Alois Jirásek Chodische Freiheitskämpfer Historisches Gemälde 1904 Alois Jirásek Alois Jirásek ist der bedeutendste Vertreter der historischen Belletristik in der böhmischen Literatur der Gegenwart. Sein Werk bedeutet den vollständigen Bruch mit den Traditionen der älteren historischen Erzählung, wie sie in der böhmischen Literatur, namentlich durch die Schöpfungen von Jan z Hvězdy (eigentlich J. Marek ), J. K. Tyl , Prokop Chocholoušek , Bohumil Havlasa und V. Beneš-Třebízský verkörpert erscheinen. Während diese Autoren sich lediglich mit ein paar aus der Geschichte Böhmens bekannten Namen begnügten, um unter ihrer Maske Gebilde ihrer eigenen üppig wuchernden Phantasie dem Leser vorzuführen, während sie nur mit eigenen knappen Zügen das spezifische Kolorit der von ihnen dargestellten geschichtlichen Epoche kaum andeuteten, zeichnet Alois Jirásek historische Charaktere mit seltener Porträttreue und entrollt vor unserem geistigen Auge gewaltige freskoartige Gemälde vergangener, längst dahingerauschter Epochen, Gemälde, deren Wert eben darin liegt, dass ihre hervorstechendsten Charakterzüge gleichzeitigen Quellen entnommen und durch unanfechtbare historische Belege beglaubigt sind. Seine Vorgänger auf dem Gebiete der böhmischen historischen Erzählung benützten entlegene Epochen dazu, sie zu dem Schauplatze buntbewegter abenteuerlicher Ereignisse zu machen, die, von einer beweglichen, leichterregbaren und über die Grenzen der historischen Wahrheit und der Wahrscheinlichkeit kühn hinaus schweifenden Phantasie ersonnen, das Interesse einer weiten Lesergemeinde in hohem Masse in Anspruch zu nehmen vermochten. Das historische Element wurde von ihnen rein äusserlich und man kann sagen mehr dekorativ ausgebeutet. In ihren Werken spiegelt sich eine willkürlich geschaffene, phantastische Welt, nicht jene einer fernen Vergangenheit, wieder. An den Gestalten, die sie uns vorführen – wenn wir diese blassen, schwankenden romantischen Schemen als Gestalten gelten lassen wollen – sind nur die Namen historisch und nur die Kostüme »echt«. Alles Übrige ist frei erfunden, ohne Rücksicht auf die geschichtliche Wahrheit, ohne Beobachtung eines nur annähernd treuen historischen Kolorits, ohne vorhergegangenes Studium der Zeit- und Ortsverhältnisse kühn hingeworfen. Phantastische Gebilde, die in verrosteten Panzern und blutgetränkten Wämsern stecken, stets mit den Waffen klirren und hohle, pathetische Tiraden im Munde führen, aber nie und nimmer Menschen mit Mark und Blut. Alois Jirásek hat von seinen Vorgängern diese Lust am phantastischen Fabulieren nicht geerbt. Worauf es ihm ankommt, ist nicht eine beliebige, tunlichst packende und verwickelte Geschichte in das dämmerige, geheimnisvolle Kolorit einer längst dahingerauschten Epoche zu tauchen, sondern diese Epoche selbst in breiter, behaglicher, echt epischen Manier darzustellen, die Schatten der Träger grosser und teuerer Namen aus den Tiefen der Vergangenheit heraufzubeschwören und ihnen neues Leben einzuhauchen. Er schreitet an die Arbeit gewappnet durch genaue Kenntnis aller vorhandenen Quellen. Eingehendes emsiges Studium geht bei ihm der eigentlichen schöpferischen Arbeit voran. Mit erstaunlichem Fleiss und einem wahren Feuereifer versenkt er sich in das Studium aller vorhandenen »menschlichen Dokumente«, die an uns aus jener Epoche übergegangen sind, die er zum Gegenstande seiner Schilderung eben machen will. Es sind nicht so sehr einzelne grosse Gestalten, die ihn anziehen, als vielmehr ganze Strömungen und Bewegungen, ganze soziale Schichten. Von diesem Standpunkte aus betrachtet er die Geschichte. Die Bedeutung des Individuums für ein geschichtliches Ereignis, eine Strömung, einen Umsturz ist, unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, stark reduziert. Nur die Massen kommen zur Geltung. Daraus resultieren die einfachen, freskoartigen Züge, die für sein gesamtes Werk so bezeichnend sind. Massenbewegungen und Massenerscheinungen bilden am häufigsten den Gegenstand seiner Beobachtungen. Aber es sind – im Gegensatze zu den Werken seiner Vorgänger – nicht in erster Reihe turbulente kriegerische Episoden und lärmendes Schlachtengetümmel, die ihn locken, sie in literarischen Werken zu verkörpern, sondern vielmehr kulturelle Bewegungen und Strömungen. Er liebt grandiose Dimensionen und einen weiten Wurf. Bezeichnend ist gewiss, dass sein Lebenswerk bereits vier grosse cyklische Epopöen aufweist: »Zwischen den Strömen«, eine Romantrilogie, in der er den Vorabend der hussitischen Kriege und die Anfänge dieser weltgeschichtlichen Bewegung schildert, »F. L. Vek«, ein vierbändiger Roman, der das nationale Wiedererwachen des böhmischen Volkes, die Aufklärungsepoche und in weiterer Folge die ersten Dezennien der patriotischen Bewegung und den böhmischen Vormärz behandelt, ferner »Daheim«, eine originelle mehrbändige »Chronik« der engeren Heimat des Romanciers, reich an köstlichen urwüchsigen Typen und interessanten, ungemein plastisch modellierten Gestalten, endlich eine neue im Erscheinen begriffene Romantrilogie »Die Brüder«, in welcher er die Geschichte der letzten in Ungarn kämpfenden Reste der Hussitenheere behandelt. An die grosse Romantrilogie »Zwischen den Strömen« schliesst sein reifstes Werk, der Roman »Wider die ganze Welt!« an, eine grossangelegte monumentale Darstellung der ersten Jahre der Hussitenkriege, da die Böhmen als die ersten unter allen Völkern das Banner der Gewissensfreiheit aufrollten und für ihre Ideale einen ungleichen, heroischen Kampf mit allen Nachbarvölkern aufnahmen. Echt episch angelegt, von einer imponierenden Kraft getragen, zählt dieses Werk unstreitig zu dem Besten, was die neuere böhmische Literatur aufzuweisen hat, und vermag in seinen reifsten Partien (z. B. der Schilderung des Brandes der Stadt Beneschau und jener der Schlacht auf dem Zizkaberge bei Prag) den Vergleich mit den besten Schöpfungen der neueren historischen Belletristik überhaupt aufzunehmen. Zwei Epochen sind es, die er mit besonderer Vorliebe behandelt: die Zeit der hussitischen Wirren und die letzten Dezennien des achtzehnten und die ersten des neunzehnten Jahrhunderts. In beiden diesen Epochen hat er zahlreiche und dankbare Vorwürfe für sein Schaffen gefunden, beide hat er wiederholt in seiner durch und durch epischen Art mit breiter Pinselführung geschildert. Anfangs war es der geheimnisvolle, ein wenig abenteuerlich-graziöse, ein wenig sentimentale Hauch des Rokoko, der es ihm angethan hat, wie denn überhaupt seine ersten Arbeiten einen ausgesprochen romantischen Zug aufweisen und in ihrem innersten Wesen der alten abenteuerlichen historischen Erzählung eng verwandt sind. Aber später fühlte er sich mehr von dem idyllischen Zauber angezogen, den zu dieser Zeit besonders kleine Landstädte und entlegene anheimelnde Schlösschen mit lauschigen, stimmungsvollen Parkanlagen und koketten, halbverfallenen Gartenbauten atmen. Seine Neigung zum Idyllischen ist unleugbar, und so oft er sich entschliesst, sich in seinen Arbeiten der Gegenwart zu nähern, sind es idyllisch angehauchte Rokokobilder oder Geschichten aus der Biedermeierzeit, die er uns bietet. Diese Ruhe, dieser Stich ins Idyllische, ist für sein ganzes Wesen bezeichnend. Vergebens würde man bei ihm pathetische Ergüsse, hochschlagende Lohen abgrundtiefer Leidenschaften suchen. Er neigt mehr zum ruhig Behaglichen, Abgeklärten hin, seine Weltanschauung ist harmonisch und ausgeglichen, alles, was er schreibt, ist von einer wohltuenden Wärme durchglüht und von einer sonnigen Lebensfreude verklärt. Alles ist so ruhig und gedämpft, nicht ein einziger leidenschaftlicher Schrei entringt sich seiner Brust, nicht ein einzigesmal fühlt er sich versucht, zu revoltieren, in wildem Zornesausbruch an den Gitterstäben des Käfigs zu rütteln. Und so wie er, sind auch seine Helden: streng rechtlich, rechtschaffen, mutig und standhaft ihr Geschick tragend – Alles in Allem, biedere, ehrliche Menschen von wenig kompliziertem Wesen. Ein Epiker von echtem Schrot und Korn, zeichnet er mit knappen, ungebrochenen Linien, setzt opalisierende Lichter nicht auf, sucht nicht zarte, halbverschwommene, leise Übergänge. Auch ist es nicht seine Sache, Gemälde von lodernder, glutvoller Farbenpracht und bestrickendem blendendem Lichterglanz hinzuwerfen. Bei ihm sind alle Farben gedämpft, alle grellen Töne herabgestimmt. Woran es ihm in erster Reihe ankommt, ist nicht ein farbensattes, sondern ein naturtreues Bild zu liefern. Und doch wirkt seine Erzählung lebendig und lebenswahr, doch gelingen ihm oft Stimmungen von seltenem Zauber, umso wirksamer und trefflicher, weil sie mit so einfachen Mitteln erreicht werden, weil es hier oft nur ein Satz, ja ein Wort sind, die wie ein gut angesetzter Ton in der Seele widerhallen. Rund dreissig Bände repräsentiert das bisherige Schaffen des ungemein fruchtbaren, rastlos tätigen Autors, der jetzt im dreiundfünfzigsten Lebensjahre steht. Schulrat Alois Jirásek wurde am 28. August 1851 in Hronow bei Náchod in Böhmen geboren, studierte an den Gymnasien in Braunau und Königgrätz, bezog dann die philosophische Fakultät in Prag, um sich der Professur zu widmen. Zunächst war er jahrelang als Gymnasialprofessor am Gymnasium in Leitomischl tätig, seit 1888 wirkt er in gleicher Eigenschaft in Prag. Aus allen klingen uns dieselben Grundtöne entgegen: ein warmes, inniges Gefühl, eine ausgeglichene, mit dem Leben ruhig abrechnende Weltanschauung, ein ausgesprochen epischer Sinn und glühende Vaterlandsliebe. Wenn wir noch seinen mit »menschlichen Dokumenten« operierenden und auf umfassende erschöpfende Studien sich stützenden Realismus erwähnen, haben wir wohl die hervorstechendsten Züge seines literarischen und menschlichen Profils flüchtig skizziert. Diesen Zügen begegnen wir auch in seinen »Chodischen Freiheitskämpfern«, dieser düstern Chronik des verzweifelten Kampfes des kernigen Chodenstammes um seine alten verbrieften Freiheiten und Rechte. Im Original »Psohlavci«, wörtlich »die mit dem Hundekopfe«, weil die Choden in ihrem Wappen einen Hundekopf als Sinnbild ihrer Wachsamkeit führten. Die schlichte, aber durch die darin sich äussernde Gefühlswärme und durch ihr trefflich wiedergegebenes Kolorit sympathisch berührende Geschichte hatte bei ihrem Erscheinen (1884) einen seltenen Erfolg und zählt noch heute zu den meistgelesenen und populärsten böhmischen Büchern. Zum Schlüsse sei noch erwähnt, dass sich Alois Jirásek auch auf dramatischem Gebiete erfolgreich betätigt hat. Ein mehr episch angelegtes, aber wirksames Liebesdrama (»Vojnarka«), ein ungemein interessantes und erschütternd wirkendes Bauerndrama (»Der Vater«), ein patriotisches Drama aus der Zeit des schlesischen Krieges (»Der Emigrant«), sowie ein stimmungsvolles, im Kolorit glückliches idyllisches Lustspiel aus den Dreissigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts (»M. D. Rettig«) sind seine hervorragendsten Bühnendichtungen, die dem Repertoire der meisten böhmischen Bühnen angehören und stets mit Erfolg aufgeführt werden. Einen grossen Erfolg erzielte er auch mit seiner vorletzten Bühnendichtung, der historischen Tragödie »Jan Žižka«, in welcher er den populärsten böhmischen Helden, den unbesiegten Anführer der Hussitenscharen zum Mittelpunkte einer Reihe von wirksamen Szenen macht, die durch ihr überraschend treues historisches Kolorit fesseln. Neuestens hat Jirásek ein grosses historisches Drama »Gero« geschrieben, dessen Handlung der Geschichte der baltischen Slaven entlehnt ist. In uralten Zeiten bildeten tiefe Wälder, die sich von dem Gebirgskamm der Grenzberge auf viele Meilen in das Innere des Landes erstreckten, die natürliche und mächtige Verschanzung unseres Königreiches. Eigens dazu bestimmte »Wachposten« hüteten die Übergänge dieses Grenzforstes, indem sie gleichzeitig die »Landespforten«, stabile Festungen und Schanzen, die zum Schutze der Fusssteige an den Grenzen errichtet waren, überwachten. Allmählich – namentlich im 13. Jahrhunderte, in welchem fremde Ansiedler massenhaft uns zuströmten – hörten selbst unsere Könige auf, die Grenzwälder als Landesschanze zu schonen und vergaben einen Teil nach dem anderen an Fremde zum Ausroden. Am längsten und besten erhielt sich der Grenzurwald an der Westseite gegen Baiern, an den Abhängen und Gebirgsfüssen des grossartigen Böhmerwaldes. Einen Teil desselben und die wichtigsten Wege, welche hier von Taus nach Deutschland führen, hüteten seit undenklichen Zeiten die Choden, ein kerniger, abgehärteter Volksstamm, von stattlichem Wuchs und tapferen Geistes. Ihre Dörfer, früher dicht an den königlichen Forsten gelegen, verbreiteten sich sowol in den Niederungen als auch auf den Anhöhen, jedoch immer so, dass sie vor sich, gegen die Grenzseite zu, Hügel und Berge als urwüchsige Schutzwälle gegen den Feind hatten. Sie ziehen sich, an den Übergängen und wichtigsten Fusssteigen verstreut, einem Gürtel gleich auf etwa sechs Meilen längs der Grenze hin. So liegen von Taus am entferntesten gegen Südost in der Nähe des Neumarker Engpasses die Dörfer Lhota (Melhut) und Pocinovice (Putzeried), nordwestlich von diesen zwischen den Neumarker und Furter Wegen: Kýcžov (Klitschau), Medákov (Medaken), Tlumaèov (Tilmitschau) und Stráž (Hochwartl), am meisten gegen Nordwest von hier am Wege nach Waldmünchen sind die Dörfer: Ujezd (Aujezdl), Draženov (Trasinau, Drasenau), Postøekov (Possigkau), Chodov (Meigelshof) und der heutige Marktflecken Kleneè (Klentsch). Die deutschen Benennungen sind späteren Ursprunges, da diese Orte nur böhmische Bevölkerung hatten. Trotzdem gebrauche ich im Weiteren dort, wo es heute einen deutschen Namen gibt, den letzteren. Anmerkung des Übersetzers. Wann die Choden, diese böhmischen Grenzer, hier eingeführt wurden, lässt sich mit Bestimmtheit nicht sagen. Soviel ist aber sichergestellt, dass sie ihren Dienst tapfer versahen, zur Zeit feindlicher Invasion die Pfade und Wege mutig verteidigten und in allen Kriegen und Kämpfen, die je in ihrem Bezirke und in der Umgebung stattfanden, wacker mitkämpften. Ebenso steht fest, dass sie dem Fürsten Bøetislav bei Brùdek (Viertel) tapfer mithalfen, die Deutschen zu schlagen, wie es auch unzweifelhaft ist, dass sie auch in anderen Kämpfen, namentlich in den ruhmreichen Husitenzeiten, nicht müssige Zuschauer waren. In Friedenszeiten begingen sie die Grenze und achteten darauf, dass die deutschen Nachbarn unsere Grenzen nicht beengen, den böhmischen Urwald nicht widerrechtlich roden, darin nicht jagen und überhaupt hier nicht Waldfrevel treiben. Dabei mussten die Choden – wie alte Denkschriften beurkunden – so manchen blutigen Strauss mit den Wilderern und bairischen Schädigern, namentlich mit den Furtern bestehen. Verlässliche Genossen waren den Choden auf diesen Begehungen und Warten grosse und starke Hunde, und eine gute Gefährtin die » Čakana «, Čekan, Čakan, im Chodischen »Čakana«, ist ein Streitkolben aus hartem Holze in der Höhe von ca. 1–5 m. An dem unteren Ende war ein starker, scharfer Dorn, oben eine Hacke mit einem Streithammer. Der Stiel war oben bis auf einen Schuh mit Blech und Nägeln stark verziert. Die Čakana trugen in allen Zeiten verheiratete Männer auf ihren Dienstesgängen oder wenn sie nach Baiern, in die Stadt, zu Hochzeiten, Taufen u. ä. ausgingen. in späteren Zeiten die Büchse, sowol die lange als auch die kurze, Waffen trugen sie zu jeder Zeit, auch dann, als nach den Landtagsbeschlüssen den übrigen Bewohnern unseres Königreiches das Waffentragen nicht mehr gestattet war. Wann immer der böhmische König ihre Gegenden durchzog, bewillkommneten ihn die bewaffneten Choden mit ihrem Hauptpanier, das ein Hundskopf Hievon ihr Spitzname »Hundsköpfler« (Psohlavci). Conf. P. Stranský: De republica Bojema. im Wappen zierte, und nachdem sie den König nach uraltem Brauche mit einem Fässchen Honig bewirtet hatten, gaben sie ihm das Geleite als Ehrenwache durch die Berge über die Grenze. Für die schweren und oft gefahrvollen Dienste genossen die Choden besondere Privilegien und Rechte. Seit jeher waren sie ein freier Stamm, der keiner anderen Obrigkeit als dem Könige allein untertan war. Auf ihrem Gebiete durfte sich kein Adeliger ankaufen oder niederlassen. Robot und andere Untertanendienste, die das gesamte Bauernvolk drückten, leisteten die Choden nicht. Die Wälder, die sie bewachten, konnten sie frei benützen und in uralten Zeiten jagten sie hierin auch anstandslos, an Bären und Wölfen, deren es im Böhmerwalde noch im 17. Jahrhunderte in Menge gab, ihre Kraft stählend. Zoll und Mauten zahlten sie im ganzen Königreiche keine, Handwerke betrieben sie in ihrem Bezirke vollständig frei. Unbehindert konnten sie, wohin es ihnen beliebte, übersiedeln, sich einheiraten und hatten freies Versammlungsrecht. Ihr eigenes Gericht »des Choden-Rechtes« tagte jede vierte Woche im Schlosse oder in ihrer Burg zu Taus und bestand aus dem von der königlichen Regierung ernannten »Choden-Richter« und den Schöppen oder Richtern der Chodendörfer. Auf dem Chodenschlosse residierte der Burggraf von Taus oder der Hauptmann, sodann der Chodenrichter und der beeidete Schreiber, ihre höchsten Beamten. Im Chodenschlosse wurde auch ihre Fahne, das Petschaft und die ihnen von den Königen Johann von Luxenburg, Karl IV., Wenzel IV., Georg von Podìbrad und anderen verliehenen Privilegien aufbewahrt. Dort versammelten sie sich auch im Bedarfsfalle in Waffen und unterbrachten hier auch in Kriegszeiten ihre Weiber, Kinder und das beste Eigentum. Die letzten Dienste verrichteten die Choden im verhängnisvollen Jahre 1620, indem sie an der bairischen Grenze an geeigneten Orten Verhaue herstellten. Damals befahl ihnen Friedrich, der Winterkönig, auf das strengste: »sie mögen nach ihrer Pflicht und der Ordnung des jeweiligen Dorfes gemäss sorgfältige Wache halten. Dies sei ihnen nicht nur bei Tag, sondern viel mehr in der Nacht zur Pflicht gemacht, damit diese Orte gegen plötzliche Einfälle der Feinde geschützt seien. Die Choden mögen sich ununterbrochen bis zur bestimmten Zeit hier aufhalten, vor der festgesetzten Frist weder bei Tag noch freilich umsoweniger bei Nacht entfernen. Nachdem sie sich auch eine ordentliche Militärfahne, die eine Person gut handhaben würde, verschafft, sollen sie den Fahneneid leisten. – Damit bei diesen Wachen besser Ordnung gehalten werde, möge stets einen Tag der Richter und den anderen Tag der Schreiber bei ihnen bleiben –« Das Original der Urkunde ist böhmisch. Anmerkung des Obersetzers. Damals ertönten das letztemal durch den tiefen Böhmerwald die Wachrufe der Chodenposten, damals wehte das letztemal über den Häuptern der böhmischen Grenzer die schwarzeingesäumte mit einem Hundskopfe gezierte weisse Fahne. Dann kam die Schlacht auf dem Weissen Berge. Die Hochflut des allgemeinen Elends ergoss sich mit einer unersättlichen Welle auch in die Bergstille des freien Chodenlandes. Am vierzigsten Tage nach der Altstädter Execution wurden die freien Choden durch eine Verschreibung Karls von Lichtenstein als Vertreters des Kaisers um 7500 fl. an den Reichs-Hof-Rat Wolf Wilhelm Lamminger, Freiherrn von Albenreuth, einen der kaiserlichen Kommissäre und Leiter des schrecklichen Trauerspieles vom 21. Juni des Jahres 1621, pfandweise abgetreten. Um neun Jahre später wurden die Choden demselben Lamminger als vollständiges Erbeigentum um 56.000 fl. verkauft. Der neue Herr wollte freilich ihre Freiheiten und Privilegien nicht anerkennen und er hat sie auch nicht anerkannt, indem er die Choden wie Leibeigene und robotpflichtige Untertanen behandelte. Damals entbrannte der letzte und grösste Chodenkampf. Es verteidigten ja freiheitsliebende Männer ihre Rechte gegen Gewalt und Unrecht. Über sechzig Jahre währte dieses ungleiche Ringen. Von Zeit zu Zeit erschien den Choden beim Wiener Hofe ein Hoffnungsschimmer, als sie ihre Freiheiten reklamierten; schliesslich gewann aber Lammingers Sohn und Nachfolger, Maximilian, den Prozess, und den Choden wurde das Urteil zugestellt, wonach ihr Begehren ein für allemal abgewiesen wird, da ihre Privilegien annulliert und bereits ungültig seien, und den Choden bei strenger Strafe ein perpetuum silentium angeordnet wird. Dies geschah im Jahre 1668. Tatsächlich herrschte dann im Chodengau ein silentium – eine Grabesstille und sie wurde auch dann nicht unterbrochen, als im Jahre 1680 im ganzen Königreiche Böhmen der fürchterliche Bauernaufstand losbrach. Ein perpetuum silentium war es aber doch nicht. Die Choden unterbrachen es. Und hier setzt unsere Geschichte ein. I Die vorzeitige Dämmerung eines Novemberabendes lag über den Abhängen und Niederungen der Gebirgsgegend am Fusse des steilen Čerchov und der schlank gestreckten Haltrava. Schwarze und dichte Wolken jagten knapp über ihre Wipfel und über die Wipfel der anderen Berge des Böhmerwaldes, der sich wie ein Riesenwall über die schweigende Gegend erhob, um im Gewölke und in der Finsternis zu zerfliessen. Es brach eine unfreundliche Witterung ein. Der Wind beherrschte alles: Wolken und Erde, auf der alles vor ihm zitterte: der hundertjährige Urwald der Bergabhänge, wie der einsame Baum im weiten Felde. Alte und junge Birken, die reichlich auf dem Hrádek-Berge oberhalb des Dorfes Aujezdl wachsen, rauschten, ächzten und bebten in ihrer Blösse, denn der Sturmwind entriss ihnen in Büscheln das letzte, goldene Laub und jagte es im wilden Wirbel durch die schwarze Luft. Auf dem benachbarten Berge Hurka brauste jedoch trotzig der Eichenwald und schüttelte die buschigen Baumkronen im Kampfe mit dem Sturmwinde, der, wild herausstürzend, bis zum schweigenden Dorfe herunterflog, zum Dorfe, das sich wie ein kleines Nest an den kegelförmigen Hrádek anschmiegte. Die Bäume bei den Gebäuden und in den Anlagen wankten hin und her und rauschten heftig. Am geräuschvollsten jedoch die bejahrte Linde, welche auf dem geräumigen Hofplatze »Bei den Kozinischen« Das z im Namen Kozina wird wie eins im Worte Rose ausgesprochen. Anmerkung des Übersetzers. stattlich emporwuchs. Der alte Brunnenschwengel und die Eimerstange unter der Linde knarrten und rumpelten; doch diese widrigen Laute wurden durch das Getöse des Sturmwindes in der breiten Krone des alten Baumes übertönt. Im Bauerngut wurde noch geleuchtet. Im matten, durch das niedrige Fenster auf den Hof fallenden Scheine erschimmerte plötzlich unter der Linde ein heftiger Wirbel gelben Laubes, das der Sturmwind im wilden Umdrehen blitzschnell hob und in die finstere Höhe trieb. Und in diesem Augenblicke, als der Sturm, einem Rasenden gleich, am wildesten pfiff und heulte, stellte sich jemand in der Stube knapp ans Fenster. Nur einen Moment sah man diese Silhouette – jetzt öffnete sich ein wenig das Fenster. Entblösste Frauenhände schoben in das Dunkel eine mittelgrosse Schüssel und im selben Augenblicke flog schon aus der Schüssel weisser Staub in die Nacht. Die Wolke, welche gleich gefallenem Schnee plötzlich emporstieg, zerfloss jählings im Winde, dem sie geopfert war. Die jammernde Windsbraut, nachdem sie das ihr zur Beschwichtigung hingereichte Mehl aus der Schüssel im Nu heisshungrig verschlungen hatte, stöhnte noch einmal auf und jagte durch die Finsternis weiter. Das Fenster schloss sich, der Schatten in ihm verschwand. Es herrschte eine unfreundliche Witterung. Im Bauerngute jedoch war es in der genügend geräumigen, hölzernen Stube angenehm und heimlich. Im Kamine loderte das Feuer und die Pechscheite prasselten. Der im schwarzen Leuchter angesteckte Kien brannte lichterloh und sein Schein fiel hell auf die Priesterin, die, nachdem sie der Windsbraut geopfert, vom Fenster trat und die leere Schüssel auf das unangestrichene Gestellbrett stellte. Es war die Bäuerin selbst, die Hausmutter des Bauerngutes: ein junges Weib, schön gebaut, von hübschem Antlitze, in dem die klaren grauen Augen und die sanft gezogene gerade Nase am schönsten waren. Das Haar hatte sie in ein buntes Tuch gebunden, am Leibe trug sie einen Rock, Hemd und Bauschärmel. Nachdem sie die Schüssel auf den Schrank gestellt hatte, setzte sie sich in der Nähe des bemalten Himmelbettes auf einen Stuhl, nahm das Schaukelseil in die Hand und begann die Hängewiege Hauswiege = hejèedlo, eine viereckige Leinwandplache, in welcher Kinder gewiegt werden. An jeder Ecke ist ein starkes Zwirnband angenäht. Je zwei dieser Zwirnbänder einer und derselben Seite werden durch einen am Balken in der Decke eingeschlagenen Eisenring gezogen und zugebunden. An einem von ihnen wird ein langes Seil, »Kucel«, das aus drei Flachssträhnen zusammengeflochten wurde, angebunden, und damit wird die Hängewiege in Bewegung gesetzt. in mässige, schaukelnde Bewegung zu setzen, indem sie mit gedämpfter Stimme singend anstimmte: »Ich sing dir, Kind, schön's Wiegenlied; willst schlummern sanft mein Herzelein, Ruh' geben deinem Mütterlein.« Draussen brauste das Gewitter. Das Rauschen der Bäume und das Heulen des Windes floss in ein Geräusch zusammen, das die Fenster erzittern machte. Die junge Mutter sang aber ihr Wiegenlied weiter. Aber noch andere Töne als ihren Gesang vernahm man in der Stube. Sie kamen aus der schattigen Ecke des Himmelbettes; von hier aus ertönte ein lautes Gelispel, Flüstern, heimliches Gekicher, das lange gedämpft, jetzt ausbrach und munter und hell wie ein Silberglöcklein klang. Sofort dämpfte und sänftigte es aber eine andere rauhere Stimme, indem gleichzeitig auch schon die Hausfrau von der Hängewiege beide anrief– keinesfalls jedoch scharf und strenge, – sie mögen doch stille sein, da Hanálka im Einschlafen sei. Sodann fuhr sie, indem sie die Hängewiege schaukelte, im Gesange fort: »Gibst Ruh' du nicht dein' Mütterlein, wir werfen dich in 'nen Weiher 'nein, vom Weiher in die Donau dann, komm', pack dir ihn, du Wassermann!« Die kleine Hanálka murmelte und guckte in der Hängewiege zufrieden um sich, je länger desto stiller jedoch, bis sie verstummte. Noch einige Schwingungen, dann liess die Mutter das Schaukelseil los und wandte sich dem Bette zu, wo sich im selben Augenblicke unter dem reinen Betthimmel der Bauer, ihr Mann, der sich bisher mit seinem ältesten Kindlein herum gebalgt und es schäkernd geneckt hatte, emporrichtete. Der Bauer, ein Mann von wenig über die Dreissig, stattlich gross und wolgewachsen, strich seine langen kastanienbraunen Haare hinter die Ohren und sah lächelnd seinem Weibe entgegen. Das dreijährige Knäblein im Hemdchen, mit runden Wangen und funkelnden schwarzen Augen, stützte sich am Rücken des Vaters und rief der Mutter zu, sie möge sich zu ihnen setzen. »Ei, ihr ungezügeltes Volk ihr!« rief die Bäuerin mit fingierter Strenge. – »Ruhig! Paul, du solltest schon längst schlafen – Flink ins Nestchen! Hanálka schläft auch schon.« »Na, die schläft mir fein!« liess sich lachend der Hausherr hören und wies auf die Hängewiege. Aus dieser guckte über den Rand das allerliebste Köpfchen eines kleinen etwa zweijährigen Mädchens, dessen gelbe Locken vom rötlichen Scheine des flackernden Kienes wie glänzendes Gold durchleuchtet wurden. Der junge Sladký oder Kozina, wie man ihn nach dem Bauerngrunde nannte, stand auf und ging zur Hängewiege. Er war in lichte Lederkniehosen, Strümpfe und schwere Schuhe gekleidet, ohne Weste, ohne Rock, nur so im vorne mässig geöffneten Hemde mit breiten Ärmeln. Als er mit den Händen nach seinem Töchterchen griff, als er es dann scherzend hoch vor sich in die Höhe hebend zum Bette trug, wurde seine schlanke, stattliche Gestalt erst recht sichtbar. Am Bette traf nun die ganze Familie zusammen; fröhliche am Vater herumkriechende Kinder, und Eltern, fröhlich, weil sich ihre Kinder freuten. Es erklang hier die süsse Harmonie des Familienglückes. Das Brausen des Herbststurmes störte sie nicht. Sie hatten aber auch nicht nur so ohne weiters, nicht ohne Kampf dieses Glück erlangt. Die alte Kozina wehrte genug ihrem Sohne, der bereits selbständiger Bauer war, als er ihr vor vier Jahren bekannt gab, welche Brautwahl er getroffen. Es sagte ihr nicht zu, dass auf dem Grundbesitz des Kozina ein zwar stattliches und hübsches, aber armes Mädchen walte, auf einer Wirtschaft, die, obzwar ihre jetzigen Besitzer nicht mehr wie in älteren Zeiten Erbrichter waren, dennoch eine der ersten war. Der alte Ruhm blieb dem Wirtschaftsgute, denn jedes Kind wusste, dass die neue Obrigkeit dem Grossvater Kozina die Erbrichterwürde entzog, weil er nicht nach ihren Weisen tanzen und gegen seine Leute sein wollte. – Endlich gab aber die Alte dem Sohne doch nach. »Auf der Eiche wachsen nur Eicheln,« sagte sie. »Er ist ja ein Kozina, ein Dickschädel, hart wie die Eiche. Nur möge ihm dann mit der Hanna die Welt nicht eng' sein –« Damals lachte der lustige Dudelsackpfeifer Řehůřek, den man Jiskra nannte, und sagte: »Fürwahr, das wird nicht geschehen! Sie werden mit einander wie im Paradiese leben –« Wie sollte er auch nicht loben und nicht alles Beste prophezeien, war er doch des jungen Bauers Vertrauter, er allein kannte sein Geheimnis und pflegte sein Bote und Ratgeber zu sein. Was er aber sagte, ging auch in Erfüllung. Der junge Kozina lebte mit seiner Hanči wirklich wie im Paradiese, und zwar nicht nur ein halbes oder ein ganzes Jahr, wie dies zu sein pflegt, sondern schon das fünfte Jahr. Die Häuslichkeit freute ihn noch immer, ja, je länger, desto mehr. Zu Hause beim Weibe und jetzt gar noch mehr bei den Kindern zu sitzen, mit ihnen zu schäkern und zu herzen, ging ihm über Alles. Es wurde ihm sogar übel genommen, dass er fast nie auf die Strasse unter die Männer oder auf einen Schluck Bier herauskam, um, wie es üblich, sich auszusprechen und zu plaudern. Am ehesten liess er sich noch mit dem Dudelsackpfeifer Jiskra-Řehůřek in ein Gespräch ein, irgendwo im Felde, am Waldesrain, oder von Zeit zu Zeit Sonntags Nachmittag im Garten des Bauerngutes. Der junge Sladký hatte sich verändert. Früher schwärmte er gerne die Nächte hindurch, und zwar mit dem Gewehre oder mit Netz und Schlingen im Walde, fing gerne Wölfe in Gruben und spielte, wo er nur konnte, der verhassten Obrigkeit einen bösen Streich. Seit er aber verheiratet war, wurde er zahm wie ein Lämmchen. Wenn die Herren um einen Wagen sagen liessen, damit er Holz führe oder andere Robot leiste, gehorchte er schweigend und schickte den Knecht. Früher verfluchte er, wie jeder im Chodenland, die ungewohnte Leibeigenschaft, und, wie er nur konnte, widersetzte und entzog er sich derselben. Die alte Kozina pflegte ihn in solchen Augenblicken finster und strenge mit zugepressten Lippen anzuschauen, und dachte im Geiste oder klagte dem alten Bruder Hrubý aus Trasinau, wenn er zu ihr kam: »Dieser Bursche! Das ist kein Kozina mehr! Der ist dem Vater nicht nachgeraten. Das Weib hat ihm all' sein Herz genommen.« »Das Weib und die Kinder« sollte man ergänzen. So schien es auch in diesem Augenblicke, als er – ohne das Herbstgewitter zu beachten – mit seiner Familie auf einem Bette lag und herzlich über seine schäkernden Kinder lachte, die auf ihm wie junge Katzen herumkrochen. Plötzlich richtete er sich auf und horchte. Im selben Momente rüttelte sich auch der alte Wolf unter dem Tische aus dem Schlummer auf und bellte, aus der Stube stürzend, laut auf. »Der Spinnabend begann ja kaum,« meinte die Bäuerin, indem sie die kleine Hanálka auf den Schoss nahm. Sie glaubte nämlich, es sei jemand aus dem Gesinde vom Spinnabende, an welchem man sich soeben beim Nachbarn versammelt hatte, zurückgekehrt. »Das ist jemand fremder,« antwortete der Wirtschaftsbesitzer und ging hinaus, um die Haustür, an die jemand gepocht, zu öffnen. Der Riegel klappte und draussen hörte man eine fremde Männerstimme, die da sang: »Im Aujezdl-Busch da singt a' hübsches Vöglein –« Da sprach der Hausherr etwas, so dass man die weiteren Worte des Sängers nicht mehr vernahm. Dieser liess sich aber nicht beirren und sang weiter: »'s tut so schön singen, dass man's hört just klingen, dass man's hört just klingen, bis zu unserm Flur.« So singend trat er in die Stube ein, wo er an der Schwelle stehen blieb, und grüsste. Das lustige Geschrei des kleinen Paul bewillkommte ihn und die Bäuerin lud ihn ein: »Tritt ein, Jiskra! Jetzt erst aus der Stadt? Das ist hübsch zeitlich. Da wird dich Dorla schön begrüssen.« »Ob schön, ob schlecht – mir ist's einerlei. Wie man in den Wald hineinruft, so hallt es zurück.« Der Dudelsackpfeifer rückte mit seinem Instrumente auf der Schulter und lächelte schelmisch. »Na, dass du doch so lustig bist, lauter Gesang!« meinte der Wirtschaftsbesitzer. »Wie sollte ich es nicht sein, singt doch dort draussen der Sturmwind so schön, dass es widerschallt. Ein Wetter, dass Gott erbarm! Das war ein Weg! Der Wind blähte mir den Dudelsack, dass er selbst spielte und ich tanzte im Finstern bei so viel Musik; aus nassem Brachacker ging es über Gestein in weichen Feldboden, von Kot zu Kot, dass es nur schmatzte –« Řehůřek-Jiskra legte den Dudelsack auf die Bank und setzte sich daneben. Die Widdermütze mit dem roten Oberteile nahm er nicht ab. Das runde, glatte Gesicht mit dem Grübchen im Kinn lächelte noch immer. Es waren eigentlich nur seine lustigen, schelmischen Augen, mit denen er blinzelte, wenn er etwas Schalkhaftes im Sinne hatte oder zum besten gab. Er war ein Altersgenosse des Wirtschaftsbesitzers, es sei denn, dass er um zwei, drei Jahre älter war. Mittlerweile brachte die Bäuerin bereits Salz und einen Laib Brot, das im weissen Tuche eingewickelt war, und mit dem üblichen »Greif zu!« lud sie den Gast, sich nach Belieben zu nehmen. »Was gibt's Neues in der Stadt?« fragte der Wirtschaftsbesitzer. »Nicht viel. Zwei Nachbarn erzählten dort in der Schenke, und ich glaube, dass sie vom Stadtgerichte waren, dass sich die Herren über uns erkundigten. Übrigens war der Trasinauer Onkel auch dort und hörte alles –« »Nach wem sollen sie sich erkundigt haben?« fragte rasch der Grundherr. »Nach den Chodenrechten. Auf dem Stadtamte. Sie wollen die geschriebenen Rechte, weisst du, die auf unserem Schlosse waren.« »Und wer wollte sie?« »Es war dieser Verwalter Koš aus Kauth und jener aus Chodenschloss Chodenschloss = Trhanov. Anmerkung des Übersetzers. dorten. Nun, die Nachbarn lachten über den ›gute‹ Fang – und die saueren Gesichter der leer Ausgegangenen. Ich weiss nicht, was da alles vorging, aber dieser Koš war, wie man sagt, fuchswild, und sagte, der Herr vom Chodenschloss werde schon den Choden zeigen –« Der Dudelsackpfeifer verstummte, doch als ob er sich plötzlich erinnere, fügte er bei: »Recht hat der Nachbar dort in der Schenke gehabt, wie kostbar auf einmal die Chodenrechte geworden sind. Der verstorbene Lomikar Lamminger. und auch sein Sohn lachten die Choden nach Noten aus, als diese von ›Parkamenten‹ sprachen –« Der Hausherr und sein Weib, das auf dem Arme die kleine Hanálka hielt, horchten aufmerksam zu und merkten gar nicht, wie der kleine Paul im Hemde vom Bette herunterrutschte und sich zum Dudelsack stellte, vor allem den schönen Ziegenbock am Dudelsack bewundernd. Zuerst sah er ihn nur an, sodann fasste er Mut und betastete das Haar, dann die Augen und das glitzernde Flitterzeug, das Jiskra als Stirnschmuck zwischen den Hörnern befestigt hatte. Und da bemerkte auch die Mutter das Knäblein. Der Vater blickte aber zu Boden und hob die Augen erst empor, als der Dudelsackpfeifer verstummte. »Und wann war das, Jiskra?« »Vielleicht vorgestern –« »Dass nur nicht wieder etwas hereinbricht, ein Unheil –« seufzte sorgenvoll die junge Wirtin auf. »Ich würde glauben –« begann der Dudelsackpfeifer, doch beendete er den Satz nicht, denn im selben Augenblick sprang der alte Wolf heftig vom Boden auf und fing zu bellen an. Der Bauer stand auf, ging zum Fenster und blickte in die Finsternis. Als er jedoch niemanden erblickte, eilte er hinaus in den Vorflur. Jiskra nahm den kleinen Paul auf seine Kniee und wollte ihm eben die Mundpfeife des Dudelsackes an die Lippen führen, als die junge Hausfrau die Schulter des Dudelsackpfeifers berührte. »Höre, Jiskra,« sagte sie, »sahst du, wie mein Mann in Gedanken versunken war, als du sprachst? Und so ist er jetzt öfter um nichts und wieder nichts! Er ist lustig, unterhält sich, lacht, alles das, und auf einmal kommt es über ihn. Da fällt es mir nun öfters ein, dass ihm etwas im Kopfe vorgeht, oder dass ihm etwas wie ein Stein am Herzen liegt. Auch kam mir schon der Gedanke, dass er mich vielleicht schon aus dem Herzen schloss, ja, dass er vielleicht bedauert –« »Sei nicht närrisch!« fiel ihr der Dudelsackpfeifer in das Wort. »Bedauert? Nichts bedauert er. Er bedauert noch nicht und wird nicht bedauern, das weiss ich. Drum sei nicht traurig –« »Das Glück war mir günstig und du weisst ja, was wir im Herzen tragen, um das fürchten wir – Und was wäre dies also? –« »Die Gedanken schwärmen sonderbar im Kopfe – Auch das wird vergehen –« »Das walte Gott und erhöre mich –« seufzte die Bäuerin auf, erfreut durch die Worte des Vertrauten ihres Mannes. Sie lachte auch auf, als der kleine Paul mit Jiskras Hilfe einige quickende, weinerliche Töne herausbrachte. Unterdessen sah der junge Kozina, der aus der Stube in den Vorflur hinausgegangen war, im Hofe um sich her, um zu erspähen, wer da gekommen wäre. Dass jemand hier war, war sicher, sonst hätte der wachsame Wolf früher nicht gebellt. Es war finster und der Wind heulte noch immer so, dass man nicht einmal gut hörte. Aber doch! – Jemand hatte an das Fenster geklopft. Es war dort drüben, auf jener Seite, wo die Ausgedinger-Chaluppe stand. Dort wohnte die Mutter des jungen Bauers. Sie schlief schon, denn die Fenster waren nicht erleuchtet. Plötzlich zuckte dort ein Schimmer auf, es wurde dort hell und im rötlichen Schein, der durch die Fensterscheiben schlug, konnte man zwei Männergestalten sehen, die hart an der Türe stehen geblieben waren. Sie warteten dort unbeweglich und geduldig, um sodann in der Türe zu verschwinden. Der Hausherr schien einen Augenblick zu überlegen oder zu warten. In der Stube liessen sich die Töne des ächzenden Dudelsackes vernehmen; der junge Bauer hörte sie nicht mehr. Er zielte hinüber über den Hof zur Wohnung seiner Mutter. Er griff nach der Tür. Sie war verschlossen. Er bückte sich, trat an das Fenster und blickte in die Stube. Er sah dort die Mutter im Pelze und ihre zwei Gäste. Einer von ihnen holte unter dem Mantel ein Kistchen hervor. Der zweite öffnete es und nahm etwas Schimmerndes, wie Silber Glänzendes heraus und zeigte es der alten Sladký. Im selben Momente sprang jedoch der junge Bauer vom Fenster, denn es ertönte die Stimme seines Weibes, die sich wunderte, warum ihr Mann bei so unfreundlichem Wetter so lange draussen verweilte. »Es ist niemand hier, Wolf rumorte umsonst,« sprach er, als er von dem Vorflur zurückkehrte. »Und warum warst du bei der Mutter?« »Um zu sehen, was sie macht. Sie leuchtet noch, das wunderte mich. Sie sitzt auf der Bank und betet –« »Komm', komm' in die Stube, es ist kalt bis ins Mark und Jiskra will auch schon aufbrechen. Paulchen will von ihm den Dudelsack –« Die Eheleute traten in die Stube. Jiskra beschäftigte sich hier schon wieder mit der Hanálka. Er trug sie, schaukelte sie, und wie er sang, heftete das Mädchen auf ihn die Augen, bis die Augenlider langsam sich schlossen und es in Schlummer verfiel. Der Dudelsackpfeifer legte es vorsichtig in die Hängewiege. »Du wärst ein braver Vater,« scherzte die Bäuerin. »Ich wär's. Schade, dass der Storch zu uns den Weg nicht finden kann –« und lächelnd fügte er bei: »Wenigstens würde Dorla mit mir nicht so viel zanken.« Nachdem er noch bemerkt hatte, dass er den Spinnern noch etwas zum Kunkelabend vorspielen müsse, damit er dem Weibe etwas auf Werg verdiene, nahm er den Dudelsack, von dem der kleine Paul so ungern sich trennte, wünschte ihnen gute Nacht und ging. Der Grundbauer ging ihm nach, um zuzusperren. Er ging jedoch bis vor die Tür, in den Vorflur, und fragte leise den Dudelsackpfeifer, ob der Onkel aus Trasinau gleichzeitig mit ihm aus der Stadt gegangen sei. »Nein, er blieb in der Schenke. Er setzte sich zu den Nachbarn und besprach etwas leise mit ihnen. Ich verstand aber kein Wort. Und du, dir sage ich auch etwas. Hančí sagte mir vorher, es sei ihr um dich bange. Das Närrchen glaubt, du liebest sie nicht mehr, du seist sehr oft in Gedanken versunken, sprächest nicht, als hättest du eine Last am Herzen. – Wenn ich so ein braves Weib hätte, ich würde fort nur lachen und die ganze Welt wäre mir Wurst. Also merk' es dir. Wozu dies? Das Weib kann nicht dafür: Was der Wolf frass, darüber wächst kein Gras –« Er sagte gute Nacht und in einer Weile verschwand er in der Finsternis. Der junge Bauer kehrte nicht gleich nach Hause zurück, sondern blieb im Vorflur stehen und blickte starr über den Hof zum Häuschen seiner Mutter hin. Das Fenster war noch immer matt beleuchtet. Die späten Gäste waren noch dort. Er wollte abermals ans Fenster treten, doch plötzlich entschloss er sich und betrat wieder das Vorhaus. Aus der Stube tönte die angenehme Stimme seines Weibes, das ein Wiegenlied zu Ende sang: »– – Ruh' geben deinem Mütterlein –« Jetzt erst erinnerte er sich lebhafter der Worte des Dudelsackpfeifers, die er früher, in andere Gedanken versunken, nur halb gehört hatte. Die Stimme des Weibes, an die er sich schon gewöhnt hatte, kam ihm in diesem Momente so vor, als hörte er sie wie damals, als er ihrem Gesange, da er noch ledig war, manchmal heimlich im Garten lauschte. Sie klang immer noch so frisch und lieb, und als er sein Weib jetzt erblickte, wie es sich über das eingeschlafene Mädchen beugte, verschwand die Gedankenwolke, er musste sein Antlitz erheitern und sein Weib anlächeln – Diesen Abend ging die junge Hausfrau erfreut und zufrieden zu Bette. Die glimmende Kohle des ausgebrannten Kienes glühte noch eine Weile rot in der dunklen Stube, dann verlöschte sie und Finsternis umfasste alles ringsum. Alle schliefen, nur der Grundherr, der neben dem kleinen Paul lag, konnte kein Auge schliessen. Die alten Gedanken kehrten ihm wieder zurück. Er hörte den Atem seines in einen gesunden und tiefen Schlaf versunkenen Söhnleins, er hörte den ruhigen Atem des Weibes und der Hanálka, doch achtete er darauf nicht. Früher, als er diesem Atem lauschte, schlief er selbst ruhig ein – jetzt hörte er auf ihn nicht. Und doch strengte er sein Gehör an, denn er erwartete seine Mutter, ob sie kommen, anklopfen, ihn anrufen würde. Aber nichts wurde laut. Nach einer Weile stand er auf und trat ans Fenster. Im gegenüberliegenden Gebäude bei der Mutter war immer noch Licht. Er lugte aus, wartete – – II Als die alte Kozina abends das Licht auslöschte, legte sie sich zu Bette, schlief aber nicht. Dann kamen plötzlich die zwei Gäste, welche ihr Sohn, der junge Grundherr, bemerkt hatte, und riefen sie hinaus, damit sie ihnen öffne. Sie warf einen langen, mit braunem Tuch überzogenen, mit Lammfell gefütterten Pelz über und öffnete. »Mache Licht!« sprach einer der beiden Männer vor der Türe, und die alte Bäuerin erkannte der Stimme nach ihren Bruder. Christof Hrubý war es, der Erbrichter aus Trasinau, ein Mann von grosser, etwas vorgebeugter Gestalt, in weiten Mantel gehüllt. In der Hand hielt er eine mächtige Čakana, deren oben gelb beschlagener Handstiel im Scheine des angezündeten Kienes blendend glänzte. Als er in die Stube trat, stellte er eine gut beschlagene Eichentruhe, die er unter dem Mantel trug, auf die weisse Ahorntafel des nicht allzugrossen Tisches, der auf einem geschnitzten Untergestelle ruhte. Nachdem er die hohe Widdermütze herabgenommen, wurde sein faltenreiches, aber noch frisches, ernstes, ausdrucksvolles Gesicht sichtbar. Das bereits stark ergraute Haar fiel ihm bis zur Schulter herab und war nur über der Stirne, die es beschattete, gerade zugeschnitten. Die schön gebogene Nase, die immer noch hellen Augen, aus denen Festigkeit und Selbstbewusstsein sprachen, gaben dem stattlichen Greise das Aussehen eines Landedelmannes. Von seiner hohen in einen dunklen Mantel gehüllten Gestalt stach umsomehr sein Nachbar, der Erbrichter von Aujezdl, Georg Syka, ab. Er war ein Mann von nicht grosser, jedoch kerniger und breitschultriger Statur mit einem bis über die Kniee reichenden, langen, schwarzbesetzten Scherkenrocke bekleidet. Die Ausgedingerin im alten, langen Pelze, an dem man noch Spuren buntgestickter Blüten merkte, blickte verwundert die späten und unerwarteten Gäste an. Nichtsdestoweniger wartete sie ruhig ab, bis sie selbst anheben werden. Ihr Bruder begann auch ohne Umschweife zu erzählen. Kurz deutete er an, wie er heute in der Stadt war, und wie er dorten von zwei Stadtschöppen sicher erfuhr, dass die Obrigkeit sich nach den geschriebenen Chodenrechten erkundigte, in der Meinung, sie seien – wie früher auf dem Chodenschlosse – jetzt auf dem Stadtamte in Aufbewahrung. Die Obrigkeit forschte durch Vermittlung ihres Verwalters Koš insgeheim nach; die genannten Stadtschöppen, bei denen die Obrigkeit von Chodenschloss, wie bei allen anderen, nicht beliebt war, vertrauten dies bereitwillig dem alten Erbrichter an. Dieser schlug nun nicht den Weg nach Hause ein, sondern direkt nach Aujezdl, wo beim Erbrichter, welcher im Chodenlande seit jeher die grösste Hochachtung genoss, das Kleinod der »Hundsköpfler«, ihre Privilegien, schon seit der Zeit, da die Choden an weiland den alten Lamminger verkauft worden waren, aufbewahrt wurden. Einige Ältesten der Choden, darunter auch der Grossvater des alten Kozina, erinnerten sich damals noch rechtzeitig ihrer Rechte und eilten in die Stadt, um die Herren von Taus zur Herausgabe ihrer Privilegien zu bewegen. Im Jahre 1585 überliess König Rudolf auf 60 Jahre die Verwaltung der Choden den Tausern als Pfand für eine Anleihe von 37.142 Schock. »Euch hat man uns geraubt – hier nehmet euch sie. Lieber sollt ihr sie haben, als dieser Deutsche!« sagten die Herren Stadtschöppen, und gestatteten den Choden auf ihrem Schlosse jenes Gewölbe zu öffnen, in dem die Truhe mit den »Chodischen Sachen« aufbewahrt war. Seit jener Zeit wurden die Dokumente sicherheitshalber von einem Chodendorfe in das andere überführt, als die neue deutsche Obrigkeit, trotzdem sie die Privilegien nicht anerkennen wollte, dennoch dieselben begierig suchte. Die nicht allzugrosse Truhe, in der die goldene Freiheit verschlossen war, blieb bald bei diesem, bald bei jenem Erbrichter im Verstecke, am häufigsten aber in Aujezdl – und dorten verblieb sie auch seit jener verhängnisvollen Zeit, zu welcher man den Choden das perpetuum silentium auferlegte, bis zum heutigen Tage. Die Obrigkeit tat sodann, als wenn sie nicht mehr darum stehen würde, oder die Sache vergessen hätte, bis sie nun plötzlich wieder begierig darnach fahndet. – Darüber sprachen jetzt in der Ausgedingestube die beiden Chodenrichter mit der alten Bäuerin. Diese hörte beiden gespannt zu, sobald nur einer von ihnen das Wort ergriff. Im ernsten Antlitze der Greisin, dessen Züge auf den ersten Blick verrieten, dass sie die Schwester des alten Christoph Hrubý ist, war in diesem Augenblicke nichts von Furcht oder Schrecken zu sehen. Im Gegenteil, das Gesicht heiterte sich auf, und in den Augen zuckte ein Freudenstrahl auf. »Nun, sie sind also doch noch etwas wert,« liess sie sich hören, und ein sonderbares Lächeln glitt über ihre Lippen. »Gut habt ihr getan, – dass ihr sie mir, einem Frauenzimmer, überbracht habt. – Nun, es schadet nichts, ich werde sie gut aufheben, und auf meine Chaluppe verfällt niemand.« Unterdessen hatte Syka, einen kleinen Schlüssel aus der Westentasche hervorholend, das Kästchen geöffnet, und demselben zuerst ein talergrosses Petschaft an einem kurzen silbernen Kettchen entnommen. Der Erbrichter von Trasinau und seine Schwester beugten sich über das Kästchen und betrachteten die Pergament-Dokumente, die hier schön geordnet und eingepackt lagen. Sodann begann Syka ein Dokument nach dem anderen herauszunehmen und auf den Tisch zu legen. Er war der Übergeber, und darum legte er sie, nachdem er sie vorerst aus dem Papierumschlage herausgenommen hatte, einzeln aus, als ob er sich und die Anwesenden überzeugen wollte. Er hatte sie selbst durch lange Jahre bei sich bewahrt, und so manche Nachtstunde bei ihnen geheim in seinem Stübchen zugebracht, indem er sich mit ihnen so beschäftigte, dass er sie alle, die böhmisch geschrieben waren und die Übersetzungen der lateinischen, gelesen hatte. Die Übersetzungen wurden vor Jahren, zu einer besseren Zeit, als noch die Freiheit grösser war, hergestellt. Der Bibelleser Syka, den die Seinen als eine Art Prokurator betrachteten, legte diese geschriebenen Freiheiten und Bestätigungen der Reihe nach von der ältesten bis zur letzten von Mathias vor. So lagen sie denn hier in einer einfachen Stube im Lichtscheine des Föhrenkienes, diese alten Pergamentblätter, gut zusammengelegt, mit Bändern gebunden, vergilbt, mit braunen Flecken an den Rändern und an den Ecken abgegriffen. Grosse Petschafte hingen da an Seidenschnüren von einst roter und weisser Farbe; aber die Jahrhunderte, die seither verstrichen waren, färbten die weisse Farbe gelblich und liessen das Rot erbleichen. Die Siegel waren gut erhalten, auch das älteste aus farblosem Wachse, auf dem König Johann von Luxemburg in voller Rüstung hoch zu Ross im Sattel abgebildet war, wie er in der Rechten ein Schwert an der Kette und in der Linken den Schild trägt; auch die Siegel aller anderen Könige waren erhalten, jene von Karl, Wenzel, Georg, Wladislaw, Ferdinand, Maximilian, Rudolf und Mathias; die Siegel dieser letzteren waren von hellstem, leuchtenden Rot. Einen Augenblick herrschte in der Stube Stille. Beide Choden und auch die Greisin blickten schweigend hin auf die verhängnisvollen Dokumente, die Jahrhunderte und bessere, glücklichere Zeiten kannten, und Zeugen von Erniedrigung und Leiden wurden. Syka überflog noch einmal ein Blatt nach dem anderen, als würde er sie abzählen, wendete sich sodann gegen Hrubý und sagte: »Kein einziges fehlt.« Der Greis nickte nur mit dem Kopfe. Er äusserte dadurch seine Zustimmung, denn er kannte die Blätter eben von früheren Zeiten her ebenfalls gut. Syka setzte dann noch hiezu: »Das waren andere Zeiten, als diese Pergamente und Majestätsbriefe noch in Geltung standen!« »Nun gelten sie denn nicht mehr?« liess sich rasch die Greisin vernehmen. »Gelten? Sie gelten, und wenn jetzt nicht, so werden sie ein andersmal wieder gelten,« erwiderte bestimmt, ja scharf der alte Hrubý. »Hier ist unser Recht, und dieses ist stark wie die Eiche, und niemand wird es wanken machen, weder Lomikar's Verwalter, noch Lomikar selbst! Unsere Könige waren ganz andere Herren, ihr hier niedergeschriebenes Wort wird wol mehr gelten, als jenes eines eingewanderten Schwaben.« »Wirklich wahr,« bestätigte Syka. »Das möchte er wol wünschen, dass wir ihm sie ausfolgen, damit er sie dann verbrennen kann. Dann würde er erst die Peitsche hervorholen und schreien: ›Springt, Kerle!‹ Aber noch ist dieses nicht ausgelöscht!« und er schlug die lateinische Urkunde des Königs Georg auf, zeigte auf die in ihr auf einem Blatte eingelegte Übersetzung und gerade auf die unterstrichene Stelle: »– Die hochgeborenen Herren oder Wladyken dürfen sie (die Choden) keinesfalls beherrschen, oder sich sie zu eigen machen, oder sich unter ihnen ansiedeln –« »Und dieses gilt auch noch!« Und indem er sich sodann über den Majestätsbrief des Königs Mathias gebeugt, las er eine Weile darin, bis er die erwünschte Stelle fand und zu lesen begann: »– – Und gebieten wir dabei allen Bewohnern aus allen Ständen unseres Königreiches Böhmen und besonders den Räten unserer böhmischen Kammer, den jetzigen und den künftigen, unseren lieben Getreuen, dass sie die vorgenannten, zu unserer Burg oder Feste zu Taus gehörigen Choden, die jetzt leben und die kommenden, nach dieser neuerlichen Genehmigung und Bestätigung ihrer Privilegien, Majestätsbriefe und Freiheiten, sowie diese Rechte in den Urkunden enthalten sind, jetzt und auf ewige Zeiten bei ihnen ruhig belassen, am Gebrauche derselben sie nicht hindern und auch durch andere nicht hindern lassen. Dies alles bei Vermeidung unseres Zornes und unserer nebst unserer zukünftigen böhmischen Könige königlichen Ungnade – – – –« Das Original des Majestätsbriefes des Königs Mathias ist böhmisch. Anmerkung des Übersetzers. Syka erhob die Blicke von der Urkunde, und zu Hrubý und seiner Schwester gewendet sagte er: »Habt ihr gehört? ›Unsere lieben Getreuen‹ nannten in diesen Urkunden in alten Zeiten die Könige unsere Väter, und jetzt schimpft uns jeder Schreiber Kerle und robotpflichtige Bauernbengel, und bildet sich dabei ein, weiss der Teufel, was zu sein! Aber das muss man ihnen zeigen, –« und er wies auf die Privilegien. – »Hätten wir nur diese zwei Urkunden, wir brauchten gar nicht zu zittern, dass es mit allem aus sei. Sie würden vor Recht und Gericht hinreichend sein. Unser ganzes Recht ist darin voll enthalten.« »Dasselbe pflegte unser selige Vater zu sagen,« erwiderte die Bäuerin, »Weisst du dich, Krisl, Christoph. zu erinnern, als diese Truhe noch bei uns war –« »Wie sollte ich es nicht wissen!« bestätigte Hrubý. »Aber es ist an der Zeit, die Urkunden zu verbergen –« »Kommt also rasch!« rief die Greisin. Beide Männer legten die Urkunden wieder in das Kistchen hinein. Als es Syka, nachdem er es geschlossen hatte, vom Tische nahm, seufzte der Erbrichter von Trasinau auf. Seine Schwester hatte um sich geblickt, namentlich nach den Fenstern, und ging sodann voraus in die niedrige benachbarte Tür, in der sie plötzlich stehen blieb. Der Bruder hielt sie an. »Wir hätten vielleicht auch Jan rufen sollen?« Er meinte damit seinen Neffen, Sladký, den jungen Grundherrn. Syka richtete bei dieser Frage die Augen auf die Greisin und harrte offenbar mit Spannung der Antwort. Die Greisin schwieg einen Moment und entgegnete sodann: »Nein, so ist es eben recht.« Syka nickte zufrieden mit dem dicht behaarten Haupte. Die Greisin verschwand sodann in der zur angrenzenden Kammer führenden Tür, und hinter ihr verschwanden auch ihre beiden Gesellschafter. In der Stube war es leer und stille. Nur die Fenster erzitterten leicht, als der draussen heulende Wind heftiger anhob; in diesem Augenblicke loderte auch die rote Flamme des Föhrenkienes lebhafter auf, während seine glühende Kohle sich wand und verlöschend am Ende sich schwärzte. Im selben Momente erschien draussen im Fenster ein Gesicht. Es tauchte plötzlich auf, verschwand jedoch nicht, offenbar, weil in der Stube niemand war. Es blickte da der junge Grundherr selbst forschend in die Stube der Mutter. Die Gäste, die er früher erblickt hatte, waren verschwunden, und ebenso das beschlagene Kistchen. Aus der Kammer neben der Stube ertönte jedoch das dumpfe Echo einiger kräftiger, aber nur einiger weniger Schläge. Dann trat wieder tiefe Stille ein. Als nach einer Weile der alte Hruby, sein weisses Haupt in der niedrigen Tür neigend, mit Syka und der Ausgedingerin wieder die Stube betrat, verschwand das Gesicht des jungen Bauers plötzlich vom Fenster. Der Trasinauer brach sofort auf. Syka wendete sich noch knapp an der Tür und sprach: »Also, wolgemerkt, Bäuerin, was du versprochen hast –« »Um Gottes willen, Leutchen, ich habe es ja mit Handschlag bei Gott gelobt,« antwortete die Greisin ernst und nicht ohne Vorwurf. Bald standen beide Erbrichter wieder vor der Chaluppe. Im Bauernhofe war es finster und still. Der alte Brunnenschwengel unter der Linde knarrte und klirrte. Heimlich, wie sie gekommen, schlichen die Dorfschulzen wieder weg, und doch wurden sie bemerkt. Sie hatten davon freilich keine Ahnung. Als sie vor das Gebäude traten, trug ihnen der Wind einige lustige Töne zu. »Der Wind trägt mir Musik in die Ohren,« sagte Syka, indem er seinen breitkrämpigen Hut an den Kopf drückte. »Da ist sicherlich schon die Spinnstunde um.« Er trat an das beleuchtete Fenster des benachbarten Bauerngrundes und blickte hinein. Dorten in der geräumigen Stube ging es lebhaft und lustig zu. Das Spinnen hatte man in der Tat schon beendet. Die Männer, namentlich die jungen, die hier zusammengekommen waren, hörten die Saatgerste durchzuklauben und die Federn zu schleissen auf, und jeder fasste sein Liebchen, welches die Spindel und den Spinnrocken verlassen hatte, bei der Hand, um zum Reigen anzutreten. Jiskra Řehůřek stand, die Mütze tief im Scheitel, mit in die Stirne herabhängenden Haaren mitten in der Stube und blähte wacker den Blasbalg seines wunderbaren Dudelsackes. Er spielte, dass alles wetterte. Doch nicht allein seine Musik lud und zwang alle zum Tanze, auch seine Bewegungen eiferten an und brachten das junge Volk in Hitze. Er blähte die Wangen auf, lächelte grinsend; drückte hie und da die Augen zu, schloss sie und hob die Blicke wieder zur Decke empor. Er drehte sich auf der Stelle, und die Kniee biegend, wiegte er sich im Takte, stampfte zuweilen mit den Füssen auf; sein Ober- und Unterkörper machte die lustigsten Schwankungen, dann wiegte sich der Spassmacher eine Weile auf einem Fusse und stampfte von neuem auf. Die Alten lachten, die insgesamt leidenschaftlich erhitzten Jungen tanzten und hüpften um den ächzenden Dudelsack herum, dass den Mädchen Zöpfe und Röcke nur so herumflogen. Der Erbrichter von Aujezdl kehrte zu Hrubý, der, die Musik nicht beachtend, langsam in der Finsternis einher schritt, wieder zurück. »Die Leute sind lustig! Wenn sie wüssten!« sagte Syka. »Sie werden es schon erfahren,« antwortete ernst der alte Erbrichter von Trasinau. Als ihn sodann Syka einlud, er möge hier in der Erbrichterei über Nacht bleiben, da es spät sei und man in dieser Finsternis schlecht gehe, schlug er es ab. »Damit alle Welt erfahre, dass ich hier war? Die Finsternis fürchte ich nicht. Gute Nacht!« Syka bog zu seiner Erbrichterei ein. Hrubý schritt gegen Trasinau zu und verschwand alsbald im Dunkel. Nur seine langsamen und schweren Schritte hörte man noch einen Augenblick. Während beide Erbrichter von einander schieden, trat der junge Bauer aus dem schwarzen Schatten der Ecke beim steinernen Tor seines Bauerngutes hervor. Er stand eine Weile still, als blickte er den sich Entfernenden nach, als horchte er ihren Schritten. Dann kehrte er sich um und schritt langsam und ruhig ins Wirtschaftsgebäude. Die lustigen Klänge, die ihm aus der Nachbarschaft nachtönten, beachtete er nicht. Er hörte sie gar nicht. Unbemerkt war er wieder in die Stube eingetreten und ruhig legte er sich nieder. Man hörte den ruhigen Atem des Weibes und der still schlummernden Kinder. Die wenigen tiefen Seufzer des Wirtschaftsbesitzers waren aber viel lauter.   Die alte Kozina heizte in der Früh ein – die grauen Haare hatte sie noch nicht ins Kopftuch gebunden – als der Sohn, der junge Bauer, bei ihr eintrat. Es war zeitlich in der Früh und sehr selten pflegte er um diese Zeit zur Mutter zu kommen. Nachdem er gegrüsst, setzte er sich auf die Bank und betrachtete durchs Fenster den verzogenen Himmel, dann wieder die Mutter, welche ihn sodann über die Kinder befragte, wie Hanálka und Paul bei diesem Sturmwind geschlafen haben? »Gut. Und ihr seid, Mütterchen, bald schlafen gegangen.« »Bald –« »Aber dann habt ihr wieder geleuchtet. Ich sah hier Lichtschein –« Dabei blickte er forschend die Mutter an. »Es war so ein Sturm. Ich fürchtete mich, dass etwas geschehen könnte –« Das sagte sie ganz gelassen, gleichgültig. Der Sohn blieb noch eine Weile und wartete. Aber die Mutter liess kein Wort über den gestrigen Abend fallen und sprach nur über alltägliche Dinge. Er selbst berührte ihn auch mit keinem Worte. Enttäuscht ging er dann fort und verbittert dachte er bei sich: »Nicht einmal die eigene Mutter traut dir!« – – III Die Chaluppe des Jiskra Řehůřek stand etwas abseits vom Dorfe, fast am Waldessaume. Sie hatte schon ein Geschlecht überdauert, aber man sah es ihr nicht an. Die Holzwände und der hölzerne Giebel wurden mit der Zeit freilich ziemlich braun, aber zu dieser ihrer Farbe passte im Winter das schneeweisse, verwehte Dach, und im Sommer der grüne Baldachin zweier neben dem Gebäude stehenden Eschen sehr gut. Im Holzgiebel war eine nicht allzugrosse gezimmerte Pawlatsche, und auf dieser stand Dorla, Jiskra's Weib, und hängte auf eine Querstange der Pawlatsche, Sträusse reifer roter Vogelbeeren, damit sie hier, bis jetzt Fröste eintreten, hübsch durchfrieren. Sie war um einige Jahre jünger als ihr Mann und sah noch stattlich, jung wie ein Mädchen aus. Als sie ledig war, wurde sie sehr umworben und konnte genug wählen. Sie schlug alle, auch reiche Burschen aus und wählte den lustigen Dudelsackpfeifer. Bis zur Stunde hatte sie ihre Wahl nicht bereut, nur das wünschte sie sich oft im Geiste, dass sie entweder Jiskra zu etwas anderem als zu einem Dudelsackpfeifer machen möchte, oder dass er wenigstens mehr zu Hause bleibe und nicht so viel herumschweife. Oft, oft dachte sie auch an ein Kind, es würde ihr dann nicht so bange sein. – Heute war ihr Jiskra daheim. Davon zeugten die lustigen Töne, welche aus der Stube erklangen. Er selbst lockte sie nicht hervor; sein Schüler versuchte ein Tanzstück zusammen zu bringen. Jiskra war noch ein junger Dudelsackpfeifer, sein Ruhm war aber schon weit über das Heimatsdorf in die Nachbarschaft hinausgedrungen, und die Alten pflegten, wenn sie von ihm sprachen, zu sagen, er werde ein zweiter Kuželka von Hochwartl werden, dem im ganzen Chodenland, ja im ganzen Pilsner Kreise, in Bezug auf das Dudelsackspiel niemand gleich kömmt. Viele und gar sonderbare Dinge erzählte man sich von dem letzteren, obzwar er schon vor Jahren gestorben war, wie schön er spielte, so dass bei seinem Spiele ein Knüttel im Sacke tanzte, wie er in Prag bei Hofe bewiesen habe, was er könne, damals als man dort den König krönte, und als die Choden noch im Besitze ihrer Rechte waren. Man erzählte vom seligen Kuželka aus Hochwartl auch, wie er einmal, als er ordentlich benebelt war – und welcher Dudelsackpfeifer hielte es ohne Erfrischung aus – spät in der Nacht im Walde in Schluchten sich verirrt hat und wie er dort in die Wolfsgrube gefallen ist, wie dorthin dann zähnefletschend auch ein allerliebster behaarter Gast gekommen war, dem er bis zur Morgendämmerung aufgespielt hat, bis der Heger, durch Musik und ein Mark durchdringendes Geheule angelockt, den Dudelsackpfeifer von dieser Qual erlöste. Kuželka aus Hochwartl war der Vater und Meister aller Dudelsackpfeifer der Umgebung. Bei ihm hatte auch der alte Řehůřek seine Ausbildung genommen, bei diesem sein Sohn Jiskra, und dieser hatte auch schon einige Schüler. Er lehrte Violine spielen und Dudelsack pfeifen, obzwar er nicht einmal Noten kannte. Was immer man ihm vorgesungen, das spielte er auf diesem oder jenem Instrumente nach. Wenn ihn im Gasthause lustige Tänzerinnen umstellten, ihre Tücher schwenkten, und eine von ihnen mit heller Stimme ein Liedchen anstimmte, das, funkelnagelneu, bisher von niemandem gehört, sowol der Weise als dem Text nach unbekannt, vielleicht erst gestern oder in diesem Augenblicke lustiger Erregung entstanden war, da pflegte Jiskra-Řehůřek schweigend dem ersten »Vers« zu lauschen, lächelnd, mit dem Kopfe nickend und nur mit dem Schuh leicht im Takte bewegend; wie aber die Sängerin sich anschickte, die zweite Strofe anzustimmen, pielte schon Jiskra die Melodie auf der Violine, sein Genosse, der graue Vater, hinter ihm auf dem brummigen Dudelsack, und die Burschen fassten die Mädchen und begannen den Reigen. Damit sie es ebenso treffen und was immer zu spielen im Stande seien, dazu leitete er seine Schüler an, und in diesem Momente den Kuba Konopik, einen kraushaarigen, etwa sechzehnjährigen Burschen mit vollen roten Wangen. Er war ein Anfänger, dem Jiskra den ganzen Dudelsack noch nicht anvertraut hat. Kuba Jakob. pfiff bisher nur an der Vorderpfeife des Dudelsackes. Auf ein gegebenes Zeichen verstummend und vor dem auf der Tischbank sitzenden Jiskra stehend, wartete er, was der Meister sagen werde. »Höre, Kuba, noch eins werde ich dir sagen, und dies wirst du mir vorspielen. Weisst du: »Wie der Herr Pfarrer brav Predigen kann!« und der Meister stimmte die Melodie an. Kuba fing an, da unterbrach ihn aber Jiskra. »Dorten kommt der Bauer Kozina zu uns auf Besuch. Lauf nach Haus. Morgen komm wieder um diese Zeit.« Kuba liess sich das nicht zweimal sagen. Im Nu war er aus dem Gebäude. Jiskra war aufgestanden und blickte zum Fenster hinaus, den sich nähernden Gast, den er schon von weitem, erkannte, erwartend. In diesem Augenblicke liess sich hinter dem Herde ein Geräusch vernehmen. Auf einem armseligen Lager, auf dem er bis dahin ruhig gelegen, richtete sich dort ein Mann mit langen, stark melierten Haaren auf, der alte Vater des Dudelsackpfeifers. Er war blind und anscheinend kränklich, denn er hustete und sprach schwer Atem schöpfend: »Ist etwas los, dass zu uns Kozina zu dieser Zeit kommt? –« »Nein, Vater, ich weiss nicht; vielleicht geht er nicht einmal zu uns, sondern nur so vorbei.« Draussen liessen sich Stimmen vernehmen. Dorla sprach, über die Pawlatsche sich beugend, mit dem jungen Wirtschaftsbesitzer, der sie fragte, ob Jiskra zu Hause sei. Im Momente stand schon der Dudelsackpfeifer lächelnd an der Schwelle und lud den Gast, er möge eintreten. Lange nötigte er ihn aber nicht, denn da er Kozina gut kannte, erriet er sofort, dass dieser nicht ohne Grund zu Besuch kam, sondern ihm etwas im Vertrauen sagen möchte. »Wenn du in den Wald gehst, will ich dich ein Stückchen begleiten –« trug sich der Dudelsackpfeifer selbst an. »Ja, ich will 'mal nachschauen, wie viel Bäume dieser Sturm entwurzelt hat.« Jiskra, der in die Stube einen Sprung um die Mütze gemacht hat, schlug den Weg zum schwarzen Kiefernwalde ein, ohne darauf zu achten, dass er dadurch Dorla, die inzwischen von der Pawlatsche über den Boden in das Vorhaus herunter gekommen war, keine grosse Freude bereitet. »So macht er's immer. Entweder lauft er selbst herum, oder aber, wenn sich jemand hieher verirrt, führt er ihn noch weg. Der Bauer hat sicherlich in die Stube gehen wollen.« So klagte sie, nachdem sie die Stube betreten hatte, über den Mann dem alten Schwiegervater, welcher neuerdings nach Kozina fragte. Als er hörte, dass dieser schon fortgegangen ist, legte er sich schweigend wieder nieder. In seinem Gesichte malte sich eine unliebsame Enttäuschung. Wer immer hieher in diese Einschichte einkehrte, war dem Greise besonders willkommen, denn mit jedem Besuch vergingen ihm die Augenblicke der unendlichen, durch Blindheit verbitterten Zeit schneller; besonders gerne empfing er aber den jungen Kozina, seinen Woltäter und Retter, der ihm vor zehn Jahren das Leben gerettet hat. Damals ging der alte Řehůřek nach Chodenschloss, wo er statt eines erkrankten Dudelsackpfeifers spielen sollte. Oberhalb Chodenschloss, als er durch den Wald Křižinovec ging, hielten ihn zwei Jäger, beide Schwaben von der Chodenschlosser Herrschaft, an. Beide waren bereits tüchtig angefeuchtet, denn sie beherrschten die Zunge nur mit schwerer Mühe. Zur Verspottung des armen Dudelsackpfeifers gebrauchten sie dieselbe aber eben noch gut genug. Zuerst verhöhnten sie Řehůřek, als er sie aber abgefertigt hatte und weiter gehen wollte, befahlen sie ihm, ihnen auf der Stelle vorzuspielen und schimpften ihn einen Bauernbengel und elenden Robothund. Da wallte im Dudelsackpfeifer das Chodenblut auf; barsch antwortete er und erschrak auch dann nicht, als ihn die beiden Schwaben wie wütende Bären angriffen. Rasch warf er sein Instrument von der Schulter und wehrte sich; er hatte jedoch nur blosse Hände, sie dagegen jeder einen Hirschfänger. Damals wäre er sicherlich zu grunde gegangen, doch als es am ärgsten war, als er blutüberströmt zu Boden sank, brach aus dem Dickicht Kozina's Wolf hervor und sprang sofort auf einen der rohen Gesellen. Seinem Hunde folgte sozusagen auf den Fersen der junge Kozina, der dem anderen Angreifer mit der Čakana einen Hieb versetzte und so ausgiebige Hilfe brachte. Die Wüteriche schlug er in die Flucht, den Řehůřek, der bewusstlos war, trug er nach Hause. Damals hatte der alte Dudelsackpfeifer in der Rauferei ein Auge eingebüsst; das andere entzündete sich sodann, als er noch von Wunden bedeckt darniederlag, und er erblindete bald auch auf dieses. Seit jener Zeit führte er ein trauriges und einförmiges Leben und erheiterte sich nur dann, wenn ihn der Sohn in die Schenke oder zur Abendunterhaltung nach der Spinnstunde mitnahm, damit er die Primgeige spiele, oder aber wenn er statt des Sohnes zu Hause »lehrte«. Seit jener Zeit war der junge Řehůřek-Jiskra Kozina gegenüber noch anhänglicher. Er war ihm dafür dankbar, dass er sich des Vaters so angenommen hat, und auch dafür, dass er den Greis auf verschiedene Weise während der Krankheit unterstützte und öfter mit manchem seiner gedachte. Der Sohn aus dem reichen Bauerngrunde, der Sprosse einer alten und geachteten Familie, war dagegen seit seinen Kinderjahren dem witzigen Sohne des Dudelsackpfeifers zugetan. Schon damals, als er die Herde weidete, hatte er immer den Řehůřek bei sich. Mit ihm war er überhaupt am liebsten, und falls er einen Besuch vor hatte, schlug er immer den Weg zur einsamen Chaluppe des Dudelsackpfeifers ein. Als sodann beide zu Burschen herangewachsen waren, die schon Mädchen nachsteigen durften, wurde Jiskra der Vertraute des Jan, und als sich der junge Kozina verheiratete, wurde das Band der beiden jungen Männer durch diese Heirat, um die sich der arme Dudelsackpfeifer genug verdient gemacht hatte, noch enger geknüpft. Der junge Wirtschaftsbesitzer hatte zu niemand ein solches Vertrauen, wie zu ihm und nahm auch von niemandem so viel an als von ihm. Jetzt schritten sie miteinander zum Walde. Nach der stürmischen Nacht war ein schöner, sonniger Tag, wie solche im November selten zu sein pflegen, angebrochen. Die noch zeitlich früh am Himmel herumtreibenden Wolken waren verschwunden, Die Sonne leuchtete auf und in der geklärten Luft zeichneten sich die Bergwipfel des Böhmerwaldes und des oberpfälzischen Waldgebirges. Aus den Waldestiefen ertönte hie und da ein langes und dumpfes Getöse. Die beiden jungen Choden achteten auf nichts. Schweigend schritten sie neben einander, jeder in seine Gedanken versunken. Sonst hätte Jiskra mit einem Scherze das Gespräch eingeleitet, aber heute – wie er seinen Genossen nur zu gut kannte – wäre so etwas nicht am Platze gewesen. Er sah, dass dem jungen Bauer etwas Ernstes widerfahren sei. Als sie den Waldesrand erreicht hatten, blieb der Dudelsackpfeifer seinem Kameraden gegenüber stehen, blickte ihm eine Weile mit seinen aufrichtigen lustigen Augen ins Gesicht, dann schlug er ihn auf die Schulter und sagte herzlich: »Ei, Kamerad! Du bist ja heute ganz verstimmt! Was geht denn vor?« »Jiskra, schenke mir reinen Wein ein. Was sagen die Leute von mir? Dass ich ein schlechter Kerl bin, nicht wahr?« »Närrischer Kauz, warum glaubst du dies?« »Es traut mir ja nicht einmal die eigene Mutter –« »Ei, wieso denn?« Während er so sprach, blieb Kozina, der um einige Schritte voraus war, wieder stehen und kehrte sein verfinstertes Gesicht dem Dudelsackpfeifer zu, ihn mit seinen scharfen Augen fest ansehend. »Ich muss es dir sagen! Wie ein schwerer Steinblock lastet es auf meiner Brust. Für eine Memme hält man mich. Syka, der Trasinauer Onkel, die Mutter, alle und du vielleicht auch! Aber ihr seid noch grössere Memmen, weil ihr mir dies keiner sagt. Heilige Jungfrau! Wenn ihr wüsstet –!« »Aber Jan, bist du von Sinnen, dass du so sprichst?« »Es wäre kein Wunder – doch höre, Jiskra! Bis ich dir gesagt haben werde –« Er hielt eine Weile inne und begann sodann zu erzählen. Beide schritten wieder langsam den Waldrand entlang. Der Grundbauer besprach den gestrigen Abend, erzählte, wer zu seiner Mutter ins Ausgedinge gekommen war, was er dort sah, wie er fortwährend abwartete, bis man ihn auch holen werde, wie sie weggegangen waren, als gäbe es ihn gar nicht im Bauerngrunde, wie auch die Mutter früh alles in Abrede stellte, weil sie ihm misstraue. Er sprach im Eifer, je weiter desto heftiger. »Einem alten Weibe gegenüber hegt man Vertrauen, aber mir gegenüber nicht. Sie tun es zwar nicht grundlos, aber so mussten sie doch nicht handeln. Seit ich Hančí geheiratet, dachten sie, der Kerl hat schon ein anderes Blut, er ist nicht mehr der, der er früher war. Einst war er auf die Herren wie der Teufel, jetzt würde er tanzen, wie sie es wollen, und wenn es einen Tanz auf dem Turmknaufe gelte. Es ist richtig, Jiskra, ich war früher anders, manches hat sich geändert. Früher war ich zu allem entschlossen, es war mir an gar nichts gelegen. Ich habe den Herren auch arge Streiche gespielt; jetzt fürchte ich aber, dass ich mich zu weit wagen könnte, und was wäre die Folge davon? Ich würde Weib und Kinder schädigen und, Jiskra, du ahnst nicht, was das ist: seine Kinder zu lieben! Und doch kochte wieder alles in mir auf, als ich sah, was die Herren mit uns treiben, wie sie uns samt unseren Rechten in den Kot gezerrt haben. So habe ich mich ununterbrochen nach beiden Richtungen hin gequält, ja sehr oft wollte ich schon den Anfang machen und von mir hören lassen, als ich des seligen Vaters gedachte. Weisst du dich noch zu erinnern, als wir damals aus Wien die Nachricht erhielten, dass unsere Rechte nichts mehr gelten? – ich war noch ein Knabe – als ich in der Stadt Taus. auf unserem Schlosse war. Es wurde dort die Zuschrift verlesen, wonach den Choden ein perpetuum silentium – wie sie lateinisch sagten – befohlen wurde. Ei, gut merke ich mir diese Worte. Es wurden dahin alle Chodenrichter und Ältesten aus den Dörfern berufen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie sie schrieen, als ihnen diese Zuschrift vorgelesen wurde, und das grösste Geschrei entstand, als ihnen der Kreishauptmann auferlegte, sie sollen immerdar schweigen, wie es diese zwei lateinischen Worte besagen. Sie glaubten es nicht, und unser Vater auch nicht. Und mich nahm der selige Vater bei der Hand und sagte: »Komm rasch, Knabe!« Wir gingen sodann in die Dechantei zum Herrn Dechant. Diesen fragte unser Vater, was diese lateinischen Worte in unserer Sprache bedeuten, und als der Herr Dechant ganz dasselbe gesagt hat, wie der Hauptmann auf dem Schlosse, griff unser Vater nach seinem grauen Kopf, weinte und wehklagte. Und auf dem ganzen Heimwege klagten und fluchten die Alten, am meisten jedoch auf dieses perpetuum, weil dies das grösste Unrecht sei, einem so die Gegenwehr zu verbieten. Einige Tage war unser Vater, als ob er stumm wäre, er schwieg, bis er einmal aus dem Walde heim kam, die Čakane heftig auf den Tisch schleuderte und ausrief: »Da gibt es kein Amen! Es wird schon wieder jemand anfangen, doch dann wird Blut fliessen!« Der junge Grundbauer seufzte tief auf, blieb stehen und verstummte auf eine Weile. Seine Augen waren voll Feuer, seine Wangen tief gerötet. »Diese Begebenheit konnte ich, lieber Freund,« hob er wieder an, »nimmer vergessen. Schon als Knabe dachte ich stets und immer daran, und je später desto mehr. ›Jemand muss anfangen,‹ so summte es mir fortwährend im Kopfe, auch nachts während des Schlafes, und es kam mir der Gedanke, es sei vom lieben Gott bestimmt, dass ich den Anfang mache. Ich erinnerte mich dessen, was der Vater gesagt hatte, es werde Blut fliessen. Um mich selbst fürchtete ich nicht. »Sollen sie dich niederhauen, wenn nur allen anderen geholfen wird,« dachte ich mir. »Warte, bis du Grund- und Wirtschaftsbesitzer bist –« pflegte ich mir zu sagen, und sie – doch du weisst es ja! Der Hančí wegen habe ich auf die ganze Welt vergessen – und dann kamen noch die Kinder. Doch die alten Gedanken gaben mir nicht Ruhe. Vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung regten sie sich. Und was habe ich erreicht? Das Beste strebte ich an und erzielte so viel, dass mir nicht einmal die Mutter traut, als wäre ich gar kein echter Chode –« »Du brauchst nicht gleich das Schlimmste zu denken. Es war nachts –« »Darüber wirst du mich nicht hinwegtrösten!« »Wozu grämst du dich? Bis die Zeit kömmt –« »Nun ja, du bist auch einer von den vielen bei uns! Bis die Zeit kömmt, bis wir alles verschlafen haben –« »Ich will nichts verschlafen. Es ist ja nur meine Ansicht: ein hastiger Hund rennt dem Wolf ins Maul –« »Und mit Beschwichtigungen wirst du ihn erst nicht bezwingen. Es wird schon dazu kommen. Jemand muss den Anfang machen, wollen wir nicht Sklaven sein. Und die werden wir nicht sein!« setzte er heftig hinzu. »Meinst du, jetzt wäre die Zeit gekommen?« »Wenn die Herren unsere Majestätsbriefe suchen, so muss jeder Dummkopf erkennen, dass sie noch gültig sind. Jetzt ist es an der Zeit. Wenn die Erbrichter nicht anfangen und diese »Parkamente« nur hüten wollen, melde ich mich selbst zum Worte. Gott befohlen! So nahm ich es mir heute nachts vor.« Beide kehrten sich nun um. Jemand rief sie mit mächtiger Stimme an. Unten am Feldstege sahen sie einen Mann von Riesengestalt, der ihnen, als er verstummte, mit seiner offenbar stark mit Metall beschlagenen, weil in der Sonne wie eine blanke Waffe glitzernden čakana zuwinkte. Nach der Donnerstimme und der grossen Gestalt erkannten sie sofort, dass es Mathias Přibek sei. IV Einen grossen, steifen breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, stand er auf dem Feldrain bei einem laublosen Hagedornstrauch, dessen rote Frucht hie und da sich schon bräunlich färbte. Der Wind spielte leicht wehend mit seinem langen Haar, mit der knopflosen aufgelösten Scherke, die auf dem Halse nicht verbunden war, und den Riemenenden der bis an die Knie reichenden Lederhose. Obzwar die Sonne schien, war es doch ziemlich kühl, und der Wind trug zur Wärme auch nichts bei. Trotzdem zog Mathias Přibek seinen weissen langen Rock nicht an den Leib an, ja er knöpfte nicht einmal die halb geöffnete Leibweste ganz zu. Seine starke, breite Brust vertrug offenbar den Hauch frostigerer Winde, als der war, welcher eben vom Walde über den öden Abhang strich. Das ruhige, ernste, faltenreiche Antlitz Přibek's war erwartungsvoll Kozina und seinem Genossen zugewendet. Die Lippen des breiten Mundes waren so fest zusammengepresst, dass sich unterhalb der Unterlippe über dem mächtigen Kinn des bartlosen Gesichtes eine lange Falte hinzog.   So stand hier ernst, unbeweglich, einer Statue gleich der letzte Fahnenträger, und rührte sich auch dann nicht, als er den herankommenden Kozina ansprach: »Wo schwärmst du denn, Kozina, herum, während man dir die Marksteine niederhaut?« Diese, mit scheinbarer Gleichgültigkeit vorgebrachten Worte brachten den jungen Bauer plötzlich zum Stehen. »Mir? Und wo?« »Dorten, bei den Lehmgruben –« »Und wer?« »Die Herren –« Kozina war wie vom Blitze getroffen. Aufgebracht und doch noch zweifelnd, ob er die Wahrheit vernommen, heftete er seine staunenden Augen auf den alten Choden, der hinzusetzte: »Gewiss, so ist es. Ich ging vorbei. Es sind der Verwalter von Chodenschloss und die Chodenschlosser dort.« »Dass sie der Kuckuck!« schrie Jiskra zornig. Sein Genosse kehrte aber beim letzten Worte Přibek's, als ob ihn eine Schlange gebissen, um und flugs eilte er in der Richtung des angedeuteten Feldes. Dieses Feld wurde später »Kozinovská« genannt, und erhielt sich dieser Name bis auf unsere Tage. Das Volk erzählt sich, dass die neunte Generation auf dem Kozinischen Bauerngrunde dieses gewaltsam geraubte Feld wieder zurückerhalten werde. Der Dudelsackpfeifer setzte ihm nach. Sie rannten, als wenn es im Dorfe brennen würde. Die Nachricht von einem Dorfbrande hätte auf Kozina kaum so heftig eingewirkt. Mathias Přibek blickte den Eilenden nach und dachte: »Dass man dich – Kozina's Bürschlein – nur nicht wie eine junge Katze von der Milch wegjage!« Am Fusse jener Anhöhe, hinter der Aujezdl in der Nähe von Chodenschloss liegt, stand am Saume des Ackerfeldes eine alte, stämmige Linde. In der kahlen Krone rauschte es laut, gleich tiefem Geseufze. Es waren schon die letzten Seufzer. Tiefer und tiefer drang die ächzende, zähnige Säge in den mächtigen Stamm des altersgrauen Baumes ein. Durch einen tiefen Einschnitt hatten ihr Äxte vorher den Weg geebnet. Unter der Linde standen drei Männer: der Chodenschlosser Verwalter und zwei vierschrötige Taglöhner. Alle verfolgten gespannt die Arbeit zweier Knechte, welche kniend und im Gesichte ganz rot, eilig die Säge handhabten. Gegenüber, im nahen Chodenschlosse, liefen die Leute aus den Häusern und sahen mit Verwunderung zu, was da mit der Kozina'schen Linde vorgehe. Das ist ja ein neuer Gewaltakt der Obrigkeit! Wer sonst würde sich überhaupt auf einen so alten, Jahrhunderte lang hier stehenden Baum heranwagen, ganz abgesehen davon, dass er schon dadurch geheiligt ist, dass er Güter trennt und seit jeher den rechtlich anerkannten Grenzstein bildet. In uralten Zeiten wurden, wie in Böhmen überall, so auch im Chodengau »Bäume als Grenzsteine gesetzt«, und als Zeichen hiefür wurden in ihre Stämme Kreuze eingehauen. Von Zeit zu Zeit, oder je nach Bedarf, wurden sodann diese »Grenzsteine begangen«. Doch die dorten achten auf solche Dinge nicht und scheuen auch vor dem am Baume hängenden Kreuze nicht zurück. Und doch verkündet dieses Kreuz: »Du sollst nicht begehren, was deines Nächsten ist!« Doch plötzlich hielten alle bestürzt inne und der Verwalter runzelte die Stirne. Die Säge verstummte; alle wandten sich nach der Seite, von der sie mächtig angerufen wurden. Wie ein Sturmwind kam vom Abhange der junge Kozina herabgeflogen. Jiskra Řehůřek ihm nach. Ganz erhitzt und gerötet hielt er unter dem Baume inne. Einen Augenblick herrschte tiefe Stille. Nur die Linde rauschte düster. Das Gesinde blickte vom Verwalter auf Kozina, der einen Moment vor Aufregung sprachlos war. Er zitterte, seine Augen sprühten, endlich donnerte er die Arbeiter an: »Wer hat euch das erlaubt?« »Niemand. Die Obrigkeit hat es angeordnet, befohlen!« fertigte ihn der Verwalter ab, das Wort »befohlen« mit besonderem Nachdruck betonend. Er kehrte sich sodann den Knechten zu und ordnete kurz an: »Weiter sägen –!« »Nicht mehr anrühren!« schrie Kozina. Seine Gestalt richtete sich auf, als wenn er plötzlich gewachsen wäre. »Ich bin die Obrigkeit, ich bin der Herr hier. Dieser Baum ist mein, dies ist mein Boden. Ihn hatte mein Vater, mein Gross- und Urgrossvater –« »Und dir wird er nicht mehr gehören! Man hat in den Schriften vorgefunden, dass dieses Feld der Herrschaft gehöre!« »Diese euere ›Schriften‹! Dort stand es auch, dass unsere Majestätsbriefe null und nichtig sind – haha! Alles habt ihr uns genommen, Leibeigene habt ihr aus uns gemacht und jetzt würdet ihr uns noch das Stückchen Boden rauben, das uns nährt. Diebe! Nicht einmal vor diesem heiligen Kreuze scheuet ihr zurück!« »Wirst du schweigen!« schrie der Verwalter. »Auch noch schweigen! Wir haben unsere Rechte und Majestätsbriefe! Mit welchem Rechte ihr –« »Mit dem Herrenrechte, verwünschter Kerl! Deine Majestätsbriefe nützen dir so viel, dass wenn dir auf dem Schädel ein Baum aufwachsen würde und wir anordneten: er wird zerschnitten, so musst du wie ein Klotz still halten, ohne einen Mukser, ohne einen Rucker!« »Nun, das werden wir ja sehen!« Und schon war er knapp an den Stamm herangetreten und stiess mit einem kräftigen Schrei auf einmal einen der Knechte von der Säge. Jiskra Řehůřek, der ihm nachgeeilt war, mahnte zur Mässigung. Im selben Momente sprang aber auch schon der Verwalter, wie gehetzt, hinzu und packte den Bauer, um ihn wegzuschieben. Kozina stiess ihn, dadurch in Wut gebracht, so heftig zurück, dass der Verwalter taumelte. »Packe dich, du herrschaftlicher Kater, sonst erwürge ich dich noch!« schrie der junge Bauer, gleichzeitig stürzten aber auch schon die Knechte auf des Verwalters Geheiss auf Kozina los. Als Jiskra sah, dass der Streit in Tätlichkeiten auszuarten beginnt, gab er seine Beschwichtigungsversuche auf; mit einem Sprunge war er beim Freunde und half diesem mutig gegen die Übermacht von sechs Männern. Unter der angesägten Linde entbrannte ein heisser Kampf. Beide Choden wehrten sich, obwol ohne Waffen, wacker, und namentlich mit dem muskulösen Kozina hatten die vierschrötigen Holzspalter einen heissen Kampf. Bezwingen konnten sie ihn nicht. Doch dies dauerte nur kurze Zeit. Dieses Ringen ging über menschliche Kraft. Jiskra war bereits zu Boden gesunken. Liegend wehrte er sich noch gegen den ihm auf der Brust knienden Knecht. Kozina stand noch aufrecht, doch rann ihm das Blut schon in Strömen über die Wangen. Um diese Zeit ertönte von der Anhöhe, in der Richtung gegen Aujezdl, eine Donnerstimme: »Halt! Rasch halt! Sonst gibt es einen Mord!« Die Riesengestalt Mathias Přibek's tauchte dort auf. Ernsten und langen Schrittes, ging er, wie immer, den Abhang herab, die Čakane bereit haltend, als wolle er zum Schlag ausholen. Als er seinen Ruf dort unten absichtlich oder unabsichtlich unbeachtet sah, beschleunigte er seine Schritte und schrie mit seiner weithörbaren Stimme: »Einen Augenblick nur noch, Kozina's Sohn, ich komme schon!« Der Kampf unter der Linde entbrannte in diesem Momente von neuem. Die Choden spannten die letzten Kräfte an. Jiskra gelang es, sich seinem Besieger zu entwinden. Er sprang auf die Beine und suchte, Schläge austeilend, zum Freunde zu gelangen, um den ein lebendiger Knäuel von Angreifern herumwogte, und ein Gewirre von Geschrei und Flüchen wütete. Schon, schon schwankte Kozina; doch da fühlte er sich plötzlich frei. Die Stimme von der Anhöhe erdonnerte jetzt knapp bei ihnen; zwei Knechte und der Verwalter selbst sprangen zur Seite, als sie Přibek's ansichtig wurden, desgleichen die übrigen, als sie Přibek's eichene Čakane über den Köpfen und am Rücken verspürten. »Herrschaftliches Gesindel ihr! Zuerst bestehlet ihr den Menschen und dann wollt ihr ihn auch noch erschlagen!« schrie Přibek und schlug mit der Čakane so heftig um sich, dass der Verwalter samt seiner Begleitung, um den Schlägen zu entgehen, schnell das Weite suchte. Bald nachher herrschte unter der Linde Ruhe, und als Přibek, der das herrschaftliche Gesinde und den Verwalter noch eine Strecke Weges »begleitet« hatte, wieder dorthin zurückkehrte, legte Jiskra, der seinen Körper selbst nicht mehr gut spürte, seinem Freunde auf die Kopfwunde den Verband an. Kozina war leichenblass. Als der alte Přibek an ihn herangetreten war, reichte er ihm die Hand und sagte: »Grüss' dich Gott! Schade, dass ich nicht früher gekommen bin.« Sein Blick fiel auf die tödlich verwundete Linde. »Es würde auf eines ausgehen,« antwortete Přibek. »Und jetzt komm rasch nach Hause, du hast viel Blut verloren.« »Es floss also schon,« sagte Kozina wie zu sich selbst, doch laut, und betrachtete in Gedanken versunken die Rechte, die sich rot gefärbt hatte, als er mit ihr das aus der Wunde quellende Blut auffangen wollte. Der Dudelsackpfeifer verstand ihn gut. Als sie fortgingen, sah sich der Bauer noch einmal nach der Linde um. Seine Vorfahren pflegten in ihrem Schatten zu ruhen, er selbst sass unzähligemal mit seinem greisen Grossvater im Somer zur Erntezeit mit den Schnittern hier; einige Geschlechter fanden in ihrem Schatten gastfreundliche Aufnahme, der Familie und allen in der Umgebung war sie lieb und bekannt, manch' eine Sage erzählte von ihr: und so verfuhr mit ihr die Hoffart der Herrschaft! »Ich war schon auf dem Heimwege begriffen, aber es fiel mir dann ein: Kozina's Bursche ist hitzig und jener dorten gibt es viele. Vielleicht kann das schlimm werden. Und so kehrte ich denn um,« erklärte Přibek zur Rechten des jungen Wirtschaftsbesitzers einherschreitend, während Jiskra links von ihm ging. Beim Dorfe angelangt schieden sie von einander. Přibek schritt direkt nach Hause, Kozina ging hingegen in die Einschichte des Dudelsackpfeifers, um dort das Blut von seinen Händen zu waschen. Er wollte seine Hančí nicht erschrecken. Dennoch schrie sie vor Schrecken laut auf, als er unverhofft mit verbundenem Kopfe in die Stube trat. Lächelnd suchte er das besorgte Weib zu besänftigen. Er hörte aber bald auf, und nachdem er sich am Bette niedergesetzt hatte, senkte er den Kopf. Das Weib, welches Wasser und Umschläge bereitete, wunderte sich diesmal nicht, dass ihr Mann so plötzlich verstummte und in trübes Nachdenken verfiel. Sie dachte, dass die Wunde daran schuld sei. Dem war aber nicht so. »Da handelt sich's ja schon ums Leben und nicht nur um die Rechte. Es gibt kein Zaudern mehr!« und »es ist dir vom lieben Gott beschieden!« klang es immer wieder von neuem und mächtiger in der Seele des jungen Bauers. In diesem Augenblicke vernahm man kleine, rasche, trippelnde Schritte; der kleine Paul kam von der Grossmutter herübergelaufen, und ihm hüpfte die blondhaarige Hanálka nach. Wie die Kinder den Vater erblickten, liefen sie schreiend auf ihn zu und umarmten ihm die Knie. Er hob sie empor, setzte sie auf seine Knie und zog sie an sich heran. Da trat auch schon seine alte Mutter herein. Sie hatte so eben die Neuigkeit erfahren, dass die Herren die alte Linde Kozina's gefällt haben sollen. Mehr wusste sie nicht. Durch diese Nachricht ganz aufgeregt, blickte sie finster drein, als sie den Sohn mit den Kindern spielen sah. »Die alte Linde bei den Lehmgruben haben dir die Herren gefällt!« rief sie strenge. Der Sohn hob das Haupt. »Ich weiss –« Jetzt erst bemerkte sie seinen Verband. »Du hast den Kopf verbunden –« »Dort bei der Linde habe ich mir die Wunde geholt« antwortete er ruhig. »Du hast sie verteidigt?« »Aber nicht erwehrt –« Die alte Bäuerin, die von der Tür gegen das Bett zuschritt, blieb auf diese Worte stehen und ihr Blick ruhte voll Erstaunen auf dem Sohne. Dann fragte sie, das Schweigen unterbrechend, mit einer Stimme, die nicht mehr so rauh klang: »Hast du eine böse Wunde?« Er schüttelte den Kopf – Um diese Zeit stand die alte Linde bei den Lehmgruben nicht mehr. Das Herrschaftsgesinde hatte sie gefällt, nachdem es nach dem Abzuge der Choden zurückgekehrt war. Weil sich aber allmählich bereits die Dämmerung herabsenkte, liess man den hundertjährigen Baum auf der Erde liegen. Er lag hier wie ein überwundener Riese und die ganze Nacht hindurch hörte man ihn tief seufzen und klagen. V Die Přibek's waren, was Besitztum anbelangt, in Aujezdl nicht unter den ersten. Auch ragte ihr Bauerngut durch seine Bauart durchaus nicht hervor. Es war aus Holz erbaut, alt und schon bedeutend herabgekommen. Eine Steinmauer mit einer Türe umfasste seinen Hof in der Stirnseite. Gleich neben der Türe erhob sich ein gewölbtes Tor, das mit einem Schindeldach gedeckt war und auf hölzernen groben Tragsäulen ruhte. Unten im Tore war eine alte abgenützte Stampfmaschine Kleinere Hausstampfmaschinen zur Graupenerzeugung, die im Chodengebiete einst allgemein üblich waren. eingemauert. Im Bauernhofe und auch auf dem Dorfplatze war es stille. Nirgends sah man einen Menschen. Es war ja Sonntag, zeitlich nachmittags. Auch blieb heute bei dieser nasskalten Witterung jedermann lieber in der warmen Stube. Nur Přibek's Manka Marie. bereitete sich zu einem Gang nach der Stadt vor. Sie stand in ihrer Kammer an einer offenen, mit Blüten bemalten Truhe, deren Inhalt, bunte Kleider, Tücher und Leinzeug, das durch ein kleines Fensterlein einfallende Licht beleuchtete. Es fiel auch auf das Mädchen selbst, auf ihr schönes loses Haar. Es war wie Flachs, goldig schillernd, geschmeidig wie Seide, am Ende sanft gekräuselt, und so lang, dass es fast auf die Fersen hinabwallte. Manka war ein schmuckes Mädchen mit dunklen, feurigen Augen, und wenn sie lächelte, bewunderte jeder ihre schneeweissen Zähne; alles übertrafen aber ihre Haare, die jetzt im goldenen dichten Strome über die Achseln zu den Füssen herunter flossen. Die gelösten teilte sie in Flechten, und diese in Zöpfe bindend, durchzog sie sie mit roten Arrasfäden; ober der Stirne befestigte sie dann ein lichtes Stirnband. Das Mädchen putzte sich so eifrig, dass es gar nicht merkte, wie sich draussen auf einem kahlen Strauche vor dem Fensterchen ein Sperling niedergelassen hat, der, auf einem vom Winde geschaukelten Ästchen sich wiegend, laut zwitscherte. Dagegen merkte sie aber sofort, dass gegenüber, im Vorzimmer, eine Tür knarrte, dass jemand aus der Hauptstube heraustrat. Sie hatte eben den roten dichtplissierten Rock über sich geworfen. Jetzt band sie ihn um so rascher. Im Vorhause dort ging jemand auf und ab. – Jetzt vernahm man das Geräusch seiner Schritte nicht mehr. Vielleicht blieb er stehen, vielleicht wartete er. Manka lächelte unwillkürlich. Sie hatte eine Freude, freute sich auf den Gang nach der Stadt, der ihr heute besonders lieb ist. Es kam nämlich vormittags der Onkel Pajdar aus Putzeried, des Vaters Geschwisterkind, und mit ihm auch der junge Šerlovský, gleichfalls aus Putzeried, zu ihnen auf Besuch. Šerlovský lernte sie im selben Dorfe kennen, als sie dort mit der seligen Mutter bei Verwandten war. Es war dies bereits länger als ein Jahr, und doch hat sie diesen Besuch nicht vergessen – konnte ihn nicht vergessen. Damals sah sie dort den jungen Šerlovský das erstemal und sprach auch zum erstenmale mit ihm. Dann traf sie ihn einigemal in der Stadt nach der Messe; er blieb stets mit ihr stehen und plauderte mit ihr. Heute besuchte er sie, und so unverhofft! Sie empfand etwas just wie einen Stich, als sie ihn erblickte, sie wollte ihren Augen gar nicht trauen! Es war ein angenehmer Schreck. Sie ahnte es, dass seine Ankunft kein Zufall sei, wol aber dürfte er ihr zuliebe hier sein! Und welch' ein glücklicher Zufall! Heute geht sie in die Kirche, und er, der mit dem Onkel heimkehrt, wird sie bis in die Stadt begleiten. Er misst das Vorzimmer, wartet auf sie, bis sie hinauskömmt, es ist ihm dies lieber, als die Männergesellschaft in der Stube, dachte das erfreute Mädchen bei sich. Das Liedchen, welches sie früher halblaut sang, verstummte auf ihren Lippen, als sich draussen die Schritte vernehmen liessen. Dafür beeilte sie sich umsomehr mit ihrer Toilette. Sie band über den schönen, vollen Busen kreuzweise ein buntfarbiges Tüchlein und um die Hüften schlang sie einen hübschen, mit grünen Blüten gestickten Gürtel. Unter den Gürtelblümlein glitzerten kleine Flitterspiegel und flimmerten wie der glänzende Spiegel eines im tiefen Grün gebetteten Quells. Manka irrte sich nicht. Draussen im Vorhause stand der junge Šerlovský, ein Bursche, schmuck wie eine Jungfrau, hochgewachsen und stattlich gebaut. Einigemal ging er auf und ab, dann hielt er bei der Haustür, gegen das Vorhaus gewendet, stille. Seine Blicke hefteten sich auf die niedrige ungefärbte Tür, die oben mit drei eingeschnittenen Kreuzen bezeichnet war. Diese Tür führte ihn in Versuchung. Es zog ihn mächtig an, dort anzuklopfen, die Türe zu öffnen. – Vielleicht ist Manka schon angekleidet. Wie lange sie doch dazu braucht! Jetzt könnte er mit ihr allein sprechen, wie er dies schon lange herbeisehnte, wie er sich darauf freute. Säumt er lange, so kömmt jemand aus der Tür, oder man wird ihn rufen. Ungeduldig, machte er einige Schritte nach vorwärts in das Vorhaus. »Manka,« rief er leise, »Manka!« Die Schläfen färbten sich ihm dunkelrot. Gleichzeitig fuhr er zusammen. Die Tür öffnete sich plötzlich, und in ihr stand sie, die er soeben mit heisssehnsuchtsvoller Stimme gerufen. Sie war mit ihrem Sonntagsstaate angetan, frisch, lieblich gerötet, lächelnd – Es schien ihm, als wenn es um ihn plötzlich tagen würde. »Ich gehe schon,« sagte sie lustig. »Warte nur, eile nicht! In die Kirche ist es noch Zeit, und wir kommen auch noch heim –« »Aber die dort in der Stube –« und sie blickte nach der in die Stube führenden Türe, »Lass sie, sie werden es nicht merken. – Bleibe!« sprach er bittend. »Ich freute mich doch so lange auf diesen Augenblick.« Sie sträubte sich nicht, blieb, zog aber hinter sich die primitive Türklammer an, so dass sich die Tür schloss. Sie standen vor derselben. Der junge Šerlovský heftete seine strahlenden Blicke auf das schöne Mädchen, und mit einer freudigen Handbewegung rief er lebhaft und voller Aufrichtigkeit: »Manka, ich höre förmlich schon die Leute bei deinem Kirchengange rufen: Jungfrau Maria! Welch' ein schönes Mädchen ist das!« Das Mädchen lachte auf. »Uns brauchst du keine Rosen zu streuen. Spar' dir sie für die Putzerieder Mädchen!« »Was ich sehe, sehe ich. Meine Augen trügen doch nicht! Aber du glaubst mir nicht. Vielleicht auch das nicht, wie oft ich deiner gedacht –« Während er sprach, hatte sie unwillkürlich den Blick gesenkt, und als sie ihn wieder zu ihm erhoben hatte, strahlten ihre Augen. »Manka,« fuhr der Bursche fort, näher an sie herantretend, – »die reinste Wahrheit spreche ich. Auch du sei aufrichtig mir gegenüber, damit ich ruhig von hier weggehen kann – Hast du schon jemand in dein Herz geschlossen?« »Wie du doch das Gewissen erforschen und einem zureden kannst! Just wie der Herr Pfarrer,« antwortete sie heiter. »Manka, es kann jemand kommen, und dann ist's aus, und ich werde nicht mehr das hören, was ich gerne hören möchte, was ich wissen muss. Deswegen bin ich ja zu euch gekommen, Manka!« rief er eindringlich und flehentlich. Das Mädchen lächelte, als wollte sie nicht die Wahrheit gestehen, als ob sie überlegen würde. Das Herz pochte ihr aber vor Freude über diese Sprache. Auch begann ihr der stattliche Bursche leid zu tun; als er sie noch einmal eindringlich um Antwort bat, erwiderte sie mit einem entschiedenen »Nein«, was der Erklärung gleich kommen sollte, sie habe keinen Geliebten und hege auch kein Verlangen nach einem solchen. Kaum hatte sie aber die Worte gesprochen, wurde sie rot wie Klatschmohn und senkte besiegt den Blick, als sie der hocherfreute Bursche im selben Augenblicke bei der Hand gefasst hatte. Eine Weile bereits achtete er nicht mehr auf die in die grosse Stube führende Tür; auch Manka hatte sie vergessen und auch jene, die hinter ihr weilten. Doch das Glück war den jungen Leuten hold. Niemand kam hinaus. – Die dort in der Stube sassen, achteten auch nicht darauf, dass die jungen Leute nicht in ihrer Mitte weilen. Nur war die Stimmung in dieser geräumigen, einfachen und schmucklosen Stube nicht so fröhlich und heiter, wie dort draussen im Vorhause, wo die jungen Leute standen. Sassen ja dort auch durchwegs ältere und alte Männer, finster, bedächtig und ernst, sowohl in Bezug auf ihren Charakter, als auch auf das Gespräch, das sie führten. Die Anwesenden waren: Mathias Přibek ohne Langrock, nur in Beinkleid und Leibel; neben dem Hausherrn sein Brudersohn Pajdar aus Putzeried, ein breitschultriger und stattlicher Chode, dessen Gestalt und Antlitz jeden Zweifel daran, dass er aus dem Geschlechte des Přibek abstamme, ausschlossen. Ihm gegenüber sass Psůtka aus Possigkau, der aus der Stadt kommend, mit Pajdar hier Einkehr gemacht. Alle diese sassen auf rohen Bänken rund um einen riesigen Lindenklotz, der seit undenklichen Zeiten bei Přibeks den Tisch ersetzte. Dieser urwüchsige Tisch stand hier nach dem Zeugnisse von Mathias' Vater schon zur Zeit des Grossvaters Mathias's. Jetzt sass der Greis nicht am Tische, sondern den Männern gegenüber auf der Ofenbank in einen Schafpelz gehüllt. Er brauchte ihn wahrlich schon, denn in seinen Jahren pflegt sich das Blut merklich abzukühlen. Gar vielmal hatte er schon den Lenz ins Land ziehen gesehen; wie lange er bereits auf Erden wandelte, wusste er selber nicht recht; man hielt ihn (und gewiss nicht mit Unrecht) für etwas über achtzig Jahre alt. Er selbst mass die Zeit nicht nach Jahren und rechnete auch nicht darnach, sondern nur nach seinem Gedächtnisse. Er pflegte zu sagen, dass er sich gut des grossen Krieges erinnere; Burschen, die bei seinem Beginn geboren wurden, mussten noch mitkämpfen, dauerte ja der Krieg doch geschlagene dreissig Jahre! Der alte Přibek war auch noch Zeuge der Zeiten des alten Chodenruhmes gewesen, als die Choden noch frei waren, ihr Schloss und ihre Rechte besassen, er sah auch den Vater bewaffnet unter dem Kriegsbanner in die Wälder an der Grenze ziehen. Das war damals, als der grosse Krieg ausbrach. Damals trug sein Vater das Chodenbanner, wie es seit jeher den Přibeks geziemte. Der alte Přibek pflegte gerne davon zu erzählen. Er schilderte, wie man Verhaue herstellte, wie die Männer aus jedem Dorfe »klassenweise« auf volle vierundzwanzig Stunden in den Wald in Dienst gingen; Brot und gedörrtes Fleisch mitnahmen, wie er selbst dazumal als kaum fünfzehnjähriger Bursche vom Elternhause in die Wälder davongelaufen und zu den Verhauen unter die Männer gegangen ist und daselbst Tage und Nächte bei den Lagerfeuern verbrachte. Welch eine Zeit, welch eine Veränderung! Was hat er doch schon gesehen und erlebt, und was erwartet ihn noch! Soeben lauschte er den sonderbaren Nachrichten, die ein Gewitter vorhersagten. Es erzählten eben sowohl Psůtka aus Possigkau als auch der »Bursche« der Schwester, Pajdar aus Putzeried, dass die Obrigkeit in allen Chodendörfern nach den alten geschriebenen Majestätsbriefen fahndete und dass auch gestern Syka zu ihr auf die Burg zu Chodenschloss beschieden wurde und dass man ihn, wie dies übrigens überall geschehe, durch arge Drohungen zu bewegen suchte, zu verraten, wo die alten Dokumente verborgen seien. »Er war jedoch stumm wie ein Fisch und alle anderen desgleichen,« bemerkte Psůtka, der von Syka erzählte. Mathias Přibek schwieg finster und horchte zu, bis er plötzlich den Kopf erhebend, sich vernehmen liess: »Er war stumm und schwieg! Wir schweigen auch! Das treffen wir. Grössere Robot wird uns auferlegt und alle schweigen wir, man schlägt uns, wir schweigen, die Wälder wurden uns genommen, wir schweigen, Grenzbäume werden gefällt, wir werden um Felder bestohlen, und wir schweigen auch stumm wie die Fische –« »Du hast nicht geschwiegen und auch Kozina nicht,« fiel ihm Psůtka ins Wort. »Und was ist schon geschehen und was wird da noch kommen!« – »Was könnte geschehen?« fragte Mathias bündig. »Glaubst du, die Herren werden dir und dem Kozina dies so hingehen lassen?« »Ob hingehen lassen oder nicht! Aber Zeit haben sie schon genug gehabt, und doch kamen sie noch nicht und ich denke, sie werden sich's überlegen!« Jetzt stand sein alter Vater vom Herde auf und schritt langsam zum Tische. Der Greis war so gross wie sein Sohn Mathias, nur dass ihn das Alter ein wenig geknicket hatte: sein Kopf war vorgebeugt, die Schultern ein wenig tiefergesetzt. Die Stirne war kahl, dafür wallte ihm vom Scheitel langes, schneeweisses Haar bis an den geöffneten Pelz hinab, den er mit der linken Hand an den Hüften zusammen hielt. Er zog die dichten, grauen Augenbrauen finster zusammen; die Augen leuchteten auf, als er, die Rechte erhebend, mit einer auf sein Alter noch klangvollen Stimme anhob: »Recht hast du, Bursche! Einst wäre so etwas nicht möglich gewesen. Das ganze Dorf und alle hätten sich erhoben, wenn jemand einen Grenzstein beseitigt hätte, und wenn's selbst der Fürst gewesen wäre, geschweige denn dieser Schwabe!« Der Greis verstummte plötzlich. Psůtka und Pajdar sprangen von ihren Stühlen auf und eilten zum Fenster. Der schmetternde Klang einer Trompete ertönte bis in die Stube hinein, kurz und scharf, dann erklang er aber aufs neue, langsamer und gedehnt. Ruhig trat Mathias Přibek ans Fenster und sah, wie seine Gäste, auf den Dorfplatz hinaus. In diesem Momente kam auch Manka in die Stube geeilt und ihr folgte auf dem Fusse der junge Šerlovský. Das ungewohnte und erschreckende Trompetengeschmetter machte mit einem Schlage dem glücklichen Gespräche vor Mankas Kammer ein Ende. Der Bursche wäre hier in seinem Liebesrausch vielleicht bis zur Dämmerung gestanden – doch die liebe Hoffnung konnte er sich jetzt doch auf den Weg mitnehmen, dass Manka früher nicht die Wahrheit sprach, dass sie doch an jemanden denke, und dieser jemand sei – er selbst. Rasch trat sie an den Grossvater mit der Frage heran, was da los sei, was geschehe? Nahe am Tische stehend, hatte der Greis aufmerksam gelauscht. Wie aus brütendem Sinnen erwachend, sagte er kurz: »Soldaten sind's –« Manka erschrak. Ihr Blick heftete sich nach diesem Worte auf den Vater. Er stand noch immer regungslos am Fenster, finster, jedoch ruhig die Vorgänge betrachtend. Der Lärm draussen wurde immer grösser. Das stille, öde Dorf belebte sich mit einem Schlage. Die Leute rannten aus den Gebäuden heraus, riefen einander an und fragten einander, was geschehen sei? Hie und da lief jemand über den Weg, andere rannten herunter in der Richtung, woher der Trompetenschall kam. Auf einmal blieben aber alle, die gegangen oder gelaufen waren, stehen, und alle verstummten auf eine Weile. Zwischen den Zäunen kam ein Pferdekopf, nach ihm der zweite, dritte zum Vorschein und schon brachen zwischen den Gebäuden im Trab vier Reiter hervor. Drei waren kaiserliche Kürassiere, der vierte war in Civilkleidung. Auf den Köpfen der Soldaten erglänzten Helme mit Helmbügeln. Die Brust bedeckte vorne und hinten ein schwarzer Kürass, unter dem der weisse Waffenrock mit breiten, roten Aufschlägen hervorlugte, und über den Kürass hing auf gelbem Riemen der Kavalleriekarabiner. Die roten Pantalons dieser schweren Reiter steckten in hohen Stiefeln. In den Händen glänzten die gezückten Pallasche. »Tausend Teufel!« rief Psůtka. »Das ist der Chodenschlosser Verwalter!« »Und er weist hieher!« ergänzte rasch Pajdar. »Mathias, fliehe, noch ist es Zeit, sie kommen, um dich abzuholen!« Mit einem Schrei stürzte sich Manka auf ihren Vater und bat ihn, er möge den Rat befolgen und über den Hof in die Felder fliehen. Er stiess sie sanft weg, als hörte er sie gar nicht. »Warum soll ich fliehen?« sprach er zu den Männern gewendet. »Bin ich ein Mörder?« »Richtig, Bursche, auch ich denke so,« stimmte sein alter Vater zu. Das Pferdegestampfe ertönte jetzt knapp vor dem Bauernhofe und gleichzeitig hörte man die Stimme des Verwalters, der das Tor zu öffnen befahl. Die männlichen Gäste sahen einander besorgt an. Manka blickte auf den Vater, der entschlossen hinaus ging, um das Tor zu öffnen. Es knarrte und ein Kürassierpferd wieherte schon auf dem Hofe. Die Scheiden der Pallasche erklirrten, als zwei Kürassiere von den Pferden absassen. Der Verwalter ihnen nach. »Hier ist er selbst –« rief er auf Přibek hinweisend. »Du gehst mit uns und zwar sofort!« »Wohin?« frug der, knapp vor dem Verwalter stehende Chode, dessen Gestalt selbst die zwei grossen sich seitwärts von ihm postierenden Kürassiere überragte. »Frage nicht und komm! Willst du nicht gehen –« fuhr ihn der Verwalter an. »Drohet nur nicht – ihr wisst, dass ich mich nicht fürchte,« antwortete Přibek und ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen. »Rasch – und wo ist dein Vater?« Nach diesen Worten des Verwalters fuhr Přibek zusammen. »Was wollt ihr mit dem alten Vater?« »Er geht auch – und jetzt rasch, wir haben keine Zeit!« »Um zu sehen, was für Henker ihr seid!« liess sich im Vorhause eine Stimme hören und an der Türschwelle hielt der alte Vater des Mathias inne. Ein kalter Windstoss hatte sein weisses Haar flattern gemacht; er stand hier emporgerichtet, so stolz er nur konnte, fest die Soldaten und den Verwalter musternd. Sodann wandte er sich an seine Enkelin als ihn diese ganz bestürzt an der Hand fasste. Gleichzeitig erklärte sein Sohn entschieden dem Verwalter, er werde erst gehen, bis man ihm gesagt haben werde, wohin man ihn zu führen gedenke? »Damit du auf einmal nicht gar zu erschreckst, zuerst auf die Erbrichterei und dann zu uns,« fertigte ihn der Verwalter spöttisch ab. »Und unser Vater?« »Ebenfalls.« »Und was soll er dort –« »Was gibst du dich mit diesem erst lange ab, Mathias!« liess sich der Greis vernehmen. »Wir gehen. Manka, bringe dem Vater den langen Rock –« Als sie dem Vater die weisse Scherke reichte, sagte dieser: »Dummes Mädel, klage nicht, wir kommen ja bald zurück; besorge einstweilen die Wirtschaft gut!« Vor dem Bauerngute hatten sich die Nachbarn versammelt. Sie alle betrachteten verwundert den sonderbaren, aus dem Bauerngute Přibeks kommenden Zug. Voran ritt der Verwalter von Chodenschloss, ihm nach drei Kürassiere, zwischen denen die beiden Přibeks, durch einen Reiter von einander getrennt, einherschritten: der alte im Pelze stützte sich auf die Čakana, sein Sohn ging ohne eine solche, mit hoch erhobenem Haupte. Manka schritt mit dem jungen Šerlovský, dem Onkel Pajdar und Psůtka hinter ihnen. Die Männer flössten dem erschrockenen Mädchen Mut ein. Als sie sich dem Dorfrichteramte näherten, erblickten sie vor demselben andere zwei Kürassiere, zwischen denen der junge Kozina mit verbundenem Kopfe stand. In dessen Nähe sein Weib, blass, verweint, Hanálka in den Armen haltend. Neben der jungen Bäuerin hielt die alte Kozina den kleinen Paul an der Hand. Die alte Kozina weinte nicht: aber ihr verdüstertes Antlitz, ihr Blick, der auf dem Sohne ruhte, verrieten, dass in ihrem Inneren nicht Ruhe herrsche. – Vor der Erbrichterei war schon eine grosse Menge versammelt, alt und jung, Männer und Weiber. Alle sahen den Přibeks entgegen, doch kehrten sie sich bald um, denn, mir nichts dir nichts, erschien ganz unverhofft der Dudelsackpfeifer Řehůřek Jiskra, der sich zum Verwalter vorgedrängt hatte, vor diesem die Mütze abnahm und halbspöttisch, halbernst diesen ansprach: »Herr Verwalter, ich war auch dort bei jenem Tanz unter der Linde!« Lauter zustimmender Beifall begrüsste diese Bemerkung des Dudelsackpfeifers, da ertönte aber etwas weiter der Ausruf: »Jungfrau Maria, es kommen noch andere Soldaten!« VI Es war keine Truppenabteilung, wie es die Stimme andeutete, sondern nur ein Reiterschwarm, Kürassiere. An der Tete ritten einige Herren in weisslichen Mänteln, offenbar Offiziere. Auf den Köpfen hatten sie nicht, wie die Mannschaft Helme mit Helmbügeln, sondern schwarze, goldbordierte Dreispitze. Sie kamen in der Richtung von Taus. Weil jedoch daselbst keine Garnison war, erriet man leicht, dass sie von der Pilsner Besatzung seien. Gleich wie der Schwarm in das Dorf hereinritt, lösten sich von ihm einzelne Reiter, die auch paarweise durch die Gassen und zwischen den Gebäuden durchreitend, sämmtliche Dorfausgänge besetzten. Der Rest hielt auf dem Dorfplatze unweit des Erbrichteramtes. Schon vorhin hatten diese paar Kürassiere ganz Aujezdl in Aufruhr gebracht, jetzt wuchs die Erregung rapid durch den neuen, unvermuteten Besuch. Das Geräusch und der Lärm der zahlreichen Menge vor der Erbrichterei verstummten plötzlich, als die angekommenen Reiter auf das gegebene Kommando auf einmal und wie mit einem Schlage die Pallasche zückten. Als die metallnen Scheiden erklirrten und die glitzernde gezückte Waffe die Luft durchschwirrte, war die Menge wie verstummt und gelähmt. Die Weiber blickten beängstigt vor sich, die Männer schwiegen finster. Als die an der Spitze reitenden zwei Offiziere absassen, ertönte im Volke ein Aufschrei, der lebendige Ausdruck des Erstaunens: »Ei, dorten ist ja auch der Herr von Chodenschloss!« Kaum hatten sich auf diese Stimme hin aller Augen nach der angedeuteten Richtung gewendet, rief jemand anderer: »Und der Verwalter Koš aus Kauth!« Fürwahr, es war Maximilian Lamminger, Freiherr von Albenreuth, d. Z. Kreishauptmann von Pilsen, selbst. Zwei höhere Offiziere schritten ihm zur Seite und hinter ihnen der Verwalter Koš. Der Chodenherr, ein Mann von mittlerer Statur, circa fünfzig Jahre alt, schritt mit hochaufgerichtetem Haupte einher, sicher und fest; seine blassblauen, kalten Augen blickten scheinbar gleichgültig, aber vorsichtig auf das versammelte Volk. Ein kühler Wind spielte, leicht wehend, mit seinem von der Schulter lose herabhängenden Mantel und mit den zahlreichen rötlichen Locken seiner Allongeperücke. Hastig und strenge befahl der Verwalter von Chodenschloss der Menge auseinander zu gehen und den Weg frei zu machen. Lamminger schritt vor sich blickend durch das verstummte Volk; knapp bei der Türe begegnete sein Auge einem funkelnden aber düsteren Blick, der auf seinem bleichen sommersprossigen Gesichte fest haften blieb. Ein junger Bauer, von stattlicher Gestalt, den Kopf mit weissem Tuche verbunden, blickte ihn so an. Das war keineswegs der Blick eines furchtsamen, eingeschüchterten Frohnknechtes, sondern der stolze Blick eines freien, selbstbewussten Mannes. Lammingers weissgelbe Augenwimpern blinzelten unwillkürlich heftig. Im selben Augenblicke, als der Edelmann mit den Offizieren in die Stube trat, näherte sich der Dudelsackpfeifer Jiskra Řehůřek dem in der Nähe zwischen zwei Kürassieren stehenden Přibek, deutete, auf die roten Haarlocken des Herrn von Chodenschloss, schnitt eine Grimasse und sprach: »Umsonst hat ihn Gott nicht gezeichnet –« »Jede Bestie hat ihr Merkmal,« antwortete Přibek kurz und trocken. Da befahl der Verwalter von Chodenschloss mit roher Stimme den beiden Přibeks, dem jungen Kozina und einigen Bauern, den ältesten aus dem Dorfe, die man schon ausgesucht hatte und die hier bereit standen, sie mögen in die Stube treten. Ehe Kozina eintrat, wendete er sich um; sein Blick suchte Weib und Kinder. Er fand sie blass und verweint. Sie drängte ihm nach, und – welch ein Wunder – dieser Verwalter, der bei der Tür blieb, liess sie und die alte Mutter mit den Kindern eintreten, gleich den Weibern jener, welche eben in die grosse Stube des Erbrichters geführt wurden, auch die junge Manka Přibek, die sich mutig bis hieher durchgedrängt hatte. Aller Blicke waren auf die Herren gerichtet. Als dieselben die Mäntel abgelegt hatten, blieben sie in der Ecke am grossen Richteramtstische mit dem geschnitzten Gestelle stehen und konversierten lebhaft mit gedämpfter Stimme untereinander. Von den Offizieren in weissen Waffenröcken und roten Hosen hob sich Lamminger im dunkelroten, mit breiten steifen Schössen versehenen Rocke, der vorne mit glänzenden Borten und Goldstickereien besetzt war, merklich ab. Rechts von den Herren, die insgesamt hohe Reitstiefel trugen, blieb der Kauther Verwalter Koš, der aus Rücksicht zur Obrigkeit hier den Hut abnahm, stehen. Die Gestalt des Verwalters und sein ganzes Benehmen verrieten einen alten Soldaten. Davon zeugte auch die dunkelrote, breite Narbe oberhalb des rechten Auges, die er sich als Andenken an die Schlacht bei Wien geholt hatte, als er vor neun Jahren in Leopolds Heere die Türkenmacht niederzuwerfen mithalf. Unweit der vorgeführten Choden, jedoch ganz allein, stand Georg Syka, der Erbrichter, der »Prokurator«, wie man ihn nannte; er musterte die Herren schlau und heimlich und drehte seinen dichtbehaarten Kopf nach den übrigen Landsleuten. Jiskra Řehůřek, der im Hintergrunde stand, merkte es wohl, dass der Erbrichter vorsichtig und langsam seinen Standort verlasse und zu den Seinigen zu gelangen trachte, um ihnen vielleicht etwas zukommen zu lassen oder zuzuflüstern, woran ihn jedoch die Wache in der Person eines eckigen Kürassieres im schwarzen Kürasse mit gezücktem, schwerem Pallasche hinderte. Die alten, mit Gewalt hergezerrten Nachbarn betrachteten die Herren mit Spannung, einige nicht ohne Schüchternheit. Die meisten warteten aber, zwar finster, jedoch ruhig ab, was da geschehen werde, – namentlich Mathias Přibek, der alle um einen Kopf überragte. Ärger erging es dem alten Vater. Das Stehen strengte den Greis an und niedersetzen durfte er sich nicht. Die einzige Erleichterung gewährte ihm die mächtige alte Čakane, auf die sich seine sehnigen Hände stützten. Nur der junge Kozina war etwas unruhig; bald hatte er seine Blicke auf die Herren gerichtet, bald auf Syka, gleich sah er sich wieder um, dann nickte er mit dem Kopfe – aber nicht seinem Weibe, sondern seiner Mutter zu. Diese merkte es und drängte sich bis an ihn hinan. Im selben Augenblicke, da die Herren ihr Gespräch unterbrochen hatten, begann der Verwalter von Kauth, Koš, auf den Wink seines Herrn mit mächtiger Stimme den Bauern irgend eine Urkunde vorzulesen. Die alte Kozina hörte jedoch seine ersten Worte nicht. Sie war in diesem Augenblicke wie vom Himmel gefallen. Einige wenige Worte, die ihr Sohn zu ihr gesprochen, hatten sie so aufgeregt. »Mutter, die Herren kommen nicht meinetwegen, aber um die Majestätsbriefe,« lispelte er ihr hastig zu. »Habt ihr sie gut verborgen?« Nur dies, kein Wort mehr hat er gesagt. Aber die alte Kozina hatte genug daran. Er weiss, dass sich die Majestätsbriefe bei ihr befinden! Wer hat es ihm wohl gesagt? Syka sicherlich nicht. Er muss sie also damals beobachtet haben – – Und er blieb stumm, stumm wie ein Fisch. Erst jetzt – weil er um das Schicksal der alten Freiheitsbriefe besorgt ist. – Diese Gedanken blitzten durch den ergrauten Kopf der alten Chodin. »Was ist zu machen, was meint er wohl?« Ihr Blick haftete voll Verwunderung am stattlichen Sohne. Dieser kehrte sich aber nicht mehr um, sondern horchte aufmerksam dem zu, was Koš, erhobenen Hauptes, wie eine Säule stehend, in gestrengem Tone vorlas. In der Stube herrschte tiefe Stille. Der Verwalter von Kauth erinnerte daran, dass nach der scheusslichen und grimmigen Bauernrevolte vor zwölf Jahren Im Jahre 1680. ein allerhöchstes Patent herausgegeben wurde, mit welchem Patente sämtliche vor diesem Aufstande verliehenen Vorrechte und Privilegien aufgehoben und null und nichtig erklärt wurden, weil alle Streitigkeiten und Prozesse der Untertanen mit der Obrigkeit durch diese Freiheiten und Privilegien hervorgerufen wurden und in ihnen ihren Ursprung hatten. Nichtsdestoweniger wurden hie und da, wie auch in diesen Chodendörfern, diese geschriebenen, wiewohl bereits ausser Kraft gesetzten Rechtsbriefe nicht ausgefolgt, weil man in der kindischen Einbildung, lebte, als könnte mit ihnen noch etwas erreicht werden, ja dass sogar viele robotpflichtige Leute, wie dies gerade in diesem Dorfe geschah, sich versteigen, Gewalt zu gebrauchen und dass sie an die Beamten Seiner Gnaden des hochgeborenen Herrn Lamminger, Kreishauptmannes von Pilsen, in höchst sträflicher Weise Hand angelegt haben, auf die alten Rechte und Majestätsbriefe sich berufend. Nichtsdestoweniger geruhen Seine Gnaden in ihrer Güte und Nachsicht für diesmal dem renitenten Jan Sladký, genannt Kozina, der sich so viel zu Schulden kommen liess und jenen, die ihm Beistand geleistet, zu verzeihen, jedoch als Hauptmann des Pilsner Kreises im Namen der allergnädigsten Regierung strenge anzuordnen und zu befehlen, dass, da nach gewonnener Überzeugung nur diese vermeintlichen Privilegien die Ursache dessen waren, diese genannten Majestätsbriefe und Pergamente, die sich, wie erhoben wurde, nirgends sonst nur noch hier in Aujezdl befinden, alle ohne Ausnahme unverzüglich und freiwillig ausgefolgt werden, widrigenfalls der Herr Kreishauptmann kraft seines Amtes alle Ungehorsamen und Widerspenstigen dazu zwingen und auf das strengste bestrafen würde. – Koš liess seine Rechte, welche das Schriftstück hielt, sinken. Der Verwalter heftete seine stechenden Augen auf die Bauern, als wollte er die Wirkung seiner Worte erforschen. Lamminger gab sich den Anschein, als hörte er gleichgültig zu, und betrachtete dabei kühl die vor ihm stehenden Choden. Seine Augen betrachteten aber niemand anderen so aufmerksam als den jungen Kozina, dessen Blick ihn vorher so tief getroffen. Sobald Koš zu Ende gelesen hatte, trat auf einen Moment tiefe Todesstille ein. Die Wirkung des zur Verlesung gebrachten Befehles war offenbar. Diejenigen, die früher durch das Militär, das Geklirre der blanken Waffe, das unerwartete Erscheinen der Offiziere mit dem Kreishauptmanne an der Spitze in Bestürzung gerieten, blickten nun mit ängstlicher Spannung nach dem Tische und dem Herrn von Chodenschloss. Kozina wandte sich jedoch nach Syka um, als hätte er erwartet, dass der »Prokurator« das Wort ergreifen werde. Doch dieser schwieg. Der junge Grundbesitzer besann sich nicht lange und sprach: »Das, was der Herr Verwalter über mich las, dass ich mit den herrschaftlichen Knechten und mit dem Verwalter raufte, ist wohl richtig, der Verwalter wollte aber meine gezeichnete Linde fällen lassen und diese verteidigte ich und musste sie verteidigen. Seit ich lebe, gehörte diese Linde der Familie Kozina, auch zu weiland meines verstorbenen Vaters, Grossvaters, ja auch Urgrossvaters Zeiten, wie es hier diese Alten gut wissen. Darum danke ich für die Gnade, aber ich habe nichts verbrochen – und bezüglich dieser Majestätsbriefe – wissen doch die Herren selbst recht gut, dass sie noch in Geltung stehen. Sie sind gültig und werden gelten, weil wir Choden uns zur Zeit dieser Bauernrevolte ruhig verhielten, nicht einen Finger rührten, und so bezieht sich dieser zu Wien erlassene Befehl nicht auf unsere Rechte, sondern hat nur in jenen Dörfern im Lande Geltung, wo die Bauern sich gegen ihre Obrigkeit auflehnten.« Die ersten Worte sprach Kozina langsam, als suchte er sie oder als stünde er an sie vorzubringen; aber in weiterer Folge trat in seiner Rede seine natürliche Beredsamkeit zu Tage und er sprach lebhaft und mit Überzeugung. Sein Antlitz wurde rot, seine Augen glänzten. Seine Antwort wirkte nun mehr als jener schroffe Befehl des Hauptmannes, den Koš verlesen hatte. Auf die Brust der anwesenden Choden wurde eine grosse Last gewälzt, doch Kozina's Rede liess alle wieder freier aufatmen, verscheuchte die düstere Wolke. Syka starrte voll Bewunderung den mutigen Sprecher an, den er bis zum heutigen Tage des Vertrauens in ernsten Sachen nicht für würdig gehalten. Der alte Přibek nickte mit dem weissen Kopfe, sein Sohn verzog spöttisch die Lippen und sah abwechselnd vom Verwalter auf den Lamminger, als wollte er sagen: Vergebens hast du diese schlaue Falle gestellt. Wir gehen nicht in die Schlinge! Und die Übrigen, die die Köpfe hängen liessen, hoben sie jetzt wieder stolz. Die lichtgelben Augenwimpern Lammingers zuckten aber heftig zusammen und vermochten den wütenden Blick nicht zu verbergen. Ganz erstaunt blickten die zwei Offiziere bald auf den kühnen Redner, bald auf den Kreishauptmann. Dieser bezwang seine mächtige Erregung wenigstens teilweise und sprach: »Ihr habt den allerhöchsten Befehl vernommen. Ich rate euch, ihm Folge zu leisten. Jedermann, der sich dem Befehle widersetzen wird, soll als Rebell und Aufwiegler gelten. Und ihr wisset gut, wie man erst unlängst hartnäckige Rebellen behandelt hat.« Der Akzent seiner Aussprache bewies, dass das Böhmische nicht seine Muttersprache sei. Nachdem er diese wenigen Worte gesprochen, gab er dem Verwalter Koš einen Wink und dieser begann einen Choden nach dem anderen zu befragen, ob er von den Majestätsbriefen wisse und wo sie verborgen wären? Der Erste, an den er diese Frage richtete, ein halb erblindeter Greis, antwortete: »Euer Gnaden, ich weiss nicht.« Ähnlich war es beim zweiten, dritten und auch der alte Přibek gab dieselbe Antwort. Sodann kam an seinen grossen Sohn die Reihe. Ruhig blickte er dem Verwalter ins zorngerötete Gesicht und sagte: »Ich weiss nichts, doch wenn ich's auch wüsste, würde ich's verschweigen.« Mit einem halblauten Fluche wandte sich der Verwalter an den jungen Kozina und ein hämisches Lächeln glitt über seine Lippen, als auch dieser entschieden: »Ich weiss nichts,« sagte. Dieselbe Antwort ward dem Verwalter auch vom letzten – dem Erbrichter Syka – zu teil. Das sommersprossige Antlitz Lammingers erbleichte. Die beiden durch die Unbeugsamkeit der Bauern erzürnten Offiziere knüpften mit ihm ein halblautes erregtes Gespräch an, worauf er, ein wenig vortretend, mit bereits etwas zitternder Stimme sprach: »Ihr werdet euere alten Papiere und Pergamente schon ausfolgen, nur wird es dann bereits zu spät sein, denn dann wird das Militär, das hier bleiben wird, euch eueren letzten Heller genommen, eueren letzten Bissen verzehrt haben, dann werdet ihr alle, wie ihr da stehet, in Fesseln geschlagen und einer oder zwei von euch werden am Galgen aufgeknüpft werden.« Er schleuderte dem jungen Kozina einen Blick zu, doch dieser senkte auch diesmal seine Augen vor dem Herrn nicht. Nach dieser Ansprache winkte Lamminger dem Soldaten zu, er möge ihm und den Offizieren die Mäntel reichen, und fast schon in der Türe sagte er noch laut zum Verwalter Koš: »Jetzt tut euere Pflicht, ihr habet meine Vollmacht.« Die alte Kozina hatte dies alles nicht mehr gehört und auch nicht mehr gesehen. Gleich wie der Verwalter Koš während des Lesens von den Majetätsbriefen eine Erwähnung tat, übergab sie den kleinen Paul seiner Mutter, schlich sich durch die Soldaten durch und eilte hastig nach Hause. Als sie sodann nach einer Weile aus dem Bauernhofe wieder zurückkehrte, traf sie an dem Torflur Řehůřek Jiskra, der wie wild in den Hof stürzte. »Was geschieht?« frug die Greisin. »Es steht schlimm. Syka wollte mir etwas mitteilen, doch war es nicht möglich. Nur so viel habe ich vernommen, dass die Bauerngründe durchsucht werden sollen – dies sollte ich dir, Bäuerin, sagen. Ich wäre ja gar nicht herausgekommen, wenn sich nicht alle, wie die Offiziere weggingen und der Herr von Chodenschloss sein Ross bestieg, hinausgedrängt hätten.« »Sie ritten fort?« – »Fort nach dem Chodenschlosse, das Militär blieb aber und dieser Verwalter Koš aus Kauth droht arg Syka und Jan –« Die Alte schrak zusammen. »Und was will er denn? –« »Was sollte er wollen? Die Majestätsbriefe. Bei den Sykischen wird bereits alles durchsucht – alles wird durch einander geworfen – und diese Soldaten – und Hančí weint dort und jammert –« »Und Jan? –« »Stumm wie ein Fisch –« Die Kozina sprach kein Wort mehr. Rasch und flink wie eine junge Maid eilte sie dem Erbgerichte zu. Den Lärm und das Geschrei hörte man schon vom weiten. Die vor dem Schulzenhaus angesammelten Dorfbewohner waren ungemein erregt. Als sie näher kam, erblickte sie ein Weib, welches, aus dem Gebäude herausstürzte und händeringend schrie: »Mutter Gottes, was geht da vor! Wir unglücklichen Weiber! –Du, Kozina!« –schrie sie auf, als sie die Greisin wahrnahm, »eile schnell, den Sohn mordet man dir dort hin –« Die geräumige Schulzenstube war zu dieser Zeit zwar nicht mehr so überfüllt, dafür bot sich hier aber dem Zuschauer ein beängstigender Anblick. Die Herren waren bereits gegangen, und einige Kürassiere gaben ihnen das Geleite. Als die Greisin voll Erregung in die Stube stürzte, bot sich ihren Blicken ein trauriges Schauspiel. In einer Ecke stand neben seinem alten Vater der mit Stricken gefesselte Mathias Přibek. Ihnen zur Seite stand Manka, den erschrockenen Paul Kozina an sich drückend, während seine Mutter, Hanálka an ihren Busen schmiegend, vor dem Verwalter von Kauth auf den Knieen lag und für ihren Gatten Gnade erflehte. Seitwärts, in einer zweiten Ecke bedrängten zwei Kürassiere mit blanker Waffe den Erbrichter Syka, um aus ihm ein Geständnis zu erpressen. Gleiches widerfuhr dem jungen Kozina, bis es seinem treuen Weib gelang, wenigstens für einen Augenblick diese Folterscene zu unterbrechen. »Hanka, stehe auf, bitte nicht, ich gebe nicht nach, nie und nimmer,« rief Kozina. Dann versagte ihm aber plötzlich die Stimme. Er bemerkte seine alte, eben hastig eintretende Mutter. Die Greisin blieb wie gelähmt stehen. Ihr graues Haar war über der Stirne zerzaust. Sie sah ihren gefolterten Sohn, sah den Verband, den man ihm vom Haupte gerissen, das aus der kaum vernarbten Wunde über die Wangen quellende, frische Blut – und gleichzeitig stürzte auch ihre Schwiegertochter auf sie zu. Totenbleich, ganz ausser sich, bat sie um Gottes willen die Mutter, diese möge Jan zureden, auf Kinder und sich Bedacht zu nehmen. »Nicht ein Wort, Mutter – ihr habt gelobt – mit Handschlag. – Höret nicht, was Hančí spricht,« – rief Kozina der Mutter zu. Er befürchtete, die Mutter könnte nun selbst verraten, was sie vor ihm stets verborgen hielt. Die alte Kozina blieb einen Augenblick ganz starr. In ihrem Busen tobte der Kampf des Chodenweibes mit der Mutter. Sodann wandte sie sich an Svka und schrie auf: »Schulze, man schlägt mir meinen Sohn tot –« »Syka, weder dir noch mir wird man den Kopf in Fransen schlagen. Lass' die Weiber klagen,« rief Kozina. Die Kürassiere hielten auf des Verwalters Wink inne. Dieser wandte sich an die alte Kozina und sprach: »Du, Alte, weisst von allem. – Sei vernünftig und sprich, um deinen Sohn zu retten, sonst – du weisst ja, was ihn und euch alle erwartet.« Ein Moment der Stille. Aller Blicke waren auf die in der Mitte der Stube stehende Greisin gerichtet. Sie sah rechts den Erbrichter Syka, links ihren blutenden Sohn an und schwieg, als ob sie überlegen würde. »Mutter – ihr wisst, was der selige Vater –« hub Kozina an, als er die Mutter zaudern sah; bevor er aber den Satz zu Ende sprach, rief diese schon dem Verwalter fest und finster in die Augen blickend: »Ich weiss nichts, wie sollte ich etwas wissen –« »Lieb' Mütterchen!« brach Hanka aus. »Du weisst nichts, Bäuerin?!« fuhr sie Koš an. »Ich weiss nichts,« wiederholte sie mit noch dumpferer Stimme. Ohne ein Wort der Entgegnung verliess der Verwalter die Stube und suchte draussen seinen Kollegen vom Chodenschloss auf. Dieser warf soeben mit einigen Soldaten in der Kammer des Erbrichters alles durcheinander. Nach einem kurzen, mit gedämpfter Stimme geführten Gespräche kehrte Koš wieder in die Stube zurück, während der Chodenschlosser Verwalter gleich darauf mit Assistenz das Schulzenhaus verliess und direkt zu Kozina's Bauerngrunde eilte. Einige andere Kürassiere begaben sich gleichzeitig in den Hof von Přibeks Wirtschaft. Zur selben Zeit trennten sich auch die übrigen, vor dem Hause mit gezückten Pallaschen wartenden Soldaten. Sie verteilten sich nach den einzelnen Gebäuden im Dorfe, um hier als Besatzung zu bleiben. Der Tag ging zur Neige und die Abenddämmerung brach über das unglückliche Dorf herein. Der Feierabend, sonst so still und ruhig, brachte jetzt nur Verwirrung, Leid und Angst. Aus den Bauerngründen vernahm man die Stimmen der Kürassiere und das Gewieher ihrer Pferde. Der vor dem Erbgerichte angesammelte Haufen lichtete sich. Die meisten eilten nach Hause, entweder weil sie Furcht dazu trieb, oder aber um ihr Hab und Gut gegen diese ungebetenen, ungezügelten Gäste zu verteidigen. Auf dem öden Dorfplatz liess sich nur hie und da ein weisser Kürassiermantel sehen, dessen Träger da mit schweren Tritten einherschritt, mit seinem wuchtigen Reitersäbel klirrend. Es wurde dunkel, am Himmel jagten mit rasender Eile schwarze Wolken dahin. Von Zeit zu Zeit blitzte durch ihre Hüllen der Mond hindurch und für einen Augenblick erhellte sich der Dorfplatz. In einem solchen Augenblicke brach eben auch ein Haufen Kürassiere aus dem Hofe des Bauerngutes Kozina's heraus und eilte lärmend zum Schulzenamte. An der Tete schritt der Chodenschlosser Verwalter. Kurz hernach wurde es wieder vor dem Erbgerichte lebendig. Die Kürassiere führten die Bauern aus dem Hause. An der Spitze schritt der gefesselte Mathias Přibek und der junge Kozina mit verbundenem Kopfe. Der Erbrichter Syka schritt gleich neben dem von einem Choden gestützten alten Přibek einher. Alle schwiegen, nur ihr bewaffnetes Geleite brummte und summte. Dieses Geräusch und den durch das Zuführen der Pferde verursachten Lärm übertönte das Wehklagen und das Weinen der Weiber. Denn die Kürassiere traten den Marsch an und führten die gefangen genommenen Choden fort. Der Mondenschein hatte die Wolken durchbrochen und die Helmbügel und die gezückten Pallasche glitzerten in demselben. Man sah die weissen Soldatenmäntel und die weissen, langen Scherkenröcke der zwischen den Kürassierpferden einherschreitenden Choden. Der Zug bewegte sich in der Richtung gegen das nahe Chodenschloss zu. Die junge Kozina kam mit den Kindern, weinend und ganz bestürzt, vom Dorfgericht gegangen. Neben ihr ging schweigend, mit vorgebeugtem Haupte ihre alte Schwiegermutter; ihnen folgte Manka Přibek, Onkel Pajdar aus Putzeried, der junge Šerlovský und Psůtka von Possigkau. Die Männer begleiteten die verlassenen Weiber nach dem Hause Kozina's und auch Manka ging dorthin. Konnte sie ja doch in das Elternhaus, wo jetzt so viele ungezügelte Gäste eingezogen waren, nicht gut zurückkehren. Kaum hatten sie den Vorflur im Hofe betreten, als sie schon bemerkten, wie hier gewirtschaftet worden ist. In der Stube war alles d'rüber und d'runter, die Truhen erbrochen, die Türen der Kammern gesprengt und zerhackt. – In diesem Wirrwarr merkten die Männer gar nicht, dass die alte Kozina aus der Stube verschwunden ist. Rasch eilte sie über den Hof in ihr Austragsstüberl. Hier ist in der gleichen Weise gehaust worden, wie im Bauerngute. Aber die Greisin beachtete dies alles nicht, sondern trat hastig in die Nebenkammer und blieb plötzlich auf der Schwelle stehen. In dem durch das niedrige kleine Fenster hereinbrechenden Mondenglanz konnte man die von den Kürassieren auch hier angestiftete Verwüstung wahrnehmen. Die Greisin schenkte aber dem zertrümmerten Geräte keine Aufmerksamkeit, ihr Blick war nur auf eine Stelle des Fussbodens geheftet. Zwei zertrümmerte, erbrochene, bei Seite geschleuderte Bretter lagen da und auf der Stelle, wo sie sich früher befunden hatten, gähnte eine tiefe Öffnung, eine gemauerte Grube, offenbar ein geheimes Versteck noch aus längst vergangenen stürmischen Tagen stammend. Die Grube war schwarz und leer. Das Kistchen mit den »Choden-Sachen«, der Chodenschatz wertvoller Majestätsbriefe, war verschwunden. Die Kürassiere hatten ihn geraubt und fortgeschleppt. Die alte Kozina stand hier mit gesenktem Haupte und gefalteten Händen, als stände sie an einem offenen Grabe. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrem Busen, an den sie sodann hastig mit beiden Händen griff. In diesem Augenblicke hellte sich ihr finsteres Antlitz auf und um ihre fest geschlossenen Lippen zuckte ein bitteres, verächtliches Lächeln. VII Die Wolken am Himmel lichteten sich. Sie verschwanden meistens hinter dem Čerchov und dem von ihm überragten Gebirgskamm. Nur hie und da kam ein eilender, dunkler, dräuender Nachzügler gleich einem vereinsamten Raubvogel, der sich verspätet hat und nun seine schwarzen Fittiche hastig ausbreitet und gewaltig spannt, um die ihm durchgegangene, im unermesslichen Lufträume verschwundene Schar seiner Genossen rasch noch einzuholen. Der Mondschein ergoss sich leise über den gesamten Böhmerwaldgau, die bewaldeten Abhänge des oberpfälzischen Waldgebirges, die Höhen bei Klentsch, Meigelshof und die Burg zu Chodenschloss. Durch das entlaubte Geäste der Bäume schimmerten die weissen Mauern dieses erst unlängst vollendeten Gebäudes. Abends glühte durch die kahlen Baumkronen auch der Schein der erleuchteten Fenster des Schlosses. Der Herr von Chodenschloss hatte nämlich heute Gäste, die beiden mit ihm von Pilsen gekommenen Offiziere. Der eine war der Oberst Graf Stampach, der zweite der jugendliche Rittmeister Graf von Vrtba und Freudenthal. Von diesem erzählte sich die Dienerschaft, er sei wegen der jüngeren Tochter des gnädigen Herrn, Marie, gekommen. Die ältere Tochter, Barbara, war bereits mit dem kaiserlichen Obrist Wenzel Hroznata Grafen von Gutstein verlobt. Die vornehme Gesellschaft unterhielt sich recht lange. Es war bereits um die elfte Nachtstunde, als das Licht in den grossen Fenstern des Salons erlosch. Sodann sah man es noch hie und da kurz in den angrenzenden Gemächern erscheinen, bis es auch hier, wie im ganzen Schlosse, finster wurde. Nur zwei Fenster glühen noch hinter dem kahlen Geäste durch die dunkle Nacht. Es sind dies die Fenster des Arbeitszimmers des Schlossherrn. Dort sitzt Lamminger im Lehnstuhl am prasselnden Kamin. Neben demselben steht ein schön geschnitzter Tisch, auf dem ein eichenes gut beschlagenes Kistchen liegt. Der Herr folgt mit Spannung dem Berichte des in militärisch strammer Haltung vor ihm stehenden Verwalters Koš, von dem er seine kalten, lichtblauen Augen gar nicht abzuwenden vermag. Der Verwalter erzählt, was nach der Abfahrt des hochgeborenen Herrn in Aujezdl alles geschah. Er schildert, wie er vorerst aus Vorsicht Mathias Přibek fesseln liess, und sodann vor allem in Syka und Kozina drang, sie mögen nicht leugnen und die Wahrheit gestehen. »Wer war der Verstocktere von den beiden?« »Kozina, Euer Gnaden. Er hiess sein Weib, das vor mir auf die Knie gefallen war, aufstehen, und sagte, sie sollte lieber nach Hause gehen –« »Hm –« »Unterdessen wurde bei Syka die Hausdurchsuchung vorgenommen, leider vergebens. Ich drang auch auf die anwesenden Frauenzimmer ein und drohte mit strengen Strafen für ihre Männer. Eben deshalb haben wir sie auch dort gelassen. Die Weiber sagten aber nichts und es scheint, dass sie auch nichts wussten.« »Glaubt ihr?« »Da kam Kozina's Mutter, die sicher etwas wusste.« Der Verwalter erzählte nun weiter, wie sie sich benahm und wie er sodann seinen chodenschlosser Kollegen zu Kozina sandte, damit er dort die Hausdurchsuchung vornehme. »Ehe er zurückkehrte, habe ich ihr genug gedroht, aber diese alte Hexe war wie aus Stein; da hätte die weinende und ganz bestürzte Junge, Kozina's Weib, alles herausgesagt, ich zweifle aber, dass sie ins Geheimnis eingeweiht war –« »Gut. Was sagten sie, als ihr dieses Kistchen gebracht?« Der Blick des Herrn heftete sich auf das Eichenkästchen auf dem Tische. »Euer Gnaden! Als wenn ein Donner von heit'rem Himmel plötzlich in sie hereingefahren wäre. Syka liess den Kopf sinken –« »Und Kozina?« »Der war zäher. Er machte eine trotzige Kopfbewegung und dieser wilde Přibek schrie noch seinen alten, über das Kistchen wehklagenden Vater an: »Schweigt, Vater, die Majestätsbriefe wurden uns geraubt, nicht aber unsere Fäuste!« »So. Gingen sie dann anstandslos?« »Jawohl, Euer Gnaden, sie wehrten sich nicht mehr, weder Kozina noch Přibek.« »Wo habt ihr sie hingesteckt?« »Kozina und Přibek, jeden separiert, in den schwarzen Zwinger, die Übrigen in den Gemeindekotter; sollten anders anzuordnen geruhen –« »Es ist so gut.« »Ich liess auch diesen Dudelsackpfeifer von Aujezdl einsperren. Ursprünglich verschwand er aus dem Gemeindehaus, als wir aber die Bauern abführten, tauchte er dort selbst wieder auf.« Lamminger nickte nur leicht mit dem Kopfe. »Geruhen, hochgeborener Herr, noch etwas anzuordnen?« »Nein. Es ist schon gut!« Mit einer tiefen Verbeugung trat der Verwalter ab. Man vernahm noch schwerfällige, abgemessene Schritte und Sporenklirren, sodann verstummte auch dies. Tiefe Stille herrschte in dem Gemach. Lamminger erhob sich und öffnete den Deckel der kleinen Truhe aus Eichenholz. Das Schloss war abgerissen. Eine Zeit lang betrachtete er die vorher vom Verwalter durchstöberten vergilbten Pergamentdokumente, sodann hob er aufs Geratewohl die oben liegende mit einem alten Petschaft versehene Urkunde, entrollte das Pergament und heftete die Blicke auf die ersten Zeilen. »Nos Carolus, domini regis Boemiae primogenitus, marchio Moraviae, notum facimus – quod quia paterni nostrique fideles dilecti Chodones in Domazlicz –« Er las weiter. Das Feuer prasselte im Kamine und dieses angenehme Knistern vermengte sich zeitweise mit dem Geklirre der Fensterscheiben, wenn sie der Nachtwind erzittern machte. Lamminger ergriff eine andere mit einem grossen Petschaft versehene Urkunde. Sie war böhmisch. »Wir Rudolf von Gottes Gnaden des heiligen römischen Reiches Kaiser und König von Böhmen –« Kaum hatte er flüchtig einige Zeilen durchflogen, wurde er gestört. Die Tür des Nebengemaches ging auf und eine ernste Frau mit blassen Wangen und sanftem Gesichtsausdrucke, die Gattin Lammingers, trat ein. Sie war noch in dem reichen, vorne gestickten Gewande, in dem sie die Gäste empfangen hatte. Im Lichtscheine zweier auf dem Tische brennender Wachskerzen funkelten die Perlen und Edelsteine der Agraffen, welche die mit Atlasmaschen reich gezierte Brust- und Armhülle zusammenhielten. Sie blitzten oberhalb des Busens und auf den Schultern oberhalb der breiten, zusammengerafften Ärmel, von deren schneeweissen Bauschen die vielen verschiedenartig geschlungenen, bunten Bänder lebhaft abstachen. Oberhalb des Ohres und am Nacken bildete das schöne dunkle Haar reiche Locken und kräuselte sich auch um die weisse Stirne. Die Freifrau trat schüchtern ein und ihr Blick blieb forschend auf dem Antlitze des Gatten haften. »Störe ich nicht?« frug sie sanft. »Keinesfalls, obzwar ich hier eine sehr schöne und höchst interessante Lektüre habe.« Das Antlitz der Edelfrau heiterte sich auf. So fröhlich hatte schon lange keine Antwort ihres Gemahls gelautet. »Ich kam, mein Lieber, zu Ihnen, um Sie zur Schonung und zum Ausruhen zu mahnen. Der Weg hat Sie ermüdet –« »Heute fühle ich keine Ermüdung. Sehen Sie, mein langersehnter Wunsch!« Er deutete auf den entrollten Majestätsbrief Rudolfs. Die Edelfrau beugte sich hinüber und mit den Worten: »Sehen Sie doch, mein Ahne!« wies sie in der Urkunde auf die Unterschrift des Kanzlers des Königreiches Böhmen: »Ladislav von Lobkovic.« Die Gattin Maximilian Lammingers, Katharina, war eine geborene von Lobkovic. »Jawohl, Ihr Ahne. Der Herr Kanzler ahnte, als er diese Urkunde bekräftigte, sicherlich nicht, wie viel Sorge sie einem seiner Nachkommen bereiten und dass sie dieser ausser Kraft setzen werde. Jetzt habe ich sie schon.« »Ich hörte von ihrem Widerstande, sie wollten sie dem Vernehmen nach nicht ausfolgen, ja es sei sogar Blut geflossen –« »Jawohl, jawohl, – Nun – was nützt es –« »Und mussten Sie diese Urkunden haben?« fragte sie sanft und voller Schonung. Der Freiherr verzog seine rötlichen Augenbrauen. »Ich verstehe, Sie bedauern diese Rebellen.« »Diese Urkunden sind ja schon ungültig –« »Das behaupte ich ebenfalls und doch fürchtete ich sie, meine Liebe. Wäre ich ein Prokurator, ich wollte sie wacker verteidigen – und auch vom Hofe weht nicht ewig ein gleicher und nicht stets ein uns günstiger Wind. Denken Sie nur an die Zeiten des verstorbenen Kaisers zurück, Ferdinand III. als jener Herr von Grefenberg Ignaz von Grefenberg, königlich böhmischer Prokurator, nahm sich der Choden wacker an. diese Bauernbengel in Schutz nahm. Und welche Opfer und Anstrengungen kostete es mich, damit ich später die Vorschläge des Fürsten Auersperg Fürst Johann A., geheimer Rat des Kaisers Leopold. durchkreuze. Wäre es nach seinem Willen gegangen, so hätte ich heute keinen Stein von dieser Herrschaft, und doch waren damals diese Urkunden ebenso ungültig wie heute. Auf Grund dieser Dokumente konnten sie jeder Zeit einen Prozess beginnen. Jetzt aber geht das nicht mehr –« Lamminger lachte; auf das Antlitz seiner Gattin fiel jedoch ein Schatten. Sie schwieg und nur ein heimlicher Seufzer entrang sich ihren Lippen. Der Gemahl, welcher sie forschenden Blickes beobachtete, sprach hastig: »Wünschen Sie, meine Liebe, vielleicht noch etwas –« »Jawohl, doch ich befürchte – Dem Vernehmen nach sollen diese Leute aus Aujezdl mit Schlägen gestraft werden und haben auch heute noch keine Nahrung bekommen –« »Ei, Sie üben ja auch jenen gegenüber Barmherzigkeit, die gegen Sie sind. Sie müssen gestraft werden!« »Es ist unter ihnen auch ein Verwundeter und ein schwacher Greis –« »Von dem Verwundeten sprechen Sie mir nicht. Den Greis und diejenigen, die weniger trotzig waren, will ich – Ihnen zu Lieb' – schonen. Es ist aber schon spät, meine Liebe. Gute Nacht! Heute können sie Zufrieden und ruhig schlafen – dieses Haus und alles bleibt uns und unseren Nachkommen; die Sicherheit wird mir die Asche dieser Pergamente bieten.« Kühl küsste er seine Gemahlin, die es nicht mehr wagte, für die Choden eine Fürsprache einzulegen. Als sie vorher den Gatten so fröhlichen Sinnes traf, fand sie Erleichterung, jetzt zog sie sich aber verstimmt und in Gedanken versunken zurück. Nachdem Lamminger allein war, ging er einmal im Gemache auf und ab, dann blieb er wieder bei den Urkunden stehen und betrachtete sie nachdenklich. Er las sie jedoch nicht. Plötzlich nahm er eine derselben und schritt mit ihr zum Kamin. Schon hatte er die Rechte gehoben, um diesen ehrwürdigen Zeugen der Choden-Freiheit ins Feuer zu werfen, als er, wie durch einen plötzlichen Gedanken gefesselt, die Hand sinken liess, zum Tische zurückkehrte und die Urkunde samt allen übrigen wieder in das Choden-Kistchen legte. Dann schlug er den Deckel zu. VIII In dieser Nacht trat ein Frost ein. Am meisten verspürten ihn die Chodenschlosser Gefangenen. In der öden Büttelstube, in der es kein Mobiliar gab, waren die Alten aus Aujezdl, darunter auch der Erbrichter und der junge Dudelsackpfeifer Řehůřek-Jiskra, eingesperrt. Sie kauerten auf dem schwarzen Fussboden rings um den alten Přibek, der im Schosse seine glitzernde schön beschlagene Čakane hielt, in einem Knäuel. Als man sie am Abend hieher gebracht, waren sie noch ziemlich gesprächig. Sie sprachen über Mathias Přibek, noch mehr jedoch über den jungen Kozina, seinen Mut, seine unerschrockene Rede und sein ganzes heutiges Auftreten, das jedermann überraschte. Jiskra-Řehůřek war der einzige, der dabei seltsam lächelte und sagte: »Und früher wollte mir niemand glauben, als ich ihn einen guten Kerl nannte.« Doch das traurigste war, dass der alte Váchal recht hatte, der da sagte: »Was nützt das alles, warum haben Kozina, alle Ältesten und Mathias Přibek gelitten, wenn uns dieser verdammte Wolf unsere Majestätsbriefe frass.« Die Wucht dieser Worte fühlten alle. Sie verstummten sodann und jeder hing seinen Gedanken nach. Auch der Dudelsackpfeifer empfand jetzt nicht die Lust sich auszusprechen, wie sonst. Spät Abends öffnete sich plötzlich die Tür. Der Büttel trat, mit einer grossen Laterne in der Hand ein und ihm folgten zwei Knechte. Der eine streute Stroh auf den Boden, der andere brachte Brot und Wasser. Sodann entfernten sie sich wieder. Die Gefangenen setzten sich auf das Gestreu und nahmen ihr Nachtmahl; nur der Erbrichter Syka und der alte Přibek rührten ihre Portionen nicht an. Sie hatten keine Lust zum Essen und sie blieben auch allein auf, als alle übrigen die müden Glieder zum Schlafe ausgestreckt hatten. Die Nacht zog langsam durch die Gegend. Sie war still und hell. Ihr Schein fiel durch zwei kleine Fenster in die Büttelstube und man sah durch diese Fenster die dunkeln, schlummernden Wälder dort draussen. Auf diese Wälder waren die Blicke der beiden Choden gerichtet. Der Schulze Syka liess sich mit gedämpfter Stimme vernehmen: »Die Wälder dort gehörten alle uns –« »Jawohl,« stimmte der Greis zu. »Der Grossvater wandelte in ihnen noch als wären sie sein Besitz und war hier Herr, während wir sie jetzt aus dem Fenster unseres Arrestes betrachten.« Sie verstummten abermals bis der Erbrichter nach einer Weile wieder nach den Wäldern blickte und mit einer raschen Handbewegung hinaus wies: »Schau' mal, Přibek, welch' ein Stern gerade über diesem Walde!« Přibek blickte hin und bekreuzigte sich. »Ein Komet –« sagte er langsam – »ein Zeichen von Gott!« Über dem langen Rücken des schwarzen Forstes glänzte am dunkelblauen Himmel mit nach oben gewendetem, langem Schweife – ein Komet. »Und wie gross er ist!« Jetzt sahen ihn schon alle, einige knieend, einige stehend. Sie erhoben sich, denn sie hatten kein Auge geschlossen und hörten alles. »Jeder Komet bedeutet etwas,« sagte Přibek. »Ich sah ihrer schon mehrere und immer folgte dann ein Krieg oder Hungersnot und Pest. Aber dieser da! Einen so grossen sah ich noch nicht, ausser damals – ich weidete ja noch Vieh – es war vor dem grossen Kriege, Im Jahre 1619. der dreissig Jahre dauerte. Ich erinnere mich daran so gut, als wäre es gestern gewesen. Wir sassen draussen vor den Fenstern und schauten zum Himmel. Mein seliger Grossvater hat es gut prophezeit, es werde schlimm werden, sehr schlimm. Er war noch aus den guten Zeiten, in denen man am langen Rocke und am Leib goldene Borten trug – uns blieben nur noch diese schwarzen übrig. Und dann musste es der Ärmste noch selbst erleben, um sich zu überzeugen, dass seine Wahrsagung richtig war. Aus eigene Augen sah er noch, wie uns das kaiserliche Heer alles wegschleppte, bis im Stalle kein Zicklein, im Hause keine Brotrinde übrig blieb. In den Jugendjahren ging er noch in Goldborten, auf seine alten Tage sah er aus wie ein lumpiger hungriger Bettler. Nichts blieb ihm als diese Čakane! O, ich weiss es, wie ihm immer Tränen in die Augen traten, als er dieses Sternes gedachte, oder als das Gespräch auf diese alten Zeiten kam. Aber was war er gegen uns! Es ging ihm schlecht, was würde er aber jetzt erst sagen? Damals blieb uns die Hoffnung – aber jetzt – Dieser Stern« – und die Stimme des Greises zitterte heftig – »was wird der bringen –« »Uns nichts – auf uns hat der liebe Gott schon vergessen,« klagte der alte Váchal. Aller Blicke wandten sich ihm zu. Es war dies ein kühnes Wort und zu einer anderen Zeit hätten sie es als Gotteslästerung gerügt, doch in diesem Augenblicke muckste niemand. Sie schienen schweigend zuzustimmen. Während so Mathias Přibek's Vater voll Kummer den unheilbringenden Stern betrachtete, lag der Sohn im dunklen Zwinger ausgestreckt und schlief. Seinen breiten Kremphut hatte er unter dem Haupte. Die Hände fesselten keine Stricke mehr. Der Traum des auf der harten, kalten Erde ruhenden Riesen-Choden war wohl nicht besonders lieblich, denn er zuckte zeitweilig heftig zusammen und schrie aus dem Schlafe auf. Er rang noch im Traume voll neuer Wut über die ihm zu Teil gewordene tückische Behandlung, überfiel und fesselte man ihn doch ohne weiters im Gemeindehause, als wäre er ein Räuber. In einer angrenzenden, gleich angenehmen Zelle sass Kozina auf einem an der Wand liegenden wurmstichigen Balken. Er stützte seinen verwundeten Kopf an die rauhe, kalte Wand und blickte in Gedanken versunken zum sternbesäeten Himmelstreifen, den er durch das winzige, verrostete Fenstergitter erspähte. Er dachte lange über die Ereignisse des Tages nach; gebeugt oder gar gebrochen war er aber durchaus nicht. In seinem Inneren war friedliche Ruhe, eine Ruhe, wie sie die getroffene Entscheidung und die fertige Tatsache mit sich bringen. Er sah klar. Die Unsicherheit und die drückende Schwüle des nahenden Gewitters war geschwunden. Es hat eingeschlagen, dadurch verflog aber auch die so lange den Geist des jungen, ehrliebenden Mannes umnachtende Wolke. Rehabilitierte ihn doch der heutige Tag und zeigte, wie lauter seine Denkungsart war und bewies, dass er keineswegs derjenige sei, für den man ihn allerorten, für den ihn selbst die eigene Mutter gehalten. Ausserdem wurde heute die Wahrheit, an die er selbst glaubte, dass nämlich die alten Chodenrechte bisher in Geltung waren und trotz jeder obrigkeitlichen Ableugnung und trotz dem ihnen auferlegten perpetuum silentium immer noch gelten, öffentlich bestätigt. Was geschah denn, oder was geht denn vor, dass Lamminger plötzlich die Majestätsbriefe so dringend verlangt? Und jetzt sollte man ihm sie ohne Kampf belassen? Er gedachte der Kinder und der Mutter. Wie sie ihn doch dort im Gemeindehause anblickte, als er sie merken liess, er kenne ihr Geheimnis, und dann, als man ihn Abends hierher ins Schloss abführte! Jetzt sind sie sicherlich alle beisammen – die Kinder dürften schon schlafen – und Hančí, die Arme, sie weint. Sicherlich dürften die Kinder nach ihm gefragt haben, der kleine Paul, Hanálka, das kleine Köpfchen – – Kozinas müde Augenlider senkten sich, bis sie der Schlaf zudrückte. Der unermüdete Geist schwang sich aber aus dem Gefängnisse über den Wald hinaus, um vor dem einfach bemalten Himmelbette zu verweilen, wo zwei allerliebste Kinder, ein pausbackiger Knabe und ein goldhaariges Mädchen ruhten. Über diese beugte sich ein junges, hübsches Weib, das glückselig seine zwei Knospen betrachtete. – –   Am nächsten Tage führte Lamminger seine Gäste: den Obersten Grafen Stampach und den jungen Rittmeister Grafen von Vrtba und Freudenthal Nachmittags in die Schlosskanzlei. In der geräumigen geweissten Stube war es angenehm. Es loderte ja im Kamine ein ausgiebiges Feuer. In der Nähe des Kammes liessen sich die Edelleute in lederne Lehnstühle nieder und fuhren in dem, bereits auf dem Herwege gepflogenen Gespräche fort. Der Herr von Chodenschloss führte das Wort. »So lange sie ein Pergamentstückchen in den Händen haben, geben sie nicht Ruh'. Sie sind sehr pfiffig, darum schwiegen sie jetzt so lange, wie sich ihnen aber eine Gelegenheit bieten würde – Oh, Sie kennen sie nicht, meine Herren, es ist ein harter, zäher Volksstamm. An jeglicher ihrer Gewohnheiten halten sie starr fest. Ich weiss, wie es zuging, als sie zu meines Vaters Zeiten die Waffen ausliefern mussten. Wie lange wehrten sie sich da, ehe sie diese alten Büchsen und Pistolen hergaben – und selbst das geschah nicht auf einmal. Da gab es Eintreibungen, Drohungen und Strafen –« »Nun und schliesslich gewöhnten sie sich auch an ein Leben ohne Waffen,« sagte Graf Stampach lächelnd. »Freilich gewöhnten sie sich – und so wird's auch mit den Dokumenten der Fall sein.« »Waren denn diese Bauernbengel so militärisch organisiert?« fragte der junge Rittmeister. »Sogar ihre Fahne und einen Fahnenträger hatten sie.« »Ei!« »Dieser grosse Chode, der im Gemeindehaus alle übrigen um Kopfeshöhe überragte, das ist ihr letzter Fahnenträger. Er hat die Fahne, welche sie erst dann, als sie alle Waffen ausgeliefert hatten, abführten, hier übergeben. Sie hielten sie lange verborgen, bis ihr Versteck doch ausgeforscht wurde. Sie war, so wie gestern die Freiheitsbriefe, in Aujezdl und zwar beim Vater dieses grossen Bauers aufgehoben. Als ich den Musketier hingeschickt, folgten sie die Fahne nicht aus, und erst nach argen Drohungen überbrachten sie sie selbst. Meine Herren, das war ein Schauspiel! Der grosse Přibek trug sie selbst und mit ihm zog fast das ganze Dorf her; sein Vater, der Erbrichter, die Schoppen und sämtliche Männer. Das war das Ehrengeleite der Fahne!« setzte Lamminger spöttisch lächelnd hinzu. »Als sie die Fahne sodann hier in der Kanzlei abführten, fing der alte zu weinen an und so mancher von diesen Dickschädeln wischte sich Tränen aus den Augen.« »Just wie alte Soldaten,« bemerkte der Oberst. »Und existiert diese Fahne noch, oder wurde sie vernichtet?« fragte der Rittmeister. »Sie dürfte wahrscheinlich noch irgendwo hier unter altem Gerümpel stecken. Der Verwalter wird sicherlich davon wissen. Wünschen sie die Herren vielleicht zu sehen?« Beide äusserten den Wunsch die alte Bauernfahne besichtigen zu dürfen. Lamminger läutete dem Verwalter, der draussen schon wartete. Über Auftrag seines Herrn brachte er die Chodenfahne. Sie stand hinter einem grossen, dunkeln Registraturschrank. Nach einigen Anstrengungen gelang es dem Verwalter, die Fahne aus diesem unwürdigen Verstecke herauszuziehen, er reinigte sie sodann draussen vom Staube und brachte sie den Herren. »Die Stange ist gebrochen,« sagte er, als er die Fahne, die die Edelleute umringten, entrollte. Sie war aus Seide; ihre ursprüngliche Farbe war weiss, mit einem schwarzen Streifen als Einfassung. Jetzt waren die Farben freilich stark verblichen und die Fahne hatte hie und da auch einen Riss. »Die Risse stammen nicht daher, dass die Fahne vielleicht morsch wäre, das sind Wunden aus ehrenvollen Kämpfen,« sagte der Oberst, der sich über die Löcher neigte. »Und hier ist ein Wappen – ein Hundekopf,« rief der junge Graf von Vrtba, auf die alte vergilbte Stickerei deutend. »Einen Stierkopf würden sie eher verdienen,« setzte Lamminger spöttisch hinzu. Sodann wendete er sich mit der Frage, wie sich die Choden benommen haben, an den Verwalter. »So wie gestern. Weder Kozina, noch Přibek, ja nicht einmal dieser Dudelsackpfeifer gaben einen Laut von sich, als ihnen der Musketier mit dem Haselstock die Schläge applizierte.« Ohne ein Wort zu erwidern kehrte sich Lamminger den Offizieren zu. »Ist es den Herren gefällig?« »Ja, wir können beginnen,« antwortete der Oberst. Lamminger gab dem Verwalter ein Zeichen, dieser lehnte die Fahne mit der Stange in der Nähe des Kamines an die Wand und ging hinaus. Nach einer Weile kehrte er mit seinem chodenschlosser Kollegen und zwei Herrschaftsbeamten zurück. Ihnen folgten die Gefangenen, zuerst Přibek und Kozina. Sie stellten sich vor den Herrschaften im Halbkreise auf. Der Verwalter, der die Absicht seines Herrn schon kannte, stellte vor Lamminger das Kistchen mit den »Choden-Sachen« auf den Tisch. Wie es der alte Přibek und der Dorfrichter Syka wahrnahmen, fuhren sie zusammen. Mathias Přibek heftete jedoch seinen finsteren Blick auf die alte Fahne. »Kennt ihr das?« begann mit eisiger Kälte Lamminger, indem er auf das Kistchen hinwies. »Euere Majestätsbriefe sind auch darin.« Nach diesen Worten hob der Verwalter den Deckel und nahm langsam eine Urkunde nach der anderen so hervor, dass sie alle die Dokumente sehen konnten. »Alle sind da!« bemerkte er mit einem Seitenblick auf den Erbrichter Syka wie unwillkürlich. Syka zwinkerte mit den Augen und sagte: »Alle, gnädiger Herr –« »Nehmt also Abschied von ihnen!« antwortete der Verwalter. Er nahm sodann eine grosse Schere, schnitt alle Siegel ab, warf eines nach dem anderen in das flatternde Kaminfeuer und schleuderte auch einen Majestätsbrief nach dem anderen nach. Die Flammen zischten und loderten auf. In einem Augenblicke war die durch Jahrhunderte hochgehaltene und anerkannte Bürgschaft der Chodenfreiheit und ihrer Rechte vernichtet. Mit der einzigen Ausnahme Přibeks hat keiner der anwesenden Choden die Wohltaten und Privilegien der soeben dem Verderben geweihten Choden-Rechte verkostet. Sie kannten die goldene Freiheit nur aus den Erzählungen der Alten, jeder wusste und glaubte jedoch, dass dieses ihr Kleinod noch nicht vernichtet ist und dass der Zauberstab, der ihnen wieder zum Schatze ihrer Freiheit verhilft, die von den Vorfahren geerbten Majestätsbriefe seien. Und jetzt vernichtete sie die Flamme, ein bisschen Asche bleibt von den Freiheitsbriefen – und mit ihnen erstirbt auf immer jede Hoffnung auf Erleichterung und Befreiung von der unwürdigen Leibeigenschaft! Lamminger musterte die Choden. In seinem eisigen Blicke leuchtete ein Strahl selbstsüchtiger Schadenfreude auf; sah er doch, dass er sich nicht getäuscht und dass sein Entschluss gut war. Endlich! Gestern trotzten sie noch, selbst als er ihnen mit der Soldateska und dem Galgen drohte. Und jetzt! Siehe da, wie sie die Dickschädel hängen lassen und wie finster selbst der breitschultrige Přibek die alles vernichtenden Flammen betrachtet! Und dieser – doch halt! Diesen Kozina, dessen Widerstand selbst die Prügelstrafe nicht zu brechen vermochte, sollte auch dieses Schauspiel nicht erschüttern und er könnte dabei lächeln? Und doch lächelte er und mit welcher Verachtung! Nun das Lachen wird ihm schon bald vergehen. Tiefe Stille herrschte in der Amtskanzlei, während der Verwalter die Majestätsbriefe in die Flammen warf, und diese Stille wurde nur durch das Zischen und Knistern im Kamin gestört, so oft der Verwalter eine Pergamentrolle oder ein Siegel in die Flammen schleuderte. Ehe der Verwalter den letzten Freiheitsbrief in die verhängnisvolle Feueresse warf, wandte er sich noch mit folgenden Worten den Choden zu: »Mit eueren Majestätsbriefen ist's aus. Jetzt, wo dieselben vor den hochgeborenen Herren (er nannte ihre Titel), vor den Herren Beamten unserer gnädigen Obrigkeit und vor eueren eigenen Augen vernichtet wurden, werdet ihr vielleicht Vernunft annehmen und es aufgeben, sich immer und immer wieder auf sie zu berufen.« Schon wollte er die letzte Urkunde ins Feuer werfen, als er wahrnahm, dass sein Gebieter sprechen will. Er hielt einen Augenblick inne, die Pergamenturkunde in der erhobenen Rechten haltend. »Erfüllet jetzt ordentlich euere Pflichten, wie es sich robotpflichtigen Leibeigenen geziemt, sonst erschwert ihr euch euere Stellung,« sprach Lamminger in strengem Ton. »Ihr sehet ja selbst, dass alles vergebens ist –« Ein Wink und das vergilbte Pergament flatterte über dem Kamin und versank in den Flammen. Im selben Augenblicke entstand eine mächtige Bewegung. Die an die Wand gelehnte Chodenfahne glitt im selben Momente ab, und fiel geräuschvoll über das Kamingitter in die Flammen. – Gleichzeitig war aber auch schon Mathias Přibek mit einem einzigen grossen Satze da und entriss heftig die Fahne den Flammen, um sie vom Verderben zu retten. Es war aber schon zu spät. Die Seide fing schon Feuer und wie Přibek die Fahne emporhob und sie dadurch unwillkürlich entfaltete, brannte sie auch schon lichterloh. Lamminger, die Offiziere und alle wichen in der Verwirrung zurück. Die Kanzlei füllte sich mit Qualm, durch den die Flammen der lodernden Chodenfahne züngelten. Mathias Přibek senkte sie zur Erde und wollte mit der Rechten die Flammen ersticken. Es war aber schon zu spät. In der Linken blieb ihm nur die nackte Fahnenstange. Umsonst hatte er seine Rechte versengt. Doch die Chodenfahne ging wenigstens in seinen Händen zu Grunde und blieb nicht zum Spotte im Besitze der herrschaftlichen Bauernschinder. Qualm und Brandgeruch beschleunigten den Abschluss der ohnehin ihrem Ende zuneigenden Handlung. Lamminger ersuchte seine Gäste in das Nebengemach zu treten und ärgerte sich sowohl auf den Verwalter als auch auf diesen »Bauernbengel«, den aber der Oberst scherzend in Schutz nahm, indem er bemerkte, dass ein gutes Soldatenblut in seinen Adern rolle. Wäre dieser Riese nur um einiges jünger, so wollte ihn der Oberst gewiss in sein Regiment einreihen, wo ihm ganz bestimmt niemand gleich käme. Etwa eine halbe Stunde später ritten beide Grafen, von ihren Kürassieren begleitet, von Chodenschloss wieder gegen Aujezdl zu. In später Nachmittagsstunde verliessen endlich die bis dahin gefangen gehaltenen alten Choden aus Aujezdl den Schlosshof. Der letzte, der das Burgtor passierte, war der alte Přibek mit seinem Sohne Mathias; ersterer stützte sich auf seine mächtige Čakane, letzterer trug auf der Schulter die Fahnenstange des letzten Chodenbanners. Man liess sie ihm zum Spotte. Der Verwalter von Chodenschloss wollte sie ihm zwar in der Kanzlei abnehmen, aber sein Kauther Kollega, Koš, sagte lachend: »Lass ihm den Prügel zum Andenken, damit ihnen wenigstens etwas von ihrer Herrlichkeit übrig bleibe!« Als er fortging, lachte noch das Hausgesinde über seine Fahne. Er zuckte aber mit keiner Wimper und sah – nicht vielleicht weil er sich schämen würde, aber vorsichtshalber – zu Boden, denn er fürchtete, dass er durch seine Blicke noch mehr das Gesinde reizen würde, und sich dann möglicherweise zur sofortigen Vertreibung und Züchtigung der herrschaftlichen Spötter hinreissen lassen könnte. Der neben Kozina einherschreitende Erbrichter Syka sah ersteren einigemal an, als erwartete er eine Bemerkung. Der junge Bauer schwieg aber, als verstände er diese fragenden Blicke nicht. Es war eine traurige Heimkehr. Sie sprachen kein Wort, nur der alte Váchal liess sich einmal vernehmen: »Jetzt ist's mit allem aus, ja aus!« IX Die Gäste des Herrn von Chodenschloss und Kreishauptmannes trafen in Aujezdl alsbald ein, hielten sich hier nicht auf und ritten sodann mit einer noch grösseren Suite, mit sämtlichen Kürassieren, die gestern das Chodendorf besetzt hatten, ab. Nun, da die Majestätsbriefe bereits in den Händen des Hauptmannes sich befanden und das gesamte Volk offenbar eingeschüchtert war, bedurfte es keiner Besatzung mehr. Als die bösen Gäste aus dem Gesichtskreis kamen, atmeten die Dorfbewohner tief auf; sie atmeten auf, freuten sich aber nicht, indem sie der Ihrigen, die auf der Burg zu Chodenschloss gefangen gehalten wurden, gedachten. Am meisten dachten sie aber an den ihnen geraubten Schatz, ihre einzige und letzte Hoffnung, die ihnen die schwere Last der Leibeigenschaft leichter ertragen liess. Wie im ganzen Dorfe, herrschte auch im Wirtschaftshofe des Přibek öde Stille. In der Stube sass Pajdar von Putzeried und wartete auf die Tochter seines Cousins, Manka. Er blieb hier mit ihr, damit sie mitten unter der Soldateska nicht allein sei. Den jungen Šerlovský schickte er voraus heim, damit er dort den Grund seines Ausbleibens bekannt gebe und versichere, dass er sofort heimkommen werde, sobald sich in Aujezdl die Lage bessern werde. Der schmucke Bote ging zwar, wäre aber lieber zurückgeblieben oder hätte Manka mitgenommen, wenn dies möglich gewesen wäre und wenn sie gewollt hätte. Unterwegs dachte er stets an sie und in dieser seiner Besorgnis um sie tröstete ihn der Gedanke, dass der alte Pajdar bei ihr sei und nicht gestatten werde, dass ihr ein Unrecht geschehe. Dieser sorgte denn auch wirklich mehr für sie, als für sich selbst. Von einer Übersiedlung mit ihm zu den Verwandten nach Putzeried wollte sie gar nicht hören, sie fürchte die Soldaten nicht, besonders wenn der Onkel mit ihr sei, und wie könnte sie auch gehen, ohne zu wissen, wie es mit dem Vater und Grossvater stehe? Diese waren die einzigen, an die sie fortwährend nur dachte und über die sie wo immer nur möglich, Erkundigungen einholte. Hastig und ganz wie verstört kam sie zum Onkel Pajdar in die Stube und begann zu erzählen, dass sie geradenwegs von den Kozina's komme; die alte Kozina sei soeben von Chodenschloss zurückgekehrt. Zweimal, einmal früh und nachmittags, sei sie daselbst schon gewesen und habe das Schloss umschlichen, um zu erfahren, was mit dem Sohne und den übrigen geschehen sei. Dieser zweite Weg hatte endlich einen Erfolg, sie brachte aber keine fröhliche Botschaft und diese nun teilte Manka dem Onkel mit. Darnach erging es allen im Schlosse sehr schlecht und namentlich mit ihrem Vater und mit Kozina verfuhren die Herren sehr übel. Die Stimme zitterte fürwahr dem braven Mädchen, als sie erzählte, wie man dem Vater, Kozina und dem Dudelsackpfeifer eine tüchtige Tracht Stockprügel gab. Hastig erhob sich der alte Pajdar vom Lindenstamme, vor dem er auf grobem Stuhle sass. Diese Nachricht regte ihn furchtbar auf. Es war ja bisher im Chodenlande unerhört, dass man so wohlverhaltene Männer wie Vagabunden und Diebe geprügelt hätte. »So, also Prügel für uns! Ich habe schon manches erlebt – aber dies da! Jetzt wird es anders werden – Oho, meine Herrschaften!« Während sie so noch von den Gefangenen, und namentlich vom Grossvater und Vater sprachen, knarrte draussen das Hofpförtchen und durch die langsam zunehmende Dämmerung huschten draussen zwei Schatten dahin. Die Türe ging auf und die, von denen man gesprochen, traten ein; vorerst der alte, müde Přibek, das Haar vom Winde zerzaust und feucht vom Schnee. Er grüsste und als Manka zu ihm sprang und ihn bei der Hand fasste, heiterte sich das Antlitz des Greises auf. Sein Sohn Mathias, der mit der Fahnenstange gekommen war, sprach kein Wort und fasste schweigend die Rechte, die ihm Pajdar entgegenreichte. Er stellte sodann die Stange der ehemaligen Chodenfahne in eine Ecke und befahl seiner Tochter kurz, dem Grossvater Suppe zu kochen. Wie von Ermüdung überwältigt, liess er sich auf den Stuhl nieder, stützte den Ellbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Handfläche. Manka schickte sich an, das Feuer anzumachen, ihre Blicke hefteten sich aber mehr auf den Vater als auf das Holz und das Feuer. Pajdar stellte sich gegenüber seinem Vetter auf und unterbrach endlich die peinliche Stille. »Es ist euch schlimm ergangen. Ist es wahr, dass sie euch mit Prügeln –« »Auch du noch!« fuhr ihn Přibek barsch an und hob rasch den Kopf. »Kein Wort will ich mehr hören; ich habe der Schmach gerade genug. Diese verdammten befrackten Räuber! Zuerst bestehlen sie uns gleich Dieben –« Přibek erhob sich – »und dann noch Prügel! Heilige Mutter Gottes, das vergesse ich nicht! Ich schwöre zu Gott dem Allmächtigen und sollte ich schwarz wie Kohle werden!« Der Schein des in Mankas Hand brennenden Kienholzes fiel auf den in seine weisse Scherke gekleideten, kerzengerade stehenden Sprecher Mathias Přibek. Er hatte die Rechte zum Schwur erhoben, war blass und seine blutunterlaufenen Augen glänzten. Der auf der Bettleiste sitzende alte Přibek sah seinen Sohn an, faltete seine dürren, sehnigen Hände und wiederholte mit halblauter Stimme: »Dieser Stern – dieser Stern!«– – Während früher der Onkel Pajdar mit Manka noch allein war, sass die alte Kozina in ihrer Ausgedingestube ebenfalls einsam und betete. Dieser Augenblick der Einsamkeit und des Gebetes ward ihr schon zum Bedürfnis, Seit man ihr gestern den Urkundenschatz geraubt und den Sohn weggeführt, hatte sie nachts kein Auge geschlossen. Sie blieb lange bei ihrer Schwiegertochter, namentlich solange die aufgeschreckten Kinder nicht eingeschlafen waren, doch auch hierauf verweilte sie dort noch ziemlich lange, und kaum dass der Tag herangebrochen war, warf sie schon den Pelz um und eilte nach Chodenschloss. Ihre finster dreinblickenden Augen hefteten sich wiederholt voll Spannung auf die weissen Mauern des herrschaftlichen Schlosses, das sie umschlich, um entweder irgendwo ihren Jan zu erspähen, oder wenigstens etwas über sein und der übrigen Schicksal zu erfahren. Unverrichteter Dinge kehrte sie heim. Die Schwiegertochter erwartete sie fieberhaft erregt und ungeduldig, wie wenn sie auf glühenden Kohlen stünde. Sie wäre selbst gerne nach dem Schlosse geeilt, sie konnte es aber nicht der Kinder und der Soldaten halber. Sonderbar gestalteten sich jetzt die Dinge! Die alte, auf ihre Schwiegertochter sonst ziemlich strenge Ausgedingerin behandelte sie seit gestern wie ihre leibliche Tochter. Sie besorgte und hütete die Kinder, half ihr, und als sie sodann nachmittags abermals vom Schlosse heimkehrte, schonte sie Hančí so, dass sie ihr nicht einmal die ganze Wahrheit sagte. Nachdem die Soldaten das Dorf verlassen, zog sie sich in ihre Stube zurück und betete für ihren Sohn. Ringsherum herrschte Stille, nur der Wind pfiff in der Dämmerung ein trauriges Liedchen. Dann hörte man draussen den alten Wolf, dessen wütendes Gebelle das Gebet der Greisin unterbrach. Sie horchte eine Weile, da sich jedoch der Hund wieder beruhigte, neigte sie ihr Haupt und sprach ihr Gebet halblaut weiter. Lange betete sie nicht, denn in einer Weile vernahm man draussen kurze, eilige Schritte und der kleine Paul stürzte fast atemlos in die Stube und meldete, dass der Vater gekommen sei. Bevor die Bäuerin zur Türe kam, erschien er, die kleine Hanálka am Arme, selbst und ihm folgte ganz erfreut Hančí. Als die alte Kozina den verbundenen Kopf ihres Sohnes und sein bleiches Antlitz erblickte, war sie keines Wortes mächtig; augenblicklich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Der Sohn merkte dies wohl und, äusserst gerührt, nahm er die Hand, die ihm die Mutter reichte, um ihn zu bewillkommnen und sicherlich auch – sie fühlte und meinte es auch so – um ihm Abbitte zu leisten. Die ganze Familie nahm um den Tisch der Grossmutter Platz; alle freuten sich der Heimkehr des lieben Hausvaters, und die Kinder rührten sich gar nicht von ihm. Hančí fragte ihn aus, wie es im Schlosse war, wie es ihm dort erging, wie man ihn behandelt habe. Kozina antwortete darauf jedoch nur kurz und trachtete das Gespräch auf etwas anderes abzulenken, indem er von den Kürassieren zu erzählen begann und fragte, wie sie am Bauerngrunde und im Dorfe gewirtschaftet haben? Seine Mutter sprach wenig. Ihr schwebte nur eine Frage auf den Lippen; sie sprach sie aber nicht aus, da sie merkte, ihr Sohn weiche diesem Gespräche aus. Sie erhielten, ehe sie es geahnt hätten, einen Gast. Der Onkel von Trasinau, der alte Christoph Hrubý, suchte sie auf. Die alte Kozina schickte schon gestern, als Kozina und die übrigen nach Chodenschloss abgeführt wurden, einen Boten mit der Nachricht über das Geschehene zu ihrem Bruder. Dass er jetzt erst komme, entschuldigte er dadurch, dass er nicht zu Hause war, sondern in einer Angelegenheit in Fürth weilte. Er ergriff die Hand des jungen Bauers, schüttelte sie herzlich und sprach: »Ich habe schon gehört, lieber Bursche!« Als er hierauf den Mantel und den breitkrämpigen Hut abgelegt hatte und sich an den Tisch setzte, entfernte sich die junge Hausfrau, um ihrem Manne und dem Gaste das Nachtmahl zu bereiten. »Also, Krisl, du weisst schon,« begann die alte Kozina, um das Gespräch auf ihre Lieblingsfrage zu bringen. »Jawohl – ich hörte es schon, dass sie unsere Majestätsbriefe verbrannten,« antwortete er mit einem Seufzer. »Unser Recht verbrannten sie aber nicht,« fügte der Chode bei. Als dies die alte Schwester hörte, fuhr sie zusammen. Jetzt wusste sie es also. In dem Augenblicke vernahm man im Vorzimmer Schritte; der Erbrichter Syka, der »Prokurator«, kam in die Stube. »Bäuerin, heute darf ich schon vor diesem hier sprechen,« sagte er noch in der Tür, auf den jungen Kozina deutend. »Das ist ein anderer »Prokurator«,« fügte er bei. »Aber, warum ich zu euch komme! Weisst du, Bäuerin, dass sie dort in der Kanzlei nicht alle Majestätsbriefe in der Truhe hatten? Ich zählte sie gut nach – und dann fragt mich dieser Verwalter so unschuldsvoll, ob sie wohl alle seien – dieser Pfifikus! Nun ich bin ja gerade auch nicht auf den Kopf gefallen – und wusste gleich, dass dort nicht alle sind.« »Nicht alle! Wie hätten dort auch alle sein können,« antwortete die alte Bäuerin lebhaft, indem sie aufstand und das über die Brust kreuzweise gebundene Busentuch abnahm. Sie schlug es auf und entnahm ihm eine mit einem Siegel versehene Pergamenturkunde und gleich auch noch eine zweite. »Es sind dies die zwei besten, Syka, von denen du behauptet hast, sie wären für einen Prozess genügend, denn all' unser Recht sei in ihnen enthalten.« Die alte Kozina stand hinter dem Tische und hielt den vergilbten Majestätsbrief mit dem herabhängenden Petschaft in der erhobenen Rechten. Ihre Augen strahlten und sie blickte von einem Mann zum anderen. Diese fuhren in dem Augenblicke, als sie die Majestätsbriefe vorzeigte, überrascht von ihren Sitzen auf, sie alle: der junge Kozina, der bedächtigere Syka und der weisshaarige Erbrichter aus Trasinau waren heftig bewegt und Syka griff sofort nach den Pergamenten, als wollte er sich von ihrer Echtheit überzeugen. »Ja, ja, es sind dies unsere Freiheitsbriefe,« sagte lächelnd die Bäuerin und erzählte, wie sie der Sohn im Gemeindehaus treffend und rechtzeitig aufmerksam machte, dass die Majestätsbriefe gesucht werden, und dass er sie gefragt habe, ob sie gut verwahrt seien? Da sei ihr sofort der Gedanke gekommen, die wichtigsten derselben sicherheitshalber anderswo zu verstecken, da man sicherlich, wenn man den Sohn verhaftet habe, wohl auch bei ihnen das Haus durchsuchen werde. Und so habe sie diese zwei Dokumente noch rechtzeitig dem Kistchen entnommen und sie samt dem alten Petschaft am Busen verborgen. Während sie so sprach, entnahm sie einer Tischschublade auch das Petschaft. »Nun, dies da werden uns die Herren nicht mehr rauben,« fügte sie resolut hinzu und warf einen Blick auf die vor ihr auf dem Tische liegenden Urkunden: »Nein! Diese werden sie uns nicht mehr rauben!« wiederholte ihr Sohn. »Und die verbrannten wird uns Lommikar noch zurückstellen! Er wird es müssen!« Seine Augen funkelten und die bleichen Wangen färbten sich hochrot. Der alte Onkel von Trasinau nickte mit dem weissen Kopfe und Syka reichte dem mutigen Genossen seine schwere Rechte. Um diese Zeit machte sich Hančí, das Mahl bereitend, behend am Herz zu schaffen. Sie atmete nach der Heimkehr des Mannes erleichtert auf und war umso fröhlicher, da sie hoffte, jetzt werde ihr Mann mit den Herren nie mehr etwas zu tun haben. Die alten Urkunden nahm ja die Herrschaft mit – sie sind weg – Hančí taten sie nicht allzusehr leid. Gab es doch schon so viel Streit, Leid und Widerwärtigkeiten ihrethalber, und immer umsonst! Jan wird sie schliesslich doch verschmerzen und dann tritt wieder heilige Ruhe ein, er wird wieder ganz ihr gehören, ihr und den Kindern! X Seit jener kühlen Nacht, die die Choden von Aujezdl im Zwinger zu Chodenschloss verbrachten, liessen die Fröste nicht nach. Der Winter meldete sich bereits mit seinem ganzen Ernste. Unten im Tale wehte der Wind noch hie und da den leichten Schneeanflug weg, aber von den Höhen wollte die weisse Hülle nicht mehr verschwinden. Die Gipfel des Čerchov, der Haltrava, des Felsensturzes (Škarmaněc) und aller sonstigen höheren und niedrigeren Berge sowohl unmittelbar vor dem Chodengau, als auch weiter im imposanten Hintergrunde des Böhmerwaldes legten weisse Hauben an. Von ihnen wallten über die bewaldeten Abhänge und Lehnen schneeige Schleier, deren weisse hie und da das dunkle Blau der tiefen schweigenden Forste durchbrach. Eben so ruhig und schweigsam war auch der gesamte Chodengau. Es schien, als ob ihn die Vorgänge in Aujezdl und in Chodenschloss abgeschreckt hätten. Nirgends sah man ein Anzeichen stürmischen Unwillens oder kühnen Widerstandes, geradezu als ob den unbeugsamen Choden mit ihren verbrannten Majestätsbriefen auch jeglicher kühne Geist und Kampfesmut verloren gegangen wäre. Diese düstere Stille barg jedoch weder stumpfe Resignation noch Kleinmut. Es keimte in ihr der Sturm. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde davon, dass Lamminger die Truhe mit den Chodenbriefen geraubt habe, durch den ganzen Gau von Possigkau bis zu dem entlegenen Putzeried und mit Blitzesschnelle wusste jeder, wie man in Aujezdl und in Chodenschloss den Erbrichter Syka, Přibek, den jungen Kozina und die übrigen, alten Grundbauern behandelt habe. Hie und da sank zwar bei dieser Nachricht mancher Kopf in tiefes Nachsinnen, mancher Seufzer über das Ende der Freiheitsbriefe entrang sich auch der Brust – doch viel mehr Flüche hagelten auf den neuen Herrensitz in Chodenschloss, auf das Haupt des Burgherrn nieder. In den lebhaften Besprechungen der herrschaftlichen Gewalttat verschwand der vereinzelte Klageseufzer, denn in allen Bauernhöfen und Einschichten ertönten nur heftige Worte aufschäumenden Zornes und Rachedurstes. Man vernahm jedoch bei diesen Besprechungen auch Lob und lebhafte Anerkennung für sämtliche Aujezdler, die das alte Schild des von den Vätern ererbten Rechtes so tapfer verteidigten. Am meisten sprach man vom jungen Kozina; man bewunderte allgemein den Mut; mit dem er Lamminger selbst, dem Kreishauptmann entgegentrat und zwar in Gegenwart der Offiziere und der Soldaten, die mit gezückten Reitersäbeln in der Amtsstube und vor dem Schulzenhause standen. – Zuerst kamen die Bekannten aus Trasinau, Possigkau und Chodenschloss nach Aujezdl, um über Alles Erkundigungen einzuziehen, und um jene zu sprechen, die für sie alle gelitten hatten. Dann kamen auch aus den entlegeneren Chodendörfern Bauern, durchwegs alte, erfahrene und geachtete Männer. Sie kehrten entweder gleich bei Kozinas ein oder kamen mit dem Erbrichter Syka hin und drückten die Rechte des jungen Bauers. Sie setzten sich nieder, sprachen hin und her und dann frug nahezu ein jeder von ihnen, als er sich anschickte, fortzugehen: »Nun, was wird weiter sein?« »Nun jetzt gilt's stille halten, aber deswegen haben wir noch immer nicht unser letztes Wort gesagt. Du wirst's schon zu hören bekommen,« entgegnete Kozina. Doch sagte er Niemandem, ja er erwähnte es nicht einmal, dass zwei wertvolle oder, wie Syka behauptete, gerade die wichtigsten Dokumente gerettet worden sind. Er verschwieg es vor allem auf des Erbrichters Rat und so blieb es einstweilen ihr Geheimnis, das Geheimnis des Onkels von Trasinau und der alten Mutter. Hančí konnte sich über ihren Mann nicht sattwundern. Sie war nach dem Vorgefallenen der Meinung, er werde jetzt noch nachdenklicher sein, da er es nicht so leicht verschmerzen werde. Er war dagegen ruhiger denn je, gesprächiger als früher! Freilich so lustig und fröhlich, wie er war, als er noch ledig um sie warb, sah sie ihn jetzt nie. Der Schatten einer heimlichen Sorge und irgendwelcher heimlicher Gedanken wich nicht mehr von seinem Antlitz. Es fiel ihr auch auf, dass er jetzt häufig zu seiner Mutter ins Ausgedinge zu gehen pflegte, und es ist auch schon einigemal vorgekommen, dass, als sie ihm zufällig nachkam, er oder die alte Schwiegermutter rasch das Gespräch auf einen anderen Gegenstand lenkten. Sie verheimlichten etwas vor ihr. Aber was nur? Wovon konnten sie wohl sprechen? Sie war sicherlich nicht Gegenstand dieser Gespräche, denn seit der Zeit, da sie das Militär überrascht hatte, war das Benehmen der Schwiegermutter ihr gegenüber ein viel aufrichtigeres und freundlicheres; Jan veränderte sich auch nicht. Immerhin war sie in Sorgen. Sie benützte auch eines Abends, als ihr Mann gesprächig neben ihr sass, die günstige Gelegenheit, um den Gatten auszuforschen. Hanálka sass ihr im Schosse und den Paul schaukelte ihr Mann auf den Knien, als wenn er vor Zufriedenheit auf alles vergessen hätte. In diesem schönen Augenblicke stellte sie ihm die Frage, ob er vielleicht heimliche Sorgen hege? In den wenigen schlichten Worten äusserte sie ihr aufrichtiges, ihm ganz ergebenes, von ängstlichen Befürchtungen um ihn erfülltes Herz. »Warum hegst du solche Gedanken? Was für Geheimnisse könnte ich mit der Mutter teilen? Du weisst ja, dass altes Chodenblut in ihren Adern rollt, und auch ich kann nicht sogleich vergessen. Wir sprechen halt manchmal über vergangene, alte Zeiten. Sei, Hančí, ohne Sorge, du und die Kinder seid mir am teuersten.« Er sprach die Wahrheit, darum klangen auch seine letzten Worte so herzlich und überzeugend. In diesem Augenblicke war Hančí vollkommen beruhigt. Ruhig und schweigsam war der gesamte Chodengau. Dafür belebte sich der Herrensitz in Chodenschloss. Die liebste Beschäftigung des Freiherrn von Albenreuth war die Revision der Wirtschaftsregister und Rechnungen, die er bis auf einen Heller und Strohhalm prüfte. Sehr oft pflegte er auch in seine Wirtschaftshöfe zu fahren, um hier die Verwalter zu kontrolieren und das Gesinde, das ihm nie genug arbeitete, anzutreiben; er achtete nicht auf die Klagen seiner robotpflichtigen Arbeiter, die ihn um Gotteswillen baten, ihnen die schwere Bürde, die sie zu tragen hatten, zu erleichtern. Jetzt verliess er aber seine Kanzlei auch öfter, um seine Gäste zu empfangen, die seiner Einladung folgend, gekommen waren. Es war dies meistens der in der Nachbarschaft ansässige Adel, mit dem er sodann in seine ausgebreiteten Waldungen auf die Jagd zog. Das letztemal kamen auch einige adelige Offiziere der Pilsner Garnison, darunter die Grafen von Stampach und von Vrtba an. Noch nie zuvor beherbergte Lammingers Schloss soviel Gäste wie diesmal, noch nie ritt vom Schlosshofe eine so zahlreiche Jagdgesellschaft ab. An der Spitze derselben ritt Lamminger selbst, der Gastgeber, mit freudestrahlendem Gesichte, das er in der letzten Zeit stets zur Schau trug. Dies entging niemandem von denen, die ihn kannten, am meisten merkten es freilich die Schlossleute selbst. Sie waren darüber nicht wenig verwundert, ohne zu ahnen, welch ein Felsblock ihrem gestrengen, unzugänglichen Herrn vom Herzen gefallen ist. Es fiel dies aber auch den Chodenmännern auf, die mit Pelzen und Haarmützen bekleidet, die herrschaftlichen Jagdhunde auf Hetzriemen führten, oder mit Treibknütteln versehen, voranschritten. Sie mussten das Wild in Wäldern, in denen einst ihre Väter so frei und ungehindert, wie jetzt die Herren, jagten, an- und vortreiben. Den Choden entging dieser veränderte Ausdruck im Antlitz ihres Herrn nicht und sie verstanden denselben gut. Nur darum wagte er es, ihnen neue Lasten aufzubürden, weil er ihre Majestätsbriefe vernichtet hatte. Früher hätte man es sicherlich nicht unter gleichzeitigen Androhungen gewagt, vom Schlosse nach Chodenschloss und Klentsch um Wildtreiber für die Herren zu schicken. Die Chodenschlosser und Klentscher gingen. Was war da in diesem Augenblicke zu tun? – Mit welchen Gefühlen folgten sie aber dem Befehle und was dachten sie sich wohl, als sie von der Anhöhe die aristokratische Jagdgesellschaft betrachteten, die hinter ihnen langsam den Hügel hinaufritt?! – Zuerst kamen also die Dörfer Klentsch und Chodenschloss an die Reihe. Im ganzen Chodengau sprach man davon teilnahmsvoll und zornerfüllt. »Es fängt schon an.« »Es wird noch ärger kommen.« »Heute die Klentscher, morgen wir –« So hörte man überall und gedachte der freien Jagdbarkeit der Väter, die von allen ihren Jagden den Tausern bloss zum Weihnachtsschmause einige Hasen abzuliefern hatten, und zwar die Chodenschlosser zwei, die Bewohner von Possigkau, Klentsch, Aujezdl, Trasinau, Putzeried, Hochwartl, Klitschan auch je zwei, und jene von Melhut und Medaken je einen Hasen! Auch am Spinnabend bei Přibeks sprach man lebhaft darüber. In der geräumigen Stube, in der es so wohlig warm war, ging es rege zu, man war hier auch fröhlicher, weil von hier der Schatten, der wortkarge, schweigsame Mathias Přibek, dessen Antlitz jetzt stets eine Wolke bedeckte, verschwunden war. Er ging gleich mit Anbruch der Abenddämmerung aus, als wollte er die Gesellschaft, die sich hier versammeln sollte, meiden, oder als fühle er vielleicht, dass er in sie nicht recht passe. Sein alter Vater nahm aber unter dem jungen Volke, unter den Burschen und den Flachs spinnenden Mädchen, zu denen sich auch Dorla, das junge Weib des Dudelsackpfeifers Jiskra Řehůřek gesellte, Platz. Er hatte sie selbst dazu bewogen, dass sie herkomme, und versprach, dass er sie bald abholen und mit ihr nach Hause zurückkehren werde. Sie gehorchte gerne, denn sie kam aus ihrer Einschichte dort am Walde nur sehr selten unter die Menschen, nach denen sie sich gar oft und namentlich jetzt, an den endlosen Winterabenden, sehnte. Doch die Spinnabende waren jetzt nicht mehr das, was sie einst gewesen. Selbst hier, wo sonst frohe Lieder, Scherze und Lachen ertönten, trat der Ernst der Zeit zutage. Selbst das leichtfertige und Grübeleien abholde junge Volk belustigte sich nicht in der üblichen Weise; man konnte in den Gesprächen die Ereignisse der jüngsten Zeit nicht unberührt lassen, namentlich hier, im Hause des Mathias Přibek, nicht. Für einen Augenblick vergass man aber die Gegenwart doch, und zwar bei Gelegenheit der Besprechung der letzten grossen herrschaftlichen Jagd. Man gedachte auch der alten Zeiten und folgte im Geiste dem greisen Přibek, der sie in die Vergangenheit führte, in die riesigen Waldungen, die damals noch ihnen gehörten und voll von Wild waren. Er erzählte, dass es in seinen jungen Jahren viel mehr Bären als jetzt gab und dass jedes Dickicht von Wölfen wimmelte. »Im Winter hatten wir allnächtlich, wenn es Schneewehen gab, eine hübsche Musik vor dem Hause. Die Wölfe heulten fürchterlich und jeden Morgens waren die Wolfsgruben voll dieses Wildes. Wolfspelze waren spottbillig und wer in die Stadt ging, musste sich darauf gefasst machen, dass ihm so ein Wölflein begegnen werde. Ich selbst habe ihrer genug erschlagen und diese Čakane könnte so manches erzählen –« Aller Burschen und Mädchen Augen flogen der Ecke zu, die der alte Přibek durch Wink und Blick angedeutet, und einer der Jünglinge holte die Čakane hervor, um sie zu besichtigen. Sie war ungemein hoch und stark, aus Eichenholz und offenbar für eine sehr starke und wuchtige Hand, wie sie nur den Přibeks eigen war, angefertigt. Unter dem glänzenden Streithammer war der Stiel gelb beschlagen und auf dem leuchtenden Beschläge blitzten einige in Silberreifchen gefasste rote und blaue falsche Edelsteine. Den Burschen gefiel die Waffe des Beschlages halber ungemein. Man prüfte, wie sie schwer ist und wie sie sich handhaben lasse. »Sie dürfte schon ziemlich alt sein« – meinte einer von den Burschen. »Jawohl, älter als du und ich. Mein Grossvater pflegte sie schon zu tragen, es war ja das einzige, was ihm nach jenem Kriege, in dem die Kaiserlichen Aujezdl niederbrannten und alles fortschleppten, übrig blieb. Ja wenn sie, mein Lieber, sprechen könnte! Die hat eine schöne Anzahl von Wölfen erlegt! Und auch einen Menschenschädel spaltete sie einst. Der Grossvater selbst versetzte mit dieser Čakane einem kaiserlichen Leutnant, der die selige Grossmutter folterte, einen Hieb, dass er verreckte.« Jetzt betrachteten die Burschen mit noch grösserem Interesse die mächtige Waffe und auch die Mädchen erhoben sich oder sie streckten die Hälse, um sie zu sehen, und eine von ihnen, eine Schwarzäugige mit langen Zöpfen, rief auf des Greises Worte: »Hu! Wie das Einen kalt überläuft!« »Und was geschah dafür dem Grossvater, Bauer?« fragte ein Bursche. »Was ihm geschah? Das Hasenpanier musste er ergreifen und sich in die Wälder flüchten. Wie Bienen stürzten sie ihm nach. Das war aber auch Einer! Einen Erbsensack trug er wie Flaum, wer weiss bis wohin. Ihr Burschen, bildet euch weiss Gott was ein, damals gab es aber doch noch andere Kampeln, die ein ganz anderes Blut hatten. Das, was mein Grossvater tat, würde keiner von euch tun. Der wich im Walde nie einem Bären aus. Er raufte mit ihm, wie mit einem Buben. Einst hob er ein Bärennest aus und trug vier junge Bären heim. Als er bereits beim Bache war, hörte er im Rücken Gebrülle. Es war die Bärin! Sie lief ihm nach, fletschte die Zähne und brüllte wegen der Jungen. Der Grossvater lief, so viel er nur konnte. Es war auch an der Zeit, denn die Bestie flog wie der Wind, immer näher und näher bis zum Dorfe – ja selbst ins Dorf. Hier liefen aber die Leute zusammen und erschlugen die Bärin.« »Und was machte der Grossvater mit den jungen Bären?« »Nun, sie hatten ihn ganz blutig gebissen. Er brachte sie sodann in die Stadt auf die Chodenburg dem Herrn königlichen Burggrafen, der sie wieder einem Herrn nach Prag geschickt haben soll.« »Wollte doch so ein Bär den Lomikar fressen, bis er wieder einmal jagen wird!« meinte einer von den jungen Männern. »Oh! dieser gezeichnete Judas würde den Wölfen lieber ein paar Choden hinwerfen. Jetzt werden sie zu allem gut sein –« »Sst! – Ruhe – hört ihr! Schlittengeläute!« liess sich Manka vernehmen. Alle verstummten und horchten. Man hörte nichts. Manka behauptete aber, sich nicht getäuscht zu haben. »Wer würde sich denn heute hinauswagen – in diesem Hundewetter!« Und doch verstummten sie wieder, um noch mehr zu horchen. Man vernahm aber nichts, nur das Pfeifen des Windes, der ganze Massen Schnee gegen die Fensterscheiben trieb. XI Um diese Zeit weilte der Dudelsackpfeifer Řehůřek Jiskra mit seinem blinden Vater allein zu Hause auf ihrer Einschichte. Der Greis sass am Herde und der Sohn ging, wie es schien, ungeduldig in der Stube auf und ab. Jede Weile richtete er das brennende Kienholz im schwarzen Holzleuchter, obzwar es gar nicht notwendig war. Die Art und Weise, wie er die Kohle abputzte und den Kienspan vorschob, verriet ebenfalls, dass er an etwas ganz anderes denke. Kaum hatte er die Flamme geregelt, ging er wieder auf und ab, blieb sodann wiederholt am Fenster stehen und blickte in die Finsternis hinaus, wo der Wind im Schneegestöber heulte, die tiefen Seufzer des nahen Waldes auf seinen Schwingen tragend. Plötzlich fuhr der Alte am Herde zusammen und sprach: »Es ist jemand da –« Auch Jiskra hatte ein Pochen an die Tür vernommen. Sofort war er hinaus geeilt und frug im Vorhause, wer da sei? »Ich, Němec, aus Medaken.« Ein noch ziemlich junger Chode von nicht allzugrosser Statur mit munteren, schelmischen Augen trat in die Stube und frug sofort heiter: »Bist du allein, Dudelsackpfeifer?« »Allein, Schulze, mein Weib treibt sich irgendwo herum –« »An deiner Statt? –« »Nun, sie soll's nur verkosten, wie es schmeckt. Sie wirft mir's ja ohnehin fortwährend vor,« setzte er mit schelmischem Lächeln hinzu. »Sie versteht sich also aufs Pfeifen?« scherzte der Erbrichter. »Pfeifen? Das trifft sie wohl, aber meine Mutter pflegte zu sagen, ein vernünftiger Mann brauche nicht zu tanzen, wenn ihm das Weib etwas vorpfeift!« »Haha – nun da geht's bei dir lustig zu! Warum hast du geheiratet?« »Das haben unsere Leute gemacht.« Der Bauer lachte von neuem und fragte: »Wer denn?« »Unser Vater.« »Ha, du Bursche,« liess sich jetzt der blinde Vater vom Herde vernehmen, »reisst du schon wieder schlechte Witze?« »Nun, das schadet ja nicht« – meinte der Erbrichter. »Und warum sollten wir nicht lustig sein?« setzte der Pfeifer hinzu. »Das Lachen ist doch das beste Gewürz. Lomikar lacht ja zu Chodenschloss auch. Es ist ja auch lächerlich, um welchen Spottpreis er uns gekauft hat!« »Und den Rest hat er gestohlen,« ergänzte der Schulze. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als schon wieder jemand an die Türe klopfte. Und wieder erkundigte sich der Dudelsackpfeifer, wer draussen sei, bevor er öffnete. »Psůtka,« antwortete eine klangvolle Stimme und gleich darauf brummte jemand wie ein Bär: »Brychta.« »Ei, die Putzerieder! Willkommen, nur herein,« lud der Dudelsackpfeifer bei geöffneter Tür seine Gäste zum Eintritte ein und führte sie in die Stube. Psůtka, der unlängst, als die Kürassiere Mathias Přibek und dessen alten Vater abführten, mit Pajdar von Putzeried und dem jungen Šerlovský bei den Přibekischen war, trat zuerst ein. Sein Genosse war der Erbrichter von Possigkau, Brychta, ein hoher knochiger und muskulöser Mann, schwarze, dichte und struppige Augenbrauen wölbten sich unter der niedrigen Stirne und unterhalb derselben funkelten seine schwarzen, unsteten Augen. Das von der Sonne gebräunte Gesicht war von einem verwegenen, ja wilden Ausdruck, den die breite rote Stirnnarbe nicht zu mildern vermochte. Jakob Brychta war aber auch im ganzen Chodenlande bekannt, ja man kannte ihn auch in ferneren Gegenden, sowohl in Böhmen als auch unter den bairischen Nachbarn jenseits der Berge. In Baiern kannte man ihn und sein fürchterliches Raufmesser, das er manchmal namentlich unter diesen bairischen »Frackröcken« nach wenigen Worten schon aus den Stiefelröhren hervorholte. Er liess sich auf die Bank neben Němec aus Medaken nieder und schimpfte, mit der Endspitze seiner Čakane den gefrorenen Schnee von seinen hohen Stiefeln abkratzend, über das Unwetter. Da öffnete der Dudelsackpfeifer abermals die Tür, um neue Gäste einzuführen: es war Mathias Přibek, der Erbrichter Syka und der alte Christoph Hrubý aus Trasinau, dem der Wind seine langen weissen Haare gründlich zerzaust und der Schnee befeuchtet hatte. Die Erbrichter begrüssten sich gegenseitig; kaum hatten sie aber ein paar Worte gewechselt, begrüssten sie schon wieder neue Gäste, die im Schlitten gekommen waren. Die waren bis aus Putzeried: der breitschultrige, stattliche Cousin des Přibek, Pajdar, und mit ihm der junge Šerlovský, der einen kurzen, mit eingestickten Blüten geschmückten Pelz anhatte. Der schmucke, stattliche junge Bursche nahm sich unter lauter älteren und alten Männern, die auf ihn ihre fragenden Blicke richteten, eigentümlich aus. Der alte Pajdar verstand aber auch gleich diese Frageblicke und klärte die Anwesenden auf, dass der Vater des Burschen, der Putzerieder Erbrichter, wegen Unwohlseins nicht kommen könne, dass sie diesem jungen Manne aber ebenso vertrauen können, wie dem Alten. Bald danach vermehrte sich die Gesellschaft noch durch das Eintreffen des Erbrichters Georg Peč aus Meigelshof und des Ecl Adam aus Klentsch. Alle nahmen dann in weissen Scherken am Tische Platz. Am weitesten, fast allein, sass schweigend Mathias Přibek, aber er horchte und beobachtete alles scharf. Einige von den versammelten Erbrichtern waren über direkte Einladung Kozinas gekommen; die entfernteren hatte Jiskra Řehůřek aufgesucht, um ihnen in Kozinas und Sykas Namen Ort und Zeit dieser geheimen Zusammenkunft bekannt zu geben. Er bekam für dieses ewige Herumschweifen in aller Teufelsecken von seinem Weibe auch eine gehörige Predigt zu hören. Die Wahrheit hätte sie beschwichtigt, er schwieg aber und suchte sich nun durch allerhand Spässe zu entschuldigen. Jetzt strich er den flackernden Kienspan ab oder steckte wieder einen frischen an, um sodann abermals ans Fenster zu treten. Er horchte, ging dann endlich wieder hinaus und blickte von der Flurschwelle in die finstere Winternacht hinaus. Aus der Stube konnte man den dumpfen Widerhall eines lebhaften Gespräches vernehmen. Alle erkundigten sich – und am lebhaftesten tat dies der Possigkauer Brychta – nach Kozina und dem Grunde der Einladung. Sie wollten näheres erfahren, denn dass sie sich des Lammingers wegen hier versammelt hatten, wusste ein jeder. Der »Prokurator« Syka vertröstete alle beschwichtigend, Kozina werde jeden Augenblick hier sein. »Und wo ist er?« »In der Stadt –« »Und was treibt er in der Stadt, wenn er weiss, dass wir hier sein werden,« frug Brychta scharf. »Nun, das weiss ich selbst nicht. Mir ist nur so viel bekannt, dass vorgestern der Tauser Just von Wien heimkam.« »Mathias, der Drechsler?« frug Psůtka. »Jawohl – derselbe. Er hatte einen Prozess mit der Stadtgemeinde. Er prozessierte lange in Prag und dann auch in Wien. Nun, er gewann den Prozess. Und dieser Just liess gestern Kozina sagen, er möge einen Sprung zu ihm machen, wenn er in die Stadt kommen werde, denn er habe eine grosse Neuigkeit. Bei dieser Gelegenheit holt ihn Kozina mit dem Schlitten ab, damit ihr selber alles vernehmet.« »Aber was, du weisst es ja sicherlich auch?« frug Brychta ungeduldig. Syka zwinkerte nur mit den Augen, lachte und sprach: »Nun, Brychta, du bist neugierig wie ein Weibsbild.« »Dass nur dieser Städter auch die Wahrheit sprechen möge!« liess sich der Meigelshofer Erbrichter vernehmen. »Wir lassen uns doch keinen Bären aufbinden!« rief Brychta. Da trat hastig der Dudelsackpfeifer in die Stube. »Sie kommen schon gefahren!« Alles verstummte plötzlich. Draussen vernahm man Schellengeklingel, sodann hörte man, wie der Schlitten hielt, und schon traten auch die erwarteten Gäste ein. Zunächst der schlanke Kozina im Pelz, hinter ihm ein Männchen in einem grossen dunkelfarbigen Mantel. Aller Blicke hefteten sich auf den Tauser Bürger, der so sicher auftrat, als wäre er zu Hause. Er grüsste, legte den Mantel ab und bewillkommte die Bauern. Viele kannte er, den einen näher, den anderen weniger, nur so vom Sehen her, er benahm sich aber allen gegenüber so, als ob es alte Bekannte wären. Das von der Kälte gerötete Gesicht dieses kleinen, mageren Männleins zeigte hervorstechende Backenknochen, eine Stumpfnase und schwarze, pfiffige Augen. Nachdem er sich vorerst überzeugt hatte, dass die Fensterläden geschlossen seien, nahm er auch ohne Umstände auf einem harten Stuhl unter den Choden Platz und schon liess er eine Rede vom Stapel. Die Bauern, deren ganze Aufmerksamkeit er gefesselt hatte, waren mäuschenstille. Just sprach aber auch rasch und geläufig, wie von der Kanzel und überdies sprach er ja über einen Gegenstand, der sie alle nahe anging. »Wie ihr wohl schon gehört habt, bin ich vorgestern von Wien zurückgekehrt,« erzählte er. »Ich führte dort einen Prozess um ein gutes, vorzügliches Grundstück, um welches mich unser löbliches Stadtrecht hat bringen wollen. Ich wusste aber, dass ich darauf einen ehrlichen und alten Anspruch habe, und liess also nicht nach. Die Herren Stadträte siegten überall, ackerten bereits auf meinem – wohlgemerkt auf meinem Felde – und lachten mich gründlich aus. Natürlich. Was kann denn ich, ein blosser Handwerker, ein kleines Bürgerlein gegen sie ausrichten! Ich sagte mir aber: wehre dich, es ist ja doch noch nicht alle Gerechtigkeit aus der Welt geschafft worden! Nun, und so ging es von einer Gerichtsinstanz zur anderen und zuletzt bis zu der höchsten; zum Kaiser –« »Ei!« rief Brychta aus. Diese Nachricht hatte ihn überrascht und rief auch bei den übrigen Verwunderung hervor. Nur der alte Christoph Hrubý und Mathias Přibek, welcher von Anfang an seinen ruhig-düsteren Blick forschend auf dem erzählenden Bürger ruhen liess, behielten ihre volle Fassung. »Und wäret ihr bei Hofe?« frug der Possigkauer Psůtka. »Jawohl.« »Am kaiserlichen Hofe?« »Am kaiserlichen Hofe.« »Springe ihm nicht ins Wort, Psůtka!« mahnte Němec. »Und habt ihr den Kaiser gesehen?« frug gleichzeitig Ecl aus Klentsch. »Ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen. Doch horcht. Ihr werdet euch wohl wundern, aber bedenket, dass ich kein Prokurator bin, um euch etwas vorzulügen, dass ich von euch nichts will, von alledem nichts habe und auch nichts haben werde, höchstens ein bisschen Ärger, falls ihr nicht schweigen und mich verraten solltet.« »Und warum erzählt Ihr uns das?« liess sich plötzlich Přibek hören. Mehrere Köpfe wandten sich ihm nicht ohne Unwillen wegen dieser Unterbrechung zu. »Warum ich dies erzähle!« antwortete Just rasch, ohne sich beirren zu lassen. »Weil ich stets nur die Wahrheit liebe und die Herren nicht leiden kann – deshalb! Der Arme und Schwächere wird immer nur getreten und man tut ihm Unrecht – wie man es mir – und euch tat – ihr wisst es ja selbst gut –« »Und wie war es in Wien?« Mit dieser Frage unterbrach ihn Němec. »Ja so – ich komme also nach Wien, es wollte mir dort auch nicht recht gehen. Nun, dachte ich, bleibt dir nichts anderes übrig, als der Kaiser. Geh' zu ihm. Der Zutritt zu ihm war aber nicht so leicht. Wie musste ich da von einem zum anderen laufen, betteln, zahlen – na, ihr versteht mich doch? Nun würde es wohl schon besser gehen, aber damals wusste ich mir noch nicht Rat. Endlich gelang es mir und meinem ältesten Sohne, Jakob, doch, in die kaiserliche Burg zu gelangen. Ich dachte mir, der Sohn soll auch etwas sehen und mitmachen, damit er sich's merkt. – Welch' einen Pomp und welche Pracht man dort überall sieht, darüber lässt sich schwer erzählen. Überall lauter Marmor, lauter Gold und Seide, selbst der niedrigste Diener sieht dort aus, wie bei uns der höchste Herr, lauter Borte und Sammt. Man führte uns durch einige Gemächer, welche alle schnurgerade nebeneinander waren, eines prachtvoller als das andere. Man ist wie berauscht, die Flucht der schönen Zimmer schien kein Ende nehmen zu wollen. Mein Sohn, Jakob, blieb überall stehen und sah sich um, und ich selbst hätte gerade so die Augen aufgerissen, hätte ich mich nicht erinnert, warum ich da bin. Endlich kamen wir in ein Gemach, wo wir warten sollten. Man hiess uns Platz nehmen. Die Stühle waren dort mit dem teuersten Sammt überzogen, ähnlich dem, den unser Dechant auf dem Hochamtsornat hat, wisst, auf dem mit der Goldstickerei. Das war ein Sitzen! – kaum hatten wir uns aber etwas umgesehen, kam schon ein Herrchen, es war der Kammerherr, soviel wusste ich schon, und führte uns in ein kleineres Zimmer. Hier schob er einen prachtvollen Vorhang zur Seite, der die Türe vertrat, und schon standen wir in dem prachtvollsten Gemach und uns gegenüber zwei Herren. Man sagte uns zwar unterwegs, was wir machen sollen, ich wusste es aber auch schon früher, gab Jakob einen Wink und im Nu waren wir beide auf den Knien. »Und wie sah der Kaiser aus?« »Und wer war der andere?« frugen Psůtka und Němec gleichzeitig. »Der zweite war des Kaisers Kanzler. Er war so prachtvoll wie ein General gekleidet. Doch der Kaiser war, das würde man nicht glauben, nur ganz einfach gekleidet. Er hatte eine grosse Perücke, einen dunkeln Rock ohne Borten und ohne Stickereien, schwarze Strümpfe und Schuhe; fast so wie ein geistlicher Herr. Aber brav war er! Er winkte uns sofort mit der Hand zu, wir mögen aufstehen.« »Was wünschet ihr?« sprach er. »Kaiserliche Gnaden!« begann ich und sagte ihm nun alles. Ich setzte ihm alles auseinander, aber so, wie sich's geziemte. Er hörte mich an, nickte etwa zweimal mit dem Kopfe, sprach dann etwas französisch mit dem Kanzler, nahm hierauf sein Mäntelchen – es war aus leichter Seide – von den Schultern, legte es auf meine Schulter und sprach: Gehe in Gottes Namen heim, es wird dir zu recht geschehen!« Während Just so erzählte, unterbrach hie und da ein lautes Ei! oder So! die in der Versammlung herrschende tiefe Stille. Er selbst hielt jetzt einen Augenblick inne, musterte mit seinen scheuen, schwarzen Augen die versammelten Choden und die Wirkung seiner Worte wahrnehmend, setzte er mit noch grösserer Lust und Sicherheit fort: »Man kann sich denken, wie mir zu Mute war. Ich fasste mich aber so ziemlich. Dankend verbeuge ich mich, schreite ohne mich zu wenden nach rückwärts gegen die Tür, einen Schritt und ich wäre draussen gewesen, da merke ich auf einmal, dass mir der Herr Kanzler zuwinkt. Ich blieb stehen. »Ihr seid aus Taus?« sprach der Herr Kanzler. – »So ist es, hochgeborener Herr Kanzler!« antwortete ich. »Nun dann kennt ihr auch die Choden?« – setzte er fort. »Wie sollte ich sie, hochgeborener Herr, nicht kennen –« Hier hielt Just wieder inne, denn es entstand unter den versammelten Choden eine heftige Bewegung. Rufe der Verwunderung und des Zweifels wurden im lauten Durcheinander hörbar, Brychta stand heftig auf, ebenso Němec und der junge Šerlovský. Kozina, der, das Haupt vorgeneigt, gelauscht hatte, erhob es jetzt und blickte auf die Versammelten, namentlich auf den alten Onkel aus Trasinau. Syka suchte den entstandenen Lärm zu bannen und mahnte, man möge Just ausreden lassen. Dieser fuhr lächelnd fort. »Wie sollte ich sie, hochgeborener Herr, nicht kennen,« sagte ich. »Wir sind ja Nachbarn.« »Jetzt hört man von ihnen gar nichts. Früher meldeten sie sich hier öfter,« bemerkte wieder der Kanzler. »Sie müssen jetzt sicherlich eine brave Obrigkeit haben, mit der sie zufrieden sind.« Auf diese Worte entstand ein Lärm und ein Geräusch, man vernahm daraus deutlich die wilde Lache, welche Brychta, der mit dem Spitzende seiner Čakane auf den Fussboden aufschlug, angeschlagen. Sofort stellte sich aber wieder Stille ein, als sich der grauhaarige Christoph Hrubý erhob und an Just mit der ernsten Frage herantrat: »Ob du denn aber auch die Wahrheit sprichst?« »Warum sollte ich dies nicht?« antwortete Just sicher. »Schade, dass mein Bursche nicht hier ist, er würde es euch bestätigen. Oder wollt ihr von mir Beteuerungen und Eide? Alles, was ich sprach, ist, wohlgemerkt, die reinste Wahrheit.« »Und sagte dieser Herr Kanzler noch etwas?« forschte Hrubý weiter. »Gar nichts mehr.« »Und warum habt ihr ihm nicht alles erzählt, wie uns dieser Lomikar hier behandelt?« rief Brychta aus. »Das ging nicht. Wenn so ein Herr nicht fragt, darf man nicht sprechen. Doch selbst wenn ich es hätte tun wollen – kaum dass er diese Worte gesprochen, winkt er mir auch schon ab und folgt dem Kaiser. Mir fiel aber gleich beim Fortgehen ein: »Dies musst du ihnen sagen!« Es geht mich zwar nichts an, aber ich weiss, wie einem zu Mute ist, wenn ihm Unrecht geschieht. Und euch geschieht Unrecht. Und was für ein Unrecht und wie lange schon! »Warum solltest du es ihnen nicht sagen?« sprach ich zu mir. »Ihr Recht ist noch in Geltung und wenn sie sich ordentlich melden würden, würde es diesem Schwaben zu Chodenschloss schlimm ergehen. Wozu soll man auch diesen Schinder schonen!?« Er gleicht ja ganz seinem verstorbenen Vater, wenn er nicht noch ärger ist. Es muss ihn ja auch jeder Tauser Bürger hassen. Diese Lammingers haben uns ja gewaltig geschädigt! Gäbe es die Lammingers nicht, wäret ihr noch heute bei uns, unter unserer Verwaltung. Und zu alledem raubte er unserer Gemeinde auch noch den Wirtschaftshof von Chodenschloss. Der hat uns gehört. Jetzt hat er sich dort sein Schloss erbaut und auf dem uns einst gehörigen Grundstücke lacht er uns aus und euch quält er nur. Als ich nun aus Wien heimgekehrt war und hörte, was er euch überdies noch angetan hat, wie er euch euere Majestätsbriefe weggenommen, da kam mir selbst – obwohl mich die Sache nichts angeht – ein Fluch über die Lippen und ich sagte mir: Das ist ja ein Räuber und was für ein verwegener Räuber!« »Und ob er es ist! Er wartete fein ab, bis er Kreishauptmann geworden ist, um eine Macht zu besitzen,« setzte der alte Hrubý hinzu. »Und man sieht daraus, dass unsere Majestätsbriefe noch gelten!« rief Kozina aus. »Er würde um sie sicherlich nicht stehen, wenn –« »Richtig, richtig!« riefen einige Stimmen. »Aber was nun, da sie dieser Raubwolf verbrannt hat?« warf Pajdar fragend ein. »Trotz alledem sich melden,« fiel Just entschieden ein. »Man kennt doch in Wien euere Rechte. Hat doch selbst der Kanzler hievon Erwähnung getan –« »Auch wir dachten so und sagten uns, dabei könne es nicht bleiben. Wir beabsichtigten Euch zu einer gemeinsamen Beratung dieser Angelegenheit einzuberufen. Und da wussten wir von diesem Herrn Kanzler noch gar nichts,« sprach Kozina. Alle stimmten ihm zu, durch Worte sowol als durch den Ausdruck, der sich in ihren Gesichtern malte. »Jetzt können wir es umso leichter in Angriff nehmen. In Wien weiss man von uns und kennt unsere Rechte,« fügte Syka bei. »Nun, und etwas davon ist uns auch noch geblieben!« liess sich der alte Hrubý hören, indem er sein Leibchen aufknöpfte und demselben einen in ein Tuch gehüllten Gegenstand entnahm. Überrascht und voll Neugierde sahen alle, was da wohl der alte Erbrichter habe. Ein Freudenschrei ertönte, als er gegen das Licht zwei alte, mit grossen Petschaften versehene Pergamenturkunden in die Höhe hob und vorwies. Erstaunen ergriff alle; und selbst Just war überrascht. Die ruhigsten waren diejenigen, welche von den Urkunden schon Kenntnis hatten: Hrubý, Syka, Kozina. Die übrigen drängten sich an Hrubý heran und Přibek, dessen Antlitz sich belebte, erhob sich hastig und sah sich über die Köpfe aller diese noch erhaltenen Zeugen der Chodenrechte an. Brychta blieb nicht lange über diese alten vergilbten Majestätsbriefe gebückt. Rasch wie eine Springfeder schnellte er am Tische empor, wandte sich gegen das Fenster, und, mit der geballten, muskulösen Hand herausdrohend, schlug er eine wilde Lache an und rief: »Holaho! Herr Lomikar, wir sind noch lange nicht deine Fronknechte! Siehst du, wir haben hier noch etwas für dich, du hochgeborener Herr!« »Sind sie gut und echt?« frug Ecl aus Klentsch den Erbrichter Syka, als sachverständigen »Prokurator«. »Echt und gut; sie sind ja aus unserer Truhe – und diese sind die besten. Dieser stammt vom König Georg und dieser da von Mathias.« »Und wie kam es, dass sie Lomikar nicht auch raubte?« frug Pajdar für alle übrigen, denn allen schwebte diese Frage auf den Lippen. Jetzt liess sich erst Kozina hören. Er erzählte, wie ihm sofort, als er Lomikar mit seiner Soldatenschar sah, der Gedanke kam, Lomikar komme nicht so sehr, um ihn und Přibek abzuführen, als vielmehr, um sich der Majestätsbriefe zu bemächtigen. Diesen Gedanken habe er auch sofort seiner Mutter zugelispelt. Diese sei sicherheitshalber sofort nach Hause geeilt und entnahm dem Chodenkistchen rasch diese zwei wichtigsten Majestätsbriefe, die sie ja von hausaus schon sehr gut aus jener Zeit kannte, in der ihr Vater und Grossvater die Truhe mit den Choden-Sachen in Trasinau in Verwahrung hatten. Noch während seiner Erzählung wurden mehrfache Rufe der Anerkennung und des Lobes laut, die sowohl ihm, als auch namentlich seiner alten Mutter galten, und als er geendet hatte, rief Brychta aus Possigkau: »Der Teufel soll mich holen! Ist das aber ein Weibsbild! Man sieht, Kozina, dass es deine Mutter ist.« Kozina fügte aber, als hätte er dieses aufrichtige Lob überhört, nur hinzu: »Jetzt erst können wir uns melden, da wir doch etwas in der Hand haben und wissen, dass man uns bei Hofe nicht vergessen hat.« Damit waren jetzt alle, die ja schon durch Justs Erzählung in Erregung geraten waren, um so williger einverstanden. Přibek allein sprach kein Wort. Als sodann nach Kozinas Rede Just das Wort ergriff, wies er den Anwesenden eindringlich und überzeugend nach, dass sie auch ohne diese Dokumente den Prozess hätten beginnen können, nachdem man sich einmal bei Hofe über sie erkundigt hat; jetzt könnten sie aber geradezu sicher darauf los gehen und darum mögen sie nicht zögern. Er riet ihnen, eine Deputation nach Wien zu entsenden. Dieser Antrag, der sich ohnehin jedermann aufdrängte, wurde angenommen. Nur Přibek liess sich hören: »Nun, macht, wie euch beliebt. Mich lasst aber aus dem Spiel. Ich gehe nicht nach Wien. Bis aber die Sache schlimm stehen wird, und sie wird schlimm stehen, bis ihr nicht zu den Herren, sondern – und das halte ich für das beste – gegen die Herren ziehen werdet, dann gehe ich meinetwegen ganz allein.« Seine Worte fanden keine Billigung. Nur Brychta rief: »Nun, dann werden wir auch mit dir sein!« Als es sich um die Abgesandten handelte, schlugen alle Hrubý, Syka und Kozina vor. Just war aber einer anderen Ansicht, indem er hervorhob, es wäre nicht ratsam, gerade diese drei – obzwar sie in Wien ihre Sachen sicherlich gut ausrichten würden – zu entsenden, da man sie erstens zu Hause mehr brauchen wird und zweitens lauere ja Lomikar ohnedies Syka und Kozina auf, die ja von ihm geradezu bewacht werden, ihre Abreise könnte somit kaum verheimlicht bleiben. Die Geheimhaltung sei aber anfangs schon aus dem Grunde geboten, damit Lomikar nicht schon im Beginne alles durchkreuze. Es wurde beschlossen, dass Psůtka aus Possigkau, Němec aus Medaken und Pajdar aus Putzeried entsendet werden sollen. »Wir wollen wohl gehen,« sagte Psůtka, »aber in Wien sind Deutsche, und wir können nicht deutsch, wenigstens weder ich, noch Němec, und Pajdar sicherlich auch nicht. Und dann bei Hofe! Dort kennen wir uns auch nicht aus –« »Just, Ihr wart ja dort,« meinte Němec, »da könntet Ihr ja mit uns gehen.« Just, der auf diese Aufforderung gewartet hatte, wehrte sich zwar gewissermassen und machte Einwendungen, doch nicht auf lange. Über allgemeinen Wunsch – nur Přibek schloss sich ihm nicht an – erklärte er sich bereit, die Deputation nach Wien zu führen, ihr Zutritt bei Hofe und eine Audienz beim Kaiser zu erwirken. Man reichte ihm die Hände und gab sich dann gegenseitig durch Handschlag das Versprechen, alles, was heute beraten wurde, geheim zu halten. Kurz darauf war in des Dudelsackpfeifers Einschichte wieder Stille eingetreten. Die Chodenmänner zerstreuten sich in der dunklen Nacht jeder in der Richtung seines Dorfes. Kozina führte sodann wieder Just mittelst Schlitten in die Stadt. Hinter ihnen fuhr ein zweiter Schlitten mit Pajdar und dem jungen Šerlovský. Anfangs merkten noch Kozina und der Städter, dass der putzerieder Schlitten ihnen folge, als sie sich aber dann in das Gespräch über den bevorstehenden Kampf mit dem Herrn von Chodenschloss vertieften, vergassen sie ganz darauf und merkten auch nicht, dass man den Schlitten hinter ihnen nicht mehr hört. Nun das Schellengeklingel konnten sie auch nicht mehr vernehmen, denn der Schlitten stand ruhig am Ende des Dorfes. Es sassen darin aber nicht zwei Personen, sondern eine; der alte Pajdar war in den Pelz gewickelt, hielt die Zügel eines stattlichen, den Kopf senkenden Wallachen, mit dessen langer Mähne der kalte Nachtwind spielte. Pajdar harrte, wartete – und wurde schon mürrisch. »Nur auf einen Augenblick,« sagte der vernarrte Bursche Šerlovský. Er wollte Manka nur sehen. Sieht ihn aber der Cousin Mathias, so wird er schon seinen Teil bekommen, dass er so das Geheimnis zu wahren versteht. Im geheimen sind sie gekommen, im geheimen sollten sie wieder wegfahren. Wenn jemand diesen den Bauernhof umschleichenden Burschen bemerkt – doch soeben hört man – rasche Schritte – das ist er – atemlos sprang der junge Šerlovský in den Schlitten. »Nun, wie?« frug Pajdar. »Gut, Vetter, gut. Ich sah mein Mädchen, ich sah es aber nicht nur, ich sprach sogar mit ihm.« Sowohl Worte als Stimme verrieten seine Erregung. Pajdar zog die Zügel an, schwang die Peitsche und sein Ross flog im Galopp die verwehte Strasse dahin. Während dieser schnellen Fahrt erzählte der junge Šerlovský kurz, wie ihm das Glück hold war, da er nicht lange herumschleichen musste. Manka kam das Seitentürl zu schliessen, er stand mit ihr eine Weile und konnte sie sprechen. Dass er sie aber umarmte und heute das erstemal – küsste, das verschwieg er. Pajdar beruhigte sich, als ihm der Jüngling die Versicherung gab, Manka nichts verraten und sich auf eine verspätete Rückkehr von Klentsch ausgeredet zu haben, und forschte weiter nicht nach. Und der Bursche war froh darüber. Sofort vergass er auf die Versammlung beim Dudelsackpfeifer, über die der alte Chode neben ihm nachgrübelte, und dachte nur auf seine Manka. Der kurze beseligende vergangene Augenblick brachte sein Blut in Wallung. Sausend flog der Schlitten durch die frostige finstere Nacht dahin und von den Hufen des pfeilschnellen Pferdes flogen Stücke gefrorenen Schnees ringsumher. – Dem jungen Choden war es aber sehr angenehm, als flöge er durch eine laue Frühlingsnacht. XII Der Advent und auch die Weihnachtszeit waren vorbei. Die besonders im Dezember anhaltenden Fröste liessen auch zu Beginn des neuen Jahres nicht nach. Überall gab es Unmassen von Schnee und es hatte den Anschein, als wäre der ganze Chodengau im Schnee versunken. Das am Fusse des Böhmerwaldes zwischen bewaldeten Bergen und Hügeln einsam stehende Schloss Lammingers war wie verwaist. In seiner Nachbarschaft war nur eine kleine Mühle und einige Hütten. Stille und Öde herrschte rings um das Schloss herum, noch stiller war es in seinen Gemächern. Eines derselben, das zwar nicht gross, aber traulich und niedlich eingerichtet war, war vom hellen Schein des bereits ersterbenden Tages beleuchtet. Der kassetierte Holzplafond war zwar schon ziemlich dunkel, an der eichenen Tafelverkleidung der Wände gegenüber dem Fenster zitterte aber noch das Gold der letzten Sonnenstrahlen und beleuchtete das auf schön geschnitzten Füssen an der Wand stehende Clavicembalo. Bei demselben sass Marie, Lammingers jüngste Tochter. Das von der Seite her einströmende Licht machte die falben, dichten Haare am Scheitel und einige leichte Goldlocken des über das Instrument gebeugten Nackens erglänzen. In dieser Beleuchtung hob sich der mit Spitzen besetzte Umschlagkragen und die weissen Ärmelstulpen von der dunkelgrünen Farbe des langen Kleides umsomehr ab. Eine Weile blickte sie in das oberhalb der Klaviatur aufgeschlagene Notenbuch; sodann legte sie – als hätte sie sich aus den Gedanken, die mit der Masse von Notenköpfchen gar nichts gemein hatten, herausgerissen – ihre weissen langen Finger auf die Klaviatur und begann gewandt eine leichte Ciaccona zu spielen. Die nicht allzuvollen und starken Töne des Clavicembalo zitterten durch das Gemach und unterbrachen angenehm die tiefe Stille desselben. Kaum angeschlagen, verklangen sie aber auch schon. Das Fräulein, das an der »Ciaccona« kein Wohlgefallen fand, wandte rasch einige Blätter um und begann kräftiger und mit mehr Lust die lebhaftere »Sarabante« zu spielen. Sie spielte ziemlich lange, kam aber nicht zu Ende. Abgespannt und verdriesslich schlug sie plötzlich das Notenbuch, welches unlängst »allen Musikliebhabern zur besonderen Freude« Meister Johannes Kuhnau komponiert und herausgegeben hat, zu, liess die Hände in den Schoss sinken und ihre Blicke durch das Fenster in die Ferne schweifen, wo hinter den kahlen Baumkronen das goldrote Flammenmeer des verglühenden Tages loderte. Tiefe Stille herrschte wieder im Gemach, die Grabesstille eines Winternachmittages, die auch ein zufriedenes Gemüt mit einer eigentümlichen Angst und Bangigkeit erfüllt. Dieser Schatten der Beklemmung und der Ausdruck kindischtrotzigen Überdrusses lagen auf dem freundlichen Antlitz des jungen Fräuleins. Sie sah auf die Bäume, deren jedes Ästchen sie bereits kannte, sie sah auf den verwünschten, unbeweglichen, schneeverwehten, ewig gleichen, jeden Fernblick verwehrenden Waldabhang, sie blickte hin, aber sie sah nichts. Ihre Gedanken schweiften, Gott weiss wo, herum. Sie merkte nicht einmal, dass sich die goldenen Lichtstreifen von der Tafelverkleidung auf die Parketten gesenkt hatten, ja dass sie auch von diesen schon verschwunden sind. Vom verdunkelten Plafond wallte der Schleier der Winterdämmerung herab, der allmählich die Zimmerecken, Wände, das Clavicembalo, ja selbst das in Gedanken versunkene Mädchen an demselben verhüllte. Nur ihr falbhaariges Haupt mit dem weissen Halskragen und die herrlichen weissen Hände leuchteten wie aus dem Dunkel eines verblichenen Bildes deutlicher hindurch. Plötzlich fühlte sie, dass jemand ihr Haupt berührte; rasch wandte sie sich um. Sie sah das fast blasse, sanfte Gesicht ihrer Mutter und den sorgenvollen Blick mütterlicher Zärtlichkeit. »Du hast dein Spiel schon beendet, mein Kind?« »Ach – ja – es freut mich gar nicht. Welch' eine Unterhaltung das! Immer soll ich mir nur allein vorspielen, mich selbst anhören, wie im Gefängnis –« »Was sprichst du! –« »Ach, Mama, Sie werden nicht glauben, wie langweilig es hier und wie bange mir zu Mute ist. Diese ewige Stille ringsumher, wie im Grabe – nirgends eine fröhlichere Stimme, und alles ist so stumm, gleichsam eingeschüchtert. Oh, ich weiss es wohl, wenn der Vater ... Er ist so nachdenklich, ernst und oft mürrisch. Sie sehen sich ja, Mama, selbst fortwährend nach ihm um. Und besonders heute – dieser Sonntagsnachmittag ist nicht zu überleben, er hat kein Ende –« setzte sie plötzlich hastig, fast weinerlich hinzu. Die Mutter suchte ihren Seufzer, der ein Ausdruck der Zustimmung war, mühsam zu unterdrücken. Trotzdem bemühte sich die Freifrau, ihre Tochter zu beruhigen und zu trösten. »Du bist, mein Kind, zu ungestüm und verlangst zu viel. Diese Zeit bringt es schon mit sich – jetzt ist es nirgends fröhlich.« »Jetzt, im Fasching? Auch in Prag nicht?« »Wahrlich, ich würde es dir – und mir – wünschen –« »Nach Prag zu gehen, nicht wahr? Sehen Sie, Mama, auch Ihnen ist es hier bange.« »Oh, mir wäre nicht bange. Ich habe mich an diesen stillen Winkel schon gewöhnt. Doch diese Sorgen, diese Befürchtungen!« »Und welche?« »Ich fürchte um den Vater. Ich habe mich schon so gefreut, dass alles vorbei sei, dass jetzt endlich Ruhe eintreten werde, nachdem sie diese unglückseligen Majestätsbriefe nicht mehr besitzen. Aber dieses Volk! Und wie sie sich plötzlich geändert haben! Daraus, was man hört, und da wird uns noch fast alles verheimlicht, daraus geht hervor, dass es unter ihnen gärt, dass sie sehr unzufrieden sind, und oft kommt mir der Gedanke –« Die Freifrau hielt plötzlich inne. »Was für ein Gedanke? Dass sie sich vielleicht erheben könnten?« »Überall war Ruhe – nirgends haben sie Widerstand geleistet, bis auf einmal jetzt, unverhofft verweigern sie den Gehorsam. Es ist klar, dass es unter dem Volke einige Aufwiegler gibt, die es aufhetzen, und es würde mich nicht Wunder nehmen –« »Warum belässt uns der Vater hier? –« »Um Gottes willen, mein Kind, mache davon vor ihm keine Erwähnung, du würdest ihn dadurch in eine grosse Erregung versetzen. Vielleicht bin ich zu ängstlich und sehe zu schwarz – es dürfte gewiss keine Gefahr drohen. Er würde uns ja sonst nicht hier lassen,« beschwichtigte die sanfte, vor dem Zorne ihres Gatten schon im vorhinein zurückschreckende Frau, und dieser Zorn würde sicherlich entbrennen, wenn seine eigene Tochter selbst davon eine Erwähnung machen würde. Kaum hatte die Freifrau diese Worte gesprochen, als schon auch die Tür aufging. Der alte Kammerdiener, Peter, trat ein mit den im zweiarmigen silbernen Leuchter brennenden Kerzen. Der graue, glattrasierte Mann im langen, dunkeln, umgürteten Rock, breiten, schwarzen Kniehosen und gleichfarbigen Strümpfen verbeugte sich, einen guten Abend wünschend, tief vor den Damen und stellte den Leuchter auf das Clavicembalo vor das Fräulein. Der herzliche Ton und das ganze Auftreten des Kammerdieners zeigte, dass er den Damen mehr als ein Diener sei. Diese Gunst erwarb er sich schon durch seine langjährigen, dem seligen Vater der Frau Lamminger von Albenreuth, dem alten Herrn von Lobkovic; geleisteten Dienste, nach dessen Tode er als Kammerdiener in die Dienste seiner Tochter, beziehungsweise ihres Gemahles trat. Das Herz und alles Denken und Trachten des alten Peter waren aber dem ersten Herrn, dem verstorbenen Herrn von Lobkovic geweiht, den er nicht vergessen konnte. »Was gibt's neues, Peter?« sprach ihn die junge Aristokratin an. Peter, der schon am Rückwege zur Tür war, blieb stehen, machte sodann einige Schritte nach vorwärts, blieb wieder stehen, schüttelte den grauen Kopf und sprach: »Gnädiges Fräulein – wenn ich so dasselbe sagen könnte, was ich S. G. Euerem Herrn Grosspapa – seligen und ruhmreichen Angedenkens zu sagen pflegte! Wie geht's Peter?« geruhte er mich immer zu fragen. »Gut, Euer Gnaden.« »Und was gibt es neues?« »Nichts, Euer Gnaden, mit Verlaub – alles bleibt beim alten. Überall herrscht Ruhe und Ordnung.« »Ist denn schon wieder etwas vorgefallen?« frug Frau Lamminger, die Augen auf das besorgte Gesicht des treuen Dieners heftend. »Es wäre, Euer Gnaden, an dem alten genug. Bei uns, d. h. auf der Herrschaft S. G. des seligen Herrn Vaters E. G., war es nie so gewesen. Das Volk verrichtete hübsch seine Fronarbeit und bezeigte jedermann vom Schlosse oder von der Kanzlei Ehrfurcht und Demut. Doch hier? Freilich, die Fronarbeit schmeckt nicht süss, aber dass sie mit der Herrschaft prozessieren und Deputationen zu Seiner Majestät dem Kaiser nach Wien entsenden, um dort Klagen über den Herrn zu führen – das übersteigt doch alles.« »Der Bote von Kauth ist noch immer in der Kanzlei?« »Zu Befehl, Euer Gnaden. Sein Ross ist aber schon gesattelt. Er kann jeden Augenblick wegreiten.« »Und was brachte er?« »Man hört nur so hie und da etwas – aber auch dies wäre schon genug. Was könnte es aber auch sein als – Ungehorsam, just wie bei uns. Wenn die Possigkauer nicht Treiberdienste bei der Jagd verrichten wollten, die Chodenschlosser alle Wägen verweigerten –« »Das alles wissen wir schon!« unterbrach das Fräulein den geschwätzigen Kammerdiener. »Was hat aber der Bote gebracht?« »Aufs Haar weiss ich es just nicht – das wird er wohl nur Seiner Gnaden gesagt haben. Aber soviel ist doch ruchbar geworden, dass diese Choden, Gott sei bei uns, ein sonderbares und unbeugsames Volk, dort in Putzeried und Melhut ganz dasselbe aufführen, wie in Hochwartl und Tilmitschau.« »In Hochwartl und Tilmitschau?« liess sich Frau Lamminger voll Verwunderung vernehmen. »Was ist denn dort geschehen?« »Das geruhen, Euer Gnaden, nicht zu wissen? Dort sollen die Bauern in den Wäldern wie im Eigenen jagen, schiessen, Schlingen legen –« »Und was machen die Heger?« »Das ist es eben, Euer Gnaden. In Tilmitschau soll der Heger durchgeprügelt worden sein, als er jemandem einen Hund niederschoss.« »Und in Putzenried?« »Der Bote überbrachte von dorther eine ähnliche Nachricht, nur soll es dort noch etwas ärgeres gewesen sein. Sogar der Sohn des Erbrichters, des alten Šerlovský –« Der Kammerdiener verstummte mit einemmale und sah überrascht nach der Nebentür, durch die sein Gebieter, Freiherr von Albenreuth getreten war. »Schwätzt du schon wieder, du alte Plaudertasche?« rügte er den Kammerdiener strenge. »Selbst ein Hasenfuss, eine feige Memme, flösst er noch andern Furcht ein. Warum schwätzt du in einem fort?« »Und warum horcht ihr ihm zu?« sagte er, freilich etwas sanfter, aber immerhin rügend, zu seiner Gattin. Dem Fräulein trat der alte Diener leid, da sie sah, welch' bitteren Lohn er für seine Bereitwilligkeit erntete, als sie aber bemerkte, wie der der Alte erschrocken zusammenfuhr und sich verneigend hinaus eilte, konnte sie sich eines Lächelns nicht erwehren. Erst am Gange fasste er Mut, hielt inne und brummte: »So behandelt man mich? Wie einen Bauer?« Bei sich dachte er noch: »Da war der selige Herr, S. G. der alte Herr von Lobkovic, ein ganz anderer Herr! Ich ein Hasenfuss, eine feige Memme? Ich? Dreissig Jahre habe ich S. G. dem alten Herrn gedient. Dreissig Jahre und nie, aber nicht ein einzigesmal, habe ich so etwas gehört. Arme Frau – jetzt wird sie noch das Bad ausgiessen, weil sie mich angehört hat. Und wie oft sich S. G. der selige alte Herr von Lobkovic mit mir unterhalten hat – und der war doch etwas mehr –« »Was hat euch dieser Hasenfuss wieder vorgeschwefelt?« frug der Freiherr nach Peters Abgang. »Ich glaube, er sprach nur die Wahrheit,« antwortete die Freifrau sanft. »Er erwähnte der Unruhen in Hochwartl und Tilmitschau. Der Bote von Kauth hat sicherlich auch keine frohe Botschaft gebracht –« setzte sie besorgt fragend hinzu. »Auch nichts trauriges: Raufhändel mit Hegern, Wilderergeschichten. Das alles sind jetzt alltägliche Geschichten, aber er brachte ihrer nicht viel,« fügte er mit einem sonderbaren Lächeln bei. »Nicht viel?« liessen sich Mutter und Tochter, beide verwundert, vernehmen. »Gerade genug, um sich zu ärgern, aber doch nicht soviel, um die Hilfe des Militärs anrufen zu können.« »Das Militär! Um Gottes willen, wo denken Sie denn hin! Soll am Ende Blut fliessen?« rief die Freifrau lebhaft. »In Aujezdl war auch das Militär, und was wurde damit erreicht?« »Hm – dort waren sie eben noch ruhig, sie waren noch nicht rebellisch – und ich würde Rebellen brauchen –« »Rebellen wollen Sie haben!« »Es wäre dies ein vorzügliches Argumentum und Testimonium – doch warum quälen Sie sich damit – lassen Sie mich nur –« »Aber wir hier,« meinte das Fräulein, die günstige Gelegenheit benützend. »Ei, Marie, bist du aber eine Heldin, just als wenn du Peters Tochter wärest –« »Ich fürchte mich nicht – aber es ist hier so traurig,« antwortete sie hastig. »Und unsicher,« ergänzte die Mutter, welche ihrer Tochter beispringen wollte. »Ihr ängstigt euch zu viel. Das, was sie hier aufführen, ist eitler Bauernstolz. Die Toren! Sie glauben, wenn sie in Wien einen Advokaten haben, dass sie schon den Prozess gewonnen haben!« »Und wenn sie sich doch erheben würden?« »Dann werden einige aufgehängt und die heilige Ruhe ist wieder hergestellt,« antwortete Lamminger kurz und kühl. Diese Worte machten dem ganzen Gespräche ein jähes Ende. Seine Gattin unterdrückte einen Seufzer und blickte die Tochter an. Diese senkte den Kopf und sah zu Boden. Glücklicherweise ertönte draussen die Glocke, welche die Zeit zum Nachtmahle anzeigte. »Gehen wir!« sprach Herr von Albenreuth ruhig. Die Gattin schritt schweigend neben ihm und dachte an seine letzten Worte. Den Eltern folgte die Tochter. Sie hätte weinen mögen und fast hätte sie mit dem Füsschen zornig aufgestampft. Der Vater ist unbeugsam! An Prag ist gar nicht zu denken. Dafür erwartet sie eine unendliche Reihe unendlich langweiliger Abende, welche sie alle, gleich dem heutigen, in Gesellschaft ihres unfreundlichen, wortkargen, gestrengen Vaters verbringen wird. Wider Erwarten empfand sie wenigstens heute eine Erleichterung. Lamminger, der, ganz in Gedanken versunken, während des Nachtmahles kaum ein Wort gesprochen hatte, stand gleich nach dem Essen auf und ging in seine Kanzlei. Er verständigte seine Gattin, man möge auf ihn nicht mehr warten, da er viel dringende Arbeit habe und lange in der Kanzlei bleiben werde. Dort sass schon einer seiner Beamten und schrieb eifrig. Lamminger blieb bei ihm stehen, sah ihm über die Achsel auf das Schriftstück und las, was er geschrieben. Dann richtete er sich auf und sprach: »Einstweilen gut – vergesse auf nichts, Wilddieberei, Widerstand, Ungehorsam, verwegene Reden, alles recht lebhaft und meinetwegen stärker, weil die Schilderung immer schwächer ist als die Wirklichkeit. Jemandem, der es nicht gesehen hat, muss man es, wie gesagt, recht lebhaft darstellen, du verstehst mich doch. Und vergesse nicht an diesen Just, das ist ein Prozessmacher und Rabulist, der jede Ordnung und Ruhe untergräbt, in Summa ein gefährlicher Mensch, doch noch mehr dieser Kozina, der mit seiner verwegenen Sprache alle ins Feuer bringt und zum Widerstande aufreizt.« »Das habe ich schon, Euer Gnaden –« »Und diese Linde auch.« »Jawohl, Euer Gnaden.« »Und das, was heute aus Kauth gemeldet wurde?« »Das noch nicht –« »Also das, und die Rädelsführer von Melhut und Tilmitschau nimm auch hinein. – Sobald alles fertig ist, komm damit gleich zu mir. Du wirst mir es vorlesen. Heute muss alles fertig sein, morgen zeitlich früh geht damit Schneider nach Prag. Hast du um den Verwalter geschickt?« »Zu Diensten, Euer Gnaden!« »Gut.« Lamminger liess den Schreiber, der eine scharfe Klage gegen die Choden verfasste, allein und begab sich in sein Gemach. Etwa zweimal ging er hier auf und ab, sodann blieb er stehen, als würde er horchen. Im Schlosse herrschte Stille und draussen, wo bereits die schwarze Nacht eingebrochen war, pfiff zeitweilig nur ein eisiger Wind. Lamminger machte die Tür zu und trat an die Wand heran, wo er in der Nähe der Ecke den Schlüssel in ein kaum sichtbares Schloss steckte. Aus der Wand sprang, wie durch eine Springfeder hervorgeschnellt, ein Türl hervor und in der Öffnung sah man einige Verschläge. Dem einen entnahm der Freiherr zwei mit Goldmünzen vollgefüllte Beutel. Sodann schloss er rasch wieder das Türl, setzte sich an den Tisch und fing an zu schreiben. Da klopfte auch schon jemand an die Tür. »Warte! Gleich!« rief Lamminger und nachdem er zu Ende geschrieben, liess er seinen Verwalter in das Gemach ein. Es war derselbe, der mit Kozina unter der Linde gerungen hatte. »Du wirst nach Wien fahren,« gab ihm der Freiherr kurz bekannt. »Wann, Euer Gnaden?« »Eine dringende Angelegenheit – morgen zeitlich früh. Bereite dich vor!« Ohne auf die Überraschung, welche diese Neuigkeit beim Verwalter hervorrief, zu achten, fuhr er fort: »Hier hast du das Reisegeld. Die Pferde schone nicht. In Wien kennst du dich doch aus –« »Ich bin dort fünf Jahre gewesen,« antwortete der Verwalter mit einem selbstbewussten Lächeln. »Dieses Schreiben überbringst du dem Hofprokurator – und diese da den übrigen Herren je nach der Adresse – jedoch sofort nach deiner Ankunft. Diese Briefe betreffen die Choden, verstehst du? Solltest du noch weiter über sie befragt werden, so sage, was wir mit ihnen auszustehen haben. Und mit diesem Briefe wirst du zum Chodenprokurator Straus gehen. Der Brief enthält nichts anderes als die Bestätigung, dass du in meinem Namen kommst – du zeigst ihm den Brief nur vor –« »Ich verstehe, Euer Gnaden.« »Das übrige musst du mündlich abmachen und« – hier lächelte Lamminger und ergriff den Beutel mit den Dukaten. »Dies zur Bekräftigung. Die Quittung wirst du mir bringen.« »Wie denn, wenn er das Geld nicht annimmt?« frug der Verwalter. »Ich hielt dich für erfahrener.« »Und falls er vielleicht mehr verlangen wollte?« »Das ist etwas anderes. Du borgst dir von Bekannten aus. An alles habe ich gedacht. Nun, hast du verstanden?« »Ich werde, Euer Gnaden, alles auszuspähen trachten. – Werde mich erkundigen –« »Wie die Sache bei Hofe und bei Gerichte steht, darüber werde ich Nachricht bekommen. Aber dass du mir bei diesem Straus alle Namen sicherstellst! Wer diese Bauernbengel hingeschickt hat, wer das Geld hergibt, insbesondere wer die Sache leitet. Sei bei ihm auf der Hut! Es scheint ein geschickter und geriebener Mensch zu sein. Er hat bereits eine Kommission zur Erhebung des Sachverhaltes durchgesetzt. Die Namen der Kommissäre muss ich ebenfalls erfahren und zwar so rasch als möglich. Wirst du deine Sache gut machen, so werde ich dich gut und reichlich belohnen. Jetzt bereite dich vor, schweige jedoch über die Reise. Früh wirst du dich, so lange es noch finster ist, auf den Weg machen, damit dich niemand sieht. Ich komme selbst in den Hof hinab. Diesen Straus musst du um jeden Preis, mag es was immer kosten, gewinnen. Doch setze dich und merke dir die Hauptsachen – hier ist das Geld – dies das Reisegeld und dies da für alle weiteren Zwecke.« Kurz darauf kehrte der Verwalter in seine Wohnung zurück. Da er ledig war und allein wohnte, wusste niemand von seinen Vorbereitungen. Zeitlich in der Frühe führte er sich noch im Nachtdunkel selbst das Pferd hinaus, und nachdem er sich darauf geschwungen, ritt er unbemerkt davon. Sein Herr kam im selben Augenblick ohne Allonge-Perücke, in einer Pelzmütze und im leichten Pelze bis vor das Schlosstor, wo er eine Zeit lang dem Verwalter nachsah, der durch die verschneite Gegend dahinritt. Dieser verschwand alsbald in der Frühdämmerung, durch die nur einige erlöschende Sterne glitzerten. XIII Die Ruhe der Chodendörfer, welche Lamminger nach Verbrennung der Majestätsbriefe erhofft hatte, erfuhr allmählich Störungen. Der Wasserspiegel, unter dem das Gewitter schlummerte, begann zu vibrieren und Wellen zu schlagen. Der von den Vertretern fast sämtlicher Chodendörfer anlässlich der geheimen nächtlichen Versammlung in der einsamen Hütte des Dudelsackpfeifers Jiskra Řehůřek gefasste Beschluss fand auch die Zustimmung und Genehmigung aller jener, die damals nicht erscheinen konnten. Die dort gewählte Deputation brach alsbald nach Wien auf. Die Führung übernahm Just, der unterwegs nicht müde wurde, von seinen Erfahrungen und namentlich von der Schwierigkeit des Zutrittes bei Hofe zu erzählen, gleichzeitig aber auch zu versichern, dass er dank seinen Bekanntschaften und mittels Geldes alles durchsetzen werde. Die Choden überzeugten sich sehr bald, dass er ihnen die Wahrheit gesprochen und namentlich, dass man in Wien sehr viel Geld braucht. Dieses verlangte er tatsächlich sehr oft vom Possigkauer Psůtka, dem die Verwaltung des von den Teilnehmern jener geheimen Versammlung zur Erhaltung Justs und zwecks anderer Auslagen übergebenen Geldes übertragen wurde. Das Wort und der Handschlag der Chodenmänner und Jiskra Řehůřeks blieben in Geltung. Die Deputation war längst schon unterwegs und im Schlosse hatte man noch immer keine Ahnung davon. Ja im ganzen Chodengau wusste man noch immer nichts von ihrer Reise, bis die Nachricht von ihr auf das Schloss – aus Wien kam! Der Herr Hofrat von Sachsengrün, ein treuer Anhänger Lammingers, versäumte nicht, rasche Nachricht davon zu geben, was sich diese Choden wieder unterstanden hätten. Jetzt erst wurde auch in allen Chodenhöfen und Chalupen offen davon gesprochen. Doch war die Verwunderung darüber, was diese Bauern gewagt haben, beim Freiherrn und den Schlossbeamten viel grösser. Es war ja auch schon überall bekannt, dass man sich bei Hofe über die Choden erkundigt hatte. Obzwar anfangs erzählt wurde, dass der nach dem Kaiser nächst höchste Herr über die Choden Erkundigungen einzog, erfuhr doch die Variante, der Kaiser selbst habe gemeint, sie müssen gewiss eine brave Obrigkeit haben, da sie so ruhig sind, grössere Verbreitung. Sodann wurde auch schon hie und da ruchbar, dass alle Majestätsbriefe nicht vernichtet sind, sondern einige in Aujezdl gerettet wurden. Doch dies erzählten sich nur die älteren Männer. Wenn sie davon sprachen, sahen sie sich um, ob sie niemand hört. Wo diese geretteten Urkunden wären, davon machte niemand eine Erwähnung. Alle fürchteten um dieselben. Bei diesen Gesprächen wurde wieder öfters Kozinas Name ausgesprochen, laut oder stille, immer aber so und mit demselben Vertrauen, wie damals, als er im Aujezder Gemeindehause so kühn und beredsam Lamminger entgegen getreten war und daselbst, sowie auf der Chodenschlosser Burg für die alten Rechte gelitten hatte. Ein ganz anderer Geist zog überall ein. Selbst jene, die früher auf die Nachricht von der Vernichtung der Majestätsbriefe hin das Haupt hängen liessen, hoben jetzt die Stirn mutiger empor; sehr viele gedachten auch des grossen Kometen, der unlängst durch einige Tage am Himmel glänzte. »Muss er denn immer nur Böses bedeuten?« erzählten sie – »könnte er nicht auch ein gutes Vorzeichen sein?« Nur der alte Přibek schüttelte bedächtig den Kopf und meinte: »Jeder Komet bedeutet etwas, das ist sicher. Ich hab' schon einige gesehen, immer ist aber entweder Krieg oder Hunger und Pest gekommen.« Doch die übrigen hiessen voller Hoffnung und Vertrauen das Neujahr willkommen und zwar um so mehr, als zu dieser Zeit aus Wien die erste Nachricht von den Landsleuten kam. Just schrieb und den Brief erhielt sein guter Nachbar in Taus, der ihn Kozina übergab. Just meldete, dass sie gesund in Wien angekommen seien und dass er sofort Schritte eingeleitet habe, um bei Hofe vorgelassen zu werden. Der Kaiser sei aber augenblicklich nicht zu Hause, sie hätten aber bereits sichere Hoffnung, man hätte ihm die Audienz beim Kaiser schon versprochen, er habe auch einen ausgezeichneten Prokurator, einen geborenen Böhmen, gefunden und der habe, nachdem ihm Just alles erklärt, seinen Landsleuten genau dasselbe gesagt, was er, Just, in jener Versammlung beim Řehůřek ihnen ebenfalls gesagt hatte, nämlich: sie werden den Prozess ganz sicher gewinnen, es werde aber längere Zeit dauern, da es eine ziemlich veraltete Angelegenheit sei und Lamminger hier Freunde habe. Der eingeleitete Prozess war der Prozess aller Choden, niemand erhob die geringste Einsprache dagegen; darum wurden auch die ersten Nachrichten über den Erfolg der entsandten Landsleute mit reger Teilnahme und Spannung erwartet und darum verbreiteten sich auch die Neuigkeiten aus dem Just'schen Briefe von Aujezdl über den ganzen Chodengau, wo sie überall fröhlich begrüsst wurden. Überall keimten neue, noch bessere Hoffnungen auf. Etwas später schrieb Prokurator Straus in gleichem Sinne, doch nicht so vielsprecherisch und prahlerisch wie Just, was namentlich Syka und dem alten Erbrichter von Trasinau, Christoph Hrubý, an den der Brief gerichtet war, gefiel. Bald darauf kam ein zweiter Brief aus Wien. In diesem meldete Straus, was er bereits unternommen hatte und versicherte nochmals, dass die Chodenrechte nicht verjährt seien, dass sie ihre Giltigkeit nicht eingebüsst hätten, trotzdem Lamminger ihre Majestätsbriefe verbrannt habe; damit habe er sich nur selbst geschadet, da er dadurch seine Amtsgewalt als Kreishauptmann missbraucht habe und er, Straus, werde dies gegenüber dem Herrn auch vorzüglich ausnützen. Flugs verbreiteten sich diese Nachrichten über den gesamten Chodengau, gingen von Mund zu Mund, cirkulierten in Abschriften, überall wurden sie vorgelesen und besprochen. Da – besonders als aus Wien einige Briefe auf einmal kamen – vergass fast auch schon der alte Přibek den Kometen und begann in seinen Zweifeln und seinem Misstrauen schwankend zu werden. Ein Brief, und zwar von Just, meldete, dass die Audienz bereits erwirkt und festgesetzt sei, ein zweiter, vom Prokurator, war wieder voll Hoffnungen und spornte zur Ausdauer an, der dritte sodann, der von der schweren Hand des Possigkauer Psůtka geschrieben war, schilderte im eigenen und im Namen der Landsleute, wie sie in der kaiserlichen Hofburg waren, wie sie vor dem Kaiser standen, der sie freundlich angehört und ihnen versprochen habe, es werde ihnen zu Recht geschehen. Psůtka schilderte sodann die Pracht in den kaiserlichen Gemächern, erzählte vom Kaiser selbst und diese Erzählung stimmte damit überein, was ihnen Just in jener geheimen Versammlung mitgeteilt hatte, wodurch das Vertrauen in den prozesskundigen Tauser Bürger nur noch bekräftigt wurde. Überall wurde gerne und eifrig über diese Angelegenheiten gesprochen, nur das Weib eines der Haupturheber dieses Kampfes, dem man überall mit Dank verpflichtet war, nur Kozinas Hančí wich diesen Gesprächen aus. Sie war voll Angst. Wie fühlte sie sich erleichtert, als das Militär aus Aujezdl abzog und ihr Mann aus der Chodenschlosser Burg heimkehrte! Wie freute sie sich doch damals, dass jetzt heilige Ruhe eintreten und Jan sodann nur ihr und ihren Kindern angehören werde! Oh, jetzt leuchtete es ihr ein, warum er sich in der letzten Zeit und meistens gegen Abend und abends so oft entfernte, warum er jetzt so oft mit Syka Gespräche zu führen pflegte, und sie wusste auch schon, wovon er auf der Ausgedingestube mit der alten Mutter sprach und warum sie immer verstummten und das Gespräch ablenkten, so oft sie eintrat! Es gab ihr einen Stich, als sie das erste mal von der Einleitung des Prozesses hörte, viel grössere Bestürzung erfasste sie jedoch, als sie vernahm, dass die Schwiegermutter einige dieser alten Pergamente gerettet habe. Ein unbeugsames Weib, eine hartherzige Mutter! Sie wird nicht eher ruhen, bis sie ihren eigenen Sohn zu Grunde gerichtet! So dachte Hančí gleich anfangs. Wie kann einer Mutter etwas anderes lieber und teuerer sein als ihr Kind?! Und warum mischt sich diese alte Frau in etwas, was nur Männern zukommt! Warum zieht sie ihren Sohn hinein? Hat sie denn nicht daran genug, was sie im Gemeindehause gesehen hat, wie man dort mit ihm verfuhr, wie man ihn dann noch überdies im Schlosse gefoltert? Jede andere Mutter würde ihren Sohn um Gottes und aller Heiligen willen bitten, er möge davon abstehen und nicht sich und seine Familie ins Verderben stürzen! Und sie! – So urteilte sie in der ersten Erregung – dieser Ansicht blieb sie auch fernerhin. Doch die Liebe zum Manne besänftigte ihren Zorn und, nachdem sie sich selbst bezwungen, ging sie eines Tages, Sonntag nachmittags, als sie wusste, dass die Schwiegermutter allein zu Hause sei, zu ihr in die Ausgedingestube. Wie kam sie aber aus dieser Stube heim! Das hätte sie wahrhaftig nicht geahnt, dass man sie für all ihren guten Willen noch so empfangen werde. Mit welch' strengen Blicken hatte die Greisin die arme Hančí gemessen, als sie in ihrer sanften Weise von Jan, von der neuen Gefahr, der er sich und seine Familie aussetzt, zu sprechen begann – nicht einmal ausreden hat sie die Schwiegertochter gelassen, welche sie anflehte, sie möge als Mutter selber dem Sohne zureden, da sie doch mehr vermag, als ihre Worte. »Du bist nicht recht bei Sinnen,« rief die Alte. »Was ängstigst du dich im Vorhinein schon. Als wärest du die Tochter eines Herrn! Du möchtest am liebsten wie im Paradiese leben und Jan nur an dich gefesselt sehen. Er hat dich ja mehr als genug gerne. – Du hast ja einen Mann und nicht ein altes Weib und es gibt noch andere Sachen, die der Mensch auch nicht vergessen darf. Du hast mir auch 'was von der Mutter gesagt. Nun ja, ich bin keine Wölfin, ich habe die Kinder auch gerne, das brauchst du mich nicht erst zu lehren. – Ich kümmere mich um diese Sachen, weil sie auch deinen Kindern zu gute kommen werden, damit sie es besser haben, als wir Alten, damit sie nicht tanzen müssen, wenn die Herren zum Tanze aufspielen –« Hančí wusste gar nicht, wie sie über den Hof nach Hause kam. – Kaum dass sie die Schwelle überschritten hatte, konnte sie sich nicht mehr beherrschen. Sie liess sich auf die Tischbank nieder und brach in Tränen aus. Es tat ihr leid, dass die Schwiegermutter sie so abgefertigt hatte, und gleichzeitig war ihr bange um ihren Mann. Als dann Jan nach Hause kam, ihre geröteten und verweinten Augen sah und fragte, was ihr begegnet sei, konnte sie sich trotz bestem Willen nicht überwinden. Sie konnte die Tränen nicht verheimlichen. Sie brach aufs neue in Tränen aus und bat ihn, er möge seiner und der Kinder gedenken. Von der Mutter machte sie gar keine Erwähnung. Er trachtete sie zu beschwichtigen; seine Sprache war aber sehr entschieden, was geschehen sei, sei geschehen und er freue sich dessen. »Der Anfang ist geschehen. Und ist es so gut. Jetzt bin ich ruhiger, zufriedener. Es plagen mich keine so sonderbaren Gedanken mehr und ich scheue die Menschen auch nicht. Du weisst es ja selbst – wie ein Felsblock hat es mir an der Brust gelegen. Sei nicht kindisch! Das Ärgste ist schon vorbei!« »Ach! Dieser unglückselige Städter, der euch soviel vorgeschwätzt hat!« »Ruhe! Hančí– auch wenn dieser Just nicht da gewesen wäre, ich selbst hätte den Herren den Prozess gemacht. Wir haben die Majestätsbriefe –« Hančí antwortete nicht, aber ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Sie segnete die Hände der alten Schwiegermutter, welche die Majestätsbriefe gerettet hatten, nicht, sie dachte nochmals daran, was sie ihr vorher auf der Ausgedingestube gesagt hatte: »Es ist, Mutter, besser zu fürchten, als zu bereuen. Das ihr's nur nicht bereuet – bis es bereits zu spät ist!« Der junge Kozina war zufriedener. Die peinliche Zeit der inneren Zerwürfnisse und Kämpfe war vorüber. Die Entscheidung war gefallen. Der Kampf hatte begonnen, die Hochachtung und das allgemeine Vertrauen entschädigte ihn für die früheren Kränkungen, als noch alle samt seinen nächsten Bekannten, ja sogar seine Mutter selbst ihn misstrauisch zu betrachten pflegten. Er hatte sein Mannesherz, in dem bisher nur Weib und Kinder geherrscht, wiedergefunden. Er war zu allem entschlossen, um den mit Gram und Plage begonnenen, jetzt sich günstig gestaltenden Kampf auszukämpfen. Eine Sache bereitete ihm aber schwere Sorgen. Es waren dies die Nachrichten, dass die Possigkauer entgegen dem herrschaftlichen Befehle nicht zur Jagd kamen, dass sodann die Chodenschlosser die von der Obrigkeit geforderten Wagen verweigerten. Darauf hin wurde Ähnliches auch anderwärts ausgeführt: in Hochwartl und Tilmitschau wurde zu Weihnachten der Zins nicht abgeführt und die Drescher nicht in die herrschaftlichen Scheuern entsendet. Er wusste, dass dies jetzt, solange der Prozess nicht entschieden ist, ein grosser Fehler sei, der der Herrschaft die Waffe in die Hände drückt. Der »Prokurator« Syka stimmte mit ihm vollkommen überein. »Wegen des an uns geübten Unrechtes führen wir unsern Prozess und jetzt werden wir noch in Strafe kommen,« meinte der Dorfrichter, als mit ihm Kozina am Abend jenes Sonntags, an welchem Hančí bei der alten Schwiegermutter war, im Gemeindehause sass. Während sie also sprachen und darüber berieten, dass es notwendig sei, den Dorfrichtern, überall nahezulegen, sich derartige Vergehen, nicht zu Schulden kommen zu lassen, trat Mathias Přibek in die Stube. Sein sonst ernstes, strenges Gesicht war wie verklärt, die Augen, erglänzten, als er unaufgefordert selbst begann: »Nun alle Choden sind doch noch nicht ausgestorben!« Der Dorfrichter und Syka erfuhren bald, was er damit meinte. Er hub nämlich an, ihnen die Neuigkeit zu erzählen, die er aus der Stadt gebracht. Der junge Šerlovský sei in Putzeried mit dem herrschaftlichen Heger in ein schlimmes Handgemenge geraten und hätte ihn um ein Haar fast erschlagen. »Und warum?« »Er wollte ihm die Flinte abnehmen.« Syka schwieg und fuhr mit der Hand in sein lichtes Haar. Kozina aber verurteilte diesen Raufhandel auf das entschiedenste. Přibeks Antlitz verfinsterte sich, einen Augenblick sah er beide strenge an und sagte sodann: »Nun, was meint ihr, hätte er sich die Flinte nehmen, den Buckel weidlich durchbläuen lassen und dann erst zum Prokurator gehen sollen?« »Er hätte nicht in den Wald gehen sollen–« Mathias schlug mit der Faust auf den Tisch. »So sprichst du, Kozina?!« »Jawohl, jetzt soll niemand in den Wald gehen, denn damit ist nur der Herrschaft gedient. – Noch haben wir nicht gewonnen – Ja, später –« »Bis man uns mit dem Prügel totschlägt. Hoho, Kozina, in Wien wächst für uns kein Kraut, höchstens eine lange Nase. Das da ist unsere Hilfe!« Mathias hob seine mächtige Čakane, die er in der Luft schwang. »Vor dem da würden die Herren erzittern, nicht aber vor den Registern des Prokurators.« »Nun dazu ist noch immer Zeit genug,« antwortete Kozina, »und glaube mir, dass diese Raufhändel alles verderben können.« Syka, der zustimmend nickte, wollte noch etwas hinzufügen, doch schon hielt ein Schlitten vor der Erbrichterei und es trat der alte Erbrichter Christoph Hrubý aus Trasinau ein. »Ei, Ihr da,« begann er fröhlich. »Ha, Mathias, was schaust du so finster, und du, Jan, was bist du so rot wie ein gemaltes Ei?« Syka erzählte kurz den Sachverhalt. Der weisshaarige Bauer legte die Hand auf Přibeks Schulter und sagte besänftigend: »Du bist noch einer von den alten, braven Choden. Jetzt ist aber eine andere Zeit. Die Čakane erwirkt nicht alles, und vielleicht wird sie gar nicht von nöten sein.« Er griff unter den Mantel und zog einen Brief mit dem Bemerken heraus, er habe das Schreiben soeben heute Nachmittag erhalten. Er habe sofort einspannen lassen, um ihnen diese Neuigkeit mitzuteilen. Der Brief kam aus Wien und war vom Psùtka aus Possigkau mit seiner Nachschrift von Just. Der »Prokurator« Syka schnalzte mit den Fingern, als er ihn las. Der Hof hatte die Beschwerde der Choden als berechtigt erkannt und eine eigene Kommission mit der Untersuchung ihres Prozesses mit Herrn von Albenreuth betraut. Während Syka vorlas, neigte sich Kozina zu ihm. Vor freudiger Überraschung wurde er feuerrot. Obwohl der alte Hruby den Inhalt des Schreibens schon kannte, hörte er doch mit grosser Spannung zu, als Syka halblaut las. Das Antlitz des Greises verklärte ein Lächeln. Nur Přibek merkte man keine besondere Freude an. »Das ist noch lange kein Ende und es wird noch viel Zeit vergehen, bevor das Urteil gefällt wird,« meinte er. »Was heilst das eine Kommission?« »Was das heilst?« rief lebhaft Kozina und indem er sich erhob, sagte er erregt zu Přibek: »Was das heisst? Du wirst dich ja noch auf jenes perpetuum silentium zu erinnern wissen, welches eintrat, als unseren Vätern und Grossvätern angekündigt wurde, dass unsere Rechte null und nichtig sind, dass wir keine Rechte mehr besitzen, dass wir daher keine Privilegien beanspruchen dürfen. Du hast es sicherlich noch nicht vergessen, wie man sich wegen dieser zwei lateinischen Worte beim Kopfe fasste, wie man wehklagte, fluchte, weinte und jammerte. Frage nur deinen Vater. Und solltest du es vergessen haben, so erinnerst du dich noch, wie Lomikar lächelte, als unsere Majestätsbriefe in den Flammen zischten. Er dachte, jetzt sei es mit uns aus – jetzt sei alles vorüber. Und es ist doch nicht so!« »Und, so Gott will, wird es auch nicht sein!« fügte der weisshaarige Erbrichter aus Trasinau hinzu. Přibek schwieg. Er hörte mit zusammengepressten Lippen zu und sein finsterer Blick ruhte auf der Čakane, auf die er seine sehnigen, schweren Hände stützte. XIV Der alte Christoph Hrubý, sein Neffe, Kozina und Syka freuten sich aufrichtig dieses ersten im Kampfe mit Lamminger erreichten, wirklich wichtigen Erfolges. Diese Freude teilten mit ihnen – nur noch mehr und lebhafter – alle, sobald sich diese fröhliche Botschaft im ganzen Chodengau verbreitet hatte. Schon bei der ersten Nachricht über die Erkundigung des Kaisers über die Choden keimte überall Hoffnung auf; diese Hoffnung wuchs zum Vertrauen heran, als die Briefe des Advokaten, des Just und des Possigauer Psůtka eintrafen. Jetzt ist bereits eine Kommission eingesetzt! In Wien erkennt man an, dass die Choden im Rechte seien, dass ihnen Unrecht geschehen und geschieht, und diese Kommission wird es bestätigen, sie muss es, denn was die Lammingers, der verstorbene wie der jetzige, an ihnen begangen haben, ist himmelschreiend. Was schwarz ist, kann man unmöglich weiss machen! Alle freuten sich, dass sie der verhassten Zwingherrschaft los werden, und ahnten nicht, dass der Chodenschlosser Herr zur Zeit, als die fröhliche Botschaft an Christoph Hrubý gelangte, bereits einige Tage von der angeordneten Kommission Kenntnis hatte und dass er in dem Augenblicke, als der ganze Chodengau jubelte, bereits daran arbeitete, diese Freude zu zerstören. Er hatte ja in allem vor seinen bäuerlichen Gegnern einen Vorsprung: selbst rechtskundig, reich, hatte er sowohl beim Hofe wie unter den Beamten Bekannte und eine bessere Verbindung mit Wien. Der erste Erfolg überraschte selbst den »Prokurator« Syka. Bis zu diesem Augenblicke fürchtete er im Geiste die Macht und den Einfluss der Herrschaft und hegte Besorgnis, dass sie eben so wenig wie ihre Väter ausrichten werden. Seit der Zeit jedoch, als es fest stand, dass man in Wien eine Kommission angeordnet hatte, sie somit – und zwar nach jener unglückseligen Verordnung über das »ewige Schweigen« – nicht schlechtweg abgewiesen wurden, gab sich auch Syka mit mehr Zuversicht froher Hoffnung hin. Und noch eines flösste allen Mut ein. Es war jetzt überall so, als ob es keine Robot gäbe, den Herrschaftsbüttel befolgte fast niemand und jene, die früher im geheimen und nächtlicher Zeit in die Wälder schlichen, betrieben nun den Wildfang und die Jagd ganz offen und verwegen. Die Herrschaft drohte und drohte abermals, forderte die Zahlung von Strafgeldern, die Heger suchten den Wilderern das Handwerk zu legen – aber was war dies alles gegen das, was in früheren Zeiten geschah? Hätte man damals nur den vierten Teil davon gemacht, was jetzt geschah, da hätten die Herrschaften eine ganz andere Weise angestimmt und dem Schuldigen wäre es übel ergangen. Es schien festzustehen, dass die Herrschaft schwankend geworden sei, dass sie etwas wittere, nachdem sie nicht mehr den Mut zeige, den sie früher an den Tag legte. Dies war auch die Meinung der meisten Erbrichter, die daher nicht wenig erstaunt waren, als sie Kozina hie und da durch den Dudelsackpfeifer Jiskra zur Mässigung mahnte oder sich in gleichem Sinne zu einigen von ihnen äusserte. Der Erbrichter von Klenč, Ecl, vulgo Čtverák Čtverák – Schelm, Possenreisser. – Anmkg. d. Übersetzers. genannt, lachte ihn aus, und als er auch den Brychta von Possigkau warnte, da rief der wilde Bauer zornig aus: »Das hat dir sicher euer Prokurator ins Ohr gesetzt!« Er meinte damit den vorsichtigen Syka, der seinen dichtbehaarten Kopf bedenklich schüttelte, als Kozina mit ihm über diese Dinge sprach, und bemerkte, die Herrschaft stimme in der letzten Zeit eine andere Weise an, indem sie Dienste und Arbeiten verlange, die im Chodengau nie geleistet wurden. »Ich werde dir etwas sagen, wenn es halt nicht so geht, versucht man es auf eine andere Art und Weise. Damit will man uns nur reizen und aufstacheln, damit es zu Reibungen kömmt. Jetzt sollen wir aber gerade schweigen, damit man sich über uns nicht beschweren kann.« So erörterte Syka, als er mit Kozina durch das Dorf ging. Kaum hatte er aber ausgesprochen, so blieb er aber auch schon stehen und Kozina gleichfalls. Sie vernahmen einen Lärm und ein Geschrei, das das Dorf erfüllte. Als sie sodann zwischen den Zäunen weiter gegangen waren, merkten sie, dass das Geräusch von dem Bauerngrunde Přibeks, vor welchem sich bereits eine grössere Menschenmenge angesammelt hatte, komme. Ehe die beiden Choden hinkamen, öffnete sich hastig das hölzerne Pförtchen des Přibekschen Gutes, und es stürzte aus demselben der Chodenschlosser Amtsdiener heraus, geradezu, als ob er fliehen wollte. Ihm folgte Přibeks weisser, haariger Wolf dicht in den Fersen, mit wütendem Gebelle den Büttel anschnaubend, im selben Augenblicke erschien auch Mathias Přibek, nur so in Beinkleidern und Tuchweste in der Tür und drohte, in der Rechten seine eichene Čakane schwingend, dem Amtsdiener nach. Die Versammelten hatten ihre helle Freude daran, nämlich an dem Herrschaftsbüttel, der wie ein Pfau aufgeblasen, als wäre er die Herrschaft selbst, in die Häuser zu kommen pflegte, um dort die Befehle aus der obrigkeitlichen Kanzlei herrisch auszurichten, und nun mit solcher Schnelligkeit das Weite suchen musste. In letzter Zeit war sein Glanz ganz gewaltig verblasst – und jetzt läuft er davon just wie ein Dieb! Es war auch zum Kranklachen, wie er im Laufe den ihn wütend anschnaubenden Wolf abzuwehren trachtete. Nur Mathias Přibek lachte nicht. Ungemein aufgereizt und erzürnt blickte er schweigend und ohne auf die Umstehenden und die ihm nachgekommene Tochter zu achten, dem herrschaftlichen Diener nach. Er wendete sich erst um, als Kozina und Syka zu ihm traten, und nach dem Vorgefallenen sich erkundigten. »Pfui über so 'was! Wie ein gnädiger Herr ist er gekommen und hat befehlen wollen. Er hat eine Zahlung, die ich nie geleistet habe, gefordert. Sie hätten es, hör' ich, in den Akten gefunden. Mein Vater hat es sein Leben lang nie gezahlt und auch der Grossvater nicht. Das haben's auch nur auf mich ausgedacht. Vielleicht brauchen sie zum Fasching Geld. Es soll mir schlimm ergehen, wenn ich nicht zahle. Schaut's mal an! Aber daran ist noch nicht genug. Noch etwas: der Herr befiehlt, hör' ich, dass Manka, hört ihr, dahier meine Tochter, in den Hof kommen und Flachs spinnen soll. Du elender Protzfrack! Ich werde dir was vorspinnen! Er hat aber auch gar nicht zu Ende gesprochen. Der ist abgefahren! habt ihr's gesehen?« »Das wurde wirklich nur für dich ausgedacht,« meinte Kozina. »Und jetzt wird man wieder die Geschichte so darstellen, als hättest du den Amtsdiener hinausgejagt und den Hund auf ihn gehetzt,« ergänzte Syka. »Und was hab' ich machen sollen? Nun – ich verstehe ja! Hab' ich schweigen und zum Prokurator gehen sollen?« antwortete Přibek heftig, vom Kozina auf Syka blickend. Sie verstanden seine Anspielung. »Wir haben es da mit dem Wolf besser erledigt,« fügte er spöttisch hinzu und alle um ihn brachen in Lachen aus. Nur Kozina und Syka lachten nicht. Kozina überlegte, wie recht sein Genosse hatte, als er vorher sagte, das alles mache die Herrschaft absichtlich, um nur zu reizen und einen Sturm zu entfesseln –. Das geschah zu Ende des Faschings, ja knapp vor der Fastnacht. Der Dudelsackpfeifer Řehůřek Jiskra war jetzt selten zu Hause. Er wurde fortwährend – bald hier, bald dort – zum Spielen eingeladen. Sein alter, blinder Vater pflegte mit ihm zu gehen. Sie konnten kaum allen Aufforderungen nachkommen. Schon jahrelang gab es keinen so lustigen Fasching. Das Gesinde tanzte wie um die Wette, und auch die Alten, die schon eine ganze Ewigkeit das Tanzbein nicht geschwungen, konnten nicht widerstehen. Es war ja allen leichter und fröhlicher zu Mute. Jiskra Řehůřek freute sich noch aus einem anderen Grunde. Wenn er sonst spielte, vergass er auf die ganze Welt und blickte nur auf die Tänzer und Tänzerinnen, höchstens dass er sich auch, und zwar oft genug, nach dem Krügel umsah. Jetzt konnte es im Reigen noch so lebhaft zugehen, die Burschen konnten wer weiss wie singen, noch so stark aufstampfen und die sich um sie drehenden Tänzerinnen noch so hoch emporheben, in seinen Gedanken weilte er nicht in der Tanzstube, sondern anderswo – und zwar stets auf seiner Einschichte. Er dachte an sein junges Weib, das sich ihm anvertraut hatte, dass sie nicht mehr so allein bleiben werden, der Storch pflege bereits um das Haus herum zu kreisen. Das erfüllte den lieben Dudelsackpfeifer mit einer grenzenlosen Freude. Er war schon froh, dass die Fastnacht nahe und dass dieses Herumbummeln und Nachtschwärmen wenigstens für einige Zeit ein Ende finden werde. Er sagte dies eben auch Dorla, als er Dienstag nachmittags den Dudelsack über den Arm schlug und fortgehen wollte. »Was nur dem Brychta eingefallen ist?« meinte Dorla. »Nun, Lomikar wird eine Freude haben –,« antwortete Jiskra und lachte auf. »Was wird man aber in Aujezdl sagen?« »Ich werde schon noch hinkommen, mittlerweile wird es der Vater mit Kuba auch besorgen.« Wirklich holte auch Kuba Konopík, Řehůřeks freigesprochener Schüler, den blinden Musikanten ab, um ihn in das Dorf zu führen, wo sie einstweilen, bis Jiskra aus Possigkau heimkehrt, gemeinsam spielen werden. Dorla blieb allein zu Hause. Um diese Zeit begleitete Kozina den alten Onkel Hrubý aus Trasinau, der auf dem Heimwege aus der Stadt einen Abstecher nach Aujezdl gemacht hatte. »Das wundert mich aber, dass uns weder Just, noch dieser Straus schreiben,« sprach Kozina. »Ich hab' gedacht, es werde ein Bote kommen und unterdessen kommt weder er noch ein Brief –.« »Die Wege sind elend und voll Schnee. Ich hege noch keine Befürchtung. Und dann – so eine Kommission! Die ist nicht sobald fertig. Die Herren lassen sich Zeit.« »Auch ich habe so gedacht, dann fiel mir aber ein, ob Lomikar nicht den Boten abfangen liess –« »Das würde ich nicht glauben.« »Nun, und wie denn – vorgestern, es war schon Nacht, als zwei Kerle den Jiskra anhielten, wie er aus der Stadt heimkehrte. Sie suchten seine Taschen durch – er hatte einen Taler – den nahmen sie ihm aber nicht; sie hatten etwas anderes gesucht. Gewiss haben sie ihm aufgelauert.« Der Greis schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte sodann: »Du hast recht, Bursche. Lomikar ist jedes Verbrechens fähig. Hat er uns schon die Majestätsbriefe gestohlen, warum sollte er auf der Strasse nicht rauben. Seien wir also vorsichtig.« Nachdem Kozina den Onkel hinaus begleitet hatte, kehrte er auf dem Heimwege im Gasthause, wo bereits die Geige des alten Řehůřek und Konopíks Dudelsack ertönten, ein. Als der junge Bauer eintrat und seines alten Kameraden – wie er erwartet hatte – nicht gewahr wurde, trat er, sobald die Musikanten ausgespielt hatten, an diese heran. Die um ihn herumlärmende Jugend merkte dies beinahe gar nicht; als sich aber sodann Kozina vom alten Dudelsackpfeifer rasch abwendete, den vollen Krug auf dem Tische stehen liess und ungestüm hinauseilte, da fragte man schon, was geschehen sei. Viele blickten ihm nach und meldeten, dass er nicht den Weg nach Hause, sondern, wie es scheint, jenen, der aus dem Dorfe führt, einschlage. Der alte Dudelsackpfeifer wusste auf ihre Fragen nur soviel zu sagen, dass sich Kozina nach seinem Sohne erkundigt habe und als er – der blinde Dudelsackpfeifer – ihm mitgeteilt, der Sohn sei auf eine dringende Einladung Brychtas nach Possigkau gegangen, wo vielleicht etwas im Zuge sein dürfte, sei Kozina, wie ein aufgescheuchtes Wild, aufgesprungen und sei mit Windeseile davongerannt. Dieser war wirklich schon ausserhalb des Dorfes angelangt; er schritt eilig am ausgefahrenen Wege. Die Sonne schien und in ihrem Glanze schimmerte der gefrorene Schnee. Selbst die schwarzen Wälder blauten in helleren Tönen durch die klare Luft, als wären sie ihres Hinbrütens und ihrer Trauer los. Der junge Bauer sah sich gar nicht um. Nur gegen Chodenschloss und dann in der Richtung gegen Possigkau spähte sein scharfer Blick aus. Er schien einen Umweg zu machen, da er an der Chodenschlosser Burg, deren weisse Mauern im vollen Frostlichte erglänzten, vorüberging. Im Schlosse und in seiner Umgebung herrschte tiefe Stille, als wäre heute gar nicht die junge Fastnacht. Nachdem Kozina Chodenschloss passiert hatte, eilte er weiter Klenč zu und näherte sich schon der Gemeinde. Da horch! Durchdringende Töne ergellten, sodann liess sich ein Gejauchze und nachher wieder lärmende Musik vernehmen. Er sah auch schon zwischen den Häusern der auf einem ziemlich schmalen Abhange ausgebreiteten Gemeinde, namentlich auf dem geräumigen Platze, wo, wie er gut wusste, Adam Ecls vulgo Čtveráks Wohnhaus stand, eine Menge von Leuten. Es waren Leute aus verschiedenen Gegenden, aus Klenč und Possigkau, ja man sah auch einige aus Trasinau. Es war eine lärmende, schreiende, lachende, singende, sehr bunte Versammlung. Hier Männer in Pelzen oder Mänteln, dort Bauernsöhne in gestickten Pelzchen, Weiber und Mädchen in langen, braunen, mit Schaffell gefütterten Pelzen, in Röckchen, mit Kopftüchern verschiedener Farbe – und alle überragten die Reiter, denen die Mehrzahl der Versammelten das Geleite gab. Diese sonderbaren Reiter postierten sich im losen Halbkreise vor dem aus Holz erbauten Hause des Ecl Čtverák: am rechten Flügel sass auf einer abgezehrten Mähre gebückt ein alter Jude, statt der Zügel alte Stricke in der Hand haltend; mit diesen hielt er, ununterbrochen jüdelnd, zum Gaudium der sich um ihn drängenden, laut lachenden Chodenjugend das schläfrige Pferd, damit es ihm ja nicht durchgehe, zurück. Neben ihm ritt auf einem Rappen der mit den Augen grässlich rollende und die Zunge ausstreckende Teufel, welcher den in einer schneeweissen Plache gehüllten, neben ihm stehenden, einen Schimmel reitenden Tod verhöhnte, der in der Linken die emporgehobene Sense trug. Neben dem Tode sass ein ganz in Stroh gehüllter Reiter auf einem Pferde, welches gleichfalls in einer Strohhülle steckte. Dem Strohreiter zur Seite blähte sich auf einem stattlichen Braune ein dicker Baier in roter Weste und breitem, bunt mit Bändern und Flitterzeug gezierten Hute auf. Sein ebenso gekleideter, nur noch dickerer Landsmann stritt hoch zu Ross mit zwei Juden, die auf ähnlichen Mähren sassen, wie ihr Glaubensgenosse am rechten Flügel. Vor den Reitern standen im Halbkreise neun Dudelsackpfeifer, von deren mit Pelzwerk verbrämten Mützen von verschiedener Farbe Schleifen, Bänder und Hahnenfedern wehten. In kurzen Pausen begannen sie auf Jiskras Wink immer wieder vom neuen. Es war eine unerhörte Musik! Neun Dudelsackpfeifer auf einmal! Allgemein nahm man an, es sei dies das Werk Čtveráks und Brychtas. Die Hütten erzitterten fast von den durchdringenden Tönen und so konnte es nicht Wunder nehmen, dass der von einem höchst merkwürdig bunt gekleideten Kerl an der Kette geführte und zeitweilig mit einem Knüttel über den Rücken gestreichelte, in eine Hülle aus Erbsenstroh gekleidete Bär vor den Dudelsackpfeifern auch zu tanzen begann. Diese lärmende Menge, die Masken und Dudelsackpfeifer, warteten auf jemanden und eben als Kozina in die Nähe kam, erkannte er – obzwar er es früher ahnte – wer dies sei. Es öffnete sich nämlich in dem Holzgiebel des Hauses, vor welchem die Volksmenge stand, eine Tür, aus der, ein wenig sich bückend, der Possigkauer Brychta und hinter ihm der um etwas jüngere Čtverák auf die Pavlatsche heraustrat. Brychta trug einen langen und starken Knüttel, von dessen oberem Ende alte Riemen und Knotenstricke herabhingen, in der Hand. Er blieb im Freiraume des Dachwalmes stehen und pflanzte, mit den Händen und auf das Geländer sich stützend, dort die Riesengeissel auf. Ed Čtverák, der sich neben ihn postierte, gab den Dudelsackpfeifern einen Wink, sie mögen mit dem Spiele aufhören. Die Versammlung selbst verstummte. Aller Blicke waren auf den im Gesichte hochroten Brychta, seine Geissel und namentlich auf Čtverák gerichtet, welch letzterer, ernst wie ein Geistlicher von der Kanzel herab zu verkünden begann, es sei ein doppeltes Unglück geschehen, ein doppeltes Leid habe alle ereilt: erstens scheide der allen liebe Herr Fasching aus dem Leben und werde morgen begraben; zweitens sei es auch mit der herrschaftlichen Peitsche aus, die man hier sieht und die dem Fasching im Tode vorangegangen sei; da sie nun alle so lange gefreut und beglückt habe, sei es eine Pflicht der christlichen Nächstenliebe sie zur – so Gott will – ewigen Ruhe zu begleiten und sie zu beweinen. Offenbar nannte man Ecl nicht umsonst den Possenreisser. Er trug seine Rede mit Ernst vor und geberdete sich dabei so, dass sich die unten harrende Menge des Lachens nicht erwehren konnte. Selbst der Teufel lachte und dem Tode sah man es an, wie ein Lachkrampf ihm den Kopf schüttelt; einer der Baiern krümmte sich vor Lachen. Als sich die Menge etwas beruhigt hatte, verkündete Čtverák weiter, man werde also jetzt den Weg antreten, und da die Peitsche eine herrschaftliche Peitsche sei, so werde man sie auch auf herrschaftlichem Boden begraben. Und hiemit sei sie ihnen übergeben. Gelächter, Geschrei und Jauchzen begrüsste den Sturz der Riesengeissel, die Brichta hinabschleuderte. Die Dudelsackpfeifer stimmten eine Weise an und der Bär, der herangehüpft gekommen war, ergriff die Peitsche und trug sie wankenden Schrittes dem Strohreiter auf dem Strohrosse zu. Die Leute schickten sich zum Abmarsche an, die Masken wandten die Pferde und zwei Burschen führten sodann zwei stattliche Braunen, mit denen sie abseits auf die Führer und Urheber dieses Zuges, Brychta und Ed Čtverák, gewartet hatten, vor das Haus. Auf einmal erhob sich ein neues Geschrei. Es war ein frohlockendes Gejauchze, mit dem Kozina begrüsst wurde. Dieser achtete aber auf diese sympathische Begrüssung nicht und betrat das Haus, wo er gerade Brychta und Čtverák, die beide sehr lustig waren und laut lachten, begegnete. Brychtas Gesicht verriet es nur zu klar, wovon es so gerötet ist, und warum seine Augen so glänzen. Beide bewillkommten lärmend den kommenden Gast, der sich der Umarmung Brychtas kaum erwehrte. Draussen gellten ächzend und quitschend neun Dudelsäcke, und die zum Abzuge bereite, nur ihrer Führer harrende Menge lärmte gewaltig. Endlich erschienen sie und Kozina mit ihnen. Sie schleppten ihn förmlich mit, obzwar er sich alle Mühe gab, sie aufzuhalten und eifrigst sie zu überreden bemüht war. »So hört mich doch!« rief er. »Seid doch vernünftig!« »Komme frisch mit uns!« schrie Brychta, ohne auf seine Worte zu achten. »Oh, heilige Jungfrau, ihr habt ja den Verstand verloren! Seid ihr denn närrisch geworden? Bleibt hier!« rief Kozina eindringlich, indem er Brychta, der schon den Fuss in den Steigbügel hob, zurückzuhalten bemüht war. »Lass mich, Kozina! Siehst du dort – das Herrschaftsschloss – dorthin gehen wir –.« »Wir wollen dort zu einem kleinen Plauderstündchen einkehren!« ergänzte Čtverák und brach in Lachen aus. »Zu Lomikar auf Besuch –« alle in der Nähe stehenden erhoben ein lautes Gekicher und Gejohle. »Um Gottes Christi willen – Čtverák! Das darf ja nicht geschehen – so sei doch wenigstens du vernünftig – dass du es nicht bereuest – halte sie auf! Haltet ein, Leutchen!« schrie der im Gesichte feuerrot gewordene Kozina aus Leibeskräften. Die gellende Musik, die durchdringenden Schreie der Angeheiterten sowohl, als der Nüchternen übertönten seine Stimme und flogen weit hinaus durch die klare frostige Luft. In dieser ragte über die vorwärts drängende bunte Menschenmenge, die gleich einem reissenden Strome Kozina mitgerissen hatte, in seiner schneeweissen Plache der Tod. Er hielt die verderbenbringende Sense, die in den Strahlen der Wintersonne blitzte, hoch empor. XV Maria Lamminger stand in einem allerliebsten, mit dunkelgrünem Samt überzogenen Pelzchen reisebereit, die Augen auf die Nebentür geheftet, in ihrem Gemache. Die Tür öffnete sich eben und es trat ihre Mutter im kostbaren Reisepelze ein. »Fahren wir also schon?« fragte die Tochter. »Noch nicht. Wir müssen auf den Vater warten.« Ein Schatten huschte über das Antlitz des Fräuleins. »Fährt er denn mit uns?« »Ja, er hat es mir sagen lassen. Er kleidet sich schon an.« »Es wundert mich, dass er sich so rasch entschlossen hat. Sonst pflegt er nie mit uns –.« »Er kann den Verwalter nicht mehr erwarten. Vielleicht meint er, er werde ihn unterwegs oder in der Stadt treffen.« Auf einmal wandte das Fräulein rasch den Kopf um. »Hören Sie, Mama?« »Jawohl, ein Geräusch, ein Geschrei –.« »Der Dudelsack – und wie fürchterlich er kreischt, das ist eine Barbarenmusik!« Der alte Peter betrat das Gemach und das Fräulein fragte ihn rasch: »Ist schon eingespannt?« »Zu Diensten, Euer Gnaden – aber – eine Abfahrt dürfte jetzt kaum möglich sein – wenigstens augenblicklich nicht.« Der Lärm kam näher, der Dudelsack war schon deutlicher zu vernehmen. »Das sind sie, Euer Gnaden,« sprach Peter ängstlich, die Rechte ausstreckend. »Wer?« »Die Bauern. Sie kommen von Klenč, man hat sie schon vom weiten gehört. Freilich – doch das ist ein Gebrülle – und grässliche Masken haben sie an. Wer weiss, was das ist – in früheren Jahren begruben sie immer Mittwoch den Fasching und blieben in ihren Dörfern – « »Und wohin gehen sie?« fragte die Freifrau. »Oh – sie sind schon hier – vielleicht – vielleicht – zu uns –« antwortete der alte, ängstlich lauschende Diener. Die zweite Nebentür ging auf und es erschien darin das etwas bleiche, sommersprossige Gesicht Lammingers. »Kommt hierher, da werdet ihr sie besser sehen.« Der alte Peter fuhr zusammen, das Fräulein sprang vom Fenster, wo sie gestanden, und eilte rasch in das Zimmer des Vaters. Die Mutter folgte ihr langsamer und ohne solche Neugierde. Nur der alte Kammerdiener blieb im Gemache. Er horchte vorsichtig und brummte: »Da steckt 'was dahinter – da steckt 'was dahinter –.« Weiter im zweiten Zimmer, im Kabinette des Herrn, standen die Damen am Fenster und hinter ihnen Lamminger selbst. Gespannt betrachteten sie den Weg, auf dem sich Brychtas und Čtveráks sonderbarer Zug näherte. Voran junge Burschen, gross und klein, alle laut jauchzend, hinter ihnen der Bär mit seinem Begleiter, die Dudelsackpfeifer, sodann die Masken, der Teufel, der Tod hoch zu Ross, ihnen folgten, ebenfalls reitend, Brychta und Čtveráks nach, dann Bauern, Burschen, Weiber – ein langer, bunter Zug. Das Fräulein vergass ganz auf die Ausfahrt. »Ah – der Teufel – wie hässlich – und auch der Tod – diese Baiern und Juden!« und sie lachte fröhlich auf. Nicht einmal die Mutter konnte sich des Lachens erwehren; auch Lammingers Gesicht heiterte sich auf. In seinen Augen zuckte ein schadenfrohes, verächtliches Lächeln auf. »Das geschieht alles aus Anlass dieses Prozesses,« sagte er. »Wie diese Narren schon im vorhinein jauchzen!« »Herr Papa, sehen Sie diesen Strohreiter!« rief das Fräulein lebhaft. »Was hält er da?« »Ja, ja,« fügte die Mutter bei, »ich sehe ihn auch. Was ist das? Und alle wenden sich nach dem Schlosse –« Das eben vor dem Schlosse erhobene Gejohle, Jauchzen und Lärmen machte die Fenster fast erklirren. »Uh!« rief das sich mit den Händen rasch die rosigen Ohren zudeckende Fräulein. Lammingers Antlitz verfinsterte sich und zwischen den Augenbrauen bildete sich eine senkrechte Furche. »Ist das ein ungezogenes Gesindel!« brummte er vor sich hin. »Gerade unter den Fenstern – das geschieht absichtlich –« »Und sie bleiben stehen. – Was wollen sie, um Gottes willen!« rief die Frau mit einem Blicke auf ihren Mann. Dieser beobachtete jedoch, ohne darauf zu achten, als hätte er es gar nicht gehört, gespannt die Menschenmenge vor dem Schlosse, die jetzt neben dem kleinen Teiche Halt machte. Zwei Choden traten vor und mit einigen wuchtigen Čakanhieben hackten sie nahe am Ufer, wo der »Stroh«-Reiter Aufstellung nahm, in der Richtung gegen das Schloss, die Riesenpeitsche hoch emporhebend, im Eis eine Öffnung aus. Das Volk postierte sich zu beiden Seiten und gegenüber dem Strohreiter stellten sich der Tod und der Teufel auf. »Ich bitte Sie, was ist das – alle sind so plötzlich verstummt,« fragte voll Unruhe die Freifrau. Lamminger lächelte nach seiner eisigen und unheilverkündenden Art. »Alles will ich Euch, meine Liebe, erklären. Das, was dieser lebende Strohwisch hält, ist eine Peitsche, eine Geissel, das soll wahrscheinlich ich sein. Und sie verstummten, weil der Teufel oder der Tod – ja der Tod – sehen Sie, wie er mit den Händen herumfuchtelt – etwas spricht – und sehen Sie – ich kann gut raten – er übergibt schon die Peitsche dem Tod und Teufel – das bin ich, jetzt haben sie mich bereits – und weinen zum Spotte – und jetzt – hahaha –« Die Frau schrie leise auf, als der Tod und Teufel dort draussen im selben Augenblicke die herrschaftliche Peitsche mit einer solchen Wucht in den Teich schleuderten, dass das Wasser hoch emporspritzte. Das grässliche Lachen des Gatten erschreckte sie aber noch mehr. Sie kannte ihn nur zu gut und es flösste ihr Angst ein, dass sein Antlitz so plötzlich erblasste. Einen Augenblick herrschte im Gemache eine peinliche Stille; von draussen ertönte jedoch das Ächzen der neun Dudelsäcke und der Jubel der Menge. »Sie haben mich schon ertränkt!« sagte eisig Lamminger, ohne seine Augen von der Menge abzuwenden. Der dumpfe Ton seiner Worte verriet einen inneren Sturm. »Jetzt spielen sie mir auf,« bemerkte er wieder, seine Blicke unabwendbar wie ein Falke auf die Masse heftend. Mit banger Beklemmung betrachteten ihn Mutter und Tochter, ohne ein Wort zu wagen. »Ei – wir kennen uns ja – Brychta – und hier Ecl – nun also – ich werde sie ja alle kennen lernen. Wie! Auch Kozina! Fürwahr! Dich habe ich aber für vernünftiger gehalten – so willst du siegen?! Doch genug – Bauernrotte ihr – treibt sie auseinander!« rief er aus und kehrte sich heftig wie zum Fortgehen um. Die Gattin fasste ihn bei der Hand und bat ihn zu bleiben, da die Menge zahlreich sei. »Lauter Gesindel!« »Aber sie sind leidenschaftlich erregt –« »Besoffen sind sie. Ich werde Hunde auf sie hetzen und sie auseinander jagen.« Da kam ganz bestürzt Peter, der alte Kammerdiener, die Kanzlei bitte um Befehle, wie vorzugehen sei. Lamminger beherrschte sich. »Ich komme selbst herunter.« »Sie schicken sich schon an, abzuziehen,« meldete rasch das Fräulein; ihre Mutter seufzte unwillkürlich auf. Lamminger kehrte sich dem Fenster zu. Der Zug setzte sich wirklich lärmend in Bewegung. »Sie kehren nicht heim. Da schlagen sie den Weg nach Aujezdl ein.« »Nun natürlich, hat sie ja doch Kozina eingeladen!« antwortete der Gatte in bereits ruhigerem Tone; aber in seinen Augen blitzte es unheimlich auf. Er durchmass einigemal das Kabinett, dann stellte er sich abermals an das Fenster und blickte hinaus. Der Maskenzug bog schon zum nahen Aujezdl ein; das Geschrei, Gejauchze und die Dudelsäcke erklangen schon mehr gedämpft. Die Damen waren in einer peinlich widrigen Situation und hätten sich am liebsten entfernt. Sie wagten es aber nicht, Lamminger, der immer noch dem Fenster zugekehrt war, in seinen Gedanken und Betrachtungen zu stören. Als er sich umwandte, teilte er der Gattin und der Tochter, auf die er offenbar vergessen hatte, mit, dass er zu Hause bleiben und nicht mehr mitfahren werde. Die Damen hatten nach dem, was vorgefallen war, auch keine Lust zur Spazierfahrt in die Stadt, denn sie fürchteten, unterwegs den erregten Bauern zu begegnen. Lamminger gab den Weg aus keinem solchen Grunde, sondern deshalb auf, weil eine neue Arbeit seiner harrte. Als er in die Kanzlei herunter kam, ordnete er an, es solle sofort ein Bericht über das heute Vorgefallene für Wien und für Prag verfasst und gleichzeitig Vorladungen auf die Burg in Chodenschloss für den morgigen Tag nach Possigkau, Klenč und Aujezdl, auch zu Kozinas Händen, ausgefolgt werden. Unterdessen tröstete Frau von Albenreuth ihre in Tränen ausgebrochene Tochter. »Nicht einmal das ist uns vergönnt,« klagte das Fräulein und sank vor Leid und Zorn in den Fauteuil. »Unter solchen Wilden lässt er uns –« Sie verhüllte mit einem leichten Spitzentuch das Antlitz, ohne die Trostworte der ebenfalls noch reisebereiten Mutter zu beachten. Plötzlich hielt die Mutter inne und auch das Fräulein hob das Haupt empor. »Das war Pferdegestampfe,« sagte die Mutter, »es ist jemand geritten gekommen – vielleicht der vom Vater erwartete Bote.« Sie durchschritt das Zimmer bis zur Tür, die nach Lammingers Gemach führte. »Ich höre ein Gespräch – es ist jemand drinnen. Ich werde Peter rufen, wer da gekommen ist. Sollte es der Bote sein –« Ehe sie jedoch anläutete, trat Lamminger selbst mit einem offenen Briefe in der Hand ein. »Ich habe es schon hier!« sprach er ungewöhnlich lebhaft. Die Frau war voll Staunen. Seine Augen strahlten und auf den Wangen zeigten sich rötliche Flecke. »Der Bote ist angekommen.« »Der Verwalter?« »Nein–der wurde auf der Reise krank. Ein Amtsbote. Es ist aus, die Entscheidung ist gefallen. Sie sind abgewiesen, die Kommission fand nicht –« »Sie haben also gesiegt!« »Vollkommen. Nun, heute haben sie sich das letztemal auf die Freibauern ausgespielt. Und selbst das sollen sie nicht umsonst haben.« »Sie wissen noch nichts?« »Nein – sie haben keine Ahnung davon. Sie wähnen sich des Sieges sicher, hahaha! – das wird eine Überraschung sein! Ei, mein Töchterchen, du bist noch immer traurig?« Er trat zu ihr und nahm sie beim Kinn. »Jetzt braucht ihr diese Bauernbengel nicht mehr zu fürchten. Nach der Abrechnung erfülle ich jetzt deinen Wunsch. Wir fahren nach Prag.« »Wird das noch lange dauern?« »Es könnte sehr bald sein – aber in Wien hat man sich geirrt,« fügte er, zur Gattin gewendet, erläuternd hinzu. »Die Leute kennen die Verhältnisse auf dem Lande nicht. Die glauben dort noch immer, dass es eine Chodenburg gibt. Es wird hier nämlich angeordnet –« und Lamminger schlug mit den flachen Fingern auf den Amtsbescheid – »das Urteil der Hofkommission solle den Choden auf ihrer Burg in Taus publiciert werden – haha! Die war wohl einmal gewesen – jawohl – aber jetzt mögen sich die Herren diese Ruine ansehen – und wie diesen Choden gleich der Kamm schwellen würde! Dadurch erleidet die Sache eine Verzögerung – der Sicherheit halber muss kund gemacht werden, dass sie es hier in unserer Burg hören werden, wie prächtig sie gewonnen haben.« Als der herrschaftliche Büttel nachher abends bei der Rückkehr von Aujezdl eine unerhörte – wie er meinte – Nachricht brachte, wollte er seinen Augen gar nicht glauben, dass sie den Herrn so wenig berühre. Er, der Amtsdiener, betrat diesmal voll Angst das Gemach seines Gebieters, denn er befürchtete, dass das sicher auszubrechen drohende Gewitter wenigstens teilweise und auf der Stelle ihn selbst ereilen werde. »Alles war, Euer Gnaden, voll Lust und Freude,« meldete er, »sie waren wie toll. Man tanzte und jauchzte – und am meisten Brychta aus Possigkau. Kaum dass ich eingetreten bin, – ich bitte, Euer Gnaden, um Verzeihung – was sollte ich anderes machen – brachen sie in ein schreckliches Gelächter aus – und was ich habe alles hören müssen – und so ist es jetzt fortwährend – kaum dass ich mich aus der Gemeindestube hinauswage– kaum zeige ich mich unter ihnen, schon stürzen sie sich auf mich los wie die Wespen –« Nach erfolgter Ermahnung kehrte er zum Kerne seiner Botschaft zurück. »Sie lachten mich aus – schlimmer ist aber, Euer Gnaden, dass sie – kaum, dass ich den Befehl zum morgigen Erscheinen auf der Burg überbracht habe – ein schreckliches Geschrei anschlugen und Brychta sprang wie ein Raubtier auf und schrie: ›Wir haben unser Recht auf der Burg zu Taus!‹« Und jetzt begann der Büttel über das Benehmen des Herrn stutzig zu werden. Hier erwartete er den Ausbruch des Donnerwetters, und siehe da, er nickte nur mit dem Kopfe und sprach: »Nun, weiter –« »Dann stellte sich – Euer Gnaden – Čtverák, nämlich jener Ecl aus Klenč vor mich und schrie mich an: ›Geh' und sage deinem Herrn, er habe uns gar nicht zu zitieren. Die Robot möge er, wem er will, auferlegen – wir sind ihm zu nichts verpflichtet.‹ Euer Gnaden – und das sagte er wirklich – nachdem er ins Lachen ausbrach: ›Oder will er uns für den heutigen Tag seinen Dank abstatten? Oder ist es ihm um die Karbatsche bange? Die ist einmal schon begraben – da gibt's keine Hilfe mehr!‹ Alles fing an zu lachen und schreiend stürzten sie sich wie die Wespen über mich.« Der Büttel verstummte vor Verwunderung. Der Herr brach noch immer nicht los. Kein Donnerwetter! Nur ein sonderbares Lächeln spielte um seine Lippen. »Und was denn der Kozina?« »Den habe ich, Euer Gnaden, dorten nicht gesehen.« Jetzt erst begann sich der Herr zu wundern. »Unmöglich!« rief er. »Du hast ihn übersehen.« »Mit Verlaub, Euer Gnaden – nein – ich habe ihn ja gesprochen.« »Und wo?« »Zu Hause, nämlich bei ihm – ich wollte den Befehl Euer Gnaden ausrichten und so ging ich zu ihm auf den Bauerngrund, ob er wohl zu finden wäre, und er war daheim.« »Und was hat er gesagt?« »Er sass mit seinem Weibe am Tische – sie erschrak sehr – das sah ich – er stand auf und fragte, was ich wolle? Ich sage, er solle zu Seiner Gnaden ins Schloss kommen, worauf er nur entgegnete: ›Und warum? Was soll ich dorten?‹ Genau so, wie ich es sage, keine Silbe mehr. Ich habe gesagt, dass ich es nicht weiss, und er meinte, wenn er nicht wisse warum, so werde er auch nicht gehen. Ich war über diese Sprache ganz erstaunt, stehe da, warte, ob er es sich vielleicht nicht überlegen wird, und da hat er mich gefragt, ob ich noch etwas auszurichten habe. Das hab' ich noch nie gesehen, wie diese Leute jetzt –« »Genug!« Damit unterbrach ihn Lamminger. Er lächelte nicht mehr so wie früher, sondern machte ein finsteres Gesicht. Der Büttel konnte sich aber vor Verwunderung, dass der Herr so ruhig blieb, noch immer nicht fassen, und diese Verwunderung verliess ihn den ganzen Abend nicht mehr. XVI Am Faschingdienstag gab sich ganz Aujezdl und der ganze Chodengau lärmenden Belustigungen hin. Nur Kozina war mürrisch. Dieser dem Chodenschlosser Herrn zum Spotte veranstaltete Zug verdarb ihm jede Fröhlichkeit. Er ahnte wohl, dass dabei nichts Rechtes herauskommen könne. Wie leichtsinnig doch alle sind! Was sie jetzt alles treiben und ob sie wohl damit nicht alles das, woran sie so mühsam arbeiten, wonach sie streben, schädigen werden? Sein Gemüt erhellte sich auch in den nächsten Tagen nicht. Der Herrschaftsbüttel kam nicht mehr, um den Grund der Vorladung zu sagen, und Kozina stellte sich auch nicht ein. Die übrigen vorgeladenen Dorfrichter gleichfalls nicht. Wie sonderbar! Es forderte sie niemand mehr vom Schlosse auf, weder um sie zu verhören, noch um sie wegen des verweigerten Gehorsams zu strafen, die ganze Angelegenheit wurde von niemandem mehr erwähnt und ebenso auch der Aufzug nicht, der – wie man mit Sicherheit annahm – der Grund der Vorladung war. Erst als einige Tage nach diesen Begebenheiten der Erbrichter Syka aus der Stadt einen Brief erhielt, heiterte sich das nachdenkliche Antlitz Kozinas auf. Der Brief aus Wien war vom Prokurator Straus, der darin die Mitteilung machte, die Kommission habe bereits ihre Arbeiten begonnen und aller Wahrscheinlichkeit nach könne man mit Sicherheit ein gutes Resultat erwarten. Einen Brief ähnlichen Inhaltes, mit einer Nachschrift Justs versehen, erhielt auch der alte Hrubý in Trasinau. Freilich hatten beide Briefe ein älteres Datum und langten der schlechten Wege und Verwehungen halber, wodurch die ohne dies von Haus aus schon mangelhafte Verbindung noch mehr erschwert wurde, später als gewöhnlich ein. Dagegen trafen aber im Schloss in der letzten Zeit einige berittene Eilkuriere ein und gingen auch einige solche wieder von hier ab; und alle schlugen eine und dieselbe Richtung ein – die gegen Wien. – – Hančí Kozina betete, so oft sie sich zu Bette begab oder von demselben aufstand, Gott möge schon alles beschleunigen und einem guten Ende zuführen. Um ihres Mannes willen wollte sie es erflehen. Sie verstand ihn am besten, sie nahm es am besten wahr, wie er zerfahren ist, wie wenig er alles andere beachtet und wie sein ganzes Sinnen und Trachten nur diesem unglückseligen Prozesse gilt. Sie merkte es wohl, dass er unruhig ist, als könnte er etwas nicht erwarten, und sah, wie oft er in Gedanken verfiel, wie oft er jetzt – nicht mehr wie früher die Einschichte des Dudelsackpfeifers – sondern vielmehr Syka, seine Mutter und den alten Onkel in Trasinau besuchte, die alle an dem Prozesse den lebhaftesten Anteil nahmen. Die Häuslichkeit freute ihn nicht mehr so wie früher und auch sie, ja sogar die Kinder vergass er mitunter ganz. Und die pflegten ihm sonst doch das Liebste zu sein! Traurig gedachte sie jener Augenblicke, in denen er noch mit ihr zu sitzen pflegte und wie schön sie sich da bald über dies, bald über jenes, meistens aber über die Kinder unterhielten, wie oft er sie herzte – und jetzt! Wie sollte sie da nicht beten, Gott möge schon alles zu einem raschen und glücklichen Ende führen! So verfloss ein Tag nach dem anderen und Wochen waren schon vergangen. Die Sonne begann mehr Wärme auszustrahlen und in den Niederungen schmolz der Schnee. Die grau angehauchten Rasen kamen zum Vorscheine, die Wege wurden allmählich trocken und auf den sonnigen Ufern sprossen Grashälmchen. Paul brachte der Hanálka bereits Palmkätzchen der verjüngten Salweiden und Gänse- nebst Schlüsselblümchen aus dem Garten. Da kehrte eines Tages gegen Abend Kozina ganz erregt heim. Hanči atmete tief auf, als sie die von ihm überbrachte Neuigkeit hörte. Syka hatte einen Amtsbescheid aus Pilsen erhalten, dem zufolge der Kreishauptmann auf die Burg zu Chodenschloss kommen werde, um den Bewohnern der Chodendörfer bekannt zu geben, wie über ihre Beschwerden in Wien entschieden wurde. Übermorgen sollten sie sich dort einfinden. War das ein langer Tag, eine Ewigkeit, vor dem Entscheidungstage, und die vorangehende Nacht! Hanči schlief nicht gut. Am frühesten war die alte Kozina auf. Länger als sonst kniete sie auf der Bank vor dem Fenster im Gebete – und als sodann der Sohn wegging, begleitete sie ihn mit Hančí bis vor das Tor und wünschte ihm mit lauter Stimme, er möge mit einer fröhlichen und glücklichen Nachricht heimkehren. Sie sah ihm wie festgebannt nach, als er Syka abholen ging; gleich wäre sie dem Sohne nach Chodenschloss gefolgt, wenn es sich für ein Weib geziemte, unter Männer zu gehen. Die alte Bäuerin war lustig, ging doch der Sohn im guten Vertrauen auf Recht und Gerechtigkeit fort. Er glaubte auch den aus Wien kommenden Nachrichten, die davon zeugten, dass dieses seltene Gewürz noch nicht aus der Welt geschwunden sei, und übereinstimmend versicherten, dass Lamminger keinesfalls siegen werde. »Noch heute werden wir frei sein!« sagte die alte Bäuerin zu der Schwiegertochter, als sie in das Gut zurückkehrten. »Möge es doch Gott geben!« antwortete Hančí mit einem unterdrückten Seufzer, dem Echo einer gewissen trüben Ahnung, die sie hinderte, mit gleichem Vertrauen der Heimkehr ihres Mannes entgegen zu sehen. Es war ein wunderschöner Morgen. Hoch über den braunen Feldern und der grünen Saat erklang unter dem aufgeheiterten Himmel Lerchengesang. Die Sonne schien und an ihren warmen Strahlen wärmte sich der alte Přibek, des Mathias Vater, der im Garten hinter dem Hause sass und noch immer den Pelz anhatte. Sowohl um ihn herum, als auch im Dorfe herrschte Stille. Fast alle Männer waren ausgezogen, alle nach dieser unglückseligen Burg zu Chodenschloss, in der ihnen und ihren Vätern schon so viel Bedrängnis und Leid aufgekeimt war. Heute wird es wohl anders werden. Man erwartete es allerorts. Nur Mathias sprach kein Wort, als er aufbrach. Sein alter Vater grübelte schon seit früh darüber nach, was man dorten wohl ausrichten und mit welcher Nachricht man heimkehren werde. Jeder war voll Vertrauen, sehr viele sogar voll Sicherheit – oh, gebe es doch Gott! – oder sollte dieser Stern, dieser Komet doch deswegen erschienen sein? Er hob den nachgrübelnden Kopf, denn leicht wie ein Vögelein kam tänzelnd und hüpfend Manka aus dem Wirtschaftsgebäude herbei. Nur ein paar Worte wechselte sie mit dem Grossvater und schon eilte sie wieder auf die Anhöhe hinter dem Bauerngrunde, um sich in der Gegend umzusehen. Sie lugte aber nur nach einer Richtung aus, nach jener gegen Chodenschloss, wohin ihr Vater und mit ihm die bei ihnen eingekehrten Putzerieder gezogen waren. Kurz vorher befragte sie den Grossvater, wie lange wohl die Verhandlungen im Schlosse dauern können, wann die Männer etwa heimkehren werden – und jetzt lugte sie schon wieder aus – um alsbald wieder voll Ungeduld durch den Garten in das Gebäude am grübelnden Grossvater vorbei zu eilen, alles aufzuräumen und schön in Ordnung zu bringen. Es wird ja der alte Šerlovský kommen und, wie ihr sein Sohn heute früh, bevor er sich mit den übrigen auf den Weg ins Schloss machte, mitgeteilt hat, wird letzterer um sie werben. Heute soll sie Braut werden und nach der Ernte wäre sie – Gott im Himmel! – schon sein Weib! Sie hielt inne, liess die Arbeit stehen und stand in Gedanken vertieft mit heiterer Stirn, und diese lieblichen Gedanken zauberten ein Lächeln auf ihre Lippen. Um diese Zeit eilte Lammingers junge Tochter aus dem Schlossgarten in ihr Gemach. Es war für sie ein prächtiger Spaziergang auf den mit feinem Sand bestreuten Stegen zwischen dem hie und da schon jung ergrünenden Gesträuche, unter Bäumen, deren Äste voll Knospen waren. Doch die um sie herum herrschende Stille begannen lärmende Gäste zu stören. Ein Gemisch von tiefen Männerstimmen wurde vor der Gartenwand, vor dem Gartentor und rundherum vernehmbar. Dieses dumpfe Gesumme wuchs immer mehr an, bis es wie das Brausen eines grossen Stromes rauschte. Das Fräulein schrak förmlich zusammen, als sie durch das Gesträuch blickte. Überall sah sie weisse, lange Scherkenröcke, überall lauter schwarze, breitkrempige Hüte. Ringsherum standen überall Choden: junge, alte, auch runzelige Männer, doch lauter stämmiges Volk mit feurigen Blicken, ausdrucksvollem Gesichte und mit dunklem, langen, bis auf die Schultern herabwallenden Haare. Auf Grund der Kundmachung des Kreishauptmannes kamen sie hier aus dem ganzen Chodengau in grosser Anzahl zusammen. Jeder wollte die Entscheidung der Wiener Herren, diese fröhliche Botschaft auf eigene Ohren vernehmen. Sie standen je nach dem Alter, der Bekanntschaft oder den Dörfern in grösseren oder kleineren Gruppen da. Am zahlreichsten waren die Bewohner von Klenč, Possigkau und Aujezdl erschienen – doch auch die entfernteren Dörfer: Kličov, Melhut und Putzeried entsendeten die Mehrzahl ihrer Männer. Die zahlreichste und geräuschvollste Gruppe war am Rande der Lindenallee versammelt, wo die weissen Röcke der um Brychta aus Possigkau und Ecl Čtverák, deren Faschingszug so viel besprochen wurde, versammelten Männer schimmerten. Noch jetzt lachten alle, als ihnen Čtverák selbst in seiner lustigen Art davon erzählte. Der weisshaarige ernste Christoph Hrubý stand mit seinem Neffen Kozina und einigen älteren Bauern in dem zum Schlosshofe führenden Tor. Alle blickten schweigsam in der Richtung der Kanzlei, wohin Syka gegangen war, um dort Unterhandlungen zu pflegen. Lamminger wollte, die Entscheidung solle in der Kanzlei vorgelesen werden, und der wiedergenesene, vor einigen Tagen zurückgekehrte Verwalter kam, um jene Choden zu bestimmen, die sich in die Kanzlei begeben sollten. Dagegen erhoben sich aber alle. »Wozu habt ihr uns gerufen?« riefen sie aus. »Alle haben wir geklagt, alle möchten wir gerne die Entscheidung hören.« Das Geräusch und Gesumme um das Schloss herum begann sich plötzlich zu legen, bis es auch in den entferntesten Gruppen mit einem Schlag verstummte. Im Tor erschien Syka, der mit der Čakane schwenkend das Zeichen gab, stille zu sein und mit weit vernehmbarer Stimme rief: »Der Herr Kreishauptmann hat es zugestanden – kommt rasch, hierher in den Hof–« Wie ein plötzlicher Windstoss, wie ein aufgehaltener und plötzlich abgelassener Wildbach verliessen die Choden auf einmal die Stellen, wo sie gestanden, und strömten durch das Bogentor in den Hof. Allen voran war Brychta, dessen Stimme auch dieses Gesumme und Geräusch grell durchdrang. Im Augenblicke war der Hofraum des Schlosses voll; und alles war von den lichten, langen Scherkröcken weiss. Mann an Mann, ein schwerer breitkrempiger Hut an dem anderen, hie und da eine Mütze – hie und da das Blitzen einer beschlagenen Čakane. An der Spitze der Menge gegenüber dem Fenster der Kanzlei im ersten Stockwerk standen die Erbrichter, Kozina und in einiger Entfernung hinter ihm Matthias Přibek, der alle wie eine Eiche im weiten Walde überragte. Aller Blicke waren auf die Kanzlei, aus der sie eine so wichtige Nachricht erwarteten, emporgerichtet. Die meisten erwarteten mit Sicherheit eine fröhliche Nachricht, denn Lamminger widerlegte auch nicht mit einer Silbe die Versicherungen des Wiener Advokaten und die des Just und er liess nichts von der Entscheidung, die ihm längst bekannt war, in die Öffentlichkeit dringen. Er wartete ab, bis von Wien aus die Erlaubnis herablangen wird, dass den Choden der Inhalt der Urkunde nicht auf ihrer ehemaligen Burg in Taus, sondern auf seiner Burg zu Chodenschloss verkündigt werden dürfe. Es gab wenige unter den Versammelten, denen im Geiste ein beklemmender Zweifel aufgestiegen wäre, und auch diese wagten ihn nicht ganz ihren zuversichtlich und freudig erregten Landsleuten kundzugeben. So konnte sich's Syka, der »Prokurator«, im Kopfe nicht recht in Ordnung bringen, warum weder Štraus noch die Wiener Landsleute von dieser Entscheidung irgend eine Nachricht schickten. Doch diesen Zweifel beseitigte Kozina selbst mit dem Hinweis auf die viel raschere Beförderung und Verbindung der Ämter und Herrschaften untereinander. Doch jetzt werden sie sich überzeugen. Jetzt gleich! Im Hofe legte sich der Lärm, aber das Gesumme, das Gewirre gedämpfter Stimmen brach sich noch an den Mauern des Herrensitzes. Viele verstummten schon – und jetzt – sieh! Der Diener öffnete oben das Kanzleifenster, das erste, das zweite – gleichzeitig erschien rechts ein Herr in einer kraushaarigen langen Perücke, im schwarzen Rocke mit einem Aktenstück in der Hand und rechts neben ihm stellte sich ein anderer auf. Er hat eine ähnliche Perücke, aber der Rock erstrahlt von Goldstickerei. Es ist der Kreishauptmann Hora selbst. Die breiten Kremphüte flogen durch die Luft, die Choden entblössten zum Zeichen der Ehrfurcht vor dem kaiserlichen Beamten die Köpfe. Im selben Momente erschien auch im zweiten Fenster Lamminger. Matthias Přibek entging es nicht, wie boshaft er lächelte, als er seine grauen Augen auf diese zahlreiche Chodenversammlung, in der ihn alle, alle hassten, richtete. Tiefe Stille. Der Hauptmann winkte mit der Hand und gab kund, er bringe die Entscheidung über die von ihnen überreichten Beschwerden, er spreche im Namen Seiner Majestät des Kaisers, sie mögen ihn darum in Ehrfurcht und Ruhe anhören und sich ebenso verhalten. Sodann kehrte er sich seinem Sekretär zu, der die Urkunde entfaltete und Vorkehrungen zum Lesen traf. Kozina fühlte sein Herz heftiger pochen. Alle hielten den Atem an, kaum dass jemand mit den Augenwimpern zuckte. Es erscholl die Stimme des Beamten. Die Urkunde enthielt die Nachricht von der durch die Choden überreichten Beschwerde, von der angeordneten Kommission, lauter Sachen, die bereits bekannt waren, und die ungeduldige brennende Neugierde der Zuhörer nicht stillten. Alle waren voll Erwartung und Begierde auf die nun zu erfolgende endgültige Entscheidung. – Schon! jetzt! – Alle zuckten zusammen, als wäre ein Funken in die Versammlung hereingeflogen. »Die Choden haben ihre Privilegien und Rechte schon längst verwirkt und da ihnen im Jahre 1668 ein perpetuum silentium, d. i. ein ewiges Schweigen strengstens angeordnet wurde und sie dessen ungeachtet die eben genannten Privilegien und Rechte neuerdings anzustreben gewagt haben, verfielen sie für diese ihre mutwillige und vermessene Handlung einer strengen Busse und Strafe. Nichtsdestoweniger soll ihnen verziehen werden, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, dass sie sich nie mehr im Geheimen versammeln und zusammenrotten werden, und auch die Überreichung oder Übersendung jeglicher, wie immer gearteter Petitionen oder Klagen aus Anlass vermeintlicher Rechte unterlassen werden.« Während der Beamte las, herrschte eine tiefe Stille, die je weiter desto tiefer und drückender war. Die Versammlung war wie vom Donner gerührt. Hie und da wendete sich ein Nachbar heftig dem anderen zu – aber lautlos. Bestürzte Blicke begegneten sich. Je grösser die Hoffnung war, desto grausamer war die Enttäuschung. Man fand anfangs gar keine Worte dafür. Dies ist doch unmöglich! So etwas hat man ihnen doch nicht zuschicken können! Der Beamte hatte die Stelle, wo ihnen gedroht wird, zu Ende gelesen und hielt eine Weile inne. In der Versammlung herrschte noch eine grauenhafte Stille, bis endlich durch diese Stille aus einer enttäuschten, beleidigten und aufgebrachten Brust ein mächtiges: »Das ist nicht wahr!« erscholl. Der erste Windstoss vor dem Gewitter. Und schon brauste der Lärm, das wilde Geschrei der enttäuschten, empörten Choden durch den Burghof. Mit diesen Worten war alles gesagt. Der Heidenlärm ward sowohl die Antwort für den Kreishauptmann, als auch die Zustimmung für denjenigen, der die Worte ausgestossen hatte. Dies war Kozina. Er trat aus der Menge vor und stand gerade gegenüber dem Fenster. Sein Haupt ist erhoben, sein flammender Blick ist kühn auf den Hauptmann gerichtet, er ergreift das Wort. Kaum hatte man dies wahrgenommen, begann sich das Geräusch zu legen, bis alle vollkommen verstummt waren. »Das ist nicht wahr, das kann nicht sein!« rief Kozina. »Wäre das, was Ihr da vorgelesen habt, wahr, und hätten wir keine Rechte und Majestätsbriefe, so hätte dies der Kaiser selbst unseren Leuten in Wien gesagt. Wozu hätte man diese Kommission angeordnet, wenn unsere Rechte keine Gültigkeit mehr hatten!?« Lamminger zuckte wie von einer Viper gebissen zusammen, neigte sich aus dem Fenster vor, wich aber sofort wieder zurück, denn ein schreckliches Geschrei der unten Versammelten machte ihn stutzig. »Richtig! Richtig!« ertönte es am deutlichsten aus diesem stürmischen Gewirre mächtiger und erboster Stimmen. »Und die Unsrigen würden uns auch etwas darüber schreiben!« rief Ecl, zum Volke sich wendend. Es dauerte eine Weile, bevor sich der Lärm ein wenig legte und der Kreishauptmann zum Worte kam. »Wer von euch hat die Klage eingereicht?« rief er aus dem Fenster in die Versammlung. »Wir alle! Ich! Ich! Wir alle!« lautete die einstimmige stürmische Antwort der Menge. Sie glich einem sturmbewegten See. Hie und da bildeten sich Gruppen und Schwärme um die am heftigsten Erregten. Immerhin kam der Hauptmann doch noch einmal zum Worte. Er warnte sie und mahnte zur Ruhe, dies alles werde ihnen nichts helfen, wie sie sich bereits damit, was sie ihrem Herrn antaten, als sie in seinen Wäldern wilderten, die Robot verweigerten, Zinsen nicht zahlten, seine Diener prügelten, ja sich sogar so weit verstiegen, dass sie auch ihn, den hochgeborenen Herrn, auf eine höchst schändliche Art beschimpften, nur geschadet haben. Ein unten aus einigen Kehlen ertönendes grobes Gelächter war die Antwort auf die Worte des Hauptmannes. Dieser liess sich aber nicht beirren und rief mit erhobener Stimme: »So weit ist es bereits gekommen, dass sich euer Herr unter euch nicht sicher fühlt und zu seinem Schutze um Militär ansuchen musste!« Ein wildes Geschrei unterbrach neuerdings seine Rede. »Gegen uns? Wo ist es? Wo ist das Militär?« »Militär wider uns! In uns hineinschiessen!« brauste die wilde Antwort aus dem Hofe. »Militär gegen uns! Dieser Henker!« Gleichzeitig erblitzte über den Wellen der zornbewegten Flut eine Čakane, nach ihr eine andere, ja eine ganze Menge, die drohend über den Köpfen gegen das Schlossfenster geschwungen wurden. Dieses war aber bereits leer. Lamminger war verschwunden. »Im Namen Seiner Majestät des Kaisers!« schrie der Hauptmann. Er musste jedoch diesen Ruf wiederholen und noch eine Weile warten, bis seine Worte Gehör fanden. »Das Militär war gegen euch schon bewilligt, doch euere Abgesandten haben in Wien bei Hofe gebeten –« »Wer hat ihnen die Vollmacht gegeben?« rief Ecl Čtverák aus. »Sie haben das Gesuch eueres Prokurators unterfertigt –« »Dieser Schelm! Wir haben ihn darum nicht gebeten. Sicherlich war er bestochen!« »Bestochen! Bestochen!« brauste es in der Versammlung. »Macht, wie ihr wollt, ich rate euch aber, seid vernünftig. Leistet Folge und tuet, was ihr tun müsst. Es wurde ferner angeordnet, dass ihr in meiner Gegenwart euerer gnädigen Obrigkeit, dem Herrn von Albenreuth, den Untertaneneid leistet und Leibeigenschaft angelobet. Nur so soll euch verziehen werden –« Er sprach den Satz nicht zu Ende, er konnte es nicht. Die wilde Flut der Stimmen machte selbst den unerschrockenen Beamten stutzig. »Wir haben noch unsere Majestätsbriefe!« schrie unten Ecl Čtverák dem Hauptmann in das Fenster zu. Die Chodenmenge wogte schon stürmisch hin und her. »Nichts werden wir schwören! Wir geloben nichts! Wir müssen es nicht!« durchtobten den Sturm durchdringende Stimmen. Mit Donnerschall ertönte es: »Los gegen Lomikar!« Es war Matthias Přibeks Stimme; und im ganzen Hofe widerhallte es: »Auf! Gegen ihn! Auf gegen Lomikar! Tötet ihn! Nieder mit ihm!« und ein Wald von Čakanen wogte drohend über den Häuptern. Der Hauptmann wollte noch einmal sprechen. Sein vor Angst zitternder Sekretär sah ihn voll Bangigkeit an und flehte demütig, er möge sich und ihn nicht ins Verderben stürzen. Von hinten trat Lamminger totenfahl wie ein Geist an sie heran und ersuchte den Hauptmann, sich mit diesen Rebellen nicht abzugeben. Unten hatte man den am Fenster aufgetauchten Lamminger erblickt; das Gebrülle der Stimmen erdröhnte noch wilder und schon stürzten auch Matthias Přibek, Brychta aus Possigkau, der junge Šerlovský und viele andere mit geschwungenen Čakanen zur Tür, um in das Innere zu dringen. Aber früher noch als sie, erreichten die Stiege Kozina und vor ihm noch sein Onkel, der Trasinauer Dorfrichter Christoph Hrubý. Der Greis wollte die Tür nicht erstürmen, sondern blieb zu ihrem Schutze auf der untersten Stiegenstufe stehen. Ein gleiches tat sein Neffe Kozina, der etwas höher Aufstellung nahm. Das ausdrucksvolle Gesicht des alten Choden war gerötet, die Augen flammten. Ohne Hut stand er da und frei wehten seine langen, schneeweissen Haare zur Schulter herab. Der entscheidende Augenblick flösste ihm Kraft und Schwung ein. Wie ein »Bursche« richtete er sich, die Čakane fest mit der Rechten umfassend, empor, und sah festen Blickes der gegen die Tür stürmenden Menge entgegen. »Nicht einen Schritt weiter!« donnerte er ihnen zu. Die Stimme und die ganze ernste Erscheinung des alten Choden machte selbst Matthias Přibek und den ganzen Haufen stutzig. »Was wollt ihr?« rief der Greis, »Morden? Seid ihr Chodenmänner oder Mörder? So wollt ihr euere Rechte erlangen?« Und Kozina rief: »Leutchen, seid doch, um Gottes willen, vernünftig! Noch ist nicht alles verloren. Wir werden doch erfahren, ob es wahr ist, was man uns da vorgelesen hat. In Wien erfahren wir –« »Und es steht uns noch die Appellation zu!« rief der ›Prokurator‹ Syka aus, der sich in diesem Augenblicke auf die Stufe schwang und neben Kozina Aufstellung nahm. Die erhobenen Čakanen sanken. Die Mässigeren und Bedächtigeren gesellten sich auch hinzu; sehr viele wurden durch Kozinas und Sykas Worte überzeugt. »Nun, wäre Hrubý und Kozina nicht hier, Lomikar würde jetzt nicht mehr atmen!« schrie Brychta, den die ihn zur Vernunft mahnenden Landsleute umringten. »Und es wäre für immer Ruhe!« bemerkte eine Stimme. Blass und auf seine mässigen und vorsichtigen Nachbarn ganz erzürnt, heftete Matthias Přibek auf diese seine zornsprühenden Blicke, zog seine Mundwinkel in die Breite und sprach: »Nun, ich will sehen, wie euch dafür Lomikar belohnen wird.«   Wie ein Bienenschwarm stürzten die auf das Höchste gereizten Choden, lärmend und schreiend, aus dem Burghofe. Das Gemenge heftiger Stimmen summte noch lange vor dem Herrensitze, wohin wütende und grässliche Flüche auf das Haupt Lammingers entsendet wurden; man vergass dabei auch nicht auf den Prokurator Straus, von dem alle überzeugt waren, dass er sich zu ihrem Schaden bestechen liess. Eine Weile wurde noch beraten, ein Antrag wurde nach dem anderen gestellt, und jeder war heftig, ja leidenschaftlich. – Selbst als die zahlreiche Menge sich in Häuflein, die in den verschiedenen Richtungen ihren Dörfern zueilten, geteilt hatte, wurde noch immer weiter debattiert. Man beriet sich und verwünschte, denn mit jedem Häuflein ging auch der Zorn und der Hass zur Obrigkeit mit – er ging, wuchs und vermehrte sich von Dorf zu Dorf, durch alle Gaue des bitter enttäuschten Chodenlandes. In der Chodenschlosser Burg hatte das Gewitter ausgetobt. Im Burghofe, auf den Gängen, überall herrschte tiefe Stille, das Tor und alle nach aussen führenden Türen waren geschlossen. Der alte Kammerdiener Peter, der bis zum gänzlichen Abzuge der wutentbrannten Bauern vor Angst halb tot war, kam erst jetzt wieder zu sich. Die Herren gingen heute sehr spät zur Tafel, es schmeckte auch niemandem sonderlich, weder ihnen, noch ihren Gästen, dem Kreishauptmann und seinem Sekretär. Der Herr Hauptmann verlieh seiner Bewunderung darüber Ausdruck, wie standhaft die Freifrau sei, die unter so unruhigen Verhältnissen mit dem Fräulein hier verweile. Frau von Lamminger sagte ihm aber darauf aus Furcht vor dem Gatten nicht die volle Wahrheit. Dieser antwortete für sie: »Sie wollte mir nicht glauben, was für ein boshaftes und verwegenes Volk das ist. Wollte ich um Militär ansuchen, bat sie mich, ich möge es unterlassen. Was ich diesbezüglich unternahm, geschah ohne ihren Willen – leider, geruhte die hohe Regierung meinem Ansuchen nicht zu entsprechen. Heute haben, Herr Hauptmann, selbst gesehen, dass ich in meinen Berichten und Gesuchen die Verhältnisse wahrheitsgetreu geschildert habe. Wir sind hier des Lebens nicht sicher. Meine Frau und Tochter muss ich fortführen – und bleibe ich nicht hier, wie wird die Wirtschaft aussehen? Wenn sie sich in ihrem Übermut schon jetzt so weit versteigen und wenn sie mir schon jetzt einen solchen Schaden angerichtet haben, wie würde es erst zugehen, wenn ich nicht hier wäre? Und bleibe ich, wer gibt mir die Gewähr, dass ich meine Familie je wiedersehe? Ich glaube, es sei die Pflicht der hohen Regierung, mich in Schutz zu nehmen. Das Militär ist hier unbedingt notwendig. Ich hoffe, Sie stimmen mit mir überein. Es handelt sich hier auch ums Beispiel und die Folgen. Belässt man diesen hier die Willkür, wie wird es anderswo zugehen? Wird sich das Volk nicht auch anderswo empören? Jetzt dürfte eine Abteilung genügen, später könnten wohl einige Regimenter genug Arbeit finden. Wie vor dreizehn Jahren!« »Ich war früher der Meinung, man könnte auf friedliche Weise mehr erzielen,« meinte der Hauptmann Hora. »Heute aber war es zu arg und der Ernst und die Autorität der Regierung dürfen nicht zulassen, dass sich derartige Vorfälle wiederholen.« »Meiner Ansicht nach wäre es am besten, sie ihres Hauptes zu berauben – der ärgsten Hetzer –« »Wenn Sie alle zu kennen geruhen.« »Vor allen ist da dieser Just aus Taus – aber ärger noch ist dieser Bauer aus Aujezdl, Kozina, der heute so frech zu antworten wagte.« »Ich kenne ihn aus Ihren Berichten. Fürwahr, ein sehr verwegener Mann und wie geläufig er spricht – und nicht ohne Vernunft –« »Deswegen ist er eben der gefährlichste. Die rhetorische Begabung besitzt er. Will er – und er wird sicherlich wollen – so entflammt er alle aufs neue. Wenn dieser im Dunkeln sitzen würde, würde sich dieses Gewitter bald verziehen.« »Vielleicht haben sie heute ausgetobt,« meinte der Kreishauptmann. »Ich glaube, nachdem sie die kaiserliche Entscheidung vernommen haben, werden sie kaum noch so viel Mut und Verwegenheit besitzen. Sollten sie sich aber im geringsten rühren, würde ich mich in Prag selbst dafür verwenden, dass Militär hergesendet werde.« »Da werden hier Degen und Reitersäbel sehr bald klirren,« antwortete Lamminger lächelnd und goss seinem Gaste in das grüne Gläschen einen goldigen Wein ein. »Nun dann werden sie kaum mehr mit Tod und Teufel herkommen, um die Peitsche der Obrigkeit in den Teich zu schleudern – und dann werden ihnen vielleicht auch alle verwegenen und beredten Orationen vergehen –« Alle beim Tische verstanden, was er damit meinte, und sie fühlten es auch heraus, was Herrn von Albenreuth, in dessen kühlen Augen es beim blossen Gedanken darauf wild aufleuchtete, am meisten beleidigt und empört hatte. XVII Manka Přibek räumte zu Hause hübsch auf und bereitete alles vor, damit, wenn die Gäste kämen, alles ganz in Ordnung sei. Sie freute sich, sang ein lustiges Liedchen und als draussen das Geschrei entstand, die Bauern kehrten schon von Chodenschloss heim, lief sie vor den Bauernhof. Sie kamen, und auch ihr Vater kam – aber allein. Doch auch das machte sie nicht gleich stutzig. Sie erinnerte sich, dass die Putzerieder zur »Werbung« wie unerwartet kommen müssen. Als sie aber dem Vater ins Antlitz blickte und seine Augen auf ihr ruhen blieben, gab es ihr einen Stich und gleich einer schwarzen Wolke verfinsterte eine böse Ahnung ihr erfreutes Gemüt. Matthias Přibek war sehr gereizt. Die Tochter wagte es gar nicht, ihn zu befragen, und als ihn der alte Vater frug, was sie ausgerichtet haben, fertigte er ihn kurz ab und ging nach einer Weile, um über das, was sich heute auf der Chodenschlosser Burg ereignet hatte, nichts hören und sprechen zu müssen, in die Felder hinaus. Als es Manka auf der Umfrage in der Nachbarschaft erfuhr, brach sie fast in Tränen aus. Aus war es mit der Werbung! Da kommen sie heute sicher nicht mehr. Als der Grossvater alles gehört hatte, fielen ihm ihre Werbung und Hochzeit nicht im Traume ein, er sass vielmehr mit gefalteten Händen bei dem groben Klotz, der bei ihnen den Tisch vertrat, nickte zeitweise mit dem Kopfe und wiederholte halblaut: »Dieser Chomet! Dieser Chomet!« Unterdessen konnte sich seine Nichte, als sie allein im Garten war, der Tränen nicht erwehren. Es waren dies aber nicht nur Tränen des Leides, sondern auch des Zornes. Sie müsste ja gar nicht Matthias Přibek Tochter sein, wenn sie nicht mit innerem Zorn des Urhebers all dieses Leides – des Chodenschlosser Herrn, gedächte. Arge Verwünschungen wurden auf sein Haupt gesendet. Einen Augenblick nur freute sie sich, als nämlich unerwartet der junge Šerlovský erschien. Er kam nur auf einen Augenblick, um ihr den Grund des Ausbleibens zu erklären und sie darüber aufzuklären, was heute vorgefallen war. Die Augen des stattlichen Burschen sprühten förmlich Feuer und die Nüstern seiner geraden Nase erweiterten sich, als er der Falschheit Lammingers gedachte, als auch dessen, wie Kozina mit Hrubý und Syka ihnen den Angriff auf diesen adeligen Henker verwehrten. Dann dachte er wieder an sich und seine zerstörte Freude. »Erst als wir das Schloss hinter uns hatten, erinnerte ich mich, dass wir euch aufsuchen, wollten. Beim Vater konnte davon aber gar keine Rede sein. »Das wird aufgeschoben,« sagte er. »Was wäre das für ein Glück heute, wo wir soviel Ärger haben –« Manka schwieg und senkte das Haupt. Der Bursche fasste sie bei der Hand, schüttelte diese und sprach herzlich: »Mein herziges Mädchen – hier die Hand darauf, vor dem Herrgott gehörst du mir. Was nicht heute sein konnte, wird morgen sein. Du bist mir bestimmt und wir werden, so Gott will, leben in Hoffnung und Warten, wie die Körnchen in der Ähre.« Er zog das liebe Mädchen an sein Herz. Dies war ihr Eheverlöbnis draussen im Garten, wo die Frühlingssonne Blüten und Bäume wachküsste und wo ihnen in diesem Augenblicke die Lerche ein fröhliches Jubellied sang. Die Frühlingsarbeiten waren auf den Feldern und Wiesen bald beendet. Es ging diesmal leichter und bequemer, da jeder nur sein Feld, seine Wiese bediente, ohne die schönsten Tage, wie dies früher – bis zum vorigen Jahre noch – der Fall war, auf den Gründen der Obrigkeit zu vergeuden. Im ganzen Chodenlande war es, als gebe es keine Robot, als wäre die alte, zurückeroberte Freiheit nach vielen Jahren wieder zurückgekehrt. Niemand achtete auf die Befehle und Drohungen der herrschaftlichen Verwalter. Als hätte man überall das, was ihnen der Kreishauptmann auf der Chodenschlosser Burg publiziert hatte, vergessen. Es war aber nicht vergessen, man achtete jedoch nicht darauf, weil man daran nicht glaubte. Arbeit gab es überall genug und doch pflegten sehr viele Hauswirte, namentlich die älteren und die Erbrichter, häufig – gewöhnlich abends bei der Dämmerung – über die Felder sich vom Hause zu entfernen. Keiner von ihnen sagte, wohin er geht, aber die Hausfrauen wussten, dass sie auf irgend welche Beratungen, was in Bezug auf Lomikar weiter zu geschehen habe, ausgehen. Keiner pflegte aber seinen Bauernhof so oft zu verlassen, wie der junge Kozina. Manchmal blieb er ziemlich lange aus und kehrte spät heim, meistens in der Nacht, ja einmal sogar erst früh. Hanči ahnte es, warum er fortgehe, doch wohin er geht, das hat er ihr nicht gesagt. Die Mutter im Ausgedinge hatte davon sicherlich Kenntnis, doch, eingedenk dessen, wie sie damals abgefertigt wurde, als sie sie ersucht hatte, Jan zuzureden, wagte sie keine Frage mehr. Die junge Bäuerin schwieg. Sie grämte sich aber und man merkte es ihren jungen schönen Wangen an, die blass wurden und allmählich einfielen. Es quälte sie, dass Jan weder sie noch die Kinder so beachte wie früher, und wie verzückt und in Gedanken versunken seinen Geist nur mit diesem unglücklichen Prozesse beschäftige. Und doch errötete sie noch einmal vor Freude – es war an einem Sonntage nachmittags, als sie sich mit den Kindern abgab. Früher pflegte sich auch der Mann zu ihnen zu setzen und verweilte lange bei ihnen – jetzt sass er, wie immer in der letzten Zeit, den Kopf in die Hand gestützt, an der Tischecke und brütete in Gedanken vor sich hin. Wie hätte sie es doch ahnen können, dass er den Kopf erhob, die Augen auf sie heftete und sie betrachtete! Sie erschrak fast, als er sich plötzlich vom Tische erhob und zu ihnen in den Winkel kam. Sie errötete förmlich, als er ihr in das Gesicht blickte und sie besorgt ansprach: »Hanči, du bist unpässlich. Was fehlt dir? Du nimmst ab. – Hast du vielleicht Gliederreissen? –« »Nein, es fehlt mir nichts –« »Geh' lieber zur alten Mutter –« »Die kann auch nicht alles – und hier hilft sie erst nicht. Du weisst es ja doch!« Die Augen des jungen Weibes wurden feucht. Er fuhr streichelnd mit der Hand über ihr Haar. »Hanči – ich weiss, dass ich dich quäle – es gibt aber keine Hilfe mehr. Ich kann nicht ablassen, es ist bereits von Gott so bestimmt; eine Umkehr ist nicht mehr möglich, und, so Gott will, werden wir siegen, es ist ja das Recht auf unserer Seite! Dann wird es wieder gut sein, besser sogar, als es früher war.« Und es war in diesem Augenblicke wirklich auch schon so. Er beugte sich zu den Kindern, blieb bei ihnen, er gehörte ihnen an. Und Hanči lächelte wieder. Rings um sie heiterte sich wieder alles auf, wie wenn nach dem Winter die Frühjahrssonne wieder zum erstenmale erstrahlt. Dafür erschrak sie aber am nächsten Tage. Als sie gegen Abend eben allein zu Hause war, trat in die Stube ein sonderbares Männlein, das mit seinem Stocke um sich schlug, um den ihn wütend angreifenden alten Wolf wegzujagen. Es war ein kleines, mageres Männlein in dunkler Stadttracht, mit schwarzen Strümpfen und bestaubten Schuhen mit grossen Schnallen. Die Backenknochen stachen hervor, die Nase war stumpf und die schwarzen Augen irrten pfiffig umher, als wollten sie alles erspähen. Hančí schrak vor ihm zusammen, besonders war es sein Blick, der ihr nicht gefiel. Er fragte nach dem Bauer. Sie antwortete, er sei fortgegangen. Auf seine Frage wohin, entgegnete sie, sie wisse es nicht. »Sollte er jetzt nach Hause kommen, so sage ihm, Bäuerin, es sei jemand aus Taus hier, er möge zu Syka kommen, aber sicher!« Hierauf entfernte er sich. Die junge Kozina folgte ihm hinaus, und beobachtete ihn von weitem, um zu sehen, ob er auch noch anders wo einkehren und den angedeuteten Weg einschlagen werde. Er kehrte nirgends ein und ging sicher – als kenne er sich von jeher hier aus – geraden Weges zum Erbrichter. »Was will er? Es ist sicher wieder wegen dieses unglückseligen Prozesses. Ob es wohl nicht dieser Hetzer, Just, sei? Jawohl, richtig! Kaum von Wien zurückgekehrt, möchte er am liebsten aufs neue anfangen.« – Hančí erwartete ihren Mann ungeduldig. Es fiel ihr auch schon ein, ihm den Besuch, welchen sie hier gehabt, zu verheimlichen. Kozina kehrte jedoch nicht heim. Dafür besuchte – fast schon bei Nacht – ein neuer Gast die junge Bäuerin. Es war Dorla Řehůřek, Jiskras, des Dudelsackpfeifers Weib. Er ist bereits fast vierzehn Tage aus dem Hause und nicht eine Silbe hat sie von ihm gehört. Als er fortging, hatte er gesagt, er werde erst in einer Woche und möglicherweise noch später heimkehren, Dorla möge sich daraus nichts machen. Er habe eine wichtige Botschaft in Prag zu besorgen. Was für eine Botschaft und für wen, das wollte er unter keiner Bedingung – nicht einmal seinem eigenen Vater – sagen. Geld hatte er der Dorla genug zum Leben zurückgelassen und haben ihr auch Syka und andere welches geschickt. Die junge, in ihrem Zustande ohnedies genug furchtsame und ängstliche Frau des Dudelsackpfeifers verfiel auf die sonderbarsten Gedanken, kam, um ihrer ehemaligen Gespielin ihr Leid zu klagen und auch nachzufragen, ob sie nicht etwas von Jiskra, der ja offenbar über Kozinas Aufforderung die Heimat verlassen hatte, wisse. Einem anderen zu lieb würden sie ja jetzt keinen Schritt machen. Hanči konnte aber Dorla nichts Erfreuliches mitteilen, da sie ja nicht einmal wusste, dass Jiskra so lange schon verreist sei. Sie versicherte, Kozina habe ihr davon gar keine Erwähnung gemacht, und klagte selbst noch, sie wisse gar nicht, was eigentlich vorgehe, und müsse unablässig um den Mann, der für diesen Herrschaftsprozess ohnehin arg büssen werde, zittern. Als sich Dorla entfernte, ging die junge Hausfrau, trotz der sehr späten Stunde, nicht zu Bette. Sie war nicht schläfrig. Sie wartete auf den Mann. So lange kehrt er nicht heim! Sicherlich hat er unterwegs von diesem Mann aus Taus erfahren und beratet jetzt bei Syka. Die Kinder schliefen und das Gesinde ebenfalls. Im ganzen Bauerngute herrschte Ruhe und Stille. Wie auf Nadeln stehend, lugte die Bäuerin in die nächtliche Dämmerung hinaus. Sie wendete sich bereits um, ergriff schon das weisse Kopftuch und wollte ausgehen, um sich zu überzeugen, ob die Männer mit diesem Städter beim Erbrichter seien, da vernahm man Jans Schritte. Er wunderte sich, dass Hančí noch nicht schlafe. Sie sagte, sie habe ihm etwas auszurichten. »Ich weiss es schon,« antwortete er. »Das war dieser Drechsler aus der Stadt?« »Jawohl, Just. Er ist von Wien zurückgekommen« »Und was wollte er? Vielleicht, dass ihr wieder nach Wien geht?« »Ei, wie scharfsinnig du bist. Nun, was ist's, er hat's gewollt, aber ist damit zu spät gekommen – wir haben dies bereits schon längst getan.« Hančí war erstaunt. »Es sind schon einige Tage her. Niemand weiss von dieser neuen Botschaft etwas. Die Boten sind über Baiern nach Wien gegangen, damit man sie unterwegs nicht abfange.« »Und deswegen hast du die Nächte durchschwärmt!« »Jetzt kann ich es dir schon sagen. Sie sind schon in Wien und waren sicherlich bei Hofe. Nun, heute hörten wir, wie Herr Lomikar mit uns herumhantierte und unseren Prokurator fein bestochen hat, damit er uns sitzen lasse, als wir bereits auf einen grünen Zweig gekommen waren. – Der Spitzbube! Und dieser Wiener Dieb hat die Unsrigen an der Nase herumgeführt, sie mögen sich nur gedulden, so eine Sache brauche Weile. Nurs Geld hat er vorausgenommen.« »Und dieser Just auch –« »Vielleicht. Vielleicht ist auch er ein Spitzbube. Wir trauen ihm nicht. Nun was schadet es, wir gehen ohne ihn. Aber darin hat er heute recht gehabt, man möge den Herrn ungeschoren lassen. Und diese Raufereien mit dem Herrschaftsbüttel und dieses Faschingsstückel seien grosse Fehler gewesen. Das hat uns, meint er, bei Hofe geschadet. Dies hat ja auch der Kreishauptmann gesagt. Nun jetzt sind sie überall ruhig; wenn sie nur so bleiben wollten –« »Und was macht Jiskra in Prag?« fragte Hančí, die sich plötzlich an Dorla erinnerte. »In Prag? Jiskra? Er war nicht dort und ist auch jetzt nicht dort. Er ist in Wien, und wir erwarten ihn täglich, ja stündlich.« Kozina musste seinem Weibe gar nicht erst erzählen, dass Jiskra eine Lüge gebrauchte, um das wahre Ziel seiner Reise zu verheimlichen. Jetzt teilte er ihr nur noch mit, der Dudelsackpfeifer sei auf seinen Wunsch auf einem Umwege mit der Deputation nach Wien gegangen, woher er jedoch geraden Weges heimkehren sollte. Den Umweg hatten die Choden wegen Lamminger eingeschlagen, damit dieser von der Reise nicht erfahre, ihnen keine Hindernisse bereite oder sie gar aufhalte. Die Aufgabe Jiskras war sodann, so bald als möglich mit der Nachricht heimzukehren, wie die Deputation in Wien empfangen wurde. Sie wollten sich auf briefliche Botschaften, die sie früher entweder sehr spät erhielten, oder die unterwegs gar in Verlust gerieten, nicht mehr verlassen. Der Dudelsackpfeifer, und noch dazu ein so lustiger und kluger, wie es Jiskra Řehůřek war, gab auf der Reise jedenfalls sicherere Gewähr. Kozina machte Anstalten zum Schlafengehen. Hanči hielt ihn jedoch noch mit der Frage auf, was mit dem schwarzen Manne, mit diesem Just geschehen und sie setzte hinzu, er hätte ihr durchaus nicht gefallen und sie habe sich vor ihm fast gefürchtet. »Er gab an, wegzuziehen und auf so lange verschwinden zu wollen, bis unser Prozess beendet sei. Er fürchtet Lomikar.« »Wirklich?« »Vielleicht. Und es wird besser sein, wenn er es tut. Sollten sie ihn bekommen, der würde, um sich zu retten, nichts hinter den Zähnen behalten! – Hörst du, Hanči!« rief auf einmal der junge Bauer und trat hastig an das Fenster. Es war Mondschein und in diesem Lichte schien draussen ein Schatten aufgetaucht zu sein. Es wurde abermals an das Tor gepocht. Kozina ging rasch heraus und kehrte in einer Weile mit einem Gaste zurück. Als ihn die junge Bäuerin erblickte, schrie sie mit gedämpfter Stimme auf. »Jiskra!« »Jawohl, Jiskra, Hanči, aber hungrig wie ein Wolf – hast du ein Stück Brot? Ich bin den ganzen Tag und die ganze Nacht gegangen,« sprach der Pfeifer und stürzte auf die Bank, auf die er auch den Dudelsack niedergleiten liess. Er streckte die müden Füsse vor sich aus und seufzte tief auf. »Bin ich aber geflogen – wie der Wind,« sagte er zu Kozina. »Doch du möchtest gerne – gut – alles gut. Die Unsrigen waren bei Hofe und haben gut verrichtet. Es ist noch nicht mit allem aus, wie uns da in der Chodenschlosser Burg vorgelesen wurde. Der Kaiser hat alles nach Prag geschickt – es solle noch einmal erhoben werden.« »Ei!« rief Kozina und schwang freudig die Hand. Und schon folgten seine Fragen, die Jiskra, der gierig sein Butterbrot ass und Milch trank, anfangs ganz unbeantwortet liess. Nachher wurde er gesprächiger. Aber es waren Einzelheiten in Bezug auf die Reise, die Deputation, ihren Empfang, den beschwerlichen und raschen Heimweg – die Hauptsache hatte er aber schon eingangs gesagt: der Prozess sei nicht beendet und die Beschwerden der Choden seien dem Prager Gerichte zur neuerlichen Untersuchung überwiesen worden. Kozina wäre bis Früh aufgeblieben und hätte mit Jiskra die Einzelheiten seiner Reise besprochen. Hančí selbst machte ihn darauf aufmerksam, dass Jiskra ermüdet sei und der Erholung bedürfe. Der junge Bauer bot ihm das Bett an. Der Dudelsackpfeifer schlug aber das Anerbieten hastig aus. »Ich eile nach Hause und möchte gerne wieder Dorla sehen.« Mit Freuden hörte er, was ihm Hančí berichtete, dass sie gesund sei und gegen Abend bei ihnen gewesen war. »Also war der Storch noch immer nicht bei uns?« sagte er lustig. »Ich freute mich schon unterwegs, dass ich mich zur Hängewiege setzen werde –« »Nun, du wirst es noch erleben.« Er schwang den Dudelsack auf die Schulter, reichte den Freunden die Hand und eilte behend aus Kozinas Gute. Der Mond neigte sich dem Westen zu und ein weiss schimmernder Streifen verkündigte den nahenden Tagesanbruch. Rasch, als wenn er frische Kräfte geschöpft hätte, schritt Jiskra seiner Einschichte zu. Das Dorf und alles ringsumher war noch im tiefen Schlummer. Siehe, dort auf dem dunklen Waldesrand die Hütte, wo seine Wiege gestanden! Schon hat er sie wieder, er wird sie nie mehr verlassen. Wie war ihm doch um diese Hütte dort in der Grossstadt und überall bange gewesen! Dorla schläft. Die wird aufschreien, bis er anklopfen und sie anrufen wird. Jiskra stand einen Augenblick stille. Was ist das? Er täuschte sich. Er schritt am betauten Stege weiter. – Schon war er fast an der Chaluppe und wieder! Das ist ja ein Weinen! Ein Geschrei! Doch das Geschrei und das Gewimmer eines Kindes! Und dort in der Hütte, fürwahr in seiner Hütte! Er machte einen Sprung, dass ihm fast der Dudelsack herabfiel – gleichzeitig lief ein Weib, einen Krug in der Hand, aus dem Gebäude zum Brunnen hinter der Chaluppe. Es war Dorlas Mutter. Kaum merkte sie den Schwiegersohn, rief sie: »Komm' rasch! Du hast einen Buben!« Es war nicht nötig, ihn zur Eile anzuspornen. Die Ermüdung des langen, beschwerlichen Weges war verschwunden. Wie im Sct. Johannestau gebadet, lief er erfrischt, munter und hocherfreut der Chaluppe zu, die freudige Nachricht hatte ihn so ergriffen, dass er kaum die Türklammer zur Stube fand, wo ihn der ersehnte Erstgeborene mit seinem ersten Wimmern begrüsste. XVIII Wie vergönnte es Hančí der Dorla, dass ihr Mann heimgekehrt ist! Sie hatte sie ja vorher klagen gehört und bedauerte sie vom Herzen. Und nun traf sie selbst plötzlich und unverhofft ein ähnliches Leid. Kozina soll verreisen. O, dieser unglückselige Prozess! Er bereitet sich vor und macht für seine Abreise Vorkehrungen, er bestimmt und ordnet an, was und wie alles in der Wirtschaft zu geschehen habe. Und die Alte – seine Mutter tut, als schickte er sich an, einen Besuch zu machen. Sie tröstet sie noch, es sei dies eine Ehre für ihn, er werde in einigen Tagen, in einer oder zwei Wochen zurückkehren, und dies werde schon die letzte Reise sein. Die letzte Reise! Oh, gäbe es doch Gott! Jiskra hatte gute und richtige Nachrichten gebracht. Knapp nach seiner Ankunft erfolgte durch das Kreisamt in Pilsen die Verständigung von Wien, die Beschwerden der Choden seien dem Appellationsgerichte abgetreten worden. Gleichzeitig ist auch angeordnet worden, dass die Choden ausser der bereits abgesandten Deputation sieben geeignete und wohlverhaltene Vertrauensmänner zum Gerichte nach Prag behufs endgültiger Entscheidung dieser Streitsache zu entsenden haben. »Warum musste doch auch Kozina dazu gewählt werden?« klagte Hančí im Geiste. »Warum hat er die Wahl nur angenommen!« Und wie bereitwillig er dies tat! Nach Wien hat er nicht gehen wollen, nach Prag gehe er aber gerne, dort brauche man nicht deutsch zu kennen, dort könne man sprechen, sich verteidigen und etwas erzielen. Jiskras Nachricht und die amtliche Mitteilung erfüllten ihn mit Freude, ihn ebenso wie alle seine Landsleute im Chodengau, wo nun jeder leicht glauben mochte, dass das, was ihnen auf der Chodenschlosser Burg mitgeteilt wurde, falsch, verabredet war und dass Kozina recht gehabt hatte, als er dem Kreishauptmanne widersprach. Dort war schon angeblich alles zu Ende und man drohte noch obendrein mit Strafen! Darum hatten die Herren eine solche Eile und deswegen verlangten sie von ihnen, sie mögen gleich den Untertaneneid und die Angelobung der Leibeigenschaft leisten. Jetzt geht alles wieder an das Appellationsgericht! Was sagt wohl Lomikar dazu? Er dürfte sich kaum darüber freuen, dass es ihm so schlecht gelungen ist, den Bauern beizukommen. Nun, jetzt soll der Streit schon endgültig entschieden werden. Diese Boten werden, so Gott will, aus Prag eine andere Entscheidung heimbringen. Überall freute man sich auf ihre Reise und mit Vertrauen sah man dem Ergebnisse derselben entgegen. Kozina blieb ruhig, er war im Geiste erfreut und voll guter Hoffnungen. Nur am Tage vor der Abreise bemächtigte sich seiner eine Unruhe. Vormittags war er noch beim alten Onkel in Trasinau, der sein Reisegefährte sein sollte. Den Nachmittag verbrachte er zu Hause. Hančí bereitete ihm, stumm und traurig, alles zur Reise vor. Nichts, nicht einmal der Striezel wollte ihr gelingen, oft vergass sie etwas oder irrte sich. Gegen abend machte Kozina noch einen Sprung zu Syka und begab sich mit demselben zu Matthias Přibek. Sie trafen ihn gerade, als er auf seinem Baumstamme sitzend, das Abendbrot verzehrte. Die Nachbarn rückten mit den Stühlen zu ihm und der bedächtige Syka lenkte das Gespräch auf die bevorstehende Reise nach Prag. Diesmal dürfte die Geschichte anders ausgehen, meinte er. »Ungefähr so, wie sie in Wien ausgegangen ist,« fiel ihm Přibek in das Wort. Er sprach scharf und nicht ohne einen spöttischen Anflug. »Es wäre damals auch anders ausgefallen, aber diese Raufereien und der Umzug während der letzten Faschingstage – « »So?« meinte Přibek. »Diesmal haben wir euch gehorcht und waren mäuschenstille, wir haben uns gar nicht gerührt. Nun, wir werden ja sehen –« »Ja eben deswegen kommen wir zu dir mit der Bitte, ihr möget diese Zeit noch schweigen, ausharren und abwarten,« sprach Kozina. »Verspreche uns dies, Matthias!« »Hm, zu mir kommt ihr – ich bin also derjenige – nun, ich rühre mich nicht, wenn man mich in Ruhe lässt. Ich bin neugierig, was ihr ausrichten werdet. Das sage ich euch aber, sollten die Herren anfangen – prügeln lass' ich mich nicht! Sonst, wie gesagt, hier meine Hand. Wir wollen abwarten, was ihr uns heimbringt. Viel Glück!« Er reichte den Männern die Hand. »Přibek ist ein Mann, der sein Wort hält,« sprach Kozina, als er mit Syka aus des Matthias Hofe ging. »Jetzt bin ich zufrieden!« Abends verblieb er bei seinen Lieben, mit Weib und Kindern. Auch die alte Mutter kam zu ihnen und verweilte dort lange. Hančí konnte hierauf lange nicht einschlafen und betete ununterbrochen. Das Erwachen war auch nicht lieblich. Kaum schlug sie die Augen auf, erinnerte sie sich, dass der Mann abreisen werde. Es war ihr bange. Nur auf eine Woche, auf vierzehn Tage entfernt er sich – es kann ihm nichts geschehen – und doch! Als sie aufstand, war er schon auf und irgendwo draussen. Er durchschritt den Stall, blieb eine Weile bei den Pferden, besichtigte alles noch einmal und ging sodann hinter den Bauerngrund in den Garten. Es war ein früher Julimorgen. Im Tau erglänzten Gras und Blüten, in der frischen Luft ertönte Vogelgesang. Unwillkürlich stand der junge Bauer stille und betrachtete den heimischen Gebirgsgau. Links am Hügel Dubová horka schimmerten in der Morgenröte die Wipfel des Eichenwaldes, hier gerade im Vordergrunde blaute der grosse, dunkle Ermaut-Wald, dort war Zelenov, vor ihm Havlovic und knapp am Walde Hammer, hinter dem Ermaut nahm man die bläulichen Bergrücken des schlank gestreckten Osek wahr und rundherum mit weiten freien Wäldern reich bestandene Hügel, Anhöhen und Berge – einst Eigentum der Choden. Die Blicke des Grundherrn schweiften rund umher, bis sie zuletzt am wogenden Getreidemeere hinter dem Bauerngrunde ruhen blieben und ein Seufzer sich der entschlossenen Brust entrang. Als Kozina ernst und in Gedanken versunken in sein Heim zurückkam, war bereits die Mutter dort und die Kinder waren auch schon wach. In diesem Augenblicke fühlte er erst die Wucht der Trennung. Im selben Momente vergass er den grossen Kampf, den Zweck seiner Reise – nur bei den Kindern war sein Herz. Er ermahnte Pavlík, er möge brav sein, streichelte Hanálkas goldiges Haar und beantwortete lächelnd ihre kindlichen Fragen in Bezug auf die Reise und Prag, von dem sie letzter Zeit so viel gehört hatte. Reisefertig trat Syka ein. Da gab es keinen Ausweg. Hančí ging und holte dem Manne seinen besten Rock, den er anlegte. Sollte er ja doch vor den Herren erscheinen. Es war dies der lange Hochzeitsrock, aus dessen einem Knopfloche eine lange, schöne Schleife von hochroter Farbe hing, ein liebes Andenken an die Hochzeit und ein Geschenk Hančís aus der Zeit, als sie noch Braut war. Diese Schleife trägt der verheiratete Mann auch nach der Hochzeit fortwährend, »solange er noch ein Stück Rock hat«. Schon erhoben sie sich vom Tische, als der weisshaarige Onkel von Trasinau reisebereit hereintrat. Er kam her, um sich zu verabschieden. »Ich bin ein alter Mensch, und wer weiss, was geschieht. Ich wollte dich, Schwester, dich, Hančí, und deine Kinder noch einmal sehen. Gott behüte euch hier!« Hančí brach in Tränen aus. Die alte Kozina reichte dem Bruder stumm die Hand, ihren trüben Blick auf sein Antlitz heftend. Ihre Lippen und ihr Kinn bebten. Als jedoch ihr Sohn zu ihr trat und ihr »Lebewohl« sagte, stürzten Tränen aus ihren Augen. Sie besprengte ihn mit Weihwasser und segnete ihn mit dem Kreuze. Hančí benetzte ihn mit ihren Tränen. Er tröstete sie, dass er ja nicht für immer scheide; als er sich aber zu den Kindern niederbeugte und sie das letztemal küsste, verstummte er vor innerer Erregung. Als die Männer im Fortgehen begriffen waren, kam auch Jískra Řehuřek herbeigeeilt, um sich von seinem treuen Genossen und nun auch Taufpaten seines kleinen Georg zu verabschieden. Er geleitete mit den Frauenzimmern und den Kindern Jan aus dem Bauernhofe, wo schon der Wagen bereit stand. Hier warteten auch die Nachbarn, um ihren Verteidigern die Hand zu reichen und sie auf den Weg zu segnen. Der Wagen fuhr aus. Kozina blickte sich fortwährend um, auch dann noch, als er sein weinendes Weib und die Kinder nicht mehr sah, er blickte düster zurück, solange er nur sein liebes Aujezdl sah. Traten sie ja doch einen ernsten Weg an, der über alles entscheiden wird. Erst in Taus, wo auf sie schon die übrigen erwählten Vertrauensmänner, Georg Peč aus Meigelshof, Němec aus Medaken, der heftige Brychta aus Possigkau und der lustige Adam Ecl-Ctverák aus Klenč warteten, wurden sie gesprächiger. Alle sieben besetzten den Wagen und traten ohne Aufenthalt den Weg nach Prag an. Ein Stück hinter der Stadt holte sie ein herrschaftlicher Kammerwagen, in den vier Rappen mit schönem reichen Riemenzeug gespannt waren, ein. Diesem Wagen folgte ein zweiter mit dem Herrschaftsgesinde. Vier Diener ritten hinten nach. Als die Wagen in die Nähe kamen, erhob sich Kozina, um nachzusehen, wer in dem Wagen fahre. Im selben Momente wurde der Vorhang des ersten Wagens gelüftet und in dem Fenster wurde ein Kopf mit einer Allongeperücke und einem sommersprossigen Gesichte sichtbar. Das Auge des jungen Bauers begegnete dem kalten und doch stechenden Blick Lammingers. Kozina hielt dem Blicke stand. Der Kopf des Herrn verschwand. Der Vorhang wurde aber nochmals bei Seite geschoben und die Choden sahen im Wagenfenster das schöne Gesichtchen seiner jüngeren Tochter. »Nun, ob er denn auch genug Gold mitführt,« bemerkte Peč aus Weigelshof. »Möchte er doch lieber unterwegs das Genick brechen!« meinte Brychta und blickte mit seinen funkelnden dunkeln Augen, düster wie alle, den Herrschaftswagen nach, welche ebenfalls in der Richtung nach Prag entschwanden. Mit der einzigen Ausnahme des »Prokurators« Syka war noch keiner von den entsendeten Choden in Prag gewesen; sie staunten darum nicht wenig, als sie in der königlichen Stadt anlangten. Was war denn ihre Stadt (Taus) im Vergleiche mit dieser Unzahl von Häusern und Gassen! Was waren die grössten Volksversammlungen ihrer Gebirgsgegend an Feiertagen und an Kirchweihfesten gegen dieses stete Fluten von Passanten selbst an Wochentagen! Am wenigsten gab sich diesen Eindrücken Kozina hin. Er wunderte sich, staunte, er hatte aber keine Ruhe und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit auf lange zu fesseln. Er hatte ja nur jene Angelegenheit vor Augen, deretwegen sie hergekommen waren, vor allem aber die Landsleute, die zweite Deputation nämlich, die sie mit Jiskra heimlich nach Wien gesendet hatten und die von Wien nach Prag abgegangen war, um gemeinsam mit ihnen vor dem Appellationsgerichte zu erscheinen. Bald trafen sie mit ihr zusammen. Von der ersten Deputation, die alsbald nach jener verhängnisvollen Kundmachung des Kreishauptmannes im Burghofe zu Chodenschloss zurückgekehrt war, war bloss Pajdar aus Putzeried dabei. Dieser und zwei seiner Genossen erzählten, was sie in Wien ausgerichtet haben und wie es ihnen ausser dem Appellationsgericht noch gelungen sei, einen ausgezeichneten Advokaten, einen Edelmann, Herrn Tunkl von Brnicko, zu gewinnen. Dieser habe so gesprochen und so gedacht wie sie. Er selbst und sein Geschlecht hätten während des dreissigjährigen Krieges viel Schaden erlitten, da ihnen die Regierung den ganzen Grundbesitz konfisziert habe, so dass ihm ausser dem Wappen gar nichts übrig geblieben sei. Über die Choden und ihre Vergangenheit sei er gut unterrichtet gewesen und auch ein lateinisches Buch habe er ihnen gezeigt, wo man von ihnen berichtete, wie sie die Grenze begingen und welche Rechte sie besassen. Als sie ihm alles, auch von den geretteten Privilegien, erzählt hatten und ihn befragten, ob nicht alles schon verjährt sei, habe Herr Tunkl gelacht und versichert, dass solche Rechte nie verjähren. »Möge er nur nicht wie jener Straus in Wien sein!« meinte Hrubý. »Nun, diesmal kann er uns nicht mehr so viel schaden. Wir stehen ja schon mit einem Fusse vor dem Gerichte und müssen uns selbst verteidigen,« sagte Kozina. »Und das Recht ist auf unserer Seite,« fügte er in der unerschütterlichen Überzeugung von der Ehrlichkeit und Richtigkeit seines Prozesses, in dessen Ausgang er volles Vertrauen hatte, bei. Ungeduldig erwarteten sie den Herrn Tunkl, einen herabgekommenen adeligen Advokaten, der nach der getroffenen Vereinbarung jede Weile kommen musste. Sie hätten sich vor ihrem Erscheinen beim Gerichte gerne mit ihm über das weitere Vorgehen beraten – ehe aber Herr Tunkl eintraf, mussten sie schon zum Appellationsgerichte. Zeitlich früh gingen sie insgesamt auf den Hradcin. Als sie nun da, voll Verwunderung um sich blickend, die Burghöfe des königlichen Schlosses durchschritten, stand plötzlich der weisshaarige Christoph Hrubý stille, deutete mit der Čakane um sich und sagte: »Hier waren unsere Herren – unsere Könige, und niemand anderer hatte uns zu befehlen. Dies war unsere einzige Obrigkeit.« »Und eine andere Obrigkeit als dieser Chodenschlosser Schinder,« setzte der Possigkauer Brychta hinzu. Sie gingen zur hl. Messe in den St. Veitsdom und warteten sodann vor dem gegenüberstehenden Gebäude, wo das Appellationsgericht tagte. Nêmec aus Medaken und der Meigelshofer Pec sprachen nicht ein Wort; Prag, die königliche Burg und alles rundherum wirkte berauschend auf sie. Kozina war durch die gespannte Erwartung der bevorstehenden Dinge ganz aufgeregt. Er sprach wenig, leuchtenden Blickes, aber unstät betrachtete er alles um sich und wartete ungeduldig auf die Ankunft der Richter. Brychta bohrte die Eisenspitze seiner Čakane in die Spalten zwischen den Pflastersteinen, Ecl machte halblaut eine scherzhafte Bemerkung über ihn, da jedoch niemand lachte, hörte er mit seinen Spässen auf. Er war ohnehin nicht dazu aufgelegt. Am ruhigsten waren der alte Hrubý und der langhaarige »Pokurator« Syka, die ein ernstes Gespräch führten. Weile um Weile verstrich. Es erschienen verschiedene Leute, Soldaten, Diener, goldbetresste Lakaien kamen und gingen oder erschienen in einer Tür, um in der anderen zu verschwinden. Es gingen einige Herren in schwarzen steifschössigen Röcken, schwarzen Strümpfen und Schuhen mit grossen Schnallen an ihnen vorbei. »Das sind sie,« meinten die Choden, unverwandt die ernsten, gestrengen Gesichter der Männer, die sie für Beisitzende des Appellationsgerichtes hielten, betrachtend. Dann fuhren lärmend einige Wagen vor. Diener sassen auf dem Kutschbocke und standen hinten am Trittbrett. Alle Umstehenden verbeugten sich tief vor den dem Wagen entsteigenden, namentlich vor einem, von dem »Prokurator« Syka erfuhr, dass es der Vorsitzende des Appellationsgerichtshofes, Graf von Sternberg, sei. – Erst nach einer hübschen Weile kam ein Diener, um die Choden über eine breite Stiege in eine lichte und einfache, nur dürftig möblierte Stube einzuführen. Hier sassen sie, und zwar nur sie allein, auf Holzstühlen und warteten eine Weile, bis sich die in das Nebengemach führende Tür öffnete. Es erschien in der Tür ein hoher hagerer Mann im roten Rocke und rief laut und klar: »Georg Pec, Erbrichter aus Meigelshof, trete ein!« Alle fuhren zusammen, alle waren überrascht. Sie erwarteten, man werde sie alle gemeinschaftlich rufen. »Ei!« rief Syka halblaut Kozina zu. »Was soll das wieder bedeuten?« Als er sich umsah, erblickte er eine Gerichtsperson, die zu ihnen still eingetreten war und nun stumm mit finsterem Gesichte unter ihnen stand. Der ist sicherlich nur deswegen da, um sie zu belauschen und zu beobachten! Nach Pec, der bald rückkehrte, wurde Nêmec aus Medaken vorgerufen. »Was hat man von dir gewollt?« fragte Brychta den Meigelshofer Erbrichter. »Ich wurde über die Raufereien und die letzten Faschingstage einvernommen –« »Genug!« liess sich eine tiefe, dumpfe Stimme hören. Alle wendeten sich dem roten Manne zu, der, den Zeigefinger seiner Rechten emporgestreckt, alle strenge anblickte. Nach Nêmec kam Jakob Brychta an die Reihe, nach Brychta Ctverák aus Klenc, sodann der alte Christoph Hrubý und nach ihm wurde sein Neffe vorgerufen. Rasch erhob sich Kozina und eiligen Schrittes, als könnte er es nicht erwarten, begab er sich in den Gerichtssaal. Seine Wangen glühten vor Erregung. Kaum hatte er die Schwelle überschritten, stutzte er wegen des sich ihm darbietenden ungewöhnlichen Anblickes. Der Gerichtshof sass ihm gegenüber. Er sah hier schwarz gekleidete Herren in grossen Allonge-Perücken, deren Locken ihnen bis auf den Rücken und die Schultern herabhingen. In der Mitte sass, auf einer erhöhten Stelle, der Appellations-Präsident, Wenzel Adalbert Graf von Sternberg, ein älterer Herr mit scharfen Gesichtszügen, ihm zur Rechten auf der Herrenbank: Max Norbert Graf Kolovrat-Krakovský, ein Mann mit edlem Gesichtsausdrucke, Ferdinand Oktavian Graf von Vrbna und der unlängst zum Richter ernannte Johann Wenzel Graf Vratislav von Mitrovic. Dem Präsidenten zur Linken auf der Ritterbahk: Daniel Mirabel von Freyhof und Franz Nikolaus Asterle Ritter von Astfeld. Mehr unten auf der Doktorenbank sassen Johann Christian Paroubek, Gabriel Marius, Johann Michael Knecht und Peter Birelly, Doktoren der Rechte. In ihrer Nähe sass in einer mächtigen Perücke mit einem Federkiel in der Hand und Brillen auf der Nase Kaspar Johann Kupec, der böhmische Sekretär. Sie sassen hinter dunklen mit grünem Tuche überzogenen Tischen, auf denen es eine Menge von Tintenfässern, Kielfedern, Papier und Büchern gab. Alle richteten ihre Blicke auf den jungen stattlichen Choden, der so sicher eintrat. Besonders ein Herr, der sicherlich kein Richter war, denn er stand seitwärts, betrachtete ihn sorgfältig. Kozina bemerkte ihn auch, ohne zu ahnen, dass es der Vertreter seines Feindes, Lammingers Prokurator, sei. Das Verhör begann. Die Herren hörten zu, Kozina und den Präsidenten beachtend. Einige liessen jedoch die Köpfe hängen, als beachteten sie all' dies nicht – und einer der Beisitzer auf der Bank der Doktoren, Johann Christian Paroubek, der etwas schielte, spielte mit der langen Kanzleischere, ihre Schärfe mit dem Daumen prüfend, wobei er auch seinen breiten Mund ein wenig verzog. Der junge Bauer war gleich nach den ersten Fragen überrascht, nicht nur darum, dass man ihn über diese Sachen befragte, aber auch durch die Gründlichkeit, mit der man darüber unterrichtet war. Er wurde über alle Ausschreitungen, die im Chodengau vorgekommen waren, und die er selbst, doch vergebens, zu verhüten trachtete, über die Raufereien mit den Hegern und Förstern, über die Streitigkeiten mit dem herrschaftlichen Musketier und anderes befragt. Kozina antwortete, dass er nicht Zeuge dieser Vorfälle war und bemerkte, dass solche Sachen auf allen Herrschaften vorzukommen pflegen, und dass, wenn jede Obrigkeit deswegen in Prag die Klage einbringen wollte, Ihre Gnaden, die Herren Richter, ununterbrochene Sitzungen abhalten müssten. Lammingers Prokurator zuckte zusammen, der protokollführende Sekretär Kupec wandte sich Kozina zu und der die Schneide der Schere prüfende Doktor der Rechte Johann Paroubek verzog seinen Mund so gegen das linke Ohr, dass ihm dorten alle Runzeln zusammenliefen. Kozina fuhr aber in seiner Aussage fort. Er klärte die Handlungsweise seiner Landsleute auf. Sie seien von ihrem Rechte überzeugt, sie hätten in Erfahrung gebracht, wie günstig ihre Abgesandten in Wien aufgenommen wurden und Prokurator Štraus habe sie alle in seinen Briefen des Sieges versichert. Als er dies sprach, erhob Graf Kolovrat seinen etwas vorgeneigten Kopf und sah seinen Nachbarn, den Grafen Vratislav, an. Dieser nickte, wie zum Beweis, dass er ihn verstanden habe, einigemale mit dem Kopfe. Der Präsident erteilte jedoch Kozina eine strenge Rüge und fügte hinzu, dass nach allem, was bisher sichergestellt wurde, die Choden sich ihrer Obrigkeit gegenüber wie Rebellen benommen haben, und insbesondere er, Kozina, möge bedenken, was hier auf dem Spiele stehe. Er habe es mehr als andere nötig, demütig aufzutreten, da er sich Gröberes als andere zu Schulden kommen liess. Und nun folgte eine Frage der anderen: Wie sei es mit der alten Grenzlinde und dem Kampfe unter ihr gewesen, warum er den Besitz der in seinem Bauerngrunde verborgen gehaltenen Privilegien in Abrede gestellt habe. Er soll widerspenstige Reden gehalten und durch dieselben andere zum Widerstande aufgewiegelt haben, auch hätte er einen hervorragenden Anteil an diesem Faschingsmaskenzuge, der der Obrigkeit zum Spotte veranstaltet wurde, gehabt. Zorn erfasste den jungen Choden. Zu allen Drangsalierungen also auch das noch, nachdem man sie beraubt, verklagt man sie noch! Dies alles hat Lamminger und noch dazu wie verdreht und entstellt angezeigt! Für alles Unrecht, das er ihm und allen angetan, will er sie noch strafen lassen! Auch vor Lügen schreckt er nicht zurück! Vor den Herren wusste sich jedoch Kozina noch zu bemeistern. Seine Stimme zitterte aber vor innerer Erregung, als er zu seiner eigenen und seiner Landsleute Verteidigung das Wort ergriff. Er leugnete in Bezug auf die alte Linde nicht eine Silbe ab, berief sich auf seine Familienrechte und auf die von den Königen erlassenen alten Privilegien, die zu verteidigen jedem Choden die Pflicht gebietet. »Unsere Altvordern waren frei, und wir wollen die Freiheit ebenfalls, wie uns dieselbe die Majestätsbriefe verbürgen. Um nichts und wieder nichts hat man aus uns Leibeigene gemacht. Hochgeborene Herren! Wie würde Euer Gnaden zu Mute sein, wenn man aus Dero Gnaden plötzlich mir nichts dir nichts Bauern machen würde.«« – Jetzt wandten sich bereits alle nach dem jungen Choden um. Einige verfinsterten das Gesicht, andere staunten und Doktor Paroubek, der auf einen Moment die Schere in Ruhe liess, verzog das Gesicht und warf auf den kühnen Verteidiger der Chodenrechte einen schielenden Seitenblick. Die im Vorzimmer Wartenden wunderten sich, dass man Kozina so lange verhört. Als er endlich zurückkam, war sein Antlitz gerötet, seine Augen flammten und feine Schweisstropfen glänzten auf seiner Stirne. Er nahm neben Syka Platz und machte eine heftige Handbewegung. Er sprach kein Wort, man sah ihm aber seine hochgradige Erregung an. Gleich nach ihm wurde Syka, sodann Pajdar aus Putzeried und die wenigen übrigen vorgerufen. Mit Ausnahme Sykas verweilte jedoch keiner so lange dort wie Kozina. Alle atmeten erleichtert auf, als endlich wieder jener Mann im roten Rocke erschien und ihnen mitteilte, dass sie sich entfernen können. Als sie draussen auf dem Burghofe anlangten, hatte die Sonne bereits den Zenith überschritten. Bestürzt schlugen die Choden den Weg vom Hradcin hinab in die Stadt ein. Syka war der erste, der die Situation beleuchtete. »Um die Majestätsbriefe zu verteidigen, sind wir hergekommen, und jetzt sollen wir uns selbst verantworten. Dieser Lomikar hat die Sache hübsch einzufädeln gewusst und hat uns hier fein dargestellt!« »Ich erwähnte unserer Majestätsbriefe,« sprach der alte Hruby. »Aber sie taten, als hörten sie nicht! Alles drehte sich stets nur um die letzten Faschingstage –« »Und um Gottes willen habe ich euch gebeten,« sagte Kozina vorwurfsvoll und richtete seine düsteren Blicke auf Brychta und Ctverák. Brychta verwünschte den Lamminger. »Und immer wieder erkundigten sie sich über dieses Schreiben von Just und Straus!« berichtete Nemec aus Medaken. Es stellte sich heraus, dass ein jeder von ihnen darüber befragt wurde. Wenig erfreut, kehrten sie in ihr Gasthaus zurück. Die grösste Bestürzung sah man Syka und Kozina an. In der Hradciner »Gerichts-Stube« machten die Herren Richter Anstalten zum Fortgehen. Der Doktor der Rechte Peter Birelly hatte bereits die Bank verlassen und bemerkte seinem Kollegen Michael Knecht gegenüber, es gebe gewiss im ganzen Königreiche Böhmen keine solchen Bauern mehr, wie diese Choden. »Und so einen Redner, wie dieser Kozina, gibt es ebenfalls nicht,« fügte Doktor Paroubek bei, indem er sich den beiden zugesellte. »Das wäre ein Gerichtsredner! Habet ihr seine Apostrophe beachtet?« und grinsend schielte er nach der Bank der Herren und Ritter hinüber, wo sich die adeligen Beisitzenden um den Präsidenten, Grafen von Sternberg, gruppierten. Die Gruppe der Adeligen sprach ebenfalls von den Choden. »Arme Schlucker!« meinte Graf Vratislav. »Sie sind betrogen worden. – Dieser Wiener Prokurator ist ein Spitzbube,« meinte Graf Kolovrat. »Das Blaue vom Himmel hat er ihnen versprochen. Kein Wunder, dass sie dann so felsenfest von ihrem Rechte überzeugt waren.« »Wie ich bereits erwähnte: wir werden den Kreishauptmann ersuchen, er möge uns die Štraus'schen Briefe verschaffen,« sprach der Präsident. »Einer von ihnen hat sich auch auf ihren neuen Advokaten berufen, der von ihrem Rechte ebenfalls überzeugt sein soll,« bemerkte mit einem Lächeln Herr Asterle von Astfeld. »Mit Verlaub,« und Doktor Paroubek wendete sich dabei an die Adeligen. »Ich kenne ihn sehr gut. Es ist Blasius Tunkl von Brničko –« Doktor Paroubek lächelte. »Ah! – der Herr Tunkl!« rief Graf Vratislav. »Also auch solche Prozesse übernimmt er schon!« »Und was denn erst, wie er sie führt! Armer Chodenbeutel!« Es war Doktor Paroubek, der diesen Ausdruck des Bedauerns fallen liess. Er blinzelte dabei so sonderbar mit den Augen, dass keiner von den gestrengen Herren in den ernsten Allonge-Perücken sich des Lachens zu erwehren vermochte. XIX Lamminger von Albenreuth empfing sofort und bereitwilligst in seiner Wohnung im Lobkowiczschen Palais seinen Advokaten, als er sich nachmittags bei ihm anmelden liess. Der Freiherr hörte dem Berichte über die heutige Verhandlung eifrig zu und unterbrach die Rede seines Rechtsfreundes fast gar nicht. Als der Advokat zu Ende gesprochen, erhob sich Lamminger und sagte rasch entschlossen: »Ich werde sofort einen Boten auf die Herrschaft senden, damit man dort die Štraus'schen Briefe ausfindig mache und ausfolgen lasse. Im Wege der Kreishauptmannschaft würde es zu lange dauern und diese Bauernbengel würden sie noch betrügen. Auf diese Art überraschen wir sie und das Gericht wird bald eine genaue Kenntnis von diesen Revolten haben.« Lammingers Vertreter war vollkommen einverstanden. Nach einer Weile ritt aus dem Lobkowicz'schen Palais ein Kurier mit einem plötzlichen Befehle des Herrn zum Kauther Verwalter Koš. Am nächsten Tage, Samstag, waren die Choden bei keinem Verhöre, da das Appellations-Gericht an diesem Tage, sowie Sonntag und Mittwoch nie tagte. Montag war wieder Einzelverhör; doch waren immer nur die vorgefallenen Chodenunruhen Gegenstand der Untersuchung. Dienstag wurden wider Erwarten alle auf einmal vor das Gericht geladen und der Präsident sprach ihnen hier ernst und eindringlich zu Gemüte. Es habe sich herausgestellt, dass sie alle in grober Weise ihre Untertanenpflichten verletzt haben, es habe jedoch den Anschein, als wären sie dazu verleitet worden, indem sie, was wohl nachweisbar sein dürfte, getäuscht wurden. Dieser Umstand wäre allein geeignet ihre Strafe zu vermindern. »Aber unsere Rechte, hochgeborener Herr!« rief Kozina. Der alte Hruby fuhr mit der Hand unter die Tuchweste. »Ach da seid ihr alle von einem Irrtum befangen,« antwortete der Präsident strenge. »Euere Rechte standen wohl einst in Geltung – aber, wie ihr selber wisset, wurden sie vor Jahren aufgehoben und für ungültig erklärt.« »Wozu war aber dann diese Kommission in Wien,« verteidigte sich Kozina, »wenn unsere Rechte schon ungültig waren?« »Und wir haben sie noch! Und gerade die besten!« rief Hruby und zog unter der Tuchweste die Pergamentrollen, welche seine Schwester, Kozinas Mutter, gerettet hatte, hervor. »Zeige her!« rief einer der Beisitzer. Die Urkunden wanderten von Hand zu Hand. »Echt sind sie, aber ihre Gültigkeit ist aufgehoben!« sprach der Präsident. »Damit ihr euch länger nicht täuschet –« Ein Aufschrei ertönte unter den Choden und der alte Christoph Hruby war wie ein Jüngling mit einem raschen Sprung beim Gerichtstische, wo Doktor Paroubek auf des Präsidenten Wink mit einer langen Schere die rotweissen Petschaftschnüre beider Urkunden auf einmal zerschnitt und schon – es war im Nu – fuhr die Schere auch in das Pergament hinein. Die Choden waren wie vom Donner gerührt. Schweigsam, wie stumm, standen sie hier, keines Wortes fähig. Der alte Hruby zitterte. Im Gerichtssaale herrschte tiefe, drückende Stille. Nicht ohne Teilnahme betrachteten die Mitglieder des Appellationsgerichtes die durch die Vernichtung ihrer letzten Privilegien bestürzten und tief erschütterten Choden, namentlich den weisshaarigen Christoph Hruby, einen Greis von ernster Gestalt, dem die Tränen über die faltenreichen Wangen rannen. Der erste, der seine Fassung wieder gewann, war Syka. »Löblicher Appellations-Gerichtshof!« hob er an. »Wir sind unschuldig, wir haben dem Herrn Lomikar nichts getan. Wegen Handlungen, deren er uns beschuldigte, unsere alten königliche Majestätsbriefe hier zu vernichten –« »Schweige!« rief ihm der Präsident zu. »So begreifet doch endlich, deswegen geschah es nicht. Wegen euerer Handlungen werdet ihr anders gerichtet und gestraft werden. Diese Pergamente haben schon damals, als euch das perpetuum silentium, von dem ihr wohl wisset, publiziert wurde, ihre Rechtskraft eingebüsst. Was einst war, daran dürft ihr nicht mehr denken. Dafür können wir nicht. Bei euch dort kommen aber die Leute noch immer nicht ihrer Pflicht nach und leisten keine Robotdienste. Entsendet lieber einige von euch nach Hause – von uns habt ihr die Genehmigung dazu – damit die Leute erfahren, wie die Sachen hier stehen, und damit euere Landsleute in der Erwartung, dass sie die Freiheit wieder erlangen werden, nicht noch ärgere Übeltaten verüben. Lasset ihnen sagen, sie mögen sich auf nichts mehr verlassen und nichts mehr erwarten, sie mögen der Obrigkeit ordentlich Gehorsam leisten, widrigenfalls man sie für Rebellen halten wird – und was dies bedeutet, wisst ihr vielleicht selbst!« – Niedergeschlagen kehrten die Choden, ohne ein Wort zu sagen, in ihr Gasthaus zurück. Den alten Hrubý hatten die Ereignisse des Tages derart angegriffen, dass Syka den Greis unterwegs stützen musste. Als sie allein waren, berieten sie, was nun zu tun wäre. Darin waren alle einig, es sei ein grosser Fehler, dass ihr Prokurator ihnen von Wien noch nicht nachgekommen war. Jetzt wäre sein Rat am meisten von nöten. Drei sollten in den Chodengau heimkehren, um das Vorgefallene zu melden. Syka übernahm diese Mission; Pajdar aus Putzeried und Brychta von Possigkau meldeten sich ebenfalls. Er setzte es jetzt auseinander, warum er so getan. »In Prag bleibe ich nicht. Man kommt da aus der Galle gar nicht heraus – überall lauter Gaunerei – nach Hause gehe ich aber auch nicht. Soll ich heimkehren und sagen: Bauern, mit der Herrlichkeit der herrschaftlichen Peitsche ist es nicht aus, geht hin auf das Schloss und küsst sie dort – jetzt wird sie wieder aufleben, und wie aufleben! Nein, ich gehe nicht – doch wisst ihr was – ich gehe dem Prokurator entgegen.« »Und wir mit dir!« rief Pajdar, dem dieser Einfall gefiel. Auch Syka war dabei. Sofort traten alle drei die Reise an. Diesen und den nächtsfolgenden Tag, einen Mittwoch, an dem keine Sitzung war, verbrachten die Choden voll Unruhe, Spannung und Erwartung. Kozina litt es nirgends. Er ging in der Stube auf und ab, blickte jeden Augenblick zum Fenster hinaus, trat zeitweise auf die Gasse, kehrte aber immer wieder unbefriedigt in die Ecke zurück, wo auf dem Bette der ein wenig unpässlich gewordene alte Onkel Hrubý ruhte, ohne sich entkleidet zu haben. Der Prokurator Tunkl kam nicht. Man hoffte, er werde bis zum morgigen Tage doch eintreffen, man werde sich mit ihm beraten – aber der Donnerstag brach an, es kam die Gerichtsstunde und die Choden begaben sich abermals allein auf den Hradčin und in die Gerichtsstube. Sofort fiel es Kozina auf, dass alle Richter sie mit strengeren und finstereren Blicken messen als sonst. Er wollte – so hatte er es sich früher vorgenommen – die Bitte vorbringen, man möge dem alten Onkel, den das lange Stehen anstrengte und der nur mit Not herzukommen vermochte, die Erlaubnis erteilen, sich niedersetzen zu dürfen, doch mangelte es an der nötigen Zeit, um diese Bitte vorbringen zu können. Die Verhandlung begann nämlich ohne Verzug. Vorerst stellte der Präsident die Frage, ob sie Boten heimgesendet haben. Sie bejahten es, obwohl es eine Lüge war. »Es ist so gut, doch dürfte es schon zu spät sein. Euere Landsleute haben keine Vernunft. Also müsset ihr sie haben. Bezüglich der alten Rechte wisst ihr, woran ihr seid. Darum gehorchet wieder und zum Zeichen des Gehorsams leistet dem hochgeborenen Herrn Lamminger, euerer gesetzlichen Obrigkeit, den Untertaneneid und das Gelübde des Gehorsams –« »Hoher Gerichtshof! Das können wir nicht!« rief Kozina. »Wir haben keine Vollmacht!« setzte Ecl Ètverák hinzu. »Allein können und dürfen wir dies nicht tun!« »Geruhen die hochgeborenen Herren uns eine Frist gewähren!« liess sich der alte Hruby mit matter Stimme vernehmen. »Bis ihr euch zu Hause beraten habt, nicht wahr?« fragte der Präsident ironisch. »Nun, das würde noch fehlen. Soeben überbrachte ein Kurier die Nachricht, dass die Choden sich mit den Waffen in der Hand erhoben, den Burggrafen des Herrn von Albenreuth gefangen genommen und ihn höchst wahrscheinlich bereits ermordet haben dürften. Und da sollen wir euch noch nach Hause entlassen! Wenn ihr wollt, schwöret und ihr werdet eueren Landsleuten ein gutes Beispiel geben und mithelfen das Gewitter zu verscheuchen. Wenn nicht, so seid ihr selbst Rebellen. Wollt ihr schwören?« »Gnädiger Herr!« rief der alte Hrubý. »Ich stehe über dem Grabe – geruhen uns, Euer Gnaden, wenigstens eine Bedenkzeit gewähren –« »Es ist unmöglich. Werdet ihr schwören?« »Wir können es nicht!« antwortete Kozina fest. »Wir haben nichts verbrochen, unsere Rechte stehen in Geltung.« Wieder trat Stille ein. Die überraschten Richter sahen den jungen Mann an. »Und ihr übrigen, seid ihr mit ihm einverstanden? Werdet ihr schwören?« »Wir können nicht,« antworteten dumpf, aber ernst sieben Chodenstimmen. Der Präsident winkte mit der Hand. Der Mann in dem roten Rocke gab den Choden das Zeichen sich zu entfernen. Als sie draussen den Gang betraten, erblickten sie zehn kaiserliche Musketiere und einen Offizier, der den Choden zurief: »Ihr geht mit uns!« – In den vom Hradčin zum Neustädter Rathaus führenden Gassen blieben die Leute stehen, um den ungewöhnlichen Zug zu beobachten. Sieben Bauern, zumeist grosse und stattliche Erscheinungen in weissen Scherkenröcken, schweren, schwarzen breitkrempigen Hüten schritten in der Mitte einer Abteilung Musketiere. Hinten trug ein Soldat sieben schwere, eichene Čakanen, die man den Choden in ihrem Gasthause, wo man behufs Ausfolgung der Bündel der Gefangenen Halt machte, abgenommen hatte. Neugierig betrachteten die Prager diese sonderbaren ›Verbrecher‹, vor allen aber den weisshaarigen, von einem jungen Choden unter dem Arme gestützten Greis. Die Leute deuteten auf sie mit den Fingern, auf ihre Čakanen, Scherken und auf die roten Bänder, die vom weissen Rocke des jungen Choden durch die Luft wehten. Die Choden sprachen nicht ein Wort. Nur vorhin, als sie vom Hradčin hinabstiegen, frug einer den anderen erregt, ob sie wohl gut gehört haben, dass die Choden im Aufruhr seien. Und keiner hat es überhört, denn jeder konnte mit den Worten des Meigelshofer Erbrichters sagen: »Jawohl – ich habe es gut gehört, wie es dieser Herr beim Gerichte gesagt hat.« »Ach Gott! Was wird das wieder sein!« klagte Hrubý. »Das ist sicherlich wieder Přibek!« sprach Kozina düster – und Weib und Kinder fielen ihm ein. So war dem auch später, als man sie in den Hausflur des Neustädter Rathauses und bald darauf in das finstere Gefängnis abführte. »Nun, Gott befohlen! Lebet wohl!« seufzte der alte Hrubý, als er die Schwelle dieser unseligen Stätte überschritten hatte. Es war dies ein Scheidegruss für Licht und Welt, als würde er jede Hoffnung auf ein Wiedersehen aufgegeben haben. Schwach und müde sank er auf die Holzpritsche hin, die ihm als Bett, Tisch und Stuhl dienen sollte. Noch ein Seufzer entrang sich seiner Brust. »Dies ist also unser Geschick für alles! Wie geht es aber zu Hause zu – wie geht es dort zu!« Und das war der traurigste Gedanke ihrer aller, namentlich aber jener Kozinas.   Am Nachmittage des folgenden Tages näherte sich Prag ein mit zwei stattlichen Braunen bespannter Wagen. Er fiel dadurch auf, dass der Kutscher am Bock die Tauser Chodentracht trug. Als er in die Nähe des Poricer Tores kam, hielt er plötzlich und es entstiegen ihm der Putzerieder Pajdar, Brychta aus Possigkau und der »Prokurator« Syka. Zu ihnen, die am Wagenschlag standen, neigte sich aus dem Wagen ein schwarz gekleideter Herr, mit vollen hochgeröteten Wangen, die von einer grossen, bis auf die Schultern herabwallenden, dichtlockigen Perücke umrahmt waren. Seine weisse, fleischige Hand war auf die Wagentür gestützt und man sah auf dem Mittelfinger den Glanz eines Edelsteines. Der hochgeborene Herr Blasius Tunkl von Brnicko, dem die drei Choden unterwegs begegnet waren, blinzelte mit den fleischigen Lidern, unter denen klug schwarze Äuglein glänzten, und erklärte in beredter Weise den Choden, warum er sie hier zum Aussteigen bewogen habe und warum er allein in die Stadt fahren wolle. Er sprach so hastig, dass man ihm kaum folgen konnte. Gleichzeitig reichte er auch schon mit einem süssen Lächeln den Choden die Hand und teilte ihnen mit, wo sie ihn morgen treffen können. »Behüte euch Gott, Leutchen, lebet wohl, schlafet euch gut aus und lasst euch das Nachtmal gut munden und schlafet ganz unbesorgt – alles wird gut werden, ausgezeichnet, sehr gut, ich bin ja vorzüglich vorbereitet! Das kenne ich ja alles. Also lebet wohl, gute Nacht!« Aus dem Wagen noch winkte ihnen Herr Blasius Tunkl mit seiner feisten, weissen Hand, an der der Ringstein im Sonnenschein hell erstrahlte. »Wie gesagt – der gefällt mir nicht,« sprach Syka, dem langsam zum Stadttore sich nähernden Wagen nachblickend. »Er verlangt ja aber auch fortwährend nur Geld!« meinte Pajdar. »Reisegeld, dann wieder für den Wagen –« Unterdessen langten sie beim Poříčer Tor an. Ein grosser Lärm und die Menge Menschen, die sich hier angesammelt hatten, hiessen sie Halt machen. Mitte in der Menge bemerkten sie Tunkls Wagen. Die Soldaten im Tore hielten den Wagen an und forderten seinen Besitzer auf, er solle aussteigen. Er sträubte sich dagegen und liess noch im Wagen sitzend eine heftige Rede vom Stapel, die er mit der Frage schloss: »Wozu hält ihr mich an? Wisset ihr, wer wir sind? Ich bin ein Edelmann und Prokurator, Blasius Tunkl von Brníčko.« »Eben deswegen. Wir sollen Sie verhaften,« antwortete der Offizier kurz. »Sie sollen es, mein Herr, bedauern –« rief Tunkl ganz rot im Gesichte und wollte sich weiter wehren; zwei Soldaten griffen aber in den Wagen und zogen die verehrte Person des Advokaten, den sie direkt auf das Wachtzimmer führten, heraus. Die Leute lachten, lärmten, stellten Fragen, antworteten und suchten sich diesen ungewöhnlichen Vorfall zu erklären. Syka und seine Genossen hörten, wie man sich in der Menge erzählte: »Das ist der Prokurator dieser Tauser Bauern, der Choden, die gestern im Neustädter Rathaus eingesperrt wurden.« »Ich sah sie, wie man sie abführte –« »Hast du ihre Stöcke gesehen? Und diesen alten, der kaum die Füsse nachschleppte? –« »Habt ihr gehört? Unsere Leute sind eingesperrt! – Wir können nicht in die Stadt.« »Wir gehen geraden Weges fort –« Pajdar wendete sich bereits um. »Wartet –« rief Brychta, der den Hals ausstreckte. Nebenan sagte jemand: »Nun, wisst ihr es denn nicht? Sie wurden eingesperrt, weil sich die Bauern in der Tauser Gegend erhoben haben. Den Verwalter und einige herrschaftliche Beamten haben sie schon hingemordet.« Syka war wie vom Donner gerührt. »Das ist Matthias Přibeks Werk!« »Recht hat er! Und nun nach Hause!« sprach Brychta heftig. Die Augen funkelten ihm. »Matthias hat recht. Kommt, ich gehe, und ich werde mich Přibek anschliessen.« Syka, der ganz bestürzt war, sprach kein Wort und schüttelte nur sein dichtbehaartes Haupt. Bevor die Volksmenge beim Poricer Tore auseinander ging, waren die drei Choden, die die Verhaftung ihres Prokurators gesehen und die Nachricht von der Einkerkerung ihrer Genossen und dem allgemeinen Chodenaufstande vernommen hatten, verschwunden. XX Etwa eine Woche vor der Verhaftung des Advokaten Blasius Tunkl ging eines hellen, schönen Nachmittags die junge Kozina in den Garten hinter dem Wirtschaftsgebäude, um sich nach der gesprenkelten Bruthenne, die ihre Küchlein gerne auf das nahe dicht bestandene Kornfeld zu führen pflegte, umzusehen. Die kleine, der Mutter nachzappelnde Hanalka begann sich sofort mit den Blüten im Grase zu beschäftigen. Als die junge Hauswirtin so nach der Bruthenne Umschau hielt, fiel ihr Blick unwillkürlich nach der Richtung, wo die Stadt lag, und glitt sofort auf die von dort in das Dorf führende Strasse. In diesem Augenblicke hätte die gesprenkelte Bruthenne ihre Küchlein knapp unter den Füssen der Bäuerin in die dichteste Kornsaat führen können. Hančí dachte an etwas anderes als an sie. Selbst die Hanalka vergass sie. Sie blickte auf den aus der Stadt in ihre stille Gemeinde führenden Weg hin und bei diesem Anblick regte sich die Sehnsucht in ihr. Auf diesem Wege wird Jan heimkehren! Wenn er so jetzt eben kommen und dort zwischen den Getreidefeldern auftauchen würde. Und dies wäre möglich. Eine Woche ist schon verflossen, die zweite ist auch bald schon um, und er hat selbst gesagt, er werde binnen vierzehn Tagen heimkehren. O, wenn er doch käme, wenn er doch schon hier wäre! Wie traurig und öde ist es hier ohne ihn! Alles vermisst ihn, sie, die Kinder und die Wirtschaft. – Ob er wohl kommen wird? Sowohl die Mutter, als auch alle erfahrenen Nachbarn und alte Bauern versichern ihr, man könne ihn dort nicht zurückhalten. So stand Hančí da, in Gedanken versunken, fortwährend nur vor sich blickend und nur an den Mann denkend, ohne die Stimmen und den irgendwo vor dem Bauerngrunde entstandenen Lärm zu beachten – bis die Magd ganz ausser sich und atemlos ihr nachgelaufen kam und ihr zurief, sie möge nachsehen gehen. Schon beim Eintritte in den Bauernhof bemerkten sie durch das offene Tor einzelne zum Dorfe eilende Personen. Andere liefen zusammen und besprachen etwas laut. Bevor noch Hančí fragen konnte, was vorgefallen sei, trat auch die alte Kozina aus ihrem Ausgedinge heraus und gleichzeitig stürzte ein junger Bursche durch das Tor, abgehetzt, schweissbedeckt und atemlos. Sie erkannten ihn. Es war der Hirt vom Bauerngrunde des Onkels Hrubý aus Trasinau. Sobald er der Wirtin ansichtig wurde, begann er schon in abgerissenen Sätzen, so gut er eben nach dem wilden Lauf konnte, zu erzählen, dass heute gerade nach der Mittagsstunde die Herren aus Kauth angekommen seien. Inzwischen waren die Nachbarn in Kozinas Wirtschaftshof eingedrungen, um zu erfahren, was vorgefallen sei. Wie der Bursche weiter erzählte, waren es der Kauther Verwalter und der Burggraf, die mit Gewehren und sonstigen Waffen versehenen Jäger und die Heger gewesen; sie hätten bei ihnen die Tür, da dieselbe geschlossen war, gesprengt und alles oberst zu unterst gekehrt und auf das genaueste durchsucht. »Und was wollten sie?« »Ich weiss nicht – irgendwelche Schriften aus Wien –« »Und haben sie etwas gefunden?« »Etwas sollen sie mitgenommen haben –« »Und wohin sind sie gegangen?« »Ich weiss nicht – aber die Bäuerin hat mich geschickt, dass sie vielleicht auch zu euch kommen werden –« »Sie sind schon hier,« rief ein Bursche aus der Mitte der beim Tore versammelten Menge. »Ich hab' sie gesehen – zwei waren beritten –« »Und wo sind sie?« »Beim Syka.« »Die Diebe!« rief die alte Bäuerin. »Mutter, da kommen sie sicher auch zu uns!« rief Hančí erschreckt aus. »Sie sollen nur kommen! Schriften! Sieh' – sicherlich diese Briefe –« schrie die alte Chodin. »Und wie sie pfiffig sind! Sie kommen jetzt, wenn die Männer nicht zu Hause sind – Und dieser Kos, der Jan fast erschlagen hätte – Liebe Leutchen, nur Mut und habt keine Angst! Da könnte man jeden Augenblick über uns kommen und wir hätten nie Ruhe. Lasst sie's verkosten. Männer, wehrt euch und nehmt uns in Schutz.«. Da rief einer von den Männern: »Ihr Trasinauer! Hierher! Daher!« und er winkte heftig der eilig vorüberziehenden Gruppe von Männern zu. Sie blieben stehen; die Männer und Weiber, die sich in Kozinas Wirtschaftshofe versammelt hatten, gingen ihnen entgegen und dadurch sammelte sich draussen ein zahlreicher Haufen an. »Wo sind diese Diebe?« riefen die Trasinauer. Man sah es an ihren geröteten Wangen und flammenden Blicken, dass sie vor Wut zittern. Sie begannen das zu erzählen, was im Grunde bereits Hrubys Hirt mitgeteilt hatte. Dass nämlich der Verwalter Kos mit seiner Begleitung bei Hruby die Tür erbrochen und so lange herumgestöbert habe, bis sie die Briefe, um die es sich ihnen gehandelt hatte, gefunden. »Die Bäuerin hat gesagt, es wären etwa sechs Briefe gewesen und zwar vom Prokurator aus Wien, von diesem Just, und auch von unseren Leuten, als sie in Wien waren.« »Unsere Leute sind in Prag vor dem Gerichte,« rief ein anderer gereizt, »und Lomikar braucht diese Briefe – aber als Waffe gegen die Unserigen – verstanden? Darum holen wir uns sie!« »Beim Syka –« rief jemand; gleichzeitig erhob sich aber ein Geschrei: »Matthias! Matthias! Přibek!« Der lange Chode tauchte in der Tat zwischen den Gebäuden auf und näherte sich langen ernsten Schrittes der bei Kozinas Wirtschaftsgrund fast am Dorfausgange versammelten Volksmenge. »Hast du schon gehört?« riefen ihm die Einheimischen und Trasinauer zu. »Jawohl – sie haben euch die Briefe genommen und jetzt sind sie bei Syka. Was wollt ihr?« »Die Schriften zurück – wir lassen sie ihnen nicht!« schrien die Männer. Das ernste finstere Antlitz Přibeks durchblitzte ein Strahl der Zufriedenheit. »Jawohl – nun ich hab' mir's auch gedacht. Hier werden sie kommen. Weiber und Kinder fort!« rief er gebieterisch. »Und ihr, Männer, rasch Čakane und Prügel her.« Die einheimischen Männer und Bauernsöhne, die nur so aus den Gebäuden herausgeeilt waren, leisteten seiner Aufforderung sofort Folge und eilten um die Waffe, mit der sie im Augenblicke zurückkehrten. Die Trasinauer waren alle mit der Čakane bewaffnet. Hančí eilte mit Hanálka in den Hof und suchte den kleinen Paul, um ihn in ihrer Nähe zu haben. Die alte Kozina blieb im Tore stehen. Der Verwalter Koš, der bei Syka ebenfalls – jedoch mit geringerem Erfolge als in Trasinau – nach den Briefen von Štraus, Just und der ersten Wiener Deputation fahndete, wunderte sich, dass der Lärm beim Gemeindehause so auffallend verstummt war. Vorher, als sie ankamen, waren die Leute wie ein Schwarm von Fliegen herbeigelaufen und jetzt, als er mit einem einzigen Briefe, seiner ganzen Beute, heraustrat, um den Heimweg anzutreten, sah er ausser einigen erschrockenen Bäuerinnen und dem Gesinde niemanden. Er und der Burggraf von Kauth bestiegen die Pferde. Vier Jäger schritten mit langen Gewehren voran, die übrigen mit den Hegern bildeten die Seiten- und Nachhut. Die Briefe, die er in Trasinau und hier gefunden, verbarg er gut unter seinem dunkelblauen Rocke. Ruhe war um sie – aber tiefer unten, in der Richtung gegen die Stadt, wohin sie den Weg einschlugen, hörte man am Dorfende einen dumpfen Lärm. »Sie werden uns doch nicht auflauern?« sprach der Burggraf zu Kos. Dieser lächelte verächtlich und sagte: »Ich glaube nicht, dass sie so töricht wären. Sie wissen doch, was ein Gewehr ist – « Im selben Momente schlug aber ein fürchterliches Geschrei an ihr Ohr. Sie hielten die Pferde an, die Jäger standen stille. Vor ihnen stand am Wege eine Schar Choden aus Aujezdl und Trasinau, alle mit Čakanen oder Prügeln bewaffnet – an ihrer Spitze Matthias Přibek mit seiner wuchtigen Čakane in der Hand. Rechts und links tauchten zwischen den Gebäuden ebenfalls zahlreiche Čakanen auf, deren Beschläge im Sonnenschein blitzten. Das herrschaftliche Gesinde blieb vor der Übermacht der erzürnten Männer stehen. Das wilde Geschrei, mit dem Kos und seine Begleitung empfangen wurden, flösste dem alten Soldaten nicht Furcht ein. »Was wollt ihr, Bauern,« rief er, »lasst uns gehen!« »Die Schriften! Die Briefe her! Diebe!« brauste es als Antwort auf seinen Befehlsruf durch den wilden Lärm. Dem Verwalter wurde es klar, dass er im Guten von hier nicht abziehen könne. Sie wollen ihn ziehen lassen, wenn er die Briefe ausfolgt. Das wollte er aber nicht, denn er hatte den raschen und eindringlichen Befehl vor Augen, so rasch als nur möglich und um jeden Preis die Briefe aus Wien zu verschaffen. »Jäger, schiesset!« kommandierte er laut und riss rasch den Degen aus der Scheide. Bevor jedoch die Jäger anschlagen konnten, stürzte Matthias Přibek und mit ihm die Choden auf dieselben los. Es fiel ein Schuss – aber auch kein einziger mehr. Kos sah die fürchterliche Masse, die von allen Seiten über sein Geleite herfiel. Er wollte sich wehren und durchschlagen – Přibek und noch einige stürzten jedoch auf den neben Kos sitzenden Burggrafen. Im Nu war er vom Pferde und als der Verwalter sah, dass keine Rettung mehr zu erwarten sei, machte er mit dem Pferde kehrt und wütend es anspornend, galoppierte er vorgebeugt über die Leiber seiner gestürzten Jäger und jener der Choden in das Dorf zurück. Er hörte das wilde Geschrei hinter sich, hörte, wie man ihm nachjagte; Steine hagelten wie Schlossen auf ihn nieder und sausten an seinem Ohre vorbei. Ohne dies jedoch zu beachten, raste er durch das Dorf zurück, den Weg in das nahe Chodenschloss einschlagend. Auf dem Schlachtfelde war es bereits ruhiger geworden. Přibek erteilte, wie ein Kommandant, kurz und scharf Befehle. Die den überwältigten Jägern abgenommenen Gewehre liess er fortschaffen; vom Burggrafen, der an der Spitze der gefangenen Jäger stand, forderte er die Herausgabe der abgenommenen Briefe. Nachdem der Burggraf hoch und heilig geschworen hatte, keine Schriften zu besitzen, liess er ihn untersuchen. Man fand jedoch keine Spur von Papier bei ihm. »Was jetzt?« fragte halblaut einer von den Trasinauern Matthias Přibek. »Was jetzt?« antwortete Matthias ruhig. »Diese hier« – und er deutete auf die Jäger – »die lassen wir laufen, die Flinten werden aber hier bleiben, und den Burggrafen behalten wir hier solange, bis man uns die Schriften ausfolgt.« Unterdessen kehrten die den Koš verfolgenden Burschen unverrichteter Dinge zurück mit der Meldung, wohin er geflohen sei. »Auch recht. Es geschieht, wie ich gesagt.« Die Jäger und Heger wurden freigelassen, der Burggraf wurde jedoch als Geissel in Přibeks Bauernhof abgeführt – Etwa eine Stunde später entsendete der Verwalter Koš heimlich aus der Burg zu Chodenschloss einen verlässlichen Knecht, dem er die geraubten Briefe übergab, nebst einem Berichte über das in Aujezdl Vorgefallene, und wie er selbst mit knapper Lebensgefahr den Händen der bis zur Wut erzürnten Choden entronnen sei. Der Bote eilte auf Feldwegen nach Kauth, wo bereits ein berittener Bote seiner harrte, und dieser ritt sofort mit den Briefen und einem übertriebenen Berichte nach Pilsen und zu Herrn Lamminger nach Prag. Koš selbst wagte es an diesem Tage nicht mehr nach Kauth zu kommen, da er mit Recht befürchtete, dass ihm die Choden auflauern werden. – – Hančí Kozina verweilte während der ganzen Zeit, die Kinder umschlungen haltend, in der grossen Stube. Sie gewann auch dann nicht die Ruhe, als der Sturm draussen austobte und es auf dem Dorfplatze wieder still wurde. Sie dachte daran, wie ihr Mann stets mit Unwillen von den früher im Chodengau vorgefallenen Unruhen und Raufereien sprach. Was würde er wohl nun sagen, wenn er dies sehen würde? Ob ihnen wohl der heutige Kampf nicht in Prag Schaden bringen wird? Was wird die Folge davon sein? – –   Bis zu dieser Begebenheit gedachte man in Aujezdl, wie überall im Chodenland, oft, ja sehr oft, der Prager Boten, wie es ihnen wohl ergehe. Nachrichten erwartete man von ihnen keine, weil man als sicher annahm, dass der Prozess in vierzehn Tagen beendet sein dürfte und die Gesandten alsbald heimkehren werden. Jetzt sprach man überall nur darüber, wie es Koš und seinem Geleite in Aujezdl erging. Man sah darin weder in Aujezdl noch in einem anderen Chodendorfe etwas Strafbares. Sie haben sich ja bloss gegen die Gewalt gewehrt und mit Recht die Rückgabe der ihnen geraubten Briefe gefordert. Überall erwartete man jedoch, dass Lamminger, nachdem er von dem Vorfalle Kenntnis erhält, sich rächen werde. Doch ihn selbst fürchtete man in Aujezdl und Trasinau nicht allzusehr. Die Choden hofften auf den Sieg ihrer gerechten Sache in Prag, und dann – Herrn Lomikar geht es in Prag sicherlich schlimm. Warum sollte er es sonst auf diese Briefe abgesehen haben? Seine Herrschaft wird ja bald ein Ende finden. Doch die Vorsichtigeren meinten, er werde sicher noch vor der Prager Entscheidung kommen, um Rache zu nehmen. »Er soll nur kommen!« pflegte auf eine solche Sprache Přibek zu antworten. »Wir werden uns verteidigen. Das gibt's jetzt nicht mehr, dass er uns prügle und wir dazu schweigen. Ich habe zwar dem Syka und Kozina mit Handschlag gelobt, zu schweigen – doch wer hat angefangen?« Und so schlug es Matthias Přibek rundweg ab, als am dritten Tage aus Kauth ein Bote des Koš mit der Aufforderung ankam, man möge den Burggrafen freilassen. »Bringst du die gestohlenen Briefe zurück?« fragte Přibek. »Die hat der Herr Verwalter bereits nach Prag geschickt,« antwortete der Bote. »Was willst du also noch?« fuhr ihn der riesengrosse Chode an. Der Bote überbrachte im Namen des Verwalters die Drohung, man werde also den Burggrafen mit – Soldaten abholen. »Nur zu!« sagte er und dies war seine ganze Rede. Die dem Boten des Verwalters in Gegenwart der Aujezdler Dorfältesten erteilte Antwort gefiel überall, denn man war über die neue Gewalttat des gehassten Lamminger nicht nur in Aujezdl und Trasinau, sondern im ganzen Chodengau empört. Přibek hatte die Drohung durchaus nicht eingeschüchtert, nichtsdestoweniger war er vorsichtig. Über seinen Antrag wurden in alle Chodendörfer Boten mit der Nachricht von der Drohung des Koš entsendet und wurden die Choden gleichzeitig ermahnt, auf der Hut und stets bereit zu sein, sich gegenseitig zu helfen, wenn es irgendwo losgehen sollte. In Aujezdl selbst und in Trasinau wurden die Nachtwachen vermehrt; auch während des Tages passten einige Burschen auf den Anhöhen und auf den namentlich in der Richtung gegen die Stadt, woher ein Überfall am wahrscheinlichsten zu erwarten war, gelegenen Feldern auf. Es waren helle Tage, die Sonne schien und in ihrer Glut reifte das prachtvoll stehende Getreide zusehends. In Aujezdl herrschte jedoch nicht das zu dieser Zeit gewohnte Leben. Der Rest des noch verbliebenen heiteren Sinnes verschwand nun ganz. Jeder wurde ernst, manchen stiegen düstere Gedanken auf, alle fühlten, es sei ein Gewitter im Anzuge. Selbst Řehůřek Jiskra, der lustige Dudelsackpfeifer, vergass alle Spässe. Seine Sorge wuchs wegen des kleinen Georg. Er fürchtete um ihn und ums Weib. Oft gedachte er auch Kozinas und seiner Hanči. Wie denn, wenn so etwas losginge! Die Weiber sind allein zu Hause und der Hausherr – der liebe Gott weiss, was mit ihm in Prag geschieht! Jetzt wunderte er sich nicht mehr, dass Hanči wegen ihres Mannes so besorgt ist. Vierzehn Tage sind bereits verflossen, auch die dritte Woche, schon beginnt die vierte und von den Abgesandten hört man kein Wort. Sollte denn dieser Prozess so lange dauern? Und jetzt noch dieser Vorfall mit Kos! Fünf Tage sind seit diesen Zusammenstössen verstrichen und nirgends rührt sich was. Vielleicht kommt auch nichts mehr, vielleicht war es nur eine leere Drohung. So tröstete auch Jiskra am sechsten Tage sein Weib und den blinden Vater, mit dem er draussen vor der Chaluppe sass. Es war ein warmer Juliabend. Der Mond beleuchtete die ganze Gebirgsgegend schön. Dorla hitschte auf ihrem Schosse den kleinen Georg sanft zum Schlummer und horchte mit Freuden den tröstenden Worten ihres Mannes. Der blinde Greis schwieg jedoch und schüttelte, als wollte er nicht glauben, einigemal den Kopf. Ringsum überall Stille, nur vom Walde rauschte es dumpf herüber. Plötzlich tauchte über dem Dorfe auf dem Berge Hradek etwas Weisses auf. »Siehst du, Dorla, dorten auf dem Hradek?« »Wer ist das?« »Daniels Bolf. Er hält Wache.« »Wenn dies lieber nicht nötig wäre,« seufzte Dorla, die, als sie merkte, dass der kleine Georg eingeschlafen sei, aufstand, um ihn zu Bette zu legen. »Kommt schon heim –« lud sie die Männer ein. Sie gingen sodann bald zu Bette und schliefen bald ein. Die Julinacht wölbte sich majestätisch über dem Böhmerwaldgau. Der über die bewaldeten Bergabhänge seinen blassen Lichtschein ergiessende Mond glitt stille und gemächlich gegen Westen hin. Überall herrschte Stille, nur hie und da liess sich hinter dem Dorfe ein Hundegebelle und zeitweise der gedehnte Ruf der Wachen von den angrenzenden Höhen hören, auf denen die Scherken der Choden-Vedetten schimmerten. Der Morgenwind regte sich, im Osten, oberhalb des Schwarzen Waldes erschien ein blasser Himmelsstreifen. Um diese Zeit sprang Jiskra Řehúřek vom Bette und im Nu war er beim Fenster, wo jemand an den Fensterladen pochte und rief: »Aufstehen!« »Wer ist's? Was willst du?« fragte Jiskra den rücksichtslosen Ruhestörer barsch. »Stehe nur auf und eile. Das Militär ist im Anmarsch begriffen.« Die Stimme verstummte plötzlich und man vernahm eilig sich entfernende Schritte. »Jesus Maria!« rief Dorla im Bette aus und griff nach dem Kinde. XXI Diese Schreckensnachricht hatte schon in früher Morgendämmerung ganz Aujezdl aufgerüttelt. Da die Bewohner von Aujezdl sich bereits dem Glauben hingaben, der Verwalter von Kauth habe nur eine leere Drohung ausgestossen, war die Wirkung nun umso grösser. Es war nun klar, dass sich Kos auf diesen Schlag nur vorbereitet habe, damit dieser um so fühlbarer sei. Ein Glück noch, dass man auf Přibeks Rat bis zum letzten Augenblick eifrig Nachtwache hielt und auch ausserhalb des Dorfes Wachtposten hatte. So kam es, dass Konopniks Matthias, der die Felder durchstreifte, in der Richtung gegen die Stadt noch im Nachtdunkel den militärischen Hornsignalen ähnliche Töne vernahm; dies liess ihn nicht ruhen und er schritt näher, um sich Sicherheit zu verschaffen. Da begegnete er einem von der Stadt kommenden Menschen, der ihn benachrichtigte, es sei plötzlich in die Stadt Militär eingezogen, und treffe Vorbereitungen zum Weitermarsche. Kaum kam der Bursche mit dieser Nachricht ganz schweissbedeckt und atemlos in das Dorf gerannt, war schon ein zweiter Bote aus der Stadt da. Ein guter Freund hatte ihn heimlich nach Aujezdl gesendet mit der Aufforderung, man möge sich gehörig in acht nehmen, da das Militär im Anzüge sei. Niemand zweifelte mehr an der Wahrheit dieser traurigen Nachricht. Wie konnte man aber auch nur einen Augenblick glauben, Kos werde leere Drohungen ausstossen! Das wäre ja mit Lammingers Wesen unvereinbar, die Rache dafür aufzugeben, dass man sich um die Briefe hat nicht wollen berauben lassen. Sieh' nur – Militär bestellte er sich gegen sie, er lässt sie ausplündern und ihnen alles rauben, damit sie zahm und mürbe werden. Der erste Gedanke eines jeden war: Retten, was man retten kann. Die Weiber, welche die Schreckensnachricht am meisten ausser Fassung brachte, griffen unwillkürlich zu den Federbetten, Esswaren, Kleidern und Vorräten. Ihr Jammern und Geschrei hörte man von allen Seiten und überall: in den Stuben, in den Kammern, auf den Höfen und in den Ställen, wo sie das Vieh losbanden. Es trat ein schrecklicher Augenblick der Verwirrung und des Schreckens ein. Das ganze Dorf war auf; in den Gebäuden, zwischen denselben, auf dem Dorfplatze, überall sah man die Menschen umherlaufen und eilen, überall gab es ein Gewimmel, wie wenn ein Bienenschwarm zieht, und überall hörte man Lärm und Geschrei. Die aus tiefem Schlafe plötzlich aufgerüttelten Kinder weinten; dort jammert ein Weib, hier ringt eine halbblinde Greisin auf der Türschwelle die Hände. In das Jammern der Weiber mengt sich der Lärm und das befehlende Geschrei der Männer, das Wiehern der Pferde, das Gebrülle des Viehes, das Geklirre der Halfterketten, das Knirschen der Wagen, die von den halbangekleideten Burschen und Mädchen auf die Höfe oder vor die Gebäude herausgeführt werden. Dorten flieht man schon! Es sind diejenigen, die am wenigsten hatten, oder die der jähe Schreck am meisten verwirrt hatte. In den Händen und auf dem Rücken tragen sie Bündel. Hier führt ein kleiner Junge meckernde Ziegen, dort plagt sich ein Bursche mit einer scheuen und am Stricke zerrenden Kuh. Auf den Treibweg stürzte eine Schafherde; die Schafe rennen dem scheu gewordenen Widder nach. Vergebens ist das Geschrei und Gefluche des Hirten, sie verschwinden in den Staubwölken. »Zu den Hammern! Auf in den Wald zu den Hammern!« Wie eine Losung durchflog dieser Ruf das ganze Dorf, von Gebäude zu Gebäude, von Hof zu Hof erscholl er. Niemand fragte, von wem diese Parole ausgegeben wurde, ob sie gut sei, untersuchte man nicht; jedermann leistete ihr Folge und eilte in dem einzigen Bestreben, sobald als möglich schon dorten unter dem Berge Hrádek im schützenden Schatten jenes schwarzen Harzwaldes zu sein, der sich im grossen Streifen weit und breit fast bis zur Stadt bei Havlovic mit den Hammern und weiter bogenartig längs der Grenze hinzog und den Weg in das nahe Baiern sicherte. Am ruhigsten von allen war Matthias Přibek geblieben, er behielt seine Fassung vollkommen. Beim ersten Alarm sprang er aus dem Bette und kleidete sich sofort an. Sein alter, um diese Zeit nicht mehr schlafender Vater begann im Bette zu klagen, als er diese Nachricht vernahm. Matthias eilte jedoch, als hörte er nichts, hinaus, um die Tochter und das Gesinde zu wecken. Manka kam halbangekleidet aus der Kammer. Er erklärte ihr kurz, was der Lärm bedeute, und befahl, sie möge sich fluchtbereit machen, auf den Grossvater achten und Nahrungsmittel mitnehmen. Vor allen übrigen Befehlen schärfte er dem Viehtreiber ein, er möge sofort und so rasch als möglich mit der Nachricht, das Militär sei im Anzüge, nach Trasinau eilen und dort die Aufforderung zur Flucht überbringen. Die Männer und Burschen mögen, wenn noch möglich bewaffnet nach Aujezdl, sonst aber nach Hammern kommen. Hierauf erst ordnete Přibek dem Knechte an, die Pferde einzuspannen, auf den Wagen den alten Bauer und etwas Getreide aufzuladen, die übrigen mögen um das Vieh Sorge tragen. Alle diese Anordnungen traf er in so kurzer Zeit und so streng genau und klar, dass dem Gesinde gar keine Zeit übrig blieb erschreckt zu sein. Durch die Ruhe des Hausherrn angeeifert, verrichtete jeder die Vorkehrungen zur Flucht ohne die geringste Übereilung oder Verwirrung. Noch bevor sie die Arbeit ordentlich in Angriff nehmen konnten, warPřibek schon ausserhalb des Hofes. Er stand mit zwei Nachbarn hinter dem Dorfe auf dem Hügel und blickte in der Richtung gegen die Stadt und herunter gegen Havlovic zu. Es dämmerte und der ganze Gau ruhte noch. Durch das reich betaute, reifende Getreide wehte der Morgenwind und trieb mit den weissen Scherken der auslugenden Choden sein luftiges Spiel. Stille ringsumher, nirgends ein Laut, nichts rührte sich. Keine Spur vom Militär. »Sie sind noch in der Stadt, um sich auf uns zu stärken. – Nun, unterdessen können wir uns auch vorbereiten,« sprach Přibek am Rückwege zum Dorfe, aus dem man Lärm und Geschrei vernahm. »Jemanden lassen wir aber als Wache hier.« Nach seiner Rückkehr ging er langen Schrittes von Haus zu Haus durch das Dorf und rief den Leuten zu, sie mögen sich nicht so ängstigen, man sehe noch nirgends Militär, sie mögen also in Ordnung fliehen. »Und ihr, Männer, fliehet nicht. Bleibt bei mir! Wir werden sie aufhalten, damit die Unsrigen fliehen können, um von den Soldaten nicht gleich beim ersten Schritt wie Schafe hingemordet zu werden. Rasch, Burschen, frisch zu mir! Beweiset, dass wir noch echte und rechte Choden sind! Ergreifet die Čakanen, die Knüttel und wer Flinten hat, die Flinten!« »Flink, ihr Burschen, sputet euch!« So rief Matthias Přibek mit lauter Stimme. Sein sonst finsteres und ernstes Antlitz belebte sich ausserordentlich und strahlte vor Mut und Kampfeslust. Die Augen waren eine Flamme. Sein Schritt war überaus rasch und elastisch; seine Donnerstimme übertönte Lärm und Getöse und man hörte ganz deutlich, wie er zwischen den Gebäuden einherschreitend rief: »Frisch, Burschen! Zu mir her! Ergreift die Knüttel, Flinten!« »Frisch, Choden!« – Nur bei einem Gebäude blieb er nicht stehen; es war Kozinas Bauerngrund, wo es, wie er gut wusste, keinen Überfluss an Männern gab. Nicht nur keinen Überfluss, sondern es mangelte dort sogar an Männern. Der einzige Knecht genügte im Augenblicke der fürchterlichen Hast und Verwirrung umsoweniger, da die Hausfrau von der Angst wie gelähmt war. Nicht um sich, auch nicht um den Bauerngrund, aber um die Kinder war ihr zu tun. Als der erste Lärm entstand, erbleichte sie und das erste war: ein Sprung zu den Kindern. Sie umarmte Hanálka und den kleinen Paul an der Hand mitschleppend, flog sie heraus, bis sie im Hofe von Jans Mutter angehalten wurde. Die alte Bäuerin ärgerte sich sogar, dass Hanči so ängstlich sei; mit grosser Mühe bewog sie sie, dass sie sich besser zur Flucht vorbereite. Bebend, blass, gehorchte die junge Bäuerin, aber die Kinder liess sie auch nicht einen Moment aus den Augen. Bei Kozinas richtete sich jetzt alles nach dem Willen der Alten. Sie war die einzige, welche die Fassung nicht verloren hatte und sich durch Schrecken nicht beirren liess. An alles, was man mitnehmen konnte, dachte sie. Doch wohin damit? Wem soll sie es geben? Wo nur die Hände nehmen, um alles wegschleppen zu können? Hanči sorgte um Nahrung und Betten für die Kinder; die Bündel wurden vorbereitet; diese und die Kinder konnte sie selber tragen, aber was mit dem vielen Vieh? Die schaudernde Hanči drängte schon zur eiligen Flucht; die Alte wollte dagegen vieles retten und zögerte deswegen und suchte Hilfe. Wie konnte sie aber in diesem Augenblicke der allgemeinen Ratlosigkeit an die Liebe der Nachbarn appellieren? Da gibt es keinen Ausweg, als vieles zurückzulassen und es zu verschmerzen. Die Magd führte schon die schönsten Viehstücke heraus, Hanči war mit den Kindern im Tor, da kam zu denselben Jiskra Řehůřek, der zwei Bündel mit seinem besten Eigentum trug und zwei Ziegen führte. Ihm folgte Dorla, sein Weib mit dem Kinde; sie hielt den blinden Schwiegervater, welcher den Dudelsack und die Geige forttrug, an der Hand. »Wir kommen euch zu Hilfe!« rief Jiskra, »ihr seid ja ohnehin allein! Nur Geduld! Zittere doch nicht, Bäuerin! Keine Angst! Es ist noch Zeit!« Er übergab seine Last Dorla und half dem Knechte beim Einspannen. Das war eine grosse Erleichterung für Hanči und sie dankte auch laut den Helfern. Man merkte sofort überall die arbeitsamen Hände des Dudelsackpfeifers. Auf den Wagen wurden die notwendigsten Sachen aufgeladen, Betten und Essvorräte, auch etwas Geschirr, sodann wurde Jiskras blinder Vater hinaufgesetzt, zu dem noch Dorla mit dem kleinen Säugling, Hanálka und der kleine Paul kamen Als Hanči die Kinder in verlässlichen Händen sah, griff sie zu anderer Arbeit. Der Wagen fuhr langsam aus dem Hofe. Neben ihm schritt Hanči bei den Kühen und führte Jiskras Ziegen. Hinter dem Wagen folgte Jiskra und seine Helferin mit dem muhenden und brüllenden Vieh, das auf das traurige Geblöcke einiger losgebundener Schafe, die man nicht mehr mitnehmen konnte, seine Abschiedsantwort gab. Als ob die klagenden Schafe eine Ahnung davon hätten, dass sie die Beute raubsüchtiger Soldaten bilden sollen. Neben dem Wagen lief der alte Wolf einher; er bellte laut, blickte unverwandt nach den auf dem Wagen sitzenden Kindern und machte Versuche hinauf zu springen. Der alten Kozina verwehrten die vielen Sorgen und Arbeiten, sich der Trübsal hinzugeben. Als sie aber, wie gehetzt, ihre Heimstätte verliess, presste es ihr das Herz zusammen. Sie sah sich noch einmal nach dem Bauerngute und seinen Gebäuden um und hob unwillkürlich die Hand, wie zum Scheidegrusse oder als wollte sie ihr Heim segnen, damit es von Schaden und Vernichtung verschont bleibe. Lärm und Getöse begrüsste die Flüchtlinge. Überall gab es Lärm, überall Fliehende, Vieh und Wagen. Der Weg wimmelte von Flüchtlingen und genügte ihrem Ansturm mitunter gar nicht. Kozinas Wagen konnte einen Augenblick nicht weiter. Die Leute spornten einander durch Zurufe zur Eile an, die Hunde bellten, das Vieh scheute, die Pferde bäumten sich. Nur Schritt für Schritt kamen Kozinas und Jiskras im Gedränge vorwärts und erst hinten auf dem Dorfplatze hatten sie mehr Freiheit. Das Chodendorf war wie verändert. Es hatte den Anschein, als wenn die alten Zeiten zurückgekehrt wären. Siehe da, diese Schar von älteren Männern und Burschen! Und alle sind mit Knütteln und Čakanen, manche von ihnen auch mit langen und kurzen Büchsen bewaffnet. Zwei standen abseits und bewachten den herrschaftlichen Burggrafen, der auf Přibeks Geheisse mit gefesselten Händen hieher gebracht wurde, um als Bürgschaft in die Wälder mitgenommen zu werden. Der Herrschaftsbeamte war ganz blass vor Schrecken und fürchtete jeden Augenblick, dass ihn die erzürnten Bauern angreifen werden. »Das alles haben wir dir zu verdanken!« riefen sie ihm zu. »Und steckt das Militär nur eine einzige unserer Strohschauben in Brand, so wirst du, du Diener Lomikars, wie ein Tannenzapfen hängen!« Als die bewaffnete Chodenschar plötzlich in ein lärmendes Geschrei ausbrach, erzitterte der erschrockene Burggraf. Die Choden begrüssten ihren Führer Matthias Přibek, der einen Sprung in seinen Wirtschaftshof gemacht hatte und nun zurückkehrte. Diese Grüsse galten eigentlich mehr dem, was er mitbrachte. Es war der Fahnenstiel des uralten Chodenbanners, den Matthias damals bei dem Verhöre, als Lamminger ihre Privilegien verbrannte, rettete. Lange ruhte er, besser als früher geborgen, auf Přibeks Dachboden, bis er ihn jetzt in diesem entscheidenden Augenblicke, nachdem er die angebrochene Stelle fest umbunden hatte, herbrachte. Er trug aber keinen blossen Holzstiel, sondern die ganze Fahne. Es war eine schneeweisse Plache, die an dem mit zwei schwarzen Schleifen geschmückten Stiele befestigt wurde. Eine Fahne in den Chodenfarben, aber ohne Wappen, einfach, schlicht – und doch wurde sie von den Choden als das Zeichen ihrer einstigen Macht und ihres Ruhmes jubelnd begrüsst. – Es war ein Genuss, den letzten chodischen Fahnenträger von riesiger Gestalt zu sehen, wie er mit der im Morgenwinde lustig wehenden, voll entfalteten Fahne einherschritt. Kozinas fuhren eben vorbei und sahen noch, wie Přibek, nachdem er die Fahne einem der jungen Männer übergeben hatte, damit er sie halte, Befehle erteilte. Der Burggraf wurde in der Richtung geführt, welche alle Flüchtlinge eingeschlagen hatten. Einer von den Bauernsöhnen eilte abermals nach Trasinau, einige wurden vor das Dorf in der Richtung gegen die Stadt und gegen Havlovic ausgesendet, mit den übrigen verblieb sodann Matthias Přibek im Dorfe. Hier schlichtete er die Verwirrung unter den Fliehenden, führte Ordnung ein und trug dafür Sorge, damit alle zur rechten Zeit fortkommen und soviel als möglich retten. Er traf Anordnungen, gab Kommandobefehle und, wo es von nöten war, liess er seine Donnerstimme erschallen; die alte eichene Čakane der Familie Přibek glänzte in der Rechten, als er sie, die Richtungen andeutend und seine Befehle erteilend, in der Luft schwang. Alle gehorchten ihm auf das Wort, als wäre er ihr erwählter Führer. Der Strom der Fliehenden gewann hinter dem Dorfe an Bewegungsfreiheit. Er zerfloss dort auch, indem er sich gleichsam in zahlreiche Quellen und Bäche teilte. Es trachtete nämlich jeder den kürzesten Weg einzuschlagen und dazu reichten auch die Strasse und die Fussstege nicht aus. Die Flüchtlinge eilten die Aujezdler Anhöhe, den Abhang des Berges Hrádek, hinab. Am besten hatten es jene, die nur Bündel hatten; ärger ging es denen, die das Vieh mitführten. Hie und da riss sich eine Kuh oder ein Füllen los und rannten scheu über Wiesen und Ährenfelder. Die Leute achteten auch gar nicht mehr auf die Pfade. Die einen führte das Vieh, die anderen Hast und Eile in das dichte goldige Getreide, das plötzlich, wie unter der Sense zu Boden sank, wo es zertreten und vernichtet wurde. – – Im Osten schimmerte die Morgenröte, sodann schlug ein goldener, glänzender Flammenstreifen über den Wäldern auf, verbreitete sich allmählich am lichtblauen Firmamente, wo die vom Morgenpurpur geröteten Wölkchen schon verblassten oder aber wie echtes prunkendes Gold herrlich aufloderten. Als die Sonne aus dieser Glanz- und Lichtflut emporschnellte, waren die Aujezdler schon bei den Hammern angelangt, wo sie der dichte Wald in seinen Schutz nahm. Der Strom stockte hier, verstummte aber nicht, besonders als kurz darauf als Verstärkung ein zahlreicher Haufen der Trasinauer eintraf. Alle Männer waren bewaffnet. Im Walde entstand eine ausserordentliche Bewegung. Leute, die die Flucht auseinander trieb, fanden sich wieder, die Familien sahen sich nach geeigneten Orten um, die Kinder weinten, schrien, das an die Bäume gebundene Vieh brüllte oder es weidete im Waldnachwuchse. Am Waldesrande stand eine Reihe von Wagen, von denen die Alten, Kränklichen, Kinder, sowie alle Vorräte abgeladen wurden. Sowohl im Walde, als auch am Waldsaume lagerte noch tiefer Schatten. Die sonstige Gegend, die Anhöhen und Berge waren von goldigem Licht überflutet, welches auch am gegenüberliegenden Berge Hrádek die Waffen erschimmern machte. Es waren dies die in, der Morgensonne blitzenden Büchsen und Čakanen der Schar Přibeks. Alle Aujezdler standen bereits unter dem Schutze des dichten Waldes, nur jene Schar harrte noch dort über dem verlassenen und wie ausgestorbenen Dorfe aus. Doch siehe da! auch diese Schar steigt schon hinab; sie eilen in der Richtung gegen Hammern. Das Militär nahte. Přibek wich zurück, damit er mit seiner Schar nicht überflügelt werde. Es führte nämlich der Weg von der Stadt über Havlovic, knapp unter den Aujezdlern Anhöhen und dem Berge Hrádek, durch ein seichtes und ziemlich breites Tal, welches die obgenannten Anhöhen von den ihnen gegenüberliegenden Hammern und den Wäldern hinter Hammern trennte. Oben, irgendwo vor Aujezdl, ertönte eine Trompete und nachher Trommelwirbel. Der Morgenwind trug diese Töne durch die helle leuchtende Luft bis in das Tal. Das Militär war aber noch nicht sichtbar. Auf dem festen, ausgetrockneten, von Havlovic durch das Tal führenden Wege hörte man aber Hufeisen klirren und sah dort auch Waffen glänzen. Es war kaiserliche Reiterei, Kürassiere! Sie ritten in gestrecktem Galopp; als sie wahrnahmen, dass die Chodenschar, welche die Strasse rechtzeitig überschritten hatte, sich bereits Hammern nähere, machten sie halt. Sie verliessen aber nicht ganz die Strasse. Die Reiterschar teilte sich und ritt gegen die Anhöhen in einer Kolonne zu, die jemand, der von Hammern aus hinauf gegen Aujezdl zu hätte gelangen wollen, durchzubrechen kaum im stande gewesen wäre. Daran dachte jedoch auch niemand in diesem Augenblicke. Die Blicke aller Männer in Hammern und der Flüchtlinge am Rande des Waldes von Zelenov waren dorthin gerichtet. Auf der Aujezdler Anhöhe blitzten abermals Waffen. Es waren vom Fussvolk aufgestellte Posten. Das übrige Militär schlug im Dorfe, das man von Hammern aus nur teilweise sehen konnte, das Lager auf. »Die werden dort sauber wirtschaften! Es ist dort noch mehr als genug zurückgelassen worden und was sie nicht brauchen werden, das werden sie vernichten.« So dachten die Flüchtlinge und blickten in banger Erwartung nach dem Dorfe, ob dort nicht eine Rauchwolke emporsteigen und rote, ihre Behausung und ihr ganzes Vermögen vernichtende Flammen auflodern werden. Den überall hellblauen, wolkenlosen Himmel verdüsterte aber auch über Aujezdl kein Feuerqualm. Einige auf einer kleinen Anhöhe knapp am Walde oberhalb des Baches stehende Holzgebäude, das waren die einsamen verlassenen Hammern. Von hier aus bot sich eine weite Fernsicht sowohl auf Čerchov und die übrigen Riesen des oberpfälzischen Waldgebirges und des Böhmerwaldes, als auch rund herum auf das dichtbewaldete Hügelland. Die bewaffneten Choden aus Aujezdl und Trasinau, welche diesen Ort besetzt hatten, beobachteten bloss die ihnen gegenüber emporragenden Anhöhen und die von Kürassieren beherrschte Strasse. Jede Bewegung wurde von den Bauern genau beobachtet. Sie waren weder eingeschüchtert, noch hatten sie Furcht vor dem Militär. Zorn über die Handlungsweise Lammingers hatte ihr Blut in Wallung gebracht Das ist wieder sein Werk! Er lud sich seinen vertrauten Bekannten, den Kreishauptmann ein, damit er sie bestrafe und demütige. Und geht es nicht anders, also auf diese Art, sollten sie dabei auch um all' ihr Gut gebracht werden. Was liegt denn ihm daran, wenn er ihr Eigentum vernichtet und sie zu Bettlern macht! Wenn sie nur seine robotpflichtigen Leibeigenen sind! Und das strebt er jetzt an, jetzt, wo man bei Hofe selbst ihre Beschwerden, die man auf anderen Herrschaften gar nicht erheben darf, prüfen lässt. Mit Hilfe des Militärs will er sie einschüchtern, damit sie zum Kreuze kriechen und ihn selbst noch bitten. O, Herr Lomikar, das sollst Du an den Choden nicht erleben, selbst wenn Du auf sie stürmen und in sie hineinschiessen lässt. Du wirst dann die Verantwortung tragen! Sowohl für das Militär als auch für das vergossene Blut! Bei Hofe weiss man sicherlich nicht, was hier vorgeht. Warum sollte auch der Kaiser das Militär her senden?! Haben die Choden etwas verbrochen? Was haben sie sich zu Schulden kommen lassen? Dass sie sich von diesem verwünschten Koš nicht bestehlen lassen wollten? O wenn man nur in Wien wüsste, wie man sie behandelt, welch' blutige Robot und Abgaben Lomikar von ihnen widerrechtlich und trotz aller Majestätsbriefe eintreiben wollte und wie es nun das Militär von ihnen erzwingen soll! Nein, nein – wir fügen uns nicht, und sollte man uns alle dabei niederschiessen! So sprachen alle Choden, die sich auf dem Hofe eines Gebäudes in Hammern versammelt hatten. Es stand hier im Schatten eines alten Birnbaumes ein Brunnen mit Schwengel und Eimerstange und in seiner Nähe wurde die Chodenfahne in der Erde befestigt. Die um das Banner Versammelten waren alle über Lamminger höchst aufgebracht, alle fest entschlossen. Am meisten aber Matthias Přibek. Er sprach nicht viel und nickte nur zeitweise mit dem Kopfe, erst als es zur Beratung der zu treffenden Vorkehrungen kam, begann er zu sprechen. Er brachte derartige Anträge vor, dass sie allen einleuchteten und angenommen wurden. Vor allem wurden auf der ganzen Strecke aufwärts und abwärts von Hammern längs des Waldes Wachposten von je zwei und drei jungen Männern aufgestellt, damit jede Bewegung des Militärs genau beobachtet werde. Nach allen benachbarten Dörfern flogen auf den Waldstegen Boten mit dem Ersuchen, es mögen alle Männer sich bewaffnet einfinden. Ehe noch die Sonne zu glühen begann, traf eine Schar von etwa zwanzig alten und jungen Männern aus dem hinter dem Walde gelegenen Hochwartl ein. Noch vor der Mittagsstunde kamen Kämpfer von Tilmitschau und Medaken; die letzteren hatten den Weg in das Lager der Aujezdler Choden am meisten frei. Bald Nachmittag kamen gleichzeitig auf Umwegen über Wälder die Choden aus Possigkau und Klenč, vor ihnen trafen zwanzig Mann aus dem näher gelegenen Meigelshof ein. Matthias Přibek atmete auf. Seine einzige Befürchtung war, dass sie das Militär ohne Verzug angreifen werde. Einem solchen Schlage waren sie mit so geringen Kräften, über welche sie, als sie zeitlich früh in Hammern eintrafen, verfügten, nicht gewachsen. Jetzt aber, wo die Schar der Aujezdler und Trasinauer wuchs, wo sie noch vor der Mittagsstunde an zwei Hundert bewaffneter Männer zählten, schwand die finstere Wolke von seiner Stirne. Nachmittag zählten sie schon etwas über drei Hundert Mann und dazu gesellte sich noch ein Zuwachs. Vor Sonnenuntergang stellten sich noch die Bauern aus Kličov ein und unmittelbar darauf, als Přibek mit einigen Schoppen aus Hammern in den Wald ging, um das Lager zu besichtigen, ritten ihm einige mit Gewehren und auch sonst gut bewaffnete Reiter entgegen. Allen voran war der junge Serlovský, Mankas Bräutigam, der vom Pferde absass und den Schöppen meldete, dass die übrigen Putzerieder und Melhuter Bauern und Burschen, alle gut bewaffnet, noch heute eintreffen werden. Früher hätten sie nicht kommen können, da sie die Botschaft erst spät erhalten haben. Kaum hatte er zu Ende gesprochen, als schon seitwärts von Hammern Trompetenklänge ertönten und fast gleichzeitig meldete auch ein junger, vom Wachtposten hier eingetroffener Chode, dass ein kaiserlicher Offizier unter sie kommen und mit den Schöppen sprechen wolle. »Ei, was kann er wollen!« sprach Přibek. »Was denn sonst, als dass wir heimkehren und noch um Verzeihung bitten –« »Und dann in die Robot,« setzte der alte Brejcha von Possigkau spöttisch bei. »Ich glaube, wir sollten mit diesem Herrn Offizier gar nicht reden,« meinte Přibek. Die übrigen wollten aber nicht so abweisend handeln. Es wurde beschlossen, dass sie ihn zwar nicht zulassen, ihm dagegen selbst entgegen gehen werden. Alle gingen gut bewaffnet mit einem Geleite von circa zwanzig Burschen ein Stück vor Hammern auf eine Wiese, wo sie beim Choden-Wachposten der Offizier mit dem Trompeter erwartete. Er überbrachte ihnen im Namen des Kreishauptmannes Hora den Befehl, sie sollen vor allem den Burggrafen freilassen, sodann mögen sie, jeder in sein Dorf, auseinander gehen und ihrer gesetzlichen Obrigkeit folgsam sein. Das Geschrei der Choden liess ihn nicht ausreden. Mit grosser Mühe konnte er nur noch das Wort ergreifen, um ihnen nahe zu legen, dass sie gegen das Militär nichts ausrichten, umsonst Blut vergiessen und ihr ganzes Vermögen, das in Gefahr ist, auf das Spiel setzen werden. »Mit solchen Sachen kommen Sie uns nicht, Herr Offizier!« rief Přibek, dessen Antlitz sich rötete. »Wir wissen ja sehr gut, wer sie geschickt hat. Wir gehören unserem König, nicht aber dem Lomikar, und darum fürchten wir uns nicht, und sollten sie auch diesem Schinder helfen und uns erschlagen wollen. Wir werden uns also verteidigen!« Das zustimmende Geschrei und der Lärm der gesamten bewaffneten Schar war für den Offizier ein Beweis der allgemeinen Übereinstimmung. Er entfernte sich unverrichteter Dinge. Die Hauptmacht der Choden blieb in Hammern, das den ganzen Nachmittag befestigt wurde. Die übrige Mannschaft, namentlich die jüngere, bezog die auf die Nacht verstärkten und vermehrten Wachen. Einzelne verwegene Männer, die hier jedes Gesträuch kannten, wagten sich zur Beobachtung der Bewegungen des Militärs recht weit vor. Der Feind hatte Aujezdl besetzt und rührte sich nicht von dort. Man nahm nur, wie bei Tage, die auf der Anhöhe und auf dem Hrádek stehenden Wachposten wahr. Unten auf der Strasse setzten die Kürassierpatrouillen ihre Streifungen ebenfalls fort. Die Sommerdämmerung fiel auf die ganze Gegend und verdichtete sich immer mehr. Auf dem dunkelblauen Himmel glänzten die Sterne. Die Luft war lau und es herrschte tiefe Stille. Jeder Ton war in der Sommernacht klar und deutlich vernehmbar. Man hörte das Gestampfe der Kürassierpferde auf der harten Strasse und das dumpfe Gebrülle des Viehes aus dem Walde. Von Zeit zu Zeit ertönten die Rufe der militärischen und chodischen Wachen. Hinter Hammern lagen die Choden in ihre weisse Scherken gekleidet im Heidekraut und Moos am Saume des Waldes von Zelenov. Die Čakanen hatten sie neben sich gelegt, die Gewehre waren an Baumstämme gelehnt. Diese Männer bildeten eine lange Kette von Feldwachen, deren Hauptzweck der Schutz des Waldes und der Flüchtlinge war. Obzwar man an diesen Orten weder Angriffe noch Überfälle fürchten musste, schloss doch keiner von den Männern, die zu den Wachen gehörten, die Augen. Sie blickten entweder stumm zu den Aujezdler Anhöhen, oder sprachen ruhig mit gedämpfter Stimme mit einander. Aus der Waldestiefe ertönten jedoch verschiedenartige und laute Stimmen. Von dorten drang auch durch Gehölz und Dickicht der rote Schein der Lagerfeuer, um die sich die Flüchtlinge wie beim heimischen Herde zusammengeschart hatten: Familien, Verwandte, Fremde, wie es eben kam. Gemeinschaftliche Bedrängnis brachte alle einander näher. An diesem Tage des Zwangsaufenthaltes im Walde wurden zwischen Bäumen eine Menge Buden aus Reisig und Reisholz hergestellt. Sie sollten den Alten und Kindern als Zufluchtsstätten dienen. Im übrigen wurden die Lagerstätten einzeln zwischen den Bäumen zerstreut aus Laubstreu, geretteten Getreidesäcken und Federbetten bereitet. Neben den Lagerstätten lagen die Hunde, auf den Lagerstätten balgten sich die Kinder herum oder es sassen da gesenkten Hauptes die in stille Gebete versunkenen bestürzten Alten und Siechen. Das regste Leben war am alten »Brand«. Eine ausgerodete Stelle, wo Kohle gebrannt wurde, die alten Kohlenmeiler. Hier loderten die meisten Feuer und hier kamen auch die meisten Bäuerinnen zusammen. Sie kochten an den Feuern das einfache Nachtmahl, stillten oder schläferten die Kinder ein. Die grösseren Kinder tummelten sich, ohne den Ernst des Augenblickes zu begreifen, herum. Männer gab es hier wenige; die meisten waren in den Hammern oder auf der Wache. Nur diejenigen, die keinen Wachdienst hatten, kamen, um ihre Familie zu sehen und das Nachtmahl einzunehmen. Seitwärts sass unter einer grossen Buche bei mässigem Lagerfeuer der alte, weisshaarige Přibek, der Vater des Matthias. Sein Haupt war tief auf die Brust gesenkt. Er schien zu schlummern. Als jedoch in der Nähe unter Männertritten das Reisholz knisterte, hob er sofort den Kopf. Vor ihm hielt der Sohn Matthias, der ihm einen Gast, den jungen Serlovsky, zuführte. Der Greis erkannte Letzteren sofort und reichte dem Jüngling seine dürre Rechte. »Welch ein Wiedersehen, Bursche!« sprach er. »Nun, ich sagte es ja, dass dieser Chomet – Gott sei bei uns, damit es nur gut ausgehe! Nun wenigstens siehst du, wie es in alten Zeiten war, als unsere Väter bei Tag und Nacht in die Wälder gehen mussten. Es war auch nicht nur so leicht. Sie haben sich ihre Rechte redlich verdient – und jetzt –« »Und wo ist Manka?« fragte Matthias, den Vater unterbrechend. »Sie ist nach den Kühen schauen gegangen.« Inzwischen kamen hier einige Männer, die des Přibek wegen hergeeilt waren, zusammen. Die Männer nahmen mit dem Alten um das Feuer Platz. Man sprach vom Feinde, namentlich, dass er sie heute in Ruhe liess und auf sie nicht losschlug. »Nun, sie sahen wohl, dass wir zahlreicher sind als sie,« erklärte Přibek. »Und wie stark sind sie etwa?« »Höchstens gegen zwei Hundert Mann,« sagten die Burschen. »Wir sind mit den Putzeriedern zweimal so stark.« Alle glaubten dieser Aufklärung. Fest überzeugt, dass das Militär nur aus Rache durch Lammingers Zutun ohne Wissen des Hofes zur Ausplünderung ihrer Bauerngründe entsendet wurde, würden sie es kaum geglaubt haben, wenn man ihnen in diesem Augenblicke gesagt hätte, der Kreishauptmann habe von Prag die Weisung erhalten, jedes Blutvergiessen wo möglich zu vermeiden. – Als sich Matthias Přibek nach einer Weile erhob, um wieder vor den Wald, unter die Wachen und nach Hammern zu gehen, war der junge Šerlovský nicht mehr beim Lagerfeuer. Er verschwand, um Manka aufzusuchen. Tiefer im Walde war bei einer grasreichen Niederung das gesamte Vieh zusammengetrieben. Die Mägde und junge Burschen besorgten und bewachten es. Manka war eben am Rückwege zum Holzschlage und trug ein Gefäss mit frisch gemolkener Milch in der Hand, als sie Šerlovský begegnete. Sie selbst erkannte ihn schon früher trotz der Walddämmerung vom weiten im nebeligen Lichtscheine der Lagerfeuer. Das Milchgefäss rasch niederstellend, rief sie ihm freudig zu. Wie ein Hirsch war er mit einem Sprunge bei ihr. »Du bist schon da?!« »Jawohl, schon eine Weile, und ich suche dich auch schon eine Weile. Das hätte ich, Manka, nie gedacht, dass du die Nächte durchschwärmen wirst,« scherzte der Bursche. »Ich auch nicht – Gott beschütze uns! Was nur daraus noch werden soll!« »Was kann daraus werden? – Wir werden uns verteidigen –« »Ihr werdet euch doch nicht ergeben!« rief das Mädchen mutig. »Aber dieser Schaden überall! Gerade jetzt, vor der Ernte –« »Und unsere Hochzeit!« »Auch die,« seufzte das Mädchen, setzte aber sofort hinzu: »Nun wenn sie auch noch nicht ist, aber wenn nur alles schon zu einem guten Ende käme, damit dieser Lomikar schon ausgespielt hätte. Ich würde mich gerne bis zu Georgi, ja auch ein Jahr noch gedulden, wenn nur dieser – gleich möchte ich mit euch gehen und mitschiessen!« Sie näherten sich allmählich dem Holzhau »Brand«. Plötzlich hielten beide inne. In der Ferne, ohne Zweifel am Holzhau, entstand ein Geschrei und ein Lärm von Männerstimmen, die ein lautes Echo durch den schlummernden Forst trug. »Das sind die Unsrigen! Die Putzerieder und die Melhuter!« rief Šerlovský. Er irrte sich nicht. Als sie zum Lagerplatz kamen, sahen sie eine Schar zumeist mit Büchsen bewaffneter Männer in Mänteln oder nur Scherken. Es konnten ihrer etwa fünfzig sein, durchwegs stattliche Erscheinungen. Sie kamen soeben auf Waldumwegen zur Hilfe, nahmen um die Lagerfeuer Platz und wurden von den übrigen anwesenden Choden begrüsst. »Ich komme noch zum Feuer!« sprach der junge von Manka scheidende Šerlovský, als er den Weg zu seinen Landsleuten einschlug. Um diese Zeit besänftigte die am Rande der Lichtung unter alten Tannen sitzende junge Kozina die durch den Lärm der Putzerieder und Meigelshofer Choden aus dem Schlafe aufgerüttelte Hanálka. Der kleine Paul rührte sich auf seinem armseligen Lager gar nicht. Auch die unweit des Feuers ruhende Familie des Dudelsackpfeifers schlief fest. Nur Jiskra war irgendwo unter den Männern. Hančí, die das kleine Mädchen am Schosse schaukelte, sang ihm still ein Schlummerlied. Aber sie hätte weinen mögen bei diesem Gesange. Sie gedachte der früheren Zeiten, da sie mit dem Manne die Kinder zu Bette brachte und wie oft sie zusammen bei den schlafenden gesessen sind. Und jetzt – wie Zigeuner liegen sie in des Waldes Öde – doch auch das wäre nicht so arg – wäre nur er da! Wie gerne würde sie alles ertragen! Wo weilt er wohl und was macht er? Wann kehrt er heim? XXII Die erste Nacht war im öden Walde und bei den Wachen in gespannter Aufmerksamkeit verflossen. Das Militär rührte sich jedoch nicht und auch am zweiten Tage blieb es in der Stellung, die es gestern und in der Nacht inne hatte. Die Chodenwachen waren desto eifriger und aufmerksamer. Die Flüchtlinge fühlten sich im Walde leichter. Der grösste Schrecken wurde gestern in der Früh überwunden; die von allen gehegten Befürchtungen trafen auch nicht ein. Aujezdl stand noch immer. Lebensmittel hatte man auch noch genug, denn die mitgebrachten Vorräte hätten im Notfalle für einige Tage hingereicht. Es bewährte sich übrigens in dieser schweren Zeit auch die Nächstenliebe. Die Flüchtlinge unterstützten einander gegenseitig, und die Choden jenseits des Waldes in Hochwartl, Tilmitschau und Meigelshof vergassen ihrer auch nicht und trugen ihnen verschiedene Sachen zu, die ihnen nun sehr gelegen kamen und ihnen notwendig waren. Die Männer nahm es am meisten wunder, dass sie das Militär in Ruhe lasse. Vielleicht will man sie durch Nahrungsmangel und Hunger zum Auseinandergehen und die Aujezdler zur reumütigen Abbitte und Heimkehr zwingen? Dies wäre aber nicht so leicht, und so mancher Chode lachte bei diesem Gedanken, da es doch ziemlich lange dauern würde, bevor das ganze, im Walde verfügbare Vieh verzehrt wäre. Přibek ermahnte nur vorsichtig und eifrig auf der Hut zu sein, denn er fürchtete einen Überfall. Sein Antlitz wurde wieder finsterer. Es kam ihm der Gedanke, dass es ziemlich schwer fallen wird, alle zum Ausharren zu bewegen, da viele, namentlich die entfernteren, an ihr Heim denken werden. Als aber nachmittags aus dem militärischen Lager abermals der Offizier mit der Aufforderung, sie mögen sich ergeben, kam und diese Zumutung von allen älteren Choden einmütig abgelehnt wurde, heiterte sich sein Antlitz wieder auf. Es verstrich die zweite Nacht und der dritte Tag war bereits herangebrochen, seitdem sie sich im Walde aufhielten und bewaffnet dem Militär gegenüberstanden. Nachmittag waren in Hammern am Wirtschaftshofe unweit ihrer aufgepflanzten Fahne unter dem alten Birnbäume alle Erbrichter und Schöppen der Chodendörfer versammelt. Die einzigen, die fehlten, waren jene, die man in Prag beim Appellationsgerichte wähnte, ohne zu ahnen, wohin man den Landsleuten vom Gerichte verholfen hat. In allen Gebäuden und um diese herum ging es überaus lebhaft zu; überall sah man bewaffnete Choden. Über dem Walde stieg ein Gewitter, das mit schwarzen Wolken das ganze Firmament überzog, auf. Die Dorfschulzen und Erbrichter achteten auf das geräuschvolle Rauschen des alten Birnbaumes eben so wenig, wie auf das heftige Flattern ihrer wehenden weissen Fahne; man sprach über das Militär. Matthias Přibek, der auf einen Baumstamm gestützt war, fuhr zusammen, als Konopík von Hochwartl, auf Aujezdl hinweisend, bemerkte, jene dort rührten sich deswegen nicht, weil sie auf Verstärkung warten. Es war dies auch Přibeks Überzeugung. »Nun und fürchtest du dich dann?« fuhr er Konopík heftig an. »Nun, ich fürchte mich nicht, wenn es ihrer aber so viel, wie Ameisen gäbe –« »Ei, ei, nun dann muss man Fersengeld zahlen, nicht war?« und Přibek lachte rauh auf. Konopík wurde rot, ehe er aber antworten konnte, entstand draussen ein Lärm. Es wimmelte dort alles nur so; die im Grase ruhenden Choden sprangen auf, wer in den Häusern war, lief heraus und alles scharte sich um einen Angekommenen. Ein Fremdling war es nicht, denn man sah unter den Chodenscherken kein anderes Gewand. Die Dorfschulzen beim Brunnen kehrten sich dem Hoftürl zu, manche gingen zur Umfassungsmauer, um nachzusehen. – Da ertönte fast aus allen Kehlen ein gleichzeitiger Aufschrei. – Brychta! Brychta von Possigkau! Er stürzte von vielen Landsleuten begleitet in den Wirtschaftshof. »Ei, ei, ihr seid also im Kriege!« rief er die Čakane schwenkend. »Nun denn, wir werden uns schlagen –« und er reichte den nächsten die Hände. »Wo sind die übrigen?« rief man ihm zu. »Sie kommen auch.« »Dort sind sie. Pajdar! Und Syka!« »Der Prokurator!« »Aus Prag!« Es dauerte eine Weile, ehe sich die Bewegung und Aufregung gelegt hatte. Wer hätte das geahnt! Jeder wähnte sie in Prag und sie fallen hier förmlich vom Himmel herab. Da gab es auf einmal Fragen! »Wie seid ihr zu uns gekommen? Habt ihr gehört, was bei uns los ist?« »Wo habet ihr das erfahren?« Die Boten, oder vielmehr Syka allein erzählte, dass sie auf Umwegen durch die Wälder gekommen und von dem Aufstande in Prag gehört hatten. »Und wo ist der Burggraf von Kauth?« fügte er hinzu. Viele lachten auf und erzählten, er sei hinter dem Holzschlage im Walde bei einem Baume angebunden und bis auf die Angst, die er hat, gehe es ihm ganz gut. »Und ihr habt ihn nicht erschlagen?« fragte Syka verwundert. »Und andere habt ihr auch nicht getötet?« fügte Pajdar aus Putzeried bei. Jetzt wunderten sich wieder alle anderen, dass man solche Gerüchte über sie verbreitet habe. Syka atmete erleichtert auf, als er vernahm, dass das Gerücht falsch war. »Und wo sind die übrigen, Kozina, Hrubý? – –« fragten die Choden. Es donnerte in der Ferne. Hätte aber ein Blitz in den Wirtschaftshof eingeschlagen, er hätte die Choden kaum mehr erschreckt, als die kurze von Syka ihnen mitgeteilte Nachricht darüber, was ihnen und den Genossen beim Appellationsgerichte zugestossen war. Einige waren so bestürzt, dass sie keines Wortes fähig waren: man fühlte, dass die letzte Hoffnung geschwunden sei. Andere schrien auf, als wären sie verwundet worden. Tief in der Seele fühlte man sich durch das an ihnen und den Boten verübte Unrecht beleidigt, und man vernahm so manche anspornende Stimme, man möge nicht abwarten und gegen die Herren aufbrechen, um das Unrecht zu rächen. Matthias Přibek heftete seine finsteren Blicke auf Syka, als würde er abwarten, was er sprechen werde. »Leutchen, nur Vernunft behalten, damit es nicht ärger wird, als es schon ist!« rief der »Prokurator« Syka. »Und was denkst du?« frugen einige Dorfschöppen, die die Nachricht von den Privilegien, vom Gerichte und Gefängnisse erschreckt hat. »Was ich denke! Denket auch nach!« rief Syka. »Die Majestätsbriefe haben sie vernichtet und uns gesagt, alles sei vergebens; unsere Leute wurden in den Arrest gesetzt und hier vor uns steht das Militär, gut bewaffnet, und wir haben schlechte Waffen, sind allein und ohne Hilfe. Glaubet nicht, ich fürchte mich, aber ich würde gerne retten, was noch zu retten ist, damit es nicht noch ärger wird. Es wird Blut fliessen, heute erwehren wir uns, aber wie –« »Wirst du schweigen, du Dieb von einem Prokurator! Du Judas, du!« donnerte ihn Matthias Přibek an. Seine Riesengestalt stand im Nu vor dem haarigen, untersetzten »Prokurator«. Im zustimmenden Geschrei, das die leidenschaftlichen Worte Přibeks hervorgerufen hatten, vernahm man am deutlichsten die Stimme des Brychta aus Possigkau. Syka blieb jedoch auch nicht ohne und zwar ohne eine ausgiebige Unterstützung. Gerade die ältesten und geachtetsten Bauern aus Klenč, Meigelshof, Possigkau, Hochwartl, Kýčov, Tilmitschau und Medaken waren auf seiner Seite und dämpften sowohl in Güte als auch in strengem Tone das Geschrei der Kampflustigen, die meistens aus den Bewohnern von Aujezdl, Trasinau und dann aus jenen von Melhuten und Putzeried bestanden. »Lasst ihn!« rief Syka. »Wessen Werk ist denn alles dies, als dein eigenes, Matthias?« »Willst du, dass man dir den Bauerngrund anzündet, uns, unsere Weiber und Kinder hinmordet?« rief Buršík von Klenč. »Sollen sie brennen und morden!« schrie Přibek, dessen Augen Feuer sprühten. »Vorerst werde ich mich aber wehren. Und werde ich totgeschlagen, so ist es besser, als wie ein Vieh Sklavendienste verrichten zu müssen. Der Kuckuck soll euch, alte Weiber, holen! Ihr wollt Choden sein?« Ein Lärm und ein Chaos entstand zu Hammern. Die untereinander uneinigen Choden stritten, ob man sich ergeben und um Gnade bitten, oder ob man den Kampf aufnehmen solle. Die Kampflustigen waren schwächer. Ihr Haupt war Přibek, an seiner Seite bestürmten am meisten der wilde Brychta aus Possigkau und der jugendliche Šerlovský die sanfteren Gegner mit heftigen Reden. Alle waren von der Leidenschaft so geblendet und das Geschrei so tobend, dass man nicht einmal die Rufe der vordersten Wachposten, die auf die Aujezdler Anhöhe hinwiesen, wahrnahm. Doch das stürmische Geschrei zu Hammern verstummte plötzlich. Ein Donnerschlag ertönte, – ihm folgte der zweite, der dritte. – In den Wäldern ertönte das Echo von Geschützdonner. Jawohl Geschütze! Drei Geschütze stehen dort. Sie wurden auf die Aujezdler Anhöhe geführt und gegen Hammern gerichtet. Der lichte Rauchqualm der gelösten Schüsse wälzte sich über der Anhöhe. Und um die Geschütze wimmelt es von Militär! Ein Teil steigt schon den Abhang direkt zum Tale Linab und, siehe, auf der Strasse ist die Reiterei auch verstärkt. Es wimmelt dort förmlich von Soldaten. Es kam Verstärkung. Und während sie noch so voll Bestürzung und Verwunderung den Feind betrachteten, stürzte ein junger Mann ganz atemlos mit der Meldung herbei, Daniels Bolf sei vom Späherdienste zurückgekehrt. Die Geschütze seien früher auf der unteren Flurwiese in Aujezdl gestanden, es sei eine Menge Militär mit ihnen eingezogen. So meldete der »Bursche« von den Wachtposten. Seine Nachricht war in diesem Augenblicke nicht mehr neu, aber dass sie nicht log, davon hatten sie sich eben überzeugt. »Nun, und wollt ihr auch jetzt noch den Kampf?« rief Syka mit der Rechten auf das zum Sturme schreitende Militär hinweisend. »Schweige! sagte ich schon einmal!« schrie Přibek. »Fürchtet nichts. Wer ein wahrer Chode ist, der folge mir!« Viele rieten ihm davon ab und wehrten ihm und seinen Anhängern. »Lasst sie, sie mögen betteln gehen!« rief der junge Šerlovský. »Kommt zu uns, dort werden wir uns besser erwehren, als hier mit diesen da –« »Auf nach Putzeried. Kommt!« Přibek sprang zur Fahne und riss sie mit einem Griffe aus der Erde. Um diese Zeit kam ein junger Bursche von den Hämmern zum Holzschlag im Walde gerannt. Die dort versammelten Flüchtlinge sahen besorgt zum verzogenen Himmel, der den Wald verdunkelte, empor. Ein heftiger Wind wehte durch die Äste und zeigte das Gewitter an. Gegen dieses bereiteten sich alle vor, auf ein anderes waren sie nicht gefasst. Da kam plötzlich der junge Bursche, der kaum als er die Ersten erreicht hatte, rücksichtslos zu schreien begann, die Boten Syka, Pajdar und Brychta seien aus Prag zurückgekehrt, die übrigen seien ausgeblieben, weil sie in Prag in Haft genommen wurden und eingekerkert seien. Ein greller Schmerzensschrei durchdrang die Waldöde. Alles wendete sich Hančí Kozina zu, die händeringend zu klagen begann. Die Weiber umringten sie und trachteten sie zu beschwichtigen und zu trösten. »Wo sind sie?« rief die alte Kozina dem Burschen zu. Sie weinte nicht, es schien aber, als wäre ihr Gesicht fahl geworden. Der Junge zeigte gegen Hammern. Sie lief hin. Am Waldrand hielt sie aber plötzlich inne. Von Hammern kam ihr eine Männerschar entgegen. An der Tête schritt Matthias Přibek, an seiner Seite Brychta von Possigkau und rechts von Přibek der junge Šerlovský aus Putzeried, der die weisse, stürmisch über den Häuptern flatternde Chodenfahne trug. Die übrigen Männer waren in Hammern; sie liefen hin und her oder blickten in ganzen Haufen gegen Aujezdl, woher man Trompetenstösse und Trommelwirbel vernahm. Plötzlich verliess Jiskra Řehůřek die Schar Přibeks und sprang zur alten Bäuerin. »Schlimm ist's – eine Menge Soldaten und die Unsrigen wollen die Gnade erbitten –« Die Greisin schrie vor Entsetzen auf. »Und was ist mit Přibek?« Der Dudelsackpfeifer teilte ihr mit, dass er mit seinen Getreuen am Rückzuge nach Putzeried sei. »Und sind Jan und die übrigen eingesperrt?« Der Dudelsackpfeifer nickte bejahend. »Und ihr Memmen werdet noch bitten?« rief die alte Kozina mit geballter Faust gegen Hammern drohend. In Hammern war man eben daran eine Bittdeputation zum Kreishauptmanne zu entsenden. Er erhielt gerade als Verstärkung drei Geschütze, Grenadiere und eine starke Abteilung Fussvolk und Reiterei unter dem Kommando des Grafen Stampach und des Herrn Steinbach von Königsfeld. Unterdessen kam die Schar Přibeks bereits im Walde beim Holzschlage an. Als man hier hörte, was vorgehe, entstand eine schreckliche Verwirrung. Die Furcht vor dem Militär schreckte alles auf. Die Weiber baten weinend ihre Männer, sie mögen sie nicht verlassen und nicht fortziehen oder sie nicht zurücklassen. Hančí achtete auf dies alles nicht. Sie sass unter dem Baume bei ihrem Lagerfeuer und die Kinder an sich. Welch' eine Nachricht! Im Kerker eingesperrt! Warum ging er doch! Sie hatte es gut vorausgeahnt. – O, er wird nie mehr zurückkehren, sie weiss es wohl – Die Kinder, die armen Kinder! Abermals brach aus ihren Augen ein Tränenstrom, der die Hanálka und den kleinen Paul, die sie an ihren Busen presste, benetzte. XXIII Der Regen brach los, es donnerte und das blendende Licht der Blitze leuchtete grell durch die feuchte, dunkle Luft. Aus den Forsten des Böhmerwaldes stiegen Dämpfe und weisse Rauchsäulen, wie von unzähligen Bränden auf. Während dieses Unwetters zog sich Přibeks Schar durch die Wälder und über aufgeweichte Feldwege nach Putzeried zurück. Dieser aus den kampflustigsten und verwegensten Choden bestehende Haufen von mehr als hundert Mann bildete zwei kleinere Abteilungen. Zwischen beiden fuhren einige Wagen mit Weibern und Kindern, die die Männer im Walde nicht zurücklassen wollten. Meistens waren sie aus Aujezdl. Darunter befand sich auch der alte Vater des Přibek und Manka. Als der Sohn Matthias am Holzschlag erwähnt hatte, der Vater könnte mit Manka hier im Walde bleiben, weil es in Putzeried sicherlich scharf zugehen werde, wollte der Alte davon gar nichts hören und auch dessen Enkelin schlug dies entschlossen aus. »Soll ich mich auf meine alten Tage noch aufs Bitten verlegen?« sprach der Greis und bestieg den Wagen. Der Wind zerzauste ihm seine langen, schneeweissen Haare und trieb ihm den Regen in das faltenreiche Gesicht; doch der Greis fühlte dies gar nicht. Unbeweglich starrte er vor sich hin, seine Gedanken weilten in ganz anderen Gegenden. Da der junge Šerlovský den Wagen, auf dem Manka mit dem Grossvater sass, lenkte, während der Knecht im Walde beim Vieh zurückblieb, nahm Matthias Přibek die Chodenfahne. Er trug die durchnässte und schlaff herunterhängende Fahne auf der Schulter. Vor kurzem hatte er noch wahrgenommen, wie sie morgens froh in den Lüften wehte. In der Frühe hatten aber auch noch alle genügenden Mut und liessen erst dann, wie alte Weiber, verzagt die Köpfe sinken, als dieser Syka die eisig kalte Sturzwelle seiner Nachrichten über sie ergoss. Das, was jetzt geschieht, dürfte schon ihr Lohn sein. – Als die Choden mit ihren Wagen in die Nähe von Putzeried kamen, war es bereits dunkel geworden. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber der Himmel heiterte sich nicht auf; dichte Wolken hingen noch an den Bergen, die sich südwestlich als natürliche Wälle erhoben. Die Bergwipfel von Havrovic, Plápolec, Hudic und des Holý-Berges waren durch Wolkenschleier, in den auch der Osser mit den übrigen, einen imposanten Hintergrund bildenden Böhmerwaldriesen vollkommen eingehüllt war, nicht zu sehen. Nach der einige Tage anhaltenden Spannung und dem in diesem Unwetter besonders ermüdenden Marsche waren die trockenen, warmen und überaus anheimelnden Stuben zu Putzeried den Männern und allen Flüchtlingen besonders lieb. Die Mehrzahl der letzteren fiel, kaum dass sie etwas zu sich genommen hatten, ermüdet auf das Lager und sie schliefen sofort ein. Im Gemeindehause beim alten Šerlovský, wo sich sowohl die geachtetsten einheimischen, als auch die Bauern aus der Nachbarschaft versammelt hatten, wurde noch lange geleuchtet. Auch einige der Melhuter Bauern begaben sich bei Putzeried in das nahe gelegene Dorf Putzeried und kehrten erst spät in der Nacht mit dem festen allgemeinen Beschlusse heim, dass sie sich weder Lamminger noch dem ihrer Meinung nach von ihm entsendeten Militär unterwerfen werden. Die Mitternacht war um. Erst um diese Zeit begab sich Matthias Přibek, nachdem er mit dem jungen Šerlovský das ganze Dorf und die von den Dorfbewohnern überall aufgestellten Wachtposten begangen hatte, zur Ruhe. Es dämmerte noch nicht und der Riesen-Chode war schon wieder auf den Beinen. Er weckte die Mannschaft, damit diese alle Dorf Zugänge: die Strasse, die kleinen Gässchen, die zwischen den Scheuern in das Feld führten, und alle Wege, auf denen das Vieh getrieben wurde, verhaue und verbarrikadiere. Bevor noch das ganze Dorf wach wurde und die Arbeiten beendet waren, trafen unvermutet Gäste und Helfer ein. Es waren einige durchnässte und vom Strassenkot beschmutzte Bauern aus Meigelshof und Possigkau. Sie brachten sonderbare Neuigkeiten. Sie schlossen sich gestern auch jenen an, die jeden weiteren Widerstand für nutzlos hielten und einsahen, dass sie sich ergeben müssen. Jetzt erzählten sie den um sie gescharten Choden, wie hübsch mit ihnen dafür der Herr Kreishauptmann verfuhr. Als sie zu ihm bitten kamen, so erzählten die Flüchtlinge, und ihm die Versicherung gaben, sie würden ruhig auseinander gehen, er möge nur das Militär abziehen lassen und ihnen kein Leid antun, schrie er sie an und liess sofort alle verhaften und durch Soldaten abführen. Doch nicht nur diese, sondern er liess auch noch in jedem Dorfe immer einige Bauern fesseln und abführen. »Wohin?« fragten die gespannten Zuhörer. »Nach Pilsen, Mies, Teinitz –« »Und wozu auf so viele Orte? Gibt es denn in Pilsen nicht genug Kerker?« fragte Šerlovský. »Mehr als siebzig wurden fortgeführt!« antwortete einer der Flüchtlinge. »Als wir dies sahen, nahmen wir Reissaus. Da lasse ich mich lieber erschlagen, als dass ich im Arreste sitze, damit man uns foltert und dann noch aufhängt,« fügte ein anderer hinzu. »Das ist mir eine saubere Gnade! Das ist der Lohn dafür, dass sie sich ihnen so ohne weiteres gleich ergaben!« »Jetzt wären sicherlich alle gerne hier!« rief einer der Choden. »Jawohl, und wir wären vier Hundert!« setzte Přibek hinzu. »Und wo ist das Militär jetzt?« »In jedem Dorfe gibt's Soldaten, in Aujezdl aber wimmelt's von ihnen wie von Ameisen. Und sie werden sicherlich überall bleiben, damit die Ruhe dauernd hergestellt werde.« »Und was ist mit unseren Leuten im Walde?« »Nun die Weiber klagen und jammern. Und wie sollten sie es auch nicht! Die Männer hat man ihnen weggeführt und das Militär ist in den Häusern. Auch im Walde gibt's viele Bauern. Sie fliehen vielleicht nach Baiern.« »Und da haben wir bleiben und uns ergeben sollen?« rief Přibek, dessen Augen aufleuchteten. Es waren noch alle in der Erbrichterstube. Als sich Přibek und mit ihm auch die übrigen erhoben, um zu gehen, stürzte ein Bauer aus Putzeried mit der Nachricht in die Stube, er habe, als er in der Richtung gegen Loučin patrouillierte, auf dem Wege Militär bemerkt. Alle erwarteten es, alle waren dessen sicher, dass sie das Militär nicht meiden wird, und doch zeigten sich einige von dieser Nachricht, die alle in Aufregung versetzte, bestürzt. »In Gottes Namen!« rief der alte Šerlovský. »Kommt, Freunde, kommt rasch!« eiferte sie Přibek an, der hinaus ging. Alle strömten ihm nach. Das ganze Dorf war bereits in dieser frühen Stunde auf. Die Nachricht vom Militär verbreitete sich nach jedem Winkel. Von allen Seiten kamen Leute zusammen, Männer, Weiber, Alt und Jung, auf dem Dorfplatz wimmelte es nur von Menschen. Da kamen noch die mit Gewehren und Čakanen bewaffneten Männer aus dem Gemeindehause dazu. Ihnen voran ging Přibek, der das Chodenbanner trug. Es wehte wieder lustig im Morgenwinde, denn das Wetter hatte sich über Nacht verzogen und es brach ein schöner Tag an. »Das Militär kommt schon!« rief Přibek aus. »Sie kommen schon, um die Männer zu fangen, und die Weiber zu foltern. Wollt ihr euch ihnen ergeben – Ich und diejenigen, die wir aus Aujezdl und aus Trasinau sind, wir ergeben uns nicht!« »Wir auch nicht! Wir auch nicht!« riefen alle aus und in diesem Stimmengewirr vernahm man auch einige Weiberstimmen. »Nun, in Gottes Namen, jeder auf seinen Platz!« befahl Přibek. »Weiber und Kinder fort in die Häuser!« rief Šerlovský. »Seid für den Fall, dass es schlecht ausgehen sollte, zur Flucht in den Wald auf dem rückwärtigen Viehweg bereit. Dorten wird der Weg frei sein!« Jetzt verstummte plötzlich jede Stimme auf dem Dorfplatze und alle blieben wie versteinert stehen. Man vernahm Trommelwirbel und Trompetengeschmetter. Přibek gewann als Erster die Fassung. Er rief, man möge hier abwarten, er werde nachsehen gehen, und eilte zu dem bereits verbarrikadierten Ortsausgange. Beide Šerlovskýs und viele Männer aus Putzeried folgten ihm. Sie sahen, wie zwischen den Gebäuden und Bäumen Waffen glänzen und wie es dort von Militär wimmelt. Man nahm auf den ersten Blick wahr, dass es eine starke Abteilung ist. Das Dorf wurde von der Ostseite umzüngelt und der Weg besetzt. Reiter flogen hin und her, laute Kommandorufe ertönten von einem Zuge zum anderen und waren sogar im Dorfe hörbar. Der Militärkordon wuchs an und umringte das in einer Niederung auf der Ebene gelegene Dorf immer enger. Přibek fuhr zusammen. Einige Reiter sprengten an sie heran; sie machten vor dem verbarrikadierten Ortseingange halt, und einer von ihnen fing zu an sprechen. Was er sprach, das richteten alles Šerlovský und Přibek auf dem Dorfplatze aus, nur eines verschwiegen sie: dass sich die Melhuter bereits auch schon auf Gnade und Ungnade ergeben haben. Sie meldeten aber, das ganze Dorf habe sich sofort zu ergeben und alle Barrikaden abzuschaffen. Die Männer mögen die Waffen abführen und diejenigen, die fremd sind, namentlich Matthias Přibek aus Aujezdl, mögen ausgeliefert werden und sicherheitshalber solle sich als Bürge sofort der Erbrichter mit zwanzig Bauern in das Lager begeben und um Gnade bitten. »Damit man uns in den Kerker sperrt!« rief einer von den Bauern. »Und als Rebellen aufhängt,« rief ein anderer. »Ich gehe nicht!« erklärte der Erbrichter Šerlovský mit erhobener Stimme. »Und ich auch nicht!« rief einer über den anderen und in dieses Geschrei mengten sich die durchdringenden Stimmen der Frauen, die die Männer zum Widerstände und zum Ausharren anspornten. »Wir sind bereits wie in einer Falle, rund herum gibt es Militär!« »Wir werden uns durchschlagen!« »Rasch mir nach!« Auf dem Dorfplatz entstand ein schreckliches Geschrei und ein Chaos. Viele von den Frauen brachen in Jammern aus, andere sprachen ihren Männern eifrig und leidenschaftlich zu, sie mögen sich nicht ergeben. Dies war aber gar nicht nötig. Die Nachricht, wie man mit den Landsleuten verfuhr, die sich bei Aujezdl ergeben hatten, die harte Bedingung und Drohung des Militär-Kommandanten und die Gewalttaten, die von ihm zu gewärtigen waren, das Alles erregte die Choden in Putzeried und flösste ihnen eine verzweifelte Entschlossenheit ein. Lieber sterben als sich auf diese Weise neuen und grossen Qualen aussetzen. Als Přibek vorher das Militär besichtigt hatte, gewann er die Überzeugung, dass es unmöglich sei, es zu vertreiben oder sich seiner wenigstens zu erwehren. Es blieb ihnen nur Eines übrig: sich durchzuschlagen. Er führte also jetzt die Chodenmänner nach jener Seite des Dorfes hin, woher es zu den Wäldern am nächsten war und wo es am wenigsten Militär gab. Einige schlugen vor, abzuwarten, bis es finster wird. Dieser Antrag wurde jedoch verworfen, da der Kommandant nur eine kurze Frist zur Antwort gewährte und nach einer abschlägigen Antwort sicher zum Sturm schreiten dürfte. Da gab es also keinen Verzug. »Wer kann, besteige das Pferd! Dorten werden wir ausbrechen!« rief Přibek, auf die nebeneinander stehenden Scheuern hinweisend. Er ordnete dies darum an, weil er sah, dass die Soldaten bei den Dorfausgängen zwischen den Gebänden und bei den Viehwegen am stärksten angesammelt waren. An einen Ausfall aus den Scheuern dachten sie wohl nicht, es war daher möglich sie hier zu überraschen. Ehe sie diese ihre hölzernen mit Strohschauben gedeckten Bollwerke betraten, galt es Abschied zu nehmen. Der Abschied war kurz. Matthias Přibek sah sich nach der Tochter um. Sie war ihm auf den Fersen, blass, bebend, führte sie ihren alten Grossvater, den es daheim nicht duldete. »Vater, Manka, behüte euch Gott! Vielleicht sehen wir uns wieder. Und wenn nicht – sorge, Mädel, um den Grossvater – lebet wohl! –« Er war blass, als er seine mächtige Hand der Tochter und dem Vater hinreichte. Der Greis hob die Hand und segnete ihn mit dem Kreuze. Noch einmal wandte sich Přibek um und verschwand dann in der Menge. Aber seine weisse Fahne sah man über den Köpfen bis zu dem Augenblick wallen, da er sie beim Eintritte in die Scheuer senkte. Manka sah ihm, ohne die tränenvollen Augen abwenden zu können, nach; da trat ihr Bräutigam zu ihr. Er war um sein Pferd gegangen. Sie hatte vorher die Augen voll Tränen, jetzt weinte sie heftig. Er umarmte sie, drückte einen Kuss auf ihre Lippen, sodann erfasste er die Zügel seines Schimmels und führte ihn in die Scheuer. Hier waren schon mehrere Pferde und hinter ihnen die Fussgänger dicht nebeneinander. Ebenso sah es in der benachbarten Scheuer aus. Alles wartete nur das Zeichen ab, auf welches sich das rückwärtige Tennentor auftun und der Ausfall gegen das Militär erfolgen sollte. Die Sonne stieg auf und ihr helles durch die breiten Balkenspalten in die Scheune eindringendes Licht warf in das Dunkel der Scheuer goldige glitzernde Streifen, die hier das glatte Pferdehaar, dort den groben Bauernsattel oder die weissen Chodenscherken trafen und hie und da auf einem Antlitz erzitterten. Die meisten waren blass vor Erregung, vielleicht auch von dem unwillkürlich vor blutigem Kampfe sich einstellenden Schauer. Aller Augen flammten fieberhaft, das Herz pochte, jeder hielt aber, zum Äussersten schon entschlossen, sein Gewehr oder die beschlagene, scharfe Čakane fest bereit. In der Nähe des Tores stand Přibek und beobachtete in geduckter Stellung durch die Spalten das Militär. Als er sich emporrichtete, gab er den Reitern einen Wink zum Aufsitzen. Sodann reichte er dem jungen Šerlovský die Hand, lispelte ihm etwas zu und ging noch einmal nach rückwärts durch die Masse, aufs neue jedem einprägend, was zu tun sei und welche Richtung alle einzuschlagen haben. Hierauf ging er in die benachbarte Scheuer, um daselbst das Kommando zu übernehmen. Aus der ersteren sollte die Schar der junge Šerlovský herausführen. Dieser harrte voll Aufregung, die geladene Pistole bereit haltend, im Sattel und wartete gespannt auf das mit Mankas Vater nebenan vereinbarte Zeichen zum gemeinschaftlichen Ausbruche. Einen Augenblick herrschte in der Scheuer tiefe Stille. Nur hie und da wieherte ein Pferd oder schlug mit dem Hufeisen dumpf auf die Tenne auf. Aus der Ferne vernahm man Hornsignale und Trommelschlag; gleichzeitig rief jemand von den vor der Scheuer auf der Dorfseite Angesammelten, das Militär rücke bereits von der entgegengesetzten Seite an. Dieser Ruf war noch nicht verhallt, als in der Nebenscheuer ein greller Pfiff entönte. Wie durch einen stürmischen Windstoss aufgerissen, flogen sofort die Türflügel der beiden Scheuern auf und ein Strahl blendenden Lichtes fiel in die Tenne; diesen Lichtstrahl durchflogen blitzschnell einige Reiter, mit Šerlovský an der Spitze – ihnen auf den Fersen, einer Wolke gleich, die übrigen Choden. Mit dieser weissen Wolke jagte gleichzeitig eine zweite dahin. An ihrer Spitze war Matthias Přibek, in dessen Linken das weisse Chodenbanner flatterte und dessen Rechte hoch über dem Haupte die schwere, eichene Čakane seines Stammes schwang. Die Chodenbüchsen, die kurzen und die langen, knallten, worauf die Militärgewehre antworteten und die Gegner an einander stiessen. Es war ein grässlicher Anprall. Die Verzweiflung verlieh dem schwachen Chodenarm Riesenkraft. Mit der Čakane, mit dem Kolben schlugen sie sich wie die Löwen. Der an der Spitze reitende junge Šerlovský stürzte sich in den heftigsten Kampf und liess rechts und links wuchtige Hiebe auf das Fussvolk niederhageln. Bei den Zäunen, Mauern und in beiden Scheuern, deren Tore jetzt weit aufgerissen waren, standen die Dorfbewohner, Weiber und Greise, und beobachteten in banger Angst und furchtbarer Aufregung den Kampf. Der alte Přibek stand, auf seine Enkelin gestützt, am Rande der Scheuer, ohne auf die Stimmen zu achten, die ihn vor den Geschossen warnten. Manka, blass und zitternd, beobachtete, wie alle, in fieberhafter Erregung jede Bewegung der Kämpfenden. Sie sah es, wie beide Seiten an einander gerieten, wie die Choden, die den Feind offenbar überrumpelt hatten, ihn bedrängen. Man konnte in diesem wilden Wirbel, in welchem die weissen Scherken und die dunkeln Waffenröcke der Soldaten, das Blitzen der Waffen und Schwenken der Säbel und anderer Waffen durch Pulverdampf und Rauch hindurchschimmerten, nichts genau unterscheiden. Ein Getöse und ein schrecklicher Lärm tönte herüber und in das Geschrei der Menschenstimmen mengten sich Gewehrschüsse und Trompetenstösse. Vergebens verfolgte Manka die Spur des Vaters und des Bräutigams. »Manka, siehst du unsere Fahne?« fragte der Grossvater. »Ja – dort – doch jetzt nicht mehr – nein, ich sehe sie nicht – doch schon wieder! Und wieder verschwand sie – oh, Mutter Gottes – ich sehe nichts mehr – Leutchen, sehet ihr die Fahne?« fragte sie mit bebender Stimme und heftete ihre ängstlichen Blicke auf die Nachbarinnen. Man blickte aus, lugte und strengte die Augen an – doch das weisse Banner, das man noch vor kurzem wahrgenommen, konnte man nicht mehr erspähen. Ein Hornsignal ertönte von der anderen Seite, und von dorten, wo vor einer Weile eine Abteilung Soldaten die Verhaue entfernt hatte und wo jetzt das Militär bereits in das Dorf einzudringen begann, kam im Galopp eine Kürassierschar herangeritten. Die Reitersäbel glitzerten über ihren Köpfen im Sonnenschein und die Erde erdröhnte unter den Hufen ihrer Pferde. Der alte Přibek sank zu Boden und flehte mit gefalteten Händen zu Gott. Ein Aufschrei der Dorfbewohner ertönte und nach Přibeks Beispiel fielen alle auf die Knie. Dann dauerte es nicht mehr lange. Der Knäuel lichtete und teilte sich, man sah, wie die Kürassiere jene verfolgen, die sich durchgeschlagen hatten und geflohen sind. »Wer ist dies wohl und ob ihnen die Flucht vor den Kürassieren gelingen wird?« So dachten in diesem Augenblicke alle und jeder gedachte jener seiner Lieben, die dort waren. – Ehe die Sonne zu glühen begann, wussten sie die Antwort. Um diese Zeit hatte der Kampf bereits ausgetobt. Die Soldaten stürzten in das Dorf, welches besetzt und geplündert wurde. Draussen auf dem Kampfplatze irrten Weiber und Mütter umher, ihre Männer und Kinder suchend. Glücklich waren jene, die hier niemanden fanden, sie konnten sicher sein, dass er die Wälder erreicht. Doch jeden Augenblick ertönte bald hier, bald dort ein Aufschrei, als die Weiber unter den Verwundeten oder Toten einen der Gesuchten vorfanden. Die Kämpfer lagen einzeln, frei oder unter ihrem Pferde, oder wieder haufenweise, so wie sie fielen. Die alte Šerlovský war auch auf der Suche, sie fand aber weder ihren Mann noch ihren Sohn und wollte ihrem Glücke gar nicht Glauben schenken. Aber dort! Es ist des Sohnes Braut! Sie eilte zu ihr. Auf einem zerstampften Rasen, wo viele verwundete und tote Soldaten und einige verwundete Choden lagen, kniete die über dem Leichnam ihres Vater wehklagende und Hände ringende Manka. Matthias Přibek lag hier im blutbefleckten Scherkenrocke mit krampfhaft an die Seite gepresster Chodenfahnenstange niedergestreckt; Die steife Rechte hielt noch die eichene alte Čakane fest umschlungen. Die weisse Fahnenplache war zerrissen, zerstampft und mit Blut getränkt. Die Riesengestalt des Choden lag gerade ausgestreckt; sein Antlitz war finster. Dies war das Ende des letzten Bannerträgers der Choden. Wie heldenmütig er kämpfte und wie er seine Fahne verteidigte, bewies die grosse Anzahl der um ihn herumliegenden verwundeten und toten Soldaten. Kniend beugte der alte Přibek zum Sohne sein weisshaariges Haupt. Die Tränen flossen dem Greise über die Wangen. Er klagte nicht, stöhnte aber schmerzlich und seufzte. Sogar die ihre verwundeten Genossen forttragenden Soldaten blieben bei dieser Gruppe stehen und horchten dem Wehklagen des stattlichen, goldhaarigen Mädchens. »Ach Gott, ach Gott, ach Gott, mein lieber, guter Vater! Heilige Mutter Gottes, was soll ich hier jetzt ärmste allein! Und du, mein besorgter Grossvater, es liegt ja euer Sohn hier – Du mein Gott, mein Gott, mein teuerster Vater!« – Matthias Přibek hörte aber das Jammern seiner Tochter nicht. Er war in andere Regionen eingegangen, wo es keine Tyrannei von Seiten einer Obrigkeit gibt und wo er nicht Zeuge dessen sein musste, wie man durch Gewalt die goldene Freiheit des Chodenlandes zerstört. XXVI Sehr oft gedachte man im Chodengau des heurigen Frühlings, in welchem auf den Feldern noch frei und ohne Robot, ohne Furcht vor den Herren gearbeitet wurde! Überall blühte zu dieser Zeit noch die Hoffnung, die Ernte werde erst recht schön werden, da dann bereits der Prozess gewonnen sein, und man sicherlich furchtlos die herbeigesehnte Freiheit geniessen werde. Und welch' ein Wandel, bevor die Ernte kam! Welch' ein Gewittersturm vernichtete die Hoffnung, ja die feste Zuversicht der Choden, dass bessere Tage der Freiheit kommen werden! Er hat ausgetobt – und wie ausgetobt! Das bei Putzeried so reichlich vergossene Blut floss umsonst. Glücklich waren noch jene zu nennen, die dort wie Matthias Přibek auf dem Felde liegen blieben, oder alle jene, die ihren dort erhaltenen Wunden erlagen. Es schlug sich zwar aus Přibeks verwegener Schar so mancher durch und rettete sich so. Doch solche fristeten in den Wäldern oder im benachbarten Baiernlande nur kümmerlich ihr Leben. Wie lange können es diese Flüchtlinge aushalten? Sollte sie der Hunger nicht zur Rückkehr zwingen, wird sie das Heimweh nicht dazu bringen, dass sie, wie jene in Hammern bittend heimkehren? Diesen hatte es Matthias Přibek gut vorausgesagt. Sie wurden in Gnaden aufgenommen, aber wie! Mehr als siebzig von ihnen wurden gefesselt in die Gefängnisse von Pilsen, Teinitz und Mies gesteckt. Es erging ihnen dorten schlimm, sie wurden wie Diebe und Vagabunden geprügelt. Unterdessen reifte auf den Feldern das Getreide und es begann die Ernte. Es war aber eine andere Ernte, als auf die sich die Choden gefreut hatten. Knapp vor der Erntezeit wurden die Bauern nach Chodenschloss in die Kanzlei berufen; sie wurden aber nicht alle auf einmal, sondern ein Dorf nach dem anderen hinbeschieden. Hier mussten alle, Bauern wie Chaluppner, auf das heilige Evangelium schwören, dass sie und ihre Nachkommen Untertanen und Robotleute S. G. des hochgeborenen Herrn Maxmilian Lamminger von Albenreuth und seiner Erben sind und bleiben werden und geloben, die Untertanenpflichten treu und folgsam zu erfüllen, sowie dieser ihrer allergnädigsten Obrigkeit gegenüber gehorsam zu sein und als Leibeigene sich verhalten zu wollen. Nachdem sie die Eidesformel nachgesprochen hatten, wurde ihnen noch eine Urkunde vorgelesen, in der es hiess: Alle Choden erkennen an, dass ihre ehemaligen Rechte und Majestätsbriefe ungültig sind, und werden mit ihrer Obrigkeit – wie dies auch das Allerhöchste kais. Patent anordnet und befiehlt – nie mehr prozessieren, sondern das ihnen aufgetragene »perpetuum silentium« einhalten. Ruhig, geräuschlos zogen die Choden zur Kanzlei und warteten dort ruhig, schweigsam und eingeschüchtert, bis sie herein gerufen werden. Es gab unter ihnen keinen wilden Brychta mehr, und auch kein Šerlovský oder Matthias Přibek war hier. Viele waren niedergeschlagenen Geistes, und die es nicht waren, wussten sehr wohl, dass alles umsonst sei. – Mit dumpfer Stimme sprachen sie die Eidesformel herunter; so mancher blieb dabei stecken und schauderte, und auch manche abgearbeitete Rechte zitterte, als sie das Schriftstück, mit dem sie sich selbst den Mund stopften, sich selbst die Hände fesselten, sich selbst niederschlugen, unterfertigte. Als die Chodenmänner die Kanzlei verliessen, entrang sich so mancher tiefe Seufzer ihrer Brust. Jetzt waren sie bereits Untertanen, mit Leib und Seele Eigentum der verhassten Obrigkeit. Schon der Gedanke an sich war peinlich – und doch fühlten sie es erst dann recht, als sie das, was sie in der Kanzlei versprochen, auch üben mussten. Kaum hatte die Ernte begonnen, benützte auch schon die Obrigkeit ihr Recht, und jagte die Choden zur Robot. Sie und ihre Väter wurden schon früher zu solchen Arbeiten gezwungen, doch welch' ein Unterschied in der Arbeit, in der Anzahl der Robottage, in allen Forderungen und in der Art, wie man sie behandelte! Die ersten und am meisten geachteten Bauern, die dort in Hammern waren, mussten die schwerste und ärgste Arbeit leisten. Man führte sie aus den Dörfern und aus den Gefängnissen, in denen sie bisher gehalten wurden, heraus und trieb sie gefesselt auf die Felder, wo sie zu arbeiten hatten. Es war etwas Unerhörtes. Der »Prokurator« Syka, der alte Psůtka aus Possigkau, Pajdar aus Putzeried und so mancher in Ehren ergraute Nachbar verrichteten Arbeiten auf den Feldern der Herrschaft, an den Füssen, gleich Lumpen und Verbrechern gefesselt. Jeder der an dem Aufstande nur halbwegs teil genommen hatte, der sich früher nur im geringsten wehrte, wurde jetzt gestraft. Auch den Tauser Nachbarn, Just, vergass man nicht; er wurde eingesperrt, weil er die Choden aufgehetzt. Ja selbst der Prokurator wurde, wie man aus Prag vernahm, in den Kerker gesteckt und es half ihm seine adelige Abstammung eben so wenig wie seine hochgeborenen Verwandten, die für ihn Fürsprache einlegten. Von den Boten, vom alten Hrubý, Kozina, Čtverák, Němec aus Medaken, Peč aus Meigelshof und seinen zwei Genossen vernahm man nur, dass sie noch im Kerker seien. Die besten und entschlossensten Choden waren eingesperrt oder mussten in Ketten Frondienste leisten – war es da ein Wunder, dass der ganze Chodengau stumm und traurig war? Die Ernte brach an, aber sie vollzog sich in aller Stille, ohne Gesang, traurig verlief die Zeit, und nur der Kummer blieb zurück. Der Herbst forderte neue Arbeit und die Herrschaft neue Robot. Düster, schweigsam und ohne zu mucksen, verrichteten sie die Choden auch dann, als sie die Verwalter und das herrschaftliche Gesinde gröber denn je anfuhren und so roh wie nie vorher behandelten. Man fluchte höchstens abseits und knirschte mit den Zähnen, aber diejenigen, die ein weniger mutiges Herz besassen, begannen bereits über jene zu klagen, denen sie früher eifrig und begeistert zugestimmt hatten. Der selige Přibek, Syka, Hrubý und Kozina hätten, meinten sie, alles dies zum Schaden der Gesamtheit eingefädelt. Nur der alte Přibek, des verstorbenen Matthias Přibek Vater, schwieg. Er war seit der Zeit, als es in Hammern so schlimm ausfiel und sein einziger Sohn dabei den Tod fand, ganz verändert. Die achtzig und mehr Jahre, die er bereits erlebt, begannen plötzlich schwer auf ihm zu lasten. Es schien, als ob er sich um nichts interessieren würde, und es freute ihn auch nichts mehr. Stundenlang sass er zu Hause auf dem Lindenklotz oder auf dem Bette, falls er nicht mit gesenktem Haupte und mit in die Erde gebohrten Blicken, ganz einsam und nachdenklich in der Sonnenglut im Garten sass. Manchmal dachte schon Manka, er sei eingeschummert, als sie aber sodann sachte zu ihm trat, hörte sie, wie der Grossvater halblaut zu sich selbst von ihrem Vater sprach. Als sie einmal knapp hinter ihm stand, schlug er die Augen auf und als sähe er jemanden vor sich, sprach er: »Dieser Chomet – ich habe es doch gesagt –« Er schüttelte den Kopf, liess ihn plötzlich sinken und fügte leise bei: »Und die Gerechtigkeit! Gibt es denn eine Gerechtigkeit?« Die Enkelin verstand seine Gedanken. Es geht ihm nicht aus dem Sinne, er denkt an nichts anderes. Wie oft wurde er schon von ihr in verschiedenen Angelegenheiten um Rat befragt; er antwortete aber kaum, als höre er oder verstehe er nicht. Er, der einst ein so sorgsamer Hauswirt gewesen! Jetzt musste dieses junge Mädchen alles selbst besorgen und noch um den Grossvater, wie für ein kleines Kind sorgen. Und sie sorgte auch. Wohl prägte sich ihrem Gedächtnis ein, was ihr Vater ihr gesagt hat, als er vor dem Kampfe von ihr Abschied nahm. Sie beherzigte so getreu seine Worte, dass sie um den Grossvater gar nicht mehr besser sorgen konnte. Gleich nachdem man den Vater beerdigt hatte, führte sie den Grossvater nach Hause. Was war das damals für eine Rückkehr und wie fand sie die Wirtschaft! Alles war, wie in Aujezdl überall, ausgeplündert. Doch sie war Matthias Přibeks Tochter. Eine andere wäre ratlos gewesen. Manka rackerte sich aber vom frühen Morgen bis spät in die Nacht ab, während das Gesinde meistens auf den herrschaftlichen Feldern arbeitete. Doch die schwere Arbeit, die Anstrengung hätte sie schon überwunden, aber den Vater konnte sie nicht vergessen. Und diese Sorgen! Der alte Šerlovský, der sich mit seinem Sohne durchschlug, kehrte im Herbste dennoch heim und musste ebenfalls in Ketten aufs herrschaftliche Feld. Der Sohn aber blieb in Baiern, da man ihn benachrichtigt hatte, dass die Obrigkeit mit besonderem Eifer nach ihm fahnde und ihn offenbar schwer zu bestrafen beabsichtige. Wie wird es weiter sein? Wann wird er heimkehren und wird eine Wiederkehr überhaupt möglich sein? Diese Zweifel quälten Přibeks Tochter am meisten. Jiskra Řehůřeks Dudelsack und die Geige seines alten Vaters hingen unberührt, ohne jetzt je zu ertönen. Selbst die Schüler kamen nicht mehr. Wer könnte auch zu einer solchen Zeit an Musik denken! Der Dudelsackpfeifer war der Schaffner bei Kozinas. Brauchte man ihn ja dort auch und es war ein Glück zu nennen, dass Jiskra die Familie seines Freundes und Vetters nicht vergessen hatte. Es arbeiteten zwar sowohl die alte Kozina als auch Hančí über und über, aber ihre Kräfte reichten trotzdem hie und da nicht hin. Jiskra verliess sie seit dem Augenblicke, in welchem er ihnen bei der Flucht behilflich war, nicht mehr. Aus dem Walde von Zelenov führte er sie auf den Bauernhof zurück und verbrachte bei ihnen sodann die meiste Tageszeit. Nur einigemale wurde er daran gehindert, als er nämlich auf das Schloss berufen wurde, um eine Tracht Prügel mit dem Haselstocke des Musketieres zu empfangen und dann als er ebenfalls auf Robot gehen musste. Die junge Hausfrau atmete immer erleichtert auf, wenn er auf den Bauernhof kam. Sie hatte Jiskra als den besten Kameraden ihres Mannes gerne, konnte sie doch mit ihm nach Herzenslust über Jan sprechen und ihrer Sehnsucht nach ihm Ausdruck verleihen. Mit Jans Mutter verkehrte sie nicht viel. Die Ausgedingerin wich ihr fast aus, sie fühlte es wohl, dass ihre Schwiegertochter sie im Geiste beschuldigt, dass sie die Anstifterin des ganzen Übels sei. Hätte sie Jan nicht angespornt, hätte sie jene unglückseligen Urkunden nicht gerettet, Jan hätte den Prozess mit den Herren sicherlich nicht begonnen, wenigstens nicht in dieser Weise. Jiskra gelang es wohl manchmal, die niedergeschlagene Hančí zu trösten und ihr finsteres Antlitz aufzuheitern, doch alsbald verfiel sie wieder in ihre Schwermut. Sie arbeitete, sorgte für alles, war überall die erste, manchmal verschwand sie aber auf einmal von der schwersten Arbeit und kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Das Gesinde suchte sie später nicht mehr auf, denn man wusste es wohl, dass sich die Hausfrau nicht mehr bemeistern konnte und in die Kammer oder auf den Schüttboden geeilt sei, um sich dorten auszuweinen.   Man verlangte von der Chodendeputation bereits beim Appellationsgerichte, sie möge die Ungültigkeit der alten Freiheiten einbekennen und Herrn Lamminger den Untertaneneid leisten und Leibeigenschaft geloben. Damals wiesen alle ohne Ausnahme diese Forderung mutig und einmütig zurück und gingen darauf auch dann nicht ein, als man sie in das Gefängnis im Neustädter Rathause warf. Hier beliess man sie jedoch nicht lange beisammen. Man trennte sie vom alten Hrubý und Kozina, die man bei Gerichte als ihre Führer und die Anstifter der ganzen Revolte ansah und wurde jeder von ihnen einzeln eingekerkert. Nachher sahen sich die Landsleute noch einmal und zwar als man ihnen vor Gericht das Urteil verkündigte. Der alte Hrubý und Kozina wurden am meisten schuldig befunden und jeder zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Den übrigen wurde mitgeteilt, dass sie unverzüglich freigelassen werden, falls sie einen Revers unterschreiben, laut welchem sie sich als Untertanen Lammingers erklären. Dabei führte ihnen einer der Herren Räte das unglückliche Ende dieses Aufstandes daheim vor Augen und bemerkte, dass alle Dörfer sich bereits unterworfen und ihre Leibeigenschaft auch alle mit ihrer Unterschrift bekräftigt haben. Dies entschied bei den wankenden Choden, die das Gefängnis drückte und die Sehnsucht nach ihren Familien quälte. Wozu noch einen Widerstand leisten? Němec aus Medaken unterschrieb als erster, ihm folgte Peč, sodann einer nach dem anderen, zuletzt setzte Ecl Čtverák, der in den letzten Faschingstagen eine so schöne Rede über das Ende der herrschaftlichen Peitsche gehalten, seinen Namen zu jenen der übrigen. – Und nun war alles aus! Sie wurden in Freiheit gesetzt, sie waren frei wie die Vögel, und doch freute sich dessen keiner von ihnen. Langsam und zaghaft traten sie von dem Tische, auf dem die Urkunde lag, zurück, als wäre sie ihr Grab. Sodann forderte einer der Herren Appellationsräte noch einmal Hrubý und Kozina zur gleichzeitigen Unterschrift auf. Doch der weisshaarige Erbrichter von Trasinau schüttelte verneinend den Kopf und sein Neffe sprach ernst mit fest auf die Herren gerichtetem Blick: »Lomikar kann von uns die Robot erzwingen, doch wie kann er behaupten, dass unsere Rechte nicht mehr gelten? Wozu haben wir dies alles unternommen, warum haben wir prozessiert, warum sind wir nach Wien bis an das kaiserliche Hoflager gegangen, warum sitzen wir hier im Arreste, warum floss bereits Blut? Und jetzt sollte ich sagen: dies alles war um nichts und wieder nichts, dies alles war ein Narrenspiel? Ich habe mir alles wohl überlegt und erwogen, bevor ich begonnen habe. Unser Recht gilt. Wir überlassen es Gott.« Die Landsleute, die unterschrieben hatten, senkten, während er so sprach, die Blicke und als sie, dem Amtsdiener folgend, draussen an Hrubý und Kozina vorübergingen, getrauten sie sich kaum die Augen zu erheben. Sie gingen fort – der Trasinauer Erbrichter und sein Neffe wurden dagegen wieder in das Gefängnis abgeführt, um es nur dann zu verlassen, wenn man sie in Ketten zur Zwangsarbeit abholte. Die Welt schloss sich hinter Kozina. Er war mit seiner zerstörten Hoffnung, mit seiner Sorge und Angst um die liebe Familie abermals allein. Er trug die Trennung vom alten Onkel sehr bitter. Alle waren so schwach, nur er, dieser hinfällige, sieche Greis hielt stand! Könnte er doch wenigstens bei ihm sein, um für ihn zu sorgen! Er bat darum, doch vergebens. So schwand ein Tag nach dem anderen dahin, einer länger als der andere und jeder gleich trostlos und traurig. Als die in die Freiheit gesetzten Landsleute abzogen, regte sich etwas im Busen des jungen Bauers. Auch jetzt gedachte er ihrer öfter, sie sind bei ihren Lieben, bei Weib und Kindern! Bei diesen verweilte er im Geiste am meisten. Er dachte an das Weib und sah sie, wie sie sich grämt und quält, er sah auch die alte Mutter, die – er kannte sie ja – finster blickte, aber kein Wort der Klage vorbrachte, dafür aber im Innern einen doppelten Schmerz verborgen hielt. Hančí beklagt ihn, die alte Mutter kränkt aber überdies noch der unglückliche Kampf, der alle ihre Hoffnungen begraben hat. Ach, sie wird die goldene Freiheit, deretwegen sie die alten Majestätsbriefe wie einen Schatz verbarg und zuliess, dass ihr Sohn Martern erlitt, nicht mehr erleben. Und der kleine Paul und Hanálka! Sein Herz erbebte bei dem Gedanken, wie sie jetzt arm und verlassen da stehen und vergeblich suchte er seinen Geist durch gewaltsame Rückblicke auf sein ehemals glückliches Familienleben zu trügen, indem er an den Frohsinn und die Belustigungen seiner Kinder, an ihr Lachen, ihre geschmeidige Anhänglichkeit dachte und sich den Klang ihrer Stimmen, den Schall ihrer kleinen Schritte, mit denen sie ihm entgegen eilten, in das Gedächtnis zurückrief. Er dachte an Hančí, wie sie jetzt wohl, als sie von der Rückkehr Čtveráks erfuhr, nach Klenč eilte, um sich über ihren Mann zu erkundigen, wie sie sodann, als sie hörte, er werde nicht sobald heimkehren, traurig nach Hause schritt! Was werden sie ohne ihn zu Hause anfangen, welche Sorgen und Rackereien hat wohl Hančí! Und er! Er wird niemanden zu sehen bekommen, als wäre er lebendig begraben. Könnte er doch wenigstens eine Nachricht darüber, wie es zu Hause, wie es im Chodengaue zugeht, erhalten! Wie geht es dort wohl zu! Kozinas Stirn faltete sich und unwillkürlich ballte er die Fäuste, als er an all' das Unrecht, das man den Choden und ihm angetan, dachte. Es war himmelschreiend, und doch nirgends ein Schutz, nirgends Gerechtigkeit. Und wie soll es werden, bis er heimkehrt, bis er in die Robot gehen und schweigen müssen wird, wenn die herrschaftlichen Schergen ihn schmähen und verspotten werden! O würden so der selige Vater und die übrigen auferstehen, was gebe es erst da für einen Jammer! – Im Geiste hoffte er, dass jemand ihm nach Prag nachkommen werde – am wahrscheinlichsten schien es ihm, dass Hančí kommen werde. Doch ein Tag verging nach dem anderen, Wochen waren bereits verflogen, der Winter war vor der Tür und es kam niemand. Kozina hatte sich getäuscht und das kränkte ihn. Oder hätte man vielleicht niemanden zu ihm zugelassen? Er irrte sich nicht. Wenn er wenigstens gewusst hätte, dass Hančí, die wegen der vielen Arbeit und Sorgen selbst nicht abkommen konnte, seinen treuen Kameraden, den Dudelsackpfeifer Jiskra Řehůřek hergesandt hatte, wie sich dieser abmühte, um den Landsmann besuchen zu dürfen, wie er von Pontius zu Pilatus rannte, wie er bat, flehte, wie er einige Tage um das Gefängnis herumirrte, und wieder und wieder so lange bat, bis man ihn endlich mit Gewalt davonjagte! Doch selbst das erfuhr Kozina nicht. Der schleichende Winter brach heran. Der junge Häftling hörte nicht auf, nach seinem alten Onkel zu fragen und um Zulassung zu ihm zu bitten. Dass der alte Erbrichter krank ist, dass es ihm eher ärger als besser gehe, sagte man Kozina; sonst wies man aber seine Bitte ab. Der junge Bauer merkte es wohl, dass man mit ihm wie mit einem Verbrecher schlecht und strenge verfahre, dass es andere, wirkliche Verbrecher nicht ärger haben. Sein empörter Geist fand die eigentliche Ursache all des Unglückes, das ihn und alle Choden traf, in – Lamminger. Seine Bitterkeit wurde dadurch nur gesteigert und als er dachte, es könnte so auf einmal unverhofft zu ihm der Chodenschlosser Herr eintreten und ihm die Freiheit anbieten, falls er widerrufe und bekenne, dass er irrte, dass ihre alten Rechte nicht mehr gelten, da fühlte er, wie er Lamminger in die Augen schauen und sein entschiedenes »Nein« diesem Henker in das Gesicht sagen würde. Sicherlich würde er seinen durchdringenden drohenden Blick eben so ruhig vertragen, wie es damals geschah, als er nach Aujezdl kam, um die alten Majestätsbriefe abzuholen. XXV An einem hellen, warmen Nachmittag im Monate März führte ein Gefangenwärter Christoph Hrubý aus dem Kerker in den Hofraum des Gefängnisses. Kozinas alter Onkel war sehr schwach und nützte nicht einmal den ihm gewährten Spaziergang aus, sondern liess sich sofort auf eine roh gezimmerte Bank nieder, die im vollen Sonnenscheine, stand. Der Erbrichter von Trasinau war stark herabgekommen. Seit jenem Verhöre beim Appellationsgerichte, bei dem er sich so unwohl fühlte, fand er keine Erleichterung mehr. Der Kerker schlug ihm nicht an, und die vom Chodengau eingetroffenen Neuigkeiten sowie die Sorge, wie es wohl daheim, woher er seitdem keine Nachricht hatte, gehe, trugen das Übrige bei. Jetzt streckte er die Füsse in die Sonne, bedeckte die Knie mit den Händen und blickte zum klaren, hellen Himmel, den er solange nicht sehen durfte. Nach einer Weile schlug er aber die müden, geschwächten Augen nieder und sein weisshaariger Kopf sank ebenfalls. Regungslos sass er in Gedanken versunken da und nur, wenn ihn der Husten plagte, bewegte er sich zeitweise ein wenig. Später hob er den sorgenschweren Kopf. Er hatte nämlich auf der Erde einen vor ihm still stehenden Schatten wahrgenommen. »Nun, wie geht es, Alter?« fragte den Hrubý ein ernster Herr in kastanienbraunem Rocke, schwarzen Beinkleidern und schwarzen Strümpfen, der in der Rechten einen ungekrümmten Stock mit Silberbeschlag hielt. »Es ist eben schlecht genug, gnädiger Herr,« antwortete der alte Chode, dem vor ihm stehenden Arzte das Haupt zuwendend. »Die Füsse vermag ich kaum zu schleppen. Mit den Kräften ist es aus. Früher konnte ich wenigstens schlafen, doch jetzt –. Und dieses Reissen in den Gliedern; das greift mich auch stark an.« »Geduld, Alter, ich gebe dir ein Pulver.« »Ach, gnädiger Herr, für mich gibt's keine Apotheke mehr. Dieser Frühling rafft mich weg – und es wird besser sein –« »Nun, Alter, dass du dich doch so nach dem Tode sehnst. Die Welt wird man nie überdrüssig.« »Nun das ist begreiflich, gnädiger Herr, wenn der Mensch gesund ist – unsereiner aber –« »Fürchte nichts, du wirst es ja aushalten.« »Das glaube ich nicht, gnädiger Herr, – doch fiele es schon mit mir wie immer aus – wenn man uns nur unsere Rechte geben würde. Die geben sie uns aber nicht – und hier liegt es, gnädiger Herr –« Der Greis machte eine müde Handbewegung und schon drohte ihn der Husten zu ersticken. Mitleidsvoll betrachtete ihn der Doktor. Als Hrubý sodann zu husten aufgehört, richtete er seine Blicke auf den Arzt und sprach: »Und, gnädiger Herr, wenn sie schon so gütig sind, wie ist es mit unserem Burschen, mit dem Kozina?« »Der? Der verharrt dabei, was er gesagt. Man sieht, dass ihr verwandtes Blut habt. Ihr lieben Narren, die ihr seid, wo denkt ihr denn hin? Warum fügt ihr euch nicht?« Hrubý schüttelte das weisshaarige Haupt. »Nein, nein, Herr Doktor – schade um jedes Wort – und ist er gesund, ist er nicht krank?« »Kozina? Nein,« antwortete der Arzt, durch die Unbeugsamkeit des Choden gereizt, etwas schärfer und wollte sich entfernen. »Noch eine Bitte, gnädiger Herr!« hielt ihn Hrubý zurück. »In welcher Richtung liegt unsere Stadt Taus?« Verwundert sah der Doktor den Greis an. »Warum willst du es wissen?« »Nur so, um den Himmel zu sehen, der dort bei uns, über unserer Heimat –« Der Doktor sah nach der Sonne, deutete dann mit der Hand und sagte: »Da, in dieser Richtung liegt Taus mit eurer Unglücksgegend, du Dickschädel –« Seine Stimme klang aber nicht mehr so rauh und beim Abgange wandte er sich noch einmal nach dem alten Choden um. Dieser hatte die Blicke gegen jene Richtung gewendet, wo die Berge des Böhmerwaldes zum Himmel ragten und wo seine unglückliche Heimat, deretwegen er so viel litt und an die er fortwährend dachte, lag. Kaum hatte der Doktor das Neustädter Rathaus verlassen, als er dem Appellations-Rat Paroubek begegnete, der ihn mit der Frage, wo er war, anhielt. Der Doktor beantwortete die Frage und erwähnte auch, dass er sich bei dem alten Choden aufgehalten hatte. Der Rat Paroubek blinzelte mit seinem ein wenig schielenden Auge und sprach: »Wissen sie, was unser Rat Knecht über ihn und seinen Neffen gesagt hat? ›Ein echter böhmischer Dickschädel‹ – dabei sah er aber mich an,« und Paroubek verzog das Gesicht so, dass alle Runzeln beim linken schielenden Auge zusammenliefen. »Sie sind es aber auch« – fuhr er fort; »bevor sie das, was sie in Bezug auf ihre Rechte behaupten, widerrufen würden, lassen sie sich lieber von Pferden vierteln. Kozina sagte unlängst, warum man ihn zwinge zu widerrufen, wenn ihre Rechte nicht mehr Geltung haben? Er spreche nach Gewissen und Überzeugung und anders könne er nicht handeln.« »Und ihr habt sie noch ziemlich sanft behandelt,« meinte der Doktor. »Haha, sie haben wohl den Galgen und das Rad erwartet! Vergessen sie aber nicht, dass die armen Schlucker verführt wurden. Ihr hochgeborener Advokat ist ein hochgeborener Charlatan, ein Schwindler. Wie viel Geld er ihnen entlockt hat, auf Pferde, Equipage und alles mögliche! Welch' Wunder, dass sie das, was einst gewesen, nicht vergessen können. Was für Privilegien haben sie doch gehabt! Übrigens wird jetzt Ruhe sein. Bis auf die zwei – haben alle die Leibeigenschaft angelobt –« »Nun, und in einem Jahre wird Kozina auch weicher werden. Der alte wird es kaum aushalten –« »Hm, ich weiss nicht – und selbst wenn –« »Wie so?« »So. Dem Lamminger hat unser Urteil keine besondere Freude gemacht. Wie ich höre, will er die Berufung einbringen. Er will die ganze Angelegenheit vom Appellationsgerichte zum Kriminalgerichte bringen.« »Und wird er es durchsetzen?« »Hm, es ist ja eben ein Lamminger. Mit den Choden stand es ja ursprünglich in Wien ganz hübsch und dieser Prokurator Straus brachte den Prozess in das richtige Geleise. Und Lamminger hat doch alles oberst zu unterst gekehrt. Er hat viele Freunde und dann weiss er, dass man oben Bauernprozesse und Rebellionen nicht gerne sieht.« »Und sollte es zum Kriminalgerichte kommen?« fiel ihm der Doktor in das Wort. »Dann wird es als Rebellion aufgefasst und –« »Dann wird Paragraph über Paragraph gefunden, bis dabei der Galgen herauskommt,« ergänzte der Doktor. »Ganz richtig, just so, wie wenn ihr eine Tinktur nach der anderen zur Anwendung bringt, bis ihr den Patienten ins Jenseits expediert habt. Ist das eine Gelehrsamkeit, diese Doktorenweisheit, nicht wahr?« – –   Manka wirtschaftete noch immer allein. Dem Namen nach war allerdings der alte Přibek, ihr Grossvater, da, aber der kümmerte sich blutwenig um die Wirtschaft. Für ein Weib, und ein so junges Weib, gab es der Sorgen viel zu viel. Und auch sonst fand das wackere Mädchen keine Erleichterung. Der Bräutigam weilte noch immer in der Verbannung in Baiern. Er sehnte sich schon nach der Heimat und sendete jede Weile einen Boten zu den Eltern, ob er wohl doch schon heimkehren könne? Sein alter Vater liess ihm aber immer wieder sagen, er möge sich lieber noch gedulden, es sei nicht geheuer und die Herren spähen immer noch nach ihm. So verbrachte der junge Chode unfreie und trübe Tage im Dienste auf einem einsamen deutschen Bauernhofe nahe an der Grenze. Während dieser Zeit, es war fast ein Jahr vergangen, hatte er zweimal sich und seiner Braut eine Freude bereitet. Er war heimlich durch die Wälder nach Böhmen gekommen und wagte sich in der Nacht bis nach Aujezdl vor, worauf er wieder nachts heimlich verschwand. Das letztemal, es war zu Ostern, beteuerte er schon, er könne es in Baiern nicht mehr aushalten, lasse sich lieber auf ein Jahr einsperren und werde lieber in Eisen auf die Robot gehen, als dass er noch länger unter fremden Leuten in der Fremde bleiben würde. Manka tröstete, besänftigte und bat ihn, er möge sich doch besinnen, bis er ihr schliesslich selbst noch einige Zeit abzuwarten versprach. Sie war aber trotzdem unbefriedigt, denn sie fürchtete, ihr Geliebter werde dem Heimweh doch nicht widerstehen können. – So gerne sie ihn aber auch schon zu Hause und als ihren Mann gesehen hätte, so wies sie dennoch den Rat einer alten Nachbarin, sie möge, bis die Herrschaft ankommen werde, nach Chodenschloss gehen, um dort Gnade für ihren Bräutigam zu erflehen, zurück. »Der Vater würde sich im Grabe umdrehen – nein, das tue ich nie.« Hančí erkundigte sich dagegen unaufhörlich, ob die Herrschaft schon da sei. Kaum war der Frühling da, brach die junge Bäuerin nach Prag auf, um ihren Jan und den alten Onkel im Gefängnis aufzusuchen. Rasch eilte sie dahin voll Freude und wieder vor dem Augenblicke zurückschreckend, in dem sie ihren Mann wiedersehen sollte. Sie erinnerte sich freilich, dass man Jiskra im Herbste den Zutritt zu Jan verwehrt hat. Der Dudelsackpfeifer war aber doch ein fremder Mann, sie dagegen ist das Weib und die Mutter der Kinder des Häftlings. Es wird wohl niemand so starrsinnig und herzlos sein, um sie von seiner Tür fortzujagen. Und doch war dem so. Sie richtete eben so viel als Jiskra Řehůřek aus. Vergebens flehte sie, vergebens weinte sie und bot umsonst alles Geld, das sie bei sich hatte, den Gefangenaufsehern an. Sie liessen sie nicht vor und sie erlangte nur das, dass man Jan wenigstens sagte, dass sie da war. Kozina, an die strenge Behandlung, die ihm zu teil wurde, schon gewohnt, wollte dessen ungeachtet nicht glauben, dass man ihm selbst den Augenblick einer kurzen Rücksprache mit seinem Weibe nicht vergönnen könnte. So nahe war sie ihm! Tiefe Beklemmung bemächtigte sich seiner, aber sofort brauste er in Zorn auf: im Geiste begleitete er die arme, von der Kerkerschwelle sich entfernende und unverrichteter Dinge heimkehrende Hančí. Er sah nicht, wie sie niedergeschlagen war, wie sie fast auf dem ganzen Heimweg weinte und wie sie aufs neue in Tränen ausbrach, als ihr die Kinder mit der Grossmutter entgegenkamen, um die Mutter zu begrüssen und zu hören, was ihnen der Vater sagen lässt. Darum erkundigte sie sich jetzt, als der Mai schon gekommen war und im Tale und auf den Abhängen alles grün ward und prächtig blühte, ob die Herrschaft bereits angekommen sei. In den vorigen Jahren pflegten die Herrschaften um diese Zeit schon auf der Chodenschlosser Burg zu weilen, heuer hatten sie sich aus irgend einem Grunde verspätet. Vielleicht traut Lomikar dem Volke, das man so gedemütigt, noch nicht, vielleicht fürchtet er, dass ein neuer Sturm bei seiner Ankunft losbrechen könnte – so erwogen die Männer hie und da. Doch niemand gereute es, dass er nicht kam. Hančí allein hätte es gerne gehört, dass die Herrschaft angekommen sei. Sie hatte im Geiste beschlossen, doch vertraute sie dies niemandem an, in das Schloss zur hochgeborenen Frau zu gehen und dort für Jan zu bitten, um seine endliche Entlassung zu erwirken. Sie hatte zur Freifrau Vertrauen, denn sie vernahm, sie sei nicht so hartherzig wie der Herr; und dann glaubte sie an ihr Gefühl – war ja doch die hochgeborene Frau auch selbst Weib und Mutter. Und sollte sie auch seine Entlassung nicht beschleunigen, so hoffte sie doch mit Bestimmtheit, dass sie sich den Einlass in das Gefängnis erwirken werde. Sie war entschlossen, sofort wieder den Weg nach Prag anzutreten und den kleinen Paul mit zu nehmen, um dem Manne eine freudige Überraschung zu bereiten. Doch der Frühling war schon vergangen, und auch die Erntezeit war vorüber, doch die Herrschaft kam nicht nach Chodenschloss. Hančí dachte auch nicht mehr an sie, denn nach ihrer Berechnung wird bald ein Jahr seit Jans Verurteilung verflossen sein, und er wird daher bald zurückkehren. Ihre Beklommenheit wich, das Antlitz der jungen Hausfrau heiterte sich auf und sie besprach jetzt mit Jiskra und Dorla nichts anderes als Jans Rückkehr. Und als sich dieselben entfernten, erzählte sie wieder dem kleinen Paul und der Hanálka vom Vater, er werde jetzt schon bald von Prag heimkehren, sie erzählte ihnen von ihm Sonntag, wenn sie mit ihnen allein war, und zu jeder freien Zeit, namentlich wenn sie sie zu Bette brachte und sie ermahnte, für ihn zu beten. Die herbeigesehnte Zeit kam endlich heran. Täglich, stündlich erwartete sie ihn voll Ungeduld und Aufregung mit Bestimmtheit und oft ging sie ihm allein oder mit den Kindern entgegen. Unterdessen kam der Herbst und es war schon mehr als ein Jahr, seit Jan das Haus verlassen, und mehr als ein Jahr, seit er verurteilt war. Da begann ihre feste beglückende Hoffnung zu schwanken und die frühere Angst und Beklemmung bemächtigten sich des Herzens, welches die Hoffnung neu zu beleben begann. – – Es war ein unfreundlicher Herbstabend, als sie aus der Stadt in ihr Heimatsdorf heimkehrte. Sie war in einer Wirtschaftsangelegenheit mit der geheimen Hoffnung auf eine mögliche Zusammenkunft mit Jan ausgegangen. Als sie nun jetzt allein rückkehrte, und die Trauer sich so auf ihre Seele gesenkt hatte, wie die düstere Dämmerung dieses Herbstabendes auf die ganze Umgebung, bemerkte sie knapp am Ortseingange einen Haufen von Menschen, die einer Nachricht lauschten. »Dem Lomikar genügt es nicht – das Gefängnis ist ihm zu wenig!« liess sich eine Stimme aus der Menge vernehmen. »Es wird eine neue Gerichtsverhandlung stattfinden. Habt ihr's schon gehört? Nach Klenč kamen Leute vom Schloss und nahmen bereits Čtverák und Syka mit – sie sollen nach Pilsen abgeführt werden.« Hančí erblasste und ihr Herz stand plötzlich stille. Man sprach zwar nicht von ihrem Manne, die vernommene Nachricht erschreckte und bestürzte sie aber doch! Als am nächsten Tage eingehendere, gleichzeitig eingelaufene Nachrichten bekannt wurden, erfuhr man, dass plötzlich nicht nur Syka und Čtverák, sondern auch der Putzerieder Pajdar, der alte Šerlovský, Peč aus Meigelshof und Němec aus Medaken, sowie alle, die in den Wiener Deputationen und in Prag waren, ausgehoben und gefesselt nach Wien abgeführt wurden. Die händeringende Hančí wusste nun, warum ihr Mann, trotzdem er die ihm zuerkannte Strafe bereits abgebüsst, nicht heimkehrte, und als der ganz bestürzte Jiskra Řehůřek ängstlich die Stube betrat, rief sie ihm, ganz ausser sich, zu: »Jiskra, er wird nicht mehr wiederkommen!« – XXVI In der Hälfte des Monates Februar 1695 überführte an einem Nachmittage der Kerkermeister mit einem Soldaten Jan Kozina aus dem Kerker, in dem er bis dahin gewesen, in einen anderen. Draussen tobte der Wind und seine Seufzer drangen bis in den öden Kerkergang. Als Kozina die neue Zelle betrat, blieb er einen Moment bei der Tür stehen; er sah umher, trat sodann so heftig ein, dass seine Fussketten erklirrten. Er stand beim harten, mit blossem Stroh bestreuten Lager, auf dem der Trasinauer Christoph Hrubý ausruhte. Als der Greis im vorjährigen Frühling im Gefängnishofe mit dem Doktor sprach, war er fest davon überzeugt, dass sein Tod nahe sei. Doch dieser stellte sich nicht ein und Hrubý brachte bereits den zweiten Winter im Gefängnisse zu. Sein fahles, abgehärmtes Antlitz und das mattleuchtende Auge zeugten nicht davon, dass seine Kräfte zugenommen hätten. Er war so herabgekommen, dass ihn sein Neffe auf den ersten Blick gar nicht erkannte. Wo war der zwar alte, aber frischwangige Erbrichter von Trasinau mit seinen hellen, feurigen Augen, der stattliche Greis vom Schlage eines Edelmannes? Hier lag er schwach und entkräftet. Die langen, ehemals stark melierten Haare waren während der Haft schneeweiss geworden. – Als Kozina an den Greis herantrat, betrachtete ihn dieser eine Weile. Sodann heiterte sich sein eingefallenes Gesicht für einen Augenblick auf und ein mattes Lächeln flog über seine Lippen. Hrubý hatte seinen Neffen seit jener Urteilsverkündung beim Appellationsgerichte, bei der die Landsleute diesen unglücklichen Revers unterschrieben, um sodann in den gedemütigten Chodengau heimkehren zu dürfen, nicht gesehen. »Du siehst auch schon anders aus, aber doch noch nicht so wie ich,« bemerkte er zu seinem Neffen, von dessen abgemagertem, bleichem Gesichte er die Blicke nicht abwendete. Der Besuch, um den er schon so oft während seiner Haft vergebens gebeten, freute ihn. Er war aber noch mehr erfreut, als ihm der Kerkermeister mitteilte, dass der junge Häftling bei ihm bleiben werde. Die Aufseher entfernten sich, die Tür fiel ins Schloss, dann knarrte der Schlüssel und die Choden waren allein. Kozina setzte sich an das Bett des Onkels. Das matte Winterlicht fiel auf den weissen, bereits abgenützten und schäbigen Chodenrock des Häftlings. Ganz schmucklos war aber dieser Rock dennoch nicht. Aus dem Knopfloche hingen auf die Brust des jungen Choden rote Bänder, das einstige Geschenk Hančís und ein Andenken an die glückliche, fröhliche Hochzeit. Der Neffe erkundigte sich über den Gesundheitszustand des Onkels und nachdem dieser seine Klagen vorgebracht hatte, frug Kozina den Kranken mit einem mitleidsvollen Blick: »Ein Jahr ist um und wir sind noch immer hier. Wisst ihr, Onkelchen, warum?« Der Greis, der sich mittlerweile etwas erhoben und auf dem Lager emporgerichtet; nickte bejahend. Er wusste bereits, dass Lamminger die Berufung gegen das Urteil des Appellationsgerichtes erhoben und beim Kriminalgerichte geklagt hatte. »Er hat es auch durchgesetzt. Ich war bereits beim Gerichte. Bei einem anderen jedoch. Ich wurde wieder verhört und man warf mir vor, ich habe alles durch meine Rede angestiftet –« Kozina hielt inne. »Auch bei mir waren sie hier im Arreste. Ich kann nicht auf die Beine.« »Dachte ich es mir doch,« antwortete der Neffe und fügte bei, Syka, Čtverák, Šerlovský und Pajdar, nebst allen aus der Wiener und Prager Deputation seien wiederum verhaftet worden und ständen auch schon vor dem Kriminalgerichte. Der Greis nickte mit dem Kopfe, fuhr mit der Hand über die Schläfen und sprach: »Ich weiss, ich weiss – ich dachte, man will nur mich oder uns zwei, und sie wollen auch diese. Ja, dieser Judas von Chodenschloss, der dürstet nach Blut, der würde am liebsten alle Choden hinschlachten. Mutter Gottes! Ist das ein Urteil!« »Ihr wisset also schon!« »Ob ich es weiss? Ich weiss es. Die Herren vom Kriminalgerichte waren bei mir. Und euch haben sie es sicherlich auch schon vorgelesen.« Der Greis verstummte auf eine Weile und richtete seinen trüben Blick auf den Neffen, der schweigend, unbeweglich, das bleiche Gesicht zur Brust geneigt, hier sass. Er hob das Haupt auch dann nicht, als ihm der Onkel den Inhalt des Urteilspruches, der ihm heute bekannt gegeben wurde, mitteilte. Čtverák, er, Christoph Hrubý und Kozina sollen als die Haupträdelsführer und grössten Rebellen aufgehängt werden. Ecl, Syka und Brychta sollen an drei einander folgenden Tagen täglich zwei Stunden Pranger stehen und sodann des Landes verwiesen werden. Bezüglich der anderen – es gab ihrer ja eine stattliche Anzahl – hatte der Greis nicht alles im Gedächtnisse behalten und wusste nur soviel, dass einige zu zwei, andere zu einem Jahre und wieder einige zu drei Monaten schweren Kerkers verurteilt wurden. Als Hrubý schwieg, erhob Kozina das Haupt, riss sich aus den Gedanken heraus und sprach: »Ja, so wurde es auch uns vorgelesen.« »Nun, Bursche, das haben wir statt unserer Rechte. Die Majestätsbriefe hat man uns genommen und den Galgenstrick dafür gegeben. – Aber so hat es nur Lomikar gewollt. In Wien wird man es nicht dabei bleiben lassen, das ist unmöglich! Was haben wir denn verbrochen?« Kozina schüttelte ernst den Kopf. »Ich weiss nicht, Onkelchen...« »Aber das ist ja himmelschreiend! Der Kaiser wird es nicht unterschreiben, nein und abermals nein. – Und wenn schon dieser Chodenschlosser Wolf ein Leben haben muss, so wollen sie mich alten, kranken Mann hinnehmen. Wozu tauge ich denn – ich werde wenigstens die bösen Zeiten nicht sehen,« fügte der Greis mit matterer Stimme bei und schon brach ihm der Husten das weitere Wort ab. Kozina durchschritt den Kerker und sprach: »Ich kenne ihn – er lässt nicht nach. O, wir kommen nie mehr heim.« »Ich nicht, Bursche, aber du –. Ängstige dich nicht. Es ist nicht möglich, du hast ja Weib und Kinder –« Der junge Bauer blieb stehen. Des Greises Worte berührten das, worauf er bereits früher und auch jetzt gedacht hatte. Seine mächtige Brust konnte einen Seufzer nicht unterdrücken. »Das ist das ärgste, Onkel. Hanči und die Kinder, meine Kinder, ich denke an sie ohne Unterlass. Wären die nicht! Sollten sie mich aufhängen, ich würde mich nicht ängstigen, würde nicht bitten –« »Und du könntest Lomikar bitten?!« »Niemals, und stünde ich auch schon unter dem Galgen.« Beide verstummten; als sie sodann das Gespräch wieder anknüpften, erwähnten sie des unbarmherzig grausamen, blutigen Urteiles nicht mit einem Worte mehr. Sie dachten an die schöne Chodenheimat und an ihre Familien. Nur einmal beklagte sich noch der alte Hrubý über die Hartherzigkeit der Herren, als er nämlich erfuhr, dass man den Dudelsackpfeifer Jiskra und Hanči zum Neffen nicht vorgelassen habe. Es war ein trauriges Wiedersehen und doch erfreute es beide. Lange haben sie es schon sehnsüchtig herbeigewünscht. Wenigstens teilweise wurden sie der peinlichen Einsamkeit und Absonderung, die voll trauriger, quälender Gedanken war, los. Kozina pflegte den alten Onkel, so weit es ihm als Häftling im Kerker nur möglich war. Des Greises einzige Freude war, sich über die Heimat zu unterhalten und sein Neffe folgte ihm auch am liebsten in Geiste dahin. Des Urteils machte keiner von ihnen eine Erwähnung mehr und doch dachten beide öfter tagsüber, ob sie verstummten oder sprachen, und auch in der Nacht daran, ob es wohl beim Hofe bestätigt würde? – – Der alte Erbrichter fürchtete den Tod nicht. Wie oft hatte er doch selbst seiner erwähnt und ihn mit Bestimmtheit erwartet. Er fühlte es, dass seine Kräfte abnehmen. Am dritten Tage seiner gemeinsamen Haft mit Kozina bat er, man möge ihm den Priester schicken. Nachdem dieser gekommen und ihn für den Weg in die Ewigkeit vorbereitet hatte, bat ihn der Greis, er möge ihm einen Brief für die Heimat schreiben. Dass der Priester diesem Wunsche willfahren durfte, freute auch Kozina ungemein; dachte er doch, dass dadurch auch seine Familie benachrichtigt und es ihm vielleicht möglich sein werde, auch ihr einige Worte auszurichten. Dieser blosse Gedanke beglückte schon den nach seinen Lieben inbrünstig sich sehnenden Familienvater. Der Priester teilte der Familie Hrubý nach Trasinau mit, wie es mit dem Bauer steht, und gab ihr für den Fall, als er nicht mehr heimkäme, dessen letzten Willen bekannt. Er teilte allen mit, wie betrübt er sei, da er niemanden von ihnen mehr sehen werde und dass er sie zum letztenmale segne. Am Schlusse bemerkte er, es sei jetzt Kozina bei ihm und dieser lasse sie alle in Trasinau und zu Hause in Aujezdl, das Weib, die Kinder und die Mutter tausendmal grüssen, man möge dies sicher in Aujezdl ausrichten. Mehr durfte nicht hinzugeschrieben werden. Der alte, freundliche Priester tröstete noch, bevor er die Kerkerzelle verliess, den Hrubý, er möge den Tod nicht fürchten, möglicherweise werde er ja noch gesund. Hrubý liess ihn aber gar nicht ausreden. »Diese Herren wissen ja doch auch schon, dass es mit mir aus ist, denn nur darum liessen sie diesen Burschen zu mir kommen –« Als der Priester fort war, wendete er seine müden Augen dem Neffen zu und sprach: »Wenn es doch Gott gäbe, mein Bursche, dass ich wüsste, dass du dem entgehst! Wie ein Felsblock lastet es auf meiner Brust – das wäre ein anderes Sterben –« Er verstummte, blickte in die Leere vor sich hin, bis er sich wieder dem ihm zu Füssen sitzenden Neffen zuwandte. »Und sollte es dennoch Gottes Fügung sein und man würde dich wirklich verurteilen, Jan, verlege dich nicht aufs Bitten!« »Ich werde nicht bitten, ich sagte dies bereits, Onkel.« »Wir haben zwar nichts ausgerichtet, aber so ganz ohne Nutzen werden wir doch nicht sterben –« Das Auge des Greises blitzte wieder auf. »Und wenn auch bei uns alle unterschrieben und widerrufen haben, wenn wir es nicht auch tun, geht unser Recht nicht verloren. Unsere Nachkommen können sich, so Gott will, in besseren Zeiten wieder melden.« Ermüdet verstummte er und faltete die Hände wie zum Gebet. Nachmittags schlummerte er ein wenig, hierauf betete er wieder eine Weile. Als er geendet hatte, unterhielt er sich mit Kozina, das Sprechen ermüdete ihn aber schon und er hielt oft inne. Er war wieder im Chodengau, gedachte der Seinigen und empfand Schmerz darüber, dass er nicht in der heimatlichen Erde ruhen wird. Dann griff er nach Kozinas Hand. »Jan, um Gottes willen bitte ich dich in Seinem dreiheiligen Namen, einmal, zweimal und dreimal, verzeihe mir – du würdest vielleicht nicht hier sein – wenn ich nicht – – – verzeihe mir –« Seine Stimme bebte. Der junge Chode drückte die kalte Greisenhand. »Ich wäre auch so hier, Onkelchen – ihr habt mir nie weh' getan – nie –« Als im Kerker die erste Dämmerung eintrat, liess sich der alte Trasinauer Erbrichter abermals vernehmen: »Ich bete ohne Unterlass und bitte den lieben Gott, er möge sich unserer Lieben zu Hause erbarmen und am meisten deiner, Jan – er möge es nicht zulassen, dass du unschuldig in den Tod gehst. Und ich hoffe, es gibt noch eine göttliche Gerechtigkeit.« Als hierauf der Kerkermeister dem Kranken eine Tasse Suppe brachte, rührte sie dieser gar nicht an. Kozina bat, man möge ihnen Licht belassen, und der Kerkermeister willfahrte dieser Bitte. Kozina schloss die ganze Nacht kein Auge zu, denn er merkte selbst schon, dass sich der Onkel nicht täusche. Der alte Chode war bis zum letzten Augenblick bei klarem Bewusstsein. Als die Lampe gegen Früh bereits auszubrennen drohte, ersuchte er den Neffen, er möge laut beten. Kozina kniete beim Bett nieder und sprach ein Gebet nach dem anderen, ohne die Augen vom Onkel abzuwenden. Plötzlich hielt er im Gebete inne. Der Onkel streckte nämlich heftig die Hand aus, machte eine Kopfbewegung und Totenblässe bedeckte plötzlich sein Antlitz. Blasser Morgenschein drang in den düsteren Kerker, in dem man einen Mann krampfhaft weinen hörte. Als der Kerkermeister später mit dem Frühstücke für die zwei Häftlinge eintrat, fand er Kozina bei der Leiche des Onkels sitzen. Der junge Chode weinte nicht mehr. Blass und unbeweglich wie eine Bildsäule sass er hier mit gefalteten Händen. Er betete für den Onkel, dessen Seele in freiere Regionen emporgestiegen war. Als man den Leichnam des alten Hrubý hinaustrug, bat Kozina um die Erlaubnis, ihn zum Grabe geleiten zu dürfen. Man gewährte ihm diese seine Bitte nicht, er erhielt bloss auf seine Frage die Antwort, die Leiche werde morgen Nachmittags begraben. Eine andere Bitte wurde ihm aber erfüllt: man führte ihn nicht in seine frühere Kerkerzelle ab, sondern beliess ihn, wie er es wünschte, in jener, in der sein Onkel sein Leben beschloss. An diesem und am folgenden Tage dachte er fast nur an den Onkel. Er dachte darüber nach, wo der im Chodenlande von allen am meisten geachtete Erbrichter seinen Geist aufgab und wohin man etwa seine Leiche fortschaffen wird. Er hatte niemanden aus seiner Familie bei sich, der an seiner Leiche weinen könnte, ja daheim wusste man es gar nicht, dass der Hausherr in die Ewigkeit eingegangen ist. Welch' einen Jammer würde es dorten auf dem Bauerngute in Trasinau geben, wie würden die Söhne und das Gesinde – nicht nur in diesem Augenblicke, da er verschieden – aber durch alle drei Tage wehklagen. Klagerufe würden die ganze Zeit hindurch aus dem Bauerngute ertönen, alle guten Taten, die der Verstorbene im Leben vollbracht, würden aufgezählt werden, wie er die Familie, das Gesinde liebte, wie weise, freigebig und bereitwillig er allen gegenüber war. Und hier belässt man ihn in der Totenkammer, in die man ihn übertragen hat, nicht einmal bis zum dritten Tage. Schon am zweiten Tage wird er hinausgetragen, und die drei alten Dorfsänger, die am offenen Sarge stets ein Klagelied über das Scheiden der Seele anzustimmen pflegen, werden nicht kommen – nicht einmal die Nachbarn werden dem Toten das letzte Geleite geben. Niemand wird ihn begleiten, kein Glockengeläute wird ertönen, man wird ihn hinaustragen und in das Grab versenken. Wenn man wenigstens ihm gestatten würde, diese unglückselige letzte Ruhestätte zu sehen, sich sie zu merken! Merken? Er? Wird er denn je zurückkehren, um zu Hause berichten zu können? Kozina erbebte. Den ganzen Nachmittag, an dem, wie er wusste, das Begräbnis des alten Onkels stattfand, betete er. Doch im inbrünstigsten Gebete befielen ihn düstere Gedanken, die ihn oft hinderten, das Gebet zu sprechen. Er gedachte seiner selbst, dachte an Weib und Kinder. – Doch um ihn handelt es sich ja gar nicht! – Vielleicht erwartet ihn noch ärgeres. – Wird das Urteil dort in Wien bestätigt werden? Seine Gedanken versagten, er fühlte, als würde das Herz plötzlich still stehen – rascher und inbrünstiger sprach er das Gebet, um diesen schrecklichen Gedankengang zu hemmen. – – – Es kamen wieder Tage der peinlichen Einsamkeit und Absonderung, die voll trauriger, quälender Gedanken waren. Langsam verstrich die Zeit, bange schleppte sie sich dahin. Als der Kerkermeister eines Tages das Frühstück brachte und schon die Zelle verlassen wollte, blieb er bei der Tür stehen, heftete seine Augen auf den Häftling und sprach: »Höre 'mal, Bauer, ich habe eine Nachricht für dich. Doch verrate nicht, dass du sie von mir hast. Du fürchtest, das Urteil werde in Wien im vollen Umfange bestätigt werden – es wird dir doch Erleichterung bringen –« Kozina hob rasch den Kopf und horchte gespannt auf. »Gestern kam es aus Wien – ich habe es . nur so unter der Hand erfahren – du verstehst mich doch und wirst schweigen,« sprach der Kerkermeister. »Der Kaiser hat nicht alles unterschrieben –« Der Gefangene fuhr zusammen und fühlte, wie sich seine Wangen röteten. Seine Augen hingen an den Lippen des Kerkermeisters. »Der Kaiser bestätigte das Urteil insoferne, dass nur einer von euch – weisst du, gehängt werden soll –« »Und welcher?« fiel ihm Kozina begierig ins Wort. »Das weiss ich nicht. Das sollen die hier erst entscheiden.« Der Kerkermeister deutete dabei mit dem Finger auf sich selbst und meinte damit die Kriminalräte. »Der Alte entging der Strafe. Jetzt seid ihr nur zwei – auf wen von euch die Wahl fällt – der wird –. Es bleibt dies ihnen überlassen. Du bist aber besser daran. Ètwerák wurde nach Wien an erster Stelle vorgeschlagen, weil er so spöttische Reden hielt; der Verstorbene war als zweiter und du als letzter im Urteil genannt. Du dürftest also am ehesten fortkommen.« »Und falls ich nicht verurteilt werde?« Der Kerkermeister verstand ihn. »Heimkehren wirst du auch dann nicht. Derjenige, der begnadigt wird, kommt auf zehn Jahre nach Komorn in Ungarn. So ist es gestern herabgelangt. Zehn Jahre auf der Festung sind auch just kein Vergnügen – aber sie vergehen doch. Von Komorn kannst du heimkehren – aber von dort –« Der Kerkermeister schwieg. »Behüt' euch Gott!« dankte Kozina mit dumpfer Stimme. »Aber schweigen! Ich würde es dir wünschen, du hast Weib und Kinder –« Der Kerkermeister ging. Die Nachricht glich einem die Kerkerfinsternis durchblitzenden Hoffnungsstrahl. Eines war dabei klar: alle, jetzt nur noch beide, er und Čtverák, werden den schimpflichen Tod nicht erleiden. Einem von ihnen winkt das Leben. Welchem? Der Hoffnungsstrahl leuchtete bald schwächer und matt, bald blitzte er wieder hell auf, als ihn die Erwägungen des Häftlinges belebten. Dieser empfand eine Weile Freude. Er war jung, hatte ein liebes Weib, Kinder, würde nicht gerne sterben. Er hatte auch keinen Grund dazu, er war von seiner Unschuld überzeugt. Er strebte nur eine gerechte Sache an, und als die anderen dem Lomikar und dessen Beamten zum Trotz allerlei Streiche zu spielen begannen, warnte er sie und hielt sie davon ab. Er stützte sich nur auf die Wahrheit, vertraute auf sein Recht, er baute auf Gerechtigkeit. Jetzt soll er oder Čtverák gehängt werden. Dieser hatte in Klenč jene Spottrede über die herrschaftliche Peitsche gehalten, die er dann in den Teich schleuderte. Er verunglimpfte Lomikar. Dieser kann es nicht verschmerzen. Und er, Kozina, hielt Čtverák ab, bat ihn um Gottes willen, er möge nicht gegen das Schloss ziehen. Und jetzt ist er mitschuldig und mitverurteilt! Auch Čtverák hatte diese Strafe nicht verdient und überhaupt keiner von den Choden, nur er, Lomikar allein, der alle absichtlich aufstachelte und reizte. Wen würde seine Wahl treffen? Wen würde Lomikar zum Tode bestimmen, Čtverák oder ihn, Kozina, der ihm so oft mutig in die Augen blickte und stets mannhaft im Namen aller antwortete? Und da ertönte es immer in seinem Innern: »Dich, dich!« Doch Lomikar entscheidet ja nicht, sondern das Gericht. Der Gefangene atmete auf, doch gleich stieg ihm wieder wie eine schwere Wolke der Gedanke auf: »Wie mächtig er aber ist! Er stürzte das Urteil des Appellationsgerichtes um. und wird die Richter dazu bewegen, dass sie in seinem Sinne entscheiden.« – Er soll nur entscheiden! Das wird er aber nicht erleben, dass er sich ihm unterwerfe, er. wird es nicht erleben, dass er, Kozina, widerrufe und sage: »Dies alles, was ich verteidigte, war unrecht und meine Behauptungen waren eine Lüge.« Da würde Lomikar zu aller seiner Schlechtigkeit noch Hohn gesellen und spöttisch auf ihn deutend, ausrufen: »Sehet, wie er zahm geworden ist, wie er sich unterwirft –« Nein, er hatte schon soviel gelitten und jetzt sollte er noch diesen Hohn und diese Schmach erleben? Als sein verstorbener Vater einst prophezeite, für die Chodensache werde noch Blut fliessen, da dachte er, ach! wahrhaftig nicht, dass sein eigener Sohn –. Und als er, damals unter der Linde vom Chodenschlosser Verwalter und seinen Leuten blutig geschlagen wurde, irrte er sich ebenfalls. Gottes Wille geschehe! Stirbt er, so geschieht dies einer gerechten Sache wegen. – Es kamen aber auch Augenblicke, in denen ihn diese feste Entschlossenheit zu verlassen drohte, dies war dann der Fall, wenn er seines Weibes und seiner Kinder gedachte. Wie oft netzten da Schweisstropfen seine Stirn, als er alles dies erwog und der letzten Augenblicke und der ewigen Trennung gedachte. Die Ungewissheit, dieser ununterbrochene Kampf der Hoffnung mit der Besorgnis, quälte ihn am meisten, und er fragte öfters schon den Kerkermeister, ob die Entscheidung bereits gefallen sei. Dieser antwortete ihm stets verneinend und schliesslich sagte er, er wisse es zwar nicht bestimmt, es dürfte aber vielleicht schon entschieden sein, doch müsse der Gerichtshof seine Entscheidung zur Sanction an die oberste Instanz leiten und da vergehe wieder manche Woche. Schreckliche Menschen! Wozu dieser Verzug, wozu diese Tortur? Doch niemand antwortete Kozina, niemand achtete auf ihn. Einmal sass er in einer schlaflosen Nacht auf seinem Lager und erwog abermals, ob er oder Ctverák zum Tode verurteilt würde. Wann wird er dies erfahren? Wer kann ihm diese Frage lösen? Da kam ihm eine Idee: Frage! Suchen nach Zeichen. Gerade Zahlen bedeuten Ctverák, die ungeraden deinen Tod – Er erhob sich und trat näher an die Wand. Einen Augenblick stand er stille, dann trat er aus, schritt gerade aus zur Tür und zählte stille die Schritte. Durch die Finsternis hallte das Klirren seiner Fusskette. Plötzlich verstummte es. Kozina war an der Tür angelangt und hatte ausgezählt. Sieben Schritte! Ein Unglückszeichen! Und doch machte er noch eine Probe. Er trat an das Bett, griff hinein und zog eine Handvoll Stroh heraus. Sodann begann er beim Fensterlein die Strohhalme zu zählen. Die abgezählten fielen einer nach dem anderen auf den Boden. Vierzehn – jetzt hat er nur noch zwei in der Hand – fünfzehn, sechzehn, oh, da fand er noch einen zwischen den Fingern, der letzte, siebzehn! – – In dieser Nacht schlief er nicht mehr ein; aber einen dritten Versuch, durch ein Vorzeichen sein künftiges Geschick zu erfahren, machte er nicht mehr. XXVII Alles stand wieder in prachtvoller Blüte und das dicht wogende Getreide auf den Feldern wurde reif für die Sense. Zu dieser Zeit kam, das erste mal nach jenen unglückseligen Begebenheiten, die Herrschaft nach Chodenschloss. Freifrau Lamminger von Albenreuth fuhr auch diesmal noch mit Widerwillen. Ihr Gatte wollte schon im Vorjahre hieher kommen, damals besiegte sie aber seinen Willen. Heuer war sie es nicht mehr im stande. »Fürchten sie nichts, meine Liebe,« sprach er ruhig und kalt. »Das sind nicht mehr die früheren Choden. Sehen sie, wie ich sie zahm gemacht habe. Wie die Schafe sind sie.« Die Freifrau glaubte dies ihrem Gatten auf das Wort, das war es aber eben, was sie verdross. Diese traurige Todesstille im herrlichen Böhmerwaldgau schreckte sie ebenso, wie die Überzeugung, dass ihr Herr die Geduldsaite dieses Volkes allzustraff spanne. Aus diesem Grunde fuhr sie nach ihrer Ankunft auf dem weissen Schloss, das man jetzt wegen der dichten Bäume, die es umgaben, kaum sah, sehr selten aus und verbrachte fast ihre ganze Zeit im schattigen Garten. Sie verweilte hier kaum einige Tage und schon war ihr bange. Früher, als sie die Töchter mit hatte, war es ihr doch fröhlicher zu Mute. Jetzt vermählte sich auch ihre zweite Tochter und begab sich im Frühjahr auf die Güter ihres Gatten, des Grafen von Vrtba und Freudenthal. Sie vergönnte es ihr. Sie erinnerte sich sehr oft, wie es dem jungen lustigen Mädchen hier auf der einsamen Burg immer bange war. Jetzt würde sie sich erst recht von hier wegsehnen! An einem Sonntagsnachmittage las Frau von Albenreuth im Schlossgarten unter der zugestutzten Krone einer Hagenbuche einen Brief. Er traf vormittags ein; sie hatte ihn seit der Zeit schon einigemal durchgeblickt. Mit Spannung folgte sie einer Zeile nach der anderen und wie sie ihn früh in freudiger Ungeduld durchflog, so prüfte sie jetzt achtsam jedes Wort auf seine Bedeutung hin. Das ernste Antlitz der Edelfrau erhellte ein stiller Freudenstrahl. Bevor sie aber zu Ende gelesen, hielt sie plötzlich inne, und, den Brief in der Hand, wendete sie sich der Seite zu, von der sie Schritte vernahm. Sie erwartete den Gatten; statt dessen trat aus einem Gässchen zwischen den zugestutzten Büschen der alte Peter, der Kammerdiener des Herrn hervor. »Ah, du bist es Peter!« sprach ihn die Dame freundlich an. »Was macht der Herr?« »Er arbeitet noch.« »Ist etwas geschehen?« »Nichts, Euer Gnaden, das Tor ist geschlossen, und, sonderbar, eine Bäuerin kam doch hinein. Sie musste den Augenblick abgewartet haben, als die kleine Pforte geöffnet wurde. »Und was wollte sie?« »Sie frug nach Euer Gnaden. Man jagte sie fort. Ich gehe jetzt nachsehen, ob auch die Gartenpforte –« Er hatte nicht ausgesprochen und fuhr zusammen. Die Schritte, die sich hinter den Arkaden auf dem mit feinem Sand bestreuten Pfade vernehmen liessen, hatten den alten Helden aufgeschreckt. Frau Lamminger wendete sich ebenfalls dahin. Das ist gewiss diese Bäuerin. In einem Trauerrocke Derselbe pflegt von dunkelblauer Farbe zu sein. mit einer schneeweissen Schürze bekleidet, das Haupt kunstvoll mit einem gestickten, kreideweissen Kopftuche umwunden, näherte sie sich zaghaften Schrittes. Sie hatte zwei festtäglich gekleidete Kinder mit sorgfältig zugekämmten Haaren, einen Knaben und ein Mädchen, mit. Neugierig betrachtete die Edelfrau die junge, hübsche Bäuerin. Es fiel ihr aber sofort auf, dass die Angekommene blass und abgehärmt ist. Als Peter die Fassung wieder gewonnen, wollte er der Bäuerin sofort entgegengehen und sie fortführen, unterliess es aber auf den Wink seiner Gebieterin. Als die Bäuerin eine schön und reichgekleidete Dame sah, fuhr sie zusammen. Sie beugte sich jedoch sofort zu den Kindern und lispelte ihnen etwas zu; der Knabe fing zu laufen an und, ehe man sich dessen versah, küsste er der Edeldame die Hand. Das Schwesterchen, ein etwa vierjähriges Mädchen mit schönem goldigem Haar, blieb aber, kaum dass sie einige Schritte zur Dame gewagt hatte, rot wie Klatschmohn, stehen. Der alte Peter betrachtete den mutigen Knaben und sein verschämtes hübsches Schwesterlein, an dem die Edelfrau offenbar Wohlgefallen fand, vergnügten Blickes. »Wer und woher bist du?« frug die Edelfrau. »Aus Aujezdl, die Kozina.« Ein Schatten überzog die weisse Stirne der hochgeborenen Frau. Der alte Peter fuhr zusammen. »Was willst du?« Der jungen Bäuerin brachen die Tränen aus den Augen; unfähig zu sprechen, fiel sie auf die Kniee. »Gnade, hochgeborene Frau,« presste sie heraus, »Gnade!« »Stehe auf und sprich, was du willst.« »Ihr werdet es wohl, hochgeborene Frau, wissen. Das zweite Jahr ist mein Mann schon im Kerker. Er ist am ärgsten daran und hat am wenigsten verbrochen. Immer beschwichtigte er die Männer und suchte sie an der Ausführung ihrer Pläne zu hindern und bat sie, sie mögen diesen Aufruhr lassen. Und bei dieser Rebellion war er auch nicht, da war er schon eingesperrt. Hochgeborene Frau, möchten Sie doch bei ihrem Herrn für ihn Fürsprache einlegen, dass man ihn doch schon freilasse. Wir sind schon so lange allein, alles geht bei uns zu Grunde, und er, der Arme! Und diese Kinder, hochgeborene Frau! Ihr wisst ja selber, was die Kinder sind! Und wenn der Bauer etwas angestellt hat, so sind wir ja alle dafür auf Wasser und Brot gesetzt, und er ist bereits genug gestraft. Um des lieben Gottes willen: Erbarmen, hochgeborene Frau –« Die Edelfrau unterbrach die arme Bittstellerin nicht. Ihre Worte und ihre Tränen rührten sie; aber noch mehr rührte sie und machte ihr Herz erbeben, als ihr in diesem Augenblicke die Worte einfielen, die sie gestern von ihrem Gatten vernahm, als man über den Chodenprozess sprach: der Aujezdler Kozina werde wahrscheinlich zum Tode verurteilt werden. Es war ein Wunder, dass sich ihr Blick nicht trübte, denn er ruhte lange auf dem hübschen, pausbäckigen Knäblein und seinem goldhaarigen Schwesterchen, zwei unschuldigen Kindern, die ihr und ihrer Eltern Unglück nicht fassend, voll Verwunderung und Angst zugleich, von der weinenden Mutter zu der edlen, schön gekleideten Frau blickten. »Weine nicht, du Ärmste!« sprach die Edelfrau die Bäuerin an. »Mir ist leid um dich, gerne möchte ich dir helfen und ich würde es dir und den Kindern wünschen, dass ihr nicht ohne den Vater seid, aber ich kann nichts machen –« »Aber Euer hochgeborener Herr –« »Du irrst, er sitzt nicht über deinen Mann zu Gerichte, sondern das Gericht zu Prag, von dem hängt alles ab. Ich werde sehen, was sich machen lässt –« Sie schrak zusammen, beendete den Satz nicht, nahe Schritte machten sie stutzig. Auch Peter erschrak und wich unwillkürlich gegen die Büsche zurück. Er ahnte es ja eben so wie die Frau, wer sich da nähere. Und Lamminger stand auch schon hier. Seine kalten, durchdringenden Blicke betrachteten die Gruppe, die er nicht zu sehen erwartet hatte. Hanči, die den Worten seiner Frau lauschte, hatte ihn nicht wahrgenommen. »Wer hat sie eingelassen?« Er fragte, ohne die Bäuerin eines Blickes zu würdigen, ruhig, eisig, aber gleichzeitig rügend. Hanči gab es einen Stich, als sie ihn sah und hörte. Zu dieser hohen Frau hatte sie Vertrauen, vor der fühlte sie keine Angst, aber vor diesem da! Das ist er, Lamminger! Als wenn ein Lerchenfalke erschienen wäre. Die Kehle zog sich ihr zusammen und unwillkürlich drückte sie die sich wie ein scheues Hühnchen in ihre Rockfalten duckende, kleine Hanálka fest an sich. »Hochgeborener Herr!« brachte sie mit zitternder Stimme hervor. »Was willst du?« fragte Lamminger. »Es ist die Kozina,« sprach seine Gattin, beide ängstlich betrachtend. »So? Und was will sie?« fragte er gleichgültig. Hanči antwortete statt der Edelfrau: »Gnade, hochgeborener Herr! Mein Jan ist schon so lange im Arreste.« »Hat er dich bitten geschickt?« »Ach, ich konnte, hochgeborener Herr, mit ihm nicht sprechen. Ich suchte ihn auf, aber man liess mich nicht zu ihm.« »Und hätten sie dich auch vorgelassen, er hätte dich kaum hergeschickt. Übrigens hast du zu Hause bleiben können. Ich urteile nicht über ihn, sondern das Gericht in Prag. »Gnädiger Herr, wenn Sie wollten, Sie vermögen ja alles. Auf ihr Wort ist das geschehen, auf ihr Wort wird er wieder freigelassen. Gnädiger Herr, um Gottes willen und dieser Kinder wegen!« »An die hätte er denken sollen, bevor er daran ging, die Obrigkeit zu stürzen,« antwortete Lamminger in eisigem Tone. Eine peinliche Stille trat für einen Augenblick ein. Diese harten Worte benahmen Hančí die weitere Sprache; Frau Lamminger schauderte. »Und wann wird, gnädiger Herr, Jan frei?« fragte Hančí, die um eine Gnade weiter nicht zu bitten wagte, mit stiller betrübter Stimme. Ein sonderbares Lächeln glitt über Lammingers Lippen. Bevor er diese Frage beantwortete, sagte seine Gattin rasch mit bewegter, bebender Stimme französisch zu ihm: »Um Gottes willen, sagen sie ihr nichts, ich würde dies nicht ertragen – verschonen sie mich!« Voll Erregung hing sie an den Lippen ihres Gatten, was sie wohl vorbringen werden. »Ich bin kein Richter, ich weiss nichts – höchstens das, dass das Urteil sehr bald, schon in den nächsten Tagen kund gemacht wird. Damit du aber nicht eine Enttäuschung erfährst, sage ich dir, dass es ziemlich streng lauten wird. Gegen die Obrigkeit zu rebellieren, das geht nicht nur so an. Es bedarf eines Beispieles, dass es auf ewige Zeiten niemandem mehr einfalle, die Obrigkeit stürzen zu wollen. Und namentlich bei deinem Manne ist Strenge am Platze. Der hat alle entflammt. Lassen wir ihn heute laufen, so wird er morgen alle rebellisch machen. Da würde er erst Reden halten. Weil er gefährlich ist, muss er büssen. Geh' mit Gott!« Diese harten, herzlosen Worte, die mit der harten deutschen Aussprache vorgebracht wurden, schmetterten die junge Bäuerin nieder. Sie wagte keine Silbe mehr zu sagen, wagte auch nicht mehr zu ihm aufzublicken. Sie erhob sich und nahm die erschrockenen Kinder bei der Hand. Wie sie sich umkehrte, begegneten ihre Augen dem mitleidsvollen Blick der Freifrau. Hančí machte kaum einen Schritt und brach in heftiges Weinen aus. So ging sie heim. Lamminger, der sich nach ihr gar nicht umsah, heftete seinen kalten Blick auf seine Gattin und sprach: »Bitte mich künftighin mit solchen Audienzen zu verschonen!« Er ging auf einem zweiten Steg fort und verschwand bald zwischen den Bäumen und Gesträuchen. Seine noch ganz aufgeregte und sprachlose Frau blickte ihm mit ihren vor Erregung glänzenden Augen nach und ihre empörte Seele rief: »Tyrann du!« Der ganze Himmel war mit Wolken überzogen. Ihr Schatten ruhte auf der stille Befeuchtung erwartenden Gebirgsgegend. Es war eben wieder Sonntag Nachmittags und eine Woche nach jenem, an welchem Hančí Kozina bei der Herrschaft um Gnade gebeten hat. In Aujezdl herrschte tiefe Stille. Sie würde auch ohne das herannahende Gewitter herrschen. Alles war schweigsam, bestürzt. Man erwartete hier, wie überall im Chodengaue, in banger Spannung die Entscheidung sowohl bezüglich jener, die aufs neue eingesperrt wurden, als auch jener, die schon so lange im Kerker sassen, nämlich Kozina und Čtverák. Wie über die zwei entschieden werden soll, wusste und ahnte man nirgends. Wer könnte auch eine so strenge Strafe ahnen? Nur vom alten Hrubý verbreitete sich überall rasch die Nachricht, er habe todeskrank nach Hause geschrieben und sei sodann in die Ewigkeit eingegangen. Man sprach eben auch bei Kozinas von ihm. Im Hofe unter der Linde sass Hančí mit der Schwiegermutter, Řehůřek Jiskra und einem Gast. Es war des verstorbenen Hrubý ältester Sohn, der zu den Verwandten auf Besuch kam und ihnen anzeigte, dass er nach Prag gehen werde, um zu erfahren, wie dies alles mit dem Vater zugegangen sei, gleichzeitig werde er bestrebt sein, zu Jan, zu Kozina, zu gelangen. Hančí flössten diese Worte wieder Leben ein. Sie konnte sich seit jenem Besuche im Schloss nicht aufraffen. Der Gedanke, dass ihr Mann zu einer schweren Strafe verurteilt werden soll und viele Jahre im Kerker wird zubringen müssen, drückte sie ganz nieder und sie liess sich von niemandem trösten, auch von Jiskra nicht, der da meinte, Lomikar habe nur so gedroht, um sich auch an dem Weibe Jans zu rächen. Der sonst so lustige, aber jetzt ernste Dudelsackpfeifer begründete seine Behauptung damit, dass eine derartige Verurteilung ja ganz unmöglich sei, da ja doch Jan weder eine Čakane noch eine Büchse in die Hand nahm. Welch' eine Freude hatte damals Hančí und allen dieser Gruss bereitet, den Jan im Briefe des verstorbenen Hrubý übermittelte! Jetzt freute sie sich im Geiste, dass der junge Hrubý vielleicht auch welche Nachrichten überbringen werde und, sollte man ihn zu Jan in den Kerker lassen, werde sie den Weg nach Prag von neuem antreten; so nahm sie sich es im Geiste vor. Ein dumpfes Getöse entstand und alle dachten, es wäre Donnergerolle. Aber es war kein Gewitterdonner, sondern Trommelwirbel. Jiskra erhob sich und wollte rasch zum Tor; durch dasselbe kam aber schon der kleine Paul gerannt und flog pfeilschnell direkt zur Linde. Er meldete, dass im Dorfe die Trommel gerührt werde und dass dort Reiter seien. Alle eilten hinaus. Ihr erster Gedanke war, es sei Militär hier. So glaubten auch alle jene, die aus den Gebäuden, aus den Gärten, dem Schatten der Bäume oder vom Rasen, wo sie Erholung suchten, auf den Dorfplatz liefen. Sie sahen kein Militär, sondern nur zwei Reiter und Bekannte. Es war der Schreiber aus der Chodenschlosser Burg und ein unermüdlich trommelnder Musketier, der die ganze Welt herbeirufen wollte. Es gelang ihm, das ganze Dorf zusammenzutrommeln. Beide Reiter waren in einer Weile von jungen und alten Leuten umringt. War ja doch alles voll Neugierde, was die Herrschaftsboten auf diese so aussergewöhnliche Weise kundmachen werden. Die Trommel verstummte, der Musketier steckte die Trommelschlägel ein. Der Schreiber holte unter dem Rocke ein Papier hervor, entfaltete es und begann zu lesen: »Auf Befehl Sr. kais. Gnaden ordnen die königlichen Hauptleute des Pilsner Kreises an, es möge, so wie in der Hauptstadt Prag und in der königlichen Stadt Pilsen und allen Kreisstädten des Königreiches Böhmen, das Urteil des obersten Kriminal- und Halsgerichtes, wie es Sr. kais. Gnaden zu bestätigen geruhten, publiziert werden und das schon genannte Urteil über die unfolgsamen und rebellierenden Choden auch in allen Chodendörfern auf den Herrschaften Sr. Excell. des hochgeborenen Herrn Maxmilian Lamminger von Albenreuth besonders kundgemacht und öffentlich gelesen werden, wie es hiemit geschieht.« Das Stimmengewirre, das man noch vernahm, als schon der Schreiber zu lesen begonnen hatte, legte sich bald; als der Schreiber den Gegenstand seiner Kundmachung bekannt gab, hörte man höchstens einen Ruf der Überraschung und Bestürzung. Sofort trat rundumher tiefe Stille ein. Aller Augen waren erwartungsvoll auf die Lippen des Vorlesers geheftet. Der alte, weisshaarige Přibek drängte sich fast bis zum Pferde des Schreibers vor und hörte gesenkten Hauptes zu. Manka stand in einiger Entfernung, brannte vor Begierde und zitterte vor Angst über das ihrem Bräutigam geltende Urteil. Unter den ersten in der Menge war Řehůřek Jiskra, neben dem Hančí stand; sie wurde immer bleicher und zitterte. Alles um sie, die Kinder, den Gast, hatte sie in banger Erwartung der verhängnisvollen Nachricht vergessen. Die alte Kozina stand etwas weiter und hielt den kleinen Paul an der Hand. Ihr runzeliges, in letzter Zeit gelbliches Gesicht wurde in diesem Augenblicke fahl. Die Augen der Greisin glühten vor Erregung. Mit gehobener Stimme las der Schreiber das umfangreiche Urteil, in dem hie und da auch die Gründe angeführt und die sichergestellten Vergehen angegeben wurden. Er machte kund, das Halsgericht habe erkannt, die drei Haupträdelsführer und gefährlichsten Anstifter der Rebellion und zwar: Čtverák aus Klenč, Hrubý aus Trasinau und Jan Sladký aus Aujezdl seien zum Tode verurteilt, nichts desto weniger geruhe Sr. Majestät in seiner Clementia und Gnade zu bestimmen, dass nur einer von ihnen hingerichtet werde; das Gericht habe nun, da genannter Christoph Hrubý mit natürlichem Tode abging, entschieden, es solle Jan Sladký aus Aujezdl, genannt Kozina, gehängt werden. Das löbliche Kriminal- und Halsgericht entschied so aus dem Grunde, weil genannter Sladký oder Kozina ein sehr beredter und darum gefährlicher Bauer, sowie von allen der unbeugsamste sei, da er nicht um Pardon bitten wollte. Hančí hörte diese schreckliche Motivierung nicht mehr. Bei der Erwähnung der Todesstrafe begann sie wie Espenlaub zu zittern, als wäre sie von Schüttelfrost ergriffen, und ehe noch der Vorleser das Urteil über ihren Mann zu Ende gelesen, brach sie mit einem Schrei, wie von einem Sensenhiebe gefällt, zusammen. Dieser Unfall unterbrach die weitere Urteilsverlesung. Alles drängte sich an die unglückliche Kozina heran. Die Weiber begannen zu wehklagen und zu jammern und in diese Klagetöne mengte sich das Geschrei des kleinen Paul und der Hanálka, die sich zu ihrer bewusstlos auf der Erde liegenden Mutter durchdrängten. Jiskra Řehůřek nahm unter Mithilfe einer Nachbarin Hančí unter den Armen und trug die Unglückliche in das nächste Gebäude, um sie wieder zum Bewusstsein zu bringen. Matten, unsicheren Schrittes wankte ihnen die alte Kozina nach. Ein grauer Nebelschleier hatte ihre Augen verhüllt. Brust und Kehle waren so krampfhaft beengt, dass sie sich weder durch einen Aufschrei noch durch Klage Erleichterung verschaffen konnte. Der unerwartete furchtbare Donnerschlag hatte sie betäubt. Der Urteilsverkünder setzte nach einer Weile die Verlesung seines schrecklichen Verzeichnisses fort. Er begann nun mit Čtverák aus Klenč, der auf diese Weise dem Tode entrann und zu zehn Jahren in der Festung Komorn verurteilt wurde. Der abwesende Brychta bekam zwei Jahre Zwangsarbeit in Raab, Syka und der junge Šerlovský ein Jahr schweren Kerkers, die übrigen, die vom Kriminal- und Halsgerichte zu einigen Monaten schweren Kerkers verurteilt wurden – und es war ihrer eine stattliche Reihe – wurden dagegen durch kaiserliche Entscheidung begnadigt. Lamminger war von der Einschüchterung und Bezähmung der Choden so fest überzeugt, dass er mit diesem schrecklichen Urteile den Schreiber ohne jede Bedeckung mit einem einzigen Musketier entsendete. Und siehe da – es erhob sich in der das Urteil anhörenden Menge keine einzige Faust, und die herrschaftlichen Verkünder konnten eben so ungeschoren, als sie gekommen, wieder abziehen. Nirgends ein Hindernis, nirgends ein Unfall. Einzelne blickten den Boten lautlos und bestürzt nach, andere fanden erst jetzt die Sprache wieder und suchten durch laute Klagen ihren betäubten Geist wieder zu wecken. Die meisten eilten aber jenem Gebäude zu, in das man die Kozina getragen hatte. Alle Frauenzimmer brachen über ihr in Tränen aus; auch die Männer betrachteten ergriffen und teilnahmsvoll das junge, aus der Ohnmacht zur grässlichen Wirklichkeit erwachende Weib. Andere kamen nicht einmal bis in die Stube, sondern blieben gleich in der Vorhalle, wo die alte Kozina auf der Stiege zusammengebrochen war. Sie starrte vor sich zu Boden, sah nichts und hörte nichts, was um sie vorging. Mit verweinten Augen kehrte Manka Přibek aus dem Hause heim und sah sich noch einigemal nach dem traurigen Zuge um. Zwei Bäuerinnen führten die junge Kozina und ihre Mutter auf das Bauerngut; neben ihnen trug Jiskra Řehůřek die Hanálka und führte den weinenden kleinen Paul an der Hand. Was bedeutet das ihrem Bräutigame zuerkannte Jahr gegen das, was Kozina beschieden ist! Um diese Zeit fing es allmählich zu regnen an, im Garten schüttelte der Wind plötzlich die Bäume und der vorhin ferne Donner rollte nun über dem Dorfe. Die soeben in die Stube heimkehrende Manka sah sich sofort nach dem Grossvater um. Er war weder hier, noch im Hofe, noch beim Nachbarn. Sie erkundigte sich nach ihm im Hoftürl und erfuhr hier, dass er in der Richtung gegen Chodenschloss fortgegangen sei. Was könnte er jetzt dort suchen? Er verlässt ja kaum das Gebäude, um zum nächsten Nachbarn zu gehen. Und nach Chodenschloss sollte er? Zu wem? Eilig folgte sie dem Grossvater. Sie kam nicht weit. Auf der Anhöhe, von der aus man Chodenschloss sehen konnte, stand der alte Přibek vorgebeugt, im weissen Scherkenrock und stützte sich auf die Čakane. Der Wind brauste durch die den Pfad neben ihm begrenzenden Gesträuche und spielte mit dem langen, weissen Haare des Greises. Er achtete darauf aber eben so wenig, wie auf die Regentropfen und das Donnergerolle. So oft jedoch der Blitz mit seinem blassroten Strahl des Sturmes Dämmerung durchzuckte, machte der Greis eine Bewegung, als wollte er der Richtung des Blitzes folgen. »Was macht ihr da?« rief Manka. Der Greis blickte sie an und zeigte sodann mit seiner dürren, sehnigen Hand in der Richtung gegen Chodenschloss. »Ich warte, bis der Blitz als Gottes Sendbote dort hineinfährt. Diesen Schurken von Chodenschloss kann der Donner nicht verschonen –« »Aber Grossväterchen!« »Vielleicht gibt es noch, Mädel, einen Herrgott, es wird vielleicht auch noch eine Gerechtigkeit im Himmel geben, wenn es schon hier auf Erden keine gibt!« Manka graute es fast. Sie wusste es ja, was auf seinem Geiste so lastete, was ihn quälte und sein Inneres empörte. Möge er nur bei Sinnen bleiben! Sie blieb ihm an der Seite. Der Sturm brauste über ihre Köpfe dahin, Blitz auf Blitz durchzuckte die finstere Luft, doch keiner fuhr in den, dort unten am Rande der einst freien und den Choden gehörigen Forste gelegenen, weissen Herrensitz! XXVIII Es war bereits Herbst und die Herrschaft von Chodenschloss weilte noch immer auf ihrer Burg. In früheren Jahren ging es hier um diese Zeit lustig und geräuschvoll zu, denn es trafen Jagdgäste ein. Heuer gab es noch keine einzige Jagd. Es befremdete, warum der Herr jetzt in seiner stillen Residenz verweile, die jetzt zugleich einem Kloster und einer Festung ähnelte. In allen ihren Räumen, sowohl in den herrschaftlichen Gemächern als auch im Erdgeschosse und im Burghofe herrschte Stille und alles war wie vor einem Feinde versperrt. Der Torwart rührte sich den ganzen Tag von seinem Platze nicht und in der Nacht hatten jetzt einige Wächter Dienst. Frau von Albenreuth, die fast fortwährend in ihren Zimmern oder in der Schlosskapelle verweilte, hatte schon seit längerer Zeit die Burg nicht verlassen. Der Herr ritt wohl öfter, meistens nach Kaut, aus, doch nie, wie vorhin, allein oder nur mit einem Diener, sondern immer in der Begleitung einiger Reiter. Angst sah man ihm aber nicht an, denn sein Gesicht war ruhig und kalt, wie immer, ob er nun im Schlosse weilte oder eine Ausfahrt unternahm. Es schien fast, als wäre der Gesichtsausdruck ein fröhlicherer, denn man merkte ihm eine gewisse Zufriedenheit an. Natürlich! Die zweite Ernte ist bereits gut und glücklich ausgefallen, das zweite Jahr verrichteten die Choden bereits neue, härtere Frohnarbeit und überall herrscht Ruhe. Sie gewöhnen sich allmählich. Heuer gab es in keinem Dorfe mehr jenen Trotz und jene Unbotmässigkeit, die noch im Vorjahre dort zum Vorschein kamen. Dieser Sturm verlohnte sich und die Strafen werden gute Früchte tragen. Auch dieses stolze Volk wird zahm, und wird jenem auf allen anderen Herrschaften gleichen. Ohne einen Sturm der Empörung haben sie das Urteil des Halsgerichtes vernommen und in kurzer Zeit haben sich auch jene, die nach Baiern geflohen waren und verurteilt wurden, selbst gestellt. Auch Brychta kam und auch der junge Šerlovský, die beide doch so rechte Dickschädel sind. Jetzt büssen sie für ihre Empörung; jetzt weiss es schon Brychta, was es heisst, die Karbatsche der Obrigkeit von der Walbe herabzuschleudern und dieselbe Erfahrung hat auch der freche Čtverák gemacht, welcher knapp unterhalb der Schlossfenster Spottreden hielt. Sie dürften jetzt, mit ihren Fussketten rasselnd, in Raab und Komorn der wilden Fastnacht gedenken. Und Kozina! Gut, recht gut und just nach seinem Geschmack hat das Prager Gericht entschieden. Es war der gefährlichste und stolzeste Bauer von allen. Wenn der so Jurist wäre! Und wie beliebt er ist! Aus allen Chodendörfern kamen die ältesten hieher in die Burg, um für ihn Gnade zu erflehen. Und wie sie bettelten und sich demütigten! Er liess sie zwar in das Schloss vor, doch was mussten sie hören! Er sprach ihnen ins Gewissen, sagte ihnen, wie verblendet sie seien, dass sie sich des Ärgsten, der sie alle in das Unglück gestürzt, noch annehmen. Und bevor noch diese auf das Schloss kamen, fand sich auch die alte Kozina ein. Auch die erschien am Schlosstor, um für ihren Sohn Um Gnade zu flehen. Doch der Torwart liess sie, wie ihm von seinem Herrn angeordnet wurde, nicht vor. Wie eine Säule harrte sie von Früh bis Abends da, von Zeit zu Zeit hob sie ringend und wehklagend ihre welken Hände gegen die Fenster des Schlosses empor. So stand sie hier vormittags, so auch am Nachmittag, bis die nichts ahnende Schwiegertochter, die junge Kozina, ihr ebenfalls nachkam. Herzergreifend war der Anblick der bedauernswerten, flehenden Frauen, und selbst der alte Torwart, der das Vorgehen seines Herrn im Stillen tadelte, vertrug dieses Schauspiel nicht. Er wollte nicht mehr herausblicken, musste jedoch auf Befehl seines Herrn nochmals hinaus, um die Weiber fortzujagen. Der Diener sprach ihnen zu, bat sie, sie mögen sich entfernen, dass alles umsonst sei. Um die Zeit weinte oben im Zimmer die Edelfrau, während ihr Gatte erzürnt im Gemach auf und abging. Diese Bäuerinnen, die sich nicht abfertigen lassen wollten, brachten ihn in Wut, und seine Gattin, die das Wehklagen derselben nicht mehr anhören konnte und Fürsprache für sie einlegte, reizte ihn noch obendrein. Später kam niemand mehr zur Chodenschlosser Burg. Stille herrschte wieder wie vorher überall, nichts änderte sich. Nur der Herr war mehr auf der Hut und sah darauf, dass die Nachtwachen recht wachsam und aufmerksam bleiben. Seit dem Augenblicke, in welchem der Tag der Hinrichtung Kozinas festgesetzt wurde, traute Herr von Albenreuth den Choden nicht recht. Er fürchtete, dass sie an ihm vielleicht für Kozina Rache nehmen könnten.   Die Vorzeichen, die Kozina in jener Nacht zweimal befragte, hatten nicht gelogen. Die Ungewissheit des jungen Choden war vorüber. Das Urteil des Halsgerichtes fiel nach der Ahnung des Häftlings aus. Denn die Befürchtung, seine Angelegenheit werde jenen Ausgang nehmen, den sie jetzt tatsächlich nahm, überkam ihn öfter als die Hoffnung auf eine glückliche Wendung. Diese Entscheidung erschütterte seine Seele. Doch dauerte dies nicht lange, eine gewisse stumpfe Ruhe bemächtigte sich seiner. Er atmete erleichtert auf; die peinliche Ungewissheit hatte ein Ende gefunden; sie hatte ihn ermüdet, und doch liessen ihre Nadelstiche und Marterqualen bei Tag und Nacht nicht nach. Als der Kerkermeister kurz darauf seine Zelle betrat, um ihn abzuholen und ihm zu vermelden, dass er nach Pilsen überführt werden soll, empfand Kozina ob dieser Nachricht Freude, obzwar er wohl ahnte, warum man ihn in die Kreisstadt überführen wird: damit seine Strafe warnend und abschreckend auf seine Landsleute wirke, da die Hinrichtung in Pilsen einen mächtigeren Eindruck üben werde, als wenn sie in Prag vor sich ginge. Doch auch das war ihm lieb: es wird wenigstens jedermann zu Hause und auch anderswo erkennen, wie sie Lomikar behandelte und noch behandelt. Überdies weiss es ja jedermann, dass Kozina von Aujezdl kein Schurke und kein Mörder ist, jedem ist es bekannt, warum er diesen schmachvollen Tod erleidet. Weder ihm noch seinem Geschlechte kann es zur Schande gereichen und die Choden werden es auch nie vergessen, dass er für ihre Rechte kämpfend starb; sie werden dieser Rechte ebenso wenig vergessen, wie Lomikars, der ihn falsch beschuldigt hat und ungerecht verurteilen liess. Er, er! Wider ihn gab es keinen Schutz, ihm zuliebe wurde Recht und Gerechtigkeit zu nichte gemacht. Dies ist allgemein bekannt und wird auch anerkannt. Eine freudige Erregung durchzuckte sein Gemüt: wird er doch Weib, Kinder und Mutter sehen! Der Transport von Prag nach Pilsen dauerte einige Tage. Es war ein trauriger, peinlicher Weg, musste er doch bei düsterem umwölkten Himmel während der ersten regnerischen und windigen Novembertage auf einem elenden Wagen in Ketten angetreten werden. Doch nach einer Woche seiner Kerkerhaft im Pilsner Rathause ging unverhofft sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung. In den ersten Nachmittagsstunden öffnete sich zu einer ungewohnten Zeit die Kerkertür und es traten – heilige Jungfrau Maria! – Hančí mit Hanálka und die Mutter mit dem kleinen Paul ein – – Im düsteren Gewölbe ertönten Aufschreie von Leid und Freude, Weinen und Schluchzen, einzelne Worte und ein unterbrochenes Gespräch: wie konnten sie nur die Gefühle zum Ausdrucke bringen, die sich im stürmisch erregten Busen rasch ablösten! Mutter und Weib lagen weinend an der Brust des stattlichen Choden. Er umarmte, drückte sie an seine Brust, und schon beugte er sich wieder zu den Kindern, die ihn nicht mehr kannten. Verwundert und bestürzt blickten sie den blassen Mann im schäbigen Scherkenrock an, der sie mit dem Geklirre seiner Fussketten schreckte. Eines nach dem anderen hob die Mutter zum Vater empor, die bebende tränenerstickte Stimme erklärte ihnen, dies sei der Vater, ihr Vater – – Und er drückte sie an sich und küsste sie. – – Aus dem finsteren Hintergrunde trat jemand hervor, den die Eintretenden vergessen und den Kozina im Freudentaumel übersehen hatte: Řehůřek Jiskra. Er trat näher und reichte dem Häftling gerührt die Hand. Und als dieser des alten, treuen Genossen ansichtig wurde, füllten sich seine Augen wiederum mit Tränen. Mit beiden Kindern auf den Knien liess er sich auf der ärmlichen Bettstätte nieder. Sie gewöhnen sich bereits an ihn, sie fürchten ihn nicht mehr und es scheint, dass sich der kleine Paul bereits des Vaters erinnere. Er streichelt sie, fragt sie aus, wendet sich von neuem Hančí, der Mutter zu. Die junge Bäuerin beruhigte sich auf eine Weile. Die Fusskette klirrte jetzt, da der Mann sass, nicht, und bei ihm, der seine Kinder an sich schmiegte, vergass sie den Kerker und alles. Doch sofort empfand sie wieder einen Stich im Herzen; ein schrecklicher Gedanke weckte von neuem den betäubten Schmerz und machte ihr Herz erbeben. Hančí brach in Wehklagen aus und zu ihren Tränen gesellte sich das Weinen und Klagen der alten Mutter. Der seitwärts in einer Ecke stehende Kerkermeister erinnert daran, dass es Zeit sei, den Gefangenen zu verlassen, dass die Stunde, die ihnen zum Besuche gewährt wurde, bereits verflossen sei. Alle staunen. Kaum hatten sie sich wiedergesehen, kaum einige Worte gewechselt und schon trennt man sie wieder! Und sie wollten sich doch so viel sagen! Die Weiber hatten kaum flüchtig erwähnt, wie es daheim zugehe, welche Qualen sie gelitten, seit sie erfuhren, was mit ihm geschehen sei, und wie sie vergeblich bei Lomikar für ihn um Gnade gefleht hätten, er erwähnte kaum mit einigen Worten seiner Gefühle beim Tode des alten Onkels Jiskra hatte, vom Freunde über den unglückseligen Aufstand befragt, nur ganz kurz ihm mitteilen können, wie traurig das Ende der Revolte und jenes des Matthias Přibek war, und schon sollten sie sich wieder trennen. Ihr einziger Trost war, dass ihnen bewilligt wurde, sich morgen wieder einzufinden. – Der Gefangene war wieder allein. Jetzt erst, als ihm die Teuersten nicht mehr an der Seite standen, als er seine lieben Kinder, an denen er sich früher nicht satt sehen konnte, nicht mehr auf den Knien wiegte, als ihn wieder das öde Dunkel des düsteren Kerkers umgab, ergriff ihn ein Schrecken, und er fühlte, wie schrecklich das sei, was da seiner harrte. Tags darauf sah Kozina seine Lieben wieder – und wieder entschwand ihnen, ehe sie es ahnten, die bewilligte Zeit. Sodann verabschiedete er sich von ihnen und segnete sie, weil sie fort mussten; die Herren wollten es so haben. Es war Hoffnung vorhanden, dass sie sich noch einmal wiedersehen werden. Nämlich am Tage – – So flog ein Tag nach dem anderen traurig dahin und schon brach der unglückselige achtundzwanzigste November heran. Kozina wurde daran am lebhaftesten erinnert, als seinen Kerker der Geistliche betrat, um ihn auf den weiten Weg vorzubereiten. Er empfing ihn ehrfurchtsvoll und seine Worte flössten dem andächtigen Choden viel Trost ein. Er hörte ihm aufmerksam zu und willfahrte ihm in allem, als aber der Priester auf die Obrigkeit zu sprechen kam, schüttelte er unwillkürlich das Haupt und runzelte die Stirne. »Hochwürden! Wer ist der Schuldige: derjenige, der seine Rechte verteidigt, oder jener, der Hunderte von Menschen bestiehlt, martert und sie zu Sklaven macht, der den Weibern den Mann und den Kindern den Vater mordet?« Als der Priester die felsenfeste Überzeugung des Gefangenen sah, sprach er ihm nicht mehr zu und entgegnete nur: »Überlasse das alles, lieber Sohn, unserem Herrgott; er ist der beste und gerechteste Richter.« »Richtig, Gott wird auch dieses entscheiden« war die feste Antwort des finster blickenden Choden. XXIX »Aus Melhut, Kličov, Tilmitschau und Hochwartl werden je vier, aus Putzeried, Medaken, Meigelshof und Possigkau je sechs, acht aus Klenč und je zehn aus Trasinau und Aujezdl nach Pilsen gehen, um die Strafe dieses Rebellen Kozina zu sehen. Jeder nehme seine Kinder, Knaben und Mädchen mit, die das, was sie in Pilsen sehen werden, bis an ihr Lebensende im Gedächtnisse behalten könnten.« So lautete der Befehl des Herrn von Albenreuth, womit allen Erbrichtern strenge aufgetragen wurde, diese Massregel in ihren Dörfern pünktlich auszuführen, damit sich die Choden und ihre Kinder wohl merken und den späten Geschlechtern erzählen können, wie der Widerstand und die Rebellion gegen die Obrigkeit von Chodenschloss bestraft wurden. Lamminger zögerte ein wenig, bevor er diesen grausamen Befehl erliess. Jetzt, da eine lange Reihe von Chodenwagen durch das finstere Tor in Pilsen ankam, war es jedermann klar, wie sehr er ihnen den Gehorsam beigebracht hat. Wie er es angeordnet hatte, versammelten sich alle in Taus und traten von hier bald nach Mitternacht, von Beamten von Kauth und Chodenschloss begleitet, den traurigen Weg nach Pilsen an. Es war ein düsterer eiskalter Nachmittag, als sie die Kreisstadt erreichten; aus allen Häusern liefen die Leute auf die mit Neugierigen ohnedies schon überfüllte Gasse, um die herkommandierten unfreiwilligen Zeugen, deren Ankunft das Gerücht bereits angesagt, zu sehen. Neugierig, hie und da auch mitleidsvoll sah man sich die stattlichen Choden in ihren Pelzen, Mänteln und Schafpelzröcken an. Sie sassen finster und stumm auf ihren Wagen, ihre Kinder, Knaben und Mädchen mitführend. Die aus den entfernten Gebirgsdörfern stammenden Kinder betrachteten voll Verwunderung die ihnen so ungewohnten Dinge um sie, die prächtigen Häuser, die versammelte bunte Volksmenge, die mit den Fingern nach ihnen wies. Der Chodenschlosser Herr konnte zufrieden sein. Hätte er aber die Reden gehört, die in allen Chodenhöfen und Hütten nach der Verkündigung seines Befehles geführt wurden, hätte er die Flüche und Verwünschungen vernommen! Könnte er jetzt diesen auf den Wagen sitzenden Bauern in die Seelen blicken und in denselben lesen, was sie sich von ihm denken! Sie fuhren wohl, doch im Geiste wussten sie nichts von seinem Befehle. Sie fuhren, um den wackeren Verteidiger ihrer Rechte noch einmal zu sehen, um von diesem Märtyrer Abschied zu nehmen. Würde so Lamminger gewusst haben, dass man den ganzen Weg hindurch von niemand anderem als von Kozina sprach, wie man ihn bedauerte, hochpries und bewunderte! Der Verwalter von Kauth und der Burggraf, den sie einst gefangen hielten, merkten dies wohl; sobald sie aber mit ihrem Pferde knapp zu den Wagen einlenkten, verstummte jedes Gespräch und die Choden blickten stumm und finster zur Erde, ohne sich nach den Beamten umzusehen. Auf dem letzten Wagen, wo der alte Šerlovský mit Pajdar sass, gedachte man auch des Syka, des jungen Šerlovský, des wilden Brychta und des lustigen Čtverák, denen es in diesem Augenblicke, trotz ihrer Eisenketten, besser erging, als allen übrigen. Pajdar sprach diesen Gedanken aus und der alte Šerlovský ergänzte ihn durch die Bemerkung, am besten habe es Matthias Přibek. In Pilsen gab es ein überaus reges Leben. Von allen Seiten strömten zu Wagen und zu Fusse grosse Volksmengen zusammen, um der in Prag und in allen Kreisstädten des Königreiches Böhmen kundgemachten Hinrichtung des Chodenbauers, die jetzt erfolgen sollte, beizuwohnen. Die Gassen wimmelten von Leuten und in der Menge blitzten die Waffen und schimmerten die lichten Waffenröcke der die Stadt durchziehenden Soldaten. Lammingers Beamten führten die Choden in das für sie bereits bestellte Gasthaus. Der alte Šerlovský wollte, nachdem er etwas zu sich genommen hatte, in die Stadt gehen, kehrte aber sofort ganz erregt mit der Nachricht zurück, dass man ihn nicht fortgelassen habe und dass sie von Soldaten bewacht seien. Als er sodann mit Pajdar und einigen Schöppen den Kauther Verwalter Koš ersuchte, man möge ihnen den Ausgang gestatten, da sie sich gerne den Zutritt in den Kerker erbitten möchten, um Kozina das letzte Lebewohl zu sagen, fuhr sie Koš heftig an: »Morgen werdet ihr ihn schon sehen. Zu ihm dürft ihr nicht. Das wäre so etwas für euch! Damit er euch zu guter Letzt noch eine Predigt hält und euch mit seiner Rede erst recht den Kopf verdreht, wie er es ohnedies schon tat. Habt ihr noch nicht genug? Wollt ihr noch einmal anfangen und euch noch mehr heimleuchten? Ihr dürft nicht fort, so ist mir's befohlen worden.« Sie waren im Innern empört. Da sassen sie jetzt mit blossen Fäusten in einem Käfig! Sie schwiegen, finster vor sich blickend, und sprachen sodann wieder über Kozina, sein Weib und seine Mutter. Ob man wohl diese Ärmsten zu ihm lasse? Die hatten den traurigen Weg früher, vor drei Tagen schon, angetreten. Jiskra Řehůřek spannte ein von Kozina selbst gezüchtetes Paar schöner Braunen ein und die unglückliche Bauernfamilie bestieg mit Dorla den Wagen. Der alte Wolf lief ihnen nach und wurde der treue Wächter über Bitte des kleinen Paul auch in den Wagen genommen. »Er hatte ihn lieb,« sprach Jiskra und machte dem alten langhaarigen Wachhunde, der noch der guten Rasse der Chodischen Wächterhunde entstammte, neben sich ein Plätzchen. Hinter dem Wagen der Kozinas verliess noch ein zweiter Aujezdl; es sassen darin einige älteren Nachbarinnen, die wie Hančí und die alte Kozina mit Trauerröcken und weissen Trauertüchern bekleidet waren. Sie fuhren nur aus dem Grunde, damit Kozinas Weib und Mutter in diesen schrecklichen Augenblicken nicht verlassen seien. Auf demselben Wagen sass auch der alte Přibek, der Vater des seligen Matthias, den Manka vergebens zu Hause zurückzuhalten sich bemühte. Als nun eben Šerlovský und Pajdar mit den übrigen in Pilsen von ihnen sprachen, trat plötzlich Řehůřek Jiskra unter sie. Sie sahen ihn ungemein gerne und drängten sich sofort an ihn heran. Vorsichtig um sich blickend, erzählte er, es sei ihm nur sehr schwer gefallen, herzukommen, er hätte den draussen stehenden Soldaten durch sein Chodenkleid getäuscht. Er teilte ihnen mit, Hančí dürfte jetzt mit den Kindern und der Mutter zweimal des Tages in den Kerker und er sei mit ihnen auch schon dort gewesen. Auch erzählte er, dass Kozina jetzt ruhig sei und noch Weib und Mutter tröste. »Und wie er seine Kinder liebt! Tränen steigen einem in die Augen, wenn man hört, wie er mit ihnen spricht, wie er sie streichelt und küsst und wie er Hančí ermahnt, sie rechtschaffen zu erziehen und sie auch an den Vater zu erinnern, damit sie seiner nicht vergessen – damit aus dem kleinen Paul ein echter Chode werde.« Alle waren ergriffen und der Dudelsackpfeifer fuhr nach einer kleinen Pause fort: »Er sprach von euch und bittet euch, sollte er jemandem wehgetan haben, ihr möget ihm verzeihen. Auch sollt ihr stets euerer alten Chodenrechte eingedenk bleiben. Er fragte auch, ob Lomikar in der Stadt sei, und als ich ihm erwiderte, dass er vorgestern so wie wir ankam, sprach er zu sich: »Er kam, um mich anzuschauen. Lieber Gott, verleihe mir morgen Kraft, auf dass mich dieser nicht noch verhöhnt!« Bei dieser Gelegenheit erinnerte der Dudelsackpfeifer an eine Begebenheit, die sich vorgestern, als sie sich Pilsen näherten, ereignete. Er erzählte, wie sie knapp am Stadttore mit Lamminger, der gleichfalls dort ankam, zusammentrafen. Als der alte Přibek erfuhr, wer da in der Nähe sei, sprang er plötzlich im Wagen wie ein Jüngling auf und, Lamminger mit geballter Faust drohend, brach er in Schmähungen aus. Manka und die Weiber hatten ihre liebe Mühe, um den Alten zurückzuhalten und ihn zu beschwichtigen; es sei noch ein Glück, dass es dieser Chodenschlosser Henker nicht bemerkt hat. Der erregte Dudelsackpfeifer erzählte auch, wie sie in Kozinas Kerker kamen und der alte Wolf seinen Herrn sofort erkante. »Ihr hättet ihn sehen sollen, wie er vor Freude schnurrte, herumsprang und Kozina leckte; als wir sodann fortgingen, konnten wir das Tier gar nicht wegbringen, er wollte durchaus nicht hinaus – und so blieb er denn dort.« »Gehst du noch einmal in den Arrest?« fragte Šerlovský. Jiskra bejahte, er werde sicher noch hineinkommen. Da baten ihn alle wie um die Wette, er möge von jedem Grüsse ausrichten und hervorheben, wie es ihnen weh tut, dass sie von ihm nicht Abschied nehmen können. –   Die Abenddämmerung eines Novembertages hüllte die königliche Stadt Pilsen in ihre Schleier ein. Es war ein frostiger Abend und von Zeit zu Zeit pfiff der Wind. Der Ringplatz war wie ausgestorben, überall war es still und öde. Draussen war nirgends ein Licht; die Häuser, das dunkle, hohe Rathaus, ihm gegenüber die imposante, mitten auf dem Ringplatze stehende Kirche, alles war von schwarzen Schatten überflutet. Durch die gotischen Kirchenfenster drang wehmutsvoll der flackernde Schein des ewigen Lichtes. Vor dem Rathause ging ein im Mantel gehüllter Wachtposten auf und ab. Seitwärts standen einige Weiber in grauen Chodenpelzen. Schweigend und fast unbeweglich blickten sie gegen die Kirche, deren schwarzer spitzer Turm sich in der dichten Finsternis verlor. Plötzlich wandten sie sich, wie auf ein gegebenes Zeichen, nach rechts zum Rathause, wo das Tor knarrte. Es traten hier zwei Frauenspersonen, von denen jede ein Kind trug, heraus. Die Chodinnen, unter denen auch Manka Přibek war, schritten ihnen – Hančí und der alten Kozina – direkt entgegen. Beide kehrten aus dem Kerker, in dem sie heute beim Vater und Sohn den letzten Abend verbrachten, zurück. Den letzten Abend! Und nie wieder! Nie mehr kehren die Abende wieder, an denen alle hübsch beisammen sassen, Hančí an der Hängewiege sang, Jan mit dem kleinen Paul schäkerte, und alle so zufrieden und glücklich waren! Hančí sah die Weiber ganz verstört an. Es wäre wahrlich kein Wunder, dachte die alte Buršík bei sich, wenn Kozinas Weib und seine Mutter wahnsinnig würden! Die Chodenweiber umringten sie, um sie in ihre Wohnung zu führen und die Kinder tragen zu helfen, die ihnen auf den Armen eingeschlummert waren. Hančí wollte nicht in die Wohnung gehen, sie halte es dort vor banger Angst nicht aus, es falle dort alles auf sie. Vergebens wurde ihr zugesprochen, endlich mussten sie doch zwei Frauen unter den Armen fassen, um sie fortzuführen. Als sie an der Kirche vorbei kamen, entriss sich ihnen plötzlich die alte Kozina, warf sich beim Kirchentor auf die Knie und begann zu weinen und zu beten. Hančí kniete neben ihr nieder und die traurig und mitleidsvoll über ihnen stehenden Chodenweiber beteten im Geiste inbrünstig, Gott möge ihnen Trost spenden. Um diese Zeit herrschte in der vom Scheine zweier Wachskerzen, die auf einem bedeckten Tische neben dem Krucifixe brannten, beleuchteten Kerkerzelle Stille. An den Kerkerwänden bewegte sich der Schatten des Jan Kozina, der in Gedanken versunken auf und abging. Er war blass, aber ruhig. Er hatte von den getroffenen Vorbereitungen gehört, er wusste von der Teilnahme seiner Landsleute, über die ihm Jiskra durch Vermittlung seiner Mutter berichtet hatte. In dieser Teilnahme fand er Trost. Er fühlte, dass Lamminger keinen durchschlagenden Sieg errungen habe und dass ihm auch der morgige Tag diesen Sieg nicht bringen werde, trotzdem er sein Ziel – Kozinas Tod – erreicht hat. Wie wird es aber fortan im Chodengau zugehen? Was wird mit seiner Familie geschehen? Das waren zwei schwerwiegende Fragen, auf die er keine Antwort fand. – Er faltete die Hände und vertiefte sich in das Gebet. Dann liess er sich am Bette nieder. Nach kurzer Zeit stellte sich jedoch Ermüdung ein. Eine Ermüdung, die die Folge des angestrengten Denkens, der mächtigen Eindrücke und der tiefen Erschütterung war. Er neigte den Kopf und schlief sofort ein. Sein guter. Schlaf währte bis zur Morgendämmerung, bei der er sofort erwachte, als er im Schlosse den Schlüssel knarren hörte. Man brachte ihm ein Frühstück, es war besser als sonst. Er berührte es kaum und nippte nur an dem Wein. Sodann fanden sich – die Mutter, das Weib mit den Kindern und Jiskra ein. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er sie erblickte. Das letztemal! Als sie in den letzten Tagen seinen Kerker zu verlassen pflegten, konnte er sich noch mit dem Gedanken trösten: sie werden ja nachmittags, morgen und dann morgen noch einmal wiederkommen. Jetzt gab es für ihn kein morgen mehr. Als er jedoch das blasse, bestürzte Antlitz, seiner Mutter und das seines Weibes sah, ermannte er sich. »So Gott will, sterbe ich nicht vergebens – beim menschlichen Gerichte hat Lomikar seinen Prozess gewonnen, aber dort vor dem göttlichen Richterstuhle werde ich siegen – denn unsere Sache ist gerecht und ich muss schuldlos in den Tod gehen« Die alte Mutter rang die Hände. »Und ich trage an alledem allein die Schuld – Hančí hat recht, ich bin schuld an allem – hätte ich diese Majestätsbriefe nicht verwahrt – O, mein Sohn, verzeihe mir und auch du, Tochter!« Jedermann, der diese unbeugsame Greisin kannte, hätte dieser Ausbruch des verzweiflungsvollen Schmerzes, dieser Aufschrei des gebrochenen Mutterherzens tief erschüttert. Rasch trat der Sohn zur Mutter und tröstete sie, sodann wandte er sich seinem Weibe zu und sprach mit bewegter Stimme: »Sollte dies, Hančí, deine Ansicht sein, so bitte ich dich, dies nicht zu glauben und es der Mutter nicht zu verargen. Sie ist vollkommen schuldlos. – Was ich tat, hätte ich auch ohne sie getan; du weisst ja, dass ich es mir längst früher schon vorgenommen habe.« Abermals beugte er sich zu den Kindern herab, sprach zu ihnen und streichelte sie. Dann, als hätte er sich erinnert, wandte er sich der Mutter zu und bat sowohl sie, als auch sein Weib um Verzeihung, weil er ihnen so grosses Leid zugefügt habe. »Gott vergelt' euch all' euere Liebe – und hier nehme, Hančí« – er nahm die roten Schleifen von seinem, jetzt schon herabgekommenen Hochzeitsrocke. »Ich habe sie stets getragen und als einziges Andenken an unser Heim, an euch, aufbewahrt. – Die Gatten pflegen sie bei uns in das Grab mitzunehmen, aber hier dürfen sie nicht unter den –« Er sprach den Gedanken, dieses teuere Andenken und liebe Geschenk nicht zum Schafott tragen und es dadurch profanieren zu wollen, nicht aus. Die Tür ging auf, es erschien der Kerkermeister von zwei vom Scheitel bis zur Zehe bewaffneten Soldaten gefolgt. Beim Anblicke derselben brachen die Weiber in Klagerufe und Weinen aus; Hančí war der Ohnmacht nahe. Kozina fing sie auf, umarmte sie, sodann die Mutter und die Kinder; diese behielt er am längsten in den Armen. Er liebkoste sie, segnete sie mit einigen wenigen Worten, die er mit zitternder Stimme sprach. Auf dem Ringplatze hatte sich eine unzählbare Volksmenge angesammelt; da war Kopf an Kopf gestaut, man konnte sich nicht rühren und jeder war dort, wo er stand, wie in die Erde eingekeilt und konnte kaum Atem schöpfen. Die Fenster, die Giebel waren überall überfüllt, ja selbst auf die Dächer sind viele Neugierige hinaufgekrochen. Am ärgsten ging es vor dem Rathause zu, wo das Militär mit knapper Mühe die sich zum Tore drängende Volksmenge, die den Verurteilten sehen wollte, zurückzudrängen vermochte. Nächst des Tores stand vor dem Militär eine Gruppe von Choden. Achtundsechzig meistens hohe, stattliche, junge und alte Männer harrten hier, ohne Čakanen, ernst und finster vor sich blickend, der Ereignisse, die da kommen sollten. Aller Blicke galten ihnen, den von ihnen an den Händen gehaltenen kleinen und grösseren Kindern und einigen traurigen Chodenweibern in langen Pelzen. Die Leute zeigten mit den Fingern auf sie, sprachen von ihnen; doch die Blicke der Choden waren nur auf den Rathausflur gerichtet. Da fuhren sie plötzlich zusammen. Man vernahm aus dem Rathause ein dumpfes Geräusch und Wehklagen. Gemessenen Schrittes traten Soldaten heraus und ihnen folgte – er! Kozina! Ihre Herzen pressten sich zusammen. Dies ist jener stattliche Mann, der von frischer Gesundheit nur strotzte. Wie abgehärmt, wie blass er ist! Aber wie fest ist sein Schritt, wie ist sein Haupt stolz erhoben! Alle hatten einen und denselben Gedanken, alle Choden traten vor, um ihn zu begrüssen, ihm noch einmal, zum letztenmale die Hand zu drücken. Die Soldaten drängten sie aber zurück, sie durften sich nicht rühren. Nur das konnten sie wahrnehmen, dass Kozina, als er sie sah, ihnen zulächelte. Die Eskorte blieb knapp vor dem Rathause stehen. Die Blicke des Gefangenen schweiften auf dem so lange vermissten Himmel herum. Dieser war klar und blau. Der Kerkermeister ermahnte nun Hančí und die alte Kozina zur Ruhe, da das Urteil verlesen werden soll. Die Blicke aller auf dem Ringplatze Versammelten richteten sich zum Rathausbalkon empor, den einige Beamten betraten, von denen einer nochmals das Urteil des Halsgerichtes vorlas, damit es allen hier Versammelten klar sei, was der Verurteilte verbrochen hat. Nach der Verlesung setzte sich auf ein gegebenes Zeichen der traurige Zug in Bewegung. In diesem Momente nahm einer der Choden, es war der alte Přibek, seine Pelzmütze ab, winkte mit der Hand in der Richtung gegen Kozina zu und rief: »Lebe wohl, du unser Märtyrer!« Seine Worte verklangen jedoch im Geräusche und Lärm der Menge und nur die nächsten haben des Greises Stimme vernommen. Auch Kozina hatte sie gehört, denn er sah sich in der Richtung, woher sie kam, um und winkte noch einmal – das letztemal – mit dem Kopfe den Choden zu. Sodann schritt er mutig ohne ein Zeichen von Todesangst durch die gaffende Menge. An seiner Seite war der Priester und in der Nähe die alte Mutter und das Weib, welches den kleinen Pavlík und Hanálka bei den Händen führte. Ihnen folgten Choden und Chodinnen; in der nächsten Nähe der alten Kozina ging Řehůřek Jiskra. Rechts und links das die Volksmassen zurückdrängende Militär. Wohl niemand aus der Menge, der den Verurteilten, seine Mutter und das im stummen Schmerze mit ihren unschuldigen kleinen Kindlein fortwankende Weib erblickte, behielt die Kraft, Tränen zu unterdrücken. Nur langsam kam der Zug nach vorwärts. An der Spitze desselben marschierte eine Abteilung Soldaten, die durch die Menge die Bahn brach. Von hier aus hörte man die dumpfen Töne der bedeckten Trommel. Der Zug bewegte sich vom Rathause in die Prager Strasse. Vom Kirchturm erklangen die traurigen Töne des Sterbeglöckleins. Bei ihren ersten Klängen rang Hančí und die alte Kozina die Hände. Was um sie vorging, wussten sie nicht. Hančí sah ringsum nur Nebel. In diesem Nebel löste sich alles auf und aus demselben drang an ihr Ohr nur ein wirres Geräusch und dumpfe Wirbel; nur die schrecklichen Töne der Sterbeglocke, die sie verfolgten, hörte sie klar. Ihr Herz drohte zu brechen, Krämpfe pressten ihr die Brust zusammen, weinen vermochte sie nicht mehr. Sodann begannen unter ihr die Füsse zu schwanken, die Knie zitterten und eine schwere Ohnmacht begann ihre Sinne zu umhüllen. Die Chodischen Nachbarinnen merkten es wohl, wie sie taumelte. Kozina hielt inne und mit ihm machte der ganze Zug halt. Man war eben in der Prager Gasse. Alles sah sich um, was da eigentlich vorgehe; es verlautete allgemein in der nächsten Umgebung und teilte sich dann auch der weiteren Menge mit, die Bäuerin sei der Ohnmacht nahe. Alle, sowohl die Umgebung als auch die Bürger in den Fenstern, bedauerten sie. In diesem Momente flog ein Silberstück durch die Luft, ihm folgte ein zweites Goldstück, sodann ein drittes und hernach erglänzte eine Goldmünze, die mit anderen Hančí, die man auf eine Steinbank vor einem Hause gebracht hatte, in den Schoss fiel. Wollte man der Bäuerin auf diese Weise das Mitleid bekunden oder der Ärmsten eine Entschädigung bieten? Heftig griff sie nach dem Gelde und warf es, als ob es glühende Kohle oder ein hässliches Insekt wäre, von sich und rief: »Gebt mir meinen Mann wieder!« Man trachtete sie zu bewegen, sie möge zurückbleiben. Aber geradezu, als wenn sie plötzlich neue Kräfte geschöpft hätte, erhob sie sich und setzte den traurigen Weg fort. Der Zug passierte das Prager Tor und bewegte sich über die jetzige Vorstadt, die damals fast nur aus Gärten bestand. Es war ein klarer, kalter Tag. Als der immense Volkszug sich freier ausbreiten konnte, ergoss er sich in die Breite und viele eilten auf die Anhöhe, auf der der Galgen aufgerichtet war, voraus. Den Richtplatz umstellte hier das Militär, ein Karree bildend. In diesem Viereck nahmen an der Spitze der Militärabteilung gegenüber dem Galgen die Ratsherren, die Beamten, die berittenen Offiziere, darunter auch der Kreishauptmann Hora, Aufstellung. Neben den Kreishauptmann postierte sich Herr Lamminger Freiherr von Albenreuth. Der in einen dunkelgrauen Mantel gehüllte Edelmann konversierte mit dem Kreishauptmanne. Das sommersprossige Gesicht des Chodenschlosser Herrn war, wie immer, ziemlich blass, doch ruhig. Als jedoch der Verurteilte das Karree betrat, blinzelten seine lichten Augenwimpern rasch. Lamminger beobachtete ihn scharf und liess von ihm die Augen nicht ab. Kozina schreitet fest, vollkommen ungebrochen – welch' ein Dickschädel! Ruhig vernahm er das nochmals vorgelesene Urteil. Der Augenblick des Scheidens war gekommen. Er umarmt das Weib, die Mutter, die Kinder, küsst sie – Lamminger betrachtete diese herzbrechende Szene, er sah den Schmerz der Chodenweiber und das Weinen dieser kleinen Kinder drang bis an sein Ohr, doch auch nicht eine Muskel seines Gesichtes verzog sich dabei. Er beachtete nur Kozina, mit scharfem Blicke verfolgte er ihn, als er sich von seiner Familie losriss und dem Galgen entgegen schritt. Der Schritt ist fest, er wankt nicht, mannhaft und emporgehobenen Hauptes geht er vor, und jetzt, nachdem er das ihm vom Priester dargereichte Kreuz geküsst, steigt er ungebeugt mit festem Fusse die Leiter empor – dort erwartet ihn der Henker und der Tod. Rund umher trat tiefe Todesstille ein. Tausende von Menschen blickten voll Spannung, fast atemlos dahin. Es wehte ein kalter Wind herüber, die Federbüsche der Herrenhüte flatterten heftig in der Luft, durch die der Wind plötzlich aus jener Richtung, wo zwei Bäuerinnen Kozinas Kinder wegtrugen, einen herzzerreissenden Aufschrei überbrachte. Die alte Mutter droht der Ohnmacht zu erliegen. Doch plötzlich richtet sich die Greisin empor, als wenn sie neue Kräfte geschöpft hätte und blickt dorthin. Der Verurteilte, welcher unter dem Galgen stehen blieb, sah um sich, blickte nach der Stadt hinunter, sein Blick streifte die ferne Gegend, verweilte auf den ungeheueren Volksmassen, die wie ein lebendiger See den traurigen Hügel umfluteten. Er bemerkte im Militärkarree seine betrübten Landsleute; so mancher von ihnen ballte die Fäuste, allen standen Tränen in den Augen und einige, wie Jiskra Řehůřek, schluchzten laut. Er sah sie alle, er sah auch sein Weib, die Mutter, doch jetzt – er blickt hinüber zu den Herren – Er erkennt dort den auf dem Rappen, er erkennt Lamminger, der die Augen von der Leiter nicht abwenden kann. Kozina richtete sich stramm empor, blickte ihm scharf, wie damals bei Sykas Erbrichterei, in die Augen – Und hört! Alle fuhren zusammen, die Herren, der Henker, alle sind wie betäubt. »Lomikar!« rief Kozina mit mächtiger, vor letzter tiefer Erregung bebender und in diesem Augenblicke schrecklich klarer Stimme. Noch einmal schoss Röte in seine blassen Wangen, noch einmal flammten seine Augen auf. »Lomikar! Von heute über ein Jahr werden wir mitsammen vor dem Richterstuhle Gottes stehen, da wird es entschieden werden, wer von uns beiden–« In diesem Augenblicke gewann der kommandierende Offizier seine Fassung wieder. Sein gezückter Degen erglänzte durch die Luft, der Henker zog die Schlinge an und Kozinas beredter Mund verstummte. Jan Sladký, genannt Kozina, war nicht mehr. Der über das Vorgefallene ganz empörte Kreishauptmann sprach etwas zu Lamminger. Dieser hörte zwar totenbleich zu, wusste aber kaum etwas davon, was ihm der Hauptmann erzählte. Auf seinen Lippen schwebte ein unsicheres Lächeln. Erst als ihn der Kreishauptmann darauf aufmerksam machte, dass das gesamte Volk sie beobachte, fand er seine Fassung wieder. Sein Blick fiel auf den Galgen. »Er hängt,« sprach er und atmete erleichtert auf; sodann wendete er das Pferd. Rings herum knieten Tausende und beteten mit dem Priester für den Toten. Nicht allein im Karree, in dem die Landsleute des Hingerichteten waren, sondern auch in der grossen Menge konnte man ein heftiges Weinen und Schluchzen vernehmen. Als die Herren sodann durch die Volksmassen in die Stadt rückkehrten, bekam Lamminger sonderbare Dinge zu hören. Er hörte und sah, wie man auf ihn deutete und wie aus der Menge Rufe ertönten: »Das ist er! Das ist dieser Henker! Der hat ihn hinrichten lassen!« »Wie es wohl mit ihm dorten ausfallen wird, wohin ihn Kozina vorgeladen hat!« »In Jahr und Tag von heute an! Habet ihr gehört? Von heute in einem Jahr, hochgeborener Herr!« Unwillkürlich trieben die Herren ihre Pferde zum Trabe an. XXX Kozinas Leichnam blieb bis zum Sonnenuntergange hängen. Seine Landsleute waren um diese Zeit schon ausserhalb der Stadt. Sie mussten fort und konnten nicht einmal, wie sie beabsichtigt hatten, an der Bahre des Mannes, der für ihre Rechte so standhaft eingetreten war, ein Gebet verrichten. Der Kreishauptmann ordnete an, dass sie sofort den Heimweg antreten sollen, und liess sie eine Strecke Weges durch das Militär begleiten. Erbost bestiegen sie ihre Wagen. Ihr Zorn galt aber nicht dem Kreishauptmanne, sondern Lamminger. War ja doch jeder überzeugt, er sei der Urheber dieses Befehles. Sie zogen, selbst bestürzt und betrübt, durch eine traurige Herbstlandschaft heim. Hatte Lamminger die Absicht, diesen Tag unvergesslich zu machen, so hat er sein Ziel erreicht. Welcher Chode könnte doch den achtundzwanzigsten November aus dem Gedächtnis verlieren? Ihr Leben lang werden sie seiner gedenken und Geschlecht auf Geschlecht behält ihn im Gedächtnisse. So mancher Chodenbauer beugte sich unterwegs zu seinem Sohne und sprach ihm zu, sich wohl zu merken, wie Kozina für die Chodenrechte litt und heldenmutig starb, und nie zu vergessen, dass Lomikar dies alles verbrochen habe, daher ihm auch niemand verzeihen und sich mit seinem Geschlechte nie aussöhnen möge. Der Chodengau war voll Bestürzung. Den Männern, die in Pilsen waren und jetzt zu Hause erzählten, traten neue Tränen in die Augen, die Stimme versagte und ihre Zuhörer weinten. Einige Tage war es in sämtlichen Chodendörfern, als wenn es ein Begräbnis gäbe. Niemand ging in die Robot und aus den Herrschaftshöfen wagte man es auch nicht die Choden, wie man dies vorhin sicher gleich getan hätte, in die Arbeit zu jagen oder zu derselben zu zwingen. Man traute sich zu dieser Zeit nicht und verwehrte es auch den Choden nicht, als sie in Taus zusammenkamen und Männer, Greise, Weiber in Trauerkleidern samt den Kindern hinter die Stadt zur Chodenkirche pilgerten, um dort der vom Priester für Kozina gelesenen hl. Seelenmesse beizuwohnen. In der altertümlichen gotischen Kirche, deren Seitenwände altersgraue Malereien zierten und in deren Bodenpflaster sich viele Grabsteine mit kaum mehr leserlichen Inschriften und Wappen befanden, kam eine zahlreiche Volksmenge, und zwar sowohl Choden als auch Städter, zusammen, um das Andenken des Hingerichteten zu ehren. In den Vorderbänken knieten die Mutter, das Weib und die Kinder Kozinas; sie beteten für das Seelenheil ihres Lieben, an dessen Grabe sie nicht niederknien durften. Unter dem Chor kniete in einer Kirchenecke ein Nachbar und betete. Als nach der Messe Kozinas vorübergingen, liess er den Kopf tiefer sinken, damit man ihn nicht sehe. Es war der Drechsler Just, welcher nach Verbüssung der ihm – wie es im Urteile lautete – wegen Aufwiegelung zuerkannten Kerkerstrafe erst unlängst heimgekehrt war. Um diese Zeit weilte Lamminger nicht mehr zu Chodenschloss. Er kehrte von Pilsen nicht wieder zurück, sondern entsendete einen Eilboten zu seiner Gattin, sie möge ihm nachfahren, er werde sie in Pilsen erwarten. »Die Angst und sein böses Gewissen jagen ihn fort,« erzählte man überall in Dorf und Stadt. Dann bedeckte Schnee die Erde. Der Winter war trauriger denn je, namentlich in Aujezdl. Den alten Přibek überkam seine frühere Stimmung von neuem, ja er verfiel mehr denn je in starres Nachdenken und erheiterte sich auch dann nicht, als nach verbüsster Kerkerstrafe der junge Šerlovský in der Erntezeit heimkehrte und um Mankas Hand in Aujezdl anhielt. Der Greis gab seine Einwilligung und da man des Hauswirtes dringend bedurfte, wurde die Hochzeit baldigst, bereits auf den Herbst festgesetzt. Sodann erholte sich Grossvater Přibek einigermassen; er pflegte öfter auszugehen und besuchte von Zeit zu Zeit jenen Hügel von dem aus sich die Aussicht auf Chodenschloss bot. Dies war zu Beginn des Herbstes, als Lamminger unverhofft in Chodenschloss eintraf. Der Greis pflegte auszulugen, ob wohl den unbarmherzigen Herrn die Strafe Gottes erreichen würde, er lugte auf dem Hügel öfter beim Gewitter aus, als wäre er davon überzeugt, dass den Chodenschlosser Herrn ein Blitzschlag hinwegraffen werde. Brach jedoch ein Gewitter aus, während er zu Hause weilte, und liess ihn Manka nicht fort, so lauschte er gespannt, nickte zuweilen mit dem Kopfe, und blickte sehr oft zur Tür, als erwarte er die Nachricht, dass der Blitz diesen Rotkopf bereits gefunden habe. Als sich jedoch der Spätherbst-Frost einstellte, schien es, als wenn der alte Přibek auch erstarren würde und wie die Spinne in ihr Gewebe hüllte er sich in sein Brüten Herr von Albenreuth traf heuer spät in Chodenschloss ein. Sonst pflegte er schon im Frühling hier zu sein, heuer kam er spät nach der Ernte. Man sagte, er sei zu den Jagden gekommen. Er war jedoch schon einige Wochen hier, in den Wald kam er aber erst einmal. Er schien alle Freude daran verloren zu haben. Er hatte sich nicht geändert, er war kalt wie früher, streng, ja noch strenger als vorher, aber auch ängstlicher. Allein pflegte er nie auszufahren und dem alten Kammerdiener Peter fiel es auch auf, dass der Herr jetzt öfter einsam herumgehe und nachdenklich werde. Auch seine Gesundheit liess viel zu wünschen übrig. Der Kammerdiener Peter bemerkte bereits einigemal, dass der Herr, während er im Gemache umherging, plötzlich sich am Tische oder Lehnstuhl festhielt, und als er sich nach einer Weile wieder erholte, über Schwindelanfalle fluchte. Seiner Gattin, die heuer trauriger als im Vorjahre war, klagte er auch oft über seine Augen, er sehe öfter plötzlich alle Dinge wie in Regenbogenfarben und, wenn er nachts aus dem Schlafe auffahre, sprühen ihm Funken und Blitze vor den Augen. Er beklagte sich hie und da, zwar nicht schmerzlich, aber in knappen Worten und düster, doch von den Träumen, die ihn oft schreckten, machte er keine Erwähnung. Aber der alte, neben seinem Schlafgemach im Vorzimmer schlafende Peter hörte seinen Herrn sehr oft in der Nacht stöhnen und schreien, und es geschah öfter, dass er ihn, als er die Portiere zurückstreifte, im Scheine der Nachtlampe, aus bösem Traume aufgeschreckt, starr um sich herum blicken sah. Einst, es war in einer späten Septembernacht, als draussen der Regen plätscherte und der Wind heulte, weckte den alten Peter abermals des Herrn Gestöhne. Diesmal rief er ihn auch zu sich. Als er eintrat, sprach der ganz in Schweiss gebadete Herr mit schwacher Stimme: »Reiche mir den Kalender.« »Den Kalender, Euer Gnaden? Jetzt?!« »Jawohl – jetzt – ich will wissen, der wievielte heute ist.« »Morgen ist der achtundzwanzigste – ich weiss es, Euer Gnaden, auswendig.« Der Herr fuhr zusammen, setzte aber sofort bei: »Welcher Monat?« »Monat September – Euer Gnaden.« »Ja so – dieser Traum hat mich ganz irre gemacht, und wie ich schwitze! Reiche mir ein Hemd« Der alte Kammerdiener kehrte voll Angst zum Bett zurück. Was nur der Herr hat? Der achtundzwanzigste! Und er stutze plötzlich – Jawohl, da war in Pilsen diese – »Oh, das glaube ich, dass ihm das nicht aus dem Kopfe geht,« dachte der alte Mann und begann im Geiste das Gebet für die armen Seelen im Fegefeuer zu sprechen. Alle diese krankhaften Anfälle waren aber nur von kurzer Dauer. Herr von Albenreuth erholte sich nach ihnen stets, aber sie wiederholten sich je weiter desto öfter und der Herr wurde noch mehr mürrisch, wortkarg als sonst und immer verschlossener. Vergebens befragte ihn seine Gattin, was ihm fehle, vergebens riet sie, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Sie fristete jetzt ein trauriges Leben. Gäste werden keine geladen, denn mit dem unfreundlichen, verschwiegenen Gatten war ja keine Rede. Plötzlich wurde sie aber freudig überrascht. Es langte nämlich unerwartet ein Schreiben der jüngsten Tochter mit der Meldung ein, sie werde mit ihrem Gatten ehestens in Chodenschloss eintreffen. Voll Freude eilte sie mit dieser Nachricht zu dem eben von Kauth heimkehrenden Lamminger. Er hörte die Nachricht ruhig an; plötzlich lächelte er aber sonderbar und sprach: »Wenn ich es nur erlebe –« »Warum denn nicht?!« frug Frau Lamminger verwundert. »Haben Sie denn vergessen, dass mich dieser Bauer, dieser Kozina, vor Gottes Richterstuhl geladen hat?« Er lachte laut auf, aber die Frau überlief es kalt bei diesem Lachen. Es trat sodann ein nasskaltes, nebeliges Wetter ein und es regnete fast ohne Unterlass. Um diese Zeit war Herr von Albenreuth wieder ein wenig unpässlich; es sauste ihm in den Ohren und oft schien es ihm, als höre er ein feines Glockengeläute, »wie vom Sterbeglöcklein«, wie er sich seiner Gattin gegenüber äusserte. Es hatte überhaupt den Anschein, als denke er sehr oft an den Tod, obzwar er sich dagegen wehrte, da er ihn trotz allen Hohnes doch sehr fürchtete. Die jüngste Tochter Marie, die jetzige Gräfin von Vrtba, klagte oft über die unendlichen, traurigen Abende auf der Chodenschlosser Burg bei dem verschwiegenen, gestrengen Vater. Was würde sie wohl jetzt sagen, wenn sie die Mutter mit dem noch wunderlicher gewordenen und über die Massen reizbaren Vater sehen würde? Es war eben wieder so ein langer, trauriger Abend mitte Oktober, als Frau von Albenreuth mit ihrem Gatten im Speisesaale weilte. Sie stickte etwas zum Zeitvertreib; der Gatte las. Plötzlich blickte sie auf, denn es schien ihr, als hätte ihr Gemahl im Lehnstuhl eine heftige Bewegung gemacht. Wie blass war er geworden! Er schleuderte das Buch auf den Tisch und starrte wie geistesabwesend vor sich hin. Eine peinliche Stille trat ein; erst nach einer Weile wagte es die erschrockene Frau zu fragen, was geschehen sei. Ihre Stimme rüttelte ihn aus seinem Brüten auf. Er fuhr zusammen, sodann griff er nach dem auf dem Tische aufgeschlagenen Buche und sprach mit matter Stimme: »Lesen Sie das–« Die Frau las die angedeutete Stelle des französischen Buches: »Als nun der Grossmeister der Tempelherren, Jakob Molay, auf dem Scheiterhaufen stand und der Henker sich bereits anschickte den Scheiterhaufen in Brand zu stecken, da rief der Grossmeister mit mächtiger Stimme den Papst Klement und den König Philipp an und lud sie, als die Urheber seines und hundert anderer Tempelbrüder unschuldigen Todes, binnen Jahr und Tag vor den Richterstuhl Gottes. Und welch' ein Wunder! Ehe das Jahr um war, gingen beide in die Ewigkeit ein, sowohl der Papst, als auch der König, der am 29. November starb.« Sie hatte bereits zu Ende gelesen und doch waren ihre Blicke noch auf das Buch geheftet. Sie fürchtete den Gatten anzublicken. Und dennoch konnte sie nicht anders. Sein kalter, wie von einem Nebel umschleierter Blick war auf sie gerichtet. »Haben Sie es gelesen? Was sagen Sie dazu?« sprach er und machte den Versuch seine Lippen zu einem höhnischen Lächeln zu verziehen. »Sie können sich ihr Witwenkleid bestellen« setzte er hinzu, verstummte aber sodann unwillkürlich und griff nach der Stirne. Vergebens trachtete sie ihn zu trösten und ihm zuzusprechen. »Könnten Sie ihnen vielleicht nicht eine Wohltat erweisen« entschlüpfte ihr in diesem Augenblicke unverhofft. Es war dies ihr Herzenswunsch, an den sie oft dachte, den sie aber nie zu äussern wagte. »Wem? Ihnen, diesen Choden?!« rief er, kaum dass sie gesprochen, wie von einer Viper gebissen. »Ihnen, diesen Rebellen! Ich verstehe Sie. Haben Sie ihnen doch immer die Stange gehalten!« »Aber nein, ihnen nicht –« wehrte die geängstigte Frau ab. »Nun, wem also? – Wem, meinen Sie?« drang Lamminger immer heftiger in sie, in steigender Aufregung. »Ich meinte – nur – dieser Witwe –« »Genug! Der Kozina?! Für alles das, was mir ihr Mann angetan? Sie werden ihn doch nicht, wie das dumme Volk, für unschuldig halten? Alles, was ich erleide – verdanke ich ihm – seinen verrückten Reden,« stiess er plötzlich hervor. In dieser Nacht schloss er kein Auge mehr und einige darauf folgende Tage fühlte er sich noch weniger wohl. Peter gegenüber klagte er über Kopfweh und darüber, dass seine Füsse und Hände fortwährend kalt seien. Als sich jedoch der Himmel aufheiterte und klare sonnige Tage des Spätherbstes eintraten, fühlte er wieder eine Erleichterung. Um diese Zeit traf seine jüngste Tochter, die Gräfin von Vrtba, ein. Im Schlosse ging es nun lebhafter zu, denn die neu Angekommenen und ihr Geleite sowie andere zur Jagd geladene Gäste belebten die sonst stillen Gemächer. Frau von Lamminger war durch die Ankunft der Tochter, ihres Lieblings, überglücklich und auch Lamminger runzelte nicht mehr die Stirne. Er war jetzt redseliger, denn je und nahm an den Jagden regen Anteil. Als er einmal mit seinem Schwiegersohne plauderte, gab er seiner Freude darüber Ausdruck, dass er sich jetzt wohler fühle und auch schon besser schlafe. Allein die Tochter, welche ihn schon seit längerer Zeit nicht gesehen hatte, fand, dass er sich wesentlich geändert habe und abgehärmt sei. Sie äusserte diese Ansicht auch der Mutter gegenüber und Frau von Albenreuth seufzte tief auf. »Ach, liebes Kind, jetzt ist es schon besser, euere Anwesenheit schlägt ihm gut an. Aber vor dem! Viel trug dazu auch seine Einsamkeit bei. Er hat keine Ansprache, meidet die Gesellschaft, wird melancholisch und verfällt dann auf so sonderbare Gedanken –« »Gewiss – und sonderbare Reden,« setzte die Tochter hinzu. »Als man gestern zur Jagd aufgebrochen war, sprach er zum Grafen: Heute ist der erste – November. Ich habe ihn also doch erlebt. Wenn ich den erlebt habe – Mir scheint, dass dieser –« weiter sprach er nicht und lachte nur auf. Alle blickten ihn an, ohne ein Wort davon zu verstehen, er kam aber gleich auf einen anderen Gegenstand zu sprechen.« Frau von Albenreuth wurde nachdenklich. Sie wusste, was ihr Gatte gemeint hatte, dass ihm wieder diese Frist einfiel, die ihm der unglückliche Bauer gestellt hat. Oh, wäre doch schon dieser Monat vorbei! Dann wäre das Jahr um, und er würde sicherlich bald genesen! Die junge Gräfin tröstete ihre Mutter, dass es dem Vater bereits besser gehe und er auch lustiger sei; sie ahnte nicht, dass der Mutter auch diese sonderbare Fröhlichkeit missfalle. Es lag so etwas Gereiztes, Unaufrichtiges und Unnatürliches in ihr. Spät nachmittags kehrten die Herrschaften mit reicher Jagdbeute heim. Einige Hirsche und auch ein Bär wurden im Schiedshöfe abgeladen. Überall – unten und oben in den Herrschaftsgemächern war fröhliches, reges Leben. Das ganze Schloss war beleuchtet und der Fensterschein strömte hell in das vorzeitige Dunkel des Novemberabendes. Nach den Anstrengungen der Jagd, nachdem man in den tiefen Forsten den ganzen Tag hindurch gepürscht, war es im herrschaftlichen Speisesaale doppelt angenehm und wohlig. Fröhlich prasselte im grossen Kamin das Feuer, es wurde jedoch von der Konversation der Gäste, zumeist benachbarter Edelleute, übertönt. Die Herrschaften nahmen an einer reich besetzten Tafel Platz; die Hausfrau hatte den Vorsitz inne, ihr an der Seite nahm der Gatte Platz. Er sass gerade gegenüber dem Gartenfenster, das eine Fernsicht auf den Wald Křižinovec, die Aujezdler Anhöhe und Hrádek, deren Abhänge das arme Aujezdl verdeckten, bot. Würziger Bratenduft erfüllte den Speisesaal und das Klirren der Pokale hallte angenehm durch seine Räume. Die Gläser klirrten auch dann noch, als die Teller bereits abgetragen waren. Goldiger und roter Wein perlte in den Pokalen; die wackeren Jäger sprachen auch wacker dem Trunke zu. Das anfangs ruhige Gespräch wurde immer lebhafter und allgemeiner und lautes Gelächter unterbrach sehr oft die Unterhaltung. Herr von Albenreuth war gesprächiger denn je, was seine Gattin wohl merkte. Es war dies in letzter Zeit öfter der Fall gewesen. Man sprach meistens von der Jagd, von verschiedenen Vorfällen und Schwierigkeiten. »Und wie stattliche Treiber Sie hier zu haben belieben,« sprach einer der Gäste, ein fremder Edelmann, der mit dem Grafen Vrtba eingetroffen war, Lamminger an. Lamminger, der eben einen Becher glühenden Rotweines geleert hatte, lächelte und sprach: »Stattlich sind sie zwar, aber auch hart. Ich musste sie erst dressieren. Und es gab ein tüchtiges Stück Arbeit zu leisten, bevor sich die allgewaltigen Herren Choden gewöhnten –« »Das waren lauter Choden? Diese –« fragte der Graf. »Gewiss, diese Rebellen. – Der Herr Kreishauptmann könnte darüber Ihnen, Herr Graf, erzählen, wie viel Kompagnien Militär gegen sie aufgeboten werden mussten –« Frau von Lamminger hörte nur ungern dieses Gespräch, denn sie hatte bemerkt, dass das Antlitz ihres vom Wein erhitzten Gemahls sich immer mehr rötete. »Und ich weiss heute noch nicht, wie es mit mir ausfallen wird,« fügte er plötzlich höhnisch hinzu und lachte auf. »Da werden der Herr Graf staunen. Man gab mir eine Frist – binnen Jahr und Tag. Ihr Anführer – oh, dieser Bauernstolz und dieser Starrsinn! Er stand schon auf der Leiter –« Die Frau, welche die angeschwollenen Adern des Gatten bemerkte, berührte sanft seine Hand und bat ihn, davon abzustehen. Er beachtete dies aber nicht und setzte in seiner Aufregung heftig gereizt fort: »– die Galgenschlinge hat er schon um die Kehle geschlungen und er wagt es noch, mich vor Gottes Richterstuhl zu laden. Kozina! Kozina! Du schlechter Prophet! Das Jahr ist vorüber, du bist dort und ich bin noch da! –« Er verstummte plötzlich und wie mit einem Schlage sank er in den Lehnstuhl zurück. Die Schreie der Herren und Damen ertönten in dem Gemach, einige Fauteuils wurden umgestürzt, als die verwirrten Gäste jäh aufsprangen, um zum Hausherrn zu eilen. Lamminger hatte, halb sitzend, halb in seinem Lehnstuhle liegend, das Bewusstsein verloren. Die Augen waren geöffnet, die Pupillen erweitert, sie standen aber stille, unbeweglich, starr. Er tat noch einige lange tiefe Atemzüge, seufzte tief auf, ein Röcheln entrang sich seiner Kehle, aber das alles dauerte nur kurz. Bevor noch alle die bestürzten und verwirrten Gäste sich um ihn versammelt, hatte er seinen letzten Atemzug getan. Graf von Vrtba befühlte seine Stirne. Er fühlte einen klebrigen Schweiss und als er sodann die Hand an das Herz legte, verspürte er keine Bewegung mehr. Vergebens waren beim Herrn von Albenreuth alle Wiederbelebungsversuche, vergebens das Wehklagen der bestürzten Damen, auch um den Arzt hatte man umsonst nach der Stadt geschickt. Der Herr von Chodenschloss war dorthin gegangen, wohin ihn Kozina geladen. Das war es aber eben, was alle Anwesenden mit besonderem Schrecken erfüllte. Der herbeigerufene Arzt, auf den alle warteten, bestätigte, was die Gäste einander zuflüsterten. »Es gibt keine Hilfe mehr – Ein Schlaganfall« Jawohl ein Schlaganfall, doch dachten alle daran, was der Verstorbene selbst erzählte. Bestürzt, erschrocken und geängstigt zerstreuten sie sich in ihre Gemächer. Im Schlosse war das Festgelage zu Ende, die Fröhlichkeit verstummt. Die festliche Beleuchtung war erloschen und nur in zwei Fenstern sah man Licht: in jenen des Gemachs, wo zu Häupten des Freiherrn von Albenreuth die Kerzen brannten. Im Vorzimmer sass der händeringende alte Peter, ganz ausser sich, und lispelte: »Gottes Gericht! Gottes Gericht!« Als am nächsten Morgen, der alte, weisshaarige Přibek, sich auf seine Čakane stützend, den Hof verliess, hielt ihn schon von weitem Řehůřek Jiskra mit einem Zurufe an. Der in aller Eile herangekommene Jiskra brachte fast atemlos nur die Worte heraus: »Lomikar ist gestorben!« Nachdem er nun in abgerissenen Worten kurz angedeutet hatte, wie Lamminger, als er Kozina herausforderte, sein Leben schloss, faltete der Greis die Hände und blickte anfangs sprachlos zum Himmel empor; dann rief er: »Es gibt eine Gerechtigkeit, es gibt noch einen Gott! Jetzt kann ich sterben« Um diese Zeit brachen in Kozinas Bauernhofe, wohin diese Nachricht soeben gedrungen war, Hančí und die alte Mutter in bittere Tränen aus. – – Und fortan flog diese Nachricht durch den ganzen Chodengau und überall pries man Gott, den Gerechten, und erinnerte sich an Kozina. Und aus der Nachricht wurde das Gerücht, dass, als dort Lamminger in der Burg zu Chodenschloss Lästerungen vorbrachte, draussen ein heftiger Sturm entstand, alle Türen und Fenster knarrend und klirrend aufgerissen wurden, und dass eine blasse Gestalt langsam durch den Speisesaal schritt, mitten durch den Haufen der vor Schreck gelähmten Gäste. – – In der Familiengruft zu Klenč wurde Freiherr von Albenreuth in der Kirche bestattet. Flüche aller Choden gaben ihm das Geleite. Als die Totenglocken ertönten, weilte der alte Šerlovský eben beim Sohne zu Besuch, der sich zum Glück für sich und Manka in Přibeks Bauerngut eingeheiratet hatte. Der ehemalige Erbrichter von Putzeried, Šerlovský, wurde nach dem Aufstande von der Erbrichterwürde enthoben und stand jetzt eben mit einigen Nachbarn auf dem Hügel, wo Přibek zu stehen pflegte und auch jetzt eben stand. Er deutete mit der Hand gegen Klenč und sprach: »Kozina hat gesiegt und wir mit ihm – Was hat jetzt dieser Schelm davon? –« Gleich nach dem Begräbnisse verliess die hochgeborene Witwe mit ihrer Familie Chodenschloss, um nie wieder zurückzukehren. Bevor noch ein Jahr um war, verkaufte sie es samt Kauth und Riesenberg. Von Kozinas Bauerngut wich die Trauer nicht. Erst als Paul und Hanálka herangewachsen waren und ersterer die Wirtschaft übernahm drang auch hierher ein wenig Sonnenschein. Doch einen Versuch, den alten Majestätsbriefen zu neuer Geltung zu verhelfen, unternahm weder er, noch jemand anderer. Jetzt trat in der Tat ein perpetuum silentium ein. Traurig war es im Chodengau, aber immerhin fühlte man sich hier jetzt freier, weil Lamminger nicht mehr herrschte. Vom alten Chodenruhm blieb nur der Schimmer alter Erinnerungen, der den wackeren Chodenstamm aufrecht hielt, als das Volk ringsherum überall in der Leibeigenschaft und der Finsternis der Sklaverei verschmachtete. Und Jan Sladký, Kozina, wurde auch nicht vergessen. Von Geschlecht zu Geschlecht vererbte sich die Erinnerung an ihn und sie lebt auch heute noch und wird auch fernerhin im schönen Böhmerwaldgebiete lebendig bleiben, so lange in den ewig denkwürdigen, auch vom Chodenblute oft getränkten Gegenden um Taus ein wackeres, die Sprache, Sitten und Tracht der Väter treu bewahrendes Volk, die heutigen »Buláci« als Nachkommen der »Psohlavci« (Hundsköpfler), leben werden.   Als ich diese Gegenden bereiste, blieb ich auch vor Kozinas Bauerngute stehen. Ich traf hier eine hinfällige, schlichte greise Frau und befragte sie während des Gespräches über Jan Sladký. Sie sah mich an, als traue sie mir vielleicht nicht, und erwiderte nur: »Ich weiss gar nichts, doch der Herr Dechant hat darüber Schriften. Ich weiss nur soviel, dass Kozina unschuldig hingerichtet wurde und dass er ein Heiliger ist –«