Alexander Kielland Schiffer Worse Erzählung Uebersetzung aus dem Norwegischen 1885 Erstes Kapitel »Lauritz, du Galgenstrick, hinauf in den Mast und mach den Wimpel zurecht.« Der Schiffer Worse stand auf dem Hinterdeck bei der Kajüte. Ein frischer Nordwind strich über die Bucht und die alte Brigg glitt langsam hinein vor wenigen Segeln. Der Strom kam aus der Bucht heraus und trieb die Wellen jenseits der Landzunge, hinter welcher die Bucht von Sandsgaard sich hinein zog, unregelmäßig empor, und als »Der Familie Hoffnung« nun um die Spitze bog, schien das gute Schiff sich in dem alten bekannten Hafen sicher und heimisch zu fühlen. Schiffer Worse aber sagte, dem Mann am Rade zublinzelnd: »Das Ding merkt wahrhaftig, daß es nach Hause geht, seit wir in die Bucht kamen.« Denn »Der Familie Hoffnung« war nicht wie andere Schiffe. Es konnte vielleicht Fahrzeuge geben, die etwas leichter und feiner aussahen, ja es mochten sogar unter den neumodischen englischen Schiffen eins oder zwei zu finden sein – Worse hatte es freilich nie gesehen, aber ganz unmöglich war es darum nicht – die ein bißchen schneller segelten. Weiter aber gingen die Einräumungen nicht. Etwas Stärkeres, etwas Festeres, etwas Vollkommeneres als »Der Familie Hoffnung« schwamm nicht auf dem Meere und würde auch niemals darauf schwimmen. Und die Sonne schien so festlich über die Häuser von Sandsgaard, über die Gärten und die Werft, über die ganze freundliche Bucht, wo die blauen sommerlichen Wogen scharenweise ans Land eilten, um Jakob Worses Ankunft zu melden. Aber vor dem an der See gelegenen hohen Speicher hatte man das Schiff schon gesehen und der Packhausknecht Zacharias hatte die Meldung ins Comptoir gebracht, »Ist Er seiner Sache auch ganz sicher?« sagte Konsul Garman mit scharfem Ton. »Wir haben das Schiff im Fernrohr observiert, Herr Konsul, es ist so gewiß ›Der Familie Hoffnung‹, wie ich hier stehe, ein Sünder vor Gott. Es segelt gerade in die Sandsgaarder Bucht hinein.« Morten W. Garman erhob sich vom Armstuhl. Er war von hohem, kräftigem Wuchs, das weiße Haar war stark gekräuselt und die Unterlippe trat etwas vor. Als er Hut und Stock nahm, zitterten ihm die Hände ein wenig, denn »Der Familie Hoffnung« war sehr lange unterwegs gewesen. Draußen, im äußeren Comptoir, stand der Buchhalter am kleinen Aussichtsfenster. Der Konsul nahm ihm das Fernrohr aus der Hand, sah über die Bucht hinaus, schob das Glas wieder zusammen und sprach: »Es ist in der That so, Jakob Worse ist ein zuverlässiger Mann.« Noch nie zuvor war aus dieser Gegend ein Schiff in Rio de Janeiro gewesen, und hauptsächlich der Ehrgeiz des Schiffers Worse hatte es dahin gebracht, daß man sich dieses Mal auf das gewagte Unternehmen eingelassen. Als er nun aber so lange wegblieb, hatte der Konsul allmählich »Der Familie Hoffnung« aufgegeben, wie er so vieles andere in den letzten Jahren aufgegeben hatte. Wohl war er jetzt froh, daß sein Schiff und sein alter Kapitän Worse wiederkehrten, aber dennoch waren seine Schritte schwer und sie klangen so hohl und traurig, als er aus dem Comptoir durch den großen Gang ging, aus dem eine breite Treppe ins zweite Stockwerk führte. Denn es bedurfte mehr als einer glücklichen Reise, um den bekümmerten Kaufmann zu beruhigen, und dazu kam noch, daß Sandsgaard öde und verlassen war, daß es dort keine Gesellschaften, keine jungen Leute mehr gab; nur alte Erinnerungen von zierlichen Kavalieren und von Damen mit freimütig ausgeschnittenen Kleidern hatten in den Winkeln einen Duft hinterlassen, welcher sein Herz höher schlagen ließ. Seit dem Tode der Frau Garman im vorigen Sommer standen alle Gesellschaftszimmer im zweiten Stock verschlossen. Die beiden Söhne waren im Auslande, Christian Friedrich in London und Richard in Stockholm, und es konnte dem Konsul Garman, der sein ganzes Leben lang an heiteren, sorglosen Umgang gewöhnt war, nicht gerade zu besonderer Ermunterung gereichen, daß er nur zwei alte Fräulein um sich hatte, Schwestern seiner verstorbenen Gattin, die sich darum stritten, seinen Hausstand zu führen. Als Jakob Worse von seinem guten Schiffe gewahrte, wie alles auf der Werft und rund umher in der Bucht voll Bewegung ward, schwoll ihm das Herz vor Stolz. Was an Böten vorhanden war, kam ihm entgegen gerudert. Verwandte der Mannschaft, Mütter und Bräute schwenkten mit Tüchern, während sie vor Bewegung weinten – die meisten hatten längst »Der Familie Hoffnung« aufgegeben. Zum Schiffer Worse kamen keine Verwandten; er war Witwer und sein Sohn war auf der Handelsschule in Lübeck. Aber er freute sich darauf, den anderen Schiffern im Klub von Rio de Janeiro zu erzählen, wo keiner von ihnen gewesen war; mit größtem Behagen aber dachte er an alle die Geschichten, die er dem Schiffer Randulf zum besten geben wollte. Was war nun Randulfs weitberühmte und oft erzählte Reise nach Taganrog gegen die Fahrt nach Rio! Worse nahm sich vor, sie nach besten Kräften herauszustreichen. In seinen jungen Jahren war Jakob Worse ein toller Bursche gewesen und er war noch trotz seiner fünfzig Jahre ein munterer Gesell. Er war von gedrungener untersetzter Gestalt, seine Züge waren die eines echten Schiffergesichts mit roten vollen Wangen, treuherzig und lustig. Waren seine Haare gezählt, so mußte das eine hübsche Zahl abgeben; denn sie saßen so dicht wie auf einem Otternfell und sie wuchsen auf eine ganz eigentümliche Weise. Es sah aus, als ob ein Orkan ihm einmal auf den Hinterkopf geweht, ihm zuerst einen kleinen spiralförmigen Haarwirbel oben auf den Scheitel gelegt und dann alles übrige abwärts nach den Seiten hin und vornüber gestrichen hätte. Und so lag nun sein Haar ein für allemal und ließ sich von keinem späteren Winde stören; nach vorn aber, an den Ohren vorbei, hatte der Orkan kleine wellenförmige Schichten gelegt, wie sie der feine Flugsand nach einem Sturm bildet. Schiffer Worse bemerkte, daß man an der Schiffbrücke das »Frauenboot« zum Auslaufen fertig machte; er rieb sich die Hände, das war eine große Auszeichnung. Als er nun aber den Konsul selbst ins Boot steigen sah, machte er auf dem Deck ein paar lustige Sprünge, wie ein junger Bursch. Denn daß der Konsul sich selbst an Bord begab, um das Schiff zu bewillkommnen, war etwas ganz Außergewöhnliches. Sonst ward meistens einer der Comptoirbeamten hinausgeschickt, wenn nicht gerade die jungen Söhne zu Hause waren, denn weder Christian Friedrich noch Richard ließ es sich nehmen, den ankommenden Schiffen weit in die Bucht hinaus entgegen zu rudern, um mit hinein zu segeln und in der Kajüte Marsala zu trinken. Als die Brigg sich vor Anker legte, war das »Frauenboot« noch nicht herangekommen. Jakob Worse aber konnte nicht länger an sich halten, er erfaßte das Wandtau, schwang sich auf die Schiffsseite hinauf und den Hut schwenkend rief er, daß es über ganz Sandsgaard schallte: »Wir kommen spät, Herr Kunsel, aber wir kommen gut!« Konsul Garman lächelte und erwiderte den Gruß, während er heimlich seine Ringe an der rechten Hand abnahm, denn er kannte Jakob Worses Händedruck, wenn dieser von der Reise kam. Auf dem Deck stand der Kapitän ehrerbietig und glückselig mit dem Hut in der Hand, als der Konsul vorsichtig und etwas steif das Fallreep emporkletterte. »Ich heiße Sie willkommen, Jakob Worse!« »Besten Dank, Herr Kunsel!« Und der Konsul überließ ihm seine Hand zum Pressen. Die Mannschaft stand in einem ehrerbietigen Kreise um die beiden. Sie hatten sich schon gereinigt und geputzt und zum Verlassen des Schiffes fertig gemacht; denn es waren so viele Freunde und Verwandte an Bord gekommen während des Einsegelns, daß die Leute selbst sich mit dem Ankern und Festmachen nicht zu befassen brauchten. Der Konsul begrüßte sie freundlich. Die sonneverbrannten Gesichter nahmen sich keck und fremdartig aus zu Hause in dem kühlen Vorsommer; hie und da trug einer ein feuerrotes Hemd oder eine violette wollene Mütze, die aus dem wunderbaren Rio mitgebracht waren. Und all den lächelnden Gesichtern konnte man es ansehen, welch verwetterte Kerle zu sein sie sich bewußt waren und wie sich jeder danach sehnte, ans Land zu kommen, um sich zu zeigen und zu erzählen. »Hier ist ein toller Bursch,« sagte Schiffer Worse; »er ging mit als Kajütenjunge, aber wir haben ihn unterwegs zum Jungmann gemacht. Es starben uns nämlich drüben in Rio ein paar Leute, Herr Kunsel, böses Klima dort! Nun, Lauritz, komm' nur hervor!« Ein junger Bursch von sechzehn bis siebzehn Jahren ward endlich aus der Gruppe hervorgedrängt, verlegen und unbeholfen; sein rundes Gesicht schimmerte glänzend rot wie ein Apfel, der tüchtig gewaschen ist. »Wie heißt Er?« fragte der Konsul. »Lauritz Seehus,« antwortete der Bursch. »Lauritz Boldeman Seehus,« ergänzte der Kapitän. »Wir haben stets guten Grund und Anlaß gehabt, ein besonderes Gewicht auf Kapitän Worses Rekommandationen zu legen, und wenn der junge Mann in die Fußstapfen eines so tüchtigen Seemannes« – hier verbeugte sich der Konsul vor dem Kapitän – »treten will, so wird die Firma ihn nach Verdienst befördern. Im übrigen wird die ganze Mannschaft proportionaliter bei der Abrechnung aus Anlaß der langen und gefahrvollen Reise eine Gratifikation erhalten. Die Firma dankt jedem einzelnen für gute und treue Arbeit.« Der Konsul grüßte nochmals im Kreise umher und ging dann in Begleitung des Kapitäns in die Kajüte hinunter. Die Mannschaft war höchlich erfreut, sowohl wegen der in Aussicht gestellten Gratifikation, als auch über das ganz ungewöhnliche Ereignis, daß ein Reeder in Person an Bord kam und gemeinen Seeleuten seinen Dank darbrachte. Es war nun freilich auch nicht Konsul Garmans Gewohnheit, sich viel mit seinen Leuten abzugeben. Nicht daß er ein harter Herr gewesen wäre – im Gegenteil; er grüßte stets freundlich und sagte wohl auch hin und wieder ein paar Worte im Vorbeigehen. Aber er war und blieb doch so unendlich fern und erhaben, daß die geringste Freundlichkeit seinerseits zu einer Herablassung ward, die mit Dank und Bewunderung angenommen wurde. Als er nun nach Verlauf einer halben Stunde wieder ins Boot stieg, um ans Land zu gehen, ward ihm ein Hurrah vom Schiffe nachgerufen. Der Konsul erhob sich im Boote und nahm den Hut ab. Er war sehr bewegt und es that ihm not, nach Hause ins Comptoir zu kommen und allein zu sein. Er hatte die Schiffspapiere und einen Beutel voll guter Sovereigns mit ans Land genommen. Das Haus K. F. Garman – dies war die alte Firma – hatte seit langer Zeit kein so großes Geschäft gemacht; das war sehr erfreulich, aber es war nicht genügend. In all den Jahren, wo Morten Garman nach des Vaters Tode gearbeitet hatte, war es ihm niemals gelungen, das große weitläufige Geschäft zu rechtem Gedeihen zu bringen. Das Haus hatte in den Kriegsjahren und durch die Münzreduktion so schwere Verluste erlitten, daß seine Kräfte auf viele Jahre hinaus gelähmt waren – ja es schien fast, als sollte es sie nie verwinden. Das Haus hatte mit dem großen Uebelstand zu kämpfen, daß es mit gar zu vielen Grundstücken behaftet war, die in keinem rechten Verhältnis zu dem verminderten beweglichen Kapital standen; dann waren auch drückende Schulden da. Und die Verhältnisse wollten sich nicht bessern; Morten Garman, ein ungewöhnlich tüchtiger Handelsmann, mußte seine ganze Kraft und all seinen Fleiß aufbieten, um das Haus in dem alten Glanz und Ansehen zu erhalten. Solange er noch jung war, ging es leidlich, aber jetzt, da er sich den Fünfzigen näherte, da ihm die Gattin gestorben und es auf Sandsgaard so öde und leer war, da lastete es doppelt schwer auf ihm, daß dieses Geschäft, seine Freude und sein Stolz, das er in voller Größe und Blüte zu sehen gehofft hatte, nach ihm ohne Lebenskraft daniederliegen, vielleicht sogar als unsolide seiner Auflösung entgegengehen sollte. Die Haushaltung auf Sandsgaard war stets sehr kostspielig gewesen. Die lebhafte hübsche Frau Garman hatte eine große Vorliebe für Gesellschaften, Maskeraden und alle derartigen Vergnügungen und ihr Mann teilte diesen ihren Geschmack vollkommen. Die freieren Ideen vom Anfange des Jahrhunderts und seine Stellung als einziger Sohn in einem großen Handelshause hatten seiner Lebensanschauung einen etwas übermütigen Schwung gegeben. In der Stadt aber spottete man wohl seiner Eitelkeit, ärgerte sich aber noch mehr darüber. Davon wußte er aber selber nichts. Von seinem Jugendleben im Auslande und von häufigen Reisen hatte er eine eigene Luft mit heimgebracht, in der er lebte – Anschauungen und Ideen, die weit verschieden waren von denen, die in der kleinen einfachen Stadt herrschten, wo gerade eine doppelte Gärung, veranlaßt durch ökonomischen Aufschwung und eine starke religiöse Bewegung zum Durchbruch kam. Draußen auf Sandsgaard aber lebte man noch in der alten Perückenzeit. Die hochmütigen Beamten und Offiziere, die ihren Aufenthalt in der Stadt hatten, fanden ihre Traditionen wieder bei den Festen da draußen, wo an langen Tischen gut und lange gespeist und getrunken wurde und wo die Gesellschaft so fein und selbstbewußt war, daß das Gespräch nicht ängstlich abgewogen zu sein brauchte, wo ein kühnes Wort oder ein verstohlener Händedruck nicht zum Verbrechen gestempelt wurde, wo ein Flüstern hinter dem Fächer wohl in einen Kuß auf das Ohrläppchen ausarten konnte, wo hundert feine Fäden – zu leicht, um leichtfertig zu sein – vom einen zum anderen gingen und die ganze Gesellschaft in ein feines glänzendes Seidengewebe einspannen, hinter dem die Frivolität ihren eigentlichen Charakter verlor und sich elegant, zierlich, anständig ausnahm wie ein Menuett. Und in diesem Leben bewegte sich der Konsul Garman so sicher und behende, wie der Fisch im Wasser. Wenn er an einem der großen Gesellschaftstage vormittags im Comptoir saß, flog seine Feder über das Papier und er schrieb dann seine besten Briefe. Seine Gedanken waren so klar, sein Sinn so ruhig und unbekümmert, daß alles, das Größte wie das Kleinste, in bester Ordnung auf den rechten Platz kam. In demselben Briefe, in dem er eine Ladung Kaffee bestellte, vergaß er die zwölf Pakete Lack und zwei Körbe holländischer Kreidepfeifen, die für das Detailgeschäft bestimmt waren, nicht, und von der Erteilung von Instruktionen an einen Kapitän, der Seeschaden erlitten hatte, konnte er ohne weiteres auf die genaueste Beschreibung einer Einrichtung an Ofenröhren übergehen, die er in London gesehen hatte und die er nun im städtischen Krankenhause eingeführt haben wollte. Wenn dann aber die Post expediert war und die Tischzeit für die großen Gesellschaften heranrückte, wenn der Konsul sich sorgfältig rasiert und aus zahlreichen Kruken und Flaschen parfümiert und gesalbt hatte, dann stieg er die breite Treppe hinauf im blauen Leibrock mit blanken Knöpfen, langen Schößen und Puffärmeln, eingeschnürter Weste und Hemdkrause mit Diamantnadel, das hübsche ins Graue fallende Haar, als sei es leicht gepudert, lockig geordnet. Und da konnte es wohl vorkommen, daß er einen ausgelassenen französischen Refrain trällerte, indem er seiner lustigen Abenteuer gedachte und zierlich und taktfest das wohlgeformte Bein hinsetzte; er wünschte sich so oft die Zeit der Kniehosen zurück! Konsul Garman war ein musterhafter Ehemann nach den Forderungen jener Zeit gewesen, und als seine Gattin starb, betrauerte er sie aufrichtig und ließ viele Gedenksteine mit liebreichen Inschriften auf ihren Lieblingsplätzen im Garten errichten. Mit dem Tode der Frau Garman hörten die vielen Gesellschaften auf, so daß dieser Ausgabeposten bedeutend vermindert ward; gleichzeitig aber gingen ein paar andere Posten ziemlich stark in die Höhe. Es waren dies die Conti der beiden jungen Söhne, namentlich Richards. Die Natur des Konsuls Garman hatte sich gleichsam in diesen beiden Söhnen gespalten. Richard war sein Stolz und seine Schwäche. Sein hübsches Aeußere und leichter Sinn waren wie ein Widerschein der eigenen Jugend des Konsuls; und wenn Richard das hübscheste Reitgeschirr auf das beste Pferd legen ließ und des Konsuls Reitpeitsche nahm, die sonst niemand anrühren durfte, so schlich sich der Vater von Fenster zu Fenster, solange er ihn mit den Augen verfolgen konnte, und hatte seine helle Freude daran, wie der Junge so gut zu Pferde saß und wie alles so gut für ihn paßte. Strenger aber war der Konsul gegen seinen ältesten Sohn Christian Friedrich. An Richard konnte er, wenn dessen Verschwendung gar zu arg gewesen war, wohl einmal schreiben: »Ich kann es ganz gut verstehen, daß die Carriere, welche Du mit Einwilligung Deiner Eltern gewählt hast, verschiedene Ausgaben veranlaßt, die, wenn auch scheinbar überflüssig, bei unserer Betrachtung der Umstände und Verhältnisse dennoch, wenn auch nicht für absolut notwendig, so doch bis zu einem gewissen Grade als durch dieselben obenerwähnten Verhältnisse hervorgerufen und in ihnen begründet angesehen werden mögen; andererseits aber will ich Dir doch zu bedenken geben, ob Du nicht selbst mit bedeutend eingeschränkten Ausgaben für Deine Zukunft auf der diplomatischen Laufbahn dasselbe Resultat zu erreichen solltest erwarten können. Vornehmlich aber will ich Dich admonieret haben, eine reguläre Rechnung zu führen; nicht gerade aus dem Grunde, als ob ich Deine Ausgaben sollte kontrollieren wollen, sondern weil die Erfahrung mich gelehrt hat, daß wir durch eine reguläre Rechnungsführung uns selbst am besten kontrollieren.« Rechnung führen aber war nicht Richards Sache, geschweige denn eine reguläre: hin und wieder nahm er einen Anlauf, der aber bald in Scherz und lustige Schwänke ausartete, die den Alten so ergötzten, daß er das Geld verschmerzte. Christian Friedrich dahingegen sandte monatlich Auszüge aus seinem Kassenbuch ein, von dem Zeitpunkt an, wo er ins Institut zu Christiania eingetreten war, und diese Auszüge wurden vom Konsul in der unbarmherzigsten Weise durchmustert. Fand sich eine fehlerhafte Postierung, wohl gar ein Rechenfehler, oder auch nur ein Ausgabeposten vor, der etwas groß oder ungewöhnlich erscheinen mochte, so erhielt der Sohn sicher einen derben Bescheid darüber, wie absolut verwerflich unordentliche Buchführung oder Verschwendung für einen Kaufmann sei. Dadurch ward Christian Friedrich in einem ängstlichen Respekt vor dem Vater gehalten und bisweilen fühlte er sich sogar gekränkt. Es würde ihn daher sehr beruhigt haben, wenn er gesehen hätte, mit welchem Wohlgefallen der Konsul diese zierlichen Extrakte durchging und mit welcher Sorgfalt sie numeriert und in einer bestimmten Schublade verwahrt wurden. Ueberdies war Christian Friedrich der einzige, dem der Konsul Vertraulichkeit erwies, und in den ausführlichen Briefen, die er mindestens einmal im Monat absandte, erhielt er den Sohn in allen wichtigeren Teilen des Geschäfts auf dem Laufenden. Es konnte sogar vorkommen, daß der Konsul ihn über eine Sache um seine Meinung befragte. Was die Aufmerksamkeit des Konsuls Garman in hohem Grade beschäftigte und ihn zum Teil auch beunruhigte, war der Aufschwung, dessen die Stadt sich in den letzten Jahren erfreute. Ganz neue Leute tauchten auf mit bedeutenden Mitteln, legten sich auf den Einkauf und die Einsalzung von Heringen und verschifften im Frühjahr tausende von Tonnen. Anhänger der neuen religiösen Sekte, welche Bibelsprüche in ihre Handelskorrespondenz einmischten und keine Ahnung von ordentlicher Buchhaltung hatten, verdienten große Kapitalien. Es herrschte ein neues Leben und eine Geschäftigkeit und dabei eine religiöse Erbauung mit Gesängen in der Stadt, daß der Konsul sich nicht genug darüber wundern konnte. Und alle diese neuen Menschen hatten Geld. Das verursachte dem Konsul ernstliche Bekümmernis, aber diese behielt er für sich. Nicht einmal Christian Friedrich durfte wissen, wie schwierig seine Lage manchmal war. »Der Familie Hoffnung« lag wohlbefestigt, mit Flagge und Wimpel an den Masten. Die Mannschaft ging ans Land, während aus der Stadt und aus Sandsgaard ein ununterbrochener Strom von Besuchern zum Schiff wallfahrtete. Das weißangestrichene Gig des Kapitäns ward bemannt. Jakob Worse setzte sich aufs Hinterbrett auf eine ausgebreitete Flagge, deren Spitzen ins Wasser herabhingen, und hinter ihm kauerte Lauritz Seehus mit den Steuertauen in der Hand, es sollte gerade so aussehen wie bei einem Kriegsschiff. Sechs Mann ruderten mit langen Zügen und schnellten die Wasserfläche in die Höhe. So hatte der Schiffer Worse sich stets seine Rückkehr von der Reise nach Rio vorgestellt, und deshalb schwoll ihm das Herz vor Freude, als er in die Bucht, an der die Stadt lag, hineinfuhr. Es wäre weit einfacher gewesen, nach Sandsgaard hinüberzufahren und dann in die Stadt zu gehen. Dies hätte dem Schiffer aber nicht im Traume einfallen können. Er betrachtete Sandsgaard wie eine Insel, und er ließ sich stets, das Wetter mochte sein wie es wollte, von da nach der Stadt hin und wieder zurückrudern. Er konnte sehen, daß man auf seinem Speicher an der Schiffbrücke eine Flagge aufgehißt hatte. Worse besaß ein altes großes Haus am Markt, das ein weitläufiges Viereck bildete und nach der Brücke zu in ein hohes Packhaus endete; er war nämlich ein vermögender Mann und durch glückliche Spekulationen war das Geld, das er sich auf seinen langen Seereisen verdient hatte, zu einem ansehnlichen Kapital angewachsen. Wenn er im Winter zu Hause war, widmete er sich eifrigst der Fischerei und machte dabei auf eigene Rechnung großen Umsatz. Das Haus Christian Friedrich Garman befaßte sich dahingegen nicht so viel mit dem Fischfang, sondern es trieb vorzugsweise Spekulations- und Kommissionshandel mit Salz und Korn, sowie außerdem Bank- und Wechselgeschäfte. Diesmal hatte Worses Abwesenheit von Hause weit länger gedauert als gewöhnlich und er war daher sehr gespannt darauf, zu erfahren, wie es mit dem Geschäft in der langen Zeit gegangen und was seine Leute daraus gemacht hätten. Nichts aber lag ihm mehr am Herzen, als mit dem Schiffer Randulf zusammenzutreffen, und so oft ihm der Gedanke daran aufstieg, schlug er sich aufs Knie und lachte laut. Drinnen in der Bucht lagen nur wenige Schiffe, da es um die Sommerzeit war; aber hie und da kam doch eine Flagge zum Vorschein, als man Jakob Worses Boot gewahrte. Von den Brücken und den Packhäusern an beiden Seiten des Hafens riefen ihm Bekannte zu, er erwiderte den Gruß und lachte – stolz und erfreut. »Zu wem begibst du dich, Lauritz?« fragte er den jungen Matrosen, als sie sich der Landungsbrücke näherten. Lauritz hatte nämlich keine Verwandten in der Stadt. »Ich hatte mir gedacht, wieder zu Madame Torvestad zu gehen, wo ich immer gewohnt habe,« erwiderte der junge Mensch. »Ach was,« sagte Jakob Worse, »jetzt bist du kein Junge mehr, du kannst doch nicht immer bei der alten scheinheiligen Postille wohnen bleiben.« Als er aber sah, wie die anderen Leute im Boot das Gesicht verzogen, ging ihm ein Licht auf und er rief: »Ach du Mordskerl! Die Frauenzimmer sind es also, die dich zu Madame Torvestad ziehen! Nimm dich aber in acht, denn du weißt doch, daß ich auch dort das Kommando führe!« Das war ein Witz von Jakob Worse, denn Madame Torvestad wohnte in seinem Hause, im Hintergebäude, zur Miete. An der Landungsbrücke aber wartete seiner eine bittere Täuschung: Schiffer Randulf war nicht zu Hause, er war auf einer Fahrt nach der Ostsee. – Zweites Kapitel. »Sarah! Du gehst heute nachmittag zur Versammlung,« sagte Madame Torvestad zu ihrer ältesten Tochter. »Ja, Mutter.« »Schiffer Worse ist heimgekommen; ich will zu ihm hinübergehen, um ihn zu begrüßen. Der arme Mann wandelt wohl noch in seinen Sünden, ohne das Bedürfnis, des Zutritts zum Gnadenstuhl mit den Brüdern teilhaftig zu werden. Denk dir, Sarah! wenn eine von uns ein Werkzeug in der Hand des Herrn zur Rettung dieses Irrenden werden könnte!« Madame Torvestad blickte ihre Tochter fest an; Sarah aber, welche am Küchentisch stand und das Mittagsgeschirr aufwusch, erhob ihre Augen nicht, die großen dunkeln Augen mit den langen Wimpern und den starken schwarzen Augenbrauen. »Du könntest wohl unter den Brüdern anfragen, ob nicht der eine oder der andere den Drang fühlen möchte, zu uns herüberzukommen, um das, was in der Versammlung gesagt wurde, zu besprechen, und so einander gegenseitig in der Gemeinschaft der Gnade zu stärken und zu befestigen,« »Ja, Mutter.« Madame Torvestad ging in die Wohnstube zurück, die etwas finster war, weil sie nach dem Hinterhof hinaus lag. Das Zimmer war hübsch und solide möbliert und es sah sauber und ordentlich, aber etwas ungemütlich darin aus. Sie war die Witwe des Vorstehers der Herrnhuter Brüdergemeinde und diese hatte nach dem Tode desselben keinen neuen Vorsteher erhalten. Denn die Zahl der eigentlichen Herrnhuter war nicht groß in der Stadt und sie vermehrte sich auch nicht, weil die religiöse Bewegung zumeist der Haugianischen Richtung folgte. Es war in der Lehre auch so viel innere Übereinstimmung und im Leben so viel äußere Gleichheit, daß die Herrnhuter und Haugianer nicht bloß im allgemeinen von denen, die außerhalb der »Erweckung« standen, für eins und dasselbe angesehen wurden, sondern daß auch wirklich nach und nach eine Verschmelzung zwischen den beiden Richtungen stattfand. Ursprünglich standen die herrnhutischen Brüder und die Anhänger Hauges in ihrer allgemeinen Bildung auf einer wesentlich verschiedenen Stufe. Hauge fand seine erste und treueste Stütze unter den Bauern. Die Brüdergemeinde dahingegen bestand zum großen Teil aus wohlhabenden Stadtleuten, die sich überdies vermöge ihrer deutschen Vorsteher und durch häufige Besuche in Christiansfeldt und anderen herrnhutischen Ortschaften eine größere äußere und innere Kultur erwarben. Später aber, als die durch Hans Nielsen Hauge angeregte Bewegung sich über das ganze Land verbreitet, durch unzählige Bedrängnisse sich hindurchgekämpft hatte und namentlich als nach Hauges langjähriger Einsperrung und nach seinem Tode das ganze Volk davon Kunde erhielt, welch schmähliches Unrecht der Beamtenstand unschuldigen und gottesfürchtigen Menschen angethan, da gewann die Bewegung auch viele Anhänger in denjenigen Klassen der Bevölkerung, wo man bisher mit Verachtung und Abscheu auf die bäuerlichen Schwärmer und Fanatiker herabgesehen hatte. Auch dies trug zur Verschmelzung bei. Außerdem waren die Haugianer stets bereit zu Verträglichkeit und zu freundlichem Entgegenkommen, wo sie auf wirklichen Christensinn stießen. Jedenfalls aber waren die Herrnhuter nicht mächtig und zahlreich genug, um eine Sonderstellung behaupten zu können, selbst wenn sie es gewollt hätten. Madame Torvestad trug deshalb kein Bedenken, ihre Tochter zum neuen Versammlungssaal der Haugianer zu senden und andererseits kamen zu den bei ihr abgehaltenen Erbauungsstunden ohne Unterschied Angehörige beider Richtungen. Sie selbst gebrauchte oft Worte und Wendungen, die an ihren langen Aufenthalt in Christiansfeldt erinnerten und sie hatte eine besondere Vorliebe dafür, kleine pietistische Traktate vorzulesen, die sie zum Teil selbst aus dem Deutschen übersetzt hatte. Aus der Wohnstube ging Madame Torvestad ins Nebenzimmer, wo das Dienstmädchen den Webstuhl fleißig und taktfest handhabte. Hier standen Spinnräder und Garnwinden, auf dem Tisch am Fenster lag verschiedenes Nähzeug und die ganze Einrichtung trug überhaupt das Gepräge, daß man sich hier in einem Hause befände, wo Gebet und Gesang mit strenger nützlicher Arbeit abwechselten. »Wo ist Henriette?« fragte Madame Torvestad. »Sie ging hinaus, um zu hören, weshalb im Hafen geflaggt würde,« erwiderte das Mädchen. »Ach ja, Martha, wie lange hängt doch das junge Herz an der Thorheit dieser Welt! Laß mich nun sehen, wie weit du gekommen bist.« Inzwischen setzte Sarah ihre Arbeit fort, indem sie einen Gesang leise vor sich hinsummte. Sie hatte die Woche in der Küche, welche Arbeit sie und das Dienstmädchen abwechselnd verrichteten. Henriette war noch zu jung dazu. Sarah war sechsundzwanzig Jahre alt. Obgleich ein arbeitsames gesundes Leben ihren Körper voll und kräftig entwickelt hatte, war sie doch sehr bleich, denn sie ging selten aus und sie hatte von der Welt eigentlich nicht viel mehr gesehen, als die Kirche und das Versammlungshaus. Das hübsche Oval ihres Gesichts ging unten in ein volles Kinn über, das etwas an den gebietenden Ausdruck in den Zügen der Mutter erinnerte. Das Haar war ganz glattgestrichen und die Flechten in einem einfachen Ring auf dem Hinterkopf vereinigt. Das Anmutige in Sarahs Gesicht und in ihrer ganzen Erscheinung war nicht von jener leicht vergänglichen Art, die man das eine Jahr bemerkt und im anderen nicht wiederfinden kann. Es war im Gegenteil etwas Solides über sie ausgebreitet; die abgerundeten weichen Züge, die matte weiße Haut und die stark beschatteten Augen verliehen ihr eine stille, anziehende Schönheit, die lange Dauer versprach. Während sie am Küchentisch stand und, ihren Gesang summend, mit Tassen und Tellern klirrte, hörte sie nicht, wie ein Mann die Küchentreppe heraufkam. Erst als die Thür aufging, drehte sie sich um, errötete ein wenig und schlug die Augen nieder. Der Mann in der Thür, eine hohe, breitschulterige Gestalt, schlug auch seine Augen nieder und sagte: »Hier, Sarah, bringe ich dir ›Das Leben im Tode‹, wovon wir gesprochen haben. Mögest du wahre Freude daran haben!« »Vielen Dank, Hans Nielsen!« erwiderte Sarah ohne aufzusehen; sie konnte das Buch nicht in die Hand nehmen, weil diese naß war; er legte es daher auf den Tisch und ging wieder. Sie lauschte seinem Gange, während er die Treppe weiter nach dem Boden emporstieg, Hans Nielsen Fennefos wohnte nämlich bei Madame Torvestad zur Miete. Dann trocknete sie rasch ihre Hände, nahm das Buch und las hin und wieder ein Stück in demselben voll Eifer und Freude. War es doch ein Buch von Hauge selber, von dem Manne, den Fennefos stets im Munde führte, den die Mutter aber nicht so sehr zu schätzen schien; wenigstens besaß sie keins seiner Bücher. Sarah hatte jedoch anderes zu thun, als zu lesen. Sie legte das liebe kleine Buch, das Hans Nielsen selber eingebunden hatte, vor sich hin ins Fenster und begann ihre Arbeit und ihren Gesang wieder, nur etwas kräftiger als vorher. Bisweilen beugte sie sich vornüber, legte den Kopf auf die Seite und blickte zu dem schmalen Streifen blauer Sommerluft hinauf, den sie über der schmalen Gasse schimmern sehen konnte, und ihre dunklen Augen erhielten einen unschuldigen entzückten Glanz, als ob sie in den offenen Himmel gerade hinein schauten. Jetzt ertönten neue Tritte auf der Treppe unten und dieses Mal hörte Sarah sie gut; es war Henriette, das konnte keinem Zweifel unterliegen. Zuerst hörte man einige hastige überstürzte Tritte, dann einen Fall mit etwas Gepolter, darauf wieder einige Tritte, ganz so wie die jungen Mädchen die Treppen hinauf zu poltern pflegen, wenn sie zuerst lange Kleider bekommen haben. Henriette kam herein, atemlos, mit gerötetem, strahlendem Antlitz und flatterndem Haar und begann hastig: »Ach Sarah, das solltest du gesehen haben! – – Welche Ueberraschung! Du solltest nur wissen – weißt du, wer wiedergekommen ist?« »Stille doch, Henriette,« schalt die Schwester, »wenn die Mutter käme und dich so sähe!« Sogleich machte Henriette sich daran, das widerspenstige Haar zu glätten; aber schweigen konnte sie nicht und sie flüsterte ungeheuer eifrig: »Ich war auf dem Markt – ganz nach der Brücke hinunter – sag es der Mutter nicht; und so kam Schiffer Worse angerudert – Schiffer Worse ist aus Rio zurückgekommen, – wußtest du das? – mit sechs Mann und Flaggen – und hinten saß Lauritz – ich kannte ihn nicht, ehe er ans Land sprang – so groß war er« – sie zeigte gerade hinauf in die Luft – »er sah mich, ich glaube, er ist mir gefolgt.« »Aber ich bitte dich, Henriette!« begann Sarah streng und runzelte die Augenbrauen. Allein die gottlose Henriette machte eine höhnische Gebärde und schlüpfte in den Gang hinaus, von wo sie unbemerkt in die Webstube zu gelangen hoffte. Sarahs Antlitz nahm einen bekümmerten, fast strengen Ausdruck an. Das wilde Wesen der Schwester war ihr unbegreiflich, so war sie selber nie gewesen und sie wußte, daß ein solcher weltlicher Sinn streng unter die Zucht des Herrn gebeugt werden müsse. Dennoch fuhr ihr bisweilen ein Stich durchs Herz, wenn Henriette voll Jugendlust sprudelte und sich etwas in ihr rührte, das fast dem Verlangen glich, mit dabei zu sein. Das war der alte Adam in ihrem Fleisch, der täglich getötet und ertränkt werden soll, und das that sie auch mit Gebet und Gesang und fleißigem Umgang mit der Schrift, und dennoch – dennoch – – Noch einmal ward Sarah in ihrer Beschäftigung gestört, indem sich ein rundes, sonnenverbranntes, lächelndes Gesicht in der Küchenthür zeigte. Das Lächeln verschwand aber und Lauritz trat verlegen und unbeholfen ein, er hatte offenbar darauf gerechnet, eine andere Person zu treffen, als Sarah. »Ich heiße dich willkommen, Lauritz,« sagte Sarah freundlich. »Besten Dank,« erwiderte Lauritz im tiefsten Baß, den er hervorbringen konnte, er blieb stehen und scheuerte sich an der Thür. »Willst du mit der Mutter sprechen?« »Ja, ich wollte sie fragen, ob ich hier wohnen könnte.« »Die Mutter ist in der Wohnstube.« Lauritz Seehus war für Sarah fast wie ein jüngerer Bruder, da er bei Madame Torvestad in der Kost gewesen war, solange er die Schule besucht hatte. Das elterliche Haus in Flekkefjord war kein erfreulicher Aufenthalt für ihn gewesen, er hatte eine Menge Geschwister und der Vater war dem Trunk ergeben. Nach einer Weile trat Lauritz wieder aus der Wohnstube – sehr kleinlaut und niedergeschlagen. »Nun, Lauritz,« sagte Sarah, »willst du schon wieder gehen?« »Ja,« erwiderte er, indem er hastig hinaustrat, »deine Mutter wollte es nicht zugeben.« Als er aber die alte wohlbekannte Küchentreppe hinabging, dünkte es ihm, er sei der unglücklichste Mensch auf der Welt, ja er weinte sogar – zum erstenmal als junger Matrose. Auf der ganzen langen Reise hatte er sich darauf gefreut, sein altes Dachstübchen wieder zu beziehen, jeden Tag mit Henriette zusammen zu sein, ihr all die merkwürdigen Sachen, die er in seiner Kiste hatte, zu schenken, sich mit ihr davon zu schleichen und auszurudern, wenn die Madame zur Versammlung gegangen war, oder an Winterabenden im Mondschein im Schlitten zu fahren – alle diese strahlenden Hoffnungen, die so ganz fertig vor ihm lagen, hundertmal durchträumt und bis in die kleinsten Einzelheiten ausgemalt, wenn er in den langen einsamen Nachtstunden auf dem Deck auf und ab schritt. Nun kam es ihm vor, es sei keine Hoffnung und keine Freude mehr für ihn in dieser Welt und kaum in der anderen. Sarah hatte eigentlich Mitleid mit ihm. Eine Weile darauf aber kam die Mutter heraus und sagte: »Du sahst wohl Lauritz, Sarah?« »Ja, Mutter.« »Sprachst du mit ihm?« »Nein, ich begrüßte ihn nur.« »Glaubst du, daß er bekehrt ist?« Sarah wußte nicht, was sie antworten sollte; die Mutter aber sagte streng: »Sag nur nein, mein Kind! So sieht der bekehrte und reuevolle Sünder nicht aus. Wohl gehört das Gericht dem Herrn, aber wir müssen wahrlich auch unsere Augen und unseren Verstand gebrauchen, auf daß nicht ein räudiges Schaf sich eindränge und die ganze Herde anstecke.« Sarah mußte in ihrem Herzen der Mutter recht geben; sie sah ein, daß Henriette und Lauritz jetzt erwachsen waren und daß ihr vertrauliches Verhältnis in sündhafte Liebe übergehen könne. Sie hatte auch, während er in der Stube war, daran gedacht, daß es gewiß ihre Pflicht sei, der Mutter zu sagen, was sie darüber meine. Nun war das nicht mehr nötig, und sie war davon überzeugt, daß es für die jungen Leute so am besten sei. Trotzdem aber mußte sie daran denken, wie kläglich er aussah, als er aus der Küchenthür herauswankte, und welche Enttäuschung es für Henriette sein würde – hatte er doch stets hier gewohnt. Freilich war es gut für sie beide, daß die Versuchung von ihrem Wege fortgenommen war, und doch – und doch – – Schon um sieben Uhr war Jakob Worse aus dem Klub fortgegangen; er konnte es nicht länger aushalten. Die eine Enttäuschung über die andere war ihm bereitet worden, nichts war so gekommen, wie er es erwartet hatte, seit er den Fuß ans Land gesetzt. Im Klub hatte er ein paar finnische Kapitäne angetroffen, die wegen erlittener Seeschäden im Hafen lagen, ganz junge Leute, die von Amerika gekommen waren. Der eine von ihnen – ein junger Laffe mit englischem Bart und goldener Kette – war auch in Rio de Janeiro gewesen – sogar zweimal. Und Randulf! Warum war Randulf doch nach der Ostsee gesegelt! Es ging dem Schiffer Worse, wie es allen zu gehen pflegt, die einen leichten Sinn haben. Die geringste Freude konnte ihn in eine vorzügliche Stimmung setzen und ihm über die größten Unannehmlichkeiten hinweg helfen; wenn aber umgekehrt eine kleine Verdrießlichkeit ihm den Kopf verrückt hatte, so war alles verkehrt, eine Kette von Unglücksfällen stürzte über ihn her und es kam ihm vor, als ob niemand vom Schicksal so verfolgt und gemißhandelt sei wie er – das heißt auf einen Tag; denn gemeiniglich schlief er seinen Sinn wieder ins Gleichgewicht. Heute aber war es gerade solch ein Unglückstag von dem Augenblick an, wo er hörte, daß Randulf abwesend sei; und deshalb hatte er nichts gefunden, worüber er sich hätte freuen können, weder im Klub noch im Comptoir, noch in dem Kaufladen oder im Packhause, obgleich das Geschäft in der That während seiner Abwesenheit gut geführt worden war; und seine Leute hätten größeres Lob verdient, als ihnen zu teil wurde. Verzagt und verdrießlich ging er in seinen hübschen, geräumigen Stuben auf und nieder. Die Sonne stand niedrig im Nordwesten, und über der Landzunge, welche den Hafen von der Sandsgaardbucht trennte, konnte er mitten in dem goldglänzenden Abendhimmel die Raaen seines Schiffes sehen. Auch dies konnte ihn nicht ermuntern. Und nun fiel ihm noch dazu ein, daß der alte Hafenvogt Snell im Klub ihn beiseite genommen und mit dem Finger auf der langen roten Nase ihm zugeflüstert hatte: »He, he, Jakob, es wäre wohl an der Zeit, daß du dem Alten einige Schillinge brächtest. Sie sagen – he, he – er könne es wohl nötig haben.« »Was, zum Henker, meinte er damit?« rief Schiffer Worse grimmig, als er sich daran erinnerte; »will das alte Nashorn mir einbilden, daß die Firma C.H. Garman in Geldverlegenheit sei? Pah! – Was willst denn du, Lauritz?« rief er plötzlich, als er den jungen Matrosen in der Thür stehen sah. »Nichts, Herr Kapitän!« erwiderte Lauritz leise und wollte wieder fortgehen. Aber Worse fuhr ihm nach, ereilte ihn im Gange und zog ihn in die Stube zurück. Es war so, wie Lauritz gesagt hatte; er wollte eigentlich nichts; als er aber in seinem Kummer und seiner großen Verlassenheit seinen Kapitän, der stets so gut gegen ihn gewesen war, an den Fenstern auf und nieder gehen sah, wagte er es, zu ihm hineinzutreten in der unbestimmten Hoffnung, möglicherweise irgend einen Trost zu finden. Worse hielt ihn an der Schulter fest und sah ihn an: »Hm, hm, hier ist wohl noch einer, der keine fröhliche Heimkehr gehabt hat. Komm, mein Junge, wir wollen ein Glas miteinander trinken, dann kannst du mir hernach erzählen, was man dir angethan hat.« Der Schiffer Worse öffnete die Thür eines Wandschranks, nahm zwei runde holländische Gläser hervor und füllte das eine für Lauritz mit Kirschenliqueur und das andere für sich mit altem Jamaika-Rum. »So, mein Junge!« sagte Worse, nachdem sie ausgetrunken hatten, »laß mich nun deine Sorgen und Betrübnisse hören.« Statt aber zu antworten, stellte Lauritz sein Glas blitzschnell in den Schrank, machte es ebenso mit dem des Kapitäns, schlug die Thür zu und setzte sich auf einen Stuhl an der Stubenthür. Worse glaubte, der junge Mensch sei toll geworden; ehe er aber dazu kam, ihn anzufahren, ward angeklopft und Madame Torvestad trat ein. Lauritz hatte sie unter dem Fenster vorübergehen sehen und der Respekt vor der Madame war ihm so sehr zur anderen Natur geworden, daß er bei ihrem Anblick nur den einen Gedanken hatte: zu verhüten, daß sie sähe, sie hätten etwas getrunken. Auch Worse wäre es nicht lieb gewesen, wenn die Madame ihn mit Lauritz zusammen beim Glase getroffen hätte, und da er nun das Betragen des jungen Menschen begriff, blinzelte er ihm freundlich mit dem einen Auge zu, während er die Madame Torvestad zum Sofa führte. Sie trug einen schwarzseidenen Ueberwurf und einen dunkelgrauen Hut mit weit vorstehendem Rande und breiten Atlasbändern. Ihre Tracht und ihre ganze Erscheinung machten den Eindruck soliden Wohlstandes und würdigen Ernstes. Das etwas große Doppelkinn und die Haltung des Kopfes gaben ihr einen gebietenden Ausdruck. Dadurch unterschied sie sich von den anderen »Erweckten«. Denn diese bestrebten sich in ihrem Aeußeren und ganzen Wesen, eine gewisse Demut an den Tag zu legen, gleichwie es auch bei Hauges Anhängern im Westlande Sitte geworden war, in einem kläglich süßlichen Tone zu reden. Madame Torvestad hatte nicht vergessen, daß sie die Witwe des Vorstehers der Brüdergemeinde sei, und ihr Bestreben war stets darauf gerichtet, sich und ihr Haus zum Mittelpunkt der religiösen Bewegung zu machen; deshalb legte sie großen Wert auf die kleinen Versammlungen, die bei ihr, halb zur Erbauung, halb zur Gesellschaft stattfanden, und aus demselben Grunde nahm sie Mieter in ihrem Hause auf, was sie um des Verdienstes willen nicht nötig gehabt hätte. Lauritz bildete in dieser Beziehung eine Ausnahme; ihn hatte sie auf die inständige Bitte einiger Freunde in Flekkefjord bei sich aufgenommen, während diejenigen, die sonst bei ihr wohnten, junge Männer von religiöser Gesinnung waren – vorzugsweise umherreisende Laienprediger, welche gingen und kamen, und sich einige Tage bei den Freunden aufhielten, um sich mit ihnen zu besprechen und gegenseitig zu erbauen. Dadurch erreichte Madame Torvestad, daß ihr Haus einer der Sammelplätze für die Erweckten in der Stadt und sie selbst eine der einflußreichsten Frauen ward, welche die Aeltesten oftmals mit zur Beratung zogen. Dem Schiffer Worse gegenüber war Madame Torvestad stets etwas weniger streng und ernst, als gegen alle anderen; mochte dies nun seinen Grund darin haben, daß sie seit so vielen Jahren bei ihm zur Miete gewohnt hatte, oder daß sie glaubte, seine Seele könne auf diese Weise am besten für die Berufung zur Gnade gewonnen werden, oder mochte irgend ein anderer Grund vorhanden sein. Auffallend war es jedenfalls, wie wenig sie Gottes Wort und fromme Sentenzen bei ihren Gesprächen mit ihm anwendete; sie konnte selbst einmal hin und wieder über die witzigen Bemerkungen des munteren Kapitäns lächeln, wenn sie vollkommen harmlos waren. Nachdem Madame Torvestad den Kapitän begrüßt und über einiges, das während seiner Abwesenheit vorgefallen war, gesprochen hatte, fragte sie ihn zuletzt, ob er nicht, da er doch so allein sei, Lust haben könne, zu ihr hinüber zu kommen und ihr Abendbrot zu teilen. Das würde ihren Töchtern lieb sein. – »Kommt sonst niemand?« fragte Jakob Worse vorsichtig. »Es ist wohl möglich, daß einige von den Freunden zu uns hinüberkommen, wenn die Versammlung zu Ende ist.« »Nun, dann muß ich mich bedanken, Madame Torvestad,« murmelte Jakob Worse halb ärgerlich. »Sie wissen doch selbst, daß ich nicht zu der Gesellschaft passe.« »Sagen Sie das nicht, Kapitän Worse! Lassen Sie uns lieber wünschen und beten, das Sie dazu gelangen mögen, gerade recht gut zu der Gesellschaft zu passen, wo Gottes Wort gehört wird zur Erbauung im Herrn.« Dies sagte sie mit großer Innigkeit und sah ihn mit ihren klugen Augen fest an. Worse war etwas verlegen und machte einen Spaziergang durch die Stube. Es war nicht leicht, darauf eine geziemende Antwort zu geben; er wollte um keinen Preis in die Versammlung, aber wollte doch gern mit guter Manier sich davon los machen. In diesem Moment stand Lauritz von seinem Stuhl an der Thür auf und schickte sich an fortzugehen. »Nein, nein, Lauritz,« rief der Kapitän, »du darfst nicht weggehen; ich habe mit dir zu reden. Wohin wolltest du?« »Ich muß mich in der Stadt nach einem Nachtquartier umsehen,« versetzte Lauritz düster, aber etwas trotzig, nach dem genossenen Liqueur. »Wie so? Du sollst doch wohl bei der Madame Torvestad wohnen, nicht wahr, Madame?« »Nein,« erwiderte diese trocken, »wie Sie wissen, sind die Leute, die bei mir wohnen, meistens geistliche Personen. Seeleute nehme ich nicht auf.« »Aber Lauritz hat doch immer bei Ihnen gewohnt, Madame! Es ist doch gar zu hart für den armen Jungen, zurückzukommen und vor die Thür gesetzt zu werden.« Worse begriff nun, daß hier die Ursache des Kummers für seinen jungen Matrosen läge, und in seiner Gutmütigkeit wollte er ihm gern beistehen. Madame Torvestad aber antwortete nicht darauf, sie schlug ihren Ueberwurf um sich und schickte sich zum Fortgehen an. »Nun adieu denn, Kapitän Worse,« sagte sie; »Sie sollen mir herzlich willkommen sein. In einer halben Stunde erwarte ich Sarah und vielleicht ein paar andere aus der Versammlung. Wir speisen dann zu Abend miteinander und vielleicht spricht einer von uns ein kleines Gebet. Könnten Sie sich nicht gedrungen fühlen, im Verein mit anderen Gläubigen sich mit Dank an den zu wenden, der Sie aus dem Sturm gerettet und Sie unversehrt über die wilden Wogen geführt hat?« »Ganz gewiß, Madame, – sehen Sie, aber –« Worse wußte nicht recht, was er sagen sollte. »Kommen Sie nur, stemmen Sie sich nicht gegen die Berufung!« Sie streckte die Hand gegen ihn aus und sah ihn freundlich an. Aber Worse zog seine Hand zurück und sagte halb im Scherz: »Eigensinnig will ich ungern sein. Mir scheint aber, daß Sie, Madame Torvestad, ziemlich eigensinnig sind, da Sie den armen Lauritz nicht unter Ihr Dach nehmen wollen. Sollen wir einen Vergleich schließen? Ich komme zu Ihnen zur Erbauung, wenn Lauritz bei Ihnen wohnen darf. Schlagen Sie ein, Madame Torvestad?« »Ich würde mehr als das thun, Kapitän Worse, wenn es dazu beitragen könnte, das Werk der Gnade in Ihnen zu fördern,« sprach sie sanft und reichte ihm ihre Hand. Darauf sagte sie in ihrem gewöhnlichen Ton zu Lauritz: »Du hörst, daß ich es um des Kapitäns willen thue. Laß mich nun sehen, daß du dich so aufführst, daß ich es nicht zu bereuen habe. Du kannst in dein altes Dachstübchen einziehen, es steht bereit.« Damit ging sie fort. Der Kapitän aber und der junge Matrose nahmen sich noch eine Herzstärkung aus dem Wandschrank. Worse ward dadurch in bessere Laune versetzt, und als er sah, wie seelenvergnügt Lauritz nach dem Packhause hinabstürzte, um seine Kiste zu holen mit all den merkwürdigen Gegenständen, vergaß er für einen Augenblick, wie teuer er die kleine Dachstube seines Matrosen bezahlt habe. – Drittes Kapitel Hans Nielsen Fennefos stammte aus einer Familie, welche durch persönliche Berührung mit Hauge zeitig zu religiöser Erweckung gelangt war. Von seiner frühesten Kindheit an hatte er von dem geliebten Lehrer gehört, die Mutter hatte ihm seine Lieder vorgesungen, und er selbst war nach Hauge benannt worden. Deshalb schien es natürlich, daß der Knabe in die Fußstapfen des Lehrers träte. Jener war aber starken, leidenschaftlichen Sinnes und bis zu seinem zwanzigsten Jahre bereitete er der Mutter durch sein wildes, leichtsinniges Leben vielen Kummer. Da geschah es eines Nachts, als er von einem Gelage heimkehrte, und sich an der Mutter Stube vorbei zu seiner Kammer schleichen wollte, daß er die Mutter, die nicht hatte schlafen können, singen hörte: »Befiehl du deine Wege Und was dein Herze kränkt, Der allertreusten Pflege Des, der die Himmel lenkt! Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.« Paul Gerhard. Es war dies ein Gesang, der vor kurzem nach jener Gegend gekommen war, und auf den die Mutter, wie er wußte, großen Wert legte, er hatte sich aber bisher nicht besonders darum gekümmert. »Dem Herrn mußt du vertrauen, Wenn dir's soll wohlergehn; Auf sein Werk mußt du schauen, Wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen Und mit selbsteigner Pein Läßt Gott ihm gar nichts nehmen; Es muß erbeten sein.« Die Dünste vom wilden Gelage schwanden aus seinem Haupt; und als die Mutter mit ihrer feinen klaren Stimme wiederholte: »Gott läßt ihm gar nichts nehmen, es muß erbeten sein«, da ergriff es ihn so wunderbar, daß er in lautes Schluchzen ausbrach und hinauseilte, um es die Mutter nicht hören zu lassen. Und die ganze Nacht wanderte er umher auf dem Felde beim Hofe seines Vaters in Angst und heißen Thränen und im Kampf mit dem Herrn. Erst als die Sonne emporstieg, ward ihm die Gnade zu teil, beten und danken zu können. Es war aber das erste Mal, daß er eine ganze Nacht außer dem Hause zugebracht hatte; und als er nun in die Stube trat, erhob sich die Mutter von der Bank und trat ihm mit Strenge entgegen. Aber als sie ihre Augen erhob und den veränderten Ausdruck in seinem Gesicht und seinem Wesen sah, da sagte sie: »Mein Sohn, sicherlich hat dich der Herr besucht diese Nacht.« Und mit froher voller Stimme sang sie: »O freue dich, du liebe Seel', Dein Retter und Immanuel Hat dein Gebet erhöret; Der Herr hat dich zu Gast gehabt, Wie herrlich hat er dich gelabt, Wie viel hat er bescheret! Ich lob' und preise dich dafür, O Gott, du meines Lebens Zier, Wie fühl' ich mich entzücket. Ich danke dir aus Herzens Grund Für diese gnadenreiche Stund', Die mich so sehr erquicket!« Von diesem Tage an gab Hans Nielsen sein wüstes Leben auf und nachdem er mehrere Jahre hindurch die auf ihn einstürmenden Anfechtungen und Seelenkämpfe siegreich bestanden, gelangte er endlich zur Freimütigkeit des Geistes, so daß er mit seinen Angehörigen und anderen, mit denen er zusammentraf, über das eine sprach, was not thue. Auch in der Versammlung ward er zum Sprechen zugelassen, und bald waren alle darüber einig, daß man seit langer Zeit keine so anregenden Vorträge dort gehört habe, wie diejenigen Hans Nielsens. Indessen wollten die Aeltesten ihn nicht ausziehen lassen, um mit den Freunden ringsumher im Lande zusammenzukommen, ehe er, wie Hauge es bestimmt hatte, in der reinen Lehre völlig befestigt war und durch seinen Wandel gezeigt hatte, daß seine Bekehrung würdige Früchte getragen. Erst nach seinem fünfundzwanzigsten Jahre ward er ausgesandt, und als er dann fünf bis sechs Jahre hindurch fast ununterbrochen von Ort zu Ort umhergewandert war, teils nach geschehener Aufforderung, teils nach eigener Eingebung, war er an der ganzen Westküste entlang und in dem Norden weit über Drontheim hinaus als Laienprediger wohl bekannt und hoch verehrt. Allerdings war es vorbei mit jenen Zeiten, Am Schlusse des vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts waren die Prediger in Norwegen trockene Rationalisten, welche nicht den religiösen Drang eines Volkes zu befriedigen vermochten, das sie nicht verstanden und dessen niedrige Kultur sie verachteten. Da begann ein ungelehrter Bauernsohn, Hans Nielsen Hauge, 1771 geboren, im Lande umherzuwandern, und durch Unterredungen und religiöse Versammlungen erweckte er in kurzer Zeit ein blühendes christliches Leben unter dem gemeinen Volke. Die Bauern ließen vom Trunk und von den Schlägereien ab, wandten sich der Arbeit zu und bald hatte die Bewegung zahlreiche Brennpunkte in dem weitausgedehnten Lande erhalten, wo Fabriken und industrielle Anlagen unter fleißigen Händen emporwuchsen, während Arbeiter und Arbeitsherren in brüderlicher Liebe sich um Gottes Wort sammelten. Daß das Volk sich in dieser Weise selber half, sowohl in religiösen, wie in weltlichen Dingen, kam den Beamten höchst ungelegen. Die Prediger fanden willige Unterstützung bei den Juristen, und mit Hilfe einer alten Verordnung von 1741 gegen religiöse Versammlungen brachte man es dahin, daß Hauge ins Gefängnis geworfen ward. Zehn Jahre hindurch ward er hier festgehalten. Da aber alles, was in unzähligen Verhören zu Tage gefördert ward, nur dazu diente, stets neue Zeugnisse von dem fleckenlosen Wandel, der großen Begabung und dem edlen Charakter Hauges darzubringen, mußten seine Feinde ihn zuletzt freigeben und sich damit begnügen, ihn der letzten Reste seines Vermögens zu berauben. Wohl war Hauge von dem langen, ungesunden Gefängnisleben körperlich gebrochen; er lebte nur wenige Jahre noch, kränklich und voller Leiden, aber mutig und unverzagt bis zum letzten Atemzug. Er starb 1824. Aber erst im Jahre 1842 setzten die Vertreter des Volkes die Aufhebung jener alten Verordnung durch – trotz des königlichen Veto und trotz der Einsprache der Regierung, der Amtmänner, der Universität und der gesamten Geistlichkeit. wo der Prediger in Begleitung des Landpolizeibeamten oder eines trunkfälligen Offiziers die religiösen Versammlungen auseinander trieb, den Prädikanten ausschalt oder ihn anspie und aus dem Kirchspiel zum nächsten Polizeibeamten transportieren ließ. Waren nun gleich die Laienprediger jetzt weniger äußeren Gewaltthätigkeiten ausgesetzt, als in den früheren Tagen der Verfolgung, so gab es doch Gefahren anderer Art, welche ihre Stellung vielfach erschwerten. Die Geistlichen nämlich waren keineswegs anderen Sinnes geworden. Da sie nun aber »diese Schwärmer, diese Schelme, diese Betrüger, scheinheiligen Schurken und Volksverführer« nicht mehr ins Gefängnis werfen und öffentlich ausschelten durften, griffen sie zu dem Mittel, sie heimlich zu belauern und sie zu verleumden. Dies aber ward für Hauges Anhänger und namentlich für die Führer und Prädikanten eine neue Heimsuchung. Denn da die Zahl der Anhänger beständig zunahm, war es unvermeidlich, daß Fälle vorkamen, wo einer von ihnen sich offenbarer Sünde hingab oder in Heuchelei und falscher Gottesfurcht ertappt wurde. Sofort legten dann die Geistlichen den größten Eifer an den Tag. Von den Kanzeln herab und in den Häusern erzählten sie und wiederholten immer wieder die schrecklichsten Geschichten von diesen Haugianern, diesen scheinheiligen Menschen, die Gottes Haus verachteten und in ihren eigenen finsteren Versammlungshäusern allerlei abscheuliche Dinge trieben. Und vom Beamtenstande breitete sich über die ganze sogenannte gebildete Klasse Mißtrauen, Abscheu, ja Haß gegen diese friedlichen und durchweg achtungswerten Menschen aus. Danach bildete auch die Litteratur ihre häßlichen Gestalten niederträchtiger Laienprädikanten und ihre apostolischen Gestalten von Pröpsten und Predigern, den Männern des Lichts und des Friedens. Die Schriftsteller jener Zeit wußten meistens wenig von den Laienprädikanten; sie glaubten aber an die Schilderungen, welche die Prediger von ihnen machten, denn die Prediger, die Männer des Friedens, waren ihnen gut bekannt. Sie kannten sie von ihren Besuchen auf den Predigerhöfen in den Ferien, die stets Glanzpunkte der Erinnerung aus der Jugend bilden, entweder in Mondscheinbeleuchtung in einer Sommernacht im Walde oder mit glänzend weißem Schnee und dem Klange ferner Schlittenglocken, die näher herankommen. In diesem Rahmen stand der Prediger – hell, freundlich und doch so wohlthuend ernst. Welch muntere Tischreden konnte er nicht halten, wie konnte er nicht auf einen unschuldigen Scherz eingehen, und wie herrlich war nicht der Aufenthalt in dem geräumigen, mit allem reichlich versehenen Hause, das von der Fröhlichkeit der Jugend erfüllt und von des Vaters mildem Ernst überwacht war! Er war der Mittelpunkt von allem. Nicht bloß der Mutter und der Töchter Fürsorge drehte sich um ihn, sondern an allen Freuden und Spielen der Jugend mußte der Vater teilnehmen, wenn es die rechte Bedeutung haben sollte; man stopfte ihm gern seine große Meerschaumpfeife, man lief nach Fidibussen, wenn sie ausging, und alles sammelte sich teilnehmend im Kreise um ihn, während die Mutter ihn mit geübter Hand in die Ueberröcke, Shawls und Pelze einhüllte, wenn er am zweiten Weihnachtstage zur Filialkirche fahren sollte, um dort zu predigen. Wer mochte sich nicht der stillen Sonnabendnachmittage erinnern, wo man eigentlich am liebsten außerhalb des Hauses war, um den Pastor nicht zu stören, der seine Predigt im Studierstübchen ausarbeitete, so daß der Tabaksrauch gleich einer blauen Schlange aus dem Schlüsselloch wirbelte; oder der Sonntagmorgen, ehe man zur Kirche ging, wenn man auf den Vater wartete, der sein Ei mit Rum verzehrte, um seine Stimme klar zu machen. Und doch konnte ebenderselbe Prediger ein ganz anderer Mann sein, wenn er sich allein unter seinen Bauern in der Armen- und Schulkommission befand, und von dem Studierstübchen her hörte man bisweilen eine Stimme, welche man dem Manne des Lichts und des Friedens schwerlich zugetraut hätte. Und wenn die jungen Leute sich in dem Hausflur versammelten, um sich zu irgend einem Ausflug zu rüsten, so konnte es sich wohl ereignen, daß ein Bauer in Frieskleidern aus dem Studierstübchen herausgetaumelt kam, während man in der Thür ein zorngerötetes Antlitz und einen heftig bewegten Schlafrock rasch verschwinden sah. Dann sagte die Mutter oder eine der Töchter: »Ach, der arme Vater! das war gewiß wieder einer von den bösen Haugianern, welche ihm so vielen Verdruß im Kirchspiel bereiten!« Und diese Anschauungen erhielten sich selbst, nachdem der Pietismus bei der Universität zu Ehren und Würden gekommen war. Die neuen Lehrer und Prediger, die Hauge und seiner Bewegung nicht nur die größere Innigkeit in der Lehre und ihrer Ausübung verdankten, sondern die sich sogar das sanftmütige Aeußere, den süßlich-weichen Ton und die langgezogenen Zischlaute aus der Verfallperiode des Haugianismus angeeignet hatten, schienen schnell vergessen zu haben, daß das ganze christliche Leben, auf dessen morschen Trümmern sie ihr Dasein fristeten, vom Volke selbst von unten auf erkämpft worden war. Und gleich ihren gewaltthätigen Vorgängern versuchten sie die Fabel weiter zu verbreiten, daß sie die Hirten und Väter des Volkes seien; daß jeder, der ein Haar auf ihrem Haupte krümmte, der von ihrer Macht und ihrem Ansehen ein Tüpfelchen wegnehmen wollte, die Achtung des Volkes vor dem Heiligen untergrabe und mit vermessener Hand das uralte schöne patriarchalische Verhältnis zwischen der Gemeinde und dem geliebten Seelenhirten antaste! – In der ersten Zeit seines Wanderlebens traf Hans Fennefos meistens Prediger aus der alten Schule an, die jedes seiner Worte und jeden seiner Schritte belauerten und ihm und seinen Freunden so viel Schaden und Verdruß wie nur möglich zufügten. Da galt es denn, genau auf sich und seine Freunde zu achten, und hier hatte der junge Laienprediger manchen Kampf mit sich selber zu bestehen. Denn er war von ungewöhnlicher Körperkraft und von rücksichtslosem Mut. Alte Leute sagten, daß er sehr an Hauge in der ersten Zeit seines Auftretens erinnere, ehe die Verfolgungen ihn gebrochen hatten. In den Briefen, welche die Aeltesten in Hans Nielsens Heimat an die Freunde, die er besuchen sollte, vorausschickten, hieß es deshalb immer, daß man den jungen Mann unablässig zum Gehorsam gegen die anhalten müsse, die als Obrigkeit eingesetzt seien, damit kein Streit oder Aergernis sich erhöbe. Auf diese Weise lernte er nach und nach seinen Sinn dämpfen, und es gelang ihm sogar bisweilen, Streitigkeiten zwischen der Gemeinde und dem Prediger zu schlichten. So war es Hauges Wille gewesen und vor dem beugte er sich wie alle die anderen Freunde. Nur zu Zeiten flammte es noch auf in Hans Nielsens Gemüt. Durch die Erzählungen der älteren Leute war er von allen Begebenheiten in Hauges Leben genau unterrichtet. Er kannte die Namen aller Polizeibeamten und Richter, und namentlich aller Prediger, die den geliebten Lehrer verhöhnt und verfolgt und zu Grunde gerichtet hatten. Und wohin er jetzt kam, da traf er ebendieselben Namen; denn die Gerichtshöfe und die Kanzeln hatten sich auf die Nachkommen jener alten verhaßten Verfolger vererbt. Dann konnte die Bitterkeit ihn wohl übermannen, seine Worte fielen scharf und schneidend in die Versammlung und er sah, wie auch bei anderen dasselbe Gefühl aufstieg. Sie bezwangen sich aber und züchtigten sich gegenseitig, um stets zu gedenken, daß alle Obrigkeit von Gott eingesetzt ist. Wenn Fennefos durch das Westland reiste, verweilte er stets einige Zeit bei Madame Torvestad. Die Stadt war der Mittelpunkt der weitverzweigten Bewegung und allmählich fühlte er sich hier mehr zu Hause, als in seiner eigentlichen Heimat. Der wirkliche Grund aber, weshalb es ihn so stark nach der Stadt zog und hier so lange fesselte, waren weder die Brüder noch Madame Torvestad. Denn sein hauptsächlichster Wirkungskreis waren die Landgemeinden. Gegen Madame Torvestad aber hatte er viel einzuwenden. Sie war ihm in manchen Dingen zu schlaff und die pietistische Schwärmerei, die sie zur Schau trug, war ihm zuwider, am meisten aber mißfiel ihm ihre Herrschsucht und ihr gebieterisches Auftreten in der Gemeinde und ihrem eigenen Hause. Was ihm den Aufenthalt in der Stadt so lieb machte, war Sarah. Jedoch liebte er sie nicht mit einem Verlangen, das ihm selbst bewußt gewesen wäre. Sie war so von religiösem Gefühl durchdrungen und in der Schrift und anderen guten Büchern so wohl bewandert, daß es für ihn ein beseligendes Gefühl war, mit ihr über geistliche Dinge zu reden. Auch unter den Freunden stand Sarah in hohem Ansehen, und es war für die Alten eine wahre Herzensfreude, das junge Mädchen in der Versammlung sprechen zu hören. Wohl geschah dies nur selten und sie hatte auch nicht viele eigene Worte; aber sie wußte so viele Gesänge und Stellen aus religiösen Schriften auswendig und namentlich war sie in der Bibel so zu Hause, daß sich selbst von den Männern kaum einer darin mit ihr messen konnte. Auf einem Tisch in Madame Torvestads Stube war ein Pult angebracht und hier lag die Bibel stets aufgeschlagen. Dies war Sarahs Platz und daneben setzte Madame Torvestad heut einen bequemen Stuhl für den Schiffer Worse. Es waren bei der Madame einige ernste ältere Frauen zum Besuch gekommen, sie setzten sich still nieder, legten die Hände in den Schoß und seufzten. Ein paar junge Mädchen drängten sich neben Henriette auf einer gar zu kurzen Bank zusammen und ein halberwachsener Junge mit bleichgelbem Gesicht voller Finnen und Sommersprossen und völlig stupidem Ausdruck, den seine Eltern von einer Versammlung in die andere schleppten, kauerte auf der äußersten Kante eines Stuhles dicht an der Thür. Bald darauf kamen die Männer miteinander. Es waren die Gebrüder Endre und Nicolai Egeland, die den größten Landhandel in der Stadt hatten, ferner Sivert Jespersen, der in einigen Jahren als Fischhändler ein Vermögen erworben hatte, und vier bis fünf andere der angesehensten Haugianer, teils Handwerker, teils Kaufleute. Madame Torvestad reichte einem jeden die Hand und suchte ihnen Platz zu schaffen, was zuletzt seine Schwierigkeiten hatte, obgleich die Stube geräumig war und es an Stühlen nicht fehlte. Hans Fennefos trat zu Sarah heran, begrüßte sie und fragte, für wen der Lehnstuhl hingestellt sei. »Schiffer Worse wird heut abend hierher kommen,« erwiderte Sarah ohne aufzusehen. Hans Nielsen ward überrascht und unangenehm berührt, ohne es sich recht klar machen zu können, weshalb. Madame Torvestad begrüßte ihn freundlich, sie setzte sich aber noch nicht auf ihren Platz, sondern ging etwas unruhig im Zimmer umher, bis Jakob Worse endlich kam. Als er die Thür öffnete, ergriff ihn eine unwillkürliche Lust, wieder umzukehren. Er kam aus seinen luftigen Zimmern, wo der Abendhimmel noch etwas Helle verbreitete. Hier aber war es dunkel und dumpfig; zwei Talglichter in messingenen Leuchtern standen auf dem Tisch und beschienen das Bibelpult; sonst war in der Stube nichts zu sehen, als eine Reihe von Gesichtern längs den Wänden. An Flucht war jedoch nicht zu denken, Madame Torvestad reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn ins Zimmer hinein. Ueberdies kannten ihn hier alle; die Männer erhoben sich, schüttelten ihm die Hand und hießen ihn willkommen. Es herrschte allgemeine Freude in der Versammlung über seine Anwesenheit, denn Jakob Worse stand in der Stadt in großem Ansehen und bisher war er eher ein Widersacher und Verspötter als ein Freund der Haugianer gewesen. Man nickte und lächelte der Madame Torvestad zu und sie erfreute sich ihres Triumphes. Keiner war aber so froh über das Ereignis, als Sivert Jespersen. Er und Worse waren oft beim Fischfang an den nördlicher gelegenen Küsten zusammengetroffen und Sivert Geschwind – wie man ihn nannte – war außerhalb der Versammlung ein lebhafter, unternehmender Mann. Sein Mund strömte immer von Gottes Wort und geistlichen Gesängen über; das hinderte ihn aber nicht daran, bei der Arbeit selbst tüchtig mit anzufassen oder mutig Sturm und Wogen zu trotzen, wenn es galt, zuerst zum Fischplatz zu kommen. Worse brummte ein wenig und strich sich über sein Otterfell, als Sivert Geschwind ihm die Hand drückte und ihn herzlich willkommen hieß. Sie hatten früher nämlich einmal einen Streit über eine Ladung Salz gehabt, von der Worse glaubte, daß Sivert ihn darum beschwindelt habe. Worse hatte dies dem anderen oft gerade ins Gesicht gesagt, wenn sie beim Fischfang zusammentrafen, aber Sivert pflegte dann nur freundlich zu lächeln und ihm auf die Schulter zu klopfen. Die Madame führte nun Worse zu seinem Lehnstuhl; er fühlte sich höchst ungemütlich und verwünschte im stillen sowohl Lauritz wie die Madame. Lauritz aber saß glückselig auf einem Schemel hinter zwei dicken Frauen, zwischen denen hindurch er Henriette sehen konnte. Sarah begrüßte verschämt den Schiffer Worse; er strich mit der Hand ihr Haar, er hatte sie schon als kleines Mädchen gekannt. Als sich alle wieder gesetzt hatten und es ganz still geworden war, sagte Madame Torvestad: »Nun, Erich Pontoppidan, mein Junge, kannst du mir erzählen, wovon in der Versammlung geredet wurde?« »Von der Heiligung,« stieß der bleiche Junge an der Thür hervor, so rasch und tonlos, als ob man auf einen Knopf gedrückt hätte. »Welches Lied habt ihr denn gesungen, du erinnerst dich doch, Henriette?« Henriette war in der Versammlung gewesen; aber, ganz von der traurigen Nachricht hingenommen, daß Lauritz nicht bei ihnen wohnen solle, hatte sie keine große Ausbeute von der Andacht gehabt. Und als sie dann nach Hause gekommen war und gehört hatte, daß die Mutter es doch erlaubt, hatte die Freude sie so überwältigt, daß die Frage der Mutter ihr wie ein Eimer Wasser über den Kopf schlug. Sie ward feuerrot und konnte kein Wort hervorbringen. Madame Torvestad warf ihr einen strengen Blick zu und sah dann zu Erich Pontoppidan hinüber; sobald ihr Auge den Knopf berührt hatte, antwortete er, ohne eine Miene zu verziehen. Mehrere aus der Versammlung nickten und lächelten dem Jungen zu. Seine Mutter, eine dicke Frau mit gelblichem Gesicht und sein Vater waren sehr stolz auf ihn. Auf Erich schien dies alles aber gar keinen Eindruck zu machen. Nach Henriette blickte keiner, als Lauritz, sie aber suchte sich beschämt hinter den Freundinnen zu verstecken. Hierauf stimmte Madame Torvestad jenen Gesang an und die anderen fielen ein: »Nun sollen keine Sünden Sich mehr mit Allgewalt, In meinem Fleische finden. Ich treib' sie aus alsbald!« Alle sechs Strophen des Liedes wurden gesungen. Für Worse hatte der ganze Gesang, alle diese Stimmen, die hohen, scharfen Töne der Frauen und der Männer tiefes Brummen etwas Unheimliches und Widriges. Es ging langsam, unendlich langsam und die Pausen zwischen den Strophen füllte Sivert Jespersen durch ein seltsames Tremolieren aus. In der Versammlung hatte einer der Aeltesten geredet, der hier nicht anwesend war. Madame Torvestad warf daher die Frage auf, ob nicht jemand ihr etwas von jener Rede mitteilen wolle. Sie sah dabei Fennefos an und unwillkürlich richteten sich auch die Blicke der anderen auf ihn; er aber saß da mit zusammengekniffenen Lippen und sah nicht danach aus, als wolle er heut abend etwas sagen. »Ich meinesteils,« hub daher endlich Sivert Jespersen an, »bin der Meinung, daß der Alte gut und mit inniger Einfalt sprach. Er redete von dem Worte des heiligen Geistes – wie der Erich dies ganz richtig bemerkte – und zum Ausgangspunkt wählte der Alte das Lutherwort: ›Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Kraft und Vernunft an Christum glauben oder zu Christo kommen kann,‹ und er bewies mit rechter Klarheit – so schien mir es wenigstens – sowohl aus der Schrift, wie auch aus der täglichen Erfahrung, daß wir im Geistigen und Zeitlichen zu kurz kommen, wenn wir das Fleisch für unsere Kraft halten und uns auf unsere eigene schwache Vernunft verlassen.« Nicolai Egeland, der geistig nicht sehr begabt war, sagte jetzt: »Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben.« Er wußte in der That nur vier oder fünf Schriftstellen auswendig, welche er stets anwandte, so gut es gehen wollte, und manchmal waren sie durchaus nicht angebracht. Die Leute aber kannten sein treues Gemüt und hatten Nachsicht mit ihm. Er hatte nun einmal kein größeres Pfund anvertraut erhalten. Eine von den Frauen seufzte und meinte: »Ja, Sivert Jespersen, das ist gewißlich wahr, mit unserer eigenen Vernunft werden wir in den geistlichen Dingen nicht weit kommen.« Madame Torvestad pflegte bei den Versammlungen in ihrem Hause in einer Menge von kleinen Büchern zu blättern, die vor ihr auf dem Tisch, Sarah gegenüber, lagen. Es waren dies teils Traktate, teils Gebetsammlungen und religiöse Gesänge. Wenn sie dann etwas fand, was zu dem angeregten Thema paßte, so flocht sie es mit ihren eigenen Worten zusammen, so daß es halb zum Vortrag, halb zur Vorlesung wurde. »Ein Christ muß stets dessen eingedenk sein,« hub sie an, »daß es viele hohe und geheimnisvolle Wunderwerke im Haushalt der Gnade gibt, welche niemals während des Zeitlichen von dem armen Menschenverstand erfaßt und begriffen werden können. Deshalb brauchen wir uns niemals damit zu beschweren, daß wir den Versuch machen sie zu verstehen, sondern müssen auf Gottes Allmacht und Aufrichtigkeit, welche uns dieselben offenbart hat, vertrauen. Ja, sobald die Vernunft sich daran machen will zu überlegen, wie das möglich sein kann, was Christus sagt, so wissen wir sogleich, daß es die Stunde der Versuchung und daß der Teufel nahe ist, die alte vernünftige Schlange, welche Eva durch ihre Hinterlist verführte, und dann müssen wir augenblicklich Gottes Namen anrufen zum Schutz gegen den Tod, ja gegen die Hölle selber. Möge uns allen dazu die Gnade vergönnt werden.« »Amen,« sagte Nicolai Egeland. »Aber, ihr Lieben,« fragte Sivert Jespersen sich zu den Jüngeren in der Versammlung wendend, »wie sollen wir dieser Gnade teilhaftig werden?« »Das ist das Werk des heiligen Geistes,« hieß es von der Thüre her. »Richtig geantwortet, lieber Erich! Und wie nennst du denn das Werk des heiligen Geistes?« »Die Heiligung.« »Und aus welchen Stücken besteht die Heiligung? Kannst du auch das beantworten?« »Die Wiedergeburt, die Rechtfertigung und die Erneuerung.« Wieder sahen alle mit Wohlgefallen den gescheiten Jungen an. Er aber saß da, ohne eine Miene zu verziehen, mit halboffenem Munde, stets bereit, wenn jemand auf den Knopf drücken sollte. Nun konnte Nicolai Egeland nicht länger an sich halten und er begann die längste Bibelstelle, die er wußte: »Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen . . .« aber Madame Torvestad unterbrach ihn sanft: »Es ist ein wunderbares Ding mit dem wiedergeborenen Menschen, er ist nicht der Sklave einer einzigen Sünde oder weltlichen Lust, ja nicht einmal unschuldiger Dinge. Wenn ich sage, er ist nicht Sklave, so will ich damit nicht in Abrede stellen, daß er nicht in einer schwachen Stunde von der Sünde überfallen und überwunden werden könnte, aber er verbleibt nur nicht in derselben. Wird er vom Teufel oder vom Fleisch überrumpelt, so daß er in eine Sünde verfällt, so steht er wieder auf, klagt Gott seine Not und sucht Vergebung. Und solange er sich wieder erhebt im Glauben und zum Frieden mit Gott kommt, wird er stets wieder der Sünde überlegen, so daß er nicht aufhört im Geiste zu wandeln.« Sarah blickte zu Fennefos hinüber, denn sie wußte, daß er das Buch, aus dem die Mutter vorgelesen hatte, nicht billigte. Er saß aber ganz unbeweglich. In der spärlichen Beleuchtung konnte sie nur das kräftige reine Profil schwach erkennen, das etwas nach oben gekehrt war, als ob er zur Decke hinaufsähe. Da er durchaus keine Miene machte, sich heute abend hören zu lassen, ward das Gespräch nur noch kurze Zeit ohne große Lebhaftigkeit fortgesetzt. Sarah saß unablässig bei der Bibel und je nach dem Lauf des Gespräches schlug sie hier und dort eine Stelle auf, teils zur eigenen Belehrung, teils um einem der anderen zu Hilfe zu kommen. Sie fand leicht alles, was sie suchte, und die wichtigsten Stellen wußte sie auswendig. Der Schiffer Worse hatte kein großes Verständnis von der Heiligung und er fühlte sich im höchsten Grade abgespannt. Das einzige, das ihn noch wach erhielt, waren Sarahs kleine Finger, die er so fleißig zwischen den Blättern des heiligen Buches sich bewegen sah. Endlich aber war er doch nahe daran, von der Müdigkeit übermannt zu werden; zum Glück schlug Madame Torvestad jedoch vor, daß man zum Beschluß einen Gesang anstimmen solle. Sarah nahm ein Gesangbuch, hielt es dem Kapitän hin und nun begann das Lied, Worse sah halb im Schlaf nach ihren Fingern. Da richtete sie plötzlich die großen dunklen Augen auf ihn und sprach: »Sie müssen mitsingen.« Der Schiffer Worse ward mit einem Male völlig wach und er brummte die Worte mit, jedesmal, wenn sie den Finger weiterschob. Kirchengesang war niemals seine Sache gewesen, und wenn Worte vorkamen wie Gott und Jesus, wagte er es kaum, sie in seinen sündhaften Mund zu nehmen. Nach und nach fing er an sich wohler zu fühlen. Von Zeit zu Zeit sah er von ihren Fingern hinauf nach ihrem Arm und der kräftigen Schulter, der matten weißen Haut hinter den Ohren und unter dem Kinn, wo es sich so weich bewegte, wenn sie sang. Sie saßen so vertraulich und nahe bei einander, indem sie sich mit dem Gesangbuch zu ihm hinüberbeugte, so daß sich ihm die Empfindung von etwas Warmem, Weiblichem mitteilte, das erste trauliche Gefühl, das ihn seit seiner Heimkehr angekommen war. Auch noch ein anderer von den Anwesenden befand sich ungemein wohl, obgleich auch er der Erbauung keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatte; das war Lauritz Seehus in seiner Ecke. Er fühlte sich so glückselig nach den ausgestandenen Leiden, daß er durchaus keine Langeweile empfand, wie ihm dies sonst wohl bei den Versammlungen geschah; er wandte kein Auge von Henriette. Aber es verfehlten auch die heiligen Worte und der Gesang, die er so lange nicht gehört, ihre Wirkung nicht auf ihn; er fühlte sich bewegt, und dankte Gott dafür, daß er ihm die kurze aber harte Prüfung gesandt, so daß er jetzt um so besser einsehen könne, wie gut er daran sei. Nachdem das Lied beendet war, boten die Töchter des Hauses den Gästen Thee und Butterbrot an, Endre Egeland sprach ein Tischgebet und dann ließen sich alle das frugale Abendmahl gut schmecken, worauf die Gesellschaft sich kurz nach neun Uhr trennte. Als Worse wieder in seiner Stube stand und die Gäste aus dem schmalen Gäßchen über den Markt hingehen sah, wußte er nicht recht, ob er lachen oder sein Geschick verwünschen sollte, wenn er daran dachte, daß er mit diesen Leuten den ersten Abend nach seiner Rückkehr zugebracht. Da unten ging Endre Egeland, von dem man erzählte, daß er die Bauernmädchen in sein Packhaus lockte, und dieser Sivert Geschwind, der ihn um das Salz betrogen hatte. Wenn Randulf das wüßte! Dennoch wollte es ihm gar nicht aus dem Sinn, wie traulich es gewesen, mit Sarah zu singen, und es kam ihm vor, daß es in seinen großen luftigen Stuben einsam und ungemütlich sei. Viertes Kapitel. An den folgenden Abenden war der Schiffer Worse wieder im Klub und befand sich wohl dort. Die jungen finnischen Schiffskapitäne, die in Amerika gewesen waren, hatten ihm nur den ersten Tag verderben können. Wenn er jetzt kam, sammelten sich die alten Freunde um ihn und er erzählte manche lustige Geschichte aus Rio de Janeiro. Er konnte auch ein paar englische Lieder, mit spanischem Refrain, die er dort drüben gelernt hatte. Darob ergötzte man sich im Klub, wo man fast jeden Abend sang, und nachdem man den spanischen Refrain gelernt hatte, fiel der Chor mit voller Kraft ein, so daß es in den großen dampfenden Punschgläsern klirrte: Ah – chio – chio – la – la – la Ah – chio – chio – voi! Zu Worses Gesellschaft gehörten der Hafenvogt Snell und der Controleur Aarestrup, dann der Zollschreiber Preuß, der Branddirektor, und eine größere Anzahl Schiffskapitäne und Reeder. In der ganzen Stadt wußte man natürlich, daß Worse bei den Haugianern gewesen war und er bekam viele anzügliche Bemerkungen darüber zu hören. Er ließ die anderen lachen und lachte selbst mit, es konnte nichts nutzen, sich böse zu stellen und zuletzt trieb er es so weit, daß er Endre Egelands Tischgebet nachäffte. Er hatte auch nichts dagegen, daß man im Klub zuletzt der Meinung ward, Worse sei ein durchtriebener alter Bösewicht, der sich um der hübschen Mädchen willen zu den Heiligen halte. Madame Torvestad hatte ihn nicht wieder behelligt. Wenn sie sich begegneten, bat sie ihn jedesmal, sie doch zu besuchen, so oft er möge; und trotzdem, daß er niemals kam, veränderte sie ihre Freundlichkeit gegen ihn nicht. Als seine Sachen ans Land geschafft waren, ließ er durch Lauritz einen mit Konchylien besetzten Schrein, das merkwürdigste Stück, das er aus Rio mitgenommen hatte, Sarah als Geschenk überbringen. Madame Torvestad dankte dem Kapitän dafür im Namen ihrer Tochter, indem sie mit mildem Vorwurf hinzufügte, daß solche prachtvolle Sachen in jungen Gemütern leicht weltliche Gedanken und Eitelkeit erzeugen könnten. Im Lauf des Sommers verwand Worse die Trennung von Randulf. Es that ihm wohl, eine Zeitlang sich zu Hause völliger Ruhe hingeben zu können, das Geschäft ging lebhaft und in der ganzen Stadt nahm man es ihm hoch auf, daß er der erste gewesen, der ein Schiff von dort nach Südamerika geführt hatte. Von seinem Sohne in Lübeck erhielt Worse nur selten Nachricht; aber aus den Rechnungen, die ihm von Zeit zu Zeit zugesandt wurden, konnte der Vater ersehen, daß der junge Mann, wie es schien, sich nichts abgehen ließ. Es hatte niemals ein besonders vertrauliches Verhältnis zwischen ihnen bestanden, teils weil der Vater so oft von Hause abwesend war und teils weil die Mutter den Sohn über alle Gebühr verhätschelt hatte. Sie war eine verschrobene, sentimentale Dame gewesen voll romantischer Grillen und sie hatte an nichts gedacht, als an Ritter und Burgfräulein, und Knappen und Mondschein, und Fallthüren und lange Locken und Wendeltreppen. Sie hatte einst auf einer Bootfahrt im Mondschein Worses Herz, als er noch Steuermann war, erobert. Eine so feine Dame mit so großen schwimmenden Augen und so langem gelben Haar hatte er nie vorher gesehen, weder an der Ostsee, noch am Mittelmeer. Auf dieser Bootfahrt hatte Worse, nachdem die Gesellschaft auf einer kleinen Insel Kaffee getrunken hatte, die Schöne auf seinen Arm genommen und war so mit ihr nach dem Boot hinaus gewatet, statt zu warten, bis dasselbe am Lande angelegt. Das erinnerte sie an Romarino, der mit nervigem Arm Mirandas schlanke Taille umschlang, sich leicht mit der schönen Bürde in den Sattel schwang und auf schnaubendem Roß aus dem Burgthor jagte; und sie schenkte Worse Herz und Hand. Für beide aber erwuchs aus der Verbindung nur Unheil. Worse paßte so wenig zum Ritter wie sie zu einer Schiffersfrau. Als die Leihbibliothek der Stadt ihr nichts mehr zu bieten hatte, verfiel sie in krankhafte Träumereien, aus denen sie nur erwachte, um zu jammern und sich zu beklagen; das gab Jakob Worse Lust zu langen Seefahrten. Als er einst auf der Heimreise von Lissabon war, schenkte seine Frau ihm einen Sohn, dem sie eiligst in der Taufe den Namen Romarino geben ließ. Das nahm Worse sich sehr zu Herzen und er konnte zu keiner rechten Freude über das kleine bleiche Geschöpf in der Wiege gelangen, des Namens halber, der es gleichsam weit vom Vater entfernte und in die Welt der Mutter hineinzog. Es klang auch gar zu drollig, wenn Schiffer Worse den Namen Romarino aussprach. Die kränkliche, stets klagende Dame starb, als der Junge fünfzehn Jahre alt war. Dieser wurde dann nach Kopenhagen zu einer Familie gesandt, die sich auf Konsul Garmans Empfehlung seiner annahm. Zu Hause, in den großen öden Räumen, hätte er, da der Vater fast immer abwesend war, nicht bleiben können. Jetzt war Romarino etwa zwanzig Jahre alt und ehe der Vater seine große Reise nach Amerika antrat, war er bei ihm zum Besuch gewesen. Er hatte immer noch dasselbe bleiche Aussehen und das hellblonde Haar, angethan war er mit einem olivengrünen Leibrock, gelber Weste und engen hellgrauen Beinkleidern, die mittels Strippen von weißem Garleder möglichst stramm unter den Stiefeln festgehalten wurden. Der übermäßig hohe langhaarige Filzhut saß ihm verwegen schief auf dem Kopf; es war ein Wunder, daß er ihm nicht öfter, als es geschah, abfiel. In diesem Aufzug imponierte er einige Tage hindurch der kleinen Handelsstadt; er ging umher, sein dünnes Spazierstöckchen schwingend und sah mit dem größten Hohn auf Menschen und Sachen herab; auch hatte er seine Muttersprache fast verlernt. Der Vater fühlte einesteils Bewunderung vor dem Sohne, aber doch zugleich einen gewissen Unwillen gegen ihn. Die Bewunderung erlitt obendrein noch einen harten Stoß, als der Schiffer Randulf darauf schwur, Romarino habe Pomade auf seinem Taschentuch. Trotz alledem liebte Worse seinen Sohn und er hätte nur gewünscht, daß etwas mehr von seinem eigenen Seemannsblute in ihm gewesen wäre. Er dachte oft mit Wehmut daran, wie gern er dem Sohne das Kommando seines Schiffes hinterlassen hätte; aber dieser Wunsch würde wohl niemals in Erfüllung gehen. Hätte der Junge doch etwas von Lauritz Seehus an sich gehabt! Romarino aber war in Wirklichkeit das, was er in seinem Aeußeren zur Schau trug – ein herzloser Laffe, der sich kein Gewissen daraus machte, das Geld des Vaters zu verzehren, während er in seinem Inneren den einfachen Schiffer tief verachtete, wie er dies schon früh von seiner Mutter gelernt hatte. – Nachdem der Schiffer Worse in der Stadt allmählich wieder in sein altes Geleise gekommen war, stellte er oft Betrachtungen darüber an, was der Firma C. F. Garman wohl widerfahren sein könnte. Auf Sandsgaard war es bei weitem nicht mehr so wie früher; woran lag dies denn eigentlich? Zum Teil konnte es wohl durch den Tod der Frau Garman veranlaßt worden sein; aber dies war doch unmöglich die alleinige Ursache, daß über allem da draußen ein so schwerer Druck zu lasten schien. Zuletzt konnte Worse eine gewisse Ahnung nicht unterdrücken. Nachdem der Hafenvogt Snell am ersten Abend nach seiner Heimkehr ihm eine Andeutung von der Geldverlegenheit der Firma gemacht, hörte er später Aehnliches von anderen Seiten. Anfänglich lachte er darüber, nach und nach aber fing er an, bedenklich zu werden. Oftmals, wenn er sich nach Sandsgaard hinaus rudern ließ, faßte er den Beschluß, daß er heute den Konsul gerade heraus darum fragen wollte. Du lieber Himmel! Wenn die Firma wirklich der Unterstützung bedürftig war, so hatte er, Jakob Worse, ja ein hübsches Sümmchen bei der Hand und außerdem konnte er mehr schaffen, wenn es nötig war. Aber stets fehlte ihm der Mut, den Konsul zu fragen. Sobald man von Sandsgaard aus Worses Boot in die Bucht hineinkommen sah, war es althergebrachte Sitte, daß der Packhausknecht Zacharias die Weisung erhielt, einen großen Dorsch aus dem Fischbehälter herauszunehmen, denn das war Schiffer Worses Lieblingsgericht. Die beiden alten Fräulein auf Sandsgaard, die den Haushalt des Konsuls besorgten, waren im Grunde ihres Herzens hocherfreut, wenn Worse sich dort sehen ließ, obgleich sie sich sehr erzürnt stellten, wenn er sie neckte, was er nie lassen konnte. Wenn Worse die Fräulein begrüßt hatte, ging er ins Comptoir, das dicht an die Wohnstube stieß. Die Thür pflegte offen zu stehen und Worse bemächtigte sich dann des Kalenders. Wenn er nun fand, daß es der Namenstag des St. Crispinus oder St. Hieronymus oder eines ähnlichen Heiligen war, so rieb er sich die Hände und rief vergnügt: »Nein, wahrhaftig, ist es der Namenstag dieses Heiligen! den kenne ich von Italien her, das ist einer der besten, den man dort hat. Dann darf man sich wohl darauf Rechnung machen, daß man heut abend ein Glas Punsch bekommt.« Alsdann lächelte der Konsul Garman und der alte Buchhalter, Adam Kruse, räusperte sich hinter seinem Pult; denn wenn der Kapitän da war, pflegte er zu Gaste gebeten zu werden. Worse aber, der im Comptoir Bescheid wußte, nahm den Schlüssel zum Schrank und zog aus demselben einige alte viereckige holländische Flaschen hervor. Abends spielte er Whist mit den alten Damen; der Konsul sah zu und lachte herzlich, wenn der Kapitän sich einen kleinen Betrug erlaubte und die Damen hierüber so erbost wurden, daß ihre Haubenkrausen vor Erregung bebten. Oder der Konsul und Worse sprachen über Politik, nachdem sie die »Hamburger Nachrichten« gelesen hatten, während der alte Buchhalter schweigend mit der langen Thonpfeife im Munde auf seinem bescheidenen Platz hinter der großen Stubenuhr saß. In der alten Wohnstube, die nach dem Hafen hinaus lag, standen abends zwei Talglichter auf dem Sofatisch, an dem der Konsul saß; wenn Fremde da waren, brannten noch zwei andere Lichter auf dem Schenktische neben dem Ofen. Die Wände waren mit grünangestrichener Leinwand überzogen und das weiße Paneel reichte so hoch an ihnen hinauf, daß die Oberkante der Lehne an den massiven Stühlen es noch berührte. Die grauen Rouleaus, die man jüngst aus Kopenhagen erhalten hatte, waren mit den Ansichten dänischer Schlosser verziert; auf der einen sah man einen langen Wanderer, der unter einem Baum im Vordergrunde über das Wasser hin das Schloß anstarrte, während drei Damen mit langen Umschlagetüchern und Hüten gleich aufgeschlagenen Kaleschen sich ihm nähern. In einer Ecke standen die Garnwinden der alten Fräulein, mit denen sie sich beschäftigten, wenn sie nicht hintereinander herliefen, um etwas in der Haushaltung zu besorgen. Nach dem Tode der Frau Garman hatte der Konsul es nicht durchsetzen können, die Arbeit unter den beiden Schwestern gleichmäßig zu verteilen. Wenn Fräulein Brigitte eine Zeitlang mit dem Tischzeug, den Silbersachen und der Wäsche sich beschäftigt hatte, wandelte sie eine unwiderstehliche Lust an, in der Küche darüber zu wachen, daß man dort nicht zuviel Butter gebrauche. Und wenn Fräulein Nette eine Woche hindurch die Kasse geführt und für Speise und Trank gesorgt hatte, ließ es ihr keine Ruhe, bis sie nicht alle Servietten und Eßlöffel nachgezählt hatte. Dies brachte natürlich einige Verwirrung im Hauswesen hervor und hatte ernstliche Scharmützel zwischen den Schwestern zur Folge, deren Nachwehen, wenn auch nur schwach, sogar bis zum Konsul drangen. Nur in einer Sache waren sie völlig einig, in ihrer Liebe zu ihrem Kanarienvogel. Sie hatten deren im Laufe der Jahre viele nacheinander gehabt, und jedesmal, wenn die Katze einen von ihnen geholt hatte, ward der feierliche Eid abgelegt, daß man sich einem solchen Kummer nicht wieder aussetzen wolle. Nach Kapitän Worses Berechnungen dauerte aber die Hoftrauer um einen Kanarienvogel nur drei Wochen; dann ward ein neuer angeschafft. Der Vogel, den sie zuletzt bekommen, war von allen, die sie noch gehabt hatten, ohne Frage der anbetungswürdigste. Denn außer allen anderen Vorzügen hatte er auch noch eine Eigenschaft, wodurch die alten Damen zuerst allerdings etwas in Verlegenheit gesetzt wurden, er legte nämlich Eier. Da aber das kluge kleine Geschöpf wohl eine Ahnung davon hatte, daß es zu nichts führen könne, in der Einsamkeit Eier zu legen, so legte er dieselben auch nicht vorsichtig und bedachtsam in ein Nestchen, sondern er suchte sich einen hohen Platz und ließ von da die Eier auf den Tisch oder auf den Boden fallen, so daß sie immer zerbrachen. Dies verursachte den alten Damen großen Kummer und nachdem sie ihre Scheu vor dem ungewöhnlichen Phänomen überwunden hatten, wurden sie von heftigem Verlangen erfüllt, eins der Eier zu besitzen – am liebsten eins für jede von ihnen – und sie ersannen viele Pläne, um das Tier zu einem anderen Verfahren zu veranlassen. Ins Bauer legten sie Baumwolle und feines Garn und ringsumher in der Stube, namentlich an den Stellen, wo sie schon einmal ein zerbrochenes Ei gefunden hatten, brachten sie Nester an, die sie selbst mit großer Geschicklichkeit aus Stückchen weichen Wollenzeugs, Baumwolle und Pferdehaaren angefertigt hatten; zuletzt gingen sie, als alle diese Vorkehrungen nicht helfen wollten, in der Stube mit einem Nest in jeder Hand umher, wenn das Benehmen des Vogels sie dazu aufzufordern schien. Das unverbesserliche Tierchen aber spottete aller dieser Vorkehrungen. Namentlich setzte es sich mit Vorliebe oben auf den Spiegel und ließ das Eichen auf den Tisch fallen, wenn niemand darauf achtete. Das gereichte den beiden Damen zu großer Betrübnis, und es gab sogar Augenblicke, wo sie sich von ihrer Trauer hinreißen ließen, sich gegenseitig die Schuld an dem unverzeihlichen Benehmen des Vögelchens zu geben. – Eines Abends fragte der Hafenvogt im Klub den Kapitän hämisch: »Nun, ist der alte Adam wirklich nach Bergen gereist?« »Ja,« versetzte Worse arglos, »er reiste in der vorigen Woche dahin.« »Was mag er dort wohl vorhaben?« »Nun natürlich wird er dort Geschäfte haben; die Firma C. F. Garman hat in Bergen viel zu thun,« »Vielleicht Geld leihen? ha – ha –« »Hör nun, mein lieber Hafenvogt,« fuhr Worse auf, »nun laß es endlich damit genug sein!« Der andere aber fuhr unbeirrt fort: »Ja, was soll man dazu sagen, ha – ha – sind jetzt schwere Zeiten für groß und klein. Sprach vorher mit Kapitän Andersen von der »Frena« – kam eben von Bergen – der alte Adam wollte gern einige tausend Species haben, sagten sie dort, ging überall herum, konnte aber nichts kriegen, nichts. – Na! diese Bergenser, denen muß man so nicht kommen.« Nun ward dem Kapitän alles klar. Voll Unruhe sprang er auf und ging nach Hause. Wenn schon die Leute davon sprachen, daß die Firma C. F. Garman auf schwachen Füßen stände und wenn ihr Kredit schon geschwächt war, so war es hohe Zeit für Jakob Worse, zum Beistand heranzurücken. Am nächsten Vormittage erschien er im Comptoir beim Konsul Garman und nachdem er die Thüren sorgfältig verschlossen, bat er ihn um eine vertrauliche Unterredung. Worses Wesen war heute so sonderbar, ein Gemisch von Unsicherheit und Verschlagenheit, so daß der Konsul sich veranlaßt fühlte, sich hintenüber in den Armstuhl zu legen und zu fragen: »Ist etwas vorgefallen?« »Nein, durchaus nicht, durchaus nicht,« erwiderte Worse, indem er sich von dem einen Bein aufs andere wiegte, »ich wollte Sie nur um etwas gebeten haben, Herr Kunsel.« »Wir sind stets bereit, allen billigen Wünschen unserer alten Freunde entgegenzukommen, soweit unsere Mittel es gestatten. Setzen Sie sich, Kapitän Worse!« »Ich – hege die Absicht, diesen Winter auf den Fischfang zu gehen, für eigene Rechnung, und da – da –« »Mir scheint, Kapitän Worse, daß Sie von früher her wissen sollten, daß wir, wenn Sie im Winter zu Hause sind, Ihnen keinerlei Hindernis in den Weg legen, auf eigene Hand und eigene Rechnung beim Heringsfang Geschäfte zu machen. So wird es auch in diesem Jahre –« »Jawohl, Herr Kunsel, ich weiß dies ganz gut und danke bestens dafür. Allein, das war's nicht, hm! – es gehört aber viel Geld zu einem solchen Unternehmen.« Das Gesicht des Konsuls nahm bei diesen Worten einen härteren Ausdruck an. Worse aber nahm seinen ganzen Mut zusammen und ließ die große Bombe springen: »Will die Firma C. F. Garman mir zweitausend Species leihen gegen Wechsel?« Morten Garman fuhr fast vom Stuhl in die Höhe. »Wie! Auch Sie wollen Geld leihen, Jakob Worse?« »Ja, sehen Sie, Herr Kunsel, alle Menschen sammeln jetzt Geld zum Fischfang zusammen, und ich hatte wohl Lust, einmal mit Sivert Jespersen und den anderen da draußen den Kampf aufzunehmen.« »Da haben wir's!« rief der Konsul, »so geht es heutzutage; der eine will stets den anderen überbieten, und so heißt es bloß leihen und leihen und spekulieren; aber wenn dann der Abrechnungstag kommt – ja, dann hapert es.« »Was das anbelangt, Herr Kunsel, so dächte ich, die Firma C. F. Garman müsse wissen, daß Jakob Worse für zweitausend Species und wohl noch etwas mehr sicher ist!« »Das mag wohl wahr sein,« erwiderte der Konsul verdrießlich; »aber wir haben schon aller Welt Vorschuß gegeben, so daß wir es kaum übersehen können; auf ein mehreres können mir uns in diesen knappen Zeiten nicht einlassen.« Jakob Worse fand Gefallen an der kleinen Komödie, die er aufführte, und spielte weiter. »Es ist recht schlimm,« sagte er mit etwas erzürnter Miene, »daß ich mich an andere werde wenden müssen, so daß vielleicht jemand auf den Gedanken kommen könnte, ich hätte mich mit meiner alten Reederei überworfen; oder man könnte sogar noch mehr Lügen über die Firma C. F. Garman erfinden, als die, welche schon jetzt unter den Leuten verbreitet sind –« »Was meint Ihr damit? Was sagt man vom Hause?« fragte der Konsul scharf. »Ach, es hieß zum Beispiel gestern im Klub, daß eine gewisse Person nach Bergen gereist sei, um für gewisse Leute Geld zu leihen.« Der Konsul Garman wandte sein Gesicht ab und sah in den Garten hinaus, wo der Herbst die ersten gelben Blätter herabgestreut hatte; niemals zuvor hatte er die Gefahr so unmittelbar vor sich gesehen, sein übermütiger, leichter Sinn hatte niemals den Gedanken völlig ausgedacht, daß das Haus C. F. Garman, das alte Sandsgaard, nur noch an einem Faden hänge und wie eine gemeine Konkursmasse behandelt werden würde. »Ja, ja,« murmelte er, »es war ein Fehler von mir, daß ich Kruse nach Bergen schickte. Aber –« und mit einem Schlage fühlte er sich nicht stark genug, die Last länger allein zu tragen; er schaute Worse gerade ins Gesicht und sagte: »es steht nicht so gut mit dem Hause C. F. Garman, als du wohl glauben magst, Jakob!« Er sagte unwillkürlich »du«, wie in jenen alten Zeiten, als Jakob Worse Matrose und Morten Garman Schuljunge war. Nun war Worse, wie er meinte, auf dem rechten Punkt angelangt. Schnell riß er sein Schifferwams auf, zog ein Bündel Banknoten aus der Brusttasche und warf sie auf den Tisch gerade vor den Konsul hin. »Fünftausend Spezies, Herr Konsul, fürs erste, und zehn- ja fünfzehntausend, wenn es nötig ist, sobald ich Zeit gehabt, sie zusammenzuscharren –« sein Antlitz strahlte und er lachte unbändig. Seine Freude aber nahm ein jähes Ende, als der Konsul das Paket von sich schob und in seinem kältesten Tone fragte: »Was soll das heißen? Was soll ich mit diesem Gelde?« »Es gebrauchen, es leihen, es behalten, solange Sie wollen, Herr Kunsel!« »Ach, nun verstehe ich. Sie haben sich ein kleines Lustspiel auf unsere Kosten erlaubt; sehr fein ausgedacht, Herr Kapitän Worse, aber so weit ist es doch mit dem Hause C. F. Garman noch nicht gekommen, daß es Geld von seinen eigenen – ja seinen eigenen Leuten leihen sollte.« Einen Augenblick saß der listige Schiffer Worse sprachlos da; dann aber lief ihm die Galle über; voll Zorn schlug er auf den Tisch und rief! »Hör nun, mein lieber Morten Garman, nun geht es meiner Seel' zu weit mit deiner Vornehmthuerei! Wenn das Haus in Geldverlegenheit ist, so ist doch wahrhaftig nichts einfacher, als daß es Geld leiht von mir, der ich jeden Schilling in Ihrem und Ihres Vaters Dienst erworben habe!« »Kannst du denn aber nicht einsehen –« rief der Konsul, der jetzt auch eifrig wurde, »kannst du denn nicht begreifen, daß es unserem Kredit schaden wird, wenn man erfährt, daß unsere eigenen Schiffer uns aus der Verlegenheit retten mußten?« »Ach bleib mir vom Leibe mit deinem Kredit. Bar Geld ist besser als Kredit, sollte ich meinen! Mein Geld ist beim Kuckuck ebenso gut wie das deinige, Morten Garman, und wenn du es nicht annimmst, so bist du nicht der Mann, für den ich dich angesehen habe.« Jakob Worse war jetzt ganz außer sich vor Erregung, und sie sagten »du« zu einander, ohne es zu merken. »Nun, nun, Jakob, laß uns nicht Unfreunde werden!« sagte der Konsul, indem er sein Halstuch in Ordnung brachte; es war das erste Mal, daß etwas eigentlich gegen seinen Willen abgemacht werden sollte. Bald sah er das Geld an, bald in den Garten hinaus, und es entstand eine sehr lange Pause. Worse hatte sich erhoben und betrachtete, mit dem Rücken gegen den Tisch gelehnt, eine Landkarte, die an der Wand hing. Deutlich hörte man das langsame Ticken der alten Schlaguhr in der Wohnstube. Endlich erhob sich Konsul Garman und trat hin zum anderen. »Höre, Jakob Worse, ich will dein Geld nehmen, wenn du mit mir in Compagnie treten willst.« »Was? Was sagt Er? Compagnie? Hat Er den Verstand verloren, Herr Konsul!« »Hören Sie mich ruhig an: Sie schießen Ihr Kapital, das heißt, so viel davon, wie Sie wünschen, in unser Geschäft ein, und werden dafür Teilhaber an der Firma Garman und Worse für die Quote, die wir später festsetzen.« »Nein, nein, Herr Kunsel! So war es nicht gemeint. Die Firma verändern – nein, das geht nicht an, das kann Ihr Wille nicht sein!« »Ich meine im Gegenteil, daß dies der einzige Ausweg ist. Setzen wir uns und seien wir kaltblütig. Der Gedanke, von Ihnen Geld leihen zu sollen, wäre mir geradezu unerträglich. Dahingegen ist weder für mein Gefühl noch für unsere Verbindungen etwas Anstößiges darin, daß mir in einer so geschäftsvollen, und – und – wie soll ich sagen? hm – so gedrückten Zeit einen Mann offiziell in die Firma aufnehmen, der viele Jahre hindurch mit uns zusammengearbeitet hat, und daß wir infolgedessen seinen Namen mit dem unserigen vereinen, indem wir in Zukunft unser gemeinschaftliches Geschäft: »Garman und Worse« benennen.« »Ja, aber – aber – es könnte alles schon angehen, aber der Name – Ihres Vaters Name –« »Mein Vater würde es vielleicht nicht gethan haben; aber ich will es so. Dies Arrangement ist – hm! – ist des Hauses Rettung; ich trete dreist damit vor die Oeffentlichkeit und ich bitte Sie daher, meinen Vorschlag zu acceptieren.« »Aber bester Herr Kunsel,« begann Worse von neuem. Er war auf einmal wieder auf seinen alten Platz gekommen und konnte sich durchaus nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß er der Compagnon von Morten W. Garman, dem Konsul, selber sein solle! Der andere aber hielt an seinem Beschluß fest und für Worse blieb also schließlich nichts übrig, als einzuschlagen. Sie saßen noch lange bei einander und sprachen über das zukünftige Arrangement. Der Konsul sagte gerade heraus, daß er nicht erwarte, Jakob Worse werde sich sehr viel um den eigentlichen Gang des Geschäftes kümmern, worüber Worse herzlich lachte, denn das hätte ihm sicherlich nie einfallen können, meinte er. Als er nach der Stadt zurückfuhr, kam es ihm vor, als sei er ein ganz anderer Jakob Worse geworden, als vorher, da er hinausfuhr. Es kamen ihm dabei allerlei große Gedanken über seine neue Würde. Er murmelte den Namen Garman und Worse vor sich hin und stellte sich vor, welchen Eindruck die Nachricht auf Randulf machen würde. Seine Freude war indessen nicht vollkommen; das, was sich ereignet hatte, war gar zu viel für ihn, war gar zu plötzlich gekommen; deshalb konnte er es auch nicht über sich gewinnen, davon zu sprechen. Konsul Garman machte kein Hehl aus der Veränderung der Firma, und am nächsten Tage war die Neuigkeit in den beiden kleinen bescheidenen Zeitungen der Stadt zu lesen. Man kann sich denken, welch willkommenen Anlaß diese Begebenheit zu festlichen Zusammenkünften und lange anhaltenden Gelagen im Klub gab. Worse ward bei Tisch in großen Reden gefeiert und hernach, wenn die Stimmung aufgeräumter geworden war, schonungslos gehänselt. Der Mißgunst fehlt es nie an Witz und Worses Freude über seine Erhöhung war demnach durchaus keine ungetrübte. Und Randulf, der böse Randulf! Schon hatte er seine Abfahrt aus Riga gemeldet, als die Nachricht einlief, daß er mit einer Rostocker Kuff zusammengestoßen sei, so daß er nach Bolderan hatte zurückgehen müssen, um zu löschen und Reparaturen vorzunehmen. Nun fehlte es bloß, daß er dort einfröre. Als Romarino die Nachricht von dem großen Ereignis erhielt, schrieb er zum erstenmal einen freundlichen Brief an seinen Vater. Dieser fühlte sich aber doch unangenehm dadurch berührt, da der Sohn seiner Anerkennung folgenden Ausdruck gegeben hatte: »Ich muß einräumen, daß du für einen ungeschliffenen Seemann in dieser Angelegenheit gut und fein manövriert hast.« Madame Torvestad aber verdoppelte ihre Liebenswürdigkeit gegen ihn und als der Herbst mit Sturm und Regen herankam, fand Worse es sehr gemütlich, im Hinterhause bei der Madame und ihren Töchtern Thee zu trinken – wenn keine Versammlung da war. Im Klub machten sie zu viele schlechte Witze. Fünftes Kapitel. Wenn die Sonne im Spätherbst hinter diesen gelben Wolken unterging, die Sturm und Regen verkündeten, senkte sich über die kleine Stadt eine Finsternis, der man durchaus keinen Widerstand leistete, es sei denn durch die kleine Laterne, welche an der Mauer beim Eingang zum Rathause brannte. Sonst war es dunkel, pechdunkel in den engen, winkeligen Gassen und unten an der Schiffbrücke, wo man gar leicht geradeswegs ins Wasser hinein spazieren konnte, wenn man etwas im Kopfe hatte oder fremd war. In den kleinen Laden brannte eine Thranlampe oder ein Talglicht; in den größeren waren in neuerer Zeit Oellampen eingeführt, welche alten Leuten Augenschmerzen verursachten. Ueber die Pfützen auf der Straße fiel ein matter Schimmer, so daß die, welche gut Bescheid wußten, auf den hervorragenden Steinen sich einigermaßen trockenen Fußes bewegen konnten. Die meisten Leute aber trugen hohe Stiefeln und gingen unverzagt durch dick und dünn, daß man es weithin platschen hörte. Hin und wieder sah man eine Laterne schwanken, bald ängstlich zu Boden geneigt, um einen Uebergang über die bösesten Stellen zu suchen, bald ihr Licht einem Vorübergehenden gerade ins Gesicht oder an den Wänden der niedrigen hölzernen Häuser entlang werfend. Das waren Damen, die mit ihren Haubenkörbchen, aus denen die Stricknadeln hervorsteckten, in Gesellschaft gingen, oder ein Dienstmädchen, das vorsichtig einigen kleinen Mädchen vorleuchtete, welche zur Tanzstunde sollten, und mit ihren dünnen weißen Beinchen und großen Ueberschuhen an den Füßen hinterher gehüpft kamen. Nach sieben Uhr aber erloschen die Lichter in den Läden meistens und es war still auf den Straßen; nur hin und wieder fiel ein Lichtstreifen auf die Wasserpfützen, wenn die Thür einer Branntweinschenke, aus welcher wüster Lärm von Matrosen und Arbeitsleuten herausdrang, aufgemacht wurde. Dann begannen die Nachtwächter vom Rathause aus sich über die Stadt zu verbreiten. Meistens waren dies alte Matrosen und Schiffszimmerleute, die nicht länger arbeiten konnten, Leute mit krummen Rücken, schwachem Gehör und grober Stimme. Sie kamen langsam heran in ihren langen dicken Friesröcken, die Laterne in der linken Hand und mit der rechten den schweren Stab mit der langen eisernen Spitze aufs Pflaster stoßend, so daß man sie schon in weitem Abstande hörte. An den bestimmten Straßenecken riefen sie die Stunden und die Windrichtung ab – ein jeder in seiner ihm eigentümlichen Weise, so daß nur die Leute in dem bestimmten Revier wußten, was gerufen ward, während sonst kein Mensch es verstanden haben würde. Wenn dann die Leute zu guter bürgerlicher Zeit, etwas nach zehn Uhr, aus der Gesellschaft kamen, schwankten wiederum einige Laternen durch die Straßen; man begegnete den Wächtern, tauschte ein »Guten Abend« aus und die jungen Leute fragten nach der Stunde, um die Wächter zu necken, die Alten aber fragten ernsthaft nach dem Winde. Nach dieser Zeit aber war die Stadt ganz finster und wie ausgestorben. Die Nachtwächter hatten sich in ihre wohlverborgenen Schlafwinkel zurückgezogen, die sie nur höchst notgedrungen verließen, um irgend etwas abzurufen, oder wenn sich in der Straße schwere schleppende Schritte von alten steifen Lederstiefeln näherten. Das war die Brandwache, welche die Runde machte. Sie bestand aus den ältesten Wächtern, die stocktaub geworden waren. Es waren ihrer vier oder fünf, die zusammen gingen; sie hatten den Rockkragen hoch hinaufgeschlagen und die Pelzmütze tief heruntergezogen, so daß sie von einem Feuer kaum etwas gemerkt hätten, bis es ihnen unter der Nase gebrannt. Aber dennoch schlief die Stadt ruhig, ganz ruhig. Und erwachte jemand aus dem Schlaf und mußte er an all das Korn denken, das auf dem Speicher lag; oder kam Reihe auf Reihe von Bildern, deutlich, unerbittlich, wie sie im Dunkel der Nacht kommen, von einem Funken, der irgendwie glimmte und um sich griff und die Wand entzündete und sich mächtig ausbreitete und das Haus überspannte und Korn, Salz, Tonnen, Laden und Warenlager, alles, alles verzehrte – da ertönte der schleppende, schwere Schritt auf der Straße von alten steifen Wasserstiefeln, Stöcke wurden aufs Pflaster gestoßen, sie näherten sich und zogen vorbei. – Ach, die Brandwache! Gott sei Dank, so ist alles in Ordnung! So konnte man ruhig weiter schlafen. Oder es erwachte ein Kind aus einem bösen Traum und lauschte gespannt, geängstigt von scheußlichen Gestalten – Dieben und Schornsteinfegern, welche durchs Küchenfenster kamen und den Vater und die Mutter mit langen Messern ermorden wollten – da erscholl von der Straßenecke her: »Hör' die Wächter, hör'! Die Glocke hat Zwei geschlagen; der Wind ist still!« Ach! der Nachtwächter! Ach ja, der Nachtwächter war da! Dann konnten keine Diebe oder Schornsteinfeger durchs Küchenfenster kommen; alle bösen Menschen mußten zu Hause bleiben, sonst würde der Wächter kommen und sie aufs Rathaus bringen. Ach, es gab wohl auch keine bösen Menschen, sondern nur gute, liebe Leute – und Nachtwächter. So schlief das Kind wieder ein, völlig beruhigt und dankbar, und es hatte weiter keinen Traum mehr. Aber, aber – wenn so die drei schrecklichen Brandschüsse donnerten, daß die Scheiben klirrten und viele von ihnen sprangen, dann gab es auch einen entsetzlichen Schrecken. Ueber den dunklen Straßen glühte es rot in der dicken Regenluft wie von einem flammenden Feuermeer, und wenn es auch nur in einem Schornstein brannte; der lange Tambour Jürgen schlug wie toll auf der Trommel mit dem dicken Ende der Trommelstöcke, und vielstimmig vom tiefsten Baß bis zum höchsten Diskant erklang es durch die Straßen hin: »Feuer, Feuer, Feuer!« Beim Spritzenhause sammelten sich Leute mit Laternen und schrieen durcheinander nach den Schlüsseln. Die Schlüssel? Die hingen in guter Ruh, hinter dem Bett des Brandinspektors. Rasch hin zum Brandinspektor! In der pechschwarzen Finsternis rannte jemand ihm gerade auf den Leib, so daß das Schlüsselbund weit weg in eine Straßenpfütze fiel. Während man mit Laternen danach suchte, sprengten einige Schiffer die Thür und die Spritzen rumpelten mit unheimlichem dumpfen Laut von dannen. Alte Frauenzimmer in Nachtjacken liefen auf die Straße mit einer Waschkanne oder einem Plätteisen in der Hand und drinnen im Hause sammelten sich alle im Schlafzimmer der Eltern. Die kleinen Kinder saßen im Bette und weinten; die erwachsenen Töchter – halb angezogen, das Haar über den Rücken herabhängend, bleich und vor Schreck zitternd – sollten sie trösten. Die Mutter aber ließ Kaffee kochen – warmer Kaffee ist gut für alles und zu jeder Zeit, und der Vater kam hin und wieder nach Hause und berichtete, wie es mit dem Feuer stände. Die Knaben hatten sich sogleich angezogen und waren verschwunden. Für sie war das Feuer ein Fest, wenn auch ein Fest des Schreckens. Der rote Himmel über der schwarzen Nacht, die Flamme, die bisweilen aus dem dicken Rauch emporwirbelte, die Männer, welche umhersprangen und laut riefen – dies alles erfüllte sie mit einer Spannung wie von zehn Romanen; in dem Drange, etwas Ungeheures zu sein, sich durch etwas unerhört Mannhaftes auszuzeichnen, stürzten sie in Häuser hinein, wo weder Feuer noch Gefahr war, und rüttelten mit Riesenkräften an den festesten, unbeweglichsten Gegenständen, um zu retten. Der Brandinspektor stand bei den Spritzen und kommandierte. Zwei Reihen von Männern und halberwachsenen Knaben reichten die vollen Wassereimer heran und die leeren wieder zurück. An der See oder unten in einem Brunnen wechselten junge Seeleute miteinander ab, die Brandeimer zu füllen, bis sie selbst durchnäßt waren, oder die Kräfte ihnen ausgingen. Offiziere der Bürgergarde im blauen Leibrock mit weißen Schnüren liefen umher und waren überall sich selber und anderen mit ihren langen Säbeln im Wege. Mitten im Feuer aber standen wiederum Seeleute. Sie waren in den Häusern und retteten, bis das Dach fiel, oder oben auf den Nachbarhäusern, wo sie nasse Segel ausbreiteten, oder sie hieben Ställe und Plankenwerk nieder. Thomas Randulf und Jakob Worse waren von Jugend auf bekannt als die mutigsten Helfer bei Feuersbrünsten. Stets waren sie die ersten auf dem Platz, trugen die alten und kranken Leute aus den brennenden Häusern und stellten sich beim Löschen auf die dem Feuer nächsten und gefährlichsten Punkte. Sie waren es im Grunde, die das Ganze leiteten, obgleich der Brandinspektor sowohl gelbe als feuerrote Federn auf seinem dreieckigen Hut hatte. War Feuer in der Stadt ausgebrochen, so schwebten namentlich die Kaufleute in großer Angst; denn nur sehr selten hatten sie ihre Habe versichert. Viele Haugianer waren sogar der Meinung, das dies sündhaftes Mißtrauen gegen die Vorsehung sei, und einige sagten, sie hätten mit Gott versichert. Wenn aber der Wind in die Straßen hineinfegte und das eine von den kleinen hölzernen Häusern nach dem anderen in Flammen aufging, da verloren auch die Klügsten und Frömmsten die Besinnung und liefen in den Speichern umher, schleuderten Mehlsäcke und Korn in die See hinaus, sich im Schweiße ihres Angesichts unnötig abarbeitend, während sie das Geld im Comptoir zu retten vergaßen. Durch Feuer und Rauch aber, hoch über dem Lärmen und Rufen ertönten die Schläge der großen Glocke an der Domkirche – zwei oder drei langsame Schläge, dann eine lange Pause, darauf wieder einzelne Töne mit Pausen dazwischen. Das klang so schwer und hoffnungslos! Es war nicht der Schall der Sturmglocke, welche die Menschen zur Hilfe und Rettung herbeirufen sollte; es war das Gebet der Kirche um Erbarmen, der wiederholte verzweifelte Ruf zu Gott, er möge das verzehrende Feuer löschen. – Die kleine stockfinstere Stadt konnte aber in Winternächten auch durch ein anderes Ereignis in die lebhafteste Spannung geraten. Das war um die Weihnachtszeit oder etwas nach Neujahr, wenn bei Nordwestwind Schneegestöber und sternheller Himmel rasch miteinander abwechselten. Plötzlich tauchte ein Boot am Hafeneingang auf, dann ein zweites und ein drittes, darauf ein größeres Fahrzeug und wiederum ein paar Bote. Sie wendeten sich nach verschiedenen Richtungen im Hafen und suchten im Finstern die Anlegeringe bei den Speichern oder an der Schiffbrücke aufzufinden. Ein Mann sprang ans Land und lief so schnell er konnte, zur Stadt hinein; die großen Wasserstiefeln drückten Elefantenspuren in die dünne Schneeschicht, welche das Pflaster deckte. Der Wächter hob seine Laterne empor, um sich den Mann anzusehen. Seine Stiefeln, seine Kleider, bis ganz hinauf zum gelben Südwester, schimmerten wie Silber von unzähligen blanken Sternchen. Der Wächter schmunzelte; er wußte, was das zu bedeuten hatte, und da er gerade an der Ecke des Markts vor Schiffer Worses Hause war, rief er: »Nordwestwind! Die Heringe sind da!« Immer mehr Bote, immer mehr kleine Fahrzeuge liefen ein und hie und da klirrte ein fallender Anker. An die Bretterwand der Speicher wurde heftig angeklopft und alsbald sah man drinnen Lichter sich eilig hin und her bewegen. Die Thür im untersten Stock ward aufgeschlagen und das Licht fiel mit hellem Schein über die Leute in den Boten und die silberglänzende Masse großer dickbäuchiger Frühjahrsheringe. In der Stadt wurde bei den Kaufleuten angeklopft; es dröhnte im ganzen Hause, wenn der Mann in den Wasserstiefeln einen von der Straße aufgerafften Stein gegen die Holzwand schleuderte; er brauchte aber nicht zu befürchten, ausgezankt zu werden, er wußte, daß er willkommen sei. Alles erwachte und dachte im ersten Augenblick, daß es im Hause brenne. Der Vater aber riß das Fenster auf. »Ich soll von Ivar Oestebö grüßen, er habe vierhundert Tonnen für Sie gekauft.« »Kennst du den Preis?« »Drei Mark achtzehn Schilling. Wir liegen beim Vorderspeicher mit achtzig Tonnen, die anderen sind dicht hinter uns.« »Welchen Wind haben wir?« »Nordwest mit Schneegestöber.« »Lauf schnell hinauf zum alten Hans, sage ihm, er solle die Frauenzimmer versammeln, er weiß Bescheid.« Das Fenster ward zugeschlagen, der Mann in den Wasserstiefeln lief weiter und rannte in der Finsternis gegen andere Männer, die es auch eilig hatten. Der Kaufmann aber warf sich hastig in den Speicheranzug, der auf seinem bestimmten Platz hing. Seine Gattin ermahnte ihn eifrigst, doch zwei der dicksten wollenen Jacken anzuziehen, was er auch nicht unterließ, denn er wußte, was eine Nacht auf dem Speicher bei Nordwest und Schneegestöber sagen will. Jedesmal, wenn sich der Himmel überzog, ward der Wind stärker, so daß die Schneeflocken umherwirbelten; sonst aber wehte nur eine frische Nordwestbrise, bei der fortwährend neue Fahrzeuge einliefen, so daß zuletzt der ganze Hafen von Rufen und Lärm und vom Plätschern der Wellen und dem Klatschen der herabgelassenen Segel und dem hellen wohlklingenden Laut der herabrollenden schlanken Ankerketten erfüllt war. In allen Speichern ward es hell bis ins vierte Stockwerk hinauf, hie und da wurden Thranlampen angebracht, Leute strömten herbei, Männer, Frauen und junge Mädchen; die Salzkammer ward geöffnet, der Böttcher wälzte die Tonnen heran; draußen in den Böten wurden die Leute ungeduldig und riefen zum Speicher hinauf, daß sie jetzt nicht länger warten wollten, und die ersten vier blanken Heringe wurden hereingeschleudert. Nun war die ganze Stadt bis zum fernsten Winkel benachrichtigt; hinter den kleinsten Fenstern ward es hell und unzählige Kaffeekessel wurden ans Feuer gesetzt. Ueberall herrschte reges Leben und Munterkeit; die Heringsflotte war mit ihrem Fang zurückgekehrt, auf den alle gewartet hatten und von dem alle etwas erwarteten. Die Frauen und Mädchen, welche die Heringe ausweiden sollten, zogen unter Lachen und Scherzen die dazu bestimmten Kleider an, obgleich es so kalt war, daß ihnen die Zähne im Munde klapperten. Vor allen Dingen sorgten sie dafür, ein dickes Tuch sorgfältig über den Kopf zu binden, so daß nur die Augen und die Nase frei blieben; denn wenn Heringslake ins Haar kam, so gab es wunde Stellen. Dann liefen sie eiligst fort, um zu dem Speicher zu kommen, wo sie sich zur Arbeit verdungen hatten. Im Nu fanden sie den für sie bestimmten Platz mitten in der hohen Schicht von Fischen, die ihnen bis über die Holzschuhe reichte, neben Tonnen und Salzkübeln und dem unseligen Talglicht, das auf einem Pflock befestigt und zwischen den Heringen niedergesteckt war, und durch Umfallen, Schneuzen mit nassen Fingern und anderen Widerwärtigkeiten viel Unheil anrichtete. Dann ward das kleine blanke Messer hervorgezogen und ein Fisch nach dem anderen blitzschnell aufgeschlitzt. Nun war der Schnee voll von Elefantenspuren, und vergebens legten sich neue Schichten darüber; denn sie wurden sofort wieder zerstampft. Nur im oberen Teil der Stadt, in den breiteren Straßen und bei der Schule lag noch so viel Schnee, daß die Schuljugend, als es endlich Morgen ward, eine kleine Schlacht auskämpfen konnte. Wenn die bleichen, ungesund aussehenden Zöglinge der obersten Klasse ihre tote Last griechischer und lateinischer Bücher zur Schule schleppten, mit ihren Gedanken fern in längst verschwundenen Kulturen, die eine Hälfte des Gehirns voll von grammatischen Regeln und die andere Hälfte voll von den Ausnahmen, und sie auf ihrem Wege einem Haufen von den Mädchen begegneten, die nach Hause gingen, nachdem sie die halbe Nacht wacker gearbeitet hatten, so konnte es wohl geschehen, daß die munteren Mädchen lachend die Köpfe zusammensteckten. Sie hatten die Tücher herabgezogen, um den Mund freizumachen, laut plaudernd und einander lustig zurufend, nahmen sie die Mitte der Straße ein, warm und rotwangig von der Arbeit, voll blanker Fischschuppen an den Kleidern, ja bis zur Nase hinauf. Viele von ihnen waren von demselben Alter wie die gelehrten jungen Herren, oder wohl noch jünger; dennoch fühlten sie sich ihnen weit überlegen und lachten überlaut über die halb verwunderten, halb verächtlichen Blicke, die ihnen zugesandt wurden. Vielleicht fühlten sich die jüngeren gelehrten Herren einen Augenblick getroffen. Sie suchten sich aber durch ein » plebs plebis « oder ein » semper varie et mutabile «, oder einen anderen klassischen Witz zu trösten. Sie wußten, daß die Fischer in der Nacht heimgekehrt seien; sie sahen, wie der Hafen von Fahrzeugen wimmelte und die Geschäftigkeit, die in der ganzen Stadt herrschte. Was ging dies aber sie an? War Geldverdienst etwas, mit dem ihre Gedanken sich zu beschäftigen hatten? Ihre Welt lag über der der rohen Masse; sie wanderten zum Parnaß und verachteten tief die niedrigen Seelen, den Pöbel, der sich sein ganzes Leben hindurch abarbeitete, vornübergebeugt wie das Tier, ohne den göttlichen Funken von dem heiligen Altar der Wissenschaft. Diese tiefe Verachtung des Volkes, welches arbeitet, die bewahrten sie treulich, bis sie wieder herabkamen vom Parnaß und Beamte wurden. Dann lernten sie wohl treffliche Reden halten über das Aufblühen der Erwerbszweige; aber ein wirkliches Verständnis dafür hatten sie nicht. Von den Beamten waren es eigentlich nur die Prediger, die sich über ein gutes Ergebnis des Fischfangs freuten; denn es pflegten dann die ihnen von der Gemeinde dargebrachten Opfer reichlicher zu fließen. Wenn der Fang gut ausgefallen war, wenn sich das Geld haufenweise unter das Volk verbreitete, so daß jeder das Nötige bestreiten und etwas vorwärts kommen konnte, so pflegten die Juristen laut über schlechte Zeiten zu klagen. Wenn aber das Volk Not litt, wenn der Fang fehlgeschlagen war, wenn die knappen Zeiten die Einnahmequellen versiegen ließen, so daß Fallimente und Auspfändungen und Zwangsversteigerungen mit hohen Prozenten und Sporteln an der Tagesordnung waren, dann hatten die Juristen ihre besten Tage. Abgesehen aber von den Beamten und den wenigen Familien, die von Pensionen oder Zinsen lebten, war über die ganze Stadt eine fröhliche, festliche Stimmung ausgebreitet, wenn der Fischfang gut ausgefallen war. Alle hatten ein Interesse daran. Eine reiche Ausbeute brachte den allermeisten die Erfüllung einer Hoffnung oder die Errettung aus einer Bekümmernis. Namentlich waren alle, die ihren Erwerb von der See hatten – und zu denen gehörte fast die ganze Stadt – von den Fischern bis zu den Besitzern der Salzereien und den Spekulanten, in der angestrengtesten Thätigkeit, und alle gingen wie im Rausche, bis das ganze Geschäft erledigt war. Nicht allein den Schiffern, sondern auch ganz jungen Steuerleuten wurden Fahrzeuge zum Fischfang anvertraut, und es wurden von diesen die wagehalsigsten Fahrten unternommen, um zuerst auf dem Platze zu sein und volle Ladung zu bekommen. Man suchte sich durch falsche Nachrichten zu überlisten, geriet auch wohl darüber in Streit, der zu Thätlichkeiten führte, oder man hielt tüchtige Gelage ab, wenn Zeit und Gelegenheit vorhanden war. Daheim im Klub herrschte ein äußerst bewegtes Leben; alle Zimmer waren voll von Gästen und man mußte zuletzt mit einem Platz auf dem Billard vorlieb nehmen, wo in gewöhnlichen Zeiten niemand sitzen durfte. Jeder neue Ankömmling mußte erzählen, wie es mit dem Fange stände, wie sich der Preis stelle, wie viele Heringsschwärme eingeschlossen seien und was es sonst Neues droben im Norden gäbe. Dies war der einzige Weg, um von dort Nachrichten zu erhalten, und danach mußte man seine Maßregeln treffen. Bisweilen waren die Berichte wahrheitsgetreu und man erzielte durch sie reichen Gewinn; manchmal ward man aber auch arg getäuscht und hatte nichts von den teuern Vorbereitungen. War jemand besonders glücklich gewesen, so bat er sich wohl in der Freude seines Herzens von der Gesellschaft die Erlaubnis aus, sie mit einem Glase Punsch bewirten zu dürfen. Wenn dann die Bowle vor den beiden ältesten Mitgliedern, dem Hafenvogt Snell und dem Lotsen-Aeltermann Prahl stand, stimmte man wohl den neuen Gesang zum Preise der norwegischen Fischerei an: »Von Norwegens Felsen und schönem Land Wir hören so manches Lied wohl erklingen, Doch wir, die wir wohnen am norwegschen Strand, Wir wollen zum Preise des Nordmeers jetzt singen! Die See soll leben! Die Fischer daneben, Die jährlich aus ihrem Schoße heben Den reichsten Fang!« So leerte man die Becher nach der Väter Weise, sang Lied auf Lied zum Preise Alt-Norwegens und der Schiffahrt und der Konstitution, und zuletzt ward des Lotsen-Aeltermanns Lieblingslied angestimmt: »Den Alten jetzt auch wir ein Glas wollen weihen, Sie waren einst das, dessen wir uns erfreuen, Sie waren jung, frei und frisch für und für. Und daß sie auch liebten, beweisen ja wir.« Es gab aber in der Stadt auch Leute, die niemals an diesen Gelagen teilnahmen und sich niemals im Klub sehen ließen, während sie doch das größte Interesse am Fischfang hatten und ihr ganzes Wohl und Wehe darauf beruhte. Das waren die Haugianer oder die Heiligen, wie sie von den Spöttern genannt wurden. Außer Sivert Jespersen und den Brüdern Egeland, welche neben ihrem Handel mit den Landleuten große Geschäfte beim Heringsfang machten, trieben auch viele andere Haugianer diesen Erwerbszweig. Das waren meistens Leute, die als ganz junge Menschen vom Lande zur Stadt gekommen waren, um sich bei den ältesten zu verdingen, und hier die Sparsamkeit, die Pünktlichkeit und den unermüdlichen Fleiß derselben kennen gelernt hatten. Wenn sie dann selbst ein kleines Geschäft anfingen, wußten sie es bald in Schwung zu bringen. Sie gingen auch mit auf den Fischfang, aber niemals beteiligten sie sich an den Roheiten, die hier vorfallen konnten, und sie kümmerten sich nicht darum, daß die anderen sie deshalb verspotteten. Nach und nach kamen auch die anderen Fischer zur Erkenntnis, daß die »Heiligen« nicht zu verachten seien. Trotz ihrer frommen, sanftmütigen Weise gehörten sie zu den tüchtigsten und mutigsten und sie erzwangen sich dadurch die Achtung ihrer früheren Widersacher. Sivert Jespersen hatte sich auch so von unten heraufgearbeitet und er war jetzt einer der wohlhabendsten Leute in der Stadt. Er selbst nahm nicht mehr an den Zügen teil; er war schon in den Fünfzigen, und harte Arbeit und die Gicht, das Erbteil der meisten, die von Jugend auf im Winter der Fischerei obliegen, hatten ihn gebeugt. Wenn aber die Heringszeit kam, so eilte er zum Speicher in dem uralten Friesrock und der Pelzmütze, und dann war er in der muntersten Stimmung. Wenn das ganze Packhaus von oben bis unten mit Menschen, Fischen, Salz und Tonnen gefüllt war, wenn überall Lärm und Rufen und das Hämmern der Böttcher ertönte, wenn die Windetaue auf und nieder schnurrten, wenn Dielen und Treppen von Blut und Galle, die überall herabsickerten, naß und glitschig waren, wenn man die Spuren der Arbeit bis an die Wände hinauf sehen konnte und überall ein Geruch verbreitet war, wie im Bauch eines Walfisches: dann ging Sivert Jespersen treppauf, treppab, im ganzen Hause umher mit seinem Talglicht in der Hand, und summte halblaut sein Lieblingslied: »O du mein Immanuel! Welche Himmelsfreuden Brachtest du der armen Seel' Durch dein schweres Leiden. Schlingen legt der Feind so klug, Doch mir kennen seinen Trug!« »Auf, mein Herz! Zu Sang und Lust – nein, nein, nein!« rief er plötzlich mit scharfer Stimme. Es mußte etwas bei den Mädchen vorgefallen sein; entweder zankten sie sich, oder sie waren gar zu lustig, denn ein paar vollgepackte Tonnen wurden umgestürzt, so daß sich der Inhalt auf den Fußboden und in die Salzkübel ergoß. »Nein – nein – nein,« wiederholte Sivert Jespersen, als er herangekommen war, und seine Stimme tönte wieder so milde und sanft wie gewöhnlich: »Ihr müßt mit Gottes Gaben vorsichtig umgehen, auf daß sie nicht umhergeworfen werden und verderben. Nicht wahr, lieben Kinder?« Er sah von dem einen Mädchen zum anderen mit seinen scharfen hellblauen Augen und dem unveränderlichen Lächeln, und es ward ganz still unter ihnen, während sie eifrigst beschäftigt waren, alles wieder in Ordnung zu bringen. Es machte einen viel größeren Eindruck, wenn Sivert Jespersen sagte: »lieben Kinder«, als wenn ein anderer die ärgsten Verwünschungen ausgestoßen hatte. Obgleich Hauges Freunde bei ihrer Thätigkeit wenig Geräusch machten und ihre Geschäfte scheinbar mit großer Klugheit und Vorsicht trieben, ruhten dieselben doch keineswegs auf sicherem, solidem Boden. Wäre der Fischfang wenige Jahre hindurch fehlgeschlagen, oder hätte eine Feuersbrunst die unversicherten Besitztümer verzehrt, so wäre manches, dem Anscheine nach große Vermögen bis auf ein geringes oder ganz zusammengeschmolzen. Dies fühlten sie auch selber, wenn es länger als gewöhnlich dauerte, bis sich die Heringszüge dem Lande näherten, oder wenn die Speicher voll waren von unabgesetzter Ware und alles von dem Steigen oder Fallen der Preise in Rußland und Preußen abhing. Da zitterte ihnen wohl die Hand, wenn – einmal in der Woche – die Post kam, und ihr Schlaf war unruhig; das war die Zeit, wo sie die meisten religiösen Lieder sangen. Sie kamen jeden Tag zur Versammlung, wo vorgelesen und gebetet und gesungen wurde. Und wenn sie nun so bei einander saßen und sich ansahen, und der eine vom anderen wußte, wieviel für ihn auf dem Spiele stände, und sie sich sagten, wie friedlichen, frommen Sinnes sie seien und wie Gott bisher seine Hand über sie gehalten und sie auch diesmal sicherlich nicht im Stich lassen werde, so fanden sie Kraft im Gebet, sie lächelten einander zu und gingen getröstet nach Hause. Und ihre Hoffnung ward nicht getäuscht. Jahraus, jahrein hatten sie reichen Verdienst und ihr Vermögen wuchs; aber sie setzten wiederum alles ins Geschäft, erspähten jede günstige Chance und waren trotz ihres stillen Wesens in der That dreiste, ja verwegene Spekulanten. Damit konnte sich aber Hans Nielsen Fennefos durchaus nicht befreunden. Nicht als ob es gegen Hauges Willen und Gebot gewesen wäre, daß die Brüder Handel trieben – im Gegenteil. Aber ihr jetziges Gebaren war nicht die alte Thätigkeit, die mühsame Arbeit um bescheidenen Gewinn. Das Geld kam jetzt zu leicht und in zu großer Menge. Fennefos war auch mißmutig darüber, daß sich Luxus im Zusammenleben der Brüder einzuschleichen beginne; es wurden Mittagsgesellschaften gegeben, wo man verschwenderisch mit Speise und Trank umging. Für diese Leute, die bisher in äußerster Mäßigkeit gelebt hatten, war schon der Genuß von Braten und Kuchen etwas ganz Ungewöhnliches und sie fanden eine halb kindische Freude darin, sich das Essen von den Kochfrauen der Stadt bereiten zu lassen, wie in den Häusern der Vornehmen. Fennefos machte ihnen Vorwürfe darüber, welche sie ruhig und lächelnd anhörten; sie bedankten sich sogar dafür, aber an der Sache selbst ward nichts geändert. Auch im öffentlichen Leben der Stadt verstanden diese Männer, die reich geworden waren, ohne daß jemand es gemerkt, sich allmählich geltend zu machen. Man wurde bald genötigt, sie in mancher Weise zu berücksichtigen, und ihr frommes Gebaren und die religiöse Sprachweise war bald kein Gegenstand des Spottes mehr. Wie Hauges Freunde so an äußerem Ansehen gewannen, während der Wert ihres inneren Lebens abnahm, begann sich aus ihrer Mitte eine gewisse oberflächliche Religiosität über die ganze Bevölkerung sowohl in der Stadt, als auch auf dem Lande zu verbreiten, eine offizielle Scheinheiligkeit, die bald zu hoher Blüte gelangte. So war die Stadt ums Jahr 1840 beschaffen – eine alte Stadt, voll neuer Lebenskeime – eng und winkelig, finster und pietistisch, aber frisch und lächelnd an der blauen See liegend, mit stolzen Schiffen und braven Seeleuten. An einem Sommertag hätte man sie sehen müssen, bei Sonnenschein und Nordwind, wenn die Möwen über die Bucht und längs den weißen Speichern im Hafen auf und nieder flogen; wenn draußen die Fahrzeuge Salz löschten und der Wind den fröhlichen Gesang: »Amalia Maria! Die kam aus Lissabon!« über die Stadt hintrug und das Salz über die breite Holzrinne ins Lichterfahrzeug mit dem unvergeßlich melodischen Geräusch hinabrutschte und die ganze Stadt von dem frischen Nordseegeruch erfüllt war. Die Leute, die lange Zeit von der Heimat entfernt gewesen waren und die Erde umsegelt hatten, sagten, daß solche Luft nirgends wieder auf der Welt zu finden sei; und sie reisten wieder fort und sie kamen wieder; und in der Heimat gab es einige wenige, die sich in die Welt hinaussehnten, aber alle – alle, die da draußen waren, sehnten sich nach der Heimat. – Sechstes Kapitel. Sarah und Henriette saßen in der Weberstube, emsig mit der Arbeit beschäftigt; Henriette flüsterte. Die Mutter schrieb Briefe in der Wohnstube, deren Thür offen stand; Madame Torvestad war etwas schwerhörig und konnte vom leise geführten Gespräch nichts verstehen. »Ja, kannst du dir doch denken, wie sie auf solche Dinge verfallen können, denk dir mal, sie stahlen ein Stück Tau –« »Wer?« »Lauritz und die anderen.« »Stahlen sie?« »Ach, wo willst du hin!« rief Henriette ärgerlich, »Lauritz sollte stehlen? Nein – sie nahmen es nur, nahmen es, verstehst du, ein altes Tauende, keine sechs Schillinge wert, das hinter Worses Ladenthür lag. Was sollte der reiche Schiffer Worse sich wohl daraus machen!« »Aber, Henriette, ich bitte dich,« antwortete die Schwester, »weißt du denn nicht, daß es nicht darauf ankommt, ob es viel oder wenig ist, sondern daß jeder, welcher stiehlt –« »Ein Dieb ist – ja, ich kenne die Bibelstelle,« unterbrach sie Henriette rasch, »aber hör' nun, was sie mit dem Tau vorhatten; Lauritz erzählte es mir gestern nachmittag in der Küche, als ich Thee schenkte –« »Während hier die Versammlung war?« fragte Sarah vorwurfsvoll. Henriette nickte eifrig mit dem Kopf. »Nur nicht der Mutter sagen! O, er ist so voller Schwänke, der Lauritz, ich muß immer so furchtbar über ihn lachen. Aber kannst du dir denken, da spannten sie das Tau quer über die Straße und zwei Mann hielten an jedem Ende, als es anfing, dunkel zu werden; und wenn dann jemand kam, auf den sie böse waren, so zogen sie das Tau stramm an, daß er fallen mußte. Und da kam der Kriegskommissär, du weißt, der alte, rote, schlimme Kerl, der fiel auf den Kopf und brach den Arm.« »Hast du denn den Verstand verloren, Henriette, du kannst doch nicht meinen, daß das recht war?« »Ja, gerade vollkommen recht! Du solltest nur wissen, wie böse er ist; alle jungen Leute in der ganzen Stadt hassen ihn und ich auch; wenn er auf der Session ist, so schimpft und wettert er in einem fort, und zuletzt, wenn er ganz wütend geworden ist, so schlägt er mit der Reitpeitsche! O nein, das war gerade gut für ihn. Hätte er nur beide Arme gebrochen, der scheußliche Mensch!« Sarah hörte ganz erschreckt der Schwester zu; da machte die Mutter eine Bewegung, als wenn sie sich erheben wollte, und die Schwestern arbeiteten jetzt eine Zeitlang, ohne zu sprechen, weiter. Sarah dachte darüber nach, wie sie sich Henriette gegenüber benehmen sollte, und sie fragte sich selbst, ob es nicht ihre Pflicht sei, der Mutter alles zu sagen. Madame Torvestad aber war merkwürdig schwach gegen ihre jüngste Tochter. Sie pflegte wohl zu sagen: »Für Henriette ist mir nicht bange, sie läßt sich leicht beugen und wird schon zur rechten Zeit vom Ruf der Gnade ergriffen werden. Dies war anders mit dir, Sarah! Du hast einen starken Sinn, der früh in der Zucht des Herrn geübt werden mußte. Und Gott sei Dank! weder dein braver Vater noch ich selber haben die Rute gespart, und Gott hat seinen reichen Segen dazu gegeben, daß du zu dem geworden, was du bist.« Sie sagte dies mit ungewöhnlicher Wärme. Sonst war das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter etwas steif. Sie sprachen miteinander über weltliche und geistliche Dinge, aber zu einer Vertraulichkeit zwischen ihnen kam es nie. Sarah war in den strengsten Grundsätzen von den Pflichten der Kinder gegen die Eltern erzogen und sie sah mit Ehrfurcht zur Mutter empor. Sie würde sich eher die Hand abgehauen, als gegen ihren Willen gehandelt haben; sie wagte es aber nicht, sich ihr um den Hals zu werfen, wozu sie oft einen heftigen Drang fühlte. Wenn Henriette voll Mutwillen sie küßte und umschlang, fühlte Sarah ein wundersames Wohlbehagen; sie riß sich aber gleich wieder los, da sie wußte, daß die Mutter es nicht gern sähe. Nachdem die Schwestern eine Zeitlang stillschweigend gearbeitet hatten, flüsterte Henriette wieder: »Er hatte neulich Sonnabend etwas im Kopf.« »Wer?« »Lauritz.« »Pfui doch, woher weißt du denn das?« »Er erzählte es mir selbst.« »Schämt er sich denn aber gar nicht?« »Ach, das ist doch nicht so schlimm, er war auch nicht ganz betrunken, wie du dir wohl denken kannst, sondern er hatte nur so einen Spitz, wie sie es nennen.« Henriette schien ganz stolz auf ihn zu sein; ehe sich Sarah aber von ihrem letzten Schrecken erholt hatte, rief die Mutter: »Sarah, komm her und hilf mir. Wo ist die Stelle, wo der Herr vom Weinstock spricht?« »Evangelium Johannis, fünfzehntes Kapitel.« »Lies es mir vor.« Sarah begann, während die Mutter sie mit ihren klugen Augen beobachtete; sie gab sich aber den Anschein, als ob der Brief, den sie schrieb, und das Vorgelesene sie völlig beschäftigten. Madame Torvestad schrieb häufig; ihre Briefe standen wegen ihres verständigen, liebreichen Tones in hohem Ansehen und wurden von den Freunden ringsum im Lande sehr geschätzt. Sie wurden dort, wohin sie gesandt wurden, in den Versammlungen vorgelesen und dann sorgfältig aufbewahrt, um an die, welche bekümmert und trostbedürftig waren, ausgeliehen zu werden. Als Sarah den zwölften Vers las: »Dies ist mein Gebot, daß ihr einander lieben sollt, gleichwie ich euch geliebet habe,« unterbrach die Mutter sie und sagte: »Ja, das war eben der Vers, an den ich dachte.« Sie sah wieder in ihren Brief und schrieb weiter, indem sie zugleich das Geschriebene vor sich hin sprach; Sarah merkte aber gut, daß es zugleich an sie gerichtet sei: »Das ist die erste Frucht, welche der Zweig des wahren Weinstocks tragen soll, nämlich die Liebe, die gegenseitige Liebe unter den Brüdern; diese Liebe ist es, die namentlich Johannes als das Zeichen der Kinder Gottes hinstellt. Aber, liebes Herz, jetzt gilt es, gib acht darauf, wie deine Liebe zu den Brüdern entstanden ist, oder weshalb du sie liebst, ob etwa, weil sie von Gott geboren sind, oder darum, weil etwas Liebenswürdiges an ihrer Person vorhanden ist. Gib acht, ob deine Liebe damals und dadurch entstand, daß du selbst den Herrn suchtest, daß du nach seiner Gnade und nach Frieden mit Gott hungertest und dürstetest und damals anfingst, ihn so zu lieben, daß sobald du sahst oder hörtest, daß ein anderer auch den Herrn suchte und liebte, dieser andere dir bloß dadurch so lieb, so liebenswert und brüderlich nahe ward, daß du darüber alle seine anderen Eigenschaften vergaßest.« Sarah war, während die Mutter sprach, glühend rot geworden; sie beugte sich über die Bibel und wollte weiter lesen, allein die Mutter unterbrach sie: »Ich danke dir, Sarah, du brauchst nicht mehr zu lesen; ich wollte nur diese Betrachtungen der gegenseitigen Liebe in mir selbst durch das heilige Wort erwecken.« Dann schrieb sie weiter und las wie vorher halb für sich, halb zu Sarah gewandt: »Siehe, dort hat der Versucher wieder eine seiner tückischen Fallen gestellt, gib acht und bete zu Gott, er möge deinen Fuß bewahren, daß du nicht hineintrittst. Denn die sündhafte Liebe liegt auf der Lauer hinter der Liebe zu den Brüdern, wie die Schlange sich hinter den köstlichen Früchten des Baumes versteckte. Sieh dich deshalb wohl vor, daß du im Geiste liebst und nicht im Fleische. Wenn du aber im Geiste liebst und du auf deinem Wege einem begegnest, der denselben Gott sucht, den du liebst und in dessen Liebe ihr beide vereinigt seid, da sollst du gewißlich diesen einen Suchenden lieben. Und wäre er auch« – hier wurde ihre Stimme eindringlicher – »und wäre er auch bloß ein Suchender in weiter Ferne, ja wäre er sogar ein Irrender, der nur dunkel das Licht unterscheiden könnte, mit nur gebrechlichen Füßen danach wanderte, ja wenn auch sein Aussehen und sein natürlicher Sinn noch so abstoßend und der Umgang mit ihm noch so schwierig wäre, du sollst ihn doch lieben um der gemeinschaftlichen Liebe willen, die euch zuerst liebte. – So, mein Kind, ich danke für deinen Beistand. Geh nun wieder zu deiner Arbeit und bete zum Herrn, er möge um seiner Liebe willen die gegenseitige Liebe in deinem Herzen verklären, auf daß du dich nicht irrest.« Als Sarah aus der Stube gehen wollte, fügte die Mutter hinzu: »Ich wundere mich darüber, daß wenn ihr Schwestern so zusammen sitzet, ihr dann nicht ein religiöses Lied singt; das thaten wir immer so in meiner Jugend. Das erleichtert die Arbeit und beschützt den Sinn gegen böse Gedanken und die Anfälle des Versuchers.« Bald darauf sangen die Schwestern mit klarer, aber gedämpfter Stimme ein Lied, das, wie sie wußten, die Mutter liebte: »Mach hoch das Thor und weit die Thür, Dein Ehrenkönig kommt zu dir.« Wenn Henriette die Worte vergessen hatte, so summte sie die Melodie mit, bis sie wieder auf den Text kam. Sarah aber war ganz bleich geworden, ihre Augen brannten, sie schlug sie aber nicht auf. Keine von ihnen hörte, daß Hans Nielsen Fennefos die Treppe herauf kam und auf dem Absatz draußen stehen blieb. Er lauschte dem Gesang und gedachte unwillkürlich jener Nacht, als er seine Mutter singen hörte. Eine tiefe Bewegung ergriff ihn, es war ihm, als sei Sarahs weiche Stimme der seiner Mutter ähnlich und Thränen traten ihm in die Augen. Als er in seine kleine Kammer hinaufgekommen war, saß er lange in einander widerstreitende Gedanken versunken. Wie sehr hätte er gewünscht, in diesem Augenblick seine Mutter bei sich zu haben, um sich mit ihr zu beraten. Sie war aber vor zwei Jahren gestorben. Die, welche an ihrem Sterbebett standen, erzählten, es sei so gewesen, als habe sie sich in den Himmel hineingesungen. Hans Nielsen kam aus einer Versammlung der Aeltesten von den Brüdern, zu denen er selbst gehörte; denn es kam dabei nicht an auf die Jahre, sondern auf Glauben, Liebe, Gerechtigkeit und Erfahrung in religiösen Dingen, sowie wahre Weisheit. Es war aus Nielsens Heimatsgegend ein Schreiben eingetroffen, in welchem darüber geklagt ward, daß sich dort unter den Brüdern eine gewisse Lauheit eingeschlichen habe. Es ward daher die Bitte ausgesprochen, daß man jemand hinsenden möge, der das verglimmte Feuer wieder anzufachen verstände. Man wünschte am liebsten Hans Nielsen, wollte aber auch gern jeden anderen nehmen, der dazu ausersehen würde. Als dies Schreiben verlesen war, sagte der Aelteste in der Versammlung, ein Greis, der noch mit Hauge zusammen gewirkt hatte: »Nun, lieber Hans Nielsen, was meinst du dazu? Bezeugt der Geist in dir, daß du dem Ruf der Brüder folgen sollst, oder weißt du einen anderen, der sich besser dazu eignen würde?« »Ich denke, daß Hans Nielsen der Meinung ist, es sei gut für ihn, dort zu bleiben, wo er ist,« sprach Sivert Jespersen, ohne von der Postille, in welcher er blätterte, aufzusehen. Es ward nun nicht weiter über die Sache gesprochen. Sie kannten einander so genau und verstanden einen kleinen Wink oder eine schwache Betonung so gut, daß die Pause, die jetzt folgte, ihnen dieselben Aufschlüsse gab, wie eine längere Erörterung. Endlich erhob Fennefos sich und sagte: »Ich will mich selbst prüfen und den Geist bitten, mich zu erleuchten; morgen oder vielleicht heute abend in der Versammlung werde ich euch meine Antwort bringen.« Nun saß er in seiner Kammer und prüfte sich ganz aufrichtig, um über sich selbst zur Klarheit zu kommen. Er hatte schon mehrere Male Spuren einer Mißbilligung, wie sie aus Sivert Jespersens Bemerkung herausklang, bei seinen Freunden wahrgenommen. Im allgemeinen wünschte man ihn wohl in der Gemeinde zu behalten; aber es gab doch mehrere, die sich durch seine Anwesenheit gedrückt fühlten. Diese gaben nicht undeutlich zu erkennen, daß der Aufenthalt im Hause der Madame Torvestad für einen Laienprediger schädlich werden und zu Verweichlichung führen könne. Als dies zu Hans Nielsens Kenntnis kam, fiel sein erster Gedanke auf Sarah. So scharf wie er nur konnte, hatte er sein eigenes Herz erforscht. Es war ihm aber nicht möglich, mit Sicherheit zu entscheiden, ob die Freude, die er in ihrer Gesellschaft empfand, das Emporkeimen einer sündhaften Liebe, oder vielmehr herzliches Gefühl von Freundschaft und Ergebenheit für dieses Mädchen sei, das besser und reiner war als alle anderen. Als er darüber nicht zu einem bestimmten Schluß hatte kommen können, und da der Gedanke ihn zu beunruhigen und zu ängstigen begann, war er eines Tages zu Madame Torvestad gegangen und hatte sie ohne Umschweife gefragt, ob sie ihm den Rat geben könne, er solle sich verheiraten, und ob sie ein christlich gesinntes Mädchen kenne, das sie ihm zur Frau empfehlen wolle. Madame Torvestad wurde dadurch nicht überrascht. Es war unter Hauges Freunden und namentlich unter den Herrnhutern nichts Ungewöhnliches, daß sich die Jüngeren in solchen Angelegenheiten von den Aelteren leiten ließen. Man wollte sogar wissen, daß der selige Torvestad dereinst seine Frau in Christiansfeld durchs Los erhalten habe. Andererseits aber lag es der Madame Torvestad so nahe, an ihre Töchter und namentlich an Sarah zu denken, daß Hans Nielsens Anfrage fast als ein Antrag anzusehen war. Sie antwortete aber ausweichend; sie glaube nicht, daß er, ein so beliebter Prediger schon jetzt seine Reisen im Lande aufgeben dürfe, und er könne selbst einsehen, daß, wenn er erst verheiratet wäre, er sich nicht so leicht von Hause losmachen könne. Sie fügte hinzu, daß sie zur Zeit auch kein Mädchen kenne, das sich besonders gut für ihn eigne. Hans Nielsen ward durch diesen Bescheid schmerzlich berührt. Er konnte nicht begreifen, was Madame Torvestad dagegen haben könne, ihm ihre Tochter zu geben. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß die Madame andere Pläne haben könne, aber noch weniger dachte er daran, sich ihrem Willen zu widersetzen oder ihn zu umgehen. Er bestrebte sich im Gegenteil, zu der Ueberzeugung zu kommen, daß sie recht habe, und es gelang ihm dies auch nach einiger Ueberwindung. Eine Woche war seitdem vergangen und Hans Nielsen hatte in dieser Zeit sich selbst genau beobachtet. Er sagte sich, daß, wenn ihn heftiges Verlangen zu Sarah gezogen hätte, so müßte er tiefen Schmerz gefühlt haben, als er seine Hoffnungen getäuscht gesehen. Aber wenn er aufrichtig gegen sich sein wollte, so fühlte er keinen tiefen Schmerz. Gewiß wäre er sehr glücklich gewesen, wenn sein Wunsch erfüllt worden wäre; allein da er nun, obgleich er in ihrer Nähe verblieb, weder einen Drang empfand, sich ihr noch weiter zu nähern, oder aus Besorgnis an sündhaftem Begehren, sie zu fliehen, so gewann er die Ueberzeugung, daß seine Gedanken rein seien, und er ward ruhiger, aber auch etwas schwermütig. Nun kam jener Brief, dazu der Argwohn, der in Sivert Jespersens Worten versteckt lag, und dann zuletzt die Gefühle, die auf ihn einstürmten, als er sie singen hörte. Alle seine Zweifel regten sich wieder, und wie er so allein im trauten Stübchen saß und es dort immer dunkler ward beim herannahenden Abend, kam sein Blut stärker in Wallung, und Gedanken, die er nie zuvor gehabt, traten heran, um sich gegenseitig anzuklagen und zu verteidigen. Weshalb wollte er nicht von dannen ziehen und in den Winter hinein seinem Beruf von Hütte zu Hütte folgen? Weshalb zog es ihn nicht hin zu all den Armen und Bekümmerten, welche ringsumher im Lande in ihrer Einsamkeit mit Zweifeln und Anfechtungen kämpften? Warum sehnte er sich nicht wie früher nach dem Kampf mit den bösen Mächten? War es nicht so, wie Sivert Jespersen gesagt hatte: er befand sich zu wohl in seiner Umgebung? Und war es nicht wiederum Sarah, nur Sarah, die daran schuld war? Er fühlte, daß eine der bösen Stunden herankäme, die ihn bisweilen, zumal als er jünger war, heimsuchten. Er rang die Hände und betete, der Geist möge ihn erleuchten und das Dunkel zerstreuen. Er krümmte sich wie im Schmerz zusammen und atmete kurz und beschwerlich, und die Gedanken wirbelten an ihm vorbei, böse Gedanken, häßliche, unreine Gedanken, die nicht sein eigen waren; statt sich selbst ernsthaft zu prüfen, erinnerte er sich der Zweifel und Spöttereien, die er gehört; wilde verwirrte Bilder jagten ihm durch den Kopf, und wenn er einen Entschluß fassen, einen festen Punkt aufstellen wollte, um der furchtbaren Anfechtung zu entgehen, so ließ ihn alles im Stich, er lag machtlos da, gefesselt an Händen und Füßen, und der Teufel selbst stand vor ihm und grinste ihn an. Da rief er laut: »Weich von mir, Satan!« und ermattet und vernichtet warf er sich ins Sofa auf sein Angesicht. Aber als er seine Augen schloß, war es ihm, als ob kleine feurige Zungen hinter den Augenlidern flammten, sie sammelten sich, flimmerten, verschwanden und kamen wieder, bis es ihm plötzlich schien, als habe er in einem Moment vor den geschlossenen Augen in der Dunkelheit die Worte: »Zieh fort!« gelesen. Er sprang auf und sah sich in der halbdunklen Kammer um, indem er ausrief: »Zieh, zieh fort!« Es wurde klar in seinem Kopf, und es ward stiller in ihm, er war erhört worden: der Geist hatte ihn erleuchtet und die Finsternis verjagt, und er kniete nieder und dankte. Dann warf er Rock und Weste ab, öffnete das Fenster und ließ den herabströmenden Regen sich über sein Gesicht ergießen. Nun war er über sich selbst zur Klarheit gekommen. Es war wirklich Gefahr vorhanden; er mußte fort, je eher je lieber, und nun sehnte er sich – ja Gott sei gelobt – er sehnte sich nach dem Kampf mit den bösen Mächten. Er zündete sein Licht an und rasierte sich, ohne daß ihm die Hand zitterte, er war völlig ruhig geworden; wohl etwas matt, aber wunderbar froh und zufrieden. Dann wusch er sich über den ganzen Körper und zog reine Kleider an. Hans Nielsen war von schöner, kräftiger Gestalt, seine Stirn war nicht sehr hoch, aber breit und offen. Das dunkle Haar war etwas steif, weshalb er es ganz kurz geschnitten trug. Seine Nase war groß und gebogen, der Mund mit den schmalen Lippen festgeschlossen, das Kinn rein und kräftig. Da die Lippen so schmal waren und er keinen Bart trug, traten, wenn er sprach, beide Reihen seiner starken, gleichmäßigen Zähne weit hervor; und viele in der Versammlung konnten, wenn er sang oder vorlas, das Auge nicht von diesem Munde abwenden, einem Munde so rot und weiß, so frisch und sauber, der niemals durch Tabak und geistige Getränke verunreinigt wurde. Reinheit war überhaupt das Wort, das zum Manne paßte. Dies galt nicht nur von seiner Kleidung und seiner Wäsche, sondern auch von dem Antlitz mit den großen offenen Zügen und dem glattrasierten, starken Kinn. Und aus den grauen klaren Augen leuchtete ein so heller und doch ernster Strahl, daß manche den Blick nicht zu ertragen vermochten. Sein Auge hatte nicht den scharfen, stechenden Blick, welchen viele seiner Mitbrüder in den Sünder hineinbohrten, als wollten sie in tiefe Abgründe verborgener Bosheit eindringen. Hans Nielsens Blick machte den Eindruck, als erwarte er, dieselbe Reinheit zu finden, wie die, aus der er hervorgegangen war; und das war wohl der Grund, weshalb die meisten zur Seite sehen mußten, wenn er gerade vor ihnen stand. Fast alle Haugianer der Stadt waren in der Versammlung, da es Samstag war. Es entstand eine freudige Bewegung unter ihnen, als Fennefos zu Endre Egeland, der am kleinen Katheder stand, um aus der Postille vorzulesen, herantrat und ihn bat, ein paar Worte zur Versammlung sprechen zu dürfen. Alle setzten sich zurecht, um dem beliebten Redner gut zuhören zu können; es war recht lange her, daß er zu ihnen gesprochen. Viele wurden jedoch schmerzlich überrascht, als er begann: »Geliebte Brüder und Schwestern, ich bin gekommen, um Abschied von euch zu nehmen.« Allen aber that es wohl, seine Stimme wieder zu hören. Die Alten nickten entzückt mit dem Kopfe und lächelten einander zu: das waren einmal wieder der Ton, die kräftigen wohlbekannten Worte aus Hauges Tagen, die nach und nach durch so viele Einflüsse abgeschwächt worden waren. Hans Nielsens Haltung war eine andere, als die man bei denen zu sehen pflegte, die sonst die Versammlungen leiteten; seine Stimme war nicht kläglich, sein Haupt nicht gebeugt und er lächelte nie. Hoch aufgerichtet und geraden Hauptes stand er unter ihnen da, seine Bewegungen waren einfach und gemäßigt, aber sein helles Auge drang überallhin und erleuchtete gleichsam selbst den entferntesten Winkel. Zuerst ermahnte er die Versammlung voll Ernst und Nachdruck, dann dankte er allen herzlich für gute und treue Brüderschaft, ja er wandte sich sogar auf eine Weise, daß alle es merken mußten, an Sivert Jespersen, als er insbesondere denen seinen Dank aussprach, die ihm die Hand gereicht hatten, als er nahe daran war, zu straucheln und sich zu verirren. Er schloß mit einem Gebet, das sich lange bei den Freunden in der Erinnerung erhielt. Es war dies einer von den Augenblicken, wo die Worte wie ein Sturmwind über ihn kamen und sein ganzes Wesen gleichsam von Innigkeit und Begeisterung erglühte. Als er geendet hatte, drängte sich alles um ihn her, um seine Hand zu drücken und noch ein Wörtchen von ihm zu erhalten, denn es war ungewiß, wann man ihn wiedersehen werde. War ein so beliebter Prediger erst auf der Reise, so war es vorauszusehen, daß man ihn überall gern haben und gern hören wollte und daß er so von Ort zu Ort weiter ziehen müsse. Fennefos war in der That auch eine der festesten Stützen der Gemeinde. An vielen von den anderen, namentlich Endre Egeland und Sivert Jespersen, haftete etwas wie ein kleiner Makel; wenigstens sprachen die Leute übel von ihnen, denn man war von allen Seiten umringt von Spöttern und Verleumdern. Auf Hans Nielsen aber hatte niemals der geringste Schatten geruht. Ja es sprach sogar der neue Prediger in der Stadt, der sich den Haugianern nähern zu wollen schien, mit großer Anerkennung von ihm. Das erfüllte die Brüder mit großem Stolz, denn es war in der That eine höchst seltene Ausnahme, daß einem Laienprediger von einem wirklichen Geistlichen Lob gezollt wurde. Hans Nielsens Abreise ward auf einen der nächsten Tage festgesetzt, sobald die Aeltesten die Briefschaften, die man ihm mitgeben wollte, angefertigt hätten, und die Bücher und Schriften, die er auf seiner Wanderung austeilen sollte, geordnet wären. Es war am Schluß des Oktober und Hans Nielsens Absicht war, längs der Küste bis Christiansund hinauf zu gehen, und an jedem Ort, wo sich Freunde fanden, sie um sich zur Erbauung zu versammeln. Vom Christiansund wollte er durch das Sätersthal ziehen, um womöglich um die Weihnachtszeit in seinem Heimatsort einzutreffen. Siebentes Kapitel Es war nicht Heuchelei, wenn Madame Torvestad stets davon sprach, wie lieb es ihr sei, daß Hans Nielsen in ihrem Hause wohne, und wie leid es ihr immer thäte, wenn er dasselbe verlassen müsse. Diesmal jedoch sagte sie nichts davon, daß ihr Hans Nielsens Abreise in diesem Augenblick sehr gelegen komme. Sie spannte jetzt alle Segel aus, um den Schiffer Worse für ihre Tochter zu erobern. Was sie eigentlich dazu bewog, war nicht leicht zu ergründen. Anderen Leuten gegenüber würde sie gern ihr Interesse für eine arme verirrte Seele, die nur auf diese Weise vom Verderben errettet werden könne, vorgeschoben haben; alle diejenigen, welche sie genauer kannten, wußten, daß ihre stärkste Leidenschaft ein immer wachsendes Verlangen nach Macht und Einfluß sei. Und dafür war Jakob Worse eine gar wertvolle Eroberung, namentlich seit er mit der Firma Garman in Verbindung getreten war. Das würde nicht nur die Gemeinschaft der Brüder nach außen stärken, sondern – was für sie die Hauptsache war – da sie denselben diesen neuen kostbaren Zuwachs zugeführt hatte, ihre eigene Stellung unter ihnen befestigen. Denn daran zweifelte Madame Torvestad nicht, daß es ihr gelingen werde, aus Jakob Worse einen Bruder zu machen, Sie hatte viel von der Welt gesehen und sie hatte mehrere ältere Männer gekannt, die sich mit jüngeren Mädchen verheiratet hatten. Sie berechnete, daß sie durch ihre Tochter auf ihn einwirken, daß ihr Einfluß sich über seine ganze Thätigkeit ausbreiten, daß die Gemeinde ihr danken, daß endlich die Sache des Herrn gefördert würde. Sarah sah alles kommen. Seit jenem Gespräch über den Weinstock war sie nicht länger in Ungewißheit darüber, was ihr beschieden sei. Als Hans Nielsen reiste, schenkte er ihr das Kostbarste, was er besaß: einen eigenhändigen Brief von Hauge an seine Mutter. Das Papier war vergilbt und abgenutzt und die Tinte gebleicht. Fennefos, der das Buchbinderhandwerk erlernt, hatte eine zierliche Mappe zur Aufbewahrung des Briefes angefertigt und darauf ihren Namen nebst einer Bibelstelle angebracht. Unter den Frauen ward viel darüber gesprochen; man fand es merkwürdig, daß Hans Nielsen sich von einem solchen Kleinod trennen wolle. Kam man aber zur Madame Torvestad mit einer solchen Andeutung, so erfolgte eine so scharfe, eiskalte Zurückweisung, daß sie nicht wiederholt ward. Sarah ward verwirrt, aber froh und glücklich über die Gabe und die herzlichen Worte, die er ihr zum Abschied sagte – sonst fühlte sie sich unglücklich, hoffnungslos unglücklich. Nachts lag sie im Bette und weinte und betete um die Gnade, daß sie sich selbst überwinden möge. In einer solchen Nacht kam die Mutter in Sarahs Schlafkammer. Es war ganz dunkel, und Sarah, aufgelöst in Thränen, merkte nichts, bis sie die Mutter sagen hörte: »Nun kannst du sehen, liebes Kind, wie sehr ich recht hatte; danke dem Herrn, daß du beizeiten die Gefahr gewahrtest.« Sie sagte dies so gebietend und vorwurfsvoll, daß Sarah sich im Bett erhob und lange Zeit sitzen blieb, ohne zu weinen oder zu beten, während schwere trotzige Gedanken in ihr aufstiegen. Sie hatte keine Kraft, dagegen anzukämpfen; willenlos ließ sie die bösen Gedanken ziehen, wohin es ihnen gelüstete – nach all den Fehlern, die sie jemals bei den Brüdern entdeckt oder bei der Mutter geahnt hatte, nach dem Schiffer Worse, der stets nach Tabak roch und Verwünschungen ausstieß, so daß es ihr vor ihm ekelte – und weit, weit hinüber nach verbotenen Gegenden, voll Sonnenschein und Glück, wo sie allein war mit einem hohen starken Manne mit frischem Munde und weißen Zähnen. Und sie warf sich wieder zurück ins Bett und verfiel in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen, und am nächsten Morgen war es ihr, als ob ein Berg von Elend auf ihr laste. Schiffer Worse ahnte anfangs nichts von dem Glücke, das ihm zugedacht war. Es bedurfte mehrerer deutlichen Fingerzeige von seiten der Madame Torvestad, ehe er sich mit dem Gedanken vertraut machen konnte, daß die hübsche Sarah, die er als kleines Mädchen gekannt und gesehen hatte, wie sie heranwuchs, seine Frau werden solle. Als er sich aber erst an den Gedanken gewöhnt hatte, ward er von jener Liebe ergriffen, wie sie ältere Männer ankommen kann und die sie verjüngt, aber auch blind macht. Der Fischfang hatte in diesem Jahre einen ganz ungewöhnlich reichen Ausfall. Jakob Worse war unermüdlich thätig und stets in der vorzüglichsten Stimmung. Ueberall begleitete ihn der Gedanke an Madame Torvestads gemütliche Wohnung, den traulichen Platz neben Sarah, die feinen weißen Hände, die ihm den Thee brachten, in den Madame Torvestad, als ganz besondere Vergünstigung, einige Tropfen Rum träufelte, und wenn er mitten in der emsigsten Arbeit begriffen war, konnte plötzlich ein listiges Lächeln, ja fast etwas Träumerisches die verwetterten Züge überfliegen, was die anderen aber kaum bemerkten und keiner verstand. Noch niemals war er so unternehmend und so vom Glück begünstigt gewesen. Er machte in Gemeinschaft mit der Firma Garman bedeutende Geschäfte und ließ sich auf große Einkäufe ein. Munter und lebhaft wie ein Jüngling versetzte er, wenn er kam, alles in die beste Laune und es herrschte nur eine Stimme darüber, daß Worse ein verteufelter alter Herr sei. Dies durfte man aber beileibe nicht so sagen, daß er es hörte. »Der Henker mag alt sein,« rief er aus und schob das Glas von sich, wenn jemand ungeschickterweise den Vorschlag machte, ein Glas auf das Wohl des alten Worse zu trinken. Wenn er nach schwerer Arbeit sein Tagewerk vollbracht, eilte er nach Hause, um sich umzukleiden. Er machte die sorgfältigste Toilette und sparte die Seife nicht, um jede Spur seiner Beschäftigungen auf dem Speicher unter den Heringsfässern zu vertilgen. Ja er badete sich sogar – das hätte Randulf nur wissen sollen – mit wohlriechendem Wasser, das Lauritz ihm insgeheim hatte verschaffen müssen. Dann bürstete und striegelte er das ergrauende Otternfell auf seinem Haupte und strich es in steifer Masse vor die Ohren. Nach diesen Vorbereitungen begab sich Kapitän Worse, der Compagnon der Firma Garman und Worse, in sein Hinterhaus zur Madame Torvestad. Er hatte etwas treuherzig Ritterliches an sich, wenn er dort den Hof machte, was ihm nicht übel stand, und was sich noch besser ausgenommen haben würde, wenn die Mutter und nicht die Tochter der Gegenstand seiner Bewerbung gewesen wäre. Dem munteren Kapitän aber wäre es gewiß nie im Traume eingefallen, sich mit einer bejahrten, überfrommen Witwe zu verheiraten, und das hatte Madame Torvestad auch sehr bald erkannt. Als sie dann aber sah, wie Worses Neigung zu ihrer Tochter im besten Zuge sei, und wie er voll jugendlichen Eifers immer näher rückte, veränderte sie plötzlich ihre Taktik; sie ward zurückhaltend, konnte seine Andeutungen nicht verstehen, und als er sich dann unumwundener ausdrückte, war sie unerschöpflich in Einwendungen. Sarah sollte teuer erkauft werden. Zuerst führte sie den großen Unterschied im Alter an; sie müsse, sagte sie, gestehen, daß sie sich ihn nicht so groß vorgestellt, sie habe wirklich nicht geglaubt, daß Kapitän Worse den Fünfzigen schon so nahe sei. Doch wäre darauf noch nicht das größte Gewicht zu legen; das Bedenklichste sei der Zustand seiner Seele, seine gottlosen Reden, sein weltlicher Sinn und sein Festhalten an allem, was dieser Welt angehöre. Worse räumte ein, daß er wohl nicht zu Gottes besten Kindern zu rechnen sei, aber er sei doch auch keins von den schlechtesten und er könne sich auch bessern. Natürlich müsse er sich bessern, hieß es, wenn er ernstlich daran denke, Sarah zum Weibe zu bekommen; er müsse sich in vielen Beziehungen ganz verändern. Worse ging auf alles ein. Er vermeinte, eine unbegrenzte Anzahl der längsten Erbauungen aushalten zu können, wenn er nur bei seiner Sarah sitzen und sie dann heimführen dürfe. Dennoch standen die Unterhandlungen still, Worse wußte schließlich nicht, ob es damit vorwärts oder zurück ginge. Er war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Von Sarahs eigenem Willen war zwischen der Mutter und dem Freier wenig die Rede. Madame Torvestad kannte ihre Tochter, wie sie sagte, und Jakob Worse, der ziemliche Erfahrungen in Liebesabenteuern hatte, bildete sich ein, daß, wenn Sarah vor seinem Blick erröte, wenn sie nicht mit ihm allein sein wollte und seine Geschenke zurückwies, dies die Weise der spröden Mädchen sei, von denen er gesungen und die er am Gestade der Ostsee und des Mittelmeeres oft genug gesehen hatte. – Obwohl Konsul Garman sich scheinbar wenig um die Begebenheiten in der Stadt kümmerte, hatte er doch feine Fühlhörner dahin ausgestreckt, und man wußte auf Sandsgaard recht gut Bescheid davon, was da drinnen vorging. Namentlich die beiden Fräulein interessierten sich für alle Neuigkeiten aus der Stadt – alle ohne Ausnahme. So konnte es nicht ausbleiben, daß dem Konsul Jakob Worses Bewerbungen um Sarah zu Ohren kamen und das erregte seinen Unwillen und seine Bekümmernis. Einmal war es ihm durchaus zuwider, daß sein Compagnon sich überhaupt auf eine neue Heirat einließ, denn dies konnte nur dazu beitragen, Unklarheit in ihr Verhältnis zu bringen. Dann aber dachte er mit einem Gefühl der Beängstigung daran, daß diese heilige Familie, mit der Worse in Verbindung zu treten beabsichtigte, ihm seinen braven Kapitän gänzlich verderben werde. Konsul Garman war nahe daran, die Haugianer zu hassen, obgleich er wenig von ihnen wußte. Aber es empörte ihn, daß die Religion, die dem Menschen zur Aufklärung und Erziehung in der Tugend und vernünftigen Bildung gegeben sei, von einigen durchaus unwissenden Fanatikern und Religionsschwärmern gemißbraucht würde, um dem gemeinen Manne, dem gerade am meisten ein gesundes und praktisches Christentum not thue, den Kopf zu verkehren. Er sandte deshalb sofort ein Boot aus, um Kapitän Worse nach Sandsgaard zu holen, als die beiden Fräulein, die einander kaum zu Worte kommen lassen konnten, ihm erzählt hatten, daß Jakob Worse eine Tochter der frommen Madame Torvestad heiraten wolle. Als Worse kam, erzählte ihm der Konsul sehr eifrig, wie er in der Zeitung gelesen, daß in Bremen ein Schiff zum Verkauf ausgeboten sei. Sie nahmen die »Börsenhalle« vor, untersuchten die dort angegebenen Dimensionen, zogen das Alter und den wahrscheinlichen Preis in Erwägung und kamen zuletzt beide zum Resultat, daß es ein Schiff sein müsse, das gerade für ihre Firma passen würde. Der eine ward von dem Eifer des anderen angesteckt; es war ganz ungewöhnlich, daß der Konsul sich so kopfüber in einen neuen Plan stürzte, und ehe Worse noch recht zur Besinnung gekommen war, hatten sie die Abrede getroffen, daß Worse sogleich morgen oder übermorgen mit einem Bremer Schoner, der im Außenhafen auf Nordwind wartete, abgehen sollte, um das Schiff zu kaufen, wenn es der Beschreibung entspräche und sich überhaupt als brauchbar erweise. Dann solle er das Schiff entweder nach Sandsgaard führen, oder auf demselben eine Fracht nach irgend einem passenden Orte einnehmen. Voll Eifer und Geschäftigkeit nahm Worse Abschied, um sich zur Reise vorzubereiten; aber erst als er im Boote saß, fiel es ihm ein, daß er sich von Sarah trennen solle. Mit einem Mal verschwand das stolze Schiff, und das ausgezeichnete Geschäft erhielt in seinen Augen einen äußerst zweifelhaften Anschein. Sein Eifer erkaltete immer mehr und es kamen ihm tausend Einwendungen in den Sinn, während er durch den Hafen zurückfuhr. Konsul Garman aber rieb sich die Hände; er hatte noch zur rechten Zeit eingegriffen. Dann machte er Ueberschläge und Berechnungen über das Bremer Schiff und er mußte sich gestehen, daß es höchst zweifelhaft sei, ob das Geschäft gut ausfallen werde. Nachmittags bemerkte Madame Torvestad, daß Worses Mädchen unten im Hofe mit dem Ausklopfen und Reinigen von Reisekleidern beschäftigt waren, »Soll der Kapitän verreisen, Martha?« rief sie freundlich von dem Gange herab, der rund um das Hintergebäude führte und wo ihre Zimmer lagen. »Ja!« erwiderte Martha ziemlich barsch; Madame Torvestad war bei den Mädchen nicht sehr beliebt, »Wohin wird er denn reisen?« »Weiß nicht, aber es wird, wie ich glaube, eine sehr lange Reise werden, noch länger als das vorige Mal.« Martha hatte ein Gefühl davon, daß diese Nachricht die Madame ärgern würde, und darin hatte sie recht. Madame Torvestad geriet sogar in die höchste Bestürzung. Sie bewahrte aber äußerlich ihre Ruhe, kehrte in ihre Zimmer zurück und dachte eine Weile nach. Dann rief sie: »Sarah, setz den Theekessel übers Feuer. Martha sagt, der Kapitän Worse wolle reisen, ich denke aber, daß sie sich irrt. Was meinst du dazu?« »Ich? Mutter!« Madame Torvestad hatte mehr sagen wollen, aber es lag ein so sonderbarer Ausdruck in Sarahs Gesicht, daß sie es aufgab. Sarah ist klug, dachte sie: es thut nicht not. Darauf strich sie ihr Haar zurecht, zog ihren Ueberwurf an und ging aus dem Hause. Sie nahm ihren Weg nicht über den Hof, wo Martha noch immer beschäftigt war, sondern sie ging um das Haus herum zur Straßenthür. Jakob Worse sprach in sehr übler Laune mit seinem Packhausvorsteher, der zugleich sein Geschäftsführer in seiner Abwesenheit war. Worses Geschäft in der Stadt war nämlich von seiner Aufnahme in die Firma unberührt geblieben. Andererseits stand Sandsgaard mit all seinen verschiedenen Anlagen ausschließlich unter dem Konsul. Die Gemeinschaft erstreckte sich in der That nur auf gewisse Zweige der Thätigkeit der Firma, in denen Worses Kapital hauptsächlich angebracht war, wie namentlich die Schiffsreederei und was damit in Verbindung stand. Als Worse die Madame Torvestad eintreten sah, schickte er seinen Gehilfen fort und grüßte etwas verwirrt. »Ich komme, Ihnen eine gute und gesegnete Reise zu wünschen, Kapitän Worse!« »Ich danke, hm – ich danke vielmals, Madame, ich wollte aber –« »Wird die Reise lange dauern?« »Es läßt sich darüber nichts Bestimmtes sagen. Er will haben, daß ich –« »Wer, sagten Sie?« »Der Kunsel, Kunsel Garman; er sendet mich nach Bremen, um ein Schiff zu kaufen.« »Sendet?« sagte Madame Torvestad mit ungläubigem Lächeln; »ich hätte nicht geglaubt, daß der eine Compagnon so ohne weiteres den anderen senden könnte.« »Compagnon! oh ja – sehen Sie! Er ist doch der Kunsel Garman und ich bin der Schiffer Worse; anders wird die Geschichte wohl niemals. Und außerdem, wenn es darauf ankommt, ein Schiff zu kaufen, so ist das gerade etwas für mich.« »Es wundert mich, ja es betrübt mich, daß Sie mir nicht geradezu den wahren Grund Ihrer Abreise sagen. Das hätten wir doch von Ihnen erwarten können.« Er starrte sie mit offenem Munde an. »Ich kann Sie versichern, Herr Kapitän Worse, daß ich sehr wohl begreife, daß Sie jetzt reisen wollen, um aus der ganzen Geschichte heraus zu kommen.« Sie würde in diesem etwas drohenden Tone noch weiter geredet haben, wenn nicht der Kapitän halb erzürnt und mit gerötetem Gesicht aufgesprungen wäre. »Hören Sie, Madame Torvestad,« rief er eifrig, »nun thun Sie mir meiner Seel' unrecht, ja, Sie müssen entschuldigen, daß ich heftig werde; aber ich kann nicht anders – erst habe ich mich fast grün und gelb geärgert über die vermaledeite Reise und hin und her spekuliert, wie ich mich davon freimachen könnte, und jetzt kommen Sie hier an und erzählen, daß ich mich wie ein schlechter Kerl betragen will. Die ganze Welt ist wohl verrückt geworden?« Damit ging er stürmisch im Zimmer umher und strich sich über sein Otternfell. Die Madame aber betrachtete ihn wohlgefällig und es fiel ihr ein Stein vom Herzen. Die nervöse unruhige Stimmung, in der sie sich bei ihrem Eintreten befand, verschwand völlig und sie konnte wieder in ihren gewöhnlichen überlegenen Ton, wie ihn eine Mutter einem zweifelhaften Freier gegenüber anschlagen muß, fallen. »Ich kann nicht leugnen, daß ich nach dem, was in der letzteren Zeit zwischen uns vorgefallen war, sehr überrascht wurde, als ich von Ihrer plötzlichen Reise hörte.« »Glauben Sie denn, daß ich nicht auch daran gedacht habe? Der Teufel hole das Bremer Schiff! Könnte ich nur einen Vorwand oder einen Ausweg finden –« »Nun, vor zwanzig Jahren würde Jakob Worse schon einen Ausweg in einem solchen Fall gefunden haben!« Das hieß, ihn an seiner schwachen Seite angreifen. Daß jemand von ihm meinen sollte, er sei ein alter Tropf, der nichts mehr von Liebe verstände, brachte ihn in die höchste Aufregung, und er gab der Madame eine Schilderung seiner Gefühle, so glühend und aufrichtig, daß sie alles aufbieten mußte, um ihn zu beschwichtigen. »Gut, gut, Kapitän Worse, ja, ja – ich zweifle nicht daran,« rief sie zu wiederholten Malen; »aber es ist mehr vonnöten als die irdische Liebe, wie treu diese auch sein möge. Der Mann, dem ich getrost mein Kind, meine Sarah sollte anvertrauen können, müßte an sie auch durch die gemeinschaftliche Liebe zum Herrn fest und dauernd gebunden sein. Und wie oft habe ich Ihnen nicht gesagt! Ihr Leben als Seemann ist reich an Versuchungen und wenig geeignet, stille Früchte in der Bekehrung zu tragen.« »Ach, ja gewiß, Madame, wir haben alle ein schwaches Fleisch in vielen Stücken,« erwiderte Schiffer Worse, welcher hoffte, eine Bibelstelle gefunden zu haben. »Sehr wahr, Kapitän Worse, der eine mehr, der andere weniger. Aber eben darum sollen wir ein Leben scheuen, welches so viele Versuchungen mit sich bringt. Setzen wir den Fall, daß ich Ihnen meine Tochter gegeben hätte, und Sie dann plötzlich gleich nach der Hochzeit abgereist wären.« »Nein, liebe Madame, das wäre wahrhaftig nicht geschehen, darauf können Sie sich heilig verlassen!« »Wenn ich nun – ich will den Fall setzen – Ihnen meine Einwilligung gäbe, glauben sie dann, daß der Konsul – daß Ihr Compagnon Ihnen gestatten würde, die Reise aufzuschieben?« »Natürlich, natürlich, das können Sie doch begreifen!« – Worse ward ganz aufgeregt bei der Aussicht, die ihm eröffnet wurde. »Könnte ich mich darauf verlassen?« »Ja, bei meiner S–« »Schwören Sie nicht; ich glaube Ihnen eher ohne das. Setzen Sie sich nieder und hören Sie, was ich Ihnen darüber sagen will. Ich habe in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht. Es ist mir, als spräche immer eine innere Stimme in mir, daß in dieser Verbindung mit meiner Tochter eine Rettung für Ihre Seele läge. Ja – ich hatte sogar nach vielem Erwägen und Prüfen daran gedacht, die Hochzeit auf nächsten Sonntag festzusetzen –« »Was, was sagen Sie?« rief er und sprang vom Stuhle in die Höhe, »o Madame, Sie sind doch eine ganz verteufelt prächtige Frau!« »Aber jetzt, da ich sehe, daß eine plötzliche Reiseordre Sie Ihrer Familie entreißen kann, um Sie wieder in Versuchungen und Gefahren zu stürzen, die leicht – wir wissen wie leicht! – die guten Keime ersticken und Sie wieder zu einem verlorenen Schaf machen können, jetzt darf ich nicht mehr daran denken, Ihnen mein Kind, meine geliebte Sarah, anzuvertrauen!« »Aber ich bitte Sie, liebe Madame, hören Sie mich doch, ich werde nicht reisen, ich will nicht reisen; ich gehe geradenwegs zum Kunsel und sage ihm, er solle sich einen anderen suchen; ich schwöre Ihnen, ich reise nicht!« »Diesmal vielleicht nicht, aber das nächste Mal, wenn es Ihrem Compagnon einfällt,« »Niemals! Wenn ich sie bekomme, so verspreche ich –« Er hielt inne; durch das Fenster sah er die Raaen von »Der Familie Hoffnung« draußen in der Sandsgaardbucht und die Madame sagte mit gezwungenem Lächeln: »Versprechen Sie nicht, was Sie nicht halten können, und bedenken Sie sich nicht, um unsretwillen zurückzutreten. Wohl ist Sarah vorbereitet, aber sie weiß noch nichts mit Gewißheit. Ich habe mit keinem der Brüder davon gesprochen und die Hochzeit sollte, wie ich mir dachte, in aller Stille gefeiert werden, wie es bei uns Sitte ist – nur mit dem Prediger und einigen wenigen Freunden. Ihr Haus ist fertig – Sie hätten sie bloß hineinzuführen gebraucht.« »Ich verspreche Ihnen, die See von dem Tage an zu verlassen, wo ich mit Ihrer Tochter verheiratet werde,« sagte Worse und streckte die Hand aus. Er stellte sich vor, wie er Sarah in seine Stuben einführen und die Thür hinter ihr zuschließen werde, um sie stets bei sich zu haben. Die Madame aber sagte: »Es ist ein zweifelhaftes Ding. Ich habe von vielen Seeleuten gehört, die nicht von der See lassen konnten, obwohl sie zu Jahren gekommen waren, es ihnen an Geld und Gut nicht fehlte und sie Weib und Kind hatten. Dergleichen sieht man, obgleich ich es wahrlich nicht zu begreifen vermag. Ich meinesteils bin der Ansicht, der Seemann müsse Gott danken für einen ruhigen Hafen nach einem sturmvollen Leben.« »Sie haben recht, Madame. Gerade so will ich es haben. Geben Sie mir Ihre Tochter und Sie werden sehen, daß ich mich in allen Stücken bessern werde, wie Sie es wünschen.« Sie reichten sich die Hände, Worse drang darauf, daß sie sogleich zu Sarah gingen. Als sie aber über den Hof schritten, wo Martha die Weisung erhielt, die Reisekleider wieder wegzuhängen, ward Worse die Sache doch etwas bedenklich. »Was wird sie aber dazu sagen?« fragte er leise. »Sarah wird treu und liebevoll gegen den Mann sein, welchen ihre Mutter im Vertrauen auf Gott für sie gewählt hat,« erwiderte Madame Torvestad in einem zuverlässigen Ton, der ihn sehr beruhigte. Sarah hörte sie kommen; sie hatte es erwartet, und es war keine Spur von all den Thränen, die sie vergossen hatte, mehr zu sehen. Bleich wie immer trat sie gesenkten Blicks in die Stube, als die Mutter sie hereinrief. »Sarah! Hier stellt der Mann, der dich zum Weibe begehrt. Ich habe in deinem Namen versprochen, daß du ihm eine treue, liebevolle Gattin vor Gott und Menschen sein willst. Nicht wahr, mein Kind, du wirst den Willen deiner Mutter erfüllen und so dem Gebot Gottes gehorchen?« »Ja, Mutter.« »So gebt euch einander die Hände, in Jesu Namen, Amen!« Worse war bewegt, er versuchte, etwas davon zu sagen, daß er gegen sie wie ein Vater sein wolle; als er aber mitten im Satze war, schien es ihm nicht recht passend, und als er dann verbessern wollte, kam kein rechter Sinn hinein, so daß er zuletzt Madame Torvestads Hand ergriff und sie unmanierlich preßte. Die Hand seiner Verlobten aber nahm er ganz vorsichtig, fühlte aber mit großem Behagen, wie fein und weich sie sei. Sein ganzes Benehmen war an jenem Abend höchst ungeschickt, allein er war von seinem Glück so erfüllt, daß er auf den Ausdruck in Sarahs Gesicht nicht weiter achtete. Als er in seine Wohnung zurückkam, ging er lange in glückseligen Träumen auf und nieder. Es war heute Dienstag – nur noch vier Tage bis Sonntag! Bis dahin wollte er sein Haus aufputzen; es war bei weitem nicht sein genug für seine junge Gattin. Als Worse fortgegangen war, hieß die Madame ihre Tochter Henriette zu Bette gehen; Sarah wollte mitgehen, aber die Mutter hielt sie zurück. »Jetzt mußt du Gott für all seine Güte danken, Sarah!« »Ja, Mutter!« »Willst du nicht auch mir danken?« Sarah schwieg und rührte sich nicht. Es fuhr der Mutter ein Stich durchs Herz. »Sarah!« sagte sie mit scharfem Ton. Aber als Sarah aufsah, lag in ihrem festen Blick ein Ausdruck, vor dem die Mutter zurückwich. Sie fragte nicht mehr, sondern sagte nur gute Nacht und Sarah ging hinaus. Madame Torvestad fiel in tiefe Gedanken. Es stiegen ihr Erinnerungen aus ihrer Jugend auf und die waren keineswegs angenehm. Auch sie war an einen Mann gegeben, den sie nicht kannte; auch sie war viel jünger gewesen als er; aber er hatte es verstanden, sie auf die rechte Weise zu nehmen. Wohl gedachte sie der Thränen, die sie anfangs vergossen; aber später war es besser geworden. Sie war vor weltlicher Eitelkeit und leichtsinnigen Liebesträumen bewahrt geblieben und davor wollte sie auch ihre Kinder behüten. Aber dieser Blick der Tochter traf eine schwache Stelle in ihrem Inneren, wo er sich tief einbohrte und wie ein Stachel stecken blieb. Sie, die sonst ihrer selbst und ihrer Handlungen so sicher war, ward jetzt von peinlichem Zweifel ergriffen. Alle die alten Erinnerungen und eine unbestimmte Besorgnis, daß sie die stille Tochter doch nicht von Grund auf kannte, machten ihren Schlaf unruhig und plagten sie mit bösen Träumen. Henriette aber, welche die Schwester schluchzen hörte, warf sich auf ihr Bett und versuchte sie zu trösten. Achtes Kapitel. Der erste Schatten, der auf Schiffer Worses Glückseligkeit fiel, war die Begegnung mit dem Konsul Garman, als er sich nach Sandsgaard begeben hatte, um seine Verlobung zu melden, »Guten Morgen, Worse,« rief ihm der Konsul entgegen, »Eben war der Bremer Kapitän hier; er will Sie mit Vergnügen mitnehmen, und da er ganz segelfertig ist, so thäten Sie wohl am besten daran, wenn Sie heute nach Smörvig hinausführen. Unser Wagen soll Sie in der Stadt abholen. Sie können dann absegeln, sowie der Wind günstig wird.« »Ich danke bestens, Herr Kunsel – aber – hm.« »Ist etwas dazwischen gekommen?« »Ja – leider – ist etwas dazwischen gekommen.« »Doch kein Unglück?« »Nein – eher ein Glück,« schmunzelte Worse, dem durch die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, der Mut stieg; »ich will mich verheiraten,« »Tod und Teufel,« rief der Konsul, sich gänzlich vergessend; »hm, verheiraten wollen Sie sich – das kam mir etwas unerwartet; mit wem, wenn ich fragen darf?« »Mit einer Tochter der Madame Torvestad, die, wie Sie wissen, in meinem Hause wohnt.« »So? Ich glaubte nicht, daß Madame Torvestad eine Tochter von passendem Alter habe.« »Sie ist allerdings etwas jung – etwas jünger als ich,« erwiderte Worse, dem das Blut zu Kopfe stieg, »aber sonst ein sehr gesetztes und ernstes Mädchen.« »Ihre Familie gehört zu den ›Erweckten‹; haben Sie die Absicht, Haugianer zu werden, Kapitän Worse?« »Meiner Treu, nein,« erwiderte der andere und wollte lachen; der Ton des Konsuls verhinderte es aber. »Nun ja, mein lieber Jakob Worse, das müssen Sie mit sich selbst ausmachen,« sprach der Konsul und erhob sich, um ihm die Hand zu reichen; »nehmen Sie meinen Glückwunsch; mögen Sie diesen Schritt nie bereuen. Wann soll die Hochzeit stattfinden? Schon Sonntag! Nun, wahrhaftig, Sie haben Eile, ja, ja, wenn Sie es nur nie bereuen!« Als Worse fortging, war es des Konsuls erster Gedanke, ihm nachzueilen und ihm recht aus Herzens Grund eine Beschreibung der Haugianer und ihres ganzen scheinheiligen Wesens zu geben. Er besann sich aber. Morten Garman war ein kluger Mann, der seine Worte nicht gern verschwendete. Er hatte vom Schiffer Worse in der kurzen Unterredung genug gesehen und er war in den mancherlei Symptomen der Liebe hinlänglich bewandert. Worse fand die rechte Stimmung erst wieder, als er nach Hause zurückgekehrt war, obgleich die Scheuerfrauen und Handwerker aller Art, die hier ihr Wesen trieben, den Aufenthalt keineswegs behaglich machten. Worse aber ging vor Glück strahlend umher; bisweilen machte er einen Abstecher ins Hinterhaus, um Sarah einen Augenblick zu sehen. Aber auch hier hatte man alle Hände voll zu thun, und Sarah saß stets verschämt über ihre Arbeit gebeugt. So verbrachte er die Tage, ruhelos vor lauter Glück; am Freitag Morgen wiederholte er beständig: »Uebermorgen, übermorgen!« Er beachtete durchaus nicht, daß seine Freunde ihn aufzogen und ihm allerlei Unheil prophezeiten; sogar die unangenehme Begegnung mit dem Konsul vergaß er. Des Schiffes aber, für das sie beide so begeistert gewesen waren, ward niemals wieder mit einem Worte zwischen ihnen gedacht. Am Sonntag wurden sie vom Prediger in Madame Torvestads Behausung in Anwesenheit einiger Freunde getraut; und am Abend ward Sarah Jakob Worse übergeben, der sie in seine Wohnung einführte und die Thür hinter ihr schloß. Im Herbste kam endlich der Schiffer Randulf heim. Worse beeilte sich, mit ihm zusammenzutreffen und sie fingen sofort an, sich einander zu erzählen, wobei sie sich gegenseitig kaum zu Worte kommen ließen. Indessen war die Begegnung bei weitem nicht so interessant, wie Worse es sich gedacht hatte. Die Geschichten von Rio de Janeiro waren veraltet und der alte herzliche Ton von früher wollte nicht recht hervorkommen, bis Randulf endlich auf den Kern der Sache losging und sagte: »Nun, du alter Heide, du hast dich, wie ich höre, mit einer der elftausend klugen Jungfrauen verheiratet?« »Ja, Freundchen, ich sage dir, das ist ein prächtiges Frauenzimmer,« entgegnete Worse und blinzelte mit den Augen. »Nimm dich nur in acht, daß sie dich nicht zu einem Hasenfuß macht, wie Sivert Geschwind und die anderen.« »Hat keine Not, mein Junge; Jakob Worse hat schon früher mit Frauenzimmern zu thun gehabt.« »Nun, was das betrifft, Freund Jakob, so scheint es mir, daß es dir mit deiner ersten Frau nicht zum besten ging.« »Ach, sprich doch nicht von der, die war ja nicht recht klug. Nein, Sarah, das ist ganz was anderes –« und er hielt nun eine äußerst warme Lobrede über alle ihre Vorzüge. Thomas Randulf aber lächelte fortwährend ungläubig, was Jakob Worse höchlich ärgerte; er wurde immer eifriger in der Schilderung von Sarahs trefflichen Eigenschaften und seinem eigenen Glück, aber mit immer stärkerem Zweifel senkte sich Randulfs lange Nase über die emporgezogenen Mundwinkel, so daß Worse endlich der Sache überdrüssig ward und sich zum Fortgehen anschickte. »Nein, nein, Jakob, du darfst noch nicht gehen; hast du denn solche Eile? Noch ein kleines Glas!« »Ja, ich habe Eile, es ist halb zwölf Uhr und um zwölf essen wir zu Mittag,« »Aha, da fängt's schon an,« rief Randulf triumphierend; »du darfst keine Minute länger fortbleiben, als deine Frau es dir erlaubt hat. Natürlich darfst du auch kein Glas Wein mehr trinken; sie könnte es merken. Hahahaha! Du hast dir was Schönes zurecht gemacht, Jakob, während ich fort war.« Die Folge davon war, daß Worse bis halb ein Uhr sitzen blieb und daß er mit etwas gerötetem Gesicht und schwimmenden Augen heim kam. Seine Frau hatte mit dem Essen auf ihn gewartet. Sie war sehr ernst, ernster als gewöhnlich, und als er in einem munteren unbekümmerten Tone zu sagen versuchte: »Randulf ist heimgekommen,« antwortete sie ihm zu seinem großen Verdruß: »Ja, das sehe ich!« Schlimmer war es noch, daß sie ohne ein Wort zu sagen die Flasche vom Tisch nahm, denn Worse war es gewöhnt, ein Mittagsschnäpschen zu trinken. Er wagte aber keine Einwendungen zu machen. Die Nachwirkungen von Randulfs starkem Marsala machten sich geltend und er fühlte sich nicht so sehr Herr seiner Zunge, daß er es gewagt hätte, sich auf eine längere Erörterung einzulassen. Es herrschte deshalb bei Tisch tiefes Schweigen, und dann legte Worse sich aufs Sofa in der Wohnstube um zu Mittag zu schlafen. Sonst schlief er nur ein Stündchen; aber heute erwachte er erst um fünf Uhr und er war höchst erstaunt, als er sich in ein graues Tuch eingewickelt fand und vor dem Sofa eine Schale mit Hafersuppe stehen sah. Er lag stille und bedachte sich eine Weile. Der Kopf war ihm schwer und sein Gedächtnis dunkel und unzusammenhängend. Er erinnerte sich zweier Knaben, die ihn ausgelacht hatten, als er leichtfüßig über die Treppen vor dem Gewürzladen der Gebrüder Egeland hüpfte und daß er die Absicht gehabt, sich zum Polizeimeister zu begeben, um sie zu verklagen; auch erinnerte er sich deutlich einer Flasche, die sich entfernte und in einem Schrank verschwand, dann aber hatte er nur einen unbestimmten Eindruck von gekochtem Dorsch. Er wollte aufstehen, aber in demselben Augenblick trat Sarah vom Eßzimmer herein und rief: »Nein, nein, du bist krank, du mußt liegen bleiben.« »Ach was, Sarah, das hat nichts zu bedeuten. Es kommt bloß davon her, daß –« »Ich will die Mutter holen,« sagte sie und ging zur Thür. »Nein, nein, was soll die hier; dann will ich lieber liegen bleiben, wenn du es durchaus haben willst.« Er legte sich wieder hin und sie reichte ihm die Hafersuppe. Der milde Trank that ihm in seinem schlaffen dürstenden Zustande wohl; er dankte ihr und wollte ihre Hand ergreifen, sie aber zog sie zurück. Sie stand hinter ihm und betrachtete seinen grauen Kopf; es war gut für ihn, daß er nicht ihre Augen sah. Worse lag den ganzen Tag auf dem Sofa und befand sich wohl dabei in seiner Ermattung nach dem bösen Vormittagsrausch. Am nächsten Tage war er wieder ganz hergestellt. Doch wagte er nicht, nach der Flasche zu fragen; die war und blieb verschwunden. Von seinem Sohne Romarino erhielt Worse einen Brief, der ihn in sehr üble Laune versetzte. Der junge Herr warf ihm vor, welche Thorheit es gewesen sei, in so vorgerücktem Alter eine so junge Frau zu nehmen und beklagte sich dann ziemlich unumwunden über den pekuniären Verlust, welchem der Vater ihn ausgesetzt habe. Worse reichte Sarah den Brief; sie las ihn, während er brummend im Zimmer auf und ab ging, »Von dem jungen Manne ließ sich kaum etwas anderes erwarten; weder von seiner Mutter noch von dir hat er wohl etwas Besseres gelernt. Wie ihr säet, so sollt ihr ernten! Willst du, daß ich an ihn schreibe?« »Ja, dafür würde ich dir sehr dankbar sein,« erwiderte Worse erfreut; »da würdest du mir eine große Last abnehmen.« Sarah hatte es überhaupt, als sie erst Hand anlegte, verstanden, eine ganz andere Ordnung im Hause einzuführen, wo bisher, da die Hausmutter fehlte und der Mann so oft und lange abwesend war, so manches versäumt worden. In den ersten Wochen nach der Hochzeit hatte Sarah sich für gar nichts interessiert. Als ihre nur halb zur Entwicklung gekommene Jugend, ihre emporkeimenden Hoffnungen und verkümmerten Wünsche mit einem Schlage unbarmherzig niedergestampft wurden, fiel gleichsam ein dunkler Vorhang, der das Leben verhüllte und keine andere Aussicht ließ, als die Erlösung durch einen seligen Tod, mitten vor ihr nieder. Eines Tages aber war ein neuer Lebenskeim in ihr erweckt. Als sie aus der Stadt, wo sie einige Einkäufe gemacht, nach Hause kam, traf sie hier ihre Mutter, welche sich in den Stuben zu schaffen machte, Stühle längs den Wänden zurecht setzte und ihre kleinen geistlichen Bücher auf den Tischen umher ausbreitete. Als Sarah eintrat, sagte die Mutter mit einer Stimme, die nicht völlig so sicher war als sonst: »Ich habe mir gedacht, es sei besser die Versammlungen hier in deinen Stuben abzuhalten; sie sind doch heller und geräumiger.« »Hast du meinen Mann darum gefragt?« Meinen Mann! Es war das erste Mal, daß die Witwe diese beiden Worte so fest und sicher aus dem Munde ihrer Tochter hörte, daß sie unwillkürlich zusammenfuhr. Sarah begann ganz ruhig die kleinen Bücher der Mutter auf einen Haufen zu sammeln, den sie dann auf einen Stuhl neben der Thür legte; sie stellte einige Stühle wieder auf ihren rechten Platz und sagte ohne aufzusehen: »Ich will keine Versammlung in meinem Hause abhalten, ohne mich vorher darüber mit meinem Mann beraten zu haben.« »Daran thust du sicherlich recht, liebe Sarah,« erwiderte Madame Torvestad sehr freundlich, wenn auch mit bebenden Lippen; »ich hatte es wohl nicht recht bedacht. Ich hoffe, daß ihr heute abend zu uns hinüberkommen werdet.« »Wenn mein Mann will.« Damit ging die Mutter fort und nahm ihre Bücher mit. Sarah preßte die Hände gegen die Brust. War die Sache auch ganz still abgelaufen, so war es doch beiden bewußt, daß es ein Kampf gewesen sei, ein Aufruhr, in dem die Tochter über die Mutter gesiegt hatte. Sarah blieb eine Weile stehen und betrachtete die soliden Möbel aus Mahagoni, die neuen Gardinen, die Spiegel, den Schlüsselschrank, dessen Schlüssel sie selbst in der Tasche trug. Sie trat zum Schrank, schloß ihn auf und betrachtete all die kleinen und großen Schlüssel, die darin hingen. Wohl hatte sie ihren Mann in einer Anwandlung überströmenden Glückes sagen hören: »Siehe, dies alles ist nun dein! Du kannst damit machen, was du willst; und sollte etwas fehlen, wozu du Lust hättest, so sage es nur und es soll sofort da sein.« Sie hatte aber seine Worte nicht beachtet. Was kümmerte sie sich um all diese Dinge? Konnte irgend etwas ihr verlorenes Leben ersetzen? Erst dadurch, daß sie die Mutter in ihren Stuben sich als Herrin gebärden sah, ward sie aus ihrem traumähnlichen Zustand geweckt. Mit den gemeinschaftlichen Einkäufen, die Madame Torvestad anfänglich für beide Haushaltungen besorgte, hatte es ein Ende, Sarah nahm alles jetzt selbst in die Hand und glimpflich aber unerbittlich ward die Herrschaft der Mutter wieder auf das Hinterhaus beschränkt. Sarah war von Jugend auf tüchtig zur Arbeit angehalten worden und sie hatte die Gabe der Mutter, alles wohl zu ordnen und einzurichten, geerbt. Diese Gabe hatte sich aber bis jetzt nicht entwickeln können, denn die Mutter hatte die Tochter stets bevormundet und Sarah hatte sich wie ein Dienstmädchen plagen müssen – pflichtgetreu und gottesfürchtig, ohne anderes Interesse für die Sachen, die sie unter Händen hatte, als daß sie sie nicht zerbreche. Jetzt hatte sie ihren eigenen Haushalt, war frei und unabhängig und gebot über weit größere Mittel, als die Mutter. Die reiche Frau Worse, wie man sie in der Stadt zu nennen anfing, war eine ganz andere und weit bedeutendere Erscheinung als die verwitwete Madame Torvestad, und das Gefühl davon gab Sarah ein neues Interesse am Leben und nahm etwas von der Kälte, die sich über ihr ganzes Wesen gelegt hatte, hinweg. Als die erste schlimmste Zeit überstanden war, begrub sie ihre Träume und ihre Jugend so gut wie es gehen wollte, in Gebet und Beschäftigung mit Büchern, und ihr Hauswesen hielt ihre Gedanken von unfruchtbaren Grübeleien fern. Den größten Vorteil von dieser Veränderung hatte Jakob Worse. Selbst mitten in seinem höchsten Glück hatte ihm die eisige Kälte, mit der sie sich seine Liebkosungen gefallen ließ, nicht entgehen können. Jetzt aber wurde ihr Wesen anders; wohl war sie nie liebevoll, oder auch nur freundlich, aber sie sorgte doch für ihn, machte es ihm gemütlich im Hause, sprach mit ihm und befragte ihn sogar um seine Geschäfte und seine sonstigen Angelegenheiten. Worse gab ihr mit Freuden alle nötigen Erklärungen und konnte sich nicht genug darüber wundern, daß seine Frau alles so gut begriff. Bald konnte sie ihm sogar Ratschläge erteilen und zuletzt befragte er sie über alles. So verging der Herbst und der Winter trat ein, Sarah besuchte die Versammlungen fleißig nach wie vor. Wurden sie bei der Mutter abgehalten, so pflegte sie auf ihrem alten Platz bei der Bibel zu sitzen. Sie sah noch hübscher aus als früher, denn ihre Haltung war eine freiere geworden; auch in ihrer Kleidung war eine Veränderung vorgegangen. Nicht daß sie sich übermäßig herausgeputzt hätte; selbst der strengste Haugianer würde an ihrem Anzuge nichts haben aussetzen können. Die Frauen aber, die sich darauf verstanden, konnten nicht umhin, zu bemerken, daß ihr Leinenzeug zu dem feinsten gehörte, welches aufzutreiben war, daß ihre wollenen Kleider an Kostbarkeit seidenen wenig nachgaben, und daß, wenn sie einen weißen Kragen über dem Kleide trug, derselbe aus echten Spitzen von großem Werte bestand. Aber auch die Männer sahen etwas Ungewöhnliches in der jungen Frau und ihre eigenen Frauen bekamen bisweilen Bemerkungen zu hören, wie: »Nehmt Sarah zum Beispiel, so solltet ihr euch kleiden, so solltet ihr euer Haus einrichten.« Der Mutter ward auch Lob gespendet, weil sie ihre Tochter so gut erzogen habe. Worse ging nicht immer zu den Versammlungen. Wenn er es vorzog, in den Klub oder zu Randulf zu gehen, so widersetzte Sarah sich dem nicht. Am besten aber befand Worse sich zu Hause. An den Winterabenden, wo früh Licht angezündet wurde, saß er am Tisch in der Wohnstube bei seiner Arbeit. Worse hatte eine recht geschickte Hand und in seiner Jugend hatte er etwas von der Schiffsbaukunst gelernt; nun war er auf den Gedanken gekommen, ein kleines Modellschiff zu bauen, das bis in die mindesten Einzelheiten »Der Familie Hoffnung« entsprechen sollte. Sarah las ihm vor und strickte. Es waren die Schriften Scrivers, Johann Arndts, Luthers und ähnliche. Worse hörte nicht gerade andächtig zu, aber der Ton ihrer weichen, klaren Stimme that ihm wohl und überdies sah sie so hübsch aus, wenn das Licht auf ihre reine Stirn und das dunkle, glattgestrichene Haar fiel. Im Klub machte man nach wie vor schlechte Witze und selbst Randulf konnte es nicht lassen, ihn zu necken. Ueberhaupt war Randulfs Zurückkunft eine Enttäuschung für Worse; diese ewigen Sticheleien über seine Heirat wurden ihm unerträglich. Randulf selbst war Witwer, seine Kinder waren erwachsen, der älteste Sohn war Schiffer und wohnte in der Stadt. Nicht minder war es Worse peinlich, wenn Randulf das Gespräch darauf brachte, wie sie sich dieses Jahr für den Fischfang einrichten wollten: denn er gedachte dann seines, der Madame Torvestad gegebenen Versprechens. Eines Tages aber ließ Sarah einige Worte darüber fallen, als ob sie darauf vorbereitet sei, er werde wie gewöhnlich am Fischfang teilnehmen. »Weißt du denn nicht,« wandte Worse ein, »daß ich, ehe ich verheiratet ward, deiner Mutter versprechen mußte, ich wolle niemals mehr –« »Das weiß ich wohl,« erwiderte Sarah, »aber dies Versprechen nahm die Mutter dir ab um meinetwillen und ich entbinde dich jetzt davon. Du kannst gern reisen, wenn du willst.« Sarah hatte ihrer Mutter dasselbe gesagt, als sie von der Sache sprachen; mochte sie nun nichts dagegen haben, daß ihr Mann sie eine Zeitlang allein ließ, oder weil sie auch in dieser Sache von der Mutter unabhängig sein wollte. So faßte es diese wenigstens auf und fühlte sich in ihren Hoffnungen immer mehr getäuscht. Worse sprach jetzt mit großem Eifer von allem, was er bei dem bevorstehenden Zuge ausrichten wolle, und Randulf dachte in seinem stillen Sinn: jetzt hat er Erlaubnis bekommen. Der Fischfang fiel in diesem Jahre aber schlecht aus. Die Heringsschwärme wollten sich nicht recht setzen und das Wetter war höchst ungünstig, Worses Bemühungen hatten wenig Erfolg, sein früheres Glück war von ihm gewichen oder, wie andere meinten, seine frühere Thatkraft; Worse beginne alt zu werden, hieß es allgemein. »Ach ja,« sagte Randulf im Klub, »wenn ein so alter Mann eine so junge Frau nimmt, ist es bald vorbei mit ihm,« wobei er eine sehr bezeichnende Gebärde machte. Worse brachte eine tüchtige Gicht mit nach Hause und flüchtete hinter den Ofen zu seiner Frau. Daheim war es doch am besten, und als »Der Familie Hoffnung« zum Frühjahr eine lange Reise unternehmen sollte, machte Worse selbst den Vorschlag, daß sein altes Schiff einem der anderen Kapitäne im Dienst der Firma übergeben werden solle. Lauritz Seehus ward zum Steuermann befördert. Er war während des Winters in Bergen gewesen, wo er sein Examen abgelegt hatte, und ehe er fortzog, hatte er sich von Henriette das heilige Versprechen geben lassen, daß sie ihm für Leben und Tod treu bleiben wolle. – Auch im nächsten Frühjahr ging Worse nicht zur See. Er klagte über Gicht und Magenschmerzen. Der Arzt konnte mit sich nicht darüber einig werden, was ihm eigentlich fehle; er meinte jedoch, die Leber sei angegriffen. Je kränklicher er aber ward, desto mehr machte seine Frau sich mit ihm zu schaffen und desto sorglicher war sie gegen ihn; es war fast so, als wäre sie seine Tochter, daß sie aber zugleich seine Gattin war, machte ihn doppelt glücklich und dankbar. Dazu kam, daß im Laufe der Zeit all das Singen und Lesen um ihn her ganz unvermerkt auf ihn einwirkte. Jakob Worse hatte sich immer Gott ungefähr so vorgestellt, wie den Konsul Garman – als einen strengen und genauen Herrn, der schließlich aber doch gutmütig war und mit dem es sich wohl auskommen ließ, wenn man nur selbst nicht schlecht und arglistig war. Aber jetzt lernte er etwas ganz anderes. Es half nur wenig, daß er ein braver Seemann gewesen, der nie einem norwegischen Mann (mit Ausländern und Schweden nahm er es nicht so genau) zu nahe getreten war, sondern jedem das Seine hatte zukommen lassen; das war jetzt bei weitem nicht genug. Manchesmal, wenn von der Schwierigkeit der Bekehrung, von der schweren Not in der Stunde der Anfechtung die Rede war, dachte er ganz insgeheim, sollte dies alles wohl wahr sein? Sein Glaube an Sivert Jespersen war keineswegs unerschütterlich und zu Endre Egeland hatte er auch kein besonderes Vertrauen; er hatte zu schlimme Erfahrungen mit ihrem eigentlichen Charakter gemacht. Dann aber mußte er an Sarah denken. Sie, welche doch die Vollkommenheit selbst war in allen Beziehungen, sagte, daß sie jeden einzelnen Tag – buchstäblich jeden einzelnen Tag – den alten Adam ertöten und mit dem bösen Feind in ihrem eigenen Fleische kämpfen müsse. Dies erregte in immer höherem Grade seine Besorgnis und er fragte sie, ob sie bei ihm so sehr viel von dem alten Adam sehen könne? Der Bescheid, den er darauf erhielt, war wenig tröstlich. Zuerst hielt sie ihm vor, daß er so viele Eide und Verwünschungen ausstieß. Daß dies nicht recht sei, konnte er selbst einsehen und er gab sich auch Mühe, es zu unterlassen; indessen war dieser Fehler bei ihm sehr tief eingewurzelt, wenn er auch selbst glaubte, daß er sich darin bessere. Er bekam aber außerdem noch anderes zu hören, was ihn tief erschütterte. Sarah bat ihn, er möge beten und singen; dazu war er aber nicht imstande und sie sagte dann, er habe noch nicht die Freimütigkeit des Geistes erlangt, um Gottes Wort anwenden zu können. Worse mußte sich gestehen, daß er dazu nicht gelangt sei, wie sehr er es auch zu seiner Beruhigung hätte wünschen mögen. Wenn er dann aber in den Versammlungen bemerkte, mit wie großer Freimütigkeit des Geistes Sivert Geschwind sich des Wortes Gottes bediente und er seine einschmeichelnde Stimme so süß und geschmeidig lispeln hörte, während es ihm zugleich einfiel, wie schmählich Sivert ihn einst um die Ladung Salz betrogen habe, so verging Jakob Worse die Lust zur Freimütigkeit des Geistes und er begab sich in den Klub. Am anderen Tage aber ward er dann immer wieder wie ein Kranker behandelt. Alle Einwendungen, mochte er sie im Scherz oder im Ernst vorbringen, waren fruchtlos –, er mußte sich die Hafersuppe und das graue Tuch gefallen lassen und seine Frau setzte sich zu ihm und strickte. Zuletzt glaubte er wirklich, er sei krank, wenn sie es sagte. Der Brief, den Sarah an ihren Stiefsohn schrieb, blieb nicht ohne Wirkung, und als Romarino kurze Zeit nachher heimkam, um ein selbständiges Geschäft anzufangen, entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen ihm und seiner jungen Stiefmutter. Romarino machte ihr in seiner läppischen Weise etwas den Hof, was sie entweder nicht bemerkte oder sie doch nicht bekümmerte; jedenfalls aber brachte er ein jugendliches Element ins Haus. Und obgleich Jakob Worse nicht das geringste, ohne es mit Sarah zu überlegen, unternahm, so hatte es doch immer den Anschein, als ob der Alte sich gegen die beiden Jungen auflehnte. Als Romarino seinen eigenen Hausstand gegründet und sich mit einem Mädchen aus Bergen verheiratet hatte, von der man nur wußte, daß sie munteren und weltlichen Sinnes sei und daß ihre Familie nicht zu den »Erweckten« gehöre, ward das Verhältnis kälter. Die jungen und die alten Worses hatten ganz verschiedene Interessen und sie kamen nur äußerst selten zu einander. Romarino machte ein sehr großes Haus, worüber der alte Worse bedenklich den Kopf schüttelte. – Es dauerte geraume Zeit, bis Madame Torvestad ganz zur Einsicht kam, wie völlig sie sich in ihrer Tochter geirrt habe und bis sie erkannte, daß sie hier nichts ausrichten könne. Von dem Verlobungsabend an, wo Sarah der Mutter so fest ins Auge geschaut hatte, war sie ihr aus den Händen geglitten, um sich ihr als gleichberechtigt an die Seite zu stellen, und bald war Madame Torvestad nichts als Frau Worses Mutter. Klug wie sie war, ließ sie nichts von ihrer Enttäuschung merken. Sie gelobte sich aber selber, daß es ihr mit Henriette nicht so gehen sollte; dieser wollte Madame Torvestad einen Mann geben, von dem sie sicher wäre, daß sie ihn beherrschen würde und Henriette selbst sollte ganz anders in der Zucht gehalten werden als zuvor. Vor allen Dingen sollte nun das arme Mädchen bei der Bibel auf Sarahs Platz sitzen, wenn diese nicht da war. – Von Fennefos erhielt man mehrere Jahre hindurch nur spärliche Nachrichten. Es hieß, daß er sich im Norden aufhalte, weit nördlicher als je zuvor; ja einige erzählten, daß er sogar ganz oben in Finnmarken gesehen worden sei. Die Nettesten bekamen wohl zuweilen einige Mitteilungen; aber in den Versammlungen ward nichts davon bekannt gemacht. Und wenn sich einer nach Fennefos erkundigte, so ward ihm geantwortet, daß ein jeder für sich sorgen müsse oder daß die Wege des Herrn unerforschlich seien. Es waren nämlich keineswegs erfreuliche Dinge, welche die Freunde aus verschiedenen Gegenden über Fennefos zu berichten hatten. Er, der früher wie ein liebevoller Friedensbote von Ort zu Ort gewandert war, erregte jetzt Unruhe und Schrecken, wo er sich sehen ließ. Man erzählte, daß er wie ein Ungewitter Gottes über das Land einherzöge. Seine Rede sollte wie Feuer zünden, viele wurden irre, nachdem sie ihn gehört, ja, ein junges Mädchen sollte sich sogar wegen seiner Rede das Leben genommen haben. Die Prediger erwähnten seiner in ihren Berichten, der Ruf der Mäßigung und Sanftmut, dessen er sich früher erfreute, war verschwunden und die Gegner riefen triumphierend: »Seht, seht, auch er heuchelte!« Es entstand große Betrübnis unter den Brüdern, an welche die Nachricht davon gelangte, und nach und nach wurde es allgemeiner bekannt, wie sehr sich auch die Aeltesten bemühten, es zu verdecken. Viele schrieben ihm und baten ihn, er möge wieder nach dem Süden kommen; sie hofften, daß wenn er unter seinen alten Freunden weilte, sein Geist wieder die frühere Klarheit erlangen werde. Aber er kam nicht und zuletzt war das ganze Land von dem verderblichen Laienprediger erfüllt, der mit einem Schwarm bleicher Männer und Frauen mit aufgelöstem Haar, welche weinten, schrieen und ihre Kleider zerrissen, singend durch den Schnee von Hütte zu Hütte zog. Da baten die Aeltesten Madame Torvestad, sie möge einen Brief an ihn schreiben. Am nächsten Tage überreichte sie ihnen einen versiegelten Brief. Dies verstieß gegen die Regeln; aber da die Umstände auch ungewöhnlicher Art waren, wurden keine Einwendungen gemacht. Der Brief ward im Herbst abgesandt und als es Frühling ward, verbreitete sich das Gerücht, daß Fennefos gen Süden ziehe. Den Brief aber hatte Sarah geschrieben; die Mutter hatte sie darum gebeten. Neuntes Kapitel. Die Firma Garman und Worse hatte einige gute Jahre gehabt. Wie ein frischer Blutstrom rollte Jakob Worses Geld in das dahinsiechende Geschäft, verteilte sich über die Glieder und machte den ganzen Organismus gesund und stark; nach und nach gewann die Firma ihren vollen Glanz in der Heimat wie im Auslande wieder. Das Antlitz des Konsuls ward wieder glatt und unbekümmert und sein Schritt war leicht und jugendlich, wenn er die breite Treppe hinanstieg, um nach den fremden Arbeitern zu sehen, die er aus Kopenhagen hatte kommen lassen, um die Gesellschaftszimmer im ersten Stock zu dekorieren. Zum Frühjahr sollte Christian Friedrich nach Hause kommen; seine Ausbildung im Auslande war vollendet, wenn er jetzt den letzten Winter in Paris zugebracht hatte. Der Konsul freute sich sehr darauf, daß sein Sohn nach Hause kommen sollte – zumal jetzt, da er ihm zeigen konnte, daß die Firma sich kräftigen Gedeihens erfreue und das Geschäft in voller Blüte stehe. Nur ein unangenehmer Punkt war da, nämlich das Verhältnis zu Worse. Konsul Garman verwünschte in seinem Herzen die Haugianer und alle heiligen Leute mehr als je. Es war eingetroffen, was er befürchtet hatte: seinen braven Schiffer Worse hatten sie ihm verdorben. Derselben Meinung waren auch die beiden alten Fräulein. Wohl kam er in der ersten Zeit nach seiner Heirat öfter nach Sandsgaard und bemühte sich, ganz ebenso zu sein, wie früher. Das wollte aber nicht gelingen, er vermochte den rechten Ton nicht wiederzufinden und auf beiden Seiten konnte man sich des peinlichen Gefühls nicht erwehren, daß die guten alten Tage für immer dahin seien. Nur ein einziges Mal war Frau Sarah Worse auf Sandsgaard gewesen, als der Konsul eine große Mittagsgesellschaft zu Ehren der Neuvermählten gegeben hatte. Mit niedergeschlagenen Augen saß sie neben dem Konsul Garman an der strahlenden Tafel, umgeben von all den hohen Herren und Damen, die sie nur auf der Straße oder in der Kirche gesehen hatte. Rund um sie her erklangen Scherze und Gelächter und ein froher Lärm, dergleichen sie in ihrem Leben nie gehört hatte, obgleich die Gäste der Meinung waren, daß sie ihre Munterkeit aus Rücksicht gegen die bekannte Religiosität der jungen Frau bedeutend herabstimmten, Jakob Worse aber, der an diese Gesellschaften gewöhnt und bei allen gut gelitten war, befand sich äußerst wohl und wollte seiner Frau zunicken. Sie aber erhob kaum die Augen während der ganzen Mahlzeit; und als sie nach Hause kamen – Worse mußte sich darein finden, daß sie fuhren – sagte sie zu ihm, daß sie das Gefühl habe, als sei sie im Vorhofe der Hölle gewesen. »Ach nein, Sarah, wie kannst du das sagen; es waren wahrhaftig lauter brave, gutmütige Leute!« »Merktest du denn nicht, daß sie dich nur zum besten hatten,« sagte sie mit scharfem Ton; denn so hatte sie es aufgefaßt, wenn der Bürgermeister oder ein anderer der Gäste sich die Ehre ausgebeten hatte, ein Glas mit dem alten Kapitän und jungen Ehemann zusammen zu trinken. Sie ging niemals wieder dahin. Einmal war sie verständig genug, einzusehen, daß sie in diesem Kreise niemals festen Fuß fassen würde; dann aber war auch für sie, die von Kindheit an nur ernste und religiöse Reden gehört hatte, etwas wahrhaft Teuflisches an diesen frohen, sorglosen Menschen, die laut lachten, während sie den verderblichen Wein tranken. – Konsul Garman ließ nicht ab, es seinen Schwägerinnen vorzuwerfen, daß sie ihn nicht früher von Schiffer Worses Liebäugeln mit den Haugianern unterrichtet hatten. Er meinte, daß er ihn kuriert haben würde, hätte er ihn nur behandeln können, ehe die Krankheit überhand genommen. Worse schien sich aber recht wohl zu befinden und das war doch eigentlich die Hauptsache, wenn es nur von Dauer wäre. Trotzdem vermißte man ihn aufrichtig in Sandsgaard, und als er sich dann sogar ganz von der See zurückzog und sein altes Schiff einem anderen Führer überließ, gab Konsul Garman ihn vollständig auf. Der Konsul fühlte sich danach noch einsamer als früher und oft wanderte er in trübsinnigen Gedanken auf dem breiten Kiesweg vor dem Gartenpavillon auf und nieder. Der Pavillon lag an einem Teich, um den sich ein hübscher Kranz von Schilf zog. Früher war der Teich wohl größer gewesen; denn der Konsul konnte sich aus seiner Jugend erinnern, daß sich das Wasser damals nach beiden Seiten des Lusthauses hin erstreckte und daß sich eine Zugbrücke dort befand. Er hatte noch eine dunkle Erinnerung von Damen in einem blau und weiß gestrichenen Boote und von einem hohen Manne in rotseidener Jacke, der vorn im Boot mit einem Ruder stand. Jetzt war der Teich so klein, daß sich kaum ein Boot darauf hatte bewegen können und der Konsul stellte oft Betrachtungen darüber an, wie der Teich hätte so einschrumpfen können. Das Schilf mochte wohl schuld daran sein, und der Gärtner erhielt jedes Jahr die Weisung, mit dem Schilf gut aufzuräumen; das half aber nur wenig. Der Garten war ursprünglich in altfranzösischem Stil angelegt, mit breiten, rechtwinkligen Gängen, dichten hohen Hecken und Alleen oder ganz niedrigen Buchsbaumhecken. In gewissen regelmäßigen Zwischenräumen waren runde Plätze angebracht, auf die je vier Wege einmündeten; hier standen Bänke umher und in der Mitte eine Sonnenuhr oder ein Denkstein oder etwas Aehnliches. An der Außenseite des Gartens aber war ringsumher, namentlich gegen Nordwesten, ein dichter Gürtel von Bäumen gepflanzt, der sich wie ein breiter Rahmen um die ganze Anlage zog. Es waren gewöhnliche inländische Bäume, welche den feinen französischen Garten mit seinen fremden Blumen und Gewächsen gegen den rauhen Wind von der See beschützen sollten. Der Pavillon mit dem Teich lag westlich vom Hauptgebäude, und obgleich er nicht eben weit davon entfernt war, ward er doch in früherer Zeit als eine Art Trianon betrachtet, wohin man sich begab, um Kaffee zu trinken oder Musik zu hören. Der stattliche Zug schlängelte sich auf vielfachen Umwegen über die Brücke und rund um den Teich dahin, oder man stieg ins Boot und ließ sich mit drei Ruderschlägen unter zahllosen Komplimenten und witzigen Bemerkungen übersetzen. Aller dieser Dinge konnte Morten Garman sich von seiner Jugend her erinnern. Er selbst hatte es versucht, die alten Weisen und Gewohnheiten aufrecht zu erhalten; aber es hatte ihm nicht recht glücken wollen. Die Menschen wurden anders, der Teich wuchs immer mehr zu und selbst der zierliche Garten seines Vaters sollte, wie es schien, demselben Geschick erliegen. Zu beiden Seiten des breiten Kiesweges, der nach dem Pavillon führte, lief eine Hecke, die so dicht war, daß sich die jungen Damen zum großen Verdruß des Gärtners darauf zu setzen pflegten, und in derselben standen in regelmäßigen Zwischenräumen sechs aus Buchsbaum geschnittene Pyramiden. Hier pflegte der Konsul auf und nieder zu spazieren und hier war noch alles so zierlich und so steif wie in früherer Zeit. Der übrige Teil des Gartens aber hatte nach und nach ein etwas verwildertes Aussehen angenommen. Die einfachen Bäume, die gepflanzt waren, um Schutz zu geben, hatten sich, als sie erst dicke Stämme und kräftige Wurzeln bekamen, auf eigene Rechnung breit gemacht, und da die Windseite sie daran verhinderte, sandten sie lange Zweige in den Garten hinein, über die rechtwinkligen Gänge, und die schnurgeraden winzigen Buchsbaumhecken. Dieser Einbruch in den friedlichen Garten ging zuerst von einer Gruppe junger Buchen aus. Mehrere Jahre hindurch waren sie fast ganz in der Entwickelung stehen geblieben. Der Nordwind fegte ihre Wipfel ab und bog sie und alle anderen Baume nach der anderen Seite hinüber, so daß es aussah, als seien sie mit der Schere schräg abgeschnitten. Als sie aber endlich genügende Kraft nach unten gesammelt hatten, dehnten sie sich aus, wuchsen ineinander und in die anderen Bäume hinein, um jeden Sonnenstrahl kämpfend, und strotzend von Kraft und Gedeihen. Die anderen Bäume folgten ihrem Beispiel und selbst die bescheidenen Hollundersträucher, die an der äußersten Grenze standen, und in den ersten bösen Jahren allen Unbilden des Wetters am meisten ausgesetzt waren, wuchsen kräftig auf und versuchten sich zu den jungen Vogelbeerbäumen und Pappeln, die neben ihnen standen, emporzustrecken. Sowohl der Konsul wie der Gärtner suchten dem Eindringen dieser fremden Elemente Einhalt zu thun, aber ihre Bemühungen waren vergeblich, von allen Seiten brach üppiges Wachstum ein über den steifen, zierlichen Garten. Unter den Bäumen konnten die Hecken nicht mehr gedeihen und verschwanden nach und nach, Gesträuche, die früher durch die Schere in bescheidenem Umfang gehalten waren, nahmen riesige Dimensionen an, und die Wege, auf denen sonst zwei Personen bequem nebeneinander gehen konnten, hatten sich so verengt, daß man kaum mehr hindurchkommen konnte. So war der Garten allmählich zum Park geworden und nur durch völlige Ausrottung der Eindringlinge hätte man den alten Zustand wieder herbeiführen können. Und das wäre schade gewesen um die schönen Bäume; viele meinten auch, es sähe jetzt weit hübscher aus als früher und nur der Konsul sah mit Bedauern seinen alten Garten von Jahr zu Jahr hinschwinden, bis er nur noch den breiten Kiesweg mit den sechs Pyramiden vor dem Pavillon übrig hatte. Wenn er hier an den hellen, stillen Sommerabenden auf und ab wandelte, konnte er zwischen den aufrührerischen Bäumen den rotgelben Abendhimmel durchschimmern sehen, wie er seine Farben über die Sandsgaarder Bucht und über das Meer hinauswarf, dessen Fläche aussah wie Glas, das in langen Querstreifen auf und ab wogt. Dann dachte er an die herrliche Aussicht über das Meer, welche man ehemals vom Dache des Gartenpavillons aus hatte. Nun war es damit vorbei. Es ging mit dem Garten wie mit der Stadt; in beiden wucherte so viel Neues empor und überwucherte das Alte, daß es nicht mehr zu kennen war. An der Hinterseite des Pavillons befand sich eine geheime Thür im Paneel, deren Schlüssel der Konsul stets in der Tasche trug. Manche Erinnerungen kleiner Liebesabenteuer drängten sich ihm auf, wenn er jetzt in seinen alten Tagen selten einmal die kleine Hinterthür öffnete. Eine Wendeltreppe führte nach der Kammer oben. Die Treppe war eng und jetzt ward es ihm schwer genug, hinaufzusteigen – aber in seiner Jugend, wie leicht flog er da hinauf und hinunter! » Le nez – c'est la mémoire ,« sagte er mit einem selbstgemachten Bonmot, indem er die eingeschlossene Luft mit dem Geruch von altem Mahagoniholz einsog; dann wanderte er wieder summend auf und ab in dem kleinen Rest des Gartens seiner Jugend, indem er das wohlgeformte Bein vorsichtig und elegant hinsetzte, und träumte, er habe Schuhe an und weiße, seidene Strümpfe. – Aber auf dem Wege draußen hielt ein Wandersmann an und blickte über die Bucht hinaus. Es war der bekannte Laienprediger Hans Nielsen Fennefos. Hohen Wuchses, abgemagert, einen scharfen Glanz in den hellen Augen, lehnte er sich in Gedanken versunken an den Pfosten einer im Gartenzaun befindlichen Thür. Auf dem Rücken trug er einen großen Ranzen, der seine Bücher und religiösen Schriften enthielt; er war bestaubt und ermüdet, nachdem er den langen Tag im heißen Sonnenschein gewandert. Drei Jahre lang war er nicht in diesem Teil des Landes gewesen und vieles war in dieser Zeit in ihm vorgegangen. Als er erfuhr, daß Sarah die Frau des Schiffers Worse geworden war, fühlte er einen durchbohrenden Stich in seinem Inneren, einen körperlichen Schmerz, dem er fast erlegen wäre. Er begriff mit einem Male, daß er dennoch von einer Liebe zu diesem Weibe erfüllt sei; gegen welche seine Liebe zu den Brüdern, ja selbst zu Gott nur schwach und für nichts zu rechnen wäre. Er erschrak über sich selbst und warf sich in Reue und Gebet in den Staub. Und da es ihm nun däuchte, daß keine Strafe oder Buße hart genug sei für einen so großen Betrug, für ein so großes Vergehen, so ward er auch streng gegen andere; und er begann mit brennendem Eifer Buße zu predigen und die Sünder mit härteren Worten zu züchtigen, als sie je gehört worden waren. Drei Jahre lang führte er diesen heftigen unmittelbaren Kampf gegen die Sünde in seinem Inneren und in anderen, und in dieser Zeit gelang es ihm, sein Herz zu beugen und die sündhafte Liebe auszurotten, und er kam zur Erkenntnis, daß sowohl von ihm wie von den Brüdern im Leben und in der Lehre viel zu wenig Strenge bewiesen worden sei. Deshalb folgte er auch dem Ruf und machte sich nach dem Süden auf. Das Gefühl, mit dem er Sarahs Brief las, war Mitleid mit ihr und allen Brüdern in jener Gegend, die mit geschlossenen Augen in ihren Sünden und ihrer Selbstgefälligkeit umhergingen. Als er nun aber aus dem Norden in freundlichere Gegenden kam, zu Leuten, die ihn von früher kannten und die ihn mit liebevoller Bekümmernis aufnahmen, mußte sein Sinn unwillkürlich etwas milder werden. Und als er durch Sandsgaard ging, mußte er unbewußt anhalten, überwältigt von all den Erinnerungen, die bei dem Anblick der freundlichen Bucht und der vor ihm liegenden Stadt in ihm erwachten. Fennefos durchforschte noch einmal sein Herz, aber er fand nichts anderes, als was darin sein durfte. Sarah war ihm eine Schwester oder ein Bruder: sie war eines anderen Mannes Frau und er wünschte, sie sei glücklich. Ehe er aber weiterging, sah er zufällig über den Zaun und zwischen den Zweigen gewahrte er den Konsul Garman, wie er auf und ab schritt. Fennefos kannte ihn und all die Heftigkeit erwachte wieder beim Anblick dieses alten unbekehrten Mannes, der da drinnen so ruhig in seinen Sünden wandelte, mitten in all seinem Reichtum, von Augenlust und Fleischeslust umgeben – und mit offenen Augen gerade in das Verderben und die Qual der Hölle hineinwanderte. Er ergriff seinen Stab und ging weiter: die drinnen in der Stadt sollten erfahren, daß Hans Nielsen Fennefos zurückgekehrt sei! Der letzte Schimmer der Abendröte verschwand und der Himmel färbte sich hellgrün am Horizont; ein kalter Luftzug fuhr durch die langen festen Buchenzweige und Konsul Garman ging ins Haus. Und der Garten lag stille und dicht von Bäumen und Sträuchern und verwilderten Hecken überwuchert. Dichte Kronen wölbten sich weit hinüber, drangen ineinander und kämpften um den Vorrang, die unterliegenden aber verkrüppelten unter dem Schatten der anderen. Und immer stärker dehnten die Zweige sich aus und engten den kleinen Platz um den Pavillon immer mehr ein und der Teich ward kleiner von Jahr zu Jahr. Wenn man aber die Zweige zurückbog und in das verwilderte Gestrüpp hineindrang, konnte man noch die Spuren der rechtwinkligen Wege und die kleinen geschorenen Hecken erblicken. Dort war es dunkel und feucht, der Boden schlüpfrig und morastig und eine dumpfe Luft von verfaultem Buchsbaum, Zehntes Kapitel. In Sivert Jespersens niedriger, altmodisch eingerichteter Stube war ein Tisch gedeckt, Tischtuch und Servietten waren aus gutem Damast, aber die Messer waren einfach und die Gabeln von Eisen. Hie und da in großen Zwischenräumen stand eine Flasche Medoc, sonst war nur Wasser, Brot und Salz auf dem Tisch. Trotzdem war der Gastgeber von Besorgnis erfüllt, daß dies für gar zu verschwenderisch angesehen werden könne. Für gewöhnlich war der Tisch nur mit Wachstuch bedeckt, man nahm die Kartoffeln mit den Fingern aus der Schüssel und schälte sie mit dem Taschenmesser. Die Gesellschaft am heutigen Tage wurde zu Ehren des heimgekommenen Fennefos gegeben, und vielleicht waren seine Grundsätze sehr streng geworden. Die Aeltesten hatten bestimmt, daß Fennefos zuerst zu einem engeren Kreise der vertrautesten und zuverlässigsten Brüder und Schwestern eingeladen werden sollte, damit es an den Tag käme, wie es in seinem Innern aussähe. Man wollte ihn lieber nicht sofort im Versammlungshause reden lassen; denn man fürchtete sich eigentlich vor ihm und keiner hatte ihm gegenüber ein völlig reines Gewissen. Fennefos war schon einige Tage in der Stadt gewesen, man hatte aber nur wenig von ihm bemerkt. Er hielt sich meistens zu Hause und sprach mit Madame Torvestad. Drüben im Vorderhause bei Worses war er auch gewesen. Als sie sich zum erstenmal sahen, waren sie allein und als Sarah ihre dunklen Augen zu ihm aufschlug, fühlte er seine Stimme erbeben. Allein er überwand diese Schwäche alsbald und er sprach ruhig und ernst weiter, ohne sie viel anzublicken. Sarah sagte fast nichts und lauschte nur seiner Stimme. Schiffer Worse trat ein und hieß Fennefos herzlich willkommen; der andere aber stutzte, als er sah, wie sehr Worse in diesen Jahren gealtert sei, wie sein Mund schlaff, seine Gesichtsfarbe fahl geworden. Sie sprachen von der Gesellschaft, die am nächsten Tage bei Sivert Jespersen sein solle und Worse ging auf und nieder und strich sich über sein Otternfell; er hatte offenbar etwas auf dem Herzen. »Hm! hm!« sagte er einige Male, wenn eine Pause in dem Gespräch entstand, das die beiden führten, »morgen ist der 24. Juni, ja, das ist sicher, hm! hm! der Johannisabend – ach, ja wohl!« »Ist der Johannisabend ein besonders wichtiger Tag für Sie, Herr Worse?« fragte Fennefos, der sich gegen Sarahs Mann gern freundlich zeigen wollte. »Wichtiger Tag? ja gewiß, das sollt' ich meinen, Hans Rielsen, seit vielen, vielen Jahren! Es ist Randulfs Geburtstag, sehen Sie, und seit wir Knaben waren – ach, ja wohl – doch was sollen mir davon sprechen, die Zeiten sind vorbei.« »So würden Sie wohl den morgigen Tag lieber mit Schiffer Randulf beisammen sein, als zu Sivert Jespersen gehn?« »Ich schäme mich fast, es einzugestehen, allein ich würde allerdings lieber bei Randulf sein.« »Ich glaube nicht, daß jemand es dir verargen würde, wenn du nicht zu Sivert Jespersen kommst,« sagte Sarah; nachdem Fennefos zurückgekehrt war, hatte sie nichts dagegen, daß ihr Mann sie für einen Tag verließ. Jakob Worse ward froh wie ein Kind über die unvermutete Wendung und er eilte schnell zu Randulf, um ihm zu melden, daß er morgen zu ihm kommen dürfe. Die beiden saßen wieder allein und es entstand eine kleine Pause. »Befindet sich dein Mann nicht wohl?« »Nein, er ist krank; ich glaube er hat eine innere Schwäche.« »Du denkst an den Körper; ich meinte seine Seele. Ist er noch in seinen Sünden?« »Ich befürchte es, Hans Nielsen, das Wort hat keine Macht in ihm.« »Hast du versucht, ihm zu helfen, Sarah?« »Ja wohl, ich habe es versucht aber es hat wenig gefruchtet.« »Du hast es vielleicht nicht auf die rechte Weise versucht. Er war ein starker Mann und es gehören vielleicht starke Mittel dazu, ihn zu beugen.« Sie wollte ihn näher darum befragen, als Madame Torvestad eintrat, um Fennefos abzuholen. Sie hatten sich verabredet, zusammen ein Mädchenasyl zu besuchen, welches die Haugianer errichtet hatten. Sarah schloß sich ihnen an, was der Mutter nicht ganz recht war. Sie war von ihrer Tochter in der letzteren Zeit so sehr in den Schatten gestellt worden, daß sie nun aus allen Kräften bestrebt war, Fennefos für sich zu behalten. Aeußerlich aber schien sie sehr erfreut, als sie nun alle drei zusammen fortgingen, Sarah empfand ein eigentümliches Vergnügen, ihn an ihrer Seite zu haben, obgleich er sich fortwährend zur Mutter herüber beugte, die ihm in gedämpftem Tone dies und jenes über die Leute erzählte, denen sie begegneten. Als sie aber wieder nach Hause kamen, verabschiedete Fennefos sich von Madame Torvestad und ging mit Sarah hinein in ihre Wohnung. Sie sprachen lange miteinander und Sarah erzählte von den Brüdern und berichtete ihm alles, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war. Sie bemerkte bald, daß seine Stimmung eine weit finsterere geworden sei und daß er über alles weit strenger urteile als früher; dies führte dazu, daß sie ihrer Darstellung ein schlimmeres Gepräge gab, als sie es sonst wohl gethan hätte. Sie erzählte von der großen Lauheit unter den Brüdern, ihrer häßlichen Begierde nach irdischem Gut; wie sie aus sündhafter Eitelkeit danach trachteten, sich bei den Menschen in Ansehen zu setzen und wie sie sich von den jungen Predigern, die sich in ihre Wohltätigkeitsanstalten und Missionsgesellschaft eindrängen wollten, etwas vorschmeicheln und vorschwatzen ließen. Fennefos hörte sie an und dankte ihr, als sie geendet hatte. »Aber dir selber, Sarah, wie geht es dir,« fragte er, als er sich zum Fortgehen anschickte. »Ich danke, Hans Nielsen,« erwiderte Sarah zu ihm aufschauend; »aus mir selbst vermag ich nichts; aber der Herr ist meine Stärke gewesen, so daß ich wohl sagen darf, daß mir's jetzt gut geht.« Er wandte sich rasch ab und nahm Abschied, Am Mittagstisch bei Sivert Jespersen am folgenden Tage herrschte eine erwartungsvolle Stille. Alle sahen verstohlen zu Fennefos hinüber, der neben Sarah saß – ernst und schweigsam, wie er es seit seiner Zurückkunft bis jetzt gewesen war. Vor der Suppe verlas ein alter Mann mit weißem Haar und blauen Händen – er war Färber seines Zeichens – das Tischgebet und darauf ward das Lied: »Singen wir aus Herzens Grund« angestimmt. Nach der Suppe sollte es Lachs geben; im letzten Augenblick aber war der Wirt bedenklich geworden und hatte zum großen Aerger der Kochfrau verboten ihn aufzutragen. Man ging daher sofort zum Braten über, dem die Gäste wacker zusprachen. Die Kochfrau hatte es sich herausgenommen auf eigene Verantwortung Salat zum Braten zu servieren, was für die meisten der Anwesenden etwas ganz Ungewöhnliches war. Einer der Alten sagte darum halb scherzend: »Potztausend! Sollen wir Gras fressen, wie weiland König Nebukadnezar?« Man lachte etwas darüber und Madame Torvestad ergriff die Gelegenheit, zu erzählen, daß sie, als sie in ihrer Jugend in Gnadau war, fast nichts anderes zu essen bekommen habe, als verschiedene Arten von solchem Grase. Dadurch ward das Gespräch auf verschiedene Einrichtungen in der Brüdergemeinde und auf die Vorsteher derselben geführt, worauf man der alten frommen Lehrer und Prediger gedachte, die im vorigen Jahrhundert ein neues reges Leben unter den Christen in Deutschland angefacht hatten. Fennefos beharrte in seinem Schweigen oder richtete einige halblaute Worte an Sarah. Im übrigen aber ward die Stimmung lebhafter durch dies Gespräch über Dinge, für welche sich alle interessierten und in denen die meisten gut bewandert waren. Am eifrigsten aber war Madame Torvestad, die sich auf diesem Gebiet besonders heimisch fühlte und nie eine Gelegenheit unbenutzt ließ, um von den Männern zu erzählen, über die sie in ihrer Jugend so viel gehört hatte. »Ja fürwahr,« sagte Sivert Jespersen, »wir besitzen manches segensreiche Wort von Johann Arndt, Spener und Francke. Auch unter den Herrnhutern gab es später viele fromme, gottesfürchtige Männer.« »Wir können von ihnen lernen und sie können von uns lernen,« sagte der alte Färber. »Ich las gerade heute in einem kleinen Buche von einer Erscheinung, die ein frommer Mann, ein Freund Franckes hatte. Später erfuhr derselbe, daß Francke in ebenderselben Stunde gestorben sei, wo er die Erscheinung hatte.« Indem Madame Torvestad dies sagte, zog sie aus ihrer Tasche eines jener Büchlein hervor, die bei ihr eine so große Rolle spielten; und Sivert Jespersen bat sie, ob sie nicht die Stelle von der Erscheinung vorlesen wolle, wenn sie in dem Buche stände. Madame Torvestad ließ sich dazu bereit finden. Sie sagte, daß sie das Buch mitgenommen habe, weil sie und die Aeltesten zu der Ueberzeugung gekommen seien, daß man versuchen müsse, mit sanften Worten, in milder Weise eine freudigere und zuversichtlichere Stimmung bei dem lieben Freunde und Bruder Hans Nielsen zu erwecken. Man setzte sich zurecht um zuzuhören. Die meisten waren mit der Mahlzeit fertig; nur einige der Männer nahmen sich noch ein Stück Braten und aßen still weiter, während sie las. Die Stimmung unter den Gästen begann sich zu heben, und sie sahen freimütiger zu Fennefos hinüber, der ruhig dasaß und mit Sarah sprach. Madame Torvestad war eine gute Vorleserin und sie sprach die Fremdwörter richtig aus, was die anderen, die keine so gute Erziehung genossen hatten, nicht vermochten. Sie las: »Endlich kam die Zeit, wo Elias – damit war Francke gemeint – fortgenommen werden sollte; es war im Jahre 1727. Aus meiner Finsternis erhielt ich einen klaren Blick, um in die Wohnungen der Seligen hineinzuschauen. Ich sah den großen Friedensfürsten, umgeben von einer unzählbaren Schar Erlöster, und mit lächelndem Munde sprechen: ›Gesegnete meines Vaters! Ihr liebet mich und ich liebe euch, wir freuen uns übereinander. Und jetzt haben wir einen neuen Gegenstand unserer Freude. In diesem neuen Jerusalem sollen wir morgen ein frohes Fest feiern. Eine große, höchst begnadigte Seele soll ihre Krone erhalten. Sie legt jetzt ihre irdische Hülle ab.‹ »Sogleich rief der ganze Himmel mit größter Hochachtung: ›Amen, Amen!‹ ›Aber wer ist es?‹ fragte der eine den anderen, ›wer kann dieser neu angekommene und höchst begnadigte Freund sein?‹ »Meine Aufmerksamkeit fiel nun hauptsächlich auf drei; es waren die würdigsten Greise, hochselig geschmückt mit Kronen und reinschimmernder Seide in der Pracht des Oberengels. ›Wer ist der? – der? – der?‹ fragte mein Herz einen Augenblick. Und alsbald erkannte ich sie: es waren Luther, Arndt und Spener. »›Brüder,‹ sprach Spener, ›glaubt ihr, daß ich raten kann, wer der selige Freund ist, den unser König meint, und den der morgende Tag verklären soll? Sicher wird Francke es sein, der jetzt gekrönt werden soll, denn er hat redlich gekämpft.‹ So sprach der liebe Philipp Jakob; der Erlöser aber, der gerade neben ihm stand, versetzte lächelnd: ›Du sagest es.‹ Der ganze Himmel aber klatschte darüber erfreut in die Hände. »So kam der selige Tag, nach dem Franckes Seele so lange geseufzt hatte. Eine große Schar der seligen dienstbaren Geister, die schon bereit standen, gespannt darauf, ihres Königs Geheiß auszuführen, erhielten jetzt einen Wink von unserem Erlöser, um Franckes Seele abzuholen. Des Himmels Pforten öffneten sich – der Wagen Israels und seine Reiter in ihrer gewöhnlichen Pracht fuhren nieder, um Elias zu holen. Mit der heiligsten und verschämtesten Vorsicht schritt Francke durch Zions Pforten, und alsbald wandte sich der Erlöser zu seinem Erstgeborenen: ›Sieh,‹ sprach er, ›sieh, mein Francke, sieh wie deine Seele mit ihren großen Gaben und der Pracht ihrer Goldstücke doch am allerseligsten glänzt in der Demut deines ungekünstelten Herzens.‹ »›Komm nun, mein August Hermann,‹ fuhr der König fort, ›komm meine auserkorene Schwester. Nimm deinen Obersitz ein an meiner rechten Seite.‹ »Aber als er jetzt merkte, daß der König selber ihm entgegenkäme, warf Francke sich in demselben Augenblick mit der zierlichsten Ehrerbietung vor seine Füße nieder und küßte sein Gewand. Zions König beeilte sich nun, seine Braut aufzuheben und gab ihr den Friedenskuß. »Ach, daß ich nicht mehr sehen und hören konnte! Aber jetzt hatte die Erscheinung ein Ende, als der Erlöser seine reine Braut bei der Hand nahm und sie zu seinem Vater führte. Dahin konnten und durften meine schwachen Augen ihnen nicht folgen ...« Die meisten Gäste an Sivert Jespersens Tisch gaben ihren Beifall durch Lächeln und Kopfnicken zu erkennen; der eine und der andere sah aber doch bedenklich aus und der Wirt bereute, daß er nicht vorher mit der Madame Torvestad genaue Abrede getroffen habe. Wohl war sie eine verständige Frau, der man es schon überlassen konnte, eine Sache zu leiten, selbst wenn sie ihre Schwierigkeiten hatte. Derartige Sachen waren jedoch ihre schwache Seite und Sivert Jespersen wußte nur zu gut, wie sehr Fennefos solche überspannte Entzückungen zuwider waren. Dieser aber saß da mit demselben ruhigen Antlitz; nur sprach er nicht mehr, sondern schien in Gedanken versunken zu sein. Die anderen gaben sich jetzt nach und nach einer stillen Munterkeit hin. Der saure Medoc ward vorsichtig in kleinen hellroten Partien mit Zucker und Wasser getrunken, einige tranken Dünnbier, die meisten aber bloß Wasser. Die liebevolle und brüderliche Gesinnung aber, welche sie verband, strömte bei vielen über; sie lächelten sich zu, klopften einander auf die Schulter oder die Wange. Nach und nach vergaßen sie den Respekt vor Hans Nielsen, und sie freuten sich jetzt nur darüber, ihn wiederzusehen, wenn er auch so schweigend unter ihnen da saß. Keiner konnte ja wissen, welche Prüfung ihm der Herr geschickt habe; wenn sein krankes Gemüt geheilt sei, würde er auch die Gnadengabe der Freimütigkeit wie früher wieder erhalten. Da ertönte plötzlich seine Stimme unter ihnen und es ward totenstill. »Herzensgeliebte Geschwister! Berufene und Auserwählte in unseres Herrn Jesu Christi Frieden in Gott, Gerechtigkeit und Heiligkeit mit Weisheit und Sanftmut, von der echten Liebe und Demut, die geläutert ist durch das Feuer des heiligen Geistes oder die Züchtigkeit des Vaters – rufe, erleuchte, überströme, treibe und bereite euch vollkommen zur ewigen Herrlichkeit! Amen!« Sie kannten die Stimme und viele kannten auch die seltsamen altväterischen Worte wieder; es war ein Gruß von Hauge selber in einem seiner Briefe und manche von den Brüdern dachten: »Jetzt kommt es.« Anfangs sprach er sachte, fast wehmütig von der »ersten Liebe«; er erinnerte daran, wie selbst Hauge in seinen letzten Jahren bekannt habe, daß die erste Liebe nicht immer bei ihm gebrannt habe, wie in den ersten Tagen der Gnade. Darauf schilderte er die Bedrängnis der Brüder in den bösen Tagen; er pries und lobte Gott, daß er in den Vätern stark gewesen sei, so daß die Flamme nicht erloschen, sondern klar im ganzen Lande leuchtete. Dann aber ging er auf die Bedrängnis der Brüder in den guten Tagen über, und alle beugten das Haupt: »Jetzt kommt es!« Und es kam über sie wie ein Ungewitter. Schlag auf Schlag fielen seine Worte nieder, bald hier, bald dort, immer auf schwache Punkte. Ein jeder wußte, wer mit jedem Wort gemeint sei, und keiner sah den anderen an. Es ward ihnen keine Zeit gelassen sich zu wundern, wie er dies alles wisse, denn ihre Gedanken konnten in keine andere Richtung gehen, als wohin er sie führte. »Was ist jetzt geblieben!« rief er, »was ist jetzt von der ersten Liebe unter euch geblieben? Würde er jetzt wohl seine Freunde wiederkennen, wenn er noch im Fleische wandelte, er, der unsere Väter erweckte und den von den Alten sogar noch viele von Angesicht zu Angesicht gesehen haben? Und wird wohl der Erlöser, in dessen Blut ihr zur ersten Liebe gerufen seid, euch am Tage des Gerichts kennen wollen? Wehe, wehe! Der gute Geist ist von euch gewichen und ihr habt einen neuen Geist angenommen, voll weltlicher Bekümmerung, Stolz, Hoffart, Ausschweifung und Wollust, und um euretwillen wird der Name Gottes unter den Heiden bespottet. »Oder habt ihr den alten Feind vergessen? Oder glaubt ihr thöricht in eurem Herzen, daß die alte Schlange schläft? Wehe über euch! Ihr Schläfer! Euer Erwachen wird sein wie das des reichen Mannes, als er erwachte zu den Qualen der Hölle.« Mehrere der Frauen weinten, die Männer saßen still und beugten das Haupt jedesmal, wenn ein neuer Schlag kam. Als er geendet hatte, sagte Sivert Jespersen demütig lächelnd: »Jetzt meine ich, müssen wir singen: Weh' mir, daß ich so manches Mal Der Wollust mich ergeben!« Bei der dritten Strophe erschien die Kochfrau mit dem Dessert. Der Wirt machte ihr die heftigsten Gebärden zu und schüttelte mit dem Kopf, aber er leitete den Gesang und mußte darauf acht geben, daß er das Tremulieren nicht verabsäumte. Die Kochfrau verstand gar wohl die Zeichen des Wirts, allein hatte sie sich darein finden müssen, den Lachs zu überspringen, so schwur sie darauf, daß sie sich das Dessert nicht werde nehmen lassen. Ihr Ruf als Kochfrau wäre in allen guten Häusern verscherzt gewesen, wenn es bekannt geworden wäre, daß sie bei einem Mittag für zweiundzwanzig Personen nur zwei Gerichte serviert habe. Das sollte nicht geschehen! Und mit einem vor innerer Aufregung hochgeröteten Gesicht trug sie selbst eine gewaltige Schüssel voll großer, fetter Spritzkuchen herein, die sie gerade vor Sivert Jespersen hinsetzte. Dies machte einen ungemein peinlichen Eindruck und dem Wirt war fast die Stimme vergangen, als er die vierte Strophe begann: »Ich bin erfüllt von Schlechtigkeit Und groß ist mein Vergehen,« Keiner rührte das Dessert an; nach dem Gesange sprach der alte Färber ein Schlußgebet, worauf noch zwei Strophen des Liedes: »Das Mahl wir also schließen nun Und falten unsere Hände,« gesungen wurden. Beim Kaffee herrschte drückende Stille; einige waren ernstlich ergriffen und bekümmert, andere schielten ängstlich nach den Aeltesten. Die Frauen schickten sich zum Aufbruch an, um zum Versammlungshause zu gehen, wo Bibelstunde abgehalten werden sollte. Fennefos und einige der Männer gingen mit. Hinten aber in dem kleinen Comptoir Sivert Jespersens versammelten sich fünf bis sechs von den Aeltesten. Sie zündeten ihre Kreidepfeifen an und rauchten eine Zeitlang stillschweigend. Keiner hatte Lust, das Schweigen zu brechen. »Weiß einer von euch den Preis des Salzes in Bergen?« fragte Endre Egeland; ihm war es immer am liebsten über unangenehme Dinge schnell hinwegzugehen. Es schien aber keiner etwas von den Salzpreisen zu wissen; es waren andere Sachen zu besprechen. »Ja, ja!« seufzte endlich Sivert Jespersen, »es war wohl eigentlich sehr angebracht.« »O ja, gewiß,« erwiderte ein anderer. »Unsereins hat Fehler genug in sich, die zu züchtigen und zu bessern sind.« »Du siehst den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken in deinem eigenen bemerkst du nicht,« versetzte Nikolas Egeland sehr passend. »Weiberrat und Weiberrede vermag nicht immer einen Mann sanft zu stimmen,« sprach der alte Färber leise. Es entstand eine Pause, bis alle, sogar Nikolas Egeland, den Sinn dieser Worte verstanden hatten. Darauf bemerkte einer: »Wir bedürfen in diesem Jahre vieler Arbeitshilfe auf unserem Hofe, der liebe Gott hat unsere Wiesen und unsere Aecker reich gesegnet.« Er sprach von dem bei der Stadt liegenden Hofe, den mehrere der Haugianer in Gemeinschaft besaßen. »Am meisten thäte uns einer not, der sowohl bei der Arbeit mit Hand anlegen, als auch die Diener und Arbeitsleute in den Feierstunden zur Erbauung versammeln könnte,« sagte Sivert Jespersen. Wieder eine lange Pause; einer sah seinen Nachbar an, dieser blickte zur Seite, nach der Ecke hin, wo der alte Färber saß; mehrere Köpfe drehten sich auch dahin. Wohin der Alte selber schaute, war nicht leicht zu bemerken, er blinzelte mit den Augen in den dichten Tabaksrauch. Endlich aber nickte er mehrere Male; »Ja, ja, wenn das eure Meinung ist, ihr Lieben, so will ich versuchen, es ihm zu sagen.« Dadurch fühlten sich die anderen sichtlich erleichtert, und jetzt erst begannen sie sehr eifrig von den Salzpreisen zu sprechen. – Elftes Kapitel. Schiffer Randulfs kleines weißes Haus war hoch gelegen, mit der Aussicht über Bucht und Hafen. Die beiden Freunde hatten sehr stark miteinander getafelt; jetzt hielten sie Mittagsruhe, der Wirt auf seinem gewöhnlichen Platz auf dem Sofa und der Gast in einem großen Lehnstuhl. Die Fenster standen offen; es war warmer Sonnenschein. Von der Stadt her ertönte kein Geräusch in der friedlichen Nachmittagsstunde, die Fliegen summten ein und aus und der Wind wogte matt in den Gardinen. Große blanke Schweißperlen sammelten sich auf Jakob Worses Nase; er lag hintenüber gelehnt im Stuhl mit offenem Munde und schnarchte fürchterlich. Randulf schnarchte auch, aber doch nicht ganz so schlimm. Vor den Augen hatte er ein gelbes seidenes Tuch, das seine alte Haushälterin ihm jeden Tag um den Kopf binden mußte; sonst konnte er nicht einschlafen. Draußen an dem steilen Abhang vor dem Hause spielten einige Knaben; sie hörten den gewaltigen Lärm, der aus dem Hause drang und sammelten sich unter Lachen und Schwänken unter dem Fenster. Plötzlich aber fuhr Randulfs Haushälterin mit einem Besen auf sie los und die Knaben stürzten in einem verwirrten Haufen unter Gelächter und Geschrei den Hügel hinunter, so daß Worse etwas mit den Augen blinzelte und den Kopf auf die andere Seite legte. Es ward wieder ganz still und das Schnarchen war wieder im besten Gange; man hörte die Ruderschläge von einem Boote, das zum Hafen hinausfuhr, oder Männergeschrei draußen weit von der Bucht her. Die Haushälterin hielt mit dem Besen Wache und die braven Kapitäne schliefen noch ein halbes Stündchen. Endlich erhob Randulf sich, nahm das Tuch von den Augen und gähnte. Dadurch ward Worse halb wach und sagte sogleich in überlegenem Tone: »Nun, du hast aber geschlafen, ich glaubte, du würdest nimmermehr aufwachen.« »Aufwachen?« erwiderte Randulf spöttisch; »es ist kein Schlummer in meine sündigen Augen vor deinem Brüllen gekommen.« »Ich schnarche nie,« rief Worse in bestimmtem Ton, »und überdies war ich die ganze Zeit hindurch wach, während du schliefst.« »Schliefst? – Ich schlief ganz und gar nicht, hörst du wohl.« »Das muß ich doch am besten wissen, da ich hier gesessen und –« »Geschnarcht habe, ganz recht, das thatest du wie ein Held.« Sie zankten sich noch eine Weile, bis sie ganz wach geworden waren. Dann setzten sie ihre Pfeifen in Brand und zogen ihre Röcke an; bei Randulf gingen sie immer in Hemdärmeln, was für Worse ein Fest war, denn zu Hause war es ihm nicht gestattet. Darauf wanderten die beiden alten Schiffer umher auf allen Schiffbrücken, sahen in die Packhäuser und betrachteten die Seilerbahn, sprachen über die Fahrzeuge im Hafen und untersuchten mit dem äußersten Mißtrauen ein Schiff, woran auf der Werft gebaut wurde. Ueberall trafen sie Bekannte, mit denen sie einige Worte wechselten; Randulf war in der heitersten Stimmung und Worse war auch recht froh, aber so bei Laune, wie in früherer Zeit, war er doch nicht. Eine solche Tour durch die Stadt war für ihn jetzt etwas ganz Neues und Ungewöhnliches, denn in der letzteren Zeit war er selten weiter gekommen, als zu seinem eigenen Packhause. Es war ihm sonderbar ergangen, er wußte selbst nicht recht wie. Aber von dem Augenblick an, wo er »Der Familie Hoffnung« anderen überlassen hatte, war ihm fast an allem, womit er sich früher beschäftigt, die Lust verleidet. Wenn er jetzt ein Schiff mit vollen Segeln in den Hafen einlaufen sah, berührte es ihn fast peinlich, und früher war es doch der schönste Anblick für ihn, den er nur kannte. Heute aber war es Randulf gelungen, ihm warm ums Herz zu machen, so daß er förmlich munter ward und sich sogar zu Eiden hinreißen ließ, was seinen Freund aufrichtig freute. Denn Randulf war nicht minder als Konsul Garman bekümmert darüber, daß Jakob Worse so, wie er es nannte, zu Grunde ginge. Er neckte ihn auch nicht mehr, denn er sah ein, daß dies doch nichts nutzen könne. Im Klub aber sagte Randulf bisweilen einem guten Freunde beim Glase im Vertrauen, wie schmerzlich es für ihn sei, daß eine solche Perle von einem Seemann wie Jakob Worse durch ein heiliges Frauenzimmer gänzlich ruiniert werde. »Dieser verzweifelte Rostocker!« Mit diesen Worten pflegte er seine Klagen zu enden. Damit meinte er den Rostocker Schoner, mit dem er in der Rigaer Bucht zusammenstieß; denn Randulf war des festen Glaubens, daß, wenn er damals zu Hause gewesen wäre, man ihm nicht seinen Worse hätte abspenstig machen sollen. Um sieben Uhr kehrten sie nach Randulfs kleiner Behausung zurück, in der trefflichsten Stimmung und mit einem Wolfshunger. Nachdem sie wieder eine tüchtige Mahlzeit zu sich genommen – Worse hatte seit langer Zeit nicht solchen Appetit gehabt – stellten sie die dampfenden Punschgläser auf den Tisch am offenen Fenster und wechselsweise ließen sie aus ihren Pfeifen Rauchwolken aufwirbeln wie von Kanonenschüssen, als wären es zwei Fregatten, die sich gegenseitig salutierten. Nachdem sie lange stillschweigend geraucht, sagte Worse: »Auf der See kann es schön sein an einem solchen Sommerabend – Prost!« »Auf der See ist's immer schön, Jakob! Prost!« »O ja, gewiß, solange man noch jung ist.« »Jung! – Du bist doch nicht über drei Jahre älter als ich, und Thomas Randulf denkt nicht daran, in den ersten zehn Jahren ans Land zu kriechen. Darauf kannst du dich heilig verlassen.« »Mit mir ist es eine andere Sache, siehst du. Du weißt, ich habe dieses inwendige Gebrechen im Körper.« »Ach was,« erwiderte Randulf, »ich verstehe nichts von Leber und Lunge und Gedärmen und Milz und all dem Kram, das wir im Magen haben sollen; aber das weiß ich, daß der, welcher auf der See zu Hause ist, der wird krank, wenn er auf dem Lande leben soll, gerade so, wie es dem Bauer übel zu Mute wird, wenn er an Bord kommt. Das ist nun einmal eine unerschütterliche Wahrheit.« Jakob Worse konnte nichts dagegen einwenden, er murmelte nur etwas und strich sich über den Magen. »Hast du Rigaer Balsam versucht?« fragte Randulf. »Bist du von Sinnen, Mensch? Ich hab' es ja inwendig.« »Glaubst du denn, daß der Rigaer Balsam nicht auch gut zum inwendigen Gebrauch sei? Wenn du von dem echten bekommen kannst, alter Freund, dann ist der gut für alles, sowohl inwendig, wie auswendig, das muß ich doch wissen! – Uebrigens hast du es gar nicht im Magen,« fügte Randulf nachdenklich hinzu; »dein Uebel steckt eher im Herzen; diese Liebeleien und diese Frauen sind immer eine Pest für dich gewesen, Jakob, all dein Lebtage hast du dich wie ein Stockfisch bei ihnen benommen und immer haben dich die Weiber beschwindelt, das habe ich manches Mal sowohl am Mittelmeer wie an der Ostsee gesehen. Das letzte Mal aber ist es dir am allerschlimmsten ergangen, denn diese Heiligen, siehst du –« »Nimm dich in acht, Thomas, mit dem, was du über Sarah sagst. Sie ist mir zu großem Segen gewesen. Was hätte aus mir, einem alten kranken Manne, ohne sie werden sollen?« »Du wärst kein alter kranker Mann ohne sie geworden,« fuhr Randulf auf; aber nun sah der andere so grimmig aus, daß Randulf sich einen langen Schluck nahm und in einen unendlichen Husten ausbrach. »Nein, nein,« sagte Worse, nachdem auch er sich erquickt hatte, »sie ist mir eine gute Gattin gewesen, sowohl für den Leib, wie für die Seele: ich habe vieles von ihr gelernt, von dem ich früher nichts wußte.« »Das war ein wahres Wort, Jakob; ich will dir sagen, was du gelernt hast: du hast gelernt, hinter dem Ofen zu sitzen wie ein altes Weib, und einem Frauenzimmer an den Röcken zu hängen und zu Erbauungen umhergeschleppt zu werden – Gott verzeih mir's, wie die Maulesel der Mönche in Spanien – das hast du von ihr gelernt!« »Wart nur, Thomas,« erwiderte Worse und nickte voll Sicherheit, »du wirst noch einmal einsehen, daß ich recht habe. So wie du bist, bin ich auch gewesen; aber jetzt habe ich andere Gefühle bekommen, und so wird es dir auch gehen, wenn deine Zeit kommt: dann wirst du erst begreifen, wie große Sünder wir sind.« »Sünder! Nun ja, mag sein. Aber ich bin doch nicht so schlimm, wie viele andere, und auch du bist nicht so schlimm. Ich kenne dich jetzt seit vierzig Jahren und wohl noch länger, aber einen besseren Kerl auf dem Lande und auf der See gibt es nicht als dich im ganzen Reiche Norwegen. Nun weißt du es –« und damit schlug er mit der Faust aufs Fensterbrett. Worse war nicht ganz unempfindlich gegen diese Lobrede; aber er murmelte doch, während er die Pfeife beim Ofen auskratzte: »Schon gut, aber es gehört mehr dazu als das; viel, viel mehr!« »Höre jetzt ein ernstes Wort, Jakob Worse! Kennst du Sivert Jespersen, auch Geschwind genannt?« »O ja, gewiß.« »Erinnerst du dich wohl der zweihundert Tonnen Salz, die du einmal nördlich von Kinn von ihm kauftest?« »Jawohl, dessen werde ich mich doch erinnern!« »Beantworte mir nun eine Frage, bloß eine einzige kleine Frage: Betrog er dich, oder betrog er dich nicht?« »Schauderhaft,« erwiderte Worse, voll Ueberzeugung. »Aha, siehst du wohl! Beantworte mir nun noch eine Frage: Was meinst du, der liebe Gott würde vorziehen: einen ehrlichen Seemann, der sein Maul hält und auf sein Schiff acht gibt, oder solch einen Heuchler, der ärger als ein Grieche betrügt unter den Augen des allwissenden Gottes, und der ihm nachher Lieder gerade ins Gesicht singt? He? Wen meinst du, wird er lieber haben?« »Das weißt weder du noch ich, Randulf; denn das Gericht gehört dem Herrn, welcher Herzen und Nieren prüft.« »Nieren!« rief Randulf höhnisch, »Sivert Jespersens Nieren prüfen, das wäre auch der Mühe wert! Nein, mein Bester, der liebe Gott ist ein Mann, der weiß, was er thut; der läßt sich nicht ums Salz betrügen.« »Ich will dir was sagen, Thomas Randulf, es ist doch wohl nicht so leicht und einfach, sich mit dem lieben Gott abzufinden, wie man uns gelehrt hat. Und wenn es mit ihm selber auch ginge, so ist da nun zuerst der heilige Geist mit allem, was dazu gehört.« »Aber glaubst du denn, daß ich den nicht kenne,« sagte Randulf, halb beleidigt. »Jawohl, aber da ist nun so vielerlei zu merken; zuerst die sogenannte Wiedergeburt und die Bekehrung – nein – die Wiedererlösung kommt zuerst – nein! Nun hab' ich es wahrhaftig wieder vergessen. Was kommt denn doch noch zuerst?« Nun mußte Jakob Worse lachen, mochte er wollen oder nicht; und als sie erst ins Lachen gekommen waren, ließen sie die Theologie fahren und brauten sich ein neues Glas Punsch. »Alle deine Einwendungen können nun einmal nichts nutzen, Jakob; es ist ein Schimpf und eine Schande, daß du die See so früh verlassen hast, und das sagen auch alle Leute, die nach dir fragen.« »Fragen wirklich Leute nach mir?« »Ob sie nach dir fragen? Ja, das will ich meinen; man fragt nach dir allerorten, von Kopenhagen bis nach Kronstadt. Du erinnerst dich wohl noch der dicken Mamsell in dem Gasthaus ›Drei Norweger‹ zu Pillau?« »War das dort, wo wir tanzten?« »Ach, bewahre! Das war in Königsberg, du lieber Himmel,« sprach Randulf mitleidig, »hast du das schon vergessen? Nein, die Dicke in Pillau weinte ihre bitteren Thränen, als sie hörte, du habest dich verheiratet und bliebest zu Hause. ›Ach du Lieber,‹ sagte sie, ›was soll nun den armen Minchen machen, wenn den lustige Jakob Worse sich gegiftet hat.« »Sagte sie das wirklich?« versetzte Worse gerührt, »übrigens sprachst du es nicht richtig aus: es ist doch merkwürdig, Thomas, daß du niemals lernen kannst, ordentlich deutsch zu sprechen.« »Ach was, ich komme schon durch, denn ich merke ihnen sofort an, wenn sie mich prellen wollen. Dann sind sie so sanft und einschmeichelnd mit ihrem ›guten Abis‹; wenn sie aber sagen: ›das gloobis‹, dann nimm dich nur in acht, dann sind sie erst recht falsch.« »Sie mögen es nur mit mir versuchen! Nein, mein Junge, ich kann sie kurieren,« rief Worse überlegen, »der alte Bencke in Danzig mußte es bekennen. Zuerst wollten sie mich bei den Heringen prellen, was sie immer versuchen.« »Immer!« bestätigte Randulf. »Dann beim Roggen.« »Ja, natürlich.« »Und dann hatten sie zuletzt eine neue Teufelei in die Konnossemente hineingesetzt.« »Was war das?« »Das mag der Henker wissen! Ich sah nur, daß es etwas Neues war, was nicht darin zu stehen pflegte, und das wollte ich nicht unterschreiben.« »Nein, natürlich nicht.« »Und der Comptoirist, der ein Stück von einem Dänen war, stand mit der Feder in der Hand und wollte mich zum Unterschreiben verlocken; es habe nichts zu bedeuten, was da stände, es sei nur zum Vorteil des Schiffs, und solch Zeug mehr, von dem jeder wissen konnte, daß es gelogen sei. Ich aber schwor darauf, daß ich neue Konnossemente haben wolle, so wie ich sie früher bekommen, und daß ich nicht eher unterschreiben würde, und sollten Roggen und Schiff so lange auf der Danziger Reede liegen bleiben, bis sie verrotteten.« »Ja, natürlich,« bestätigte Randulf wiederum. »Während wir uns nun so da herum stritten, kam der alte Bencke selbst herein ins Comptoir und der Däne erzählte ihm dann, worum es sich handle. Da wurde der Alte fuchswild, wie du dir denken kannst, und schimpfte und wetterte auf deutsch so toll, wie er nur konnte. Aber da wurde ich auch wütend, und ich wandte mich um und sagte zu ihm auf deutsch – verstehst du – gerade so: ›Bin Bencke bös, bin Worse og bös!‹ und als er sah, daß ich deutsch könne, da hatte er nichts mehr zu sagen; er drehte sich auf der Diele um und packte sich aus dem Comptoir. Wer aber andere Konnossemente erhielt, das war ich!« »Das war gut gemacht von dir, Jakob!« rief Randulf; es war lange her, daß er die Geschichte gehört hatte. Sie stießen miteinander auf die alten Zeiten an und fielen dann in Gedanken. Beiden war das Gesicht stark gerötet und Worse sah heute abend frisch und kräftig aus, die gelbliche Farbe war verschwunden, aber das dichte steife Haar war weiß wie Schaum. Endlich sagte Jakob Worse: »Wenn ich solch einen großen Tisch sehe, wie den Sofatisch da, so kann ich nicht begreifen, daß solch eine Platte mitten durch gespalten werden kann, wie in jener Nacht in Königsberg, wie du dich wohl noch erinnerst.« »Ja, siehst du, Jakob, das kam davon her, daß wir in voller Fahrt gegen den Tisch tanzten.« »Ja, in voller Fahrt fuhren wir,« kicherte Worse. »Aber du lieber Himmel, wie wir dann Beine machten!« rief Randulf und lachte, daß er sich schüttelte. »Und pechdunkel war es, so daß wir nur mit genauer Not das Boot fanden. Ich möchte eigentlich wohl wissen, was der Tisch kostete.« »Ja, das magst du wohl sagen, Jakob; aber in dem Hause bin ich später nie wieder gewesen.« »Ich auch nicht.« Nun kam die eine Geschichte nach der anderen aufs Tapet aus ihrer tollen Jugend; sie erzählten sie nur zur Hälfte oder mit Andeutungen, denn beide kannten ja alles auswendig. »Was meinst du von einem kleinen Glase noch, Jakob?« »Das müßte denn ein kleines Glas sein.« »Eine kleine passende Nachtmütze,« sagte der Wirt und ging hinaus, um warmes Wasser zu holen. Es war nicht später als zehn Uhr und Worse hatte die Erlaubnis, bis elf Uhr ausbleiben zu dürfen; er hatte deshalb ein ausgezeichnet gutes Gewissen und je wärmer ihm der Kopf wurde von Randulfs altem Jamaikarum, desto weniger dachte er an sein »inwendiges Uebel« und die Bekümmernis seiner Seele. Beim dritten Glase schlug Randulf vor, daß sie englisch sprechen sollten, was sie auch mit großem Ernst ausführten – so gut es gehen wollte. Der verschwindende Schimmer von der dichten, Nordwind verkündenden Wolkenbank am Horizont, hinter der die Sonne untergegangen war, ließ die beiden Freunde, wie sie am offenen Fenster da saßen und englisch sprachen, noch röter erscheinen. Die Bucht lag spiegelblank da; die am weitesten entfernten Küstenvorsprünge und Inselchen traten hoch empor über die Wasserfläche; auf den größeren, näher bei der Stadt liegenden Inseln und hin und wieder gegen Osten zwischen den Klippen wurden Johannisfeuer angezündet. Der Rauch stieg kerzengerade in die Luft und die Flamme erschien bleich in der hellen Sommernacht. Bote glitten über das Wasser mit jungen Leuten; ein Seemann war heimgekommen mit einer Harmonika, auf der er »Wenn das Nordmeer braust« und viele andere gute Lieder spielen konnte. Eine ganze Schar von Boten fuhr hinter dem seinigen her, bisweilen begleiteten einige Stimmen die Musik, die meisten aber schwiegen und hörten zu, indem sie über die Bucht zum Meer hinausblickten, zum brausenden Nordmeer, das in allen Erinnerungen von Kummer und Hoffnung, von Sehnsucht und Ungewißheit und Liebe und Entbehrung erweckte. – Mittlerweile hatten die Haugianer längst das Versammlungshaus verlassen. Einige von Sivert Jespersens Gästen gingen mit ihm zurück, um zu Abend zu speisen, andere begaben sich gleich nach Hause. Sarah und Fennefos trafen beim Ausgange zusammen. Beide mochten wohl das Gefühl haben, daß unter den anderen einige Mißstimmung gegen sie herrsche, deshalb machte es sich ganz natürlich, daß sie zusammen blieben und miteinander fortgingen; als sie dann auf den Markt kamen, bogen sie unwillkürlich ab zur Linken, statt nach Hause zu gehen, und verfolgten eine Strecke weit die Allee, die nach Sandsgaard führte. Sie hatten beide nicht viel Sinn für die Natur, denn sie wußten nur, daß in allem, was die Christen hienieden umgibt, Versuchung zu Augenweide, Fleischeslust und zu hoffärtigem Leben liegt. Sarah hatte überhaupt nicht viel gesehen; aber selbst Fennefos, der das Land in die Kreuz und Quere zu allen Jahreszeiten durchwandert hatte, verstand von Naturschönheit so wenig, daß er die Gegend, wo der Boden fruchtbar war, hübsch fand, während ihm eine Landschaft voll von Klippen, Wasser und Gebüsch, aber mit wenig Ackerland, unschön vorkam. Dennoch verfehlte der stille laue Sommerabend nicht seine Wirkung auf sie, wenn sie es auch nicht merkten. Sie hatten wiederum von den schweren Gebrechen der Gemeinde gesprochen, und wie sehr es not thue, daß jemand die Sache ernstlich in die Hand nähme. Dann stockte das Gespräch. Sie blickten schweigend über die Bucht hinaus, wo die Lichter aufflammten, die Bote umherruderten und von wo die Töne von Gesang und Musik bis zu ihnen drangen. Sarah stieß unwillkürlich einen tiefen Seufzer aus und wandte sich ab, um nach der Stadt zurückzugehen. Fennefos wollte etwas über die kurze Sündenlust der Kinder dieser Welt sagen, er konnte aber nicht damit zurecht kommen; er hielt inne und sich selbst unbewußt fragte er sie, ob sie Freude an dem Briefe gehabt habe, den er ihr schenkte, als sie sich damals trennten? »Ach ja, Fennefos!« erwiderte sie und wandte ihr Antlitz nach ihm hin; sie errötete schwach und fügte nichts hinzu; er ward aber ganz verwirrt. So kehrten sie nach der Stadt zurück. Bei der Hausthür fragte Sarah ihn, ob er nicht einen Augenblick mit hineingehen wolle. Fennefos trat fast willenlos hinein, und als sie in die Stube kamen, setzte er sich auf einen Stuhl. »Es thut gut, etwas auszuruhen,« sagte er; er fühlte sich so seltsam matt. Die Abenddämmerung machte die Stube halbhell bei den Fenstern, sonst war es dort ziemlich dunkel. Sarah ging in die Küche und sah, daß die Hofthür geschlossen sei; die Mädchen waren zur Ruhe gegangen, das Haus war wie ausgestorben; es war gegen zehn Uhr. Sie brachte kaltes Wasser und Himbeersaft, und Fennefos trank gegen seine Gewohnheit ein großes Glas davon ganz aus; er sei sehr ermattet und durstig, sagte er. Sarah setzte sich etwas von ihm entfernt auf das Sofa; aber beide schwiegen. Nachdem sie so ein paar Minuten gesessen, ward es ihnen peinlich und sie begannen auf einmal, hielten aber auch gleich wieder inne. »Was wolltest du sagen?« fragte Fennefos. »Ich – ich wollte dich fragen, ob du nicht mehr Saft mit Wasser haben wolltest?« »Nein, ich danke, aber jetzt muß ich gehen.« Er stand auf und machte einige Schritte; sein Hut lag auf dem Tisch, er ging aber, als ob er nicht wisse, wo er sei, zum Fenster und sah in den hellen Abendhimmel hinaus. Sarah erhob sich auch und trat an einen Schrank zwischen den beiden Fenstern, wo sie sich etwas zu thun machte. Er fühlte, daß sie dicht hinter ihm stände, drehte sich um und ging zu seinem Stuhl zurück. »Es war heute ein schöner warmer Tag,« sagte er; aber seine Stimme war so schwer und sonderbar, und obwohl er kurz vorher getrunken hatte, war ihm der Hals ganz trocken. Sarah sagte auch etwas mit undeutlicher Stimme; sie nahm das Glas, aus dem er getrunken hatte und setzte es auf den Präsentierteller, ihre Hand zitterte so, daß das Glas klirrte. Fennefos erhob sich abermals, ging wie im Traum einige Schritte hin und zurück und trat zuletzt zu ihr hin, als ob er ihr etwas sagen wolle. Sie wandte ihr Antlitz gegen ihn, so daß das Licht darauf fiel. Seine Lippen bewegten sich, aber sie brachten keinen Laut hervor, bis er endlich herauspreßte: »Du bist so bleich.« »Was sagst du?« flüsterte sie; seine Stimme war so undeutlich, daß sie ihn nicht verstand. Er versuchte wieder, und wie um den Worten, die nicht hervorkommen wollten, zu helfen, näherte er seine Hand ihrer Wange. So geschah es, daß er die weiche feine Haut berührte, und da verließ ihn das Bewußtsein, es brauste ihm durch den Kopf, und ohne daß er es wollte, hielt er sie in seinen starken Armen, indem er sie fest vom Boden aufhob, und küßte ihre Augen und ihren Mund. Sie riß sich nicht los, sie stieß ihn nicht zurück, aber er fühlte sie erbeben. Er ließ sie halb los – einen Moment – um ihr ins Antlitz sehen zu können; ihre Augen bohrten sich ineinander, er sah ihre bleichen Züge, die Lippen noch halb geöffnet nach den wilden Küssen; sie lag fest in seinen Armen, sein war sie, und wiederum brauste es ihm im Kopfe – da sprang er mit einem Schrei zurück: »Herr, hilf uns, was thun wir!« und eilte hinaus. Sie aber lief durchs Zimmer an die Thür und lauschte. Sie hörte ihn durch den Gang taumeln, hörte, wie die Hausthür zugeschlagen ward und seine hastigen Schritte an den Fenstern vorbei. Da wandte sie sich gegen das Licht: sie preßte die Hände gegen die Brust und um die Mundwinkel zuckte es wie ein bitteres Lächeln; dann warf das junge starke Weib sich auf den Boden nieder und schluchzte. – Als Jakob Worse munteren Sinnes und mit unsicherem Schritt eine Stunde später nach Hause kam, fand er seine Gattin in der Bibel lesend; auf dem Tisch brannten zwei Lichter und die Rouleaus waren herabgerollt. »Guten Abend,« begann er lustig, »sitzt die kleine Frau noch auf? Komm, liebe Sarah, laß uns jetzt zu Bette gehen.« Sie fuhr fort zu lesen, ohne aufzusehen. Worse legte den Hut ab und schwankte ein wenig, als er durch das Zimmer ging. »Wir haben heute einen recht fröhlichen Tag zugebracht, Sarah.« »Alle drei?« »Drei?« erwiderte Worse stutzend, »ich war allein mit Randulf.« »Du lügst; ihr waret eurer drei,« versetzte Sarah ruhig. Jetzt kam Worse auf den unglücklichen Einfall, daß sie scherze. Er näherte sich ihr lächelnd mit den feuchten Augen, um sie in seine Arme zu nehmen und sagte: »Ei, ei, du weißt also besser Bescheid, als ich selber, wo bist du denn in die Schule gegangen, daß du so klug geworden bist? Wer war denn der dritte, nun?« »Der Teufel,« erwiderte Sarah und schlug plötzlich die Augen auf; »der Teufel saß mitten zwischen euch.« Schiffer Worse taumelte zurück. »Ich versichere dich, daß er von euch allen den fröhlichsten Tag gehabt hat. Er ergötzte sich, wenn euer Mund von Eiden und Verwünschungen, von buntem Gewäsch und allem Unflat eurer Herzen überströmte. Sahst du seine krummen Krallen nicht, wenn er dir das Glas vorsetzte, auf daß du dich in dem Wein seiner Unreinheit berauschtest? Hörtest du sein Lachen nicht, während ihr euch in dem Ekel eurer Sünde wälztet, um zum Pfuhl und zur Pein der Hölle reif zu werden?« Worse rieb sich unwillkürlich den Magen; er fühlte wieder das Uebel da drinnen. »Aber, Sarah, ich bitte dich,« sagte er; sie aber ließ nicht ab, während ihre großen kalten Augen ihn verfolgten, so daß er die Hand emporhielt, um sich vor ihnen zu schirmen. »Wie lange willst du des Herrn spotten, du alter Mann? Hast du keine Furcht vor der Strafe des Unbußfertigen? Oder hast du nichts gehört und nichts gelernt von den Schrecken der äußersten Finsternis?« Worse zog sich entsetzt nach der Schlafstubenthüre zurück. Seiner Sinne nur halb mächtig, konnte er nicht recht verstehen, was sie sagte; er hörte nur die bösen Worte und fühlte die beiden dunklen Augen, die ihn verfolgten. Mehrmals bat er sie flehentlich, aufzuhören; aber sie begann immer wieder von neuem, bis er sich endlich ganz elend und zerknirscht in die Schlafstube schlich und sich niederlegte. Erst nachdem er eine volle Stunde geschnarcht hatte, kam seine Gattin leise herein und ging zu Bette. Zwölftes Kapitel. Jeden Abend, wenn sie schlafen ging, wiederholte Henriette den Eid, den sie Lauritz bei seiner Abreise geschworen hatte: »Ich gelobe und schwöre, dich treu im Leben und im Tode zu lieben und mich niemals an einen anderen zu geben.« Jeden Morgen aber, wenn sie aufstand, seufzte sie und weinte sie; denn sie sah keinen Ausweg und es graute ihr vor jedem kommenden Tage. An ihrem zwanzigsten Geburtstage hatte Madame Torvestad ihr geradezu erklärt, daß sie bald heiraten sollte. Lauritz war fort auf einer langen Reise, er konnte kaum in zwei Jahren wiederkommen. Und selbst wenn er kam, so wußte sie nur zu gut, daß die Mutter nie ihre Einwilligung zu einer Verbindung mit ihm geben würde. So schwankte Henriette zwischen dem mutigen Schwur und der undurchdringlichsten Hoffnungslosigkeit – bald äußerst niedergeschlagen, bald sich in stolze Träume wiegend von ihrem geliebten Lauritz, wie er sie liebe und wie fest er auf ihre Treue baue. Ihr Wuchs war nicht so kräftig wie Sarahs; sie war schlanker und magerer; ihr feines lebhaftes Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an, als ob sie immerfort auf etwas warte. Sie machte Sarah zu ihrer Vertrauten und diese redete ihr ins Gewissen und ermahnte sie zum Gehorsam. Henriette aber war viel zu klug um nicht zu entdecken, wie es Sarah in ihrem ehelichen Leben ergehe; und es war auch keine rechte Kraft in Sarahs Ermahnungen, wenn sie von Gehorsam sprach. – Fennefos ließ sich nach dem Mittage bei Sivert Jespersen mehrere Tage hindurch nicht sehen; er erschien nicht bei Tische und war nicht einmal nachts zu Hause. Madame Torvestad nahm sich dies nicht so sehr zu Herzen, denn Fennefos hatte es schon öfters so gemacht; er hatte viele Freunde in der Umgegend, die er bisweilen besuchte. Wirklich beunruhigt aber fand sie sich darüber, daß der alte Färber mehreremal dagewesen war, um nach Fennefos zu fragen, ohne daß er ihr mitteilen wollte, weshalb er ihn aufsuche. Madame Torvestad hatte ihre Enttäuschung über Sarah jetzt fast ganz verwunden. Als sie merkte, daß die Tochter ihr über den Kopf wachse, war sie so vernünftig, sich mit dem Glanz zu begnügen, den die gute und reiche Partie auch auf sie warf. Und obwohl Henriette bei weitem nicht Sarahs Platz am Bibelpult auszufüllen vermochte, waren die kleinen Versammlungen bei der Madame doch nach wie vor gut besucht und sie erhielt ihr Ansehen unter den Aeltesten aufrecht. In den letzten Tagen aber schien sich eine Veränderung zu vollziehen, welche sie ängstigte. Sie entdeckte sehr bald, daß die Erzählung von der Himmelfahrt Franckes, welche sie bei Tische vorgelesen, einen sehr bösen Eindruck gemacht habe. Sie vernahm auch, daß die Aeltesten sich wegen Fennefos berieten, ohne sie zu befragen. Es war ausgemacht, daß der alte Färber einen geheimen Auftrag an ihn hatte. Madame Torvestad überlegte die Sache mit Bestimmtheit und faßte dann ihren Entschluß. Als Fennefos sich endlich am fünften Tage wieder sehen ließ, nahm sie ihn sofort in Beschlag und zog ihn in ihr Zimmer. »Als du voriges Mal hier in der Stadt warst, Hans Nielsen,« so begann sie ihre Einleitung, »befragtest du mich, ob ich dir den Rat geben könne, dich zu verheiraten; damals war ich nicht der Meinung, jetzt aber scheint es mir an der Zeit zu sein.« Er machte eine Bewegung auf seinem Stuhl und jetzt erst bemerkte sie sein seltsames Aussehen. Er saß vornüber gebeugt, halb abgewandt vom Tageslicht; die klaren Augen, die sonst offen diejenigen ansahen, mit denen er sprach, waren gesenkt, und wenn er sie je zuweilen aufschlug, glitten sie zur Seite. Er sah bleich aus, errötete aber dann und wann und strich sich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er es verbergen. In ihrer Verwunderung über sein verändertes Benehmen vergaß sie es, weiter zu gehen und wiederholte mehrmals: »Jetzt aber scheint es mir an der Zeit zu sein.« Fennefos seinerseits glaubte, sie wisse alles, gleichwie er auch überhaupt sich einbildete, daß ihm jeder seine Sünde und Unreinheit ansehen könne. Und da sie nun stets wiederholte, daß er sich verheiraten müsse, überfiel ihn eine solche Scham, daß er weder ein noch aus wußte. Madame Torvestadt konnte seinen Zustand nicht recht begreifen, aber sie sah ein, daß ihm etwas zugestoßen sein müsse und sie schloß daraus, daß sie ihn jetzt leichter werde leiten können. »Du fragtest mich damals auch, Hans Nielsen, ob ich ein junges, christlich gesinntes Mädchen kenne, welches für dich paßte. Ich glaube jetzt ein solches gefunden zu haben. Meine Tochter –« Er sah sie einen Augenblick so verwirrt an, daß ihr fast bange ward: »Bist du krank, Fennefos?« »Nein, nur müde.« Plötzlich stieg ein Argwohn auf in Madame Torvestad: »Oder wär' es möglich, daß du dein Herz von sündhafter Liebe hast bestricken lassen? Wenn dem so ist, Fennefos, so bete zu Gott, er möge dich bewahren und dir beistehen, gegen den bösen Feind in deinem eigenen Fleisch zu kämpfen. Du müßtest Kraft genug haben, um zu siegen und dich nicht in einer so elenden und abscheulichen Schlinge fangen zu lassen. Henriette ist noch jung, bei dir aber wäre sie gut behütet und ich glaube und hoffe, daß sie dir zum Segen sein könnte.« Fennefos gewann jetzt seine Fassung so weit wieder, daß er der Madame seinen Dank aussprechen konnte. Indessen habe er, wie er sagte, nicht daran gedacht, sich jetzt zu verheiraten; es sei eine so ernste Sache – »Es ist nicht gut für den Menschen, daß er allein sei – am wenigsten für den Mann,« sagte Madame Torvestad mit Nachdruck; »das wirst auch du wissen, Fennefos, und du erinnerst dich gewiß dessen, was Paulus sagt –« »Ja, ja,« unterbrach er sie schnell, »wenn ihr meint, daß ich es thun müsse, so will ich Gott bitten, er möge es zum Besten wenden.« »So will ich mit Henriette sprechen,« sagte Madame Torvestad. »Ich möchte lieber selbst –« »Nun wohl – ich habe Zutrauen zu dir; sie ist drinnen in der Webstube.« »Jetzt gleich? – ich dächte –« »Es ist kein Grund vorhanden, es aufzuschieben,« erwiderte Madame Torvestad, öffnete die Thür und rief das Dienstmädchen heraus; darauf ließ sie Fennefos eintreten. Er ließ sich leiten wie ein Kind. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß die Madame um alles wisse. Und das Schamgefühl darüber im Verein mit seiner Ermüdung machte ihn zu einem willenlosen Werkzeug in ihrer Hand. Die letzten vier Tage war er ganz allein längs der Küste hin und her gewandert; seinen Bekannten war er ausgewichen und bei Fremden hatte er Obdach gesucht. Die ganze Zeit hindurch hatte er in Reue mit Furcht und Beben gekämpft. Und voll Zweifel und ohne Frieden in seinem Sinn war er zurückgekehrt mit der unbestimmten Absicht, seine Sachen zu holen und weit weg zu reisen. Als er nun Henriette gegenüberstand, die ihm unruhig ins Gesicht blickte, wußte er nicht, was er thun solle. Sie aber, die Andeutungen genug in der letzteren Zeit erhalten hatte, faßte sich ein Herz und sagte: »Hans, ich bin verlobt ... Ich habe Lauritz Seehus für Leben und Tod Treue geschworen,« fügte sie hinzu und sah ihn fest an. Fennefos starrte das junge Mädchen an, das offen seine starke Liebe eingestand, und er fühlte, wie überlegen, wie rein sie ihm gegenüber sei. »Lieber Hans,« sagte Henriette dann und legte ihre Hände vertraulich auf seine Schultern, »du warst stets gut gegen mich und du bist selbst ein guter Mensch. Du wirst mich nicht auf diese Weise zwingen wollen, das weiß ich, aber du mußt mir auch beistehen gegen die Mutter.« »Ich will dich gewiß nicht unglücklich machen, Henriette; aber du darfst dich nicht gegen deine Mutter auflehnen.« »Aber ich will und kann keinen anderen nehmen, als den, den ich liebe.« »Höre, liebes Kind!« sagte er ruhig und sah sie schmerzlich an – es war nicht das erste Mal, daß Frauen bei Fennefos Beistand gesucht hatten und heute konnte er sich besser als je in ihre Lage versetzen. – »Sicherlich ist keine Wunde schmerzlicher, als die, welche die Liebe in der Jugend schlägt. Aber es gibt eine Hilfe dagegen und Heilung wird dem zu teil, welcher den Frieden sucht, dadurch, daß er seine Pflicht erfüllt im Gehorsam gegen Gottes Gebot und gegen die, welche Gott an seiner Statt eingesetzt hat, über uns zu bestimmen. Du sagst, daß du nicht einen Mann heiraten kannst, den du nicht liebst; aber bedenke doch, wie oft das Herz in der Jugend auf Abwege gerät und –« »Jawohl, sieh nur zum Beispiel Sarah,« unterbrach ihn Henriette; »was hilft ihr all ihr Reichtum und all ihre Gottesfurcht; ich weiß, daß sie das unglücklichste Geschöpf auf der Welt ist.« Fennefos wandte sich ab; wiederum war er entwaffnet. Henriette aber trat ans Fenster und schaute in die Luft hinauf über den geräumigen Hofplatz; dann schlug sie keck mit der einen Hand in die andere und sagte halblaut: »Ueberdies habe ich es geschworen!« Fennefos ging zu Madame Torvestad zurück und sagte nur, daß er und Henriette nicht einig werden könnten. Sie wollte noch weiter fragen; er war aber völlig erschöpft und ging eilig aus der Stube ohne zu antworten. Aber auch in seiner Kammer fand er die Ruhe nicht, deren er so sehr bedurfte; denn hier saß der alte Färber und wartete auf ihn. »Ich war schon mehrere Male bei dir, Fennefos, und habe deshalb heute auf dich gewartet. Wir alle fühlen ein großes Bedürfnis, mit dir zu sprechen und recht fleißig und vertraulich mit dir umzugehen. Aber nun schien es uns, daß du hier im Hause über das Gespräch und den Umgang mit den Frauen alles übrige vergissest.« Fennefos war jetzt so müde, daß er den Alten wie im Schlaf anhörte; aber er verstand doch so viel, daß die Freunde ihn aus Madame Torvestads Hause fort haben wollten, und das war auch sein eigener Wunsch. »Es sind droben auf dem Hofe viele Leute versammelt,« fuhr der Färber fort, »und es kommen ihrer bald noch mehr hinzu, wenn die Ernte beginnt. So waren wir denn der Meinung, daß es gut sein würde, einen zuverlässigen Mann dort zu haben, der sowohl arbeiten, als auch Gottes Wort in den Ruhestunden verkünden könnte. Sivert Jespersen und die anderen haben in der Stadt zu viel zu thun, und so beschlossen wir, dich zu fragen, ob du die Sache übernehmen wolltest?« »Dazu bin ich gern bereit, wenn ihr glaubt, daß es von Nutzen sein werde.« »Wir wünschen, daß du schon morgen hinauf zögest.« Fennefos ward etwas überrascht, gab aber seine Zustimmung, um Ruhe zu bekommen und sobald der Färber aus der Thür war, warf er sich aufs Bett und schlief ein. Madame Torvestad dachte, als Fennefos fortgegangen war, eine Weile nach, wie dies ihre Gewohnheit war. Darauf öffnete sie mit einer gewissen Feierlichkeit die Thür zur Webstube und sagte: »Henriette, geh auf dein Zimmer und leg' dich zu Bette.« »Ja, Mutter!« antwortete Henriette, die nach der Unterredung mit Fennefos in die größte Verzagtheit gesunken war; sie näherte sich zitternd der Mutter, um gute Nacht zu sagen, obgleich die Sonne noch hoch am Himmel stand. »Ich will dir nicht gute Nacht sagen und du sollst auch kein Abendessen haben,« sagte die Mutter und schloß die Thür. So begannen die großen Abstrafungen zu Gnadau und Madame Torvestad wußte sich noch zu erinnern, wie selbst die Widerspenstigsten dadurch gebeugt werden konnten. – Als Jakob Worse am Morgen nach Randulfs denkwürdigem Geburtstage erwachte, fühlte er sich höchst unwohl. Der Kopf war ihm schwer und es klopfte drin gewaltig; im Magen aber fühlte er das Uebel wieder. Seine Frau war schon längst aufgestanden; und Worse erwachte eigentlich erst darüber, daß zwei von seinen Packhausleuten hereinkamen und das Bett seiner Frau, das neben dem seinigen stand, fortnahmen. »Was macht ihr denn da?« fragte er verdrießlich. »Wir tragen das Bett der Madame ins andere Zimmer.« »Was schwatzt ihr da für Unsinn?« »Pst, pst!« sagte der alte Packhausvorsteher, »Sie müssen sich nicht erhitzen; Sie sind krank, Herr Kapitän; Sie dürfen nicht sprechen, sollt' ich von der Madame bestellen.« Worse brummte etwas, und sah mit mattem Blick dem Bette nach, das hinausgetragen wurde. Als seine Frau bald darauf hineinkam, sagte er: »Wie konntest du das Bett fortbringen lassen, Sarah; du weißt doch, daß ich morgen wieder besser bin, es ist immer nur der erste Tag so schlimm. Pfui! Dieser infame Punsch, nie will ich das ekelhafte Zeug wieder trinken!« »Du bist kränker als du glaubst, sowohl am Leib wie an der Seele, und mir scheint, du solltest darauf bedacht sein, Heilung für beide Uebel – zumal für deine Seele – zu finden, ehe es zu spät wird.« »Ach ja, liebe Sarah, du weißt, wie gerne ich das will; aber du mußt mir helfen. Setz dich her zu mir und lies mir etwas vor.« »Heute nicht,« antwortete sie. Er lag allein im Bette den ganzen Tag und befand sich sehr schlecht. Am nächsten Tage war ihm wohl, der Kopf war klarer geworden, aber die Schmerzen im Magen waren so empfindlich, daß er sich darein ergab, liegen zu bleiben. Sarah kam von Zeit zu Zeit in die Schlafstube und immer bat er sie flehentlich, sie möge sich zu ihm setzen; wenn er allein sei, kämen ihm so viele böse, unheimliche Gedanken. Endlich setzte sie sich ans Fenster mit einigen kleinen Büchern – sie hatte sich nun auch solche angeschafft, wie ihre Mutter. »Ist es nicht dein Wille, Worse, daß du dich jetzt bekehren und Buße thun willst für deine Sünden? Oder willst du es noch länger aufschieben?« »Nein, nein, liebe Sarah, du weißt, wie gern ich mich bekehren will, aber du mußt mir dabei helfen, ich selbst weiß weder aus noch ein.« »Nun gut! Dann will ich damit anfangen, dir aus einem trefflichen Buche vorzulesen von den neun Beweggründen, welche zur Erkenntnis der Sünde führen und den Menschen zur Buße und Besserung treiben. Hör jetzt gut zu, nicht bloß mit den Ohren, sondern auch mit deinem widerspenstigen Herzen, und möge Gott seinen Segen ins Wort legen.« Darauf las sie langsam und eindringlich: »Zuerst leitet Gottes große Barmherzigkeit uns zur Bekehrung, wie der Apostel sagt im Briefe an die Römer in des zweiten Kapitels viertem Verse: Gottes Güte leitet dich zur Bekehrung. Danach zieht Gottes reines und klares Wort uns zur Buße hin. Denn gleichwie der Herr ehedem seine Propheten ausgeschickt hat, so sendet er noch täglich seine Prediger und andere Werkzeuge aus, welche wie eine Posaune seine Worte ausrufen, die große Glocke Arons unter den Menschen hören lassen, um sie dadurch zur Bekehrung zu erwecken. Dann sollen wir auch genau auf Gottes Gerichte acht geben, welche er von Erschaffung der Welt an über halsstarrige Sünder hat ergehen lassen – wie durch Wasserfluten, starke Winde, fremdartige Drohungen vom Himmel, Wetterleuchten, welches Feuer von oben herab schleudert und Erdbeben unter unseren Füßen, welches die Häuser über unseren Häuptern zusammenwirft.« »Lissabon« – murmelte Worse; ein Bild von dem großen Erdbeben hing über dem Sofa in der Wohnstube. »Der vierte Beweggrund ist die unendliche Zahl unserer begangenen Sünden, als wir in unseren Lüsten, in Trunkenheit, Schlemmerei, Völlerei und greulicher Abgötterei wandelten. Der fünfte Grund ist die Kürze unseres Lebens, welche uns voll Ernst zuruft, daß wir uns bekehren sollen. Denn das Leben fährt schnell dahin, als flögen wir davon und wir verzehren unsere Jahre wie Geschwätz. Der sechste Grund ist die kleine Zahl derer, welche selig werden; denn die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und nur wenige finden ihn. Siebentens bedroht uns der Tod, was dem Fleische widerwärtig ist, und das Andenken daran ist bitter für jeden, der in der weltlichen Wollust erstickt und erdrückt ist.« Worse machte eine unruhige Bewegung im Bette, als ob er sie unterbrechen wollte; sie aber fuhr fort: »Dann sollten wir auch den Tag des Gerichts bedenken, der kommen soll wie ein Dieb in der Nacht, an dem die Himmel vergehen mit großem Getöse, und die Elemente vor Hitze schmelzen und die Erde und die Werke, die darauf sind, verbrannt werden. Der neunte und letzte Beweggrund aber ist die Pein der Hölle, welche von allen Martern die unleidlichste und unerträglichste ist. Die Schrift spricht schrecklich von dem Zustand der Verworfenen in dem ewigen Feuer, wo die Schlange niemals stirbt und die Glut nie erlöscht; eine Verdammung, ein unauslöschlicher Pfuhl, der ewig mit Schwefel und Feuer brennt, welcher heißt Gehenna, das ist die ewige Pein; und es steht geschrieben: Die Hölle ist von gestern her gemacht, und dieselbe ist auch dem Könige bereitet, weit und tief genug. So ist die Wohnung drinnen Feuer und Holz in größter Mannigfaltigkeit; der Odem des Herrn wird sie wie einen Schwefelstrom anzünden.« »Höre, Sarah! Kannst du nicht etwas anderes finden?« sagte Worse ängstlich. Sie las weiter: »Die Tage der Höllenpein sollen niemals ihre Vollkommenheit oder ihre Jahre ein Ende erreichen. Wenn so viele Jahre vergangen sind, als Menschen da sind auf der Welt und Sterne am Firmament; wenn so viele tausend Jahre zu Ende sind, als Steine und Sand zu finden auf dem Meeresgrunde, so sollen doch über alle diese noch zehnhunderttausendmal mehr zu erwarten sein. Solche, die sich nicht bewegen lassen, wenn sie dies hören, die sollen es hernach zu fühlen bekommen und in Stücke zerrissen werden. Alle Trunkenbolde und Spötter und die, welche ihren Bauch zu ihrem Gott machen und die, welche ihren eigenen Lüsten dienen, sowie auch alle Ungläubigen – die sollen an einem Tage vor dem Richterstuhl des Herrn geoffenbart werden. Dann wird Gottes Majestät sich sehen lassen mit einem blutig rächenden Schwert und einem Gerichtsstabe. Der Teufel, der alte Satan, soll auf der einen Seite stehen, um sie anzuklagen, ihr eigenes Gewissen auf der anderen, um sie zu verdammen, und unten der offene Schlund der Hölle, um sie zu verschlingen.« »Sarah, Sarah, ich bitte dich, lies nicht weiter!« rief Worse. Sie aber erhob ihre Stimme und die Worte kamen hervor wie scharfe Messer: »Dann soll das jammervolle und fürchterliche Urteil gefällt werden: Hinweg, ihr Verdammten, ins ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist! Da sollen sie den Kelch des ewig währenden Zornes Gottes trinken im Königreich der Finsternis, im Angesicht des abscheulichen Teufels mit allen verdammten Feinden des Herrn; wo das traurige und wehmütige Brausen des Zornes Gottes stets durch ihre Ohren tönen soll, wo keine andere Freude ist, als abscheuliche Verwüstung und Weh und unendliche Klage. Ihr Geschrei und ihr Heulen soll so heftig sein, ihre Seufzer so tief und ihr Elend so unsäglich, daß sie wie Hunde, ja wie die wilden Wölfe heulen und brüllend und rasend in ihrem Verderben rufen sollen: ›Wehe! Wehe! Wehe! – daß ich jemals geboren wurde! Ach wäre ich doch nie geboren und hätte meine Mutter mich nie empfangen! Verflucht sei die Zeit, wo ich gezeugt ward, die Stunde, wo ich empfangen wurde und der Tag, an welchem ich an der Brust der Mutter sog!‹« »Sarah! Um Gottes willen, halt ein!« rief Worse; er hatte sich im Bette aufgerichtet und hielt sich mit beiden Händen fest, der Schweiß perlte ihm auf der Stirn und er zitterte heftig. Sie sah ihn mit ihren starken Augen an und sprach: »Bist du endlich dem lebendigen Gott in die Hände gefallen?« »Sarah, Sarah! Was soll ich thun?« »Beten,« antwortete sie und ging hinaus. Er wälzte sich in Schmerzen und Angst, rief ihren Namen und bat sie, sich zu erbarmen und herein zu kommen; er konnte sie im Nebenzimmer hören. Endlich kam sie wieder herein. »Sarah! Weshalb bist du so hart gegen mich? So warst du früher nicht.« »Ich behandelte dich nicht auf die rechte Weise.« »Glaubst du denn, daß dies die rechte sei?« »Ich hoffe es.« »Ach ja, du verstehst es wohl am besten, aber dann mußt du mir helfen, Sarah. Geh nicht von mir!« und er hielt ihre Hand fest wie ein Ertrinkender. Einige Tage darauf durfte er aufstehen; er ging im Hause umher, wo Sarah war, und ward jedesmal ängstlich, wenn sie die Stube verließ. Oder er saß in einem Winkel, ein religiöses Buch in den Händen haltend, nicht so sehr, um darin zu lesen, als um einen Schutz gegen die Anfälle des Bösen zu haben. Es war ihm endlich klar geworden, woran er niemals zuvor recht hatte glauben wollen, nämlich, daß der Teufel ihm überall nachstelle. Als Sarah ihren Mann von sich gescheucht hatte, ward sie etwas weniger streng gegen ihn. Nur wenn er sie bat, das Bett wieder an die alte Stelle setzen zu lassen, da er wieder ganz gesund sei, kam der harte Ausdruck in ihr Auge zurück und sie las ihm Dinge vor, die seinen Kopf gänzlich verwirrten. Sie selbst ging umher wie in der tiefsten Finsternis. Sie hatte weder Gebete noch Gesänge mehr und in der Versammlung waren ihre Gedanken abwesend. Der Augenblick, wo sie in seinem Arm geruht, hatte ihr mit einem Schlage den ungeheuren Betrug offenbart, der an ihr verübt war. Ihre Jugend, ihr heftiges Blut, ihre heiße unbegrenzte Liebe zu diesem Manne hatte man zurückgedrängt und unter Gottes Wort, unter Ermahnungen, Gesängen, Bibelsprüchen, Gesprächen und Gebeten niedergedrückt. Und dies alles waren nichts als Worte – Worte – Worte – die sie mit Hohn von sich warf. Sie wußte nichts mehr von Glauben und Hoffnung, aber von der Liebe wußte sie, daß sie einen einzigen Mann liebte – ihn wild und leidenschaftlich liebte. In den Tagen, wo Fennefos verschwunden war, ging sie wie im Fieber umher. Dann kam er wieder und zog von ihrer Mutter fort und hinaus auf den Hof der Haugianer. Derselbe lag dicht bei der Stadt, und Sarah, die sonst nie über die nächsten Straßen hinausgekommen war, begann nun weite Spaziergänge in der Umgegend zu machen. Hinter einem großen Stein oder einem Zaun stand sie verborgen und starrte zu ihm hinüber, wenn er auf dem Felde arbeitete. Sah sie ihn nicht, so setzte sie sich auf einen Felsenvorsprung, sah in die Luft oder pflückte eine Blume, die sie aufmerksam von allen Seiten betrachtete, als sei es etwas ganz Neues und Merkwürdiges, das sie nie zuvor gesehen. In der Versammlung verwandte sie kein Auge von ihm; er sprach dort nie mehr und wandte auch seine Augen nicht ein einziges Mal nach der Seite hin, wo sie saß. Ihr merkten die Leute nichts an; dahingegen schien es den Freunden, daß mit Fennefos eine Veränderung zum Besseren vorgegangen sei. Die übertriebene Strenge, mit der er begonnen hatte, war jetzt fast ganz von ihm gewichen – ja es war fast etwas Demütiges an ihm. Dreizehntes Kapitel. Der Hof, den mehrere der reichsten Haugianer in Gemeinschaft besaßen, war von nicht unbedeutendem Umfange und es befanden sich dort auch verschiedene Fabrikanlagen. Es gab also Arbeit genug für den, der das Ganze leiten sollte, und Fennefos gab sich mit einem Eifer und einer Kraft, wie sie sogar für ihn ungewöhnlich waren, seiner neuen Thätigkeit hin. Dahingegen vermochte er in den ersten Wochen nicht, die Andachtsübungen der großen Menge von Arbeitern zu leiten, die sich nach haugianischer Sitte in einem großen Saale an einem langen gemeinsamen Tische zur Mahlzeit und zur Hausandacht versammelten. Hans Nielsen war stets der erste bei der Arbeit; aber in den Erbauungsstunden war er schweigsam und in gedrückter Stimmung. Als jedoch einige Monate auf diese Weise vergangen waren, hob er allmählich das Haupt wieder höher und schlug die hellen grauen Augen wieder auf. Durch die strenge körperliche Arbeit und durch die große Verantwortung, die auf ihn, den Aufseher über das ganze Gewese gelegt war, kam seine starke gesunde Natur nach und nach wieder ins Gleichgewicht. Wohl bereute er immer noch jenen Augenblick der Schwäche und schämte sich desselben; aber zugleich drängte sich ihm doch die Ueberzeugung auf, daß auch der beste in eine solche Lage kommen könne, und er dankte Gott, daß er im letzten Augenblick ihm zu Hilfe gekommen war. Wie diese Begebenheit aber seine eigene Schwäche offenbart und sein Selbstvertrauen stark erschüttert hatte, so erweckte sie in ihm auch Zweifel darüber, ob es recht sei, von den Menschen so viel zu fordern, wie er es gethan. Wenn er der armen bekümmerten Seelen gedachte, die er im Norden zurückgelassen hatte, kam es ihm vor, als habe er sich an ihnen versündigt, als er so schwere Forderungen an sie stellte, und wenn er an die wohlhabenden, vertrauensseligen Haugianer hier dachte, so erschien es ihm als eine Schande, unter ihnen zu leben. Bisweilen überfiel ihn gänzliche Hoffnungslosigkeit, so daß er alles unerträglich fand und sich nach ganz neuen Verhältnissen sehnte. In solchen Stunden konnte er sich der Erwägung nicht verschließen, wie er sein Leben in Zukunft einrichten solle. Er konnte nicht daran denken, hier zu bleiben. Er war nicht eigentlich besorgt um seiner selbst willen, wenn er auch nicht ganz sicher auf sich bauen zu können glaubte; aber ihrethalben mußte er fort. Es durchströmte ihn noch immer wie Feuer, sobald er an die Augen dachte, in die er eine Sekunde lang geblickt hatte, als sie in seinen Armen lag; und wenn sie sich in der Versammlung trafen, fühlte er etwas von demselben Feuer, selbst wenn ihre Blicke sich nicht begegnet hatten. Trennen mußten sie sich also; das war unumgänglich notwendig, und dennoch ging er nicht fort. Auf dem Hofe war vollauf zu thun bis in den Herbst hinein – und wohin sollte er auch ziehen? Wenn er diese Stelle verließ, so gab es auf dem weiten Erdkreise keinen Fleck, von dem er sich angezogen fühlte – weder die Heimat, noch die Freunde überall im Lande; am liebsten hätte er gewünscht, niemanden mehr zu sehen und ganz allein zu leben. Seinem Herzen war eine tiefe Wunde geschlagen, und er dachte in dieser Zeit so oft an Henriette. Auch er war für Leben und Tod verbunden in einer Liebe, die kein unreiner Gedanke beflecken sollte. Für Sarah wollte er beten. Die Aeltesten aber blickten voll Bekümmernis auf Fennefos. Seine Ansprache in Sivert Jespersens Hause hatte großen Schaden angerichtet. Man erzählte sich in der Stadt, daß zwischen den Haugianern ein Zwist ausgebrochen sei und daß Fennefos sich von ihnen getrennt habe. Unter den Brüdern selber herrschte Unruhe. Die, welche nicht zugegen gewesen waren, wünschten zu erfahren, was er gesagt habe; die anderen aber antworteten ausweichend. So wuchs bei Feinden und Freunden die Neugier oder das Verlangen, in Erfahrung zu bringen, ob sich ein so bekannter und geachteter Mann wie Fennefos wirklich etwas habe zu schulden kommen lassen. Dazu kam nun sein verändertes Wesen nach jener Rede, das doch irgendwie einen Grund haben mußte, und es wurden die verschiedensten Vermutungen darüber angestellt. »Ich denke,« sagte Sivert Jespersen, und sah sich um in dem kleinen Kreise der Aeltesten, die sich zur Beratung über diese Sache versammelt hatten, »wir sind alle darüber einig, daß Frauenzimmer mit dabei im Spiele sind.« »Ich habe mir erzählen lassen,« sagte Endre Egeland, »daß er sich mit Madame Torvestads Tochter Henriette viel zu schaffen gemacht hat.« »Mit Henriette?« sagte Sivert Jespersen gedehnt, in zweifelndem Tone. Alle waren durch jene Bemerkung überrascht und es entstand eine Pause. »Nein, nein,« sprach der alte Färber, »wir dürfen solche bösen Dinge nicht glauben.« »Jedenfalls, ihr Lieben,« sagte Sivert Jespersen sanft, »müssen wir uns jetzt darüber verständigen, wie wir unserem Bruder in all seiner Not und Anfechtung beistehen können. Ich habe mir gedacht, daß wir, wenn es euch recht ist, am Sonnabend nachmittag droben auf dem Hofe zusammentreffen könnten. Nach geschehener Rechnungsablage würden wir dann mit ihm reden.« »Laßt uns nur vorsichtig zu Werke gehen,« sagte der Alte, »denn wir wissen doch eigentlich gar nichts.« »Nein, Lieber, ich meinte auch nicht, daß wir unverständig –« »Ich weiß, daß du vorsichtig bist, Sivert Jespersen, wir müssen aber bedenken, daß er der stärkste von uns ist und daß wir ihn nicht verlieren dürfen.« Der Sonnabend, an dem sie sich der Abrede gemäß auf dem Hofe versammelten, fiel auf den ersten September. Es war von ihnen daher der Rechnungsabschluß für den ganzen Monat nicht allein für den Hof, sondern auch für die Färberei, die Stampfmühle und sämtliche übrigen Anlagen durchzunehmen. Man fand alles in Ordnung und in gutem Stande, und die Aeltesten drückten Fennefos ihren wärmsten Dank aus. Als dann aber die Bücher zugemacht und die Verabredungen für den weiteren Betrieb getroffen waren, blieben alle auf ihren Plätzen an den Wänden ringsum in der Stube sitzen. Fennefos, der in der Mitte an einem Tische saß, auf welchem die Bücher ausgelegt waren, erhob jetzt das Haupt und sah ruhig von dem einen zum anderen. Keinem entging es, daß sein Gesicht den alten Ausdruck wieder erhalten hatte; der niedergeschlagene, unsichere Blick, den man eine Zeitlang an ihm bemerkt hatte, war ganz verschwunden, und wie er, sonnenverbrannt und gesunden Aussehens unter den bleichen Stadtleuten dasaß, erschien er ihnen stärker als je zuvor. Deshalb machte der Färber Sivert Jespersen ein Zeichen und rührte sich auf seinem Platz, als ob er fortgehen wolle. Jener hatte es sich aber nun einmal in den Kopf gesetzt, daß er das Geheimnis des jungen so gebietend auftretenden Mannes erfahren oder doch wenigstens sich selbst und den Aeltesten Ueberlegenheit über ihn verschaffen wolle. »Wir haben,« begann er, »wir haben unter uns über dich gesprochen, lieber Hans Nielsen; wir sind alle der Meinung, daß du damals in meinem Hause – du erinnerst dich wohl noch – starke Worte gebraucht hast.« »Ich sprach aus reinem Eifer; und fielen meine Worte zu hart, so bitte ich euch, daß ihr mir vergebt; ich glaubte, es sei notwendig, aber es war keine Lieblosigkeit in meinem Herzen.« »Das hat auch keiner von uns geglaubt, Hans Nielsen,« sagte der alte Färber. »O nein, gewiß nicht,« fuhr Sivert Jespersen fort; »aber unsere Sorge ist wach gerufen worden durch die niedergeschlagene Stimmung, in der wir dich seitdem gesehen haben. Du bist noch jung, Fennefos, und wir sind alt, oder doch jedenfalls älter als du. Und wir wissen sehr wohl, welchen Versuchungen vorzugsweise das junge Blut ausgesetzt ist – und hast du eine Niederlage durch den Feind in deinem eigenen Fleisch erlitten, so wollten wir dir gern die Hand reichen, um dich wieder aufzurichten.« Fennefos sah mit seinen klaren Augen bald den einen, bald den anderen an, und es schien allen, als ob sie peinlich lange auf Endre Egeland ruhten. »Ich danke euch,« sprach er endlich, »allein, Gott ist mir gnädig gewesen und ich bedarf eurer Hilfe nicht.« »Es thut uns herzlich wohl, dies zu hören,« versetzte Sivert Jespersen mit Wärme; »aber zürne mir nicht, lieber Freund, wenn ich dich daran erinnere, daß, wenn wir auch äußerlich vor dem Fall bewahrt sind, wir uns darum nicht minder ängstlich vor Gedanken, Worten und Begierden zu hüten haben.« »Will einer von euch den ersten Stein auf mich werfen?« fragte Fennefos, sich ruhig im Kreise umschauend. Keiner antwortete, und der, welcher Sivert Jespersen zunächst saß, trat ihm auf den Fuß, um ihm zu verstehen zu geben, er möge es genug sein lassen. Es war aber zu spät; denn Fennefos erhob sich rasch und sprach zu ihnen: »Lieben Brüder und Freunde! Ja, fürwahr, ich bediente mich harter Worte, als ich mich damals an euch wandte. Ich kam vom Elend und fand Wohlstand; ich kam von bekümmerten Herzen und traf Selbstgefälligkeit; ich kam von Hunger und Not und setzte mich an den Tisch des reichen Mannes. Deshalb fiel mir das ein, was Hauge uns als Richtschnur hinterlassen hat: Die Aeltesten müssen keinem ihrer Genossen bei einem Laster durch die Finger sehen, sondern sowohl ihn wie jeden anderen gebührend strafen. Gegen diejenigen aber, welche sich die Achtung der Gläubigen erworben haben und gute Christen sein wollen, muß man wohl auf der Hut sein, daß sie nicht durch Schmeichelei und Nachgiebigkeit verwöhnt werden, sondern selbst scharfe Zurechtweisungen und harte Kost vertragen können. Deshalb sprach ich, wie die Pflicht es mir gebot. Seit jenem Tage aber hat mich die Hand des Herrn schwer getroffen und in meiner schweren Sünde vermeinte ich, daß ich niemals wieder herantreten und ein Wort der Zucht zu jemandem reden dürfe. In jener Zeit habt ihr mich niedergebeugt und verzagt unter euch wandeln sehen. Aber gelobt sei Gott, der mich wieder durch seine Gnade emporgerichtet hat; noch darf ich hoffen, daß der Herr mich nicht ganz wie ein unwürdiges Werkzeug verwerfen werde. Aber, lieben Freunde, unter euch kann ich nicht länger weilen.« Alle sahen ihn unruhig an. »Du willst dich doch nicht von den Brüdern trennen?« fragte der Alte. »Nein, das will ich nicht, aber ich muß fort von hier, sowohl um meiner eigenen Schwäche willen, als weil ich fürchte, daß ich in Zukunft nicht streng genug würde euch züchtigen und warnen können. Denn, lieben Freunde, ich glaube, daß ihr in manchen Dingen sehr bedauerlich auf Abwege geraten seid.« »Willst du wieder nach dem Norden ziehen?« fragte einer. »Oder hat vielleicht der Herr dein Herz den armen Heiden in Afrika zugewendet?« fragte ein anderer. Fennofos sah ihn an und sprach: »Ich danke dir für diesen Rat; ich will darüber nachdenken und den Geist bitten, mich über den rechten Weg aufzuklären.« Dadurch fühlten sich alle erleichtert. Die Missionssache war ihre eigene, war von den Herrnhutern und Hauges Freunden ins Werk gesetzt worden. Wenn Fennefos in den Dienst der Mission trat, so verblieb er bei ihnen und sie verloren ihn nicht. Erst jetzt kamen sie zur Erkenntnis, welche Stütze er ihnen allen sei. Sivert Jespersen ergriff denn auch sofort das Wort, um es ihm ans Herz zu legen, er solle sich nach den heidnischen Ländern aussenden lassen. Mochte es nun jener Ausdruck des Aussendens sein oder war Fennefos überhaupt mißgestimmt gegen Sivert Jespersen – genug, er antwortete in ziemlich scharfem Ton: »Wenn ich gehe, so gibt es nur einen, der mich aussendet und das ist Gott, der Herr.« Er war jetzt von dem alten Feuer erfüllt. Die Aeltesten sahen einander mit Betrübnis an, daß sie einen solchen Bruder verlieren sollten, und einer sprach: »Wenn du aber nicht unser Sendbote sein willst, wohin willst du dann gehen?« »Ich meine, daß ich schon Heiden finden werde,« erwiderte Fennefos; »aber laßt uns für heute Abschied nehmen; und möge der Gott, der unsere Väter erweckte, in uns allen sein mit der Kraft der ersten Liebe, auf daß wir sein Werk zu seinem Wohlgefallen vollbringen können.« Darauf reichte er ihnen allen die Hand, dem einen nach dem anderen, dann gingen sie fort. Es war ein stiller beklommener Herbstnachmittag. Die Freunde gingen miteinander über die Felder nach der Stadt zu. Der Haugianerhof – wie er im Volksmunde hieß – nahm sich mit seinen soliden, gut unterhaltenen Gebäuden freundlich in der Abendsonne aus. Der Boden war nur mager, aber gut bewirtschaftet und hinter den stattlichen Steinwällen sah man hie und da kleine Holzanpflanzungen. Als sie zur Ausgangspforte aus der Feldmark kamen, von wo der Weg gerade hinab zur Stadt führt, hielt der alte Färber an und brach in Thränen aus. Die anderen stellten sich um ihn her. »Hier stand ich,« hob er an, »im Frühling 1804 mit meinem Vater und Hans Nielsen Hauge. Damals war hier überall nur Heide oder unwirtbarer Klippenboden. Mein Vater und Hauge hatten davon gesprochen, daß man das ganze Terrain mit seinen flachen und moorigen Strecken ankaufen solle, und dies geschah auch. Hauge gab dann seinen Rat und seine Anweisung, wie das Ganze eingerichtet und betrieben werden müsse, wie man dies später ungefähr auch gemacht hat. Als wir dann diese Stelle verließen, um nach Hause zu gehen, sagte mein Vater: »Möge denn Gott seinen Segen dazu geben!« Er mochte wohl zunächst an das Aeußere denken, denn es war ein gewagtes Unternehmen und viel Geld hatten Hauges Freunde damals nicht in Händen. Hauge aber lächelte und antwortete gar freimütig: »Ach, lieber Ingebret, wenn du von dem Zeitlichen sprachst, so ist mir gar nicht bange; ich möchte vielmehr Gott bitten, daß er die, welche nach uns kommen, vor allzu großem Glück und Gedeihen im weltlichen Handel bewahre. Und dessen mögest du dich erinnern – damit wandte er sich an mich – du, der du jetzt jung bist, daß starke Schultern dazu gehören, um gute Tage ertragen zu können.« Ich sehe ihn jetzt ganz leibhaftig hier auf dieser Stelle vor mir stehen. Er war selber noch ein junger Mann und nicht bedeutend viel älter als ich. Aber dennoch war es mir, als stände ich vor etwas höchst Ehrwürdigem und Erhabenem, vor dem ich mich tief beugen müsse. Und etwas Aehnliches fühlte ich heute, als der junge Fennefos zu uns sprach. Es wäre vergeblich, wenn wir leugnen wollten, daß er recht habe und daß wir in der ersten Liebe lau geworden seien.« Der Alte schüttelte wehmütig das Haupt und ging zur Stadt hinab; die anderen folgten schweigend. – Madame Torvestad alterte vor all den Aergernissen, die ihr in dieser Zeit bereitet wurden. Die Brüder hatten ihr Fennefos weggenommen und handelten auch weiter hinter ihrem Rücken, die Gnadauer Methode aber erwies sich als ganz und gar fruchtlos. Wohl ward Henriette bleich und hager von dem vielen Fasten und der langen Einsperrung; aber dafür trat eine trotzige Glut in ihr Auge und eines Tages hörte die Mutter sie singen: »Das blaue Meer, so stolz und weit, Das liebt die Seemansbraut Mit feur'gem Sinn, es ist ihr wie Ein Brautgemach so traut,« Da riß der Madame Torvestad die Geduld, und ohne sich zu bedenken, wie sie es sonst zu thun pflegte, stürzte sie zu Henriette ins Zimmer, versetzte ihr einen heftigen Schlag auf jede Wange und sagte, als sie wieder hinausging: »Ich werde dich bald ein anderes Lied lehren! Wart nur!« Henriette saß wie versteinert. Sie hatte die Mutter früher oft erzürnt gesehen und im Heranwachsen Schläge genug bekommen. So aufgebracht wie heute aber war die Mutter noch nie gewesen. Henriette ahnte nichts Gutes und dennoch hatte sie sich nicht vorgestellt, daß es so schrecklich werden würde, wie es nun wirklich kam. Eine Stunde nachher ward Henriette in die Wohnstube gerufen und hier war Madame Egeland. Die feiste gelbliche Dame küßte sie, und es ergab sich, daß sie in dieser Stunde mit Erich Pontoppidan Egeland verlobt worden war – das Schlimmste, was ihr auf der Welt hätte begegnen können. Als Sarah von dieser Verlobung hörte, ging sie ins Hinterhaus hinüber, um mit ihrer Mutter zu sprechen. Sie schlossen sich ein, aber die Unterredung war nur kurz. Die Madame wies ihre Tochter gleich zurück, und Sarah hatte, als sie der Mutter in der alten Stube gegenüber saß, den Mut nicht, einen entscheidenden Kampf zu wagen. Was hatte sie auch sagen sollen? Sollte sie ihren eigenen Jammer und ihre Schande offenbaren? Sarah ging zu Henriette hinein. Diese erwiderte auf alles, was Sarah sagte, nur: »Ich will nicht, ich will nicht, ich habe geschworen.« Sie war ganz außer sich und ihr Blut fieberte. Sarah nahm ihr die Kleider ab und legte die Schwester ins Bett; die Mutter wollte sie aber selbst pflegen, und Sarah mußte wieder gehen, niedergedrückter und unglücklicher als je zuvor. Je weiter es in den Herbst hineinging, verhärtete sich ihr Herz immer mehr. Fennefos hatte seinen reinen klaren Blick wieder erhalten; er sah über sie hin, als sei sie weit entfernt. Eines Tages war die Rede davon, er wolle Missionär werden. Sarah hörte es, und es ward immer düsterer in ihrem Inneren. Sie haßte ihre Mutter und verabscheute ihren Mann; sie behielt es aber für sich und niemand ahnte, welche Gedanken in ihr wogten. Inzwischen ward es auch in Schiffer Worses Gemüt immer finsterer. Er glaubte zuletzt, daß der böse Feind überall sein Spiel treibe, sowohl in seiner Umgebung als auch in ihm, in seinem innersten Herzen. Und da kämpften sie – der Böse und Schiffer Worse von Morgen bis Abend, und sogar des Nachts in seinen Träumen. Gewöhnlich unterlag Worse im Kampf. Ein seltenes Mal aber gelang es ihm, den schlauen Feind zu überlisten, wenn er beizeiten seine tückischen Anschläge entdeckte. So ging es eines Tages mit dem Schiffer Randulf. Dieser hatte Worse zu einem Spaziergang in die Stadt überredet und wußte ihn unter fortwährendem Sprechen immer weiter nach den Schiffswerften zu locken; aber plötzlich merkte Worse Unrat. Er hörte, wie einige Jungen, die vorbeiliefen, sagten, daß ein Schiff vom Stapel gelassen werden solle und nun durchschaute er sofort die Schlinge des Bösen. Denn Worse wußte, daß es einer seiner Schliche sei, die Gedanken seines Opfers durch allerlei Vorstellungen von der See und von Schiffen in die ganze Sündhaftigkeit seines früheren Lebens zurückzuziehen. Deshalb hatte er auch schon vor langer Zeit das halbfertige Modell von »Der Familie Hoffnung« auf den Boden gestellt, und als er jetzt merkte, daß die Versuchung durch Thomas Randulf an ihn heranträte, drehte er plötzlich um und eilte nach Hause zu Sarah. Randulf aber that es leid um seinen Freund, und er sagte, als er am Abend in den Klub kam: »Nun ist es bald aus mit Jakob Worse, sage ich euch, er macht es nicht lange mehr; das konnte ich ihm heute ansehen.« »Ach, das glaube ich nicht,« sagte ein anderer, »er sieht wohl etwas gelb und angegriffen aus, aber –« »Ich sah es an seinen Beinkleidern,« versetzte Randulf. »Was schwatzest du da, Randulf,« rief der Lotsen-Aeltermann Sundt vom Spieltisch her. »Schwatzest?« rief Randulf, »dein Wort in Ehren, aber nimm es mir nicht übel, recht habe ich doch. Wenn der Tod einen Mann gezeichnet hat, so schrumpft er ganz merkwürdig ein in seinen Beinkleidern,« Alle lachten und einer meinte, das käme davon, daß kranke Leute mager würden, »Nein, nein,« rief Randulf ganz erregt, »das, was ich meine, ist durchaus eigentümlich. Die Beinkleider werden so leer und schwer und lang, als wollten sie ganz herabfallen und über den Fuß hin legen sich drei große dicke Falten, Wenn ich das sehe, so weiß ich, daß der Mann nicht mehr lange zu leben hat. Darauf könnt ihr euch verlassen, das ist eine feste, unumstößliche Wahrheit.« – Als das Wetter sich im Oktober verschlechterte, ging Jakob Worse noch seltener aus; es fröstelte ihn draußen und er blieb am liebsten im warmen Zimmer. In den kleinen religiösen Büchern las er, so gut er es vermochte; aber das wollte ihm nicht zu der Freimütigkeit des Geistes, nach der er sich so sehr sehnte, verhelfen. In der Versammlung zwischen all den ruhigen, andächtigen Gesichtern nahm der alte bekümmerte Mann mit dem dichten weißen Haar und dem schlaffen, runzeligen Antlitz sich seltsam genug aus, wie er die Augen forschend bald auf den einen, bald auf den anderen richtete und begierig dem, was gesprochen wurde, zuhörte, ob doch nie das Wort kommen würde, das seiner Seele den Frieden schenken sollte. Der böse Feind aber hatte sich von früher her zu stark bei ihm eingenistet; er legte Schwüre auf seine Zunge und böse Gedanken in sein Herz. Wenn Sivert Jespersen in der Versammlung aus der Postille vorlas, schleppte der Teufel die zweihundert Tonnen Salz herbei oder er spiegelte ihm vor, daß Endre Egeland mit seinen kleinen grünen Augen die jungen Mädchen anstarre. Nachts, wenn der Wind unten in der Gasse heulte, führte der Teufel ihn auf die stürmische See an Bord seines alten Schiffes, so daß er eine sündhafte Freude daran hatte, sich vorzustellen, wie er mit »Der Familie Hoffnung« manövrierte und wie wacker es sich in dem schweren Seegang aufführte. Oder der Böse versuchte ihn zum Hochmut, wenn Garman \& Worse große Geschäfte machten, oder zu Heftigkeit und Ungeduld, wenn Romarino kam und vom Vater Geld oder seine Unterschrift verlangte. Im Hause hatte er sich immer noch am besten befunden, besonders wenn Sarah da war. Nun aber verschlimmerte sich sein Zustand so sehr, daß er sogar den Appetit verlor. Nur Erbsen und Speck, sein Lieblingsgericht auf der See, aß er noch immer gern und er freute sich stets, wenn ihm am Vormittage der Duft davon aus der Küche entgegenstieg. Aber da fiel es ihm eines Tages ein, ob nicht auch dies eine der tückischen Schlingen des Bösen sei, um seine Gedanken von dem einen, was not thue, abzuziehen und zu der großen Sündhaftigkeit seines früheren Lebens hinzulenken? Und als er zu Tisch kam, konnte er das Essen kaum anrühren. Vierzehntes Kapitel. Mein lieber Christian Friedrich! Seit dem Tode Deiner seligen Mutter, deren allzu frühen Hintritt wir noch immer beweinen, wüßte ich nicht, daß ich mich so content und wohl befunden hätte, wie in diesen Tagen. Es gibt in jedes Menschen Leben einen Zeitpunkt, wo sich sein Wesen und seine innere Natur gleichsam verändert und in seiner Beschaffenheit wechselt. Seine Interessen bleiben dieselben, der Grad des Eifers, mit dem er seine Arbeit umfaßt, braucht nicht abzunehmen, und doch erhält er, wenn dieser Zeitpunkt eintritt, gleichsam andere Augen zum Sehen und andere Gefühle zum Empfinden. Dieser Uebergang, den ich hier nur unvollkommen zu schildern vermocht habe, ist der unausbleibliche Uebergang von der Jugend zum Alter, und ein solcher hat sich in den letzten Jahren nach dem Tode Deiner Mutter langsam und gradweise in mir vollzogen: dank einer gnädigen Vorsehung kann ich heute sagen, daß ich mich glücklich fühle, ein alter Mann geworden zu sein. Von größter Dankbarkeit aber muß mein Herz erfüllt werden, wenn ich bedenke, wie viel mir noch an körperlicher Kraft und Gesundheit, namentlich aber auch an geistiger verve übrig geblieben ist, so daß noch nichts von dem, was bisher meine geistigen Kräfte in Anspruch nahm und beschäftigte, mir fremd oder gleichgültig geworden ist. Nur ist mehr Ruhe in meinen Sinn gekommen, mein Gehirn ist befähigter geworden, seine functiones auszuführen, da es von Leidenschaften unberührt ist; der oft etwas übereilte Eifer der Jugend ist von der ruhigen Besonnenheit des vollgereiften Mannes abgelöst worden. »Ich schreibe Dir heute ausführlicher, mein lieber Sohn, und über verschiedene Angelegenheiten, die wir gewöhnlich nicht zum Gegenstand unserer correspondance machen, teils weil ich wünsche, Dich mit Verhältnissen bekannt zu machen, denen Du selbst näher treten wirst, teils weil ich hoffe, daß dieser Brief einer der letzten sein wird, die wir auf so weiter distance wechseln. Denn es ist jetzt und fürderhin mein Wunsch und mein väterlicher Wille, daß Du in Gemäßheit früherer Abrede zwischen uns zum kommenden Frühjahr nach Hause zurückkehrst, wobei ich Dir selbst die Entscheidung überlasse, ob Du auf Deiner Rückreise von Paris den Weg über Kopenhagen einschlagen willst oder ob Du es vorziehst, nach England zu gehen und von da mit einem der ersten Hummerkutter hierher zu kommen. Es wird mir eine sehr große Freude bereiten, Dich hier in gutem Wohlsein wieder zu sehen, und ich hoffe, daß andererseits auch Du Dich in diesen Umgebungen und durch die Arbeit in unserem Geschäft zufrieden und glücklich fühlen werdest. Freilich habe ich es nicht aus meinem Gedächtnis verloren, daß mir, als ich selber in Deinem Alter nach einem mehrjährigen Aufenthalt im Auslande zurückkehrte, Sandsgaard wie ein abgelegener, staubiger Winkel der großen Welt vorkam. Die Erfahrung meines Lebens hat mich aber darüber belehrt, daß der Mann, welcher eine vernünftige Lebensphilosophie und tüchtige Grundsätze besitzt, sich überall leicht zurechtfinden wird, wo auch immer das Schicksal ihn placieren möchte. Auch darf ich hoffen, daß, selbst wenn Du nun direkt von Paris zurückkommst, Sandsgaard in seiner jetzigen Gestalt Dir doch nicht als ein so ganz unwürdiger Aufenthaltsort erscheinen werde, da ich nämlich in der letzteren Zeit das ganze Hauptgebäude habe aufputzen und dekorieren lassen, so daß es mir vorkommt, als ob jetzt nur eine Schar junger und froher Menschen fehle, um wieder jene Zeiten herbeizuzaubern, bei denen ich noch immer in der Erinnerung so gern verweile – wenn sie auch von Sehnsucht und Wehmut halb verschleiert ist. Doch wozu wieder den Kummer heraufbeschwören, der für ewig einen Schatten auf mein Leben werfen wird! Wenden wir lieber den Blick der Zukunft zu. Es wird ohne Zweifel Deine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben, daß ich in der letzteren Zeit in meiner correspondance mit einer bestimmten Intention mich bestrebt habe, Dir eine so ausgedehnte Kenntnis von unserem Geschäft beizubringen, wie sich dies ohne zu große Weitläufigkeit machen ließ. Ich betrachte Dich nämlich schon jetzt als meinen Gehilfen und associé , und nach Deinen Briefen und der Abfassung Deiner Rechnungen, sowie nach den Berichten Deiner Vorgesetzten über Dich während Deines Aufenthalts an verschiedenen Stellen im Auslande, darf ich mich der Hoffnung hingeben, daß Du dazu nicht ungeeignet oder gar unwürdig sein wirst. Es wird Dir demnach bekannt sein, daß unser Haus gute Zeiten gehabt hat; es ist dies allerdings eine Sache, von der ein Kaufmann nicht gern spricht, aber unter uns kann ich es wohl sagen: Das Haus hat ganz außerordentlich gute Zeiten gehabt. Du wirst deshalb, wie ich hoffe, mit froher Ueberraschung wahrnehmen, daß mehrere Zweige des Geschäfts, die ich eine Zeitlang aus Mangel an ressourcen nicht genügend zu cultivieren imstande war, jetzt wie Pflanzen unter einem reichlichen Regenstrom, wegen des größeren Vorrats von kontanten Geldern zu einem erfreulichen Wachstum gediehen sind. Du wirst also bei Deiner Ankunft in der Heimat ein weites Feld für Deine jüngeren Kräfte vorfinden, und Du wirst von der Beängstigung und der Unruhe befreit bleiben, wovon ich viele Jahre hindurch, ohne daß Du oder sonst jemand darum wußte, heimgesucht worden bin. Ich komme jetzt zu einem Punkte in meinem Briefe, der wohl als der Haupt- oder Kardinalpunkt desselben bezeichnet werden muß, nämlich unser Verhältnis zu Worse. In unserer correspondance haben wir niemals sonderlich auf diese Sache Rücksicht genommen; nichtsdestoweniger habe ich zu bemerken geglaubt, daß nur Deine kindliche Ehrerbietung Dich davon abhielt, mein Verhalten bei der Aufnahme von Jakob Worse in die Firma einer strengeren critique zu unterwerfen. Ich will aus diesem Grunde Dir, mein lieber Christian Friedrich, bei dieser Gelegenheit ein für allemal gerade heraus sagen: Es war unseres Hauses Rettung, ni plus ni moins . Mag es so sein, daß für uns etwas Demütigendes darin liegt; aber ich meinesteils kann zu keiner anderen Ueberzeugung kommen, als daß es für uns weit demütigender und für unseren Kredit weit schädlicher gewesen wäre, wenn wir unter der Hand und halb insgeheim eine subvention von einem unserer eigenen Schiffer angenommen hätten. Deshalb verlangte ich aus freien Stücken die Veränderung der Firma, indem ich der Ansicht war, daß ein solches Verfahren nicht nur mit unserer eigenen Würde, sondern auch mit den in der soliden Handelswelt geltenden Grundsätzen am besten harmoniere , obwohl ich keineswegs leugnen will, daß es mir selbst schwer ankam, den alten Familiennamen meines Vaters zu verändern und ich mich durchaus nicht dagegen verschließe, daß Verwickelungen aus dieser Verbindung resultieren können. Diese Dinge habe ich in der letzteren Zeit reiflich überlegt und es ist meine Absicht, Dich durch diesen Brief mit dem Stand der Sache im gegenwärtigen Augenblick bekannt zu machen, sowie Dir in kurzen Umrissen einen Ueberblick über den Plan mitzuteilen, den ich für die Zukunft zu verfolgen gedenke und hoffentlich realisieren werde, Unser alter Jakob Worse ist zur Zeit sehr krank, und nach dem Besuch, den ich vor einigen Tagen an seinem Krankenbette abstattete, kann ich leider nicht im Zweifel darüber sein, daß seine Tage gezählt sind; seine Ehe gereichte ihm, wie ich es mir denken konnte und auch vorhersagte, nur zu geringem Glücke. Denn wie Du wohl weißt, gehört seine Gattin zu den religiösen Schwärmern und es ist ihr, im Verein mit ihrer Mutter und der übrigen heiligen Schar in diesen wenigen Jahren gelungen, unseren alten Worse in einem solchen Grade zu verderben und zu ruinieren, daß ich dies Papier nicht damit verunstalten will, seine traurige decadence auszumalen; ich ziehe es vielmehr vor, meinen Gram und meine Entrüstung zurückzuhalten und mich nur mit dem Geschäftlichen zu befassen. Wenn Jakob Worse jetzt mit Tode abgeht – und bei seinem gegenwärtigen Zustande können wir ihm nur einen raschen und sanften Hintritt wünschen – wird also eine Erbteilung zwischen seiner Witwe und seinem Sohne erster Ehe stattfinden müssen und daraus können leicht Verwickelungen für unsere Firma entstehen. Um solche wo möglich zu vermeiden, habe ich den Entschluß gefaßt, wenn der Zeitpunkt kommt, dem jungen Herrn Romarino Worse den Austritt aus der Firma gegen eine kontante Abfindung vorzuschlagen und ich habe Ursache zu glauben, daß er dies Anerbieten annehmen wird, einmal, weil ich ihm eine bedeutende Summe zu offerieren gedenke, und dann, weil er – nach der freilich nur oberflächlichen Bekanntschaft, die ich mit ihm gemacht habe – Wert darauf legen wird, eine große Summe in kontantem Gelde oder leicht umzusetzenden Papieren zu erhalten. Ich kenne, wie gesagt, den jungen Mann nicht genau; aber ich habe doch den Eindruck erhalten, daß Herr Romarino Worse nicht eine Person ist, mit der ich zusammen arbeiten möchte. Denn obgleich ich wohl glaube, daß ich, solange die Vorsehung mir die Kraft verleiht an der Spitze dieses Geschäftes zu stehen, ihm die Stange halten könnte, so will ich Dir doch nicht einen compagnon aufbürden, zu dem wir kein volles Vertrauen haben könnten. Diese Veränderung hoffe ich bis zu Deiner Zurückkunft bewerkstelligt zu haben, wie ich denn auch hoffe, daß sie Deinen Beifall findet. Ich räume ein, daß diese kurze Verbindung mit Worses ihre unangenehmen Seiten hatte; aber wir dürfen nie vergessen, daß wir durch Jakob Worses Geld gerettet wurden. Ich mache es Dir daher zur Pflicht, diese Familie im Auge zu behalten; wir sind es ihr schuldig, ihr stets mit Rat und That beizustehen. Ist diese affaire einmal geordnet, so wird mein Sinn vollkommen ruhig werden, und ich hoffe, daß wir dann noch eine hübsche Reihe von Jahren vor uns haben, um gemeinschaftlich in der Firma »Garman und Worse« zu arbeiten. Wenn Du schon, wie ich es nach Deinem letzten Briefe vermuten muß, in Paris angekommen bist, wirst Du ohne allen Zweifel die Freude gehabt haben, mit Deinem Bruder Richard bei unserer Gesandtschaft, wohin ich auch diesen Brief adressiere, zusammenzutreffen. Ich bin davon überzeugt, daß Ihr gegenseitig viel Nutzen und Vergnügen von Eurem Zusammensein in der großen Stadt haben werdet. Dein Bruder Richard wird vermöge seiner Verbindungen imstande sein, Dir Zutritt in Kreise zu verschaffen, in die Du sonst als Fremder schwerlich würdest kommen können, während ich andererseits durchaus nicht bezweifle, daß Deine Gegenwart auf mancherlei Weise für Deinen jüngeren Bruder ersprießlich sein kann. »Die carrière , welche Richard gewählt hat, führt ganz gewiß größere expensen und eine luxurieusere Lebensweise mit sich, als sie für einen Kaufmann erforderlich oder auch nur schicklich wäre, nichtsdestoweniger will ich Dir ans Herz legen, ob Du nicht durch brüderliche Ermahnung Richard zu einer größeren Mäßigung im Gebrauch von Geld bewegen könntest. Ich bitte Dich, mich nicht mißzuverstehen, als ob es meine Meinung wäre, daß Du Euer kurzes Zusammensein damit verderben solltest, ihm strenge lectiones zu geben, gleichwie ich auch nicht wünsche, daß Du ihm irgend eine Mitteilung zukommen ließest, woraus er irgend welches Mißfallen meinerseits abnehmen könnte. Ich wünsche vielmehr, daß Ihr beide Euren Aufenthalt in Paris benutzet, um frohe und schöne Eindrücke zu sammeln, wozu diese Stadt treffliche Gelegenheit bietet – in einem Umfang und mit solchem Aufwand, wie es sich für gentlemen unseres Standes geziemt, wobei Ihr Euch von aller unnötigen Verschwendung, die nur ein Zeugnis ist von der eitlen Lust minder gut cultivierter Personen zu prahlerischer ostentation , fern haltet. »Da Deines Bruders Aufenthalt in Paris wahrscheinlich von längerer Dauer sein wird, als der Deinige, will ich die accreditive , welche das Haus Euch von hier mit ebenderselben Post sendet, auf Richards Ordre ausstellen lassen. Während ich von Deinem Bruder spreche, will ich nicht unterlassen, Dir in aller Vertraulichkeit eine Mitteilung zu machen. Du wirst nach meinem Tode kein conto für Richard finden. Seine Erziehung ist aus vielen Gründen kostbarer gewesen, als die Deinige; nichtsdestoweniger ist es mein Wille, daß Ihr als gute Brüder gleichmäßig teilet; dabei will ich Dir jedoch raten, daß Du Deinem Bruder nur portionsweise das überreichst, was ihm zukommt, und Dich bitten, daß Du ihm nie die letzte Portion überreichst. Denn Dein Bruder Richard hat bei allen seinen Gaben und herrlichen Eigenschaften, wie ich befürchte, nur ein geringes Talent zur Ansammlung und Bewahrung irdischer Güter. Deshalb sollst Du, mein lieber Christian Friedrich, der Du von einer günstigen Natur diese Gabe erhalten hast, Deinem Bruder ein brüderlicher Vormund sein. Grüße den lieben Jungen sehr herzlich von mir; und dann bitte ihn, unter Beihilfe eines musikkundigen Individuums aus seinem Bekanntschaftskreise, im Verein mit Dir einen guten Flügel bei Erard auszusuchen, Du übernimmst dann die Sorge für gute Einpackung und Versendung oder nimmst das Instrument selbst mit, wenn Du zum Frühling hierher kommst. Das alte Klavier erfüllt nicht mehr die Forderungen der Jetztzeit wegen eines starken Tones, und nach dem Tode Deiner Mutter ist es mir auch peinlich, die alten Töne zu hören, die mich nur zu bitter an meinen großen unersetzlichen Verlust erinnern. Hier hat es in der letzten Woche stark und anhaltend gestürmt und wir haben mehrfach Nachrichten von Schiffbrüchen und Seeschäden, die an der Küste stattgefunden haben, erhalten. Glücklicherweise befindet sich gegenwärtig keines unserer Fahrzeuge in diesen Gewässern; aber für mehrere der Stadt angehörige Schiffe, die von der Ostsee nach Hause erwartet werden, ist man, wie es heißt, in großer Besorgnis. Du wirst übrigens erstaunen, wenn Du sehen wirst, welch großen Aufschwung der Handel und die Schiffahrt unserer guten Stadt in den letzten Jahren genommen haben, und ich vermute auch, daß Du vieles von dem, was hier vorgeht und vorgenommen wird, nicht minder seltsam finden werdest, als ich es thue. Was ganz hauptsächlich sowohl meine Verwunderung als meine Besorgnis hervorruft, ist der Umstand, daß die religiöse Schwärmerei, die in meiner Jugend nur bei Bauern und ganz ungebildeten Personen Eingang fand, heutzutage, weit entfernt sich zu verlieren und aufzuhören, was man hätte vermuten und hoffen sollen, sich vielmehr auszubreiten und auch in den Klassen der Bevölkerung, von denen man doch hätte erwarten können, daß sie durch vernünftige Aufklärung vor solcher Thorheit beschützt seien, Anhänger findet. Es ist mir sogar zu Ohren gekommen, daß junge Prediger sich dazu herbeigelassen haben sollen, diese durchaus unverständige und höchst schädliche sogenannte »Erweckung« nicht nur zu billigen, sondern sich ihr anzuschließen. Dies muß jeder gute und aufrichtige Vaterlandsfreund in hohem Grade bedauern. Denn wie nützlich eine vernünftige religiöse Aufklärung für den gemeinen Mann ist, so schädlich, ja verderblich ist es, wenn Heuchler und durchaus ungebildete Subjekte sich über die heilige Schrift hermachen, die sie weder zu deuten noch richtig anzuwenden vermögen. Und sollte es sich nun wirklich so verhalten – was ich doch kaum zu glauben vermag –, daß selbst die Geistlichkeit sich zu pietistischer Urkunde und unvernünftigem Grübeln und Schwärmen will zurückführen lassen, so befürchte ich sehr, daß dies unserem geliebten Vaterlande zu großem Schaden gereichen werde. Du weißt aber, daß in gewissen Stücken eine weite Strecke Weges zwischen der Stadt und Sandsgaard liegt, und daher will ich hoffen, daß Du die Luft hier draußen ebenso frei und rein finden wirst wie früher. Und nun, mein lieber Sohn, will ich schließen mit einem herzlichen Gruß an Dich und Richard von mir selber und Deinen beiden Tanten. Die guten Damen haben gerade Hoftrauer – wie Jakob Worse in früherer Zeit sagte; nichtsdestoweniger freuen sie sich innig darauf, Dich wiederzusehen, und ich habe sie im Verdacht, daß sie Dich sofort verheiraten wollen, denn sie haben ein großes Verlangen nach kleinen Kindern. Und auch ich sehne mich, aufrichtig gesagt, stark nach neuem Leben mit Lachen und kleinen trippelnden Schritten in dem alten Hause. Dein Dich liebender Vater Morten W. Garman. Fünfzehntes Kapitel. Man kann einen Sturm, selbst wenn er ziemlich heftig ist, aushalten, sobald man sich auf dem festen Lande befindet. Wenn aber der Wind wochenlang Tag für Tag und Nacht für Nacht mit gleicher Stärke wütet und niemand mehr ausfinden kann, wo ein Sturm begonnen und der andere aufhörte, dann gibt es nur wenige, die eine beklemmende nervöse Beängstigung unterdrücken können, wenn sie in einer kleinen aus Holz gebauten Stadt an einer offenen Meeresbucht wohnen und die brüllende See unmittelbar zu ihren Füßen haben. Dann senkt der Himmel sich so tief, daß die Wolken längs der Erde schleppen und der Regen und der Gischt von der See weit ins Land hinein geschleudert werden. Der Tag ist hellgrau mit dem brandgelben Schimmern des Unwetters untermischt, und die Nacht so dicht und schwarz wie das Grab. Am schlimmsten ist es dann, hilflos im Bette zu liegen, wenn der Sturm sich in die kleinen winkeligen Straßen hineinpreßt, an den Dachrinnen rüttelt und die Dachziegel herabschleudert. Wenn man dann mehrere Nächte hindurch nicht hat schlafen können und den Tag damit zugebracht hat, vom Barometer hinauf in den grauen zerrissenen Himmel zu blicken, oder auf die öde Straße zu sehen, wo hier und da neben den Pfützen ein roter Fleck von einem zerschmetterten Dachziegel ist; wenn man die Erzählungen hört von all den Schäden, die in der Stadt an Fenstern und Dächern und im Hafen angerichtet sind, oder wie nahe es daran gewesen, daß nachts eine Feuersbrunst ausgebrochen wäre – Feuer bei einem solchen Sturm! – da kann wohl der eine oder der andere dazu kommen, daß er daran zweifelt, ob es auch mit rechten Dingen zugehe, ob die Welt nicht in Unordnung geraten sei, ob nicht alles in Stücke zerrissen und zusammen geworfen werden und das Meer sich über die flachen Klippen hereinbrechen und Häuser und Kirchen und alles übrige wie dürre Reiser in die Bucht hinabspülen werde. »Gottes Zorn ist über dem Lande,« sagten die Haugianer und hielten ihre Hüte fest, wenn sie zur Versammlung gingen; am Eingange wirbelte der Wind den Zipfel der Tücher, welche die Frauen um den Kopf gebunden hatten, ihnen ins Gesicht, so daß sie ganz verstört, in den niedrigen, halb erleuchteten Versammlungssaal hinkamen. Drinnen drängte man sich dicht aneinander, während der Vorleser seine Stimme verstärken oder auch ganz schweigen mußte, wenn der Sturm mit Riesenkraft die Eschen draußen erfaßte und an Fenstern und Thüren rüttelte. Wenn dann der Windstoß vorüber war, begann der Vorleser wieder; aber die Stimme klang schwach, ohne Innigkeit und Ueberzeugung. Und der eine sah den anderen an, aber nirgends zeigte sich Freimütigkeit. Die Frauen fuhren bei jedem neuen Ausbruch des Sturmes zusammen, und die Männer hatten an gar vieles zu denken. Mehrere den Haugianern gehörige Schiffe waren auf der Heimreise von der Ostsee und von St. Uebes. Man erwartete sie mit immer mehr steigender Angst; aber kein Schiff kam und der Sturm nahm immer noch zu, von Südwesten sprang er um nach Nordwesten und verdoppelte seine Kraft; hatten die Schiffe nicht beizeiten einen Nothafen an der Ostküste gesucht, so sei Gott Schiff und Reeder gnädig. Selbst Sivert Jespersen saß da ohne Lächeln und bohrte seine Hände in die Rockärmel, bis sie die Ellbogen berührten; dann preßte er still die Arme an sich, als wolle er etwas festhalten. Madame Torvestad saß streng und mit gebietender Miene auf ihrem Platz. Viele sahen nach ihr hin; wenn kein anderer, so war wenigstens sie ruhig. Aber der, an dem sie die beste Stütze gehabt hätten, war nicht unter ihnen. Schon vor acht Tagen hatte Fennefos in aller Stille von den Freunden Abschied genommen; er wollte jetzt nach England mit einem holländischen Schiffe, das im Hafen seinen erlittenen Seeschaden ausgebessert hatte; von da wollte er nach Indien gehen. Er hatte aber noch nicht das Land verlassen, denn der Holländer hatte des Sturmes halber Zuflucht im Außenhafen gesucht und Fennefos lag also, durch das Wetter festgebannt, draußen im Smörvig, eine halbe Meile vor der Stadt; er war sogar Geschäfte halber vor einigen Tagen dort gewesen. Gegen Mittag hatte der Sturm etwas nachgelassen; in der Dämmerung aber sprang er nach Nordwesten um und wütete ärger als je. Große Wogenmassen kamen über die Bucht her, warfen die Fahrzeuge und die schweren Lastbote in die Höhe, brausten gegen die Steinmauern unter den Packhäusern, und spülten, weil das Wasser so hoch war, bisweilen sogar über den Fußboden hin. In den Masten der großen Schiffe pfiff es wie von hundert Instrumenten und es knirschte und knackte in den Vorlegestücken und den Tauen, wenn die Schiffe festgelegt waren. Ueber den Gang um Jakob Worses Packhaus lief eine schmächtige, weiße Gestalt, tappte die Treppe hinunter und stand nun im Erdgeschoß, wo die Diele förmlich schaukelte, wenn die Wogen sich unter das Haus hinwälzten. Mit Aufbietung aller ihrer Kräfte gelang es ihr, die Packhausthür so weit aufzuschieben, daß sie sich durch die Oeffnung hindurchzwängen konnte; mit der einen Hand hielt sie sich fest und, über das schwarze Wasser gebeugt, wiederholte sie noch einmal ihren Eid: »Ich gelobe und schwöre, dich treu im Leben und im Tode zu lieben und mich nie an einen anderen zu geben, Lauritz, mein geliebter Lauritz!« Darauf ließ sie sich los und die schwere Woge zog sie hinab unter ein Lastboot, das vor dem Packhause lag und sie kam nicht wieder herauf. Erst später am Abend fanden einige Seeleute, die auf einem Fahrzeuge nach den Befestigungstauen gesehen hatten, einen weißen Gegenstand, der an der steinernen Treppe der Schiffbrücke von den Wellen auf und nieder geschwemmt ward. Von der Schiffbrücke lief das Gerücht durch die ganze Stadt noch schneller als sonst die Gerüchte zu laufen pflegten; denn alles war durch das lang anhaltende unheimliche Wetter so aufgescheucht und erregt, daß die Nachricht von der aufgefundenen Leiche, durchaus zur Stimmung passend, sich mit dem Sturm vermischte und in fünf Minuten durch die Stadt fuhr. Die kleinen Kinder, die eben zu Bett gebracht wurden, hörten, wie die Mädchen draußen in der Küche die Hände zusammenschlugen und »Gott bewahre mich!« riefen; wenn die Kinder aber die Mutter fragten, was es denn gäbe, bekamen sie keine andere Antwort, als daß kleine Kinder dergleichen nicht wissen dürften; und so glaubten sie, es sei etwas ganz Entsetzliches und krochen zitternd unter die Bettdecke. Das Gerücht aber nahm die vielfachsten Gestaltungen an. Einige sagten, daß Henriette im Fieberwahn aus ihrem Bette, wo sie krank daniederlag, gesprungen sei, als Madame Torvestad und das Mädchen nicht zu Hause waren. Andere murmelten bloß etwas und schüttelten den Kopf. Und das thaten bald die meisten; hier ward es, ihrer Meinung nach, wiederum offenbar, was bei den »Heiligen« vorgehe. Henriette Torvestad hatte sich das Leben genommen, soviel stand fest; sie sollte eine Liebschaft gehabt haben oder die Mutter sie habe zwingen wollen, Erich Pontoppidan zu nehmen – ja die Mutter, die herrische Madame Torvestad war schuld daran, sie und die Haugianer, die finsteren neidischen Haugianer, die weder sich noch anderen eine Freude gönnten; die hatten das arme Mädchen getötet, die brachten Unheil über die Stadt; darum war es hier so schauerlich und unheimlich, als ruhe ein Fluch auf dem Ort, Leichen trieben in der Bucht umher und ein Sturm folgte heulend dem anderen ohne Unterlaß, als ob der jüngste Tag nahe sei. Viele liefen auf die Straße hinaus, wie große Ueberwindung es sie auch kostete, um einen genauen Bescheid zu erhalten; sie trafen einen Haufen Menschen an, die sich um ein paar aufgescheuchte Laternen auf dem Markte versammelt hatten. Die Haugianer erhielten die Nachricht, als sie eben aus der Versammlung heimgekommen waren. Sivert Jespersen zog den alten Mantel wieder an, schlug den Kragen in die Höhe und eilte durch die finsteren Straßen zu Madame Torvestad. Es wagten sich aber mehrere von den Haugianern hinaus, Männer und Frauen. Als sie die Neuigkeit gehört, die gleichsam ein böses Gewissen bei ihnen wachrief, überfiel sie eine solche Beängstigung, daß sie es zu Hause nicht aushalten konnten. Sie wollten Gewißheit haben und hören, wie die Aeltesten die Sache auffaßten. In den Straßen am Markt trafen sie mit anderen zusammen; an der Ecke aber, vor Madame Torvestads Wohnung, hatte sich schon eine Menge Menschen mit Laternen angesammelt. Wenn einer von den Haugianern an ihnen vorbei kam, leuchtete man ihm ins Gesicht und rief seinen Namen mit höhnenden Worten. Sie mußten Umwege machen, um durchzukommen; und an der Hausthür standen einige von den Freunden, welche öffneten, wenn sie eine bekannte Stimme hörten und dann sogleich wieder zuschlossen. Da drinnen fühlten sie sich sicherer, denn Worses Haus bildete ein Viereck mit einem Hofraum in der Mitte wie eine Festung. Schrecken und Verwirrung herrschten aber auch hier. Es hieß, Madame Torvestad habe den Verstand verloren; sie saß steif am Bette und sah das herabrieselnde Wasser an, niemand durfte die Leiche anrühren. Nur der alte Färber war bei ihr; andere wollte sie nicht sehen. Und im Hauptgebäude lag Jakob Worse und kämpfte seinen letzten Kampf mit dem bösen Feind. Er lag in einer Stube nach dem Hofe hinaus; nach der Straße zu wagte man es nicht, Licht zu zeigen, um die Menge draußen, welche immerfort zunahm und bisweilen in ein drohendes Murmeln ausbrach, nicht noch mehr zu reizen. Die meisten der bedeutenderen Männer und Frauen des haugianischen Kreises waren versammelt. Sie gingen bleich in den Zimmern umher, alle waren ängstlich und verwirrt; sie hatten kein leitendes Haupt und inzwischen wuchs der Sturm, so daß das Haus erzitterte. Jakob Worse lag im Bett, das Gesicht gelb und verzerrt. Mehrere Tage hindurch hatte er heftige Schmerzen gelitten, jetzt ward er nach und nach matter und der Arzt hatte erklärt, daß er die Nacht nicht überleben werde. Sein innerer Kampf aber war noch nicht beendet. Das konnte man an seinen Augen sehen, die unruhig umhersuchten, wenn Sarah nicht zugegen war. Bisweilen schien es, als überfalle ihn eine große Angst; er warf sich hin und her, murmelte unverständliche Worte und rang die Hände. »Er ist besessen,« sagte eine der Frauen. Mehrere stimmten dieser Meinung bei. Man beeilte sich, im Gesangbuch oder in der Bibel oder in den kleinen religiösen Büchern solche Gebete und Lieder aufzusuchen, die bei einer derartigen Gelegenheit anzuwenden wären. Die meisten aber waren zu sehr mit dem schrecklichen Vorfall beschäftigt oder sie beobachteten die unruhig wogende Menschenmasse draußen vor dem Hause. Sarah ging umher mit gänzlich verstörtem Gesicht, das wohl den Anschein haben konnte, als sei es vor Kummer versteinert; aber Kummer war es nicht. Die Trennung von Fennefos und Henriettes Tod vereinigten sich zu einem lähmenden Schlage; es legte sich dadurch nur eine noch härtere, eisigere Rinde um ihr Herz. Ihr sterbender Mann, der drinnen im Bette lag, all die erschreckten Männer und Frauen, der Lärm draußen auf der Straße – wie gleichgültig war ihr dies alles; sie hätte sich mitten in die Stube hinsetzen und sie auslachen können. Draußen aber wurde es immer ärger. Einige junge Menschen polterten gegen die Holzwand des Hauses, andere näherten sich den Fenstern, hoben sich empor und drückten das Gesicht gegen die Scheiben. Die Haugianer versteckten sich in die Winkel, Sivert Jespersen suchte Schutz unter dem Tische. »Einer muß hinausgehen und vernünftig mit ihnen reden,« schlug eine der älteren Frauen vor. Dies konnte kein anderer sein als Sivert Jespersen; er war der älteste von den Anwesenden, aber er weigerte sich. Er wisse, wie er sagte, nur zu gut, daß es die Sache nur verschlimmern würde, wenn er sich sehen ließe. Der alte Färber säße drinnen bei Madame Torvestad, man sollte es lieber mit ihm versuchen. Es fiel keinem ein, sich an die Polizei zu wenden. Die Bewohner der Stadt und namentlich die Haugianer waren es nicht gewöhnt, irgend eine Hilfe von dort zu erwarten. Die erregte Menge aber füllte jetzt die ganze enge Straße und einen großen Teil des Marktes vor Schiffer Worses Hausthür. Es mußten auch bessere Leute darunter sein, denn unter den Laternen sah man einige kostbare Laternen aus blankpoliertem Messing mit sechseckigem Glase. Während man sich noch beriet, ob man den alten Färber holen solle oder nicht, ward es plötzlich ganz still unter der Menge draußen; man hörte nur die schnellen Schritte derer, die aus der Straße auf den Markt eilten. Hier drängte man sich um einen Gegenstand; alle Laternen wurden gegen diesen Mittelpunkt gehalten, so daß er hell hervortrat, und die Haugianer erkannten Fennefos, wie er dort über die Häupter der meisten emporragte. Er sprach zum Volk; die Worte konnten sie in dem rasenden Sturm nicht verstehen; sie wußten aber, daß wenn er wollte, so mußten alle Herzen sich vor ihm beugen. Alle strömten ans Fenster, dankten Gott für diese Rettung und beglückwünschten einander, als sei ihr Leben in Gefahr gewesen. Sarah aber blieb allein im Krankenzimmer sitzen. Sie war ganz von dem einen Gedanken beherrscht, daß sie Fennefos wiedersehen sollte; ihr graute davor, sie zitterte fast und es war ihr, als könne sie so viel nicht ertragen. Worse sah sie an, aber in ihrem verstörten Gesicht fand er keinen Trost; er schloß seine Augen und schien in eine Betäubung zu fallen. Fennefos trat von der Straße herein und ward in dem dunklen Gang von zahlreichen Händen und mit liebevollen Worten bewillkommt. Sein erstes Wort, als er in die Stube eintrat, war: »Weshalb sitzet ihr hier im Finstern? Habt ihr etwas vom Licht zu fürchten?« Allen kam er vor, daß er gar zu laut rede, da sie selbst die ganze Zeit hindurch nur geflüstert hatten; einige von den Frauen aber eilten nach Licht und die Rouleaus wurden herabgerollt. »Du kamst zur rechten Zeit, Fennefos,« sagte Sivert Jespersen, ihm auf die Schulter klopfend. »Wie schön sind die Füße derer, die Frieden bringen, die gute Botschaft verkünden,« wußte Nikolai Egeland passend anzubringen. »Ich bin eigentlich gekommen, um euch etwas sehr Niederschlagendes zu melden,« sagte Fennefos mit ernstem Ausdruck, »obwohl ich sehe, daß hier des Jammers genug ist in diesem Hause. Wir erhielten heute im Smörvig die Nachricht, daß euer Schiff »Ebenezer« südlich von Bratvoold gestrandet ist, kein einziger Mann ist gerettet worden. Deshalb bin ich hergekommen, damit ihr euch vorbereiten und euch der Witwen und Waisen annehmen könnt.« »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet,« versetzte Nikolai Egeland. Sivert Jespersen wandte sich ab und ging allein in das andere Zimmer; er sah aus, als ob er nachrechne. Die Leute auf der Straße fingen an sich zu zerstreuen. Fennefos war bekannt und stand in einem gewissen Ansehen; es verfehlte auch seine Wirkung nicht, daß er, von dem alle glaubten, er sei nach Indien abgereist, um Missionär zu werden, jetzt plötzlich mitten unter ihnen stand. Außerdem hatte er das an sich, daß ihn alle anhören mußten, wenn er etwas sagte. Er sprach einige ernste Worte zu ihnen, wie unschicklich es sei für einen jeden von ihnen, die Bürde noch zu vergrößern, wenn die Hand des Herrn sich schwer auf das Haus des Nächsten gelegt habe. Die feinen Laternen verschwanden, andere folgten nach; dann war's auch so ungemütlich in dem tosenden Sturm mitten auf dem Markt und nach und nach verlief sich die Menge gänzlich; hin und wieder schlug noch einer gegen die Wand, wenn er an Madame Torvestads Ecke vorbei kam. Fennefos hatte sich mitten unter den Haugianern im Krankenzimmer hingesetzt und er sprach noch einmal zu ihnen. Henriettes Tod hatte ihn tief ergriffen, und jedes Wort aus seinem Munde bebte vor Schmerz und Mitleiden und drang ihnen allen in ihrer Qual zu Herzen. Sie hörten ihm gespannt zu und einige weinten still; nur Sarah saß da mit halb abgewendetem Antlitz, ohne eine Miene zu verziehen. Bisweilen wandte sie sich zu ihm hin und er sah sie an, wie er die anderen ansah – klar und offen. Aber ihre tiefen starken Augen bohrten sich hinein in die seinen, wie eine Klage, wie ein Schrei in der äußersten Not: gerade jetzt, wo sie frei werden sollte, war jetzt alles zu spät, verscherzt, verloren? Und er, wollte er ihr nicht helfen? Er wollte nicht, wie sie wollte. Er sprach, als wäre er schon längst fort; als ob sie die geliebte Stimme aus weiter Ferne ihr Worte des Trostes zurufen hörte. Dann erhob er sich und nahm Abschied von ihnen. Das war für sie alle eine große und schmerzliche Ueberraschung: wollte er sie nun wieder verlassen? Wollte er den Frieden, den er eben gebracht, wieder mit fortnehmen? Sie drängten sich um ihn mit Bitten und freundlichen Worten, sprachen auch von dem Sturm und dem bösen Wetter und daß er in der tiefen Finsternis den Weg nicht finden könne. Er aber antwortete still mit dem Vers, den er von der Mutter gelernt hatte: »Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann!« An der Thür wandte er sich noch einmal um und sah sie alle liebevoll an. Dann trat er zu Sarah, die dicht bei ihm stand; er reichte ihr zum letztenmal die Hand zum Abschied und in seinem Blick spiegelte sich mit ganzer Macht die alte unschuldige Liebe ihrer Jugend wider – warm und offen, aber voll Wehmut und voll des tiefsten Mitleides. Als die anderen ihn zum Gang hinausgeleiteten, nahm Sarah ein Licht und ging zum Boden hinauf, um etwas Leinenzeug zu holen. Vor dem Schrank aber sank sie zusammen und brach in Weinen aus. Zuerst weinte sie heftig und trotzig, aber nach und nach schmolz ihr Inneres ganz und sie weinte über die arme Henriette, über sich selbst, über ihr ganzes unsäglich trauriges Los. Da trat ihr sein heller, reiner Blick vor die Seele, und in diesem Blick lösten die Thränen die harte Rinde von ihrem Herzen, und milde fromme Gedanken kamen wieder von jener Zeit, wo sie und Fennefos zu den Versammlungen gingen und gut und unschuldig miteinander sprachen. So trafen einige Frauen sie weinend auf dem Boden liegen und die eine sagte zur anderen: »Seht, wie sie ihn geliebt hat.« Sie erhob sich verwirrt, aber sie beruhigte sich sogleich wieder, da sie begriff, daß sie ihren Mann meinten. Einige Mütter, die kleine Kinder zu Hause hatten, gingen jetzt heim, da die Straße frei war. Die meisten aber blieben die ganze Nacht, um zu wachen und für den armen Schiffer Worse zu beten und bei der Hand zu sein, wenn im Hinterhause etwas vorfallen sollte. Von Zeit zu Zeit ging jemand hinüber, um an der Thür zu lauschen. Man hörte die Stimme des alten Färbers und man freute sich darüber, denn das war ein Zeichen, daß Madame Torvestad wieder zu sich gekommen sein müsse. Gegen Mitternacht ward Kaffee ins Wohnzimmer gebracht und abwechselnd gingen sie hinein und tranken eine Tasse, um sich wach zu erhalten. Im Krankenzimmer aber las man in heiligen Büchern oder sprach ein Gebet für den Sterbenden, daß Gott ihn bald erlösen und ihm seine letzte Stunde sanft und leicht machen möge. Worse hatte einige Stunden ganz still gelegen, wie es schien, ohne Bewußtsein. Sarah setzte sich ans Bett und nahm seine Hand; es war dies wohl zum erstenmal, daß sie ihm etwas erzeigte, was einer freiwilligen Liebkosung gleichen konnte. Aber es war zu spät, er merkte es nicht mehr. Je weiter die Nacht fortschritt, desto schwächer wurde der Sturm und das Vorlesen und die Gebete nahmen auch ab. Nach der starken Gemütsbewegung machte sich bei allen Ermattung geltend, da der Sturm jetzt nicht mehr so wild tobte und der Kranke still und friedlich dalag. Mehrere fielen nacheinander in einen leisen Schlummer; auch Sivert Jespersen schloß die Augen, aber er schlief nicht, er rechnete noch immer. Endlich hörte das Lesen ganz auf und es ward still unter ihnen. Plötzlich aber fuhren sie alle in die Höhe, denn von seinem Bette aus rief Worse: »Lauritz, du Galgenstrick, hinauf in den Mast und mach den Wimpel zurecht!« Sie stürzten ans Bett und nahmen die Lichter mit, bleich und verstört starrten sie den Sterbenden an; sie glaubten, es sei der Böse selbst, der aus ihm spräche. Sarah warf sich neben dem Bett nieder und betete. Mit Worse war eine völlige Veränderung vorgegangen; seine Augen waren halb geschlossen und schienen nicht zu sehen, aber der gequälte Ausdruck war aus seinem Gesicht gewichen, und es waren fast die alten verschmitzten Züge des Schiffers Worse wieder, das dichte schneeweiße Haar lag hübsch geordnet in seinen unveränderlichen Schichten und die Hände streckte er still über die Decke aus, als sei er mit etwas fertig geworden. Denn im letzten Augenblicke ließ ihn der Böse los, und indem die Krankheit zum letztenmal an dem starken Körper rüttelte und das Gehirn die letzten Zuckungen machte, trat in dem Wirrwarr unklarer Erinnerungen und verwilderter Gedanken, die vorbeirauschten, noch ein Bild in der letzten Sekunde dem geplagten Mann klar vor Augen. Das war die berühmte Heimkehr von Rio de Janeiro – sein stolzester Tag. Der Schiffer Worse stand wieder am Bord seines Schiffes »Der Familie Hoffnung«; es wehte ein frischer Nordwind über die Bucht und die alte Brigg glitt langsam hinein vor wenigen Segeln. Er öffnete seine Augen; aber die bleichen Gesichter um ihn her sah er nicht. Er sah, wie die Sonne über die Sandsgaarder Bucht schien, wie die blauen sommerlichen Wellen scharenweise an den Strand liefen, um zu melden, daß Jakob Worse angekommen sei. Er versuchte das Haupt zu erheben, um besser zu sehen; aber er sank in die Kissen zurück und mit innig vergnügtem Lächeln murmelte er: »Wir kommen spät, Herr Kunsel, aber wir kommen gut!« So segelte der alte Schiffer Worse aus dem Leben. Ende.