Wilhelm Jensen Osmund Werneking (Aus den Tagen der Hansa – Band 2) Historische Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert An einem Maienabend um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts saß in der Schreibstube eines hochgegiebelten Hauses der Dankwardsstraße der reichmächtigen Hansestadt Wismar, den blondhaarigen Kopf in die Hand stützend, ein junger Mann im Beginne der zwanziger Jahre und las. Es war still um ihn in dem ganzen großen Kaufmannshause, denn die Arbeit drin hatte Feierabend gemacht, und den vormaligen Besitzer des Handelsgeschäftes hatte die Stadt vor kurzem mit vielen Ehren zu Grabe geleitet. Er war Ratsherr gewesen und sein Name Detmar Werneking, obwohl seine Altersgenossen ihn zumeist Wernerking benannt, doch seit Jahrzehnten stand seine Unterschrift ohne das mittlere r im städtischen Urkundenbuch. Nicht hoch an Jahren noch war er verstorben und nicht ohne letzte Sorge auf dem Totenbett, da er als Erben seines Hauses nur einen einzigen Sohn hinterließ, den er zwar als Knaben schon in seine Schreibstube zugezogen, um ihn frühzeitig in allen Wissenslehren des kaufmännischen Betriebes zu unterweisen. Aber Osmund Werneking hatte für diese zu vielfältiger Bekümmernis seines Vaters nicht die Beflissenheit eines lerneifrigen Gehilfen und dereinstigen Weiterführers des Geschäftes an den Tag gelegt, sondern stets mehr ein Gelüst zu nutzlosem Umherschweifen in Wald und Feld und ungebundenem Lebensgenuß kundgegeben. Die Naturen des Vaters und des Sohnes erwiesen sich bei dem heranwachsen des letzteren als grundverschieden: auch ein junkerhaftes Trachten sprach sich in ihm aus. Er kleidete sich nach der zu Brügge neu aufgekommenen und von der Lübecker Zirkelkompagnie, den Söhnen der vornehmen ›Geschlechter‹, angenommenen höfischen Sitte der burgundischen Kaufleute, welche »heut turnierten, morgen Wein zapften und Gewand schnitten«, und obgleich unzweifelhaft das federgeschmückte Hauptbarett, die weiten und langherabhängenden bestickten Gewandärmel, die Schnabelschuhe mit blitzenden Spangen unter den engumspannenden Beinkleidern seiner jugendschlanken Gestalt und den schönen, kühnblickenden Gesichtszügen trefflich standen, mißfiel diese Tracht seinem Vater doch nicht minder als allen ›ehrbaren Lüden‹ in jenen Städten. So hatte er Osmund sorglich, doch vergeblich von allem, was derartige Neigungen vermehren konnte, fernzuhalten und ihn seiner eigenen ernstbedachten, fruchtbringenden Lebensführung anzunähern gesucht. Doch ob auch beide dem nämlichen Stamme angehörten, war's, als seien sie aus geteilten Wurzeln desselben aufgesprossen, von verschiedenartigen Säften des Erdreichs genährt. Osmund Werneking hatte nur äußere Leibesähnlichkeit mit seinem Vater empfangen, keine der Geistesrichtung, und wie es schien auch nicht des Gemütes oder Herzens, denn der letztere war bereits mit zwanzig Jahren ein Ehebündnis eingegangen, das ihm ein Vierteljahrhundert lang, bis zum vorzeitigen Abscheiden seiner Gattin, zu einem friedfertigen, ungetrübt behaglichen Hausstande verholfen. Osmund dagegen bekundete eher eine Abneigung, zum mindesten völlige Gleichgültigkeit gegen das weibliche Geschlecht, nahm die wohlgefällig auf ihn verwandten Blicke artiger Mädchen, ob von geringer oder vornehmer Herkunft, kaum gewahr, während der Wunsch seines Vaters vor allem darauf hinausging, ihn durch eine Ehefrau an stetige Erwerbstätigkeit zu fesseln und das vereinsamte Haus mit einem nachwachsenden Geschlechte belebt zu sehen. Die Enttäuschung dieser Hoffnung zumal hatte in Verbindung mit den übrigen Widersprüchen ihrer innersten Art beide in den letzten Jahren mehr und mehr entfremdet, daß Detmar Werneking eines Tages gesprochen: »Es ist, als habest du ledig die jugendliche Unbesonnenheit deines Urältervaters zum Erbteil überkommen, doch nichts von seinem ernsthaften, tüchtigen Bürgersinne, den er nachmals bewährt, welchem wir die Achtung unseres Namens und den Wohlstand unseres Hauses verdanken.« Aber diese Äußerung indes hatte Osmund, wie über manch andere, gleichgültig hingehört und keinerlei Frage daran geknüpft. Dem Willen seines Vaters gehorsam, verbrachte er die Arbeitsstunden des Tages als Beihelfer in der Schreibstube und im Warenlager, während seine ziellos schweifenden Gedanken und Wünsche nach Vollzug seiner Pflichten diese wie lästigen Staub von sich abschüttelten. Nun aber war der Ratsherr Detmar Werneking unerwarteten Todes verblichen und Osmund fast plötzlich als alleiniger Herr und Leiter des großen Handelsgeschäftes zurückgeblieben. Er stand im Anfang etwas wie betäubt: zu dem Schmerz über den jähen Verlust seines, wenn auch innerlich ihm nicht engverbundenen, doch von ihm hochgeachteten Vaters gesellte sich eine ungewisse Ratlosigkeit in bezug auf die selbständige Weiterführung des Geschäftes. Einige Wochen hindurch trachtete er mit unermüdlichem Eifer bei Tag und Nacht, das Verabsäumte einzuholen: er entwickelte dabei hervorragende geistige Begabung, allein sein rasches Auffassungsvermögen überzeugte ihn zugleich genugsam, daß der alte Buchhalter, den sein Vater hinterlassen, ihm an Umsicht und Erfahrung weitaus überlegen und bei dem alles den verläßlichsten Händen anvertraut sei. Diese Erkenntnis jedoch reichte ebenfalls aus, Osmunds Abneigung gegen den kaufmännischen Betrieb im vollsten Umfange wieder aufwachsen zu lassen: der sorglichen Wahrnehmung seiner Interessen versichert, überließ er dem vertrauenswürdigen Buchhalter vollständig die Oberleitung und wandte sich seinen Lebenswünschen zu, von denen er eigentlich sich nicht zu sagen vermochte, wonach sie strebten und was sie begehrten. Eine Sonderart hatte ihn auch ohne engern Anschluß an Gleichaltrige seines eigenen Geschlechts belassen, er teilte wohl ab und zu die Vergnügungen der ›Gecken‹ von der ›Ritterzechheit‹, doch ohne rechten Anreiz bei ihnen zu empfinden. Und noch weniger erfüllte der Genuß ihn mit einer Befriedigung, die aus der Sättigung neue Lust zum Wiederbeginn aufkeimen ließ. So war er, täglich von der Rückkehr unausgefüllter Stunden heimgesucht, an dem Maiennachmittag im Verlaufe müßiger Beschäftigungen an einen alten, von seinem Vater stets verschlossen gehaltenen Schrank geraten und hatte, in einem Winkel desselben aufräumend, eine kleine hölzerne Truhe vorgefunden, aus der ihm beim Öffnen eine Anzahl beschriebener, vergilbter und wasserfleckiger Blätter entgegensahen. Das erste wies eine von anderer Hand vorgesetzte Überschrift, die also lautete: »Niederschrift des Ratsherrn der edlen Stadt Lübeck, Herrn Dietwald Wernerkin, Ritters, meines in Gott seligen Herrn Vaters, worinnen derselbe dasjenige, was er in seinem merkenswürdigen Leben aus Reisen zu Wasser und Land in fremden Ländern unter vielfältigen Schickungen und Kriegsfährlichkeiten befahren, von Anbeginn seiner Jugend zum Nutzen und zur Erinnerung für seines Blutes Nachkommen aufbewahrt, leider aber durch Gebrechlichkeit des Alters an der Vollendung solcher getreulichen Aufzeichnung letztlich behindert worden.« Nicht mit sonderlicher Wißbegier, nur zur Ausfüllung der träg schleichenden Stunde hatte Osmund Werneking die alten Blätter mit sich in die Schreibstube genommen; doch nachdem er einige ihrer Seiten gelesen, war sein Auge nicht wieder von der bräunlich verblaßten Schrift abgewichen. Draußen hatte die allmählich niedergehende Sonne ein fast purpurfarbiges Licht auf die unvollendet gebliebene St. Jürgenkirche und die orgelpfeifenartigen, reichen Nischenbogen unter dem Treppengiebel des Wassertores gelegt, aber der Lesende sah schon seit Stunden nicht empor; über seine Wangen war nach und nach eine ebenso glühende Färbung wie auf den alten Bauwerken gekommen, und mit eilfertigen Fingern wandte er die Blätter um. Erst als der rote Glanz draußen verrann und ein graues Zwitterlicht rasch auch durch die dicken Buckelscheiben der Fenster hereinkroch, blickte Osmund wie aus einem Traum um sich, las noch einmal laut die letzten Worte: »So klang mir das Lachen König Waldemars Atterdag nach auf die See von der weißen Düne zu Falsterbo« – und sprang dann hurtig auf, sich an den Herdkohlen in der Küche eine Wachskerze anzuzünden. Mit dieser kehrte er im Nu zurück, bückte das heißbrennende Gesicht wieder über die Niederschrift Herrn Dietwald Wernerkins und las an der Stelle, wo die Dämmerung ihn unterbrochen, weiter: »Also fuhr ich in gar armseligem und gebrechlichem Fahrzeug, wie die Fischer sich eines solchen nur unter dem Uferhang bedienen, gegen die noch gewaltig hochrollenden Wellen hinaus, und hat Waldemar Atterdag wohl nicht vermeint, daß ich lebendigen Leibes damit über die Ostsee gelangen könne. Dessen besaß auch ich selber ebenso geringen Glauben und Hoffnung, denn es war mir zu der Stunde Leben und Tod nicht mehr verschieden, als einem andern Wachen oder Schlaf. War's auch weder Furcht vor dem Turmverlies zu Helsingborg, noch Prahlsucht meinen Mut kundzutun, was mich in das tanzende Schifflein steigen ließ, vielmehr lediglich der Wunsch, an ein baldig Ende zu kommen, meines und der Königin Elisabeth Leidwesens, der Trübseligkeit des Erdenlebens und des Hohnes und der Heimtücke der irdischen Machthaber nicht fürder gedenken zu müssen. Aber es war Gott gewillt, es anders über mich zu fügen, da er in schier wundersamer Schnelligkeit, als streiche unsichtbar seine Hand darüber hin, die See beschwichtigte, daß ich noch lange Weile das goldene Haargelock Elisabeths, zuletzt wie ein besonntes Pünktlein am weißen Sande, vor mir gewahrnahm. Schäme mich auch nicht, niederzuschreiben, wie ich die Ruder fallen lassen und gleich einem Kinde geweint habe, als es aus meinem Gesicht für allezeit zum letztenmal versunken, und daß ich mit Herzklopfen gedacht, wir hätten beide anders drüben beisammen zu stehen vermocht, wenn wir gewollt. War wohl einen Augenblick gleicherweise über uns beide die Versuchung dazu gekommen, als der Erzbischof und König Waldemar gesprochen, sie sei freien und ledigen Standes, und bin ich sichern Glaubens, es hätte Knud Hendrikson alsdann seine Zusage ausgeführt, uns wider männiglichen Unglimpf von seiten der holsteinischen Grafen Zuflucht zu vergönnen. Da verhalf uns der bessere Schutz Gottes wider die sündhafte Verlockung, daß er Waldemars Atterdag Zunge die schimpflichen und ruchlosen Worte eingab, welche den reinen jungfräulichen Stolz Elisabeths aus dem Herzen aufhoben, wie ein Sturm die Tiefen des Meeres, daß sie ihres ewigen Heiles gedenkend, ohne weiteres Bedenken redete: Die Kirche hat mich zu König Hakons Gemahl gesprochen, bis der Tod uns scheidet. Und hat sie damit das Band der Versuchung, das unser Blick unbedachtsam zusammen knüpft, noch zu ausreichender Zeit durchgerissen, daß wir, ob auch anderen Sinnes, als der lügnerische Mund des Erzbischofs von Lund sich vermessen, nicht gefrevelt wider Gott und sein Gebot, sondern nur unser Herz wohl unmäßig beschwert, doch unserer unvergänglichen Seele Frieden bewahrt zur Tröstigung über das Grab hinaus. Denn es gesellte sich alsogleich, wie Elisabeth so geredet, als ein Schutzengel für uns, wenn auch in gar jammerwürdiger Gestalt, das Wehklagen und die Verwünschung Witta Holmfelds darein, daß sich die ausgelassene Laune Königs Waldemar in finstern Zorn und Rachsucht verkehrte und uns nicht Frist beließ, mit unsern Gedanken von dem rechten Wege nochmals zu irren. Trat es uns doch baß entsetzend vor Augen, zu welchem Elend sündige Leidenschaft zu führen vermag, und bin ich wohl der Meinung, daß die ingrimmige Wut Waldemars Atterdag zu der Stunde im Innersten der Scham entsprang, von dem unschönen, erschrecklich entstellten Weibsbilde vor allen den vornehmen Zuschauern bezüchtigt zu werden, er habe sie ehemals mit Liebesworten betört. Mag ihn auch wohl einen Herzschlag lang die Gewissensqual schauerlich angefaßt haben, welches Übermaß von Reue, Seelenmarter und irrsinniger Verzweiflung seine Schuld auf das unglückliche Mädchen gehäuft, das er, als er seinem Gelüst in zwiefacher Richtung genug getan, treubrüchig und gleichgültig von sich abgewiesen. Und ich halte dafür, wie mir sein innerliches Wesen besser denn manch anderm offenbar geworden, daß er sie damals mit gewaltsamlicher Übertäubung ebensolcher schneidenden Gewissensqual grausam aus seinem Wege gestoßen, um von ihrem anklagenden Jammerantlitz befreit zu werden, gleich als würde er damit auch seines ungeheuerlichen Frevels ledig. Wie er denn wohl gewußt, was es beheiße, sie nach Wisby zurückzusenden, da sie dort sogleich von den rachesüchtigen Bürgern als Verräterin der Stadt und Urheberin alles Übels lebendig zum Hungertode in einen Turm der Ringmauer eingeschmiedet worden. Und ist die Meinung vieler, es sei ihr nicht unrecht damit widerfahren, vielmehr nur geringe Buße für so großes Verbrechen. Solches redet eine rauhe, wilde, oftmalig erbarmungslose Zeit. Mich will's aber in der Erinnerung bedünken, daß Witta Holmfeld wohl der Wahrheit gemäß kein Blut von dem, der sich als ihr Vater benannt, in sich getragen, sondern nur das ihres heißblütigen Mutterlandes und ungezügelter ehebrüchiger Lust allein. Hätte sie demnach auch nicht in Wirklichkeit ihre Vaterstadt dem Feinde verraten, und ist die sündhafte Schwäche ihr schon mit in die Wiege gelegt worden, daß sie in ihrem nachmaligen Elend vielleicht vor dem Richterstuhl des Allprüfenden leichter gewogen, als vor dem Urteilsspruch der Menschen. Freilich wäre es auch nach meinem Bemessen wohl besser gewesen, sie hätte nicht einem Kinde das Leben gegeben, daß sich solcherlei zwiefaches Blut nicht weiter auf Erden forterbe. Das waltet aber allein Gott nach seinem Ratschluß, der dem Vater des Mägdleins ins Herz gegeben, dasselbige als ihm angehörig an seinem Hofe aufwachsen zu lassen. Denn es war König Waldemar Atterdag – er stehet lange vor dem Thron des Allmächtigen – mit gewaltiger Ausrüstung seines Geistes von guter und böser Beschaffenheit geartet, daß nicht leicht zu wägen ist, was er bei seiner Geburt als innerlichste Natur empfangen. Ob zwar seine Falschheit und Hinterlist schier zum Sprichwort geworden in allen nordischen Landen, hat er an mir doch mehrfältig eine Treue bewährt – mich auch in der Nacht zu Helsingör durch seine Ladung, als Gast noch auf dem Schlosse zu verbleiben, vor seinem Überfall der hansischen Flotte zu behüten getrachtet – daß ich nicht beizupflichten vermag, seine Gemütsart sei eitel tückisch, eigensüchtig und ruchlos gewesen. Soll aber nach seinem Tode sein und Witta Holmfelds Töchterlein zu einer Jungfrau von ebenso überaus großem körperlichem Liebreiz, als wildglühender Leidenschaftlichkeit herausgewachsen, als nach eines nordischen Fürsten Kebsin geworden, jung verdorben und gestorben sein, weiß keiner von ihr mehr zu berichten. Verhoffe, daß damit die böse Aussaat von der Stadt Venedig ein Ende genommen. Ich aber, Dietwald Wernerkin, bin den Tag lang von Falsterbo aus über die stillgewordene See gerudert und noch ein Stücklein der Nacht, wußte nicht, wozu und wohin. Dann indes ist es über mich geraten, daß ich seit fast zweien Tagen keinerlei Nahrung genommen, und hat mich Kraftlosigkeit dergestalt befallen, daß ich die Ruder hereingezogen, mich im Boote hingestreckt und viele Stunden reglos zu den Sternen aufgeschaut. Vermeinte nicht anders, ich würde Hungers auf der See sterben, und fürchtete ich mich auch vor solchem Ausgang nicht. Dieweil ich aber so unbeweglich lag, mag, als der Morgen einbrach, das Raubgevögel der See mich bereits für tot erachtet haben, denn es versammelte sich eine beträchtliche Anzahl großer Herings- und Sturmmöwen mir zu Häupten, und schossen einige so begierig dicht auf mich herunter, daß ihr Flügelschlag mich anrührte und ich halben Leibes zur Abwehr gegen sie auffuhr. Da gewahrte ich aber westwärts hin über der See ein weißes Geleucht, das nach meinem Gedächtnis nichts anderes sein mochte als das Kreidefelsgebirg von Mönnsklint, und ob ich gleich keinerlei Verlangen trug, mein Leben noch fürderhin erhalten zu sehen, flößte mir doch der Gedanke, es werde sonst baldig eine Stunde kommen, darin ich gegenwehr-unfähig von den begierigen Schnäbeln der Vögel noch lebendigen Gefühls zerrissen würde, solchen Widerwillen ein, daß ich nochmals all meine geringe Kraft zusammennahm und wie von dem ersten Strahl der Morgensonne gestärkt den Felsen entgegenruderte. Bin ich auch dort, weiß nicht von den letzten Stunden, etwa um Mittag auf der Insel Mönn angelaufen, doch am Strande, einem Toten gleich, alsofort in den Sand hingestürzt, wo mich Weiber, die auf den Krabbenfang ausgegangen, gefunden und in ein Fischerhaus gebracht. Haben die selber Hunger leidenden, armseligen Leute aber mich Fremden und Hülflosen sonder Entgelt, den sie von mir erhoffen durften, durch Wochen lang genährt und gepflegt, da ich von der vielen Mühsal in ein bösartig hitziges Fieber verfallen, daß mir der Glaube an gute und treue Menschen wiedergekommen und ich letztlich nach meiner Genesung, wenn auch ohne Freudigkeit für mich selber, mein Leben doch noch als etwas Gutes erachtet habe, um nach seiner geringen Kraft etwaig andern, gleicherweise Redlichen damit zu nützen und zu besserm Glück zu verhelfen. Und ich habe dort auch gelernt, es ist kein Unterschied, ob einer ein Deutscher oder ein Däne sei, wenn er menschliche Liebe und Barmherzigkeit unter dem dürftigen, geflickten Wams in der Brust trägt. Alsdann bin ich auf einem Fahrzeug von Mönn gegen Lübeck zurückgekommen, wo ich alle Gemüter in dem blindwütigen Aufruhr und die ganze Stadt bei Tag und Nacht so mit unablässigem Gelärm gefüllt antraf, wie mancherlei Chronik es seitdem getreulich berichtet. Habe auch an dem schlimmen Tage unfern gestanden, als genau an der Stelle, wo ich Herrn Johann Wittenborg zuerst begegnet, da er über die Schwelle des Kaaks gestrauchelt, ihm der Henkersmeister als einem Verräter an der gemeinen Sache der deutschen Hanse auf dem Richtblock mit dem Beil den Kopf vom Nacken abgeschlagen. Herr Johann Wittenborg ist aber sehr ruhig, aufrecht und stolz zur Richtstatt hinangegangen, und es hat noch immer ein besonderer Glanz in seiner Augentiefe gelegen, wie dieselbige ihn in frühern Tagen nicht besessen, der geredet, als habe er lang genug gelebt und der Tod nicht Schrecknis für ihn. Hat mich auch im Vorüberschreiten zum Gericht wahrgenommen, doch nicht angesprochen, damit der Haß des Volles wider ihn nicht auf mich mitfallen solle. Nur wie er droben gestanden, ist sein Blick mir kurz noch einmal zugewandt gewesen und hat sich alsdann auf die Marienkirchtürme hinübergewandt, daß ich deutlich verstanden, er rede ein Gedächtniswort zu mir: nun falle er dem Licht entgegen. Und so rollte unter dem wildbetäubenden Geschrei von vielen Tausend Kehlen rundumher sein Kopf, noch jugendbraun an Haupthaar und Bart, blutig auf die Bretter herunter, und so hatte sich uns beiden die Hoffnung erfüllt, mit der wir etliche Jahre zuvor drüben im Ratskeller zur Geisterstunde unsere Becher auf die Zukunft zusammengeklungen. Es ist viel geredet worden und in Schrift ausgegangen über jene Nacht in dem Königsschloß zu Helsingör. Und ist die Meinung im Volke und auch bei vielen Einsichtigen allgemein, es habe Johann Wittenborg um die Gunst der verführerischen Königstochter die hansische Flotte verraten, daß er beim Weggang vom Feste wohl gewußt, Waldemar Atterdag sei bereit, die Schiffe zu überfallen. Was sich in der Nacht heimlich auf Helsingörschloß zugetragen, hat kein Ohr und Auge erkundet, und ob ich mich bei dem Feste befunden, weiß ich nicht mehr denn andere. Es klingen mir auch wohl gar besonderlich die Worte Johann Wittenborgs im Gedächtnis, die er einstmalig zu mir geredet, die Leidenschaft der Liebe zu einem Weibe sei eine Krankheit, fährlicher und schlimmer, wenn sie den Mann im Hochsommer befalle. Das mag ihm wohl bei dem reizvollen Anblick, der holdlächelnden Kunst und schmeichelnden Huldigung der Prinzessin Ingeborg geschehen sein, und dieweil er auch nur ein Menschenkind war, mag eitler Stolz ihn überwältigt und die aufwachsende Leidenschaft in ihm genährt haben, daß die Königstochter von Dänemark dem Bürgersohne von Lübeck mit solcher Gunsterweisung entgegenkomme. Da hat er vielleicht wohl mit betörten Sinnen arglos mancherlei geredet, was Ingeborg von Dänemark ihm mit listiger Schlangenzunge von den Lippen gelockt, um es ihrem Vater kund zu tun, der seinen ränkevollen Anschlag auf die Künste seiner Tochter gebauet gehabt. Weiß nicht, ob diese sich letztlich selber dabei betrogen und mit welcherlei Preis sie ihre Auskundschaft bezahlt. Denn Johann Wittenborg war ein Mann, mit dem ein Mädchenherz, auch wenn es einen Fürstenthron als Wiege besessen, wohl nicht ungefährdet Spiel betreiben mochte, und es ist öfter ein Ruf ergangen, Prinzessin Ingeborg, nachmals Herzog Heinrichs von Mecklenburg Ehegemahl, sei in freudlose Schwermütigleit verfallen bis an ihren frühzeitigen Tod. Ich vermeine aber, was der hansische Admiral in Wirklichkeit gefehlt, war nicht wissentliche Schuld, sondern zum einen, daß Schwäche der Eitelkeit ihn verleitet, allzu gläubig auf König Waldemars und seines Hofes glatte Artigkeit zu bauen, wie zum andern ein gar großer und unheilsvoller Kriegsfehler des Feldherrn, daß er zu viele der Gewaffneten von den Schiffen zur Umlagerung der Stadt und Feste Helsingborg zusamt allen Bliden und Feuerrohren ans Land gesetzt. Denn sobald der Dänenkönig darüber sichere Kundschaft gewonnen, konnte er mit seiner geringen Schiffsmacht die gewaltige Flotte zu jeglicher Stunde auch am hellichten Tage ungefährdet angreifen und überwältigen. Es ist auch in sonstigen Städten der Hanse nirgend ernstlich von einer ruchlosen Tat Herrn Johann Wittenborgs geredt, sondern derselbige nur als ein unglücklicher und zu vorsichtsloser Heerführer betrachtet worden, gehet wohl daraus hervor, daß alle abgestanden, eine Anklage auf Haupt und Hand wider ihn zu heben. Und ist, halte ich dafür, was ihn also herabgestürzt und zur Richtstatt geführt, lediglich der Haß seiner Feinde gewesen, vieler der Vornehmen dieser Stadt, über die er, von der Volksgunst jählings aufgehoben, kühn und hochfahrend hinweggestiegen. Da sie nun gar wohl den günstigen Anlaß erkannten, ihn zu Fall zu bringen, doch aber befürchteten, er möge eines Tages wiederum über sie die Oberhand gewinnen, breiteten sie, um ihn sicher zu verderben, den Ruf aus, er habe um die dänische Königstochter die Dudesche Hanse und seine Vaterstadt Lübeck schimpfvoll verraten. Müßte er, wenn er sich solcher Schuld bewußt gefühlt, wohl mehr noch ein geistestörichter Narr als ein Verbrecher gewesen sein, vom Hofe Waldemars Atterdag gen Lübeck zurückzukommen. Leichtlich von jeder Böswilligkeit umgestimmt aber ist bei großen Unfällen die Gunst der blinden, wankelmütigen Volksmasse, denn es schreit der Unverstand das eine Mal nach einem Götzen und das andere Mal nach einem Blutopfer, beides sonder Bedacht, einzig mit wütigem Gebrüll. Und also begehrten sie, daß einer allein die Schuld an ihrem Ingrimme trage und büße, und waren der Verdächtigung bereit, der Burgemeister, den sie selber berufen, habe durch Verrat das Unheil über sie gebracht. Da derselbige aber jeglichem als ein Mann von unbestechlichem Sinn zu wohlbekannt war, daß niemand laut von einem Sündenlohn an Gold und Gut zu reden wagen durfte, huben sie das Geschrei, er habe sie um buhlerischen Kuß Ingeborgs von Dänemark verkauft. Und wußten zumal geschwätzig die Weiber davon zu berichten, als hätten sie neben den beiden auf dem nächtigen Söller zu Helsingörschloß gestanden. Solches ist meines Glaubens Meinung über Herrn Johann Wittenborgs Anschuldigung und vorzeitigen, betrübsamen Tod. Sind vierzig Jahre seitdem darüber weitergegangen, daß ihm fast alle nachgefolgt sind, die zu der Zeit nach seinem Blute gedürstet. Fühle auch ich ingleichem, daß ich selber nicht lange Frist mehr haben mag, ihn und alle, von denen ich auf diesen Blättern mancherlei niederschrieben, wiederum anzutreffen, wo wir wohl gar vielen Leides nur lächelnd als kurzer Erdenschatten der ewigen Sonnenherrlichkeit gedenken werden. Will aber, wovon ich fernerhin Zeugschaft über mich und andere bewähren kann, nunmehr weiter Bericht ablegen.« – – Osmund Werneking wandte eilig das mit dieser Zeile schließende Blatt um, doch die folgende Seite zeigte nicht mehr die nämliche Handschrift, sondern diejenige, welche die Vormerkung über den Beginn der Blätter gesetzt, und fügte hinzu: »Es hat der Schreiber seinen letztwilligen Worten nicht mehr getreulich zu bleiben vermocht, da er am andern Morgen nicht frühzeitig nach seinem Brauch in die Schreibstube herabgekommen, wir ihn vielmehr über Nacht Todes verblichen in seinem Bett ausgestreckt aufgefunden. Und muß er im Schlaf so plötzlich, geruhig und sonder alle Schmerzhaftigkeit verstorben sein, daß ich, in der Nebenkammer schlafend, keinen Seufzerlaut von seinem Munde vernommen. Wünsche mir auch einmal ein so gutes Lebensziel und End'. Und ist er geworden 64 oder 65 Jahre seines Alters, wußte es nicht genau zu besagen. Dieser Herr Dietwald Wernerkin, Ritter, ist mein Vater gewesen, hat ein Handelsgeschäft zu Lübeck in der Burgstraßen begonnen, mit viel Umsicht, Geschick und gutem Gewinn betrieben, nachmals aber, wie die Städte abermalig gegen König Waldemar gerüstet, Haus und Handel treuliche Hand gelassen, als Ritter und Heerführer einer Kogge wiederum mit ins Feld gezogen. Und ist er durch seine Tapferkeit, Vorsicht und Erfahrenheit alsbald zum obersten Ratgeber und eigentlichen Befehlshaber der hansischen Schiffsmacht geworden, daß die Admirale sich keiner bedeutsamen Kriegshandlung ohne seinen Entscheid unterfangen. Hat er infolge Stadt und Feste Kopenhagen erobert und in Asche gelegt, dann abermals Helsingborg belagert und glücklich eingenommen, dazu alle festen Schlösser auf Seeland, Fühnen und Schonen, daß Waldemar Atterdag nirgendwo mehr in seinem Reiche eine Zuflucht gefunden, sondern verlassen und elendiglich umirrend, nach Deutschland entflohen und ganz Dänemark in den Händen der Städte gelegen. Und ob mein Herr Vater zwar den Dänenkönig nicht von Angesicht zu Angesicht wieder erblickt, hat er also doch sein letztes Wort bewährt, das er ihm vormals am Strande von Falsterbo gerufen, es sei morgen noch ein Tag und die Dudesche Hanse komme wieder. Daß sie aber zu solcher schier unglaublichen Mächtigkeit, Reichtum, Glanz und Ansehen in der Welt emporgediehen, wie es geschehen und in alle Zeit andauern möge, das verdanket sie zu gutem Teil, sonder hochfahrende Überhebung darf ich's vermelden, meinem Herrn Vater. Und hat sich also auch Herrn Johann Wittenborgs Zuversicht wohl bewiesen, derselbige möge sich noch größeres Verdienst um die Löwenstadt erwerben. Hat aber ingleichen diese solches auch gar achtsam und zu ihrem Vorteil erkannt, daß sie nach dem Kriege Herrn Dietwald Wernerkin, Ritter, in ihren Rat berufen, und ist er als erster Ratsherr der Stadt selig verstorben. Nicht minder arbeitsam und ratesbedacht im Frieden wie auf dem Heerzug. Denn seit seiner Heimkunft von Venedig ist allzeit sein Gedanke gewesen, die Seestädte mit den großen Binnenhandelsstätten von Ostdeutschland in Geschäftsfreundschaft zu einigen und dergestalt den Bund der Hanse über das ganze Reich weiter zu erstrecken. Ist ihm auch durch seine geknüpfte Bekanntschaft mit manchen gewichtigen Kaufleuten zu Leipzig, Regensburg und Nürnberg gelungen, die Gegengewähr an Recht und Sicherung herstellig zu machen, wie sie heutigen Tages zur dürftigen Not – Gott besser' des Reiches elendiglichen Stand! – geordnet steht. Schuldet jedoch die Hanse ihm sonderlichsten Dank, daß er weit im Binnenlands viele bevor noch außerhansische Städte, vor allem Magdeburg, Erfurt und Breslau zu sicherm Anschluß an das Bündnis vermocht und klug dahin gewirkt, sie unter die Ortschaften des Vorranges aufnehmen zu lassen. Und in weiterm ist auch er es gewesen, der sein Augenmerk insonders auf unsern Kaufhof zu Bergen gerichtet, sein eigenes Handelsgeschäft dorthin gewandt und zur Festigung unsers herrlichen Ansehens in der gewichtigen Stadt das Höchste beigetragen. Desleider aber auch – wie mir solches bei Namhaftmachung der Stadt Bergen zunächst in den Sinn verfällt – hat Herr Dietwald Wernerkin, Ritter, noch bei seiner Lebenszeit mit vielfältigem Ärgernis die große betrübliche Irrung und Verwilderung sehen gemußt, als welche bis auf den heutigen Tag reichliches Ungemach, Schaden und Schändlichkeit über die Seefahrer und mancherlei Landbewohner gebracht. Will ich, dieweil die Zeit mir ein gar übles Gedächtnis zu haben bedünkt und manch einer schon, selbst unwillentlich, den eigentlichen Beginn des heillosen Wesens nicht mehr nach seinem Anlaß in der Erinnerung behütet, kürzlich an dieser Stelle davon melden, wie zum Anfang die ruchlose Plage derer, so sich Vitalienbrüder benennen und leider zu genugsam bekannt, in die Welt geraten. Denn als im Heilsjahre 1389 Waldemar Atterdags Tochter, Königs Hakon von Schweden Ehegemahl, die Königin Margarethe von Dänemark, welche man Sprengehest zubenannt, auch mit der Heidenkönigin Semiramis von Morgenlande in Vergleich gesetzt, den König Albrecht von Schweden in blutiger Schlacht bei Falköping besiegt und gefangen genommen, ist doch seine Hauptstadt Stockholm ihm getreu und anhängig verblieben, zumal durch unerschrockenen Mut der in ihr seßhaften deutschen Hansen und alten Widerzwist derselbigen wider dänische Gewalt. Und haben sie unter ihrem Heerführer Herzog Johann von Stargard, Schwestersohn Königs Albrecht, gegen die Belagerung der Stadt um Beistand bei dem preußischen Hochmeister und Herzögen von Mecklenburg gerufen, die wiederum sich um Beihülfe an ihre Landesstädte Rostock und Wismar gewendet, daß selbige schier darob ihre hansische Pflicht töricht außer acht gelassen. Dieweil nämlich arge Hungersnot die Verteidiger von Stockholm zur Übergabe an Margarethe Sprengehest bedräuete, haben die Ratmänner zu Rostock und Wismar Schiffe gerüstet, um die Stadt mit Nährmitteln zu beschicken, wonach die Beihelfer auf den Koggen sich Vitalienbrüder, das ist Viktualienbrüder, zubenannt. Das mochte wohl christlicherweise und klug geschehen, denn es ist nicht Vertrauen, Friede und Freundschaft mit den Dänen und deutscher Wohlfahrt und wird nimmer sein. Aber es haben die Städte Rostock und Wismar in Unbesonnenheit ohne Vorwissen der gemeinen Hanse gleicher Zeit einen Ruf ausgehen lassen, es sollten sich bei ihnen alle solche wohlbewaffnet einstellen, welche die darbende Hauptstadt von Schweden mit Zufuhr versorgen und auf eigene Kosten und Gefahr gegen Dänemark und Norwegen abenteuern wollten, um dort zu rauben und zu brennen, würden mit ›Stehlbriefen‹ versehen und ihnen die Häfen offengehalten werden, um ihren Raub zu bergen und nach Wohlbelieben zu verkaufen. Ist aus solcher unvorbedachten Aussaat Bitterböses aufgewachsen. Denn es hat sich alsbald viel waghalsiges und raubgelüstiges Volk, Edle und Unedle, tolle Gesellen, Schelme vorm Rad und Galgen fortgelaufen, zusammengefunden, gar ruchlos den Vorwand genutzt, Stockholm Hülfe zu leisten, in Wahrheit frech und freibeuterisch Städte und Ortschaften, aller Völker Schiffe, ob dänische, ob deutsche, auf dem Meere überfallen und ausgeplündert, einzig wohlbehutsam die Koggen von Rostock und Wismar stets verschont und ihre vielfältige Beute in sichern Raubhöhlen von der pommerschen Küste bis zum Friesland hin geborgen. Sind immerhin an Zahl und schamloser Keckheit angewachsen, daß sie einen gemeinen Bund zu mehr denn tausend Köpfen gestiftet, allen Handel verwüstet, Herren auf dem Meere gewesen, weit ärger als angelsächsische, dänische und wendische Seeräuber in alter Zeit. Haben solcherweise an Übermacht zugenommen, daß sie im Heilsjahre 1392 die Stadt Bergen mit Gewalt angefallen und verbrannt, den Bischof von Strengnäs zu schwerer Auslösung nach Stockholm geschleppt, englisches und niederländisches Gut geraubt, auch Herrn Dietwald Wernerkins Geschäft dort, meinem Herrn Vater, bösen Schaden zugefügt, den Ruf der deutschen Hanse in ganz Norwegen verunehrt haben, da man sie als Zugehörige der Städte erachtet und diesen solche Gottlosigkeit zugeschrieben. Zumeist am schlimmsten ist ihr Hausen in der Stadt Wisby gewesen, die seit Waldemar Atterdags Überfall tief in Unmacht und Niedergang geraten, so daß die Vitalienbrüder sie völlig in ihre Gewalt gebracht, dort eine große Niederlassung begründet, um ihre Ausbeute zu teilen, wonach sie sich gemeiniglich ›Likedeeler‹ beheißen, dieweil sie allen Raub zu gleichen Teilen unter sich auskehren. So betrübsam ist das Schicksal der vor eines Menschen Alter noch so mächtigen, edeln und reichen Stadt Wisby geworden, daß sie schier nicht unähnlich, wie die Stadt Bardewieck, an der verlassenen und gefürchteten Küste von Gotland daliegen soll. Sind aber die Hauptanführer und Anführer der schandbaren Gesippe der Likedeeler zweie mit Namen Godeke Michelsson und Klaus Stortebecker, Gott sei dafür gepriesen, man darf heute berühmen, gewesen, die mehr fast denn Könige, Fürsten und Feldherren wegen ihrer schier unglaubhaften Verwegenheit und abenteuerlich wildem Vermessen in den Mund alles nordischen Volles geraten, daß man die unartigen Kinder mit ihnen schrecket, leider der Unverstand aber auch auf den Gassen Lieder von ihnen singet, als seien nicht eitel Schandtaten, vielmehr rühmliche Heldenmären von ihnen zu berichten. Solche Torheit, große Schadenlegung und arge Verwirrung hat Herrn Dietwald Wernerkin, Ritter, um die Ausgangszeit seines Lebens viel sorgliche Bekümmernis zubereitet, daß derselbige, obzwar ansonst allzeit nach friedfertiger Einigung trachtend, doch von starkem Unwillen befallen, seinen ganzen Einfluß im Rat der gemeinen Hanse dahin gesetzt, daß die beiden Urheber des also schadhaften Übels, die Städte Rostock und Wismar, zu gerechter Strafe verhanset würden. Ist solches auch auf seinen eifrigen Betrieb zu Recht geschehen, daß sie noch bis zum heutigen Tag aus unserm Bunde ausgeschlossen und als ›Klipphäfen‹ mit dem Bann belegt sind. Vielerlei anderes, Gutes und Gemeinnützliches hat mein Herr Vater noch erwirkt. Desleider aber hat er nicht mehr zu Lebenszeit Kunde vernommen, wie in diesem Heilsjahre durch Wohlverdienst unserer edeln Bundesstadt Hamburg ein großer Hauptstreich wider das Freibeutertum geführt worden. Hatte Klaus Stortebeker so vieles Ansehen und Reichtum erlangt, daß ihm sogar Herr Keno then Broke, Gebietiger um Aurich, seine Tochter ehelich zum Weibe gegeben und im Verein mit Herrn Hisko, dem Propste zu Emden, den Seeräubern allerorten im Friesland gute Freistatt und Schlupfwinkel eingeräumt. Darauf jedoch die Städte Lübeck, Hamburg und Bremen ernstlich gerüstet, auch Gröningen, Kampen und Deventer sich zugesellt, viel Raubburgen und Schlösser am Emsfluß mit ihren Schiffen gebrochen, letzlich die ›Bunte Kuh‹, eine Orlogskogge derer von Hamburg, die Hauptleute der Likedeeler und siebenzig Genossen bei der Insel Helgoland angetroffen und nach großem Widerstreit die meisten lebendig in ihre Gewalt gebracht. Und sind alsbald danach Klaus Stortebeker, Gödeke Michels, Wigbold, ein Magister der Weltweisheit aus Rostock, benebst so viel andern auf dem Grasbrook zu Hamburg vom Meister Rosenfeld mit dem Beil gerichtet worden, daß er bis zu den Knöcheln im Blute gewadet. Trotziglich und gottlos alle, wie sie gelebt, aus dem Leben fortgeschieden und ihre Köpfe am Elbfluß entlang auf spitzige Pfähle aufgesteckt. So geschehen am Tage Sancti Feliciani im Juniusmond dieses Heilsjahres 1402 und verhoffen alle rechtschaffenen und ehrbaren Leute, es sei damit dem gemeingefährlichen und schandbaren Gewerbe der Vitalienbrüder ein wohlverdienter Ausgang zubereitet, daß die deutsche Hanse durch sie nicht ferner bei Unverständigen in Unehre und üblen Ruf falle, als habe sie derlei ruchlosen Übeltaten ihre Nachsicht und Gunst zubewilligt. Solches habe ich hier niedergeschrieben zu meines Herrn Vaters weiterm Angedächtnis, der sich mehr denn ein anderer wider die Missetäter ereifert und ihm wohl zu vergönnen gewesen, daß er noch von derselbigen schimpflichem Endziel Wissen empfangen. Herr Dietwald Wernerkin, Ritter, ist aber unverehelicht geblieben bis zu seinem 42. Lebensjahre, nahe ein Jahrzehnt nachdem die Königin Elisabeth von Norwegen als Schwester im St. Petrikloster, jungfräulichen Standes und noch jung ihres Alters, seligen Todes verstorben. Und hat auch er bis an sein Absterben das kleine Goldkreuz auf der Brust getragen, wie an ihm gefunden. Ist er jedoch um obige Zeit von einer schweren Krankheit niedergeworfen worden, daß er nicht anders vermeint, es sei sein Letztes, und hat, da er keine Sippe in der Stadt besessen, die ehrsame Jungfrau Barbara Kalver, im Nachbarhaus wohnhaft, sich seiner großen Verlassenheit erbarmt, ihn bei Tag und Nächten in seinem hitzigen Fieber also bewahrt, daß er allein durch ihre Fürsorglichkeit noch dem Tode entgangen. Ist schon in die dreißiger Jahre vorgerückt gewesen, behutsam, verständig, gleichfalls ohne Eltern und Sippschaft, nur für andere bedacht. War gern schweigsamen Mundes, doch wenn sie geredet, von gar wohlbesonnenen Worten, und hatte eine liebliche Art, jeglichem zu gefallen. So war mein Herr Vater durch Monde lang an ihr achtsames Behaben im Haus und freundlich-kluge Zwiesprache sehr gewöhnt, daß es ihm hart gefallen, als er von seinem Siechtum auferstanden, sich wieder von ihr zu trennen. Bedünkte ihn sehr einsam, still und frostig im Hause, konnte sie aber doch ehrbarerweise nicht fürder bei ihm verbleiben, hat er aber wohl wahrgenommen, daß auch ihr der Abschied schwer falle, ist mit sich zu Rat gegangen, auch Befreundete zugesprochen, daß sie sich nicht wechselseitig unnötige Vereinsamung und Trostentbehrnis zufügen möchten. Und ist sie also, obzwar nicht von vornehmer Herkunft, meine liebwerteste Frau Mutter geworden, allzeit arbeitsam, geduldig und sanftmütigen Herzens und unverändert bis ans Letzte, daß sie immer des gleichen, halb noch jugendlichen Alters zu verbleiben geschienen, und hat ein stillanmutiges Lächeln gehabt, das oftmals in trüben Tagen wie ein Sonnenschein im Hause gewesen. Desleider allzu früh, da ich 16 Jahre worden, in die Ewigkeit eingegangen, bin der einzige Sohn verblieben. Mein Herr Vater aber ist, nachdem sie ihn verlassen, in große Traurigkeit verfallen, hat sein Gemüt in den letzten Jahren mehr denn zuvor einer tröstlichen, gestrengen Gläubigkeit zugewendet, wie es wohl aus seiner Niederschrift zu öftern Malen ersichtbar wird, hat vielmals von Elisabeth und meiner Mutter zusammen geredet, als seien sie beide ihm eines geworden in der Vorstellung und der Hoffnung, sie wieder anzutreffen. Und ist also, wie ich obigen Orts vermeldet, aus dem Leben ausgeschieden am 13. Tage des Brachmondes dieses Heilsjahres 1402, glaube, gern gestorben. Hat viel Ungemach, Ärgernis und Trübsal befahren, doch reichlich Ansehen, Ehren und Ruhmwürdigkeit dazu, letzlich mit meiner Mutter gute Jahre genossen, mir großen Wohlstand hinterlassen. Gott schenke ihm die ewige Seligkeit! Dieses habe ich, Thedmar Wernerkin, alsbald nach seinem Absterben zur Ausfüllung seines Lebensberichtes kürzlich zugefügt, gedenke dereinstmals, wenn ich seines Alters werde, über mich selber fortzufahren. Weiß aber keiner vorher, was geschehen soll. Ist eine unwirsche, wilde Zeit, einzig Getröstung darin, daß noch niemalen solche Hochmächtigkeit der gemeinen Hanse vor Augen gestanden, herrschet von Nowgorod im Russenlande bis nach Brügge schier über alle nordischen Reiche, vermag kaum noch höher zu steigen. Bewahr uns der Beistand Gottes vor Hoffart, Übermut und Unrechtfügung und lasse mich, und wenn er mir Söhne verleiht, getreulich auf meines Herrn Vaters, selig, Wege fortgehen. Amen.« Als Osmund Werneking, oftmals nicht ohne erhebliche Beschwernis, die Schriftzüge beim dunstigen Geflacker der Kerze zu unterscheiden, bis hierher gelesen, war es ziemlich späte Nacht geworden. Das Blatt aber, welches seine Hand noch hielt, machte das letzte Stück der alten Schriftlegung aus, es folgte keines mehr darein. Herr Thedmar Wernerkin mußte nicht dazu gelangt sein, die von ihm gesprochene Absicht in spätern Jahren zu vollführen, oder ein anderer Ort solche Hinterlassenschaft von ihm aufbewahren. Thedmar Wernerkin war der Ältervater Osmund Wernekings gewesen, das wußte dieser, doch kaum mehr als den Namen und daß derselbe zwei Söhne hinterlassen, Wisimar und Detmar. Von ihnen hatte der erstere das väterliche Handelsgeschäft in der Burggasse zu Lübeck fortgeführt, Detmar, der jüngere, sich nach Wismar gewandt und hier eigenen kaufmännischen Betrieb begonnen. Weiter reichte das Wissen Osmunds nicht, sein Vater hatte niemals mit ihm über den Bruder geredet. Es schien zwischen beiden eine frühzeitige Entzweiung und Entfremdung eingetreten zu sein, daß sie fernerhin keinerlei Zusammenhalt der nahen Verwandtschaft mehr bewahrt. Doch auch sonst hatte sich Herr Detmar Werneking stets karg an Äußerung über die Vorfahren seines Geschlechtes erwiesen, seinem Sohne von der Niederschrift Dietwald Wernerkins niemals etwas kundgegeben, diese vielmehr ersichtlich mit Achtsamkeit, als besorge er Gefährliches darin enthalten, allzeit unter sicherm Verschluß geborgen. Die Wangen und Schläfen Osmund Wernekings aber brannten, nachdem er jetzt die Blätter bis zum Ende gelesen, mit so heißem Rot, als ob der Meinung seines Vaters, es möge gerade für ihn eine fiebererregende Schädlichkeit in der alten Schrift enthalten sein, wohl Berechtigung innegewohnt. Ein Glanzgeleucht war in seine Augen gekommen, die noch einmal zu dem Beginn des Lebensberichtes Dietwald Wernerkins zurückkehrten, wie derselbe mit zwanzig Jahren Hab und Gut und Väterheimat hinter sich gelassen und als fahrender Mann von Bardowieck in die Welt hinausgezogen. Offenkundig hatten zwei Naturen in ihm verweilt, eine des alten ritterbürtigen Blutes, das ihn keck mit Schild und Speer zur Weite, auf streitbare Umfahrt drängte, und andere daneben, aus deren Keim nachmals der seßhafte, bedachtsame Handelsherr und Lübecker Ratsherr aufgewachsen. Und es kam Osmund, daß sein Vater allein diese letztere Natur geerbt habe, während er selber die erstere überkommen und von Kindesbeinen auf in sich getragen. Dann ging es ihm weiter durch die Gedanken, ob etwa seinem Oheim Wisimar auch dieses gleiche Erbteil gefallen und daraus der Zwiespalt und die Scheidung zwischen den beiden Brüdern erwachsen sein möge. Solches Umherdenken aber füllte ihn mit eifriger Begier, auch über das Leben und die Sinnesrichtung seines Ältervaters weiteres in Erfahrung zu bringen; er sprang plötzlich auf und suchte in allen bisher von ihm unbeachtet gelassenen Schrankwinkeln und Schubfächern nach der verheißenen Schriftfortführung Herrn Thedmar Wernerkins. Doch fand sich eine solche nirgendwo, auch nicht, als der Nachforschende ein ihm noch unbekanntes Geheimfach entdeckte, das allerhand wertvolle Pretiosen barg. Sein Blick ging ziemlich gleichgültig darüber hin, und es war Zufall, daß sein Augenmerk auf einem schlichten Kästchen zwischen dem Geglitzer edler Steine haften blieb und seine Hand den Deckel abhub. Da lag, an einer Schnur befestigt, ein kleines goldenes Kreuzchen darin, in dessen Mitte, von einem Blätterkranz umschlossen, ein E eingegraben stand. Nun saß Osmund Werneking wieder an dem braunen Eichentisch. Er hielt das Goldkreuz in Händen und sah mit gar eigentümlich glanzvollen, weit geöffneten Augen drauf hinab. Dann las er wieder in der alten Schrift, wie Elisabeth von Holstein auf der sonnigen Heide bei der Burg Arensfeld Dietwald Wernerkin dieses Kreuzchen zum Andenken gegeben. Vom Rathause zu Wismar her kam ein neuer Klang für die Zeit durch die ruhige Maiennacht. Die Uhr, welche der Rat sich für große Anzahlung durch eine Schiffsgesandtschaft aus der Stadt Padua im italischen Land vor kurzem erst hatte erholen lassen, schlug die Mitternachtsstunde. Osmund Werneking horchte mit glühendem Angesicht auf und vermurmelte: »Es ist die Stunde der Geister, wie vor einem Jahrhundert in ihr mein Urältervater zu Lübeck mit Johann Wittenborg die Becher widereinander geklungen. Sie haben damals noch vom Schlag der Glocke nicht gewußt, aber mich bedünkt, ihre Geister sind lebendig um mich zur heutigen Mitternachtstund'.« Manchmal sah er lang wie in ferne Weite vor sich hinaus, dann las er wiederum, der fiebernde Strahl zwischen seinen Lidern überblitzte die alte Schrift. So wiederholte er nochmals das Lesen derselben bis zum letzten Abschied Dietwald Wernerkins am Dünenstrande von Falsterbo. Da schlug die Uhr die zweite Morgenstunde, und Osmund Werneking hielt inne. Er sah auf und sprach lauten Mundes: »Es ist doch wohl ein Tropfen andern Bluts noch in mir als in seinem. Ich hätte nicht von ihr gelassen – wenn du mir das Kreuz gegeben, Elisabeth, kein König und kein Kloster hätte dich mir nehmen gesollt!« Er bückte plötzlich die Stirn nieder und küßte das kleine Goldkreuz. Es lag ehrerbietige Scheu und ein schwärmerisches Ungestüm darin, wie seine Lippen es berührten. Dann befestigte er sich rasch die Schnur um den Nacken, barg es an seiner Brust und suchte seine Lagerstatt auf. Doch der Schlaf kam nur mit einem kurzen, unruhvollen Traum über seine Augen, oftmals stieß er in ihm laute Worte hervor. Im Frühlicht stand er schon wieder angekleidet, anders als am Abend vorher, wie zu einer Reise gerüstet. Dann begab er sich zu dem alten Buchhalter und sprach: dieser möge mit Vollmacht getreulich während seiner Abwesenheit schalten, er habe über Nacht erwogen, daß es der günstige Fortgang seines Handelsgeschäftes von ihm heische, selber einmal Nachschau im Kaufhof zu Bergen zu halten; wann er heimkehre, wisse er heut noch nicht zu sagen. Der Alte hörte verwundert die unbereitete Botschaft, doch lag wohl zweckdienlicher Antrieb zu solcher Fahrt für den Besitzer des Geschäfts in der Luft, denn es kam seit Jahren manche Kunde von Norwegen herab über tolles und unverständiges Gebaren, das im Kaufhof zu Bergen der Hanse oftmals Schaden und Unehre zufüge. So gelobte der Buchhalter, mit treulicher Pflicht Haus und Handel seines Herrn in Obacht zu halten, und bereits um eine Stunde später verließ Osmund Werneking seinen stattlichen Wohnsitz in der Dankwardsstraße und zog durch die hochübergiebelten Gassen seiner Vaterstadt davon. Er wandte sich aber nicht durch das Wassertor dem Hafen zu, sondern zu Roß aus dem Pölertor auf den im Halbrund die Stadt umschließenden Hügelkranz hinauf. Da hielt er und warf noch einen Blick über die vielen Türme, Zacken und Zinnen des stolz-bevorrechteten Hansebundgliedes, die himmelblaue Seebucht dahinter und die smaragden schimmernde Insel Pöl zurück, dann winkte er lachend mit der Hand gar leichtgesinnten Abschied und ritt westwärts auf der Landstraße nach Grevismühlen weiter. Wie er, wohlgewandt als Reitersmann, so im Sonnenschein dahintrabte, war's in manchem, als sei Dietwald Wernerkin aus dem Grab gekehrt und ziehe nach einem Jahrhundert wiederum jung und keckgemut in die Welt hinaus. Sein blondes Haar war's und im großen die nämlichen Züge des Gesichts, nur die Gestalt darunter wies nicht völlig so kraftvollen Wuchs und nicht schwere, kriegerische Rüstung. Wohl war auch sein Urenkel, wie es noch ebenso unerläßlich außerhalb der Stadtmauern, mit Waffen und Wehr gut versehen, doch er trug unter dem farbig verbrämten Mantel nur ein feinmaschig, enganschmiegsames, blauschuppiges Panzerhemd, einen leichten federüberwallten Stahlhelm auf dem Scheitel und neben dem langen Schwert in silberner Scheide, an der andern Seite des Sattels hängend, ein kaum längeres Faustrohr von italischer Kunst aus der Stadt Velletri, so leichter Art, wie zu Wismar noch keine zweite Hakenbüchse gesehen worden. Diese war eine ebenso große Kostbarkeit, als für einen Reiter wenig nutzbar, da ein unvorhergesehener Angriff ihm zu ihrer umständlichen Handhabung schwerlich Zeit beließ. Aber ein Jahrhundert hatte die Sicherheit im Wendland sehr zum Bessern gewandelt, daß kein Burgritter und selbst kein mecklenburgischer Herzog sich unterfangen mochte, einen Bürger der mächtigen Städte Wismar und Lübeck auf der Landstraße zwischen ihnen mit offener Gewalttat zu überfallen, da die Hanse mit Wegelagerern nicht Spaß verstand, gleichviel, ob sie aus dem Strauch oder dem Schloß entstammten, und manch edler Kopf schon sein Gelüst an Kaufmannsgut unter dem Beil eines städtischen Freimeisters gebüßt hatte. Gegen die hochragenden Türme der Löwenstadt aber ritt auch Osmund Werneking heut, wie einstmals sein Urältervater es getan. Nur wußte er, zu welchem Behuf er dorthin zog, und trug reichlichen Vorrat von Goldgulden in seinem Gurt. Und nur besaß sein Antlitz keinen mädchenhaften Anflug, die bartlose Lippe erschien zuversichtlicher gewölbt, in seinen noch blauen, doch beträchtlich dunklern Augensternen lag nicht der träumerische Schimmer, den Dietwald Wernerkins Wimpern einst überschattet, und obwohl die Lerchen, grad wie vor einem Jahrhundert, singend um ihn zum Maihimmel aufstiegen, gab sein Ohr und Blick nicht auf sie acht. Der Weg von Wismar an die Trave war für sein gutes Pferd nicht weit und er traf noch am hellen Spätnachmittage ungefährdet am Burgtor zu Lübeck ein. Gleich hinter jenem lud ihn eine Herberge zur Ausrast, und er befragte den Wirt nach Herrn Wisimar Wernekings Haus und Handelsgeschäft in der Burgstraße. Doch wußte der keinerlei Auskunft darüber und meinte, er habe niemals von einem solchen in der Stadt vernommen, gewißlich aber sei der Ausgekundete nicht in der nämlichen Straße mit ihm ansässig. Die gleiche Erwiderung empfing Osmund von mehr denn einem Nachbarn der Herberge, bei denen er seine Umfrage fortsetzte, bis ein höher Bejahrter nachsinnend sich im Gedächtnis wachrief, daß in seiner Jugendzeit vor dreißig Jahren oder mehr ein Herr Werneking, Sohn und Geschäftsnachfolger Herrn Thedmar Wernekings, Ratsherrn selig, in der Burgstraße wohnhaft gewesen. Doch eines Tages sei derselbige aus der Stadt Lübeck verschwunden, habe Haus und Handel verkauft, seitdem verschollen, keiner wisse mehr irgendeine Kunde von seinem Bleiben, mutmaßlich längst verstorben, seines Alters müsse er sonst jetzt etwa sechzig Jahre sein. Das vernahm Osmund Werneking nicht minder hocherstaunend, als zu nicht geringem Leidwesen, denn obwohl er seinen Oheim nicht kannte und seiner bisher kaum jemals als eines noch Lebenden gedacht, hatte sich seit dem Abend zuvor die Mutmaßung in ihm befestigt, derselbe müsse durchaus andern Sinnes und Wesens sein, als sein Bruder Detmar wohl von jung auf bis zu seiner Todesstunde gewesen. Auch hatte es ihn mit einem heimlichen Gefühl angemutet, nicht völlig ohne jegliche Sippe und Blutszugehörigkeit in der Welt zu stehen, und er schritt, etwas niedergeschlagenen Gemüts, durch die fremden Gassen der Stadt Lübeck umher. Dann aber kam's ihm, daß er ganz so in gleichem hier umwandere, wie Dietwald Wernerkin es einstmals auf den nämlichen Steinen und wohl an vielen der nämlichen Häuser vorüber getan, nur mit gar gewichtigem Vorzug vor jenem an Gut und Geld in seinem Säckel. Er sah die hohen Zwillingstürme der Marienkirche und darunter auf dem Marktplatz die Richtstatt, von der Johann Wittenborgs Kopf herniedergerollt, und es fiel in der abendlichen Dämmerung zum erstenmal etwas über ihn, das ihm bis dahin fremd gewesen, er wußte keinen Namen dafür, mit sonderbarem Schauer lief es ihm durchs Blut. Allgemach ging er halb wie in Traumverlorenheit, als ob er wohl er selber, doch zugleich auch sein Urältervater sei, der wieder ins Leben zurückgekommen und mit seinen Sinnen umblickte und horchte. Oft schaute er vor sich hinunter, als müßten die Spuren desselben ihm noch aus dem Stein, darauf er den Fuß setzte, heraufnicken, und wie das Nachtdunkel einbrach, stieg er in den Ratsweinkeller nieder. Der hatte grad so gelegen, und die Bürger der Löwenstadt, alte und jüngere, saßen ebenso, redend und trinkend an den Tischen und gleicherweise teilnahmslos und fremd für den jungen Ankömmling. Manchmal tönte von einem abgesonderten Gewölbe nebenan, der Orlogsstube, lauter Becherklang, und er vernahm aus der Zwiesprache der Umsitzenden, daß dort viel vornehme Gäste seien, Herzöge aus Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen, Grafen und Ritter, die der Ankunft des Königs Christoph von Dänemark in Lübeck für den nächsten Tag harrten, um in der Stadt auf dem Kloster bei der Burg eine festliche Zusammenkunft mit ihm zu halten. Osmund Werneking hatte einen Tisch in dämmernder Ecke für sich gesucht, vielleicht konnte es derselbe sein, an den sich Dietwald Wernerkin einstmals gesetzt und im heißen Südwein seine Mutlosigkeit zu goldigen Hoffnungsbildern umgebadet. Doch sein Nachkomme war besser im Trunk erfahren und vermochte manchen Becher auszuleeren, ohne eine Wirkung davon zu verspüren. Dann ward es mählich wohl ebenso um ihn stiller und verlassener, auch der fürstlichen Gäste Gelärm drüben war verklungen, aber Johann Wittenborg kam nicht, ihm mit einer Ansprache die Hand auf die Schulter zu legen. Nur geisterhaft lagen die alten Bogenwölbungen, hier und da noch von einem unbestimmten Laut widerhallend, der an ihnen umlief, als töne er aus ihren Fugen eingemörtelten Stimmenfang hervor. Und zuletzt flutete doch der Wein durch Hirn und Herz Osmund Wernekings, daß er sich, wie ein Aufwachender, fast lachend sprach, er sei ja nicht sein Ahnherr und bedürfe keiner Beihülfe wider Kleinmut und Trostlosigkeit. Und er sei nicht über die Sonnenheide gekommen, daß es ihm das Herz bedrücke, von ihr weit in ferne Fremde hinauszuziehen, vielmehr treibe ihn ein ungestümes Verlangen aus der heimatlichen Welt in unbekannte andere, nach Wind- und Wellengebrause. Aber seltsam blieb's dabei, daß das goldene Kreuzchen auf seiner Brust nach einem Jahrhundert zum andern Mal hier an derselben Statt verweilte, das einzige, was aus jener Zeit verblieben, derweil alles, was es damals gewahrt, sich lang ins Grab gelegt und in Staub zerfallen, heißklopfende Menschenherzen mit Liebe, Haß, Arglist und Ehrfurcht. Es war ihm, als habe sich etwas wunderlich an seinen Sinnen und seiner Seele verwandelt, seitdem er die Schnur des kleinen Kreuzes um seinen Nacken gelegt, als sehe er alle Dinge um sich her mit andern Augen und höre mit anderm Ohr. Das mochte wohl der Wein wirken, dessen feurige Kraft er jetzt doch empfand; er trank den letzten Becher und lächelte, das Kreuz mit der Hand fassend: »Elisabeths Lippen küßten dich und redeten: Bring' ihn wiederum zurück wie heut. Du hast's wohl nach dem Wort getan, doch ich hoffe, du geleitest mich zu besserer Fahrt nach Falsterbo.« Er stand auf und ging, als der Letzte, etwas auf den Füßen schwankend, der Ausgangstreppe zu. Vor einem der leeren Tische neigte er sich, seinen befederten Helm vom Haupte ziehend, und sprach mit etwas rauschglänzenden Augen, doch ernsthaften Mundes: »Gute Nacht, Herr Wittenborg; habet Dank für Eure Gesellschaft. Wenn Euer Blick heute die Dudesche Hanse gewahren könnte, möchtet Ihr wohl die Geisterstunde hier noch ausharren und guten Freudentrunk tun. Habet zu tief in Nixenaugen geschaut, die fürcht' ich nicht, durch den Sund zu fahren. Und waret ein hochmächtiger Herr und Gebieter, Herr Admiral, aber Ihr seid tot, und ob mich keiner ansieht hier und meine Gunst begehrt in der Welt, trag' ich noch lebendigen Kopf auf mir, dessen freu' ich mich mehr. Schlafet geruhsam! Weiß nicht, ob Ihr irgendwo zusammen verweilet mit meinem Urältervater. Dann begrüßet ihn, ich trüg' sein Amulett auf der Brust vor Waldemar Atterdags falschem Blut.« Durch die Breite Straße wanderte Osmund Werneking hallenden Schrittes über den Kuhmarkt zur Burgstraße hinüber. Er blickte an den hohen Giebelhäusern empor und sprach laut: »Aus welchem von euch schaute Wisimar, mein Oheim, herab? War Dietwald Wernerkins junges Blut in ihm, daß er übleres Geschick an der Barbareskenküste befahren? Oder sitzt er noch am Rialto zu Venedig mit einer Landsgenossin von Peter Holmfelds schwarzlockigem Weibe am Herd? Ihr seid worteskarg wie die Toten! Wenn meines Ahnherrn Hand nicht geredet, wer wüßte noch von dem, was gewesen?« Trotz seiner späten Heimkunft hob er sich am Morgen schon mit dem ersten Licht in der Herberge vom Lager. Er traf äußerst günstigen Zufall, daß im Flußhafen eine Kogge vollbereit lag, um nach der Stadt Bergen unter Segel zu gehen, und schon um wenige Stunden nachher drehte sich hinter ihm das von der Sonne vergoldete Burgtor Lübecks mit den Krümmungen der Trave im Kreise, wie einst vor Dietwald Wernerkins rückgewendetem Blick. Langsam zog das hochmastige Schiff scheinbar über das grüne Land fort, da kam dem heutigen Fahrgast der Kogge das Gedächtnis, daß der junge Schützling Johann Wittenborgs damals beim Abschied von den Türmen der Löwenstadt das kleine Goldkreuz genommen und seine Lippen darauf gedrückt. Lächelnd, von der Erinnerung geregt, tat er das nämliche; im nächsten Augenblick jedoch horchte er verwundert auf. Aus der blauen Luft über ihm kam ein Klang herab, und wie er den Kopf hob, stand ein dunkles Pünktchen ihm zu Häupten im Sonnengeflimmer. Und zum ersten Male gelangte es Osmund Werneking deutlich ins Bewußtsein, das sein Ohr den hellen Frühlingsschlag einer Lerche vernahm. * * * Ein Jahrhundert ist seit Dietwald Wernerkins Ausritt von Bardowiek auch über die Länder, Völker und Throne der nordischen Welt hingegangen. Der zweite Kriegszug der Hanse im Bunde mit den holsteinischen Grafen und dem Herzog von Schleswig hat Waldemar Atterdag zur Flucht aus seinem Reich gejagt, erst nach drei Jahren zurückgekehrt, ist er im Herbste 1375, ohne einen Sohn zu hinterlassen, auf Schloß Gurre gestorben. Zwei seiner Enkel haben sich den Thron Dänemarks streitig gemacht, Herzog Albrecht von Mecklenburg, der Sohn seiner Tochter Ingeborg und Herzogs Heinrich von Mecklenburg, und Oluf von Norwegen, der Sohn König Hakons und Margarethens, Waldemars Atterdag jüngerer Tochter, welche Elisabeth von Holstein vom Throne Norwegens verdrängt. Dann hat Margarethe die Herrschaft für ihren erst fünfjährigen Sohn zu erringen gewußt und ist, als Oluf bald darauf plötzlich gestorben, da auch König Hakon ihm nachgefolgt, Königin von Dänemark und Norwegen geworden, während Albrecht von Mecklenburg die Krone Schwedens erlangt. Doch von dem schwedischen Volke gerufen, hat Margarethe, ›die Semiramis des Nordens‹, durch die Beihülfe der deutschen Hanse ihren Neffen mit Waffenmacht gestürzt, auch die schwedische Königskrone zu den andern auf ihr Haupt gesellt und die drei nordischen Reiche durch die ›kalmarische Union‹ unter ihrem Zepter vereinigt. Und nicht minder ist es der Kinderlosen gelungen, ihren Großneffen Erich von Pommern als Nachfolger in Dänemark, Norwegen und Schweden anerkennen zu lassen. So hat König Erich nach dem Tode Margarethens im Jahre 1412, neunundzwanzigjährig, den Thron der drei Reiche bestiegen. Er ist ein Sohn Herzogs Wratislaw von Pommern und Enkel Ingeborgs von Dänemark, durch die das Blut Waldemars Atterdag in seine leiblichen Adern übergegangen, doch mehr noch in Hirn und Herz. Ihm fehlt das Gewaltige seines Urältervaters, der große, bezwingende Zug in Edlem und Unedlem. Noch in kleinerem Maßstab ist er nicht minder falsch, habgierig und rachsüchtig: er prahlt mit hochfahrendem Übermut auf seine königliche Hoheit, Macht und Glanz, dem Schwächern gegenüber frech und herrisch, weicht er mutlos vor wirklicher Gefahr zurück. Im Gang der Jahre bricht Graf Heinrichs des Eisernen von Holstein altgrimmiger Haß gegen das dänische Herrscherhaus in seinen Söhnen wider den neuen König los und vernichtet das Heer desselben unfern der Stadt Flensburg. Erich von Dänemark entsagt zugunsten des Nachfolgers Heinrichs, des Grafen Adolf des Achten von Holstein und Letzten seines Geschlechtes, jeden Anrechts auf das Herzogtum Schleswig; feig, wortbrüchig und grausam, verliert er von Jahr zu Jahr mehr in seinen drei Reichen die Achtung bei Hohen und Niedrigen. Im Jahre 1437 wird er von den Reichsräten Schwedens und Norwegens, 1439 von denen Dänemarks der Krone verlustig erklärt. Er macht keinerlei Versuch, seine Herrschaft zu behaupten, entwendet nur bei Nacht die Reichskleinodien und flüchtet zu Schiff nach der von Seeräubern völlig in Gewalt gehaltenen Insel Gotland. Von wild-unlöschlichem Haß gegen Dänemark beseelt, verbündet er sich dort mit den Vitalienbrüdern und rüstet Koggen, um an den dänischen Küsten zu plündern, rauben und brennen. Dann, über die Mitte des Jahrhunderts, ist er verschollen. An seine Stelle beruft der dänische Reichsrat im Herbst des Jahres 1440 den Sohn seiner Schwester und des Pfalzgrafen Johann von Neuburg-Sulzbach, Herzog Christoph von Bayern, als ›König der Dänen, Wenden und Goten‹ auf den erledigten Thron, und nach einem Jahr folgen Schweden und Norwegen in der Anerkennung desselben nach. So wiederholt sich die Vereinigung der drei Reiche unter einem Zepter. Doch König Christoph besitzt keine Kinder und nicht Aussicht, noch einen Thronerben zu erhalten. Obwohl von Vätern her deutscher Abkunft steckt doch in seinem Blut, das in weiblicher Folge auch von Waldemar Atterdag stammt, ein glühender Haß wider die deutsche Hanse. Er ist von wenig gewinnender, in sich verschlossener Natur, ohne Vertraute, niemand erfährt seine Gedanken, eh' er sie ins Werk setzt. Dergestalt hat der Lauf eines Jahrhunderts die großen Verhältnisse im Norden und ihre Oberlenker umgeändert. In den skandinavischen Reichen steht die Dynastie Waldemars Atterdag, in Holstein diejenige Graf Geerdts des Großen nur mehr auf zwei Augen, beide sind dem Erlöschen verfallen. Gewaltig ausgedehnt dagegen hat sich der Bund der deutschen Hanse. Er ist gleichmäßig in die Breite und die Tiefe gewachsen; von Nowgorod, Dorpat und Riga spannt sich sein Bogen über Danzig, Thorn, Krakau und Breslau bis nach Köln, Gent, Brügge, Antwerpen, Amsterdam hinüber. Südwärts ins Binnenland des Reiches erstreckt sich der Verband ungefähr an eine Mittellinie zwischen den Alpen und der Nord- und Ostsee, fast ausnahmslos gehören die Städte der niederdeutschen Tiefebene, des Harzes und Westfalens der Hanse an. Von Jahr zu Jahr steigert sich dadurch die Unabhängigkeit, in welche die Mitgliedschaft des mächtigen Bundes sie ihren Landesherren gegenüber versetzt. Wo die letztern den Versuch machten, ihren ehemaligen oberherrlichen Rechten wieder volle Geltung zu erringen, begegnen sie den scharfstachlichten Kettengliedern und dem eisernen Willen der Hanse, die keine gemeinsame Unterstützung von Handelsinteressen mehr darstellt, sondern einen festen Zusammenschluß der ganzen städtischen Gemeinwesen zu Schutz und Trutz, Abwehr und Angriff. Weitaus der Mehrzahl nach entrichten die Städte ihren Territorialfürsten nur einzelne Gefälle und Jahresabgaben, im übrigen schalten sie mit völliger Freiheit, halten jenen ihre Tore verschlossen, führen nach eigenem Bedünken Krieg und schließen Frieden. Denn unablässig sind auch jetzt, wie vor einem Jahrhundert, die Fehden allüberall. Fast jammervoller als einer seiner Vorgänger, hat im Jahre 1440 der Habsburger Herzog Friedrich von Österreich als Friedrich IV. den deutschen Kaiserthron bestiegen und hält diesen über ein halbes Jahrhundert wie in nachtwandelnder Schlafsucht inne. Unter seiner Herrschaft teilen sich der Osten, der Süden und Westen, der Osmanensultan, der Papst und der König von Frankreich gleichmäßig in Beutestücke des Deutschen Reiches. Alles in Oberdeutschland ist Mut- und Hülflosigkeit, Vereinzelung und Verwilderung, Schimpf, Not und Verfall, denn die Glieder sind lahm und schläfrig wie das Haupt, das bei jedem neuen Verlust statt der Arme nur Tränen besitzt. Einzig die Hanse steht als Schild und Schwert im Norden des Reiches. Sie ist hundertköpfig, doch von einem gemeinsamen Gehirn regiert, das nach wie vor in den Mauern Lübecks arbeitet. Dort fassen zumeist die ›Hansetage‹ ihre Beschlüsse über wichtige gemeine Angelegenheiten, und jedes Bundesmitglied ist bei Strafe der ›Verhansung‹ zur Nachachtung derselben verpflichtet. Sonst treiben die Städte vielfältig kleine Politik auf eigene Hand, brechen Raubburgen in ihrer Nachbarschaft nieder, schließen Separatbündnisse wider Anmaßung und Habgier dieser und jener weltlicher und geistlicher Herren, wechselnd mit Vorteil und Schaden. Doch erst wo der prüfende Blick von Lübeck aus in dem letztern Gefahr und Bedrohnis für die Gemeinschaft erkennt, tritt die Hanse, gleich der Stimme des Achill im Gedränge um die Leiche des Patroklos, hervor, und es wird still auf dem Kampfplatz. Schwerwuchtig aber vor allem liegt ihre Löwentatze auf den skandinavischen Reichen. Dort hat sie Könige ein- und abgesetzt, sich oberste Handelsprivilegien an allen Häfen mit dem Schwert erzwungen, hält ringshin starke, meerbeherrschende Burgen in ihrem Besitz. Die Zeit beugt sich nur unter die Herrschaft der Gewalt, und mit dieser behauptet die Hanse ihre erkämpften Rechte; doch fraglos geht sie an manchen Orten darüber hinaus und erdrückt mit hochfahrendem Kraftbewußtsein und schrankenloser Gewinnsucht hart und herrisch das Recht anderer. In einem jedoch hat sich die hoffnungsvolle Voraussicht der Niederschrift Herrn Thedmar Wernerkins getäuscht, daß mit der Enthauptung Klaus Stortebekers, Gödeke Michaels und ihrer Genossen auf dem Grasbrook zu Hamburg das ›gottlose Unwesen‹ der Vitalienbrüder ein Ende gefunden. Allerdings ist ihre zu einem Widerspiel-Bunde der Hanse zusammengeschlossene Kraft von der ›durch die See brausenden bunten Kuh mit ihren starken Hörnern‹, der Hamburger Orlogskogge, gebrochen, und sie wagen keinen offenen Widerstand und Kampf mehr gegen große gewaffnete Schiffe der Seestädte. Aber da und dort bergen sie sich überall in schwer zugänglichen Schlupfwinkeln und Klippenlöchern und brechen bei Nacht und Nebel mit ihren Schnellseglern hervor. Zweimal, in den Jahren 1429 und 1439, haben sie sogar unter ihrem Likedeeler-Hauptmann Bartholomes Voet mit sieben Schiffen an hellichten Tage die Stadt Bergen wieder überfallen, ausgeplündert, das Königs- und Bischofshaus nebst vielen anderen in Flammen gesetzt. Aufs Meer zurückgekehrt, sind sie von beinahe hundert norwegischen Fahrzeugen verfolgt und angegriffen worden, haben indes mit solcher Kriegstüchtigkeit und wildester Tapferkeit gekämpft, daß sie die größten Schiffe ihrer Gegner geentert, selbst bemannt und mit ihnen die übrigen in den Grund gesegelt oder zur Flucht gedrängt. Sie besitzen viele heimliche Begünstiger sogar unter Fürsten und Herren, nicht minder von ihrem Ursprung her in den westlichen Seestädten Wismar und Rostock, und es gibt nicht wenige, die, bedenklich den Kopf schüttelnd, sich des Glaubens nicht entschlagen können, verborgenerweise habe die Mehrzahl der Bundesglieder der gemeinen Hanse selbst ihre Hand dabei im Spiele gehabt, um zugleich gegen den König der skandinavischen Union und gegen die engelländischen Kaufleute in Norwegen einen vernichtenden Streich zu führen und sich zu völliger Alleinherrschaft in Bergen aufzuschwingen. Dann jedoch ist allmählich weniger Kunde von großen Gewalttaten der Vitalienbrüder ergangen, nur von Gotland aus fallen sie noch dann und wann die dänischen Küsten an; um die Mitte des fünften Jahrzehnts scheinen sie verschwunden oder wenigstens ihre Bundesgenossenschaft zum gemeinen frühern Seeräubertum aufgelöst. Aus solchen Vorgängen aber wird ersichtlich, daß die feste Einigung der Hansestädte sich auch in hochwichtigen Dingen nicht überallhin erstreckt. Sie stehen meistens zusammen, nicht immer; jede verfolgt auch ihre Sonderinteressen, und wo diese ihr an Bedeutsamkeit die Oberhand gewinnen, läßt sie die Politik und den Beschluß des Bundes manchmal außer acht. Offen oder verhohlen weigert sie tatsächlich den Gehorsam; vielfach treten deshalb Verhansungen ein, selbst die ›Hansakönigin‹ Lübeck wird einmal von einer solchen betroffen, wie sie um des Umsturzes ihrer inneren Verfassung willen im ersten Jahrzehnt des fünfzehnten Jahrhundert in des Reiches Acht und Bann geraten. Tausendfältige Nebenzüge, Gegenstrebungen, Hemmnisse und Kreuzungen laufen unablässig in allen Städten zwischen das gemeinsame Handeln der deutschen Hanse hinein. Vor allem verschärft sich fast in jeder gleichmäßig der Gegensatz der vornehmen Kaufmannsgeschlechter und der Gewerkszünfte, führt in blutigen Kämpfen um die städtische Herrschaft zum Sieg der einen oder der andern, hier hat ein aristokratischer, dort ein demokratischer Rat das Regiment an sich gebracht, Fürsten- und Pfaffenintrigen mischen sich hinein, es entspringt daraus Abneigung mancher Bundesstädte gegeneinander, wächst und vereitelt nicht selten die Durchführung einer dem Ganzen förderlichen Politik. Die Machthaber auf den kurulischen Sesseln betrachten die sichere Behauptung ihrer Gewalt als höchstes Ziel, blicken mißtrauisch auf die andere soziale Ordnung der Nachbarstadt. Hin und her wandernde Sendlinge schüren die Volksmeinung gegen die Geschlechter oder die Gewerke; viel Blut fließt im Streit und unter dem Richtbeil. Gebieterisch, als oberste Macht des gesamten Nordens, steht die Dudesche Hanse nach außen da, doch langsam wuchert in ihrem Schooße mehr denn ein Keim des Auseinanderbruches, der Verderbnis auf. Als Osmund Werneking an jenem Maienmorgen des Jahres 1447 den Travefluß hinabzog, gedachte er nicht, daß seiner Reise noch ein besonderer Aufschub bevorstehen und er sie erst in mannigfach veränderter Weise fortsetzen werde. Zwar wußte er, die Kogge solle über Nacht zu Travemünde vor Anker belassen bleiben, um dort noch Ladung für ihre Bergenfahrt einzunehmen, und als sie das nur aus wenigen Gassen bestehende unscheinbare Städtchen erreicht, begab er sich ans Land und schlenderte bis zum Anbruch der Dämmerung unter dem weit auf die wagrische Bucht hinausblickenden hohen Leuchtfeuerturm am Strande umher. Dann wanderte er zurück, doch der im Taglicht zuvor still daliegende Ort hatte sich nunmehr zu lautester, überraschender Lebendigkeit umgeändert. Er besaß fast ebenso viele Schenken als Häuser, und von allen Schiffen am Ufer, die mit dem nächsten Morgen gen Lübeck hinauftrachteten, strömten die Seeleute zu Hauf in die Bier- und Metstuben hinein. Alle Zungen der Nordküsten Europas klangen durcheinander, zumeist niederdeutsche, dänische und schwedische, doch auch vlämische, engelländische und selbst hispanische mischten sich drein. Es war das nichts Neues und Fremdes für Osmund Werneking, der von Kindheit auf gleiches im Hafen seiner Vaterstadt gehört und gesehen, und er nahm nicht viel Anteil an dem Getriebe um ihn her, sondern saß mit andern Gedanken allein bei seinem Becher herb die Lippen ziehenden deutschen Weines vom Rheinland, den der Schenkwirt ihm als eine besondere Köstlichkeit aufgetischt. Nur allgemach zog das Gebaren mehrerer Matrosen um einen Tisch in halbdunklem Winkel der Stube sein Ohr- und Augenmerk auf sich. Es waren Dänen, und er verstand des Hin- und Hergerede ihrer rauhkehligen jütischen Stimmen nur zur Hälfte, aber sie mußten gute Löhnung im Sack tragen, denn sie tranken, als etwas noch Seltenes und hoch mit Geld Aufgewogenes, farbloses, aus Weinhefen gebranntes ›Lebenswasser‹, wie es bis vor einem halben Menschenalter nur noch in den Apotheken als Arzneimittel wider die Pest zu Kauf gehalten worden. Der starke, von ihnen aus Zinnbechern genossene Trunk wirkte heftig berauschend auf sie, nur einer, der bei der Metkanne saß, erhielt sich nüchterner und tadelte die andern wegen ihrer üppigen Vergeudung. Doch prahlerisch zog der zunächst von ihm Angesprochene etliche dänische Goldgroschen hervor, klimperte sie auf den Tisch und lachte: »Haben wir's nicht dazu, und kriegen wir morgen nicht genug, alles Lebenswasser in Lübeck durch die Gurgel laufen zu lassen? Lystig og liderlig omstunder!« Dem Abmahnenden schien diese Äußerung jedoch in hohem Maße zu mißfallen, er warf einen kurzumlaufenden, spähenden Blick über die andern Gäste der Schenke und tuschelte darauf dem Trunkenen rasch einige Worte ins Ohr, die ihn verstummen und die funkelnden Goldmünzen wieder einstecken ließen. Die Luft in der niedrigen, dicht von Menschen gefüllten Stube war schwülbedrückend, Osmund Werneking stand nach einer Weile auf und verließ das Wirtschaftshaus. Draußen lag tiefdunkle Nacht, doch er fühlte sich noch nicht ermüdet, das gleichmäßige Rauschen der laut durch die Finsternis ans Ufer rollenden Wellen zog ihn an, es mußte, nach den Gestirnen zu schließen, über Mitternacht hinaus sein, als er sich rückwärts begab, das Lager in seiner Kogge aufzusuchen. Nun war's in den Schenken und am Hafendamm ruhig geworden, nur ein Stück abwärts von den übrigen Fahrzeugen schlug ihm im Vorüberkommen noch Stimmenklang ans Ohr. Seeleute waren dort in der Lichtlosigkeit beschäftigt, über einen Brettsteig etwas Schweres auf einen schwarzen Schiffsrumpf hinaufzurollen, Osmund erkannte die rauhen jütischen Kehlen von zuvor aus der Schenkstube, auch diejenige des nüchterner Verbliebenen, der halbgedämpften Tons ingrimmig fluchte: »Vil ji fordrukkne Pindswiin vel holde Snuden!« Ganz ohne Wirkung hatte er jedoch auch nicht dem Met fleißig zugesprochen, denn er schlug aus seiner Verdrossenheit in ein heiseres Auflachen um und gebot nach der andern Seite: »Schüttelt das Faß nicht zu laut, daß der Wein drin nicht gärt und die Raben den Lübeckern nicht ins Ohr krächzen, von welcher Sorte er ist, bis sie ihn kosten!« Osmund Werneking hatte unbemerkt seinen Schritt angehalten, er hörte das Knacken und Knarren der Bretter unter einem schweren Faß, das oben mit einem kurzen Klirren, doch eigentümlich anders als eiserne Bandeisen am Schiffsdeck aufstieß, dann wälzte sich der trunkene Haufen hinterdrein; von dem Fahrzeug aber schlugen gleich nachher Ruder ins Wasser, und es zog trotz dem tiefen Dunkel langsam die Trave hinauf. Der allein am nächtlich lautlos gewordenen Ufer Zurückgebliebene stand regungslos und blickte in die Richtung des verklingenden Ruderschlags. Er wußte nicht recht, was ihn absonderlich an dem Vorgang betroffen hatte, warum sich ihm auf einmal das Gerede der Jüten, das Blinken der dänischen Goldgroschen, das fremdartige Klirren des Fasses auf dem Schiffsdeck mit dem Gedächtnis an die vornehme Gesellschaft der Herzöge, Grafen und Ritter gestern abend in der Orlogsstube des Ratsweinkellers vermischte, die auf die Ankunft des Königs Christoph von Dänemark warteten. Und plötzlich überkam es Osmund Werneking mit einer undeutlichen, unerklärlichen Beängstigung, daß er hastig auf seine Kogge zueilte, einige der schlafenden Schiffsleute aufweckend, ohne klare Erwiderung auf ihre Fragen sein mitgeführtes Roß sattelte und wenige Minuten nachher durch die Nacht auf dem Landwege gegen Lübeck zurückritt. Erst dann kehrte ihm allmählich die Besinnung, daß er sich grundloser Furcht und einer törichten Handlung zieh. Er sagte sich, das Geklirr, das er vernommen, sei das stetige aller eisernen Tonnenbandreifen gewesen und seine Einbildungskraft noch von der Schrift Dietwald Wernerkins erregt, so daß er, des Halbtraums desselben in der Schenke an der Lübeck-Hamburger Landstraße gedenk, gleichfalls die Stimmen Arges planender Vogelsteller zu hören geglaubt. Aber trotz dieser Beschwichtigung stieg ihm die dunkle, unbezwingliche Angst immer mehr zu Häupten und faßte wie mit Fieberirre seine Sinne, daß er durch die Finsternis weiterjagte, schneller, immer schneller. Ungefähr in der Mitte des Weges mußte er die Trave kreuzen, die Minuten, bis der schlafende Fährmann herankam, bedünkten ihn Stunden, atemverhaltend lauschte er auf und meinte flußabwärts das Geplätscher von Travemünde her nahender Ruder zu vernehmen: er hatte dem verdutzt-sprachlos dreinschauenden Fergen einen Goldgulden zugeworfen, nun schoß er auf dem jenseitigen Ufer weiter. Geisterhaft grau hoben sich im ersten bleichen Frühschimmer die Türme Lübecks vor ihm in den Himmel, sein Pferd keuchte, doch unablässig stieß er ihm die Stacheln ein und hetzte es vorwärts. Er hatte keinen Gedanken, als das Holstentor zu erreichen, sah die beiden Kegelturmspitzen desselben, aber ihm war's, als reite er seit Tagen und es komme nicht näher. Dann aber war er doch, noch immer im falben Morgenlicht, davor und hieb donnernd mit dem Torhammer wider das Eichengebälk. Der Wächter fragte: »Wer seid Ihr und was wollt Ihr? Es ist noch Nacht und nicht Einlaßzeit.« Doch der Reiter stieß atemlos hervor: »Macht offen, wenn Eure Stadt Euch lieb ist! Ich muß zu Herrn Marquart Pleskow. Eurem Bürgermeister!« Es redete so dringliches Verlangen aus Miene und Wort, und der einzelne Mann konnte die Stadt nicht gefährden, daß der Torwart öffnete. »Lasset die Brücke herab und niemand nach mir ein, bis Euch Befehl ergangen, wär' es auch König und Kaiser!« rief Osmund Werneking, gleich einem vom Himmel schießenden Stern fürder sprengend. Er trieb sein unmächtig erschöpftes Pferd schonungslos die steile Holstengasse hinan und weiter zwischen den schlafstillen Häusern durch die Königsstraße entlang. Da brach sein Roß röchelnd und verendend zusammen, er stürzte mit zu Boden, doch raffte er sich im Nu auf, rannte blindlings vor und hämmerte um wenige Herzschläge später mit dem kupfernen Löwenmaulknauf an die ihm tags zuvor gedeutete Haustür des Burgemeisters der Stadt Lübeck. Und wenige Zeit verging, da kam Herr Marquart Pleskow eilig mit ihm auf die Straße zurück, gleich darauf wogten die Glocken der Marienkirche mächtig über die Dächer herab, aus allen Häusern stürzten bewaffnete Bürger mit fragenden Rufen. Zum Travehafen hinab ging's, nach einer Stunde kam, unter Segeln jetzt, die Snigge der jütischen Schiffer, mit Weinfässern beladen. Auf einen Wink Herrn Pleskows ward der Fluß hinter ihr durch schwere Ketten hurtig abgesperrt, er selbst empfing das anlandende Fahrzeug, ergriff eine Axt und hieb kraftvoll eines der Fässer auf. Es lief kein Wein daraus hervor, sondern klirrend rasselten eiserne Waffen aus der Höhlung, und der Burgemeister wandte sich blitzenden Auges zu seinem Nebenmann um: »Trogt Euch bei Gott nicht, Herr Werneking! Die Stadt Lübeck schuldet Euch guten Dank, sprecht selber, womit sie's entgelten mag!« Er ließ die laut über Ungebühr und Schimpf schreiende Bemannung der Snigge fortführen, scharf dazu lachend: »Verspart eure Luft, werdet sie bald zu lauterem Geheul brauchen!« Wie er noch rasch an mehrere Ratsherren der Stadt Gebote ausgeteilt, stieß der Wächter vom nahen Holstentor schallenden Hornruf, und der Burgemeister sprach spottlustigen Mundzuckens: »Sind früh aufgebrochene Gäste drauß, wollen sie empfangen. Geleitet mich, Herr Werneking, habt wohl verdient, solcher Ehre mit teilhaftig zu werden.« Er stieg schnell auf den Söller des Holstentores hinan, da hielt draußen jenseits der Zugbrücke über die Trave König Christoph von Dänemark mit außerordentlich großem, festlich gekleidetem Gefolge hinter sich. Er grüßte hinauf und rief: »Ich komme zum verheißenen Besuch, Herr Pleskow, machet nicht Umstand, uns mit sonderlichen Ehren zu empfangen! Wir sind frühzeitig ausgeritten und tragen zuvörderst nur Verlangen nach Ausrast in Eurer Burg.« »Die steht Euch bereitet, Herr König, wie wir auf Euer Schreiben zugesagt,« entgegnete der Burgemeister mit ehrerbietiger Verneigung, »ist uns aber leid, daß sie nicht Raum genug besitzt, für so viele hochansehnliche Gäste, um sie nach Stand und Würden drin aufzunehmen. Dürfen unsere Stadt nicht verunehren, daß sie drin mit zu geringer Herberge fürlieb halten müßten, denn Ihr wisset, unsere Häuser sind schon reichlich mit vornehmer Einkehr bedacht. Wollet uns drum nicht verübeln, Herr König, daß wir Euch geziemend bitten, ohn' Eure Gefolgschaft unser Gast zu sein. Ihr wisset auch, daß Ihr derselbigen bei uns nicht bedürftig seid, da wir Frieden und Freundschaft selbander haben.« Herr Marquart Pleskow hatte es artig, doch mit sicher-stolzem Behagen wie ein Fürst zum andern geredet. König Christoph aber runzelte die Brauen und erwiderte: »Was beheißt Euer Wort, Herr Pleskow? Seid Ihr ungastlich geworden zu Lübeck? Sorget nicht als Kaufmann, daß unsere Säckel zu leer an Gold sind und Euch Schaden bereiten.« Höflich gab der Burgemeister zur Antwort: »Solches Rufes steht Lübeck wohl nicht, Herr König, wir wissen auch, daß Ihr Tonnen voll edlen Metalls in unsere Stadt vorausentsandt, um unsern Bürgern jegliche Unkosten vollauf zu vergüten. Denket nicht anderes, als was ich zuvor gesprochen, daß wir sorgen, Euer Königliches Geleit möchte nicht mit gutem Andenken von unserer Stadt scheiden.« Sichtbar mit Mühe verhielt König Christoph ingrimmigen Ärger und entgegnete: »So weigert Ihr mir die Zusammenkunft mit meinen Sippen bei Euch? Denn Ihr werdet nicht glauben, daß ich sonder Gefolg, einem Wegritter gleich, in Eure Stadt einreite.« Lächelnden Mundes erwiderte Herr Marquart Pleskow artig: »Solchen Glauben habe ich im voraus gehabt, Herr König, und Sorge getragen, daß Ihr nicht gleich einem Wegritter, wie Ihr's beheißen, zum Gruß Eurer Sippe und Magschaft bei uns einzöget. Das verhüte unsere Freundwilligkeit und gute Eintracht mit Euren Reichen! Habe drum unsere hochedlen Gäste bitten lassen, mit schuldiger Ehrerbietung zu Euch zu kommen, Herr König, um Euch ihren Morgengruß zu bringen.« Auf einen Wink des Burgemeisters öffnete sich das Holstentor jetzt, und umringt von eisengewappneten Bürgern erschienen die mecklenburgischen, sächsischen und brandenburgischen Herzöge und Grafen, man gewahrte es ihnen an, vom Nachtlager aufgestört, in Hast bekleidet, zum größten Teil noch ungewiß verschlafenen Blicks. Hinter ihnen drein folgte ein langer Zug von Pferden, Dienstmannen und Knechten, der nun unter Vorantritt der ingrimmig schweigsamen Fürsten die niedersinkende Zugbrücke überschritt, welche sich alsbald an den schweren Ketten rasselnd wieder emporhob. Schweigsam auch, nur mit den Zähnen knirschend, stand König Christoph drüben, bis das Gelärm still geworden, dann rief er: »Man wird Euch Euer ungastliches und unritterliches Tun gedenken, Herr Pleskow, zum Schaden Eurer Stadt, denn es wird mit Fug heißen, Lübeck fürchte sich vor dem Trinkgelag friedlicher Gäste und habe nicht Mut mehr, sie zu herbergen, vielmehr mit Unglimpf von sich zu kehren.« Doch Herr Marquart Pleskow gab mit ruhiger Würde Antwort: »Bin kein Ritter, sondern nur unserer Stadt erster Bürger, Herr König, glaube mitnichten, daß solcher Vorwurf heut auf uns fällt. Sorge auch nicht, daß unserer Stadt Mut in Zweifel falle, wäre sie sonst wohl schwerlich der deutschen Hanse Kopf, die man in Euren nordischen Reichen kaum der Zaghaftigkeit schuldigen wird. Wollen aber heut abend gern einen guten Trunk auf Euer Wohl nachholen, Herr König, und auf Fortdauer von Frieden und Freundschaft zwischen Euch und der Gemeinen Hanse, solang der Ratschluß ihres Kopfes es also für gut befindet.« Gar stolz und mit warnender Drohung hallte der Ruf des Lübecker Bürgers dem wortlos den Rücken wendenden Könige von Dänemark, Schweden und Norwegen nach, der mit seinem glänzenden Zuge von wohl tausend Köpfen finsterblickend gegen die sächsische Stadt Ratzeburg von dannen ritt. Sehr düster und unheimlich aber stach von der heiter lachenden Morgensonne, die auf den Söller des Holstentores gefallen, der salpetertropfende, unterirdische Verliesraum der Lübecker Burg ab, in den sich jetzt Herr Marquart Pleskow mit Osmund Werneking und einem Teil der Ratsherren hinunterbegab. Dort harrten schon bei Fackellicht neben den gebundenen, nackt entkleideten Schiffern der dänischen Snigge die ›Schobanden‹, des Henkermeisters Knechte, und begannen sogleich nach der Ankunft des Burgemeisters die gefangenen Seeleute der ›peinlichen Frage‹ zu unterwerfen. Die Daumen und Zehen wurden ihnen zwischen stumpf zugespitzten Schraubstöcken zusammengepreßt, Arme und Beine mit härenen Schnüren und spanischen Stiefeln gefoltert, endlich ihre Leiber mit Zentnergewichten auf der Leiter gereckt. Doch ungeachtet der ungeheuerlichen Qual verharrten die Gemarterten mit jütischem Trotz und Stumpfsinn in hartnäckigem Schweigen, bissen nur ihre scharfen Zähne blutig durch die Unterlippe und waren zu keinerlei Aussage über den Zweck der Waffen, die man in ihren und auch noch andern, schon vorher in den Hafen gelangten Weinfässern entdeckt, zu bewegen. Ohne mit einer Wimper zu zucken, sahen Marquart Pleskow und die übrigen Ratsherren dem grausigen, von ihnen und der harterbarmungslosen Zeit oft gewahrten Vorgang zu, Osmund Wernekings jungem Herzen aber ward es wind und weh, daß er als der eigentliche Urheber solch schrecklicher Menschenleiden dastand. Schaudernd suchte er vergeblich den Blick abzuwenden, dann bat er den Burgemeister leise, Gebot zum Aufhören zu erlassen, da ihm selber jetzt Zweifel komme, ob er die dänischen Reden der Gefolterten richtig verstanden und diese selber von einem böswilligen Zweck des Inhalts ihrer Fässer gewußt. Doch kalt erwiderte Herr Marquart Pleskow nur: »Es ist des Verrates Recht«, und gab dem Scharfrichter einen Befehl. Eine Holzwanne wurde gebracht und mit bereitgehaltenem siedenden Öl angefüllt, darin die Falschmünzer nach altem lübischen Brauch ›gesotten‹ wurden. »Sie haben auch falsches Metall in unsere Stadt geführt«, sprach der Burgemeister, seine Hand winkte, und die Schobanden ergriffen den am Abend zuvor in der Travemünder Schenke nüchterner verbliebenen Führer der Snigge und tauchten ihn bis an den Hals in den fürchterlichen brodelnden Glutfluß hinunter. Da entfiel ihm vor übermenschlichem Schmerz die Kraft, mit einem Jammergeheul schrie er auf, man solle ihn heraustun, lieber in Gnaden vierteilen oder aufs Rad flechten, er wolle, was er wisse, reden. Und so bekannte er, es sei bei einer Zusammenkunft am ›Wunderblute zu Wilsnack‹ von König Christoph und den übrigen Fürsten abgeredet worden, heut die Stadt Lübeck in ihre Gewalt zu bringen. Mit unbewaffnetem Gefolg, um keinen Argwohn zu regen, hätten sie einreiten wollen, dann aber sich heimlich mit Waffen versehen und zu nachtschlafender Zeit die Bürger überfallen. Es sei aber der Plan nicht gegen Lübeck allein, sondern wider die gesamte Hanse gerichtet worden, daß alle Landesherren so ihre unbotmäßigen Städte unter ihre Gewalt zurückbrächten. Und habe König Christoph, der die List ersonnen, bei der Insel Falster heimlich eine Schiffsflotte und ein Heer gerüstet, um alsbald, wenn das Werk gelungen, an der wendischen Küste damit zu landen. Doch nun sprach Herr Marquart Pleskow mit ernsthafter Miene: »Ihre Aussage ist Lüge, denn wir leben in guter Eintracht mit König Christoph und allen Fürsten. Strafet sie nach dem Recht, daß sie ihren Herrn so übel beleumundet und solcher Arglist geziehen, die Frieden und Freundschaft zwischen der Hanse und den nordischen Reichen stören möchten. Ob Euer Mißverdacht nicht Grund besaß, Herr Werneking, gebühret Eurer Umsicht aber darum nicht minder Dank. Speiset mit mir an meinem Tische zu Mittag, daß ich weiteres mit Euch berede.« Die Lust an Speise und Trank war Osmund Werneking freilich drunten im Marterverließ der Burg für heute sehr vergangen und es diente ihm auch nicht zu ihrer Wiedererweckung, daß er, bei Tisch im Hause des Burgemeisters sitzend, großen Zulauf draußen und viel Stimmengetöse vom Markt her vernahm, wo die bereits halb zertrümmerten und zerrissenen Gliedmaßen der jütischen Schiffsleute radebreckt, mit dem Rade gebrochen und dann auf dies aufgeflochten wurden. Wenn aber so mit grausam harter Unerbittlichkeit an den niedrigen Werkzeugen eines geplanten bösen Verrates Rache geübt ward, während die Hanse öffentlich Miene beibehielt, als habe nicht dergleichen in der Absicht der fürstlichen Gäste an der Trave gelegen – bei solchem klug handelnden Widerspruch tat der Rat Lübecks doch gegen Osmund Werneking kund, daß er gar deutlich wisse, welcher ungeheuren Gefahr die Stadt und vermutlich die gesamte deutsche Hanse durch die Achtsamkeit des jungen Wismarer Ratsherrnsohnes entgangen sei, und mit dem Dank für so hohes Verdienst nicht karge. Dazu stand noch der Name Dietwald Wernerkins als Urältervaters Osmunds mit großen Ehren und Ansehen im Angedenken der Löwenstadt, und nach wenig Tagen lief ein Geschwader von vier schwer mit zahlreicher Mannschaft gewaffneten und mit vielen Donnerbüchsen ausgerüsteten gewaltigen Orlogsholken die Trave hinab in die Ostsee. Ihre Weisung war, Kundschaft auszuspüren, welcherlei kriegerische Bereitschaft an der Insel Falster von dem verschlagenen Dänenkönig gehalten worden, und, ohne Feindseliges auszuüben, den schwachen Schiffen desselben heilsamen Schreck einzuflößen. Eine der starken Koggen aber war unter den Oberbefehl Osmund Wernekings gesetzt und hatte Auftrag, von den dänischen Küsten weiter nordwärts nach der Stadt Bergen zu segeln, um ihn nach seinem Wunsche dorthin zu bringen. Zugleich jedoch besaß der junge Schiffsführer ein geheimes Vollmachtschreiben, das in seine Hand gab, umsichtig im Kaufhof zu Bergen allen Umstand, über den vielfältige Beschwerde ausgegangen, zu erkunden und zu prüfen, nach seinem Bemessen daran zu bessern und dem Lübecker Rate Bericht darüber abzustatten. So fuhr Osmund Werneking um vier Tage später zum andern Male gegen Travemünde hinab, unter seltsam umgeänderten Verhältnissen, doch noch mehr hatte die kurze Zwischenzeit ausgereicht, bei ihm selbst eine tiefgehende Wandlung hervorzurufen. Man nahm diese schon äußerlich an den Zügen seines Gesichtes wahr, die von den Erlebnissen der Tage um manches ernsthafter geworden vor sich hinausschauten; in höherm Maße aber noch hatten seine Gedanken die jugendliche Unbesonnenheit und das ungewisse Trachten der hinter ihm liegenden planlosen Zeit von sich gestreift, und rauh angefaßt von einem Stoß des großen, die nordische Welt ruhlos durchkreisenden Wirbelsturmes, um dessen Getöse er sich in der Dankwardstraße zu Wismar wenig bekümmert, war's ihm, als sei er jetzt erst plötzlich über Nacht aus einem törichten Knaben zum Mann erwachsen. Eine beträchtliche Verantwortung war auf ihn gelegt, doch im Bewußtsein, von dunkler Ahnung getrieben Großes vollbracht und sich hohes Verdienst erworben zu haben, fühlte er geistige Befähigung, Kraft und Zuversicht in sich gereift, dem ehrenreichen Vertrauen des Lübecker Rates in seine Einsicht und fördersame Wirksamkeit keine Schande zu bereiten. Verwunderlich hatte es sich gefügt, wie er hier nach einem Jahrhundert gleich seinem Urältervater durch die Gunst des Lübecker Bürgermeisters im Dienste der Löwenstadt gen Norden hinauszog, und deutlicher noch als zuvor empfand er das Erbteil des ritterlich-kühngemuten Blutes Dietwald Wernerkins in sich. Doch lächelnd gedachte er der jungen Unerfahrenheit und leichtgläubigen Zutrauensseligkeit desselben, durch deren Schuld wider sein Wissen und bestes Wollen böses Unheil großgediehen und er selbst nur bitterer Täuschungen teilhaftig geworden. Osmund Werneking hatte bislang keinen Vergleich darüber angestellt, aber er konnte es sich heut sonder eitle Überhebung zusprechen, sein Blick sei von klugbedachten Vätern her scharfsichtiger und besser gegen List und Trug gefeit, als die Augen des damaligen jungen Dienstmannes der Stadt Lübeck. Als ihr Orlogsgeschwader sich der Inselküste von Falster näherte, duckten sich dort die Fahrzeuge König Christophs wie ein Schwarm von kleinem Gevögel, wenn ein Raubadler am Himmel erscheint, eilig in Uferbuchten und Schlupflöcher zurück, und nichts gab offengelegte Anzeichen eines beabsichtigten tückischen Friedensbruches kund. Drohend hielten die hochbemasteten Koggen sich eine Weile in den dänischen Gewässern, dann wandte diejenige Osmund Wernekings sich an den weißen Kreidefelsen von Mönnsklint vorüber gegen den Sund, während die übrigen, ihrem Auftrag gemäß, nordostwärts Gotland zusteuerten, um dort unter den Seeräubern heilsamen Schrecken zu verbreiten. Im Verlauf der nächsten Monate säuberten sie rundumher den Strand der Insel von zahlreichen Piratenbarken, zerstörten diese und warfen, was sie von der Bemannung lebendig ergreifen konnten, in Ketten geschlagen, in ihre Kielräume hinunter, um sie nach Lübeck mitzuführen und den Schobanden auf dem Marktplatz weidliche Arbeit ›mit der Dielen‹, dem Richtfallbeil, heimzubringen. Doch als sie im Hafen von Wisby selbst, dem festesten Halt der Seeräuber, zu landen trachteten, entrann ihnen von dort bei stürmischem Unwetter die Hauptsnigge derselben, lief tollkühn auf Leben oder Untergang zwischen ihnen durch in die wütige See hinaus und verschwand mit ihrem braunroten Segelwerk uneinholbar westhinüber in Nebel und Meergischt. So wendeten sich die Koggen, obzwar sie wohl wußten, daß hinter ihrem Rücken das Unwesen alsbald aufs neue beginnen werde, zur Trave zurück, denn kaufmännisch sparsame Achtsamkeit ließ keine unnötige Kriegsrüstung für längere Andauer zu. Wie sie abermals an Falster vorüberkamen, war dort nichts mehr von einer dänischen Flotte zu gewahren, König Christoph hatte seine gesammelte Heerschar aufgelöst oder anderswohin gewendet, und keinerlei Gefährdung bedrohte mehr Frieden und Freundschaft zwischen den nordischen Reichen und der deutschen Hanse auf den Wassern der Ostsee. Mittlerweile war die Kogge Osmund Wernekings wohlbehalten unter kundiger Führung durch den Sund und das Kattegatmeer gen Norden gezogen. Überall, von Mönnsklint, wo Dietwald Wernerkin dereinst, dem Hungertode nahe, gelandet, von den Dünen Falsterbos, dem hohen, festen Turm zu Helsingborg und dem Königsschloß Helsingörs gegenüber hatten den jungen Lübecker Sendboten absonderliche Gedächtnismale angeblickt und mit schweigsamen Angesichten die Gedanken in ihm wunderlich bewegt. Nun aber kam eine fremde, mächtige Welt. Der ›schwarze Felsblock‹ des alten Normannenlandes, der sich erst in unendlicher Weite droben am Rande des ewigen Eises verlor, stieg vor ihm auf. Das Schiff lief in den Opslo-Fjord ein, um zunächst Tönsberg, die älteste Stadt Norwegens, und alsdann auf der Stelle des spätern Christiania die Stadt Opslo aufzusuchen, beide geringfügig an Bewohnerzahl, doch durch, wenn auch mit Bergen nicht vergleichbare kaufmännische Niederlassungen der Hanse zu beträchtlicher Handelsbedeutsamkeit emporgehoben, von diesen fast zu deutschen Orten gestaltet und völlig nach außen und innen beherrscht. Mit Staunen gewahrte Osmund Werneking hier an der fremden, fernen Küste das ungebundene stolze Gebaren seiner überseeischen Landsleute, als ob sie die Herren des Landes seien. Wegwerfend redeten sie von seinen Eingeborenen und Gesetzesvorschriften, denen sie keine Gültigkeit für sich beimaßen, die norwegischen Vögte kamen den deutschen Kaufleuten, Gesellen, Schiffern und ›Schustern‹, wie seit alten Tagen in Norwegen die deutschen Gewerksleute insgesamt geheißen wurden, beinahe mit Unterwürfigkeit entgegen. An ihren Häusern prangte als wunderliches Wappenschild der deutsche Reichsadler halb mit einem überkrönten Stockfisch, dem Haupturheber ihres Wohlstandes, gepaart, doch im ganzen besaßen beide Orte etwas Vereinsamtes, weltentlegen Ödes, und Neid flimmerte in den Blicken, mit denen die Zurückbleibenden der gen Bergen, der weitberufenen Stätte vielfältigster und ausgelassenster Hanselustigkeit, weiterziehenden Kogge nachschauten. Nun umlief diese mit dem buntfarbigen Gallionbilde des streitbaren Erzengels Michael unter dem Schiffsschnabel tagelang das unermeßliche, immer neu vordräuende, schwarzbraune Schärengeklipp der normannischen Halbinsel. Ein Fjord um den andern zog sich bald als breiterer Meerbusen, bald als enge Einbucht zur Rechten ins Land, hier zwischen himmelhohe, noch schneebelastete Berggipfel, dort zwischen niedrigere, doch mauerartig schroffe und wildzerklüftete Felswände hinein. Als einziges Leben der Natur blickten mit harter, düsterer Strenge schwarze Tannenwälder herab, schaumaufgelöste Wasserstürze tobten aus ihnen, weithallenden Donnertons, manchmal schob sich eine geringelte, riesige weiße Gletschermasse, erstarrtem Drachenleib ähnlich, von nebelumwallter Kuppe und leckte mit blauen Eiszungen durch Kluft und Spalt des Gesteins bis auf den Meeresspiegel hinunter. Weit mehr noch als die sonnige Lagunenstadt an der Adria von Lübecks zumeist trüb überschleiertem Himmel, stach von dem deutschen Ostseegestade mit seinen grünen Laubwäldern diese herbe, ernst-finstere nordische Welt ab. Erde, Meer und Luft erschienen gleich rauh und ungastlich, und nicht minder die nur selten da und dort auftauchenden menschlichen Bewohner des wüsten Klippengemengsels, Fischer in ausgehöhlten Baumstämmen, wie vor einem halben Jahrtausend die ersten Vickinger auf die See gezogen, blutarm, hungernd, roh und wild, Mann und Weib an Bekleidung gleich und kaum an den Gesichtszügen unterscheidbar. Es mußte ein mächtiger Antrieb sein, welcher Leute, die jenseits der Ostsee an erfreuliche Schau für das Auge, Wohlstand, Gesittung, Sicherung und Behagen des Daseins gewöhnt worden, in die Wildnis hierherauf drängte, um für lange Jahre von allen feineren Genüssen des Menschenlebens Abschied zu nehmen, zumal da es jedem Zugehörigen der Hanse bei schwerster Strafe untersagt war, sich anders als ledigen Standes in Norwegen zu halten, »weil die Verheiratung mit heimischen Frauen die Zucht und Verwahrung hansischer Geheimnisse beeinträchtigen möchte«. Osmund Werneking wußte, es waren auch hier der Hering, der Kabeljau und Stockfisch, die solchen Völkerzug von deutschen, niederländischen, dänischen und schwedischen Handelsbeflissenen nach dem unwirtlichen Norden um die Wette veranlaßten und sie die Erzeugnisse ihrer wärmeren Himmelsstriche und kunstreichern Gewerksfleißes, Getreide, Wein, Bier und Gewandstoffe mit hohem Gewinn gegen die Meeresbeute der Eingeborenen austauschen ließen. Die letztern vermochten ohne die Nahrungszufuhr durch die Fremden ihr armseliges Dasein überhaupt nicht zu fristen, das hatte den deutschen Kaufleuten schon seit Jahrhunderten immer wachsende Vorrechte von den norwegischen Königen abgetrotzt, doch ebensolang standen Käufer und Verkäufer, nur durch den wechselseitigen Vorteil verknüpft, sich im Innern stets feindselig und haßerfüllt gegenüber. In zahllosen blutigen, der hansischen Niederlassung höchste Gefahr drohenden Kämpfen hatte die Gewalt ihr Schwert als Rechtsgewicht in die Wagschale geworfen, und bei dem Anblick der wilden Natur und ihrer Bewohner empfand Osmund Werneking gar wohl, daß es etwas anderes sei, in den Ratssälen von Lübeck, Wismar und Rostock mißbilligend von »der vielen Unstüre, die von denen zu Bergen geschehen«, zu reden, als unter solchen Umständen hier an Ort und Stelle selbst Sicherheit, Macht und Ansehen der Hanse allzeit mit Schonung und unbeirrter Gerechtigkeit zu bewahren. Schon fernher winkend und flimmernd stieg nun aber von steiler Vorgebirgswand unter gewaltigem viereckigem Turm das weiße Gemäuer der Königsburg Bergenhuus vor dem Blick Osmunds in die Luft. Ernstsinnend schaute er vorauf, dorthin in die Brautkammer hatte Dietwald Wernerkin dereinst Elisabeth von Holstein das Geleit geben sollen. Doch statt ihrer und wohl nicht gegen ihres Herzens Wunsch war Margarete von Dänemark dort eingezogen, um sich mit der ererbten ränkevollen Klugheit ihres Vaters die Kronen dreier Reiche aufs Haupt zu setzen, die von dem ihres weltverschollenen Nachfolgers schimpflich wieder herabgefallen. Und heut trug er als späten Gruß der jungfräulichen Königin Norwegens das kleine Goldkreuz an den Strand, vor dem ruchloser Treubruch ihren Fuß und ihr Herz bewahrt. Jetzt richtete die Kogge am Eingang des Waag-Fjords ihr bis dahin niedergelassenes »Marskastell« stolz empor, hoch flatterte das Wappenbild Lübecks auf der windgeblähten Fahne des Hauptmastes und das Schiff zog in den Hafen der auf zwei nackten Felsvorgebirgen erbauten Stadt Bergen ein. Nach der Landseite lag sie von sieben hohen Bergen, die ihr den Namen verliehen, völlig umschlossen, überraschend trat an den steilen Abhängen derselben dem Blick hier im fernen Norden nach den langen, öden Schrecknissen der Schärenufer ein weitgedehntes Dächergewimmel entgegen. Die große Mehrzahl der Häuser bestand zwar aus Holzbauten, über deren Diebstahl von den Eingeborenen des Landes vielfach bittere Klage ergangen, daß jene oft nächtlicherweile von gewalttätiger Hand abgebrochen, geraubt und auf Schiffen verschleppt worden; häufig zuvor, und erst vor acht Jahren zuletzt von Bartholomes Voet, dem Anführer der Vitalienbrüder, völlig durch Feuersbrunst zerstört, sahen die neu aus der Asche wieder erstandenen Gebäude größtenteils unverfallen, in wohnlichem Zustande und nicht unfreundlich, hufeisenförmig um den Rand der Meerbucht gelagert, aufs Wasser heraus. Am Nordende thront über ihnen das Felsenschloß Bergenhuus, mit dem prächtigen, später nach dem Burgemeister Walkendorp benannten Turme, schon vor drei Jahrhunderten von König Olef Kyrre, dem Begründer der Stadt, erbaut; hoch darüber noch ragte die doppelgetürmte »deutsche Kirche« zu Sankt Marien in die Luft. Bergen selbst schied sich in zwei, durch die Elligaa getrennte Hälften an den Seiten des Fjords; zur Linken erstreckte sich als der umfangreichere normannische Stadtteil der »Überstrand«, zur Rechten dagegen erhob sich mit stattlichen, breiten und hohen Steinhäusern um die Kirchen von Sankt Marien und Sankt Martin das deutsche Quartier. Es trug den Namen »die Brücke«, ward aber von dem Volksmund der Eingeborenen unter sich die »Garpenbrücke« benannt, mit einem gegen die Deutschen gekehrten Spottwort, dessen Bedeutung nicht klar überliefert worden. Jedenfalls indes enthielt es einen besonders böslichen Schimpf, da die Dänen sich seiner vor zwei Jahrzehnten unter der Herrschaft Königs Erich von Pommern gleichfalls bedient und bei einem heimtückischen Seeüberfall der Stadt Stralsund, der freilich zu ihrem bitterlichen Schaden ausgeschlagen, die dortigen Bürger höhnisch als »deutsche Garpen« herausgefordert hatten. An die »Brücke«, den Niederlassungsplatz der hansischen Kaufhöfe, schloß sich die »Schustergasse« der deutschen Gewerbsleute, ein ansehnliches und dichtbevölkert um das Haus des heiligen Martin, des »Schusterpatrons«, versammeltes Quartier, denn die »Faktoristen« mit ihren Gehülfen in den »Kontoren«, die Gewerksmeister, Gesellen und Lehrlinge, die Schiffer, Stuben- und Bootsjungen machten ständig eine Zahl von nahezu dreitausend Köpfen aus, eine wehrhafte Masse, da alle unverheiratet waren und keine Weiber und Kinder in Rechnung fielen. Wenngleich auch in diesem deutschen Stadtteil sich wenig Augen fanden, die ein Verlangen nach kunstvollerm architektonischen Bau und Schmuck der Häuser trugen, so bildete er doch immerhin durch Sauberkeit und luftige Räumlichkeit einen vornehmen Gegensatz zu den eng zusammengedrückten, zumeist steil abschüssigen und felsigholprigen Gassen der normannischen Eingeborenen, deren Königsrichter, Vogt und Stiftshauptmann, gegen die hansischen Kaufhöfe gehalten, in ärmlichen Behausungen ihre zweifelhaften Machtbefugnisse ausübten. Unter großem Zulauf der deutschen Bevölkerung segelte jetzt der »Erzengel Michael« die breite Landungsbrücke an, ward mit Ankern und Tauwerk sorgsam gegen die oft wildplötzlich ausbrechenden Stürme des Waag-Fjordes befestigt, und Osmund Werneking begab sich zunächst zur Wohnung Herrn Tiedemann Steens, des Bergener Oldermannes der Lübecker Kaufleute. Dann trat er, nach erfolgter Bewirtung, mit diesem einen Rundgang zur Beschauung der deutschen Faktoreien an. Der eigentliche Kaufhof bildete hier nicht wie zu Nowgorod, Brügge und im »Stahlhof« zu London ein einheitliches, festgeschlossenes Ganzes, sondern zerfiel in beinahe zwei Dutzend benachbarter, doch selbständiger Gehöfte, welche den Namen »Gärten« trugen. Alle lagen dicht an der Meerbucht hingestreckt und jeder »Garten« stand mit dieser durch eine Ladebrücke in unmittelbarer Verbindung. Die einzelnen Kaufhöfe führten als Kennzeichen hier nicht den sonst überall gebräuchlichen deutschen Reichsadler, sondern unterschieden sich durch die Wappenschilde der Städte, denen sie angehörten; Lübeck, Wismar, Rostock, Hamburg, Bremen, Deventer und Emden behaupteten als die ältesten »Bergenfahrer« den Vorzug der günstigen Lage. Sonst jedoch stimmten alle Gärten nach äußerm Bau und innerer Einrichtung ziemlich genau überein. Das langgedehnte Haus wies im Erdgeschoß Gewölbe und Verkaufsbuden, darüber Stuben und Kammern für die Bewohner, im zweiten Stockwerk die umfangreiche Küche. Nach hinten am Hofraum lagen die tiefen Vorratskeller in den Felsgrund gehauen und über ihnen befand sich der »Schütting«, ein großer, fensterloser Versammlungssaal, für Ratschlagung, Lustbarkeit und Zechgelage bestimmt, mutmaßlich so benannt, weil mancher in ihm verschüttet worden. Weiter nach rückwärts an den Hof stoßend, schloß ein wirklicher Garten, ummauert, hauptsächlich mit Küchengewächsen bepflanzt, das weitläufige Gewese ab. Jeder dieser Kaufhöfe ward vorwiegend nur von Zugehörigen seiner Stadt bewohnt. Sie teilten sich unter dem nämlichen Dach in etwa zehn bis zwölf ›Familien‹, die zur Sommerzeit getrennte Hauswirtschaft führten, im Winter sich indes zu gemeinsamen Mahlzeiten an gesonderten Tischen im Schütting vereinigten. Ein ›Hausbonde‹ stand jeder Familie vor, übte Aufsicht und Gewalt über die Kaufgesellen und Lehrlinge, die ›Stuben- und Bootsjungen‹. Das Oberregiment des ganzen Gartens lag in den Händen des zuständigen Oldermannes, und Leitung und Schiedsspruch über die gesamte hansische Niederlassung waltete der, aus zwei wechselnd erwählten Oldermännern und den ›Achtzehnern‹ zusammentretende ›Kaufmannsrat‹, der ›in Dingen der Zucht‹ auf den Kaufhöfen selbständig Entscheid und Urteil fällte, sonst jedoch der Berufung an das ›Bergenfahrerkollegium‹ zu Lübeck und an den ›Hansetag‹ unterlag. Seine Sitzungen fanden in dem großen Saal ›für den gesamten gemeinen Kaufmann‹ in einem Gehöft neben der Marienkirche statt, das auch den allgemeinen Weinkeller, Gerichtsstube und Gefängnis in sich schloß. So traf Osmund Werneking in äußerlicher Wohlordnung die Zustände der Bergenschen ›Gärten‹ an und begab sich in den Wismarer Kaufhof, um mit dem ›Faktor‹ desselben über sein eigenes Handelsgeschäft Zwiesprache zu halten, zu dessen Beaugenscheinigung nur allein er nach Bergen gekommen zu sein schien. Noch nahm er dort, der starken Überfüllung halber, nicht Wohnung, sondern auf das anempfehlende Schreiben Herrn Marquart Pleskows räumte der Oldermann Steen ihm im Lübecker Garten eine der besten Stuben zu lediglicher Nutzung während seines Aufenthaltes ein. Diese war groß und bot alles Nötige zur täglichen Lebensführung dar, doch mit der niedrigen Balkendecke, dem plumpen Hausrat, glaslosen Fenstern und am hellen Mittag halb dämmrigen Ecken stach sie seltsam von der reichen, behaglichen Einrichtung des Wismarer Patrizierhauses in der Dankwardsstraße ab. Es war eine fremdartige, von Kunstgeschmack und Schönheitsbedürfnis völlig unberührte Welt hier innen, rauh und roh, wie die wilden Felsklippen draußen rundumher. Osmund Werneking mußte der Schilderung des Fontego de´ Tedeschi zu Venedig in der Niederschrift seines Urältervaters gedenken. Gar anders als jener an der Rialtobrücke lag der deutsche Kaufhof hier an der »Garpenbrücke« zu Bergen. Dort mochten Himmel und Erde, edle Baukunst und der Anblick schöner Menschengestalten wohl im niederen Volke selbst seine und gefällige Sitten gezeugt haben; hier konnten solche auch nur rauh und roh gleich wilder Windsaat im unfruchtbaren Gestein aufwachsen. Als schlimmster Mangel gebrach der sänftigende Einfluß edler Frauen, weibliche Würde, Fürsorge und züchtig-harmlose Fröhlichkeit; der Name der »Familien« war nur ein bitterer Spott, denn anstatt der Mütter und Töchter besaßen sie nur einen Schwarm elternloser, nach Gewinn und Genuß haschender, heißblütiger junger Gesellen. Nicht das von strengen Gesetzesschranken gebändigte stolze Bewußtsein der Lagunenstadt vermochte die Gemüter zu erfüllen, sondern nur ein stetig kampfbereiter, trotzig-ungezügelter Hochmut auf eigene Klugheit, Unerschrockenheit und die wuchtige Rückhaltskraft der deutschen Hanse fern über der Ost- und Nordsee. Solcherlei Empfindungen fand Osmund Werneking auch noch vor dem Ablauf des ersten Tages bestätigt. Unter vielgeschäftigem Betrieb war dieser in Ruhe und Ordnung hingegangen, doch als, der hohen Sommerzeit gemäß, spät um die elfte Abendstunde erst das Dämmerlicht einbrach, wich die bisherige Stille draußen lautem Stimmengetöse und vielfältigstem Gelärm. Osmund, der seine Abendmahlzeit in der »Familie« Tiedemann Steens eingenommen, begab sich gleichfalls ins Freie hinaus und lenkte seinen Schritt der Hauptörtlichkeit des lauten Getümmels, der Schustergasse zu. Dort fand er Rudel von Kaufmannsgesellen und Stubenjungen im Verein mit deutschen »Schustern« singend, lachend und schreiend hin und wider ziehen, alle bewaffnet, zumeist mehr als halb trunken von Bier und Met. Herausfordernd suchten sie Zank und Reiberei mit den »Außenhansen«, den englischen, holländischen und dänischen handelstreibenden zu Bergen, welche, Spott und Stoß der Überzahl ausweichend, schweigsam eilig dem Gedränge zu entrinnen trachteten. Dann schrie eine Stimme: »Zu den Weibern!« und eine Rotte, der Osmund Werneking nachfolgte, wälzte sich nordwärts fort. In dem anstoßenden normannischen Stadtviertel des »Überstrandes« bot das Zwitterlicht der Mitternacht verwandelten Anblick. Geputzte Dirnen, der Mehrzahl nach Töchter der eingeborenen Bevölkerung, doch auch landfremde, zumeist aus Flandern, standen in großer Anzahl vor den Türen und Fenstern und empfingen die Ankömmlinge mit Gelächter, Jubel und schamlosen Zurufen. Sie winkten und lockten, in wüstem Tumult drängten die zügellosen Hansen in die Met- und Frauenhäuser hinein. Da und dort erhob sich ein Streit mit normannischen Einwohnern der Straße, dann stürzte ein Schwarm riesiger Schiffsknechte hinzu und schrie: »Hansen!« Flüche und Hiebe schollen im Dunkeln, rasch ward es still, denn die schwächern Gegner flohen davon. Auflodernder Jähzorn, hochfahrende trotzige Vorrangsbehauptung und rohe Genußsucht kennzeichneten ringsumher das nächtliche Getriebe; mit innerlichstem Widerwillen gegen dieses wandte sich Osmund Werneking nach seiner Behausung im Lübecker Garten zurück. Doch auch dort huschten jetzt durch die matte Sterndämmerung um Winkel und Wände unter Geflüster und halb ersticktem Gekreisch weibliche Gestalten und schlüpften am Arm von jungen Gesellen mit in den Kaufhof und die Stiegen hinauf, ohne daß jemand ihnen den Zutritt verwehrte. Osmund suchte Herrn Tiedemann Steen auf, den er mit gerötetem Gesicht noch beim vollen Metkruge antraf, und berichtete unwillig, was er drunten gewahrt. Doch der Oldermann zuckte die Achseln und entgegnete: »Seid hier nicht im Rosengarten der Papageiengesellschaft zu Wismar, Herr Werneking, vielmehr unter den Heringen, Stockfischen und Normännern zu Bergen, bei denen nicht Rosen, noch ehrbar rosenwangige Jungfern gedeihen, daß man ein Maigräventum mit ihnen ausrichten könnte. Müsset eben mit derberer ›Köste‹ bei uns fürlieb nehmen, gleichwie unser Bier nicht im Brauhaus zu Einbeck gesotten ist. Haltet Ihr Euch aber länger an unserm Ort, so werdet Ihr schon selber erfahren, daß der Himmel nicht viel mit Gunst über ihm liegt, sondern zumeist gar langer, düsterer und trübseliger Winter, und daß man in der kurzen Sommerszeit jungem Blut nach der Arbeit wohl etliche Vergnügung und auch ausgelassene Lustbarkeit vergönnen mag. Würden sonst schwerlich mehr Mutterkinder in dieses trostlose Dorschgeklipp herüberziehen, die Kontore zu Bergen leer von rüstigen Händen und viele Geldtruhen der Städte leer von klingendem Golde stehen. Bin auch frohgemut, daß meine Jahre baldig zu End laufen und ich an die Trave heimkehren kann, einmal wieder grüne Erde und blühendes Gezweig zu schauen. Weiß wohl, daß manche Kund von hier dorthin läuft, darob die Herren ihre Köpfe schütteln, doch nach wen der Rachen des Haifisches aufschnappt, fragt nicht, ob er ihm mit seinem Messer an den Zähnen weh tut. Was uns obliegt, ist, volle Koggen in die heimischen Häfen zu schicken, und drin wettet kein zweiter Kaufhof der Hanse mit uns. Im übrigen seid Ihr selber jung, Herr Werneking; darf ich Euch laden, setzt Euch zum Trunk zu mir, die Luft hier heischt mehr Wärme durch die Kehle ins Blut als im wendischen Land. Und werdet auch noch sehen, daß nicht alle Dirnen zu Bergen der feilen und niedrigen Art sind, wie Ihr sie drunten gewahrt, vielmehr manche sittliche Normanntochter drunter, gleich Rosen, die aus dem Schnee blühen, daß nur wenige Edelfräulein und vornehme Ratsherrntöchter im Deutschen Reich Wettstreit mit ihnen anheben dürften.« Wenn Herr Tiedemann Steen selbst auch sichtbarlich dem Becher nicht allein aus Erwärmungsbedürfnis und anratsamer Besorgnis für die leibliche Gesundheit zusprach, so lag doch viel gewichtige Wahrheit in dem, was er gleichmütig gesprochen und als etwas unabwendbar Selbstverständliches dargestellt hatte, worüber die »Herren« in den Hansestädten sich keinerlei deutliches und richtiges Urteil zu bilden befähigt seien. Osmund Werneking setzte sich, der Aufforderung Folge leistend, mit an den Tisch und suchte durch Fragen verschiedenster Art an den Oldermann, der schon neun Jahre in Bergen zugebracht, sich über die politischen, rechtlichen und persönlichen Verhältnisse in der Stadt zu unterrichten. Weislich verschwieg er den Auftrag, mit dem er von Lübeck hierher gesendet worden, doch Tiedemann blickte ihn ab und zu mit halbblinzelnden Augen prüfend von der Seite an, und seine wiederholte Entgegnung: »Werdet das schon mit eigenen Augen gewahren, Herr Werneking, besser als ich es Euch sagen könnte,« tat kund, daß er manchmal vorsichtig mit seinen Äußerungen zurückhielt und dem jungen Patrizier nicht ganz trauen mochte, ob dieser lediglich im Interesse seines eigenen Handelsgeschäftes in die »nordische Fels- und Wasserwüsterei« herausgekommen sei. Doch Osmund Werneking gab klug keinerlei Anzeichen, daß er etwas von diesem bedeutsamen Rückhalt bemerke; er hatte sich zum Vorsatz gemacht, langsam, ohne jede Übereilung die Zustände des Kaufhofes nach allen Richtungen zu erforschen, und erst nachdem er volle und unbeirrbare Sachkenntnis erworben habe, nach Lübeck darüber Bericht abzulegen. Mit verständigem Blick erkannte er, daß er zur Erlangung solches unparteiisch richtigen Urteils mancher Wochen, vielleicht Monde bedürfen werde, und in eine neue Welt versetzt, zahlreicher fremdartigster Eindrücke und Gedanken voll, suchte er sein Nachtlager auf. In den Gassen und auf der Brücke draußen war es inzwischen ruhig geworden, doch die sommerliche Stille der Luft hatte sich dafür zu beginnender Unruhe verwandelt. Es begann an den schlecht verschlossenen Fenstern zu winseln, durch die Spalten der rohen Vorsatzluken zu pfeifen und im Gebälk der Stube zu knistern und zu krachen. Dann kam ein Windstoß und schnell ein zweiter hausschütternd hinterdrein; Osmund Werneking barg sich, trotz der Junizeit frostig überlaufen, dichter unter das schwarzzottige, norwegische Bärenfell seines Lagers und schlief, vom lauten Sturm umheult, wie in wellenumschaukeltem Schiffsraum ein. Als er ziemlich spät am Morgen erwachte, mußte er sich erst besinnen, wo er sei, nur ein matter Schimmer lag auf den Wänden um ihn. Doch auch, wie er die Läden öffnete, fiel kaum helleres Licht ein. Trüb und mürrisch lag eine bleierne Decke vom Himmel über das schwärzliche Gestein der Felsenmauern umher fast bis zum Meeresspiegel herab, und wie aus einem geöffneten Flußwehr strömte es daraus nieder. Bergen machte seinem weit bekannten Namen als der »Regenstadt« des Nordens und des Hauptortes plötzlicher wilder Stürme, heftigster Gewitter und unermeßlich andauernder Wasserstürze rasch und vollständig Ehre, denn mehrere Wochen vergingen, ohne daß der Regen nur für eine Stunde innehielt und ein Verlassen des Hauses anders als bis in die nächste Nachbarschaft annehmlicherweise verstattete. Auch das Abendgetümmel draußen wiederholte sich nicht, emsige Tätigkeit herrschte den Tag hindurch in den Kontoren und an den Ladeplätzen der Gärten, wo Schiffer und Kaufgesellen in triefenden Südwesterkappen und Lodenmänteln Waren aus- und einluden. Doch wenn die Dämmerung einbrach, ward es leer und still, auch die Gassen blieben ruhig; wie im Winter versammelten sich die Familien im Schütting, wo auf dem großen Kaminherd, halb zur Erhellung, halb zur Erwärmung, ein riesiges Tannenscheitfeuer loderte, dessen Rauch ohne Schlotvorkehrung nur durch eine Öffnung in der Bodendecke abzog, oft aber auch von Windstößen brandig und beizend in die Stube hineingepeitscht ward. Völlig winterliche Trübsal und Unausfüllbarkeit der Zeit trieb an die rastlos neu gefüllten Trinkkannen und zu den schon althergebrachten »Spielen« des »Hänselns«, denen Osmund Werneking nicht ohne innerliches Schaudern zusah. Bereits seit länger als einem Jahrhundert bestanden in allen Hansekaufhöfen ungeschlachte und grausame Bräuche, welche sich die Neulinge in den Faktoreien unweigerlich unterwerfen mußten, um von ihrer verachteten Stufe als »Stuben- und Bootsjungen« zur Würde der Gesellen aufzusteigen. Gemeiniglich wurden diese »Spiele« zur Pfingstzeit im Freien abgehalten und setzten ihren Hauptbestandteil aus schmerzhafter Marterung und blutrünstigem Auspeitschen, Stäupung, Salzwassertrinken und erstickendem Untertauchen in die See zusammen. Statt dessen nötigte der strömende Regen jetzt zum »Rauchspiel«, um den Mut, die Ausdauer und Schmerzertragungsfähigkeit der Lehrlinge auf die Probe zu stellen. Sie wurden zuvor durch starken Metgenuß trunken gemacht und alsdann an einem Strick in den »lappländischen Schlot«, die Rauchöffnung des Schüttings, hinaufgezogen, während als Schalksnarren Gekleidete unter ihnen Feuerbrände von scheußlich qualmenden und stinkenden Gegenständen, nassem Reisig, Haaren und räudigen Tierfellen entzündeten und dem droben Hängenden unter groben Späßen Fragen vorlegten, von deren richtiger Beantwortung seine Erlösung aus der Räucherungsqual abhing. Dann ward der zumeist mehr als halb Erstickte heruntergerissen, besinnungslos in den Hof geschleppt und dort durch Übergießen mit Wassereimern ins Leben zurückgerufen. Ein anderer Neuling trat an seine Stelle, bis alle »gehänselt« worden und der Rest in der Nacht unter allgemeinem wüsten Biergelage zu Ehren Gambrinus', des »Erzkönigs und Erdenkers des Bierbrauens«, verlief. So plump, unbarmherzig und unflätig war der stundenlange Vorgang, daß selbst in den gemeinsten Dirnen sich ein weibliches Gefühl dagegen empört und den Anblick nicht ertragen hätte. Osmund Werneking verweilte nur einmal kurze Zeit als Augenzeuge dabei, dann verließ er den Schütting und wandte sich seiner einsamen Stube zu. Die Roheit und Zuchtlosigkeit widerte ihn bis in die tiefste Seele hinein an, er empfand sich unsäglich verlassen in dieser ganzen trostlosen Wüste des Himmels, der Erde und noch wüsteren Menschentreibens, und eine ungeheure Sehnsucht nach Würdigerem, geistiger Nahrung, Edlem und Schönem griff ihm ans Herz. Er begriff nicht, welch törichter Trieb ihn verführt, unter diese Halbwilden an der freudlos öden Küste heraufzusegeln, nun, da es einmal geschehen und eine Pflicht ihn hier festhielt, mußte er seinen Ekel überwinden, um dasjenige, was ihm oblag, auszuführen. Aber er beschloß, dies mit möglichster Schnelligkeit zu tun und sobald er seine Kenntnisse genügend zu einem Bericht instand gesetzt, an das gastliche und gesittete Ufer der Ostsee heimzukehren. Als endlich nach Ablauf zweier Wochen der Regen eine Unterbrechung eintreten ließ, benutzte er die günstigere Witterung, um sich auf längeren Fußwanderungen über die ihm noch fremden Teile der Stadt und ihre Umgegend zu unterrichten, sowie zur Begrüßung der vornehmsten normannischen Persönlichkeiten zu Bergen, des Königsvogtes Oluf Nielsen und des Bischofs Torlef. Herr Oluf Nielsen war von gedrungen-kräftigem Körperbau, aus den ersten Blick als Eingeborener des Landes erkennbar. Seine Miene und sein Behagen trugen ein unklares Gepräge, aus mürrischem Wesen und höflicher Zuvorkommenheit gemischt. Osmund hatte bereits soviel von der norwegischen Sprache erlernt, daß er eine Unterredung in ihr zu führen vermochte, und der Vogt drückte ihm seine außerordentliche Freudigkeit über das hohe Aufblühen des hansischen Kaufhofes und die erst neuerdings durch König Christoph erfolgte Bestätigung und Erweiterung der Vorrangsrechte der deutschen Faktoreien aus, ohne welche Bergen unfehlbar in Dürftigkeit und Hungersnot verfallen würde. Alle Äußerungen Herrn Oluf Nielsens sprachen davon, daß er eifrigster Freund und Förderer der Hansen sei, hin und wieder vorfallende Ausschreitungen derselben als unvermeidlich entschuldige und die Veranlassungen dazu meistenteils der Roheit und unklaren Starrköpfigkeit seiner Landsleute beimesse. Trotzdem indes regte dies letztere Urteil und das glatte Lob in Osmund Werneking nicht den Eindruck unverhohlener Aufrichtigkeit, ein glimmerndes Licht in der Augentiefe schien manchmal den artigen Reden des Vogtes wortlos zu widersprechen, und der Hörer verließ das Haus mit dem Gefühl, daß Oluf Nielsen weniger ein wirklicher Freund der Hanse als von der Nötigung gezwungen sei, sich diesen Anschein zu verleihen. Er begab sich weiter zu der Wohnung des Bischofs Torlef in der Nähe des Munkholmklosters, doch vernahm er dort, daß der Bischof, auf einer geistlichen Amtsreise nach Throndhjem begriffen, vor Ablauf mehrerer Wochen nicht zurückkomme. Nach dem, was er über denselben gesprächsweise in Erfahrung gebracht, mußte Herr Torlef indes einen äußerst liebenswürdigen Gegensatz sowohl in der Erscheinung, als an offenem, freimütig-heiterem Wesen zu dem Königsvogt bilden. Ein noch jugendlicher, schöner Mann von hochwüchsiger Gestalt, war er von stets fröhlicher Laune, allgemeinem menschlichen Wohlwollen und behend umlaufendem Witz, ohne darum an seiner priesterlichen Würde, wo diese erheischt wurde, Eintrag zu erleiden. Obwohl der Nachmittag bereits ziemlich weit vorgerückt war, schlug Osmund Werneking doch noch einen Weg zwischen die hohen Bergen nach Osten hin umkränzenden Gipfel ein, gelangte zu seiner Überraschung bald an den Wasserspiegel eines kleinen Landsees, der, von der sonstigen wilden Natur umher freundlich abstechend, still und friedlich wie ein helles, klares Auge mit dunkeln Waldbrauen umschlossen dalag, und begann den Rand desselben zu umschreiten. Doch hatte er sich über die Ausdehnung getäuscht, da und dort erstreckten sich vom Rand des Beckens gewundene Arme nach den Seiten, und er bedurfte der doppelten Anzahl von Stunden, als er veranschlagt, die Ummessung des Sees zu bewerkstelligen. Schon geraume Weile, ehe er zur Stadt zurückkam, hub es an zu dämmern, nicht vom sinkenden Tage allein, sondern westher stieg wieder eine schwarze Wolkenbank auf, erst langsam vorrückend, dann plötzlich schnell heranfliegend. Von der Schustergasse und den anstoßenden normannischen Quartieren kam dem Zurückkehrenden Tumult und Gelärm wie am ersten Abend seiner Ankunft entgegen, nun schoß der Regen in schwerem Niederbruch herab, rasch schritt er durch die hin und her wogenden Rotten der Schiffer, Gesellen, Schuster und losen Dirnen hin. Er hatte fast schon den Lübecker Garten erreicht, als der ängstliche Aufruf einer weiblichen Stimme seinen Kopf herumzog; dicht vor sich gewahrte er im beinahe nächtlichen Zwielicht einen Knäuel halb trunkener Hansen und Weiber, zwischen denen ein zitternder Mund in normännischer Zunge eine Bitte um Loslassung sprach. Es erwiderten jedoch nur rohe Späße und kreischendes Gelächter darauf, ein Ruf erscholl: »Werft die Schelmbeine um sie, wer den Pasch fischt, soll sie haben!« und ein anderer dagegen: »Nichts da – Likedeeler! Wo's solche Kost gilt, sind wir Vitalienbrüder!« Eine Dirne schrie hinein: »Wenn sie sich ziert, zieht sie erst in den lappländischen Schlott, das wird sie kirr machen!« – »Laßt mich doch, ich tat euch nichts zuleide,« tönte die Stimme der Bittenden wieder, aber ein Wehruf flog ihr gleich hinterdrein von den Lippen und tat kund, daß die nach ihr gestreckten Fäuste sie frech angepackt hielten. In Osmund Werneling schwoll heftiger Unwille auf, er erkannte an der hochragenden Körperlänge ein paar der Schiffsknechte seiner Kogge, faßte die Schulter eines derselben und gebot ihm mit zornigem Ernst, der Bedrängten Freiheit zu schaffen. Die plötzliche Erscheinung und das Ansehen des jungen Schiffbefehlshabers wirkte ernüchternd auf seine noch nicht völlig in der Bergenschen Zuchtlosigkeit verwilderten Untergebenen ein, sie leisteten Gehorsam, ein Getümmel erhob sich, in dem die unbotmäßigen Schuster sich widersetzten, doch es gelang Osmund im Dunkel mit der Zusicherung: »Halte dich an mir, ich schütze dich,« den Arm der Eingeengten zu fassen und sie aus dem Gedränge zu erlösen. Er unterschied kaum etwas von ihr, als daß es ein junges, dunkelhaariges Ding sei; sie klammerte sich zitternd an ihn, aber nach wenigen Schritten brach sie kraftlos in die Knie. Der Regen prasselte stärker herab, ohne sich weiter zu besinnen, hob er sie mit den Armen auf, trug sie eilfertigen Ganges nach dem nahen Kaufhof und die Treppe empor in seine Stube, wo er sie im Finstern auf eine breite Wandbank niederließ. Dann schlug er Steinfunken auf einen Zündschwamm und entflammte den Docht einer plumpen, mit Walrattran angefüllten Lampe, die das große Gemach kaum mehr als ein Himmelsstern dunkle Nacht erhellte. Erst wie er das dunstige Flämmchen auf den Tisch neben der Bank stellte, vermochte er die Gestalt und Züge der darauf Sitzenden zu erkennen. Ein Mädchen war's, wohl ein wenig älter, als der Ton ihrer Stimme zuvor vermuten lassen, die fast als die eines Kindes geklungen. Sie mochte etwa sechzehn Jahre zählen und erinnerte ihren Befreier aus der Drangsal beim ersten Anblick an ein befremdliches weibliches Geschöpf, das er einmal als Knabe auf einer Dorfmark in der Nähe von Wismar gewahrt. Dort hatte ein Trupp sonderbarer Männer, Weiber und Kinder auf der regenfeuchten Erde gelegen, wie der deutsche Norden sie noch niemals zuvor gesehen. Sie waren aus dem Ungarn- und Böhmerland heraufgekommen, redeten eine Sprache, die keiner begriff, und konnten sich nur durch Mienen und Gebärden mit den wendischen Bauern notdürftig verständigen. Es hatte geschienen, daß sie selbst sich mit dem Namen Cigani oder Zingari bezeichneten, und wie sie gekommen, waren sie über Nacht spurlos wieder verschwunden. An ein junges Weib aber, das er unter ihnen gewahrt, gemahnte Osmund Werneking das Mädchen vor ihm auf der Bank. Es hatte die nämlichen glänzend schwarzen Haare, feingebildete Lippen, dunkle feurige Augen im schmalen Antlitz, dessen Farbe beinahe einem hellen Topasstein gleichkam. Die mittelgroße, zarte Gestalt umgab ein Tuchgewand von wertvollerm Stoff, als es bei den Normannentöchtern bräuchlich, schmale, zierliche, nicht von harter Arbeit vergröberte Hände sahen aus den engen Ärmeln hervor. Sie saß wortlos auf der Bank und blickte ihren Helfer wie im Traum, daß sie sich hier befinde, an, ungewiß und doch neugierig, scheu und vertraulich zugleich. Auch Osmund Werneking stand einige Augenblicke verstummt vor dem fremdartigen Gebilde, das die Lampe ihm unerwartet überhellt. Er hatte nicht daran gedacht, sich ihr Gesicht vorzustellen, doch nun überraschte ihn die Anschau desselben. Verwundert fragte er nach einer Weile: »Bist du ein Normannskind?« Sie nickte, er fügte hinzu: »Wie heißt du?« »Tove.« »Und deines Vaters Name?« Sie schwieg kurz, dann gab sie Antwort: »Ich heiße Tove Sigburgdatter.« Er verstand ihre Erwiderung, sie trug nur den Namen ihrer Mutter, keinen vom Vater. Es war nun, da sie ruhig, nicht in der Beängstigung wie drunten auf der Gasse, redete, mit anderm, sonderbarem Ton von ihren Lippen gekommen, nicht über das klagend, was sie sprach, doch mit einem schwermütigen Aufklang ihrer Stimme überhaupt. Osmund brach indes zarten Sinnes rasch von seiner vorherigen Frage ab und fuhr fort: »Wie kamst du in das Getümmel? Warum hütetest du dich nicht?« »Ich wollte nach meinem Hause gehen.« »So spät und allein? Das war nicht klug für ein ehrbares Mädchen zu Bergen. Von woher kamst du denn hierher des Wegs?« »Vom Turm.« »Welchem Turm?« »Vom alten an der Burg, ich gehe täglich zu ihm.« »Und weshalb?« »Ich fürchte mich vor ihm.« »Und deshalb besuchst du ihn?« antwortete Osmund Werneking, über den Widersinn ihrer, wie ihm schien, bedachtlosen Entgegnung lächelnd. Doch zugleich sah er, daß ein unruhiges Licht durch ihre Augen lief, und ein leichtes Zusammenschauern rüttelte die feinen Glieder unter ihrem Gewand. Erst dieser Anblick mahnte ihn, daß ihre Kleidung vom Regen durchnäßt sei, und sie mit Frost schüttle; deshalb auch mochte sie so sinnlos auf seine letzte Frage erwidert haben, und er sprach rasch mit Besorgnis: »Du bist naß geworden, dich friert.« Sie schüttelte indes den Kopf. »Nein, mir ist's warm wie in der Sonne.« Er sah trotzdem schnell umlaufenden Blickes suchend in der Stube umher. »In diesem Hause sind keine Frauen, die andere Kleider für dich hätten,« murmelte er halblaut, »ein Weib könnte besser Zuflucht bei den Bären im Gebirg suchen als hier.« Doch aus den Worten floß ihm ein Gedanke, er trat eilig an seine Lagerstatt, nahm das Bärenfell davon und hüllte es sorglich um die Schultern des Mädchens. Dies blickte ihm mit groß erweiterten Augen regungslos ins Gesicht, daß er unwillkürlich fragte: »Weshalb siehst du mich so verwundert an?« Sie zögerte kurz, eh' sie entgegnete: »Sind alle Deutschen so gut?« »Mich deucht, du hattest vorhin nicht Anlaß, Gutes von ihnen zu denken.« »Das waren Hansen, ich meine die Deutschen, die so aussehen, wie –« Sie hielt an, sichtbar ungewiß, ob sie ihn nach norwegischem Brauch mit du oder mit Ihr ansprechen sollte. Er verstand ihr Zaudern und sagte: »Heiße mich so wie ich dich und wie dein Mund es gewöhnt ist.« Nun erwiderte sie einfach: »Warum sollt' ich auch anders zu dir sprechen, als zur Sonne? Sie würde mich nicht verstehen, glaub' ich, wenn ich sie anreden wollte, wie die Herren.« »Versteht sie dich denn?« »Ich fühl's zuweilen, daß sie mir Antwort gibt.« »Und wer sind die ›Herren‹, mit denen du anders sprichst?« »Vor denen ich mich scheue, Herr Oluf Nielsen, der Herr Stiftshauptmann und der Herr Bischof.« »Vor mir scheuest du dich also nicht?« »Nein, du bist wie die Sonne« – sie lächelte zum erstenmal und zog mit den weißen Fingerchen das Fell dichter um sich zusammen – »du wärmst mich, wie sie.« »So fror dich vorher doch?« Sie nickte. »Mich friert's oft, aber jetzt nicht mehr, gar nicht.« Ganz eingehüllt in das schwarzbraune Bärenfell, das absonderlich zu der Farbe ihres Haares und ihrer Augen stimmte, saß sie da wie ein halb rätselhaftes fremdländisches Geschöpfchen. Doch trotzdem gemahnte sie Osmund Werneking jetzt nicht mehr so wie zuerst an das junge Zigeunerweib, das er als Knabe gesehen. Ein fremdes Blut mußte wohl unter ihrer elfenbeinglatten und -farbigen Haut klopfen, aber mit nordischem gepaart; wie ihre Wangen sich jetzt mählich beim Sprechen leicht gerötet und die feinen Lippen sich lächelnd über die hellschimmernden Zähnchen gehoben, trat doch auch normannisch-germanische Stammesart aus dem Antlitz und dem Vorbau der schläfenschmächtigen Stirn hervor. Nur war's eine sehr andere, veredelte Art als die der übrigen Normannstöchter, welche Osmund bisher gewahrt, nicht nur mit zarterer Schönheit der Züge begabt, sondern vor allem von einer geheimen Lieblichkeit durchweht. Manchmal ging's wie ein dämmernd einfallender Schatten darüber hin, doch Angesicht und Wesen des Mädchens gemahnten an die Blume, deren Natur es ist, sich sehnsüchtig nach der Sonne zu wenden. Bei dem kargen Licht des Lämpchens erschien das junge Antlitz als eine undeutliche Mischung von kindlicher Unbefangenheit und einer ungewissen Beängstigung, wie wenn ein lästiges Schuldbewußtsein den jugendfreudig auftrachtenden Frohmut ihres Mundes und Herzens hastig wieder erdrücke. Dann irrte einen Augenblick lang ein unstetes Flackern und Zucken durch ihre langen Wimpern und wie ein trüber Nebelschleier fiel es hinterdrein. Doch konnte sich nichts Unedles und Strafwürdiges, keine wahrhafte Schuld darunter verbergen, denn danach schauten die Augen wieder mit der graden, furchtlosen Zuversicht und spiegelnden Reinheit eines Kinderblickes auf. Osmund Werneking aber war es fast wie in einer traumhaften Sinnesbeirrung, daß dieses seltsam-fremdartige Mädchenantlitz als ein feinster, anmutreichster, beinahe märchenähnlicher Gegensatz zu der rohen Welt umher plötzlich zwischen dem plumpen Gebälk seiner Stube dasaß. Seine Gedanken waren umhergegangen, woher sie stammen möge, und unwillkürlich flog ihm jetzt die Frage von den Lippen: »Wohnst du bei deiner Mutter?« Tove schrak leicht bei der Unterbrechung der eingetretenen Stille zusammen, dann erwiderte sie: »Nein, bei Vrouke Tokkeson.« »Ist deine Mutter nicht mehr lebend?« »Schon lange nicht; wir sterben alle jung.« Da lief wieder, deutlich sogar unter dem Bärenfell wahrnehmbar, ein Frostschauer durch Tove Sigburgdatters Glieder. Osmund trat erschreckt auf sie zu, faßte ihre Hand und stieß aus: »Dich friert doch noch, du bist zu arg durchnäßt und mußt nach Hause, damit du nicht krank wirst. Komm, ich geleite dich, daß dir nicht wieder Übles auf der Gasse zustößt.« Ein neuartiger Ausdruck der Betrübnis überflog ihre Züge; sie entgegnete mit dem leise klagenden Ton ihrer Stimme: »Muß ich schon gehen? Es war so schön hier.« »Ich darf's nicht dulden, daß du länger so bleibst.« »Aber ich darf wieder zu dir kommen?« »Ja,« erwiderte Osmund Werneking. Doch gleich darauf fügte er hastig drein: »Nein – hierher nicht.« Sie fragte zögernd und traurig: »Bin ich für euren Garten zu gering?« »Nein, Tove, du bist für dieses Haus zu – dies ist kein Haus für Mädchen deiner Art, meine ich. Komm, ich führe dich; sprich draußen auf der Diele nicht, bevor wir im Freien sind.« Er geleitete sie an der Hand über die dunkle Treppe hinunter auf die Gasse. Der Regensturz hatte ziemlich aufgehört, doch es war völlig Nacht geworden, und einige Mal nacheinander strauchelte der Fuß des Mädchens über die unsichtbaren Felsrippen des Bodens. Mit einem halb lachenden Ton sprach sie: »Ich muß heut blind sein und sehe sonst doch wie eine Katze im Dunkel.« »So will ich Augen für dich haben,« entgegnete Osmund; ihr Kopf reichte ihm bis an den Nacken, und er legte sorglich den Arm um ihre Schulter und hielt sie beim Fehltreten sicher aufrecht. Sie gab Antwort: »Da brauche ich meine Augen nicht und kann sie zumachen; so geht sich's, als man fliege.« Dann sprach sie geraume Weile nichts mehr, bis er fragte: »Ist die Frau, bei der du wohnst, eine Sippe von dir?« »Vrouke Tokkeson? Nein.« »Wie kommst du denn zu ihr?« »Der Herr Bischof, glaub' ich, hat mich zu ihr getan, als meine Mutter gestorben; ich weiß es nicht anders.« Sie mußte jetzt doch die Lider öffnen, um ihrem Führer die Richtung anzugeben, der Weg ging beträchtlich weit durch den normännischen Stadtteil. Im Dunkel stieg der Umriß eines hohen, schwarzen Gemäuers gegen den Himmel, das Osmund Werneking halb bekannt erschien. Er fragte: »Ist das nicht Munkholmkloster?« »Ja, wir wohnen nahebei, hier unter der Bergwand.« Tove hielt vor einem Holzhause von geringfügigem Umfang inne, das wie ein Vogelnest an überragendem Felsen angeklebt schien, ein Wassersturz rauschte dicht daneben weißschimmernd ins Dunkel. Sie hatte plötzlich nach der Hand ihres Begleiters gesucht, hielt diese und fragte stockend mit ängstlich erwartungsvollem Stimmenklang: »Wenn ich nicht wieder zu dir darf, kommst du dann zu mir?« »Wenn ich das Haus bei Tage wieder finde, frage ich morgen nach, ob die Nässe dir keinen Schaden gebracht.« Sie antwortete rasch: »Ich will den ganzen Tag vor der Tür achtgeben, daß du nicht fehl gehen kannst,« zugleich jedoch öffnete sich die Tür des Häuschens, und eine Stimme fragte von der Schwelle: »Kommst du endlich, Tove? Ich habe längst zu Nacht gegessen.« »Daran tatet Ihr recht, Vrouke,« erwiderte das Mädchen, »esset noch mehr, ich bin nicht hungrig und brauche nichts.« »Wer ist bei dir?« fragte die Angesprochene mit einer Stimme, die kaum unterscheiden ließ, ob sie einem Weibe oder einem Manne angehöre. Tove gab kurze Antwort drauf und fügte bittend gegen Osmund Werneking hinzu: »Es regnet noch, komm mit ins Haus, bis es aufhört.« Er folgte ohne Erwiderung ihrer Hand, die ihn mitzog und über lichtlosen Flur in einen niedrigen Wohnraum führte, der zugleich die Küche des Hauses enthielt. Auf dem Herd im Winkel glomm noch ein mattes Reisigfeuer, das Mädchen fachte dies, mit den Lippen blasend, eilig an und entzündete dran einen ölgetränkten Kienspan, der nun die dürftig ausgestattete Stube flackernd erhellte. Vrouke Tokkeson war hinter den beiden eingetreten und Osmund vermochte jetzt zuerst ihr Äußeres zu unterscheiden. Es war ein Normannsweib, wie er ihresgleichen schon manche in Bergen gesehen, hartknochig von Gestalt und Gesichtszügen, bereits ziemlich hoch an Jahren vorgerückt, mit grausträhnigem Haar, auf den ersten Blick ohne alle verwandtschaftliche Ähnlichkeit mit Tove Sigburgdatter. Unter farblosen Brauen hielt sie einen nichtssagenden Blick auf den nächtlichen Begleiter ihrer Hausgenossin gerichtet; wenn etwas in dem Ausdruck der dickumliderten Augen lag, war's eine prüfende Musterung der ungewöhnlichen, vornehmen und reichen Gewandtracht Osmund Wernekings. Ihre Miene, Stimme und Bewegung taten gleicherweise Starrheit des Alters kund, doch hatte sichtlich der erste Anschein getäuscht, als ob das Mädchen sich vor ihr scheue und von ihrem Willen abhänge. Im Gegenteil verwandelte sich die knochige Steifheit der Alten vor den Worten Toves fast in eine biegsame Unterwürfigkeit; offenbar war nicht sie, sondern ihre junge Gefährtin die eigentliche Herrin des Hauses. Etwas zögernd hatte die letztere jetzt eine Frage an sie gerichtet, auf die sie langsam erwiderte: »Warum sollte der Herr nicht in den nächsten Wochen zu dir hierher kommen, wenn er dein Freund ist? Es kommt ja sonst niemand zu dir, und wer noch jung ist, ist nicht gern immer allein.« Die Augen des Mädchens leuchteten von einem glücklichen Strahl, sie räumte Hausrat von einer Bank und bat Osmund, sich zu setzen. Vrouke Tokkeson fiel ein: »Führe den Herrn doch in deine Stube, er ist besser gewöhnt, als sich auf dem harten Holz niederzulassen.« Doch Osmund Werneking sprach jetzt drein: »Es ist spät und du sollst dich zur Ruh' legen, Tove; morgen ist wieder ein Tag, da komm' ich zurück.« Er lächelte über das Wort Königs Waldemar Atterdag, das in unbewußter Erinnerung aus seinem Munde hervorgegangen; die Angesprochene sah ihn aufhorchend, halb wie ungläubig staunend an und erwiderte: »Wer hat dich das gelehrt?« Er verstand ihre Frage nicht. »Was, Tove?« Doch gleich darauf setzte er hinzu: »Siehst du, dich schüttelt der Frost noch immer, leg dich schlafen, Kind, daß du nicht krank wirst!« Bei seinen Worten tauchte in dem leeren Blick der Alten eine Unruhe auf, sie fügte drein: »Der Herr redet verständig, er ist ein Hanse und hat zu befehlen. Tu, was er verlangt, ich habe dich zu behüten, daß du nicht Schaden nimmst.« Osmund wollte sich zur Tür wenden, doch nun flog Tove auf ihn zu und faßte seine Hand: »Ich will alles tun, was du sprichst – aber ich habe dir noch nicht gedankt für alles, was du mir heut abend getan! Das darf ich doch noch erst, eh' du fort gehst – Hab' Dank!« Tove schien leicht am Boden auszugleiten, halb in die Knie zu fallen und sich schnell wieder emporzuheben. Aber Osmund Werneking hatte gefühlt, daß ihre Lippen sich dabei einen Augenblick lang weich und demütig-schüchtern auf seine Hand gedrückt; dann ging er draußen durch die nächtigen Gassen. Doch lagen diese verwandelt um ihn, nicht als ob er in Bergen sei, sondern an irgendeinem Ort, wohin der Traum ihn einmal gebracht. Er wußte nicht recht, ob er auch gegenwärtig wachend hier gehe, die Welt umher erschien ihm nicht mehr rauh, wild und trostlos. Seine Seele war zum erstenmal von einem fremden, bewältigenden Gefühle erfüllt. Er dachte nach: seine Seele, nicht sein Herz. So konnte aufkeimende Liebe desselben zu einem Weibe nicht sein; doch ein tiefes, ihn im Innersten erregendes Mitgefühl, fast Mitleid empfand er für das rätselhafte junge Geschöpf, das da drüben, einer Blume in ödem Schattengestein gleich, unter der Felswand einsam-traurig und sonnensehnsüchtig hinzuleben schien. Wie kam sie dorthin? Augenscheinlich eine windverwehte Saat aus einem prunkvoll-reichen Garten, den sie selbst nicht kannte. Wunderlich aber kreuzte es dem Heimschreitenden die Gedanken. Gar anders lagen alle Umstände, doch im Tatsächlichen hatte er ebenso ein halbes Kind aus Not und Drangsal erlöst, wie einstmal Dietwald Wernerkin auf der sonnigen Heide bei Arensfeld, und eine rinnende Undeutlichkeit umschleierte auch sie, daß er nichts von ihr wußte, als ihren Namen. Nur war sie nicht goldlockig und blauäugig wie Elisabeth von Holstein, sondern bot in allem den größten Gegensatz zu dieser und war kein unerreichbar über ihm schwebendes Fürstenkind. »Unerreichbar?« fragte er halblaut vor sich hin. Betrog er sich etwa doch selbst und verhehlte ihm nur noch der Schlag seines Herzens, was drin klopfte? Doch er schüttelte sicherbewußt die Stirn: so warm und freundlich der Gedanke an sie seine Brust erfüllte, lag keine solche Täuschung unter ihm verborgen, und unverständlich war's ihm, was zum erstenmal ihn mit so plötzlicher Teilnahme an einem weiblichen Wesen überkommen. Er mußte der klagende Widerspruch ihrer Sonderart zu der Wildnis sein, in der er sie angetroffen. Nun erreichte er den Kaufhof, gab sich dem, von zwei großen zottigen Wolfsrüden begleiteten nächtlichen Wächter desselben zu erkennen und suchte droben sein Lager auf. Fast hatte der Schlaf ihn schon bewältigt, als es ihm war, wie wenn ein leiser, süßer und doch schwermütig stimmender Frühlingsduft ihn anwehe; er schlug noch einmal die Lider in die Höhe, dann zog er halb traumgefaßt das dunkle Bärenfell dichter um sich, das ein Weilchen die zarten Glieder Tove Sigburgdatters vor der Kälte beschützt hatte. Neben den deutschen Gärten befanden sich noch, da und dort an der Hasenbucht zerstreut, die »außerhansischen« Faktoreien der Engländer und Niederländer zu Bergen, und Osmund Werneking nahm bald gewahr, daß zwischen beiden kaufmännischen Niederlassungen ein äußerst gespanntes Verhältnis bestand, das zwar öffentliche Feindseligkeit vermied, doch in gemeinsamer innerlicher Übereinstimmung die Mehrheit der Hansen mit Scheelsucht und Mißgunst auf den regen und gewinnreichen Handelsbetrieb ihrer fremdländischen Mitbewerber hinblicken ließ. Die letztern wichen indes im Gefühl ihrer weit unterlegenen Kopfzahl jedem Zusammenstoß geschickt und besonnen aus, legten niemals ein übermütiges Behagen an den Tag und hatten augenscheinlich ihre Zugehörigen angewiesen, wenn es abends auf den Gassen zu Reibereien gerate, Herausforderung und Spott ruhig über sich ergehen zu lassen und in ihre Behausungen zurückzukehren. Nur einmal wurden sie in eine größere und blutige Schlägerei verwickelt, gegen die sie am andern Morgen Klage bei den deutschen Oldermännern einbrachten. Zu seiner Überraschung und Befriedigung zugleich war Osmund Zeuge, daß besonders auf eifriges Betreiben Herrn Tiedemann Steens sofort der »Kaufmannsrat« in der Gerichtsstube bei St. Marien zusammengerufen, eine strenge Untersuchung angestellt, die Hansen zum größten Teil als schuldig befunden und ihre Rädelsführer zu mehrwöchiger Gefängnisstrafe bei Brot und Wasser verurteilt wurden. Freilich nahm es Osmund wunder, daß er die derartig Gezüchtigten mehrmals im Vorüberkommen bei solcher Kost hinter den Eisentrallen ihrer Fenster laut singen und lachen hörte, einmal stießen sie offenbar rasselnd sogar ihre Becher gegeneinander, als ob diese statt mit Wasser mit besser mundendem Getränk angefüllt seien, aber Osmund Werneking mußte sich nach dem Vorgang eingestehen, daß er sich einer zu üblen Vormeinung hingegeben und wider sein Erwarten bei gewichtigen Anlässen doch ernsthafte Zucht und unparteiischer Rechtsspruch im hansischen Kaufhof walte. Ihm mißfiel überhaupt seit dem Ablauf der Regenwochen der Aufenthalt zu Bergen weniger als zuvor. Die günstige Witterung verstattete ihm täglich, auf die hochsommerlich zugänglichen Berge der Umgegend bald nach dieser, bald nach jener Richtung hinaufzusteigen und über das ungeheure, tausendfältige Gewirr der schmalen Wasserarme, schwarzer Klippen, Schäreninseln hinwegzuschauen. Gleich unabsehbar gestreckt, lag darüber hin ostwärts das schneebedeckte Hochgebirg des Kjölengrats und gen Westen der endlose dunkle Atlantische Ozean. Träumerisch gedachte der junge Urenkel Dietwald Wernerkins da droben manchmal, daß diesen einst solcher Anblick desselben unermeßlichen Meeres mit seinen Gedanken in die Weite gezogen, als müsse die See drüben irgendwo an ein anderes, der Menschheit fremdes Gestade anschlagen. Und er wußte auch, daß sie dort an den Felswänden von Island und Grönland solche Ufer fand, doch es waren noch unwirtlichere Küsten als diese, nur von entbehrungsgewöhnten, wetterharten, gewinntrachtenden Fischern in den kurzen Sommermonden besucht und nicht geeignet, Sinne und Seele verlockernd zu sich hinüberzuziehen. Aber noch weiter hinüber sollte das sagenhafte ›Vinland‹ liegen, von dem die Märe verkündigte, daß in grauer Zeit ein junger Normannenfürst, Erichs des Roten Sohn, dorthin die Segel gespannt, und zu umschweifendem Sinnen regten die windumsummten Bergkuppen immer wieder aufs neue. Eine lautlose, ungeheuerliche Einsamkeit verbreitete sich um den Betrachtenden, besonders nach Norden, wohin er mit Vorliebe seine Wanderung lenkte. Als ein kleines, einziges Häuflein Leben lag in der Tiefe hinter ihm die Stadt Bergen, vor ihm ging der Blick nur in eine verworrene, unbewohnte Wasser- und Felswildnis hinunter, die sich wie ein Schluchtlabyrinth des Todes ausdehnte und übereinanderwälzte. Kein Anbau und keine Saat war ringsum als die der Natur, Heideblumen zwischen kurzer Grasnarbe und ins Gestein festgeklammerte, windmurrende, oftmals blitzzerspaltene Föhren. Nur einmal gewahrte Osmund vor sich einen jungen, wie es schien, blondhaarigen Mann in Schiffertracht an einer jähen Felswand sitzend und regungslos auf den Ozean hinausschauend. Doch ehe er näher an die seltene menschliche Erscheinung in der Einöde hinankam, stand der Fremde auf und verschwand, behend abwärtssteigend, im Gewirr einer unter seinem Sitz niederfallenden Steinkluft. Von seiner Bergwanderung heimkehrend, sprach aber Osmund Werneking an jedem Tage gegen Abend zu einem Besuch in dem kleinen Häuschen Tove Sigburgdatters vor, das ihm binnen kurzer Zeit das vertrauteste zu Bergen geworden war, ihn in der fremden Stadt beinahe heimisch anmutete. Erwartungsvoll stand das Mädchen jedesmal nach seiner Ankunft ausblickend, faßte seine Hand und führte ihn neben dem rohen Wohnraum, den er bei seinem ersten Dortsein betreten, in ihre Stube hinein. Diese bot überraschenden Gegensatz zu der sonstigen dürftigen Ausstattung des Hauses, sie war nur klein, doch wie ein vielfältig geschmückter Käfig für ein zierliches Vögelchen eingerichtet. Die Holzwände wurden warm und behaglich von gewirkten Stoffen verhüllt, ein Teppich bedeckte den Boden, und das Fenster wies sogar einen Verschluß durch runde Glasbuckelscheiben, wie sie zu Bergen sonst nur noch das Munkholmkloster und die bischöfliche Wohnung besaßen. Ein paar duftende Blumen in Topfscherben standen davor, und allerhand Zierat lag noch auf Simsen umher, große bunte Muscheln und vielgeästete Korallen von fremden, südlichen Meeresküsten, dazwischen Renntiergeweih, weißes Möwen- und schillerndes Auerhahngefieder des hohen Nordlands. Eine breite Bank war ganz mit weichem Eisbärfell überflockt, und wie das zierliche Vögelchen des Käfigs saß Tove darauf und Osmund allabendlich um die Dämmerstunde neben ihr. Er war beim ersten Anblick des wohnlich ausgeschmückten Raumes erstaunt und im Begriff gewesen, seine Verwunderung darüber kund zu tun, aber dann hatte er gedacht, daß vermutlich die Mutter Toves hier gelebt, und die Lippen schnell geschlossen, ehe er ihr durch eine neugierige Frage weh getan. An der Mittelwand der Stube hing ein sehr kostbares, aus Elfenbein geschnitztes Kruzifix, das ein reiches Angebinde darstellte; vor dem mochte Sigburg nach dem Vorübergang kurzen Glanzes und Glückwahnes oftmals in Reue und bitterlichen Tränen auf den Knien gelegen haben. Es schien, als ob ihre Tochter noch davon wisse, denn ihr Auge ging immer rasch, wie mit einer geheimen Scheu an dem Kreuz vorbei. Sonst aber lag in dem Wesen des Mädchens nichts Ängstliches und manchmal halb irr Unstetes mehr, wie bei der ersten Begegnung auf der Stube Osmunds. Sie war aufgeblüht, ihre blassen Wangen hatten nicht nur zeitweilig, sondern ständig eine leise Färbung gewonnen, und kindliche Freudigkeit glänzte in ihren dunkeln Augensternen. Jedes Wort kam ihr von glücklichen Lippen; zuweilen sogar mit schelmischem Lachen, das absonderlich zu dem schwermütigen Klang der Stimme um den feinen Mund hinglitt. Osmund Werneking wußte oft kaum, was sie miteinander unausgesetzt geredet, aber die Stunden waren hastig vorübergeflogen. Von Tag zu Tag kam ihm deutlicher das Gleichnis einer Blume, die vom Wind in die öde Wildnis verweht, einsam blühte und duftete. Er sagte sich auch, sie allein bilde den Anlaß, daß Bergen verwandelt um ihn liege, daß er ohne das Zusammentreffen mit ihr die Stadt bereits verlassen haben würde. Doch jetzt dachte er an kein Fortkommen, freute sich mit dem ersten Gedanken jedes Morgens auf den Abend. Auch er war von Kindertagen einsam emporgewachsen, keinem Menschen bisher mit einem innersten Gefühl befreundet, kannte niemanden, der an ihm mit einem solchen hing. Hier zum erstenmal bereitete sein Kommen einen andern ein unverhehltes Glück, blickten ihm täglich zwei Menschenaugen freudig harrend entgegen. Es geriet ihm schon nicht mehr in den Sinn, daß etwas Seltsames darin lag, wie er hier abendlich allein mit dem schönen, fremden normannischen Mädchen zusammensaß, von dessen Herkunft und Lebensumständen er nichts wußte. Ihn erfüllte eine Empfindung, als ob er sie schon lange gekannt, bevor sein Blick sie zuerst wahrgenommen, und als seien sie zwei freundlose Waisen, die zueinander gehörten. So traulich und lebensschön war's, neben ihr zu sitzen, ihre kleine, warme Hand zu halten, mit ihr zu reden und sie zu hören. Wenn ihre Stimme durch das öde Haus in der Dankwardsstraße zu Wismar geklungen wäre, so hätte er es nicht verlassen, keinen Antrieb empfunden, in die unbekannte Welt hinauszuziehen. Warum hatten seine Eltern ihm nicht eine Schwester gleich ihr verliehen? Ab und zu saß er in halbem Traum und antwortete zerstreut auf ihre Fragen. Dann dachte er, wenn er sie mit sich nach Wismar zurücknehme, dann wäre es ja so, als ob seine Eltern eine Tochter besessen. Nur um der andern Menschen willen lag eine Schwierigkeit darin, weil sie nicht seine Schwester war; aber vielleicht ließ sich durch Nachdenken ein Mittel ausfindig machen, das ihre Gegenwart in seinem Hause auch mit schicklichem äußern Anstande vor der Welt verband. So sah jeder Abend sie beisammen. Sie hatte Bergen niemals verlassen, kannte nichts anderes als die hohen Felswände und das Meer um ihre Heimatstadt und lauschte aufmerksam, wenn er ihr Kunde von andern Ländern und Städten berichtete. Besonders aber vernahm sie gern, was er von seinen Vätern und Vorvätern sprach. Auch von der Gedenkschrift Dietwald Wernerkins und seiner Umfahrt nach Venedig hatte er ihr erzählt. Dazu schüttelte sie den Kopf, denn sie verknüpfte keine Vorstellung mit dem fremden Stadtnamen. Ihre Kenntnis ging nicht über ein undeutliches Wissen von den drei nordischen Reichen hinaus, und Osmund hatte ihr viel zu erklären. Doch von Dietwald Wernerkin hörte sie am liebsten und sagte plötzlich einmal, dem Sprecher tief in die Augen blickend: »Den hätte ich auch lieb gehabt, er muß grad' so gewesen sein, wie du jetzt bist.« Und atemlos horchte sie, wie er von Elisabeth, der jungen Königin von Norwegen erzählte. Da durchrüttelte es sie wieder einmal mit einem Schauer und sie fiel ihm ins Wort: Hierher sollte sie in den alten Turm? O, nur das nicht! Lieber bei den schlimmsten Ungeheuern am Meergrund!« Er lächelte: »Was geht denn der Olafsturm dich an, Tove, und warum ist er dein Feind?« »Ich weiß es nicht,« entgegnete sie und schwieg. Aber nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: »Mir war's von Kindheit, als sei er nicht von totem Stein und Eisen, sondern könne sich plötzlich einmal auseinandertun und Arme nach mir strecken und mich darin festhalten, so lange bis mein Herz vor Schreck und Todesangst und Müdigkeit stillstände. Laß uns nicht von ihm reden, sondern von Dietwald Wernerkin, der die schöne Elisabeth so lieb hatte und sie ihn. Ganz anders war sie als ich, nicht wahr? Aber ich hätte ihn doch nicht weniger lieb gehabt.« Dann, wie Osmund Werneking ihr willfahrte und von dem jungen Ritter mancherlei weiter berichtete, griff sie bei einem Wort plötzlich nach seiner Hand und stieß hervor: »Zu Gotland war er auch?« Verwundert sah Osmund sie an. »Warum erstaunt's dich? Hast du von Gotland gehört?« »Ja« – ihre Lider waren regungslos weit geöffnet, und sie hatte den Arm halb gehoben – »es muß da drüben liegen – nach Sonnenaufgang« – und ihre Hand sank, wie von einer Starre gefaßt, langsam herab. Ihm kam's heut, sich mit behutsamer Vorsicht nach ihrer Vergangenheit zu erkundigen, wie sie in dieses Haus und zu Vrouke Tokkeson gekommen sei. Sie antwortete: »Es war immer so, nachdem meine Mutter gestorben.« Das mußte vor sieben oder acht Jahren geschehen sein, sie wußte es nicht genau, und er fragte: »Ich glaube jemand – der Herr Bischof, glaube ich, hat es angeordnet.« »Und war diese Stube schon ebenso, als deine Mutter starb?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, wie die andere daneben, die Wände nicht so und alles, auch das nicht.« Ihre Hand deutete nach dem Kruzifix; über Osmunds Gesicht ging ein Zug des Nachsinnens. »Das stammt vermutlich gleichfalls von dem Herrn Bischof?« Ein Nicken ihrer Stirn bejahte. »Er brachte es mir zur letzten Juulnacht.« »Und alles andere kam wohl auch von ihm?« »Schon früher, glaub' ich; er meinte, die Holzwände des Hauses seien zu kalt.« »Da bist du wohl traurig, daß er so lange verreist ist?« Sie entgegnete hastig: »Nein, ich bin froh darüber,« und sie fügte hinterdrein: »Sonst muß ich bei ihm lesen und schreiben, und ich tu's nicht gern. Wozu soll ich's erst lernen?« »Hältst du's denn nicht für gut, das zu können?« »Für andere gewiß, die so lange leben, um es nötig zu haben.« Da schimmerte ihr wunderlicher Glaube wieder hervor, daß sie jung sterben müsse, das Scheue und Unruhige ihres Wesens kam über sie und sie blickte Osmund bittend an, sie nicht weiter zu befragen. Er wußte auch, daß es fruchtlos sei und ihrem Verstummen keine Antwort mehr abringe. So verließ er sie, Vrouke Tokkeson, die harrend im Nebenraum stand, wie allabendlich eine begierig von ihr erhaschte Geldmünze darreichend, auf welche sie stets erwiderte: »Der Herr befehle, was er von mir verlangt!« Ein neuer Gedanke aber begleitete ihn heut durch das tiefe Dämmerlicht heim. Langsam war der in ihm aufgekeimt, doch an diesem Abend zur Gewißheit erwachsen, daß Tove Sigburgdatter eine Tochter des Bischofs Torlef sei. Das lag als Geheimnis um sie her, sie selbst wußte es nicht und durfte es nicht wissen, wie keiner sonst in Bergen. Nur Vrouke Tokkeson besaß vermutlich Kunde davon und war von ihm zur Behüterin seines Kindes, dessen Vater er sich nicht benennen durfte, auserwählt. Daher fügte sie sich auch unterwürfig allen Wünschen und Willensäußerungen des Mädchens, das die Quelle ihres gesicherten Lebensunterhaltes bildete. Der Gedanke, ob es unter solchen Umständen möglich sein werde, Tove mit nach Wismar hinüberzufahren, beschäftigte am folgenden Tage Osmund auf seiner gewohnten Bergwanderung, so daß er, nur selten um sich schauend, stundenlang weiterschritt. Da erkannte er erst, daß er eine schon einmal eingeschlagene Richtung innegehalten, als er, zufällig aufblickend, in ziemlicher Entfernung wieder den jungen, blondhaarigen Schiffer vor sich auf der nämlichen jähen Felswand sitzend gewahrte, wo er ihn bereits vor einigen Tagen von weitem gesehen. Ebenso jedoch wie damals stand der Fremde, nachdem er flüchtig den Kopf gedreht, auch heute rasch auf und verschwand unter dem Steinhang. Es konnte kein Zufall sein, sondern er entzog sich in augenscheinlicher Absicht einem Zusammentreffen mit Osmund und ließ diesen in einer Art neugieriger Verwunderung über die Wiederholung des Vorganges bis zu der verlassenen Stelle hinschreiten. Einige kleine Heideblumen lagen dort abgepflückt an der senkrecht niederstürzenden Wand, die nur rechtshin auf zackigen Vorsprüngen ein Hinunterkommen in eine enge, düster-leblose Kluft ermöglichte. Der Nachschauende wußte, daß alles menschliche Leben, selbst die Kenntnis des tausendfältigen Klippen- und Buchtengewirrs nach dieser Richtung ein Ende nahm, nur Schwärme von großen Wasservögeln jagten und kreischten über der unzugänglichen Wildnis, und es lag nahe, unwillkürlich Vermutungen darüber anzustellen, von wo der fremde, nicht normännisch erscheinende Schiffer hierher komme, wohin er sich fortbegebe und weshalb er bei der Annäherung eines Menschen verschwinde. Doch hing Osmund Werneking diesem Antrieb eines flüchtigen Neugierreizes nicht lange nach; als er indes nach Ablauf einiger Tage den gleichen Weg einschlug und schon aus weiter Entfernung die nämliche Erscheinung in der späten Nachmittagssonne drüben flimmern sah, überkam es ihn wie mit der Lust eines Jägers, ein fluchtbereites Wild zu umstellen und ihm den Rückzug zu seiner unbekannten Behausung abzuschneiden. Vorsichtig wandte er sich in weitem Bogen zur Rechten ab, suchte sich durch Geröll und Gestrüpp einer Senkung unbemerkt einen Weg und klomm endlich behutsam gegen die Richtung empor, wo er den Sitz des Fremden mutmaßte. Er hatte sich auch nicht getäuscht, denn unweit hinter diesem hob er den Kopf herauf, zugleich indes löste sich unter seinem Fuß ein lockerer Stein, polterte mit Gelärm abwärts, der Sitzende flog jählings in die Höh' und dem zackigen Abweg zu. Doch Osmund erreichte mit einem Sprunge diesen zuvor und rief von der Anstrengung halb atemlos und halb lachend: »Heut mußt du mir für mein Klettern das Vergnügen machen, davonzufliegen, Freund, oder mir ein wenig Rede stehen, weshalb man auf dem graden Wege nicht zu dir kommen kann!« Der Angesprochene war, da er sich den Rückpfad verlegt sah, rasch von seinem Vorsatz abgestanden, hatte sogleich den Kopf wieder gedreht und lief hurtig an dem senkrechten Niedersturz der Felswand entlang. Doch diese bot nirgendwo die Möglichkeit, hinabzugelangen, ein Entkommen für ihn war nur aufwärts gegen Bergen zu denkbar, offenbar indes zauderte er und schien sich keinen Gewinn von solchem Wettlauf zu verheißen. Statt dessen hatte er sichtlich einen andern Plan ausgesonnen, denn als Osmund nun auf ihn zutrat, suchte er mit plötzlicher Umwendung behend vorbeizuschlüpfen und so den Abstieg nach unten zu erreichen. Aber der Jäger griff noch rechtzeitig nach dem absonderlichen Wild, packte ohne viel Schonung derb den Arm unter dem Schifferwams und lachte: »Erst woher und wohin des Wegs, Freund! Du bist gelenk wie ein Wiesel, zum andern Mal möcht' ich dich nicht wieder einfangen.« Der junge Fremde stand jetzt, doch gab er, sein Gesicht abwendend, keine Antwort; Osmund Werneking gewahrte überrascht zum ersten Male die Hände des von ihm Gehaltenen und ein merkwürdig weißes, zartes Aufblinken zwischen dem Nackenrand des groben Wollengewandes und dem halblangen, hellblonden Haar. Mit unwillkürlicher Handbewegung erfaßte er die breitkrempig das letztere überschattende Südwesterkappe, zog sie rasch herab und aus ihr tauchte, auf den ersten Blick unverkennbar, nicht der Kopf eines jungen Mannes, sondern der eines etwa achtzehnjährigen Mädchens hervor. Die Hände, der Nacken und das ganze Behaben der schlankanmutigen Gestalt hatten Osmund dies schon seit einigen Augenblicken wahrscheinlich gemacht, aber dennoch sah er jetzt ungläubig staunend auf das enthüllte Antlitz, denn es war nicht das einer normannischen Schifferstochter, sondern von edelster Freiheit der Züge, an Farbe so der Frühlingsschönheit eines Blütenbaumes ähnlich, wie er noch nicht Gleiches gesehen. Betroffen und erschreckt über sein Gebaren gegen sie, zumal daß seine Hand ihren Arm mit so rücksichtsloser Derbheit umfaßt, wich er jetzt hastig einen Schritt zurück und sprach stotternd: »Vergebt mir, Jungfrau – wer Ihr sein mögt – glaubet mir, daß Eure Tracht mich betrog und ich sonst mich nicht vermessen hätte, Euch zu schrecken und mit frecher Hand anzutasten. Sagt, welche Strafe ihr dafür gebührt, sie soll's nach Eurem Wort entgelten.« Mehr noch als seine Anrede tat der Ausdruck seines Gesichtes Reue und ehrerbietige Bewunderung kund. Das schöne Mädchen hatte die Lider gegen ihn aufgeschlagen, und zwei helle Augensterne leuchteten schimmernden Tauperlen gleich auf, als ob das zarte Antlitz umher nur ein Blumenkelch für ihren zauberhaften Himmelsabglanz sei. Dann trat sie lautlos rasch vorüber, auf ihren gewohnten Abweg zu. Osmund Wernekings Arm vollzog keine Bewegung mehr, sie zu halten. Trotz der befremdlichen Kleidung lag nicht nur alle Lieblichkeit eines Weibes, sondern auch eine hohe, stumm-gebietende Jungfräulichkeit in der rätselhaften Fremden, und er verneigte sich widerstandslos vor der schweigsamen Kundgabe ihres Willens. Sie schritt weiter, dem Rande der Felswand entgegen: als sie ihn erreicht, hörte sie den Fuß Osmunds hinter sich, drehte die Stirn und fragte: »Was wollt Ihr?« Es war der erste Laut ihrer Stimme, und nochmals überrascht blickte er sie an, denn sie hatte die Frage in deutscher Sprache an ihn gerichtet. Dann antwortete er: »Euch folgen.« Nun gewahrte er, daß sie heftig erschrak. »Ihr könnt's nicht,« erwiderte sie schnell, »Ihr würdet in den Abgrund stürzen.« Noch er versetzte: »Was Ihr könnt, vermag ich auch, und müßt' ich auch stürzen, ich folg' Euch nach.« Doch sie fiel unruhvoll ein: »Ihr dürft's nicht!« »Der Weg ist jedem offen; seid ihr seine Herrin, daß Ihr's verbieten könnt?« »So bitte ich Euch,« »Und ich versprech' es Euch, wenn Ihr Euch bitten laßt.« »Wozu bitten?« »Daß ich Euch nicht nachzufolgen brauche.« Es hieß: »Wenn Ihr bleibt« – der Mund hatte es nicht mit gradem Wort gesprochen, aber sein Blick redete es so deutlich, daß sie's verstand. Und offenbar lag ihr alles daran, ihn von seinem Vorsatze abzubringen, den sie auf andere Weise zu hindern nicht Macht besaß, denn nach kurzem Bedenken erwiderte sie nun: »Gelobt Ihr's mir, wenn ich bleibe, mich nachher zu lassen, ohne zu forschen, wohin ich gehe, noch mich zu fragen, wer ich sei und wie ich hierher komme?« Er zauderte mit der Entgegnung, doch sie trat jetzt rasch auf ihn zu, streckte die Hand gegen ihn aus und fügte drein: »Wollt Ihr mich ängsten? Sonst gelobt's mir auf deutsche Hand und deutsches Wort!« In ihre wundersamen Augen war ein Ausdruck der Angst gestiegen, daß es Osmund Werneking mit einem unbestimmten jähen Schreck befiel, wenn er sie nicht beruhige, könne ihr Fuß sie plötzlich zu einem verzweifelten Entschluß treiben? sein Blick maß schauernd die schwindelnde Tiefe, neben der sie standen, und hastig ihre Hand erfassend, um gewiß zu sein, daß er sie zu halten vermöge, gab er Antwort: »Ich sag's Euch zu, was Ihr verlangt – und wenn Ihr jetzt gehen wollt, so geht – ich will nicht nach Euch forschen.« Seine Miene und sein Benehmen redeten verständlich, nicht er sei der Obsiegende bei der seltsamen Begegnung geblieben, sondern unterwerfe sich in fast scheuer und demütiger Verwandlung ihrem Willen. Ein Lächeln ihrer Lippen zeigte, daß sie es erkenne und alle Furcht jetzt in ihr beschwichtigt sei, und sie versetzte: »Wenn ich gewußt, daß Ihr so ritterlicher Sinnesart seid, hätte ich nicht schon etliche Male vor Euch zu entrinnen gebraucht. Ich war Euch gram, denn Ihr nahmt mir das Liebste, hier oben sitzen zu können und zu gewahren, wie die Sonne ins Meer hinabgeht. Da Euer Gelöbnis es mir vergönnt, hab ich heut nicht Anlaß, wiederum darauf Verzicht zu tun.« »So seid Ihr mir heut nicht mehr gram, Jungfrau?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe manchmal gedacht, es müsse schön sein, hier in der Einsamkeit mit jemandem reden zu können. Möchtet Ihr nicht wissen, was drüben über den Wellen sein mag, wenn man weiter und immer weiter segelte, wohin der Blick nicht reicht? Mir ist's oft, als müsse die See gleich dem Himmel bei Tageslicht sein, daß unsere Augen nur ihre Sterne nicht sehen.« »Das denket Ihr und darum kommt Ihr hierher?« erwiderte Osmund stockend. »Ihr habt recht, es muß schön sein, hier oben mit jemandem darüber zu reden, wenn man die gleichen Gedanken mit herausbringt.« »Auch Ihr? So setzet Euch doch zu mir,« antwortete sie frohsinnig, sich auf die weiche Grasnarbe am Felshang niederlassend, und er folgte ihrem Geheiß. Sie war so von aller Besorgnis frei und so unbefangen jetzt, als sei nichts Befremdliches zwischen ihnen, sondern ihr Beisammensitzen und Reden hier vollkommen begreiflich und natürlich. Ihn dagegen umgab's wie ein märchenhafter Traum. Er sprach und gab Antwort auf ihre Fragen, doch unablässig dachte er vergebens, wer sie sein könne und wie sie hierher gelange. Ihre Worte und ihr Wesen waren kunstlos einfach, gleich einer lieblichen Feldblume, und doch lag ein vornehmer Schimmer und Hauch um sie gebreitet; in der Stadt Bergen wußte niemand von ihr, sonst hätte er es lang vernehmen müssen. Unverkennbar aber gedachte sie nichts anderes als an die Gegenwart der sonnenschönen Abendstunde und gab sich freudig der Mitteilung ihrer bisher einsam gehegten Empfindungen hin. Manchmal erschrak Osmund Werneking dabei, als müsse sie in seinen Gedanken lesen, daß diese einen Bruch seines Gelöbnisses begingen, und als könne sie zur Strafe dafür plötzlich auch märchengleich von seiner Seite verschwinden. Nun hatten sie ein Weilchen verstummt gesessen als das Mädchen sprach: »Jetzt geht sie gleich hinab, dann muß ich fort. Ihr seid schweigsam geworden, warum habt Ihr mir noch nicht gesagt, wer Ihr seid und wie Ihr heißt? Wollt Ihr's nicht?« Er fuhr aus seinem Sinnen und entgegnete leicht stotternd: »Ich habe nicht Grund, es zu verbergen.« Dann klang's ihm im Ohr, daß ein Vorwurf für sie darin gelegen, und er nannte seinen Namen und seine Herkunft. Doch es trieb ihn widerstandsunfähig, zögernd hinterdrein zu fügen: »Es ist nicht gleiches Recht zwischen uns, daß ich Euch nicht um Euren Namen befragen darf – aber mich deucht, ich weiß ihn dennoch.« Sie blickte ihn verwundert an. »Seid Ihr ein Schriftdeuter, der in der Hand liest, oder hat der Wind ihn Euch genannt?« »Nein, die Sonne.« Diese trat jetzt als eine glühende Kugel auf den Rand des Ozeans und warf ein rötliches Licht über das goldhelle Gelock und das liebliche Blütenantlitz des Mädchens, das, die Lider vor der Strahlenblendung halb niedersenkend, mit einem ungläubigen Lächeln erwiderte: »Und welchen Namen hätte die Sonne Euch genannt?« »Elisabeth.« Ein Rot, das nicht von dem Feuerball des Himmels stammte, war über sein Gesicht aufgeflogen, doch sie schüttelte zu der Antwort den Kopf und entgegnete: »Die Sonne mag Eure Freundin sein und Euch vieles vertrauen, das hat sie Euch nicht richtig gekündet. Aber Ihr sollt nicht sagen, daß ich ein Recht vor Euch voraus haben wolle: meinen Namen dürft Ihr wissen, wenn Ihr's verlangt. Elisabeth gefiele mir wohl besser, zumal da Euer Mund es mit besonderem Klang gesprochen, doch ich hab' auf so Schönes nicht Anspruch, sondern heiße Wilma Oldigson.« Seine Miene verriet gleichfalls Ungläubigkeit, er wiederholte ein Wort von ihr: »Und habt Ihr mir das richtiger gekündigt als die Sonne?« »Warum zweifelt Ihr daran?« »Das ist kein deutscher Name.« »Darum ist's doch meiner.« »So ist Eure Mutter eine Deutsche?« »Ihr täuscht Euch wiederum, sie war's nicht, sondern mein Vater ist's.« Es war Wilma Oldigson in unverständlichem Widerspruch mit ihrem Geschlechtsnamen entflogen, sie hob rasch gen Westen deutend ihre Hand und setzte hinzu: »Seht, nun taucht sie nieder – und mahnt mich, daß ich zurück muß.« Die letzte Hälfte der Sonnenscheibe versank, ihr roter Glanz erlosch auf dem Antlitz des Mädchens, als ob eine plötzliche Blässe dasselbe befalle, und ein auffahrender Windstoß, der das Nadelgezweig einiger alten Föhren durchrüttelte, schien auch sie mit einem Schauer zu überrinnen. Einen Augenblick war es Osmund Werneking sonderbar, wie wenn ihr Gesicht ihn an ein anderes erinnert habe, er wußte nicht, womit, noch wann und wo er es gesehen. Aber in einem Nu zerging die Täuschung und waren es wieder, keinen sonst auf der Welt vergleichbar, die wunderholden Züge Wilma Oldigsons. Sie hatte gesprochen, daß sie gehen müsse, und stand doch zaudernd; nun fragte er herzklopfend: »Werd' ich Euch niemals wieder gewahren?« Um ihren Mund ging ein leicht schalkhafter Zug. »Wohl nicht, wenn Ihr kein Begehren tragt, die Sonne hier wieder ins Meer gehen zu sehn.« »So könnt ich's Euch nicht verbieten und würde auf Euer Gelöbnis vertrauen wie heut.« »Ich habe gelobt, nicht zu erkunden, wohin Ihr geht – darf ich Euch auch nicht befragen, wie oft Ihr noch hierher kommt?« Sie fuhr, wie von einem schreckhaften Gedanken angerührt, sichtbarlich zusammen und warf einen schnellen Blick nach der blauen Himmelsrunde, als ob sie an dieser eine Antwort suche. »Ich weiß es nicht,« erwiderte sie, »morgen wird der Tag vermutlich still und klar sein wie heut, dann komme ich hierher. Lebt wohl – und habt Dank für Eure List.« Ein feines Rot färbte ihr den Stirnrand; Osmund entgegnete: »Reicht mir ein Zeichen, daß Ihr sie mir vergeben.« Sein Blick ruhte bittend auf ihrer schlanken Hand, sie reichte diese dar, dann ging sie. Er blieb stehen, sah ihr nach und erkannte, was ihn, mehr noch als ihre Tracht, früher und auch heut in der Nähe noch über ihr Geschlecht getäuscht. Ihr Gang hatte etwas von der Eigenart derer, die nicht auf festem Boden zu schreiten gewöhnt sind: sie trat nicht mit der bedachtsam plumpen Bewegung eines Schiffers auf, doch ein anmutvoll-leichter Anflug davon ließ sie sich leise beim Gehen in den Hüften wiegen. Nun hatte sie den Felsabstieg erreicht, im Niedertauchen drehte sich ihre schon verschwundene Gestalt, daß nur der blonde Kopf mit den hellen Augensternen noch einmal herübersah, dann lag die Gesteinplatte um Osmund Werneking leer und einsam. Ihm war's, als sei er aus einem Traum erwacht, der Abendwind schauerte in Stößen um ihn, er horchte mit fieberhaft angespanntem Ohr, kein Laut kam aus der Richtung, in der die rätselvolle Fremde verschwunden, nur der eigene Herzschlag tönte ihm wie eine unbekannte Stimme aus seiner Brust bis in den Kopf herauf. Widerstrebend wandte er endlich den Schritt, denn er hatte stundenlange Weglosigkeit bis nach Bergen zurück. Seine Gedanken schossen ziellos hin und her, die lange Dämmerung des Nordens begleitete ihn, doch vor den Augen flimmerte ihm unausgesetzt ein Trugbild, das eine sonnenbeglänzte Fläche um ihn breitete, darüber ritt auf weißem Pferde ein Reiter gegen hoch am Himmel ragende Türme hinan. Ohne sein Vorwissen sprach er zuletzt halblaut vor sich hin: »Es ist Dietwald Wernerkin, er reitet von Elisabeth von Holstein über die Heide gen Lübeck.« Da zerriß die Täuschung, sehr andersartig als die stolze Löwenstadt lag der Häuserhaufen der norwegischen Felsenwildnis im letzten Zwielichtsschimmer unter ihm am Berghang. Er kam am Munkholmkloster vorüber, doch erst nach einer Weile besann er sich, daß er auch an der kleinen Gasse mit dem Hause Toves vorbeigeschritten sei und daß sie heut vergeblich auf sein Kommen geharrt habe. Sollte er noch umkehren? Er sagte sich, es sei zu spät, sie warte wohl nicht mehr, schlafe vermutlich schon. Auch er war müde, so sinnberückt süß ermüdet wie noch nie in seinem Leben zuvor, daß er, ohne die ›Familie‹ Herrn Tiedemann Steens am Abendtisch mehr aufzusuchen, gradaus zu seiner Stube hinanstieg und sich angekleidet auf sein Nachtlager hinstreckte. Mit wechselnden Träumen kam der Schlaf über ihn, doch alle setzten unablässig ihm nur die Erinnerung und die Fragen des Nachmittags fort. Immer saß sie vor ihm auf der einsamen Höhe, sonnenumflossen, bald unerreichbar weit, daß er, atemlos vorwärtslaufend, ihr nicht näher zu gelangen vermochte, bald stand er plötzlich neben ihr und sie redeten miteinander, als ob sie es schon oft so getan, und es sei natürlich, daß sie dort beisammen verweilten. Aber dazwischen schlug sein Herz mit rastlosem Klopfen: »Wer ist sie? Von wo kommt sie und wohin geht sie? Weshalb mit dem kurzgeschnittenen Haar und in der groben Männertracht?« Sie bewegte sich darin, als habe sie niemals andere getragen und finde nichts Befremdliches daran, und er sagte sich, die Kleidung ihres Geschlechtes könne ihre weibliche Anmut auch kaum noch erhöhen, denn aus der plumpen Gewandung leuchtete ein geheimnisvoller Schimmer des Liebreizes ihrer Gestalt, der den Zauber eines Märchenwesens um sie her wob. Nun hob sie sich vom Sitz und schritt dem Felsenabstieg entgegen, doch ihr Fuß berührte den Boden nicht, sondern glitt schwebend darüber hin. Die Sonne versank mit ihr zugleich, im Aufrauschen des Windes sprach die Stimme Herrn Johann Wittenborgs: »Siehst du nicht, daß es Elisabeth von Holstein ist, ein Fürstenkind – nach dem Goldpirol spannst du den Bogen nicht, Knabe« – und Osmund Werneking fuhr aus seinen Träumen ins Morgenlicht auf. Es duldete ihn nicht unter der rohen Menschenumgebung des Hauses, trieb ihn ins Freie hinaus. Ziellos wanderte er umher; als er durch Zufall in die Nähe des Munkholmklosters geraten, trug der Fuß ihn halb in unbewußter Gewohnheit dem Hause Tove Sigburgdatters zu. Wie er hineintrat, stieß das Mädchen einen Jubelruf aus, flog ihm entgegen und zog ihn an der Hand in ihre Stube. »Warum kamst du gestern nicht?« fragte sie hastig. »Ich habe die Nacht in Angst gewacht, daß du krank geworden.« Er antwortete: »Ich habe mich im Gebirg verspätet und kehrte erst im Dunkel heim.« – »Und weshalb kamst du dann nicht noch und ließest mich so traurig warten?« Ihr klagender Ton tat ihm weh und erfüllte ihn mit Reue. Er konnte nicht erwidern, daß er sie vergessen und als er ihrer nachher gedacht, sich kurz beschwichtigt, sie werde nicht mehr auf ihn warten, denn ihr Gesicht sprach noch mehr als ihre Worte, sie habe die ganze Nacht in Sorge geharrt. Freundlich strich seine Hand ihr über das dunkle Haar und er antwortete: »Ich war sehr müde, mein kleines Schwesterchen, doch du siehst, ich bin dafür heut morgen gleich zu dir gekommen.« Er errötete etwas, denn sein letztes Wort sprach Unwahrheit, nicht sein Vorsatz, sondern der Zufall hatte ihn hergeführt. Doch nun war sie glücklich und entgegnete: »Ja, du bist gut – aber einen Entgelt bleibst du mir doch schuldig für gestern abend, versprich ihn mir! Ich habe darüber gedacht, als ich nicht schlief, was ich mir wünschen wollte, wenn du heut kämst.« »Und was war das, Tove? Ich verspreche es dir im voraus.« »Daß ich dich heut nachmittag einmal begleiten darf, wenn du auf den Berg gehst.« Er stieß mit plötzlichem Schreck heraus: »Nein, das nicht! Alles sonst, was du willst!« Ein schmerzlicher Zug der Enttäuschung fiel mit tiefen Schatten über den Frohsinn ihres Gesichtes, und einem Schattenspiel gleich huschte es sonderbar an Osmund Wernekings Augen vorüber. War's möglich, daß es Tove gewesen, an die ihn gestern einen Moment lang Wilma Oldigsons blondes Antlitz erinnert? Nichts Verschiedeneres ließ sich auf Erden denken, und dennoch war's ihm deutlich zum Bewußtsein gelangt, wie die bange Betrübnis eben über ihre Züge gefallen, in diesem Augenblick hatten auch diejenigen der Tochter des Bischofs Torlef eine im Nu wieder erloschene Ähnlichkeit mit denen der rätselhaften Fremden geboten. Doch er besaß jetzt nicht Zeit, einen Gedanken an diese seltsame Erscheinung zu knüpfen, sondern mußte, um den Kummer des Mädchens über die Weigerung ihres Wunsches zu begütigen, einen Vorwand seiner unbedachtsam heftigen Verneinung ersinnen, und fügte sanft und tröstend hinterdrein: »Ich erfülle es dir gern, Tove, doch um deinetwillen darf's nicht geschehen, daß du im Tageslicht vor aller Augen mich allein ins Gebirg begleitest. Die Menschen sind begierig, von einem schönen Mädchen Übles zu reden, und du bist mir lieb, daß ich dich davor behüten muß. Aber bald steht in der Nacht der Mond hell am Himmel, dann will ich dich einmal holen, daß wir zusammengehen, wohin du willst.« Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt, bog die Stirn gegen ihn auf und sah ihm eine Weile verstummt, doch mit unruhigem Blick in die Augen. Aber dann sagte sie leise: »Wenn du's mir abschlägst, weil du mich lieb hast, da ist's mir noch lieber, als hättest du es mir zugesagt. Doch im Mondenschein holst du mich gewiß, das hat deine Hand mir versprochen.« Ihre kleinen weichen Finger schlangen sich um seine Hand und hielten diese, bald spielend, bald sich daran festklammernd, so lang' er blieb. »Gewiß hält sie ihr Gelöbnis, meine kleine Tove,« bestätigte er liebreich. Heut erschien sie ihm völlig wie ein Kind, das in der Verlassenheit seines Schutzes und tröstlich erheiternden Zuspruches bedürftig sei. Mit einem heimlichen Vorwurf empfand er's, daß es ihm seit gestern nicht mehr das Liebste geblieben, hier bei ihr zu sitzen, und er gelobte sich, sie nie wieder in traurigem Zutrauen vergeblich warten zu lassen. So antwortete er, als sie ihn beim Abschied mit etwas unsicherer Hoffnung befragte, ob er am Abend heut nochmals komme: »Heut und immer, mein Schwesterchen, nur mag's vielleicht etwas später werden, aber die Nacht wird niemals kommen, ohne daß ich dir gute Ruh zuvor gewünscht.« Doch trotz dieser Zusicherung erfüllte nicht die glückliche Freudigkeit wie sonst, sondern eine ziellose Unruhe wieder den Blick, mit dem die Augen Toves ihm heute nachsahen. Der Nachmittag gewahrte Osmund Werneking auf dem Weg, den er gestern gegangen. Immer hastiger eilte er den Berg hinan, bis er atemerschöpft auf die Höhe gelangte und in weiter Ferne drüben über dem Absturz der Felswand ein sonnenumflimmertes Pünktchen unterschied. Unendlich langsam nur wuchs es ihm zu der Gestalt Wilma Oldigsons empor, dann aber setzte sein Herz plötzlich einen Schlag aus, denn nun erkannte er deutlich, ihr Antlitz war nicht wie sonst aufs Meer hinübergewandt, sondern in die Richtung, aus der er gegen sie hinankam. * * * Der Augustmond war bis zu einem Sonntag in seiner Mitte vorgeschritten, am Abend zuvor hatte Osmund Werneking beim Abschied von Wilma Oldigson gesprochen, daß er am nächsten Tage nicht wiederzukehren vermöge, da er von einem schon lang angesetzten Waldfeste der Hansen nicht fortbleiben dürfe, ohne ein Aufsehen zu erregen, und nach dem Mittag begann der Zuzug von mehreren tausend Köpfen der deutschen Kaufleute, Gesellen und ›Schuster‹ nach der ostwärts von Bergen belegenen Feststätte am Ufer des stillen Landsees, den Osmund am Tage, eh' er zum ersten Male mit Tove Sigburgdatter zusammengetroffen, umschritten hatte. Es war zunächst auf ›Hänselung‹ der Stuben- und Bootsjungen im Freien abgesehen, mit denen stundenlang barbarische ›Wasser- und Staupenspiele‹ angestellt wurden, dann jedoch wechselte die Vergnügungslust mit nicht minder ungeschlachten ›Grölspielen‹ ab. Weit umher in große lärmende Gruppen zerteilt, drängte sich die Masse um den ›Glückstopf‹, gafften und schrien andere dem ›Schauteufellaufen‹ zu, Schalksnarren trieben sich überall mit plumpen Späßen dazwischen umher. Am lautesten herrschte der Jubel und am rohesten war der Anblick, wo nach einer von der Stadt Stralsund herübergekommenen neuen Lustbarkeit der ›Katzenritter‹ mit einer am Baumstamm angenagelten Katze kämpfte, die er mit seinen Zähnen totbeißen mußte, um dafür zum Lohn den ›Ritterschlag‹ und Freizeche zu erhalten. Auch sonstige Nachäfferei adeliger Ritterspiele fehlte nicht, lächerliche Turniere mit Töpfen statt der Helme auf dem Kopf und aufgesteppten Tonschüsseln an den Kollern wurden begangen, und unter ohrbetäubendem Beifallsgekreisch klirrten die Scheiben von den Stößen und Hieben der hölzernen Waffen zu Boden. Ernsthafter tanzten die Schmiedemeister vor zahlreichen Zuschauern den gefährlichen altgermanischen ›Schwerttanz‹; es war ein ungeheuerliches, wüst-groteskes, buntes Getümmel, dessen Getöse über den sonst so stillen See hinausklang. Im Grunde jedoch bildete alles nur eine Vorbereitung für den Abend, der die Hauptlust einer bei der Zeit vor allem beliebten ›Mummerei‹ bringen sollte. Bis dahin hatte die Vorschrift Speise und Trunk verboten, mit Einbruch der Dämmerung aber wurden zahllose Met- und Bierfässer herangewälzt, Pechpfannen und Teerfackeln loderten im Wald und auf der Wiese, und wie mit einem Schlage hatte die große Mehrheit aller Gesichter sich in Mummenschanzlarven verwandelt. Die ehrbaren ältern Kaufleute legten über ihre Friesröcke zumeist nur lange Mäntel mit dunklen, völlig das Gesicht verhüllenden Gugelkappen an, doch tausend tolle Tierfratzen, Wolfs- und Bärenhäuter brüllten, heulten und sprangen grellfarbig, possennärrisch und unflätig durcheinander. Nicht an der Kleidung, aber an Stimme und Bewegung nahm man gewahr, daß sich jetzt gar manche Ankömmlinge weiblichen Geschlechts von der Stadt her in das Getriebe einmischten, ein ›Spielgäve‹ wartete mit ›Trummen und Pfeifen‹ auf und bald kreisten, stampften und taumelten hundert Tanzpaare mit tierähnlichem Gejauchz über Gras und Gestein. Osmund Werneking hatte den Nachmittag im Gespräch bald mit diesem, bald mit jenem der Oldermänner des Kaufhofes verbracht, er war einer der wenigen, welche sich nicht an der Vermummung beteiligt, die vom Trunk wachsenden Ausbrüche der Roheit erfaßten ihn immer mehr mit Widerwillen und Langeweile zugleich, und er schritt abseits weiter gegen Ost am ruhigern Seestrande entlang. Ihm zur Linken hob sich steil und dunkel der hohe Bergrücken, den er heute seit einer Woche zum ersten Male nicht besucht; er blieb stehen und schaute mit einem verlangend sehnsüchtigen Blicke nach der Spitze desselben empor. Diese lag, doch nur als ein kleines Teilchen der Kuppe hell bestrahlt, der Mond mußte drüben hinter dem östlichen Gebirg aufsteigen und ihren obersten Abschnitt beglänzen, während unten noch völliges Dunkel herrschte. Nun indes drehte der Betrachtende mit unwilliger Regung den Kopf, denn eine Stimme fragte hinter ihm in normännischer Sprache halblaut: »Wonach sucht dein Auge durch die Nacht?« Eine weibliche Stimme war's, deren Inhaberin, ganz in eine schwarze Gugel gehüllt, seinem Davonschreiten aus dem wüsten Getümmel nachgefolgt sein mußte, und er entgegnete unwirsch: »Nicht nach dir. Geh! du störst mich.« »In deinen Gedanken?« fragte sie. »Ich habe dir gesagt, laß mich, alberne Dirn!« Ein leises Lachen kam von der kaum im Umriß wahrnehmbaren Gestalt, die im gleichen flüsternden Ton wie bisher erwiderte: »Als ich dich hierher gehen sah, dachte ich, du wolltest zu mir, und da du zaudertest, kam ich zu dir herauf. Doch da du mich fortweisest, nimm nur das, was ich dir mitgebracht.« Ihre Hand löste etwas weißlich Schimmerndes von der Brust und bewegte es gegen ihn hinan. Es klang ihm jetzt im Ohr, der Ton und die Art ihrer Sprache waren nicht die einer losen normannischen Dirne, und er antwortete rasch und artiger: »Vergib, wenn ich dir unrecht getan.« Zugleich erkannte er jedoch, daß es eine weise Teichrose sei, die sie ihm darbot, und er fügte, auf ihren Mummenschanz eingehend, hinzu: »Bist du die Nixe des Sees« – er hielt einen Augenblick inne und ein wunderliches Gedächtnis überkam ihn, daß er lächelnd fortfuhr: »Oder bist du von der Art Ingeborgs von Dänemark?« Die Angesprochene stutzte einen Augenblick, dann entgegnete sie schnell: »Was weißt du von Ingeborg von Dänemark?« Sie hatte es lauter als zuvor geredet, und plötzlich klang etwas in ihrer Stimme ihm vertraut und er versetzte rasch: »Was weißt du von ihr anders als durch mich?« Und er legte lachend seine Hand auf ihre Schulter: »Du hast dich gut verstellt, kleine Tove, aber du durftest nicht sagen, daß du zu mir kämest, weil ich heut nicht zu dir kommen gekonnt.« Doch sie spielte ihre Rolle fort und erwiderte mit so gut gekünsteltem Staunen, daß es wie volle Natürlichkeit klang: »Tove – wer ist Tove? hast du sie hier gesucht, da will ich dich nicht länger fernhalten, sie zu finden.« Mit einer raschen Bewegung entschwand sie aus seinem Gesicht, er rief: »Wo bist du? Komm, Tove, ich habe dich ja erkannt, sei nicht so töricht, sondern bleib' bei mir, daß dir unter den wüsten Gesellen nicht wieder Übles zustößt!« Nun raschelte es leis neben ihm im Gezweig und ihre Stimme gab Antwort: »Ich war töricht, aber bin's nicht mehr; die Wasserrose nur hieß mich hierherkommen, um dir zu sagen: Sei du auf der Hut vor Herrn Tiedemann Steens Torheit!« Es rauschte wieder im hohen Schilf des Seeufers und Osmund Werneking stand allein. »Was heißt das?« hatte er überrascht auf die letzten, unverständlichen Worte entgegnet, doch es kam keine Erwiderung mehr. Ärgerlich rief er den Namen des wunderlichen Mädchens und fügte freundlicher hinterdrein: »Du wolltest ja mit mir im Mondlicht gehen, Tove, sieh, er kommt gleich von den Bergen –« Aber alles blieb still, sie kehrte nicht zurück und kein Laut gab Anhalt, wo sie sich verbarg. Wie war sie hierher gelangt, was sollte der Mummenschanz, den sie betrieben, was bedeutete ihr Ratschlag und was wußte sie überhaupt von Herrn Tiedemann Steen? In Gedanken darüber ging er rückwärts, er fand keine Erklärung, als daß sie noch mehr als sie ihm erschien, ein Kind sei und sich neckische Kinderei ausgeklügelt habe. Dann dämmerte ihm als ein Verständnis derselben auf, sie suchte ihm Abneigung gegen das Verweilen in Tiedemann Steens ›Familie‹ einzuflößen, damit er am Abend längere Zeit in ihrer Stube verbringe. Das war die ›Torheit‹, vor der er auf der Hut sein solle, seine eigene; über die mädchenhafte List, unter der sich das eifersüchtig-kindliche Verlangen, ihn bei sich zu haben, barg, lächelnd, schritt er dem tausendstimmigen Gelärm des Festplatzes zu. Der lodernde Schein der Fackeln fiel nur matt noch bis hierher, doch an einem überspringenden Felsen hielt Osmund Werneking, unwillkürlich den Kopf drehend, an. Von rechts her war ein gedämpftes Reden an sein Ohr geschlagen und, selbst im tiefen Dunkel, gewahrte er unweit vor sich zwischen den Baumstämmen sitzend mehrere noch eben unterscheidbar von dem fernen Geleucht angestrahlte Gestalten, die sich augenscheinlich zu einer ungestörten Zwiesprache hierher abgesondert hatten. Drei derselben konnte er sich nicht entsinnen, schon zuvor wahrgenommen zu haben, sie waren von hohem Wuchs und trugen schwarze, Gesicht und Körper völlig verdeckende Gugelmäntel. Ein vierter, ebenso, doch in grauer Verhüllung, hatte sich gerade von seinem Sitz erhoben und sprach halblauten Tones: »Also nach Abmachung, morgen.« Er streckte seine Rechte aus, welche zwei der andern erfaßten und schüttelten, während der dritte nur mit einem kurzen Handwink aufstand. Nun verneigte der in die graue Gugel Gekleidete sich mit einer zu Bergen ungewöhnlichen Höflichkeit und schritt den Pechfeuern zu; auch die übrigen verschwanden, doch knackendes Reisig unter ihren Füßen ließ vernehmen, daß sie sich in entgegengesetzter Richtung tiefer in den Wald hinein wandten. Ein ähnliches Zusammenverweilen zu irgendeiner Abrede vermochte sich in dem Mummenschanztreiben an manchen Stellen wiederholen, und der nächtliche Vorgang hatte eigentlich für Osmund Werneking nichts Befremdendes an sich gehabt, so daß er kaum einen Gedanken daran geknüpft und schon nach wenigen Augenblicken nicht mehr drüber dachte. Die Gestalt in dem grauen Gugelmantel trat vor ihm auf zwischen das Getümmel der übrigen Vermummten und ergriff einen gefüllten Becher. Es war Zufall, daß Osmund durstend gleichfalls an das nämliche Metfaß hinanschritt, nun nickte der andere und sprach: »Habet auch Durst, Herr Werneking, lasset mich auf Euer Wohl anklingen!« Seine Hand machte sich, um den Trunk an die Lippen führen zu können, kurz das Gesicht frei, und aus der grauen Verhüllung sahen die Züge Herrn Tiedemann Steens hervor. Verwundert nahm Osmund sie gewahr, er wußte selbst nicht recht, warum und was ihn daran in Überraschung versetze, bis ihm als Grund dafür das eigentümliche Zusammentreffen der absonderlichen Mahnung Toves und der abseits geführten Unterredung des Oldermanns mit den drei schwarz vermummten Unbekannten zum Bewußtsein kam. Das brachte ihn zu einem erneuten und anhaltenderen, indes ebenso ergebnislosen Nachdenken über die unverständliche Äußerung des Mädchens, er suchte eine geraume Zeitlang überall in dem Gedränge nach den Fremden umher, doch diese befanden sich offenbar nirgendwo auf dem Festplatz, den Osmund Werneking jetzt verließ, um sich, des immer trunkenern Gelärms satt, allein nach Hause zu begeben. Auf dem Gang aber befielen ihn bald wieder andere Gedanken, ein sehnsüchtiges Verlangen, daß die Nacht und der nächste Morgen erst vorüber sein möge, damit er seinen gewohnten Nachmittagsweg über die Berge einschlagen könne. Ihm war's, als sei es nicht ein Tag erst, sondern schon Wochen, daß er nicht neben Wilma Oldigson droben gesessen und jedesmal mit deutlicherer herzklopfender Empfindung von ihr geschieden, auch sie hätte gern die Sonne angehalten, daß diese nicht so früh ins Meer hinuntersteige. Von seiner Ungeduld getrieben, war er am folgenden Tage wohl früher als sonst aufgebrochen, denn als er die Bergeshöhe erreichte, sah sein scharfer Blick die Felswand drüben noch leer, und auch wie er zu dieser selbst gelangte, stand er allein dort in Sonne und Wind. Er setzte sich wartend auf den gewohnten Platz, aber schräg und schräger sank die flammende Goldscheibe gegen die Wellen hinab, und es blieb einsam um ihn her wie zuvor. Endlich stand er unruhvoll auf und trat nach der Seite, wo der steile Abstieg in das unbekannte Geklipp niederführte. Sein Ohr horchte umsonst, kein Ton eines nahenden Fußes drang aus der dunklen Felskluft herauf. Mit ungestüm klopfendem Herzen blickte er hinunter. Sollte er dem Schweifen seiner Augen nachfolgen? Doch er hatte mit Hand und Mund gelobt, diesen Weg nie zu betreten. Angespannter nachsinnend denn noch je zuvor, suchte er das Geheimnis, das hier seinen Anfang nahm, zu durchdringen, aber seine fruchtlosen Gedanken wurden noch verworrener denn je stets aufs neue von der Frage übertäubt, warum sie heute nicht hier sei. Nun tauchte die rote Feuerkugel in den Ozean, und er wartete noch immer, doch Wilma Oldigson kam nicht. Es war völlig Nacht, als er in Bergen wieder eintraf; nach seiner Zusage und gewohntem Brauch bei der Rückkehr begab er sich zum Hause Toves. Das Mädchen flog ihm freudig entgegen und rief: »Ich habe mir gedacht, daß du heute später kämest, dein Versprechen zu erfüllen.« Er fragte gedankenlos: »Welches Versprechen?« Sie deutete durch das offene Fenster. »Der Mond muß gleich kommen – sieh, da schimmert der Berg schon im Licht.« Mit Mühe verwandte er seine Anteilnahme auf ihre Worte und versetzte: »Das tat er gestern auch, und da wolltest du nicht mit mir gehen, obwohl ich dich bat; so fällt mir wohl Recht zu, heute nicht Lust zu haben.« Sie sah ihn erstaunt an. »Ich nicht? Wann?« »Treib dein kindliches Spiel von gestern nicht weiter!« erwiderte er unmutig. »Glaubst du wirklich noch, ich hätte deine Stimme am See nicht erkannt?« Tove wiederholte: »Am See bei der Hansenlustbarkeit?« und ihre Augen blickten ihm mit einem so überzeugenden Ausdruck fragender höchster Verwunderung ins Gesicht, daß er unwillkürlich betroffen entgegnete: »Du hättest mir nicht in der schwarzen Gugel die Wasserrose gegeben und mich vor Herrn Tiedemann Steens Torheit –« Er vollendete nicht! sie hatte mit einem Tone, der keinen Zweifel mehr belassen konnte, nachgesprochen: »Die Wasserrose?« Und plötzlich zuckte es ihm wie ein jäh erhellender Blitz durch den Kopf, daß er bedachtlos ausstieß: »Hat sie auch deine Stimme, wenn sie in deiner Sprache redet?« Das Mädchen griff ängstlich nach seiner Hand und fragte mit zitternden Lippen: »Wer –?« Eine Flut unklarer antwortloser Fragen überwogte ihm plötzlich Sinne und Gedanken, er gab keine Entgegnung, erst als sie noch unruhvoller wiederholte: »Wer redet mit meiner Stimme?« versetzte er rasch: »Irgendeine der Normannentöchter hier aus der Stadt, die ich nicht kenne. Es war ein Mummenspaß, ich glaubte, du seiest es gewesen. Komm, Tove, daß wir die gute Zeit nicht versäumen! Ich bin ja gekommen, um mein Versprechen zu erfüllen und dich zu holen.« Es tat ihm leid, daß er sie vorher fast rauh angefahren, und er bestrebte sich, das ihr zugefügte Unrecht durch liebreiche Art wieder gut zu machen. Aber seinem Willen zum Trotz konnte sein Denken nicht bei ihr verweilen: er gab, wie sie an seinem Arm jetzt durch die dunklen Gassen schritt, auf ihre Fragen manchmal wunderlich verwirrte Antwort, endlich verstummte sie ganz. Sie sah ihren Wunsch erfüllt, doch er brachte ihr keine Freudigkeit mit sich. Schweigsam stieg sie, von ihm geführt, an eine Berglehne hinan. »Wohin willst du, daß wir gehen?« fragte er freundlich. Sie erwiderte nur leise: »Ich bin müde;« es war, als brächte ihr Mund es mühsam hervor. »So wollen wir uns setzen,« entgegnete er mit sorglicher Bereitwilligkeit, schritt noch etwas weiter bis zu einer geeigneten Stelle aufwärts und ließ sich dort auf einem niedrigen Felsstück neben ihr nieder. Sie saßen wortlos beisammen, es war eine linde, stille Nacht, die noch nicht von dem baldigen Abschied des kurzen nordischen Sommers redete. Langsam verbreiterten sich die beglänzten Abhangsflächen der Bergeshöhen und rückten tiefer ins dunkelnde Tal hinunter; nach der Fülle der Helligkeit des Lichtes mußte die osther aufsteigende Mondenscheibe ungefähr in völliger Rundung am Himmel stehen. Osmund Werneking sah vor sich hinaus, wie der fortschreitende Strahl bald hier, bald dort etwas bisher unsichtbar Gewesenes hervorhob; Tove hatte regungslos den Kopf an seine Schulter gelegt, daß er fast ihre Anwesenheit vergaß. Doch nun erinnerte ihn ein körperliches Gefühl an ihre Gegenwart, ein leises Rütteln durchlief von ihrem schwarzen Scheitel her seinen Arm, und er sprach: »Dich friert, es ist wohl besser, daß wir zurückgehen.« Er wollte, wie es schien, auch eigener Neigung folgend, aufstehen, aber ihre linke Hand hielt ihn, sich fest um seinen Arm klammernd, und mit der andern scheu vor sich hindeutend, flüsterte sie: »Nein – sieh!« »Was?« »Dort kommt er.« Seine Augen wandten sich in der Richtung, nach der sie wies; der Mond hatte beinahe die Burgfeste Bergenhuus erreicht und ließ als ihr erstes Stück den alten Olafsturm von dem schattendunkeln Untergrunde heraufwachsen. Weißlich-geisterhaft sah das hohe Gemäuer herüber, als steige eine leichentuchumhüllte Gestalt langsam höher aus der Erde empor. Der Schauder rann heftiger durch die Glieder Toves, sie barg ihr Gesicht an Osmunds Brust. Zerstreuten Sinnes sprach er: »Du bist närrisch, was soll deine Angst vor dem Turm?« Sie gab leise Antwort: »Er sucht nach mir« – »Nach dir? Warum? Sei nicht kindisch!« »Du weißt es nicht – niemand, als ich« – Ihre raunende Stimme hatte einen irren Klang, daß er unwillkürlich fragte: »Woher weißt du es denn?« Sie schwieg einen Augenblick, daß er nichts, als deutlich das rasch unstete Klopfen ihres Herzens vernahm, dann flüsterte sie hastig: »Von meiner Mutter weiß ich's: eine sagt's immer der andern. Und sie erben's fort, und das Blut in uns fühlt's.« Osmund Werneking empfand jetzt an dem Ton der Stimme, es war nicht kindische Furcht, sondern ein irrer Wahn, der aus der Seele des Mädchens sprach, und er fragte, teilnahmsvoll auf ihn eingehend, mitleidig: »Was denn, Tove? Sag's mir, ich beschütze dich vor ihm und helfe dir.« Doch sie schüttelte den Kopf. »Das kann niemand. – Du könntest es, aber du willst nicht,« fügte sie langsamer hinzu; »es ist unser Los.« »Welches Los?« »Daß wir es sühnen sollen und nicht können.« »Sprich deutlicher, Tove: was, meinst du, sühnen zu müssen?« Das Mädchen richtete sich auf und legte die Lippen fast an sein Ohr. Ihr Mund atmete nicht, nur die Worte kamen als ein Hauch aus ihrer Brust: »Furchtbares – eine Schuld, die keine Vergebung findet. Darum müssen wir alle so jung sterben wie sie.« »Von wem sprichst du, Kind? Wer ist sie?« »Meiner Mutter Vormutter – ich weiß nicht, wie viele nach ihr gewesen. Aber auf allen lag die ungeheure Schuld, die sie von ihr mitbekommen, und sie mußten untergehen in Sünde, Jammer und Qual. Der Fluch nimmt kein Ende, bis eine von uns den entsetzlichen Verrat durch Treue mit ihrem Leben sühnen kann.« »Den entsetzlichen Verrat? Welcher Art?« wiederholte der Hörer, doch Tove erwiderte nicht auf die Frage, sondern fuhr zusammenschauernd fort: »In solchem Turm saß sie – lebendig – kannst du's denken? – ohne Licht und ohne Luft. Sie war jung wie ich und krallte ihre Hände in den Stein, den die Menschen um sie gemauert – sie konnte sich nicht töten, und der Hunger fraß an ihr und sie griff in der Finsternis nach dem Gewürm am Boden des Turms und stillte die Marter ihrer Eingeweide damit. Und sie wurde wahnsinnig – ich fühl's in meinem Blut, wie sie's wurde – und schrie, daß es durch die Mauern gellte, und die Leute hörten es draußen, ingrimmig lachend und zahnknirschend und sprachen erbarmungslos: Da verhungert die Gottverfluchte – sie soll das Blut der Tausende trinken, die sie gemordet – ihres eigenen Vaters« – Erschöpft hielt Tove Sigburgdatter inne, Osmund Werneking aber war plötzlich von ihrer Mitteilung sonderbar erregt worden und fragte schnell: »Von deiner Urältermutter redest du? Wo geschah's?« »Du sprachst eines Tages davon, daher kannte ich den Namen.« »Welchen Namen?« »Dein Vorfahr sei auch einmal dort gewesen auf Gotland.« Nun rief er jählings seltsam überlaufen: »Witta Holmfeld« – Das Mädchen stieß einen Schrei aus. »Woher weißt du's? So nannte meine Mutter sie« – Der Mond war im selben Augenblick hinter einer östlichen Felszacke hervorgetreten und überglänzte zum ersten Male fast tageshell das schwarzumrahmte, elfenbeinblasse Antlitz der späten Abkömmlingin ferner Tage, in der sich das Blut der Lagunenstadt des Südens und Waldemar Atterdags gemischt, von dem Herr Dietwald Wernerkin die Hoffnung gesprochen, daß es sich nicht weiter vererben möge, sondern »die böse Aussaat von der Stadt Venedig« mit der jung verdorbenen und gestorbenen Tochter der schönen Verräterin Wisbys ein Ende genommen habe. Es war wohl Anlaß, daß es Osmund Werneking bei der unvorbereiteten Erkenntnis wundersam das Blut durchrann. Das war's gewesen, was ihn unbewußt vom ersten Tag mit einem geheimnisvollen Bande zu dem fremdartigen Mädchen gezogen; die Fäden, welche ein lang versunkenes Leben einst zwischen ihren Urältern gewebt, hatten nicht ausgelöschte, heimliche Kraft an den Enkeln bewährt. Von Staunen übermannt, sprach er noch einmal: »Witta Holmfelds Kind« – ihm war, als sei ein Jahrhundert nicht vergangen, die Zwischenreihe zwischen ihr und ihrer Urältermutter nicht gewesen, aber dann schlang er schmerzlich, mit tiefem Mitleid den Arm um ihren Nacken, zog ihren Kopf an seine Brust und sagte liebreich tröstend: »Nein, du bist's nicht – du bist meine kleine schuldlose Tove, zu der das Schicksal mich bringen gewollt, daß ich besser Sorge für sie tragen solle, als Dietwald Wernerkin einst für Witta Holmfeld. Du hast wohl ihr Haar und Antlitz geerbt, wie seine Schrift es aufbewahrt, doch nicht ihren leicht betörbaren Sinn und ihr heißblütig, schlimm bestechlich Herz. Auf dir ruht nur Unglück, das dich ohne Vater und Mutter verlassen in die Welt hineingeworfen, aber kein Frevel und kein Fluch. Die sind mit ihr ausgelöscht, von der ich mehr weiß als du; komm, ich will dir von ihr reden, was ich im Gedächtnis bewahrt.« Das Mädchen hatte, wie von einer Sinnesbetäubung überfallen, regungslos den Kopf an ihn zurückgelegt, nun schlug sie stumm die Augen gegen sein Gesicht auf, sonst gab sie kein Zeichen, daß sie höre. Er aber erzählte ihr mit leiser Stimme, was er aus Dietwald Wernerkins Niederschrift wußte, der Wahrheit gemäß, doch schonend und mildernd, und häufte alle Schuld auf Waldemar Atterdags verführerische Kunst und treulose Ränke. Erschreckt hatte er empfunden, daß in Toves Seele der Gedanke, sie trage die Schuld Witta Holmfelds noch auf sich und müsse sie sühnen, mutmaßlich aus früher Kinderzeit schon mit irrsinniger Macht tief seine Wurzeln eingeschlagen, und das Bemühen Osmunds trachtete danach, sie vorsichtig, klug und sanft aus diesem angstvollen, gemütsverstörenden Wahn zu befreien. Sie lag unbeweglich und erwiderte nichts darauf; nur als er sprach: »Der Anblick des alten Turmes hat dich immer derart erinnert, drum will ich sorgen, daß er es nicht mehr tut, und dich mit mir nehmen, wenn ich nach Wismar heimkehre« – da ging ein traumhaft-seliges Lächeln um ihren feinen Mund, und sie sprach zum ersten Male seine letzten Worte kaum hörbar nach: »Du willst mich mit dir nehmen? O, sag's noch einmal – und dann laß mich schlafen.« »Wir gehören ja zusammen,« erwiderte er herzlich, »es war der Wille des Himmels, daß ich hierher kommen sollte, dich zu finden.« Ihr Blick sah mit einem stummen Glanz unnennbarer Glückseligkeit zu ihm auf; dann fielen die Lider über ihre dunklen Augensterne herab. Er fragte: »Bist du müde, mein Schwesterchen, und wollen wir nach Hause gehen?« Ein Weilchen blieb Osmund unschlüssig, gedankenvoll ihr mondbeglänztes Antlitz betrachtend, noch sitzen, hob sie dann wie ein Kind auf die Arme und trug sie den nur kurzen Weg zu ihrer Behausung hinab. Sie erwachte nicht, in tiefem Schlaf legte er sie auf das Lager in ihrer Stube und gab Vrouke Tokkeson Auftrag, sie nicht zu wecken, sondern angekleidet bis zum Morgen ruhen zu lassen. Beim Fortgang reichte er der Alten ein Geldstück von beträchtlicherem Wert als sonst in die Hand, doch sie trat ihm an die Tür nach und sprach: »Ihr seid freigebig, Herr; ich will nach Kräften bedacht sein, daß Ihr auch fernerhin unbemerkt zu uns gelangen könnt.« Osmund fragte verwundert: »Warum sollt' ich's nicht und warum unbemerkt?« »Ich habe Botschaft empfangen, es kommt morgen einer zurück, den es verdrießen möchte, wenn er Euch öfter hier wahrnähme.« Ihm entflog: »Kehrt Toves – kehrt der Herr Bischof zurück?« Vrouke Tokkeson nickte. »Ihr habt mich verstanden, daß wir vorsichtiger sein müssen. Aber Ihr redet mit goldener Zunge und dürft auf mein Schweigen und meine Beihülfe zählen.« Er empfand einen tiefen Widerwillen gegen das geldgierige, seinen Verband mit Tove im niedrigsten Verdacht haltende Weib, doch sah er ein, daß er unter den veränderten Umständen bei der Heimkunft des Vaters in der Tat vorderhand ihrer Mitwirkung bedürfe, um sein ferneres Hierherkommen und Abrede über die noch unfertig sich in ihm gestaltenden Pläne zu ermöglichen, und er versetzte: »So haltet's ihm noch geheim, Vrouke, Ihr habt's erfahren, daß ich nicht karge.« Die Alte streckte lüstern nochmals ihre Hand aus und wisperte geheimnisvoll: »Sie ist auch wohl mehr wert an rotem Gold, als eine andere in der Stadt, daß man sie ganz drin kleiden könnte, denn wisset, Herr, es fließt Königsblut in ihren Lippen –« Er fiel, noch mehr als zuvor angewidert, kurz ein: »Ich weiß es, Ihr braucht's mir nicht zu künden,« warf ihr noch eine Münze in die Hand und ging rasch davon, ohne auf Vrouke Tokkesons ungläubig verdutzt hervorgestoßene Entgegnung: »Woher wißt Ihr, was sie selber nicht weiß?« zu hören. Ein Zusammenströmen sich gleichzeitig überdrängender Gedanken durchwogte ihm den Kopf, doch einer rang sich jetzt als der stärkste über die andern auf. Wenn es nicht Tove war, die ihm gestern die Wasserrose gegeben, so konnte es nur Wilma Oldigson gewesen sein. Warum ähnelte nicht nur manchmal plötzlich etwas in ihren Zügen, sondern hatte in normännischer Sprache auch ihre Stimme täuschend der erstern geglichen? War sie gleichfalls eine Tochter des Bischofs Torlef und von ihm irgendwo drüben in der Felseneinsamkeit verborgen gehalten, weil ihr Antlitz, von einer norwegischen Mutter entstammend, mehr als dasjenige Toves an das seinige gemahnte? Es war ein erstes Licht, das ihm über sie fiel, nur ihre deutsche Sprache ohne jeden nordischen Tonfall stand nicht damit im Einklang. Doch wenn es sich so verhielt, konnte es vielleicht das einfachste Mittel für ihn bieten, in begreiflichster Weise Tove mit sich nach Wismar zu führen. Sein Herz klopfte durch den tageshellen Glanz der Mondnacht. Nun drängte sich eine andere Gedankenwoge herein. Wie war Wilma Oldigson an den See gekommen? Die Frage fand schnelle Antwort. Er selbst hatte ihr am Abend zuvor mitgeteilt, daß ein Hansenfest dort sein werde und ihn hindere, am nächsten Tage die Sonne mit ihr ins Meer scheiden zu sehen. Doch noch eine zweite Erwiderung vermochte er sich zu geben. Warum war sie heut zum ersten Male nicht droben gewesen? Hat sie nicht kommen wollen, weil er sie am See für eine andere gehalten und zu dieser mit freundlich-traulicher Anrede gesprochen? Sein Herz schlug bei dieser Erklärung noch ungestümer auf, daß er es laut durch die Stille vernahm. Es mußte Mitternachtsstunde sein, die Straßen Bergens lagen ruhig verlassen. Nur ein einzelner Schritt tönte jetzt über den harten Felsboden heran, unwillkürlich trat Osmund in den tiefen Schatten eines Hauswinkels zurück, ihm war's, als müßten seine trunkenen Gedanken, jedem lesbar, ihm auf die Stirn geschrieben sein. So wartete er, um eine Begegnung zu vermeiden, der Fußtritt kam näher, nun ging rasch und eilfertig die breitwüchsige Gestalt Herrn Tiedemann Steens an ihm vorüber. Osmund Werneking schickte sich an, seinen Weg fortzusetzen, da schoß ihm jählings etwas durch Kopf und Herz zugleich. Wohin trachtete Tiedemann Steen um Mitternacht? Woher hatte Wilma Oldigson von ihm gewußt, was, und welche Torheit, vor der sie gewarnt? Stand er im Begriff, diese auszuführen? Mit den Worten: »Also morgen!« hatte er sich von den schwarzen Gugelvermummten im Walde verabschiedet. Doch eigentlich ließ diese Erinnerung, dasjenige, was sich darunter bergen mochte, den Nachdenkenden völlig gleichgültig. Ihm war nur eines daraus wie ein Blitzfunken entgegengezuckt: Wenn Wilma Oldigson von einer Absicht Tiedemann Steens unterrichtet war, so ging er mutmaßlich auch dorthin, wo sie sich befand. Osmund hatte gelobt, sie nicht auf dem Weg zu suchen, den sie täglich beim Abschied von ihm einschlug. Doch kein Handschlag band ihn, nicht Herrn Tiedemann Steen nachzufolgen. Wenn der Oldermann eine Torheit im Sinne trug, war's sogar eine Pflicht für den Abgesandten des Lübecker Rates, zu erkunden, vielleicht zu hindern, was jener beabsichtige. Und im nächsten Augenblick sagte Osmund Werneking sich, ihm liege das Gebot ob, die Wege des mitternächtlichen Wanderers auszuforschen, und behutsam folgte er hinter dem deutlich hallenden Schritt drein. Es fiel nicht leicht, dies in den Gassen der Stadt unbemerkt zu vollbringen, doch befand sich offenbar das Ziel des Oldermanns nicht in Bergen selbst, denn er wandte sich an den See hinaus, wo das Hansenfest stattgefunden, und draußen ward es bald mit jeder Minute schwieriger, ihn im Auge zu behalten und sich zugleich doch gegen seinen etwaigen Rückblick zu sichern. Eine Zeitlang half da und dort überhängendes Gezweig der Bäume, dann indes hörten diese auf, und Osmund Werneking wußte keine Auskunft mehr, als sich seiner schweren Schuhe zu entledigen, um sich zum mindesten nicht durch den Klang seines Auftritts zu verraten. Der Mond verschleierte sich ein wenig, und hin und wieder zog langsam ein grauweißlicher Nebelreif an den Bergkuppen; verlangend blickte Osmund nach ihnen empor, sie mit der Hand fassen und über die runde Glanzscheibe herüberziehen zu können. In gleicher Eilfertigkeit schritt der rüstige Oldermann bald durch enge Felskluft, bald über zackiges Geröll, dessen scharfe Spitzen sich schmerzhaft in die unbeschützten Füße des Nachfolgenden eindrückten. Nach der Standveränderung des Mondes mußten sie ungefähr schon zwei Stunden gegangen sein; augenscheinlich befand sich Tiedemann Steen hier nicht zum erstenmal, sondern kannte die von ihm innegehaltene weglose Richtung, gestaltete nun aber das Unentdecktbleiben für Osmund zur Unmöglichkeit, denn er drehte sich zur Linken eine steile, schattenlos vollbestrahlte Steinhalde hinan. Entmutigt blieb der bis jetzt wechselnd kühn und vorsichtig hinterdrein Geschrittene stehen, nirgendwo vor ihm fand sich mehr eine Deckung, keine Behutsamkeit vermochte ihn dem Blick länger zu entziehen. Zugleich machte das ungewohnte Gehen auf der dünnen Leinwand sich seinen Füßen mit fast ermattender Empfindlichkeit bemerkbar, in herzklopfendem, heftigem Unmut sah er dem weiter emporsteigenden Oldermann nach. Da fiel über diesen ein leichter Schatten, verdichtete und verbreitete sich, ein Wölkchen war über den Mond getreten, als sei es im entscheidenden Moment gekommen, um Osmund Werneking Beihülfe zu leisten, und wieder von plötzlicher Kraft und Zuversicht belebt, eilte er Tiedemann Steen aufs neue nach. Er gewahrte ihn nicht mehr, hörte nur das Geräusch seines Trittes über sich; so klomm er geraume Weile aufwärts, doch mählich und dann immer schneller verwandelte sich das, was ihm anfänglich Beistand geliehen, zu seinem völligsten Nachteil. Statt der leichten Nebelhüllen drängten sich dunkle Wolkenmassen, jeden weiteren Vorblick raubend, am Himmel auf, ein Windmurren begann und entzog seinem Ohr auch den Klang, nach dem er sich bis jetzt zu richten vermocht. Hastiger sprang er vorwärts, nun stand er atemlos auf einer erreichten Höhe und horchte. Doch er hatte die Spur verloren, hörte nichts mehr und sah nichts. Graudunkle Nacht lag rund um ihn, wies ihm nur voraus undeutlich unter ihm ein Gemenge düsterer, öder Klippen, von denen ein kühler Anhauch heraufkam. Langsamer bewegte er sich darauf zu, bald schossen Wände steil vor ihm nieder, zwischen denen er, nur das Nächste verschwommen um sich erkennend, nach der Möglichkeit eines Abstiegs umhersuchen mußte. Seit dem frühen Nachmittag war er, bis auf die kurze Ausrast mit Tove, fast unablässig im Gebirg umhergewandert, jetzt mochte es die dritte Nachtstunde sein. Erschöpft setzte er sich und bekleidete seine wie Feuer brennenden, bei jedem Auftreten zusammenzuckenden Sohlen wieder mit den Schuhen, das gab ihm etwas Kraft zurück. Außerdem mußte er vorwärts, er trachtete nicht mehr nach einem Ziel, nur einen Abweg aus dem Gewirr jäher Felsstürze zu finden. So kletterte er mühsam, sich von Platte zu Platte niederlassend, in die Tiefe; aus der unbekannten Wildnis unter ihm scholl ihm nach und nach deutlich vernehmlich ein dumpfes Rauschen an eine Gesteinwand anschlagenden Wassers entgegen. Er mußte zu einem der kleinen, viele Meilen lang in die menschenleere Schärenwelt nördlich von Bergen hineingekrümmten Fjorde niederklimmen, nun klatschten die Wellen dichter vor seinen Füßen, die eine ebene Felsböschung erreicht hatten, auf der er ziellos entlang schritt. Nach kurzer Zeit sprang eine hohe schwarze Felszacke vor ihm in den Himmel, ohne indes den Ausweg zu versperren, doch im Augenblick, wie er sie umbog, stand er geblendet, denn ein rotes Fackelgeloder warf ihm, kaum ein halbes Hundert Schritte entfernt, glühenden Schein ins Gesicht. Zugleich aber funkelten unter ihm die Augensterne einer wolfgroßen Blutrüde, die mit wütendem Anschlag gegen ihn vorsprang, mehrere rauhkehlige Stimmen riefen eine Frage drein; ehe er klar zur Besinnung gelangte, fühlte er sich von einem halben Dutzend wild-kraftvoller Fäuste gepackt, widerstandunfähig überwältigt und zu Boden geworfen. Seine Arme wurden im nächsten Augenblick scharf mit Stricken zusammengeschnürt, er selbst wieder auf die Füße emporgerissen und dem roten Lichtschein entgegengestoßen. Das alles war so unerwartet und schnell geschehen, daß er jetzt erst eine Vorstellung davon erlangte, wohin er so plötzlich aus der lautlos dunklen Felseneinsamkeit versetzt worden. Doch blieben es zunächst nur seine äußern Sinne, die einen Eindruck seiner neuen Umgebung aufnahmen, sie übermittelten ihm noch kein Verständnis, denn was sich ihm vor die Augen stellte, erschien völlig wie die phantastische Hirnausgeburt eines sinnlos-grotesken Traumbildes. Am Ufergestein angekettet lag ein beträchtlich großes Schiff mit festgerolltem braunrotem Segelwerk, über dessen bretterne Landungsbrücke er zum Deck hinangeschleppt ward. Auf diesem, von einem Fackelkreis umhellt, stand zwischen den beiden Masten ein Tisch mit prachtvollen goldenen Kannen und Pokalen, und vier Männer saßen trinkend um ihn herum. Einer von ihnen war Herr Tiedemann Steen, die andern boten sich ähnelnde, mächtig hochwüchsige Gestalten mit langen, eisgrauen, zottig verwildert bis über die Mitte der Brust fallenden Bärten. Hohe Greisenhaftigkeit sprach aus ihren Zügen, doch zwischen den Runzeln und Runen derselben hervor glühte noch ein wild-ungedämpftes Feuer aus ihren Augen. Zwei trugen volle kriegerische Eisenrüstung und befederte Sturmkappen auf dem Kopf, der dritte dagegen hielt nur ein langes Schwert zwischen den Knien, dessen dicht mit Rubinen besetzter Knauf blutrot gleißende Lichtstrahlen um ihn warf. Er saß erhöht, so daß er die übrigen um mehr als Haupteslänge überragte, und seine Erscheinung bildete hauptsächlich dasjenige, was den Eindruck eines phantastischen Traumes erregte. Sein weißes Kopfhaar war mit einem blitzenden Diadem geschmückt, vom Nacken bis zu den Füßen fiel ein faltenreicher Purpurmantel herab, der über und über von Kettenbehängen des kostbarsten Edelsteingeschmeides funkelte. Augenverwirrend leuchteten hundertfach große Topase, Smaragde, Demanten durcheinander, ihr ungeheurer Wert überstrahlte das Komödienhafte des Prunkes, der dem Aufzugspomp eines mächtigen Herrschers in einer Königsburg glich, hier aber am nächtlichen Schiffsbord inmitten des öden Schärengeklipps fast possenhaft närrisch erschien. Doch hochfahrende, stolz bewußte Miene des Trägers sprach, daß er die seltsame Gewandung und kostbare Schmuckzier nur als gebührenden Ausdruck noch größerer innerer Würde betrachte; er wandte jetzt den Kopf mit der scharfen habichtschnabelgleich gekrümmten Nase und fragte gebieterisch: »Was lärmt ihr, wenn ich trinke?« Einer von denen, welche Osmund Werneking gebunden herbeiführten, entgegnete unterwürfig: »Wir haben einen Späher gefangen, Herr Viking, der über die Felsen kam.« Der Angesprochene winkte kurz mit der beringten Hand. »So gebt ihm Salzwasser zu trinken, bis sein Durst still ist. Es soll niemand dursten, wenn ich trinke.« Doch nun rief Tiedemann Steen staunend und erschreckt: »Um Gott, Herr Werneking, wie kommt Ihr hierher?« Osmund erwiderte: »Habe mich im Gebirg verirret, Herr Oldermann, wie es scheint, gleich Euch« – »Seid ihr taub, daß ihr mein Gebot nicht vernommen?« fiel der Viking benannte, die buschig-weißen Braunen runzelnd ein. »Wer sich vermißt, mich anzublicken ohne Gestattung meiner Gnade, wird blind und sieht nichts mehr!« Die Schiffsknechte wollten den unmächtig Gefesselten wieder fortschleppen, doch einer der andern am Tisch Sitzenden hatte sich bei Tiedemann Steens Ausruf plötzlich erhoben, trat auf Osmund zu und fragte: »Betrog mein Ohr mich? Heißet Ihr Werneking?« Der Befragte gab zustimmende Antwort, und der andere fuhr fort: »Seid ein Sohn Detmar Wernekings zu Wismar, Ratsherrn, glaube ich? Könntet's wohl sein!« Nun lachte er, wie Osmund auch dies bejahte, auf, drehte den Kopf und rief, doch ohne die Unterwürfigkeit, mit der zuvor der Schiffsknecht gesprochen: »Lasset ihn, Herr Viking! Er kommt von Wismar, dem wir Dank schulden aus alter Zeit, und mag Wein mit uns bechern statt des Salzwassers!« Der Träger des Purpurmantels entgegnete indes befehlerisch: »Das Gesetz macht ihn stumm; mein Schwert beschirmt das Gesetz!« Und er hob mit theatralischer Würde den rubinblitzenden Schwertknauf empor. Doch der unwillig Beschiedene achtete nicht sonderlich darauf, sondern versetzte, den Kopf zur Seite drehend: »Redet Ihr, Bartholomes!« Der dritte, der bisher gleichgültig geschwiegen, entgegnete: »Wenn Herr Steen ihn kennt und für ihn gut sagt, laßt ihn schwören bei seiner Seele Heil, daß er nicht Lebendigem und Toten Kundschaft von dem reden will, was er hier gesehen und gehört. Sonst macht ihn bei den Fischen stumm!« Er setzte unbekümmert seinen Becher an den Mund; der Lübecker Oldermann, der seit seinem ersten unwillkürlichen Ausruf verstummt geblieben, trat jetzt eilig heran und flüsterte besorgt: »Erfüllet rasch, was von Euch verlangt worden, Herr Werneking, da ein Unheil Euch herbeigeführt hat, daß Euch nicht Schlimmeres widerfährt!« Doch der ängstlich Ermahnte stand wortlos zaudernd. Die Besinnung war ihm soweit gekommen, daß er erkannt hatte, er müsse sich auf einer Seeräubersnigge befinden, mit deren Hauptleuten Tiedemann Steen in heimlicher Verbindung stand. Durfte er sich von Drohung und Furcht verleiden lassen, einen unverbrüchlichen Schwur abzulegen, welcher der von ihm zu Lübeck übernommenen Pflicht zuwiderlief? Zudem wallte das Blut in ihm auf, daß er durch Gehorsam gegen die gestellte Anforderung als mutlos vor den trotzigen Gestalten dastehe; er hielt die Lippen aufeinander geschlossen, und das Schweigen Osmunds offenbar nutzend, um sich in seiner Machtfülle zu zeigen, rief nun der Viking: »Ich habe ihn verurteilt, führt ihn zum Gericht!« Und der »Bartholomes« benannte fügte gleichgültig drein: »Wenn er's nicht anders will, so laßt ihn mit den Fischen saufen!« Nur der, welcher Osmund zuerst um seinen Namen befragt, zögerte noch und raunte: »Seid kein Narr, Wein mundet besser als Wasser.« Doch mit der Steigerung der Gefahr hatte sich ein ritterlicher Todestrotz in dem Blut des jungen Urenkels Dietwald Wernekings höher aufgebäumt, er öffnete zu entschlossener Antwort die Lippen, da schlug von der Seite her ein halb erstickter Aufschrei an sein Ohr, und mit mechanisch herumfahrenden Augen gewahrte er plötzlich, ein halbes Dutzend Schritte entfernt, das blutlos erblaßte Antlitz Wilma Oldigsons vor sich. Sie war mit einer Erzkanne aus dem Schiffsraum heraufgekommen, hielt sich, wie fast von Ohnmacht angefaßt, an der Brüstung der Treppe und blickte ihm starr mit wortlosem Flehen tödlicher Angst ins Gesicht. Ein einziger Augenblick nur war's, der ihn mit einem namenlosen Herzschlag noch stumm betäubte, doch im nächsten Moment sprach Osmund Werneking laut: »Ich schwöre, ihr Herren, bei meiner Seele ewigem Heil, was ihr verlangt, daß ich nicht Lebendigem noch Totem von etwas reden will, was ich in dieser Nacht gehört und gesehen!« »So begnadige ich dich! Fülle uns und ihm den Becher, Schenkin!« sprach der Viking, sein gehobenes Schwert wieder auf den Boden zurückstoßend. Augenscheinlich besaß er auf dem Schiffe mehr eine angemaßte als wirkliche Macht und barg, wenn er in Widerspruch mit seinen beiden Genossen geraten, seine erzwungene Nachgiebigkeit gegen ihren Willen unter doppelt hoheitsvollem Gebaren. Er stürzte den Inhalt seines Bechers hinab, ließ sich ihn von der eilig, doch schwankenden Knies jetzt herantretenden Wilma Oldigson bis zum Rand wieder anfüllen, und sprach; ihr gnädig nickend: »Weshalb sind deine Lippen weiß wie Meerschaum; Seeschwalbe, die sonst wie rote Korallen blühen? Kredenze mir den Trunk, daß sie meinem Purpur gleichen!« Sie vollzog mit zitternder Hand sein Geheiß; Osmund Werneking war aus seinen Banden gelöst worden, und der Viking deutete ihm mit herablassender Gebärde einen Sitz am Tische. Nun schenkte Wilma auch ihm aus der Kanne ein, kein Zug ihrer Miene hatte verraten, daß sie den unter so absonderlicher Bewandtnis zu dem nächtlichen Trinkgelage hinzugeratenen jungen Gast schon vordem gesehen, nur einmal ein blitzkurzes Aufleuchten unter ihren Lidern auch ihm unverbrüchliches Schweigen auferlegt. Sie trug die nämliche Schiffertracht, in der sie täglich droben am Felsrand neben ihm saß, unverkennbar verwaltete sie das Amt einer Schenkin auf dem Piratenschiff. Doch ihre Wangen und Lippen waren jetzt nicht mehr blaß, sondern als ob ein geheimer Zauber in dem von ihr kredenzten Trunk geweilt, gleich dem Purpurmantel des Viking aufgeglüht. Osmund Werneking aber saß noch völlig verwirrt, keines klaren Gedankens mächtig. Was er aufzufassen vermocht, war, daß die neben ihm Befindlichen die drei schwarz Vermummten bei dem Hansenfest gewesen und daß Wilma Oldigson als Genossin von Seeräubern mit ihnen dorthin gekommen. Er wußte kaum, ob diese Enthüllung ihres geheimnisvollen Wesens ihn mit Schreck oder einem freudigen Gefühl befallen, mit beidem zugleich schien's ihm, ohne daß er sich Gründe dafür angeben konnte. Auch blieb ihm keine Zeit, seine Denkkraft zu sammeln, denn er mußte auf den Zutrunk seiner nunmehr rauh-artig gegen ihn umgewandelten Wirte Bescheid tun. Sie hatten offenbar bereits dasjenige abgeredet, weshalb Tiedemann Steen in tiefer Nacht stundenweit durch das weglose Gebirge hierher geschritten war, und gaben sich rückhaltlos der Becherlust hin. Hörbar bedienten sich alle der deutschen Sprache nicht nur um ihrer hansischen Gäste willen, sondern sie war ihnen angeboren. Sie redeten sich selten mit einem Namen an, Osmund hatte bis jetzt nur »Herr Viking« und einmal »Bartholomes« vernommen. Ungefähr mochten sie in gleichem Alter zwischen sechzig und siebenzig Jahren stehen; derjenige, welcher zuerst Fürsprache für Osmund eingelegt, erschien trotz seinem am meisten wild-verwitterten Gesicht vielleicht doch noch als der Jüngste. Nach der Frage, die er damals getan, mußte er ehemals in der Stadt Wismar nicht fremd gewesen sein, die zusammen mit Rostock des üblen Rufes genoß, das Unwesen des Seefreibeutertums im vorigen Jahrhundert ins Leben gerufen und auch späterhin manchmal offen und heimlich begünstigt zu haben. Einen ähnlichen Zweck verfolgte augenscheinlich auch das Verhalten und die Hierherkunft Herrn Tiedemann Steens, doch mit welcher geheimen Absicht, vermochte Osmund nicht zu erraten. Sichtlich hatte der Oldermann für den letztern, so unliebsam ihm sein unerwartetes Erscheinen gewesen, mit einigen leise gesprochenen Worten Bürgschaft geleistet und dadurch hauptsächlich zu der veränderten Aufnahme des jungen Patriziersohnes beigetragen. Dieser entnahm aus den hin und her wechselnden Reden, daß die Piraten vor etlichen Monaten an den Küsten der Insel Gotland von drei Lübecker Orlogskoggen aufgescheucht worden, bei wildem Unwetter mitten zwischen ihnen hindurch auf Tod oder Leben aus dem Wisbyer Hafen entronnen waren und hier in der Klippenwüste eine sichere Zuflucht gefunden hatten, bis die Luftstille des Sommers vorüber sei und günstigerer Wind ihnen den Wiederbeginn ihrer Beutestreifzüge ermögliche. Ob der Himmel solche Änderung des Wetters ankündigte, hatte Wilma Oldigson mit schreckhaftem Blick auf Osmunds Frage, wie oft sie noch auf die Felshöhe heraufkomme, bemessen. So saß er, den häufigen Zutrunk erwidernd, hörte die Reden um sich, antwortete und fühlte manchmal seinen Kopf von einem plötzlichen Verständnis durchzuckt. Doch im allgemeinen klang alles nur wie ein traumhaft verworrenes Gesumme an sein Ohr, seine Augen allein waren mit wachem Leben angefüllt und suchten ab und zu, heimlich vorüberstreifend, das Antlitz des zuwartend an der Schiffsbrüstung lehnenden Mädchens. Dann begegnete ihr Blick ihm mit einem schnellen, wundersamen Strahl, der durch das Lichtgeloder der Fackeln ihm wie das Geleucht eines Doppeldiamanten ins Gesicht grüßte und eine Sprache redete, bei deren lautlosem Klange sein Herz glückestrunken aufzitterte. Doch war es die phantastische Umgebung im roten Flackerschein, oder der ihm zu Häupten steigende heiße Trunk nach der langen Erschöpfung, er konnte sich manchmal einer wunderlichen Sinnesumgaukelung nicht erwehren, als sei er Herr Johann Wittenborg und sitze auf dem Königsschloß zu Helsingör, und Ingeborg von Dänemark fülle ihm mit eigener Hand den geleerten Becher wieder an. So alabastergleich mußte auch ihre Hand gewesen sein und so ihre Nixenaugen dem jugendlichen Admiral seeleberückend ins Antlitz geblickt haben – es überlief Osmund Werneking sonderbar – hatte sie ihm nicht auch eine Wasserrose gereicht, daß ihm die Frage von den Lippen geflogen: »Bist du von der Art Ingeborgs von Dänemark?« Und merkbar hatte sie bei den Worten gestutzt und erwidert: »Was weißt du von Ingeborg von Dänemark?« Dann zerriß das traumessinnlose Spiel seiner Einbildung, nicht mit trügerisch gleißender Verlockung, sondern mit dem echten Demantstrahl des Herzens sahen die Augen Wilma Oldigsons ihn an, doch ein Rätselschleier lag noch immer wie zuvor um sie her. Wie kam sie als Genossin unter die Seeräuber, und wer war der narrenhaft und doch mit dem Wert eines Königreiches juwelengeputzte »Viking«, der hochfahrenden Wortes gebot, aber unverkennbar nur eine prunkende Scheinherrschaft auf dem Schiff übte? Hatte er seinen ungeheuren Schatz etwa nicht mit verwegener Hand geraubt, sondern listig entwendet, daß er um seines Reichtums willen einen mächtigen Einfluß unter den Freibeutern besaß, doch von den beiden andem Führern der Snigge innerlich gering geschätzt wurde? So schien's, denn die wilde, teils am Ufer, teils auf den Deckkastellen lagernde, wohl an zweihundert Köpfe starke Bemannung betrachtete sichtlich jene beiden als ihre eigentlichen Herren. Mehr als eine Stunde, vielleicht zwei schon mochten vergangen sein, über die schwarzen Felsen im Osten kam ein fahler erster Morgenschimmer herauf, die graubärtigen Gesichter um den Tisch wurden immer dunkler vom unmäßigen Trunk gerötet. Nun riß eine Frage Osmund Werneking aus seinem Umherdenken aus. Der jüngste unter den drei Alten, der am meisten mit dem jungen Gaste geredet, schlug ihm auf die Schulter und rief: »Trinkt, Herr Werneking, oder ist's zu Wismar nicht Brauch, und hat's Euer Vater Euch nicht gelehrt? Schenk ihm den Becher voll, Mädchen! Das ist bei der bunten Kuh eine lustige Nacht heut, von der mir am Abend nicht geschwant! Würde freilich Euer Vater, soweit ich von ihm vernommen, sondre Augen machen, wenn er seinen Sohn in dieser edlen Gesellschaft erschaute!« »Wenn Ihr seinen Namen gekannt,« entgegnete Osmund, »er schauet nichts mehr seit dieses Jahres Beginn.« »Ist tot? Der kluge Herr?!« stieß der Pirat aus. »Ist Ratsherr im Himmel geworden? Zuschenken, sagt' ich dir, Dirn'! Mich deucht, es ist lustiger, noch als Ächter mit den Möwen zu fliegen, als von Pfaffen eingesungen bei den Würmern zu liegen!« Wilma Oldigson war auf sein Geheiß herangetreten und hatte ihr Schenkenamt vollzogen. Er stürzte den Inhalt des gewaltigen Pokals auf einen Zug hinunter und gebot: »Füll' ihn neu, weiße Seejungfer! Das war für die Toten – stoßet an auf die Lebendigen, Herr Werneking, und bleibet bei uns! Wenn meine Augen Euer Blut richtig durch die Haut gewahren, muß es Euch besser hier gefallen, als in der Schreibstube, und tätet ein gottgefällig Werk obendrein, denn es gibt zwei Augen unter uns, die wohl einmal andere Anschau haben möchten, als graue Bärte.« Er schlang lachend seinen Arm um den Leib des neben ihnen stehenden Mädchens, doch im selben Augenblick scholl gebieterisch die Stimme des Viking: »Deine Hand fort! Du weißt, daß niemand sie anrühren darf!« Der andere lachte indes in unbekümmertem Weinrausch: »Likedeeler, Herr Viking! Wovon auf dem Schiff ich mein Teil will, fällt's mir zu, ob's Eure Steine sind oder blitzende Dirnenaugen! Aber ich will Eure Diamanten nicht und die roten Lippen nicht für mich, sondern als Angeld für einen, dessen junges Blut besseres Recht darauf hat.« Sein Arm hielt Wilma Oldigson mit eiserner Kraft fest und zog sie in wild-ausgelassener Laune gegen Osmund Werneking hinan. Sie rang nicht dagegen auf, gab regungslos dem Zwange seiner Kraft nach, doch nun fuhr der Viking zornwütig vom Sitz und rief: »Die Hand, die sich an ihr erfrecht, fällt, als ob sie mich selbst berührt! Ich bin dein Herr! Auf deine Knie und bettle um Gnade!« Er stand prahlerisch hoch aufgereckt, auch der andere war emporgesprungen, besinnungslose Trunkenheit rollte in ihren Augen gegeneinander, er gab mißächtlich Antwort: »Meine Hand deucht mich besser dazu, als Eure, denn sie hat keine Juwelen bei Nacht gestohlen!« Nun loderte es mit tierischer Wut über das Gesicht des Viking, er riß sein Schwert aus der Scheide und schrie: »Ich trete sie mit dem Fuß, wenn's mir gefällt, aber du, ein Knecht, ein Hund, küssest ihre Schuhe!« Zugleich hob er den Fuß und führte einen Stoß damit nach dem Mädchen, der nur durch das rasche Vorspringen Osmund Wernekings von ihr abglitt, statt dessen den Tisch traf, daß dieser schwankte, die Kannen und Becher klirrend herabstürzten und der Wein in roten Strömen das Schiffsdeck überfloß. Doch gleichzeitig war auch der Dritte, der »Bartholomes« angesprochen worden, dem Viking in den Arm gefallen, hatte ihm mit kraftvollem Griff das Schwert entrungen und rief gleichmütig: »Der Eber hat ihn gestoßen, bringt ihn zum Schlafen in den Raum!« Mehrere Schiffsknechte eilten herzu und führten den willenlos auf den Sitz Zurückgefallenen fort, dessen trunkenes Lallen: »Meine Steine – ich bin der Herr – eure Köpfe, wenn einer meine Steine anrührt!« nur noch eine Weile von der Treppe heraufklang. Auch sein Gegner lag jetzt, nach der heftigen Erregung plötzlich vom Rausch überwältigt, fest schlafend mit dem Kopf auf dem Tisch, Bartholomes allein tauschte, nüchterner verblieben, noch einige leise Worte mit Herrn Tiedemann Steen, während Wilma Oldigson, an Osmund vorüberstreifend, unbemerkt mit zitternden Lippen flüsterte: »Morgen – wenn Ihr nicht« – sie zögerte einen Augenblick – »wenn Ihr nicht verheißen habt, mit Tove im Mondlicht zu gehen!« Er antwortete kaum vernehmbar: »Dann wäre ich heut nacht wohl nicht hierhergekommen –«; sie konnten nicht Worte mehr, nur noch einen schnellen Blick wechseln, denn der Oldermann trat herzu und sprach: »Es ist Morgenzeit, Herr Werneking; wenn Ihr nach Bergen zurückzukehren gedenkt, wird es ratsam sein, daß Ihr Euch meiner Führung vertraut, um den Weg besser zu finden als auf Eurer Herkunft,« und nach kurzer Weile schritten sie zusammen durch einen engen Felseinschnitt gegen den Bergrücken empor, auf dessen Höhe Osmund in der Nacht die Spur Tiedemann Steens verloren. Geraume Zeit gingen sie schweigsam nebeneinander, endlich sagte der Oldermann, der sich vor übermäßigem Weingenuß gehütet: »Eine tolle Sippschaft, werdet Ihr sagen – wie gelangtet Ihr dorthin? Es hätt' Euch übel ergehen können.« Er brach ab, doch wartete nicht auf eine Beantwortung seiner Frage, sondern fuhr mit einem prüfenden Blick über das Gesicht seines Begleiters fort: »Gelüstet Euch zu wissen, weshalb Ihr mich bei ihnen angetroffen?« Aber Osmund Werneking fiel ihm ins Wort: »Laßt Euren Mund darüber schweigen, Herr Oldermann, wie meiner den Schwur geleistet, es zu tun. Ich will nicht mehr zu vergessen haben, als die Nacht schon auf mich geladen. Doch wenn's nicht einem Gelöbnis von Euch zuwiderläuft, nennt mir die Namen der Wirte, an deren Tisch ich heut gesessen.« Tiedemann Steen schüttelte den Kopf. »Ihr seid noch unbewandert in unserm Land, sowie dem, was ihm not tut, Herr Werneking, und vielleicht noch in manch anderm, was Ihr zu kennen vermeint. Aber nehmt Ihr's so ernsthaft, will ich Euch nicht aufdrängen, was Ihr nicht zu wissen begehrt. Von den andern kann auch ich Euch nicht völlig Kunde geben, doch werdet Ihr selbst bereits erraten haben, daß Ihr mit Bartholomes Voet beim Becher gesessen.« »Mit dem wildesten, weitverrufensten der Likedeeler seit Klaus Stortebekers Tod?« stieß der Hörer erschrecktstaunend aus. Der Oldermann nickte: »Ihr habt gesehen, daß sich auch anders mit ihm reden läßt, als die Weiber in den Kinderstuben an der Ostsee von ihm raunen.« »Und der andere?« »Der Euch vor dem Salzwassertrunk behütete? Mich nahm's wunder, er muß bei besonderer Laune heut gewesen sein, denn sonst ist er jähern Gemüts als Bartholomes Voet und wird dem Viking seine Narrheit heut nacht nicht vergessen. Seinen Namen weiß ich auch nicht, wie ich zuvor gesagt, nur daß sie ihn Wisimar heißen.« »Wisimar –?« Osmund Werneking hielt jäh den Fuß und erfaßte den Ann seines Genossen – »Wisimar heißen sie ihn?« Das Gesicht des greisen Seeräubers stand plötzlich mit jedem Zug lebend vor ihm, und wie mit einem Blitzstrahl war es ihm darüber hingegangen, hatte ihm das seltsame Gebaren, die absonderlichen Fragen des Alten erhellt. Es waren seines eigenen Vaters Züge, die ihn aus dem trotzigen, von Meergischt und Sturm eines Menschenlebens wild-verwitterten Kopf anblickten – »Was befremdet Euch dran?« fragte der Oldermann verwundert, und Osmund entgegnete stockend und rasch: »Nichts – Ihr verstandet mich fälschlich – ich meinte, wer der andere sei – im roten Mantel wie ein Narrenkönig –« Nun lachte Tiedemann Steen auf. »Man hört's, daß Ihr jung seid, Herr Werneking, und vor zehn Jahren noch ein Knabe gewesen, den ein Spiel wichtiger bedünkt, als die nordische Welt. Ein Narrenkönig freilich ist er, wie Ihr ihn recht nennt, der sich »Herr Viking« heut heißen läßt, aber damals trug er noch die wirklichen Kronen von drei Reichen auf seinem Kopf, die er nachher bei Nacht gestohlen, wie der Wisimar ihm in den Bart geworfen, um die Edelsteine daraus zu brechen und auf seinen Narrenmantel zu putzen. Denn in seinem eitlen Hochmut ist er noch König Erich, der Pommer, von Dänemark, Schweden und Norwegen.« So neuartig und wundersam Osmunds Gedanken eben zuvor bewegt worden, riß ihn doch diese gleichmütige Erwiderung Tiedemann Steens aus seinem Sinnen auf. Staunend-überrascht stieß er hervor: »Der königliche Seeräuber von Gotland – der Enkel Ingeborgs von Dänemark?« Davon wußte der Oldermann nicht, sondern entgegnete nur auf das erstere: »Eure Koggen, von denen Ihr Euch bei Mönnsklint getrennt, haben ihn aus seiner Hauptstadt Wisby aufgejagt. Er war grimmigen Sinns wider uns, als er herkam, und haßte die Hansen noch wütiger als Dänemark, aber nun ist er vernünftiger geworden.« Der Sprecher brach ab, es schien, daß er im Begriff gestanden, ein Licht auf den Zweck seiner nächtlichen Zusammenkunft mit den Vitalienbrüdern zu werfen. Doch Osmund Werneking achtete nicht darauf, er ging verstummt, manchmal zuckten seine Lippen, als ob sie sich nochmals zu einer Frage öffnen wollten, allein er drängte sie gewaltsam zurück, wog sie nur hastig in seinen Gedanken hin und her. Wie kam Wilma Oldigson zu den Piraten? War etwa auch sie ihm noch anverwandt, eine Tochter seines Oheims Wisimar? Endlich fragte er leichthin, doch wie zufällig das Gesicht von seinem Begleiter abwendend: »Durch welcherlei Umstand mag die Schenkin in der Mannestracht auf das Schiff geraten sein? Wisset Ihr auch von ihr?« Tiedemann Steen hatte inzwischen sichtlich andern Gedanken nachgehangen, er sah kurz auf und erwiderte gleichgültig: »Das Mädchen meint Ihr? Er zieht sie auch zum Seeräuber auf, sie muß, wenn der Sturm pfeift, mit in die Rahen. Fährt die Lust ihn an, stößt er sie mit dem Fuß, doch die andern müssen ihr wie einer Fürstin Ehrerbietung bezeigen, weil sie von seinem Blut ist. Darum hatte er ihr den Namen Oldigson beigelegt, das Kind des Alten –« »Wessen Kind?« fiel Osmund fast sprachunfähig vor plötzlichem Schreck ein. »Des alten Vikingnarren und irgendeiner dänischen Edeln, glaub' ich, eine der manchen Töchter, die er haben mag – seht Euch vor, tretet hier nicht fehl, es geht jählings hinab!« Der Oldermann griff nach dem Arm seines Weggefährten, dessen Fuß strauchelnd an der abschüssigen Felswand ausgeglitten war. Osmund Werneking entgegnete nichts, sprach bis zur Rückkehr in den Kaufhof nicht mehr. Bleichen Gesichts schritt er neben Tiedemann Steen fort, nur ein Gedanke hämmerte in seinem Kopf. Auch Wilma Oldigson war ein Königskind, in dessen Herzen das falsche Blut Waldemars Atterdag und Ingeborgs von Dänemark floß. – Bei seiner Heimkunft zum Lübecker Garten begab Osmund Werneking sich sogleich in seine Stube, setzte sich auf den Rand seines Lagers und versuchte Klarheit in das stürmisch wogende Getriebe des Kopfes und des Herzens zu bringen. Doch körperlich und geistig gleich ermüdet, glitt unbewußt sein Kopf bald zurück, und todesähnlich schwerer Schlaf fiel lange Stunden auf ihn. Als er erwachte, vermochte er sich anfänglich kaum zu besinnen, weshalb er voll angekleidet daliege und was vorher zuletzt um ihn gewesen. Dann kam ihm jäh das Gedächtnis, er sprang auf und blickte hinaus. Der Tag war trüb verhängt geblieben, zog mit breiten, auseinanderklaffenden und zusammendrängenden Nebelmassen an den Bergen und gab keine Auskunft, wieweit er vorgeschritten sei. Nur ein undeutliches Gefühl sagte dem vergehlich nach dem Stand der Sonne Umschauenden, es müsse schon über den Mittag hinaus und Zeit für ihn sein, aufzubrechen, wenn er seine Zusage, an der Felswand mit Wilma Oldigson zusammenzutreffen, erfüllen wolle. War es noch seine Absicht? Er wußte es selbst nicht. Nach ihren letzten Worten erwartete sie ihn dort – doch mit welchen heimlichen Plänen ihrer Nixenaugen? Vollzog sie etwa einen Auftrag ihrer Genossen, ihres Vaters, ihn für die räuberischen Zwecke derselben zu gewinnen? Sein Kopf war noch zu wirr, Vernunft und Sinnlosigkeit in seinen Gedanken zu scheiden. Er hatte seit dem vorigen Mittag keine Nahrung zu sich genommen, und Schwäche trieb ihn in den Schütting hinüber. Dort erfuhr er, daß es bereits siebente Nachmittagsstunde sei, und eine plötzliche Bestürzung ließ ihm den Herzschlag aussetzen. Hastig ergriff er ein Stück Brot gegen den ermattenden Hunger und eilte, es auf der Gasse verzehrend, hinaus. Er hatte verheißen, zu kommen, und mußte zum letztenmal sein Wort halten. So lief er zwischen den Häusern des Überstrands hin; als er am Munkholmkloster vorüberkam, trat auf ein halb hundert Schritte von ihm Tove Sigburgdatter aus der Tür der bischöflichen Wohnung. Sie gewahrte ihn und öffnete unwillkürlich die Lippen, ihn anzurufen, schloß sie jedoch rasch wieder und suchte ihn mit freudigen Augen beschleunigten Schrittes zu erreichen. Aber es gelang ihr nicht, obwohl auch sie nach einer Weile zu laufen begann; in atemloser Hast stieg er nun durch die trübnebelnde Luft den Berg hinan. Nur als ein dunklerer Schatten durchschimmerte er noch das graue Gespenst umher; hier war es menschenleer, und die Besorgnis, welche Tove zuvor von einem lauten Ruf seines Namens abgehalten, fiel weg. So öffnete sie abermals die Lippen, doch schloß ebenso schnell und diesmal mit einem plötzlichen Zucken, bei dem zugleich der freudige Glanz zwischen ihren Lidern erlosch, den Mund und schwieg. Dem steilen Aufstieg zum Trotz verdoppelte Osmund Werneking noch seine Eile; es mußte zu spät werden, bis er an den weit entfernten Platz der Zusammenkunft hingelangte, Wilma Oldigson hatte diesen mutmaßlich bereits verlassen, und sie konnte nicht mehr von ihm hören, was er sich ihr zu sagen vorgenommen. Über ihm lag der Gipfel jetzt völlig von einer Wolke eingehüllt; noch kurz, und er befand sich selbst in dieser, daß er kaum weiter als auf zwiefache Sprungweite etwas unterscheiden konnte. Aber er kannte Merkzeichen der oft verfolgten Richtung und lief unbeirrt vorwärts. Da schlug ihm dichther aus der Gebirgs- und Wolkenstille ein halb unterdrückter Jubelton ans Ohr, und wenige Schritte seitwärts von ihm tauchte das blonde Haar und Antlitz Wilma Oldigsons aus dem Nebel. Sie war ihm bis hierher entgegengekommen, ängstliche Erwartung redete aus ihrem Blick und verwandelte sich blitzesschnell in leuchtende Glückseligkeit. Wie ein schwebender Vogel flog sie auf ihn zu, doch nun stutzte sie und hielt scheu und schreckhaft den Fuß. Seinen Lippen war jäh entflogen: »Kommst du hierher, Königstochter, mich von meiner Pflicht zu verlocken?« Sprachlos blickte sie ihn an, ehe sie stammelnd wiederholte: »Von welcher Pflicht? Ihr kamt nicht und mich befiel's droben in der Einsamkeit wie Grabeskälte – doch nun seid Ihr – wollt Ihr denn nicht auch zu mir – ?« »Zum letztenmal, um dir zu sagen, daß ich nicht Johann Wittenborg gleiche, mich töricht von einem Dänenkönige und seiner Tochter berücken zu lassen!« Osmund Werneking stieß es heftig heraus, sein Kopf wußte nicht, was seine Zunge sprach. Wie eine schützende Waffe hatte er die anschuldigenden und kränkenden Worte gegen die hellen, holden Augen des Mädchens vor sich gehalten, in denen der Schreck, die Angst höher stieg. Sie schwankte, von dem Unerwarteten wie betäubt, die Kraft drohte sie zu verlassen, und nur mühsam brachte sie noch hervor: »Was habe ich dir getan – kann ich denn dafür, daß er mein Vater ist – ?« und die Füße brachen haltlos unter ihr zusammen. Doch im selben Augenblick zerriß auch sein Herz mit einem stürmischen Schlag die sinnlose Betörung seines Kopfes. Es sagte ihm, daß auch Tove Sigburgdatter von Waldemars Atterdag und Witta Holmfelds Blut entstammt sei und ihre Kinderunschuld doch nicht Falschheit, Trug und Treulosigkeit von ihnen geerbt habe – und zugleich klopfte ihm das Herz, daß einst auch Elisabeth von Holstein Dietwald Wernerkin mit den gleichen bitterlich klagenden Worten gefragt: »Was habe ich dir denn Leides getan, daß du mir zürnst?« – und vorspringend umschlang er das schöne Königskind mit den Armen, hielt sie, ehe sie kraftverlassen zu Boden stürzte, und rief mit trunkener Stimme: »Elisabeth – bist du gekommen, weil du mich lieb hast –?« Ein Schrei entflog ihr, den die Wolke mit seltsamem Echo wiedergab, denn es klang, als ob unfern von drüben ein anderer Menschenmund ihn ebenso laut zurückgestoßen, doch ihre Ohren vernahmen nichts davon. Er hatte sie zu sich niedergezogen, sie lag noch halb ohnmächtig, doch aufgebogenen Antlitzes an seiner Brust, und ihre Lippen ruhten lautlos aufeinander. Dann nach langer Weile schlug sie traumhaft lächelnd die Lider auf und sprach zum erstenmal: »Wenn ich dich nicht lieb gehabt und nicht um dich gebangt hätte, wäre ich am ersten Tag nicht bei dir geblieben.« Nun redete er ihr von der törichten Sinnesverwirrung, die ihn befallen, als er vernommen, daß sie König Erichs Tochter, des Enkels Ingeborgs von Dänemark sei. Wie er es sprach, begriff er es selbst nicht mehr; glückestrunken fügte er am Schluß drein: »Du bist nicht Ingeborg, die wieder ins Leben erstanden, du bist Elisabeth – so will ich dich auch als mein Weib benennen, denn ihr Name kommt dir zu und ihr Angedenken mit ihm –« Er zog das kleine Goldkreuz Elisabeths von Holstein von seinem Nacken und schlug die Schnur um den ihrigen. »Es soll mir dein Herz hüten, verbirg's, bis du es offen vor allen Augen tragen kannst.« Und hastig erklärte er ihr, wer es einstmals besessen. Freudig drückte sie die Lippen darauf. »Mög' es mir besseres Heil bringen als ihr! Das ist der erste Dank, den ich meinem Vater schulde, daß nach meiner Hand kein König verlangt. So wende dich, daß ich es bewahre.« Er verstand nicht, was ihr letztes Wort begehrte, und erwiderte: »Warum?« Erst wie ein liebliches Rot jetzt über ihre Stirn aufflog, kam ihm das Verständnis, und gleichfalls errötend, drehte er schnell den Kopf von ihr ab. Nun öffnete sie rasch ihr grobes Schiffergewand und barg das blinkende Kreuzchen an ihrer, einen Moment gleich rosiger Frühlingsblüte aus rauher Bastrinde aufschimmernden Brust, dann legte ihr Arm sich, seine Augen stumm wieder gegen die ihrigen herumziehend, um seinen Nacken zurück. »Das Gold trägt noch deines Herzens Wärme in sich,« flüsterte sie, »und spricht von ihm zu meinem.« Er lächelte träumerisch: »Die Wärme kommt noch von der Sonne auf der Heide bei Arensfeld, Elisabeth –« Doch jetzt hob er sie rasch vom Boden; in unfreundlichstem Gegensatz zu dem Bilde, das vor ihm aufgestiegen, lag die Berghalde frostig, feucht, wolkenverhüllt um sie, und er sprach: »Komm, laß uns gehen!« »Gehen? Wohin?« erwiderte sie in halber Besinnung. Auch ihm kam jetzt erst die Antwort, daß er sie nicht in den Kaufhof bringen könne, zugleich indes der Gedanke an die wohnlich eingerichtete Stube Toves, und er entgegnete freudig: »Ich weiß gute Zuflucht für dich in Bergen, bis ein Schiff eintrifft, das uns nach Wismar hinüberführt.« Aber nun erschrak Wilma Oldigson heftig. »Nach Bergen? Unmöglich – ich muß zurück! Mein Vater hat den Tag hindurch wie ein Sinnloser gerast und getobt, denn ihm fehlt einer von seinen kostbaren Steinen. Wenn ich ihm heut abend nicht den Becher füllte, würde er mich suchen und töten.« »Er wird sich hüten, dich in Bergen zu suchen, wo ich und alle Hansen dich beschützen –« Doch das Mädchen fiel unruhvoll ein: »Glaub' es nicht – sie würden mich ihm mit Gewalt zurückliefern, wenn er es begehrte. Es ist nicht Herr Tiedemann Steen allein, eure Oldermänner insgesamt stehen mit ihm im Verbund.« Osmund Werneking fragte hastig: »Zu welchem Zweck? Jetzt muß ich es wissen!« »Ich kann's dir nicht sagen, wenn sie drüben raten, darf niemand bei ihnen verweilen. Aber deshalb sprach ich dir von Tiedemann Steens Torheit, denn mir ahnt, er wird der Betrogene sein. Hinter seinem Rücken sah ich einmal Bartholomes und Wisimar sich mit lachenden Augen anblicken, die ich kenne und die listigen Trug deuten. Er kommt nicht allein zu uns, sondern zu mancher Zeit auch andere mit verdecktem Gesicht, von denen ich nicht weiß, wer sie sind, denn ich darf ihnen die Becher nicht füllen. Noch heut morgen war einer dort, der von Norden her über die Berge kam. Er muß ihnen gute Botschaft gebracht haben und launiger Reden voll gewesen sein; ich hörte sie mit echtem Klang wild lachen und lustig zusammenstoßen.« »Es geschieht Tiedemann Steen recht, wenn er betrogen wird, denn was er sinnen mag, scheut das Licht,« antwortete Osmund. Er hatte auf die letzten Mitteilungen Wilmas kaum mehr gehört, sondern nur ihre vorherigen Worte erwogen und erkannt, daß unter solchen Umständen in der Tat sein Arm nicht ausreiche, um sie sicher gegen den Jähzorn ihres Vaters in Bergen zu schützen. Ein Schiff stand ihm im Augenblick nicht zu Gebot, seine Kogge war schon seit einem Monat mit Waren beladen nach Lübeck heimgesegelt, er harrte ihrer Rückkunft, doch es konnte noch eine Woche darüber verstreichen. Wilma Oldigson sprach leider wahr, es blieb nichts übrig, als daß sie bis dahin auf das Seeräuberschiff zurückkehrte und behutsam jeden Verdacht ihrer Genossen mied. Er sprach jetzt hastig: »Du hast recht, so mußt du heut noch von mir – ist niemand bei euch, der sich deiner gegen die Wutausbrüche deines Vaters annimmt? Bartholomes Voet deucht mich besonnener –« Sie schüttelte den Kopf. »Ihm ist jedes Weib verhaßt, er duldet keines auf dem Schiff als mich, und es würde ihm Spaß bereiten, mich nach einer Laune meines Vaters wie eine Katze in einen Sack zu binden und ins Wasser zu werfen. In Wisimar allein ist manchmal etwas Menschliches; als ich noch Kind war, hat er mich dann und wann auf sein Knie gesetzt und geschaukelt. Doch ich glaube, daß ich ihm nur ein Spielzeug bin, um seine Lust zu haben, den König zu reizen und zu ergrimmen.« »Weißt du seinen Namen nicht?« fiel Osmund ein. Das Mädchen verneinte. »Auch die andern kennen ihn nur als Wisimar; er muß Grund haben, seinen wirklichen Namen zu bergen.« Nun lächelte Osmund Werneking: »Ich hoffe, du wirst bald den gleichen führen, Elisabeth, denn es ist meines Vaters Bruder, der seit mehr als dreißig Jahren zu Lübeck verschollen. So hatte ich nicht gedacht, ihn zu finden, als ich von Wismar ausritt, doch du sprachst es, Menschliches muß sich noch hinter seiner wilden Miene bergen, denn Dietwald Wernekins Art kann nicht völlig in ihm ausgelöscht sein. Er erhielt mir das Leben, als er mich von seinem Blut erkannt; sprich ihm nicht, daß auch ich von ihm weiß, aber sollte dich Drängnis befallen, ehe ich dich gesichert in den Armen halte, so suche bei ihm Schutz. Sein Ältervater hätte keinem bedrohten Weibe Hülfe verweigert, ob er ein Seeräuber geworden, ist's mir doch tröstlicher, dich bei ihm als bei deinem Vater zu wissen.« Staunend-überrascht hörte Wilma Oldigson die Mitteilungen über Wisimar Werneking, sie waren zur Höhe des Bergrückens hinangeschritten, drüben lag das Gewirre von Felsen und Klippen wolkenfrei, doch der Abend fiel schon dämmernd drüber herein. Osmund wollte sie weiter bis zu der gewohnten Scheidestätte geleiten, aber sie entwand sich jetzt seinem Arm und sagte mädchenhaft-schelmisch lächelnd: »Es ist spät, ich muß eilen, mit dir zusammen käme ich zu langsam hinüber. Das Kreuzchen Elisabeths geleitet mich besser, denn es denkt nichts anderes, als mich auf immer wieder zu dir zu bringen.« Sie standen und beredeten noch kurz das allabendliche Zusammentreffen an der Felswand, bis die Kogge von Lübeck zurückgekehrt sei und ihnen das Verlassen Bergens ermögliche. Dann nahmen ihre Lippen noch langen, wortlosen Abschied, und dann flog Wilma Oldigson nordwärts über das steinige Gefild, wie ihr Vater sie gezwungen, von Kindheit auf furchtlos im Sturm in die Schiffsrahen hinaufzufliegen. Oftmals drehte sie sich im Lauf und winkte mit der weißen Hand flüchtig zurück; allmählich fielen die Schatten dichter über ihr Goldhaar, und nun verschwand alles. Statt der trunkenen Seligkeit rann ein jähes Schauergefühl durch Osmund Wernekings Herz, ihm war plötzlich, als habe er sie zum letztenmal gesehen und sie komme niemals wieder zurück. Vergeblich suchte er, sich jetzt auch zur Stadt niederwendend, die unheimliche Anwandlung dieses Empfindens zu bekämpfen, seine Gedanken auf den gemeinsamen, heimlichen Zweck zu richten, den die Oldermänner des hansischen Kaufhofes mit den Vitalienbrüdern verfolgten. Es gelang ihm nicht, wonnevoll und bangend überklopfte sein Herz jede Anstrengung des Kopfes. Unter ihm lag nun im letzten Dämmern die Stadt, die Wolke war, schlüpfrig den Boden nässend, auf den Berg niedergesunken; in seiner Achtlosigkeit oftmals ausgleitend und strauchelnd, schritt er abwärts. Er hatte fast den Talrand erreicht, als er unversehens den Fuß noch stockte, der beinahe über einen dunkeln Gegenstand im Wege gestürzt wäre. Eine weibliche Gestalt lag regungslos auf der feuchten Erde ausgestreckt, wie er sich niederbückte, erkannte er zu seinem mitleidsvollen Schreck die kreideblassen Gesichtszüge Toves. Sie war vermutlich nach ihrem Brauch gegangen, um stumme Zwiesprache mit dem alten Turm von Bergenhuus zu führen, auf dem brüchigglatten Boden gefallen und ohnmächtig liegen geblieben. Als er ihren Kopf hob und ihren Namen rief, schlug sie die Augen auf und sah ihm mit einem unbeweglichen, todesstillen Blick ins Gesicht. Er fragte hastig: »Kennst du mich, Tove?« Sie antwortete nur: »Ja«, und als er besorgt weiter fragte: »hast du dich verletzt?« erwiderte sie ebenso: »Nein,« und richtete sich, wie von Frost geschüttelt, empor. Er schlang seinen Arm um ihre Schultern, sie zu stützen, doch nun sprach sie leise: »Ich kann allein gehen und will dir nicht zur Last fallen. Es war meine törichte Schuld, aber jetzt ist's vorüber und es ist mir gut.« Weiter gab sie auf keine Frage Antwort und ging, die Hände auf ihrer Brust zusammendrängend, sicher neben ihm; sie schien wieder von einem ihrer wunderlich irren Anfälle überkommen gewesen zu sein. Osmund Werneking geleitete sie nach Hause: als sie in die Tür ihrer Stube trat und er ihr nachfolgen wollte, drehte sie den Kopf gegen ihn zurück und fragte mit dem ausdrucksleeren Blick von zuvor: »Was willst du?« Noch ehe er verwundert darauf zu entgegnen vermochte, stieß Vrouke Tokkeson einen halblauten Ruf der Bestürzung aus: »Der Herr Bischof – verbergt Euch, Herr!« Es war indes zu spät, der am Nachmittag von seiner Reise Zurückgekehrte öffnete bereits die Außentür und setzte den Fuß über die Schwelle. Sichtlich überrascht heftete er den Blick auf Osmund Werneking, doch auch dieser bemaß einen Moment erstaunt den Eintretenden, von dem er sich eine durchaus andere Vorstellung entworfen hatte. Bischof Torlef war ein noch junger Mann, der kaum über die Mitte des vierten Jahrzehnts hinausgerückt sein konnte, hochgewachsen, schlank-geschmeidig in seinen Bewegungen, eher einem kühnen Söldnerführer als einem geistlichen Würdenträger gleichend. Sein Gesicht sprach mit scharf ausgeprägten Zügen, dunklen Augen und Haaren von alter Normannenabkunft, ohne indes irgendwelche Ähnlichkeit mit denjenigen Toves darzubieten; fast in seltsamem Widerspruch zu der ganzen Erscheinung lag um seine starkgewölbten Lippen, deren obere sich etwas aufbog, ein lachender Ausdruck, vielleicht weniger in Wirklichkeit, als durch das Vorschimmern der unbedeckten weißen Zähne täuschend veranlaßt. Soviel gewahrte Osmund in der unsicher flackernden Kienspanbeleuchtung, bei der Vrouke Tokkeson gesessen, trat nun, der gestrigen Mahnung der Alten eingedenk, raschbedacht gegen den Bischof hinan und sprach, daß er Tove bewußtlos am Berghang gefunden, sie nach ihrer Wohnung gefragt und hierher geleitet habe. Über das Gesicht des Bischofs Torlef ging ein schnell umgewandelter, artigst-zuvorkommender Zug, er streckte die Hand aus, erfaßte und drückte dankbar diejenige Osmunds und entgegnete: »Ihr seid ein Hanse, das bekundet, Ihr seid großmütig, menschenfreundlich und hülfsbereit, trachtet gleich den Dienern der Kirche nach dem Gebot unseres Heilands, Euch der Notdürftigen zu erbarmen. Möge der Himmel Euch gesegnen in Euren Werken und Wünschen für den Beistand, den Ihr einer Waise geleistet, deren meine geistliche Pflicht als Lehrer und Berater ihrer Verlassenheit sich väterlich angenommen. Sie leidet manchmal an einem plötzlichen Zufall, so werdet Ihr sie betroffen haben, und sie wird nun der Ruhe und meines tröstlichen Zuspruchs bedürfen, um sich ohne weitere Gefährdung rasch völlig zu erholen. Aber nehmet meinen Dank und Segen mit Euch für Euer christliches und ritterliches Tun!« Es war eine liebenswürdig eingekleidete Aufforderung, den Vater mit seiner Tochter nach ihrem Unfall und seiner langen Abwesenheit allein zu lassen. Osmund Werneking stand einen Augenblick im Begriff, dem erstem die nahe Verbindung, in die er mit ihr geraten, kundzugeben, verschob in seiner Erwägung jedoch diese Mitteilung schnell auf gelegenere Stunde und nahm von dem Bischof, dessen Behaben ihn äußerst einnehmend angemutet hatte, Abschied. Dann verneigte er sich freundlich vor Tove, die ohne Worte auf der Schwelle stehen geblieben war. Sie hatte indes ihr seltsames, wie schlafwandelndes Wesen noch nicht abgelegt und erwiderte seinen Gruß nicht; nur in ihren gegen ihn gerichteten Augen irrte ein stummes Leben, als suchten sie ihn mit dem regungslosen Blick einer tödlich betäubenden Angst festzuhalten. Er sah noch, wie der Bischof ihren Arm faßte, sie in ihre Stube hineinführte und die Tür hinter sich schloß; nun ging er, und erst die ausgestreckte Hand Vrouke Tokkesons erinnerte ihn noch an ihre Gegenwart. Ihr die gewohnte Gabe darreichend, fügte er leise hinzu: »Sorge, daß ich Tove morgen noch einmal ohne Vorwissen ihres Vaters zu sprechen vermag.« Die Alte stutzte verwundert und wiederholte: »Ihres Vaters? Welches Vaters?« Osmunds Kopf vollzog eine leicht deutende Bewegung nach der Stube des Mädchens. »Wenn du es verhehlen mußt, so tu's!« Er wollte die Außentür durchschreiten, doch nun hielt Vrouke Tokkesons knochige Hand ihn und sie flüsterte: »Glaubt Ihr, die schöne Sigburg sei des Herrn Bischofs Liebste gewesen? Da müßte sie an einem bartlosen Knaben Gefallen gehabt haben.« Ihr verrunzelter Mund lachte trocken-heiser; einen Augenblick war auch Osmund bei der jugendlichen Erscheinung Torlefs der nämliche befremdende Gedanke gekommen, und unwillkürlich erwiderte er: »Ist der Bischof nicht ihr Vater? Wer denn?« Die Alte hob sich an sein Ohr: »Ihr seid freigebig, Herr – gestern sagtet Ihr, daß Ihr es wüßtet, was sie selbst nicht weiß –« Ungeduldig befriedigte er die Habgier ihrer wieder vorgestreckten Hand. »Sprich, womit du mich belügen willst?« »Glaubt es, oder nicht, Herr, ich sprach Euch, sie stamme von edlerm Blut und sei wohl Goldes wert, denn sie ist zur Stunde noch ein Mädchen, wie die schöne Sigburg es war, ehe sie –« Vrouke Tokkeson legte die Lippen dichter an sein Ohr und raunte einige Worte hinterdrein. Dann stand Osmund Werneking halb sinnbetäubt auf der nächtig dunkel gewordenen Gasse. Der Mund der Alten hatte ihn nicht belogen, sein eigenes Auge und Ohr hatten ihm Zeugnis für die Wahrheit ihrer Aussage abgelegt. Auch Tove Sigburgdatter war nicht nur ein Königskind vom Blute Waldemars Atterdag her, sondern auch ihr Vater ein König, denn es war derselbe, dem Wilma Oldigson ihr bangendes Leben verdankte. * * * Ein Tag hatte mit nebelndem Übergang den kurzen Sommer Bergens beendet und in frühen, rauhen Herbstbeginn umgewandelt. Von schweren, jagenden Wolkenmassen fiel trübes Licht, aus Südwest her peitschte scharfer Wind in pfeifenden Stößen die bis dahin ruhige Wasserfläche des Waagfjordes, daß die Wellen weißmähnig an den düstern Felswänden und bis zum Fuß des alten Turmes König Olaf Kyrres aufklatschten. Doch Osmund Werneking freute sich des lauten Luftaufruhrs, denn dieser mußte die Ankunft der von Lübeck erharrten Kogge beschleunigen und entsprach besser als sonnige Stille seinen eigenen, sich unruhvoll überstürzenden Gedanken. Alles Trachten in ihm vereinigte sich zu dem einzigen Begehren, mit Wilma Oldigson auf sicherm Schiffe Bergen hinter seinem Rücken zu lassen, das zumal jetzt unter der bleiernen Himmelsdecke ihn mit dem steten Erneuern einer unheimlichen Empfindung ansah. Er fühlte sich fremd wie am ersten Tage in der wilden nordischen Welt, zwischen deren starrenden Abgründen unbekannte, heimliche, lichtscheue Pläne lauerten, denen er nach seiner Sendpflicht entgegenzuwirken ohnmächtig und verlassen dastand. Gar anders offenbar noch, als man zu Lübeck vermutete, handelten hier die Leiter des hansischen Kaufhofes in Gemeinsamkeit mit den Schustern nach eigenem Gutdünken und Verlangen, setzten im stillen gleichgültig und selbstherrlich ihre Absichten den Vorschriften des Städtebundes entgegen. Osmund wollte für die nur noch kurze Dauer seines Aufenthaltes nicht in Erfahrung bringen, was zu hindern doch nicht in seinen Kräften liegen konnte; seiner Aufgabe hatte er genügt, um ausreichend Bericht an der Trave über den Zustand in Bergen abzustatten. Er vermied, mit Tiedemann Steen und den andern Oldermännern zusammenzutreffen, spann sich nur in sorgliche Erwägung dessen, was ihm für sich selbst zu tun oblag, ein. Schon in der Nacht hatte er bereut, der Furchtsamkeit Wilmas vor ihrem Vater nachgegeben und sie nochmals auf das Piratenschiff zurückgelassen zu haben. Er sagte sich, welcherlei Grund die Oberherren des Kaufhofes besitzen möchten, den Wünschen der Vitalienbrüder zu willfahren, so würden sie es dennoch nicht wagen, ihm seine Braut offen, gewaltsam zu entreißen, wenn das Schreiben Herrn Marquart Pleskows ihn als Vollmachtsabgesandten des Lübecker Rates kundgebe, und er faßte den Entschluß, Wilma bei der heutigen Zusammenkunft unweigerlich mit sich zur Stadt herunterzuführen, für die voraussichtlich nur noch wenigen Tage an geeigneter Stelle zu verbergen. Als solch passendster Ort erschien ihm die Wohnung ihrer unbekannten Halbschwester, wo er sie obendrein unter den Schutz des Bischofs stellen konnte, der sich Toves elternloser Verlassenheit in so christlich-menschlicher Warmherzigkeit erbarmt und ohne verknüpfende Bande des Blutes zwischen ihm und ihr die fremde Waise in seine väterlich sorgende Obhut genommen hatte. Dort vermochte Wilma, wenn sie an Höhe der Gestalt auch den kindlich-schmächtigen Wuchs Toves beträchtlich überragte, doch von der letztern die Kleider ihres Geschlechtes anzulegen, und vielleicht – das Herz des Nachdenkenden klopfte stürmisch auf – ward es möglich, daß der Bischof während des Aufenthaltes die priesterliche Weihe über ihre Verbindung sprach und er sie schon als sein junges Eheweib mit sich zur Rückfahrt nach Wismar aufs Meer hinausnahm. Dann begleitete Tove sie, die keinen Vater verließ, der Rechte an sie besaß und mit Liebe an ihr hing, zog an der Seite ihrer Schwester in die einzige wirkliche Heimat, welche die Erde ihr bot. Ein Wogen des Glückes erfüllte Osmund Wernekings Brust, er konnte den Nachmittag kaum erwarten, um sich zur Ausführung des ersten Schrittes seiner reiflich überdachten Pläne auf den Weg zu machen. Der Wind steigerte sich noch mehr und mehr und trieb ihn wie mit breiter, stützender Handfläche den Berg hinan und weiter über die Steinhalden, so daß er, gleichsam von äußern und innern Flügeln fortgetragen, schneller als sonst sein Ziel erreichte. Wilma befand sich noch nicht dort; wohl eine Stunde verging, aber sie kam nicht. Er stand lauschend am Rande ihres Abstiegs, doch nur der Wind wirbelte sich unter ihm winselnd und stöhnend in die dunkle Felskluft hinab; von immer quälenderer Unruhe gepackt, setzte er halb unbewußt den Fuß weiter vor und ließ sich über die Steinzacken, die eine Art von der Natur ausgehöhlter Treppe bildeten, nieder. Innerlich mußte er über die behende Gewandtheit und den Mut des Mädchens staunen, das diesen Weg ausgekundschaftet und täglich furchtlos zurückgelegt, um droben eine Stunde in der Einsamkeit und im Licht des Sonnenunterganges verweilen zu können; fast überall stürzte ein Fehltritt auf den schmalen Stufenvorsprüngen unrettbar in den Abgrund. Von seiner drängenden Hast getrieben, sah er jedoch eher, als er erwartet, das Wasser des schmalen Nords unter seinen Füßen und sich unverkennbar auf die ebene Felsbank niedergelangt, die ihn weiter rechtshin in der Nacht zum Ankerplatz des Schiffes entlang geführt hatte. Behutsam verfolgte er die Richtung bis zu der ihm bekannten Stelle, wo die hoch überragende Wand scheinbar den Weg versperrte. Dort harrte er wiederum geraume Weile, doch zuletzt duldete der angstvolle Schlag seines Herzens keine Untätigkeit mehr. Es pochte ihm, daß alles gleich sei, nur zu ihr müsse er – gleichgültig, ob er entdeckt werde und sein Leben nur durch einen Eidschwur retten könne, selbst für immer als Seeräuber mit auf dem Schiffe zu verbleiben – und vorschreitend, bog er den Kopf um den jähen Felsrand, an dem die wachsamen Wolfsrüden ihm entgegengefahren. Da lag rundum nur ödes, leeres, wind- und wellenumbraustes Geklipp vor ihm, die Piratensnigge war aus dem Fjord verschwunden. Das war's gewesen, was sein Herz gestern mit einem kalten Schauer durchrüttelt, als die Schatten über sie gefallen und ihr goldenes Haar seinen Augen entrückt – er hatte sie zum letztenmal gesehen. Es war Abend, als Osmund Werneking halb der Besinnung bar, wieder in Bergen eintraf. Mechanisch trug sein Fuß ihn nach dem Hause Toves, er wußte nicht, was er dort wollte, aber er konnte das einsame Brüten seiner Gedanken nicht länger ertragen, mußte die Stimme eines andern Menschen hören, mit ihm reden, um der unablässigen Selbstanklage seines Herzens, daß er Wilma gestern mit frevelhafter Torheit von sich gelassen, zu entrinnen. Zweifellos hatten ihre Schiffsgenossen sie bei dem günstigen Wind so plötzlich mit dem Entscheid, ins Meer auszulaufen, überrascht, daß ein Davonkommen ans Ufer ihr nicht mehr möglich gefallen. Der Wind schwoll immer mehr zum Sturm; auch das, sie in der Nähe der Schären auf der wütenden See zu wissen, betäubte Osmund mit sinnberaubender Angst. Nun stand er vor dem Hause Toves, es fiel kein Lichtschein heraus, er faßte die Tür und trat hinein, drinnen empfing ihn lautlose Stille, keine Kohlen glommen auf dem Herd. Ebenso verlassen sah in der tiefen Dämmerung die Stube des Mädchens ihn an; unbewegt stand alles wie sonst um ihn, doch die Bewohnerin war daraus verschwunden, gleichwie Wilma Oldigson drüben aus dem Fjord. Ungewohnt schimmerte nur etwas Weißes vom Boden, als er sich danach bückte, erwies es sich als Stücke des kunstvollen Elfenbeinkruzifixes. Dies mußte von der Wand herabgefallen sein; auffällig war, daß es in so viele Scherben zersprungen, wie wenn ein Fuß sich darauf gesetzt und es absichtlich zertrümmert habe. Doch Osmund Werneking verweilte mit keinerlei Nachsinnen dabei. Wohin waren Tove und Vrouke Tokkeson? Alles regte den Eindruck, daß die beiden Räume des Hauses schon den Tag hindurch so vereinsamt dagelegen. Er schritt wieder hinaus, mühsam gegen den wachsenden Sturm, der das Holzgebälk der normännischen Gebäude rüttelte, daß ein unausgesetztes Knattern und Krachen die Gassen durchlief. Im Dunkel streiften ihn fast zwei eilfertig ausschreitende Männergestalten. »Die Nacht wird gut,« sagte der eine; der andere erwiderte lachend: »Gebe der Himmel bessern Tag danach, die Schrift sagt, seid früh wachsam und betet!« Ihr Schritt verklang rasch in dem Getöse umher; der Bischof Torlef hatte das letztere entgegnet, auch die Stimme des ersten hatte Osmund schon einmal vernommen. Ohne daß er darüber dachte, rief sie ihm im Ohr das Gedächtnis wach, es war Herr Oluf Nielsen, der Stadtvogt Königs Christoph zu Bergen gewesen. Der zum Kaufhof zurück Trachtende ging weiter, kurz danach schlug aus der Höhe ein Holzdach dicht vor ihm auf den Weg herunter. Unwillkürlich bog er gegen das Gebäude an der andern Seite hinüber, hielt jedoch im nächsten Augenblick an und sprach laut: »Wozu? Hätt' es mich getroffen, wäre die Qual vorüber.« Aber noch ins letzte Wort traf dichther ein Ruf seines Namens ihm ans Ohr, daß sein Kopf mit einem plötzlichen Ruck herumflog. Wie die Stimme Wilmas hatte es geklungen; über sich, in offener Fensterhöhlung eines größeren Hauses, gewahrte er den weißlichen Schimmer eines Gesichts, von dem es jetzt gedämpft niedersprach: »Du bist's!« Da war es der täuschende Stimmenklang Toves, er erwiderte: »Ich habe dich gesucht, wie kommst du hierher?« Dann erkannte er die Wohnung des Bischofs Torlef und fügte drein: »Warum bist du hier?« Doch der ungewiß rinnende Schein des Antlitzes gab hastig geflüsterte Antwort: »Geh – daß er dich nicht sieht!« »Wer soll mich nicht sehen?« Ihm entflog schwermütig von den Lippen: »Komm mit mir, Tove, und bleib bei mir, ich bin so allein und fürchte mich vor der Nacht.« »Du fürchtest dich? – ich tu's mehr.« Es kam von ihrem unsichtbaren Munde mit dem klagend irren Ton, an dem man hörte, daß ein Schaudern ihre Glieder durchrüttele. Sie stand einen Augenblick verstummt, dann wiederholte sie geheimnisvoll raunend: »Geh – hüte dich vor dem Sturm! Er will über uns – ich muß hier bleiben – ich muß wissen, eh' der Morgen kommt, was er will – um jeden Preis –« Die sinnlose Unverständlichkeit der Worte, der Klang ihrer Stimme redeten Osmund Werneking, daß vermutlich der wilde Aufruhr des Himmels und der Erde einen Anfall ihrer Gemütsirre über sie gebracht. Auch sein Kopf war dumpfverworren, er entgegnete: »So leg' dich zum Schlaf, Tove, und hab' bessere Nacht als ich.« Osmund wandte den Fuß, doch nun scholl noch einmal der Ruf seines Namens, und danach stießen die Lippen des Mädchens hervor: »Du gehst – ?« Eine namenlose, flehende Angst zitterte aus der Frage und drehte ihm nochmals die Stirn. »Was soll ich?« erwiderte er. »Du heißt mich ja gehen!« Sie murmelte, »Nichts – der Sturm kommt – du kannst mir nicht helfen!« Etwas lauter fragte sie drein: »Bist du im Lübecker Garten heut nacht?« »Wo sollt' ich sonst sein?« »So leb' wohl, Osmund –« »Warum fragst du?« versetzte er unwillkürlich, doch wie er aufblickte, war der Schimmer in der schwarzen Fensterhöhlung verschwunden. Der umdunkelte Geisteszustand Toves tat ihm weh, aber das Bangen und Schmerzgefühl seines eigenen Herzens überdrängten die Regung des Mitleids in ihm. Vergeblich die Gedanken seines Kopfes umwälzend, wie den ganzen Nachmittag hindurch, setzte er den Weg zum Kaufhof fort. Auf der Brücke über die Elligaa faßte der Wind ihn, daß er sich nur mit Anstrengung zu halten vermochte; es konnte noch kaum über die neunte Abendstunde hinaus sein, doch in der Schustergasse war es ungewöhnlich leer und geräuschlos. Unangefochten ruhig gingen hier und dort die englischen und niederländischen Kaufleute ihren Behausungen zu, nur an einer Stelle vertrat eine kleine lärmende Rotte trunkener Schuster einigen mit dem üblichen Hohn und Schimpf den Weg. Aber gleich darauf tönten die Stimmen mehrerer hansischer Oldermänner drein, die der Zufall noch auf die Gasse hinausgeführt haben mußte. Gebieterisch, mit scharfem Tadel und unter Drohung schwerer Strafe verwiesen sie den Ruhestörern ihren Angriff auf die friedfertigen Außenhansen, einer zog sogar sein Schwert und trieb mit flachen Klingenhieben den metberauschten, unbotmäßigen Haufen auseinander. Diese strenge Aufrechterhaltung der Ordnung, Straßensicherheit und Gerechtsame der nichtdeutschen Handeltreibenden durch die hochfahrenden, hansischen Oldermänner selbst hätte unter gewöhnlichen Umständen für Osmund Werneking etwas Auffälliges und Befremdendes besessen, jetzt schritt er gedankenlos dran vorüber. Ein feiner Staubregen begann herabzusprühen, als er den Kaufhof erreichte; auch in diesem ging es außergewöhnlich still zu, er vernahm vom Schütting her die Stimme Herrn Tiedemann Steens, der frühes Auslöschen des Feuers und der Lampen in der Sturmnacht gebot. Ohne Aufenthalt begab er sich vorbei auf seine Stube, suchte im Dunkel tastend sein Lager und warf sich hin. Das Gehirn schmerzte ihm von fruchtlos peinigender Anstrengung, er wollte nicht mehr denken, nur schlafen, einige Stunden vergessende Ruhe. Aber diese kam ihm nicht, Körper und Seele befanden sich in gleicher fieberhafter Erregung. Das Gebälk um ihn rüttelte, knisterte und krachte unter der Wucht heulender Sturmflöße, jeder Ton, jede Erschütterung pflanzten sich in seinem Kopf fort und riefen dort Bilder, Empfindungen, Gedankenketten wach. Seine Hand zog das Bärenfell dichter über sich, die Berührung desselben mit seinem Gesicht weckte ihm das Gedächtnis an Tove, wie sie drin eingehüllt drüben auf der Bank gesessen. Er gewahrte sie vor sich, nun hier, nun dort, in der Mondnacht, regungslos am Berghang hingestürzt, hörte sie mit klagender Stimme reden und sah sie zusammenschaudern. Als ein Einschlag der Fäden seines Hirns kreuzte ihm plötzlich die Frage dazwischen: Weshalb hatte sie ihre Wohnung verlassen und war im Hause des Bischofs? Ab und zu mußte ein flüchtiger Halbtraum über ihn geraten, denn jetzt ward er sich bewußt, daß ein sinnloses Bild vor seinen Augen gegaukelt. Tove hatte in ihrer Stube gestanden, das kostbare Elfenbeinkruzifix von der Wand gerissen, auf den Estrich niedergeschmettert und in irrer Anwandlung mit todbleichem Gesicht gewaltsam den Fuß darauf gestoßen, daß die Trümmer umherflogen. Nun war er wieder voll wach, doch noch immer unter dem Zwang des Traumgebildes, das seine Vorstellung an ihr festhielt, ihn willenlos trieb, ihr zu folgen, sie zu suchen. Wo befand sie sich in diesem Augenblick und was tat sie? Einen Moment antwortete vernünftige Besinnung in ihm: Sie schläft – was sonst? Hoffentlich hat ihr armer Kopf besser Ruhe als meiner. Aber schon drängte die Einbildung wieder phantastische Fieberverworrenheit drüber. Seine geschlossenen Augen hatten sie in einem fremden Raum gefunden, jemand stand neben ihr, dem sie mit todesangstvollem Blick schaudernd ins Gesicht sah. Er streckte die Hand nach ihr und sprach: »Es ist dein Los, du mußt die Schuld deiner Urmutter sühnen; heut kannst du's, morgen ist es zu spät.« Nun hob sie langsam die geisterhaft blutlosen Lippen zu ihm empor – da flackerte ein Kienspan von einem Sturmstoß heller auf, und es war nicht Tove, sondern Wilma Oldigson, die in jungfräulichen Gewändern und mit blühenden Wangen vor dem Bischof Torlef kniete. Segnend legte er ihr die Hand auf das bekränzte Goldhaar und Osmund selbst kniete mit an ihrer Seite – aber im Nu zerstob alles, der Sturm hatte das Haus zusammengebrochen, Himmel und Erde waren verschwunden, ringsum nur ein weißschäumendes, zischendes, wutbrüllendes Meer. Fast im Gischt und Geifer verschwindend, schoß ein Schiff mit braunrotem Segelwerk über die schnaubenden Wogenkämme, darauf stand Bartholomes Voet mit Oluf Nielsen Arm in Arm, der narrenhafte Dänenkönig streckte gebieterisch die Hand und rief den Wellen zu: »Ich bin euer Herr, küsset meine Schuhe!« und vorn am Bug schrie Wisimar Werneking: »Wo bist du, Detmar? Komm mit, wenn unseres Altervaters Blut in dir ist!« Doch nun kam berghoch eine Woge, schlug bis zum Mastkorb hinan, Geschrei brach auf: »Wir sind in den Schären!« Aus den Rahen riß die gierige Wassermasse den blonden Scheitel Wilma Oldigsons mit in die schlingende Tiefe – Mit einem Schrei flog Osmund Werneking aus seinem Angsttraum vom Lager in die Höh'. Ein erstes falbes Morgengrau hellte mattdämmernd seine Stube, im Hause um ihn war alles lautlos, der Sturm schien etwas in seiner Kraft gebrochen. Mechanisch öffnete der Aufgesprungene die Vorsatzluke seines Fensters, um aus erschöpfter Brust tief in die Luft hinauszuatmen, da gaukelte ihm noch immer das letzte Traumbild vor dem Blick. Schräg niedergebogen lief draußen das Schiff mit den braunroten Segeln im trüben Licht gegen die Hafenbrüstung der Stadt, einige Sekunden hielten seine Wimpern sich starr darauf gerichtet, dann zerriß ein jäher Herzschlag ihm den nebelnden Schleier vor den Augen. Er träumte nicht mehr, es war Wirklichkeit, daß die Snigge der Vitalienbrüder dort schon dicht unter der Felswand heranflog, ein rotes Etwas stach noch unerkennbar aus dem dunkeln Vorderdeck ab. In besinnungslosem Übermaß einer ersten Glücksempfindung stürzte Osmund zur Tür, am Flurabsatz der Treppe stand Herr Tiedemann Steen und blickte gleichfalls auf den Hafen hinaus. Nun wandte er überrascht den Kopf, der junge Patrizier eilte achtlos vorüber, doch der Oldermann schwang sich ihm jetzt mit einem plötzlichen Sprunge nach, erfaßte seinen Arm und stieß aus: »Was wollt Ihr?« Das erst brachte Osmund eine Verknüpfung von Gedanken zurück, er erwiderte hastig: »Weshalb kommen sie hierher? Wie dürfen sie's wagen? Ihr habt sie auch gesehen –« Er wollte fort, aber Tiedemann Steen hielt ihn und versetzte ruhig: »Wen meint Ihr, Herr Werneking? Ihr seid zu früh aufgestanden und noch im Schlaf, legt Euch wieder zur Ruh. Ich sehe nichts, was uns angeht; es ist möglich, daß der Morgen einige Gäste für die engelländischen und niederländischen Kaufleute bringt und daß es bei ihren Höfen etwas laut zugehen wird. Das ist keine Sache, uns drein zu mischen.« Ein Blitz erhellte Osmund Werneking plötzlich die geheime Verbindung der Oldermänner des Kaufhofs mit den Piraten. Sie hatten diesen verstauet, vielleicht sogar sie mit Lohn gedungen, um die Handels-Alleinherrschaft in Bergen an sich zu reißen, die Außenhansen räuberisch zu überfallen, ihre Schiffe und Häuser zu zerstören, sie selbst bei der Verteidigung ihrer Habe niederzumachen, und Osmund warf es Tiedemann Steen ins Gesicht: »Ihr habt sie ruchlos den Seeräubern preisgegeben, habt den Schein gewahrt, als hütetet Ihr Sicherheit und Recht, und waschet Eure Hände in Unschuld –« Doch der Oldermann fiel ihm kalt ins Wort: »Hebet Eure Stimme nicht so laut und kümmert Euch nicht um Dinge, die Ihr nicht zu fassen vermögt! Wir tun keinem Gewalt, aber sollen wir der Außenhansen Behüter sein? Sie mögen sich selber schützen.« Einen Herzschlag lang durchschnitt die Brust Osmund Wernekings aus einer andern, ihm erst jetzt auflodernden Erkenntnis ein qualvoller Kampf. Wenn er die Schlafenden weckte, als Gegner den Raubzug der Likedeeler zu hindern suchte, war jede Hoffnung, Wilma wieder zu finden, für ihn verloren. Sonst vermochte er in dem vorauszusehenden Getümmel mutmaßlich ihr zu nahen, ein Zeichen zu geben, daß sie unvermerkt zu ihm, mit ihm entfloh – irgendwohin in Berge und Klippen. – Doch nur mit einem Zucken des Herzens schwankte er, dann hatte seine Pflicht gesiegt. Er stieß den Oldermann kraftvoll zurück, riß sein Schwert von der Hüfte und stürzte mit dem lauten Ruf: »Hansen! Hansen!« durch den Kaufhof auf die Gasse hinaus. Tiedemann Steen eilte ihm nach, in wenig Augenblicken fuhren hier und dort einzelne deutsche Kaufgesellen und Gewerksleute aus den Türen. Ein Fragen und Rufen scholl herum, auch andere Oldermänner kamen, zornig in das Gelärm fahrend und Stille gebietend, herzu. Aber die Stimme Osmunds überhallte sie: »Mit mir! Ein Seeräuberschiff landet drüben!« Seine Hand riß das Ratsschreiben Lübecks hervor und hob es entfaltet in die Luft. »Bei eurer hansischen Pflicht! Lest! Jeder hat meinem Gebot zu folgen!« Herr Tiedemann Steen nahm das Schreiben, überflog den Inhalt und reichte es gelassen zurück. Achselzuckend sprach er dazu: »Ihr seid jung, Herr Werneking, und leset, was auf dem Papier steht. Wäret Ihr älter, würden Eure Augen weiter durch das Blatt hindurchschauen. Doch sorget nicht, daß jemand die Ehrfurcht vor der Schrift in Eurer Hand verletzt und Euch hindert, Euer Gebot zu künden. Ihr habt zu befehlen – tut's!« Gleichmütig wandte er sich zur Seite, doch mit schnellem Blick erkannte der junge Vollmachtsinhaber des Lübecker Rates, daß er nirgendwo unter dem anwachsenden Haufen auf Gehorsam zu rechnen vermöge. Von den Oldermännern hurtig belehrt, zuckten auch die Umstehenden lachend und spöttisch die Achseln, eine Stimme rief: »Legt euch wieder auf die Bank! Ein Narr, wer uns darum von der Bärenhaut aufgeschrien!« »So lass' ich allein nicht feigen Schimpf und Niedertracht auf der deutschen Hanse!« stieß Osmund Werneking aus, und er hob jetzt rasch den Fuß, ohne weitere Beihülfe den noch ahnungslos schlafenden Außenhansen Kunde von ihrer Bedrohung und den Beistand seines Armes zu bringen. Aber unwillkürlich stutzte er beim ersten Schritt, ein wirres Getöse kam zum erstenmal drüben her durch die graue Luft, doch nicht von den Höfen der Engländer und Niederländer, sondern aus der Richtung der Schustergasse. Und zugleich flog windflatternd etwas gegen Osmund heran, eine weibliche Gestalt mit schwarzem Haar und irren Augen im blutlosen Gesicht, daß es ihn wundersam durchfuhr, so müsse Witta Holmfeld einst auf der Sanddüne von Falsterbo auf Waldemar Atterdag zugeeilt und vor ihm niedergestürzt sein. Dann erkannte er Tove, sie lief mit dem Aufgebot letzter Kraft und rang aus keuchender Brust: »Rettet Euch! Ihr seid verraten von Oluf Nielson und Bischof Torlef! Die Normänner kommen, König Christophs Waffenknechte im Bunde mit Seeräubern, euch wehrlos zu überfallen und alle Hansen niederzumachen. Ich wußte es schon – heut nacht – ich konnte nicht eher –« Taumelnd brach sie vor Osmund Wernekings Füßen zu Boden, lauteres Geschrei scholl von der Schustergasse und zugleich an der Brücke Waffengeklirr der anlandenden Piraten, die nicht den Häusern der Außenhansen, sondern den deutschen Gärten zustürmten. Das war Herr Tiedemann Steens ›Torheit‹ gewesen, die Wilma Oldigson undeutlich geahnt. Ein Augenblick tatlos verwirrenden Schrecks trat ein, ehe die Oldermänner gefaßt, daß sie selbst überlistet worden und in die verräterische Grube gefallen, die sie ihren Mitbewerbern am nordischen Handel zu bereiten gedacht. Dann stürzte alles mit gellem Aufschrei durcheinander: »Waffen! Hansen! Verrat! In die Gärten! Verrammelt die Türen!« An einen geordneten Zusammenschluß der deutschen Wehrkräfte war nicht mehr zu denken. Wachsendes Getobe in der Schustergasse lehrte, daß die heimlich bei Nacht herangekommenen Königssöldner dort unvermerkt die Gewerksleute überrascht und zur Einzelverteidigung ihrer Häuser gezwungen. Vom Ufer her drängten die Vitalienbrüder – Osmund Werneking hatte einen suchenden Blick umhergeworfen und rief jetzt: »Nicht in die Gärten! Nach Bergenhuus, daß wir einen festen Halt haben, um die Zersprengten aufzunehmen!« Sein Auge glitt über Tove, die ohnmächtig regungslos am Boden lag, er raffte sie in der nächsten Sekunde wie ein Kind auf und lief mit ihr gegen die hohen Mauern der alten Burg. Ungefähr ein Dutzend der umher befindlichen Hansen fiel in seinen Ruf ein: »Nach Bergenhuus!« und folgte ihm. Von da und dort eilten einzelne Flüchtlinge hinzu; als sie das nahbelegene Schloß erreichten, war ihre Zahl auf das Doppelte gewachsen. Osmund trug das Mädchen hinter den Schutz der Mauern und flog ans Tor zurück. »Wir müssen Wacht halten, was von den Unsrigen in die Nähe kommt, zu sammeln!« Sein Gedanke war darauf gerichtet, eine größere Schar zu vereinigen, um mit ihrer geschlossenen Kraft wieder hervorbrechen und den Bedrängten in den Gärten zu Hülfe kommen zu können. So warteten sie, um noch andere, planlos Herumirrende an sich zu rufen, mehrere Minuten lang mit günstigem Erfolg. Aber dann mußten sie auf ihre eigene Sicherheit bedacht sein: von Norden her wälzte sich jetzt ein Teil der Dänen und Normänner mit Oluf Nielsen als Anführer, auf der andern Seite tönte das rauhkehlige Gebrüll der Likedeeler näher. Zwischen ihnen ragte mit sturmflatterndem Purpurmantel über der Eisenrüstung König Erich, der Pommer. Er schwang sein breites Schwert hoch auf und schrie: »Ich ergreife Besitz von meinem Reich! Mir gehört alles, was tot und lebendig ist! Einen Goldgulden für jeden Hansenkopf, den ihr mir vor die Füße legt! Ich bin nicht gnädig heut!« Weithin war der lange, weiße Bart Bartholomes Boets erkennbar, der mit einer Schar von Seeräubern sich auf den Bremer Garten stürzte. »Fackeln hinein!« rief er. »Räuchert den Stockfischen das Fleisch an den Gräten! Ich bin zum drittenmal in Bergen zum Besuch und weiß, der Rauch beizt ihnen die Dorschaugen am besten!« Dichter gegeneinander tobte das Geschrei der Verbündeten: »Rache für die bunte Kuh, für Göttke Michaels und Klaus Stortebeker! – Auf den Rost mit den Garpen! Bratet sie in ihrem eigenen Fett und schmeißt sie den Wölfen zum Fraß, wenn sie Garpenfleisch anrühren!« Wild-unauslöschlicher Haß der Normänner gegen die Hansen gellte von jeder Zunge, schadenfroher Hohn aus den Kehlen der Vitalier. Ein Haufe der letzteren stürmte nun gegen Bergenhuus, und Osmund Werneking gebot: »Schließt das Tor, zurück auf die Mauern!« Das Eichengebälk der schweren Torflügel krachte donnernd zu, und die Verteidiger flogen zur Brüstung der auf einer Seite vom Wasser geschützten Burg empor. Trotzighoch und unbezwinglich stieg das alte Gemäuer mit dem Turm Olaf Kyrres in die Luft, die Hansen rafften Gestein und Balkenwerk, um es auf die Piraten niederzuschleudern. Diesen vorauf lief eine mächtige, grauhaarig umwirbelte Gestalt und riß eine andere, kleinere an der Hand nach sich. Dann schrie es plötzlich hinauf: »Osmund Werneking, bist du droben? Was stehst du, Narrensohn deines Vaters, und siehst nicht!« Der Gerufene fuhr jählings herum und unter sich in der Tiefe gewahrte er seinen Oheim Wisimar und neben ihm das unbedeckte, blonde Haupt Wilma Oldigsons. Atemberaubt starrte er wortlos hinunter; der Seeräuber herrschte ihn an: »Gaffe nicht mit blöden Augen! Das Tor auf, eh' der Diamantendieb uns nachkommt! Ich bringe dir deinen Schatz!« Besinnungslos machte Osmund einen Schritt, der Aufforderung Folge zu leisten, doch die Hansen drängten sich mit Geschrei gegen ihn: »Haltet ihn! Er ist toll! Er will das Tor öffnen!« »Die Normänner haben recht, lüb'sche Garpen seid ihr!« stieß Wisimar Werneking ingrimmig aus. »So werft einen Strick, wenn euch die Knochen um eure feigen Kehlen klappern! Aber hurtig!« »Einen Strick!« wiederholte Osmund Werneking fast gedankenlos, und es war günstig, daß eine Anzahl aufgerollter Ankerschiffstaue zwischen anderm Seefahrtsgerät unter einem Holzdach dalagen. Das Hinabwerfen eines solchen konnte jedenfalls keine Gefahr bieten, und obzwar die übrigen Verteidiger der Burg von dem Vorgang nichts begriffen, schleuderten sie auf das Geheiß ihres Führers eines der dicken Taue hinunter. »Nun haltet sicher!« rief's von drunten, doch zugleich stieß Osmund, jetzt erst zur Besinnung erwachend, mit tödlichem Schreck aus: »Was wollt Ihr? Unmöglich! Laßt ab!« Aber der Likedeeler lachte zu seiner Angst: »Pah, die klettert mit den Katzen!« – im selben Augenblick faßte Wilma Oldigson den Strick und schwang sich furchtlos-behend an der haushohen Felsenmauer empor, während er, die Hand schwenkend, nachrief: »Fahr wohl, Osmund Werneking! Wir sahen uns einmal, dran haben wir beide Genüge, denk' ich. Ich tat's nicht um dich, sondern dem Narrenkönig seinen Spaß zu vergelten. Kommt Ihr lebendig in die Tintenstube von Wismar zurück, da heißet Euren Ersten Wisimar und lehrt ihn, die Knochen seines Älterohms ehren, ob von Vögeln abgenagt am Rad, oder von Fischen am Meergrund! Flieg, Seeschwalbe, und küsse ihm besseres Blut ein! Könnt' ich seinen Backenflaum tauschen, so hätt'st du mich geküßt, nicht ihn! – Kommt! Hier ducken Hasen hinterm Stein! Wir wollen zu den Garpengärten und ihnen kochen helfen!« Noch einmal spöttisch auflachend, schwenkte der Seeräuber mit seinem ihm willenlos botmäßigen Schwarm gegen die hansischen Kaufhöfe ab. Osmund Werneking hatte von seinem letzten Zuruf nichts vernommen, nur die krampfhaft angeschwollenen Hände mit um das Tau geklammert, das Wilma Oldigson schwebend über der Tiefe trug. Er atmete nicht, sah nichts, fühlte nur an dem Rütteln des Strickes, daß sie näher kam. Da griffen ihre weißen Hände den Mauerrand, ihre Füße suchten auf winzigem Vorsprung des Felsens einen Stützpunkt, sie ließ das Tau fahren und schwang sich wie auf Möwenflügeln über die Brüstung. Noch kaum seinen Sinnen vertrauend, hielt er sie in den Armen, keine Miene an ihr verriet, daß sie der Todesgefahr gedacht, der sie Trotz geboten, doch sie lachte und schluchzte vor anderer, herzklopfend überwältigender Erregung. »Glaub's ihm nicht – es ist Menschliches in ihm – ob er's ableugnet, er hat's um dich getan und um mich. Ich sprach's ihm in meiner Verzweiflung, als unser Schiff plötzlich die Anker aufrollte – ich konnt's nicht anders – und sein Falkenauge sah dich schon von weitem hier am Tor –« Weltvergessen tauschten sie hastige, zusammenhanglose Worte, die Hansen umher gafften müßig-neugierig drein. Erst als Wilma den Oberrand der Mauer erreicht, hatten sie erkannt, daß der Flüchtling, der in unverständlicher Weise von einem der Piraten zu ihnen hinaufgerettet worden, ein Mädchen in Schiffertracht sei. Nun bewunderten sie den Mut, die Gewandtheit und Schönheit desselben; selbst von den Felswänden der Burg vor dem Angriff gesichert, vermochte ihre geringe Zahl draußen keine Hülfe zu bringen, und untätig zuschauend standen sie. Überallhin hallte Kampf- und Stimmengetöse. Drüben begegnete Wisimar Werneking jetzt dem König Erich und rief lachend im Vorbeistürzen: »Ich habe das beste von Euren Reichskleinoden in einer Brautkammer verwahrt, Herr Viking, doch getröstet Euch, es ist keiner von Euren kostbaren Steinen, sondern nur einer, den Ihr mit dem Fuß zu stoßen Spaß pflegt! Kommet mit, daß wir uns höflich betragen und Herrn Tiedemann Steen seinen Besuch erwidern!« Er trieb seine Genossen zur Eile, die versäumte Zeit nachzuholen, wider den Lübecker Garten; alles hatte sich mit traumartig unglaublicher Schnelligkeit zugetragen, seitdem Osmund Werneking vom Schlaf aufgefahren, konnte noch kaum mehr als eine Viertelstunde verronnen sein. Nun stand er, Wilmas Hand haltend, und mußte machtlos dem ringsum weiter schreitenden Verderben zuschauen. Gesammelt wäre die Kraft der Hansen ihren zwiefachen Gegnern weit überlegen gewesen, doch in lauter zusammenschlußlose kleinste Teile aufgelöst, blieb ihnen keine Aussicht auf den Sieg. Nur die nach Bergenhuus Geflüchteten waren noch gerade durch Toves Warnruf gerettet worden; sie sah und hörte nichts mehr von allem, ohnmächtig lag sie in der Halle der Burg auf einer Ruhbank, wohin Osmund sie hastig niedergelegt. Vorderhand befand er sich mit Wilma Oldigson in sicherm Schutz, doch der vorausschweifende Gedanke sagte ihm, nur für geringe Frist. Bald mußten die Häuser der Schustergasse, spätestens in einer Stunde auch die festeren Gärten erstürmt sein – schon loderte drüben ein Flammenschein auf – und ehe der Tag voll angebrochen, lag unfraglich hoffnungslos der hansische Kaufhof Bergens unter Asche und Blut seiner Bewohner verschüttet. Da plötzlich kommt etwas, noch von keinem Blick gesehen, drüben an den gischtumsprühten Felswänden des Waagfjordes durch die nebeltrübe Luft. Breit, schwarzrumpfig, wie ein Walfisch, mit dem Wind und Welle peitschend spielt. Doch hoch über ihm flattert es farbig im Sturm – nun ein zweiter – nun vier. Lübecker Orlogskoggen sind's, kein Zollbreit ihres mächtigen Segelwerks bauscht nicht im Wind. Sie rennen gegen die Brücke heran wie ein blind vorwärts stürzendes Schwarzwildrudel, achtlos vor Klippen und Landungsgefahr. Auf ihren Kastellen starrt, klirrt, funkelt es von Waffen, mit schütterndem Stoß packten sie das Ufer, rasselt es von den Schiffsdecken. Der sprühende Brand des Bremer Gartens hat ihre Hast noch verdoppelt; im Hansesaal an der Trave aber hat der Rat einmal wieder »gewußt, was die andern nicht wissen«. Dann sind sie da, in einem Nu zu wuchtigen, schwergepanzerten Gliedern geballt, und das Ohr meldet sie fast eher als das Auge. »Dudische Hanse!« und Speer, Schwert und Streitaxt wüten schon unter den Vordersten der Bedränger der deutschen Kaufhöfe, ehe die Hinteren noch von einer Ahnung der jähen Umwendung erfaßt worden. Und kurz nur ist der Kampf, wie sie diese erkennen; zwiefache, niederstampfende Übermacht steht gegen sie. Aus den unerwartet befreiten Gärten brechen die Hansen gewaffnet mit hervor, mit seiner angesammelten Schar stürzt Osmund Werneking in den Rücken der Normannen und Dänen. Doch Oluf Nielsen kämpft mit störrischem Bärentrotz gegen die zu Tod Gehaßten, bis ein Lanzenstoß seine Brust trifft und die Spitze ihm im Rücken wieder hervortreibt. Da wenden sich die Seinigen zu wirrer Flucht; auch die Hälfte der Seeräuber deckt den Boden. Von einem heißen Dankgefühl getrieben, sucht Osmund Werneking in dem Getümmel nach seinem Oheim, ihm in der Not vielleicht seine Hülfe vergelten zu können, doch umsonst. Dann atmet er befreit auf; seitwärts am Ufer sieht er braunrote Segel im Winde flattern, der Rest der Piraten hat, der zerdrückenden Übergewalt weichend, sich an ihr Schiff durchgeschlagen. Vom Deck gewahrt er den Purpurmantel König Erichs flattern, zwei lange, weißwallende Bärte neben ihm. Verweht grüßt noch einmal ein wildes Gelächter vom Bord herüber, als ob es sich nur um einen lustigen Morgenspaß gehandelt; nun schießt die Snigge wie ein Sturmvogel wieder in die See hinaus. Der hansische Kaufhof, die Schustergasse sind vom Untergang gerettet, verfolgend wälzt sich das Gewühl den Flüchtenden auf den Überstrand nach. »Haut alles nieder, Normannen, Engländer, Niederländer!« brüllen die wutschäumenden Schuster. »Laßt den roten Hahn über ihre Dächer fliegen!« Eine Fackel sprüht in eines der Holzhäuser, es lodert auf, blitzschnell peitscht der Sturm ein Flammenmeer über die ganze normännische Stadt. Ihre Bewohner stürzen von Speer und Schwert durchbohrt, Männer, Weiber und Kinder. Das Tor des Munkholmklosters ist verschlossen, beutegierig zertrümmern die Anstürmenden das Gebälk. Vorm Altar des Kirchenraumes stehen zusammengedrängt die Insassen, der Stiftshauptmann, die Domherren und Mönche, die sich an die heilige Freistätte geflüchtet. Mit gehobenem Kreuz in den Händen tritt im Ornat Bischof Torlef den Hereinstürzenden entgegen. Salbungsvollen Wortes will seine unterwürfige Miene sie ansprechen, doch bevor sein Mund einen Laut hervorzubringen vermag, donnert es: »Segen der dudischen Hanse!«, und eine Streitaxt zerspaltet ihm den Kopf. Einige der andern sinken röchelnd über ihn von Hieb und Stich. »Die Pfaffen haben den Verrat geplant!« schreit es, »röstet den Rest lebendig!« Flammen lodern auch aus dem Munkholmkloster auf, und über die an den Domstühlen Festgeschnürten kracht das brennende Balkenwerk zusammen. Es war eine wilde, erbarmungslose, bluttriefende, nordische Welt. Entsetzt hatte Osmund Werneking sich von den Greueln der Vergeltung abgewandt, die außer ihm niemand empfand. Auf seine Fragen, wie die Koggen hierher gekommen, war ihm von einem ihrer Führer die Antwort zuteil geworden, der Rat habe durch einen Hansen von Kopenhagen in Erfahrung gebracht, daß König Christoph die Absicht trage, seinen mißlungenen Überfall der Stadt Lübeck durch Eroberung und Zerstörung des deutschen Kaufhofes von Bergen wett zu machen. Da seien in Hast Orlogsschiffe bemannt, auch zur Warnung für die Bedrohten sofort eine schnellaufende Snigge vorausgeschickt worden, die von dem Sturm verschlagen oder untergegangen sein müsse. Die Koggen selbst aber hätten es nur dem wütenden, sie gleich Federn mit sich wirbelnden Orkan gedankt, daß sie noch zu rechter Stunde im Augenblick der höchsten Gefahr eingetroffen, denn am gestrigen Abend seien sie noch im Skager Rak gewesen und hätten in der Nacht mehr als dreißig Meilen durchs Wasser gepflügt. So schnell sei kein Segel seit Menschentagen von der Trave nach Bergen gelaufen. Nun war es neunte Vormittagsstunde erst und alles vorüber wie ein toller Morgentraum. Im Blut lag König Christophs Söldnerschaft, von der kaum einer entronnen, in Asche der größte Teil der normannischen Stadt, deren Holzbauten ihre Glut rasch ausgelodert hatten. Mächtiger aufgereckt, gebieterischer denn je stand die deutsche Hanse alleinherrschend auf dem behaupteten ›schwarzen Felsblock‹. Die Normannen, denen es geglückt, sich auf die Berge zu flüchten, sahen stumpfsinnig drein: wenige waren unter ihnen, die zum erstenmal den Untergang ihrer Häuser und Habe gewahrten. Sie warteten, bis die ingrimmige Wut der ›Herren‹ sich gelegt habe, diese wieder des kaufmännischen Geschäfts gedenken und sie selber zurückkommen lassen, um zur Fristung des armseligen Daseins den Fischhandel mit ihnen zu erneuern. Wilma Oldigson befand sich neben Osmund. Sie war ihm nachgeeilt, als er die Burg hastig verlassen, um sich an dem verwandelten Kampf tapfer zu beteiligen, und ob auch selbst waffenlos, war sie nirgendwo von seiner Seite gewichen. Auffälliger denn zuvor erschien die Ähnlichkeit ihres schönen Antlitzes mit dem, das einst die Gräfin Elisabeth von Holstein besessen, doch anders als diese, von Wind und Welle groß gezogen, barg ihre Brust nicht nur das weiche Gemüt derselben, sondern auch eine feste Rüstung des Mutes darumher, der keine andere Furcht kannte, als die Gefahrbedrohung ihres Herzens. So hatte sie Osmund im wilden Getümmel nicht um Schrittweite verlassen, und nun leuchteten ihre Augen, daß sie ihn von ritterlicher Furchtlosigkeit im Waffengemenge erkannt. Die Liebe des Weibes hatte gezittert und gebangt, aber das alte dänische Königsblut ihres Herzens war stolz auf ihn. Jetzt sprach er: »Laß uns das Schreckliche nicht mehr mit ansehen!« Und zum erstenmal sich klar besinnend, fügte er drein: »Wo ist Tove, unsre Erretterin, deine Schwester?« Sie staunte ihn fast sprachlos an. »Meine Schwester?« Er hatte vergessen, daß sie noch nicht Ahnung davon besaß, daß er sie nicht mehr gesehen, seitdem ihm diese Kenntnis geworden, und er erläuterte ihr schnell und zart das wenige, was er selbst erst erfahren, doch Auge und Ohr ihm überzeugungsvoll bestätigt hatten. »Laß uns rasch gehen,« schloß er, »sie wird noch allein auf Bergenhuus schlafend liegen, wie ich sie dorthin gebracht. Ich weiß nicht, was sie in den letzten Tagen wieder so krankhaft befallen und verwandelt hat.« In wenigen Minuten erreichten sie die stillverlassene Burg. Wilma eilte, seltsam erregt, fast noch mehr als er. Doch die Bank in der Halle war leer, Osmund rief den Namen des Mädchens, aber alles blieb lautlos in dem öden Gebäude, nur von draußen her tönte das Aufklatschen der Wellen an den alten Turm Olaf Kyrres. Die Umherblickenden wandten sich ihm zu, und nun gewahrten sie mit freudigem Anruf am Ende eines Ganges die Gesuchte. Sie stand regungslos, wie auf etwas horchend, und sah den Kommenden entgegen, dann wich sie, scheu abwehrend, langsam zurück. Ihr Antlitz verriet die Geistesirre; die manchmal in Osmund Wernekings Gegenwart über sie geraten: er hemmte den Schritt und sprach liebreich: »Wir sind's, es ist deine Schwester, Tove, die dich sucht.« Zugleich trat Wilma mit vorgestreckten Händen gegen sie heran, doch nun stieß sie jäh zusammenschaudernd aus: »Rühre mich nicht an – deine Hand ist rein –« Sie flüchtete weiter durch den Gang, der auf einen Söller des Olafturmes ausmündete. Osmund flüsterte: »Sie kennt dich nicht und fürchtet dich; bleib zurück, ich will zu ihr.« Er ging rasch auf sie zu, die ihn jetzt am Ende ihrer Zuflucht, unbeweglich gegen die Brüstung des Söllers gedrückt, erwartete. »Wir kommen, dich zu holen und mit uns nach Wismar zu nehmen,« redete er sie an, »daß du in Wahrheit dort mein Schwesterchen wirst.« Aber sie starrte ihm nur sprachlos angstvoll ins Gesicht, und er fuhr, um ein Verständnis in ihr zu erhellen, eilig fort: »Du weißt noch nicht, daß du uns gerettet hast, daß wir alle deiner Warnung unser Leben danken.« »Gerettet« – wiederholten ihre blutlosen Lippen, und ihre Brust hob sich zum ersten Male zu einem tiefen Atemzug – »dann habe ich die Schuld gesühnt!« Hörbar verstörte der alte Wahn sie wieder, und Osmund lenkte schnell ab: »Woher wußtest du von dem Überfall, daß du uns warnen konntest? Gestern abend sah ich dich noch, da besaßest du keine Ahnung –« Sie bewegte langsam verneinend die Stirn und fiel geheimnisvoll flüsternd ein: »Ich wußte nicht, was – aber ich fühlte, daß der Sturm aus der Luft kam. Und ich hab's ihm abgekauft – heut nacht – klug – er mußte mir's zuvor schwören auf das Kreuz an seiner Brust. Er tat's, falsch wie alles an ihm, denn er betrog mich um den Preis und schloß mich in seiner Kammer ein. Doch dann ging er, als der Tag kam, zu seinen Helfern, lachend wie immer, und ich schrie, und Vrouke Tokkeson hörte mich, und ich versprach ihr alles Gold im Munkholmkloster, wenn sie mir die Tür aufbreche –« Verwirrten Sinns hatte Osmund Werneking zugehört, fast schreckbetäubt von einem halben Verständnis stieß er aus: »Wem hast du deine Kunde abgekauft? Unglückliche! Wofür? Dem Bischof Torlef? Er ist tot –« Sie schrie auf. »Tot? Hab' Dank, daß du mir das noch gesagt! O das tut wohl nach der Qual! Tot wie sein falsches Kreuz! Tot für all sein Erbarmen an mir! Könnt' ich den küssen, der ihn getötet!« Ein Schauer über den lautjubelnden Irrsinnsausbruch des Mädchens überlief Osmund, dem ein Blitzstrahl jetzt grelles, volles Licht auf die harrende Absicht geworfen, mit der Bischof Torlef sich ihrer Verlassenheit erbarmt gehabt. Entsetzt streckte er die Hand, sie zu fassen: »Schweig – sei ruhig – komm fort von hier, Tove!« Doch nun floh sie angstvoll vor ihm nach der andern Seite des breiten Söllers. »Nicht deine Hand – sie brennt wie Feuer! Ich bin ruhig, ganz ruhig, denn ich hielt die Treue, und die Schuld ist ausgelöscht. Aber du sagst's, ich muß fort, sonst schließt sich der Turm um mich zusammen. Siehst du, seine Steine wachsen schon – er will nicht, daß Witta Holmfelds Blut sich weiter forterbt! Ich soll's in sein Bett legen und einwiegen –« Osmund stieß einen lauten Schreckensruf aus, vor ihm hatte das Mädchen sich auf die niedrige Söllerbrüstung geschwungen. Besinnungslos stürzte er zugleich mit Wilma Oldigson jetzt auf sie zu, doch ehe einer von ihnen sie zu erreichen vermochte, sprang Tove Sigburgsdatter, noch einen Blick irrer, herzbrechender Liebe aus Osmund Werneking zurückwerfend, in die schwindelnde Tiefe hinunter. Ihre Kleider bauschten sich im Fall um sie, als tauche ein dunkelköpfiger Vogel aus der Luft zum Wasser herab. Dann schlugen die Wellen drunten am Felsenfuß des alten Turms kurz auseinander, einen Augenblick schimmerte noch ihr weißes Gesicht wie eine schaukelnde Seerose auf dem dunkeln Grunde, aber schnell zerfloß es, rinnendem Schaum gleich, und ein schwarzer Wogenkamm rollte auslöschend über die ›letzte Saat‹, die der Wind von Venedigs sonnigen Ufern hierhergetragen. * * * Ein Herbsttag war's, der mit linder Schwermütigleit über den leise schon bräunlich angehauchten Buchenwäldern der Wendlandküste lag, als Osmund Werneking mit Wilma, am Bug der heimkehrenden Kogge stehend, durch die wagrische Bucht gegen die Mündung der Trave hinansegelte. Deutend hob er die Hand und wies ihr die aus weiter Ferne jetzt schattenhaft hochherragenden Türme Lübecks; nun zog das Schiff an dem Häuserhäuflein Travemündes vorüber. Da stand die Schenke, aus der in der Mainacht die jütischen Schiffer herausgekommen, ihr verderbliches Weinfaß an Bord zu rollen – wie ein Traum lag die wilde Welt Bergens hinter Osmund. Nur die weiße Perle, die er sich aus Sturm und Brandung dort heraufgeholt, war kein zerrinnendes Traumgebild; fester umschlang seine Hand die ihrige, langsam glitt die hochmastige Kogge den gewundenen Fluß stromauf. So hatte einstmals Dietwald Wernerkin zurückzukehren gehofft, wie ein freundlicheres Geschick es heut seinem Urenkel beschieden. Wohl überschleierte auch die Stirnen der beiden jungen Gesichter ein stiller, schwermütiger Ernst, der des Vergangenen noch gedachte und im Einklang zu der hinschwindenden Lebensvergänglichleit der Natur um sie her stand. Doch in der Tiefe ihrer Augen trauerte nicht der Herbst, sondern schimmerte liebliche Frühlingszuversicht, und leuchtende Sonne des Glückes in ihnen wußte, daß sie Kraft besitzen würde, die trüben Nebel zu zerstreuen, welche das rauhe Nordland noch an den Wimpern hinterlassen. Denn die Toten hatten leidlose Ruhe, die nichts mehr störte, und im harten, drangvoll umdrohten Leben forderte das Herz sein Jugendrecht, aller Erinnerungswehmut zum Trotz aus dem Himmelsdoppelquell der Liebe volle, vergessende Seligkeit zu trinken. Ihnen voran aber lief durch die stille Luft wie Sturmgebrause eine schwerhallende Kunde, daß die Ankommenden auf den Straßen Lübecks fast von ähnlicher lauter Erregung empfangen wurden, wie dereinst Dietwald Wernerkin, als die Botschaft des gewalttätigen Überfalles der Stadt Wisby durch Waldemar Atterdag eingetroffen. Ohne Kinder war König Christoph von Dänemark auf seiner Burg zu Kopenhagen unvorhergesehenen Todes gestorben, die drei Kronen der nordischen Reiche lagen wieder herrenlos auf schwankenden Wagschalen. Im Ratssaal an der Trave saß der Hansetag und riet, denn es schrieb zur selben Zeit der nachmalige Papst Pius II., Äneas Sylvius Bartholomäus Piccolomini: »Es steht Lübecks Ansehen so hoch, daß auf seinen Wink drei mächtige Reiche des Nordens ihre Herrscher anzunehmen oder zu verstoßen gewohnt sind.« Osmund Werneking brachte Wilma nach der Ankunft in eine Herberge und begab sich alsbald zu Herrn Marquard Pleskow. Der Burgemeister saß in seiner Schreibstube und sah mit sorgenvoll gefalteter Stirn tiefernst drein. Er erkannte den Eintretenden und empfing ihn mit wohlwollendem Gruß: »Seid mir willkommen, Herr Werneking, habe vernommen, daß ich Euch noch zu rechter Zeit Hülfe gesandt. Ihr waret nicht so scharfsichtig in Bergen, als Ihr Euch zu Travemünde erwiesen. Doch es liegt heut über vielen Augen, daß sie blind geworden und nicht sehen.« Er schüttelte den Kopf und saß düster schweigend. Osmund nahm jetzt die Rede und stattete kurz Bericht ab, in welchem Stand er den Kaufhof in Bergen angetroffen und wie Zucht, Redlichkeit und Recht dort in der Tat schlimmer daniederliege, als wohl einer in den Städten der Ostsee dafürhalte. Doch nun fuhr Marquard Pleskow heftig auf: »Was, Recht! Eisen, junger Mann! Glaubt Ihr, mit Bitten und Mitleid herrschen zu können? Unser Vorteil ist Recht, wer sich ihm widersetzt, unser Feind, ob Däne und Normann oder die vom Engelland und Niederland! Ihr waret töricht, nicht Tiedemann Steens Planung; nur stand er an Klugheit unter Bartholomes Voet und wird's hart büßen. Aber es wächst eine andere Torheit auf, gar größer als die von Tiedemann Steen, und droht nicht einem Kaufhof Unheil, sondern uns allen. Kommet, Ihr mögt mich geleiten, vielleicht kann ich Euer Wort nutzen.« Der Burgemeister sprang, sein Schwert umgürtend, vom Sitz, Osmund Werneking folgte ihm, ohne zu wissen, wohin. Dann war er unerwartet in den Hansesaal gelangt, der sich bald darauf rasch mit den Vollmachtsabgesandten der Städte anfüllte. Er stand noch ohne Kenntnis, um was die Ratschlagung sich handle, als Marquard Pleskow die Rednerbühne bestieg. Da erfuhr er aus dem Munde desselben, daß der Reichstag Schwedens seinen ehemaligen Reichsvorstand, Herrn Karl Knudson, zum Könige erwählt habe, Dänemark dagegen mit der Absicht umgehe, den Schwestersohn des Grafen Adolf des Achten von Holstein, den Grafen Christian von Oldenburg, auf den dänischen Thron zu berufen. Und in meisterhafter Redefügung mahnte der Burgemeister Lübecks den Hansetag, die Wahl des Königs Karl Knudson anzuerkennen und zu fördern, dagegen der Besteigung des Thrones von Dänemark durch den Oldenburger Grafen die Bewilligung zu verweigern. Lang redete er, weit und tief ein Bild der Völkerverhältnisse des Nordens aufrollend, ihrer Vergangenheit und Gegenwart! fast atemlos scheinend, hob er seine Stimme gewaltsam noch einmal zu mächtiger Stärke, um warnend zu enden: »Diese Gegenwart ist euer, und euer bleibt die Zukunft, wenn ihr sie klug vorausbedenkt! Aber trotzet nicht auf eure heutige Kraft, daß sie unvergänglich sei, wenn die weise Vorsicht unserer Väter sich von ihr trennt! Setzt ihr großes Werk fort, in eure Hand liegt es heut gegeben. Trauet nicht einem Deutschen auf dem Throne Dänemarks, Erich der Pommer und Christoph der Bayer haben es euch erwiesen! Duldet nicht, daß die Calmarische Union wieder Leben gewinnt, sondern ertötet sie! Zerteilt die nordischen Reiche und beherrscht sie! Doch eines vor allem, lasset nicht den Oldenburger, den Schwestersohn des Grafen Adolf, auf den dänischen Königssitz! Wer bürgt euch, wenn sein kinderloser Oheim stirbt, daß er nicht auch dessen Erbe gewinnt! Daß die Kronen Schwedens, Norwegens, Dänemarks, Schleswigs, Holsteins und Oldenburgs nicht in eine Hand geraten, in die Hand, die den ersten Nagel einschlüge in den Sarg des Reichtums, der Herrschaft und des stolzen Namens der deutschen Hansa! Videant consules, ne quid detrimenti capiat res publica! « Atemlos trat Herr Marquard Pleskow jetzt von der Rednerbühne, lauter Beifall ward seinen Worten gezollt, doch es schien, mehr ihrer rednerischen Kraft und Vollendung, als dem Inhalt ihrer Warnung. Wenigstens streifte sein Blick trüben Ausdrucks über die Köpfe und er murmelte, sich erschöpft auf den Arm Osmund Wernekings stützend und den Saal mit ihm verlassend: »Ihre Zungen und Hände stimmen drein, aber ihre Ohren sind taub und ihre Augen blind.« Der Entscheid des Hansetags fiel noch nicht an diesem Tage, doch der Lübecker Burgemeister hatte scharfgesichtig zu gut in den Mienen des größern Teils der Städte-Abgesandten gelesen. Ohne Widerstand der deutschen Hansa zu finden, bestieg der Graf Christian von Oldenburg nach Ablauf nicht langer Zeit als König Christian I. den dänischen Thron, über wenig Jahre später fügte er, Karl Knudson mit Gewalt aus Schweden vertreibend, auch die Kronen der Calmarischen Union auf sein Haupt, und als sein Oheim, Graf Adolf der Achte von Holstein, der letzte vom Stamme Graf Geerdts des Großen, im Jahre 1460 starb, durchlief bald darauf die seltsame, schwerwiegende Kunde die Nordwelt Europas: es habe der Rat von Holstein um des Besten willen des Landes zu einem Herzoge von Schleswig und Grafen von Holstein erkoren den gnädigen Herrn, den König Christian von Dänemark – daß der Chronist, als über etwas Schwerbegreifliches staunend, verzeichnete: »Also wurden die Holsten Dänen und verschmäheten ihre Erbherren und gaben sich mit gutem Willen, ohne Schwertesschlag, unter den König von Dänemark, da ihre Ahnen und Vorahnen manches Jahr gegen gewesen mit wehrender Hand, und manchen Krieg geführet, daß sie keine Dänen sein wollten, wobei ihnen die Städte behülflich waren mit großem Volk und großen Kosten.« – Es lebten dergestalt dreie zu gleicher Zeit, welche die nordischen Kronen auf dem Haupte getragen, König Christian der Erste, Karl Knudson, nach der Stadt Danzig geflüchtet, und auf einer einsamen Hofstatt seines deutschen Geburtslandes unfern dem Ort Rügenwalde König Erich, der Pommer, der, Kronen- und Seeraubs müde, erst in höchstem Greisenalter inmitten der stillen Sandfeldmark als letzter Enkel der schönen Ingeborg von Dänemark das wilde Blut des Geschlechts Waldemars Atterdag beschloß. Das war in den Tagen, die Herr Marquard Pleskow nicht mehr sah; heut aber hielt er noch, von Osmund Werneking bis an seine Wohnung zurückgeleitet, vor ihrer Tür den Schritt und sprach ernstlich: »Solltet nicht nach Wismar zurückgehen, Herr Werneking, sondern zu Lübeck verbleiben, wo Eure Vorväter guten Namen gewonnen und der Eurige selber nach gewichtigem Verdienst in Ehren steht. Blicket Euch um unter den schönen Töchtern unserer Geschlechter, es wird kein Vater Euch weigern, welche Ihr begehrt, noch Lübeck Euch in kommenden Tagen einen Sitz im Rat. Drum stützet mein Alter mit einer jungen Kraft, daß wir gemeinsam bösem Handel der kommenden Tage, den ich fürchte, zu begegnen trachten.« Doch der so ehrenvoll Aufgeforderte erwiderte mit schuldiger Achtung und Dankeskundgabe: »Ihr habet zuvor selber geredet, hochmögender Herr, daß ich töricht gedacht und zu Bergen nicht die Scharfsichtigkeit wie in Travemünde erwiesen. Das war aber nicht sonderliche Klugheit, sondern Zufallsgunst, die mir ein solches Verdienst um Eure Stadt gewährt, und ich habe wohl gelernt, daß Haupt und Herz an mir nicht berufen sind, über Großem zu walten und mit kühlem Bedacht die Herrschaft und den Ruhm der Hanse zu festigen: vielmehr nur, als ihrer Bürger einer, gleich allen andern meine Pflicht zu leisten. Fühle es auch, daß es nicht Drang nach Macht und Ehren gewesen, der mich aus meinem Vaterhause in die Fremde hinausgetrieben, sondern ein Erbteil von meinem Urältervater her, einen Kreuzzug zu wiederholen und bessern Gewinn davon heimzutragen als er. Was möget Ihr nicht verstehen, doch es besagt, daß ich nicht mehr nach einer der schönsten und edelsten Töchter Eurer Stadt begehren kann, da ich nur soweit noch ledigen Standes bin, als der kurze und doch mich viel zu lang bedünkende Weg von hier bis nach Wismar beträgt. Drum verübelt's mir nicht, Herr Pleskow, wenn ich Euer ehrendes Angebot mit hohem Dank von mir lehne, und lasset mich in meine Heimatstadt kehren, dasjenige zu vollbringen, was meinen geringen Kräften gegeben, friedfertig meines Vaters Handelswerk weiterzuführen und eigenes Glück des Lebens zu finden.« Der Burgemeister schüttelte unmutig den Kopf und entgegnete: »Ihr redet wider Euch selber, Herr Werneking. Wenn alle so gedächten, denen Euer Vorzug und Rüstung an Körper und Geist geworden, da bedürfte die Hanse nicht der Feinde von außen zu ihrem Verderben, sondern würde alsbald im eigenen Leibe siech werden und auf dem Sterbebette liegen. Wenn Ihr Begehr tragt, das Heil derselben zu fördern, da handelt Ihr als ein schlechter Arzt.« Aber Osmund Werneking gab Antwort: »Ich bin kein Arzt, Herr Pleskow, den die Natur stark genug erschaffen, Eure Wissenschaft zu lernen und zu üben. Ihr möget wahr gesprochen haben, daß ein solcher mit dem Eisen einschneiden muß, wo etwas den Körper der deutschen Hanse, wie er übermächtig in diesen Tagen angewachsen, bedroht. Doch mich bedünkt, es ist in ihm selber ein schlimmes Übel mitgewachsen, das andere Kunst des Arztes heischt, als scharfe Schneide, um einer bös endenden Krankheit zu wehren. Denn es ist nicht Gesundheit in einer Stadt, wo nicht Gesetz, Schutz und Ordnung wacht über den Bürgern, und so ist nicht Bestand an gesunder Macht und Größe, wo nicht Redlichkeit und Recht waltet zwischen Völkern. Wo nur Gewalt herrschet, zeugt sie andere Gewalt, an der sie bricht.« Herr Marquard Pleskow sah ernsthaft drein, doch er erwiderte nur mit den Worten Tiedemann Steens: »Ihr seid noch jung, Herr Werneking. Vielleicht könnt' ich Euch drum neiden – so lebet glücklich, da Ihr's vermögt!« Sie schüttelten sich zum Abschied die Hand, um sich im Leben nicht mehr zu begegnen, innerlich von gar verschiedenem Trachten erfüllt. Schon in der Frühe des andern Morgens jedoch fuhr Osmund Werneking mit Wilma Oldigson auf leichtem Segelfahrzeug wieder die Trave hinunter, um auf dem Seewege nach Wismar heimzukehren. Noch hatte sich nirgendwo Zeit und Kunstgeschick einer Nadel geboten, um das Mädchen mit anderer Kleidung zu versehen, und sie hüllte ihre alte Schiffertracht bis zur Ankunft in Wismar unter einem weiten, auf die Füße niederfallenden Mantel. Doch als sie um zwei Wochen darauf vom Altar der Marienkirche an der Blutkapelle vorüber, die vor einem Menschenalter zur Sühne für die Hinrichtung des Burgemeisters Johann Banzkows durch die Bürger Wismars erbaut worden, in die Dankwardsstraße zurückschritt, da trug Wilma Werneking ein weißes Seidengewand ihres Geschlechtes von höchster Kostbarkeit, das leuchtend an ihrer weit höher aufgewachsen erscheinenden Gestalt herabfloß, wie sonnenbestrahlte Schneehalde von den Kjölen des Nordlands. Staunend und raunend bewunderten ringsum Frauen und Mädchen dichtgedrängt die fürstliche Schönheit des stadtfremden jungen Weibes; sie ging langsam, noch etwas zaudernd und beschwerlich in der ungewohnten Kleidung, und leise wiegte sich auch in dieser ihr Gang noch, als werde sie manchmal anmutsvoll von leichter Welle gehoben und gesenkt. Vom festlichen Hause empfangen, hielt Osmund Werneking unwillkürlich einen Augenblick auf dem Flur seinen Schritt und sprach mit schmerzlichem Gedenken: »Hier hätte Tove, deine Schwester, dich heut emporleiten sollen.« Sein Gesicht kündete keine Ahnung, daß es der, von welcher er redete, besser in der leidlosen Ruhe sei, als hier, hochzeitlich geschmückt, seine Braut als Ehrenjungfrau zu begleiten; nun fügte er drein: »Komm, Elisabeth, geleite denn das Kreuzchen auf deiner Brust uns allzeit weiter!« und mit ernster Freudigkeit führte er das schöne Königskind als Herrin seines väterlichen Hauses über die Treppe zum harrenden Festsaal hinan. ›Dietwald‹ hieß über Jahresfrist ein neuer Trieb des alten Stammes. Dann gesellte ein ›Wisimar‹ sich ihm hinzu, doch niemand vernahm aus Wind und Welle mehr eine Kunde von dem, dessen Angedenken die Benennung dankbar forterhielt. Und andere Namen folgten in langer Reihe nach.