Wilhelm Jensen Auf dem Vestenstein Motto. »Was niemand schrieb, das meldet euch der Dichter, Wo Dunkel sich auf lang Verschollnes streckt, Hellt er die Nacht; verworrner Kunde Schlichter, Entwirrt er deutend sie. Vom Schlaf erweckt Die Toten er, verkündet als Berichter, Was ihre Brust dem Blick ihm aufgedeckt. Im Zwange frei, belebt er zum Gedichte Mit warmem Menschenherzschlag die Geschichte.« Erstes Kapitel. Fuchs und Wolf konnten an dem fast rundum senkrechten Absturz des Felspfeilers nicht hinauf, höchstens mocht es da und dort Luchs und Wildkatze gelingen. Aber die versuchten's nicht und hatten's wohl nie getan, denn für ihr Gelüst gab es droben nichts zu holen. Von Menschen, die tollkühn ihren Hals daran gewagt, berichtete nichts; war's je geschehen, so wußte vermutlich nur das weißüberschäumte Steingeblöck tief unten im Gaidener Bach davon, auf das die Sinnlosen heruntergeschlagen, um ungesehen und ungehört in der wilden Schlucht liegen zu bleiben, bis einmal im Frühling Wasser der Schneeschmelze das von ihren Gebeinen Übriggebliebene in die strudelnde Etsch davongetragen. Vorbei neben dem am Ausgang der dunklen Felskluft, den Häusern des Dorfes Andrian unweit gegenüber, linksseitig vom Bach nur wenig über ihr erhöht aufsteigenden alten Gemäuer, das von alters den Namen Wolfsturm trug und mit seinem verödeten Innenraum einem Bauern des Dorfes nur gelegentlich zur Nutzung diente; selbst wüßte er nicht, wann und wie ein Vorfahr von ihm einmal zu dem wertlosen Besitz geraten sei. Jener wohl schon seit unvordenklicher Zeit an der Südseite von der Wand des Gebirgsstockes abgelöste Pfeiler war eigentlich nur eine Felsnadel, über deren Spitze sich ostwärts nächstbenachbart ein busch- und baumbedeckter Bergrücken weiter aufwölbte; aus Westen her sah der breitgestreckt hochmächtige »Gantkofel« seltsam abgestaffelt und -gestuft, dicht und drohend nieder, hielt alles unter ihm Liegende gleichsam mit ungeheuren Steinfittichen umklaftert und schloß nach der letzteren Richtung den Halbkreis mit einer unübersteiglichen Schranke ab. Auf seinem Grat und an seinen Schroffen hausten allein Gemsen, Geier und Adler, für alles sonstige Leben ragte er einem unnehmbaren Throne gleich über der zerklüfteten Berg- und Waldwildnis, in der sich nur eine einzige Menschenwohnstätte, die kümmerliche Ansiedlung Gaid mit einigen weit auseinander gestreuten Hütten befand. Am Gipfelkamm des Gantkofels bemessen, lagen sie tief unten, doch für den Ausblick aus der düsteren Schlucht des nach ihnen seinen Namen führenden Gaidener Baches hoch oben; zahlreiche Almweiler hatten mutmaßlich schon in frühen Mittelaltertagen dort zur Niederlassung von Sennhirten verlockt und allmählich zur Begründung eines Weilers im einsamen Gebirg Anlaß gegeben. Ein zur Not gangbarer Pfad führte von ihm nordwärts nach dem stattlichen Dorfe Nals im Etschtal hinüber und hinunter; gen Osten blickten ein paar der ärmlichen Häuser von Gaid nach der abgesprengten Felsnadel hin, doch von ihr durch eine breite, bis zum Bachgrund niederfallende Schrunde getrennt. Alles ringsum trug das Gepräge unwegsam, wildzerrissener Alpenwelt. Die Nadel aber erwies in der Nähe ihr Oberende nicht als spitz auslaufend, sondern als eine kleine Felsplatte, immerhin jedoch von solchem Umfange, daß ein menschliches Bauwerk auf ihr Platz gefunden. Wann und von wem dies hergestellt worden, wußte niemand mehr; eine Ritterburg war's oder war's eigentlich gewesen, die den gering beschränkten Raum nach jeder Richtung wie bis auf Zollbreite auszunutzen verstanden. Ihre Umfassungsmauern erscheinen als eine Fortsetzung der Felsschroffen, aus diesen aufgewachsen, nur wenige und zumeist winzige Wohngelasse im Innern umgebend; an der Nordseite führte über den schwindelnden Abgrund eine schmale Zugbrücke nach dem höheren, waldigen Bergrücken hinüber. In die Weite dagegen dehnte sich der Blick nach Osten aufs breite Etschtal, die zerstreuten Häusergruppen von Turilan und Siebeneich nieder mit den jenseitigen hohen Burgwänden darüber; auf ihnen vorgelagerten Anhöhen wurden die Burgen Neuhaus und Greifenstein, besonders im auffallenden Sonnenlicht, deutlich erkennbar. Dann folgten noch mehr nach rechts im weiten Kesselgrunde die alte häuserreiche Stadt Bozen, von den phantastisch-gigantischen Zacken, Zinnen und Türmen der Schlern- und Rosengartenkette überragt und umrahmt. Dagegen waren, von einem Vorsprung des Steinbergs verdeckt, die zunächst belegenen Burgen des Eppaner Geländes, Hoheneppan und Boymont, sowie die uralte gewaltige Feste Formigar, die ihren Namen seit einem halben Jahrhundert in Sigmundskron umgewandelt, nicht sichtbar; der Steinberg schied sie mit unwirtsamem Dickicht von der Felsennadel über dem Gaidener Bache ab. Die auf dieser errichtete Burg hieß »der Vestenstein«; auch der Ursprung ihrer Benennung war nicht mehr bekannt, ob der Erbauer sie damit als den »festen Stein« bezeichnen gewollt oder nach uns vielfach bräuchlich gewesener Weise sich eine Zurufs-Namenbildung »Faß-den-Stein!« darunter verberge. Am meisten entsprach's der Wahrscheinlichkeit, daß die Gründung der kleinen Burg von dem Grafen von Hoheneppan herstamme, dem vormals mächtigsten Geschlecht in Tirol, bis es auf Gebot des Hohenstaufenkaisers Friedrich Barbarossa durch den Herzog des Bayerlandes Heinrich den Löwen aus seiner hochfahrend stolzen Anmaßung, die Oberherrschaft über allen auszuüben, herabgestürzt worden. Wenigstens hatten in den letzten Jahrhunderten nachweislich Eppansche Lehensträger den Vestenstein im Besitz gehabt, die Edlen von Villanders, dann die von Sporenberg, deren letzter ihn an den Erzherzog Sigismund verkauft. Von dem waren im Jahre 1500 Paul von Lichtenstein und Cyprian von Särntein gemeinsam belehnt worden. Im tirolischen Lande gab es von alters fast unzählbare Geschlechter. Manche mit wunderlichen Namen, die sich zu den Edlen zählten und als solche anerkannt wurden, ob sie vielfach auch kaum anders als Bauern zwischen verfallenem Gemäuer in Dürftigkeit hausten. Zumal das Etschtal von Meran bis Bozen bildete ein dicht von »Adelssitzen« bedecktes »Ritterland«, deren Insassen nicht selten ebenso absonderlicher und fragwürdiger Art waren, als ihre Schlupfwinkel zwischen halsbrecherischem Gestein und Gestrüpp. Außer Frage aber stand, daß der Vestenstein schon manches Menschenalter lang eine Raubburg, und zwar schlimmster Gattung gewesen sei. Über die Zugbrücke waren ihre wechselnden Inhaber gleicherweise aus dem Felshorst wie niederstoßende Geier auf draußen schutzlos vorbeiziehende Handelbetreibende hinuntergefahren, mußten Weg- und Stegmöglichkeit bei Tag und Nacht an den Abstürzen gekannt haben, um ihre Beute wieder hinaufzubringen und droben oftmals mitgeschleppte Kaufleute zur Erpressung schwerer Lösegelder in ein Aushungerungsloch der Felsschrunden unter ihren Gemächern hineinzuwerfen. Klüglich vergriffen sie sich nicht an Angehörigen der größeren Burgherren in der Nachbarschaft und wurden deshalb von diesen, die obendrein bei günstigen Gelegenheiten zumeist dem nämlichen Gewerbe oblagen, in ihrem Betrieb ungestört gelassen. Ausübung eines adligen Berufes und Rechtes war's, dem »edlen Waidwerk« gleichstehend. Wie's dann einmal geschehen ist, berichtet keine Niederschrift, doch muß es sich nicht lange nach jenem Jahre 1500 zugetragen haben; vermutlich durch Bürger der Stadt Bozen, die endlich der beständigen Schädigung ihres Handels an der Etsch aufwärts überdrüssig geworden und eines Tags mit Hakenbüchsen und sonstigen Erfordernissen ins Mittelgebirge unterm Gantkofel ausgezogen, um das Raubnest von der Felsnadel wegzutilgen. Jedenfalls gelang's denjenigen, die sich das Verdienst daran erworben hatten, denn im Jahre 1503 redet gelegentlich eine Urkunde von dem »verbrannten Burgstall Vestenstein«. Seine Bewohner waren verschwunden, lagen wahrscheinlich, da sie nicht wie Geier Flügel ausspannen gekonnt, drunten zwischen dem Schaumgeblöck des Gaidener Baches; die Zeit war nicht danach angetan, darüber weitere Erkundigung einzuziehen. Doch hatten sich Trümmerreste des alten Bauwerks noch ziemlich erhalten, der, ob auch nur niedrige, kräftige viereckige Bergfried und mancherlei sonstiges Mauerwerk; romanische Fensterbogen und Türstöcke darin aus Granit und Porphyr legten Zeugnis ab, die kleine Burg sei dauerhaft und sogar mit einem gewissen Schmuckaufwand erbaut gewesen; auch die runde Zisterne zeigte sich, mit Wasser gefüllt, unversehrt, aber das Holzwerk war überall von gefräßigen Flammen weggezehrt oder schwarz verkohlt worden. Einen vorzüglichen Aufenthaltsplatz boten die Überreste so für Geschöpfe, welche der gleichfalls verbrannten Zugbrücke nicht zum Hingelangen bedurften, für Falken, Habichte und Eulen. Aber falls solche sich dort angesiedelt gehabt, geschah`s nur vorübergehend, da binnen nicht langer Frist danach wieder ein ungeflügelter Ankömmling von den Überbleibseln des Vestensteins, und zwar auf rechtsgültige Weise, Besitz nahm. Freilich würde es ihm wohl kaum jemand streitig gemacht haben, wenn er sie sich auf eigne Faust zugeeignet hätte, doch zog er vor, für Erlegung eines geringfügigen Kaufschillings vom derzeitigen Landesherrn, Kaiser Maximilian dem Ersten, sich damit belehnen und die Verstattung zum Wiederaufbau der Burg zuteilen zu lassen. Vom letzteren machte er zwar nur in äußerst bescheidenem Maße Gebrauch, beschränkte sich eigentlich darauf, dem Himmel und den Wolken durch neue Auflagerung von Gebälk auf die Mauern den Einblick ins Innere wieder zuzudecken und aus diesem den Brandschutt herauszubefördern. Ein paar Knechte leisteten ihm dazu Beihilfe, fällten in einem jenseits der abtrennenden Schlucht mitangekauften Waldstück Bäume zur Gewinnung des Holzes für die Herstellung der Dächer, und die Zugbrücke schwang sich an zwei Tannenstämmen von gewaltiger Länge wieder über den Abgrund; solch gewichtige Schutzvorkehrung zweckentsprechend zu bewerkstelligen, waren die Söhne der Zeit wohlbewandert. Der neue Inhaber des Vestensteins hieß Hans Übelhör und gehörte trotz dem wenig vornehmen Klang des Namens einem der edlen Geschlechter des Landes an; vielleicht war einer seiner Vorfahren einmal wegen mangelnden Gehorsams so mit einem Übernamen benannt worden und dieser den Nachkommen verblieben. Wie Hans Übelhör in die notdürftigst ausgebesserte Ruine einzog, mochte er am Ende der Dreißiger stehen, brachte eine wohl um mehr als ein Jahrzehnt jüngere, sehr schöne Frau, des Rufnamens Maddlena und zwei erst seit ein paar Jahren auf den Füßen herumlaufende Töchter Katharina und Helena mit sich. Blondhaarig und helläugig, trug er ein entschiedenes Gepräge deutscher Abkunft, während die Frau mit schwarzem Haar und braunen Augensternen mutmaßlich auf Herstammung aus südtirolisch-italienischem oder aus altladinischem Volksstamme hinwies; von den beiden Schwestern war die erstere dem Vater, die zweite der Mutter nachgeartet. Diese machte in gewisser Weise den Eindruck eines eigentümlichen Doppelwesens, in dem sich etwas scheu Schweigsames mit einer darunter verborgenen Lebhaftigkeit zusammenmischte; selbst sprach sie ihren Gatten fast niemals an, antwortete ihm nur auf sein Befragen und Anweisen. Wenn er aber abwesend war, sang sie manchmal halblaut ein italienisches Volkslied, um das die Katharina sich nie bekümmerte, dagegen hörte die kleinere Helena stets, von ihrem Betreiben ablassend, aufmerksam darauf hin; doch sobald der Niederfall der Zugbrücke draußen erklang, verstummte der leise Gesang sofort. Die Hausgenossen auf dem Vestenstein lebten nicht in dürftigsten Umständen, zum mindesten waren Mittel zur Befriedigung des Hungers vorhanden; meistens zwar beschränkte ihre Nahrung sich auf Dinge, die sie unweither aus den Hütten des Weilers Gaid beziehen konnten, Milch, Käse und Brot. Indes brachte Hans Übelhör dazu öfter eine Jagdbeute aus dem Gebirge heim, stieg dann und wann auch nach Tals und Terlan hinunter, von dortigen Händlern Gewürze und sonstige Küchenbedürfnisse heraufzuholen. Gewöhnlich kehrte er dann auch mit irgendwelchen kleinen Leckerbissen an Früchten oder süßem Backwerk für den Kindermund zurück, doch hauptsächlich oder beinah ausschließlich für seine Tochter Katharina, während die kleine Helena aus seiner Hand kaum jemals etwas davon zugeteilt bekam. Im Kellerloch lagerten ihm ständig einige Fässer Terlaner Weins, dazu mußten die Mittel ebenfalls ausreichen. Der lang mit Glutsonne über dem Etschland brütende Sommer erzeugte nicht nur drunten im Tal, auch auf der Felsnadel Durst, und während der winterlichen Jahreszeit tat das lange Nachtdunkel ein gleiches. Wenigstens verbrachte Hans Übelhör auch dann die Abendstunden gemeiniglich bei der Weinkanne, allein in einem der kleinen Gelasse sitzend; die Zeit gab solchem, mit vorgeschobenem Erker versehenen Gemach den Namen »Pechnase«, weil sein Fensterausbau die Ermöglichung des Hinunterschüttens von siedendem Pech auf die Köpfe feindlicher Angreifer bezweckte. Doch war der jetzige Burgherr kein Trunksüchtiger, setzte nur hin und wieder den Weinbecher kurz an die bärtigen, seinen Mund unerkennbar lassenden Lippen und sah dann auf das Wechselspiel von Licht und Schatten, das ein in altem rostigem Eisengriff an der Wand steckender Kienspan um ihn her warf. Draußen summte und winselte oder fauchte und heulte der Wind, stieß durch Spalten und Fugen der klappernden Holzluke des alten Bogenfensters, ließ die züngelnde Flamme unruhig flackern. Kalt drang die Luft vom verschneiten Gebirge in den engen Raum herein, sichtlich überlief's den Insassen der Kammer manchmal mit einem frostigen Gefühl; dann griff er nach dem Becher, sich durch einen Zug daraus zu wärmen. Wenn der Span zu erlöschen begann, entzündete er zuweilen am verglimmenden Rest einen neuen, meistens indes nicht, sondern blieb noch eine Zeitlang im Dunkel sitzen, bis er aufstand, die Lücke öffnete und noch einen Blick in die Nacht hinauswarf, die das Etschtal drunten mit toter Finsternis überdeckte. Sie durchglomm nur an zwei Stellen noch ein Lichtschein, der eine fiel aus der Burg Neuhaus her, nah über Terlan, der andere kam weiter nach rechts höher herab von der uneinnehmbar auf jähen Felswänden thronenden Burg Greifenstein. Dann streckte Hans Übelhör sich auf seine niedrige, bäurisch einfache Lagerstätte und zog ein schwarzzottiges Fell über sich. Der Bär hauste noch vielfach in den Gebirgswäldern; er hatte selbst einen erlegt und sich aus seinem Pelz eine wärmende Decke herrichten lassen. Zweites Kapitel Wild war es wohl von jeher, doch besonders während der letzten anderthalb Jahrhunderte im südlichen Tirol zugegangen, vielleicht weil die Sonne das Blut in den Köpfen hier heißer zum Kochen brachte, als im nördlichen. Die ringsum auf den trotzigen Felsburgen sitzenden alten »Geschlechter« hatten über ihre Gebiete eine fast unbeschränkte Herrschaft ausgeübt, diese als ihr »Recht« und ihre »Freiheit« beständig gegen die meistens kraft- und machtlosen Landesfürsten behauptet. Darin hob jedoch gegen die Mitte des 14. Jahrhunderts eine Wandlung an, als der Herzog Heinrich von Kärnten, der auch Graf von Tirol war, gestorben und beide Fürstentümer seiner Erbtochter Margarete hinterlassen hatte. Sie muß, neben sonstigen, ihr Angedenken übel belastenden Eigenschaften, mit auffälliger Häßlichkeit, besonders einem großen vorgeschobenen Hängemunde begabt gewesen sein, denn im Volk legte man ihr danach den bald allgemein bräuchlich werdenden Beinamen »Maultasche« zu; trotzdem scheint sie ein überreich mit Liebesabenteuern angefülltes Leben geführt zu haben. Ein absonderlich sich zwischen ihr und ihrem ersten Manne abspielendes, einem Bruder Kaiser Karls des Vierten, dem böhmischen Prinzen Johann, der sich gern König von Böhmen benennen ließ, endete damit, daß sie ihrem königlichen Gemahl eines Tages, als er zur Jagd ausgezogen, bei seiner Rückkunft das Tor des Schlosses Tirol über Meran vor der Nase zusperrte und ihm anriet, sich eine andere Herberge zur Unterkunft zu suchen. Nicht lange danach verheiratete sie sich abermals, höchst unbekümmert um einen auf sie geschleuderten Bannfluch des heiligen Vaters in Rom, wiederum mit einem nächsten Angehörigen des neuen Trägers der Reichskrone, dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg, Sohn des Kaisers Ludwig des Bayern. Der, nach dem Abschluß dieser Ehe sich auf sein oberbayerisches Herzogtum und die Grafschaft Tirol beschränkend, war ein Mann von stärkerer Tatkraft als sein böhmischer Vorgänger und wußte seine landesfürstliche Oberherrschaft an der Etsch anders zur Geltung zu bringen, sowohl über die trotzigen »Edlen«, als vermutlich auch über das zum Rebellieren geneigte Mundwerk seiner Frau. Die ersteren duckten sich unter das Regiment des immerhin ihre Selbstherrlichkeit nicht allzu scharf antastenden Kaisersohnes, hinter dem als Rückhalt die Reichsgewalt drohte; Margarete Maultasche dagegen gab sich friedlicherer Beschäftigung durch Erbauung eines Talschlosses an der Etsch hin, hart unter der Felsnase, von der die Burg Neuhaus drauf niedersah. »Um es im Windter irer Ungesundheit halber zu bewonnen«, berichtete ein Chronist darüber, denn in der kalten Jahreszeit sei ihr die rauhe Luft auf dem hochgelegenen Schlosse Tirol nicht gut bekommen. Vielleicht eignete sich diese Tieflage auch besser zur bequemeren Befriedigung noch anderweitiger ihr zum Wohlbefinden unerläßlicher Lebensbedürfnisse; der Volksmund wandte den ihr verliehenen Beinamen gleichfalls auf den Neubau an und benannte ihn »Schloß Maultasch«. Erst spätere, vom Gedächtnis verlassene Zeit übertrug irrtümlich diesen Namen auf die darüber liegende Burg Neuhaus. Kaum ein Vierteljahrhundert aber dauerte die Herrschaft des Bayernherzogs Ludwig über Tirol an, dann mähte die Sense des großen Schnitters ihn von seinem Thronsitz herab und kurz nachher gleicherweise seinen einzigen Sohn und Erben Meinhard; so blieb allein Margarete Maultasche wieder als Herrin der Grafschaft übrig. Doch sie war ältlich geworden, besaß jedenfalls keine erbberechtigte, ihr Rücksicht auferlegende Kinder und trug für das Endstück ihres vielbewegten Lebens Verlangen nach Ruhe in sich. Das veranlaßte sie, wie bereits früher ihr Herzogtum Kärnten, auch Tirol gegen Zusicherung einer vollauskömmlichen Jahresrente an das erzherzogliche Haus Habsburg abzutreten und sich zu einem beschaulichen Rückblick auf ihre Vergangenheit in Wien niederzulassen. Nicht mehr für lange, denn sie starb schon nach einigen Jahren; so war die Grafschaft Tirol an Österreich gelangt; zunächst an den Erzherzog Leopold den Dritten von Steiermark. Es folgte eine Zeit, in welcher dieser, obwohl man ihn mit dem Beiwort »der Gütige« bedachte, von beständiger Kriegführung in Anspruch genommen, an Tirol kaum denken, geschweige denn sich um das dortige Geschehen bekümmern konnte. Erst fünfunddreißigjährig, schloß er in der Schlacht bei Sempach unter den Streitäxten, Eisenkolben und Spießen der Schweizer Eidgenossen sein Leben ab, zwei Söhne, Ernst und Friedrich, in frühestem Knabenalter hinterlassend. Fast zwei Jahrzehnte vergingen, ehe die beiden die Herrschaft über ihre vom Vater ererbten Länder antraten, sie so unter sich teilend, daß Friedrich die vorderösterreichischen Lande in Schwaben, am Oberrhein und Tirol erhielt. Dies beinahe vier Jahrzehnte lange Interregnum im letzteren aber nützten die »edlen Geschlechter« fleißig, einesteils sich gegenseitig aufzulauern, zu überfallen, in unterlaßlosen Fehden Burgen und Bauern zu berennen, verbrennen und auszuplündern, andernteils dagegen auch, in gemeinsamer Übereinstimmung sich der Einbußen, die ihr »Recht« und ihre »Freiheit« unter dem Bayernherzog Ludwig und Margarete Maultasche erlitten, zu entledigen und sich in ihre alte Selbstherrlichkeit zurückzuversetzen. In der Hauptstadt Innsbruck saß zwar eine österreichische Regierung, doch von so ohnmächtiger Schwäche, daß sie jedes ihrer Gebote ungeahndet verlachen lassen mußte, und vor allem südlich vom Brennerpaß übte im Beginn des 15. Jahrhunderts der Burgadel wieder die ehemalige unbeschränkte Herrschaft aus. Sein Druck lastete schwer auf den freien Dorfschaften und Städten, besonders auf der regsamen und reichen Handelsstadt Bozen, deren Bürger sich nur notgezwungen unter die hochfahrende Anmaßung der eisenumklirrten Ritter und ihrer wildgewalttätigen Knechte beugten. Hilfloseste Umstände empfingen deshalb den jungen Herzog Friedrich, als er dem Namen nach seine Herrschaft über die Grafschaft Tirol antrat. Auch sonst hing drohendes Unheil über ihm; er hatte auf dem Konstanzer Konzil die heimliche Flucht des Papstes Johann des Dreiundzwanzigsten ermöglicht und war dafür vom Kaiser Sigismund, dem Sohn des luxemburgischen Kaisers Karl des Vierten, in die Reichsacht erklärt worden; am Oberrhein war darum eine Anzahl seiner wichtigsten Städte, sich selbständig machend, von ihm abgefallen. Am übelsten indes bedrängte ihn seine Mittellosigkeit so arg, daß er oftmals in Herbergen für seine Zehrung nicht Zahlung zu leisten vermochte und, von den Wirten festgesetzt, sich mühselig zur Wiedererlangung der Freiheit auslösen lassen mußte. Die mit Beinamen freigebige Zeit hatte ihn deshalb »Friedel mit der leeren Tasche« benannt, und zumal im weiten Kreise des Tiroler Landadels ward er hinter seinem Rücken, nicht selten auch ins Angesicht hinein kaum anders geheißen. Doch das alles verursachte ihm, wenigstens anscheinend, wenig Bekümmernis; er war der Sohn einer italienischen Prinzessin aus dem Hause Visconti und hatte von ihr südlich ungestümes Blut, leichten und lebenslustigen Sinn geerbt, Trieb zu Gesang und Spiel, Trunk und Raufhändeln, vom Vater ein Wesen, das den Zusatz des Gütigen oder Gutmütigen auch auf ihn anwendbar zu machen schien. Der vom Kaiser Geächtete war zur Sicherung über die Berge nach Südtirol gegangen, und hier sagte es ihm offenbar so trefflich zu, daß er an kein Wiederverlassen des sonnenschönen Landes dachte, sondern Jahr um Jahr drin verblieb. Im Eisack- und Etschtal von Burg zu Burg ziehend, klopfte er an die Tore und ward überall bereitwillig eingelassen, bisweilen sogar mit einer Miene, als ob man mitleidig einem Hungernden Wohltat erweise, ihn an den Tisch aufzunehmen, und mit jugendlicher Leichtfertigkeit sprach er dann dem vorzüglichen Inhalt der Weinkannen zu. Häufig bis zu schwerem Rausch, in dem er keinen Standesunterschied zwischen sich und seinen Trinkgenossen machte, doch auch in nüchternem Zustande war sein Behaben gegen die Angehörigen der großen Geschlechter der Villanders, Starkenburger, Rottenburger, Lichtensteiner und Wolkensteiner, der Veitler, Spaur, Brandis und Lodron ein derartiges, als ob er sie ebenso völlig für seinesgleichen ansehe, wie sie sich ihrerseits als ihm ebenbürtig erachteten. Er mochte den Titel eines Landesfürsten in Tirol führen, doch sie waren die tatsächlichen Landesherren, in deren Rechnungsbüchern er obendrein mannigfach als ihr Schuldner stand, so daß sie ihn auch als Gläubiger einem Spielball ähnlich in ihren Händen hielten. Zur Aufrechterhaltung ihrer Macht hatte in Vorzeiten ein alter Verband zwischen ihnen unter den Mannen des »Elephantenbundes« bestanden und war im Anfang dieses Jahrhunderts gegen jeden etwaigen Eingriff des österreichischen Erzhauses in ihre »Rechte« als »Bund an der Etsch« von beinahe anderthalb hundert Burgherren erneuert worden. Mächtiger, reicher, von stolzerem Sicherheitsbewußtsein erfüllt war der Adel niemals gewesen, als zurzeit, wie dem Herzog Friedrich durch die Teilung zwischen ihm und seinem Bruder die Scheinherrschaft über Tirol zugefallen. Eine Reihe von Jahren verging, in denen er sich an Eisack und Etsch als primus inter pares einzig heiterstem Lebensgenuß hingab, und unglaubhaft klang's, wie eines Tages Kunde von einem Zerwürfnisse zwischen ihm und Herrn Nikolaus von Vintler, dem reichmächtigsten Burgherrn von Runggelstein, über der Talfer bei Bozen umlief. Er hatte an den die Forderung gestellt, eine von ihm der Landeskasse in Innsbruck geschuldete Geldsumme zu entrichten, und auf eine selbstverständlich nur spöttische Abweisung Vintlers gedroht, ihn, wenn er bei der Weigerung beharre, mit Gewalt zur Zahlung der Schuld an den Staat zu nötigen. Da lachten in allen Schlössern tausend Kehlen hell auf über »Friedel mit der leeren Tasche«, die nichts in sich trug, um Waffen zu kaufen und Söldner zu lohnen. Doch der Verspottete machte rasch seine Drohung wahr, zog vor den Runggelstein, umlagerte die starke Feste mit einer Streitmacht und neuerfundenen Feuer-Bombarden und erstürmte die für unüberwindlich gehaltenen Mauern. Woher er die dazu erforderlichen Geldmittel genommen, blieb ein Rätsel, dessen Lösung außer ihm vielleicht nur den reichen Bozener Handelsherren bekannt war, die solcherweise von einem ihrer nächstbenachbarten Bedräuer und Bedrücker erlöst wurden; jedenfalls mußte er schon seit längerer Zeit diesen Plan im Sinn getragen und sich zu seiner Ausführung sorgfältig vorbereitet haben. Starr aber blickten alle Schloßherren über der Etsch und dem Eisack auf die zertrümmerte, unter Flammen verloderte Burg, auf die unerhörte Tat ihres lustigen Trinkkumpans hinunter. Einem jähen Donnerkrach vom blauen Himmel herab glich sie, ließ den Ausbruch eines ungeheueren Gewitters über dem ganzen Land ahnen, und in Hast knüpften die großen Geschlechter ihren »Bund an der Etsch« fester zusammen. Sie waren kurz erschreckt, doch unerschrocken, nur überrascht und gewarnt, setzten eilfertig auf allen Felsrücken und -nasen ihr aufgetürmtes Mauerwerk in sichersten Stand und rüsteten ihre gefürchteten Waffenknechte. Wieder lachend taten sie's, nicht im Ernst für glaubhaft haltend, daß ein einzelner junger Hans Habenichts sich auch an ihren Verband wagen werde, vor dessen gewaltiger Macht seine kleinen Fähnlein von Reisigen wie Spreu im Sturm zerstieben mußten. Und neun wilde Jahre fuhren über Täler und Berge dahin. Fast unerklärbar scheint's, wie es dem Herzog Friedrich möglich gefallen, rastlos an den beiden Flüssen auf und abziehend, mehr als hundert der trotzigen Felsennester über ihnen mit unerschütterlicher Ausdauer, eines nach dem andern, zu umklammern, berennen und zur Übergabe zu zwingen, woher er sich die Kräfte dafür gesammelt; aufgehellt liegt nur vor, daß die Städte und freien Dorfgemeinden zu ihm wider ihre alten Bedränger standen. Doch als zweifellos berichtet die Geschichte, daß in jenen Jahren die stolzen Villanders, Rottenburger, Starkenburger, Wolkensteiner, Lichtensteiner, Spaur, Brandis, Lodron und Vintler mit unzählbaren anderen in dem Kampf gegen ihn unterlagen. Einzig der unerstürmbare und wegen seiner geheimen unterirdischen Ausgänge auch nicht durch Hunger zu bewältigende Greifenstein, auf dessen Felsenhorst zuletzt die Mehrzahl der von ihren Burgen Vertriebenen allein noch schützende Zuflucht fand, widerstand zweimal der Belagerung und dem Angriff. Doch nach dem vergeblichen Ablassen kehrte der Herzog zum drittenmal zurück, hielt zwei Jahre hindurch den Wolkenthronsitz der Feste scheinbar wiederum erfolglos umschlossen, bis es in einer schwarzen Herbstnacht den an längerer Fortsetzung des Kampfes verzweifelnden noch übrigen »Herren« gelang, unbemerkt zu entkommen und die Knechte auch den Greifenstein auslieferten. Der letzte Hort der Bundesgenossen an der Etsch war's gewesen, zur Ohnmacht zusammengebrochen lag der Adel am Boden. In ganz Tirol gab's nur mehr einen Herrn, den Landesfürsten, der zum Zeugnis und Gedächtnismal für spätere Zeit, daß Friedels Tasche »doch nicht so inhaltslos gewesen sei«, einen Ausbau an einem ihm gehörigen Hause zu Innsbruck mit einem aus vielen Tausenden von Dukaten angefertigten »goldenen Dachl« überdecken ließ. Eine Überfülle an wildgrausigen Gewalttaten, den Himmel rötenden Feuersbrünsten, blutgefärbt zu Tal fließenden Wassern, Verrat und Treubrüchigkeit hatten jene neun Jahre gesehen und gehört; viel alte, hochbenamte Burgen waren an den Bergen abgesunken, in nicht wieder erstehenden Trümmerschutt zusammengestürzt. Bei diesem großen Untergang scheint auch das Talschloß »Maultasch« weggeschwunden zu sein, das Margarete Maultasche sich neben Terlan am Absturz des Krummen Bergs unter der Burg Neuhaus zum bequemen Verbringen der Winterzeit erbaut gehabt. Die hochfahrende Selbstherrlichkeit der »Edlen« an Eisack und Etsch hatte für immer ihr Ende genommen, eine ins Gewicht fallende Bedeutung als die »Herren« im Lande gewannen sie nicht mehr zurück, mußten sich mit Geringerem begnügen, untereinander Fehden auszuführen und ihr ritterliches Handwerk im Kleinen fortzusetzen, auf den Straßen bei Nacht und Nebel vorüberziehende Kaufleute zu überfallen, wie's trotz der »Goldenen Bulle« Kaiser Karls des Vierten überall im Reich als über den Gesetzen stehendes adliges Recht bräuchlich geblieben und in der Wildnis der Alpenberge den günstigsten Boden zur Ausübung fand. Doch das waren unwichtige Tagesdinge, um die Herzog Friedrich nicht weiter sorgte; er hatte seinen Lebenszweck erreicht, feste Herrschaft über die Grafschaft Tirol errungen und hinterließ sie seinen Erben. Im Gange des 15. Jahrhunderts folgte ihm sein Sohn Sigismund, der im Gegensatz den Beinamen »der Münzreiche« erhielt, äußerlich dem Vater ähnelte, auch dessen lebenslustiges Jugendwesen überkommen hatte, doch nichts von seiner späteren Tatkraft. Er war ein Mann von ungewöhnlicher Schönheit, geistig hervorragender Begabung und einnehmender Liebenswürdigkeit, dessen Trachten sich ausschließlich auf heiteren Genuß beim Becher, Glanz, Kraft und schönen Frauen verwandte; das bot sein Wohnsitz Meran ihm in Fülle, und um weiteres kümmerte er sich nicht. Wiewohl zweimal vermählt, starb er ohne legitime Erben, ob auch mehr als ein halbes Hundert unberechtigter Kinder hinterlassend, und die Grafschaft gelangte an seinen Vetter, den Kaiser Maximilian den Ersten, nach diesem an den Erzherzog Ferdinand, einem Bruder Kaiser Karls des Fünften. Den beiden letzteren lagen notwendigere Dinge ob, als ihr Augenmerk auf das von himmelhohen Bergmassen weltentlegene, abgesperrte Südtirol zu richten; ihnen genügte der Bezug von ausgiebigen gesicherten Einnahmen aus den Erträgen der Steuern und Grenzzölle, und sie gaben die staatlichen Angelegenheiten des eigenartig absonderen Landes dem Bemessen der Regierung ihrer Statthalter in Innsbruck anheim. Kaum bestand eine andere Verbindung, als über die zur Winterzeit oft monatelang nicht benutzbare Poststraße des Brenner, zwischen der nördlichen und südlichen Hälfte Tirols, so daß die letztere dabei beharrte, wie von jeher in mancherlei Hinsicht eine kleine Welt für sich auszumachen. In anderer Weise auch eine große, wenn man die Giganten ihrer Firngipfel und riesenhaften Felstürme, die schwindelragend abstürzenden Wände und tausendfältig zwischen ihnen tiefeingekerbten, wildzerrissenen Schluchten in Betracht nahm. Das winzige Raubnest Vestenstein war während der so lang das Etschtal durchbrausenden Wetterstürme unbeachtet geblieben, offenbar hatte sich's weder dem bayerischen Ehegemahl Margaretes, noch dem Herzog Friedrich gelohnt, Zeit und Mühe an die Eroberung der politisch völlig bedeutungslosen Burg zu vergeuden; erst der Anfang des 16. Jahrhunderts hatte durch die Bürger der Stadt Bozen, oder wer's sonst gewesen, dem von droben aus betriebenen räuberischen Unfug ein Ende gemacht. Dann vernahm man nichts mehr von dem auf der Felsnadel notdürftig wiederhergestellten Trümmerrest, bis sein Inhaber Hans Übelhör auf dem Kirchhof von Andrian, dem Dorfe am Ausgang der Gaidener Bachschlucht in die Erde gelegt worden. Seine Frau, die schöne Maddlena, hatte sich schon seit manchem Jahr vor seinem Tode nicht mehr bei ihm befunden; ob sie gestorben oder was mit ihr geschehen sei, wußte niemand bestimmt zu sagen. In Andrian gab's einige Leute, welche glaubten, ihr Mann habe sie bei einem zwischen ihnen heftig aufgeloderten Zwist von der senkrechten Steinwand in die Schlucht hinuntergestoßen und das Hochwasser des Baches ihre Leiche unbemerkt zur Etsch davongetragen. Dagegen behauptete ein Gaisbub von Gaid, er habe eines Morgens beim ersten Tagesanbruch eine Frau über die Matten gegen den Hochkamm hinansteigen sehen, die ihm jenseits des Krummföhrengürtels und noch ein paarmal weiter aufwärts wieder zu Gesicht gekommen, einem großen, immer kleiner werdenden Vogel glich, zuletzt nur noch wie ein Punkt, der sich an den Stufen und Staffeln des Gantkofels emporgehoben. Dann sei sie an diesem fortgeschwunden oder in unbegreiflicher Weise über ihn weg nach der andern Seite hinunter ins Nonstal »zu den Italienern« gelangt. Indes, wer die Frau gewesen und wie sie ausgesehen, wußte der Bub nicht anzugeben, und seine Erzählung beruhte vermutlich auf einem Einbildungsgesicht, denn nur Gemsen und Raubvögel konnten zu dem schroffmächtigen Felsgrat hinankommen, ein Menschenfuß hatte ihn noch niemals erklommen. So blieb als tatsächlich gewiß nur, daß Maddlena Übelhör eines Tages aus den Mauern auf der Felsnadel verschwunden war, doch weshalb, wie und wohin, ward nicht ruchbar, und niemand irgendwo besaß einen Grund oder Antrieb, sich darum zu bekümmern. Fest stand allein, daß sie nicht auf dem Kirchhof von Andrian begraben worden sei. Wie gering an Wert eben die Innsbrucker Regierung den Vestenstein einschätzte, zeigte sich darin, daß sie nach dem Ableben Hans Übelhörs das Burglehen nicht für den Landesherrn einzog, sondern es in unbräuchlicher Weise »aus Gnade« seinen beiden hinterbliebenen Töchtern überließ. Sie bedurften eines Daches über ihren Köpfen, einer Behausung, nach der sonst niemand in Tirol Verlangen trug, und so wurden Katharina und Helena Übelhör unangefochtene Besitzerinnen der Wohnstätte ihres Vaters. Drittes Kapitel Demgemäß teilten die Schwestern ihr Besitztum im kleinen untereinander, wie's einst der Herzog Friedrich und sein Bruder Ernst mit ihren Fürstentümern im großen getan, oder vielmehr sie bewohnten gemeinsam die zur Notdurft hergestellten Burgüberbleibsel auf der Felsnadel. Was sie teilten, war der Inhalt eines von ihnen in einem Mauerloch aufgefundenen alten Kastens, dessen Öffnung Unerwartetes zutage förderte, eine erhebliche Anzahl von goldenen und silbernen Guldenstücken unter einer dichten Schicht drübergeschütteter Tiroler Etscherkreuzer und anderer kleinerer, mannigfach fremdländischer Münzen. Überraschend sah der Fund aus und zeigte, daß Hans Übelhör ausreichende Mittel besessen habe, seine Vestenstein-Behausung wieder völlig in ihren ehemaligen Stand zurückzuversetzen. Aber alle Bequemlichkeit und augengefällige Ausstattung der Räume um ihn mußten ihm gleichgültig gewesen sein; er hatte nichts als das Unerläßliche getan, sie zur Schutzunterkunft gegen Wind und Wetter brauchbar zu machen, den reichhaltigen Geldvorrat zu keinerlei Verannehmlichung seiner Lebensführung benutzt, höchstens dazu, sich den Wein für seinen einsamen abendlichen Trunk zu beschaffen. Bei seinem Tode stand Katharina im achtzehnten Jahr, Helena mochte um zwei bis drei Jahre jünger sein. Nach ihrer äußeren Erscheinung hätte niemand sie für Schwestern angesehen; die erstere war groß und starkknochig, dickes, grobsträhnig geflochtenes Blondhaar hielt ihren Kopf mit der Farbe von reifen Maiskolben überdeckt und wasserfarbig blaßblaue Augen sahen aus einem breitbackigen Gesicht. Sie mochte manches von ihrem Vater Übermacht bekommen haben, dessen Züge indes unter dem dichten Bartwuchs nicht deutlich erkennbar geworden; schön gebildet waren auch sie wohl nicht gewesen, doch einem Manne besser angepaßt, so daß sie bei ihm nichts Auffälliges ausgeprägt hatten. Helena dagegen war auf den ersten Blick der Mutter nachgeartet, von kleinerer und feinerer Gestalt, zartgliedrig und dunkel in Augen und Haar, das ihr anmutig auf eine alabasterhelle und -glatte Stirn herabnickte. Im Nacken trug sie's, anders als sonst ein Mädchen im Etschtal, zu einem weichen Knoten verschürzt; gesehen hatte sie's so nirgendwo und auch von niemand gelernt, war aus sich selbst drauf geraten. Wenn aber das Äußere nicht auf den geschwisterlichen Zusammenhang zwischen den beiden hinwies, tat dies ebensowenig ihr Verhalten gegeneinander. Sie hatten schon von früh auf wechselseitig keine Zuneigung gehegt, nicht nach Art von Schwestern gelebt, waren niemals über die Zugbrücke zu gemeinsamem Kinderbetreiben nach Matten und Waldbusch hinübergelaufen. So bestand's bis zum Ableben des Vaters und dauerte danach weiter, auch darin, daß Katharina als die ältere ihren Willen der jüngeren überordnete und diese sich ihm, wie sie's stets getan, fügte, ob aus freiwilliger Zustimmung oder einem Gefühl, die leiblich Schwächere zu sein, ward nicht erkennbar. Denn sie tat's schweigsam, ließ sich an dem engen Gemach genügen, das die andere ihr zuteilte, während Katharina die übrigen Räume für ihre Bedürfnisse und Zwecke nutzte und zum hauptsächlichen Aufenthaltsplatz ein Gelaß im Oberschoß des unversehrt gebliebenen Bergfrieds für sich auswählte. Dort saß sie, wie als alleinige Herrin des Vestensteins auf die unteren Gemäuer niederblickend, verbrachte auch die Nacht droben und zog, eh' sie sich zum Schlafen legte, die bewegliche Hakenleiter, an der sie hinaufgestiegen, hinter sich drein, so daß niemand zu ihr emporgelangen konnte. Die beiden Knechte, die ihr Vater gehabt, hatte sie nach seinem Tode alsbald, vermutlich aus Sparsamkeit, als überflüssig entlassen, da gegen eine Bedrohung von außenher die unerklimmbaren Felswände und die aufgezogene Fallbrücke vollständig sicherten, und nur die Ursula, eine schon mit ihren Eltern heraufgekommene, gemach zur »alten Urschel« gewordene Magd bei sich behalten. Die besorgte alle Wirtschaftsnotwendigkeiten, holte täglich Brot, Milch und Eier von Gaid herüber und kochte in der von Jahrhunderten verrußten, fast lichtlos düsteren Feuerstelle die kargen Speisen zurecht oder mehr schlecht als recht zusammen. Mit ihr stand Katharina, wie von jeher, auf vertrautem Fuß, die Schwestern dagegen kamen fast nur am Mittagstisch in dem zum Essen bestimmten Raum flüchtig miteinander in Berührung, die sich indes einzig darauf erstreckte, daß sie gemeinsam die Mahlzeit einnahmen; ihre Augen begegneten sich nie, und kaum ward dann und wann einmal ein kurzes Wort zwischen ihnen gewechselt. Ihr schweigsames Beisammensitzen erinnerte an das stumme Nebeneinanderleben ihres Vaters und ihrer Mutter, anscheinend wie eine Fortsetzung desselben; sie hatten nichts gemein, schieden sich vielmehr jede von der andern ab. Wie eine lautlose Kriegführung zwischen ihnen war's, doch merkbar nicht von Helena gewollt und ausgegangen, sondern ihr aufgedrungen. Sie verhielt sich untätig, wehrte allein die Angriffe der Schwester ab, die freilich nicht offen hervortraten, nur als sich in ihren Gedanken verborgen haltend, fühlbar wurden. Aber ab und zu einmal gab ein flackernder Blick der Augen Katharinas von der verschwiegenen Feindseligkeit in ihr Kunde. So vergingen einige Jahre, während derer jenseits der Schneeberge drüben im Reich sich etwas Unerhörtes bereitete und zum Ausbruch kam. Ganz neuartig zwar war's nicht mehr; schon vor einem Jahrzehnt hatten sich stellenweise am Oberrhein und im Schwabenlande die Bauern erhoben, zusammengerottet und als »Bundschuh« und »Armer Konrad« nach einem alten Sprichwort »den Spieß umgekehrt«, das hieß, sich nicht länger von den adligen Herren und geistlichen Herrschaften bedrücken und bis aufs Blut aussaugen lassen, sondern sie waren mit Spießen und Kolben vor Burgen, Klöster und Abteien gezogen, sie zu erstürmen und in Brandschutt zu legen. Doch war damals dieser Aufstand der »Hörigen« ziemlich rasch niedergeschlagen worden, jetzt aber brach er, zehn Jahre lang unterirdisch weitergeschwelt, fast in allen deutschen Landen plötzlich mit lodernden Flammen aus dem Boden wieder herauf, brachte Seltsames mit sich, denn sogar Edelleute und Städte schlossen sich ihm an. Die Not der unvorbereitet überraschten zahllosen Reichsgrafen, Reichsfreiherren und Äbte, selbst auch der größeren Fürsten und Bischöfe ward groß, einem Weltuntergang ähnlich, schien es alle zu bedrohen. Zum Schein Unterhandlungen anknüpfend, rüsteten die Landesherren und Reichsstädte im geheimen hastig ihre Streitkräfte gegen die siegestrunken wilden Mordbrennerhaufen, die an der Donau abwärts sich über Bayern und die österreichischen Erzherzogtümer verbreiteten, in die Alpen nach Salzburg und Tirol hineinwälzten. Im letzteren erhob der Bauernführer Jakob Geißmayer die Bundschuhfahne, durchstürmte mit ihr alle Täler und Berge der nördlichen Hälfte und rief die Insassen jeder entlegensten Almhütte zum Befreiungskampf gegen die Leibeigenschaft, die adligen Grundherrn und den Erzherzog Ferdinand zu den Waffen auf. Zwischen den Mauern Innsbrucks saß, rings von aufständischen Massen umschlossen, macht- und hilfslos die Landesregierung, zu nichts weiterem als mühevoller Verteidigung der Stadt fähig. Um diese Zeit in einer stürmischen Augustnacht wachte auf dem Vestenstein Helena aus dem Schlaf auf. Ihr war's, ein Geräusch habe sie geweckt, doch vernahm ihr horchendes Ohr nichts mehr, die Fensterluke ihrer Kammer hatte wohl im Wind geklappert. Wieder einschlafen aber konnte sie nicht und ward zuletzt von einer Unruhe getrieben, aufzustehen und sich behutsam an die Zugangstür der Burg hinauszutasten. Da stieß ihr durch diese Zugluft entgegen, schweres Wolkendunkel bedeckte alles, doch Wetterleuchten zuckte daraus hervor und ließ sie wahrnehmen, daß jenseits des offenen Tors die Zugbrücke niedergelassen lag. Jemand mußte sie zum Hereinkommen benutzt haben, das konnte nicht ohne Wissen und Willen ihrer Schwester geschehen sein, und unwillkürlich wandte sie sich, lautlos huschend, dem Bergfried zu, von seinem Zugang auch in ihn hineinzusehen. Tote Finsternis erfüllte sein Inneres, indes ebenfalls kam ihr hier ein bläulicher Wolkenschein zur Hilfe, machte möglich, zu unterscheiden, die zum Gemach Katharinas hinanführende Hakenleiter sei nicht wie sonst in die Höhe gezogen, sondern gleich der Fallbrücke draußen bis zum Boden herabgelassen. Das ließ kaum in Zweifel, droben bei ihrer Schwester befinde sich jemand, doch wer und zu welchem Zweck wußte sie sich nicht zu deuten, war ihr im Grund auch ganz gleichgültig. Im Wind und Dunkel indes überlief's sie mit einem unheimlichen Gefühl, daß sie sich hastig nach ihrer Kammer zurücktastete und drinnen den Riegel vor die Tür schob. Nun vernahm sie nichts mehr, schlief wieder, und als der Morgen gekommen, trug sie nur noch eine verschwommene Erinnerung in sich, während der Nacht aufgestanden zu sein. Im hellen Licht war auch alles wie immer, das Burgtor geschlossen und die Fallbrücke aufgezogen, und ungewiß befragte sie die Ursel, ob die nichts gehört habe, erzählte ihr, was mit Tor und Brücke und der Hängeleiter im Bergfried gewesen sei. Doch die Alte antwortete grinsend: »Das hast du im Traum gesehn und ohn' Besinnung gewandelt; sieht man's dir auch nicht an, du bist in die Zeit gekommen, wo die Nachtmar den Dirnen auf die Brust drückt. Glaubst, der Junker Voland wär' im Wolfshemd zu uns herein, die Kai zu besuchen? Der brauchte die Brück' und Leiter nicht, könnt' als Fledermaus durch die Luft. Und wozu sollt' er's, was hätt' er mit der Kai?« So war Katharina von ihrem Vater genannt worden und tat's die alte Ursel fort. Sie lachte zu ihren letzten Fragen, wie jemand über ein einfältiges, noch zu keinem Begreifen fähiges Kind lacht, und Helena mußte ihr recht geben, sie habe töricht etwas nur von ihr Geträumtes wirklich zu hören und sehen gemeint. Selbst hatte sie sich ja auch gefragt, wen Katharina denn bei Nacht zu sich hätte hereinlassen sollen und zu welchem Zweck, und ebenso hatt's die Ursel mit spöttischem Grinsen gesagt; nur ein ganz unsinniger Traum konnt's gewesen sein, wie er zuweilen so kam und sonderbare Bilder in der Vorstellung festhakte, daß man nachher nicht begriff, er habe sie aus nichts als Einbildung geschaffen. Trotz dieser Erkenntnis blieb von der Antwort der Alten in Helena etwa Unruhvolles zurück, daran hauptsächlich die Zeit schuld trug, die allerorten bösartige Elben, Kobolde und Wichte, in Tiergestalt verwandelte Menschen und spukende Geister von Toten umgehen ließ; unter ihnen nahm der »Höllenwolf« oder »Raffezahn« oder »Junker Voland«, als der schlimmste von allen, den obersten Rang ein. Er war der »böse Verderber«, den die geistlichen Herren drunten in den Kirchen von Andrian und Terlan den »Teufel« benannten, der in mancherlei Gestalt, oft in die eines vornehmen Junkers verkleidet, als »Hinkefuß« – denn sein linker Fuß war der eines Bockes – unablässig umsuche, wen er in seine Gewalt bringen könne. Und die Ursel hatte gesagt, er verstand's, durch die Luft zu fliegen, gegen ihn sicherte keine aufgezogene Brücke und kein Mauerwerk; Helena erinnerte sich, schon vor langer Zeit war's ihr zu Ohren gekommen, er konnte als Fliege sogar durch die kleinste Lukenritze hereinkriechen. Und wach war ihr geworden, daß sie als Kind einmal die Alte gefragt, wo ihre aus dem Hause weggeschwundene Mutter geblieben sei, und jene darauf Antwort gegeben, der Teufel habe ein Recht an sie gehabt und sie fortgeholt. Im noch nicht siebzehnjährigen Kopf Helenas ging das um, schwächte sich wohl unter tags ab, doch war nicht auslöschbar, sondern kam bei Nacht zurück und trieb ihre Hände dazu, wenn sie draußen ein Geräusch zu hören glaubte, ihre Ohren fest zuzudrücken. So vernahm sie zwar nichts mehr wirklich, empfand indes trotzdem allnächtlich, die Fallbrücke werde jetzt wieder heruntergelassen, und lag, wechselnd heiß und kalt überlaufen, mit geschwind klopfendem Herzen, denn ihr ward's beinah gewiß, es müsse Übles auf der Burg vorgehen. Allmählich aber steigerte sich dies unheimliche Gefühl so hoch in ihr an, daß sie's einmal machte wie einer, der aus Angst, in ein reißendes Wasser zu stürzen, geradezu hineinspringt; sie stand in einer Nacht, die durch den Lukenspalt einen Mondstrahl in ihre Kammer einfallen ließ, wieder auf und schlüpfte hinaus. Da gewahrte sie in der weißen Lichthelle alles so, wie's ihr damals vor Augen gestanden, das Tor offen und die Brücke dahinter über dem Abgrund liegend. Es war also doch kein Traum gewesen, sondern jemand auf dem Vestenstein, der in jeder Nacht wiederkam, aber fliegen konnte er nicht, mußte zu Fuß über den Fallsteg gehen. Fast ohne zu wissen, was sie tat, kauerte Helena sich seitwärts vom Bergfried in schwarzem Schatten zu Boden und blieb dort unbeweglich wohl stundenlang hocken, wenigstens rückte der Mond um so viel weiter, daß sie ein paarmal, um nicht aus dem Schatten zu geraten, an der Mauer hin mitrücken mußte. Dann indes erscholl einmal im Innern des Turmes ein knarrender Ton, es kam etwas von der Hängeleiter herunter, und gleich darnach trat ein großgewachsener Mann, deutlich sichtbar werdend, in die Helle heraus. Sie ließ erkennen, daß ein schwarzer Bart sein weißfarbig von ihm abstechendes Gesicht umgab, auf dem Kopfe trug er eine enganliegende Eisenkappe und unter einem die lange Gestalt umhüllenden Überhang auch wohl ein eisernes Rüstkleid, denn ein leises Geklirr tönte davon her. Helena duckte sich noch niedriger zusammen, sie meinte, ihr Herzklopfen müsse hörbar werden; nun knatterte am Bergfried etwas, eine Fensterluke wurde geöffnet und die Stimme Katharinas sprach gedämpft herunter: »Komm gut heim ins Eulennest, Junker Stott, morgen nacht wart' ich wieder auf dich und die Brücke liegt nieder. Das Schwert besorg' ich für dich beim Platner in Bozen, dazu hab' ich's in der Truhe; keiner soll's wie du am Gurt tragen. Geh' sacht, daß du die schwarzfedrige Gans nicht aus dem Schlaf störst, sie hat schon einmal von dir geträumt; ich tu's anders, weiß und spür's, daß du leibhaftig bei mir warst. Die Ursel hört dich und zieht auf, wenn du hinaus bist.« Jetzt ging der von droben her Angesprochene, und die im Schatten Verborgene sah, daß er beim Ausschreiten den linken Fuß ein wenig nachzog; außer Zweifel war's der »Junker Voland«. Junker hatte auch ihre Schwester ihn benannt. Reglos wartete sie noch, bis ihr das Aufziehen der Brücke zu Gehör gekommen, begab sich dann geräuschlos in ihre Kammer zurück. Am Morgen stand Helena mit einem festen Entschluß auf, sie wolle keine Angstnacht mehr auf dem Vestenstein zubringen. Als sie am Mittagstisch mit der Schwester zusammentraf, sah die ihrem Gesicht etwas Verstörtes an und richtete ungewöhnlicherweise ein paar Worte an sie: »Hat der Alp dich heut' nacht gedrückt? Ich glaube, du schläfst in deiner Kammer nicht richtig, und habe der Ursel geheißen, dein Bett in die Erkerstube zu schaffen, wo immer mein Vater geschlafen.« Eine überraschende Fürsorge der Sprecherin gab sich darin kund, deren Gesicht von einer vollroten Farbe strotzte, so daß die Unschönheit seiner Züge heut von' ihr etwas verdeckt ward. Helena erwiderte: »Bin ich dir nicht weit genug vom Turm weg und störe dich bei Nacht? Gewiß, das will ich nicht mehr.« Doch abbrechend setzte sie rasch hinzu: »Aber warum sagst du dein Vater, nicht unser?« – »Weil er meiner war, nicht deiner; mit dir hatte er nichts zu tun.« – Das hörte die Jüngere zum erstenmal, verstand's nicht und antwortete: »Wenn er etwas mitbrachte, gab er's freilich immer dir, und ich bekam nichts.« – »Er wußt's gut, warum, du hattest ihm nicht sein Haar, seine Augen und was sonst an ihm war, mitgebracht, da gab er dir auch nichts.« Aus den Lidern Katharinas glimmerte hervor, sie habe außer der Haar- und Augenfarbe noch etwas von ihrem Vater mitbekommen, das er zwar stets schweigsam im Innern verborgen hatte. Bei ihr aber brach sein verschwiegener Haß heraus, als Erbteil von ihm setzte sie den lautlosen Kampf, den er gegen seine Frau geführt, gegen die Tochter derselben fort; zum erstenmal war's ihr unverhohlen über die Lippen geraten. Doch die andere begriff immer noch nichts davon und sprach zurück: »Was liegt denn daran, wie man aussieht, und könnt' ich für mein Gesicht? Das gab doch dem Vater kein Recht dazu, aber unsere Mutter hat mich dafür mehr lieb gehabt.« Jetzt fuhr der Schwester höhnisch heraus: »Willst du von Recht sprechen, die keines hat? Gar keins und an nichts! Du bist eine Gans, sieh deine schwarzen Federn im Wasser an, die sagen's dir. Du hast sie von einem welschen Hahn drüben hinter Gantkofel, die Ursel weiß auch, wer's gewesen. Aber ich stamm' von meinem Vater her, und deine Mutter ging mich nichts an. Von der hab' ich nichts; alles, was Menschen gefällt, von ihm, Haar, Augen und Gesicht. Pfui über dich! Verkriech' dich in ein Unkenloch, daß keiner dich sieht!« Sehr selbstgewiß, zuversichtlich war's gesprochen, aber auch recht unvorsichtig, denn einen Zuhörer, der ihre plumpe Häßlichkeit mit den feinen Zügen Helenas vergleichen gekonnt, hätt's zum Lachen aufreizen müssen. Und auch der letzteren flog's auch nun halb unbewußt von den Lippen, zum erstenmal, daß sie ihrer Schwester eine derartige Antwort zu entgegnen wagte: »Ich will dem Hinkefuß ja nicht gefallen. Doch tauschen möcht' ich mit dir auch nicht, mit deinem Mund. Bei unserm Vater kam's nicht zutag; ich glaub', er hatte wohl den gleichen, nur hielt's der Bart zugedeckt. Aber deiner sieht aus, als könntst du von der Maultasche herstammen, wie's die Leute reden, daß sie's so gehabt hat und ihr darum den Namen geben.« Das war von ihr gleicherweise unvorsichtig gesagt, und sie erschrak vor dem Blick, der ihr aus den wässerigen Augen Katharinas ins Gesicht schoß. Die stieß nur kurz dazu durch die Zähne: »Da trüg' ich hochedles Blut in mir fort«, sprang vom Tisch auf und verschwand aus dem Gemach. Helena fühlte, daß die Schwester ihr eben unverhohlen tödliche Feindschaft kundgetan habe; das befestigte den Vorsatz, mit dem sie am Morgen aufgewacht war, noch mehr, denn bei dem Gedanken, noch in der Burg zu sein, wenn der nächtliche Besucher Katharinas wiederkomme, lief's ihr grausig über den Rücken. Aber wie eine Taube, die von der Furcht klug gemacht wird, duckte sie sich still in eine Ecke, daß von ihrem Vorhaben nichts merkbar ward, bis der spätere Nachmittag herangekommen. Da trat sie in die Küche, nahm das Holzschaff, drin die Ursel täglich aus Gaid die Milch holte und sagte, sie wolle selbst heut' dazu hinübergehen. So ließ die Alte den Fallsteg herunter, und die Junge schritt eilig drüber weg nach dem Bergrücken. Doch als sie den Waldbusch erreicht, bog sie nicht nach links zum Weiler um, sondern ging, daß Gefäß von sich werfend, zur Rechten am Felshang abwärts. Wohin sie solle und wolle, wußte sie nicht, nur irgendwo zu Menschen, denn die hinter ihr auf dem Vestenstein waren keine Menschen, auch die Ursel nicht, standen mit einem bösen Unhold im Verband. Ihre Füße hatten keinen Weg noch Steig unter sich, und gefährlich schossen oft Steinwände senkrecht vor ihr ab; aber sie war leichtfüßig und behend, schwang sich manchmal fast wie ein Vogel weiter oder klammerte sich an Gezweig und Wurzeln, daran niederzuklettern. Ein paarmal ging's wohl um ihr Leben. Doch nicht so schlimm, als wenn sie die Nacht droben geblieben wäre, denn dann wußte sie sicher, hätte sie den Morgen nicht mehr wiedergesehen. Sie besaß dort kein Recht an etwas, weil ihr Haar dunkel und ihre Augen braun waren, und der letzte Blick Katharinas hatte gesprochen, sie habe auch kein Recht, länger zu leben. Hier bangte ihr vor dem Tode durch einen Absturz nicht, aber vor dem in ihrer Kammer schüttelte es sie mit Grausen. Sie fühlte, niemand hätte ihr drin etwas anzutun gebraucht, der Atem wäre ihr vor unheimlicher Angst von selbst stillgestanden. Doch unverletzt kam sie zum Etschtal hinunter, wußte im ersten Augenblick nicht wo, bis sie erkannte, der Gaidener Bach schäume sein Wasser nah vor ihr aus der dunklen Schlucht heraus, und ein alter viereckiger Bergfried mit ziemlich hoher Umfassungsmauer drumher sei das, wovon sie gehört, daß es »Wolfsturm« genannt werde. Nach rückwärts sah die senkrecht aus der Kluft aufsteigende Felsnadel des Vestensteins drauf nieder; vor dem zerscharteten Zugang des Gemäuers stand der Andrianer Bauer, dem es von Vorfahren her als Besitz zugefallen war, im Gespräch mit einem anderen, der, ein kurzes Schwert am Gurt tragend, beim Vorüberkommen neben ihm angehalten hatte. Das waren ein paar Menschen, und das Mädchen ging auf sie zu und fragte den älteren, ob ihm der Turm angehöre. Da er mit dem grauen Kopf nickte, fuhr sie rasch fort, ob er's ihr erlaube, bei Nacht drin zu schlafen, sie wolle ihm gern dafür am Tag Magddienst tun. Dazu aber schüttelte der Bauer jetzt verwundert den Kopf und versetzte danach, er wohne nicht im Wolfsturm, habe sein Haus drüben überm Bach in Andrian und darin keine Magd nötig als seine Tochter. Doch nun fiel der andere neben ihm ein: »Wisset Ihr den Steig zum Vestenstein hinauf nicht, Jungfrau, oder scheuet Euch, ihn allein zu gehen, da will ich Euch geleiten.« Aus den Worten ging hervor, Helena mußte ihm von Angesicht bekannt sein, und ihr geriet unwillkürlich vom Mund: »Woher wißt Ihr, daß ich von dort bin? Ich habe Euch doch noch niemals gesehen.« Ein noch jüngerer, schlank hochwüchsiger Mann, wohl um die Dreißig, war's mit offenem Gesicht und Vertrauen weckenden ruhigfreundlichen Augen; er antwortete: »Es ist ein anderes, ob ich Euch sehe oder Ihr mich. Ich nahm Euch einmal über den Absturz hin gewahr, als ich nach Gaid wollte; da standet Ihr neben Eurer Schwester unterm Tor und waret sehr verschieden an Aussehen von ihr, daß man euch kaum für Schwestern halten mochte.« Darüber erschrak Helena, und unbedacht entfuhr's ihr: »Wenn's wieder so geschah, da verratet Ihr nicht, daß Ihr mich hier angetroffen habt.« Das ließ über die Züge des Fremden einen Ausdruck gehen, der sich aus einem Staunen wie zu dem eines aufwachenden Verständnisses umwandelte, er schwieg einen Augenblick, eh' er erwiderte: Mich führt nichts nach dem Vestenstein. So gedenkt Ihr heut abend nicht mehr zu ihm hinauf, Jungfrau?« Im Gesicht der Befragten stand deutlich ein »Nein« zu lesen, und er fügte nach: »Aber hier könnt Ihr nicht bleiben, der Wolfsturm ist nicht bewohnt. Wenn ihr euch nicht scheut, noch zwei Stunden Wegs –« Doch beim letzten Wort stockte er und brach ab, als ob ihn selbst eine Scheu befalle, auszusprechen, was ihm auf der Zunge gelegen. Statt dessen redete er, sich abkehrend, unvernehmbar sacht zu dem Bauern, dessen Kopf willfährig nickte; dann wandte er das Gesicht wieder gegen Helena und sagte: »Es soll geschehen, Jungfrau, wie Ihr's wollt; morgen früh könnt Ihr im Sonnenlicht mit Euch ratschlagen, wohin Ihr zu gehen gedenkt. Ich muß jetzt meinen Weg fortsetzen, damit ich vor dem Nachtdunkel heimkomme.« Er neigte seinen Kopf dabei leicht zu einem Gruße, der nicht von bäurischer Art war, schritt rasch der Bergwand zu, von der das Mädchen herabgeklettert, und stieg, ein wenig weiter talauf, an ihr empor, augenscheinlich auf einem wohl steilen, doch gangbar nordwärts zur Höhe des Mittelgebirges hinanführenden Pfade. Der Bauer setzte nun gleichfalls den Fuß vor, auf einer Steinfurt über den Bach nach Andrian davonzugehen, aber Helena hielt ihn mit der Frage an, wer der andere gewesen sei. Darauf ward ihr Antwort: »Der Utz war's, Ulbert Siekmoser, der ober Nals die Burg Payrsberg für die Herren auf Boymont hütet. Das tut not, denn dem Teitenhofener auf Kasatsch traun sie nicht über den Weg. Er selber ist auch ein Herr, ob er zwar nicht anders heißt, als ich. Aber wir sind's nicht geblieben, die Maultasch oder der mit der leeren Tasche hat's wohl so gemacht. Seid Ihr vom Vestenstein? Da haben auch lang arge Leut' gesessen, so wie der Stott Teitenhofen, und der letzte hat seine Frau umgebracht. Aber Ihr seht nicht schlimm aus; wartet hier, meine Tochter kommt zu Euch herüber, wie's der Utz mich geheißen.« Der Alte kreuzte jetzt über den Bach, und Helena setzte sich auf einen Stein am Zugang zum Wolfsturm. Drüben glänzten die hohen Steinwände über Terlan noch in der Abendsonne; wenn sie den Kopf umwandte, stieg rückwärts hinter ihr die Felsnadel aus der düsteren Kluft empor, doch das Gemäuer darauf war, von einem Vorsprung des Waldhangs verdeckt, nicht sichtbar. Wie ein junger Vogel, der von da droben aus dem Nest heruntergefallen, saß sie; in ihrem Kopfe ging's etwas verworren zu, aber nur wunderlich, nicht unheimlich. Trotz der Einsamkeit um ihren Sitz her fühlte sie sich in einer Geborgenheit, hätte um nichts wieder auf dem Vestenstein sein wollen. Einiges von dem, was zu ihr gesprochen worden, hatte sie begriffen, doch das meiste nicht; sonderbar lag ihr der Name »Stott Teitenhofen« im Ohr. So, als »Junker Stott« hatte Katharina in der Nacht vom Bergfried herunter ihren davongehenden Besucher angeredet, und so kürzte man im Volk oft, wie auch mit Stoffel, den Namen Christoph ab. War er denn nicht der »Junker Voland«? Freilich, durch die Luft zu fliegen ward ihm nicht möglich. Aber wenn er ein Mensch wie andere war, weshalb kam er dann bei Nacht über die heruntergelassene Brücke in die Burg? Der Bauer hatte gesagt, dem traue man nicht über den Weg und danach sah er auch aus. Warum traute Katharina ihm denn? Es war doch wohl nicht der Stott Teitenhofen, sondern ein anderer. Hin und her gingen die undeutlichen Gedanken durch den Kopf Helenas und mählich schwand die Sonne vom Terlaner Felskamm ab. Dagegen machte sich ihr etwas bisher nur dumpf Empfundenes nachdrücklicher bemerkbar; sie hatte den ganzen Tag fast nichts an Nahrung zu sich genommen, und es hungerte und durstete sie. Da kam von Andrian her über die Steinfurt eine Bauerndirne auf sie zu, allerlei Sachen auf den Schultern und in den Händen tragend; kräftig gewachsen und blondköpfig, konnte sie an Katharina erinnern, doch ihr Mund war keine Maultasche und in ihren Augen lag nichts feindselig Böses. Nur neugierig-verwundert sah sie die Unbekannte an und sagte: »Der Vater hat mich geheißen, Euch das zu bringen und die Nacht bei Euch im Wolfsturm zu bleiben.« Sie lud ein paar härene Decken ab und stellte einen Milchkrug und Brot vor die Sitzende hin, der als Erklärung dafür aufging, ihr das zu schicken, habe der Ulbert Siekmoser den Bauern beauftragt. Dankbar griff sie mit Begehrlichkeit nach den ihr nottuenden Stärkungsmitteln, trank und aß, und es mundete ihr besser, als jemals etwas bei den gemeinsamen Mahlzeiten mit ihrer Schwester. Die junge Dirne begab sich in den Turm hinein, und nach einer Weile ihr folgend, sah Helena sie dort mit den Decken und Heu, das im Innern aufgestaut lag, eine Lagerstatt herrichten. Ein im ganzen recht wohlgebildetes Mädchen war's, das, wie's der Zuschauenden ins Gedächtnis kam, auch den Namen Siekmoser führen mußte, aber durch eine grobe Art ihrer Züge nicht in Zweifel darüber beließ, es sei eine Bauerntochter. So war sie von gleicher Abkunft mit dem, der ebenso hieß, und doch so verschieden von ihm; wie das geschehen konnte, fiel nicht leicht zu begreifen. Freilich, der Alte hatte gesagt, der andere wäre ein Herr geblieben; das sah man ihm trotz seiner einfachen Kleidung auch an. Es mußte wohl so vorkommen können, sogar bei Schwestern, denn Verschiedeneres an Aussehen als Katharina und sie ließ sich auch kaum denken. Doch dachte Helena nicht weiter darüber nach, die Augen waren ihr sehr müde geworden, sie befragte das Mädchen, wie es heiße, und erwiderte auf die Antwort: »Sefferl Siekmoser« nur noch: »So schlaf gut, Sefferl«; danach streckte sie sich auf die Lagerstatt und fiel rasch in Schlaf. Das eingebrochene Dunkel deckte sich über sie, wohl manche Stunden lang, aber dann erwachte sie doch einmal. Wovon, kam ihr nicht gleich zum Bewußtsein. Ein Ton war's wohl gewesen, und nun erkannte sie's auch; unweit von ihr lag Josefa Siekmoser laut schnarchend auf dem Heu. Daß sie die nicht allein hörte, sondern auch sah, hatte Seltsames an sich, doch nur kurz, denn ihr ward's schnell dadurch verständlich, eine Helligkeit falle in den Wolfsturm herein. Der Mond war wie in der letzten Nacht wieder gekommen und trieb sie unwillkürlich an, aufzustehen und vor den Zugang des alten Bauwerks hinauszutreten. Wie gestern auch lag das weiße Licht vor ihr und zeigte ihr ebenso wieder in einiger Entfernung draußen eine dunkle Mannesgestalt, die langsam neben dem Bach hin und her schritt. Einen Augenblick schaute Helena nach der hinüber, kehrte dann in den Turm zurück und legte sich wieder auf ihr Lager. Ein Gefühl überkam sie, diesmal habe ihr's wohl wirklich nur geträumt, aufgestanden zu sein und aus dem Schatten hervor ins Mondlicht hinausgesehen zu haben. Doch heut war's ihr gar nicht unheimlich dabei geworden; sie schlief nach ein paar ruhigen Atemzügen aufs neue ein und dann stellte ihr ein Traumbild abermals einen schlank-hochwüchsigen Mann vor Augen, der draußen die Nacht hindurch vor dem Wolfsturm auf und nieder wanderte. Viertes Kapitel. Ungefähr um zwei Wochen danach ward das Etschtal durch ein plötzliches Ereignis zu hochgradiger Erregung aufgeschreckt. Ein starker zusammengerotteter Bauernhaufen, mutmaßlich aus den wilden Bergen von Mölten, Salten und Jenesien herabgekommen, hatte sich bei Nacht der Burg Neuhaus der Ritter von Niedertor durch Überfall zu bemächtigen versucht. Die rohe Masse mußte einen kundig-erfahrenen Anführer besessen haben, auf dessen Weisung sie sich mit den nötigen Erfordernissen zum Gelingen ihrer Absicht versehen, Schießwaffen, Steigleitern und mannigfachen Brennstoffen zum Aufschleudern über die Mauern; doch die Burgmannschaft war noch rechtzeitig wach geworden, ein heimliches Heraufklimmen der Angreifer zu verhüten und den danach erfolgten Ansturm gegen ihre Schutzwehr, die sich zum guten zumeist über Felsschroffen emporhob, mit Aufbietung aller Kraft abzuschlagen. Am schlimmsten hatte sie der qualmende Rauch ringsum in Brand gesetzter dürrer Holzstöße gefährdet, indes gelang ihnen das Auslöschen drohenden Übergreifens des Feuers auf das Gebälk im Innern, und als der Morgen angebrochen, waren die Belagerer spurlos in ihre Hochwildnisse zwischen Wald und Gestein zurückgeschwunden. Erschreckend aber lief am Morgen die Botschaft von dem nächtlichen Überfall auf allen Burgen und Schlössern zwischen Bozen und Meran um. Was er bedeutete, litt keinen Augenblick Zweifel; der von dem Bauernführer Jakob Geißmayer im nördlichen Tirol angeschürte Bundschuhaufruhr war unversehens jetzt auch über den Brenner herübergekommen, und was Neuhaus betroffen, drohte sämtlichen Adelssitzen in gleicher Weise. Auch hier ward »der Spieß umgekehrt«, nicht die Herren sollten mehr nach ihrem angeborenen Recht das Landvolk ausrauben, sondern dies machte seine Überzahl geltend, an ihnen Gewalt zu üben. Derselbe Tag noch brachte Nachricht vom Herabdringen bewaffneter Bauernrotten durchs Eisacktal auf Bozen zu, dem damit das gleiche Geschick wie Innsbruck drohe, rundum eingeschlossen zu werden. Die Aufständischen mußten insgeheim mit Geldmitteln zur Ausführung ihrer Pläne versehen sein und wurden wahrscheinlich von Leuten, die sich aufs Kriegswerk verstanden, geleitet; man sprach, es befänden sich einzelne in Eisenkleidern bei ihnen, die ihre Gesichter hinter geschlossenen Visiergattern unerkennbar machten. So wurde Hals über Kopf auf allen Burgen gerüstet, der jäh wie ein Wetterstoß hereingebrochenen, unheimlich im Dunkel lauernden Gefahr zu begegnen. Während jener beiden Wochen vor dem nächtlichen Geschehnis drüben jenseits der Etsch war Helena Übelhör gleichmäßig Tag um Tag im Wolfsturm verblieben; sie wußte nicht, wohin sie sonst könne, stand weitum in keinerlei Beziehung zu irgendwem und hatte nichts an Geld vom Vestenstein mit sich genommen, wäre dazu auch außerstande gewesen, weil sie die ihr zugefallene Hälfte der väterlichen Hinterlassenschaft niemals ausgehändigt bekommen, sondern ihr Erbteil stets von Katharina in der Truhe verschlossen gehalten worden. So nötigte die Hilflosigkeit sie zum Ausharren in dem alten Bau, doch war's noch schöne Sommerzeit, die noch keinen Schutz gegen Kälte verlangen ließ, und außerdem wandelte ihr Aufenthaltsort sich merkwürdigerweise täglich zu einer besser bewohnbaren Unterkunftsstätte um. Der Wolfsturm war im Innern nicht so verfallen, wie er von außen her erschien, hauptsächlich lagen nur die Gemächer drin mit zerbröckelten Wänden, von langer Zeit her unwirtlich verödet, und dem Andrianer Bauern mußte neuerdings in den Sinn geraten sein, seinen wertlosen Besitz wieder in einen vorteilhaften, brauchbaren Zustand zu versetzen. Am Morgen nach der ersten Nacht, die Helena darin zugebracht, begab er sich daran, die zertrümmerten Seitenstücke des Eingangs durch die Ringmauer mit einer Anzahl von Beihelfern eilfertig herzustellen, die Wiederverschließung der Lücke durch ein kräftiges Bohlentor zu ermöglichen; wichtiger indes für die Bedürftigkeit des Mädchens war's, daß vom Dorf her auch ein Tisch und eine Bank, sowie allerhand zum Wasserschöpfen und zur Bereitung von Speisen nötige Geräte herbeigeschafft wurden. Diesen Tätigkeiten gab sich Josefa Siekmoser hin, die am Vormittag von Andrian herüberkam, um auf der alten Herdstelle mit Stahl und Stein Feuer anzuzünden und zu kochen, dann verschwand, doch stets beim Herannahen des Abends zurückkehrte und sich als Nachtgefährtin der Turminsassin auf das Heu hinstreckte. In solcher Art trug jeder Tag dazu bei, für diese das verödete Bauwerk besser bewohnbar zu machen, wenn es zwar auch nicht um ihretwillen geschah, sondern offenbar zu einem Zweck, den der Bauer sich vorgesetzt hatte, dienen sollte. Doch über den dachte sie nicht nach, nahm frohsinnig die ihr daraus zuteil werdende Annehmlichkeit in Empfang; verwöhnt war sie von frühester Kindheit auf nicht gewesen, dagegen hier zum erstenmal ein stetiger beängstigender Druck von ihr abgefallen, so daß ihre sonderbare Behausung sie fröhlicher als jemals zuvor sah. Vom Morgen bis zum Abend kam ihr keine »lange Zeit«; in der Abgeschiedenheit auf dem Vestenstein hatte sie kaum etwas von Märchen gehört, doch im Gefühl erlebte sie hier ein solches, als werde von unsichtbaren freundlichen Elben für das, was ihr not tat, gesorgt. Das Merkwürdigste geschah aber nicht am Tage, sondern in der Nacht, wenn sie, wie immer einmal, auf ihrer Lagerstätte wach wurde. Dann kam ihr der Antrieb, leise aufzustehen und an der Mauerneigung hinauszutreten. Sie wußte genau vorher, was sie draußen beim Mond- oder dann Sternenschein gewahren werde, und jedesmal war's auch so in Wirklichkeit da, eine hochwüchsige dunkle Mannesgestalt, die in einiger Entfernung gleichmäßig vor dem Wolfsturm hin und her schritt, immer, zu welcher Zeit sie auch aufgewacht sein mochte. Dann ging sie zurück, lag abermals auf ihrer härenen Decke neben der schnarchenden Josefa und sagte sich beim Wiedereinschlafen, sie habe nur davon geträumt. Das bestätigte auch der Morgen, denn wenn sein Licht gekommen, war weit und breit von der Gestalt nichts zu sehen; nur die Nacht, die Schöpferin der Traumvorstellungen, brachte sie zurück. So vergingen die Tage der beiden Wochen, und einzig in der Nacht, darin auf halbstündige Weite grad' gegenüber der Angriff auf die Burg Neuhaus ins Werk gesetzt worden, war Helena nicht aufgewacht, hatte von dem drüben tobenden Gelärm nichts gehört und von dem Brandgeloder nichts gesehen. Doch als das erste Frühdämmern in den Türen einfiel, fuhr sie aus dem Schlaf und gewahrte die nächtliche dunkle Mannesgestalt diesmal unter dem Türbogen stehen, ob in Wirklichkeit oder im Traum, wußte sie sich nicht zu sagen. Jene stand mehrere Augenblicke lang wie ein regungsloser, stummer Schatten und heute doch etwas unheimlich; aber dann ging ihr auf, es könne kein Traum sein, denn von der Gestalt ertönten Worte her und wunderbarerweise mit der Stimme des Ulbert oder Utz Siekmoser gesprochen. Nur klangen sie zuerst beinah zaghaft und halb unsicher gestottert: »Verzeihet mir, Jungfrau – daß ich hierherkomme – und Euch erwecke.« Danach indes fuhr die Stimme, sicherer werdend, fort: »Aber Ihr könnt nicht länger im Wolfsturm bleiben, sondern müßt von hier weg. Es ist in der Nacht Übles drüben bei Neuhaus geschehen und droht, auch über den Fluß zu kommen. Darum muß ich Euch befragen, ob Ihr auf den Vestenstein zurückwollt – oder –« Er sprach nicht weiter, erst als Helena von ihrer Lagerstätte aufgestanden, fragte, was denn geschehen sei, gab er Antwort darauf, soweit ihm eine Erklärung des Vorganges möglich fiel. Sie hörte stumm zu und versetzte, als er schwieg: »Nein, auf den Vestenstein gewiß nicht – aber wohin, weiß ich nicht. Ihr sagtet – ›oder‹ – wißt Ihr eine Zuflucht für mich?« Nun erwiderte er: »Wenn Ihr Euch nicht scheuen würdet, zwei Stunden Wegs –« Die nämlichen Worte waren's, die ihm bei dem ersten Zusammentreffen zwischen ihnen vom Mund geraten, und ebenso brach er danach, wie selbst von einer Scheu befallen, wieder ab. Doch das Mädchen entgegnete: »Warum sollte ich mich scheuen, zwei Stunden zu gehen? Wohin meint Ihr?« Jetzt brachte er hervor: »Auf Payrsberg wäret Ihr in Sicherheit – sonst wüßte ich nichts – aber dort bürg' ich Euch dafür, so lang mein Arm sich regen kann.« Aus dem Ton, mit dem er's sprach, klang, daß er eine große Gefahr im Anzug halte, und Helena erwiderte ohne Besinnen: »Ihr seid der Bürgermeister aus Payrsberg, hab' ich gehört – wenn Ihr mich dahin mitnehmen wollt –« Hochaufatmend fiel er jetzt ein: »So lasset uns rasch ausschreiten, Jungfrau, damit es nicht zu spät wird. Niemand weiß, was die Nacht ausgebrütet hat.« Das Mädchen drehte sich zu seiner gleichfalls vom Heu aufgesprungenen Nachtgefährtin um und sagte: »Leb wohl, Sefferl, und hab' Dank für das, was du mir angetan hast!« Doch Albert Siekmoser fiel abermals und noch hastiger, wie erschrocken, ein: »Nein – Ihr könnt nicht allein mit mir, Jungfrau – die Josefa muß mit Euch gehen, damit Ihr eine Beihilfe an ihr habt. Du brauchst nicht erst ins Dorf hinüber, ich war bei deinem Vater, er weiß schon, daß du uns begleitest und – vorderhand – bei uns auf Payrsberg bleibst.« Nun schritt er schnell in der Richtung voran, die er am Abend, »um vor dem Nachtdunkel heimzukommen«, eingeschlagen, stieg an der Bergwand auf einem für fremde Augen kaum unterscheidbaren Pfade aufwärts, und die beiden anderen folgten ihm nach. Im Kopfe Helenas ging's eigentümlich hin und wider; ihr konnte keine Ungewißheit darüber bleiben, die allnächtliche dunkle Gestalt draußen sei Ulbert Siekmoser gewesen. Das hatte sie zwar eigentlich schon gewußt, aber doch nicht für Wirklichkeit halten können, denn warum sollte er immer vom Abend bis zum Wegschwinden des Dunkels vor dem Wolfsturm auf und nieder geschritten sein? Solch zweckloses Tun eines Mannes vermochte nur ein seltsamer Traum vorzutäuschen. Jetzt blickte er nicht um, hielt allein da und dort an, so daß er sichtbar blieb, wo Busch und Baumstämme über das Weiterführen des schmalen Steiges beirren konnte. Steil und beschwerlich ging's lange Zeit hinauf, doch die Füße Helenas bedurften keines Ausruhens, ihre Brust hob sich so leicht, daß ein Gefühl in ihr war, sie würde auch bis zum Hochgrat des Gantkofels emporkommen. Dann öffnete sich einmal ein Ausblick ins Etschtal hinüber, und tief drunten lag das häuserreich ansehnliche Dorf Nals. Der Wald schloß sich wieder, wich indes plötzlich, und da ragte ein wenig mehr zur Linken schon nah von einer Felskuppe, ganz im Glanz der aufgestiegenen Morgensonne gebadet, eine breitstattliche Feste empor, rundhin kraftvoll ummauert und von einem viereckigen Bergfried übertürmt. Das war Payrsberg, das andere Schloßbesitztum der Herren von Boymont drüben auf der Höhe von Eppan, ihrer dortigen Stammburg fast ebenbürtig, vor einem Jahrhundert nicht von »Friedel mit der leeren Tasche« gebrochen, weil jene nicht mit im Kampf des »Bundes an der Etsch« wider ihn gestanden. Als der Burgwart Ulbert von Siekmoser jetzt herannahte, senkte sich die Fallbrücke vor dem hochgewölbten, mit dem Wappen derer von Voymont verzierten Steintor nieder, hinter dem sich mannigfache Wohngebäude aufhoben, und bald nahm in einem von diesen Helena und ihre Begleiterin ein geräumiges, weit ins Etschtal hinunterblickendes Gemach auf, dessen wohnlich einladende und anmutende Ausstattung den größtdenkbaren Gegensatz zum Innern des Wolfsturms bildete. Zeit aber war's in der Tat gewesen, raschmöglichst hinter starken Schutzmauern Sicherung zu suchen, denn die folgende Nacht zeigte bereits an mehreren Stellen Wiederholungen des bei Neuhaus mißlungenen Überfallversuches; von den Mittelgebirgsrändern des Etschtals aufglühender Feuerschein legte mit Flammenzungen Zeugnis dafür ab. Drüben im Reich hatten jetzt allerdings die vereinigten Fürsten und Reichsstädte, besonders die Heermacht des »Schwäbischen Bundes« unter Führung des weitberufenen Landsknechtshauptmanns Georg von Frondsberg, wenn auch erst nach langem mühsamen Ringen, den allgemeinen großen Bauernaufstand durch ein Dutzend bluttriefender Schlachten niedergezwungen und für seine vielfachen wilden Untaten unerbittlich schreckensvolle Vergeltung geübt; in den Alpen dagegen tobte der brüllende Aufruhr weiter, griff vor allem in Tirol nun erst aus der nördlichen Hälfte nach der südlichen über. Dem Oberführer Jakob Geißmayer strömten hauptsächlich aus den Bergwildnissen »helle Haufen« zu, wie die Zeit sie, nicht nach ihrer Erscheinung für den Gesichtssinn, sondern noch aus Mittelaltertagen her wegen ihres »hallenden« lauten Getöses benannte, und alles, was nichts zu verlieren hatte, aus dem Umsturz nur Gewinn einscharren konnte, schloß sich ihnen raub- und raufbegierig an. Ihre Zwecke und Ziele brachten zwar naturgemäß mit, daß die Bewohner der größeren ländlichen Ortschaften nicht gemeinsame Sache mit ihnen machten, doch konnten sie auf keine Beistandsleistung von den bedrohten Adelssitzen herab rechnen, und waren meistens zu schwach, die anstürmenden Rotten abzuwehren, sondern mußten notgedrungen sich durch Unterhandlungen mit diesen und scheinbare Willfährigkeit vor dem Ärgsten zu schützen suchen. Die Bauernmassen standen zunächst von schwierig-langwierigen Belagerungen der stärkeren Burgen ab, richteten unter einsichtiger Leitung ihre Angriffe gegen die kleineren, durch deren Eroberung sich in reichlicheren Besitz von Feuerwaffen und Pulvervorräten zu setzen, und im Fortgange der nächsten Wochen fielen manche minder widerstandsfähige Schlösser in Trümmer, die dem Verderben während Margarete Maultasches und Herzog Friedels Zeit entronnen waren oder wieder aufgebaut worden. Die Feste Payrsberg indes gehörte zu denen, von welchen die Bandenführer vorderhand aus Klugheit abließen; sie besaß innerhalb ihrer starken Mauern eine ausreichende und tüchtige Verteidigungsmannschaft, und die Wachsamkeit des Burgwarts von Siekmoser war weitum bekannt. So befand sich Helena Übelhör sicher geborgen, wenngleich von der Welt ringsumher vollständig abgeschnitten, denn draußen waren alle Wege und Stege in der Hand und unter scharfer Achtgabe der Aufständischen, daß nirgendwo Botschaft von einer Burg zur anderen gelangen könne, auch von Payrsberg nach Boymont, wie von dort hierher ward keinerlei Benachrichtigung möglich. Doch mit den Augen konnte Helena weithin umschweifen, die Fenster ihres neuen Wohngemaches sahen auf den größten Teil des Etschtals nieder, und wenn sie zum Oberrand des Bergfrieds hinanstieg, reichte der Blick von Meran im Norden bis nach Bozen im Süden hinüber. Sehr lichthell und freudig lag das alles in der Sonne, und ebenso lag's ihr im Sinn, obgleich da drunten überall die böse Bedrängnis gewalttätige Herrschaft führte. Aber hier oben sah sich's so heiter-schön an, nur ein wenig nordwärts über das Dorf Nals hin stach davor ein dunkler Fleck ab, als werde er beständig von Wolkenschatten überlagert. Aus dem fast unzugänglichen Dickicht eines uralten düsteren Fichtenholzes ragte dort von einem Felsvorsprung am Etschtalrande Mauerwerk aus einer halb abgebrochenen finsteren Türe empor; es hieß Pfeffersburg, doch ward seit Menschengedenken im Volksmunde Kasatsch genannt. Sagenhafte Überlieferungen schwerer Missetaten, die ehemals von den Besitzern desselben verübt worden seien, liefen um, kein Fuß wagte sich bis in die Nähe hinan; zweifellos lange eine Raubburg schlimmster Art gewesen, lag's in einem Gestrüpp einer verrufenen, halb in Trümmer zerfallenen Tagesbehausung bei Nacht umgehender böser Geister gleich. In Wirklichkeit hatte den unheimlichen Bau während des letzten Jahrhunderts ein Geschlecht, Edle von Teitenhofen, innegehabt, von dem gegenwärtig nur ein letzter Nachkomme übriggeblieben, der einsam wie ein Schuhu drin hauste; wovon er in größter Dürftigkeit sein Leben friste, vermochte niemand sich vorzustellen, noch wußte recht zu sagen, wie er aussähe, denn auch jenem Nachtvogel gleich kam er fast niemals jemandem im Tageslichte zu Gesicht. Doch sprach wohl einer, wenn auf den Almweiden unterm Gantkofel plötzlich ein Rind oder ein Schaf verschwunden war, das der Bär oder Wolf im nächtlichen Dunkel weggeschleppt habe, vielleicht wisse auch der Teitenhofener, wohin es kommen sei. Solcherlei Dinge erfuhr Helena aus Erzählungen Ulbert Siekmosers, der täglich gegen Abend in ihr behagliches Wohngemach kam, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen, doch richtete er es stets so ein, daß er sie nicht allein antraf, sondern nur in Gegenwart der Josefa bei ihr verweilte. Dann saß er, eine Zeitlang über dies und jenes ihr Unbekannte redend; seine Vorfahren hatten einmal auf dem Eppaner Gelände von den Boymonter Herren eine kleine Nebenburg zu Lehen gehabt. Davon leitete sich seine Verbindung mit diesen noch her. Aber unter der Herrschaft des Bayernherzogs Ludwig war die Burg spurlos vom Erdboden verschwunden und das Siekmosersche Geschlecht seiner Selbständigkeit verlustig gegangen; einige daraus waren nach und nach zu Bauern, wie der in Andrian, geworden, andere hatten Dienstmannenpflichten auf sich genommen, von einem solchen Zweige stammte Ulbert ab. Das vernahm Helena von ihm, und auf ihre Fragen gab er ihr auch Auskunft über das düstere Kasatsch und dessen jetzigen Inhaber Cristoph Teitenhofen, von dem er mehr, als vielleicht sonst jemand, wußte, denn sie befanden sich ziemlich im gleichen Alter und hatten vormals im Umgang, sogar wohl in Befreundung zueinander gestanden. Doch ward fühlbar, die habe sich schon frühzeitig zum Gegenteil verwandelt, warum, gab der Burgwart nicht an, ließ nur einen in ihm angehäuften, mit tiefem Mißtrauen gepaarten Widerwillen gegen den ehemaligen Gefährten empfinden, von dessen Tun und Treiben während des letzten Jahrzehnts er keine Kenntnis mehr besaß oder wenigstens nicht kundtat. Anderseits erzählte Helena ihm von ihrem Leben auf dem Vestenstein und dem unnatürlichen Verhalten ihrer Schwester gegen sie von klein auf, durch das sie zuletzt zum heimlichen Davongehen von droben fortgetrieben worden. Dem hörte er achtsam und teilnahmsvoll zu, und einmal ging ein leichtes Stutzen über seine Züge, wie sie vom eigentlichen Anlaß ihrer Flucht, dem nächtlichen Besucher Katharinas sprach, von dem sie wegen seines dunkelumbarteten weißen Gesichts und weil er den linken Fuß beim Gehen etwas nachgezogen, allerdings törichterweise geglaubt, er müsse der Junker Voland sein, zumal ihre Schwester ihn auch als Junker Stott angesprochen. Darüber lachte sie jetzt, durch Nachdenken einsichtiger geworden, als über eine kinderhafte Einfalt; ihr war klar aufgegangen, er sei ein wirklicher Mensch wie andere gewesen, und sie begriff nur nicht, weshalb Katharina ihm bei Nacht die Fallbrücke niedergelassen und was er in ihrem Turmgemach gewollt und gesucht habe. Sie befragte Ulbert Siekmoser, ob er sich das erklären könne, doch er schüttelte stumm verneinend den Kopf und wußte hinterdrein nur beizufügen: »Nein, Jungfrau, ich begreif's auch nicht. Eure Schwester ist mir nur einmal zu Augen gekommen, als ich Euch neben ihr stehen sah. Ein schöner Tag war's, der mich auf dem Weg nach Boymont über den Buchberg zum erstenmal am Vestenstein vorbeigeführt, weil ich von Gaid aus auf einen unrichtigen Pfad geraten – ja, ein sehr schöner Tag, darum ist es mir unvergeßlich geblieben, und ich erkannte Euch gleich wieder, als Ihr zum Wolfsturm herankamt.« Hiermit gelangte er wieder dazu, wie öfter, von dem erstenmal zu sprechen, an dem er Helena über die Schlucht hin wahrgenommen, aber wenn das geschah, stand er allemal rasch zum Fortgang auf, weil seiner Burgwartspflicht notwendige Besichtigungen oblagen. Er selbst schien für die Bedürfnisse der von ihm nach Payrsberg Herausgeführten keinerlei Sorge zu tragen, doch sie empfing täglich alles, als ob wie im Wolfsturm unsichtbare gute Elfen für sie bedacht seien und ihr sogar unausgesprochene Wünsche aus den Augen zu lesen vermöchten. Ab und zu drängte sich ihr der Gedanke auf, warum das geschehe, wodurch sie es verdient habe und womit sie es vergelten könne. Aber sie scheuchte diese Vorstellungen immer schnell wieder von sich ab, denn sie hatte und besaß nichts, mit dem sie ihrer Dankbarkeit Ausdruck geben konnte. Wenn sie den ihr zugehörigen Teil der Hinterlassenschaft ihres Vaters in Besitz gehabt hätte, wäre es anders gewesen, und sie tröstete sich damit, daß es ihr künftig doch vielleicht möglich werde, ihre Schuld abzutragen. Einstweilen indes blieb ihr nichts anderes, als sich hier gleich einem unflüggen in ein fremdes Nest verschlagenen Vogel weiterfüttern zu lassen, und eigentlich fühlte sie sich im Innern davon niemals wirklich beunruhigt, sondern nahm es als ein freundliches Geschenk des Himmels auf, über das man nicht nachdenken müsse, und entwickelte sich zusehends aus einer anmutigen Knospe, der sie bisher geglichen, mehr und mehr zu einer Blüte von ungewöhnlicher Lieblichkeit. Denn es verrann geraume Zeit so, nicht Wochen, vielmehr Monate, der Sommer schwand, und auch der lange Herbst ging in den Winter über, soweit die Sonne über dem Etschtal einen solchen zuließ. Draußen änderte sich an den schlimmen Zuständen nichts zum Bessern, sondern der Bauernaufruhr nahm noch weiter an Verbreitung und Kraftwachstum zu, besonders im Eisack- und Talfertal, wie am Ritten fielen ihm mannigfach kleinere Burgen in die Hände, und auch auf den größeren sah man allgemein mit steigender Sorgnis der immer höher anschwellenden Bedrohung entgegen. In der nördlichen Hälfte Tirols hatte strenge, die Kampflust lähmende Kälte eingesetzt, dagegen bereitete die südliche ihr keine damit vergleichbare Witterungsschwierigkeit, dann und wann fallender Schnee schwand stets hurtig wenigstens aus den Talgründen und von den sie begrenzenden Geländen wieder ab. Jakob Geißmayer richtete deshalb sein Augenmerk jetzt hauptsächlich nach Süden, auf die Eroberung Bozens, gebot gleichzeitig auch erfolgverheißende Anstürme gegen die größeren Burgen im Umkreise der Stadt zu unternehmen. Und in einer Januarnacht fuhr Helena jählings, von wildem Getöse aufgeschreckt, aus dem Schlaf; eine wohl beinahe tausendköpfige Bauernmasse war raubend drunten in Nals eingebrochen und hatte sich, von dort zahlreiche Leitern mitschleppend, nach Payrsberg heraufgewälzt. Ein erster Anschlag wider eine der starken Etschburgcn war's, mit allem dazu Erforderlichen ausgerüstet und merkbar von einem ortskundigen Ratgeber geleitet, denn die Mehrzahl der Angreifer wandte sich gleich der Seite zu, wo die Ringmauer, wenngleich nicht minder hoch und fest, als rundum, doch unweit einem höheren Berghange zugekehrt, von oben her mit Armbrüsten und Feuerrohren bestrichen werden konnte. Dadurch bot sie an dieser Stelle ihren schwächsten, am meisten gefährdeten Abschnitt, und der Anführer des großen Haufens sah es augenscheinlich darauf ab, diesen Vorteil möglichst auszunutzen. Aber auch Ulbert Siekmoser war hier auf besondere Verteidigungsmittel bedacht gewesen und nicht unvorbereitet überrascht worden; die auf den angelegten Leitern Emporkletternden wurden zunächst von solchen Strömen ihnen entgegengeschleuderten siedenden Pechs empfangen, das sie geblendet, bis zu den Knochen verbrannt, heulend und brüllend von den Sprossen in die Tiefe zurückstürzten. Mit Sand gefüllte Säcke gaben auf dem Mauerrande vor den Bolzen und Kugeln ziemlich Deckung. Vom Bergfried herab antworteten ein paar Bombarden mit zerhackten Blei- und Eisenstücken auf die feindlichen Geschosse. Etwas Mondhelle durchsetzte die Luft, verhalf indes zu keinem deutlichen Unterscheiden, nur an den Stellen, wohin von den Belagerern angezündetes Föhrenreisig seinen Flammenschein warf, ward flüchtig dies und jenes genauer erkennbar. Denn man sah, daß der Burgwart selbst sich unablässig an der Gegenwehr beteiligte, bald hier, bald dort auftauchte, Überschau zu halten suchte, Anweisungen gab, auch mit eigener Hand seine Waffe führte. Seinen Leuten zum Beispiel zu dienen, setzte er sich furchtlos überall der größten Gefahr aus, doch flog ihm einmal plötzlich ein Schreckenston vom Munde, und er stieß den Ruf aus: »Ihr hier, Jungfrau? Um des Himmels willen, wie könnt Ihr solche Unvorsichtigkeit begehen! Bergt Euch rasch im Turm!« Und von seiner sonstigen ruhigen Art verlassen, griff er so heftig nach dem Arm Helenas, die aus ihrem Gemach ins Freie hinausgeeilt war, daß er ihr beinahe Schmerz verursachte, und zog sie hurtig in den Bergfried hinein. Stundenlang tobte der Kampf in gleicher Weise fort, drohte durch die gewaltige Überzahl der Bauern, die ihre Verluste stets zu ersetzen vermochten, die Kräfte der Verteidiger schließlich doch erlahmen zu lassen und mit einer Erstürmung der Burg zu enden. Doch gesellte sich den letzteren ein Beistand: die Angreifer hatten vorher in Nals alle Weinfässer, deren sie habhaft werden gekonnt, ausgeleert, waren mehr als zur Hälfte betrunken, und die Wirkung des Weines steigerte sich in ihren Köpfen noch höher an. Sie wurden unbotmäßig gegen ihre Anführer, begannen, der Erfolglosigkeit müde, untereinander zu schimpfen und zu hadern, manche taumelten begierig zum Dorf zurück, nach noch unentdeckten Fässern zu spüren. Vergebens schrie der, welcher merkbar ihr oberster Hauptmann war, sie ingrimmig an, griff zuletzt selbst nach einer Leiter und erstrebte augenscheinlich, sie durch sein Vorbild zu vernunftmäßigem Handeln zu bringen und sich nachzureißen. Ein kühn verwegenes Beginnen war's, wenn er auch, sichtlich kein Bauer, durch ein eisernes Rüstkleid und eine Helmkappe mit herabgelassenem Fallgatter besser als die anderen vor Hieb und Stich geschützt wurde; mit richtiger Umsicht wählte er einen Punkt aus, wo die Mauer gerade von Wehrmännern entblößt schien und in dunklem Winkel ein unbemerktes Gelingen seines Vorhabens verhieß. Nur Ulbert Siekmoser hatte achtgegeben und traf im Augenblick, wie der Kopf des Aufkletternden über den Rand tauchte, diesen mit so wuchtvollem Schwertstreich, daß er den Halt verlor und umschwenkend von den Sprossen zwischen die ihm Nachfolgenden hinunterkollerte. Das brachte eine jähe Sachwendung mit sich; der Abgestürzte ward drunten von den Nächsten unter lautem Geschrei weggeschleppt, und der übrigen bemächtigte sich eine in die Runde umlaufende Entmutigung. Sie gaben offenbar ihr aussichtslos gewordenes Unternehmen auf, trafen Anstalt zum Abzug; diese Wahrnehmung zeitigte im Kopfe des Burgwarts blitzschnell einen Entschluß, er ließ plötzlich die breite Fallbrücke niederfallen und brach mit seiner nur kleinen, doch schwergewaffneten Mannschaft unvorgesehen in die Flanke der zu Tal davonziehenden Bauern hinein. Damit versetzte er die Trunkenen in völlige, auch die Halbnüchternen ansteckende Kopflosigkeit; von panischem Schrecken gepackt, rannten alle, ihre Massenhaftigkeit vergessend, die Spieße und Eisenkolben von sich werfend, blindlings wie ein von Hornissen überfallenes Viehrudel abwärts. Die aufmerksam gewordenen Bewohner von Nals scharten sich rasch mit Hacken und Grabscheiten den Flüchtenden entgegen, von denen viele ohne Widerstand niedergeschlagen wurden, wohl gleiche Anzahl über die steilen Schluchtwände des Grissianer Baches hinunterpolterte, und kaum die Hälfte des tausendköpfigen Haufens gelangte, hierhin und dorthin zerstreut, lebend ins Etschtal zurück. Der erste Anschlag auf eine der stärkeren Burgen war, hauptsächlich jedenfalls durch die Tüchtigkeit ihres Hüters, mißraten, und frohgemut kehrte dieser im Morgengrauen wieder heim. Er traf Helena in unruhvoller Erwartung seiner Rückkunft an, und ihr geriet vom Munde: »Ihr habt mich in der Nacht gescholten, dazu habe ich wohl mehr Grund, denn Ihr begingt unaufhörlich ganz andere Unvorsicht, als ich.« Er antwortete: »Das war meine Pflicht, Jungfrau, die Ihr nicht hattet, sondern eine ganz andere, als ich.« Das verstand sie nicht und fragte: »Welche sollte ich haben?« Darauf versetzte er lachend: »Die Pflicht, am Leben und unversehrt zu bleiben,« und rasch abbrechend, fügte er nach: »Ich wollt', Ihr könntet mir sagen, wen mein Schwert im Eisenwams auf der Leiter getroffen hat. Der Anführer des Haufens war's und er wußte, was ihm am besten gelingen konnte, aber seine Kappe und das Dunkel ließen nichts von ihm erkennen. Gut wär's, wenn's Jakob Geißmayer selbst gewesen, denn er ist nicht mit heiler Haut weggekommen. Gehabt Ihr Euch wohl bis zum Abend, Jungfrau, und holt Eure gestörte Nachtruhe nach! Es gibt für mich viel Umschau zu halten, wo die Mauern geschädigt worden sind und schleunig der Besserung bedürfen.« Dazu begab er sich jetzt rasch fort und Helena blickte ihm mit weitoffenen Augen nach. Die Nacht hatte ihr ein völlig anderes Bild von Ulbert Siekmoser als bisher gezeigt, keines der Schüchternheit und beinah Furchtsamkeit, wie wenn er in ihrem Gemach mit ihr sprach, sondern er könne auch von allen der Unerschrockenste, Todesmutigste und Tapferste sein. Die Behauptung Payrsbergs war für dies selbst und die Herren von Boymont natürlich von höchster Bedeutung, fiel indes für die südliche Hälfte Tirols nicht schwer ins Gewicht; der Bauernaufstand wurde dadurch keineswegs gelähmt, nur angespornt, sich vor der Wiederholung derartiger Angriffe in reichlicherem Besitz grober Geschütze zu versetzen. In allen Niederungen dauerte seine Herrschaft fort, und die Burgbesatzungen blieben überall auf sorglichste Bewachung ihrer Schutzwehren beschränkt, vermochten nirgendwo helfend einzugreifen; die allgemeine Lage gestaltete sich vielmehr von Woche zu Woche bedrohlicher und hilfloser, und die vertierte Wildheit der plündernd, brennend und mordend umgreifenden Horden steigerte sich immer höher an. Wo sie eine Adelsfeste in ihre Gewalt brachten, verfielen die Frauen und Mägde noch schlimmerem Los als die zumeist nach der Erstürmung sogleich niedergemachten Männer; entsetzenerregende Gerüchte davon liefen um und ließen, wenn sie Ulbert Siekmoser zu Gehör kamen, manchmal sonderbar über sein Gesicht einen Schreckausdruck fahren, der in keinem Einklange zu dem von ihm bewiesenen Mute stand. Er schlief nicht mehr bei Nacht, sondern umschritt unablässig Wacht haltend, Ohr und Auge anspannend, bis zum Morgen die Mauern, streckte sich nur im Tageslicht ein paar Stunden zum Ausruhen hin. Doch ward der Ansturm auf Payrsberg nicht erneut; die Wochen wuchsen zu Monaten an. Das erste Grün schimmerte vom Etschtal herauf, und bald hielt der zauberische Frühling Südtirols, die letzten kalten Winde davontreibend, siegreich seinen Einzug. Blühende Mandelbäume streuten blaßrötliche Flocken drüben zwischen die Rebenpflanzungen um Terlan, und mit tieferem Farbengeleucht folgten rasch Pfirsiche nach; aus der Ferne nicht wahrnehmbar, bargen sich neben ihnen vermutlich blaue Veilchen am Boden. Auf dem Vestenstein hatte Helena nie ein Trieb, Blumen zu suchen, angerührt, doch zum erstenmal überkam sie nach diesem Winter ein Verlangen, Veilchenduft einzuatmen, und sie sprach's bei der abendlichen Unterhaltung mit dem Burgwart einmal aus. Indes er erlaubte ihr nicht, durchs Tor und über die Fallbrücke hinauszugehen, nur seltsam kamen seitdem die Veilchen von draußen zu ihr herein, denn sie fand täglich in ihrem Wohngemach einen lieblich duftenden Strauß von ihnen vor. Da aber brach eines Tags, wütendem Nordsturm ähnlich, jählings über den Brennerpaß ein ungeheures Frühlingsgewitter ins Eisacktal herunter. Nur fuhr's nicht durch die Luft daher, sondern auf Pferdehufen und Menschenfüßen über den Erdboden, denn sein Urheber war der Feldhauptmann des »Schwäbischen Bundes« Herr Georg von Frondsberg, der mit seiner Aufgabe im Reich fertig geworden und sich jetzt anschickte, hier ihren Rest zu vollbringen. Er kam mit dem eisernen, von ihm selbst zusammengeschweißten und geschmiedeten Besen seiner für unüberwindlich geltenden Landsknechtfahne und fegte damit über die Täler Südtirols bis zu den schwindelnd-steilsten Schroffen und immer schneeweißen Firnhängen hinauf. Ein Kampf hob an, in dem auch die zahlreichste ungeschulte Masse der Bauern wider ihre Gegner nichts auszurichten vermochte, sie sanken vor diesen zu Boden, wie von Sensenschnitten umgemähte Halmschwaden, und keine Zuflucht, nicht Fels, Kluft und Wald sicherte sie vor der Verfolgung. Die Frondsberger Söldner waren drüben in Deutschland auch zu Meistern im Ausspüren von Verstecken geworden und bildeten sich hier noch weiter drin aus, zugleich jedoch auch in ihrem schonungslosen Haß und Grimm gegen die Bundschuhrotten und Karsthansen, vergalten diesen mit der nämlichen Unerbittlichkeit die von ihnen verübten Greuel und blutlechzenden Grausamkeiten. Jetzt wurden die Bauern zum gehetzten, nirgendwo Schutz und Erbarmen findenden Wild; in den entlegensten Bergwildnissen loderten die Hütten, Höfe und Dörfer aller, die sich an dem Aufruhr beteiligt, in Flammen auf, die Anstifter, Leiter und Rädelsführer desselben verfielen, wo es gelang, sie lebend zu ergreifen, martervollster Hinrichtung. Ein paar Wochen reichten aus, die Sachlage aufs vollständigste umzukehren, den Schrecken mit noch stärkerem Schrecken zu dämpfen; Jakob Geißmayer und was von seinen Anhängern übriggeblieben, suchte in atemloser Flucht gegen Süden Stellung und der aufgelöste Schwarm ward zum größten Teil noch in der Veroneser Klause vernichtet, von Frondsberger nach Italien versprengt, wo dieser seine Fahne dem Heere des Kaisers Karl V. zum Beistand gegen die Streitmacht des Königs Franz I. von Frankreich zuführte und jenem zu dem großen, entscheidenden Siege bei Pavia verhalf. Über dem ganzen Lande Tirol aber hinterließ er eine Grabesruhe; gleich den Stämmen eines vom Windbruch umgestürzten Waldes lag die aufständische Landbevölkerung hingeschmettert, sich nicht mehr emporzurichten und zum andernmal zu ihrem Verderben betören zu lassen. Dagegen atmeten die Städte, größeren wohlhabenden Dorfschaften und Burgherren von einem langen, schweren Alpdruck erlöst auf; Ordnung und Sicherheit waren zurückgekehrt, und die Regierung in Innsbruck fahndete, wieder die Macht in Händen haltend, eifrig nach den Aufwieglern und Anführern, die sich nicht über die italische Grenze zu retten vermocht, sondern vielleicht noch da und dort in einer schwer zugänglichen Felsöde verborgen hielten. Bald nach dieser gründlichen Umwandlung der Dinge aber begab sich eines Abends auf Payrsberg Merkwürdiges. Ulbert Siekmoser saß redend mit Helena zusammen und trug, wie er's die letzten Monate hindurch beständig getan, im Schwertgurt noch einen kleinen nadelscharf zugespitzten Dolch, der dem Mädchen Anlaß gab, einmal zu sagen: »Den habt Ihr nicht mehr nötig und könnt ihn jetzt abtun.« Er versetzte: »Ja, ich habe ihn jetzt nicht mehr nötig; wollt Ihr Euch seiner bedienen, damit Blumen zu schneiden, so mache ich ihn Euch gern zum Geschenk.« Helena nahm dies dankbar entgegen, betrachtete ihn und erwiderte: »Ich habe nie recht begriffen, wozu Ihr eine so kurze Waffe, die halb nur wie ein Spielzeug erscheint, bei Euch führtet; in einem ernstlichen Kampf wäre sie doch nicht brauchbar gewesen.« Darauf antwortete er etwas stotternden Mundes: »Nein, das wäre sie nicht, Jungfrau – Ihr sagt's, sie war nur ein Spielzeug – das eines Gedankens in mir. Aber doch lang genug – wenn es den wilden Tieren gelungen wäre, in unsere Burg einzudringen – da hätte ich – ehe sie mich niedergemacht – hätte ich zuvor – Euch, Jungfrau, mit dem Dolch ins Herz getroffen – damit Ihr nicht –« Weiter indes gelangte er nicht, sondern stand mit rot verfärbtem Gesicht, erschrocken über das, was seinem Mund entfahren war, hastig auf und verließ das Gemach. Und um ein paar Wochen später folgte noch Seltsameres nach, denn der Pfarrherr drunten in Nals verzeichnete in seinem Kirchenbuch, daß der edelgeborene Ulbert von Siekmoser, derzeitiger Burgwart auf Payrsberg, mit der edelgeborenen Jungfrau Helena von Übelhör, Anerbin auf dem Vestenstein, einen Ehebund geschlossen habe, sich wechselseitig in Liebe zu stützen und zu fördern und Treue zu bewahren, bis daß der Tod sie scheide. Der Hochzeitsfeier wohnten die Herren von Boymont bei, die den Neuvermählten aus alten Zeiten her als halb zu ihrem Hause gehörig betrachteten und ihren großen Reichtum nicht kargen ließen, aufs freigebigste das hohe Verdienst zu belohnen, das er sich um sie durch die Bewahrung ihrer Burg während des Bauernaufstandes erworben. Zwar versetzten sie ihn dadurch in eine Selbständigkeit, die ihm ermöglichte, einem ihrer Wünsche nicht zu entsprechen; doch konnte bei der jetzt verbürgten vollen Sicherheit im Lande auf Payrsberg auch ein anderer gutberufener Burgwart genügen, und die Boymonter Herren bestanden nicht darauf, ihr Verlangen demjenigen ihres bisherigen Dienstmannes überzuordnen. Das junge Paar verbrachte noch den Sommer auf Payrsberg, aber während dieser Zeit ward unablässig drüben an der Ausmündung des Gaidener Baches von Maurern, Zimmerleuten und Schreinern geschaffen, und als gegenüber in Terlan die Trauben gekeltert wurden, zog Ulbert Siekmoser mit seiner jungen Frau im gesichert und wohnlich wiederhergestellten Wolfsturm ein. Den hatte er von seinem zum Bauern gewordenen Namensvetter in Andrian um ein Geringes angekauft, zwar nur eine ziemlich engbeschränkte Wohnstätte, doch er konnte sich als Burgherr und Wiedererneuerer des ehemaligen freien Standes seiner Vorfahren darin fühlen. Und ihm war kein Platz zu dieser unabhängigen Lebensführung lieber, als der, wo er das erste Wort mit seiner jetzigen schönen Gefährtin gewechselt hatte und vierzehn Nächte hindurch als Wächter der Schlafenden hin und wieder geschritten war, die er eher mit eigener Hand getötet, als sie lebend den Schandtaten der Bauern hinterlassen hätte. Jetzt verstand sie klar das damals nur undeutlich aus seinen gestotterten Worten in ihr Aufgedämmerte und war gleichfalls zu einem Verständnis vorgeschritten, weshalb ihre Schwester die Zugbrücke des Vestensteins für den, der sie nächtlich aufgesucht, niedergelassen habe. Der verfallene Burgstall auf der Felsnadel war während des Umhertobens der Aufständischen völlig unbeachtet geblieben, sie mochten den Anstieg nach ihm als zu beschwerlich und das droben zu Erbeutende als nicht des Mühaufwandes wert angesehen haben; nur auf Nachsuche im Mittelgebirg umschweifende Frondsbergsche Landsknechte hatten einmal Einlaß gefordert, doch beim Anblick der dürftigen Zustände auf die Aussage der alten Ursel, ihre Herrin, deren Mann todkrank zu Bett liege, sei von edlem Stande, sich rasch wieder davonbegeben. Die sonderbare Mitteilung der Alten kam niemand drunten im Tal zu Ohren, und jeder hatte zu der Zeit auch noch vollauf anderes zu tun gehabt, als sich darum zu bekümmern, was auf dem Vestenstein vorgehe. Als aber der Sommer schon seit Monaten die neue Friedlichkeit der Dinge übers Land gelegt, so daß die gesicherte Ruhe wieder zur Gewohnheit geworden, ward in Nals einmal ruchbar, die Katharina Ubelhörin habe in ihrem Burgstall einen Mitbewohner, welchen der davon Berichtende aus einiger Weite über die Schlucht hin selbst mit Augen gesehen, denn er konnte ihn als einen Mann schildern, der mit dem linken Bein zu hinken und am rechten Arm zu lahmen scheine. Das rief bei den Hörern im Dorf große Lachlust wach; ihnen war's gleich außer Zweifel, es müsse ein Buhlfreund der Katharina auf dem Vestenstein sein, die keinen anderen zum Liebhaber als einen Krüppel habe kriegen können. So befaßte sich beim neuen, wohlgeratenen Weinmost ein Weilchen das Gerede mit ihr; ein paar ältere Leute, die ihren Vater gekannt, wußten anzugeben, das Geschlecht der Übelhör stamme von einer der vielen Liebschaften der Margarete Maultasche her, jener habe auch, nur vom Bart zugedeckt, ein sonderbares Mundwerk gehabt und dies seiner Tochter so weitervererbt, daß man in ihr wohl ein heutiges Ebenbild der Maultasch sehen könne, desgleichen sei ihr vermutlich die Mannstollheit von der zugefallen. Kurz ward auch ihrer Schwester Helena Erwähnung getan, die keine wirkliche Tochter Hans Übelhörs, sondern eines italienischen »Nobile« am Gardasee gewesen, wo jener mit seiner jungen, gleichfalls aus Italien hergestammten Frau gewohnt, eh' sie auf den Vestenstein gekommen. Die Maddalena hätt's wohl zu spät mit Widerwillen vor der Maultascherbschaft ihres Mannes befallen, daß ihr's zu arg nicht zu verübeln wäre; wo sie geblieben, habe nie jemand erfahren. Aber so sei die eine Tochter ganz nach dem Vater und ihrer Ahne, die andere wohl zu begreifen nach der Mutter geschlagen, aber auch nach ihrem Vater, der wohl ein Vornehmer gewesen, denn ihr Gesicht habe noch feinere Art an sich, als das der Maddalena, daß man sich's leicht erklären könne, aber von Siekmoser habe keine andere als sie zur Frau gewollt. Damit wandte sich die Rede diesem zu, der zu Nals in höchstem Ansehen wegen der Vergeltung stand, die er an dem raubend ins Dorf eingebrochenen Bauernvolke geübt, und der flüchtigen, durch die Nachricht von der Katharina Übelhör und ihrem lahmen Liebhaber verursachten Belustigung wurde nicht mehr gedacht. Als das junge Ehepaar seit einigen Wochen in dem wohnlich wiederhergestellten Wolfsturm eingezogen war, gerieten indes die vom Vestenstein nochmals in den Mund der Leute, denn es ward kund, daß in der Kirche zu Terlan eine zweite eheliche Verbindung, die der Katharina Übelhör mit ihrem »Bräutigam«, geschlossen werden solle. Das gab neuen Anlaß zum Lachen und zu Bemerkungen, die darin übereinkamen, der Auserwählte der Maultasche müsse ein gar armer Schlucker sein, der sie mit der Drohung, sie sonst von Dach und Kost wieder fortzuschicken, dahin gebracht habe, sich mit ihr zur lebenslänglichen Zugehörigkeit zusammentun zu lassen. Das bestätigte sich auch und dazu in einer hochüberraschenden Weise, wie das Brautpaar zum Kirchgang von der Burghöhe herabkam, denn ein völliger »Habenichts« war's in der Tat, Christoph Teitenhofen von Kasatsch, der seit einem Jahrzehnt oder länger in seinem zerborstenen Eulenturm am Hungertuch genagt hatte. Er ging, wie von jeher, mit ein wenig nachschleppendem linken Fuß, dagegen war von einer Lähmung seines rechten Armes nichts bemerkbar, darin mußte der Berichterstatter, der ihn nur von weitem wahrgenommen, sich getäuscht haben oder sie war seitdem verschwunden. Neben ihm schritt seine »Hochzeiterin« breitschultrig und hoch aufgerichtet, und auffällig war's, welche Ähnlichkeit ihre Gesichtszüge mit dem eines aus der Trümmerstatt des Schlosses Maultasch aufgegrabenen und an die Kirchenmauer geratenen Steinbildwerks zeigten; an ihrer Gestalt jedoch fiel ebenso in die Augen, daß sie gewichtigen Grund gehabt habe, ihre Eheschließung nicht länger verzögern zu lassen. So wurde der edle Christoph von Teitenhofen, Herr zu Pfeffersburg, und die edle Katharina von Übelhör, Herrin zum Vestenstein, rechtsgültig vermählt, kehrten von Terlan zum letzteren, wie's nicht anders möglich war, über Andrian zurück, doch schlugen dabei einen kleinen unnötigen Umweg ein, der sie dicht unter dem Wolfsturm vorüberführte. Die neuen Bewohner desselben nahmen dies mit Überraschung gewahr, glaubten, daß die Herankommenden bei ihnen vorzukehren beabsichtigten, und traten ins Tor hinaus. Aber die beiden hielten den Fuß nicht an, Katharina Teitenhofen drehte nur im Gehen den Kopf der Wolfsturmseite zu, spuckte vor ihrer Schwester aus, und genötigt, auf mehrstündig langer Schlinge die gradauf nur so kurze räumliche Entfernung zurückzulegen, setzten sie den Weg zur Ersteigung ihrer Felsnadel fort. Das hatte genugsam kundgetan, auf welchen Fuß sich die Vestensteiner zu den Wolfsturmern stellten, wie's die letzteren auch nicht anders erwartet gehabt, weder Helena noch ihr Mann, von dem sie jetzt erfuhr, woher das Zerwürfnis zwischen ihm und dem Teitenhofener stamme. Der hatte sich einmal mit Gewalttat eines Mädchens bemächtigen wollen, dessen Siekmoser sich als Beschützer angenommen; zwischen ihnen war deshalb ein Ringkampf entstanden, bei dem Ulbert ihn schließlich derartig über eine Steinwand niedergeworfen, daß ihm, ob auch nur unbedeutend, ein Schaden am linken Fuß davon verblieben. Das betraf einen Vorgang, von welchem der Burgwart auf Payrsberg seiner jungen Schützlingin nicht erzählen gekonnt, weil sie nicht begriffen hätte und er es ihr noch weniger hätte erklären können, was der Teitenhofener dem Mädchen anzutun willens gewesen sei. So aber bestand zweifache Feindschaft zwischen dem Vestenstein und dem Wolfsturm; die Frau droben hegte tödlichen Haß gegen die Frau hier unten, wie der Mann gegen den Mann. Doch nach Ablauf einiger Zeit begab Siekmoser sich eines Tages zum Vestenstein hinan; er war ein furchtloser und ruhig entschlossener Mann, und bezweckte droben die Forderung zu stellen, daß Katharina an Helena die ihr zugehörige Hälfte der väterlichen Hinterlassenschaft aushändige. Aber auf seinen Zuruf ward die Felsbrücke nicht herabgelassen, nur die alte Ursel erschien unter dem Zugangstor, fragte nach dem Anlaß seines Kommens, berichtete davon im Innern und kehrte mit der Antwort zurück: »Ein Siekmoser hat hier nichts zu suchen und zu holen.« Das besagte klar, die Teitenhofnerin wolle der, welche sie nicht als Schwester anerkannte, nichts von der Erbschaft zukommen lassen, und habe es mutmaßlich aus dieser Absicht darauf angelegt gehabt, Helena von der Felsnadelburg wegzutreiben. Um etliche Tage nachher erwachten die Wolfsturmbewohner in der Nacht von einem sonderbaren Geräusch; es war, als ob sich an der Bergwand über ihnen Felsstücke ablösten und klatschend in den Gaidener Bach herunterstürzten. Das geschah wohl am Winterausgang dann und wann, doch lag dazu gegenwärtig in der frost- und regenlosen, ruhigen Herbstzeit kein Grund vor, und Ulbert Siekmoser ging, um Nachschau zu halten, ins Freie hinaus. Da sausten, sich mehrmals wiederholend, hoch aus der Luft her, große Steine in die Bachschlucht hinunter und beließen keinen Zweifel über ihre Herkunft. Auf dem Bergfried des Vestensteins mußte eine Wurfmaschine hergerichtet sein, die von dort über die vorspringende Bergnase Felsbrocken nach dem Wolfsturm herüberschleuderte. Doch sie vermochten die Richtung nach dem unsichtbaren Ziel nicht zu treffen, und wahrscheinlich war die Entfernung doch auch zu beträchtlich, denn sie schlugen alle unschädlich, nur ratternd und knatternd, in ziemlicher Weite schon auf das Geblöck des Wassers herunter. Nicht lange danach kam auf dem Vestenstein ein Kind männlichen Geschlechts zur Welt, das dem ehelichen Stande der Mutter gemäß den väterlichen Namen erhielt; sie selbst aber benannte man unten im Etschtal, wenn ihrer einmal Erwähnung geschah, nicht die Teitenhofnerin, sondern die Übelhörin oder die Maultasch. Im Wolfsturm dagegen stellte sich erst nach rechtmäßigem Zeitablauf, als im Frühling die Pfirsichblüten zwischen den Rebhängen um Terlan zu leuchten anhuben, ein Nachkomme ein, doch kein Sohn, sondern eine Tochter, die in der Kirche zu Andrian als Luitgard Siekmoser getauft wurde. Fünftes Kapitel Wie aber die Zeit, niemals anhaltend, vordem über die Tage des Herzogs Ludwig von Bayern und Margarete Maultasch zu denen Friedels mit der leeren Tasche und seines kinderreichen Sohnes Sigismund, von diesem abermals zu den Kaisern Maximilian und Karl dem Fünften, dann zum Erzherzog Ferdinand als »Grafen von Tirol« dahingegangen war, so wanderte sie auch nach dem großen Bauernaufstande, im gleichmäßigen Ausschreiten Jahre auf Jahre legend, weiter. Lang andauernde Sommer und kürzere Winter wechselten in den von wohlwollendem Himmel überdachten Talgründen des südlich vom Brenner Italien zugeneigten Landes, darin Frieden, Gesetze und Ordnung herrschten, an der sich nicht mehr, wie ehemals, der Burgadel und ebenso keine »Karsthansen« wieder gewalttätig vergriffen. Die Innsbrucker Regierung bestimmte im Namen Ferdinands, was in Tirol geschehen dürfe und müsse, und zum letzteren zählte in erster Reihe die genaue Entrichtung der in die landesherrliche Kasse fließenden Steuergelder, sowie Maßnahmen, den Betrag derselben möglichst zu erhöhen. Doch überallhin konnten die Behörden nicht sehen und hören; die Berge waren hoch und was sie umschlossen hielten, wild zerrissen, vielfach fast unzugänglich, besonders um den Eisack und die Etsch herum, zudem dehnte sich der Weg dorthin lang, beschwerlich und schlecht über den Brenner. So bekümmerte man sich zu Innsbruck nicht allzuviel um südtirolische Dinge, wenn sie nichts Einträgliches mit sich brachten, wozu auch beim dortigen Gericht anhängig gemachte Streitigkeiten, Prozesse, Klagen und Beschwerden gehörten. Im Reiche bestand seit dem Ende des 15. Jahrhunderts ein kaiserliches Reichskammergericht, dem man nicht ohne triftige Beleggründe nachsagte, daß bei ihm bestenfalles den Enkeln der Kläger eine Entscheidung der von diesen vorgebrachten dringlichen Beschwerden zuteil werde, und die Innsbrucker Rechtsprechung befliß sich löblicher Wetteiferung mit dem Vorbilde jenes obersten Gerichtshofes. So nahm es niemand sonderlich wunder, daß seit manchen Jahren in der tirolischen Hauptstadt bei den Gerichtsakten auch eine Beschwerdeführung Ulberts von Siekmoser auf Wolfsturm lag, der für seine Ehefrau Helena, geborene von Übelhör, wider die Schwester derselben, Frau Katharina von Teitenhofen auf Bestenstein, Klage auf Herausgabe ihr zugehöriger väterlicher Hinterlassenschaft erhoben, ohne daß ein Jahrzehnt lang von der hohen Justizbehörde irgendeine Äußerung darüber erfolgt war. Denn die Klägerin und die Beklagte zählten beide noch zu den Lebenden, und frühestens konnten einmal ihre mündig gewordenen Kinder auf eine Urteilserledigung der Sache Anspruch machen. Obendrein da drüben zwischen den Bergwildnissen, wo deutsche und italienische Untertanen sich so vielfach in den Haaren lagen und mit ihren Zwistigkeiten der Regierung so oft überflüssige Bemühungen zumuteten. Bis zu jenem Mündigkeitsalter der Kinder im Wolfsturm und auf dem Vestenstein stand aber noch eine geraume Zeit bevor, denn Luitgard Siekmoser und Konrad Teitenhofen waren erst in ihrem elften Jahre, Vetter und Base, oder Wase, wie die letztere Benennung zumeist noch lautete, ohne sich jemals zu Gesicht geraten zu sein. Durch die Luft konnten zwar, wie sich's einmal gezeigt hatte, mit einer Wurfmaschine geschleuderte Steine beinah von einer der beiden Behausungen zur anderen gelangen, doch Menschenfüße brauchten dazu auf der weiten Schlinge über die Bergwand mehrere Stunden, und die Unteren besaßen keinen Anlaß nach oben hinanzusteigen, die anderen nicht, aus ihrer einsamen Höhe herabzukommen; wie zur Lebenszeit Hans Übelhörs nicht von diesem, so nahm man im Etschtal auch von Christoph Teitenhofen fast niemals etwas gewahr. Nur seine Ehefrau tauchte dann und wann, um einen Einkauf zu machen, in Bozen auf, doch schlug zu dem Zweck nicht den Abweg nach Andrian ein, sondern einen Pfad, der von Gaid aus zwischen dem Hang des Buchbergs und den Burgschlössern Hocheppan und Boymont nach der Kirche Sankt Pauls auf dem Eppaner Gelände hinunterführte, von wo ein leichter Karrenwagen sie auf befahrbarer Straße zur Stadt weiterbrachte. Augen- und Ohrenzeugen, die von Vorgängen auf dem Vestenstein hätten berichten können, gab's nicht, Gerüchte allein besagten, es geschehe dort oben stets das, was die Übelhörin wolle. Dagegen wußte man in Nals, Terlan und Andrian, im Wolfsturm sei Zufriedenheit und Glück zu Hause. Die alte Feste nahm sich von draußenher kaum viel anders als früher aus, nur war die hohe, gezinnte Umfassungsmauer wieder in festen, völlige Erfüllung ihres Zweckes gewährleistenden Stand versetzt; drinnen aber mutete die Herrichtung der Wohnräume im Bergfried wie in einem kleinen Nebengebäude, ein trauliches Gefühl des Behagens erweckend, an. Prunk oder unnötigen Zierat hatten die Mittel nicht verstattet, doch trugen die Insassen auch kein Verlangen danach, und die wenigen, ziemlich engen Gemächer reichten für ihre Zahl und ihre Bedürfnisse aus. Ein Josef benannter Knabe war noch hinzugekommen, weitere Kinder folgten nicht mehr nach. Luitgard, Luit gerufen, ähnelte in den Gesichtszügen und mit dunklem Haar der Mutter, doch hatte sie die blauen Augen des Vaters empfangen und dazu etwas, als habe die Frühlingsjahreszeit ihrer Geburt es ihr als Mitgift verliehen; ihre Wangen schimmerten in der zarten Farbe, wie's damals aus der Weite die Pfirsichblüten zwischen den Terlaner Reben getan. Als Mitbewohner hauste im Wolfsturm noch ein schon älterer Knecht, den Siekmoser hauptsächlich zum Schutz für Frau und Kinder, wenn er selbst abwesend sei, zu sich genommen. Eine Reihe von Jahren lang war er Dienstmann auf Payrsberg gewesen, umsichtig und kräftig, erinnerte, Menz Romwald heißend, durch seinen aus »Meinhart« verkürzten Rufnamen an die ehemaligen Grafen von Tirol und ward in der Andrianer Schankwirtschaft bei der sonntäglichen Weinkanne manchmal scherzweise als Abkömmling eines derselben ausgegeben. Eine Beschützung der kleinen Tiefburg, wenn auch kein Graben sie umgürtete und keine Zugbrücke den Zugang zu ihr hütete, sei im übrigen kaum nötig, denn es herrschte gesicherter Frieden im Lande, ein Unheil konnte ihr nur von Naturgewalten drohen, vor denen ihre niedrig geborgene Lage sie mit günstiger Deckung versah. Auch das Herüberschleudern großer Steinbraken von der Felsnadel her hatte sich nie mehr wiederholt; es war eigentlich bloß ein kindisch-lächerliches Betreiben gewesen, mit dem der Verdruß über die Aufforderung zur Herausgabe des Erbteils Helenas vergebens den Wolfsturm zu erreichen und zu schädigen versucht hatte. Beim Nachtanbruch ward das aus mächtigen Eisenbohlen angefertigte Tor selbstverständlich mit dem großen Querbalken verriegelt, denn nach altem, von den Vorvätern her vererbten Sprichwort war »die Nacht keines Menschen Freund«, sondern die Zeit des nach Beute umlauernden Raubgezüchts. In ihr hielt man sich unter Dach und Fach und hatten verständig bedachtsame Leute, wenn sie sich nicht in stärkerer Anzahl beisammen befanden, draußen auf Weg und Steg nichts zu suchen; vereinzelte, oftmals von ihren Geschäften zwischen Bozen und Meran hin und wider geführte Kaufleute beschleunigten sogar auf der offenen Talstraße sorglich ihren Schritt, wenn die Dunkelheit sie vor der Erreichung ihres Ziels zu überfallen drohte. Denn ab und zu geschah's, daß einer nicht an dies hingelangte, sondern spurlos verschwand, ohne daß jemals kund ward, was ihm unterwegs zugestoßen sei, besonders wenn im Herbst und Frühling die Etsch mit Hochwasser donnerte und vermuten ließ, der nirgendwo Aufgefundene sei in der Finsternis unvorsichtig in ihre wilden Strudel hineingeraten und von ihnen ungesehen zum Welschland hinuntergetragen worden. Auch auf dem Vestenstein war dem Erstgeborenen noch ein Knabe nachgefolgt, und als Mitbewohner befand sich dort nicht nur ein Knecht, sondern ein Paar von solchen, Petz und Wetzel, vormalige Landsknechte, nach ihrer Sprache aus einem der slawischen Länder Österreichs herstammend. Zu welcherlei Hilfsleistungen die beiden besoldet oder wenigstens beköstigt wurden, erschien nicht recht begreiflich, da die alte Ursel nach wie vor völlig ausreichend für die Erfordernisse der Hauswirtschaft sorgte. Doch mußte die Hinterlassenschaft Hans Übelhörs über Vermuten beträchtlich gewesen sein, solch unnötige Ausgabe bestreiten zu lassen, und Katharina hatte offenbar, als Frau von Teitenhofen, ihrer Geizveranlagung zuwider für das Ansehen ihrer Stellung als Burgherrin einige Dienstmannen unerläßlich erachtet, von denen stets einer ihr auf dem Weg nach Bozen Geleit gab. Sie war auch in der letzten Zeit ihrer Mädchenjugend von häßlichem Aussehen gewesen, doch schon mit dreißig Jahren zu einem erschreckend abstoßenden Weibsbilde geworden, dessen Mundbildung jedenfalls diejenige Margarete Maultasches noch an Widerwärtigkeit überbot. Was ihren Mann ehemals zu seinen nächtlichen Besuchen bei ihr geführt habe, war schwer erklärlich und noch weniger sein Verbleiben neben ihr auf dem Vestenstein; nur das eine gab eine Begründung dafür, sie habe keinen anderen Liebhaber bekommen können, als einen Hungerleider, den sie durch ihre reichlichen Geldmittel an sich gelockt und vollständig unter ihre Gewalt gebracht. Denn darin traf das umlaufende Gerücht ohne Einschränkung zu, sie führte auf der Felsnadel die unbedingte Herrschaft, ihr Gebot ordnete alles an, und Christoph Teitenhofer setzte nur willenlos ins Werk, was sie ihn tun hieß. Sein Erbteil, die Pfeffersburg oder Kasatsch, war nichts mehr als ein zerfallener Steinhaufen gewesen, der ihn mit langsamem Verhungern bedroht, und hier hatte er für das, was er der Übelhörin zugebracht, auskömmliche Nahrung und gutes Obdach gefunden. Denn auch in bezug auf das letztere hatte sie sich als Frau nicht geizig erwiesen, mit ihrem Truheninhalt die kleine Felsburg besser wiederhergestellt, als ihr Vater es meist nur notdürftig getan. Alle Räume auf dem Vestenstein waren mit sicher vor Unwettern schützender Bedachung versehen, so daß er wohl ziemlich wieder zu dem geworden, was er früher mehrere Jahrhunderte lang gewesen. Ebenfalls an Kost und Trunk hielt die Burgfrau ihren Mann und die beiden Dienstknechte nicht knapp, im Felskeller lagerte beständig eine Anzahl von den letzteren mühsam heraufgeschaffter, deshalb nur kleiner, doch mit gutem Wein angefüllter Fässer, an deren Inhalt sich auch Katharina, wie's einstmals Margarete Maultasche ebenso fleißig getan haben sollte, mit ihrer Hängelippe wetteifernd beteiligte. Es konnte zuweilen wundernehmen, daß von solchen Herrichtungen und Anschaffungen die alte Schatzlade Hans Übelhörs noch nicht bis zum Bodengrund erschöpft worden sei. Noch ein Mitbewohner, doch ein erst halbwüchsiger, befand sich oben, der vor ein paar Jahren durch einen Zufall hinaufgeraten. Katharina war eines Tags in Bozen zu einer Bestellung beim Platner, dem Waffenschmied, vorgekehrt und ihr beim Weggang ein Knabe nachgelaufen, der in der Stadt als der Platnersbub bekannt war und »Willanders« benannt wurde. Dies stammte von einer Zusammensetzung seiner beiden Vornamen Wilhelm Andreas her, seine Mutter, die manches Jahr hindurch in der Bozener Laubengasse Obst feilgehalten, hatte ihn so – eigentlich »Willandres«, doch von ihr »Willanders« gesprochen – taufen lassen. Als sie einmal plötzlich von einer eingebrochenen schlimmen Seuche mitergriffen und weggerafft worden, nahm der Waffenschmied Berlt Warnkönig, vor dessen Hause sie ihren Verkaufsstand gehabt, sich des hilflos Verwaisten an, gab ihm für kleine Verrichtungen in der Werkstatt Unterkunft und Kost; man mutmaßte in der Nachbarschaft halbwegs, es sei ein unrechtmäßiger Sohn des Platners und der schöngesichtigen jungen Obsthändlerin. Doch er zeigte sich als ein sonderbarer Junge, der's in den engen Straßen nicht aushielt, vielmehr von einem unbezwinglichen Verlangen besessen wurde, aus ihnen wegzukommen, und schon mehrmals gradzu in die Berge hinein davon gelaufen, doch wieder zurückgebracht worden war. Und so hatte er an dem Tage, als die Frau von Teitenhofen im Hause des Waffenschmiedes vorgekehrt, an sie die Bitte gerichtet, ihn auf ihre Burg mitzunehmen, er wolle jeden Dienst tun, der ihm aufgetragen werde. Das war aber der Übelhörin nicht unerwünscht gekommen; sie konnte einen Hilfsbuben für die allmählich alt gewordene Ursel gebrauchen und verständigte sich mit Berlt Warnkönig, der nichts dawider einwandte, sondern im Gegenteil dafür hielt, die frische Bergluft, nach welcher der blaßgesichtige Knabe immer Begehr gehabt, werde ihm guttun und zu kräftigerem Wachstum verhelfen. Die Bereitwilligkeit des Platners, ihn aus dem Hause fortzugeben, hatte wohl darauf hingewiesen, daß die Meinung, es bestehe eine Blutsverwandtschaft zwischen ihnen, doch auf Irrtum beruhe. Seitdem lebte Wilhelm Andreas oder Willanders, wie er fortbenannt wurde, auf dem Vestenstein und bewährte, daß Warnkönig für sein körperliches Gedeihen richtig bedacht gewesen sei. Seine blasse Farbe, die zur Eigenart der feingeschnittenen Züge zu gehören schien, erhielt sich zwar ziemlich unverändert, dagegen zeugten sein Wachstum und die kräftige Entwicklung der Glieder deutlich von der günstigeren Einwirkung der Gebirgsluft auf ihr. Ihm lag die tägliche Beschaffung dessen ob, was an Nahrungsmitteln aus Gaid geholt wurde, sowie das Ausrichten mannigfacher Besorgungen in Nals und Terlan; dafür hatte es an einer jungen Beihilfe gefehlt, der Hunger der heranwachsenden Kinder und der beiden Dienstmannen verlangte zur Befriedigung nach größeren Vorräten, als sie früher erforderlich gewesen, und auch sonst lud die Ursel gern allerlei Verrichtungen auf den Knaben ab. Er war geschickt und unermüdlich, denn ihm selbst bereitete nichts größere Freude, als im Felsgestein, Wald und Busch herumzustreifen, aus denen er zumeist auf seinen Botengängen gesammelte Beeren mit heimbrachte; rasch wegkundig geworden, zeigte er sich in noch größerem Maße auch wegfindig, fand Möglichkeiten aus, zur Verkürzung an pfadlosen Abhängen und Abstürzen hinauf- und hinunterzugelangen, wo niemand sonst sich auf- und niederzusteigen getraute, und seine Behendigkeit ließ ihn nirgendwo vor einem Fehltritt der Füße oder Fehlgriff der Hand beim Anklammern zurückscheuen. So ward er auf der Felsnadel bald von allen nicht nur als eine nutzbringende Erwerbung, sondern fast als unentbehrlich angesehen; im Alter mochte er Konrad Teitenhofen ungefähr um zwei Jahre voraus sein, und Katharina ließ gelegentlich auch ihre beiden Söhne von ihm zum Beerensuchen begleiten, sie vor Abstürzen in Obacht zu nehmen. Doch wollte sich zwischen ihnen und Willanders kein kameradschaftliches Verhältnis herstellen; sie legten von frühauf ein hochfahrendes Wesen gegen ihn an den Tag, betrachteten und behandelten ihn als einen ihren Launen und Gelüsten untergebenen Hörigen, von dem sie den Mund ihrer Mutter einmal geringschätzig sagen gehört, daß er von niedriger und »unehrlicher« Herkunft sei. Doch ließ er sich davon nicht anfechten, es fiel als völlig Gleichgültiges von ihm ab. Er war am liebsten allein, trug etwas sich selbst Genügendes in sich, das keiner Genossen und keiner Zutat von außenher bedurfte. Seine verstorbene Mutter mußte ihm wohl in seiner ersten Kindheit allerlei Volkssagen und Mären erzählt haben, an die er sich nicht mehr erinnerte, aber von denen ihm vor den äußeren und inneren Sinnen ein Ungewisses Flimmern und Schimmern verblieben war. Seine Ohren hörten und seine Augen sahen draußen in der Bergeinsamkeit mancherlei nicht wirklich Vorhandenes oder bildeten Dinge der Natur um ihn her dazu aus, belebten sich Windrauschen, Wasserrieseln und Blättergemurmel, Wolken, Wurzelknorren und eigenartige Blumen zu Stimmen und Gestalten. Schulunterricht hatte er nie empfangen, wußte kaum, was Lesen und Schreiben sei, doch es erschien, als leiste seine Einbildungskraft ihm auch Beistand beim Denken und Begreifen, als lerne er durch ihre stille Vermittlung ohne Lehrer. Jedenfalls hätte er sich an lebendiger geistiger Entwicklung mit Gleichaltrigen aus den angesehenen Bürgerhäusern drunten in der Stadt wohl messen können, wäre vielleicht nach mancher Richtung ihrer Mehrzahl überlegen gewesen, und gleicherweise auch vornehme Namen tragenden Söhnen in den adligen Schlössern; allzu viele Geschlechter waren sich noch nicht gefolgt, seitdem zurzeit des Herzogs Friedel der Minnesänger Oswald von Wolkenstein unter den Rittern des »Bundes an der Etsch« als des Lesens und Schreibens kundig eine ziemliche Ausnahme gebildet hatte, und ob heute sämtliche Burgherren in dieser Kunst erfahren seien, dürfte auch gegenwärtig noch dem Zweifel unterliegen. Die Äußerung der Übelhörin hinsichtlich der niedrigen und »unehrlichen« Herkunft Willanders mochte vielleicht zutreffen, obgleich sie so wenig, als sonst jemand, einen Beleg dafür besaß, und zum mindesten lieferte seine Erscheinung keinen solchen; jedenfalls war es sehr töricht von ihr, ihn ihren Söhnen als etwas Niedriges zu kennzeichnen, da die beiden in ihrer von der Mutter wie vom Vater ererbten Häßlichkeit sich im Vergleich mit ihm wie ein paar plumpgefiederte Habichtseulen neben einem Turmfalken ausnahmen. Freilich fand die Vestenstein-Burgfrau leicht Bezeichnungen für Dinge, von denen sie nichts wußte; wenn sie einmal von der ihr noch nie zu Gesicht geratenen Tochter ihrer Schwester im Wolfsturm sprach, benannte sie Luitgard Siekmoser einen großen Wechselbalg, wie er von solchem Elternpaar nicht anders zu erwarten gewesen sei. So war Willanders, sich selbst genug, mit seiner Lebensführung und ihren Pflichten auf dem Vestenstein von Anfang an vollzufrieden und blieb's im Gang der Jahre gleicherweise. Auch der Winter änderte kaum etwas an seinem täglichen langen Aufenthalt draußen; nur selten reichte der Schnee vom weißen Gantkofel bis nach Gaid hinunter, und wenn's geschah, zumeist nur für kurze Zeit, die Sonne brachte ihn bald wieder zum Wegschwinden. Doch auch vor Schnee und Eis scheute der gewandte Knabe auf seinen Wegen so wenig zurück, wie vor dem sommerlich sicheren Bodengrund, und sie riefen ihm gleichfalls vor den Augen und der Empfindung selbstgeschaffene Vorstellungen wach; wenn er ins Dunkel geriet, fand er sich mit der Blickschärfe eines Luchses zurecht. Als Schlafstätte war ihm ein winziger Kammerraum, eigentlich nur eine Aushöhlung in der Mauer, zugewiesen; die ließ ihn in milden Nächten besonders gern auf das Sturmbrausen und -Heulen hinaushorchen; seinem Ohr klang's dann, als spreche der Wind mit Stimmen, und er suchte daraus zu vernehmen und sich zu bildlichen Anschauungen zu gestalten, was wohl der Vestenstein in früheren Zeiten schon gehört und gesehen habe. Aber darüber fiel er nach der Anstrengung des Tages mit gesundem Jugendbedürfnis stets rasch in Schlaf und schlief so fest und tief bis zum Morgen hin, daß der Bergfried neben ihm hätte einstürzen können, ohne ihn aufzuwecken. Selten kam ihm ein Traum oder wenigstens erinnerte er sich beim Erwachen nicht daran, nur einer wiederholte sich in Abständen zu öfteren Malen. Darin versuchte er, von dem Geröllbett der Gaidener Bachschlucht aus an der Felsnadel hinaufzuklettern, klammerte sich wie eine Eichkatze an Steinbrocken, Buschknorren, in Ritzen und Fugen und gelangte auch wohl etwa bis zur halben Höhe empor. Aber dann hing er zwischen Himmel und Abgrund wie in freier Luft, konnte nicht weiter und nicht zurück und mußte von einer hilfreichen Fee Vogelflügel zum Fliegen bekommen haben, da er in der Lichtfrühe doch wieder unversehrt in seiner engen Kammer lag. Zur Erfüllung seines Wunsches aber, von der Vergangenheit der Burg etwas zu erfahren, verhalfen ihm besser, als sein dazu doch nicht ausreichendes Vorstellungsvermögen, die langen Winterabende, an denen zwischen Christoph Teitenhofen und den beiden Dienstmannen beim Weintrunk vielerlei Reden hin und her gingen. Daraus vernahm der im Winkel des Gemachs Zuhörende von den sturmwilden Zeiten der Margarete Maultasch und des Herzogs Friedel, dessen Tasche zuletzt strotzend voll geworden, und ebenso von den vormaligen Eppaner Lehnsbesitzern des Vestensteins, über die der jetzige Burgherr aus Überlieferung von seinen auf Pfeffersburg benachbart gewesenen Vorfahren manches sonst im Volksmund Verschollene zu berichten wußte. Wie die Lichter und Schattenwürfe des Kienspans flackerten dann die unsichtbaren Gestalten derer, von denen gesprochen wurde, vor Willanders Einbildung hin und her; manches indes verstand er nicht, auch nicht das lautschallende Lachen des Teitenhofners, wenn er bisweilen dreinrief: »Ihre Taschen wurden auch voll und strotzten; aber sie brauchten nicht Vorsicht genug, daß sie die Bozener Geldsäcke erboßten, mit ihren neuen Ballerröhren von Nals her über den Berg zu klettern und den roten Hahn hier aufs Dach zu setzen.« Wenn aber der Knabe von Bozen reden hörte, rief das Wort immer einen Wunsch in seinem Innern wach, so wohl er sich auch auf der freien Berghöhe fühlte, einmal wieder in die Stadt hinunterzukommen. Ihm war erst nachträglich aufgegangen, der Waffenschmied habe es gut mit ihm gemeint, daß er ihn nach dem Ableben seiner Mutter zu sich ins Haus genommen, und er hätte Bertl Warnkönig gern einmal Dank dafür gesagt. Doch die Burgfrau nahm ihn, wenn sie sich nach Bozen begab, niemals mit, sondern zum Geleiter stets den einäugigen Wetzel, dessen ihm verbliebenes rechtes Auge trotzdem am Tage mit dem Blick eines Milans und bei Nacht mit der Sehschärfe einer Eule wetteiferte. An einem Novemberabend, dessen fliegendes Wolkengetriebe, Sturm verkündigend, frühes Dunkel brachte, kehrte Menz Romwald von einer Ausrichtung in Bozen zum Wolfsturm zurück, traf Ulbert Siekmoser vor dem Zugangstor stehend an und sagte herzutretend: »Eure Schwäherin war mit dem Einäugigen in der Stadt, Herr, sie machten sich über Eppan hinauf heim. Es gibt Wind und finstere Luft; ich möcht' wissen, ob nicht heut oder morgen nacht einer mit einer vollen Geldkatze um den Leib drüben durchs Tal nach Meran will und sich im Weg irrt, daß er in die Etsch hineingerät und niemand davon hört und sieht, wo er geblieben ist.« Der Angesprochene versetzte: »Die Nacht ist keines Menschen Freund. Wenn einer ihrem schwarzen Gesicht traut und dabei mißrät, können wir's nicht abstellen. Der Einaug hat zwei Ohren, hört er mit beiden so gut, als er sieht, da spannt er sie vielleicht auch auf den Bozener Straßen nicht umsonst in den Wind. Komm herein und stoß den Balken vor! Luit hat ein neues Gedicht vom Wolkensteiner auswendig gelernt, das soll sie uns sagen, wenn der Sturm an die Luken knattert.« Sechstes Kapitel Anders als auf dem Vestenstein blickten die Räume im Wolfsturm an und völlig anders auch ging's drin zu. Im Einklang zur Verschiedenartigkeit der Lage beider stand's; droben warfen die höheren Bergwände am Morgen und Abend Schatten über die Felsnadel, bewölkter Himmel ließ ins Innere nur ein düsteres Licht fallen, und rauhe Wildnis war rundum. Die kleine Feste unten am Südwestlande des weitoffenen Etschtales ward dagegen schon von der Frühsonne begrüßt, die am Mittag drüber verblieb und noch beim Niedergang Goldglanz auf die Mauern legte; von der neben ihnen ausmündenden dunklen Gaidschlucht streifte sie nur noch ein Anhauch des kalten Sturzwassers. Und mit so stillheiterer Freudigkeit des Gemütes ließen auch die Bewohner des Wolfsturms gleichmäßig Tage und Jahre über sich hinziehn. Ihre Lebensführung war eine bescheidene, doch sich genügsam an dem bescheidend, was ihnen zu eigen gehörte, vor allem dem sicheren Glücksgefühl ihres wechselseitig gleichen Besitzes an Liebe und der Übereinstimmung, sich gemeinsam jeder Schönheit ihres Daseins, nicht zum wenigsten der draußen um sie ausgebreiteten Natur zu erfreuen. Auch sie stillten gerne ihren Durst mit dem trefflichen Terlaner Wein, doch ohne je einem Übermaß zu verfallen; Ulbert Siekmoser sah guten Trunk als ein Mittel zur Erhöhung des Frohsinns an, sich daran zu berauschen, widerstand ihm. Als Knabe hatte er den großen Vorteil genossen, bei dem Kaplan in Nals Lesen und Schreiben zu erlernen, gleich nach der Verheiratung begonnen, seine junge Frau weiter darin zu unterrichten und war dann, wie die Zeit dafür gekommen, ebenso zum Lehrer seiner Tochter geworden. Als Hilfsmittel dazu barg das Haus einen von ihm ererbten Schatz, eine in Pergament gebundene, mit vergoldeten und farbig gemalten Anfangsbuchstaben ausgestattete Abschrift einer beträchtlichen Anzahl von den Gedichten des Minnesängers Oswald von Wolkenstein, die in den Tagen des Herzogs Friedel überall im Volksmunde umgegangen. Jetzt, nach anderthalb Jahrhunderten, war ihre Sprache zwar etwas veraltet und mancherlei in ihnen nicht mehr recht verständlich geblieben, aber sorglich in großer Schönschrift hergestellt, dienten die Buchstaben aufs beste zu dem Zweck, das Lesen und Nachschreiben an ihnen zu erlernen, und auch das Mädchen hatte sich diese Kunst schon früh zu eigen gemacht. Die Gedichte enthielten viele seltsame Berichte aus dem abenteuerreichen Leben des weit umhergeratenen, von Afrika und Persien bis nach Schottland und Norwegen verschlagenen ritterlichen Sängers, der aus dem alten Hause der Herren von Villanders entstammt, auf der Trostburg überm Eisacktal zur Welt gekommen, und gar manches an Nahrung für die Phantasie nahm Luitgard daraus in sich ein, mit vorzüglichem Gedächtnis begabt, lernte sie die ihr am besten gefallenden Lieder leicht auswendig, konnte sie ihren Eltern und Menz Romwald hersagen, freilich oftmals, ohne selbst das von ihr Gesprochene zu verstehen. Doch ihre helle Kinderstimme klang wie ein anmutiger Vogelton durchs Gemach, die Zuhörer erfreuend, und gab ihrem Vater willkommenen Anlaß, sie über solche Dinge, die sie nicht begriffen, zu belehren. Der schlanke Wuchs ihres Körpers und aller seiner Glieder war von einer ebenmäßigen Schönheit, wie die Bildung ihrer Hände besonders auch die ihrer Füße; es bot eine reizvolle Anschau, wenn sie barhäuptig und barfuß, wie die Bauernkinder von Andrian, mit leichtem Schwung, einer Bachstelze ähnlich, über die Wassersteine zu einer Besorgung ins Dorf hinüberging. Auch nicht viel anders bekleidet als die dortigen halbwüchsigen Mädchen, aber für eine Bauerndirne konnte niemand sie auch nur beim flüchtigen Hinblick ansehen. An einem Aprilmorgen, als drüben aus den Reben die Pfirsichblüten zu leuchten begannen, nahmen ein paar Augen sie so beim behenden Überqueren des Baches gewahr. Wohl drei oder vier Jahre waren verflossen, in denen Willanders, wenn er Aufträge nach Terlan bekam, stets die Pfadschlinge gegen Nals zu eingeschlagen hatte, um von dieser an einer Stelle, wo er die Möglichkeit dazu ausgefunden, ins Tal abzusteigen; an diesem Tage indes trieb ihn besondere Eile und er unternahm zum erstenmal den Versuch, geradezu in der kürzesten Richtung hinunterzuklettern, dort am weglosen Steilhang nieder, wo einst Helena Übelhör auf ihrer Flucht vom Vestenstein herabgeraten war. Er hatte dies bisher für unausführbar gehalten, doch anders geübt als sie, die kaum lebend zu Tal gekommen geglaubt, überwand er alle Schwierigkeiten beinahe wie spielend, war nur erstaunt, in welch kurzer Zeit er bis an den Fuß der Bergwand gelangte. So kam er auch zum erstenmal dicht unter der Mauer des Wolfsturmes vorüber, den er bisher immer nur aus ziemlicher Weite gesehen, und gleich darauf traf sein Blick noch auf Luitgard Siekmoser, wie sie von Andrian her über das plätschernde Gewässer zurückkehrte. Das erschien ihm aber zunächst als etwas Unwirkliches, nur von seiner Einbildung Geschaffenes, auf das er mit ganz ungläubigen Augen hinschaute, denn er hatte noch niemals dem Ähnliches gewahrt und blieb unbeweglich stehen, bis sie dicht auf ihn zugekommen. Da blickte auch sie ihn mit einiger Verwunderung an und fragte: »Wer bist du? Ich habe dich noch nie gesehen, aus dem Dorf bist du nicht.« Darauf wußte er nichts anderes zu antworten, als: »Kannst du denn sprechen?« Das mußte ihm unglaubhaft vorkommen, und darüber mußte sie fröhlich zu ihrer Erwiderung auflachen: »Warum sollt ich das nicht? Alle Menschen können doch sprechen.« Nun brachte er heraus: »Bist du denn auch ein –?« Er wollte wohl fragen: »Mensch«, doch setzte er das Wort nicht hinzu, sondern fuhr halb stotternd fort: »Ich hielt dich – zuerst – für einen Pfirsichzweig, den der Wind über den Bach trug. Aber der hat keine Stimme – wohnst du auch irgendwo?« Sie deutete nach dem Wolfsturm: »Ja, dort,« und das ließ ihm weiter vom Munde kommen: »Bist du denn der –?« Auf der Zunge hatte ihm abermals ein Wort gelegen, vor dem sie wieder gestockt: »Der Wechselbalg« – und noch einmal anfangend, fragte er: »Bist du die, von der sie oben sagen, daß sie im Wolfsturm wohnt?« Das Mädchen nickte mit dem Kopf. »Ja, dann sagen sie's richtig. Aber wer tut's und von wem weißt du's?« Er dachte einen Augenblick nach und gab dann Antwort: »Ich glaube, meine Mutter hat mir von dir erzählt – ich wußt's nur nicht mehr.« Dabei sah er ihr zum erstenmal grad und voll ins Gesicht, doch wie er noch hinterdrein sprach: »Aber jetzt weiß ich's und behalt's,« flog's ihm mit hochroter Farbe über Stirn und Schläfen, er drückte, wie von einem Schreck überkommen, die Augen zu, sagte nur noch kaum verständlich: »Ich muß weiter« und schwang sich, einem auffliegenden Vogel gleich, am Bach abwärts davon, der alten, im Tal über die Etsch nach Terlan führenden gedeckten Brücke zu. Wie aber dann die »gute Frau« mit dem grünen Laubkranz um den Scheitel ins Land gekommen, die auch an den bedachtsamen Reben die Knospen auflächelte und den April zum Mai umwandelte, da nahm dieser an der steilen Bergwand über dem Wolfsturm etwas zuvor nicht vorhanden Gewesenes wahr: Hin und wieder Anzeichen eines durch Busch und Felssturz daran niederführenden Pfades, der weder durch Zufall so entstanden sein, noch von nächtlichem Getier herrühren konnte. Er ließ erkennen, daß achtsame Menschenaugen seine Zickzacklichtungen ausgewählt und überall nach den besten Stützpunkten für Menschenfüße gesucht haben mußten; für Frauen und schwachsichtige oder altersunsicher auftretende Männer mocht's allerdings, besonders abwärts, kein anratsamer Steig sein, aber der ihn so hergestellt hatte, kannte schon wochenlang drauf Schritt und Tritt, denn so oft bereits war Willanders seit jenem ersten Versuch Tag um Tag wieder in dieser kürzesten Weise vom Vestenstein hier niedergestiegen. Auch wenn ihm kein Auftrag nach Terlan oder sonstwo im Etschtal oblag, brachte jeder Morgen ihn zum Wolfsturm herunter, doch nicht nur dran vorbei, sondern durchs Tor hinein, meistens um ein paar Stunden drin zu verbringen. Ihm war's nicht mehr begreiflich, daß er beim erstenmal so töricht vor dem Mägdlein dagestanden, geglaubt habe, es sei mit seinen rosigen Armen, Händen und Füßen etwas von höherer Art als Menschenkinder und spreche deshalb auch nicht wie solche mit gewöhnlichen Worten. Nur das war richtig gewesen: Das Gedächtnis war in ihm aufgewacht, so hatten die lieblichen Geschöpfe in den Märchen, die seine Mutter erzählt, ausgesehen. Denn jetzt wußte er schon lang, sie sei Luit, die Tochter Ulbert Siekmosers, des Herrn vom Wolfsturm, der sich eines Tags, als er ihn wieder am Bach angetroffen, erkundigt, von woher er sei und wie er heiße, und bei der Antwort »Willanders« verwundert drein geblickt und gefragt hatte, wie er zu dem sonderbaren Namen gekommen. Als Siekmoser dann gehört, das sei Wilhelm und Andreas in einem zusammen, war ihm ein freundlich lächelnder Zug um den Mund gegangen, drin sich kundgetan, daß ihm der schlanke Knabe mit den feinen Gesichtszügen wohl gefalle, und daran hatte sich auch nichts verändert, wie er auf seine weiteren Fragen ebenfalls Auskunft erhalten. Die Zugehörigkeit zum Vestenstein nahm ihn keineswegs gegen jenen ein, sondern er erlaubte ihm gern, beim Vorübergehn am Wolfsturm in diesen hereinzukommen und Luitgard eine Weile Gesellschaft zu leisten. Ihr Bruder Joseph war dafür noch zu klein, mit den Bauernkindern in Andrian verknüpfte sie keine Beziehung, und es kam offenbar dem Wunsch ihres Vaters entgegen, daß sie sich ab und zu am Zusammensein mit einem Altersgenossen von Zutrauen erweckender guter Art erfreuen und geistig anregen lassen könne. So war's zuerst geschehen und hatte sich schnell zur täglichen Gewohnheit ausgebildet; das Mädchen wartete ebenso ungeduldig auf das Niedersteigen des neuen Kameraden vom Berghang, wie es ihn zum Wolfsturm hinunterdrängte. Was die Natur in der Umgebung desselben vor Auge und Ohr darbot, farbige Steine im Bach, Blumen, bunte Schmetterlinge und Käfer, Vogelstimmen aus dem Gezweig und Zirplaute im Kraut, diente ihnen in unerschöpflicher Fülle zum Betrachten und Bereden; Willanders' Kenntnis davon, die er sich beim Umherschweifen eingesammelt, übertraf die seiner Gefährtin, und sie ließ sich freudig von seiner Kundigkeit belehren. In einem aber war sie, obwohl ungefähr um zwei Jahre jünger als er, ihm weit überlegen oder besaß vielmehr eine Fertigkeit, von der er keine Ahnung in sich trug, und dies eine, worin sie seine Lehrmeisterin sein konnte, verdrängte bald alles übrige beinah völlig aus seinem Denken und Trachten. Ihn hatte ein brennendes Verlangen erfaßt, auch wie Luitgard lesen zu können, und von diesem Wunsch beglückt, hatte sie begonnen, ihn drin zu unterrichten; sie saßen beisammen, über die Gedichte Oswalds von Wolkenstein gebückt, und er sprach die Buchstaben nach, die sie ihm deutete und vorsagte. Das Auffassen fiel ihm nicht leicht, und nur äußerst langsam ging's damit vorwärts, denn er war über die Kinderjahre des mühlos spielenden Erlernens hinaus; doch seine Beharrlichkeit schwächte sich nicht ab, und ebenso ließ die scheinbar oft völlige Erfolglosigkeit ihres Eifers sie nicht am Fortfahren ermüden. Frohsinnig aber sah und hörte Ulbert Siekmoser manchmal zu, wie jetzt seine Tochter, als ein Kind noch, zur Lehrerin in der Kunst geworden, darin er ehemals ihre Mutter und dann auch sie selbst unterwiesen hatte. Da und dort tat ein ergrauendes Haar in seinem Barte kund, es sei schon manches Jahr seitdem vergangen. Nur bei schlechter Witterung und während der Winterzeit hielten die beiden diese Unterrichtsstunde im Hause ab; wenn der Himmel blau über dem Tal lag und die Sonne es warm vergoldete, suchten sie sich bald hier, bald dort einen Platz im Freien dafür aus, hatten, als der April wiedergekehrt, einen ausfindig gemacht, den sie zum beständigen Aufenthalt wählten. An der Fahrstraße, die von Meran über Lana und Nals nach Bozen führte, kerbte sich um ein Streckchen hinter Andrian in den Abfall des Steinbergs eine schmale Rinne ein, und dieser nachfolgend, entdeckten sie zwischen hohem, dichtem Buschwerk eine kleine, wie für ihren Zweck geschaffene freie Ausbuchtung, fast einem rundlichen Gemach ähnelnd. Die Seitenwände waren wechselnd mit grünem Blattwerk und den großen, weißen Kelchblüten der Felsenbirne bedeckt, deren genügsame Sträucher aus den Steinfugen aufwuchsen; über der Lichtung aber breitete ein in ihrer Mitte emporgeschossener Baum seine Krone gleich einem Dache aus. Der war beiden unbekannt, auch Willanders hatte ihn sonst noch nirgendwo gesehen; der glatte, schlanke Stamm besaß eine hellgraue Farbe und stieg so hoch an, dann zweigte sich rotbraunes, weißlich geschecktes Geäst dicht und in ungewöhnlicher Gleichmäßigkeit von ihm ab; im Mai bedeckte es sich mit einer Fülle kleiner lichtgrüner Blüten, erst nachher folgten die länglich schmalen, am Rand gezähnten Blätter nach, und gegen den Sommerausgang reifte zwischen ihnen eine Menge beerenartiger, anfänglich gelber und roter, dann schwarzer Früchtchen. Die Kinder hätten den schönen Baum gern mit Namen genannt, doch wußte den niemand in Andrian, auch Siekmoser und Menz Romwald nicht, der sonst vieles, was in Berg und Tal wuchs, kannte, und sie mußten sich daran genügen, ihn »unsern Baum« zu heißen. Um den Stamm war das grasbestandene Erdreich etwas in die Höhe gewölbt, daß sie sich drauf wie auf eine Bank setzen und den Liederband bequem zum Lesen auf die Knie legen konnten; bisweilen ließ sich über ihnen im Gezweig ein ganz blaugefiederter Vogel nieder, um ein wenig größer als eine Nachtigall und ähnliche Flötentöne wie diese in seinen Gesang einmischend. Dem wußten sie ebenfalls keinen Namen zu geben, doch freuten sie sich immer, wenn er kam, und hielten, so lange seine Weise von droben herunterklang, aufhorchend von ihrer Beschäftigung inne. Kinder konnte man sie übrigens eigentlich jetzt kaum mehr benennen; wie die Zeit weitergeschritten sei, tat sich auch dadurch kund, daß Willanders trotz seinem langsamen Vorwärtskommen schon seit Jahr und Tag dahin gelangt war, nicht allein ebenso fertig wie Luitgard zu lesen, sondern auf einer Schiefertafel mit Griffeln, die Ulbert Siekmoser ihm aus Bozen gebracht, auch zu schreiben gelernt hatte. Unvermerkt war er nicht nur zur gleichen Stufe mit seiner Lehrerin angestiegen, sogar weiter als sie, was das Verständnis des Inhalts ihres Liederbuches anging; es handelte sich nicht mehr um richtiges Buchstabieren und Aussprechen von Wörtern, vielmehr lasen sie miteinander, um sich wechselseitig klarzumachen, wovon die Gedichte des Wolkensteiner redeten und erzählten. Das war eine gar bunte Welt; über manches fiel zwar kein Nachdenken nötig, wo er Dinge und Vorgänge am Himmel und auf der Erde beschrieb, die sie selbst ebenso um sich sahen und hörten. Anderes dagegen klang fremd und sonderbar, und bei vielem half doch alles Kopfzerbrechen nichts, um den Sinn begreifen zu lassen. Da zeigte Willanders sich öfter dem Mädchen überlegen, wenigstens in bezug auf das, was Kriegstaten und Kampfgetümmel darstellte; die Natur hatte ihn dazu bestimmt, ein Mann zu werden, und in ihm lag etwas Angeborenes, sich auf das Streiten von Männern widereinander zu verstehen. Besondere Wirkung übte bei ihm ein Gedicht aus, das mit den Versen anhob: »Hu, huß! sprach der Michel von Wolkenstein, So hetzen wir, sprach der Oswald von Wolkenstein, Hu, huß! sprach der Lienhart von Wolkenstein, Sie müssen alle fliehen vom Greifenstein sogleich. Da hob sich ein Gestöber an, da prasselte die Glut Hernieder in die Kofel, daß alles ward zu Blut. Den Panzer und die Armbrust, dazu den Eisenhut, Die ließen sie als Trinkgeld, wir wurden freudenreich. – Also bezahlen wir euch, Herzog Friedereich.« Das schilderte die vergebliche Belagerung der unbezwinglichen Felsenfeste Greifenstein, bei deren Verteidigung Oswald von Wolkenstein selbst mit seinen Brüdern als Hauptkämpfer tätig gewesen, so daß der Herzog Friedel mit der leeren Tasche zweimal erfolglos von ihr ablassen gemußt. Wenn die beiden Lesenden dann aus ihrer grünen Schluchtrinne wieder an den Rand des Etschtales hinaustraten, da hob sich vor ihnen drüben im Sonnengeflimmer die Burg Greifenstein auf ihrem Felsthron scheinbar bis zu den Wolken empor, reglos und lautlos, daß aus ihrem Anblick keine Ahnung berührte, welch wildes, blutumströmtes Getöse einst jahrelang um ihre Schroffen getobt habe. Willanders aber sagte, hinüberdeutend: »Der Wolkensteiner war nicht nur ein Sänger, auch ein Mann«, und aus seiner Stimme klang's, als fühle er eine Stolzempfindung darüber in sich anschwellen. Auf dem Vestenstein sprach er zu niemand von seiner Befreundung mit den Wolfsturmbewohnern und seinem täglichen Zusammensein mit Luitgard Siekmoser, ein unbestimmtes Gefühl, er tue besser dran, hielt ihn davon ab. Sein Ausbleiben hatte nichts Auffälliges, denn es dauerte nicht länger als früher, die außerordentliche Wegkürzung brachte ihm den Zeitgewinn mehrerer Stunden ein, und er kam allen seinen Obliegenheiten stets zur Befriedigung nach. Im übrigen bekümmerten die Burginsassen sich auch nicht um sein Tun und Treiben, ihre Gedanken waren auf anderes gerichtet, und sie schliefen zumeist lang, oft nicht nur in den hellen Morgen hinein, sondern den hellen Tag hindurch bis gegen Abend hin; die Weinfässer mochten wohl eine Erklärung geben können, weshalb. Auch Willanders verfiel wie von jeher allnächtlich in seinen festen Schlaf, nur gesellten sich dem jetzt fast immer Traumbilder hinzu. Doch brachten diese ihm nicht mehr die schreckhafte Vorstellung, er klettere, haltlos zwischen dem Himmel und dem Abgrund hängend, an der Felsnadel hinauf, sondern er saß im Traume allemal unter dem Baume, dessen Namen niemand kannte, neben ihm saß Luit mit den aufgeschlagenen Gedichten des Wolkensteiners auf dem Knie, und dann kam der schöne blaue Vogel geflogen und sie horchten beide auf seinen Gesang, der so klang, als ob er ihnen etwas sagen wolle, aber in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Siebentes Kapitel Da kam einmal an einem leuchtenden Maimorgen auf der Straße von Bozen nach Nals etwas Wunderbares daher. Ein beträchtlicher glänzender Reiterzug war's, von prächtigen, buntfarbigen Gewändern, seinen erzenen Rüstkleidern und wallenden Helmfedern, in der Sonne glitzernd und gleißend; in einer von purpurnem Baldachin überdachten Sänfte ward eine ältere, etwas müdblickende Dame getragen, andere, zumeist noch jung, ritten auf reichgeschirrten Maultieren neben und hinter ihr. Die Tochter des Königs Ladislaus von Ungarn und Böhmen war's, Gemahlin des Bruders Kaiser Karls V., Erzherzog Ferdinands, des Landesherr, von Tirol, der von Innsbruck her über den Brenner gekommen, eine Zeitlang auf dem alten Schloß Tirol über Meran Aufenthalt zu nehmen. Er bildete mit strengem Ausdruck des unverkennbaren Habsburgischen Gesichts die Spitze des vornehmen Zuges, der indes eine Strecke vor Andrian plötzlich anhielt; die Erzherzogin Anna, schon seit länger von einem leidenden Zustande befallen, fühlte sich zu matt zur Fortsetzung des Wegs und verlangte nach einer Ausrast. Eilfertig wurde von Bediensteten alles dazu Erforderliche, vorbedacht auf Packpferden Mitgeführte abgeladen, ein stattliches Gezelt aufgeschlagen, in dem die Ermüdete sich auf eine bequeme Ruhbank hinstreckte; daß sie die Augen schloß, deutete darauf hin, sie wolle in einem längeren Schlaf nach Erholung suchen. Das Geleit von Herren und Damen aber nützte die Unterbrechung, wie es schien nicht ungern, zur Einnahme eines Imbisses und erfrischenden Trunkes, wofür ebenfalls Vorsorge getroffen worden. Ein Waldbestand in erstem lichtgrünem Blätterschmuck zog sich Schatten bietend gegen die Etsch abwärts, dorthin schafften die Dienerhände das Nötige, Fäßchen mit auserlesenem Bozener Edelwein und kostbare Trinkgeräte, und ein farbig-fröhliches Treiben, Stimmenschall und Lachen begannen unter dem jungen, noch von Goldfäden der Sonnenstrahlen durchspielten Laubdach. Im Angesicht der Stelle geschah's, wo die kleine Einbuchtungsrinne sich in den Abhang des Steinbergs hineinwand, und Willanders und Luitgard saßen nach dem täglichen Brauch dieser Vormittagsstunde in ihrem grünen, von den weißen Kelchen der Felsenbirne verzierten Gemach, doch ohne von dem, was draußen vorging, etwas zu sehen und zu hören. Die Bäume und Büsche ihres Aufenthaltsplatzes verdeckten den Blick ins Tal hinaus mit dichtem Vorhang und fingen auch den Schall der drüben tönenden Stimmen ab; so lag Stille wie immer um die beiden, und sie rührte keine Ahnung von dem an, was sich kaum eine Viertelstunde weit von ihnen zutrug. Deshalb überkam's sie halb mit Schreck, als einmal zu ihrer Linken ein Rascheln im Gezweig des Unterholzes aufklang und gleich danach aus diesem eine Gestalt hervortauchte, wie sie noch niemals eine ähnliche gesehen hatten. Ein ganz junges, wohl noch kaum sechzehnjähriges Mädchen war's, in einem goldgrünen Gewande und auf dem sonnenhaft blonden Haar einen tellerartig flachen, gleichfarbigen Hut tragend, von großen weißen und rosigen Federn überwallt; um ihren Hals und Nacken schürzte sich eine breite, vielgefältelte, gleich frisch gefallenem Schnee glänzende Atlaskrause. Aus der hob sich ein schmales Gesicht auf, als das Wundersamste von allem, denn etwas Lieblicheres an Schönheit konnte es auf der Erde nicht geben. Ganz verständnislos blickten die beiden stumm auf die rätselvolle, halb vor ihnen zurückstutzende Erscheinung hin, da klang auch von der andern, rechten Seite ein Laubrascheln her und kam dort ebenfalls eine Gestalt zum Vorschein, doch keine weibliche, sondern ein junger, wohl höchstens erst um zwei Jahre älterer Mann in dunkler, vornehmer Tracht, mit einem zierlichen Schwertdegen an der Seite; über seinen schlankanschließenden kurzen Wamsrock fiel ein breit mit goldenem Band umsäumter Mantelkragen bis kaum zum Gürtel herab. Auch ihm umschloß eine weiße, gefältelte Krause, doch von geringerer Breite, den Hals, und auch er machte beim Anblick der beiden Inhaber des heimlichen Platzes eine leicht stutzende Bewegung. Aber gleich danach sagte er lächelnd: »Habt Ihr ebenso wie ich geglaubt, Jungfrau, daß hier etwas Schönes zu finden sei und Euch herverirrt? – Seid ihr Waldkinder, und ist dies eure Wohnstube, darin ihr die Herren seid? – Kommt herzu, Jungfrau, wir wollen uns zu ihnen setzen, sie sehen nicht wie Kobolde aus, die Übles im Sinn tragen. Und schauet hin, welch ein herrlicher Zürgelbaum sich hier über uns wölbt, der lohnt wohl, daß uns der Zufall hierher gebracht hat. Ich weiß ihn erst seit gestern zu benennen, denn ich sah in einem Garten zu Bozen einen seinesgleichen, den ein Freund seltener Pflanzen dorthin gesetzt hatte. Von dem erfuhr ich den Namen, den ihm Konradus Gesnerius, der Kundigste unserer Zeit in allen Naturdingen, beigelegt hat, und mancherlei sonst noch über den Baum. Er ist von der Küste des Weltteils Afrika zu uns herübergekommen und bis hierher vorgedrungen, weiter aber nicht, drüben jenseits dieser Berge will er nicht mehr gedeihen. Im Herbst, da bekommt er schwarze Früchte, die einen gar lieblichen Geschmack besitzen sollen, und Gesnerius berichtet, das sei die Lotosfrucht, von der sich das Volk der Lotophagen genährt habe, zu dem ehemals der griechische Held Ulysses, wie der Dichter Homerus erzählt, auf seiner Heimfahrt von der Stadt Troja verschlagen worden. Und es sei den Gefährten des Ulysses der Wohlgeschmack dieser Lotosfrucht so köstlich gewesen, daß sie das Gedächtnis an Heimat und Vaterland davon verloren und kein Begehren mehr gehabt, dorthin zurückzukehren. Nun steht der Lotosbaum hier erst in der Blüte, wie er so auch im Garten zu Bozen stand, und es ist schade, daß wir nicht von seinen Flüchten genießen können.« Dem Sprecher mußte ein besonderer Gefallen an Gegenständen der Natur innewohnen und er gern den Anlaß wahrnehmen, seine Kenntnis an den Tag zu legen, doch schien's, er habe wohl auch von dem Zürgelbaum so ausführlich zu dem Zweck gesprochen, der schönen jungen Dame Zeit zur Beruhigung darüber zu gewähren, daß sie unvermutet hierher zu den »Waldkindern« geraten sei; beide gehörten offenbar dem Gefolge des Erzherzogs Ferdinand und seiner Gemahlin an und hatten sich während der Ausrast der letzteren von den anderen fortbegeben, waren so, wohl gleicherweise vom Anblick der grünumbuschten Einbuchtung in die Bergwand verlockt, hier an der nämlichen Stätte zusammengetroffen. Jetzt ließen sie sich für ein Weilchen neben denen nieder, die nicht wie »Übles im Sinn tragende Kobolde« aussahen, sprachen freundlich mit ihnen, erkundigten sich nach ihren Namen und Wohnsitzen; noch immer großstaunend, gaben die Befragten in offener, hübscher Art Antwort darauf, daß erkennbar ward, sie flößten den Fremden Wohlgefallen ein. Die Augen der letzteren begegneten sich ab und zu, kurz einen raschen Blick miteinander austauschend, hinter dem Rücken der zwischen ihnen Sitzenden; dann streckte die junge, im goldgrünen Kleide als eine Fürstin erscheinende Dame einmal die Hand nach dem auf Luitgards Knie liegenden Pergamentbändchen, betrachtete sein Titelblatt und sagte: »Das sind ja die Gedichte von Oswald von Wolkenstein. Leset ihr zusammen darin? Könnt ihr denn lesen?« Das bejahte Willanders, mit einem unverhehlten Stolz- und Glücksgefühl: »Ja, Luit hat's mich gelehrt«; nun nahm der junge Herr das Buch, das ihm bekannt sein mußte, blätterte ein wenig darin und sprach: »Da zeig's uns und lies uns dies Gedicht vor.« Dem leistete der große Knabe bereitwillig Folge und las: Von achtzehn Jahren eine hat Gemacht, daß all mein Freude schweigt, Seit mir ihr Auge früh und spat So wonniglichen Wandel zeigt. Ohn' Unterlaß hab' ich kein Ruh', Mich zwingt ihr Mündlein auch dazu, Das sich so lieblich auf und zu Mit Worten süß kann lenken. Wie fern ich sei, doch folget mir Ihr Angesicht durch alle Land'; Ihr holder Blick umranket schier Mein Herz, in rechter Lieb' entbrannt. Ach Gott, wüßt sie nur mein Gedank', Wenn ich vor ihr, vor Sehnsucht krank, Muß stehn und darf an keinen Dank Und kein Umarmen denken. Ein Weib, so magdlich, so voll Scherz, So lieblich, hab' ich nie gesehn; So schön, bereitet sie mir Schmerz, Hoch von dem Haupt bis zu den Zehn. Wenn ich bedenk' ohn' Unterlaß Die Holdgestalt, ihr ganzes Maß, Wie könnt' ich ihr wohl sein gehaß? O wollt' sie Lieb' mir schenken! Mit wohltönender Stimme hatte Willanders die Verse gelesen, die von ihm und Luitgard bisher nie beachtet worden; über das Antlitz der jungen Dame war dabei ein rosenfarbiges Rot heraufgestiegen, und unvermerkt trafen ihre enzianblauen Augen wieder mit dem Blick dessen zusammen, den der gleiche Antrieb an die nämliche Stelle wie sie geführt hatte. Der sagte jetzt: »Du hast gezeigt, daß du gut lesen kannst, und das Lied klang schön hier unter dem Lotosbaum. Aber schöner wäre noch manches Lied von dem Minnesänger Walther gewesen, der sich von der Vogelweide benannte, niemand weiß mehr, von wannen er gekommen und wo seine Wiege gestanden, obzwar ihm kein anderer gleich kommt. Habt ihr von ihm auch gehört? Dies war' die rechte Stätte, seine Gedichte zu lesen.« Von dem indes wußten die beiden Befragten nichts, sie kannten keine anderen Lieder als die des Wolkensteiners. Doch wie sie dies antworteten, erschollen flötende Töne über ihnen vom Zürgelbaum herab, der blaue Vogel war herzugeflogen, saß singend droben, und, den Blick nach ihm aufhebend, rief der fremde Herr freudig aus: »Der kommt zur rechten Stund' am rechten Ort. Blaumerle heißt er im Kärntnerland, Gesnerius benannt ihn Cyanus; wenn Walther ihn gekannt hat, mag er wohl in Zweifel gewesen sein, ob er ihm nicht noch den Preis vor der Nachtigall zuteilen solle. Hört, Jungfrau, wie köstlich er redet!« Alle horchten schweigend ein Weilchen auf den wundervollen Gesang des Vogels, dann kam Luitgard, als er verstummte, vom Munde: »Wir hören ihn oft hier, aber wir verstehen nicht, was er sagt.« Nun fiel der junge Herr ein: »Da müßt ihr Walther von der Vogelweide fragen, der verstand's und sprach's in einem Lied: Vor dem Wald mit süßem Schall Tandaradei! Lieblich sang die Nachtigall. Doch beim letzten Wort stand der Sprecher auf und fügte nach: »Wir müssen wohl der Zeit gedenk sein, Jungfrau, daß die andern nicht wieder aufbrechen und wir zu Fuß hinterdrein folgen müßten. Das wäre von Übel –« Obgleich er dazu lachte, erschrak die Angesprochene merklich bei der Vorstellung und erhob sich rasch ebenfalls. Beide reichten den Zurückbleibenden freundlich die Hand und sagten wie aus einem Munde: »Es war schön hier bei euch.« Dann gingen sie schnell miteinander davon. Luitgard und Willanders blickten ihnen wie zwei Erscheinungen aus einem Märchen nach, dann nahmen sie noch Seltsames gewahr. Buschgezweig deckte sich über die Fortgeschrittenen, doch ließ durch seinen Schleier erkennen, daß sie drüben noch einige Augenblicke anhielten, der junge Mann einen Arm um den Nacken seiner Begleiterin schlang, sein Gesicht zu ihrem neigte und sie auf die Lippen küßte. Danach wurden sie nicht mehr sichtbar, und nur die Blaumerle hob zwischen den grünen Blüten des Zürgelbaumes ihren Gesang wieder an. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe die beiden zu dem Entschluß gelangten, den Weggeschwundenen an dem Talrand hinaus nachzufolgen. Sie kamen wortlos darin überein, doch taten etwas ihnen bisher noch nie in den Sinn Gekommenes, denn beim Vorsetzen der Füße faßten sie sich zum erstenmal an der Hand; es regte den Eindruck, daß sie sich wechselseitig dadurch Mut einzuflößen suchten. So erreichten sie den Ausgang der Rinne, davor aber lag alles, wie sonst, still und klar, nur in ziemlicher Ferne schon bewegte sich ein farbig glänzender und glitzernder Reiterzug gegen Nals zu talauf. Ihnen war's, als hätten sie einen wunderlichen Traum gehabt, in dem sie erfahren, wie »ihr Baum« und wie der blaue Vogel heiße. Auch noch etwas anderes, aber was dies sei, wußten sie sich nicht zu sagen; es gab kein Wort dafür und keine Vorstellung, nur ein Gefühl, es verhülle sich unter einem Nebelschleier, einer hohen Bergspitze gleich, auf die sich eine weiße, von der Sonne mit Gold umsäumte Glanzwolke lege. Von der ging eine Blendung aus, und wie vor einer solchen schlossen sie im Gehen unwillkürlich die Augen zu; ihre Hände lösten sich dabei, wie von einem Schreck überkommen, jetzt auseinander, und ohne zu sprechen, eilten sie rascher als sonst nach dem Wolfsturm zurück. Der Sommer hatte begonnen und schritt mählich weiter; die Blüten des Zürgelbaumes wandelten sich in kleine gelbe Beerenfrüchte um, die langsam rote Färbung annahmen. Da erschien eines Tages ein Bote aus Bozen mit einem kleinen Päckchen, das die Aufschrift trug: »Für die Waldkinder im Wolfsturm«. Es kam weither von jenseits der Berge aus der berühmten Stadt Augsburg und enthielt einen dünnen Pergamentband mit dem Titelblatte: »Gedichte von Walter von der Vogelweide«. Auf einem leeren Blatt davor stand geschrieben: Der Walter kommt zu Euch zum Dank von Herzog Ferdinand .« Und von anderer Hand stand darunter: »Euch schickt auch einen guten Gruß, und höret recht zu, daß ihr verstehen lernet, was der blaue Vogel singt, Philippine Welser .« Die war trotz ihrer prächtigen Kleidung keine Fürstin gewesen, sondern eine Tochter des größten und reichsten Augsburger Kaufherrn und Ratsherrn, Franz Anton Welser, bei dessen Vorfahren schon Kaiser und Reich in Schuld gestanden; auf der Reise nach dem Schloß Tirol hatte sie sich mit im Geleit der Erzherzogin Anna befunden. Der aber, mit dem sie in der Verborgenheit des grünen Waldgemachs zusammengetroffen, war der zweitälteste Sohn des Erzherzogs Ferdinand, des Thronerben seines kinderlosen kaiserlichen Bruders Karls des Fünften, Herzog Ferdinand von Österreich, dem es vor einigen Monaten während seiner Anwesenheit beim Reichstag in Augsburg der wundergleiche Liebreiz der sechzehnjährigen Patriziertochter dergestalt angetan hatte, daß er den unverbrüchlichen Entschluß gefaßt, sie, dem Zorn seines Vaters und der ganzen Welt trotzend, sich zur Frau zu erwählen. Als dann die Beeren des Zürgelbaums zur Größe kleiner Kirschen und schwarzer Reife gelangt waren, sprang eines Tages Willanders zu ihm hin, umklammerte den glatten Stamm mit Armen und Beinen und suchte sich daran emporzuheben. Das sah Luitgard mit Schreck, denn ihr erschien's nicht möglich, daß jemand an dem hohen Baum bis zu den Früchten hinaufklettern könne, er müsse vom Schwindel überwältigt werden und herunterstürzen. Aber der Angerufene hörte nicht auf ihr ängstliches Bitten, sondern rang sich furchtlos weiter, hoch und höher, bis es seiner ausnehmenden Behendigkeit gelang, die Zweige zu erreichen, eine Menge von den Früchten zu pflücken und sie wie einen Regen hinabzuwerfen. Dann glitt er selbst blitzgeschwind wieder zum Boden nieder, wortlos staunend sah seine Gefährtin ihn an, als gewahre sie ihn in diesem Augenblick gleichsam zum erstenmal, sie setzten sich nebeneinander und aßen von den überaus schmackhaft-aromatischen süßen Beeren. Alles, was im Frühling die beiden plötzlich hier aus dem Buschlaub Hervorgetauchten an dieser Stelle gesprochen hatten, war ihnen Wort um Wort im Gedächtnis verblieben und so auch die Erzählung von den Gefährten des Ulysses. Wer das gewesen, wußten sie zwar nicht, doch Willanders sagte: »Ich kann's gut begreifen, daß sie nicht mehr fortgehen wollten, als sie davon gegessen hatten. Mir geht's auch so, ich möcht' immer hier bleiben. Möchtest du's auch?« Das Mädchen nickte, doch gab Antwort dazu: »Wenn du von dort oben heruntergefallen wärest, so säßen wir hier nicht beisammen. Wären dir die schwarzen Kirschen das wert gewesen?« – »Dann wär' ich vor deine Füße heruntergefallen, hätte noch eine von ihnen gegessen und dich dabei noch einmal angesehen. Und danach hätten sie mich bei der Kirche in Andrian begraben und ich immer davon weiter geträumt.« – »Und hättest nicht daran gedacht, daß ich dann immer allein hier weiter sitzen müßte.« Darin lag ein Vorwurf, aber Luitgard lachte bei den Worten, und er lachte gleichfalls, und sie genossen von der süßen Beerenfülle weiter, sprachen dazu, wie schon gar oftmals, von dem Herzog Ferdinand und der, die sich auf dem Blatt im Buche Philippine Welser benannt hatte, wo sie jetzt wohl seien und was sie grad' in diesem Augenblick wohl täten. Dann sagte er einmal: »Vielleicht weiß es der Walter und kann's uns kundtun«, und seine Hand griff nach den Gedichten Walters von der Vogelweide, die sie während der letzten Monate immer statt derer von Oswald von Wolkenstein mit sich in ihr grünes Waldgemach genommen, und drin blätternd, wies er hin: »Da ist's, ›Unter der Linden an der Heide‹, und drin steht's, was er damals hier gesprochen: Vor dem Wald mit süßem Schall – tandaradei – lieblich sang die Nachtigall. Die Blaumerle tut's nimmer, denn es ist kein Frühling und Sommer mehr, – laß uns miteinander lesen, was die Nachtigall gesungen hat, die sagt's uns wohl, was die beiden jetzt tun.« Sie bückten ihre Köpfe zusammen über das Blatt, so dicht nebeneinander, daß ihre Schläfen sich fast berührten, und lasen, auch wie schon oftmals, das Gedicht, verstanden dies jetzt und verstanden's doch auch nicht, wie einst die Mutter Luitgards nicht begriffen, weshalb ihre Schwester die Zugbrücke niedergelassen habe, damit der unheimliche nächtliche Besucher zu ihr in die Bergfriedkammer gelangen könne. Als die beiden aber sich zum Rückweg aufmachten, hielten sie heut an der Stelle kurz an, wo sie damals den jungen Herzog und seine Begleiterin zuletzt noch durch den Blätterschleier halb wahrgenommen hatten, und Willanders legte seinen Arm plötzlich um Luitgards Nacken. Sie fragte mit einem leiszitternden Ton: »Was willst du?« und er antwortete: »Ich möchte wissen, ob deine Lippen von den schwarzen Kirschen auch so süß geworden sind, wie die Nachtigall singt.« Dazu bog er rasch sein Gesicht vor und küßte sie auf den roten Mund, von dem auch das Gedicht Walters von der Vogelweide sprach, doch mit so flüchtiger Scheu, daß seine Lippen nur eben die ihrigen streiften. Dann setzten sie schweigend ihren Weg fort; ungefähr mochten sie jetzt das gleiche Alter erreicht haben, in dem an jenem Maitag der Herzog Ferdinand und Philippine Welser gestanden. Die Fruchtreife des Zürgelbaumes hatte das Nahen des Herbstes angekündigt, der in diesem Jahre früh mit stürmischen Unwettern und finsteren Nächten hereinbrach. Die brachten mit sich, daß in der hochgeschwollenen, vielfach weit über ihre Ufer tretenden Etsch noch öfter als sonst reisende Kaufleute verunglückten, im Dunkel wegab in die tiefüberschwemmten Niederungen gerieten und so ihr Ziel nicht erreichten. Doch war nicht recht erklärbar, daß auch beim Ablauf des Wassers von keinem dieser Verschwundenen je sich eine Spur entdecken ließ, und die zunehmende Häufigkeit solcher Fälle gab in Bozen Anlaß zum Entstehen eines Geredes, es müsse damit eine andere, absondere Bewandtnis haben, da es an die Unsicherheit der Straßen nach Lana und Meran zu Vorväterzeiten erinnere, in denen nächtliche Überfälle auf Reisende von Raubburgen herunter verübt worden. Man wollte gegen niemand geradezu Verdacht offenbaren, aber allmählich verdichtete dieser sich doch nach einer bestimmten Richtung, ward durch mancherlei Aussagen mehr und mehr bestärkt. Dem Waffenschmied Berlt Warnkönig waren schon seit einer Reihe von Jahren die vielfachen Bestellungen von eisernen Rüstungsteilen bei ihm durch die Besitzerin des Vestensteins aufgefallen; er entsann sich auch noch, daß sie in seiner Werkstatt zurzeit vor dem Ausbruch des Bauernkrieges Auftrag zur Anfertigung eines besonderen, mit Silberbändern am Kreuzgriff ausgelegten Schwertes gegeben habe. Seinen Äußerungen gesellte sich eine sonderbare Beobachtung hinzu, die manche schon seit Jahren gemacht zu haben glaubten, daß zumeist das spurlose Verschwinden reisender Kaufleute um einen oder zwei Tage später stattgefunden, nach dem die »Übelhörin«, die jeder sogleich auf der Straße an ihrer »Maultasche« erkannte, von dem einäugigen Waffenknecht Wetzel begleitet, in der Stadt gewesen sei; es hatte den Eindruck erregt, als ob jemand die Absicht von Leuten ausgekundet habe, sich in nächster Zeit mit gefüllter Geldkatze zu Einkäufen auf dem Weg nach Meran oder Lana zu begeben. Und ein wunderliches Gerücht, von dem niemand wußte, wer es aufgebracht, lief obendrein neuerdings um: der Teitenhofener, den die Katharina geheiratet und den keiner je zu Gesicht bekam, habe als einer der Bauernanführer mit vermummenden Visiergattern während des von Jakob Geißmayer geschürten Aufstandes an diesem teilgenommen; er solle bei nächtlicher Weile auf den Vestenstein gekommen sein, um sich als Liebhaber der Übelhörin bei ihr satt zu essen und von ihr zu seinem Vorhaben mit Geld ausrüsten zu lassen. Irgendwo sei er bei einem der Kämpfe schwer verwundet und, um ihn vor Entdeckung zu sichern, heimlich dorthin geschafft worden, wo er seitdem mit seiner Frau und den Knechten das einträgliche Gewerbe der ehemaligen Inhaber des Raubnestes wieder aufgenommen und fortgesetzt habe. Es dauerte eine Zeitlang, ehe dies umschwirrende Gerede sich zu einem Argwohn zusammenspann, da aber während des Winters die unaufgeklärten Unglücksfälle auf den Etschtalstraßen sich nicht verminderten, sondern noch zunahmen, sah die Bozener Behörde sich zuletzt doch veranlaßt, Mitteilung davon und von der aufgewachten Mutmaßung nach Innsbruck zu machen. Und infolgedessen geschah Außergewöhnliches; die Statthalterei legte den Bericht nicht in herkömmlicher Weise für eine Reihe von Jahren zu den Akten, sondern erließ schon nach Ablauf einiger Wochen einen Befehl zurück, Nachforschung und genaue Untersuchung auf dem Vestenstein anzustellen, ob sich dort Anzeichen zur Begründung des gehegten Verdachtes ergäben. Wahrscheinlich hatte die Sache der landesherrlichen Kasse Besorgnis eingeflößt, es könne ihr durch etwaige Beraubung wohlbemittelter Steuerzahler eine Einbuße zugefügt werden. So brach an einem Märzmorgen ein Bevollmächtigter mit zwei Dutzend Bewaffneten von Bozen auf, um sich nach der verdächtigten kleinen Burg zu begeben. Des näheren Gebirgsweges unterm Buchberge hin unkundig, schlugen sie die Straße über Andrian ein, kamen dadurch unweit am Wolfsturm entlang und kehrten in diesem vor, sich über die nächste Möglichkeit zur Erreichung ihres Zieles zu vergewissern. Dabei befragte der Anführer des Trupps Ulbert Siekmoser, was er von dem entstandenen Argwohn halte, doch erwiderte der mit einem Achselzucken nichts weiter, als daß er niemals etwas von denen droben zu Gesicht bekomme, sich nicht um sie bekümmere und keinerlei Wissen und Meinung von ihrem Tun und Treiben habe. Nur Menz Romwald setzte hinzu: »Wenn's Euch geheißen ist, suchet, ob Ihr etwas findet. Aber ausspüren, glaube ich, werdet Ihr nichts; der Aufstieg wird Euch zeigen, daß es schwer fällt, Leute wider ihren Willen hinaufzuschaffen, geschweige zu tragen, und für Geldmünzen gibt's im Felsen genug Verstecklöcher, dran sich auch Eulenaugen umsonst abmühen würden. Was es zu wissen geben kann, denk' ich, weiß die Etsch besser als das Mauerwerk da oben.« Die Abgesandten schlugen auf der langen Schlinge fast bis Nals hin den ihnen beschriebenen Weg ein, und die Mittagstunde kam heran, ehe sie von Gaid aus an den Vestenstein gelangten. Auf ihren Anruf über die Schluchtschründe ward sogleich die Fallblücke von der Winde niedergelassen, und mit verwunderten Gesichtern wurden die zahlreichen Ankömmlinge von den beim Mittagessen versammelten Burginsassen empfangen. Die Zahl der letzteren hatte sich in gewisser Weise um einen Kopf vermehrt, denn auch der älteste Haussohn Konrad mußte jetzt zu den Erwachsenen gerechnet werden; er war ein stämmiger Bursche geworden, der seine Abkunft durch augenfällige Ähnlichkeit mit dem Vater, doch ingleichen mit seiner Mutter bezeugte, deren langher vererbter breitwulstiger Hängemund sich bei ihm in gleichem Maße ausgebildet zeigte. Der Bevollmächtigte fiel nicht mit der Tür ins Haus, sondern gab vor, er habe von der Regierung in Innsbruck Auftrag zu genauer Besichtigung der Burg erhalten, da sie bei ihrer besonderen Lage auf dem Felspfeiler Befürchtung einflöße, es könnten Teile der Jahrhunderte alten Mauern ihren sicheren Halt verloren haben und mit Absturz in die Tiefe drohen. Diese Bezeugung achtsamer Fürsorglichkeit der hohen Statthalterei nahmen Christoph und Katharina von Teitenhofen dankbar entgegen und beflissen sich eifrig, den Beauftragten instand zu setzen, daß er sich durch Augenschein aufs gründlichste über die bauliche Beschaffenheit und ihren Zustand vergewissern könne. Kaum eine Fußbreite und kein Winkel blieb ununtersucht, in jede der mannigfachen, zu wirtschaftlichen Zwecken verwendeten Kellerhöhlungen des Gesteingrundes ward mit Fackeln hineingeleuchtet, doch nirgendwo trat etwas Besorgniserweckendes zutage; die Erbauer der Burg hatten ihr Mauerwerk aufs vortrefflichste den natürlichen Bedingungen der Felsnadel angepaßt und es ersichtlich so hergestellt, daß ihr voll ausreichende Widerstandskraft für noch weitere Jahrhunderte innewohnte. Nirgendwo aber ergab sich auch sonst etwas im leisesten Verdächtiges, als daß in einem Raum die Weinfässer auf fleißige Benutzung hinwiesen. Um nicht vor der Wiedererreichung des Etschtales ins noch frühzeitig einfallende Nachtdunkel zu geraten, mußte der Beamte nach einigen Stunden mit seinen Begleitern den Rückweg antreten. Der Burgherr und die Burgfrau geleiteten ihn unter nochmaliger Danksagung für seine Bemühung ans Tor, durch das die Fortwandernden mit befriedigten, wenn auch vielleicht innerlich etwas langen Gesichtern davonzogen, und hinter ihnen hob sich die Zugbrücke des Vestensteins wieder auf. Die Meldung von dem Ergebnis oder vielmehr der Ergebnislosigkeit dieser Nachspürung diente in Innsbruck zu starker Dämpfung des ungewöhnlich entwickelten Eifers, man verbat sich von dort ernstlich weitere ungebührliche Belästigungen mit belanglosen Etschtalvorkommnissen. Nur die Bozener Kaufherren gaben sich mit diesem Bescheide nicht recht zufrieden, erhoben gegen ihn zwar keinen öffentlichen Widerspruch, doch berieten im stillen darüber, was am besten zu tun sei, um eine Sicherung auf der für sie äußerst wichtigen Landstraße nach Lana-Meran zu bewerkstelligen. Sie setzten sich zu dem Zweck in Verband mit den Herren von Hocheppan, Boymont und Payrsberg, daß von diesen Burgen aus in besonders unwirtlichen Nächten ein achtsames Ohr und Auge auf die an ihnen vorbeiführenden Gebirgswege gehalten werde, und auch im Wolfsturm sprach ab und zu ein Sendbote aus der Stadt her zu, wie ingleichen Menz Romwald sich öfter als zuvor nach ihr hinüber begab. Über diese kleine örtliche Angelegenheit brach aber jählings mit ungeheurer Wucht ein großer Sturm herein, der aus allen Köpfen jeden anderen Gedanken wie wirbelnde Spreu verjagte. Drüben im Norden des Reichs hatte sich plötzlich der Kurfürst Moritz von Sachsen von der Belagerung Magdeburgs, die ihm Kaiser Karl V. übertragen, nach Süden zu gewandt und rückte mit seinem starken Heere gegen Innsbruck, dem gegenwärtigen Aufenthaltsort des Kaisers, heran, um diesen in seine Gefangenschaft zu bringen und ihn zur bedingungslosen Anerkennung einer Gleichberechtigung der protestantischen Konfession im Reich zu zwingen. So blitzartig schnell geschah's, daß die Botschaft seines Herannahens seinem Eintreffen in Innsbruck kaum um einen Tag vorauflief, in der Stadt namenlose Bestürzung und Verwirrung hervorrufend. Kaiser Karl, von einem heftigen Gichtanfall unfähig gemacht, zu Pferde zu steigen, fand nur eben noch Zeit, sich in einer Sänfte zum Brennerpaß hinauftragen zu lassen, und in kopflos drängender Flucht wälzte sich sein Gefolge mit ihm durchs Eisacktal gegen Bozen nieder, um durch das Pustertal weiter ins Kärntner Land zu gelangen und dort Sicherheit hinter den Mauern der festen Stadt Villach zu suchen. Achtes Kapitel Wie alles zuvor, seit den frühesten Erinnerungstagen her Geschehne ging auch dies große Ereignis mit seinen Nachwirkungen wieder vorüber, und die Sommersonne betrieb gleichmütig ihr schon altes Geschäft fort, im Etschtal die Trauben und Pfirsiche und, wo sie da und dort einen Zürgelbaum antraf, auch dessen Früchte zum Weiterreisen anzuhalten. Ähnlich mochte sie ebenfalls mit den Knospenansätzen in menschlichen Köpfen und Herzen verfahren, doch stellten diese ihre Blütenentwicklung nicht gleich der an den Gezweigen offen zur Schau, bemühten sich im Gegenteil zuweilen, ihren Vorschrift der Wahrnehmung möglichst unter verbergenden Schleiern zu entziehen, und merkbar war's, daß dieser Antrieb auch über Willanders und Luitgard Siekmoser geraten sei. Was sich zwischen ihnen nach dem gemeinsamen Verzehren der schwarzen Kirschen zugetragen, fand keine Wiederholung mehr, die süßen Beeren hatten offenbar auf sie nicht die gleiche Wirkung geübt, wie bei den Gefährten des Ulysses; wenigstens waren beide nicht von unbezwinglichem Verlangen überwältigt worden, fortan immer in dem grünen Waldgemach zu bleiben, vermieden vielmehr, wie in schweigendem Übereinkommen, dorthin zurückzukehren und fanden sich nur noch unter offenem Himmelsdach im unverschatteten Sonnenlicht zusammen. Das unterließen sie freilich an keinem Tage, aber auch so ward ein Unterschied in ihrem Beisammensein gegen früher erkennbar. Ihre Augen sahen sich nicht an, wichen bei zufälliger Begegnung des Blicks stets schnell zur Seite, nie mehr faßten sie sich, wie vordem, beim Gehen an der Hand. Es war, als ob jeder im Innern eine Scheu vor dem andern oder vielleicht auch vor sich selbst trage; vom Herzog Ferdinand und Philippine Welser war nicht mehr zwischen ihnen die Rede. Statt der Gedichte Walters von der Vogelweide nahmen sie wieder die Oswalds von Wolkenstein auf ihre Gänge mit und lasen darin von seinen Kriegserlebnissen und abenteuerlichen Umfahrten durch die Welt; doch ließ sich ihnen anmerken, vorlesend oder zuhörend, tat's jeder mit gleicher Teilnahmlosigkeit, sie fuhren nur damit fort, weil sie nichts anderes gemeinsam zu tun wußten. Ihre fünfjährige Freundschaft hatte sich überlebt, ward allein noch von der langjährigen Gewohnheit scheinbar weiter erhalten; sie langweilten sich gegenseitig beieinander. Unter solchen völlig veränderten Umständen mußte einmal eintreten, was schließlich geschah; Willanders blieb eines Morgens aus, und damit nahm das Enden ihres Zusammenkommens seinen Anfang. Zwar stellte er sich am nächsten Tage noch wieder ein und gab vor, er habe gestern wegen eines besonderen Auftrages nicht hierher können, aber dann wurden die Zwischenräume seines Wegbleibens länger, und nach einigen Wochen hörte sein Kommen gänzlich auf. Er ging seine Wege, und Luitgard gewöhnte sich daran, auf dem ihrigen allein zu sein, verlor jetzt die Scheu vor dem Zürgelbaum und kehrte zu ihm zurück, öfter einsam unter seinem Dach in den wieder von ihr mitgenommenen Gedichten Walters zu lesen. Eigentümlich aber traf sich's, daß Willanders zu dieser Zeit für seine Gänge allemal auch die gleiche Richtung wie sie einschlug und sich dadurch immer in nur geringer Entfernung von ihr befand, doch ohne daß sie eine Ahnung davon berühren konnte. Denn, wo es sein mochte, hielt ihn stets dichtes Laubwerk unsichtbar verdeckt, und sein bebender Fuß trat so unhörbar auf, daß er kein stärkeres Geräusch als ein leicht über den Boden hinhuschendes Eichhorn verursachte. So verweilte er in seiner Verborgenheit, bis sich das Mädchen, das er selbst, wo es sich niedergelassen, beständig durch eine Blätterlücke im Auge zu halten vermochte, zur Umkehr nach dem Wolfsturm aufmachte. Daß dies Tag um Tag derartig geschah, konnte nicht wohl vom Zufall so gefügt werden, und was ihn dazu trieb, wußte er sich selbst nicht deutlich anzugeben. Doch war ihm in letzter Zeit auf dem Vestenstein einmal etwas von der Burgfrau mit hämischem Mundgrinsen zu ihrem ältesten Sohne Gesprochenes zu Gehör gekommen: »Tu's dem Balg! Alt und stark genug bist du dazu, und wenn's dir gerät, so soll meine Truhe dir einen Mahlschatz drauf geben.« Was damit gemeint war, hatte der Hörer zwar nicht verstanden, doch trug er gegen Konrad Teitenhofen einen immer mehr angewachsenen Widerwillen in sich, und alles Vorhaben und Tun von dem rief ihm unwillkürlich den Gedanken an etwas Bösartiges wach. Allerdings hatten die Worte der Übelhörin in keinerlei Zusammenhang mit Luitgard Siekmoser stehen können und konnte ihn keine solche Besorgnis antreiben, dort, wo sie sich aufhielt, in der Nähe zu sein. Doch die Vorstellung, sie irgendwo im Gebirge allein zu wissen, überkam ihn mit einer Beunruhigung, zu der beitrug, daß er neuerdings Konrad Teitenhofen öfter die Fallbrücke niederlassen und sich darüberhin für stundenlange Abwesenheit aus der Burg davonbegeben sah. Ob Luitgard dennoch, wiewohl Auge und Ohr nicht dazu verhelfen konnten, durch einen unbenannten und auch den Gelehrten, die sich mit solchen Dingen beschäftigten, unbekannten Sinn von der unsichtbaren und lautlosen Anwesenheit ihres früheren täglichen Gefährten in der Gegend, wo sie sich befand, in Kenntnis gesetzt wurde, ließ sich ihrem Gesichtsausdruck und Behaben nicht anmerken; sie hätte verständigerweise auch nicht auf eine derartige Vermutung zu geraten vermocht, da nicht erklärbar gewesen wäre, was ihn, der des nahen Zusammenseins mit ihr überdrüssig geworden, dazu veranlassen könne, sich in weiterem Umkreise des von ihr gewählten Sitzplatzes aufzuhalten. Aber falls dies völlig Unglaubhafte auch Wirklichkeit sein sollte, so wußte sie doch vermöge eines ihr von der Natur mitgegebenen unbenennbaren Sinnes aufs bestimmteste, daß sie vor einem unliebsamen Zusammentreffen mit ihm unter dem Zürgelbaum jedenfalls am besten gesichert sei; dahin werde er gewiß nicht kommen, um sich wieder neben ihr zu langweilen. Und dies vollständige Sicherungsgefühl dort bewog sie hauptsächlich, wie vordem die kleine heimliche Waldkammer zum Lesen in den Gedichten Walters von der Vogelweide aufzusuchen; jetzt in der Sommerzeit kam auch der blaue Vogel wieder, ließ seine flötenden Töne vom Baumgezweig herunterschallen, und ihr war's dabei jedesmal, so schön habe er noch niemals zuvor gesungen; so wundersam in der sonstigen Lautlosigkeit umher, daß manchmal ein Gefühl über sie geriet, als stehe der Herzschlag ihr in der Brust für einen Augenblick still, um mit zuzuhören. Wenn es dann Zeit für sie wurde, sich auf den Heimweg zu begeben, ging sie immer mit zugedrückten Lidern dort schnell durch das Buschlaub, wo der Herzog Ferdinand und Philippine Welser bei ihrem Weggang noch ein wenig angehalten hatten. Es regte den Eindruck, sie werde von einer Scheu befallen, an der Stelle etwas Erschreckendes zu gewahren, und auf die Straße ins offene Tal hinausgelangt, blickte sie sich auch auf dieser niemals um, als halte ein Gefühl sie ab, es könne in dem mittägig heißen Sonnenglanz etwas Unheimliches hinter ihr auftauchen, sondern schritt eilfertig auf die Häuser von Andrian zum Überqueren des Gaidener Baches zu. Eines Mittags sah Willanders sie so aus der Entfernung nach Hause zurückkehren und daß sie dabei auf der Straße von jemand ihr Begegnendem angehalten wurde. Doch lag darin nichts Bedrohliches, denn nur unweit mehr vom Dorfe geschah's, und er konnte zudem noch unterscheiden, ein altes Weib sei's, das sie ansprach; nach dem äußeren Wesen und einem Tragkorb auf dem Rücken schien es eine mit allerhand kleinen Waren zum Verkauf in den Dorfschaften umwandernde Italienerin zu sein, wie sie nicht selten aus der Trientiner Landschaft nach Bozen und weiter durchs Etschtal herauf bis Meran gegangen kamen. Der Beobachter aus der Ferne nahm gewahr, daß sie nach kurzem Stehenbleiben neben der Heimschreitenden mit dieser umkehrte, und er war von seinen scharfsichtigen Augen nicht getäuscht worden. Sie hatte das Mädchen gefragt, ob seine Eltern nicht etwas von dem in ihrem Korbe Feilgebotenen gebrauchen könnten, begleitete auf eine Ungewisse Erwiderung Luitgard über den Bach und trat mit in das Zugangstor des Wolfsturmes hinein. Das sah Willanders ebenfalls noch, denn er folgte, wie täglich, in dem stets von ihm innegehaltenen Abstande hinterdrein und konnte sich auch wie immer nicht gleich von der Betrachtung des Wolfsturms losmachen, sondern verweilte, durch einen Busch dem Gesicht entzogen, noch eine geraume Zeitlang mit dem Blick auf dem Gemäuer der jetzt schon seit manchen Wochen nicht mehr von seinem Fuß betretenen kleinen Burg. Während dieser Zeit kam die wandernde Händlerin nicht wieder aus dem Tore hervor; sie mußte drinnen guten Absatz finden oder vielleicht von der gerne zu einer Wohltat bereiten Frau Helena Siekmoser mit Speise und Trank zur Fortsetzung ihres heißen Weges erquickt werden, und der Hinüberschauende durfte sich nicht länger aufhalten, sondern schwang sich am Steilhang der Bergwand auf seinem Abkürzungssteig zum Vestenstein hinan. Seit fünf Jahren befand er sich jetzt auf diesem und war ein anderer geworden, als er hingekommen; nicht allein körperlich, sondern in geistiger Beziehung noch mehr. Im Anfang hatten die Unterkunft dort und die fast ungebundene Freiheit, weit im Gebirg umherzuschweifen, all seine Wünsche erfüllt, seine Lebensführung ihn vollständig befriedigt, doch nach und nach war darin eine Änderung vor sich gegangen. Ihm reifte eine Einsicht im Kopf heran, welch nichtige Dienststellung, eigentlich nur als Gehilfe der alten Ursel, er in der Burg einnehme und daß er immer in der gleichen weiter verbleiben werde; man konnte seine Leistungen gebrauchen, behielt ihn deshalb und teilte ihm schmale Kost dafür zu. Nichts Menschliches verband ihn mit irgendeinem der übrigen Hausbewohner, wie vormals ward er von allen als einfältiger Bube und willenloser Handlanger zur Besorgung des ihm Befohlenen angesehen und so abends auch in seine Bettkammer weggeschickt, wenn Christoph Teitenhofen sich mit den Waffenknechtcn zum Trunk setzte; die beiden Söhne des Burgherrn behandelten ihn wie einen jeder ihrer Launen zu blinder Unterwürfigkeit verpflichteten Leibeigenen. Das ließ ihn allmählich ab und zu Gedanken nachhängen, was künftig aus ihm werden solle, und unwillkürlich gesellten sich ihm noch andere über das Tun und Treiben der Insassen des Vestensteins hinzu. Ihn rührte manchmal ein dunkles Gefühl an, es gehe etwas vor, wovon er nichts erfahre; was und wann, vermochte er sich freilich nicht zu deuten. Wie als Knabe, schlief er stets fast die Nacht hindurch, war indes seit einiger Zeit ein paarmal in ihr zu halbem Aufwachen gekommen, ohne sich klar werden zu können, ob ihm ein Traum oder ein wirkliches Geräusch erweckt habe. Das geschah gegen Morgen hin, eh' noch das Taglicht recht angebrochen; dann war's ihm im Ohr gewesen, als sei die Zugbrücke niedergelassen worden und draußen unterm Bergfried ein Gerassel wie das von eisernen Schienen erschollen. Im Halbschlaf mußte wohl eine Sinnestäuschung über ihn geraten sein, denn von wem sollte der Ton hergerührt haben? Der Burgherr, Petz und Wetzel schliefen zumeist ihren Weinrausch noch bis über Mittag hin aus, und auch Konrad Teitenhofen tat's jetzt öfter schon ebenso. Für Willanders indes trug dies, ohne daß er sich sagen konnte, warum, mit dazu bei, ihm seine Stellung auf dem Vestenstein mehr und mehr zu verleiden; freilich hatte alles diese Wirkung nur unbewußt auf ihn geübt, solange er täglich mit Luitgard Siekmoser unterm Zürgelbaum zusammengetroffen war. Doch seitdem zwischen ihnen die Entfremdung eingetreten, verstärkte sich seine Abneigung, länger hier zu verbleiben, zu deutlichem Bewußtwerden, erzeugte einen Trieb in ihm, die Burg zu verlassen. Er hob an, darüber nachzusinnen, wo und in welcher Weise er sich an einer anderen Stelle durch Dienstleistung oder sonstige Arbeit seinen Unterhalt verdienen könne, fand jedoch beim Umherdenken nichts anderes aus, als zum Platner Warnkönig nach Bozen zu gehen und sich von dem einen Rat zu erholen. Das wollte er auch, doch verschob's immer wieder von Tag zu Tag; ihn hielt eine Furcht zurück, der Waffenschmied werde ihm zu einer Stellung in einem entfernten Ort verhelfen, und dem widerstand ein Drang, der sonderbar in ihn gekommen war, aus einem sich mehrfach wiederholenden Traum, darin er an etwas emporkletterte, höher und höher, ohne zu wissen, weshalb und wohin. Aber dann hatte einmal die Stimme Luitgards dabei gesagt: »Laß davon, du kommst nicht hinauf und fällst tot herunter«, und als er wieder so träumte, wußte er's, er klettere an dem Zürgelbaum aufwärts, denn in ihm sei ein unbezwingliches Verlangen, noch wieder von den schwarzen Früchten zu essen, und so müsse er noch einmal an dem Stamm in die Höh'. Selbstverständlich zu einer Stunde, wenn das Mädchen sich nicht dort befinde, und anderseits wußte er damit noch zu warten, denn die Beeren konnten gegenwärtig erst rot sein, und das nötigte ihn, seinen Vorsatz, den Gang nach der Stadt noch aufzuschieben. So ließ seine Unfähigkeit zur Fassung eines Entschlusses ihn noch weiter auf dem Vestenstein verharren, nur seine Einbildungskraft spielte mit der Vorstellung, er wolle irgendwo Landsknechtdienst suchen, sich in Schlachten rühmlich hervortun, daß er's zu einem Hauptmann bringe, und zurückkehrend als solcher einmal an das Tor des Wolfsturmes anpochen könne. Den Mut und die Kraft dazu fühlte er in sich; auch Oswald von Wolkenstein war so, als ein halber Knabe noch, auf sich vertrauend in die Welt hinausgezogen. Zwar mochte eine ziemliche Zeit bis zu seinem Wiederkommen vergehen, aber davor bangte ihm nicht, er war merkwürdigerweise innerlich fest überzeugt, wie lange es auch dauern möge, werde er bei seiner Rückkunft doch alles hier unverändert, ja noch schöner geworden, wiederfinden; nur blieb unerläßlich, daß er's inzwischen zu einem Hauptmann gebracht habe. Ein Träumen mit wachen Sinnen war's, wovon niemand um ihn eine Ahnung anrührte, und wenn Luitgard ähnlicherweise von etwas träumte, erfuhr's ebenso niemand in ihrer Umgebung. Man gab in letzter Zeit wenig acht auf sie, da sich im Wolfsturm eine Veränderung zugetragen hatte, von der die Gedanken ihres Vaters und ihrer Mutter vielfach in Anspruch genommen wurden, so daß ihnen auch Willanders Wegbleiben nicht sonderlich auffiel. Das Mädchen versah wie immer seine häuslichen Obliegenheiten und ging in den unbeschäftigten Stunden still die gewohnten Wege; von ihrem leiblichen Wohlbefinden legte die schönblühende Farbe des Gesichtes vollbefriedigendes Zeugnis ab, und zweifellos lag auch auf ihrem Gemüt kein Schatten eines Kummers, eher konnte dann und wann ein stillheimlicher Glanz in ihren Augen von einer innerlichen Freudigkeit sprechen, die früher nicht in solcher Weise zum Ausdruck gekommen. Als aber das Rot der Beeren des Zürgelbaumes zum Schwarz überzugehen anfing, geschah's doch eines Tages, daß ein Geräusch sie auf ihrem Sitz unter dem Stamm den Kopf aufheben ließ. Sie tat's verwundert und ein wenig erschreckt, denn ein Rascheln im Buschgezweig brachte zu Gehör, daß sie sich dennoch in der Zuversicht getäuscht habe, hier sei der allersicherste Platz vor einer Störung für sie. Allein nur für die Dauer eines Herzschlages hielt die über sie gefallene Beunruhigung an, denn der Aufblick zeigte ihr das Hervorleuchten des Kopfs eines nie von ihr gesehenen, fremden jungen Burschen aus dem Laubwerk, der wie ehemals der Herzog Ferdinand durch Zufall von der Landstraße hierher geraten zu sein schien. Nur verband sich ihr mit dieser Wahrnehmung der Eindruck eines widerwärtigen Gesichtes und mit sonderbarem, höhnischem und gierigem Gefunkel auf sie gerichteter Augen, so daß sie sich aus einem Antrieb des Ekels vom Sitz aufhob. Indes fast zugleich schon war er herangesprungen, schlang mit roher Gewalt die Arme um ihren Hals und stieß aus: »Hab' ich heut' die Maus in der Falle!« Sie wußte nicht, was er wollte, ihr flog ein unwillkürlicher Ruf vom Mund, und sie rang, sich von ihm loszumachen, doch umsonst. denn seine Stärke war der ihrigen weit überlegen, und in heißem Atemstoß eingehüllt, schlugen ihr von seinen Lippen dicht die Worte ins Gesicht: »Quieke nur, Maus, hier hört dich keiner!« Aber hinein raschelte und prasselte es nun von der andern Seite des grünen Waldgemaches her, ein losgebrochener Stein rollte polternd von der Wandung herunter, hinterdrein schnellte sich etwas nieder, und Luitgard fühlte plötzlich, daß sie befreit dastehe; jemand hatte wie mit Riesenstärke ihren plumpen Angreifer von rückwärts gepackt und mit solcher Wucht gegen eine Felskante geschleudert, daß er, halb betäubt von dem Fall, ächzend am Boden lag. Im nächsten Augenblick hielt Willanders ihre Hand gefaßt und zog sie hastig durch die Rinne ins offene Tal hinaus; wutknirschend kam Konrad Teitenhofen zu sich und wollte hinterdreinstürzen, doch beim Aufrichten versagte ihm sein rechter Fuß. Eigentümlich war ihm dasselbe geschehen, wie einst seinem Vater von Ulbert Siekmoser, als dieser ein Mädchen gegen seine beabsichtigte Gewalttat beschützt hatte, und lahm, hinkend mußte heute der Sohn sich mühselig viele Stunden lang den weiten Gebirgsweg von der Südseite her zum Vestenstein hinaufschleppen. Ohne ein Wort auszutauschen, schritten die beiden nebeneinander bis zum Wolfsturm, an dem Willanders ebenso stumm vorübergehen wollte, doch trat Siekmoser grad' aus dem Tore hervor, bemerkte in den Zügen seiner Tochter Anzeichen einer ungewöhnlichen Erregung und erkundigte sich, ob ihr etwas zugestoßen sei. Darauf erwiderte sie, noch von sichtbarem Gliederzittern überlaufen, mit kurzer Angabe des Vorgegangenen und konnte nicht begreifen, was der Mensch, dem sie doch nichts getan, von ihr gewollt habe. Ihr Vater fragte: »Wer war's denn?« Das wußte sie nicht, und Willanders antwortete statt dessen: »Von oben, der älteste Sohn meines Burgherrn.« Die Entgegnung ließ Albert Siekmoser ein paar Augenblicke in Schweigen verfallen, ehe ihm vom Mund kam: »Dann kannst du nicht wieder auf den Vestenstein zurück.« Das hatte der Angesprochene sich bereits selbst so gesagt und versetzte: »Nein – ich habe auch schon vorher im Sinn gehabt, von dort wegzugehen.« – »Weg? Wohin willst du?« – Darauf wußte jetzt der Jüngling keine rechte Antwort, sprach verworren etwas von Kriegsdienst und Hauptmann eines Fähnleins werden. Bis er verstummte, hörte Siekmoser zu und sagte dann: »Ich glaube, das stellst du dir leichter vor, so schnell geht's nicht damit. Jedenfalls nicht über Nacht, und du mußt für die heutige doch noch ein Dach überm Kopfe haben. Ich bin dir Dank schuldig, daß du meiner Tochter beigestanden hast; der Bursche von da oben muß wohl betrunken gewesen sein. Bei uns ist noch eine leere Kammer, wenn du drin schlafen willst; Kriegsdienst kann ich dir bei mir nicht geben, aber du kannst dich von hier aus danach umtun, und bis dir's glückt, dich durch mancherlei im Hause nützlich machen. Willst du darauf eingehen, so komm mit herein.« Willanders stand rotüberflammten Gesichts und brachte kein Wort von den Lippen, erwiderte allein dadurch, daß sein Fuß sich mit einer zaghaften Bewegung durch das Tor vorsetzte. Ihm war's plötzlich aufgegangen, wie töricht seine Einbildung gewesen sei, daß er's rasch, in einigen Jahren zum Hauptmann bringen könne, und zugleich befiel's ihn erst jetzt mit einem tödlichen Schreck, was geschehen wäre, wenn er sein Vorhaben, in die Stadt zum Waffenschmied zu gehen, schon heute ausgeführt hätte. Unverkennbar aber hatte Ulbert Siekmoser eben an ihm wieder das gleiche Wohlgefallen gefunden, wie einst an dem Knaben bei der ersten Begegnung; er wandte sich nun mit einer kurzen Äußerung Menz Romwald zu, der im Hofraum an etwas hantierte: »Wir wollen morgen unsere Feuerrohre nachsehen, Menz, ob sie nicht eingerostet sind,« und trat dann ins Haus, um den neuen Mitbewohner des Wolfsturms nach seiner Kammer zu führen. Neuntes Kapitel So war Willanders unvorgedacht von der düstern Bergwildnis herab zur offenen Talsohle hinunterversetzt worden und gleichfalls in eine menschliche Umgebung völlig anderer Art. Eine heitere, die im Einklange mit der sonnigen Lage des Wolfsturms stand; er ward im Hause wie ein Zugehöriger und Gleichberechtigter behandelt, niemand ließ ihn fühlen, daß ihm durch die Aufnahme drin eine Wohltat erwiesen sei, für die von seiner Seite Dienstleistungen erwartet würden. Solche machte der gleichmäßig geordnete Tagesgang auch nicht erforderlich; Frau Helena bedurfte für ihre Wirtschaftsführung keiner weiteren Beihilfe, als der Menz Romwalds und ihrer Tochter, wurde außerdem dabei noch von einer alten Frau unterstützt, die früher hier gesehen zu haben Willanders sich nicht erinnern konnte. Sie zeigte sich immer stillgeschäftig beflissen, zur häuslichen Behaglichkeit für alle beizutragen, doch nahm merkbar keine Stellung als Dienerin ein. Mit einem Namen ward sie nicht angeredet; wenn Helena zu ihr sprach, sagte sie, wie's im Lande alten Frauen gegenüber üblich war, »Mutter«, und eine gewisse Ehrerbietung der Jüngeren vor der Bejahrten klang daraus. Diese mußte in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein, die Gesichtszüge gaben es noch zu erkennen, wenn sich auch Falten und Furchen wie Schattenwürfe darüber gelagert hatten. Es verging einige Zeit, ehe Willanders einmal die Vorstellung auftauchte, es könne die umwandernde italienische Händlerin sein, von der er eines Tages gesehen, daß sie Luitgard auf der Straße angesprochen und nach dem Wolfsturm begleitet habe. Das ward ihm zur Gewißheit, als er zufällig einen Tragkorb von der Art wahrnahm, wie die ihn auf dem Rücken gehabt; sie war damals nicht wieder aus dem Tor hervorgekommen, sondern mutmaßlich um ihrer Hilfsbedürftigkeit willen im Hause behalten worden. Oft saß sie allein mit Helena in einem Gemach beisammen, und er hörte zuweilen ihre eigenartige Stimme, die von unverständlichen Dingen redete, obwohl sie sich dämpfen wollte, dennoch vernehmbar herüberklingen. Einmal erzählte und sprach sie ganz Wunderliches, als sei's in ihrem Kopf nicht recht in Ordnung, doch was sie sagte, blieb ihm vielleicht grad' deshalb im Gedächtnis haften: »Eine große Sünde war's, Kind, aber ich konnt's nicht anders, und seit ich dich wiedergefunden, bereu' ich's nicht mehr, sonst wärst du auch wie die andere geworden. Sein Sinn war nicht arg, und mir tat's bitter leid, daß ich's so über ihn gebracht hatte, denn er wußt's und es fraß an seinem Leben. Doch schüttelte mich's vor ihm, dem Erbteil, was sein Mund bekommen; meine Mutter hatt' ihn mir aufgezwungen, weil wir hungerten. Schlimmes hätt' er mir nie angetan, am Leben nicht, aber das schlimmste war, ihn mit meiner Schuld so steh'n und sitzen zu sehen. Das wußt' er auch und war seine Rache, die er an mir nahm. Ich konnt's nicht mehr tragen, selbst um dich nicht, und wollte von ihm weg, doch gab's kein Mittel, keinen Weg dazu. Er hielt mich sicher in Gewahr; bei Nacht und wenn er fortging, hatte er die Rollwinde der Brücke festgelegt, daß ich sie nicht herunterlassen konnte, die Ursel allein verstand's und tat's bei seiner Heimkunft. Nur am Felssturz hätt' ich nieder können, und manchmal stellte ich mir's auch vor, suchte nach, wenn er nicht zu Haus war, ob's irgendwo möglich wäre. Das war's oder schien's mir einzig an einer Stelle, unter dem Fenster der Pechnase, da sprang abwärts eine Steinrippe etwas aus der Wand, wohl kaum mehr als handbreit, aber doch so, daß ein Fuß drauf Halt finden konnte, wenn die Hände sich anklammerten, und tiefer darunter nach seitwärts noch einmal solche Rippe. Weiter in die Tiefe war nicht zu sehen, mit wachen Augen nicht, doch mir träumte davon, und im Traum sah ich's, wenn man bis dahin kam, so ward's möglich, wieder mehr seitwärts herum, den Fuß nochmals aufzustützen und vielleicht so noch weiter; man träumt leicht von dem, was man hofft, und sieht's vor sich. Und eines Tags, wie er weggegangen war, faßte ich den Mut, band an der Fensterluke einen Strick fest und ließ mich dran auf den obersten Vorsprung hinunter und auch bis zum zweiten. Aber danach gab's keinen Halt mehr, weder rechts, noch links, oder ich konnte nichts mehr sehen, denn der Schwindel hatte mich gepackt, legte sich mir schwarz vor die Augen. Ich hing wie in leerer Luft, allum schoß der Fels senkrecht ab, bis zum weißschäumenden Bach, und ich war noch jung, Kind, das Blut wollte mir stocken beim Gefühl, ich schlüge kopfüber und läge mit zerschmettertem Leib drunten auf den Steinblöcken. Wie ich wieder ans Fenster hinauf zurückgekommen bin, ist mir weg aus dem Gedächtnis. Doch zum andernmal hab' ich's nicht versucht, wär' eher gradezu hinuntergesprungen. Aber dann geschah's einmal, ich hab's dir schon erzählt, daß ich unvermerkt zusah, wie's die Ursel anstellte, das Brückenseil nicht drehbar festzusperren; an dem Abend gab ich ihr viel Wein zu trinken, und sie wachte nicht auf, als ich in ihrer Kammer das Gerät suchte, womit sie's so tat. Das half mir über die Kluft, und ich lief blind in die schwarze Nacht, bis der Morgenschein kam; da sah ich den Hochkamm über mir und stieg auf den Matten und durch das Krummholz nach ihm an. Wie meine Füße und Hände mich an den Staffeln in die Höh' gebracht, wußte ich nicht, aber als die Sonne Mittag zeigte, stand ich auf dem Gantkofel, wie ohne Anhalt frei in der Luft bedünkte mich's, und sah ins Italische hinunter, wo du Leben bekommen, Kind, und von woher er uns auf die grausige Felsennadel weggeführt hatte.« So kam's Willanders einmal ohne sein Zutun aus dem Munde der Alten zu Gehör, er verstand's nicht, wovon sie geredet hatte, nur rührte ihn daraus eine Vorstellung und Erinnerung an, es müsse etwas Ähnliches wie der Vestenstein gewesen sein, und ihm habe früher bisweilen geträumt, daß er an dem auch in solcher Weise, zwar nicht herunter, doch hinaufzuklettern versuche. Das brachte ihn unwillkürlich dazu, am nächsten Tage etwas ihm bisher noch nie in den Sinn Geratenes zu tun; er folgte dem Gaidener Bache aufwärts in die unwegsame Schlucht hinein, mühselig über ein Gewirr von schartigen Zacken, großen Steinblöcken und Schuttgeröll, indes das Wasser dazwischen war der Spätsommerzeit gemäß seicht, und sich behend hinüber und herüber schwingend, gelangte er ziemlich bald bis zum Fußende des vereinzelten Felspfeilers hinan. So nahm er diesen zum erstenmal von unten gewahr und konnte ihn, als ringsum völlig von den Bergwänden umher abgelöst, bei dem niedrigen Stande des Sturzbaches umschreiten, erkannte, daß sich der Pfeiler eigentlich nicht säulenhaft, sondern im Anfang von einem breiteren Grundsockel aufhebe und noch weiter nach oben nadelartig zuspitze. Im Verlauf ungezählter Jahre mochte an ihm mancherlei Veränderung vorgegangen sein; da und dort aus Gesteinfugen gleichsam hervorquellende alte dicke Wurzelknorren wiesen darauf hin, er sei unten, wo das Wasser in ihn einsickere, wenn auch nur kärglich, mit etwas Strauch- und Baumwerk bewachsen gewesen, an einer Stelle sah's so aus, als habe einmal eine Axt oder Hacke zu irgendwelchem Zweck daran gearbeitet, eine Anzahl von rohen Stufen in den Fels zu hauen. Von der Burg droben ließ sich nichts gewahren als an der Ostseite ein kleiner überragender Vorbau, der wohl »die Pechnase« sein mußte, obwohl sie von hier aus in der Turmhöhe fast nur wie ein Habichtschnabel erschien. In der düstern, nie von der Sonne besuchten Kluft war's kalt und schaurig, keine Möglichkeit bestand, nach Gaid oder sonstwo hinaufzukommen, und Willanders verweilte nur kurz in der feuchtmodrig anatmenden Tiefe, kehrte rasch zum hellen und warmen Licht des Schluchteinganges zurück. Ihn hatte eine Neugier getrieben, einmal in der Nähe genau zu betrachten, was er so oft von oben herunter schattenhaft undeutlich gesehen; die war jetzt vollkommen befriedigt, seine Brust hob sich wie von einem Druck befreit auf, als er wieder am Wolfsturm eintraf. Seine neue Lebensführung in diesem aber bedrückte ihn unausgesetzt, er fühlte sich überflüssig im Hause, dürfe nicht drin bleiben und wußte doch auch nicht, daraus fortzukommen. Zum letzteren drängte ihn besonders das stetige Zusammensein mit Luitgard, der durch den Vorgang mit Konrad Teitenhofen offenbar geworden, er habe sich damals ungesehen nah bei ihr befunden. Das könne sie sich jedenfalls nicht erklären, doch anderseits war's nicht einmal seltsam gewesen, daß sie in ihrer Bedrängnis laut seinen Namen ausgerufen hatte, wie von einer sicheren Überzeugung dazu veranlaßt, er werde den Ruf hören und ihr beistehen. Eines widersprach dem anderen, und das Nachdenken darüber machte leider nur noch verworrener, merkbar ihr ebenso wie ihm. Sie sprach nicht von dem, was sich unter dem Zürgelbaum zugetragen, hatte ihm mit keinem Wort für seine Beihilfe gedankt, schien diese als selbstverständlich anzusehen; daraus wuchs in ihm die Empfindung an, sie betrachte ihn gleicherweise, wie's die Söhne des Burgherrn auf dem Vestenstein getan, als einen niedrig unter ihr Stehenden, nur zu Dienstleistungen, jetzt bei ihren Eltern, vorhanden. Das traf ja freilich auch zu, sie war von edler Abkunft und er zur Unterwürfigkeit geboren; als Kind hatte sie einen Spaß daran gefunden, seine Unwissenheit im Lesen und Schreiben zu unterrichten, doch nachher die Lust dran und am Zusammensein mit ihm in der Waldstube verloren. Nun sah sie ihn als das an, was er war: einen zum Dienen im Wolfsturm Aufgenommenen, und belustigte sich vermutlich im stillen darüber, daß er, nachdem sie ihn nicht länger zur Gesellschaft bei sich haben gewollt, doch immer verborgen sich in ihrer Nähe aufgehalten habe; denn ihm ward klar, sie habe das täglich gewußt. So tauschten sie nur dann und wann in Gegenwart der anderen ein paar gleichgültige Worte aus, nahmen sonst nicht voneinander Vermerk; ihm kam's, er müsse sie ihrem Stande gemäß nicht mehr mit »du«, sondern »Ihr« und »Jungfrau« anreden. Ihr Vater hatte untersagt, daß sie sich wie früher allein irgendwo draußen aufhalte, ihr geboten, ihn stets als Begleiter mitzunehmen; aber das tat sie niemals, er fiel ihr offenbar lästig, und sie blieb lieber im Hause. Sie war eine adlige Jungfrau geworden, die kein Verlangen mehr nach einem Umherwandern im Freien in sich trug. Dies sich ansteigernde Gefühl, in eine noch peinlichere Stellung als auf dem Vestenstein geraten zu sein, machte ihm aber das Verbleiben im Wolfsturm unertragbar, und er ging nun eines Tages nach Bozen zu Berlt Warnkönig, sich von dem aus seiner hilflosen Lage befreien zu lassen. Den Gedanken, es im Kriegsdienst zum Hauptmann bringen zu wollen, hatte er als eine knabenhafte Torheit völlig abgetan; selbst wenn's ihm gelänge, empfand er's als das Zweckloseste auf der Welt, denn wozu sollte er als ein derartiger hierher zurückkommen; ihn bedünkte am besten, Unterkunft in einem möglichst weit entfernten Ort zu finden, wo er vielleicht als Gehilfe das Platnergewerk erlernen könne. Der Waffenschmied erkannte beim ersten Blick den hochgewachsenen Jüngling kaum wieder und betrachtete ihn mit sichtlichem Staunen, fragte dann, wie's ihm während der Jahre ergangen wäre, und hörte mit lebhafter Achtsamkeit seinem Bericht zu, daß und weshalb er nicht mehr auf dem Vestenstein geblieben sei, sondern sich seit einiger Zeit unten im Wolfsturm befinde. Über dessen Bewohner war Warnkönig unterrichtet, kannte sie merkbar auch von persönlichem Zusammentreffen und beglückwünschte seinen vormaligen Zögling dazu, in solchem Hause Aufnahme gefunden zu haben. Dem konnte Willanders indes nicht beistimmen, zauderte zwar etwas, doch brachte dann stockend und halb stotternd heraus, er sei deshalb heute hierher gekommen, weil er von dort fort wolle und müsse, am liebsten irgendwohin, so weit als möglich, und gedacht habe, der Waffenschmied könne ihm dazu verhelfen. Das nahm den wunder, und er wußte sich keinen Grund dafür vorzustellen, bis der Gefragte beinah schluchzend erzählte, daß ihn auf dem Vestenstein alle, der Burgherr, die Frau und die Söhne, immer mißächtlich angesehen hätten, weil er von niedriger und unehrlicher Herkunft wäre, und ebenso geschehe es ihm auch im Wolfsturm von den Eltern und der Tochter, nur ließen die Eltern es ihn nicht so merken. Warnkönig sah ihn mit seinen klugblickenden Augen aufmerksam an und erwiderte: »Das hätte ich nicht von ihnen geglaubt, aber daran läßt sich nichts ändern, und da rate ich dir auch, nicht dort zu verbleiben. Ich will mir Mühe geben, etwas Gutes für dich auszufinden, nur geht das natürlich nicht von heut auf morgen; wenn's mir gelingt, schicke ich dir eine Botschaft hinaus. So lange mußt du noch im Wolfsturm aushalten, denn bei mir im Hause ist zurzeit nicht Platz, meine Gehilfen haben alle Kammern drin inne. Ich kann dir nur raten, irgend was zu tun, daß die Siekmoserschen bessere Achtung vor dir bekommen; durch die Geburt wird keiner zum Mann, sondern muß sich selbst dazu machen. Vielleicht wenn du im Gebirg einen Bären erlegst, der die Schafe wegholt – ich will dir dafür ein gutes Werkzeug zum Angebinde mitgeben.« Das letzte sagte der Waffenschmied unter einem zwinkernden Mundspiel, das ein wenig Spottlust über die Verzagtheit des Jünglings kundgab, ging ins Nebengemach hinüber und kam mit einem kurzen, kräftigen Schwerte und aus feindrähtigen Stahlketten verfertigtem Gurtgehenk dran zurück. »Da, nimm's und mach' dich auf die Bärenjagd, bis ich anderes für dich finde. Wenn du dem Petz die Krallen damit abhackst, kannst du sie für guten Preis losschlagen, denn es gibt viel unglückliche Liebhaber auf der Welt, und wer ein Mädchen, das ihn nicht will, jählings mit der Klaue berührt, den muß sie dann mögen. Ich glaube zwar nicht dran, sondern daß sie's schon vorher getan hat, und er nur blind war, das nicht zu merken.« Unverkennbar hatte sich Warnkönigs eine launige Stimmung bemeistert, doch schlug diese jetzt um, wie er hinterdrein sprach: »Manchmal kann's auch anders sein; deine Mutter ist mir lieb gewesen und ich ihr nicht. Aber als die böse Krankheit sie anfiel, sagte ich's ihr zu, dich in Hut zu nehmen, und sie gab mir das bißchen, was in ihrem Besitz war, ich soll's dir bewahren, bis du großgewachsen wärst. Groß genug scheinst du mir jetzt dafür, so nimm's also auch. Wert hat's freilich nicht, nur ein Angedenken an deine Mutter ist's, weiter läßt sich's zu nichts gebrauchen.« Der Sprecher reichte Willanders einen gleichfalls aus dem Nebengemach mitgebrachten kleinen Goldreif, den er ihm über den Zeigefinger zu schieben suchte, doch war der Ring von so schmaler Enge, daß sie nur aber noch für den kleinen Finger ausreichte. Der Waffenschmied äußerte dazu: »Auf eine Manneshand paßt er nicht, aber vielleicht ist's ein Amulett, dir gegen den Bären beizustehen. Vergiß den also nicht und richte deinem neuen Burgherrn einen Gruß von mir aus, der Herbst käme heran, und wir rechneten in Bozen bei ihm auf gutes Ohr und Augen. Ich will für dich bedacht sein, wie ich's deiner Mutter zugesagt, doch gedulde dich noch, bis ich dir Nachricht schicke. Man muß das Eisen nicht hämmern wollen, so lang es spröd ist und sich dagegen wehrt, und mit dem Leben geht's wie mit dem Eisen.« Nun wandelte der Jüngling von der Stadt zum Wolfsturm zurück, ein zwiespältiges Gefühl in sich tragend, denn ihm war nur in Aussicht gestellt, nicht in Erfüllung gegangen, was er gehofft, und doch auch sonderbar eine Beruhigung dadurch in ihn geraten, daß er's nicht gleich, nicht schon heute erreicht hatte. Und eines ließ ihn mit hochgehobener Empfindung dahinschreiten, an der Seite trug er zum erstenmal ein Schwert, das Abzeichen eines freien Mannes; seine Hand mußte sich öfter durch Umfassen des Griffes versichern, es sei keine traumhafte Einbildung. Zwar mit dem Bären, daß er die Waffe zur Erlangung eines solchen gebrauchen sollte, hatte der Platner sich an ihm belustigt, überhaupt seine Trübsal nicht sonderlich ernsthaft aufgenommen; ein hänselnder Spaß, wie mit der Petzkralle war's auch mit dem Amulett gewesen. An das hatte er nicht mehr gedacht, es fiel ihm erst ein, wie er unter der alten, mächtigen Burgfeste Formiger vorüberkam, die vor einem Jahrhundert vom Sohn des Herzogs Friedel mit der leeren Tasche, dem »münzreichen« und noch mehr kinderreichen Erzherzog Sigismund, den Namen Sigmundskron erhalten und nunmehr Nachkommen vom Geschlecht Oswalds von Wolkenstein angehörte. Da schaute er einmal auf den Reif an seiner Hand nieder, der eine kleine Goldplatte trug, auf welcher mit feinen Strichen etwas eingeschnitten stand, was sie vorstellen sollten, wußte er nicht zu deuten; er sah aus wie drei spitze Zacken, über denen winzige runde Flöckchen schwebten. Damit hatte Berlt Warnkönig recht gehabt, einen Wert besaß das Ringlein nicht, einzig als Andenken an die, welche es bei ihrem Tode hinterlassen. Doch erinnerte sich Willanders seiner Mutter kaum, hatte nur höchst selten an sie gedacht; wie er so, von dem Reif nach dem Schloß Sigmundskron aufblickend, stehengeblieben, geriet ihm zum erstenmal in den Sinn, wer denn sein Vater gewesen sein möge, denn einen solchen mußte er doch auch gehabt haben. Aber bloß ein flüchtiger Gedanke war's; der ging ihn noch weniger an, als die Mutter. Er stand ganz allein in der Welt, nur gehörte ihm jetzt ein Schwert, wie ein Freund dünkte es ihn. Als er weiterschritt, zeigten die Bäume am Wegrand seinen Augen, auch was der Platner vom Herankommen des Herbstes gesagt, treffe zu, an den Zweigen begann das Laub zu gilben. So dauerte es also nicht mehr lange bis zum Winter. Mußte er den noch im Wolfsturm zubringen? Das schien ihm nicht möglich. Aber eigentlich konnte er ja sich nichts Besseres wünschen; auch der Waffenschmied hatte ihn ja dazu beglückwünscht, in solchem Hause aufgenommen worden zu sein, und was für einen Grund sollte er angeben, daß er nicht drin bleiben könne? Zumal da der Winter kam. Nun führte die Straße ihn der Einkehrburg der Rinne in dem Steinberg vorbei, die roten Beeren mußten sich jetzt schwarz gefärbt haben. Diese Vorstellung wollte ihm den Fuß hineinziehen, doch er besann sich noch rechtzeitig, der Zürgelbaum stehe ja gar nicht in Wirklichkeit dort, er habe nur einmal von ihm geträumt. Wenn er einen Bären erlegen könne, dann wüchse der Baum vielleicht in dem Waldgemach auf, denn durch die Geburt werde keiner zum Mann, sondern müsse sich selbst dazu machen; das hatte Berlt Warnkönig doch wohl gleichfalls richtig gesprochen. In seinem Kopf ging's merkwürdig hin und wieder; was ihm eben als unsinnig erschienen war, sah ihn gleich danach als glaubwürdig an. Er fühlte selbst, es stehe nicht ganz recht mit seiner Vernunft, lief bald in fast atemloser Hast, um nach Haus zu kommen, setzte dann wieder kaum Fuß um Fuß vor; seine Rückkehr hinauszuzögern. Als er erst gegen Abend mit Ulbert Siekmoser, der sich den Tag über abwesend befunden, zusammentraf, richtete er ihm den Gruß und die beigefügten Worte des Waffenschmiedes aus. Der Hörer nickte dazu mit dem Kopf, ohne etwas zu erwidern, nur Menz Romwald sagte: »Ja, der Herbst kommt heran, die in Bozen denken's auch, es wird Hochwasser in der Etsch geben.« Siekmoser nahm jetzt das Schwert an Willanders Gurt gewahr und fragte verwundert, wie er dazu gekommen sei, versetzte auf die erklärende Antwort: »Der Platner hat recht daran getan, es steht dir gut zu Gesicht und du hast das Alter dafür. Was blinkt dir am Finger?« Der Befragte entgegnete darauf ebenfalls, und der Hausherr äußerte, den abgezogenen Ring betrachtend: »Darauf hat der Goldschmied etwas eingeschnitten, was es vorstellen soll, läßt sich nicht erkennen. Mir kommt vor, ich habe schon einmal – kann mich aber nicht erinnern, was und wo's gewesen ist.« Er gab den Reif zurück, faßte jedoch nochmals danach und sagte: »Jetzt fällt mir's ein, damit hat's eine Ähnlichkeit. Ich war einmal im Dom zu Brixen und sah drin den Denkstein, auf dem der Oswald von Wolkenstein abgebildet ist mit einer Leier, Fahne und Schwert. Daneben war sein Wappenschild, drei blaue Bergspitzen, wie sie vom Schlern in die Luft steigen, und über ihnen drei weiße Wolken; das deutete wohl auf den Namen Wolkenstein hin, das Geschlecht hat ihn davon bekommen oder sein Wappen so nach ihm angenommen. Daran hatte die Ringplatte mich erinnert; sieh auch einmal, Luit, die drei kleinen Zacken könnten Bergspitzen vorstellen sollen und die halben Bogenstriche darüber Wolken, deutlicher wußt's der Goldschmied auf dem schmalen Stück nicht zu machen. Wenn's so war', da hätt' der Ring wohl einem Abkommen vom Wolkensteiner angehört oder eine mit dünneren Fingern mußt's gewesen sein; für eine Mannshand ist er zu eng. Dann hat vermutlich ein Tandler ihn an sich gebracht und einer Frau für den Goldwert verhandelt. Tu' ihn dir mal auf den Finger, Luit, dann wird er passen; du hast ja gern, was vom Oswald von Wolkenstein herrührt.« Luitgard tat nach dem Geheiß und schob den Reif, wie es schien, mit Leichtigkeit über ihren Mittelfinger. Aber wie sie ihn abnehmen wollte, ging er nicht wieder herunter; sie drehte und drückte an ihm, doch half's nicht, er blieb sitzen. Zuletzt sagte ihr Vater lachend: »Den, scheint's, hat jemand verhext, daß er bei dir bleiben will. Wenn's Willanders recht ist, geb' ich ihm, wie der Tandler, den Goldwert dafür, daß du ihn behältst; ihm ist er ja doch zu nichts nutz.« Der halb damit Angesprochene fiel rotüberflossenen Gesichts stotternd ein: »Nein – Euer Vater sagt's wohl recht, es muß ihn jemand verhext haben – ich meine – wenn Ihr ihn behalten mögt, Jungfrau – mir ist er ja zu nichts –« Luitgard Siekmoser erkannte das augenscheinlich als richtig an, denn sie ließ von weiteren Versuchen, den Ring von ihrem Finger loszubringen, ab. Doch so wenig wie ihr Mund ihm für ihre Befreiung aus den gewalttätigen Händen Konrad Teitenhofens gedankt hatte, äußerte sie jetzt ein Dankwort für die Schenkung des Goldreifes. Offenbar sah sie diese als etwas Selbstverständliches und ihr Gebührendes an, denn er war von ihren Eltern zum Dienen im Wolfsturm aufgenommen worden, ohne daß er sich seinen Unterhalt im Hause durch wirkliche Hilfsleistungen verdiente. Zehntes Kapitel Eigentümlich war's, daß von jenem rohen Überfall des Mädchens durch den Sohn des Teitenhofeners niemals im Wolfsturm geredet ward, es erregte den Eindruck, als habe man in diesem dem Vorgang keine weitere Bedeutung beigemessen, als Fürsorge zu treffen, daß Luitgard vor einer Wiederholung gesichert werde. Erst jetzt erfuhr Willanders zu seiner Überraschung einmal zufällig aus einer Äußerung Menz Romwalds von der nahen Verwandtschaft und, trotz dieser, innerlichen Verfeindung zwischen den Bewohnern des Vestensteins und des Wolfsturms; von beidem hatte ihn keine Ahnung angerührt und er war hier unten nie über etwas, das ihm droben zu Gesicht und Gehör gekommen, befragt worden. So vernahm er mit Staunen davon und aus dem gelegentlich gern ein wenig beredsamen Munde des Menz noch als weiteres, auf dem Herrn von Teitenhofen hafte ein Verdacht, daß er ehmals bei dem wüsten Aufstande der Bauern einer ihrer verkappten Anführer gewesen sei, aber Beweismittel habe es dafür nicht gegeben; man könne ihm überhaupt nichts beweisen, denn er wäre wie ein Fuchs, der die Fußspuren, die nach seinem Bau führten, wegscharre, und wohl mehr noch seine Frau die Füchsin, die ihn in allen Schlichen belehre. Das stimmte allerdings mit einem dunkelsonderbaren Gefühl überein, von dem der junge Zugehörige des Vestensteins bisweilen angewandelt worden, und er fand drin auch eine Erklärung, aus welchem Grunde Konrad Teitenhofer vermutlich schon längere Zeit darauf gelauert habe, seiner Base ein Leid anzutun; im Gedächtnis wachte ihm auf, daß er die Mutter desselben einmal hämisch sagen gehört: »Tu's dem Balg, du bist alt und stark genug dazu!« Offenbar hatte das in der Tat Luitgard Siekmoser wegen der Feindschaft, in der die Eltern zueinander standen, gegolten. Der Widerwille des Jünglings gegen die Burginsassen droben wurde durch seine neue Wissensbereicherung noch stärker vermehrt, doch nahm seine Gedanken immerwährend etwas anderes so in Anspruch, daß sie nicht lange bei den Mitteilungen Menz Romwalds verweilen konnten. Ein Glaube hatte sich in ihm festgesetzt, der Ring, den er vom Waffenschmied bekommen, sei wirklich ein Amulett und enthalte eine geheime Kraft in sich, die Einfluß auf seine Trägerin ausüben müsse, von deren Finger er nicht fortgewollt habe. Vielleicht, daß er sie wieder so zurückverwandle, wie sie früher gewesen; darauf harrte Willandeis mit verhohlener Achtsamkeit von Tag zu Tag. Aber Luitgard gab kein Anzeichen einer solchen Wirkung kund, erschien im Gegenteil eher noch mehr beflissen, sich dem häuslichen Zusammenkommen mit ihm zu entziehen. Sie saß viel im obersten Turmgemach mit der alten Italienerin, für die sie eine große Zuneigung gefaßt hatte und sich bei ihr fast lieber aufzuhalten schien, als bei ihren Eltern. Das mochte wechselseitig sein, denn die Alte kam zumeist, wenn sie das Mädchen oben wußte, hinauf, und beide redeten sachtstimmig miteinander oder saßen auch eine Zeitlang schweigsam Hand in Hand und ließen stumm die alten und jungen Augen über das weite Etschtal drunten hinausgehen. Das legte seinen Sommerschmuck jetzt rasch und rascher ab, der Wind trieb gelbfallende Blätter durch die Luft umher, Wolken drängten sich über den Gantkofel herüber, und das Nachtdunkel begann schon früh einzufallen. Mit diesem Herbsteintritt aber nahm Ulbert Siekmoser neuerdings eine Gewöhnung an, die ihm früher nie in den Sinn geraten. Der jährige Weinmost war zu besonders schmackhafter Güte gediehen, und er brach öfter einmal noch am späteren Abend auf, um von Menz begleitet nach Terlan hinüberzugehen und sich in einer dortigen Schenke an dem guten Trunk zu erfreuen. Den vergönnte seine Frau ihm zwar gerne, doch suchte sie trotzdem merkbar ihn von diesem nächtlichen Fortgang zurückzuhalten, begab sich nicht zu Bett, ehe er wiedergekommen, sondern wartete stets in einer Unruhe seine Heimkehr ab. Darüber kam ihm zuweilen ein leichtes Lachen vom Mund, und er fragte: »Glaubst du, ich könnte in die Etsch fallen, oder daß ein Bär mich anpackte? Dafür wäre Menz bei mir und hätt' ich selbst auch gute Wehr am Gurt.« Das gab wohl eine Antwort drauf, sie verhehle eine Furcht, er könne dem Wein übermäßig zusprechen und dadurch in eine Gefahr geraten, und diese Besorgnis fiel in der Tat durchaus unnötig, denn er kehrte allemal in völlig nüchternem Zustande zurück, meistens sogar durstig, daß er zu Hause noch Verlangen nach einem Becher kundtat. So mußte Helena sich in diese Veränderung seiner bisherigen Lebensweise finden, die allerdings durch den gleichmäßigen Tagesverlauf im Wolfsturm erklärlich ward und dem abendlichen Betreiben anderer Burginsassen entsprach. Seine Herzenszuneigung zu ihr hatte sich während der langen Jahre immer gleich forterhalten, aber sie wußte von der Zeit ihres Zufluchtaufenthaltes auf Payrsberg her, in dem, was er sich vorgesetzt, lasse er sich dadurch nicht beirren, und erfolglos sei es, ihn davon abbringen zu wollen. Auch Willanders wunderte sich über die neue Angewöhnung Siekmosers, zumal da er hin und wieder, aus dem Schlaf aufwachend, an einem Geräusch vernahm, daß die Heimgekommenen erst in später Nacht ihre eisernen Arm- und Brustschutzplatten ablegten. Das erinnerte ihn daran, auf dem Vestenstein auch manchmal erst gegen Morgen den gleichen Ton gehört oder zu hören geträumt zu haben; hier unten indes war's keine Traumtäuschung, er schlief nicht mehr so fest wie droben, denn ihn befiel zuweilen plötzlich ein Herzklopfen, so daß er davon aufschrak und mit völlig wachen Sinnen dalag. Auch am Tage war sein Herzschlag nicht so wie früher, ging dann nur im Gegenteil langsam-schwerfällig, mitunter wie im Begriff, zu stocken; das mußte ihm im Gesicht anzusehen sein, denn Frau Helena fragte ihn einmal, ob er sich unwohl befinde. Darauf antwortete er stotternd, ihm komme vor, als atme seine Brust hier unten schwerer, als oben auf dem Vestenstein, und es sei wohl besser, wenn er wieder irgendwo auf einer Berghöhe nach einer Unterkunft für sich suche. An einem Abend war's, und Luitgard, die mit am Tisch saß, äußerte danach: »Ich glaube auch, das wäre besser für dich.« Seit Tagen geschah's wohl zum erstenmal, daß sie ein Wort an ihn richtete, doch sie sprach ihn nicht so an, wie er es bei ihr begonnen hatte, nicht mit »Ihr«, sondern wie sie's immer getan; das brachte seine Stellung mit sich. Dienende Leute nannte man »du«. Die Alte, die von dem Mädchen ebenso wie von der Burgfrau auch mit »Mutter« angeredet ward, schien ihn gleichfalls als nicht bei rechter Gesundheit anzusehen und Mitleid mit ihm zu fühlen, denn sie tat heute Sonderbares; ihre Hand streichelte ihm beim Gutnachtwunsch einmal leise über sein Haar. So sah er, immer trübsinniger bedrückt, nach der Botschaft des Waffenschmiedes aus, die ihn instand setze, das auszuführen, was nicht nur ihn selbst, sondern auch den anderen als das Beste und Notwendige erschien, daß er den Wolfsturm verlasse. Doch blieb seine Erwartung vergebens, erfüllte sich nicht nur nicht, vielmehr traf ihn sogar eine harte, völlig unbegreifbare Enttäuschung. Als der November bis zur Mitte vorgeschritten, nahm er eines Vormittags gewahr, daß Berlt Warnkönig aus dem Tal herangelitten kam und sein Pferd auf das Tor zu hielt. Der Anblick ließ ihm das Herz hastig aufklopfen, er wußte sich nicht zu sagen, ob von einer freudigen oder schreckhaften Überraschung, die ihn eilig in seine Kammer, wie in ein sicherndes Versteck hineinzulaufen trieb. Dort saß er, auf die Nachricht, die der Platner ihm bringe, harrend, aber mehrere Stunden vergingen, ohne daß jemand ihn suchte und herbeirief, dann klang ihm plötzlich einmal Hufschlag ans Ohr, und er sah Warnkönig wieder davonreiten. Der war nicht seinetwillen gekommen, die ersehnte Botschaft selbst zu bringen, sondern offenbar wegen irgendeiner Angelegenheit mit dem Burgherrn und hatte gar nicht an ihn gedacht. Erklären konnte er sich diese Vergeßlichkeit nicht, und als er mit dem letzteren zusammentraf, geriet ihm gegen seinen Willen über die Lippen, ob der Waffenschmied nichts für ihn hinterlassen habe. Der Befragte machte dazu ein leichtstutzendcs Gesicht, und ihm entflog als Antwort: »Woher weißt du's? Hast du gehört, daß er hier war? Ja – er hat gesagt, du solltest das Schwert, daß du von ihm bekommen, gut benutzen.« Dabei betrachtete Ulbert Siekmoser den vor ihm Stehenden mit einem eigentümlichen, wie prüfenden Blick, gewissermaßen als ob seine Augen ihn zum erstenmal deutlich vor sich sähen, und fügte hinterdrein: »Vielleicht kannst du's bald und mit auf einen Bären Jagd machen, der hier herum sein soll und Schafe rauben. Dabei kann einer selbst zeigen, was in ihm steckt, besser als tät's eine Urkunde mit Schrift und Siegel. Der Platner hat gesagt, du willst von uns weg – warte noch so lang; eine Bärenkralle als Behang vor der Brust steht einem jungen Mann gut zu Gesicht.« Menz Romwald stand mit auf dem Hofraum, hatte den Worten zugehört und sprach herantretend: »Mir will's nicht recht eingehen, Herr; der Bär ist auf der Hut, ihm sieht's nicht gleich, so von seiner Vorsicht gelassen zu haben.« Doch der Angesprochene versetzte: »Er wittert's, morgen gibt's Sturm und trotz dem Mond schwarze Nacht, da hält er sich sicher. Bedenk's also noch, Willanders!« Nicht anzugeben war's, worin es lag, aber das letzte Wort kam ihm mit einem etwas anderen Klange vom Mund als sonst; er hatte Menz am Arm gefaßt und ging, gedämpft zu ihm redend, davon. Der Jüngling stand, allein gelassen, verworrenen Sinnes; Warnkönig mußte im Gespräch herausgeraten sein, daß er sich über ihn belustigt habe, er solle einen Bären erlegen, und Siekmoser hatte das spöttische Gerede fortgesetzt. Alle im Wolfsturm spotteten offen oder verhohlen über ihn und der Waffenschmied ebenso; er besaß niemand auf der Welt, der seiner hilflosen, nicht aussprechbaren Not beistand. Der nächste Morgen zeigte an, daß der Tag die Wettervorhersage Siekmosers bewähren wolle, ein kalter Wind fuhr, dichte Wolkenmassen auftreibend, aus der Richtung von Meran herüber, verkündigte ein schwerwuchtiges Einsetzen des Herbstes. Nicht hell ward's, schon um Mittag glich das Licht einer grauen Dämmerung; ringsum lag alles, als ob das sonnige Südtirol weit über die Berge in die Nebelwelt des deutschen Nordens hinaufversetzt worden sei, und merkbar nahmen der Wind und die fliegenden Wolkengetriebe mit jeder Stunde noch mehr zu. Trotzdem legten nach der Abendkost Ulbert Siekmoser und Menz Romwald ihre mit Eisenblech gewappneten Wämser an, noch zum Einnehmen eines Weintrunkes fortzugehen, obwohl Frau Helena heute ihren Mann geradezu bat, davon abzulassen: »Die Nacht ist so schwarz, ihr könntet die Brücke fehlen und in die Etsch geraten.« Doch er antwortete: »Der Mond kommt bald, da sieht man gut die Hand vor Augen, und du weißt, ich hab's zugesagt.« Das ließ sie verstummen; er wandte sich nach Willanders um und fragte: »Willst du mit uns? So tu' auch dein Schwert um; wozu hast du's sonst.« Der Angesprochene, zum erstenmal aufgefordert, an dem Abendausgang teilzunehmen, eilte, von einem freudigen Gefühl durchlaufen, in seine Kammer und umgürtete sich rasch mit der Waffe; in einer unklaren Vorstellung kam's ihm, er zeige dadurch, daß er ein Mann sei, der sich von der Befürchtung Frau Helenas nicht schrecken lasse. Aber während seiner kurzen Abwesenheit hatte Siekmoser sich anders bedacht, empfing ihn bei der Wiederkehr mit den Worten: »Es ist doch besser, daß du hierbleibst, der Wein könnte noch zu stark für dich sein, dazu darf ich dich nicht verleiten. Gib aufs Tor acht und öffne uns, wenn wir pochen. Mit dem da kannst du dich so lange wachhalten, der Waffenschmied hat's nämlich in der Stadt vergessen, dir zu geben, und brachte es gestern für dich mit. Deine Mutter hätt's mit dem Ring zusammen hinterlassen. Zunutz kann's dir nicht kommen, was eine Feder auf ein Papierblatt geschrieben hat. Aber Schaden tut's dir auch nicht an, und ich glaub' wohl, es ist so, wie's da steht, Die drei Bergzacken und Wolken auf dem Reif sagen's und dein Gesicht redet's auch. Es geht so zu in der Welt, bei uns im Land mag's noch öfter geschehen sein, als sonstwo; der Stein fällt hoch herunter vom Wolkenfels, und wer ihn unten liegen sieht, denkt nicht, von wo er gekommen ist. Wenn du uns das Tor aufmachst, wollen wir drüber sprechen, Wilhelm Andreas, vielleicht verhilft's dir doch dazu, von uns wegzukönnen. – Ich freue mich auf den Gang in frischer Luft, man hockt zuviel im Haus und wird träg' davon. Halt' uns noch einen Trunk bei der Rückkunft bereit, liebe Frau, der Terlaner Wein macht durstig.« Er hatte Willanders ein sorglich in weicher Lederumhüllung verwahrtes Stückchen Pergamentpapier hingereicht, das der Empfänger, von der unerwarteten Zurückweisung enttäuscht, verständnislos genommen, und die beiden zum Weggang Gerüsteten schritten hinaus. Frau Helena begleitete sie, hinter ihnen das Tor wieder zu verriegeln; an diesem griff ihre Hand nach der ihres Mannes, als mache sie noch einen Versuch, ihn festzuhalten, und sie sagte ängstlichen Tones dazu: »Denke dran, daß ich auf dich warte.« Er bückte sich, sie auf die Stirn zu küssen und versetzte: »Du tust, als wollten die Bauern wieder an Payrsberg aufstürmen. Klopft dir das Herz noch ebenso um mich, wie damals? Mehr kann ein Mann nach siebzehn Jahren nicht verlangen. Jetzt ist Luit grad so alt, und ich glaube, ihr Herz klopft auch; absonders ist's, wie alles wiederkommt. Ich war älter als er und doch, wenn ich vor dir stand, auch noch wie ein Knabe, der den Mund nicht auftun konnte. Gib dem Knaben heut' abend gut zu trinken, er mag's nötig haben. Ja, alles wiederholt sich, wenn die gleiche Art wieder da ist, und wenn ich wiederkomme, wollen wir ratschlagen. Nun wird's Zeit, daß wir ausgreifen.« Was er gesprochen, hätte ein anderer sich in manchem nicht deuten können, doch die Hörerin mußte fähig gewesen sein, alles zu verstehen, und der Ton, mit dem er's gesagt, übte merklich eine beruhigende Wirkung auf sie aus; sie erwiderte nichts mehr, schob die schweren Querbalken des Tores vor und begab sich ins Haus zurück. Die beiden Davonschreitenden schlugen scheinbar die Richtung auf Terlan zu ein, bogen indes auffälligerweise ziemlich bald von ihr linkshin zur Straße ab, die von Bozen nach Nals führte; der Sturm fauchte ihnen entgegen, und die Nacht war in der Tat fast lichtlos, aber sie kannten Schritt und Tritt des Weges genau, brauchten vor einer Abirrung von ihm nicht besorgt zu sein. Nur sagte Menz Romwald einmal: »Was ich glaube, Herr, ist, es wird heut' nicht anders gehen, als bisher, der Einaug hat den Platner genasführt, wozu weiß ich nicht. Aber bei solcher Nacht macht sich keiner nach Lana auf den Weg, und der Spürfuchs hätt's mehr hehlings angelegt, auszukunden, ob eine schwere Katze den Fang lohnt. So lauern sie droben nicht auf Mäuse, wenigstens nicht hier, wo sie uns denken können, sondern ganz anderswo. Denn Witterung von unserm Weindurst, wenn's finster geworden, steckt ihnen in den Schnauzen; vor Augen und Ohren wissen sie sich zu hüten, aber ich hab' schon mehr als einmal einen Ruch davon gehabt, sie waren nicht weit von uns weg. Wie ich's meine, Herr, so wär's klüger, wir ließen die Nacht den Eulen; Eure Frau würd's auch froh machen, Euch früher als sonst heimkommen zu hören.« Merkbar mochte Ulbert Siekmoser selbst sich schon Ähnliches gesagt haben, denn er gab drauf Antwort: »Mich nahm's auch wunder, daß der Einäugige so gradaus zu Werk gegangen war, aber in Bozen waren sie diesmal des Vorhabens gewiß, zumal ihnen noch ein Schriftzettel in die Hände geraten, und ich hab's dem Waffenschmied zugesagt, wir gäben heut acht, ob sie mit Fug bessere Nachschau droben wiederholen können. Den Verspruch muß ich halten, bis vor Nals hin; dann haben wir getan, wozu sie mich in Pflicht genommen, und können zurück. Hörst du, was ich sage? Deins hab' ich nur halb verstanden; der Wind reißt's vorm Mund weg, wie Blätter vom Baum. Hier zweigt's ab und haben wir's bald schon halb. Ja, meine Frau wird's freuen. Du warst auch dabei, wie sie auf Payrsberg in Angst dastand, nicht für sich selbst. In der Nacht sah ich's, auf dich wäre sicherer Verlaß.« Der Weg gabelte sich, bog mit dem einen Arm gegen die tiefschwarze Bergwand hin, unter der die Landstraße nach Nals hart entlang lief und jetzt bald von ihnen erreicht wurde. Die im Wolfsturm Zurückgebliebenen saßen beim Licht der Kienspäne, deren Flammen der hereinstoßende Wind hin und her flackern ließ, am Tisch; Willanders hielt das Stück Pergamentpapier, das er von Siekmoser erhalten, in der Hand, eine Schrift drauf mit großaufgeweiteten Augen anstarrend. Er hatte sie schon zweimal überlesen, doch ohne ihren Inhalt begreifen zu können; die Buchstaben flimmerten ihm ungewiß vor dem Blick, und in seinem Kopf ging's wirr auf und nieder. Frau Helenas Gesicht war ihm mit einem teilnahmsvollen Ausdruck zugewandt, und ihr kam jetzt vom Mund: »Mein Mann hat mir davon gesagt, gib's mir und laß mich's auch sehen.« Sie nahm das Blatt und las. »Ich habe meinen Buben Wilhelm Andreas taufen lassen, damit ich ihn so heißen kann, wie's ihm zukommen sollte. Denn mir gehört der Name Villanders und müßt's ihm auch. Aber er hat keinen, ich hab' die Schuld dran und der Erzherzog Sigismund, sein Altervater, der zu viel Söhne hatte. Von denen hat's einer gemacht, daß ich Obst auf der Straße feilhalten muß. Zur Gräfin von Tirol wollt' er mich machen, versprach er's, und ich glaubt's ihm. Vielleicht hätt' er's auch getan, er war tapfer und schön; bei Pavia, sagen sie, ist er tot auf dem Feld geblieben. Ich habe keinen Zorn auf ihn gehabt und auch auf mich selber nicht. Aber die von Wolkenstein wollten nichts mehr von mir wissen, ich durft' mich nicht länger Villanders heißen, mußte den Ring mit den Bergspitzen vom Finger wegtun. Wär' nicht der Platner Warnkönig gewesen, hätten ich und der Bub verhungern müssen. Er hat's nicht zugelassen, ich weiß warum, und weiß ihm Dank dafür. Mehr könnt' er nicht tun und ich hätt's auch nicht gekonnt. Wenn's mein letztes ist, so helf' er dem Buben noch weiter auf und geb' ihm dies mit dem Ring, wenn er großgewachsen ist, von seiner Mutter Sabine Willanders von Wolkenstein.« Deutlich lesbar stand's auf dem Blatt, doch gegen den Schluß hin mehr und mehr mit unsicherer Schrift, an der sich erkennen ließ, es müsse von einer Kranken, wahrscheinlich kurz vor ihrem Ableben geschrieben sein; nur zu allerletzt hatte sie sich noch einmal stark zusammengenommen und die Namensunterschrift groß, mit fester Kräftigkeit druntergesetzt. Frau Helena hob den Blick davon auf, sie wußte nichts zu sagen, ihr geriet nur über die Lippen: »Es ist zu dunkel, man sieht nicht, was da –« Halb nach Nals hinüber klangen zur gleichen Zeit ihrem Mann die nämlichen Worte vom Mund: »Es ist zu dunkel, man sieht nicht, was da –« doch sprach er zu Ende: »vor uns liegt,« während sie wohl »geschrieben steht« ungesagt gelassen hatte. Er fügte indes alsbald für seinen Begleiter nach: »Jetzt spür' ich's, ein Baum ist's, den der Sturm über den Weg geschlagen hat.« Die beiden waren bis dorthin gekommen, wo die Straße hart unter dem bewaldeten Steilhang der Bergwand weiterlief, und mehr nur vom Gefühl als vom Gesicht unterscheidbar, hob sich, den Durchlaß sperrend, ein Gewirr von Ästen und Zweigen vor ihnen auf. Menz Romwald antwortete: »Ja, ein Baum, sonderbar, man sollt' denken, der Wind müßt' ihn anders herum hingeworfen haben. Wir kommen nicht drüber weg, Herr, kehren besser hier um.« Doch Ulbert Siekmoser rief: »Hier ist der Stamm, es muß gehn,« und seinen Fuß auf den hebend, suchte er sich Bahn durch das Geflecht zu brechen. Im selben Augenblick aber sauste von der Finsternis der Bergwand her ein Schwertstreich auf ihn herunter, daß er bewußtlos vom Stamm in die knatternde Zweigmasse niederschlug, und hinterdrein scholl ein schnaubend hämischer Ruf: »Im Fangeisen! Den Hieb war ich dir zweimal schuldig geblieben!« Packt ihn!« Geklirr und Astgekrach umtoste plötzlich den umgestürzten Baum, es war, als sei der düstere Felshang wie durch einen Zauberschlag lebendig geworden und lasse unheimliches Nachtgetier aus sich herausbrechen. Drüben im Wolfsturm hatte Frau Helena sich besonnen und sagte nun zu Willanders hingewendet mit herzlichem Ton: »Das geht dich nicht an. vergiß, was auf dem Papier steht! Der Waffenschmied sollte sich besser bedacht haben, es zu verbrennen und nicht für dich zu bewahren. Hätt' ich's so von meinem Mann gehört, da hätt' ich ihn gebeten, dir's nicht zu geben. Die, von der es herrührt, hat todkrank gelegen und nicht mehr gewußt, was sie schrieb, sich im Fieber eingebildet, es wäre so gewesen. Komm, trink' den Becher Wein leer, du siehst blaßfarbig aus. Aber gib ihm den Ring wieder, Luit, der ist kein Fieberwahn, seine Mutter hat ihn an der Hand getragen. Ich habe auch eine Mutter, die ich lange für tot gehalten, und hab's erfahren, kein leeres Wort ist's. Es schläft einem im Herzen und wartet, daß es aufgeweckt und wieder lebendig wird. Deine Mutter, du Armer, kann's nicht mehr, aber ich will an ihrer Stelle für dich sein, wenn du jemand das Leid um sie klagen willst, das dir im Gesicht steht.« Sie hatte nach der Hand der mit am Tisch sitzenden Alten gefaßt, doch nahm jetzt mit herzenswarmer Anteilnahme Willanders Hand in die ihrige. Er kam unwillkürlich der Aufforderung, den Becher auszuleeren, nach, ein Schwindel ging ihm durch den Kopf, drohte, ihn bewußtlos vom Sitz gleiten zu lassen. Seine Farbe war in der Tat beinahe weiß gewesen, nach dem Trunk dagegen drängte sich das Blut ihm hochrot ins Gesicht. Die alte Mutter und das Mädchen wußten nicht, um was die Schrift auf dem Blatt handle, hatten den Sinn der Worte Helenas nicht verstanden und sahen ungewiß drein; Luitgard kam nur mechanisch dem Geheiß ihrer Mutter nach, bemühte sich, den kleinen Goldreif von ihrem Finger abzuziehen, doch vergeblich, er ließ sich auch jetzt nicht herunterbringen, und eine blühende Röte überfloß gleichfalls ihr Gesicht, als ob auch sie einen feurigen Trunk zu sich genommen habe und ihr das Blut hastig vom Herzen zum Kopf hinaufgetrieben werde. Sie saßen alle, wie auf etwas wartend, das geschehen und sich durch Aussprache von einem Mund offenbaren müßte, doch niemand brachte einen Laut über die Lippen. Nur durch das Wandgebälk und Holz der Fensterluken lief ein Knacken und Knattern, zeigte an, daß die Sturmwucht draußen noch höher aufschwelle. Elftes Kapitel. Da schollen in die Schweigsamkeit des Gemachs einmal jählings donnernddröhnende Schläge des Torklopfers hinein, und mit einem freudigen Ausruf: »Sie kommen schon wieder!« aufspringend, eilte Frau Helena hinaus. Doch um kurze Augenblicke später klang ihr ein Schrei tödlichen Schrecks vom Munde, ließ auch die anderen hastig ans Tor nachfolgen. Am Himmel war eine leichte Veränderung vorgegangen, eine mattgeringe Helligkeit kam von ihm herab, indes ausreichend, die Gestalt Menz Romwalds unterscheiden zu lassen, der, noch von atemlosem Lauf keuchend, nur herausbringen konnte: »Eine Falle – wir sind in die Falle –« Erst im Hause ward er zu weiterem Sprechen und zusammenhängenden Berichten fähig: »Die von oben hatten einen Baum umgefällt – wir meinten, vom Sturm wär's – und über die Straße geworfen. Darüber mußten wir weg – ich riet ab. Ob's mir verdächtig schien, weiß ich selbst nicht. Sie lauerten in der todschwarzen Finsternis – wie die Luchse –, daß wir den Fuß in die Falle hineinsetzten. Ich war noch hinten zurück, aber den Herrn traf's unversehens mit einem Schwerthieb, daß er niederbrach. Danach schrie die Stimme vom Teitenhofener, das wär' er ihm schuldig gewesen. Auf ihn hatten sie's stehen, kümmerten sich nicht um mich, sahen wohl auch nichts von mir. Sie haben ihn nach dem Vestenstein hinaufgeschleppt – gradzu, wie einer die Hand umdreht – zu sehen war's nicht, bloß zu hören, am Buschrascheln. Machen könnt' ich nichts, allein gegen die drei oder vier – der Junge, kam's mir vor, war auch dabei. Ich wollt' nach Payrsberg laufen, von da Beistand holen – aber was sollt's helfen, ihre Fallbrücke ist hoch, über die Kluft kann keiner weg. So rannt' ich hierher – eh' sie von Bozen mit Brandkugeln kommen, wird's zu spät – und schießen darf keiner, der Herr ist ja mit drin –« Der Sprecher hatte es mühsam aus der Brust hervorgerungen, Helena war auf einen Sitz niedergefallen, sagte, wie betäubt, halb irr vor sich hin: »Nun ist's so«; verständlich klang's draus, sie habe immer gewußt, daß die beiden nicht zum Terlaner Wein gingen, sondern den wahren Grund ihres nächtlichen Fortganges gekannt und beständig die Furcht in sich getragen, es könne einmal so geschehen. Luitgard dagegen begriff nichts weiter, als daß ihr Vater überfallen, mit Gewalt zum Vestenstein hinaufgebracht worden sei, und bedachtlos geriet ihr unwillkürlich über die Lippen: »Wärst du noch oben, so könntest du ihm beistehen.« Ihre Augen hatten sich dabei Willanders zugewandt; es war, als mache sie ihm einen Vorwurf daraus, daß er nicht mehr dort, sondern hier unten im Wolfsturm sei; doch kam's ihr offenbar selbst gleich zum Bewußtwerden, sie habe es gedankenlos gesprochen, denn was hätte er allein gegen den Teitenhofener Burgherrn und seine Knechte ausrichten können, und sie stieß schnell hinterdrein aus: »Nein – gottlob, daß du nicht mitgegangen bist – sonst wärest du auch –« Er hatte seine Augen hastig von einem der ratlosen Gesichter zum andern gehen lassen, als suche und erwarte er von ihnen etwas, das Aufblitzen einer hilfreichen Erleuchtung; fast zu sehen war's, wie seine Blicke, so flogen ihm auch die Gedanken im Kopfe hin und her. Jetzt aber schlug ihm alles Blut plötzlich noch gewaltsamer, als vorher nach dem Trunk, ins Antlitz, er sprang auf Menz Romwald mit dem Ruf zu: »Lauf nach Payrsberg – warum hast du's nicht gleich getan, bist nicht schon dort? – nein, gut war's – dann wüßt ich's ja nicht –« Über sein Wesen schien's wie mit etwas Irrem gekommen zu sein, denn ein lachender Ton brach ihm bei den letzten Worten vom Mund. Helena fuhr angstvoll abwehrend auf: »Nein – keine Leute von Payrsberg – die können nicht hinüber – sie töten ihn, wenn sie's merken –« Doch Willanders hielt Menz am Arm gefaßt und riß ihn mit sich zum Tor hin, sprach ihm in fliegender Hast ins Ohr. Der Hörer fuhr zusammen und stieß aus: »Das ist unmöglich!« Hinter ihnen glitt Frau Helena haltlos an der Alten mit dem bitterlichen Schluchzen zu Boden: »Sie töten ihn – Mutter, Mutter, warum gabst du mir das Leben?« Der Jüngling vernahm's noch, sein Fuß hielt stockend an, wie der Schlag seines Herzens, und blitzschnell flog er nochmals zurück, auf Luitgard zu, schlang ihr den Arm um den Nacken und küßte sie. So rasch, wie ein fallender Stern schießt, hatte er's getan, war wieder am Tor, und Menz Romwald rannte nach einigen kurzen Worten, einem fortstiebenden Hirsch gleich, linkshin gegen Nals davon, während der Jüngling am Wolfsturm zur Rechten umbog. Nun war's verständlich, woher die matte Helligkeit ihren Ursprung nahm. Das Nachtdunkel lag im Kampf mit einem Gegner, der ihm widerstritt, ließ sich vom Sturm schwere Wolkenmassen zum Beistand heranjagen, um den aufsteigenden Mond, von dessen Kommen Ulbert Siekmoser gesprochen, zu überwältigen und auszulöschen. Manchmal schien dies völlig zu gelingen, aber dann fand er zwischen den ihm entgegengedrängten düstern Schwarm eine Lücke auf und stieß plötzlich wie mit einem Blitzpfeil durch sie nieder. Nur flüchtig, denn er mußte rasch wieder weichen und verschwand; wechselnd ging's so hin und her. Doch ein paarmal dauerte seine Oberhand so lange an, gewahren zu lassen, er sei in der Abnahme begriffen, ungefähr halbgerundet, und auch beim Unterliegen begann er doch so viel Dämmerschein fortzuerhalten und zu behaupten, daß man jetzt nicht nur die Hand vor Augen sah, auch die nächsten Gegenstände umher, der Boden unterm Fuß erkennbar blieben. Willanders war in die enge Schlucht hineingeschritten, durch die der Gaidener Bach vom Gebirge herabschoß. Im Gegensatz zu Menz Romwald ging er Schritt um Schritt, ganz langsam, beinahe wie furchtsam. Der Herbst hatte jetzt starke Wassermenge gebracht, und zögernd-behutsam nur setzte er den Fuß vor, als ob ihn Angst beherrsche, durch einen Fehltritt zwischen das Geblöck abzugleiten, sich Arm oder Bein zu schädigen. Oftmals blieb er, sorglich mit dem Blick umsuchend, geraume Weile stehen; der weiße Schaum der Sturzwellen half ihm, sichere Stützpunkte zu unterscheiden, und merkbar drängte ihn keine Hast, weiterzukommen; sonderlich schien's fast eher, er halte drin mit einer Absicht inne, Zeit zu versäumen. Vielleicht um den Gedanken nachzuhängen, die sich in seinem Kopf durcheinander drängten; vier oder fünf waren's, die immer wiederkehrten, doch sich überstürzend, wie die schäumenden Bachwasser, und windgepeitschten Spinnwebfäden gleich abgerissen, nicht weiter vom Denken erfaßbar in die leere Luft hinausflatternd: Drei Stunden – wohl noch eine halbe mehr. – Er sollte Willanders heißen, wie seine Mutter – sein Ältervater war der Erzherzog Sigismund gewesen. – Das ist unmöglich, hatte Menz gesagt, aber er lief doch nach Payrsberg. – Nur einen einzigen gab's auf der Welt, der war er – kein anderer könnt's. – Konnte er's? Das war ein abgerissener Faden in der leeren Luft. – Sein Herzschlag nur gab Antwort: Ulbert Siekmoser hatte gesprochen, dem zeigte er, was in ihm stecke – besser als tät's eine Urkunde mit Schrift und Siegel. – Immer durcheinander liefen die Gedanken, doch allmählich drängte sich einer, der erste, mehr und mehr über die andern vor, als komme ihm das meiste Anrecht zu. Wie lange Zeit mochte er seit seinem Weggang vom Wolfsturm gebraucht haben? An Herzschlägen ließ sie sich nicht abmessen, und anderes, danach zu rechnen, gab's nicht. Der nach dem Himmel fast wie durch ein schwarzes Kaminrohr aufgehobene Mick fand nichts, was sich veränderte, keine fortschreitenden Sterne; nur ein unsicheres Gefühl währte an, als gewinne der Bodengrund unter den Füßen ein wenig an Deutlichkeit. Doch schien's wohl nur so, die Augen hatten sich an das Dunkel gewöhnt, nahmen deshalb nicht mehr allein den weißen Schaum gewahr, sondern da und dort auch die über ihm aufgewölbten Steinblöcke. Hier unten war es ganz windlos, keine Ahnung von dem droben heulenden Sturme wurde wach. Alles lag wie zwischen den Mauern einer Kellertiefe in regloser Stille, einzig das Geplätscher des Wassers klang eine Strecke weit leise, wuchs hin und wieder zu lauterem Rauschen an: Wie in eine Unterwelt, die nur abgeschiedenen Schatten, keinem noch Lebenden Zutritt verstatte, ging's hinein; die Luft drin war grabeskalt, und ab und zu überlief's den langsam weiter Vorschreitenden mit einem frostigen Schauer. Doch nur für einen Augenblick, die Dauer eines tiefen Aufatmens seiner Brust. Dann setzte sein Herz mit stürmischem Schlag dagegen ein, durchflutete ihn vom Kopf bis zum Fuß mit einem heißen Strom. Schon einmal war er durch die Schlucht so aufwärts gegangen und erkannte nun, er sei wieder so weit gekommen als damals. Eine dunkle Masse stieg vor ihm in die Höh', die weder rechts noch links mit den Schluchtwänden zusammenhing, sondern, von ihnen abgelöst, sich nach beiden Seiten umgehen ließ. Es mußte der Felspfeiler sein, den das Tageslicht bis oben hinauf sichtbar gemacht; jetzt verhängte ihn die Nacht schon unweit über seinem Kopf, nur das dicht von matt unterscheidbare breitere Fußende bestätigte, die vereinzelte Steinnadel sei's. An jenem Tage hatte ihn etwas veranlaßt, dem Bach bis hier herauf zu folgen, doch er konnte sich nicht entsinnen, was es gewesen sei. Wohl nur eine Neugier, derartig in der Nähe zu betrachten, was er von droben herunter so oft schattenhaft undeutlich gesehen. Ja, die Stelle war's, an der es erschienen, als habe einmal ein Eisenwerkzeug daran gearbeitet, Absätze in den Grundsockel des Pfeilers hineinzuschlagen. Er hob den Fuß und trat auf eine rohe Felsstufe, setzte sich auf eine darüber nachfolgende. Von der Steilhöhe Gaids her stürzte unsichtbar der Wasserfall nieder, erfüllte die Luft mit einem einförmig dumpfen Brausen. Sonst war alles so geisterhaft still, als schlafe rundum der Tod. »Unmöglich,« hatte Menz Romwald gesagt, und er sprach's vor sich hin nach: »Unmöglich.« Ihm ward's vor dem Blick, die Nacht werde nicht heller, sondern verdüstere sich noch tiefer; er glaubte, kaum noch die aufgehobene Hand vor den Augen zu sehen. Dann klang ihm einmal deutlich eine Stimme im Ohr: »Wärst du noch oben –«, aber sie sprach gleich hinterdrein: »Nein – gottlob, daß du nicht mitgegangen bist –« Ihn verließ das Bewußtsein, was er wolle und wo er sei. Von verworren werdenden Sinnen gaukelte ihm, er klettere am Zürgelbaum in die Höh', um süße Beeren herabzuholen, gleitete aber am glatten Stamme nieder – wieder und immer wieder –, bis die Stimme Luitgards abermals aufklang: »Wenn du von dort oben heruntergefallen wärest, so säßen wir hier nicht beisammen. Wären dir die schwarzen Kirschen das wert gewesen?« Ihm flog laut »Ja« vom Mund und sein Kopf fuhr auf. Nicht das grüne Waldgemach lag um ihn, der Sturzbach rauschte drüben unsichtbar in die Tiefe; er hatte geschlafen und geträumt. Wie lange Zeit? Darüber gab nichts eine Auskunft; nur stutzte sein nach dem Himmel emporgerichteter Blick jetzt, vor dem hoch oben ein Lichtschein blinkte. Aus der Richtung von Gaid her, aus einer der Hütten dort, schien er zu kommen, doch er nahm eigentümlich an Breite zu, konnte kein wirkliches Licht, nur der Rückwurf eines solchen von irgendeinem Gegenstande sein. Der Hinschauende saß verhaltenen Atemzugs; noch größer wuchs der helle Schein an und ließ keinen Zweifel mehr. Der Mond mußte ihn droben auf einen weißen Steinhang werfen. Willanders schnellte jäh in die Höh'. Der Mond war dort drüben und tat zweierlei, zeigte ihm durch seinen Stand, wieviel Zeit vergangen sein müsse, und verhieß ihm zunehmende Helligkeit. Und nach einem Atemzug wußte er, was er wolle, griff hastig nach dem Gurt seines Schwertes, dies von sich abzutun. Bei seinem Vorhaben konnte er's nicht an der Seite behalten, ward davon behindert – oder – seine Hand hielt plötzlich inne – konnte es ihm doch zu etwas nötig sein? Ihm war's, als habe jemand ein Wort gesprochen, nur wie ein Windgesumm am Ohr vorübergegangen, aber statt das schon gelöste kurze Schwert fallen zu lassen, schob er es eilig unter sein Wams und schnürte den Gurt fest darüber zusammen. So beschränkte er die freie Regung seiner Beine nicht, und im nächsten Augenblick hob sich sein tastender Fuß zu einer höheren Stufe hinauf. Zugleich kam ihm nachträglich das wie vom Wind gesummte Wort zum Verständnis – »Brückenseil« hatte er gesagt. Die Felsabsätze führten weiter, liefen gleich einer Wendelstiege um den Pfeiler herum; unverkennbar bildeten sie einen an ihm von Menschenhand hergestellten Aufweg. Der Emporsteigende erschrak beinahe. So ging's, wie er's oft an einem steilen Hang getan – das konnte ein anderer auch. Da traf ihn etwas wie mit Blendung. Der Mond schob sich über die östliche Bergwand, es sah aus, als jage er Wolken vor sich her in die Flucht, denn er trat siegreich in ein freies Himmelsstück hinein. Mit einem Schlage ragte die ihm zugekehrte Seite der Felsnadel hellbeglänzt auf. So war's unerläßlich gewesen – der Jüngling empfand, freudig durchzittert, darauf habe er unbewußt gehofft und gerechnet. Plötzlich nahmen die Stufen ein Ende. Wer sie einmal ausgehauen, hatte als nicht möglich erkannt, sie weiter fortzusetzen, oder sie waren von Naturgewalten zerstört worden, verwittert und losgebrochen abgestürzt. Säulenartig hob sich jetzt der verschmälerte Fels empor, nur aus Fugen und Ritzen quollen noch alte, abgedorrte Wurzelknorren hervor. Hier begann das, was Menz Romwald unmöglich genannt hatte. Doch es begann auch, was kein anderer getan und gekonnt hätte. Willanders reckte die Hand nach dem Stumpfen; sie hatten sich fest in das Gestein hineingeklammert und hielten, da und dort bot es daneben eine Scharte, in der auch die Fußhälfte Halt finden konnte. Einer Eichkatze ähnlich kletterte er weiter, schnellte sich von einer Stütze, die unter ihm wich, nach einer anderen hinüber, von einem Instinkt geleitet, ohne Besinnung und Denken. In seinem Kopf ward nur lebendig, daß er auf dem Vestenstein öfter geträumt habe, so hier zwischen Himmel und Abgrund zu hängen, und aufgewacht, nicht begreifen gekonnt, wie er lebend wieder hinuntergekommen sei; von einer hilfreichen Fee müßten ihm Vogelflügel zur Rettung verliehen worden sein. Dazwischen drängte sich ihm etwas anderes, ein Mund sagte: »Der Schwindel hatte mich gepackt, legte sich mir schwarz vor die Augen. Zum andernmal hab' ich's nicht versucht, wäre eher gradezu hinuntergesprungen.« Sein Blick ging einmal nieder, und schwindelnd wandelte es auch ihn so an, statt sich noch höher hinaufzuringen, auf das weißüberschäumte Geblöck des Baches in die Tiefe hinabzuspringen. Auch vor seinen Augen ward's schwarz, er sah nichts mehr von dem grausigen Abgrund; wohltätig jagten finstere Wolken alles verdeckend, über den Mond, und er drückte krampfhaft die Lider fest aufeinander. Da stand vor seinen geschlossenen Augen wie greifbar die Gestalt und das Antlitz Luitgards, ihre blauen Augen blickten ihn wie zwei leuchtende Sterne an, und ihre Hände breiteten ihm vom Vestenstein herab ein paar große, gleich den hellen Blüten der Felsenbirne schimmernde Flügel entgegen. Wie eine im Nu zergehende Traumerscheinung war's! er öffnete die Augen wieder, doch der Schwindel war von ihm gefallen, kehrte nicht zurück. Die Wolken verhüllten den Mond noch, ließen nichts mehr von der Tiefe gewahren, aber das nächste um ihn hatte sich sichtbar erhalten, zeigte wie zum Hohn deutlich um ihn her keine Stumpfen und Knorren mehr vorhanden. Das Schwert bedrückte seine Brust doch, verengte ihr den Atem. Die Linke um eine kleine Felskante klammernd, zog er es zum Wegschleudern mit der Rechten unter dem Gurt hervor. Doch wie zuvor drunten hielt seine Hand in der Bewegung wieder an, ein Gedanke, eine Vorstellung durchschoß ihm blitzgleich den Kopf. In der Felswand befanden sich da und dort zwischen ihren Steinplatten schmale kaum halbfingerbreite Fugen, und in eine von ihnen stieß er mit plötzlicher Eingebung sein Schwert hinein. Fast bist zum Griff drang die kurze Klinge in den Spalt, saß drin fest, bot einen Halt für die Hand, dann für den Fuß, sich dran aufzuheben, eine stützende Vorbuchtung der Felsnadel zu erreichen. Von der aus schien's zuerst nicht möglich, ohne Abgleiten von dem schmalen Steinband mit der Hand nach dem Griff hinunterzufassen, seiner wieder habhaft zu werden; aber es mußte sein, kein anderes Hilfsmittel gab's, und nach fruchtlos-mühvollen Versuchen gelang es der Geschmeidigkeit seiner Glieder, eine Stellung auszufinden, in der er zusammengekauert, wie in leerer Luft hängend, zugleich doch mit der Linken sich angeklammert hielt und mit der Rechten das Unerläßliche ausführen konnte. Er hatte das Schwert zurückgewonnen und hatte dabei gelernt, so tief dürfe es nicht in die Fuge hineingestoßen werden, seine Lockerung falle sonst zu schwer. Ausrastend stand er auf dem kargen Halt, erkannte, umzukehren, wieder hinabzukommen, sei nicht mehr denkbar. Aber was sich ihm als unüberwindlich entgegengestellt, lag bezwungen unter seinen Füßen, – seitwärts und über seinem Kopf klafften ähnliche Spalten in der Wand. Dazwischen sprangen kleine Steinleisten vor. Es gab keine Unmöglichkeit – und wenn, so gab's doch nur noch ein Hinauf. Dazu hatte er das Schwert vom Platner bekommen – dem seine Mutter lieb gewesen. – Wie oft er sich dessen wieder als einzigen Hilfswerkzeuges zum Weitergelangen bediente, kam ihm nicht mehr zum Bewußtsein, doch er nutzte es mit gereifter Erfahrung und hob sich höher an. Wolkenschatten und Mondlicht wechselten um ihn, sein Blick vermied, rückwärts in die Tiefe hinunterzugehen, richtete sich beständig vorauf. Da nahm er einmal während einer Helligkeit zu Haupten – nicht gar hoch mehr – etwas Überragendes gewahr. Wie ein niederzuckender Schlag durchfuhr's ihn vom Kopf bis zur Sohle. Es konnte nichts anderes sein, als der Erkervorbau der Burg, die Pechnase, die ihm am Tage von unten hinauf nur wie ein Habichtschnabel erschienen war. Gleich danach aber nahmen plötzlich, wie drunten die ausgehauenen Stufen, um ihn die Fugen und Spalten ein Ende; senkrecht, jetzt völlig einer Säule gleich, schloß das oberste Stück der Steinwand ohne irgendeine klaffende Öffnung mehr ab. Erbarmungslos klar zeigten es die Mondstrahlen; dazu endete auch die bisherige Stille. Der oben fauchende Sturm stieß herab; er hatte die Fensterluke des Erkers aufgerissen, sie flog hin und her, so nah schon, daß das Ohr deutlich ihr Knallern und Schaltern vernahm. Das Schwert konnte nicht mehr Beistand leisten – hier begann die Unmöglichkeit. – Schwarz wollte sich's Willanders aufs neue über die Augen legen, doch auf einmal klang's ihm wieder wie von einer Stimme im Ohr und sagte: »Unter dem Fenster der Pechnase da sprang abwärts eine Steinrippe etwas aus der Wand und tiefer darunter nach seitwärts noch einmal solche Rippe. –« Wort für Wort hörte er's ganz deutlich – nicht vom Wind gesummt – jählings kam's ihm auch, die Alte habe es gesprochen, die alle im Wolfsturm »Mutter« benannten. Unwillkürlich suchte sein Blick zur Seite umher. – Da trafen die Augen auf etwas – die Alte mußte vom Absturz des Vestensteinfelsens geredet haben – dort sprang eine Steinrippe heraus. Bis zu der hatte sie sich niedergelassen – seitwärts drüber war eine andere unterscheidbar. – Wenn es möglich fiel, die erste, untere zu erreichen. Die Stimme sprach noch weiter: »Ich war noch jung, Kind, das Blut wollte mir stocken beim Gesicht, ich schlüge kopfüber und läge mit zerschmettertem Leib drunten auf den Steinblöcken. –« Auch ihm stockte das Blut, er hatte instinktiv sein Schwert wieder festgeschnürt, wußte nicht, was er wolle, was er tue, nur, es sei das einzige. Dann wachte Besinnung in seinem Kopf auf; er hatte sich seitwärts hinübergeschnellt – ein Gemsensprung war's gewesen – hielt die Hände in den Fels eingekrallt, fühlte die Rippe unter den Füßen. Aus seiner Brust wollte ein Jubelschrei brechen, doch er preßte die Lippen zusammen, suchte mit hastig umfliegendem Blick nach der oberen Steinrippe. Die war leichter, weniger gefahrvoll zu erreichen, und die Gefahr war nur ein bedeutungsloses Wort, denn unsichtbar mußten ihn die hellen, ihm wie Blüten der Felsenbirne von droben entgegengebreiteten Flügel hinübergetragen haben, trugen ihn auch weiter. Aber als er nun auch das zweite Ziel ebenso gewonnen, erschien dennoch alles vergebens. Die Alte hatte sich hierher an einem Strick herabgelassen, war an dem wieder hinaufgelangt; ohne ihn war's noch zu hoch, das Fenster zu erreichen. Er besaß doch keine Flügel, nicht das Vermögen, bis zu zehn Fuß über seinen Kopf hinaufzugreifen. Und dennoch, es gab keine Unmöglichkeit, sie konnte nur mit dem Schein täuschen. Kurz besann er sich; der etwas breitere Stützpunkt verstattete auch freiere Bewegung, den Gurt vom Wams zu lösen und dies abzuziehen. Dann vollbrachte seine Hand Sonderbares, zerschnitt mit dem Schwert das an die Felswand gedrückte Kleidungsstück in schmale Streifen. Doch etwas anderes schoß ihm dabei ins Gedächtnis; er drehte plötzlich das Gesicht von der Steinseite ab ins Freie um, und aus seinem Munde klang zweimal, täuschend nachgeahmt, der hochtönige Schrei einer Ohreule. Danach reckte sein Kopf sich horchend in die Luft; ein paar Augenblicke vergingen, da scholl's, als ob vom Winde verweht, nur eben vernehmbar eine andere Eule ebenso – einmal – zweimal – mit gleichem Schrei erwidere. Nun griff er nach den Gewandstreifen, knüpfte sie in fieberhafter Hast aneinander, die Knoten fest mit den Zähnen zusammenziehend – lang und länger – verschnürte die beiden Endstücke unlösbar mit seinem Wehrgehenk und warf dies über sich in die Höh'. Es fiel zurück – nochmals – zum drittenmal – aber dann blieb's oben, hatte sich an etwas angehakt, drum verschlungen. Er prüfte, hängte sich dran, es hielt, saß fest wie eine Lukenklammer; er hatte, was die Alte zum Wiederhinaufkommen besessen, einen Strick. Mit Blitzkürze knüpfte sich ihm der Gedanke dran, sie war damals auch jung gewesen, und er wußte auf einmal, sie müsse die Mutter Frau Helenas sein. Doch weiter ging sein Denken nicht, er schwebte schon an dem Flechtwerk; der Sturm fuhr schnaubend auf ihn ein, als wolle er ihm wehren; auch schwarze Wolken deckten heranjagend den Mond wieder zu, seine Augen blind zu machen. Aber er bedurfte dieser nicht mehr, nur sein zum Zerspringen hämmerndes Herz mußte aushalten. Einem Balle gleich ward er hin und her geschleudert, doch der sichelgeknotete Strick zerriß nicht. Da stand er in der Pechnase, um ihn lag lichtloses Dunkel. Der einzige war er, der's gekonnt hatte – war noch der einzige auf der Welt, der es konnte –. Er allein kannte im Finstern hier Schritt und Tritt, jeder andere wäre umsonst heraufgelangt. Verhaltenen Atems setzte er lautlos die Füße vor; durchs Gebälk lief ein unaufhörliches Knattern und Knattern, draußen um die Mauern rasselten und krachten die losgerissenen Fensterlatten, aber ihm war's, das Klopfen seines Herzens müsse alles übertönen. Nun kam er aus dem Erkergemach in die kleine gewölbte Flurhalle hinaus, über die durch eine halb offenstehende Tür eine Lichtbahn hinfiel. Flackernde Kienspäne warfen sie aus dem Raum, der den Burginsassen zum nächtlichen Zechgelage diente, und so tat er's auch jetzt. In den Schatten gedrückt, hörte Willanders das klirrende Niederstoßen der Zinnbecher auf den Eichentisch, sah um diesen die Gesichter Christophs und Konrads Teitenhofen, der Waffenknechte Wetzel und Petz, auch die Übelhörin saß zwischen ihnen. Sie schrien, lachten und lärmten, aus allen Zügen loderte ein triumphierendes, hohnvolles Frohlocken. Der Burgherr überschrie die andern: »Das schütt' ich auf den in die Gurgel, der unsern Kellerdachs den Bachsprung machen läßt!« Petz und Wetzel brüllten beide trunken: »Ich tu's! Gebt Ihr zehn Goldfüchse drein?« und aus der »Maultasche« brach's mit schallender Lache: »Ich helf' auch dabei, daß ihr meinen Schwäher sanft zu Bett bringt!« Ein Schauder durchfuhr den unsichtbaren Zuhörer, und dazu plötzlich noch ein anderes Gefühl, das ihn wie ein drohendes Gespenst anfiel. Ihm war's, es werde zu spät, er komme nicht mehr hin – in ihm selbst sei etwas, das seine Hände und Füße lähmen wolle. Alle Kraft zusammenraffend, schwankte er, jetzt wieder in tiefem Dunkel, weiter zum Tor, tastete wie mit fühllosen Fingern nach den Riegeln und schob sie zurück. Beim Öffnen der Bohlentür stießen ihm der Wind und die Strahlen des vom Gewölk wieder frei gewordenen Mondes entgegen; alles lag klar aufgehellt da, trotzdem verdichtete sich vor seinen Augen ein Nebel, durch den er das Gewinde, von dem das Seil der aufgezogenen Fallbrücke festgehalten wurde, nicht zu erkennen vermochte. Näher empfand er das Gespenst herankommen, unsichtbar seinen Kopf und Arm packend; er konnte nur noch das Schwert aufheben, mit einem Hieb das gestraffte Seil zu treffen – im Gehirn kreiste ihm dabei ein letzter Gedanke: das Willandersschwert – das nicht – aber von einer Willandershand geführt. – Dann hörte er nur noch die Brücke niederschlagen, sah noch Menz Romwald an der Spitze eines dichten Gedränges im Nu über sie heranstürmen. Doch mit bewußtem Sinne faßte ers nicht mehr auf; die ungeheuere Anstrengung hatte ihn leiblich und geistig zu Tode erschöpft, ließ auch ihn bei der Erreichung seines Zieles wie vom Leben verlassen zu Boden schlagen. Sein Hieb hatte das Seil noch durchschnitten, doch um einen Augenblick später wäre es vergebens gewesen, daß er einem Irrsinnigen gleich an der Felsennadel des Vestensteins aufgeklommen. Zwölftes Kapitel Über die Brücke aber schossen, von dem Eulenschrei benachrichtigt, Menz und ein Haufen Payrsberger Waffenknechte, als ob der Sturm sie wie Blätter jage, ins Innere der Burg hinein. Beim Gerassel ihrer Eisenkleider fuhren die um den Eichentisch Sitzenden auf, starrten aus trunken-ungläubigen Augen; vom Lichtwurf auf der Flurhalle geführt, drangen die Ankömmlinge schon mit blitzenden Schwertern ins Gemach. Christoph Teitenhofen hatte der Wein noch so viel Besinnung gelassen, daß er das Unerklärbare als eine Wirklichkeit erkannte; blitzschnell verschwanden er und seine Frau durch eine schmale Seitentür in der Wand aus dem Raum. Die andern dagegen waren, ehe sie sich zur Wehr setzen konnten, überwältigt, zu Boden gestreckt, gebunden und geknebelt. Mit lodernden Kienspänen rannten die Payrsberger überall, atemlos suchend, umher, bis von untenher ein Ruf erscholl: »Hier!« Menz Romwald stürzte herzu; durch eine aufgerissene Falluke ward am Grund eines Felskellerloches die Gestalt Ulbert Siekmosers erkennbar. Er lag ohne sich zu regen, vorsichtig hob ein halbes Dutzend von Armen ihn herauf, einen Toten, schien's. Aber er lebte noch, seine Augen öffneten sich einmal, sahen die über ihn gebückten Gesichter bewußtlos an und fielen wieder zu. Menz gebot, daß er über die Brücke getragen und drüben niedergelegt werde; die Vollstrecker des Auftrages trafen vorm Burgtor auf den ebenso regungslosen Körper Willanders und taten mit ihm das gleiche. Andere hatten in allen Räumen der Burg Umsuche nach den beiden beim ersten Getümmel rasch aus der Trinkstube Verschwundenen angestellt und brachten jetzt Botschaft: »Sie sind zum Turm hinauf und haben die Leiter nachgeholt.« Kurz antwortete Menz Romwald: »Schafft alle Lebendigen hinaus!« und die beiden gebundenen Knechte wurden mit Konrad Teitenhofen ebenfalls über die Brücke davongeschleift; sein jüngerer, erst halbwüchsiger Bruder Karl mußte hinter einer Bettstelle, unter die er sich verkrochen hatte, hervorgeholt werden und gleicherweise die alte Ursel aus einem Küchenversteck. Mit zahnlosen Kiefern klappernd, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen, beteuerte, die heilige Madonna anrufend, ihre Unschuld und Unwissenheit von allem, was auf der Burg vorgegangen, doch das böse Gewissen starrte ihr unverhehlbar aus dem verzerrten Gesicht. Nun stellte Menz mit lautem Ruf an die beiden zur Plattform des Bergfrieds hinauf Geflüchteten, sichtbar droben Stehenden die Forderung, herabzukommen und sich zu ergeben. Der Teitenhofener antwortete nicht drauf, schien zu erkennen, daß Widerstand unmöglich sei; die Übelhörin dagegen schrie hohnblickend: Hündischer Knecht! Holt das! Bring' das dem Bankert im Wolfsturm von mir, daß sie sich die Kehle dran stickt!« Ihre Hände rafften von oben angehäuften Felsbrocken einen halbzentnerschweren in die Höh' und warfen ihn über die niedrige Brüstung auf Menz Romwald nieder, der nur eben noch durch einen Seitensprung der Zerschmetterung entging. Danach scholl seine Stimme auf: »So holt der rote Hahn euch herunter!« und seine Beihelfer, die darauf gewartet, häuften im Nu aus der Küche her Reisig, Holzscheite und Strohwische im Erdgeschoß des Turmes an, schleuderten brennende Kienspäne nach. Flammen lohten, und Rauch qualmte bis zum Oberrande des Bergfrieds empor; jetzt rief Christoph Teitenhofen: »Macht das Feuer aus! Wir geben uns!« Aber die Frau neben ihm stieß wild vom Mund: »Ich nicht – ich will nicht dem Bankert in die Hand!« Widrig klang's, doch lag etwas heroisch Trotziges drin und zugleich der ingrimmige Haß, den sie von Kindheit auf gegen ihre schöne Halbschwester in sich genährt; so mochte einst ihre Ahnmutter Margarete Maultasche mit kochendem Blut blindlings gerast haben. Das Mondlicht fiel gegenwärtig frei und hell auf die Plattform, man sah von unten deutlich die beiden Gestalten. Der Rauch schnob dichter, und der Mann wollte am Boden die Falluke öffnen, um durch einen Niedersprung dem sicheren Verderben zu entkommen. Aber das Weib wehrte ihm, hielt ihn gefaßt, schrie: »Du gehörst mir – ich hab' dich nicht verhungern lassen – vorm Richtbeil gerettet, als sie dich von Payrsberg zu mir brachten.« Er stieß zurück: »Du triebst mich zu den Karsthansen – deine Gier – kein anderer hätt' dich – jedem grauste vor deinem Maul –« Beide rangen miteinander um die Luke; sie war stark, und das letzte Wort ließ wütende Kraft in ihr anschwellen. Aber seine Stärke, von der Angst vor dem Verbrennen verdoppelt, war ihr doch überlegen; ihm gelang's, sie aufzureißen und mit den hervorgekeuchten Worten: »Du bist ein Tier!« an die Brüstung zu schleppen, sie über diese in die Luft zu schwingen. Was er wollte, war unverkennbar, sich von ihr frei machen, um sich ungehindert durch die Luke noch retten zu können. Sie fühlte es, und, kraftgebrochen, war sie nicht mehr fähig, sich gegen sein Vorhaben zu wehren. Ihr Körper ward schon zur Hälfte von ihm über den Abgrund vorgebogen, doch im letzten Augenblick packte ihre Hand krampfhaft nach seinem Haar. Er konnte sich nicht davon befreien, verlor den Halt unter seinen Füßen. Ihr schweres Gewicht zog ihn im Niederfallen nach, riß ihn mit über die kaum kniehohe Brüstung, und zugleich mit ihr schoß er an dem senkrechten Absturz der Felsennadel auf das weißüberschäumte Steingeblöck hinunter, von dem Willanders sein Aufklimmen zum Vestenstein begonnen hatte. In kaum längerer Zeit als einer Minute war's vor den Augen der unter dem Turm Stehenden vorgegangen, der Mond beglänzte die leere Plattform. Menz Romwald durchfuhr kurz ein Rütteln der Glieder, aber dann sagte er gleichmütig: »Sie haben dem Scharfmacher in Bozen die Arbeit gespart.« Die Waffenknechte wollten Anstalt treffen, das Feuer im Innern des Bergfrieds wieder zu löschen, doch er hielt sie ab: »Laßt das Aasgeiernest brennen! Wir haben Wichtigeres zu tun. Richtet Bahren zu, den Herrn und den Knaben, der ihn gerettet hat, hinunterzubringen; Tag wird's, bis wir hinkommen. Ich sagte ihm, unmöglich wär's. Eine Fee muß ihm Flügel gegeben haben, sonst läg' er jetzt da, wo die beiden sind.« Eilfertig wurden Tragbahren zurechtgemacht, die jenseits der Schlucht wie tot am Boden Hingestreckten draufzulegen. Mit gefesselten Armen mußten Petz und Wetzel, sowie Konrad Teitenhofen gehen, sein kleiner Bruder lief verständnislos frei nebenher, während die Ursel noch unter gleichem Jammern von ihrer Unschuld zu überzeugen suchte. Hinter den Davonziehenden ragte der Bergfried, in ein rotes Flammenkleid eingehüllt, gleich einer Feuersäule, weithin im Etschtal sichtbar, in die Luft. Die Fallbrücke lag, wie zum Besuch auf den Vestenstein einladend, niedergelassen da; jetzt konnten auch Fuchs und Wolf zu ihm hinüber. Langhin ging's in der Schlinge, unter den Mauern von Payrsberg fort, von dem durch die Luft so nahen Wegziele erst weitabführend; Menz Romwald hatte, Willanders Berechnung entsprechend, in anhaltlosem Lauf mehr als drei Stunden zum Hinaufkommen mit den hurtig bereit gewesenen Beihelfern gebraucht. Bis über' Gebirg' hinunter begleitete den Zug der Mond noch, versank erst, als sie Nals, doch mit diesem die Talstraße erreichten, auf der den Bahrenträgern auch im Dunkel ein behutsames Vorwärtsschreiten möglich ward. Wo der umgefällte Baum den Weg versperrte, brach ein erstes Morgengrauen an, zeigte, wie sich das Hindernis umbiegen lasse; anders gingen schwankend Wetzel, Petz und der junge Teitenhofener hier, als sie im Beginn der Nacht mit ihrer in der Falle verstrickten, halbbetäubten Beute triumphierend steilauf an der Bergwand emporgestiegen, doch reichte das Licht schon zum Erkennen aus, daß ihre Zähne sich trotzig fest zusammenbissen, auf keine Frage einen Antwortlaut hervorzulassen. Wo die Straße gradaus durch Andrian nach Bozen lief, trieb ein Teil der Waffenknechte die gefangen Mitgeführten weiter, der Stadt zu, vor sich her; die andern schlugen rechtshin den Kürzungsweg zum Wolfsturm ein. In diesem hatten die drei Frauen, eng auf einer Bank zusammengedrängt, schlaflos die Nacht verbracht, auf etwas wartend, doch keiner wußte worauf. Menz und Willanders waren nicht wiedergekehrt, kein Wort von ihnen hatte kundgetan, was sie gewollt, was sie taten. Helena und ihre Mutter trugen die schreckensvolle Gewißheit in sich, es sei nichts zu tun, aller Beistand könne nichts ausrichten; beide besaßen genaueste Kenntnis von der Unnahbarkeit des Vestensteins, und bis zum Eintreffen von beweglichem Feuergeschütz aus Bozen müsse es zu spät werden. Nur Luitgard war nie droben gewesen, kannte die Veste einzig aus Willanders Schilderung, und ihr allein kam einmal eine Frage vom Mund, ob denn niemand imstande sei, an dem Felsen bis zur Burg aufzusteigen. Darauf antwortete Maddalena Übelhör, von grausamer Erinnerung überkommen:, »Kind, wenn du's sähest! Wer das versuchte, dem müßt' sein Leben nichts wert sein, daß er's wegwerfen wollte. Hundertmal, könnt's geschehen, würd' er zu Tod stürzen, und am letzten, unter der Mauer, wär's doch alles umsonst gewesen.« Die einzigen während der Nacht durch's Gemach klingenden Worte waren's; auslöschend brannten die Kienspäne zum Ende, ohne daß jemand sich regte, neue anzuzünden, lautlos saßen die Frauen im toten Dunkel. Dann schlich langsam die Dämmerung heran, schritt zur beginnenden Taghelle vor, und wie zum Hohn blitzte nach der wilden Sturmnacht über Bozen her ein Sonnenstrahl durchs Etschtal. Da hallten dröhnende Schläge ans Tor; Menz Romwald war vorausgelaufen, rief atemlos den drei Herausstürzenden entgegen: »Wir bringen ihn – er lebt!« Kurz rang er noch heraus, wie's möglich geworden, Willanders wär' zum Vestenstein aufgeklettert. Von den Lippen des Mädchens flog ein Aufschrei: »Lebt er auch?« – »Man sieht's nicht, er liegt wie tot – aber der Herr holt Atem.« – Auch die Träger der Bahren folgten jetzt nach, und Helena warf sich vor der ihres Mannes auf die Knie, suchte seinen Kopf aufzurichten, rief ihn zärtlich bei Namen. Er schlug seine Augen wieder auf, sah sie an und sagte mit traumhafter Stimme: »Du? Warum weinst du? –« Doch hinein flog von seitwärts ein Ausruf: »Er ist noch warm – er lebt!« Luitgard hatte, gleichfalls zu Boden gekniet, eine von den Händen Willanders gefaßt und ihre beiden um sie zusammengepreßt. Aber er regte sich nicht; was ihn in dem Augenblick, als seine Hand mit letzter Kraft das Brückenseil durchhauen, überwältigt und niedergeworfen, übte die gleiche Macht noch über ihn fort. Er war, hundertfach dem Tod trotzend, zum Vestenstein hinangeklettert, und der Tod, dem er entronnen, suchte nachträglich ein Anrecht auf ihn geltend zu machen. Nur ein Lebenszeichen tat sich an ihm kund; er hatte im Fallen das Schwert nicht fahren lassen, das die Träger, als sie ihn aufgehoben, aus seiner Hand wegnehmen gewollt. Doch die Finger waren krampfhaft um den Griff verschlungen geblieben, so daß sie davon abstehen, ihn mit dem Schwert herunterbringen gemußt, und so hielt er's noch. Der Hieb, von dem Ulbert Siekmoser zwischen dem Baumgezweig hingestreckt worden, war nicht tödlich gewesen, aber er hatte seine Eisenkappe zerspaltet und ihn so schwer betäubt, daß er nichts von allem, seit dem Augenblick mit ihm Vorgegangenen wußte. Auf seiner Lagerstatt gleich wieder in Besinnungslosigkeit zurückgefallen, blieb sein Kopf im Gang der nächsten Tage noch unfähig, das Geschehene mit nur äußerst langsam aufwachender Fassungskraft anzuhören; ein aus Bozen herbeigeholter Arzt ordnete sorglichste Vermeidung jeder Aufregung für ihn an, damit sein mutmaßlich heftig erschüttertes Gehirn durch Ruhe zur Gesundung zurückgelangen könne. Dagegen kam Willanders am zweiten Tage einmal plötzlich zu sich, zwar zunächst gleichfalls ohne irgendwelche Erinnerung in sich zu tragen, so wie wenn er die Lider von einem gewöhnlichen Schlaf im Wolfsturm aufgetan habe. Erst aus einer Frage Menz Romwalds: »Wie hast du's möglich gemacht, daß du hinaufgekommen bist?« schoß ihm jäh ins Gedächtnis und durchfuhr jählings dabei seinen ganzen Körper mit einem grausenvollen Schauder, daß er zum Vestenstein hinaufgeklettert sei, und er sprang mit einem verworrenen Schreckenston in die Höh', als fühle er in diesem Augenblick zum erstenmal den Tod die eisige Hand nach ihm ausrecken, sich unentrinnbar von ihr gepackt. Wie von einem Blitz überflammt stand's vor seinen Augen, er habe als ein Nachtwandler etwas vollbracht, was wachen Sinnen unmöglich gefallen sein würde; wäre er nur für eine Sekunde von der Erkenntnis seines Tuns angerührt worden, so mußte derselbe Augenblick ihn zerschmettert in den Abgrund hinuntergestürzt haben. Verstört wieder von der Denkfähigkeit verlassen, sah er um sich; Menz mußte ihn halten, auf das Lager zurücklegen, und er verfiel aufs neue in Bewußtlosigkeit. Doch atmete seine Brust jetzt allmählich tiefer und gleichmäßiger, bekundete, ein kräftigender, die irre Erregung in ihn niederkämpfender Schlaf habe sich wohltätig seiner angenommen. Beruhigt sahen Helena und ihre Mutter, die öfter eine Zeitlang neben ihm saßen, auf ihn hin; sie sprachen zuweilen in fast unhörbar flüsternder Weise miteinander, die Alte redete meistens am lebhaftesten, und die andere nickte beipflichtend dazu. Luitgard betrat Willanders' Kammer nicht, ihre nur im ersten Augenblick aufgeblitzte Anteilnahme an seinem Zustand schien erloschen zu sein; sie hielt sich, wenn die beiden Frauen nicht zugegen waren, als Wächterin am Bett ihres Vaters auf und ging, von ihnen abgelöst, still ihren häuslichen Obliegenheiten nach. In Bozen aber befliß man sich einer ungewöhnlichen Eilfertigkeit, die sicher hinter Schloß und Riegel verbrachten Gefangenen ins Verhör zu nehmen; erkennbar trat daraus zutage, welche Wichtigkeit die reiche Handelsstadt dem seit manchen Jahren sich vielfach wiederholenden spurlosen Verschwinden ihr Angehöriger im Etschtal beimaß. Der Verdacht, daß diese sämtlich von den Vestensteinern beraubt und ermordet worden seien, hatte sich fast zur Gewißheit angesteigert, doch bei der genauen Durchsuchung aller Räume der Felsenburg waren keinerlei Anzeichen davon zu entdecken gewesen, und die an Wetzel und Petz gerichteten Fragen bezweckten vor allem, Auskunft über das Verbleiben der Beraubten zu gewinnen. Von solchen indes wußten die beiden nichts, einzig von dem Überfall Siekmosers, an dem der Herr von Teitenhofen nach Fug und Recht für ihm zugefügten mehrfachen Unglimpf Vergeltung üben gewollt. Zwar besaß die Zeit von altersher überaus wirksame Hilfsmittel, derartige Fragen zu »verstärken« und halsstarrige Zungen zu lockern, doch bei Petz und Wetzel versagten auch die Streckleiter, Schrauben und Zangen des »Scharfmachers« den Dienst; sie bissen unter den wütendsten Folterschmerzen wildtrotzig die Zähne zusammen, ließen diesen keinen Laut ausfahren, starrten die erfolglosen Handhaber der sonst so beredt machenden Werkzeuge nur aus grimmfunkelnden Augen hohnblickender Gesichter an. Erst als einer der »rechtskundigen« Beisitzer von einem nützlichen Gedanken erleuchtet ward, änderte sich die aussichtlos erscheinende Sachlage. Er gab Auftrag, die alte Ursel herbeizuholen, hieß sie gleichfalls einer »peinlichen« Befragung auf der Streckleiter – selbstverständlich unter sorglichster Rücksichtnahme auf ihre weibliche Sittsamkeit – unterziehen. Ein paarmal ertrug auch sie mit einem gewissen heldenhaften Starrsinn das verlängernde Ausrenken ihrer Beine und Halswirbel, aber bei einer »verschärften« Wiederholung der Frage schrie sie plötzlich einmal jämmerlich auf: »Kasatsch – Kasatsch«. Das war zunächst unverständlich, allein da es ihr vom Mund gefahren, mußte sie sich dreinfügen, das ausgestoßene Wort zu erklären, und infolge davon machte sich noch am selben Tage eine vom Gericht abgesandte Schar auf den Weg zur Umgegend von Nals, dort Nachforschung anzustellen. Die Beauftragten stiegen durch fast unzugängliches Dickicht uralten düsteren Fichtenforstes zu den Trümmerresten der verrufenen, von jedem Menschenfuß scheu gemiedenen Pfeffersburg hinan, aus der bei ihrem Eintreffen ein Schwarm von Raubvögeln und Raben aufstob und den Platz für die Nachsuche deutete. Rasch fanden diese ein brunnenartig-tiefes Verlies der alten Raubburg auf, das beinah bis zur Hälfte mit Gebeinen und drüber gelagerten, noch frischeren Leichen angefüllt, grausig offenbarte, wohin die nächtlich im Etschtal Überfallenen und spurlos Verschwundenen weggeschleppt worden seien, und daß die sagenhaften Überlieferungen dort jahrhundertelang von den früheren Teitenhofener Burgbesitzern verübter schwerer Missetaten in vollstem Maße auf Wirklichkeit beruht hätten. Die noch mit lebendigen Sinnen Begabten mußten sich schnell von der entsetzlichen Moderstätte wieder abkehren, aber dem von ihr gelieferten Zeugnis gegenüber erkannten die beiden Vestensteiner Waffenknechte bei erneuten »Befragungen« als nutzlos, auf ihrem verbissenen Mundtrotz fortzubeharren. Um sich wenigstens noch vor der ihnen sonst zweifellos drohenden näheren Bekanntschaft mit dem »Rade« zu bewahren, legten sie ein offenes Geständnis ab, fügten diesem auch hinzu, daß Christoph Teitenhofen, von seiner Frau dazu angestachelt, als verkappter Anführer der Bauernrevolte die Erstürmung von Payrsberg ins Werk zu setzen versucht habe, doch dabei von dem wuchtigen Schwerthiebe des Burgwarts Siekmoser fast zu Tod getroffen, seitdem unterlaßlos mit dem Plan, sich dafür an ihm zu rächen, umgegangen sei. Das war durch die List des Einäugigen, der das Mittel ausgedacht, ihn in die Baumfalle zu locken, beinahe gelungen, und sie hatten ihn nach ihrer Trunkeinnahme in die Gaidener Bachschlucht hinunterwerfen wollen; von wann die Fallbrücke niedergelassen und so das Herüberkommen der Payrsberger möglich geworden, bildete für sie ein unlösbares Rätsel. In der Tat gelang es Petz und Wetzel vermittels dieser Bekenntnisse, dem allmählichen Zerbrochenwerden ihrer lebendigen Gliedmaßen auf dem Rad zu entgehen, sie wurden am nächsten Tage nur kurzweg auf dem Vozener Galgenberg am Querbalken aufgehenkt, um für einige Zeit dem Wind zur Spielbelustigung und den »Tauben des Henkers« zur Schnabelbefriedigung zu dienen. Der Ursel dagegen blieb, besonders unter Anrechnung ihres verdienstlichen Jammergeschreis: »Kasatsch – Kasatsch!« die gleiche öffentliche Schaustellung erspart; sie ward statt dessen in einen augenentrückt sicheren Gewahrsam versetzt, als nur vieljährige Mitwisserin der vom Vestenstein aus begangenen Verbrechen hinter Gittern ihren Lebensrest in beschaulichem Nachdenken bei Brot und Wasser zuzubringen. Die Unkosten dafür wandte die Handelsstadt Bozen in Anbetracht der Unschädlichmachung des Raubnestes auf der Felsennadel mit größter Willfährigkeit auf. Mittlerweile jedoch war im Wolfsturm nicht nur Willanders zu vollklarer Besinnung zurückgekehrt, sondern auch Ulbert Siekmoser so zur Besserung vorgeschritten, daß kein Bedenken mehr abhielt, ihn eingehend von allem nach seinem bewußtlosen Zusammenbruch Geschehenen zu unterrichten. Abwechselnd taten's Menz Romwald und Helena, indes auch die alte Maddalena vermochte einiges beizufügen, was außer ihr niemand gewußt, sie allein bei dem oftmaligen Zusammensein mit ihrer Enkelin im obersten Turmgemach, von der letzteren selbst ungeahnt, allmählich in Erfahrung gebracht hatte. Das hörte der Genesende nachdenklich, aber merkbar mit besonderer Teilnahme an, und an einem schönsonnigen Vormittage, der alle übrigen bei ihm im Gemach versammelt hielt, ließ er von Menz auch seinen jungen Hausgenossen hinzuholen, streckte dem Eintretenden von der Lagerstatt aus die Hand entgegen und sagte: »Setz' dich her und sprich mir auch einmal von dem, was kein Mensch außer dir angesehen hat und erzählen kann, wie du zum Vestenstein hinaufgekommen bist.« Der Befragte blieb einen Atemzug lang stumm, eh' er Antwort gab: »Ich weiß es nicht – kann nichts davon sagen.« »Aber du weißt doch, warum du's getan hast.« Nun versetzte der Jüngling mit rot überflammtem Gesicht stotternd: »Ich wollte –« »Du wolltest zeigen, was in dir stecke, daß auf dem Blatt von deiner Mutter Hand Wahrheit geschrieben stehe. Das wolltest du beweisen und damit groß tun.« »Nein – ich wollte – ich mußte – weil ich Euch droben in Not und Todesgefahr wußte –« Plötzlich aber stand jetzt Luitgard mit ganz blassem Gesicht auf und sprach laut: »Ich weiß es allein, Vater, warum er's getan hat. Die Ahne hat's in der Nacht gesagt, wer das täte, dem wär' sein Leben nichts wert, daß er's wegwerfen wollte. Aber er konnt's nicht, der Fels durft's nicht nehmen, denn es gehörte nicht ihm; er hatte es mir gegeben, bevor er wegging. Ich muß es ihm wiedergeben, Vater, so wie er's mir gab, mein's für seines – ob Ihr ihn und mich aus Eurem Hause weggehn heißt – ich gehe mit ihm, wohin er geht.« Mit unbeirrbar fester Entschlossenheit schlang sie den Arm um seinen Nacken und gab ihm den Kuß zurück, mit dem er beim Wegstürzen wahrscheinlich für immerdar von ihr Abschied genommen. Jetzt war ihr Antlitz hochrot aufgeblüht und das seinige wie zu Tode erblaßt, er schwankte, als ob er von einer Ohnmacht überwältigt wieder bewußtlos wie auf der Zugbrücke droben niederzusinken drohe. Nach seinem Arm greifend aber schnellte sich Ulbert Siekmoser kraftvoll vom Lager herunter und stieß aus: »Bist du ein Villanders? Großer Bub! Ich könnt' glauben, du wärest mein Sohn, der seine Schwester zur Frau haben wollte. Sich ihn an, Helena, steht er nicht vor deiner Tochter da, wie ich ehemals vor dir, und bringt kein Wort vom Mund! Ich glaube, er kletterte eher noch einmal zum Vestenstein in die Höh'. Das könnte Luit nicht, aber sie hat tapfer gesprochen. Uns bleibt nichts anderes, als sie mit ihm weggehen zu lassen, wenn sie nicht zusammen bei uns bleiben wollen. Denn wohin sie miteinander gehen sollten, weiß ich nicht.« Am Mittag stellte sich als ein unerwarteter Gast der Waffenschmied Berlt Warnkönig im Wolfsturm ein. Er kam im Auftrag der Stadt Bozen, Willanders ihren Dank für das, als etwas noch kaum zu Glaubendes, von ihm Vollbrachte auszusprechen. Die großen Handelsherren ratschlagten, in welcher Art sie sein Verdienst um die Stadt würdig zu entgelten vermöchten. Der Platner traf seinen jungen Schützling Hand in Hand mit Luitgard stehend an, sah wohl ein wenig überrascht, doch ohne eigentliche Verwunderung draufhin und sagte mit einem lächelnden Spiel um die Mundwinkel: »Hast du bei deiner Bärenjagd dem Petz eine Kralle abgeschlagen? Ich riet's dir und gab dir das Schwert dazu. Du siehst, keine Fabel war's und auch nicht, daß man Eisen nicht hämmern wollen muß, solang es spröd ist und sich dagegen wehrt.« Doch danach geriet ein schwermütiger Ausdruck in die Augen des Sprechers, wie er hinzusetzte: »Ich wollte, deine Mutter könnte dich noch sehen. Was sie für dich hinterlassen hat, konnte dir zu nichts nützen, du mußtest dir selbst einen Namen schaffen. Ich denke, wir heißen dich Willanders vom Vestenstein.« Das letzte sagte Warnkönig wieder lächelnd; er berichtete weiter vom »peinlichen« Verhör der beiden Waffenknechte und der Vollstreckung des Urteils an ihnen auf dem Galgenberg. Die Zeit stattete die von ihr Erzeugten mit starken Nerven aus, auch die der zuhörenden Frauen ertrugen die Schilderung der grausigen Entdeckung in den Trümmern der Pfeffersburg; allen an den Missetaten Beteiligten war Recht und Billigkeit widerfahren. Um Christoph Teitenhofen und die Ubelhörin, dasjenige, was von ihnen übrig geblieben, hatte sich niemand bekümmert; daß sie nicht mehr lebten, stand außer Zweifel, die hochschwellenden Spätherbstwasser mochten ihre Reste aus der Gaidener Schlucht in die Etsch davontragen oder Raubgetier auf Wegschaffung derselben bedacht sein; auch ihnen war volles Recht geschehen, selbst Maddalena und Helena wandelte kein mütterliches und schwesterliches Mitgefühl an, sie hatten immer ein geheimes Grauen vor der Nachkommin der »Maultasche« in sich getragen. Konrad Teitenhofen saß, wie die Ursel, in Gefängnishaft, die Regierung zu Innsbruck sollte entscheiden, was mit ihm zu tun sei. Zufall ließ den Waffenschmied noch Mitteilung von einer am gestrigen Tage in Bozen eingetroffenen Nachricht machen, der junge Erzherzog Ferdinand habe gegen den Willen seines Vaters die Tochter eines großen Augsburger Kaufherrn, namens Philippine Welser, auf sein Schloß Ambras über Innsbruck gebracht und dort heimlich eine rechtsgültige Ehe mit ihr abgeschlossen; jeder, der sie gesehen, sei von staunender Bewunderung ihrer Schönheit und ihres jungfräulichen Zaubers erfüllt. Bei dieser Berichterstattung flogen Willanders und Luitgard unwillkürlich von ihren Sitzen in die Höh' und sahen sich stumm mit glänzendem, traumhaft-seligem Blick in die Augen. Niemand der anderen begriff, was über sie gekommen sei, erst auf Fragen erzählten sie etwas befangen von ihrem Zusammentreffen mit jenen beiden unter dem Zürgelbaum der Waldkammer, und das Mädchen holte die Gedichte Walters von der Vogelweide herbei, auf deren erstes Blatt der Erzherzog Ferdinand und Philippine Welser für sie ihre Namen eingetragen hatten. Aber davon, daß Willanders an der gleichen Stelle Luitgard das nämliche getan, was sie dem Herzog seiner heimlich Geliebten beim Weggang zwischen dem Buschgezweig antun gesehen – daß er sie nach den Worten: »Ich möchte wissen, ob deine Lippen von den schwarzen Kirschen auch so süß geworden sind, wie die Nachtigall singt,« zum erstenmal geküßt habe – davon ließen beide nichts verlauten. Überrascht vernahmen alle Zuhörer von der absonderlichen Begegnung, aus der hervorging, daß der zukünftige Herzog von Tirol schon seit längerer Zeit die Absicht seiner jetzt vollzogenen, unebenbürtigen Eheschließung in sich getragen habe, nur Berlt Warnkönig sah mit schweigsam nachdenklichem Gesicht drein. Der Dezembertag brachte schon frühes Abenddunkel, und er brach gleich nach der Mittagsmahlzeit zur Rückkehr nach Bozen noch im Hellen wieder auf. Als er sich verabschiedete, kam ihm noch einmal ein Scherzwort vom Mund: »Möge deine Bärenkralle ihre Kraft weiter bewähren, Willanders, dir und der Jungfrau. Ich kann heute ohne Besorgnis vor einem Überfall heimreiten, das flößt mir Zutrauen auf ihre Wundermitgift ein. Auf Wiedersehen!« Nicht recht verständlich war's, was er mit dem letzten gemeint habe, er schüttelte den beiden herzlich nochmals die Hand und trabte rasch durch Andrian davon. Um ein paar Tage später hat der im ganzen Tiroler Lande hochangesehene Waffenschmied Berlt Warnkönig sein Pferd wieder gesattelt und ungeachtet der schon winterlichen Jahreszeit noch einen Geschäftsritt über den Brennerpaß nach Innsbruck unternommen. Der Zweck, von dem er dorthin geführt worden, nötigte ihn zu unvorgesehen längerem Aufenhalt, so daß Wochen vergingen und das neue Jahr anbrach, ehe er auf tiefverschneitem, eisumfangenem Wege durch die froststarre Hochgebirgswelt wieder zur milddurchsonnten Luft des »Bozener Boddens« hinunterkehrte. Als dann aber zwischen den Terlaner Reben das Gezweig der Mandelbäume sich rötlich zu färben und an den südlichen Berghängen die großen Knospen der Felsenbirne weiße Blütenkelche zu entfalten begonnen, ist im Wolfsturm eine seltsame Botschaft eingetroffen. Ein Schreiben der hohen Innsbrucker Regierung zeigte an, daß dem Edelknecht, der bisher Willanders genannt worden, um besonderer preislicher Verdienste willen die Verstattung erteilt sei, hinfort den Namen seiner Mutter zu führen, und der Urkunde lag ein von Herzog Ferdinand an den »Edlen Wilhelm von Villanders« gerichteter Brief bei mit der Aufforderung, sobald er seine Braut heimgeführt habe, nach Schloß Ambras zu kommen, um in diesem eine Stellung, wie sie seiner Abkunft gebühre, und er sie sich nach seinem Gefallen auswählen möge, zu bekleiden. Dann hatte eine den Lesenden schon bekannte Handschrift nachgefügt: »Es freut sich, daß Luitgard verstehen gelernt hat, was der blaue Vogel sang, und hofft sie bald so glücklich, wie die, welche dieses schreibt, hier wiederzusehen, Philippine Welser.« So ist's, bald nachdem in der alten Terlaner Kirche die eheliche Verbindung »des Herrn Wilhelm von Villanders mit der Jungfrau Luitgard von Siekmoser« stattgefunden, geschehen, und auch die anderen Bewohner des Wolfsturms sind nach der Stadt Innsbruck übergesiedelt, dort in der Nähe der Kinder und Enkel ihr Leben weiterzuführen. Sie haben erlebt, daß nach dem Tode Karls des Fünften sein Bruder Ferdinand den Kaiserthron bestiegen und eines Tages auf dem Schloß Ambras von einem jungen Weibe im Gewande einer Pilgerin mit einem Bittgesuch angesprochen worden, deren Gewährung er der vor ihm Niedergeknieten, von ihrer wundersamen Schönheit und unwiderstehlichen Anmut ihres Wesens verzaubert, nicht weigern gekonnt, sondern ihr zugesagt, sie möge verlangen, was immer es sei. Da war die Bittstellerin seines Sohnes jugendliche Gemahlin gewesen, die von ihm väterliche Verzeihung für sie beide ersteht, und daß sie diese dem besiegten Zorn des Kaisers abgerungen, fand Ausdruck darin, daß er seinen Sohn Ferdinand zum Herzog von Tirol einsetzte und Philippine zur Markgräfin von Burgau ernannte. Zusammen mit ihren beiden, den gleichen Namen führenden Söhnen haben die Knaben des Villandersschen Ehepaares manche Jahre lang um das Schloß Ambras fröhliche Kinderspiele betrieben. Der Brand im Innern des Bergfrieds auf dem Vestenstein hatte die übrigen Teile der kleinen Burg nicht mitergriffen, sie waren erhalten geblieben, doch nach der Gepflogenheit der Innsbrucker Regierung sind gleichfalls manche Jahre vergangen, ehe ein Entscheid von ihr erfolgte, wem sie den Besitz des verfallenen Lehens zuspreche. Konrad Teitenhofen kam nicht in Betracht, ihm war's in einer Nacht gelungen, aus seinem Bozener Gefängnis zu entkommen und spurlos zu verschwinden; er soll, in die Fußstapfen seines Vaters getreten, als Anführer einer Räuberbande im Kampf gegen päpstliche Soldaten gefallen sein. So wurden schließlich die beiden noch unmündigen Knaben Karl Teitenhofen und Josef Siekmoser als erbberechtigt erklärt und zu gemeinsamen Inhabern des Vestensteins eingesetzt; für ihren Sohn indes leisteten Helena und Ulbert Siekmoser Verzicht, so daß der Alleinbesitz an den Teitenhofener Sprößling übergegangen und, wie es scheint, auch noch zwei Geschlechtsfolgen nach ihm verblieben ist. Aber eine Raubburg ist auf dem Felsenpfeiler über der Gaidener Bachschlucht nicht mehr wieder erstanden. Viertehalb Jahrhunderte sind seit dem Berichteten verflossen, und der Wolfsturm befindet sich, wie der größte Teil der kleineren Etschtalfesten, schon seit langer Zeit wieder in Bauernhänden; doch hat er sich mit seiner hohen, gezinnten Umfassungsmauer und dem drüber aufragenden Bergfried bis heute in merkwürdig gutem Stande bewahrt, nur die Menschen, die später noch in ihm gehaust haben mögen, deckt völlige Verschollenheit zu. In Andrian weiß niemand, wer ihn erbaut, wem er gehört hat, und keine Chronik meldet davon. Der Vestenstein dagegen liegt als vollständige Trümmerstätte da, nur zerschartete, gestrüppumwachsene Mauerreste und ein übriggebliebenes Bergfriedstück steigen noch in die Luft auf. Von seiner Geschichte ist als frühestes bekannt, daß »Hans von Villanders« im vierzehnten Jahrhundert mit ihm belehnt worden; wann und wie die endgültige Zerstörung der kleinen Burg stattgefunden, oder ob sie von selbst allmählich in sich zerfallen, berichtet ebenfalls keine Überlieferung. Zweifellos war die Ruine, als etwas gänzlich Nutzloses, schon seit manchen Geschlechtern auch in bäuerlichen Besitz geraten, nur in jüngster Zeit hat der jetzige vermögliche Eigentümer eine Summe auf ihren Ankauf verwandt, um aus ihr einen drolligen, doch nicht eingeschlagenen Nutzen zu ziehen. Die Natur um den Vestenstein aber hat ihr Gesicht jedenfalls nicht wesentlich verändert. Fuchs und Wolf vermögen an seiner Felsennadel nicht hinaufzuklettern, höchstens könnten's Luchs und Wildkatze, doch beide sind in der Bergwelt unterm Gantkofel so wenig mehr vorhanden, als Bären. Verblieben dagegen ist da und dort der seltsame, bis zum Etschtal vorgedrungene Einwanderer aus dem Süden, der Zürgelbaum – Celtis australis – und wer einen solchen, zu besonderer schlanker Höhe und Schönheit emporgediehen, kennen zu lernen wünscht, vermag ihn, im Spätsommer mit »schwarzen Kirschen« bedeckt, in der nächsten Nähe von Terlan in Augenschein zu nehmen. Ob er der Lotos der Lotophagen gewesen, dessen Früchte in den Gefährten des Odysseus das Gedächtnis an die Heimat, den Wunsch, zu ihr zurückzukommen, ausgelöscht, ist nicht mit Gewißheit festzustellen, wird behauptet und bestritten.