistlichen: ein stattlicher Greis mit weißem Patriarchenbart, zitterndem Haupt und einem langen Priesterstab in der Hand. Er machte vor meinem Vater tiefe Verbeugungen, wobei er den Boden mit der Hand berührte, und beklagte sich über etwas; sein langer weißer Bart zitterte dabei, und Tränen flossen über das alte, gefurchte Antlitz. Er sprach etwas für mich Unverständliches vom Herrgott, den er nicht verkaufen wolle, und vom Glauben der Vorväter. Mein Vater richtete den Greis mit sichtlicher Verehrung auf, als sich dieser bis zum Boden verneigen wollte, und versprach, alles zu tun, was möglich sei. Nachdem der Alte fort war, wandelte der Vater lange sinnend in der Wohnung auf und ab, blieb dann stehen und tat folgenden Ausspruch: »Es gibt nur einen wahren Glauben. Niemand weiß jedoch, welcher es ist ... Jeder muß am Glauben seiner Väter festhalten, auch wenn er es büßen muß ...« Was hingegen »der Zar und das Gesetz« über den vorliegenden Fall sagten, fügte er diesmal nicht hinzu, auch hielt er sie wohl nicht für zuständig auf diesem Gebiet. Meine Mutter war Katholikin. In den ersten Jahren meiner Kindheit herrschte in unserem Hause die polnische Sprache. Daneben hörte ich aber noch zwei andere Sprachen: nämlich russisch und ukrainisch. Mein erstes Gebet wußte ich polnisch und altslavisch aufzusagen, letzteres freilich stark entstellt durch die ukrainische Mundart. Ein reines Russisch bekam ich nur von den Geschwistern meines Vaters zu hören, diese pflegten jedoch nur selten zu uns zu Besuch zu kommen. Ich war wohl im siebenten Jahr, als die Eltern einmal eine Loge im Theater nahmen, und meine Mutter mich abends besser ankleiden ließ. Ich wußte nicht, was los sei, und sah nur, daß mein älterer Bruder sehr ärgerlich war, daß nicht er, sondern ich mitkommen sollte. »Der wird ja doch nur einschlafen,« sagte er zur Mutter. »Was versteht er denn, der Dummkopf?« »Eigentlich hat er recht,« meinte jemand von den Erwachsenen. Ich versprach jedoch, nicht einzuschlafen, und war sehr glücklich, als wir endlich den Wagen bestiegen und dieser sich in Bewegung setzte. Und ich bin auch wirklich nicht eingeschlafen. Es gab in unserer Stadt ein steinernes Theatergebäude, das gerade von einer polnischen Schauspielertruppe gemietet war. An jenem Abend wurde ein geschichtliches Stück gegeben, dessen Verfasser mir unbekannt geblieben ist, und das den Titel trug: »Ursula oder Sigismund III.« Als wir in die Loge traten, war die Vorstellung bereits im Gange, und ich bohrte sofort meine Blicke gierig in die Bühne. Vom Inhalt des Stückes habe ich damals herzlich wenig verstanden. Es handelte sich um irgendwelche Hofintriguen zur Zeit Sigismund III., deren Mittelpunkt die Kurtisane Ursula bildete. Ich entsinne mich, daß sie keineswegs schön war; unter ihren Augen bemerkte ich deutlich untermalte dunkle Ringe, das Gesicht war unangenehm stark gepudert und der Hals mager und sehnig. Ich fand dies alles jedoch durchaus nicht unpassend. Ursula war ein böses Weib, von dem ein hübsches junges Mädchen und ein vortrefflicher Jüngling viel zu leiden hatten. Der Umstand, daß sie ein abstoßendes Äußeres hatte, verstärkte nur meinen Abscheu gegen die gräßliche Intriguantin. Das ganze Milieu, das voller Glanz, Sporenklirren, Säbelrasseln, Zweikämpfe, Vivatrufe, Sturmszenen und Gefahren war, machte auf mich einen mächtigen Eindruck. Ob das Stück an sich gut oder schlecht war, vermag ich jetzt nicht zu beurteilen. Ich weiß nur, daß es ein ganz eigenartiges Kolorit trug, daß mich sofort ein Hauch der geschichtlichen Vergangenheit umfing, der Hauch von etwas Romantisch-Glanzvollem, das einst lebendig, nun aber bereits dahin entrückt war, wohin sich vor meinen Augen der letzte »Altpole«, Pan Komornik Kolanowski, begeben hatte. Ein alter Schlachziz auf der Bühne, ein Greis von imposanter Figur mit schneeweißem Schnurrbart, erinnerte mich so lebhaft an Kolanowski, daß er mir beinahe wie ein guter Bekannter vorkam. Auch seine Rolle war ganz danach: er sprach von den guten alten Zeiten des einstigen Heldentums, die längst vergangen wären; in seiner Stimme zitterte tiefe Wehmut, und ich empfand für ihn die wärmste Sympathie. Besonders scharf haben sich zwei oder drei Episoden meinem Gedächtnis eingeprägt. Ein großer, finsterer Bösewicht, das Werkzeug der Ursula, stürzte sich auf den ausgezeichneten Jüngling, um ihn zu ermorden, doch im gleichen Moment schlug ihm der Greis, der Pan Kolanowski ähnelte – oder war es ein anderer, ich weiß es nicht mehr – mit der Faust den Säbel aus der Hand ... Der Säbel blitzt auf und fällt klirrend zu Boden ... Ich atme tief auf, die Mutter aber beugt sich zu mir herab und flüstert: »Hab keine Angst, das ist nicht wirklich ... Die tun bloß so ...« In einem anderen Aufzug treten zwei Brüder Sborowski auf, Kosakenhäuptlinge, die für den Ruhm Polens und des Königs in der tatarischen Steppe gefochten hatten. Über irgendeine unwürdige Handlung des charakterlosen Sigismund aufgebracht, ergehen sie sich vor seinem Thron in heftigen Reden, und jeder schnallt zum Schluß seinen krummen Säbel los, nimmt von ihm Abschied und schleudert ihn stolz dem König vor die Füße ... Wieder klirrt das Eisen; unter den Höflingen entsteht eine Bewegung des Entsetzens und der Empörung, in der Mitte aber stehen die stolzen Gestalten der finsteren Kosakenhäuptlinge. Und mein Knabenherz flammt auf in einer ihm selbst noch unklaren Aufwallung der Kühnheit und des Heldentums ... Den Schluß des Stückes bildete der Tod des Königs. Um sein prunkvolles Sterbelager versammeln sich die Abgesandten des Heeres, um die Ernennung eines Kronhetmanns durchzusetzen. Die wettergebräunten harten Gestalten bahnen sich den Weg bis zum König und bestehen im Namen des Vaterlandes laut auf einer Entscheidung. Die Brust des Sterbenden hebt sich krampfhaft in einem letzten Atemzug, und er haucht die Worte: »Gebt ihnen ... den Koniezpolski ...« Die Höflinge flüstern: »Der König ist tot ...« Der Saal erdröhnt aber gleichzeitig von stürmischen Rufen: »Vivat Koniezpolski!« Ich weiß nicht, ob jener Schlußeffekt vom Verfasser als Wortspiel beabsichtigt war Koniezpolzki ist der Name eines alten adeligen Geschlechts in Polen. Zugleich bedeutet er wörtlich: »Ende Polens«. D.Ü. , genug, er hüllte das ganze Stück in einen Schleier eigentümlicher Schwermut, in dem es mir heute noch vorschwebt. Die Vergangenheit des Vaterlandes meiner Mutter, das einstmals in Glanz und Pracht erstrahlte, zog hier an mir nochmals in einem letzten Aufblitzen einstiger Macht und Glorie vorüber, um dann für immer zu entschwinden. Die Theatervorstellung war mir wie starker Wein zu Kopf gestiegen und berauschte mich mit Romantik. Ich erzählte das Gesehene den Geschwistern und steckte sie mit meiner Begeisterung an. Wir verfertigten uns hölzerne Säbel und phantastische Mäntel aus Bettlaken. Der älteste Bruder thronte, in eine bunte Decke drapiert, als König auf einem hohen Stuhl oder lag auf dem Sterbebett; das Schwesterlein, das von alledem auch nicht das Geringste begriff, ließen wir zu seinen Füßen als die Missetäterin Ursula niedersitzen; wir beiden anderen Buben aber fuchtelten mit den hölzernen Säbeln in der Luft, warfen sie mit Verachtung auf den Fußboden und schrien mit wilder Stimme: »Vivat Koniezpolski!« ... Hätte damals einer mein Knabenherz geöffnet, um danach meine Nationalität festzustellen, er wäre wahrscheinlich zu der Überzeugung gekommen, daß ich der Embryo eines polnischen Schlachziz aus dem achtzehnten Jahrhundert sei, ein Bürger des romantischen alten Polen mit seiner zügellosen Willkür, seinem Heldentum, seinen Abenteuern, seinem Klang der Pokale und Klirren der Säbel. Und er hätte wohl nicht so unrecht gehabt ... Ich bat die Eltern inständig, wieder einmal eine Loge zu nehmen und uns alle ins Theater zu führen. Doch wurden bald darauf Stücke, die polnische Nationalkostüme erforderten, verboten, und späterhin war das polnische Theater in unserer Provinz überhaupt für lange Zeit verstummt. Aber die romantische Schwärmerei für das Vergangene hatte bereits im geschichtlichen Kostüm des alten Polen von meinem Herzen Besitz ergriffen. Während des polnischen Aufstands. Der Aufstand brach bekanntlich zu Beginn des Jahres 1863 aus. Eine dumpfe Gärung, die sich in Demonstrationen Luft machte, hatte indes schon bedeutend früher um sich gegriffen. Ungefähr im Jahre 1860 kehrte der Vater einmal in ernster und sorgenvoller Stimmung vom Dienste heim. Nach einer Unterredung mit der Mutter ließ er uns alle in sein Zimmer kommen und sagte: »Hört, Kinder, ihr seid Russen, und von heute ab habt ihr Russisch zu sprechen.« So geschah es, daß in unserer »polnischen« Familie nunmehr das Russische als Umgangssprache eingeführt wurde. Wir Kinder nahmen diese Reform ziemlich sorglos, beinahe vergnügt hin, brachte sie doch jedenfalls etwas Neues in unser Leben; die Ursachen jedoch, die zu dieser Neuerung geführt hatten, blieben uns einstweilen verborgen. Freilich drangen auch zu uns schon allmählich Gerüchte über mancherlei aufregende Ereignisse, die in Warschau, dann in Wilna – wo es schon 1861 zu ziemlich ernsten Demonstrationen gekommen war – stattgefunden haben sollten. All dies ging jedoch irgendwo in weiter Ferne, in der unbekannten abstrakten Welt vor sich, die uns Kinder nicht weiter interessierte. Unsere kleine Welt atmete noch ungetrübten Frieden. Im Rychlinskischen Pensionat herrschte zwar die polnische Sprache, von nationalen Gegensätzen jedoch gab es unter den Zöglingen nicht eine Spur. Herr Rychlinski hatte es lange fertig gebracht, den Geist gegenseitiger Toleranz unter uns aufrecht zu erhalten. In unserer Mitte gab es auch einige echte Russen, darunter zwei Brüder Suchanow, von denen der ältere stets der erste in der Klasse war. Einmal passierte mit diesem oder einem anderen Russen folgender Zwischenfall: einer der polnischen Zöglinge, der erfahren hatte, daß sein russischer Mitschüler am Vorabend das heilige Abendmahl empfangen hatte, begann den orthodoxen Ritus zu verhöhnen. Er knitterte eine Art Kelch aus Papier zurecht, schnitt über demselben Grimassen und spuckte zum Schluß hinein. Der Russe hielt eine Weile an sich, dann holte er aus und gab dem Jungen eine so schallende Ohrfeige, daß sie im ganzen Klassensaal zu hören war und auch von Rychlinski gehört wurde. Nachdem er erfahren hatte, um was es sich handelte, rief er die beiden vor und richtete an den Polen vor der ganzen Klasse die Frage: »Was hättest du getan, wenn er ebenso die Hostie (das katholische Abendmahl) verhöhnt hätte?« Der Pole wurde verlegen, sagte aber dann mit gesenktem Blick: »Ich hätte ihn geohrfeigt.« »Nun, so ist dir recht geschehen. Geh', und überdies sollst du noch niederknieen!« Der Junge wurde feuerrot, kniete im Winkel nieder und blieb sehr lange knien. Wir errieten endlich, worauf der alte Rychlinski wartete. Wir hielten unter uns Rat, wählten eine Deputation, an deren Spitze Suchanow stand, und entsandten sie an Rychlinski, um für den Bestraften Pardon zu erbitten. Rychlinski empfing die Deputation mit ernstem Gesicht und begab sich auf seinen Krücken in den Klassensaal. Nachdem er seinen üblichen Platz eingenommen hatte, befahl er dem Bestraften aufzustehen und ließ die beiden Gegner einander die Hand reichen. »Nun, jetzt ist die Sache abgemacht und vergessen,« sagte er. »Wenn aber,« fügte er hinzu, indem er plötzlich mit wütendem Augenrollen seine sehnigen Arme mit den kurzen gespreizten Fingern vorstreckte, »wenn ich noch einmal höre, daß sich einer erlaubt, einen Andersgläubigen zu verhöhnen ... Die Knochen schlage ich euch entzwei ... alle Knochen ...« Und wir lebten wieder friedlich miteinander, ohne die Nationalitätenunterschiede im geringsten zu beachten. Indessen loderten die fernen Flammen immer höher empor, und ihr heißer Odem fing an, wie von Windstößen dahergetragen, auch unsere stille Provinz zu versengen. Immer häufiger bekamen wir von Vorgängen in Warschau und Wilna, von »Opfern« zu hören, doch nahmen sich die Erwachsenen noch in acht, »im Beisein der Kinder« darüber zu sprechen. Einmal waren die Eltern bis spät in der Nacht bei Rychlinskis zu Besuch geblieben. Endlich vernahm ich noch im Schlaf das Rollen unseres Wagens im Hof, und kurz darauf machte mich ein ungewöhnlicher Vorgang vollends wach: Vater und Mutter standen, beide noch in Überkleidern, wie sie gekommen waren, im Schlafzimmer und stritten über irgend etwas hitzig in voller Vergessenheit sowohl der späten Stunde wie der schlafenden Kinder. Ich hörte ungefähr Folgendes: »Und dennoch,« sagte die Mutter, »du mußt zugeben: es war doch früher anders, noch unter Nikolaus ... noch leben ja Leute, die sich erinnern ...« »Na, und was folgt denn daraus,« erwiderte der Vater, »es war anders, ist es aber jetzt nicht mehr. Unter Alexander habt ihr's gehabt, Nikolaus hat es weggenommen ... Geschah euch recht, weshalb habt ihr gemeutert? ...« »Aber du mußt doch zugeben ... ist denn das gerecht?« »Belehre Kranker den Medikus! Was gerecht, was ungerecht, dich hat man nicht befragt. Ihr habt den Treueid geschworen und damit basta!« ... »Nein, warte mal« ... »Nein, warte du mal« ... »So laß mich doch ausreden ...« Ich hatte bis dahin noch nie, zumal um diese Stunde, meine Eltern so hitzig streiten gehört und setzte mich verwundert im Bett auf. Als sie den unerwarteten Zuhörer gewahr wurden, wandten sich beide an mich: »Nun gut, der Junge soll entscheiden,« sagte die Mutter. »Schön, er soll entscheiden. Also höre, Kleiner: du hast, sagen wir, der Mama versprochen immer brav zu sein. Mußt du dein Versprechen halten?« »Jawohl,« antwortete ich ziemlich fest. »Nein, warte mal,« unterbrach die Mutter, »höre jetzt auf mich. Da liegt dein neuer Anzug (neben meinem Bett lag tatsächlich mein neuer Anzug, den ich am Abend sorgfältig auf dem Stuhl ausgebreitet hatte). Wenn jemand Fremder von draußen kommt und ihn dir raubt, wirst du ihn nicht wieder wegnehmen wollen?« »Ich nehme ihn wieder weg,« antwortete ich noch fester. »Belehre Kranker den Medikus,« sagte der Vater gereizt, da er sah, daß der Schiedsrichter der Gegenpartei zuneigte. »Und sicherlich wird ihn dir jener auch wieder zurückgeben! Wenn er der Stärkere ist ...« »Da haben wir's!« griff die Mutter hitzig auf, »weil er der Stärkere ist, darf er ihn wegnehmen. Hörst du das? Hörst du's?« »Ach Unsinn,« rief der Vater ärgerlich, nun sich seine Chancen noch mehr verschlechterten. »Wie aber, wenn du selbst etwas hingegeben und versprochen hast, es nie wieder zurückzufordern? Und nun schreist du: gib's zurück?« ... »Hingegeben, hingegeben!« unterbrach ihn die Mutter bitter. »Nun sag mal, wirst du's von selbst hingeben? Aber sicherlich, wenn man dir die Pistole auf die Brust setzt ...« In diesem Augenblick erwachte das Schwesterlein weinend aus dem Schlaf. Die Eltern kamen zu sich und gaben, unzufrieden miteinander, den Streit auf. Der Vater ging, rot und aufgeregt, auf seinen Stock gestützt, in sein Zimmer, die Mutter aber nahm das Schwesterlein auf den Schoß und fing an, es zu beruhigen. Aus ihren Augen rollten Tränen ... Lange konnte ich nicht wieder einschlafen, verwundert über die ungewöhnliche Szene. Ich fühlte, daß es kein persönlicher Streit war. Nicht um persönlichen Kummer erhitzten sich die Eltern und weinte die Mutter, sondern darum, was einst war und nicht mehr ist, – um ihr Vaterland, wo es einst Könige mit der Krone auf dem Haupte gab, Hetmans, schöne Trachten, eine unbekannte, aber bezaubernde »Freiheit«, von der die Sborowskis sprachen, wo es Schulen gab, in denen der kleine Thomas aus Sandomir studierte ... Jetzt ist es mit all dem vorbei, Vaters Verwandte haben es weggenommen ... Sie sind die Stärkeren ... Die Mutter weint, weil das ungerecht ist ... Den ihrigen ist Unrecht geschehen ... Am nächsten Morgen war mein erster Gedanke, daß ich an etwas Wichtiges zu denken hatte. Etwa an den neuen Anzug? Dieser lag wie am Vorabend auf seinem Platz. Manches andere aber stand nicht mehr an Ort und Stelle. In meinem Herzen bohrten wie ein Stachel die Keime neuer Probleme und neuer Stimmungen. Das Phantom: »Es kommt was« nahm neue Formen an ... Die Atmosphäre erhitzte sich immer mehr. Damen und Mädchen aus unseren Bekanntenkreisen zeigten sich nur noch in Schwarz gekleidet. Die Polizei verfolgte diese Trauertoiletten: die Demonstrantinnen, besonders diejenigen, die Abzeichen (Herz, Anker, Kreuz) trugen, wurden auf die Wache geführt und aufnotiert. Auf der anderen Seite wurden helle Toiletten in den Straßen von unbekannter Hand mit Säure begossen, in den Kirchen mit Messerchen zerschnitten. Katholische Geistliche hielten leidenschaftliche Predigten ... Im September 1861 wurde die Stadt durch ein unerwartetes Ereignis in Aufregung versetzt. Eines Morgens gewahrte das zum Markt zusammenströmende Publikum mit Erstaunen auf dem städtischen Hauptplatz am Bernhardinerkloster in einer kleinen Umfriedung ein riesiges schwarzes Kreuz mit weißem Trauerrand, mit einer Girlande frischer Blumen und der Aufschrift: »Den in Warschau zu Tode gemarterten Polen zum Gedächtnis.« Das Kreuz war etwa fünf Ellen hoch und stand dicht am Schilderhäuschen. Die Neuigkeit verbreitete sich in der Stadt mit Blitzesschnelle, und vor dem Kreuze entstand bald ein Auflauf. Die Behörden wußten nichts Besseres zu tun, als das Kreuz schleunigst zu entfernen und auf die Polizeiwache einliefern zu lassen. Die Kunde, daß das Kreuz »auf die Polizei gekommen« sei, schlug in der Stadt wie eine Bombe ein. Den ganzen Tag über sammelten sich vor der Polizeiwache Menschenhaufen an. Frauen in großer Menge hielten in der Kirche Rat, wobei sie dem herbeigeeilten Polizeipräsidenten den Einlaß verwehrten, und am Nachmittag zog die ganze Frauenschar in tiefer Trauer zum Gouverneur hin. Das kleine einstöckige Haus des Gouverneurs war bald von der weiblichen Belagerung umzingelt. Mein Vater hatte im Vorbeifahren die Menge und den ergrauten Chef des Gouvernements gesehen, wie er auf der Freitreppe seines Hauses stand und die Damen vergeblich zu überreden suchte, auseinanderzugehen. Schließlich wurde Militär aufgeboten. Allein die Menge verharrte bis zum Abend auf der Straße, und erst in der Dunkelheit gelang es, sie auseinanderzutreiben. In der Stadt rief dies alles die größte Erregung hervor. Es wurde erzählt, wie die roh mißhandelten Frauen in die Höfe und Haustore flüchteten, sich in die Läden retteten. Über das »polizeilich beschlagnahmte Kreuz« aber war selbst die orthodoxe Bevölkerung nicht wenig bestürzt, war sie doch gewohnt, das gemeinsame Heiligtum zusammen mit den Katholiken zu verehren. Seitdem schäumte die patriotische Erregung in hohen Wellen auf, und die Demonstrationen häuften sich. In unserer Stadt wurde der Belagerungszustand unter Trommelwirbel verkündet. Einmal wurde auch unser Gäßchen von Militär besetzt. In allen Häusern wurde nach Waffen gesucht, und fand man solche, dann wurden sie beschlagnahmt. Auch unsere Wohnung kam an die Reihe. Über dem Bette meines Vaters hing seit jeher auf einem Teppich eine alte türkische Pistole und ein krummer Säbel. Beide mußten jetzt dran glauben. Dies war übrigens die erste Haussuchung, der ich beiwohnte, und die Prozedur wirkte auf mich äußerst niederdrückend und beklemmend. Alle diese Vorgänge steigerten die allgemeine Erregung und spiegelten sich natürlich auch in unseren Kindergemütern wieder. Da ich aber für meinen Teil zu jener Zeit weder Russe noch Pole oder richtiger zugleich Russe und Pole war, so jagten die Schatten jener Erregungen über meine Seele wie vom Sturmwind gepeitschte Wolken dahin ... Einmal hatte mich meine Mutter in die katholische Kirche mitgenommen. Wir pflegten nämlich bald mit dem Vater den orthodoxen, bald mit der Mutter den katholischen Gottesdienst zu besuchen. Diesmal stand ich mit der Mutter im Seitengang, neben der Sakristei. In der Kirche war es sehr still. Alles schien von einer unbestimmten Erwartung und Spannung erfüllt. Der Geistliche, ein jugendlicher blasser Mann mit glühenden Augen, trug mit lauter erregter Stimme lateinische Sätze vor. Dann erfüllte ein tiefes banges Schweigen die gothischen Gewölbe des Bernhardinerklosters, und inmitten des Schweigens ertönte die Nationalhymne: »Herr, der du Polen durch so lange Zeiten ...« Erst waren es vereinzelte Stimmen, die sich hier und dort schüchtern erhoben, nach und nach flossen sie wie Ströme zusammen, das Lied erklang näher und fester, lauter und geschlossener, und schließlich brauste an das Gewölbe wie ein Orkan ein tausendstimmiger Chor, dem irgendwo in der Höhe das gewaltige Gebrüll der Orgel antwortete ... Meine Mutter lag auf den Knieen und weinte still, das Gesicht ins Taschentuch gedrückt. Auf mich machte dieser Klageschrei, von dem die ganze Menge, wie von einer Meeresbrandung mitgerissen wurde, einen geradezu erschütternden Eindruck. Mir war, als hätte mich etwas erfaßt und emporgetragen, als schwebte ich, von seltsamen Phantomen umgaukelt, in die Höhe ... »Kosaken ...« ließ plötzlich jemand in der Nähe fallen. Das Wort rollte im Flüsterton weiter, prallte irgendwo ab und tauchte im Stimmenmeer unter. Den wirren Träumen meiner erhitzten Einbildung gab jedoch dieses Wort sogleich einen bestimmten Inhalt ... »Kosaken! ...« Sie stürmten in die Kirche. Oben vor dem Altar steht der Geistliche, zu seinen Füßen drängen sich Frauen und unter ihnen meine Mutter. Die Kosaken stellen sich in Reihen auf und zielen. In diesem Augenblick springt ein kleiner Junge die Altarstufen hinauf, öffnet sein Jäckchen auf der Brust und ruft mit lauter Stimme: »Schießt auf mich ... Ich bin ein Orthodoxer, aber ich will nicht, daß man den Glauben meiner Mutter schmäht! ...« Die Kosaken feuern ... Rauch, Flamme, Geknatter ... Ich falle hin, ich bin erschossen – doch ... so merkwürdig glücklich, daß mir nachher alle die Hände drücken, polnische Damen und Herren flüstern: »Das ist des Richters Sohn, seine Mutter ist Polin.Ein edler Jüngling ...« »Dieser Junge hat recht,« rufen auch die russischen Herren, »es geht nicht an, in den Kirchen zu schießen und fremden Glauben zu schmähen ...« Offenbar hatte mich das verfrühte Bücherlesen, die polnische Theatervorstellung, die Zeitereignisse, die einander in der erhitzten Atmosphäre der patriotischen Begeisterung jagten, zu einem kleinen Romantiker gemacht. Und es ist sehr wohl möglich, daß, wenn alles sich so abgespielt hätte wie im Theater, d.h., wenn die Kosaken sich erst gegenüber der majestätischen Figur des Priesters mit dem geweihten Pokal in der Hand und der Frauengruppe zu seinen Füßen hübsch in Reih und Glied aufgestellt, und dann abgewartet hätten, was ich unternehmen würde, ich mein Programm wohl ausgeführt hätte. Allein das wirkliche Leben ist roh und unharmonisch, und es ist viel wahrscheinlicher, daß ich mich in einem prosaischen wüsten Handgemenge so feige benommen hätte wie nur der Feigste unter der lieben Stadtjugend ... Als mein Vater von der »Demonstration« erfuhr, war er sehr ungehalten. Nach einigen Tagen sagte er zur Mutter: »Der Polizeipräsident hat mir gesagt, daß auch du schon aufnotiert seist.« »Was kann ich dafür,« erwiederte die Mutter, »ich habe nicht gesungen und hatte auch nicht gewußt, daß es zum Singen kommen würde.« »Und wenn du gewußt hättest?« frug der Vater. »Dann ... hätte ich den Jungen nicht mitgenommen,« gab sie zur Antwort. »Ich kann doch nicht aufhören, zur Kirche zu gehen!« ... Dabei blieb sie auch in der Folgezeit: sie beteiligte sich nicht an dem Getue der überspannten Patriotinnen und »Betschwestern«, fuhr jedoch wie früher fort, zur Kirche zu gehen, ohne darauf zu achten, ob sie aufnotiert würde oder nicht. Der Vater war nervös und unruhig, sowohl ihretwegen wie seiner Stellung halber, erkannte jedoch als innig frommer Mensch das Recht des fremden Glaubens an. Mehrmals passierten um jene Zeit Truppen unsere Stadt. Einmal verbreitete sich das Gerücht, daß Baschkiren zu uns kämen. Es hieß, dies seien Wilde, die kein Wort polnisch oder russisch verständen, sondern bloß in ihrer eigenen wilden Sprache radebrechten und mit der Nagajka nur so zuschlugen, wo es auch hintreffe. Diese Kunde verbreitete einen fast abergläubischen Schrecken. Einige Tage darauf passierte in der Tat die Straßen ein Trupp schrecklicher Reiter auf ganz kleinen Pferdchen: kegelförmige schafpelzverbrämte zottige Mützen, Gesichter mit vorstehenden Backenknochen, kleine Schlitzäuglein, eine seltsame wilde Haltung im Sattel ... Als sie eine Gruppe Neugieriger, darunter einige Frauen, an einer Straßenecke bemerkten, riß einer der Reiter plötzlich sein Pferd in die Höhe und schwang die Nagajka. Hysterisches Gekreisch ertönte, der Baschkire aber ritt weiter, nur sein blendend weißes Gebiß blitzte im dunklen Gesicht auf, und daneben galoppierten im Staube, den ihre Pferde aufwirbelten, die anderen und lachten gleichfalls. Mir kam es befremdend vor, daß sie wie andere Menschen lachen konnten, und ich stellte mir mit Entsetzen eine Attacke dieser dunkelfarbigen Wilden vor. Indes zogen sie weiter und verschwanden bald hinter dem westlichen Schlagbaum, in der Richtung nach Polen zu, wo, wie es hieß, »bereits Blut geflossen sei«. In unsere Stadt aber zogen wieder andere Truppen ein. In unserem Stall fanden bald auch drei oder vier Kosakenpferde ihren Stand. Die Kosaken selbst hatten sich gleichfalls im Stall, neben ihren Pferden, einquartiert, während in der Küche und im Schuppen Infanteristen untergebracht waren. Diesen Logierbesuchen begegnete man in der Stadt nicht allzu freundlich. Hausbesitzer und Mieter stritten gewöhnlich lange mit dem Quartiermeister, wollten keinen Platz einräumen und wandten sich irgendwohin mit Beschwerden. Wir Kinder gewöhnten uns jedoch rasch an die ungebetenen Gäste. Die Kosaken setzten uns manchmal auf ihre Pferde und nahmen uns mit, wenn sie an das Flüßchen zur Tränke gingen. Die Soldaten erlaubten uns herablassend, die Knöpfe ihrer Uniformen mit Kreide und Tuchlappen blankzuputzen, und die dünne Kohlsuppe, die sie in Kesseln jeden Tag aus der Kompagnieküche brachten, kam uns über alle Maßen schmackhaft vor. Eine Soldatengestalt ist mir besonders deutlich in der Erinnerung geblieben. Das war ein schon ältlicher Mann mit runzligem Gesicht, borstigem grauen Schnurrbart und einem Ohrring im linken Ohrläppchen. Seine Miene war unfreundlich und finster. Nachdem er sich im Schuppen installiert, seine »Munition« an den Nägeln aufgehängt und das Gewehr sorgfältig im Winkel untergebracht hatte, lehnte er sich mit der Schulter an den Türpfosten und schaute mit ernster Aufmerksamkeit zu, wie wir mit anderen Jungen aus der Nachbarschaft mit hölzernen Gewehren »exerzierten«. Nach einer Weile hielt er die Rolle des unbeteiligten Zuschauers nicht aus, trat an unsere Front heran und fing an, uns die Hauptgriffe zu zeigen, wobei uns die Exaktheit und Elastizität seiner Bewegungen verblüffte. Es war, als ob in seinem Innern Metallfedern sich spannten und klapperten. »Jetzt bringe ich's euch, Polenbrut, bei, ihr aber geht dann meutern und knallt mich selbst am Ende nieder,« sagte er zum Schluß halb scherzhaft und halb ärgerlich. Nach einiger Zeit hatte sich zwischen uns Kindern und dem alten Soldaten die beste Freundschaft angeknüpft. Viele Stunden verbrachten wir zusammen in sommerlicher Abenddämmerung, auf Afanassijs Schlafbank, die nach Schweiß, nach Lederzeug der »Munition« und saurer soldatischer Kohlsuppe roch, bis seine Kompagnie irgendwohin aufs Land weiter zog, um polnische Freischärler zu verfolgen. Für uns war die Trennung von ihm sehr schmerzlich. Aber auch der alte Soldat war sichtlich ergriffen. Der lange »nikolajewsche« Militärdienst hatte bereits sein ganzes Leben verschlungen, alle seine Familienbande zerrissen, und das alte Soldatenherz zehrte nur noch von beiläufigen Anhänglichkeiten der Standquartiere ... Von den Kosaken haftet in meiner Erinnerung besonders ein junger schwarzlockiger Unteroffizier. Er war pockennarbig, was jedoch seinem Ruf als schöner Mann durchaus keinen Abbruch zu tun schien. Für uns Kinder war es immer der größte Genuß zu beobachten, wie er ohne jeden Anlauf, fast wie durch Zauberei, aufs Pferd flog. Von Zeit zu Zeit pflegte sich der Tollkopf sinnlos zu betrinken und schrie dann über den ganzen Hof mit blitzenden Augen: »Ach, ihr Polaken! Wo denkt ihr hin mit euren Meutereien! Merkt euch wohl: einst erhebt sich der Don und wird das Mütterchen Moskau an der Kehle packen ... Dermaßen wird er es packen ... Da kommt ihr gar nicht mit!« ... Und er fuchtelte mit der geballten Faust, als hielte er darin schon das Mütterchen Moskau fest. Unser Freund, der alte Afanassij, schüttelte in solchen Fällen mißbilligend den Kopf und pflegte zu sagen: »Ist das aber ein Volk, diese Kosaken! Ein Diebsvolk sind sie: wo nur irgendwas locker hängt, gleich haben sie's geklaut. Auch ihr Dienst ist ein anderer: wofür unser einer Spießruten laufen mußte, das geht jenen alles glatt hin. Der Unteroffizier peitscht so einen bloß mit der Nagajka ein wenig durch und damit gut. Und auch das nicht wegen des Diebstahls selbst, sondern weil es heißt: laß dich eben nicht erwischen!« ... Die Kosaken pflegten bei diesen ernsten Vorträgen Afanassijs nur zu lachen. Einst hatte der schwarzlockige Teufelskerl wieder einmal etwas Tolles ausgefressen und sollte in Arrest gehen. Total betrunken wie er war, riß er sich aus den Händen seiner Kameraden los, schwang sich auf sein nicht entsatteltes Pferd und sprengte zum Tore hinaus. Es schleuderte ihn dermaßen im Sattel hin und her, daß es schien, als müßte er jeden Augenblick aufs Pflaster fliegen und mit zerschmetterten Gliedern liegen bleiben. Als wir aber zum Hof hinausliefen, erblickten wir ihn schon weit in der Fernsicht der Straße. Er schoß wie der Blitz dem Kijewer Schlagbaum zu, hinter ihm in immer größerem Abstand die Verfolger. Am andern Morgen striegelte er, wie wenn nichts passiert wäre, sorgfältig seinen Rappen und machte sich über die Kameraden lustig, die ihn nicht hatten einholen können. Die Freischärler waren inzwischen auch in unserer Gegend aufgetaucht. Über der Stadt erhob sich ein unheilverkündender Schatten. Alle Augenblicke hörte man, daß bald dieser, bald jener von den uns bekannten jungen Leuten verschwand. Sie zogen »in den Wald,« wie man zu sagen pflegte. Die Zurückgebliebenen wurden von den Fräulein mit der spitzen Frage: »ob sie wirklich noch hier wären,« begrüßt. Auch mehrere Jünglinge vom Pensionat Rychlinski waren »in den Wald gegangen« ... Einmal beim Mittagessen sagte die Mutter zum Vater: »Stassiek ist gekommen. Sie laden uns zu heute abend ein.« Der Vater blickte sie verwundert an. »Wie,« frug er, »alle drei?« »Ja, alle drei,« gab die Mutter mit stiller Trauer zur Antwort. »Ihr seid alle verrückt!« rief der Vater ärgerlich und legte den Löffel weg. »Rein verrückt sind alle geworden, und die Alten mit dazu!« ... Es stellte sich heraus, daß es sich um die drei Söhne des Herrn Rychlinski handelte, die an der Kijewer Universität studierten und jetzt gekommen waren, um Abschied zu nehmen und den elterlichen Segen zu erbitten, bevor sie zu den Freischaren zogen. Der eine war im letzten Kursus der Medizin, der andere, glaube ich, im dritten Kursus. Der Jüngste, eben der Stassiek, der im achtzehnten Jahr stand, hatte erst im Vorjahre das Gymnasium absolviert. Er war ein rotwangiger lustiger Junge mit glänzenden schwarzen Augen und der ausgesprochene Liebling seiner ganzen Umgebung. Nachdem sie den Abend in der Mitte der Familie und der nächsten Freunde verbracht hatten, fielen alle drei auf die Knie, die Alten gaben ihnen den Segen, und in der Nacht reisten sie ab. »Ich hätte diesem Stassiek die Rute gegeben und ihn hinter Schloß und Riegel gesetzt,« sagte mein Vater ärgerlich am anderen Tage. »Selbst Kinder ziehen aus, um für das Vaterland zu kämpfen,« sagte die Mutter sinnend, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Was wird das bloß werden?« »Was werden wird? Einfangen wird man sie, wie junge Hühnchen,« erwiderte der Vater bitter. »Ihr seid alle miteinander rein verrückt geworden!« In der ersten Zeit war die Stimmung in der polnischen Gesellschaft eine gehobene und zuversichtliche. Man sprach von Siegen, von einem gewissen Roschitzki, der sich an die Spitze der Wolhynischen Freischaren gestellt hätte, von der Hilfe, die Napoleon senden wolle. Im Pensionat teilten die Schüler einander diese Neuigkeiten mit, die Marynia, Rychlinskis einzige Tochter, mit leuchtenden Augen überbrachte. Diese großen Mädchenaugen, die denen Stassieks ähnlich waren, strahlten vor freudiger Begeisterung. Ich glaubte gleichfalls an alle Erfolge der Polen, die Empfindungen aber, die sie bei mir weckten, waren ziemlich verworrene. Eines Nachts hatte ich einen aufregenden Traum. Zuerst war es wohl ein Spiel: »Polen und Russen«, das um jene Zeit bei uns Buben alle anderen Spiele verdrängt hatte. Dabei pflegten wir die Rollen nicht etwa nach unserer Nationalität, sondern nach dem Los zu verteilen, so daß bald russische Knaben an die Polenfront, bald polnische Knaben an die Russenfront kamen. Ich weiß nicht, zu welcher Front ich diesmal, im Traum, gehörte; ich weiß nur, daß das Spiel bald zum wirklichen Krieg wurde. Da war ein großes Feld, in dem ein schilfbewachsenes Flüßchen sich dahinschlängelte. Irgendwo brannte es, irgendwo sprengten in Staub und Rauchwolken gehüllt Reiter mit kegelförmigen Mützen, irgendwo knatterten Gewehrschüsse, und der Wind trug weiße Rauchwölkchen fort, wie ich sie auf dem Schießplatz gesehen hatte. Ich floh vor irgend jemandem und verbarg mich unter dem Abhang des Flußufers ... Auf einmal zeigte es sich, daß eigentlich nicht ich mich dort verbarg, sondern eine Korporalschaft russischer Soldaten. Mitleiderregend in ihrer Angst, kauerten sie sich unter dem Abhang im Schilf, knietief im Wasser, nieder. An ihrer Spitze, mir zunächst, stand der Afanassij in seiner runden schirmlosen Mütze und mit dem Ohrring im linken Ohrläppchen. Er betrachtete mich mit einem ernsten, fast finsteren und vorwurfsvollen Blick, und mein Herz schnürte sich vor Pein und Angst zusammen. Drüben im offenen Feld sprengten im Rauch die siegreichen Polen dahin ... Plötzlich taucht über dem Abhang hoch zu Roß Stassiek Rychlinski auf. Seine lustigen schwarzen Augen blitzen, und er lächelt sein kindlich übermütiges Lächeln. Mir blieb das Herz stehen vor Angst, und es war mir, als gäbe es in der ganzen Welt niemand Schrecklicheren als diesen Jüngling, der im nächsten Augenblick den im Schilf versteckten Afanassij und die Soldaten entdecken mußte. Mir aber waren diese Menschen jetzt lieb und teuer, und ich litt um sie, als wären sie meine Brüder ... »Das kommt daher,« dachte ich, als ich in Schweiß gebadet mit heftigem Herzklopfen erwachte, »weil sie Russen und ich ein Russe bin!« Aber ich irrte mich. Das kam nur daher, weil sie Menschen waren ... Und bald wandte sich auch mein Mitleid der anderen Seite zu. Zwei oder drei Wochen später kamen zu uns Gerüchte über Scharmützel, die bei Kijew stattgefunden hatten. Das waren nur noch klägliche Anläufe, die gar bald von Kosaken und Bauern niedergeschlagen wurden. Im Rychlinskischen Hause zog qualvolle Unruhe ein. Wir saßen einmal mit unseren Schularbeiten in Marynias Zimmer, die der jüngsten Klasse französischen Unterricht erteilte, als sie zu ihrem Vater gerufen wurde. Sie kam zurück, hochrot im Gesicht mit verweinten Augen, und versuchte den Unterricht fortzusetzen. Plötzlich sprang sie jedoch auf, warf sich aufs Bett und brach in lautes Schluchzen aus. Ich stürzte nach einem Glas Wasser, sie schob es jedoch mit der Hand von sich und sagte unter Schluchzen: »Geht ... geht alle ... Ich brauche nichts.« Bald wurde im Pensionat bekannt, daß alle drei Brüder Rychlinski an dem Scharmützel beteiligt und gefangen genommen waren. Der Älteste war obendrein von einer Kosakenlanze am Halse verwundet ... Der alte Rychlinski erschien nach wie vor zum Frühstücks- und Mittagstisch, frug nach wie vor: » qui a la règle ,« saß zu Gericht über uns und sprach Recht. Seine Frau leitete den großen Haushalt mit derselben Festigkeit weiter. Marynia setzte ihren Unterricht mit uns fort, ohne sich mehr von ihren Gefühlen überwältigen zu lassen. Die ganze Familie trug stolz ihr Leid und war bereit, neuen Schicksalsschlägen die Stirn zu bieten. Der Aufstand hatte unterdessen nirgends Erfolg. Napoleon kam nicht, die Bauern stießen selbst im eigentlichen Polen nur widerstrebend zum »Putsch«, in anderen Gegenden aber spielten sie dem aufständigen Adel gar übel mit. Einmal bekam ich einen Gefangenentransport zu sehen. Auf langen Leiterwagen, wie sie zum Ernteeinfahren gebraucht werden, saß ein Trupp Aufständiger, einige mit verbundenen Köpfen oder einem Arm in der Binde. Die Verwundeten sahen blaß aus. Bei einem war auf der Binde Blut zu sehen. Vorne im Wagen saßen Bauern, die ihre Pferde antrieben, während rechts und links zur Seite gleichfalls Bauern als Konvoi ritten ... Die Sympathien der städtischen Bevölkerung waren zumeist auf Seiten der Gefangenen. Junge Dienstmädchen spieen die sich auf ihren Mähren herumtummelnden Bauernlümmel an, diese warfen ihrerseits höhnisch den Schopf in die Höhe und schoben die Schafpelzmütze keck aufs Ohr. Das Gefängnis in dem engen Tschudnowskaja-Gäßchen war bald mit Eingelieferten überfüllt, und die bloß »Verdächtigen« sowie die »Übelgesinnten« mußten in privaten, zu diesem Behufe gemieteten Räumen untergebracht werden. Dann begann der »Triumph der Sieger« und die Vergeltung ... Einmal fuhr vor unserem Hause eine zweispännige Mietskutsche vor, aus der ein junger Offizier stieg und nach meinem Vater frug. Er hatte eine nagelneue blaue Uniform an, von der die weißen Achselschnüre effektvoll abstachen. Seine Sporen klirrten bei jedem Schritt leise und angenehm. »Wie hübsch ist der Herr,« sagte mein kleines Schwesterlein. Uns anderen gefiel er auch sehr gut. Die Mutter jedoch erschrak, ich weiß nicht warum, bei seinem Erscheinen und ging eilig zum Vater hinein. Als Vater ins Wohnzimmer trat, stand der schöne Offizier vor einem Bilde, auf dem die Gestalt eines bärtigen Polen im roten »Kontusch«, mit einem Säbel an der Seite und dem Hetmansstab in der Hand ziemlich roh in Ölfarbe gemalt war. Der Offizier verneigte sich, klirrte mit den Sporen und frug, auf das Bild weisend: »Masepa?« »Nein, das ist Scholkiewski,« antwortete der Vater. »Ach so,« sagte der Offizier gedehnt, als ob er gleichermaßen den Masepa wie den Scholkiewski mißbilligte, worauf er sich mit dem Vater in dessen Zimmer begab. Eine Viertelstunde später stiegen beide in die Kutsche. Die Mutter und die Tanten blickten ihnen vorsichtig und ängstlich durch das Fenster nach. Ich glaube, sie befürchteten, daß der Vater verhaftet sei ... Uns Kindern kam es hingegen seltsam vor, daß eine so hübsche, tadellose und einnehmende Erscheinung Angst einflößen konnte. Am Abend erzählte der Vater: als die Kutsche vor dem Gefängnis vorbeifuhr, meinten die Aufständigen, die aus den Fenstern hinausschauten, gleichfalls, »der Richter sei verhaftet worden« und fingen an, den Gendarmen laut zu beschimpfen. Der Vater mußte von Amtswegen an Kommissionen teilnehmen, in denen der hübsche Offizier mit dem lieblichen Sporenklirren eines der grimmigsten Mitglieder war. Die übrigen Beamten, die zu der örtlichen Bevölkerung Beziehungen hatten waren milder. Einmal erzählte der Vater, als er von der Sitzung heimkam, der Mutter: einer von den »Verdächtigen« wäre noch vor Beginn der Sitzung in den Saal getreten, hätte einen eben erhaltenen Brief auf den Tisch geworfen und in seiner Verzweiflung ausgerufen: »Ich verteidige mich nicht mehr ... Machen sie, was Sie wollen ... Mein Sohn ist zu den Freischärlern gegangen und – ist gefallen.« Der Gendarm und der Staatsanwalt waren in diesem Moment noch nicht zugegen. Mein Vater blickte die übrigen Mitglieder der Kommission an, händigte dem Greis seinen Brief wieder ein und sagte in offiziellem Tone: »Die Sitzung ist noch nicht eröffnet und private Unterhaltungen sind hier nicht statthaft.« Einige Minuten später trat der Gendarm ein, der alte Herr hatte aber inzwischen die Selbstbeherrschung wiedergewonnen und verbarg den Brief. Seine persönliche Angelegenheit verlief günstig, und die Familie blieb vor Vermögenskonfiskation und Ruin bewahrt. Hinrichtungen hat es in unserer Stadt, wenn ich nicht irre, drei gegeben. Sie betrafen sogenannte »Henker-Gendarmen« sowie russische aktive Offiziere, die sich dem Aufstand angeschlossen hatten. Ich erinnere mich nur eines dieser Fälle. Es sollte ein ehemaliger Offizier, ich glaube Stroynowski mit Namen, hingerichtet werden. Er war jung, schön, vor kurzem verheiratet, eine glänzende Laufbahn stand ihm offen. Er wurde auf dem Schlachtfeld festgenommen und »das Gesetz war klar«. Ich weiß nicht, ob die Unterschrift meines Vaters mit den anderen unter dem Todesurteil stand oder nicht: jedenfalls grollte ihm durchaus niemand aus diesem Grunde. Im Gegenteil bat der schon verurteilte Stroynowski, mein Vater möge ihn vor der Hinrichtung besuchen. Bei diesem Besuch gab er dem Vater verschiedene Aufträge und den letzten Gruß an seine junge Frau mit. Dabei äußerte er sich mit großer Bitterkeit über sein Freischärlerkorps: als er zurückweichen wollte, drängten sie lärmend darauf, in die Schlacht geführt zu werden; kaum aber hatten sich vor der Sperre auf dem Waldwege Bauern mit Sensen und Kosaken gezeigt, als das Korps Fersengeld gab, er aber, Stroynowski, wurde gefangen genommen ... In den Tod ging er mit Bitterkeit und Bedauern, aber männlich und in stolzer Haltung. Die Romantik, von der der junge aufständige Adel hingerissen war, ist eine schlechte Kriegsschule. Die Begeisterung dieser Jugend zehrte von einer abgelebten Vergangenheit, vom Schatten des Lebens, nicht vom Leben selbst. Die rohe prosaische Attacke eines Haufens Bauern und Kosaken erinnerte herzlich wenig an die schönen Schlachtenbilder. Und der arme Stroynowski mußte seinen Glauben an die geschichtliche Romantik mit dem Leben büßen ... Es war ein heller Tag im Juni oder Juli, vom frühen Morgen an war es in der Stadt bekannt, daß auf dem wüsten Feld hinter dem Kijewer Schlagbaum, in der Nähe des Schlachthofes, bereits ein schwarzes Kreuz aufgestellt und eine Grube gegraben war. Deshalb schien alles an jenem Tage etwas Besonderes, Düster-Feierliches, Qualvoll-Spannendes an sich zu haben. Um Mittag erscholl in der hellen Luft ein kurzer dumpfer Knall. Es war, als hätte man einen stumpfen Schlag an die Schläfe erhalten. Der Knall zerriß gleichsam inmitten des helllichten Tages einen Vorhang, wie die Wolke vom Blitz zerrissen wird. Keine Wolke war zwar zu sehen und kein Blitz: die helle Mittagssonne stand am Himmel. Und doch wurde ein Vorhang zerrissen, und für einen Augenblick trat aus dem leuchtenden Tage etwas Unheimliches, Geheimnisvolles heraus, das der Alltag unsichtbar verborgen hält ... Das war der Augenblick, in dem, wie wir alle wußten, ein Menschenleben wie ein Faden glatt durchschnitten worden war. Man erzählte nachher, daß Stroynowski gebeten hatte, ihm die Augen nicht zu verbinden und die Hände nicht zu fesseln; diese Bitte war ihm gewährt worden, und er gab den Soldaten selbst das Kommando zum Schießen. Am anderen Ende der Stadt saß um dieselbe Stunde Stroynowskis Mutter bei Bekannten. Und als der kurze dumpfe Knall bis zu ihr heranrollte, fiel sie, wie vom Blitz getroffen, zu Boden. Noch einmal: ich weiß auch jetzt nicht, ob die Unterschrift meines Vaters unter dem Urteil der kriegsgerichtlichen Kommission stand, oder ob dies ein Feldkriegsgericht aus lauter Militärs war. Niemand sprach davon oder interessierte sich dafür. »Das Gesetz war klar.« Wer bin ich? Der Aufstand lag in den letzten Zügen. Man sprach nicht mehr von Schlachten, sondern von einer Abschlachtung und von Menschenjagden. Es wurde erzählt, daß junge Adlige von Bauern die sie gefangen nahmen, lebendig begraben wurden, und ein solches Grab mit lebenden Toten sollte angeblich irgendwo bei Schitomir von Kosaken noch rechtzeitig geöffnet worden sein. Mein Vater bestritt die Glaubwürdigkeit solcher Gerüchte. In der polnischen Gesellschaft flaute nun die Begeisterung ab, und eine bittere Enttäuschung griff um sich. Gleichzeitig wurde die romantische Schwärmerei für den Glanz und Rausch des ehemaligen Polens, wenn ich nicht irre, von einer neuen demokratischen Strömung abgelöst. Statt des prahlerischen »Noch ist Polen nicht verloren« sang die Jugend nun das schwermütige und bittere Demokratenlied: Habt Dank, o ihr Herren, ihr Fürsten, Prälaten, Für das Blut, das unser Land befleckt ... Zu jener Zeit pflegte ein Schriftsteller, Alexander Grosa, der sich in der damaligen polnischen Literatur bereits eines gewissen Ansehens erfreute, meinen Vater häufig zu besuchen. Der Mann besaß in Kompagnie mit einem gewissen Paziorkowski eine Druckerei, die nun konfisziert wurde. Es waren dazumal einfache Sitten: das Inventar der Druckerei wurde bei meinem Vater in der Wohnung untergebracht, und ich vertiefte mich begierig in die Lektüre. Darunter befanden sich, wie ich mich erinnere, die »Denkwürdigkeiten Jan Chrysostom Passeks«, desgleichen eigene Werke Grosas. Während einiger Abende las er bei uns sein neues Drama in Versen vor, das, wenn ich nicht irre, »Popiel« betitelt war. Das Stück behandelte den Kampf des einfachen Volkes mit den Rittern und dem Fürsten Popiel. Dieser grausame Herrscher soll laut der Volkslegende zum Schluß von Mäusen aufgefressen worden sein, worauf das Volk an seiner Statt sich den Bauern Piast zum König wählte. Über den Wert des Dramas vermag ich heute natürlich nichts zu sagen, doch sind in meiner Erinnerung einige Szenen haften geblieben, sowie das Leitmotiv des ganzen Stücks: der Gegensatz zwischen den schlichten Tugenden des Bauerntums und dem Hochmut des adeligen Rittertums. Mein Vater hörte der Vorlesung sehr aufmerksam zu und sagte, als Grosa geendet hatte, in trüber Nachdenklichkeit: »Wie ich Sie doch beneide, Herr Grosa. Der Dichter lebt eben ein eigenes Leben. Er versetzt sich in andere Zeiten und vergißt die Gegenwart mit all dem Niederdrückenden, das sie hat ...« Das war das erste allgemeine Urteil über Poesie, das ich gehört habe, wie der Herr Grosa selbst – übrigens ein kleines rundliches Männlein mit stark ausgeprägten Zügen in einem ziemlich gewöhnlichen Gesicht – der erste »lebende Dichter« war, den ich zu sehen bekam. Heute ist dieser Poet vergessen und verschollen, für die damalige Zeit jedoch waren seine Werke wirkliche Literatur, und ich folgte seinen Rezitationen mit atemloser Spannung. Er las mit großer Begeisterung vor, und mir war zuweilen, als verwandle sich das rundliche Männlein in einen anderen, großen, schönen und interessanten Menschen. Der Zufall wollte, daß die russische Literatur sich mir zuerst bloß in Gestalt des »Boten des südwestlichen und westlichen Rußlands« darbot, einer Revue, die von einem gewissen Goworski zu Russifizierungszwecken herausgegeben wurde. Ihr Abonnement war für Beamte obligatorisch, daher lagen in Vaters Zimmer ganze Berge des »Boten« aufgestapelt; ich glaube jedoch, daß mein älterer Bruder und ich seine einzigen, obendrein nicht allzu eifrigen Leser waren. Inhaltlich war dies ein überaus rohes, tendenziöses Machwerk. Die Russen waren hier als lauter Tugendhelden geschildert, unter den Polen hingegen erschienen als ehrenwert nur diejenigen, die an ihren Landsleuten Verrat übten. All dies kam uns Buben abgeschmackt und verlogen vor. Es versteht sich, daß dergleichen Literatur weder interessant noch überzeugend wirken konnte. Im Leben sah ich auf der einen Seite das ehrfurchtgebietende Drama im Rychinskischen Hause und die Hinrichtung Stroynowskis, auf der anderen Seite die hübsche geschniegelte Gestalt des grimmigen Gendarmen. Ich glaube deshalb, daß, wenn man mein Herz geöffnet hätte, man auch in dieser Periode meines Lebens sicher gefunden haben würde, daß den größten Raum in meinem Gefühlsleben jene Empfindungen, Gedanken und Eindrücke einnahmen, die ich von der Sprache, der Literatur und den Kultureinflüssen des Vaterlandes meiner Mutter empfing. Wer aber war ich nach alledem? Dieses schwierige, ja schier unlösbare Problem sollte in meiner unfertigen Knabenseele zum Ausgangspunkt eines kleinen Dramas werden. Um jene Zeit besuchte das Rychlinskische Pensionat zugleich mit mir ein Pole namens Kutschalski. Das war ein hochaufgeschossener schmächtiger Knabe mit etwas gebückter Haltung, engbrüstig und mit einem schmalen, leicht pockennarbigen Gesicht, wie ich denn überhaupt finde, daß man in der damaligen Zeit viel häufiger Leute mit Spuren dieser Krankheit sah als heutzutage. Ungeachtet seiner schlechten Haltung und des pockennarbigen Gesichts war er von einer undefinierbaren angeborenen Anmut, und seine kleinen, ein wenig schwermütigen, aber sehr lebhaften, schwarzen Augen hatten einen ungemein anziehenden, lieben Blick. Mir gefiel alles an ihm: der propre, auf seiner schlanken Figur gut sitzende Anzug, sein eigentlich etwas linkischer und doch eleganter Gang, sein stilles Lächeln, die eigentümliche Zurückhaltung, die er gegenüber der übrigen lärmenden Bande der Pensionäre an den Tag legte, und auch die Gebärde, mit der er, nachdem er an der Tafel seine Aufgabe hergesagt hatte, die schlanken Finger mit einem weißen Tüchlein abzuwischen pflegte. Mir war er unter den Schülern sofort aufgefallen, und wir näherten uns allmählich, wie das eben Schulbuben tun: wir erwiesen uns kleine Gefälligkeiten, teilten miteinander Stahlfedern und Bleistifte; in den Freistunden pflegten wir, von den anderen Kameraden abgesondert, miteinander herumzugehen und über allerlei zu plaudern, worüber wir mit den anderen nicht hätten sprechen mögen. Manchmal war es mir einfach angenehm, ihn zu betrachten, sein stilles sinnendes Lächeln aufzufangen. Daß er ein Pole, ich aber ein Russe war, dieser Umstand warf auf unsere aufkeimende Knabenfreundschaft nicht den geringsten Schatten. Die Annäherung zwischen uns beiden dauerte auch fort, als der Aufstand ausbrach. Kutschalski war unerschütterlich überzeugt, daß die Polen siegen und das alte polnische Reich in seinem früheren Glanze wiederauferstehen würde. Einer von den russischen Schülern sagte einmal in seiner Gegenwart, Rußland sei der größte Staat in Europa. Mir war diese Eigentümlichkeit meines Vaterlandes damals noch nicht bekannt, und wir begaben uns beide unverzüglich zur Landkarte, um die kühne Behauptung nachzuprüfen. Ich sehe noch wie heute die ruhige Unerschütterlichkeit, mit der Kutschalski nach sorgfältiger Prüfung der Landkarte sagte: »Das ist eine russische Landkarte. Und das ist unwahr.« Diesem meinem Freunde erzählte ich unter anderem auch jenen Traum, in dem ich solche Angst um das Schicksal der russischen Soldaten und Afanassijs ausgestanden hatte. »Glaubst du an Träume?« frug Kutschalski. »Nein,« antwortete ich. »Mein Vater sagt, das sei Unsinn, und Träume verwirklichen sich nie. Auch ich denke so. Ich habe jede Nacht verschiedene Träume.« »Ich aber glaube daran,« erwiderte er. »Und dein Traum bedeutet, daß wir unbedingt siegen werden.« Bald sollte sich zeigen, daß meinem Traum diese Bedeutung nicht zukam, und ich glaubte zu merken, daß Kutschalski mich zu meiden anfing. Mich betrübte das sehr, zumal ich mir ihm gegenüber keiner Schuld bewußt war. Im Gegenteil war er mir jetzt mit seiner schwermütigen Nachdenklichkeit noch anziehender als früher. Einmal in der Pause, als er abseits von den Kameraden auf und ab ging, trat ich an ihn heran: »Höre mal, Kutschalski,« sagte ich, »du hast wohl einen Kummer?« Er blickte mich mit traurigen Augen an und antwortete, ohne seine Wanderung zu unterbrechen: »Ja, ich habe einen großen Kummer ...« »Aber, warum sagtest du mir's nicht? Und warum meidest du mich?« »So ...« entgegnete er. »Mein Kummer geht dich nichts an. Du bist ein Moskowite.« Ich fühlte mich beleidigt und ging fort, aber meine Seele war verwundet. Seitdem bedrückte mich stets, – ob ich mich abends zu Bett legte, oder morgens aufstand, – das schmerzliche Bewußtsein der mir unerklärlichen Entfremdung Kutschalskis. Mein Knabenherz war tief verletzt und litt sehr unter der erfahrenen Kränkung. Unter den Schülern des Pensionats war einer, dem ich die gleichen Gefühle einflößte, wie Kutschalski mir. Seinen Familiennamen habe ich vergessen, mag er meinetwegen Stozki heißen. Das war ein winziges, höchst bewegliches, ausgelassenes und gutmütiges Bürschlein, das oft als Dritter im Bunde mit Kutschalski und mir in den Pausen zu spazieren pflegte. Auch ihm fiel unsere Entfremdung auf, und ich erzählte ihm, welche Antwort ich erhalten, als ich Kutschalski über die Ursache seines Kummers befragt hatte. Das Bürschlein wandelte darauf mehrmals mit Kutschalski, wobei er seine prickelnde Munterkeit zu zügeln und den zurückhaltenden Ton meines ehemaligen Freundes zu treffen suchte. Endlich glaubte Stozki das Nötige herausgekriegt zu haben und meinte zu mir einmal während der Pause: »Er sagt, du seist ein Moskowite ... du hättest im Traume geweint, weil die Polen über die Russen hätten siegen können, und er denkt, daß du dich jetzt ... freust ...« Stozki fügte hinzu, offenbar sei jemand von Kutschalskis nächster Verwandtschaft gefallen, verwundet oder gefangen genommen. Ich war verblüfft. Ich hatte also einen Freund verloren aus keinem anderen Grunde, als weil er Pole, ich aber Russe war, und weil mir der Afanassij und die russischen Soldaten leid taten, als ich dachte, sie könnten getötet werden! ... Der Verdacht, ich könnte mich freuen, daß jetzt Polen auf dem Schlachtfelde fielen, daß Felix Rychlinski verwundet war, daß Stassiek im Gefängnis saß und nach Sibirien verschickt werden sollte, verletzte und verbitterte mich tief, so daß ich beinahe zu weinen anfing. »Ich freue mich nicht,« sagte ich zu Stozki, »aber ... wenn es so steht ... Nun, meinetwegen, dann bin ich eben ein Russe, und er mag denken, was er will.« Ich machte Kutschalski gegenüber keine Annäherungsversuche mehr. So bitter es mir war zu sehen, wie er allein oder von neuen Freunden umgeben einherging, ich hielt an mich, wenngleich ich das bohrende und nagende Gefühl nicht loswerden konnte, etwas Teures, Liebgewordenes, das meinem Knabenherzen zum Bedürfnis geworden war, unwiederbringlich verloren zu haben. Bald trat in dieser Lage der Dinge eine Wendung ein, indem sich noch eine dritte Nationalität meldete, die mich gleichfalls für sich beanspruchte. Dies kam so. Einer unserer jungen Lehrer, der Pole Wysozki, war auf die Universität gegangen oder ins Ausland gefahren. An seine Stelle wurde ein neuer Lehrer berufen, wenn ich mich recht erinnere hieß er Butkiewitsch. Das war ein junger Herr von kleiner Statur, mit sehr lebhaften Bewegungen und lustigen schwarzen Augen. Seine ganze Erscheinung kam uns absonderlich und befremdlich vor. Vor allem fiel an ihm der lange dünne Schnurrbart auf, den er nach Kosakenart herunterhängen ließ, während das Haupthaar um den Kopf glatt herabgekämmt und kreisrund abgeschnitten war. Er trug eine blaue Kosakenjacke, die vorne offen stand und aus der ein ukrainisches buntgesticktes Hemd mit rotem Bändchen hervorguckte. Die weite blaue Pluderhose war um die Hüfte von einem bunten Gürtel zusammengehalten, unten aber in weiche Lackstiefelschäfte gesteckt. An einem Knopf der Jacke baumelte auf der Brust ein Tabaksbeutel aus Schweinsblase, der mit einem dünnen bunten Schnürchen zugebunden war. Die originelle Tracht krönte ein graues Lammfellmützchen, das er beim Eintreten in das Klassenzimmer auf das nächste Bett hinwarf. Gleich zu Beginn des Unterrichts nahm Herr Butkiewitsch die Schülerliste vor und begann laut die Namen zu verlesen. Dabei frug er immerfort: »Pole? Russe? Pole? Pole?« Endlich kam er auch an meinen Namen. »Russe,« antwortete ich. Butkiewitsch richtete seine munteren Äuglein auf mich und sagte: »Das schwindelst du, Brüderchen.« Ich wurde sehr verlegen und wußte nicht, was ich antworten sollte. Nach der Stunde kam Butkiewitsch auf mich zu, fuhr mit den Fingern scherzhaft durch mein Haar, bog meinen Kopf zurück und sagte: »Du bist kein Moskowite, sondern ein Kosakenenkel und -urenkel, aus einem freien Kosakengeschlecht, verstanden?« »Ich verstehe,« stotterte ich, obwohl ich, wie ich gestehe, herzlich wenig verstand und nur verwirrt war. Übrigens übte das Wort vom »freien Kosakengeschlecht« eine undefinierbar verlockende Wirkung auf mich aus. »Nun, warte mal, ich bringe dir ein Büchlein mit, aus dem wirst du noch mehr erfahren,« sagte er zum Schluß. Am nächsten Tage brachte mir Butkiewitsch in der Tat eine kleine Broschüre mit, – es war, glaube ich, eine Kijewer Ausgabe –, die den Titel trug: »Vom Tschupryna und Tschortowus«. Auf der Vignette des Umschlags war ein toter Kosake mit Haarzopf und riesenhaftem Schnurrbart, mit ausgebreiteten mächtigen Armen auf einem gefällten Baumstamm liegend, dargestellt. Es war dies eine Erzählung, die angeblich von einem heeresdienstpflichtigen, also sog. Registerkosaken vorgebracht wurde. Dieser schilderte, wie er an der Verfolgung einer von den Saporoger Rottenführern Tschupryna und Tschortous geführten Hajdamakenschar beteiligt war Die Kosaken wurden sowohl im alten Polen wie in Rußland zum Heeresdienst gepreßt, was jedoch bei der Ungebundenheit dieser zumeist aus polnischer wie aus russischer Leibeigenschaft entflohenen Elemente mehr schlecht als recht gelang. Am unbotmäßigsten waren die »Saporoger« – hinter die Stromschnellen (» Porogi «) des Dnjepr ausgewanderten Kosaken, die es vorzogen, als »Hajdamaken« mit ihren Raubzügen die ganze Ukraine unsicher zu machen und der polnischen Adelsherrschaft zu trotzen. D.Ü. . Die Hajdamaken hatten einen Einfall gemacht, polnische Adelige, Juden und katholische Geistliche abgeschlachtet, polnische Gutshöfe und Schlösser niedergebrannt. Eine polnische Militärabteilung drängte sie schließlich mit Hilfe von Registerkosaken auf irgendeine zwischen dem Fluß und Sümpfen gelegene Insel zurück. Die Hajdamaken verschanzten sich und feuerten lange auf ihre Belagerer, bis nachts einer der Registerkosaken den Polen einen Übergang über die Sümpfe verriet. Am Morgen stürzte sich das polnische Heer auf die Verschanzung, die Hajdamaken leisteten verzweifelten Widerstand, bis sie schließlich alle wie ein Mann niedergeschossen wurden; als letzte fielen von der Hand ihrer Brüder die Rottenführer Tschupryna und Tschortous; einer von diesen Helden war es eben, der auf der Vignette dargestellt war. Die Geschichte schloß mit der entsprechenden Moral: der Registerkosake setzte seinen Kameraden auseinander, wie schlecht es von ihnen war, gegen die eigenen Brüder, die Hajdamaken, zu kämpfen, die doch für die Freiheit gegen ihre polnischen Bedrücker fochten. Die Broschüre übte auf mich keineswegs den von Butkiewitsch erwarteten Eindruck aus. Die erzählende Ichperson war hier ein Registerkosake, ich aber war kein Registerkosake und wußte nicht einmal, was das für einer wäre. Die Moral lautete, daß man die Hajdamaken nicht vertilgen, sondern sie im Gegenteil unterstützen solle, aber es gab ja keine Hajdamaken mehr. Auch die glänzenden Bilder und Gestalten waren hier nicht zu sehen, die einst im polnischen Theater meine Einbildungskraft entflammt hatten. Da war nichts, als eine reichlich farblose Erzählung, wie die Hajdamaken kamen, um den polnischen Adel abzuschlachten, und wie der polnische Adel hinwiederum mit Hilfe der »Legistrischen« die Hajdamaken abschlachtete. Der Erzähler fügte von sich aus hinzu, daß die Hajdamaken im Recht, die »Legistrischen« aber im Unrecht waren, mich ließen jedoch die einen wie die anderen kalt. Nur eine Schlußfolgerung schien sich aus der Butkiewitsch'schen Entdeckung in bezug auf meine wahre Nationalität zu ergeben: wenn ich kein Moskowite war, so hatte offenbar mein gewesener Freund Kutschalski keinen Grund, mich zu meiden. Dieser Gedanke tauchte bei mir auf, doch mein verletzter Stolz erlaubte mir nicht, den ersten Schritt zur Wiederaussöhnung zu tun. Diese unternahm für mich mein kleiner Freund Stozki. Einmal wandelten wir zwei im Hof, als zufällig der wie gewöhnlich einsame Kutschalski uns entgegenkam. Stozki faßte ihn mit affenartiger Behendigkeit am Ärmel und rief: »Hör mal, Kutschalski. Komm mit uns. Er ist ja gar kein Moskowite. Butkiewitsch sagt, er sei ein Ukrainer.« Kutschalski schien einen Moment zu schwanken, dann nahm sein Blick den gewohnten Ausdruck starrer Schwermut an. »Das ist noch schlimmer,« sagte er, indem er seinen Arm leicht befreite, »die begraben unsere Leute lebendig« ... Diese paar Worte machten mit einemmal alle Bemühungen meines ukrainischen Lehrers zunichte. Wenn nachher Butkiewitsch mich in seiner Mundart über den »Tschupryna und Tschortowus« anzureden versuchte, senkte ich die Augen, errötete, preßte die Lippen zusammen und schwieg. Es ist möglich, daß dabei noch ein äußerer Umstand mitwirkte. In unserem Hause herrschte die größte Aufrichtigkeit. Beim Vater habe ich nie einen gekünstelten Ton gehört. Bei der Mutter ebensowenig. Davon kommt es wohl, daß wir Kinder für alle Künstelei immer einen besonders scharfen Instinkt hatten. Nun kam mir die ganze Erscheinung des neuen Lehrers zwar nett, sogar interessant, aber ... unecht vor. Er kleidete sich, wie sich kein Mensch bei uns in der Stadt oder auf dem Lande kleidete. Die feine Kosakenjacke, der Tabaksbeutel am Schnürchen, das Pfeifchen in der Tasche der weiten Pluderhose, der Kosakenschnurrbart, all dies wirkte nicht einfach und natürlich, sondern geziert und gemacht. Auch sprach er nicht wie alle Menschen, sondern unterstrich gleichsam: merkt euch, ich spreche ukrainisch. Und ich fühlte, daß, wenn ich ihm, wie er wünschte, gleichfalls in ukrainischer Mundart antworten würde – die ich übrigens nur mangelhaft beherrschte – so würde auch das nicht echt, sondern nur gemacht sein, weshalb ich bei diesem Gedanken Scham empfand. Herrn Butkiewitsch ärgerte mein Benehmen, wie ich glaube, ein wenig. Er schrieb meinen Starrsinn polnischen Einflüssen zu und ließ einmal eine Bemerkung über meine Mutter, die »Polakin«, fallen. Dies war so ziemlich das Unglücklichste, was er tun konnte. Ich liebte meine Mutter schon immer zärtlich, dazumal aber steigerte sich mein Gefühl für sie bis zur leidenschaftlichen Vergötterung ... Mit dieser kleinen Episode hören meine Erinnerungen an den Herrn Butkiewitsch auf. Die glückliche Eigenschaft der Kindheit, immer nur von den Eindrücken des Tages zu leben, und sich vom glitzernden Strom der Geschehnisse weiter und weiter mitfortreißen zu lassen, erlaubte mir nicht, allzu lange bei jenen nationalen Wirrsalen meiner Seele zu verweilen. Die Tage jagten einander. Die Bekehrung zum Ukrainentum war mißlungen, das kleine Drama der zerrissenen Knabenfreundschaft war verschmerzt, und das Problem meiner Nationalität blieb vorerst ungelöst. Doch auch ungeformt und ungelöst, wie es war, lag es irgendwo auf dem Grund meines Bewußtseins und stieg des Nachts, wenn die lauten Eindrücke des Tages schwiegen, als ein Reigen wirrer Traumbilder vor mir auf. Einen dieser Träume habe ich noch lebhaft in der Erinnerung bewahrt. Es war früher Morgen, und ich hörte im Schlaf, wie meine Mutter aus dem Nebenzimmer sagte, man solle bei uns die Läden aufschließen. Das Zimmermädchen trat ins Schlafzimmer, zog den Riegel zurück und ging hinaus, um den Befehl auszuführen. In dem Moment aber, wie sie aus dem Zimmer trat, und die Tür hinter ihr knarrte, verfiel ich wieder in den unterbrochenen Morgenschlaf. Plötzlich sah ich mich als Napoleon. Ich hatte sein Gesicht, trug seinen grauen Rock, seinen Dreispitz und seinen Degen. Ich war nach Rußland gekommen, um hier irgendeine wichtige Angelegenheit zu erledigen, irgend jemandem unbedingt beizuspringen. Was das für eine Angelegenheit war, und wer meine Hilfe erheischte, war nicht klar. In einem wirren Knäuel unbestimmt schmerzlicher Bilder schwebten die Gestalten der Rychlinskis, der Soldat Afanassij, meine weinende Mutter, Stroynowskis Mutter ... Irgendwo waren vereinzelte Schüsse, Schreie und Stöhnen hörbar. Ich irre lange inmitten dieser unbestimmten Ängste und Gefahren herum, suche nach jemandem und kann ihn doch nicht finden. Schließlich werde ich von irgend jemand gefangen genommen und just in demselben Häuschen in der Wilnaer Straße eingesperrt, in dem das berühmte Fräulein Pustowoytow, die Johanna d'Arc des polnischen Aufstandes, gefangen saß. In dem Häuschen herrscht nach Dunkelheit, nur durch die Ritzen der Fensterläden dringen Sonnenstrahlen ein, vor der Tür aber höre ich Waffengeklirr. Plötzlich stürzen Soldaten ins Zimmer. Sie stellen sich in einer Reihe auf. Ich stelle mich ihnen gegenüber und öffne meinen Uniformrock. Die Salve kracht, in der Brust fühle ich einen jähen Schlag und Wärme, und blendendes Licht strömt von dort, woher ich den Schlag empfing ... Ich erwachte. Der Laden wurde gerade geöffnet; das Sonnenlicht flutete ins Zimmer, und die krachende Salve rührte vom Fallen des eisernen Riegels am Fensterladen her. Ich konnte kaum fassen, daß mein ganzer langer Traum mit dem vielen Suchen, Irren, den verwickelten Abenteuern in den wenigen Sekunden Raum gefunden hatte, die das Dienstmädchen brauchte, um draußen den Laden zu öffnen. Mein Herz schlug bange, und in der Brust spürte ich noch den Schlag und die Wärme. Diese Empfindung schwand natürlich bald, aber ich entsinne mich jetzt noch deutlich des Angstgefühls, mit dem ich im Traume nach etwas suchte, was mir so wichtig schien, und das doch nicht zu finden war, während um mich her im wirren Knäuel der Traumbilder jemand schluchzte und ächzte und rang ... Jetzt scheint es mir, daß jener Knäuel, der mich ängstigte und verwirrte, aus den drei »Nationalismen« verflochten war, von denen jeder auf meine wehrlose Seele Anspruch erhob und ihr die Verpflichtung aufdrängen wollte, jemanden zu hassen und zu verfolgen. Das Gymnasium in Schitomir. Mein älterer Bruder, der bereits das Gymnasium besuchte, blieb einmal ungewöhnlich lange fort. Der Vater fuhr, um sich nach ihm zu erkundigen, selbst nach dem Gymnasium hin und nahm mich zufällig mit. Bei dieser Gelegenheit war es, daß ich unseren staatlichen Tempel der Wissenschaft zum ersten Mal zu sehen bekam, und ich muß sagen, daß er auf mich einen äußerst deprimierenden Eindruck gemacht hat. Es war ein finsteres zweistöckiges Gebäude in der Kleinen Berditschewer Straße, das Muffigkeit, Trübsal und Gesetzesstrenge ausströmte. Mein Bruder haßte es aufrichtig und wohl nicht ohne triftigen Grund: mehr als einmal hatte er dort erzieherische Methoden auszukosten bekommen, von denen die Kunde zu uns nur auf Umwegen drang. Er selbst liebte es nicht, sich darüber zu verbreiten. Gerade um jene Zeit vollzog sich bekanntlich in Rußland ein radikaler Umschwung in dem gesamten Erziehungssystem. In der Gesellschaft und in der Literatur wurden lebhafte Erörterungen über das Empfehlenswerte oder Bedenkliche der Rute als Erziehungsmittel, über den Nutzen oder Schaden der Elementarbildung für die Volksmasse und dergleichen mehr gepflogen. Kurator unseres Kijewer Schulbezirks war damals der berühmte Pirogow. Kurz zuvor, im Jahre 1859, hatte er eine Reihe glänzender Aufsätze über die Erziehung veröffentlicht, worin er sich entschieden gegen die Prügelpädagogik aussprach. Dobroljubow begrüßte diese Aufsätze mit Begeisterung, um so mehr als sie aus der Feder eines Praktikers auf dem Gebiete des Erziehungswesens stammten, und zog aus ihnen natürlich den Schluß, daß im Kijewer Bezirk die Rute offenbar zu den verstaubten Requisiten einer längst vergessenen Vergangenheit gehörte. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß diese Schlußfolgerung ein wenig voreilig war. Im folgenden Jahre 1859 berief Pirogow eine Konferenz ein, an der außer ihm und dem Vize-Kurator einige Universitätsprofessoren, Gymnasialdirektoren und -Inspektoren sowie hervorragende Gymnasiallehrer des Bezirks teilnahmen. Die Konferenz sprach sich nur für »allmähliche Reform« aus, und das bedeutete, daß die Rute beibehalten und nur ihre Anwendung einem strengen Reglement unterworfen werden sollte. Pirogow selbst hatte nun nicht bloß unterlassen, auf der Konferenz eine abweichende Meinung zu vertreten, sondern übernahm es auch noch, die Begründung zu dem berüchtigten »Reglement« auszuarbeiten, in dem alle möglichen Arten der Pennälerverbrechen aufs peinlichste registriert, rubriziert, taxiert und mit entsprechenden Dosen der handfesten Vergeltung geahndet wurden. Die Tafel mit diesen Rubriken mußte in jedem Gymnasium an der Wand hängen, und der Schüler, der sich ein Vergehen hatte zuschulden kommen lassen, wurde angehalten, selbst die ihn betreffende Rubrik herauszusuchen. Dies sollte – hieß es – »das Gefühl für Gesetzlichkeit« in der Schuljugend entwickeln. Unter den Vergehen, die unbedingt körperliche Züchtigung nach sich zogen, zählte in diesen Gesetzestafeln unter anderem auch »religiöser Fanatismus« ... So war ein Kompromiß geschaffen, der zwischen der Theorie und der Praxis geschlossen werden sollte, – ein wahrhaft mißglückter Kompromiß. Das so sorgfältig ausgearbeitete »Reglement« vermochte sich auch nicht einmal für die Dauer von wenigen Jahren zu halten. »Der Geist der Zeit« räumte mit dem Prügelsystem in einer Schulanstalt nach der andern unaufhaltsam auf, wo sich aber die starre Routine in der Pädagogik noch verschanzt hielt, kam ihr die grundsätzliche Anerkennung der körperlichen Züchtigung durch die Pirogowsche »allmähliche Reform« gerade sehr gelegen. Dobroljubow beantwortete denn auch die Veröffentlichung des famosen »Reglements« sofort mit einem scharfen Aufsatz, in dem er die volle Schale seines bittersten Sarkasmus über Pirogows Haupt entleerte. Jetzt entbrannte der Streit auf der ganzen Linie. Die gesamte Journalistik spaltete sich in zwei Lager: für und wider Dobroljubow, wobei der »gemäßigte« Liberalismus jener Zeit für den Kurator und die »Allmählichkeit« gegen den Journalisten und seine radikalen Forderungen Partei ergriff. In dieser Kontroverse nun hatte sich auch unser Gymnasium von Schitomir eine eigentümliche Berühmtheit erworben. Es stellte sich nämlich heraus, daß es nach der Häufigkeit der verhängten körperlichen Strafen alle anderen Lehranstalten übertraf: so wurden im Jahre 1858 von seinen 600 Schülern nicht weniger als 290 der Züchtigung unterzogen. Das war siebenmal mehr als z.B. im zweiten, und 35 mal mehr als im ersten Gymnasium in Kijew. Unsere biederen Schitomirer Pädagogen mit ihrem Direktor Kitschenko an der Spitze, Männer von altem Schrot und Korn, setzten in ihre Antwort auf die Pirogawsche Enquête diese beredte Zahl ruhig hinein, ohne zu ahnen, welchen Effekt sie in ganz Rußland hervorrufen sollte. Ich war damals noch ganz klein und erinnere mich nicht, in welchem Maße das Echo jener journalistischen Fehde in das Milieu unserer Schuljugend drang. Diese hatte jedenfalls ihre eigene Geheimliteratur, die auswendig gelernt wurde, und sich in Abschriften und Albums verbreitete. Die Pennälermuse war dabei unabänderlich auf die satirische Note gestimmt. Ich entsinne mich eines langen Gedichts, das übrigens, wie ich glaube, gar nicht übel war, und in dem es unter anderem hieß, daß in Schitomir »Kathedermenschen« sich unmöglich unter »Kathederbestien« behaupten könnten. Durch irgendein Fatum werden die »Menschen« unweigerlich über kurz oder lang vom Teufel geholt; Den Trophimow holt schon der Geier, Bald kommt Dobraschew an die Reihe, sang der unbekannte Dichter, der seinen Farbentopf nicht sparte, um die im pädagogischen Tiergarten obsiegenden Typen recht kraß zu schildern. Schon nach dem Ton dieser Erzeugnisse, die in Haß und Erbitterung getränkt waren, war es leicht zu urteilen, welche dankbaren Gefühle die damalige Schule bei ihren Zöglingen weckte und in welcher Stimmung sie sie ins Leben entließ. Noch deutlicher haftet in meiner Erinnerung ein anderes »illegales« Scherzgedicht, in dem die Streitfrage der damaligen pädagogischen Literatur behandelt war. Ich meine »die Legende vom Mina«. Es lebte einmal ein Mann und Knecht Gottes – hieß es dort in freier Nachahmung der altslavischen Bibelsprache – mit Namen Prometheus alias Schüler Bujwid. Dieser stahl einmal vom Himmel das Feuer, richtiger Bücher aus dem Klassenzimmer. Und Gott Zeus, alias Direktor Kitschenko, schmiedete ihn an den Kolchischen Felsen, das heißt an die Bank im Karzer. Und der wütende Adler, will sagen, der Pedell Mina, hackte seine Leber, will sagen den H.....n mit eisernem Schnabel, will sagen mit der Birkenrute. Und sein Wehgeschrei drang zu den Ohren des Herakles, das heißt des Vaters Bujwid« ... Weiter war in demselben Ton die Schlacht beschrieben, die sich tatsächlich zwischen dem Vater des gezüchtigten Schülers und der Gymnasialobrigkeit abgespielt hatte, welch letztere durch den Prügelpädagogen Kitschenko, den Inspektor Schurawski und den Pedell Mina vertreten war. Mit viel Schadenfreude waren die Heldentaten und der endliche Sieg des Herakles geschildert, der den Prometheus schließlich befreite, was mit großen Verlusten für Zeus selbst verbunden war. Im Pensionat Rychlinski wohnten mehrere Gymnasiasten, wir lernten daher alle frühzeitig diese Pennälererzeugnisse kennen. In einem Schüleralbum fand ich ein anonymes Gedicht , das ich auswendig lernte und das mit den Worten anfing: »Sinnend wandle ich aus der Schule ...« Parodie auf eine bekannte Elegie von Lermontoff. D.Ü. Das waren die berühmten »Betrachtungen eines Gymnasiasten evangelischer Konfession aus einem nicht zu Kijew gehörigen Schulbezirk von Dobroljubow. Der unglückliche Held des Poems hatte sich über die Frage »ob Luther ein Genie oder ein Spitzbube war« zu allzu freien Äußerungen hinreißen lassen. Vor lauter »Gesetzlichkeitsgefühl« fordert er selbst die Obrigkeit auf, ihm die Rute zu geben: »Aber nicht die gewöhnliche, ordinäre Rute, wie sie sonst noch in den Schulen üblich, nein, die besondere, reglementsmäßige Rute, die Rute im Geiste des Nikolaj Iwanytsch Pirogow ...« Wir alle im Pensionat träumten natürlich davon, aufs Gymnasium zu gehen, und griffen daher frühzeitig alles mit lebhaftem Interesse auf, was die Gymnasiasten über ihre Schule zu berichten wußten. So waren uns aus diesen Erzählungen die Hauptgestalten des Gymnasiums alle schon wohl vertraut: der gefürchtete Kitschenko, die alten Lehrer, der Inspektor Schurawski, der Pedell Mina, dessen Frau den Schülern in der Pause mit vorzüglichen Kringeln zu anderthalb Kopeken das Stück aufwartete, während ihr Gatte dieselben Schüler im Karzer mit Birkenruten bediente. Wenn uns trotzdem die Gymnasiastenuniform als der Gipfel ehrgeiziger Träume erschien, so war das eine Art Verzweiflungsmut junger Krieger, die es nicht abwarten können, sich in ein lebensgefährliches Treffen mit dem Feinde zu stürzen ... Endlich war der Tag gekommen, und im Juli 1863 begab ich mich in Uniform mit rotem Kragen und Messingknöpfen zum ersten Mal in das Gymnasialgebäude. Ich ging diesmal beiweitem nicht so siegesgewiß wie einst zum Rychlinskischen Pensionat hin. Nach dem Antrittsexamen war ich am Wechselfieber erkrankt und mußte das ganze erste Quartal zu Hause bleiben. Inzwischen war das geregelte Leben der enormen offiziellen Institution mit Volldampf vorwärtsgegangen, und ich fühlte mich als vereinsamter Nachzügler hilflos, verlassen und von vornherein schuldbeladen. Ich fühlte mich schuldig, weil ich krank gewesen, weil ich nichts wußte, und endlich weil ich so klein war und einem richtigen Gymnasiasten so gar nicht ähnlich sah. Und nun ging ich wehrloser dem Kitschenko, dem Mina, den strengen Sitten und Strafen entgegen ... In dem großen lärmerfüllten Klassenzimmer kam mir zunächst alles fremd vor. Besonders verwirrte mich jedoch im ersten Moment die mir wohlbekannte Figur eines älteren Schülers, eines gewissen Schumowitsch, den ich im Hintergrund erblickte. Das war ein stämmiger breitschultriger Bursche von 18 Jahren, mit dem Gang eines jungen Bären und einem unerschütterlich ernsten, fast finsteren Blick. Seit zwei oder drei Jahren führte ihn sein Weg nach dem Gymnasium fast täglich an unserem Hof vorbei. Wenn ich oder mein jüngerer Bruder ihm dabei zufällig in den Weg lief, pflegte er uns mit seinen Bärentatzen wie eine Fliege einzufangen, dann knuffte und puffte er uns Unglückliche, drückte uns die Nase platt, klapste uns auf die Ohren, hielt endlich sein Opfer vor sich hin und ließ es mit einem wohlgezielten Stoß des Knies in die Gegend unterhalb des Rückens schließlich los. Darauf ging er ohne sich zu übereilen weiter. Wir pflegten uns, kaum daß wir seiner von weitem ansichtig wurden, hinter den Zaun zu retten. War er aber vorbei, so zog es uns unwiderstehlich hinter ihm her. Wir liefen ihm nach und riefen: »Schumowitsch, Schumowitsch!« Er drehte sich darauf um und maß mit ernsten Blicken die Distanz. Nun stellte sich heraus, daß die Reform, die es verbot, länger als zwei Jahre in einer Klasse zu sitzen, seine weitläufige Gymnasiastenlaufbahn erst auf der zweiten Sprosse überrascht hatte. Der Hüne erwies sich als mein Klassenkollege, und ich ging ängstlich bei mir zu Rate, was er wohl in der nächsten Pause mit mir unternehmen möchte. Allein er verriet mit keiner Miene, daß er sich unserer auswärtigen Beziehungen entsinne. Diese Erinnerungen mochten ihm wohl selbst geringe Freude bereiten. Ich fühlte mich wie in einem fremden Wald, und als in der ersten Stunde der junge Lehrer der Naturwissenschaften plötzlich meinen Namen rief, erstarrte ich vor Schreck. Mein Herz schlug heftig, und ich blickte mich ratlos um. Mein Nebenmann stieß mich mit dem Ellbogen an: »Geh, geh vor zum Katheder,« sagte er leise und fügte gleich laut hinzu: »Er hat nicht präpariert. Er war krank.« »War krank, war krank ... nicht präpariert« ... summte die ganze Klasse. Ich faßte mir ein Herz, nun ich fühlte, daß hinter mir eine freundliche und kompakte Macht steht. An das Katheder getreten, blieb ich stehen und schlug die Augen nieder. »War krank, war krank, war krank ... Nicht präpariert« ... summten hinter mir weiter fünfzig Stimmen. Es zeigte sich, daß der Lehrer Prelin gar nicht so schrecklich war. Der hübsche junge Mensch mit dem blonden Haar und den blauen Augen frug mich, was ich wußte, und als er hörte, daß ich noch nichts wußte, lud er mich ein, ihn in seiner Wohnung zu besuchen. Ich setzte mich wieder auf meinen Platz, ermuntert und erobert durch seinen freundlichen ernsten Blick. »Der geht an ... ein netter Kerl,« sagte mein Nachbar, der Kryschtanowitsch hieß. In diesem Augenblick flog die Tür weit auf. Ins Klassenzimmer trat mit einem energischen, fast militärischen Schritt ein großer korpulenter Mann. »Direktor Geraszimenko,« flüsterte mir ängstlich der Nachbar zu. Nach einer flüchtigen Begrüßung mit dem Lehrer entfaltete der Direktor ein Journal und rief mit abgehackter, fast bellender Stimme: »Quartalsnoten ... Aufgepaßt! Abramowitsch ... Balandowitsch ... Bujalskij ... Warschauer ... Warschawskij« ... Im russischen Alphabet ist die Reihenfolge der Buchstaben: A B W G D usw. Er schleuderte Namen, Fächer und Noten wie aus einem Sack hervor. Von Zeit zu Zeit fielen dazwischen kurze Sentenzen, wie: »löblich«, »pädagogischer Rat spricht Tadel aus«, »Rute in Aussicht gestellt«, »der Schuft kriegt Prügel« ... Als er an meinen Namen kam, fügte er hinzu: »Viel versäumt ..., soll sich Mühe geben« ... Nachdem die letzte Sentenz losgebellt war, klappte er das Journal zusammen und verließ eilig das Klassenzimmer. Sofort erhob sich ein lebhaftes Stimmengewirr. Im Hintergrund fing jemand an zu weinen. Prelin, der rot und anscheinend verlegen war, beugte sich über das Journal. Mein Nachbar, ein blauäugiger, sehr hübscher Junge in enganliegendem Uniformröcklein, stieß mich mit dem Ellbogen an und fragte ruhig, wenn auch mit etwas besorgtem Gesicht: »Du, was hat er von mir gesagt: ›Rute in Aussicht gestellt‹ oder ›der Schuft kriegt Prügel‹?« »Ich habe nicht aufgepaßt« ... »Schwein ... Tut dir denn dein Kollege nicht leid?« »Du hast doch selbst nicht aufgepaßt« ... »Ja, weiß der Teufel ... Der Kerl bellt ja wie ein Hund.« »Was kriegt Kryschtanowitsch? Wer hat aufgepaßt?« summte es um uns. Ich glaube: »in Aussicht gestellt« ... »Nein, ›der Schuft kriegt Prügel‹ ... Ich hab's wohl gehört,« sagte einer hinter uns. »Ach was?« wandte sich Kryschtanowitsch um. »Doch, doch, mein Lieber, stimmt.« Ich blickte ihn teilnahmsvoll an, doch er warf sorglos seinen goldblonden Schopf zurück und sagte: «Schwamm drüber! Und du ... hast du vor zu lernen?« »Was denn sonst?« fragte ich naiv. »Nun, du hast viel versäumt. Wirst es ja doch nicht einholen. Kommst dann auch unter die Rute ... Ich für mein Teil lerne gar nicht mehr. Ich will Telegraphist werden.« Hier klopfte Prelin mit dem Bleistift. Die Unterhaltungen verstummten. In der folgenden Pause ging ich nicht hinaus, sondern wurde wie von einem starken Strom hinausgetragen. Und draußen geriet ich sofort wie ein Strohhalm in den Strudel. Ich war ein Neuling, was mir wohl anzusehen war, und alsbald regneten auf mich von allen Seiten Knüffe, Püffe und Klapse auf die Ohren. Eins aufs Ohr versetzen, daß es einen Knall gab, hieß im Schülerjargon einem einen »Fatz« aufsetzen, und einige ältere Schüler hatten in dieser Kunst eine bedeutende Fertigkeit erlangt. Ich hatte noch dazu kurz geschorenes Haar und etwas abstehende Ohren. Es entwickelte sich denn auch um meinen Kopf, während ich mich noch hilflos umblickte, ein Geknatter wie von einem Maschinengewehr. Die Kanonade wurde erst durch die energische Intervention meines Bekannten Olschanski unterbrochen. Das war ein dicker, sehr lebensfreudiger Junge. Er stürzte sich mit ungestümer Bravour in die Schlacht und hatte mich bald aus dem Knäuel herausgeschlagen. Freilich kam er auch selbst nicht ohne Verlust davon und rollte sich sogar ein paar Mal mit den Gegnern im Grase, schließlich sprang er aber flink auf die Beine und rief mir zu: »Schnell mir nach!« Wir liefen in den anderen Hof. Auf der Flucht vor einem langen Knaben, der mich beinahe eingeholt hatte, klammerte ich mich unversehens an ein Bäumchen, das im Hofe stand. Es bog sich und krachte leicht. Mein Verfolger blieb stehen, ein anderer aus der Menge rief aber sogleich: »Hast den Baum gebrochen! Hast den Baum gebrochen! Ich sag's dem Schurawski!« Unterdessen tönte von der Treppe her die Glocke, und alle Schüler stürzten sofort ins Gebäude. Mein Freund Olschanski, der sich nun einmal in der Rolle des Beschützers fühlte, schleppte mich bei der Hand. Auf der Treppe, wo ein kleiner Kerl mit aller Kraft eine große Glocke schwang, blieb er stehen, stach nach dem Glöckner mit dem Zeigefinger und sagte laut zu mir: »Dies da ist der Mina!« Der berühmte Mina präsentierte sich als ein untersetzter stämmiger Mensch mit langen Armen, wie bei einem Affen und einem tiefdunkel gebräunten Gesicht, in dem ein sehr heller Haarwuchs sich merkwürdig ausnahm. Die lange gerade Nase versank gleichsam in dem wie zwei Holzscheite in die Luft ragenden strohgelben Schnurrbart. Fertig mit dem Läuten, blickte er meinen lebensfreudigen Gönner an und sagte: »Was lachst du? Nimm dich in acht, Olschanski, bald kommt der Sonnabend ... Hast deine Aufgabe wohl wieder nicht geochst?« Olschanski streckte dem gefürchteten Mann leichtfertig die Zunge heraus und verschwand im Korridor. Vor dem Beginn des Unterrichts, als alle bereits an ihren Plätzen waren, trat der Inspektor Schurawski ins Klassenzimmer, und nachdem er eine Weile mit den Augen umhergesucht hatte, ließ er sie auf mir ruhen. »Du, Neuling, bleib mal nach dem Unterricht hier.« Ich wunderte mich, was das zu bedeuten hatte. Auch die Kollegen waren gespannt. Kryschtanowitsch schlug mich auf die Schulter: »Bravo, Fuchs!« sagte er. Kommst gleich am ersten Tag unter die Rute. So ist's recht!« Ich war mir so wenig einer Schuld bewußt, daß ich nicht einmal Angst hatte. Es zeigte sich jedoch, daß ich bereits schuldbeladen war. »Du hast einen Baum gebrochen?« fragte mich ein Schüler aus der hintersten Bank. »Nein, aber ... ich habe ihn gebogen.« »Das ist es eben. Ich habe selbst gehört, wie Dombrowski beim Inspektor petzte.« »Für einen Baum kann es schon Prügel setzen,« mutmaßte wieder Kryschtanowitsch. Ein lebhafter Meinungsaustausch entspann sich um diese Frage. Obgleich das Brechen von Bäumen kaum in der pirogowschen Tafel vorgesehen war, so waren doch die Pflanzungen in dem neuen Gymnasium eben frisch gesetzt, und ihre Beschädigung galt als eine arge Verfehlung. Trotzdem neigte sich die Mehrheit der Stimmen zu meinen Gunsten. »Ohne Einwilligung der Eltern wird man ihn nicht prügeln.« Das war nämlich auch eine Frucht des Kompromisses im Sinne der »Allmählichkeit«: man stellte den Eltern des Zöglings anheim, zu entscheiden, ob er gezüchtigt werden sollte oder nicht. In bezug auf Olschanski, Kryschtanowitsch und einige andere hatte man eine Generalvollmacht erhalten, und die Sache vollzog sich ohne weitere Förmlichkeiten. »Dem Dombrowski einen Denkzettel zu geben wäre immerhin an der Zeit,« meinte Kryschtanowitsch, »das passiert ja nicht zum ersten Mal« ... »Hm, ja« ... erwiderte einer bedeutsam. Nach Schluß des Unterrichts begab ich mich mit einigen anderen Schülern zu Schurawski. Die Sache lief ziemlich glimpflich ab. Meine Kameraden bezeugten einmütig, daß ich ein Neuling, dazu erst kürzlich krank gewesen sei, und daß ich den Baum nicht gebrochen hätte. Gegen Schluß dieser Unterredung gesellte sich uns unmerklich noch eine Gruppe von Schülern zu, die sich besonders auffällig mit dem Inspektor unterhielten. Schurawski sprach mir einen Tadel aus und entließ mich in Frieden. Als wir den Korridor entlang gingen, stürzte Dombrowski aus dem leeren Klassenzimmer. Er war hochrot im Gesicht und hatte Tränen in den Augen. Kryschtanowitsch erzählte mir nachher lächelnd, daß an dem »Petzer« eben eine Exekution vollzogen worden war. Nach Schluß des Unterrichts, als er seine Bücher packte, schlich sich von hinten einer der »Alten«, ich glaube Schumowitsch, an ihn heran und warf ihm seine eigene Kapuze über den Kopf. Dann wurde der Delinquent auf die Bank gestreckt, Kryschtanowitsch schnallte seinen Hosenriemen los, und man verabfolgte dem Sünder ein Dutzend »Riemen«. Nach Beendigung der Operation stürzten die Vollstrecker des Fehmgerichts aus dem Klassenzimmer und suchten sich, während ihr Opfer sich noch aus der Kapuze herauswickelte, dem Inspektor bemerkbar zu machen, um für alle Fälle ein Alibi nachweisen zu können. So bestrafte die Schülersolidarität den »Verräter« an der Gemeinschaft. Nachmals konnte ich dieselbe Art Volksjustiz in den Gefängnissen beobachten; die Formen waren hier freilich grausamer, aber der Kern der Sache derselbe ... Dieser Zwischenfall führte mich, den »Fuchs«, gleich als rechtmäßiges Mitglied in die neue Gemeinschaft ein. Ich ging nach Hause mit dem stolzen Bewußtsein, daß ich bereits ein richtiger Gymnasiast sei, daß mich die ganze Klasse kenne, und daß um meinetwegen sogar bereits ein wichtiger Akt der öffentlichen Rechtsprechung vollzogen worden sei. »Du bist ein patenter Kerl,« ermunterte mich herablassend Kryschtanowitsch, »führst dich gar nicht übel ein« ... Nach seiner Meinung fehlte mir offenbar nur noch der Karzer und die Prügel. Am darauffolgenden Sonnabend schien mir mein lebenslustiger Freund und Gönner Olschanski einigermaßen besorgt zu sein. Auf meine Fragen, was er denn habe, gab er keine Antwort, an dem Pedell Mina aber schlich er in der Pause auffallend schamhaft und unmerklich vorüber. Kryschtanowitsch, der jetzt jeden Tag mit mir zusammen den Heimweg anzutreten pflegte, war gleichfalls nicht in rosiger Stimmung. »Nun,« sagte er zu mir vor der letzten Stunde, »mir wird man heute, weißt du ... in der Tat Prügel verabfolgen ... Warte auf mich also.« Und dann seinen Schopf keck aus der Stirn zurückwerfend: »Das wird nicht lang dauern. Ich werde bitten, daß ich als erster drankomme.« »Macht dir das nichts aus?« fragte ich teilnahmsvoll. »Ich pfeife drauf ... Bei uns in Bielaja Zerkow, mein Lieber, wurde noch ganz anders geprügelt: die Schüler kriegten schier Würmer im Leib. Mein Alter, das Aas, kann auch nicht übel dreschen« ... Nach dem Unterricht, als die lärmende Menge der Schüler abgeflutet war, stand in dem verödeten und jetzt von banger Stille erfüllten Korridor nur die finstere Gruppe der Verurteilten. Schurawski kam mit dem Journal heraus, ihm folgte Mina mit seinem watschelnden Gang. Als mich der Inspektor erblickte, blieb er stehen: »Ah, Neuling!« sagte er, »bist du auch schon hereingefallen? Hab ich's dir nicht vorausgesagt, was?« »Nein,« antwortete ich, »ich bin nur mit ihm.« »Soso, mit Kryschtanowitsch! Eine nette Gesellschaft, du wirst weit kommen, mein Bürschlein. Und du Kryschtanowitsch, hast heute fünfzehn zu kriegen.« »Ich wollte Sie bitten, Herr Inspektor ...« »Nichts zu machen. An den pädagogischen Rat hättest du dich wenden sollen.« »Nein, nicht darum ... Ich möchte nur als erster dran. Zu uns ist eine Tante auf Besuch gekommen, Herr Inspektor, eine Tante ... aus Kijew.« »So! Und da willst du ihr schleunigst die Freude bereiten. Schön, schön, können wir machen.« Und nachdem er den Namenaufruf erledigt und die Nachsitzenden in getrennten Klassenzimmern eingesperrt hatte: »Nun, Herr Kryschtanowitsch, alsdann gehen wir. Das Tantchen wartet ja.« Und sie gingen selbdritt: der Mina, der Schurawski und mein Freund, in den Karzer, wie Leute, die sich zu einer geschäftlichen Unterredung begeben. Als die Tür des Karzers aufging, sah ich drin eine breite Bank, zwei Bund Ruten und den Gehilfen des Mina stehen. Dann schlug die Tür wieder zu, als hätte sie das hübsche Figürchen Kryschtanowitschs mit der kurzen Taille im anliegenden Röcklein mit Haut und Haar verschluckt. Die Stille im Korridor wurde noch banger. Ich erwartete mit Herzklopfen, daß hinter der Tür des Karzers eine Balgerei, ein Flehen und Schreien zu hören sein würde. Aber nichts dergleichen erfolgte. Es herrschte nach wie vor eine gespannte Stille, in der nur etwas gleichmäßig mit eigentümlichem Pfeifen tickte. Ehe ich begriffen hatte, was das für ein Ticken wäre, hörte es auch schon auf, und in der Tür erschien wieder Mina. Mit seinem bärenartigen Gang begab er sich in eines der Klassenzimmer, drehte den Schlüssel um und im selben Moment ertönte von dorther ein markerschütterndes Gebrüll: Mina schleppte den widerstrebenden Olschanski am Arm herbei. Mein lebensfreudiger Kollege sperrte den Mund breit auf, seine dicken Backen waren mit Tränen und Kreide beschmiert, er heulte aus Leibeskräften, klammerte sich an die Türpfosten, dann suchte er sich sogar an der glatten Wand festzuhalten. Mina jedoch zog ihn, gleichmütig wie das Schicksal, ohne jede sichtbare Anstrengung nach dem Karzer, aus dem bereits Kryschtanowitsch trat, indem er sich unter dem Uniformrock die Hosenträger festschnallte. Sein Gesicht war nur leicht gerötet, das war alles. Er blickte neugierig auf den strampelnden Olschanski und sagte zu mir: »Dieser Schafskopf! Was er bloß damit erreicht?« Seine Augen blitzten spöttisch. »Nun wird ihm der Mina erst recht hinten draufpfeffern! ... Paß auf,« fügte er hinzu, wobei er mich festhielt und aufhorchte. Mina verschwand mit seinem Opfer hinter der Tür. Nach einigen Minuten ertönte von dort ein scharfer pfeifender Hieb und ein gellender Schrei ... Wir waren schon draußen am Ausgangstor, als Olschanski wie eine Bombe aus dem Korridor stürzte. Er ließ seine Bücher auf die Erde fallen, blickte sich verstört um und beendigte im Laufen seine Toilette ... Übrigens war er am nächsten Montag wieder lebensfreudig und sorglos für eine ganze Woche. An dem bestimmten Tage ging ich zu Prelin. Schüchtern, mit Beklemmung im Herzen, suchte ich und fand endlich das kleine Häuschen mit Balkon und einem Vorgarten am Sennaja-Platz. Prelin stand gerade in hellem Sommeranzug und weißem Strohhut im Garten und machte sich an den Blumen zu schaffen. Er begrüßte mich einfach und freundlich und unterhielt mich noch eine Weile draußen, indem er mir seine Rabatten zeigte, dann führte er mich ins Zimmer. Hier nahm er mein Lehrbuch vor, strich darin an, was schon in der Klasse vorgenommen war, teilte es in Kapitel ein, setzte mir die schwierigeren Stellen auseinander und erklärte, wie ich die Klasse einholen sollte. Ich verließ meinen jungen Lehrer fast verliebt und stürzte mich, kaum daß ich zu Hause war, auf die im Lehrbuch vermerkten Seiten. Bald hatte ich meine Mitschüler in allen Fächern eingeholt, und im nächsten Quartal bellte Gerassimenko bei meinem Namen die Sentenz: »löblich«. So gingen die Erwartungen meines Freundes Kryschtanowitsch nicht in Erfüllung: die Gymnasialrute habe ich nicht zu kosten bekommen. Übrigens war das Schicksal der Rute in der russischen Mittelschule bereits unwiderruflich besiegelt, und man kam auch in Schitomir vom Prügeln immer mehr ab. Immerhin habe ich noch aus dem folgenden Jahr einen Fall ihrer Anwendung in der Erinnerung. Zwei Kollegen hatten sich eines schönen Morgens aus dem Elternhause nach den jungfräulichen Wäldern Amerikas aufgemacht, um daselbst ein ungebundenes Abenteurerleben zu genießen. Die Schulroutine vermochte seit jeher für diese jedenfalls bemerkenswerten Flüge jugendlicher Seelen in das Reich des Ungewöhnlichen, Unbekannten und Lockenden kein Verständnis aufzubringen. Jene Flucht hatte das ganze Gymnasium in Aufregung versetzt, und wir Schüler tauschten während des Unterrichts flüsternd Vermutungen aus, wie weit unsere Ausreißer wohl gelangt sein mochten. Nach drei Tagen erfuhren wir, daß sie bereits eingefangen und in die Stadt zurückgebracht waren und Tag und Nacht im Karzer saßen, in Erwartung des pädagogischen Rats, der über ihre Missetat zu Gericht sitzen sollte. Es war gerade in der arithmetischen Stunde, als einer der Flüchtlinge, bereits nach verbüßter Strafe, düster ins Klassenzimmer trat. Auf dem Katheder saß der kleine kugelrunde Serbinow, ein orientalischer Typus, mit den Gesichtszügen eines fettgewordenen Habichts. Er war roh, dumm und streng, lehrte in seinem Fach ausschließlich die »Regeln«, während die Lösung der Aufgaben auf reine Kalligraphie reduziert war: die ganze Klasse schrieb alles von einem oder zwei der besten Schüler ab, und Serbinow stellte Noten für Sauberkeit der Hefte und schöne Handschrift aus. Er stand bereits dicht vor seiner Pensionsberechtigung, war sehr gereizt gegen alle Neuerungen und pflegte sich manchmal in der Klasse in Schimpfereien über die »Dummköpfe« zu ergehen, die gegen die Prügelstrafe schrieben. Als der Flüchtling hereinkam, nagelte ihn Serbinow beinahe für eine Viertelstunde an der Schwelle fest, indem er ihn mit hämischem Zynismus nach allerlei Details der Prügelprozedur ausfragte. Sodann ließ er ihn, wohl wissend, daß der Junge sich nicht hatte vorbereiten können, die Aufgabe aufsagen und malte darauf mit schadenfroher Umständlichkeit eine Eins ins Journal. In Rußland gilt 1 als die schlechteste, 5 als die beste Note. Ein »Plus« erhöht die Note um ein Geringes. Desgleichen wird die unterste Klasse als erste, die oberste als siebente (resp. achte) bezeichnet. Prelin seinerseits rief den Knaben an das Katheder, fragte ihn, ohne das Geschehene mit einer Silbe zu erwähnen, mit ernstem Ausdruck, bis wann er das Versäumte nachholen zu können glaube, rief ihn an dem angegebenen Tage auf und gab ihm mit demonstrativer Feierlichkeit eine »5 mit Plus«. Das Gymnasium von Schitomir besuchte ich nur zwei Jahre lang; und die dort angeknüpften Freundschaftsbande wurden alsbald zerrissen. Nur ein Verhältnis hat mir einen tieferen freilich, auch ein wenig melancholischen Eindruck hinterlassen, der bis heute in meinem Herzen lebendig ist. Ich meine die Freundschaft mit Kryschtanowitsch. Vom ersten Tage an, als er sich so schlicht an mich mit der Frage wandte, ob er geprügelt werden solle oder ihm die Rute bloß angedroht sei, hatte er mir eine warme Sympathie eingeflößt. Mir gefiel seine schroffe Stirn, sein helles Augenpaar, das bald in übermütiger Ausgelassenheit blitzte, bald plötzlich erlosch und einen rätselhaften Ausdruck annahm; ebenso bezauberte mich sein breitschultriges Figürchen mit der schlanken Taille im enganliegenden Uniformröcklein, sein selbstbewußtes Auftreten und die eigentümliche Überlegenheit, die sich in seinem ganzen Wesen kundgab. Er mochte kaum anderthalb Jahre älter gewesen sein als ich, doch mir war, ich weiß selbst nicht weshalb, als wüßte er über alle Menschen, so auch über unsere Lehrer, über die anderen Schüler wie über die eigenen Eltern, viel besser Bescheid als ich. Seinen einmal gefaßten Lebensplan setzte er hartnäckig durch, indem er einfach keine Schularbeiten mehr machte. Für die Strafen aber, womit man ihn dafür bedachte, wie für das gesamte Schulregime hatte er die tiefste Verachtung. Über seine Familie ließ er sich nur äußerst ungern aus; am liebsten tat er noch hie und da seiner Schwester Erwähnung, pflegte ihr aber dabei die gemeinsten Ausdrücke als eine Art Kosenamen beizulegen. Hätte überhaupt je einer Kryschtanowitsch belauscht, wie er manchmal über seine angeblichen Erlebnisse mit dem weiblichen Geschlecht erzählte, so wäre er über den kaltblütigen Zynismus dieses Gymnasiasten der zweiten Klasse sicher entsetzt gewesen. Ich muß mich jetzt selbst wundern, wenn ich mich jener Erzählungen erinnere. Doch ich fühlte schon damals, wie ich glaube, instinktiv heraus, daß dies eigentlich nur freie Erfindungen und Prahlereien waren. Übrigens war es schwer zu sagen: meinte er all dies ernsthaft oder machte er sich bloß über meine Leichtgläubigkeit lustig. Alles in allem machte er den Eindruck eines im Kern guten Charakters, der unter unglücklichen Familienverhältnissen irgend welcher Art schwer zu leiden haben mochte. Zu Zeiten verfinsterte er sich plötzlich, zog sich in sich selbst zurück, und in seinen erloschenen Augen schimmerte heimlicher Kummer, – es war, als wenn der reine Grund seiner Knabenseele über die ihn langsam überziehende Schlammschicht trauerte ... Seit der oben beschriebenen Prügelstrafe, die sich übrigens im Verlauf des ganzen Jahres nicht mehr wiederholte, empfand ich für ihn eine besondere Wärme: er tat mir leid, imponierte mir zugleich, und ich hatte das Bedürfnis, ihm etwas Gutes anzutun. Bald erlangte er sogar eine ziemliche Macht über mich, deren wir uns beide bewußt waren. Auch er war mir gewiß gut, doch lag auf unserem Verhältnis, unausgesprochen, vielleicht nicht einmal bewußt für ihn, ein Schatten; das war: ich hatte ihn enttäuscht. Wir paßten doch nicht ganz zueinander. Ich hätte am Ende nichts dagegen gehabt, ein ebenso hoffnungslos »verlorener« Typus zu werden wie er, um vom Inspektor Schurawski mit derselben Familiarität behandelt zu werden und dem Freunde im Karzer Gesellschaft zu leisten. Aber mir lag dieses Wesen nun einmal nicht, ich weiß selbst nicht warum. In den Karzer kam ich übrigens sehr bald. Unser heißblütiger Franzose, Monsieur Bayvelle, pflegte in seiner Unterrichtsstunde stets einige Schüler zum Nachsitzen zu kommandieren, vergaß sie aber häufig im Journal aufzunotieren. So verdammte er einmal auch mich zum Nachsitzen. Als ich nach Schluß des Unterrichts zusammen mit Kryschtanowitsch im Korridor an den Inspektor herantrat, zeigte sich, daß ich nicht auf der Liste der Sünder stand. »Aber mich hat Monsieur Bayvelle bestimmt nachsitzen heißen,« beteuerte ich. »So ist es,« bestätigte gönnerhaft Kryschtanowitsch. »Nun, wenn er dich hat nachsitzen heißen, dann bleib halt sitzen,« willigte Schurawski ein. »Apropos,« fügte er hinzu, »dort wirst du deinen geliebten Bruder begrüßen können.« Im Karzer saßen in der Tat schon mehrere Sünder, darunter mein älterer Bruder. Stolz trat ich zum erstenmal in diese erlesene Gesellschaft, aber mein Bruder ernüchterte mich gleich, indem er mit Verachtung rief: »Schafskopf! Hat sich selbst aufgedrängt!« ... Mir wurde sofort klar, daß ich einen Bock geschossen hatte: ein »richtiger« Schüler hätte seinen Ehrgeiz gerade darin gefunden, dem Inspektor eine Nase zu drehen, während ich ihm noch selbst ins Garn ging ... Als wir wieder herausgelassen wurden, sagte Kryschtanowitsch zu mir: »Du bist doch ein braver Bursche, wenn auch noch dumm. Wollen wir morgen aus dem Gottesdienst durchbrennen, gelt?« »Wohin?« »Wohin ich dich führen werde. Kommst?« »Schön, bloß muß ich ja noch die Mutter fragen« ... »Sie wird's nicht erfahren. Du kannst sagen, du seist bei einem Kollegen gewesen, um Schularbeiten zu machen.« Ich wurde verlegen und errötete. Er blickte mich aufmerksam an und zuckte die Achseln. »Du hast wohl Angst, deiner Alten etwas vorzuschwindeln? Ich für mein Teil schwindle in einem fort. Nun, einerlei, du hast mir das Wort gegeben. Wer einem Kameraden das Wort bricht, ist ein Schuft.« Ich sagte der Mutter, daß ich nach der Kirche für den ganzen Tag zu einem Kollegen gehen wolle, und sie gab ihre Einwilligung. Kaum hatte am andern Morgen der Dienst in dem alten Dom begonnen, als mich Kryschtanowitsch am Ärmel zupfte, und wir drückten uns unmerklich ins Freie. Bei mir regte sich leise das Gewissen, zugleich aber fand ich, gesteh ich's nur, etwas sehr Lockendes in diesem halb verbrecherischen Ausflug zu einer Stunde, wo die Kollegen noch auf dem Chor die Responsorien zählten und mit Ungeduld das abschließende Cherublied erwarteten. Selbst die Straßen schienen mir um diese Stunde ein besonderes Aussehen zu haben. Kryschtanowitsch führte mich mit seinem sicheren Schritt zuerst an unserer alten Wohnung vorbei, dann bogen wir an der mir wohlbekannten »Figur« in die Chaussee ein und gingen geradeaus. Unterwegs erstand mein Freund in einem Grünkram zwei Semmeln und ein Stück Wurst. Die Sicherheit, mit der er den Einkauf machte und mit Silbergeld umging, imponierte mir gewaltig; ich hatte bis dahin nur einmal im Leben ganze fünfzehn Kopeken besessen, und als ich mit diesem Vermögen in der Tasche über die Straße ging, war ich überzeugt, daß alle Welt von meinem Reichtum wußte und irgend jemand mir sicher auflauerte, um mich zu berauben. »Woher hast du soviel Geld?« fragte ich meinen kecken Freund, als wir aus dem Laden traten. »Was schert's dich?« gab er zur Antwort. »Nun, habe meinen Alten bestohlen« ... Ich errötete und wußte nicht, was ich sagen sollte. Mir schien, daß Kryschtanowitsch das nur so »zum Trotz« sagte. Als ich diese Vermutung aussprach, erwiderte er nichts und ging weiter. Wir ließen den orthodoxen Friedhof hinter uns und stiegen jene kleine Anhöhe der Chaussee hinan, die mir einst als das ultima Thule erschienen war, und von der her mein Bruder und ich den »gehörnten Popen« erspähten. Als wir die Anhöhe auf der anderen Seite hinabstiegen, war uns die Wilskajastraße und das Kolanowskische Haus bald aus dem Gesicht verschwunden. Rechts und links zogen sich den Weg entlang Zäune, Ödland, kleine Katen, Erdhütten. Endlich blieben auch diese zurück. Vor uns erstreckte sich das weiße Band der Landstraße mit den summenden Telegraphendrähten und in der Ferne schimmerte am Horizont bläulich im leichten Dunst aus Staub und Nebel der Hain, – derselbe Hain, in dem ich einst zum erstenmal dem Rauschen der Fichten gelauscht hatte ... Mir war bange und doch fröhlich zumute. Da zogen wir, zwei kleine Gymnasiasten, irgendwohin drauflos, noch dazu auf verbotenen Wegen: hatte doch meine Mutter kaum einen solchen Ausflug vorgesehen. Die Welt, die sich vor mir entfaltete, war mir neu und fremd, oder richtiger, ich betrachtete sie von einem neuen Standpunkt. Weiße Wolken lagerten sich dicht am Horizont, der sich frei von Häusern und Dächern unseren Blicken darbot. Unterwegs begegneten uns knarrende Tschumakenfuhren, hohe jüdische Balagulen; hie und da schaute sich ein Fußgänger neugierig und etwas verwundert nach uns um; dann zog ein Transport Tataren aus der Krim vorbei, die alljährlich Weintrauben und Wassermelonen nach unserer Stadt zu bringen pflegten. Der Transport bestand aus riesigen Fuhren, die beinahe wie Eisenbahnwagen aussahen und durch eine wagerechte Scheidewand in je zwei Stockwerke geteilt waren. Im oberen hockten kleine Tatarenkinder, im unteren lagen Wassermelonen aufgeschichtet und standen Kisten mit Wein. Die Fuhren waren mit Kamelen bespannt. Die Tiere pflegten sodann in der Stadt für Geld zur Schau gestellt zu werden. Hier im Freien konnten wir unentgeltlich betrachten, wie sie auf der Landstraße ausschreitend, mit den weichen Sohlen platschten, die schlangenartigen Hälse gewichtig wiegten und die dicke Hängelippe verächtlich vorschoben. Kryschtanowitsch marschierte mit aufgeknöpftem Uniformrock und bloßem Kopf immer geradeaus. Mich hatte seine ruhige Sicherheit, wie immer, in ihren Bann gezogen; ich folgte ihm gehorsam, wobei ich meine Mütze gleichfalls in der Hand hielt und mein Gesicht dem frischen Windhauch aus den Feldern entgegenhielt. Nachdem wir in dieser Weise etwa vier Werst zurückgelegt haben mochten, gelangten wir an eine hölzerne Brücke, die über das tief unten in der Schlucht sich schlängelnde Flüßchen führte. Hier stieg Kryschtanowitsch hinab, und bald standen wir dicht am Ufer der stillen und lieblichen Kamionka. Hoch, hoch über uns schwebte die Brücke, auf der Pferdehufe dumpf aufstampften, Wagenräder dröhnten, ein Postwagen mit hellem Schellengeläute vorbeirasselte; am Geländer entlang sah man Silhouetten von Fußgängern vorbeiziehen: Arbeiter, Wanderer, manchmal auch Pilgerinnen, die nach dem Potschajewschen Kloster wallfahrteten. Kryschtanowitsch trat auf eine kleine Landzunge vor, die von einer Windung des Flüßchens gebildet war, und streckte sich auf dem kühlen grünen Rasen nieder. Ich folgte seinem Beispiel, und wir blieben lange in wohliger Ruhe liegen, betrachteten schweigend den Himmel, lauschten auf den gedämpften Lärm des hoch über unseren Häuptern vorbeirinnenden Lebensstromes und genossen das Bewußtsein, von keiner Seele gesehen zu werden. Mein Freund hielt sein Gesicht von mir abgewandt, doch fühlte ich die ganze Zeit seine Nähe. Kinder gehen anscheinend sorglos an erschütterndsten Dramen vorüber, das bedeutet jedoch nicht, daß sie sie nicht instinktiv herausfühlen. So ahnte ich auch jetzt, daß in der Seele meines Freundes etwas vorging, was er mit sich allein ausmachen wollte. Auf dem ganzen Wege war er schweigsam gewesen, und in seiner Stirn stand eine kleine Falte eingegraben, wie damals, als er sich über die bevorstehenden Prügel erkundigte. Endlich setzte er sich im Grase auf. Sein Gesicht war ruhiger. Er blickte sich in der Landschaft um. »Hier ist's doch schön, nicht?« fragte er. »Sehr schön,« erwiderte ich. »Warst du schon mal hier?« »Ja, ich war schon hier.« »Allein?« »Allein ... Wenn du willst, werden wir nun zusammen herkommen. Überkommt dich nicht manchmal auch die Lust, irgendwohin zu gehen, so einfach drauflos, immer weiter und weiter um nimmer wieder zurückzukehren?« Mich überkam dergleichen nicht. Marschieren – ja, das hätte mir gefallen, aber ich wußte doch, daß es zum Schluß heißen würde: heimgehen, zu den Eltern, zu den Geschwistern zurückkehren. Ich gab keine Antwort, und nach einer Weile stellte ich ihm meinerseits aus einem plötzlichen Antrieb die Frage: »Hör mal, warum bist du ... so?« »Wie ›so‹?« gab er die Frage zurück, fügte aber, ohne meine Antwort abzuwarten, hinzu: »Ach, laß gut sein. Hol' sie der Teufel alle, alle miteinander ... Komm, wir wollen lieber baden.« Alsbald plätscherten wir, schwammen und pudelten im Flüßchen so lustig, als hätte ich nicht erst vor einer Minute die Frage gestellt, die Kryschtanowitsch unbeantwortet gelassen hatte. Darauf verzehrten wir unsere Vorräte, schlenderten noch ein wenig im Wrangelhain und begaben uns auf den Heimweg, als die Sonne sich zu den Wipfeln der Fichten neigte. Als wir uns der Stadt näherten, schimmerten die Lichter der Vorstadt bereits in der blauen Dämmerung. Dieser kleine Ausflug hat sich in mein Gedächtnis tief eingeprägt, vielleicht deshalb, weil mit ihm der unbestimmte, aber starke Eindruck von der Persönlichkeit meines Freundes verknüpft war. Am anderen Morgen war er nicht zur Schule gekommen, und während ich neben seinem leeren Platz saß, durchirrten allerhand Erinnerungen an das gestrige Erlebnis und wirre Fragen mein Gehirn. Unter anderem sann ich darüber nach, was ich mal später werden wollte. Bis dahin hatte ich in meiner Einbildung schon mehrere Berufe gewechselt. Als ich das erstemal eine Mietsdroschke zu sehen bekam, hatte der Geruch des Leders, der Lackfarbe und des Pferdeschweißes, sowie das herrliche Vorrecht, die Zügel in den Händen halten und die Bewegungen der Pferde lenken zu dürfen, die stärkste Lust in mir erweckt, Droschkenkutscher zu werden. Später dachte ich mich gern als Polen aus dem XVIII . Jahrhundert, in einem Kalpak mit Adlerfeder auf dem Kopf und einem krummen Säbel an der Hüfte. Noch später wollte ich unbedingt ein Kosake werden und besoffen zu Pferde wie der Wind in der Steppe dahinjagen, wie es jener kecke donsche Unteroffizier so gut verstand. Jetzt war ich schon gescheiter. Ich wollte Lehrer werden. Und zwar genau so einer wie Prelin. Ich sitze auf dem Katheder und alle Kinderherzen wenden sich mir zu, während ich wiederum jedes von ihnen genau kenne und alle ihre Regungen durchschaue. Unter den Schülern sitzt auch Kryschtanowitsch. Ich weiß, daß er durchaus nicht der schlimme »verlorene« Knabe ist, der nichts anderes verdient als geprügelt und vom Gymnasium verjagt zu werden. Ich weiß, was man ihm sagen und was man für ihn tun muß, damit seine Augen nicht so schwermütig dreinblicken, damit er seinen Vater nicht mehr »das Aas« nennt und über seine Mutter nicht mehr spottet ... Dies alles war so verlockend, so klar und einfach, wie eben nur Traumbilder zu sein pflegen. Und alles dies sah ich dermaßen lebendig vor mir, daß ich ... ganz und gar nicht merkte, wie es in dem Klassenzimmer ungewöhnlich still wurde, wie die Schüler sich verwundert nach mir umsahen, wie mich vom Katheder der glatzköpfige Bielokonskij, unser alter Professor der russischen Sprache, anstarrte und schon zum drittenmal meinen Namen rief ... Er fragte mich nach irgendeinem soeben gesagten Satz, wurde ärgerlich und wies mich aus dem Klassenzimmer. Ich ging hinaus, immer noch im Bann meines wachen Traumes, und war gar nicht so unglücklich über die Strafe. Kaum hatte ich mich aber draußen in die Türnische gedrückt, um meiner Träumerei weiter nachzuhängen, als in der Perspektive des Korridors die stattliche Gestalt des Direktors erschien. Als er mich im Vorbeigehen bemerkte, blieb er stehen, warf mir aus seiner Höhe einen majestätischen Blick zu und bellte seine automatische Phrase los: »Bist aus dem Klassenzimmer gewiesen? Wart, du Schuft, kriegst Prügel!« ... Darauf ging er weiter. Höchstwahrscheinlich würde er mich eine Minute später, falls ich ihm noch einmal begegnet wäre, nicht einmal wieder erkannt haben, in meinem Gedächtnis aber blieb die kleine Episode für das ganze Leben haften. Das rohe Gepolter des Automaten traf zufälligerweise eine Knabenseele, die sich gerade zum erstenmal für die Schicksalsfragen des menschlichen Lebens geöffnet hatte und durch den Zukunftstraum von einem schöneren Dasein ergriffen war ... Nachmals, wenn ich in Stunden unfreiwilliger Einsamkeit mein vergangenes Leben vor mir Revue passieren ließ und zu ergründen suchte, was eigentlich für meinen Lebensweg entscheidend war, erstand in meinem Gedächtnis neben manchen wichtigen Erlebnissen jedesmal auch die kleine Szene: ein langer Korridor, ein winziges Büblein, das sich in die Türnische drückt, den ersten Traum von einem menschenwürdigen Leben im Herzen, und ein vierschrötiger Automat in Uniform, der seine einfache Formel herunterschnarrt: »Du Schuft kriegst Prügel!« ... Im Jahre 1866 wurde auch unsere stille Provinz durch das Echo eines bedeutsamen Ereignisses der »hohen Politik« aufgeregt: am 4. April jenes Jahres hatte Karakosow in Petersburg das Attentat auf den Zaren Alexander II . gemacht. Im Juni wurde nach Beendigung der Gymnasialprüfungen die übliche Schlußfeier des Schuljahres, jedoch diesmal mit ungewohntem Gepränge, veranstaltet. Wir Schüler hatten uns erst im Gymnasialgebäude versammelt und marschierten dann, paarweise, nach dem Gebäude des Adelsklubs. Das besonders feierliche Gepränge jener Veranstaltung war wohl darauf zurückzuführen, das unser Gymnasium diesmal vor den oberen Behörden wie vor der Stadtgesellschaft mit einem eigenen Originaldichter zu prunken gedachte. Nach der Eröffnung der Feier hielt erst unser Literaturlehrer Schawrow eine Rede, von der ich jedoch nicht das mindeste im Gedächtnis behalten habe. Darauf bestieg ein Schüler von kleiner Statur aber großem kraushaarigen Kopf, das Podium und fing mit Pathos und schriller Stimme sowie stark semitischem Akzent an, ein Gedicht auf die »wunderbare Errettung« des Zaren vorzutragen. Das Gedicht war ebenso hochtrabend und prententiös wie der Vortrag. Es begann ungefähr mit der Frage: »Wo strömen die brandenden Wogen des Volkes hin?« Worauf die Antwort folgte: Eine schreckliche Kunde geht durch das Land Vom ruchlosen Anschlag auf den Zaren, Doch ihn retteten aus des Mörders Hand Unsichtbare Engelscharen ... Nach der Rezitation bot der Poet eine Papierrolle, sein Opus enthaltend, der Gattin des Gouverneurs dar, worauf der orthodoxe Erzdiakonus den kleinen Judenjungen auf den Kopf küßte. Soweit ich mich entsinnen kann, hatte das Karakosowsche Attentat weder in mir noch in den anderen mir bekannten Knaben irgend welche Fragen und Probleme ausgelöst. Der Zar war für uns etwas Enormes, Fernes, Elementares... So erschienen uns auch die Menschen, die auf ihn schossen. Das Ereignis hatte für uns etwas Abstraktes, unserem alltäglichen Leben völlig Fremdes. Daß aber die Schulfeier aus diesem Anlaß bloß ein offizielles Schaustück, etwas Unechtes war, fühlten wir Knaben deutlich heraus. Über die Brüstung des Chors vornübergebeugt, beobachteten wir mit ironischer Neugier, wie komisch der Poet Warschawski an den Erzdiakonus zum Handkuß herantrat und wie der Geistliche das struppige Wollhaar des Schülers mit seinen Lippen berührte. Auf den Gesichtern der Schüler war nur gleichgültige Neugier oder Hohnlächeln zu sehen. Das Gedicht selbst zierte bald darauf die Spalten einer Gymnasialrevue, die mit obrigkeitlicher Genehmigung in der amtlichen Gouvernementsdruckerei herausgegeben wurde. Es waren übrigens von dieser Revue alles in allem, glaube ich, bloß zwei oder drei Nummern erschienen. Die Gouvernements-Kanzlei und die redaktionelle Teilung durch die Professoren ertöteten natürlich den freien Flug der Pennälermuse und sie verkümmerte rasch. Die Legende vom »Adler-Mina und Prometheus-Bujwid« hätte selbstredend in dieser Revue keine Aufnahme gefunden, so wenig wie andere zuweilen wirklich gelungene Satiren aus der Feder namenloser Dichterlinge von der Schulbank. In jenes obrigkeitlich genehmigte Blatt begab sich die Muse wie auf Besuch: stark geschnürt und steif, und so war sie viel weniger interessant als daheim im zwanglosen Kostüm der Freiheit. Dem dichterischen Genius des Jünglings Warschawski, der seine ersten vielversprechenden Pegasusritte mit feierlichen Oden und Widmungen an hochgestellte Personen begonnen hatte, war übrigens nicht beschieden aufzublühen. In der Gymnasialrevue erschien noch ein Erzeugnis von ihm, das, weniger feierlich und hochfliegend, »die Mütze« besang. Es handelte sich um die Uniformmütze, die wir Gymnasialschüler trugen und von der der kraushaarige Dichter behauptete, daß sie die jugendlichen wissensdurstigen Lockenköpfe schmücke und »die Blicke der Schönen« anziehe. Ein anderer Schüler, Jordanski mit Namen, veröffentlichte darauf eine bitterböse Kritik, in der er die These des Dichters Punkt für Punkt zerpflückte. »Der Dichter behauptet, daß unsere Mütze die Blicke der Schönen anziehe, – schrieb er in sehr energischem Stil – ich aber sage: im Gegenteil!« Zufällig war Jordanski einmal zu meinem älteren Bruder zu Besuch gekommen und las uns seinen Aufsatz vor. Bei den Worten: »Ich aber sage: im Gegenteil!« schossen seine Augen Blitze, und er schlug mit der Faust auf den Tisch. Seitdem hatte ich für einige Zeit die Vorstellung, »Kritiker« wären eine Menschensorte, die aus irgendeinem Grunde über die Schriftsteller sehr erbost seien und zu allen ihren Erzeugnissen »im Gegenteil« sagen. Mit dieser Kontroverse über die Mütze riß, soviel ich mich erinnere, der Lebensfaden der literarischen Unternehmung des Gymnasiums von Schitomir, und mit ihr versank auch der junge Ruhm des Poeten Warschawski im Lethefluß. Die Abfahrt. Nach dem polnischen Aufstand setzte in unserer Provinz eine Periode harter Russifizierungspolitik ein: Denunziationen, Verhaftungen, Vermögenskonfiskationen und Prozesse nicht mehr bloß gegen Aufständische, sondern schon gegen »verdächtige« Personen waren an der Tagesordnung. Die drei Söhne des Herrn Rychlinski wurden nach Sibirien verschickt. Die beiden alten Leute fuhren nach Kijew, um ihre Jungen das letztemal vor dem Abtransport zu umarmen. Zum Namenstag des Herrn Rychlinski veranstalteten nun die Verwandten und Freunde des Hauses eine kleine Festlichkeit, bei der der Schülerchor unter Leitung eines der Lehrer eine eigens für den Tag komponierte Kantate vorsang. Ihr Schlußvers lautete etwa: Gott wird dir das Leid zum Schluß doch versüßen, Einst siehst du die Söhne zu deinen Füßen. Der tief ergriffene Greis schluchzte leise. In demselben Moment aber schüttelte der unverbesserliche Onkel Peter traurig seinen Kopf und ließ den bitteren Scherz verlauten: – »Er hat doch gar keine Füße« ... Das Wort fiel mitten in das Schweigen wie eine Roheit. Alle waren über Onkel Peters Zynismus empört. Und doch sollte er sich leider in diesem Falle als ein Prophet erweisen. Bald kam nämlich die traurige Nachricht, daß der älteste Sohn Rychlinskis auf einer Etappe seiner Halswunde erlegen war, und wieder nach einiger Zeit hatte ein edler Konkurrent das Pensionat selbst bei den Behörden denunziert. Eine Untersuchung ward eröffnet und bald wurde die beste Schulanstalt, die ich je kennen gelernt habe, geschlossen. Die beiden alten Leute liquidierten die ihnen liebgewordene Unternehmung und verließen die Stadt. Nicht lange währte es, da kam endlich auch an uns selbst die Reihe, den Staub der Stadt Schitomir von unseren Füßen zu schütteln. In der Stadt Dubno unseres Gouvernements war nämlich ungefähr um jene Zeit der Kreisrichter ermordet worden. Das war ein zum orthodoxen Glauben übergetretener Pole, ein von Natur böser und galliger Mensch, den die heikle Lage zwischen zwei Feuern noch mehr verbittert hatte, so daß sein Name bei der polnischen Bevölkerung berüchtigt wurde. Schließlich geschah es, daß er einmal am hellichten Tage auf der Straße, als er vom Gericht nach Hause ging, von einem Polen namens Bobrik niedergeschlagen wurde. Dieses Ereignis hatte uns alle viel tiefer aufgewühlt, als das Attentat auf den Zaren: blieb doch dieses eine ferne Abstraktion für uns, während jenes unser eigenes Milieu betraf. Es wurden auch, wie nicht anders zu erwarten war, in den Kreisen der Gesellschaft sowohl über die Persönlichkeit des Opfers wie auch über die des Mörders lebhafte Erörterungen gepflogen. Über diesen letzteren gingen die Meinungen sehr auseinander: die einen wollten in ihm einen Nationalhelden, die anderen hinwiederum bloß einen Irrsinnigen sehen. Sein Benehmen war jedenfalls absonderlich genug: während der Gerichtsverhandlung trieb er leichte Scherze, und das einzige, worum er vor seiner Hinrichtung bat, war die Erlaubnis, eine Zigarette rauchen zu dürfen. Um die öffentliche Meinung nach diesem aufregenden Attentat einigermaßen zu besänftigen, beschlossen die oberen Behörden, an die Stelle des Ermordeten diesmal einen Mann zu setzen, der sich allgemeiner Achtung erfreute und gemäßigten Ansichten zuneigte. Die Wahl fiel auf meinen Vater. Er machte sich nun in aller Eile reisefertig und fuhr ab. In den Sommerferien folgten wir ihm nach Dubno, da es aber in dieser Stadt kein Gymnasium gab, so mußten wir nach den Ferien nach Schitomir zurückkehren. Dieser Umstand war es auch, der meinen Vater schließlich bewog, nach einigen Monaten bei der Obrigkeit um Amtsversetzung einzukommen, worauf er nach der Kreisstadt Rowno versetzt wurde. Hier erkrankte er bald nach seiner Ankunft, und unsere Mutter mit dem Schwesterlein reisten zu ihm hin. Wir Buben waren auf diese Weise in Schitomir etwa ein halbes Jahr lang bloß in der Obhut der Großmutter und der Tanten geblieben. Diesem neuen Regiment verweigerten wir gleich von Anbeginn den Gehorsam, und unser Leben floß von nun an in ziemlicher Ungebundenheit schlecht und recht dahin. Ich war als Bub sehr begabt, hörte daher gänzlich auf, ordentlich zu lernen und fertigte die Schularbeiten sozusagen nur im Fluge an: im Klassenzimmer, während der Zwischenpausen, wobei ich jedoch fortfuhr, die besten Noten zu kriegen. Die freie Zeit widmete ich gleich meinen Brüdern völlig dem Herumstreifen: wir pflegten, eine lustige Bande, auf das jenseitige Flußufer hinüberzusetzen, auf den mit Haselsträuchern bewachsenen Bergen herumzuklettern, unter Mühlenschleusen zu baden, in fremde Obst- und Gemüsegärten einzubrechen und erst spät in der Nacht von solchen Expeditionen heimzukehren. Das Schlußergebnis dieses Herumvagierens war, daß ich, nachdem ich in allen Fächern die Prüfung wohlbestanden hatte, in der Mathematik mit Glanz durchfiel und für ein zweites Jahr in derselben Klasse belassen wurde. Gerade um diese Zeit war jedoch unser Umzug zum Vater nach Rowno schon beschlossene Sache. Eines Tages um die Mitte Juni stand vor unserer Haustreppe die riesenhafte, von oben bis unten bepackte Familienreisekutsche. Postpferde wurden gebracht. Der Kutscher in einer flachen Mütze mit dem messingnen Adler und mit einem Blechschild am linken Ärmel kletterte auf den Kutschbock ... Wohlbekannte Straßen flogen uns entgegen, Läden, Kirchen, der aufragende Stumpf der alten einst vom Blitz zerschmetterten »Figur«, das Kolanowskische Haus ... Eine vertraute Welt, der ich, ich weiß selbst nicht warum, zuletzt überdrüssig, ja, die mir verhaßt geworden war ... Als wir die sanfte Anhöhe am russischen Friedhof erreicht hatten, hielt der Kutscher an und band die Glöckchen los. Ich wartete mit zitternder Ungeduld, bis er wieder seinen Sitz bestieg. Mir war, als müßte von rückwärts doch noch irgend etwas uns einholen und zurückhalten. Und siehe da: es lief wirklich jemand eilig die alte Wilskajastraße uns nach und schwenkte heftig ein weißes Paket in der Luft. Mein Herz zuckte zusammen. Doch es stellte sich heraus, daß es nur eine vergessene Pappschachtel war. Unsere Riesenkutsche kam wieder in Bewegung und wir rutschten endlich die Anhöhe hinunter ... Katen, Zäune, Erdhütten liefen uns rechts und links entgegen. Der kümmerliche Kramladen, in dem Kryschtanowitsch einst für Moneten zweifelhafter Herkunft Semmeln kaufte ... Die Landstraße mit ihren Fußgängern, Bauernkarren, jüdischen Balagulen, Pilgern ... Die dröhnende Holzbrücke ... Das Flüßchen, in dem mein Freund und ich gebadet hatten ... Der Wrangelhain ... Ein eigentümlicher wohliger Schmerz bohrte in meinem Herzen. Zum erstenmal war es, daß ich einen so glatt abgeschnittenen Streifen meines Lebens gleichsam von mir tat und hinter mich warf. Die Brücke verschwand, auch die Fichten des Wrangelhains, die äußersten Grenzpfähle der kleinen Welt, in der ich bis dahin gelebt hatte, blieben weit hinter mir zurück. Vor mir aber entfaltete sich eine unbekannte lockende Ferne.a Die Sonne stand noch hoch, als wir die erste Station erreicht hatten, ein gelbliches Gebäude in gotischem Stil mit rotem Dach. Die Pferde wurden gewechselt, der Passierschein visiert (was zu erledigen die Mutter zu meinem nicht geringen Stolz mich beauftragt hatte), und ich kletterte wieder auf den Kutschbock. Wieder das gleichmäßige Rütteln der Fahrt, das leichte Schellengeklingel, das weiße Band der Landstraße, deren frischer Schotter unter unseren Rädern knirschte, dumpfhallende Holzbrücken, das endlose Surren der Telegraphendrähte ... Wieder eine Station, die der ersten wie ein Ei dem andern glich, dann bläuliche Dämmerung, dann ein sternbesäter Himmel und phosphoreszierende Wolken, die aussahen, als wären sie in Mondlicht getränkt ... Die Mutter klopft an die kleine Fensterluke hinter dem Kutschbock; der Kutscher hält die Pferde an. Die Mutter fragt, ob ich nicht friere, ob ich nicht eingenickt wäre und nicht etwa vom Bock herunterfallen könnte. Mir ist, als hätte ich nicht geschlafen und doch kommt mir die Gegend, wo wir halten, merkwürdig unbekannt vor: geradeaus vor uns schimmert hell eine kleine, offenbar frisch gezimmerte Holzbrücke, darunter gluckst ein dunkles Flüßchen, und rechts und links wiegen sich schläfrig in der dunklen Bläue des nächtlichen Himmels hohe Baumwipfel ... Ich bin ganz von Freude an dem Neuen erfüllt, das ich erlebe, von der Erwartung der Dinge, denen ich entgegenziehe. Und doch scheint zugleich unter dem Gesurr der Telegraphendrähte von rückwärts, von dorther, wo die zum Überdruß gewordene Vergangenheit zurückgeblieben ist, etwas mir nachzuziehen auf dieser Landstraße, – ein wirres Gewebe von Erlebnissen neckt, liebkost und umgaukelt mich mit seinem huschenden Schattenspiel ... In meinem Gedächtnis taucht der Abend mit dem blutroten Sonnenuntergang auf, das Phantom: »Es kommt was!«, das Geraune über etwas Unbekanntes, das sich da ereignen sollte, ein ebensolches Surren der Telegraphendrähte, wie ich es eben höre, Menschengruppen an den Telegraphenpfählen ... Das Pensionat ... Herrgott, wie lange ist's her, daß dies alles war, und wie dumm war ich noch damals! ... Um wieviel gescheiter bin ich doch im Vergleich mit jenem Büblein, das sein Ohr an die Telegraphenpfähle drückte oder sehr stolz war – worauf? Auf seine Würde eines Dreikäsehochs im Pensionat Rychlinski! ... Und nun bin ich schon ein alter »Pennäler« und ziehe neuen Orten, neuen unbekannten Dingen entgegen ... Im Leben jedes Kindes gibt es Augenblicke, in denen das Bewußtsein den zurückgelegten Lebensweg Revue passieren läßt, das eigene Wachstum gewahr wird und es gleichsam ins Buch des Lebens einträgt. Einen solchen Augenblick erlebte ich in jener Nacht beim Rauschen des Windes, der undeutlich und doch beinahe sprechend deutlich in die Saiten der Telegraphendrähte griff. Es war mir, als ob wirre Stimmen in der stillen Nacht eine dumpfe Unterhaltung über verschiedene Dinge, darunter auch über mich und meine Vergangenheit, führten. Und ich merkte mit Verwunderung, daß bei den Bildern dieser Vergangenheit, die doch so einfach, so alltäglich, so prosaisch waren, in meiner Seele, Gott weiß woher, die Überzeugung auftauchte, daß all das Erlebte gut und schön war. Bei dieser plötzlich aufsteigenden Empfindung überkam mich selbst die Verwunderung: warum – so fragte ich mich – hatte ich dieses Gefühl nicht gehabt, als all jenes Erlebte noch Gegenwart für mich war? Oder befand ich mich – ohne es zu wissen – auch damals wohl und glücklich dabei? Möglich, doch sicher anders als jetzt. Das eigentümliche, traurig angenehme Gefühl, das ich jetzt bei all diesen Bildern empfinde, das, was für immer dahin ist und nie wiederkehren wird, was jene Erlebnisse zu dem Besonderen, Einzigen, so merkwürdig Schönen für mich macht, – dieses Gefühl hatte ich damals in der Vergangenheit bestimmt nicht gehabt. Woher mochte es wohl jetzt, bei der Erinnerung an die Vergangenheit, rühren? Als es tagte, fuhren wir – ich weiß nicht mehr wo: in Nowograd-Wolynsk oder in dem Städtchen Korez – gerade im ersten Schein der Morgenröte an den Ruinen einer altertümlichen Basilianischen Klosterschule vorbei. Die unteren Partien des länglichen Gebäudes waren noch vom Morgennebel eingehüllt, im oberen Stockwerk jedoch gähnten schwarze leere Fensterluken in einer langen Reihe. Meine Einbildung bevölkerte sie mit einer Menge Kindergestalten, darunter sah ich auch das mir wohlbekannte ernste Gesicht des kleinen Thomas aus Sandomir, des Helden des ersten Romans, den ich gelesen. Und wieder fühlte ich, daß auch der kleine Thomas mir jetzt anders erschien als ehemals in früher Kindheit. Er war noch derselbe, den ich lieben gelernt hatte, als ich seine Züge durch die mühsam buchstabierte Schrift langsam entzifferte, doch auch er war in meiner Vorstellung jetzt von einer neuen eigentümlichen Empfindung eingehüllt ... Vor mir aber winkte dort drüben in der Ferne etwas Neues, das noch viel schöner, viel verlockender war ... – Ist's noch weit? Sind wir bald am Ziel?« frage ich den Kutscher immer wieder. In der Kreisstadt. Lehrjahre Die Kreisstadt Rowno. Noch ein Tag und wieder ein Morgen. Wird's endlich? Der Kutscher zeigt mit dem Peitschenstiel und sagt: »Da drüben hinter der Böschung liegt die Stadt. Und dies da ist der Weißbuchenhain, in dem das Volk am Sonntag spazieren geht.« Vor uns war in der Tat ein Hain zu sehen, hinter dem das rote Dach irgendeines amtlichen Gebäudes hervorlugte. Die Stadt lag in einem breiten Tal, und eine Nebel- und Dunstwolke lagerte über ihr in einiger Höhe. Das Gebäude mit dem roten Dach erwies sich als das städtische Gefängnis. Als wir daran vorbeifuhren, blickten aus den Fenstern der oberen Etage grünlich-fahle finstere Gesichter von Gefangenen, die sich an den eisernen Gitterstäben festhielten, um uns zu sehen. Dieses Bild aus der Kindheit tauchte nachmals oft in meiner Erinnerung auf, als ich, ein erwachsener Mann, selbst hinter solchen Gitterstäben auf die Landstraße hinausblickte. Und einmal geschah es, daß ich wirklich auf dem Kutschbock einer ebensolchen riesigen Familienkutsche einen kleinen Knaben sitzen sah, der mich mit demselben Ausdruck bangen Mitleids, unwillkürlicher Verdammung und unbestimmter Furcht anblickte, mit dem ich selbst die Insassen des Rownoer Gefängnisses betrachtet hatte. Das Gefängnis stand dicht an der Böschung, und von hier aus war die Stadt schon deutlich zu sehen: Häuserdächer, Straßen, Gärten und große blitzende Spiegel der Teiche. Die schwere Kutsche rollte den Abhang rascher hinunter und blieb bei dem schwarzweiß gestreiften Schlagbaum stehen. Ein invalider Soldat trat an die Wagentür heran, nahm von der Mutter unseren Reisepaß in Empfang und trug ihn in ein kleines Gebäude, das linker Hand dicht an der Landstraße stand. Aus demselben trat alsbald ein hochgewachsener Herr in der Uniform der Verkehrsbeamten und mit langem Offizierschnurrbart. Er verneigte sich höflich vor meiner Mutter. »Der Herr Richter erwarten Sie schon!« sagte er und dann an den Invaliden gewendet: »Zieh hoch!« kommandierte er. Der gestreifte Balken des Schlagbaumes kreischte in seiner Basis und sein dünnes Ende hob sich hoch in die Luft. Unser Kutscher trieb an, und wir fuhren endlich in die Bannmeile der Kreisstadt Rowno. Diese »Stadtbarrieren«, die jetzt, soviel ich weiß, überall verschwunden sind, bildeten damals eine charakteristische Eigentümlichkeit der russischen Landstraße, die charakteristische Eigentümlichkeit der Barriere aber bildeten die »Chaussee-Invaliden« des Nikolajschen Militärdienstes, die auf diesem Posten ihre mehr oder minder unseligen Tage zu beschließen pflegten. Übliche Charakterzüge dieser Invaliden waren: ein immerwährender Schlummerzustand und eine lässige Ungelenkigkeit der Bewegungen, von der schon Puschkin in jenem bekannten Gedicht spricht, in dem er zu erraten sucht, welches Ende ihm vom Schicksal beschieden sein möge: Ob der Pest ich in die Arme sinke lebensmüde, Ob mich wo der Frost zur Erde bettet, Oder ob ein ungelenker Invalide Mir den Schlagbaum auf den Schädel schmettert? ... Diese Chaussee-Invaliden stellten in der Tat eine Menschengattung dar, die in außerordentlichem Maße zur philosophischen Ruhe und Beschaulichkeit neigte. Und jetzt, wenn in meiner Erinnerung die Stadt Rowno auflebt, sehe ich jedes Mal gleichsam in der Vorhalle aller anderen Bilder den schwarzweiß gestreiften Balken des Schlagbaums und die Gestalt des Invaliden im staubbedeckten, verblichenen Militärrock aus der Zeit Nikolaus I . Der Alte sitzt unbedingt auf einem Klotz am Schlagbaum, den Rücken wie angeklebt an den schwarz-weißen Pfahl gelehnt. Auf dem Kopfe hat er eine Mütze mit einem dicken Schirm, die vor ehrwürdigem Alter eine unbestimmt rötliche Farbe angenommen hat, sein Mund steht offen, und zudringliche Fliegen entblöden sich nicht, hin und wieder in die Öffnung hineinzuspazieren. Späterhin machten wir Schulrangen uns ein Vergnügen daraus, den Schlummernden von rückwärts mit einem langen Strohhalm am Hals zu kitzeln, die verwegensten von den losen Bengeln steckten dem armen sebastopolischen Helden den Strohhalm sogar in die Nase. Der Invalide wehrte mit geschlossenen Augen die lästigen »Fliegen« ab, nieste, sprang zuweilen auf und blickte sich erschrocken um nach dem Gefängnis, nach der Seite hin, wo irgendein eiliger »Kurier« plötzlich auftauchen und in der Kibitka aufrecht stehend, die amtliche Papierrolle in der Luft schwenkend, sofortigen Durchlaß begehren konnte. War aber nur das staubige Band der Landstraße und sonst nichts Bedrohliches darauf zu sehen, dann setzte sich der Wächter der Stadtgrenze wieder hin und schlummerte friedlich ein. Und es lag etwas Symbolisches in dieser ewig schlummernden Gestalt – gleichsam das Sinnbild des beschaulichen Daseins einer kleinen Provinzstadt ... Allein damals, während unserer ersten Einfahrt nach Rowno, hatte jene Gestalt für mich noch nicht die symbolische Bedeutung, wie später, und ich fing mit gierigen Augen das »Neue« auf, das sich hinter dem hochgezogenen schwarzweißen Balken enthüllte ... Dies »Neue« bot sich übrigens nicht besonders großartig dar: was zu sehen war, waren kleine Hütten, öde Plätze, Zäune, die Perspektive einiger winzigen Seitengäßchen, dann das zweistöckige Amtsgebäude, davor ein Platz mit der steinernen Figur der Muttergottes in der Mitte und ringsherum Gasthöfe mit breiten Einfahrttoren, aus denen uns einige jüdische Faktoren anglotzten. Dann ein Flüßchen und eine Holzbrücke. Das Flüßchen und die Brücke mitten im Zentrum der Stadt brachten mich in Begeisterung. Dicht vor der Brücke bog der Kutscher schroff ab, unsere Kalesche schwankte, kreischte, hielt einen Moment wie in Nachsinnen versunken in dem windschiefen Tor still und rollte endlich den grasbewachsenen Hof hinab. In diesem Hof standen unordentlich zerstreut mehrere Gebäude, eines davon trug das Schild: »Kreisgericht Rowno«. Auf einem andern, das höchst sinnlos aus der Reihe hervorgetanzt schien, war die Aufschrift zu lesen: »Das Archiv.« Das dritte im Hintergrunde des Hofes hatte gar keine Aufschrift: dies war eben unser neues Wohnhaus, das auf einer kleinen Landzunge, zwischen dem Teich und dem Flüßchen stand. Durch das offene Gittertürchen war das Wasser zu sehen, das dicht an den Gemüsegarten herankam, und ein hölzerner Steg mit einem angebundenen Kahn. Von der Brücke gafften auf unseren Einzug Gruppen von Schildbürgern, die in die zu ebener Erde gelegene Wohnung aufs bequemste hineinblicken konnten und für die die Ankunft »des Herrn Richters seiner Familie« ein bedeutsames Ereignis war. Das Städtchen lag in einem breiten Tal, an den Ufern einiger großer Teiche, die durch winzige Flüßchen untereinander verbunden waren. Unser Haus befand sich an der Stadtseite. Uns gegenüber auf einer Insel, die der örtlichen Überlieferung nach einst zur Zeit der Unabhängigkeit Polens von türkischen Kriegsgefangenen aufgeworfen war, stand das halbzerfallene Schloß des Fürsten Lubomirski in altpolnischem, halbgotischem Stil. Es war von hohen Pyramidenpappeln umstanden und bot den wunderbarsten Anblick einer malerischen Altertümlichkeit. Am linken Ufer des Teiches stand das zweistöckige geräumige Gebäude des Gymnasiums, das mit seinem weißen Anstrich, dem Portikum und den Kolonnen einen sehr heiteren Eindruck machte. Sowohl das düstere Schloß wie die helle Kolonnade des Gymnasiums spiegelten sich klar und rein im Wasser des Teiches. In der Ferne, am anderen Ufer ruderten langsam, von der Bläue des Wassers und dem Grün der Gewächse deutlich abstechend, weiße Schwäne dahin, die ersten, die ich überhaupt zu sehen bekommen habe. Sie zogen in ihrem Kielwasser hellschimmernde Streifen nach, die auf dem schlummernden unbeweglichen Wasserspiegel noch lange ihre Bahn bezeichneten. Jede neue Ortschaft hat gleichsam ihre eigene Physiognomie und prägt sich unserer Seele als ein eigentümliches Gesamtbild ein, zu dem alle Einzelheiten auf eine für uns selbst unbewußte Weise beitragen. Alles, was ich jetzt zum erstenmal in der Stadt Rowno sah, schien mir zauberhaft schön zu sein. Gewiß, die Ankunft in dieser Stadt eröffnete in der Tat ein ganz neues Blatt in meinem Leben. Und doch –, es mochte wohl ein Hauch von dem alten Schloß gewesen sein –, in meine knabenhaft gespannte Erwartung des Wunderbaren mischte sich gleich im Anfang wie ein Schatten ein seltsamer Anflug von Ermattung, von Schläfrigkeit, ein Hang zur Träumerei über Vergangenes und für immer Dahingeschwundenes ... Wie tot lag der Teich da, und darin spiegelte sich das tote Schloß mit den gähnenden leeren Fensteröffnungen, umgeben, gleichsam wie von eingeschlummerten Wachen, von den hohen Pyramidenpappeln. Die Teiche waren wie verschimmelt, an den Ufern von grüner Wasserlinse überzogen, dicht mit Schilf und Rohr bewachsen. Ihre unbewegliche Wasserfläche funkelte im Sonnenbrand und hauchte über das Städtchen Fäulnis und Wechselfieber aus. Und all dies war so eins mit den öden Plätzen, mit der schlummernden Gestalt des Invaliden am Schlagbaum, mit den gähnenden Fensteröffnungen des alten Schlosses! ... An einem der ersten Abende in Rowno, als wir in unserem Wohnzimmer beim Tee saßen, hörten wir von der Teichseite her ein seltsames dumpfes Rollen. »Das sind die Pappeln am alten Schloß, die rauschen,« sagte die Mutter. Das langgedehnte, tiefe, ein wenig unheimliche Rauschen tönte über dem Städtchen wie eine ernste Stimme der Vergangenheit, die der nichtigen, im grauen Alltag versinkenden Gegenwart von den einstigen stürmischen und großen Tagen ins Ohr zu raunen schien ... Jetzt liebe ich die Erinnerung an jenes kleine Städtchen, wie man zuweilen die Erinnerung an einen alten Feind liebt. Aber o Gott, wie habe ich zum Schluß meines dortigen Aufenthaltes diese bleierne Alltäglichkeit hassen gelernt, die wie der Tang die Teiche langsam die Seele überzog, die, jeglicher lebendigen Eindrücke bar, alle Energie aus der Seele sog, alle Hochflüge des jungen Geistes durch ihre stumpfe Verständnislosigkeit ertötete und die Einbildungskraft in einer unfruchtbaren schläfrig-romantischen Betrachtung der toten Vergangenheit einhüllte! ... »Das Kreisgericht«, seine Sitten und Gestalten. Als wir in Rowno ankamen, waren gerade noch sommerliche Schulferien. Das Gymnasialgebäude lag still und öde, die meisten Schüler waren noch nicht in die Stadt zurückgekehrt. Mein Vater hatte in der Stadt noch wenige Bekanntschaften erworben, unser Verkehr beschränkte sich deshalb vorerst auf die Beamten, die in unserer unmittelbaren Nachbarschaft im Hofe des Kreisgerichts wohnten. Der erste, mit dem wir Kinder Bekanntschaft schlossen, war der Archivarius, Pan Kryschanowski. Er hatte sich gleich bei unserer Ankunft pünktlich eingefunden, um uns zu begrüßen, hob mich wie ein Federchen mühelos vom Kutschbock herunter und half meiner Mutter galant aus der Kutsche. Dabei wehte mich von dieser hünenhaften Gestalt ein kräftiger Schnapsduft an, und ich sah, wie die Mutter, die den Archivarius bereits von ihrem Besuch in Rowno her kannte, mißbilligend den Kopf schüttelte. Herr Kryschanowski schielte darauf schamhaft zur Seite, wobei ich die unwillkürliche Feststellung machen mußte, daß seine blaurote Höckernase gleichfalls ganz windschief saß, während seine Augen von hoffnungslos trübem Schimmer waren. Wir schlossen rasch miteinander Freundschaft. In seiner freien Zeit pflegte der Archivarius uns Kinder spazierenzuführen, er zeigte uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt, brachte uns das Rudern im Kahn bei. Wir erfuhren bald, teils von ihm selbst, teils von anderen, daß er einmal in früheren Zeiten ein reicher Gutsbesitzer war und nicht anders als in einer mit vier prachtvollen Rappen bespannten Kutsche in der Stadt einzukehren pflegte. Es hieß ferner, daß seine Frau einmal mit einem Offizier durchgegangen war (dazumal gingen, scheint's, merkwürdig viele Ehefrauen mit Offizieren durch!), worauf er sich der Ausschweifung ergab und sein ganzes Vermögen vertrunken hatte. Oder war es vielleicht umgekehrt: erst hatte er sein Vermögen durchgebracht, und darauf ging ihm seine Ehehälfte mit dem Offizier durch. Wie dem auch gewesen sein mochte, nun amtierte er als Archivarius beim Kreisgericht der Stadt Rowno, bei einem Gehalt von sage und schreibe acht Rubel monatlich, ging in einem abgetragenen, fettig glänzenden Anzug einher, trug bald ein hochmütiges und bald ein äußerst gedrücktes Wesen zur Schau und machte im ganzen einen recht heruntergekommenen Eindruck. Dafür ließ er sich nie zum Gebrauch billiger Haarpomaden oder Talmikettchen herab, wie sie die anderen »Beamten« ohne jede Notwendigkeit, aus purer Hoffahrt trugen, denn eine Uhr besaßen sie alle zumeist nicht. Pan Kryschanowski führte das Dasein eines echten Weisen und hielt selbst eine eigene Behausung für überflüssigen Luxus: er hatte seine Zelte in dem engen Archivgebäude selbst aufgeschlagen. Auf den Regalen in den Amtszimmern dieser Anstalt boten verschiedene anspruchslose Toilettengegenstände zwischen den Aktenbündeln eine angenehme Abwechslung, desgleichen standen leere Schnapsflaschen und daneben allerlei »gegenständliche Beweise« herum. Da waren z.B. erbrochene Schlösser zu sehen, ein gestohlener Samowar, eine Axt mit rostigen Blutflecken auf der Klinge, verschiedene Kleiderbündel, ein Paar enorme Wasserstiefel und zwei doppelläufige Jagdflinten. Obwohl an allen diesen Dingen Papierstreifen mit Nummern und Siegellackpetschaften bammelten, so hinderte das Herrn Kryschanowski nicht, mit ihnen ziemlich frei zu schalten und zu walten: den Samowar pflegte der Gerichtsdiener für den Herrn Archivarius aufzusetzen, so oft dieser Lust verspürte, Tee zu trinken (was übrigens beileibe nicht alle Tage geschah), die Flinten aber nahm Pan Kryschanowski mit, so oft er auf die Jagd ging, bei welcher Gelegenheit er auch noch die Wasserstiefel anzuziehen pflegte und so zu einem Unternehmen die corpora delicti aus ganz verschiedenen Gerichtsfällen friedlich vereinigte. Einmal hatte einer seiner zahlreichen Widersacher unter den Kollegen aus diesem Anlaß einen niedrigen Verleumdungsfeldzug gegen ihn anzuzetteln versucht. Doch Kryschanowski beugte rechtzeitig dem Ungemach vor: den Samowar ließ er auf eigene Kosten verzinnen, eine der Jagdflinten wurde schnell mit einem neuen Schloß verziert, die Wasserstiefel aber wurden auf sein Geheiß vom Gerichtsdiener eigenhändig neu besohlt. »Obwohl dies alles einen Batzen Geld gekostet hatte«, wie Herr Kryschanowski selbst mit Stolz berichtete, so wurde doch auf diese Weise der niedrigen Denunziation die Spitze abgebrochen. An die Arbeit pflegte er sehr ungleichmäßig, in unerwarteten Anläufen, heranzugehen. Bald bummelte er irgendwo mit seinem »nagenden Wurm im Herzen« ganze Tage hindurch, bald stürzte er sich plötzlich aufs Ordnen im Archiv. In solchen Fällen pflegte er eine Schnapsflasche mitzunehmen und sich in seinem Amtsbereich einzuschließen. In dem kleinen vergitterten Fensterchen des Gebäudes war dann bis spät in der Nacht Licht zu sehen. Pan Kryschanowski heftete, flickte, siegelte, machte Eintragungen ins Register und trank, bis eines schönen Tages alle Akten geordnet waren, die Flasche leer, der Archivarius aber mit weit von sich geworfenen Armen und Beinen auf dem Boden ausgestreckt lag und schnarchte. Bald nach unserer Ankunft – es war gerade der zwanzigste des Monats Tag der Gehaltsauszahlung in Rußland (nach altem Kalender) – bat Kryschanowski meine Mutter, ob er uns Kinder ein wenig in die Stadt spazierenführen dürfe. »Pan Kryschanowski?« sagte darauf die Mutter, halb fragend und halb streng. »Ach, Pani Sendzina Polnisch: Frau Richter ,« erwiderte er, ihr die Hand küssend, »also auch Sie halten mich wohl für einen verlorenen Menschen?« Die Mutter willigte ein, und wir zogen los. Kryschanowski führte uns in der Stadt herum, kaufte uns Bonbons und Äpfel, und alles ging großartig, bis er plötzlich vor einer schäbigen Baracke in Gedanken stehen blieb. Nach einer Weile des Schwankens murmelte er: »Macht nichts, ich gehe nur auf einen Sprung hinein« ... und schlüpfte rasch in die niedrige Tür. Leicht verändert kam er wieder zum Vorschein, zwinkerte uns lustig zu und sagte: »Der Mutter braucht man das nicht zu erzählen.« Und mit einem Seufzer fügte er hinzu: »Sie ist eine Heilige!« Leider folgte der ersten Haltestelle eine zweite, dann eine dritte, und bis wir ins Zentrum der Stadt gelangten, war Pan Kryschanowski bis zur Unkenntlichkeit verändert. Seine Augen blitzten stolz, die Gedrücktheit seines Wesens war verschwunden, und was das Schlimmste war: er fing an, mit Vorbeigehenden Händel zu suchen, Frauen zu belästigen und auf Juden Jagd zu machen. Um unsere kleine Gesellschaft bildete sich bald ein Auflauf. Zum Glück war unser Haus nicht mehr weit, und wir beeilten uns, den Rückzug in den Hof anzutreten. Nach diesem Abenteuer verschwand der Archivarius für längere Zeit von der Bildfläche. In seinem Amtszimmer ließ er sich gar nicht mehr blicken, und nur hie und da bekamen wir Kunde von seinem Treiben aus Berichten Sachars, des Dieners meines Vaters. Diese Kunde war leider nichts weniger als erfreulich. Einmal hatte Kryschanowski in einem öffentlichen Lokal einer fremden Gesellschaft von Billardspielern sämtliche Bälle untereinandergemischt; woraus »ein großer Krach« entstand. Ein anderes Mal wurde er auf der Straße mit den Nachtwächtern handgemein. Ein drittes Mal hatte er sich in eine Gesellschaft von Beamten gestürzt und den Bureauvorsteher Wenzel geohrfeigt. Mein Vater geriet bei diesen Hiobsposten in maßlosen Zorn. Er überhäufte die Mutter mit Vorwürfen, weil sie diesen Galgenstrick noch begönnert hätte, und befahl, man solle ihm den Sünder tot oder lebendig zur Stelle schaffen. Doch der Archivarius war spurlos verschwunden. Drei oder vier Tage später waren wir, mein Schwesterlein, mein Bruder und ich, in unserem Garten, als Kryschanowski unerwartet seine langen Beine von der Teichseite her über den Zaun setzte, im hohen Gras niederkauerte und uns still zu sich heranwinkte. Er sah gedrückt und unglücklich aus, sein Gesicht war erschlafft, die Augen ganz trübe, die Nase schien noch schiefer als gewöhnlich zu sitzen und sogar noch länger geworden zu sein. »Pst!« ... machte er und schielte auf unsere kleine Terrasse, die in den Garten führte, »Wie, ist der Herr Richter sehr böse?« »Ja, er ist böse,« gaben wir zur Antwort. »Und Pani Sendzina?« Wir konnten ihm nicht verschweigen, daß selbst unsere Mutter ihn diesmal nicht in Schutz zu nehmen wage. »Sie ist eine Heilige!« sagte Kryschanowski und wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Geht, meine lieben Freunde, fragt bei ihr an, ob ich schon heute erscheinen dürfe oder lieber noch abwarten solle.« Wir brachten den Bescheid, daß es für ihn nicht ratsam sei, sich zu zeigen, und der arme Kerl setzte in derselben Weise wieder über den Zaun, – just im rechten Augenblick, denn gleich darauf trat der Vater auf die Terrasse. Noch zwei Tage vergingen. Es war Sonntag. Der Vater war kürzlich erst in friedlichster Verfassung aus der Kirche gekommen, hatte seinen Schlafrock angezogen und wandelte im Wohnzimmer auf und ab. Als er, von der Tür sich wendend, zum entgegengesetzten Winkel seinen Schritt lenkte, tauchte aus dem Flur plötzlich die lange Gestalt des Archivarius auf. Mit einem Wink an uns trat er unhörbar über die Schwelle und erstarrte am Türpfosten. Kaum hatte aber der Vater in seinem hinkenden Gang, auf den Stock sich stützend, das Ende des Zimmers erreicht, als der Archivarius auch schon wieder im Flur verschwand. Dieser Auftritt wiederholte sich ein paarmal. Endlich faßte er sich ein Herz, bekreuzte sich, trat wieder aus dem Flur vor, lehnte sich mit dem Rücken an den Türpfosten und ward in dieser Stellung zur Bildsäule. Der Vater machte kehrt und bemerkte sofort das schlimme Subjekt. In Dubno hatte er einen leichten Schlaganfall erlitten, und meine Mutter befürchtete sehr eine Wiederholung. Jetzt, bei der unvermuteten Erscheinung des schuldigen Archivarius, übergoß sich Vaters Gesicht, Stirn, selbst der Nacken mit dunkler Röte, und der Stock erzitterte in seiner Hand. Pan Kryschanowski trat nun mit der Miene eines Hundes, der Prügel zu erwarten hat, an den Vater heran und neigte sich über seine Hand. Der Vater packte darauf den vorgeneigten Riesen am Haar, und dann erfolgte eine merkwürdige Szene: der Richter zerrte den Archivarius mit seiner schwachen Hand am struppigen Haarschopf hinauf und herab, der Archivarius seinerseits bemühte sich nur ihm, die Mühe zu erleichtern, indem er gehorsam seinen Kopf der Hand des Richters folgen ließ. Wenn der Kopf nach unten ging, küßte der Archivarius den Richter auf den Leib, ging aber der Kopf nach oben, küßte er ihn auf die Schulter, wobei er ihm mit einer Stimme, die versuchte, möglichst überzeugend zu wirken, zuredete: »Ach, Pan Sendzia, ach bei Gott! Verlohnt es sich denn? Das kann Ihrer Gesundheit schaden ... Nun, lassen Sie schon gut sein, nun ist's ja genug ...« Die Mutter stürzte unterdes aus der Küche herein. Sie suchte sofort den Vater zu beruhigen und Kryschanowskis Kopfschmuck aus seiner Hand zu befreien. Als dies gelungen war, küßte Kryschanowski den Vater noch einmal auf die Schulter. »Nun ist's gut,« sagte er. »Gott sei Dank! Nun beruhigen Sie sich, Herr Richter. Bei Gott, verlohnt es sich denn, sich so allerhand Lappalien zu Herzen zu nehmen?« »Hinaus mit dir!« schrie der Vater. Kryschanowski aber küßte noch der Mutter die Hand, flüsterte: »Eine Heilige!« und verschwand freudestrahlend aus dem Zimmer. Auch wir Kinder waren uns darüber klar, daß die Angelegenheit erledigt war, und daß Kryschanowski im Dienst verbleiben würde. In der Tat schuftete er am anderen Morgen, wie wenn nichts geschehen wäre, eifrig im Archiv. Das Lichtlein schimmerte aus dem vergitterten kleinen Fenster bis in die späte Nacht hinein. Die Sitten in den damaligen Beamtenkreisen waren eben noch höchst einfach. Die Herren vom Gericht fragten uns mit der größten Neugier über die Einzelheiten der Szene aus und lachten aus vollem Halse. Ich kann mich dabei nicht besinnen, daß auch nur einer von ihnen für sich oder Kryschanowski in dem Vorgefallenen etwas Unziemliches und Beleidigendes gefunden hätte. Wir Kinder ergötzten uns auch. Die Jugend geht leider manchmal an verborgenen Seelendramen ganz verständnislos vorüber. Einmal hatten wir Buben sogar mit vereinten Kräften auf den unseligen Archivarius ein Spottgedicht verfaßt, das wir ihm als ein Aktenstück einhändigten. Das Gedicht war eine ziemlich grausame Schilderung der äußeren Erscheinung des Herrn Kryschanowski sowohl, wie seiner dienstlichen Drangsale und Kümmernisse. Der Archivarius fing an, das angebliche Aktenstück zu lesen, dann zerknitterte er es nervös, schob es in die Tasche, betrachtete uns mit seinen trüben, glanzlosen Augen eine Weile und sagte nur: »Das lehrt man euch also ... Ihr Bengels« ... Ein Jahr darauf verschwand er wieder, diesmal aber für immer, verschiedene Leute wollten ihn in ganz heruntergekommenem Zustand und schwer betrunken irgendwo auf dem Jahrmarkt in Tultschin gesehen haben. Andere wieder verbreiteten die Mär, als habe Kryschanowski eine schwere Erbschaft gemacht und ein neues Leben begonnen. Auf jeden Fall war und blieb er verschollen ... Überhaupt hatte die nähere Bekanntschaft mit den Sitten des Rownoer Kreisgerichts noch einmal in verwickelterer Form jenen Eindruck der Kehrseite der Erscheinungen in mir wachgerufen, der sich mir zum erstenmal in der frühen Kindheit beim Anblick der auseinandergenommenen Haustreppe eingeprägt hatte. Früher, als wir noch in Schitomir wohnten, fuhr der Vater jeden Tag »zum Dienst« aus dem Hause fort, und dieser »Dienst« erschien uns allen zu Hause als ein höchst wichtiges, geheimnisvolles, erhabenes und schicksalsschweres Gebiet, – war es doch »das Reich des Gesetzes«! hier in Rowno hingegen befand sich dieser geheimnisvolle Tempel der Gerechtigkeit bei uns im Hofe. In seiner Vorhalle stand der verschlag, in dem der Pförtner des Gerichts, ein braver Unteroffizier von den »Nikolajschen«, in dienstfreier Zeit das Schuhwerk der Beamten flickte und, wenn ich nicht irre, daneben im stillen Branntwein feilbot. Aus seinem Verschlag schlug einem stets der kräftige Duft eines niegelüfteten Wohnraumes entgegen. Übrigens herrschte dieser herbe Geruch, von dem es einem in der Nase juckte und im Halse kratzte, ebenso in sämtlichen »Kanzleien« des Gerichtsgebäudes. Einige Schreiber hatten keine eigene Wohnungen und hielten sich Tag und Nacht im Gerichtsgebäude auf. In den schwarzen amtlichen Schränken fanden außer den Gerichtsakten verfettete Hemden und Westen Unterkunft, ferner Teller mit Wurstzipfeln und dergleichen nichtamtliche Gegenstände mehr. Die Gehälter der »Beamten« waren – auch wenn man die Billigkeit des Lebensunterhaltes in Betracht zieht – geradezu erstaunlich. Der Archivarius bezog, wie gesagt, 8 Rubel monatlich und galt als ein Glückspilz. Festangestellte Schreiber erhielten 3 Rubel monatlich, Hilfsschreiber aber fünf »polnische Gulden« (zu 15 Kopeken). In diesen Gehaltsverhältnissen wurzelte offenbar die philosophische Nachsicht, mit der mein Vater die kleinen Bestechungen seiner Unterbeamten übersah: ohne die »Erkenntlichkeiten« des Spießbürgers hätten die Unterbeamten buchstäblich Hungers sterben müssen. Einige von den jungen Gerichtsbeamten, die keine Unterstützung ihrer Verwandten genossen, suchten sich einen Unterschlupf in den Kellern des alten Schlosses oder richteten sich als sogenannte »ewige Nachtwachen« im Gericht ein. Eine solche war z. B. ein gewisser van Lazlowski. Er bezog ganze 3 Rubel im Monat, pflegte dabei ein wenig hinter die Linde zu gießen und hatte dazu auch noch bedeutende Neigungen zur Eleganz: er trug schmutzige steife Vorhemden, und seine aschfarbigen Locken waren stets fingerdick mit Haarpomade beschmiert. Nach all diesem Luxus verblieb ihm für die Wohnungsmiete natürlich kein Heller. Solcher armen Teufel gab es im Gericht noch fünf oder sechs, und sie hatten es gegen die bescheidenste Entschädigung übernommen, für alle andere Kollegen die Nachtwache zu halten. Jeden Abend brannte in den leeren Kanzleien des Kreisgerichts ein Talglichtstümpchen, auf dem Tisch stand ein Fläschchen mit Schnaps, daneben lagen auf einer alten Zuckerdüte ein paar saure Gurken, und die Wachthabenden droschen bis in die späte Nacht hinein Karten. Des Morgens pflegte alsdann der Tempel der Gerechtigkeit ein bei weitem nicht offizielles Aussehen zur Schau zu tragen. Wenn Pan Lazkowski in saurer Katerstimmung schlaftrunken seine Augen rieb und sich von seinem dienstlichen Lager erhob, so blieb auf dem Umschlag des Aktenbündels, das ihm in der Nacht als Stütze des lockigen Hauptes gedient hatte, jedesmal ein sichtbarer Fettfleck von der Haarpomade zurück. Nach dem »Zwanzigsten« jeden Monats aber pflegte es im Gericht am Abend ein wenig hoch herzugehen. Beim Kartenspiel wurden die Nachtwachen sogar manchmal handgemein. Wenn die Autorität des Pförtners in solchen Fällen nicht ausreichte, pflegte mein Vater in Schlafrock und Pantoffeln, mit dem Stock in der Hand, an Ort und Stelle zu erscheinen. Die Beamten stoben dann auseinander, im Sommer sprangen sie sogar mitunter zum Fenster hinaus: war es doch bekannt, daß der Richter eine lockere Hand hatte und in der Hitze sogar seinen Stock ins Werk zu setzen liebte. Nur einen Raum des Gerichts behütete mein Vater vor dem Eindringen jeglicher privater Ausschweifung: es war dies der Sitzungssaal mit dem langen Tisch, der mit einem grünen Tuch mit goldenen Troddeln bedeckt war und auf dem der »Gerichtsspiegel« stand. Keiner von den Unterbeamten durfte diesen Raum betreten, dessen Schlüssel der Vater ständig bei sich bewahrte. Er selbst betrat das Heiligtum stets mit einem feierlichen Gesichtsausdruck, als träte er in die Kirche, und dies gab für die anderen den Ton an. Nach seinem Beispiel pflegten in den Sitzungsstunden auch die Beisitzer ihre Sitze einzunehmen, unter denen auch gewählte Ständevertreter waren. Einer von ihnen war der Jude Rabinowitsch. Zu jener Zeit hatte man noch nicht viel von der »Judenfrage« gehört, aber auch der heutige bösartige Antisemitismus war noch unbekannt. Das Gesetz hielt es für recht und billig, daß im Gericht, wo auch Angelegenheiten der Juden zur Entscheidung kamen, ein Vertreter der jüdischen Bevölkerung Sitz und Stimme hatte. Und wenn Rabinowitsch, ein typischer Semit, mit seinem rabenschwarzen Vollbart und dem krausen Haar, im silbergestickten Uniformrock mit Degen in den Sitzungssaal trat, so hätte niemand in ihm den kleinen Händler wiedererkannt, der in der übrigen Zeit in seinem Laden oder hinter dem Wechslertisch saß. Der »Gerichtsspiegel« schien auch auf ihn einen leuchtenden Widerschein auszustrahlen. Dieser »Gerichtsspiegel« bildete gleichsam das geistige Zentrum des ganzen muffigen Gebäudes, das sonst mit elenden Wesen in der Art Kryschanowskis oder Lazkowskis angefüllt war. wenn es uns Kindern gelang, in nichtdienstlichen Stunden in das Allerheiligste einzudringen, so pflegten auch wir besonders vorsichtig vor dem Spiegel vorbeizugehen: er kam uns wie eine Art Zauberlade vor. War doch ein »vor dem Spiegel« geäußertes unvorsichtiges Wort kein einfaches Wort mehr, sondern es zog ernste Folgen nach sich. Einmal kam in diesem ersten Herbst nach unserer Übersiedelung in die Stadt die Nachricht, daß der Gouverneur zur Revision nach Rowno komme. In Schitomir, wo der Gouverneur seinen ständigen Sitz hat, hatten wir wenig von ihm verspürt, hier aus der Ferne wirkte er als eine Art Komet, der sich gegen die zitternde Erde bewegte, um sie zu zerschmettern. Die Polizeiwachtmeister kamen auf die Nachricht hin in Bewegung, man fing an die Straßen zu reinigen. Seit langem zerbrochene Laternen wurden durch neue ersetzt. Im Gerichtsgebäude kamen die Fußböden unter gründliche Scheuerung, und die Akten wurden Hals über Kopf »erledigt« und geheftet. Mein Vater war in Aufregung. Seine dienstlichen Angelegenheiten befanden sich zwar in musterhafter Ordnung, aber er war sich zweier wunden Stellen bewußt: er hatte eine Polin zur Frau und selbst war er gelähmt. Im Gouvernement war aber schon das Wort des neuen Gouverneurs im Umlauf: ... »Ich bin ein rüstiger Meister und brauche rüstige Gesellen.« In Dubno war auch schon ein Richter wegen Krankheit entlassen worden. Er kam ... Er stieg bei dem Polizeihauptmann ab ... Er war auf dem Polizeiamt, im Rentamt ... Der Vater begab sich in neuer Uniform und mit dem Wladimirorden im Knopfloch ins Gericht. Die Mutter bekreuzte ihn beim Abschied mit dem verpönten polnischen Kreuz und schickte uns Buben Wachtposten stehen. Unser Beobachtungsposten befand sich in den Sträuchern gegenüber den Fenstern des Sitzungssaales. »Er« war noch nicht da, aber zwei – drei stutzerhafte Beamte aus seiner Gefolgschaft wühlten schon in den Akten, die ihnen der Sekretär ehrerbietig darreichte. Es ging gegen Abend. Man zündete im Saal die Kerzen an, – ungewöhnlich viel Kerzen ... Der Gerichtsspiegel, der mit Schlemmkreide frisch geputzt worden war, strahlte in unbeschreiblichem Glanz. Der ganze Saal atmete Feierlichkeit und Strenge. .. Nun wurde am Tor Wagengerassel hörbar. Der Vater und die Beisitzer erhoben sich von ihren Sitzen. Der Gehilfe des Polizeihauptmanns riß eigenhändig die Türflügel des Sitzungssaales weit auf, und in der Tür erschien im strahlenden Glanze wie ein zweiter Gerichtsspiegel die brave Generalsgestalt des Gouverneurs, hinter ihr die gepflegten Physiognomien der »Beamten für besondere Missionen«, und im Hintergrund durch die Türöffnung die bis zur Unkenntlichkeit veränderte Kanzlei, ganz in Licht und Ehrfurcht getaucht. Wir stürzten zur Mutter. »Nun, wie?« fragte sie ängstlich. »Er ist gekommen, hat dem Papa die Hand gegeben... Ließ ihn Platz nehmen« ... Ein Seufzer der Erleichterung. »Gott sei Dank!« ... Die Mutter bekreuzt sich inbrünstig. »Gott sei Dank«, wiederholen die Damen, die sich in zitternder Schar in unserer Wohnung drängen. »Ach, wie wird es unseren Gatten ergehen?« ... Ich kann mich nicht entsinnen, daß nach dieser ersten Revision, der beizuwohnen mir beschieden war, in meinem Hirn irgendwelche kritischen Gedanken aufgetaucht wären, daß ich mir etwa die Frage vorgelegt hätte: welcher Natur war denn dieses über unsern Häuptern plötzlich zur Entladung gekommene Gewitter? oder die Frage: weshalb benahmen sich die stutzerhaften Herrchen vom Geleite des Generals so ungezwungen, während mein verdienter und allgemein geachteter Vater vor ihnen wie ein Schuljunge bei der Prüfung stehen mußte? Oder auch die Frage: weshalb durfte dieser majestätische General mit einer Handbewegung die Existenz einer ganzen Familie vernichten, ohne daß irgend jemand von ihm Rechenschaft forderte, ob dies auch recht getan wäre? Solche Fragen existierten dazumal für mich so wenig, wie sie für meine ganze Umgebung existierten. Der Zar »darf alles«, der General hat einen Stein im Brett beim Zaren, die Stutzer aber beim General. Also dürfen auch sie alles. Man muß Gott danken, daß sie uns nicht samt und sonders vernichtet, nicht alle verjagt, daß sie noch diesen und jenen mit heiler Haut davon gelassen haben. Wenn der Komet seinen Lauf im Weltraume weiter fortsetzte und am Orte die Resultate seines Durchganges gezählt wurden, dann stellte sich zumeist heraus, daß Dienstentlassungen, Strafversetzungen, Degradationen ohne jeglichen ersichtlichen Sinn, nach purem Zufall trafen, etwa so wie das Gewitter zufällig in einen Baum einschlägt und den anderen stehen läßt. »Die obrigkeitliche Gewalt« wurde den Unterbeamten auf diese Weise jedesmal sehr nachdrücklich zu Gemüte geführt, aber als eine rein elementare blinde Gewalt, von der weder Sinn noch Zweckmäßigkeit zu erwarten waren. In einigen Beamtenfamilien wurden darauf Dankgebete abgehalten, in anderen weinte man und rief: wer mag denunziert haben, wer hat geklatscht, wer war der Ohrenbläser? Als Schuldige galten eben die »Angeber«. Sie waren es, die das Gewitter angezogen hatten. Das Gewitter selbst hingegen war jenseits von Gut und Böse. Es mußte augenscheinlich in dieser Weise verfahren, gemäß den Naturgesetzen, die sein Wesen regierten, Das rechtlose und widerstandslose Milieu wußte sich unter der Zuchtrute der Obrigkeit nur wie unter dem Anprall eines Wirbelwindes demütig und zitternd zu beugen. Noch eine Kehrseite. Die Sommerferien gingen allmählich ihrem Ende entgegen. Mir stand nunmehr ein bedeutsamer Moment: die Wiederholungsprüfung vor dem Eintritt in das Realgymnasium von Rowno bevor. Dies letztere war eine Schulanstalt von eigenartigem Übergangstypus, der bald darauf verschwinden sollte. Die neue Schulreform des Unterrichtsministers D. A. Tolstoj, auf Grund deren die staatlichen Mittelschulen in ganz Rußland in humanistische und in Realgymnasien eingeteilt worden waren, war um jene Zeit noch nicht völlig durchgeführt. In Schitomir hatte ich erst in der dritten Klasse angefangen, Latein zu lernen, mir auf dem Fuß folgte aber der lateinische Unterricht schon von der jüngsten Klasse an. Umgekehrt wurde das Gymnasium von Rowno, das mich nunmehr aufnehmen sollte, in ein Realgymnasium umgewandelt. Hier verschwand das Latein Schritt um Schritt und der Lehrplan der dritten Klasse, in die ich gerade eintreten sollte, war schon ganz nach dem neuen »realistischen« Programm, d.h. ohne Latein, dafür aber mit entschiedenem Übergewicht der mathematischen Fächer eingerichtet. Erst in Rowno, aus beiläufigen Unterhaltungen der Erwachsenen, ward mir die Erkenntnis, daß mir dank der neuen Schulreform und unserer Übersiedelung nach Rowno der Zutritt zur Universität verschlossen war, und daß nunmehr ausgerechnet die verhaßte Mathematik mein Hauptfach werden sollte. Die Wiederholungsprüfung hatte ich in allen Fächern glänzend bestanden und nur in Algebra den Lehrer durch meine frappante Unwissenheit in Erstaunen gesetzt. Der Inspektor, der vor Verwunderung darob den Kopf schüttelte, sagte zu meinem Vater, der im Wartezimmer der Entscheidung entgegenharrte: »Wir wollen den Jungen schließlich aufnehmen. Sie täten jedoch entschieden besser, ihn aufs Humanistische zu lenken.« Der Rat war natürlich vollkommen richtig, hatte jedoch leider gar keinen praktischen Wert für mich. Mein Vater mußte wie alle Beamten seine Kinder in dem Ort in die Schule schicken, an den er dienstlich gebunden war. Es zeigte sich auf diese Weise, daß die Wahl der weiteren Bildungsmöglichkeiten für uns nicht nach der geistigen Befähigung der Kinder, sondern nach den Wechselfällen der dienstlichen Laufbahn unserer Väter schon im voraus bestimmt und getroffen war. Diese in die Augen springende Ungereimtheit allein genügte vollauf, um die Schulreform des Ministers Tolstoj in den Kreisen des damaligen Mittelstandes äußerst unpopulär zu machen, und dieser Umstand hatte ganz zweifellos zu der allgemeinen oppositionellen Stimmung der von ihr betroffenen jungen Generation in erheblichem Maße beigetragen. Eines Abends – bald nach meiner glücklich bestandenen Prüfung – hatten sich beim Vater etliche Dienstkollegen, und Bekannte zum Kartenspiel eingefunden. Es war dieses so ziemlich die einzige Zerstreuung, die sich mein Vater gönnte, und sehr bald hatte er sich auch in Rowno eine kleine Tafelrunde für sein Spielchen gebildet. Da war der Gerichtsbeisitzer Kroll, ein Deutscher mit rötlichem Backenbart und ernsthafter Haltung, der durch einen seltsamen Zufall mit einer russischen Popentochter verheiratet war; dann der dicke »Polizeimeister« Dembski, wohl der letzte Vertreter dieses Amtes, das bald darauf abgeschafft werden sollte; ferner der Arzt Pogonowski, ein gutmütiger Mensch mit glattrasiertem Kinn und langem Backenbart, dieser um jene Zeit unter Aeskulaps Jüngern sehr beliebten Gesichtsverzierung; dann Pan Bogazki, der »Sekretär der Mündelfonds«, der ganze 18 Rubel monatliches Gehalt bezog, dabei aber ein Haus auf großem Fuße führte ... Da waren noch einige bescheidene Spießergestalten, die mit dem größten Ernst dem »Préférence«-Spiel oblagen und nicht im geringsten zur Politik oder gar zur Opposition hinneigten. Die Gattinnen dieser Herren saßen an den Kartenabenden gewöhnlich mit meiner Mutter im Wohnzimmer und pflegten eifrig ihre eigenen Damenunterhaltungen. Im Kartenzimmer war die Luft stets von Zigarettenrauch dick, und es herrschte dann für gewöhnlich eine beträchtliche Langeweile. Von den grünen Spieltischchen her waren immer wieder nur die üblichen lakonischen Zwischenrufe zu hören: »Ich passe«... »Ich kaufe«... »Sieben Treff«... »Sie hätten mit dem König herausrücken sollen«... Während der Pause, als sich alle ins Wohnzimmer zum Teetisch begaben, auf dem Schnaps und kalter Imbiß standen, entspann sich an jenem Herbstabend, der mir unvergeßlich bleibt, eine allgemeine Unterhaltung, die unter anderem auch die neue Schulreform streifte. Alle Anwesenden verurteilten sie einmütig vom rein praktischen Standpunkt: was könnten – fragte man – die Kinder dafür, daß ihre Väter durch den Willen der Obrigkeit ausgerechnet in Rowno den Staatsdienst tun mußten? Der Weg zur Universität bleibe ihnen dabei verschlossen, zu der Universität, die damals als die einzige wirkliche höhere Lehranstalt galt. Irgend jemand warf die Frage auf, wie denn die »Obrigkeit« eine so augenfällige Ungereimtheit hatte passieren lassen können. Mein Vater, der den »Sohn des Vaterlandes« hielt, war jetzt in der Lage, seinen Gästen über die Schicksale der Reform kurz zu berichten: im Staatsrat war das Reformprojekt Tolstojs mit Stimmenmehrheit durchgefallen, allein »der Zar stimmte der Minderheit zu« und damit war die Sache entschieden. Ein kurzes Schweigen folgte auf diese Mitteilung. Die Unterhaltung war gleichsam gegen eine hohe Mauer geprallt. »Und hinter alledem steckt Katkow,« ließ jemand mit leisem Seufzer fallen. »Freilich er,« bestätigte ein anderer. »Ach, wieviel Übel hat doch dieser Mensch Rußland schon zugefügt!« seufzte ein Dritter. Mein Vater schwieg. Er stimmte weder denjenigen zu, die die Reform verurteilten, noch rief er sein gewohntes: »Der Kranke will den Medikus belehren«. Er hielt sich sichtlich zurück. Nach einiger Zeit war das Teetrinken beendet und die Partner ins Kartenzimmer zurückgekehrt, aus dem bald wieder nur zu hören war: »Ich passe!« ... »Ich kaufe« ... »Sieben Treff« ... »Sie waren ja Renonce« ... Ich trat aus den vollgerauchten Zimmern auf den Balkon. Die Nacht war hell und heiter. Ich blickte auf den vom Mondschein übergossenen Teich und auf das alte Schloß auf der Insel. Dann ging ich hinunter, stieg ins Boot und ruderte leise bis zur Mitte des Teiches hin. Von dort konnte ich deutlich unser Haus sehen, den Balkon, die beleuchteten Fenster, hinter denen die Kartenspieler saßen. Bestimmter Gedanken, die mich etwa beherrscht hätten, kann ich mich aus jener Stunde nicht entsinnen, wahrscheinlich hatte ich auch keine solchen im Kopf, ich merkte keine schroffe Grenzlinie, die in meinem Bewußtsein etwas Neues von etwas plötzlich Überwundenem geschieden hätte. Die Theorie gewaltsamer Kataklysmen, die in der Geologie aufgegeben ist, spielt bekanntlich noch bei den Romanschriftstellern in der Schilderung seelischer Umbildungsprozesse eine viel zu große Rolle. Freilich gibt es auch schroffe Umwälzungen in der Menschenseele, wie es Vulkanausbrüche gibt, die die Erdoberfläche ins Wanken bringen. Doch das sind Ausnahmefälle; in der Regel hingegen werden die tiefgreifendsten seelischen Veränderungen durch langsame, fast unmerkliche Ablagerungen neuer Vorstellungen und durch Verwitterung alter vollzogen. Der Umstand, daß ich gerade diesen »Kartenabend« aus der Reihe vieler anderer so gut im Gedächtnis bewahrt habe, läßt mich vermuten, daß ich in jener Stunde die raucherfüllten Zimmer meines Elternhauses mit irgendeinem neuen, noch unklaren, aber entwicklungsfähigen Gedankenkeim im Hirn verlassen hatte ... Auf die einst mir vom Vater gestellte »philosophische« Frage: ob man ohne Worte denken könne, würde ich heute ganz entschieden geantwortet haben: gewiß, man kann ohne Worte denken. Der Gedanke, der in einen festumrissenen Begriff gegossen und in Worte gekleidet ist, bildet nur den oberirdischen Teil der Pflanze, ihren Stengel mit Blättern und Blüten. Die Wurzel der Pflanze aber liegt unter der Erde: in dem unsichtbaren Samen schlummern schon im Keim Stengel, Blatt und Blüte. Sie sind noch nicht da, über ihnen wuchern noch andere Stengel und Blätter und doch ist da drunten schon alles für die neue Pflanze bereit. Solche Gedankenkeime muß ich wohl damals aus der sorglosen, unbeabsichtigten und durchaus »wohlgesinnten« Unterhaltung der Erwachsenen über die unpopuläre Schulreform davongetragen haben. Vor meinen Augen lagen ein Mondscheinabend, ein schläfriger Teich, ein altes Schloß mit hohen Pappeln. In meinem Kopfe wimmelten vielleicht irgendwelche Fetzen eitler Gedanken über den nächsten Tag, die Unterrichtsstunden, sie haben jedoch keine Spur in meiner Erinnerung zurückgelassen. Unter ihnen hingegen brachen sich in meinem Hirn, mir selbst unbewußt, neue Vorstellungen vom Zaren und der höchsten Staatsgewalt Bahn. Es gibt in der Welt Sonne, Mond, Sterne, Gewitterwolken, einen Zaren, Gesetze ... All das besteht und wirkt so oder anders nicht aus irgendeinem Grunde, sondern einfach weil es eben besteht und wirkt. Gegen den Blitzschlag murren ist sinnlos und müßig. Ebenso sinnlos ist es gegen den Zaren zu murren. Da gibt's keine Fragen: weshalb ist dies und das? Der armselige Käfer und der Wasserstrom, der ihn dahinträgt, die »alte Figur« am Kolanowskischen Hause und der Blitz, der sie zerschmettert hat, der unvernünftige »Kranke« und der allwissende mächtige »Medikus«, – alle diese Beziehungen bestehen nicht aus irgendwelchem Grunde, sondern sie waren, sind und werden sein von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dies war die feste, geschlossene und einfache Weltanschauung meines Vaters, die unmerklich auch in meine Seele Eingang gefunden hatte. Nach meiner Überzeugung ist nur eine solche Weltanschauung das echte Fundament des Absolutismus »von Gottesgnaden«, und solange diese Weltanschauung noch unerschüttert besteht, ist die Macht des Absolutismus groß. Bis zu jenem Abend befand auch ich mich unter dem Einfluß einer solchen geschlossenen Weltanschauung. Der Bereich des Elementaren, Unerschütterlichen, über jede Kritik Erhabenen erstreckte sich in meiner Vorstellung von der obersten Spitze, vom Zaren herunter in immer breiterem Bett bis zum Generalgouverneur, ja sogar bis zum Gouverneur. All das erstrahlte in Glorie, wie die Figur des Generals Tschertkow, als er auf der Schwelle des zitternden Kreisgerichts erschien, all das donnerte, beglückte oder vernichtete nicht aus irgendeinem Grunde, sondern einfach so – ohne jeden Grund, Kraft eines höheren unverantwortlichen Willens, mit dem zu hadern unmöglich ist, über den selbst das Räsonnieren nicht verstattet ist. Jetzt hatte die arglose Unterhaltung der Erwachsenen in dieser Geschlossenheit meines Gesichtskreises etwas verschoben: mein persönliches Schicksal war also im voraus entschieden, – die Universität war mir und Tausenden von Jünglingen meiner Generation verschlossen. Ich empfand dies als ein Unrecht und alle in meiner Umgebung erkannten es als solches. Und doch – dieses Unrecht brauchte nicht zu sein. Irgendeine Mehrheit in irgendeinem Staatsrat hatte es verurteilt. Der Zar konnte der Mehrheit zustimmen, dann wäre alles gut geworden. Er aber stimmte, man weiß nicht weshalb, der Minderheit zu. Daraus war nach allgemeinem Urteil eine Ungereimtheit erfolgt, die nicht hätte erfolgen brauchen. Und dies geschah nicht einfach deshalb, weil der Blitz eben Blitz und der Zar – Zar ist. Nein, all dies hat unter anderen Übeln irgendein Katkow »eingebrockt«. Vor mir enthüllte sich die Kehrseite einer bedeutsamen Lebenserscheinung. Das Elternhaus schien mir einst aus einem Stück und von ewiger Dauer zu sein. Es kamen fremde Männer, brachen die Treppe nieder, setzten eine neue an und legten dabei alte verschimmelte und verfaulte Balken bloß. Da zeigte es sich, daß das Haus nicht von Uranfang und für die Ewigkeit, sondern von Menschenhänden gemacht war, wie so manches andere Ding; und so schaute jetzt hinter meiner geschlossenen Vorstellung von der Macht des »irdischen Gottes« der einfache Katkow hervor, über den man schon urteilen und den man auch verurteilen durfte. Es war wohl diese unklare Empfindung, eine neue »Kehrseite« der Dinge erfaßt zu haben, was mir jenes Gespräch und jenen Herbstabend mit dem klaren Mond über dem glatten Spiegel des Teiches so denkwürdig und bedeutend gemacht hat, obwohl ich mich an »Gedanken in Worten« dabei nicht im mindesten erinnern kann. Ja noch mehr: die Idee selbst der elementaren, über jede Kritik erhabenen obersten Gewalt blieb in meinem Hirn noch eine geraume Zeit weiter bestehen, kaum unter der Schwelle des Bewußtseins erschüttert, so wie die Larve eines Käfers unter der Erde die Wurzel einer noch lebenden Pflanze benagt. Aber seit jenem Abend hatte ich bereits meine ersten politischen Antipathien. Das waren der MinsterTolstoj und vor allem jener Katkow, dem ich zu verdanken hatte, daß mir der Weg zur Universität verschlossen und das Studium der verhaßten Mathematik beschieden war. Der erste Eindruck des neuen Gymnasiums. Ich wurde also doch aufgenommen. Bald nach der Prüfung, an einem leuchtenden Sonntagsmorgen, da ich nicht wußte, was ich anfangen sollte, schlenderte ich auf den polnischen Friedhof. Er lag auf der Vorstadt »Wola«, wo die Stadt unmerklich in plattes Land überging. Ein kleines gemütliches Kirchlein stand in nächster Nachbarschaft mit strohgedeckten Bauernhütten inmitten von Gräbern und Kreuzen. Es lag etwas ungemein Anheimelndes in diesem kleinen weißen Tempel, seinen helltönenden Glöckchen und den klangvollen Tönen der Orgel, die durch die bunten Fensterscheiben ins Freie drangen und über den Gräbern schwebten. Wenn die Orgel verstummte, konnte man das leise Rauschen der schlanken Birken vernehmen und das Flüstern der Betenden, die in der kleinen Kapelle keinen Platz mehr gefunden hatten und draußen am Eingang der Kirche knieten. Ich schlenderte lange zwischen den Grabsteinen, als mir plötzlich an einer Stelle, die mit Gras und Gesträuch dicht bewachsen war, ein merkwürdiger dunkler Fleck auffiel. Ich trat näher und gewahrte ein kleines Männlein in blauer Uniform mit Messingknöpfen. Es lag auf einer Grabsteinplatte und kratzte angelegentlich mit einem Federmesser darauf herum, wobei es dermaßen in sein seltsames Tun vertieft war, daß ihm mein Herannahen unbemerkt blieb. Kaum hatte ich aber Zeit, zu dem Schluß zu kommen, daß es für mich auf alle Fälle besser sei, den Rückzug anzutreten, als der Unbekannte aufsprang, seinen von der Erde beschmutzten Rock beklopfte und dabei meiner ansichtig wurde. »Wer ist denn das?« fragte er mit einem kreischenden hohen Tenor. »Aha, ein Neuling? Wie heißest du? Nimm dich in acht, du!« Und mir aus irgendeinem Grunde mit dem Finger drohend, entfernte er sich mit einem lächerlichen holprigen Gang. Die kleine Gestalt verschwand bald hinter dem Grün der Gräber. Kaum war der Mann fort, als hinter dem nächsten Grabgewölbe drei Schüler hervorsprangen. »Was hat er zu dir gesagt?« fragte einer von ihnen, Kroll, mit dem ich bereits bekannt war. Die beiden anderen stürzten sofort zur Grabplatte und fingen ihrerseits an, darauf fleißig zu kratzen. Als sie mit ihrer Verrichtung fertig waren, und sich mit befriedigten Mienen erhoben, betrachtete ich neugierig ihre Leistung. Auf der Platte stand unter den traditionellen Buchstaben R. I. P. (requiescat in pace) ein Knabenvorname und ein Familienname (sagen wir: Hänschen Jankiewitsch), dann Geburts- und Todesdatum. Darüber waren in einer tiefen Furche der Platte, mit Nagel und Taschenmesser ausgekratzt, zwei polnische Worte zu lesen: Ofiara srogosci (Das Opfer der Strenge). Meine neuen Kameraden erzählten mir die Bedeutung der Inschrift. Die Begebenheit hatte sich schon vor mehreren Jahren ereignet. Der kleine Jankiewitsch war bei der Gymnasialobrigkeit unbeliebt und sollte einmal wegen »Unaufmerksamkeit beim Unterricht« im Karzer nachsitzen. Der Knabe erklärte, er fühle sich krank, und bat, nach Hause gehen zu dürfen, ihm wurde jedoch kein Glauben geschenkt. Der Karzer befand sich im zweiten Stock, im hintersten Winkel des Gebäudes, zu dem ein besonderer abgeschlossener Korridor führte. Nachmals hatte auch ich mit diesem gastlichen Raum Bekanntschaft zu machen und jedesmal, wenn sich der Pförtner mit Schlüsselgerassel entfernte und seine Schritte in dem langen leeren Korridor verhallten, mußte ich an den kleinen Jankiewitsch denken, wie ihm wohl, dem kranken Knaben, in dieser Einsamkeit schrecklich zumute gewesen sein mochte. Irgendwo knarrte weit unten die Blocktür am Ausgang; bange verworrene Geräusche huschten über die Korridore und fingen sich in den Winkeln. Dann erstarb alles. Durch die obere Luftklappe des Karzers hörte man die Kastanienbäume des dichten Schulgartens rauschen. In den feuchten kalten Winkeln kroch die schwarze Dämmerung eines frühen Abends herauf ... Als der Pförtner abends kam, um den kleinen Jankiewitsch zu befreien, fand er ihn besinnungslos in einem Knäuel dicht an der Tür liegen. Der Mann schlug Lärm und rief die Gymnasialobrigkeit herbei. Diese ließ den Knaben in einem Wagen nach Hause transportieren und seiner Mutter übergeben. Er erkannte aber niemanden, fieberte, wälzte sich in größter Angst, schrie, verbarg sich immerzu vor einer eingebildeten Gefahr und starb schließlich, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Als mir diese Begebenheit berichtet wurde, befanden sich weder die Schuldigen noch die Kameraden des Opfers mehr auf dem Gymnasium. Doch ging die traurige Überlieferung von Generation auf Generation über, und die Schüler hielten es für ihre Pflicht, die Inschrift auf der Grabplatte des kleinen Märtyrers immer wieder zu erneuern. Dieses Gehaben gestaltete sich um so interessanter, als der Pedell Ditjatkiewitsch – im Pennälerjargon Didonus genannt – es seinerseits als Pflicht betrachtete, die aufrührerischen Worte von Zeit zu Zeit wegzukratzen. Die Furche der Platte vertiefte sich durch diesen Wettstreit immer mehr, aber die Inschrift erstand aus ihr immer wieder und erhielt das Gedenken an die schulobrigkeitliche »Strenge« und an ihr Opfer lebendig ... Derart war der erste Gruß, mit dem mich das Realgymnasium von Rowno bewillkommte. Der gelbrote Papagei. Obwohl mich heute Jahrzehnte von jener Zeit trennen, sehe ich mich auch jetzt noch manchmal im Traum als Schüler des Gymnasiums in Rowno. In meinen Ohren dröhnt immer noch der besondere Klang der eiligen Schulglocke, und ich weiß: jetzt hat sich der alte Pförtner, ein ehemaliger Nikolajscher »Kantonist«, in den Winkel des Gymnasialgebäudes begeben, wo hoch zwischen zwei Pfählen die nickende Glocke hängt, und er zieht an der langen Schnur. Der hartnäckige, eilige, sich gleichsam überschlagende Klang fliegt über den Wasserspiegel der Teiche dahin, dringt in die Wohnungen der Schüler. Alsbald wird dichtes Getrappel eiliger Knabenschritte in den Straßen, über den Holzbrücken vernehmbar und das Anschlagen der Blockgittertüren. Das Getrappel verstärkt sich, dann ebbt es schnell ab; der riesenhafte Inspektor, Stepan Jakowlewitsch Ruschtschewitsch, schreitet über den Schulhof, im Gebäude erstirbt jeder Lärm, nur ich laufe noch als letzter hin oder trete in die leeren Korridore mit dem peinigenden Bewußtsein, daß ich mich bereits verspätet habe, und daß Stepan Jakowlewitsch mich von seiner pyramidalen Höhe mit dem mir wohlbekannten schweren Blick mißt ... Zuweilen träume ich, daß ich auf der Bank sitze und der Prüfung harre oder darauf warte, zur Tafel vorgerufen zu werden. Dabei quält mich die gewohnte Empfindung des Nichtvorbereitetseins und der Unsicherheit ... Schon diese Lebendigkeit der Erinnerungen beweist, wie fest und unauslöschlich die Eindrücke sind, die jene Zeit in meine Seele gegraben hat. Kein Wunder. Ich habe auf dem Gymnasium von Rowno fünf Jahre verbracht, dazu kommen zwei Jahre auf der Anstalt in Schitomir. Das macht, gerechnet zu 250 Tagen im Jahre, die ich in der Schule oder in der Schulkirche verbracht habe, und den Tag zu vier bis fünf Unterrichtsstunden, ungefähr 8000 Stunden, während der sich zusammen mit mir Hunderte jugendlicher Hirne und Seelen in unmittelbarer Gewalt von ein paar Dutzend Erziehern befanden. Das verstummte Gymnasialgebäude erscheint mir jetzt als eine Art riesigen Schalltrichters, in dem der pädagogische Chor die Hirne und Seelen von Hunderten künftiger Menschen auf gewisse Art, stimmte. Ich möchte jetzt, und sei es in ganz allgemeinen Zügen, die vorherrschenden Noten jenes Chors hier näher beschreiben. Noch in Schitomir, als ich in der zweiten Klasse war, hatten wir als Zeichenlehrer einen alten Polen, Sobkiewitsch mit Namen. Er sprach mit uns stets nur polnisch oder ukrainisch, liebte sein Lehrfach fanatisch und betrachtete es als die wahre Basis der menschlichen Bildung. Einmal, als er aus irgendwelchem Grunde über unsere ganze Klasse in Zorn geriet, packte er seine Mappe vom Katheder, hob sie hoch über den Kopf und schleuderte sie mit aller Kraft auf den Boden. Mit seinen blitzenden Augen und der weißen Mähne um den Kopf, ganz in Zorn entflammt, sah er aus wie Moses, der die Gesetzestafeln zerschmettert. »Ihr Kaffern! Ihr Schöpse! Ihr Esel!« schrie er auf gut polnisch, »Was sollen alle eure Grammatiken und Arithmetiken, wenn euch die Schönheit des menschlichen Auges ein Buch mit sieben Siegeln ist!« ... Dieser Auftritt mag ungeschliffen und lächerlich gewesen sein, uns Knaben war es jedoch damals durchaus nicht zum Lachen. Von der hünenhaften Gestalt des alten Künstlers wehte uns, gedankenlose Bubenschar, wie ein Gewitterhauch die Begeisterung des fanatischen Glaubens an das Studium, an die höhere Weihe der Kunst an ... Wenn der Mann zu einem Schüler trat, der sich beim Zeichnen mühte, und mit seinem großen Finger auf dem Zeichenpapier herumfahrend, sprach: »Aha, so mußt du's machen; begreifst du, Kleiner? Hier rundet es sich. So, so ist's recht; jetzt noch etwas kräftiger, dicker! Aha, siehst du wohl? Jetzt leuchtet es, jetzt sieht es nach etwas aus! ...« dann schien es, daß unter seinem Finger auf dem Papier von selbst die Formen auflebten und man sie nur festzuhalten brauchte. Noch eine lebendige Gestalt, gleichfalls aus Schitomir, haftet in meinem Gedächtnis: das ist der Geistliche Owsjankin. Er hatte ganz milchweiße Haare und wundervolle dunkelblaue Augen. In diesen Augen leuchtete fortwährend eine eigenartige gütige Unruhe. Und wenn er manchmal, während ich die Lektion aufsagte, in dieser Weise in meine Augen blickte, dann war es mir, als suche er in mir in liebevoller Sorge nach etwas, was sowohl für mich wie für ihn selbst von höchster Bedeutung war. Einmal hatte er den Einfall, für seine Schüler eine besondere Vorbereitung zum Empfang des Abendmahles, getrennt von den anderen Kirchenbesuchern, zu veranstalten. Zu diesem Behufe improvisierte er schnell einen Schülerchor unter der Leitung von zwei Popensöhnen, die gerade zu unserer Schar gehörten, und hielt für uns persönlich nach dem allgemeinen Gottesdienst ein besonderes Hochamt ab. Ich glaube, der alte Hirte hatte dabei insgeheim die Hoffnung, wenigstens für diese kurze Zeit unsere Seelen ganz in seine Macht zu bekommen. Uns gefiel der Einfall soweit ganz gut. Die Kirche war zu unserer ausschließlichen Verfügung, sie erschien uns auch in diesen Stunden ganz besonders gemütlich, friedlich und anheimelnd. Weder Aufseher noch Aufsicht waren zu spüren. Allein, sobald die Schüler nach dem Drill eines ganzen Jahres in diese Atmosphäre der Freiheit gerieten, arteten sie auch sogleich nach echter Bubenart aus. Alle wurden von einer besonderen Ausgelassenheit ergriffen, zumal während der Chorübungen, bei denen der Geistliche nicht zugegen zu sein pflegte. Nach einer solchen Übung, während der die Sänger außergewöhnlich viel Unsinn anstellten, gerieten sie einmal ganz und gar außer Rand und Band und sangen beim abendlichen Chor »Vater und Sohn und heiliger Geist« mit einer keck entstellten Endsilbe. Eine wirklich lästerliche Absicht war sicher dabei nicht im Spiele, vielmehr war es nur das Überschäumen einer kindlichen Ausgelassenheit. Die losen Bengel leisteten sich eher einen frechen Spaß mit dem guten Seelsorger, als daß sie über die Vorstellung von Gott zu spotten gedächten. Nach Schluß des Amtes wurde uns mitgeteilt, daß uns der Geistliche alle bitte, zu bleiben. Wir versammelten uns am linken Klyros. In der schwach beleuchteten alten Kirche wurde es plötzlich feierlich still und traurig. Nach einer Minute trat der alte Owsjankin vor den Altar mit ernstem, gleichsam schuldbewußtem Gesicht. Er schritt auf uns zu und begann: »Kinder ... meine Kinder ...« Weiter kam er nicht. Sein milchweißes Gesicht zuckte hilflos, die dunkelblauen Augen verschleierten sich und über die welken Wangen strömten dicke Tränen. Diese Tränen, die nicht Zorn, nicht Drohung, sondern inniger Schmerz ausgepreßt hatte, erschütterten uns ungleich tiefer, als es die beredteste Predigt hätte tun können. Die zerknirschten Sänger stürzten als die ersten auf ihn zu; sie bedeckten mit Küssen seine Hände, seine breiten Ärmel. Darauf drängten sich um den Greis auch die anderen, an der Lästerung unbeteiligten Schüler; wir alle waren von Reue ergriffen, daß auch uns der üble Spaß lustig und amüsant vorgekommen war. Der Greis legte seine Hände auf unsere kurz geschorenen Bubenköpfe, und seine Züge hellten sich allmählich auf. An die Möglichkeit der Strafe für uns war kein Gedanke mehr. Auch ohne dies hatte Owsjankin einen vollen Sieg errungen. Die Vorbereitung zum Abendmahl ging zu Ende unter dem Eindruck dieses Vorfalls, der uns geistig mit dem alten Popen innig verknüpft hatte. Und nie seitdem hat das reumütige Gebet Ephrem Sirins auf mich so tief gewirkt, wie in jenen Tagen, als es für uns von dem weißhäuptigen Owsjankin in der bescheidenen alten Kirche gelesen wurde, während unter der niedrigen Decke der Gesang des ergriffenen Knabenchors ertönte. In Rowno endlich fand ich noch Überlieferungen von einem Professor der Physik, den ich in dieselbe Kategorie mit meinem Zeichenlehrer und dem guten Popen einreihen möchte. Offenbar war auch der Physiker eine in ihrer Art hervorragende Persönlichkeit, denn die Erzählungen über ihn gingen von Generation auf Generation über. Er war ein Naturphilosoph und Materialist. Nach seiner Meinung waren physikalische Gesetze imstande, alles zu erklären oder sollten es doch sein. Seine Experimente führte er im Unterricht mit solcher Begeisterung aus, als wäre jedes einzelne eine Offenbarung, die den Vorhang vor einem Welträtsel lüftete. Im Lehrerzimmer pflegte sich zuweilen zwischen ihm und dem Schulgeistlichen eine leidenschaftliche Polemik zu entspinnen, in der der Physiker den sechs Schöpfungstagen gegenüber, die der Pope vertrat, die Theorie der geologischen Perioden verteidigte. Den Künstler Sobkiewitsch hatte man uns schon zum Schluß meines ersten Schuljahres auf dem Gymnasium von Schitomir genommen: die Periode der Russifizierung war angebrochen, der alte Mann konnte es aber nicht fertig bringen, während des Unterrichts russisch zu sprechen, wie sehr sich der Ärmste auch Mühe gab und Zwang antat, – in russischer Sprache wollte sich bei ihm nichts »runden« und nichts »leuchten«. Überhaupt paßte seine ganze originelle Gestalt gar schlecht in das steife Reglement der staatlichen Anstalt. Der gute Owsjankin wurde gleichfalls durch einen neuen Religionslehrer ersetzt, einen gewissen Solski, einen trockenen und strengen Patron. Der Rownoer Naturphilosoph endlich wurde verabschiedet auf Grund einer Denunziation seines Antagonisten, des Popen, der auf diese Weise das Dogma der sechs Schöpfungstage in seiner Unantastbarkeit wiederhergestellt hatte. So verschieden jene drei Gestalten waren, sind sie in meiner Erinnerung durch ein gemeinsames Band verknüpft: durch den Glauben an den eigenen Beruf. Ihre Dogmen waren verschieden: Sobkiewitsch hätte wohl vor der Schönheit des menschlichen Auges die Physik so wenig respektieren mögen wie die Grammatik. Dem Popen Owsjankin war die Schönheit des menschlichen Körpers sicher so gleichgültig wie die exakte Naturwissenschaft; der Physiker seinerseits hätte wahrscheinlich auch mit dem guten Owsjankin über die sechs Schöpfungstage leidenschaftlich gestritten. Inhaltlich war der Glaube jener Drei verschieden, doch ihre Psychologie war im Grundwesen die gleiche. Jetzt möchte ich eine auffällige Lehrererscheinung von ganz anderer Sorte vorführen: den Professor der deutschen Sprache und meinen entfernten Verwandten, Ignaz Franzewitsch Lotozki. Ich war noch nicht einmal im Pensionat, als er aus Galizien nach Schitomir kam. Er besaß das Diplom einer der ausländischen Universitäten, was damals zur Anstellung als Lehrer an den russischen Gymnasien befähigte. Es begab sich, daß einmal bei Rychlinskis in seiner Gegenwart jemand über die Auslandsdiplome sich unehrerbietig ausgelassen hatte. Lotozki erhob sich, verließ das Zimmer, kehrte nach einer Weile mit seinem Diplom in der Hand zurück und zerriß es in kleine Fetzen. Darauf fuhr er nach Kijew und legte eine neue Prüfung bei der dortigen Universität ab. Nun wurde er an dem Gymnasium von Schitomir angestellt und heiratete eine meiner Tanten. Man war allgemein der Ansicht, daß sie eine ausgezeichnete Partie gemacht hatte. Sehr bald jedoch fiel es sogar uns Kindern auf, daß die lebenslustige muntere junge Frau oft mit verweinten Augen zu uns kam, sich mit unserer Mutter einschloß, ihr irgend etwas unter vier Augen berichtete und dabei weinte. Geschah es aber einmal, daß wir es auf Besuch bei der Tante in Spiel und Ausgelassenheit etwas bunt trieben, dann öffnete sich die Tür vom Arbeitszimmer des Onkels ein wenig und in dem Spalt erschien das peinlich glattrasierte Gesicht mit den glänzenden Glotzaugen. Das genügte, daß wir sofort verstummten, die Tante aber erbleichte und völlig fassungslos wurde. Wenn ich nicht irre, war es damals, daß ich zum ersten Male den Ausdruck »Tyrann« zu hören bekam. Bei alledem wurde Lotozki allgemein als ein musterhafter Pädagoge anerkannt, und eine glänzende Laufbahn schien ihm bevorzustehen. Er war einer vom Typus jener »Eingewanderten«, wie sie nachmals unter Tolstoj in unserem Unterrichtswesen allenthalben wimmelten, freilich mit dem Vorzug, daß Lotozki die russische Sprache vortrefflich beherrschte. Stets tadellos gekleidet, ordentlich rasiert, sauber und akkurat, ohne ein Stäubchen auf der glänzenden Uniform, erschien er zum Unterricht pünktlich auf die Minute und begab sich mit gemessenen Schritten aufs Katheder. Hier hielt er still und warf über die ganze Klasse einen prüfenden Blick aus seinen vorstehenden glänzenden lebhaften Augen. Unter der Wirkung dieses Blickes erstarb alles. Es schien, als könnte ein Professor unmöglich seine Klasse mehr in der Gewalt haben. Das Ideal der Disziplin im üblichen Sinne dieses Wortes schien hier erreicht zu sein. Lotozki war in der Klasse gefürchtet, man bereitete sich für seine Stunden sorgfältiger vor als für irgendeinen anderen Professor, im pädagogischen Rat hatte seine Stimme ein großes Gewicht. Der Blick jedes höheren Visitators verweilte mit Wohlgefallen auf dieser mustergültigen Beamtengestalt mit der strammen und imposanten Haltung. Und doch! ... Die Schüler hatten schon längst die Achillesferse dieses idealen Pädagogen entdeckt, und kein anderer Professor wurde zur Zielscheibe so zahlreicher und dazu so gelungener Karikaturen wie gerade er. Es war bekannt, daß Lotozki während seiner sechs- oder siebenjährigen Unterrichtstätigkeit keine einzige Stunde hatte ausfallen lassen. Er pflegte zum Unterricht auf die Minute zu erscheinen. Über den Korridor ging er stets in derselben storchähnlichen Haltung, stocksteif mit großen Schritten, von der Klassentür bis zum Katheder machte er stets dieselbe Anzahl Schritte. Auch hatte man die Beobachtung gemacht, daß, wenn es ihm passierte, mit dem falschen Fuß auf die Schwelle zu treten, er einen Schritt zurückmachte und von neuem richtig auftrat, wie ein marschierender Soldat, der aus dem Takt gefallen ist. Auf dem Katheder blieb er stets in derselben Pose ein Weile stehen. Wehe, wenn in diesem Augenblick ein Schüler eine überflüssige Bewegung machte oder seinem Nachbar ein Wort zuraunte! Sofort streckte Lotozki seinen Arm aus, wies mit einer seltsamen Bewegung des Zeigefingers und des Daumens in den Winkel, wobei er den Namen des Sünders mit einer schroffen Betonung der letzten Silbe rasch hervorstieß und fast alle Vokale verschluckte: »Kr–tschn–kò! ... Wrsch–wskì! ... Abrm–wìtsch! ...« Das sollte heißen, daß Kiritschenko, Warschawski oder Abramowitsch zur Strafe im Winkel stehen sollten. Im Klassenzimmer verbreitete sich darauf eine absolute, peinigende, bange Stille. In ihr fielen nur von Zeit zu Zeit kurze schroffe Fragen des Lehrers und eilige Antworten der Schüler. Mit einem Wort, sein Unterricht war eine Art pädagogischer Katorga musterhafter Art! Allein im Zuchthaus werden bekanntlich auch unterirdische Gänge gegraben und Breschen zur Freiheit gelegt. Es zeigte sich, daß auch in dieser unübertrefflichen, abgesperrten und festbesiegelten Alleinherrschaft meines gestrengen Herrn Onkels über die Klasse ganz erhebliche Lücken vorhanden waren ... Es geschah bald nach meinem Eintritt in das Gymnasium, daß während des Namenrufs der Schüler Kiritschenko fehlte. Als Lotozki dessen Namen verlas, erhob sich der Nachbar des Fehlenden, blieb in seltsamer stocksteifer Haltung stehen und sagte ebenso abgehackt in offenkundigster Nachäffung der Manier, des Professors: »Krtschn–kò nicht ersch–nèn.« Die Parodie war derart auffällig und dreist, daß ich mit Schreck und Verwunderung meinen Blick auf Lotozki richtete. Allein mein gestrenger Onkel merkte nichts. Er hackte weiter Namen auf Namen. In der Totenstille tönte nur seine metallische Stimme und die kurzen Antworten: »Hier ... hier ... hier ...« Aber in den Augen der Schüler blitzte ein leises Lächeln auf. Ein anderes Mal fing Lotozki an, uns die Deklination der Adjektiva in deutscher Sprache auseinanderzusetzen. Die Schüler spitzten sofort die Ohren, und über die Klasse flog ein kaum merklicher Funke der Verständigung. Mein Nachbar stieß mich mit dem Ellbogen an: »Jetzt kommt der Papagei,« raunte er mir kaum hörbar zu. Die glänzenden Augen Lotozkis blitzten auf, in den Bänken herrschte jedoch bereits wieder Totenstille. »Der gelb-rote Papa–gei,« sagte er gedehnt, »Wohlan! Nominativ: der gelb-rote Papa–gei. Genitiv: dès gelb-roten Pa–pa–gà–a–ei–ès« ... In der Stimme Lotozkis tauchten eigentümliche vibrierende Noten auf. Er begann zu skandieren mit sichtlichem Genuß an dem singenden Rhythmus. Beim Dativ gesellte sich der Stimme des Lehrers, leise einschmeichelnd und ermunternd, die singende Begleitung der gesamten Klasse zu: »Dèm gelb–ro–ten Pà–pa–gà–a–ei–è...« Im Gesichte Lotozkis trat der Ausdruck eines Katers auf, den man hinter den Ohren krault. Sein Kopf hing nach hinten über, die große Nase zielte zur Decke, der dünne breite Mund öffnete sich wie bei einer brünstig quakenden Kröte. Der Plural verlief schon mitten im skandierenden Donner. Das war eine förmliche Orgie des Skandierens. Mehrere Dutzend Stimmen zerhackten den gelb-roten Papagei in Stücke, warfen ihn in die Luft, wiegten ihn, hoben ihn auf die höchsten Töne und ließen ihn auf die tiefsten Noten fallen. Die Stimme Lotozkis war längst vom Schülerchor verschlungen; sein Kopf lehnte auf der Lehne seines Sessels und nur die weiße Hand in der blendenden Manschette klopfte in der Luft den Takt mit dem Bleistift, den er zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen hielt. Die Klasse raste. Die Schüler äfften dem Lehrer schon ganz ungeniert nach, lehnten gleichfalls die Köpfe zurück, wiegten sich, schnitten Grimassen. Zwei oder drei Tollköpfe waren sogar auf die Bänke gesprungen. Auf einmal – kaum war die letzte Silbe des letzten Akkusativs wie abgeschnitten – als die Klasse wie durch Zauberei eine neue Verwandlung aufwies. Auf dem Katheder saß wieder steif, streng und mißtrauisch der Professor, dessen glänzende Augen wie Blitze die Bankreihen entlangflogen. Die Schüler waren wieder wie versteinert. Nur ich blickte verständnislos mit offenem Munde um mich. Kryschtanowitsch stieß mich mit dem Ellbogen an, aber es war zu spät: Lotozki rief scharf meinen Namen und wies mit zwei Fingern in den Winkel. Darauf vergingen wieder einige Unterrichtsstunden in eiserner »Ordnung«, bis Lotozki auf seinen gelbroten Papagei oder ein anderes hypnotisierendes Wort verfiel. Die Schüler hatten instinktiv ein ganzes System ausgearbeitet, um den Lehrer unmerklich an derartige Worte heranzuschieben. Das war ein Kampf von zweierlei Hypnosen, und der Sieg neigte sich auf die Seite der Masse. Bei Lotozki schien manchmal eine dunkle Ahnung aufzusteigen, daß irgend etwas in seiner Klasse nicht ganz stimmte, und seine Blicke betasteten die Bänke vor jeder Skandierung wie nach derselben mit mißtrauischer Unruhe. Doch die absolute Stille, die in der Klasse herrschte, schläferte seinen Argwohn immer wieder ein. Auch begann der tückische Schülerchor und steigerte sich stets so einschmeichelnd, so vorsichtig und unmerklich ... Hinter der Glastür des Klassenzimmers tauchten manchmal im Korridor erstaunte Gesichter der Pedelle oder des Inspektors auf, herangelockt durch die seltsamen Schreie des gelbroten Papageis. Schritt jedoch Lotozki nach Schluß des Unterrichts aus der Klasse in das Lehrerzimmer in seiner üblichen reservierten, kühlen und unantastbaren Haltung, im Bewußtsein seiner mustergültigen Korrektheit, dann hatte niemand den Mut ihm gegenüber etwas darüber verlauten zu lassen, daß seine Klasse mitunter merkwürdig an ein Irrenhaus erinnerte. Einmal kam seine Frau besonders erschrocken zu meiner Mutter und sagte, »Ignaz habe auf dem Gymnasium Unannehmlichkeiten gehabt.« Offenbar hatte der Inspektor sich endlich entschlossen, »den Herrn Professor darauf aufmerksam zu machen, daß« usw. Lotozki brauste auf, ganz wie damals, als man über sein ausländisches Diplom zu spötteln wagte, und wurde bald darauf nach Tschernigow versetzt. Es erwies sich jedoch, daß der gelbrote Papagei ihm dahin gefolgt war. Instinktiv fühlte die Schuljugend auch hier die Züge des fatalen Automatismus heraus. Auf die Hypnose der Disziplin reagierte sie mit ähnlicher Einwirkung. Die Schablone fraß unterdessen meinen Onkel immer mehr auf. Sein Gang wurde immer stocksteifer, seine Erläuterungen im Unterricht erstarrten immer mehr in festen Formeln, von denen die Schüler nicht bloß Sätze und Worte, sondern sogar die Betonungen im voraus wußten. Man kopierte ihn mit dreist ehrerbietigen Mienen, und der Papagei donnerte immer lauter und häufiger. Schließlich hat der verhängnisvolle Vogel die glänzend begonnene Laufbahn Lotozkis denn doch kaput gemacht. Er wurde immer wieder aus einem Gymnasium ins andere versetzt und nahm endlich etwa vier Jahre vor seiner Pensionsberechtigung den Abschied. Natürlich hatte der Mann offenbar eine gewisse Veranlagung von Hause aus gehabt, die der abstumpfenden Wirkung der Schulroutine Vorschub leistete. Bei andern kam diese Wirkung nur nicht so grell wie bei ihm zum Vorschein. Immerhin, wenn ich jetzt an die endlose Reihe von Stunden zurückdenke, die ich in den Mauern des Gymnasiums verlebt habe, so ist mir auch heute noch, als höre ich in der gespannten Stille jener Stunden immer wieder die maniakalischen Schreie des gelbroten Papageis ... Nehmen wir jetzt den französischen Professor Lumpi vor. Schweizer von Geburt, wurde er durch den unerforschlichen Ratschluß des Schicksals nach Rowno verschlagen und lehrte hier schon an die vierzig Jahre auf dem Gymnasium die französische Sprache. Eine Familie hatte er nicht. Seine ganze Welt war die Klasse, das Lehrerzimmer und die wenigen Schritte vom Gymnasium gelegene Junggesellenwohnung. Seit vierzig Jahren ging er in bestimmten Stunden wie ein Automat die paar Schritte zum Gymnasium und zurück. Es war eine große Seltenheit Monsieur Lumpi mal außerhalb dieser Strecke irgendwo in der Stadt anzutreffen. Russisch konnte er nur radebrechen. Seine Erläuterungen zum französischen Unterricht bestanden in ein paar stereotypen Formeln, die man der Kuriosität halber im Gedächtnis behielt. Immerhin hatte er sich ungeachtet seiner langen Dienstzeit eine beträchtliche Portion Wachsamkeit und Hartnäckigkeit bewahrt, deshalb waren die Unterrichtsstunden der französischen Grammatik, die Lumpi von den Übersetzungen ganz getrennt behandelte, für uns Schüler eine wahre Folter. Durch diese Hülle des Automaten blickte jedoch hin und wieder der Schimmer eines anderen Lebens hervor. Der Mann liebte es, von seiner Vergangenheit zu erzählen. In jeder Klasse gab es denn auch einen Spezialisten, der Monsieur Lumpi aufzuziehen verstand, wie der Uhrmacher eine Uhr aufzieht. Man brauchte nur eine bestimmte Feder in ihm anzurühren, und der alte Herr legte das langweilige Journal beiseite, seine kleinen Äuglein erglänzten im feuchten Glanz, und endlose Erzählungen begannen herabzurieseln. Jetzt befand man sich im Reich des Nebelhaften, Legendären, phantastischen. Er war in der Schweiz geboren ... Er hatte bei dem großen Pestalozzi studiert ... Pestalozzi war der genialste Pädagoge ... Lumpi war sein bester Schüler gewesen ... Er war der Kanonier der Schülerabteilung ... All dies gab er zum Besten mit einer kindlich gerührten, süßlich lallenden Stimme, mit zusammengekniffenen Augenlidern, die Handflächen mit steifen Fingern nach oben gekehrt. Die Schüler, die diese ganze Geschichte auswendig wußten (mitunter schon nach der Wiedergabe ihrer Väter zu Hause), ergaben sich derweil allerlei nützlichen Beschäftigungen: sie ochsten ihre Aufgaben für die nächsten Stunden, spielten miteinander um Knöpfe oder Stahlfedern. Der arme Sohn der freien Schweiz aber redete und redete. Er hatte den großen Napoleon gekannt ... In irgendeiner Notlage hatte Lumpi dem großen Corsen einen wichtigen Dienst als Führer in den Alpen erwiesen ... Sie bestiegen senkrechte Felswände, die Handflächen mit klebrigem Pech beschmiert ... Der große Monarch klopfte ihm aus die Schulter und sagte: »Mon brave petit Lumpi« , das heißt: du bist ein tüchtiges Kerlchen, Lumpi ... Wenn das Thema zu versickern drohte, brachte der »Uhrmacher« die afrikanische Wüste aufs Tapet. Lumpi begab sich alsdann gehorsam nach Afrika, wanderte über sengende Sandflächen, sah wie die Boa Constrictor ein junges Rind verschlang. Die Hörner des unglücklichen Vierfüßlers ragten unter der Haut »de ce monstre« hervor wie Finger in einem Handschuh und wanderten so vor den Augen des Zuschauers vom Hals der Schlange bis zu ihrem Magen ... Die erlösende Glocke unterbrach die endlose Reise, und die französische Grammatik blieb diesmal glücklich aus dem Spiel. Mitunter passierte es jedoch, daß der Uhrmacher die rechtzeitige Replik verabsäumte. Alsdann erlosch die Phantasie Lumpis, er seufzte tief, seine Hand streckte sich nach dem Journal hin und in den fünf oder sechs Minuten, die noch übrig geblieben waren, fand er Zeit, mehrere schlechte Noten auszustellen. Als erstes Opfer pflegte gewöhnlich der »Uhrmacher« selbst auf der Strecke zu bleiben. Der Professor der russischen und altslavischen Sprache, Jegorow, war noch beleibter als Lumpi, nur erinnerte dieser an einen Zylinder, während jener kegelförmig war. Sein Kopf war unverhältnismäßig klein, die Äuglein verschwanden förmlich in den Fettfalten und lugten nur noch als zwei schmale Schlitze hervor, die Nase präsentierte sich als ein winziges Knöpfchen, und das Organ des Herrn Professors war ein dünnes Fistelstimmchen. Wurde man in seiner Stunde vorgerufen, dann hieß es rasch, eintönig und fließend daherzureden, hatte man derart angefangen, dann konnte man weiter faseln, soviel man wollte. Jegorow saß wie eingelullt mit geschlossenen Augen da, ließ seine kurzen Beinchen in der Luft baumeln, und sah mit seinem runden Leibe wie ein chinesischer Götze aus. Der Schüler brauchte aber nur einmal zu stocken oder den Ton zu ändern, sogleich öffnete Jegorow die Augen, warf den Kopf in den Nacken und rief beleidigt: »Jetzt kommt die Note, die Note, die Note!« Beim dritten Ruf machte er einen raschen Federzug und im Journal saß die charakteristische Jegorowsche »Zwei« in Gestalt eines Fragezeichens. »Die Note ist da, setz dich!« Hatte er uns eine neue Aufgabe auseinanderzusetzen, dann pflegte er an die erste Bankreihe heranzutreten und seinen Bauch dagegenzustemmen. Zu diesem Behufe beschmierten die Schüler regelmäßig die erste Bankreihe mit Kreide. Im Korridor sprang gewöhnlich der Pedell Ditjatkiewitsch herbei und suchte diensteifrig die weiße Binde vom Jegorowschen Bauch wegzuputzen, doch pflegte er sich gleich in der nächsten Stunde mit einer neuen zu versehen. Der Geograph Samarewitsch ähnelte am meisten meinem verehrten Onkel Lotozki, nur besaß er weder dessen Glanz noch dessen Selbstbewußtsein. Hager, lang, trocken und gelb, sprach er immer gedehnt, mit einer unangenehm klirrenden Stimme, die halb wie Klage und halb wie Drohung klang. Den Korridor entlang pflegte er ganz wie Lotozki mit langen steifen Storchbeinen zu stelzen, wie wenn er über Pfützen schreiten müßte. Die metallenen Türklinken faßte er nie mit bloßen Händen, sondern durch den Ärmel an. Hatte er das Katheder bestiegen, dann blieb er, wiederum wie Lotozki, erst eine Weile steif stehen, stets in der gleichen Pose und mit der Hand das einzige Haarbüschel fassend, das ihm durch eine seltsame Laune der Natur just an der Gurgel wuchs, wählend sein Gesicht sonst völlig bartlos war. Die Klasse verstummte augenblicklich in banger Beklemmung. Der lange dünne Hals Samarewitschs mit dem vorstehenden Adamsapfel machte in dem breiten Kragen schlangenartige Bewegungen, und seine trockenen galligen Augen liefen tastend über die Reihen der Schüler von rechts nach links. In diesen Augen und diesem Gesicht waren deutlich grundlose Bosheit und zugleich Leiden zu lesen, während des qualvollen Augenblicks wälzte sich über die Klasse, dem stechenden Blick des Lehrers folgend, gleichsam eine Woge der Todesstarre. Es genügte in diesem Moment, daß ein Schüler sich nur regte, sich umdrehte, das Bein bewegte, damit sofort die unheimlich singende Stimme ertönte: »Primus! Führe diesen da in den Dunkelarrest ab.« Es gab gar keinen Dunkelarrest, niemand führte uns dahin ab, und wir vertrieben uns die Zeit einfach in irgendeinem leeren Klassenzimmer. Das war, zumal für diejenigen, die ihre Aufgaben nicht vorbereitet hatten, sogar sehr bequem, doch benutzte man diesen Vorteil selten, dermaßen peinigend war der Augenblick der Strafverhängung. Dasselbe Resultat konnte man übrigens auch anders erzielen: man brauchte nur das Taschenmesser aufzuklappen und anzufangen die Nägel zu putzen. Samarewitsch warf sofort verzweifelt seine beiden Arme wie Windmühlenflügel in die Luft, nannte den Schüler einen Schuft und hieß ihn aus dem Klassenzimmer gehen. Aufgaben wurden für diesen Professor fleißig vorbereitet. Nicht als ob sie uns irgendein Interesse einflößten, es war aber unheimlich, vor ihm dazustehen, ohne antworten zu können. Somit war Samarewitsch als Lehrer bei der Gymnasialobrigkeit im besten Ansehen. Niemand ahnte selbstredend auch nur entfernt, in welches Zerrbild er die Erkenntnis der schönen Gotteswelt für uns im Grunde genommen verwandelte. Einmal hatte ich vor der Prüfung in der Geographie einen merkwürdigen, heute würde man sagen: symbolischen, Traum. Auf einem riesenhaften Fußboden lag eine endlose Landkarte mit farbig ausgemalten Flächen, mit wellenförmigen Linien für die Flüsse, mit schwarzen Punkten für Städte. Ich betrachtete angestrengt die Landkarte, vermochte mich jedoch weder an die Namen der Städte zu erinnern, noch auch daran, welcher von diesen schwarzen Punkten durch Holzhandel berühmt ist und welcher in Wolle und Speck hervorragende Geschäfte macht. Im Mittelpunkt der Landkarte aber ragte auf dünnem schlangenartig sich krümmenden Hals ein Kopf, der mich mit stechenden Augen anstarrte, auf meine Antwort harrend. Das Weltmeer mit seinen Stürmen, die weite schöne Welt, der befruchtende Arbeitsschweiß der schaffenden Menschheit, – all das hatte sich für mich in ein riesenhaftes Blatt Papier mit rätselhaften Flecken, Linien und Punkten verwandelt, deren Bedeutung für mich völlig erloschen war ... Die trockene Erscheinung unseres Geographen hatte übrigens einen unheimlichen und tragischen Zug. Der Mann hat denn auch ein furchtbares Ende genommen. Aus unserem Gymnasium wurde er in eine andere Stadt versetzt, und dort bekam seine Frau – ein gutmütiges Frauenzimmer, das durch ein fatales Schicksal an einen Monomanen gekettet war – die Genehmigung, Schüler in Pension zu nehmen. Sie wollte das Unternehmen auf eigene Faust betreiben, doch hatte es Samarewitsch bald fertig gebracht, seine erstarrende Wirkung auch auf diese Sache wie einen Albdruck auszuüben. Man erzählte, daß er jeden Abend vor dem Schlafengehen an der Spitze seiner Dienstboten sämtliche Zimmer der Wohnung inspizierte, in alle Winkel hineinblickte, unter Tische und Betten leuchtete. Darauf wurde jedesmal die Wohnung verschlossen, und Samarewitsch pflegte den Schlüssel mit ins Schlafzimmer zu nehmen. Einmal, das war schon in den siebziger Jahren, ertönte nachts draußen an den Toren dieser abgesperrten Festung kräftiges Pochen. Samarewitsch ging, wieder an der Spitze der Dienstboten, die mit Besen und Feuerhaken ausgerüstet waren, an die Tür, um hier zu erfahren, daß man »im Namen des Gesetzes« Einlaß forderte. Die Tür wurde natürlich sofort geöffnet, und Gendarmen mit Polizei traten ein. Bei einem der Schüler nahm man Haussuchung vor, worauf der Schüler verhaftet wurde. Dieses Ereignis hatte unseren Geographen wie ein Keulenschlag, betäubt. Einige Tage lang ging er mit versteinertem Gesicht herum, auf dem ein Todesschreck gemalt war, darauf fand man ihn eines Morgens tot. Trotz allen krankhaften Abscheus vor scharfen Instrumenten hatte er sich die Kehle durchgeschnitten. Die Gendarmen waren ihm offenbar doch noch schrecklicher erschienen als das Rasiermesser ... Professor der deutschen Sprache Kranz ... Ein kleiner, beweglicher, spindeldürrer Mensch, nichts als Haut und Knochen, dazu ein völlig unbehaartes Gesicht – der richtige Lemur der Sage. Es war, als hätte sich dieser Mensch bewußt zur Aufgabe gestellt, seinen Lehrgegenstand von jedem begreiflichen Sinn zu entblößen und die Schüler dennoch zu zwingen, ihn zu bewältigen. So brachte er es fertig, die ganze Grammatik in das Auswendiglernen von Flexionen zu verwandeln. »Leòntowitsch,« – rief er zum Beispiel mit absichtlich falscher Betonung, »dekliniere mal: das Haus.« Leontòwitsch erhebt sich und fängt an, statt der Worte lauter Flexionen zu radebrechen: »Nominativ: s , Genitiv: s, e, s, Dativ: s, e, Akkusativ: s, Plural, Nominativ: e, r ... usw. Unterlief dem Schüler dabei ein Fehler, dann fing Kranz sofort an, ihn nachzuäffen, eine ganze Weile Faxen zu machen und das fragliche Wort in jeder erdenklichen Weise zu verdrehen. Umstandswörter pflegte er nur pantomimisch anzudeuten. Wies er mit dem Zeigefinger nach unten, wobei er zugleich die Lippen zu einem Rüssel spitzte, dann hatte der Schüler »unten« zu antworten. Zielte er mit dem Finger nach der Decke und schnitt er gleichzeitig ein Gesicht, als ob seine gelblichen Augäpfel einem unsichtbaren Vogel im Fluge folgten, so hieß das: »oben«, wenn er rasch an die Wand lief und mit der Handfläche darauf klatschte, so bedeutete das: »an«. »Du, Soundso,« fragte er ein anderes Mal, »wie sagst du: ingen, ang oder ingen, ingte ?« Der Schüler war verpflichtet, so rasch wie möglich mit einem gleichen Kauderwelsch zu antworten. Die Sprache Schillers und Goethes verwandelte sich auf diese Weise für uns in völlig sinnloses Wortgebimmel und Faxenmacherei. Diese Clownspäße waren obendrein trocken und boshaft. Man hatte etwa die Empfindung, als wenn ein behender, tückischer und gefährlicher Affe vor mehreren Dutzend Kindern Gesichter schnitte. Mag sein, daß ein unbeteiligter Zuschauer diese Gebärden und Sprünge ergötzlich gefunden hätte, wir jedoch, die Schüler, fühlten wohl, daß dieses herumhüpfende, gestikulierende und winselnde Wesen mit scharfen Krallen und großer Macht ausgerüstet war ... bis die Glocke ertönte. Ihr Schlußgeläute war denn auch für uns jedesmal wie ein wahrhaft erlösender Hahnenschrei, der den bösen Alb verscheuchte. Kranz hatte in der Klasse seine Auserlesenen, die er mit besonderer Vorliebe aufs Korn nahm. In der untersten Klasse war sein Opfer ein Schüler mit Namen Kolubowski, ein winziger Stift mit großem Kopf und Pausbacken. Betrat Kranz die Klasse, so pflegte er schon an der Tür eine Grimasse zu schneiden und die Nase zu rümpfen. Alle wußten gleich, was das zu bedeuten hatte, und der kleine Kolubowski erblaßte, während des Unterrichts wiederholte sich dieses Gesichterschneiden immer öfter, worauf sich Kranz endlich an die Klasse wandte: »Was riecht denn hier so, wie? Wer weiß, wie man auf deutsch sagt: es riecht? Kolubowski, weißt du vielleicht, wie man auf deutsch sagt: es riecht? Komm her, mein lieber Kolubowski ...« usw. usw. Der arme Kleine wurde fahl im Gesicht und wußte nicht, ob er dem Geheiß des Professors Folge leisten oder ob er vor dem bösen Clown die Flucht ergreifen sollte. Als Kranz diese Komödie das erstemal vorgemacht hatte, lachten die Jungen unwillkürlich, sowie er sie aber zu wiederholen begann, herrschte in der Klasse düsteres Schweigen. Endlich hielt einmal Kolubowski die Tortur nicht mehr aus, sprang im Weinkrampf aus der Klasse und lief direkt in das Professorenzimmer. Statt aber hier einen zusammenhängenden Bericht über das vorgefallene zu geben, schrie er nur außer sich: »Kranz ist ein Schuft, ein Idiot, ein Schweinhund, ein Lump« ... Der Inspektor und die Professoren wunderten sich über diese Explosion des Bübleins baß. Als die Sache durch Berichte älterer Schüler ihre Aufklärung fand, bekam Kranz vom pädagogischen Rat wegen der Unziemlichkeit seines Benehmens einen Rüffel. Seitdem wurde Kranz jedesmal, wenn er die unterste Klasse betrat, vor Wut gelb im Gesicht. Er vermied es, Kolubowski anzusehen, ließ ihn in Ruhe und rief ihn gar nicht mehr vor. Doch das dauerte nicht lange, und wagte er auch in der Folge nicht, die Komödie im ganzen Umfang zu wiederholen, so rümpfte er wenigstens jedesmal, wenn er den Kleinen zum Katheder vorrief, die Nase und schnitt allerlei Gesichter. Nun ein anderer Typus: der alte Radomirezki. Ein gutmütiger Greis, schlecht rasiert, mit einer raubvogelartigen Höckernase, schrie er stets in den höchsten Tönen; von mittleren Stimmregistern machte er, soviel ich mich erinnere, nie Gebrauch. Trotzdem hatten wir Jungens gar keine Furcht vor ihm. Er gab in den höheren Klassen den auf dem Aussterbeetat stehenden Unterricht in Latein, in den unteren Klassen aber lehrte er die russische und altslawische Grammatik. Es schien, als sei diesem Menschen eine Hälfte der Geistesgegenwart vor zu langem Gebrauch abhanden gekommen, und er sehe und höre vieles, was um ihn vorging, einfach gar nicht mehr, als habe er wie der Staatsanwalt bei dem Satiriker, Saltikow, »ein schlummerndes Auge« »Pogonowski!« schrie er z.B. zornig zu Beginn der Stunde. Die Klasse hatte sich verabredet, an diesem Tage nicht zu antworten, Pogonowski erhebt sich und sagt in geschäftigem Ton: »Herr Professor, ich habe mich für heute nicht vorbereitet.« »Bist stockdumm, kriegst einen Stock als Note D.h. eine »Eins« – die schlechteste Note nach russischem Schulbrauch. und steh zur Strafe wie ein Stock bis zum Schluß der Stunde!« ruft drohend Radomirezki. Im Journal steht eine Eins, und der Schüler stellt sich gehorsam an die Wand, die Arme stramm an den Seiten, um möglichst einen »Stock« darzustellen. »Pawlowski!« »Herr Professor, ich habe mich für heute nicht vorbereitet.« »Steh wie ein Stock bis zum Schluß des Unterrichts. Auch du, Asinus, kriegst eine Eins.« Der Asinus begibt sich an dieselbe Wand, schiebt den Pogonowski mit der Schulter weiter und stellt sich stocksteif an dessen frühere Stelle hin. Der Dritte schiebt die beiden noch weiter ab, und so steht bald eine Reihe »Stöcke« die ganze Wand bis zur Tür entlang. Auf den leeren Bänken bleibt ein Dutzend Schüler sitzen, die nicht mehr vorgerufen werden, und denen der alte Herr ruhig den Unterricht erteilt, in völliger Vergessenheit der übrigen. Inzwischen öffnet der erste »Stock« sachte die Tür und entwischt in den Korridor. Ihm nach der zweite, dritte ... Nach einigen Minuten sind alle im Freien und spielen mit Hingebung in einem verborgenen Winkel des Gartens Ball, gedeckt durch die polnische Kapelle vor den Fenstern des Gymnasiums. Übrigens pflegte der Pedell Ditjatkiewitsch, dem die Eigentümlichkeiten des Unterrichts bei Radomirezki sehr wohl bekannt waren, von Zeit zu Zeit eine Expedition zu unternehmen und die Ausreißer einzufangen. Dann öffnete sich plötzlich die Klassentür, und die »Stöcke« nahmen, von dem humpelnden Pedell vorangetrieben, einigermaßen beschämt wieder an der Wand Aufstellung. Der gute Radomirezki aber schob in solchen Fällen seine große Hornbrille auf die Stirn und blickte mit Erstaunen auf den unbegreiflichen Vorgang. Der obigen Kollektion füge ich nicht ohne Zögern noch eine Gestalt: den Professor der Literatur, Mitrofan Alexandrowitsch Andrijewski hinzu. Seinem geistigen Innenleben nach näherte er sich eigentlich mehr jenem Typus, den ich zu Beginn dieser Skizzenfolge geschildert habe. Sein Herz barg eine eigene stille Leidenschaft, ich möchte fast sagen: einen Glauben. Seine ganze Muße, alle seine Gedanken und Gefühle waren nämlich einer endlosen Dissertation über die »Weise vom Igorschen Regiment« gewidmet. In ewiger Grübelei über die rätselhaften Ausdrücke dieses altslawischen Epos versunken, wandelte er über die Straßen des schläfrigen Städtchens, ohne im geringsten zu merken, was um ihn her vorging und bisweilen selbst ohne mehr zu wissen, zu welchem Zwecke er sein Haus verlassen hatte. Geschah es etwa, daß einer seiner Gummischuhe unterwegs im Straßenkot stecken blieb, dann ging Andrijewski ruhig weiter, ohne den Verlust zu gewahren. Einmal habe ich selbst beobachten können, wie im Wind, der an den Enden seiner Tuchkapuze zerrte, ein Zipfel dieser letzteren sich in der Spalte des Zaunes, an dem Andrijewski vorbeiging, verfangen hatte. Der arme Träumer blieb bei der unerwarteten Störung in seiner sinnenden Wanderung stehen, hielt eine Weile still, versuchte, weiterzugehen, als aber das Hindernis nicht nachgab, wickelte er seelenruhig die Kapuze vollends vom Hals, überließ sie dem Zaun und setzte erleichtert seinen Weg fort. Die Schüler liebten ihn mit einer eigenen nachsichtigen Zärtlichkeit, lernten aber seinen Gegenstand gar nicht, seine Erläuterungen waren denn auch reichlich flüchtig und konfus. Nur in Fällen, wenn sich ein Beispiel aus seiner geliebten »Weise vom Igorschen Regiment« heranziehen ließ, pflegte er sich zu beleben. Die Dissertation wuchs sich ins Uferlose aus, dennoch konnte er sich nicht entschließen, sie dem Druck zu übergeben, ehe er hinter den Sinn einiger besonders mysteriöser Stellen gekommen war. Zuweilen konnte er sehr fesselnd reden, das passierte aber selten in den Unterrichtsstunden, wir liebten es sehr, ihn in einen Disput zu verwickeln, wenn wir ihn irgendwo auf der Straße überfallen konnten. In engem Ring um ihn geschart, überschütteten wir ihn mit Fragen und stellten selbst manchmal die erstaunlichsten Hypothesen über die Deutung dieses oder jenes rätselhaften Ausdrucks der »Weise« auf. Hatte er schließlich den Spaß satt, konnte aber die lästige Bande, die ihn umzingelte, nicht loswerden, dann pflegte er schließlich sein Notizbuch und Bleistift aus der Tasche hervorzuziehen, unsere Gesichter aufmerksam zu betrachten und mit seinem gutmütigen, verträumten Lächeln zu sagen: »Ah, du bist es, Motschalski ... wart, ich stelle dir für Montag eine Eins.« Und er trug mit vollem Ernst in sein Notizbüchlein eine Note ein. Im allgemeinen behandelte er die Noten mit spöttischer Geringschätzung und es kam ihm nicht darauf an, auf Bitten der Klasse im Journal schlechte Noten nachträglich in mittlere oder sogar in gute umzukorrigieren. Hingegen in bezug auf die auf der Straße gestellten Noten pflegte er eine unerwartete Standhaftigkeit zu entwickeln. »Mitrofan Alexandrowitsch,« schreit die Klasse, »aber diese Eins haben Sie ja auf der Straße gestellt!« ... »A–a,« lächelt Andrijewski, »auf der Straße! Nun, was folgt denn daraus? Kenntnisse kommen nicht immer im Klassenzimmer zur Geltung, Unwissenheit aber kommt an jedem Ort zutage ... was hat er damals über die und die Stelle der ›Weise‹ gefaselt, wie?« Zur Antwort deklamiert die ganze Klasse im Chor eine auf den Fall passende Stelle aus der geliebten »Weise«. Andrijewski strahlt ... »A–a–a«, sagt er, gänzlich versöhnt, und die Eins wird gestrichen. Hinter dem zerstreuten Lächeln dieses Mannes verbarg sich zweifellos ein kindliches Gemüt und vielleicht sogar eine mehr als durchschnittliche Intelligenz, die sich nur in der völligen geistigen Vereinsamung und der tödlichen Öde des Milieus in die unwegbaren Dickichte der »Weise vom Igorschen Regiment« rettungslos verirrt hatte. Diese Gestalt war mit ihrer harmlosen Schrulle an uns vorbeigeglitten, ohne eine tiefere Spur in unserem Dasein zu hinterlassen, aber ohne auch nur einmal in Einem von uns irgendeine böse oder feindselige Regung wachgerufen zu haben. In seinem sinnenden Lächeln leuchtete ein stiller Humor, in den Unterrichtsstunden ließ er manchmal ein auffallend treffendes Urteil oder ein gelungenes Witzwort fallen. Aber auch den besten Schülern war es nicht gelungen, aus seinem Unterricht die geringste Vorstellung von der Theorie der Literatur davonzutragen ... Es versteht sich, daß es außer maniakalischer Exemplare von der Art Lotozkis oder Samarewitschs in dem pädagogischen Chor, der unseren Hirnen und Seelen den Ton angab, auch mittlere Stimmen gab, die ihre Partituren mehr oder minder anständig vortrugen. Diese verrichteten auch natürlich die Hauptarbeit: sie pumpten gewissenhaft und ausdauernd die formalen Kenntnisse aus den Lehrbüchern in unsere Schädel. Nicht mehr und nicht weniger. Das waren in ihrer Art pädagogische Grammophone. An der Spitze dieser Kategorie lebt in meiner Erinnerung die Charaktergestalt des Professors der Mathematik Stevan Iwanowitsch Tyß auf. Das war ein Mann mit sehr häßlichen, aber intelligenten Gesichtszügen, die durch übergroße Zähne verunstaltet, aber durch tiefe braune Augen einigermaßen verschönert waren. Er war stets tadellos, ja stutzerhaft gekleidet, hatte eine würdige Haltung, unterrichtete gleichmäßig, ohne Begeisterung, doch so, daß sein Unterricht Hand und Fuß hatte, war streng beim Fragen und stellte gerechte Noten. Die Schüler versagten ihm ihre Achtung nicht und bereiteten die Aufgaben für ihn fleißig vor. Diesem Lehrer verdanke ich auch, daß mathematische Aufgaben für mich aufhörten, ein undurchdringliches Mysterium zu sein. Sein würdiges, zurückhaltendes Wesen hatte etwas Anziehendes und in uns Knaben keimte sogar für den ernsten Mann eine gewisse Sympathie, die jedoch durch seine kühle zugeknöpfte Art abgewiesen wurde. Uns Schülern und dem Lehrfach gegenüber beobachtete Tyß dieselbe Korrektheit. Der Lehrgegenstand war ihm einunddasselbe, jahrein, jahraus, wir Schüler waren ihm stets nur verschiedene Stufen der Aufnahmefähigkeit für den Gegenstand. Weder in diesem, noch in uns fand der Lehrer irgendetwas vor, was ihm das Dasein in dem dumpfen Städtchen, zwischen verschlafenen Teichen, hätte erhellen können. Man erzählte, daß sein Innenleben hauptsächlich durch die Liebe des häßlichen Gatten zu einer schönen Frau und durch die Qualen einer gebändigten Eifersucht in Anspruch genommen war. Vielleicht war es auch aus diesem Grunde, daß er sich so elegant kleidete und seinen schönen kastanienbraunen Bart auf verschiedene Art stutzen ließ. Diese Beobachtungen machten uns indes nicht klüger, und wir Jungen unsererseits schienen dem Lehrer auch herzlich wenig Interesse einzuflößen. Von demselben Tyß soll übrigens ein bitteres Wort herrühren, in dem er seine Lehrererfahrungen zusammenfaßte: »Man quält sich erst selbst drei Jahre lang ab, dann lernt man drei Jahre lang unterrichten, dann quält man drei Jahre lang die Schüler, und dann ist man reif für die Rumpelkammer ...« Ich kannte ihn noch in der Übergangsphase. Er lehrte noch ziemlich ernst und quälte seine Schüler noch nicht, begann aber schon leise geistig herunterzukommen und fing bereits an, wie man munkelte, geistigen Getränken zuzusprechen ... Nach Tyß erstehen in meiner Erinnerung verschiedene weniger charakteristische Gestalten desselben mittleren Kalibers. Mit gemeinsamen Kräften trieben sie uns mit mehr oder weniger Erfolg programmäßig vorwärts, indem sie unseren Hirnen boten, was ihnen nach dem Buchstaben der Vorschrift zukam. Allein diese geistige Ernährung wurde ungefähr in der Art ausgeführt, wie man Mastgänse nudelt, indem man den armen Vögeln gewaltsam die widerliche Nahrung in den Hals stopft, die in der geforderten Menge freiwillig aufzunehmen sie sich weigern. Jene zarte Saite hingegen, die den Prozeß des Lernens mit der echten Wißbegierde verknüpft, ihn heiligt, erhebt und belebt, sie wurde nie oder nur selten, wie durch Zufall berührt. Originelle Lehrergestalten mit eigenem Innenleben fanden in dem offiziellen Rahmen, der eine dogmatische Einförmigkeit erforderte, keinen Platz. Die stärkeren Persönlichkeiten pflegten deshalb bald von selbst auszuscheiden, die schwächeren hingegen paßten sich allmählich dem Rahmen an, und das Leben in dem schläfrigen Städtchen, im Schatten der Schloßruine tat das übrige dazu. Erst lebte so ein junger Professor den Traum von selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten, von einer künftigen Versetzung in eine andere Wirkungssphäre, dann heiratete er, fand nach und nach Geschmack an der einlullenden Atmosphäre der Schläfrigkeit, am Kartenspiel im Klub, an Spaziergängen ins Wäldchen vor die Stadt, am Klatsch, an Besuchen in dem kleinen Keller von Weintraud', den die Herren Lehrer in gegenseitiger Umarmung mit etwas schwankenden Schritten zu verlassen pflegten, oder an Besuchen in einem gewissen kleinen Häuschen hinter dem städtischen Wäldchen, wo unsere Erzieher manchmal von Zöglingen älterer Klassen abgelöst wurden ... Einer der besten Lehrer, die ich im Leben angetroffen habe, Awdjew, auf den ich noch weiterhin zu sprechen komme, wandte sich in der ersten Stunde seines zweiten Unterrichtsjahres an die Klasse mit dem folgenden scherzhaften Vorschlag: »Hat vielleicht einer von Ihnen, meine Herren, die Notizen meiner ersten Vorlesung vom vorigen Jahr bei der Hand? Sie haben sie alle? Vortrefflich! Nun prüfen Sie mich mal, bitte. Ich werde vortragen, Sie aber vermerken die Sätze, die ich genau so wiederhole, wie ich sie im vergangenen Jahr vorgetragen habe.« Er fing an, im Klassenzimmer auf- und abzuwandeln und dabei die Einleitung zur Literaturgeschichte zu improvisieren, indes wir das Vorgetragene mit den Notizheften, die wir in der Hand hielten, verglichen. Wir mußten ihn dabei alle Augenblicke unterbrechen, da er von seinem vorjährigen Konzept abwich und den Vortrag ganz anders konstruierte. Nur einmal, glaube ich, hatte jemand einen genau wiederholten Ausdruck feststellen können. »Nun, das geht noch hin,« rief Awdjew in heiterer Laune nach Schluß seiner »Prüfung«. Und dann mit einem Seufzer: »Noch zehn Jahre, und ich werde alljährlich Wort für Wort dasselbe herunterleiern. Ach meine Herren, meine Herren! Sie lachen über uns Lehrer und ahnen gar nicht, was dies im Grunde für eine Tragödie ist. Zu Anfang ist alles so lebendig! Man lernt noch selbst, sucht nach neuen Gedanken, nach farbigen Ausdrücken. Dann vergeht ein Jahr nach dem anderen. Das Innere erstarrt allmählich, und man wird selbst langsam zu einer steifen Schablone« ... Sehr richtig. Der Lehrer erstarrt allmählich und wird im besten Falle zu einem Grammophon, das mit einer Durchschnittsstimme und einem Durchschnittserfolg die Kenntnisse aus den Lehrbüchern herunterleiert. Am grellsten aber ragen aus dem allgemeinen Chor die kreischenden Falsettstimmen und die schrillen Dissonanzen der von einer Manie Besessenen hervor, die schließlich dem gelbroten Papagei rettungslos zum Opfer fallen. Wer kann den Einfluß dieses unseligen Vogels auf das Leben und die Schicksale von Generationen berechnen, die Reihe um Reihe durch unsere Mittelschule gejagt werden? ... Die Direktoren wechselten bei uns ziemlich häufig, als Inspektor hingegen hatten wir lange Zeit hindurch denselben Stepan Jakowlewitsch Ruschtschewitsch, der später zum Posten des Direktors aufrückte. Das war auch eine charakteristische, beinahe symbolische Erscheinung. Ein vierschrötiger Koloß in lose hängendem Uniformrock und unendlich weiten Beinkleidern, stellte er eine Art Beamtenmassiv dar, mit einem Gesicht, das wie in Eichenholz gehauen und von graumeliertem Backenbart im damaligen Beamtenstil eingerahmt war. Seine Stimme war ein gewaltiger Grundbaß, und auf allen diesen rein dimensionalen Vorzügen basierte hauptsächlich seine pädagogische Autorität. Hatte sich ein Schüler etwas zuschulden kommen lassen, dann wurde er gewöhnlich in das Zimmer des Herrn Inspektors gerufen. Die Strecke von der Türschwelle bis zum Tisch, an dem der Gestrenge stand, mußte man alsdann unter seinem schweren hypnotisierenden Blick durchmessen, unter einem Blick, der das Opfer gleichsam mit einer dicken Schleimschicht überzog und es vollständig paralysierte. Die Füße blieben förmlich am Boden kleben, man wagte gar nicht mehr frei einherzugehen, aber ein noch ärgeres Verbrechen wäre es natürlich gewesen, stehenzubleiben. Man senkte unwillkürlich den Blick, und doch fühlte man, ohne aufzublicken, irgendwo in der Nähe über sich das enorme, fast völlig ausdruckslose Antlitz, die großen stumpfgrauen Augen und den graumelierten Backenbart. Man hatte die Empfindung, als wäre man von irgendeiner Elementargewalt zermalmt, war man am Tisch angelangt, so folgte erst ein Augenblick banger Stille, darauf eine Frage im tiefsten Baß und eine schüchterne Antwort. Dann richtete sich der Koloß plötzlich zu seiner ganzen Größe auf, und irgendwo in den oberen Regionen entlud sich auf einmal ein orkanartiges Gepolter. Meist pflegte Ruschtschewitsch dabei nur irgendwelche zwei, drei nichtssagende Sätze zu schmettern, der Effekt lag einzig in seiner erdrückenden Kolossalfigur und in seiner Donnerstimme. Am schrecklichsten war stets der erste Augenblick der Strafpredigt: es war, als stände man unter einem berstenden Felsen: man verspürte unwillkürlich das Bedürfnis, den Kopf mit den Händen zu schützen, zu verschwinden, in den Erdboden zu versinken. In den Karzer eilte man daraufhin mit Freude, als ginge es in einen rettenden Hafen. Späterhin, in den oberen Klassen, wenn der körperliche Kontrast zwischen der Gestalt der Schüler und des Direktors einigermaßen gemildert war, schwand auch die erschütternde Wirkung des Mannes. Im Grunde genommen war er, wie ich mich nachmals überzeugte, kein böser, eher sogar ein gutmütiger Mensch. Er war jedenfalls schon insofern besser als die durchschnittlichen Direktoren der späteren Zeit, als zu seiner Zeit die Verfolgung des »aufrührerischen Geistes« unter den Schülern, die »schwarzen Listen« und die ganze abscheuliche Gesinnungsriecherei in der russischen Schule noch nicht in so hohem Maße üblich waren. Der ganze Fehler des guten Ruschtschewitsch bestand bloß darin, daß er nicht im mindesten zum Erzieher geschaffen und daß seine körperliche Massivität sein einziger Trumpf im Kampfe wider Unordnung und Disziplinlosigkeit war. Der unermüdliche Kleinkrieg mit diesen Untugenden bildete für ihn wie damals im allgemeinen den Grundton des Schullebens. Schon am frühen Wintermorgen, kaum daß die kleinen Lichter in der feuchten Dämmerung hier und dort zu zwinkern begannen, pflegte sich aus dem länglichen zweistöckigen Gymnasialgebäude eine kleine humpelnde Gestalt zu stehlen, die, nachdem sie nach allen Seiten Umschau gehalten hatte, in die Dunkelheit der Straßen tauchte. Der Pedell Ditjatkiewitsch war es, ein wackerer Jäger vor dem Herrn ... Schüler, die in Pensionaten wohnten, waren nach dem Reglement verpflichtet, schon um 7 Uhr in der Frühe an ihren Tischen zu sitzen und Schularbeiten zu machen. Dieses Gebot wurde selten eingehalten, und der Hauptreiz des gesetzwidrigen Morgenschlummers lag gerade in dem Bewußtsein, daß irgendwo im Nebel der Schnüffler »Didonus«, über hölzerne Brücken humpelnd, mit seinen Gummischuhen im Straßenschmutz versinkend, herumschleicht und vielleicht in diesem selben Augenblick von der Straße aus ins Fenster hineinspäht. Weder Schmutz noch Nässe, weder Regen noch winterlicher Schneesturm vermochten nämlich den unermüdlichen Spion von seinem Kriegspfade abzuschrecken. Im Gegenteil, er wußte wohl, daß bei schlechtem Wetter der verbrecherische Morgenschlaf die Schüler mit besonderer Macht unterzukriegen pflegte, und daß man sie dann am ehesten erwischen konnte. Fand er, von außen ins Zimmer hineinblickend, alles in vorschriftsmäßiger Ordnung, dann trollte er enttäuscht weiter wie ein Jäger, der einen Blindgänger abgegeben hat. Im umgekehrten Falle pflegte er plötzlich heiter, mit strahlenden Augen am Orte des Verbrechens in der Tür zu erscheinen und mit freundlicher Stimme das »Wohnungsjournal« zu erbitten, um den »Tatbestand« einzutragen. Bemerkte er auf seinen Frühjagden irgendwo in der Dämmerung die Kolossalfigur des Inspektors Ruschtschewitsch, dann stellte er sich für ihn gern auf Posten und wies ihn auf Quartiere unverbesserlicher Langschläfer hin. Stepan Jakowlewitsch pflegte alsdann mit finsterer Feierlichkeit ins Zimmer des Schülers zu treten und sich am Bette des Unglücklichen aufzupflanzen. Bis heute liegt mir noch der Schreck des jähen Erwachens unter diesem unabwendbaren Blick in den Gliedern .... Waren die Schüler nach dem Gymnasium gegangen, dann schlich Ditjatkiewitsch in ihre leeren Zimmer, schnüffelte in den Koffern herum, beschlagnahmte Portzigaretten und trug über den gesetzwidrigen Befund genaue Notizen im Journal ein. Rauchen, »verbotene Bücher« (und das waren damals: Pissarew, Dobroljubow, Nekrassow, – von revolutionärer Literatur hatten wir in Rowno noch keine Ahnung), Baden außerhalb der obrigkeitlich genehmigten Stellen, Bootfahren, Spazierengehen nach 7 Uhr abends – das waren die Hauptvergehen unseres Strafkodex. In der Abstufung ihrer Strafbarkeit kam wieder der tote Automatismus des ganzen damaligen Schulsystems zum Ausdruck. Die Verbrechen wurden gewertet nicht nach dem ihnen anhaftenden sittlichen Makel, sondern nach der Mühsal, die ihre Feststellung den obrigkeitlichen Spähern verursachte. In der Stadt und in der Umgegend gab es eine Menge Teiche und Flüßchen, das Bootfahren war aber den Schülern verboten und zum Baden war ihnen nur eine Art Pfütze angewiesen, in der man Flachs einzuweichen pflegte. Es versteht sich, daß die Schüler sowohl die verbotenen Bootfahrten unternahmen wie auch in den Flüßchen oder unter Mühlenschleusen, im munter rauschenden und spritzenden Wasserschwall badeten. Mitunter erschien plötzlich mitten im schönsten Baden, während wir sorglos tauchten, neben dem Badehaus des Polizeichefs, über dem Hügelabhang, im hohen Roggen, eine blaue Mütze, eine zwerghafte Gestalt, und der »hinkende Bote« humpelte eilig den Fußpfad hinab, wir pflegten in solchen Fällen schnell unsere Kleider zu ergreifen und wie Flüchtlinge vor einem Tatarenüberfall ins Schilf zu stürzen. Der lahme Pedell hüpfte dann am Ufer hin und her wie eine Henne, die Entlein ausgebrütet hat, rief aufs Geratewohl Namen, versicherte, daß er uns alle sehr wohl erkannt habe und forderte uns auf, uns zu ergeben, wir blieben jedoch im Schilf hocken und froren in unserem Adamskostüm bis wir blau wurden, es passierte aber nur selten, daß wir uns dem Feind ergaben. War es dem Pedell hingegen gelungen, sich etwa der Kleider der Badenden zu bemächtigen, dann blieb natürlich nichts anderes übrig, als sich unter seiner Aufsicht anzukleiden und ihm stracks zum Inspektor zu folgen, von da aus aber ebenso direkt in den Karzer zu wandern. Und jedesmal entsprach das Ausmaß der Strafe nicht etwa der Schwere des Verbrechens, das schließlich an sich harmlos genug war, sondern dem Ausmaß der Anstrengungen, die es den spionierenden Pedell gekostet hatte, die Festnahme der Schuldigen zu bewerkstelligen. Es war desgleichen den Schülern verboten, nach 7 Uhr abends ihre Wohnungen zu verlassen, so daß mit dem Sonnenuntergang das kleine Städtchen mit seinen Gassen und Gäßchen sich für die Schuljugend in ein gefährliches Gelände voller Hinterhalte und Fallen, in einen Schauplatz plötzlicher Überfälle und mehr oder weniger geschickter Rückzüge verwandelte. Besonders gefährlich war das enge Seitengäßchen, das die beiden Parallellinien der Gymnasialstraße und der Pappelstraße verband. An dunklen Herbstabenden konnte man hier sehr leicht plötzlich auf den »Didonus« stoßen oder, was noch schlimmer, dem riesenhaften Inspektor selbst ins Garn laufen, der dort manchesmal regungslos an die Wand gedrückt stand, um beim leisen Geräusch vorsichtig nahender Schritte eines Schülers plötzlich dem ahnungslosen kleinen Verbrecher mit der Blendlaterne direkt ins Gesicht zu leuchten. Das waren jedesmal erschütternde Erlebnisse, die am anderen Morgen in den Klassen lebhaft besprochen zu werden pflegten. Übrigens habe ich jenem Kleinkrieg mit der Obrigkeit eine aufrichtig dankbare Erinnerung bewahrt. Das Gymnasium hatte es nicht verstanden, den Unterricht für die Schuljugend einigermaßen interessant zu gestalten; unsere Pädagogen verstanden es nicht und nahmen sich nicht einmal die Mühe, jenen Überschuß an Nervenkraft, an jugendlichem Temperament irgendwie nutzbar zu machen, der nach dem Büffeln über den Lehrbüchern und der mechanischen Teilnahme an dem langweiligen Unterricht in uns Knaben übrig blieb. Man hätte vor Langerweile vollends erstarren oder zur reinen Lernmaschine werden können – was übrigens bei vielen Schülern auch tatsächlich der Fall war – wären nicht jene Episoden des eigenartigen ständigen Kleinkriegs mit der Obrigkeit gewesen, der sich als eine Art Sport ausgebildet hatte und einige Abwechslung in die tödliche Öde des Schülerdaseins brachte. Mit ganz besonderer Dankbarkeit aber gedenke ich der großen Teiche der Stadt Rowno, ihrer langsam sich mit Tang überziehenden glatten Flächen und der schläfrig von einem Teich zum anderen rinnenden Verbindungsflüßchen. Sommers über pflegten wir in diesem Wasserreich wie eine Seeräuberbande trotz aller Verbote des Reglements lustig in Booten herumzurudern, wobei alles darauf ankam, die ungedeckten Stellen rasch zu durchschneiden, in gefährlichen Augenblicken mit dem Fahrzeug ins Schilf zu verschwinden, unter einem Brücklein still niederzukauern, während auf demselben der humpelnde Gang des lahmen Pedells oder die schweren Schritte des Inspektors ertönten. Im Herbst aber, wenn die Teiche sich mit einer dünnen Eiskruste zu überziehen begannen, verfolgten wir Buben mit größter Ungeduld ihre fortschreitende Vereisung. Bis heute noch habe ich den hellen klirrenden Ton vom Fall der Prüfsteine im Ohr, die wir vom Ufer auf das dünne Eis zu werfen pflegten, um seine Dicke festzustellen. Das Eis wird nach und nach fester, schon können darauf die Schwäne aufrecht stehen, die man bald in ihren Häuschen einwintern wird. Dann schnallen wir Beide, mein Bruder und ich, als die Ersten unsere Schlittschuhe an und versuchen auf die Gefahr hin, ins Wasser zu stürzen oder in den Karzer zu wandern, einen Eislauf. Etwa eine Woche nach unseren ersten Probefahrten läßt sich gewöhnlich feierlich der riesenhafte Stepan Jakowlewitsch vom Ufer aufs Eis herab, der Pförtner Sawelij versucht das Eis mit Brechstangen und endlich, endlich wird das Schlittschuhlaufen offiziell gestattet. An jedem Nachmittag kreisen denn auch und gleiten auf dem Teich Hunderte munterer Knaben und Knäblein, laufen zusammen, trennen sich, purzeln, tummeln sich unter geschäftigem Lärm und Lachen. Zwischen dem Kroppzeug bewegen sich auf Schlittschuhen mit schwerfälliger Grazie, als wie Hechte unter kleinen Fischlein, die Herren Professoren. Da schiebt der überlebensgroße Petrow wie der schiefe Turm von Pisa, da ist sogar unser zylindrischer Franzose, Monsieur Lumpi, der zwar ohne Schlittschuhe, aber mit feuerrotem Gesicht herumtrippelt und erzählt, wie sie in der Pestalozzischule Schlittschuh liefen. Der deutsche Professor Gluck konnte es lange nicht lernen, auch nur auf den Schlittschuhen zu stehen, und hatte sich eigens welche mit Doppelschienen bestellt. Zum Stehen sind solche Schlittschuhe sehr bequem, zum Wenden aber beim Lauf sehr beschwerlich. Der kräftige Wind ergreift nun die schmächtige Gestalt des Deutschen in seinem dicken Pelz und treibt sie auf der spiegelglatten Fläche direkten Wegs zum Flüßchen hin. Wir rufen ihm warnend zu, dort sei's gefährlich. Herr Gluck fuchtelt mit den Armen, sein Pelzmantel öffnet und bläht sich wie ein Segel. Im nächsten Augenblick ist der Unselige schon auf dem verräterischen dunklen Fleck, das Eis kracht unter ihm, und der hilflose Pädagoge plumpst richtig ins Wasser, zum Glück an einer seichten Stelle. Die Knirpse binden alsdann rasch ihre Tuchkapuzen zu einer Art Rettungsseil zusammen, stellen sich in einer Reihe auf, der leichteste von den Bengeln gleitet zur Unfallstelle hin und wirft dem Verunglückten das Ende des improvisierten Seils hin. Dann schleppt die ganze lose Bande unter Kommandorufen, Gesang und lautem Hallo den nassen Erzieher auf eine trockene Stelle ... An besonders schönen Wintertagen erscheinen auch Bürger und Bürgerinnen des Städtchens auf der Eisbahn. Zuweilen kommt, von ihrer Schwester und Mutter begleitet, auch sie, das Idol so manches jugendlichen Herzens, das bei ihrem Anblick unter dem grauen Uniformrock stürmisch zu schlagen beginnt, – so ach, nicht minder dasjenige meines armen Zeitgenossen ... Man schiebt ihr um die Wette einen Sessel hin .... Der Glücklichste reißt den Sessel aus dem Haufen der Nebenbuhler an sich .... Dann folgt ein sausender Lauf, das Klingen der Stahlschienen auf dem Eis, ein schneidender Wind, gemischt mit einem leisen Duft des Parfüms, und dicht vorn ein Köpfchen, das sich vor Kälte und Angst in den Muff drückt .... Der enorme Teich kommt einem in diesen Augenblicken so klein und eng vor, – kaum war man losgesaust, als auch schon, leider, das Ufer da ist .... Nun dunkelt es. Zwei Pförtner, der Pedell und der Inspektor, marschieren um den Teich herum und treiben die Saumseligen nach Hause. Die Eisbahn leert sich .... Hinter dem dichten Schilf steigt das silberne Gesicht des Mondes auf und streift mit seinem kalten Lichte die Silhouette der Schloßruine. Die weiße Eistafel funkelt, hie und da kracht sie leicht und ächzt. Auf ihr kreisen unverdrossen und unbekümmert weiter fünf bis sechs dunkle Schülergestalten. Am Ufer erscheint auf der Treppe des Hauses, worin der Inspektor wohnt, dicht neben dem Gymnasium, ein großer schwarzer Schatten: Stepan Jakowlewitsch ist es, der nach den verbrecherischen Eisläufern Ausguck hält. Aus dem Gymnasialgebäude steigen mehrere dunkle Silhouetten herunter, das will sagen: es gibt heute eine Treibjagd! Der »hinkende Bote« schleicht vielleicht schon von der anderen Seite, von der Insel heran. Doch das Mondlicht täuscht oft, es ist unmöglich von weitem zu erkennen, wer die Eisläufer sind. Wir lassen den Verfolgern Zeit, nahe an uns heranzukommen, uns fast einzukreisen. Dann sausen wir rasch zu den gefährlichen Stellen hin .... Das Eis klingt immer heller, unter den Schlittschuhen klirrt die dünne schwankende Kruste, ganz nahe schimmern schon schwarz die nicht zugefrorenen Wasserlachen .... Unter lautem Kreischen der Stahlschienen setzen die Läufer nun, einer nach dem anderen, über das gefährliche Terrain auf den anderen Teich hinüber .... Die Verfolger bleiben stehen, halten Rat und treten in den meisten Fällen den Rückzug an. Wie Schatten zerrinnen sie in dem frostigen Nebel. Und wieder hört man nur das helle Zischen der Stahlschienen auf dem Eise, und die schweigsamen Gestalten kreisen unermüdlich im Mondlicht weiter .... Aus der Reihe der besten Schüler bin ich längst in die goldene Mitte herabgerutscht und fühle mich dabei außerordentlich, wohl: mich plagt kein Ehrgeiz, die »Dreier« betrüben mich nicht. Dafür atmet die Brust auf der Eisbahn in den Mondnächten so froh und frei, und die Phantasie arbeitet so gut bei dem gleichmäßigen Rhythmus der gleitenden Bewegungen. Der Mond steigt höher, er blickt in die leeren Fensteröffnungen des alten Schlosses hinein, betastet irgendein vergoldetes Gesims, weckt in dem dunklen Innern undeutliche Schatten zu einem geheimnisvollen unhörbaren Reigen .... Etwas scheint dort zu atmen, sich zu bewegen .... Und nach alledem umfängt mich im Bett ein so köstlicher Schlaf, obgleich die Schulaufgaben noch nicht angerührt sind ... Wenn ich jetzt an die ersten zwei, drei Jahre meines Gymnasialdaseins in Rowno zurückdenke und mir die Frage stelle: was wohl in jener Zeit für mich am schönsten und wohltuendsten war, so weiß ich nur zu nennen: den lustigen Haufen meiner Kameraden, den spannenden Kleinkrieg mit der Obrigkeit und dann – die Teiche, die Teiche ....