Wilhelm Jensen Aus See und Sand – Zweiter Band VII. Rasch erweiterte und befestigte der Frühling seine Herrschaft, ließ erkennen, sein Trachten ziele dahin, sich selbst in ein prangendes Krönungsgewand zu kleiden. Aus Gold und Blau wob er's und bestickte es rastlos mit vielfarbigen Blütensternen, schlang den Wald als hellleuchtenden Smaragdgürtel drumher. Und alles gehorchte ihm nicht nur, sondern kam bereitwillig seinem Geheiß entgegen, allein über die Heide schien er keine Macht zu besitzen. Sie weigerte sich gleichgültig-trotzig, zu seinem Schmuck beizutragen, blieb unverändert, lag da wie ein winterlich fahlbrauner Saum seines Prachtmantels. Wenigstens für den drüber hingehenden Blick; im verborgenen mochte sie dennoch gleichfalls dem großen Willen nicht Widerstand leisten können, unmerklich, ohne es selbst zu wissen, sich zum Ansetzen von Knospen für die Hochsommerzeit bereiten. Doch wenn's so geschah, entzog es sich jeder Wahrnehmung, Tag um Tag ging und ließ keinen Unterschied an ihrem Bilde erkennen. Zwischen dem dürren Heidekraut aber suchte täglich Zea Hollesen ihren alten Lieblingsplatz auf. Ins Freie hinaus zog und trieb sie die köstliche Frühlingsluft, wie's die Wiederkehr jedes Sommerbeginns ihr getan. Doch war's in diesem Jahr anders als sonst, Tilmar begleitete sie nicht, mindestens nicht auf weiterem Gang, nur ab und zu im nahen, allen Augen sichtbaren Umkreis des Dorfes. Das hielt er für besser, und sie folgte seinem Rat; zuerst hatte sie's nicht begriffen, aber dann kam's ihr auch, er habe wohl recht damit. Ähnlich erging's ihr mit seiner Abwesenheit; anfänglich entbehrte sie ihn auf Schritt und Tritt, meinte immer, er müsse noch nachkommen, doch die Gewöhnung machte sich bald geltend, daß sie dies Gefühl verlor, nicht mehr nach ihm umschaute und auf ihn harrte. Auch begab sie sich öfter jetzt zu einer Zeit hinaus, in der er ihr doch nicht Gesellschaft leisten gekonnt hatte, sondern in der Schulstube auf dem Pult stehen mußte. Sie bedauerte ihn deshalb, denn es war draußen so schön, und sie setzte sich vor, als seine Frau wolle sie ihm im Sommer oft eine Unterrichtsstunde, die sie geben könne, abnehmen, damit er auch am Vormittag ins Freie zu kommen und Pflanzen zu suchen imstande sei. Das aber lag noch in der Ferne, gegenwärtig konnte sie's nicht, und es wäre ohne Sinn gewesen, daß sie sich nicht am Aufwachen alles Lebens draußen freue, weil er genötigt war, im Hause zu bleiben. Des Wunsches ihres Vaters eingedenk, nahm sie die Richtung nicht nordwärts, sondern stets nach Süden, ihr selbst gefiel's von jeher dort auch mehr. Dann bog sie zur Linken ab, den junggrün von ferne winkenden Birkenwipfeln neben dem großen Findlingsblock und dem dunklen Torfstichgewässer zu. Ihre liebste Stätte auf der Heide war's, die sie als ihr angehörig behaupten, von der sie sich nicht vertreiben lassen wollte. Zum erstenmal in ihrem Leben war ihr zum Bewußtsein gekommen, daß sie einen Willen habe, war ein solcher in ihr wach geworden. Und sie lehnte sich fest dagegen auf, ihren Willen der Willkür eines anderen unterordnen zu sollen. Das aber hätte sie vor diesem und vor sich selbst getan, wenn sie von dem Platz fortgeblieben wäre, weil auch Meinolf Alssleben seinen Kopf darauf gesetzt hatte, täglich wieder dorthin zu kommen; er mußte keinerlei Beschäftigung haben und gab müßiggängerisch einer Laune, einem spaßhaften Zeitvertreib, auf den er verfallen, nach. Zea suchte allerdings ein Zusammentreffen mit ihm zu vermeiden, es lag ihr nicht daran, ihm zu zeigen, daß sie sich nicht verdrängen lasse, sondern ihr hätte ganz genügt, lediglich vor sich selbst ihren Willen durchzusetzen. So kam sie zu verschiedener Tageszeit, wechselnd am Vormittag, am frühen oder späten Nachmittag, und schien ihre Absicht damit auch zu erreichen. In leerer Stille allemal lag der Granitstein da, daß sie sich erfreut auf ihn niederlassen konnte und mit einem inneren Siegesgefühl dasaß, durch Ausdauer das ihr streitig gemachte Eigentumsrecht behauptet zu haben. Aber regelmäßig stellte diese Zuversicht sich als verfrüht und dennoch enttäuschend heraus; stets nach Ablauf von zwei bis drei Viertelstunden erscholl hinter ihr eine Stimme und kündigte an, daß Meinolf Alfsleben doch seiner junkerhaften Laune noch nicht müde geworden, sondern geräuschlos herzugekommen sei und auf dem Heidehügel, den er sich ausgewählt, sitze. Etwas nicht Begreifliches lag in dem Zufall, der ihn immer grad' in der Stunde ihres Hierseins herbrachte; freilich kein Zufall in bezug auf sein Wegziel und seinen Zweck, denn er kam ja nur, um ihr den Aufenthalt zu verleiden. Doch zu welcher Tageszeit ihm dies gelingen werde, konnte er bei ihrem Wechseln nicht wissen, und das Merkwürdige war, daß trotzdem der Zufall ihn täglich die für seine Absicht richtige Stunde treffen ließ. Zea schrak jedesmal bei diesem plötzlichen Stimmenklang zusammen, wenn sie sich auch beherrschte, dies durch keine körperliche Regung kundzugeben. Aber nach einigen Tagen faßte sie eine Furcht davor an; das Ungewisse, was hinter ihrem Rücken vorgehe, gerade die lautlose Stille der Einsamkeit bekam etwas Unheimliches für sie, und sie veränderte ihre hergebrachte Stellung, setzte sich in umgekehrter Richtung auf den Stein. So ging ihr Blick über die Heide bis an den Waldrand von Ekenwart, und sie konnte ihren Gegner schon in der Weite als dunklen Punkt die Richtung auf sie zu nehmen sehen, ohne daß er noch von ihr etwas zu gewahren vermochte. Dann lief es ihrem Stolz nicht zuwider, fortzugehen und ihm die leere Stätte, die sie wenigstens so lange innegehabt hatte, zu überlassen. Am Tage jedoch, an dem sie diesen neuen Plan zuerst ausführte, blieb auch er zum erstenmal aus. Nichts tauchte auf, sich vom Waldrand heranzubewegen, ihren scharf hin gerichteten Augen hätte es nicht entgehen können. Sie atmete befriedigt, die sonst stets gleichmäßige Zeit zwischen ihrer Ankunft und seinem Eintreffen mußte abgelaufen sein; da durchfuhr sie der Schreck noch stärker als sonst, denn jählings klang von der anderen Seite her hinter ihr doch seine Stimme auf. Der Zufall hatte ihn wieder zur nämlichen Zeit wie sie hergeführt, und als ob er Falkenaugen im Kopf trage, mußte er schon aus ferner Weite erkannt haben, daß sie das Gesicht dem Waldrande entgegengewendet habe. Daraus aber hatte er offenbar auch ihre Absicht hervorgelesen, davonzugehen, wenn sie sein Auftauchen wahrnehme. Ihr diesen Plan zu vereiteln, war es in verschlagener Bosheit noch eine lange Strecke nach Norden umgebogen, um so doch unbemerkt in ihren Rücken zu gelangen, und ließ ihr abermals nur die Wahl, mit ihm den Platz zu teilen oder diesen schimpflich vor ihm zu räumen. Wunsch und innerer Trieb drängten sie zu letzterem, aber darüber bäumte es sich heftiger in ihr auf, ihm solchen Triumph zu bereiten. Und so griff sie wieder nach dem Mittel, mit dem sie sich tagtäglich gegen seine herrisch-höhnische Anmaßung zur Wehr setzte. Keine Regung und kein Laut von ihr tat sein Vorhandensein für sie kund, sie saß allein in der einsamen Heidestille, unbeweglich so lange, bis er sich überwunden gab. Denn sie wußte, länger als ungefähr eine Stunde hielt er's doch nicht aus, dann verschwand er und ließ sie als Siegerin zurück. Wenn aber seine Stimme so hinter ihr aufklang, sprach sie keinen Gruß oder etwas der Art, sondern er hub an, laut aus »Hermann und Dorothea« zu lesen, immer an der Stelle beginnend, wo er am Tage vorher aufgehört. Nur einmal hatte er anderes gesprochen, zuvor kurz geäußert: »Wenn dir's unangenehm ist, daß ich hierher komme, weil der Platz mir gut gefällt, so brauchst du's nur mit einem Wort zu sagen, dann suche ich mir eine andere Stelle.« Das war ein Spott gewesen, der ihr beinah eine bejahende Antwort über die Zunge hätte fliegen lassen. Doch sie beherrschte sich noch rechtzeitig; er war ja nicht vorhanden und zu einem Nichts konnte sie doch nicht sprechen. Dann hatte er noch hinzugefügt: »Du wunderst dich vielleicht, daß ich laut lese, aber das tue ich immer, wenn etwas mich besonders anzieht, ich verstehe es so besser.« Zea saß stets von ihm abgekehrt, unbehindert, frei die Augen aufzuschlagen, ohne daß sie ihn sah. Doch seine Stimme mußte sie hören, das Ohr konnte sie nicht schließen, denn wenn sie ihrem Antrieb nachgegeben, die Hand darauf zu drücken, hätte sie dadurch gezeigt, daß seine Gegenwart ihr bemerkbar werde. Im übrigen gewöhnte sie sich an den unterbrechungslosen Fortgang und Klang der Worte wie an einen Naturlaut, das Plätschern eines Wassers, Lerchengetriller und Bienengesumm. Außerdem las er sehr deutlich und richtig dem Sinn nach; dann und wann einmal faßte sie den Inhalt auf, eine Stelle zog sie an, daß sie darauf hinhörte. Sie kannte das Goethesche Gedicht, doch erinnerte sich der Einzelheiten nicht, war wohl noch zu jung gewesen, als es ihr zuerst in die Hand gekommen. Indes davon abgesehen, lag offenbar etwas darin, daß manches durch lautes Lesen besser verständlich wurde, als bei stillem. Die Schönheit der Sprache und des Verses kam anders zur Geltung, ohne daß die Auffassung der Gedanken darunter litt. Denn er las langsam und gut, eigentlich schön, mußte sich viel darin geübt haben, oder vielleicht war's eine zufällige Naturmitgift, die ihm zuteil geworden. Öfter wallte es in ihr mit einer plötzlichen Empörung auf, daß er ihr gewaltsam das Buch für sich weggerungen hatte und es augenscheinlich nicht zurückgeben wollte, bis er damit zu Ende gekommen. Ganz Neues kam ihr aus der herrlichen Dichtung herauf, und sie wäre gern mit Tilmar Hellbeck zur Düne von Herdsand gerudert, sich jene dort von ihm vorlesen zu lassen; wenn sie seine Frau geworden, wollte sie ihn bitten, es täglich zu tun. Schwer begreiflich war's, daß Meinolf Alfsleben ein Interesse und Verständnis für »Hermann und Dorothea« besaß; freilich bei einigem Nachdenken stellte es sich als nicht rätselhaft, sondern natürlich heraus. Er hatte eine gelehrte Schule besucht, danach die Universität, und die Bildung, zu der jemand dadurch kam, brachte selbstverständlich auch das mit sich. Übrigens nahm er vermutlich auch gar nicht wirklich Anteil daran, tat nur so, das Buch war ihm eben zufällig als passendes Mittel in die Hände geraten, seiner Laune nachhängen zu können, sie täglich zu ärgern. Daran hatte er von klein auf Vergnügen gefunden; ihr geriet es deutlicher allmählich in Erinnerung, daß Unna früher oft davon erzählt hatte, auch daß sie selbst doch häufiger mit ihm zusammen gewesen sei. Er stand ihr wieder als Knabe vor Augen, im Grunde jetzt nur größer, sonst kaum verändert, so daß sie wahrscheinlich bei der ersten Begegnung ihn sonnenblind angesehen, da sie ihn sonst hätte erkennen müssen. Davon war ihr auch die einfältige Anrede »Sie« und »Herr Baron« in den Mund gekommen; sie schämte sich, wenn sie daran dachte, wie albern-geziert es gewesen, jetzt würde sie sich nicht mehr so abgeschmackt aufführen, sondern ebenso wie er nach alter Kinderweise »du« sagen. Doch brauchte sie dies zum Glück nicht zu tun, denn sie sprach ja nicht mit ihm, er war ja Luft; das hatte sie, als er die Unverschämtheit gehabt, sie am anderen Tag wieder hier quälen zu wollen, instinktiv höchst vernünftig angefangen, fühlte sich so befriedigt davon, daß sie ab und zu einen heimlichen Lachreiz unterdrücken mußte, wie einfach sie ihn um den erhofften Erfolg seiner schadenfrohen Absicht gebracht habe und täglich wieder bringe. Sie war außerordentlich klug gewesen, denn anstatt daß er seinen Zweck erreichte, sie zu kränken und daran sein Vergnügen zu finden, mußte er, ohne es zu ahnen, ihr eines durch sein gutes Vorlesen bereiten. Das enthielt kein ihm anzurechnendes Verdienst, verbesserte seine häßliche Gemütsart in nichts, aber es war spaßhaft; die Schadenfreude drehte sich gewissermaßen um, Zea fing an, ihm mit solcher entgegenzusehen. Einmal kam ihr ein Gedanke; sie hatte am letzten Sonntag erfahren, daß er neuerdings zuweilen nach Helgerslund gehe, und ihr schoß durch den Kopf, er solle Unna Brookwald heiraten. Das paßte sehr gut, Unna war auch von adliger Herkunft, und es brauchte ja noch nicht gleich zu sein, so daß sie erst noch etwas älter und verständiger werden konnte. Dann aber ließ sich von ihr erwarten, sie werde ihn wie ein unbändiges Pferd am Zügel nehmen und ihm seine Unarten und Anmaßungen abgewöhnen. Das bildete eine dankbare Aufgabe für eine Frau, es tat Zea fast leid, selbst bei Tilmar keine solche vor sich zu haben, da es an ihm für seine Frau nichts Eigenwilliges und Abstoßendes zu verbessern gab. Sie war so von ihren Ideen eingenommen, daß es ihr in dem Augenblick schwer fiel, bei ihrer lautlosen Stummheit zu beharren, und sie mußte die Lippen zusammendrücken, um nicht zwischen ihnen herausfahren zu lassen: »Du tätest gut, Unna Brookwald zu heiraten.« Aus ihrem Wiederzusammenkommen mit dieser an einem Sonntag ergab sich aber, daß bereits mehr als eine Woche vergangen sein müsse, seitdem täglich die besondere Stimme hier so hinter ihrem Sitz geklungen. Oder waren es schon zwei Wochen gewesen? Möglich erschien's ihr auch, fast glaubhafter, solange gewohnt lag der Ton ihr im Ohr. Am besten hätte die Zeit sich nach der Länge von »Hermann und Dorothea« bemessen lassen, nur hatte er anfänglich größere Stücke gelesen, doch allmählich immer kürzere. Unvermutet hörte er plötzlich auf, und verschwand ohne weiteren Laut und ohne daß sie ihn davongehen sah, denn sie hatte die veränderte Stellung nur das eine Mal eingenommen, saß, da sie die Nutzlosigkeit erkannt, stets wieder in ihrer alten Weise, dem Walde den Rücken zukehrend. Seine Absicht aber bei dem Lesen kürzerer Abschnitte lag auf der Hand, er sparte damit, weil sie ihm die beste Handhabe gaben, seinen ihr gespielten Schabernack und Unfug länger auszudehnen. Fraglos empfand er selbst, wenn das Buch zu Ende sei, werde er davon abstehen müssen, da er kein Vergnügen mehr daran finden könne, sie ohne eigene Unterhaltung eine halbe oder ganze Stunde durch seine Anwesenheit nutzlos zu belästigen. Denn daß ihre großartige Schweigsamkeit jedem Versuch von seiner Seite, sie durch irgend etwas zu erschüttern, trotzen und Siegerin auf dem Platz bleiben werde, konnte ihm nicht mehr zweifelhaft sein. Schließlich indes mußte auch ungeachtet des Hinausschiebens das Gedicht bis zur letzten Seite kommen; sie rückte unverkennbar näher, und Zea wartete mit einer gewissen Spannung diesem Ende entgegen. Zufällig wußte sie die beiden, ihr von früher im Gedächtnis gebliebenen Schlußverse auswendig, und unwillkürlich sprach sie sich dieselben in ihrer Stube ab und zu vor. Nun war's wieder ein später Nachmittag, an dem sie hinausgegangen, wie damals, als sie die erste widerwärtige Begegnung hier mit Meinolf Alfsleben gehabt; – ebenso schräg fielen die Sonnenstrahlen über die Heide von der See her, nur wärmer, denn aus dem April war beinah Maimitte geworden. Sie saß und hörte dem Leser zu, doch nicht recht, wenigstens dachte sie gegenwärtig nicht an das Ende der Dichtung, ihre Gedanken gingen unbestimmt ins Weite. Da tönte es plötzlich einmal hinter ihr: »Und gedächte jeder wieder wie ich, so stünde die Macht auf gegen die Macht und wir erfreuten uns alle des Friedens.« Ein Klang scholl hinter dem letzten Wort drein, wie vom Zuschließen eines Buches, danach ward es lautlos still. Die Schlußverse von »Hermann und Dorothea« waren es gewesen und Zea vollständig überraschend gekommen; sie zitterten durch das Schweigen umher in der Luft und eigentümlich ebenso auch wie in ihr selbst nach. Das letztere rührte offenbar davon her, daß sie nicht darauf vorbereitet gewesen; etwas Unerwartetes, ein Windstoß, ein Vogelruf konnte solche täuschende Empfindung eines inneren körperlichen Mitschwingens hervorrufen. Zea horchte auf, ob sie irgendwie Geräusch hinter ihrem Rücken vernehme, doch nicht das leiseste. Oder vielmehr so lautlos war's und blieb's, daß sie eine ganze Zeitlang das Surren einer verspäteten, vorübergeflogenen Biene noch aus der Ferne hörte. Es trieb sie, aufzustehen, und hielt sie doch zugleich wie unter einem Banne fest. Eine Vorstellung bemächtigte sich ihrer, Meinolf Alfsleben sei nicht wie sonst fortgegangen, sondern sitze noch regungslos da und warte, daß sie sich umwende, um dann mit einem spöttischen Lachen auf ihre Bewegung zu erwidern. Die Vorstellung wuchs zu einer Furcht in ihr an, die ihr das Herz hörbar klopfen ließ; so blieb sie wohl noch eine Viertelstunde in der gleichen Haltung. Aber nichts änderte sich und die Stille nahm mehr und mehr etwas Unheimliches, ihr den Atem Versetzendes an; zuletzt ertrug sie's nicht länger, drehte langsam, Linie um Linie anhaltend und weitergehend, den Kopf. Da war der Platz hinter ihr leer und alles drumher, nur oben auf einer Heidebulte lag das Buch. Ein paar Augenblicke sah sie wieder unbeweglich darauf hin. Im Gefühl war's ihr, als wache sie nicht, sondern habe geträumt, daß sie täglich hier gesessen und auch heute hier sitze. Aber dann schnellte sie sich jählings mit einem Sprung auf, nach dem Buch hin, das sie ergriff, als ob es von etwas gehalten werde, dem sie's mit Gewalt fortreiße. Es gehörte ihr, sie hatte ihr Eigentum wieder, sich zurückgerungen in einem Kampfe, aus dem sie als Siegerin hervorgegangen. Aus dem Blick, den sie umherwarf, sprach, auch der Platz sei wieder ihr Eigentum, sie stehe auf ihm gleichfalls als Siegerin. Ihr Widersacher hatte ihn vor ihrer hartnäckigen Ausdauer geräumt, war zum letzten Male hier gewesen und kam nicht mehr. Den Kopf hebend, sah sie ihn als einen dunklen Punkt sich zum Waldrand zu bewegen; hoch Befriedigendes lag darin, einem geschlagenen Gegner nachzublicken, sie tat's, bis er unter den Bäumen verschwand. Nun begab sie sich auf den Heimweg; der Maiabend war von einer weichen Schönheit, wie sie kaum eine gleiche im Gedächtnis trug. Doch sie fühlte, der errungene Triumph, der ihr noch das Herz laut klopfen ließ, nur nicht mehr schreckhaft, sondern freudig, komme hinzu, Himmel und Erde zu so zauberischem Einklang zu verweben. Ihr wachte Erinnerung an ein ihr im Traume gekommenes Verlangen auf, im Helgerslunder Park einmal wieder die Nachtigall zu hören, heut nacht mußte sie köstlich schlagen. Wie Zea am Strand entlang gegen das Dorf zuschritt, begann es leise zu dämmern, indes war's noch so hell, deutlich auf ziemliche Entfernung gewahren zu lassen, daß eine ihr entgegenkommende Gestalt Tilmar Hellbeck sei. Auch ihre Augen hielten sich ihm zugekehrt und sahen ihn, doch nur mit einem äußeren Auffassen, sie erkannte ihn erst, wie er sie freudig anrief. Da zuckten ihr die Wimpern, sie erwiderte: »Du bist's? Ja, du bist es ja, Tilmar,« und sie fügte rasch nach: »Das trifft sich gut, ich wollte morgen zu dir, dich zu bitten, mit mir nach Herdsand zu fahren.« Er entgegnete mit beglücktem Aufglanz der Augen: »O wie gern, Zea – glaubst du, daß wir gut daran tun?« Sie fiel ein: »Warum nicht? Du weißt – – Ach so – Du bist zu ängstlich! Wir sehen uns ja so wenig mehr, und ich möchte gern, daß du mir auf der Düne aus dem Buch hier vorläsest.« Ihm ging's über die Kraft, zu widerstehen, er antwortete: »Gewiß – dann erwarte ich dich.« Wie sie nebeneinander fortschritten, faßte er nach ihrer Hand, so gingen sie redend auf Loagger zu. Von Meinolf Alfsleben sprach Zea nicht mit ihm, wie sie's auch zu Hause nicht tat; sie hatte sich vorgenommen, darüber zu schweigen, aus mancherlei Gründen, sie wußte nicht alle mehr. Hauptsächlich weil ihr Vater und Tilmar sich ängstigen möchten, der von Knabenzeit her als unbändig und unvorsichtig Bekannte könne ihr irgend etwas Übles zufügen, sie ins Wasser stoßen, oder dergleichen; das hätte ganz unnötige Besorgnis, ähnlich wie mit den Ottern, gegeben, denn davor hegte sie nicht die geringste Furcht mehr, nur am ersten Tage war's ihr so vom Mund geflogen. Der junge Lehrer redete mehr als sie; wie ihr vorhin etwas vor den Augen gelegen, ihn nicht von weitem zu erkennen, so lag's ihr auch im Ohr, daß sie manches nicht deutlich hörte. Vom morgigen Tag sprach er, der Fahrt und vom Aufenthalt auf der Insel, dem Lerchengesang dort über ihnen, dem Glück, neben ihr zu sitzen. Das mußte ihr zum Verständnis kommen und sie sich auch darauf freuen, denn ihre Hand, die bisher unbeweglich in seiner gelegen, hub an, sich leise zu regen und spielend die Finger um die seinigen zu schlingen; ein süßes Schauergefühl durchfloß ihn davon. Doch er war besonnen, sie kamen dem Dorf zu nahe, konnten gesehen werden, und er zog seine Hand aus der ihrigen. Sie schrak zusammen wie jemand, der aus einem Halbtraum fährt; ihr kam von den Lippen: »Was – du bist's – du sagtest – ja so, wir sind schon hier – du hast recht, es ist besser, daß du nicht weiter mitgehst. Gute Nacht, Tilmar.« Allein legte sie im einfallenden Dunkel das letzte Stück zum Pfarrhaus zurück. Sie fühlte sich so leicht, als ob sie nicht auf den Boden trete, sondern darüber schwebe, und ebenso froh war's ihr zu Sinn. Nur besann sie sich vergeblich den Abend hindurch auf etwas, das in ihr vorhanden war, aber sich versteckt hatte. Erst als sie in ihrer Stube zum Schlafen gegangen, kam's ihr plötzlich, das eigentümliche Zusammenstimmen der beiden Schlußverse von »Hermann und Dorothea«, mit ihrem Erlebnis der letzten Wochen auf der Heide war's gewesen. Das Gedicht meinte zwar anderes, Großes mit ihnen, aber sie ließen sich auch auf den kleinen Vorgang draußen anwenden. Macht war dort gegen Macht, Wille gegen Wille aufgestanden, einen sonderbaren Krieg zu führen, und nun erfreute die Siegerin sich des Friedens. Das stimmte völlig überein, daher rührte ihr Leichtgefühl und Frohsinn; sie empfand jetzt, daß sie sich täglich mit Gewalt zu dem Weg habe zwingen müssen, er war ihr sehr unangenehm gewesen, so daß sie mehrmals fast dazu gekommen, den Kampf aufzugeben. Doch glücklicherweise hatte sie sich fest gezeigt, der Streitsüchtige davor weichen müssen, und den Lohn dafür trug sie heut' abend in sich. Denn ohne den Sieg hätte sie sich des Friedens nicht erfreuen können. Sie schlief vortrefflich die Nacht durch, ohne zu träumen, wenigstens bewahrte sie keine Erinnerung daran. Doch mußten Gedanken sich in ihrem Kopf fortgesponnen haben, denn mit dem Aufwachen stand der Entschluß vor ihr, sogleich auf die Heide hinauszugehen, um von ihrem wiedergewonnenen Eigentum feierlich Besitz zu nehmen. Am Nachmittag hatte sie ja mit Tilmar nach Herdsand zu fahren verabredet, das mochte mitgewirkt haben, ihr im Schlaf den Vorsatz einzugeben. Es geschah manchmal so, schon öfter hatte sie's erfahren, daß etwas während der Nacht unbewußt im Kopf vorgehen konnte, woran sie beim Zubettgehen nicht gedacht. Doch beim Aufwachen stand es fertig da, ließ sich nicht abschütteln, übte einen Zwang aus. Der Morgen war wundervoll, sie flog mehr am Strand entlang, als daß sie ging, die Leichtigkeit von gestern lag noch erhöht in ihr; schneller als je kam sie an ihr Ziel. In solcher Frühe war sie noch niemals hier gewesen, alles sah sie vertraut und doch auch fremd an. Die Schatten fielen anders, Tautropfen blitzten diamantenhaft an den Heidekrautzweigen, jeder Atemzug der noch ein wenig herben Luft regte das Blut zu einer kräftig vom Herzen ausströmenden Welle. Das kleine dunkle Wasser lag noch verschattet und reglos, aber wie das Mädchen, auf dem Stein sitzend, darauf hinblickte, glitten allmählich die Sonnenstrahlen über den Rand und weckten das zitternde Spiel auf der ruhigen Oberfläche. Einer um den anderen begannen die winzigen Käfer sich, glitzernden Weberschiffchen ähnlich, hin und her zu schnellen, wie an dem Nachmittag, als Zea zum erstenmal nach dem Winter hierhergekommen. Nur hatten die Ränder des Abstichs sich jetzt dicht mit herabhängenden Pflanzen aller Art grün überrankt, so daß kaum noch etwas von dem Braun des Torfes durchschimmerte; daraus ging hervor, es müsse mancher Tag vergangen sein, an dem Blatt um Blatt in der Stille so habe hervorwachsen können. Fast unglaubhaft erschien's ihr, großblickend ruhten ihre Augen darauf. Aber alles gehörte jetzt wieder unbestritten ihr an, in sicherem Frieden saß sie hier. Durch die Luft kam etwas getanzt, als habe sich ein ganz winziges Stückchen Himmelsblau abgelöst, zur Erde herunterzuflattern. Ein Schmetterling war's, doch kein Zitronenfalter mehr, ein kleiner Bläuling. Das sagte auch gleiches wie das grüne Blättergewirr: der Frühling neigte sich schon zum Sommeranfang hin, denn mit dem kamen die kleinen, blauen Falter. Die Augen Zeas gingen seinem vorübergaukelnden Flugspiel nach; noch ein anderer gesellte sich ihm hinzu und miteinander stiegen sie schwebend auf und nieder, umkreisten, haschten und ließen sich, doch immer zurückkehrend. Seltsame Täuschung wob's vor dem Blick, als seien es nicht zwei, sondern zunehmend immer mehr, unzählbar, die ganze Luft über dem Heidegrund ward zu einem blauen Geflatter. Da klang es plötzlich hinter ihr: »Warum gehst du nicht mehr barfuß, wie damals, als ich dich zuerst hier traf?« Das konnte keine Wirklichkeit sein, sie mußte mit offenen Augen träumen und im Traum die Stimme zu hören glauben. Aber nur für eines Atemzuges Dauer war diese verstummt, dann tönte sie abermals: »Ich habe über Nacht Lust bekommen, den Oberon von Wieland zu lesen. Wenn es dich stört, sag' es mir, da suche ich einen anderen Platz auf.« Wirklichkeit war's, unfaßbar und ungeheuerlich; wie windgewirbelte Blätter kreisten die Gedanken durch den Kopf Zeas. Unfaßbar, daß er in dieser frühen Morgenstunde sie hier vermutet habe, zu einer Zeit, in der sie noch niemals hergekommen. Ungeheuerlich, daß er dennoch wieder hier war, ihr Sieg, ihr Triumph, der schöne Frieden, dessen sie sich erfreuen zu können geglaubt, Täuschung gewesen. Dazwischen klang seine erste Anrede ihr im Ohr nach, trieb eine hastige Welle der Empfindung in ihr auf. Um nichts in der Welt würde sie wie beim ersten Male dasitzen und ihm ermöglichen, ihre bloßen Füße zur Zielscheibe seiner Spottlust zu machen. Um so boshafter war sein Hohn darüber gewesen, als er seinen Ton verstellt, die Worte geklungen hatten, wie wenn er ein aufrichtiges Bedauern damit ausdrücke, daß sie sich um seinetwillen den Zwang, Schuhe zu tragen, antue. Doch aus diesem Gedankengedränge trat eines im Nu deutlich erkannt vor sie hin. Der Kampf war also nicht beendet, sie mußte ihn noch weiterführen. Aber ihr bangte nicht davor, nur ein erster Schreck der Überraschung hatte sie durchfahren. Auch von ihrem Herzschlag ging eine Kraftwelle aus, sie bis in die Spitzen der Finger hinein durchflutend. Noch nie hatte sie sich so stark, so mutvoll, so siegesgewiß gefühlt; da es nicht anders war, freute sie sich sogar auf die Erneuerung des sonderbaren Zweikampfes. Macht stand gegen Macht auf, das hieß, ihre Macht setzte der seinigen die unerschütterliche, gleichmäßige Ruhe des Behauptens ihres Sitzes entgegen. Nichts auf der Erde, und wenn die Sonne herunterfiele, konnte sie dahin bringen, durch eine Bewegung, einen Laut kundzugeben, daß sie ihn höre oder sehe, daß er um sie vorhanden sei. Kein Zug ihres Gesichts, ihrer Haltung hatte sich verändert, allein saß sie da auf dem alten Findlingsstein in der Heide, und hinter ihrem Rücken erklang's laut durch die Morgenluft: Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, Zum Ritt ins alte romantische Land! Wie lieblich in meinem entfesselten Busen Der holde Wahnsinn spielt! Wer schlang das magische Band Um meine Stirn? Wer treibt vor meinen Augen den Nebel, Der auf der Vorwelt Wundern liegt? Meinolf Alfsleben hielt kurz an und sprach dazwischen: »Wenn es dich langweilt, Zea Hollesen, so sag's, dann höre ich auf.« Doch ein Nichts konnte nicht sprechen und nicht Antwort bekommen, und so las er weiter. VIII. Die beste Jahreszeit nun war's für Nathan Aronsohn, ohne scharfen Wind und nicht sommerheiß noch, der Regel nach auch die trockenste und in diesem Jahr besonders, denn Woche um Woche brachte immer gleiche Sonnenschönheit. So ging oder hinkte Nathan emsig in seinem weiten Geschäftskreis von Ort zu Ort, mit dem leeren Sack ausziehend, und erst mit dem gefüllten nach Haus kehrend. Doch hätte dessen gemeinigliches Inhaltssammelsurium einen unrichtigen Schluß auf den Betrieb und die Erwerbsquellen seines Trägers ziehen lassen. Auch der Sack umschloß keineswegs lediglich Abfall, nicht selten barg sich dazwischen allerhand billig eingehandeltes altes Gerät und Schmuckwerk, das gut aufgeputzt um Vielfaches höheren Preis wieder eintrug; nur war der Jude genügsam und unermüdlich, mißachtete nichts, sondern nahm alles mit, was anderen als vollständig wertlos erschien. Mit einem Dreier machte sich schließlich auch der jämmerlichste Fund noch bezahlt, und aus Dreiern hatte er sich anfänglich ein bißchen Geldbesitz zusammengetragen, um nicht nur im Wegwurf scharren, auch für dies und das einen Preis bieten und kaufen zu können. Mit der angeborenen Bsdürfnislosigkeit seines Volksstammes im Essen und Trinken brauchte er fast nichts für sich, und die gleiche Blutmitgift hatte ihn früh seinen Erwerb beginnen lassen. Andere Zugänge zum Leben verschloß seine Abkunft ihm, wie seit Jahrhunderten seinen Vätern, er gehörte einer fremden niedrigen Kaste an, auf die der Straßenbettler noch herabsah, der keine Ernährungsmöglichkeit, als durch den kleinen Handel offenstand. Lachen und Fingerdeuten empfingen ihn und gaben ihm Geleit, Gassenjungen trotteten schreiend hinter ihm drein, nicht selten ward er wie ein Hund von der Tür gejagt. Aber er war ein philosophischer Hund, der ruhig Spott und Schimpf auf sich regnen ließ, wenn er den Knochen erhaschte, auf den er sein Auge hielt. Er knurrte, antwortete nie, schien nichts zu hören und zu denken, als an seinen nächsten Zweck. Geduldig ging er im selben Aufzug Tag um Tag seinem Geschäft nach, nur mit sich selbst sprach er zuweilen laut am Strand und auf der Heide. Darüber war eines Menschenlebens Dauer verflossen, und gealtert, das Bein nachschleppend, sonst unverändert, zog er heut wie im Anfang mit seinem Sack umher. Doch in seiner Behausung sah es ganz anders aus, als damals und als die Leute mutmaßen mochten, die ihm draußen auf seinen Wegen begegneten. In gewisser Weise hatte er die Fabel verwirklicht, in welcher der Eierkorb das Mädchen in lebhafter Vorstellung sich schon als Besitzerin eines Hühnerhofes, einer Viehherde, eines großen Landgutes fühlen ließ; nur war's bei ihm kein Traumbild gewesen, das mit den vom Kopf herunterfallenden und zerbrechenden Eiern wie eine zerplatzende Seifenblase weggeschwunden. Aus dem Plunder seines Sacks hatte er sich ein Haus gekauft und mehrere Stuben drin voll mit Dingen angefüllt, die besseren Gewinn abwarfen als die, welche er zuerst auf dem Rücken heimgetragen. Alles, was seit mehr als dreißig Jahren in der Stadt und weitum käuflich gewesen, hatte er eingehandelt, und es lag und hing bei ihm wieder zu Kauf, alte Schränke, Tische und Stühle, Geräte, Stoffe, Bilder, Schmuckstücke, Uhren, Teller und Gläser, Unaufzählbares. Sein Haus bildete einen Raritätentrödlerladen nach großstädtischer Weise, doch wußte er nichts von solchem Geschäftsbetrieb anderer, war aus eigener Eingebung darauf verfallen. Die Zeit fing an, alte Sachen wieder zu schätzen und begehrenswert zu finden, und Nathan war auch ein Spürhund mit guter Witterung für den neuen Geschmack, die Wünsche, Liebhabereien, Narrheiten und Prahlereien der mehr oder auch minder wohlbemittelten Leute; sein Geruchssinn war's, mit dem er Todesfälle vorausspürte, die billige Weggabe eines Nachlasses verhießen, und mit den ausdruckslosen Augen sah er Gesichtern sonst sich in geordneten und vermöglichen Umständen Befindender zeitweilige Verlegenheiten und Bedrängnis durch Schuldverpflichtungen eingeschrieben. Davon rührten Pfandscheine, daneben auch Wechsel in einer Lade her, alle gut und sicher, keiner, der etwas aufs Spiel setzte, und ebenso ohne hohen Wucherzins. Den nahm Nathan nicht, nur so viel, als billigerweise der Notlage, aus der er heraushalf, entsprach und ihm nicht etwa vor Gericht als eine übermäßige Erpressung vorgehalten werden konnte. Ein Jude, niedrigerer Kaste angehörend, war er geblieben, aber man lachte, schrie nicht mehr hinter ihm, deutete nicht mit Fingern auf ihn. Als eine jedem bekannte, langgewohnte Erscheinung und als eine anders wie früher angesehene, hinkte er am Abend durch die Straßen seinem Hause zu, sich dort nach der Tagesmühsal enthaltsam und mäßig, wie von jeher, mit der einzigen Hausbewohnerin außer ihm, seiner Tochter Miriam, an den Tisch zu setzen. Denn niemals im Gange der Jahre hatte etwas anderes eine Verlockung auf Nathan Aronsohn geübt, als die Aussicht auf ein vorteilhaftes Geschäft. Ein junges Geschöpf mit blauschwarzem Haar und Kohlenaugen kam in die Stadt, als Zugehörige einer mit Affen und Bären herumziehenden Jahrmarktsbande von Seiltänzern und Possenreißern; eine Zigeunerin aus Ungarn sei's, und als solche ward sie bestaunt. Doch Nathan fühlte das verwandte Blut aus ihr heraus, sie gestand's ihm auch zu, sie sei nur eine seines Stammes, und als ihre Genossenschaft weiterzog, blieb sie bei ihm zurück, denn er hatte einen Handel mit ihr abgeschlossen. Ob er guten Einkauf damit gemacht, ließ er, wie bei allem, nicht laut werden, und ob sie rechtmäßig seine Frau gewesen sei, wußte niemand, noch fragte man viel danach. Viele Meilen weit umher gab's keinen Rabbi, um eine Ehe zwischen Juden zu schließen, und was Kreaturen taten, die nicht Christen waren, bekümmerte weder die Geistlichkeit, noch die weltliche Behörde. Auch dauerte das Zusammenleben der beiden nicht lange, denn sie starb schon nach kaum zwei Jahren. Nathan holte einen Arzt herbei und ließ durch diesen feststellen, welche Krankheit die Ursache ihres frühen Todes gewesen; dann nahm er seinen Sack auf den Rücken und ging über Land, nicht anders als sonst. Und was er ab und zu draußen halblaut vor sich hinredete, drückte nicht aus, er habe einen Verlust gehabt, der schwer wieder einzubringen sei. Im Gegenteil ließ es eher darauf schließen, daß er vorschnell gewesen, sich auf die eingehandelte Ware nicht verstanden gehabt und Zufriedenheit mit sich trage, sie durch günstigen Zufall an ihren gegenwärtigen Inhaber unentgeltlich wieder losgeworden zu sein. Behalten aber hatte er als Hinterlassenschaft einen Sprößling der zweijährigen gemeinsamen Lebensführung, ein Mädchen, dessen Aufziehen ihm bei seiner häufigen Abwesenheit vom Hause in den ersten Jahren viel Schwierigkeit machte und obendrein Kosten bereitete. Doch er legte diese für Wartung und Aufsicht der Kleinen bei einer Nachbarfrau an; wenn er's nicht gewollt hätte, würde die Behörde ihn genötigt haben, für das Kind zu sorgen, aber davon abgesehen tat er's aus eigener Einsicht, daß man müsse machen die Einzahlungen, wenn man wolle bekommen nach Ablauf von Jahren ein Kapital aus der Sparkasse. Und zu einem solchen wuchs Miriam ihm schneller heran, als er gerechnet, zu einer brauchbaren Beihilfe seines sich erweiternden Geschäftsbetriebs. Sobald sie ordentlich laufen konnte, hielt sie sich am liebsten in den Stuben mit den zusammengebrachten, sich jährlich mehrenden Verkaufssachen auf, besah, befühlte und musterte alles, huschte, wenn Käufer eintraten, behend in einen dunklen Winkel und hockte dort geräuschlos hinter einem Möbelstück oder unter einer niederhängenden Decke wie eine sich im Versteck haltende Katze. Doch ihre schwarzgestirnten Augen lugten durch einen Spalt, sie horchte und hörte alles, was gesprochen wurde, zeigte sich klug-gelehrig und gab's durch Verständnis für Wert und Preis von Gegenständen zu erkennen, daß Nathan zuweilen sagte: »Bist ein Wunder der Welt, Miriam; es ist nicht worden angelegt, was ich habe ausgegeben für dich, für einen schlechten Schuldschein. Du bist ein Kind Salomos, und ist dir früh groß gewachsen im Kopf seine Weisheit, daß auf der Welt alles ist Ware, zu handeln damit, es kommt darauf an, welchen Preis einer will bieten dafür.« Da brachten eines Tags Leute auf einer Tragbahre Nathan Aronsohn mit dem abgeschlagenen Bein nach Haus, und das Mädchen, obwohl kaum achtjährig, begriff sofort, was not tue, versah eifrig und umsichtig allein die Pflege bei dem Verwundeten, damit er zu dem unumgänglichen kostspieligen Arzt nicht auch noch eine teure Wärterin zu nehmen brauche. Und zum erstenmal in seinem Leben mit einem gerührten Ton sagte Nathan: »Bist ein Kapital, ein Juwel Gottes, Miriam; wenn deine Mutter wäre gewesen wie du, ich hätte gerauft mir die Haare über ihre Sterbenskrankheit. Aber ich habe nicht gegriffen nach ihnen, weil sie nicht hatte genug Einsicht, zu begreifen, daß auf der Welt alles ist Ware, zu handeln damit, es kommt darauf an, welchen Preis einer will bieten dafür. Such' dir aus, Miriam, unterm Zeug im Laden etwas Feines, dir machen zu lassen davon ein Kleid auf deinen Leib, wie's dir gefällt am besten nach deinem Geschmack. Wird es doch gefallen auch den Leuten, die es sehen, daß sie finden dran auch Geschmack und sie kommen kaufen ins Geschäft. Und als du hast gesagt, wird's kommen zu stehen billiger, als eine kostspielige Wärterin, daß du trägst auf dem Leib deinen eignen ersten Verdienst, und ich lege dazu in die Lade die gute Ersparnis.« Über diesen Beinschaden Nathans war auch wieder ein Jahrzehnt hingegangen, und schon seit langem hatte er während seiner Abwesenheit vom Haus die Besorgungen im Trödlerladen vollständig seiner Tochter überlassen. Sie wußte so genau von allem Bescheid, wie er selbst, und er konnte versichert sein, bei der Heimkunft niemals etwas ins Verlustbuch schreiben zu müssen, ward vielmehr manchmal von unverhofft über den Anschlag hinaus Eingegangenem überrascht. Dann sagte er: »Bist ein Kapital; was die Leute heißen Schönheit von einem Frauenzimmer am Gesicht und Leibeswuchs, ist ein Kapital, das jeden Tag einträgt seine Zinsen. Sie zahlen besser, als wenn ihnen präsentiert die Ware eine häßliche Urschel, und glauben, ihre Augen haben den Anblick für umsonst. Hätte deine Mutter gehabt Einsicht, vernünftig anzulegen ihr Kapital, das sie auch hatte mitbekommen, ich würde sein noch heute untröstlich über den Verlust, den ich hätte gelitten durch ihren Tod. Tut man seines Gold nicht in einen alten Beutel von Leder, dran ist Schmutz und Unrat, und nicht Kapital wie deines in einen groben Sack. Laß dir machen dafür ein schönes, ein neues Kleid, es trägt sich gut ein von den Augen, welche die Leute tragen im Kopf.« Das war eine Ermahnung, die eignem Antrieb Miriams entsprach, so daß sie ihr stets bereitwillig nachkam. Sie kleidete sich immer mit bedachtsamer Wahl, und es lag ihr im Blut, dies in besonderer Weise zu tun, stets farbige Zeuge zu bevorzugen. Doch keineswegs geschmacklos, grob und grell in die Augen fallend, sondern mit wirklichem Instinkt, was ihrem schwarzen Haar und den schwarzen Augen ihrer ganzen fremdländischen Schönheit am vorteilhaftesten stehe. Sie war ihrer Mutter nachgeartet, aber übertraf diese mit einem verfeinerten, geschmeidigeren Reiz; Nathan meinte einmal, sie zuerst in einer neuen Kleidung gewahrend: »Du wärst gewesen eine Blume im Garten von König Salomo, und er würde gesungen haben zum Harfenschlag auch auf dich ein Hohes Lied. Hatte er doch auch eine hohe Freude und vielen Verstand für die Schönheit, daß er tat gern auf seine Schatzlade mit Gold angefüllt, um zu vergelten, daß seine Augen sich recht konnten erlaben an ihr. Aber es hat die Welt nicht mehr einen König Salomo; wenn auch sind geblieben noch seine Augen und sein Verstand, ist doch geworden hochselten seine richtige Einschätzung einer Ware von besonderer Güte durch die Freigebigkeit seiner Hand. Wird nicht einer, der besitzt in seinem Garten eine kostbare Blume und hat Klugheit, sie bieten zu Kauf um geringfügigen Preis, aber er wird auch halten in Bedacht, daß eine Blume nicht immer blüht fort bis in den Winter hinein, sondern daß sie hat eine nicht lange Zeit, wo sie steht für den Sachkundigen am meisten im Wert, Hab' ich eingehandelt gestern um billigen Preis einen alten Gürtel, wie ihn in früherer Zeit haben getragen die Weiber um ihre Leibesmitte am Festtag, und will machen damit kein Geschäft, schenk' ihn dir, Miriam. Wenn du dir Müh' gibst, ihn sauber abzuputzen mit Schlemmkreide und einem Stück weichen Leder, wird es sein, als ob du trügst um deinen Leib sichtbar goldene Staubfäden von einer seltenen Blume drunter.« Miriam antwortete nichts auf die erstaunliche Freigebigkeit ihres Vaters, doch es glimmerte in ihren dunklen Augen, und sie setzte sich sogleich in eine Ecke, stundenlang an dem alten Gürtel sorgfältig zu putzen. Solcher Mühe hatte sich ihre Mutter nicht unterzogen gehabt, dazu war sie zu bequem, gleichgültig an Erwerbssinn und zu einfältig gewesen. Wenn die Tochter ihr auch äußerlich nachgeschlagen, trug sie doch in sich eine Blutsmitgift von ihrem Vater. Für Nathan Aronsohn aber war jetzt die beste Jahreszeit wiedergekommen, nicht zu kalt und nicht zu heiß, regenlos sich folgende Wochen. Vom Morgen bis zum Abend, bald nach dieser, bald nach jener Seite suchte er hinkend sein Jagdrevier mit der Weidtasche überm Rücken ab, und oft auch brachte sein Weg ihn durch den Ekenwarter Wald. Dabei gewahrte er, obwohl zu verschiedenen Tageszeiten daher kommend, jedesmal mit seinen scharfsichtigen Augen von weitem den jungen Freiherrn von Alfsleben am Waldrand stehen und durch ein ausgezogenes Taschenfernrohr westwärts nach der See hinüberschauen. Gewöhnlich setzte er dies fort, bis Nathan ihn aus dem Gesicht verlor, zweimal indes schob er das Fernglas zusammen, steckte es zu sich und ging rasch in die Heide hinein. Anfänglich achtete der Jude kaum darauf, er trug nichts im Sack, was sich dem Junker weiter zum Kauf anbieten ließ; aber dann setzte das häufige Antreffen desselben am gleichen Platz vormittags und nachmittags ihn doch in eine Verwunderung, daß er einmal vor sich hinredete: »Nach was kann er sehen aus mit dem Schiebeglas und gehen auf das dürre Land, wo nichts ist Brauchbares, was wächst? Sollt' er suchen nach dem Karfunkelstein aus dem Märchen, von dem er sich hat gewünscht, ich möcht' ihn haben im Sack? Es ist 'mal eingerichtet, daß ein junges Blut hat großen Gefallen dran, und vielleicht wird es sich erweisen hochfreigebig für den Fund. Kann man doch von nichts sagen im voraus, wie es ist und wird sein; warum sollt' er nicht einmal treffen an einen Karfunkelstein auf der Heide?« Nathan blickte dem heut' über diese Davonschreitenden nach, bis er zwischen Wachholdersträuchern und anderem Buschwerk verschwand. Hurtig ging Meinolf Alfsleben, eine halbe Stunde später plötzlich hinter dem Sitz Zea Hollesens die Stimme aufklingen zu lassen und im Lesen des Wielandschen »Oberon« fortzufahren. Das Rätsel seines stets mit ihr gleichzeitigen Hierherkommens erhellte allerdings sein Fernrohr; doch er mußte in der Tat ohne jede Beschäftigung sein, nicht wissen, wie er seinen Tag verbringen sollte, daß er immer, nach dem fernen Auftauchen des Mädchens aufblickend, sich am Waldrand aufhielt, und eine knabenhafte Schadenfreude mußte noch immer in ihm stecken, die fortgesetzt sich daran belustigte, Zea täglich durch seine Gegenwart ihren Lieblingsplatz zu verleiden. Aber sie zu irgendeiner Kundgebung zu bringen, daß er dies mit Erfolg tue, gelang ihm nicht. Stets regungslos behauptete sie ihren Sitz, zuhörend, weil sie sich das Ohr nicht schließen konnte, doch auch nicht widerwillig, Der »Oberon« war ihr fremd, und wenngleich sie an manchem, besonders an dem Schlachtgetümmel, wenig Anteil nahm, mischten sich doch oftmals auch Verse und Abschnitte ein, die durch Schönheit und melodischen Klang erfreuten. Grade heut' häuften mehrfach sich Stellen solcher Art zusammen: Was half mir, freigeblieben Zu sein bis in mein zweites zehntes Jahr? Auch meine Stunde kam, mein Schicksal war, Im Traum zum erstenmal zu lieben. Ja, Scherasmin, nun hab' ich sie gesehn. Sie, von den Sternen mir zur Siegerin erkoren, Gesehen hab' ich sie, und ohne Widerstehn Beim ersten Blick mein Herz an sie verloren. Du sprichst, es war ein Traum? Nein, Mann, ein Hirngespinst Kann nicht so tiefe Spuren graben! Und wenn du tausendmal mich einen Toren nennst, Sie lebt, ich hatte sie, und muß sie wieder haben. Denk' dir ein Weib im reinsten Jugendlicht, Nach einem Urbild von dort oben Aus Rosenglut und Lilienschnee gewoben; Gib ihrem Bau das feinste Gleichgewicht, Ein stilles Lächeln schweb' auf ihrem Angesicht – Zea drückte unmerklich die Lippen gegeneinander, ihr war's, als sei aus Wort und Ton des letzten Verses das Lächeln hervor auf sie zugekommen, ihr selbst an den Mund zu huschen und leis' um ihn zu spielen. Das vertrug sich nicht mit dem Ernst ihres Schweigens, der täglichen Aufgabe, die sie hierherbrachte, sie mußte der Vergeßlichkeit der Lippen mit Strenge begegnen. Beste Beihilfe dazu lieh das Denken an etwas anderes, das ihr indes auch manchmal, ohne herbeigerufen zu werden, kam. Eine Erinnerung war's, unwillkürlich ein Vergleichen mit sich führend. Wie sie's gewünscht, hatte Tilmar Hellbeck ihr auf der Düne von Herdsand aus »Hermann und Dorothea« vorgelesen, doch nur einmal, sie hatte ihn nicht gebeten, es zu wiederholen. Seine Stimme hörte sie sonst gern, aber sie wußte nicht recht, was es sei, daß sie kein Gefallen daran gefunden. Oder doch, es lag daran, daß er mit dem Rhythmus der Verse nicht zurechtkam, sie falsch und wie Prosa las; dazu gesellten sich häufig unrichtige, den Sinn der Gedanken entstellende oder völlig aufhebende Betonungen. Offenbar gelangte oftmals das Schönste in der Dichtung ihm selbst nicht zum Verständnis, freilich begreiflicherweise, da es ihm dafür wie für manches andere an der Vorbildung gefehlt. Meinolf Alfsleben hatte es leicht, die Verse richtig zu lesen und inhaltlich alles so wiederzugeben, wie's der Dichter gedacht und empfunden. Er war auf einer gelehrten Schule gewesen, wo er natürlich das Verständnis dafür empfangen, und den schönen, biegsamen Klang seiner Stimme hatte er ebenso ohne sein Zutun als Naturmitgift bekommen. Bei solcher Verschiedenheit des Vorausgegangenen ließ sich die Befähigung der beiden zum Vorlesen eines Gedichts natürlich nicht vergleichen; ebenso unbillig wär's gewesen, wie von Tilmar zu erwarten, er solle im Ausdruck und Wesen das Freie, Sichere Meinolf Alfslebens haben. Es war eben durchaus ungerecht auf der Erde zugemessen, daß jemand, der es besser verdient hätte, so benachteiligt wurde und einem anderen ohne alles Verdienst derartige Bevorzugung zuteil ward. Ein paarmal hinkte Nathan Aronsohn auch auf dem Weg zwischen dem Ekenwarter Wald und Loagger entlang, doch ließ kein Zufall ihn dabei Zea Hollesen begegnen oder sie aus der Entfernung gewahren. Und an dem Findlingsstein führte der schmale Heidepfad zu weit seitwärts vorüber, um die Augen zu jenem hinreichen, geschweige denn das Ohr etwas von der merkwürdigen Vorliebe Meinolf Alfslebens, sich dort täglich den »Oberon« laut vorzulesen, vernehmen zu lassen. Die lang abgerissenen Fäden der altfreundschaftlichen Beziehungen zwischen Ekenwart und Helgerslund hatten sich neu geknüpft, und fast täglich schlug Dietrich Alfsleben den Weg zum letzteren ein. Es zog ihn dorthin; seitdem er, was ihm nicht erreichbar erschienen, die Liebe seines Sohnes entdeckt und gewonnen, lag die Welt verändert um ihn, und freier hob er die Stirn ins freudige Licht des schönen Frühlings auf. Und seit dem Tage, an dem er den Fuß über das schweigsame Gewässer gesetzt, das unsichtbar zwischen ihm und Gertrud Brookwald geflossen, hatten beide die Scheu, die sie bei der ersten Wiederbegegnung überkommen, von sich abgetan. Die Sonne warf über alles ihre Strahlen so hell und warm, daß auch die Schatten das Gefühl nicht frostig anrührten, vor den Augen ihre dunkle Färbung verbleichen ließen; so verschwand das Gedenken an lang' Vergangenes unter der wohltätigen Wirkung der zu neuem Leben erweckenden Gegenwart, des gemeinsamen Trachtens für die Zukunft. Von diesem ward in Anwesenheit Fritz Brookwalds nicht geredet, doch daß er mit dem Wunsch, eine eheliche Verbindung zwischen Unna und Meinolf herbeizuführen, einverstanden sei, wußte Alfsleben durch Gertrud. Sie hatte ihm, gegen die Ermahnung ihres Mannes zur Behutsamkeit, aus ihrer schon lange im stillen gehegten Hoffnung kein Hehl gemacht, aber wechselseitig jeder beim anderen den gleichen Gedanken empfunden, sie diesen nur zuerst ausgesprochen. Nun bildete er den Hauptgegenstand ihres Gesprächs, wenn sie allein miteinander gingen, täglich manchmal stundenlang, auf Feld- und Waldwegen. Der Austausch ihrer Worte war für das Glück der beiden bedacht, doch zuweilen schritten sie ein Weilchen verstummt, und dann webte es sich zwischen ihnen sonderbar wie von einem wortlosen, nicht für das Ohr hörbaren Klang. Wohl nicht mehr in Jugendblüte stehend, aber ein noch schönes Menschenpaar war's: wer sie sah, mußte denken, sie seien füreinander geschaffen und sich angehörig. Wunderlich kreiste die Empfindung in Gertrud, sie verlor die Furcht, durch etwas zu verraten, daß die Liebe für Dietrich Alfsleben noch ungealtert in ihr fortlebe. Ungesprochen kam's von ihm zu ihr herüber, daß er sich nicht wieder abkehren, das Band zwischen ihnen aufs neue zertrennen würde, wenn unbewacht ein Blick oder Ton ihm den Schlag ihres Herzens kundgäbe. Von Tag zu Tag trug sie sogar deutlicher ein Gefühl in sich, es brauche gar nicht zu geschehen, er wisse, sehe und höre es. Und doch kam er, ward nicht dadurch zurückgescheucht, obwohl sie jetzt die Frau eines anderen war. Warum denn hatte ei damals sich so jäh von ihr gewandt, als sie frei gewesen, so endlose Zeitlang jede Annäherung und Wiederanknüpfung der Jugendfreundschaft abwehrend? Das Rätsel hüllte sich in ein neues, doch unerhellbares Dunkel, aber Gertrud suchte nicht nach der Lösung. Sie war beglückt von der Gegenwart, der zweifellosen Wandlung, daß er ein anderer geworden. Die Natur gab jedem Weibe mit, ohne einen äußeren Anhalt zu empfinden, was einen Mann zu solcher täglichen Wiederkehr bewog; eine Mitgift ihres Geschlechts war es, unabhängig von Stand, Bildung und Lebensalter, jede Geringste besaß sie, wie die Vornehmste. Und sie ließ Gertrud nicht Zweifel, daß es Dietrich Alfsleben innerlich treibe, danach verlange, mit ihr zusammen zu sein, nicht nur wegen des gemeinsamen Planes bezüglich der Kinder, sondern mehr noch um seiner selbst willen. Kaum halb verschleiert sprach er es einmal auf stillem Waldweg: »Ja, ein schöner Gedanke ist's, Gertrud, dahin zu trachten, daß die Kinder ihr Leben in Liebe vereinigen. Wir hatten niemand, der uns geleitet hätte, das Glück zu finden. Auch wir hätten's wohl gekonnt, auch ich; es stand am Wege und wartete auf mich. Aber meine Augen waren geblendet, daß sie es nicht sahen. Zu spät erst, als ich achtlos an ihm vorübergegangen, da lag es fern hinter mir und nicht mehr erreichbar, kein Weg führte zu ihm zurück.« Schweigend, klopfenden Herzens hörte Gertrud Brookwald das sich kaum verhüllende Geheimnis; Reue und tiefe Wehmut zitterte aus den Worten. Zu spät war's, und Unabänderliches stand zwischen ihnen, an dem sich nicht rütteln ließ; auch der Gedanke tat's nicht, weder hier noch dort. Doch beglückend war das, was noch sein konnte, so zusammenzugehen, unter dem Austausch der Lippen über die Zukunft der Kinder, die stumm hin und wieder bebenden Schwingungen zu fühlen, die nicht dem wachen Leben angehören. Von Gebilden und Wünschen nur einer Traumwelt geregt, glichen sie dem Wellenspiel der Sonnenluft über den aufblühenden Wiesen. Fritz Brookwalds unvermerkt beobachtenden Augen entging die wachsende neue Vertraulichkeit zwischen seiner Frau und Alfsleben nicht; aber er bekümmerte sich nicht darum, er war nicht eifersüchtig, drängte sich ihnen nie als Begleiter auf. Der Heiratsplan hatte seine volle Zustimmung gefunden, und um den handelte es sich jedenfalls hauptsächlich; was sie sonst auf ihren einsamen Gängen reden mochten, galt ihm durchaus gleich. Vermutlich ging es nicht über sentimentale Worte hinaus, doch wenn auch, er war kein empfindsamer, sondern ein praktischer Mann, der nicht mit Dingen von inhaltslosem Wert rechnete. Dagegen hatte er sich mit dem neuen Förster von Ekenwart auf einen guten, beinah freundschaftlichen Fuß gestellt, suchte ihn fast täglich auf, wenn Dietrich Alfsleben sich mit Gertrud zusammen befand. Dirk Westerholz war ihm schon beim ersten Sehen als ein Mann erschienen, von dem er Nutzen ziehen könne; das sprach er auch in seiner offenen Art unverhohlen aus: »Ich möchte mancherlei von Ihnen profitieren, ein Ratgeber wie Sie hat mir immer auf Helgerslund gefehlt.« So zog er nach vielen Richtungen die Meinung des wirtschaftlich erfahrenen Försters ein, begleitete ihn hierhin und dorthin, unterhielt sich merkbar außerordentlich gern mit ihm. Dabei trug sein Benehmen keinen Zug von Herablassung an sich, einem tüchtigen Mann schien er sich gleichzustellen. Es konnte vielleicht ein wenig den Eindruck erregen, als wünsche er ihn seiner Stellung auf Ekenwart abwendig zu machen, um selbst ihn für sich zu gewinnen, doch ausgesprochen war nie davon die Rede. Ebenso zeigte er sein Taktgefühl, ihm von Westerholz zuteil gewordene gute Ratschläge und kleine Dienstleistungen nicht mit Geld zu belohnen, sondern in aufmerksamer Weise entschädigte er ihn einmal für seine Bemühungen durch das Geschenk einer hübsch gearbeiteten Doppelflinte aus der Helgerslunder Jagdgerätsammlung. Bei der Überreichung sagte er: »Wenn Sie einmal Zeit haben, lieber Freund, täten Sie mir einen Gefallen, den Zwilling am Strande zu probieren und mir einen Blaumantel damit aus der Luft herunterzupaffen. Für meine Treffkünste ist das Geschäft zu schwierig, Sie verstehen sich jedenfalls viel besser drauf; ich möchte mir schon lange gern eine Silbermöwe ausstopfen lassen, um sie über meinem Schreibtisch aufzuhängen. Paßt's Ihnen vielleicht morgen früh, so hole ich Sie mit meinem Wagen ab.« Dieser Wunsch Brookwalds, dem zu willfahren der Förster natürlich nicht umhin konnte, brachte mit sich, daß der Kirchenpatronatsherr von Loagger einmal an einem Nichtsonntag im Pfarrhause vorsprach. Er äußerte auf dem Rückweg zu seinem Begleiter, daß er nicht gut vorüberfahren könne, ohne wenigstens einen kurzen Besuch bei dem Pastor abzuhalten. So stiegen beide vor der Tür Hollesens ab. Dieser empfing den Gutsherrn in der stets gleichmäßig von ihm beobachteten, förmlich gemessenen Weise; der ihm unbekannte Förster, der noch nie bis ins Dorf herübergekommen, ward ihm vorgestellt, »Nur zu einer Stippvisite, lieber Pastor«, hatte Fritz Brookwald beim Eintreten gesagt, doch er ließ sich nieder, erzählte vom Zweck und gewünschten Erfolg der Ausfahrt, erkundigte sich nach allerhand auf die Kirchenverwaltung bezüglichen Dingen und vergaß darüber augenscheinlich seine Absicht nur flüchtigen Vorkehrens. Westerholz lag noch eine vormittägige Besichtigung ob, so daß er sich erlaubte, einmal durch eine Bemerkung an das Vorrücken der Zeit zu erinnern. Dazu nickte Brookwald: »Ja, wie ein Windhund rennt sie, wir wollen gleich fahren, lieber Freund, sobald als möglich,« und lachend fügte er nach: »Sie scheinen auf Kohlen zu sitzen, das ist ja gerade kein übermäßig angenehmes Polster, aber es gibt auch noch schlimmere Notlagen auf der Welt, von denen Sie in Ihrem ganzen Leben nichts kennen gelernt haben. Das ist, wenn man als Familienvater von Frau und Tochter kommandiert wird und sich zu Haus nicht wieder sehen lassen darf, ohne daß man die Aufträge, die einem eingeknotet worden sind, ausgerichtet hat. Da sitzt« – der Sprecher zog sein Taschentuch heraus – »ein Knoten mit einem eigenmündig zu bestellenden Gruß von meiner Frau an die Ihrige, lieber Pastor, und da einer ebenso von Unna an Ihre Zea. Ist keine von ihnen zu Haus? Wenn Sie mich heute noch wieder los werden wollen, müssen Sie mir beihelfen, daß ich mich ohne Angst vor einer gehörigen Prügelsuppe am Mittag zu Tisch setzen kann.« Christian Hollesens Miene drückte aus, daß er kein Verständnis mit der Gewissenhaftigkeit des Gutsherrn, die ihm aufgetragenen Grüße selbst zu bestellen, verbinde, doch er schickte die Magd, nachzusehen, ob die beiden Frauen im Hause seien. Das war der Fall, und sie kamen, Mathilde Hollesen zuerst und Zea gleich danach. Das Hereintreten der letzteren mußte den Förster jäh überraschen und aus abwesenden Gedanken auffahren lassen, denn ihm ging plötzlich ein Ruck durch den ganzen Körper und er blickte das Mädchen mit starr aufgeweiteten Augen an. Doch achtete niemand im Zimmer darauf außer Fritz Brookwald, der das Gesicht nach ihm hingewandt gehalten, sich jetzt schnell seiner Aufträge entledigte und danach lachte: »So, lieber Westerholz, nun sollen Sie von Ihren Kohlen loskommen, und ich will den Gäulen ein bißchen Frühstück mit der Peitschenschnur auftischen, damit Sie Ihre verlorene Zeit wieder einbringen. Mir wird's jetzt gottlob zu Haus auch schmecken, ein gutes Gewissen ist der beste Koch.« Er nahm Abschied, schwang sich auf den Jagdwagen und der Förster folgte ihm. Der Pastor sah verwundert und unwillkürlich leicht mit dem Kopf schüttelnd dem eilig fortrollenden Gefährt nach. Er wußte sich keinen Reim darauf zu machen, daß der Helgerslunder Schloßherr in der Tat nichts anderes beabsichtigt habe, als die Grüße seiner Frau und Tochter mit eigenem Munde auszurichten. Der Wagen geriet auf den sandigen Boden der Heide, Dirk Westerholz saß wortlos, vor sich in die Weite hinausblickend, so daß Brookwald, die Pferde zu langsamerem Schritt zügelnd, fragte: »Ist Ihnen etwas über die Leber gelaufen?« Der Förster fuhr zusammen, »Mir? Was sollte – nichts.« »Ich glaube, Sie sind ein in Wolle gefärbter Weiberfeind, Westerholz, und maulen mit mir, daß ich Sie genötigt habe, ein Kompliment vor der Pastorin und ihrer Tochter zu machen. Freilich, krumm haben Sie den Rücken just nicht gebogen. Mir kam's vor, besonders vor der Jungen mißfiel's Ihnen gründlich, Sie machten ihr Augen, als möchten Sie sie am liebsten auffressen. Na, mich geht's nichts an, denn wie eine Vogelscheuche sieht sie doch nicht aus.« Dirk Westerholz sprach vor sich hin: »Eine unglaubliche Ähnlichkeit –« Da er nicht fortfuhr, wiederholte der neben ihm Sitzende: »Ähnlichkeit? Mit wem?« Nun rüttelte der Förster etwas wie einen halb abwesenden Geisteszustand von sich und entgegnete schnell: »Mit einer anderen, die ich einmal gesehen. Der Zufall überraschte mich, wie sie plötzlich dastand. Ist das Mädchen die Tochter des Pastors?« »Eine angenommene, oder richtiger angeschwommene.« Fritz Brookwald holte hoch mit der Peitsche aus und ließ sie pfeifend auf die Pferde niederklatschen. »Wollt ihr Satansgezücht uns hier im Sand stecken lassen? Ich hab' euch guten Hafer versprochen!« Und er hieb wieder auf sie ein, die er eben vorher selbst zu verlangsamtem Gang angehalten, daß sie vorsprangen und trotz dem mahlenden Sandweg hurtig den Wagen fortrissen. Der bewegte sich nordwärts von Loagger über die Heide, und südlich vom Dorf ging Zea Hollesen auf ihrem täglichen Weg. Sie hatte dies vorgehabt, als sie zu den Gästen in die Stube ihres Vaters gerufen worden, und die Zeit reichte noch hin, daß sie zum Mittag zurückkommen konnte. Ein besonderes Verlangen zog sie heut' nach ihrem Sitz, allerdings ohne sich mehr mit der Hoffnung zu verbinden, daß sie dort allein sein werde. Diese wochenlang ihr von jedem Tag erneuerte Zuversicht hatte sie allgemach und eigentlich vollständig verloren; es lag nicht in ihrer Kraft, Meinolf Alfsleben von dem Platz zu verdrängen, und ebenso wenig, ihren Gang dorthin zu anderer Tageszeit als er anzutreten. Er mußte von irgendeiner geheimnisvollen Macht unterrichtet werden, mit einem Kobold im Bunde stehen, der ihn immer sich zur nämlichen Stunde mit ihr auf den Weg machen ließ. Das war freilich eine Vorstellung, über die verständige Leute mit Recht gelacht hätten, denn es gab keine Kobolde, und Zeas eigene Lippen zeigten sich auch verständig, begleiteten diese Schöpfung der Phantasie mit einem leicht um den Mund spielenden Lächeln. Aber ohne einen Grund konnte das Unerklärbare sich doch nicht täglich so wiederholen, und wenn er von dem vernunftmäßigen Denken sich nicht ausfindig machen ließ, verfiel zuletzt die Einbildung auf allerhand märchenhaftes Gaukelspiel. Auch die der Dichter tat's, der Elfenkönig Oberon war ja gleichfalls nichts anderes. Zumal jedoch heut' geschah es leicht, die Luft selbst übte eine einbildnerische Wirkung. Mit tausend kleinen zitternden Wellen flimmerte sie über der Heide hin und her, lautlos still und doch auch, wie wenn lauter goldene Fäden leis' tönend aneinander schwängen. Zum erstenmal war es heiß, nicht Frühling mehr, sondern junihaft. Aber darin lag nicht das Besondere, so ward's gegen Ende des Mai in jedem Jahr. Nur konnte das Mädchen sich nicht erinnern, daß alles hier um sie her ihr je so märchenhaft, wie verzaubert, vorgekommen, als sei die Heide eine große lebendige Brust der Erde, die den Atem anhaltend, auf ein mittägiges Elfenwunder warte. Natürlich befand sich, wie stets, bei der Ankunft Zeas niemand auf dem Platz, sie hätte auch wie immer glauben können, diesen heut' allein zu behalten. Doch sie wußte, unfehlbar werde ungefähr nach einer halben Stunde plötzlich die Stimme hinter ihr aufklingen, so daß sie sich länger ihrer Einsamkeit und Herrschaft nicht erfreuen konnte. Nur mußte sie darauf bedacht sein, ihre gewohnte Haltung schon daraufhin einzunehmen und zu bewahren. Die Luft hatte heut' so sonderbar schmeichelnd Umstrickendes, als lege sie's darauf an, die Sinne und Seele in einen traumartigen Zustand einzuwiegen. Das durfte ihr nicht gelingen, denn dann ward ein sichtbares Zusammenfahren bei dem aufschreckenden Ton der Stimme fast unvermeidlich, und noch nie war Zea so unverbrüchlich entschlossen gewesen, durch keine Regung kundzugeben, daß etwas für ihr Gehör vorhanden sei. Grad' heute um keinen Preis; sie wehrte alles, was von außen und aus ihr selbst gaukelnd an sie heranzukommen suchte, gewaltsam von sich ab, fast wartend, wie die atemlose Heide. Nur nicht auf ein Elfenwunder, sondern auf den schweigsamen Wettkampf mit ihrem Widersacher. Und da kam's und klang's hinter ihr, so bekannt, als ob sie's schon seit Kindertagen täglich gehört hätte: »Wenn du's anhören willst, setz' dich dorthin zu mir!« Das war nicht aus dem »Oberon«, sondern eine Anrede, unverständlich, oder vielmehr doch nur eine einzige Auslegung zulassend, Zea mußte einen unwillkürlichen Lachreiz bekämpfen, daß er denke, sie auf so lächerlich einfache Weise zu einem Abweichen von ihrer unerschütterlichen Haltung zu bringen. Er war eigentlich ein eigensinnig-ungebärdiger, drolliger großer Junge. Doch während sie dies dachte, ereignete sich noch etwas anderes, Unerwartetes und völlig Neues. Zum erstenmal spielte das sich täglich Wiederholende nicht allein hinter ihrem Rücken, so daß nicht nur ihr Ohr zum Anhören genötigt ward, sondern auch ihre Augen mußten daran teilnehmen. Sie hätte diese allerdings zumachen können, als ob sie schon mit geschlossenen Lidern gesessen habe, aber sie vergaß die Möglichkeit ganz. Denn was ihr vor den Blick geriet, war so rätselhaft, unerwartet und unbegreiflich, daß sie nur starr darauf hinsah. Im ersten Augenblick unterschied sie seitwärtsher kaum mehr, als ein buntes Farbengemenge, wie von einer aus dem Heideboden aufwachsenden großen, fremden Blume. Doch dann bewegte diese sich auf Füßen weiter vorwärts, jetzt an das Schillern einer grünen Eidechse erinnernd, indes einer etwa fünf Fuß hohen, aufrechtgehenden, die blitzende Sonnenstrahlen um sich geringelt zu haben schien. Und nun ward's deutlich zu einem weiblichen Kleid mit einem goldig flimmernden Gürtel um die Mitte, und drüber war schwarzblaues Haar, ein funkelndes Augenpaar und ein weißer Zahnglanz zwischen halblachenden Lippen. Neben dieser, wie von einem tollen Traum heraufgeborenen Erscheinung aber ging Meinolf Alfsleben, die bisherigen Rollen des täglichen Auftritts auf der kleinen Heideschaubühne vertauschend, denn er benahm sich, als ob seine Augen über den alten Stein durch leere Luft wegsähen und er von dem Vorhandensein einer Zuschauerin gar keine Ahnung habe. Mit der Hand deutend, sagte er: »So setz' dich da neben den Heidekrautbusch,« und ließ sich, als die Angesprochene dem Geheiß nachkam, an ihrer Seite nieder. Dazu schlug er den »Oberon« auf: »Gib also gut acht, es liest sich sehr hübsch hier« und zugleich legte er den einen Arm um den Nacken und die Schulter der neben ihm Sitzenden. Das alles war zweifellos in Wirklichkeit so geschehen, nur wußte Zea Hollesen nicht, ob eine halbe Minute oder eine Stunde darüber vergangen. Auch was das Bild da vor ihren Augen bedeute, wußte sie nicht, hatte überhaupt keinen Gedanken, als nur, daß sie hier einmal gesessen und den unerschütterlichen Vorsatz gefaßt habe, ihren Lieblingssitz zu behaupten. Nichts auf der Erde, und wenn die Sonne herunterfiele, könne sie dazu bringen, durch eine Bewegung, einen Laut kundzugeben, daß sie etwas höre oder sehe. Plötzlich, ohne ihr Wissen, fuhr der Kopf Zeas in die Höhe. Ihr war's, als müsse die Sonne eben im Begriff stehen, vom Himmel herunterzufallen. Das geschah auch, sie fühlte es mehr, als sie's sah, und mit einem jähen Ruck schnellte sie sich auf. So stand sie einen Augenblick, wie betäubt auf den Niedersturz wartend, dann verließ sie, langsam fortgehend, den Platz. Aber nach wenigen Schritten beschleunigte sich ihr Gang, immer rascher, zu atemlosem Laufen, als ob ein mittägiges Heidegespenst hinter ihr dreinjage. Meinolf Alfsleben sah ihr nach, bis sie von Buschwerk verdeckt ward; er hatte den Arm von der Schulter seiner Platzteilhaberin abgleiten lassen und sagte fröhlich lachenden Tons: »Es ist heut' doch nichts mit dem Lesen, die Sonne sticht zu heiß hier. Hab' Dank für deine gute Gesellschaft, Miriam; wenn du öfter auf der Heide spazieren gehst, begegnen wir uns wohl einmal wieder. Sonst komme ich gelegentlich in euren Laden, nachzusehen, ob dein Vater den Karfunkelstein gefunden hat, von dem ich früher glaubte, er müsse ihn im Sack tragen. Es soll kein Schaden für euch sein, daß du mich bis hierher begleitet und die Zeit im Geschäft verloren hast. Den Weg nach Haus findest du wohl selbst, komm' gut hin.« Er stand auf und verschwand. Der junge adlige Herr war's, dem es Spaß gemacht, das von ihm auf der Heide angetroffene Judenmädchen bis an den Platz hier mitzunehmen, und der sich jetzt nicht mehr zu weiterer Unterhaltung mit ihr in der Laune befand. Nathan Aronsohn hatte geglaubt, es sei vielleicht der Karfunkelstein, nach dem der Junker zugreifen werde; doch schien's, Meinolf Alfsleben mache sich von jenem eine andere Vorstellung und habe die ihm passend in den Weg Gekommene nur als ein Stück buntes Glas betrachtet, sich die Dinge dadurch einmal in eine außergewöhnliche Lichtwirkung zu versetzen und es danach Nathan wieder in seinen Sack zurückzutun. Verdutzt glimmerte Miriam ihm mit den dunklen Augensteinen nach. Zwischen ihrer Hierherkunft mit ihm und seinem Weggange hatte so kurze Zeit gelegen, daß ihr nicht klar geworden, was eigentlich vorgegangen sei. Von weitem gesehen, konnte ihr blauschwarz aus dem Heidekraut abstechendes Haar den Blick täuschen, denn es glich in der Farbe genau der vom Volk »Höllennatter« genannten schwarzen Spielart der Kreuzotter. Und auch für das Ohr bot sie in der Nähe eine Ähnlichkeit, da zwischen ihren weißen Zähnen ein leis' zischender Ton hervorkam. IX. Zea Hollesen hatte ihr altangestammtes Recht an den Sitz auf dem Findlingstein nicht behauptet, sondern ihrem Widersacher den Platz überlassen. Warum, wußte sie nicht weiter, als daß ihr's plötzlich so gekommen sei. Oder wenigstens im Verlauf des Tages verdeutlichte sich ihr kein Grund für dies Tun, sie wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Erst über Nacht, wie's ja manchmal so geschah, bildete sich in ihr eine Erkenntnis aus, die sie beim Aufwachen vorfand. Es war ein eigentlich unglaublich kindisches Betreiben gewesen, daß sie Tag für Tag auf die Heide hinausgegangen, um dort unbeweglich zu sitzen und dadurch zu beweisen, sie lasse sich nicht von junkerhafter Anmaßung verdrängen. Meinolf Alfsleben mußte täglich innerlich über sie gelacht haben, und sogar mit vollem Recht; ihr kam es bei der Vorstellung rot und heiß in die Schläfen, Aber wie ein eigensinniges Kind hatte sie sich betragen, obendrein ohne allen Zweck, denn ihr lag gar nichts an dem Platz, viele andere auf der Heide waren hübscher. Außerdem hatte die Nötigung, das laute Lesen des »Oberon« anhören zu müssen, sie immer mehr verdrossen, es war im Grunde ein äußerst langweiliges Buch. Und dem entstammte offenbar, daß sie es plötzlich einmal nicht länger ausgehalten, sondern davongelaufen war. So konnte sie doch dem »Oberon« in gewisser Weise dankbar sein, daß er ihr zur Vernunft zurückverholfen und sie sich außerordentlich befreit fühlte, sich nicht mehr auf dem täglichen unsinnigen Zwanggang dem Spott preisgeben zu müssen. Wie in wirklichem Sinn jetzt eben, war sie auch in übertragenem aufgewacht, aus einem wochenlangen Traumzustand, in dem sie sich so närrisch, possenhaft und unklug benommen, als ob es in ihrem Kopf nicht richtig zugegangen sei. Nun aber befand sich alles drin wieder in verständiger Ordnung, und zum Glück hatte niemand etwas von ihrem abgeschmackten Trachten und Treiben bemerkt, außer Meinolf Alfsleben, aber das kam, mit der wiedergewonnenen Vernünftigkeit angesehen, nicht in Betracht, da es keinen Menschen auf der Welt geben konnte, der ihr gleichgültiger gewesen wäre. Und zudem war sie zum letztenmal im Leben mit ihm zusammengetroffen, denn wenn sie hundert Jahre alt werden sollte, würde sie den ihr verleideten Platz nicht mehr aufsuchen. Dagegen kam er wohl heut' und morgen und an jedem Tag wieder dorthin, weil der Platz ihm ja, wie er gesagt, so besonders gefiel, und wahrscheinlich brachte er jetzt immer seine gestrige Begleiterin mit, um ihr aus dem »Oberon« vorzulesen. Wer das eigentlich gewesen, ging Zea gleichfalls erst nachträglich auf; es mußte die Tochter Nathan Aronsohns sein, die sie ab und zu einmal, doch in den letzten Jahren wohl kaum mehr gesehen. So groß wenigstens stand jene ihr nicht in der Erinnerung, auch nicht so hübsch; es ließ sich nicht leugnen, in ihrer Art sei sie es. Freilich blieb's doch ein sonderbarer Umgang für jemand wie Meinolf Alfsleben, denn von dem Wielandschen Gedicht verstand sie schwerlich etwas, und mutmaßlich machte ihr's gar keinen Unterschied, wie es vorgelesen würde, so, oder in anderer Weise, etwa der von Tilmar Hellbeck. Das geschah dem Lesenden dann recht; es war alles Einfall und Laune, gewissermaßen auch ein kindisches Treiben bei ihm. Zea mußte einmal halb auflachen, denn ihr kam die Vorstellung, daß er plötzlich entdeckte, Miriam habe gar nichts von dem begriffen, was er gelesen. Das hätte er allerdings vorher wissen können und hatte es auch gewußt, darüber konnte kaum ein Zweifel bestehen. Es war eben nur ein Einfall von ihm gewesen, sie mitzubringen, wie er vorher den anderen gehabt, allein Tag um Tag nach dem großen Stein auf der Heide herauszukommen. Der Platz war also nicht mehr für sie vorhanden, gleichsam von der Erde verschwunden, aber soviel andere gab's, und nach diesen umherzusuchen, trieb es sie heut', zugleich mit dem Verlangen, einen recht weiten Gang zu machen. Doch nicht allein, aus zweifachem Grund; sie trug zum erstenmal eine Scheu davor, ohne Begleitung möglicherweise irgend jemand auf der Heide zu begegnen, und dann wollte sie verhüten, daß ihre Eltern sich über ihr längeres Ausbleiben beunruhigen könnten. So sprach sie am Mittagstisch von ihrer Absicht, mit Tilmar nach einem entfernten Ziel zum Pflanzensuchen zu gehen, und begab sich von der Mahlzeit sofort zum Schulhause hinüber. Das Natürlichste war's, daß er seine künftige Frau begleitete, der Grund, weshalb er sich dessen in letzter Zeit enthielt, erschien ihr allzu furchtsam ausgeklügelt und eigentlich ganz nichtig, denn zu Hause mutmaßte offenbar niemand das Geringste, und sie war so gewöhnt, durch nichts eine Ahnung aufkommen zu lassen, daß sie gar nicht daran zu denken brauchte, sich in acht zu nehmen. Das hielt sie auch jetzt der Zaghaftigkeit des jungen Lehrers entgegen, beredete den im Innersten Frohlockenden und Beglückten leicht, nach alter Weise ihr Weggefährte zu sein. Selbstverständlich wählte sie die Richtung nördlich vom Dorf, bog so in die Heide ein, allerdings damit in die Gegend, vor der ihr Vater die meiste Schlangenbesorgnis hegte. Aber Tilmar befand sich ja mit seinem Handstock bei ihr, und außerdem ging sie nicht barfuß, sondern in sicher schützenden Schuhen. Das war doch ein Vorteil, der ihr aus dem Zusammentreffen mit Meinolf Alfsleben erwachsen; sie begriff eigentlich ihre frühere Neigung und Gewöhnung, mit bloßen Füßen zu gehen, nicht mehr. Oder wenn es auch bequem war, mußte sie doch ihrer Mutter beipflichten, daß es für eine Pastorentochter nicht recht schicklich sei. Selbst Miriam tat es nicht, hätte es sicher nicht getan, obwohl sich sonst keine Bildung und kein Verständnis bei ihr erwarten ließ. Das hatte im Grunde seine junkerhafte Geringschätzung ihr gegenüber am deutlichsten zum Ausdruck gebracht, als er einmal gefragt: »Warum gehst du nicht mehr barfuß, wie damals, als ich dich zuerst hier traf?« Wort für Wort lag's ihr noch im Ohr; sie war für ihn ein Mädchen, bei dem er etwas so Unschickliches als selbstverständlich ansah. Wahrscheinlich unterhielt er sich deshalb lieber mit der Tochter Nathans, weil sie ihm nach dieser Richtung einen gebildeten Eindruck machte. Übrigens auch wohl, weil sie ihm jedenfalls Antwort gab, wenn er zu ihr sprach. Dagegen war es von ihr höchst unschicklich gewesen, daß sie es ruhig zugelassen, sich nicht dagegen gewehrt hatte, wie er den Arm um ihre Schulter gelegt. Ihm konnte man's nicht so sehr verargen, da er's ja, wie alles, nur aus Einfall und Laune, einer kindischen Narrheit getan. Zea war beinah überzeugt davon, er habe, gleich nachdem sie fortgegangen, den Arm wieder von der Schulter Miriams weggenommen. Sie ging sehr rasch, gradaus in östlicher Richtung, so daß eine Gesprächsführung nicht möglich ward; nur wenn sie einmal anhielt, etwas vom Boden zu pflücken, konnte Tilmar kurz einige Worte mit ihr tauschen. Oder eigentlich redete er allein, von seiner Freude, wieder einmal mit ihr zu gehen, von dem Glück der Zukunft, wenn sie immer bei ihm sein werde, und sie versetzte nur ab und zu: »Ja«, und schritt eilig wieder weiter. So hurtig einmal, daß er, um sie neben sich zurückzuhalten, mit dem Arm ihr leicht um die Schulter faßte, doch sie bog sich mit einem hastigen Ruck unter seiner Hand weg und sagte danach erklärend: »Es ist so heiß heute, nur das Kleid schon drückt fast zu schwer.« Heiße Sonnenluft lag freilich über der Heide, doch zugleich auch eine trotz offenen Augen die Sinne halbverworren und traumhaft umgaukelnde, und Zea war's schreckhaft gewesen, nicht Tilmar, sondern Meinolf Alfsleben gehe neben ihr und lege den Arm um sie. Und noch einmal kam's ihr so, denn sie gerieten an eine sumpfige Stelle, vor der ihr Begleiter sich bückte und sagte: »Du kannst hier nicht durchkommen, ich will dich hinübertragen.« Aber eh' er sie aufzuheben vermochte, stieß sie aus: »Nein, ich gehe herum!« und sie lief rasch am Rand des Bruchs entlang. Dann besann sie sich zwar, daß es Tilmar gewesen sei, der sie schon manchmal aus dem Boot über das seichte Wasser ans Land getragen, aber das schien ihr unendlich weit hinter ihr zu liegen, und ihr war's, als gehöre das eigentlich ebenfalls zu den Dingen, von denen sie früher nicht gewußt, daß sie nicht schicklich seien. Wenigstens wäre es ihr unerhört vorgekommen, wenn Meinolf Alfsleben Miriam so hätte auf die Arme heben und tragen wollen. Doch das hätte er auch nicht getan, so weit gingen seine Einfälle und Launen nicht, wenn sie sich vielleicht auch nicht dagegen gewehrt haben würde. Aber darin war Zea ihr wieder an Schicklichkeitsgefühl voraus, um keinen Preis ließe sie sich von ihm tragen, und es war auch undenkbar, daß er es tun solle, so sehr mißachtete er sie doch nicht. Denn bei all seinem anmaßenden und herrischen Benehmen war auch etwas Zaghaftes in ihm, das sich zwar nicht hören und sehen, nur empfinden ließ, und nur von ganz anderer Art, als bei Tilmar; für den Unterschied gab's in der Sprache, selbst im Denken keine Worte. Und das wußte sie auch von ihm, er würde sie noch viel geringer schätzen, falls er erführe, sie lasse sich von jemanden auf die Arme nehmen und tragen, selbst wenn er wüßte, daß der es tue, dessen Frau sie künftig werde. Gedanken und Vorstellungen waren's, die sich ihr beim Umgehen der feuchtbrüchigen Stelle, unwillkürlich eins aus dem anderen entspringend, durch den Kopf drängten; dann traf sie mit dem jungen Lehrer, der gradaus fortgeschritten, wieder zusammen und sagte: »Es war zu weit, ich wäre dir zu schwer geworden,« Er erwiderte: »Nein, gewiß nicht – eher zu kurz –« doch abbrechend fügte er schnell hinterdrein: »Wohin willst du eigentlich, Zea?« Sie hob den Kopf und blickte vor sich auf. »Weiter!« und sie ging schon wieder gradaus vorwärts; wohin sie wollte, kam ihr selbst nicht zu deutlichem Bewußtwerden. Doch dämmerte es ihr allmählich mehr und mehr auf, wie sie sich nun dem im Osten die Heide begrenzenden Waldrand so stark näherten, daß seine einzelnen Bäume nach ihren Blättern unterscheidbar wurden, und dann standen sie unter dem überhängenden Gezweig. Tilmar Hellbeck sagte mit etwas angestrengt Atem schöpfender Brust: »Ich glaube, schneller als wir kommt am Sonntag, der Wagen auch nicht nach Helgerslund.« Zea wiederholte: »Nach Helgerslund?« und sie sah um sich. Dann setzte sie hinzu: »Ja, wir müssen nicht weit mehr davon sein. Und während sie's sprach, stand's auf einmal klar vor ihr, wohin es sie heut' gezogen und weshalb sie so rasch gegangen. Wie schon früher, mußte ihr die letzte Nacht im Schlaf das Verlangen wieder erneuert haben, die Nachtigall im Helgerslunder Park schlagen zu hören; das war's, hatte sie die Richtung hierher wählen und so hurtig eilen lassen. Träume, von denen man selbst nicht wußte, konnten ja eine wunderliche Macht ausüben, doch ließ sich's nicht erklären, Tilmar hätte es sicherlich nicht verstanden und wohl darüber gelacht, sie sah einen Augenblick ungewiß an ihm vorbei, dann sprach sie rasch: »Da ich einmal hier bin, wär's unfreundlich, wenn ich umkehrte, ohne Unna die Hand zu geben. Sie bittet mich so oft, zu ihr zu kommen – wir sind so schnell gegangen, ich mag's dir nicht zumuten, noch weiter – du wirst dich lieber etwas ausruhen wollen, es ist hier ja auch schön dazu. Ich gehe nur, ihr guten Tag zu sagen, und komme gleich zurück und treffe dich wieder hier.« Ein bißchen stockend hatte sie's gesprochen; es war besser, daß er sie nicht bis zum Schloß begleitete, ihr fiel ein, Unna fand so leicht etwas komisch und lächerlich an ihm. Das mochte er selbst auch schon empfunden haben, denn er versetzte, ob auch hörbar, selbst für die kurze Zeit sich sehr wider seinen Wunsch von ihr trennend: »Nein – wenn du meinst, daß du's so mußt – ich kenne die Herrschaften ja nicht und bleibe lieber hier. Aber komm' recht bald wieder und denke an mich, daß ich auf dich warte und immer glaube, ich höre deinen Schritt.« »Gewiß – längstens in einer halben Stunde, mehr als zehn Minuten noch kann's bis zum Hause nicht sein«. Zea trat schnell weglos zwischen den Stämmen durch in den Waldgürtel hinein. Die große Koppel mit der Viehherde und dem Stier, vor dem ihr Vater Besorgnis hegte, mußte weiter nach rechts liegen, so daß sie nicht darüber fortzugehen brauchte. Jedenfalls konnte sie sich rechtzeitig hüten und war selbst ohne welche Furcht; wahrscheinlich verhielt es sich mit dem bösen Stier nicht schlimmer, als mit den Ottern, Der Gedanke rührte sie auch nur flüchtig an, ein anderer verdrängte ihn gleich oder eigentlich ein ihr im Ohr nachhaltender Klang, der Ton, mit dem Tilmar das Wort »die Herrschaften« gesprochen. Darin lag etwas von dem, was Unna zum Lachen über ihn reizte, Zea selbst fühlte eine Anwandlung dazu. So, sich tief unterordnend und demütig hatte es geklungen; im Grunde war's nicht zum Lachen, sondern traurig, wenn ein Mensch sich als etwas derartig niedrig unter anderen Stehendes empfand. Aber freilich sprach eine gewisse richtige Selbsterkenntnis und Schätzung heraus – nicht weil er ein armer Dorfschullehrer war – doch weil er in seinen Kenntnissen, seiner Bildung und auch in seiner äußerlichen unsicheren Art, sich zu benehmen, anderen so nachstand. Über Meinolf Alfsleben lachte Unna Brookwald wahrscheinlich nie oder wenigstens nicht aus solchen Gründen. Ändern ließ sich jedoch nichts mehr daran; wie ein Mensch in der Kindheit einmal geworden, so war er und blieb er natürlich auch sein Leben lang. Kurz hielt Zea dann und wann den Fuß an und horchte. Doch umsonst, nur verschiedene andere Vogelstimmen klangen über ihr aus dem Buchenlaub, kein Nachtigallgesang, den zu hören sie hier ging; bis zum Schloß wollte sie gar nicht. Sie hatte es nur bei Tilmar vorgeschützt, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß, oder richtiger ihm ihren wirklichen Wunsch verschwiegen. Aber das ließ sich nicht anders machen, wenn jemand das Verständnis für etwas abging, und Schweigen war nicht Lügen. Auch von ihrem täglichen Gang nach dem Findlingstein hatte sie ihm und ebenso zu Hause nicht gesprochen, denn was sie dazu veranlaßt, hätte niemand begreifen können als sie; es gab eben Dinge, die man für sich allein behalten mußte, wenigstens solange man nicht deshalb befragt wurde. Und wie gut, daß sie's getan, denn wie würden sonst alle sie wegen ihres kindischen Betragens ausgelacht haben, so wie Unna über Tilmar lachte. Zea war auf einen Waldpfad gekommen, dem sie nachfolgte, der nun in einen breiteren Weg mündete. Beim Hinaustreten auf diesen fuhr sie indes ein wenig zusammen; seitwärts her tönte ein schon naher Fußtritt, und unerwartet stand sie gleich darauf Herrn von Brookwald gegenüber. Durch seine Augen ging ein Stutzen, als ob er sie nicht sofort erkenne, doch dann lachte er: »Du bist's – wahrhaftig und leibhaftig – fliegen die Möwen 'mal landein? Darauf ließ sich kaum hoffen, die gebratenen Tauben sind rar in der Luft. Na, das ist ja nett von dir und wird Unna freuen. Hoffentlich hast du dich für länger eingerichtet, bei uns zu bleiben, jedenfalls über Nacht. Kriegst du Heimwehgrimmen, kannst du aus deiner Stube den Turm von Loagger und dahinter die See angucken, höher oben ist die Aussicht natürlich noch schöner. So lustige, junge Gesellschaft hab' ich gern hier, jachtert und kräht nur wie die Puten miteinander herum, mir wird's nicht zu viel.« Da konnte Zea also nicht zurück, sondern mußte in der Tat mit zum Schloß, das auch schon an der nächsten Wegecke nah zum Vorschein geriet, Fritz Brookwald rief nach seiner Tochter; sie kam und warf fröhlich überrascht der unverhofften Besucherin die Arme um den Hals. Ihr Vater sagte, davongehend: »Nun hast du sie, halt' sie und laß sie nicht los! Matronen seid ihr alle beide just noch nicht, aber so jung kommt ihr doch nicht wieder zusammen. Das war ein guter Einfall von dir, Zea – werd' mir die Ehre geben, mein Fräulein, Sie heut abend feierlich zu Tisch zu führen – tun Euer Gnaden ganz, als ob Helgerslund Ihnen gehörte! Ich bin jetzt wohl überflüssig im Taubenschlag; so zwei Gelbschnäbel gurren lieber miteinander allein.« Das war Herrn von Brookwalds spaßige Art, Zea nicht gerade angenehm, doch von Kindheit auf bekannt. Die Mädchen blieben selbander zurück und setzten sich auf eine Schattenbank; Unna ließ den Arm nicht vom Nacken der Freundin, zeigte sich überaus glücklich und zärtlich. Sie war ein großes Kind mit plappernder Zunge und Augen, in denen man bis auf den Grund hinuntersah, wie bei einem klaren Quellwasser. Die Nötigung, wirklich den Besuch hier zu machen, hatte im Anfang Zea nicht angenehm überrascht, doch sie fand sich jetzt darin, ja freute sich fast, daß es so geschehen sei. Tilmar wartete ja auch gern ein paar Minuten länger am Waldrand, von dem der Blick so schön über die Heide ging; ihr kam der Gedanke, ob man von dort aus die Birken über ihrem früheren Lieblingsplatz sehen könne. Nein, das war wohl zu weit, und menschliche Gestalten jedenfalls auch nicht. Ob Meinolf Alfsleben eigentlich erwartet hatte, sie werde heut, wie bisher an jedem Tag, wieder dorthin gehen? Nein, das hatte er wohl nicht und vermutlich kam er zum erstenmal ebenfalls nicht, denn sein Aufenthalt drüben hätte ja den Zweck verfehlt. So begab er sich wahrscheinlich heute anders wohin, um seine müßige Zeit los zu werden. Neben ihr plauderte, auch einem plätschernden Quell ähnlich, Unna ohne Unterlaß; Zea richtete plötzlich einmal den Kopf auf und fragte: »Ist's dir so lieb, daß ich hier bin?« »Das weißt du doch.« »Ja, weil du immer so allein bist, hast du denn nie anderen Besuch?« »Nein, wenigstens keinen, der mir wirklich Freude macht. Nur Meinolf kommt in den letzten Wochen zuweilen – Meinolf Alfsleben von Ekenwart – weil sein Vater sich wieder mit meiner Mama befreundet hat. Du, der ist gar nicht so schlimm mehr wie früher – im Gegenteil, ich wollte eher, er wär' ein bißchen wilder und ausgelassener, daß man einmal mit ihm herumjagen und etwas Vergnügtes mit ihm treiben könnte, Fangen oder Verstecken oder sonst was. Aber er sitzt bloß immer langweilig da, man kann sich nicht vorstellen, daß man Angst vor ihm gehabt, er könne einen wieder in den Teich stoßen. Ich kriege jedesmal förmlich beinahe einen Schreck, wenn ich ihn ankommen sehe – da kommt er ja!« Unna flog jählings vom Sitz auf, einem lupus ex fabula gleich trat der Beredete in nicht weiter Entfernung um eine Gebüschwand hervor. Das war ein merkwürdiger Zufall, aber es gab doch noch Merkwürdigeres. Denn in diesem Augenblick entsann Zea sich plötzlich, daß sie in der letzten Nacht auch geträumt habe, Meinolf Alfsleben komme heute nach Helgerslund, um Unna zu besuchen. Nur war ihr die Erinnerung daran überdämmert gewesen, kam ihr aber jetzt aufs deutlichste zurück, weil sie ihn genau so über den sonnigen Platz vorm Schloß herankommen gesehen hatte. Unna lief ihm entgegen und rief: »Das ist hübsch, daß du kommst, Meinolf, und trifft sich so gut. Zea ist auch hier – du kennst doch Zea Hollesen noch? – Da sind wir einmal zu dritt und können miteinander Spiel und Spaß treiben.« Nein, er kannte Zea Hollesen offenbar nicht mehr. Mit dem Munde verneinte er's zwar nicht, doch er verbeugte sich leicht, hübsch und höflich vor ihr, als vor einer Fremden und stellte ihr anheim, sich zu benehmen, wie sie wolle. Das war zugleich herausfordernd und hinterhältisch berechnend von ihm, das Abscheulichste, was er überhaupt tun konnte. Die erste Regung trieb sie, nicht auf seine Begrüßung zu erwidern, sondern sich wie gestern umzudrehen und fortzugehen. Doch stand er augenblicklich ja nicht mit Miriam vor ihr, sondern mit Unna, und um dieser willen durfte sie sich wohl nicht so unhöflich betragen; außerdem kam er hierher nicht, um sie in ihrem Recht zu kränken, kein Einfall, der Zufall brachte ihn, und obendrein hätte sie ja wissen oder wenigstens vermuten können, daß sie hier mit ihm zusammentreffen werde. Es war ihr auch lieber, daß er tat, als ob sie ihm wildfremd wäre und also mit Unna nicht von seinem täglichen kindischen Treiben auf der Heide gesprochen hatte; das Boshafte lag hauptsächlich in seiner harmlosen, leichtgewandten Verbeugung. Denn er wußte oder dachte jedenfalls, sie werde sich nicht darauf verstehen, ihm ebenso zu entgegnen, vielmehr sich linkisch-unbeholfen wie ein Bauernmädchen benehmen und lächerlich machen. Und das setzte er allerdings ja auch ganz mit Recht voraus, sie hatte es nicht gelernt und sich in ihrem Leben noch nicht wie eine Dame verneigt. Aber sie fühlte, gerade seine Heimtücke kehrte sich gegen ihn und leistete ihr Beistand, denn zugleich kam ihr die Überzeugung, er sei doch nicht durch einen Zufall grad' um diese Stunde hergeführt, sondern habe sich wieder von irgendeinem Kobold unterrichten lassen, daß sie hierhergegangen sei. Und da war's begreiflich, daß er sich ebenfalls einstellte, sich an dem gestern über sie errungenen Sieg zu weiden. In seinen Augen drückte sich dieser Triumph natürlich nicht aus, die sahen ganz gleichgültig drein, doch innerlich war er voll von frohlockendem Übermut, daß sie so einfältig gewesen und er gestern seinen Zweck so erreicht habe. Das alles drängte sich Zea in einem Augenblick zusammen, kam ihr zu Hilfe – zum Glück war sie ja auch ein wenig darauf vorbereitet – und ohne unbeholfen zu zaudern, erwiderte sie auf seinen stummen Gruß ebenso höflich mit einer stummen leichten Verneigung. Gar nicht wie eine Dame, aber so vollkommen mit natürlicher Mädchenanmut, wie sie nicht erlernt werden, sondern nur angeboren vorhanden sein konnte. Und selbstverständlich ebenfalls wie einem Fremden gegenüber, den sie zum erstenmal sehe, oder an den sie sich höchstens bei der Nennung seines Namens dunkel aus längst vergangener Zeit erinnere. Nicht zu erwarten war's, daß er sie anreden, sich überhaupt weiter um sie bekümmern werde; sie fühlte sich darin ganz sicher, und ihre Zuversicht bewährte sich auch durchaus. Er tat, als ob sie gar nicht vorhanden sei, sprach nur mit Unna, doch mit dieser so spaßlustig und übermütig, daß ihre Beschwerde über ihn, er sei ihr zu langweilig und nicht mehr ausgelassen genug, sich nicht recht begreifen ließ. Allerdings erweckte er nicht mehr den Verdacht, er könne sie in ungebärdiger Wildheit blindlings ins Wasser stoßen, aber er scheute sich keineswegs, ab und zu handgreiflich an ihr zu werden, sie ein Stück am Arm mitzuziehen, ihr etwas abzuringen, wonach sie mit der Hand faßte. Das belustigte sie, und sie war augenscheinlich heut ganz mit ihm zufrieden; er benahm sich gegen sie wie ein großer Bruder, neckend und dann und wann gewalttätig, aber doch immer Rücksicht darauf nehmend, daß sie ein Mädchen sei. Sie kannten sich ja auch von klein auf und Unna war gleichen Standes mit ihm, das ließ ihn seinem Wesen freien Lauf lassen. Dazwischen erzählte er ihr außerordentlich lebendig allerhand Geschichten aus seiner Schul- und Universitätszeit, die sie offenbar zum erstenmal hörte, denn sie fragte bald dies, bald das; er mußte heut' besonders aufgeräumt und mitteilungslustig sein. »Und willst du denn nun immer hier bleiben?« fragte sie einmal. Er antwortete lachend: »Meinst du hier auf Helgerslund?« – »Du verdrehst einem immer die Worte im Mund; auf Ekenwart meine ich natürlich.« – »Wenn du machen kannst, daß es immer Sommer bleibt, dann geht sich's nämlich hier viel angenehmer in Wald und Feld herum, als zwischen den Stadthäusern ins Kolleg hinein. Von der Rechthaberei habe ich auch vorderhand genug.« – Unna fiel ein: »Du? Das sieht dir gleich, es gibt ja gar keinen zweiten, der so dazu geboren ist. Oder meinst du vielleicht Rechtswissenschaft?« – »Ich meine dir gegenüber gar nichts, aber mein Vater, glaube ich, meint, es wäre künftig ganz nützlich für mich, wenn ich Weizen von Roggen unterscheiden könnte, überhaupt nützliches Kraut von Unkraut. Kannst du's vielleicht?« – »Ja, Unkraut will ich dir schon zeigen; ihr habt doch wohl einen Spiegel auf Ekenwart? Da komm' ich nächstens einmal und gebe dir eine Lehrstunde. Übrigens kann Zea uns am besten dabei helfen, die versteht sich viel mehr als ich auf Pflanzen. – Du, ich glaube, meinen Namen vergißt du nächstens auch. Bewahr' einen Gott vor solchem Heuhüpfer im Kopf!« Zea mußte den Kopf seitwärts drehen, sich die Zähne auf die Lippen pressen. Ein Heuhüpfer im Kopf – das hatte Unna vorzüglich ausgedrückt, besser konnte man's nicht sagen. Ein so närrisches Insekt war's; nun schnellte es sich auf und verschwand, aber da kam's schon wieder, um aufs neue ebenso wegzuhuschen, immer fort und immer doch wieder mit einem plötzlichen Sprung auftauchend und zeigend, daß es da sei. Oder noch richtiger traf's zu, als sei der Mund Meinolf Alfslebens ein Stückchen Bodengrund, auf dem unsichtbar ein ganzer Schwarm von Heuhüpfern hocke und auf etwas in seine Nähe Geratendes lauere, um auf einmal in die Höh' zu schwirren, daß es förmlich wirbelig machte, all das hurtige unkluge Gehüpf aufzufassen, und daß es wirklich schwer fiel, ein Lachen dabei zu verbeißen. Zea kannte derartige Stellen auf der Heide, die Sonne lag immer so recht voll und warm über ihnen, und ihr war's vor den Augen, als sehe sie auf einen solchen hin. Das war allerdings nur eine Einbildungstäuschung, die auch rasch verging und sie in der besonnten Fläche vor ihr wieder einen Parkplatz von Helgerslund erkennen ließ. Und halb kam ihr dabei auch, an ihm sei etwas anders als vorher, wie sie mit Unna hierhergegangen. Die Baumschatten machten's, hatten sich verändert, fielen länger herüber: sie mußte wohl schon ziemlich lange auf der Bank gesessen haben. Auch hörte sie Unna jetzt einmal rufen: »Wollen wir denn immerzu stillsitzen? Wir sollten doch etwas spielen, wobei man laufen kann, Kriegen oder Versteck.« Und danach hörte Zea eine andere Stimme sprechen: »Sind Sie's, lieber Meinolf? Das ist ja hübsch, daß Sie den jungen Mädchen Gesellschaft leisten, Ihr Vater, glaube ich, macht einen Spaziergang mit meiner Frau. Ja, Versteckspielen, wer das noch auf so flinken Beinen mitmachen könnte, aber wenn die Gäule zu Jahren kommen, kriegen sie den Spat und werden kreuzlahm. Das ist auch ein Kreuz, aber ein Schockschwerenot hängt dran.« Der Sprecher mußte Herr von Brookwald sein, der wohl grad' vorbeigekommen und den Ausruf seiner Tochter gehört hatte. Noch für gewiß hätte Zea es nicht sagen können; sie verstand zwar die Worte, aber als wären sie nicht in der Nähe gesprochen, sondern klängen von irgendwo aus der Ferne her. Ihr war's, als trüge sie ein schalldämpfendes Tuch über die Ohren geknöpft, überhaupt, wie wenn ihr ganzer Kopf mit einem schleierartigen Stoff umwickelt sei und auch die Gedanken darin mit. Von dem schnellen Gehen und der heißen Sonne auf der Heide rührte es wohl her, das machte sich nachträglich geltend. Sie hörte Unna wieder rufen: »Ich will zuerst suchen! Da, an der Linde ist das Mal, versteckt euch!« Und sie begriff alles, auch daß sie natürlich mitspielen mußte, und handelte danach, aber sie hatte kein rechtes Bewußtsein von dem, was sie tat. Für Augenblicke, wenn sie wollte, sah sie ganz scharf, jetzt, nach welcher Richtung Meinolf Alfsleben sich fortbegab, und sie ging schnell in die entgegengesetzte. Doch dann lag der Schleier ihr wieder um die Sinne; in ihrem Buschversteck hörte sie das Zählen Unnas bis hundert, danach ward's still, so lautlos, daß sie das Klopfen ihres Herzschlags vernahm. Das Sichverborgenhalten, die Erwartung, ein leises Blätterrascheln hatten etwas Aufregendes, sie war nicht an solches Spielbetreiben gewöhnt. Und dann auf einmal Geschrei und Gelächter; Unna hatte sie doch an ihrem Kleid entdeckt, flog zum Baumstamm zurück und meldete ihren Namen dran ab. Nun mußte Zea sich die Augen zuhalten, zählen und suchen, natürlich nur nach Unna, denn Meinolf Alfsleben spielte für sie gar nicht mit, war ihr hier ebensowenig vorhanden, wie am Findlingstein auf der Heide; auch wenn sie ihn gefunden, hätte sie selbstverständlich nichts von ihm gesehen, seinen Namen nicht abgemeldet. Aber mit Unna so zu spielen und um die Wette zu laufen, war hübsch, brachte in Eifer, sie flog wie ein Vogel zur Linde, einem großen Goldpirol ähnlich, denn das Haar ging ihr auf, ohne daß sie's merkte. Meinolf hielt sich so gut versteckt oder lief so schnell, daß Unna ihn nie dranbrachte; die beiden Mädchen mußten immer mit Suchen abwechseln. Einmal kam Zea, wohl wieder von einem verlängerten Baumschatten her, plötzlich in Erinnerung, daß Tilmar drüben am Waldrand auf sie warte. Aber das tat er wohl nicht, er hatte gewiß bemerkt, daß sie genötigt worden sei, länger zu bleiben, und war vorauf nach Loagger zurückgegangen. Sie hatte doch Unna nicht die seltene Freude verderben und um seinetwillen gleich wieder fortgehen können; das wäre unfreundlich und rücksichtslos gewesen. Und Tilmar war ja so geduldig-sanftmütig, ward durch nichts aufgebracht, sondern sah immer das Richtige ein, so daß man bei ihm nicht daran zu denken und sich zu fürchten brauchte, er könne deswegen erzürnt werden oder gar, wie vielleicht ein anderer, weniger Vernünftiger außer sich geraten und Gott möge wissen, was für kindisch unkluge Dinge anstellen. Darüber weiter zu denken, war ihr nicht möglich, denn Unna hatte jetzt doch einmal Meinolf Alfsleben angeschlagen! Zum erstenmal trat er an die Linde, um zu zählen, und Zea mußte nach einem Versteckplatz suchen. Sie lief hastig davon; warum, wußte sie nicht zu sagen, aber in ihr war plötzlich die Überzeugung, er werde es darauf anlegen, sie zu finden. Nicht um sie dann abzumelden – das war nicht seine Absicht – sondern nur, ihr zu zeigen, daß er sie sehe, und danach gleichgültig weiterzugehen und Unna zu suchen. Den neuen Triumph aber sollte er nicht haben, um keinen Preis wollte sie sich finden lassen, mußte sich anderswo als bisher, besser, ganz sicher verstecken. Mit dem Trieb nahm sie nicht die Richtung in den Park hinein, lief dem Schloß zu und um dies herum. Ein bedachtloses Tun indes war's, denn der Schatten der Hauswand konnte ihr nicht nützen, und sonst gab's hier keinen Unterschlupf. Außerdem sah sie auch grad' jetzt alles nur so undeutlich; sie kam an irgend jemand vorbei, doch ohne zu erkennen, wer es sei. Nur hörte sie, daß er etwas sagte, sie wisse wohl nicht, wo sie sich verstecken solle, und halb atemlos antwortete sie: »Nein – wohin kann ich denn?« »Ja, hier ist nichts als die Tür«, hieß es. Damit war der Sprecher wohl fortgegangen, denn die Stimme klang nicht mehr weiter. Sollte sie dem Rat folgen, durch die Tür ins Schloß hinein? Drinnen war ihr alles fremd – sie konnte auch doch nicht in ein Zimmer stürzen – und auf dem Flur wurde sie jedenfalls gefunden. Aus der Ferne vernahm sie Meinolf Alfslebens Hundert-Rufen, er hatte offenbar absichtlich blitzschnell gezählt, wahrscheinlich dazu noch durch Auslassung gemogelt; das sah seiner Heimtücke ähnlich. Ihr stieg eine Angst zu Kopf, als ob es sich um Leben oder Tod handle; das riß ihr wohl den Schleier von den Angen, sie sah und unterschied plötzlich dicht vor sich unter altem Efeugerank eine andere kleine Tür, flog darauf zu. Kein Drücker befand sich daran, sie schien verschlossen, und dann war die Hilfesuchende rettungslos verloren; sie glaubte, schon einen raschen Fußtritt von der Rückseite des Hauses herankommen zu hören. Doch nein – welches Glück vom Himmel! – die Tür gab auf Druck heiserknarrend nach, und Zea schoß in das aufgefundene Versteck. Eigentlich unnötig schien sie sich so geängstigt zu haben, denn aus einem mattgrünen Dämmerlicht ihres Schlupfwinkels vernahm sie bald von drübenher ein lachendes Gelärm, daß Unna entdeckt und angeschlagen worden sei. Dann ward's wieder still, als ob Meinolf Alfsleben weiter suche. Doch danach klang ein Ruf: »Zea! Komm nur! Ich bin's, wir fangen nun an!« Zweifellos bekümmerte er sich gar nicht um sie, suchte nicht mehr, sie war ja auch nicht für ihn vorhanden. Vor dem Spielanfang hatte er sich ja nicht einmal recht an ihren Namen erinnert. »Zea! Zea!« Näher kam's, nun ums Haus her. Zwei Stimmen tönten durcheinander. Die Unnas sagte: »Wo kann sie nur stecken?« und lachend antwortete die andere: »Das mag der blaue Himmel wissen! Vielleicht ist sie bis auf die Heide hinaus.« »Zea! Halt' doch das Spiel nicht auf!« Das klang ganz nahe, doch plötzlich hinterdrein: »Die Turmtür klaffte ja und ist offen. Was ist das? Um Gottes willen, sie wird doch nicht –« Erschrocken fuhr's heraus; Meinolf Alfsleben fragte: »Was hast du denn?« »Ach, die alte Treppe in dem Turm ist lebensgefährlich und kann zusammenbrechen; die Tür ist darum schon so lang' ich denken kann, zugeschlossen. Ich begreife nicht, wie sie – aber Zea wird ja auch nicht –« Unna lief trotzdem auf den Turm zu, stieß die angelehnte Tür auf und rief: »Zea!« Unbemerkt tauchte hinter dem Rücken der beiden noch jemand auf; Tilmar Hellbeck war nicht, des Wartens überdrüssig, nach Loagger zurück, sondern von Unruhe getrieben, Zea nachgegangen. Doch vor dem Schloß hatte er sich bescheiden in einem Gebüsch verborgen gehalten; er gehörte nicht hierher, in die vornehme Gesellschaft, harrte geduldig auf die Beendigung des Spiels, dann unbemerkt wieder fortzugehen, und am Waldrand mit Zea zusammenzutreffen. Aber er verstand, was Unna erschreckt sprach; das ließ ihn seine Vorsicht und Absicht vergessen. Blaßgewordenen Gesichts, fast ohne Wissen eilte er aus dem Buschwerk hervor. Aus dem Innern des Turmes kam keine Antwort, doch trotzdem zeigte das sich umwendende Gesicht Unnas noch größere Bestürzung. Ein leises Geräusch, wie von einem drinnen im Dämmerdunkel aufwärts huschenden Fuß war ihr ans Ohr gekommen. Meinolf sprang auf sie zu und griff nach ihrem Arm: »Was – was? –Sie ist doch drin – will sich nicht finden lassen –« Unna stieß voll Angst hinterdrein: »Zea! Zea! Komm herunter! Die Treppe bricht mit dir!« Tilmar Hellbeck lief jetzt heran, doch vor ihm warf Meinolf Alfsleben Unna beiseite und schoß an ihr vorbei in den Turm. Er sah nichts, hörte nur ein Knarren und Knacken über sich vom Gebälk einer mit den letzten Stufen matt erkennbar vor ihm ansteigenden Wendeltreppe. Gegen ihre Mitte zu ungefähr lief Zea aufwärts. Was sie wollte, wußte sie nicht – nur sich nicht finden lassen – droben sei eine so schöne Aussicht, bis auf die See, hatte jemand gesagt. Sie stieg mit geschlossenen Augen, vor denen ihr lauter buntfarbige Lichterscheinungen durcheinander gingen, und ebenso kreiste ihr's im Kopf. Doch hörte und begriff sie den Schreckensruf Unnas, die Treppe breche mit ihr. Das tat ja auch nichts, dann war's freilich mit dem Spiel vorbei – aber besser, als daß sie gefunden werde. – Meinolf Alfsleben schnellte sich in der Tat über die Stufen auf wie ein riesiger Heuhüpfer, doch er betrug sich wie ein Bär, und rücksichtslose Bärenstärke anwendend, griffen seine Hände zu. Unna brach ein Schrei vom Mund: »Der ganze Turm stürzt ein!« Ein Krachen, Poltern, Prasseln schien's zu bestätigen. Aber nur die Treppe war's und durch das Getöse des Niederbruchs von Balken und Steinen sprang mit einem Satz wohl über das letzte halbe Dutzend ihrer Stufen etwas Großes, Doppeltes zur Türöffnung herunter, ins Freie heraus. Wie ein gewichtloses Kind hielt Meinolf Alfsleben Zea Hollesen auf den Armen, mit ihnen umschnürt und umklammert, ähnlich als halte er ein unvernünftiges Lamm, das er aus einem brennenden Stall geholt und von dessen Unverstand zu befürchten sei, es könne sich losreißen und wieder ins Feuer hineinlaufen. So trug er sie noch eine Strecke weit fort, ehe er sie in Freiheit und auf die Füße niederließ; der erste Anblick beruhigte darüber, daß sie schwere Verletzung erlitten haben könne. Ein halbes Wunder freilich schien's, wie beide so davongekommen, nur die Haare und Kleider des Mädchens waren, wie seine gleicherweise, grau und dick mit heruntergeregnetem Mörtelstaub überdeckt. Der dröhnende Lärm und Unnas Schreien hatte Gutsknechte und Mägde herbeilaufen lassen, auch Fritz Brookwald kam aus der Schloßtür gestürzt und rief, Meinolf, der das Mädchen noch nicht zu Boden gesetzt, mit dem Blick überfliegend: »Was gibt's denn? Herr Gott – was ist – ist sie – ist sie tot?« »Nein – Unkraut vergeht nicht – mich mein' ich natürlich« – Meinolf Alfsleben lachte hell hinterdrein – »nur gepuderte Frisur hat's gegeben, wie zum Komödiespielen. Der Friseur drinnen war etwas zu freigebig damit, die Augen haben auch noch mit abbekommen.« Er rieb sich aus den Lidern den Staub und schüttelte ihn vom Haar; mechanisch tat Zea das gleiche, während Unna eilfertig ihrem Vater Aufschluß gab, was vorgefallen und wie es geschehen sei. Noch schreckzitternd schloß sie den kurzen Bericht: »Ich begreife nicht, daß die Turmtür offen gewesen.« »Was?« Fritz Brookwald fuhr wild auf. – »Die Tür offen? Welcher Hundsfott« – er drehte sich zornweißen Blicks gegen die Knechte um – »hat drin etwas zu suchen gehabt? Natürlich wieder irgendeine Lumperei, und keiner ist's gewesen! Aber das werd' ich schon herausbringen, nachher, und der soll mir – armes Kind, du bist gottlob gut mit einem blauen Auge davongekommen.« Er trat zu Zea hin, die wortlos vor sich hinausblickend dastand, als ob sie aus einer über sie geratenen Sinnbetäubung erst allmählich zu sich komme. Sie sah Meinolf Alfsleben jetzt neben Unna stehen und hörte ihn sagen: »Hast du Angst gehabt? Wer erschrickt denn wegen solcher Kleinigkeit? Das war bloß ein Spaß!« Unna griff mit der Hand nach seinem Arm: »Die Steine hätten dich totschlagen können!« »Meinst du? Das kann immer passieren, einem ein Stein vom Himmel auf den Kopf fallen.« Nun kamen die Augen Zeas dahin, etwas von ihnen entfernt ein anderes Gesicht aufzufassen, doch erkannte sie es noch nicht gleich auf den ersten Blick. Dann aber sagte sie: »Du bist es, Tilmar? Du willst mich – ja, es ist wohl Zeit, daß wir nach Hause gehen –« Unna klopfte Meinolf den Kalkstaub vom Ärmel ab und entdeckte etwas an seiner Stirn. »Da hat dich doch ein Stück getroffen, du hast eine rote Schramme – ich glaube von einem Holzsplitter und er steckt noch darin. Ich will kaltes Wasser holen – nein, komm mit ins Haus, das geht schneller, da zieh' ich ihn dir heraus.« Ihrer Freundin war ja nichts Übles zugestoßen, so daß Unna augenblicklich nicht an Zea dachte und ebensowenig tat's Meinolf Alfsleben. Natürlich nicht, er hatte sich den ganzen Nachmittag nicht um sie bekümmert, sie war nicht vorhanden gewesen. Nur sie mit Gewalt von der Turmtreppe herunterzuholen, hatte ihm Spaß gemacht, weil er gemerkt, daß sie sich nicht finden lassen, nicht von selbst kommen wollte, das Spiel aufhielt. Daß wirklich eine Gefahr sei, war ihm vermutlich gar nicht in den Sinn gekommen. Die gescholtenen Knechte entfernten sich, auch Herr von Brookwald befand sich nicht mehr auf dem Platz, allein Tilmar stand neben ihr. Oder vielmehr, er folgte ihr nach, denn ohne rechtes Bewußtsein von ihrem Tun zu haben, setzte sie die Füße vor und ging. Sie durfte sich nicht länger aufhalten, der Rückweg zum Dorf war weit, und sie fühlte, es müsse hohe Zeit sein, zu gehen; doch hatte sie kein Zeitmaß dafür, wie lange sie eigentlich hier gewesen sei. Beim Heraustreten aus dem verschattenden Wald kam's ihr fast befremdend, daß die Sonne noch ziemlich hoch über der Heide stand. Jedoch in der Geschichte, die sie einmal gelesen, wie jemand um Mittag in den Wald gegangen, hatte die Sonne auch noch geschienen, als er sich wieder auf dem Rückweg befunden. Trotzdem aber hatte er ein Jahrhundert auf der Waldlichtung zugebracht. Sie hörte neben sich ihren Begleiter sprechen, natürlich ohne einen Laut des Vorwurfs darüber, daß sie nicht Wort gehalten, ihn so lange habe warten lassen. Er begriff nicht, daß Herr von Brookwald nichts zur Ausbesserung der baufälligen Turmtreppe getan, deren gefährlichen Zustand er doch schon seit Jahren gekannt haben müsse. Zea nickte dazu und sagte: »Ja, seit einem Jahrhundert.« Die unverständliche Erwiderung ließ den jungen Lehrer verwundert zu ihr aufblicken, doch drängte sich ihm etwas anderes im Kopf nach, eine Erinnerung, von der er weiter redete. Der Traum war's, in dem sich vor ihm eine schwarze Otter gegen Zea aufgerichtet, er ihr zur Hilfe laufen gewollt, aber zu weit entfernt gewesen und es nicht mehr gekonnt. Doch grad' rechtzeitig noch hatte statt seiner ein anderer, von dem er nicht erfahren, wer, sie gerettet – und genau so war es heut', wenn die Gefahr auch anderer Art gewesen, in Wirklichkeit geschehen. Nur wußte Tilmar jetzt, durch wen, konnte dem Lebensretter seiner künftigen Frau dankbar sein, wie keinem zweiten auf der Erde. Er hatte auch den heftigen Drang gehabt, diesen Dank auszudrücken, die Hand Meinolf Alfslebens zu ergreifen, ihm um den Hals zu fallen. Aber das stand ihm bei dem vornehmen adligen Herrn nicht zu, und so mußte er sich schweigend zurückhalten. Schon mehr als dreist hatte er gehandelt, daß er sich bis ans Schloß hinan begeben. Zea hörte seine Stimme und verstand seine Worte auch. Aber er konnte es doch eigentlich nicht mehr sein, der neben ihr herging, denn das, wovon er erzählte und sprach, war ja vor einem Jahrhundert gewesen. Mit dem Tage aber hatte die lange heitere Laune des Himmels ein Ende genommen; als Zea am nächsten Morgen erwachte, fiel kein Sonnenschein in ihr Fenster, die Luft war grau, der Wind kam von Südwest her und spielte leis' mit dem vollen Laubschmuck der Gesträuche im Pfarrhausgärtchen. Sie blieb, nachdem sie sich fertig angekleidet, noch eine Zeitlang stehen und blickte darauf hin; in ihren unbeweglich weit offenen Augen lag ein großer staunender Ausdruck, als ob sie ein solches Hin- und Herspielen der Blätter noch nie gesehen habe. Ihr verwob sich damit das Gedächtnis dran, wie sie gestern abend nach Hause gekommen und nichts verändert gefunden; es war ja auch vollständig sinnlos gewesen, daß sie ein Jahrhundert im Helgerslunder Park zugebracht haben sollte. Sie trug das Kleid an sich, das sie gestern morgen ebenso von demselben Haken im Wandschrank heruntergenommen, jedes Stück in ihrem Zimmer stand und lag wie immer – alles rein und blank, und es hätte dichter Staub drauf sein müssen, wenn – aber den hatte sie grad' gestern überall abgewischt, und natürlich war ja auch die ganze Einbildung geradezu närrisch. Doch ließ sich begreifen, woher diese sie überkommen: von einer Erschütterung im Kopf durch den Zusammenbruch der Treppe. Ein kaltes Schauergefühl lief ihr über den Körper; ohne die eigenwillige Gewaltsamkeit von Meinolf Alfsleben läge sie wohl von den Steinen und Balken erschlagen; der Ausruf Herrn von Brookwalds hatte gezeigt, daß er dies auch vermutet habe. Wenn jemand so durch einen glücklichen Zufall vor plötzlichem Tode bewahrt blieb, verlor er wohl leicht etwas seine gesunden Sinne und konnte zu derartigen Vorstellungen kommen, als ob eine Minute ein Jahrhundert gewesen sei. Freilich erinnerte sie sich, daß vorher der Warnungsruf Unnas sie ganz gleichgültig gelassen, ob die Treppe unter ihr niederstürze. Aber zu solchem törichten Denken oder gedankenlosen Tun hatte nur die Aufregung des Versteckspielens gebracht; jetzt fühlte sie durch und durch, daß sie nicht sterben gewollt, unendlich dankbar dafür war, noch am Leben zu sein. Tilmar hatte ja auch ebensolches Dankgefühl in sich gehabt. So war alles um sie her wie gestern, wie immer, und doch kam es ihr, wohin sie sah, neu, wie etwas Unbekanntes, noch nie so Dagewesenes vor. Oder richtiger, alles hatte einen besonderen Ausdruck und sah sie damit an, als ob es etwas von ihr erwarte. Was, sagte nichts, und sie dachte vergeblich darüber nach. Aber wo sie in der nächsten Stunde ging und stand, bei allem, was sie betrieb, blieb's dasselbe. Jeder Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigte, sah sie daraufhin an, sie müsse etwas tun. Wie sie einmal in den Garten hinaustrat, da rief's auch eine vom Strand herüberjagende Möwe, sogar zweimal rasch hintereinander. Sie sagte ebenfalls nicht was, aber ihre Mahnung war nicht mißzudeuten. Das einzige, Zea zu einem Empfindungsverständnis Kommende war, alles mute ihr etwas Schweres zu, eine Selbstüberwindung, gegen die sich ihr Innerstes sträube. Doch trotzdem werde sie dazu genötigt sein, denn es müsse geschehen. Sie hatte den Garten verlassen, schritt gewohnheitsmäßig in südlicher Richtung am Strand fort; ihr zur Rechten rollten die Wellen auf den Sand, und auch jede von ihnen wiederholte gleichmäßigen Tons: »Es muß sein.« Doch ebenso wie alles andere überließen sie ihr, zu verstehen und erkennen, was. Da bog der Pfad in die Heide hinein, Zea hielt an und sah ihm entlang. Aus dem fruchtlosen Umhersuchen ihres Kopfes ließ der Anblick des Weges ihr einen Gedanken auftauchen: Wenn sie sich auf den großen Stein setze, so helfe der ihr vielleicht, wie ein alter Freund, zu begreifen, was sie denn eigentlich tun müsse. Zwar hatte sie sich einmal gesagt, sie werde ihn nie wieder aufsuchen, selbst wenn sie hundert Jahre alt würde, aber seltsamerweise war seitdem ja auch ein Jahrhundert vergangen. Nicht wirklich, doch in dem Gefühl, das sie gestern gehabt, und darauf kam es an, nicht ob es tatsächlich geschehen; in einem einzigen Augenblick sogar konnte eine unmeßbare Zeit, wie ein ganzes Leben enthalten sein. Wer das nicht erfahren, begriff es wohl nicht und lachte vielleicht zu solcher Vorstellung. Aber sie sah sehr ernsten Gesichts drein, ihr stand zu Schweres bevor, alles rings um sie wußte davon und bemitleidete sie wohl im stillen auch. Denn nichts bot wie sonst ein heiteres, freudiges Aussehen, die Sonne und das Himmelsblau waren verborgen, eine graue Bleidecke verdichtete sich über der Erde. Die Natur hatte gestern zum letztenmal fröhlich gelacht, und Zea empfand, auch ihr könne nie mehr eine Anwandlung zum Lachen kommen. Nun saß sie auf dem Findlingstein, das Gesicht nach Osten gekehrt haltend. Vor ihren Augen lag nichts von der gestrigen Verschleierung, aufs deutlichste gewahrte sie jeden Gegenstand in der Nähe, sah so scharf wie je in die Weite. Eher noch schärfer, denn sie unterschied einen winzigen Punkt, der sich von dem fernen Waldrand ablöste und über die Heide heranbewegte. Manchmal verschwand er hinter Buschwerk, doch sie wußte, er tauche wieder auf und komme auf sie zu und bringe das Schwere, über das sie noch immer umsonst nachsann. Atembenehmendes kam daraus, wenn es so geschah, der verschwundene Punkt, größer, zu einer Linie geworden, aufs neue sichtbar ward, die gerade Richtung gegen den Stein innehaltend. Und sie wußte ebenso, er werde nicht aus jener abbiegen, um etwa unbemerkt von rückwärts herzukommen, sondern mehr und mehr anwachsen, bis er unmittelbar auf ein paar Schritte weit in voller Größe dastehe. Nur das allein wußte sie immer noch nicht, was sie dann tun müsse. Und jetzt rückte der unabwendbare Augenblick dicht heran, war da. Der Herzschlag setzte ihr aus, wenigstens in der Brust stand er still, überall. Nur nach einer einzigen Richtung hin stieg er aufwärts wie eine Welle, die, aus der Tiefe emporschwellend, gleichsam alle Kraft der ganzen See vereinigte und sie gegen ein Ziel, ein Bollwerk richtete, um dies zu durchbrechen. So kam's und schwoll's und drängte unwiderstehlich die zusammengeschlossenen Lippen auseinander. Sie mußten sich öffnen, den übermächtigen Herzschlag hindurchlassen, der sich vor ihnen in Stimmenfang, in die Worte verwandelte: »Ich bin hergekommen, weil ich gestern versäumt habe, dir dafür zu danken, daß du mir das Leben gerettet hast.« Das war's gewesen, was alles von ihr gefordert gehabt. Ihr Kopf hatte es bis zuletzt nicht finden können, aber nun, da sie es ohne sein Beihelfen gesprochen, wußte sie's. Tief atmete sie danach auf, das Schwere, Ungeheure war vollbracht. Ihr war's, als ob der große Stein ihr auf der Brust gelegen habe und abgewälzt heruntergefallen sei. Flüchtig blieb's still, daß Zea hörte, wie der Wind surrend durch das Heidekraut lief. Dann klang fröhlich die Stimme Meinolf Alfslebens: »Hab' ich dir das Leben gerettet? Ich glaubte, ich tät's für mich –« Einen Augenblick hielt er an, ehe er hinzufügte: »Denn Unna Brookwald sagte, du verständest dich gut auf Pflanzen, und mein Vater wünscht's von mir ja auch. Das fiel mir ein und ich sprang die Treppe hinauf, weil du mir nicht dazu behilflich sein konntest, wenn du nicht mehr lebendig warst.« Wieder raschelte der Wind in den vorjährigen dürren Heideglöckchen. »Aber verlangen kann ich's natürlich nicht von dir, nur fragen, ob dir's zuwider ist, meine Lehrerin zu sein.« Mit dem Dank, den sie ihm auszusprechen gewußt, war's ihr plötzlich zur Erkenntnis gekommen, ihr Leben gehöre gar nicht mehr ihr selbst an, sie habe es verloren und er es am Weg aufgenommen und halte es wie sein Eigentum in der Hand. Das hatte gestern auf dem Rückweg das sonderbar verworrene Gefühl über sie gebracht; nicht ein Jahrhundert war seit dem Augenblick, in dem er sie gefaßt und aus dem Turm heruntergetragen, vergangen, sondern überhaupt alle Zeit. Denn sie war tot gewesen, durch ihn wieder neu belebt, in einer vollständig anderen, neuen Zeit. Darum sah heut alles sie so anders an, sie gehörte ihm, er hatte das Recht, von ihr zu fordern, was er wollte. Sie besaß keinen eigenen Willen, und er war großmütig, verlangte nichts, als daß sie ihm behilflich sein solle, Pflanzen kennen zu lernen. So stand sie vom Sitz auf und antwortete: »Wenn du es willst« – doch der Klang des letzten Wortes gab ihm die Bedeutung: Wenn du es befiehlst. Ihr Fuß setzte sich vor und sie ging, aber die Fortbewegung verursachte ihr kein Gefühl; sie hatte keine Empfindung, einen Körper zu haben, sondern werde von etwas außer ihr über den Boden hingeführt. Das konnte auch nicht anders sein, denn sie war ja nicht mehr ihr Eigentum; neben ihr ging Meinolf Alfsleben, bückte sich ab und zu, hielt ihr eine gepflückte Blume vor die Augen und fragte lerneifrig nach dem Namen. Ihr kam manchmal eine Angst, sie könne nicht darauf zu antworten wissen, denn dann hätte er das Recht gehabt, zornig zu werden und ihr Leben, das er in seiner Hand trug, als etwas Unnützes wieder wegzuwerfen. Doch sie wußte es immer, zum Glück hatte sie in ihrem Vorleben bei dem Lehrer in Loagger guten Unterricht gehabt. Lange mußte sie schon so gehen oder willenlos bewegt werden und oft bereits erwidert haben; in der anderen, neuen Zeit gab es kein Maß für ihr Vergehen, sie blieb immer nur Gegenwart. Aber jetzt einmal mußte Zea sich bei einer ihr vorgehaltenen Blume erst besinnen, bis ihr gottlob der Name doch noch kam: »Glockenheide« – auch der lateinische aus dem Munde Tilmar Hellbecks: » Erica tetralix .« Das letzte verbesserte merkwürdigerweise trotz seiner botanischen Unkenntnis ihr Schüler: »So? Tetralix , das Vierfältige.« Sie vermochte sich nicht anzugeben, warum diese Richtigstellung ihrer falschen Betonung ihr das Blut etwas in die Schläfen trieb, aber, rasch darüber weggehend, erwiderte sie schnell: »Die kann eigentlich noch nicht blühen, ihre Zeit ist erst im Juli, es ist noch zu früh.« Das ließ Meinolf Alfsleben mit einem leichten Lachen die Antwort begleiten: »Du bist freilich meine Lehrerin, aber hierbei glaube ich doch meinen Augen mehr, denn ich sehe, daß sie blüht. Und mich deucht, sie brauchte auch nicht länger zu warten, es hat lang genug gedauert, bis sie dazu gekommen ist.« Beim Letzten brach er ab. »Das, scheint mir, war ein Tropfen auf meiner Hand. Es fängt an zu regnen, merkst du's nicht auch?« Sie schüttelte verneinend den Kopf, doch zweifellos hatte er sich nicht getäuscht, denn im Nu schlugen sichtbar rundum große Tropfen herunter und wohl ein halbes Dutzend auch auf ihr Gesicht, so daß Meinolf nachrief: »Jetzt wirst du's fühlen!« Doch verneinte sie wieder ebenso, sie fühlte nichts, hätte es ja auch nicht gekonnt, da sie keinen Körper besaß. Nur eins gelangte ihr zur Empfindung – sein Blick war rasch umhergegangen und danach hatte er sich hurtig niedergebückt – und nun ließ die Erinnerung ein halbes Bewußtwerden in ihr dämmern, daß sie nicht mehr aufrecht, sondern, wie gestern einmal, wagrecht durch die Luft fortschwebe. Das geschah wohl, weil Meinolf Alfsleben sie mit seinen Armen aufgehoben habe und vom Tode in ein anderes Leben hinübertrage. – Er trug sie auch wirklich. Der Regen stürzte jetzt nieder, und sein Umblick hatte in kurzer Entfernung einen der alten Wetterschuppen auf der Heide wahrgenommen. Dorthin lief er mit ihr, sie unter das Dach zu bringen, ließ sie auf die Bank nieder. Doch blieben seine Arme noch einen Augenblick lang um sie geschlungen, und in diesem Augenblick bog er sich vor und küßte ihre Lippen. Dann sagte er: »Das hatte ich gestern versäumt, deshalb kam ich heute wieder«, und dazu setzte er sich neben sie auf die Bank. Sie saß, aufgehobenen Kopfes, mit groß offenen Augen geradeaus in die seinigen blickend. Ohne Atemzug, staunend, verdutzt, einem gefangen gewesenen Vogel gleich, der von der Hand, die ihn umfaßt gehalten, freigelassen worden, doch noch nicht daran glaubt, sich nicht zu rühren wagt. Dann aber schlug sie ein paarmal mit den Wimpern, man sah, das Bewußtsein ihrer Freiheit kam ihr, sie hob die Arme auf, wie zwei Flügel, sich mit ihnen aus der nach vorn offenen Hütte davonzuschwingen. Doch plötzlich warf sie die beiden Arme Meinolf Alfsleben um den Nacken und küßte ihn wieder auf die Lippen. Dann auf einmal hatte es sie einem Blitzschlag ähnlich durchfahren: das war die Sprache, in der sie ihm für die Erhaltung ihres Lebens danken gemußt, und so habe alles den Dank von ihr erwartet. Nun war's geschehen, und wie es ein willenloses Tun gewesen, so redeten auch beide nicht weiter davon. Nur hielt Meinolf wieder den Arm um ihren Hals gelegt, ihren Kopf dadurch an seine Schulter gezogen, als ob er sie sicher am Davonfliegen verhindern wolle. Darüber mußte sie heimlich lachen, denn dazu war ihr die Fähigkeit doch noch wieder gekommen; sie fühlte, so hell auflachen hätte sie können, daß die Sonne und der blaue Himmel durch die graue Wolkendecke brechen müßten. Der Herzschlag wieder war's, der ihr die Lippen dazu auseinander zu drängen suchte, aber sie leistete Widerstand und hörte lautlos an, was Meinolf Alfsleben dicht neben ihrem Ohr vom Munde kam. So närrisch klang's, denn er sprach von der Heide, meinte, der Regen sei ihr viel förderlicher, als die Sonne, danach werde sie jetzt rasch immer mehr und mehr aufblühen. Darauf habe er gewartet und sei deshalb täglich herausgekommen, um zu sehen, ob die Knospen sich weiter entwickelten; denn er liebe die Heideblüte so sehr, gar nichts auf der Welt so wie sie. Doch er habe lange umsonst warten müssen, da sie zu den Pflanzen gehöre, die nur ganz, ganz langsam und kaum merklich ihren winterlichen Trotz ablegten und sich sommerlich verwandelten. Und wenn nicht ein guter Kalkregen vom Himmel gefallen wäre, würde er auch heute wohl noch kaum das aufgeblühte Zwerglein der Erica tetralix gefunden haben. Das war unglaublich närrisch, ein Kalkregen, der vom Himmel gefallen und etwas zum Aufblühen gebracht, so närrisch, wie es nur in Träumen vorkam, und die Zuhörerin drückte ihre Schläfe noch ein wenig fester an die Schulter, oder war's an die Brust Meinolf Alfslebens, aber sonst regte sie sich nicht, um nicht aus dem Traum aufzuwachen. So klang seine Stimme ihr weiter, immer noch von der Heide sprechend; er war gar nicht so botanisch kenntnislos, wie er sich bescheiden hingestellt hatte, wußte sogar manches, wovon Zea nie gehört hatte. Auch von dem großen Findlingstein – freilich redete er von dem nicht wissenschaftlich, sondern erzählte ein Märchen, aber Märchen und Traum gehörten ja wie ein Paar Geschwister zueinander. Der Stein nämlich hatte in früheren Tagen aufrecht gestanden, und ein Mädchen kam bei ihm täglich mit ihrem Liebsten zusammen. Dann jedoch mußte der sich für einige Zeit von ihr trennen, und sie gelobte ihm, währenddessen und immer ihm treu zu bleiben. Aber sie hielt ihr Versprechen nicht, sondern küßte an derselben Stelle einen anderen, der ihr besser gefiel; da schlug der gewaltige Stein zornig um, tötete sie und färbte die Pflanzen umher mit ihrem Blut. Seitdem trug das Heidekraut rote Blüte und im Volksmund den Namen »Brauttreue«, eigentlich unrichtig, da es im Gegenteil »Brautuntreue« heißen sollte. Der Treulosen aber war es nach vollem Recht so geschehen, denn wenn ein Mädchen jemanden, der sie liebte, geküßt hatte, dann gehörte sie unabänderlich ihn fürs ganze Leben bis zum Tod. Plötzlich flog der Kopf Zeas von der Brust, an der er gelegen, in die Höh', und wie einer, der im Schlaf fällt, fuhr sie aus ihrem traumhaften Zustand auf. Verstört sahen ihre Augen Meinolf Alfsleben an, der halb erschreckt fragte: »Was hast du – ist dir etwas?« Doch nun stieß sie aus stürmisch aufwogender Brust: »Ich habe noch niemand in meinem Leben geküßt als dich und werde und kann und will's niemals!« Und mit einer Heftigkeit, die ihr Leben ebenfalls noch nie gekannt, warf sie die Arme wieder um ihn, klammerte sich an ihm fest, drückte ihre Lippen auf seine. Als sein Eigentum gehörte sie ihm, und so hielt er auch sie umfaßt, aber zugleich doch mit einer zaghaften Behutsamkeit, wie man eine zarte Blume hält, ihren wundervollen Farbenschmelz nicht zu verletzen. Die Hände Meinolf Alflebens mochten zuweilen wild-ungebärdig und ohne Rücksicht mit Mädchen wie mit Knaben umgesprungen sein, doch unverkennbar hielten sie sich zum erstenmal so um den Nacken und Leib eines Mädchens geschlungen, und beinah einem Umtausch ähnlich erschien's. Wie mit achtlosem Ungestüm eines Knaben und fest umschlossen ihn Zea Hollesens Arme, und ob die seinigen gleiches taten, lag's in ihnen fast wie eine mädchenhafte Scheu. Prasselnd schlug schwerer Regensturz auf den alten Wetterschuppen herunter, dessen eine Seite wandlos offenstand. Doch vor dieser breiteten in unablässigem, ebenmäßigem Fall die großen Glanztropfen einen dichten Vorhang nieder, als seien sie von einer Fee beauftragt, ein wunderholdes Heidemädchen jedem entweihenden Blick zu verbergen. X. Nun ging der Sommer über die Heide und sie blühte auf. Ein rosenroter Schimmer tat es kund, doch eilig, Tag um Tag, vertiefte er seine Farbe. Lange hatte sie scheinbar reglos in winterlichem Zustand verharrt, durch kein äußeres Anzeichen offenbart, daß auch in ihr die alles sonst beherrschende Kraft des Frühlings gebiete und wirke. Aber in der Stille war es dennoch geschehen, unvermerkt hatte die Knospe sich angesetzt, immer noch trotzig, als stehe es bei ihr, sich nicht zur Blüte zu entwickeln. Vergeblich, denn die Natur befahl mit stärkerer Macht, als ihr Widerstand, zersprengte die verschlossene Hülle, drängte den heimlich bereiteten Inhalt ans Licht. Und jetzt blieb kein Stillstand mehr möglich, er wandelte sich in treibende Hast um, mit allen aufströmenden Kräften das Versäumte einzuholen. Einer unfaßbaren Torheit gleich lag das hartnäckige Trachten, sich zu weigern, hinter ihr; die Sehnsucht, der Zweck alles Lebens war, zu blühen, und die Heide ward zu einem purpurnen Meer. Leisen, süßen Duft atmete sie aus, auch die Sommerluft über ihr wiegte sich in weichen, schwingenden Wellen. Nicht immer zwar lachte und leuchtete der blaue Himmel herab, manchmal schütteten Wolken ihre Wasserstürze nieder. Doch der blühenden Heide galt es gleich, sie bedurfte keiner Beihilfe mehr, entfaltete ihren Sommerglanz täglich zauberischer aus sich selbst, und der Wechsel von Sonne und Regen erhöhte nur ihre Schönheit. An jedem Tag und bei jedem Wetter machte Zea Hollesen sich zur gleichen Morgenstunde auf den Weg nach ihrem alten Lieblingsplatz; um die Mittagsstunde erst kehrte sie zurück, zuweilen im letzten Augenblick und völlig durchnäßt, so daß sie, obwohl die Mahlzeit schon wartete, noch in ihre Stube gehen und sich eilfertig umkleiden mußte. So war's auch früher wohl geschehen, ihr Tun und Treiben seit Jahren gewesen, für das der Pastor ihr immer unbeschränkte Willensfreiheit gelassen. Doch in der letzten Zeit hatte sich etwas in ihrem Wesen verändert, anfänglich berührte ihm's nur die Empfindung, dann sah und erkannte er's auch. Naturgemäßes eigentlich war's, kein hochgewachsenes Kind mehr saß am Tisch da, sondern ein holdseliges, jungfräuliches Mädchen. Diese Wandlung entsprach ihrem Alter, nur das beinah Unvermittelte daran setzte in Verwunderung. Nach dem Sprichwort wie über Nacht gekommen erschien's, wie einmal plötzlich, ohne Ankündigung der Frühling einbrach und da war. Und eine Verkörperung des ganzen Frühlings in all seiner wundersamen Köstlichkeit stellte Zea dar; Christian Hollesens Blick hing an ihr, von lieblichstem Reiz eines Menschengeschöpfes entzückt. So glich alles an ihr in erstem Zauber übermächtig aufgehender Lenzesschönheit, so blühten ihre Wangen und Lippen, hob sich unter der Gewandung in sichtbarlich wonnevollem Lebensgefühl die junge Brust, so strahlte aus ihren Augen ein blaues Edelsteinlicht. Doch die Augen waren es, in denen die Veränderung gegen früher lag, oder vielmehr, sie benahmen sich sonderbar verschiedenartig. Dem Pastor konnte nicht entgehen, es sei kein Zufall, daß sie den seinigen nur selten mehr begegneten, wenn es geschah, ihnen rasch vorübergingen. Sie suchten es zu vermeiden; das veranlaßte ihn ein paarmal, sie zu nötigen, ihn beim Gespräch gradaus' anzusehen. Aber dann hielten sie seinem Blick wie von Kindheit auf Stand, ohne irgendeine Unruhe oder Scheu, klar bis zum Grund hinab, wie ein kristallhelles Wasser, in dem sich der blaue Himmel spiegelt und mit ihm die Sonne, die ein Goldgeringel hineinspielen läßt. Ruhig, wenn sie nicht ausweichen konnten, schauten die Augen Zeas ihrem Vater entgegen, nur um die Lippen drunter zitterte und zuckte es kaum merklich, als müßten sie gewaltsam einen Ausbruch schwellenden Jugendübermutes beherrschen. Dies Verhalten der Augen des Mädchens wechselte in einem unverständlichen Gegensatz, über den der Pastor nachdachte. Umsonst, denn nirgendwo fand er einen Anhalt, doch er hatte still zu beobachten angefangen und verwandte eine ihm bisher nie in den Sinn gekommene Aufmerksamkeit auf das tägliche Tun Zeas. Ihr stetiger Ausgang an jedem Morgen und ihr stundenlanges Fortbleiben entsprach dem, was sie immer getan, konnte ihn nicht befremden; nur fiel ihm auf, daß sie stets genau um die nämliche Zeit das Haus verließ und sie einigemal eben zuvor auf die Standuhr in der Wohnstube blicken gewahrte. Und hinzu kam, daß sie bei drohendem Wetter nicht auf eine Besserung wartete, sondern sich gegen ihre frühere Neigung mit einem Schirm ins Freie hinausbegab. Einen Gedanken, der sich Hollesen zunächst aufdrängte, ließ er rasch wieder fallen. Während der Stunden ihrer regelmäßigen, vormittägigen Abwesenheit hatte Tilmar Hellbeck seinen Schülern Unterricht zu geben, war außerstande, die Schulstube zu verlassen. Doch hielt der Pastor zweimal von der Kirche aus die Fortgehende im Auge, Sie nahm ihre Richtung nach Süden, schritt in einiger Entfernung am Schulhause vorüber, ohne einen Blick dorthin zu wenden; es regte sogar fast den Eindruck, als halte sie den Kopf absichtlich nach der anderen Seite gekehrt, bis das Haus ihr im Rücken liege. Hollesen hatte den ihm gekommenen Gedanken nicht ernsthaft aufgefaßt; er schätzte den jungen Lehrer als solchen und als Menschen, kannte ihn genau in seinem Trachten, nicht nur seines Geistes, auch seines Herzens. Aber es war unmöglich, daß Tilmar Hellbeck der Urheber des leuchtenden Glanzes und goldenen Sonnengeringels in den Augen Zeas sei. Von der Höhe des Kirchhofs ging der Blick weithin, und der ihr Nachschauende gewahrte sie als winzige Gestalt vom Strande zur Linken ins Heideland abbiegen. Um sich vollste Gewißheit zu schaffen, stattete er dennoch einmal einen Besuch im Schulhause ab. Der junge Lehrer stand, seinen Pflichten nachkommend, auf dem Pult, von dem sein Denken manchmal heimlich abschweifen mochte, doch unzweifelhaft setzte er den Fuß nicht vor dem Mittagsschlag der Turmuhr hinaus. Es war ja auch nicht möglich, nur aufgetaucht, weil es nichts anderes gab, was sich zu einer Vorstellung und Erklärung gestalten ließ. Ein Sonntag fiel jetzt in das ergebnislose Nachsinnen hinein, und ausnahmsweise brachte der Wagen von Helgerslund nur Gertrud Brookwald mit ihrer Tochter zur Kirche; ihr Mann fühlte sich nicht recht wohlauf und war deshalb zu Hause geblieben. Schon bei der letzten Zusammenkunft hatte Gertrud der Pastorin ein Gefühl erweckt, als sei eine Veränderung in ihr vorgegangen, der schwermütige Blick ihrer Augen trat weniger deutlich hervor und aus der Stimme erklang etwas Lebensfreudigeres; beides brachte dieser Sonntag noch mehr zum Ausdruck. Unna plauderte und plätscherte, wie immer, alles heraus, was sie in sich trug, beschwerte sich über Meinolf Alfsleben, der doppelt unausstehlich sei, weil er einmal gut aufgelegt und unterhaltend sein könne, beim nächsten Kommen aber wieder langweilig wie ein Stück Leder dasitze; übrigens lasse er sich glücklicherweise kaum mehr sehen. Erst nachträglich fiel's Unna ein, zu fragen, ob Zea sich von dem Schreck erholt habe, und dadurch erfuhr der anwesende Pastor zuerst von dem Besuch der letzteren auf Helgerslund und der Lebensgefahr, in die sie dort geraten. Er erschrak heftig, verbarg es jedoch möglichst, ließ durch nichts mutmaßen, daß er bisher keine Kenntnis davon besessen, sondern nutzte nur eine unauffällig von ihm herbeigeführte Gelegenheit, ein paar Minuten mit Unna allein zu sein und sich genau über die Einzelumstände des Treppeneinsturzes und der glücklichen Rettung Zeas zu unterrichten. Für diese hatte er im Laufe des Tages kein Wort des Vorwurfs, daß sie gegen sein Verbot nach Helgerslund gegangen sei, noch daß sie davon und von dem, was sich dort mit ihr zugetragen, geschwiegen habe. Er schien ihr dies Verhalten der Mitteilung nicht als Unwahrheit anzurechnen; die Grundsätze seiner Lebensanschauung, nach denen er sie geleitet hatte, ohne ihr ein Gefühl des Zwanges zum Bewußtwerden kommen zu lassen, waren von jeher eigenartiger Natur gewesen, in manchem von den für heranwachsende Mädchen üblichen Erziehungsvorschriften abweichend. Doch am nächsten Morgen verließ er frühzeitig das Haus; es trieb ihn, auch einmal einen Gang in die blühende Heide hinaus zu machen, einen Rundweg, denn er schlug die Richtung nach Süden ein und kam von Norden her zum Dorfe zurück, ungefähr eine Stunde bevor Zea nach gewohnter Weise zu Mittag heimkehrte. Bald nach diesem aber empfand der Pastor bei dem schönen Sommerwetter nochmals einen Antrieb, sich ins Freie zu begeben, sogar noch weiter, als am Vormittag, denn er gelangte schließlich bis nach Ekenwart, dort einmal dem anderen Kirchenpatronatsherrn von Loagger in seiner weltflüchtigen Abgeschlossenheit einen Besuch abzustatten. Der Freiherr war indes, wie seit Wochen allnachmittäglich, nach Helgerslund hinübergegangen, dagegen fand Hollesen Meinolf Alfsleben vor, der beim Anblick des unerwarteten Besuchers ein wenig stutzte und ungewiß stand. Doch der Pastor sprach sich erfreut aus, den ihm fremdgewordenen Knaben zum Manne erwachsen wiederzusehen, wollte die Rückkunft des Vaters, mit dem er in einer Kirchenangelegenheit zu reden beabsichtigt, erwarten und bat Meinolf, ihm so lange Gesellschaft zu leisten. Seit halb unausdenkbarer Zeit war er nicht mehr nach Ekenwart gekommen, interessierte sich für die Veränderungen auf dem Gut, und ging, mit seinem jungen Begleiter bald über dies, bald über jenes sprechend, wohl eine Stunde lang umher. Dann aber ward es ihm doch zu spät, ins Unsichere hinein bis zur Heimkunft des Freiherrn zu bleiben, er nahm, Meinolf freundlich die Hand reichend, Abschied, sich auf den Rückweg zu begeben. Wie er aus dem Wald in den spätnachmittägigen Sonnenglanz der Heide hinaustrat, sprach aus seinen Zügen volle Befriedigung. Sein Gang am Morgen hatte ihm das bisher umsonst gesuchte Verständnis eingebracht und der jetzige ihm jede Unruhe beschwichtigt. Seine stillen Augen lasen gut in einem Menschengemüt; nicht alles lag noch aufgehellt vor ihnen, doch das eine in unzweifelhafter Klarheit, von Meinolf Aflsleben drohe keine Gefahr, die Vorbeugungsmaßregeln erfordere. Und Christian Hollesens Lebensanschauung war eigenartig, er stand, vor sich hinausblickend, und nickte. Freudigste Sommerzeit war's, die Heide vor ihm blühte, und sie wollte es in ihrer Weise. In einsamer Stille, verborgen, nur dem Himmelsblau und der Sonne offen, vor deren Niederblick sie sich nicht scheute. Wer eine solche Blüte aus ihrem heimlichen Erdwinkel ausgrub, sie regelrecht vor gaffende Blicke auf ein Gartenbeet zu verpflanzen, nahm ihr das Schönste, den wundersamen Zauberschmelz ihres Frühlings. Der Pastor nickte im Vorübergehen den Birkenwipfeln zu, die rechtshin in der Ferne die Stelle des alten Findlingsteins deuteten, und schritt gegen die ins Meer niedertauchende rote Sonnenkugel weiter zum Dorf zurück. Doch, nach Haus gekehrt, sprach er auch der treuen Genossin seines Lebens nicht davon, daß er in Ekenwart gewesen. So besaßen Zea und Meinolf, ohne es zu ahnen, einen Mitwisser ihrer täglichen Zusammenkunft; sie hatten nichts von dem Späher, der behutsam zu Werk gegangen, bemerkt. Doch er hätte wohl weniger Vorsicht aufzuwenden gebraucht, denn sie sahen und hörten nichts als sich gegenseitig. Nach der Himmelslaune saßen sie zusammen in einer Wetterhütte oder auf dem großen Steinblock, nur nicht, wie früher durch Wochen hindurch, voneinander abgekehrt, sondern meistens sich dicht und fest umschlungen haltend. Über diese Verwandlung oder eigentlich über jene vormalige Rückendrehung mußten sie täglich wieder sprechen. So unglaublich närrisch, ein so kinderhaftes Versteckspielen und so über alle Maßen schön war es gewesen, und sie lachten und sahen sich mit glanzgefüllten Augen an. Dann zogen diese ihnen wie an Goldfäden die Lippen aneinander, von denen nie das Wort »Liebe« kam; fremd schien's ihnen oder bedeutungslos, nicht für ihr Beisammensein von der Sprache geschaffen. Und ebensowenig redeten sie vom Künftigen, sie fühlten und lebten nur die selige Gegenwart. Doch gestattete diese zeitweilig ein Zurückschweifen zum Vergangenen, und Meinolf sprach einmal von dem Tag seiner Ankunft auf Ekenwart, an dem er ein Vorempfinden in sich gehabt als erwarte ihn hier ein sonnenhaftes Glück, eine volle Darbietung alles dessen, was er von Kindheit auf im Leben entbehrt. Das glaubte er damals am selben Abend auch noch durch die Offenbarung des Gefühls, daß sein Vater für ihn im Herzen verborgen gehalten, errungen zu haben, und daß deshalb in der verzauberten Mondennacht die Nachtigall ihm so jubelnd bis in den Schlaf hinein geschlagen. Aber sie hatte anderes gewußt und voraus verkündigt – – ja, die Nachtigall, die wußte alles vorher, davon konnte auch Zea sagen. Denn zu ihr war sie in der gleichen Nacht im Traum gekommen, ihr das Verlangen nach dem Gesang der Nachtigall im Helgerslunder Park zu wecken. Eigentlich nicht dort, sondern im Ekenwarter Park – »denn du hattest gesagt, Meinolf, in der Nacht werde sie wieder schlagen, und dabei lese sich's gut in ›Hermann und Dorothea‹!« Ein Liebespaar war's; den Namen hätten sie nicht verstanden, aber sie hatten sich lieb, am liebsten von allen Menschen auf der Welt, und mehr an Glück konnte nicht auf der Erde sein, als wenn sie beisammensaßen. Als höchstes Besitztum erneuerte es ihnen jeder Tag, und doch setzte er sie immer noch neu darüber in Staunen, daß eine solche Herrlichkeit kein Traum, sondern Wirklichkeit sei. Womit sie die gemeinsamen Stunden verbracht, hätten sie bei der Trennung nicht zu sagen gewußt, nur daß jeder Blick und jedes Wort, jeder Atemzug und jeder Herzschlag ein Wunder gewesen. Sie kamen, flogen sich in die Arme, zwei große Kinder, denen ein süßer Rausch um die Stirn lag; in dem sprachen und hörten sie, schlangen spielend ihre Finger durcheinander, küßten sich plötzlich, weil das sagte, was keine Worte ausdrücken konnten. Die Zeit um sie stand still, und doch auch war sie vorüber, wenn sie kaum erst begonnen zu haben schien. Ein Heidemärchen war's, von Elfenhänden und Sonnenstrahlen, Duft und Blüten gewoben, und daß es ein solches sei, hatte Christian Hollesen voll beruhigt und beglückt in den Augen Meinolf Alfslebens gelesen. Einmal fragte Zea Meinolf: »Warum brachtest du eigentlich damals Nathans Tochter mit hierher?« Er antwortete: »Sie stand an einer Stelle, wo ich vorüberkam; da dachte ich, es mache dir vielleicht Spaß, auch ihr schönes, buntes Kleid zu bewundern, und hieß sie mit mir gehen.« »Und deshalb fühltest du mit der Hand auf ihre Schulter, aus was für einem Stoff das Kleid sei,« »Ja, mir war er unbekannt, und man muß immer eine gute Gelegenheit benutzen, um zu lernen,« Ernsthaften Mundes, wie zwei Wichtiges redende Kinder, hatten beide gesprochen, ohne sich anzusehen. Nun hob das Mädchen den Kopf auf und fragte weiter: »Das ist hübsch von dir, daß du so lernbegierig bist; hast du, als ich fortgegangen war, dich auch drüber unterrichtet, aus welchem Stoff die Lippen Miriams beständen?« »Warum gingst du eigentlich fort? Wenn du geblieben wärest, könntest du dir selbst Antwort darauf geben.« Auch Meinolf hatte ihr das Gesicht zugewandt, so daß sie sich jetzt in die Augen sahen. Beide noch mit der ernsthaften Miene und die Lippen zusammengedrückt haltend. Aber plötzlich brachen sie gleichzeitig in ein unhemmbares Lachen aus, und Zea vermochte kaum hervorzubringen: »Wie muß der Stein hier über uns beide gelacht haben! Und meinst du, ich hätt's nicht gemerkt, daß du noch niemand im Leben geküßt hattest? So ungeschickt tatst du's in der Hütte, ich mußte dich's erst lehren.« »Du? Du wärst ohne mich ja nie darauf gekommen!« »Soll ich dir beweisen, wer es besser versteht?« »Mich deucht, du vergißt jeden Tag wieder das bißchen was du gelernt hast, und ich muß mich plagen, immer neu von vorn mit dem Unterricht anzufangen,« »O du Armer, nein, warte, plage dich noch nicht – ich will dir vorher noch etwas sagen, was du nicht weißt und mir grad' einfällt. Während deines Lesens hab' ich hier einmal gedacht, du solltest doch Unna Brookwald heiraten. Das wäre eine Frau für dich, auch von so adliger Abkunft wie du, und ihr paßtet so gut zueinander. Willst du nicht?« »Wenn ich dir einen Gefallen damit tun kann. Ich glaube, ihre Eltern und mein Vater hätten's nicht ungern, und vielleicht, wenn ich mir bei ihr besser Mühe gebe – du sagst ja, daß ich etwas von meiner Ungeschicklichkeit bei dir verlernt habe.« Da ging's wieder nicht mehr, zugleich konnten sie abermals keinen Widerstand länger leisten, das köstliche Lachen schlug ihnen von den Lippen. Nichts Drolligeres ließ sich erdenken, als daß er Unna heiraten solle und bereit dazu sei, um sich Zea gefällig zu erweisen. Sie redeten nicht weiter darüber, worin das Komische dieser Vorstellung eigentlich liege, konnten es auch nicht, denn sie hatten lang' durch das ernste Gespräch Versäumtes nachzuholen. Ein unglaublich närrisch-seliges Treiben war's, immer nur Gegenwart, die von ihrem unermeßlichen Reichtum zehrte, mit keinem Gedanken über ihr Glück hinausging. Schöner konnte nichts sein und werden, und das Morgen hatte nur Bedeutung, weil es das Heute, das vergehen mußte, wiederbrachte. Doch täuschten die beiden sich darin, daß niemand von ihrem täglichen Beisammensein wisse, oder richtiger, sie dachten gar nicht daran, daß jemand sie sehen und hören könne, weil sie selbst nichts als sich hörten und sahen. Christian Hollesen war indes nicht der einzige, der sich darüber vergewissert hatte; die kleinen Hügelrücken und Einsenkungen der Heide um den Findlingstein ermöglichten im Verein mit dem Busch- und Strauchwerk ein Herankommen in ziemliche Nähe, ohne von Blicken, die nur sich gegenseitig suchten, von Ohren, die nur der Stimme des anderen lauschten, bemerkt zu werden. So ringelte sich ein paarmal schlangenartig, behutsam zu Boden gedrückt, etwas durch das purpurne Blütenmeer, hielt an und kroch geräuschlos weiter, bis sich langsam ein Kopf zum Rand einer Sandwölbung aufreckte und durch eine Strauchlücke zwei dunkle Augensterne gleich schwarzglimmernden Pfleilspitzen hindurchschoß. Reglos hafteten sie dann geraume Zeit auf den beiden in Hörweite drübensitzenden Gestalten, wie die einer lauernden Katze, die ein Nest mit zwei zwitschernden Vögeln ausfindig gemacht. Eine Hand zog sich zusammen, als ob sie tastend nach scharfen Krallen an den Fingern suche, oder schnellte sich einmal gegen ein granatrotes Lippenpaar auf, um es zu verschließen, dem Herausfahren eines zischenden Tones zuvorzukommen. So lugten die Augen über den alten Dünenkamm der Heide, bis sie sich zurückduckten und zurück auch wieder das lautlos sich am Boden fortwindende Geringel glitt. Dann ging Miriam in der Ferne als etwas Kleines, nicht mehr Unterscheidbares der Stadt zu. Ihr Vater hatte gedacht, sie möchte vielleicht einem heutigen Salomo als ein Karfunkelstein bedünken, für den er einen hohen Preis zu zahlen bereit sein werde. Doch es war kein Geschäft zustande gekommen, so daß Nathan Aronsohn philosophisch die Achsel gezuckt, die richtige Weisheit müsse sich bei einem nicht eingeschlagenen Handel damit zufrieden geben, wenn er keine Unkosten gemacht. Alles indes nahmen die scharfblickenden Augen Nathans doch nicht gewahr, oder vielmehr gab's etwas, das er nicht sehen konnte, weil er von dessen Vorhandensein in der Welt nichts wußte. Denn Miriam hatte in der Tat von ihrem ersten Gang auf die Heide und der Begegnung mit Meinolf Alfsleben Unkosten gehabt. Ihr war klar geworden, wozu er sie mit sich genommen und benutzt habe, und zum erstenmal hatte sich ihr dabei herausgestellt, daß sie doch auch noch etwas anderes in sich trage, als ihres Vaters gleichmütig rechnenden Geschäftssinn. Für sie war's nicht das vergebliche Angebot einer guten Ware gewesen, sondern sich selbst fühlte sie in jener verschmäht, mißächtlich beiseite geworfen und offenbar um einer anderen willen. Dazu aber kam, daß sie in dem Augenblick, als dieser junge König Salomo ihr den Arm um die Schulter gelegt, gar nicht mehr an einen einträglichen Handel gedacht, nur ein ihr bis dahin unbekannt gewesenes Verlangen in sich empfunden hatte, ganz von den Armen in Besitz genommen zu werden. Als ein Flackern in ihrem Blut war's gekommen, zu einem Auflodern und Brennen geworden. Sie besah sich in ihrem Spiegel; war sie mit den schwarzen Haaren und schwarzen Sternen im Gesicht nicht schöner, als die blonde Christentochter mit den wasserblauen Augen? Hatte die etwas anderes, Kostbareres von der Natur im Besitz, als sie? Kam sie nicht auch, um einen guten Handel mit dem vornehmen Junker zu machen, während Miriam an keinen Geschäftsvorteil mehr dachte, nichts wollte, als den Arm wieder um sich haben. Hastig wuchs es in ihr groß, zu heißer Leidenschaft, ließ sie mit Verachtung auf die niedrige Gewinnsucht der anderen sehen. Und so trieb's sie zweimal auf die Heide hinaus, sich hinanzuschleichen und zu winden, um zu spähen, ob er wieder mit der blonden Christentochter zusammen sei und was er mit ihr beginne. Das Blut gärte ihr bei dem, was sie verstohlen sah und hörte; doch wilder noch beim Erkennen, wie schlangenlistig die harmlos gleich einer Taube Erscheinende zu Werke gehe, nichts an dem Wert ihrer Ware zu verringern, eh' sie sich den Preis dafür völlig gesichert habe. Die Lauscherin drückte ihre Finger in die Handfläche, aber sie trug keine Krallen daran und keinen Otterzahn im Mund. Und ohnmächtig mußte sie zur Stadt zurückgehen, wo sie, die Abwesenheit ihres Vaters benutzend, den Laden geschlossen hatte, so daß vermutlich mancher Käufer kopfschüttelnd vor der Tür umgekehrt war. Aber selbstverständlich schwieg sie bei der Heimkunft Nathan Aronsohns von ihrem Fortgang, denn er hätte sie für unrichtig im Kopf angesehen, daß sie gute Zeit und Kunden versäumt habe wegen einer Ware, von der sie erfahren, daß ihre Auslage nicht zum Einschlagen eines Handels geführt. Und noch einen dritten Mitwisser besaß neuerdings die tägliche Zusammenkunft Meinolfs und Zeas. Seit dem Tage, an dem der Förster Dirk Westerholz durch Herrn von Brookwald zu einer Einkehr im Pfarrhause von Loagger veranlaßt worden war, hatte der erstere mehrmals wieder seinen Fuß auf die Heide, dem Dorf zu, hinausgesetzt. Bis zu diesem selbst ging er nicht vor, doch begegnete er Zea Hollesen einmal auf dem Weg, und aus dem Blick, mit dem er ihr Gesicht gleichsam umfaßte, ließ sich lesen, daß der Grund, der ihn hergeführt, dem Wunsch entsprungen sei, die Tochter des Pastors nochmals zu sehen. Sie begab sich an ihm vorüber, ohne sein auf sie verwandtes scharfes Augenmerk wahrzunehmen, schaute überhaupt kaum auf und erkannte, zu sehr mit ihren Gedanken an ihr Ziel vorauseilend, den nur flüchtig einmal Gesehenen nicht wieder. Doch er folgte ihr mit den Blicken nach, wie sie weglos in die Heide hineinbog, und einigemal schon war ihm aufgefallen, daß der junge Herr von Alfsleben gleichfalls um die nämliche Vormittagsstunde durch den Wald eine Richtung nach der Heide einschlug. Westerholz bekümmerte sich sonst nicht um das Tun und Treiben anderer, und am wenigsten lag's in seiner Natur, etwaigen heimlichen Zusammenkünften eines Mädchens mit einem jungen Manne nachzuspüren. Aber an Zea Hollesen nahm er ein merkwürdiges und außergewöhnliches Interesse, das ihn veranlaßte, sich doch einmal, als er Meinolf auf dem gleichen Weg gewahrte, über die ihm aufgetauchte Wahrnehmung Gewißheit zu verschaffen. Sein Leben lang hatte er die Kunst geübt, unbemerkt auch ein scheues Wild zu beschleichen, so gelang es ihm unschwer bei dem völlig achtlosen Paar, und durch grauen Regenfall sah er in einem Bretterschuppen die Bestätigung vor sich. Mit anderem Augenausdruck, als die Tochter Nathans, blickte er drauf hin, doch auch mit einem, der nicht leere Gleichgültigkeit oder nur Befriedigung von Neugier in sich trug. Ihn ging nicht an, was in der Wetterhütte geschah, und er fühlte sich keine Pflicht obliegen, einem Zweiten etwas von seiner Entdeckung mitzuteilen. Aber wie er gegen den Wald zurückschritt, sprang zwischen seinen weißlich überbuschten Lidern ein eigentümliches Lichtspiel hin und her. Er hielt sie groß aufgeweitet, als sehe er in eine endlose Ferne hinaus; schnelleres Atemholen seiner Brust sprach von einer innerlichen Erregung. Doch seine gewohnte Wortkargheit, von der er nur einmal in der Gewitternacht beim Anblick des brennenden Baumes Dietrich Alfsleben gegenüber abgewichen, ließ auch in der Heideeinsamkeit von dem, was in ihm vorgehen und reden mochte, keinen Laut über die Lippen kommen, und er begab sich nach Ekenwart an seine Tagesaufgabe zurück. So fiel, trotz den mannigfachen Auskundern und Mitwissern, von außen nichts in das sonnige, blühende Heidemärchen hinein, seine beiden Schöpfer oder Geschöpfe wie ein jählings von kaltem Schatten überschauertes Falterpärchen erschreckt auffahren zu lassen. Nach Haus gekehrt aber ward Zea ebenfalls von keinerlei beunruhigender Empfindung angerührt, aus ihres Vaters Zügen sprach nur innere Beglückung über den Frühlingsglanz ihres Gesichtes. Sie suchte nicht mehr seinen Blick zu vermeiden, begriff nicht, weshalb sie's eine Zeitlang getan; bei jedem Anlaß schlug sie die strahlenden Augen voll gegen die seinigen auf, und ein Einverständnis schien zwischen ihnen hin und her zu grüßen. Doch schweigend, wie in einem Traum, dessen Zauberwelt ihr Wunderbarstes verliere, wenn sie durch ein aufweckendes, lautes Wort selbst zur schönsten Tageswirklichkeit verwandelt werde. Und Christian Hollesen hütete sorglich seine Zunge, den östlichen Duftschleier, mit dem der selige Herzschlag ein Kind umwoben hielt, durch kein Anrühren des zarten Gewebes zu zerstören. Nur vor einem trug Zea eine Scheu in sich, vor dem Anblick des Schulhauses, Sie machte es wie ein Kind, das die Augen von einem Unruhe einflößenden Gegenstand abgekehrt hält und sich einredet, dadurch werde er verschwinden, beim Umwenden des Gesichtes nicht mehr vorhanden sein; so sah sie mehrere Tage lang nicht in jene Richtung hinüber. Aber sie konnte nicht hindern, daß ihre Gedanken täglich den Weg zum Schulhaus nahmen, doch nicht, um bis zu ihm hinzukommen, sondern in einiger Entfernung davor hielten sie ungewiß an. Diese Gedanken trugen Nebelschleier um sich, aus denen nichts deutlich Erkennbares hervorkam. Nur das stand zweifellos da: Sie hatte auf Herdsand Tilmar Hellbeck versprochen, seine Frau zu werden, aber sie konnte nicht zu einer Klarheit darüber kommen, wie es damit sei. Freilich hatte sie ja auch gedacht und es Meinolf selbst angeraten, er solle Unna Brookwald heiraten – nur durfte er sie natürlich nicht küssen, was ihm indes ohne Zweifel auch nicht in den Sinn kam – doch sie waren bei der Vorstellung beide in ein solches Lachen geraten, als ob sich nichts Komischeres erdenken lasse. Und wahrscheinlich würde deshalb Meinolf ebenso lachen, wenn sie ihm mitteilte, daß sie Tilmars Frau werde, selbstverständlich auch ohne ihn zu küssen. Sie rechnete öfter genau aus, was alles sie in seiner Hauswirtschaft zu besorgen habe und ob ihr Zeit genug bleibe, am Vormittag auf die Heide zu gehen, um dort mit Meinolf zusammenzutreffen. Diese Stunden mußte und konnte sie auch wohl erübrigen, doch darüber vermochte sie nicht ins reine zu gelangen, ob Tilmar es zulassen, sie nicht daran behindern werde. Natürlich nicht sie wirklich festhalten, dazu war er viel zu schüchtern und, zu unterwürfig. Aber sie hatte ein Gefühl, ihm würde es vielleicht nicht lieb sein, daß seine Frau jeden Morgen nach dem Findlingstein hinausgehe, und sie sah ihn mit den traurigen, hilflosen Augen, die er zuweilen haben konnte, stehen und ihr nachblicken. Das jedoch ließ sich ja nicht ändern, denn Meinolf erwartete sie, und sie durfte und konnte um nichts in der Welt ausbleiben. Es wäre wohl besser, auch für Tilmar, gewesen, wenn sie ihm das Versprechen nicht gegeben, denn eine andere Frau brauchte ihn nicht täglich mehrere Stunden lang zu verlassen. Aber das hatte sie damals ja nicht wissen können, war überhaupt noch ein recht einfältiges Ding gewesen, so wie Unna noch heut. Nun freilich hatte sie die Kinderschuhe ausgezogen, trotzdem aber blieb doch immer noch einiges Ungewisse, das sich durch Nachdenken nicht herausbringen, nur als vorhanden seiend fühlen ließ. Und dies Gefühl brachte Zea ein paarmal plötzlich dazu, sich am späten Nachmittag aufzumachen, um nach dem Schulhaus hinüberzugehen. Sie war indes gleich ihren Gedanken nicht bis dorthin gekommen, sondern beidemal auf halbem Weg wieder umgekehrt. Zu schwierig fiel's, so aus sich allein heraus, gleichsam im Dunkel umhertastend, das Richtige zu finden, und sie hatte den Weitergang wieder auf den nächsten Tag verschoben. Doch nun war's einmal gegen Abend, daß sie dennoch dazu kam, ihn auszuführen. In der Ferne sah sie Tilmar, ihr den Rücken wendend, am Strand entlang davongehen, und auf der Türbank vor dem Schulhause gewahrte sie allein die alte Margret Hellbeck mit ihrem Spinnrocken sitzen. Da setzte das Mädchen rasch entschlossen den Fuß weiter vor und trat grüßend zu ihr hin: »Guten Abend, Mutter Margret, ich hab' Sie länger nicht gesehen, geht's Ihnen gut?« Und die Angesprochene erwiderte, mit dem Kopf die hellen, klugen Augen des alten Gesichts aufhebend: »Ja, du kamst früher öfter herüber, liebes Kind – aber mich dünkt, du bist in letzter Zeit so groß geworden und anders, ich muß dich wohl auch anders anreden.« »Nein, Mutter Margret, das wär' mir leid.« Zea setzte sich mit auf die Bank und fragte: »Geht's auch Tilmar gut? Ich habe ihn ebenfalls länger nicht gesehen.« »Er ist grad' fortgegangen, willst du ihn gern sehen, glaub' ich, kann ich ihn noch zurückrufen.« »Nein, Mutter Margret – er wird's nicht mehr hören, er ist schon zu weit.« »So – wenn du ihn gesehen hast, man täuscht sich beim Spinnen leicht in der Zeit. Es tut ihm auch gut, recht weit zu gehen und lang draußen zu sein. Als der Frühling anfing, hatte ich rechte Freude an seinem Anblick, so krustig und frisch und froh sah er aus. Aber in den letzten Wochen ist er wieder magerer und blasser und gefällt mir nicht.« Zea fiel ein: »Er muß sich zu stark anstrengen – mein Vater meint, die Schulstube hier ist seiner nicht würdig, kann ihm keine Lebensfreude machen, und er müßte durchaus eine besser für ihn passende zu bekommen suchen.« Die Alte nickte zustimmend, »Und du meinst das auch, Kind?« »Und dann – wenn er eine bessere Stelle bekommt – sollte er sich doch verheiraten, Mutter Margret – natürlich nicht die erste beste zur Frau nehmen, sondern gut vorher überlegen, ob eine recht zu ihm paßt und nicht vielleicht noch ein einfältiges Ding ist, das von gar nichts in der Welt noch etwas weiß und versteht. Denn damit wäre ihm schlecht getaugt, und auch Sie, Mutter Margret, hätten an solchem vorschnell mit dem Mund redenden Geschöpf nicht die wirkliche Hilfe, die Sie brauchen, sondern würden sie wahrscheinlich so schnell als möglich aus dem Hause wieder los sein wollen. Denn ein Mann, und ganz besonders Tilmar, versteht sich so wenig drauf, ob auf eine, die er zur Frau nehmen will, wirklich Verlaß ist, und er könnte sich das allergrößte Unglück antun, wenn er nicht rechtzeitig von solcher, die nicht die richtige Frau für ihn wäre, noch wieder abließe.« Leise ließ die Alte ihr Rad summen und nickte weiter zustimmend. »Gewiß, Kind, das sagst du alles ganz richtig. Du hast's wohl von deiner Mutter gehört, denn aus eigener Erfahrung kannst du's doch nicht wissen. Aber das ist auch richtig, ich glaube, mein armer Junge hat guten Rat nötig, damit er seine Vernunft zusammenhält und sich nicht selbst, wie du sagst, ein Unglück antut. Ich will's ihm ausrichten, wenn er heimkommt, du wärst hier gewesen, und welcherlei Wünsche und Besorgnis du für ihn gehabt. Oder wartest du auf ihn, ich denke, er bleibt nicht lang' mehr fort.« Zea stand auf. »Nein, ich kann's heut' nicht, muß nach Haus, wollte Sie nur schnell einmal begrüßen, Mutter Margret. Nein, sagen Sie's Tilmar nicht von mir – mir würde er's nicht so glauben und zu wenig Erfahrung zutrauen – ja, ich hätt's von meiner Mutter gehört und von meinem Vater, und er möcht's recht bedenken mit einer besseren Lehrerstelle und mit – mit allem anderen. Und auch recht freundlichen Gruß für ihn, ich kam' in der letzten Zeit am Nachmittag schwer vom Hause fort, und am Vormittag müßt' er ja in der Schulstube sein. Aber auf ihn warten hätt' ich nicht können. – Gut' Nacht, Mutter Margret, es ist hohe Zeit für mich, immer später schon, als man meint, die Tage sind so lange hell.« Der Alten die Hand gebend, ging Zea jetzt hurtig davon. Margret Hellbeck sah ihr nach, und ein Weilchen blieb das Rad stillstehen, denn ihr Fuß vergaß es zu drehen. Dann sprach sie halblaut vor sich hin: »Ja, der Herr Pastor und die Frau Pastorin lassen's wohl sagen, und ich muß dir's ausrichten, Til, denn du hast guten Rat nötig. Aber lieber wär's dir wohl, sie hätten's dir selbst gesagt und nicht durch das Kind bestellen lassen, – ich seh's dir lang an, mein armer Junge, das wär' dir lieber gewesen.« Und mechanisch trat der Fuß der Alten das Spinnrad langsam wieder in Gang. XI. Nach ältestem Erdenbrauch ging's zu, daß die nämliche Zeit keineswegs überall das nämliche mit sich brachte. Flora und Pandora erschienen in ihr vereinigt, die Gaben beider streute sie durcheinander gemischt aus. Der Behälter, drin sie jene bei sich trug, ließ sich in etwas mit dem Sack Nathan Aronsohns vergleichen, so vielfach verschiedenartig war sein Inhalt; die Wirkungen dagegen, die sie damit erregte, beschränkten sich eigentlich nur auf zwei, eine, die Freude, und eine andere, die Betrübnis verursachte. So teilte sie beglückenden Herzschlag und heimliches Leid zu, schuf frohe Erwartung und wandelte Hoffnung in Enttäuschung. Margret Hellbeck erfüllte sie mit Bekümmernis, Nathan Aronsohn selbst dagegen um die gleiche Abendstunde mit Befriedigung. Und zwar mit einer großen und doppelten, sowohl über ein unerwartetes, vortreffliches Geschäft, das er bei seiner Heimkunft abgeschlossen fand, als über seine Tochter, die es klug bewerkstelligt hatte. So zufrieden war er, daß er sich an einem Kistchen mit altem Portwein vergriff, den er vor Jahren von einem unvermögenden Schuldner billigst als Zahlung angenommen, um ihn nach seinem Wert zum fünffachen Preis wieder anzubringen. Davon holte er eine Flasche auf den Abendtisch, machte sie vorsichtig auf, schenkte sich selbst und seiner Ladenverwalterin ein halbes Gläschen daraus ein und sagte: »Bist eine Perle, Miriam, in meinem Hause, wärest gewesen auch eine Perle unter den Töchtern von Jerusalem. Hast verdient dir den kostbaren Trunk, der, wenn du ihn legst auf die Wage, hat ein Gewicht wie gutes Silber, und hast verdient dir noch mehr. Du kannst auftun den weißen Zahnverschluß hinter deinen Lippen und sagen nach deinem Verlangen, was du möchtest noch mehr.« Miriams weiße Zähne blinkten zwischen den karminroten Lippen, und sie antwortete: »Wenn du mich heißt eine Perle, möcht' ich auch haben eine Perle.« »Willst du sein eine Fürstin? Wenn es noch gäb' einen König Salomo, würdst du sie können haben um ein billiges. Aber von woher sollt' ich nehmen eine Perle, von welcher würde sagen der Juwelier, sie wäre nicht gewachsen in der Muschel, daß er könnte aufwägen sie mit Gold?« »Ich weiß, du hast gut aufbewahrt liegen in der Schublade eine, die du hast angekauft im Winter um hochbilligen Preis.« Nathan drückte ein Augenlid zu. »Hast du Augen, zu sehen durch's Holz. Was du heißt hochbillig! Ich würd' heißen nur hochbillig, was du dir Gutes könntest einkaufen, ohne zu haben davon Unkosten. Wolltest du dir lassen einfassen die Perle, daß sie sollte sein wie vor einer Gartentür ein Zierat, den der Gärtner bringt an für Augen, ihnen zu zeigen von weitem, wo sind zu finden preiswürdige Blumen?« Doch Miriam versetzte nur kurz: »Ich möcht' sie zerstoßen zu einem weißen Pulver und es tun in den Wein.« Das ließ Nathan das zugedrückte Lid weit verwundert wieder aufreißen. »Wär's ein kostspieliger Trunk, welcher, wenn du ihn wolltst legen auf die Wage, hätt' ein Gewicht nicht wie Silber, sondern wie feinstes Gold. Hast du aufgefunden vielleicht ein altes Buch und gelesen darin von dem Glauben, den haben gehabt immer die reichen Töchter von großmächtigen Leuten, daß sie sich könnten schaffen mit einem solchen kostbaren Trunk besondere Schönheit von einer weißen Hautfarbe, zu bekommen im Gesicht das Aussehen von einer Perle? Hast du doch nicht nötig, dir herzurichten an deinem etwas auf andere Art, denn es ist wohlgeraten als eine Rarität von der Natur, daß sicherlich noch wird kommen zu dir ein hochfürstliches Angebot, ohne daß du brauchst dir zu machen darum so große Unkosten.« Vortrefflich gelaunt sprach er's, doch Miriam zeigte sich nicht empfänglich für das ihr in Aussicht gestellte gute Angebot, sondern gab zurück: »Du hast's richtig gesagt, es soll nützen mir für die weiße Hautfarbe der Trunk. Aber es ist nicht nötig dazu eine heile und kostspielige Perle, es kann sein eine, die schon ist zerstoßen zu weißem Pulverstaub und ist um ein billiges zu bekommen.« Die Sprecherin stand auf, trat in ihre Kammer und kam mit einem alten Holzkasten zurück. Ihr Vater hatte ihr verständnislos nachgesehen, empfing sie bei der Wiederkunft: »Weiß ich nicht, daß ich jemals hab' gehört, man könnt' irgendwo kaufen Perlen, die sind kleingestoßen zu weißem Pulverstaub. Was hast du eingeschlossen in dem Kasten, Miriam? Ist etwas drin zu besehen, weil du ihn holst herüber aus deiner Stube?« Sie zog einen Schlüssel aus ihrer Tasche, mit dem sie die wurmstichige kleine Lade aufmachte. Dazu sagte sie: »Es ist drin, was du mir hast gegeben als Geschenk, wieviel Jahre es mögen her sein, wenn du warst zufrieden mit mir. Ich will machen mit dir ein Geschäft und unbesehen dir liefern alles zurück, was ist gekommen in den Kasten, wenn du verschaffst mir dafür von dem weißen Pulverstaub, der verhilft zu der weißen Hautfarbe.« Die Augensterne Miriams glichen geschliffenem schwarzem Kohlengestein, doch während sie das letzte sprach, sah's aus, als wurde darauf geblasen und ein rotglimmernder Schein komme unter dem dunklen Gefunkel herauf. Nathan Aronsohns Schulter machte unwillkürlich einen Ruck, wie wenn sie den aufgeladenen Sack ins Gleichgewicht schiebe, dabei sah er groß seiner Tochter ins Gesicht und sagte: »Hat dich der kostspielige Wein gemacht unrichtig im Kopf, daß du kommst auf den Einfall, anzustreichen ein gute Ware mit einer schlechten Farbe, so daß sie behielte keinen Wert mehr? Ist mir doch nicht vorgekommen in meinem Leben auf die gesunde Menschenvernunft eine solche Einwirkung, die könnte bringen einen Menschen, ich weiß nicht wozu und wohin und um was; mir läuft's über den Rücken, Miriam, was für ein schlechtes Geschäft könnte machen ein Hals mit solch einer Perle im Trunk. Du wirst dich legen ins Bett und gut ausschlafen heut' nacht deine Verkehrtheit, daß du kannst aufwachen morgen früh mit richtiger Gesundheit im Kopf.« Damit hatte Nathan eine unverhohlene und nachdrückliche Mißbilligung des rätselhaften Perlenpulvergelüsts seiner Tochter kundgegeben, aber hinterdrein ging ihm ein Schmunzeln um die Mundwinkel, denn er war zu gut aufgelegt heut' abend, um sich durch ihren verkehrten Einfall die Laune verderben zu lassen, und er fuhr fort: »Will ich ansehen, was du hast als wie ein Hamster getragen ins Nest seit den Jahren, ob kann kommen in Rede dafür die echte Perle, von der du weißt, daß sie liegt in der Schublade. Hätt' ich wollen kaufen die Katz' im Sack, wär' nicht gekommen aus meinem Sack das eigene Dach über unseren Kopf und was drunter ist zu haben für bares Geld oder gute Handschrift.« Wortlos und gleichgültig stand Miriam am Tisch, ihrem Vater zusehend, der die Gegenstände aus der Lade hervornahm und betrachtete. Zumeist wertloser alter Plunder war's, allerhand kleines Gerät und Schmucksachen aus Messing oder Zinn statt Gold und Silber, da und dort mit bunten Glasstücken wie mit Edelsteinen besetzt, nur für begehrliche Kinderaugen verlockend, demgemäß indes von der Besitzerin ehemals wie große Schätze sorgfältig in Papier eingewickelt. Es war begreiflich, daß Nathan sich leicht davon getrennt hatte, um eine gute Leistung seiner Tochter anspornend zu belohnen, doch trotzdem verursachte ihm's augenscheinlich einen Genuß, jedes Stück herauszuwickeln und durch die Finger gehen zu lassen. Es versetzte ihn in Zeiten zurück, wie er kleiner vor sich selbst gewesen, ab und zu kam ihm vom Mund: »Es ist mir geblieben sitzen in der Erinnerung, wo ich's hab' aufgefunden; war's eine Zeit, wär's ein schlechtes Geschäft, müßt' ich heut' wieder tauschen damit.« So häufte auf dem Tisch sich der unechte Trödel, für den Miriam sichtlich längst die richtige Schätzung gewonnen und das Besitzinteresse verloren, und der Kasten ward leer. Nur ganz zu unterst lag noch etwas Größeres, besonders achtsam mehrfach in einen Bogen Schreibpapier eingeschlagen; als Inhalt kam eine breite, schwarzangelaufene Schnallenspange zum Vorschein, über die der Beschauer mit dem Finger streichelte und sagte: »Sie ist gut, wenn du nicht wirst scheuen die Arbeit, sie abzuputzen ein paar Stunden lang mit Kreide, wirst du sehen, es kommt heraus altes richtiges Silber. Es ist mir in der Erinnerung, daß ich sie dir habe gegeben als Kind für ein besonderes Verdienst, aber ich weiß nicht mehr zu sagen, was es ist gewesen.« Doch während Nathan dies sprach, gingen seine Augen weiter auf; sie sahen nicht mehr auf die Silberschnalle, sondern waren auf das zerknitterte, beschriebene große Quartblatt gefallen, aus dem er sie herausgewickelt, und sich mit den Fingern über der Augenbraue kratzend, brachte er halb murmelnd durch die Lippen: »Ist mir doch, als ob ich sollte kennen die Sorte Papier und auch die –« Er sah auf, in das Gesicht seiner Tochter. »Wie bist du gekommen zu dem Stück Papier, darin zu wickeln die silberne Schnalle?« Sie erwiderte, nachlässig die Achsel zuckend: »Davon weiß ich nichts mehr.« »Wirst du doch suchen, dich zu besinnen darauf. Es könnte sein, daß es wäre dein Vorteil, noch zu wissen, von woher es ist gekommen in deine Hand, daß du könntest machen mit mir den Handel um die Perle in meiner Schublade.« »Ich kann nur sagen, daß ich kein Gedächtnis mehr besitze davon. Es hat vielleicht zehn Jahre lang unten gelegen im Kasten, ohne daß ich es mehr angefaßt mit der Hand und aufgemacht.« Nathan dachte sichtlich angestrengt nach. »Es muß sein die Sorte Papier – willst du nicht versuchen, dich zu besinnen zu deinem eigenen Besten, ob du einmal vielleicht fast noch als ein unvernünftiges Kind getrieben ein Spiel im Laden mit einem großen Buch, das war eingebunden in Schweinsleder – kannst du dich nicht erinnern? Ich habe nicht gekonnt immer bei dir stehen aufzupassen, ob du auch machtest einen Unfug, wenn du in einer Ecke dich hattest versteckt im Laden. Hast du nicht vielleicht gesucht nach Bildern in dem großen Buch?« Miriam wiederholte: »Bilder? Die Rebekka, wie sie steht am Brunnen –« »Gott, die Rebekka, wie sie steht am Brunnen – fällt sie dir ein? So wird sie haben gestanden in dem dicken Band mit der Schweinshaut, und du wirst haben gefunden drin dies lose Blatt Papier und es genommen mit deiner kindischen Unvernunft zu wickeln drin die silberne Schnalle, die ich dir muß haben gegeben um die Zeit. Gott, hast du damit angerichtet einen Schaden – will ich nicht reden von dem Schaden an meinem Bein, bloß von den Kosten allein auf der grausam teuren Rechnung des Doktors. Aber ein Wunder der Welt ist's; wie es sonst kommt alles wieder aus dem Sand, ist es heut' wieder gekommen aus deinem Kasten. Ist dir auch wieder gekommen die Besinnung, daß du hast mit der einfältigen Hand gegriffen dies Papier aus dem Buch mit der Rebekka am Brunnen?« Nathan faltete und glättete sorgfältig mit der Hand das zerknitterte Blatt, von dem Miriam nichts weiter begriff, als daß er es auf einen guten Handelswert einschätzte. Darüber jedoch konnte sie nicht in Zweifel bleiben, versetzte rasch, ob der Wahrheit gemäß oder nicht: »Ja, es ist mir so aufgewacht in der Erinnerung«, und als Tochter ihres Vaters hurtig die günstige Geschäftslage ausnutzend, fügte sie, ihre Hand nach dem Blatt streckend, hinterdrein: »Ich will's dir geben dafür, wenn du mir verschaffst das weiße Pulver von der zerstoßenen Perle.« Doch Nathan Aronsohn kam ihrer Bewegung zuvor, steckte schnell das Blatt in seine Brusttasche und entgegnete: »Rede nicht als eine, welcher wächst ein gefährliches Unkraut im Zopf, das sich kann ausbreiten über den Hals und ihn verschnüren, nicht mehr lassen die Luft einzugehen in ihn. Du sollst bekommen die heile Perle aus der Schublade morgen früh, wenn du dich jetzt wirst gelegt haben in dein Bett und wirst sein wach geworden bei gesunder Vernunft. Ich will nicht hören mehr, Miriam, von dem weißen Pulverstaub, der macht die weiße Hautfarbe, ob du hättest ein Begehren nach ihr für dich selber oder für jemand sonst, denn es ist ein schlechtes Geschäft auf alle Fälle, und du wirst machen noch ein gutes mit Geduld, wie ich habe gehabt Geduld, um zu bringen über mich dies gute Dach aus meinem schlechten Sack.« Auf Helgerslund waren Maurer und Zimmerleute beschäftigt, die eingestürzte Turmtreppe wieder herzustellen, und ab und zu besichtigte der Gutsherr kurz den Fortschritt der Arbeit. Sein Aussehen ließ nichts von dem Unwohlbefinden wahrnehmen, wegen dessen er am Sonntag den Kirchenbesuch in Loagger versäumt hatte, doch aus seinem Gesicht und Behaben sprach statt der sonstigen jovialen Laune etwas andauernd Verdrossenes, das er an allen in seine Nähe Geratenden ausließ. Mit den Handwerkern schalt er, als ob sie an dem baufälligen Zustand der Treppe Schuld getragen, und fuhr eines Nachmittags seine vorüberkommende Frau vor den Arbeitern mit dem nämlichen Vorwurf an. Er habe seit Jahren auf die Ausbesserung gedrungen, sei indes immer von Gertrud aus nichtigen Gründen, hauptsächlich übel angebrachter Sparsamkeit, davon abgehalten worden, bis schließlich ein Unglück geschehen oder es doch auf ein Haar dahin gekommen, daß sie ein Menschenleben auf dem Gewissen gehabt. Er könne sich nicht in Stücke teilen, überall zu sein und aufzupassen, ein mögliches Unheil zu verhüten; sie hätte gewußt, wie er damals den ganzen Nachmittag um einer notwendigen Arbeit willen seine Stube nicht verlassen gekonnt, und es wäre ihre Pflicht gewesen, zu Hause zu bleiben und das Treiben der jungen, unvorsichtigen Leute zu überwachen. Aber sie habe keinen vernünftigen Gedanken im Kopf gehabt, sondern sei vermutlich stundenlang mit Herrn von Alfsleben spazieren gegangen, und nur wie durch ein Wunder sei sie für ihre Nachlässigkeit nicht in der schwersten Weise bestraft worden. Das hielt Fritz Brookwald mit scharf-unwilligem Ton seiner Frau in Gegenwart der Arbeiter vor, und wenn er es auch nicht aussprach, klang doch ziemlich verständlich daraus, durch die von ihm angestellte Untersuchung müsse herausgekommen sein, daß sie die Turmtür geöffnet und in unverzeihlicher Achtlosigkeit nicht wieder verschlossen habe. Und ohne daß er in seinem Mißmut bei den heftig tadelnden Worten die Gescholtene angeblickt, ging er ins Schloß zurück. Eine derartige Behandlung vor einem Dutzend zuhörender Ohren war Gertrud von seiten ihres Mannes noch nicht widerfahren, und sie stand einige Augenblicke von der unbemäntelten Brutalität derselben wie halbbetäubt da. Die ihr vorgehaltene Beschuldigung, daß sie beinah den Tod Zea Hollesens auf dem Gewissen getragen hätte, hatte sie kaum mit rechtem Bewußtwerden aufgefaßt; dieser Vorwurf war so vollständig ohne irgendeine Begründung und so unbegreiflich gewesen, daß er fast Zweifel an der richtigen Verstandesbeschaffenheit des Sprechers erwecken mußte. Doch etwas anderes hatte kein Mißverstehen zugelassen und Gertrud eine Röte in die Schläfen heraufgedrängt, die Äußerung über ihren Spaziergang im Wald zu der Zeit mit Herrn von Alfsleben. In unglaublicher Roheit schlug er ihr damit vor den Zuhörern wie mit der Faust ins Gesicht, eigentlich auch nicht erklärlich, denn sie wußte, daß ihre neue Wiederbefreundung mit Dietrich Alfsleben ihn völlig gleichgültig belasse. Aber seit einer Woche steckte ein Grimm in ihm, der ihn sein Inneres nicht unter lachender Miene verbergen, sondern mit nackten Worten bloßlegen ließ. Woher jener über ihn geraten, konnte sie sich nicht deuten, doch sie empfand, ein Ausbruch dieses Grimms hatte ihm mit hämischer Absicht die Worte auf die Zunge gelegt, damit die Handwerker das Gehörte weitertragen, erzählen sollten, Herr von Brookwald wisse, daß und weshalb seine Frau sich mit Herrn von Alfsleben allein im Wald aufhalte. Und im Innersten erschreckt, wie betäubt stand sie; sie hatte ihren Mann doch noch nicht gekannt, wohl ein zusammenhangloses, freudeleeres, trostloses Leben neben ihm hingeführt, aber zum ersten Male lag in diesem Augenblick seine Seele in ihrer ganzen rohen und tückischen Nacktheit vor ihr da. Wie zwei gegeneinander treffende Strömungen durchlief sie ein kalter Schauder, während zugleich der Herzschlag ihr warme Blutwellen in die Schläfen hinauftrieb. So blieb sie, ihre Besinnung sammelnd, kurz noch auf dem Fleck stehen, dann atmete sie einmal tief auf und setzte den Fuß vor, auf dem Weg weiterzuschreiten, den einzuschlagen sie das Haus verlassen. Langsam begab sie sich in südlicher Richtung durch den Park, bis dieser in den Wald überging, an dessen Rand sie noch einmal anhielt und den Blick zurückdrehte. Aber danach wendete sie sich und trat, verschmälertem Pfad folgend, unter das dichte Schattendach der alten Buchen. Fast lautlose Stille lag umher, im Weitergehen fühlte sie nicht nur, sondern hörte auch das Klopfen in ihrer Brust. Sie wußte, auf dem einsamen Weg werde ihr früher oder später etwas entgegenkommen, sich wahrscheinlich um eine Krümmung her voraus durch ein Geräusch, den Aufklang eines Fußtrittes, das Rascheln eines Gezweiges ankündigen. Dies, als von einer noch unsichtbaren Ursache, schon aus der Entfernung zu vernehmen, trug sie eine Scheu in sich, und ihre eigene Hand streifte an den Wegrandbüschen, durch das Blätterrauschen ihrem Ohr jenen sicher zu erwartenden Ton zu übertäuben. Das Tun Gertrud Brookwalds hatte etwas von der Zaghaftigkeit eines jungen Mädchens, doch gepaart mit einem entschlossenen Mut, der sie gleichmäßig den Schritt weitersetzen ließ. Und dann kam der erwartete Augenblick, Dietrich Alfsleben tauchte aus dem grünen Blätterrahmen dicht vor ihr auf. Die Stunde war's, in der er täglich zum gemeinsamen Spaziergang auf Helgerslund eintraf; rasch zu Gertrud hinantretend, reichte er ihr die Hand, und es war wie seit mancher Woche an jedem Tag. Nur hatte sie bisher stets seine Ankunft im Park erharrt, zum erstenmal sich bis in den Wald hinein ihm entgegenbegeben, und er begrüßte sie: »Das ist eine freudige Überraschung, dich hier schon zu finden.« Sie antwortete: »Ich wollte nicht, daß du mehr zu uns bis in den Park kämest.« Darauf schwieg sie kurz, eh' sie weiter sprach: »Aber ich wollte mit dir zusammentreffen, um dir zu sagen, daß ich den Entschluß gefaßt habe, mich von meinem Manne zu trennen. Nichts wird mich daran beirren, meine Scheidung von ihm zu bewirken, wenn es nötig ist, zu erzwingen.« Dietrich Alfsleben flog's über die Lippen: »Du willst?« und aus weitoffenen Augen hielt sein Blick ihr Antlitz umfaßt. Sie dämpfte ihre Stimme zu ruhigem Klang, äußerte so, daß niemals Liebe zwischen ihr und ihrem Manne bestanden, den sie nach dem Willen ihres Vaters als ein halbes Kind geheiratet habe. Frostig und leer, unter einem aufgenötigten Joch sei ihr Leben bei ihm vergangen, bis sie heute erkannt, es nicht länger fort tragen zu können und zu wollen. Mit wenigen Worten tat sie der Beschimpfung Erwähnung, die er ihr soeben vor den Umstehenden zugefügt, doch von dem schweigend, womit er ihr den brutalsten und boshaftesten Streich versetzt hatte. Und sie schloß: »Ich weiß nicht, welche Schritte ich tun muß. Du bist der einzige Freund, den ich um Rat angehen kann, darum ging ich dir hierher entgegen.« Regunglos hatte Dietrich Alfsleben zugehört; nun fragte er: »Dein unverbrüchlicher Entschluß ist's, ihm nicht mehr anzugehören?« Sie nickte und sagte dazu: »Ich habe ihm nie angehört.« Er hatte bei der Frage unwillkürlich nach ihrer herabhängenden Hand gefaßt und hielt sie mit der seinigen umschlossen. So standen sie nebeneinander, beide jetzt ohne weiter zu sprechen, wohl fast eine Minute lang. Dann hob Dietrich Alfsleben plötzlich den anderen Arm, legte ihn um die Schulter Gertruds, bog sich zu ihr und küßte ihre Lippen. Ein Zucken durchfuhr ihre Glieder, doch ihre Lippen weigerten sich nicht, gaben ihm leise, wie in einem Traum den Kuß zurück. Aber nur eines Herzschlages Dauer lang war's gewesen, dann trat er, auch ihre Hand loslassend, um einen Schritt von ihr fort und sagte: »Mein Rat, Gertrud, ist, daß du jetzt und sogleich deinem Mann offen deinen Willen kundgibst, oder wenn du es anders willst, schreibe ihm. Damit hast du für dich deine Fessel gelöst; dann komme zu mir nach Ekenwart, dort, den Beistand und das Haus eines Freundes zu finden, der dich unter sicherem Schutz halten wird, bis du von deiner Ehe auch vor der Welt losgesprochen bist.« Er hatte einen betonenden Nachdruck auf das Wort Freund gelegt, und ihm wie einem solchen die Hand reichend, antwortete sie: »Ich danke dir und will tun, was du mir geraten, sprechen oder schreiben. Dann komme ich zu dir in das Haus des Freundes.« Beide blickten sich noch einmal mit einer stumm redenden Sprache in die Augen, danach begaben sie sich auseinander, hierhin und dorthin zurück. Gertrud ging nicht mehr rotgefärbten, sondern blassen Gesichts, aber es erschien wie vom Zauberstab einer Fee angerührt und mit jugendlichem Anmutreiz überhaucht. Was sie lange ungewiß in sich getragen, war ihr heute zu plötzlich jähem Entschluß gereift, durch die rohe Handlung ihres Mannes; doch sie suchte nicht sich selbst zu täuschen, ohne den Wiedergewinn der Jugendfreundschaft zwischen ihr und Dietrich Alfsleben wäre sie nicht zu dem Entschluß gelangt, hätte um ihrer Tochter willen das erdrückend auf ihr lastende Joch mit mählich mehr und mehr abgestumpften Sinnen weitergetragen. Aber dieser Frühling hatte fast wie abgestorben in ihr begraben Gewesenes wieder aufgeweckt, ein Gefühl, daß sie noch lebe, noch ein eigenes Leben habe, und einen Sehnsuchtsdrang, es noch vor dem tödlichen Erstarren zu bewahren. Daraus war ihr geheim die Kraft erwachsen, die ihr heut' die Stärke gegeben, sich aufzulehnen, zu befreien, zu wollen und zu handeln. Sie ging rascher, ein kraftvoller Herzschlag ließ kein Zagen und kein Bangen in ihr aufkommen, sie war gerüstet, dem, mit welchem sie nichts verband, in ruhig furchtloser Entschlossenheit ihren Willen auszusprechen. Im Gehen zog sie ihren Ehering vom Finger. Der Anblick ihrer Hand sollte ihm kundtun, daß sie mit dem äußeren Zeichen der Lebensfessel diese selbst von sich abgelöst habe. Noch ab und zu verlangsamte sie wieder den Schritt, denn manchmal schloß sie unwillkürlich ein Weilchen die Augen. Dann sprachen ihre Lippen halblaut das vor sich hin, was über allem, Glück und trauernde Wehmut zusammenmengend, ihre Brust durchklopfte: Wäre diese Stunde vor zwanzig Jahren gewesen – wären sie ein Traum nur gewesen und wir hätten eben uns so im Wald getroffen und das junge, ganze Leben läge noch vor uns – Wohl schlug wehmütige Klage ihre Fäden in das Glücksgefühl ein, doch sommerliche Schönheit ging über die Erde und wob einen gleichen holdberückenden Zaubertraum noch um Herz und Sinne Gertrud Brookwalds, wie um die Zea Hollesens. Denn das eigene Herz in ihnen war die Fee, die aus gleicher Sehnsucht ihre Traumwunder um sie schuf. Da trat Gertrud schon wieder aus dem Wald auf den freien Parkweg hinaus, nun eilig diesen entlang schreitend. Ihr Gang beschleunigte sich fast zum Lauf, so drängte sie's ihrem Ziele zu, dem Abschluß ihres in Herzensarmut verkümmerten Lebens. Dieser einzige Gedanke erfüllte sie jetzt, ließ sie alles nur auf ihr nächstes Vorhaben beziehen, so daß sie überzeugt war, ein seitwärts her auftönender Fußtritt müsse der ihres Mannes sein, den eine für sie vorbedachte Fügung ihr schon hier entgegenbringe. Doch dann erkannte sie's als Täuschung, nicht der Erhoffte bog um den Rand eines Gebüsches, ein anderer, nur Nathan Aronsohn mit seinem Sack war's, eine Gertrud halb fremd gewordene Erscheinung, denn wohl seit zehn Jahren hatte er's vermieden, den Helgerslunder Grund und Boden zu betreten. Vorsichtig, zaudernd ungewiß sein verkürztes Bein nachziehend, kam er auch gegenwärtig daher, ließ beim Gewahrwerden der Gutsherrin zunächst den Fuß halten. Aber danach zog er die Schirmmütze vom Kopf, hinkte auf sie zu und redete sie an: »Konnte doch nichts kommen mir besser erwünscht, als das hohe Glück, zu begegnen der Frau Baronin, denn es sind eines die Gemahlin und der Gemahl, und kann man doch nicht wissen im voraus, wenn ich ginge hinein ins Schloß, ob ich nicht käme zu unpaß störend in einer wichtigen Angelegenheit den Herrn Baron, daß er mich nicht möchte sehen und anhören, sondern geben Auftrag an irgend wen oder was, wie auszurichten seine Antwort, ohne daß ich hätte gesprochen zu ihm.« Ungeduldig hatte Gertrud zugehört, fiel ein: »Was wollt Ihr, Nathan? Ich habe nicht Zeit.« »Werd' ich doch gewiß nicht gehen um leichtfertig mit der hochkostbaren Zeit der Frau Baronin. Ist es doch bloß, daß der Herr Baron ist ein Freund und Liebhaber von altem Papier, welches ich ihm hab' einmal gebracht ins Schloß, daß er hat hochgnädig gewünscht, zu bekommen mehr noch von der gleichen Sorte. Hab' ich mir nicht lassen verdrießen seitdem die Mühe, zu suchen immerfort, ob ich nicht könnte noch auffinden von dem Gewünschten, um mir zu verdienen die hohe Zufriedenheit von dem Herrn Baron. Hab' ich's doch nicht im Sinn, zu verdienen weiter noch etwas damit, wenn es ist das alte Papier von der richtigen Sorte, als das günstige Wohlwollen des Herrn Baron, daß er mir vielleicht wieder wendet zu die Gewogenheit seiner Kundschaft für gute Sachen, die ich ihm könnte vorlegen um billigsten Preis.« Nathan hatte ein zusammengefaltetes, beschriebenes Quartblatt aus der Tasche gezogen, das er der Gutsherrin überreichte, die mit sichtbaren Zeichen erhöhter Ungeduld gestanden. Augenscheinlich nur um den ihr verursachten Aufenthalt raschmöglichst zu beenden, streckte sie die Hand nach dem Papier, doch zufällig richtete sich ihr Blick dabei auf dieses hinunter und plötzlich flog ihr vom Mund: »Das ist – Woher habt Ihr, das ist ja die Handschrift meines –« Um ein paar Schritte indes schon entfernt, fiel Nathan Aronsohn ein: »Ich werde gewiß nicht länger verdrießen die Frau Baronin, zu verkürzen ihr noch mehr von ihrer hochkostbaren Zeit, weil ich habe ausgesprochen meine Bitte, zu geben von mir dem Herrn Baron das alte Papier, möge es sein das richtige, das gelegen hat am Brunnen der Rebekka.« Und so schleunig sein linkes Bein es erlaubte, hinkte er, um sich nicht in Mißgunst zu setzen, davon. Es hätte doch ein Irrtum unterlaufen können, daß er Bedenken auch für sein rechtes Bein getragen, wenn er sich bei dem Schloßherrn hätte anmelden lassen, und für alle Fälle bedünkte es ihm ratsam, nach der günstigen Verrichtung seines Zwecks gegenwärtig noch den Park von Helgerslund möglichst bald wieder im Rücken zu haben. Gertrud jedoch gewahrte nichts von seinem Weggang, sie sah noch wie ungläubig auf das große Quartblatt, das er ihr hinterlassen. Aus fern versunkener Zeit, wie aus dem Grab herauf kam's in ihre Hand, denn zweifellos auf den ersten Blick waren es die unverkennbaren Schriftzüge ihres Bruders Meinolf. Nur halb lag ihr im Ohr, was Nathan von dem Papier gesagt, weshalb er es ihrem Manne bringen gewollt, und sie dachte kaum darüber. Doch ein Gedächtnisblatt hielt ihre Hand, das sie im Augenblick vergessen ließ, was sie zu tun beabsichtigt hatte; unwillkürlich trat sie an eine nahstehende Parkbank hinan, setzte sich und begann die Schrift auf dem Blatt zu lesen. Was war's? Vermutlich etwas an sich Gleichgültiges, ein Auszug aus einem Buch oder dergleichen, so erschien's, aber seine Hand hatte es geschrieben und wie ein Gruß von ihm blickte es sie an. Offenbar ein abgerissenes Stück; sie wendete das Blatt um, keine der beiden Seiten zeigte einen Anfang, die eine begann mit der unverständlichen Vollendung eines Satzes: »Mitgift in die Wiege zu legen.« Ihre Augen gingen einmal flüchtig über das Ganze hin, da stutzte sie plötzlich, denn inmitten des Schriftstücks traf sie auf ihren eigenen Namen »Gertrud«. Eine Anrede an sie war's, und im nächsten Augenblick konnte ihr nicht Zweifel bleiben, das Blatt enthielt einen Teil eines Briefes, und zwar eines an sie selbst gerichteten Briefes, der nie in ihre Hand gekommen. Eine sonderbare Erregung überkam sie, etwas Schreckhaftes, sie wußte nicht, woher und weshalb. Hastig drehte sie das Blatt wieder um und las vom Anfang der Seite: »Mitgift in die Wiege zu legen. So liegt sie da, ruhig atmend, ahnungslos, daß ich noch wache und an Dich schreibe. Möge dieser Brief nie in Deine Hand kommen, möge mir beschieden sein, ihn morgen wieder zu vernichten, Dir mit dem Munde zu sagen, daß Eduv seit vorgestern meine Frau ist. Freilich wenn ich dazu imstande sein soll, so müßte ich ihn – und das will, das werde ich nicht. Er ist ein Unglücklicher, seiner Sinne beraubt – es muß noch ein drittes geben, daß weder er noch ich – vielleicht daß er im letzten Augenblick noch erkennt – ich werde nichts unversucht lassen, all meine Hoffnung ruht darauf. Doch Du verstehst das nicht, ich schreibe zu hastig und wirr durcheinander. Wie Eduv die Arme um mich warf, stumm damit sprach, wen sie gewählt habe, ward es für ein paar Augenblicke still um uns. Aber ich hörte nichts, mein Herz klopfte und jubelte wohl zu laut, ließ mich, sie auch mit meinen Augen umschlungen haltend, alles vergessen. Da fuhr ich auf – denn der Wahnsinn brach aus D.s Munde. Halberstickte Worte, von irrer Wut ausgestoßen, schleuderte er mir entgegen, hieß mich einen Betrüger, einen Schurken, einen tückischen, ehrlosen Buben. Das Blut stockte mir, doch ich bezwang mich, antwortete: ›Du bist von Besinnung. Du wirst morgen nicht wissen, was du gesprochen, und ich auch nicht.‹ Doch da wandte er sich gell auflachend gegen Eduv: ›Behalt' die Dirne, die du besser bezahlt hast als ich! Wieviel hat er dir gegeben, daß du ihn küßt?‹ Er streckte die Hand nach ihr, mir schien's, ihr Haar zu fassen, um ihren Kopf von mir gegen seine Augen herumzureißen. Mich hatte ich beschimpfen lassen, jetzt verlor ich die Herrschaft über mich. Meine Hand fuhr auf und schlug ihm mit solcher Gewalt ins Gesicht, daß er wie betäubt zurücktaumelte. Eduv stieß einen Angstschrei aus, die alten Leute vom Hause liefen herzu. D. und ich haben uns nicht wiedergesehen, nur kurze Schrift gewechselt. Was die seinige enthält, brauche ich Dir nicht zu sagen, noch daß ich darauf erwidern mußte, wie er es forderte. Wir sind übereingekommen, morgen früh wie zum Wettsegeln mit unseren Böten in die See hinauszufahren. Doch nehmen wir Pistolen mit uns, trennen uns draußen eine Strecke weit und kehren dann gegeneinander zurück. Der Überlebende wird sagen, daß der andere verunglückt sei und bei unserer bis vor kurzem unzertrennbaren Freundschaft wird niemand auf den Gedanken eines Zweikampfes zwischen uns geraten. Nur Dir mußte ich es schreiben, für den Fall, daß ich Dich morgen nicht sehe. Aber ich hoffe noch Gutes, nur das eine nicht mehr, was ich als einen Herzenswunsch gehegt. Ich glaube sicher; er hätte sich erfüllt, wenn D. nicht von der unseligen Leidenschaft für Eduv gefaßt und besinnungslos gemacht worden. Auch Dein Herz, Gertrud, ich weiß es, trägt den Wunsch in sich. Komme ich morgen zurück, so offenbare ich unserem Vater, daß er seit vorgestern noch eine Tochter außer Dir besitzt. Es ist geschehen, unabänderlich, er muß und wird sich darin fügen. Ein mir befreundeter junger Geistlicher, dem ich mich anvertraut, hat in der Stille unseren Eheschluß rechtmäßig vollzogen. Nicht alles weiß er, nicht von D., nur daß ich von einer übermächtigen Nötigung gezwungen sei, um Lebens und Sterbens willen Beistand bei ihm zu suchen. Er weigerte sich, durch eine heimliche Trauung ohne Zeugen und ohne Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften gegen seine Amtspflicht zu handeln, doch der Anblick der reinen Holdseligkeit Eduvs brachte ihn zum Wanken. Er ist von der Art des Pastors Hollesen in Loagger, und die Menschenpflicht in ihm ward die stärkere. So gab er mir an, es bestehe eine uralte, von der Kirche nie aufgehobene Rechtsgültigkeit eines Ehebundes, wenn ein Mann vor dem Priester in Gegenwart zweier Anwesenden die Hand seiner Braut fasse und, ehe Einwand erhoben worden, laut spreche: ›Ich erkläre diese zu meiner Ehefrau!‹ Wider die weltliche Satzung sei's eine Eigenmächtigkeit, aber damit geschehen, was die Kirche als das innerlich Bindende und Weihende der Eheschließung anerkenne, die Willenserklärung der Verlobten. Sie mißbillige diese Eigenmächtigkeit als eine Verletzung des irdischen Gesetzes, doch da sie den Bund als unlöslich geschlossen betrachte, ermächtige sie ihren Diener, ihm zur Verhütung argen Übelstandes mit dem göttlichen Segensspruch auch weltliche Geltung zu verleihen. Das habe die Kirche, als das Fundament der Ehe, nie durch eine ausdrückliche Bestimmung aufgehoben – und so geschah's vor zwei wie durch Zufall anwesenden, ahnungslosen Zeugen, uns völlig unbekannten Dorfleuten, die kaum etwas von dem Vorgang begriffen. Danach nahm der Geistliche unsere Trauung auf sein Gewissen, und als Mensch sicherte er mir mit seiner Hand Geheimhaltung zu, bis ich selbst ihm die Junge lösen werde. Auch das mußtest Du noch wissen, Gertrud – wenn ich morgen nicht zu Dir kommen sollte. Dann nimm statt meiner die Schwester ans Herz, die ich Dir hinterlasse; in Deinen Schutz befehle ich sie! Sie war, sie ist mein höchstes Gut, und Du wirst erkennen, daß sie es sein mußte. Ein Buch liegt neben mir, damit ich dies Blatt wie das erste schnell darin verbergen kann, wenn Eduv aufwachte. Sie ahnt nichts von morgen und soll es nicht, weiß nur, daß ich in der Frühe einen weiteren Ausritt mache, von dem ich erst am Nachmittag heimkehren kann. Ungesehen soll die Gewitterwolke über ihr fortziehen und zergehen; daß sie davon wüßte, wäre unmöglich für sie und für mich. Nur zwei Worte will ich auf ein Blättchen schreiben, falls ich gegen Abend noch nicht wiedergekommen sei, möge sie Dir das Buch schicken, ich hatte Dir davon gesprochen und Du wartetest heute darauf. Dann wüßtest Du, Gertrud, was ich als erstes von Dir erhoffe, und ich weiß, daß Du es tust. Aber es wird nicht nötig sein, dies ganze Schreiben wird unnötig gewesen sein. Ich werde es morgen bei meiner Rückkehr in dem Buch vorfinden und vernichten. Der Glaube daran macht mich immer freudiger, wird zur sicheren Überzeugung, denn die alte Jugendfreundschaft kann nicht solchen Ausgang nehmen, muß im letzten Augenblick mit zwingender Macht – –« Mit dem Wort brach der Brief gegen den Schluß der zweiten Seite unbeendet ab; die letzte Zeile wies sich halb verwischt, ließ erkennen, der Schreiber habe das Blatt, auf dem die Tinte noch naß gewesen, hastig in das Buch geschoben, weil seine junge Frau aufgewacht sei. Danach war Meinolf von Rhade nicht mehr zu einem Abschluß gelangt und, wie es fast zweifellos ward, auch nicht zu der beabsichtigten kurzen Anweisung auf einem Blättchen. Er mochte es vergessen haben; vermutlich hatte er es in seiner immer fester gewordenen Zuversicht am Morgen für durchaus unnötig gehalten. XII. Ziemlich um die gleiche Nachmittagszeit, zu der Gertrud Brookwald auf der Bank im Helgerslunder Park den vor achtzehn Jahren geschriebenen Brief ihres Bruders las, trat drüben in Loagger der junge Lehrer Tilmar Hellbeck aus der Tür des kleinen Schulhauses. Sein blasses Gesicht machte den Eindruck von Überanstrengung durch die Unterrichtsstunden, die er bis zum Mittag hin gegeben, doch er hatte schon bei ihrem Anfang farblos und überwacht ausgesehen, als ob die Nacht ihm keinen Schlaf gebracht, und fast ohne etwas von der heut' besonders sorgfältig durch seine Mutter zubereiteten Mittagskost berührt zu haben, war er vom Tisch aufgestanden. Verstohlen blickte Frau Margret ihm durchs Fenster nach, murmelte, den weißen Kopf schüttelnd, vor sich hin: »Mein armer Junge – er hätte besser mein Haar als seins.« Aber doch war's auch besser und notwendig gewesen, daß sie gestern, wie er von seinem Abendgang am Strand zurückgekommen, nicht verschwiegen, welchen guten Rat Zea Hollesen ihm von ihrem Vater ausgerichtet habe und was diese selbst an Wünschen und Besorgnis für ihn in bezug auf die Wahl einer Frau, wunderlich aus dem Munde eines halben Kindes, hinzugefügt. Und nickend sagte Margret Hellbeck ebenso halblaut noch hinterdrein: »Ja, er hatte es nötig, ich sah's ihm schon lang' an – und wie er's gehört, da brauchte er meinen Ohren nichts zu sagen.« Gegen die Kirche hinangestiegen, stand Tilmar, ungewiß, wie ziellos um sich blickend, auf dem Dünenrücken, doch kehrten seine Augen nach einem Rundgang stets in die Richtung des Pfarrhauses zurück, um eine Weile dorthin verwandt zu bleiben. Einigemal regte sich sein Fuß wie zum Fortschreiten in der gleichen Richtung, aber er gelangte nicht weiter, als zu der kurzen Bewegung, hielt scheu wieder an. So verging wohl eine halbe Stunde, wie mit dem Zeiger einer Uhr wies die Sonne es durch den langsam mehr sich ostwärts drehenden Schattenwurf des reglos Stehenden. Dann schlug ihm einmal rasch die Wimper, drüben tauchte die schlanke Gestalt Zeas an der Pforte des Pfarrhausgärtchens auf und sie kam daraus hervor, schritt gleichfalls der Anhöhe unter der Kirche zu. Sie nahm ihn nicht gewahr, denn im Gehen hielt sie die Augen nach Osten gedreht; es schien, ein Verlangen, den Blick weit über die Heide schweifen zu lassen, führe sie herauf. Erst wie sie fast auf ein Dutzend Schritte nahegekommen, sah sie bei einer Kopfwendung plötzlich Tilmar stehen, stutzte sichtlich einen Augenblick, doch ging dann schnell auf ihn zu, ihm mit freundlichem Grußwort die Hand zu reichen. Ihre Augen warfen leuchtende Strahlen, der ganze Sommer blühte aus ihrem Antlitz entgegen. Nur wie sie sprach: »Ich wollte dich gestern abend aufsuchen, aber du warst nicht zu Hause«, klang ein wenig Befangenes aus ihrer Stimme, danach indes lachte sie, etwas wohl auch, um über einen Anflug von Verlegenheit fortzukommen, doch hörbar im eigentlichen aus innerer Freudigkeit herauf. Er erwiderte: »Ja, meine Mutter hat es mir gesagt«, und er verstummte, blieb schweigend ein paar Atemzüge lang stehen, bis er hinzufügte: »Ich – ich wollte deshalb eben zu dir, dich zu fragen, ob du – der Nachmittag ist schön – ich dachte mit dem Boot nach Herdsand –« Abgebrochen und stotternd brachte er die Worte hervor, und es war, als ob die Ungelenkigkeit seiner Zunge sich auch auf die Sprache Zeus übertragen habe. Denn sie antwortete ebenso, doch sehr rasch: »Es tut mir leid, Tilmar – ja, der Tag ist so schön – aber heut' – du denkst nicht daran, daß du selbst, als wir zum letztenmal drüben waren, für besser hieltest – nein, gerade heut' kann ich nicht, ist's mir nicht möglich – ich bin nur einen Augenblick hierher – meine Eltern warten schon auf mich.« Da stand Tilmar Hellbeck und sah mit den traurigen hilflosen Augen, deren Ausdruck ihr innerlich weh tat, vor sich hin. Gleich langsam fallenden Tropfen kamen ihm die Worte von den Lippen: »Ja, wenn du nicht kannst – vielleicht ein anderes Mal.« So weh taten die schwermütigen Augen ihr, sie mußte nach seiner Hand fassen. »Nur nicht jetzt, nicht gleich, in dieser Stunde –« abschlagen konnte sie's ihm nicht, nur einen Aufschub wollte sie und sie wiederholte schnell: »Nein, heut' – heute kann ich ja nicht – aber – aber morgen.« Etwas Helleres kam zwischen seine Lider; er fiel hastig ein: »Morgen? Fährst du morgen mit mir? Gewiß?« Sie nickte rasch. Seine Hand hielt sich zaghaft und doch so bittend um ihre gelegt. Etwas unbedacht hatte sie's wohl gesagt, doch konnte sie es nicht zurücknehmen, und so lang' war's ja auch noch bis dahin. Außerdem – sie fühlte es deutlich in diesem Augenblick – einmal mußte es doch sein, und drüben auf der Düne von Herdsand war die beste Stelle dafür. So entgegnete sie: »Ja, gewiß, morgen – verlaß dich darauf – ich verspreche dir's.« Nun ging sie eilig zum Pfarrhaus zurück; flüchtig hatten seine Augen sich ein wenig erhellt, aber wie sie ihr nachblickten, kehrte ihnen das Traurige, Hilflose und Hoffnungslose zurück. Sein Glück war zu sonnenhaft gewesen, er wußte nicht, von woher ein kalter, dunkelnder Schatten darauf gefallen sei, nur daß es geschehen. Seit Wochen hatte er ihn herankommen gefühlt, näher und näher, wie mit gebundenen Händen stehend, machtlos, ihn abzuwenden. – Unwillkürlich hob er einmal beide Hände über sich gegen den Himmel auf. O, daß er etwas könnte, was kein anderer auf der Erde vermöchte – daß er etwas vom Himmel herniederholen könnte, einen Stern, ein Wunder, und sprechen: »Das gebe ich dir – ich weiß, daß ich zu wenig hatte, um es dir zu bieten – doch sieh, das bringe ich dir, mein Leben hätte ich hingegeben, es für dich zu erringen.« Sommerschön breitete der Himmel sich über Land und See, aber er besaß keine zaubermächtige Wundergabe, sie in Tilmar Hellbecks Hand zu legen. Beklommen atmend, ging der junge Lehrer zum Strand hinunter, seine Brust rang nach einer Befreiung durch körperliche Kraftanstrengung; halb unbewußt trat er in das bereitgehaltene Boot und ruderte auf die See hinaus. Eine Weile ziellos, dann führte er aus, was er für den Nachmittag beabsichtigt hatte, hielt auf Herdsand zu. Ihm kam's, sich allein dort auf die Düne zu legen, wo er mit Zea gesessen, wo ihr der Gedanke gekommen, er solle sie zu seiner Frau nehmen. Dahin zog's ihn, mit geschlossenen Augen zu liegen, als sitze sie neben ihm, und auf ihre Stimme zu horchen. Auch die kleine Insel hatte sich nun sommerlich angetan, ähnelte einem langgewachsenen Bettlerkinde, dem unter hellgrünem, ärmlichem, zu kurzem Kleid magere bloße Beine und Arme hervorsahen; so gliederten sich von einem bißchen niedrigen Graswuchs in der Mitte die kahlen Dünensträuche gegen die umgürtende Wasserfläche hinaus. Doch auch darüber hin ging jetzt eine Lebensbewegung, ein halbes Dutzend von kleinen Schafen rupfte an dem kargen Bodenwachstum. Sie waren sich selbst überlassen, ringsum hütete sie die See; einige über vier eingerammten Pfählen liegende Bretter boten ihnen einen Unterschlupf für einbrechende Unwetter. An Menschennähe gewöhnt, hatten sie merklich ein Gefühl der Einsamkeit, begrüßten den Ankömmling mit leise blökenden Tönen; sie standen von ihrem Futtersuchen ab, drängten zu ihm hin und folgten ihm auf den Fersen nach. Tilmar Hellbeck überkreuzte das Eiland bis zu der von ihm gesuchten Stelle; sie war nicht zu verkennen, nach rechts fiel die Düne, zu einem kleinen Halbkreis aufgerundet, gleichsam einen winzigen Hafen bildend, in ziemlicher Steilheit ab. Der Boden zeigte hier dunklere Färbung, Jahrhunderte hatten Kiesel, Muscheln und losgerissene Tange in die Höhlung hineingerollt, mit Sand und Schlamm zugedeckt, das Spiel immer neu wiederholend. Gegenwärtig zwar kamen die Wellen nicht bis zum Fuß der Düne heran, sondern hielten, leise plätschernd, schon eine Strecke vorher inne, um schnell wieder rückwärts zu laufen. Ebbezeit war's, erst gegen Sonnenuntergang kehrte heut' die Flut wieder und ein vom Wasser entblößter Vorstrand verbreitete sich noch. Nun lag Tilmar hingestreckt, über ihm das Himmelsblau und sonnengoldene Luft, von leichtem Wind flimmernd bewegter Strandhafer umher. Ab und zu ein Möwenschrei; die Schafe blieben in der Nähe, stiegen auf und ab über den Dünenwall und schnoberten am Grund. Der junge Lehrer hatte die Lider geschlossen und horchte. Ja, die Stimme Zeas klang neben ihm, doch nur ein winziges Wort sprechend: »Morgen –« Sie hatte es ihm zugelobt, morgen war sie mit ihm hier. Aber wenn es so ward – was sprach sie hier morgen? Die Wellen vor ihm rauschten leis', als raunten sie etwas, und lauschend spannte er sein Ohr. Ja, sie redeten, mit dem Klopfen seines Herzens sprachen sie, doch er verstand nicht, was sie sagten. Warum? Er zählte die Wochen, die Tage seit jenem, an dem sie hier neben ihm gesessen – Warum? Vor seinen Augen stand sie wie lebend, wie in Wirklichkeit. So leuchtend, als sei die Sonne in ihr, als seien ihre Augen der Himmel, und aus ihnen flute der Strom von goldenen Strahlen, die sie in sich trage. Plötzlich einmal verwandelte sich ihm ihr Bild; eine Erinnerung überflog es, flüchtigem Wolkenschatten gleich. Er sah ihr Gesicht bleich entfärbt; wie leblos hing es übergebogen zurück auf den Armen des jungen Freiherrn, der sie mit eigener höchster Lebensgefahr aus dem Zusammenbruch der Turmtreppe gerettet. Tilmar Hellbeck fuhr in die Höh', wie einer, der aus einem Schreckenstraum halb zur Besinnung kommt, und sah verstört vor sich hinaus. Da war das Bild noch vor seinen geöffneten Augen – über die See her ging Meinolf Alfsleben und trug Zea auf seinen Armen. Nur nicht mehr blaß und totenbleich, sondern ihr Antlitz leuchtete rot wie die blühende Heide, und lachend strahlte darüber die Sonne aus ihren Augen. Der Aufgefahrene griff mit der Hand an seine Brust. Am Herzen fühlte er einen jähen Schmerz, als sei etwas daran zerrissen oder zersprungen, wie ein Glas, denn ein solcher Klang verband sich damit, schlug ihm deutlich ins Ohr. Nun besann er sich; das Phantasiebild war verschwunden, friedlich und leer dehnte die See sich vor ihm, und im plötzlichen Übergang von der Wirklichkeit in einen vollen Gegensatz der Empfindung gedrängt, mußte er fast lachen. Unweit von ihm machte eines der Schafe einen komischen Rücksprung, glotzte dumm-erschreckt auf etwas vor sich hin. Es hatte in der kleinen Ausrundung der Düne zwischen dem Strandhafer am Boden geschnuppert, vermutlich von einem hervorragenden Stückchen Seetang angeführt, mit der Schnauze ein Loch in den Sand gewühlt und fuhr entsetzt vor einem klirrenden Ton zurück, den es dabei veranlaßt. Das war der Klang wie von einem zerspringenden Glas gewesen, der Tilmar ans Ohr geschlagen. Eine Einbildung seines Gehörs – so war's wohl auch das, womit die Augen ihn überkommen gehabt. Sein Herz klopfte beruhigter; die Erklärung, der Gegensatz, der Anblick des verdutzten Schafes machten ihre Wirkung geltend. Er kam nicht zu einem Lachen, das war seinen Lippen zu fremd geworden, doch unwillkürlich trat er hinzu, um genauer zu erkennen, was den eigentümlichen Ton verursacht habe. Und klar ergab sich's, ein niedergerollter Kieselstein hatte in der Tat an ein im Sand steckendes Glasstück geschlagen. Von dunkelgrüner, fast schwärzlicher Farbe, saß es fest, offenbar mit dem Unterende noch weit in den Boden reichend, von zusammengeschwemmtem Schlamm und Steingeröll gehalten; doch ließ das sichtbare Stück nicht Zweifel, einer augenscheinlich schon seit langer Zeit hier angespülten und untergegrabenen Flasche anzugehören. Es kam natürlich dann und wann vor, daß eine solche von einem Schiff über Bord geriet und Wind und Wellen nahmen sie mit sich, sie allmählich bis an eine zuweilen viele Meilen weit entfernte Küste zu treiben. Auch geschah's – Tilmar erinnerte sich an zwei Fälle aus den Aufzeichnungen Jasper Simmerlunds – daß Flaschen von Fahrzeugen, die mit dem Untergang bedroht waren, absichtlich ins Meer geworfen wurden, um auf einem ihnen anvertrauten Blatt eine letzte schriftliche Nachricht ans Land zu bringen. Der Gedanke wachte den jungen Lehrer auf, während seine Hände mechanisch die Glaswandungen aus dem verfilzten Grund herauslösten, doch ohne sich ihm zu einer wirklichen Mutmaßung zu gestalten. Aber dann hielt er die Flasche in der Hand, sie war unversehrt, fest verkorkt, darüber offenbar noch verpecht, und durch das dunkle, schmutzüberkrustete Glas kam aus ihrem Innern ein matter hellerer Schimmer hervor. Halb ohne Wissen und Denken faßte Tilmar nach einem Stein, zerschlug die Flasche damit, und aus dem abgebrochenen Hals ragte das Endstück eines zusammengerollten Papierblattes. Es war beschrieben, vorsichtig zog er's heraus, setzte sich an den Rand der Düne und las das darauf Stehende: »Ich muß heute schreiben, was notwendig – morgen – ich fühle es – morgen kann ich's nicht mehr. Er kommt näher auf mich zu – er, der Schatten – und wenn er mich berührt, dann – dann ist's vorbei. Zuerst sah ich ihn an dem Abend, als Meinolf nicht zurückkam. Da stand er auf einmal draußen vorm Fenster und sagte etwas. Aber ich konnte es nicht verstehen – jetzt weiß ich's, schon damals sagte er: ›Du wartest umsonst, er kommt nicht – nie – nie wieder.‹ In der Nacht bin ich wohl hingefallen und wußte nichts mehr, denn ich lag neben dem Bett, als jemand davon sprach. Mit dem anderen war' er auf die See hinaus und im Sturm sein Boot umgeschlagen. Da erkannte ich die Stimme, die's sagte – er war's, der Schatten – und ich wußte auch, wie es geschehen, gleich, als ob's ein Blitz mir in den Kopf hineingeschlagen. Das darf ich nicht schreiben – es ist ja auch umsonst und alles tot – er, die Sonne, der Himmel, die Erde, alles tot. Nur das Kind wird leben, sein Kind – darum – ich muß mich besinnen, wie es war. Aus Angst, daß der andere käme, lief ich fort, lange, weit fort. Aber der Schatten war immer hinter mir – auf der Heide, im Wald, bei Tag und Nacht, überall war er hinter mir und wollte mich fassen. Die Blätter wurden gelb – so müd' war ich, ich konnte nicht mehr weiter. Nur für das Kind – das durfte er nicht in seine Hände bekommen – so kalt ward's, und Nebel, lauter Nebel. Ich sah ihn nicht mehr, fühlte nur, es half nicht, immer blieb er hinter mir, wie ein Jagdhund auf der Fährte. Der Blitz, der mir in den Kopf geschlagen, hatte gezündet – es brannte drin, eine Flamme schlug heraus, wie aus unserm Dach im Waldhaus. Daran erkannte ich, wohin ich im Nebel lief und ließ nicht ab – mir fiel ein, auf das Wasser könne er vielleicht nicht nach – ich war klug, sagte dem Kapitän nichts, daß der Schatten hinter mir drein sei, und er nahm mich aufs Schiff. Aber da – der Mond schien hell und auf den Strahlen konnte er über die Wellen nachkommen, zu mir herein in die Kajüte, gestern nacht. Im Schlaf fühlt' ich's, er atmete mich an – nun ist's Tag, und ich weiß, heut' nacht kommt er wieder und hat mich, hält mich – darum muß ich's heute schreiben und das Blatt dazu legen – morgen ist's zu spät. An Gertrud von Rhade auf Helgerslund soll's, es ist ihres Bruders Kind – ich kenn' es nicht und hab's doch lieb – sie wird ihm helfen – ich werd' es nie kennen lernen, denn der Schatten ist zu dicht über mir und der Blitz frißt mir im Kopf –« Abgebrochen endete mit dem letzten Wort die Schrift auf dem Blatt, das Tilmar Hellbeck aus der Flasche hervorgezogen. Noch zwei andere Blätter lagen in jenes eingerollt; das eine enthielt ein mit Namensunterschrift und Kirchensiegel versehenes Dokument, das die rechtsgültig vollzogene Trauung des Freiherrn Meinolf von Rhade mit Eduv Nordwalt, der Tochter des Försters Dirk Nordwalt beurkundete. In fiebernder Hast rollte der junge Lehrer das dritte Blatt auf; ebenfalls beschrieben, tat es kund: »Auf der Hamburger Bark ›Thetis‹. Es hat die Wahnsinnige, die ich unklugerweise mit an Bord genommen, wohl zu frühzeitig ein Mädchen zur Welt gebracht, in voll ausgebrochenem Wahnsinn, daß sie nichts mehr davon gewußt, und ist alsbald nach der Geburt mit Tode abgeschieden. Sie hat aber vorher, da sie noch einen hellen Augenblick gehabt, mich ihr schwören lassen, wie ich's denn aus Mitleid getan, eidlich zu bezeugen, das erwartete Kind sei ihres und ihres verstorbenen Ehemannes, Herrn Meinolf von Rhade auf Helgerslund. Sind wir aber hier am andern Tag, nachdem wir das Feuer von Helgoland passiert, ungefähr wohl auf 55° Breite unversehens in schweren Nordwest geraten, daß außer mir und dem Steuermann alle an Bord drauf schwören, es rühre von der toten Frau und dem Kind her, die beide Ran zugehörten, und die ›Thetis‹ müßt' ihretwegen mit Mann und Maus untergehen. Hoffe ich noch auf Abflauen vom Sturm oder ihnen Vernunft einzureden, daß sie davon lassen, wie sie's vorhaben, die Böte klarzumachen und das Schiff treiben zu lassen, denn bei der schweren See kommt keiner irgendwo an Land. Wenn aber bei ihrer Tollheit nichts hilft und wir mit müssen, geb' ich hier letzte Nachricht von der ›Thetis‹ und halt' dabei mein Gelöbnis, daß ich die Papiere, die mir die Frau gegeben, mit in die Flasche tue und hier mit Handschrift bezeuge, es sei ihr Kind, dem sie auf unserem Schiff gestern zum Leben verholfen. Weiß ich zwar nicht, wozu es noch von Nutzen sein könnte, da das Mädchen ohn' alle Aussicht ist, am Leben erhalten zu bleiben, vielmehr selbst gleichfalls von ihm schon wieder verlassen erscheint. Doch will ich mein eignes nicht zu End' gehen lassen, ohne eines rechtschaffenen Schiffers zugesagtes Wort ehrlich in Erfüllung zu bringen, darum habe ich dies aufgesetzt und zum Zeugnis mit meinem Namen unterschrieben. Weiß keiner, was der unbekannte Steuermann oben vorhat, daß er vielleicht noch zu Besserem verhilft. Bernhard, genannt Beren, Emerich, Kapitän auf der ›Thetis‹. Steuermann Martin Wienbarg bezeugt mit.« Man sah der mehrfach fast unleserlichen Schrift an, daß sie äußerst mühsam bei heftigem Schwanken des Tisches, auf dem sie abgefaßt worden, zu Ende gebracht sei, doch Tilmar Hellbeck kam dies im Augenblick nicht zum Bewußtwerden. Rascher und rascher hatten sich ihm während des Lesens sein Gesicht rot überglühende Blutwellen herausgedrängt, klopften mit fiebernder Hast in seinen Schläfen. Zu wirklichem Denken unfähig, nahm er alles nur mit der Empfindung auf, brachte sich's durch sie zum Verständnis. Doch über allem wogte ihm im Kopf und Herzen ein ungeheures, übermächtiges Gefühl: Aus Sand und See waren diese Schriften in seine Hand gekommen. Nein – halb betäubt sah er über sich – nicht dorther – der Himmel hatte auf sein Flehen gehört und das Wunder, das leuchtende Wunder ihm in die Hand gelegt. XIII. Dietrich Alfsleben befand sich nach dem Zusammentreffen mit Gertrud Brookwald auf dem Rückweg gegen Ekenwart. Der Nachmittag hatte etwas gebracht, das seit Wochen näher und näher herangekommen war, um die beiden eines Tags zu erreichen und, eine Entscheidung fordernd, vor ihnen zu stehen. Diese Entscheidung verlangte unabweislich eine Scheidung, entweder der Gemeinsamkeit des täglich von ihnen eingeschlagenen Weges, oder – eine andere, die einen Weitergang auf diesem, auf einem neuen Weg gestattete. Den Gedanken an sie trug Alfsleben in sich, doch stumm; er konnte ihm nicht Sprache verleihen, und nie war zwischen ihnen durch ein Wort daran gerührt worden. Von Gertrud mußte ein Beginn ausgehen, und nun hatte sie plötzlich den Bann des Schweigens gebrochen, ihren festen Willen offenbart, sich von der unwürdigen Fessel ihres Lebens freizumachen. Auch er wußte, sie hätte den Entschluß nicht gefaßt, wenn er nicht in diesem Frühling wieder in Helgerslund eingekehrt wäre. Von ihr geführt; nicht er hatte es gewollt, sie war es gewesen, die ihn dorthin zurückgebracht. Ja, sie hatte ihn immer geliebt, von früher Jugendzeit auf, und auf ihn gehofft. Und alles Wertvollste hätte sie besessen, ihm zugebracht, für einen schönen, friedvollen Lebensgang. Er fühlte, wie dies Bewußtsein damals klar in seiner Brust gewesen sei, wie sein Herz davon freudig beglückt geklopft habe. Aber da war ein namenloser wilder Sturm, ein Orkan in diese Brust hineingefahren, alles niederbrechend, zerschmetternd, überdonnernd – und wie der Orkan seine blinde Wut in ihm ausgetobt, lag er, einem entwurzelten Baum gleich, hingeworfen auf ödem, verwüstetem Feld – Er? War es ihm selbst denn geschehen oder hatte er nur davon gehört? In so unendlicher Ferne hinter ihm abgesunken lag's – wie in einem anderen Leben gewesen – wie nur in einem bösen Traum. Ja, Gertrud liebte ihn, und immer im heimlichsten der Brust hatte auch er sie geliebt. Und sie hatte seine Hand gefaßt, ihn in einem neuen Leben aus der Öde auf den schönen, friedvollen Weg zurückzuführen, der einst vor ihm gelegen. Spät war's, mit ihr auf dem Weg zu gehen, doch noch nicht zu spät. Noch Sommerneige war's, der ein warmer Herbst folgen konnte. Und nur ein böser Traum – Langsam schritt Dietrich Alfsleben durch den Wald, der Schlag des Herzens in ihm stand im Einklang mit seiner Gangbewegung. Es klopfte von einem ruhevollen Glück, einem zweiten, das ihm dieser Frühling gebracht. Einen Sohn hatte er gefunden und jetzt die Liebe, die seit Jugendtagen unverändert am Wegrand auf sein Kommen geharrt. Von der Seite her klang ein anderer Fußtritt; Dirk Westerholz war's, den Hut lüftend, trat er heran, auf dem Rückweg zum Schloß begriffen. Der Freiherr hätte lieber seinen Gang allein fortgesetzt, und doch auch war ihm in einer undeutlichen Empfindung ein Losgelöstwerden von den in ihm treibenden Gedanken erwünscht; so forderte er den Förster auf, ihn zu begleiten, richtete wirtschaftliche Fragen an den neben ihm Gehenden, der kurz, fast noch wortkarger als sonst, darauf erwiderte. Sie waren nicht weit mehr von dem Herrenhaus entfernt, als einmal hoch über ihnen aus den Buchenkronen ein heller Vogelruf wie »Milo« oder »Bülow« herabscholl. Alfsleben hatte nicht acht gegeben, doch der besonders klangvolle Ton ließ ihn fragen: »Was war's?« Sein Begleiter antwortete: »Ein Pirol – die Golddrossel.« Verstummend machte er eine Anzahl Schritte weiter, während der Vogel seinen Ruf wiederholte. Dann hielt der Förster den Fuß an und sagte: »Herr Baron –« »Ja – was habt Ihr, Dirk?« »Ich erzählte Ihnen in einer Nacht drüben auf der Heide von einer Golddrossel. In einem Käfig hatte ich sie sicher eingesperrt, und er geriet in Brand mit dem Wald umher. Damals sprach ich Ihnen, mir liege nicht dran, wenn Sie zur Stadt führen, dem Richter anzuzeigen, Ihr Förster heiße Dirk Nordwalt und trage eine Brandschuld auf sich.« Der Freiherr blickte den Sprecher an. »Ihr wißt, daß ich es nicht getan. Warum – was gibt Euch Anlaß, mir heut' wieder davon zu reden?« »Der Vogelruf. Wenn die Golddrossel damals verbrannt wäre, müßte ihr Gesang aufgehört haben.« »Ich verstehe Euch nicht, Dirk.« »Sie könnte nicht mehr, nicht wieder da sein, wenn ich ein Mörder gewesen wäre. So war ich's nicht, denn gestern sah ich sie –« Alfsleben fuhr zusammen. »Wen – wen saht Ihr?« »Nicht dieselbe, ihr Gefieder müßte anders geworden sein. Doch eine von der gleichen Art, ihr so gleichend, daß sie von der nämlichen Brut herstammen muß. So kann die erste nicht in Flammen und Rauch umgekommen sein, und Sie sind der Pflicht enthoben, Herr Baron, zum Gericht zu fahren.« Der Freiherr hatte die Augen von dem Gesicht des Försters abweichen lassen, fiel jetzt hastig ein: »Ich wußte, es, daß Ihr sie nicht – man kann so träumen – Ihr hattet einen bösen Traum – darum behielt ich Euch bei mir, und was Ihr gesagt, losch mir im, Ohr aus. Ihr habt gestern wieder geträumt, mit wachem Blick ein Gaukelbild gesehen, ein andermal sprecht mir davon. Ich habe Eile, im Hause etwas herzurichten, will hier den nächsten Weg – was wollt Ihr noch sagen?« Westerholz stand ungewiß zaudernd. »Draußen auf der Heide war's, dort sah ich sie beide miteinander. Ich saß auch einmal so mit Swenna Zurhaiden, ehe der hohe Herr mich nach Schweden hinüberschickte. Das ließ mir die Golddrossel ins Haus fliegen, für das sie zu vornehmer Herkunft war. Sie trug noch mehr in sich, als was man altes Blut heißt, aber ich weiß nicht, Herr Baron, ob Sie Gefallen dran –« Dietrich Alfsleben machte beinahe heftig eine abwehrende und abschneidende Handbewegung. »Morgen, Dirk – ich sagte Euch, daß ich nicht Zeit habe, und Ihr scheint nicht zu wissen, was Ihr sprechen wollt. Euer Weg geht dort – ein andermal!« Dietrich Alfsleben bog rasch in einen Fußpfad ein, merkbar aus nicht verhehlter Abneigung, den Äußerungen des Försters weiter zuzuhören. Sie waren ihm unverständlich gewesen, doch etwas aus ihnen hervorgekommen, wie ein sich in die helle, warme Sonne nach ihm aufreckender Schatten, ein frostig anrührendes Gefühl, das er mit einem Kopfruck von sich abzuwerfen suchte. So schritt er eilig fort, an dem Hügel mit den alten Eichen vorüber. War's, wie man sagte, ein Gruftmal und lag ein Toter aus ferner Vorzeit unter ihren Wurzeln? Die Märe sprach's, doch kein Auge hatte es gesehen, niemand wußte davon. Vielleicht war es nur ein Wahn, nichts drunten in der Erde, ein Wahn, einmal von einem Traum erzeugt. Was ging ein Traum den Wachenden, was ein Toter der Vorzeit die Lebenden an! Dietrich Alfsleben trat auf den freien Platz vorm Schloß hinaus, blau lag der Himmel über ihm, er hatte den kalten Schatten hinter sich zurückgelassen. Nun begab er sich ins Haus, ordnete an, daß im oberen Stockwerk die beiden größten, ineinandergehenden Zimmer sogleich zur Aufnahme eines Gastes in Stand gesetzt werden sollten. Eine Zeitlang wohnte er der Ausführung seines Gebots bei, legte selbst da und dort Hand an, Einrichtungsstücke anders zu stellen, die Räume dadurch anheimelnder zu gestalten. Dann ging er in den Park zurück; Blütezeit der Rosen war's, und er schnitt von einem Beet eine Fülle weißer und roter, hastig, ohne der Dornen zu achten, die ihm die Hände ritzten; eine Woge süßen Duftes umgab ihn. Der berechnende Verstand sagte ihm zwar, die Eile sei unnötig; Gertruds Willenserklärung ihrem Manne gegenüber, ob mündlich oder schriftlich, erforderte Zeit, auch sie hatte einen Rückweg zu machen gehabt, im günstigsten Fall mußte noch eine Stunde vergehen, eh' sie eintreffen konnte. Kam sie denn gewiß? Sein Herz klopfte wie das eines Jünglings, der zum erstenmal das Kommen eines geliebten Mädchens erwartete. Eine schreckhafte Vorstellung tauchte in ihm auf. Er hätte nicht von ihr gehen, in ihrer Nähe im Helgerslunder Park bleiben sollen. Wenn ihr Mann sie nicht fortließ, gewaltsam hinderte? Doch das gleiche hatte sie sich selbst gesagt, zweifellos nicht mit ihm geredet, sondern geschrieben. Denn ihre Entscheidung war getroffen und sie wollte und mußte kommen; nicht mit Worten nur, unverbrüchlich hatten ihre Lippen es schweigend gesprochen, als sie den Kuß erwiderte. Nein, er war kein bedachtloser Jüngling gewesen, ein Mann, der Herrschaft über sich bewahrt. Nicht von Helgerslund entführen hatte er sie wollen, nicht, nachdem sie ihre Fessel gesprengt, allein mit ihr auf dem Weg durch den Wald gehen. Als Schutzsuchende kam sie in das Haus eines Jugendfreundes; auch hier wollte er nie mit ihr allein sein, ihr Zimmer nie betreten, bis die Scheidung gesetzlich vollzogen worden. Kein Anhauch eines Makels sollte sie berühren, sie war ihm das junge, aufblühende Mädchen aus unendlich fernen Frühlingstagen, eine erste Liebe. Fragend sah er auf die Rosen. Sollte er die roten zu den weißen tun, nicht diese allein ihr zum Empfangsgruß auf den Tisch stellen? Sein ergrautes Haar war in diesem Augenblick doch das eines Jünglings, fast noch eines Knaben. Eine einzige der roten Blüten wählte er aus, die allein wollte er geheim, nur leise vorschimmernd unter den weißen verbergen. Nun wandte er sich zum Haus zurück. Es begann doch schon abendlich zu werden, die Sonne war hinter hohe Buchenkronen getreten und das Schloß lag im Schatten. Im Saal des Erdgeschosses nahm er eine Vase, den Strauß sorglich hineinzuordnen; wie er damit beschäftigt stand, sprach's fröhlichen Klanges hinter ihm: »Bist du zum Rosenfreund geworden, Vater? Wie schön sie sind, die roten besonders!« Der Angeredete blickte um. »Du, Meinolf? Liebst du sie nicht? Für deine Jugend blühen sie doch auch – ich habe mehr, als ich brauche. Gefallen die roten dir – da, nimm sie und gib sie Unna Brookwald –« Er stockte beim letzten Wort, bedachtlos war's ihm entflogen. Das hatte dieser Nachmittag ja zunichte gemacht, den früheren Wunsch und Plan, er konnte nicht mehr weiterbestehen. Aber das eigene neue Leben, der eigene Herzensdrang war über dem, was kaum erst einen Keim angesetzt haben mochte, und Dietrich Alfsleben fügte in Hast hinterdrein: »Nein – für dich –« Lachend fiel Meinolf ein: »Ich behalte sie auch lieber für mich, es wäre schad' um sie, denn sie würden wohl verwelkt sein, bis ich wieder nach Helgerslund komme. Was geht droben in den Zimmern vor, Vater? Ich sah's, wie ich heim kam; erwartest du Besuch?« »Ja, Meinolf, ein Gast hat sich bei mir angemeldet.« »Und für ihn sind die Rosen auch?« Verwundert klang's und noch mehr Staunen erregend die unverständlich seltsame Antwort: »Ja – denn die Jugend, das Glück, das Leben kommt zum Besuch. Nein, nicht als Gast – um immer hier zu bleiben, Meinolf.« Der junge Mann wollte mit einer Frage antworten, doch das Geräusch eines schnellen Fußtrittes auf dem Schloßflur ließ ihn den Kopf nach der offenstehenden Saaltür umdrehen. Und im nächsten Augenblick sagte er mit einem Ton der Überraschung: »Ich glaube, Frau von Brookwald –« doch unmittelbar darauf rief er aus: »Was ist Ihnen –?« Auch Dietrich Alfslebens Kopf fuhr herum, und ein Jubelruf flog ihm vom Mund: »Gertrud! Du bist's schon!« Sie war's, sichtlich von überschnellem Gang oder Lauf erschöpft, noch vergeblich nach Atem ringend. So stand sie auf der Schwelle, mit der einen Hand sich am Türpfosten stützend, doch nicht dem Leben gleichend, das der Schloßherr zu Gast erwartete, sondern mit einem Angesicht weiß wie der Tod. Ihre andere Hand hielt ein von rüttelndem Zittern des Arms hin und her schwankendes Papierblatt, und nun rang sie ein Wort von den Lippen, aus der Brust herauf, einen Schrei: »Judas!« Der, dem sie den Ruf entgegenwarf, fuhr zurück und starrte sie sinnbetäubt an. Da hatte sie den Atem erlangt, mehr als das eine Wort hervorzustoßen, doch wiederholte sie es nochmals: »Mit einem Judaskuß betrogst du mich – du hast ihn getötet – gemordet!« Man sah, sie sprach und handelte ohne Besinnung. Ihre Hand schleuderte das Blatt vor seine Füße hin, sie schrie noch einmal auf: »Ein Mörder!« Dann stand die Türöffnung leer und wie eine gespenstische Traumerscheinung weniger Augenblicke war Gertrud Brookwald vor dem Gesicht Meinolfs verschwunden. Ein Stoß gegen den Tisch hatte die Vase herabgestürzt, zwischen deren Scherben die weißen Rosen über den Boden geflogen; auf einen Sessel niedergetaumelt lag Dietrich Alfsleben, seinen abgewandten Kopf in das Polster vergrabend. Die Hand des Sohnes griff ihm nach der Schulter: »Vater – was war – was ist dir –,?« Eine Weile vergeblich, er regte sich nicht, doch dann hub er langsam den Kopf und drehte ihn der Tür zu. Nun rang ein schwerer Atemzug aus ihm auf, wie er nichts mehr in jener gewahrte und er murmelte: »Der böse Traum.« Aber seine Augen senkten sich zum Boden herab, gingen über die Rosen hin nach dem Blatt, auf dem sie starrblickend haften blieben. Ein leerer, bewußtloser Ausdruck lag in ihnen, sein Mund öffnete und schloß sich wieder, eh' er flüsternden Tones hervorbrachte: »Was ist das?« »Willst du's?« Meinolfs Kopf war unfähig, sich irgendein Verständnis zu gestalten; er trat vor, hob das Blatt auf und reichte es seinem Vater dar. Der streckte die Hand danach, doch fast zugleich mit der Bewegung stieß er einen Angstschrei aus: »Nein – es ist rot – wovon? Weg – weg!« Und wie von einem Stoß aus dem Boden herauf in die Höh' geschnellt, warf er, emporspringend, Meinolf von sich zurück und war, bevor dieser seine Sinne gesammelt, aus dem Saal verschwunden. Hinter den Buchen, über die Heide ging die Sonne zur See hinunter, doch es ward nicht dunkel, nur die Art des Lichtes verwandelte sich. Harrend stand schon seit geraumer Zeit der beinah völlig gerundete Mond im Osten aufgestiegen, und gleichmäßig wie die Abendrothelle langsam hinlosch, nahm sein Glanz zu. Dann war er der allein Herrschende, doch nicht nur in der Luft und durch seine Strahlenkraft. Auch drunten auf der Erde übte er seine alte, geheime Macht. Zwar nicht an ihrer festen Rinde, aber an der immer hierhin und dorthin spielend-beweglichen. Die Flut trat ein, und obwohl kein Wind sie trieb, rauschte sie doch mit stärkerer Wucht als sonst auf den Strand, ließ den weißschäumenden Brandungsgürtel draußen höher aufschwellen, das Brausen seines Übersturzes deutlicher und weiter vernehmen. Die silberglänzende Himmelsscheibe hob sich die Nordsee entgegen, denn sie schritt zum Vollmond vor, dem mit unsichtbarer Kraft den Wellen Gebietenden. Bis nach Ekenwart drang das Rauschen nicht, dort lag alles in tiefer Stille der Sommernacht. Den Angehörigen des Gutes und den Schloßbewohnern brachte sie nach heißem Arbeitstag erwünschte Ruhe, doch nicht allen; Meinolf Alfsleben schlief nicht. Er hatte die Schrift auf dem Blatt, das die Hand seines Vaters nicht berühren gewollt, gelesen; Manches darin war ihm unverständlich geblieben, aber eines, im Zusammenhalt mit dem plötzlichen Erscheinen der Frau von Brookwald, ihren besinnungslos ausgestoßenen Worten, ihm allmählich klar und zweifellos geworden. Mit einem jähen Schreck faßte diese Erkenntnis ihn an; sie warf ihm ein aufhellendes Licht zurück über Dunkles, Unbegriffenes seiner Jugendzeit im Vaterhause bis zu diesem Frühling hin. Stundenlang ging er in seinem Zimmer auf und ab, suchte sich das wie durch einen Nebel aus dem Brief Anblickende zu deutlicher Vorstellung zu entwirren und zu gestalten. Und mehr und mehr nach dem ersten Schaudergefühl überwältigte ihn ein tiefes Mitleid mit dem unglücklichen Manne, der fast zwanzig Jahre lang, verschlossen in der Brust, Entsetzliches in sich getragen. Entsetzliches, von blinder Leidenschaft und verstörten Sinnen Erzeugtes, doch nicht Ehrloses. Und dieser unglückliche, jählings heut' von einem Rätsel, diesem Blatt, hilflos, gebrochen zu Boden geworfene Mann war sein Vater, der ihn immer heimlich geliebt hatte, doch von dem Bewußtsein jener Tat scheu zurückgeschreckt worden, seine Liebe zu offenbaren. Nein, nicht Abscheuerweckendes war's – nur ein Verhängnis, ein furchtbares tragisches Geschick. Meinolf empfand alles mehr, als daß er es fest in Gedanken zusammenzufassen vermochte. Aber diese Empfindung drängte ihn unwiderstehlich zum Zimmer seines Vaters hinüber. Er klopfte; es kam keine Antwort; seine Hand suchte die Tür zu öffnen, doch sie war verriegelt. Nun klopfte er wieder und rief mit bittender Stimme: »Vater, laß mich zu dir!« Wiederum umsonst, aber dann klang's einmal von drinnen: »Geh' und schlafe – morgen.« Er kannte seinen Vater, daß weiteres Bitten aussichtslos sei, und er begab sich in seine Stube zurück. Fast taghell lag das Mondlicht drin, Glanz rann und rieselte draußen von allem Gezweig. Eine Nacht war's, wie die erste nach seiner Ankunft auf Ekenwart, nur aus dem Frühling Sommer geworden; wie damals legte er sich ins offene Fenster. Ab und zu schlug die Schloßuhr; dann hob sich einmal ein anderer Klang durch die Stille, ein heller, köstlicher, jubelnder. Die Nachtigall sang noch; ihre Zeit war eigentlich vorüber, aber die zauberische Nacht trieb sie noch zum Singen. Über Meinolfs Sinne und Seele floß aus ihren Tönen etwas wundersam Beschwichtigendes. Er fühlte noch das gleiche, tiefe, schmerzliche Mitleid mit seinem Vater, doch dem Herzschlag in ihm, seinem eigenen Leben war nichts Unwiederbringliches verlorengegangen. Eigensüchtig war's, aber es klopfte plötzlich jubelnd in ihm, wie der Schlag der Nachtigall. Vor ihm verwandelte sich der Park und der weiße Mondglanz, sie schwanden fort, und statt ihrer lag vor seinen Augen Goldsonnenlicht über der blühenden Heide. War es nur eigensüchtig? Nein, auch das nicht, freudig antwortete es sein Herz jetzt. Sein Mitleid war nicht ohnmächtig, eine Fee hatte es mit einer Wunderkraft begabt, einem Heilmittel auch für das wunde Gemüt des Unglücklichen. Morgen – das von diesem gesprochene Wort gewann Meinolf eine andere Deutung – ja, morgen ging er hinaus, seinem Vater von der Heide jene Fee selbst ins Haus zu bringen, den Frühling, die Jugend, ein neues Leben. Ein Tun ließ ihn halb unbewußt den Kopf umwenden. War noch eine Tür im Schloß gegangen? Er horchte kurz, doch mußte er sich getäuscht haben, alles war lautlos, und er lehnte sich ins offene Fenster zurück. Aber dann klang drunten im Park ein leises Knirschen, wie von einem behutsam sich auf dem Kiessand fortbewegenden Fußtritt. Das Mondlicht lag hell, doch zugleich auch silberne Schleier webend über dem Schloßplatz; unwillkürlich strengte Meinolf seine Sehkraft an, und einen Augenblick bedünkte es ihn, als unterscheide er dort, von woher der knirschende Ton aufscholl, eine schattenhafte Gestalt. Dann zerging sie, wenn ihn nicht überhaupt nur etwas getäuscht. Aber danach war's ihm wieder, als sei sie doch und von der Größe und dem Umriß seines Vaters gewesen. Das Ungewisse brachte seine in der letzten Stunde ruhiger gewordenen Nerven wieder in Erregung – wenn es sein Vater war, wohin und was wollte er in der Mitternacht? Er mußte sich Gewißheit verschaffen, schnell handelnd ging er in den Park hinunter, der Richtung nach, in der er sich die Schattengestalt fortbewegen zu sehen geglaubt. Und da tauchte sie wieder vor ihm auf, jetzt zweifellose Wirklichkeit und nun unverkennbar die seines Vaters, der etwas in der Hand trug, woraus der Mond wie aus einem Spiegel ein Strahlengefunkel zurückwarf. Meinolf sann vergeblich, was es sei, doch dann erkannte er's bei einer Drehung, die Fläche eines Spatens war's; geräuschlos den Fuß aufsetzend, folgte er mit unnötiger Vorsicht nach, denn das Ohr Dietrich Alfslebens gab auf nichts acht. Offenbar hatte er ein Ziel im Sinne, dem er zuschritt, dem Hünengrab mit den alten Eichen; hier hielt er an, stieß den Spaten in den Boden und begann, Erde aufwerfend, ein Loch zu graben. Dann zog er etwas unter seinem Rock hervor, das er in die Höhlung hineinsenkte; Meinolf war dicht hinter ihn hinangetreten, legte ihm jetzt sanft die Hand auf die Schulter und sagte liebevollen Tones: »Lieber Vater, was tust du?« Der Angesprochene drehte den Kopf um, doch nicht überrascht, noch erschreckt. Heimlich raunend erwiderte er: »Du bist mein Sohn, ich kenne dich. Willst du mir helfen? Das ist gut – aber wir müssen still sein, das Loch ist noch nicht groß genug, es muß tiefer hinein.« Er bückte sich, hob den Gegenstand wieder aus der Erde und sagte: »Halte sie so lang', bis ich tiefer gegraben.« Etwas Kaltes, Metallenes berührte Meinolfs Hand, ein Schauer überlief ihn, eine Pistole war's, und das Licht ließ erkennen, die alte Pistole, die Nathan Aronsohn aus dem Strandsand herausgeklaubt und die er jenem abgekauft, um sie seinem Vater für die Waffensammlung zu bringen. Und zugleich durchfuhr's ihn mit einer Erinnerung an den Abend, die Nacht, wie er noch einmal in den Saal herabgekommen und die Pistole dort nicht mehr auf dem Tisch gelegen, obwohl sein Vater sie geringschätzig zurückgeschoben und beim Hinaufgang ins Schlafzimmer nicht mit sich genommen hatte. Dietrich Alfsleben aber ließ das Grabscheit, mit dem er einige Stiche gemacht, wieder rasten, und sprach vorsichtig gedämpft: »Anhänglichkeit war's von ihr, ich stieß sie weg, aber sie ist aus dem Wasser zu mir zurückgekommen. Darum will ich ihr ein gutes Bett richten, nur muß sie drin schlafen, fest schlafen. Sie war allein dabei und weiß es, sonst niemand, gar niemand – und wenn sie schläft und schweigt, da kann ich der anderen sagen – der mit dem weißen Gesicht: ›Nichts weißt du, gar nichts. Du lügst! Grab' den ganzen Hügel um, ob etwas drin ist – ein Toter, ein Schädel, Knochen – nichts ist drin, nichts – nur ein Wahn, eine Mär sagt davon. Die hat einmal jemand geträumt, aber das geht uns nicht an, sie und mich nicht.‹ Wir legen die Rosen drauf, erst die weißen und dann die roten, und decken's damit zu – ganz dicht –« Die Worte und ihr Ton faßten Meinolf mit einem unheimlichen Gefühl an, er ergriff eine Hand des Sprechers und bat: »Komm, lieber Vater – du gehst und sprichst im Traum – ruh' dich aus.« Eine Bank stand unweit, zu der zog er ihn mit sich, darauf nieder und saß, seine Hand festhaltend, neben ihm; so sagte er nach kurzem Schweigen! »Ich weiß, was dich quält – du hast Meinolf Rhade im Zweikampf erschossen – deinen liebsten Freund – mit der Waffe da, die ich dir ahnungslos wiederbringen mußte. Ein Verhängnis war's, das über Euch gekommen, das sein Leben nahm – so hätte es auch deines nehmen können, und er trüge heut' deine Last.« »Er? Glaubst du's? Ich wollte, er tät's. Mir fehlte – ich hatte keinen Sekundanten. Willst du mein Sekundant sein?« Irre Rede war's; der Hörer sann und suchte nach dem richtigen beschwichtigenden und erlösenden Wort. Das gradeste deuchte ihm das beste, und er versetzte, die Hand in der seinigen mit festem Druck umschließend: »Ja, sein Tod liegt auf dir, du hast ihn getötet. Aber seiner Schwester Gram häufte Unrecht auf dich, ich, dein Sohn, nehme es von dir. Nicht gemordet hast du ihn – besinne dich – du bist kein Mörder, Vater.« Dietrich Alfsleben duckte sich zusammen. »Sagst du's? Du mußt es wissen – du bist mein Sohn und mein Sekundant. Komm –« Sein Arm machte eine Bewegung, als ziehe er Meinolf mit sich. »Da ist das Boot – das andere ist schon voraus, draußen, weit draußen. Nun kommen wir nach – du weißt, wie die Abrede ist. Nebeneinander segeln wir, dann trennen wir uns und kommen zurück, und dann –« Da dreht er aus dem Wind und hält und spricht. Was sagt er? Unsere Freundschaft von Kindheit auf – ich soll auf ihn zielen, er wird's nicht tun – seine Hand traf mich, nicht sein Herz. Weh tut's ihm, daß ich leide – nicht er hat's gewollt, ihr die Wahl freigegeben – und Eduv hat gewählt – Der Name – er ist über seinen blauen Augen, die mich ansehen. Meine Hand schleudert ihm zu: »Fort!« Aber er bleibt, sein Mund spricht noch einmal. Sie kann seit gestern nicht nochmals wählen, ist nicht mehr seine Braut. Sie gehört ihm, ist sein Weib – Wird die See schwarz? Was noch länger! Hier! Jetzt! Du bist ein Räuber – wehr' dich! Der Lauf fährt in meiner Hand auf, gegen ihn. Erbarmen! Reißt mir den Arm herunter! Wenn er nicht lebt, ist sie nicht sein Weib – Er sieht's in meinen Augen und greift auch nach seiner Waffe – da – Seine Hand losreißend, von der Bank aufspringend, stieß Meinolf einen Schrei aus: »Vater –!« Dietrich Alfsleben hob langsam einen irren Blick zu ihm empor, fuhr mit flüsternder Stimme fort: »Du mußt es wissen – du bist mein Sekundant, Konnte er sich schon wehren, mein Leben für seines nehmen? Er wollte es jetzt, um ihretwillen, um seines Weibes willen. Oder krachte mein Schuß um einen Augenblick früher, eh' er's konnte? War er noch nicht bereit – und ich – um – einen – Augenblick – ?« Geisterhaften Ausdrucks sah der Sprecher in das Gesicht Meinolfs, der sich jählings vor ihm auf die Knie warf, seine beiden Hände ergriff, sie rüttelte und stammelte: »Vater – wach' auf! Du träumst, du bist – nimm zurück, was du gesagt! Besinne dich – es war nicht so –« »Still! Sie hat's gesehen und getan, darum kam sie aus der See wieder zu mir. Nur um einen Augenblick zu früh – was ist ein Augenblick? Sie muß in die Erde, dann weiß es niemand; war's ein ehrlicher Kampf? Er wollte mein Leben, und ich war schneller und nahm seines. Nur der Augenblick – hilf mir, sie einscharren, und ich bin kein Judas und kein Mörder –« Noch die letzten Worte des Irrsinnigen klangen ins Leere, denn Meinolf war in die Höh' gesprungen und davon gestürzt. Auch ihn hatte die klare Besinnung verlassen, nur ein dumpf wogendes Gefühl kreiste in ihm. Ziellos lief er gradaus vorwärts durch die Mondnacht; hinter ihm drein kam etwas, dem er entfliehen mußte. Ein Schatten, unhörbar und doch mit einer Stimme, denn aus dem irrklopfenden Herzen Meinolfs hervor rief sie: »Haltet ihn – den Sohn des Mörders!« Spät war's, und außer ihm gab's wohl in weitem Umkreis nur noch wenige, über die der Schlaf nicht Herr geworden, zumeist nach ältestem Erdenbrauch von Last und Leid Beschwerte, denn zu aller Zeit waren Glück und Freude auch hold geschäftig, Lider mit süßer Ermüdung zu schließen, doch der Gram hielt in bitterer Starre die Wimpern auseinander. Er tat's auf Helgerslund, wo Gertrud Brookwald noch mit glanzlosen Augen ins Leere blickend saß. Nicht jugendlich mehr, um viele Jahre schien sie in Stunden gealtert, eine lebensmüde, und doch schlaflose Frau, über ihr hatte Pandora den Sack Nathan Aronsohns geöffnet, und unter dem, was sie ausgeschüttet, lag zerschmettert der noch einmal glückvoll aufgewachte Herzschlag der Jugend, die Liebe, die Hoffnung eines neuen Lebens. Ein Trug nur waren sie gewesen, zergangen wie ein Traum, und vor dem starren Blick Gertrud Brookwalds war nichts geblieben, als die Erkenntnis, warum Dietrich Alfsleben fast zwanzig Jahre lang nicht mehr nach Helgerslund gekommen. Gleich einem Toten – nun war er's. Heute war er es für sie geworden. Drüben auf der kleinen Insel Herdsand war eine andere Gabe herabgekommen, und nicht Pandora, Flora schien sie aus ihrem Blütenfüllhorn niedergeschüttet zu haben. Von Tilmar Hellbeck ins Pfarrhaus zu Loagger gebracht, hatte sie dort ungewöhnlich lang bis tief in die Nacht alle Augen geöffnet erhalten. Noch nicht mit Leid, mit einem märchengleichen Wunder, das nach sprachlosem Staunen, vielstündigem Reden und vergeblichem Sinnen über die Lösung des Rätsels süßbetäubenden Mohn auf die Lider Zea Hollesens – Zeas von Rhade – gelegt. Sie schlief; nur der Pastor und seine Frau wachten noch. Unerklärbares enthielten die Schriftstücke der aus dem Sand heraufgekommenen Flasche, doch Unanzweifelhaftes; Christian Hollesen konnte es noch nicht entwirren und deuten, aber als letztes vor dem Schlafengehen sagte er zu seiner Frau: »Das hat Fritz Brookwald gewußt.« Dann wachte nur ein einziger mehr in Loagger. Im kleinen Schulhause in der Kammer neben der Schulstube saß noch bei einer Talgkerze der junge Lehrer Hellbeck. Sein Fenster stand offen, und er hörte auf die Wellen hinaus, die von der Mondflut an den Strand rauschten. Was sagten sie? »Morgen – morgen!« Der Himmel hatte das leuchtende Wunder in seine Hand gelegt, und manchmal kam es wie ein Aufglanz in seine Augen. Aber was die Wellen weiter sprachen, verstand er nicht. Nun streckte er die Hand nach dem Sims aus, nahm ein Buch herab, über das er sich bückte. Glück schloß ihm nicht die Augen, und nicht Leid hielt sie ihm geöffnet, aber doch konnte er nicht schlafen. Und er las nochmals wieder den Bericht Jasper Simmerlunds von dem Kinde, das Henning Wittkop einst aus dem Untergang der »Thetis« und der »Providentia« rettend aus seinen Armen an den Dorfstrand hierher in diese Stube getragen. XIV. Wenig Stunden hindurch nur erhielt sich die nächtige Herrschaft des Mondes; höchste Sommerzeit war's, und rasch nahm die Sonne ihre Oberhoheit wieder an sich. Während ihrer kurzen Abwesenheit lieh sie ihm ihre Lichtmacht, doch entzog sie ihm diese im Augenblick ihrer Rückkehr. Nur als ein Spielzeug ihrer souveränen Laune erschien seine Glanzpracht; mit dem ersten Wurf ihrer Goldstrahlen zog sie ihm das silberne Gewand von den Schultern, und als ein armseliger, der königlichen Gnadenzeichen entkleideter Vasall stand er da, einem zerrinnenden Wölkchen gleich, schien sich in seiner Dürftigkeit vor den Augen zu bergen, die nicht mehr nach ihm sahen. So schwand er unbeachtet in nichts, schon geraume Zeit, eh' er seinen Weg bis an den westlichen Himmelsrand zurückgelegt, und leise rannen die ebbenden Wellen der Nordsee ihm vom Strande nach. Für sie blieb er, trotz seiner Entthronung in der Luft, doch der Gebieter, gegen den sie sich nicht auflehnten; sie wußten, er kehrte am Abend wieder, mächtiger noch als gestern, sie zum Gehorsam zu zwingen. Jene aber, die große Herrin des Tages, hob sich nun voll unter der funkelnden Krone auf ihren blendenden Goldthron. Und wie eine Fürstin, die mit eigenen Augen sich von allem zu unterrichten trachtet, suchte sie den Strahlenblick in jeden verschatteten Winkel ihres weiten Reiches zu heften. Ein paar Stunden vergingen so, da fand sie auch einen Durchlaß zwischen grauen Buchenstämmen und Laubgewirr, und unter diesem blitzte sie auf die geschlossenen Lider Meinolf Alfslebens. Ziellos durch den Wald laufend, war er gestrauchelt, hingefallen und nicht wieder aufgestanden; Ermattung hatte ihn kraft- und willenlos gemacht, dann seine verworrenen Sinne mit dumpfer Schlafbetäubung überwältigt. So lag er, neben der Baumwurzel, die ihn zu Fall gebracht, auf einer Moosdecke, und nun ließ der grad' in sein Gesicht gezielte Goldpfeil ihn emporfahren. Bewußtlos blickte er erst um sich, begriff nicht, wo er sei, bis ihm plötzlich die Erinnerung kam. Und mit einem Schlage völlig überhellt stand alles gestern abend und in der Nacht Geschehene vor ihm; kein Schreckenstraum, gewisse, unabänderliche Wirklichkeit. Ein frostiger Schauer durchlief ihn, doch ein körperlicher war's, von der Taukühle seines nächtlichen Lagers verursacht, nicht aus seinem Innern, dem rückgekehrten Gedächtnis herauf. Etwas Unbewußtes mußte während des Schlafes in ihm vorgegangen sein, ihm selbst zunächst nicht erklärbar. Aber anders sah das gleich einem Blitz auf ihn Niedergefahrene ihn in der freudigen Morgenhelle der Waldstille hier an, als in der gespenstischen Mondnacht an dem alten Grabhügel. Wohl entsetzlich; sein Denken wich davor zurück, vor der Vorstellung einer Wiederbegegnung mit seinem Vater. Ohne es denken zu wollen, empfand er, ein weiteres Zusammenleben mit jenem sei für ihn nicht möglich. Wenigstens jetzt nicht – vielleicht später, wenn die Zeit, Jahre darüber hingegangen. Jetzt mußte er Ekenwart verlassen, fort, in die Weite, zu seinem Beruf zurückkehren, sich durch ihn einen eigenen Lebenshalt schaffen. Ihn durchrüttelte es dabei – sein Beruf war, die Hoheit des Rechtes und Gesetzes zu erhalten, Schuld zu erforschen, aus ihrer Verborgenheit ans Taglicht zu ziehen und als Richter zu strafen. Ihm klang's schaudernd im Ohr auf, daß er am Abend seiner Ankunft lachend ahnungslos gesprochen, Themis werde sich trösten, wenn sie noch drauf warten müsse, ihn als Staatsanwalt zu sehen. Nur eine sich aufdrängende furchtbare Vorstellung war's, wesenlos, sogleich in nichts zerfallend. Recht und Gesetz legten ihm eine Pflicht auf, doch sie selbst erkannten ihm eine andere zu – dem Sohn ein höher darüberstehendes Naturrecht, Sein Schweigen brach nicht Pflicht und Gelübde; hier hatte er keines Richteramtes zu walten. Was alles war ebenso wie gestern, und dennoch lag's in der hellen Morgensonne anders um ihn und in ihm. Er dachte darüber, woher die Veränderung gekommen, und ihm ging's auf: wie etwas Fremdes, einem anderen Geschehenes war's ihm geworden. Er trug keine Mitschuld, sein eigenes Gewissen belastete die verbrecherische Tat nicht, sein eigenes Leben rührte sie nicht an. Nichts verband ihn mit dem Ermordeten, als der gleiche Name, der ihm beigelegt worden; er hatte ihn nicht gekannt, für ihn war der Tote ein Fremder, nichts als ein inhaltloser Name. Des Vaters Schuld fiel von ihm ab, vor ihm selbst und vor allen, außer vor denen, die das gleiche Blut mit Meinolf Rhade in sich trugen. Nur Frau von Brookwald und ihrer Tochter vermochte er nicht mehr ins Gesicht zu blicken, sie, konnten ihm entgegenrufen, daß er davor verstummen mußte: »Du bist der Sohn des Mörders!« Aber zu jedem sonst durfte er die Augen aufheben wie zuvor. Der jähe Einbruch des Schrecklichen hatte ihn gestern übermannt, ihm den Kopf betäubt. Jetzt fand er die Besinnung und ruhige, klare Erkenntnis wieder. Vogelstimmen klangen über ihm im Laub, und bunte Schmetterlinge kamen geflattert, wiegten sich auf farbenfrohen, von den Sonnenstrahlen überflossenen Blumen; nah' vor seinen Augen schlug ein großer prachtvoller Falter tiefblau schillernde Flügel auseinander. Die Natur war unverändert, freudiges Leben genoß überall die ihm zugemessene Zeit, und schön war's, mit klopfendem, sehnsüchtigem Herzen diesem Leben mit anzugehören. Meinolf saß und übersann die Zukunft, die er sich gestalten mußte, womit er sie beginne. Nach dem Lesen des von Frau von Brookwald zurückgelassenen Briefes hatte er den Vorsatz gefaßt, heut morgen seinem Vater als ein Heilmittel eine Tochter ins Haus zu bringen; das war ausgelöscht, Zea konnte und sollte Ekenwart nicht betreten. Noch anderes, mußte geschehen, heut', in der nächsten Stunde, etwas, das er wohl schon früher hätte tun müssen. Aber so unsagbar köstlich war's gewesen, das Geheimnis in der Heide allein zu besitzen und zu bewahren, daß niemand sonst darum wisse; der Gedanke, es anderen kundzutun, hatte ihn angerührt, als werde der Blütenduft dadurch von einer Zauberblume abgestreift, das hohe Festtagswunder des Lebens zu alltäglich Gewöhnlichem. Es war eine traumhafte Schönheit gewesen, die keine Wirklichkeit erhöhen, so wiederbringen konnte. Doch nun hatte der Tag mit böser Hand in den Traum hineingegriffen, sein zartes Gewebe zu zerreißen, und es mußte geschehen. Meinolf stand auf, nach Loagger ins Pfarrhaus zu gehen, in bräuchlicher Weise bei dem Pastor Hollesen um die Hand seiner Tochter zu werben. Darüber hinaus dachte er noch nicht, aber sie mußte ihm vor der Welt verlobt sein, eh' er von ihr ging, für sie sich durch seinen Beruf und eigene Kraft eine Lebenssicherung zu erringen. Noch einmal wollte er dann mit seiner Braut zu dem alten Findlingstein, dem Urheber seines Glückes, und danach fort, in die Fremde, ohne Ekenwart mehr zu betreten. Welche Gründe er dafür vorgeben werde, wußte er noch nicht, doch sicher entschlossen, mutig und freudig sogar schlug ihm das Herz bei dem Vorausblick, ohne die Beihilfe seines Vaters selbst für seine Frau sich eine Zukunft zu gestalten. Rasch schritt er westwärts durch den Wald, gelangte bald an den offenen Rand der Heide. Noch frühe Morgenzeit war's, Tautropfen hingen funkelnd an den roten Glöckchen, und nur Bienengesumm ging über die stillleere Fläche. Dann tauchte einmal klein in der Ferne eine von Loagger herüberkommende Menschengestalt auf, geraume Zeit lang nicht unterscheidbar bleibend. Aber allmählich wies sie ein Kennzeichen besonderer Art, denn Nathan Aronsohn war's mit seinem Sack, schon zu seinem Gewerbegang aufgebrochen. Er hinkte nicht aus der Richtung der Stadt her, sondern war gestern nach seinem Vorkehren auf Helgerslund von Norden am Strand entlang bis zum Dorf gekommen und hatte dort die warme Nacht billigst in einer Scheune zugebracht. Nun auf dem schmalen Heideweg mit Meinolf zusammengeratend, trat er, die Mütze abziehend, beiseite und fügte seinem unterwürfigen Morgengruß hinzu: »Ist es ungewöhnlich frühe Stunde, daß mir wird beschert anzutreffen den gnädigen Herrn Junker, der bereits scheint umzusuchen auf der Heide nach dem Karfunkelstein, den ich immer noch nicht kann heraustun vor seine hochgeborenen Augen aus meinem armen Sack.« Der Angesprochene befand sich nicht in der Gemütsverfassung, eine Zwiesprache mit dem Trödler zu führen, vergaß sogar, ihm zu winken, daß er die Mütze aufsetzen solle, und erwiderte nur flüchtig von einer Erinnerung angefaßt: »Ich trage kein Verlangen nach dem, was du aus dem Sand scharrst, es ist nicht allemal Gutes.« Doch Nathan blieb trotz der kurzen Verabschiedung noch stehen und versetzte mit einem eigentümlichen Spiel um die Mundwinkel: »Wird es auch sagen der Herr Baron auf Helgerslund, daß es ist nicht allemal Gutes, was kommt aus dem Sand, Wunder, wie doch kann kommen über Nacht aus dem Sand ein Karfunkelstein in einer schlechten alten Flasche von Glas, daß der Herr Baron wird machen geblendete Augen davon, wenn er muß lassen zu eigen das kostbare Gut und Schloß von Helgerslund der hochgeborenen Tochter seines schon lange draußen auf der See verunglückten Herrn Schwagers.« Etwas von Befriedigung eines tief innerlich verhehlten Hasses flimmerte aus den dunklen Augensternen Nathan Aronsohns, und er zuckte bei den Worten unwillkürlich ein paarmal mit seinem zu kurz geheilten Bein. Meinolf Alfsleben aber fiel jetzt, ungewiß stutzend, ein: »Wovon sprichst du? Ich verstehe dich nicht.« »Um zu fragen und zu reden so, muß dem gnädigen Herrn Junker noch nicht zu Ohr gekommen sein das Gehör davon, was geworden ist für eine großmächtige Erbin vor Gesetz und Gültigkeit die arme Findlingstochter von Herrn Pastor Hollesen in Loagger, daß es ihm wird tragen guten Zins. Ist es vielleicht ein guter Weg für mich, den ich gegangen hierher, daß ich kann mitteilen dem Herrn Junker die erste Nachricht –« Nathan sprach fort von dem, was in Loagger viele schon wußten, denen Frau Margret Hellbeck, die alte Mutter des Schullehrers, davon erzählt. Um Gewisses zu erfahren, aber war er zu diesem selbst gegangen und hatte auf seine Erkundigung bestätigt erhalten, daß Tilmar Hellbeck auf der Insel Herdsand in einer langvergrabenen Flasche Schriftstücke gefunden, aus denen unzweifelhaft hervorgehe, wie auch der Herr Pastor es anerkannt, Zea Hollesen sei die rechtmäßige Besitzerin von Helgerslund, da sie auf einem Schiff von der ehelich angetrauten Frau des verstorbenen jungen Freiherrn Meinolf von Rhade als nachgeborene Tochter zur Welt gebracht worden. Das berichtete Nathan mit einem andauernden Durchglimmern heimlicher, schadenfreudiger Befriedigung, brach jedoch beim letzten Wort verwundert und halb schreckhaft ab: »Gütiger Himmel, Herr Junker, ist Ihnen nicht wohl bekommen der frühzeitige Ausgang, weil Sie vielleicht nicht haben genug zu sich genommen an nahrhaftem Imbiß, daß Sie sind geworden in diesem Augenblick weißfarbig im Gesicht zum Erschrecken? Wenn ich mir darf herausnehmen die große Kühnheit, anzubieten dem gnädigen Herrn Junker ein Stück grobes Brot aus meinem Sack –« Er machte eine Bewegung, diesen von der Schulter zu heben; denn in der Tat stand Meinolf Alfsleben mit völlig blutlosem Gesicht da, weiß wie ein Toter. Vor den Augen aber lag's ihm, was Nathan Aronsohn nicht sehen konnte, wie jählings auf sie gefallene schwarze Nacht, reglos ohne Atemzug hielt seine Brust an, nur seine Hand griff jetzt vor und stützte sich schwer, wie die eines haltlos vom Umsturz Bedrohten gegen die Schulter des Juden. Ein paar Sekunden lang, dann stand Nathan allein und murmelte, dem ohne Wort schwankend Davongehenden nachblickend, vor sich hin: »Wunder, was kann ankommen auch die hochgeborenen Herren im Kopf, wenn sie sind gewesen zu sparsam im Magen. Aber wird liegen schwer im Magen heut der neue Karfunkelstein aus dem Sand dem freigebigen Mann mit Eichenknittelholz aus dem hochadligen Herrenwald. Hat er mich beschenkt doch unentgeltlich mit einem Wetterglas am Leib, anzukündigen mir den Umschlag der Witterung, und spür' ich heut' auch in dem guten Wahrsager die Magenbeschwernis des Herrn Baron von Brookwald.« Sich bückend, streichelte Nathan Aronsohn ein paarmal halb zärtlich mit der Hand über sein linkes Bein, dann humpelte er weiter. Die Heide lag wieder einsam in der Morgenstille da, wohl über eine Stunde lang, bis Meinolf Alfsleben sich abermals der Stelle seines Zusammentreffens mit Nathan näherte. Doch kam er jetzt aus Westen, von Loagger her, gehend, solang er in Gesichtsweite des Dorfes war, dann aber lief er, und neben ihm lief sein Schatten. Vor seinen starrblickenden Augen wogte das purpurne Blütenmeer um ihn wie mit Blutwellen, jeder Heidebusch griff nach seinem Schatten, und alle Glöckchen zischten wie mit Otternzungen: »Haltet ihn! Es ist der Sohn des Mörders ihres Vaters!« Und nun wieder durch manche Stunden hob sich über der menschenleeren Fläche die hochsommerliche Sonne ihrem Mittagsziel im wolkenlosen Blau entgegen. Da sah sie südlich von Loagger eine hohe und liebliche Mädchengestalt am Strand entlang schreiten, auf täglich gewohntem Weg zur Linken in die Heide einbiegen. Zea ging rasch, mit voraussuchenden Augen, doch in einem Gefühl, als bewege der Boden sich leise unter ihren Füßen auf und nieder. Die Dinge um sie her hatten etwas Unwirkliches, wie in einem wachen Traum um sie Liegendes; was mit ihr seit gestern geschehen, seit sie zum letztenmal hier gegangen, begriff sie nicht mit deutlichen Gedanken; wie ein Sonnenlicht und wie dunkelnder Nebel umgab's sie. Als komme es von diesem, empfand sie einen leichten, stechenden Schmerz hinter der Stirn, doch darunter den Herzschlag so freudig, wie mit lichter Sonne, mit seligem Leben durchfließend und erfüllend. Sie wollte auch nicht darüber denken, was der gestrige Abend in ihre Hand, in ihr Gefühl gelegt – jetzt nicht – später; nur eines kam ihr, der leise Stich im Kopf rühre wohl davon her, daß Tilmar Hellbeck es gewesen sei, der die alten Schriftstücke aufgefunden und ihr gebracht habe. Seine Augen hatten sie so anders dabei angesehen, als am Nachmittag auf dem Kirchhof, nicht hilflos traurig, hatten so geleuchtet – das tat ihr weh – daher kam wohl der Stirnschmerz – Hatte es sie früher als sonst vom Hause fortgetrieben, der Findlingstein lag noch leer vor ihr, Meinolf erwartete sie noch nicht darauf. Nur etwas Ungewohntes sah ihr von ihm entgegen, ein weißer Schimmer; auf den roten Blüten, die auch den Stein jetzt überrankten, lag ein Stück Papier, der Wind mußte es in Spiellaune grad' dort hinaufgetragen haben. Doch nun gewahrte Zea kleine Kiesel darauf liegen, das konnte nicht vom Wind so hergestellt sein. Verwundert nahm sie das Weiße Blatt und schlug es auseinander. Auf der Innenseite standen einige Schriftzeilen, die sie las: »Es war nett, hier zu sitzen und sich mit dir zu unterhalten, Zea Hollesen, aber ich habe fortan nicht mehr die Zeit dazu, weil ich mich gestern mit Unna Brookwald verlobt habe. Du rietest mir es ja, so wird's dich nicht wundern. Leb' wohl – ich reise heut von Ekenwart fort und komme erst im Winter, oder wann, zu meiner Hochzeit zurück. Meinolf von Alfsleben.« Die Tochter Nathan Aronsohns hatte mit ihrem Vater einen Handel um ein Pulver abschließen wollen, das »weiß im Gesicht« mache. Auch am Grunde ihrer Schatzlade war in einem alten Briefblatt ein feineres und tödlicheres Gift enthalten gewesen und Miriam eine Pandora, die es unbewußt über die »blonde Christentochter« ausgeschüttet. Wider Wunsch und Absicht Christian Hollesens ging's, daß Margret Hellbeck ohne sein Wissen schon am Abend Leuten aus dem Dorf von dem wundersamen Fund ihres Sohnes Mitteilung gemacht. Doch sie selbst war durch seine Entdeckung zu stark in innere Erregung geraten und gegen ihre Natur schwatzhaft geworden; ihr Mund floß von dem über, wovon ihr Herz voll war. Denn Tilmar hatte der Pflegetochter des Pastors ihren wahren Namen, die Kunde ihrer Herstammung zugebracht, eine Gabe, der keine andere auf der Erde gleichkommen konnte, und zu innigstem Dank mußte sie sich ihm verpflichtet fühlen. Frau Margret machte sich nicht deutlich, daß er durch den Rang und Besitz, den er Zea von Rhade verliehen, den Abstand zwischen ihr und dem armen Dorflehrer noch mehr erweitert habe; sie sah nur den Glanz, der in seine trüben Augen gekommen, die Hoffnung, die plötzlich in ihr selbst aufgeblüht dastand. Eine Mutter war's, die allein für ihren Sohn gelebt, nur an ihn dachte, und wie in einem Rausch hatte sie jedem, auch Nathan Aronsohn, von dem Glücksfund Tilmars erzählt. Der Pastor dagegen hätte dessen Entdeckung lieber vorerst in Verschwiegenheit gehalten, hauptsächlich um ein Hinübergelangen nach Helgerslund zu verhüten. Doch lag die Macht dazu nun nicht mehr in seiner Hand, sondern er mußte darüber nachdenken, möglichst rasch die besten Schritte zur Geltendmachung der Ansprüche Zeas zu tun. Unaufhellbares Dunkel umgab ihm noch den Lichtstrahl, der plötzlich auf ihre Herkunft gefallen; obwohl er seit bald dreißig Jahren das Kirchenamt in Loagger verwaltete, hatte er keine leiseste Ahnung von einer ehelichen Verbindung Meinolfs von Rhade gehabt, nie den im Trauschein angeführten Namen Eduv Nordwalt gehört. Das einzig Haltgebende war, daß dieser Trauschein vor seinen Augen dalag und mit ihm die Beglaubigung des Kapitäns und Steuermanns der »Thetis«, das auf ihrem Schiff geborene Kind sei das der Frau von Rhade. So weit erschien die Tatsache nicht zweifelhaft, doch Christian Hollesen war ein besonnener Mann, der auch durch solchen Augenschein sich nicht in ruhiger Erwägung beirren ließ. Er trug allerdings vollste Überzeugung von der Richtigkeit in sich; die Ähnlichkeit Zeas mit Unna Brookwald sprach fast wie ein Beweis dafür, der Vater der letzteren hatte dies offenbar schon seit langem erkannt und mußte von einer Ahnung berührt sein, woher die Ähnlichkeit stammen möge. Aber eine wirkliche Beweiskraft enthielt auch diese nicht, und es galt zunächst, eine Vergewisserung zu gewinnen, ob die aufgefundenen Dokumente rechtliche Gültigkeit besäßen. Dir Trauschein konnte gefälscht, die Beglaubigungsschrift der beiden Schiffer von anfechtbarem Wert sein. Bei nüchterner Betrachtung nahm die juristische Seite der Angelegenheit sich anders aus, als in der ersten bewältigenden Überraschung. Im Gange des Vormittags gelangte der Pastor zur Erkenntnis des vorderhand Notwendigsten. Er schrieb einen Brief an den Dorfpfarrer, von dem der Trauschein ausgestellt worden, dann begab er sich, nachdem er sein Ausbleiben über den Mittag angekündigt, auf den Weg zur Stadt. Seine Frau befand sich von dem Ereignis in ähnliche innere Erregung versetzt, wie Margret Hellbeck, nahm Abschied von ihm damit, daß sie seine Rückkunft kaum erwartet können werde. Sie sah und hörte nicht recht, was um sie war; alles Denken und Fühlen in ihr richtete sich darauf, welchen Bescheid des Rechtskundigen, den ihr Mann aufzusuchen beabsichtigte, dieser heimbringe. Hollesen lag beim Fortgang noch ein Wort auf der Zunge, doch er hielt es zurück. Er hatte bis heut' seiner Frau von der Wahrnehmung, die er auf der Heide gemacht, und von seinem Besuch auf Ekenwart geschwiegen, so verschob er auch jetzt eine Mitteilung darüber bis zu seiner nachmittägigen Wiederkehr. Sein Vorhaben drängte ihn davon und außerdem war's ihm, es sei ein schönes Geheimnis, wie etwas Heiliges, das er fast freventlich mit profanen Augen ausgekundet. Nicht er dürfe davon reden, Zea selbst müsse es offenbaren; am Abend wollte er ihr in die leuchtenden Augen sehen und mit den seinigen stumm-verständlich sagen: »Tu's, laß dein Glück auch unseres sein!« Er hatte sie beobachtet, ihren Weggang vom Hause zur täglich gewohnten Zeit wahrgenommen, ungefähr eine halbe Stunde, bevor er sich auf den Weg begab. Nun wanderte er an der Stelle vorbei, wo ihr Pfad in die Heide nach dem Findlingstein abbog. Zitternde Sonnenwellchen der Luft woben einen duftgleichen Schleiervorhang über rote Blüten; lächelnd blickte er hinüber, er wußte sein Kind in guter Hut. Nur Namen ohne Inhalt für sie hatte die See ihr zugetragen, keine Liebe eines Vaters und einer Mutter; sie blieb sein Kind, nur mit Meinolf Alfsleben mußte er sie fortan teilen. Der ihm befreundete Rechtsanwalt in der Stadt prüfte die Schriftstücke, gab sein Gutachten dahin ab, die oberste Frage sei, ob der Trauschein sich als richtig und unanfechtbar herausstelle. Wenn das zutreffe, würde sich's darum handeln, die Heimat der beiden untergegangenen Schiffer ausfindig zu machen, um die Echtheit ihrer Unterschriften beglaubigt zu erhalten. Doch würde auch damit noch kaum eine ausreichende Rechtsgültigkeit gewonnen sein, da wiederum der Zeugenbeweis fehle, das von Hennig Wittkop an den Strand gebrachte Kind sei identisch mit dem auf der »Thetis« geborenen. Aus den Äußerungen des Advokaten ging hervor, er sehe ein für die richterliche Entscheidung sicher bestimmendes Ineinandergreifen der vielfältig erforderlichen Belege als sehr schwierig herstellbar an; Hollesen hatte dies ebenfalls in der Empfindung gehabt, doch sich nicht so nach allen Richtungen zur Vorstellung gebracht. Er verließ das Haus des Rechtsanwalts mit der Abrede, zunächst auf die Antwortsauskunft hinsichtlich des Trauscheins zu warten; ziemlich enttäuscht in seiner Hoffnung schlug er den Rückweg ein. Doch nicht lang hielt die Herabstimmung in ihm an. Lag denn das Lebensglück für sie darin, als das, was sie fraglos war, vor der Welt anerkannt, zur Besitzerin von Helgerslund zu werden? Dann wäre seine Schätzung wirklichen Wertes der Erdendinge, die Auffassung dieser, die er auch ihr von Kindheit auf ins Gemüt gelegt, eine haltlose und nichtige gewesen. Das wahre und einzige Glück in der flüchtig vergönnten Daseinszeit ward nicht von außenher geschaffen und bedingt; gleich dem Blütenstaub einer Pflanze entsproß es nur von innen, aus dem Herzen hervor. Das zu behüten galt's, alles andere war nur Tand und Flitter, einer Seifenblase buntglitzernder Schaum. Der Pastor stand still und blickte auf seine Uhr. Ja, das war der Weg, den er einschlagen mußte, der Richtung nach, die seine Gedanken genommen, wenn er auch erst spät am Abend ins Dorf zurückkam. Und rasch folgte er dem über ihn geratenen Antrieb, wandte sich von der Stadt rechts ab, auf der Fahrstraße dem fernen Waldrand entgegen, hinter dem sich unsichtbar das Schloß von Ekenwart verbarg. Drüben im Pfarrhause war Zea wieder eingetroffen und in ihre Stube gegangen. Sie saß dort, vor sich hinblickend, in ihr war nur ein Gefühl, Müdigkeit. Unsagbar schwere Müdigkeit der Glieder, der Augen, des Kopfes, und langsam-müde ging in ihrer Brust der Herzschlag. Die Füße hatten sie hierher zurückgebracht, gewohnheitsmäßig den Weg gehend; ohne Gedanken hatte sie's getan, und ohne Gedanken saß sie nun hier. Dann und wann ließ die Müdigkeit sie die Augen zumachen, doch sie hob jedesmal rasch die Lider wieder auf, denn vor den geschlossenen lag immer die blühende Heide in der Sonne um sie. Das konnte sie nicht ertragen; sie hatte dazu ein Gefühl in sich, als ob sie Flügel gehabt habe, mit denen sie über die Heide hingeschwebt, doch seien sie ihr abgefallen und sie aus der Luft, heruntergestürzt. Davon war alles an ihr so schwer, sie nur mit dem einen Wunsche erfüllend, sich auszustrecken und stillzuliegen. Aber das konnte sie nicht, ihr lag noch etwas ob, ein Gang, doch wußte sie nicht was und wohin. Dann klang einmal draußen ein Ruf und sagte ihr's: es war Mittag, sie mußte zu Tisch kommen. So war's ja täglich, wenn sie von ihrem Vormittagsweg zurückkehrte und natürlich auch heute. Sie durfte nicht wegbleiben, nicht zögern, sonst kam jemand, um sie zu holen; das wollte sie nicht geschehen lassen, gerade heute nicht. Wie sie aufstand, drehten die Wände und die Dinge der Stube sich langsam im Kreis um sie herum, und der Boden hob sich unter ihr auf und nieder, so daß ihre Hand nach dem Stuhl zurückfaßte, um sich ein paar Augenblicke draufzuhalten. Aber dann verging's, alles ward ruhig, und sie begab sich ins Eßzimmer hinüber, wo die Pastorin ihrer schon wartete. Hier stand sie ungewiß neben dem Tisch, was sie zu tun habe; doch es kam ihr, sie mußte sich setzen, dort, das war ja auch ihr gewohnter Platz. Daß ihr Vater nicht anwesend sei, geriet ihr nicht zum Bewußtwerden, erst dann, als Frau Mathilde sprach, wohin und zu welchem Zweck er fortgegangen. Sie redete weiter, natürlich von dem, was sie einzig erfüllte; die Hörerin mußte sich besinnen, wovon; nur allmählich dämmerte ihr's auf, wie aus einer weiten Ferne und wie etwas lang Vergessenes. Nun antwortete sie einmal auf eine Frage: »Ja, liebe Mutter,« doch bei dem letzten Wort stockte sie und griff mit der Hand an ihre Stirn; ein schmerzhafter Stich war ihr hinter dieser durch den Kopf gegangen, weckte ihr auf, daß sie einen dumpfen Schmerz dort schon früher empfunden und daß er immer geblieben. Sie führte den Löffel und die Gabel zum Mund, obwohl sie beide eigentlich nicht zwischen den Fingern fühlte und manchmal glaubte, mit ihnen ins Leere zu tasten. Aber sie nahm sich gewaltig zusammen, alles richtig und wie sonst zu handhaben; grad' heute mußte sie besonders darauf acht geben, sich auch zwingen, zu essen, obgleich sie nichts von den Speisen auf der Zunge empfand und schmeckte. Die Pastorin sprach, erzählte, fragte ab und zu, und Zea spannte ihr Gehör darauf, daß ihr das letztere nicht entgehe, damit sie ein »Ja« erwidere, doch »liebe Mutter« setzte sie nicht mehr hinzu. Erst gegen den Schluß der Mahlzeit fiel Frau Mathilde auf, daß im Aussehen und Behaben des Mädchens etwas anders als gewöhnlich sei, und sie sagte: »Du bist blaß, Kind.« Aber sich gleich die Ursache erklärend, fügte sie nach: »Natürlich, solche Spannung auf einen Bescheid nimmt körperlich und geistig mit; dazu ist's auch so schwül heute. Leg' dich etwas hin und suche zu schlafen; ich wecke dich, wenn dein Vater vom Advokaten zurückkommt, und sage dir, welche Nachricht er mitgebracht. Das bleiben wir dir ja doch, Vater und Mutter. Ruh' dich recht aus!« »Ja, recht lange,« gab Zea zur Antwort, »ich bin sehr müde – wohl weil es so schwül ist.« Nun war sie wieder in ihrer Stube und wollte sich hinlegen, doch wie vorhin konnte sie's noch nicht, mußte noch etwas tun, ebenfalls wieder ohne sich sagen zu können, was es sei. Aber sie sah es gewissermaßen mit Augen vor sich, ein beschriebenes Blatt Papier, damit hing's zusammen, und sie strengte sich an, darüber nachzudenken. Dabei horchte mechanisch ihr Ohr auf; draußen klang die Stimme der Pastorin, sie sagte zur Magd, daß sie einen Ausgang ins Dorf mache, und die Haustür öffnete und schloß sich. Wie mit einer Sprache kam's Zea aus dem Ton, was sie tun müsse; etwas Unerlaubtes war's, doch sie mußte, sonst konnte sie sich nicht ausruhen. Auf den Zehen ging sie in die Arbeitsstube ihres Vaters hinüber – ja, er blieb ihr Vater, daran war nichts anders geworden – und sah auf seinem Schreibtisch umher. Er hatte die Schriftstücke, die Tilmar Hellbeck gestern abend gebracht, an sich genommen und Wohl zwei davon mit sich in die Stadt. Aber es war noch ein drittes gewesen, das brauchte er nicht für seinen Gang dorthin. Wie ein Lichtstrahl durch eine kleine Öffnung erhellend auf einen einzigen Punkt fällt und alles umher in Dunkel läßt, so raffte der sonst völlig gedankenleere Kopf Zeas sich eine Denkkraft zusammen, die sich allein auf jenes dritte Schriftstück richtete. Auf dem Tisch lag es nicht, doch wie ein körperliches Empfinden, ein Angerührtwerden war's in ihr, es sei dennoch in ihrer Nähe, und sie suchte, öffnete Schubladen mit Papieren, zwischen denen sie blätterte. Und dann fühlte sie einmal, da mußte es sein, und da war's auch, untergeschoben. Auf den ersten Blick erkannte sie die Schriftzüge des Blattes. Aber nun stand sie, und ihre Hand zauderte – Ja, sie tat Unerlaubtes. Ihr Vater hatte dies Blatt, nachdem sie es gestern flüchtig gelesen, fortgenommen und hier verborgen, vor ihr, er mußte nicht für gut gehalten haben, es in ihren Händen zu lassen. Doch das verstand er nicht – und es gehörte ihr, ganz allein auf der Welt ihr, denn die Schrift darauf war von ihrer Mutter – Sie sprach es laut vor sich hin: »Von meiner Mutter.« Ihre Augen blickten nieder, hafteten auf einem Satz gleich am Anfang: »Zuerst sah ich ihn an dem Abend, als Meinolf nicht zurückkam.« Nun streckte sich ihre Hand, nahm das Blatt, und behutsam ging sie wieder in ihr Zimmer. Hier setzte sie sich und las. Das hatte sie gestern abend auch getan, doch achtlos und verständnislos, kaum etwas von dem begriffen, was sie gelesen. Sie hatte kein Gefühl in sich gehabt, daß es sie angehe, daß die, welche es geschrieben, ihre Mutter gewesen sei. Das war nur ein Name, ein Wort ohne Inhalt, sie besaß ja eine Mutter, brauchte keine andere. Nein, sie verstand auch jetzt die Schrift auf dem Blatt nicht, wenigstens nicht im Ganzen, nur hier und da einen Satz. Der Schatten – wer war der Schatten, der zu ihrer Mutter gesprochen, immer hinter ihr gewesen, näher und näher auf sie zugekommen, bis er sie angeatmet? Das letzte – ja, das ward der Lesenden begreiflich, denn sie fühlte es selbst. Von dem Blatt kam ein Atem herauf und hauchte ihre Stirn an. Und da, der Satz – den verstand sie auch: »So müd' war ich, ich konnte nicht mehr weiter – so kalt ward's, und Nebel, lauter Nebel –« Ja, so kalt – ein eisiger Schauder lief ihr durch's Blut, und doch war's auch so schwül und drückend. Was auf dem Blatt geschrieben stand, sah sie ganz anders an als gestern, jedes Wort, fühlte sie, galt ihr, nur das Verstehen fiel ihr zu schwer. Das rührte hauptsächlich von ihrem Kopf her – könnte sie mit etwas anderem denken, als mit ihm – mit dem Herzen – da würde sie alles begreifen. Aber das Herz schlief, bewegte sich gar nicht, und der Kopf konnte nicht, denn der Schmerz in ihm hatte sich während des Lesens von der einen Stelle hinter der Stirn nach allen Richtungen ausgebreitet und lastete mit schwerem Druck wie eine Bleidecke auf ihm. Sie mußte sich hinlegen und die Augen fest zumachen. Dazu aber tat sie etwas eigentlich Vernunftwidriges, denn ein dunkles Gefühl war in ihr, der drückende Schmerz sei, über ihren Kopf von dem Blatt heraufgekommen. Doch trotzdem benutzte sie dies wie ein Heilmittel, legte es sich auf die Stirn und faltete die Hände drüber. So lag sie ganz langsam atmend, und nach einer Weile kam ihr einmal mit traumverworrenem Ton vom Mund: »Der Schatten –« Draußen ging der Sommernachmittag über Land und See, sah Tilmar Hellbeck am Strande stehen und warten, daß Zea ihre gestrige Zusage erfülle. Er wußte nicht, ob er auf ihr Kommen hoffe oder sich davor fürchte; seine Gedanken arbeiteten umsonst, sich durch einen Nebel um sie hindurchzuringen. Seltsames, Unverständliches war am Frühmorgen geschehen, der junge Freiherr von Alfsleben für wenige Augenblicke im Schulhause mit der Frage eingekehrt, ob es sich wahr damit verhalte, daß nach aufgefundenen Schriftstücken Zea Hollesen eine Tochter des verstorbenen Meinolf von Rhade sei. Sonderbar bleichen Gesichts war er gewesen und auf die Antwort hastig und scheu davongegangen, nordwärts am Strand entlang, als trachte er danach, im Dorf nicht gesehen zu werden. Tilmar wußte sich's nicht zu deuten, nur eines lag klar vor ihm: er hatte sich nicht getäuscht, ein Zusammenhang bestand zwischen dem verwandelten Wesen Zeas und dem, der sie auf den Armen von der niederbrechenden Turmtreppe in Helgerslund herabgetragen. Kein banger Ausdruck war in den Augen des jungen Lehrers, doch auch kein Glanz mehr, wie gestern auf Herdsand, nur Erwartung, sich aus Hoffnung und Furcht zusammenmischend, Die ließ der Nebel seiner Gedanken ineinander verwoben; über ihm aber schritt die helle Sonne fort, stundenlang mählich-gleichmäßig seinen Schatten verlängernd. Südostwärts hinüber erreichte jetzt der Pastor Christian Hollesen sein verändertes Wegziel. In ihm war die Entscheidung dahin gefallen, daß er bei den zweifelhaften Umständen, ob die Anerkennung Zeas rechtlich möglich sein werde, unumwunden mit dem Freiherrn von Alfsleben sprechen, dessen Einwilligung zu ihrer Verbindung mit seinem Sohn sich versichern wollte; klug bedacht hielt er dafür, die Entdeckung ihrer Abkunft rasch für das Wichtigste, die Sicherstellung ihres Lebensglückes zu nutzen. Den Waldgürtel schnell durchschreitend, trat er nun auf den Platz vorm Schloß hinaus, doch hier empfingen ihn verwirrte, ratlos bestürzte Gesichter. Sein Fragen blieb von ihnen unbeantwortet, bis der Förster Dirk Westerholz aus der Tür hervorkam und kurz Auskunft gab. Er war um Mittag an dem alten Hünengrab vorbeigegangen, zwischen dessen Eichenstämme sein Jagdhund hinausgestöbert und droben plötzlich sonderbar angeschlagen hatte. So folgte er nach, und da stand der Hund unter dichtem Laubdach vor einer lang ausgestreckt regungslos liegenden Gestalt. Der Freiherr war's; herabgeronnenes, vertrocknetes Blut klebte ihm an der Schläfe, aus der Hand gefallen lag neben ihm eine alte, verrostete Sattelpistole mit zersprungenem Lauf; schon seit manchen Stunden mußte er tot sein. Bestürzt fragte Hollesen, wie es geschehen; der Förster zuckte die Achseln: »Gesehen hat's niemand; vielleicht wollte er nach einer Eichkatze schießen, aber die alte Waffe taugte nichts mehr und sprang; dabei schlug sie ihm in der Hand um und die Kugel ging ihm in die Schläfe. So wird's geschehen sein, oder anders. Kein Auge war dabei.« Wortknapp kam's Westerholz vom Mund, das »oder anders« mit dem nämlichen Ton, wie alles übrige, aber doch hatte etwas dringelegen, als ob er seine Meinung damit ausgedrückt, es sei anders geschehen. Der Pastor folgte ihm ins Haus, wo Dietrich Alfsleben auf ein Bett hingestreckt lag. Er sah wie ruhig schlafend aus; an seinen Zügen war nichts Verzerrtes, mehr als im Leben besaßen sie trotz dem ergrauten Haar noch etwas Jugendliches. Der Förster sagte Wunderliches: »Ich wollte ihm heut' von meiner Golddrossel sprechen, jetzt hört er's nicht mehr.« Hollesen fiel laut ein, daß jeder von der umstehenden Dienerschaft es vernehmen mußte: »Ein entsetzlicher Unglücksfall, durch das Zerspringen der alten Pistole herbeigeführt – wo ist der junge Herr?« Das wußte niemand und es erhöhte die allgemeine Ratlosigkeit; man hatte ihn an dem Tage nicht gesehen, er mußte sich in der Morgenfrühe ahnungslos auf einen weiteren Weg fortbegeben haben. Der Pastor blieb noch eine Weile, den Toten betrachtend; was lag ausgelöscht unter dieser Stirn und gab keinem Ohr Kunde von sich? Wieviel, dem Menschenblick undurchdringliches Dunkel barg die helle Sonne auf der Erde; Wohl jeder nahm etwas Verschwiegenes mit sich ins Grab. Der Himmel, die Erde und das Leben auf ihr bildeten selbst ein unnahbares Rätsel, das erkannt zu haben, erkennen zu wollen unglaublich vermessen und töricht war. Nur dann und wann warf die große dunkle Flut ein kleines Stückchen aus, grub es in den Sand, und ein Zufall brachte es aus ihm ans Licht. Mechanisch nahm Hollesen die alte Pistole, die man neben dem Totenbett auf einen Tisch gelegt, in die Hand und wiederholte nochmals: »Ja, ein Unglücksfall und Unvorsicht; ihr Anblick zeigt, daß ein Versuch, sie noch zu benutzen, nicht anders ausgehen konnte.« Er hatte den Gedanken gehegt, die Rückkehr Meinolfs zu erwarten, doch ein Blick durchs Fenster zeigte ihm die Sonne schon weit niedergestiegen. Es ward später Abend, bis er heimkam, und seine Frau harrte sicher mit Unruhe auf ihn. Hier konnte er nichts ändern und nichts helfen; über vieles besaß das Leben Macht, doch vor dem Tod endete sie. So ließ er von seiner Absicht, schrieb einige Zeilen an Meinolf Alfsleben auf ein Blatt und begab sich auf den Heimweg. Der, dem seine zurückgelassenen Schriftworte galten, war, nachdem er in der Frühe sich verstohlen in die Schulstube Tilmar Hellbecks geschlichen, den Tag hindurch ziellos umhergeirrt. Nur eines war in ihm gewesen, was geschehen, was er tun müsse; so hatte er auf einem Blatt Papier, das er bei sich fand, inmitten der Heide hastig mit Bleistift das nächste. Was ihm durch den Kopf gefahren, niedergeschrieben, war damit zu dem Findlingstein gelaufen und, wie von einem Orkan fortgepeitscht, weiter. Ihn trieb's nach der Stelle, wo er im Wald die Nacht zugebracht; ermattet warf er sich dorthin, doch wie hohnlachend sah ihn alles an, was nach dem Erwachen beschwichtigend, trostreich, lebensfreudig zu ihm gesprochen, die Sonnenstrahlen, die Blumen, die Falter. Er sprang wieder auf und irrte fort; über sich sah er die Sonne durch den Mittag gehen und abwärts steigen. Seit gestern hatte er keine Nahrung zu sich genommen, aber sein Körper stand unter anderer Macht, als der des täglichen Bedarfs, ließ ihn nichts davon empfinden. Ängstlich hielt er sich im Laubdickicht, huschte nur wie ein verfolgtes Wild über eine Lichtung, niemand zu begegnen, von keinem Auge gesehen zu werden; ein Verbrecher mußte sich verbergen. Dabei aber wuchs eine andere Angst in ihm an, eine unbestimmte, er wußte sich nicht zu sagen, wovor. Nur daß sie ihn in eine Richtung hindränge, der weiter absinkenden Sonne zu. Anschwellend wie eine Flut stieg diese Angst zu einer ungeheuren, und plötzlich einmal verstand er, wohin sie ihn trieb. Nach dem Findlingstein zurück, das Blatt wiederzuholen, das er dort gelassen. Zu spät war's, es lag nicht mehr dort. Seit vielen Stunden schon mußte Zea gekommen sein und es gefunden haben. Doch aus seiner Gedankenbetäubung brach jetzt eine zweite Erkenntnis hervor, grell wie ein schwarze Wolken durchschneidender Strahl. Nicht mit bewußtem Geist, in einem Irrsinnsanfall hatte er die Zeilen auf das Blatt geschrieben. Ja, so konnte nur der Wahnwitz handeln, von der Verzweiflung des Herzens in den Kopf hinaufgetrieben. Zu spät – aber wär's nicht, was sonst? Was hätte er anders können? Unabänderlich hatte er das Band zerschneiden müssen zwischen ihr und dem Sohne dessen, der ihren Vater nicht im Zweikampf getötet, der ihn unvorbereitet, wehrlos ermordet. Wenn er es nicht erfahren, nie gewußt – dann wäre es nicht gewesen, ruhvoll sein Leben mit dem ihrigen zu einem geworden, zu unsagbarem Glück. Aber ein unzertrennliches Leben neben ihr, ein innigstes Vertrauen mit dem Wissen, dem unablässigen hehlen des entsetzlichen Geheimnisses in der Brust, der Angst, es im Traum zu verraten – das hätte zum Wahnsinn gebracht, zum heranschleichenden, unrettbar anpackenden. Kein Ausweg war möglich – und doch, das Blatt – das Blatt. Nichts, als daß er davonging, gleich, in die Fremde – irgendwohin, wo er nichts mehr hörte und sah – wohin er nur die Erinnerung mit sich nahm. Die blieb ihm, ein Eigentum, das nichts ihm entreißen konnte. Er dachte irrverworren und doch nicht völlig der Besinnung beraubt. So wie er ging und stand, konnte er nicht in die weite Welt davon, mußte noch einmal nach Ekenwart zurück. Heimlich – oder auch nicht – offen; sein Vater würde, wenn er ihn sähe, ebenso scheu vor einer Begegnung ausweichen wie er. Da schritt Meinolf Alfsleben über den Platz vor dem Schloß, und Dirk Westerholz kam dem Erwarteten entgegen. Nun stand er und wußte, was während seiner Abwesenheit geschehen und wie es geschehen sei. Wie ein Blitzstrahl war es, blendend und betäubend, doch einer, der neben ihm niedergefahren, ihn selbst nicht getroffen. Nicht aus eigenem Trieb, um der Leute willen trat er ins Haus und sah seinen Vater liegen. Mit einem Grausen streifte sein Blick über die Pistole zur Seite, doch in ihm war kein Schmerz, nur ein Gefühl, das den Toten um seine leidlose Ruhe neidete. Einer der Diener reichte ihm das von Pastor Hollesen für ihn hinterlassene Blatt; die kurzen Worte darauf baten, er möge morgen ins Pfarrhaus kommen. Meinolf sah auf. War alles ebenso, wie es gewesen, oder war etwas anders geworden? Er hatte keine Antwort darauf – nur eines hämmerte, drängte in ihm – Nicht morgen – heute noch mußte er hinüber, ungesehen sich ans Pfarrhaus hinanschleichen, durchs Fenster spähen – Um einen Augenblick später ging er wieder draußen. Der Tag schritt zum Ende, die Sonne war nicht mehr am Himmel; als er den Heiderand erreichte, stand Abendrot über der See. Seit dem Morgen hatten seine Füße kaum gerastet, doch er fühlte keine Mattigkeit; er lief. War etwas anders geworden? Wenn er vor sie hintrat und sprach: »Ich bin der Sohn dessen, der deinen Vater ermordet, der seine Schuld gesühnt, mit der gleichen Waffe sich selbst den Tod gegeben – und wenn ihre Hand nicht schaudernd vor seiner zurückwich –? Ja, das war anders geworden – er konnte es sprechen, seine Zunge fesselte keine Sohnespflicht mehr. – XV. Still, wie unbelebt hatte das Pfarrhaus den Nachmittag hindurch unter der drüber hinschreitenden Sonne gelegen und ebenso ohne Regung, wie leblos, Zea in ihrer Stube. Aus dem Dorf zurückgekommen, war die Pastorin einmal an die Tür derselben getreten, um zu horchen, ob das Mädchen sich nach ihrem Rat zur Ruh' begeben und schlafe; von drinnen her tönte kein Laut und geräuschlos begab Mathilde Hollesen sich fort, auf die Rückkehr ihres Mannes wartend, sich mit häuslichen Geschäften die Zeit kürzend. Doch, obwohl Stunden verrannen, kam er noch nicht, später Nachmittag ward's, sie begriff nicht, was ihn so lange in der Stadt zurückhalten könne. Zuletzt, von Ungeduld getrieben, verlieh sie das Haus wieder, ihm nach Süden am Strand entgegenzugehen. Höchste Ebbezeit war's, oder schon um etwas überschritten, in der Ferne schattenartig über den Sand laufend, begannen spielende Wellen zurückzukommen. Erwartungsvoll mit dem Blick voraussuchend, schritt die Pastorin langsam weiter. Nun regte Zea sich, richtete ihren Körper zum Sitzen auf und sah vor sich hin. Nicht mit einem Gefühl, aus dem Schlafe erwacht zu sein; nur ohne Bewußtsein hatte sie gelegen und doch auch nicht ohne Empfindung eines mit ihr und in ihr Vorgehens. Davon war ihr eine dämmernde Erinnerung geblieben, auf die sie sich zu besinnen suchte, und aus verschwommenen Umrissen gestaltete ihr's sich herauf. Nicht vom Kopf her, der nützte ihr nicht; noch schwerer als zuvor, mit dumpfbetäubendem Schmerz lag die Bleidecke auf ihm, alles Denken erdrückend. Doch vom herzen her kam's ihr: Sie war wieder ein kleines, Kind gewesen, das am Strand im Sande mit Steinen und Muscheln gespielt. Und plötzlich hatte sie die Augen aufheben, weit öffnen und mit ihnen auf die See hinausschauen müssen. Eine Möwe war mit seltsamem Schrei über sie hingeflogen, und eine Welle lief, sonderbar rauschend, bis dicht vor ihre Füße heran. Das hörte und sah sie wie zum erstenmal, mit einem Gefühl, die Welle strecke weiße Hände nach ihr aus, sie zu fassen und mit sich fortzuziehen. Doch sie konnte sich nicht bewegen, all ihre Glieder waren wie festgebunden, nur ein fremder Schauer ging ihr vom Scheitel her über den Rücken herunter. Nun rann das Erinnerungsbild verblassend wieder auseinander, ein leiser Ton schien es wegzuscheuchen. Eine ihrer Hände hatte sich geregt, das Knittern eines auf ihrem Schoß liegenden Blattes verursacht, sie sah darauf nieder. Ja, von dem Blatt war der Schmerz so stark angewachsen, weil sie es sich auf die Stirn gelegt. Deshalb konnte ihr Kopf keinen Gedanken mehr fassen, aber sie brauchte ihn auch nicht. Während sie, die Hände über der Stirn gefaltet haltend, dagelegen, hatte sie mit dem Herzen gedacht, und dies hatte ihr alles Unbegriffene verständlich gemacht. Sie wußte jetzt, was die Schrift auf dem Blatt bedeutete und besagte, nur ließ es sich nicht mit Worten ausdrücken. Das Herz verstand alles, doch dachte nicht in Worten. Und eines sprach es deutlich, vor allem, als das Wichtigste: Sie habe eine Mutter nötig, die ihr helfe. Denn sie selbst vermochte sich nicht zu helfen, ihre Glieder waren ja festgebunden. Nur die Füße konnte sie befreien, und sich bückend, zog sie mechanisch ihre Schuhe und Strümpfe aus. Das tat wohl, war erlösend, ihre Brust atmete erleichtert danach. So war sie früher gegangen, ehe jemand ihr die Fesseln an die Füße gelegt hatte. Die wenigstens konnte sie jetzt wieder bewegen. Nur der Kopf blieb so eng eingeschnürt – wenn der auch frei würde, dann war eigentlich alles gut, war gar nichts mehr. Dann konnte sie wieder springen, jubeln, lachen – über den lachen, der sie hilflos festgebunden zu haben glaubte. Der Wind draußen am Strand – er nahm ihr vielleicht die Bleidecke weg. Sie hatte schon früher Kopfschmerz gehabt, den er ihr fortgeweht – Sie stand auf und trat gegen die Tür zu. Auch das war gut, so machten ihre Füße lein Geräusch. Aber die Tür knarrte beim Öffnen – das mußte sie verhüten, denn ihre Mutter – die andere – die durfte nicht sehen, daß sie hinausging. Darin lag eine heimliche Bedingung, sonst konnte der Wind ihr die Bleidecke nicht wegnehmen. So kehrte sie um, öffnete das Fenster und schwang sich von dem niedrigen Sims in den Garten hinab, geräuschlos und behend; mit den befreiten, bloßen Füßen war, wie durch eine Zaubermacht verjagt, die schwere Mattigkeit aus ihren Gliedern fortgeschwunden. Rasch und vorsichtig schlüpfte sie aus der Gartenpforte; sie mußte vermeiden, daß jemand sie anredete, durfte überhaupt niemand zu Gesicht kommen. Und nordwärts mußte sie gehen, nach Süden hin waren giftige Ottern, vor denen hatte sie sich mit den unbeschuhten Füßen in acht zu nehmen. So ging sie dem Dünenvorsprung zu, hinter dem sich die kleine Einbuchtung umschlug, in der Tilmar Hellbeck sie an dem Sonntag angetroffen, als sie zusammen nach Herdsand hinübergerudert waren. Sie setzte sich an den Dünenrand, der Wind stand ihr mäßig stark, weich von der See her ins Gesicht und sie hielt ihm die ein wenig vorgebogene Stirn entgegen. Niemand vom Dorf hatte sie wahrgenommen oder wenigstens kein Blick auf sie geachtet. Der junge Lehrer wartete schon lange nicht mehr am Strand, sondern war ins Schulhaus zurückgegangen; dort saß er in seiner Kammer, ins schwindende Tageslicht hinausblickend. Weder Hoffnung noch Furcht war mehr in ihm, nur eine matte, dumpfe Stille. Sie hatte versprochen, heute zu ihm zu kommen, und der Tag war vorüber – so hatte sie ihm auch drüben auf der Insel versprochen, seine Frau zu werden. Er lehnte sich nicht gegen den Bruch ihres Gelöbnisses auf, die Natur hatte ihn nicht zum Kämpfen bestimmt, ihm fehlten Kraft und Mut dazu, ein sicheres Ruhen auf sich selbst. Das ließ ihn sie auch nicht anklagen, nicht treubrüchig nennen; er war vom Leben untergeordnet worden, und es hatte so geschehen müssen. Unbegreiflich lag's hinter ihm, daß er gestern geglaubt, der Himmel habe mit dem Fund eine Wundermacht in seine Hand gegeben. Jeder andere hätte ebenso die Schriftstücke entdecken können, ein blinder Zufall war's gewesen ohne irgendwelche Bedeutung. Aber wenn er selbst für sie sein Leben einsetzen könnte, ihr einen Stern vom Himmel herabzuholen, es würde das gleiche sein. Seinen Wert vermochte er damit nicht zu erhöhen, er blieb zu wenig für sie. Darum konnte sein Herz keine Anklage gegen sie erheben, nur eines trug es als ein bitteres Wehgefühl in den langsamen Blutwellen. Das eine hätte sie nicht tun sollen, ihm ersparen können. Warum hatte sie ihm das auf der Düne von Herdsand getan? Das war grausam gewesen, wie die blendende Sonne für das kranke Auge. Zwielichtfäden durchspannen schon so dämmernd die Luft, daß drüben, südlich vom Dorf, die Pastorin Hollesen in Zweifel stand, ob eine Gestalt die ihres Mannes sei, der unerwartet nicht aus der Richtung der Stadt, sondern von Osten her über die Heide komme. Aber dann unterschied sie doch, er sei's und eilte ihm entgegen. Er fragte, noch einige Schritte von ihr entfernt: »Wo ist Zea?« – »Im Hause« – erwartungsvoll setzte Frau Mathilde, hinzu: »Was für Nachricht bringst du?« Manche Nachrichten brachte er zurück, hatte ihr vieles mitzuteilen. Langsam, öfter eine Weile stehenbleibend, gingen sie miteinander dem Dorf zu. Es ward nicht mehr dunkler, sondern heller; der verschwundene Kirchturm von Loagger tauchte wieder sichtbar auf, wie von einem Silberglanz überhaucht. Nach Norden saß Zea auf dem Dünenrand und blickte über die Wellen hinaus, die dicht unter ihre Füße heranliefen. Sie kamen nicht mehr spielend, sie rauschten, jede schien die ihr voraufrollende einholen und fassen zu wollen, schwoll über sie hin; die rückkehrende Flut war's. Fern auf dem Rand der See stand's noch wie ein roter Himmelsbogen, sonst lag alles, sich mit einem grauen Gewebe zudeckend; nur da und dort glimmerte drunter ein kommender und schwindender weißer Schaumwurf. Die Sonne war tot – Ja, sie mußte sterben – vor ihren Augen sah Zea es auf dem Blatt geschrieben: »Alles tot – die Sonne, der Himmel, die Erde, alles tot.« Der Herzschlag in ihr wiederholte es unausgesetzt: Alles – tot, denn nichts mehr lebte, als ihr Herz, mit dem sie dachte. Das aber war schlimm. Zu spät ward sie sich dessen bewußt, denn nun ließ sich's nicht mehr ändern. Viel besser wär's gewesen, wenn der Kopf gedacht – das Herz hätte nicht anfangen sollen zu denken. Seine Gedanken brannten so – sie fühlte es in der Brust als eine Flamme, von der ein greller Lichtschein durchs Dunkel brach, und wohin er traf, ward alles zu glühenden Kohlen– Vor ihr griff eine unsichtbare Hand nach dem grauen Gespinst über der See und wandelte es in ein silbernes um, das sich hoch aufhob und senkte und wieder hob, wie vom Auf- und Niederwogen einer großen, tiefatmenden Brust. Die Flut schwoll, der im Osten emporgestiegene Vollmond hob gebietend sich die Nordsee entgegen. Nur auf sein Gebot kam sie, von keinem Sturm getrieben, mit einer großen Ruhe ihrer Bewegung und doch mächtig. Immer klarer übergoß die strahlenhelle Nacht sie mit weißem Glanz. Nun fuhr's Zea einmal jäh vom Scheitel bis zur Sohle herunter. Neben ihr war etwas – dort – am Dünenhang kam's herauf und heran, ein unbestimmter dunkler Umriß auf dem beglänzten Sand. Doch es reckte sich höher, ward zu einem Kopf mit Linien eines Gesichts. Der Schatten – Sie sah darauf hin und duckte sich angstvoll zusammen, und er tat's ebenso, sich duckend und lauernd – Ja, er war's und sie wußte auch, wer er sei und was er wolle, denn das Herz hatte ihr gesagt, was die Schrift auf dem Blatte bedeute. Von ihm – dem Schatten – kam die bleierne Decke, die er ihr um den Kopf gelegt. Von der roten Heide her war er gekommen, durch den Nebel immer hinter ihr geblieben, weil er die glühenden Kohlen in ihrer Brust sah. Daran erkannte er, wohin sie lief – und nun kauerte er dort und wartete, um ihr die Bleidecke immer enger und enger um den Kopf zu pressen, bis sie ihn zerdrücke. Mit dem rechten Arm wie zur Abwehr umfahrend, sprang sie auf, um zu fliehen, und mit ihr sprang der Schatten auf und streckte den Arm nach ihr – Das Blatt sagte, aufs Wasser könne er nicht nach – Plötzlich brach ein Schrei von Zeas Lippen: »Mutter – Mutter – hilf mir!« Der erste war's, den sie ausstieß, seitdem sie von dem Findlingstein auf der Heide zurückgekommen, ein Schrei des Herzens, namenlosen Jammers, der hilflosen Verzweiflung. Sie hielt beide Anne ausgebreitet, und im nächsten Augenblick lag der Dünenhang leer da, mit dem zurückrollenden Vorwasser lief sie geradeaus in die See. Und es war, als ob diese ihren Ruf gehört, so kam, höher noch als bisher, eine Welle, einer hochanschwellenden Brust gleichend, von der her weiße Hände sich vorstreckten. Ruhevoll und machtvoll zugleich kam sie, umschlang das Mädchen und hob es empor, wie eine Mutter ihr hilfloses Kind in die Arme nimmt. Nichts blieb sichtbar, als flüchtig noch das aufgelöste, goldig schimmernde Haar Zeas, dann neigte es sich über und verschwand, niedertauchend, unter einer weiß sich drüber breitenden Decke. Zwei Menschenaugen hatten den Vorgang wahrgenommen, doch zu weit entfernt, zu undeutlich, um zu erkennen, was vor ihnen geschehe. Der Strandvogt Henning Witttop war in der wundervollen Nacht noch von seinem Häuschen her auf der Düne entlang gewandert, sich an dem Rauschen und Schäumen der Mondflut zu erfreuen. Ihm schien's, daß sie vor ihm jemand zum Baden habe, aber die in der Welle verschwundene Gestalt kam nicht wieder zum Vorschein. Unwillkürlich eilte er hinzu; eine neue Welle wälzte etwas mit sich und rollte zurück. Da hielt er's gefaßt, ungläubig mit weitoffenem Blick darauf starrend. Auf den Armen trug er Zea an den Strand, hoch aufschnaubend rauschte die Flut ihm nach, als suche sie zornig-gewaltsam ihm seine Bürde zu entreißen. Die lag reglos, mit geschlossenen Augen. Doch sie konnte nicht tot sein, zu kurz nur hatte sie unter dem Wasser verweilt. Sie mußte nur in Betäubung liegen, zum Leben zurückkommen. Im Pfarrhaus waren Christian Hollesen und seine Frau heimgekehrt, suchten unruhig nach ihrer Tochter, von der die Magd nichts wußte. Mit einer Beschwichtigung überkam's den Pastor, wahrscheinlich hatte die Mondnacht sie auf die Heide hinausgelockt, und dann war sie dort wohl nicht allein. Obwohl von seinem langen Tagesweg ermüdet, begab er sich doch eilig wieder fort, sie an der ihm bekannten Stelle zu finden. Im Schulhause saß Tilmar Hellbeck in seiner Kammer, bei einem rotflackernden Talglicht wiederholend, was er schon ungezählte Male getan. Er las den Bericht Jasper Simmerlunds, wie Henning Wittkop in der Dezembernacht das auf der See zur Welt gekommene fremde Kind in die Schulstube hereingetragen. Dorthin – die Tür zu ihr war offen – und der junge Lehrer wandte den Blick hinüber. Da sprang er auf, wie eine Vision vor seinen Augen war's. Leibhaftig kam Henning Wittkop in die Schulstube hinein, etwas auf dem Arm tragend, nur nicht klein, sondern lang hingestreckt und, man sah's ihm an, nicht leicht wie damals, mit mühsamem letztem Kraftaufgebot. Deshalb brachte er's hierher, ins nächste Haus, aus erschöpfter Brust stammelnd: »Sie ist nicht tot – Sie kann nicht tot sein –« Frau Margret kam ebenfalls, tat, wovor die Männer, die sich nicht zu helfen wußten, zurückscheuten. Um das Leben galt's und sie öffnete der Hingelegten die einengenden Kleider, zog diese hastig zur Seite, und in dem rötlichen Lichtschein lag Zea Hollesen mit der halbentblößten, schönen, jungfräulichen Brust da. Doch alle Bemühung, sie zum Atmen zu bringen, war vergebens; sie blieb reglos, war tot. Ihr Herz mußte der Welle geholfen haben; die allein hätte es nicht vermocht. Wie ein Traumbild war's vor dem Blick Tilmar Hellbecks, ein Schreckensbild und zugleich von geheimnisvoller wundersamer Schönheit. Er dachte nichts, und keine Zeit war um ihn; auch den Pastor und dessen Frau sah er kommen, doch wie durch einen Nebel, ohne den Ausdruck ihrer Züge zu erkennen, und er hörte ihre Stimmen nicht. Er sah nur die Tote. Dann stürzte etwas von draußenher durch die Tür herein, stieß einen herzzersprengenden Schrei aus, und wie leblos stürzte Meinolf Alfsleben vor der Toten nieder. Markdurchdringend klang's und doch plötzlich ließ es einen seltsamen Glanz in den Augen Tilmars aufirren. Der Schrei sprach etwas, riß einen Schleier fort, mit dem sich die geheimnisvolle Schönheit umwoben gehalten, und enthüllt stand sie vor ihm da. Sie hatte ihr Versprechen erfüllt, heute zu ihm' zu kommen, und niemand konnte sie ihm mehr nehmen – auch sie selbst nicht. Frau Mathilde hatte mit zitternder Hand die Kleider über die Brust der Toten zurückgezogen. Nun hob Christian Hollesen sein Kind auf die Arme, es ins Pfarrhaus zu tragen. So hatte er's vor achtzehn Jahren getan; wie auf einem im Sturm schlingernden Schiff ging taumelnd Henning Wittkop neben ihm und redete vor sich hinaus: »Sie hat der See zugehört, die ließ nicht von ihr.« Zwei Tage vergingen, da sammelten sich am Morgen die Dorfbewohner auf dem Kirchhof an. Vor dem efeuumwachsenen Gedenkstein Meinolfs von Rhade war eine Gruft gehöhlt; er ruhte nicht unter dem Grabmal, doch seine Tochter legte man heute hier in die Erde, in den Sand der alten Düne. So hatte Christian Hollesen es angeordnet. Eine Totenfeier war's; festlich stand alles umher gewandet, der Himmel in wolkenlosem Blau, das in endlose Weite schimmernde Meer, die rotblühende Heide, in ihrem Goldkleid die Sonne. Alle erschienen nicht wie Leidtragende, doch in feierlicher Schönheit. Von der Kirchenmauer sahen die alten Findlingsteine nieder; nicht düster, mit einem freundlichen Ernst blickten sie auf den Lebenstraumwahn der ihnen vorüber kommenden und gehenden Menschen. So flatterten die kleinen blauen Falter dort über den Gräbern ein paar Stunden im Licht. Der Wagen hatte von Helgerslund auch Herrn und Frau von Brookwald und Unna zur Beerdigung gebracht. Gertrud bot körperlich und geistig das Gepräge einer frühalten Frau mit völlig leerem Gesichtsausdruck; nichts lag in ihren Zügen, als eine stumpfe Gleichgültigkeit. Ihr Mann trug schwarze Kleidung und einen umflorten Hut, wie ein dem Vorgang Nahstehender. Er hatte Worte mit der Pastorin getauscht und schien die fast gleichzeitig mit der Todesnachricht zu ihm gelangte Kunde von der Abstammung Zeas als nicht unglaubhaft anzunehmen. Doch jetzt für belanglos; ob sie wirklich eine Tochter seines verstorbenen Schwagers gewesen oder nicht, besaß für sie selbst und für niemand mehr irgendwelche Bedeutung; bei genauerer Achtgabe ließ seine Miene Anstrengung erkennen, den geziemenden Trauerernst zu bewahren. Unna sah bestürzt und betrübt aus; sie hatte Zea lieb gehabt und hielt einen selbstgewundenen großen Kranz von weißen Rosen in Händen, ihn auf das Grab zu legen. Aber sie war noch ein halbes Kind, das den Tod in seiner Wirklichkeit im Innern noch nicht voll begriff, ihn im Gefühl mehr wie einen ungewöhnlichen, langen Schlaf trug, und ungeachtet ihres Kummers blickte sie doch mit etwas Verwunderung nach einer Stelle jenseits der Gruftöffnung hinüber, daß dort Meinolf Alfsleben stehe und sich zu dem Begräbnis mit eingefunden habe. Er hatte gestern in der Stille seinen Vater unter dem Eichenlaubdach des alten Hünengrabhügels beerdigt, war danach auf die Heide zu dem Findlingstein gegangen und dort die Mondnacht hindurch geblieben. Nun stand er, als ob er in seiner Empfindung allein hier sei, nichts von der Anwesenheit aller übrigen sehe und höre. Sein ganz farbloses Gesicht hatte eine wunderbare Schönheit gewonnen; man konnte es sich als das in einem Marmorgebild verkörperte Antlitz des Todes vorstellen, der an der Gruft stehe, die er für ein mit unabänderlicher Notwendigkeit von ihm beendetes Leben aufgetan. Ohne Regung einer Wimper hafteten seine Augen auf dem über der Höhlung ruhenden Sarg, als durchdrängen sie mit einer übernatürlichen Kraft die schwarze Holzwandung und sähen, was kein Blick sonst gewahren könne. In der Hand hielt Meinolf Alfsleben einen von dem Findlingstein draußen mitgenommenen blühenden Heidezweig. So umgaben die auf dem Kirchhof Versammelten die Stätte, und jetzt kam Christian Hollesen heran, verwundert-überraschte Blicke auf sich ziehend, denn er trug nicht den geistlichen Summar, sondern seine tägliche Kleidung. So trat er an das Grab und sprach: »Ich bin nicht der Pastor, der dieses Grab weihet; der Vater bin ich, der sein Kind bestattet. Ich bin nicht der Prediger, der zur Gemeinde redet: der Vater spricht zum letztenmal zu seinem Kinde. Mein Kind warst du, denn in meinem Herzen trug ich für dich die Liebe des Vaters; alles andere ist inhaltloses Wort und eitel. Und eitel ist das geistliche Kleid an deinem Sarge, Lüge wär's, käme ich in ihm zu dir. Ich komme, wie ich mit dir lebte, wie ich für dich war; nicht für eine Ewigkeit, für die kurze Zeit unseres Seins. Sie ist dir kürzer gewesen, als mein Hoffen sie maß; du bist nicht mehr, ins Nichts mir vorangegangen und zum Nichts bist du geworden. Die Liebe ist mit dir gestorben, reicht nicht mehr zu dir hin, denn es ist nichts in diesem Sarge. Laßt ihn nieder!« Die an den Seilen Harrenden kamen dem Geheiß nach, ungläubig staunend blickten rundum die Hörer auf den kurz verstummten Sprecher. Worte waren es gewesen, wie sie wohl noch an keinem Grabe vom Munde eines Pastors gekommen, und so hob er sie jetzt aufs neue an. Ein Mensch stand da, der im tiefsten Schmerz jede Hülle von seiner Seele, seinen Gedanken ablegte, mit dem Herzen sprach, wie er fühlte und war. Liebe nahm Abschied von dem, was als ihr Teuerstes gelebt, und wußte, sie tue es für ewig. An diesem Grabe hielt die Übereinkunft, die er in sich zwischen der Forderung des geistlichen Amtes und seiner eigenen Erkenntnis geschlossen, nicht stand; für sich selbst umkleidete er diese nicht mit freundlich-tröstlichen Bildern, sondern von seinen Lippen trat die hüllenlose harte Wahrheit. Deutlich redeten die verhärmten Züge von schlaflos durchwachten Nächten; die bebende Stimme versagte ihm manchmal, daß er schluchzend innehalten mußte, ein armer, hilfloser Mensch. So hatte keiner der Zuhörer sich den ruhevoll-sicheren, alle anderen fest im Leid und Unglück aufrechthaltenden Pastor Hollesen vorstellen können. Mehr noch als seine Worte, sprach der Zusammenbruch seiner Kraft, was ihm die Tote gewesen und er mit ihr verloren. Doch nun hatte er den letzten Abschied von ihr genommen, und plötzlich ging eine Verwandlung mit ihm vor. Er lichtete sich hoch auf, wie Flammen loderte es aus seinen milden Augen, und zu mächtigem, weithin hallendem Klang hob sich seine gebrochene Stimme: »Dich aber, Friedrich von Brookwald, schuldige ich an, daß du meiner Tochter nach dem Leben gestanden. Du hast gewußt, ihr gehöre zu Recht, was du besitzest, und dreimal hast du sie zu töten gesucht mit Arsenik durch das Gift einer Schlange, durch den Niedersturz der Treppe in deinem Hause. Wie ist es geschehen, daß ich sie heute in die Erde legen mußte? Ich weiß es nicht – aber ich schuldige dich an, es kam wieder von deiner Hand, du hast sie getötet!« Alles Blut war dem Angesprochenen aus dem Gesicht gefallen, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, er griff mit der Hand wie nach einem Halt hinter sich zurück. In der Brust jedes der Hörer umher stockte der Atemzug, wie betäubt richteten sie die Blicke auf den jäh mit so ungeheurer Anklage Getroffenen. Doch nur einen Augenblick hatte Fritz Brookwald die Fassung eingebüßt; nun erwiderte er laut, allen vernehmlich: »Mein armer Freund, der Gram um seinen Verlust hat ihm den Kopf zerrüttet. Wir sahen's und hörten schon an der unchristlichen Grabrede, mit der er seine Tochter bestattet, daß die Vernunft von ihm gewichen. Ich fühle tiefes Mitleid mit ihm, aber als Patronatsherr habe ich die Pflicht, der Kirchenbehörde Anzeige zu machen, daß die Gemeinde eines Ersatzes für ihn bedarf. Kommt, der Anblick des Unglücklichen erschüttert mich zu sehr.« Das letzte Geheiß des Sprechers galt seiner Frau und Tochter, die ihm zum Verlassen des Kirchhofes folgten, Gertrud gleichgültig, automatenartigen Ganges, Unna in kinderhafter Willenlosigkeit. Scheu nach ihrem Pastor blickend, machten auch die Dorfleute, einer um den anderen, erst langsam, dann rascher, sich davon. Es ward leer um die Gruft, in die Christian Hollesens Augen niedergingen. Er selbst fühlte das Übergewicht der Entgegnung des Helgerslunder Schloßherrn. Nur ein der Vernunft Beraubter konnte solche Anschuldigung ohne irgendwelche Beweismittel aussprechen. Und doch hatte er es gemußt, diese Stunde es von ihm gefordert. Dazu empfand er, Fritz Brookwald habe wohl auch das Richtige gesagt; mit irrem Kopf sei er an das Grab getreten und so stehe er hier. Was er im Innersten trug, hätte er darin bewahren sollen, nicht den Ohren derer, die es nicht zu begreifen vermochten, kundgeben. Und doch wieder hatte er's gemußt, seinem Kinde mit dem letzten Wort die Wahrheit zu sprechen. In dieser Stunde war der Widerstreit seines Lebens zum Ausbruch gekommen; er wähnte, ihn friedlich ausgeglichen zu haben, doch ein unversöhnlicher war's. Er hatte sich selbst mit dem Wahn betrogen, bis zum Ausgang die Freiheit seines Geistes mit dem Amt der Kirche vereinigt halten, seine Erkenntnis in ihre Ausdrucksworte fassen zu können. Aber dieser Erdhaufen türmte eine Klippe vor ihm auf, an der er gescheitert, er hatte Pastor sein müssen oder Mensch. Der Pastor hätte vor dem Grabe eine hohe, gerecht, gütig und weise bedachte Weltordnung verkünden müssen, doch vor seinem jammernden Herzen lag diese blind und, fühllos, Liebe und Schönheit gleichgültig zerstörend, und straflos ließ sie der Niedertracht den Sieg. In irrem Gemütszustand, doch sinnbildlich, hatte Christian Hollesen sich der geistlichen Tracht entkleidet; er war kein Pastor mehr, der Patronatsherr brauchte ihn seines Amtes nicht entsetzen zu lassen. Nun löste sich der Kampf seiner Sinne, er schlug sich die Hände vors Gesicht, lindernd brachen zum ersten Male ihm Tränen aus den Augen. Sanft legte ein Arm sich um ihn, er fühlte, der seiner treuen Lebensgenossin sei's, der Liebe, die ihm noch geblieben, und er ließ sich von ihr fortführen. Zwei auf dem Kirchhof Mitanwesende allein hatten sich nicht um die Grabrede und den ihr nachgefolgten aufregenden Vorgang bekümmert, nichts davon gehört und gesehen. Durch die Gruft voneinander getrennt, blieben sie jetzt als die einzigen an ihr, Meinolf Alfsleben und Tilmar Hellbeck, auch sich wechselseitig nicht wahrnehmend. Nur der erstere regte einmal kurz die Hand und warf den von ihr gehaltenen blühenden Heidezweig in die dunkle Höhlung nieder. Dann standen beide unbeweglich, mit den Augen auf dem Gedenkstein Meinolfs von Rhade haftend, von dessen weißer Marmorplatte, in der hellen Sonne flimmernd, die Inschrift aufsah: »In Jugend, sprachen die Alten, gehen dahin, die von den Göttern geliebt werden. Leidlos aus der Sonne entrafft jäh sie der Blitzstrahl. So leben sie immer jung dem Gedenken.« Heute hatte der, welcher es einst ahnungslos auf den Stein gesetzt, gesprochen: »Die Liebe ist mit dir gestorben, reicht nicht mehr zu dir hin, denn es ist nichts in diesem Sarg.« Aber jene beiden waren noch jung, und ihre Herzen hielten es heute für unmöglich, daß die Liebe je in ihnen auslösche. Für sie barg die schwarze Holzlade das höchste, was ihrem Leben geblieben, zu immer gleichem Gedenken. Als Christian Hollesen die Inschrift verfaßt hatte, war es für fremdes Leid und auch er noch jung gewesen. Außer den zweien befand sich nur noch ein Arbeiter an dem Grabe, der die Höhlung zuschaufelte. Gleichmäßig warf er den Sand auf den Sarg, und unter jenem verschwand wie ein zerfließendes Traumbild die kleine Blüte, die Meinolf schweigend der Toten mitgegeben. Draußen aber gegen Osten blühte weithin die purpurne Heide fort, und unabsehbar im Westen spielte mit glimmernden, murmelnden Wellen an den Strand und über ihren dunklen Tiefen die See.