Ferdinand Kürnberger Feuilletons 1848 Die Poesie und die Freiheit Was zu den Zeiten unserer schimpflichen Geistesknechtschaft, da neben den Tyrannen Sedlnitzky und Metternich, die poetischen Gegenkönige der Despotie Moritz Hartmann und Alfred Meißner vielleicht ebenso tyrannisch in ihrem Bereiche das junge Deutschland beherrschten, was damals, sage ich, nur schon in den leisesten Zweifel zu ziehen, Frevel und bannfluchwürdiger Hochverrat gewesen wäre, das läßt sich jetzt unumwunden allen Ernstes in Frage stellen, nämlich der Satz: Kann die Freiheit Objekt der Poesie sein oder nicht? Ich würde gerne die Erörterung dieses Satzes unberührt auf sich beruhen lassen, denn wenn schon nicht ein terroristischer Fanatismus mit dieser Frage mich geradezu wütend zum Hause hinauswirft, so könnte ich doch geflissentlich eine lieblose Kränkung denjenigen damit zu beabsichtigen scheinen, die bereits darin ihre sicheren Lorbeeren errungen zu haben glauben, was dadurch neuerdings einer Prüfung und Untersuchung anheimgestellt wird. Zu meiner Entschuldigung aber will ich anführen, wie ich überhaupt zu dem angeregten Bedenken gekommen bin. Einfach dadurch, daß die Freiheit tatsächlich bisher noch keinen würdigen Sänger, nicht einmal ein einzelnes epochemachendes Lied zu ihrer Verherrlichung gefunden hat. Ja, dadurch sage ich, daß man die poetische Kraft unserer Zeit einer allgemeinen Erschlaffung und Nervlosigkeit zu beschuldigen Lust zeigt, indem man die alten Sänger der Freiheit trotz den zahllosen Anfragen: »Brutus schläfst du« größtenteils wirklich schlafen sieht, neue Posaunen aber für die Triumphe unserer Zeit vergebens erwartet werden. Das ist jedenfalls auffallend genug und reizt zum Nachdenken. Wie, sollte wirklich einer ganzen Generation, wir dürfen sagen, einer kraftvollen, rüstigen Generation alles poetische Vermögen plötzlich wie abgeschnitten sein? Glaube das, wer will, ich nicht. Wenn ich aber an der Fähigkeit der Personen nicht zweifle, so muß ich wohl notwendig an der Fähigkeit der Sache zweifeln. Und so entsteht denn, gerade aus bestem Grunde, meine frevelhafte Frage: Kann die Freiheit Objekt der Poesie sein oder nicht? Diese Frage zu machen, ist vielleicht der originellere Teil ihrer selbst, sie, sobald sie gemacht ist, mit Nein! zu beantworten, bedarf schon weniger. Denn einfach genug ist die Deduktion dazu. Was ist überhaupt Stoff aller Poesie? Der Affekt, die Leidenschaft, das Pathos. Ist aber dieser Stoff in der Freiheit vorhanden? Nein, dann täuschen wir uns nicht, wie wir uns allerdings lang genug getäuscht haben. Die Freiheit ist ja ganz und gar nichts Positives. Der Schluß war dieser: Kann uns die Sklaverei schon so göttliche Schwanenlieder entpressen, wie himmlisch werden wir erst für die Freiheit selbst singen. Aber wie falsch ist dieser Schluß? Die Sklaverei war eine Krankheit, die Freiheit ist Gesundheit. Die Krankheit weckt Laute in der tiefsten Brust, die Natur selber hilft sich mit Wehgeschrei, Angstausruf, Schmerzenston, Klagen, Seufzen und Stöhnen, das ist die Lyrik des Leidens; wem aber fällt es ein, seine Gesundheit zur Sprache zu bringen? Die Gesundheit ist etwas Gleichgültiges, so auch die Freiheit, ein Ding, das sich von selbst versteht, nur sein Abgang wird empfunden, sein Dasein nicht. Laokoon und seine Söhne, von den Schlangen gemartert, befinden sich im Zustande des Pathos, sind Stoff für die Poesie; befreit sie von diesem Zustande, und sie werden drei ganz gewöhnliche Menschen. So sind auch Niobe und Philoktet hochpoetisch durch ihre Leiden, ohne diese sind sie's nicht. Der todeshungrige Ugolino kann ein Gegenstand für unsterbliche Gesänge sein, wer wollte aber behaupten, daß ein satter Magen die Begeisterung der Musen wecken kann? Und die Freiheit ist solch ein satter Magen. Sie ist Befriedigung, Erfüllung, Ergänzung, Vollständigkeit. Es ist kein Affekt, kein Pathos, keine Leidenschaft in ihr – es ist darum kein poetisches Element in ihr. Denn daß man sich nur recht darüber verständige; ich wiederhole es noch einmal: Falsch ist der Schluß, was in seinem Mangel schon poetisch ist, müsse noch um so poetischer in seinem Besitze sein. Gerade das Umgekehrte ist wahr. Was in seinem Abgang poetisch ist, muß in seinem Besitze prosaisch sein, und um so prosaischer hier, je poetischer es dort ist. Denn was schneidet tiefer in die Seele, tut weher, schmerzt inniger, als eben der Mangel des ganz Gewöhnlichen, Alltäglichen, des trockenen Bedürfnisses, des gemeinen Notwendigen? Nehmt mir die Luft, das Wasser, das Obdach, das Sonnenlicht, das Kleid oder einen meiner Sinne, und ich bin ganz gewiß ein Objekt für die tragische Poesie, denn das Schicksal hat mich zum Träger einer außerordentlichen Demonstration gemacht, es hat mir das allgemein – Menschliche entzogen, es hat mich ausgezeichnet vor dem ganzen Geschlechte der Lebendigen, es hat mich aus dem Bereiche der Wirklichkeit in das der Poesie versetzt. Gebt mir aber all diese Güter des Lebens wieder zurück, und ich würde sehr läppisch sein, wenn ich zeitlebens auf ihren Genuß ebensosehr Freudenhymnen machen wollte, als ich ihre Entbehrung in ununterbrochenen Elegien beweinen dürfte. Melchthal hätte sich offenbar nie daran erinnert, was für eine herrliche Sache es um ein Paar Augen sei; sie werden seinem Vater geraubt, und jetzt sind die Augen Gegenstand der Poesie: »O eine schöne Himmelsgabe ist das Licht der Augen« – und mit Recht legt der unglückliche Hirt in seinem Schmerze darum das meiste Gewicht auf die Kostbarkeit dieser Gabe, weil sie eine so gemeine ist: »Alle Wesen leben vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf! Das Licht der Sonne, des Ärmsten allgemeines Gut usw.« Die Wahrheit, daß die allgemeinen Güter des Lebens nicht Gegenstand der Poesie sein können, hat gerade niemand stärker und nachdrücklicher als die Freiheitssänger selbst geltend gemacht; ich kann mich auf ihre eigenen Worte berufen, aber sie auch zugleich gegen sie kehren. War es in der jungen politischen Dichterschule Deutschlands nicht verrufen genug, den Mondschein zu besingen, den murmelnden Bach, die flötende Nachtigall, Feld und Flur, Wald und Wiese, jene Wiese, von der sich Heine ausdrückt, ein Deutscher kann dreißig Jahre lang das Plätzchen hinter seinem Geburtsorte besingen, wo seine Mutter Wäsche trocknete. Augenblicklich poetisch aber werden diese dürftigen Dekorationen des Lebens wieder, wenn ein gefangener Graf hinter dicken Eisenstäben nach einem Blümchen des Feldes schmachtet, oder nach einem Stückchen Himmelsblau, oder allen Ernstes von der Wiese schwärmt, wo seine Mutter Wäsche trocknete. Schon übler würden wir es nehmen, wenn er sein Gold und Silber, seine köstlichen Bankette oder sein Pharaospiel beklagte; das wäre kein urmenschlicher Laut mehr, das wäre nicht mehr psychologisch wahr; das Wertvolle kann für den Gefangenen jetzt keinen Wert haben, das Köstlichste hingegen ist ihm das, was ihm früher das Ordinärste war. Nun frag' ich die politischen Dichter, ob sie in ihrem guten Rechte gestanden sind, als sie unter der Zensur die Freiheit besangen? Ohne Zweifel antworten sie Ja, und ich selber antwort' es mit. Daraus folgt aber, daß sie nicht mehr in ihrem Rechte stehen, wenn sie die Freiheit in der Freiheit selbst besingen. Es sind nur zwei dilemmatische Fälle möglich. Entweder ist die Freiheit etwas ungewöhnlich Köstliches, dann darf ihr Mangel nicht besungen werden, denn eine Elegie auf einen verlornen Diamanten wäre ein prosaisch Ding; oder die Freiheit ist etwas ganz Schlichtes, nackt Menschliches, allgemein Notwendiges, dann darf ihr Besitz nicht besungen werden, denn eine Hymne auf ein Stück Brot ist ein prosaischer Passus. Nun haben aber die Dichter den Mangel der Freiheit besungen, und mit Recht besungen, es folgt also daraus, daß sie die Freiheit als etwas Urmenschliches, Grundstoffliches, allgemein Notwendiges erkannt haben, das zur Verzweiflung bringt, wenn es fehlt, davon man aber niemand weiterspricht, wenn es da ist. Enfin! Man besingt nur die Braut, solange man sie nicht hat; niemand fällt es ein, seine Ehefrau zu besingen. Und so ist es. Die Freiheit war nie ein guter Stoff der Poesie, und wird es nie werden. Poesie ist das Reiche, das Überflüssige, das Schwelgerische, der Luxus, der Schmuck und die Zierde. Poesie ist das Sinnenbedürfnis, das Herzensbedürfnis; Freiheit aber ist mehr als das, Freiheit ist Lebensbedürfnis selbst. Poesie ist das Schöne, Freiheit ist das Wahre, Poesie ist das Glück, Freiheit das Recht. Poesie ist alles das, was mir ewig fehlen kann, was mir ewig unerreichbar bleiben kann, die Freiheit aber läßt sich besiegelt und verbrieft besitzen. Die Freiheit ist nur Stoff der Poesie, als verlornes Paradies; beim wiedergewonnenen Paradies aber schwankt der Dichter, seine Sterne erbleichen, er wird matt und singt im Invalidenton. Klagen wir also unsre Dichter nicht an, sondern wünschen wir uns und ihnen Glück dazu, daß sie diesen Ton nicht hören lassen. Ihr guter Genius warnt sie davor. Er könnte nur kalt, gemacht, affektiert, unnatürlich und gespreizt sein. Er könnte nicht aus dem Herzen kommen, denn Freiheit ist keine Herzenssache. Was soll mich an der Freiheit entzücken, begeistern, trunken machen? Daß ich nach einem tausendjährigen Umweg durch verfluchte Kulturübel und Zivilisationssünden nur dort wieder stehe, wo der halbnackte Germane in seinen zensurfreien Wäldern Eicheln aß? Welch ein Lump müßt' ich sein, wenn ich das so hoch anschlagen wollte! Nein, es ist gewiß ein ärmlicher Wicht, der mit der Freiheit viel Aufhebens macht. Der Mensch muß sich seiner ersten und natürlichen Rechte entwöhnt haben, den die Freiheit sonderlich überraschen und beglücken kann. Denn noch einmal und zum letzten Male sei es wiederholt, die Freiheit ist ja nichts, gar nichts, sie ist bloß die Abwesenheit der Unfreiheit. Und diese bloße Abwesenheit eines Übels sollt' ich poetisch besingen können? Wie denn? Es wäre doch gewiß das Geringste nur, wenn ich meinen Hymnus mit den Worten anfing: Freiheit, ich liebe dich! Und schon das wäre erlogen. Ich wenigstens habe mich nie der Phrase bedient: ich liebe die Freiheit, es käme mir ebenso vor, als ob ich sagte: ich liebe das Atemholen. Freiheit ist nichts als unbehindertes geistiges Atemholen. Ich brauche zum Dichten den Atem, aber ich werde nimmermehr den Atem selbst zum Gegenstand meiner Dichtung machen. Und diese Überzeugung, denk' ich, sei es nun bewußt oder unbewußt, nicht aber die Kraftlosigkeit der Poeten ist es, welche die neue Freiheit unbesungen läßt.   Eine Zeitschrift für Lyriker Ein neues Journal von meiner Erfindung: Gratulieren Sie dem Jahrhundert zu seinem Fortschritt, der Literatur zu ihrer messianischen Epoche, der ganzen Menschheit zur Abhilfe eines längst gefühlten Bedürfnisses. Der Haupttreffer ist gemacht im Reiche der Entdeckungen, das glückliche Los ist gezogen. Es ist ein Gesellschaftslos, und Teilnehmer an dem Gewinn kann sein, wer Lust hat dazu. Sie erinnern sich, wir hatten das letztemal unter anderm von der Überschwemmung und von dem Segen an hiesiger Lyrik gesprochen. Das Thema zur Überschwemmung lag vor Ihren Fenstern, und das zur Lyrik noch näher – auf Ihrem Redaktionstische. Doch wozu die Umschweife? Sie waren ja beide eigentlich ein und dasselbe: Die lyrische Überschwemmung und die überschwemmende Lyrik; und dieses Thema glitt nicht tief unter Ihnen im Wellenpomp der majestätischen Donau dahin, sondern die Flut schlug bis an die hohen Pforten Ihres Bureaus, und keine Notschüsse und Rettungsboote halfen dagegen. Als ich von Ihnen wegging, dacht' ich der Sache ohne alle Metapher nach. Ein fatales Dilemma! Die Journale sind zu wenig, die Lyriker zu viel. Und diese wenigen Journale wollen so wenig als möglich aufnehmen, und diese vielen Lyriker so viel als möglich drucken lassen. Wie da zu helfen? Ich fand's. Hier ist mein Gedanke. Ich bitte mich zu entschuldigen, wenn er Folgen hat. Was sagt der weise Machiavell in Egmont von den Tollköpfen, von den Schwindlern und Schwärmern? Man erkenne sie förmlich an, man räume ihnen ein rechtliches Gebiet ein, man fasse sie in die Schranken der bürgerlichen Ordnung, und man wird sie unschädlich machen. O weiser Dichter! O gerechter Dichter! – Davon mache ich nun eine Applikation auf die Lyriker. Irren sie jetzt vogelfrei und heimatlos herum, wie die Flagellanten und Bilderstürmer (beides sind sie), so gebe man ihnen einen festen Wohnplatz; mißgönnt man ihnen jetzt ein Zehntel und Zwanzigstel des Journals, so überlasse man ihnen ein ganzes. Ja, ein Journal müßte gegründet werden, von rein lyrischem Inhalt; ein Journal, das nichts enthält als Gedichte, lauter Gedichte, Gedichte allein. Das ist mein Gedanke! Was sagen Sie dazu? Zunächst die einfache Frage: wer wird abonnieren? Die Lyriker selbst. Für das Recht, ihre Gedichte jahraus, jahrein gedruckt zu sehen, müßten sie abonnieren. Was ist natürlicher? Und wollten sie vielleicht nicht? Keine Frage! Das poetische Vatergefühl ist das zärtlichste, ist das aufopferndste von allen, und was wäre denn dieses Opfer? Etwa 1 Gulden für den Monat. Das ist wenig an sich, und bedenkt man, wieviel Kinder ein lyrischer Vater dafür versorgen könnte, so wüßte ich keine Kinderbewahranstalt auf Erden, die wohlfeiler zu stehen käme, als diese. Kurz mit der freiwilligen Teilnahme hätte es seine guten Wege, wenn nur die mögliche Anzahl überhaupt das nötige Abonnenten-Kontingent komplett machte? Wie viel braucht ein journalistisches Lokomotiv an Beheizung, um mit Anstand sich im Gange zu halten? Etwa tausend Abonnenten in runder Zahl? O mehr als zuviel! Tausend Lyriker wohnen in Wien in der kleinsten Gasse, und nun im ganzen Weichbild, in der ganzen Monarchie! Sur ma parole d'honneur ! Mein lyrisches Blatt müßte die Times und die Morning Chronicle herausfordern können auf Pränumeranten-Zählung. Also die Sache rentiert sich, rentiert sich glänzend, und ich wollte, ich wäre Redakteur! Ans Werk denn! Die Fluten abgegraben aus unsern Journalen, und einen eigenen Entwässerungs-Kanal hergestellt, die Sperlinge verjagt aus unsern Gärten, und eine eigene Vogelhecke angelegt für sie! Und wissen Sie, Herr Doktor! was noch der Spaß wäre mit diesem Journale? Es könnte so schlecht sein, wie immer, kein Abonnent würde abfallen. Natürlich! damit gäbe er das Recht auf, sich selbst zu lesen; – so verschluckte denn jeder geduldig die unangenehmsten Pillen des andern, weil er sich wie das Kind auf den Apfel freute, der darnach käme; dieser Apfel aber wäre von ihm selbst. Sie sehen, es bände den Pränumeranten das stärkste Band der Natur an seinen Pränumerationsschein: das Band der Eigenliebe, das hielte fort bis zum blassen Tod, an ein Entrinnen wäre nie zu denken. Heiß' ich das eine Erfindung! Und ich habe sie gemacht! ich Glücklicher! ich selbst! Morgen lass' ich mich lithographieren. Übrigens gebe ich sie ganz uneigennützig der lyrisch leidenden Menschheit dahin, hülle mich bescheiden in mein Verdienst, oder bedinge mir höchstens als lebenslängliche Pension ein Freiquartier für meine eigenen Zöglinge in der künftigen Anstalt. Selige Aussicht! Indes bis dieser goldene Morgen anbricht, muß ich einstweilen schon mich noch bei den bestehenden Journalen zu Gaste bitten. Apropos, möchten Sie nicht die Güte haben, und nachstehendes lyrisches Gedicht von mir in Ihrem geschätzten Blatte aufnehmen? ...   Friedrich Hebbel als Lyriker Seit der Genuß aus dem Leben und die Naivität aus dem Affekte verschwunden ist, ersetzt Beschauung und Reflexion die Stelle des lyrischen Inhalts. Man sollte darum kaum über das Einzelne einer modernen Erscheinung absprechen, sondern vielmehr eine historisch-kritische Charakteristik der ganzen Richtung unternehmen. Dort ist es fast unvermeidlich, parteiisch und dürftig zu erscheinen, hier tritt die Persönlichkeit zurück, und der innerste Kern des Gesamtzustandes wird mit klarem Verständnis dargelegt. Der Kritiker zeigte sich hier nicht nur tadelnd und unzufrieden, sondern er wiese auch die Notwendigkeit der so gestalteten Kunstgebarung nach, und hierin läge die eigentliche Dokumentierung seines Berufes, hierin sein Schutz vor dem Verdachte einer subjektiven Befangenheit, und seine Versöhnung nach außen. Bevor mir nun eine solche umfassende Entwicklung der Zeitlyrik überhaupt, die ich allerdings im Sinne habe, zu unternehmen vergönnt sein wird, muß ich mich darauf beschränken, von gegenwärtiger Einzel-Erscheinung zunächst nur das kurze »Wie« und nicht das weitführende »Warum« auszusprechen. Hebbel hat in seinen Gedichten – wie immer – etwas Statuarisches. Er singt wie der Geist im Don Juan. Das Leben kehrt nicht bei ihm ein, wie die Radien im Mittelpunkte; er ist ein umgekehrter Lyriker, er wandelt ins Leben hinaus, wie ein gefaßter Spaziergänger, wird selber von nichts berührt, sondern berührt dieses oder jenes, hängt hie und da seine Votivtafeln auf, zum Zeichen, daß er dagewesen – so findet er kursorisch, kontemplativ die Welt ab. Ihm begegnet es nicht, daß ihn irgendein Moment erfüllte, daß er ganz in seiner Sache stünde, daß die Gegenwart sein Inhalt und er ihre Form wäre. Diese lyrische Überwältigung kennt er nicht – er ist nie der Funke zwischen Stahl und Stein, er muß nie! Könnte er einen Augenblick glauben, daß das Glück wirklich Glück, das Unglück wirklich Unglück, das Leben wirklich Leben sei, könnte er sich täuschen, so wäre er ein Dichter. Aber das kann er nicht; ihm hat das Leben keinen Schein, und somit keine Poesie. Ein junges Mädchen sieht er als Greisin, eine volle Rose als Staub, denn »so weit im Leben ist zu nah dem Tod«, der Mensch ist ihm »eine Nessel, die über seinem eigenen Grabe wuchert«, »der Wunsch verzehrt zu werden ist des Lebens einziger Gehalt«, und »alles Leben ist gefrorne Liebe«. Wer nur erst so weit ist – wer das Dasein als Interims-Theater und das Nichtsein als eigentliche Substanz der Welt betrachtet – warum verfaßt der nicht lieber einen Kommentar zum »Systeme der Natur«, anstatt Gedichte? Man wird mich belehren: Der Vernichtungsgedanke sei ja eben das Element des modernen Gedichtes, und die Poesie höre darum nicht auf zu sein, weil sie nicht mehr poetisch sein könne. Zugestanden. Ich akzeptiere diesen Vernichtungsgedanken, denn ich erkenne, daß auch er die Fähigkeit, schön zu sein, nicht ausschließt. Schön wird der Vernichtungsgedanke, indem wir ihn von einer überwiegenden Kraft getragen sehen, schön wird er durch des Dichters gewaltige Persönlichkeit, durch die Großheit des menschlichen Charakters, die ihm entgegengesetzt wird. Aber dieser Heros ist's, den wir erwarten, und der in Hebbel zum dritten Male – nicht erschienen ist. Lenau hat unter dem Vernichtungsgedanken bis zum Tode schmerzlich gelitten, Heine hat ihn mit Affektation burschikos insultiert, »und wem es just passieret, dem bricht's das Herz entzwei«, Hebbel sieht ihm mit stoischer Apathie kalt und indifferent ins Auge, ist nicht mächtig, sondern nur gleichgültig gegen ihn, erlöst uns nicht davon, indem er zeigt, daß ihn ein Mensch tragen kann, sondern deckt bloß sein Vorhandensein ruhig auf mit der Neutralität eines Leichenbeschauers, überläßt seine Aufgabe uns, überläßt es jedem einzelnen, daraus zu machen, was er will. Doch sagt man mir weiterhin, der Vernichtungsgedanke brauche auch nicht schön zu sein, Schönheit habe überhaupt aufgehört, Zweck der Poesie zu sein, und die Wahrheit trat an ihre Stelle, wie es Schiller in den Künstlern längst schon vorausgesagt – so habe ich weiter nichts mehr zu erwidern, aber an diese Stelle setze ich das große Fragezeichen unserer Zeit. Diese wenigen Winke genügen wohl, den Geist der modernen Poesie, inbegriffen die Hebbelschen Gedichte, anzudeuten. Ihre erschöpfende Würdigung liegt in einer Tiefe, die man sich eher hüten muß, zu viel als zu wenig aufzudecken, weil eine Revolutions-Geschichte, wenn sie nicht empören soll, nie in einzelnen Zügen denunziert, sondern immer als Ganzes doziert werden muß. Und eine solche Geschichte ist die der neueren Dichtkunst. Davon also ein andermal. Schließlich nur noch einiges über den sprachlichen Bau dieser Gedichte. Könnt' ich ihn loben, so wäre es mit einem Worte geschehen; aber ich muß ihn tadeln, und das fordert mehrere Worte, denn das fordert Belege. Gleich die erste Strophe des ersten Gedichtes ist unschön in dieser Hinsicht; sie heißt: »Schwül wird diese Nacht. Am Himmelsbogen Ziehn die Wolken dichter sich zusammen, Breit beglänzt von Wetterleuchtens Flammen Und von roten Blitzen scharf durchzogen.« Wie schleppend, dem einzigen Objekte »Wolken« eine Ausmalung von zwei ganzen langen Versen nachzutragen, und es von diesem Gefolge noch durch drei Füße abzuschneiden! Wie nervlos, wie ausgeflossen wird dadurch der ganze Rhythmus! In demselben Gedichte, dritte Strophe, heißt es: »Doch die Herzen sind voll Angst und zittern Vor den zwei sich kreuzenden Gewittern, Deren Donnergrüße bald erschallen.« Dessen, deren, denen, welchen, müssen notwendig in der Gedichtsprache gänzlich unbekannt sein. Wer nicht fühlt, was für ein ganzer Gottsched von Langweile seinen grammatikalisch-prosaischen Zopf in diesem »Deren« schüttelt, dem wird's vergebens gepredigt. Eine erst nach Goethe emporgekommene Form, dem Substantiv sein Epitheton mit einer Wiederholung des Artikels nachzuschleppen, wiederholt sich auch hier gar zu häufig. Z. B. in einem einzigen kürzeren Gedichte dreimal: »Ihre Kleider, ihre weißen« – »Mit dem Christusbild, dem blassen,« – »Kommt die Mutter still, die greise usw.« Das klingt läppisch. Über alle Beschreibung schülerhaft erscheint mir im Gedichte: »Das Kind« die Konstruktion. Worte reichen hier nicht aus! – man schlage nach! – Das Buch der Epigramme enthält manch frische, unverkümmerte Dichterblicke; dagegen ist es durch eine ganz neue, auffallende Fehlerhaftigkeit im Metrum entstellt, über die ich mich nicht genug verwundern konnte. Seit wann ist es Sitte, die zweite Hälfte des Pentameters mit Trochäen zu konstruieren, wie die erste? Die abgängige Silbe vermißt sich so schmerzlich, wie vielleicht nur das Ohr selber. Sind wir im Verderbnis der verfallenden Kunst so tief, wo die spätere Generation sogar die äußere Technik der früheren vergißt, oder steckt irgendeine reformatorische Intention in diesen Mißlauten? Aber was gäbe es hier zu reformieren? Wäre es kein unveränderliches Gesetz der Natur, daß die Geschwindigkeit des fallenden Körpers, die Masse des rollenden Falls sich immer vergrößert und so auch der Pentameter mit vollen, geflügelten Daktylen zu Ende läuft, und nur in der ersten Hälfte den langsamen Trochäus haben darf? Ich dächte doch! Solche Mängel anders als mit drei Worten zu rügen, mag zu weitläufig scheinen, und ich hätte es auch nicht getan, wenn man an Hebbel nicht eben die Vollendung der Sprache, die Schönheit der Form ausdrücklich zu preisen fände, da es denn not tut, der Phrase mit Gewalt Einhalt zu tun.   Der Radikalismus auf dem Naschmarkt Sie hat ihn erreicht die strafende Nemesis! Auf den Ruinen seiner Butten sitzt er im Schurzfell und in der Manchester-Jacke, der niedergeschmetterte Markttyrann und hält Reflexionen über den Gang der Weltgeschichte. Neben Guizot und Metternich der Dritte! seufzt er mit einem düstern Blick über seine zertretenen Äpfel, die zahllos das Schlachtfeld bedecken! Furchtbarer Anblick! Die Sonne des 28. März hat sein System gestürzt, blutig steht dieser Tag in den Annalen des Naschmarktes! Freundlicher Leser, ich könnte dir ein Haus auf der Wieden zeigen, und in diesem Haus eine Wohnung – Louis Philippe wäre glücklich, sie zu besitzen, eine merkwürdige Wohnung! In der Beletage zieht sich eine Reihe der prächtigsten Zimmer hin. Samt bekleidet die Wände, reiche Teppiche die parkettierten Fußböden, brillante Trumeau-Spiegel in strahlend kostbaren Goldrahmen, das prächtigste Ameublement in Mahagoni, schwellende Diwans, Silberschätze, Lüster, Lampen, Bilder, wohin du blickst – Comfort und Luxus, glänzende Entfaltung eines fürstlichen Wohlstandes. Und fragst du mich, welche Revenuen diese Herrlichkeiten ins Dasein zauberten, so antworte ich: der schmutzigste, gemeinste Wucher, und fragst du mich, wer der Sultan dieser asiatischen Prunksäle ist, so antworte ich (ich weiß nicht, ob mich die ganze deutsche Zunge versteht, aber der Wiener kennt seine Pappenheimer), ich antworte: ein Abfasser! Vorkäufer nennts der Wiener Magistrat in seinen Edikten, der gute Magistrat! Von Jahr zu Jahr werden die Vorkäufer fetter, ihre Wohnungen prächtiger, ihre Obligationen zahlreicher, ihr Geldstolz brutaler. Vorkäufer ist nämlich ein Mann aus dem untersten Pöbel, ein Bengel, der oft nicht lesen und schreiben kann, dafür aber um so überschwänglicher das Rechnen versteht. Mit saffianlederner Brieftasche und pfundledernem Gewissen ausgerüstet, zieht er früh morgens den Bauern, welche Lebensmittel nach der Stadt fahren und sie eigentlich in der Stadt auf den Marktplätzen verkaufen sollten, bis vor die Linien Wiens entgegen, ersteht in Bausch und Bogen die ganze Fracht. Das nennt man abfassen. Auf dem Markte verkauft er dann seine Beute in größeren oder kleineren Mengen an die Viktualienhändler, Fragner, Greißler genannt, macht mit der größten Schamlosigkeit Preise, die alles Maß überschreiten. Der Bauer sieht dabei müßig zu, wartet bloß, bis sein Wagen leer wird und lernt bei dieser Gelegenheit die Kühnheit des städtischen Wuchers. Ein bengalischer Tiger und Großkophta dieser Vorkäufer-Raubhorde hatte nun seit längerem seinen Sitz im untern Teile des Naschmarktes, nahe dem Starhembergschen Freihaus. Ungestraft trieb er sein Handwerk zur Zeit des alten Regimes und wurde reich und grob, angesichts der magistratischen Verbote. Da kam die Wiener Revolution und der Drang nach Reformen erwachte auch in den Herzen der Greißler. Des Räubers Wagenburg wurde gestürmt, die Geschirre zertrümmert, die Äpfelladung zertreten und verschüttet, kein einziger geraubt oder gegessen. Es war eine Demonstration, die den ganzen Vormittag über die Aufmerksamkeit der Wiedner höchlichst in Anspruch nahm. Der Vorkäufer-Tyrann flüchtete, überließ den Sieg willig der gerechten, obwohl etwas türkischen Justiz. Heute wiederholten sich diese Angriffe in großartiger Entwicklung und Machtentfaltung. Die Äpfelwagen sind im Sturm genommen, die Butten zerschlagen. Was noch übrig blieb, steht im Schutz der herbei geeilten Nationalgarde und wird von den Bauern zu den Ur-Preisen verkauft. »Keine Vorkäufer mehr«, ist die Parole, ist das Reformgeschrei, wovon der ganze Markt widerhallt. Und gewiß eine zahlreiche Bevölkerung spricht damit eines seiner ernstesten Bedürfnisse aus. Wer Mittel genug hat, um seine Küche zu jedem Preis zu bestellen, mag allerdings auf diese Volks-Angelegenheit herabblicken. Der Zwischenhandel und der Vorkauf waren früher die Hauptursache der so unerschwinglich hohen Markt- und Ladenpreise für Tausende unserer Mitbürger. Aus den wucherischen Händen des Vorkäufers empfing der Viktualienhändler seinen Lager-Vorrat, aus den Händen des Viktualienhändlers bezieht seine Lebensmittel halb Wien. Dies war die Quelle, aus der in unzähligen Adern und Äderchen das Mißvergnügen durchs ganze Volk floß, ein Mißvergnügen, das um so gefährlicher sein mußte, als es gerade die schlagfertige Masse der sogenannten unteren Stände am lebhaftesten reizte. Mit großer Erbitterung wurde bisher die Accise als der Blutsauger der bürgerlichen Finanzen bezeichnet, aber fast scheint sich gegenüber dem Wucher-System des Vorkaufs die Unschuld derselben herauszustellen. Welch dringende Forderung, dem Unwesen des Vorkaufes endlich energisch Einhalt zu tun! Schlimm genug, daß ein scandalöser Krawall darauf aufmerksam machen mußte! Schlimm genug, daß wir als dessen Advokaten auftreten mußten! Die Pflicht zum Guten besteht in der wirklichen Tat, nicht in der komödienhaften Pantomime von sorglosen Verboten. 1865 Die Kälte und die Weltgeschichte Die Jugend ist ein geborner Nordländer; ich denke mit Vergnügen an die Zeiten zurück, wo ich meine Freunde mit Schneeballen warf, und meine Freundinnen Schlitten fuhr; aber sobald man vierzig und drüber ist, wird der Spaß etwas frostig. Man möchte dann seine Wohnung in Nr. 48 der nördlichen Breite künden und sich auf die sonnige Seite des Jammertals ziehen. Die Erde ist entsetzlich unpraktisch verteilt. Auf allen Breitegraden wohnt alles bunt durcheinander. Das sollte anders sein. Für die Jugend der Norden, aber für uns Herren »in den schönsten Jahren« (wer lacht da?) ein paar gut möblierte Staaten in den Wendekreisen! Jede zivilisierte Regierung sollte darauf eingerichtet sein, daß sie für ihre »soliden und ruhigen Herren« einige chambre-garnie -Provinzen in der Nähe des Äquators reserviert hätte. Der Vater des Volkes, der gute Kaiser Josef, traf auch hier das Richtige, als er uns Österreichern die Nikobaren annexieren wollte. Dieser hellsehende Monarch hat auch den Winter 1865 vorausgesehen und wohl gewußt, daß bei den Kohlentarifen der Nordbahn und 14 Grad unter Null an jedem Morgen der letzten Märztage sein Österreich nur bewohnbar sein würde – auf den nikobarischen Inseln. Aber das Gute geschieht nie in der Weltgeschichte. Es war schon ein Schnitzer, daß unsere indogermanischen Großväter ihre wohligen Wohnplätze zwischen Indus und Oxus verließen, um dieser unseligen Donau nachzugehen. Sie müssen einen elenden Bädeker gehabt haben. O warum gab es damals noch keine bayrische Polizei in Deutschland! Sie, welche schon vor achthundert Polen erschrickt, hätte eine halbe Million paß- und erwerbsloser Indogermanen doch gewiß nicht ins Land gelassen. Aber die Grenzpolizei war, allen Nachrichten zufolge, in jenen Tagen von außerordentlich liberalen Bären und Auerochsen gehandhabt, welche der Ansässigmachung der Indogermanen keinerlei gesetzlich begründete Hindernisse in den Weg legten. Sie brummten bloß ein wenig, schüttelten ihre schweren Hörner und zogen sich dann rücksichtsvoll ins Dunkel ihrer Urwälder zurück. Sogar jener Waldesel lebte schon damals, welcher auf seinem Rücken die Haut trug, woraus später ein Pergament und die Magna charta gemacht wurde. Leider wurde der gute Esel scheu beim Anblick der Indogermanen, nahm die Flucht und schwamm hinüber nach England. Seine hinterlassenen Mitesel warten noch heute auf ihn. So liberal ging es damals in Deutschland her. Und je tiefer die Indogermanen vordrangen, desto mehr gefiel ihnen der Liberalismus in Deutschland. Sie fanden Hirten, welche keine Hirtenbriefe schrieben, Jäger, welche keine Jagdzeitung und keine Ministerportefeuilles abonnierten; ihre Weiber gebaren, und niemand verlangte Taufsporteln; ihre Greise starben, und weder Pfarrer noch Pastor bestritten ihnen den Kirchhof. Da, wo heute in den verschiedenen Vaterländern der Staatsrat seine Sitzungen hält, fanden sie bloß ein paar alte Sümpfe, welche kaum noch ein tausend Jährchen brauchten, um auszutrocknen; wo jetzt die Kriegsministerien stehen, schüttelten Eichen ihre schmackhaften Früchte herab, und ernährten unentgeltlich tausend tapfere Keiler; auf den künftigen Bauplätzen der Steuerämter aber wuchs sogar ein grünes Hälmchen Gras! Die Indogermanen waren entzückt. Es mochte in ihrer Politik zu Hause manches verfahren sein; genug, sie ließen sich anlocken und probierten es mit dem gesunden und wohlfeilen System der Bären und Auerochsen, der Waldesel, Sümpfe, Eichwälder und Grasplätze. Leider war es auch das System der Eisschollen. Sie wurden aus warmen Indern kalte Germanen. Aber auf die Länge geht's doch nicht. Die Kälte ist allzukalt. Ich behaupte im Ernste, der Gang der Weltgeschichte ist ein verfehlter. Die Ausbreitung des Menschengeschlechts von Süden nach Norden widerspricht der Natur. Darum haben sich auch die erobernden Südvölker der Mauren und Türken in Frankreich und Österreich aufs Haupt schlagen lassen; sie ahnten, daß sie zu weit gegangen, nämlich zu weit nach Norden, und zogen einen raschen Soldatentod dem langsamen, aber schmerzlichen Erfrieren unserer Wolfswinter vor. Jetzt sitzen sie am Goldenen Horn und in Marokko bei Gül und Bülbül; in Wien müßten sie Wohltätigkeitsakademien und Holz- und Kohlenkonzerte geben. Die Unglücklichen! »Gottes ist der Orient!« Der Mensch ist geboren, nackt zu gehen und Kokosnüsse zu essen, nicht Uniformen zu tragen und Militärbudgets zu bewilligen. Die Soldaten exerzieren, um sich warm zu machen, und liefern Schlachten, um sich wärmer zu machen. Das Zivil wendet eine ungeheure Friktion von Kultur und Intelligenz an, bloß um Wärme zu entbinden. Rouland und Bonnechose, Vrints und Berger, der Staatsanwalt und die Presse, Schmerling und die Opposition – wenn sie übereinander klagen, so geschieht es, weil sie sich höchstens »den Kopf warm machen« und nicht einmal den ganzen Leib. Das ist der Sinn ihrer Klagen. Auf diesem Wege kann nichts besser werden. Was hilft uns die beste Konstitution bei 14 Grad unter Null an jedem Frühlingsmorgen? Fast wären die schlechten noch besser, man könnte sie doch zum Einheizen brauchen. Nein, der Fortschritt des Menschengeschlechtes hat viel radikaler auszuholen. Nicht die Verfassungen, die Wohnplätze müssen wir ändern. Wir müssen von Norden wieder nach Süden zurückströmen. Es ist die hoffnungsvollste Tatsache der jüngeren Weltgeschichte, daß das auch wirklich geschieht. Wir gehen nach Amerika und nennen's nach Westen gehen; aber das ist nicht wahr; unser westliches Gegenüber ist die Küste Labrador und die Eskimos; wir gehen nach Süden , indem wir nach Amerika gehen. So haben sich auch die Franzosen das Südland Algerien ins Haus geschlachtet, die Engländer wärmen sich in Indien und die Russen dringen nach Indien vor. Sogar die kleinen Holländer und die winzigen Dänen haben sich an ihren Nordlandshäusern ein paar Stuben auf der Sommerseite der Welt auszubauen gewußt. Nur wir Deutsche und Österreicher haben wie gewöhnlich nichts. Ich rate dringend, wenn wir wieder einmal nach Neapel marschieren, wie anno 20, so bleiben wir gleich dort, wie die Preußen in Holstein. Die armen Preußen! Je näher dem Nordpol, desto sicherer sind sie verloren. Das wußte der schlaue Graf Rechberg, als er den Erbfeind in sein gewisses Verderben lockte. Geistliche und weltliche Moralisten loben die Sitte des germanischen Hauses, die Sitte der Väter. Aber die Väter haben auch schon die Väter gelobt und diese wieder die Väter. Aufsteigend gelangen wir so in jene starre Tugendregion, wo der Rhein noch bis auf den Grund zufror, und keine germanische Jungfrau ihr Fenster aufmachte, weil sie nicht unterscheiden konnte, ob es der Wolf oder der Jüngling sei, der nachts vor ihrem Fensterlein heulte. Die Tugend lag damals in der Luft, nämlich im Klima; sie brüllte mit Bären und Wölfen um die Wette. Es war einfach zu kalt für den paphischen Götterdienst. Riesige Kulturarbeiten mußten wir tun, um uns der Kälte zu erwehren; die Kälte verschwand endlich, und wie aus Wäldern und Sümpfen, so aus den Herzen; hier aber nennt man's das Verschwinden der Tugend. Wie seltsam! Ich entdecke da eine wichtige Wahrheit. Die Moral ist ein isothermischer Begriff! Seit wir unsere Urwälder so künstlich zu heizen verstehen, daß auch Debardeurs darin wohnen können, sind die Bären fort und die Debardeurs da. Was wollt ihr? Tugend? Nein, Kälte wollt ihr; ihr habt nur die Wahl zwischen Bären und Debardeurs. Aber Geduld! Zwei solche Winter noch wie der heurige Winter und der vorige Sommer, und wir werden fürchterlich sittlich werden. Die Moral ist ein isothermischer Begriff. Seht doch die Mappen unseres wackern Selleny und fragt euch, ob die Debardeurs besser verhüllt sind oder die Jungfrauen auf den nikobarischen Inseln. Weitaus die ersteren. Und doch vermißt ihr auf den Nikobaren die Kleider nicht, nach denen ihr so schneiderhaft schreit im Kolosseum oder im Dianasaal . Was kann klarer sein? Nicht uns fehlt die Moral, sondern unserer Moral fehlt der richtige Breitegrad. Der achtundvierzigste ist zu kalt für sie; aber zwischen dem dreißigsten und zwanzigsten, da lägen »die heitern Regionen, wo die schönen Formen wohnen «, wie euer Nationaldichter Schiller so sehnsüchtig singt. Hört ihn doch, diesen klassischen Dichter, und folgt ihm womöglich, damit ihr euer Geld für seine vielen Denkmäler nicht umsonst ausgebt! Hinweg aus dieser lasterhaften Kälte! Auf nach dem Süden, wo es so moralisch warm ist! In die heitern Regionen, Wo die schönen Formen wohnen! 1866 Sprache und Zeitungen Als die preußische Stempelsteuer für deutsche Zeitungen dekretiert wurde, während fremdländische frei eingingen, wußte der Münchener Punch einen guten Rat. Er meinte, die deutschen Zeitungen sollten einmal berechnen, wieviel deutsche Wörter und wieviel fremde ihr Text hätte; wahrscheinlich fänden sie den gegründetsten Rechtstitel, als ausländische Journale zu passieren. Für Puristen (Sprachreiniger) mag das ein guter Witz gewesen sein. Was uns betrifft, wir sind eigentlich nicht Purist und finden jene Satire schon nicht mehr gerecht. Sie paßte vollständig für ein gewisses Stadium der deutschen Sprachgeschichte. Sie paßte z. B. für das Franzosendeutsch, welches vom Dreißigjährigen Krieg bis auf Friedrich II. herrschte. Sie paßte für das französische Salonkauderwelsch, welches noch in den dreißiger und vierziger Jahren die Romane der Hahn-Hahn lächerlich machte. Nur Blinde können leugnen, daß die deutsche Schreibart seitdem reiner, natürlicher, nationaler geworden ist. Und zuletzt macht es im Gebrauch der Fremdwörter einen großen Unterschied, ob man sie mutwillig, aus purem Affentrieb annimmt, oder im Geiste einer wirklichen Bereicherung und Ergänzung des nationalen gegenüber dem kosmopolitischen Genius. Schon Karl V. bemerkt, es heißt so viele Seelen haben, als man Sprachen spricht, und Varnhagen erinnert im echtesten Zeitgeist unserer Freihandels-Ära, daß im internationalen Verkehr der Völker nicht nur Güter zum Austausch kommen, sondern auch Ideen und Ideenkleider – Wörter. Die Theorien sind überwunden, die darauf drangen, »daß das Geld im Lande bleibe«, oder die von einer »Überschwemmung unserer Märkte« sprachen, wenn wir mit den Wohltaten der Natur und des Fleißes von jenseits unserer Kirchtürme berieselt wurden. Ebenso lächerlich kann der Purist werden, der mit der Schlafmütze auf dem bezopften Schädel ängstlich aus seinen Kyffhäuser-Träumen aufschreit, daß jeder Sprachsechser im Lande bleibe und ja nicht gegen die Sixpences oder Franks und Bajocchi der gottlosen Fremden verwechselt werde. Als ob Sprachbereicherung effektiv Sprachverderb sein müßte! Und als ob Sprachverderb nur von außen und nicht auch von innen kommen könnte! Leider, er kommt auch innen! Und die Quelle, aus der er kommt, ist jene Literatur, welche vor allen Harpyen des Leipziger Meßkatalogs, vor allem, was für Belehrung, Unterhaltung, Müßiggang, Unsterblichkeit, Wissenschaft und Verdummung geschrieben, gedruckt, verlegt und eingestampft wird, den kolossalsten und überwiegendsten Sprachverbrauch an sich gerissen – der Journalismus. Der Journalismus dringt, wie der Sauerstoff in der Luft, zerstörend, zersetzend, auflösend und freilich auch neubildend auf das feste Gebilde der Büchersprache ein, er allein reagiert tätiger auf sie als alle übrigen Sprach-Agenzien zusammengenommen. Neuerungen in einzelnen Wörtern und ganzen Redensarten, Neuerungen in Orthographie und Syntax, kurz Sprach-Neuerungen in allen Mustern kreiert der Journalismus fast ausschließlich. Was der gesamten Buchliteratur nicht gelingt, vollendet leicht und spielend die Blattliteratur. Sie ist das Mäuschen, welches die Netze zernagt, in denen die Löwen ihre Ohnmacht fühlen. Voltaire wollte den Franzosen statt des übelklingenden Août das latinisierende August insinuieren. Goethe den Deutschen statt Eidechse Lazerte. Die beiden mächtigsten Sprachkaiser der modernen Welt haben 80 Jahre ihres Lebens drangesetzt und diese winzige Neuerung nicht forciert. Jean Paul schrieb in Dutzenden von Romanen, welche die tonangebende Welt beherrschten, Hilfsmittel und Neuerungsucht statt Hilfsmittel und Neuerungssucht; aber der vergötterte Mann hatte nicht Hilfsmittel genug, seine kleine unschuldige Neuerungssucht durchzusetzen. Man lese dagegen die Sprache Voltaires, Goethes und Jean Pauls im Journalismus – und sie ist um und um revolutioniert. Der Journalismus hat noch ganz andere Dinge mit ihr fertig gebracht. Wer zweifelt daran? Schreiber dieses ist noch kein alter Mann und doch ist ihm ein Teil seiner Schul- und Jugendsprache bereits abhanden gekommen. In seiner Jugend schrieb man Gegenwart, heutzutage sagt man Jetztzeit , ein greulicher Zischlaut, einer Schlangensprache würdiger als einer Menschensprache! In seiner Jugend sagte man der Anfang, die Beurteilung. Jetzt sagt der Journalismus die Inangriffnahme, die Inbetrachtnahme . Es fehlt wenig und man wird bald auch schreiben: die Inslebentretung ; hin und wieder ist's schon geschehen. Statt der Schreibart: ein gewisser Meyer, taucht mehr und mehr das Gelüste auf, ein sichrer Meyer zu schreiben. Unlogisch sind im Grunde beide Ausdrücke, sie wollen nahezu ihr Gegenteil bezeichnen, nämlich das, was ein wenig ungewiß und unsicher ist. Aber der Gebrauch von jenem »gewiß« wird vom Sprachgenius wenigstens durch die Analogie gedeckt; man sagt, ein gewisser Meyer, wie man sagt: ich habe ein gewisses Gefühl, es gibt gewisse Dinge usw. Man sage in diesen Fällen statt gewiß sicher, und die Verstandlosigkeit springt sofort in die Augen. Noch ärger aber wird dieser mutwillige Kitzel der Neuerungssucht, wenn er ohne Grund und Verstand noch mehr als den Sprachgebrauch, nämlich das Sprachgesetz, die Grammatik selbst verletzt. Das zusammengesetzte Verbum übergehen ist trennbar und untrennbar, nicht nach Belieben und Laune, sondern nach dem Wechsel seiner Bedeutung. Einen andern Sinn gibt »ich übergehe« und einen andern »ich gehe über«. Dort ist die Hauptsache die Person, hier aber die Richtung , in welcher gegangen wird. Die Deutlichkeit der letzteren Bedeutung verstärkt sich noch durch eine Präposition, und Präpositionen haben, solange die Welt steht, die Raumverhältnisse, den Ort und die Richtung einer Tätigkeit angezeigt. Man sagt: ich gehe zu einer Sache über. Gar nicht selten aber schreiben bereits die Zeitungen: »wir übergehen zur Tagesordnung«, anstatt: wir gehen zur Tagesordnung über. Wenn's nur neu klingt! Möchte es doch der boshafte Zufall recht oft fügen, daß sich beide Bedeutungen dicht nebeneinander einstellten, denn das gäbe dann so prächtige Sätze, wie z. B. diesen: Indem wir diesen Punkt übergehen, übergehen wir zu folgendem Gegenstand!! Die genannten Ausdrücke sind so unglücklich, größtenteils schon für Auge und Ohr so beleidigend, daß man sie nur zu nennen braucht, um sie zu richten. Sie kritisieren sich von selbst. Ein wenig versteckter liegt die Unschönheit oder Sinnwidrigkeit – um über einzelne Wörter hinauszugehen in folgenden Phrasen und Redensarten, welche Kinder des Journalismus sind, und welche von der Umgangs- und Büchersprache schon nachgesagt werden, ohne daß jemand ein Arg daran hätte. Indem wir sie anführen, wird man uns daher Raum gönnen müssen, es unter Begleitung kleiner kritischer Exkurse zu tun. Ein Lieblingsausdruck des Journalismus ist die Redensart: unberechenbare Tragweite . Wir denken recht gut die Zeit, wo man sich noch mit Folgen und Wirkungen begnügte, die man etwa groß oder wichtig nannte. Das reicht nun länger nicht aus. Die guten ehrlichen Alten sind, gestürzt, entthront von dem jüngeren Zeus der unberechenbaren Tragweite. Ein stattliches Wort, wir gestehen es! Wenn es nur ebensogut die Kritik vertrüge, als es pompös ins Ohr fällt! Das Wort ist bildlich und das Bild ist von dem Geschützwesen entlehnt. Aber wie weit trägt ein Geschütz? Wenn's hoch kommt, eine halbe Meile. Und mit dieser Spanne im Räume will man die Unendlichkeit geschichtlicher Wirkungen in der Zeit vergleichen? Und der Vergleich soll noch grandios scheinen? Aber freilich, die Tragweite allein tut's nicht. Sie muß unberechenbar sein, das ist der Effekt von dem Defekt. Ein Defekt in Wahrheit! Wir leugnen zwar nicht, daß manches in die Geschichte getreten ist, was wohl unberechenbar heißen kann, z. B. das Pulver, die Buchdruckerkunst, die Entdeckung von Amerika, die Reformation, die Enzyklopädie, die Elektrizität, der Dampf. Aber es läßt sich zählen. Wir möchten nicht jahraus jahrein fast bei allem, was um uns vorgeht, mit dem Bekenntnis zur Hand sein, daß es uns »unberechenbar« deucht. Das ist demütigend. Das ist kein Zeugnis für den Scharfsinn der menschlichen Denkkraft. Der Koloß der unberechenbaren Tragweite tut vielleicht einmal im Jahrhundert seine Wirkung; täglich produziert, wird er ein recht kleiner, hilfloser Zwerg. Eine Journal-Kreatur, die jedermann zuläßt, die aber fast allein schon imstande wäre, uns das ganze jüngere Schrifttum zu verleiden, ist der Gebrauch des Wortes vertreten . Sonst sprach und schrieb man: Herr A. hat den Hamlet gespielt, der Düsseldorfer Maler B. hat eine Landschaft nach München geschickt. Jetzt schreibt und spricht man: der Hamlet war durch Herrn A. vertreten, Düsseldorf war durch eine Landschaft von B. vertreten. Ist diese Neuerung gleichgültig? Wir glauben es nicht; wir halten sie vielmehr für bedeutungsvoll. Es bedeutet einen gewissen Servilismus des Subjekts gegen das Objekt, der uns weder anständig noch logisch deucht. Der Ausdruck ist dem Parlamentarismus entlehnt. Fünfzigtausend Menschen z. B. schicken einen ins Parlament, der sie vertritt. Hier erscheint der Eine im Dienste der Fünfzigtausend; das hat seinen Sinn. Welchen Sinn aber hat es, daß ein Schauspieler den Hamlet vertritt oder daß ein Maler Düsseldorf vertritt? Der Schauspieler vertritt nicht den Hamlet, er schafft ihn. Der Hamlet des Shakespeare ist nur für die Einbildungskraft da, der Hamlet mit Mienen und Gebärden, der Hamlet der sinnlichen Anschauung ist das Werk des Schauspielers. Ebenso schickt ein Düsseldorfer nicht eine Landschaft nach München, um Düsseldorf zu vertreten, sondern um sich selbst zu vertreten, in seinem Interesse, nach seinem Belieben. Sehen wir also dem »Vertreten« schärfer ins Auge, so ist es genau aus dem Geiste geboren wie die unberechenbare Tragweite: sein Wesen ist äußere Großheit bei innerer Armut. Denn freilich ist dem kleinen kurzen Dasein der Individualität scheinbar geschmeichelt, daß man ihr den großen Hintergrund der Gattung gibt, daß man sie als Repräsentanten auffaßt und zum Ambassadeur ihres ganzen Begriffes stempelt. Wie aber der Ambassadeur seine meisten und liebsten Handlungen denn doch auf eigene Rechnung vollzieht, z. B. bei Tisch oder in der Liebe; so wird die freie, lebendige Individualität ganz gewiß wünschen, in ihrem eigenen Namen zu existieren und nicht als Silhouette in der Schattenwelt der Begriffe zu lohndienern. Diese Auflösung und Nichtachtung der Persönlichkeit scheint uns in merkwürdiger Übereinstimmung mit dem zu stehen, was man heute den Materialismus nennt, ja wir erblicken in dem Ausdrucke »vertreten« das wahre Schibboleth dieses Materialismus. Sollten wir nämlich kurzweg sagen, was Materialismus ist, so würden wir sagen: er ist das Setzen der Sache über die Person . Und das ist die Signatur unseres Zeitalters. Eine rapide Folge großer Erfindungen hat die Generation so überrascht und trunken gemacht, daß sie in Anstaunen ihrer eigenen Werke nach Art der Wilden ihre Gebilde für göttlicher hält als sich selbst. Sie nennt ihr Zeitalter das Jahrhundert des Dampfes , während man im vorigen Jahrhundert von einem Zeitalter Rousseaus und Friedrichs des Großen sprach. Für diese Denkungsart ist der Ausdruck »vertreten« wie geschaffen. Er verleiht der Sache den ersten, der Person den zweiten Rang. Er kehrt das natürliche Verhältnis vom Subjekt und Objekt um und stellt den Gesichtspunkt so, als ob die Dinge nicht durch den Menschen da wären, sondern ganz abstrakt durch sich selbst, und der Mensch nur angestellt wäre, sie zu vertreten. Kurz, der Sturz des Idealismus! Aber noch leben Idealisten, Leute, welche den guten Willen haben, gut zu sprechen und zu schreiben. Diese machen wir aufmerksam, wie sehr sie ihren Stil verunzieren, wenn sie dem Journalismus solche Barbarismen nachschreiben. So lesen wir z. B. in Tschudis Tierleben der Alpen sehr oft, wie diese und jene Tiergattung »bei uns vertreten« ist – was sich in einem Naturgemälde, wo doch alles nur konkrete Sinnlichkeit ist, doppelt leidig ausnimmt. Als ob ein Bär auf dem Jura hauste, um das Bärengeschlecht in der Schweiz zu »vertreten«! Ganz das nämliche, wenn auch im minderen Grade, haben wir der Phrase »angezeigt« nachzusagen. Dieser Kunstausdruck gehörte sonst ausschließlich der praktischen Heilkunde an. Er scheint erst in den letzten Jahren, in welchen Cholera und Typhus den Verkehr zwischen Arzt und Publikum so verhängnisvoll gesteigert haben, aus dem Munde der Ärzte in die Schriftsprache, und hier zunächst in den hungrigen Schlund aller Neuerungen, in die Journalsprache, übergegangen zu sein. Vor zwei Dezennien kannte ihn keine Zeitung; heute spielt er eine außerordentlich beschäftigte Rolle. Überall wo man sonst passend, dienlich, schicklich, ratsam, anwendbar, wohltätig, erfolgreich, heilsam, geboten, ersprießlich, dankbar, zweckmäßig, lohnend, erforderlich, notwendig, schuldig, nützlich gesagt, kurz einen Ausdruck erwählt hätte, welcher die individuelle Physiognomie der Sachlage sprechender porträtiert hätte, dort ist jetzt alles angezeigt oder nicht angezeigt . Eine Unzahl von zarteren Aussprüngen des Sprachwuchses wird durch diese Redensart vernichtet, ja, es ist eigentlich nicht abzusehen, wie weit diese Vernichtung, nicht gehen sollte. Denn daß »angezeigt« einfach die Synonyma verdrängte, d. h. ein einzelnes Wort das andere, wäre noch der geringere Nachteil; aber auf den Ruhepunkt eines solchen Schlagwortes wird oft der ganze Gedanke selbst umgelegt. Warum z. B. sollte ein moderner Flaneur sein Gehirn anstrengen und den Gedanken erzeugen: eine Strafe würde die Selbstachtung dieses Kindes in ihrem zartesten Keime verletzen – wenn ihm sein Zeitungsstil die Phrase an die Hand gibt: eine Strafe wäre hier nicht angezeigt ? In der Vulgärsprache verschluckt man Silben und Wörter; wie bequem ist es nun, den Gedanken selbst zu verschlucken! Der Presse, die oft so peinlich pressiert ist, könnte man solche Abbreviaturen noch nachsehen; wenn wir aber bedenken, daß von den Millionen Zeitungs-Exemplaren, welche zu jeder Stunde gelesen werden, die Phraseologie unaufhaltsam ins Volk dringt, so müssen wir auch der Presse solche gedankentötende Phrasen strenger zurechnen. Sie verderben die Umgangssprache, machen sie fauler, monotoner, langweiliger. Mit einer andern Phrase macht sich's der Journalismus als Kunstkritiker bequem. Wir meinen die Phrase: ein schönes Streben . Was ist heutzutage gangbarer, als diesem und jenem Künstler ein schönes Streben nachzurühmen, sein schönes Streben zu loben, ihm ein schönes Streben zu bezeugen usw. usw.? Die Kunstsprache früherer Kritiker kennt diesen Ausdruck nicht; selbst Goethe, der doch ganze Generationen zu beurteilen hatte, braucht ihn kaum zwei- oder dreimal. Heutigen Datums aber ist er landläufig. Wir halten das für ein betrübendes Zeichen der Zeit. Es muß eine Zeit des Marasmus, der byzantinischen Greisenhaftigkeit sein; es muß ein gewisses Bewußtsein von Unfähigkeit und Ohnmacht durch die Gemüter schleichen, wenn in der Kunst, die vom Können sich nennt, das bloße Streben zugerechnet wird. Wie? haben wir uns oft gefragt, will man sich wirklich mit dem Streben begnügen? Will man dem Streben im Ernste die Würde und das Verdienst des Machens zuerkennen? Was ist schön am Streben, wenn nicht das richtige und entsprechende Verhältnis zu einer Tat? Wenn ein Lappländer das Streben hätte, auf seinem Grundstück Orangen zu ziehen, wäre das auch ein schönes Streben? Das Streben ohne Frucht ist also unmöglich ein schönes, vielmehr ein krankhaftes, eitles; das fruchtbare Streben aber ist über den Ausdruck streben hinaus: es ist ein Erreichen, ein Fertigmachen, es ist eine Tat. Was heißt also: ein schönes Streben? Heißt's eine Tat? Nein, denn sonst würden wir dem Täter die Tat rühmen. Heißt's ein Tun-wollen, aber nicht -können? Es scheint so. Oder heißt's nicht einmal ein Tun-wollen, sondern nur ein Haschen nach dem Effekt, ein Geizen nach dem Gewinn, ein Jagen nach der Ehre der Tat, ohne daß man überhaupt etwas tun wollte? Es scheint noch mehr so. Das schöne Streben wäre also eine jener Phrasen, womit die Presse das Virtuosentum, oder vielmehr, da der ausgewachsene Virtuos ungleich stärkerer Kost bedarf, die Brut des Virtuosentums, die zarte Jugend der künftigen Taugenichtse pflegt. Das schöne Streben verträte demnach auf den Kunstpässen die Rubrik der Polizeipässe: Besondere Kennzeichen – keine. Die Charakterlosigkeit, die undefinierbare Mittelmäßigkeit, die Abwesenheit irgendeines bestimmten Kraftausdruckes, kurz, alles was sonst Halbheit, Schwäche, Unfertigkeit, Dilettantismus, Nihilismus hieß, das soll unter der Empfehlung eines schönen Strebens endlich dreister auftreten dürfen. Wir verwahren uns dagegen! – Mit den obigen Phrasen im direkten Widerspruch steht die Phrase: eine Mission haben. Mission heißt Sendung und zwar Sendung von Gott. Moses hatte eine Mission, die Jungfrau von Orleans hatte eine. Aus der Heiligensprache ging das Wort in die Profansprache über und zwar für große und erhabene Veranlassungen. Der Journalismus endlich tilgte auch diese letztere Bedeutung daran; in seinem Streben, den Tag möglichst interessant zu machen, beehrt er alles beim Tag und der Stunde Beschäftigte mit dem Komplimente, daß es eine Mission habe. Seltsam; während der Mensch die Dinge nicht mehr erzeugt, sondern nur noch vertritt, während er keine Tat mehr hat, sondern nur noch ein schönes Streben, wird ihm desungeachtet jede Bagatelle zur Mission. Im Munde der Zeitungen hat der moderne Mensch keinen Beruf, keine Pflicht, keine Arbeit mehr, sondern er schwimmt in Missionen. Aber wie komisch, wenn ein Legationssekretär dritten Ranges eine Mission nach Flachsenfingen hat, oder wenn eine Sängerin durch einen Schnupfen ihrer Mission entzogen wird, oder wenn ein Dorfgeschichtenschreiber im Drama seine Mission verfehlt und in der Kuh- und Ochsenpoesie seine Mission erfüllt usw.! Der Ausdruck Beruf ist also mit Mission offenbar schlecht übersetzt. Was aber sollen wir dazu sagen, daß in allen Diktionärs der Zeitungsbureaus engagieren zu deutsch gewinnen heißt? Eine wunderliche Übersetzung! Indem wir sie zu begreifen suchten, war unser erster Gedanke, man übersetzt vielleicht so in seltenen und ausnahmsweisen Fällen, in Fällen, wo wirklich ein ausgezeichneter Grad von Höflichkeit »angezeigt« ist. Man sagt für engagieren gewinnen , etwa von einem großen bedeutenden Künstler, welchen gleichzeitig viele zu engagieren wünschen, so daß derjenige, der ihn wirklich engagiert, in der Tat wie der glückliche Gewinner eines Treffers zu betrachten ist. Aber dem ist nicht so. Nicht bloß das Beste, alles wird »gewonnen«. Die obskursten Namen werden gewonnen, frische und ausgesungene Stimmen, neue und abgespielte Komödianten. Auch gut. Im Grunde ist es so mißbräuchlich nicht; jeder Mietkontrakt zielt auf Gewinn; jeder, der ein Engagement anbietet, hofft zu gewinnen. Also schreiben wir statt engagiert, gewonnen werden. Aber schreiben wir's konsequent; schreiben wir auch: die Köchin ist von ihrer Frau, der Schneidergeselle von seinem Meister gewonnen worden. In der Tat dürfte eine gute Köchin viel schwerer zu gewinnen sein als ein Hüpfer und Schreier. Nicht doch, sagt ihr, man will der Kunst die Ehre geben. Wirklich? Wir wollen sehen! Zeigt uns also gefälligst das Zeitungsblatt, auf welchem gedruckt steht: Die Nibelungen von Hebbel sind dort und dort zur Aufführung gewonnen worden! Und die Nibelungen von Hebbel gehören doch ein klein wenig in die Kunst, nicht wahr? Ihr errötet? Aha! wir stehen also vor einer jener Zeitungsphrasen, welche die Gedankenlosigkeit, nicht eine durchdachte und anständige Absicht kreiert hat. Dramen werden nicht gewonnen! Ein Drama wird nur schlecht und recht angenommen . Annehmen hat zum Gegensatz Abweisen, und eine fatale aber unausbleibliche Ideenverbindung nötigt uns, bei dem einen auch das andere zu denken. Zu denken? nur zu denken? Ei doch, man schreibt es ja ausdrücklich! Man schämt sich nicht zu schreiben: Hebbels Nibelungen sind von dem Hoftheater in Kuhschnappel zurückgewiesen worden. Zurückgewiesen! Pfui über das gendarmenhafte, bettelvogtmäßige Wort in der Kunstsprache! Wenn schon ein Drama nicht gewonnen wird, könnt ihr nicht sagen, es wird erworben? Und könnt ihr nicht sagen, es wird abgelehnt, statt zurückgewiesen? Jedermann fühlt, wie weit wir diese Proben der journalistischen Sprachfabrik noch fortführen könnten. Ja, vielleicht nimmt sich ein aufmerksamer Leser in der Provinz, der seine Zeitung wirklich noch liest, nicht bloß durchfliegt, nach dieser Anregung die Mühe und notiert sich einmal aus dem Laufe seiner Jahrgänge alle sprachlichen Neubildungen, die ihm nach und nach auffallen. Der Mann dürfte schöne Silvesternächte feiern! Er dürfte die Entdeckung machen, daß ihm von der Sprache Goethes und Lessings Jahr für Jahr ein Stück abhanden gekommen ist. Man mißverstehe uns nicht. Das Prinzip, welches diesen Neuerungen zugrunde liegt, fechten wir keineswegs an. Die Zeitung bedarf ihre eigene Redeweise; wir gestehen ihr das zu. Stets neu, stets interessant, stets wachsam, wichtig und alarmierend, wie sie ist, sein muß und sein will, spricht sie die Sprache der Aufregung . Stets fatiguiert, stets enttäuscht, stets um Erfolge und Ziele, ja oft ums Dasein betrogen, stets sklavisch im Joche, mit Schnellpressen und Setzmaschinen, mit Posten und Telegraphen stets im Wettrennen, spricht sie aber auch die Sprache der Abspannung . Drittens spricht die Zeitung, die mit der ganzen Mitwelt mitleben, und um Einfluß zu haben, auf gutem Fuß mit ihr stehen muß, die das Vortreffliche nur selten, dagegen das Schlechte und Mittelmäßige als Regel, als Tuch und Unterfutter des Jahrhunderts sieht, die Sprache der Schonung, der Höflichkeit . Auf dieses dreiteilige Schema ungefähr wird sich alles zurückführen lassen, was von neuerungssüchtiger Eigentümlichkeit den Zeitungsstil kennzeichnet, was seine Phraseologie motiviert. Wir haben nichts dagegen. Kein Motiv ist schlecht, nur die Art, ihm genug zu tun, kann es sein. Spricht die Zeitung die Sprache der Aufregung , so kann sie damit sicherlich übertrieben, schwülstig und hyperbolisch-mißbräuchlich werden (siehe: Mission und unberechenbare Tragweite!), sie kann aber eben von dieser Aufregung Schwung, Glanz, Feuer und Leben, dichterische Kraft und Originalität erhalten und die Sprache aufs glücklichste heben. Spricht die Zeitung die Sprache der Abspannung, so kann sie freilich Gefahr laufen, sich das Denken ein wenig leicht zu machen, sich Denk-Abbreviaturen zu erfinden, Ausdrücke, die in passenden Fällen angehen, in tausend unpassenden zu wiederholen (vertreten und angezeigt!), kurz einen stehenden Stil auszubilden, der womöglich sich selbst schreibt. Andererseits aber wäre ein stehender Stil gar nicht so übel. Alle Welt weiß, wie sehr es unserem Deutsch daran fehlt, wie spröde der Stoff jeder einzelnen Schriftstellern den Hand widerstrebt, wie geschmeidig dagegen die Plastizität – um ein physiologisches Wort zu gebrauchen – des Französischen und selbst auch des Englischen zur Hervorbringung bezeichnender und handsamer Rede-Stereotypen sich anläßt. Spricht endlich die Zeitung die Sprache der Schonung und Höflichkeit (schönes Streben, gewonnen für engagiert werden), so ist es ebenso bekannt, daß unser Deutsch, welches mehr zur derben Aufrichtigkeit, als zur feinen Umschreibung inkliniert, eine Schule des guten Tones gar wohl vertragen könnte und noch lange keinen Überfluß, vielmehr einen rustikalen Mangel an wohltuenden Redensarten besitzt. Auch hier könnte die Zeitung um unsere Sprachkultur von Verdienst sein. Aber in all diesen Fällen mußten wir sagen: sie könnte! Unsere angeführten Proben dagegen dürften gezeigt haben, was für ein Unterschied ist zwischen dem möglichen Können und dem wirklichen Tun. Die Zeitung kann beides: sie kann unsere Sprache ausbilden und kann sie mißbilden. Ja, eines von beiden muß sie sogar, denn nichts ist gewisser, als daß sie die Sprache nicht lassen kann, so wie sie ist. Journale müssen nun einmal anders sprechen als Bücher, und unaufhaltsam ist der moderne Massen-Bildungsgang vom Buch zum Journal. Sehr richtig hat Lamartine bemerkt: sonst wuchsen die Journale aus den Büchern, heute wachsen die Bücher aus den Journalen. Mehr und mehr wird der Roman Feuilletonroman, die gelehrte Abhandlung populäre Vorlesung, die Wissenschaft Korrespondenz; der Zeitungs-Mitarbeiter pflegt nach und nach sein Eigentum in Buchform zu sammeln und wieder an sich zu nehmen, und zahllos sind bereits die Bücher, welche nichts anderes sind, als zurückgenommenes Zeitungsgut. Schriftsprache wird mehr und mehr heißen: Journalsprache. Kleinlich, kindisch und veraltet ist unter diesen Umständen die Aufgabe des Purismus. Was will eine Handvoll Fremdwörter mehr oder weniger zu bedeuten haben, wo es sich innerhalb der Sprache selbst um eine ganze große Revolution handelt?! Auch ist diese Revolution den Puristen entwachsen. Glaubt man, der Riese wird Gesetze annehmen von einer Académie francaise oder einer Accademia della Crusca? Das waren Institutionen für jugendliche Literaturen, für aristokratische zumal, die in Händen nur eines kleinen Bildungsadels lagen. Die großgewachsene, allgemein verbreitete und demokratische Literatur des Journalismus läßt sich vom privilegierten Puristen nicht gängeln. Nur einer kann jetzt Purist sein, nämlich der Journalist selbst, der denkende Journalist an tonangebenden Blättern. Wir haben den Journalismus in seiner korrosiven Einwirkung auf die Sprache mit dem Sauerstoff in der Luft verglichen. Aber ein Unterschied ist es doch. Der Sauerstoff ist eine blinde Naturkraft und Journale werden von bewußten Vernunftwesen geschrieben. Sie können aufmerken auf das, was sie tun, sie können zerstören und aufbauen mit freier Wahl. Mög' euch denn das Bewußtsein eurer Mission – einer wirklichen Mission! – keinen Augenblick verlassen, Hüter der Sprache, Schreiber der Sprache! Bedenkt dieses: Vor einem gutgehaltenen Parke steht das Plakat: »Es wird höflichst ersucht, nichts abzureißen und zu beschädigen.« Den Bestand eines Forstes hütet das Waldfrevelgesetz, und der Zerstörer, welcher Mutwillen übt oder durch sein unvernünftiges Vieh Mutwillen üben läßt, wird empfindlich bestraft. Den Wald und Garten der Sprache schirmt – nichts! Er ist eurer gänzlichen Diskretion überlassen. Kein Hand- und Fußeisen bestraft eure Baumfrevel, nicht einmal ein hölzerner Pfahl steht da mit einer polizeilichen Bitte. Wehrlos ist euch die Sprache preisgegeben, wie nie ein Volk seinem Despoten, eine Sklavin ihrem Herrn überliefert war. Nichts beschränkt euren Mißbrauch, wenn euch die stumme Schönheit nicht rührt, welche aus Lessings und Winckelmanns Schriften, aus Goethes und Schillers Kunstwerken den Gruß heimatlicher Ehren euch entgegenbringt. Geht mit eurer Sprache um wie mit eurer Ehre! Verleidet dem Sohn des Jahrhunderts den Genuß eurer neuen Ideen nicht durch eure neuen Barbarismen. Bedenkt, daß das Neue schon an sich genug der Widersacher hat, wollt ihr auch noch jene Gemüter zurückschrecken, welche eure Neuerungen aus bloßer – Reinlichkeitsliebe zurückweisen? Wollt ihr zu euren religiösen und politischen Feinden auch noch ästhetische haben? Diese Gefahr aber liegt gar nicht so fern. Wir sind bald hier bald dort feinfühligen Gemütern begegnet, welche sich das Zeitungslesen abgewöhnt haben aus Abscheu vor dem modernen Zeitungsjargon. Auch der Sprachsinn hat seine Empfindlichkeit, wie ihn der Gehörsinn gegen falsche Noten hat. Aber nur ein Operndirektor ist in der Lage, heute einen Mozart und morgen einen Richard Wagner aufzuführen, um sowohl die Harmonischen als auch die Disharmonischen zu befriedigen. Die Zeitungssprache dagegen kann nicht heute für Klassiker und morgen für Barbaren schreiben. Sie muß Partei ergreifen. Und entscheidet sie sich für die Partei der Barbaren, so gibt es im Parteidienst bekanntlich keinen Stillstand und keine Mäßigung, sondern sie wird es in kurzem dahin gebracht haben, – daß das Deutsch Lessings und Goethes aufhört eine lebende Sprache zu sein! 1868 Zur Regelung der Phrasen-Prostitution Ein schwüler Sommernachtstraum »Niklas, trefflicher Mann, du, des Leibes Arzt und der Seele«, wie hast du mich erquickt durch dein moussierendes Spottbüchlein gegen »die Regelung der Prostitution«, diesen horrendsten Blödsinn, welchen das alte, verdammte Europa je ausgeheckt hat! Aber wird es was nützen? Man sagt, wenn man dem Basilisken einen Spiegel vorhält, so krepiert er vor Abscheu seines eigenen Anblicks. Aber wird der Magistrat in Lallenburg krepieren? Wird die Polizei in Kuhschnappel krepieren? Werden die Gemeinderäte von Krähwinkel krepieren? Und die demokratischen Zeitungs-Redakteure in Flachsenfingen und Groß-Scheerau, welche so entschieden demokratisch sind und unter den Töchtern des Volkes so entschieden »aufräumen« wollen – werden sie krepieren oder nicht vielmehr um drei Kreuzer per Tag entschieden und gesinnungstüchtig fortkämpfen für Recht, Licht und – Polizei? Ach, noch nie ist ein Esel über sich selber krepiert, wie der Basilisk, dieses edle geschämige Tier! Warum sind die Esel nicht Basilisken? Man sieht, ich hatte die köstliche Broschüre von Dr. W. Schlesinger gelesen, und hätte damit den Tag vortrefflich beschließen können. Aber als die Abendluft kam, ritt mich der Teufel, daß ich in den Prater hinabfuhr, um die Schützenhalle zu sehen, das heißt für 20 Kreuzer eine Handvoll Hobelspäne. Da war's geschehen um die Freude des Tages und bald auch um die Ruhe der Nacht. Ich zog nämlich durch eine Empfangspforte ein, welche zwar auf der Stirnseite die unschädliche Aufschrift »Willkommen« trug, aber auf der Kehrseite – o die Kehrseiten! – da stand ein böser, böser Spruch: »Durch Freiheit zur Wahrheit, durch Wahrheit zum Licht.« Wer gibt mir die schlaflose Nacht wieder zurück, da ich mir fieberhaft meinen armen vaterländischen Kopf zerbrach, um die Weisheitslehre dieser Knaben zu ergründen?! »Durch Freiheit zur Wahrheit!« – Aber Galilei hat die größte Wahrheit der Welt entdeckt ohne Spur von Freiheit, ja im Stande der drückendsten Knechtschaft. Die ewigen Wahrheiten des Christentums haben sich nicht in der römischen Republik entwickelt, sondern im römischen Kaiserreich unter Tyrannen wie Tiberius und Nero. Die Bücher der europäischen Literatur waren um so besser, je mehr sie von Henkershand verbrannt wurden, und sind um so schaler und dümmer, je mehr sie Medaillen für Kunst und Wissenschaft erhalten. Umgekehrt haben die freiesten Völker der Erde, die Beduinen, Afghanen, Tscherkessen, Kabylen, mit einer Freiheit, wie sie ein deutscher Hoch- und abermals Hochbruder gar niemals ersitzen, erschreiben und erschwätzen wird, zwar viele Kamele gezüchtet, aber keine einzige Wahrheit. Durch Freiheit zur Wahrheit! Der kürzeste Satz – nur vier Worte – und doch vor- und rückwärts erlogen. O Phrase, wie groß ist deine Allmacht! Ich war bereits heiß wie ein gebratener Ketzer auf der Seite, wo ich einschlafen wollte, und warf mich schlaflechzend auf die andere herum. Umsonst. Hier waren die Kohlen noch glühender. »Durch Wahrheit zum Licht!« – Zu welchem Licht? zum Gaslicht? zum Kerzenlicht? zum Sonnen- und Mondlicht? Dummes Zeug! Das kann der Sinn dieser herrlichen Worte nicht sein. Ich erriet unschwer, daß der Sinn überhaupt ein bildlicher sei; man habe nicht das natürliche Licht zu verstehen, sondern das Licht der Wahrheit. O weh! »Durch Wahrheit zum Licht«: hieß also buchstäblich: Durch Wahrheit zur Wahrheit. Der Angstschweiß brach mir aus. Es wurde mir schwarz vor den Augen. Alle Büchsen der deutschen Schützen hörte ich knallen und die Kugeln schlugen wie bei Chlum und Königgrätz mitten ins Herz der vaterländischen Dummheit hinein. Ich heulte. Die Lisi erschien mit einem Licht in der Hand. »Deutsche Brüder!« rief ich sie an und hielt inne, denn ich erwartete bereits ein »donnerndes Hoch«. Aber die Lisi donnerte nicht. Deutsche Brüder, fuhr ich fort, wir versammeln uns heute unter den erhabenen Wahlspruch: Durch Wahrheit zur Freiheit – nein, ich will sagen, durch Freiheit zur Wahrheit. Noch immer kein Donner. Ja, durch Freiheit zur Wahrheit. Lisi, antworte auf diese »begeisterte Ansprache« mit einem »dreimaligen donnernden Hoch«. Das ungebildete Mädchen war still. Ich wurde pikiert, ich raffte mich auf – der Mensch wird ein Vieh, wenn kein Hoch donnert – und warf ihr wie eine Petarde den Knalleffekt ins Antlitz: Durch Weisheit zum Licht! Das Licht fiel ihr aus der Hand, sie ging. Durch Wahrheit zum Licht der Wahrheit! rief ich ihr nach. Sie flüchtete wie vor einem Verrückten. Durch Wahrheit zur Wahrheit! schrie ich aus Leibeskräften, aber ich sah nichts mehr von ihr als ihre Kehrseite. Oh, eine Kehrseite war's auch, auf der mein Unglück geschrieben stand! Ich phantasierte über die Regelung der Kehrseite; – nein, über die Regelung der Prostitution; – nein, über die Regelung der vaterländischen Phrase – und sank ohnmächtig in die Kissen zurück. Die Besinnung verließ mich, ich wurde bewußtlos wie ein Komiteemitglied. Die Schwüle der Nacht war erstickend. Ich stand auf, um ein Fenster zu öffnen, aber der Effekt blieb aus. Zuletzt merkte ich, daß ich keineswegs aufgestanden, sondern liegen geblieben. Ich lag da wie Blei. Ich war gelähmt an allen Gliedern und ganz besonders am Gehirn. In diesem äußersten Elend formulierte ich ein Gemeinderats-Referat. § 1. Konskribierung sämtlicher Phrasenmacher. Die notorischen Phraseurs haben sich wöchentlich einmal auf der Polizei untersuchen zu lassen; die gefährlichsten unter ihnen, wie Freund F-Meyer und K-Meyer, alle 24 Stunden. – § 2. Diejenigen, welche in der deutschen Sprach- und Stillehre nicht zuständig sind, werden in ein österreichisches Amt abgeschoben. – § 3. Bestrafung der mit verwahrlostem Phrasengift behafteten vaterländischen Talente. Das Strafmaß hat sich zwischen Medaille und Franz-Josefs-Orden zu bewegen; Appellation findet nicht statt. – § 4. Spitäler und Behandlung. Am Phrasengift Erkrankte sind äußerlich zu behandeln mit Einreibungen von guten satirischen Feuilletons, am besten unter die Nase. Innerlich nehmen sie täglich eine Flasche Lessing als blutreinigenden Rob Laffecteur, in schwereren Fällen die Logik des Aristoteles. Zur Nachkur werden sie auf gehenkt. – § 5 ... Ich weiß nicht, wie lang ich so fort deliriert habe – da wehte mich plötzlich ein frischer Luftzug an, meine Zimmertüre ging auf und beim Lichte des Morgens sah ich den Doktor W. Schlesinger eintreten, welchen die Lisi, wie es scheint, gerufen hatte. »Gott sei Dank«, ruf ich, »daß diese Nacht überstanden ist! Sie haben da weiter nichts mehr zu tun, Herr Doktor, als: schicken Sie augenblicklich ins Oberhofmarschallamt und holen Sie mir einen Orden.« – Der Doktor griff nach meinem Puls. – »Nein, nein, diesmal phantasiere ich nicht. Sie kennen doch den Kladderatsch-Juden, welchen ein anderer fragte: Mausche, wofür hast du deinen Orden? Er antwortete: Weil ich mich im Jahre 1848 so sehr geforchten habe. – Nun sehen Sie, Doktor, ich habe mich im Jahre 1868 so sehr geschämt! Verdient das nicht auch einen Orden? Oh! Geben wir der Wahrheit die Ehre; durch Wahrheit zur Wahrheit! Denn wenn es auch süß ist, fürs Vaterland zu sterben, was, wie Freund Sp-r sagt, wenigstens diejenigen behaupten, welche am Leben geblieben, – so kann ich Sie doch versichern, Herr Doktor, und glauben Sie mir's auf mein Wort: es ist bitter, fürs Vaterland sich schämen zu müssen.« 1869 Herkules und Alpheus In allen zivilisierten Rechtsstaaten gibt es umsichtige Preßgesetze und außerordentlich pflichtgetreue Staatsanwaltschaften, welche den Gebrauch des ländlichen Wortes Hornvieh in unendlich vielen Fällen erschweren, ja unmöglich machen, so daß eine »taktvolle Presse« in Benützung dieses unschuldigen, aber von den Zeichendeutern für zweideutig gehaltenen Wortes die äußerste Reserve sich aufzulegen beflissen ist. Desto ungenierter springt aber auch die taktvollste Presse mit dem Worte Augiasstall um. Und doch ist ein Augiasstall ohne das gehörige Hornvieh gar nicht denkbar und ist besagter Stall just dadurch so hochberühmt geworden, weil ihn Tausende von Ochsen hundert Jahre lang – organisch-chemisch benutzt hatten. Doch nein, nicht dadurch allein. Das Renommee jener altehrwürdigen historischen Stallung knüpft sich nicht sowohl an das Andenken des größtmöglichen Mistes, welchen die Welt je gesehen, als vielmehr an den Namen jener tüchtigen Arbeitskraft, welche mit sotanem Miste radikal aufgeräumt hat. Es ist ein rührender Zug vom schönen Menschengemüt, von der Dankbarkeit und Großmut des Volksherzens, daß man bei dem Worte Augiasstall nicht an die Ochsen, – sondern an Herkules denkt. Aber an eines sollte man doch dabei denken und zwar an die Hauptsache. Herkules war ja bei der Reinigung des Augiasstalles doch nur die Haupt person , aber die Haupt sache war die von ihm benützte Wasserkraft, der Fluß Alpheus. Das scheint mir wichtig. Bekannt ist nämlich, daß Herkules mit dem berühmten Stallmist nicht etwa gabelweis aufräumte, oder, wie wir es in der neuesten Aera der Ehegerichts-Akten nennen würden, von »Fall zu Fall«. Nein, ein Gott arbeitet aus dem Ganzen und Vollen; – und dann erst die Götternase! Herkules bewies sich als ein echter Abkömmling vom Westend der alten Welt, vom Olymp, daß er den faulen Misthaufen vor der Erfindung des Kölnerwassers nicht mit der Mistgabel anrühren wollte. Dieser Zug legitimiert ihn als Gentleman, als Sohn eines ambrosiaessenden Vaters. Herkules beobachtete also ein Verfahren, welches nicht gabelweis, sondern radikaler, zugleich aber auch reinlicher war als der Radikalismus der Bierbank, distinguierter, vornehmer. Er operierte gleichsam wie ein whigistischer Lord und Aristokrat. Kurz, er leitete, wie männiglich weiß, den Fluß Alpheus in den Augiasstall und ließ durch die Wellen des Flusses den Mist hinwegspülen. Ein Meisterstreich, und mit Recht hat er den Ruhm davon! Sollte ihn aber doch nicht ungeteilt haben! Die eigentliche Herkulesarbeit, wie man sieht, hat immerhin nicht Herkules verrichtet, sondern der Fluß Alpheus. Die Welt beruhigt sich bei der Arbeit des Herkules, gleichsam als ob sich ihr Gelingen von selbst verstehen müßte. Es versteht sich aber nicht von selbst, durchaus nicht von selbst. Sooft vom Augiasstall die Rede ist, – und in der wunderbaren Herrlichkeit unsrer modernen Rechtsstaaten und Fortschritts-Ären ist täglich von ihm die Rede, – sooft dieses duftige Wort mir entgegenkommt, denke ich weit weniger an Herkules als an Alpheus. Ich frage mich dann: wie wenn dieser Fluß zufälligerweise nun nicht ein rasches und strömendes Wasser gewesen wäre, sondern ein träges und schleichendes? Und bei dieser Frage überläuft mich ein Grauen! Dann hätte das träge und schleichende Wasser den kompakten Augiasmist nicht nur nicht weggeschwemmt, sondern es hätte seinen eigenen Schlamm noch darauf abgesetzt. Nach einiger Zeit wäre es verdunstet und eingetrocknet wie jedes Sumpfwasser, und der fruchtbare Schlamm, – denn fruchtbar ist er, das muß man bezeugen! – hätte ohne Zweifel eine prachtvoll-geile Flora aufblühen lassen, eine Flora parlamentaria von Armee-Lieferungen, deren Lieferanten die Parlamentsherrn sind, von staatsgarantierten »Weltbahnen«, deren Konzessionen und Verwaltungsratsstellen die Parlamentsherren bekommen, von Franz Josefs- und eisernen Kronen-Orden, deren Kreuze und Sterne die Brust der Parlamentsherren bedecken. Besagte Flora hätte dann weithin geleuchtet und gepranget, so daß sie allen Glücksrittern, allen Ehren- und Ämterjägern, kurz allen »Talenten« wirklich und veritabel als ein Paradies erscheinen, als ein Eldorado und Garten Eden, als die neueste und glücklichste Ära, wie eine neuere und glücklichere schon nicht mehr zu erdenken und auszusinnen. Nur schade aber, daß dabei der Mist des Augiasstalles mit nichten hinweggeschwemmt worden, sondern unter der neuen beblümten Schlammdecke, die ihn wohl gar noch beschützte, ruhig liegen geblieben wäre, gleichsam als ein wohlkonserviertes Herkulanum und Pompeji der »ererbten Übelstände«. Also auch Herkules hätte nichts ausgerichtet, wenn nicht die Wasserkraft, mit welcher er operierte, von einem starken Gefälle kam. Ein paar Zoll weniger – und das Gefäll stagnierte, und der ganze Ruhm dieser Herkulesarbeit war fort, und der ganze Augiasstall mit all seinem Miste blieb da! Es liegt eine peinliche Spannung in diesem Gedanken. Von einer Lehre, welche darin liegt, will ich gar nicht sprechen, denn wer läßt sich denn noch belehren?! Dagegen gereicht es mir zu wirklichem Troste und verscheucht all meine hypochondrischen Grillen, daß sich heute die Schleusen unsers Alpheus wieder geöffnet haben und der prächtig wogende Strom des österreichischen Reichsrates mir in erhabenen, weltgeschichtlichen Rhythmen die majestätische Götterarbeit des Herkules vor die andächtig lauschenden Sinne zaubert. Das ist ein Stromgefäll, wie es ein Herkules braucht! Am Ufer dieses Stromes müssen alle angekränkelten und ungesunden Zweifel schweigen, – alles schweigt! 1870 Ausgleichs-Pantomime Wer möchte in dieser ratlosen Zeit einen guten Rat verschweigen, wenn er durch Sprechen dem öffentlichen Besten nützen kann! Ist auch die landesprivilegierte Fabrik der Staatsweisheit das Ministerbureau allein, welches mit einer exklusiven Morgue auf seine k.k.-losen Mitregenten im Zeitungsbureau herabsieht, betrachtet auch die Zeitung selbst wieder ihre eigene Region unter dem Strich keineswegs als die Wiege einer legitim erzeugten und ehelich geborenen Realpolitik; so wird sie doch nicht verhindern können, daß aus dem tief unterschätzten Feuilleton die politischen Erkenntnisbäume in ihren Weisheitshimmel über dem Strich mit kräftigen Bastardschößlingen überwuchernd hineinwachsen. In der Hand eines Mannes, den ich über alles verehre, hat das Feuilleton schon oft den Gang der Weltgeschichte bestimmt und die Gestalt Europas verändert. Auch heute greife ich zur Feder, um den gordischen Knoten Österreichs mit geübter, spielender Hand endlich zu lösen. Die Lösung ist einfach. Man strebe den Ausgleich nicht in der Wort sprache, sondern in der Zeichen sprache an und er wird gelingen. Ich brauche mir diesen Gedanken nicht selbst zuzuschreiben, was ein Plagiat wäre; glücklich genug ist schon das Verdienst seiner Anwendung, welche einen ungewöhnlichen Scharfblick verrät und durch überraschende Originalität glänzt. Dies zugegeben, nenne ich neidlos den ersten Besitzer des schönen Gedankens. Es war ein Spanier und Gesandter am Hofe Jakobs von England. Dieser Mann nämlich hatte sich einen tiefsinnigen Begriff von der Wichtigkeit der Zeichen gemacht. Er behauptete, sie allein seien hinreichend, die Sprache zu ersetzen, ja besser als die Sprache. Jede Universität solle einen Professor der Zeichen haben. Als dieser Diplomat dem englischen König einst mit Feuer und Nachdruck von der Notwendigkeit einer solchen Professur geredet, sagte der Fürst zu ihm: Aber was wollen Sie? Ich habe bereits einen Professor, wie Sie ihn wünschen, und einen geschickten Mann; nur ist er an der entferntesten Universität meiner Staaten, zu Aberdeen, sechshundert Meilen von hier angestellt. Und wären's sechstausend, antwortete der Spanier, ich muß ihn sehen; morgen schon mache ich mich auf den Weg. Er reiste in der Tat den andern Tag ab, daher der König, der sich kein Dementi geben wollte, in größter Eile einen Expressen nach Aberdeen schickte, um die Ankunft des Gesandten zu melden und die Professoren vorzubereiten, wie sie sich seiner entledigen sollten. Der Gesandte wurde von der Universität aufs feierlichste empfangen, aber ihn verlangte vor allem den Professor zu sehen, nach dem er mit größter Begierde fragte. Man antwortete ihm, derselbe sei augenblicklich abwesend und dürfte sobald nicht wiederkommen, da er eine Rundreise im Oberlande mache, um auch die Bergschotten seine wichtige Kunst zu lehren. – Nun, so will ich ihn erwarten und sollte er auch ein Jahr lang ausbleiben, antwortete der Gesandte. Da die Professoren sahen, daß auf diese Weise nichts zu machen sei, und sie Se. Exzellenz nun recht lang auf dem Halse haben würden, so beschlossen sie, einen andern Weg einzuschlagen. Es lebte ein gewisser Geordi in der Stadt, ein Schlächter seines Gewerbes und einäugig, der aber ein geriebener Kauz und in allen Rollen zu Hause war. Diesem trugen sie ihre Not vor. Er besann sich auch keinen Augenblick, sondern war sogleich entschlossen, den Professor der Zeichen vorzustellen und auf alles, was ihm begegnen würde, nur durch Zeichen zu sprechen. Als nun der Gesandte die Anzeige erhielt, daß der Professor von seiner Reise zurückgekehrt sei, so bezeugte er die größte Freude darüber. Es ward hierauf die Zeit der Zusammenkunft festgesetzt und Geordi nahm, im Habit und in der großen Perücke eines Professors, in einem der Universitätssäle einen erhabenen Katheder ein. Se. Exzellenz wurde nun eingeführt und ihr gesagt, der Zeichen-Kollega sei bereit, sich mit ihm zu unterhalten; die Professoren selbst aber begaben sich in einen der anstoßenden Säle, nicht ohne Sorge, wie die stumme Konversation ablaufen würde. Das Kollegium fing an. Der Gesandte näherte sich dem Professor und hob einen Finger auf. Geordi beantwortete dieses Zeichen durch Aufhebung von zwei Fingern. Jetzt zeigte ihm der Spanier drei Finger, was der Schlächter erwiderte, indem er die Faust ballte und sie dem Gesandten nachdrücklich entgegenhielt. Da holte der Gesandte eine Orange hervor und zeigte sie ihm. Geordi langte unter sein Gewand und brachte ein derbes Stück Gerstenbrot zum Vorschein, das er mit triumphierender Miene vor sich hinlegte. Der Gesandte schien nun völlig befriedigt zu sein, machte eine tiefe Verbeugung und trat ab. Neugierig zu hören, wie ihr einäugiger Konfrator sich aus dem Handel gezogen habe, bestürmten nun die Professoren Se. Exzellenz sofort mit ihrer Erkundigung. Ach, sagte der Spanier, das ist ein bewundernswürdiger Mann, der alle Schätze Indiens aufwiegt. Ich zeigte ihm zuerst einen Finger, um ihm zu sagen, daß es nur einen Gott gäbe. Er zeigte mir zwei, wodurch er Vater und Sohn andeutete. Da hob ich drei Finger auf, um den heiligen Geist hinzuzufügen. Er aber schloß mit dogmatischer Geistesgegenwart die Hand augenblicklich zu einer Faust, wodurch er sehr richtig den Glaubenssatz ausdrückte, daß die drei Personen doch nur ein Wesen ausmachten. Jetzt wies ich eine Orange vor, als Zeichen der Güte Gottes, die uns nicht nur die Notdurft des Daseins, sondern auch das Süße und Überflüssige gewähre. Da legte mir der bewundernswürdige Mann ein schlichtes Stück Gerstenbrot vor, wodurch er bewies, daß das tägliche Brot, um was wir im Vaterunser bitten, weitaus die Hauptsache und alles übrige Luxus und Eitelkeit sei. Was konnte ich Besseres tun, als dem edlen Manne meine Verbeugung machen, mit welcher ich mich gleichzeitig für überwunden und befriedigt erklärte? Wer war froher als die Professoren in Aberdeen! Aber sofort eilten sie auch zu ihrem witzigen Schlächter, um zu vernehmen, wie er sich seinerseits das Hin- und Hermachen der Zeichen ausgelegt habe. Höret, sagte dieser, euer Gesandter ist ein insolenter Mann. Er hielt mir einen Finger entgegen, um mir vorzuwerfen, daß ich nur ein Auge habe. Trotzig hob ich zwei Finger auf, um ihn zu bedeuten, daß mein einziges Auge wohl so viel wert sei, wie seine beiden. Er aber ließ von dem Spotte nicht ab, sondern zeigte drei Finger, wodurch er mir zu verstehen geben wollte, daß er und ich zusammen drei Augen hätten. Da wurde ich böse und drohte ihm mit der geballten Faust. Das wirkte. Er verließ diesen Gegenstand, fing aber sogleich an, statt auf mich, wenigstens auf mein Vaterland zu sticheln, indem er mir eine Orange zeigte, gleichsam als wollte er sagen, so etwas bringt euer armes, kaltes Nebelland nicht hervor. Da holte ich ein gutes schottisches Gerstenbrot hervor und warf es mit Stolz aufs Brett, zum Beweis, daß wir uns hier in Schottland aus all diesen Leckereien nichts machten. Fast hätte ich es ihm an den Kopf geworfen, aber er merkte, mit wem er zu tun hatte, und retirierte schleunigst mit einem hasenfüßigen Kompliment. Wenn der Leser diese Geschichte schon kannte, so mag er's entschuldigen; aber man kannte auch längst vor Kolumbus – die Eier schon, nur nicht das Ei des Kolumbus. Der Wert dieser alten Geschichte liegt in ihrer neuen Anwendung. Es springt in die Augen, wie viel sich daraus machen läßt auf österreichisch-staatsrechtlich-chaotisch-babylonischem Gebiete. Weiter kann man doch nicht mehr auseinander sein als der bigotte Spanier, der an seine Dogmen, und der einäugige Fleischhacker, der an sich und sein Schottland dachte. Es ist, wie Deklaration und Dezember-Verfassung. Und doch! Der Ausgleich war möglich, wenigstens von Seiten des feinen und gebildeten Hidalgos. Und da wir Deutsche nun gleichfalls die Nation der höheren Bildung sind, so ist gar nicht zu zweifeln, daß wir die Ausgleichs-Pantomime im gebildetsten Sinne verstehen und ihr unser feinstes Kompliment machen werden ...   Der Großkhan Hartung Die Pazifikbahn und der Suezkanal machen das Jahr 1869 – darüber kann keine Frage sein – unsterblich. Diese Werke sind gleichsam die Sterne des Jahres. Mindestens Kometen müssen wir aber zwei andere Ereignisse nennen, welche noch im letzten Monat des Jahres eintraten und, wenn nicht unsterblich, doch denkwürdig sind und das historische Gewicht des Jahres in einer hervorragenden Weise vermehren. Ich meine die Eröffnung des vatikanischen Konzils am 8. Dezember und die Wiener Arbeiterdemonstration am 13. Dezember 1869. Ich halte das letztere Ereignis für das wichtigere. Nicht daß ich dem Konzil eine laute Affektation von Geringschätzung entgegensetzte, die ich im stillen nicht empfinde. Geringschätzung zu affektieren, ist leicht. Schon beim tridentinischen Konzil spotteten die protestantischen Landsknechte, sie wüßten nicht, wozu es gut wäre, wenn nicht etwa, um eine gewisse Streitfrage über das Stechen im Kanöffelspiel zu entscheiden. (Ein Kartenspiel der Landsknechte, dessen Spielplan nicht mehr bekannt ist.) Aber das tridentinische Konzil hat bekanntlich doch noch andere Dinge entschieden als die Zweifel des Kanöffelspiels! Wir müßten die Menschheit höher schätzen, als sie es nach den drei- oder viertausend Geschichtsjahren, die wir von ihr kennen, verdient, wenn siebenhundert phantastisch gekleidete und mit übersinnlichen Formeln bewaffnete Schäfer nicht immer noch eine Art von Eindruck auf die Schafe hervorbringen sollten. Es ist die Quelle aller geschichtlichen Täuschungen und Selbstüberhebungen, die menschliche Anlage zur Bildung mit der wirklichen Bildung zu verwechseln. Inzwischen ist doch soviel wahr, daß die straffgespannte Saite des Konzils, wenn nicht springt, wie die Heißsporne hoffen, doch den beabsichtigten Ton zu versagen scheint. Ganz anders aber tritt neben dem alten Löwen der Hierarchie der junge Löwe der Arbeiterbewegung auf. In seiner letzten Wurzel nicht weniger mystisch und metaphysisch; am unsichtbaren Faden einer Idee, einer allmächtigen Willens-Phantasmagorie nicht weniger bewegt und gelenkt; in geheimnisvoller Einheit des Denkens und Handelns, in Übereinstimmung dogmatisch inspirierter Gewissen nicht weniger esoterisch geschult und geschlossen als irgend ein schwärmerischer Geheimbund, welcher Mysterien feiert, verrät seine äußere Haltung eine praktische Energie, eine Tatkraft und Schlagfertigkeit, eine aggressive, stürmische Kühnheit, kurz jenen strammen, feinen, sichern, erobernden Schritt, welcher für jeden Geschichtskenner das Kennzeichen ist: mit diesem Schritt tritt ein Herrscher auf die Weltbühne! Was war es denn, was die heidnischen Römer am neu aufkommenden Christentume so grauenhaft anmutete, daß es sie wie Todesahnung und Weltende überkam? Das christliche Dogma, die christliche Seligmachung wahrhaftig nicht! Sie hatten nur ein Lächeln für diese kindischen Träumereien ungebildeter Menschen, welche das alles im Zeno und Epiktet, im göttlichen Plato, beim Proclus, Jamblichus und Appollonius von Tyana viel besser finden konnten, wenn sie eben »gebildet« und »aufgeklärt« gewesen wären. Über alle Maßen dagegen erschreckte sie die Organisation dieser ungebildeten und wenig aufgeklärten Leute. Wenn das Priestertum des Polytheismus fast einflußlos ist, weil nach verrichtetem Tempel- und Opferdienst der Priester unter die Laien zurücktritt und sie nichts weiter mehr angeht, so sahen sie bei den Christen ein völlig neues Prinzip. Es war das Prinzip der Seelsorge . Sie sahen die Gemeinde mit dem Priester, den Priester mit dem Bischof, den Bischof mit dem Metropoliten durch ein Band des liebenden Gehorsams verbunden, und alle für einen, einen für alle einstehen. Legte die heidnische Obrigkeit einem Christen Geldbuße auf, so zahlte für den einzelnen die Gemeinde, für eine Gemeinde die Diözese, für eine Diözese die ganze Provinz und das ganze Reich. Vor dieser Solidarität standen den Heiden die Haare zu Berge. Ihre eigene Verfassung hatte nichts entfernt Ähnliches. Sie fühlten, hier wird in die alte bürgerliche Weltordnung ein Keil getrieben, der sie unfehlbar sprengen muß. Man kann von den Arbeitertheorien denken wie man will; man kann aber nicht hoch genug denken von der Arbeiterpraxis, von der Verfassung, welche sie sich gegeben, von der Gewissensrepublik, in welcher sie leben, von der politischen Parteidisziplin der Arbeiter. Wenn die Wahltage kommen, so ringen die stolzesten und mächtigsten Parteiblätter des Bürgertums ohnmächtig die Hände, daß das Bürgertum, das intelligente, wohlhabende, über Zeit und Geld verfügende Bürgertum, das Bürgertum, welches den Wert seiner Rechte und Pflichten so gut zu kennen imstande wäre, um keinen Preis in der Welt an die Wahlurne zu treiben. Gegen die vis inertiae der deutschen Indolenz verwandelt sich dann der letzte Leitartikelschreiber in einen Cicero und Demosthenes, in einen Jeremias und Burke. Und doch schreibt er vergebens. Da winkt der Arbeiter Hartung – und 8000 Arbeiter opfern einen Taglohn und stehen wie ein Mann auf der Straße! Das ist etwas völlig anderes als deutsche Indolenz! Ich wurde zufällig Zeuge eines Gespräches, worin sich der Inhaber eines Klaviersalons in der Provinz gegen einen der ersten Wiener Klavierfabrikanten bitter beklagte, daß er ihm bestellte Instrumente zu Weihnachten nicht geliefert und seit zwanzig Jahren zum erstenmal benachteiligt. »Jetzt sind die Arbeiter unsere Herren«, war die Antwort. »Meine ältesten und treuesten Arbeiter klagen mir selbst, sie möchten gerne arbeiten, aber sie dürfen nicht!« Das ist neu. Das ist etwas völlig Anderes und Neueres, als der konstitutionelle Rechtsstaat und der Schutz der persönlichen Freiheit! Die Tyrannei, einem Arbeiter die Arbeit zu verbieten, würde in ganz Europa einen Aufschrei des Entsetzens hervorrufen, wenn sie von einem Kaiser oder König geübt würde. Der Arbeiter Härtung hat die Macht dieser Tyrannei und genießt den Gehorsam dieser Tyrannei. Um das Gleichnis einer solchen Herrschaft über das Menschengeschlecht zu finden, müssen wir Europa verlassen, müssen wir in die Geschichte zurück und nach Asien gehen, wo wir sie bei den Großkhanen der Hunnen, Tataren, Mongolen, bei Attila, bei Timur und Tschingiskhan finden. Auch wird sie nie mit einem rein weltlichen Charakter ausgeübt; es ist ein Zug in ihr wie von religiösem Fanatismus, ein unüberwindlicher Glaube an eine Mission, an das Unrecht einer alten und an das Recht einer neuen Ordnung. Attila, die Geißel Gottes, hat diese Sprache gegen Rom und Byzanz offen geführt, und in den milderen Akzenten des 19. Jahrhunderts sagt etwas Ähnliches der Großkhan Härtung, die Kapitalgeißel Gottes. Und klingt es nicht schon wie Hohn, selbst wenn er es nicht sagt? Wenn ein 26jähriger Tischler es dem Bürgertum bieten darf, ihm allergnädigst zuzugestehen, daß sich die Arbeiter von der Sache der Bürger nicht lossagen? Es ist wahr, die Bienen machen den kostbaren Honig; aber haben sie je Thymian und Lindenblüte versichert, daß sie ihre Saugrüssel aus ihren Kelchen nicht zurückziehen wollen? Wenn eine begeisterte Sekte mit solchen Ansprüchen in der Welt auftritt, so liegt die Situation gewöhnlich so, daß ihr Vorteil ein doppelter ist: nicht nur hat sie selbst eine Idee, von der sie begeistert ist, sondern die andern haben gewöhnlich keinen Geist und keine Idee. Hätte z. B. auf dem Parkettwürfel, auf welchem der Minister Graf Taaffe stand, als er die Arbeiterdeputation empfing, etwa zufällig ein denkender Mann gestanden, so müßten die Zeitungen einen wesentlich anderen Dialog zu erzählen wissen. Ich lese: »Hartung hielt an den Ministerpräsidenten die Ansprache, in welcher er erklärte, sie seien eine Deputation, entsendet von der versammelten Volksmenge, um die Wünsche derselben vorzulegen. Das Volk fordere noch in dieser Reichsratssession die Gewährung des Koalitions- und freien Genossenschaftsrechtes.« Darauf nun hätte der denkende Mann wahrscheinlich so geantwortet: Die Beschlüsse des Reichsrates sind frei und müssen frei sein. Es kann keine Rede davon sein, daß das Volk noch in dieser Session vom Reichsrate fordert. Das heißt dem Reichsrate diktieren und dem Reichsrate befehlen. Ich wüßte nicht, daß das ein Minister kann, das kann auch der Kaiser nicht. Ich lese: »Baudisch: Im Reichsrate seien alle Klassen der Bevölkerung vertreten, nur der Arbeiterstand nicht.« Die Antwort des Denkenden konnte ungefähr so lauten: Wie, mein Herr Baudisch, also wären im Reichsrate Österreichs nur die Müßiggänger vertreten und nicht die Arbeiter? Behaupten Sie das im Ernste? Glauben Sie wirklich, daß die Wähler Österreichs nicht arbeiten oder nicht wenigstens gearbeitet haben? Nehmen wir ein naheliegendes Beispiel, Herr Baudisch, Sie selbst! Sie werden einst Bürger, Wähler, vielleicht Gewählter sein. Aber sollte Ihr Herz dann aufgehört haben, für die Arbeiter zu schlagen? Könnte es das? Glauben Sie, daß es das könnte? Nun gebe ich aber gerne zu, daß das Denken eine notwendige Gymnastik nur der Kleinen und Schwachen ist, davon sich dispensieren kann, wer groß ist und die Macht hat. Graf Taaffe hat wie ein alter Römer gehandelt, als er die Arbeiterdeputation empfing, neun Tage sicher machte und am zehnten in die Gefängnisse schleppte. So ungefähr machten es auch die römischen Konsuln und Prokonsuln, als sie die Unterdrückung des Christentums wollten und – die raschere Ausbreitung desselben beförderten. Und so können wir uns von dem Jahre 1869 nicht verabschieden, ohne den Wunsch auszusprechen, daß die Arbeiterverhaftung am 22. Dezember in die letzte Woche dieses Jahres nicht als ein Keim gesenkt worden, dessen Früchte noch den Konsuln und Prokonsuln der spätesten Jahre aufgehen werden!   Der Krieg und das lettische Mädchen Ein Volkslied aus alten Zeiten, das will, mir nicht aus dem Sinn! Zwischen den Krokodilstränen der Solferino-Totenfeier und der Hyänenpolitik, welche ihren Rachen soeben nach neuen Solferinos aufsperrt – klingt mir ein altes lettisches Volkslied im Ohre. Singe, wem Gesang gegeben, und wahrlich, dem lettischen Landmädchen war kein schlechter Gesang gegeben, als sie ihren armen toten Franz besang. Sie sang nicht bei Solferino unter den Gesandtenscharen aller Humanitäts- und Kulturstaaten; ihr Gesang war daher echt. Er war so echt, daß ich ihn nicht einmal in Versen habe. Ich habe ihn nirgends gefunden, wo man »Poesien« findet, welche mit der offiziellen Angabe dieses Titels sich schmücken. Wann hätte die Poesie auch der Poesien bedurft? Das lettische Mädchen hatte einen Liebhaber und der Liebhaber war in der Schlacht gefallen. Eine alte Geschichte! Was aber weniger alt, sondern ziemlich neu ist, das sind die Worte des Mädchens bei dieser Gelegenheit. Wenn das gebildete Stadtfräulein ihren Premierleutnant »dem Vaterlande opfert«, so ist das sehr tragisch, sehr interessant und die Federn der Gans schillern in einem so durchaus geschmackvollen und distinguierten Trauerwarenlüster, daß die Gänseriche, in heller belletristischer Begeisterung darüber, doppelt »todesmutig sich in den Kampf stürzen«, wobei die Wirtschaft von Gans und Gänserich sich trefflich verewigt und der moderne Humanitäts- und Rechtsstaat doch auch leben kann, denn diese belletristischen Mode- und Trauerwarentränen sind Tau und Regen auf seine Kriegsbudgets. Das lettische Mädchen dagegen war eine ungebildete Person, denn sie sang gar nicht belletristisch und vaterländisch und verdienstmedaillenhaft, man findet daher ihren Gesang auch in keiner Blumenlese unserer Krieger-, Priester- und Raubstaaten, die doch so schöne Blumenlesen für ihre »gebildete Jugend« haben. Ich fand ihn in einem altmodischen, längst ausgemusterten Buche, in ›Hippels Lebensläufen‹ und zwar zu hinterst unter den Beilagen. Franz also war »fürs Vaterland« gestorben und seine »Braut in Tränen«, welche keine Ahnung hat, wie ein gebildetes Fräulein »ihren Schmerz adelt«, wirft die dankbare Situation, »dem Vaterlande sein Teuerstes geopfert« zu haben, fast vor die Schweine, denn sie macht ihrem Franz keinen andern Nachruf als diesen: »Dein Leben gehört Gott, dir und mir, und keinem von uns gibst du es, du bringst es dem Vaterlande! Kennst du dies Ungeheuer? Ich kenne es nicht; ich mag es nicht, ich will es nicht kennen, dieses blutdürstige Tier, das seinen Weg mit Menschenleichen pflastert, um weich zu treten, und an verwüsteten Feldern und ausgebrannten Wäldern seine Lust hat. Vaterland, wie häßlich bist du! Auch meinen Geliebten hast du auf der Seele – wenn du eine Seele hast! Vaterland, du wohnst in einer Mördergrube! Franz, wie konntest du dich verleiten lassen? Ehre! Was ist Ehre? Weißt du es? Ich weiß es nicht. Man spricht von meiner jungfräulichen Ehre; aber war' sie's noch, wenn ich sie hinwürgen ließe? Was für ein Ding ist deine Soldatenehre, die du erst hast, wenn du dich selbst nicht mehr hast, die du erst bekommst nach deinem Tode? Kann man nach seinem Tode noch etwas bekommen? Weiß dieser Fels, wenn ich sage: ein schöner Fels, und richtet die abgehauene Tanne sich in die Höhe, wenn ich sage: ein trefflicher Baum? Hören wir, wenn wir gestorben sind? Und was ist Ehre, wenn wir sie nicht hören können? Du hast falsch Geld eingewechselt, Franz, schäme dich, daß du gestorben bist!« Hört man das an, so wird einem augenblicklich zumute, als könnten Gans und Gänserich aufhören, und müßten anfangen Menschen zu werden. Daher nennt man es auch Volkspoesie, zum Unterschied von der Poetenpoesie, wo einem nicht so zumute wird. Die Poetenpoesie ließe doch reden mit sich. Sie würde deklamieren gegen den »Krieg« – was sehr schön ist; gegen den »Kabinettskrieg« – was noch schöner ist; gegen »die Schlachtbank«, auf welche die »mündig gewordenen Völker von der Willkür der Fürsten nicht mehr sich schleppen lassen« – was am allerschönsten ist. Die Poetenpoesie hätte daher wohlweislich gesagt: Krieg , wie häßlich bist du! Krieg , du wohnst in einer Mördergrube! Dabei wäre alles in Ordnung geblieben. Die scheußlichen Dinge: Krieg, Kabinettskrieg, Schlachtbank, läßt man sich verstecken hinter ein schönes Ding, genannt Vaterland; jene fällt man schonungslos an, dieses behandelt man mit Achtung – und so macht sich die Sache. Man ist modern und human gewesen und dabei kann doch auch die hohe Generalität, das hohe Militärbudget, der gestickte Kragen und die besternte Brust leben! Wie aber, wenn man den scheußlichen Dingen ihre letzte Maske herunterreißt und das Ding geradezu bei seinem Namen nennt? Vaterland , wie häßlich bist du! Vaterland , du wohnst in einer Mördergrube! Da hört sich alles auf. Vaterländische Poesie, vaterländische Verdienstmedaille, alles. So plump kann nur eine lettische Bauerndirne sein. Wahrscheinlich hat sie auch gar kein Vaterland – nämlich keine vaterländische goldene Verdienstmedaille. Ich habe sie daher stark in Verdacht, daß sie auch nicht »verfassungstreu« ist. Alle Verfassungsurkunden aller anständigen Kulturvölker sagen nämlich, ehe sie ihre übrigen schönen Sachen sagen, gleich zuerst und im Paragraph Eins: Der König hat das Recht, Krieg anzukündigen und Frieden zu schließen. Diese schöne konstitutionelle Bestimmung würde das lettische Mädchen in ihrem rohen Zorn wahrscheinlich so formulieren: Der König hat das Recht, euch umbringen zu lassen; hierauf kommen eure Volksrechte. Das schmeckt nach Hochverrat, nämlich nach Republik, und damit kommt man freilich nicht in eine Blumenlese für die gebildete Jugend, sondern höchstens – in die Alservorstadt Nr. 1. Der Hochverrat dürfte auch sonst außer Zweifel stehen. »Franz, wie konntest du dich verleiten lassen!« Wenn man bei einem Soldaten den Ausdruck »verleiten« hört, so hat das nur einen Sinn: zum Treubruch verleiten. Hier aber heißt es: Zur Fahnentreue verleiten! Welche Grundsätze hat dieses Mädchen! Und wenn dieser ganze Radikalismus wenigstens noch »moderner Fortschritt« wäre! Aber daß das eine Stimme von hundert Jahren her ist und noch lange vor Erfindung des Wortes »radikal« und vor der »Mündigwerdung« der untersten »Volksschichten«; das verdrießt mich am meisten. Diese lettische Volksschichte kommt mir verflucht mündig vor! »Schäme dich, Franz, daß du gestorben bist.« Hat der moderne Fortschritt dem Militärstaate je etwas Stärkeres gesagt? Während dieser mit großem Aplomb sein »Bett der Ehre« sich aufbettet, muß er sich von einem einfältigen Landmädchen sagen lassen: Schäme dich, daß du hier Bettgeher bist! Ich bin doch auch ein gebildeter Mann, habe die Protokolle aller Brüsseler und Genfer Friedenskongresse studiert, habe mich mit der vereinigten Weisheit von ganz Europa sattsam gesättigt; aber so imponiert hat mir nichts. Was sie auch immer sagen, sie sagen es mit Pathos, mit Affekt, mit Deklamation, während dieses Lettenmädchen es ganz unschuldig heraussagt: Schäme dich, Franz, daß du gestorben bist. Wo bleiben die Ehrensalven und zertrümmerten Fensterscheiben, wenn die nächstbeste Bauerndirne solche Reden hinwirft, und zwar nur im Vorbeigehen, nicht einmal in einem stenographierten Protokoll und vor den »besten Männern« Europas – der besten Frauen, wie Fanni Lewald, ganz zu geschweigen! Ja, wo bleibt Fanni Lewald selbst, wenn es schon hundert Jahre vor ihr und nicht einmal in der Intelligenzmetropole, sondern in einem elenden Bauernwinkel solche Bauerndirnen gab! Darum kommt mir das alte lettische Volkslied nicht aus dem Sinn – während mir andere Lieder in den Sinn gar nicht hineinkommen; jene Schocke von Gedichtbänden, die mir zur »freundlichen Besprechung« so fleißig zugeschickt werden. Ja, ja: habent sua jata libelli.   Ultramontane Fliegenschwämme Mit Schauern der Andacht bist du wohl manchmal in einem Walde dahingewandelt und hast zu den hochstämmigen und wuchskräftigen Bäumen das Auge nach dem schönen Lichte aufgeschlagen, das durch die majestätischen Laubkronen einfiel; aber inzwischen glitschte dein Fuß auf einem feuchtschleimigen Pilz oder Schwamm aus und erinnerte dich, daß der baumprächtige Wald, dessen Wipfel im Winde rauschen und im Morgenrot glühen, unten am Boden noch eine zweite Vegetation beherbergt, das Ungeziefer des modrigen und giftigen Schwammgeschlechtes. Ähnlich mag es Einem zumute sein, der sich im Literaturwalde unserer Zeit an Humboldts Kosmos, an Bukles' Geschichte der Zivilisation, an hundert- und tausendmaligen Eichen, Ahornen und Edeltannen von Büchern erbaut hat, wenn er plötzlich auf dem feuchten Waldboden dieser Zeit ein ganzes Gewimmel von giftigen Pilzen und Fliegenschwämmen entdeckt, die Literatur der Traktätlein, der Ölblätter, der Himmelsschlüssel, der christlichen Wurzgärtlein und wie das Unkraut der wühlenden Verdummungspresse sonst heißen mag. Das ist denn freilich ein anderer Wald im Walde! Droben im Äther der geistschwere Wipfel eines Buches wie »Welt als Wille und Vorstellung«, drunten im Waldmoder ein kleines knirpsknolliges Giftschwämmchen, ein Alräunchen und Galgenmännlein, genannt: ›Die Apostasie der großen und kleinen Schulmeisterei, oder die Jugend im Affentheater‹. Das Affentheater aber ist die konfessionslose Schule. In welcher Schule hat das Galgenmännlein den Titel-Effekt studiert? Etwa gar in der unsrigen? Aber da müßte sich wieder einmal der Meister den plumpen Nachahmer verbitten. Die Jugend im Affentheater! So unartig spricht man nicht, wenn man im Vorworte sich rühmt, man habe geschrieben mit dem festen Vorsatze, »niemanden persönlich zu verletzen oder zu beleidigen«. Das Affentheater verletzt und beleidigt alle Personen, welche die konfessionslose Schule für die einzige Möglichkeit der Geister-Entsumpfung halten. Die Apostasie der großen und kleinen Schulmeisterei oder die Jugend im Affentheater, – ist übrigens ein klerikales Wühl-Fabrikat ohne Talent und ohne Spur von Beruf. Zuweilen tut der »alte Schulmann«, wie sich der Autor nennt, als ob er maßvoll und anständig sprechen möchte, da es ihm aber durchaus an Bildung und Wissen fehlt, so bleibt es bloß schal, leer und matt; noch öfter möchte er freilich, nach gutem ultramontanem Brauch, ein klein wenig schimpfwitzig oder wenigstens grob sein, aber dazu fehlt es ihm wieder an Schneide. Ach und es ist ein trauriger Anblick, ein Bulldog, welcher beißen möchte, mit Zahnlücken oder mit plombierten Zähnen! Kurz, das Duodezbüchelchen von wenigen Bogen bleibt in seinem Gehalt hinter seinem Volum noch unendlich zurück. Es ist ein völlig belangloses und unbedeutendes Machwerk. Der Leser entäußere sich nur schleunigst der Meinung, daß es die Ehre unserer Besprechung in irgend einem Sinne verdiene. Wir griffen es bloß heraus, weil uns das Beste wie das Schlechteste seines Genres den gleichen Anlaß bietet, das einzige, was zu erwidern der Mühe wert ist, solchen Seifenblasen entgegenzuwerfen. Der Mittelpunkt und die Operationsbasis des ganzen Büchleins ist nämlich der bekannte und gedankenlose Gemeinplatz, womit, indem von der Schule die Rede ist, Unterricht und Erziehung miteinander verwechselt werden. Da haben wir denn in diesem, wie in allen übrigen Fällen, einfach zu sagen, daß wir diese Verwechslung nicht dulden. Die Schule unterrichtet zwar, aber sie erzieht nicht. Wer erzieht, das ist die Familie im Hause und der Nationalgeist im Vaterlande. Die Schule lehrt. Die Schule teilt Kenntnisse mit, d. h. das, was man wissen kann. Nun weiß man von Meridianen und Parallelkreisen, von Kegelschnitt und Logarithmen, aber was weiß man von Gott, von Gottes Sohn und von Gottes Mutter? Das weiß man nicht, sondern man glaubt es. Man! Wer ist dieser »man«? Der Staat? Der Staat als solcher glaubt nicht, so wenig wie eine Bank- oder Aktiengesellschaft als solche glaubt. Er ist ein größerer Verein, wie diese kleinere Vereine sind. Welchen Glauben also wollte der Staat lehren? Seinen Glauben ? Er hat keinen. Den Glauben der Eltern? Ah, da sind wir zur Stelle. Von den Eltern auf die Kinder pflanzt sich der Glaube schon natürlicherweise fort. Es hieße die Schule, eine Kunstanstalt, mißbrauchen, wenn man sie zu Naturfunktionen gebrauchte. Sie würde lächerlich. Oder wäre es nicht artig, wenn ein Professor seinen Zuhörern sagte: Meine Herren, den Beweis dieses mathematischen Lehrsatzes habe ich zwar vergessen, aber ich bitte Sie, glauben Sie mir den Lehrsatz? So komisch ist die Verbindung Glaube und Schule! Der ganze Begriff der Schule liegt im Begriffe des Wissens . Wo das Wissen aufhört, dort hört die Schule auf. Die Schule ist nämlich nichts als ein Markt, wo man Wissen einkauft. Ein Markt wie jeder andere Markt. Was für ein Kuriosum, unter die Waren des Marktes – Dogmen zu mischen! Man male sich das aus. Ich trete in einen Bäckerladen und heische ein Fünfgroschen-Brot. Der Bäcker reicht es mir mit den Worten: Hier, mein Herr, haben Sie ein Fünfgroschen-Brot und seien Sie versichert, daß Gott die Welt erschaffen hat und alle Menschen von einem Paare abstammen. Ich kaufe einen Sonntagsbraten, aber der Aufhackknecht haut ihn vom Stücke mit der feierlichen Erklärung, daß die Ehe ein Sakrament und kein bürgerlicher Vertrag ist. Ich lasse mir ein Paar Stiefletten anmessen, und der begeisterte Schuster fragt mich sowohl, ob ich Hühneraugen habe, als auch ob ich an die unbefleckte Empfängnis glaube. Ein närrischer Markt das! Aber nicht vernünftiger wäre die Schule, wohin ich meinen Jungen schickte, um sich die Kenntnis der chemischen Wahlverwandtschaften einzukaufen, und die ihn mir zurückschickte – mit der Kenntnis von gebärenden Jungfrauen und von auferstandenen Toten. Wir haben uns bei dem kleinen abgeschmackten Büchlein schon zu lange aufgehalten. Wir müßten es lügen, wenn wir ihm seinen ultramontanen Parteistandpunkt im mindesten übelnähmen. Treibe jeder seine Geschäfte! Wir haben es ganz gerne, wenn die Kirche ihre Gewaltmittel anwendet, uns zu unter werfen, wie Karl der Große die Sachsen unterworfen, bekehrt und – geköpft hat; aber schmerzlicher ist doch noch das theoretische Faseln der Kirchenleute. Wahrhaftig! übler als ein qualmender Scheiterhaufen macht uns der mit der angenommenen Miene der Salbung und der wirklichen Miene der Dummheit vorgetragene Wortschwall: daß die Lehre von einem Glauben in eine Schule gehöre. Als ob man einen Glauben überhaupt lehren könnte! Ein Wissen kann man lehren, aber einen Glauben nicht. Ist doch der Glaube kein Wissen, sondern eine Empfindung. Und will man Unterricht im Empfinden geben? Warum nicht lieber gleich Unterricht im Blumenduft oder im Herzklopfen? Und das sind Männer, welche ihren Glauben zu ehren meinen und keine Ahnung davon haben, daß der Glaube viel zu spirituell, zu seelisch, zu – schamhaft ist, um Gegenstand eines Schulunterrichtes zu sein. 1871 Dichter und Welt Einen Epilog zur Grillparzer-Feier zu schreiben, ist just nicht meine bestimmte Absicht; aber es ist wohl natürlich, wenn sich auch absichtslos die Gedanken einer verwandten Richtung überlassen und das verrauschte Thema noch in der Einsamkeit nachklingt. Die Welt soll den Dichter anerkennen – es gereicht ihr zum Vorwurf, wenn sie ihn verkennt oder allzu spät anerkennt – das haben wir in Vers und Prosa, man möchte sagen, in Prosa und Prosa, wie ein Thema behandeln gehört, wovon nur Variationen erlaubt sind; das Thema selbst ist ein Dogma! Da inzwischen der wertvollste Teil jedes Dogmas der dazu gehörige Ketzer ist, so lassen wir das Dogma dogmatisch sein und lesen nur gleich unsere Ketzer-Messe. Was ist ein Dichter? Es ist tausendmal gesagt worden – am nachdrücklichsten vielleicht von Carlyle – ein Dichter ist eine höhere Kraftsumme als ein anderer Mensch; er ist vor allem ein großer Mensch . Mehr als ein Zeitgenosse Goethes – ich erinnere mich nur an Jacobi – hat von Goethe bezeugt, er mache den Eindruck eines großen Mannes, auch wenn man nicht wüßte, daß er ein großer Dichter sei. Zur Bewunderung der Welt brauche er gar nicht seinen Werther und Faust. Umgekehrt wieder: wenn jene starkglühende Lebensmasse, welche wir Mirabeau nennen, eine Tragödie gedichtet hätte – wer zweifelt, daß seine Leidenschaften wahrer, seine Konflikte großartiger, seine Könige königlicher, seine Helden heldenhafter gewesen wären, als die so vieler »Bühnentalente«? Wer zweifelt, daß der Dichter der Johann-, Richard- und Heinrichstragödien, daß Shakespeare England nicht ebenso regiert hätte, als er es gedichtet hat? Und war denn z. B. der Dichter des Verlorenen Paradieses, die heldenhaft männliche Republikaner-Seele Milton, als Cromwells rechte Hand, nicht wirklich ein guter Mitregent Englands? Nichts ist gewisser, als was Carlyle sagt: ein großer Dichter, welcher seine Menschengröße zunächst durch die redenden Künste darstellt, würde sie ebensogut darstellen als großer Feldherr, Eroberer, Staatsmann, Gesetzgeber. Und das soll die Welt anerkennen? Aber wer läßt sich denn bereitwillig erobern? Wer läßt sich denn bereitwillig Gesetze geben, wovon man ohnedies schon zu viel hat? Man sage doch lieber gleich: die Hasen sollen den Hund anerkennen, die Schafe den Wolf, die Gazellen den Löwen, das Stroh die Feuersbrunst oder die zahmen frisierten Städte Europas die lodernde Kriegsbegeisterung Timurs und Solimans! Der große Dichter erscheint dem Menschengeschlechte zunächst als ein großer Störenfried, ja ganz eigentlich als ein Feind. Schiller, in dessen Charakter, wie bei allen starken Naturen, ein köstlich-grausamer Zug war, sagt das in einem Brief an Goethe ganz direkt und unumwunden heraus: »Man müsse es den Leuten, wie sie einmal sind, durch die Poesie nicht wohl, sondern recht übel machen; man müsse sie inkommodieren, ihnen die Behaglichkeit verderben, sie in Erstaunen und Unruhe setzen. Dadurch allein lernten sie an die Existenz einer Poesie glauben und bekämen Respekt vor den Poeten«. Glaubt man in diesen Worten des großen Dichters nicht wirklich Carlyles »großen Eroberer« zu hören? Es den Leuten recht übel machen, sie inkommodieren, ihnen die Behaglichkeit verderben, sie in Erstaunen und Unruhe setzen, klingt das nicht ziemlich authentisch nach der » Geißel Gottes «? Und das soll die Welt anerkennen? Natürlich sind Schillers Worte Übertreibung und genialer Übermut und nicht buchstäblich zu nehmen. Aber was eingeschränkter zu nehmen ist, ist doch nicht als sein Gegenteil zu nehmen? Wenn man halb im Scherze gesagt hat: man muß es den Leuten recht übel machen, so will man doch nicht im Ernste gesagt haben: man muß ihnen schmeicheln und nach dem Munde reden? Der Sinn bleibt immer der, der er ist! Die Menschen – ohne Spur von Bitterkeit wird es gesagt – können sich nur erhalten und behaupten auf einer mittleren Durchschnittslinie ihrer Kräfte und Zustände. Diesem Naturgesetze entspricht in der Kunst die Mittelmäßigkeit , aber die Mittelmäßigkeit haben sie auch zu allen Zeiten gerne und bereitwillig anerkannt. Das Genie dagegen stört dieses mittlere Gleichgewicht der Menschenzustände, fordert eine Unsumme von Lieblings-Vorstellungen, Gewohnheiten und Neigungen zum Opfer, welche alle von der Mittelmäßigkeit geschont, ja gehätschelt werden, kurz, wird im unausstehlichen Grade fatal, lästig und unbequem. Ja, was das Allerempfindlichste ist: wenn uns z. B. die Genialität eines Mechanikers die plumpe Maschine mit einer leichteren und leistungsfähigeren völlig unbefangen vertauschen läßt, so führt der Fortschritt des genialen Dichters das Gefühl der Beschämung mit sich; es wird den Menschen zumute, als wären sie zuvor einigermaßen langweilig und einfältig gewesen. Außer dem starken Trieb der Gewohnheit wehrt sich daher noch der stärkere Trieb der Selbstliebe, der Eitelkeit , gegen den großen Dichter. Die Großmutter, die sich vor den Reibhölzchen fürchtet und ihr Licht noch mit Stahl und Stein, Zunder und Schwefelfaden anmacht, hält das Lächeln des Enkels gutmütig aus. Dagegen geht es schon tiefer, wenn die rosige Enkelin in ihrer Thekla schwelgt – Sein Geist ist's, der mich ruft, es ist die Schar Der Treuen, die sich rächend ihm geopfert, womit der gute Großvater geneckt wird, dem noch der sterbende Cato von Gottsched imponiert: Erhabener Plato, ja, dein Schluß hat großen Schein, Des Menschen Seele muß doch wohl unsterblich sein. Das hat ihm gefallen, als er jung war, als er seine Selige freite; sein bestes Stück Leben steckt darin, – und war es denn nicht auch schon ein Fortschritt? Ein Fortschritt gegen Lohenstein und Hoffmannswaldau? Gewiß! Aber dabei bleibt er; – etwas Festes und Heiliges muß es ja doch geben! Diese neumodischen Stürmer und Dränger, dieser Lenz und Klinger, Goethe und Schiller, – sein altersschwaches Auge unterscheidet den Unterschied nicht mehr, kann er unmöglich anerkennen, er gäbe sich ja sonst selbst auf. Entweder bekämpft er sie leidenschaftlich, oder überläßt sie mit Gleichgültigkeit – dem jüngeren Volke. Wohlan, diese Bewandtnis hat es mit der Anerkennung großer Dichter. Jede Generation besitzt ihren Lieblingsdichter, mit dem sie verwachsen ist und er mit ihr, der ihr Ausdruck ist. Der neue Dichter drückt schon nicht mehr sie aus, sondern die Zukunft. Er gehört der Jugend. Ganz ohne Anerkennung dürfte er freilich nicht bleiben, denn sonst wäre er tot geboren. Aber sein Leben ist vorerst Lebens keim ; dieser Keim wird von den Händen der Jünger dem Schoße der zweiten, der dritten Generation überliefert, welche, indem sie den »verkannten« nun freudigst anerkennt, ihrerseits schon wieder reaktionär ist und den nächst großen Dichter schon wieder nicht anerkennt. Die Menschheit kann nun einmal nichts anderes brauchen als die Gewohnheit und das mittlere Maß; was in der ersten Generation noch ausschweifend, exzentrisch, unerhört war, daran muß die zweite und dritte Generation sich zu gewöhnen Zeit finden, sie muß die höheren Ideenkreise, wohin sie ein großer Dichter emporhebt, wieder auf ihr mittleres Maß ausgleichen, sich mit ihnen ins Gleichgewicht setzen können. Nichts ist naturgemäßer als die späte Anerkennung und nichts verkehrter, als es anders zu fordern. Wäre denn die Menschheit rein des Teufels, daß sie immer wieder Rückfälle hätte, sooft sie sich löblichermaßen vorgenommen, ihre Dichter endlich anzuerkennen? Wie sich die Deutschen auf ein Haar um ihren ersten Nationaldichter Schiller gebracht hätten, der als Jüngling von Vater und Vaterland verjagt wurde, und ohne die rechtzeitige Hilfe eines seltenen Aristokraten noch als Mann verhungern konnte, – das wäre doch eine derbe Lektion gewesen, eine Lektion für ewige Zeiten! Warum hat sich bald darauf Heinrich v. Kleist erschossen? Warum blieb Grabbe bühnenunfähig, da doch der zweite Teil des Faust für die Bühne gepreßt wird? Warum wurde Grillparzer vergessen? Warum wurde Hebbel vernachlässigt? Warum der geniale Klein? Keine Schillers, aber der nationalen Aufmerksamkeit doch würdiger, als sie ihnen faktisch zuteil geworden! Warum? Weil sie alle mehr auszudrücken hatten, als das mittlere Maß ihrer Gegenwart. Parallel mit diesen verkannten Dichtern standen ja andere in schönster Anerkennung, nämlich die Dichter des mittleren Maßes und der gewohnten Ideenkreise, die Mittelmäßigkeits-Dichter Iffland, Kotzebue, Müllner, Houwald, Raupach, die Birch-Pfeiffer und Friedrich Halm, welch letzteren Hebbel mit: Distinktion »eine vergoldete Mittelmäßigkeit« zu nennen pflegte. Man sieht, die Welt ist gerecht. Sie erkennt den Dichter an, der das Leben des Augenblicks hat und der in Kunstform nur das ist, was jedermann in Natur ist. Wer mehr ist, der gehört der Zukunft, die Welt reponiert ihn daher auch der Zukunft, oder – wie man härter sagt – sie verkennt ihn.   Meine Frau Brief an Dr. Leidesdorf in Oberdöbling Die Mission eines Irrenarztes, geehrtester Herr, fängt nicht selten schon mit der Aufgabe an, den Patienten überhaupt erst abzuholen und aus seinem Hause zu bringen, denn nie geht er freiwillig und häufig widersetzt er sich der Autorität seiner nächsten Angehörigen. Ich bitte Sie daher, sich einen Plan zu entwerfen, wie Sie meine Frau in Ihre Heilanstalt abholen wollen, eine arme Unglückliche, welche unter folgenden Symptomen den Verstand verloren hat. Schon am 1. August fing sie an, auf die ›Wiener Abendpost‹ zu abonnieren, und am 15. kaufte sie sich eine böhmische Grammatik. Diese deutlichen Absichten, sich ein Leid anzutun, machten mich wachsam und ich beobachtete sie von diesem Augenblicke an sorgfältiger. Natürlich kenne ich die Regel, einem Geistverwirrten die Aufmerksamkeit auf seinen Zustand zu verbergen, und ich verbarg die meinige so gut, daß ich am 22. einen jungen Herrn aus der Gesellschaft Jesu bei ihr überraschte, welcher auf den Knieen lag und ihr die Unfehlbarkeit erklärte. Der Unfehlbare ergriff die Flucht bei meinem Anblicke, so daß ich über seinen theologischen Standpunkt jeden Zweifel verlor und meine Frau mit einem schismatischen Blicke vorwurfsvoll ansah. Sie aber blickte dem jungen Kirchenvater nach, seufzte, und murmelte etwas von der Stellung der Kirche in der Familie. Noch konnte ich nicht unterscheiden, ob es die Sprache Zwergers , oder die Sprache des Irrsinns oder beides zugleich war. Leider! das Unglück schreitet schnell, bald wurde mir alles, alles klar! Am 28. fand ich einen Rittmeister bei ihr, einen Kavalier aus einer unserer ersten Feudalfamilien, welcher nicht auf den Knieen lag, sondern – besser! Der Rittmeister muß mich mit Moltke verwechselt haben, denn er begab sich auf einen fluchtähnlichen Rückzug. Ich ließ den Elenden laufen; in diesem Augenblicke, wo ich alles verloren, fühlte ich nur, was ich alles besessen, und mein Gefühl war nicht Zorn, sondern Schmerz. Ich wurde weich. Emilie, sagte ich, ist das die Treue, die du mir vor vier Jahren geschworen? Sie antwortete: Nun ja, ich bin dir auch treu, – verfassungstreu. Jetzt erst wurde ich zornig, denn ich hielt dieses Wort für einen schamlosen Hohn. Weib! – schrie, ich, in dem Augenblicke, wo ich deinen Ehebruch – – Da schnellte sie auf und stand da mit der ganzen Hoheit einer beleidigten weiblichen Würde. Ich verbiete mir dieses Wort, ich konfisziere es! herrschte sie mich an. Ehebruch! Ich breche dir die Ehe so wenig, als Graf Hohenwart, Exzellenz, die Verfassung bricht. Es fällt mir nicht ein. Ich bin verfassungstreu über allen Zweifel, ja über den Augenschein selbst hinaus. Was du gesehen hast, war nichts als eine Revision unserer Ehe-Verfassung. Ich will endlich Frieden mit meinen Anbetern. Jener Abbé wartete schon im Schnee auf mich, als ich noch ins Institut ging, ebenso stand der Rittmeister mit einer Bonbonnière voll Praslins vis-a-vis in der Sackgasse. Es ist hohe Zeit, daß die Herren befriedigt werden. Ich will meinen Ausgleich mit ihnen. Ihre Augen rollten im Wahnsinn, Nacht umschleierte meine Blicke. Der Kolporteur brachte die ›Abendpost‹. Es war ein fürchterlicher Moment! Helfen Sie rasch, Herr Doktor. Noch kann ich nicht glauben, daß meine arme Frau für immer verloren. Ihre Gesundheit ist gut, ihre Organe vortrefflich, ihre somatischen Funktionen normal. Am Ende tut's eine bloße Luftveränderung. Was meinen Sie zu Gastein ? Oder zum Kaiserbad in Pest- Ofen ? Das sind zwei Orte, auf die ich in diesem Augenblicke viel Vertrauen setzen würde. In jener Luft, glaube ich, könnten noch mehr Narren als meine arme Frau zur Vernunft kommen. Aber ach, soeben ereignete sich ein Fall, der mich von neuem beängstigt. In diesem Augenblick meldet sich ein Herr aus Laibach und wünscht eine »intime Konferenz« mit meiner Frau. Ich frage ihn, was er will; er antwortet: das ist sein Amtsgeheimnis! Aus dem Innern aber ruft meine Frau: Zwonimir, bist du endlich da? Wo bleibst du so lange? Komm' in meine Arme! Sie fliegt ihm entgegen – mich aber schiebt sie beiseite, – winkt mir zärtlich – und sagt: Mann, was tue ich nicht für deinen häuslichen Frieden! Am Ende werd' ich noch selbst toll. Verlieren Sie keinen Augenblick. Es ist Gefahr im Verzuge, eilen Sie, retten Sie! Ganz ergebenst Ihr ... Antwort des Dr. Leidesdorf Mein Herr! Ihre Frau ist nicht verrückt, sondern bloß eine wahrhafte Österreicherin. Sie mißverstehen die Symptome gänzlich. Darf ich Ihnen im übrigen einen Rat geben, so wäre es dieser: Brechen Sie die Ehe, scheiden Sie die Ehe, kurz separieren Sie sich auf alle Weise von Ihrer Frau und treten Sie mit jedem Ihrer Schritte in die gehässigste und ungerechteste Opposition zu ihr. Von diesem Augenblicke an wird Ihre Frau ihren Ausgleich mit Ihnen suchen und Sie mit einer Zärtlichkeit verfolgen, als ob Sie allein und einzig auf der Welt wären. Ich bürge für den Erfolg meines Rates. Bei allen Narren meiner Anstalt – und meine Praxis ist groß – hat diese Krankheit bei dieser Behandlung immer denselben Verlauf zur Heilung genommen. Sie können meinethalben bis zur Moskauer Knute gehen; – ich weiß, was ich sage, ich spreche von Fällen der Praxis, – wenn Sie dächten, Sie hätten sich aufs roheste, gröbste und unverschämteste gegen sie vergangen, dann bringt es die Natur dieser Wahnsinnsform mit sich, daß Sie sofort der Mann ihres Herzens werden und jedem in der Welt, der gut, artig und sittlich ist, den Rang abgelaufen haben. Dem Patienten, der an dieser Manie erkrankt ist, ist der Barbar immer das Liebste. Ihr Dr. Leidesdorf. 1872 Grillparzers Lebensmaske Während sie Grillparzers Totenmaske abgießen, will ich ein Wort von seiner Lebensmaske hinwerfen. Herr, schicke einen andern; Herr, schicke meinen Bruder Aaron! flehte Moses, als ihn das erste Lampenfieber vor seiner weltgeschichtlichen Heldenrolle schüttelte. Es half ihm nichts, er mußte hinaus vor die Lampen. Gesetzt aber, er hätte es nicht mit einem brennenden Dornbusch zu tun gehabt, der absolut keine Räson annahm, sondern bloß mit seinem Selbst. In diesem Falle hätte er sich von seiner Mission dispensiert, und da er ohnedies von seiner Wiege an Protektion bei Hofe genoß, so ist es wahrscheinlich, daß ihm das bißchen Totschlag seine weitere Karriere nicht verdorben hätte. – Moses wäre gestorben – als ein alter loyaler Hofrat des Pharao. Ich hole sonst nicht zu grandiosen Bildern aus, um einen Gedanken darauf zu pfropfen, der nicht dazu paßt. Moses und Grillparzer geben keine Proportion; das sehe ich auch ohne höhere Geschmackslehre ein. Und doch darf man es nicht verschmähen, einen Trompetenstoß anzubringen, dort, wo man etwas zu sagen hat, worauf die Ohren nicht vorbereitet sind. Von Franz Grillparzer wird ein wochenlanges Gebimmel durch alle Zeitungen Deutschlands und vielleicht auch des Auslandes gehen, des Inhalts – daß wir den Grillparzer begraben und viele Reden dabei gehalten haben. Mir ahnt aber, das Gebimmel wird mäuschenstill davon sein, – daß Grillparzer sich selbst begraben, und welche Reden sein büßender Geist, sein nachtwandelnd ruhelos Gespenst in sein Schreibpult hinein gehalten. Vom Hofrat Moses werden sie alle zu bimmeln wissen; ob sich aber wohl ein einziger die Finger verbrennen wird am brennenden Dornbusch und an dem heiklichen Thema, wie der Geist Gottes einem großen Rächer auftrug, Plagen über Ägypten zu schicken?! Ach ja; sie werden die Plagen Schätze nennen; Schätze, welche Grillparzers Pult verbirgt und welche jetzt gehoben werden. Ganz recht; literarische Schätze ! Als ein literarischer Schatz wird »ein Bruderzwist im Hause Habsburg« figurieren, wo sich eine ganze Handvoll Erzherzoge einander die merkwürdigsten Schandtaten vorwerfen; ein literarischer Schatz wird jenes fürchterliche Arsenal von Epigrammen heißen, womit Capuas Korruption in Grund und Boden gestampft wird und wo jeder seinen Strick bekommt, inkl. den Herausgeber der literarischen Schätze, der zwar noch nicht bekannt ist, der aber kein Capuaner sein müßte, wenn er den Strick nicht verdient hätte. Denn das wußte Grillparzer schon lange vor dem Einwanderer und Minister Schäffle, daß man in Capua Baron wird, wofür man auswärts – ins Zuchthaus käme! Die Nummern der Zuchthauszellen gerecht und unparteiisch auszuteilen, gehört zu den »literarischen Schätzen« Grillparzers. Ein schönes Wort: literarische Schätze, für: Blitz, Donner, Hagel, Teufel und Teufelsschwanz! Und freilich ist der Schwefel ein Schatz – wie hätte ihn sonst Rothschild auf Sizilien gepachtet? und auch der Phosphor ist ein Schatz, und Magnete und Elektrizität und, was weiß ich, sind lauter Schätze von mannigfachem und unerschöpflichem Nutzen im Gewerbsleben. In der Poesie aber nennt man Schwefel, Phosphor, Elektrizität, Magnetismus und all das Teufelszeug einfach Gewitter, und die Gewitter dienen auch, zwar nicht im Gewerbsleben, aber in der Physik, zumal in der politischen und moralischen Physik, wo sie auf Kosten und mit dem Untergang von Myriaden Schnaken, Schmeißfliegen, Baronen und Zuchthäuslern bekanntlich die Luft reinigen. Und das ist die Lebensmaske Grillparzers: ausgesandt als ein flammendes Gewitter, um die Luft Österreichs zu reinigen, zieht er über Österreich hin als ein naßgraues Wölkchen, am Rande mit etwas Abendpurpur umsäumt. Und das Wölkchen geht unter! Und am Grabe des Achtzigjährigen muß man es der Welt wie eine Neuigkeit sagen: Ihr kennt den Grillparzer gar nicht! Wie man im Traume die Geister nur von der oberen Hälfte her sieht, so ging von dem ganzen Grillparzer nur eine Hälfte über die Erde: die andere Hälfte ist niemals gesehen worden! Ihr sähet einen kleinen schüchternen Hofrat, der auf der Leier der Sappho klimperte und die Wellen der Liebe sich schaukeln ließ (nebenbei der monströseste Österreicher Tropus: die Wellen der Liebe!), einen unschuldigen, stillen Beamten, loyal wie ein Mandarin von drei Knöpfen und friedfertig wie der ganze Umfang der chinesischen Mauer. Er könnte ein Hannibal sein und ergraut in Capua, vierzig Jahre lang genügt ihm ein Gang in den Nußdorfer Bierkeller und ein Küfer-Gespräch dazu, fünfzig Jahre lang ist sein weiblicher Umgang die nie berührte Braut, – so lebt er und spinnt er von einem Quartal ins andere, von einem Jahr, von einem Jahrhundert ins andere. Menschen sind jung und werden alt, der kleine Hofrat ist bloß alt und wird älter und scheint einzig zu leben, um sich vergessen zu lassen. Vor dem Fünfzigsten hört er zu dichten auf und bis übers Achtzigste spricht er zu allem, was da vorgeht, sein Amen, sein berühmtes »sei's!« Dreißig Jahre lang lebt er von einer Silbe – weniger kann auch eine Sphinx nicht tun. In der Tat liegt er neben dem Stephansturm wie die Sphinx neben der Pyramide, und man meint, der Stephansturm ist der jüngere von beiden. Man meint, von diesem Manne könne man nicht anders erzählen als mit der Pointe: Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch. Aber siehe da, das alles war nicht Grillparzers Natur; es war erst seine zweite Natur! Grillparzer war ein Zorn- und Feuergeist, ein ungeduldiges, heftiges, leidenschaftliches Herz, ein Dichterherz, dem ganz gegeben war, zu fühlen und zu sagen, was er fühlte! Nie hat in die Lotterbetten von Capua ein schärferes Auge hineingesehen, nie eine gute Seele so stark das Schlechte gehaßt, nie ein guter Kopf so sanglant das Schlechte gerichtet. Sein unbarmherziger Geist war wie ein chirurgisches Besteck: der feinste Schliff, die zierlichste Nadel hatte eine Bestimmung für Blut und Eiter. Barmherzig war er nur mit einem: mit sich selbst. Und wenn in ganz Sodom nur ein Gerechter ist, so will ich die Stadt um dieses einen willen verschonen. Und es war in ganz Sodom ein Gerechter: nämlich Franz Grillparzer. Und er verschonte die Stadt. Er wollte den Frieden für sich und so mußte er ihn freilich der Welt schenken. Man denke sich einen Heinrich Percy, nach Falstaffs Maxime handelnd: Vorsicht ist der Tapferkeit besserer Teil! Ein fürchterlicher Mißklang! Wohlan, es ist Grillparzers Sein und Tun ! Der Gott mit dem tönenden Köcher, der schreckliche Fernhintreffer gab seinem Auge den treffendsten Blick und seiner Zunge das treffendste Wort, und nun war es bis dahin ein Gesetz der Natur: eine Kraft, die man hat, gebraucht man mit der ganzen Lust seines Lebens. Aretino und Heine hat sie gebraucht, Lessing und David Strauß, Voltaire, Burke, Lord Byron, Schiller und Goethe im Xenienkampfe. Grillparzer suspendiert dieses Gesetz der Natur. Seine starken Leidenschaften, seine großen Fähigkeiten rufen ihm zu: Schicke Plagen über Ägypten; tritt hin vor Pharao, sprich für dein Volk, führe es aus ins gelobte Land! Dein ist diese Aufgabe, du bist der Rächer! Keiner hat ein tieferes Fühlen, keiner ein stärkeres Können. Österreich wartet auf dich! Aber in einem Winkel seines Herzens fängt nun der Österreicher selbst zu seufzen und zu lamentieren an: Herr, schicke einen andern! Ich fürchte mich. Ich liebe den Frieden. Ich will meine Ruhe. Was können wir, ein Volk von Hirten, wider Albrechts Heere? An meiner Wiege stand das Schafott der Maria Antoinette, als Jüngling sah ich den Erderschütterer Napoleon Kronen verteilen, und als Mann sah ich den Wiener Kongreß sie wieder anders verteilen. Wer bin ich, daß ich mit den Großen der Erde anbinden dürfte? Ein kleines, niedriges Bürgerkind, abhängig von Freunden und Gönnern, in grauenvollen Familienverhältnissen, welche die Nachsicht des Staates, vielleicht sogar der Gerichte bedürfen; wie sollte ich mich unterstehen, zu rebellieren? Eh' ich dem Pharao nur einen Mops töte, hat es schon mir und meinen Nächsten das ganze Glück des Lebens gekostet. Laß mich lieber Pharaos Hofrat werden! So sprach der weiche, passive Österreicher, und – behielt den Sieg. Grillparzer packte seine großen Fähigkeiten und starken Leidenschaften zusammen, sperrte sie in die Schublade und steckte den Schlüssel zu sich. Vorsicht ist der Tapferkeit besserer Teil. Versuchen wir's mit dem besseren Teil! Es ist, als ob sich ein Byron – zu einem Matthison umdichtete! Ein Phänomen ohnegleichen und nur in Österreich möglich! Zur Psychologie Österreichs ist die Biographie Grillparzers unentbehrlich. Man wird diese Biographie jedenfalls schreiben, aber verdorren soll die Hand, die nicht ihre ganze Wahrheit schreiben wird!   Dieb-sein währt am längsten Zwischen Fez und Marokko, meinen Lieblings-Residenzen, wechsle ich gerne meinen Aufenthalt und verbleibe oft jahrelang bald in der einen, bald in der andern dieser lieblichen Schwesterstädte, welche beide meinem Herzen gleich teuer sind. Eines Tages flanierte ich vor den Toren von Fez und den Ufern des Sebu und sah dem Fischreiher zu, welcher sich mit Eleganz eine Karausche aus dem Wasserspiegel stahl, und freute mich des talentvollen Raubbürgers von Fez, und pries die göttliche Einrichtung des allgemeinen Schnipfens im Universum. Da sah ich meinen Freund Sidi-Blen unter einer Terebinthe sitzen und kalt rauchen. Der Turban hing ihm schief, seine schlotterige Leibbinde wogte in Seufzern auf und ab, und die kalte Pfeife sagte das Übrige. Sidi-Blen hatte Kummer. Ich nenne ihn aber meinen Freund, obwohl ich ihn nur vom Sehen her im Café del Greco kannte, wo mir sein geierartiges Spitzbuben-Gesicht ungemein wohl gefiel und die Art, wie er den kleinen Franzosen mit Domino-Steinen aus seinem weiten Ärmel beim Spiele betrog, ihm mein ganzes Herz gewonnen hatte. Aus kleinen Zügen lernt man den Menschen oft schätzen. Salem aleikum! grüßte ich den Einsiedler unter der Terebinthe. Aleikum salem! antwortete sein schöner Baß. Was trauerst du da, Sidi-Blen? fing ich das Gespräch an. Ich bin in Sorgen, edelmütiger Franke. Ich habe vierzehn Kinder und drei Weiber zu ernähren, und komme nicht recht vorwärts in meinem Amte. Im Gegenteile, ich kann es sogar verlieren. Der Pascha will Ersparungen einführen und allgemein nennt man mich als einen der ersten, welche ihr Amt verlieren können. Wie unsicher ist Herrendienst! Wie wenig Bestand haben die irdischen Dinge! Eins währt am längsten! sagte ich. Was meinst du? fragte Sidi-Blen. Das Stehlen des Fischgeiers, der sich soeben seine zweite Karausche holt. Mir scheint, er hat auch vierzehn Kinder und drei Weiber in seinem Harem. Du spottest meiner Not, lächelte der andere trüb. Da sei Gott vor! Sprechen wir lieber von deiner Not. Was ist dein Amt, Sidi-Blen? Ich verwalte die Wälder des Paschas, welche du hier gegen Abend die Berge mit ihren Wipfeln bedecken siehst. Schön. Und warum solltest du einer der ersten sein, welche springen müssen, wie wir in Frankistan sagen? Weißt du kein Mittel, dich beliebt zu machen und zu befestigen? Wie sollte ich? Oder weißt du eines! Ihr Franken habt Weisheit und Wissenschaft, kannst du mir Künste nennen, die Wälder des Paschas zu verbessern und zu verschönern? Chamer aller Chamorim! rief ich, erschrocken, daß die Natur in dem schönsten Spitzbubengesicht sich so einfältig vergriffen. Verbessern und Verschönern! Niederschlagen mußt du die Wälder, devastieren, ausrotten, und das Geld in deine Tasche stecken. Das Spitzbuben-Gesicht Sidi-Blens verklärte ein Lächeln, daß ich wieder anfing, an ihn zu glauben. Aber die Wälder sind eine öffentliche Sache, sagte er nach einer Weile kopfschüttelnd; Gott der Herr hat sie ins Licht der Sonne gepflanzt. Kann mein Raub verborgen bleiben? Verborgen bleiben! Lärm soll er machen durch ganz Fez und Marokko! Ich selbst will Lärm schlagen und dich vor allem Volke laut und unablässig einen Dieb nennen! Und das soll meine Stellung befestigen? Ich will dich zu einer Negritta führen, welche gute Zaubersprüche gegen den Sonnenstich kennt. Du hältst mich für verrückt, wie ich höre. Ich aber will dich nicht zu einer Negritta führen, sondern zu Reb Mausche, dem kleinen buckligen Juden im Bazar, bei dem ich mein Geld stehen habe. Ich kenne ihn wohl. Er nimmt mir immer die Napoleons, wenn ich sie beschnitten habe, unbesehen für vollwichtig. Er ist ein Chamer. Und eben deshalb ein ehrlicher Mann, bei dem mir in ganz Fez und Marokko mein Geld am sichersten steht. Aber was sollen wir bei Reb Mausche? Vor einem Notar und drei Zeugen bürge ich dir mit meinem ganzen Vermögen, das er dir ausweisen wird; es sind 100 000 Beutel. Von da führe ich dich zu meinem Konsul, der dir, wenn du meinen Rat befolgst, seinen Schutz zusichern wird, daß dir an Leib und Leben kein Haar gekrümmt werden kann. Mächtig seid ihr; ich weiß. Euch Franken gehört die Welt! Bist du also zufrieden mit diesen Sicherheiten? Aber noch begreife ich nicht ... Du sagst es selbst: mächtig sind wir Franken, und unsere größte Macht sind unsere Zeitungen. Es wird dir nicht unbekannt sein, daß ich in Fez und Marokko eine gewaltige Hand bei den Zeitungen habe. Wir Beamten schimpfen oft genug über sie. Gott in seiner Weisheit wird wissen, wozu diese unnützen Dinge in seiner Welt sind. Wir tun regelmäßig das Gegenteil von dem, was eure Zeitungen wollen. Siehst du wohl! Wenn ich nun das Gegenteil meines eigenen Willens in den Zeitungen verlange, so – tut ihr mir meinen Willen! Da fuhr ein großes, breites Lächeln über das schöne Spitzbubengesicht Sidi-Blens, welcher endlich sich selber gefunden. Er stand auf, um mir zu folgen, tat einen großen erleichterten Atemzug in seine kalte Pfeife und sagte: Hast du Tabak? Aus den Wassern des Sebu aber stahl der Fischgeier seine dritte Karausche! – Mein Herz rief mich hierauf nach Marokko, aber als mich mein Herz wieder nach Fez rief, sah ich die sonst grünen Berge des Westens ihrer Walddecke beraubt und im Café del Greco munkelte die Gesellschaft: Sidi-Blen und seine Bande stiehlt, was Gott verboten hat. Ich nickte verständnisinnig. Laut aber sagte ich: Habt ihr Beweise? Da kamen die angesehensten Männer der Stadt und des Landes und gaben mir solche Zeugnisse an, daß ich selbst erstaunt war, mit welch genialer Unverschämtheit mein Schüler sein Wesen trieb. Ich aber warf mich ins Feuer und rief: Ihr Männer des Landes, seid getrost! Ich will in Fez und Marokko der Wahrheit einen Rächer erwecken und eure Staatsdiebe dem strafenden Arme der Gerechtigkeit zur wohlverdienten Züchtigung ausliefern! Hierauf fing ich in den gelesensten Zeitungen von Fez und Marokko an, meine Anklagen zu erheben, meine Zeugnisse vorzulegen, nannte den großen Dieb Sidi-Blen und all seine Helfershelfer mit Namen, nannte sie laut und öffentlich Diebe, bewies ihnen, daß sie Diebe seien, forderte laut und öffentlich auf, mich zu verklagen, wenn sie es nicht wären, und verlangte vom Staate ihren Prozeß und ihre Verurteilung, wenn sie es auf sich sitzen ließen. Und sie ließen es auf sich sitzen. Und ich schrieb und schrieb. Und ich schrieb bis ins dritte Jahr, schrieb lauter Wahrheit, lauter erhärtete Tatsachen und der Boden von Fez nach Marokko war klafterhoch bedeckt mit Larven, die ich den Dieben heruntergerissen. Da saß ich eines Morgens im dritten Jahre und schrieb soeben den dreihundertsechsundneunzigsten Artikel gegen die Diebereien des Sidi-Blen, als die Türe sich auftat, und der Postbote mir einen Brief von Sidi-Blen übergab. Der Brief lautete: »Gott ist Gott und Cartouche ist sein Prophet! Dem Stern aus Frankistan, dem Schwan der Weisheit, dem Gebietiger des Scharfsinns, dem Erfinder der Ratschläge, dem großen, edlen, unübertrefflichen Feridun . (So lesen wir deinen Namen Ferdinand in unserer persischen Hofsprache.) Wohltäter meines Lebens, Retter meines Blutes, Balsam meiner Gesundheit, mein Augenstern, meine Sonne, mein Mond, mein Wasserquell und mein Fruchtgarten! Wie tief kennst du die Menschen, erhabener Feridun! In welchen Schulen mußt du gelernt haben! Mit Furcht fing ich zu stehlen an und mit Furcht erfüllten mich deine ersten Artikel. Du triebst mich und die meinigen mit deinen Beweisen unserer Unredlichkeit dergestalt in die Enge, daß mir aller Spaß verging, der fürchterlichste Ernst vor den Augen schwebte, und jeden Morgen, sooft ich mein Amtszimmer betrat, mir nichts sichrer schien als die seidene Schnur auf meinem Schreibtisch. Aber es kam alles, wie du's vorausgesagt hast. Kaum sahen mich meine Mitbeamten so heftig verfolgt, so sagte der ganze Beamtenstaat: Justament nöt! Es ist dies ein altes mystisches Wort unserer heiligen Sprache, oder vielmehr jener Ursprache, welche einst alle Menschen verstanden, ehe Gott beim Turmbau zu Babel ihre Sprachen verwirrte. Damals retteten sie nur dieses einzige Wort, und zwar auch nicht alle Menschen, sondern nur die Regierungskaste, in deren Geheimsprache es heute noch herrscht, wo nur im Umkreis der Erde Beamte sind und regiert wird. Unsere Beamten tragen dieses Wort in verschlungener Schnörkelschrift als Amulet auf der Brust, und sooft ein Artikel von dir erschien, der meine Absetzung verlangte, zogen sie das Amulet aus der Brust, sahen es an, küßten es und riefen: Justament nöt! Ich stehe nun fest in meinem Amte, meine Vorgesetzten vertrauen mir unbegrenzt und meine Taschen strotzen von Geld. Mein Harem hat sich gefüllt und aus meinen drei Weibern und vierzehn Kindern sind elf Weiber und sechsunddreißig Kinder geworden. Ich baue Villen, lege Gärten und Bäder an, wandle auf Marmor und kostbaren Teppichen, gebe Gastereien, möbliere mich aus Frankistan, – und alles, alles ist gestohlen! Nachschrift. Soeben sucht ein Negro aus Brasilien meine Protektion beim – »Holzhandel« und schenkt mir einen Papagei von ausgezeichneter Pracht und Schönheit. Dir zu Ehren nenne ich ihn ›Feridun‹, löse ihm die Zunge und lehre ihn deinen großen Weisheitsspruch: Dieb-sein währt am längsten. Wenn du wieder nach Fez kommst, so beehre das Haus deines Knechtes und nimm den herrlichen Vogel zum Geschenk an.« Das will ich. Denn ich habe die Idee, diesen Papagei auf die Wiener Weltausstellung zu schicken, damit er es allen Völkern der Erde verkündet: Dieb-sein währt am längsten!   Weises aus Österreich Das Ministerium für Verkehrsstörung , genannt Finanzministerium, hat also den Zeitungsstempel und den Inseratenstempel unglücklicherweise glücklich durchgesetzt. Der produktive Verkehr des gewerbtreibenden Publikums, Nachfrage, Angebot, Absatz, Handel und Wandel, Kauf und Verkauf bleibt durch die Last des Zeitungsstempels und des Inseratenstempels fernerhin erschwert und gestört; denn die Regierung – braucht diesen Verlust des Publikums! »Alles, was das Volk verliert, das gewinnt der Staat«, sagte mein Professor, als ich meinen national-ökonomischen Kursus – bei den Hottentotten hörte. Es trieb einer sein Vieh ins Weizenfeld der Gemeinde und ließ es fressen. Der Flurschütz brachte ihn vor den Dorfschulzen und die Geschwornen. »Ich sehe freilich ein, daß es ein Schade für euch ist«, sagte er, »aber für mich ist es ein Nutzen; ich brauche das Viehfutter. Ich kann mein Vieh nicht erhalten, wenn ich es nicht in die Weizenfelder der Gemeinde treibe.« Schade, daß das nicht vor dem Schottentore war, wo es den Leuten eingeleuchtet hätte. Aber die Bauern, welche nicht sowohl Finanzminister, als vielmehr Menschen waren, sagten mit ihrem primitiven Menschenverstand: »Michel, du bist fast nicht gescheiter als dein Hornvieh selbst, wenn du es so verschwenderisch und kostspielig ernähren willst. Dein Viehfutter ist viel zu teuer. Bei deiner Viehzucht würde bald die Menschenzucht aufhören.« Darauf haben sie ihm die Weizenfelder nichts weniger als bewilligt; sie verurteilen ihn zum Schadenersatz. Es waren Bauern! So gescheit wie die Bauern sind wir übrigens auch noch. Auch de Pretis hat es ja zugegeben: »Die Inseratensteuer ist schlecht, schädlich, verwerflich, verderblich, die lumpigen 200 000 fl. sind ein Blutgeld und verhindern vielleicht den Umsatz von zwanzig Millionen«; er hat: das alles mit einer Art Bauernverstand eingesehen. Nur eins war dabei neu und ein wirklicher Fortschritt! Sonst hat man die Steuern, welche man haben wollte, wenigstens gelobt und empfohlen; mit mehr Aufrichtigkeit – die Griechen würden sagen Zynismus – macht man heute die Steuern, welche man haben will, früher herunter, gibt ausdrücklich zu, sie sind schlecht, verwerflich, verderblich, sie taugen zum Henker nichts, und läßt sich hierauf die so empfohlene Steuer ganz gemütlich bewilligen! So protzig ist der Grund aller Gründe, die Not! Man braucht die 200 000 fl. Man wüßte nicht, woher sie sonst nehmen? Und freilich ist es das Bequemste, wenn ein altes Weib ihr Portemonnaie aufmacht, um eine alte Bettstatt zu verkaufen, was sie durch den Druck bekannt macht, mit ein paar langen Fingern in das Portemonnaie hineinzugreifen und ihr von dem Erlös der Bettstatt, die sie noch gar nicht verkauft hat und vielleicht nie verkaufen wird, einen Teil im vorhinein wegzunehmen. Bei dieser Finanzkunst braucht man nicht Ideen, sondern bloß Finger. Aber die Ideen sind selten; dagegen die Finger von mehr oder weniger Länge allgemein. Also, – quod erat demonstrandum! ... Die Behörde für Erregung öffentlicher Unruhen , ich will sagen, die Polizei, hat die Woche nicht weniger schön angefangen als das Ministerium für Verkehrsstörung. Ich ging dieser Tage über den Stefansplatz, da trat mir ein Unsicherheitsmann entgegen und arretierte mich. »Warum?« fragte ich. »Sehen Sie nicht, daß es hier verboten ist, diesen Ort zu verunreinigen?« – »Natürlich. Aber ich habe ihn ja gar nicht verunreinigt.« – »Unsinn! Eine gute Polizei muß den Übeln zuvorkommen. Oder wollen Sie leugnen, daß Sie diesen Ort hätten verunreinigen können ?« – »Nein, das leugne ich nicht.« – »Nun sehen Sie wohl! Sie gehen mit. Sie sind mein Arrestant.« Dieser Tage promenierten Arbeiter über den Galitzinberg, welche öffentliche Unruhen hätten erregen können. Sie hätten können Barrikaden bauen, Häuser demolieren, Vorübergehende beleidigen und mißhandeln, die Predilbahn verlangen, die Unfehlbarkeit des Papstes ausrufen, kurz, öffentliches Ärgernis geben. Das alles haben sie nicht getan. Sie haben bloß Lieder gesungen und ihre Freude bezeugt an Manufakturen der Türkischrot-Färbereien. Aber bekanntlich sind die Lieder nicht verboten, auch die bedenklichsten nicht, wie z. B. die klerikalen Blödsinns- und Zotenlieder der tirolischen Kirchenmänner, welche von der Milch der Maria und anderen Weiblichkeiten handeln. Was aber die Türkischrot-Färbereien betrifft, so würden die Statistiker sagen können, wieviel wir deren haben, wieviel sie produzieren, wieviel sie Steuern eintragen; aber die Logiker würden nicht sagen können, warum ihre nützlichen Fabrikate verboten sein sollten. Also alles in allem: Die Arbeiter haben in Dornbach keine öffentlichen Unruhen erregt. Aber sie hätten öffentliche Unruhen erregen können . Da dachte denn die Polizei: Wofür bin denn ich da? Eh ich's darauf ankommen lasse, bis diese vielen bedenklichen Leute Unruhen erregen, erreg' ich sie lieber selbst. Ist doch die Gewißheit immer besser als die Angst und die Furcht. Dacht' es, zog ihren Säbel, versperrte den Arbeitern den Weg, hieb ein in sie, verwundete sie und arretierte ihrer dreißig. Die Unruhe auf der Straße war hergestellt und die Unruhe in den Blättern wird noch lange dauern. Sonst aber ist Österreich g'sund.   Österreichische Sinne Es gibt gewisse unbestrittene Sätze, welche man bestreiten muß. Ein solcher Satz ist z.B. das große Dogma aller rechtgläubigen süddeutschen Kantönli-Demokraten, welche, indem sie aus der Not eine Tugend machen, zwar mit seufzendem Herzen zugeben, die Preußen hätten das Wissen, die Intelligenz, die Ordnung, die Disziplin, das Reglement, alles, was sich lernen, üben, drillen läßt, kurz die Schule voraus; die Süddeutschen dagegen bevorzuge Mutter Natur, sie seien wärmer, lebendiger, farbenreicher, bildkräftiger, mit einem Worte, ihre Stärke sei, wenn nicht das Vermögen der Reflexion, doch das Vermögen der Sinne : der Witz, die Schärfe, die Behendigkeit und Lebendigkeit der sinnlichen Anschauung und Auffassung. Vielleicht gilt das von den süddeutschen Alemannen. Von der weitaus größeren und zahlreicheren süddeutschen Völkergruppe, von den Bajuwaren, d.h. von dem bayrisch-österreichischen Volksstamme, bestreite ich diesen unbestrittenen Satz; speziell von den Österreichern bestreite ich ihn mit lauter Stimme und bis zu meinem letzten Atemzuge. In einem besuchten Wiener Gasthause saß ich eines Mittags an meinem Tisch und mußte unwillkürlich das Gespräch am Nachbartische mit anhören. Hören Sie, sagte ein Bürger in der Mitte seiner Freunde, wenn von Mäusen die Rede ist, damit können Sie mich jagen bis ans Ende der Welt. Ich kenne nichts Schrecklicheres als diese gottverhaßten ekelhaften Mistvieher. Eine Maus ist für mich das Abscheulichste, was es gibt. Spinnen, Kröten, Würmer, Asseln, Wanzen, – was soll ich Ihnen sagen? Die ganze Menagerie der Grauslichkeit zusammengenommen, macht mir noch nicht einen solchen Eindruck des Ekels wie eine Maus. – Da bin ich ganz so wie mein Mann, ließ sich mit dem süßen Diskant einer schnarrenden Brause die Repräsentantin der schöneren Menschheit an seiner Seite vernehmen. Wenn ich eine Maus in der Küche spüre, so ruhe und raste ich nicht... – Aber in der Küche, das ist ja noch gar nichts! Schlafen muß man mit einer Maus, wie es mir einmal passiert ist, daß mir eine solche Bestie von oben bis unten über den nackten Leib herablief, als ich just im ersten süßesten Einduseln war. Im Schauder fuhr ich mit der Hand danach, aber wie ich sie in der Hand spürte, schauderte ich erst recht und warf sie von mir, daß sie quitschte... prr! ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen, so ekelte mich das Luder. Am Morgen traute ich mir kaum die Augen aufzuschlagen, ob ich das Aas wieder ansichtig würde; denn ich dachte, ich habe sie zerdrückt und die krepierte Bestie müßte irgendwo liegen, wohin ich sie im Wurf geschleudert. Aber was geschieht? Wie ich den Stiefel anziehe – quitsch! sitzt meine Maus ganz gemütlich im Stiefel und ich zerquetschte das Scheusal mit meiner Fußsohle, daß ich glaubte, der Teufel holt mich vor Ekel. Da will ich Ihnen noch eine ärgere Geschichte erzählen, Herr von Bachmayer – – Ich rief den Kellner und ließ mir Speisen und Wein in ein anderes Gastzimmer übertragen, denn wenn Einen, so verjagen mich selbst die Mäuse ans Ende der Welt. Mir brach der Angstschweiß aus und meine Magennerven vibrierten seekrank, als der entsetzliche Tischnachbar dieses Thema aufs Tapet brachte. Nie hat mich mein Studium der Menschenkenntnis ein größeres Opfer gekostet, als daß ich vor dem aufsteigenden Gewitter dieser Unterhaltung noch sitzen geblieben und gedacht: hier ist ein Phänomen zu studieren! Nun willst du doch einmal abwarten, wie lange Leute, die sich vor Mäusen ekeln, an ihrem Mittagstisch sich von Mäusen unterhalten. Aber mein Mensch hielt die Intentionen des Naturforschers und Philosophen nicht aus; ich mußte die Flucht ergreifen. Und im Nebenzimmer, wo ich nicht mehr das Gespräch, aber doch noch die Stimmen hörte, hörte ich ganz gut, daß die Unterhaltung bei ihrem Thema verweilte und daß die Leute ihr ganzes Mittagessen hindurch sich Mäusegeschichten erzählten, um einander zu beweisen, wie sehr sie vor Mäusen sich ekeln! Und doch machten sie einander nichts weis, sondern es war ihnen offenbar Ernst mit ihrem Ekel vor Mäusen. Aber die Maus mußte gegenwärtig sein! Die bloß gesprochene Maus wurde ihnen schon nicht mehr lebendig, gegenwärtig und wirklich in der Phantasie; ihre Einbildungskraft versinnlichte sich dieselbe nicht; – also war diese Kraft eben keine Kraft, sondern eine Schwäche, also waren diese Sinne eben stumpf, tot, bildlos, faul, indolent und nichts weniger als »lebhafte Sinne«, sondern parallel mit der niederen Intelligenz, eine fast unglaubliche Dummheit der Sinne ! Und freilich braucht man es gescheiteren Leuten, als süddeutsche Tendenzdemokraten sind, nicht erst zu sagen, daß es keine starke Intelligenz geben kann bei einem schwachen Sinnenvermögen und keine starke, blühende und lebendige Sinnenkraft, welcher bloß die Kleinigkeit fehlte, die norddeutsche Intelligenz! Keinem ehrlichen Manne, der sich nicht absichtlich verdummt, braucht man es zu sagen, daß Geistesstärke Sinnenstärke und Geistesschwäche Sinnenschwäche ist, kurz, daß in der Natur ein Einiges und Identisches ist, was die Sprache in Worten und das Denken in Begriffen als gesondert ausdrücken und hinstellen muß. Das äußerste von verflachten, liederlichen und stumpfsinnigen Sinnen erlebte ich aber in diesem Genre mit zwei vaterländischen Dichtern. Der Kasus war folgender: Hieronymus Lorm hatte weiland im Literaturblatt der ›Presse‹ einige Novitäten besprochen und zum Schlusse seiner Kritik gesagt, es wäre jetzt noch ein Haufe neuester Lyrik abzuurteilen oder vielmehr abzuschlachten, aber er könne das ganze Geschäft in einer kurzen Kollektivkritik erledigen, da an all diesen Reimbüchlein nur die verschiedenen Einbände eine Art trügerischer Individualität vorspiegelten, im übrigen das form- und gestaltlose Nebelchaos bloß den Gattungsbegriff des Blödsinns darstelle, den gleichartigen und ewig sich selbst gleichen Urstoff der Reimdiarrhöe. Auch sei er überhaupt des trockenen Tons nun satt und fühle sich begeistert, Dichter wie er selbst sei, mit diesen Dichtern um die Wette zu dichten, und so bringe er das, was er von Geist und künstlerischer Besonnenheit bei ihnen gefunden, wie in einem Spiegel zur Anschauung unter dem Schema der nachstehenden Ballade . Der Ritter sprach zum Knappen: Auf, satt'le mir den Rappen! Drauf ritt er ins Getümmel Der Schlacht auf seinem Schimmel. Hei, wie er flog zum Tanze Mit Schwert und Schild und Lanze! Er war der Feinde Schrecken Auf seinem wilden Schecken. Da schwirrten die Geschosse – Der Ritter sank vom Rosse; Er sank zu aller Staunen Herab von seinem Braunen; – Besah die Todeswunde Und rief: o Kunigunde, Ich sterbe deinethalben – Lag tot bei seinem Falben! Kaum war ich aus dem Kaffeehause getreten, wo ich diese Zeitungsnummer gelesen, so begegnete mir der vaterländische Dichter F... über den Weg. Lesen Sie die heutige Presse, sagte er. Da steht eine Ballade von Lorm, eine Fadaise, die mir rein unbegreiflich ist. Ein Ritter reitet in die Schlacht und wird erschossen. Das ist alles. Kein Bild, kein Gedanke, keine Pointe; ein Pfeil, der einen Ritter vom Pferde schießt, das ist die ganze Poesie. Und es ist eine reizende Poesie. Das leichte, neckische Ding könnte in jeder Chrestomathie als ein kleines Meisterstück von parodistischer Satire stehen. Wieso? Wie meinen Sie das? Mein Gott, haben Sie denn nicht gemerkt, daß das Pferd in vier Strophen fünfmal die Farbe wechselt? Daß das Ganze ein satirisches Scherzepigramm auf gedankenlose Reimschmiede ist? Der Vaterländische schaut mich an, stutzt, wird verlegen und murmelt verdrießlich: Ich bitte Sie, wer kann denn heutzutag jedes Zeitungsblatt förmlich studieren! Aber gut, daß Sie mich aufmerksam machen; ich will das Ding noch einmal lesen. An demselben Abend besuchte ich – – damals besuchte ich noch! Melancholische Erfahrungen haben seitdem gemacht, daß ich nur noch jene gewählte Gesellschaft liebe, welche man die Einsamkeit nennt. Aber der Zufall wollte es, daß ich an dem Abend desselben Tages den vaterländischen Dichter W... besuchte. Er fing sogleich an: Was sagten Sie heute zu der Ballade von Lorm? Ich finde doch gar nichts daran. Das Ding ist entsetzlich leer und gehaltlos. Natürlich; weil es die Manier der Leeren und Gehaltlosen parodiert. Haben Sie denn nicht bemerkt, daß das Pferd in vier Strophen fünfmal die Farbe wechselt? Er schaut mich verwundert an... Du, Frau, da höre einmal, was der Doktor sagt. Das wäre freilich was Anders! Geh und suche sogleich das Blatt, wenn es noch da ist. Wir müssen es jetzt noch einmal lesen. Gar nicht nötig. Ich rezitiere es Ihnen aus dem Gedächtnisse. Nachdem ich es zum erstenmal gelesen, las ich es zum zweiten Male zu meinem Vergnügen und damit weiß ich's auch auswendig. Der Ritter sprach zum Knappen: Auf, satt'le mir den Rappen! Drauf eilt er ins Getümmel Der Schlacht auf seinem Schimmel... So sagte ich das Gedicht her und markierte durch die Betonung jede wechselnde Pferdefarbe. – Ah, jetzt verstehen wir! Aber sehen Sie, dann liegt der Fehler des Gedichtes darin, daß diese Schlagwörter nicht durchschossen sind. Das auch noch! Mit der Nase soll man sie drauf stoßen! Das wäre noch ein Witz, der sich auf den Zehen reckte, das Maul aufrisse und durchschossen schrie: ich bin ein Witz! Wie fein ist ohnedies der Kunstgriff, den der Dichter gebrauchte, daß das Pferd gleich in der ersten Strophe die Farbe zweimal wechselt! Wohlan, das sind österreichische Sinne! So lesen österreichische Dichter Gedichte! Wenigstens würden sich F... und W... sehr verwundern, wenn man sie nicht für Dichter passieren ließe, denn in Stadt und Land passieren sie dafür. Ich weiß wohl, dieses Faktum ist viel zu gut für ein Feuilleton; es ist ein Monument für einen Historiker und Ethnographen. Es ist die wichtigste Geschichtsquelle Österreichs. Glücklich der Quellenforscher, dem dieses Zeitungsblatt einst in die Hände fällt; er hat einen Schatz entdeckt. Was er von den innersten Geheimnissen unsrer militärischen Niederlagen, politischen Machtspaltungen, unsrer ganzen welthistorischen Kurpfuscherei kennen lernen will, das lehrt ihn dieses Ereignis, so geschehen zu Wien im Lande Österreich, wo man zwar nicht die kalte preußische Intelligenz, dafür aber gar frische fröhliche Sinne hat – wie Figura zeigt!   Gottfried Kellers »Sieben Legenden« »Wer von Gottes Mund spricht, tut etwas sehr Gewöhnliches; wer aber nur die Hälfte von Gottes Nase spräche, oder von seiner Stirn, oder von seinen Beinen, würde Gott danken können, wenn man ihn nicht für eine Art Gotteslästerer hielte. Warum das?« Hippel. Ja, warum das? Das ist die Frage! Und gewiß haben schon unzählige Kinder, welche unsere Frage-Skrupeln nicht kennen, in ihrer Natur-Unschuld von Gottes Beinen und von Gottes Nase gesprochen. Aber ich möchte es keinem Erwachsenen raten, zu tun, wie die Kinder tun. Nur ein Erwachsener darf es, Gottfried Keller . Wie die ›Sieben Legenden‹ das Heilige behandeln, – ich möchte recht groß davon denken, ja, man kann gar nicht groß genug davon denken. Es ist förmlich eine neue Entdeckung in der Naturgeschichte der Mythologie . Es ist, als ob ein Musiker eine neue Tonart erfunden hätte. Wie spricht man im Zeitalter des Unglaubens – ungläubig und zu Ungläubigen – von Glaubenssachen? O, das ist einfach; wie Voltaire! Voltaire hat gesprochen wie ein Sklave, welcher die Kette bricht; – er hat gehöhnt, verspottet, bespieen! Das behält seinen historischen Wert, aber nicht seinen ewig künstlerischen. Nun gut, also wie Heine! Heine hat nicht mehr gesprochen wie ein Sklave, welcher die Kette bricht, aber doch wie ein Freigelassener, – Libertinus , Libertin, – welcher der Kette noch gedenkt. Aber auch diese Libertinage kann in ihrem künstlerischen Werte ablassen. Von Voltaire hundert Jahre zu Heine, – von Heine dreißig Jahre zu Gottfried Keller, – wohlan, die fortschreitende Zeit, teils gemacht, teils begleitet von ihren Menschen! Erst Gottfried Keller behandelt das Heilige wie ein Freier , welcher die Kette nie gesehen und getragen hat. Ei, das hätte sich kürzer sagen lassen! Er ist mit einem Worte nicht satirisch wie Voltaire, sondern naiv wie Homer. Nein! Aber ich wollte das hören. Denn ihr habt Namen und Schablonen, aber ich dringe darauf, daß man von den Namen auf die Sachen, von den Schablonen auf die Natur zurückgeht. Satirisch! naiv! Voltaire! Homer! Glaubt mir, wenn einer wie Voltaire und Homer ist, so ist er – nicht wie Voltaire und Homer, denn er ist dann vor allem – wie ein Original ! In den ›Sieben Legenden‹ ist Gottfried Keller, wenn ihr wollt, satirisch wie Voltaire, naiv wie Homer, graziös wie Heine, humoristisch wie Jean Paul. Aber da er das alles zugleich ist, so müßt ihr jetzt ein Neues wollen; denn wenn diese Namen diese Prädikate gleichsam wie einen Stoff besitzen, der sich zählen und wägen läßt, so ist er bei Gottfried Keller ein imponderabile , aufgelöst zu einem feinen und flüchtigen Äthergeist, und das eben ist sein Geist, Gottfried Kellers eigener Geist. An einem einzelnen dieser Prädikate könnt ihr ihn nicht fassen und festhalten, denn, sollen sie ihn nicht erdrücken (Jean Paul wurde es schon von dem seinigen), so kann er sie vereint und gleichzeitig nur besitzen in einer völlig neuen und ihm allein gehörigen Form dieses Besitzes; aber nennt dann die neue Form nicht mit alten, sondern auch mit einem neuen Namen: – Gottfried Keller . So ist es z. B. Gottfried Kellers eminentestes und ihm ganz eigentümliches Talent, über Menschen lächeln zu machen, ohne den mindesten Abbruch an ihrem Ansehen und ihrer Würde ! Man bemerke aber, was vorgeht, wenn Jean Paul dasselbe tut oder vielmehr zu tun versucht. Will er den belächelten Menschen bei uns wieder rehabilitieren, so taucht er ihn in das Medium einer allgemeinen Menschenliebe , läßt uns eine gefühlvolle Träne weinen über unser aller beschränktes und einfältiges Menschenlos, webt vor unseren Augen den Faden, der von einem Herzen zu allen Herzen geht. Das heißt aber – mit allem schuldigen Respekt vor einer schönen Dichterseele – sich künstlerisch schülerhaft aufführen. Die Einheit des Kunstwerks und seine Illusion hört vollkommen auf, wenn ich zu jeder Stunde im indischen Büßerstil erinnert werde: Auch du bist der Wurm, auch du bist der Wassertropfen, auch du bist das Nichts! Das heißt nicht mehr, den andern mir näher bringen, wie es ein Dichter tut, sondern mich selbst mir näher bringen, wie es ein Beichtvater tut. Diese überwundene Spielart des Humors und der Sentimentalität, dieses veraltete Zopf-Programm »unter Tränen zu lächeln«, d. h. unterm Lächeln zu weinen und sich jeden Spaß zu verderben, überragt Gottfried Keller wie ein freier Baum einen Spalierbaum. Er sagt nicht: lächle, aber liebe, was ziemlich leicht ist, sondern er sagt, was sehr schwer ist: lächle, aber achte! Und achte mir den Belächelten, nicht weil er ein Mensch ist, was auch wieder leicht wäre; nein! in seiner ganzen Besonderheit, als Individualität achte und respektiere mir ihn. Humor mit Respekt! So werden wir erlöst von der Schablone »humoristisch wie Jean Paul«, denn dieser Humor, Gottfried Kellers Humor, ist wieder eine neue Spielart, ist sein Eigentum, ist sich ihr eigenes Original. Bald sollen wir auch erlöst sein von den Schablonen: satirisch wie Voltaire, graziös wie Heine, naiv wie Homer. Den Zauberstab dieses seines Talentes hat Meister Gottfried nirgends mit freierer und keckerer Anmut geschwungen, als in dem ›Fähnlein der sieben Aufrechten‹, vor denen er uns nötigt, unseren Hut bis zur Erde zu ziehen, während er uns gleichzeitig erlaubt, über ihre Häupter schelmisch hinweg zu lächeln. Jeder wird in seiner Art ein bißchen komisch, mancher ein bißchen stark und viel, und alle verkörpern eine Volks- und Mannesehre, deren Ehrwürdigkeit uns fast durchschauert. Es ist ein Unikum von Kellerscher Kunst. Liest man diese Novelle, so glaubt man die Steigerung, die jetzt noch kommen muß, völlig gewiß voraussagen zu können. Aber freilich ist es das Höchste, was man Dichterwerken nachsagen kann, daß sie erscheinen müßten mit der Notwendigkeit von Naturwerken. Die Steigerung kam – in den ›Sieben Legenden‹. Lächle, aber achte! Ein Künstler, dem das mit wundergleicher Kunst-Eminenz bei den Menschen gelingt, sieht nur noch eine nächst höhere Kunstaufgabe vor sich: es auch mit den Göttern und Heiligen zu probieren! Wohlan, das ist die Kunstzeugung der ›Sieben Legenden‹. Daß die Frommen allerdings sagen werden, das Experiment ist mißlungen, kann uns hier nicht weiter berühren, denn gelungen ist ihnen nur: dummgläubige Blindheit. Menschen, welche mit dem Frevel der Selbstverstümmlung ihr Augenlicht geblendet haben, daß ihnen von dem ganzen Sehfeld, auf welchem die Natur sich spiegeln sollte, nur das Millimeter einer Ritz-Linie übrig geblieben ist, durch welches ein Kreuzlein einfällt, zählen überhaupt nicht und sprechen nicht mit. Nicht um eines Haares Breite ist Gottfried Keller von dem Boden des Legendenglaubens hinweggerückt. Er zahlt die Gläubigen in ihrer eigenen echten Münze aus; er fälscht ihren Glauben so wenig, als das Echo einen einzigen Vokal oder Konsonanten gefälscht zurückgeben könnte. Aber daß dabei seine Intention und nicht die ihrige herauskommt, das eben war seine Aufgabe. Es wird mir der Raum für einige Beispiele wohl gegönnt sein. Ein böser Ritter hat seine schöne Frau dem Teufel verkauft und sie an den Ort der Übergabe gelockt. Das gute Närrchen hat im Vorbeigehen, ohne etwas zu denken, an einer Marienkapelle gebetet, und die Muttergottes, dankbar für dieses Opfer, beschließt sofort ihre Rettung. Sie nimmt selbst die Gestalt der Rittersfrau an und kommt ihr zum Stelldichein zuvor. Und nun spielt eine Szene von frappierender Originalität, eine Szene, welche mit dämonischer Phantasie erfunden ist, – wie folgt: »Nicht ohne feine Bewegung führte der seltsame Herr die Frau zu dem Ruhesitz und lud sie ein, Platz zu nehmen; dann aber ergriff er gewaltsam zärtlich ihre Hand und sagte mit einer das Mark erschütternden Stimme: Ich bin der ewig Einsame, der aus dem Himmel fiel! Nur die Minne eines guten irdischen Weibes in der Mainacht läßt mich das Paradies vergessen und gibt mir Kraft, den ewigen Untergang zu tragen. Sei mit mir zu zweit und ich will dich unsterblich machen und dir die Macht geben, Gutes zu tun und Böses zu hindern, soviel es dich freut.« »Er warf sich leidenschaftlich an die Brust des schönen Weibes, welches seine Arme lächelnd öffnete; aber in demselben Augenblicke nahm die heilige Jungfrau ihre göttliche Gestalt an und schloß den Betrüger, der nun gefangen war, mit aller Gewalt in ihre leuchtenden Arme. Augenblicklich verschwand der Garten samt Brunnen und Nachtigall, die kunstreichen Dämonen, so das lebende Bild gemacht, entflohen als üble Geister mit ängstlichem Wimmern, ihren Herrn im Stiche lassend, und dieser rang mit Titanengewalt, sich aus der qualvollen Umarmung loszuwinden, ohne aber einen Laut zu verlieren.« »Die Jungfrau hielt sich aber tapfer und entließ ihn nicht, obgleich sie alle Kraft zusammennehmen mußte; sie hatte nichts Minderes im Sinn, als den überlisteten Teufel vor den Himmel zu tragen und ihn dort in all seinem Elend zum Gelächter der Seligen an einen Türpfosten zu binden.« »Allein der Böse änderte seine Kampfweise, hielt sich ein Weilchen still und nahm die Schönheit an, welche er einst als der schönste der Engel besessen, so daß es der himmlischen Schönheit Marias nahe ging. Sie erhöhte sich so viel als möglich; aber wenn sie glänzte wie Venus, der schöne Abendstern, so leuchtete jener wie Lucifer, der helle Morgenstern, so daß auf der dunklen Heide ein Leuchten begann, als wären die Himmel selbst herniedergestiegen.« »Als die Jungfrau merkte, daß sie zu viel unternommen und ihre Kräfte schwanden, begnügte sie sich, den Feind gegen Verzicht auf die Grafenfrau zu entlassen und alsbald fuhren die himmlische und die höllische Schönheit auseinander mit großer Gewalt.« ... Prachtvoll-entsetzlich! Aber heterodox? Ist es wahr, daß der Teufel Lucifer und Lucifer der Morgenstern ist? Ja! Ist es wahr, daß wir mit Hilfe der Jungfrau Maria das Böse zwar bekämpfen können, daß aber das Böse immer in der Welt, der Teufel immer mächtig, der Kampf immer unentschieden bleibt? Leider ja! Leider, so neu es dem Katholiken im Ohre klingen wird: »Als die Jungfrau merkte, daß sie zu viel unternommen ...« Seiner Muttergottes soll etwas zu schwer sein! Das hat ihm noch niemand gesagt. Aber kann er es leugnen in diesem Kontexte? Oder folgendes Kapriccio von überschäumendstem Dichtermutwillen: Bertrade, eine reiche Erbin, soll sich auf den Wunsch des Kaisers verheiraten, und Zendelwald, auf einer muffigen Hungerburg in blödester Tatlosigkeit aufgewachsen, wird von seiner Mutter angetrieben, das Preis-Turnier um diese köstliche Beute mitzumachen. Der arme Junge reitet denn aus, verrichtet unterwegs die ungeheuersten – Reflexionstaten und Gedanken-Enthüllungen: kurz ein echter deutscher Träumerritt! Glücklicherweise fällt es ihm ein, in einer Marienkapelle zu beten, und die Jungfrau Maria läßt sich das nicht zweimal sagen. Sie beschließt, dem braven Schlemihl, dessen Niederlagen gewiß sind, zu helfen und all seine Ritterwerke für ihn zu verrichten. »Da stieg die Jungfrau Maria von ihrem Altar herunter, nahm seine Gestalt und Waffenrüstung an, bestieg sein Pferd und ritt geschlossenen Helmes, eine kühne Brunhilde, an Zendelwalds Statt nach der Burg.« »Als sie eine Weile geritten, lag am Wege ein Haufen grauen Schuttes und verdorrten Reisigs. Das kam der aufmerksamen Jungfrau verdächtig vor, und sie bemerkte auch, daß etwas wie das Schwanzende einer Schlange aus dem Wirrsal hervorguckte. Da sah sie, daß es der Teufel war, welcher in der Nähe der Burg herumgeschlichen und sich vor der Jungfrau schnell in das Gerölle versteckt hatte. Scheinbar achtlos ritt sie vorüber, ließ aber geschickt das Pferd einen Seitensprung machen, daß es mit dem Hinterhufe auf jenes verdächtige Schwanzende trat. Pfeifend fuhr der Böse hervor und davon und machte sich an diesem Tage nicht mehr bemerklich.« »Durch dieses kleine Abenteuer erheitert, ritt sie guten Mutes vollends auf die Burg, wo sie eben ankam, als die zwei stärksten Kämpen übrig geblieben, um die Entscheidung unter sich herbeizuführen.« »Langsam und in nachlässiger Haltung, ganz wie Zendelwald, ritt sie auf den Platz und schien unentschlossen, ob sie sich beteiligen wolle oder nicht.« »Da kommt noch der träge Zendelwald, hieß es, und die zwei starken Ritter sagten: Was will uns der? Laßt uns ihn noch schnell abtun, ehe wir's unter uns ausmachen.« »Der eine nannte sich Guhl, der Geschwinde. Er pflegte sich mit seinem Rosse wie ein Wirbelwind herumzufummeln und suchte seine Gegner mit hundert Streichen und Listen zu verwirren und zu besiegen. Mit ihm mußte der vermeintliche Zendelwald zuerst den Kampf bestehen. Er trug einen pechschwarzen Schnurrbart, dessen Spitzen so steif gedreht wagrecht in die Luft ragten, daß zwei silberne Glöckchen, die daran hingen, sie nicht zu biegen vermochten und fortwährend klingelten, wenn er den Kopf bewegte. Dies nannte er das Geläute des Schreckens für seine Feinde, des Wohlgefallens für seine Dame! Sein Schild glänzte, je nachdem er ihn drehte, bald in dieser, bald in jener Farbe, und er wußte diesen Wechsel so rasch zu handhaben, daß das Auge davon geblendet wurde. Sein Helmbusch bestand aus einem ungeheuren Hahnenschwanz.« »Der andere starke Ritter nannte sich Maus, der Zahllose, womit er zu verstehen gab, daß er einem ungezählten Heere gleich zu achten sei. Zum Zeichen seiner Stärke hatte er die aus seinen Nasenlöchern hervorstehenden Haare etwa sechs Zoll lang wachsen lassen und in zwei Zöpfchen geflochten, welche ihm über den Mund herabhingen und an den Enden mit zierlich roten Bandschleifen geschmückt waren. Er trug einen großen weiten Mantel über seine Rüstung, der ihn samt dem Pferde einhüllte und aus tausend Mausfellchen künstlich zusammengenäht war. Als Helmzierde überschatteten ihn die mächtig ausgebreiteten Flügel einer Fledermaus, unter welchen er drohende Blicke aus geschlitzten Augen hervorsandte.« »Als nun das Signal zum Kampfe mit Guhl, dem Geschwinden, gegeben wurde, ritt dieser gegen die Jungfrau und umkreiste sie mit immer größerer Schnelligkeit, sie mit seinem Schilde zu blenden suchend und mit der Lanze hundert Stöße nach ihr führend. Inzwischen verharrte die Jungfrau immer auf derselben Stelle des Turnierplatzes und schien nur die Angriffe mit Schild und Speer abzuwehren, wobei sie mit großer Kunst das Pferd auf den Hinterfüßen sich drehen ließ, so daß sie stets dem Feinde das Angesicht zuwendete. Als Guhl das bemerkte, ritt er plötzlich weit weg, kehrte dann um und rannte mit eingelegter Lanze auf sie ein, um sie über den Haufen zu stechen. Unbeweglich erwartete ihn die Jungfrau, aber Mann und Pferd schienen von Erz, so fest standen sie da, und der arme Kerl, der nicht wußte, daß er mit einer höheren Gewalt stritt, flog unversehens, als er auf ihren Speer rannte, während der seinige wie ein Halm auf ihrem Schilde zerbrach, aus dem Sattel und lag auf der Erde. Unverweilt sprang die Jungfrau vom Pferde, kniete ihm auf die Brust, daß er unter der gewaltigen Stärke sich nicht rühren konnte, und schnitt ihm mit ihrem Dolche die beiden Schnäuze mit den Silberglöcklein ab, welche sie an ihrem Wehrgehänge befestigte, indessen die Fanfaren sie oder vielmehr den Zendelwald als Sieger begrüßten.« »Nun kam Ritter Maus, der Zahllose, an den Tanz. Gewaltig sprengte er einher, daß sein Mantel wie eine unheildrohende graue Wolke in der Luft schwebte. Allein die Jungfrau-Zendelwald, welche sich jetzt erst an dem Kampfe zu erwärmen schien, sprengte ihm ebenso rüstig entgegen, warf ihn auf den ersten Stoß mit Leichtigkeit aus dem Sattel und sprang, als Maus sich rasch erhob und das Schwert zog, ebenfalls vom Pferde, um zu Fuße mit ihm zu kämpfen. Bald aber war er betäubt von den raschen Schlägen, mit denen ihr Schwert ihm auf Haupt und Schulter fiel, und er hielt mit der Linken seinen Mantel vor, um sich dahinter zu verbergen und ihn dem Gegner bei günstiger Gelegenheit über den Kopf zu werfen. Da fing die Jungfrau mit der Spitze ihres Schwertes einen Zipfel des Mantels und wickelte Maus, den Zahllosen, selbst mit solch zierlicher Schnelligkeit vom Kopf bis zum Fuße in den Mantel ein, daß er in kurzer Zeit wie eine von einer Spinne umsponnene ungeheure Wespe aussah und zuckend wie eine solche auf der Erde lag.« »Nun zerdrosch ihn die Jungfrau mit der flachen Klinge und mit solcher Behendigkeit, daß der Mantel sich in seine ursprünglichen Bestandteile auflöste und die umherstäubenden Mäusefellchen unter dem allgemeinen Gelächter der Zuschauer die Luft verfinsterten, während der Ritter allmählich wieder zu Tage kam und als ein geschlagener Mann davonhinkte, nachdem sein Besieger ihm die Nasenzöpfchen abgeschnitten hatte.« »So war denn die Jungfrau als Zendelwald der letzte Sieger auf dem Platze.« »Sie schlug nun das Visier auf, schritt hinauf zur Königin des Festes und legte die Siegestrophäen zu deren Füßen. Dann erhob sie sich und stellte einen Zendelwald dar, wie dieser gewöhnlich zu blöde war, es zu sein. Ohne indessen seiner Bescheidenheit zu viel zu vergeben, grüßte sie Bertraden mit einem Blicke, von dessen Wirkung auf ein Frauenherz sie sicher war ... und unterhielt sie so geschickt und zärtlich ... daß diese einmal um das andere glückselig errötete« ... Kurz, der blöde Ritter machte seine Sache so gut, daß er zuletzt Bertraden »zärtlich umfing und einen Kuß auf ihre Lippen drückte, der begreiflicherweise das holde Weib mit himmlischer Seligkeit erfüllte; denn wenn die Himmlischen einmal Zuckerwerk backen, so gerät es zur Süße«. In demselben Augenblick, als hierauf der wirkliche Zendelwald erscheint, räumt ihm die Jungfrau Maria augenblicklich den Platz und versetzt ihn selbst an Bertradens Seite. Hier findet er nun das Nestchen so warm, die Temperatur so angenehm, kurz die schwierigsten Arbeiten des Blöden so gut schon getan, daß er leicht Mut gewinnt, vollends den Rest zu tun und sein Glück in Besitz zu nehmen. Zu der er gebetet, die Jungfrau Maria, hat ihm geholfen. Aber eine halsbrecherische Hilfe, nicht wahr? Was sagt der Gläubige zu diesen Muttergottes-Abenteuern? Wird ihm dabei wohl, oder angst und bange? Hört er eine fromme Geschichte oder eine Blasphemie? Und warum sollte es eine Blasphemie sein? Mag er doch, anstatt zu fragen, selbst antworten! Ist es wahr, daß die Jungfrau Maria hilft? Aber wäre das noch eine Hilfe, die nur unter gewissen Umständen vom Gläubigen zu erhoffen ist? Natürlich, unter allen erlaubten Umständen! Und ist eine ehrliche Werbung nicht ein erlaubter Umstand? Aber wenn ein frommer Rittersmann zum Courmachen zu blöde ist, warum sollte »Mariahilf« nicht statt seiner die Cour machen? Dem Reinen ist alles rein! Ist das wahr oder nicht? Der Katholik kann nicht nein sagen und will doch nicht ja sagen. Sein Verstand ist in die Enge getrieben, aber sein unbehagliches Gefühl bleibt. Warum? Und das führt uns wieder auf das Motto zurück, das wir vorangestellt haben. Kellers Legendengeist hat den katholischen Glauben innerlich um kein Tüpfelchen einer Nadelspitze verletzt: er hat diesen Glauben nur mit der Miene der Unschuld und mit der Folgerichtigkeit der Konsequenz über eine Linie geführt, über welche ein Katholik ihn um keinen Preis führen würde. Sein ganzes Verfahren liegt in den Worten Hippels. Er hört von Gottes Auge und Gottes Mund sprechen, aber wer Auge und Mund hat, der muß auch Bauch und Schenkel haben. So nimmt er denn den Glauben bei seinem eigenen Worte und spricht in der Einfalt seines Herzens – von Gottes Bauch und Gottes Schenkel. Er tut, als ob er nicht wüßte , daß es ein allgemeines Übereinkommen ist, davon nicht zu sprechen! Das ist die ganze ausgepichte Grausamkeit seiner Legendenerzählung. Habt ihr einen Gott, der ein Mensch ist,– nun gut, ich bin euer Mann; er sei menschlich. Enfant terrible nennt man ein Kind, das in der Gesellschaft der Erwachsenen nicht eben unanständige und ungehörige Dinge sagt, sondern bloß sagt, was zu verschweigen unter den Erwachsenen die Fable convenue und das allgemeine Übereinkommen ist. Als ein solches katholisches Enfant terrible hat Gottfried Keller seine Legenden erzählt. Keiner, wie er, hat die Kindesmiene so zu Gebote; er ist ein für ewige Zeiten unerreichbares Ideal von Naivität in den ›Sieben Legenden‹. Wenn ihr daher sagt: »naiv wie Homer«, so ist es richtig; wir haben nichts dagegen. Aber jetzt sind wir auch dort, wo wir solche Prädikate begrenzen können. Homer ist naiv wie ein Kind, nur sprach er auch zu Kindern. Gottfried Keller ist naiv wie ein Kind, aber er weiß sehr genau, daß er zu Erwachsenen spricht! Das macht den Unterschied. Nennt daher getrost seine homerische Naivität »satirisch wie Voltaire«; wir haben wieder nichts dagegen. Nur wäre die ganze Satire Voltaires nicht, wenn sie nicht mit offen, ja leidenschaftlich eingestandenen Absichten auf ihren Gegenstand losginge; sie nennt und bekennt diesen Gegenstand, er ist die lebendigste Tatsache ihres Bewußtseins. Selbstverständlich weiß auch Gottfried Keller von dem Gegenstande seines Spottes, aber er tut, als ob er nicht davon wüßte. Das macht wieder den Unterschied! Er erreicht seine Satire, ohne sie zu wollen, und just weil er sie nicht zu wollen scheint. Zwischen Homer und Voltaire in der Mitte, steht daher seine Naivität und seine Satire auf ganz anderen Punkten als bei jenen. »Er tut, als ob er nicht wüßte«, haben wir wiederholt sagen müssen. Wer sich das unterfängt, dem müssen alle Grazien lächeln. Nur durch die Gunst der Grazie ist künstlerische Verstellung möglich, besonders dieser verwegenste Grad von künstlerischer Verstellung. Wie eine Katze auf dem Dache, wandelt der Legendenglaube Kellers einher; der Katholik sieht mit Schwindeln und Haarsträuben zu: dafür ist aber auch die Katze das graziöseste aller Geschöpfe. »Graziös wie Heine« können wir daher gleichfalls annehmen, soll damit der Superlativ ausgedrückt werden, der von der Grazie der deutschen Prosa bisher erreicht worden ist. Wir können es aber nicht annehmen mit allen übrigen Nebenumständen. Denn kurz, die Naivität Homers, die Satire Voltaires, der Humor Jean Pauls, die Grazie Heines steht im Buche ; es sind in sich fertige Kunsterscheinungen. Bei Gottfried Kellers Sieben Legenden stehen wir selbst im Buche ; er hat seinen Edelstein geschliffen mit unvergleichlich weiser Berechnung des Feuers und Farbenspiels, welches erscheint, wenn wir selbst die Folie dazu sind. Wie das Stereoskop runde Bilder aus dem Ebenen macht, dadurch, daß es unser eigenes Auge und seine Gesetze nachahmt, so macht Gottfried Keller seinen schelmischen Legendenglauben mit unserm Unglauben, den er aus dem seinigen freilich zu berechnen weiß, während der seinige aber streng aus dem Spiele bleibt. Man kann Figuren wie die beiden ›Hyacinthen‹ als Meisterstücke humoristischer Naivität nicht genug loben; wie aus alten Miniaturen herausgeschnitten, stehen und wandeln sie da vor uns. Und doch hat Gottfried Keller im ›Grünen Heinrich‹ solche Bilder und Bildchen zu Tausenden aus dem Ärmel geschüttelt; seht nur genau zu, was ihr an den ›Hyacinthen‹ lobt und was auf euch wirkt. Nicht der Bildspaß selbst, nicht die Figuren als solche, nicht die Figuren als Staffage, sondern Luft und Landschaft, worin sie stehen . Das aber sind wir, die Luft, die wir atmen, die Luft des neunzehnten Jahrhunderts. Das hinweg – und die Bildchen erlöschen wie Leuchtkäfer am Tage. Diese perspektivische Kunstrechnung, wie sich die Sachen der Sieben Legenden zu uns stellen, in unserer Luft und Landschaft, das ist das größte und freilich auch das geheimste Meisterstück des Dichters. Vielen Lobenden ist es geheim geblieben. Grazie und Koketterie sind nicht immer ein Widerspruch; die Grazie verträgt zuweilen einen Stich ins Kokette – siehe die Mediceische Venus. Die kleinen Gelegenheiten dieser Verträglichkeit kannte niemand besser als Heine, dessen Grazie so gerne kokett ist, d. h. Selbstbewußtsein, Selbstgefälligkeit hat, aber just mit dem Wissen von sich, mit dem Gefallen und Gefallen-wollen wieder lose, neckische Spiele treibt. Eine Grazie aber, deren ganzes Spiel die Verstellung ist, wie bei Gottfried Keller, dürfte um keinen Preis in der Welt dieser Grazie Heines ähnlich sein, dürfte mit keinem Zucken ihrer Augenwimper verraten, daß dieses Auge sich selbst beschaut, würde die Schelmereien ihrer Verstellung sofort und tödlich entzaubern, wenn sie nur eine Miene verzöge. Sie darf so wenig eine Miene verziehen, als es Friedrich der Große getan hat, da er den graziösesten Witz seines Lebens machte. Schlesische Jesuiten verklagten einen seiner Soldaten bei ihm, daß er ihrer Muttergottes den Schmuck geraubt habe. Die Geschichte ist bekannt. Der Soldat, vor seinen König gestellt, sagt mit unerschütterlicher Fassung, es falle ihm gar nicht ein, geplündert zu haben, sondern die Mutter Gottes habe ein Wunder getan und den Schmuck ihm geschenkt. Eigentlich die achte unserer Sieben Legenden! Dieser Soldat muß ein Stück Gottfried Keller gewesen sein. Aber ein noch besserer Gottfried Keller war sein König. Wie behandelt Friedrich der Große diesen Fall? Erlaubt er seinem Soldaten, den Schmuck zu behalten? Dann tritt er auf die Seite der Gottlosen und ist parteiisch. Befiehlt er ihm, den Schmuck unverzüglich herauszugeben? Dann tritt er auf die Seite der Jesuiten und ist wieder parteiisch. Aber ein König soll unter allen Umständen unparteiisch sein. Friedrich der Große ist also unparteiisch! Als Protestant, des göttlichen Gnadenlichtes über katholische Mysterien leider beraubt, tut er das Loyalste, was er tun kann: er fragt die Jesuiten selbst. Ist es möglich, daß die Muttergottes ein solches Wunder tun kann? Den Jesuiten fährt der Schreck in die Glieder. Sie winden und wenden sich und fangen an, kasuistische Maulwurfshaufen zu schaufeln, aber der König kann das alles nicht brauchen. Er braucht nur ein Ja oder Nein. Ist es möglich, daß die Muttergottes ein solches Wunder tun kann? Ja oder nein! Natürlich müssen sie ja sagen. Der reinste Gottfried Keller! Wir wüßten weit und breit keine Parabel, welche den Kunstcharakter der Sieben Legenden so erschöpfend ausdrückte. In der reinsten Unparteilichkeit – bekennt er die Partei der Aufklärung. Mit der unschuldigsten Miene, welche auf den Legendenglauben eingeht, – macht er die Mienen anderer lächeln! Er braucht sich bloß gläubig zu stellen, – um den Glauben zu beschämen. Er richtet ihn durch ihn selbst. Und noch eins. Bis zu ihrer Pointe können wir diese Anekdote hieher beziehen. Denn da jeder Spaß seine ernsthafte Seite hat und ein großer König ein sehr ernsthaftes, über allen Spaß erhabenes Wesen ist, so schwang Friedrich der Große seinen gefürchteten Krückenstock und herrschte den Soldaten an: »Behalt' Er also, was Ihm die Muttergottes geschenkt hat; aber das lass' Er sich gesagt sein, wenn Ihm die Muttergottes noch einmal etwas schenken will, so nimmt Er's nicht an, sondern sagt, sein König hat Ihm's verboten. Verstanden?« Und das möchten wir auch der deutschen Belletristik zurufen. Laß dir ein solches Büchlein nicht noch einmal schenken! Nur die graziöseste Dichterhand durfte nach diesem Schmucke greifen. Denn schon haben sich manche Rezensenten nicht entblödet, in demselben Atemzuge mit den Sieben Legenden – auch die Parodien von W. Busch zu nennen, gleichsam als geistesverwandte Seitenstücke. Das heißt die Posse mit dem höheren Lustspiel, den ›Sommernachtstraum‹ mit ›Evakathl und Schnudi‹ zusammenstellen. So wahr ist es, daß man dem deutschen Publikum nichts Distinguiertes spenden kann, was es nicht sofort seiner lieben gewohnten Trivialität assimiliert.   Die Blumen des Zeitungsstils Innerhalb der Sprache der Allgemeinheit gibt es so viele besondere Sprachen, als es in Handel, Gewerbe, Handwerk, Kunst, Wissenschaft, als es in jeder Ausübung menschlicher Tätigkeit Fächer gibt. Der Forstmann, der Bergmann, der Handelsmann, der Weber, der Buchdrucker sprechen im Konversationssaal die Sprache der Allgemeinheit, in ihrer Fachtätigkeit sprechen sie ihre besondere Kunst- oder Fachsprache. Jede Fachsprache wird es durch zwei Elemente: durch Terminologie und Phraseologie. Die Terminologie ist direkt notwendig. Sie hat Begriffe zu bezeichnen, welche nur dem Fache eigentümlich, außerhalb desselben dem begriffsreichsten Menschen unbekannt sind. Wenn der Weber sich nicht seinen Kunstausdruck oder Terminus bildet, so gibt ihm der Bauer, der Kaufmann, der Soldat, der Priester, so gibt ihm die ganze bürgerliche Gesellschaft kein Weber-Wort, weil sie keinen Weber-Begriff hat. Die Phraseologie scheint überflüssig: da aber der Überfluß selbst wieder notwendig ist, so ist sie wenigstens indirekt notwendig. Die Phraseologie spielt mit der Sprache, verziert die Sprache, aber der Spiel- und Schmucktrieb ist in der Menschennatur ebenso uranfänglich vorhanden, wie der Bedürfnistrieb. Zu ihrer Begriffssprache entwickelt daher jede Fachtätigkeit auch eine Blumensprache, zur Terminologie die Phraseologie. Ja, dies ist wahr und vollzieht sich mit solcher Notwendigkeit, daß Fachtätigkeiten, welche kaum eine Terminologie brauchen, doch eine Phraseologie sich zubilden. Zum Beispiel die Journalistik. Ihre Terminologie bestreitet sie vielleicht aus einem Halbdutzend technischer Ausdrücke wie Leader, Entrefilet, Communiqué usw.; sie ist in diesem Punkte fast bedürfnislos. Das Machen einer Zeitung kann der Terminologie so ziemlich entbehren; dagegen das Schreiben der Zeitung folgt dem unwiderstehlichen Gesetze der Fachtätigkeit, dem Zug vom Allgemeinen zum Besonderen, zur Bild- und Blumensprache, zu Redefiguren, die ihr eigentümlich, zu Ausdrücken, die ihr konventionell-geläufig, typisch und stereotypisch geworden, – zur Phraseologie. Über die Phraseologie der Fachtätigkeiten fielen die Würfel des Zufalls. Wie alles, was aus Gewohnheitstrieb wächst und wird, ist keine Phraseologie aus Wahl, Absicht und Bewußtsein, sondern jede aus glücklichem oder unglücklichem Ungefähr ins Dasein getreten. Wie hübsch wäre es nun, wenn ein so wichtiges und unentbehrliches Lebensmöbel, wie es die Zeitung ist, aus ihrem Lostopf eine Phraseologie gezogen hätte, an der wir alle Freude haben könnten! Wie garstig, daß das Unglück es anders gewollt hat! Es haben sich Phrasen als spezifische Zeitungsphrasen eingebürgert, welche dem feinfühligen Geschmacke mehr oder minder unangenehm schmecken, weil sie das Unpassendste, dem Geist und Sinn einer Zeitung Widersprechendste sind und verkehrter kaum noch gedacht werden könnten. Die Zeitungspresse ist das echteste Kind des modernen Bürgertums und – spricht die Sprache ihres verhaßtesten Feindes: des feudalen, mittelalterlichen Rittertums! Die Zeitungspresse ist eines der wirksamsten Bildungsmittel, kann oder soll es wenigstens sein, und – spricht die Sprache des Pöbels! Diese grausame Ironie des Zufalls ist so ärgerlich, daß sie fast amüsant wird, wie ja alles, sogar der Galgen, seinen Humor hat! Es kann einem Spaß machen, die groteske Flora der Zeitungsblumen mit einem flüchtigen Blicke zu mustern und sarkastisch zu belächeln. Wer ist komischer: der ritterliche Zeitungsstil oder der pöbelhafte Zeitungsstil? Um den Preis der Verkehrtheit ringen sie beide. Ein paar Stichproben davon mögen genügen. I. Ritterlicher Zeitungsstil. Ich sehe ein paar emsige Männer Haufen von frischen Zeitungsnummern durchwühlen. Die Zigarre dampft, die Papierschere klirrt, die Brille brilliert hin und her. Jeder findet den Ort, wohin er zu sehen hat, fast blind; sie haben es längst im kleinen Finger, wer die offizielle, wer die offiziöse und wer die inspirierte Zeitung ist, oder wer in den »unabhängigen« Organen die offizielle, die offiziöse und die inspirierte Chiffre. Sie wissen in der Amtlichen, Halbamtlichen und Unabhängigen den Leitartikel, die Korrespondenz, die Notiz, ja das scheinbar bedeutungsloseste Inserat zu deuten. Sie deuten das alles in bezug auf ihren eigenen Standpunkt. Der Innere merkt auf, wie man im Kulturkampf, der Äußere in der Orientfrage, der Volkswirt in der Zoll- und Eisenbahnfrage denkt und wie diese Gedanken der Politik seines eigenen Blattes begegnen oder zuwiderlaufen. Wie nennt man diese Tätigkeit der lesenden, schreibenden, Schere und Rotstift handhabenden emsigen Männer? Ei doch, sie redigieren. Weit gefehlt. Sie stehen auf der Hochwacht! Wenn der Turmwart auf den Warttürmen der Städte, wie z. B. die Sachsenhäuser- und Friedberger-Warte bei Frankfurt, Luft und Erde seines weiten Horizonts durchspähte, ob er ein feindliches Ritterfähnlein in Sicht bekam oder ein Kauffahrerzug im Geleite einer befreundeten Stadt die Landstraße daherkroch, so hat mir dieser Mann zwar keine große Ähnlichkeit mit einem anderen Manne, welcher bei Gaslicht in seinem Bureau einen Haufen von Zeitungen durchwühlt; aber – der letztere läßt sich's nicht nehmen: er hält seine Hochwacht. Und siehe da, alsbald entdeckt unser Hochwächter einen Zeitungsartikel, der ihn grimmig verdrießt. Was tut der Ergrimmte? Je nun, er brennt sich eine Zigarre an und schreibt gegen die Zeitung. Ich bitte, sich ritterlicher auszudrücken! Er wirft ihr den Fehdehandschuh hin. Natürlich ist die gegnerische Zeitung nicht minder ritterlich, und da ihre Ritter soeben nachgedacht, was sie für die morgige Nummer schreiben sollen, so ergreifen sie mit Vergnügen und schreiben gegen die Zeitung, welche gegen sie geschrieben. Weil aber beim Zeitungsschreiben das Wort »schreiben« förmlich verpönt ist, so werden sie mit dieser Zeitung nicht sowohl Worte wechseln, als: mit ihr in die Schranken treten. Am hitzigsten schreibt der Jüngste unter den Redaktionsrittern, denn eigentlich ist er noch gar nicht Ritter, sondern will sich bei dieser schönen Gelegenheit erst seine Sporen verdienen. Andere haben das längst schon getan. In Tyost und Buhurt ergraut, sieht man den berühmten Ritter Aaron Mendel für die zollfreie Einfuhr der Halbgarne eine Lanze brechen. Fast wird das Papier zu wenig – denn manchmal sagt man statt Kampfplatz oder Arena noch immer Papier; – da erwirbt sich Simon Fränkel den Dank der ganzen Ritterschaft, indem er mit einer Bravour, die er nur von seinem Ahnherrn, dem großen Cid, haben kann, für die zollfreie Hadern- und Lumpeneinfuhr seine Lanze einlegt. So tummelt sich die Ritterschaft hüben und drüben. Die Schutzzöllner verteidigen ihre Zölle und die Manchesterleute ihren Freihandel. Das nennen sie beiderseits: ihr Banner hochhalten. Sie suchen ihre Meinungen im Publikum zu verbreiten, oder diejenigen, welche mit ihnen schon gleicher Meinung sind, zur öffentlichen Betätigung derselben anzuregen; d. h. sie fordern männiglich auf: sich um ihr Banner zu scharen. Das Banner ist entrollt, das Banner wird hochgehalten, man schart sich um das Banner. Über das Kostüm und die Ausrüstung der Ritter wüßte ich weniger Bescheid zu geben; ich kann nicht sagen, ob sie Schärpen, Arm- und Beinschienen, Ger und Brünne tragen: mit Bestimmtheit kann ich nur die Kopfbedeckung bezeugen. Sie ist der eiserne Ritterhelm mit der verschiebbaren Gesichtsschiene. Diese letztere darf aber nie zum Schutz und zur Bedeckung des Gesichts dienen, denn unsre Ritter setzen ihren höchsten Ehrenpunkt darein: jederzeit mit offenem Visier zu kämpfen. Ich halte das für praktisch, denn es läßt sich nicht nur ehrlicher kämpfen, sondern auch besser die Zigarre rauchen – mit offenem Visier! (Anmerkung für die Neuzeit: Der Ritter, der den Preis davonträgt, welchen bekanntlich »die Dame« spendet, behält, schon des Handkusses wegen, selbstverständlich auch in diesem erquicklichen Augenblicke sein Visier offen; erst seit in modernerer Ritterzeit statt der Dame ab und zu der Generalsekretär der Aktiengesellschaften die Preise verteilt, könnte sich vielleicht auch das geschlossene Visier empfehlen, nämlich um die Schamröte der Bescheidenheit zu verbergen.) War der Zeitungskampf ein Einzelkampf, so hat man der feindlichen Zeitung den Fehdehandschuh hingeworfen, ist in die Schranken getreten, hat sie aus dem Sattel gehoben , hat sie in den Sand gestreckt und hat schließlich den Preis davongetragen. War es ein Massenkampf, so ist man gegen die feindliche Zeitung zu Felde gezogen , man macht Front gegen sie, man liegt mit ihr zu Felde , man schlägt sie aus dem Felde , und hat man sie endlich gezwungen, zum Rückzuge zu blasen , so wird der Vorkämpfer , wie König Pharamund, auf den Schild gehoben . Ob Einzelkampf oder Massenkampf, immer aber war das Zeitungsschreiben ein Kampf, und die Zeitungsschreiber machen völligen Ernst daraus, Schreiben und Zigarrenrauchen, die friedlichsten Dinge von der Welt, als kriegerische und blutige zu stabilitieren. Nur wir Älteren haben noch Spaß von diesem Ernst, die wir in der Gänsekielperiode und nicht in der rasselnden Erz- und Bronzeperiode des Zeitungsstils aufgewachsen. Die Jüngeren dagegen stecken in ihrem Ernste schon so tief, daß sie bereits in Verlegenheit wären, ihre Zeitung zu schreiben, ohne ein Banner hochzuhalten und in die Schranken zu treten. Ich glaube, es hieße sämtliche Zeitungsfedern zum Stillstande bringen, wenn man ihnen den ritterlichen Zeitungsstil nähme. Höchstens bliebe ihnen noch – der pöbelhafte Zeitungsstil übrig. 2. Pöbelhafter Zeitungsstil. Wir können es uns nicht ersparen, der ›Germania‹ den Vorwurf ins Gesicht zu schleudern ... Ich möchte mir's doch ersparen. Ich kann mit meinem Mitmenschen manches zu tun haben. Ich kann mit seiner Vernunft etwas zu tun haben, um sie zu überzeugen; ich kann mit seinem Herzen etwas zu tun haben, um es zu rühren; dagegen bleibt es mir schlechterdings unverständlich, was ich mit seinem Gesichte zu tun hätte. Unter allen Umständen bleibt mir sein Gesicht aus dem Spiele. Wie sich ein Mann von Erziehung entschließen kann, einem andern etwas »ins Gesicht zu schleudern«, habe ich nie zu begreifen vermocht. Wir werden unser Banner hochhalten, so sehr sich »Pokrok« bemüht, es in den Kot zu zerren . Was hat der Kot mit dem Ideenkreise von denkenden Menschen zu tun? Welcher Interessenstreit könnte in irgendeinem Sinne beim Kot ankommen? Gehört der Kot in die Ökonomie politischer Parteien? Und wenn nicht, warum gehört er in ihre Sprache? Wenn Schweine reden könnten, so würde er wahrscheinlich eine wichtige Rolle spielen – in der Schweinesprache; aber in der Menschensprache? in der Journalistensprache? Ich beweise die Stärke meiner Sache und beweise die Schwäche der gegnerischen Sache; mag mein Gegner dann auf einem samtenen Diwan liegen: er ist ja doch ein Mensch und der Diwan ist menschwürdiger als der Kot. Wenn es auf mich ankommt, so brauche ich niemals Kot; es kann ewig trockenes Wetter sein. Ja, ich brauche auch dieses trockene Wetter nicht, um meinen Gegner in den Staub zu treten ! Ich baue meine Zeitung weder aus Kot, noch aus Staub, sondern überlasse diese Stoffe den freundlichen Schwalben zu ihrem Nesterbau. Die Kreuzzeitung und die Volkszeitung liegen sich einander in den Haaren ... Ein Schauder überläuft meinen Rücken. Wer kann sich die Möglichkeit vorstellen, daß gebildete Menschen »sich in den Haaren liegen«? Ich habe es noch nie von den ungebildetsten gesehen! Ich hörte Gassenbuben und Fischweiber sich schimpfen, aber so leidlich zivilisiert sind unsere Städte, daß selbst die Hefe des Stadtpöbels mir in fünfzig Jahren noch nie das ekelhafte Schauspiel geboten, wie zwei sich in den Haaren liegen. Und nun versichert mir der Sprachgebrauch der Zeitungen, daß Männer, welche Bildung haben und Bildung verbreiten – sich in die Haare geraten und sich in den Haaren liegen!! Wer kann ein Journal, seinen Charakter und seine Überzeugungstreue achten, welches heute begeifert , was es gestern verhimmelt... Wer geifert? Das kleinste der kleinen Kinder, der Säugling. Hierauf die Furie im entsetzlichsten Ausbruch ihres pöbelhaften Affekts, und schließlich der Narr in der Zwangsjacke, der tobsüchtige Rasende, dem der Schaum vor den Mund tritt. Die Zeitungen selbst aber meinen – mit dem unmündigsten Kinde, mit der ekelhaftesten Megäre, mit dem unheilbarsten Wahnsinnigen sei noch der Vierte im Bunde: ein Zeitungsredakteur! Der nächstbeste ihrer Kollegen geifert in jedem ihnen beliebigen Augenblicke! Ich weiß nicht, ob meine Leserinnen, welche an andere Blumenbuketts gewöhnt sind, noch mehr von diesen Zeitungsblumen wünschen. Die mitgeteilten Probeexemplare waren aus dem Kot und aus dem Staub gepflückt, mit ausgerauften Menschenhaaren gebunden und mit dem Tau von Geifer besprengt. So zubereitet wurden sie uns galant überreicht, nämlich ins Gesicht geschleudert. Wir lächeln grinsend unsern Dank und wollen uns sachte verabschieden, da erwischt uns der Zeitungsantholog beim Zipfel und nötigt uns noch sein Bestes auf, ein paar ganz exquisite und superfeine Blümchen, die schon ihres romantischen Fundortes wegen zarten Seelen interessant sein müssen. Sie wachsen nämlich – dicht unterm Galgen . Wer wird da gegeißelt ? Körperliche Strafen sind doch längst schon abgeschafft; sage mir, Henkersknecht, wer trug dir auf, ein so bestialisches Urteil... Ich bin kein Henkersknecht, sondern ein Zeitungsredakteur, und ergötze mich höchlich daran, einen meiner Kollegen zu geißeln. Ich habe ihn erst mit ätzender Lauge überschüttet , was ich von einem Waschweibe lernte; es nützte nichts, und nun geißle ich ihn, was ich vom Gevatter Henker lernte. Silberglöckchen, Zauberflöten Sind zu eurem Schutz vonnöten; und Waschweib und Henker zum Journal-Redigieren! Ich weiß freilich: das Geißeln kommt nicht aufs Kerbholz der Zeitung allein; die Sprache der satirischen Literatur hat es langst schon gehabt. Wir haben es aus den lateinischen Schulen aufgegriffen, durch die jeder Deutsche geht; wir fanden es schon bei den Römern. Das ist wahr und doch nicht ganz wahr. Wo wir geißeln sagen, sagt der Römer castigare , aber das heißt castum agere , etwas keusch und rein machen. Diese Etymologie fiel mit vollem Verständnis ins römische Ohr und sie klingt menschlich genug. In unser Ohr fällt nichts als die klatschende Geißel, ein Bild der nackten Bestialität. Wir haben castigare ziemlich leichtsinnig mit »geißeln« übersetzt; dieses heißt flagellare , aber das gebraucht selbst der harte und grausame Römer nicht in jener geistigen Bedeutung, welche bei uns durch das mißbräuchliche »geißeln« geschändet wird. Die richtige Übersetzung für castigare wäre »züchtigen«, wo ins deutsche Ohr der Begriff Zucht, – »Zucht und Sitte« fällt, so daß züchtigen fast »sittigen« heißt und genau den Begriff von keusch- und rein-machen bekommt. Geißeln ist einfach viehisch und entbehrt jedes moralischen Begriffs. Und möchte »geißeln« noch eine frühere und schon überlieferte Unart des Sprachgebrauchs sein; neuere und durch den Zeitungsstil allein in Schwung gekommene, von ihm mit Vorliebe und verschwenderisch gebrauchte Ausdrücke kultivieren die Roheiten der Henkerssprache noch eines weiteren. Denn nicht nur, daß die Zeitungen mit nie gesättigter Wollust untereinander sich geißeln ; sie brandmarken sich auch, sie drücken sich ein Brandmal auf die Stirne und sie stellen sich an den Pranger . Zum deutlichen Beweis, daß die Zeitungssprache die Galgensprache nicht zufällig, sondern als ein tiefgefühltes Bedürfnis und in all ihren Variationen sich anzueignen liebt. Als ein tiefgefühltes Bedürfnis! Ist es an dem, so dürfen wir unsere Kritik nicht schließen, ohne auf mildernde Umstände zu plädieren. Und fast scheint es uns so. Es möchte Ernst sein, völliger Ernst mit dem tiefgefühlten Bedürfnis. So viel ist wenigstens wahr: die Zeitungspresse hat ein natürliches Bedürfnis, eine starke und nachdrückliche Sprache zu sprechen. Das eingeräumt, – wie wir es gerne tun, – finden wir ein versöhnendes Moment darin und können den Richter in den Verteidiger verwandeln. Wir haben die Zeitungspresse, und wohl mit Recht, das ureigenste Kind des modernen Bürgertums genannt, aber das Bürgertum ist ein gar zahmes, friedliches und zivilisiertes Geschöpfchen; woher nähme das eine starke und nachdrückliche Sprache? Ei, von denen, welche sie haben! Das mittelalterliche Rittertum hatte sie, und der Pöbel aller Zeiten hat sie. Also wäre es immerhin natürlich, begreiflich, nachgewiesen und menschlich-motiviert, warum die bürgerlichste Institution eine Junkersprache, die gebildetste eine Pöbelsprache spricht, warum sie in jenem Falle lächerlich, in diesem ärgerlich und in beiden geschmacklos spricht. Aber wie wir die Schuld auch mildern, ein Unglück bleibt es trotz alledem. Und nur mildern, nicht gänzlich aufheben können wir die Schuld. Hat nämlich die Zeitungspresse das Bedürfnis einer starken und nachdrücklichen Sprache, so hat sie es auf dem ganzen zivilisierten Erdkreis und nicht bloß in Deutschland allein. Desungeachtet bietet uns keine Journalistik – weder die englische, noch die französische, italienische, spanische, russische – keine Journalistik der ganzen Kultur-Peripherie bietet uns das Schauspiel jenes junkerlichpöbelhaften Gallimathias, welcher die deutsche Journalliteratur entstellt. Es müßte also doch wohl möglich sein, auch im Deutschen stark und nachdrücklich, aber ohne gedankenlosen Sprachverderb, zu sprechen. Und brauchen wir denn einen bündigeren Beweis dieser Möglichkeit als unsre Klassiker? Ich denke, Lessing hat stark und nachdrücklich zu sprechen gewußt! Gottlob, daß unsere Klassiker endlich wohlfeil geworden und in Volksausgaben das Gemeingut aller zu werden fähig sind; dieses Gegengift stellt just zur rechten Zeit sich ein, um den Verfall des reinen Sprachgefühls noch eine Weile aufzuhalten, weil es ja doch das Unglück gewollt hat, daß das verbreitetste Literatur-Element, die Journalistik, eine so unreine Sprache bei uns in die Phantasie und auf die Zunge aller gelegt! Und so lese ich denn schon lange meinen Lessing fast nur noch aus formalen Gründen, denn das Sachliche, insofern es bleibend, ging ja in Fleisch und Blut über; fast der halbe Lessing aber besteht leider aus Sachlichem, das vergänglich war und das veraltet ist. Wer lächelt nicht schmerzlich, wie viel Papier ein Lessing daran wendete – um einem Epiker Dusch, oder selbst einem Herrn Geheimderat Klotz ihre nebelköpfigen Dummheiten zu beweisen! Welch prächtige Donnerwetter um solcher Omelette willen! Aber die Donnerwetter füllen mein Ohr mit ihrem erhabenen Schall! Diese Donner- und Wettersprache lese ich – etwa wie ein Römer unter Theodorich die Klassiker des Augustus las, – bloß um mir die Sprache blank zu putzen, welche reißend schnell zu verrosten droht, bloß um mich, zu erinnern und mir gegenwärtig zu halten, wie man ein starkes und nachdrückliches Deutsch sprechen kann – auch ohne Lanzen zu brechen, Banner zu schwingen, in den Haaren zu liegen, in die Gesichter zu schleudern, sich in den Kot zu zerren und sich an den Pranger zu stellen. 1873 Die Verkannte Da liegt sie, die schöne, weiße Leiche der erschlagenen Diva. Da liegt sie, das Götterkind, die Börse , noch im Sterben schön, mit einem Agio verhauchend, mit dem letzten Atemzug noch über pari -Kredit fl. 160 E. = 280! Wie rührend! Aber wer gönnt dir diesen Nachruhm, himmlische Diva? Vergessen deine Güte, dein Lächeln, deine Wohltaten, deine viele, viele Menschenliebe! Wie viel hast du ihnen geopfert, himmlische Diva, sogar dein Epitheton » casta «! Und wie roh beschimpfen sie dich! Undankbares Geschlecht! Aus allen Tonarten schimpft's. Schwindelperiode – Fäulnis – Demoralisation – Korruption – Babel und Ninive – Sodom und Gomorrha – sogar die Geographie muß schimpfen! Wahrlich, das ist nicht länger zu dulden. Wenn alles dich verläßt, der Dichter bleibt dir treu. Bist du doch Blut von unserem Blute – dein Name heißt Phantasie . Wie besingt dich unser großer Vorsänger Goethe? »Welcher Unsterblichen soll der höchste Preis sein? Mit niemand streit' ich, aber ich geb' ihn der ewig beweglichen, immer neuen, seltsamen Tochter Jovis, seinem Schoßkinde, der Phantasie.« »Denn ihr hat er alle Launen, die er sonst nur allein sich vorbehält, zugestanden, und hat seine Freude an der Törin.« Das ist zum Sprechen ähnlich. Man meint, der Name Börse müßte jetzt und jetzt aus den Zeilen des Liedes herausspringen, so treu ist sie gezeichnet. Welcher Unsterblichen soll der höchste Preis sein – nämlich die Hausse. Und die ewig bewegliche – die immer neue – die seltsame – die Törin , an der man seine Freude hat – die sich die Launen des Zeus, nämlich des wetterwendischen Himmels erlauben darf – Börse oder Phantasie, Phantasie oder Börse, es ist von der nämlichen Person die Rede. Oder mindestens von einer Ähnlichkeit wie Mutter und Tochter. Die Phantasie, das Schoßkind Jovis, und die Börse, das Schoßkind der Phantasie! »Sie mag rosenbekränzt mit dem Lilienstengel Blumentäler betreten, oder sie mag mit fliegendem Haar und düsterem Blick im Winde sausen« ... Das heißt, sie mag freundliche Stimmung oder Panik sein. Der Dichter vergißt keinen Zug der gleichen Familienzüge. Er nennt's die Phantasie , wir nennen's die Börse; er nennt's: »Meine Göttin« und wir – jetzt verschwindet auch der leiseste Unterschied – wir nennen's erst recht: »Unsere Göttin«. Aber so hat sich kein Detektiv je gefreut, wenn ihm ein gut verfaßter Steckbrief und eine lebendige Person endlich die lang gesuchte Identität konstatierten, als sich der Dichter freut, daß er in seinem »nüchternen« 19. Jahrhundert die Phantasie wiederfindet, die ihm das »praktische« und »materielle« Zeitalter mit so dreister Zuversicht dethronisiert. Stand doch soeben noch das ganze 18. Jahrhundert unter einer Herrschaft der Phantasie, welche fast ein Gipfel ihrer Machtäußerung war; wie sollte sie denn so plötzlich zergangen sein? Wäre sie in die Erde verschwunden, sie müßte an irgend einem Punkte der Erde wieder herauskommen. Wäre sie gestorben, die Unsterbliche – was positiv unmöglich ist – sie müßte wenigstens in Nachkommen leben und Familie hinterlassen haben. Überblickt doch die zahlreiche Phantasie-Familie des phantastischen 18. Jahrhunderts: Zählt nur allein die Familienväter derselben, angefangen von dem liebenswürdigen Jugendpropheten Münchhausen die ganze Jakobsleiter des höheren Phantasie-Schwindels hinauf, wovon die einzelnen Sprossen Philadelphia, Schröpfer, Comus, Psalmanager, Dr. Graham, Chevalier d'Eon, Graf St. Germain, und endlich Cagliostro heißen, Giuseppe Balsamo, genannt Graf Alessandro di Cagliostro, Schüler des weisen Althotas, Pflegesohn des Scheriff von Mekka, auch Acharat und »unglücklicher Sohn der Natur«, oder wahrscheinlicher (!) Sohn des letzten Königs von Trapezunt, Gründer (!!) der ägyptischen Loge zur hohen Wissenschaft und Großkophta derselben, Protoplasma des klassischen Gründerschwindels, Urzelle aller Phantasie-Existenzen, aller Erzspekulanten und Superlativ-Charlatane! Überblickt die lebenstrotzende Heraklidenbrut dieser Phantasie-Riesen und Imaginationsgebietiger, überblickt die unabsehbaren Schwärme jener Adepten, Alchimisten, Schatzgräber, Geisterbeschwörer, Therapeuten, Thaumaturgen, Kabbalisten, Magnetiseure, Mystagogen, Swedenborgianer, Illuminaten und Rosenkreuzer, wovon das 18. Jahrhundert wimmelt. Wo wären sie denn im neunzehnten? Beim Teufel, sagt ihr. Zugestanden; aber was fängt der Teufel mit ihrer Substanz an, mit dem dichten, soliden Phantasie-Stoff, woraus sie gewebt, da ja kein Stoff zu vernichten, sondern nur zu verwandeln? Ei, er macht im 19. Jahrhundert Gründer, Syndikate, Bankdirektoren, Verwaltungsräte, Aktionäre, Generalversammlungen, Regierungs-Kommissäre, beteiligte Journalisten, Börsenwölfe und Börsengimpel, überhaupt »sonderbare Schwärmer« aus ihnen. Das läßt sich hören! Aber so sprecht mir dann doch nicht länger von eurem »nüchternen« 19. Jahrhundert – im Jahrhundert der Rumänier, der Türkenlose und der Dachauerbanken! Muß man euch denn ausdrücklich versichern, daß ihr große Romantiker seid? Muß man es euch schwarz auf weiß geben, daß ihr Phantasie habt, sogar eine recht starke Phantasie? Wunderliche Menschen! Sie glauben zu »realisieren«, und sie phantasieren, sie glauben Papiere zu haben, und sie haben Phantasie. Aber mit einer Art Selbstquälerei nehmen sie sich das noch übel, schimpfen es Schwindel, Korruption, » materielles « Treiben, da es doch reinstes Phantasietreiben ist, Leben in Visionen, asketische Bußübung, Spiel im stofflosesten Stoffe, der nichts ist als Phantasie, nackte, blanke, in ihrer wahren Gestalt enthüllte Phantasie, ein diaphaner, ätherischer Körper, aus den Kurszettel-Ziffermoden herausgetreten, wie ein Schneeflöckchen aus der Schneewolke, ein weißes Nichts – ein weißes Papier, woran gar nichts zu »realisieren«, dem keine Faser von grober materieller Wirklichkeit anhaftet, das durch und durch Phantasie! Seltsame Tochter Jovis, was für seltsame Kinder hast du geboren! Aber die Kinder folgen der Mutter; deinen Namen sollen sie wenigstens führen. Sie sollen Kinder der Phantasie heißen. Man mache nicht länger mehr einen unberechtigten und willkürlichen Unterschied zwischen einem »phantastischen« 18. und einem »nüchternen« 19. Jahrhundert, zwischen: Stein der Weisen – aurum potabile – spagirische Speise – ägyptischer Wein – Rowlands Kalydor – Pentagon der Unsterblichkeit – und zwischen: Industrialbank – Interventionsbank – Börsen- und Rentenbank – Semmering-Hammerwerks-Gesellschaft – Zellulose – Maschinenziegel, denn sie alle sind Geschwister der nämlichen Phantasie-Familie und haben Hausrecht – in der laterna magica . Kirchers laterna magica und Belsazars Phosphorschrift, – Adam Weishaupts Illuminaten und ihre Philanthropie, Eleutheriomanie, weißen Gewänder, wallenden Bärte, mystischen Säulen, Glockengeläute, Kristallspiegel, Totenköpfe und Phosphorbeleuchtung – dieser ganze Phantasiestaat war nicht phantastischer als die Wiener Börse und diese ist nicht phantasieloser als der Großkophta auf seinem Thron zwischen Enoch und Elias. Mit einer Gruppe von Totenköpfen und Phosphorbeleuchtung kann sich eine Gruppe von Baubanken im bläulichen Dunst der Zeitungsreklame wohl messen, und wenn der weise Althotas zu Messina Hanf in Seide verwandelte und der Aktionär der Forstbank das nämliche Wunder umgekehrt tut, so ist seine Wunderkraft bei Gott nicht geringer! Da gibt's nichts zu schimpfen; das ist doch etwas Höheres als »rein praktische« Tendenzen. Ha, warum sollen Kommissionsbank 80 fl. Einzahlung, Kurs 136 fl. der große Schwindel heißen und Kommissionsbank 80 fl. Einzahlung, Kurs 50 Kreuzer – der große Krach?! Die Erscheinung ist immer die nämliche; – jenes, Graf Cagliostro, dieses – Guiseppe Balsamo. Wozu: großer Schwindel, und großer Krach? Wozu einen solchen Aufwand verschiedener und extrem gewählter Worte. Glaubt, der Dichter ist gar sehr interessiert, daß man sich richtig ausdrückt; Namen tun ja was zur Sache. Worte sind Begriffe, richtige Worte richtige Begriffe. Wie viel Falsches hält man für wahr, bloß weil man die betreffenden Schlagwörter gedankenlos nachsagt! Und nicht zuletzt leidet darunter die Poesie! Der große Kunstmäcen, Baron Abraham, mein Sperrsitznachbar, gähnt bei der Wahnsinnsszene des König Lear und belehrt mich orakelnd: Starke Leidenschaften sind nichts mehr für »der« modernen Bühne. Aber wie heißt? Baron Abraham? Die starken Leidenschaften bauen sich ein Theater ums andere, nämlich unsere Börsenpaläste, und rasen auf diesen modernsten Bühnen schwülstiger – als Lohenstein und Hoffmannswaldau! Es scheint mir nicht, daß vom modernen Schauplatz die starken Leidenschaften verschwunden sind. Aber man bildet sich's ein und hat damit tatsächlich die moderne Bühnenpoesie in einen Schwächezustand versetzt, daß sie nur noch – von Hutschachteln und Handschuh-Kassetten gespielt wird, was man Salonstück nennt. Baron Abraham schläft ein, wenn der Cherub das arme Kätchen von Heilbronn rettet, oder Bankos Geist und Hamlets Vater erscheint, oder die Hexen in Faust und in Macbeth auftreten. Aber im Schlafe noch geistreich, schnarcht er die Lehrsätze: Paßt nicht mehr für der modernen Bühne! Haben sich überlebt die Geister und Hexen! Auch ein Schlagwort, das leichter gesagt und nachgesagt, als bewiesen ist. Aber beim Himmel, geistreich schnarchender Baron Abraham, warum sollen sich just die Hexen des Macbeth überlebt haben, da doch Fräulein Adele Spitzeder lebt?! »Er vertraute, der Tor, auf Hexengold, und weiß nicht, daß es der Hölle zollt.« Und was haben Sie gegen den Cherub, gegen Bankos Geist und Hamlets Vater? Warum wollen Sie der Bühne die Geister nicht glauben, da Sie der Börse doch den Grafen Langrand und den Baron Stroußberg und den Herrn Placht geglaubt haben? Phantasiewesen, vielleicht noch stoffloser und unkörperlicher als Bankos Geist und Hamlets Vater, Phosphor und Kolophonium-Menschen, Geschöpfe der Blendlaterne, Phantome des Hohlspiegels, Kinder der Traumwelt, Nebelgestalten, Luftkörper, Dunsterscheinungen, Wahnbilder, Märchenspuk, Fiebergeburten-Existenzen, die keinen Augenblick existieren konnten und mit Dampf und Schwefel abfuhren beim ersten Hahnschrei des Bilanzmachens?! Ich protestiere, daß wir zu »gebildet« sind für den Gespensterglauben. Placht, Stroußburg, Langrand und die Spitzeder sind nicht etwa bloß von der »abergläubischen« Kreuzergalerie geglaubt worden, oder von den Stubenmädchen, welche diesen Gespenstern das Bett machten und den Wäschzettel schrieben. Sie selbst haben an sie geglaubt, ich wette, Herr Baron. Oder haben Sie nicht ihre harten himmlischen Taler in die Geistermünze umgewechselt, welche man Rumänier nannte? Ja, vielleicht hat Ihnen sogar die Reklam-Sirene der »unabhängigen« Wiener Presse »mit Tropfen höchst verfluchten Bilsenkrauts« das Gift ins Ohr geträufelt, das man die Semmering-Hammerwerksaktien des Herrn Placht nannte. Schauderhaft! höchst schauderhaft! Aber mehr Glauben als Herr Placht verlangt der Geist Hamlets eben auch nicht. Und zuletzt, Herr Baron, was sage ich weiter? Ich soll doch an Sie selbst glauben, nicht wahr? Aber wer sagt mir, daß Sie selbst etwas Wirkliches sind, und nicht beim ersten scharfen Blick eines Regierungskommissärs in blauem Dunst auseinanderrinnen? Ja, daß der Regierungskommissär nicht wieder in einen Vertuschungskommissär sich verflüchtigt beim ersten scharfen Blick einer soliden Disziplinar-Untersuchung? Nicht an Gespenster glauben! Nur an Gespenster glauben, überall Phantome sehen, aber den sogenannten Wirklichkeiten mißtrauen, das lehrt uns die Romantik unseres 19. Jahrhunderts. Es ist nichts weniger als »nüchtern«. Der Strom der Phantasie durchflutet alle Jahrhunderte und befruchtet oder – überschwemmt alle. Man lasse sich nur von seinen veränderten Betten und Armen nicht irren!   Vom dreißigjährigen und vom Börsen-Krieg Nach der historisch denkwürdigen Börsen-Katastrophe Schüler, welche ihre Geschichte lernen; werden nie begreifen, warum der dreißigjährige Krieg dreißig Jahre gedauert. Die gewöhnliche und bisher noch immer übliche Geschichtsmethode macht es ihnen auch gar nicht begreiflich. Sie merken vielmehr, daß die politisch-kirchlichen Fragen schon lange früher entschieden waren; sie fühlen es deutlich heraus, wie schon in der zweiten Hälfte der Kriegsdauer die Kriegslust verschwunden, der Fanatismus gekühlt, die konfessionelle Dickköpfigkeit mürbe geworden ist, und Ermüdung, Erschlaffung, Überdruß, Sehnsucht nach Frieden sich als die allgemein herrschende Stimmung verbreitet hat. So schleppt sich der Krieg noch hin – von seiner dreißigjährigen Frist fast noch die ganze Hälfte durch. Warum? Die politische Geschichte antwortet darauf nicht oder verworren. Erst die Schule des Lebens, Beobachtung, Erfahrung und eigenes Denken, jenes Denken, welches das gleiche Gesetz in den verschiedensten Wirkungen findet, gerät auf die richtige Spur. Diese Spur macht erkennen, daß der dreißigjährige Krieg, der so einseitig als ein politisch-kirchlicher erzählt wird, unter dieser Hülle noch einen andern birgt, nämlich einen sozial-ökonomischen. Jener konnte früher zu Ende gehen, dieser nicht. Jener hieß Kampf zwischen Luther und Rom, Frankreich und Deutschland, Schweden und Österreich; dieser hieß Kampf ums Dasein. Jener gehorchte den großen Herren, Richelieu, Gustav Adolf, Ferdinand; dieser gehorchte den größten Herren: dem Magen und der Verzweiflung. Suchen wir die große Haupt- und Staatsaktion in den vier Wänden auf, und wie die Privatpersonen zu dem allgemeinen Unglück sich stellen, so spielt der dreißigjährige Krieg des sozial-ökonomischen Datums etwa in folgenden Grundzügen. Zuerst heilen Bürger und Bauern die Wunden des Krieges noch aus dem vollen Friedensschatz, den das gesparte Gut und die unverletzte Sitte darstellen. Ihre weggetriebenen und verkauften Viehherden stellen Gemeinden einander zurück, ohne Profit, bloß für den Beutepreis. Wird eine Stadt geplündert, so machen sich's Patrizier- und Zunfthäuser zum Ehrenpunkt, ihre verschleuderten Bilder und Bücher, Kunstschätze, Möbel und Hausvorräte den alten Eigentümern, soweit sie erkennbar, zu restituieren. Noch ist der Gemeinsinn stark, das Ehrgefühl jungfräulich, noch sind Mittel und Wille da, sich nachbarlich einander zu helfen. Das ist die Praxis der ersten Kriegsdekade. Gegen die zweite hin verstummen Chroniken und Privatnachrichten von diesen so wohltuenden Zeugnissen der National-Ehrbarkeit. Man fühlt sich des öffentlichen Unglücks nicht mehr mächtig; jeder verzagt, nur mit sich selbst durchzukommen. Und bald wird die Verzagtheit – Verzweiflung. Der oft und viel Geplünderte weiß sich jetzt keine Rettung mehr, als selbst zu plündern. »Wir Zigeuner sind nur noch am Galgen sicher!« sagte ein witziger Märtyrer dieses Stammes; und vor dem Kriege war man jetzt nur noch im Kriege sicher. Die Dörfer und Städte leerten, die Feldlager füllten sich. Bürger und Bauern liefen den Soldaten zu; wer leben wollte, mußte sich anwerben lassen. Ersatz für die Plünderung gab's nur noch im Plündern. Das ist das schauerliche Rätsel der dritten und letzten Kriegsperiode. Der Krieg ist müde geworden, aber die Kriegsfackel lodert fraßgieriger als je gegen Himmel. Die Prinzipien erlahmen, die evangelischen und katholischen Gegensätze werden stumpf und blasiert, aber ihre Schlagwörter explodieren jetzt erst mit den verheerendsten Wirkungen. Die Gebildeten der Nation arbeiten jahrelang vor dem Frieden von Münster am Friedenswerk, aber zurück in den Krieg staut, drängt und preßt nun erst das Volk, welches verzweifelt, mit Bienen- und Ameisenfleiß zu ersetzen, was mit Wolfs- und Löwenrachen verschlungen worden. Das Entsetzlichste ist geschehen: das hohe Kriegsspiel ist ein nationalökonomischer Faktor geworden! Der Gründer Wallenstein hat so prächtige neue Werte geschaffen, wie sein Herzogtum Friedland und seinen Kurhut von Mecklenburg. Das hat gezündet. Und wer kein Wallenstein ist und Armeen gründen kann, der ist ein gemeiner Kondottiere und gründet wenigstens ein Fähnlein. Er berechnet, wie viel er Handgelder zahlt, wie viel ihm ein Fürst für seine Mietstruppe zahlt – das übrige ist sein Gründergewinn. Aber auch der Fürst selbst wird Gründer und stellt eine ähnliche Rechnung an. Er berechnet, was er von Ländereien noch verpfänden kann, um Mietstruppen in Sold zu nehmen, was er andererseits an Ländereien und Länderfetzen säkulieren und mediatisieren kann, wenn er rechtzeitig zugreift und für den Friedensschluß Tatsachen schafft; er berechnet seinen Gründergewinn. Endlich ist von Sold und Handgeld gar nicht mehr die Rede; die bloße Beute tut's auch. Der Kondottiere läuft den Fürsten zu, um ein Lehen zu erschnappen und selbst ein Fürstlein, ein Gräflein, ein Baron zu werden; der Bürger und Bauer läuft dem Kondottiere zu, um als Landsknecht reich zu werden, wie er als Bürger und Bauer verarmt ist, d. h. um Beute zu machen. Natürlich wird recht scharf Beute gemacht, d. h. es werden immer mehr Bürger und Bauern zu Bettlern gemacht. Das Landsknecht-Material wird immer flottanter; alles nimmt Handgeld. Alles nimmt. Die Nehmer schießen wie Pilze aus der Erde; der Circulus vitiosus , ihr großer gemeinsamer Urvater, verschlingt und erzeugt sie immer von neuem. Messe und Bibel haben dabei tatsächlich den Wert von Aktien-Namen; es wäre lächerlich, die Kondottieri und ihre Landsknechte zu fragen, wes Glaubens sie sind; sie glauben an den Gewinn. Sie laufen heute den Kaiserlichen und morgen den Schwedischen zu; es ist ihre Lieb' und ihre Kontermine, womit sie abwechselnd in Bibel und Messe spekulieren. Aber Bibel und Messe bleiben nach wie vor das Feldgeschrei des dreißigjährigen Krieges; es sind Titel, auf welche seine Konzessionen erteilt werden. Eine Kriegs-Parodie von dämonischer Lächerlichkeit! Was sich jetzt noch auf den hölzernen Schulbänken und in den hölzernen Lehrbüchern dreißigjähriger Krieg nennt, ist eigentlich nichts als jener wohlbekannte Krieg aller gegen alle, jener Kampf ums Dasein, jene Konkurrenz des Privatvorteils, die man sonst den bürgerlichen Frieden zu nennen pflegt. Die Generation hat einen Krieg geerbt um die höchsten Ideale der Menschheit und führt ihn als Kramladen fort für den täglichen Erwerb, fürs Brot und fürs Licht und Holz. Sie führt ihn fort im ganzen Stile eines wirklichen Krieges; sie macht ihre Inserate mit Leichenhaufen, ihre Annoncen mit angezündeten Städten, ihre Bilanzen mit Belagerungen und Schlachten. Alle Übel, die der Krieg verhängt im guten Gewissen eines Gesamt-Interesses, bleiben gebraucht und angewendet im schlechten Gewissen der Privat-Interessen. Aber die Gewissen sind weder gut noch schlecht, diese Begriffe passen nicht mehr auf ihren Zustand; sie sind überhaupt nicht , sie sind verschwunden. Und wie der Verteidiger im äußersten Notfalle auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert, so ist diese grenzenlose Demoralisation noch der einzige Milderungsgrund. Der Krieg erkennt sich selbst nicht als das, was er ist, als Raubkrieg ; die Verzweiflung hat ihn wahnsinnig gemacht, der lange Blutgeruch hat ihn betäubt wie Kohlendampf; es ist der Kopf eines Narren, der seine blutige Schellenkappe schüttelt. In diesem Kopfe sind alle Begriffe umgestürzt, verdreht und verkehrt, verrückt und verwirrt. Indem Deutschland zugrunde geht, der Welthandel der Hansa verfällt, der Ackerbau aufhört, im kleinen Württemberg, damals um die Hälfte noch kleiner, allein 57 000 Bauernhöfe in Schutt liegen, überhaupt zwei Drittel der ganzen deutschen Nation ausgemordet sind, mitten in diesem deutschen Unglück sieht man die Deutschen – ihr Glück machen . Jeder, der sich noch fühlt, wird Unternehmer und Gründer, rührt die Werbetrommel und macht Fortune . »Fortunemachen« ist die Losung der Zeit. Jeder Schwindler findet Menschenkapital, wie Placht und Spitzeder Geld-Kapital; Menschenblut ist wohlfeil, bietet sich im Überfluß an – von wegen Fortunemachens! Wer noch arbeitet, wird ausgelacht; wer pflügt, säet und mahlt, muß der Dümmste im Dorfe sein; der aufgewecktere Bauernbursche macht Fortune und läuft der Werbetrommel zu, der damaligen Reklame für »vorteilhafteste Kapitalsanlage«. In der Tat sieht man ihn bald darauf hoch zu Roß, er ist Capitano, ist General, hält sich eine italienische Kurtisane, denn damals kam das italienische Opernwesen auf, aber noch gab es keine Theater; statt der Loge hielt man sich daher die Primadonna selbst. Überhaupt kam das »galante« und welsche Wesen in Schwung, es war die üppige Zeit, wo die geile Renaissance ins Rokoko ausartete, die schmuckreich-überladenste Zeit, bauschig, malerisch, makartisch, ganz gemacht für Parvenüs und »feine Leut'«. Der Rottmeister ging damals reicher als heute ein Feldmarschall – und erst der Feldmarschall! Wallenstein hatte gezeigt, wie man mit der genialsten Wertzerstörung »neue Werte« schafft, wie man ein großes Haus wird, und wie man den Soldaten »nobel« hält. Es war eine äußerst noble Zeit. Kroaten stolzierten in goldenen Ketten, und Troßknechte würfelten um spanische Dublonen, welsche Freudenmädchen ließen sich Abteien und Klöster schenken, und Barfüßeles von Nirgendsheim imitierten die Hoftrachten der Margarete von Valois und der Maria di Medici. Die deutschen Städte und Dörfer, alte Vorräte und erspartes Ahnengut, wurden mit Millionen von Schüreisen dreißig Jahre lang in den Ofen geschoben – welch ein lustiges Feuer! Und die Asche gab vorteilhafteste Kapitalsanlage und gräßlich viel neue Werte! Eine wahre Glückszeit! Ein Fortschritt über alle Fortschritte, ein goldenes Zeitalter! Hätte das Feldlager damals eine Presse gehabt, wie der heutige Banken-Raubkrieg, die Presse hätte nicht Worte genug gefunden, den allgemeinen Wohlstand und den Aufschwung der materiellen Interessen zu loben. Und zwar mit Recht – vom Feldlager-Standpunkt! Der westfälische Friede war für diese Verhältnisse buchstäblich der »große Krach«. Man kann sich nicht lebhaft genug vorstellen, daß er eine unabsehbare Reihe von Existenzen wie ein Donnerschlag getroffen haben muß. Aus war's mit dem Fortunemachen. Fort war die höchste Fruktifikation der Hakenbüchse und des Schweizerdegens. Zwei Arme und ein Räuberherz – Dinge, womit man so lange Baron werden konnte – sollten wieder beim Viehhüten und auf der Schneiderbank versauern! Mit den Friedensglocken muß ein Verzweiflungsschrei durch die Lande gegangen sein, als ob der große Pan tot wäre. Ach! wenn derselbe Federzug, womit der Kanzler den Frieden unterzeichnet, auch eine dreißigjährige Fortunemacher-Periode aus den Spieler- und Räuberherzen ausstreichen könnte! Wer bannt die Geister, die man selbst großgezogen? Kann man eine allgemein herrschende Denkungsart, kann man einen Ideenkreis und einen Sittenzustand in den Winkel stellen wie eine Hellebarde? Der Soldat, der jetzt Räuber wurde, mag in seinem Zustande kaum eine Veränderung empfunden haben. Er ist früher seinem Privatvorteile nachgegangen und tut es wieder. Er hat früher Beute gemacht und macht wieder Beute. Nach dem Fürstenkriege kommt sein Krieg; was weiter? Haben die großen Herren das Recht dazu, warum nicht auch die kleinen Leute? Daß er früher geraubt und gestohlen hat mit fürstlicher Konzession und daß sie ein paar Perücken in Münster jetzt zurückgezogen haben, ist ein Abstraktum, das er kaum bemerkt; ja, und wenn er's bemerkt, so wird noch der geringste Mann in der Hütte jener starkgeistigen Logik mächtig gewesen sein, welche so feine Leute wie die Gräfin Terzky und der Friedländer als die Moral ihrer Zeit spielen lassen. Als du Mit Feu'r und Schwert durch Deutschlands Kreise zogst, Hohn sprachest allen Ordnungen des Reichs, Der Stärke fürchterliches Recht nur übtest Und jede Landeshoheit niedertrat'st, Um deines Sultans Herrschaft auszubreiten: Da war es Zeit, den stolzen Willen dir Zu brechen, dich zur Ordnung zu verweisen, Doch wohl gefiel dem Kaiser, was ihm nützte, Und schweigend drückt' er deinen Freveltaten Sein kaiserliches Siegel auf! Was damals Gerecht war, weil du's für ihn tat'st, ist's heut' Auf einmal Unrecht, weil es wider ihn Gerichtet ist! Diese Logik ist viel empfunden und viel – gehenkt worden! Die Erbschaft des dreißigjährigen Krieges war ein Gauner und Räuberwesen, dessen Großartigkeit aus vergessenen und vernichteten Polizei-Akten, welche den kulturhistorischen Wert der Verbrecher-Statistik noch nicht kannten, wohl nie mehr vollständig zur Anschauung kommen kann. Die Namen Lips Tullian, Nickel Fein, der Sonnenwirt, der Schinderhannes, bezeichnen bloß einige Anker- und Hafenplätze im unermeßlichen Räubermeer. Sie treten von Niedersachsen bis zu den Neckarquellen genau in jenen westlichen Grenzstrichen auf, welche zwischen Deutschland, Frankreich und den spanischen Niederlanden die großen Kriegstore und die verwüstetsten Schauplätze der Fortunemacherei gewesen. Fast präzis hundert Jahre nach dem westfälischen Frieden (1648) wurde der Sonnenwirt hingerichtet (1750), und sein Prozeß enthüllte ein schwäbisches Klephtentum, worüber Deutschland, das seine Sittengeschichte noch nicht wissenschaftlich bearbeitete, in naivem Entsetzen aufschrie. Im Schatten des Schwarzwaldes, in den Einsamkeiten der Rauhen Alp, in den Verstecken der Neckar-Quellen und den Winkeln der Nebenflüsse zählte man die mitschuldigen Räuber- und Diebesherbergen nach Tausenden! Man fand Gemeinden, wo von Großvater zum Sohn und Enkel herab das »Jaunertum« erblich und endemisch war. Mit andern Worten: den dreißigjährigen Krieg als schleichende Volkskrankheit; den furchtbar-schönen Pendant zu den 57 000 wüttembergischen Brandstätten, wovon sich ein großer Teil nie mehr erholt hat. Als eine Räuberbrutstätte von ähnlicher Fruchtbarkeit enthüllte der Prozeß Schinderhannes die Eifel . Dieser vulkanische Gebirgsstrich, unbesucht und menschenarm, öde, rauh und steil, aber just in der Mitte streichend zwischen dem Rhein und Brabant, zwischen den Klosterschätzen der berühmten Pfaffengasse und den gefüllten Bürgerhäusern des städtereichen Belgiens, war das schönste Naturmodell einer wunderbar gelegenen strategischen Raubburg, eines sichern Beutemagazins, eines klassischen Diebs- und Diebshehler-Fuchsbaues. Ein ganzer verfassungsmäßiger Raubstaat mit altgeschulter Routine und technisch gegliederten Verwaltungs-Apparaten in erblich überlieferten Familien-Dynastien und Hierarchien fand sich auch hier seit den verwilderten Tagen des großen Räuberflugsamens eingesenkt und auf Wurzelstöcken fortwuchernd bis in die Anfänge unseres eigenen Jahrhunderts, so daß der Name Schinderhannes, der zuletzt nicht wie ein Individuum, sondern wie ein ganzer Gattungs- und Geschichts-Repräsentant publik wurde, einen langen, glimmenden Schwefelfaden bedeutet, welcher so entlegene Endpunkte vereinigt wie – Wallenstein und Napoleon! So tief hatte das Fortunemachen den Volkskörper angefressen, so markzerstörend fand man nach hundertfünfzig Jahren noch seine Nachwirkungen! Und was in diesen hundertfünfzig Jahren gehenkt, gerädert, gevierteilt, »gestäupet« und mit glühenden Zangen »gezwicket« worden ist! In allem Ernste, man kann zweifelhaft sein, was mehr Menschenleben gekostet: Feuer und Schwert der dreißig Kriegsjahre, oder Rad und Galgen der hundertfünfzig nachfolgenden Jahre, welche mit den erblichen Marodeurs des dreißigjährigen Krieges aufräumten. – Das heutige Kriegswesen ist ein elegantes chirurgisches Besteck, blank, kein Stäubchen und Rostfleckchen dran! Es operiert mit Takt, mit Grazie, mit einer hochzivilisierten Selbstbeherrschung. Was es verzehrt, das bezahlt es mit hellen, klingenden Talern; ich glaube, ein geplündertes Heubündel würde nicht einmal einem Pferde schmecken, einem akademisch graduierten Equitations-Schimmel und modernen Fortschritts-Rößlein. Von Beutemachen ist keine Rede, auch vom Fortunemachen nicht, sofern ein schmales farbiges Bandstreifchen nicht etwa Fortune wäre. Am wenigsten könnte der Unfug dreißig Jahre dauern; kaum dreißig Tage braucht ein modernes Kriegsweh, und von Nachwehen wäre schon gar nichts zu spüren. Nein, der Krieg ist friedlich geworden und nur der Frieden kriegerischer. Der Kampf ums Dasein, der Krieg aller gegen alle, das Fortunemachen kann sich an keinen Krieg mehr anheften, hat im Kriege nichts mehr zu suchen. Dazu ist der Friede da. Der bürgerliche Friede! Ihm ist Raum der Bewegung und »Freiheit des Verkehrs« genug gegönnt, um sich seine nötigen Kriegsformen selbst zu erzeugen. Und wirklich hat er die Börse erzeugt, jene Kriegsgöttin, welche aus dem Haupte des Friedens fix und fertig herausspringt, gepanzert, gerüstet, waffenschüttelnd – die tauglichsten und vollkommensten Waffen für den ewigen Kriegszustand der menschlichen Gesellschaft, die idealen Waffen, die verheerenden Mordwaffen des Kredits ! Ein entzückender Artillerie-Krieg ist der Kredit, von einer Eleganz der Präzision, von einer Loyalität, ja Noblesse der Martialgesetze, der Kriegsgebräuche, der Dienstformen und Dienstverhältnisse, die für Freund und Feind etwas Bezauberndes haben. Aber so ist auch in seiner verwildertsten Periode der dreißigjährige Krieg als Raub- und Beutekrieg nicht mißbraucht worden, wie der Kredit mißbraucht werden, zumal der Börsenkredit zum ehrlosesten Meuchelmord und brutalsten Vernichtungskrieg ausarten kann. Ähnlich wie jener durchläuft auch er von der Ehrbarkeit zur Gemeinheit alle Zwischenstufen und kommt bei der Schande und bei dem Verbrechen als seiner untersten an. Das Stadium der Ehrlichkeit ist jenes, wenn der Käufer ein Börsenpapier kauft und überzahlt, weil er glaubt, daß es eine gute Rente abwerfen wird. Das zweite Stadium nach diesem tritt ein, wenn der Käufer das schon nicht mehr glaubt, aber wenn er glaubt, daß es noch andere glauben und deshalb im Kaufen und Überzahlen fortfährt. In diesem Stadium werden feinfühlige Offiziere schon ihren Abschied nehmen, und auch der ehrliebende Troupier fängt die Liebe zum Dienste zu verlieren an, denn wie aus dem Boden gewachsen tauchen die Bassermannschen Lagergestalten auf, man riecht die Lunte des Mordbrenners, man sieht die Köpfe mit den Galgengesichtern sich aufrichten, und nur ungern marschieren die besseren Soldaten in Reih und Glied mit diesen Kameraden. Das dritte Stadium endlich ist die Herrschaft und der Terrorismus dieser Galgengesichter. Kein Mensch glaubt mehr an sein Papier, kein Mensch kann auch nur glauben, daß noch der andere daran glaubt, vielmehr weiß jeder und ist überzeugt und hört es mit allen Glocken der öffentlichen Meinung ausläuten, daß der Glaube dahin ist. Aber der öffentlichen Meinung wird jetzt Gewalt angetan. Die Börsenwölfe schicken Falschwerber aus, wie die Kriegssprache sagen würde, d. h. sie kaufen Organe der öffentlichen Meinung, machen die letztere und verwandeln den Mund der Wahrheit in ihren Wolfs rachen . Nach Umständen genügt die Usurpation der öffentlichen Meinung, aber nicht selten müssen die Raubtiere auch die öffentliche Gewalt usurpieren. Siehe die Rowdies in Newyork und in San Francisco, oder die um den 2. Dezember würfelnde Spielerbande Louis Napoleons. Sie haben sich vorübergehend der Verfassungen ihrer Gemeinwesen bemächtigt. Dort aber, wo die Rowdies in den Stellen und Ämtern der Staatsverfassung schon sind, werden sie »verfassungstreu« Himmel und Erde in die Luft sprengen, um den Besitz ihrer Gewalt zu behaupten. Sie wissen, um was sie spielen. Entweder die Galgenleiter oder die Rangleiter zum Baron! Entweder den Strick oder das Ordensband! »Und selbst den Fürstenmantel, den ich trage, verdank' ich Diensten, die Verbrechen sind«, sagt Wallenstein, als er zur Behauptung seines Fürstenmantels das verzweifeltste Verbrechen ausheckt. Eine Demoralisation, welche eine weitverbreitete Ausdehnung gewonnen hat, welche sich an Straflosigkeit, sogar an Herrschaft gewöhnen durfte, erhält sich dann durch ihr eigenes Schwergewicht. Ist erst eine gewisse Majorität von Menschen an ihr interessiert, so kann die Hoffnung ihrer Remedur trügerisch werden. An der Fortdauer des dreißigjährigen Krieges waren zuletzt so viele Desperados und Glücksritter engagiert, daß ihn ausgedehnte Landstriche und ganze Bevölkerungen als ein tiefgewurzeltes, allen Obrigkeiten spottendes Räuberwesen noch fünfmal dreißig Jahre fortsetzen konnten. Es hat noch kein »luftreinigendes Gewitter« gegeben – für die pontinischen Sümpfe und für die Küsten des gelben Fiebers. Auch für die Küsten des Börsenfiebers dürften die Gewitter zu ohnmächtig sein. Diese Reflexion dämpft den Trost über den großen Krach. Der ehrliche Mann trägt lieber den Prophetenschmerz einer Kassandra als den Fluch der Lächerlichkeit, den bloß – der Vogel Strauß zu ertragen weiß. Just weil der Krach so groß war, hat er die vorhandene Größe einer Spiellust enthüllt, welche ihr Dasein behaupten wird, welche keinesfalls von heute auf morgen ins Nichtdasein abmarschieren wird. Just weil das Unglück eine so »eindringliche Lehre« war, wie die Selbstfopper sagen, wird es bis zu einem Grad von Tiefe eindringen, der sich erst ganz enthüllen kann – wenn wir nicht mehr sind. Aus dieser Tiefe stiegen lange nach einem Wallenstein und Jean de Wörth noch ein Sonnenwirt und ein Schinderhannes herauf! Unsere Augen werden längst schon geschlossen sein, da werden sich die Anklagebänke der nächsten Geschlechter mit Verbrechern füllen, deren Protokolle alle mit den Worten anfangen werden: »Als ich ein kleiner Bub war, haben die Eltern beim großen Krach Anno Dreiundsiebzig ihr ganzes Vermögen verloren, und seitdem hat sich unsere Familie nie mehr erholt«. 1874 Glosse zum Wiener Zeitungswesen Die Kultur erzeugt die Buchpresse, aber die demokratisierte Kultur die Zeitungspresse. Je mehr das Mittelmaß, man könnte richtiger sagen, die Mittelmäßigkeit, der literarischen Kultur ihre Ufer ausdehnt, desto gewisser ergießt sich die Literatur unaufhaltsam und stromweise aus dem Buch in die Zeitung. Der größere Teil der literarischen Produktion wird längst nicht mehr vom Buchhandel, sondern vom Zeitungshandel repräsentiert. Den größeren Posten im literarischen Budget des kaufenden Publikums beziffern bei weitem nicht mehr die Bücher, sondern die Zeitungen. Jedes Kaffeehaus ist eine Leihbibliothek, fast jeder größere Cafetier gibt zwei- bis dreitausend Gulden für seine Zeitungen aus. Welcher Fürst gibt das für seine Bücher aus? Unter diesen Umständen ist es eigentlich ein zopfiges Zurückbleiben hinter der Zeit, wenn die Zeitungen ihre literarische Kritik noch immer als eine ausschließliche Buchkritik treiben. Zeitungskritik müßte sie richtiger sein. Aber freilich wäre sie dann – Selbstkritik; freilich wäre sie dann Kritik – der Kollegen. Das arme Buch kann sich nicht wehren, aber der eigene Leib ist so empfindlich! Die Selbstkasteiung ist längst aus der Mode, aber der biedere Deres, die ungarische Prügelbank, und ein rezenter Schilling erfreuen sich fortwährend einer zähen, wenngleich verschämten Popularität. So kommt's, daß die Zeitungen, anstatt zu der Zeitungskritik überzugehen, bequem und sicher bei der Buchkritik bleiben. Das Buch ist Feindesland, aber Zeitungskritik wäre Meuterei im eigenen Lager! Und doch, wer den literarischen Habitus Wiens kritisieren wollte, ginge lächerlich fehl, sich auf Wiens Buchproduktion zu beschränken. In seiner Buchproduktion spiegelt sich Wien höchstens wie in einem kleinen Handspiegel; erst in seiner Zeitungsproduktion steht Wien vor seinem Ankleidespiegel und erscheint vom Fuß bis zum Kopf als die literarische Persönlichkeit Wiens in ganzer Figur. Die Figur ist mit sich selbst sehr zufrieden; sie findet sich musterhaft schön. »Wiens Zeitungswesen ist tonangebend, Deutschland kann davon lernen; Wien hat den Muster-Journalismus!« Streiten wir nicht, es sei so. Licht ist Licht, auf einem Bilde von Rembrandt so gut wie von Riedel. Aber während das Licht so schmeichelhaft von sich selbst spricht – sprechen wir auch ein wenig vom Schatten. Nicht vom ganzen Schatten, das führte zu weit! Nur eine »Glosse« habe ich versprochen, und eine Glosse genügt schon zur Charakteristik des Schattens. »Drei Kreuzer kostet die Nummer unseres reichhaltigen Blattes.« – »Zwei Kreuzer kostet die unsrige.« – »Unser Blatt kostet einen Kreuzer« ...! – »Schön, meine Herrschaften. Aber warum verschenken Sie sich nicht lieber ganz? Vielleicht weil das doch allzu – deutlich wäre?« ... »O bitte, bitte; wir verschenken uns auch ganz. Zwar nicht öffentlich, aber im stillen. Wir verschenken uns ganze Quartale lang an die besuchtesten Gast- und Kaffeehäuser. Ja, noch mehr. Da die Gast- und Kaffeehäuser wissen, daß wir uns zu dem Zwecke verschenken, um ihre Gäste an uns zu gewöhnen und sodann abonniert zu werden, da sie ihr Abonnement aber nicht ins Endlose und Unabsehbare vermehren wollen, so sind sie gewitzigt und nehmen uns schon lange auch nicht einmal mehr geschenkt. Was tun wir also, wir Tausendsassas, von welchen Deutschland lernen kann? Wir drücken dem maßgebenden Zahlkellner und Zahlmarqueur noch ein gutes Trinkgeld in die Hand, damit er uns überhaupt nur geschenkt annimmt und duldet und seinen Stammgästen in die Hände spielt. Sind wir Zeitungsmuster und Musterzeitungen, he?!« Ich schweige. Weiß ich doch nicht, ob ich hier von einer literarischen Erscheinung spreche oder – von einer kriminalistischen. Satz, Druck und Papier werden fortwährend teurer, aber in logischer Folge davon können die Zeitungen fortwährend wohlfeiler werden! Der die Lilien des Feldes kleidet und die Vögel der Luft speist, mag wissen, wie das zugeht. Es wird wohl »Gottes Segen bei Kohn« sein! Solch logische Wunder sind nicht gut diskutierbar. Wo das Produkt wohlfeiler werden kann, weil sämtliche Produktionskosten teurer geworden, fühlt sich die Logik in ihres ganzen Nichts durchbohrendem Gefühl. Mag sich die Wiener Zeitungs-Arithmetik auf eine Bank setzen neben ihre Schwester – die katholische Arithmetik! Beide Schwestern rechnen – in Wundern, aber Wunder sind unberechenbar. Es ist eine Spezialität der »musterhaften« Wiener Presse, daß unter fortwährenden Preissteigerungen ihr Preis allein sinken kann. Daß er es kann , ist ein Wunder, wenngleich nicht ein Wunder musterhafter Moralität; verwunderlich ist aber auch ferner, daß er es will . Warum will er es? Warum glaubt die Zeitung wohlfeiler werden zu sollen und zu müssen, um ihre Ausbreitung im Volke anzustreben? Wird denn das Volk immer ärmer? Aber just das Gegenteil ist wahr. Die Hundertzahl der Millionäre schwillt fortwährend an: jeder Tag lichtet die Reihen der Armen und komplettiert die Regimenter der Besitzenden; auf Gassen und Straßen liegen die ersparten Kapitalien und suchen aus purem Übermute ihre Anlage – auf dem Seiltänzerseil; die Nil-Überschwemmung des Wohlstandes durchflutet alle Kanäle der Bevölkerung; Taglöhner kommen sich auf die Einnahme geschickter Handwerker und Handwerker nehmen den Hofratsgehalt unter Kaiser Franz ein! Warum glaubt die Presse eines so wohlhabenden Volkes wohlfeiler werden zu müssen? Glaubt es denn der Kaffee, das Bier, das Fleisch, jeder Verzehrstoff, welcher fortwährend teurer wird und seine Popularität doch nicht verliert, sondern nur immer mehr ausbreitet? Wahrlich merkwürdig! Sonst nimmt mit dem Wohlstande die Bildung zu; hier aber sieht es aus, als ob mit dem Wohlstande die Roheit zunähme und mitten unter materiellem Luxus »die geistige Nahrung« allein das Stiefkind der Konsumenten wäre. Oder glaubt »die geistige Nahrung« selbst nicht mehr wert zu sein? Ich mag die Frage wie immer stellen, sie wird nur immer verfänglicher. Das Verhältnis kommt stets als ein umgekehrtes zum Vorschein: sonst hat man sich »den Bissen vom Munde abgespart«, um sich Genüsse des Geistes zu verschaffen; heute kann sich der Mund die teuersten Bissen vergönnen, aber den Geist glaubt man nur auf die billigste Kost zum Käufer zu bekommen. Es ist, als ob derselbe Mann, der bei Sacher, bei Faber, bei Clement und Foget gespeist, seine geistige Nahrung – in den Knödelhütten auf dem Naschmarkt suchte! Journale schießen wie Pilze aus der Erde, aber eins um das andere – literarische Knödelhütte! Wer auf ein Publikum spekuliert, wagt keinen literarischen Sacher, kein ›Journal des Débats‹, keine ›Revue des deux Mondes‹: er spekuliert mit der Knödelhütte. In dieses Ringstraßen-Wien, in dieses Weltstadt-Wien, in dieses Banken- und Börsen-Wien streckt keine einzige journalistische Neugründung just durch die Kostbarkeit ihrer Ware und ihres Preises ihre Fühlhörner auf das vergoldete, mit Millionen gepflasterte Terrain aus; sie glauben alle nur sicher zu gehen – im tiefsten Bildungskot. Zwei Kreuzer, ein Kreuzer muß eine Schüssel voll »geistiger Nahrung« kosten, d. h. just der Preis der schlechtesten Zigarre, die jeder Hausknecht wegwirft, wenn ihm die ersten Züge nicht schmecken. Wahrlich merkwürdig! Und doch bezeichnet am literarischen Gradmesser der Wiener Volksbildung das Kreuzerblatt noch nicht den tiefsten Grad; das tut erst das illustrierte Blatt. Erst hier gelangen wir zu dem unverblümten Bekenntnis: auch der niedrigste Bettelpreis ist noch kein Lesereiz; das Lesen ist überhaupt »fad« und bloß das Gaffen interessant. Das illustrierte Blatt ist der Übergang vom Lesen zum Nichtlesen. Viel Bild, wenig Text! La lecture fatigue la tête , sagen die »heureux Canadiens« , d. h. die verbauerten und mit den Indianern des Hinterwalds verwilderten Franzosen von Canada. Dieses glückfaule Indianerdorf im Hinterwald bekennt sich die Weltstadt Wien durch die Begünstigung ihrer Illustrierpresse zu sein! Nur nicht lesen, immer gaffen! Die Gaffer-Zeitung (mit einem erlaubten Druckfehler auch Kaffer-Zeitung zu benamsen) prosperiert in allen Varietäten. Wer durch den schlechten Text zugrunde ging, rettet sich immer noch durch das schlechteste »Bildl«. Was G'lehrte durch die Schrift verstahn, Das lehrt das G'mäl dem g'meinen Mann, sagt ein alter Reimspruch, und der »gemeine Mann« muß wahrlich in großer Majorität, muß unser literarischer Tonangeber sein, wenn sich die Wiener Presse mit so starkem Instinkt, wie sie es tut, zur illustrierten entwickeln kann. Dieser gemeine Mann war schon vor Erfindung der Schrift da und erfand, ehe er die Buchstabenschrift erfand, die Bilderschrift. Schon der nackte Wilde gibt sich als illustrierte Zeitung heraus, das heißt er tätowiert sich. So tätowiert sich auch das nackte Zeitungsblatt und bringt auf der weißen Haut durch den Holzschneider ein Bild an. Die Knödelpresse und die Tätowierpresse beherrschen den Wiener Journalismus. Das war zu sagen; darüber zu sagen – ist nichts! Gewisse Satiren schreiben sich selbst, und der renommierteste Timon braucht nichts weiter zu tun, als sich vom Schreibmeister bloß die Hand führen zu lassen! 1875 Ich suche im Nebel meinen Weg In dem Augenblicke, wo ich auf den Trümmern von Wien sitze und aus dem Schutthaufen meiner Heimat, wie die Belletristen sagen, ein Phönix ersteht oder, wie die Baugesellschaften sagen, Gewinn herausgeschlagen wird, steigen mir mit den Staubwolken meiner demolierten Vaterstadt unendliche Wolken von Gedanken in den Kopf. Ich liebe nämlich meine alte römische Vaterstadt Vindobona , die so alt ist, daß sich das ganze Menschengeschlecht nicht mehr auf ihren Namen besinnt, ich liebe es, dieses bemooste Haupt, diesen langen Israel, dieser niedrigen Häuser dumpfe Gemächer, diesen Druck der Giebel und Dächer, dieser Straßen quetschende Enge; all dieses graue historische Konglomerat, diesen Schauplatz meiner drei Menschenalter, wo ich Kind gewesen, wo ich Märzkämpfer war und besonnener Bürger geworden; ich liebe das alles wie mein Selbst, es ist Herz von meinem Herzen, und wie mir die Baugesellschaften nun mein Herz demolieren, so verduzt es mich einigermaßen. Es entsteht mir die Frage: Habe ich das Recht meiner Heimatsliebe oder haben die Baugesellschaften bloß das Recht des Gewinnes? Eine wohl aufzuwerfende Frage. Lächerlich! Du hast das Recht auf Leben und Eigentum, aber nicht auf sentimentale Kaprizen, die ins alte Eisen gehören. – Nun ja doch; nur nicht so grob! Ich bescheide mich ja. Ich habe das Recht auf Leben und Eigentum. Gut. Aber möchtest Du mir sagen, Master Vorwärts, was ist mein Leben? Ist es mein Aus- und Einatmen oder auch jenes »Stück Leben« , das mit den Schauplätzen meiner Jugend verwachsen? Und möchtest Du mir sagen, Master Vorwärts, was ist mein Eigentum? Ist nur mein Rock mein eigen oder sind auch meine Empfindungen mein eigen? Verstehst Du Leben und Eigentum nur im materiellsten Sinne? Wohl! Das ganze Dasein ist ein Stand der Not und die materiellen Interessen sind weitaus die wichtigsten. Aber doch nicht die einzigen? Denn wie sehr das materielle Platzbelegen das Rennen und Jagen unser aller ist, so ist doch immer auch ein kleines fumet von Verruf dabei und es klingt nicht gut, materiell gesinnt zu sein. Auch schätzt der Staat meine Ehre und meine Ehre ist auch nur ein Gut meiner Empfindung und kein materielles Gut. Ebenso kennen wir in Handel und Wandel einen prix d'affection , ein Stimmungsgut, einen Empfindungswert, einen Einbildungspreis, welche Einbildung aber längst die Dignität und die Valuta einer materiellen Wirklichkeit hat. Und wie sollte es auch nicht? Hat man denn je behauptet, nur die Geigen- und Trompetenmacher schaffen materielle Werte, aber Mozarts Opern und Beethovens Symphonien aufzuführen, sei kein materieller Wert, sondern eingebildetes dummes Zeug?! Meine wohl aufzuwerfende Frage bleibt also aufgeworfen. Ist der schattige Garten eine sentimentale Kaprize und ist sein wirklicher Wert nur seine Parzellierung auf Bauplätze? Ist das graue, gegiebelte, von Erkern und Türmchen flankierte Burgfriedenhaus eine sentimentale Kaprize und sein wirklicher Wert nur seine Demolierung und sein Umbau zur Zinskaserne? Ist die Wertschaffung der Baubanken eine so ausgemacht absolute oder steht ihr auch eine Wertzerstörung gegenüber, eine so unersetzliche, unwiederbringliche, in die ungeheuersten Gemütssummen gehende Wertzerstörung , wie sie der prix d'affection einer ganzen Stadt samt Umgebung sein kann? Ist das eine alles und das andere nichts, so sehr nichts, daß davon gar nicht die Rede sein dürfte, außer mit dem Unnamen der sentimentalen Kaprize? Der Staat schützt meine Rechts verhältnisse, aber kümmert sich nicht um meine Gemütsverhältnisse. Sehr wohl. Was ist aber Rechtsobjekt ? Das eben fragt sich ja! Gibt es nur materielle Rechtsobjekte? Dann könnte eine Gesellschaft ihren Gewinn dabei finden, meiner Frau den Kopf zu scheren, sechs Vorderzähne auszubrechen, ein Auge einzuschlagen, Nase und Ohren abzuschneiden und mein guter Rechtsstaat könnte mir sagen: Die Gesellschaft hat nur ihren erlaubten Gewinn gemacht, Dein Eherecht hat sie Dir nicht bestritten. Täte sie das, so würde ich Dich in Deiner Rechtssphäre schützen; aber Dein Eherecht bleibt Dir unverkümmert. Mit Bildern streite ich nicht, ruft Master Vorwärts, der sich schon auf die Flucht begeben und wieder zurückkehrt. Lächerliches Bild das! Und nicht einmal zutreffend. Sie sprechen von lauter materiellen weiblichen Reizen, wofür Ihnen der Staat einen Schadenersatz zuerkennen, würde. Sehr wahr. Haare, so viel – Zähne, so viel etc. Aber das Ensemble des Ganzen, die Schönheit, und der prix d'affection der Schönheit? Übrigens streite ich selbst nicht gerne mit Bildern. Lassen wir also das Bild und stellen wir den reinen Begriff dafür her. Der Begriff, der unserem Bilde zugrunde liegt, heißt » lieben «. Steht nun die Frage wirklich so, daß den Rechtsstaat zwar mein materielles Besitzen und Haben, nicht aber mein immaterielles Lieben und Rechtsobjekt angeht? Wie! will er doch selbst Objekt meines Liebens sein! Es ist wahr, der Sprachgebrauch heißt uns nicht den Staat zu lieben, aber doch das Vaterland und die Heimat zu lieben. Die Heimat dürfen wir lieben, das Vaterland sollen wir lieben, sollen es sogar recht kräftig und opfervoll lieben; es wird uns ausdrücklich und nachdrücklich eingeschärft. So wird das Lieben ein politischer Begriff , und nun dürfen wir wohl, da unser Weg im Nebel geht, wenigstens den nächsten Schritt uns klar machen und die Definition suchen: Was heißt lieben ? Lieben heißt Wohlgefallen haben an der äußeren Erscheinung . Wohl gemerkt: an der äußeren Erscheinung! Wenn das 20-jährige Fräulein und die 80-jährige Matrone eine gleich schöne Seele haben, so werden wir das Fräulein lieben, aber die Matrone schätzen, hochachten, verehren. Lieben und äußere Erscheinung sind untrennbare Begriffe. Nun ist aber meine Heimatsliebe ein politisch gefordertes Gefühl, also zum allermindesten auch ein berechtigtes Gefühl. Gar sehr darf ich demnach fragen: Wer schützt mich in dem Rechte meiner Heimats liebe gegen diejenigen, welche die äußere Erscheinung meiner Heimat von Grund aus zerstören, schöne Gärten verbauen, phantasievolle Gebäude abbrechen und in nüchterne umbauen, kurz keinen Stein auf dem andern lassen und die Gestalt meiner Vaterstadt, wie ich sie zu lieben gewohnt bin, empfindlich entstellen? Wer darf mir das ungestraft zufügen? Das öffentliche Wohl! schreit Master Vorwärts, indem er sich zum zweiten Male auf die Strümpfe macht und nur gerne das letzte Wort noch behielte. – Aber ich halte ihn fest und antworte: Das öffentliche Wohl! Muß ich dieses Mädchen für alles unbesehen so hinnehmen? Wer beweist mir, was öffentliches Wohl ist! Den Beweis, den Beweis, lieber Master! Das öffentliche Wohl muß fast in allen Fällen der Privatspekulation als ein zureichender Grund herhalten, wird aber in den wenigsten Fällen bewiesen und ist überhaupt schwer erweislich. Der Beweis wird einfach vorausgesetzt, wie in der alttürkischen Justiz die Schuld; am liebsten aber möchte die neutürkische Vandalenspekulation die bloße Nennung des öffentlichen Wohles schon für ihren eigenen Beweis gelten lassen. Und doch steht die Sache so, Master Vorwärts, daß ich nicht einmal den Gewinn als Beweis gelten lassen kann, den baren, reellen Gewinn, der euch Utilitariern der gültigste aller Gründe und das letzte inappellable Wort zu sein pflegt. Ha, eine Höckerin kann auch ihren Gewinn dabei finden, Schulkindern Näschereien zu verkaufen, und doch gehört das Naschen nicht zum öffentlichen Wohl. Nein; der Gewinn des Bauens beweist noch lange nicht das öffentliche Wohl des Bauens und nun erst der Verlust! Wie, wenn mir die mutwilligste Spekulationshausse tausend liebe und sinnige Plätze zerstört und nichts erzielt hat als recht große und schmerzhafte Verluste ihrer Aktionäre? Wie dann? Die Verluste vernarben, aber der zerstörte prix d'affection wird nicht mehr in integrum hergestellt. Und wahrlich, er könnte gar reell sein, dieser Affektionswert; ich spreche nicht einmal von der Liebhaberei im vulgären Sinne des Wortes. Kant blieb in einem Vortrage stecken, weil sein gewohnter Augenpunkt der Rockknopf eines Studenten war, und eines Tages fehlte dieser Rockknopf. Wie, wenn ein Mozart in seiner Ouvertüre, ein Beethoven in seiner Symphonie, ein Goethe in seinem Faust, ein Smith, ein Darwin, ein Humboldt in ihren Systemen stecken bleiben, weil sie ihre unschätzbaren Gedankenspinnereien in einem Garten und auf einem Lieblingsplätzchen des Gartens angefangen, und eines Tages wird der Garten verbaut?! Welch ein öffentliches Unwohl, ihr Herren vom öffentlichen Wohl! Aber dieses öffentliche Unwohl ist still, stumm, unbekannt; daß es da ist, kann nicht bewiesen werden, während »das öffentliche Wohl«, und wenn es nichts als ein Schall ist, in diesem Schall allein schon ein Dasein und einen Beweis des Daseins zu haben glaubt, und Leute findet, die es glauben! Master Vorwärts kneift jetzt zum dritten Male aus, aber jetzt kommt er nicht mehr; das bin ich sicher! Und jetzt halte ich ihn auch nicht mehr. Er ist besorgt und aufgehoben. Dagegen wäre es mir lieb, wenn ein rechtsgelehrter, ernsthafter Mann käme und meines Nebelwegs sich erbarmte. – Was ist Rechtens in meiner Frage? Und wenn es eine offene Frage ist, wäre es nicht zeitgemäß, sie zu entscheiden? Ich weiß, wie tief das Wespennest ist, in das ich da steche. Ich kenne seine ganze Tiefe. Ich frage um nichts Geringeres, als um die tiefst-eingekerbten Unterscheidungslinien zwischen dem antiken und dem modernen Staate. Nicht darum ist ja Griechenland das unverblühbare klassische Mutterland der Menschheit, weil ein ewig lachender Himmel über Griechenland lachte (was er noch heute tut), sondern weil diese himmlisch-lachende Klarheit auch die Verfassung der antiken Gesellschaft durchdrang. Der griechische Staatszweck umfaßte alles: Politik, Ethik, Ästhetik. – Der moderne, den einseitig-römischen fortsetzend, verlegt seinen ganzen Schwerpunkt in die Politik . Schon in der Ethik ist er ein Abgrund von Widersprüchen, wo verbotene Mücken mit erlaubten Elefanten ein Tanzchaos wie im Tollhause aufführen und kein Mensch sagen kann, der Staat habe Fühlung, Richtung, festen Fuß. Aber vollends in der Ästhetik ! Es leidet keinen Zweifel, daß dem modernen Staatszwecke die Ästhetik nicht inkorporiert ist, und kann man in diesem Sinne nur ein ennuyantes Kauderwelsch anstimmen und einen feuilletonistisch-mäßigen Stoff vom Zaune brechen, der gar keiner ist. Und doch läßt man jahraus, jahrein das Geschrei der Künstlergenossenschaften zu: der Staat soll etwas für die Künste tun! – Wenn das nicht auf gut kommunistisch heißt: der Staat soll eine Anzahl von Arbeiterfamilien aus dem Staatssäckel füttern, so heißt es doch wohl: der Anspruch wird nicht aufgegeben, daß der Staat ästhetische Staatszwecke habe. Diese letzte griechische Spur ist wertvoll. Es ist immerhin etwas. Ein kleines Glied von einem kleinen Finger, aber für ein kleines Feuilleton genug. Aisthanomai heißt bekanntlich empfinden, fühlen, und mehr habe ich auch nicht getan als gefragt: Was ist das Recht meines Gefühls- und Empfindungslebens, wenn mir die Baubanken meine Vaterstadt zerstören? Was ist das Gemütsrecht des Bürgers an seine Heimat? Was ist das Gemütsrecht eines Landes an seine Architekturen, an seine Gärten, an seine Schönheiten, mit einem Worte: Welche Stellung hat der Staat dazu, und hat er überhaupt eine? Oder ist es stillschweigender Staatsgrundsatz: Alles, was Gewinn bringt, ist Beute der Gewinnsuchenden, und dagegen gibt es kein Recht, wenn's nicht – bis zum Kriminalrecht kommt?! Ich weiß, meine Frage streift dicht an diejenigen, von welchen geschrieben steht: Ein Narr fragt mehr, als zehn Gescheite beantworten können. Andererseits bin ich aber ein Deutscher und frage in Deutschland, wo umgekehrt oft ein Gescheiter für zehne gescheit ist, z. B. Holtzendorff, dessen ›Prinzipien der Politik‹ soeben auf meinem Lesetisch liegen, ein Buch, welches nur leider über das Kapitel der Staatszwecke viel einsilbiger ist, als einem fragenden armen Narren frommen mag. Ich wäre diesem Rechtsweisen aufrichtig dankbar, wenn er sich in irgendeinem Organ herabließe, mir zu sagen: Welches ist der neueste Stand der Staatszwecklehre, in der Frage, die mir am Herzen liegt?