August von Kotzebue Sultan Wampum, oder: die Wünsche. Ein orientalisches Scherzspiel mit Gesang in drei Aufzügen. Erschien 1792.   Theater von August v. Kotzebue. Vierter Band. Rechtmäßige Original-Auflage. Verlag von Ignaz Klang in Wien und Eduard Kummer in Leipzig.   1840.     Personen Schach Wampum, Beherrscher von Schiras. Hussein, Oberster der schwarzen Verschnittenen. Nurraddin, ein junger Kaufmann. Caled, sein Diener. Alma, eine junge Waise. Ein europäischer Arzt. Ein Genius. Ein Kämmerling. Zwei Schildwachen.     Erster Act. (Ein freier Platz nahe bei Schiras, mit Ruhebänken unter Cypressen und Feigenbäumen. An der einen Seite ein Brunnen unter Gesträuch versteckt.) Erste Scene. Alma. Immer neu, und immer neu Sprudelt meine liebe Quelle, Wie geht das zu? – Warum schlägt mein Herz so schnelle? Eins, zwei, drei! – Eins, zwei, drei! – Närrchen, was begehrest du? Immer neu, und immer neu Ist des Herzens Schelmerei, Wie geht das zu? – Nirgends Feuer, und ich brenne, Und ich wünsch', was ich nicht kenne, Habe Schlaf und doch keine Ruh, Wie geht das zu? (Geht mit einem Wasserkruge zum Brunnen, schlägt ihren Schleier zurück und schöpft.) Mein Schäfchen dürstet – hat auch keine Mutter mehr. Alma und ihr Schäfchen sind beide mutterlos. Und Wasser muß ich dem armen kleinen Dinge bieten, statt der Milch. Habe ich doch selbst nur Wasser für meinen Durst, ein wenig Reis und eine Traube für meinen Hunger. Arme Alma! (Sie will gehen und blickt von ungefähr in die Ferne.) Sieh, welch' ein großer Zug kömmt dort von Pferden und Kameelen mit schwerem Gepäcke. Das ist die Straße, die aus der Wüste kömmt. Ob ich ein wenig verweile, und all' den Reichthum vorüber ziehen sehe? – Ach! dürfte ich nur die Last eines Kameels mein nennen, mir und meinem Schäfchen wäre auf immer geholfen. – Halt! da geht einer auf mich los. Geschwinde den Schleier über. (Sie verhüllt sich.) Zweite Scene. Alma. Caled (mit einem Wasserkruge). Caled. Segen des Propheten über dich, schöne Dirne. Sei barmherzig und zeige mir einen Brunnen hier in der Nähe. Wir sind neun Tage durch die Wüste gezogen, unser Wasser ist warm und lebendig, mein Herr verschmachtet vor Durst. Alma. Hier ist ein Brunnen. Du bist müde, setze dich, ich will für dich schöpfen, und deinen Krug füllen. Caled. Mögest du einst dafür in allen neun Himmeln neben den zwölf Imans sitzen. (Er lagert sich auf eine Bank, Alma schöpfet mit ihrem Kruge und füllt den Krug.) Alma (während der Arbeit). Ihr kommt wohl weit her? Caled. Wir sind in ganz Persien herumgezogen. Alma. Und bringt eine reiche Ladung mit nach Hause. Caled. So reich, daß wir den Schach Wampum fragen können, ob er Schiras verkaufen will. Alma. Was tragen denn die vielen Kameele? Caled. Sie tragen Indigo, Cochenille, Stahlklingen und Panzerhemden aus Korasan, Wolle von Kaschemir und Kerman, Gold und Silberstoffe aus Ispahan, Seidenwaren aus Ardebil und Manna, Sennesblätter und Rhabarber aus Kilan. Vierzig Pferde und siebzig Kameele, alle wohl gepackt, sind meines Herrn Eigenthum. Alma. Wer ist dein Herr? Caled. Ein junger Kaufmann, reich wie der große Mogul. Sein Vater starb vor wenig Monden. Alma. Da hast du deinen Krug, er ist voll. Wohl bekomme es dir und deinem Herrn. Caled (thut einen Zug aus dem Kruge). Ha! das erquickt, belebt, erfrischt. Habe Dank, schöne Dirne, und ehe wir scheiden, laß mich dein Antlitz seh'n. (Er will ihr den Schleier aufheben.) Alma (sich zurück ziehend). Bist du ein Fremdling in diesem Lande, so will ich dir verzeihen, daß du nicht weißt, was bei unserm Volke Sitte und Gebrauch ist. Caled. Es ist unter allen Völkern gebräuchlich, die Schönheit zu bewundern, und wo möglich zu entschleiern. Laß alte Weiber sich in Leichentücher hüllen, ihre Schönheit ward vorlängst zur Leiche. Dein Mund ist nicht geschaffen den Schleier zu küssen. Wahrlich, Mädchen! dein Trunk hat frisches Blut in meine vertrocknete Adern gegossen! Du bist schlank, aber die schlanken Mädchen sind nicht immer schön. Du bist gut aber die guten Mädchen sind selten schön. Ein Blick aus deinen häßlichen oder schönen Augen wird diese alten Erfahrungssätze bestätigen oder Lügen strafen. (Er versucht von neuem den Schleier weg zu reißen.) Alma (sich sträubend). Hat mein guter Wille Beleidigungen verdient? Caled. Kind, dein guter Wille und deine Schönheit haben nichts mit einander gemein. Besser wäre es, wenn deine Schönheit mehr guten Willen hätte. Alma. Ich bin nicht schön. Caled. Das sagt dein Mund. Aber das schwarze Auge , das da durch den Schleier blitzt, wie der Abendstern durch eine Wolke, spricht ganz vernehmlich, mein Mund lügt. Und höre, Mädchen, daß du meinen Wunsch, dir in dies blitzende Auge zu gaffen, eine Beleidigung schiltst, das ist Ziererei. Ihr Dirnen habt es gar zu gern, wenn man gafft und sich blind gaffen möchte. Alma. Mir gilt es gleich. (Sie sucht vergebens zu entschlüpfen, weil ihr Caled immer den Weg vertritt.) Caled. O ho! das ist nicht wahr. Aber daß du dich so geberdest , das ist in der Ordnung. Noch mehr; ich werde Gewalt brauchen, du wirst zürnen, dein Mund wird mich schelten, und dein Herz wird mir's Dank wissen. Alma. Was der Mensch nicht alles glaubt. Caled. Es kommt auf den Versuch an. (Er wiederholt seinen Angriff.) Alma. Bleib mir vom Halse oder ich schlage dich. Caled. Das wären nicht die ersten Schläge von Händen, die mich nachher gestreichelt haben. Darauf wage ich es. (Er setzt seinen Krug ab, und geht auf sie los.) Alma. Verwegener! ich bin eine arme Waise, habe weder Vater noch Brüder, die meinen Schimpf rächen könnten. (Sie sträubt sich heftig.) Caled. Desto besser! Alma. Laß mich! Hilfe! Hilfe! Dritte Scene. Nurraddin. Vorige. Nurrad. Was gibts hier? Caled. Nichts, d'rum will ich nehmen. Nurrad. Wieder einmal ein dummer Streich, Caled! Caled. Den hat die Dirne gemacht, als sie schrie. Alma. Ach Herr! steht mir bei! ich ging hierher an den Brunnen, für mein Schäfchen Wasser zu schöpfen. Da kam der böse Mensch und sagte, er dürste. Da schöpfte ich auch für ihn Wasser, – das war nun freilich eben nicht Dankens , aber auch nicht Schimpfens werth. Schützt mich, guter Herr! ich habe niemanden, der mich schützt. Nurrad. (mit strengem Blick zu Caled) . Elender! (zu Alma.) Sei ruhig, gutes Kind, dir soll kein Leid wiederfahren. Wer bist du? wie nennt man dich? Alma. Ich heisse Alma. Mein Vater war ein Gärtner, zog die schönsten Trauben und die schönsten Granatäpfel um ganz Schiras. Er ist todt und meine Mutter ist auch todt. Mir haben sie ein Schäfchen hinterlassen, das ist alles. Ich diene nun bei einem Manne, der vormals meines Vaters Knecht war. Dort jene Hütte ist meine Wohnung. Nurrad. Deine Stimme ist so sanft und beschleicht das Herz mit süßem Wohl und Weh. Was meines Dieners Ungezogenheit dir nicht entreißen konnte, entlockt dir vielleicht meine Bitte. Laß mich dein Antlitz ohne Schleier seh'n. Alma. Herr, die Sitte unsers Landes – Nurrad. Ist mir bekannt. Aber ich verspreche dem züchtigen Mädchen Bescheidenheit und Ehrfurcht, wie es einem gut gearteten Jünglinge ziemt. Alma. Ich darf nicht. Nurrad. Du sagtest vorhin, du habest weder Vater noch Brüder: Laß mich dein Bruder sein; willst du? Alma. Ach, du bist ein reicher Mann, und wolltest der armen Alma Bruder sein? Nurrad. Um so eher. Die arme Alma bedarf eines reichen Bruders. Aber weißt du auch, daß eine Schwester sich vor ihrem Bruder entschleiern darf? Alma. Das weiß ich. Nurrad. Wohlan, so laß mich nicht vergebens bitten. Ich schwöre dir beim Propheten, deine Tugend und Keuschheit sind sicher bei Nurraddin, dem Sohne Osmins. Alma (schlägt ihren Schleier zurück und blickt verschämt zur Erde) . Nurrad. und Galed (beide wie von einem Blitzstrahl geblendet) . Nurrad. (entzückt, stürzt zu ihren Füßen) . Göttliches Geschöpf! Alma (ihren Schleier wieder überwerfend) . Du hältst nicht, was du versprachst. Nurrad. (ergreift ihre Hand und drückt sie feurig an seine Lippen) . Auch du nicht. Du versprachst mir ein Menschen-Antlitz zu enthüllen, und siehe da, es erscheint mir ein Mädchen aus Muhameds Paradies. Alma. Steh' auf, Herr, es ziemt dir nicht zu knien. Das ist nicht brüderlich, du hast mich getäuscht. Nurrad. Nein, nein! ich kann nicht dein Bruder sein. Ich kannte weder dich noch mich, als ich das versprach. Aber ich will dir mehr sein als Bruder – (schüchtern) dein Gemahl. Alma. Du spottest einer armen Dirne. Nurrad. (sie zärtlich anblickend) . Sieh in mein Auge, ob du Spott darin liesest. Alma. Spott oder Betrug. Nurrad. Nicht doch, schone Alma. Ich bin ein Kaufmann, der nie falsche Ware zu Markte brachte, weder im Handel noch in der Liebe. Alma. Steh' auf, wenn ich dich hören soll, und laß mich los, wenn ich mich nicht vor dir fürchten soll. Nurrad. (thut beides) . Ich habe ein einziges Weib; meines Vaters Ueberredung gab mir Fatime; sie ist häßlich, aber eine gute, sanfte Seele. Sie wird die Freundin meiner Geliebten sein, und meine Geliebte die Beherrscherin Nurraddins. Alma. Ich bin ein armes Mädchen, ohne Rathgeber, ohne Vertheidiger. Wenn du mich betrügen willst, so wird es dir leicht werden; aber es wird dir schwer werden, es dort zu verantworten. Nurrad. Ich schwöre dir bei meines Vaters Asche! das; ich es treu und redlich meine. Folge mir ohne Scheu. In wenig Stunden ist jeder Zweifel gehoben, der deine fromme Seele ängstigt. Alma (schwankend) . Soll ich dir folgen? Ach daß ich noch eine Mutter hätte, die meine unerfahrne Jugend leiten könnte! – Wenn ich dir folge – (Mit Selbstgefühl,) Werden Tugend und Schamhaftigkeit mich nicht überall begleiten? – Wohlan, ich folge dir. Gott gebe zur guten Stunde! – Doch noch eins, ehe wir aufbrechen. Zwar weiß ich wohl, man fragt uns arme Mädchen nicht, ob wir den Gemahl auch lieben können? man fordert nur sklavische Unterwürfigkeit von uns. Aber du scheinst Liebe zu begehren. Nurrad. Liebe zu bitten. Alma. Nun so bin ich dir ein aufrichtiges Geständnis; schuldig; du gefällst mir, aber ich liebe dich noch nicht. Nurrad. Fühlst auch, das du mich nicht lieben wirst? Alma (stockend) . Das fühle ich nicht. Nurrad. Nun so geht meine Liebe mit der Hoffnung Hand in Hand. Zärtliche Beharrlichkeit hat oft schon Gegenliebe erbettelt. Alma. Süßer Bettler! Ach! wie wahr ist es doch, was der große Dichter Sadi von der Quelle und der Liebe singt. Es ist ein Wechselgesang, kennst du ihn? Nurrad. Wohl kenn' ich ihn. Wie wär' es, liebes Mädchen, wenn wir ihn zum Weihgesang unserer Liebe machten! Du bist so schön, so sanft und gut, gewiß hast du eine schöne Stimme, die an's Herz geht. Laß uns Sadis Lied singen, holde Dirne. Alma. Warum nicht. Ist es doch, als ob es der Dichter für uns gedichtet hatte. Alma und Nurraddin. Alma. Unerschöpflich ist die Quelle, Wie des Meeres Ufersand; Wasser schöpfte meine Hand Oft und viel an dieser Stelle, Immer mehr, und immer mehr, Und der Brunnen wird nicht leer. Nurraddin. Unerschöpflich – süße Triebe Machen unsers Lebens Glück; Eines Mädchens holder Blick Schöpft aus meinem Herzen Liebe, Immer mehr und immer mehr, Und das Herz wird nimmer leer. Alma. Wenn im heißen Sand Eines Landmanns Hand Dürre Felder pflegt Doch der Brunnen nie versiegt; Fluren schmachten rings umher, Doch der Brunnen wird nicht leer. Nurraddin. Wenn der Weisheit Kraft Jede Leidenschaft In den Schlummer wiegt, Doch die Liebe nie versiegt. Bettler macht sie Fürsten gleich, Denn das Herz bleibt immer reich. Alma. Ungewitter und Regen Machen das Wasser trübe. Nurraddin. Eifersucht und Hader Sind die Qualen der Liebe. Beide. Doch was am Abend trübe war, Das ist am Morgen hell und klar. Nurrad. Süßes Geschöpf! Alma. Guter Jüngling! da nimm meine Hand. Ich will dem redlichen Blick deiner Augen trauen, laß uns gehen, aber dort an meiner Hütte vorüber. Ich muß mein Schäfchen holen, es ist mein ganzer Reichthum. Nurrad. Es soll am Morgen und am Abend aus meiner Hand fressen. (Im Abgehen zu Caled.) Du, Caled, hast deinen Abschied. Ich leide keinen Menschen um mich, der sich durch Sittenlosigkeit zum Pavian erniedrigt. (Er führt Alma ab.) Vierte Scene. Caled. Meinen Abschied, mit dem Pavians-Titel! Schön! vortrefflich! da möchte man vor lauter Sanftmuth bersten. – Und was habe ich denn gethan, wenn wir's beim Lichte betrachten? – Ich habe den Schleier wegreißen wollen, und er hat ihn weggeschwatzt . Ist es meine Schuld, das Schwatzen bei den Weibern mehr gilt, als Handeln ? – Warte, junger Herr, es soll dir nicht so hingeh'n. Und wenn ich mich nicht anders rächen kann, so mache ich mit einem Trupp herumschweifender Kurden und Araber gemeine Sache, und plündern alle deine Caravanen. – Und das süße, wispernde, kleine Ding – (Ihr nachspottend.) Sie will ihr Schäfchen holen – ei ja doch, das Schäfchen wird vor der Hand gute Ruhe habe». (Er geht fort.) Fünfte Scene. (Der Audienzsaal im Palast des Sultan Wampum , im Hintergrunde mit Springbrunnen verziert,) Chor. Heil dem Gebieter im Orient! Dir tönet zum Empfang Ein Jubelgesang! Es schallen Trompeten, Es lispeln die Flöten, Die Pauken brummen, Die Hörner summen, Die Vögel verstummen! Es neigen, Es beugen Kometen, Planeten, Und alle Gestirne am Firmament, Sich vor dem Gebieter im Orient. ( Wampum, Hussein und Gefolge treten unter dem Chore herein, Sklaven rücken den Sopha zurecht, auf den sich Wampum niederläßt. Man reicht ihm eine Pfeife.) Wampum. Genug gesungen! – Geht eurer Wege. (Chor geht ab.) Hussein! Hussein. Was befiehlt der Gebieter von Asien dem Geringsten seiner Sklaven? Wampum. Wovon sprach ich doch, ehe der Singsang anfing? Hussein. Dein erhabener Geist, von Staatsgeschäften ruhend, beglückte mit einem Gedanken die gestrige Pastete, welche der europäische Arzt zubereiten ließ. Wampum. Recht, ich dachte an die Pastete. Ist etwas davon übrig geblieben? Hussein. Sie war so glücklich, ganz in den Nahrungssaft Deiner Majestät verwandelt zu werden. Wampum. Man soll mir diesen Abend wieder eine solche zubereiten. Hussein. Mit Entzücken werden die Köche Deinen ernährenden Willen vollbringen. Wampum. Mein ernährender Wille, das ist gut, das ist recht gut; das muß man dir lassen, Hussein, du verstehst dich gut auszudrücken. (Pause – er gähnt abermals.) Hussein! warum gähne ich denn so oft? Hussein. Wahrscheinlich hat der widerspenstige Schlaf dem Beherrscher der Gläubigen nicht gehorcht. Wampum. Das ist nichts gesagt. Gegen mich ist man auch widerspenstig, wie? – Ich habe geschlafen, und gut geschlafen. Du hast unrecht. Hussein. Dein Sklave hat immer Unrecht. Wampum. Denn wenn man gähnt, ohne schläfrig zu sein, so gähnt man nicht, weil man schlafen will. Verstehst du das? Kannst du dagegen etwas einwenden? Hussein. Wer vermag zu kämpfen gegen die Waffen der Beredsamkeit! Wampum. Das dachte ich wohl. Also, warum gähne ich? – weil ich krank bin. Hussein. Dafür wolle Ali und die zwölf Imans das Reich von Schiras behüten. Wampum. Das sollten sie freilich, denn wofür betet man sie an? Aber noch haben sie mich nicht einmal vom Zahnweh befreien können, ob ich gleich den Namen Ali , auf einen Talisman gegraben, am Halse trage. Geh', hole mir den europäischen Arzt. Hussein (mit sklavischen Verbeugungen ab) . Sechste Scene. Wampum. (Er gähnt abermals.) Sieh da, schon wieder. – Sollte ich das Unglück haben, in's Paradies versetzt zu werden, so würde Persien einen Vater verlieren, das hat mir Hussein gar oft gesagt. Siebente Scene. Hussein tritt mit dem Arzt herein. Wampum. Wampum. Deine Pastete war gut, das versteh' ich und muß es versteh'n. Bitte dir eine Gnade aus. Arzt. Ich habe nichts zu bitten. Hussein (bei Seite.) Großer Prophet! welch' ein Narr! Wampum (verblüfft) . Wie? – Hussein, was sagst du? Hussein. Seine Verwegenheit macht mich stumm. Wampum. Verwegenheit! ist das Verwegenheit, wenn man nichts zu bitten hat? – Recht, so ist es. (Zum Arzte.) Verwegener Sklave, bitte, oder ich gewähre dir ohne deine Bitte fünfhundert Schläge auf die Fußsohlen. Arzt. Sultan, ich bin nicht Dein Sklave, sondern ein Engländer aus der Faktorei von Bassora, den die Wißbegierde tiefer in's Land trieb. Hat die Pastete Dir gut geschmeckt, so möge sie Dir wohl bekommen. Willst Du mich belohnen, so thue es. Ein König belohnt unverhofft wie ein Gott. Wampum (winkt Hussein zu sich) . Hör' einmal, Hussein! (Ihm in's Ohr.) Ist das wahr, was der Wurm da sagt? Hussein. Wenn es Deiner Hoheit so vorkömmt. Wampum. Beim Bart des Propheten, es kommt mir so vor! Nun Sklav'! du sollst sehen, daß ich auch ein König wie ein Gott bin. Ich schenke dir eins von meinen Weibern, unter der Bedingung, daß du ein Rechtgläubiger werdest. Hussein. Großmüthiger Wampum! glücklicher Christ! Arzt. Freigebiger Sultan, ich muß auf Deine Gnade Verzicht thun, denn für's erste halte ich nicht viel von Weibern, die schon eines andern waren; und für's zweite hab' ich auch keine Lust, meinen Glauben zu verleugnen. Hussein. Mir schaudert die Haut! Wampum. Laß ihn doch einmal ein wenig spießen, oder vom Thurm herab in die Zacken werfen. Hussein. Deine Hoheit vergißt, daß wir um Deiner kostbaren Gesundheit willen seines Rathes noch bedürfen. Wampum. Du hast Recht, Hussein. Wir wollen mit dem Spießen noch ein wenig warten. (Zum Arzt.) Tritt näher, Wurm! und sage mir, was ich thun muß, um gesund zu werden? Arzt. Was fehlt Dir, Sultan? Wampum. Ei, wenn ich dir das sage , so ist es keine Kunst mehr. Arzt. Hast du die Lust zum Essen verloren? Wampum. Die Lust zum Essen? ich glaube beinahe. Hussein, was esse ich denn? Hussein. Viel zu wenig für die Erhaltung der kostbaren Kräfte, welche das große Schwungrad des Staates täglich in Bewegung setzen. Wampum. Sieh, das war gut gesagt. Hussein hat seinen Sadi und Hafiz studiert. Nun, was esse ich denn? Hussein. Des Morgens genießt der Beherrscher der Gläubigen eine Schüssel voll Weintrauben, ein Brot und einen Ziegenkäse. Diesen folgen sieben Schalen Kaffee, wobei der Rauch des Kalians unaufhörlich in die Lüfte steigt. Des Mittags nimmt die Sonne Asiens, außer einer Schale voll geronnener Milch, Brot, Früchte und einen Hammelbraten, nichts von Bedeutung zu sich. Des Abends allein darf man zu behaupten wagen, der Sultan esse ein wenig, indem sodann ein stark gewürzter Pillau in Fleischbrühe gekocht, geröstetes Fleisch, ein Dutzend Granatäpfel, und einige Becher Sorbet die tägliche Laufbahn des Helden beschließen. Arzt (lächelnd) . Hast du nichts vergessen? Hussein. Nichts als acht Flaschen Schiras-Wein, welche von Zeit zu Zeit die Vatersorgen für das Wohl zahlloser Völker versüßen. Wampum (bejaht dies durch ein freundliches Nicken) . Arzt. Im Mangel der Eßlust dürfen wir also das Uebel nicht suchen. Ist Dein Schlaf ruhig? Wampum. Dumme Frage! als ob ein Schlaf auch unruhig sein könnte. Warum schläft man denn? wie – und ich verstehe zu schlafen, so gut wie ein anderer Sultan. Wenn ich allein bin oder im Divan sitze, gleich schlaf' ich ein. Arzt. Hast Du irgendwo Schmerzen? Hussein. Wie kannst du glauben, verwegener Christ? daß Schmerzen es wagen dürften, die geheiligte Person des Sultans anzutasten. Arzt (lächelnd) . Nun so muß ich wirklich meine Frage wiederholen: woran spürt Deine Hoheit das Dasein der Krankheit. Wampum. Ich sehe wohl, ich muß deiner Dummheit zu Hilfe kommen. Ja, wenn meine sultanische Weisheit nicht wäre, überall muß die stützen, sonst fiele ganz Schiras in einen Klumpen. Sieh her, du unwissender Narr! ich will dir meine Krankheit zeigen. (Er gähnt ganz gewaltig,) Arzt. Du gähnst. Wampum. Nun ja, das ist's ja eben! Ha! ha! ha! endlich hat er es begriffen. Freilich gähne ich und wohl zehntausendmal in einem Tage. Aber warum gähne ich? das sage mir einmal. Arzt. Du hast Langeweile. Wampum (wie von einer großen Wahrheit ergriffen) . Langeweile? – Hussein, bei Alis Grabe! er hat's errathen. – Aber was soll ich thun gegen die Langeweile? He! antworte mir einmal darauf . Arzt. Diese Krankheit pflegt in der Familie der Sultane oft erblich und unheilbar zu sein. Indessen, wenn es Dir Ernst ist, sie los zu werden – Wampum. Sieh einmal, Hussein! der Wurm meint, ich spasse mit ihm. Arzt (fortfahrend) . Eine Stunde des Tages könntest Du recht angenehm ausfüllen, wenn Du auf dem großen Platze vor Deinem Palaste ein Zelt aufschlagen ließest, Dich darunter setztest und jedem Unterthan dein Ohr gönntest. Wampum. Daß sie mir Mährchen erzählten? Der Vorschlag ist so übel nicht. Weiter! Arzt. Eine Abendstunde würde ich dazu anwenden, verkleidet durch die Straßen zu schleichen, und überall das Unrecht zu belauschen und ihm zu steuern. Wampum. Verkleidet? ist das nicht so viel wie vermummt? Hm! ja, das wird mir viel Spaß machen. Weiter! Arzt. Auch würdest Du wohl thun, Deine Residenz durch prächtige Gebäude zu verschönern, wie Dein erlauchter großer Vorfahr Kerim Chan , dessen Andenken noch unter dem Volke im Segen steht. Wampum. Halt das Maul! ich leide es nie, daß man meine Vorfahren in meiner Gegenwart lobt. Arzt. Deine Völker klagen – hilf ihnen! und Du wirst nie gähnen. (Er entfernt sich schnell.) Achte Scene. Wampum. Hussein. Wampum. Verdammter Sklave! lauf ihm nach, Hussein, frage ihn, ob er sich lieber die Ohren ab- oder den Leib aufschneiden lassen will? Hussein. Ich eile, ihm des Sultans Gnade anzukündigen. Wampum. Halt! verzieh' noch einen Augenblick! (Tief nachsinnend.) Wenn ich ihm den Bauch aufschneiden lasse, wo bleibt da die Pastete? Das muß man erwägen. Hussein. Da hat Deine Weisheit Recht. Wampum. Das wüßt' ich. Wir Sultane haben unsre ganz eigene Art, ein Ding von der rechten Seite anzusehen. Lassen wir ihn leben! Der Mensch ist etwas dumm. Das ist seine Schuld nicht. Die Natur kann nicht lauter Wampums machen, und er – backt gute Pasteten. – Hussein! Hussein. Großer Gebieter! Wampum. Muß ein großer König nicht Verdienste belohnen? Hussein. Allerdings. Wampum. Gut, wir wollen zeigen, daß wir ein großer König sind. – Der Wurm soll Vezier werden, und wenn er mir vollends die Langeweile vertreiben könnte – Hussein. Ach! mächtigster Beherrscher der Gläubigen! das wird er schwerlich. Hat Deine Majestät nicht aus seinem eigenen Munde vernommen, daß eben in königlichen Palästen die Langeweile ihren Thron am liebsten aufschlägt, und erblich darin herrscht? Wampum. Höre, mein guter Freund, ich will dir rathen, deine Zunge auf ein ander Mal besser im Zaume zu halten. Dem Propheten sei Dank! wir versteh'n zu regieren. Hier im Palaste kann niemand einen Thron haben außer mir. Hättest du der Langenweile allenfalls die Stufen des Thrones angewiesen. – Hussein. So meint es Dein Sklave. Wampum. Also auf den Stufen sitzt sie, merk' dir das! – Nun laß hören, wie jagen wir sie da weg! Hussein. Wenn ich mich erkühnen darf, zu rathen: durch Springer und Gaukler – Wampum. Weg damit! ich weiß alle ihre Bewegungen auswendig. Hussein. Durch eine Partie Schach. Deine Hoheit ist der stärkste Spieler am ganzen Hofe. Wampum. Das weiß ich, aber das greift den Kopf an, ob ich gleich immer gewinne. Hussein. Vielleicht würde es Dir Vergnügen machen, einigen Sklaven die Köpfe herunter zu säbeln? Das ist zugleich eine nützliche Leibesbewegung und könnte die Eßlust verstärken. Wampum. Das wäre etwas . Aber es ermüdet mir den Arm, und die ganze Freude dauert doch mit zehn oder zwölf Sklaven kaum eine Viertelstunde. Hussein. Unsere Dichter legen dem Umgang mir Weibern eine große Zauberkraft bei. Sadi, Hafiz und Jami , behaupten einstimmig, eines Weibes sanfter Blick vermöge Arabiens Wüsten in Alis Paradies umzuzaubern. Wampum. Sadi, Hafiz und Jami haben gelogen, das sag' ich. Seht doch, ein Paradies! – Ich habe 70 Weiber, aber ich will nicht Sultan sein, wenn ich weiß, wo mir der Kopf steht, so oft ich eine halbe Stunde in meinem Harem bin. Die eine lacht immer, die andere liebäugelt immer, die dritte schlägt immer die Augen nieder, die vierte sagt immer ja , die fünfte ach ja , und die sechste o ja , die siebente klimpert mir Lieder vor, die ich nicht hören mag, und die achte hat Sadis Gedichte auswendig gelernt, die ich nicht verstehe, und wenn ich einmal nach dem Schnupftuche greife, ja da laufen sie, da rennen sie und gaffen mich an, und weisen mir die Zähne, und greifen nach meiner Hand, und zerren sich um mich – das hat man davon, wenn man schön ist, und Sultan obendrein. Hussein. Mächtigster Wampum! sollte ich irren, wenn ich die Muthmaßung wage, Deine Hoheit sei eben nicht der Weiber überdrüßig, sondern nur dieser Weiber. Warum machte die europäische Pastete gestern Abend ein so ausgezeichnetes Glück? Sie war dem Gaumen des Beherrschers der Gläubigen etwas neues, etwas fremdes. Mein unmaßgeblicher Rath wäre daher: Sultan Wampum, der Erhabene, ließe sogleich einen Firman ausgeh'n und an allen Ecken der Straßen von Schiras austrompeten, des Inhalts: »Wer dem König der Könige binnen drei Stunden das schönste Mädchen in seinen Harem liefert, der soll aus dem Füllhorn seiner Gnade überschüttet werden.« Wampum. Bei den Knochen des großen Kameels zu Mesched! dieser Vorschlag ist gut. Recht, Hussein! getroffen. Ich sehe immer einerlei Gesichter, und das macht mir Langeweile. Du hast Verstand! bitte dir eine Gnade ans. Hussein. Ich bitte um den Kopf meines Feindes, des Veziers. Wampum. In Muhameds Namen, laß ihn heruntersäbeln. Und der mir das schönste Mädchen bringt, soll Vezier werden; wie? Hussein. Ich eile, Deinen gnädigen Willen zu vollstrecken. Wampum. Noch eins; meinen Sängern draußen befiehl, daß sie mich in den Schlaf singen – Ich bin von den vielen Staatsgeschäften, und Meditiren und Raisonniren recht müde. Aber sie sollen mir die Trompeten und Pauken weglassen – die stören mich sonst, hörst du? Hussein. Im Nu soll Deinem Willen Gehorsam geleistet werden. (Ab.) Neunte Scene. Wampum. Ja, ja, wir wollen doch einmal seh'n, ob die hübschen Mädchen in Schiras herangewachsen sind. – Was mir der Kopf weh' thut! kein Wunder bei so vielen Geschäften. Die ganze Welt beneidet die Sultans, ja, wenn die Leute nur wüßten, wie sauer es einem wird. – Ein Stündchen Schlaf wird mir wohl bekommen – (Er beginnt zu schlummern.) Ha, ha, ha! – Der Vezier wird sich wundern – der hat geglaubt – sein Kopf sitze ganz fest – und – schwubs, ist er herunter. (Er sagt die letzten Worte ganz unvernehmlich, und fängt gleich darauf an zu schnarchen.) Schluß-Chor. Alle. Weg die schmetternden Trompeten! Laßt uns sanfte Töne wählen. Leise, leise, Harfen, Flöten, Singet mit gedämpften Kehlen! Es weicht der fühle Morgen, Es brennt die Mittagsglut, Der König der Könige ruht Von seinen schweren Sorgen. Sein Blick ist Morgenthau Auf einer dürren Au; Er lächelt, – alles lebt; Er drohet, – alles bebt; Er redet, – alles schweigt; Er winket, – alles keucht; Er trauert, – alles trauret; Er blickt, – alles lauret; Er zürnt, – alles flieht; Er will, – und es geschieht. Schwarz ist weiß, Kalt ist heiß, Der Wallfisch ist ein Hecht, Und er hat immer Recht. Er lächelt, – Hahaha! Er drohet, – Huhuhu! Er redet – (Pause.) Er winket – Flink! flink! auf seinen Wink! Er trauert – O weh! Schwarz ist weiß – Ja! ja! ja! Kalt ist heiß – Ja! ja! ja! Der Wallfisch ist ein Hecht, Ja, er hat immer Recht! Er schlummert – stille! stille! Höret den Monarchen! Welch' ein lieblich Schnarchen! Welch' ein feistes Stöhnen! Welch' ein fetter Klang! Es ersterbe der Gesang In immer schwächern Tönen; Stille! – stille! Zweiter Act. Erste Scene. Wampum (der eben erwacht – nach einem herzhaften Gähnen, sieht er sich um, sein Ton ist noch ganz schläfrig). Hussein. Wampum. Nun, was ist das? sind die hübschen Mädchen da? Wie viel sind ihrer? wie sehen sie aus? – Nun? noch keine da? Hussein. Man hat noch kein Mädchen gefunden, großer Wampum, das würdig wäre, Deine Knie zu umfassen. Wampum. Man soll machen, daß man es findet. Oder ist mein Firman dem Volke noch nicht kund gethan? Hussein. Schon seit drei Stunden, in allen Straßen, allen Marktplätzen, und an den Thoren von Schiras. Wampum. Ha, ha, ha! was meinst du, Hussein? das wird einen Aufruhr unter den Mädchen geben? die werden laufen und schreien und nur den Palast bestürmen. Hussein. Ich gab Befehl, nur die schönsten vor Dich zu lassen. Wampum. O ho, da kömmt mir ganz Schiras über den Hals, die Gänschen bilden sich alle ein, daß sie hübsch sind. Ha, ha, ha! war daß nicht eine witzige Bemerkung? wie? Hussein (pflichtmäßig aus vollem Halse lachend) . Ha, ha, ha! göttlich witzig! Wampum (lacht, daß ihm der Bauch schüttelt) . Hussein (sucht noch zu übertreffen) . Zweite Scene. Vorige. Ein Kämmerling (tritt herein). Kämmerl. Ein Sklave wünscht vor Deiner Majestät sich in den Staub zu beugen. Wampum. Ein Sklave? was will er? wie sieht er aus, und wie heißt er? Kämmerl. Es ist ein Fremder, und hat Deiner Majestät Entdeckungen zu machen. Wampum. Fremd? Ich bin nicht fürs Fremde – und Entdeckungen? Man soll mir nichts entdecken, denn ich weiß schon alles. Wofür bin ich denn Schach? wie? – Aber laß doch hören, wie sieht der Wurm von einem Sklaven aus? Was für eine Miene hat er? Kämmerl. Wie die Demuth selbst – Herr, er sieht aus, als ob er den bloßen Wink Deiner hohen Augenbraunen fürchtete. Wampum. Furcht! Er soll herein kommen. Ich hab' es gerne, wenn sich die Leute vor mir fürchten. Und weil sich der arme Narr vor mir fürchtet, so kann er sich da in die Ecke hinstellen. Meine majestätischen Augenbraunen sollen ihm keinen Schaden thun, sag' ihm das. Kämmerl. (geht hinaus, nach einer kleinen Pause tritt Caled herein) . Dritte Scene. Caled. Vorige. Caled (sich niederwerfend) . Dreimal glücklicher Tag! an welchem dem glücklichen Caled vergönnt wird, das Paradies offen zu sehen. Wampum. Was, du siehst das Paradies offen? bist du ein Prophet? Caled. Den Palast von Schiras betreten, den König der Könige schauen, heißt das nicht das Paradies offen sehen? Wampum. Ha, ha, ha! Du gefällst mir. Merke dir das, Hussein, laß es aufschreiben, und gib irgend einem berühmten Dichter eine Mahlzeit, daß er es in Verse bringe, es soll mir zuweilen vorgesungen werden. Nun Sklave, rede, was willst du hier im Paradiese? Caled. Deine Herolde haben den Befehl verkündigt, die schönste Dirne des Reichs für Deinen Harem zu erkiesen. Meine Ohren haben es vernommen und athemlos eile ich hieher, das reizendste Mädchen auch zum glücklichsten zu machen, indem ich es in die Arme meines Gebieters liefere. Wampum. Du? nein wirklich? seht doch, wer hätte es dem fremden Fratzengesichte angesehen? nun, wo ist sie denn? mach fort! Caled. Großer Wampum! du mußt eilen, diese Taube dem Geier zu entreißen, der im Begriffe ist, sie in sein Nest zu schleppen. Wampum. Taube, Geier? der Mensch ist nicht recht bei Sinnen. Mein Palast ist kein Taubenhaus, und ein Geier hat hier nichts zu thun. Schafft mir den tollen Menschen vom Halse. Am Ende sieht er den Saal hier noch für eine Menagerie an, und uns für die Thiere darin. Fort mit ihm! Caled. Deine Hoheit versteht mich unrecht: die Taube, von der ich rede, ist das schöne Mädchen, das ich dem erhabenen Beherrscher von Schiras zuführen will, und ihr Geier ein junger Kaufmann, Nurraddin, der sich noch heute mit ihr vermählen will. Wampum. Mit dem Tode will ich ihn vermählen, den Hund! Caled. Wenn es Deiner Hoheit gefällt, mir einen von Dir unterschriebenen Firman und eine Wache mitzugeben, so verpfände ich meinen Kopf, sie binnen einer Stunde in den Palast zu liefern. Wampum. Ob es mir gefällt? freilich gefällt es mir. Hussein, bringe mir sogleich einen fertigen Firman zur Unterschrift. Und du erzähle mir, wo und wie du das Mädchen gesehen hast. Caled. Dein Sklave gehorcht. Ich hörte ein Mädchen singen – Wampum. Wiederhole mir den Gesang. Caled. Das ist mir nicht möglich; ich hörte den Anfang in der Ferne. Wampum. Das ist wohl nur eine Ausflucht, und du Esel kannst nicht singen. Caled. O ja, großer Schach! und wenn Du erlaubst, so singe ich Dir die ganze Geschichte vor. Wampum. Singen? eine Geschichte singen? thut man das? Caled. O ja, weiser Schach, wenn man singen kann. Romanze. Wir kamen von der Küste Mit wohlgenährtem Bauch, Wir zogen durch die Wüste, Leer war der Wasserschlauch, Und wir und die Kameele Sehr matt an Leib und Seele. Wampum. Halt, halt einmal, guter Freund! warum zogt ihr denn durch die Wüste? Warum nahmt ihr keinen bessern Weg? Caled. Weil es keinen bessern gibt. Wampum. Und wenn ihr kein Wasser hattet, warum trankt ihr keinen Wein? Caled. Wir hatten keinen. Wampum. In Zukunft befehle ich euch, welchen mit zu nehmen. Hörst du? daß man euch nicht wieder in der Wüste ohne Wein ertappt! Ich kann die Wüsten nicht leiden, am wenigsten solche, in welchen kein Wein wächst. Jetzt fahre fort. Caled. Wir nahten uns den Thoren, Horch! horch! da tönt' und klang Urplötzlich in die Ohren Ein himmlischer Gesang: Dudel didel dadel didel, lululululu! Ein Mägdlein, wie kein Träumer Von Dichter je erblickt, Das hatte mit dem Eimer Zum Schöpfen sich gebückt, Und sang tralall, tralall, Wie eine Nachtigall. Wampum. Weiter, weiter! das Ding klingt närrisch genug. Caled. In lichterlohem Feuer Entbrannt' ich armer Tropf; Allein ein dichter Schleier Verhüllte Brust und Kopf. Den dacht' ich wegzureißen, Sie wird mich ja nicht beißen. Wampum. Aber ich werde dich beißen, mein guter Freund, wenn du dich unterstehst, deine Hand an eine Sultanin zu legen. Caled. Deine Hoheit vergißt, daß sie damals nur noch eines Gärtners Tochter war. Wampum. Lirum larum! das Mal will ich es vergessen, will, verstehst du? denn wenn ich nicht wollte, wer könnte mich zwingen, he? Caled. Keine menschliche Seele, mächtiger Schach! Wampum. So mein' ich es auch – Na erzähl' nur weiter. Galed. Obgleich wie Ungeheuer Die hübsche Dirne schrie, Schwatzt doch mein Herr den Schleier Herunter ohne Müh', Und führte sie nach Hause Zu einem Hochzeitschmause. Wampum. Das soll er wohl bleiben lassen! seh' einer die Verwegenheit, mir ein Mädchen wegzunehmen, mir? In tausend Stücke will ich ihn säbeln lassen. Caled. Das Mädchen heißt Alma , ist zwar nur eines Gärtners Tochter, aber auch auf den Wiesen blühen schöne Blumen. Hussein (bringt den Firman) . Hier ist der Firman und hier eine Feder mit goldener Tinte gefüllt, um den großen Namen Wampum hinzuzufügen. Wampum. Gib her. (Man reicht ihm ein kleines sammtnes, mit Gold befranztes Pult, welches er auf das Knie legt, und weitläufige Anstalten zur Unterschrift macht.) Ja, Hussein, du weißt wohl, das geht so nicht recht. Ich verspüre einige Wallungen in meinem königlichen Blute. Die Hand zittert mir, du mußt mir ein wenig helfen. (Hussein führt ihm die Hand.) So, nun ist's geschehen. Eile, niedriger Sklave, und kehre schleunig zurück, mir Rechenschaft zu geben von dem Entzücken des schönen Mädchens. Aber mach es geschickt, daß das Mädchen nicht stirbt vor Freude, eh' ich sie zu sehen kriege. Caled. Mit möglichster Behutsamkeit werde ich auf ihr Glück sie vorbereiten. Ich küsse den Staub unter Deinen Füßen. (Er geht fort.) Wampum. Höre, Hussein, ich weiß wohl, daß das so sein muß, aber die Redensart gefällt mir doch nicht: Ich küsse den Staub unter deinen Füßen. Ich habe ja keinen Staub unter meinen Füßen. Laß einen Firman ausgehen, man soll in Zukunft nicht mehr so sagen, man soll sprechen: »ich wünschte der Staub unter Deinen Füßen zu sein!« oder »ich bete Dich an!« oder so etwas dergleichen, das nicht gar zu demüthig klingt, weil ich das nicht liebe, ich. Hussein. Ich erstaune und verstumme. Wampum. Nun warum verstummst du denn? Hussein. Unter zahllosen Tugenden ziert auch die Bescheidenheit den Thron von Persien. Wampum. Ja, ich bin bescheiden, ich, das kommt daher, weil ich Verdienste habe. Aber das hindert doch nicht, daß mich hungert. Laß uns zur Tafel gehen. (Er erhebt sich schwerfällig, Hussein hilft ihm.) Ach, Hussein! welch' ein mühseliges Amt ist es, Sultan zu sein. (Er watschelt fort.) Hussein (begleitet ihn) . Vierte Scene. (Zimmer in Nurraddins Hause.) Nurraddin führt Alma herein. Nurrad. Mit dem ersten Schritt, den Alma über diese Schwelle thut, zieht auch der Segen der Liebe in mein Haus. Alma (sich neugierig umsehend) . Dein Haus gefällt mir, dein Haus ist recht schön. Nurrad. Nur öde kam es mir bis jetzt vor, ihm mangelte, was weder Marmor noch Cedernholz, weder Goldfirniß noch arabische Malerei ihm geben könnten. Alma. Was mangelte ihm denn? Nurrad. Die süße Bewohnerin, ohne welche auch die schöne große Welt öde sein würde: Die Liebe . Alma. Ja, man spricht aber, sie wohne nicht gern in solchen schönen Häusern; sie kehre lieber in einer Hütte ein; sie spiegele sich lieber in hübschen Augen als in solchen prächtigen Krystallen. Nurrad. Ach nein, gute Alma. Es wäre auch zu hart, wenn der Arme, der schon die Zufriedenheit vor uns Reichen voraus hat, auch noch von der Liebe allein begünstigt wurde. Alma. Das kömmt mir auch so vor. Dem Armen würzt die Liebe seine Arbeit , dem Reichen seine Langeweile. Nurrad. Liebe ist die Freundin eines guten Herzens. Alma. Sie kömmt uneingeladen. Nurrad. Und ist doch immer willkommen. Alma. Sie nimmt vorlieb mit der Dürftigkeit. Nurrad. Weil sie den Reichthum mitbringt. Alma. Hoch oder Niedrig, Sultan oder Waffenträger, gilt hier gleich. Nurrad. Sie findet doch allenthalben einen Thron. Alma. Armer Thron, den sie nicht theilt. Nurrad. Die Natur wäre arm ohne sie. Alma (von tiefer Empfindung ergriffen) . Die Natur selbst muß die Liebe sein. Nurrad. Deine fromme Ahnung trügt dich nicht, schönes Mädchen, du allein könntest der Gottheit widerstehen? Alma. Ich widerstehe ihr ja nicht – Mein Herz ist offen, bereit, jeden Eindruck willig aufzunehmen, ja ich fühle, daß mein Schäfchen mir nicht mehr alles ist. Das arme Ding! Es wird sich zu Tode härmen, wenn es merkt, daß Almas Liebe sich vermindert. Nurrad. Gib ihm ein anderes Schäfchen zum Gefährten, und es wird zufrieden sein. Alma. Ach ja, noch ein Schäfchen! Du bist ein guter Mensch, ich fühle, daß ich dich lieben werde – ich fühle – daß ich dich liebe – Nurrad. Nie soll dich deines Herzens Wahl gereuen. Gut, schöne Alma, kröne meine Liebe! noch diesen Abend laß ein frohes Hochzeitsfest uns feiern. Alma. Noch diesen Abend? – ach! – sag' mir doch, warum ich nichts dagegen habe, und doch bei dem Gedanken zittere? Nurrad. Jungfräuliche Schüchternheit, das ist es alles. Du willigst ein? Du willst? Alma. Ich will! (Stumme Umarmung.) Fünfte Scene. Caled. Vorige. Nurrad. Ha, was willst du hier? habe ich dir nicht verboten, die Schwelle meines Hauses zu betreten? Caled. Vergib, Nurraddin, ich würde es auch nicht gethan haben, wenn nicht – Nurrad. Was wenn nicht : pack' dich fort! und danke es meiner Langmuth, daß ich nicht durch meine Sklaven dich mißhandeln lasse. Caled (hämisch) . Wenn nicht der Befehl des Sultan Wampum mich hieher brächte. (Er überreicht ihm den Firman in ein Stück Tafft gewickelt.) Nurrad. Des Sultan Wampum? wie kömmst du mit dem Sultan zusammen? Caled. Von ohngefähr, wie Nurraddin mit der schönen Alma. Nurrad. (liest) . Ha! was ist das? Caled. Zur schuldigen Dankbarkeit für Eure freundliche Begegnung. Nurrad. Hämischer Bösewicht! Caled. Pavian wollt Ihr sagen. Nurrad. Alma, wir sind verloren! Alma. Was ist dir? erkläre dich, Geliebter? Caled. Geliebter schon? Ei, das ist schnell gegangen. Nurrad. Der Sultan verlangt dich für seinen Harem. Alma. Verlangt mich, aber will ich denn? Caled. Seine Hoheit haben für dies Mal nicht beliebt, darnach zu fragen, ob du wollest. Alma. Nun so beliebt es mir auch nicht zu gehorchen. Caled. Das wird sich finden. Nurrad. Ich sehe den Abgrund, der sich unter meinen Füßen öffnet. Caled, willst du 1000 Tomans? sie sind dein. Caled. Ei, wie anders klingt das! ich danke Herr. Ihr wißt, ein Pavian braucht wenig Geld, er findet überall für seinen Zahn etwas zu knacken. Nurrad. Nimm die Hälfte meiner Schätze, aber laß mir Alma. Caled. Der Sultan hat dieses Mädchen höher taxirt. Alma. Der ganze Handel kommt mir drollig vor. Laß mich mit ihm gehen, Nurraddin, ich will dem Sultan sagen, daß ich nicht in seinen Harem mag. Nurrad. Mit ihm geh'n? zum Sultan? nimmermehr! Nein, hier bleibt mir nur ein Mittel übrig. Gern will ich allen meinen Schätzen den Rücken kehren. Wir müssen flieh'n. Eine ländliche Hütte soll uns aufnehmen – Alma. O ja! und die Liebe soll die Arbeit unserer Hände würzen. Ich bin gewohnt zu arbeiten. Caled. Ich danke euch, daß ihr mich zum Vertrauten eurer Flucht macht. Nurrad. (den Dolch zuckend) . Dich, Unhold, stoße ich zuvor nieder. (Er geht auf ihn los.) Caled (fällt ihm in den Arm und ruft) . Wache! (Die Wache tritt herein.) Caled. Entwaffnet ihn! greift dieses Mädchen, schleppt sie fort. (Ein Theil der Wache entwindet Nurraddin den Dolch, der auf den Boden fällt. Der andere Theil ergreift die sich sträubende Alma, und zieht sie fort.) Nurrad. (indem er mit der Wache kämpft) . Ha, Unmensch! Alma (indem sie fortgeschleppt wird) . Hilfe! Nurraddin, rette mich! Caled. Lebt wohl, junger Herr, und erinnert Euch zuweilen in einsamen Stunden Eures gehorsamen Pavians. (Er folgt der Wache.) Sechste Scene. Nurraddin (allein). (Er wirft sich betäubt in einen Sessel.) Wie ist mir gescheh'n! Dunkel und finster um mich her – herabgeschleudert von der Höhe meines Glücks! – (Pause.) Du möchtest sprechen: was ist's nun mehr? vor wenig Stunden hast du Alma noch nicht gekannt, und warst froh und glücklich. Jetzt ist es ja wieder eben so. Hat man dir deine Schätze geraubt? Hat man dich in Fesseln geschlagen? Du darfst ja nur die paar Stunden aus deinem Leben ausstreichen. – Ach vergebens! Reichthum befriedigt nur den, dessen Herz nie besseren Freuden offen stand. – Was braust mir da im Kopfe! – Was nagt mir da im Herzen? – Du schauerliches Gefühl, dein Name ist Verzweiflung! – (Er springt hastig auf, und ergreift den Dolch, der auf der Erde liegt.) Ich kann nicht ohne sie leben! ich will sie besitzen, oder sterben! (Er rennt fort.) Siebente Scene. (Der Saal im Palast.) Wampum watschelt herein, hinter ihm Hussein. Wampum. Ich sage dir, der Hammelbraten war nicht braun genug. – Laß dem Koch zweihundert Streiche auf die Fußsohlen geben. Hussein. Ganz wohl! Wampum. Und hundert dem Gärtner, weil er sich unterstanden hat, mir Granatäpfel auf den Tisch zu setzen, an welchen die Sperlinge genascht hatten. Hussein. Ganz wohl! Wampum. Und die Sperlinge sollen hiermit auf ewig aus meinem Reiche verbannt sein. Hussein. Ganz wohl. Wampum. Auch die Raupen will ich nicht länger dulden; ich kann die zerfressenen Blätter nicht leiden. Hussein. Ganz wohl. Wampum. So ein Gerippe von einem Blatte erinnert mich an den Tod, und niemand steht bei mir in größeren Ungnaden, als der Tod. Kämmerl. (tritt herein) . Der Sklave von diesem Morgen, welcher ein verschleiertes Mädchen bringt. Wampum. Ist er da? Das ist mir lieb, denn ich bin gerade in einer ärgerlichen Laune. So ein Hammelbraten, der nicht braun genug ist – ich kenne nichts Aergerlicheres auf der Welt. Achte Scene. Caled. Alma (verschleiert) . Vorige. Alma. Großer Sultan, dieser Mensch hat mich mit Gewalt aus den Armen meines Bräutigams gerissen. Du kannst das nicht befohlen haben? Wampum. Nicht befohlen? Warum nicht befohlen? Warum kann ich das nicht befohlen haben? Wofür bin ich denn Sultan? Alma. Auch ein Sultan kann keinem sein Eigenthum nehmen. Ich bitte Dich, laß mich nach Hause geh'n, gib mich meinem Geliebten wieder! Heute Abend sollte unsere Hochzeit sein. Wampum. Ei seht doch, wenn ich nun selbst Lust habe, Hochzeit zu machen. Fort mit dem Schleier! Wenn du mir nicht gefällst, so kann es leicht gescheh'n, daß meine Großmuth dir deine Bitte gewährt. Alma (entschleiert sich) . Wampum (ganz erstarrt) . Was! wie! beim Propheten! Sie ist schön, wie ein Engel, und untersteht sich, an einen andern Mann zu denken, als an mich? Caled, ich mache dich zu meinem Vezier. – Komme her, Mädchen, und liebe mich. Alma. »Komme her, Mädchen, und liebe mich.« Eine drollige Art, Liebe zu fordern! Es beliebt dem Sultan mit seiner Sklavin zu scherzen. Wampum. Scherzen? Wer sagt das? Ich bin so ernsthaft, daß es dir deinen schönen Hals kosten kann, wenn du länger Umstände machst. Weißt du wohl, daß an meinen Augenbraunen da Leben und Tod hängt! Alma. Tod und Leben mag d'ran hängen, aber Liebe wahrlich nicht! Wampum. Höre, du sprichst verdammt kühn. So läßt kein Sultan mit sich reden. – Aber weil du so hübsch bist, so will ich einmal thun, als ob ich nicht Sultan wäre, und will nicht böse werden; denn wenn ich böse werde, so bin ich fürchterlich zornig. Nun sag' an, du kleine hübsche Dirne, was muß man denn thun, um dir zu gefallen? Alma. Man muß liebenswürdig sein. Wampum. Und bin ich denn nicht liebenswürdig? – Ha, ha, ha! Ich bin sehr liebenswürdig! Hussein, nicht wahr? Hussein (verbeugt sich tief) . Alma. Es mag sein, aber nicht in meinen Augen. Wampum. Nun so ist's um deine hübschen Augen schade. Sie haben den Staar, so wahr ich Sultan bin, und mein europäischer Arzt soll ihn dir stechen. Alma. Deine Hoheit ist allzugnädig. Ich bin mit meinen Augen ungemein zufrieden. Nurraddins Liebenswürdigkeit steht hell und klar vor ihnen. Wampum. Das soll sie aber nicht, ich befehl' es hiermit. Wornach sich zu achten. Aber wissen möcht' ich doch, was dir an dem Verwegenen, wie heißt der Wurm schon? so gefallen hat? Alma. Ei, er hat mich gebeten , süß gebeten, ihm zu folgen, und da bin ich ihm gerne gefolgt. Du aber hast mich mit Gewalt in den Palast schleppen lassen. Die Liebe kennt keine andere Gewalt, als Seufzen und Bitten. Wampum. Ha, ha, ha! Hört, wie das schwatzt. Hast du jemals gehört, daß ein Sultan seufzt? Nein, sieh einmal, ich bin zu alt, um das zu lernen. Aber was ein Sultan sonst versteh'n muß, das verstehe ich so gut als Einer. Alma. Es gilt mir auch gleich, und ich wollte nicht, daß Du um meinetwillen seufztest. Wampum. Warum nicht? Alma. Weil es doch nur vergebene Mühe wäre. Wampum. Mühe? Ha, ha, ha! Gebe ich mir denn jemals Mühe? He – und wenn ich mir welche gebe, so könnte sie ja nicht vergebens sein? Begreifst du das? Alma. Nicht so recht. Ich würde Dich doch nie lieben. Wampum. (entrüstet) . Nicht lieben! was! – und warum denn nicht? Alma. Weil Du mir nicht gefällst. Wampum. Und warum gefalle ich dir nicht? Aha! da sitzen wir und wissen nicht zu antworten. – Nun, wir vergeben dir in Gnaden. Aber du kannst ja hübsch singen. Sing! Alma. Ach, mir ist nicht singerlich! Wampum. Du sollst singen, ich befehle es. Alma. Ich will Dir ein Gärtner-Lied singen, das mein Vater mich gelehrt hat. Alma. Der Sultan ist die Sonne, In deren Strahl der Garten blüht; Vezier ist dann der Gärtner, Der alles fleißig übersieht; Die Weiber sind die Rosen, Sie welken bald und riechen schön; Höflinge sind die Tulpen, Nur bunt und artig anzuseh'n; Die Dichter sind die Nelken, Gewürzhaft, kräftig ihr Geruch; Derwische sind das Unkraut Des Gartens, und des Gärtners Fluch; Der Weise ist ein Veilchen, Das nur im Gras verborgen blüht; Der Freund ist Immergrün, Das man um eine Pappel zieht; Doch weder Frucht, noch Schatten, Ihr guten Blümlein, gebet ihr; Die Bauern sind die Früchte, Von deren Fleiße leben wir. Wampum. Tausend, das klingt schön – höre Hussein, da kömmt mir ein Gedanke ein. Von nun an soll alles in meinen Staaten singen, vom Vezier an bis zum Wasserträger. Wer mir eine Bittschrift überreicht, Berichte abstattet, Firmans zur Unterschrift bringt, alles soll singen, und besonders die Schildwachen, damit sie nicht auf ihren Posten einschlafen – Hörst du, daß das sogleich anbefohlen wird – Und die kleine Hexe da führe man in den Harem. Alma. Nimmermehr, nimmermehr! Wampum. (nach seiner Art aufspringend) . Widerspenstige! ich lasse dich mit Ruthen peitschen. Alma. Ein Liebhaber und ein Bund Ruthen, großer Prophet! Welch' ein drolliges Geschöpf! Wampum. Ich ein Geschöpf? Was? Ich ein Geschöpf? – Wenn du nur nicht so verdammt hübsch wärst. Alma. Das war es eben. Dein Zorn beugt sich vor meiner Schönheit. Lerne daraus, daß auch Macht und Hoheit ihr unterthan sind. Wampum. Wer hat jemals dergleichen gehört? Sie macht mich zum Unterthan! Mich, den König der Könige. – Laß dir ein Wort im Vertrauen sagen, gutes Kind. Jetzt gehe ich in's Bad, und gebe dir drei Stunden Bedenkzeit. Hast du dich dann noch immer nicht eines Bessern besonnen, so tritt ein Stummer in dein Zimmer – und was bringt er? Eine goldene verdeckte Schüssel! Und was liegt in der Schüssel? Der Kopf deines Nurraddins. Ha, ha, ha! Merkst du nun, daß ich wieder Schach Wampum bin. (Er watschelt fort.) Neunte Scene. Vorige, ohne Wampum. Alma. Das wäre das Kennzeichen eines Sultans! Mein Vater hat mich anders gelehrt. Hussein. Ach, was verstand dein Vater davon? Der war ein Gärtner, und es ist noch ein himmelweiter Unterschied zwischen der Gärtnerei und der Regierungskunst. Caled. Einer Favorit-Sultanin ist alles zu sagen erlaubt. Hussein. Freilich, auch die Wahrheit. Alma. Nennt mich, wie ihr wollt, ich bleibe doch, was ich bin. Caled. Das heißt: ein Mädchen. Hussein. Nein, das wird sie nicht bleiben. Das Mädchen wird zur Frau werden. Alma. Nurraddins Frau. Hussein. Im Traum, warum nicht? Alma. Also darf man im Harem doch wenigstens träumen, was man Lust hat? Hussein. O ja, wenn man nicht etwa die üble Gewohnheit hat, im Schlafe laut zu sprechen. Alma. Schade, so würde man denn doch einmal in diesen Mauern die Wahrheit hören. – Aber ich bin eurer Gesellschaft satt. Ich will fort. Hussein. Dein Sklave ist bereit, dir ein Zimmer anzuweisen. Alma. Meine Zimmer sind in Nurraddins Hause. Hussein. Liebes Kind, sei vernünftig. Dein Sträuben wird dir nichts helfen, und deinem lieben Nurraddin schaden. Alma. Meinem Nurraddin schaden? Hussein. Hast du die Drohung des Sultans vergessen? Alma. Die doch nicht Ernst war? Hussein. O wahrhaftig, er spaßt nicht. Nurraddins Kopf wackelt, wie ein Thurmknopf bei einem Erdbeben. Alma. Guter Nurraddin! Das wäre der Lohn deiner Liebe! Warum mußtest du gerade heute nach Schiras kommen? Warum mußte ich gerade in jener Stunde zum Brunnen geh'n? Warum mußte dieser Unhold mich finden? Caled. Warum mußtest du schreien? Alma. Warum mußte er mich seh'n? Warum mußte ich ihm gefallen? Caled. Wer soll dir auf alle die Fragen antworten? Wer nicht weiß, was er thun soll, der fragt, warum er das oder das gethan hat ? Hussein. In wenig Tagen wirst du anders reden. Alma. Auch anders denken ? Hussein. Das magst du halten, wie du willst. Alma. Nie werde ich anders reden, als ich denke. Hussein. Am besten wirst du thun, gar nichts zu denken. Denn hier am Hofe wird viel geredet und nichts gedacht . Jetzt eile, wenn du Nurraddin retten willst. Die Zeit hat Flügel. Drei Stunden gab dir der Sultan Bedenkzeit. Du mußt einen Becher mit Sorbet zubereiten, eine Perle darin auflösen und ihm überreichen. Das ist das Zeichen der Unterwürfigkeit. Alma. Und mir einen Becher voll Gift, das ist das Zeichen der Freiheit. (Sie geht von Hussein begleitet.) Zehnte Scene. Caled. (allein). Laß nur erst das süße Gift der Wollust dich berauschen da werden die schönen großen Redensarten sich auflösen, wie die Perle im Sorbet.– Jetzt, Caled, bist du Vezier. – Du weißt selbst nicht recht, wie du es geworden bist; aber du wirst wissen, wie du es sein mußt. Tief gebückt vor dem Sultan, Cederngerade vor jedem andern; die Augen voll Dolche, welche in Süßigkeiten schwimmen; den Mund voll Versprechungen, von welchen dein Ohr nichts hört, und dein Herz nichts weiß; die Hände immer bereit zu nehmen, und die Taschen immer offen zu empfangen. – Brav, Caled, du wirst deinem Posten Ehre machen. Juchhei, nun will ich leben! Des Morgens will ich essen, Des Mittags will ich essen, Des Abends will ich essen, Die ganze Welt vergessen, Juchhe!, nun will ich leben! Nein, nein! halt! halt! nein, nein! So soll es sein: Des Morgens will ich lieben, Des Mittags will ich essen, Des Abends will ich trinken, Ja, trinken, essen, lieben, Und lieben, essen, trinken, In süßen Schlummer sinken, Und schlafen bis am Morgen, Und lachen aller Sorgen; Ich lache, ha! ha! ha! Ich trinke, glu! glu! glu! Ich singe Trallala! Ich springe Hopsasa! Ich esse, trinke, liebe, Ich lache, springe, singe, Ha, welche Wunderdinge! Ha, welche Lust! Ha, welche Pracht! Ha, welch' ein Tag! welch' eine Nacht! Es wird gesungen, es wird gelacht! Ha! ha! ha! Glu! glu! glu! Trallala! Hopsasa! (Er geht tanzend und singend ab.) Dritter Act. (Der Vorhof des sultanischen Palastes, das Thor zu demselben ist mit zwei Schildwachen besetzt. Im Vordergrunde rechts oder links eine dickbewachsene Laube, deren Eingang jedoch nur sichtbar ist.) Erste Scene. Die beiden Schildwachen. (Duett von den Schildwachen.) Erste. Ich soll singen und kann nicht! Zweite. Ich soll singen und mag nicht! Erste. Mir ist die Kehle rauh, Ich krächze wie ein Rabe. Zweite. Ich schreie wie ein Pfau, Und quicke wie ein Knabe. Erste. In meiner ganzen Kehle Hab' ich nicht einen Ton. Zweite. Wir singen auf Befehle, Nur zu, es glückt uns schon. Erste. Ich gurgle falsche Töne. Zweite. Ich krähe wie die Hähne. Beide. Doch, wo die Peitsche meistert, Da wird man bald begeistert. (Beim Schlusse des Duetts kommen Wampum und Hussein. ) Wampum. Ha, ha! mein Firman ist publicirt. Die Hunde singen recht gut. Aber jetzt macht's mir doch keinen Spaß, meine Majestät ist übel aufgeräumt. Guter Freund, dein Mittel gegen die Langeweile mag probat sein, aber es taugt doch nichts. Hussein. Wenn Deine Hoheit sich herabließe, diesen anscheinenden Widerspruch aufzuklären. – Wampum. Was aufklären! Ich liebe die Aufklärung nicht. Kurz, ich sage, das Mittel taugt nichts, und du wirst hoffentlich nichts dagegen einwenden? Wie? Hussein (sehr unterwürfig) . Nicht das Allergeringste. Wampum. Zwar ist mir das Gähnen so ziemlich vergangen, aber ich befinde mich noch weit schlimmer als vorher. Hussein. Himmel! wäre es möglich! Wampum. Ich sage dir ja, daß es möglich ist. Rufe mir den europäischen Arzt. Ich will doch hören, ob er diese Krankheit besser versteht als die vorige. (Hussein entfernt sich.) Wampum (allein) . Da geht er hin, und es ist mir beinah lieb, daß ich allein bleibe – warum denn? – Es kömmt mir vor, als müßte ich allein sein, um zu denken. – Ei! – Das Denken ist mir doch sonst so eine beschwerliche Sache gewesen – was ist denn mit mir vorgegangen? Wie? – wichtige Dinge, das merk' ich wohl; aber will ich denn, daß wichtige Dinge mit mir vorgehen sollen? – Nein, das will ich nicht! Zweite Scene. Hussein. Arzt. Vorige. Wampum. Tritt näher, Christ, du findest mich sehr krank und schwach, du wirst mir's wohl anseh'n. Kannst du mir helfen, so verspreche ich dir 500 Tomans. Arzt. Ich habe Dir schon meine Meinung über das böse Gähnen gesagt. Wampum. Ach hier ist gar nicht mehr die Rede von Gähnen, hier sind ganz andere Dinge auf dem Tapete. Arzt. Laß hören. Kann ich helfen, so werde ich meine Pflicht als Arzt und Mensch erfüllen. Wampum (vor ihn tretend) . Nun, da bin ich, hilf mir. Arzt. Schon wieder die alte Plage? Sprich, was fehlt Dir? Wampum. Ein gelehrter Derwisch hat mir einmal gesagt: die schrecklichste Lage in der Welt wäre, wenn einem was fehlte, und man wüßte doch nicht was, wenn man gern glücklich, vergnügt und zufrieden sein wollte, und wüßte es doch nicht anzufangen. Er sagte, es wäre ein Königsübel. Sieh, damals verstand ich ihn nicht, und nun kommt mir's auf einmal vor, als ob ich ihn verstünde. Arzt. Also wohl gar eine Gemüthskrankheit? Wampum. Gemüthskrankheit? (Kleinlaut.) Was? So hätte ich ja ordentlich ein Gemüt? Arzt . Ist Dir ein Unglück zugestoßen? Wampum. Ein Unglück? Ich glaube ja. Aber du wirst es wohl suchen müssen ohne mich, denn ich weiß dir nicht zu sagen, wo es sitzt. Arzt. Seit wann fühlst Du dieses Mißbehagen? Wampum. Seit wenig Stunden, seit dem Mittagsessen. Arzt. Vielleicht nur Magendrücken? Wampum (sich den Bauch streichelnd) . Nein, das bitte ich mir aus, mein Magen befindet sich sehr wohl. Arzt. Nun, wie ist Dir denn zu Muthe? Wampum. Ich weiß es nicht, ich kenne mich selbst nicht mehr. Arzt. Hast Du Dich jemals selbst gekannt? Wampum. Nein, niemals. Arzt. Also – Wampum. Also sage ich dir, ich kenne mich selbst nicht mehr. Will ich Wein trinken? – Ja ich will, warum trinke ich denn nicht? – Will ich Toback schmauchen? – Ja ich will, warum schmauche ich denn nicht? – Sieh, ich will und will auch nicht. Da hatte ich befohlen, dem Koch 200 Streiche auf die Fußsohlen zu geben, weil der Hammelbraten nicht braun genug war, der Kerl schrie, als sollte er selbst gebraten werden. Das hat mich vormals wacker belustigt und heute – solltest du es glauben – heute ließ ich ihm nur zweiunddreißig aufzählen. Arzt. Das Resultat Deiner Beobachtungen wäre also: Du bist sanfter und milder geworden, nun frage ich, welche Gemüthsbewegung macht sanfter und milder? Wampum. Ja, darauf antworte du selbst. Antworten war nie meine Sache. Arzt. Die Natur antwortet mir. Wampum. Die Natur? Ei, laß hören. Arzt. Sie sagt mir, Deine Krankheit sei die nämliche, die einst Troja in einen Schutthaufen verwandelte; Persepolis in Flammen setzte, und dem Herkules den Spinnrocken der Omphale in die Hand gab. Wampum. Ach großer Prophet! Das muß eine schreckliche Krankheit sein. Und sie heißt? Arzt. Die Liebe. Wampum. Die Liebe? – Also wohl gar eine Art von Pest? Arzt. Sie tödtet minder schnell. Wampum. Tödtet? Henker, sie wird mich doch nicht tödten? Arzt. Das fürcht' ich nicht. Liebe und Blattern muß jeder in seinem Leben einmal übersteh'n. Wampum. Was braucht man denn dagegen? Arzt. Das beste Mittel, für einen Sultan wenigstens, ist Genuß. Wampum. Genuss? Wie verstehst du das? Arzt. Besitz des geliebten Gegenstandes. Wampum. Aha? ich begreife, Besitz, o ich weiß, was das ist, ich verstehe zu besitzen, so gut als einer. Und meinst du, ich werde dann wieder gesund sein? Arzt. Ich möchte das nicht von jedem Kranken behaupten, aber von Dir – Ja! Wampum. Nun so geh'. Du bist gescheiter wie du aussiehst. Hussein soll dir fünfhundert Tomans auszahlen. Hörst du, Hussein! Begleite ihn. (Der Arzt geht mit Hussein fort.) Wampum (allein) Ich will unterdessen ein wenig lustwandeln oder unlustwandeln , denn ich habe eine verdammte böse Laune. (Er will gehen, steht aber sogleich still.) Aber – da fällt mir eben ein, der verwünschte europäische Arzt hat auch nicht ein stummes Wörtchen gesungen. Hat der Wurm meinen Firman nicht erhalten? Ich muß das untersuchen, und dann laß ich ihm fünfzig auf die Fußsohlen geben, und er und der, der die Schläge austheilt, müssen ein Duett mit einander singen. Ha, ha, ha! Das wird mir Spaß machen, königlichen Spaß! – (Er watschelt fort.) Dritte Scene. Die beiden Schildwachen. Erste. Das war also der Sultan? Zweite. Muß ja wohl. Nimm dich nur in Acht, daß du ihn nicht zu scharf in's Auge fassest. Er kann es nicht leiden, wenn man ihn ansieht. Erste. Er kann das nicht leiden? Warum denn nicht? Zweite. Du Narr, ein Sultan kann manches nicht leiden, ohne gerade zu wissen, warum? Erste. Und was thut er denn, wenn man ihn so ansieht? Zweite. Risch, zieht er seinen Säbel, schwubs! haut er dir den Kopf herunter. Erste. Kann er ihn denn wieder aufsetzen? Zweite. Nein! Das kann er nicht. Erste. Wenn es ihm nun hinterdrein leid thut? Zweite. Es thut ihm niemals leid. Erste. Hm, hm! – Kamerad, möchtest du wohl Sultan sein? Zweite. O ja, warum nicht? Erste. Hm, hm! Ich möchte nicht Sultan sein. Vierte Scene. Nurraddin tritt auf. Wohin jagt mich die Verzweiflung! Für wessen Brust ist dieser Dolch geschliffen? – Was will ich? Was tobe ich? Wer stößt mir diesen hohen Muth ein, selbst mit einem Sultan anzubinden, vor dessen Namen die sklavischen Morgenländer zittern! – Ja, für ihn dieser Dolch, wenn er die schöne Beute nicht fahren läßt. – Aber, wo finde ich ihn? Wie dränge ich mich zu seinem Throne? – O ihr Beherrscher des weiten Asiens! Ihr besitzt so schöne Vorrechte, Wohlthun ist euer schönstes. Wenn ihr euch immer dessen bedienet, wir würden euch so lieb, so lieb haben! (Er wirft sich am Eingang der Laube auf eine Rasenbank.) Was thue ich nun! – Bitteres, unnennbares Gefühl! – O daß Sultan Wampum an meiner Stelle wäre! – O daß ich nur eine Stunde lang an Sultan Wampums Stelle sein könnte! – Ihr guten, wohlthätigen Wesen! die wir Schutzgeister nennen; mischt ihr euch wirklich in die Angelegenheiten der Sterblichen, o so gewahret nur diesen Wunsch! Nur eine Stunde laßt mich Sultan Wampum sein! Fünfte Scene. Ein Genius steht plötzlich neben Nurraddin , und lächelt ihn freundlich an. Nurraddin (heftig erschrocken) . Großer Prophet! was seh' ich! Genius. Vom funkelnden Abendstern Eil' ich auf deinen Wunsch hernieder, Und helfe den Menschen gern, Denn sie sind meine Brüder. Nurrad. Laß mich in Staub knien und anbeten. Genius. Nur vor dem Herrn der Welten darfst du knien. Auch ich bin nur ein endliches Wesen; Zwar kann ich in den Sternen lesen, Doch Anbetung – allein für ihn ! Nurraddin. Sprich, freundlicher Genius, Was darf ich von dir hoffen? Genius. Zu hören, ist mein Amt, was arme Sterbliche heischen, Ich hörte deinen Wunsch und hab' ihn dir gewährt. Nimm diesen Ring, So oft er sich – doch unbemerkt von jedermann, nach innen kehrt, Wirst du als Sultan Aller Augen täuschen. (Genius verschwindet.) Sechste Scene. Nurraddin (allein) . Wache ich? oder träume ich? Nun wenn ich träume! so war noch nie ein Traum so süß. – Aber nein! Trage ich nicht die Wirklichkeit an meinem Finger? dieser Diamant blitzt mir in die Augen, ich sehe also. Dieser kleine Ring kneipt mich, ich fühle also. Wer sieht und fühlt , der träumt ja nicht. – Aber die versprochene Wirkung dieses Ringes? Darf ich auf ein Wunder hoffen zum Besten meiner Liebe? Dieser Ring soll mir die Gestalt des Sultans geben? wenn er, doch von jedermann unbemerkt, nach innen gedreht wird. – Denn sprach er nicht so, der Genius? Gut, das wollen wir bald näher erfahren. Dort in der Laube, sie ist dunkel und schauerlich, wie es Geisterwerken geziemt. (Er geht in die Laube, und tritt augenblicklich als Sultan Wampum wieder heraus. Es versteht sich, daß hier beide Schauspieler ihre Rollen wechseln, und nur durch Gang, Spiel und Geberden den Charakter darstellen.) Ha! wahrlich! der Genius hat brav Wort gehalten, (sich betrachtend) ist das nicht der Sultan, wie er leibt und lebt? sogar seinen dicken Wanst haben mir die Geister angezogen. Nur mein Herz gehört noch immer Nurraddin zu, und dem Himmel sei Dank! auch mein Kopf – jetzt ziehe die Liebe den schleunigsten Vortheil von dieser holden Zauberei. Welch' eine Gelegenheit, Almas Herz auf die Probe zu stellen! Hat die Pracht des Harems sie berauscht, nun so behalte sie der Sultan. – In dieser Gestalt wird mich ja wohl niemand aufhalten. (Er geht rasch und stolz in den Palast, die Wachen machen ihm ehrerbietig Platz.) Siebente Scene. Die beiden Schildwachen. Erste. Hör', Kamerad! war das der Sultan? Zweite. Ja, Kamerad! es war der Sultan. Erste. Doch, welche plötzliche Verwandlung! He, Kamerad! sprich, merkst du nichts? In jeder Stellung, jeder Handlung, Jeder Miene des Gesichts? Zweite. Ich merke, Kamerad! ich merke, Es kommt nur vor, wie Wunderwerke. Beide. Bei Alis Bart! Ich bin erstaunt! ich bin erstarrt! Erste. Welch' Lächeln, welch' ein Feuer! Zweite. Bewegung ohne Zwang. Erste. Sein Blick weit kühner, freier! Zweite. Und welch' ein rascher Gang! Beide. Bei Alis Bart! Ich bin erstaunt! ich bin erstarrt! Erste. Ach, Kamerad! Hu! hu! Zweite. Was gibt's? Was zitterst du? Erste. Ach! siehst du nicht? Zweite. Welch' Traumgesicht! Erste. Welch' Wunderding! Beide. Derselbe Sultan, der Hier in den Palast ging, Dort kömmt er wieder her. Achte Scene. Schach Wampum, (von seinem Spaziergange wieder zurückkommend). Bin ich doch so matt und lahm wie ein Kameel, das neun Tage durch die Wüste gegangen ist, und doch habe ich weder Lust zu essen noch zu trinken. Zwar gähne ich nicht mehr, aber die Stunden schleichen langsam wie ein Fieber. (Er setzt sich am Eingang der Laube.) Wenn die widerspänstige Dirne auf ihren drittehalb Sinnen verharret, was mache ich dann? – Ich lasse ihr den Kopf herunter säbeln. Ja, was habe ich dann? Nichts! denn ein Körper ohne Kopf, das ist meine Sache nicht, ich liebe die Köpfe, ich. – Ein Mittel wüßte ich wohl. Ha! ha! ha! – meine glorreichen Vorfahren hatten viel Umgang mit Feen und Zauberern, ich habe bis jetzt das Geschmeis nicht um mich leiden mögen, aber nun wollte ich doch, daß so ein Tausendkünstler hier vorbei reiste. Er sollte mir – was sollte er denn? – einen Wunsch erfüllen – aber welchen Wunsch – er sollte mir Nurraddins Gestalt auf eine Stunde leihen, daß ich die Dirne betrügen, und hinterdrein brav auslachen könnte. Neunte Scene. Genius. Schach Wampum. (Genius steht plötzlich vor ihm.) Wampum (aufschaudernd) . Nun? wer hat dir luftigem Buben erlaubt, so nahe an mich zu treten? Genius. Vom funkelnden Abendstern Eil' ich auf deinen Wunsch hernieder, Und helfe den Menschen gern, Denn sie sind meine Brüder. Wampum. Also bist du wohl gar ein Geist? Genius. Ein Genius, ein Mittelwesen, Dem der Schöpfer die Kraft verlieh Im großen Sternenbuch zu lesen, Und es zu deuten ohne Müh'. Wampum. Wirklich? Da verstehst du mehr als ich, ob ich gleich alles zu verstehen glaubte, und noch etwas d'rüber. Aber desto besser! Du kommst eben zu rechter Zeit. Ich habe da ein widerspänstiges Mädchen eingesperrt. Wenn du mir sie geneigt machst, so lasse ich dir tausend Tomans auszahlen. Genius. Wir sind den Sterblichen hold, Wir versüßen ihre Leiden, Und erhöhen ihre Freuden; Dies Gefühl bezahlt kein Gold. Wampum. Höre, guter Freund, ich lasse mich nicht gern daran erinnern, daß ich ein Sterblicher bin. Du willst mein Geld nicht? Nach Belieben, so behalte ich es. Ein Sultan ist nie verlegen mit dem Gelde, aber wohl zuweilen ohne das Geld, wie? – Aber was willst du denn eigentlich, du gelblockigter Knabe? Antworte mir einmal darauf. Genius. Zu hören, ist mein Amt, was arme Sterbliche heischen! Ich hörte deinen Wunsch, und hab' ihn dir gewährt. Nimm diesen Ring, (Er steckt dem Sultan einen Ring an den Finger,) So oft er, doch unbemerkt von jedermann, nach innen kehrt, Wirst du, als Nurraddin, die Augen der Menge täuschen. (Genius verschwindet.) Zehnte Scene. Schach Wampum und die beiden Schildwachen. Beide. Wir singen, wir singen ans höhern Befehl, Wir singen uns heiser, Bald lauter, bald leiser, Wir singen den Schlund Und die Kehlen uns wund, Wir gurgeln nicht faul – Wampum. Jetzt haltet das Maul. Beide. Wir singen, wir singen auf hohen Befehl Wohl Tage lang, Ein Wirbel, ein Schnirkel, ein Triller, Ha! welch' ein Gesang! Jetzt wird er lauter, jetzt wird er stiller. – Wampum. Laßt ihn einmal ganz stille werden! Ich bitte mir das aus. Schach Wampum will denken. Beide. Jetzt ist die Harmonie Nur leise lauschend; Jetzt steiget sie Empor, wild rauschend; Jetzt sinket sie, jetzt steiget sie, Jetzt rauschet sie, jetzt schweiget sie – Wampum. Ganz recht, jetzt schweiget sie, und wenn sie nun nicht auf ewig das Maul hält, so soll eine Bastonade auf eure Fußsohlen euer Duett accompagniren. Beide. Bastonade Auf die Sohlen? Gnade! Gnade! Ach! das Singen ward uns ja befohlen. Wampum. Ja doch, ja, ihr Hunde, ich weiß es ja wohl. Ich selbst habe es befohlen, ich Schach Wampum! und also kann ich ja auch den Befehl wieder aufheben? wie? – Nun endlich haben die Schafsköpfe es begriffen. – Es ist wohl eine schwere Last und Bürde, wenn man der einzige vernünftige Mann im Reiche ist. – Jetzt muß ich überlegen – denken – grübeln – sinnen – hab' ich den Genius recht verstanden? Den Ring soll ich, doch von Jedermann unbemerkt, nach innen drehen, und dann werde ich Nurraddin sein. Das wollen wir doch zum Spaß in der Laube versuchen. (Er zieht sich zurück in die Laube, und tritt augenblicklich als Nurraddin wieder heraus.) Da habe» wir's. Ha! ha! ha! ein junger, rüstiger Bursch ist aus mir geworden. Ich glaube, ich bin um zweihundert Pfund leichter als vorher. Wo ist denn mein Bauch geblieben? (Sich den Bauch streichelnd.) Der arme Teufel, der Nurraddin, er ist ja so dünne wie ein Regenwurm. Und den könnte Alma mir vorziehen? den magern Nurraddin dem fetten Sultan? Elender Geschmack! wie das die Beine hebt, wie das Quecksilber in den Adern hat. (Er bewegt sich unwillkürlich.) Ha, ha, ha! das ist lustig. Nur ein einziges Glück, daß ich meinen eigenen Kopf behalten habe, denn den wollte ich mit keinem vertauschen. – Nun will ich zu dem Mädchen geh'n. Die wird ihre schwarzen Augen aufsperren. (Er watschelt auf das Thor zu.) Erste Schildw. Zurück! Wampum. Seid ihr toll? Kennt ihr euern Sultan nicht? Erste Schildw. Du scheinst toll zu sein, guter Freund! Zweite Schildw. Zurück, oder wir spießen dich ans unsere Piken. Wampum. Was? Ihr seid so verwegen, mich in meiner eigenen Thür abzuweisen? Erste Schildw. Armer Schlucker! Du scheinst wohl nie eine eigene Thür gehabt zu haben. Wampum. Ich lasse jedem von euch fünfhundert Schläge auf den Bauch zählen. Beide Schildw. Ha, ha, ha! Wampum. Ihr lacht? Hat man jemals gehört, daß man einem Sultan so mitspielt? wie? Ihr Schafsköpfe! Habe ich denn für euch eine andere Gestalt angenommen? Fort, Schurken, macht Platz! (Er macht abermals einen Versuch durchzudringen.) Beide Schildw. Zurück! Wampum. Ha, ha, ha! Hussein! Caled! Elfte Scene. Caled. Die Vorigen. Caled. Wer macht hier den verdammten Lärm? (Zu den Schildwachen.) Stille doch! der Sultan ist bei seinem Mädchen. Wampum. Der Sultan ist bei seinem Mädchen? Ha, ha, ha! Erste Schildw. Dieser Verrückte wollte mit Gewalt in den Palast eindringen. Caled. Aha, Nurraddin! Hat der Verlust der schönen Dirne dich um den Verstand gebracht? Wampum. Narr, du siehst ja wohl, daß ich der Sultan bin. Laß die beiden Kerls in einen Thurm werfen. Auf den Abend will ich ihnen die Köpfe absäbeln. Caled. Der arme Teufel, fast dauert er mich. Geh' nach Hause, Nurraddin. Wampum. Freilich will ich nach Hause gehen, dies ist ja mein Haus, die Schurken lassen mich nicht hinein. Caled. Hör' auf mit den Possen. Wampum. Ist das der Dank, daß ich dich zum Vezier gemacht? Caled. Guter Freund, wenn es nur darauf ankäme, Albernheiten zu schwatzen, so glichest du freilich dem Sultan, wie ein Gimpel dem andern. Wampum. Was? So sprichst du von mir in meiner Gegenwart! Was wird der Pavian nicht erst sagen, wenn ich ihm den Rücken kehre! Caled. Schon wieder Pavian? Der Pavian hat dich also noch nicht genug gezwickt? Warte, junger Herr! das soll dir vergolten werden. Du willst hinein? gut, du sollst hinein. Bindet ihn und schleppt ihn in den Saal. Wampum. He da! Hochverrath! Rebellion! Caled (der ihm die Hände binden hilft) . Was machst du mit dem seinen Ringe am Finger, den hast du wohl gar zum Brautgeschenk bestimmt. (Er zieht ihm den Ring vom Finger.) Vor der Hand sei er mir eine kleine Vergütigung des Schimpfes, den du mir schon zum zweiten Male angethan hast. Wampum. Ach Caled! gib mir geschwind den Ring zurück, damit ich dir aus dem Traume helfe. Caled. Nichts! nichts! Wampum. Der verdammte Ring ist es eben, der mich in's Unglück gebracht hat. Gib ihn her. Caled. Vergebene Mühe. Wampum (mit dem Fuße stampfend) . Gib ihn her, sag' ich dir. Caled. Schleppt ihn fort! (Die Schildwachen gehorchen.) Wampum (sich sträubend) . Meuterei! Hochverrath! Caled. Stopft ihm ein Tuch in's Maul. (Er folgt ihnen.) Zwölfte Scene. (Ein Saal. Man sieht tief im Hintergründe einige Verschnittene ab- und zugehen. An der einen Seite die offene Thür von Almas Zimmer.) Alma (allein). (Sie trägt in der einen Hand einen Becher mit Sorbet, in der andern eine Perle; den Becher setzt sie auf den Tisch.) Da steht der verhaßte Trank. Nun noch die Perle. (Sie wirst sie in den Becher.) So opfere ich dir, Geliebter, die Perle meiner Unschuld. Nun mag er kommen, der Mensch, dem gestohlene Freuden eben so behagen als erworbene, und dem es seinen Genuß nicht verbittert, wenn er sich gleich dabei in einer Thräne spiegelt. – Noch nie habe ich überirdische Wesen mit thörichten Wünschen bemüht, zum ersten Male drängt sich ein häßlicher Wunsch in meiner Brust empor. Ach! daß dieser Trank in meiner Hand zu Gift würde! Dreizehnte Scene. Alma. Genius (steht plötzlich vor ihr) Alma (mit lautem Schrei.) , Ach großer Prophet! Genius. Vom funkelnden Abendstern Steig' ich auf deinen Wunsch hernieder, Und helfe den Menschen gern, Denn sie sind meine Brüder. Alma. Ich bebe – jede Nerve zittert – der Athem vergeht mir. – Genius. Ich bin den Menschenkindern hold, Dein Herz ist rein wie geläutertes Gold; D'rum grüß' ich dich freundlich, schöne Dirne, Und küsse den Schrecken dir von der Stirne. (Er küßt sie auf die Stirne.) Alma. Dieser Kuß gab mir das Leben wieder; ich wage es dich anzusehen, freundlicher Genius! Dein Blick wäre einem Sterblichen Arzenei. Kommst du, meine Unschuld zu schützen, und meine erste Liebe zu krönen? Genius. Ich gehorche dem ewigen Willen Dessen, der uns beide schuf; Wünsche hören ist unser Beruf, Auch zuweilen sie erfüllen . Alma. Darfst du den meinigen gewähren? Genius. Ihr greift vergebens in die Räder der Natur, Die Wirklichkeit zu geben euren Träumen Ist Sterblichen oft Strafe nur, Denn weise ward in Nebel die Zukunft eingehüllt. Dein Wunsch: es möchte Gift in diesem Becher schäumen, – Wohlan! er ist erfüllt! (Er wirft etwas in den Becher, und verschwindet.) Vierzehnte Scene. Alma (allein) . Er ist verschwunden. Was er sprach, war geheimnißvoll, ich verstand es nicht recht. – Einfältige Alma! warum frugst du nicht nach deinem Vater? der Genius ist gewiß im Paradiese zu Hause, und mein guter alter Vater ist gewiß auch im Paradiese. Wenn er mir wieder erscheint, soll das meine erste und einzige Frage sein. – Also Gift ist nun in diesem Becher? Soll ich es gebrauchen für mich? oder für uns beide? – Nurraddin retten, einen Tirannen strafen, und mit meiner Unschuld in's Grab steigen – o ja! o ja! in einer lieblichen Gestalt wird der Tod mir erscheinen. Fünfzehnte Scene. Nurraddin (in Schach Wampums Gestalt), Alma. Nurrad. (bei Seite) , Endlich, nach langem Suchen. Wohlan, Nurraddin, jetzt spiele deine Rolle gut. Alma (bei Seite) , Ha! da ist er! Nurrad. Alma, dich grüßt der Sultan, und erwartet Gehorsam und Unterwürfigkeit. Alma (zu seinen Füßen) , Noch einmal beschwör' ich Dich auf meinen Knien, gib mich dem Geliebten meiner Seele wieder! Der Genuß in meinen Armen dauert nur Augenblicke, der Genuß Deiner schönen That ist ewig! Nurrad. (bei Seite). Vortreffliches Mädchen! (Laut.) Umsonst! Deine Reize sind mächtiger als deine Worte. Ich höre Alma nicht, ich sehe sie nur. Alma. Meine Worte sind schwach, aber mächtig ist der Reiz der Tugend. Du hörest nicht mich, Lieb' und Tugend sprechen aus mir. Nurrad. (bei Seite). Kaum halt' ich mich noch. (Laut.) Genug mit dem Geschwätz. Ich kam hierher, um zu genießen. Alma (sich stolz erhebend) . Wohlan, Du willst es? Ueberkomme alle das Böse, das die Verzweiflung mir eingibt. (Sie reicht ihm den Becher.) Das Symbol der Ergebung in deinen Willen. Nurrad. Mit Entzücken empfange ich ihn aus deinen Händen. Aber wird dieser Trank süßer sein, als der Kuß von deinen Lippen? (Er trinkt.) Alma. Meine Lippen sprachen Wahrheit, dieser süße Trank ist eine Lüge. Halt! leere ihn nicht ganz aus. Es ist billig, daß auch ich meinen Theil von diesem Schlaftrunk genieße. (Sie trinkt den Becher aus.) So, nun ist es geschehen. Nurrad. Es ist geschehen, und ich bin glücklicher als der Sultan. Alma. Glücklich als Sultan willst Du sagen. Nurrad. Nicht doch, der Gewalt will ich mein Glück nicht verdanken. Alma wird mich lieben, sie wird herrschen in meinem Harem, wird herrschen über mich, ihre Sanftmuth wird meine Völker beglücken, wird meinen Arm aufhalten, wenn er strafen will, und ihn ausstrecken zu Belohnungen. Die Nachwelt wird ihren Namen mit Entzücken nennen. Alma, wird es heißen, herrschte über Persien, und ihr erster Sklave war Schach Wampum. Alma. Welche fremde Sprache in Deinem Munde? Nurrad. Sie ist mir nicht mehr fremd, seit ich dich sah. Alma. Du heuchelst nicht? Nurrad. Ich spreche wahr. Alma hat diesem Herzen Gefühle eingeflößt, die es nie kannte, und du wirst mich lieben, weil ich dein Geschöpf bin. Alma. Lieben? mein guter Sultan, man liebt nur einmal , Ich liebe Nurraddin. Aber – ich wollte doch, daß Du nicht getrunken hättest. Nurrad. Göttliches Mädchen! ich will gern alle Martern erdulden, nun ich weiß, daß du mich liebst. Alma. Nein, Sultan, nein! ich liebe dich nicht. Nurrad. Ja, Alma, ja, du liebst mich, weg mit der Verstellung! ich bin Nurraddin. Alma. Du? Nurrad. Ein Genius gab mir diesen Ring, um die Gestalt des Sultans anzunehmen. Du zweifelst? – ich will dich überzeugen, zwar nur auf einen Augenblick, denn mein Leben wäre hin, wenn man mich in meiner wirklichen Gestalt überraschte. (Er springt in Almas offenes Zimmer, und stürzt im nämlichen Augenblick in seiner eigenen Gestalt wieder heraus, schließt sie in seine Arme, eilt zurück, und erscheint sogleich wieder als Sultan.) Glaubst du mir nun? Danke mit mir dem freundlichen Genius. Alma. Ich ihm danken? O Prophet! Gerecht ist die Strafe meines thörichten Wunsches, denn ich zweifelte an dem Schutze der Unschuld. Nurraddin! auch bei mir war der Genius. Nurrad. Auch bei dir? Alma. Ich wünschte, der Becher, den ich auf des Sultans Geheiß zubereiten mußte, möchte Gift enthalten. Mein Wunsch ward mir gewährt. Wir haben beide getrunken, wir sind beide vergiftet. Nurrad. Ha! (Pause. Er sucht sich zu fassen.) Wohlan, Alma! Laß uns männlich tragen, was wir kindisch verschuldeten. Wir werden zusammen sterben. Alma. Ich fühle schon die Wirkung des Giftes. Nurrad. Ein heimliches Feuer schleicht in meinen Adern. Alma. Laß uns Arm in Arm in's Paradies wandeln. Nurrad. (sie umschlingend) . So werden die Seligen mich beneiden. Sechzehnte Scene. Sultan Wampum (in Nurraddins Gestalt). Caled. Vorige. Alma. Himmel! was seh' ich! Nurrad. Meine Gestalt! gewiß ist auch hier der Genius im Spiele. Wampum. Was? was? hier bin ich ja noch einmal? Was ein Sultan nicht alles erlebt! Caled. Beherrscher der Gläubigen! Hier ist ein Verrückter, der deinen Namen und dein Ansehen mißbraucht. Nurrad. (bei Seite) , Ich begreife! es ist der Sultan selbst: (laut) ihm sei verziehen. Caled. (erstaunt) . Verziehen? Wampum. Ihm? frage erst, ob ich dir verzeihe. Seht doch, man erlaubt sich hier ein Gaukelspiel mit mir? wie? – aber gebt mir nur meinen Ring wieder, so will ich euch anders pfeifen lehren. Caled (den Säbel ziehend). Vergönne, großer Sultan! daß ich diesem Narren das Maul auf immer stopfe. Nurrad. Er mag reden, eben weil er ein Narr ist. Wampum. Ich knirsche vor Wuth – Höllischer verdammter Genius, wenn ich einmal dort oben Sultan sein werde – (Ein Donnerschlag.) Letzte Scene. Der Genius (steht mitten unter ihnen). Alma. Nurrad. , Wampum. Da ist er! Genius. Thorheit der Sterblichen belachen , Und lachend belehren , ist mein Beruf. Ich komme wieder gut zu machen, Den Wirrwarr, den ich schuf. Wampum. Es ist endlich einmal Zeit. Nur geschwinde! Genius. Ihr, die wir hier in trügenden Gestalten, Für Nurraddin, für Sultan Wampum halten, Tauscht eure Seelen wieder um. (Zu Nuraddins Gestalt.) Sei wieder klug. (Zu Wampums Gestalt.) Sei wieder dumm. (In diesem Augenblicke wechseln beide Schauspieler ihre Rollen.) Wampum. Dem Propheten sei Dank! daß ich meinen Bauch wieder habe. Nurrad. Hierher Alma! Hier steht dein Nurraddin, dessen Herz in jeder Gestalt gleich ist. Alma. Liebliches Zauberwerk! (Sie fliegt in seine Arme.) Wampum. Halt einmal da! Halt! wo ist mein Säbel? Genius. Wie? du bietest dem Himmel Trutz? Gemach! ich nehme sie in meinen Schutz. (Zu Nurraddin und Alma. ) Das Gift thut keine Wirkung an euch beiden. Seid brav, seid glücklich, seid bescheiden. (Nuraddin und Alma danken ihm kniend.) Wampum. Nun das finde ich kurios, mein Herr Genius. Wer ist denn Herr und Meister in diesem Palast? wie? antworte er mir einmal darauf. Genius. Hier und überall ist Herr und Meister Der Unerschaffene der Geister! Sterbliche, ergrübelt nie zu viel, Euer Grübeln ist verloren! Für ein kleines , nahes Ziel Seid ihr nur auf dieser Welt geboren. Wünschet nie! begehret nie! ihr Thoren! Eure Wünsche sind der Täuschung Gaukelspiel, Sie verbittern euch das Leben; Was euch nützt – wird euch das Schicksal geben. (Genius verschwindet.) Wampum. Von allem, was er da gesagt hat, habe ich nicht ein Wort verstanden. Caled. Auch ich nicht. Nurrad. Aber ich. Alma. Und ich. Nurrad. (zu Alma.) Laß uns genießen ohne Grübeln und Wünschen. Wampum. Ja, genießen! Das verdammte Genießen. Was genieße ich dann? Nurrad. Die Freude, wohlzuthun, wenn du Sinn dafür hast. Wampum. Sinn? Was will der Narr mit seinem Sinn? Ein Sultan hat fünf Sinne. Genießen? Laßt meine Sänger hereintreten; ich will Musik genießen, um von meiner heutigen schweren Arbeit auszuruh'n. Schluß-Chor. Alle. Laßt uns genießen Durch Scherz und Kuß, Durch Lebensgenuß Das Leben versüßen. Alma. Nurradin. Wünsche verbittern Nur das Leben. Sich ohne Zittern Dem Schicksal ergeben; Durch frohe Stunden Heilen die Wunden, Die auf der Lebensreise Das Schicksal schlug; Ja, das ist klug, Ja, das ist weist. Alle. Laßt uns genießen Durch Scherz und Kuß, Durch Lebensgenuß Das Leben versüßen. Er schlummert – stille – stille! Höret den Monarchen Melodievoll schnarchen! – Welch' ein feistes Stöhnen! – Welch' ein fetter Klang! – Es ersterbe der Gesang In immer schwächern Tönen, Stille! Stille!