Pjotr Alexejewitsch Kropotkin Die Große Französische Revolution 1789-1793 – Band I Originaltitel der französischen Ausgabe ›La Grande Révolution‹ (1909) Originaltitel der russischen Ausgabe ›Великая франџузская революџия‹ (1919) Aus dem Französischen übersetzt von Gustav Landauer Vorwort Je mehr man die Französische Revolution erforscht, um so mehr überzeugt man sich davon, wie unvollständig die Geschichte dieser heroischen Jahre noch ist, wie viele Lücken und dunkle Punkte noch geblieben sind. Die Große Revolution, die im Verlaufe weniger Jahre alles aufgewühlt, alles umgestürzt und angefangen hat, alles neu aufzubauen, war eben eine ganze Welt des Handelns. Und wenn man beim Studium der Werke der früheren Historiker dieser Zeit, hauptsächlich bei Michelet, die großartige Arbeit bewundern muß, die diese Männer zu gutem Ende geführt haben, die Arbeit, die tausenderlei Reihen von Tatsachen und Bewegungen, die nebeneinander hergehen und die zusammen die Revolution ausmachen, zu entwirren, so drängt sich einem zugleich noch auf, wie ungeheuer groß die Arbeit ist, die noch geleistet werden muß. Die Forschungen, die im Laufe der letzten dreißig Jahre von der Historikerschule angestellt worden sind, als deren Hauptvertreter Aulard und die Société de la Révolution française zu nennen sind, haben ohne Frage wertvolles Material geliefert, das auf die gesetzgeberischen und revolutionären Akte dieser Jahre, auf ihre politische Geschichte und den Kampf der Parteien, die sich die Macht streitig machten, viel Licht wirft. Jedoch bleiben die wirtschaftlichen Seiten der Revolution und ihrer Kämpfe noch zu erforschen; und Aulard hat sehr recht mit seiner Bemerkung, daß ein ganzes Leben zur Erfüllung dieser Aufgabe, ohne die, das muß zugegeben werden, die politische Geschichte unvollständig und oft sogar unverständlich bleibt, nicht ausreicht. Aber dem Historiker eröffnet sich, sowie er an den Revolutionssturm von dieser Seite herantritt, eine ganze Reihe neuer, umfassender und verwickelter Probleme. Um den Versuch zu machen, einige dieser Probleme zu lösen, machte ich mich schon im Jahre 1886 an Einzelforschungen über die Anfänge der Revolution im Volke, über die Bauernerhebungen im Jahre 1789, über die Kämpfe für und gegen die Abschaffung der Feudalrechte, über die wahren Ursachen der Bewegung vom 31. Mai usw. Leider mußte ich mich bei diesen Studien auf die – übrigens sehr reichhaltigen – Sammlungen von Drucken im British Museum beschränken und konnte keine Forschungen im französischen Nationalarchiv anstellen. Da sich jedoch der Leser in Studien dieser Art nicht zurechtfinden könnte, wenn er nicht einen allgemeinen Überblick der ganzen Entwicklung der Revolution in der Hand hätte, bin ich dazu gekommen, einen mehr oder weniger zusammenhängenden Bericht der Ereignisse zu geben. Es war nicht meine Absicht, die dramatische Seite der grandiosen Episoden, die so oft erzählt worden sind, zu wiederholen; ich wollte hauptsächlich die Studien der neueren Zeit benutzen, um den inneren Zusammenhang und die Triebfedern der verschiedenen Ereignisse zu beleuchten, deren Ganzes das große Epos ausmacht, das das achtzehnte Jahrhundert krönt. Die Methode, bei der Darstellung der Revolution die einzelnen Teile ihres Werkes getrennt zu behandeln, bringt gewiß manche Unzuträglichkeiten mit sich: sie macht Wiederholungen manchmal unvermeidlich. Jedoch wollte ich diesen Vorwurf gerne auf mich nehmen; denn ich hoffte, dadurch die mächtigen Strömungen des Denkens und Handelns, die in der Französischen Revolution zusammenstießen und die mit dem Wesen der Menschennatur so innig zusammenhängen, daß sie in den geschichtlichen Ereignissen der Zukunft notwendigerweise wieder anzutreffen sein werden, dem Geiste des Lesers besser einprägen zu können. Jeder, der die Geschichte der Revolution kennt, weiß, wie schwer es ist, tatsächliche Irrtümer in den Einzelheiten der leidenschaftlichen Kämpfe, deren Entwicklung man zeichnen will, zu vermeiden. Ich werde also jedem, der mich auf Irrtümer, die mir unterlaufen sind, aufmerksam macht, sehr dankbar sein. Zunächst habe ich meinen Freunden James Guillaume und Ernest Nys, die so liebenswürdig gewesen sind, mein Manuskript und die Korrekturen zu lesen und mich bei dieser Arbeit mit ihren umfassenden Kenntnissen und ihrem kritischen Geist zu unterstützen, herzlichen Dank auszusprechen. 14. März 1909. Peter Kropotkin 1. Die zwei großen Strömungen der Revolution Zwei große Strömungen bereiteten die Revolution vor, führten sie herbei und führten sie durch. Die eine Strömung, die ideelle – die Flut neuer Ideen über die politische Erneuerung der Staaten –, kam von der Bourgeoisie. Die andere, die des Handelns , kam von den Volksmassen – den Bauern und den städtischen Proletariern, die unverzügliche und durchschlagende Verbesserungen ihrer wirtschaftlichen Lage zu erreichen suchten. Und als diese beiden Strömungen sich in einem gemeinsamen Ziele trafen, als sie sich eine Zeitlang gegenseitigen Beistand leisteten, da war es zur Revolution gekommen. Schon seit langer Zeit hatten die Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts die Grundlagen der Gesellschaftsordnung untergraben, in der die politische Gewalt und ebenso ein ungeheurer Teil des Nationalvermögens dem Adel und der Geistlichkeit gehörten, während die Masse der Bevölkerung das Lasttier der Mächtigen war. Sie hatten die Souveränität der Vernunft verkündet, hatten gepredigt, man solle der Natur des Menschen vertrauen, weil sie nur durch die Einrichtungen, die im Laufe der Geschichte den Menschen in Knechtschaft geschlagen hatten, verderbt sei, aber ihre guten Eigenschaften wiedererlangen würde, wenn sie die Freiheit zurückerobert hätte, und hatten dadurch der Menschheit neue Horizonte eröffnet. Die Philosophen hatten die Gleichheit aller Menschen ohne Unterschied der Herkunft verkündet, sie hatten verlangt, daß jeder Bürger – ob König oder Bauer – dem Gesetz unterworfen sei, dem Gesetz, das nach ihrer Meinung den Willen des Volkes zum Ausdruck brachte, wenn es von den Vertretern des Volkes gemacht würde. Sie hatten endlich die Freiheit des Vertrags unter freien Menschen und die Abschaffung der Feudallasten verlangt und hatten durch die Aufstellung all dieser Forderungen, die untereinander kraft des systematischen Geistes und der Methode, die für das Denken der Franzosen bezeichnend sind, verknüpft waren, ohne Zweifel den Sturz des Ancien régime, wenigstens in den Köpfen, vorbereitet. Aber das allein konnte nicht genügen, um die Revolution zum Ausbruch zu bringen. Man mußte von der Theorie zum Handeln übergehen, von dem Ideal, das den Menschen in der Phantasie vorschwebte, zur praktischen Durchführung in den Tatsachen; und was die Geschichte heute hauptsächlich und vor allem erforschen muß, das sind die Umstände, die es dem französischen Volke im gegebenen Augenblick gestatteten, diese Arbeit zu leisten: die Verwirklichung des Ideals zu beginnen. Andererseits war Frankreich schon sehr lange vor 1789 in eine Periode der Aufstände eingetreten. Die Thronbesteigung Ludwigs XVI. im Jahre 1774 war das Signal zu einer ganzen Reihe von Hungerrevolten gewesen. Sie dauerten bis 1783. Dann kam eine Periode verhältnismäßiger Beruhigung. Aber von 1786 und besonders von 1788 an begannen die Bauernaufstände mit neuer Energie. Die Hungersnot war der Hauptgrund zu den erstgenannten Revolten gewesen. Jetzt blieb der Mangel an Brot immer eine der Hauptursachen der Revolten; aber vor allem war es die Verweigerung der Feudalabgaben, was die Bauern in den Aufstand trieb. Bis 1789 wurde die Zahl dieser Revolten immer größer, und 1789 endlich wurden sie im ganzen Osten, Nord- und Südosten Frankreichs allgemein. So zerfiel der Körper der Gesellschaft. Indessen ist ein Bauernaufstand noch keine Revolution, selbst wenn er so schreckliche Formen annähme wie die russische Bauernerhebung von 1773 unter dem Banner Pugatschows. Eine Revolution ist unendlich viel mehr als eine Reihe von Aufstandsbewegungen auf dem Lande und in den Städten. Sie ist mehr als ein einfacher Kampf zwischen Parteien, so blutig er sein mag, mehr als eine Straßenschlacht und viel mehr als ein einfacher Regierungswechsel, wie ihn Frankreich 1830 und 1848 vornahm. Die Revolution ist der schnelle, in ein paar Jahren erfolgende Umsturz von Einrichtungen, die Jahrhunderte gebraucht hatten, um sich festzuwurzeln, und die so bleibend, so unverrückbar geschienen hatten, daß die wildesten Reformer es kaum wagten, sie in ihren Schriften anzugreifen. Sie ist der Einsturz, die schnelle Zerbröckelung – ein paar Jahre genügen – alles dessen, was bis dahin das Wesen des sozialen, religiösen, politischen und wirtschaftlichen Lebens einer Nation gebildet hatte – der Umsturz der erworbenen Ideen und der geläufigen Vorstellungen über all die Erscheinungen und so verwickelten Beziehungen der Menschenherde. Sie ist endlich das Aufkommen neuer Vorstellungen über all die vielfachen Beziehungen zwischen den Bürgern – und diese Vorstellungen werden bald Wirklichkeiten und fangen dann an, zu den Nachbarvölkern auszustrahlen, wälzen die Welt um und geben dem folgenden Jahrhundert sein Gepräge, seine Probleme, seine Wissenschaft, seine Richtlinien und seine wirtschaftliche, politische und moralische Entwicklung. Um ein Ergebnis von dieser Bedeutung zu zeitigen, damit eine Bewegung den Umfang einer Revolution annimmt, wie dies 1648–1688 in England und 1789–1793 in Frankreich geschah, genügt es nicht, daß eine ideelle Bewegung in den gebildeten Klassen vor sich geht, sie mag noch so tief greifen; und es genügt ebensowenig, daß im Schoß des Volkes sich Aufstände ereignen, so vielfach und so ausgedehnt sie sein mögen. Dazu ist nötig, daß das revolutionäre Handeln , das aus dem Volke hervorgeht, zusammenfällt mit dem revolutionären Denken , das aus den gebildeten Klassen hervorgeht. Die Vereinigung beider ist nötig. Darum entstand die französische Revolution, genau wie die englische Revolution des vorhergehenden Jahrhunderts, in dem Augenblick, wo das Bürgertum, das vorher tief aus den Quellen der Philosophie seiner Zeit getrunken hatte, zum Bewußtsein seiner Rechte kam, einen neuen Plan der politischen Organisation entwarf und, stark vom Wissen, gierig nach der Durchführung, sich imstande fühlte, sich der Regierung zu bemächtigen und sie einem Hofadel zu entreißen, der das Königreich durch seine Unfähigkeit, seinen Leichtsinn und seine Verschwendung an den Rand des völligen Untergangs gebracht hatte. Aber für sich allein hätten das Bürgertum und die gebildeten Klassen nichts durchgeführt, wenn nicht infolge einer ganzen Reihe von Umständen die Masse der Bauern sich ebenfalls empört hätte und in einer ununterbrochenen Reihe von Aufständen, die vier Jahre dauerten, den Unzufriedenen der Mittelklassen die Möglichkeit gegeben hätte, gegen den König und den Hof zu kämpfen, die alten Einrichtungen umzustürzen und den politischen Zustand des Königreichs völlig zu ändern. Indessen muß die Geschichte dieser Doppelbewegung noch geschrieben werden. Die Geschichte der großen französischen Revolution ist oft und immer wieder vom Standpunkt der verschiedensten Parteien geschrieben worden, aber bis zum heutigen Tage haben sich die Geschichtsschreiber hauptsächlich darauf verlegt, die politische Geschichte zu erzählen, die Geschichte der Siege des Bürgertums über die Hofpartei und über die Verteidiger der Einrichtungen der alten Monarchie. Daher kennen wir die Bewegungen des Denkens, die der Revolution vorhergingen, sehr gut. Wir kennen die Prinzipien, die die Revolution beherrschten und die sich in das Gesetzgebungswerk der Revolution umsetzten; wir geraten in Begeisterung über die großen Ideen, die sie in die Welt warf und die das neunzehnte Jahrhundert später in den zivilisierten Ländern zu verwirklichen suchte. Kurz, die parlamentarische Geschichte der Revolution, ihre Kriege und ihre Politik sind in allen Einzelheiten erforscht und dargestellt worden. Aber die Revolutionsgeschichte des Volkes bleibt noch zu schreiben. Die Rolle, die das Volk auf dem Land und in den Städten in der Revolution gespielt hat, ist niemals im ganzen erforscht und dargestellt worden. Von den zwei Strömungen, die die Revolution zuwege brachte, ist die des Gedankens bekannt, aber die andere Strömung, das Handeln des Volkes, ist nicht einmal im gröbsten entworfen worden. An uns, den Abkömmlingen derer, die die Zeitgenossen die ›Anarchisten‹ nannten, ist es, diese Strömung, das Handeln des Volkes, zu erforschen und wenigstens ihre wesentlichen Züge wiederherzustellen. 2. Die Idee Um die Idee, von der das Bürgertum von 1789 erfüllt war, richtig zu verstehen, muß man sie nach ihren Ergebnissen beurteilen – den modernen Staaten. Die Verfassungsstaaten, wie wir sie gegenwärtig in Europa sehen, bildeten sich erst am Ende des achtzehnten Jahrhunderts heraus. Die Zentralisation der Gewalten, die heutzutage im Gange ist, hatte weder die Vollendung noch die Gleichförmigkeit erreicht, die wir heute an ihr gewahren. Dieser furchtbare Mechanismus, der auf einen Befehl, der in irgendeiner Hauptstadt erlassen wird, alle Männer eines Volkes kriegerisch bewaffnet in Bewegung setzt und sie hinauswirft, um die Verheerung auf die Felder und die Trauer in die Familien zu tragen; die Länder, die von einem Netz von Verwaltungsbeamten überzogen sind, deren Persönlichkeit durch ihren bureaukratischen Lebensgang völlig ausgelöscht ist und die den Befehlen, die von einem Zentralwillen ausgehen, mechanisch gehorchen; diese passive Unterwürfigkeit der Staatsbürger unter das Gesetz und dieser Kultus des Gesetzes, des Parlaments, des Richters und seiner Handlanger, den wir heutzutage bemerken; diese hierarchische Pyramide gebändigter Beamten; dieses Netz von Schulen, die vom Staat unterhalten oder geleitet werden, wo man den Kultus der Macht und den passiven Gehorsam lehrt; diese Industrie, die in ihrem Räderwerk den Arbeiter zermalmt, den der Staat ihr überläßt; dieser Handel, der unerhörte Reichtümer in den Händen derer ansammelt, die den Boden, die Bergwerke, die Verkehrswege und die Schätze der Natur an sich gerissen haben, und der den Staat ernährt; diese Wissenschaft endlich, die zwar das Denken befreit und die Produktivkräfte der Menschheit verhundertfacht hat, die sie aber zu gleicher Zeit dem Recht des Stärkeren und dem Staat unterwerfen will: – all das gab es nicht vor der Revolution. Indessen hatte das französische Bürgertum, der dritte Stand, lange bevor das erste Grollen der Revolution sich ankündigte, bereits den politischen Organismus ins Auge gefaßt, der sich auf den Trümmern des Feudalkönigtums ausbreiten sollte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die englische Revolution der Bourgeoisie dazu half, die Rolle, zu der sie in der Lenkung der Gesellschaften bestimmt war, völlig zu erfassen. Und es ist sicher, daß die amerikanische Revolution die Energie der bürgerlichen Revolutionäre anstachelte. Aber schon im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war das Studium des Staates und der Verfassung der staatlich geregelten Gesellschaften auf der Grundlage der Wahl von Vertretern – dank Hume, Hobbes, Montesquieu, Rousseau, Voltaire, Mably, d'Argenson usw. – sehr beliebt geworden, und Turgot und Adam Smith fügten das Studium der ökonomischen Fragen und der Rolle des Eigentums in der politischen Verfassung des Staates hinzu. Daher kam es, daß lange, bevor die Revolution ausgebrochen war, das Ideal eines zentralisierten und wohlgeordneten Staates, der von den Klassen, die industrielles oder Grundeigentum besäßen, oder sich geistig beschäftigten, regiert würde, schon in einer großen Zahl von Büchern und Pamphleten verkündigt und untersucht wurde, aus denen später während der Revolution die Männer der Tat ihre Anregung, ihre Energie und ihre Argumentation schöpften. Daher kam es, daß das französische Bürgertum in dem Augenblick, wo es im Jahre 1789 in die Periode der Revolution eintrat, genau wußte, was es wollte. Ganz gewiß war es nicht republikanisch, es ist es ja auch heute nicht. Aber es wollte ebensowenig das Willkürregiment des Königs, die Regierung der Fürsten und des Hofes, die Privilegien der Adligen, die die besten Posten in der Regierung an sich brachten, aber nichts verstanden, als den Staat zu plündern, wie sie ihre riesigen Güter plünderten, anstatt sie in die Höhe zu bringen. Das Bürgertum war republikanisch in seinem Empfinden, und die Besten wollten die republikanische Einfachheit der Sitten – wie in den eben entstehenden Republiken Amerikas; aber es wollte desgleichen das Regiment der besitzenden Klassen. Ohne atheistisch zu sein, war es ziemlich freidenkend, aber es hatte keinerlei Abscheu gegen den katholischen Kultus. Es verabscheute hauptsächlich die Kirche mit ihrer Hierarchie, ihren Bischöfen, die gemeinsame Sache mit den Fürsten machten, und ihren Pfarrern, die ein gefügiges Werkzeug in den Händen des Adels geworden waren. Das Bürgertum von 1789 begriff, daß für Frankreich – ebenso wie hundertvierzig Jahre früher für England – der Augenblick gekommen war, wo der dritte Stand die Gewalt an sich reißen konnte, die das Königtum nicht mehr halten konnte; und es wußte, was es damit beginnen wollte. Sein Ideal war, Frankreich eine Konstitution zu geben, die nach dem Muster der englischen Verfassung gebildet sein sollte. Der König sollte keine weitere Rolle mehr spielen als die eines Kontrollapparats – manchmal etwa mit der Aufgabe, die divergierenden Kräfte ins Gleichgewicht zu bringen, hauptsächlich aber, ein Symbol der nationalen Einheit zu sein. Was die wirkliche Gewalt anging, die gewählt sein sollte, so sollte sie einem Parlament anvertraut sein, in dem das gebildete Bürgertum, das den tätigen und denkenden Teil der Nation repräsentierte, vor den übrigen ausschlaggebend war. Zu gleicher Zeit hatte das Bürgertum den Gedanken, alle lokalen Spezialgewalten, die ebenso viele unabhängige Einheiten im Staate bildeten, abzuschaffen und die Regierungsmacht bei einer zentralen Exekutivgewalt zu sammeln, die vom Parlament streng überwacht werden sollte, der im Staat streng gehorcht werden und die alles verschlingen sollte: Steuern, Gerichte, Polizei, Kriegswesen, Schule, die allgemeine Regelung des Handels und der Industrie – alles! Es sollte im übrigen völlige Handelsfreiheit proklamiert werden, und zugleich den gewerblichen Unternehmungen freie Hand zur Ausbeutung der Naturschätze und desgleichen der Arbeiter gelassen werden, die künftig dem, der ihnen Arbeit gab, auf Gnade und Ungnade überliefert waren. All das sollte unter die Kontrolle des Staates gestellt werden, der natürlich die Anhäufung von Reichtümern von Seiten der Privaten und die Entstehung der großen Vermögen begünstigen würde – worauf das Bürgertum von damals notwendigerweise viel Gewicht legte, weil ja doch die Generalstände sogar zu dem Zweck einberufen worden waren, um Mittel gegen den finanziellen Zusammenbruch des Staates zu finden. Was die wirtschaftlichen Fragen angeht, so war die Idee der tatkräftigen Männer des dritten Standes nicht weniger bestimmt. Das französische Bürgertum hatte Turgot und Adam Smith, die Väter der politischen Ökonomie, gut studiert. Es wußte, daß ihre Theorien in England schon in die Praxis übergeführt worden waren, und es beneidete seine Nachbarn auf der andern Seite des Kanals um ihre mächtige Wirtschaftsorganisation ebensosehr wie um ihre politische Macht. Es träumte von dem Erwerb des Grund und Bodens durch die Groß- und Kleinbourgeoisie und von der Ausbeutung der Bodenschätze, die bisher im Besitz des Adels und Klerus unproduktiv geblieben waren. Und darin hatte es die ländlichen Kleinbürger zu Bundesgenossen, die in den Dörfern, schon bevor die Revolution ihre Zahl vergrößerte, mächtig waren. Es sah schon den überaus raschen Aufschwung der Industrie und die Massenproduktion der Waren vermittelst des Maschinenwesens voraus, den Handel nach entfernten Ländern und den überseeischen Export: die Märkte im Osten, die Großbetriebe – und die Riesenvermögen. Das Bürgertum begriff, daß es, um dieses Ziel zu erreichen, zunächst galt, die Bande zu zerreißen, die den Bauern im Dorfe zurückhielten. Es war dazu notwendig, daß er die Freiheit bekam, seine Hütte zu verlassen, und daß er gezwungen wurde, es zu tun: daß er dazu gebracht wurde, in die Städte auszuwandern und dort Arbeit zu suchen, auf daß er den Herrn wechselte und der Industrie Gold einbrachte, an Stelle der Zinsen, die er vorher dem Herrn bezahlt hatte und die für ihn sehr hart waren, aber im ganzen dem Grundherrn nur sehr magere Erträge gebracht hatten. Es bedurfte endlich der Ordnung in den Staatsfinanzen und anderer Steuern, die leichter zu zahlen wären und die doch mehr einbrächten. Kurz, es bedurfte dessen, was die Nationalökonomen die Gewerbefreiheit und die Handelsfreiheit genannt haben, was aber in Wahrheit bedeutete: einerseits die Befreiung der Industrie von der peinlichen und mörderischen Überwachung von Seiten des Staates, und andrerseits die Verleihung der Freiheit zur Ausbeutung des Arbeiters, dem die Freiheit genommen wird. Keine Fachverbände, keine Gesellenvereine, keine Zünfte, keine Meisterschaften, die irgendwie die Ausbeutung des Lohnarbeiters beschränken könnten; auch keine Überwachung von Seiten des Staates, die die Industrie belästigen würde; keine Binnenzölle, keine Prohibitivgesetze. Völlige Freiheit für die Geschäfte der Unternehmer – und strenges Verbot der ›Koalitionen‹ der Arbeiter. ›Laissez faire‹ die einen – und hindert die andern, sich zusammenzurotten. Dies war der doppelte Plan, den das Bürgertum ins Auge gefaßt hatte. Und es ging, sowie sich die Gelegenheit bot, ihn ins Werk zu setzen, stark in seinem Wissen, in der Zweifellosigkeit seiner Absichten, in seiner ›Geschäftstüchtigkeit‹, ohne hinsichtlich des Ganzen oder irgendwelcher Einzelheiten im geringsten zu schwanken, daran, diese Absichten in der Gesetzgebung durchzuführen. Und es verstand sich mit einer bewußten und konsequenten Energie auf seine Sache, wie sie das Volk niemals gehabt hat, weil es kein Ideal kannte und ausgearbeitet hatte, das es dem der Herren vom dritten Stande hätte entgegensetzen können. Gewiß wäre es ungerecht, wenn man sagen wollte, das Bürgertum von 1789 habe sich ausschließlich von engherzig egoistischen Absichten leiten lassen. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte es seine Aufgabe niemals erfolgreich durchführen können. Es ist immer eine Messerspitze Ideal nötig, damit die großen Umwälzungen gelingen. Die besten Vertreter des dritten Standes hatten in der Tat an jener erhabenen Quelle getrunken – an der Quelle der Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, die im Keime all die großen Gedanken enthielt, die seitdem aufgestiegen sind. Der ungemein wissenschaftliche Geist dieser Philosophie, ihr von Grund aus moralischer Charakter – trotz allem Spott gegen die konventionelle Moral –, ihr Vertrauen in den Verstand, die Kraft und die Größe des freien Menschen, sowie er von Gleichen umgeben wäre, ihr Haß gegen die Einrichtungen des Despotismus, all das findet sich bei den Revolutionären der Zeit wieder. Woher sonst hätten sie die Kraft der Überzeugung und die Aufopferung gewonnen, von denen sie dann während der Kämpfe Proben ablegten? Man muß auch das anerkennen, daß sogar unter denen, die am meisten daran arbeiteten, das Programm der Bereicherung des Bürgertums durchzuführen, sich welche befanden, die aufrichtig glaubten, die Bereicherung der einzelnen sei das beste Mittel, die Nation als Ganzes zu bereichern. Die besten Nationalökonomen, Smith vor allen, hatten es ja doch mit Überzeugung gekündet! Aber so hoch auch die abstrakten Ideen von Freiheit, Gleichheit, freiem Fortschritt standen, für die sich die aufrichtigen Vorkämpfer des Bürgertums von 1789–1793 begeisterten, nach ihrem praktischen Programm, nach der Anwendung der Theorie müssen wir sie beurteilen. Durch welche Tatsachen setzt sich der abstrakte Gedanke in wirkliches Leben um? Das wird der wahre Maßstab sein. Nun denn, wenn die Gerechtigkeit verlangt, anzuerkennen, daß das Bürgertum von 1789 sich für die Ideen der Freiheit, der Gleichheit (vor dem Gesetz) und der politischen und religiösen Unabhängigkeit begeisterte – trotzdem ist es so, daß diese Ideen, sowie sie Gestalt annahmen, sich genau nach dem Doppelprogramm umformten, das wir eben skizziert haben: Freiheit, die Reichtümer jeder Gestalt für die persönliche Bereicherung zu verwenden, und desgleichen, die menschliche Arbeit auszubeuten, ohne daß die Opfer der Ausbeutung irgendwelche Wahl hatten, und eine solche Organisation der dem Bürgertum anheimgefallenen öffentlichen Gewalt, daß ihm die Freiheit dieser Ausbeutung gewährleistet war. Und wir werden bald sehen, was für furchtbare Kämpfe sich 1793 entspannen, als ein Teil der Revolutionäre über dieses Programm hinausgehen wollte. 3. Das Handeln Und das Volk? Was war die Idee des Volkes? Auch das Volk stand bis zu einem gewissen Grade unter dem Einfluß der Philosophie des Jahrhunderts. Durch tausend mittelbare Kanäle waren die großen Grundsätze der Freiheit und Unabhängigkeit bis in die Dörfer und die Arbeiterviertel der großen Städte gedrungen. Der Respekt vor der Königswürde und der Aristokratie hatte angefangen zu verschwinden. Ideen von Gleichheit drangen in die verstecktesten Winkel. Gedanken an Empörung zuckten in den Geistern auf. Die Hoffnung auf eine bevorstehende Wandlung ließ manchmal die einfachsten Herzen höher schlagen. ›Ich weiß nicht, was kommen wird, aber etwas muß kommen, bald kommen‹, sagte 1787 eine alte Frau zu Arthur Young, der am Vorabend der Revolution Frankreich durchreiste. Dieses ›Etwas‹ mußte dem Elend des Volkes irgendwie Erleichterung bringen. Man hat in letzter Zeit die Frage erörtert, ob die Bewegung, die der Revolution vorherging, und die Revolution selbst ein sozialistisches Element enthielten. Das Wort ›Sozialismus‹ gab es jedenfalls nicht, weil es nicht vor der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts da war. Die Idee des Staats-Kapitalismus, auf die die sozialdemokratische Fraktion der großen sozialistischen Partei den Sozialismus heutzutage zu bringen sucht, war jedenfalls nicht in dem Maße vorherrschend wie heute, da nämlich die Begründer des sozialdemokratischen ›Kollektivismus‹, Vidal und Pecqueur, erst zwischen 1840 und 1849 ihre Schriften verfaßten. Aber wenn man heutigentags die Werke der Schriftsteller, die die Vorläufer der Revolution waren, liest, muß man betroffen sein, wie diese Schriften von den Ideen getränkt sind, die das Wesen des modernen Sozialismus ausmachen. Zwei Grundgedanken – die Gleichheit aller Bürger hinsichtlich ihrer Rechte an den Boden und was wir heutzutage unter dem Namen des Kommunismus kennen – fanden unter den Enzyklopädisten und ebenso unter den populärsten Schriftstellern der Zeit, wie Mably, d'Argenson und sehr vielen von geringerem Gewicht, überzeugte Anhänger. Es ist ganz natürlich, da ja die Großindustrie damals noch in den Windeln lag und das Kapital par excellence, das Hauptwerkzeug zur Ausbeutung der menschlichen Arbeit der Boden und nicht die Fabrik war, die erst im Entstehen war, daß sich das Denken der Philosophen und späterhin der Revolutionäre des achtzehnten Jahrhunderts in erster Linie dem Gemeinbesitz am Boden zuwandte. Forderte doch Mably, der viel mehr als Rousseau die Männer der Revolution beeinflußte, tatsächlich schon 1768 (Doutes sur l'ordre naturel et essentiel des sociétés; ›Gedanken über die natürliche und wesentliche Ordnung der Gesellschaften‹) Gleichheit für alle in den Rechten auf den Grund und Boden und kommunistischen Bodenbesitz. Und ebenso war ja doch das Recht der Nation auf das gesamte Grundeigentum und desgleichen auf alle Naturschätze – Wälder, Flüsse, Wasserfälle usw. – die Lieblingsidee der Vorläufer der Revolution sowohl wie des linken Flügels der Volksrevolutionäre während des Aufruhrs. Leider aber nahmen diese kommunistischen Bestrebungen bei den Denkern, die das Wohl des Volkes wollten, keine bestimmte, greifbare Form an. Während sich bei dem gebildeten Bürgertum die Ideen der Unabhängigkeit in einem vollständigen Programm zu politischer und wirtschaftlicher Organisation zum Ausdruck brachten, bot man dem Volk die Ideen wirtschaftlicher Befreiung und Reorganisation nur in Form ganz unbestimmter Bestrebungen. Oft handelte es sich lediglich um Negationen. Die Männer, die zum Volke sprachen, suchten nicht zu formulieren, unter welcher konkreten Gestalt diese Wünsche oder diese Negationen in die Erscheinung treten konnten. Man möchte fast glauben, daß sie der Bestimmtheit auswichen. Wissentlich oder nicht schienen sie sich zu sagen: ›Wozu dem Volke von der Art und Weise sprechen, wie man sich später organisieren wird! Das wäre geeignet, seine revolutionäre Energie abzukühlen. Die Hauptsache ist, daß es die Kraft zum Angriff hat, um den veralteten Institutionen auf den Leib zu rücken. – Später wird man zusehen, wie die Sache zu machen ist.‹ Wie viele Sozialisten und Anarchisten hängen noch demselben Verfahren an! Voller Ungeduld, den Tag der Rebellion möglichst schnell herbeizuführen, behandeln sie jeden Versuch, einiges Licht auf das zu werfen, was die Revolution wird einführen müssen, als eine Art Theorie, die besänftigend und einschläfernd wirke. Man muß auch noch sagen, daß die Unwissenheit der Schriftsteller – zum größten Teil Städter und Büchermenschen – viel mitsprach. So gab es in der ganzen Schar gelehrter und geschäftsgewandter Männer, die die Nationalversammlung ausmachten – Rechtsgelehrte, Journalisten, Kaufleute usw. –, nur zwei oder drei rechtskundige Mitglieder, die die Feudalrechte kannten, und man weiß, daß es in der Nationalversammlung nur sehr wenige Bauernvertreter gab, die aus persönlicher Erfahrung mit den Bedürfnissen des flachen Landes vertraut waren. Aus diesen verschiedenen Gründen kam die Idee des Volkes in der Hauptsache lediglich in Negationen zum Ausdruck. ›Auf, laßt uns die Grundbücher verbrennen, in denen die Feudallasten verzeichnet stehen! Nieder mit den Zehnten! Nieder mit Madame Veto! Die Aristokraten an die Laterne!‹ Aber, wem soll die frei gewordene Erde übergeben werden? Wer soll die Erbschaft der guillotinierten Aristokraten antreten? Wem soll die Staatsgewalt überantwortet werden, die den Händen des Monsieur Veto entfiel, aber in denen des Bürgertums eine Macht wurde, die ganz anders, schrecklicher war als unter dem Ancien régime? Dieser Mangel an Klarheit in den Vorstellungen des Volkes über das, was es von der Revolution erhoffen konnte, drückte der ganzen Bewegung seinen Stempel auf. Während das Bürgertum fest und entschieden auf die Etablierung seiner politischen Macht in einem Staate losging, den es nach seinen Plänen neu aufbauen wollte, schwankte das Volk. Besonders in den Städten schien es im Anfang nicht einmal recht zu wissen, was es mit der Macht, die es erobert hatte, anfangen sollte, um Nutzen davon zu haben. Und als späterhin die Ideen über das Agrargesetz und über die Ausgleichung der Vermögen sich bestimmter zu formen anfingen, prallten sie mit einer Menge Vorurteile über das Eigentum zusammen, von denen selbst die erfüllt waren, die sich der Sache des Volkes aufrichtig ergeben hatten. Der nämliche Widerstreit entstand in den Vorstellungen über die politische Organisation des Staates. Man erkennt ihn hauptsächlich in dem Konflikt, der sich zwischen den gouvernementalen Vorurteilen der Demokraten jener Zeit und den Ideen erhob, die mitten aus den Massen heraus über die politische Dezentralisation und über die überwiegende Rolle entstanden, die das Volk seinen Stadtverwaltungen, seinen Sektionen in den Großstädten und den Gemeindeversammlungen in den Dörfern sichern wollte. Darauf ist die ganze Folge blutiger Konflikte zurückzuführen, die im Konvent entstanden. Und daher kommt auch die Zweifelhaftigkeit der Ergebnisse, die die Revolution für die große Masse des Volkes im ganzen gezeitigt hat – abgesehen von den Ländereien, die den weltlichen und geistlichen Herren abgenommen und von den Feudallasten befreit worden sind. Aber wenn die Ideen des Volkes hinsichtlich des Aufbaus wirr waren, so waren sie im Gegenteil in ihren Negationen über gewisse Punkte sehr klar und bestimmt. Zuvörderst der Haß des Armen gegen diese ganze müßiggängerische, nichtstuerische, verderbte Aristokratie, die es beherrschte, während das graue Elend in den Dörfern und den düsteren Gassen der großen Städte herrschte. Dann der Haß gegen den Klerus, der mit seinen Sympathien mehr auf seiten der Aristokratie stand als auf der des Volkes, das ihn ernährte. Der Haß gegen alle Institutionen des ancien régime, die die Armut noch drückender machten, weil sie dem Armen die Anerkennung der Menschenrechte verweigerten. Der Haß gegen das Feudalsystem und seine Abgaben, die den Bauern in einen Zustand der Leibeigenschaft gegenüber dem Grundbesitzer versetzten, obwohl die persönliche Leibeigenschaft nicht mehr existierte. Und endlich die Verzweiflung des Bauern, der in diesen Jahren der Hungersnot zusehen mußte, wie der Boden im Besitz des Herrn unbestellt blieb oder lediglich den Adligen ein Platz des Vergnügens war, während in den Dörfern der Hunger herrschte. Dieser Haß, der seit langem hochkam und immer stärker wurde, je ausgeprägter der Egoismus der Reichen im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts wurde, und dieser Hunger nach dem Boden, dieser Schrei des durch Hunger zur Verzweiflung und Empörung gebrachten Bauern gegen den Herrn, der ihn nicht vom Boden Besitz ergreifen ließ, das war es, was den Geist der Empörung schon 1788 erweckte. Und dieser nämliche Haß und dieses nämliche Bedürfnis – mit der Hoffnung auf Erfolg – riefen in den Jahren 1789 bis 1793 die ununterbrochenen Bauernaufstände hervor – die Aufstände, die es dem Bürgertum ermöglichten, dem alten Regime ein Ende zu machen und seine Macht unter einem neuen Regime aufzurichten, dem der parlamentarischen Regierung. Ohne diese Erhebungen, ohne diese völlige Desorganisation der Gewalten in der Provinz, die infolge der ohne Unterbrechung immer erneuerten Bauernaufstände Platz griff; ohne diese Bereitschaft des Volks von Paris und andern Städten, mit der es jedesmal, wenn es von den Revolutionären aufgerufen wurde, sich bewaffnete und die Bollwerke des Königtums stürmte, hätte das Bürgertum ohne Zweifel nichts erreicht. Aber gerade dieser immer lebendigen Quelle der Revolution – dem Volk, das in Bereitschaft stand, zu den Waffen zu greifen – sind die Geschichtsschreiber der Revolution noch nicht so gerecht geworden, wie es ihr die Geschichte der Zivilisation schuldig ist. 4. Das Volk vor der Revolution Es wäre unnütz, uns dabei aufzuhalten, hier die Lage der Bauern auf dem Lande und der Armenbevölkerung in den Städten unmittelbar vor 1789 ausführlich zu schildern. Alle Geschichtsschreiber der großen Revolution haben diesem Gegenstand sehr beredte Ausführungen gewidmet. Das Volk stöhnte unter der Last der Steuern, die der Staat vorwegnahm, der Zinsen, die dem Herrn gezahlt werden mußten, der Zehnten, die der Klerus einstrich, und der Fronden, die alle drei ihm auferlegten. Ganze Bevölkerungen vieler Ortschaften waren auf den Bettel angewiesen und liefen in der Zahl von fünftausend, zehntausend, zwanzigtausend in jeder Provinz auf den Landstraßen, Männer, Frauen und Kinder: elftausend Bettler sind für das Jahr 1777 offiziell festgestellt. In den Dörfern war die Hungersnot chronisch geworden; sie kehrte nach kurzen Pausen wieder und dezimierte ganze Provinzen. Die Bauern flohen in der Zeit in Mengen aus ihren Provinzen, in der Hoffnung, die bald enttäuscht wurde, anderswo günstigere Bedingungen zu treffen. Zur selben Zeit wuchs in den Städten die Zahl der Armen von Jahr zu Jahr. Beständig fehlte es in den Städten an Brot, und da die Stadtverwaltungen sich außerstande sahen, die Märkte zu versorgen, wurden die Hungeraufstände, in deren Gefolge immer Menschen getötet wurden, zu einer konstanten Erscheinung im Königreich. Auf der andern Seite gab es jene raffinierte Aristokratie des achtzehnten Jahrhunderts, die in zügellosem, unsinnigem Luxus ungeheure Vermögen ausgab – Hunderttausende und Millionen Franken Jahreseinkommen. Über ein Leben, wie sie es führten, kann ein Taine heutzutage in Begeisterung geraten, weil er es nur von weitem kennt, in einer Entfernung von hundert Jahren und nur aus Büchern; aber in Wirklichkeit war hinter äußeren Formen, die der Tanzmeister bestimmte, und hinter einer lärmenden Verschwendung die roheste Sinnlichkeit und völliger Mangel an irgendwelchen Interessen oder Gedanken, ja sogar an einfachen menschlichen Empfindungen verborgen. Daher kam es, daß jeden Augenblick die Langeweile bei diesen Reichen sich einstellte, gegen die, selbstverständlich vergeblich, alle Mittel, selbst die albernsten und kindischsten, versucht wurden. Übrigens hat man, als die Revolution ausbrach, deutlich sehen können, was diese Aristokratie wert war, man sah, wie den Aristokraten sehr wenig daran lag, ›ihren‹ König und ›ihre‹ Königin zu schützen, wie sie sich vielmehr beeilten, auszuwandern und die Invasion des Auslands herbeizurufen, das sie gegen das empörte Volk schützen sollte. Man hat ihren Wert und den ›Adel‹ ihres Charakters zu beurteilen in den Emigrantenniederlassungen, die sich in Koblenz, in Brüssel, in Mitau bildeten, Gelegenheit gehabt. Diese Gegensätze des Luxus und des Elends, die im Leben des achtzehnten Jahrhunderts so kraß hervortraten, sind von all den Historikern der großen Revolution trefflich dargestellt worden. Aber es muß ein Zug hinzugefügt werden, dessen Bedeutung ganz besonders hervortritt, wenn man gerade jetzt, am Vorabend der russischen Revolution, die Lage der Bauern in Rußland erforscht. Das Elend der großen Masse der französischen Bauern war gewiß entsetzlich. Es war in der ganzen Zeit, seit der Regierung Ludwigs XVI., in dem Maße, wie die Ausgaben des Staates größer wurden und der Luxus der Herren zunahm, der den Charakter der Ausschweifung annahm, wie er aus manchen Memoiren der Zeit so gut hervortritt, immer schrecklicher geworden. Hauptsächlich machte der Umstand die Erpressungen der Grundherren unerträglich, daß ein großer Teil des Adels in Wahrheit ruiniert war, aber seine Armut unter luxuriösen Gepflogenheiten versteckte und so wild darauf aus war, den Bauern möglichst viel Einkünfte zu entpressen. Auch die kleinsten Zahlungen und Leistungen in Naturalien, die das Herkommen früher einmal geschaffen hatte, wurden gefordert, und die Bauern wurden vermittelst der Verwalter mit wahrhaft wucherischer Härte behandelt. Die Verarmung des Adels hatte bewirkt, daß die Adligen in ihrem Verhältnis zu den Leibeigenen geldgierige Bürgersleute wurden, die aber unfähig waren, andere Quellen der Bereicherung zu finden, als die Ausbeutung der alten Vorrechte, der Überbleibsel aus der Zeit des Feudalismus. Darum findet man in manchen Dokumenten unbestreitbare Spuren einer Verschärfung der Eintreibungen der Grundherren während der fünfzehn Jahre der Regierung Ludwigs XVI., die der Revolution vorhergingen. Aber wenn die Geschichtsschreiber der großen Revolution mit Recht von der Lage der Bauern sehr düstere Bilder entwarfen, wäre es falsch, daraus zu schließen, jene andern Historiker (wie zum Beispiel Tocqueville), die von der Verbesserung der Verhältnisse auf dem Lande in diesen nämlichen Jahren vor der Revolution reden, seien im Unrecht. Die Sache ist die, daß eine doppelte Erscheinung damals in den Dörfern sich vollzog: die Verarmung der Massen der Bauern und die Verbesserung in der Lage einiger von ihnen. Man sieht dasselbe sehr gut im heutigen Rußland seit der Aufhebung der Leibeigenschaft. Die Masse der ländlichen Bevölkerung verarmte. Von Jahr zu Jahr wurde ihre Existenz unsicherer; die geringste Mißernte brachte Teuerung und Hungersnot hervor. Aber es bildete sich aus Bauern, die vermögender und ehrgeiziger waren, zur gleichen Zeit eine neue Klasse – hauptsächlich, wo der Verfall der Adelsgüter schnell vor sich gegangen war. Der Dorfbourgeois trat auf die Bildfläche, und beim Herannahen der Revolution war er der erste, der gegen die Feudalrechte auftrat und ihre Abschaffung verlangte. Er war es, der während der vier oder fünf Jahre der Revolution am hartnäckigsten verlangte, daß die Abschaffung der Feudalrechte nicht durch Ablösung geschehe, sondern durch Konfiskation der Güter und ihre Zerstückelung. Er war es endlich, der 1793 am wütendsten gegen ›die ci-devant‹, die früheren Adligen, die Exgrundherren, vorging. Für den Augenblick, beim Herannahen der Revolution, war er es, dieser Bauer, der in seinem Dorfe eine Rolle spielte, durch den Hoffnung in die Herzen kam und der Geist der Empörung heraufwuchs. Die Spuren dieses Erwachens sind unverkennbar, denn von der Thronbesteigung Ludwigs XVI. im Jahre 1774 an breiteten sich die Empörungen immer mehr aus. Und man muß sagen: wenn die Verzweiflung des Elends das Volk zum Aufstand trieb, so war es die Hoffnung, einige Erleichterung zu erlangen, die es zur Revolution brachte. Wie alle Revolutionen wurde die von 1789 durch die Hoffnung herbeigeführt, gewisse Ergebnisse von Wert durchzusetzen. 5. Der Geist der Empörung; die Aufstände Wie jede neue Regierung hatte die Regierung Ludwigs XVI. mit einigen Reformen begonnen. Zwei Monate nach seiner Thronbesteigung berief Ludwig XVI. Turgot ins Ministerium, und einen Monat nachher ernannte er ihn zum Generalkontrolleur der Finanzen. Er hielt ihn sogar anfangs gegen die heftige Opposition, die Turgot, der Ökonomist, der Bürgerliche, der Sparsame und der Feind der nichtstuerischen Aristokratie, mit Notwendigkeit am Hofe finden mußte. Die Freiheit des Getreidehandels, die im September 1774 verkündet wurde, In vielen Gegenden gab es sogar von den Großbauern aufgestellte Grenzmarkierungen, an denen bei der Ein- oder Ausfuhr von Getreide Zoll entrichtet werden mußte. und die Abschaffung der Fronden im Jahre 1776, desgleichen die Aufhebung der alten Korporationen und Zünfte in den Städten, die nur noch dazu dienten, eine gewisse Aristokratie in der Industrie aufrechtzuerhalten, diese Maßregeln mußten eine gewisse Hoffnung auf Reformen im Volke erwecken. Als die Armen die Schlagbäume der Grundherren fallen sahen, von denen ganz Frankreich wie mit Stacheln bedeckt war und die den freien Umlauf des Getreides, des Salzes und anderer notwendigster Bedarfsartikel hinderten, waren sie entzückt, daß ein Anfang gemacht wurde, die verhaßten Privilegien des Adels anzutasten. Die vermögenderen Bauern freuten sich auch, daß die Gesamthaftung aller Zinspflichtigen abgeschafft wurde. Endlich wurde im August 1779 auch die tote Hand Das Recht des Grundherrn auf das Privateigentum des Bauern. und die persönliche Leibeigenschaft auf den Gütern des Königs abgeschafft, und im folgenden Jahr entschloß man sich, die Folter abzuschaffen, die man bis zu diesem Augenblick im Strafverfahren in ihren härtesten Formen, wie sie in der Verordnung von 1670 eingeführt worden waren, angewendet hatte. Man begann auch von einer Repräsentativregierung zu reden, gleich der, die die Engländer nach ihrer Revolution bei sich eingeführt hatten und wie sie die philosophischen Schriftsteller wünschten. Turgot hatte sogar zu diesem Zweck einen Entwurf von Provinziallandtagen gemacht, denen später eine Repräsentativregierung für ganz Frankreich folgen sollte, nach welchem Plan die besitzenden Klassen dazu bestimmt gewesen wären, ein Parlament zu bilden. Ludwig XVI. schrak vor diesem Projekt zurück und entließ Turgot, aber von da an fing das ganze gebildete Frankreich an, von der Verfassung und der Volksvertretung zu reden. Überdies war es schon unmöglich geworden, der Frage der Volksvertretung aus dem Wege zu gehen, und als Necker im Juli 1777 ins Ministerium gerufen wurde, kam sie wieder aufs Tapet. Necker, der sich darauf verstand, die Gedanken seines Herrn zu erraten, und der versuchte, seine autokratische Gesinnung mit den Finanzbedürfnissen zu vereinbaren, wollte lavieren und schlug zunächst die Einführung von Provinziallandtagen vor, ließ aber die Möglichkeit einer nationalen Volksvertretung nur für die Zukunft aufschimmern. Aber auch er begegnete bei Ludwig XVI. einer entschiedenen Zurückweisung: ›Wäre es nicht schön‹, schrieb der schlaue Finanzmann, wenn Ihre Majestät der Vermittler zwischen den Ständen und den Untertanen würde, wenn Ihre Autorität nur in die Erscheinung träte, um die Grenzen zwischen der Härte und der Gerechtigkeit zu bezeichnen?‹, worauf Ludwig erwiderte: ›Es gehört zum Wesen meiner Autorität, nicht Vermittler, sondern an der Spitze zu sein.‹ Man tut gut, sich diese Worte angesichts der Empfindeleien über Ludwig XVI. zu merken, die die Historiker aus dem reaktionären Lager in letzter Zeit ihren Lesern aufgetischt haben. Ludwig XVI. war durchaus nicht die gleichgültige, gutmütige, nur mit der Jagd beschäftigte und harmlose Person, die man aus ihm hat machen wollen; er verstand es vielmehr fünfzehn Jahre lang, bis zum Jahre 1789, sich dem empfindlichen und immer stärker werdenden Bedürfnis nach neuen politischen Formen zu widersetzen, die an die Stelle des Königsdespotismus und der Greuel des Ancien régime treten mußten. Die Waffe Ludwigs XVI. war hauptsächlich die List; er gab nur nach, wenn er Angst hatte; und er leistete nicht nur bis 1789 Widerstand, sondern immer, und immer mit denselben Mitteln der List und der Heuchelei, bis zu seinen letzten Augenblicken, bis zum Fuß des Schafotts. Jedenfalls 1778, wo es für die mehr oder weniger weitblickenden Geister, wie Turgot und Necker, schon klar war, daß die Selbstherrlichkeit des Königs ausgespielt hatte und daß es an der Zeit war, sie durch irgendeine Art Volksvertretung zu ersetzen, konnte Ludwig nur zu kleinen Zugeständnissen gebracht werden. Er berief die Provinziallandtage des Berry und der Haute-Guyenne (1778 und 1779). Aber angesichts des Widerstandes von seiten der Privilegierten wurde der Plan, diese Tagungen auf andere Provinzen auszudehnen, fallengelassen, und Necker wurde 1781 entlassen. Inzwischen trug auch die amerikanische Revolution dazu bei, die Geister zu erwecken und ihnen das Gefühl der Freiheit und republikanische Demokratie einzuflößen. Am 4. Juli 1776 proklamierten die englischen Kolonien in Nordamerika ihre Unabhängigkeit, und die neuen Vereinigten Staaten wurden 1778 von Frankreich anerkannt – was den Krieg mit England herbeiführte, der bis 1783 dauerte. Alle Geschichtsschreiber sprechen von der Wirkung, die dieser Krieg auf die Geister ausübte. Es ist in der Tat sicher, daß die Empörung der englischen Kolonien und die Begründung der Vereinigten Staaten von großer Wirkung in Frankreich waren und mächtig dazu beitrugen, den revolutionären Geist zu erwecken. Man weiß auch, daß die Erklärungen der Rechte, die in den jungen amerikanischen Staaten erlassen wurden, die französischen Revolutionäre stark beeinflußten. Man könnte auch sagen, daß der amerikanische Krieg, in dem Frankreich eine ganze Flotte neu schaffen mußte, um sie der englischen gegenüberzustellen, die Finanzen des Ancien régime vollends ruinierte und den Zusammenbruch beschleunigte. Aber es ist ganz ebenso sicher, daß dieser Krieg der Beginn der furchtbaren Kriege war, die England bald gegen Frankreich entfesseln sollte, und der Koalitionen, die es gegen die Republik zustande brachte. Sowie England sich von seinen Niederlagen erholt hatte und merkte, daß Frankreich durch die inneren Kämpfe geschwächt war, schuf es ihm mit allen Mitteln, offenen und geheimen, die Kriege, die wir von 1793 an toben sehen und die bis 1815 dauerten. Es ist nötig, daß alle diese Ursachen der großen Revolution aufgezeigt werden, denn sie war wie jedes Ereignis von großer Bedeutung das Ergebnis eines Zusammentreffens von Ursachen, die in einem gegebenen Augenblick aufeinanderstießen und Menschen erzeugten, die ihrerseits dazu beitrugen, die Wirkungen dieser Ursachen zu verstärken. Aber es muß ebenso gesagt werden, daß trotz allen Ereignissen, die die Revolution vorbereiteten, und trotz der ganzen Intelligenz und den Ansprüchen der Bourgeoisie, dieses Bürgertum, das immer klug und vorsichtig war, sich noch lange aufs Warten verlegt hätte, wenn das Volk die Ereignisse nicht beschleunigt hätte; die Volkserhebungen, die in unvorhergesehenem Maße heftiger und an Zahl größer wurden, waren das neue Element, das dem Bürgertum die Angriffskraft gab, die ihm fehlte. Das Volk hatte das Elend und die Unterdrückung unter der Regierung Ludwigs XV. geduldig ertragen; aber sowie der König 1774 gestorben war, begann das Volk, das immer weiß, daß die Autorität nachlassen muß, wenn ein neuer Herr den Thron besteigt, sich zu empören. Eine ganze Reihe Aufstände brach von 1775 bis 1777 los. Es waren Hungeraufstände, die bisher nur gewaltsam zurückgehalten worden waren. Die Ernte von 1774 war schlecht, es fehlte an Brot. Darauf brach im April 1775 der Aufstand aus. In Dijon bemächtigte sich das Volk der Häuser der Monopolisten; es zerstörte ihre Möbel und riß ihre Mühlen ein. Bei dieser Gelegenheit war es, daß der Stadtkommandant – einer der Vertreter der schönen, raffinierten Kultur, von denen Taine mit so viel Verehrung spricht – zum Volk das verhängnisvolle Wort sprach, das später, während der Revolution, so oft wiederholt wurde: Das Gras sprießt schon; geht auf die Wiesen und weidet! Auxerre, Amiens, Lille folgten Dijon. Einige Tage später begaben sich die ›Räuber‹ – denn diese Bezeichnung geben die meisten Historiker den ausgehungerten Aufständischen –, die sich in Pontoise, Passy und St. Germain mit der Absicht zusammengefunden hatten, die Mehlniederlagen zu plündern, nach Versailles. Ludwig XVI. mußte auf dem Balkon des Schlosses erscheinen, zu ihnen sprechen und ihnen ankündigen, daß er den Preis des Brotes um zwei Sous ermäßigte – welcher Absicht Turgot als richtiger Ökonomist sich selbstverständlich widersetzte. Die Herabsetzung der Brotpreise unterblieb. Inzwischen zogen die ›Räuber‹ nach Paris, plünderten die Bäcker und verteilten alles Brot, dessen sie sich bemächtigen konnten, an die Menge. Das Militär trieb sie auseinander. Man hängte auf der Place de la Grève zwei Aufrührer, die sterbend ausriefen, sie stürben für das Volk; aber von da an beginnt sich die Legende von ›Räubern‹ zu verbreiten, die ganz Frankreich durchzögen – eine Legende, die 1789 so große Wirkung tat, als sie dem Bürgertum der Städte zum Vorwand diente, sich zu bewaffnen. Damals schon wurden in Versailles Plakate angeklebt, die den König und seine Minister schmähten und in Aussicht stellten, den König am Tage nach seiner Krönung ums Leben zu bringen, oder auch der ganzen königlichen Familie den Garaus zu machen, wenn das Brot nicht billiger würde. Damals schon ließ man in der Provinz falsche Regierungserlasse verbreiten. Ein solcher gab vor, der Ministerrat hätte den Preis für das Sester Korn auf zwölf Livres festgesetzt. Diese Aufruhrbewegungen wurden selbstverständlich unterdrückt, aber sie hatten sehr tiefgehende Wirkungen. Kämpfe zwischen verschiedenen Parteien wurden entfesselt; es regnete Flugschriften, von denen die einen die Minister anklagten, andere von einer Verschwörung der Prinzen gegen den König sprachen, die dritten die königliche Gewalt antasteten. Kurz, bei der schon erregten Verfassung, in der sich die Geister befanden, war der Volksaufstand der Funke, der ins Pulverfaß fiel. Man sprach jetzt von Zugeständnissen, die man dem Volk machen müsse, woran man bis dahin nie gedacht hatte: man fing öffentliche Arbeiten an; man schaffte die Mehlsteuer ab – was dem Volk in der Gegend von Rouen erlaubte zu behaupten, alle Feudalrechte seien abgeschafft worden, und sich (im Juli) zu erheben, um keine Abgaben mehr zu zahlen. Mit einem Worte, es ist deutlich zu sehen, daß die Unzufriedenen ihre Zeit nicht verloren und die Gelegenheit benutzten, die Volkserhebungen zu schüren. Es fehlt an Quellen, um die ganze Reihe der Volkserhebungen während der Regierung Ludwigs XVI. zu berichten: die Geschichtsschreiber beschäftigen sich wenig damit; man hat keine Forschungen in den Archiven angestellt, und nur gelegentlich erfährt man, da und da habe es Unordnungen gegeben. In Paris zum Beispiel nach der Abschaffung der Zünfte (1776), und ein bißchen überall in Frankreich im Laufe desselben Jahres im Gefolge falscher Gerüchte, die über die Abschaffung aller Verpflichtungen zu Frondiensten und Abgaben an die Grundherren verbreitet waren, gab es ziemlich ernsthafte Aufruhrbewegungen. Indessen will es nach den gedruckten Dokumenten, die ich studiert habe, scheinen, als ob in den Jahren 1777 bis 1783 diese Aufstände an Zahl geringer gewesen seien – vielleicht trug der amerikanische Krieg etwas dazu bei. In den Jahren 1782 und 1783 begannen die Aufstände dann wieder, und von da an gingen sie weiter und vermehrten sich bis zur Revolution. Poitiers war 1782 im Aufruhr; 1786 war es Vizille; von 1783 bis 1787 brachen die Aufstände in den Ceévennen, dem Vivarais und dem Gévaudan aus. Die Unzufriedenen, die man Mascarats nannte und die die ›Advokaten‹ bestrafen wollten, die die Bauern untereinander aufreizten, um Prozesse zu ergattern, drangen in die Gerichtssäle bei den Notaren und Prokuratoren ein und verbrannten alle Akten und Verträge. Man hing drei Aufrührer auf und schickte die andern in Zwangsarbeit, aber die Unruhen brachen von neuem aus, als die Schließung der Parlamente einen neuen Anlaß für sie lieferte. Im Jahre 1786 ist Lyon im Aufstand (Chassin, Génie de la Révolution). Die Seidenweber streiken; man verspricht eine Lohnerhöhung – und läßt die Truppen kommen; es entspinnt sich ein Kampf und drei Führer werden gehängt. Von da an bis zur Revolution bleibt Lyon ein Herd des Aufruhrs, und 1789 werden die Aufständigen von 1786 zu Wahlmännern gewählt. Bald sind es Erhebungen mit religiöser Färbung, bald handelt es sich um Widerstand gegen die Aushebungen zum Militär – jede Aushebung zu den Milizen führte zu einem Aufruhr, sagt Turgot irgendwo –, oder das Volk rebelliert gegen die Salzsteuer, oder auch es widersetzt sich der Zahlung der Zehnten. Aber allezeit gibt es Krawalle, und hauptsächlich im Osten, Süd- und Nordosten – den künftigen Herden der Revolution – brechen diese Aufstände in größerer Zahl aus. Es werden ihrer immer mehr, bis schließlich im Jahre 1788 infolge der Auflösung der Gerichtshöfe, die man die Parlamente nannte und die durch Plenargerichtshöfe ersetzt wurden, die Aufstände sich über ganz Frankreich verbreiteten. Es ist klar, daß für das Volk kein großer Unterschied zwischen einem Parlament und einem ›Plenarhof‹ war. Wenn die Parlamente sich manchmal geweigert haben, Edikte des Königs und seiner Minister in ihre Gesetzessammlung aufzunehmen, haben sie doch sich um das Volk keinerlei Mühe gegeben. Aber es war genug, daß die Parlamente dem Hof Opposition machten; und als die Abgesandten des Bürgertums und der Parlamente beim Volk Unterstützung suchten, war dieses schnell zur Empörung bereit, um auf diese Weise gegen den Hof und die Reichen zu demonstrieren. Im Juni 1787 machte sich das Parlament von Paris beim Volke beliebt, weil es dem Hofe Geld verweigerte. Das Gesetz verlangte, daß die Verordnungen des Königs in die Gesetzessammlung des Parlaments aufgenommen wurden, und das Parlament von Paris registrierte willig gewisse Verordnungen über den Getreidehandel, die Einberufung der Provinziallandtage und über die Fronden. Aber es lehnte es ab, die Verordnung, die neue Steuern einführte, im Register aufzunehmen – eine neue Grundsteuer und eine neue Stempelabgabe. Darauf bestimmte der König den sogenannten königlichen Gerichtstag (lit de justice) und ließ die Verordnungen zwangsweise ins Register aufnehmen. Das Parlament protestierte und gewann so die Sympathie des Bürgertums und des Volkes. Bei jeder Sitzung stand eine große Menge Menschen am Eingang des Palais: Schreiber, Neugierige und Leute aus dem Volke versammelten sich, um die Parlamentsräte zu begrüßen. Um den Zusammenrottungen ein Ende zu machen, verbannte der König das Parlament nach Troyes – und von da an begannen die Demonstrationen in Paris. Der Haß des Volkes richtete sich besonders – schon damals – gegen die Prinzen (hauptsächlich gegen den Herzog von Artois) und gegen die Königin, die damals den Spitznamen ›Madame Defizit‹ erhielt. Das Obersteuergericht von Paris, das sich auf die Empörung des Volkes stützen konnte, und ebenso alle Parlamente der Provinz und die Gerichtshöfe protestierten gegen diesen Akt der königlichen Gewalt, und da die Erregung immer mehr anwuchs, sah sich der König am 9. September genötigt, das Parlament aus der Verbannung zurückzurufen, was in Paris neue Demonstrationen hervorrief, in denen der Minister de Calonne in effigie verbrannt wurde. Diese Unruhen gingen hauptsächlich vom Kleinbürgertum aus. Aber an andern Orten nahmen sie mehr den Charakter einer Volksbewegung an. Im Jahre 1788 brachen in der Bretagne Aufstände aus. Als der Kommandant von Rennes und der Intendant der Provinz sich ins Palais begaben, um dem Parlament der Bretagne die Verordnung mitzuteilen, kraft deren diese Körperschaft abgeschafft wurde, war bald die ganze Stadt auf den Beinen. Die Menge bedrohte die beiden Beamten und stieß sie hin und her. Im Grunde haßte das Volk den Intendanten Bertrand de Molleville, und die Bürger zogen daraus ihren Nutzen und verbreiteten das Gerücht, der Intendant sei an allem schuld: ›Er ist ein Ungeheuer, das man erdrosseln sollte‹, sagte eines der Flugblätter, die unter der Menge verteilt wurden. Und so warf man ihn, als er aus dem Palais kam, mit Steinen und schleuderte verschiedene Male einen Strick mit einer Schlinge gegen ihn. Ein Kampf drohte auszubrechen, aber ein Offizier warf, als die anstürmende Jugend mit dem Militär handgemein werden wollte, seinen Degen fort und fraternisierte mit dem Volk. Hintereinander brachen Unruhen derselben Art in mehreren andern Städten der Bretagne aus, und die Bauern ihrerseits erhoben sich aus Anlaß von Getreideverladungen in Quimper, Saint-Brieuc, Morlaix, Pont-l'Abbé, Lamballe usw. Interessant ist es, in diesen Unruhen die aktive Rolle zu bemerken, die die Studenten von Rennes darin spielten, die sich schon damals mit den Empörern aus dem Volke identifizierten. Im Dauphiné und besonders in Grenoble nahm die Aufstandsbewegung einen noch ernsthafteren Charakter an. Sowie der Kommandant Clermont-Tonnerre die Verordnung bekanntgemacht hatte, die das Parlament verabschiedete, erhob sich das Volk von Grenoble. Man läutete Sturm, und bald ertönten auch die Glocken auf den Dörfern; die Bauern eilten in Scharen in die Stadt. Es kam zu einem blutigen Zusammenstoß und gab viele Tote. Die Wache des Kommandanten war machtlos, und sein Palast wurde geplündert. Clermont-Tonnerre wurde mit erhobener Axt bedroht, bis er die königliche Verordnung widerrief. Das Volk war es – hauptsächlich die Frauen –, das handelte. Was die Parlamentsmitglieder angeht, so konnte sie das Volk kaum finden. Sie hatten sich versteckt, und sie schrieben nach Paris, der Aufstand sei gegen ihren Willen ausgebrochen. Und als das Volk ihrer endlich habhaft geworden war, hielt es sie als Gefangene, weil ihre Anwesenheit der Bewegung einen gesetzlichen Anstrich gab. Die Frauen bewachten diese festgenommenen Parlamentsmitglieder und wollten sie nicht einmal den Männern anvertrauen, aus Furcht, sie könnten befreit werden. Die Bürgerschaft von Grenoble hatte offenbar Angst vor dieser Volkserhebung und organisierte während der Nacht ihre Bürgerwehr, die sich der Stadttore und ebenso der militärischen Posten bemächtigte, die sie dann bald den Truppen übergab. Kanonen wurden gegen die Aufständigen gerichtet, und das Parlament benutzte die Dunkelheit zur Flucht. Vom 9. bis zum 14. Juni triumphierte die Reaktion, aber am vierzehnten erfuhr man von einem Aufstand in Besançon, bei dem die Schweizer sich geweigert hätten, aufs Volk zu schießen. Dadurch wurde der Geist neu belebt, und es war sogar die Rede davon, die Provinzialstände einzuberufen. Aber da neue Truppensendungen von Paris kamen, ging der Aufstand allmählich zurück. Indessen dauerte die Gärung, die hauptsächlich von den Frauen unterstützt wurde, noch eine Weile an (Vic und Vaissète, Teil X, S. 637). Außer diesen beiden Erhebungen, die die meisten Historiker erwähnen, gab es in dieser Zeit viele andere – in der Provence, im Languedoc, Roussillon, Béarn, in Flandern, der Franche-Comté und Burgund. Und wo es keine eigentlichen Aufruhrbewegungen gab, benutzte man die erhitzte Stimmung, um die Gärung zu erhalten und Demonstrationen zu machen. In Paris gab es bei der Entlassung des Erzbischofs von Sens zahlreiche Demonstrationen. Der Pont-Neuf war militärisch bewacht, und es kam zu mehreren Zusammenstößen zwischen den Soldaten und dem Volk, dessen Führer, wie Bertrand de Molleville (S. 136) bemerkt, ›die nämlichen waren, die später an allen Volksbewegungen der Revolution teilnahmen‹. Man muß überdies den Brief Marie-Antoinettes an den Grafen von Mercy vom 24. August 1788 lesen, in dem sie ihm von ihren Befürchtungen spricht und ihm den Rücktritt des Erzbischofs von Sens anzeigt und ihm Kenntnis gibt von den Schritten, die sie zur Rückberufung Neckers tut; man versteht dann die Wirkung, die diese Zusammenrottungen auf den Hof hervorbrachten. Die Königin sieht voraus, daß diese Wiederberufung Neckers ›die Autorität des Königs erschüttern wird‹; sie fürchtet, ›man wird genötigt sein, einen Ministerpräsidenten zu ernennen‹; aber ›der Augenblick drängt. Es ist dringend nötig, daß Necker annimmt.‹ Drei Wochen später (am 14. September 1788), als man den Rücktritt Lamoignons erfuhr, gab es neue Zusammenrottungen. Die Menge tat sich zusammen, um die Häuser der beiden Minister – Lamoignon und Brienne ebenso wie das von Dubois zu verbrennen. Man rief das Militär herbei, und in der Rue Mêlée und Rue Grenelle ›richtete man eine schreckliche Metzelei unter den Unglücklichen an, die sich nicht einmal verteidigten‹. Dubois floh aus Paris. – ›Das Volk hätte sich sonst selbst Recht geschafft‹, sagen die Deux Amis de la Liberté. Noch später, als im Oktober 1788 das Parlament aus seiner Verbannung von Troyes zurückberufen wurde, illuminierten ›die Schreiber und das niedere Volk‹ an mehreren Abenden hintereinander auf der Place Dauphine. Sie verlangten von den Vorübergehenden Geld, um Feuerwerk abzubrennen. Sie zwangen die vornehmen Herren, aus dem Wagen zu steigen und die Statue Heinrichs IV. zu begrüßen. Sie verbrannten Puppen, die Calonne, Breteuil, die Herzogin von Polignac vorstellten. Es war auch die Rede davon, man solle die Königin in effigie verbrennen. Allmählich dehnten sich diese Zusammenrottungen auf andere Stadtteile aus, und man schickte Militär, um sie auseinanderzutreiben. Auf der Place de Grève wurde Blut vergossen, und es gab viele Tote und Verwundete; aber da die Parlamentsrichter die Verhafteten abzuurteilen hatten, kamen sie mit leichten Strafen davon. So wurde der revolutionäre Geist beim Herannahen der großen Revolution erweckt und verbreitet. Die Initiative kam ohne Frage vom Bürgertum, insbesondere vom Kleinbürgertum; aber, im allgemeinen zu sprechen, vermieden es die Bürger, sich zu kompromittieren, und die Zahl solcher unter ihnen, die vor der Berufung der Generalstände, mehr oder weniger offen, dem Hof Widerstand zu leisten wußten, war sehr beschränkt. Wenn es nur ihre spärlichen Akte des Widerstandes gegeben hätte, hätte Frankreich noch viele Jahre auf den Umsturz des königlichen Despotismus warten müssen. Zum Glück für die Revolution gab es tausend Umstände, die die Volksmassen zur Empörung brachten; und obwohl nach jedem Aufstand etliche an den Galgen kamen, viele verhaftet wurden und sogar Gefangene gefoltert wurden, empörte sich das Volk, das durch das Elend zur Verzweiflung getrieben und andrerseits von den unbestimmten Hoffnungen gestachelt war, von denen die alte Frau zu Arthur Young gesprochen hatte. Es empörte sich gegen die Intendanten der Provinzen, die Steuerpächter, die Salzsteuerunternehmer, sogar gegen die Truppen und brachte auf diese Weise die Regierungsmaschinerie in Unordnung. Von 1788 an wurden die Bauernaufstände so allgemein, daß es unmöglich wurde, die Staatsausgaben zu bestreiten; und Ludwig XVI., der sich vierzehn Jahre lang geweigert hatte, die Vertreter der Nation zu berufen, weil er fürchtete, die Autorität des Königs leide darunter, sah sich endlich gezwungen, zunächst zweimal hintereinander die Versammlungen der Notabeln zu berufen und schließlich die Generalstaaten. 6. Die Generalstaaten unausbleiblich Für jeden, der den Zustand Frankreichs kannte, mußte es klar sein, daß das Regiment der unverantwortlichen Regierung des Hofes nicht mehr von Dauer sein konnte. Das Elend auf dem Lande wurde immer größer, und jedes Jahr wurde es immer schwieriger, die Steuern zu erheben und zu gleicher Zeit die Bauern zu zwingen, den Herren die Zinsen und der Provinzialregierung die zahlreichen Frongefälle zu zahlen. Die Steuern allein verschlangen mehr als die Hälfte und oft mehr als zwei Drittel von dem, was der Bauer im Laufe des Jahres verdienen konnte. Hier der Bettel und dort der Aufstand wurden der normale Zustand auf dem Lande. Und dann war es nicht mehr der Bauer allein, der protestierte und sich empörte. Das Bürgertum sprach seine Unzufriedenheit ebenfalls laut aus. Es zog ohne Zweifel aus der Verarmung der Bauern Nutzen, indem es sie für die Industrie brauchen konnte, und es benutzte die Demoralisierung in der Verwaltung und die Unordnung in den Finanzen, um sich aller möglichen Monopole zu bemächtigen und sich durch die Staatsanleihen zu bereichern. Aber das genügte dem Bürgertum nicht. Eine Zeitlang kann es sich sehr wohl königlichem Despotismus und der Regierung des Hofes anpassen. Es kommt indessen ein Augenblick, wo es anfängt, für seine Monopole, für das Geld, das es dem Staate geliehen hat, für den Grundbesitz, den es erworben hat, für die Industrien, die es gegründet hat, zu fürchten – und dann begünstigt es die Aufstände des Volkes, um die Regierung des Hofes zu brechen und seine eigene politische Gewalt zu gründen. Dies sieht man alles in den dreizehn oder vierzehn ersten Jahren der Regierung Ludwigs XVI., von 1774–1788, vor sich gehen. Eine tiefgreifende Veränderung in der ganzen politischen Verfassung Frankreichs war offenbar notwendig; aber Ludwig XVI. und der Hof widerstrebten dieser Veränderung, und sie leisteten so lange Widerstand, daß ein Augenblick kam, wo die bescheidenen Reformen, die im Beginn der Regierung oder sogar noch 1783 oder 1785 sehr gut aufgenommen worden wären, vom Denken der Nation schon überholt waren, als der König sich endlich entschloß, nachzugeben. Während im Jahre 1775 eine aus Autokratie und Volksvertretung gemischte Regierungsform das Bürgertum zufriedengestellt hätte, sah sich der König zwölf oder dreizehn Jahre später, im Jahre 1787 und 1788, einer öffentlichen Meinung gegenüber, die von keinem Kompromiß mehr hören wollte und die Repräsentativregierung mit der ganzen Beschränkung der Macht des Königs forderte, die sich aus ihr ergab. Wir haben gesehen, wie Ludwig XVI. die sehr bescheidenen Vorschläge Turgots zurückwies. Schon der Gedanke an eine Einschränkung der Gewalt des Königs widerstrebte ihm. Auch gaben die Reformen Turgots – Abschaffung der Fronden, Abschaffung der Zünfte und ein schüchterner Versuch, die zwei privilegierten Klassen, den Adel und die Geistlichkeit, einige Steuern zahlen zu lassen – nichts recht Greifbares. Alles beharrt in einem Staat, und alles fiel in Trümmer im Ancien régime. Necker, der bald nach Turgot kam, war mehr Finanzkünstler als Staatsmann; er hatte den beschränkten Kopf der Finanzmänner, die alle Dinge von der kleinen Seite her nehmen. Er befand sich in seinem Element, wenn es sich um Finanzoperationen und Anleihen handelte; aber man braucht nur sein Buch von der Exekutivgewalt zu lesen, um zu verstehen, wie wenig sein Kopf, der daran gewöhnt war, über Regierungstheorien zu raisonieren, anstatt im Anprall menschlicher Leidenschaften und der Forderungen, die in einer Gesellschaft in einem gegebenen Augenblick zum Ausdruck kommen, Klarheit zu gewinnen, geeignet war, das ungeheure politische, wirtschaftliche, religiöse und soziale Problem zu verstehen, vor das sich Frankreich im Jahre 1789 gestellt sah. Auch wagte es Necker niemals, Ludwig XVI. gegenüber die scharfe, unumwundene, strenge und kühne Sprache zu führen, die der Augenblick verlangte. Er sprach nur sehr zaghaft von der Repräsentativregierung zu ihm und beschränkte sich auf Reformen, die weder die Schwierigkeiten des Augenblicks lösen noch irgend jemanden befriedigen konnten, während sie doch alle merken ließen, daß eine Änderung von Grund aus unabweisbar war. Die Provinzial-Landtage, die von Turgot eingeführt waren und denen Necker achtzehn neue hinzufügte, denen dann die Bezirks- und Kirchspielversammlungen auf dem Fuße folgten, waren gezwungen, die heikelsten Fragen zu erörtern und die schrecklichen Wunden der absoluten Königsgewalt bloßzulegen. Und da sich die Erörterungen über diese Gegenstände bis in die Dörfer fortpflanzen mußten, trugen sie ohne Zweifel mächtig zum Zusammenbruch des alten Regimes bei. So trugen die Provinzialtage, die im Jahre 1776 hätten als Blitzableiter dienen können, schon zur Erhebung von 1788 bei. Ebenso war der berühmte Rechenschaftsbericht über den Zustand der Finanzen, den Necker 1781 veröffentlichte, ein Keulenschlag für die Autokratie des Königs. Wie das bei solcher Gelegenheit immer so ist, trug er also dazu bei, das Regime, das schon am Zusammenbrechen war, noch mehr zu erschüttern, aber er hatte nicht die Kraft, zu verhindern, daß der Zusammenbruch eine Revolution wurde: wahrscheinlich sah er sie nicht einmal voraus. Nach der ersten Entlassung Neckers gab es in den Jahren 1781–1787 den Zusammenbruch der Finanzen. Die Finanzen befanden sich in einem so kläglichen Zustand, daß die Schulden des Staates, der Provinzen, der Ministerien und selbst des königlichen Hauses sich furchtbar häuften. Es konnte jeden Augenblick ein Staatsbankerott werden – den das Bürgertum jetzt, wo es die Interessen des Gläubigers hatte, um keinen Preis wollte. Was die Geistlichkeit und den Adel angeht, so weigerten sie sich durchaus, sich im Staatsinteresse zur Ader zu lassen. Die Aufstände auf dem Lande förderten unter diesen Umständen das Herannahen der Revolution stark. Und inmitten dieser Schwierigkeiten berief der Minister Calonne eine Notabelnversammlung zum 22. Februar 1787 nach Versailles. Diese Notabelnversammlung war gerade das, was man im Augenblick nicht veranstalten durfte: gerade diese halbe Maßregel, die einerseits die Einberufung einer Nationalversammlung unvermeidlich machte und andrerseits Mißtrauen gegen den Hof und Haß gegen die zwei privilegierten Stände, den Adel und die Geistlichkeit, hervorrief. Man erfuhr in der Tat, daß die Staatsschulden auf eine Milliarde sechshundertsechsundvierzig Millionen angeschwollen waren – für jene Zeit eine furchtbare Ziffer – und daß das jährliche Defizit sich auf hundertvierzig Millionen belief – in einem Lande, das so zugrunde gerichtet war wie Frankreich! Man erfuhr es; alle Welt sprach davon; und nachdem alle Welt davon gesprochen hatte, trennten sich die Notabeln, die aus den hohen Klassen genommen worden waren und eine Ministerversammlung vorstellten, am 25. Mai, ohne irgend etwas getan oder beschlossen zu haben. Calonne wurde während ihrer Beratungen durch Loménie de Brienne, den Erzbischof von Sens, ersetzt; aber dieser brachte es mit seinen Intrigen und seinen Versuchen zur Strenge zu nichts anderm, als die Parlamente in Aufruhr zu bringen, so gut wie überall Aufstände hervorzurufen, als er sie verabschieden wollte, und außerdem die allgemeine Meinung gegen den Hof aufzureizen. Als er (am 25. August 1788) entlassen wurde, rief sein Rücktritt in ganz Frankreich Jubel hervor. Aber da er die Unmöglichkeit des despotischen Regiments so trefflich dargetan hatte, blieb dem Hof nichts mehr übrig, als sich zu ergeben. Am 8. August 1788 war Ludwig XVI. genötigt, endlich die Generalstaaten zu berufen und ihre Eröffnung auf den ersten Mai 1789 festzusetzen. Aber selbst da benahmen sich der Hof und Necker, der im Jahre 1788 wieder ins Ministerium berufen worden war, derart, daß alle unzufrieden wurden. Die Meinung ging in Frankreich dahin, daß in den Generalstaaten, wo die drei Stände getrennt vertreten sein sollten, der dritte Stand eine doppelt so starke Vertretung haben und daß die Abstimmung nach Köpfen vor sich gehen sollte. Aber Ludwig XVI. und Necker widersetzten sich und beriefen sogar (am 6. November 1788) eine zweite Notabelnversammlung, von der man sicher war, daß sie die Verdoppelung des dritten Standes und die Abstimmung nach Köpfen ablehnen würde. Das geschah denn auch; aber die öffentliche Meinung war dermaßen von den Provinzialtagen zugunsten des dritten Standes beeinflußt worden, daß Necker und der Hof trotz alledem gezwungen waren, nachzugeben. Der dritte Stand erhielt eine doppelte Vertretung – das heißt, daß der dritte Stand von den tausend Abgeordneten ebenso viel erhielt, wie der Klerus und der Adel zusammen; kurz, sie taten alles, was dazu diente, die öffentliche Meinung gegen sie einzunehmen, ohne daß sie etwas davon hatten. Der Widerstand des Hofes gegen die Berufung einer Volksvertretung war völlig nutzlos. Am 5. Mai 1789 traten die Generalstaaten in Versailles zusammen. 7. Die Bauernerhebungen in den ersten Monaten von 1789 Nichts wäre irrtümlicher, als von Frankreich zu glauben oder es so hinzustellen, als wäre es am Vorabend von 1789 ein Volk von Helden gewesen, und Quinet hat völlig recht gehabt, diese Legende, die man zu verbreiten versucht hatte, zu zerstören. Es ist klar, wenn man die verschiedenen Tatsachen (die übrigens nicht sehr zahlreich sind) offenen Widerstands gegen das Ancien régime von seiten des Bürgertums – wie zum Beispiel den Widerstand d'Esprémesnils – auf wenigen Seiten zusammenstellt, kann man ein Bild mit recht lebhaften Farben entwerfen. Aber wenn man ganz Frankreich ins Auge faßt, ist man in der Tat betroffen über das Fehlen ernsthafter Proteste, aufrechter Haltung des Individuums – über den Servilismus des Bürgertums , darf ich sagen. ›Niemand macht sich bemerklich oder bekannt‹, sagt Quinet sehr richtig. Man hat nicht einmal Gelegenheit, Bekanntschaft mit sich selbst zu machen (La Révolution, Ausgabe von 1869, erster Teil, S. 15). Und er fragt: Was taten Barnave, Thouret, Siêyès, Vergniaud, Guadet, Roland, Danton, Robespierre und so viele andere, die bald zu Helden der Revolution werden? In den Provinzen, in den Städten herrschte Schweigen und Stummheit. Die Zentralgewalt mußte erst die Menschen zur Wahl rufen, mußte sie veranlassen, laut zu sagen, was sie sich leise zuflüsterten, damit der dritte Stand seine berühmten Hefte zusammenstellte. Und auch dann noch? Wenn wir in verschiedenen dieser Denkschriften kühne Worte der Empörung finden – wieviel Unterwürfigkeit, wieviel Schüchternheit in den meisten, welche Bescheidenheit in den Forderungen! Denn nachdem die Denkschriften und Hefte des dritten Standes das Recht zum Waffentragen und einige Rechtsgarantien gegen die Willkür der Verhaftungen verlangt haben, fordern sie gewöhnlich hauptsächlich noch ein bißchen mehr Freiheit in den Angelegenheiten der Stadtverwaltung. Erst später, wenn die Vertreter des dritten Standes sich vom Volk von Paris unterstützt sehen und der Bauernaufstand sich anzukündigen beginnt, nehmen sie ihre kühne Haltung gegen den Hof an. Es trifft sich indessen, daß das Volk sich seit den Bewegungen, die die Parlamente während des Sommers und Herbstes 1788 veranlaßt haben, überall empört, und die Welle steigt bis zu der großen Erhebung der Dörfer im Juli und August 1789. Wir haben es schon gesagt: die Lage der Bauern und des Volks in den Städten war derart, daß eine einzige schlechte Ernte genügte, um ein fürchterliches Steigen der Brotpreise in den Städten und die Hungersnot in den Dörfern hervorzurufen. Die Bauern waren keine Leibeigenen mehr, da die Leibeigenschaft in Frankreich seit langem, wenigstens auf den Privatgütern, abgeschafft war. Seit Ludwig XVI. sie (1779) auf den königlichen Domänen abgeschafft hatte, gab es, im Jahre 1788, nur noch 80 000 der toten Hand Unterworfene im Jura und höchstens 1 500 000 in ganz Frankreich – vielleicht sogar weniger als eine Million; und selbst diese, die der toten Hand unterworfen waren, waren keine Leibeigenen im strengen Sinne des Wortes. Die große Masse der französischen Bauern hatte seit langem aufgehört, leibeigen zu sein. Aber sie mußten fortfahren, mit Geld und Arbeit – Frondiensten unter anderm – ihre persönliche Freiheit bezahlen zu müssen. Diese Leistungen waren äußerst hart und mannigfaltig, aber sie waren nicht willkürlich: sie sollten Zahlungen für das Besitzrecht am Boden vorstellen – den Kollektivbesitz der Gemeinde oder den Privatbesitz oder die Pacht; und jedes Grundstück hatte seine Leistungen, die ebenso mannigfaltig wie zahlreich waren und die sorgfältig in den Grundbüchern aufgezeichnet waren. Außerdem war die Gerichtsbarkeit dem Grundherrn vorbehalten. Der Herr blieb noch auf einer Anzahl Ländereien Richter, oder er ernannte die Richter; und auf Grund dieses altüberlieferten Vorrechts nahm er alle möglichen persönlichen Rechte über seine früheren Leibeigenen vorweg. Wenn eine alte Frau ihrer Tochter ein oder zwei Bäume und ein paar alte Kleider vermachte (zum Beispiel ›meinen wattierten schwarzen Rock‹ – ich habe solche Vermächtnisse gesehen), dann erhob der ›edle und gnädige Herr‹ oder ›die edle und gnädige Frau Baronin‹ so und so viel von diesem Vermächtnis. Der Bauer zahlte desgleichen für das Recht auf Verheiratung, Taufe und Begräbnis; er zahlte ferner für jeden Kauf oder Verkauf, den er machte, und sein Recht, seine Ernte oder seinen Wein zu verkaufen, war beschränkt: er durfte nicht vor dem Herrn verkaufen. Endlich hatten sich alle möglichen Arten von Oktroi – für die Benutzung der Mühle, der Kelter, des Backofens (in dem allein er backen durfte), des Waschhauses, eines bestimmten Weges, einer bestimmten Furt noch von den Zeiten der Leibeigenschaft her erhalten und ebenso Abgaben von Haselnüssen, Champignons, Leinwand, Garn, die man ehedem als ›Gratulationsgaben zum glücklichen Antritt der Herrschaft‹ betrachtet hatte. Die obligatorischen Frondienste waren von unendlicher Verschiedenheit: Arbeiten auf den Feldern des Herrn, Arbeiten in seinen Parken und Gärten, Arbeiten, um alle erdenklichen Launen zu befriedigen ... In einigen Dörfern bestand sogar die Verpflichtung, nachts die Teiche zu schlagen, damit die Frösche den Herrn nicht im Schlaf störten. Persönlich hatte der Mensch seine Freiheit erlangt; aber dieses ganze Netz von Leistungen und Abgaben, das sich allmählich durch die Schlauheit der Herrn und ihrer Verwalter in den Jahrhunderten der Leibeigenschaft eingenistet hatte, dieses Netz lag immer noch um den Bauern. Dazu kam nun noch der Staat mit seinen Steuern der verschiedensten Art, Kopfsteuern, Grundsteuern, Zwanzigstelsteuern, seinen immer wachsenden Frondiensten; und der Staat war ganz wie der Verwalter des Grundherrn immer dabei, seine Phantasie zu üben, um irgendeinen neuen Vorwand und eine neue Form von Auflage zu finden. Allerdings mußten seit den Reformen Turgots die Bauern bestimmte Feudalabgaben nicht mehr zahlen, und manche Provinzialgouverneure lehnten es sogar ab, manche Leistungen gewaltsam einzutreiben, die sie als schädliche Schätzungen betrachteten. Aber die großen Feudallasten, die auf dem Grund und Boden ruhten, mußten im Ganzen bezahlt werden; und sie wurden um so drückender, je mehr die Staats- und Provinzialsteuern, die sich daran anschlossen, anwuchsen. Daher ist keine Spur Übertreibung in den düstern Bildern des Dorflebens, die uns jeder Revolutionshistoriker malt; aber es ist ebensowenig eine Übertreibung, wenn man uns sagt, es habe in jedem Dorfe einige Bauern gegeben, die sich einen gewissen Wohlstand geschaffen hätten, und diese seien besonders darauf aus gewesen, alle Feudallasten abzuschütteln und die persönlichen Freiheiten zu erobern. Die zwei Typen, die Erckmann-Chatrian in ihrer ›Geschichte eines Bauern‹ vorführen – der des Dorfbourgeois und der des Bauern, der von der Last des Elends erdrückt wird –, sind wahr. Sie existierten beide. Der erste gab dem dritten Stand die politische Macht; wohingegen die Banden von Empörern, die vom Winter 1788/89 an anfingen, die Adligen zu zwingen, auf die Feudallasten, die in den Grundbüchern eingetragen waren, zu verzichten, sich aus den Dorfarmen rekrutierten, die nur eine Lehmhütte hatten, in der sie wohnten, und Kastanien und die Ergebnisse des Ährenlesens, wovon sie sich nährten. Dasselbe ist für die Städte zu bemerken. Die Feudalrechte erstreckten sich ebenso auf die Städte wie auf die Dörfer; die Armenbevölkerung in den Städten war ebenso von Feudalabgaben erdrückt wie die Bauern. Die Gerichtsbarkeit der Herrn war in vielen städtischen Ansiedlungen in voller Kraft geblieben, und die Häuschen der Handwerker und Arbeiter zahlten im Fall des Verkaufs oder der Erbschaft dieselben Abgaben wie die Häuser der Bauern. Mehrere Städte mußten sogar als Loskauf von ihrer früheren Feudalabhängigkeit einen ständigen Tribut bezahlen. Überdies zahlten die meisten Städte dem König das ›freiwillige Geschenk‹ (don gratuit) für die Erhaltung eines Schattens von unabhängiger Stadtverwaltung, und die Steuerlast drückte hauptsächlich auf die Schultern der Armenbevölkerung. Wenn man die hohen königlichen Steuern, die Provinzialabgaben und die Fronden, die Salzsteuer usw. dazu nimmt, und außerdem die Willkür der Behörden, die hohen Gerichtskosten und die Unmöglichkeit für einen einfachen Bürgersmann oder selbst einen reichen Städter, gegen einen Adligen Recht zu bekommen, und wenn man an all die verschiedenen Arten der Unterdrückungen, Kränkungen und Demütigungen denkt, denen der Handwerker ausgesetzt war, dann bekommt man eine Vorstellung von der Lage der Armenbevölkerung unmittelbar vor 1789. Von dieser Armenbevölkerung nun ging die Empörung der Städte und Dörfer aus, sie gab den Vertretern des dritten Stands in den Generalstaaten die Kühnheit, dem König Widerstand zu leisten und sich als konstituierende Versammlung zu erklären. Infolge der Dürre war die Ernte von 1788 mißraten, und der Winter war sehr streng. Ohne Frage hatte es in früheren Zeiten fast ebenso strenge Winter, fast ebenso schlechte Ernten und auch Volksaufstände gegeben. In jedem Jahr gab es in irgendeinem Teil Frankreichs eine Teuerung. Und oft erstreckte sie sich auf den vierten und dritten Teil des Königreichs. Aber dieses Mal war die Hoffnung durch die Ereignisse, die vorhergegangen waren, erweckt worden; die Provinzialtage, die Zusammenkünfte der Notabeln, die Aufstände in den Städten aus Anlaß der Parlamente, die sich (wir haben es wenigstens für die Bretagne gesehen) auch auf die Dörfer verbreiteten. Und die Aufstände von 1789 nahmen bald eine bedrohliche Ausdehnung und Haltung an. Ich erfahre von Professor Karejew, der Forschungen über die Wirkung der großen Revolution auf die französischen Bauern angestellt hat, daß im Nationalarchiv ein umfangreicher Packen ist, der sich auf die Bauernaufstände bezieht, die dem Bastillesturm vorhergingen. Doch diesen Berichten konnte er viele, äußerst wertvolle Fakten entnehmen, da Taine, vermutlich mit Unterstützung eines Archivars, sich namentlich Berichte aus den Provinzen vornahm, in denen die wichtigsten Aufstände stattgefunden hatten. Ich für mein Teil, obwohl ich niemals in der Lage war, die Archive in Frankreich zu erforschen, bin, gestützt auf eine Anzahl Provinzialgeschichten der Zeit, schon in meinen früheren Arbeiten zu dem Schluß gekommen, daß eine Anzahl Aufstände in den Dörfern schon im Januar 1789 und sogar schon Dezember 1788 ausgebrochen waren. In einigen Provinzen war die Lage infolge der Teuerung schrecklich, und überall bemächtigte sich ein Geist der Empörung, wie er bis dahin wenig bekannt war, der Bevölkerung. Im Frühling wurden die Aufstandsbewegungen in Poitou, der Bretagne, Touraine, dem Orléanais, der Normandie, Ile-de-France, Picardie, Champagne, dem Elsaß, Burgund, Nivernais, Auvergne, Languedoc und der Provence immer häufiger. Fast alle diese Aufruhrbewegungen hatten denselben Charakter. Die Bauern eilten, mit Messern, Sensen und Knütteln bewaffnet, in die Stadt; sie zwangen die Landwirte und Pächter, die Korn zu Markt gebracht hatten, es zu einem bestimmten ›ehrbaren‹ Preis zu verkaufen (zum Beispiel für drei Livres den Scheffel); oder sie suchten auch das Korn bei den Fruchthändlern und ›teilten sich zu ermäßigten Preisen darein‹, wobei sie versprachen, es gleich nach der nächsten Ernte zu zahlen; an andern Orten zwangen sie den Grundherrn, für zwei Monate auf seine Abgaben von Mehl zu verzichten; oder sie nötigten auch die Stadtverwaltung, einen Brotpreis festzusetzen und manchmal ›den Tagelohn um vier Sous zu erhöhen‹. Wo der Hunger sehr stark war, suchten sich die städtischen Arbeiter (in Thiers zum Beispiel) das Korn auf dem Lande zusammen. Oft erbrach man die Kornspeicher der Ordensgesellschaften, der Wucherer oder Privatleute und lieferte den Bäckern Mehl. Außerdem bildeten sich schon damals die Banden, die sich aus Bauern, Holzhauern, manchmal auch Schmugglern zusammensetzten und die von Dorf zu Dorf zogen, sich des Korns bemächtigten und allmählich auch anfingen, die Grundbücher zu verbrennen und die Herren zu zwingen, auf ihre Feudalrechte zu verzichten – diese Banden, die im Juli 1789 dem Bürgertum den Vorwand gaben, seine Milizen zu bewaffnen. Von Januar an hörte man auch in diesen Aufständen den Ruf ›Vive la Liberté – Es lebe die Freiheit‹ und von da an – und noch entschiedener seit dem März kam es vor, daß die Bauern bald da, bald dort sich weigerten, die Zehnten und die Feudalabgaben oder sogar die Steuern zu zahlen. Außer den drei Provinzen, die Taine zitiert, der Bretagne, dem Elsaß und dem Dauphiné, findet man Spuren von ähnlichen Bewegungen fast im ganzen östlichen Teil Frankreichs. Im Süden, in Agde, ›gebärdete sich‹ in dem Aufstand vom 19., 20. und 21. April, wie der Bürgermeister und die Ratsherren sagen, ›das Volk wie toll, als ob es alles sei und alles könne, angesichts des angeblichen Willens des Königs über die Gleichheit der Stände‹. Das Volk bedrohte die Stadt mit einer allgemeinen Plünderung, wenn man nicht den Preis aller Lebensmittel herabsetzte und die Provinzialsteuer auf Wein, Fische und Fleisch aufhöbe; überdies – und hier sieht man schon den gesunden kommunalistischen Sinn der Volksmassen in Frankreich – ›wollen sie Ratsherren ernennen, die aus ihrer Klasse hervorgegangen sind‹ – und diese Forderungen werden den Aufständigen bewilligt. Drei Tage später verlangte das Volk, daß die Mehlsteuer um die Hälfte ermäßigt würde, und auch das wurde bewilligt. Dieser Aufruhr ist das Bild von hundert andern. Das Brot war das Hauptmotiv der Bewegung. Aber bald kamen Forderungen auf dem Gebiete dazu, wo die wirtschaftlichen Zustände und die politische Verfassung sich berühren, – dem Gebiet, auf dem die Volksbewegungen immer mit der größten Sicherheit vorgehen und unmittelbare Erfolge erringen. In der Provence, immer im März und April 1789, schafften mehr als vierzig Flecken und Städte, darunter Aix, Marseille und Toulon, die Mehlsteuer ab, und fast überall plünderte die Menge die Häuser der Beamten, die die Steuer aufs Mehl, auf die Häute, die Schlachtsteuer usw. zu erheben hatten. Die Lebensmittelpreise wurden herabgesetzt und festgesetzt; und als die Herren von der hohen Bourgeoisie protestierten, machte die Menge Miene, sie zu steinigen; oder man grub auch vor ihren Augen die Grube, in der sie begraben werden sollten – manchmal trug man auch im voraus den Sarg herbei, um die Reaktionäre besser einzuschüchtern, die sich ersichtlich beeilten, nachzugeben. All das ging damals (im April 1789) ohne das geringste Blutvergießen vor sich. Es handelt sich um ›eine Art Kriegserklärung an die Eigentümer und das Eigentum‹, sagen die Berichte der Intendanten und Stadtverwaltungen; ›das Volk fährt fort, zu erklären, daß es nichts zahlen will, weder Steuern noch Abgaben, noch Schulden‹. Schon damals – im April – fingen die Bauern an, die Schlösser zu plündern und die Herren zu zwingen, auf ihre Rechte zu verzichten. In Peinier zwangen sie den Schloßherrn, ›ein Dokument zu unterzeichnen, durch das er auf all seine Herrenrechte jeder Art verzichtete‹ (Brief im Archiv); in Riez verlangten sie, der Bischof solle die Archive verbrennen. In Hyères und an anderen Orten verbrannten sie die alten Papiere, die sich auf die Feudalrechte und die Abgaben bezogen. Kurz, in der Provence sehen wir schon im Monat April den Anfang des großen Bauernaufstands, der den Adel und den Klerus dazu zwingen wird, am 4. August 1789 ihre ersten Konzessionen zu machen. Man begreift leicht den Einfluß, den diese Aufruhrbewegungen und diese Gärung auf die Wahlen zur Nationalversammlung ausübten. Chassin (Génie de la Révolution) sagt, daß an manchen Orten der Adel einen großen Einfluß auf die Wahlen ausübte und daß in diesen Gegenden die bäuerlichen Wähler sich über nichts zu beklagen wagten. Anderswo, vorzüglich in Rennes, benutzte der Adel sogar die Sitzungen der Generalstände der Bretagne (Ende Dezember 1788 und Januar 1789) zu dem Versuch, das ausgehungerte Volk gegen die Bürger in Aufruhr zu bringen. Aber was konnten diese letzten Zuckungen des Adels gegen die Woge des Volks ausrichten, die nun im Steigen war? Das Volk sah, daß in den Händen des Adels und der Geistlichkeit mehr als die Hälfte des Grund und Bodens unbestellt blieb, und es begriff besser, als wenn die Statistiker es ihm demonstriert hätten, daß, solange der Bauer sich nicht dieser Ländereien bemächtigt hatte, um sie zu bestellen, die Hungersnot nicht aufhören konnte. Die Not des Lebens selbst wiegelte die Bauern gegen die auf, die ihnen den Boden vorenthielten. Während des Winters 1788/89, sagt Chassin, gab es im Jura keinen Tag, wo nicht die Korntransporte geplündert wurden (S. 162). Die hohen Militärs verlangten nichts anderes, als gegen das Volk ›einzuschreiten‹; aber die Gerichte weigerten sich, die ausgehungerten Empörer zu verurteilen oder auch nur zu richten. Die Offiziere weigerten sich, auf das Volk schießen zu lassen. Der Adel beeilte sich, seine Speicher zu öffnen: man fürchtete, daß die Schlösser abgebrannt würden (das war Anfang April 1789). – Überall, sagt Chassin (S. 163), brachen ähnliche Aufstände aus, im Norden und im Süden, im Westen und im Osten. Die Wahlen brachten in den Dörfern viel Aufregung und erweckten viele Hoffnungen. Überall übte der Grundherr großen Einfluß aus; aber gab es in dem Dorfe einen Bürger, einen Arzt oder Anwalt, der im Voltaire oder gar die Broschüre von Siêyès gelesen hatte; sowie es irgendeinen Weber oder Maurer gab, der lesen und schreiben konnte, sei es auch nur Druckschrift – so war alles verwandelt; die Bauern machten sich eiligst daran, ihre ›Beschwerden‹ aufs Papier zu bringen. Zugegeben, meistenteils beschränkten sich ihre Klagen auf Dinge von untergeordneter Bedeutung; aber fast überall (wie im deutschen Bauernkrieg von 1525) kommt die Forderung heraus, die Herren möchten ihr Recht auf die Feudalerpressungen beweisen. Nachdem sie ihre Beschwerdeschriften übergeben hatten, geduldeten sich die Bauern. Aber die Langsamkeit der Generalstände und der Nationalversammlung setzte sie wieder in Zorn, und sowie der schreckliche Winter 1788/89 vorbei war, sowie die Sonne wiederkam und mit ihr die Hoffnung auf die nächste Ernte, begannen die Aufstände wieder, hauptsächlich nach den Frühjahrsarbeiten. Unverkennbar benutzte das gebildete Bürgertum die Wahlen, um die Ideen der Revolution zu verbreiten. Ein ›Konstitutioneller Klub‹ bildete sich, und seine zahlreichen Verzweigungen breiteten sich selbst über die kleinsten Städte aus. Die Gleichgültigkeit, über die Arthur Young in den östlichen Städten so erstaunt war, existierte ohne Zweifel; aber in andern Provinzen zog das Bürgertum allen möglichen Nutzen aus der Wahlbewegung. Man kann sogar wahrnehmen, wie die Vorgänge, die sich im Juni in Versailles in der Nationalversammlung abspielten, schon seit mehreren Monaten in den Provinzen vorbereitet wurden. So wurden im Dauphiné schon im August 1788 unter dem Druck lokaler Aufstände die Vereinigung der drei Stände und die Abstimmung nach Köpfen in den Provinzialständen angenommen. Jedoch darf man nicht glauben, die Bürger, die während der Wahlen hervortraten, seien im allermindesten Revolutionäre gewesen. Sie waren Gemäßigte, ›friedliche Empörer‹, wie Chassin sagt. Es ist eher das Volk, das von revolutionären Maßregeln spricht, da sich unter den Bauern geheime Gesellschaften bilden und Unbekannte das Volk auffordern, es solle keine Steuern mehr bezahlen und sie von den Adligen bezahlen lassen. Oder man teilt etwa mit, die Adligen hätten bereits eingewilligt, alle Steuern zu zahlen, aber das sei nur eine List, die sie anwendeten. ›Das Volk von Genf hat sich an einem Tag befreit... Zittert, ihr Adligen!‹ Es kommen auch Broschüren heraus, die sich an die Bauern wenden und im geheimen verbreitet werden (zum Beispiel der ›Rat an die Landbewohner‹, der in Chartres verbreitet wurde). Kurz, die Erregung auf dem Lande war so stark, sagt Chassin – und er hat zweifellos diese Seite der Revolution besser als jeder andere studiert –, die Erregung war so stark, daß, selbst wenn Paris am 14. Juli besiegt worden wäre, es nicht mehr möglich gewesen wäre, die Dörfer auf den Zustand zurückzubringen, in dem sie im Januar 1789 gewesen waren. Man hätte jedes einzelne Dorf für sich überwältigen müssen. Seit dem März zahlte niemand mehr die Abgaben (S. 167 ff.). Man versteht die Bedeutung dieser tiefgehenden Gärung auf dem Lande. Wenn das gebildete Bürgertum die Konflikte zwischen dem Hof und den Parlamentshöfen benutzt, um die politische Erregung hervorzurufen; wenn es aktiv daran arbeitet, die Unzufriedenheit zu säen, bildet trotzdem der Bauernaufstand, der auch auf die Städte übergreift, die wahre Grundlage der Revolution; er gibt den Vertretern des dritten Standes den Entschluß, den sie bald in Versailles zum Ausdruck bringen werden, – das ganze Regierungssystem Frankreichs zu reformieren und eine tiefgehende Umwälzung in der Verteilung der Reichtümer vorzunehmen. Ohne den Bauernaufstand, der im Winter begann und bis 1793 immer mehr anwuchs, wäre der Umsturz des Königsdespotismus nie so vollständig vollbracht worden; niemals wäre er von einem so tiefgehenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umschwung begleitet gewesen. Frankreich hätte wohl ein Parlament gehabt, wie Preußen 1848 ein Parlament zum Lachen hatte – aber diese Neuerung hätte nicht den Charakter der Revolution angenommen: sie wäre auf der Oberfläche geblieben, wie es nach 1848 in den deutschen Staaten der Fall war. 8. Aufruhrbewegungen in Paris und seiner Umgebung Man begreift, daß unter solchen Umständen Paris nicht ruhig bleiben konnte. Der Hunger wütete auf dem Lande in der Umgegend der großen Stadt wie anderswo; es fehlte in Paris an Lebensmitteln wie in allen andern großen Städten; und das Zuströmen von Armen, die nach Arbeit suchten, konnte nur zunehmen, insbesondere in Voraussicht der großen Ereignisse, die jedermann herannahen fühlte. Gegen Ende des Winters (März und April) werden Hungeraufstände und Kornplünderungen erwähnt in den Berichten der Intendanten in Orléans, Cosne, Rambouillet, Jouy, Pont-Sainte-Maxence, Bray-sur-Seine, Sens, Nangis, Viroflay, Montlhéry usw. In andern Teilen des Bezirks, in den Wäldern in der Nähe von Paris, rotteten die Bauern schon im März die Kaninchen und die Hasen aus; ja sogar die Wälder der Abtei von St. Denis wurden im Angesicht und mit Wissen von aller Welt niedergehauen und das Holz fortgeholt. Paris verschlang die revolutionären Flugschriften, deren jeden Tag zehn, zwölf, zwanzig erschienen und die sofort aus den Händen der Reichen in die der Ärmsten gingen. Man riß sich um die Broschüre von Siêyès: ›Was ist der dritte Stand?‹, um die ›Betrachtungen über die Interessen des dritten Standes‹ von Rabaut-Saint-Étienne, die einen leichten Anflug von Sozialismus hatten, um die ›Rechte der Generalstaaten‹ von d'Antraigues und um hundert andere, die weniger berühmt sind, aber oft noch schärfer waren. Ganz Paris ereiferte sich leidenschaftlich gegen den Hof und die Adligen, und in den ärmsten Vorstädten, in den verrufensten Spelunken draußen vor der Stadt suchte und fand das Bürgertum bald die Arme und die Spieße, die es brauchte, um das Königtum zu treffen. Inzwischen brach am 27. April der Aufstand aus, den man später die ›Affaire Réveillon‹ nannte und der einer der Vorläufer der großen Revolutionstage war. Am 27. April versammelten sich in Paris die Wahlausschüsse, und es scheint, daß es während der Abfassung der Denkschriften im Faubourg Saint-Antoine einen Streit zwischen den Bürgern und den Arbeitern gab. Die Arbeiter brachten ihre Beschwerden vor, und die Bürger antworteten ihnen mit grobem Schimpf. Réveillon, ein Papier- und Tapetenfabrikant, der früher selbst Arbeiter gewesen war und es durch geschickte Ausbeutung dazu gebracht hatte, Unternehmer mit dreihundert Arbeitern zu werden, machte sich hauptsächlich durch den groben Schimpf seiner Reden bemerkbar ... Man hat sie seitdem oft genug gehört: ›Der Arbeiter kann sich von Schwarzbrot und Linsen nähren; der Weizen wächst nicht für ihn‹ usw. Ist etwas Stichhaltiges an der Zusammenstellung, die später bei der Untersuchung über den Fall Réveillon von den Reichen vorgenommen wurde, wonach die Angestellten des Finanzamtes festgestellt hätten, daß zur gleichen Zeit mit diesem Aufruhr eine ›ungeheure Menge‹ abgerissener und gefährlich aussehender Armer nach Paris gekommen seien? Man kann darüber nur Vermutungen hegen, die schließlich müßig sind. Der Zustand der Gemüter, wie er war, und die grollende Empörung in der Umgebung von Paris genügen doch wohl, um zu erklären, was infolge des Benehmens Réveillons gegen die Arbeiter am Tag darauf eintrat. Am 27. April trug das Volk, das über den Widerstand und die Reden des reichen Fabrikanten wütend war, eine Puppe, die ihn vorstellte, herbei, um sie auf der Place de la Grève zu verurteilen und hinzurichten. Auf der Place Royale verbreitete sich das Gerücht, der dritte Stand habe Réveillon zum Tode verurteilt. Aber als der Abend da ist, zerstreut sich die Menge und jagt allenthalben durch die Rufe, die sie während der Nacht ausstößt, die Reichen in Angst. Endlich, am nächsten Morgen, am 28., kommt die Menge in Réveillons Fabrik, zwingt die Arbeiter, die Arbeit einzustellen, belagert darauf das Haus des Fabrikanten und macht sich daran, es zu plündern. Militär kommt herbei, das Volk leistet Widerstand und schleudert Steine, Dachziegel und Möbel aus den Fenstern und von den Dächern herab. Die Soldaten schießen, und das Volk verteidigt sich mehrere Stunden lang mit wütender Energie. Das Ergebnis: zwölf Soldaten tot und achtzig verwundet; auf der Seite des Volkes zweihundert Tote und dreihundert Verwundete. Die Arbeiter bemächtigen sich der Leichen ihrer Brüder und tragen sie durch die Straßen der Arbeiterviertel. Einige Tage darauf rotten sich 500 bis 600 Menschen in Villejuif zusammen und wollen die Tore des Gefängnisses Bicêtre erstürmen. Dies also ist der erste Konflikt zwischen dem Volk von Paris und den Reichen, und er übte eine tiefgehende Wirkung aus. Zum erstenmal sah man, wie das Volk aussieht, wenn es zur Wut gebracht ist, und dieser Anblick war von starkem Einfluß auf die Wahlen: die Reaktionäre kamen nicht durch. Es braucht kaum erst gesagt zu werden, daß die Herren Bürger den Versuch machten, diesen Aufruhr als einen Streich hinzustellen, den die Feinde Frankreichs inszeniert hätten. Wie hätte sich das brave Volk von Paris gegen einen Fabrikanten empören können?! ›Englisches Geld hat sie zu dem Aufstand gebracht‹, sagten die einen; ›das Geld der Prinzen‹, sagten die revolutionären Bürger, und niemand wollte zugeben, daß das Volk sich lediglich darum empörte, weil es im Elend war und weil es die Anmaßung der Reichen satt war, die es noch im Elend beleidigten. Man sieht so, wie sich schon damals die Legende vorbereitet, die später den Versuch macht, die Revolution auf ihr parlamentarisches Werk zu beschränken und alle Volkserhebungen während der Jahre der Revolution als ›Zwischenfälle‹ hinzustellen: als das Werk von Räubern oder von Agenten, die bald von Pitt, bald von der Reaktion bezahlt sein sollten. Späterhin nehmen die Geschichtsschreiber die Legende auf: ›Dieser Krawall konnte von der Regierung zum Vorwand benutzt werden, die Eröffnung der Generalstaaten hinauszuschieben, also konnte er nur von der Reaktion ausgehen.‹ Wie oft hat man dieselbe Beweisführung in unsern Tagen vorgebracht! Nun denn, die Tage vom 24. bis 28. April sind die Vorläufer der Tage vom 11. bis 14. Juli. Das Volk von Paris betätigt von da an seinen revolutionären Geist, der aus den Arbeiterschichten der Vorstädte hervorging. Neben dem Palais-Royal, dem Revolutionsherd des Bürgertums, richten sich die Faubourgs auf – die Zentren der Volkserhebung. Von da an wird Paris zum Herd der Revolution, und die Generalstände, die sich in Versailles versammeln, halten ihre Blicke auf Paris gerichtet, um da die Kraft zu suchen, die sie stärken und anreizen kann, in ihrer Abrechnung und ihrem Kampf mit dem Hof vorwärts zu marschieren. 9. Die Generalstaaten Am 4. Mai 1789 begaben sich die zwölfhundert Abgeordneten der Generalstaaten, die sich in Versailles versammelt hatten, in die Kirche Saint-Louis, um da die Eröffnungsmesse zu hören, und am Nachmittag eröffnete der König ihre Sitzungen in Gegenwart einer zahlreichen Zuhörerschaft. Und schon diese Eröffnungssitzung zeigte das Bild des tragischen und unvermeidlichen Weges, den die Revolution gehen mußte. Der König brachte den Vertretern des Volkes, die er einberufen hatte, nichts entgegen als Mißtrauen. Er hatte sich endlich darein gefunden, es zu tun, aber er klagte vor eben diesen Vertretern über die ›Unruhe in den Köpfen‹, über die allgemeine Gärung, gerade als ob diese Unruhe künstlich gemacht, nicht gerade in dem Zustand, in dem sich Frankreich befand, begründet gewesen wäre; als ob diese Versammlung eine unnütze und launenhafte Verletzung der Rechte des Königs gewesen wäre. Frankreich, das zu lange Reformen entbehrt hatte, war dahin gekommen, daß es das Bedürfnis nach einer völligen Revision all seiner Einrichtungen empfand – und der König erwähnte lediglich einige geringfügige Reformen in den Finanzen, für die ein wenig Sparsamkeit in den Ausgaben schon genügt hätte. Er verlangte ›die Übereinstimmung der Stände‹, wo doch schon die Provinzialtage gezeigt hatten, daß das Vorhandensein getrennter Stände für den Geist der Nation etwas Veraltetes war – ein totes Gericht, ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Und wo in der Tat alles gewandelt werden mußte – wie im heutigen Rußland –, brachte der König hauptsächlich Furcht vor ›Neuerungen‹ zum Ausdruck! So kündete sich schon in dieser Rede der Kampf auf Leben und Tod an, der zwischen der Autokratie des Königs und der Repräsentativgewalt zum Ausdruck kommen sollte. Und was die Volksvertreter angeht, so ließen sie selbst in ihren einzelnen Teilen schon die tiefe Spaltung vorausahnen, die durch die ganze Revolution hindurchgehen sollte – zwischen denen, die sich an ihre Vorrechte klammerten, und denen, die sie zertrümmern wollten. Endlich zeigte die Volksvertretung schon ihren Hauptfehler. Das Volk war keineswegs darin vertreten; die Bauern waren nicht darin. Das Bürgertum hatte es übernommen, für das Volk im allgemeinen zu sprechen; und was die Bauern angeht, – in dieser ganzen Versammlung von Rechtskundigen, Notaren, Advokaten gab es vielleicht nicht fünf oder sechs, die die wirkliche Lage oder auch nur die gesetzliche Lage der ungeheuren Menge der Bauern gekannt hätten. Lauter Städter, können sie den Menschen der Stadt gut verteidigen; aber vom Bauern wissen sie nicht einmal, was ihm not tut, und ebensowenig, was ihm von Schaden sein kann. Der Bürgerkrieg ist schon in diesem Saale, wo der König, von Adligen umgeben, in herrischem Tone zum dritten Stand redet und ihm seine ›Wohltaten‹ vorhält. Der Großsiegelbewahrer, Barentin, der die wahre Meinung des Königs zum Vorschein kommen läßt, betont nachdrücklich, worauf sich die Stände beschränken müßten: sie werden die Steuern prüfen, die man ihnen zur Abstimmung vorlegen wird; sie werden über die Reform der zivil- und strafrechtlichen Gesetzgebung debattieren; sie werden einem Preßgesetz zustimmen, um die Freiheiten zu unterdrücken, die sich die Presse neuerdings angemaßt hat – und weiter nichts. Nichts von gefährlichen Reformen. ›Die gerechten Forderungen sind bewilligt; der König hat sich durch vorwitziges Murren in keiner Weise beirren lassen; er hat sogar verziehen, daß von diesen falschen und überspannten Dingen die Rede war, um derentwillen man die unantastbaren Prinzipien der Monarchie durch verderbliche Hirngespinste ersetzen wollte. Meine Herren, Sie werden diese gefährlichen Neuerungen mit Entrüstung zurückweisen. ‹ All die Kämpfe der nächsten vier Jahre lagen in diesen Worten, und die Rede Neckers, die denen des Königs und des Großsiegelbewahrers folgte – drei Stunden dauerte sie –, fügte nichts hinzu, wodurch irgend etwas gefördert worden wäre! Weder die große Frage der Repräsentativregierung, die das Bürgertum beschäftigte, noch die Bodenfrage und die Frage der Feudallasten, die die Bauern interessierte. Der listige Finanzminister verstand es, drei Stunden lang zu sprechen, ohne es weder mit dem Hofe noch mit dem Volke zu verderben. Der König, noch immer in den Ideen befangen, die er zu Turgot schon geäußert hatte, verstand den Ernst der Stunde nicht und überließ der Königin und den Prinzen die Sorge, sich durch Intrigen der Konzessionen zu erwehren, die man von ihm forderte. Aber auch Necker begriff nicht, daß es sich darum handelte, eine sehr tiefgehende politische und soziale, nicht bloß finanzielle Krise zu überwinden, und daß unter solchen Umständen eine Politik des Lavierens zwischen dem Hof und dem dritten Stand verhängnisvoll werden müßte; daß man, wenn es nicht schon zu spät wäre, einer Revolution zuvorzukommen, mindestens den Versuch zu einer freien, offenen Politik, zu Konzessionen hinsichtlich der Regierungsform machen müßte; daß man das große Bodenproblem, von dem Elend oder Wohlstand einer ganzen Nation abhing, schon in seinen Grundlinien behandeln müßte. Und auch die Abgeordneten selbst, weder die beiden privilegierten Stände noch der dritte Stand, erfaßten den Umfang des Problems, vor dem Frankreich stand. Der Adel träumte davon, wieder Macht über die Krone zu gewinnen; der Klerus dachte an nichts anderes, als seine Privilegien festzuhalten; und der dritte Stand begriff zwar sehr wohl, welcher Weg zur Eroberung der Macht zugunsten des Bürgertums einzuschlagen sei, aber er merkte nicht, daß ein anderes, unendlich viel wichtigeres Problem zu lösen sei – das Problem, dem Bauern die Erde zurückzugeben, damit er im Besitz eines Bodens, der von den drückenden Feudallasten befreit wäre, die Erzeugnisse dieses Bodens verdoppeln und verdreifachen und auf diese Weise den chronischen Teuerungen ein Ende machen könnte, die die Kräfte des französischen Volkes untergruben. Wohin konnte man unter diesen Umständen anders kommen als zum Zusammenstoß, zum Kampf? Zum Volksaufstand, der Erhebung der Bauern, dem Bauernkrieg, und zur Erhebung der Arbeiter und der Armen im allgemeinen in den Städten? Mit einem Wort, zur Revolution mit all ihrem Kampfe und ihrem Haß, ihrem schrecklichen Konflikt und ihrer Rache! Fünf Wochen lang bemühten sich die Abgeordneten des dritten Standes, die der zwei anderen Stände durch Verhandlungen dahin zu bringen, gemeinsam zu tagen, während die royalistischen Ausschüsse ihrerseits daran arbeiteten, die Trennung der drei Stände aufrechtzuerhalten. Die Konferenzen führten zu nichts. Aber von Tag zu Tag nahm das Volk von Paris eine immer drohendere Haltung an. In Paris wurde das Palais-Royal, das zu einem Klub in freier Luft geworden war, zu dem jedermann Zutritt hatte, immer erregter. Es regnete Flugschriften, und man riß sie sich aus den Händen. ›In jeder Stunde wird eine Broschüre verfaßt‹, sagt Arthur Young; ›heute sind dreizehn erschienen, gestern sechzehn und zweiundzwanzig in der vorigen Woche ... Neunzehn unter zwanzig treten für die Freiheit ein ... Die Aufregung spottet jeder Beschreibung.‹ Die Redner, die unter freiem Himmel, auf der Straße, vor einem Kaffeehaus, auf einem Wagen zum Volke sprechen, reden schon davon, man müsse sich der öffentlichen Gebäude und der Schlösser bemächtigen. Man hört schon die Drohungen des Schreckensregiments heraufkommen, und mittlerweile versammelt sich in Versailles das Volk jeden Tag vor den Türen der Versammlung, um die Aristokraten zu beschimpfen. Die Abgeordneten des dritten Standes merken, worauf sie sich stützen können. Sie werden allmählich kühner, und am 17. Juni erklären sie sich endlich auf Grund eines Antrags von Siêyès als Nationalversammlung . – Der erste Schritt zur Abschaffung der privilegierten Klassen war so getan, und das Volk von Paris nahm diesen Schritt mit brausendem Beifall auf. Die Versammlung wurde kühner und beschloß, daß die Steuern, die auferlegt worden waren, da sie ungesetzlich seien, nur vorläufig und nur, solange die Versammlung tagte, erhoben werden dürften. Sowie die Versammlung aufgelöst würde, sei das Volk nicht mehr gehalten, sie zu zahlen. Ein Ausschuß zur Bekämpfung der Hungersnot wurde ernannt, und die Kapitalisten wurden dadurch beruhigt, daß die Versammlung die öffentliche Schuld konsolidierte. Das war in diesem Augenblick, wo es galt, um jeden Preis zu leben und eine Macht, nämlich den kapitalistischen Gläubiger, zu entwaffnen, der eine Gefahr geworden wäre, wenn er sich mit dem Hofe verbündet hätte, ein Akt von großer Klugheit. Aber es war die Auflehnung gegen die Autorität des Königs. Daher machten sich die Prinzen (d'Artois, de Condé, de Conti) im Einvernehmen mit dem Großsiegelbewahrer sofort daran, einen Staatsstreich in Szene zu setzen. An einem bestimmten Tage sollte sich der König mit großem Gepränge in die Versammlung begeben. Dort sollte er alle Beschlüsse der Versammlung für ungültig erklären, die Trennung der Stände befehlen und in Person die Reformen festsetzen, die von den getrennt tagenden Ständen ins Werk gesetzt werden sollten. Und was wollte Necker, dieser vollkommene Vertreter des Bürgertums seiner Zeit, dem Gewaltstreich, dem Staatsstreich, den der Hof vorbereitete, entgegensetzen? Den Kompromiß! Auch er wollte einen Gewaltstreich, eine königliche Sitzung, und in dieser Sitzung sollte der König die Abstimmung nach Köpfen ohne Unterschied der Stände, wenn es sich um Steuern handelte, bewilligen; aber für alles, was die Privilegien des Adels und der Geistlichkeit anginge, sollten die Stände aufrechterhalten bleiben und getrennt tagen. Nun, es ist klar, daß diese Maßregel noch weniger durchführbar war als die der Prinzen. Man riskiert keinen Staatsstreich für eine halbe Maßregel, die sich überdies nicht länger als vierzehn Tage hätte halten lassen. Wie hätte man es angestellt, das Steuerwesen zu reformieren, ohne die Privilegien der beiden oberen Stände anzutasten? Da beschlossen am 20. Juni die Abgeordneten des dritten Standes, die durch die immer drohendere Haltung des Volks von Paris und selbst von Versailles ermutigt waren, den Plänen, die Versammlung aufzulösen, Widerstand zu leisten und sich dafür durch einen feierlichen Eid gegenseitig zu binden. Als sie ihren Sitzungssaal wegen der Vorbereitungen zur königlichen Sitzung, die man darin machte, geschlossen fanden, begaben sie sich in geschlossenem Zuge nach irgendeinem Privatsaal – nach dem Saal des Ballhauses. Eine Menge Volks begleitete diesen Zug, der mit Bailly an der Spitze durch die Straßen Versailles' marschierte. Freiwillige Soldaten hatten sich erboten, ihre Wache zu bilden. Die Begeisterung dieser Menge, die sie umringte, befestigte die Abgeordneten in ihrer Haltung. Als sie im Saal des Ballhauses angelangt waren, leisteten sie, erregt und ergriffen von einer schönen Bewegung, alle, mit Ausnahme eines einzigen, den feierlichen Schwur, sich nicht zu trennen, ehe sie Frankreich eine Verfassung gegeben hätten. Das waren ohne Frage nur Worte. Es lag sogar etwas Theatralisches in diesem Schwur. Aber was tut das! Es gibt Augenblicke, wo es solcher Worte bedarf, die das Herz der Menschen erfassen und in Schwung bringen. Und der Schwur, der im Saal des Ballhauses geleistet wurde, ergriff das Herz der revolutionären Jugend ganz Frankreichs. Wehe den Tagungen, die nicht einmal imstande sein werden, diese Worte, diese schöne Gebärde zu finden! Überdies hatte diese tapfere Tat der Versammlung sofort ihre Konsequenzen. Zwei Tage später kamen zu den Vertretern des dritten Standes, die genötigt waren, in der Kirche Saint-Louis zu tagen, die Abgeordneten des Klerus, um sich ihren Arbeiten anzuschließen. Der große Streich der königlichen Sitzung geschah am Tag darauf, dem 23. Juni; aber seine Wirkung war durch den Schwur im Ballhaus und die Sitzung in der Kirche Saint-Louis schon zunichte gemacht worden. Der König stellte sich vor die Abgeordneten. Er erklärte alle Beschlüsse der Versammlung, oder eigentlich des dritten Standes, für ungültig. Er befahl die Aufrechterhaltung der Stände; er bestimmte den Bezirk der Reformen, die vorgenommen werden sollten; er drohte den Generalstaaten mit der Auflösung, wenn sie nicht gehorchten. Und er befahl den Abgeordneten, sich augenblicklich zu trennen, worauf der Adel und die Geistlichkeit gehorchten und den Saal verließen. Aber die Vertreter des dritten Standes blieben auf ihren Sitzen. Und in diesem Augenblick hielt Mirabeau die schöne und berühmte Rede, in der er ihnen sagte, der König sei lediglich ihr Bevollmächtigter; sie hätten ihr Amt aus den Händen des Volks; und da sie den Schwur geleistet hätten, könnten sie erst nach Vollendung der Konstitution auseinandergehen. ›Sie seien hier kraft des Willens des Volkes und nur die Gewalt der Bajonette könne sie vertreiben.‹ Dies aber war gerade die Gewalt, die der Hof nicht mehr besaß. Schon im Februar hatte Necker sehr richtig gesagt, es gäbe nirgends mehr Gehorsam und man wäre nicht einmal des Militärs sicher. Und das Volk von Paris? Nun, am 27. April hatte man gesehen, wie es gestimmt war. In jedem Augenblick fürchtete man in Paris eine allgemeine Erhebung des Volks gegen die Reichen, und einige glühende Revolutionäre zauderten gewiß nicht, in die düsteren Faubourgs zu gehen und dort Hilfskräfte gegen den Hof zu suchen. In Versailles selbst hätte das Volk am Tag vor der königlichen Sitzung einen Vertreter der Geistlichkeit, den Abbé Maury, und ebenso d'Eprémesnil, einen Vertreter des dritten Standes, der zum Adel übergegangen war, beinahe totgeschlagen. Am Tag der königlichen Sitzung wurden der Großsiegelbewahrer und der Erzbischof von Paris dermaßen ›ausgepfiffen, verhöhnt, angespien und zum Gelächter gemacht, daß sie vor Scham und Wut vergingen‹, daß der Sekretär des Königs, Passeret, der den Minister begleitete, ›am selben Tage vor Aufregung stirbt‹. Am 24. wird der Bischof von Beauvais von einem Stein beinahe tödlich am Kopf getroffen. Am 25. Juni pfeift die Menge die Vertreter des Adels und der Geistlichkeit aus. Im Palast des Erzbischofs von Paris werden sämtliche Scheiben zerbrochen. ›Die Soldaten würden sich weigern, auf das Volk zu schießen‹, sagt Arthur Young mit Entschiedenheit. Die Drohung des Königs wurde so sinnlos. Die Haltung des Volks war zu drohend, als daß der Hof den Versuch gemacht hätte, seine Zuflucht zu den Bajonetten zu nehmen, und bei der Gelegenheit rief Ludwig  XVI. aus: »Schließlich, zum Donner, mögen sie dort bleiben!« Aber wie! Beriet nicht die Versammlung des dritten Standes selbst unter den Augen, unter den Drohungen des Volks, das die Galerien besetzt hielt? Schon am 17. Juni, als der dritte Stand sich als Nationalversammlung erklärte, wurde dieser denkwürdige Beschluß unter Beifallskundgebungen der Galerien und der zwei- oder dreitausend Personen gefaßt, die den Sitzungssaal umgaben. Die Liste der dreihundert Vertreter des dritten Standes, die dagegen opponiert und sich auf die Seite des Royalisten Malouet gestellt hatten, ging in Paris um, und es war sogar die Rede davon, ihre Häuser niederzubrennen. Und als beim Schwur im Ballhaus Martin Dauch opponierte, hatte Bailly, der Präsident der Versammlung, die Vorsicht, ihn durch eine entlegene Türe heimlich fortgehen zu lassen, damit er nicht von dem Volk, das an den Türen des Saales stand, bemerkt würde; ein paar Tage lang mußte er sich versteckt halten. Ohne diesen Druck des Volks auf die Versammlung hätten sehr wahrscheinlicherweise die mutigen Abgeordneten des dritten Standes, deren Andenken die Geschichte bewahrt, nicht den Widerstand der Furchtsamen überwinden können, die sich um Malouet geschart hatten. Das Volk von Paris aber bereitete sich ganz offen auf den Aufruhr vor, durch den es dem Gewaltstreich des Militärs antworten wollte, den der Hof für den 16. Juli gegen Paris vorbereitete. 10. Vorbereitungen zum Staatsstreich Die geläufige Version über den 14. Juli ist ungefähr folgendermaßen zusammenzufassen: Die Nationalversammlung tagte. Ende Juni, nach zwei Monaten der Verhandlungen und des Zögerns, waren die drei Stände endlich vereinigt. Die Macht entglitt den Händen des Hofes. Da nun unternahm es der Hof, einen Staatsstreich vorzubereiten. Das Militär wurde zusammengerufen und um Versailles versammelt; es sollte die Versammlung auseinandertreiben und Paris zur Vernunft bringen. Am 11. Juli – so fährt die geläufige Version fort – entschließt sich der Hof zum Handeln: Necker wurde aus dem Ministerium entlassen und verbannt. Paris erfährt es am 12., und Bürger bilden einen Zug, der durch die Straßen zieht und eine Statue des gestürzten Ministers herumträgt. Im Palais-Royal ruft Camille Desmoulins zu den Waffen. Die Faubourgs erheben sich und machen in 36 Stunden 50 000 Spieße zurecht; am 14. marschiert das Volk gegen die Bastille, die bald ihre Brücken herunterläßt und sich ergibt ... Die Revolution hat ihren ersten Sieg errungen. Das ist die übliche Auffassung, die man bei den Feiern der Republik immer wiederholt. Indessen ist sie nur zur Hälfte richtig. Sie ist zwar richtig in der trockenen Aneinanderreihung der Haupttatsachen, aber sie sagt nicht, was über die Rolle des Volkes in der Erhebung gesagt werden muß, und sie schweigt über das wahre Verhältnis zwischen den zwei Elementen der Bewegung: dem Volk und dem Bürgertum. Denn in der Erhebung von Paris um den 14. Juli herum gab es, wie in der ganzen Revolution, zwei getrennte Strömungen von verschiedenem Ursprung: die politische Bewegung des Bürgertums und die Volksbewegung. Die beiden reichten sich in bestimmten Augenblicken an den großen Tagen der Revolution zu vorübergehendem Bündnis die Hand und errangen die großen Siege über das Ancien régime. Aber das Bürgertum war immer mißtrauisch gegen seinen vorübergehenden Bundesgenossen – das Volk. So war es auch im Juli 1789. Das Bündnis wurde vom Bürgertum widerwillig geschlossen, und es beeilte sich auch, gleich am Tage nach dem 14. und sogar schon während der Bewegung, sich zu organisieren, um das rebellische Volk im Zaume zu halten. Seit dem Fall Réveillon hatte das Volk, das ausgehungert war und dem es sichtlich mehr und mehr an Brot fehlte, das die Enttäuschungen durch leere Versprechungen satt war, sich zu erheben gesucht. Aber es fühlte sich nicht unterstützt, nicht einmal von denen aus dem Bürgertum, die im Vordertreffen des Kampfes gegen die königliche Autorität standen, und knirschte vergeblich im Zügel. Aber jetzt entschließt sich die Hofpartei, die sich um die Königin und die Prinzen schart, einen großen Schlag zu tun, um der Nationalversammlung und der Gärung des Volks in Paris ein Ende zu machen. Militär wird in Massen versammelt und die Anhänglichkeit der Soldaten an den König und die Königin mit allen Mitteln zu erhalten gesucht; sie bereiten offen einen Staatsstreich gegen die Nationalversammlung und gegen Paris vor. Da läßt die Nationalversammlung die unter ihren Mitgliedern und ihren Freunden in Paris tätig sein, die den ›Appell ans Volk‹, das heißt an die Volkserhebung, wollen. Und da das Volk der Faubourgs nichts sehnlicher wünscht, entspricht es dem Appell. Es wartet die Entlassung Neckers nicht ab, sondern es beginnt schon am 8. Juli, ja sogar schon am 27. Juni, sich zu erheben. Jetzt zieht das Bürgertum seinen Nutzen daraus, treibt das Volk in den offenen Aufstand und läßt es sich bewaffnen; zur selben Zeit bewaffnet es sich selbst, um die Volksströmung zu meistern und sie zu hindern, ›zu weit‹ zu gehen. Der Aufstand schwillt immer stärker an, die Woge des Volks bemächtigt sich – gegen den Willen der Bürger – der Bastille, des Sinnbilds und Bollwerks der Königsgewalt; daraufhin beeilt sich das Bürgertum, das mittlerweile seine Miliz organisiert hat, die ›Sensenmänner‹ wieder zur Ruhe zu bringen. Das ist die Doppelbewegung, von der jetzt zu berichten ist. Wir haben gesehen, die Absicht der königlichen Sitzung vom 23. Juni war, den Generalstaaten klarzumachen, daß sie nicht die Macht wären, die sie sein wollten; daß es bei der absoluten Gewalt des Königs sein Bewenden hätte; daß die Generalstaaten daran nichts zu ändern hätten und daß die beiden privilegierten Stände, der Adel und die Geistlichkeit, selbst bestimmen sollten, welche Konzessionen sie für eine gerechtere Verteilung der Steuern für nützlich hielten. Die Wohltaten, die dem Volk bewilligt werden sollten, sollten alsdann vom König in Person ausgehen, und diese Wohltaten sollten sein: die Abschaffung der Fronden (die schon zu großem Teil vollzogen war), der toten Hand und der Freilehensgebühren, die Einschränkung des Jagdrechts, die Einführung einer regelrechten Aushebung an Stelle der Auslosung zur Miliz; die Unterdrückung des Wortes ›taille‹ (so hieß die Steuer, von der der Adel und die Geistlichkeit befreit waren) und die Organisation der Provinzialbehörden. All dies obendrein in Form leerer Versprechungen oder eigentlich bloßer Titel von Reformen; denn der ganze Inhalt dieser Reformen, aller Gehalt dieser Änderungen sollte erst noch gefunden werden; und wie konnte man ihn finden, ohne an die Privilegien der beiden oberen Stände die Axt zu legen? Aber der wichtigste Punkt der Rede des Königs – weil nämlich bald die ganze Revolution sich um diesen Punkt drehte – war die Erklärung des Königs in betreff der Unverletzlichkeit der Feudalrechte. Er erklärte die Zehnten, die Grundzinsen, die Renten und die grundherrlichen und feudalen Rechte für unbedingt und auf immer unverletzliches Eigentum! Mit diesem Versprechen wollte der König offenbar den Adel gegen den dritten Stand auf seine Seite bringen. Aber ein Versprechen von dieser Tragweite geben, hieß die Revolution von vornherein derart einschränken, daß sie ohnmächtig wurde, auch nur das geringste in den Finanzen des Staates und in der ganzen inneren Organisation Frankreichs zu reformieren. Es hieß das alte Frankreich, das Ancien régime in Bausch und Bogen beibehalten. Und man wird später sehen, daß im ganzen Verlauf der Revolution das Königtum und die Aufrechterhaltung der Feudalrechte – die alte politische und die alte wirtschaftliche Form für den Geist der Nation miteinander unlöslich verbunden sind. Man muß sagen, daß das Manöver des Hofes bis zu einem gewissen Grad gelang. Nach der königlichen Sitzung brachte der Adel dem König, und insbesondere der Königin, im Schloß eine Huldigung dar, und es waren am nächsten Tag nur 47 Adlige, die sich mit den zwei andern Ständen verbanden. Erst einige Tage später, als sich das Gerücht verbreitete, hunderttausend Pariser seien in Anmarsch gegen Versailles – infolge der allgemeinen Befürchtung also, die nach Eintreffen dieser Nachricht im Schloß herrschte, und auf einen Befehl des Königs, der von der Königin unter Tränen bestätigt wurde (denn der Adel verließ sich nicht mehr auf den König), verband sich auch der Hauptteil der Adligen mit dem Klerus und den Herren vom dritten Stand. Und auch jetzt noch verhehlten sie kaum ihre Hoffnung, diese Rebellen binnen kurzem gewaltsam auseinandergetrieben zu sehen. Indessen werden diese ganzen Manöver des Hofes, all diese Verschwörungen und selbst die Reden, die von dem oder jenem Prinzen oder Adligen geführt wurden, bei den Revolutionären bald bekannt; alles wurde durch tausend geheime Kanäle, die man nicht versäumt hatte herzustellen, nach Paris berichtet, und die Gerüchte, die aus Versailles kamen, dienten dazu, die Erregung in der Hauptstadt zu schüren. Es kommen Momente, wo die Mächtigen sich nicht einmal auf ihre Lakaien verlassen können, und dahin war es in Versailles gekommen. So gründeten, während der Adel sich an dem kleinen Erfolg labte, der in der königlichen Sitzung erlangt worden war, einige Revolutionäre des Bürgertums in Versailles selbst einen Klub, den Klub Breton, der bald zu einem großen Sammelpunkt und später zum Jakobinerklub wurde – und in diesen Klub kamen sogar die Bedienten des Königs und der Königin und berichteten, was insgeheim hinter verschlossenen Türen am Hofe gesprochen wurde. Einige Abgeordnete aus der Bretagne, unter andern Le Chapelier, Glezen, Lanjuinais waren die Gründer dieses Klubs Breton; und Mirabeau, der Herzog von Aiguillon, Siêyès, Barnave, Pétion, der Abbé Grégoire und Robespierre nahmen an ihnen teil. Seit die Generalstaaten in Versailles zusammengetreten waren, herrschte in Paris die größte Bewegung. Das Palais-Royal mit seinem Garten und seinen Cafés war zu einem Klub unter freiem Himmel geworden, wo zehntausend Menschen aller Bevölkerungsschichten zusammenkamen, um sich die Neuigkeiten mitzuteilen, über die Flugschriften des Tages zu diskutieren, in der Masse neue Kraft für die bevorstehende Aktion zu finden, sich kennenzulernen, sich zu verständigen. Alle Gerüchte, alle Neuigkeiten, die in Versailles im Klub Breton sich einfanden, wurden sofort diesem wogenden Klub des Volks von Paris übermittelt. Von da fanden sie ihren Weg in die Arbeiterviertel, und wenn manchmal die Legende als Schrittmacher der Wirklichkeit dazukam, so war sie, wie es bei den Legenden des Volkes oft vorkommt, noch wahrer als die Wahrheit selbst; denn sie war nur eine Einkleidung, ließ unter der Form der Legende die geheimen Motive der Handlungen hervortreten und beurteilte in ihrer Intuition die Menschen und die Dinge oft richtiger als die gescheiten Leute. Wer urteilte denn besser über Marie Antoinette, die Polignac, den arglistigen König und die Prinzen als die unbekannten Massen der Arbeiterviertel? Wer erriet sie besser als das Volk? Von dem Tag nach der königlichen Sitzung an atmete die Großstadt schon den Geist der Empörung. Das Rathaus sandte der Nationalversammlung seine Glückwünsche, und das Palais-Royal übermittelte ihr eine Adresse, die in einer kriegerischen Sprache abgefaßt war. Für das ausgehungerte, bis jetzt mißachtete Volk bedeutete der Sieg der Nationalversammlung einen Hoffnungsschimmer, und der Aufstand war in seinen Augen das einzige Mittel, sich das Brot, das ihm fehlte, zu schaffen. Zu der Zeit, wo die Teuerung immer schlimmer wurde und wo es selbst an dem schlechten, dem gelben und brandigen Mehl, das man für die Armen aufbewahrte, fortwährend fehlte, wußte das Volk wohl, daß es in Paris und in seiner Umgebung genug Brot gab, um alle zu ernähren – und die Armen sagten sich, daß die Wucherer ohne einen Aufstand niemals aufhören würden, das Volk Hunger leiden zu lassen. Je mehr indessen die Aufregung des Volkes in den düstern Winkeln zunahm, um so mehr hatten das Bürgertum von Paris und die Volksvertreter in Versailles Angst vor dem Aufstand. Lieber den König und den Hof als die Empörung des Volks! Noch am Tage der Vereinigung der drei Stände, am 27. Juni, nach dem ersten Siege des dritten Standes, trennte sich Mirabeau, der sich bis dahin aufs Volk berufen hatte, scharf von ihm und sprach in der Absicht, die Abgeordneten von ihm zu trennen. Er warnte sie und riet, sich von ›aufrührerischen Bundesgenossen‹ zu trennen. Man sieht, hier bildet sich schon in der Nationalversammlung das künftige Programm der Gironde aus. Mirabeau will, die Versammlung solle ›zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur öffentlichen Ruhe, zur Autorität der Gesetze und ihrer Minister‹ beitragen. Er geht sogar noch weiter. Er will, daß sie sich um den König schart, denn dieser will das Rechte; wenn es vorkäme, daß er das Üble täte, geschähe es, weil er getäuscht und schlecht beraten würde! Die Versammlung stimmt dieser Rede mit Beifall zu. ›Die Wahrheit ist‹, sagt Louis Blanc sehr gut, ›daß das Bürgertum weit entfernt war, den Thron umzustürzen, sondern schon sich dahinter zu schützen suchte. Vom Adel verleugnet, fand Ludwig XVI. im Schoße der Kommunen, die einen Augenblick so halsstarrig gewesen waren, seine treuesten und beflissensten Diener. Er hörte auf, der König der Edelleute zu sein, er wurde der König der Besitzenden.‹ Dieser ursprüngliche Fehler der Revolution lastet – wir werden es noch sehen – die ganze Zeit hindurch auf ihr, bis zur Reaktion. Aber das Elend wuchs in der Hauptstadt noch von Tag zu Tag. Necker hatte wohl Maßregeln ergriffen, um den Gefahren einer Teuerung zu begegnen. Er hatte am 7. September 1788 die Getreideausfuhr verboten und unterstützte die Einfuhr durch Prämien; siebzig Millionen wurden verausgabt, um im Ausland Getreide zu kaufen. Er machte ferner überall den Beschluß des Kronrats vom 23. April 1789 bekannt, der den Richtern und den Polizeioffizieren erlaubte, die Kornspeicher der Privatpersonen zu untersuchen, ihre Vorräte aufzunehmen und sie im Fall, daß es notwendig sei, auf den Markt zu schicken. Aber die Ausführung dieser Maßnahmen war den alten Behörden anvertraut – und damit ist alles gesagt! Jetzt gab die Regierung denen Prämien, die Getreide nach Paris brachten; aber das importierte Getreide wurde unter der Hand wieder ausgeführt, um wieder eingeführt zu werden und die Prämie ein zweites Mal zu erlangen. In den Provinzen kauften die Aufkäufer das Korn zum Zweck dieser Spekulationen; man kaufte sogar die künftige Ernte auf dem Halme. Jetzt zeigte sich der wahre Charakter der Nationalversammlung. Sie war ohne Frage bei dem Schwur im Ballhaus bewunderungswürdig gewesen, aber sie blieb gegen das Volk vor allem bürgerlich. Am 4. Juli debattierte die Versammlung auf Grund des Berichts des Ausschusses für Volksernährung über die Maßregeln, die zu ergreifen seien, um dem Volk Brot und Arbeit zu garantieren. Man sprach viele Stunden lang, machte einen Vorschlag nach dem andern. Pétion schlug eine Anleihe vor, andere schlugen vor, den Provinzialtagen die Vollmacht zu geben, die nötigen Maßnahmen zu treffen – aber man faßte keinen Beschluß, man tat nichts: man begnügte sich damit, das Volk zu bedauern. Und als einer der Abgeordneten die Frage der Kornwucherer anschnitt und einige von ihnen mit Namen nannte, hatte er die ganze Versammlung gegen sich. Zwei Tage später, am 6. Juli, kündigte Bouche an, man kenne die Schuldigen und eine formelle Anzeige werde am Tag darauf erstattet. ›Ein allgemeiner Schrecken bemächtigte sich der Versammlung‹, sagt Gorsas im ›Courrier de Versailles et de Paris‹, den er eben gegründet hatte ... Aber der nächste Tag kam und kein Wort mehr war von dem Gegenstand zu hören. Die Sache war zwischen zwei Sitzungen unterdrückt worden. – Warum? Aus Furcht – die Ereignisse werden es beweisen – vor kompromittierenden Enthüllungen. Jedenfalls fürchtete die Versammlung den Volksaufstand dermaßen, daß sie, als es am 30. Juni bei Gelegenheit der Verhaftung von elf Gardisten, die sich geweigert hatten, ihre Gewehre scharf zu laden, in Paris einen Aufruhr gab, eine Adresse an den König beschloß, die in den denkbar servilsten Ausdrücken abgefaßt war, und ihre ›große Anhänglichkeit an die Autorität des Königs‹ beteuerte. Wenn der König eingewilligt hätte, dem Bürgertum den geringsten Anteil an der Regierung zu geben, hätte es sich mit ihm verbündet und ihm mit seiner ganzen Organisationskraft geholfen, das Volk im Zaume zu halten. Aber – und das mag späteren Zeiten zur Lehre dienen – es gibt im Leben der Individuen, der Parteien und auch der Institutionen eine Logik, die der Wille keines Menschen umstoßen kann. Der Despotismus des Königs konnte nicht mit dem Bürgertum paktieren, das seinen Anteil an der Staatsgewalt verlangte. Logischer-, notwendigerweise mußte er es bekämpfen, und nachdem der Kampf einmal ausgebrochen war, mußte er unterliegen und seinen Platz der Repräsentativregierung abtreten – da diese Form dem Bürgertum am meisten zusagt. Er konnte auch, ohne seinen natürlichen Verbündeten, den Adel, zu verraten, nicht mit der Demokratie des Volkes paktieren, und er tat, was in seinen Kräften stand, um die Adligen und ihre Privilegien zu schützen – auf die Gefahr hin, sich später von diesen nämlichen Privilegierten von Geburt verraten zu sehen. Inzwischen kamen von allen Seiten die Nachrichten über die Verschwörungen des Hofes zu den Anhängern des Herzogs von Orléans, die sich in Montrouge versammelten, und ebenso zu Revolutionären, die sich im Klub Breton trafen. Die Truppen wurden in Versailles und auf dem Wege von Versailles nach Paris zusammengezogen. In Paris selbst besetzten sie die wichtigsten Punkte in der Richtung nach Versailles. Man sprach von 35 000 Mann, die auf diesem Raume versammelt waren, zu denen in einigen Tagen noch 20 000 stoßen sollten. Die Königin und die Prinzen verabredeten untereinander, die Nationalversammlung sollte aufgelöst werden, Paris sollte im Falle des Aufstandes zu Boden geschlagen werden, nicht nur die Rädelsführer und der Herzog von Orléans sollten verhaftet und getötet werden, sondern auch die unter den Abgeordneten, die, wie Mirabeau, Mounier, Lally-Tollendal, Ludwig XVI. zu einem konstitutionellen König machen wollten. Zwölf Abgeordnete, sagte später Lafayette, sollten geopfert werden. Der Baron von Breteuil und der Marschall von Broglie waren dazu ausersehen, diesen Plan zur Ausführung zu bringen – beide waren voller Eifer, zur Tat zu schreiten. ›Wenn Paris niedergebrannt werden muß‹, sagte der erste, ›wird man es niederbrennen.‹ Und der Marschall von Broglie hatte an den Prinzen von Condé geschrieben, eine Artilleriesalve hätte in Bälde ›diese Raisonneure auseinandergetrieben und die absolute Gewalt, die am Verlöschen ist, an die Stelle des republikanischen Geistes gesetzt, der sich bilden will‹. Und man glaube nicht, wie einige reaktionäre Historiker behauptet haben, das seien nur Märchen. Der Brief der Herzogin von Polignac an den Stadtkommandanten Flesselles vom 12. Juli, den man später gefunden hat und in dem alle in Betracht kommenden Personen mit verabredeten Namen bezeichnet waren, beweist das Komplott zur Genüge, das der Hof für den 16. Juli angezettelt hatte. Wenn daran noch im geringsten zu zweifeln erlaubt wäre, würden die Worte zum Beweis genügen, die am 10. Juli in Caen die Herzogin von Beuvron in Anwesenheit von mehr als sechzig triumphierenden Adligen an Dumouriez richtete. ›Nun, Dumouriez‹, sagte die Herzogin, ›Sie wissen die große Neuigkeit nicht? Ihr Freund Necker ist fortgejagt; der König steigt wieder auf den Thron, die Nationalversammlung ist aufgelöst; Ihre Freunde, die siebenundvierzig, sind vielleicht zu dieser Stunde in der Bastille, und mit ihnen Mirabeau, Target und etliche Hundert dieser Unverschämten vom dritten Stand; und sicherlich ist der Marschall von Broglie mit 30 000 Mann in Paris.‹ (Memoiren von Dumouriez, zweiter Teil, S. 35.) Die Herzogin hatte sich geirrt: Necker wurde erst am 11. entlassen, und Broglie hütete sich, nach Paris zu gehen. Aber was tat in dem Zeitpunkt die Nationalversammlung? Sie tat, was alle Parlamente immer getan haben und immer tun werden. Sie faßte keinen Beschluß. Gerade an dem Tage, wo das Volk von Paris begann, sich zu erheben, also am 8. Juli, beauftragte die Versammlung Mirabeau, ihren Tribunen, mit der Abfassung einer demütigen Bittschrift an den König; und indem die Versammlung bat, Ludwig XVI. möchte die Soldaten zurückrufen, füllte sie ihre Bittschrift mit Schmeicheleien. Sie sprach ihm von einem Volke, das seinen König zärtlich liebte, das dem Himmel für das Geschenk dankte, das er ihm mit seiner Liebe gemacht hätte! Und diese nämlichen Worte, diese nämlichen Schmeicheleien, werden im Laufe der Revolution von den Vertretern des Volks noch mehr als einmal an den König gerichtet werden. Die Revolution kann nicht verstanden werden, wenn man nicht die ohne Unterlaß wiederholten Anstrengungen der besitzenden Klassen bemerkt, den König in ihr Lager zu ziehen und aus ihm einen Schild gegen das Volk zu machen. Alle Trauerspiele von 1793 sind im Keime schon in dieser Bittschrift der Nationalversammlung enthalten, die einige Tage vor dem 14. Juli abgefaßt wurde. 11. Paris vor dem 14. Juli Im allgemeinen wenden die Geschichtsschreiber ihre Aufmerksamkeit lediglich der Nationalversammlung zu. Die in Versailles versammelten Vertreter des Volkes scheinen die Revolution zu personifizieren, und ihre geringsten Worte, ihre Gebärden werden mit frommer Verehrung gesammelt. Indessen nicht in der Nationalversammlung waren während dieser Julitage das Herz und die Seele der Revolution. Sie waren in Paris. Ohne Paris und sein Volk war die Versammlung nichts. Wenn die Furcht vor dem Aufstand von Paris den Hof nicht zurückgehalten hätte, hätte er ohne Frage die Versammlung aufgelöst, wie man das seitdem so oft erlebt hat: am 18. Brumaire und am 2. Dezember in Frankreich, und in allerneuester Zeit erst in Ungarn und in Rußland. Ohne Zweifel hätten die Abgeordneten protestiert; ohne Zweifel hätten sie einige schöne Worte gesprochen, und einige von ihnen hätten versucht, die Provinzen zur Erhebung zu bringen ... aber ohne das Volk, das sich auf den Aufstand vorbereitet hat, ohne revolutionäre Bearbeitung der Massen, ohne einen Appell zur Empörung ans Volk, der vom Menschen zum Menschen geht, sich nicht auf Manifeste beschränkt – ohne das mußte eine Versammlung von Abgeordneten gegenüber einer festgesetzten Regierung mit ihrem Netz von Behörden und ihrer Armee sehr wenig bedeuten. Aber zum Glück für die Revolution schlief Paris nicht. Während die Nationalversammlung sich in einer eingebildeten Sicherheit wiegte und am 10. Juli ruhig die Debatte über den Verfassungsentwurf wieder aufnahm, rüstete sich das Volk von Paris, an das die Kühnsten und Weitestblickenden im Bürgertum endlich appelliert hatten, zum Aufstand. Man wiederholte sich in den Faubourgs die Einzelheiten des militärischen Schlages, den der Hof für den 16. vorbereitete; man wußte alles – man kannte auch die Drohung des Königs, sich nach Soissons zurückzuziehen und Paris dem Heere zu überlassen – und der große Glühofen organisierte sich in seinen Bezirken, um der Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Die ›aufrührerischen Hilfstruppen‹, mit denen Mirabeau dem Hof gedroht hatte, waren in der Tat gerufen worden, und in den düstern Kneipen der Außenbezirke erörterte das Paris der Armen, das Paris der zerrissenen Kleider, die Mittel, ›das Vaterland zu retten‹. Es bewaffnete sich, so gut es konnte. Hunderte von patriotischen Agitatoren – ›Unbekannte‹, wohlgemerkt – taten alles, um die Agitation zu unterhalten und das Volk auf die Straße zu bringen. Platzende Feuerwerkskörper (sogenannte Frösche) und Feuerwerk überhaupt, sagt Arthur Young, waren ein beliebtes Mittel; man konnte sie zu halbem Preis kaufen, und wenn sich eine Menge angesammelt hatte, um an einer Straßenecke einem Feuerwerk zuzusehen, fing jemand an, zum Volk zu sprechen, und erzählte ihm die Nachrichten vom Komplott des Hofes. Diese Ansammlungen zu zerstreuen, ›hätte früher eine Kompanie Schweizer genügt; heute bedürfte es dazu eines Regimentes; in vierzehn Tagen wird man eine Armee brauchen‹, sagte Arthur Young in den Tagen vor dem 14. Juli (S. 219). In der Tat war das Volk von Paris von Ende Juni an bei der Siedehitze angelangt und war reif zur Erhebung. Schon Anfang Juni hatte man sich auf Grund der Kornteuerung auf Aufruhrbewegungen gefaßt gemacht, sagt der englische Buchhändler Hardy, und wenn Paris bis zum 25. Juni ruhig blieb, so nur darum, weil es bis zur königlichen Sitzung immer hoffte, die Versammlung täte etwas. Aber am 25. sah Paris ein, daß ihm keine andere Hoffnung geblieben war als die Erhebung. Ein Teil der Pariser zog nach Versailles und war willens, einen Zusammenstoß mit den Truppen nicht zu vermeiden. In Paris selbst bildeten sich überall Zusammenrottungen, ›die bereit waren, zum äußersten und schrecklichsten zu gehen‹, liest man in den Geheimnoten, die an den Minister des Auswärtigen gerichtet wurden, wie sie Chassin veröffentlicht hat (Les Élections et les cahiers de Paris, Paris 1889, Dritter Teil, S. 453). ›Das Volk war die ganze Nacht in Bewegung, es hat Freudenfeuer abgebrannt und vor dem Palais-Royal und dem Oberkontrollamt eine große Menge Schüsse abgegeben.‹ Man rief: ›Es lebe der Herzog von Orléans!‹ Am selben Tag, am 25., verließen die Soldaten der Garde ihre Kasernen, tranken mit dem Volk und verbrüderten sich mit ihm, zogen mit dem Volk durch verschiedene Stadtteile und riefen auf den Straßen: Nieder mit den Pfaffen! Inzwischen konstituierten sich die ›Distrikte‹ von Paris, das heißt die ursprünglichen Versammlungen der Wahlmänner, hauptsächlich die der Arbeiterviertel, regelrecht und ergriffen ihre Maßregeln, um den Widerstand in Paris zu organisieren. Die ›Distrikte‹ sorgten dafür, daß sie in ununterbrochener Verbindung miteinander blieben, und ihre Vertreter machten fortwährende Anstrengungen, um sich als unabhängige städtische Körperschaft zu konstituieren. Am 25., in der Versammlung der Wahlmänner, rief Bonneville bereits zu den Waffen auf und machte den Wahlmännern den Vorschlag, sich als ›Kommune‹ zu konstituieren, wobei er auf die Geschichte Bezug nahm, um seinen Vorschlag zu begründen. Am Tag darauf versammelten sich die Vertreter der Distrikte im Museum der Rue Dauphine und siedelten endlich ins Rathaus über. Am 1. Juli hielten sie schon ihre zweite Sitzung, deren Protokoll bei Chassin zu finden ist (Dritter Teil, S. 439–444, 458, 460). Sie setzten so den ›Permanenten Ausschuß‹ ein, der während des 14. Juli tagte. Am 30. Juni genügte ein kleiner Vorfall – die Verhaftung von elf Soldaten der Garde, die man ins Militärgefängnis steckte, weil sie sich geweigert hatten, ihre Gewehre scharf zu laden –, um in Paris einen Aufruhr hervorzurufen. Als Loustalot, der Redakteur der ›Révolutions de Paris‹, im Palais-Royal gegenüber dem Café Foy auf einen Stuhl stieg und zur Menge über die Sache sprach, zogen sofort viertausend Menschen zum Militärgefängnis und setzten die verhafteten Soldaten in Freiheit. Als die Aufseher diese Menge herankommen sahen, merkten sie, daß Widerstand unnütz wäre, und lieferten die Gefangenen dem Volke aus; und als die Dragoner mit verhängtem Zügel heransprengten und in die Menge hineinreiten wollten, stutzten sie, steckten die Säbel in die Scheide und verbrüderten sich mit der Menge – welcher Vorfall die Nationalversammlung in Entsetzen brachte, als sie am Tag darauf erfuhr, das Militär habe mit dem Aufruhr fraternisiert. ›Sollen wir die Tribunen eines zügellosen Volkes werden?‹ fragten sich die Herren. Aber der Aufruhr regte sich schon in den Städtchen in der Nähe von Paris. In Nangis hatte das Volk sich geweigert, die Steuern zu bezahlen, solange sie nicht von der Nationalversammlung festgesetzt wären; und da es an Brot fehlte (man verkaufte jedem Käufer nur noch zwei Scheffel Weizen), war der Markt von Dragonern umstellt. Indessen kam es trotz der Anwesenheit des Militärs in Nangis und andern kleinen Städten des Außenbezirks zu verschiedenen Krawallen. Ein Streit zwischen dem Volk und den Bäckern entstand im Handumdrehen, und nun nahm man alles Brot fort, ohne zu zahlen, sagt Young (S. 225). Am 27. Juli berichtet der ›Mercure de France‹ sogar von Versuchen, die an verschiedenen Orten, besonders in Saint-Quentin, gemacht wurden, das Korn auf dem Felde noch grün zu schneiden, so groß war die Hungersnot. In Paris schrieben sich die Patrioten bereits am 30. Juni im Café du Caveau für die Erhebung ein, und am Tag darauf, als man erfuhr, daß Broglie den Befehl über die Armee übernommen hatte, sagte die Bevölkerung (so heißt es in den geheimen Berichten) überall laut und rückhaltlos, ›wenn das Militär nur einen einzigen Schuß abgäbe, würde alles zu Blut und Brand werden ... Sie hat noch vieles andere, noch stärkere gesagt ... Vorsichtige Leute wagen es nicht mehr, auf die Straße zu gehen‹, fügt der Agent hinzu. Am 2. Juli richtet sich die Wut der Bevölkerung gegen den Herzog von Artois und die Polignac. Man spricht davon, sie zu töten, ihren Palast in Trümmer zu reißen. Man spricht auch davon, sich aller Kanonen zu bemächtigen, die über Paris verteilt sind. Die Zusammenrottungen werden zahlreicher, und ›die Wut des Volks ist unbeschreiblich‹, sagen die nämlichen Berichte. Am selben Tag, sagt der Buchhändler Hardy, hat wenig gefehlt, daß ›gegen acht Uhr abends eine wütende Menge vom Garten des Palais-Royal aufbrach‹, um die Abgeordneten des dritten Standes zu befreien, von denen es hieß, sie seien in Gefahr, von den Adligen ermordet zu werden. Seit diesem Tag sprach man davon, im Hôtel des Invalides Waffen zu holen. Die Wut gegen den Hof ging Hand in Hand mit der Wut, die die Teuerung hervorbrachte. Wirklich fürchtete man am 4. und 6. die Plünderung der Bäckereien; Patrouillen der Garde marschierten durch die Straßen, sagt Hardy, und überwachten die Verteilung des Brotes. Am 8. Juli brach in Paris selbst ein Vorspiel des Aufstandes aus: im Lager der 20 000 Arbeitslosen, die die Regierung mit Erdarbeiten in Montmartre beschäftigte. Zwei Tage später, am 10., floß schon Blut, und am selben Tag fingen die Schlagbäume an, in Flammen aufzugehen. Der der Chaussée d'Autin war angezündet worden, und das Volk benutzte das, um Lebensmittel und Wein, ohne Oktroi zu zahlen, einzuführen. Hätte Camille Desmoulins je am 12. Juli zu den Waffen gerufen, wenn er nicht sicher gewesen wäre, daß der Ruf befolgt würde – wenn er nicht gewußt hätte, daß Paris schon dabei war, sich zu erheben, daß schon vor zwölf Tagen Loustalot die Menge auf Grund eines Geschehnisses von geringerer Bedeutung zum Aufruhr gebracht hatte und daß jetzt das Paris der Faubourgs nur noch das Signal, die Initiative erwartete, um in den Aufstand zu treten? Das Ungestüm der Prinzen, die des Erfolgs sicher waren, hatte den Staatsstreich, der für den 16. vorbereitet war, schneller herbeigeführt, und der König wurde gezwungen, vorzugehen, bevor die Truppenverstärkungen in Versailles angekommen waren. Necker wurde am 11. Juli entlassen–der Herzog von Artois hielt ihm die Faust unter die Nase, als der Minister sich in den Ministerrat begeben wollte, und der König tat mit seiner gewöhnlichen Verschlagenheit so, als ob er von nichts wüßte, obwohl das Entlassungsdekret schon unterzeichnet war. Necker fügte sich, ohne ein Wort zu sagen, dem Befehl seines Herrn. Er ging sogar auf seine Intentionen ein und traf die Vorbereitungen zu seiner Abreise nach Brüssel so geheim, daß in Versailles nicht das geringste von dem Vorfall verlautete. Paris erhielt erst am nächsten Tag, am Sonntag den 12. gegen Mittag davon Kenntnis. Man war schon auf diese Entlassung gefaßt, die der Beginn des Staatsstreiches sein sollte. Man wiederholte einander schon das Wort des Herzogs von Broglie, der mit seinen 30 000 Soldaten, die zwischen Paris und Versailles standen, ›für Paris bürgte‹, und da seit dem Morgen unheilvolle Gerüchte über die Gemetzel, die der Hof vorbereitete, umliefen, begab sich ›das ganze revolutionäre Paris‹ in Massen nach dem Palais-Royal. Dort langte der Kurier an, der die Nachricht von der Verbannung Neckers brachte. Der Hof hatte sich also entschlossen, die Feindseligkeiten zu eröffnen ... Da nun stieg Camille Desmoulins, der aus einem der Cafés des Palais-Royal, dem Café Foy, kam, in einer Hand einen Degen, in der andern eine Pistole tragend, auf einen Stuhl und rief zu den Waffen. Er brach einen Zweig ab und nahm, wie man weiß, ein grünes Blatt als Kokarde und Zeichen der Zusammengehörigkeit. Und sein Ruf: ›Kein Augenblick ist zu verlieren; zu den Waffen!‹ verbreitete sich in den Faubourgs. Am Nachmittag zieht ein ungeheurer Zug, der die Büsten des Herzogs von Orléans und Neckers, die in Trauerflöre gehüllt sind, mit sich führt (es hieß, auch der Herzog von Orléans sei verbannt), durch das Palais-Royal, die Rue Richelieu entlang und wendet sich der Place Louis XV. (heute Place de la Concorde) zu, die von Militär besetzt ist: Schweizern, französischer Infanterie, Husaren und Dragonern, die unter dem Befehl des Marquis von Besenval standen. Die Truppen sind bald vom Volk umringt; sie versuchen, es mit Säbelhieben zurückzutreiben, sie schießen sogar; aber angesichts der zahllosen Menge, die sie umdrängt, hin- und herstößt, zurücktreibt, sie umzingelt und so ihre Reihen durchbricht, sind sie gezwungen, sich zurückzuziehen. Anderwärts erfährt man, daß die Garden ein paar Mal auf das Regiment ›Royal Allemand‹ – das dem König treu war – geschossen hätten und daß die Schweizer sich weigerten, aufs Volk zu schießen ... Darauf zieht sich Besenval, der, scheint es, kein großes Vertrauen zum Hof hatte, vor der steigenden Woge des Volks zurück und kampiert auf dem Marsfeld. Der Kampf hat sich also entsponnen. Aber was wird sein schließlicher Ausgang sein, wenn das Militär, das dem König treu geblieben ist, den Befehl erhält, auf Paris zu marschieren? Nunmehr entschließen sich die bürgerlichen Revolutionäre – mit Widerstreben – zum letzten Mittel, zum Appell ans Volk. Die Sturmglocke läutet in ganz Paris, und die Faubourgs machen sich daran, Spieße zu machen. Langsam fangen sie an, bewaffnet auf die Straße zu steigen. Die ganze Nacht hindurch zwingen Leute aus dem Volk die Vorübergehenden, ihnen Geld zum Ankauf von Pulver zu geben. Die Schlagbäume gehen in Flammen auf. Alle Schlagbäume des rechten Ufers vom Faubourg Saint-Antoine bis zum Faubourg de Saint-Honoré und ebenso die von Saint-Marcel und Saint-Jacques werden in Brand gesteckt, und Lebensmittel und Wein haben freien Eingang nach Paris. Die ganze Nacht durch tönt die Sturmglocke, und die Bourgeoisie zittert für ihr Eigentum, denn Männer, die mit Spießen und Knütteln bewaffnet sind, ziehen durch alle Stadtviertel, klopfen an die Tore der Reichen und verlangen Brot und Waffen. Am nächsten Tag, dem dreizehnten, begibt sich das Volk vor allem dahin, wo es Brot gibt, insbesondere nach dem Kloster Saint-Lazare, das mit den Rufen: Brot, Brot! gestürmt wird. Zweiundfünfzig Karren werden mit Mehl beladen und nicht an Ort und Stelle geplündert, sondern nach den Markthallen gefahren, damit alle Welt Brot habe. Ebenfalls nach den Markthallen dirigiert das Volk die Lebensmittel, die, ohne Oktroi zu zahlen, nach Paris kommen. Zur gleichen Zeit bemächtigte sich das Volk des Untersuchungsgefängnisses in La Force, wo damals die Schuldhäftlinge untergebracht waren, die Gefangenen wurden befreit und durchzogen Paris unter Danksagungen an das Volk; aber ein Aufruhr der Gefangenen des Châtelet wurde, offenbar von den Bürgern, unterdrückt, die sich eiligst bewaffneten und ihre Patrouillen durch die Straßen schickten. Gegen sechs Uhr begaben sich die Bürgermilizen, die sich schon formiert hatten, tatsächlich nach dem Rathaus, und um zehn Uhr abends, sagt Chassin, traten sie den Dienst an. Taine und seinesgleichen, die das getreue Echo der bourgeoisen Ängste sind, suchen glauben zu machen, am 13. Juli sei Paris ›in den Händen von Räubern‹ gewesen. Aber dieser falschen Behauptung wird von allen Zeugnissen der Zeit widersprochen. Es wurden ohne Zweifel Passanten von Sensenmännern angehalten, die von ihnen Geld forderten, um sich zu bewaffnen, und es gab ebenfalls in den Nächten vom 12. auf den 13. und vom 13. auf den 14. bewaffnete Männer, die an die Türen der Reichen pochten und zu essen und trinken oder auch Waffen und Geld verlangten. Es ist auch beglaubigt, daß Versuche zur Plünderung vorkamen, da glaubwürdige Zeugen von Leuten berichten, die in der Nacht vom 13. zum 14. wegen solcher Versuche gehängt wurden. Aber hier wie anderswo übertreibt Taine. Auf die Gefahr hin, das Mißfallen der republikanischen Bürger unserer Zeit zu erregen, appellierten die Revolutionäre von 1789 an die ›kompromittierenden Hilfskräfte‹, von denen Mirabeau gesprochen hatte. Sie suchten sie in den Löchern der Außenviertel. Es gab in der Tat einige Fälle von Plünderungen, aber diese ›Hilfstruppen‹, die den Ernst der Lage verstanden, gebrauchten ihre Waffen vielmehr im Dienst der allgemeinen Sache, als um ihrem persönlichen Haß zu frönen oder ihr Elend zu mildern. Es ist nämlich sicher, daß die Fälle der Plünderung sehr selten waren. Im Gegenteil, die Stimmung der bewaffneten Massen wurde sehr ernst, als sie von dem Kampf erfuhren, der sich zwischen dem Militär und den Bürgern entsponnen hatte. Die Pikenmänner betrachteten sich offenbar als Verteidiger der Stadt und fühlten die schwere Verantwortung, die auf ihnen ruhte. Marmontel, ein notorischer Gegner der Revolution, teilt trotzdem den folgenden interessanten Zug mit: ›Die Räuber selbst wurden von dem allgemeinen Schrecken (?) ergriffen und richteten keinen Schaden an. Die Läden der Waffenhändler waren die einzigen, die man sich öffnen ließ, und man entnahm ihnen nichts als Waffen‹, sagt er in seinen Memoiren. Und als das Volk den Wagen des Fürsten von Lambesc nach dem Grèveplatz fuhr, um ihn zu verbrennen, brachte es den Koffer und alle Gegenstände, die man in dem Wagen fand, nach dem Rathaus. Bei den Lazaristen rührte das Volk kein Geld an und nahm nur Mehl, Waffen und Wein, die nach dem Grèveplatz geschafft wurden. Nichts wurde an diesem Tage angerührt, weder im Staatsschatz noch an der Caisse d'Escompte, bemerkt der englische Gesandte in seinem Bericht. Wahr ist, daß die Furcht der Bourgeoisie beim Anblick dieser ausgehungerten Männer und Frauen in Lumpen, die mit Knütteln und Spießen ›aller Art‹ bewaffnet waren, daß der Schrecken über diese Hungergespenster, die auf die Straße gestiegen waren, dermaßen groß war, daß die Bourgeoisie sich niemals davon erholen konnte. Später, in den Jahren 1791 und 1792, zogen selbst die Elemente des Bürgertums, die das Königtum abschaffen wollten, die Reaktion vor, als daß sie noch einmal an die Revolution des Volkes appelliert hätten. Die Erinnerung an das verhungerte und bewaffnete Volk, das sie am 12., 13. und 14. Juli 1789 erblickt hatten, machte sie schaudern. ›Waffen!‹ war der Ruf des Volkes, nachdem es ein bißchen Brot gefunden hatte. Man suchte überall danach, ohne welche zu finden, während man Tag und Nacht in den Faubourgs Spieße aller möglichen Sorten aus dem Eisen, das man zur Hand hatte, schmiedete. Das Bürgertum konstituierte indessen, ohne einen Augenblick zu verlieren, seine öffentliche Gewalt, seine Stadtverwaltung im Rathaus und seine Miliz. Man weiß, daß die Wahlen zur Nationalversammlung indirekte gewesen waren; aber nach der Wahl hatten die Wahlmänner des dritten Standes, denen sich noch einige Wähler des Klerus und des Adels anschlossen, sich auch weiterhin im Rathaus versammelt – vom 27. Juni ab mit Genehmigung des Stadtausschusses und des Ministers von Paris. Diese Wahlmänner nun ergriffen die Initiative, die Bürgermiliz zu organisieren. Wir haben gesehen, daß sie schon am 1. Juli ihre zweite Sitzung abhielten. Am 12. Juli setzten sie einen Permanenten Ausschuß ein, dem der Vorsteher der Kaufmannschaft Flesselles präsidierte, und beschlossen, jeder der sechzig Distrikte sollte zweihundert bekannte und waffenfähige Männer aussuchen, die eine Miliz von 12 000 Mann bilden sollten, um über die öffentliche Sicherheit zu wachen. Diese Miliz sollte binnen vier Tagen auf insgesamt 48 000 Mann gebracht werden, während derselbe Ausschuß den Versuch machen sollte, das Volk zu entwaffnen. ›So‹, sagt Louis Blanc sehr richtig, ›schuf sich das Bürgertum eine Prätorianertruppe von 12 000 Mann. Auf die Gefahr, dem Hof zu unterliegen, wollte man das Volk entwaffnen.‹ An Stelle des Grün der ersten Tage sollte diese Miliz jetzt die rotblaue Kokarde tragen, und der Permanente Ausschuß traf Maßnahmen, daß das Volk nicht in die Reihen dieser Miliz eindringen könnte. Er ordnete an, daß jeder, der Waffen und die rotblaue Kokarde trug, ohne in einem der Distrikte in die Liste aufgenommen zu sein, zur Aburteilung dem Ausschuß zugeführt werden sollte. Der Oberkommandeur dieser Nationalgarde war in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli vom Permanenten Ausschuß ernannt worden: es war ein Adliger, der Herzog von Aumont. Er nahm die Wahl nicht an, und nun übernahm an seiner Stelle ein anderer Adliger, der Marquis de la Salle, der zum zweiten Kommandanten ernannt worden war, den Oberbefehl. Kurz, während das Volk die Spieße schmiedete und sich bewaffnete, während es Maßnahmen ergriff, damit das Pulver nicht aus Paris entfernt würde, während es sich des Mehls bemächtigte und es nach den Markthallen oder auf den Grèveplatz bringen ließ, während es am 14. die Barrikaden errichtete, um das Militär zu verhindern, nach Paris hereinzukommen, sich im Hôtel des Invalides der Waffen bemächtigte und in Massen nach der Bastille strömte, um sie zur Übergabe zu zwingen, währenddessen wachte das Bürgertum, daß die Macht seinen Händen nicht entglitte. Es errichtete die Bürgerkommune von Paris, die die Volksbewegung zu hemmen suchte, und setzte an die Spitze dieser Kommune Flesselles, den Vorsteher der Kaufmannschaft, der mit der Polignac korrespondierte, um der Erhebung von Paris Schwierigkeiten zu bereiten. Man weiß, daß er am 13., als das Volk von ihm Waffen verlangte, sich Kisten bringen ließ, die nicht Gewehre, sondern alte Wäsche enthielten, und am Tag darauf wandte er seinen ganzen Einfluß an, um das Volk zu hindern, die Bastille zu erobern. So begann das System des Verrats von Seiten der geschickten Führer des Bürgertums, das wir während der ganzen Revolution am Werke sehen werden. 12. Die Eroberung der Bastille Seit dem Morgen des 14. Juli hatte sich die Aufmerksamkeit des Pariser Aufstandes auf die Bastille gerichtet – auf diese düstere Festung mit ihren dicken und hohen, schreckenden Türmen, die sich inmitten der Häuser eines volkreichen Stadtviertels beim Eingang in den Faubourg St. Antoine aufrichtete. Die Historiker sind noch dabei, sich zu fragen, wer die Aufmerksamkeit des Volkes in diese Richtung gelenkt habe, und einige haben behauptet, der Permanente Ausschuß im Rathaus sei es gewesen, der dem Aufstand ein Ziel habe geben wollen und ihn darum gegen dieses Symbol des Königtums gelenkt habe. Nichts indessen bestätigt diese Behauptung, während eine Anzahl wichtiger Tatsachen ihr widersprechen. Es war vielmehr der Instinkt des Volkes, der schon am 12. oder 13. einsah, daß in dem Plan des Hofes, die Pariser Bewegung niederzuschlagen, die Bastille eine wichtige Rolle spielen mußte, und der darum beschloß, sich ihrer zu bemächtigen. In der Tat weiß man, daß der Hof im Westen die 30 000 Mann Besenvals hatte, die auf dem Marsfeld ihr Lager hatten, und daß er im Osten die Türme der Bastille als Stützpunkte hatte, deren Kanonen auf den revolutionären Faubourg Saint-Antoine und seine Hauptstraßen gerichtet waren und ebenso auf die andere große Verkehrsader: die Rue Saint-Antoine, die nach dem Rathaus, dem Palais-Royal und den Tuilerien führt. Die Bedeutung der Bastille war also nur zu offenkundig, und seit dem Morgen des 14. Juli, sagen die ›Deux Amis de la Liberté‹, gingen diese Worte: Zur Bastille! von einem Stadtende zum andern von Mund zu Mund. Es ist richtig, daß die Garnison der Bastille nur 114 Mann stark war, nämlich 84 Invaliden und 30 Schweizer, und daß der Gouverneur nichts getan hatte, sie mit Provision zu versehen; aber das beweist nur, daß man den Gedanken an einen ernsthaften Angriff auf die Festung für absurd und unmöglich hielt. Indessen wußte das Volk, daß die royalistischen Verschwörer auf die Festung zählten, und es erfuhr von den Einwohnern des Viertels, daß in der Nacht vom 12. auf den 13. Pulvervorräte vom Arsenal in die Bastille geschafft worden waren. Man bemerkte auch, daß der Kommandant, der Marquis de Launay, schon früh am Morgen des 14. seine Kanonen bereitgestellt hatte, um auf das Volk schießen zu können, wenn es in Massen dem Rathaus zuströmte. Man muß auch sagen, daß das Volk immer einen Haß gegen die Gefängnisse gehabt hatte, wie Bicêtre, den Turm von Vincennes, die Bastille. Während der Aufruhrbewegungen von 1783, als der Adel gegen die willkürlichen Verhaftungen protestierte, beschloß der Minister Breteuil, Vincennes als Gefängnis aufzugeben, der berühmte Turm wurde in ein Kornmagazin umgewandelt, und um der öffentlichen Meinung zu schmeicheln, erlaubte Breteuil die Besichtigung der furchtbaren Verließe der für Lebenszeit Eingekerkerten. Man sprach, sagt Droz, viel von den Greueln, die man bei der Gelegenheit sehen konnte, und es versteht sich, daß man sich sagte, in der Bastille müsse es noch schlimmer sein. Auf jeden Fall ist es sicher, daß schon am Abend des 13. einige Flintenschüsse zwischen Abteilungen der bewaffneten Pariser, die an der Festung vorbeikamen, und ihren Verteidigern ausgetauscht wurden und daß am 14. Juli in den ersten Morgenstunden die mehr oder weniger bewaffneten Massen, die die ganze Nacht durch auf den Straßen gewesen waren, sich auf den Wegen anzusammeln begannen, die zur Bastille führten. Schon während der Nacht war das Gerücht umgegangen, die Truppen des Königs kämen auf der Seite der Barrière du Trône im Faubourg St. Antoine heran, und die Menge strömte nach Osten und baute Barrikaden auf den Straßen im Nordosten des Rathauses. Ein gelungener Angriff des Volkes auf das Hôtel des Invalides schaffte ihm Waffen und Kanonen. In der Tat hatten schon am Tag vorher Bürger, die von ihren Distrikten abgeordnet waren, sich ins Invalidenhaus begeben und Waffen verlangt, indem sie sagten, ihre Häuser würden von den Räubern mit Plünderung bedroht, und der Baron von Besenval, der die königlichen Truppen in Paris befehligte und sich im Invalidenhaus befand, hatte versprochen, ihnen welche zu geben, wenn der Marschall von Broglie die Erlaubnis gäbe. Die Erlaubnis war noch nicht eingetroffen, als am 14. gegen sieben Uhr morgens – die Invaliden, die Sombreuil kommandierte, standen an ihren Geschützen und waren, die Lunte in der Hand, fertig zum Feuern – eine Menge von sieben- bis achttausend Mann plötzlich im Laufschritt aus den drei benachbarten Straßen hervorbrach. Sie überschritt ›im Nu‹ – einer half dem andern – den acht Fuß tiefen und zwölf Fuß breiten Graben, der um den Platz vor dem Hotel des Invalides herumging, stürmte auf den Platz und eroberte dort zwölf Geschütze (Vierundzwanzigpfünder, Achtzehnpfünder und Zehnpfünder) und einen Mörser. Die Invaliden, die schon vom ›Geist des Aufruhrs‹ angesteckt waren, verteidigten sich nicht, und die Menge verteilte sich nach allen Seiten und gelangte bald in die Kellergewölbe und die Kirche, wo 32 000 Flinten und ein Vorrat Pulver verborgen waren. Diese Flinten und diese Kanonen taten noch am selben Tag bei der Eroberung der Bastille ihren Dienst. Pulver hatte das Volk schon am Tag vorher sechsunddreißig Fässer abgefangen, die nach Rouen gehen sollten; sie wurden ins Rathaus gefahren, und die ganze Nacht über teilte man das Pulver an das Volk aus, das sich bewaffnete. Das Wegschaffen der Flinten vom Invalidenhaus ging sehr langsam vor sich, und man weiß, daß die Menge um zwei Uhr noch nicht damit fertig war. Man hätte aber Zeit genug gehabt, Militär herbeizuholen und das Volk auseinanderzusprengen, um so mehr, als Infanterie, Kavallerie und selbst Artillerie ganz in der Nähe, in der École Militaire und auf dem Marsfeld, stationiert war. Aber die Offiziere dieser Truppen hatten kein Vertrauen zu ihren Soldaten, und dann mußten sie selbst angesichts dieser zahllosen Massen zaudern, denn 300 000 Menschen jeden Alters und Standes wogten seit zwei Tagen auf den Straßen. Die Faubourgs, die sich mit etlichen Flinten, mit Spießen, Hämmern, Äxten oder auch bloßen Knütteln bewaffnet hatten, waren in der Tat auf die Straße gestiegen, und die Massen drängten sich auf der Place Louis XV. (heute Place de la Concorde), in der Nähe des Rathauses und der Bastille und auf den Zugangsstraßen. Das Pariser Bürgertum war selbst beim Anblick dieser bewaffneten Massen auf der Straße von Schrecken ergriffen. Als der Permanente Ausschuß des Rathauses erfuhr, daß die Zugänge zur Bastille vom Volke überschwemmt seien, schickte er schon am Morgen des 14. Unterhändler an de Launay, den Gouverneur der Festung, um ihn zu ersuchen, die Kanonen, die auf die Straßen gerichtet waren, zurückzuziehen und keinerlei Feindseligkeit gegen das Volk zu begehen; dagegen versprach der Ausschuß, der sich damit eine Macht anmaßte, die er nicht besaß, das Volk ›werde sich in keinerlei gefährlichen Absicht gegen den Platz bewegen‹. Die Abgeordneten wurden vom Gouverneur sehr gut aufgenommen und verweilten sich beim Frühstück mit ihm sogar bis gegen Mittag. De Launay suchte wahrscheinlich Zeit zu gewinnen, um bestimmte Ordres von Versailles abzuwarten, die er aber nicht erhielt, weil sie morgens vom Volk abgefangen worden waren. Wie alle andern Befehlshaber sah de Launay voraus, daß es ihm schwerfallen würde, dem Volk von Paris, das in Massen auf die Straße gestiegen war, Widerstand zu leisten, und er suchte Zeit zu gewinnen. Für den Augenblick ließ er die Kanonen vier Fuß nach rückwärts fahren, und damit das Volk sie nicht durch die Schießscharten hindurch sehen sollte, ließ er Bretter davornageln. Gegen Mittag schickte der Distrikt Saint-Louis-la-Culture zwei Abgeordnete, die in seinem Namen mit dem Gouverneur sprechen sollten: der eine von ihnen, der Advokat Thuriot de la Rozière, erhielt vom Marquis de Launay das Versprechen, er werde nicht, schießen lassen, wenn man ihn nicht angriffe. Gegen ein Uhr und gegen drei Uhr wurden vom Permanenten Ausschuß zwei neue Abordnungen an den Gouverneur entsandt, die aber nicht empfangen wurden. Die eine wie die andere sollte vom Gouverneur verlangen, er solle die Festung einer Bürgermiliz übergeben, die sie zusammen mit den Soldaten und den Schweizern bewachen würde. Aber alle diese Verhandlungen wurden vom Volk vereitelt, das vollkommen begriff, daß es sich um jeden Preis der Bastille bemächtigen müßte. Es besaß die Flinten und Kanonen vom Invalidenhaus, und seine Begeisterung stieg fortwährend. Die Massen erfüllten die der Bastille benachbarten Straßen und ebenso die Höfe, die die Festung umgaben. Bald entspann sich das Schießen zwischen dem Volke und den Invaliden, die auf den Wällen standen. Während der Permanente Ausschuß die Glut der Angreifer zu dämpfen suchte und Anstalten traf, auf dem Grèveplatz verkünden zu lassen, Herr von Launay habe versprochen, es solle nicht geschossen werden, wenn man ihn nicht angreife, drängten die Massen unter den Rufen: »Wir wollen die Bastille! Die Brücken herunter!« gegen die Festung. Man sagt, der Gouverneur sei, als er von den Wällen aus, auf die er mit Thuriot gestiegen war, den Faubourg St. Antoine und die benachbarten Straßen ganz schwarz von Menschen gesehen hätte, die gegen die Bastille marschierten, fast in Ohnmacht gefallen. Es scheint sogar, er stand im Begriff, die Festung auf der Stelle an den Ausschuß der Miliz zu übergeben, aber die Schweizer widersetzten sich. Die ersten Zugbrücken des Außenteils der Bastille, der l'Avancée hieß, waren dank einer kühnen Tat einiger Männer, wie sie bei solchen Gelegenheiten nie ausbleiben, bald heruntergebracht. Acht oder zehn Männer, denen ein großer und kräftiger lustiger Patron, der Krämer Pannetier, half, erkletterten von einem Hause aus, das an die Avancée anstieß, die Mauer; sie rutschten rittlings auf ihr weiter, bis sie an ein Wachtstubenhaus kamen, das in der Nähe der kleinen Zugbrücke der Avancée war, und von da sprangen sie in den ersten Hof der eigentlichen Bastille; das war der Gouvernementshof, in dem das Haus des Gouverneurs lag. Dieser Hof war nicht besetzt, da die Invaliden sich mit Launay nach dem Weggang Thuriots in die eigentliche Festung zurückgezogen hatten. Mit Axtschlägen ließen die acht oder zehn Männer, die in diesen Hof gestiegen waren, erst die kleine Zugbrücke herunter, und dann zertrümmerten sie das Tor und ließen die große herunter, worauf mehr als dreihundert Menschen in den Gouvernementshof stürzten und den beiden andern Zugbrücken zueilten, der kleinen und der großen, die über den großen Graben der eigentlichen Festung führten. Diese beiden Brücken waren selbstverständlich hochgezogen. Hier tritt nun der Zwischenfall ein, der die Wut der Pariser Bevölkerung zum äußersten brachte und im weiteren Herrn de Launay das Leben kostete. Als die Menge auf den Gouvernementshof strömte, fingen die Verteidiger der Festung oben zu schießen an, und es wurde sogar ein Versuch gemacht, die große Zugbrücke der Avancée wieder hochzuziehen, um die Menge daran zu verhindern, den Gouvernementshof zu verlassen, und sie gefangenzunehmen oder niederzumetzeln. Dieser Versuch wurde, wie man heute behauptet, nicht auf Befehl Launays gemacht, sondern aus freien Stücken von einigen Invaliden, die aus gewesen waren, um Proviant einzukaufen, und nun zurückkehrten. Das scheint mir sehr unwahrscheinlich, daß drei oder vier Soldaten, die inmitten dieser Menge verloren waren, so etwas getan haben sollen. Und dann – wozu sollte es dienen, diese Menge einzusperren, wenn man sie nicht als Geiseln gegen das Volk benutzen wollte? So strichen gerade in dem Augenblick, wo Thuriot und Corny dem Volk auf dem Grèveplatz verkündeten, der Gouverneur habe versprochen, nicht zu schießen, die Musketenschüsse der Soldaten, die auf den Wällen postiert waren, über den Gouvernementshof, und das Geschütz der Bastille schleuderte seine Kanonenkugeln in die benachbarten Straßen. Nach all den Verhandlungen, die am Morgen stattgefunden hatten, wurde dieses Feuer aufs Volk offenbar als Akt des Verrats von Seiten Launays aufgefaßt, den das Volk beschuldigte, er habe die zwei ersten Zugbrücken der Avancée selbst herablassen heißen, um das Volk unter das Feuer der Wälle zu locken. Es war in diesem Augenblick ungefähr ein Uhr. Die Nachricht, die Geschütze der Bastille schössen auf das Volk, verbreitete sich in ganz Paris und hatte einen zweifachen Erfolg. Der Permanente Ausschuß der Pariser Miliz beeilte sich, eine neue Abordnung zum Kommandanten zu schicken, die ihn fragen sollte, ob er geneigt wäre, eine Milizabteilung in die Festung aufzunehmen, die im Einvernehmen mit den Truppen die Bastille bewachen sollte. Aber diese Abordnung kam nicht vor den Kommandanten, weil in der ganzen Zeit das Schießen zwischen den Invaliden und den Angreifern ununterbrochen weiterging. Die Angreifer standen gebückt hinter einigen Mauern und schossen hauptsächlich auf die Soldaten, die die Geschütze bedienten. Überdies begriff das Volk, daß die Deputationen des Ausschusses den Sturm nur hinderten: ›Eine Deputation wollen sie nicht mehr; sie belagern die Bastille; sie wollen das furchtbare Gefängnis niederreißen; sie verlangen mit lauten Rufen den Tod des Gouverneurs‹, so berichteten die Abgesandten bei ihrer Rückkehr. Das hinderte den Ausschuß im Rathaus nicht, eine dritte Deputation zu entsenden. Herr Ethis de Corny, königlicher und städtischer Prokurator, und einige Bürger wurden beauftragt, noch einmal die Begeisterung des Volkes zu dämpfen, den Angriff zu hemmen und mit Launay zu parlamentieren, er solle eine Miliz des Ausschusses in der Festung aufnehmen. Die Absicht, das Volk daran zu hindern, sich zum Herrn der Bastille zu machen, war offenbar. Das Volk aber, das von seinem revolutionären Instinkt geleitet war, handelte, sowie sich die Nachricht von dem Schießen in der Stadt verbreitet hatte. Es holte die Kanonen, die man im Hôtel des Invalides erobert hatte, zum Rathaus, und gegen drei Uhr, als die Deputation de Corny auf dem Rückwege war, um von ihrem Mißerfolg Mitteilung zu machen, traf sie ungefähr dreihundert Gardisten und eine Anzahl bewaffnete Bürger, die von einem alten Soldaten namens Hulin kommandiert wurden. Sie marschierten zur Bastille und führten fünf Kanonen mit sich. In diesem Augenblick dauerte das Schießen schon mehr als drei Stunden lang. Das Volk ließ sich durch die große Zahl Tote und Verwundete nicht entmutigen und setzte die Belagerung fort. Es nahm dabei zu verschiedenen Hilfsmitteln Zuflucht; zum Beispiel fuhr man drei Wagen Stroh und Dünger herbei, um einen Rauchschleier zu machen, hinter dem der Angriff auf die zwei Eingangstore (an der kleinen und großen Zugbrücke) leichter vor sich gehen konnte. Die Gebäude des Gouvernementshofes waren schon angezündet worden. Die Kanonen kamen gerade im rechten Augenblick an. Man zog sie in den Gouvernementshof und stellte sie nur in dreißig Meter Entfernung gegenüber der wichtigsten Zugbrücke und dem Tore auf. Man kann sich leicht die Wirkung vorstellen, die diese Kanonen in den Händen des Volks auf die Belagerten hervorbringen mußten! Es war kein Zweifel, daß die Zugbrücken bald fallen mußten und daß die Tore gesprengt wurden. Die Menge wurde immer drohender und strömte in immer dichteren Scharen herbei. Nun war der Augenblick gekommen, wo die Verteidiger einsahen, daß länger Widerstand leisten so viel hieß, wie sich mit Gewißheit niedermetzeln lassen. De Launay beschloß, sich zu ergeben. Die Invaliden, die sahen, daß sie mit ganz Paris, das herbeikam, sie zu belagern, nicht fertig werden konnten, hatten seit einiger Zeit zur Kapitulation geraten, und gegen vier Uhr oder zwischen vier und fünf Uhr nachmittags ließ der Kommandant die weiße Fahne aufpflanzen und die Schamade schlagen – das heißt den Befehl, das Feuer einzustellen und von den Wällen herunterzukommen. Die Garnison kapitulierte und verlangte das Recht, die Festung mit den Waffen verlassen zu dürfen. Es ist möglich, daß Hulin und Elie, die der großen Zugbrücke gegenüberstanden, in ihrem Namen einwilligten, aber das Volk wollte nichts davon hören. Der Ruf: Brücken herunter! erhob sich mit neuer Wut. Da ließ um fünf Uhr der Kommandant aus einer Schießscharte in der Nähe der kleinen Zugbrücke einen Zettel mit folgenden Worten herunterwerfen: ›Wir haben zweihundert Zentner Pulver; wir sprengen das Stadtviertel und die Garnison in die Luft, wenn ihr die Kapitulation nicht annehmt.‹ Hätte er daran gedacht, dieser Drohung Folge zu geben, hätte es die Garnison niemals zugegeben; und Tatsache ist, daß de Launay selbst den Schlüssel hergab, damit das Tor zur kleinen Zugbrücke geöffnet wurde ... Sofort strömte das Volk in die Festung, entwaffnete die Schweizer und die Invaliden und ergriff de Launay, der zum Rathaus geführt wurde. Während des Transports schmähte ihn die Menge, die über seinen vermeintlichen Verrat wütend war, auf jede Weise: er wäre zwanzigmal getötet worden ohne die heldenhaften Bemühungen Cholats und eines andern, die ihn mit ihren Leibern deckten. Einige hundert Schritte vor dem Rathaus wurde er ihnen aus den Händen gerissen und enthauptet. Von Hue, der Kommandant der Schweizer, rettete sein Leben durch die Erklärung, daß er sich der Stadt und der Nation übergebe, und dadurch, daß er auf ihr Wohl trank; aber drei Offiziere vom Stab der Bastille und drei Invaliden wurden getötet. Flesselles, der Vorsteher der Kaufmannschaft, der Beziehungen zu Besenval und der Polignac unterhielt und der – wie aus einer Stelle in einem seiner Briefe hervorgeht – viele andere Geheimnisse zu verbergen hatte, die für die Königin sehr kompromittierend waren, sollte vom Volke gerichtet werden, als ein Unbekannter ihn mit einem Pistolenschuß tötete. Dachte der Unbekannte, daß nur die Toten nicht reden können? Sowie die Brücken der Bastille heruntergelassen waren, strömte das Volk in die Höfe und durchsuchte die Festung, um die Gefangenen zu befreien, die in den Verliesen begraben waren. Es war ergriffen und vergoß Tränen beim Anblick dieser Gespenster, die aus ihren Kerkern hervorkamen, geblendet vom Licht und betroffen über den Ton so vieler Stimmen, die ihnen zuriefen; man führte diese Märtyrer des Königsdespotismus im Triumph durch die Straßen von Paris. Bald war die ganze Stadt im Taumel, als man erfuhr, die Bastille sei in den Händen des Volks, und verdoppelte den Eifer, die Eroberung zu sichern. Der Staatsstreich des Hofes war fehlgeschlagen. So begann die Revolution. Das Volk hatte seinen ersten Sieg errungen. Es hatte einen tatsächlichen Sieg dieser Art gebraucht. Die Revolution hatte kämpfen müssen und war als Siegerin aus dem Kampfe hervorgegangen. Das Volk hatte seine Stärke gezeigt und seinen Feinden Achtung eingeflößt. Überall in Frankreich wurde Mut und Begeisterung erweckt; überall drängte man zum Aufstand, zur Eroberung der Freiheit. 13. Die Folgen des 14. Juli in Versailles Wenn eine Revolution angefangen hat, birgt jedes Ereignis nicht nur den Weg, den sie zurückgelegt hat, in sich: es enthält auch schon die Hauptelemente dessen, was kommen wird; so daß man, wenn nur die Zeitgenossen sich von den Eindrücken des Augenblicks befreien könnten und in dem, was sie mitmachen, das Wesentliche vom Nebensächlichen trennen könnten, schon am Tag nach dem 14. Juli den Gang hätte voraussehen können, den die ganze Revolution in Zukunft gehen mußte. Der Hof hatte selbst am Abend des 13. noch keine Ahnung von der Tragweite der Bewegung in Paris. An diesem Abend gab es in Versailles ein Fest. Man tanzte in der Orangerie, man trank in vollen Zügen zur Feier des bevorstehenden Sieges über die rebellische Hauptstadt, und die Königin, ihre Freundin Polignac und die andern Schönen des Hofes, die Prinzen und Prinzessinnen taten überaus zärtlich mit den fremden Soldaten in ihren Kasernen, um sie zum Kampf zu stimmen. In ihrem tollen und furchtbaren Leichtsinn, in dieser Welt der Illusionen und der konventionellen Lügen, die jeden Tag zum Fest macht, hatte man keine Ahnung, daß es zu spät war, Paris anzugreifen: daß der Augenblick verpaßt worden war. Und Ludwig XVI. war nicht besser unterrichtet als die Königin oder die Prinzen. Als die Versammlung, die über die Volkserhebung erschrocken war, am 14. abends zu ihm eilte und ihn in serviler Sprache anflehte, die Minister wieder zu berufen und die Truppen zurückzuziehen, antwortete er ihnen in herrischem Tone, in voller Siegesgewißheit. Er vertraute auf den Plan, den man ihm angeraten hatte – ergebene Führer an die Spitze der Bürgerwehr zu setzen und mit ihrer Hilfe über das Volk Herr zu werden, worauf es sich damit begnügen könnte, zweideutige Befehle über den Rückzug der Truppen zu geben. So war diese künstliche Welt beschaffen, die mehr aus Phantasiebildern als aus Wirklichkeit bestand, in der der König und der Hof lebten, und in der sie auch fernerhin lebten, trotz kurzen Augenblicken des Erwachens, bis der Augenblick gekommen war, die Stufen des Schaffotts hinaufzugehen ... Und wie die Charaktere schon plastisch hervortreten! Der König: von seiner absoluten Gewalt hypnotisiert und immer geneigt, um deswillen gerade genau den Schritt zu tun, der zur Katastrophe führt. Wenn die dann eintritt, setzt er ihr seine Trägheit entgegen – nichts als Trägheit – und endlich gibt er formell – gerade in dem Augenblick nach, wo man glaubt, er sei gewillt, hartnäckigen Widerstand zu leisten. Oder die Königin: lasterhaft, schlecht bis in die verborgensten Falten des Herzens dieser absoluten Königin; sie treibt zur Katastrophe an, sie widersetzt sich einen Augenblick lang ungestüm den Ereignissen, um dann plötzlich resigniert nachzugeben und einen Augenblick nachher sich wieder den kindischen Frivolitäten des Hoflebens hinzugeben. Und die Prinzen? Sie reizen den König zu seinen schlimmsten Entschlüssen an und verlassen ihn beim ersten Mißerfolg, werden Emigranten, fliehen sofort nach der Eroberung der Bastille aus Frankreich und intrigieren in Deutschland oder Italien. Wie zeigen sie alle plötzlich, in ein paar Tagen, vom 8. bis zum 15. Juli, ihren Charakter! Und auf der andern Seite sieht man das Volk mit seinem Schwung, seiner Begeisterung, seinem Edelmut, gewillt, auch um den Preis des Lebens der Freiheit zum Sieg zu verhelfen, aber zugleich zu folgen geneigt, bereit, sich von den neuen Herren, die sich im Rathaus eingerichtet haben, führen zu lassen. Es erkennt die Listen des Hofes sehr wohl, es durchschaut besser als die hellsten Köpfe das Komplott, das seit Ende Juni reifte, aber zur selben Zeit läßt es sich von einem neuen Komplott umgarnen – dem Komplott der besitzenden Klassen, die die Ausgehungerten, die Pikenmänner, die sie für wenige Stunden herausgerufen hatten, als es sich darum handelte, der Macht der Armee mit der Macht des Aufstandes zu begegnen, bald wieder in ihre Löcher zurückschicken. Endlich sieht man schon in diesen ersten Tagen, wenn man das Verhalten des Bürgertums ins Auge faßt, die künftigen großen Vorgänge der Revolution in der ersten Anlage. Am 14. Juli ist es, je mehr das Königtum seinen drohenden Charakter verliert, das Volk, das den in Versailles versammelten Vertretern des dritten Standes Schrecken einjagt, und trotz den heftigen Worten, die Mirabeau aus Anlaß des Festes in der Orangerie spricht, braucht es weiter nichts, als daß der König sich in der Versammlung einfindet, die Autorität der Versammlung anerkennt und ihnen Unverletzlichkeit zusichert, damit sie in Beifallskundgebungen und Begeisterung ausbrechen, hinauslaufen, um seine Ehrenwache auf der Straße zu bilden, daß die Straßen Versailles' von ihren Rufen: Hoch der König! erdröhnen! Und dies im selben Augenblick, wo das Volk in Paris im Namen dieses selben Königs niedergemetzelt wird und wo in Versailles die Menge die Königin und Polignac bedroht und sich fragt, ob der König nicht wieder einen Betrug begeht, wie man's von ihm gewöhnt ist. In Paris ließ sich das Volk nicht durch das Versprechen des Königs, die Truppen zurückzuziehen, fangen. Es glaubte kein Wort davon. Es organisierte sich lieber als umfassende Kommune im Aufstand, und diese Kommune ergriff wie eine Stadt des Mittelalters alle Maßregeln, die zur Verteidigung gegen den König nötig waren. In den Straßen waren Laufgräben oder Barrikaden gebaut, und die Patrouillen des Volks durchzogen die Stadt und waren in Bereitschaft, beim geringsten Alarm Sturm zu läuten. Der Besuch des Königs in Paris wirkte auf das Volk nicht allzu beruhigend. Am 17. entschloß er sich, da er sich besiegt und im Stich gelassen sah, nach Paris ins Rathaus zu kommen, um sich mit seiner Hauptstadt zu versöhnen, und das Bürgertum suchte daraus ein eklatantes Schauspiel der Versöhnung zwischen ihr und dem König zu machen. Die bürgerlichen Revolutionäre, von denen ein sehr großer Teil Freimaurer waren, salutierten dem König bei seiner Ankunft im Rathaus mit ihren gekreuzten Degen, das Zeichen des ›stählernen Gewölbes‹, und Bailly, der zum Bürgermeister von Paris ernannt worden war, befestigte die neue Kokarde, die Trikolore, am Hut des Königs. Die Bürger sprachen sogar davon, sie wollten Ludwig XVI. auf dem Platz der abgerissenen Bastille ein Denkmal errichten; aber das hinderte das Volk nicht, eine abwartende und mißtrauische Haltung beizubehalten, die auch nach dem Besuch im Rathaus nicht verschwand. König der Bourgeoisie vielleicht, aber nicht ein Volkskönig. Der Hof seinerseits sah völlig ein, daß es nach dem Aufstand vom 14. Juli keinen Frieden mehr zwischen dem Königtum und dem Volke geben könnte. Man veranlaßte die Polignac, trotz den Tränen Marie-Antoinettens, nach der Schweiz abzureisen, und schon am Tag nachher fingen die Prinzen an auszuwandern. Die die Seele des verunglückten Staatsstreichs gewesen waren – die Prinzen und die Minister – eilten sich, Frankreich zu verlassen. Der Graf von Artois entwich bei Nacht, und er hatte eine solche Angst um sein Leben, daß er, nachdem er in Verkleidung durch die Stadt gekommen war, sich unterwegs von einem Regiment Soldaten und zwei Geschützen begleiten ließ. Der König versprach, seinen lieben Emigranten bei der ersten Gelegenheit zu folgen, und seitdem bestand der Plan, der König solle ins Ausland fliehen und an der Spitze der deutschen Invasion nach Frankreich zurückkehren. In Wahrheit war am 16. Juli alles zu seiner Abreise bereit. Der König sollte sich nach Metz begeben, sich an die Spitze der Truppen stellen und gegen Paris marschieren. Die Wagen waren schon angespannt, die Ludwig XVI. zu dem Heere bringen sollten, das zwischen der Grenze und Versailles konzentriert war. Aber Broglie lehnte es ab, den König nach Metz zu geleiten; und die Prinzen hatten es zu eilig mit ihrer Flucht, worauf Ludwig XVI. – er hat es später selbst erzählt –, da er sich von den Prinzen und dem Adel verlassen sah, auf den Plan des bewaffneten Widerstands, den ihm die Geschichte Karls I. eingegeben hatte, verzichtete. Er ging nach Paris und unterwarf sich. Einige royalistische Historiker haben den Versuch gemacht, es in Zweifel zu setzen, daß der Hof einen Staatsstreich gegen die Versammlung und gegen Paris vorbereitet hätte. Aber die Zeugnisse, die die Wirklichkeit dieses Komplotts beweisen, sind überreichlich vorhanden. Mignet, dessen maßvolle Gesinnung bekannt ist und der den Vorteil hatte, bald nach den Ereignissen zu schreiben, hatte nicht den geringsten Zweifel daran, und die späteren Forschungen haben seine Auffassung bestätigt. Am 13. Juli sollte der König seine Erklärung vom 23. Juni erneuern, und die Nationalversammlung sollte aufgelöst werden. Vierzigtausend Exemplare dieser Erklärung waren schon gedruckt, um in ganz Frankreich verbreitet zu werden. Der Kommandant der Armee, die zwischen Versailles und Paris aufgestellt war, hatte unbeschränkte Vollmachten erhalten, um das Volk von Paris niederzumetzeln und gegen die Nationalversammlung im Fall des Widerstandes einzuschreiten. Papiergeld im Betrage von hundert Millionen war für die Bedürfnisse des Hofes hergestellt worden, ohne daß die Nationalversammlung gefragt worden war. Alles war vorbereitet, und als man am 12. erfuhr, daß Paris sich erhob, betrachtete der Hof diese Erhebung als einen Krawall, der seinen Plänen günstig war. Etwas später, als man erfuhr, daß die Erhebung anschwoll, rüstete sich der König noch zur Abreise und wollte seinen Ministern die Sorge überlassen, die Versammlung von den fremden Truppen verjagen zu lassen. Die Minister aber, die sahen, daß die Welle höher stieg, wagten es dann nicht, diesen Plan zur Ausführung zu bringen. Darum ergriff den Hof nach dem 14. Juli solch eine Panik, als er die Eroberung der Bastille und die Hinrichtung de Launays erfahren hatte; daraufhin wanderten die Polignac, die Prinzen und so viele andere Adlige, die die Seele des Komplotts gewesen waren und denunziert zu werden fürchteten, schleunigst aus. Aber das Volk wachte. Es hatte eine unbestimmte Idee, was die Emigranten jenseits der Grenze suchten, und die Bauern nahmen einige Flüchtlinge fest. Foulon und Bertier befanden sich darunter. Wir haben schon von dem Elend gesprochen, das in Paris und seiner Umgebung herrschte, und von den Kornwucherern, deren Verbrechen auf den Grund zu gehen die Nationalversammlung abgelehnt hatte. Unter denen, die mit dem Elend der Armen spekulierten, nannte man hauptsächlich Foulon, der als Finanzmann und in seinem Amte als Intendant des Heers und der Marine ein kolossales Vermögen erworben hatte. Man kannte auch seinen Haß gegen das Volk und die Revolution. Broglie hatte ihn als Minister haben wollen, als er für den 16. Juli den Staatsstreich vorbereitete, und der geriebene Finanzmann lehnte zwar diesen Posten ab, dessen Gefahren er schon voraussah, aber er war mit gutem Rat nicht sparsam. Sein Vorschlag war, man solle sich mit einem Schlag aller derer entledigen, die im revolutionären Lager Einfluß erlangt hatten. Als er nach der Eroberung der Bastille erfuhr, wie der Kopf de Launays in den Straßen umhergetragen worden war, sah er ein, daß ihm nichts weiter übrigblieb, als auszuwandern; aber da dies bei der Überwachung durch die Distrikte der Pariser Kommune nicht mehr so leicht ging, benutzte er den Tod eines seiner Bedienten, um sich für gestorben und beerdigt auszugeben, während er Paris verließ und zu einem Freund nach Fontainebleau flüchtete. Dort wurde er entdeckt und von den Bauern ergriffen, die sich an ihm für ihre langen Leiden und ihr Elend rächten. Mit einem Heubündel auf den Schultern – zur Anspielung auf das Heu, das nach seinen Worten die Pariser essen sollten – wurde der Flüchtling von einer wütenden Menge nach Paris geführt. Im Rathaus machte Lafayette den Versuch, ihn zu retten. Aber das Volk, das außer sich war, hing Foulon an eine Laterne. Sein Schwiegersohn Bertier, der ebenfalls Mitwisser des Staatsstreichs und Intendant von Broglies Armee war, wurde in Compiègne verhaftet und auch nach Paris geführt, wo er an die Laterne gehängt werden sollte; aber er versuchte um sein Leben zu kämpfen und wurde dabei getötet. Andere Mitschuldige, die sich auch auf den Weg nach dem Ausland gemacht hatten, wurden im Norden und Nordosten Frankreichs verhaftet und nach Paris zurückgebracht. Man kann sich den Schrecken vorstellen, den diese vom Volk ausgeführten Hinrichtungen und die Wachsamkeit der Bauern in den Familien am Hofe hervorriefen. Ihre Anmaßung, ihr Widerstand gegen die Revolution waren gebrochen. Sie dachten an nichts mehr, als sich in Vergessenheit zu bringen. Die Reaktionspartei lag kraftlos zu Boden. 14. Volksaufstände Paris hatte, als es die Anschläge des Hofes vereitelte, der Autorität des Königs einen tödlichen Schlag versetzt. Andererseits gab das Auftreten des Volks in Lumpen auf den Straßen als Streitmacht der Revolution der ganzen Bewegung einen neuen Charakter, eine neue Richtung nach der Gleichheit. Die Reichen, die Mächtigen begriffen den Sinn dessen, was sich in Paris in diesen Tagen vollzogen hatte, völlig, und die Auswanderung, zuerst der Prinzen, dann der Günstlinge, der Wucherer, machte den Sieg noch nachdrücklicher. Wenn sich indessen die Erhebung auf die Hauptstadt beschränkt hätte, hätte die Revolution nie so weit kommen können, daß sie bald die Zertrümmerung der alten Privilegien herbeiführte. Der Aufstand im Zentrum war nötig gewesen, um die Zentralregierung zu treffen, sie zu erschüttern, ihre Verteidiger zu entmutigen. Aber um die Macht der Regierung in den Provinzen zu zerstören, um das alte Regime in seinen gouvernementalen Anmaßungen und seinen wirtschaftlichen Privilegien zu treffen, bedurfte es der breiten Erhebung des Volkes – in den Städten, den Marktflecken und den Dörfern. Und eben das geschah im Laufe des Juli in weiten Gebieten Frankreichs. Die Historiker, die sich alle, wissentlich oder nicht, den ›Deux Amis de la Liberté‹ sehr eng angeschlossen haben, haben diese Bewegung in den Städten und auf dem Lande durchweg als eine Folge der Eroberung der Bastille hingestellt. Die Nachricht von diesem Erfolge hätte das Land zur Erhebung gebracht. Die Schlösser wurden niedergebrannt, und diese Erhebung der Bauern rief so viel Schrecken hervor, daß die Adligen und die Geistlichkeit am 4. August auf ihre Feudalrechte verzichteten. Indessen ist diese Fassung nur halb wahr. Für die Städte ist es zutreffend, daß eine große Zahl städtischer Erhebungen unter dem Einfluß der Eroberung der Bastille stattfanden. Die einen, wie die Erhebung in Troyes vom 18. Juli, von Straßburg am 19., Cherbourg am 21., Rouen am 24., Maubeuge am 27., folgten der Erhebung von Paris sofort, während andere in den nächsten drei oder vier Monaten nachkamen, – bis die Nationalversammlung das Gesetz über die Städteverwaltung vom 14. Dezember 1789 beschloß, das die Einrichtung einer bürgerlichen Stadtverwaltung legalisierte, die sich einer sehr großen Unabhängigkeit von der Zentralregierung erfreute. Was jedoch die Bauern angeht, ist es einleuchtend, daß bei der Langsamkeit des Verkehrswesens die zwanzig Tage, die zwischen dem 14. Juli und dem 4. August verstrichen, völlig ungenügend sind, um die Wirkung der Eroberung der Bastille auf das Land und die Gegenwirkung des Bauernaufstandes auf die Entscheidungen der Nationalversammlung zu erklären. Die Dinge in solcher Weise betrachten, heißt in der Tat, die große Tragweite der Bewegung auf dem Lande verkleinern. Die Erhebung der Bauern zur Abschaffung der Feudallasten und zur Wiedererlangung der Gemeindeländer, die den Dorfgemeinden seit dem siebzehnten Jahrhundert von den weltlichen und geistlichen Herren weggenommen worden waren, ist der Kern und das Wesen der großen Revolution . Auf sie ist der Kampf des Bürgertums um seine politischen Rechte gepfropft. Ohne das hätte die Revolution nie die Tiefe erreicht, die sie in Frankreich erlangte. Diese große Erhebung auf dem Lande, die schon im Januar 1789 (ja sogar schon 1788) anfing und vier Jahre dauerte , machte es der Revolution möglich, die ungeheure Arbeit zu vollbringen, die wir ihr verdanken. Sie hat die Revolution instand gesetzt, die ersten Richtpfähle eines Zustandes der Gleichheit in den Boden zu pflanzen, in Frankreich den republikanischen Geist zur Entfaltung zu bringen, den seitdem nichts ersticken konnte, und die großen Prinzipien des Agrarkommunismus zu verkünden, die, wie wir sehen werden, im Jahre 1793 emporkommen. Diese Erhebung endlich gibt der französischen Revolution ihren besonderen Charakter und bezeichnet ihren tiefen Unterschied von der englischen Revolution in den Jahren 1648–1657. Auch da schlug das Bürgertum im Lauf dieser neun Jahre die absolute Gewalt des Königtums und die politischen Privilegien der Kamarilla zu Boden. Aber daneben sind die Kämpfe um das Recht jedes Individuums, sich zu der Religion zu bekennen, die ihm beliebt, die Bibel nach seiner persönlichen Auffassung auszulegen, seine Geistlichen selbst zu wählen – kurz, das Recht des Individuums zu der Entfaltung des Geistes und der Religion, die ihm zusagt, für die englische Revolution charakteristisch. Es handelt sich noch um das Recht jedes Sprengels und infolgedessen der städtischen Einwohnerschaft zur Autonomie. Aber die englischen Bauern erhoben sich nicht so allgemein, wie es in Frankreich geschah, zur Abschaffung der Feudallasten oder der Zehnten oder zur Wiedererlangung des Gemeindelandes; und wenn die Scharen Cromwells eine Zahl Schlösser zerstörten, die wahre Festungen des Feudalismus vorstellten, so wagten sich diese Kriegsbanden weder an die feudalen Anmaßungen der Herren auf Grund und Boden, noch auch nur an die feudale Gerichtsbarkeit, die die Grundherren über ihre Vasallen ausübten. Daher kam es, daß die englische Revolution zwar dem Individuum wertvolle Rechte eroberte, aber die feudale Gewalt des Grundherrn nicht zerstörte: sie hat sie nur gemildert, ließ ihm aber seine Rechte über die Ländereien – die noch in unsern Tagen bestehen. Die englische Revolution eroberte ohne Frage dem Bürgertum die politische Macht; aber diese Macht wurde nur dadurch erlangt, daß das Bürgertum sie mit dem Grundadel teilte. Und wenn die Revolution dem englischen Bürgertum für seinen Handel und seine Industrie eine Ära der Prosperität schaffte, so wurde diese Prosperität unter der Bedingung erlangt, daß das Bürgertum, das den Gewinn davon hatte, sich nicht an die Grundprivilegien des Adels machte. Im Gegenteil half es den Adligen, sie wenigstens dem Wert nach noch zu steigern. Es half den Grundherrn, sich auf gesetzlichem Wege mit Hilfe der Einhegung (Enclosure Acts) der Gemeindeländereien zu bemächtigen, was die ländliche Bevölkerung dem Elend preisgab, sie der Willkür der Grundherrn überlieferte und einen großen Teil von ihnen zwang, in die Städte auszuwandern, wo die Proletarier von den Industriebourgeois regelrecht ausgebeutet wurden. Das englische Bürgertum half ferner dem Adel aus seinen ungeheuren Ländereien nicht nur eine Quelle oft fabelhaften Einkommens, sondern eine Quelle politischer Macht und lokaler Gerichtsbarkeit zu machen, indem unter neuen Formen das Recht der Gerichtsbarkeit der Grundherrn wiederhergestellt wurde. Es half ihm endlich, seine Einkünfte zu verzehnfachen, indem es dem Adel (vermittelst einer prohibitiven Gesetzgebung über den Verkauf von Grundstücken) das Monopol auf den Grund und Boden einräumte, den eine Bevölkerung, deren Industrie und Handel immer mehr anwuchsen, immer dringender brauchte. Ausgehend von der völlig falschen Vorstellung, daß der Grundherr den gesamten Boden seiner Seigneurie in Besitz hatte, während er doch nur Richter und Vorgesetzter der Gendarmerie war (im Falle ihrer Anforderung durch den König), verabschiedete das Parlament ein Gesetz, durch das der Grundherr zum Eigentümer aller brachliegenden Gemeindeländereien werden konnte (Weiden, Ödland, Wiesen und Wälder) und das Recht zu ihrer Einhegung erhielt. Auf diese Weise gingen und gehen noch immer Hunderttausende von Hektar Boden von den Bauern an den Adel über. Man weiß heute, daß das französische Bürgertum, hauptsächlich das Großbürgertum der Industrie und des Handels, in seiner Revolution das englische Bürgertum nachahmen wollte. Auch das französische Bürgertum hätte gerne mit dem Königtum und dem Adel paktiert, um zur Macht zu gelangen. Aber es gelang ihm nicht, weil die Basis der französischen Revolution viel breiter war als in England. In Frankreich war die Bewegung nicht allein eine Erhebung, um die religiöse Freiheit oder auch die Freiheit des Handels und der Industrie für das Individuum zu erobern oder nur die Selbständigkeit der Stadtverwaltung in den Händen einiger Bourgeois zu gründen. Es war vor allem eine Erhebung der Bauern: eine Volksbewegung zur Eroberung des Bodens und zu seiner Befreiung von den Feudallasten, die ihn beschwerten; und obwohl darin ein mächtiges individualistisches Element war – der Wunsch, den Boden individuell zu besitzen –, gab es doch auch das kommunistische Element: das Recht des ganzen Volkes an die Erde, das 1793 von den Armen laut verkündet wird. Darum würde man die Tragweite der Bauernerhebung vom Sommer 1789 sonderbar verkleinern, wenn man sie als eine Episode von kurzer Dauer hinstellen wollte, die von der Begeisterung über die Eroberung der Bastille hervorgerufen worden sei. 15. Die Städte Im achtzehnten Jahrhundert waren die Einrichtungen städtischer Selbstverwaltung nach all den Verfolgungen und Einschränkungen von seiten der königlichen Autorität vollständig in Verfall geraten. Seit die Volksversammlung der Einwohner der Stadt, die ehedem die Kontrolle über die städtische Rechtspflege und Verwaltung besessen hatte, abgeschafft worden war, ging es mit der Sache der großen Städte immer schlimmer. Das Amt des ›Stadtrats‹, das im achtzehnten Jahrhundert eingeführt wurde, mußte der Gemeinde abgekauft werden, und oft genug galt das gekaufte Amt für Lebenszeit (Babeau, La ville sous l'Ancien Régime, S. 153 ff.). Die Ratsversammlungen wurden selten – einmal im halben Jahr in manchen Städten –, und man wohnte ihnen noch nicht einmal regelmäßig bei. Der Ratsschreiber hatte die ganze Geschichte unter sich und verfehlte gewöhnlich nicht, sich von den Interessenten gehörig bezahlen zu lassen. Die Prokuratoren und Advokaten und noch mehr der Intendant der Provinz schritten fortwährend ein, um jede Selbständigkeit der Stadtverwaltung zu unterbinden. Unter diesen Umständen fielen die Geschäfte der Stadt mehr und mehr fünf oder sechs Familien in die Hände, die aus allen städtischen Einkünften ihren Gewinn zogen. Die Patrimonialeinkünfte, die einige Städte behalten hatten, der Ertrag des Oktrois, der Handel der Stadt, die Steuern, alles diente dazu, sie zu bereichern. Überdies wurden die Maires und Syndici Korn- und Fleischhändler und wurden bald zu Wucherern. Im allgemeinen haßte sie die Arbeiterbevölkerung. Der Servilismus der Syndici, der Räte, der Schöffen gegen den ›Herrn Intendanten‹ war so groß, daß jede seiner Launen erfüllt wurde. Und die Beisteuern der Städte für die Wohnung des Intendanten, die Vermehrung seiner Bezüge, Geschenke an ihn oder Patengeschenke an seine Kinder usw. wurden immer größer – von den Geschenken nicht zu sprechen, die man jedes Jahr einflußreichen Personen in Paris schicken mußte. In den Städten waren wie auf dem Lande die Feudalrechte bestehengeblieben. Sie waren ans Eigentum geknüpft. Der Bischof war Grundherr geblieben, und die weltlichen oder geistlichen Herren – wie zum Beispiel die fünfzig Domherren von Brionde – hatten nicht nur Ehrenrechte behalten oder das Recht, bei der Ernennung der Schöffen mitzuwirken, sondern in manchen Städten auch das Recht der Gerichtsbarkeit. In Angers gab es sechzehn grundherrliche Gerichtsbarkeiten. Dijon hatte außer dem Stadtgericht sechs bischöfliche Gerichtsbarkeiten bewahrt: ›das Bistum, das Kapitel, die Mönche von St. Bénigne, die Sainte-Chapelle, die Chartreuse und die Komturei von la Madeleine‹. All das mästete sich inmitten des halb verhungerten Volkes. Troyes hatte neun solche Gerichtsbarkeiten und ›zwei königliche Mairien‹. Auch die Polizei unterstand nicht immer der Stadt, sondern denen, die die Gerichtsbarkeit ausübten. Kurz, das Feudalwesen stand in Blüte. Aber am meisten erregte es den Zorn der Städte, daß alle Arten Feudalsteuern, die Kopfsteuer, die Zwanzigstelsteuer, häufig die ›taille‹ und die ›freiwilligen Geschenke‹ (die 1758 auferlegt und erst 1789 abgeschafft wurden) und ebenso die ›lods et ventes‹, das heißt, die Gebühren, die der Territorialherr im Fall des Verkaufs oder Kaufs von seinen Vasallen erhob, auf den Häusern der Städter und vorzüglich der Handwerker lasteten. Obwohl sie vielleicht nicht so hoch waren wie auf dem Lande, waren sie doch neben den andern städtischen Steuern und Abgaben sehr drückend. Diese Steuern wurden aber dadurch noch abscheulicher, daß, wenn die Stadt die Einschätzung vornahm, Hunderte von Privilegierten Anspruch auf Steuerbefreiung machten. Der Klerus, die Adligen, die Offiziere der Armee waren von Rechts wegen davon befreit und ebenso die ›königlichen Würdenträger‹, Ehren- und andere Kavaliere, die diese ›Ämter‹ ohne Pflichten gekauft hatten, um ihre Eitelkeit zu befriedigen und sich von den Steuern zu befreien. Wer den Titel über seiner Haustür anbrachte, brauchte der Stadt keine Steuern zu bezahlen. Man kann sich denken, was das Volk gegen diese Privilegierten für einen Haß hatte. Das ganze System der Stadtverwaltung war also zu reformieren. Doch wer weiß, wie lange es noch gedauert hätte, wenn man die Sorge der Reform der konstituierenden Versammlung überlassen hätte. Aber das Volk übernahm die Aufgabe selbst und war dazu um so mehr bereit, als im Laufe des Sommers 1789 sich den Ursachen zur Unzufriedenheit, die wir eben aufgeführt haben, eine neue gesellte. Es war die Teuerung, die unerhörten Brotpreise, der Brotmangel, an dem die ärmere Bevölkerung in den meisten Städten litt. Selbst an den Orten, wo die Stadtverwaltung ihr Bestes tat, den Preis durch Kornkäufe oder Festsetzung des Preises herabzusetzen, fehlte es immer an Brot, und das hungernde Volk stand in langen Reihen vor den Bäckereien. Aber in vielen Städten folgten der Maire und die Schöffen dem Beispiel des Hofes und der Prinzen und spekulierten ihrerseits auf die Teuerung. Daher kam es, daß sich fast überall, sowie sich die Nachrichten von der Eroberung der Bastille und der Hinrichtung Foulons und Bertiers in der Provinz verbreitet hatten, das Volk der Städte zu erheben begann. Es verlangte zuvörderst die Festsetzung der Brot- und Fleischpreise; es zerstörte die Häuser der Hauptwucherer – die oft Magistratsbeamte waren; es bemächtigte sich des Rathauses und ernannte durch Abstimmung des Volks eine neue Stadtverwaltung, ohne sich um die Vorschriften des Gesetzes oder um die gesetzlich gewährleisteten Rechte der alten städtischen Behörde oder um die ›Ämter‹, die die ›Räte‹ gekauft hatten, zu kümmern. Es geschah so eine Bewegung von größter Tragweite, denn die Stadt setzte nicht bloß ihre Selbständigkeit durch, sondern auch ihren Willen, an der allgemeinen Regierung der Nation tätigen Anteil zu nehmen. Es war, wie Aulard sehr treffend bemerkt hat, eine kommunalistische Bewegung von größter Bedeutung, mit der die Provinz Paris nachfolgte, das sich, wie wir gesehen haben, seine Kommune am 13. Juli gegeben hatte. Kein Zweifel, diese Bewegung war keineswegs eine allgemeine. Sie ging nur in einer Anzahl größerer und kleinerer Städte, vorzugsweise im Osten Frankreichs, mit einiger Wucht vor sich. Aber überall mußte sich die frühere Stadtbehörde des alten Regimes dem Willen des Volks oder wenigstens der Wählerversammlungen des Ortes unterwerfen. Auf diese Weise vollzog sich im Juli und August die Revolution der Gemeinden zunächst in der Tat, während sie von der konstituierenden Versammlung erst durch die Gesetze über die Stadtverwaltung vom 14. Dezember 1789 und 21. Juni 1790 zu einem gesetzlichen Zustand gemacht wurden. Diese Bewegung gab ohne Frage der Revolution ein mächtiges Element des Lebens und der Kraft. Alle Kraft der Revolution konzentrierte sich, wir werden es sehen, in den Jahren 1792 und 1793, in den Selbstverwaltungskörperschaften der Städte und Dörfer, für die die revolutionäre Kommune von Paris das Vorbild war. Das Zeichen zu dieser Erneuerung ging von Paris aus. Ohne das Munizipalgesetz abzuwarten, das die Versammlung etwa einmal beschließen würde, gab sich Paris seine Kommune. Es ernannte seinen Stadtrat, seinen Bürgermeister, Bailly, und seinen Kommandanten der Nationalgarde, Lafayette. Noch mehr: es organisierte seine sechzig Distrikte – ›sechzig Republiken‹ nach dem glücklichen Ausdruck Montjoies; denn diese Distrikte hatten die Macht, die sie der Versammlung der Vertreter der Kommune und dem Maire anvertraut hatten, zu gleicher Zeit für sich behalten: ›Die Macht ist überall‹, sagte Bailly, und es gibt keine Zentralgewalt. ›Jeder Distrikt ist ein unabhängiges Gebilde‹, klagen die Freunde des geraden Schnürchens wehleidig, ohne zu merken, daß genau auf diese Weise die Revolutionen sich durchsetzen. Wann hätte wohl die Nationalversammlung, die sich so plagen mußte, nicht aufgelöst zu werden, und die so viel zu tun hatte, die Debatte über das Gesetz betreffend die Reorganisation des Gerichtsverfahrens eröffnen können? Kaum kam sie nach zehn Monaten dazu. Aber der Distrikt der Petits-Augustins beschließt schon am 18. Juli ›ganz von sich aus‹, sagt Bailly in seinen Memoiren, ›die Einsetzung von Friedensrichtern‹. Unverzüglich schreitet er zu ihrer Wahl. Andere Distrikte und andere Städte (insbesondere Straßburg) tun dasselbe, und wenn die Nacht des 4. August kommen wird und die Herren auf ihre Territorialgerichtsbarkeit verzichten müssen, – ist das in mehreren Städten bereits durchgeführt: die neuen Richter sind vom Volk schon ernannt, und die konstituierende Versammlung hat in die Konstitution von 1791 nur die vollzogene Tatsache aufzunehmen. Die 1. Nationalversammlung wurde auch als Konstituierende Versammlung bezeichnet. Taine und all die Bewunderer der administrativen Ordnung der schläfrigen Ministerien sind natürlich angesichts dieser Distrikte, die mit ihren Beschlüssen der Nationalversammlung vorausgehen und ihr für ihre Entscheidungen den Willen des Volks anzeigen, überaus unzufrieden: aber in dieser Art entwickeln sich die Einrichtungen der Menschen, wenn sie nicht ein Erzeugnis der Bureaukratie sind. Auf diese Weise sind alle großen Städte gebaut worden; und noch heute entstehen sie auf solche Weise. Da eine Gruppe von Häusern und ein paar Hütten dabei: daraus wird ein Knotenpunkt der künftigen Stadt; dort ein Pfad, der sich allmählich deutlicher ausprägt – das wird eine der künftigen Hauptstraßen. Das ist die anarchische Entwicklung, die einzige, die es in der freien Natur gibt. Es steht ebenso mit den Institutionen, wenn sie ein organisches Erzeugnis des Lebens sind; und darum haben die Revolutionen diese ungemeine Bedeutung im Leben der Gesellschaften, weil sie den Menschen erlauben, sich an diese organische, aufbauende Arbeit zu machen, ohne bei ihrem Werk von einer autoritären Gewalt gestört zu werden, die notwendigerweise immer die vergangenen Jahrhunderte repräsentiert. Werfen wir also einen Blick auf einige dieser Kommunalrevolutionen. Die Nachrichten verbreiteten sich im Jahre 1789 mit einer Langsamkeit, die wir uns heute kaum vorstellen können. So fand Arthur Young in Château-Thierry am 12. Juli, in Besançon am 27. nicht ein einziges Café, nicht eine einzige Zeitung. Die Neuigkeiten, von denen man plauderte, waren vierzehn Tage alt. In Dijon wußte neun Tage nach dem großen Aufstand und der Besetzung des Rathauses durch die Aufständigen in Straßburg kein Mensch etwas davon. Aber die Nachrichten aus Paris, selbst wenn sie den Charakter von Legenden hatten, konnten nichts anderes bewirken, als das Volk zur Erhebung treiben. Alle Abgeordneten, hieß es; seien in die Bastille geworfen worden; und von den ›Greueln‹, die Marie-Antoinette begangen haben sollte, sprach alle Welt mit vollkommener Sicherheit. In Straßburg fingen die Unruhen am 19. Juli an, sofort nachdem die Nachricht von der Eroberung der Bastille und der Hinrichtung de Launays sich in der Stadt verbreitet hatte. Das Volk war schon ärgerlich über den Magistrat (den Stadtrat) wegen der Langsamkeit, mit der er den ›Vertretern des Volkes‹, das heißt den Wahlmännern, die Resultate seiner Beratungen über das Beschwerdeheft mitteilte, das die Armen abgefaßt hatten. Das Volk stürzte sich auf das Haus des Ammeisters (Bürgermeisters) Lemp und demolierte es. Vermittelst seiner ›Bürgerversammlung‹ verlangte das Volk (ich zitiere wörtlich) Maßnahmen, ›um die politische Gleichheit der Bürger und ihren Einfluß bei den Wahlen der Verwalter des gemeinsamen Vermögens und ihrer Richter zu sichern, die frei gewählt werden sollten‹. Es verlangte, daß man sich um das bestehende Gesetz nicht kümmerte und daß eine neue Stadtverwaltung und neue Richter in Wahlen mit allgemeinem Stimmrecht gewählt würden. Der Magistrat, das heißt die städtische Regierung ihrerseits, wollte nichts davon wissen ›und setzte der vorgeschlagenen Änderung das Verfahren mehrerer Jahrhunderte entgegen‹. Darauf belagerte das Volk das Rathaus, und ein Hagel von Steinen flog in den Saal, in dem die Verhandlungen des Magistrats mit den Vertretern der Revolution stattfanden. Der Magistrat gab nach. Als indessen das bessergestellte Bürgertum die armen Leute auf die Straße steigen sah, bewaffnete es sich gegen das Volk und stellte sich beim Kommandanten der Provinz, dem Grafen Rochambeau, ein, ›um seine Einwilligung zu erlangen, daß das gutgesinnte Bürgertum sich bewaffnete und sich mit dem Militär für die Aufrechterhaltung der Ordnung vereinigte‹, – was der Regimentsstab, der sich von den aristokratischen Ideen nicht frei machen konnte, rundweg ablehnte, wie es de Launay in der Bastille getan hatte. Am andern Tag hatte sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, der Magistrat habe seine Zugeständnisse zurückgenommen. Das Volk griff das Rathaus von neuem an und verlangte die Abschaffung der Oktrois und der Verzehrssteuerkassen. Da das in Paris geschehen war, konnte man es wohl auch in Straßburg machen. Gegen sechs Uhr rückten Massen von ›Arbeitern, die mit Äxten und Hämmern bewaffnet waren‹, auf drei Straßen gegen das Rathaus vor. Sie schlugen mit ihren Äxten die Tore ein, sie rissen die Gewölbe auf und begannen, alle alten Papiere, die in den Bureauräumen aufgehäuft waren, in wilder Wut zu vernichten. ›Es ist eine wütende Barbarei gegen die Papiere verübt worden; sie sind alle zum Fenster hinausgeworfen und vernichtet worden‹, schreibt der neue Magistrat. Die Doppeltüren aller Archive wurden zertrümmert, um die alten Dokumente zu verbrennen, und in seinem Haß gegen den Magistrat zerbrach das Volk sogar die Möbel des Rathauses und warf sie auf die Straße. Die Gerichtsschreiberei und die Kammer, in der die Prozeßgelder deponiert waren, hatten das nämliche Schicksal. In der Kanzlei der Steuerkasse wurden die Türen eingeschlagen und die Kasse geplündert. Das Militär, das dem Rathaus gegenüber aufgestellt war, konnte nichts machen: das Volk tat, was es wollte. Der Magistrat wurde von Schrecken ergriffen und setzte schleunigst den Preis für Fleisch und Brot herab: der Sechspfundlaib sollte zwölf Sous kosten. Dann trat er in freundschaftliche Verhandlungen mit den 20 ›Tribus‹ oder Gilden der Stadt zwecks Ausarbeitung einer neuen Stadtverfassung ein. Eile tat not, weil die Aufstände in Straßburg und den benachbarten Amtsbezirken nicht aufhören wollten. Dort setzte das Volk die ›eingesetzten‹ Gemeindevögte ab und ernannte an ihrer Stelle andere nach seinem Willen und stellte dabei ›Forderungen über Wälder und andere Rechte auf, die einem legitim erworbenen Besitz direkt widersprachen. In diesem Augenblick glaubt jedermann in der Lage zu sein, sich die Wiederherstellung angeblicher Rechte zu verschaffen‹, sagt der Magistrat in seinem Brief vom 5. August. Dazu kommt nun am 11. August die Nachricht von der Nacht des 4. August in der Nationalversammlung in Straßburg an, und der Aufstand wird noch drohender, um so mehr, als die Armee mit den Aufständigen gemeinsame Sache macht. Nun entschließt sich der alte Magistrat, seine Ämter niederzulegen (Reuß, L'Alsace, S. 147). Am Tag darauf, am 12. August, legten die dreihundert Schöffen ebenfalls ihre ›Ämter‹ oder vielmehr Privilegien nieder. Und die neuen Schöffen ernannten von sich aus die Richter. So konstituierte sich am 14. August ein neuer Magistrat, ein vorläufiger Senat, der die Geschäfte der Stadt führen sollte, bis die Versammlung in Versailles eine neue Städteverfassung eingeführt hatte. Ohne diese Verfassung abzuwarten, hatte Straßburg sich also nach eigenem Ermessen eine Kommune und Richter gegeben. Das alte Regime stürzte so in Straßburg zusammen, und am 17. August begrüßte Herr Dietrich die neuen Schöffen mit folgenden Worten: ›Meine Herren, die Revolution, die sich in diesen Tagen in unserer Stadt vollzogen hat, wird uns zu einer Epoche des Vertrauens führen, wie es die Bürger derselben Gemeinde vereinigen muß. Diese ansehnliche Versammlung hat soeben das freie Gelübde ihrer Mitbürger empfangen, daß sie ihre Vertreter vorstellen soll ... Sie haben von Ihrem Amt zum erstenmal Gebrauch gemacht, indem Sie Ihre Richter ernannt haben ... Welche Macht wird aus diesem Bunde hervorgehen!‹ Und Dietrich schlug vor, es solle eingeführt werden, daß der 14. August jedes Jahres, der Tag der Straßburger Revolution, von der Stadt gefeiert würde. Eine wichtige Tatsache ist für diese Revolution hervorzuheben. Das Bürgertum Straßburgs hatte sich vom Feudalismus befreit. Es hatte sich eine demokratische Stadtverwaltung gegeben. Aber es hatte durchaus nicht die Absicht, auf seine eigenen Feudalrechte (Patrimonialrechte) zu verzichten, die ihm auf einigen Gütern in der Nachbarschaft gehörten. Als die zwei Vertreter Straßburgs in der Nationalversammlung von den andern Abgeordneten in der Nacht des 4. August gedrängt wurden, auf ihre Rechte zu verzichten, lehnten sie es ab. Und als später einer dieser beiden Vertreter (Schwendt) die Bürger Straßburgs beschwor, sie sollten sich dem Lauf der Revolution nicht entgegenstemmen, bestanden seine Wähler darauf, die Aufrechterhaltung ihrer Feudalrechte zu fordern. Man sieht also, wie sich in Straßburg schon 1789 eine Partei bildet, die sich an den König anschließen wird – ›den besten der Königes‹, ›den versöhnlichsten Monarchen‹ –, um ihre Rechte auf die ›reichen Grundherrschaften‹ zu behalten, die unter dem Feudalrecht der Stadt gehörten. Der Brief, in dem der andere Vertreter Straßburgs, Tuerckheim, nachdem er am 5. Oktober aus Versailles geflohen war, sein Mandat niederlegte (er ist von Reuß publiziert), stellt in dieser Hinsicht ein Dokument von höchstem Interesse vor: man sieht in ihm schon, wie und warum die Gironde unter ihrem bürgerlichen Banner die ›Verteidiger des Eigentums‹ und die Royalisten sammeln wird. ### Die Vorgänge in Straßburg geben ein gutes Bild von dem, was sich in andern großen Städten ereignete. So ist in Troyes, für das wir auch recht vollständige Dokumente haben, die Bewegung aus denselben Elementen zusammengesetzt. Das Volk, dem die benachbarten Bauern helfen, tritt schon am 18. Juli in den Aufstand – sowie man erfährt, daß die Oktroihäuser in Paris verbrannt worden sind. Am 20. Juli kommen die Bauern mit Heugabeln, Sensen und Dreschflegeln bewaffnet in die Stadt, wahrscheinlich, um dort das Korn an sich zu nehmen, das fehlt und das die Kornwucherer in ihren Magazinen aufgespeichert haben. Aber die Bürgerschaft formiert sich zur Nationalgarde und treibt die Bauern zurück – die sie schon jetzt ›die Räuber‹ nennt. Während der nächsten zehn oder vierzehn Tage benutzt die Bürgerschaft die Panik, die sich verbreitet (man spricht von 500 ›Räubern‹, die aus Paris herankämen, um alles zu verwüsten), und organisiert ihre Nationalgarde, und alle kleinen Städte tun dasselbe. Aber nun ist das Volk unzufrieden. Am 8. August, wahrscheinlich auf die Nachricht von der Nacht des 4. August, verlangt das Volk Waffen für alle Freiwilligen und die Festsetzung des Brotpreises. Die Stadtverwaltung zögert. Darauf wird sie am 19. August abgesetzt, und man verfährt wie in Straßburg: eine neue Verwaltung wird gewählt. Das Volk dringt ins Rathaus ein, bemächtigt sich der Waffen und verteilt sie unter sich. Es bricht den Salzspeicher auf, aber es plündert nicht: ›das Salz wird zum Preis von sechs Sous zur Verteilung gebracht‹. Am 9. September endlich erreicht der Aufstand, der seit dem 19. August gedauert hat, seinen Höhepunkt. Die Menge bemächtigt sich des Maire Huez, den sie beschuldigt, die Handelswucherer verteidigt und geschützt zu haben, und tötet ihn. Sie demoliert sein Haus, und ebenso die eines Notars, des früheren Kommandanten Saint-Georges, der vor vierzehn Tagen aufs Volk hatte schießen lassen, des Gendarmeriekommandanten, der bei einem früheren Aufruhr einen Menschen hatte hängen lassen, und sie droht (wie man es in Paris nach dem 14. Juli gemacht hatte) noch viele andere zu demolieren. Nun herrscht etwa vierzehn Tage lang der Schrecken in der Großbourgeoisie. Aber der Bürgerschaft gelingt es inzwischen, die Nationalgarde zu organisieren, und am 26. August erlangt sie schließlich die Oberhand über das waffenlose Volk. Es scheint, daß sich im allgemeinen die Wut des Volkes ganz ebenso gegen die bürgerlichen Repräsentanten richtete, die die Lebensmittel mit Beschlag belegten, wie gegen die Grundherren, die die Hand auf die Erde legten. So erschlug in Amiens das Volk beinahe wie in Troyes drei Kaufleute, worauf die Bürgerschaft schleunigst ihre Miliz bewaffnete. Man kann sogar sagen, diese Gründung der Milizen in den Städten, die überall im August und September vor sich ging, wäre wahrscheinlich nicht eingetreten, wenn sich die Volkserhebung auf das Land beschränkt und sich bloß gegen die Grundherren gerichtet hätte. Die Bürgerschaft, die vom Volk in ihrem Vermögen bedroht war, konstituierte, ohne die Beschlüsse der Nationalversammlung abzuwarten, nach dem Vorbild der Dreihundert von Paris, ihre Stadtverwaltungen, in die sie notgedrungen Vertreter des empörten Volkes aufnehmen mußte. In Cherbourg ist es am 21. Juli, in Rouen am 24. Juli ungefähr derselbe Vorgang, und ebenso in vielen andern Städten von geringerer Bedeutung. Das ausgehungerte Volk erhebt sich unter den Rufen: Brot! Tod den Wucherern! Nieder mit dem Oktroi! (das bedeutet: freie Einfuhr der Lebensmittel vom Lande). Es zwingt die Stadtverwaltung, den Brotpreis herabzusetzen, oder aber es bemächtigt sich der Magazine der Kornwucherer und nimmt das Korn weg, es demoliert die Häuser derer, von denen man weiß, daß sie auf die Preise der Lebensmittel spekuliert haben. Die Bürgerschaft macht sich diese Bewegung zunutze, um die alte feudal gesinnte Stadtverwaltung loszuwerden und eine neue zu ernennen, die auf demokratischer Grundlage gewählt ist. Zu gleicher Zeit macht sie sich die Panik zunutze, die infolge der Erhebung des ›niederen Volkes‹ in den Städten und der ›Räuber‹ auf dem Lande ausgebrochen ist, sie bewaffnet sich und organisiert seine städtische Garde. Darauf stellt sie die Ordnung wieder her, läßt die Volksführer hinrichten, und sehr oft stellt sie auch die Ordnung auf dem Lande her, wo sie den Bauern Schlachten liefert und die ›Rädelsführer‹ der aufständigen Bauern hängen läßt. Mit dem Hängen sind sie überall schnell bei der Hand. Nach der Nacht des 4. August verbreiten sich diese städtischen Aufstände noch mehr. Sie brechen mehr oder weniger fast überall aus. Die städtischen Steuern – Oktroi, Verzehrssteuer, Salzsteuer usw. – werden nicht mehr bezahlt. Die Steuerpächter der ›taille‹ sind in verzweifelter Lage, sagt Necker in seinem Bericht vom 7. August. Die Herabsetzung des Salzes auf den halben Preis wurde in zwei aufständischen Steuerbezirken erzwungen; die Verzehrssteuer geht nicht mehr ein und so fort. Eine ungeheure Zahl Orte ist im Aufstand gegen den Fiskus. Das Volk will die indirekte Steuer nicht mehr zahlen; was die direkten Steuern angeht, so werden sie nicht verweigert; aber man stellt Bedingungen. Im Elsaß zum Beispiel hat ›das Volk ganz allgemein sich geweigert, etwas zu zahlen, bis die von der Steuer Befreiten und die Privilegierten ins Register aufgenommen wären‹. Auf diese Weise macht das Volk lange vor der Nationalversammlung Revolution an Ort und Stelle, gibt sich in revolutionärem Verfahren eine neue Stadtverwaltung, unterscheidet zwischen den Steuern, die es akzeptiert und denen, deren Zahlung es verweigert, und bestimmt die Art der gleichheitlichen Verteilung der Steuern, die es an den Staat oder die Gemeinde künftig zu zahlen hat. Nur wenn man studiert, wie das Volk in der hier geschilderten Weise tatsächlich gehandelt hat, nicht wenn man sich auf das Studium des Gesetzgebungswerkes der Nationalversammlung verbeißt, versteht man den Geist der französischen Revolution und übrigens aller Revolutionen. 16. Die Erhebung der Bauern Seit dem Winter 1788 und hauptsächlich seit März 1789, haben wir gesagt, zahlte das Volk den Grundherren keine Abgaben mehr. Nichts ist wahrer, als daß es dazu von bürgerlichen Revolutionären angestachelt wurde: es gab sehr viele Personen im Bürgertum von 1789, die begriffen, daß sie mit der absoluten Regierung ohne eine Volkserhebung nie fertig würden. Daß die Verhandlungen der Versammlungen der Notabeln, in denen schon von der Abschaffung der Feudallasten die Rede war, den Aufstand begünstigten und daß die Abfassung der Wahlhefte (die den Vertretern bei den ersten Wahlen als Leitfaden dienen sollten) in derselben Richtung wirkten, versteht sich von selbst. Die Revolutionen sind niemals ein Resultat der Verzweiflung, wie es oft die jungen Revolutionäre glauben, die sehr oft meinen, aus dem Übermaß des Übels könne das Gute hervorgehen. Im Gegenteil, das Volk hatte im Jahre 1789 einen Schimmer der nahen Befreiung gewahrt, und darum erhob es sich guten Mutes. Aber es genügte nicht zu hoffen, es galt zu handeln; es galt in den ersten Aufständen, die die allgemeine Revolution vorbereiteten, sein Leben hinzugeben, und das hat das Volk getan. Das Volk empörte sich schon, als der Aufstand noch mit dem Pranger, mit der Folter und mit dem Galgen bestraft wurde. Schon im November 1788 schrieben die Intendanten an den Minister, es sei nicht mehr möglich, alle Aufstände mit Gewalt zu unterdrücken. Wenn man sie einzeln nahm, hatte keiner eine große Bedeutung; zusammen untergruben sie die Grundlagen des Staates. Im Januar 1789 faßte man die Beschwerdehefte ab und wählte – und von da fingen die Bauern an, dem Herrn und dem Staat die Frondienste zu verweigern. Es bildeten sich auch geheime Gesellschaften unter ihnen, und bald da, bald dort wurde ein Adliger von den Jacques ums Leben gebracht. Da wurden die Steuererheber mit Knütteln empfangen; dort bemächtigte man sich der Ländereien der Grundherren und bestellte sie. Von Monat zu Monat vermehrten sich diese Aufruhrbewegungen. Im März war schon der ganze Osten Frankreichs im Aufruhr. Gewiß hatte die Bewegung keinen geschlossenen Zusammenhang, war nicht allgemein. Bei einer Agrarbewegung ist es immer so. Es ist sogar sehr wahrscheinlich; wie es immer bei Bauernaufständen der Fall ist, daß in der Zeit der Feldarbeiten im April und dann beim Beginn der Ernte die Bewegung nachließ. Aber sowie in der zweiten Hälfte Juli und im August 1789 die erste Ernte eingebracht war, brachen die Erhebungen, hauptsächlich im Osten, Nord- und Südosten Frankreichs, mit neuer Kraft aus. Es fehlt an genauen Dokumenten über diese Bewegung. Die man veröffentlicht hat, sind sehr unvollständig, und die meisten tragen die Spuren des Parteigeists. Wenn man den ›Moniteur‹ zu Rate zieht, der, wie man weiß, erst am 24. November 1789 zu erscheinen begonnen hat und dessen 93 Nummern vom 8. Mai bis 23. November 1789 nachträglich im Jahr IV fabriziert worden sind, findet man in ihm die Tendenz, zu beweisen, daß die ganze Bewegung das Werk der Feinde der Revolution war: herzloser Menschen, die mit der Unwissenheit der Dorfbewohner ihr Spiel trieben. Andere gehen so weit zu sagen, die Adligen, die Herren oder auch die Engländer hätten die Bauern aufgewiegelt. Und die Dokumente, die der Untersuchungsausschuß im Januar 1790 veröffentlicht hat, haben wieder andererseits die Tendenz, die ganze Sache als ein Mißverständnis hinzustellen, die Räuber hätten auf dem Lande gehaust, und das Bürgertum hätte sich gegen sie bewaffnet und sie aufgerieben. Man versteht heute, wie sehr diese Art, die Ereignisse hinzustellen, falsch ist, und es ist sicher, wenn sich jemand eines Tages die Mühe macht, in den Archiven zu forschen und die Dokumente, die sich darin finden, gründlich zu studieren, wird er eine sehr wertvolle Arbeit zustande bringen, die um so notwendiger ist, als die Bauernaufstände bis zur Abschaffung der Feudalrechte durch den Konvent im August 1793 weitergingen, bis die Kommunen das Recht erhalten hatten, die Gemeindeländereien, die ihnen während der zwei vorhergehenden Jahrhunderte geraubt worden waren, wieder an sich zu nehmen. Für den Augenblick müssen wir uns, da diese archivalischen Studien nicht vorliegen, auf das beschränken, was man einigen Lokalgeschichten, manchen Memoiren und ein paar Autoren entnehmen kann, wobei es nützlich ist, die Erhebung von 1789 so zu erklären, daß man von den besser bekannten Bewegungen der folgenden Jahre aus ein Licht auf diesen ersten Ausbruch fallen läßt. Daß die Teuerung in diesen Aufruhrbewegungen eine große Rolle spielte, ist sicher. Aber ihr Hauptmotiv war die Abschaffung der in den Grundbüchern eingetragenen Feudalverpflichtungen und desgleichen der Zehnten, und der Wunsch, sich des Bodens zu bemächtigen. Es gibt überdies einen Zug, der für diese Aufstände sehr bezeichnend ist. Sie bleiben in Mittelfrankreich, im Süden und im Westen, außer der Bretagne, vereinzelt. Aber sie sind im Osten, Nordosten und Südosten sehr allgemein. Der Dauphiné, die Franche-Comté, der Mâconnais sind besonders davon ergriffen. In der Franche-Comté wurden fast alle Schlösser niedergebrannt, sagt Doniol (La Révolution française et la féodalité, S. 48); drei Schlösser auf fünf wurden im Dauphiné zerstört. Dann kommen das Elsaß, der Nivernais, der Beaujolais, Burgund, die Auvergne. Im großen ganzen gilt, was ich schon an anderer Stelle bemerkt habe: wenn man auf einer Karte die Gegenden bezeichnet, wo die Erhebungen stattgefunden haben, dann zeigt diese Karte eine frappierende Ähnlichkeit mit der Karte der ›Dreihundertdreiundsechzig‹, die 1877 nach den Wahlen herausgegeben wurde, durch die die dritte Republik sich befestigte. Der östliche Teil Frankreichs war es hauptsächlich, der die Sache der Revolution verfocht, und dieser selbe Teil bleibt bis zum heutigen Tage vorgeschrittener. Doniol hat sehr richtig bemerkt, daß der Ursprung dieser Erhebungen schon in den Heften lag, die vor den Wahlen von 1789 geschrieben wurden. Da man den Bauern gesagt hatte, sie sollten ihre Beschwerden aufsetzen, hatten sie keinen Zweifel, daß man etwas für sie tun würde. Der Glaube, der König, an den sie ihre Klagen gerichtet hatten, oder die Nationalversammlung oder irgendeine andere Gewalt werde ihnen zu Hilfe kommen, um ihrem Unrecht abzuhelfen, oder werde sie wenigstens gewähren lassen, wenn sie die Arbeit selbst übernehmen wollten, – das trieb sie gleich nach den Wahlen, und noch ehe die Versammlung zusammengetreten war, in den Aufstand. Als die Generalstaaten mit ihren Sitzungen begonnen hatten, brachten die Gerüchte aus Paris, so unbestimmt sie auch waren, die Bauern zu dem Glauben, jetzt sei der Augenblick gekommen, die Abschaffung der Feudallasten zu verlangen und den Boden wieder zu nehmen. Die geringste Unterstützung, die sie fanden, sei es von seiten der Revolutionäre oder der Orleanisten oder irgendwelchen Agitatoren, genügte, um die Dörfer in Aufruhr zu bringen, nachdem die aufreizenden Berichte, die von Paris und den aufständischen Städten kamen, vorlagen. Darüber, daß man auf dem Lande den Namen des Königs und der Nationalversammlung benutzte, ist ebenfalls kein Zweifel möglich: so viele Dokumente sprechen von falschen Dekreten des Königs oder der Versammlung, die in den Dörfern kolportiert wurden. In all ihren Erhebungen, in Frankreich, Rußland, Deutschland, haben die Bauern immer versucht, die Unentschiedenen mit fortzureißen oder noch besser gesagt: sich selbst zu überreden, es gäbe irgendeine Gewalt, die bereit sei, ihnen Beistand zu bieten. Das gab der Bewegung mehr Halt, und dann, im Fall der Niederlage und der Verfolgungen, war es immer eine gewisse Entschuldigung. Man hatte geglaubt, den Wünschen, wenn nicht den Befehlen des Königs oder der Nationalversammlung Gehorsam zu leisten, und die meisten hatten es wirklich aufrichtig geglaubt. Sowie daher im Sommer 1789 die erste Ernte eingebracht war, sowie man in den Dörfern wieder angefangen hatte, sich ordentlich satt zu essen, und die Gerüchte, die aus Versailles und Paris kamen, Hoffnung aufkeimen ließen, begannen die Bauern, sich zu erheben. Sie marschierten gegen die Schlösser, um die Archive, die Papiere, die Urkunden zu vernichten, und sie brannten die Schlösser nieder, wenn die Herren nicht gutwillig auf die Feudalrechte verzichteten, die in den Archiven, Papieren und so weiter eingetragen waren. In der Umgebung von Vesoul und Belfort begann der Krieg gegen die Schlösser schon am 16. Juli; an diesem Tage wurde das Schloß Sancy und dann Lure, Bithaine und Molan überfallen. Bald erhob sich ganz Lothringen. ›Die Bauern waren überzeugt, die Revolution sollte die Gleichheit der Vermögen und der Lebenslage herbeiführen, und wandten sich hauptsächlich gegen die Grundherren‹, sagt der Courrier français (S. 242 ff.). In Saarlouis, Forbach, Saargemünd, Pfalzburg und Thionville wurden die Steuerbeamten vertrieben und ihre Kanzleien geplündert und verbrannt. Das Salz wurde zu drei Sous das Pfund verkauft. Die Dörfer der Umgegend folgten den Städten. Im Elsaß war die Bauernerhebung fast allgemein. Man hat festgestellt, daß im Zeitraum von acht Tagen, Ende Juli, drei Abteien zerstört, elf Schlösser demoliert und andere geplündert wurden; die Bauern hatten alle Grundbücher fortgenommen und vernichtet. Alle Register über Feudalsteuern, Fronden und Abgaben aller Art wurden ebenfalls weggenommen und verbrannt. An manchen Orten bildeten sich fliegende Bauernkolonnen, die mehrere hundert und manchmal mehrere tausend Mann stark waren. Sie waren aus den benachbarten Dörfern gekommen, wandten sich gegen die stärksten Schlösser, belagerten sie, nahmen alle Papiere und machten Freudenfeuer daraus. Die Abteien wurden aus demselben Grunde, wie die Häuser der reichen Händler in den Städten, demoliert und geplündert. In der Abtei Murbach, die wahrscheinlich Widerstand geleistet hat, wurde alles zerstört. In der Franche-Comté bildeten sich die ersten Zusammenrottungen in Louis-le-Saunier schon am 19. Juli, als man die Vorbereitungen zum Staatsstreich und die Entlassung Neckers erfuhr; aber Sommier sagt, man wußte noch nichts von der Eroberung der Bastille. Es kam bald zu Aufruhrbewegungen, und die Bourgeoisie bewaffnete am selben Tage ihre Miliz (die die dreifarbige Kokarde trug), um ›den Einfällen der Räuber Widerstand zu leisten, die das Reich verpesten‹ (S. 24–25). Bald begann die Erhebung in den Dörfern. Die Bauern teilten die Wiesen und Wälder der Herren untereinander. Anderswo zwangen sie die Herren, auf ihre Rechte auf die Ländereien, die früher den Gemeinden gehört hatten, zu verzichten. Oder sie nahmen auch ohne weiteres Verfahren wieder von den Wäldern Besitz, die ehemals Gemeindewald gewesen waren. Alle Ansprüche, die die Abtei der Bernhardiner in den benachbarten Gemeinden besaß, wurden ihr abgesprochen (Edouard Clerc, Essai sur l'histoire de la Franche-Comté, 2. Ausgabe, Besançon 1870). In Castres fingen die Revolten nach dem 4. August an. In dieser Stadt wurde auf alles Getreide, das vom Ausland in die Provinz eingeführt wurde, eine Steuer in Natur – soundso viel vom Sester – erhoben. Das war ein Feudalrecht, das der König an Privatleute verpachtet hatte. Sowie man daher in Castres am 19. August die Nachricht von der Nacht des vierten erfuhr, erhob sich das Volk, verlangte die Abschaffung dieses Rechts, und sofort ging die Bourgeoisie, die schon am 5. August die Nationalgarde gebildet hatte, die 600 Mann stark war, daran, ›die Ordnung wiederherzustellen‹. Aber auf dem Lande ging der Aufstand von Dorf zu Dorf, und die Schlösser von Gaix, Montlédier, die Kartause von Faix, die Abtei von Vielmur usw. wurden geplündert und die Pachtbücher zerstört. In der Auvergne wandten die Bauern viele Vorsichtsmaßregeln an, um das Recht auf ihre Seite zu bringen, und wenn sie in ein Schloß kamen, um die Pachtbücher zu verbrennen, versäumten sie nicht, dem Herrn zu sagen, sie täten es auf Befehl des Königs. Aber in den östlichen Provinzen scheuten sie sich nicht, offen zu erklären, die Zeit sei gekommen, wo der dritte Stand dem Adel und der Geistlichkeit nicht mehr erlaubte zu herrschen. Die Macht dieser beiden Klassen hätte zu lange gedauert, und es sei der Augenblick gekommen, abzudanken. Gegen eine große Zahl Edelleute, die verarmt waren, auf dem Lande lebten und vielleicht in der Gegend beliebt waren, zeigten die aufständigen Bauern viel persönliche Rücksichten. Sie fügten ihnen keinen Schaden zu; sie rührten ihr kleines persönliches Eigentum nicht an; aber hinsichtlich der Grundbücher und der Urkunden über Feudaleigentum waren sie unerbittlich. Sie verbrannten sie, nachdem sie den Herrn gezwungen hatten, einen Eid über den Verzicht auf seine Rechte abzulegen. Wie die Bürgerschaft der Städte, die sehr wohl wußte, was sie wollte und was sie von der Revolution erwartete, wußten auch die Bauern sehr wohl, was sie wollten: die Ländereien, die den Gemeinden weggenommen worden waren, sollten ihnen zurückgegeben werden, und alle Lasten, die aus dem Feudalismus entstanden waren, sollten verschwinden. Der Gedanke, alle Reichen im allgemeinen müßten verschwinden, blitzte vielleicht manchmal durch; aber für den Augenblick beschränkte sich die Jacquerie auf die Dinge, und wenn Fälle vorkamen, wo der Grundherr mißhandelt wurde, so waren sie vereinzelt, und gewöhnlich handelte es sich dann um einen, der beschuldigt wurde, ein Wucherer zu sein, der auf die Teuerung spekuliert hatte. Wenn die Grundbücher ausgeliefert und der Verzicht ausgesprochen worden war, verlief alles in liebenswürdigen Formen: man verbrannte die Grundbücher; man pflanzte im Dorf einen Maibaum, man hing die feudalen Embleme in seine Zweige, und man tanzte um den Baum herum. War das nicht der Fall, hatte es Widerstand gesetzt, oder hatten der Herr oder sein Intendant die Gendarmerie herbeigerufen, war geschossen worden, – dann wurde alles im Schloß zusammengeschlagen und oft wurde es in Brand gesetzt. So zählte man im Dauphiné dreißig ausgeplünderte oder abgebrannte Schlösser; nahezu vierzig in der Franche-Comté; zweiundsechzig im Mâconnais und Beaujolais; nur neun in der Auvergne und zwölf Klöster und fünf Schlösser in Viennois. Nebenbei sei bemerkt, daß die Bauern der politischen Überzeugungen wegen keinen Unterschied machten. Daher griffen sie die Schlösser der ›Patrioten‹ ebensowohl an wie die der ›Aristokraten‹. ### Was tat das Bürgertum angesichts dieser Aufstände? Gab es in der Nationalversammlung eine Anzahl Männer, die begriff, daß die Bauernerhebung in diesem Augenblick ein revolutionärer Faktor war, so sah die Masse der Bürger in der Provinz in ihr nur eine Gefahr, gegen die man sich bewaffnen mußte. Was man damals die ›große Furcht‹ nannte, ergriff in der Tat eine große Zahl Städte in der Gegend der Aufstände. In Troyes zum Beispiel waren mit Sensen und Dreschflegeln bewaffnete Landleute in die Stadt gekommen und hätten wahrscheinlich die Häuser der Kornwucherer demoliert, wenn nicht die Bourgeoisie – ›alle ehrenhaften Elemente des Bürgertums‹ (Moniteur, I, 378) – sich gegen ›die Räuber‹ bewaffnet und sie zurückgetrieben hätte. Dasselbe geschah in vielen anderen Städten. Die Bürger wurden von der Panik ergriffen. Man machte sich auf ›die Räuber‹ gefaßt. Man hatte ihrer ›sechstausend‹ vorrücken sehen, um alles zu zertrümmern – und die Bürgerschaft bemächtigte sich der Waffen, die sie im Rathaus oder bei den Waffenschmieden fand, und organisierte ihre Nationalgarde aus Furcht, die Armen der Stadt könnten mit ›den Räubern‹ gemeinsame Sache machen und die Reichen angreifen. In Péronne, der Hauptstadt der Picardie, hatten sich die Einwohner in der zweiten Hälfte des Juli erhoben. Sie steckten die Torhäuser in Brand, warfen die Zollbeamten ins Wasser, bemächtigten sich der Kassen in den Staatskanzleien und befreiten alle Gefangenen in den Gefängnissen. All das war vor dem 28. Juli geschehen. In der Nacht des 28. Juli – so schrieb der Maire von Péronne – ergriffen auf die Nachrichten von Paris hin der Hainault, Flandern und die ganze Picardie die Waffen; die Sturmglocke läutete in allen Städten und Dörfern. Dreihunderttausend Mann Bürgerpatrouillen waren dauernd unter den Waffen – und all das, um zweitausend Räuber zu empfangen, die, wie es hieß, durch die Dörfer zogen und die Ernte verbrannten. Im Grunde waren, wie jemand sehr richtig zu Arthur Young gesagt hat, all diese ›Räuber‹ nichts anderes als ehrbare Bauern, die sich in der Tat erhoben und mit Heugabeln, Knüppeln und Sensen bewaffnet hatten, die Grundherren zwangen, auf ihre Feudalrechte zu verzichten, und die Vorübergehenden anhielten, um sie zu fragen, ob sie ›für die Nation‹ wären? Der Maire von Péronne hat es ebenfalls sehr gut gesagt: ›Wir wollen in Furcht sein. Dank den schwarzen Gerüchten können wir eine Armee von drei Millionen Bürgern und Bauern in ganz Frankreich in Waffen haben.‹ Adrien Duport, ein sehr bekanntes Mitglied der Nationalversammlung und des Klub Breton, rühmte sich sogar, auf diese Weise die Bürger in einer großen Zahl Städten bewaffnet zu haben. Er hatte zwei oder drei Agenten, ›entschlossene, aber unbekannte Männer‹, die die Städte vermieden, aber nach ihrer Ankunft in einem Dorfe ankündigten, ›die Räuber nahten heran‹. Es kämen, sagten diese Emissäre, fünfhundert, tausend, dreitausend, die in der Gegend alle Ernten verbrannt hätten, um das Volk dem Hunger zu überliefern ... Nun läutete man dann die Sturmglocke. Die Bauern bewaffneten sich. Und wenn das Sturmläuten von Dorf zu Dorf weiterging, schwoll das Gerücht an; es waren schon sechstausend Räuber, bis das schwarze Gerücht in einer großen Stadt ankam. Man hatte sie gesehen, kaum eine Meile entfernt, in dem und dem Wald, – und das Volk, insbesondere die Bürgerschaft, bewaffnete sich und schickte ihre Patrouillen in den Wald – wo man nichts fand. Aber man war bewaffnet – und hüte dich, König! 1791 wird er entrinnen wollen und wird die bewaffneten Bäuerinnen auf seinem Wege finden. Man begreift den Schrecken, den diese Erhebungen überall in Frankreich verbreiten; man begreift den Eindruck, den sie in Versailles hervorbrachten; und es geschah unter der Herrschaft dieses Schreckens, daß die Nationalversammlung am Abend des 4. August zusammentrat, um über die Maßnahmen zu debattieren, die man endlich treffen mußte, um die Jacquerie zu ersticken. 17. Der 4. August und seine Folgen Die Nacht des 4. August ist eins der großen Daten der Revolution. Wie der 14. Juli und der 5. Oktober 1789, der 21. Juni 1791, der 10. August 1792 und der 31. Mai 1793 bezeichnet er eine der großen Etappen der revolutionären Bewegung und bestimmt ihren Charakter für die nachfolgende Periode. Die Geschichtslegende hat sich mit Liebe daran gemacht, diese Nacht auszuschmücken, und die meisten Historiker, die den Bericht nachschreiben, den einige Zeitgenossen von ihr gegeben haben, stellen sie als eine Nacht voller Begeisterung und heiliger Entsagung dar. ›Mit der Eroberung der Bastille‹, so sagen diese Historiker, ›hatte die Revolution ihren ersten Sieg errungen. Die Nachricht verbreitet sich in der Provinz, und überall ruft sie entsprechende Erhebungen hervor. Sie dringt in die Dörfer, und angereizt von allen möglichen zweifelhaften Elementen, greifen die Bauern ihre Grundherren an und brennen die Schlösser nieder. Nun werden der Klerus und der Adel von patriotischem Feuer ergriffen, sie sehen, daß sie noch nichts für die Bauern getan haben, und verzichten in dieser denkwürdigen Nacht auf ihre Feudalrechte. Die Adligen, der Klerus, die ärmsten Geistlichen und die reichsten Feudalherren, die Städte, die Provinzen, alle wollen ihre jahrhundertealten Vorrechte auf dem Altar des Vaterlandes opfern. Begeisterung reißt die Versammlung hin, alle eilen, ihr Opfer zu bringen. ›Die Sitzung war eine heilige Feier, die Tribüne ein Altar, der Beratungssaal ein Tempel‹, sagt einer der Historiker, der im allgemeinen ziemlich ruhig ist. ›Es war eine Bartholomäusnacht für das Eigentum‹, sagen die andern. ›Und als der erste Schimmer Frankreich die Sonne des kommenden Tages verkündete, – hatte das alte Feudalsystem aufgehört zu existieren. Frankreich war ein gerettetes Land, das ein Autodafé aus allen Mißbräuchen seiner privilegierten Klassen veranstaltet hatte.‹ Nun, das ist Legende. Es ist wahr, helle Begeisterung erfaßte die Versammlung, als zwei Adlige, der Vicomte von Noailles und der Herzog von Aiguillon, die Abschaffung der Feudalrechte und ebenso der verschiedenen Privilegien des Adels verlangten und als zwei Bischöfe (der von Nancy und der von Chartres) sprachen, um die Abschaffung der Zehnten zu verlangen. Es ist wahr, die Begeisterung wurde immer stärker, und im Verlauf dieser Nachtsitzung folgten einander die Adligen und die Geistlichen auf der Tribüne und machten sie einander streitig, um auf ihre herrschaftliche Gerichtsbarkeit zu verzichten; man hörte von Privilegierten freie, unentgeltliche und gleiche Rechtspflege für alle verlangen; man sah weltliche und geistliche Territorialherren, die ihre Jagdrechte aufgaben ... Die Versammlung war hingerissen in Begeisterung ... Und in dieser Begeisterung beachtete man die Klausel nicht, die die beiden Adligen und die zwei Bischöfe in ihre Reden eingeflochten hatten, die Klausel, die von der Ablösung der Feudalrechte und der Zehnten sprach. Das war eine furchtbare Klausel, gerade durch ihre Unbestimmtheit, denn sie konnte alles oder nichts bedeuten, und sie schob, wir werden es sehen, die Abschaffung der Feudalrechte vier Jahre hinaus – bis in den August 1793. Aber wer unter uns ist beim Lesen des schönen Berichts, den die Zeitgenossen von dieser Nacht gegeben haben, wer ist nicht ebenfalls von Begeisterung ergriffen worden? Und wer hat nicht über diese verräterischen Worte ›Ablösung zum dreißigfachen Jahresertrag (rachat au denier 30)‹ hinweggelesen, ohne ihre furchtbare Tragweite zu verstehen? Und das nämliche geschah in Frankreich im Jahre 1789. Und vor allem, die Abendsitzung vom 4. August begann mit der Panik, und nicht mit der Begeisterung. Wir haben eben gesehen, daß eine Menge Schlösser im Verlauf der letzten vierzehn Tage niedergebrannt oder ausgeplündert worden waren. Die Bauernerhebung, die im Osten angefangen hatte, dehnte sich nach dem Süden, dem Norden und dem Zentrum aus: sie drohte allgemein zu werden. An manchen Orten waren die Bauern gegen ihre Herren in wilder Wut vorgegangen, und die Nachrichten aus den Provinzen übertrieben die Ereignisse. Die Adligen merkten mit Entsetzen, daß es an Ort und Stelle keine Gewalt gab, die imstande war, den Aufruhrbewegungen Einhalt zu tun. Die Sitzung wurde also mit der Verlesung eines Vorschlags eröffnet, der eine Erklärung gegen diese Aufstände verlangte. Die Versammlung wurde aufgefordert, gegen die Aufständigen einen energischen Tadel auszusprechen und die Achtung vor dem Eigentum laut zu betonen, ob es feudal sei oder nicht, gleichviel überhaupt, wie es entstanden sei , bis die Versammlung den Gegenstand gesetzlich regeln würde. ›Es scheint, daß das Eigentum und die Besitzungen, gleichviel welcher Art, die Beute der verruchtesten Räuberei sind‹, sagt der berichterstattende Ausschuß. ›Überall sind die Schlösser niedergebrannt, die Klöster zerstört worden, die Pachtgüter der Plünderung preisgegeben. Die Steuern, die herrschaftlichen Abgaben, alles wird vernichtet. Die Gesetze sind machtlos, die Behörden ohne Autorität ...‹ Und der Bericht verlangt, die Versammlung solle die Unruhen streng tadeln, und erklärt, ›daß die alten Gesetze (die Feudalgesetze) in Kraft sind, bis die öffentliche Gewalt der Nation sie abgeschafft oder geändert hat; daß alle vom Gewohnheitsrecht geschaffenen Abgaben oder Leistungen, wie von alters her, erfüllt werden müssen, bis es von der Versammlung anders geordnet wird‹. ›Das sind keine Räuber, die das tun!‹ ruft der Herzog von Aiguillon; ›in mehreren Provinzen hat das ganze Volk einen Bund zur Zerstörung der Schlösser und zur Verwüstung der Ländereien gebildet, und vor allem wollen sie sich der Archive bemächtigen, wo die Urkunden der Feudalrechte und Besitzungen in Verwahrung sind.‹ Hier spricht gewiß nicht die Begeisterung: eher die Furcht. Die Versammlung sollte demnach den König bitten, strenge Maßregeln gegen die rebellischen Bauern zu ergreifen. Es war schon am Tag vorher, am 3. August, davon die Rede gewesen. Aber seit einigen Tagen hatten sich eine Anzahl Adlige, die etwas vorgeschrittenere Ideen hatten als die übrigen ihrer Klasse und die ein klareres Verständnis für die Ereignisse hatten – der Vicomte von Noailles, der Herzog von Aiguillon, der Herzog de La Rochefoucauld, Alexandre von Lameth und einige andere –, schon im geheimen über die Haltung gegenüber der Jacquerie verständigt. Sie hatten eingesehen, daß das einzige Mittel zur Rettung der Feudalrechte darin bestand, die Ehrenrechte und die Vorrechte von geringem Wert zu opfern und die Ablösung der Feudallasten, die auf dem Grund und Boden lasteten und einen reellen Wert hatten, durch die Bauern zu fordern. Sie beauftragten den Herzog von Aiguillon, diese Gedanken vorzutragen. Und so taten das der Vicomte von Noailles und der Herzog von Aiguillon. Seit dem Anfang der Revolution hatten die Landbewohner die Abschaffung der Feudalrechte verlangt. Projekte, für die in so vielen Denkschriften, rührenden Äußerungen und lebhaften Forderungen in den Provinzialtagen, Bezirksversammlungen und an andern Orten, an denen sich die Staatsbürger während achtzehn Monaten versammeln konnten, gestimmt worden war.‹ So das offizielle Blatt ›Moniteur‹. Jetzt, sagten die zwei Wortführer des liberalen Adels, hatten sich die Bauern voller Unzufriedenheit darüber, daß drei Monate lang nichts für sie geschehen war, empört; sie waren nicht mehr zu zügeln, und es galt in diesem Augenblick, ›zwischen der Vernichtung der Gesellschaft und einigen Zugeständnissen‹ zu wählen. Diese Zugeständnisse formulierte der Vicomte von Noailles folgendermaßen: die Gleichheit aller Personen vor der Steuer, die im Verhältnis des Einkommens gezahlt werden sollte; alle öffentlichen Lasten sollten von allen getragen werden; ›alle Feudalrechte von den (ländlichen) Gemeinden‹ gemäß dem Durchschnitt des Jahreseinkommens abgelöst werden, und endlich ›die Abschaffung der herrschaftlichen Fronden, der toten Hand und andrer persönlicher Servituten ohne Entschädigung‹. Man muß auch hinzufügen, daß seit einiger Zeit die persönlichen Servituten von den Bauern nicht mehr gezahlt worden waren. Man hat zum Zeugnis dafür unzweifelhafte Erklärungen der Intendanten. Nach der Empörung vom Juli war es klar, daß sie überhaupt nicht mehr gezahlt werden würden – ob die Herren darauf verzichtet hatten oder nicht. Nun, diese Zugeständnisse, wie sie der Vicomte von Noailles vorgeschlagen hatte, wurden noch eingeschränkt, von den Adligen wie von den Bürgerlichen, von denen sehr viele Grundbesitz hatten, der Feudalansprüche mit sich brachte. Der Herzog von Aiguillon, der Noailles auf der Tribüne folgte und den die oben genannten Adligen als ihren Wortführer erwählt hatten, sprach mit Sympathie von den Bauern; er entschuldigte ihren Aufstand; aber warum? Um hinzuzusetzen: ›Der barbarische Rest Feudalgesetze, die noch in Frankreich in Kraft sind, stellt, man kann es sich nicht verhehlen, ein Eigentum vor, und alles Eigentum ist heilig . Die Billigkeit verbietet, von jemandem den Verzicht auf ein Eigentum zu verlangen, ohne dem Eigentümer eine angemessene Entschädigung zu gewähren.‹ Aus diesem Grunde milderte der Herzog von Aiguillon die Wendung Noailles' hinsichtlich der Steuern und sagte, alle Bürger müßten sie ›ihrem Vermögen entsprechend‹ tragen. Und in betreff der Feudallasten verlangte er, daß all diese Lasten – die persönlichen ebenso wie die andern – von den Vasallen, ›wenn sie es wünschten‹, zum dreißigfachen Ertrag abgelöst würden, das heißt, der Betrag der Abgabe, wie sie jetzt jährlich bezahlt würde, sollte verdreißigfacht werden! Das hieß die Ablösung illusorisch machen, denn für Grundrenten ist eine 25fache Ablösung schon sehr drückend und im Handel kapitalisiert sich eine Grundrente gewöhnlich 20fach oder auch nur 17fach. Diese beiden Reden nun wurden von den Herren des dritten Standes mit Begeisterung aufgenommen, und sie sind als Akte erhabener Entsagung von Seiten des Adels zur Nachwelt übergegangen, während in Wirklichkeit die Nationalversammlung, die dem Programm, das der Herzog von Aiguillon entworfen hatte, folgte, damit gerade die Grundlage zu den schrecklichen Kämpfen schuf, die späterhin die Revolution so blutig machten. Die paar Bauern, die es in dieser Versammlung gab, traten nicht auf, um den geringen Wert der ›Verzichte‹ der Adligen zu zeigen; und die Masse der Abgeordneten des dritten Standes, die zum größten Teil Städter waren, hatte nur eine sehr unbestimmte Vorstellung, was es mit den Feudallasten auf sich hatte und ebenso über die Stärke des Bauernaufstandes. Ihnen kam der Verzicht auf die Feudalrechte, selbst unter der Bedingung der Ablösung, schon wie ein erhabenes Opfer vor, das der Revolution gebracht wurde. Le Guen de Kérengall, ein bretonischer Abgeordneter, der ›als Bauer gekleidet‹ war, sprach dann schöne und ergreifende Worte. Diese Worte, wie er von den ›verruchten Pergamenten‹ sprach, die die Verpflichtungen zu persönlichen Leistungen enthielten und Überreste der Leibeigenschaft wären, ließen die Herzen erzittern und lassen sie noch erzittern. Aber auch er griff die Ablösung der Feudallasten nicht an, worunter auch jene selben ›verruchten Servituten‹ begriffen waren, die ›in den Zeiten der Unwissenheit und Finsternis‹ auferlegt worden waren und deren Ungerechtigkeit er so beredt aufdeckte. Es ist nicht zu leugnen, daß das Schicksal, das die Nationalversammlung in dieser Nacht des 4. August bot, schön gewesen sein muß, denn man sah, wie die Vertreter des Adels und des Klerus auf Privilegien verzichteten, die sie jahrhundertelang ohne Widerspruch ausgeübt hatten. Die Gebärde, die Worte waren wundervoll, als die Adligen auf ihre Steuerprivilegien verzichteten, als die Priester aufstanden und auf den Zehnten verzichteten, als die ärmsten Geistlichen ihre Nebeneinkünfte, die großen Herren ihre herrschaftliche Gerichtsbarkeit aufgaben und als alle auf das Jagdrecht verzichteten und das Verbot der Taubenschläge forderten, über die sich die Bauern so beschwerten. Es war auch schön zu sehen, wie ganze Provinzen auf Privilegien verzichteten, die ihnen eine Ausnahmestellung im Reiche geschaffen hatten. So wurden die ständischen Provinzen unterdrückt, und die Privilegien der Städte, von denen einige Feudalrechte in den benachbarten Landbezirken besaßen, wurden abgeschafft. Die Vertreter des Dauphiné (dort war, wie wir gesehen haben, die Erhebung mächtiger und allgemeiner gewesen) hatten damit angefangen, diese Unterschiede zwischen den Provinzen abzuschaffen, die andern folgten. Alle Zeugen dieser denkwürdigen Sitzung geben eine begeisterte Schilderung davon. Nachdem der Adel die Ablösung der Feudalrechte im Prinzip angenommen hat, wird der Klerus aufgefordert, sich zu äußern. Der Klerus nimmt die Ablösung der kirchlichen Feudalverpflichtungen unter der Bedingung völlig an, daß der Ablösungspreis im Schoß des Klerus keine persönlichen Vermögen schaffen, sondern das Ganze zu Werken des allgemeinen Besten verwendet werden solle. Ein Bischof spricht dann von dem Schaden, den die Jagdmeuten der Herren in den Feldern der Bauern tun, und verlangt die Abschaffung des Jagdprivilegs – und sofort gibt der Adel mit einem mächtigen und leidenschaftlichen Zuruf seine Zustimmung. Die Begeisterung hat ihren Gipfel erreicht, und wie die Versammlung sich um zwei Uhr nachts trennt, fühlt jeder, daß die Grundlagen zu einer neuen Gesellschaft gelegt worden sind. Fern von uns sei der Gedanke, die Tragweite dieser Nacht verkleinern zu wollen. Es bedarf der Begeisterung dieser Art, damit die Dinge vorwärtsgehen. In der Revolution war es von Wichtigkeit, die Begeisterung hervorzurufen, solche Worte auszusprechen, die die Herzen erzittern ließen. Die Tatsache allein, daß der Adel, die Geistlichkeit und alle möglichen Privilegierten in dieser Nachtsitzung auftraten und die Fortschritte der Revolution anerkannten; daß sie beschlossen, sich zu unterwerfen, anstatt sich gegen sie zu bewaffnen, – diese Tatsache allein war schon ein Sieg des menschlichen Geistes. Sie war es um so mehr, als der Verzicht enthusiastisch stattfand. Allerdings beim Glanze der brennenden Schlösser: aber wie oft hat solcher Glanz die Privilegierten nur zu hartnäckigem Widerstand, zu Haß und Gemetzel getrieben! In der Nacht des 4. August brachte dieser ferne Glanz andere Worte hervor – Worte der Sympathie für die Empörer – und andere Taten – Taten der Beruhigung. Das kam daher, daß seit dem 14. Juli der Geist der Revolution – das Resultat all der Gärung, die in Frankreich hervorgebrochen war – über allem schwebte, was Leben und Regung in sich hatte, und dieser Geist, das Ergebnis millionenfachen Willens, gab den Aufschwung, der den Menschen in gewöhnlichen Zeiten fehlt. Aber nachdem wir die schönen Wirkungen der Begeisterung gezeigt haben, die die Revolution hervorbringen mußte, muß der Historiker noch einen ruhigen Blick auf die Vorgänge werfen und muß sagen, wie weit die Begeisterung ging und welche Schranke sie nicht zu überschreiten wagte, muß zeigen, was sie dem Volke gab und was sie ablehnte, ihm zu bewilligen. Ein allgemeiner Charakterzug genügt schon, diese Schranke zu bezeichnen. Die Versammlung sanktionierte nur im Prinzip und verallgemeinerte, was das Volk in manchen Gegenden schon selbst durchgesetzt hatte. Und sie ging nicht darüber hinaus. Erinnern wir uns, was das Volk in Straßburg und andern Städten schon getan hatte. Es hatte, wie wir gesehen haben, alle Einwohner, Adlige und Bürgerliche, der Steuer unterworfen und die Einkommensteuer proklamiert: die Versammlung nahm das im Prinzip an. Es hatte alle Ehrenämter abgeschafft – und die Adligen verzichteten am 4. August darauf: sie akzeptierten den revolutionären Akt. Das Volk hatte auch die herrschaftliche Gerichtsbarkeit abgeschafft und seine Richter selbst durch Wahl ernannt: die Versammlung akzeptierte auch das. Endlich hatte das Volk die Privilegien der Städte und die Steuerschranken der Provinzen abgeschafft – das war im Osten geschehen –, und jetzt verallgemeinerte die Versammlung im Prinzip die Tatsache, die in einem Teil des Königreichs schon durchgesetzt war. Was das Land angeht, akzeptierte der Klerus im Prinzip, daß der Zehnte abgelöst wurde; aber in wie vielen Orten zahlte ihn das Volk schon gar nicht mehr! und wenn die Versammlung nächstens verlangen wird, er müsse bis 1791 bezahlt werden, muß man zur Androhung der Exekution seine Zuflucht nehmen, um die Bauern zum Gehorsam zu zwingen. Freuen wir uns ohne Zweifel, daß der Klerus sich der Abschaffung des Zehnten – vermittelst der Ablösung – unterworfen hat; aber sagen wir auch, daß der Klerus außerordentlich viel besser getan hätte, wenn er nicht auf der Ablösung bestanden hätte. Wieviel Kämpfe, wieviel Haß, wieviel Blut hätte er erspart, wenn er den Zehnten aufgegeben hätte und sich dafür, um leben zu können, an die Nation oder noch besser an die Mitglieder seiner Kirchengemeinde gehalten hätte! Und hinsichtlich der Feudalrechte – welche Kämpfe hätten vermieden werden können, wenn die Versammlung, anstatt den Antrag des Herzogs von Aiguillon anzunehmen, nur schon am 4. August 1789 den im Grunde sehr bescheidenen des Vicomte de Noailles angenommen hätte: die Abschaffung der persönlichen Lasten ohne Ablösung und Ablösung nur der Zinsen, die an den Grund und Boden geknüpft waren! Wieviel Blut mußte im Verlauf von drei Jahren vergossen werden, bis zum Jahr 1792, um das zu erreichen! Ohne von den heißen Kämpfen zu reden, die geführt werden mußten, um 1793 die völlige Abschaffung der Feudalrechte durchzusetzen. Aber tun wir für den Augenblick, was die Menschen von 1789 taten. Alles war nach dieser Sitzung voller Freude. Alle wünschten sich Glück zu dieser Bartholomäusnacht der Feudalmißbräuche. Und das beweist uns, was es in einer revolutionären Periode bedeutet, ein neues Prinzip anzuerkennen oder wenigstens zu proklamieren. Kuriere aus Paris brachten in der Tat die große Nachricht in die entferntesten Winkel Frankreichs: ›Alle Feudalrechte sind abgeschafft!‹ Denn so wurden die Beschlüsse der Nationalversammlung vom Volk aufgefaßt, und so war auch der erste Artikel des Beschlusses vom 5. August abgefaßt! Alle Feudalrechte sind abgeschafft! Keine Zehnten mehr! Keine Grundzinsen, keine Abgaben bei Kauf und Verkauf, keine Kehrzehnten, keine Kopfsteuer! Kein Jagdrecht! Nieder mit den Taubenhäusern! Alles Wild gehört jedermann! Keine Adligen schließlich mehr, keine Privilegierten irgendwelcher Art: alle gleich vor dem Richter, den alle gewählt haben! So zum mindesten faßte man in der Provinz die Nacht des 4. August auf; und lange bevor die Beschlüsse des 5. bis 11. August von der Versammlung redigiert waren, und ehe die Grenze zwischen dem, was abgelöst werden mußte, und dem, was von Stund an verschwand, bestimmt und bezeichnet war, lange bevor diese Akte und Verzichte in Gesetzesartikeln formuliert waren, brachten schon die Kuriere dem Bauern die gute Botschaft. Von jetzt an – ob man ihn erschießt oder nicht – wird er nichts mehr zahlen. Der Bauernaufstand nimmt jetzt einen neuen Aufschwung. Er verbreitet sich über Provinzen, die bis dahin ruhig geblieben waren, wie die Bretagne. Und wenn die Eigentümer die Bezahlung gleichviel welcher Abgaben verlangen, bemächtigen sich die Bauern ihrer Schlösser und verbrennen alle Archive und Grundbücher. Sie wollen sich den Augustdekreten nicht unterwerfen und zwischen ablöspflichtigen und abgeschafften Rechten nicht unterscheiden, sagt Duchatellier. Überall, in ganz Frankreich, werden die Taubenhäuser zerstört und das Wild weggeschossen. Man aß sich jetzt satt in den Dörfern, und man ergriff Besitz von den ehemaligen Gemeindeländereien, die die Herren an sich gerissen hatten. Damals zeigte sich im Osten Frankreichs zuerst der Vorgang, der während der nächsten zwei Jahre die Revolution beherrschen wird: das Bürgertum wendet sich gegen die Bauern. Die liberalen Historiker übergehen das mit Stillschweigen, aber es handelt sich um eine Tatsache von größter Wichtigkeit, die wir hervorheben müssen. Wir haben gesehen, die Bauernerhebung hatte ihre größte Macht im Dauphiné und überhaupt im Osten erreicht. Die Reichen, die Grundherren flohen, und Necker klagte, er habe in vierzehn Tagen 6000 Pässe für reiche Leute ausstellen müssen. Die Schweiz war von ihnen überschwemmt. Aber die mittlere Bourgeoisie blieb, bewaffnete sich und organisierte ihre Milizen; und die Nationalversammlung beschloß bald (am 10. August) eine drakonische Maßregel gegen die aufständigen Bauern. Unter dem Vorgeben, der Aufstand sei das Werk von Räubern, autorisierte sie die Stadtverwaltungen, Truppen zu requirieren, alle Menschen ohne Beruf und Domizil zu entwaffnen, die Banden auseinanderzusprengen und sie summarisch zu verurteilen. Das Bürgertum des Dauphiné machte in weitem Umfang Gebrauch von diesen Rechten. Als eine Schar aufständiger Bauern von Burgund herankam und die Schlösser niederbrannte, verbanden sich die Bürger der Städte und Dörfer gegen sie. Eine dieser Banden, sagen die Deux Amis de la Liberté, wurde bei Cormatin am 27. Juli geschlagen, und es gab 20 Tote und 60 Gefangene. In Cluny gab es 100 Tote und 160 Gefangene. Die Stadtverwaltung von Mâcon lieferte den Bauern, die sich weigerten, den Zehnten zu zahlen, regelrechten Krieg und hing zwanzig von ihnen an den Galgen. In Douai wurden zwölf Bauern gehängt; in Lyon bekämpfte die Bürgerschaft die Bauern, tötete 80 und machte 60 Gefangene. Der Obervogt des Dauphiné durchzog das ganze Land und ließ die aufständigen Bauern hängen (Buchez et Roux, II, 244). In der Provinz Rouergue rief die Stadt Milhaud die benachbarten Städte zu Hilfe und forderte sie auf, sich ›gegen die Räuber und die, die sich weigern, die Abgaben zu zahlen‹, zu bewaffnen (Courrier parisien, Sitzung vom 19. August 1789, S. 1729). Kurz, man sieht an diesen wenigen Tatsachen, deren Zahl ich leicht vergrößern könnte, daß da, wo die Bauernbewegung am heftigsten war, das Bürgertum sich daran machte, sie zu unterdrücken; und es hätte darin ohne Zweifel großen Erfolg gehabt, wenn die Nachrichten, die nach der Nacht des 4. August aus Paris kamen, dem Ausstand nicht neue Kräfte gegeben hätten. Die Bauernerhebung wird, wie es scheint, im September und Oktober, vielleicht wegen der Feldarbeiten, schwächer; aber im Januar 1790 hatte, wie wir aus dem Bericht des Feudalrechtsausschusses ersehen, die Jacquerie sich wieder tüchtig erholt, wahrscheinlich im Zusammenhang mit eingeforderten Zahlungen. Die Bauern wollten sich der Unterscheidung, die die Nationalversammlung zwischen den Lasten, die an das Grundstück geknüpft waren, und den persönlichen Verpflichtungen gemacht hatte, nicht fügen, und sie erhoben sich, um gar nichts mehr zu zahlen. Wir kommen auf diesen wichtigen Gegenstand in einem der nächsten Kapitel zurück. 18. Die Feudalrechte bleiben Als die Nationalversammlung am 5. August zusammentrat, um die Verzichte, die in der historischen Nacht des vierten gemacht worden waren, in die Form von Beschlüssen zu bringen, konnte man sehen, bis zu welchem Grade diese Versammlung eigentumsfreundlich war; wie sie jeden pekuniären Vorteil zu verteidigen suchte, der an diese selben feudalen Privilegien geknüpft war, die sie einige Stunden vorher aufgegeben hatte. Es gab in Frankreich noch unter den Namen wie tote Hand, Bannherrlichkeit (main-morte, banalité) usw. Reste der alten Leibeigenschaft. Es gab der toten Hand Unterworfene in der Franche-Comté, dem Nivernais, dem Bourbonnais. Sie waren Leibeigene im eigentlichen Sinn des Wortes; sie konnten ihre Güter nicht verkaufen und nicht vererben, außer an die ihrer Kinder, die mit ihnen zusammen lebten. Sie blieben also, samt ihren Nachkommen, an die Scholle gebunden. Wie viele es waren, weiß man nicht genau, aber man hält die Zahl dreihunderttausend, die Boncerf gibt, für die wahrscheinlichste (Sagnac, La législation civile de la Révolution française, S. 59, 60). Neben diesen der toten Hand Unterworfenen gab es eine sehr große Zahl freie Bauern und selbst Städter, die nichtsdestoweniger unter dem Zwang persönlicher Verpflichtungen geblieben waren, entweder gegen ihre früheren Herren oder gegen die Herren der Ländereien, die sie gekauft oder gepachtet hatten. Man schätzt, daß im allgemeinen die Privilegierten – Adel und Klerus – die Hälfte der Grundstücke aller Dörfer besessen haben; aber außer diesen Grundstücken, die ihr Eigentum waren, waren sie noch im Besitz verschiedener Feudalrechte über die Grundstücke, die die Bauern besaßen. Die kleinen Besitzer, so sagen uns die Leute, die diese Frage studiert haben, sind in dieser Zeit in Frankreich schon sehr zahlreich; aber es sind ihrer wenige, sagt Sagnac, die ›es als freies Gut besitzen, die nicht wenigstens einen Zins oder eine andere Abgabe schulden, das Erkennungszeichen herrschaftlichen Landes‹. Fast alle Grundstücke zahlen irgendeinem Herrn etwas, sei es in barem Geld oder als Teil der Ernte oder als Fronarbeit. Diese Verpflichtungen waren sehr mannigfaltig, aber sie teilten sich in fünf Kategorien: 1. die persönlichen Verpflichtungen, die oft sehr demütigend waren, – Reste der Leibeigenschaft (in einigen Orten mußten zum Beispiel, wie wir gesehen haben, die Bauern nachts die Teiche schlagen, damit die Frösche den Herrn nicht im Schlaf störten); 2. die Abgaben in Geld und die Leistungen aller Art in natura oder in Arbeit, die für eine wirkliche oder angebliche Abtretung des Bodens geschuldet waren: das waren die tote Hand und der dingliche Frondienst, der Lehenzins, der Kehrzehnt, die Grundrente, die Abgaben bei Kauf und Verkauf; 3. verschiedene Zahlungen, die sich aus den Monopolen der Herren ergaben; das will sagen, daß diese von denen, die sich der Vorratsräume oder der Maße des Herrn, der Mühle, der Kelter, des Backofens bedienten, gewisse Zölle, gewisse Oktrois oder gewisse Steuern erhoben; 4. die Gerichtsgebühren, die der Herr da, wo ihm die Gerichtsbarkeit gehörte, erhob, Auflagen, Geldbußen usw., und endlich 5. besaß der Herr das ausschließliche Jagdrecht auf seinen Ländereien und denen der benachbarten Bauern, und ebenso das Recht, Taubenhäuser und Gehege zu halten, die ein sehr gesuchtes Ehrenvorrecht bildeten. Alle diese Rechte waren im höchsten Grade vexatorisch: kosteten den Bauern viel, auch wenn sie dem Herrn wenig oder nichts einbrachten. Und es ist eine Tatsache, die Boncerf in seinem bemerkenswerten Buche: ›Les inconvénients des droits féodaux‹ (S. 51) betont, daß seit 1776 die ganz verarmten Grundherren und besonders ihre Verwalter angefangen hatten, aus den Pächtern, Zinspflichtigen und Bauern im allgemeinen möglichst viel erpressen zu wollen. Im Jahre 1786 gab es sogar eine ziemlich allgemeine Revision der Grundbücher, um die Feudalabgaben zu vermehren. Nachdem nun also die Nationalversammlung die Abschaffung all dieser veralteten Überreste des Feudalsystems ausgesprochen hatte, zögerte sie, als es galt, diese Verzichtleistungen in konkrete Gesetze umzuwandeln: sie nahm Partei für die Eigentümer. So hätte man zum Beispiel meinen sollen, daß, nachdem die Herren die tote Hand geopfert hatten, nicht mehr die Rede davon sein durfte: es tat weiter nichts not, als diesen Verzicht in die Form des Dekrets zu bringen. Aber selbst über diese Frage erhoben sich Debatten. Man suchte einen Unterschied festzusetzen zwischen der persönlichen toten Hand, die ohne Entschädigung abgeschafft werden sollte, und der dinglichen (die an den Boden geknüpft und durch Pacht oder Ankauf des Grundstücks übertragen war), die abgelöst werden sollte. Und als die Versammlung endlich entschied, alle die feudalen und zinsenden Rechte und Pflichten ohne Entschädigung abzuschaffen, ›die zur dinglichen oder persönlichen toten Hand und zur persönlichen Dienstbarkeit gehören‹, – da mußte selbst darüber noch ein Zweifel beseitigt werden, – nämlich in allen Fällen, wo es schwierig war, die Rechte der toten Hand von den feudalen im allgemeinen zu unterscheiden. Das nämliche Zögern entstand in der Frage der geistlichen Zehnten. Man weiß, daß die ›Zehnten‹ sehr oft bis zu einem Fünftel oder selbst einem Viertel aller Ernteerträge stiegen und daß der Klerus selbst seinen Anteil am Heu, an den Haselnüssen usw. einforderte. Diese Zehnten drückten auf die Bauern sehr hart und besonders auf die Armen. Nun hatte also am 4. August der Klerus seinen Verzicht auf alle Zehnten in natura erklärt, unter der Bedingung, daß diese Zehnten von denen, die ihn bezahlt hatten, abgelöst würden. Aber da man weder die Bedingungen der Ablösung noch das Verfahren, wonach die Ablösung sich vollziehen sollte, feststellte, bedeutete der Verzicht in Wirklichkeit nur ein frommes Versprechen. Der Klerus akzeptierte die Ablösung; er gestattete den Bauern, die Zehnten abzulösen, wenn sie es wollten, und sich über die Preise mit den Besitzern dieser Zehnten auseinanderzusetzen. Aber als man am 6. August den Beschluß über die Zehnten redigieren wollte, stieß man auf eine Schwierigkeit. Es gab Zehnten, die der Klerus im Lauf der Jahrhunderte an Privatleute verkauft hatte, und diese Zehnten hießen weltliche oder feudalisierte. Für diese hielt man die Ablösung für unbedingt nötig, um das Eigentumsrecht des letzten Käufers zu achten. Noch schlimmer. Die Zehnten, die die Bauern dem Klerus selbst zahlten, wurden in der Versammlung von manchen Rednern als eine Steuer hingestellt, die die Nation zahlte, um ihre Geistlichkeit zu unterhalten; und allmählich drang in der Debatte die Meinung durch, es könne erst von der Ablösung dieser Zehnten die Rede sein, wenn die Nation es übernommen hätte, dem Klerus regelmäßige Gehälter zu geben. Diese Debatte dauerte bis zum 11. August, an dem mehrere Geistliche, denen die Erzbischöfe folgten, erklärten, sie brächten die Zehnten dem Vaterland zum Opfer und versähen sich dafür zur Gerechtigkeit und zum Edelmut der Nation. Es wurde also beschlossen, die dem Klerus bezahlten Zehnten wären abgeschafft; aber bis man die Mittel gefunden hätte, die Kultusausgaben auf andere Weise zu bestreiten, sollten die Zehnten wie bisher weiter bezahlt werden . Die feudalisierten Zehnten sollten bezahlt werden, bis sie abgelöst wären! Man kann sich denken, was das für die Bauern für eine schreckliche Enttäuschung war und zu welchen Unruhen es führte. In der Theorie hob man die Zehnten auf, aber in Wirklichkeit sollten sie wie vorher eingetrieben werden. – »Bis wann?« fragten die Bauern; und man antwortete ihnen: »Bis man die Mittel gefunden hat, die Geistlichen in anderer Weise zu bezahlen!« Und da es um die Finanzen des Königreichs immer schlechter stand, fragte sich der Bauer mit Recht, ob die Zehnten jemals abgeschafft würden. Der Stillstand der Arbeit und der revolutionäre Aufruhr hemmten ersichtlich das Eingehen der Steuern, während die Ausgaben für das neue Rechtswesen und die neue Verwaltung sich mit Notwendigkeit vergrößerten. Die demokratischen Reformen sind teuer, und erst nach geraumer Zeit kommt eine Nation, die sich in Revolution befindet, dazu, die Kosten dieser Reformen zu decken. Inzwischen mußte der Bauer die Zehnten bezahlen, und bis zum Jahre 1791 verlangte man sie aufs strengste von ihm. Und da der Bauer sie nicht mehr zahlen wollte, gab es Gesetz über Gesetz und Strafen über Strafen, die die Versammlung gegen die Rückständigen dekretierte. Dieselbe Bemerkung ist mit Bezug auf das Jagdrecht zu machen. In der Nacht zum 4. August hatten die Adligen auf ihr Jagdrecht verzichtet. Aber als man formulieren wollte, was das besagte, merkte man, es bedeutete, das Jagdrecht allen geben . Davor schreckte die Versammlung zurück, und sie dehnte nur das Jagdrecht auf alle Eigentümer aus, oder vielmehr auf die Besitzer von Grundstücken ›auf ihren Ländereien‹. Indessen ließ man auch da noch Unbestimmtheit über der Formel schweben, zu der man sich endgültig entschloß. Die Versammlung schaffte das ausschließliche Jagdrecht und das ausschließliche Recht auf offene Gehege ab, aber sie sagte: ›Jeder Eigentümer hat, aber nur auf seinem Erbe, das Recht, Wild jeglicher Art zu töten oder töten zu lassen.‹ Bezog sich diese Erlaubnis auch auf die Pächter? Das war zweifelhaft. Indessen wollten die Bauern sich nicht aufs Warten verlegen und sich auch nicht mit prozeßlustigen Advokaten einlassen. Unmittelbar nach dem 4. August fingen sie an, überall das Wild der Herren zu jagen. Nachdem sie lange Jahre hindurch zugesehen hatten, wie das Wild ihre Ernten aufaß, töteten sie nun selbst die Räuber, ohne eine Erlaubnis dafür abzuwarten. Was nun endlich die Hauptsache angeht – die große Frage, die mehr als zwanzig Millionen Franzosen leidenschaftlich erregte, die Feudalrechte –, da beschränkte sich die Versammlung, als sie die Verzichtleistungen der Nacht des 4. August in Beschlußform brachte, darauf, lediglich ein Prinzip auszusprechen. ›Die Nationalversammlung macht dem Feudalwesen völlig ein Ende‹, sagte der erste Artikel des Beschlusses vom 5. August. Aber die Folge der Artikel in den Beschlüssen vom 5. bis 11. August erklärte, daß nur die persönlichen Dienstbarkeiten, als der Ehre abträglich, völlig verschwanden. Alle anderen Lasten, gleichviel welchen Ursprungs und welcher Natur sie waren, blieben. Sie konnten eines Tages abgelöst werden, aber nichts in den Augustbeschlüssen teilte mit, weder wann, noch unter welchen Bedingungen das vor sich gehen sollte. Keinerlei Termin war gesetzt. Nicht die geringste Andeutung über das gesetzliche Verfahren, mittelst dessen die Ablösung bewirkt werden sollte, war gemacht. Nichts, nichts als das Prinzip, das Desideratum . Und inzwischen mußte der Bauer wie von alters alles weiter zahlen. Es war noch etwas Schlimmeres in diesen Beschlüssen vom August 1789. Sie öffneten einer Maßnahme die Tür, durch die die Ablösung unmöglich gemacht werden konnte, und das tat die Versammlung sieben Monate später. Im Februar 1790 machte sie dem Bauern die Ablösung unannehmbar, indem sie ihm die solidarische Ablösung aller Grundrenten auferlegte. Sagnac hat (S. 90 seines trefflichen Werkes) die Bemerkung gemacht, daß Demeunier schon am 6. und 7. August eine Maßregel dieser Art vorgeschlagen hatte. Und die Versammlung machte, wie wir sehen werden, im Februar ein Gesetz, nach dem es unmöglich wurde, die Lasten, die an den Grund und Boden geknüpft waren, abzulösen, ohne zu gleicher Zeit die persönlichen Verpflichtungen abzulösen, die doch seit dem 5. August 1789 abgeschafft waren. Die Historiker, die von der Begeisterung, mit der Paris und Frankreich die Nachricht von dieser Sitzung in der Nacht des 4. August aufgenommen hatten, mit fortgerissen waren, haben die Tragweite der Einschränkungen nicht genügend hervortreten lassen, die die Nationalversammlung dem ersten Paragraphen ihres Beschlusses in ihren ferneren Sitzungen vom 5. bis 11. August hinzufügte. Selbst Louis Blanc, der doch in seinem Kapitel ›Das Eigentum und die Revolution‹ (Zweites Buch, erstes Kapitel) die nötigen Daten zur Beurteilung des Inhaltes der Augustbeschlüsse liefert, scheint zu zaudern, die schöne Legende zu zerstören, und gleitet über die Einschränkungen weg oder sucht sie sogar zu entschuldigen, wenn er sagt: ›Die Logik der Tatsachen ist in der Geschichte weit entfernt davon, so schnell vor sich zu gehen, wie die der Ideen im Kopf eines Denkers.‹ Aber es ist Tatsache, daß diese Unbestimmtheit, diese Unsicherheit und diese Verzögerungen, die von der Versammlung den Bauern auferlegt wurden, als sie runde, klare, bestimmte Maßnahmen zur Abschaffung der alten Mißbräuche verlangten, die Ursache der schrecklichen Kämpfe wurden, die in den folgenden vier Jahren eintraten. Erst nach der Vertreibung der Girondisten wurde die Frage der Feudalrechte im ganzen wieder aufgenommen und im Sinne des ersten Artikels des Beschlusses vom 4. August zur Lösung gebracht. Es kann sich nicht darum handeln, heute, nach mehr als hundert Jahren, gegen die Nationalversammlung Beschwerden vorzubringen. In Wahrheit hat die Versammlung alles getan, was man von einer Versammlung von Besitzenden und wohlsituierten Bürgern erwarten konnte; vielleicht hat sie sogar mehr getan. Sie brachte ein Prinzip in die Welt, und dadurch lud sie sozusagen ein, weiterzugehen. Aber es ist wichtig, sich über diese Einschränkungen klarzuwerden, denn wenn man den Artikel, der die völlige Vernichtung des Feudalwesens ankündigte, buchstäblich nimmt, läuft man Gefahr, von den ganzen vier folgenden Jahren der Revolution nichts zu verstehen, und noch weniger von den Kämpfen, die 1793 im Konvent ausbrachen. ### Ungeheuer waren diese Widerstände, denen diese Beschlüsse begegneten. Wenn sie in keiner Weise den Bauern genugtun konnten und wenn sie das Signal zu einer lebhaften Verstärkung des Bauernaufstandes wurden, – sahen die Adligen, die hohe Geistlichkeit und der König in diesen Beschlüssen die Ausraubung der Geistlichkeit und des Adels. Von diesem Tage an begann die unterirdische Wühlarbeit, die sich, ohne nachzulassen und mit stets wachsender Wut, gegen die Revolution richtete. Die Nationalversammlung glaubte, die Rechte des Grundeigentums sicherzustellen. Zu gewöhnlichen Zeiten hätte ein Gesetz dieser Art dieses Ziel auch erreicht. Aber die, die an Ort und Stelle waren, begriffen, daß die Nacht des 4. August einen Keulenschlag gegen alle Feudalrechte bedeutete und daß die Augustbeschlüsse die Herren dieser Rechte beraubten, auch wo sie ihre Ablösung vorschrieben. Die Gesamtheit dieser Beschlüsse, die Abschaffung der Zehnten, der Jagdrechte und anderer Privilegien inbegriffen, zeigte dem Volk, daß die Interessen des Volks den im Lauf der Geschichte erworbenen Eigentumsrechten vorgehen müßten. Sie enthielten im Namen des Rechts die Verurteilung aller ererbten Privilegien des Feudalismus. Und fernerhin konnte nichts diese Rechte im Geiste der Bauern wiederherstellen. Der Bauer verstand, daß diese Lasten verurteilt waren, und hütete sich, sie abzulösen. – Er hörte ganz einfach auf, sie zu zahlen. Aber die Nationalversammlung, der der Mut gefehlt hatte, entweder die Feudallasten ganz abzuschaffen oder einen Ablösungsmodus festzusetzen, der für die Bauern annehmbar war, schuf gerade dadurch die zweideutigen Zustände, die in ganz Frankreich den Bürgerkrieg hervorbrachten. Einerseits verstanden die Bauern, es brauchte nichts abgelöst und nichts bezahlt zu werden: man müßte die Revolution fortführen, um die Feudallasten ohne Ablösung abzuschaffen. Andrerseits verstanden die Reichen, daß die Augustbeschlüsse nichts besagten, daß noch nichts Tatsächliches vorlag, außer daß die tote Hand und die Jagdrechte geopfert waren, und daß es ihnen, wenn sie sich der Gegenrevolution und dem König als ihrem Repräsentanten anschlossen, vielleicht gelingen könnte, ihre Feudalrechte und ebenso die Ländereien zu behalten, die sie und ihre Vorfahren den Dorfgemeinden weggenommen hatten. Der König hatte, vermutlich unter dem Einfluß seiner Ratgeber, sehr wohl begriffen, welche Rolle er in der Gegenrevolution als Sammelpunkt für den Schutz der Feudalprivilegien spielen mußte, und so beeilte er sich, dem Erzbischof von Arles zu schreiben, er werde, wenn er nicht gewaltsam gezwungen würde, den Augustbeschlüssen niemals seine Zustimmung geben. ›Das Opfer (der zwei oberen Stände) ist schön‹, sagte er; ›aber ich kann es lediglich bewundern; ich werde niemals die Hand dazu bieten, meine Geistlichkeit, meinen Adel zu berauben. Ich werde Beschlüssen, die dazu bestimmt sind, sie zu berauben, meine Zustimmung keinesfalls geben ...‹ Und er verweigerte seine Zustimmung, bis er vom Volk als Gefangener nach Paris geführt wurde. Und selbst als er sie gab, tat er im Einvernehmen mit den Besitzenden, der Geistlichkeit, dem Adel und dem Bürgertum, alles, damit diese Erklärungen nicht die Form von Gesetzen annehmen sollten und toter Buchstabe blieben. ### Anmerkung über die Frage der Zustimmung des Königs zu den Beschlüssen vom 4. August. – Mein Freund James Guillaume , der die große Freundlichkeit hatte, mein Manuskript zu lesen, hat über die Frage der königlichen Zustimmung zu den Beschlüssen vom 4. August eine Anmerkung verfaßt, die ich im folgenden vollständig wiedergebe: ›Die Nationalversammlung übte gleichzeitig die konstituierende und die gesetzgebende Gewalt aus; und sie hatte zu wiederholten Malen erklärt, ihre Akte als konstituierende Gewalt seien unabhängig von der Autorität des Königs; nur die Gesetze bedurften der Zustimmung des Königs (sie nannten sich vor der königlichen Zustimmung Dekret , nachher Gesetz ). Die Akte des 4. August waren ihrer Natur nach konstituierende ; die Versammlung redigierte sie in Form von Beschlüssen , aber sie dachte keinen Augenblick daran, es könne eine Erlaubnis des Königs dazu nötig sein, daß die Privilegierten auf ihre Privilegien verzichteten. Der Charakter dieser Beschlüsse – oder dieses Beschlusses, denn man spricht bald in der Mehrzahl, bald in der Einzahl davon – wird durch den letzten, den neunzehnten Artikel bezeichnet, in dem es heißt: ›Die Nationalversammlung wird sich unmittelbar nach der Konstitution mit der Redaktion der Gesetze beschäftigen, die für die Durchführung der Prinzipien nötig sind, die sie durch gegenwärtigen Beschluß festgesetzt hat, der unverzüglich von den Herren Abgeordneten in alle Provinzen verschickt werden soll‹ usw. – Am 11. August ist die Redaktion der Beschlüsse fertig und definitiv angenommen; zur gleichen Zeit verlieh die Versammlung dem König den Titel ›Wiederhersteller der französischen Freiheit‹ und ordnete ein Te Deum an, das in der Schloßkapelle gesungen werden sollte. Am 12. fragt der Präsident (Le Chapelier) beim König an, wann er die Versammlung für das Te Deum empfangen will; der König setzt den 13. August mittags fest. Am 13. begibt sich die ganze Versammlung ins Schloß; der Präsident hält eine Rede; er begehrt nicht im geringsten die königliche Zustimmung; er setzt dem König auseinander, was die Versammlung getan hat, und verkündet ihm den Titel, den sie ihm verliehen hat; Ludwig XVI. antwortet, er nehme den Titel dankbar an; er beglückwünscht die Versammlung und spricht ihr sein Vertrauen aus. Darauf wird das Te Deum in der Kapelle gesungen. Was der König insgeheim dem Erzbischof von Arles geschrieben hat, um eine abweichende Stimmung auszudrücken, kann uns nicht kümmern: hier handelt es sich nur um seine öffentlichen Akte. In der ersten Zeit also nicht die geringste öffentliche Opposition des Königs gegen die Beschlüsse vom 4. August. Aber als man sich am Samstag, dem 12. September, mit den Unruhen beschäftigte, die Frankreich erschütterten, hielt es die patriotische Partei für gut, um sie zu dämpfen, die Beschlüsse vom 4. August feierlich zu proklamieren, und zu diesem Zwecke beschloß die Mehrheit trotz der Opposition der Kontrerevolutionäre, die es lieber gehabt hätten, wenn von diesen Beschlüssen nicht mehr die Rede gewesen wäre, die Augustbeschlüsse sollten der Sanktion des Königs unterbreitet werden . Schon am Montag, dem 14. September, besannen sich die Patrioten darauf, es könnte über dieses Wort Sanktion ein Mißverständnis geben. Man debattierte gerade über das aufschiebende Veto, und Barnave bemerkte, das Veto finde auf die Beschlüsse vom 4. August keine Anwendung. Mirabeau sprach im selben Sinn: ›Die Beschlüsse vom 4. August sind von der konstituierenden Gewalt verfaßt, daher können sie der Sanktion nicht unterworfen sein. Die Beschlüsse vom 4. August sind keine Gesetze, sondern Prinzipien und konstitutionelle Grundlagen. Wenn Sie daher die Akte vom 4. August zur Sanktion geschickt haben, haben Sie sie nur zur Veröffentlichung eingereicht.‹ Le Chapelier schlägt vor, in der Tat das Wort ›Sanktion‹ in Hinsicht auf diese Beschlüsse durch das Wort ›Veröffentlichung‹ zu ersetzen, und fügt hinzu: ›Ich behaupte, es ist unnütz, die königliche Sanktion für Beschlüsse haben zu wollen, die Seine Majestät unzweifelhaft gebilligt hat, sowohl durch den Brief, den er an mich gerichtet hat, als ich die Ehre hatte, das Organ der Versammlung zu sein (als Präsident), wie durch die feierlichen Danksagungen und das Te Deum, das in der Kapelle des Königs gesungen wurde.‹ Man beantragt, die Versammlung wolle beschließen, ihre Tagesordnung (die Frage des Veto) zu verschieben, bis die Veröffentlichung der Artikel vom 4. August von seiten des Königs geschehen ist. Es entsteht Lärm, und die Sitzung wird aufgehoben, ohne daß eine Entscheidung gefällt wird. Am 15. neue Debatte ohne Ergebnis. Am 16. und 17. wird ein anderer Gegenstand, die Frage der Thronfolge, behandelt. Am 18. endlich trifft die Antwort des Königs ein. Er billigt im allgemeinen den Geist der Artikel vom 4. August, aber es sind einige darunter, sagt er, denen er nur bedingungsweise zustimmen kann, und er schließt mit folgenden Worten: ›Ich billige also die meisten dieser Artikel, und ich werde sie sanktionieren, wenn sie in Gesetzesform gebracht sind .‹ Diese hinschiebende Antwort erregt große Unzufriedenheit; man verlange vom König nur die amtliche Bekanntmachung, und er könne sich dem nicht entziehen. Man beschloß, der Präsident solle sich zum König begeben, um ihn zu bitten, unverzüglich die Bekanntmachung anzuordnen. Angesichts der drohenden Sprache der Redner der Versammlung sah Ludwig XVI. ein, daß er nachgeben mußte; aber noch im Nachgeben war er wortklauberisch; er schickte dem Präsidenten (Clermont-Tonnerre) am 20. September abends eine Antwort, die besagte: ›Sie haben mich gebeten, den Beschlüssen vom 4. August meine Sanktion zu geben ... Ich habe Ihnen die Bemerkungen mitgeteilt, zu denen sie mir Veranlassung gegeben haben ... Sie ersuchen mich jetzt, diese selben Beschlüsse bekanntzumachen (promulguer): Bekanntmachung (promulgation) kommt Gesetzen zu ... Aber ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich den allgemeinen Geist dieser Beschlüsse billige ... Ich will ihre Veröffentlichung (publication) im ganzen Reich anordnen ... Ich zweifle nicht, daß ich allen Gesetzen , die Sie über die verschiedenen Gegenstände, die in diesen Beschlüssen enthalten sind, beschließen werden (décréterez), meine Sanktion geben kann.‹ Wenn die Beschlüsse vom 4. August nur Prinzipien, Theorien enthalten, wenn man vergebens konkrete Maßnahmen darin sucht, so kommt das daher, daß eben das der Charakter dieser Beschlüsse sein sollte, wie es im Artikel 19 von der Versammlung so klar zum Ausdruck gebracht wurde. Am 4. August hat man im Prinzip die Zerstörung des Feudalsystems verkündet, und man hat hinzugefügt, daß die Versammlung für die Durchführung dieses Prinzips Gesetze machen werde , und zwar nach der Beendigung der Konstitution . Man kann der Versammlung diese Methode zum Vorwurf machen, wenn man will; aber man muß anerkennen, daß sie niemanden täuschte und ihr Wort nicht brach, indem sie die Gesetze nicht sofort machte, da sie nur versprochen hatte, sie nach der Konstitution zu machen. Als aber im September 1791 die Konstitution fertig war, mußte die Versammlung auseinandergehen und ihre Nachfolge der gesetzgebenden Versammlung überlassen.‹ Diese Anmerkung James Guillaumes wirft auf die Taktik der Konstituierenden Versammlung neues Licht. Als der Krieg gegen die Schlösser die Frage der Feudalrechte aufs Tapet brachte, hatte die Versammlung zwei Wege vor sich. Entweder hätte sie Gesetzesvorschläge über die Feudalrechte ausarbeiten können, deren Diskussion Monate oder sogar Jahre erfordert hätte und, in Anbetracht der auseinandergehenden Meinungen der Abgeordneten darüber, nur dazu geführt hätte, die Versammlung zu spalten. (Diesen Fehler hat die russische Duma bei der Bodenfrage gemacht.) Oder aber die Nationalversammlung konnte sich darauf beschränken, nur einige Prinzipien aufzustellen, die bei der Redaktion künftiger Gesetze als Grundlage dienen sollten. Diesen zweiten Weg wählte die Versammlung. Sie eilte sich, in wenigen Sitzungen Beschlüsse, die die Verfassung betrafen, zu redigieren, die der König schließlich publizieren mußte. Und auf das Land übten diese Erklärungen der Versammlung die Wirkung aus, das Feudalsystem dermaßen zu erschüttern, daß der Konvent vier Jahre später die völlige Abschaffung der Feudalrechte ohne Ablösung beschließen konnte. Ob das gewollt war oder nicht, jedenfalls war diese Taktik der andern vorzuziehen. 19. Die Erklärung der Menschenrechte Ein paar Tage nach der Eroberung der Bastille hatte der Verfassungsausschuß der Nationalversammlung angefangen, die ›Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers‹ zu diskutieren. Der Gedanke einer solchen Erklärung, der der berühmten Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten entstammte, war sehr richtig. Da sich eine Revolution vollzog und eine tiefgehende Umwandlung in den Beziehungen zwischen den verschiedenen Schichten der Gesellschaft daraus hervorgehen mußte, war es gut, die allgemeinen Prinzipien dieser Neugestaltung, bevor sie in der Terminologie einer Konstitution zum Ausdruck kamen, festzustellen. Man konnte auf diese Weise der Masse des Volkes zeigen, wie die revolutionären Minoritäten die Revolution auffaßten, für welche neuen Prinzipien sie das Volk zum Kampfe aufriefen. Das sollten nicht bloß schöne Worte sein: es sollte ein Überblick über die Zukunft werden, die man erobern wollte; und in der feierlichen Form einer Erklärung der Rechte, die ein ganzes Volk abgab, sollte dieser Überblick die Bedeutung eines Schwures der Nation erhalten. Die Prinzipien, die man in die Wirklichkeit umsetzen wollte, sollten in kurzen Worten zusammengefaßt werden und dadurch den Mut entflammen. Was die Welt beherrscht, sind immer die Ideen; und die großen Ideen haben, in kernigen Ausdruck gefaßt, immer die Geister erobert. So hatten denn in der Tat die jungen nordamerikanischen Republiken in dem Augenblick, wo das Joch Englands abgeschüttelt war, solche Erklärungen verkündet, und seitdem war die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten die Charta, man möchte fast sagen der Dekalog der jungen nordamerikanischen Nation geworden. Jedesmal, wenn eine Regierungsform, gleichviel welche, für die Zwecke, um derentwillen sie aufgerichtet worden ist, verderblich wird, hat das Volk das Recht, sie zu ändern oder abzuschaffen. Daher war sofort, nachdem die Nationalversammlung (am 9. Juli) ihren Ausschuß zur Vorbereitung der Konstitution eingesetzt hatte, die Rede davon, eine Erklärung der Menschenrechte zu verfassen, und nach dem 14. Juli machte man sich an die Arbeit. Man nahm die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, die schon seit 1776 als demokratisches Glaubensbekenntnis berühmt geworden war, zum Muster. Aber man ahmte auch ihre Fehler nach: das heißt, die Nationalversammlung entfernte, ebenso wie die Mitglieder des amerikanischen konstituierenden Kongresses in Philadelphia, jede Erwähnung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Bürgern aus ihrer Erklärung und beschränkte sich darauf, die Gleichheit aller vor dem Gesetz, das Recht der Nation, sich die Regierung zu geben, die sie haben wollte, und die konstitutionellen Freiheiten der Person zu betonen. Hinsichtlich des Eigentums beeilte sich die Erklärung, es für ›unverletzlich und heilig‹ zu erklären, und sie fügte hinzu: ›Keiner kann des Eigentums beraubt werden, wenn es nicht die öffentliche Notwendigkeit, die auf gesetzlichem Wege festzustellen ist, gebieterisch fordert, und dann nur unter der Bedingung einer billigen und im voraus zu zahlenden Entschädigung.‹ Das hieß das Recht der Bauern auf das Land und die Abschaffung der Abgaben feudalen Ursprungs offen zurückweisen. Das Bürgerrum verkündete also nur sein liberales Programm der Rechtsgleichheit vor dem Gesetz und einer der Nation unterworfenen Regierung, die allein durch den Willen der Nation existieren sollte. Und wie alle Minimumprogramme bedeutete auch dieses implicite, daß die Nation nicht weitergehen sollte: sie sollte nicht an die Eigentumsrechte rühren, die der Feudalismus und das absolute Königtum errichtet hatten. Wahrscheinlich sind in den Debatten über den Wortlaut der Erklärung der Menschenrechte soziale und gleichheitliche Ideen ausgesprochen worden. Aber sie mußten entfernt werden. Jedenfalls findet man in der Erklärung von 1789 keine Spur von ihnen. Selbst der Gedankengang in Siêyès' Entwurf: ›wenn die Menschen in den Mitteln, das heißt im Reichtum, Geist, der Stärke usw., nicht gleich sind, so folgt daraus nicht, daß sie nicht in den Rechten gleich sind‹, – selbst dieser so bescheidene Gedanke ist in der Erklärung der Nationalversammlung nicht zu finden, und statt dieser Worte von Siêyès wurde der erste Artikel der Erklärung folgendermaßen abgefaßt: ›Die Menschen sind von Geburt in ihren Rechten frei und gleich und bleiben es. Die sozialen Unterschiede können nur auf die öffentliche Wohlfahrt (utilité commune) gegründet werden. ‹ Das erweckt den Eindruck, als ob die sozialen Unterschiede vom Gesetz im Interesse der Gemeinschaft eingeführt worden seien, und öffnet mittelst dieser Fiktion allen Ungleichheiten Tür und Tor. Im allgemeinen ist man heute, wenn man die ›Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers‹ vom Jahre 1789 wieder liest, geneigt, sich zu fragen, ob diese Erklärung in Wirklichkeit auf die Geister der Zeit den Einfluß ausgeübt hat, den ihr die Geschichtsschreiber zuschreiben. Es ist offenbar, daß der Artikel 1 dieser Erklärung, der die Rechtsgleichheit aller Menschen aussprach, der Artikel 6, der sagte, das Gesetz müsse ›für alle das gleiche‹ sein und ›alle Bürger haben das Recht, persönlich oder durch ihre Vertreter an seiner Entstehung mitzuwirken‹, der Artikel 10, kraft dessen ›niemand wegen seiner Meinungen, auch in Sachen der Religion, verfolgt werden darf, wenn der Ausdruck, den er ihnen gab, die vom Gesetz hergestellte öffentliche Ordnung nicht stört‹, und endlich der Artikel 12, der erklärte, die öffentliche Gewalt sei ›zum Vorteil aller eingerichtet, und nicht zum besonderen Vorteil derer, denen sie anvertraut ist‹ – es ist offenbar, daß diese Aussprüche, die in eine Gesellschaft hinein getan wurden, wo die Feudallasten noch existierten und wo die königliche Familie sich als Eigentümerin Frankreichs betrachtete, in den Köpfen eine ganze Revolution vollbrachten. Aber es ist ebenso sicher, daß die Erklärung von 1789 niemals die Wirkung getan hätte, die sie später im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts ausübte, wenn die Revolution bei den Ausdrücken dieses Glaubensbekenntnisses des bürgerlichen Liberalismus stehengeblieben wäre. Aber die Revolution ging weiter. Und als die Nationalversammlung zwei Jahre später, im September 1791, die Konstitution abfaßte, fügte sie der Erklärung der Menschenrechte eine Einleitung in die Konstitution hinzu, die schon die folgenden Worte enthielt: ›Die Nationalversammlung ... schafft unwiderruflich die Einrichtungen ab, die die Freiheit und die Gleichheit der Rechte beeinträchtigen.‹ Und ferner: ›Es gibt keinen Adel mehr, keine Pairswürde, keine erblichen Würden, keine Standesunterschiede, kein Feudalwesen, keine Patrimonialgerichtsbarkeit und keine Ansprüche, Benennungen und Vorrechte, die daraus hervorgingen, keinen Ritterorden, keine Körperschaften oder Ehrenzeichen, für die man den Beweis des Adels verlangte oder die Geburtsunterschiede zur Voraussetzung hatten, und keinen andern Vorrang als den der öffentlichen Beamten in der Ausübung ihres Amtes. – Es gibt keine Zünfte mehr, keine Körperschaften des Berufs, der Kunst oder des Handwerks { das bürgerliche Ideal des allmächtigen Staates leuchtet aus diesen letzten zwei Sätzen hervor } . Das Gesetz erkennt keine religiösen Gelübde mehr an und keinerlei andere Verpflichtung, die den natürlichen Rechten und der Konstitution widerspricht!‹ Wenn man bedenkt, daß diese Herausforderung einem Europa zugerufen wurde, das noch in die Nacht des allmächtigen Königtums und der Feudallasten getaucht war, dann begreift man, warum die Erklärung der Menschenrechte, die man oft mit der Einleitung zur Konstitution zusammenwarf, die ihr folgte, die Völker während der Kriege der Republik leidenschaftlich hinriß und während des 19. Jahrhunderts zur Parole des Fortschritts für alle Nationen Europas wurde. Aber man darf nicht vergessen, daß es nicht die Nationalversammlung und nicht einmal das Bürgertum von 1789 waren, die in dieser Einleitung ihre Wünsche zum Ausdruck brachten. Die Volksrevolution zwang sie allmählich, die Rechte des Volks anzuerkennen und mit dem Feudalismus zu brechen – wir werden bald sehen, mit welchen Opfern. 20. Die Tage vom 5. und 6. Oktober 1789 Für den König und den Hof mußte die ›Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers‹ offenbar ein unverzeihliches Attentat auf alle göttlichen und menschlichen Gesetze bedeuten. Und so lehnte der König es rundweg ab, ihr seine Sanktion zu geben. Allerdings stellte die Erklärung der Menschenrechte nur eine Prinzipienerklärung dar; sie hatte, wie man damals sagte, ›konstituierenden Charakter‹ und bedurfte als solche der königlichen Sanktion nicht. Der König hatte sie nur bekanntzumachen. Das aber lehnte er unter verschiedenen Vorwänden ab. Am 5. Oktober schrieb er noch an die Versammlung, er wollte erst sehen, wie die Maximen der Erklärung angewandt würden, ehe er ihr seine Sanktion gäbe. Er hatte, wie wir gesehen haben, die nämliche Weigerung den Beschlüssen vom 4. bis 11. August über die Abschaffung der Feudalrechte entgegengesetzt, und man kann sich denken, welche Waffe sich die Versammlung aus diesen beiden Zurückweisungen schmiedete. – ›Wie! Die Versammlung schaffte das Feudalwesen ab, die persönlichen Leistungen und die schädlichen Vorrechte der Herren, sie proklamierte andrerseits die Gleichheit aller vor dem Gesetz – und der König, vor allem aber die Prinzen, die Königin, der Hof, die Polignac, die Lamballe und wie sie alle hießen, widersetzten sich! Wenn es sich nur um Reden gehandelt hätte, und wären sie noch so umstürzlerisch gewesen, deren Verbreitung man gehindert hätte! Aber nein, die ganze Versammlung – Adel und Bischöfe inbegriffen – war einig, ein Gesetz zugunsten des Volks zu machen und auf alle Privilegien zu verzichten (fürs Volk, das sich nicht um juridische Ausdrücke kümmerte, waren die Beschlüsse so gut wie Gesetze), und nun stemmte sich eine Gewalt entgegen, damit die Gesetze nicht in Kraft träten! Der König hätte sie noch angenommen: er war ja auch nach dem 14. Juli nach Paris gekommen und hatte mit dem Volk fraternisiert; aber der Hof, die Prinzen, die Königin wollen nicht, daß die Versammlung das Volk glücklich macht ...‹ In dem großen Duell zwischen dem Königtum und dem Bürgertum hatte dieses also durch seine geschickte Politik und sein gesetzgeberisches Talent verstanden, das Volk auf seine Seite zu bringen. Jetzt wurde das Volk wild gegen die Prinzen, die Königin, den hohen Adel – für die Versammlung, deren Arbeiten es mit Interesse zu verfolgen begann. Zugleich beeinflußte das Volk selbst sie in demokratischem Sinn. So hätte die Versammlung vielleicht das Zweikammersystem nach englischem Muster akzeptiert. Aber das Volk wollte um keinen Preis etwas davon wissen. Es begriff instinktiv, was seitdem gelehrte Juristen so gut erklärt haben – daß in der Revolution eine zweite Kammer unmöglich ist: sie kann erst in Funktion treten, wenn die Kraft der Revolution erschöpft ist und die Reaktion schon begonnen hat. Ebenso war es wiederum das Volk, das sich gegen das Veto des Königs ereiferte; mehr als die, die in der Versammlung saßen. Auch hier verstand es die Situation sehr gut; denn im gewöhnlichen Lauf der Dinge zwar mag die Frage, ob der König eine Entscheidung des Parlaments aufhalten kann oder nicht, vielleicht von geringer Bedeutung sein, aber in einer revolutionären Zeit ist das Gegenteil der Fall. Nicht als ob die Gewalt des Königs auf die Länge weniger gefährlich wäre, aber in den gewöhnlichen Zeiten beschließt ein Parlament, das das Werkzeug der Privilegierten ist, in der Regel nichts, was der König im Interesse der Privilegierten mit seinem Veto verhindern müßte; dagegen haben in einem revolutionären Zeitpunkt die Beschlüsse eines Parlaments unter dem Einfluß des gerade herrschenden Volksgeistes die Tendenz, die Vernichtung alter Privilegien zu sanktionieren, und stoßen darum mit Notwendigkeit auf die Gegnerschaft des Königs. Da macht er also von seinem Veto Gebrauch, wenn er das Recht und die Kraft dazu hat. So war es in der Tat mit den Augustbeschlüssen und sogar mit der Erklärung der Menschenrechte gegangen. Trotzdem gab es in der Versammlung eine zahlreiche Partei, die das absolute Veto wollte, – das heißt, sie wollte dem König die Möglichkeit geben, auf gesetzlichem Wege jede ernsthafte Reform zu verhindern. Nach langen Debatten einigte man sich auf einen Kompromiß: die Versammlung lehnte das absolute Veto ab, aber sie nahm gegen den Wunsch des Volkes das aufschiebende Veto an, das dem König gestattete, einen Beschluß für eine gewisse Zeit aufzuschieben, ohne ihn jedoch ungültig zu machen. Nach hundert Jahren ist der Geschichtsschreiber natürlich geneigt, die Nationalversammlung zu idealisieren und sie sich als eine Körperschaft vorzustellen, die geneigt war, für die Revolution zu kämpfen. Man muß es indessen billiger machen, wenn man in der Wirklichkeit bleiben will. Die Sache ist die, daß die Versammlung selbst in ihren vorgeschrittensten Vertretern ein gutes Teil hinter dem zurückblieb, was der Augenblick verlangte. Sie mußte ihre Ohnmacht fühlen; sie war keineswegs einheitlich: es gab mehr als dreihundert, nach andern Schätzungen vierhundert Abgeordnete, die bereit waren, mit dem Königtum völlig zu paktieren. Und dann, ohne von denen zu sprechen, die vom Hof besoldet waren – und so einige gab es –, wie viele fürchteten die Revolution viel mehr als die Willkür des Königs. Aber die Revolution war im Gange, und es gab außer dem direkten Druck des Volkes und der Furcht vor seinem Grimm die gewisse geistige Atmosphäre, die die Schüchternen unterjocht und die Vorsichtigen zwingt, sich den Kühneren anzuschließen; und besonders war es das Volk, das seine drohende Haltung nicht aufgab, und die Erinnerung an de Launay, Foulon und Bertier war noch frisch im Gedächtnis. Es war sogar in den Faubourgs von Paris die Rede davon, die Mitglieder der Versammlung, die man im Verdacht hatte, daß sie sich mit dem Hofe eingelassen hatten, zu ermorden. Inzwischen war in Paris immer noch eine schreckliche Teuerung. Man befand sich im September, die Ernte war eingebracht worden, und trotzdem fehlte es an Brot. Das Volk stand hintereinander aufgestellt vor den Bäckereien, und nach stundenlangem Warten mußten die Armen oft nach Hause gehen, ohne Brot mitzubringen. Es fehlte an Mehl. Trotzdem die Regierung im Ausland Getreide aufkaufte, und trotzdem jeder eine Prämie erhielt, der Korn nach Paris brachte, gab es in der Hauptstadt und ebenso in den großen und kleinen Städten in der Umgebung von Paris nicht Brot genug. Die Verproviantierungsmaßregeln waren ungenügend, und das wenige, was geschehen war, machte der Betrug wieder unwirksam. Das ganze alte Regime, der ganze zentralisierte Staat, wie er seit dem sechzehnten Jahrhundert hochgekommen war, verkörperte sich in dieser Brotfrage. In den oberen Schichten der Gesellschaft war der Gipfel des raffinierten Luxus erreicht, aber die Masse des Volks, die von der Last harter und willkürlicher Steuern und Abgaben bedrückt war, war so weit gekommen, daß es auf dem reichen Boden und unter dem günstigen Klima Frankreichs nicht mehr seine Nahrung erzeugen konnte. Außerdem liefen die schrecklichsten Anklagen gegen die Prinzen der königlichen Familie und die hohen Würdenträger am Hofe um. Man sagte, sie hätten das Getreidemonopol wiederhergestellt und spekulierten auf die hohen Kornpreise. Und wer könnte daran zweifeln, daß diese Anschuldigungen damals begründet waren. Und schließlich lebte immer noch die Gefahr des Staatsbankerotts. Die Staatsschulden erforderten pünktliche Zahlung der Zinsen; aber die Ausgaben stiegen, und der Staatsschatz war leer. In der Revolution wagte man nicht zu den abscheulichen Mitteln seine Zuflucht zu nehmen, die das Ancien régime bei der Eintreibung der Steuern angewandt hatte, das einfach den Bauern alles weggenommen hatte; und der Bauer seinerseits zahlte in Erwartung einer gerechteren Verteilung der Steuerlast nichts mehr, und hinwiederum hütete sich der Reiche, der die Revolution haßte, in stillem Vergnügen, irgend etwas zu zahlen. Necker, der seit dem 17. Juli 1789 wieder Minister war, konnte sich noch so sehr den Kopf zerbrechen, um Mittel zur Vermeidung des Bankerotts zu suchen – er fand keine. In der Tat weiß man nicht, wie er den Bankerott hätte vermeiden können, ohne sich zu einer Zwangsanleihe bei den Reichen zu entschließen oder die Güter des Klerus zu beschlagnahmen. Und bald befreundete sich das Bürgertum mit diesen Maßnahmen. Denn es hatte dem Staat sein Geld geliehen und wollte es keineswegs verlieren. Aber würden der König, der Hof, die hohe Geistlichkeit jemals diese staatliche Konfiskation ihres Eigentums akzeptieren? Ein seltsames Gefühl mußte in diesen Monaten August und September 1789 die Geister ergreifen. Nun war also der Wunsch so vieler Jahre der Hoffnung verwirklicht. Nun gab es die Nationalversammlung, die die gesetzgebende Gewalt in Händen hatte. Eine Versammlung, die – sie hatte es schon gezeigt – sich von einem Geist der Demokratie und der Reform erfüllen ließ und die nunmehr zur Lächerlichkeit der Ohnmacht verdammt war. Sie konnte Beschlüsse fassen, um den Bankerott zu vermeiden; aber der König, der Hof, die Prinzen versagen ihre Zustimmung. Als ob es Gespenster wären, die noch die Kraft haben, die Vertretung des französischen Volks zu erdrosseln, ihren Willen zu lähmen, die Unentschiedenheit immer weiter aufrechtzuerhalten. Noch mehr. Diese Gespenster rüsten sich zu einem großen Schlag. Sie schmieden in der Umgebung des Königs Pläne zu seiner Flucht. Der König soll sich bald nach Rambouillet, nach Orléans begeben; oder er soll sich an die Spitze der Armeen im Westen Versailles' stellen und von da Versailles und Paris bedrohen. Oder aber er soll an die Ostgrenze fliehen und dort die Ankunft der deutschen und österreichischen Armeen abwarten, die die Emigranten ihm in Aussicht stellen. So kreuzen sich im Schloß alle möglichen Einflüsse: der des Herzogs von Orléans, der mit dem Gedanken spielt, sich nach der Abreise Ludwigs des Throns zu bemächtigen, der von ›Monsieur‹ – dem Bruder Ludwigs XVI. –, der entzückt gewesen wäre, wenn sein Bruder und desgleichen Antoinette, der er persönlich zürnte, verschwunden wären. Seit September überlegte der Hof die Flucht, man erörterte zwar alle möglichen Pläne, wagte sich jedoch für keinen zu entscheiden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Ludwig XVI., und besonders seine Frau, mit dem Gedanken spielten, die Geschichte Karls I. zu wiederholen und dem Parlament, wie er, aber mit mehr Erfolg, eine regelrechte Schlacht zu liefern. Die Geschichte des englischen Königs hatte es ihnen angetan: man behauptet sogar, das einzige Buch, das Ludwig XVI. nach dem 6. Oktober aus seiner Bibliothek in Versailles nach Paris kommen ließ, sei die Geschichte Karls I. gewesen. Diese Geschichte zog sie wie mit einem Zauber an, aber sie lasen sie, wie die Gefangenen im Kerker eine Kriminalgeschichte lesen. Sie zogen keinerlei Lehre daraus, daß es notwendig ist, zur rechten Zeit nachzugeben; sie sagten sich lediglich: ›Hier hätte man Widerstand leisten müssen; da hätte man List anwenden müssen; dort hätte man etwas wagen müssen!‹ Liest nicht heutzutage der russische Zar eben auf diese Weise die Geschichte Ludwigs XVI. und Karls I.? Und sie machten Pläne, die zur Ausführung zu bringen weder sie noch ihre Umgebung kühn genug waren. Die Revolution andrerseits übte wiederum ihren Zauber auf sie aus: sie sahen das Ungeheuer, das sie verschlingen wollte, und sie wagten sich nicht zu unterwerfen und nicht zu widersetzen. Paris, das sich schon rüstete, gegen Versailles zu marschieren, jagte ihnen Angst ein und lähmte ihre Kräfte. – Und wenn das Militär im entscheidenden Augenblick, wenn der Kampf sich entsponnen hatte, unzuverlässig war? Wenn die Heerführer den König verrieten, wie es so viele andere schon gemacht hatten? Was blieb dann noch anderes, als das Los Karls I. zu teilen? Und trotzdem hörten sie nicht auf, Verschwörungen zu spinnen. Der König und seine Umgebung und die privilegierten Klassen, alle miteinander konnten sie nicht begreifen, daß die Zeit für Kompromisse vorbei war: daß es jetzt galt, sich der neuen Macht offen zu unterwerfen und sich unter ihren Schutz zu stellen – denn die Versammlung brannte geradezu darauf, dem König ihren Schutz angedeihen zu lassen. Das taten sie aber nicht, sondern sie trieben Verschwörung, und auf diese Weise drängten sie im Grunde sehr gemäßigte Mitglieder der Versammlung in die Gegenverschwörung, in die revolutionäre Aktion hinein. So erklärt es sich, daß Mirabeau und andere, die gerne an der Errichtung einer in bescheidenem Maße konstitutionellen Monarchie mitgearbeitet hätten, sich der Meinung der radikalen Gruppen anschlossen. Und so erklärt es sich, daß Gemäßigte wie Duport die ›Verbindung der Klubs‹ ins Werk setzten, mittelst derer das Volk in Atem gehalten wurde, denn man fühlte, daß man es bald brauchte. Der Zug nach Versailles war nicht so spontan, wie man ihn hat hinstellen wollen. Auch in der Revolution muß jede Volksbewegung von Männern des Volks vorbereitet werden. Er hat seine Vorläufer in verunglückten Versuchen. So hatte schon am 30. August der Marquis von Saint-Huruge, einer der Volksredner des Palais-Royal, mit 1 500 Mann auf Versailles marschieren wollen, um die Ausstoßung der ›dummen, bestochenen und verdächtigen‹ Abgeordneten zu fordern, die das aufschiebende Veto des Königs vertraten. Einstweilen drohte man ihnen, ihre Schlösser niederzubrennen, und benachrichtigte sie, es seien zu diesem Zweck zweitausend Briefe in die Provinz versandt worden. Diese Zusammenrottung war auseinandergesprengt worden, aber man fuhr fort, die Idee zu erörtern. Am 31. August entsandte das Palais-Royal fünf Abordnungen ins Rathaus, von denen der Republikaner Loustalot eine anführte und die die Stadtverwaltung von Paris veranlassen sollten, auf die Versammlung einen Druck auszuüben und die Annahme des königlichen Vetos zu verhindern. Von den Mitgliedern dieser Abordnungen gingen die einen so weit, Abgeordnete zu bedrohen, andere, sie flehentlich zu bitten. In Versailles flehte die Menge Mirabeau unter Tränen an, das absolute Veto aufzugeben, indem sie die richtige Bemerkung machten, wenn der König dieses Recht hätte, brauchte er keine Nationalversammlung mehr (Buchez und Roux, S.368ff.; Bailly, II, 326, 341). Seitdem mußte der Gedanke sich festsetzen: es wäre gut, den König und die Versammlung bei sich in Paris zu haben. In der Tat sprach man schon in den ersten Septembertagen unter freiem Himmel im Palais-Royal davon, den König und den ›Herrn Dauphin‹ nach Paris zu holen, und zu diesem Zwecke forderte man alle guten Bürger auf, nach Versailles zu ziehen. Der Mercure de France spricht in seiner Nummer vom 5. September auf Seite 84 davon, und Mirabeau sprach vierzehn Tage vor dem Ereignis von Frauen, die nach Versailles marschieren wollten. Das Festessen der Gardeoffiziere vom 3. Oktober und die Anschläge des Hofes beschleunigten die Ereignisse. Alles deutete auf den Schlag hin, den der Hof führen wollte. Die Reaktion hob wieder den Kopf; der Stadtrat von Paris, der im wesentlichen aus bürgerlichen Elementen zusammengesetzt war, wurde kühner auf den Wegen der Reaktion. Die Royalisten organisierten ihre Kräfte, ohne viel Hehl daraus zu machen. Die Straße von Versailles nach Metz war mit Truppen belegt worden, und man sprach ganz laut davon, den König fortzuschaffen und über die Champagne oder Verdun nach Metz zu bringen. Der Marquis von Bouillé, der die Truppen im Osten befehligte, von Breteuil und von Mercy waren im Einverständnis, und Breteuil hatte die Führung des Unternehmens. Man brachte zu diesem Zweck alles Geld, dessen man habhaft werden konnte, zusammen, und man sprach davon, etwa am 5. Oktober den Staatsstreich vorzunehmen. An diesem Tag sollte der König nach Metz reisen und sich unter den Schutz der Armee des Marquis von Bouillé stellen. Dort sollte er den Adel und die treu gebliebenen Truppen zu sich rufen und die Nationalversammlung als aufrührerisch erklären. In Voraussicht dieses Unternehmens hatte man im Schloß von Versailles die Zahl der Gardes du corps (junge Leute aus der Aristokratie), die die Schloßwache bildeten, verdoppelt und hatte das Regiment Flandern und Dragoner kommen lassen. Am 1. Oktober gaben die Gardes du corps dem Regiment Flandern ein großes Fest, zu dem die Offiziere der Dragoner und der Schweizer, die in Versailles in Garnison lagen, eingeladen waren. Während des Mahles taten Marie Antoinette und die Damen des Hofes ebenso wie der König alles, um die royalistische Begeisterung der Offiziere zu erhitzen. Die Damen verteilten mit eigener Hand weiße Kokarden, und die Nationalkokarde wurde auf den Boden geworfen und mit Füßen getreten. Zwei Tage später, am 3. Oktober, fand ein neues Fest derselben Art statt. Diese Feste beschleunigten die Ereignisse. Das Gerücht davon kam bald nach Paris und war unterwegs angewachsen, und das Volk merkte: wenn es nicht sofort gegen Versailles marschierte, marschierte Versailles gegen Paris. Der Hof rüstete sich offenbar zu einem großen Schlag. Wenn der König erst einmal weg war und sich irgendwo mitten unter den Truppen geborgen hatte, war es sehr leicht, die Nationalversammlung aufzulösen oder aber sie zu zwingen, zu den drei Ständen, das heißt zu der Situation vor der Königlichen Sitzung vom 23. Juni, zurückzukehren. Gab es doch in der Versammlung eine 300 bis 400 Mitglieder umfassende Partei, deren Führer schon mit Malouet Besprechungen in der Richtung abgehalten hatten, die Nationalversammlung nach Tours, in genügende Entfernung vom revolutionären Volk von Paris, zu verpflanzen! – Aber wenn der Plan des Hofes gelang, mußte alles wieder von vorn angefangen werden. Die Früchte des 14. Juli waren verloren; verloren die Resultate der Bauernerhebung, der Panik vom 4. August. Dieses Unheil zu verhindern, gab es nur das eine Mittel, das Volk zum Aufstand zu rufen. Und dazu entschlossen sich die Revolutionäre, die in diesem Augenblick auf dem Posten waren; sie erkannten die harte Notwendigkeit, vor der sonst im allgemeinen die bürgerlichen Revolutionäre erblaßten. Das Volk, die düstere und dem Elend preisgegebene Masse des Volks von Paris zum Aufstand zu rufen, das unternahmen die Revolutionäre am 4. Oktober mit leidenschaftlicher Entschlossenheit. Danton, Marat und Loustalot, deren Namen wir bereits erwähnt haben, waren jetzt die Glühendsten bei dieser Arbeit. Man konnte eine Armee nicht mit einer Handvoll Verschwörer bekämpfen; man konnte die Reaktion nicht mit einer kleinen Schar Männer besiegen, mochten sie noch so entschlossen sein. Dem Heer mußte man ein Heer gegenüberstellen; und da kein Heer da war, mußte es das Volk sein, das ganze Volk, die Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder der großen Stadt. Sie allein konnten über das Heer siegen, indem sie es mutlos machten und seine wilde Kraft lähmten. Am 5. Oktober brach der Aufstand in Paris aus. Es ertönten die Rufe: Brot! Brot! Der Klang einer Trommel, die von einem jungen Mädchen geschlagen wurde, war für die Frauen das Signal zum Sammeln. Bald bildet sich ein Trupp Frauen, zieht gegen das Rathaus, erbricht die Tore des Gemeindehauses, verlangt Brot und Waffen, und da man schon seit mehreren Tagen davon gesprochen hat, ist der Ruf: Nach Versailles! bald in aller Mund. Maillard, der wegen des Anteils, den er an der Belagerung der Bastille gehabt hat, in Paris bekannt ist, wird als Führer der Kolonne anerkannt, und die Frauen brechen auf. Tausend Ideen kreuzten sich ohne Frage in ihrem Kopfe, aber das Brot mußte die vorherrschende Idee sein. In Versailles war es, wo man Anschläge gegen den Wohlstand des Volkes schmiedete, wo man den ›Hungerpakt‹, das Getreidemonopol machen, wo man die Abschaffung der Feudalrechte verhindern wollte – und die Frauen zogen nach Versailles. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß sich das Volk den König, wie das russische Volk den Zar, als einen gutmütigen Menschen vorstellte, der das Beste seines Volkes wollte. Das monarchische Gefühl hatte sehr tiefe Wurzeln geschlagen. Aber schon 1789 haßte man die Königin. Über sie wurden schreckliche Reden geführt. ›Wo ist dieses verfluchte Frauenzimmer? – Da ist die dr... H... – Man muß das Weibsstück nehmen und ihr den Hals abschneiden‹, sagten sich die Frauen, und man ist verdutzt über den Eifer, über das Vergnügen, sollte ich sagen, womit die Untersuchung des Châtelet diese Redensarten verzeichnete. Auch hier hatte das Volk gute Gründe für seine Stimmung. Als der König, nachdem er von dem Fiasko der Königlichen Sitzung vom 23. Juni gehört hatte, gesagt hatte: »Nun, zum Donner, dann sollen sie bleiben!«, war Marie-Antoinette aufs äußerste empört. Sie empfing den König des ›Bürgerpöbels‹, als er mit der dreifarbigen Kokarde am 17. Juli von seinem Besuch in Paris zurückkehrte, mit äußerster Verachtung, und seitdem war sie der Mittelpunkt aller Verschwörungen geworden. Die Korrespondenz, die sie später mit Fersen führte, um die Ausländer bis vor die Tore von Paris zu führen, hatte damals ihren Ursprung. Denn gerade in dieser Nacht des 5. Oktober, als die Frauen in das Palais gedrungen waren, – in dieser selben Nacht, sagt die sehr reaktionäre Madame Campan, empfing die Königin Fersen in ihrem Schlafzimmer. Das Volk wußte das alles, zum Teil sogar von den Bedienten des Schlosses, und die Menge, der Kollektivgeist des Volkes von Paris begriff, was die Individuen nur so langsam begreifen wollten: daß Marie-Antoinette in ihrem Haß weit ginge; daß man, um diese Komplotte zu verhindern, den König und seine Familie und auch die Nationalversammlung in Paris unter den Augen des Volks haben mußte. Im ersten Augenblick, nachdem die Frauen in Versailles angelangt waren – sie brachen vor Ermüdung und Hunger zusammen und trieften von dem strömenden Regen –, beschränkten sie sich darauf, Brot zu verlangen. Als sie in die Nationalversammlung gekommen waren, sanken sie vor Schwäche auf die Bänke der Abgeordneten; aber schon bloß durch ihre Anwesenheit errangen diese Frauen ihren ersten Sieg. Die Versammlung benutzte ihre Anwesenheit, um vom König die Sanktion der Erklärung der Menschenrechte zu erlangen. Nach den Frauen hatten sich auch Männer auf den Marsch gemacht, und jetzt, um sieben Uhr abends, brach Lafayette an der Spitze der Nationalgarde auf, um ein Unglück im Schloß zu verhüten. Der Hof geriet in große Besorgnis. Marschierte denn ganz Paris gegen das Schloß? Der Hof beriet sich, aber man kam zu keiner Entscheidung. Inzwischen ließ man schon die Wagen herausfahren, damit der König und seine Familie abreisen konnten – aber eine Abteilung der Nationalgarde sah sie stehen und ließ sie in den Marstall zurückbringen. Die Ankunft der bürgerlichen Nationalgarde, die Bemühungen Lafayettes und hauptsächlich vielleicht der strömende Regen zerstreute allmählich die Menge, die die Straßen von Versailles, die Nationalversammlung und die Zugänge zum Palais füllte. Aber gegen fünf oder sechs Uhr morgens fanden Männer und Frauen aus dem Volk, ohne nach jemand zu fragen, schließlich ein offenes Gitter, durch das sie ins Palais kommen konnten. Binnen wenigen Minuten hatten sie das Schlafzimmer der Königin entdeckt, die kaum noch Zeit hatte, zum König zu flüchten; sonst wäre sie niedergemacht worden. Die Gardes du corps liefen dieselbe Gefahr, als Lafayette zu Pferd herbeieilte und sie gerade noch retten konnte. Daß das Volk bis ins Palais eingedrungen war, war einer der Schläge, von denen sich das sterbende Königtum nicht mehr erholte. Wenn auch Lafayette die Menge zu Hochrufen auf den König brachte, als er auf den Balkon trat, und es sogar durchsetzte, daß die Königin ebenfalls so begrüßt wurde, als er sie veranlaßt hatte, mit ihrem Sohn sich auf dem Balkon zu zeigen, und respektvoll die Hand der Königin küßte, die das Volk bald ›die Medici‹ nannte, – all das war doch nur ein kleiner Theatereffekt. Das Volk hatte seine Macht kennengelernt – und es nutzte seinen Sieg sofort aus, um den König zu zwingen, sich auf den Weg nach Paris zu begeben. Wenn auch das Bürgertum bei dieser Rückkehr alle möglichen Szenen aufführte – das Volk verstand doch, daß der König von jetzt an sein Gefangener war, und Ludwig XVI. gab sich, als er die Tuilerien betrat, die seit der Regierung Ludwigs XIV. verlassen gewesen waren, keinen Illusionen hin. »Jeder quartiere sich, wie er will!« war seine Antwort – und aus seiner Bibliothek ließ er sich – die Geschichte Karls I. bringen. Das große Königtum von Versailles war an seinem Ende angelangt. Künftig gab es wohl Bürgerkönige oder Kaiser, die durch List auf den Thron gelangten ... Das Reich der Könige von Gottes Gnaden war nahe am Ende. Noch einmal hatte das Volk wie am 14. Juli durch seine Masse und sein tapferes Handeln dem alten Regime einen Keulenschlag versetzt. Die Revolution machte einen Sprung vorwärts. 21. Die Angst des Bürgertums; die neue Organisation der Stadtverwaltung Noch einmal konnte man glauben, jetzt werde die Revolution frei und ungehindert ihren Weg gehen können. Die königliche Reaktion war besiegt. Herr und Frau Veto waren unterworfen und wurden in Paris als Gefangene gehalten; nun konnte man annehmen, die Nationalversammlung werde an den Wald der Mißbräuche die Axt anlegen, den Feudalismus niederschlagen, die großen Prinzipien, die sie in der Erklärung der Menschenrechte so erschütternd für alle, die sie lasen, ausgesprochen hatte, zur Anwendung bringen. Aber es kam anders. Man sollte es kaum glauben: aber nach dem 5. Oktober beginnt die Reaktion; sie organisiert sich und setzt sich bis in den Juni 1792 hinein immer mehr fest. Das Volk von Paris kehrt in seine Behausungen zurück; das Bürgertum entläßt es; es braucht niemand mehr. Und wäre nicht die Bauernerhebung gewesen, die ihren Gang weiterging, bis die Feudalrechte im Juli 1793 in der Tat abgeschafft wurden, wären nicht die Aufstände in der Provinz gewesen, die einander folgten und verhinderten, daß sich die Regierung des Bürgertums festsetzen konnte, – ohne das hätte die Reaktion schon 1791 und sogar schon 1790 triumphieren können. ›Der König ist im Louvre, die Nationalversammlung in den Tuilerien, die Kanäle der Zirkulation haben sich wieder geöffnet, die Kornhalle ist gestopft voll, die Staatskasse füllt sich, die Mühlen gehen, die Verräter fliehen, die Pfaffen liegen zu Boden, die Aristokraten pfeifen aus dem letzten Loch‹, – so schrieb Camille Desmoulins in der ersten Nummer seines Blattes (vom 28. November). Aber in Wirklichkeit hob die Reaktion allenthalben den Kopf wieder hoch. Während die Revolutionäre triumphierten und glaubten, die Revolution sei fast vollendet, merkte die Reaktion, daß eben jetzt der große Kampf beginnen sollte, der wahre Kampf zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, der in jeder Stadt, jeder Provinz, ob groß oder klein, in jedem kleinen Flecken ausgefochten werden mußte, und daß jetzt für sie der Augenblick gekommen war, wo es galt, mit der Revolution fertig zu werden. Die Reaktion merkte noch mehr. Sie sah, die Bourgeoisie, die bis jetzt Beistand beim Volk gesucht hatte, um die konstitutionellen Rechte zu erobern und die Macht des hohen Adels zu überwinden, fing jetzt, wo sie die Stärke des Volks gespürt und gesehen hatte, an, alles zu tun, um die Macht des Volks zu überwinden, es zu entwaffnen und wieder zur Unterwerfung zu bringen. Diese Angst vor dem Volk war in der Nationalversammlung sofort nach dem 5. Oktober zu merken. Mehr als zweihundert Abgeordnete weigerten sich, sich nach Paris zu begeben, und verlangten Pässe zur Heimreise. Man schlug sie ihnen ab, behandelte sie als Verräter, aber eine Anzahl legten trotzdem ihr Mandat nieder: sie hatten nicht die Absicht gehabt, es so weit zu treiben! Es war wie nach dem 14. Juli eine neue Auswanderung, aber diesmal fing nicht der Hof damit an, sondern die Versammlung. Indessen hatte die Versammlung eine starke Mehrheit von Vertretern des Bürgertums unter sich, die die ersten Augenblicke dazu zu benutzen verstanden, die Macht ihrer Klasse auf ein festes Fundament zu stellen. So hatte die Versammlung, schon ehe sie sich am 19. Oktober nach Paris begab, die Verantwortlichkeit der Minister und der Verwaltungsbeamten gegenüber der Volksvertretung und die Festsetzung der Steuern durch die Versammlung beschlossen – die zwei ersten Bedingungen einer konstitutionellen Regierung. Der König sollte den Titel: König der Franzosen führen. Während so die Versammlung die Bewegung vom 5. Oktober benutzte, sich souverän zu machen, machte sich ebenso die bürgerliche Stadtverwaltung von Paris, das heißt der Rat der Dreihundert, der sich nach dem 14. Juli festgesetzt hatte, die Ereignisse zunutze, um seine Autorität zu befestigen. Sechzig Verwaltungsräte (administrateurs), die aus den Dreihundert hervorgegangen waren und auf acht Abteilungen verteilt waren (Verpflegung, Polizei, öffentliche Arbeiten, Krankenhäuser, Erziehung, Domänen und Einkünfte, Steuern und Nationalgarde), maßten sich all diese Gewalten an und wurden eine ansehnliche Macht, besonders, da sie sich auf die 60 000 Mann der Nationalgarde stützen konnten, die nur dem wohlsituierten Bürgertum entnommen wurden. Bailly, der Bürgermeister von Paris, und insbesondere Lafayette, der Kommandeur der Nationalgarde, gewannen große Macht. Was die Polizei anging, so mischte sich das Bürgertum in alles ein: Versammlungen, Zeitungen, Kolportage, Ankündigungen – um alles zu unterdrücken, was ihm feindselig war. Und schließlich benutzten die Dreihundert die Ermordung eines Bäckers (21. Oktober), um die Versammlung dringend um ein Gesetz über den Belagerungszustand anzugehen, das diese schleunigst beschloß. In Zukunft brauchte nur ein Beamter der Stadtverwaltung die rote Fahne zu entfalten, und der Belagerungszustand war proklamiert; dann war jede Zusammenrottung ein Verbrechen, und das Militär, das der städtische Beamte requirierte, konnte nach dreimaliger Verwarnung Feuer aufs Volk geben. Wenn das Volk ruhig ohne Widerstand vor der letzten Aufforderung auseinanderging, waren nur die Rädelsführer strafbar und wurden, wenn es sich um eine Menge ohne Waffen handelte, für drei Jahre ins Gefängnis geschickt, aber zum Tode verurteilt, wenn die Menge bewaffnet war. Waren aber vom Volk Gewalttätigkeiten begangen worden, so machte sich jeder des Todes schuldig, der daran beteiligt war. Und ebenso war jeder Soldat oder Offizier der Nationalgarde des Todesurteils gewärtig, der zu Zusammenrottungen aufforderte oder sie unterstützte. Ein Mord, der auf der Straße begangen worden war, war also genügend Grund zur Erlassung dieses Gesetzes, und in der ganzen Pariser Presse gab es, wie Louis Blanc sehr richtig bemerkt hat, nur eine einzige Stimme – die Marats –, die gegen dieses grausame Gesetz protestierte und sagte, daß in der Zeit der Revolution, wo die Nation noch dabei war, ihre Fesseln zu zerbrechen und neuen aufopfernden Kampf gegen ihre Feinde zu führen, ein Gesetz über den Belagerungszustand keine Existenzberechtigung hatte. In der Nationalversammlung protestierte niemand außer Robespierre und Buzot; und auch die nicht aus Prinzip. Sie sagten, man dürfe das Gesetz über den Belagerungszustand nicht proklamieren, ehe man einen Gerichtshof zur Aburteilung derer eingesetzt hätte, die die Majestät der Nation beleidigt hatten. Das Bürgertum benutzte also in der Nationalversammlung wie in der Stadtverwaltung die Abspannung, die natürlich nach der Bewegung vom 5. und 6. Oktober im Volk Platz greifen mußte, um die neue Gewalt der Mittelklasse zu organisieren, wobei es allerdings nicht ohne Reibungen zwischen den ehrgeizigen Bestrebungen einzelner Personen abging, die gegenseitig zusammenstoßen und gegeneinander intrigieren mußten. Der Hof seinerseits konnte durchaus keine Veranlassung sehen, abzudanken; er wühlte und kämpfte ebenfalls und benutzte die Notlage und den Ehrgeiz einiger, wie zum Beispiel Mirabeaus, um sie in seinen Dienst zu bekommen. Der Herzog von Orléans hatte sich in der Bewegung vom 6. Oktober, die er im geheimen begünstigt hatte, kompromittiert, und der Hof ließ ihn in Ungnade fallen und schickte ihn als Gesandten nach England. Aber nunmehr ist es ›Monsieur‹, der Bruder des Königs, der Graf von Provence, der zu intrigieren beginnt, um den König, ›den Klotz‹, wie er an einen Freund schrieb, dazu zu bringen, abzureisen. War der König erst einmal auf der Flucht, konnte er sich als Kandidaten für den Thron Frankreichs aufstellen. Mirabeau, der seit dem 23. Juni eine große Macht über die Versammlung gewonnen hatte und der immer in Geldnöten war, intrigierte seinerseits, um ins Ministerium zu kommen, und als seine Pläne von der Versammlung (die beschloß, daß keines ihrer Mitglieder einen Posten im Ministerium annehmen dürfte) vereitelt wurden, warf er sich dem Grafen von Provence in die Arme, in der Hoffnung, mit seiner Hilfe zur Macht zu gelangen. Schließlich verkaufte er sich dem König und nahm von ihm für vier Monate eine Pension von monatlich 50 000 Franken und das Versprechen einer Gesandtschaft an, wogegen sich Herr von Mirabeau verpflichtete, ›dem König mit seiner Einsicht, seiner Macht und seiner Beredsamkeit in allem zu helfen, was er (Mirabeau) zum Nutzen des Staates und im Interesse des Königs für richtig halten wird‹. Dies alles wurde erst später, 1792, nach dem Sturm auf die Tuilerien bekannt, und inzwischen behielt Mirabeau bis zu seinem Tod (2. April 1791) seinen Ruhm als Verteidiger des Volks. Man wird niemals das ganze Netz von Intrigen entwirren können, die damals zwischen dem Louvre und den Palästen der Prinzen und desgleichen an den Höfen von London, Wien, Madrid und der verschiedenen deutschen Fürstentümer gesponnen wurden. Um das untergehende Königtum war eine rege vielgeschäftige Bewegung. Und wieviel ehrgeizige Bestrebungen gab es in der Versammlung selbst, die die Macht erobern wollten! Aber das alles sind Zwischenfälle ohne viel Bedeutung. Sie dienen dazu, gewisse Tatsachen zu erklären, aber sie ändern am Gang der Ereignisse, die von der Logik der Situation und den Kräften bedingt sind, die sich aneinander messen müssen, nicht das geringste. Die Nationalversammlung repräsentierte das gebildete Bürgertum, das dabei war, die Macht, die den Händen des Hofes, der hohen Geistlichkeit, des Adels entsank, zu erobern und zu organisieren. Und es gab in ihrer Mitte eine Anzahl Menschen, die mit Intelligenz und einer gewissen Kühnheit gerade auf dieses Ziel losgingen, und diese Kühnheit wurde jedesmal stärker, wenn das Volk einen neuen Sieg über das alte Regime errungen hatte. So gab es in der Nationalversammlung das ›Triumvirat‹, wie man es nannte, von Duport, Charles de Lameth und Barnave, und in Paris gab es den Bürgermeister Bailly und den Kommandanten der Nationalgarde Lafayette, auf die sich die Blicke richteten. Aber die wahre Kraft des Augenblicks wohnte in den kompakten Kräften der Versammlung, die die Gesetze ausarbeitete, mit deren Hilfe die Regierung der Mittelklassen sich festsetzte. An diese Arbeit machte sich die Versammlung sofort eifrig, nachdem sie nach Paris übersiedelt war und ihre Tätigkeit mit einer gewissen Ruhe wieder aufnehmen konnte. Diese Arbeit hatte, wie wir gesehen haben, gleich nach der Eroberung der Bastille begonnen. Als das Bürgertum dieses Volk gesehen hatte, das sich binnen wenigen Tagen mit Spießen bewaffnet, die Torhäuser niedergebrannt und die Lebensmittel sich genommen hatte, wo es sie fand, und das den reichen Bürgern ebenso feindselig gesinnt war wie den Aristokraten, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Sie beeilten sich jetzt, sich selbst zu bewaffnen, ihre Nationalgarde zu organisieren, die ›Bärenmützen‹ gegen die ›Wollmützen‹ und die Spieße, um die Volksaufstände unterdrücken zu können. Und am 5. Oktober beschlossen sie eiligst das Gesetz über die Zusammenrottungen, von dem wir soeben gesprochen haben. Zu gleicher Zeit beeilte sich das Bürgertum, Gesetze zu machen, die dafür sorgen sollten, daß die politische Gewalt, die den Händen des Hofes entfiel, nicht in die Hände des Volkes fiel. So beantragte schon acht Tage nach dem 14. Juli Siêyès, der berühmte Fürsprecher des dritten Standes, in der Nationalversammlung, die Bürger in zwei Kategorien zu teilen, deren eine – die aktiven Bürger – allein an der Regierung teilhaben sollte, während die andere, die die große Masse des Volkes umfaßte, unter dem Namen passiver Bürger aller politischen Rechte beraubt sein sollte. Fünf Wochen später nahm die Versammlung diese Teilung als grundlegend für die Verfassung an. Die Erklärung der Menschenrechte, deren erster Grundsatz die Gleichheit der Rechte aller Bürger war, wurde also, kaum daß sie proklamiert war, aufs schwerste verletzt. Als die Versammlung die Arbeit der politischen Organisation wieder aufgenommen hatte, schaffte sie die alte feudale Einteilung in Provinzen ab, von denen jede bis dahin noch gewisse feudale Privilegien für den Adel und die Parlamentshöfe gehabt hatte; sie teilte Frankreich in Departements; sie hob die alten ›Parlamente‹ auf, das heißt die alten Gerichtshöfe, die ebenfalls Gerichtsprivilegien besaßen, und ging daran, eine völlig neue und gleichförmige Verwaltung zu organisieren, wobei immer die Armenbevölkerung grundsätzlich von der Regierung ausgeschlossen war. Die Nationalversammlung, die noch unter dem Ancien régime gewählt worden war, war zwar aus indirekten Wahlen hervorgegangen, aber die Wahl war eine fast allgemeine gewesen. Das heißt, man hatte in jedem Wahlkreis mehrere Urwählerversammlungen einberufen, die fast aus allen erwachsenen männlichen Einwohnern des Bezirks zusammengesetzt waren. Diese hatten Wahlmänner ernannt, die in jedem Wahlkreis eine Wahlmännerversammlung bildeten, die nun ihrerseits ihren Vertreter für die Nationalversammlung wählte. Es ist zu beachten, daß nach den Wahlen die Wahlmännerversammlungen weiter tagten, von ihren Abgeordneten Briefe erhielten und ihre Abstimmungen überwachten. Jetzt, wo das Bürgertum zur Macht gelangt war, machte es zweierlei. Es vermehrte die Befugnisse der Wahlmännerversammlungen, indem es ihnen die Wahl des Direktoriums jedes Departements, der Richter und gewisser anderer Behörden anvertraute. Es gab ihnen so eine sehr große Macht. Aber zu gleicher Zeit schloß es die Masse des Volks von den Urwählerversammlungen aus und beraubte es so aller politischen Rechte. Es ließ nur die aktiven Bürger zu, das heißt die, die zu den direkten Steuern mindestens drei Arbeitstage beitrugen. Die anderen wurden passive Bürger. Sie durften nicht mehr an den Urwählerversammlungen teilnehmen, und so hatten sie nicht mehr das Recht, weder die Wahlmänner, noch ihre Stadtverwaltung, noch irgendeine der Departementsbehörden zu wählen. Sie durften auch der Nationalgarde nicht angehören. Außerdem mußte man, um zum Wahlmann gewählt werden zu können, zu den direkten Steuern zehn Arbeitstage beitragen, so daß aus diesen Versammlungen völlig bürgerliche Körperschaften wurden. (Später, als die Reaktion nach dem Gemetzel auf dem Marsfeld kühner wurde, machte die Versammlung sogar noch eine weitere Einschränkung: man mußte ein Grundstück besitzen, um zum Wahlmann gewählt werden zu können. Und um zum Volksvertreter in die Nationalversammlung gewählt werden zu können, mußte man an direkten Steuern den Wert einer Mark Silber, das heißt 50 Livres beitragen.) Noch mehr. Die dauernde Tagung der Wahlmännerversammlungen wurde verboten. Nach vollzogenen Wahlen durften diese Versammlungen nicht mehr stattfinden. Nachdem die bürgerlichen Herrscher einmal ernannt waren, sollte man sie nicht zu ernsthaft kontrollieren. Bald wurde sogar das Recht, zu petitionieren und Wünsche auszusprechen, genommen. ›Stimmt – und schweigt!‹ Die Dörfer hatten, wie wir gesehen haben, unter dem Ancien régime fast in ganz Frankreich die allgemeine Einwohnerversammlung beibehalten – die dem russischen Mir entsprach. Dieser allgemeinen Versammlung kam die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten zu und ebenso die Verteilung und Verwaltung der Gemeindeländereien – der bestellten Felder, der Wiesen und Wälder, und ebenso der unbestellten Ländereien. Jetzt aber wurden diese allgemeinen Gemeindeversammlungen durch das Munizipalgesetz vom 22/24. Dezember 1789 verboten. In Zukunft sollten nur die wohlhabenden Bauern – die Aktivbürger – das Recht haben, sich einmal im Jahr zu versammeln, um den Gemeindevorstand (Maire) und den Gemeinderat zu ernennen, der aus drei oder vier Dorfbürgern bestand. Die nämliche Selbstverwaltung wurde den Städten gegeben – die Aktivbürger versammelten sich zur Wahl der Stadtverordnetenversammlung (Conseil général) und der Stadtverwaltung – das heißt, die Stadt erhielt die gesetzgebende und die Exekutivgewalt, wozu die ganze Ortspolizei und der Befehl über die Nationalgarde gehörte. So wurde die Bewegung, die im Juli in den Städten stattgefunden hatte und die darin bestand, daß sich die Städte auf revolutionärem Wege eine erwählte Stadtverwaltung gaben, und zwar zu einer Zeit, wo die Gesetze des alten Regime, die keine Befugnis der Art kannten, noch in voller Kraft waren, diese Bewegung wurde durch das Munizipal- und Verwaltungsgesetz vom 22. Dezember 1789 anerkannt. Und damit wurde, wie wir noch sehen werden, der Revolution eine gewaltige Macht gegeben: es wurden sogleich im Anfang der Bewegung 30 000 Verwaltungsmittelpunkte geschaffen, die in tausend Dingen von der Zentralregierung unabhängig und imstande waren, revolutionär vorzugehen, sowie es den Revolutionären gelungen war, sich ihrer zu bemächtigen. Allerdings umgab sich das Bürgertum mit allen möglichen Vorsichtsmaßregeln, damit die Macht in der Stadtverwaltung in den Händen des wohlhabenden Teils der Mittelklasse blieb. Überdies war die Gemeindeverwaltung dem Departementsrat unterstellt, der, aus indirekten Wahlen hervorgegangen, das wohlhabende Bürgertum repräsentierte und der während der ganzen Dauer der Revolution die Stütze und Waffe der Gegenrevolution war. Andrerseits repräsentierte die Gemeindeverwaltung selbst, die nur von Aktivbürgern gewählt wurde, die Bourgeoisie viel mehr als die Masse des Volks, und in manchen Städten, wie Lyon und vielen anderen, wurde sie ein Mittelpunkt der Reaktion. Aber immerhin waren die Gemeindeverwaltungen kein Zubehör der königlichen Gewalt, und man muß anerkennen, daß das Gemeindegesetz vom Dezember 1789 mehr als jedes andere Gesetz zum Erfolg der Revolution beitrug. Während des Aufstandes der Bauern gegen ihre Feudalherren im August 1789 waren, wie wir gesehen haben, die Stadtverwaltungen des Dauphiné gegen die Bauern in den Kampf gezogen und hatten die aufständigen Bauern an den Galgen geknüpft. Aber im weiteren Verlauf der Revolution gelang es dem Volk mehr und mehr, die städtischen Behörden unter ihren Einfluß zu bekommen. Daher sehen wir, daß die Stadtverwaltungen, je weiter die Revolution den Kreis ihrer Probleme steckt, selbst immer revolutionärer werden, und in den Jahren 1793 und 1794 werden sie die wahren Aktionsmittelpunkte der Revolutionäre, die es mit dem Volke hielten. Ein weiterer Schritt, der für die Revolution sehr wichtig war, wurde von der Nationalversammlung damit gemacht, daß sie die alte Gerichtsbarkeit der Parlamentshöfe abschaffte und die Wahl der Richter durchs Volk einführte. Auf dem Lande wählte jeder Kanton, der aus fünf bis sechs Kirchspielen gebildet war, selbst durch seine Aktivbürger seine Landrichter, und in den großen Städten wurde dieses Recht den Wahlmännerversammlungen erteilt. Die alten Parlamentshöfe kämpften natürlich für die Aufrechterhaltung ihrer Vorrechte. Im Süden, in Toulouse, stellten sich sogar 80 Mitglieder des Parlaments zusammen mit 90 Edelleuten an die Spitze einer Bewegung, die dem Monarchen seine legitime Autorität und seine ›Freiheit‹ und der Religion ihren ›nützlichen Einfluß‹ wiedergeben sollte. In Paris, Rouen, Metz, in der Bretagne wollten sich die Parlamente der nivellierenden Gewalt der Versammlung nicht unterwerfen und unternahmen Verschwörungen zugunsten des alten Regimes. Aber die Parlamente wurden vom Volk nicht unterstützt, und sie mußten sich notgedrungen dem Dekret vom 3. November 1789 unterwerfen, durch das sie bis zu einem neuen Befehl beurlaubt wurden. Der Widerstand, den sie versuchten, rief nur ein neues Dekret (vom 11. Januar 1790) hervor, in dem erklärt wurde, der Widerstand der Behörden von Rennes gegen das Gesetz mache sie ›unfähig, die Rechte der Aktivbürger auszuüben, solange sie nicht auf ihr Gesuch an die gesetzgebende Körperschaft zum Treueid auf die Konstitution zugelassen seien, die von der Nationalversammlung beschlossen und vom König genehmigt worden sei‹. Man sieht, die Versammlung verstand es, ihre Entscheidung über die neue Verwaltungsorganisation Frankreichs in Respekt zu setzen. Aber diese neue Organisation begegnete bei der hohen Geistlichkeit, dem Adel und der Großbourgeoisie einem furchtbaren Widerstand, und es brauchte Jahre und eine Revolution, die viel tiefer ging, als das Bürgertum sie gewünscht hatte, um die alte Organisation zu zertrümmern und die neue einzuführen. 22. Finanzschwierigkeiten; die Güter des Klerus werden verkauft Das Schwierigste war es für die Revolution, daß sie sich ihren Weg durch die furchtbaren wirtschaftlichen Zustände bahnen mußte. Der Staatsbankerott hing drohend über den Köpfen derer, die es unternommen hatten, Frankreich zu regieren, und wenn es in der Tat dazu kam, mußte er zu einer Empörung des ganzen wohlhabenden Bürgertums gegen die Revolution führen. Wenn das Defizit eine der Ursachen gewesen war, die das Königtum gezwungen hatten, die ersten konstitutionellen Zugeständnisse zu machen, und die dem Bürgertum den Mut gegeben hatten, ernsthaft seinen Anteil an der Regierung zu verlangen, so lastete dieses selbe Defizit die ganze Revolution hindurch wie ein Alpdruck auf denen, die hintereinander zur Macht gelangten. Allerdings waren in jener Zeit die Staatsanleihen noch nicht international, und so brauchte Frankreich nicht zu befürchten, die fremden Nationen könnten als seine Gläubiger auftreten, sich miteinander verständigen und Frankreich seine Provinzen wegnehmen, wie das heute der Fall wäre, wenn ein europäischer Staat sich mitten in der Revolution bankerott erklärte. Aber man mußte an die inländischen Gläubiger denken, und wenn Frankreich seine Zahlungen eingestellt hätte, wäre das der Ruin so vieler bürgerlichen Vermögen gewesen, daß die Revolution das ganze große und mittlere Bürgertum gegen sich gehabt hätte – alle Welt, außer den Arbeitern und den ärmsten Bauern. Daher mußten die konstituierende und die gesetzgebende Versammlung, der Konvent und späterhin das Direktorium eine ganze Reihe von Jahren hindurch unerhörte Anstrengungen machen, um diesen Bankerott zu vermeiden. Die Lösung, zu der sich die Versammlung Ende 1789 entschloß, war die, die Güter der Kirche zu konfiszieren, sie zu verkaufen und als Gegenleistung der Geistlichkeit ein festes Gehalt zu zahlen. Die Einkünfte der Kirche wurden 1789 auf 120 Millionen für die Zehnten, auf 80 Millionen andere Einkünfte aus den verschiedenen Besitztümern (Häuser, Liegenschaften, deren Wert auf etwas mehr als 2 Milliarden geschätzt wurde) und auf ungefähr 30 Millionen Steuern geschätzt, die der Staat jedes Jahr dazugegeben hatte: zusammen 230 Millionen jährlich. Diese Einkünfte waren ohne Frage unter die verschiedenen Teile der Geistlichkeit auf die ungerechteste Weise verteilt. Die Bischöfe lebten in raffiniertem Luxus und konnten es hinsichtlich ihrer Ausgaben mit den reichen Grundherren und den Prinzen aufnehmen, während die Pfarrer in den Städten und Dörfern, die nichts bekamen als die ›portion congrue‹ (das bestimmte kleine Einkommen, das ihnen vom Oberzehntherrn gezahlt wurde), ein erbärmliches Leben führten. Es wurde darum schon am 10. Oktober von Talleyrand, dem Bischof von Autun, beantragt, alle Güter der Kirche sollten im Namen des Staates in Besitz genommen werden; sie sollten verkauft werden; die Geistlichkeit sollte ein anständiges Gehalt bekommen (1200 Livres jährlich jeder Geistliche und außerdem freie Wohnung), und mit dem Rest sollte ein Teil der Staatsschuld gedeckt werden, die sich auf 50 Millionen Leibrente und auf 60 Millionen dauernde Rente belief. Diese Maßregel erlaubte, das Defizit zu decken, den Rest Salzsteuer, der noch geblieben war, abzuschaffen und nicht mehr von den ›Ämtern‹, den Offizier- und Beamtenstellen zehren zu müssen, die dem Staate abgekauft wurden. Durch den Verkauf der Kirchengüter wollte man auch eine neue Klasse von Landleuten schaffen, die mit der Scholle verwachsen wären, die sie zu ihrem Eigentum gemacht hatten. Dieses Projekt mußte natürlich auf Seiten der Grundbesitzer starke Befürchtungen hervorrufen. ›Ihr führt uns zum Ackergesetz!‹ wurde in der Nationalversammlung gesagt. ›Vergeßt nicht, jedesmal, wenn ihr zum Ursprung des Eigentums zurückgeht, schließt sich die Nation euch an!‹ Darin lag die Anerkennung, daß an der Wurzel jedes Grundeigentums die Ungerechtigkeit, die Gewalt, der Betrug oder der Diebstahl lag. Aber das Bürgertum ohne Grundbesitz war von dem Projekt entzückt. Auf diese Weise wurde der Bankerott vermieden, und die Bürger fanden Grundstücke, die sie kaufen konnten. Und da das Wort ›Expropriation‹ die frommen Seelen der Grundeigentümer erschreckte, fand man das Mittel, es zu vermeiden. Man sagte, die Güter des Klerus würden zur Verfügung der Nation gestellt, und man setzte fest, es sollten von diesen Gütern sofort bis zum Betrag von 400 Millionen zum Verkauf gestellt werden. Der 2. November 1789 war der denkwürdige Tag, an dem diese großartige Expropriation mit 568 gegen 346 Stimmen von der Versammlung beschlossen wurde. Gegen dreihundertsechsundvierzig Stimmen! Und diese Opposition, die von da an der heftige Feind der Revolution wird, setzt von nun an alles in Bewegung, um der konstitutionellen Regierung und späterhin der Republik allen möglichen und erdenklichen Schaden zu tun. Aber das Bürgertum, das einerseits unter dem Einfluß der Enzyklopädisten stand, andrerseits von dem Schreckgespenst des unvermeidlichen Bankerotts verfolgt wurde, ließ sich nicht von seinem Wege abbringen. Als die ungeheure Mehrheit der Geistlichkeit und insbesondere die Ordensgesellschaften gegen die Expropriation der geistlichen Güter zu intrigieren angefangen hatten, beschloß die Versammlung am 12. Februar 1790 die Aufhebung der unvergleichlichen Gelübde und der Klosterorden beiderlei Geschlechts. Sie hatte nur die Schwäche, im Augenblick noch nicht die Ordensgesellschaften anzutasten, die sich dem öffentlichen Unterricht und der Krankenpflege widmeten. Sie wurden erst am 1. August 1792 nach dem Sturm auf die Tuilerien abgeschafft. Man versteht, welchen Haß diese Dekrete beim Klerus und bei all denen erregen mußte, über die der Klerus Macht hatte; und deren Zahl war in der Provinz außerordentlich groß. Solange indessen der Klerus und die Orden noch hoffen konnten, die Verwaltung ihrer ungeheuren Besitzungen zu behalten, die alsdann nur wie eine Hypothek auf die Staatsanleihen betrachtet worden wären, zeigten sie nicht ihre ganze Feindseligkeit. Aber diese Situation konnte nicht von Dauer sein. Der Staatsschatz war leer, die Steuern kamen nicht ein. Eine Anleihe von 30 Millionen, die am 9. August 1789 beschlossen worden war, war fehlgeschlagen; eine andere von 80 Millionen, die man am 27. desselben Monats beschlossen hatte, ergab viel zuwenig. Endlich wurde nach einer berühmten Rede Mirabeaus am 26. September eine außerordentliche Steuer vom Viertel des Einkommens beschlossen. Aber diese Steuer wurde sofort von dem Schlund der Zinsen auf die alten Anleihen verschluckt, und nunmehr kam man auf die Idee von Assignaten mit Zwangskurs, deren Wert durch die dem Klerus konfiszierten Nationalgüter garantiert wurde und die in dem Maße, wie der Verkauf dieser Güter Geld einbrächte, eingelöst werden sollten. Man kann sich die kolossalen Spekulationen vorstellen, zu denen dieses Verfahren des Verkaufs der Nationalgüter in großem Maßstabe und die Emission der Assignaten Veranlassung gab. Man errät leicht, was für ein Element durch dieses Verfahren in die Revolution eingeführt wurde. Und trotzdem fragen sich Nationalökonomen und Historiker bis zum heutigen Tage, ob es ein anderes Mittel zur Befriedigung der dringenden Bedürfnisse des Staates gegeben hätte. Die Verbrechen, die Ausschweifungen, die Diebstähle, die Kriege des Ancien régime lasteten auf der Revolution. Die Revolution, die mit dieser ungeheuren Schuldenlast anfing, die das alte Regime ihr vermacht hatte, mußte die Konsequenzen auf sich nehmen. Sie war von einem Bürgerkrieg bedroht, der noch schrecklicher gewesen wäre als der, der schon ausgebrochen war; sie stand unter der Gefahr, sich die Bourgeoisie zum Feinde zu machen, die ihre Ziele verfolgte und dabei zuließ, daß das Volk sich von seinem Herrn befreite, sich aber gegen jeden Befreiungsversuch gewandt hätte, wenn die Kapitalien, die sie in den Anleihen angelegt hatte, bedroht worden wären. Zwischen diese zwei Gefahren gestellt, nahm die Revolution das Projekt der durch die Nationalgüter garantierten Assignaten an. Am 29. Dezember 1789 wurde auf den Vorschlag der Distrikte von Paris (siehe an späterer Stelle im vierundzwanzigsten Kapitel) die Verwaltung der geistlichen Güter den Gemeindebehörden übertragen, die von diesen Gütern für 400 Millionen zum Verkauf stellen sollten. Der große Schlag war geschehen. Und von da an widmete der Klerus außer einigen Dorfpfarrern, die Freunde des Volks waren, der Revolution einen tödlichen Haß – einen klerikalen Haß, und die Kirchen haben sich immer aufs Hassen verstanden. Die Abschaffung der Klostergelübde stachelte diesen Haß noch mehr an. Von da an wurde der Klerus in ganz Frankreich die Seele der Verschwörungen zur Wiederherstellung des alten Regimes und des Feudalismus. Er blieb der geistige Leiter und die Seele der Reaktion, die wir in den Jahren 1790 und 1791 heraufkommen sehen und die der Revolution ein Ende zu machen drohte. Aber das Bürgertum kämpfte und ließ sich nicht entwaffnen. Im Juni und Juli 1790 schnitt die Nationalversammlung die Diskussion einer großen Frage an – der inneren Organisation der Kirche in Frankreich. Da die Geistlichkeit jetzt ihr Gehalt vom Staate bekam, faßten die Gesetzgeber den Gedanken, sie von Rom zu befreien und sie völlig unter die Konstitution zu stellen. Man ließ die Bistümer mit den neuen Departements zusammenfallen: ihre Zahl wurde auf diese Weise verkleinert, und die beiden Bezirke – die Diözese und das Verwaltungsdepartement – wurden zu einem. Das konnte noch angehen, aber die Wahl der Bischöfe wurde von dem neuen Gesetz den Wahlmännern anvertraut – ebendenselben, die die Abgeordneten, die Richter und die Gemeindeverwaltungen zu wählen hatten. Das hieß den Bischof seines priesterlichen Charakters entkleiden und einen Staatsbeamten aus ihm machen. Allerdings waren in der alten Kirche die Bischöfe und Priester vom Volke gewählt worden; aber die Wahlmännerversammlungen, die zur Wahl von politischen Vertretern und Beamten zusammentraten, waren nicht die alten Volksversammlungen von Gläubigen ... kurz, die Gläubigen sahen darin einen Schlag gegen die ehrwürdigen Dogmen der Kirche, und die Priester zogen allen möglichen Nutzen aus dieser Unzufriedenheit. Die Geistlichkeit teilte sich in zwei große Parteien: die konstitutionelle Geistlichkeit, die sich wenigstens der Form nach den neuen Gesetzen unterwarf und den Eid auf die Verfassung leistete, und die unvereidigte Geistlichkeit, die den Eid verweigerte und sich offen an die Spitze der gegenrevolutionären Bewegung stellte. So kam es, daß sich die Einwohner in jeder Provinz, in jeder Stadt, jedem Dorf und jedem Gehöft vor die Frage gestellt sahen: sollten sie sich für oder gegen die Revolution entscheiden? Infolgedessen mußten in jedem kleinen Bezirk die schrecklichsten Kämpfe Platz greifen, um zu entscheiden, welche der beiden Parteien die Oberhand gewann. Die Revolution wurde aus Paris in die kleinsten Dörfer verpflanzt. Sie blieb keine Parlamentsrevolution, sie wurde eine Volksrevolution. Das Werk, das die konstituierende Versammlung vollbrachte, war gewiß ein Werk fürs Bürgertum. Aber in die Gewohnheiten der Nation das Prinzip politischer Gleichheit einzuführen, die Überreste der Rechte der einen Menschen über die Person eines anderen fortzuschaffen, das Gefühl der Gleichheit und den Geist der Empörung gegen die Ungleichheiten zu erwecken, das war eine ungeheure Aufgabe, eine gewaltige Tat dieser Versammlung. Man darf nur nicht vergessen, was schon Louis Blanc bemerkt hat, daß es zur Unterhaltung und Entzündung dieses revolutionären Herdes, den die Versammlung vorstellte, des Windes bedurfte, ›der damals von der Straße heraus wehte‹. Selbst der Aufruhr, fügt Louis Blanc hinzu, gebar in jenen unvergleichlichen Tagen so viele geniale Weisheit aus seinem Getümmel heraus! ›Jede Erhebung war so getränkt mit Ideen!‹ Anders ausgedrückt, was die Versammlung in all der Zeit zwang, in ihrem Werk des Aufbauens immer weiterzugehen, war die Straße, das Volk auf der Straße. Selbst eine revolutionäre Versammlung oder eine, die sich wenigstens revolutionär aufspielte, wie die Konstituante, hätte nichts getan, wenn das Volk es nicht vorwärtsgestachelt und durch seine zahlreichen Erhebungen die Widerstandskraft der Gegenrevolution niedergeschlagen hätte. 23. Das Bundesfest Mit der Übersiedelung des Königs und der Nationalversammlung von Versailles nach Paris endet die erste Periode, man kann sagen, die heroische Periode der großen Revolution. Der Zusammentritt der Generalstaaten, die Königliche Sitzung vom 23. Juni, der Schwur im Ballhaus, die Eroberung der Bastille, die Empörung der Städte und Dörfer im Juli und August, die Nacht vom 4. August, endlich der Zug der Frauen nach Versailles und ihre Rückkehr, ihr Triumphzug mit dem König als Gefangenen, das waren die wichtigsten Etappen dieser Periode. Mit der Übersiedelung der Versammlung und des Königs – der ›gesetzgebenden und der exekutiven Gewalt‹ – nach Paris beginnt die Periode eines dumpfen Kampfes zwischen dem dem Untergang geweihten Königtum und der neuen konstitutionellen Gewalt, die sich langsam aus der Gesetzgebungsarbeit der Versammlung und aus dem Werke des Aufbaus an Ort und Stelle, in jeder Stadt und jedem Dorf, heraus gestaltet. Frankreich hat nunmehr in der Nationalversammlung eine konstitutionelle Gewalt, die der König anzuerkennen genötigt ist. Aber wenn er sie auch offiziell anerkennt, sieht er doch immer eine Usurpation in ihr, eine Beleidigung seiner königlichen Autorität, deren Schmälerung er nicht zugeben will. Darum zerbricht er sich den Kopf, tausend Mittelchen zu finden, die Versammlung zu ducken und ihr jedes Stückchen Autorität streitig zu machen. Und bis zum letzten Augenblick gibt er die Hoffnung nicht auf, diese neue Gewalt, die er schmerzlich bedauert, nicht im Keime erstickt zu haben, eines Tages wieder zum Gehorsam bringen zu können. In diesem Kampf sind ihm alle Mittel recht. Er weiß aus Erfahrung, daß die Menschen seiner Umgebung käuflich sind – die einen billig, die andern unter der Bedingung, daß man ordentlich zahlt –, und er tut sein Äußerstes, um Geld, viel Geld zu bekommen, er borgt in London, um die Parteiführer in der Nationalversammlung und anderswo kaufen zu können. Es gelingt ihm damit nur allzu gut mit einem von denen, die auf der vordersten Schanze stehen, nämlich mit Mirabeau, der mittelst bedeutender Zahlungen der Berater des Hofes und Verteidiger des Königs wurde und seine letzten Tage in sinnlosem Luxus verbrachte. Aber nicht nur in der Versammlung findet das Königtum seine Helfershelfer, sondern noch mehr draußen. Es hat sie unter denen, die die Revolution ihrer Privilegien, ihrer verrückten Pensionen, die ihnen früher bewilligt worden waren, und ihrer kolossalen Vermögen beraubt; unter dem Klerus, der seinen Einfluß schwinden sieht; unter den Adligen, die mit ihren Feudalrechten ihre privilegierte Stellung verlieren; unter den Bürgern, die für die Kapitalien fürchten, die sie in der Industrie, dem Handel und den Staatsanleihen angelegt haben, – unter ebendenselben Bürgern, die während der Revolution und durch sie dazu gelangen, sich zu bereichern. Die Menschen, die in der Revolution eine Feindin erblicken, sind sehr zahlreich. Zu ihnen zählt alles, was früher um die hohe Geistlichkeit, die Adligen und die Privilegierten des Großbürgertums herum lebte: mehr als die Hälfte des ganzen aktiven und denkenden Teils der Nation, der ihr historisches Leben ausmacht. Und wenn die Revolution im Volk von Paris, Straßburg, Rouen und vielen andern großen und kleinen Städten ihre glühendsten Verteidiger findet – wie viele Städte gibt es dagegen, wo, wie in Lyon, der jahrhundertealte Einfluß der Geistlichkeit und die wirtschaftliche Abhängigkeit des Handwerkers und Arbeiters derart groß sind, daß das Volk selbst sich bald zusammen mit seiner Geistlichkeit gegen die Revolution wenden wird; wie viele Städte, wie die großen Hafenplätze, Nantes, Bordeaux, Saint-Malo, wo die Großhändler und die ganze große Masse, die von ihnen abhängt, von vornherein für die Reaktion gewonnen sind. Und selbst unter den Bauern, die ein Interesse daran hätten, mit der Revolution zu gehen, wie viele Kleinbürger gibt es unter ihnen, die sie fürchten; abgesehen von den Bevölkerungen, die die Fehler der Revolutionäre selbst der großen Sache entfremden. Die Revolutionäre, die zuviel Theoretiker sind, zu sehr Anbeter der Gleichförmigkeit und der geraden Schnur und infolgedessen unfähig, die vielfachen Formen des Grundbesitzes zu verstehen, die aus dem Gewohnheitsrecht hervorgehen, die andererseits zu voltairisch gesinnt sind, um gegen die Vorurteile der dem Elend überlieferten Massen duldsam zu sein; und die vor allem zu sehr Politiker sind, um zu verstehen, welche Bedeutung die Bodenfrage für den Bauern hat – die Revolutionäre selbst bringen die Bauern in der Vendée, der Bretagne, dem Südosten gegen sich auf. Die Gegenrevolution wußte aus all diesen Elementen Vorteil zu ziehen. Ein großer Tag, wie der 14. Juli oder der 6. Oktober, kann wohl den Schwerpunkt der Regierung verschieben; aber die Revolution mußte in den 30 000 Gemeinden Frankreichs, im Geist und Handeln dieser Gemeinden vollbracht werden, und das brauchte Zeit. Das nützte ebenfalls der Gegenrevolution, die bei der Gelegenheit all die Unzufriedenen der oberen Klassen ihrer Sache zuführte, und deren Zahl in der Provinz war Legion. Denn wenn das radikale Bürgertum der Revolution eine erstaunliche Menge außerordentlicher Geister gab (die die Revolution selbst entwickelt hatte), so fehlte es auch dem Provinzadel, den Kaufleuten und vor allem dem Klerus, die insgesamt dem Königtum eine furchtbare Widerstandskraft gaben, nicht an Geist und besonders an Schlauheit und Gewandtheit. Dieser dumpfe Kampf von Zettelungen und Gegenzettelungen, von Teilerhebungen in den Provinzen und parlamentarischen Kämpfen in der Konstituierenden und später der Gesetzgebenden Versammlung, dieser gedeckte Kampf dauerte beinahe drei Jahre; von Oktober 1789 bis Juni 1792, wo die Revolution endlich wieder einen neuen Aufschwung nahm. Es ist das eine Periode, die arm an Ereignissen von historischer Bedeutung ist – die einzigen in diesem Zeitraum, die herausgehoben zu werden verdienen, sind die Verschärfung der Bauernerhebung im Januar und Februar 1790, das Bundesfest vom 14. Juli 1790, das Gemetzel von Nancy (31. August 1790), die Flucht des Königs am 20. Juni 1791 und die Niedermetzelung des Volks von Paris auf dem Marsfeld (17. Juli 1791). Wir kommen auf die Bauernaufstände in einem späteren Kapitel zurück. Aber es müssen hier ein paar Worte über das Bundesfest gesagt werden. Es faßt den ganzen ersten Abschnitt der Revolution in sich zusammen. Es ist so von Begeisterung und Eintracht erfüllt, daß es zeigt, was die Revolution hätte sein können, wenn die privilegierten Klassen und das Königtum begriffen hätten, daß die Wandlung, die sich vollzog, unvermeidlich war, und wenn sie sich gutwillig dem gefügt hätten, was sie nicht mehr verhindern konnten. Taine redet in geringschätzigem Ton von den Festen der Revolution, und es ist wahr, die von 1793 und 1794 waren oft zu theatralisch. Sie waren fürs Volk veranstaltet, aber nicht vom Volk. Aber das Fest vom 14. Juli 1790 war eines der schönsten Volksfeste, von denen die Geschichte zu berichten weiß. Vor 1789 war Frankreich nicht geeinigt gewesen. Es war ein historisches Ganzes, aber seine verschiedenen Teile kannten sich wenig und liebten sich kaum. Aber nach den Ereignissen von 1789 und nachdem der Wald der feudalen Überreste mit der Axt gelichtet worden war, nach den schönen Augenblicken, die die Vertreter aller Teile Frankreichs zusammen erlebt hatten, war ein Gefühl der Einheit, der Solidarität zwischen den von der Geschichte lose verbundenen Provinzen erzeugt worden. Europa begeisterte sich an den Worten und Taten der Revolution – wie hätten die Provinzen, die daran teilhatten, diesem Einheitsgefühl auf dem Vorwärtsmarsch nach einer besseren Zukunft widerstehen können? Dessen ein Symbol war das Bundesfest. Es wies einen anderen charakteristischen Zug auf. Da für dieses Fest gewisse Erdarbeiten notwendig waren, zum Beispiel die Ebnung des Bodens, die Erbauung eines Triumphbogens, und da es sich acht Tage vor dem Feste herausstellte, daß die fünfzehntausend Arbeiter, die dabei beschäftigt waren, nicht zur rechten Zeit fertig werden würden – was tat da Paris? Ein Unbekannter regte an, alle, ganz Paris, sollten bei den Arbeiten auf dem Marsfeld helfen, und alle, Arme und Reiche, Künstler und Handwerker, Mönche und Soldaten machten sich vergnügt an die Arbeit. Frankreich, das durch die Tausende Abgeordnete, die aus den Provinzen gekommen waren, vertreten war, fand seine nationale Einheit im Bearbeiten der Erde – das mag ein Symbol dessen sein, was eines Tages die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen und der Völker herbeiführen wird. Der Schwur, den die Tausende ›auf die von der Nationalversammlung beschlossene und vom König genehmigte Verfassung‹ leisteten, der Schwur, den der König leistete, dem sich die Königin im Namen ihres Sohnes spontan anschloß, – all das hatte wenig Bedeutung. Jeder leistete seinen Eid mit einer gewissen Mentalreservation, jeder knüpfte gewisse Bedingungen daran. Der König leistete seinen Eid mit folgenden Worten: »Ich, König der Franzosen, schwöre, daß ich die ganze Macht, die mir durch die Konstitutionsakte des Staates vorbehalten ist, anwenden will, um die von der Nationalversammlung beschlossene und von mir angenommene Verfassung aufrechtzuerhalten.« Das bedeutete schon, daß er wohl die Verfassung aufrechterhalten wollte, aber daß sie verletzt würde und er nicht die Macht hätte, es zu verhindern. In Wirklichkeit dachte der König schon im Augenblick, wo er seinen Eid leistete, an nichts anderes, als wie er aus Paris fortkommen könnte – unter dem Vorwand einer Reise zur Revue über die Armeen. Er berechnete die Mittel, mit denen er die einflußreichen Mitglieder der Versammlung kaufen wollte und dachte an die Hilfsquellen, die ihm aus dem Ausland zufließen sollten, um damit die Revolution zum Stehen zu bringen, die er selbst durch seinen Widerstand gegen die notwendigen Neuerungen und durch die Unehrlichkeit seiner Beziehungen zur Nationalversammlung entfesselt hatte. Die Eide hatten wenig Wert. Aber bezeichnend an diesem Fest ist, außer der Entstehung einer neuen Nation mit einem gemeinsamen Ideal, die auffällige Gutmütigkeit der Revolution. Ein Jahr nach der Eroberung der Bastille, zu einer Zeit, wo Marat völlig recht hatte, als er schrieb: ›Warum diese ausgelassene Freude? Warum diese dummen Äußerungen der Fröhlichkeit? Die Revolution ist bisher noch nichts gewesen als ein Traum, der dem Volk Schmerzen gebracht hat!‹, zu einer Zeit, wo noch nichts geschehen war, um die Not des arbeitenden Volks zu lindern, und alles geschehen war (wir werden es gleich sehen), um die tatsächliche Abschaffung der Feudalmißbräuche zu verhindern, zu einer Zeit, wo das Volk allenthalben, mit seinem Leben und mit entsetzlichem Elend die Fortschritte der politischen Revolution bezahlen mußte, – trotz dem allen brach da das Volk angesichts der neuen demokratischen Einrichtungen, die bei diesem Fest bestätigt wurden, in Begeisterung aus. Wie achtundfünfzig Jahre später, im Februar 1848, das Volk von Paris drei Monate Elend in den Dienst der Republik stellen wird, ebenso zeigte sich das Volk jetzt bereit, alles zu tragen, wenn nur die Verfassung ihm versprach, seinen Leiden Milderung zu schaffen, wenn sie nur ein wenig guten Willen zeigte. Wenn drei Jahre später dieses selbe Volk, das so bereit war, sich mit wenigem zu begnügen, das so bereit war, zu warten, wild wurde und die Konterrevolutionäre auszutilgen begann, dann nahm es dazu seine Zuflucht als zum äußersten Mittel, um wenigstens einen Teil der Revolution zu retten; denn es sah sie in Gefahr unterzugehen, bevor sie dem Volke irgendeine Änderung in den wirtschaftlichen Zuständen gebracht hatte. Im Juli 1790 deutete noch nichts auf diesen düsteren und wilden Charakter. ›Die Revolution ist bisher noch nichts gewesen als ein Traum, der dem Volk Schmerzen gebracht hat!‹ Sie hat ihre Versprechungen nicht gehalten. Tut nichts! Sie geht vorwärts und das genügt. Überall gibt sich das Volk der Fröhlichkeit hin. Aber die Reaktion steht schon in Waffen bereit, und in einem oder zwei Monaten wird sie sich in ihrer ganzen Stärke zeigen. Beim nächsten Jahresfest des 14. Juli, am 17. Juli 1791 wird sie schon stark genug sein, das Volk auf diesem nämlichen Marsfeld niederzuschießen. 24. Die Distrikte und Sektionen von Paris Wir haben gesehen, wie die Revolution schon in den ersten Monaten des Jahres 1789 mit Volkserhebungen begonnen hatte. Es war indessen für die Revolution nicht genug, daß es mehr oder weniger siegreiche Volkserhebungen gab. Es war nötig, daß nach diesen Erhebungen in den Institutionen etwas Neues zurückblieb, das den neuen Formen des Lebens gestattete, sich auszugestalten und zu befestigen. Das französische Volk schien diese Notwendigkeit wunderbar begriffen zu haben, und was es gleich in den ersten Erhebungen in das Leben Frankreichs einführte, war die Kommune des Volks. Der Regierungszentralismus kam später; aber die Revolution begann damit, die Kommune zu schaffen, und diese Institution gab ihr, wie wir sehen werden, eine außerordentliche Kraft. In der Tat war es in den Dörfern die Kommune der Bauern, die die Abschaffung der Feudallasten forderte und die Verweigerung der Zahlung dieser Lasten zum gesetzlichen Zustand machte; sie nahm den Grundherrn die ehemaligen Gemeindeländereien wieder ab, sie widersetzte sich den Adligen, kämpfte gegen die Priester, schützte die Patrioten und späterhin die Sansculotten; sie nahm die zurückkehrenden Emigranten oder auch den geflohenen König fest. In den Städten war es die städtische Kommune, die die ganze Gestaltung des Lebens neu ordnete; sie nahm das Recht in Anspruch, die Richter zu ernennen, änderte aus eigner Initiative die Steuerveranlagung und wurde später, je nachdem die Revolution ihren Gang weiterging, die Waffe der Sansculotten im Kampf gegen das Königtum, die royalistische Verschwörung und die deutsche Invasion. Noch später, im Jahre II, waren es die Kommunen, die sich an die Ausgleichung der Vermögen machten. In Paris endlich war es, wie man weiß, die Kommune, die den König stürzte; und nach dem 10. August war sie der wahre Herd und die wahre Stärke der Revolution, die ihre Kraft nur so lange bewahrte, als die Kommune lebte. Die Kommunen waren also die Seele der großen Revolution, und ohne diese Herde, die über das ganze Gebiet verbreitet waren, hätte die Revolution niemals die Kraft gehabt, das alte Regime umzustürzen, die deutsche Invasion zurückzutreiben und Frankreich zu neuer Gesundung zu führen. Es wäre indessen falsch, wenn man sich die Kommunen von damals als moderne Verwaltungskörper vorstellen wollte, denen die Bürger, nachdem sie sich ein paar Tage während der Wahlen erhitzt haben, naiv genug die Lenkung all ihrer Angelegenheiten überlassen, ohne sich weiter darum zu kümmern. Das verrückte Vertrauen in die Repräsentativregierung, das für unsere Epoche charakteristisch ist, gab es während der großen Revolution nicht. Die Kommune, die aus den Volksbewegungen hervorgegangen war, trennte sich nicht vom Volk. Vermittelst ihrer Distrikte, ihrer Sektionen, ihrer ›Tribus‹, die als ebenso viele Organe der Verwaltung des Volks eingesetzt waren, blieb sie Volk, und das machte die revolutionäre Macht dieser Organismen aus. Weil man die Organisation und das Leben der Distrikte und Sektionen für Paris am besten kennt, wollen wir von diesen Organen der Stadt Paris sprechen, um so mehr, als wir, wenn wir das Leben einer Sektion von Paris erforschen, annähernd das Leben von tausend Kommunen in der Provinz kennenlernen. Sowie die Revolution angefangen hatte, und insbesondere, seitdem die Ereignisse kurz vor dem 14. Juli die Initiative von Paris hervorgerufen hatten, organisierte sich das Volk mit seinem wunderbaren Sinn für revolutionäre Organisation, in fester Weise für den Kampf, den es durchführen mußte und dessen Tragweite es sofort erfaßte. Für die Wahlen war die Stadt Paris in sechzig Distrikte eingeteilt gewesen, die die Wahlmänner zu wählen hatten. Nachdem diese erst ernannt waren, sollten die Distrikte verschwinden. Aber sie blieben bestehen und organisierten sich aus eigener Initiative als dauernde Organe der Stadtverwaltung; sie eigneten sich gewisse Aufgaben und Funktionen an, die früher das Amt der Polizei oder der Justiz oder auch verschiedener Ministerien des alten Regimes gewesen waren. Sie ließen sich also nicht verdrängen, und im Augenblick, wo vor dem 14. Juli ganz Paris im Aufruhr war, fingen sie an, das Volk zu bewaffnen und als unabhängige Behörden vorzugehen, und hatten damit solchen Erfolg, daß der Permanente Ausschuß, den das einflußreiche Bürgertum im Rathaus eingesetzt hatte (siehe das zwölfte Kapitel), die Distrikte berufen mußte, um sich mit ihnen zu verständigen. Die Distrikte entfalteten die lebhafteste Tätigkeit, das Volk zu bewaffnen, die Nationalgarde einzurichten und hauptsächlich Paris gegen einen bewaffneten Angriff von Versailles in Verteidigungszustand zu setzen. Nach der Eroberung der Bastille gehen die Distrikte schon als anerkannte Organe der Stadtverwaltung vor. Jeder Distrikt ernennt seinen Bürgerausschuß von 16 bis 24 Mitgliedern zur Führung seiner Geschäfte. Im übrigen organisiert sich, wie Sigismond Lacroix in seiner Einleitung zum ersten Band der Actes de la Commune de Paris pendant la Révolution – Akten der Pariser Kommune während der Revolution – (Band I, Paris 1894, S. VII) sehr gut gesagt hat, jeder Distrikt von sich aus, ›so gut er es versteht‹. Ein Distrikt, ›der die Absichten der Nationalversammlung hinsichtlich der Gerichtsverfassung vorwegnimmt, ernennt seine Friedens- und Sühnerichter‹. Aber um sich miteinander zu verständigen, ›richten sie ein Zentralverkehrsbureau ein, wo besondere Delegierte zusammenkommen und sich gegenseitig Mitteilungen machen‹. Es entsteht so, von unten nach oben, durch die Verbindung der Distriktorganisationen, die in revolutionärer Weise aus der Volksinitiative hervorgegangen war, ein erster Versuch zur Kommune. Die revolutionäre Kommune vom 10. August entwickelt sich also schon in dieser Epoche und insbesondere seit Dezember 1789, wo die Delegierten der Distrikte versuchen, im erzbischöflichen Palais ein Zentralkomitee zu bilden. Vermittelst dieser Distrikte gelang es dann Danton, Marat und so vielen anderen, den Sturm der Empörung in die Massen zu tragen, und diese Massen gewöhnten sich durch sie daran, sich über die Repräsentativkörperschaften hinwegzusetzen und die direkte Regierung zu handhaben. Unmittelbar nach der Eroberung der Bastille hatten die Distrikte ihre Abgeordneten beauftragt, im Einvernehmen mit Bailly, dem Bürgermeister von Paris, ein Projekt der Selbstverwaltung auszuarbeiten, das dann den Distrikten selbst vorgelegt werden sollte. Bis dahin aber verfahren die Distrikte so, wie sie es für notwendig hielten, und erweiterten von sich aus den Kreis ihrer Befugnisse. Als die Nationalversammlung daranging, das Gesetz über die Selbstverwaltung zu debattieren, ging sie, wie es von einer so widersprechend zusammengesetzten Körperschaft zu erwarten war, mit peinlicher Langsamkeit vor. ›Nach Verlauf von zwei Monaten‹, sagt Lacroix, ›war der erste Artikel des neuen Verwaltungsprojekts noch nicht geschrieben‹ (Actes, Bd. II, S. XIV). Man versteht, daß ›diese Verzögerung den Distrikten verdächtig vorkam‹, und seitdem kommt gegen die Versammlung der Vertreter der Kommune eine mehr und mehr ausgesprochene Feindseligkeit von seiten eines Teils ihrer Auftraggeber zum Durchbruch. ›Aber hauptsächlich ist hervorzuheben, daß die Distrikte in ihrem Bemühen, der Munizipalverwaltung eine gesetzliche Form zu geben, ihre Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten suchen. Sie suchen die Einheit des Vorgehens nicht in der Unterwerfung der Distrikte unter ein Zentralkomitee, sondern in ihrem föderativen Zusammenschluß.‹ ›Die Geistesrichtung der Distrikte setzt sich zusammen aus einem sehr starken Gefühl für die Einheit der Kommune und einer nicht weniger starken Tendenz zur direkten Regierung‹, sagt Lacroix (Teil II, S. XIV und XV). ›Paris will nicht eine Föderation von sechzig Republiken sein, in die sein Gebiet aufs Geratewohl zerteilt ist; die Kommune ist ein einheitliches Ganzes, das von der Gesamtheit aller Distrikte gebildet wird ... Nirgends findet man ein Beispiel von einem Distrikt, der abseits von den anderen leben will ... Aber neben diesem unbestrittenen Prinzip macht sich ein anderes geltend: die Kommune will sich nämlich selbst Gesetze geben und sich selbst soviel als möglich direkt verwalten; die Repräsentativregierung soll auf ein Minimum eingeschränkt werden; alles, was die Kommune direkt tun kann, soll von ihr ohne Zwischeninstanz, ohne Delegation oder durch Delegierte entschieden werden, die nur die Rolle besonderer Mandatare haben, die unter der unausgesetzten Kontrolle ihrer Auftraggeber stehen ... Den Distrikten schließlich, den Bürgern, die sich in den allgemeinen Versammlungen der Distrikte versammeln, kommt das Recht zu, für die Kommune Gesetze zu geben und sie zu verwalten.‹ Man sieht so, die anarchistischen Prinzipien, die ein paar Jahre später Godwin in England aussprach, entstanden schon im Jahre 1789, und sie entsprangen nicht theoretischen Spekulationen, sondern den Tatsachen der großen Revolution. Noch mehr: es gibt eine schlagende Tatsache, die Lacroix mitteilt und die zeigt, bis zu welchem Grad die Distrikte den Unterschied zwischen sich und der Verwaltungsbehörde hervorzuheben und sie zu verhindern verstehen, in ihre Rechte einzugreifen. Als am 30. November 1789 Brissot den Plan faßte, Paris eine Munizipalverfassung zu geben, die zwischen der Nationalversammlung und einem von der Repräsentantenversammlung (dem Permanenten Ausschuß vom 12. Juli) gewählten Komitee vereinbart war, opponierten die Distrikte sofort. Es durfte nichts ohne die unmittelbare Zustimmung der Distrikte selbst unternommen werden (Actes, Teil III, S. IV), und Brissots Projekt mußte aufgegeben werden. Und als später, im April 1790, die Versammlung die Debatte über die Munizipalgesetze begann, hatte sie zwischen zwei Projekten zu wählen: dem der (freien und ungesetzlichen) Versammlung im erzbischöflichen Palais, das die Mehrheit der Sektionen angenommen und Bailly unterzeichnet hatte, und dem der Repräsentanten der Kommune, das nur ein paar Distrikte unterstützten. Sie stimmten für das erstere. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Distrikte sich keineswegs auf die Munizipalangelegenheiten beschränkten. Sie nahmen an allen großen politischen Fragen Anteil, die Frankreich erregten. Das Veto des Königs, das imperative Mandat, die Armenfürsorge, die Judenfrage, die Frage der ›Silbermark‹ (siehe einundzwanzigstes Kapitel) – all das wurde in den Distrikten beraten. Als es sich um die Silbermark handelte, ergriffen sie selbst die Initiative, beriefen sich einander und setzten Ausschüsse ein. ›Sie fassen ihre Beschlüsse‹ sagt Lacroix, ›ignorieren die offiziellen Vertreter der Kommune und richten am 8. Februar (1790) die erste ›Adresse der Kommune von Paris in ihren Sektionen‹ an die Nationalversammlung. Das ist eine persönliche Kundgebung der Distrikte, die von aller offiziellen Vertretung absieht und dazu bestimmt ist, das Auftreten Robespierres gegen die Silbermark in der Nationalversammlung zu unterstützen.‹ (Dritter Teil, S. XII und XIII.) Noch interessanter ist, daß von da an die Provinzstädte sich mit der Kommune von Paris in allen möglichen Angelegenheiten in Beziehung setzen. Es wird so das Bestreben sichtbar, das später so deutlich hervortreten wird, eine direkte Verbindung zwischen den Städten und Dörfern Frankreichs unabhängig vom Nationalparlament herzustellen, und man versteht, welche Stärke dieses direkte, spontane Vorgehen der Revolution geben muß. Insbesondere in einer Sache von entscheidender Wichtigkeit – der Liquidation der geistlichen Güter – brachten die Distrikte ihren Einfluß und ihr Organisationstalent zur Geltung. Wohl hatte das Gesetz auf dem Papiere die Konfiskation der geistlichen Güter und ihren Verkauf zugunsten der Nation angeordnet; aber es hatte keinen praktischen Weg zur Durchführung gezeigt. Bei der Gelegenheit erboten sich die Distrikte von Paris, beim Ankauf dieser Güter die Vermittler zu machen, und luden alle Gemeindeverwaltungen Frankreichs ein, das nämliche zu tun, was eine praktische Lösung zur Durchführung des Gesetzes war. Die Art, wie die Distrikte vorgingen, um die Versammlung dazu zu bestimmen, ihnen diese wichtige Aufgabe anzuvertrauen, ist vom Herausgeber der Akten der Kommune erzählt worden. ›Wer‹, fragt Lacroix, ›hat im Namen dieser umfassenden Person, der Kommune von Paris, gesprochen und gehandelt?‹ Und er antwortet: ›Das Stadtbureau zuerst, das den Gedanken angeregt hat; dann die Distrikte, die sich ihm anschlossen und danach für die Ausführung die Stelle des Stadtrats eingenommen haben, indem sie direkt mit dem Staat, das heißt mit der Nationalversammlung verhandelten, und endlich den projektierten Ankauf verwirklichten, und das alles im Gegensatz zu einem formellen Dekret, aber mit der Zustimmung der souveränen Versammlung.‹ Noch interessanter ist, daß die Distrikte, nachdem sie einmal die Sache an sich genommen hatten, sowohl die alte Versammlung der Repräsentanten der Kommune, die für eine ernsthafte Aktion schon zu altersschwach geworden war, wie den Stadtrat, der sich einmengen wollte, daraus fortbrachten. ›Die Distrikte‹, sagt Lacroix, ›ziehen es vor, für diesen besonderen Zweck eine besondere beratende Versammlung, die aus sechzig Delegierten – einen für jeden Distrikt – zusammengesetzt war, und einen kleinen Exekutivausschuß einzusetzen, der aus zwölf Mitgliedern bestand, die von den erstgenannten sechzig gewählt waren.‹ (S. XIX) Durch ein solches Vorgehen – und eine solche spontane direkte Initiative ist für alle Zeiten von größter Bedeutung – legten die Distrikte von Paris die Grundlagen einer neuen, einer freiheitlichen Organisation der Gesellschaft. ›Wie wäre es möglich, daß die von der Kommune selbst durch den Dienst seiner ad hoc für diesen besonderen Zweck ernannten Kommissare vollzogene Erwerbung weniger legal wäre, als wenn sie von ein für allemal gewählten Vertretern vorgenommen würde? ... Gilt nicht das Prinzip, daß die Befugnisse des Mandatars aufhören, wenn der Auftraggeber anwesend ist?‹ Als im Jahre 1790 die Reaktion mehr und mehr an Boden gewann, erlangten die Distrikte von Paris im Gegenteil immer mehr Einfluß auf den Gang der Revolution. Während die Nationalversammlung allmählich die Macht des Königs untergräbt, erweitern die Distrikte und dann die Sektionen allmählich den Kreis ihrer Befugnisse im Volke; sie stellen die Verbindung zwischen Paris und den Provinzen her und bereiten den Boden für die revolutionäre Kommune vom 10. August. ›Die Munizipalgeschichte‹, sagt Lacroix, ›spielt sich außerhalb der offiziellen Versammlungen ab. Die wichtigsten Akte des kommunalen, politischen und administrativen Lebens werden von den Distrikten vollzogen: die Erwerbung der Nationalgüter geschieht, wie es die Distrikte gewollt haben, durch Vermittlung von Spezialkommissaren; die Föderation der Nation wird von einer Vereinigung von Delegierten vorbereitet, denen die Distrikte ein Spezialmandat gegeben haben ... Die Föderation vom 14. Juli ist ebenso das ausschließliche und direkte Werk der Distrikte.‹ Ihr Organ in dem letztgenannten Fall war die Versammlung der Abgeordneten der Sektionen für den Bundespakt. (Teil I, S. II, IV und 729, Anmerkung.) In Wahrheit sagt man immer gern, die Nationalversammlung habe die nationale Einheit vertreten. Als es sich indessen um das Bundesfest handelte, hatten es die Politiker, wie schon Michelet bemerkt hat, als sie von allen Seiten Frankreichs die Menschen zu diesem Fest nach Paris strömen sahen, mit der Angst zu tun bekommen, und die Kommune von Paris mußte gewaltsam in die Nationalversammlung eindringen, um ihre Zustimmung zu dem Feste zu erlangen. ›Sie mußte gute Miene machen und ihre Einwilligung geben.‹ Wichtiger aber ist, daß diese Bewegung, die zuerst, wie Buchez und Roux sehr gut gesagt haben, aus dem Bedürfnis, die Verpflegung zu sichern und sich gegen die Befürchtungen einer Invasion des Auslands zu schützen, das heißt zum Teil aus einer Frage der Lokalverwaltung entstanden war, in den Sektionen den Charakter einer allgemeinen Eidgenossenschaft annahm, in der alle Kantone der französischen Departements und alle Regimenter der Armee vertreten sein sollten! Das Instrument, das um der Selbständigkeit der einzelnen Stadtbezirke von Paris willen geschaffen worden war, wurde so zum Werkzeug der föderativen Vereinigung der ganzen Nation. 25. Die Sektionen von Paris unter dem neuen Munizipalgesetz Wir sind so von den Ideen des Knechtschaftsverhältnisses gegenüber dem zentralisierten Staat befangen, daß die bloßen Gedanken an kommunale Unabhängigkeit – ›Autonomie‹ wäre zu wenig gesagt –, die im Jahre 1789 geläufig waren, uns kurios scheinen. L. Foubert hat vollständig recht, wenn er von dem Plan der Stadtverwaltungsorganisation, den die Nationalversammlung am 21. Mai 1790 beschloß, sagt: ›Die Ausführung dieses Plans erschiene heutzutage, so sehr haben sich die Ideen verwandelt, als ein revolutionärer, ja sogar anarchischer Akt‹, und er fügt hinzu, daß damals dieses Munizipalgesetz von den Parisern, die in ihren Distrikten seit dem 14. Juli 1789 an eine sehr große Unabhängigkeit gewöhnt waren, ungenügend gefunden wurde. Daher schien damals den Parisern und selbst den Gesetzgebern der Nationalversammlung die genaue Abgrenzung der Gewalten, auf die man heutzutage so viel Gewicht legt, eine unnütze und die Freiheit antastende Sache. Wie Proudhon, der gesagt hat: ›Die Kommune wird alles oder nichts sein‹, konnten die Distrikte von Paris nicht einsehen, warum die Kommune nicht alles sein sollte. ›Eine Kommune‹, sagten sie, ›ist eine Gesellschaft von Miteigentümern und Mitbewohnern, die im Bezirk einer geschlossenen und begrenzten Örtlichkeit zusammen wohnen, und hat als Kollektivwesen dieselben Rechte wie ein Bürger.‹ Und auf Grund dieser Definition sagten sie, die Kommune von Paris habe wie jeder andere Bürger ›Freiheit, Eigentum, Sicherheit und das Recht des Widerstands gegen Unterdrückung‹ und infolgedessen alle Macht, über ihr Eigentum zu verfügen und ebenso für die Verwaltung dieses Eigentums, die Sicherheit der Personen, die Polizei, das Militär, kurz für alles zu sorgen. Die Kommune ist in der Tat innerhalb ihres Gebiets souverän: weiter gibt es für eine Kommune keine Einschränkung der Freiheit. Noch mehr. Der dritte Abschnitt der Einführung in das Selbstverwaltungsgesetz vom Mai 1790 stellte ein Prinzip auf, das man heutzutage schwer versteht, das man aber in jener Epoche sehr gut verstand. Es war das Prinzip, seine Befugnisse direkt, ohne Vermittler auszuüben: › Die Kommune von Paris übt auf Grund ihrer Freiheit alle ihre Rechte und Gewalten immer selbst aus, – und zwar soviel wie möglich direkt und sowenig wie möglich durch Delegierte.‹ So drückte sich die Einführung aus. Anders ausgedrückt heißt das: Die Kommune von Paris soll nicht ein regierter Staat sein, sondern ein Volk, das sich unmittelbar, das heißt ohne Vermittler, ohne Herrn selbst regiert. Die allgemeine Versammlung der Sektion – die immer tagt – und nicht die erwählten Mitglieder eines Gemeinderats sind die höchste Instanz für alles, was die Einwohner von Paris angeht. Und wenn die Sektionen einstimmig beschließen, sich in den Fragen der Allgemeinheit der Mehrheit der Sektionen zu unterwerfen, so verzichten sie darum nicht auf das Recht, sich je nach ihrer Neigung besonders zu verbinden, sich von einer Sektion zur andern zu begeben, um die Entscheidungen der Nachbarn zu beeinflussen und immer wieder den Versuch zu machen, zur Einstimmigkeit zu gelangen. Die ununterbrochene Tagung der allgemeinen Versammlungen der Sektionen – das, so sagen die Sektionen, wird die politische Erziehung jedes Bürgers bewirken und ihm dann auch gestatten, ›mit Sachkenntnis die zu wählen, deren Eifer und Einsicht er bemerkt hat und achtet‹. (Sektion der Mathurins; zitiert bei Foubert, S. 155.) Und sie sagen, die permanent tagende Sektion – das immer offene Forum – sei das einzige Mittel, um eine ehrliche und verständnisvolle Verwaltung zu sichern. Endlich sind die Sektionen, wie Foubert sehr gut sagt, vom Mißtrauen beseelt: vom Mißtrauen gegen jede Exekutivgewalt . ›Wer ausführt, verfügt über die Gewalt und muß sie mit Notwendigkeit mißbrauchen.‹ ›Das ist die Meinung Montesquieus und Rousseaus‹, fügt Foubert hinzu, es ist auch unsere! Man begreift die Kraft, die dieser Standpunkt der Revolution geben mußte, um so mehr, als noch der andere damit verbunden war, auf den ebenfalls Foubert hinweist: ›Auf diese Weise richtet sich die revolutionäre Bewegung ebensosehr gegen den Zentralismus wie gegen den Despotismus.‹ So scheint das französische Volk im Beginn der Revolution begriffen zu haben, daß die ungeheure Verwandlung, die seine Aufgabe war, weder auf konstitutionellem Wege noch durch eine Zentralgewalt vollbracht werden konnte: sie mußte das Werk lokaler Kräfte sein, die, um handeln zu können, große Freiheit haben mußten. Vielleicht hat es auch daran gedacht, daß die Eroberung der Freiheit in jedem Dorfe und jeder Stadt ihren Anfang nehmen mußte. Die Einschränkung der Gewalt des Königs wäre dadurch nur erleichtert worden. Es ist kein Zweifel, daß die Nationalversammlung alles zu tun suchte, um die Aktionskraft der Distrikte zu verringern und sie unter die Vormundschaft einer Kommunalregierung zu bringen, die die Volksvertretung unter ihrer Herrschaft halten konnte. So unterdrückte das Munizipalgesetz vom 27. Mai/27. Juni 1790 die Distrikte. Es wollte diesen Revolutionsherden ein Ende machen und führte darum zunächst eine neue Einteilung von Paris in 48 Sektionen ein und erlaubte ferner nur den Aktivbürgern, an den Wahl- und Verwaltungsversammlungen der neuen ›Sektionen‹ teilzunehmen. Indessen mochte das Gesetz noch so sehr die Aufgaben der Sektionen beschränken und festsetzen, sie sollten sich in ihren Versammlungen ›lediglich mit den Wahlen und der Ablegung des Bürgereides‹ beschäftigen (Erster Teil, Artikel 11), man gehorchte nicht. Die Sache hatte sich schon seit über einem Jahr eingebürgert, und die ›Sektionen‹ fuhren mit der Art, vorzugehen, fort, die die ›Distrikte‹ begonnen hatten. Überdem mußte das Munizipalgesetz selbst den Sektionen die Verwaltungsbefugnisse zuerkennen, die schon die Distrikte, ohne viel zu fragen, ausgeübt hatten. Ebenso findet man in dem neuen Gesetz die sechzehn gewählten Kommissare, die nicht bloß Polizei- und sogar Justizfunktionen auszuüben hatten, sondern auch mit der Verwaltung des Departements, ›der Verteilung der Steuern in ihren Sektionen‹ betraut werden konnten. (Vierter Titel, Artikel 12.) Wenn übrigens die Konstituierende Versammlung die ›Permanenz‹ unterdrückte, das heißt das permanente Recht der Sektionen, sich ohne besondere Einberufung zu versammeln, so war sie trotzdem genötigt, ihnen das Recht zuzubilligen, allgemeine Versammlungen abzuhalten, sowie sie von fünfzig Aktivbürgern verlangt würden. Das genügte, und die Sektionen verfehlten nicht, davon Gebrauch zu machen. Kaum einen Monat nach der Einsetzung der neuen Stadtverwaltung verlangten zum Beispiel Danton und Bailly im Namen von 43 (unter 48) Sektionen in der Nationalversammlung die sofortige Entlassung der Minister, die vor einem nationalen Gerichtshof unter Anklage gestellt werden sollten. Die Sektionen ließen sich also von ihrer Souveränität nicht abbringen. Sie war ihnen zwar vom Gesetz genommen worden, aber sie behielten sie bei und bestanden darauf. Ihre Petition hatte in der Tat nichts mit der Stadtverwaltung zu tun, aber sie handelten, und damit war alles gesagt. Überdies waren die Sektionen infolge der verschiedenen Befugnisse, die sie sich zuerteilt hatten, so wichtig, daß die Nationalversammlung sie anhörte und ihnen wohlwollend antwortete. Ebenso ging es mit der Bestimmung des Munizipalgesetzes von 1790, die die Stadtverwaltungen völlig ›in allem, was die Befugnisse angeht, die sie im Auftrag der allgemeinen Verwaltung auszuüben haben, den Departements- und Distriktsverwaltungen‹ unterstellte (Artikel 55). Weder die Sektionen noch durch ihre Vermittlung die Kommune von Paris, noch die Kommunen der Provinz unterwarfen sich dieser Bestimmung. Sie ignorierten sie und bewahrten ihre Souveränität. Im allgemeinen nahmen die Sektionen allmählich wieder die Rolle von Revolutionsherden an; und wenn ihre Aktivität in der Reaktionsperiode von 1790 und 1791 schwächer wurde, so waren es, wie man im weiteren sehen wird, noch und immer die Sektionen, die Paris 1792 aufweckten und die revolutionäre Kommune vom 10. August vorbereiteten. Jede Sektion ernannte, wie wir gesagt haben, kraft des Gesetzes vom 21. Mai 1790, sechzehn Kommissare, und diese Kommissare, die sich als Bürgerausschüsse konstituierten und zunächst nur das Amt der Polizei hatten, haben während des ganzen Verlaufs der Revolution nicht aufgehört, ihre Befugnisse nach allen Richtungen hin auszudehnen. Daher sah sich im September 1790 die Versammlung genötigt, den Sektionen die Rechte zuzusprechen, die sich, wie wir gesehen haben, Straßburg schon im August 1789 genommen hatte: insbesondere das Recht der Ernennung der Friedensrichter und ihrer Beisitzer und ebenso der Schiedsrichter. Und dieses Recht behielten die Sektionen bis zu dem Augenblick, wo die jakobinische revolutionäre Regierung – am 4. Dezember 1793 – eingeführt wurde. Andererseits gelangten eben diese Bürgerausschüsse der Sektionen Ende 1790 nach einem lebhaften Kampfe dazu, die Verwaltung der Geschäfte der Wohltätigkeitsanstalten und ebenso das sehr wichtige Recht in ihre Hand zu bekommen, die Unterstützungsangelegenheiten zu überwachen und zu organisieren – was ihnen gestattete, die Barmherzigkeitswerkstätten des Ancien régime durch ›Unterstützungswerkstätten‹ zu ersetzen, die von den Sektionen selbst verwaltet wurden. In dieser Richtung entfalteten die Sektionen später eine bemerkenswerte Tätigkeit. Im selben Grade, wie in der Revolution überhaupt, machten die sozialen Ideen in den Sektionen Fortschritte. So machten sie sich allmählich zu Lieferanten von Bekleidung, Wäsche, Schuhwerk für die Armee, sie organisierten das Mühlenwesen usw., so daß sich im Jahre 1793 jeder Bürger und jede Bürgerin, die in der Sektion ansässig war, in der Werkstatt ihrer Sektion einfinden und dort Arbeit erhalten konnte (Mellié, S. 289). Aus diesen ersten Anfängen entstand später eine umfassende mächtige Organisation, so daß im Jahre II (1793–1794) die Sektionen den Versuch machten, völlig an die Stelle der Armeebekleidungsämter und ebenso der Lieferanten zu treten. Das ›Recht auf Arbeit‹, das das Volk der großen Städte 1848 verlangte, war also nur eine Reminiszenz an das, was in Paris während der großen Revolution tatsächlich vorhanden, aber von unten und nicht von oben durchgesetzt war, wie es die Louis Blanc, Vidal und andere autoritäre Sozialisten, die im Luxembourg saßen, wollten. Noch mehr. Die Sektionen überwachten nicht nur während des ganzen Verlaufs der Revolution die Zufuhr und den Verkauf des Brotes, die Preise der notwendigsten Lebensbedürfnisse und die Anwendung der Maximalpreise, als diese vom Gesetz eingeführt worden waren, sie ergriffen auch die Initiative, die brachliegenden Ländereien von Paris zu bestellen, um die landwirtschaftliche Produktion durch die Gemüsekultur zu vermehren. Das möchte vielleicht solchen armselig erscheinen, die sich unter Revolution nur Schießen und Barrikaden vorstellen; aber gerade dadurch, daß die Sektionen von Paris auf die kleinen Einzelheiten des täglichen Lebens der Handwerker und Arbeiter eingingen, brachten sie ihre politische und revolutionäre Macht zur Geltung. Aber wir dürfen nicht vorgreifen. Nehmen wir vielmehr den Bericht über den Gang der Ereignisse wieder auf; wir kommen auf die Sektionen von Paris wieder zurück, wenn wir von der Kommune vom 10. August berichten. 26. Verzögerungen bei der Abschaffung der Feudallasten Je mehr die Revolution vorschritt, um so deutlicher prägten sich die beiden Strömungen aus, von denen wir im Eingang dieses Werkes gesprochen haben, nämlich die des Volkes und die des Bürgertums, deren Gegensatz insbesondere in den wirtschaftlichen Fragen zur Geltung kam. Das Volk suchte dem Feudalwesen ein Ende zu machen. Es trat mit demselben Feuer für die Gleichheit wie für die Freiheit ein. Als es dann die Langsamkeit, selbst im Kampf gegen den König und die Priester, sah, verlor es die Geduld und suchte die Revolution zum Ziele zu führen. Es sah den Tag schon voraus, wo der revolutionäre Schwung erlahmte, es suchte die Rückkehr der Herren, der Königsdespotie, des Feudalwesens und des Regiments der Reichen und Priester für immer unmöglich zu machen. Und zu diesem Zweck wollte es – wenigstens in der guten Hälfte Frankreichs – die Wiedererlangung des Besitzes am Grund und Boden, Agrargesetze, die es jedem erlaubten, wenn er wollte, den Boden zu bestellen, und Gesetze, die Reiche und Arme in ihren bürgerlichen Rechten auf denselben Boden stellen sollten. Das Volk empörte sich, wenn man es zwang, den Zehnten zu zahlen, es bemächtigte sich gewaltsam der Stadtverwaltungen, um mit den Priestern und Herren fertig zu werden. Kurz, es unterhielt in einem Teil Frankreichs den Zustand der Revolution, während es in Paris auf den Galerien der Nationalversammlung, in den Klubs und in den Sektionen seine Gesetzgeber aus der Nähe überwachte. Und schließlich organisierte es sich, als es galt, mit dem Königtum fertig zu werden, zum Aufstand und kämpfte am 14. Juli 1789 und am 10. August 1792 mit den Waffen in der Hand. Das Bürgertum andererseits arbeitete, wie wir schon gesehen haben, mit Energie an der Vollendung der ›Eroberung der Gewalten‹ – das Wort stammt schon aus jener Epoche. Je mehr die Gewalt des Königs und des Hofes verbröckelte und der Verachtung anheimfiel, eignete das Bürgertum sie sich an. Es gab seiner Gewalt eine solide Grundlage in den Provinzen und organisierte zugleich sein jetziges und künftiges Vermögen. War in einigen Gegenden die große Masse der den Emigranten und Priestern konfiszierten Güter vermittelst kleiner Parzellen in die Hände der Armen gelangt { das geht wenigstens aus den Untersuchungen Lutschizkys hervor } , so hatte in anderen Gegenden ein ungeheurer Teil dieser Güter dazu gedient, die Bourgeois zu bereichern, während alle Arten von Finanzspekulationen die Grundlagen zu einer großen Zahl Vermögen des dritten Standes legten. Aber vor allem hatten die gebildeten Bürger verstanden – die englische Revolution von 1648 war ihnen darin ein Beispiel gewesen –, daß jetzt die Reihe an sie gekommen war, sich der Regierung Frankreichs zu bemächtigen, und daß die Klasse, die regierte, Anspruch auf den Reichtum hätte, und dies um so mehr, als das Aktionsgebiet des Staates sich durch die Bildung eines großen stehenden Heeres, die Reorganisation des öffentlichen Unterrichts, der Justiz, der Steuern und so weiter entsprechend vergrößern mußte. Das hatte man nach der englischen Revolution deutlich genug gesehen. Man begreift nun, daß sich in Frankreich mehr und mehr zwischen dem Bürgertum und dem Volk ein Abgrund auftat: dem Bürgertum, das die Revolution gewollt hatte und das Volk in sie hineinlockte, bis es merkte, daß die ›Eroberung der Gewalten‹ zu seinen Gunsten schon so gut wie beendet war; und dem Volk, das in der Revolution das Mittel gesehen hatte, sich von dem doppelten Joch des Elends und der Vorenthaltung politischer Rechte zu befreien. Auf der einen Seite standen die, welche die Männer ›der Ordnung‹ und ›des Staates‹ damals ›Anarchisten‹ nannten, denen eine Anzahl Vertreter des Bürgertums – Cordeliers und einige Jakobiner – zur Seite standen. Die Staatsmänner und die Verteidiger ›des Eigentums‹, wie man damals sagte, fanden anderseits ihren vollständigen Ausdruck in der politischen Partei derer, die man später Girondisten nannte: das heißt, in den Politikern, die sich im Jahre 1792 um Brissot und den Minister Roland gruppierten. Wir haben schon im fünfzehnten Kapitel erzählt, worauf sich die angebliche Abschaffung der Feudallasten in der Nacht des 4. August und mittelst der von der Nationalversammlung vom 5. bis 11. August gefaßten Beschlüsse beschränkte; und wir haben jetzt zu sehen, welche Bahnen diese Gesetzgebung in den Jahren 1790 und 1791 einschlug. Aber da diese Frage der Feudallasten für die ganze Revolution bestimmend ist und ihre Lösung erst 1793, nach der Austreibung der Girondisten aus dem Konvent, fand, wollen wir auf die Gefahr einiger Wiederholungen noch einmal die Gesetzgebung vom August 1789 zusammenfassen, bevor wir darlegen, was in den zwei folgenden Jahren getan wurde. Das ist um so notwendiger, als über diesen Gegenstand, obwohl die Abschaffung der Feudallasten das Hauptwerk der großen Revolution war, eine höchst bedauerliche Konfusion herrscht. Über diese Frage wurden sowohl im ländlichen Frankreich wie in Paris in der Versammlung die größten Kämpfe geführt, und diese Abschaffung überlebte trotz allen politischen Wechselfällen, die Frankreich im 19. Jahrhundert durchmachte, das meiste von dem, was die Revolution getan hat. Die Abschaffung der Feudallasten war ohne Frage den Menschen, die vor 1789 die Erneuerung der Gesellschaft mit ihren Wünschen herbeigerufen hatten, nicht in den Sinn gekommen. Kaum, daß man daran gedacht hatte, ihre Mißbräuche abzustellen: man hatte sich sogar gefragt, ob es möglich sei, ›die Vorrechte der Grundherren zu verringern‹, wie Necker gesagt hatte. Die Revolution hat diese Frage der Abschaffung aufgeworfen. »Alles Eigentum ohne Ausnahme soll immer respektiert werden«, so ließ man den König bei der Eröffnung der Generalstaaten sagen, »und Seine Majestät begreift unter dem Namen Eigentum ausdrücklich die feudalen und grundherrlichen Zehnten, Grundzinsen, Renten, Lasten und Leistungen und ganz allgemein alle Bezüge und Vorrechte, seien sie ertragbringend oder Ehrenrechte, die an den Grund und Boden und an die Lehen geknüpft sind, welche Personen gehören.« Keiner der zukünftigen Revolutionäre protestierte gegen diese Auffassung der Rechte der Herren und der Grundbesitzer im allgemeinen. ›Aber‹, sagt Dalloz – der bekannte Verfasser des Répertoire de Jurisprudence, dem man sicher nicht den Vorwurf revolutionärer Übertreibung machen kann –, ›die Landbevölkerung verstand unter den Freiheiten, die man ihr versprach, etwas anderes; auf dem Land brach allenthalben der Aufstand aus; die Schlösser wurden niedergebrannt, die Archive, in denen die Urkunden und die Zinsverschreibungen waren, wurden zerstört, und in einer Menge Plätzen unterschrieben die Herren Erklärungen, in denen sie auf ihre Rechte verzichteten‹ (Artikel Féodalisme). So also, beim Schimmer des Bauernaufstandes, der große Dimensionen anzunehmen drohte, fand die Sitzung vom 4. August statt. Wir haben gesehen, wie die Nationalversammlung den Beschluß oder vielmehr die Prinzipienerklärung erließ, deren erster Artikel lautet: ›Die Nationalversammlung schafft das ganze Feudalwesen ab.‹ Der Eindruck, den diese Worte hervorbrachten, war ungeheuer. Sie erschütterten Frankreich und Europa. Man sprach von einer Bartholomäusnacht des Eigentums. Aber gleich am Tage darauf besann sich die Versammlung, wie wir gesehen haben, anders. In einer Reihe von Beschlüssen vom 5., 6., 8., 10. und 11. August stellte sie alles, was es Wesentliches in den Feudalrechten gab, wieder her und stellte es unter den Schutz der Verfassung. Die Grundherren verzichteten mit gewissen Ausnahmen auf die persönlichen Abgaben, die ihnen bisher gezahlt werden mußten, und behielten um so sorgsamer die oft ebenso ungeheuerlichen Rechte bei, die auf die eine oder andere Weise als Abgaben für den Besitz oder Gebrauch des Grund und Bodens hingestellt werden konnten – die dinglichen Rechte, wie die Gesetzgeber sagten. Derart waren nicht nur die Grundrenten, sondern ebenso eine Menge Zahlungen und Abgaben in Geld und in natura, die in jeder Gegend anders waren und bei der Abschaffung der Leibeigenschaft eingeführt und damals an den Besitz des Bodens geknüpft worden waren. Alle diese Gebühren waren in den Grundbüchern eingetragen und waren seitdem oft Dritten verkauft oder zediert worden. Kehrzehnten, Gülten, Grundzinsen und ebenso die Zehnten – alles, was Geldwert hatte – wurde völlig aufrechterhalten. Die Bauern erhielten nur das Recht, diese Abgaben abzulösen, – wenn es ihnen nämlich eines Tages gelang, sich mit dem Grundherrn über den Ablösungspreis zu verständigen. Aber die Nationalversammlung hütete sich wohl, einen Termin für die Ablösung festzusetzen oder die Höhe der Kapitalisierung zu bestimmen. Abgesehen von der Idee des Feudaleigentums, die durch den ersten Artikel der Beschlüsse vom 5. bis 11. August erschüttert wurde, blieb im Grunde alles, was die an den Grund und Boden geknüpften Abgaben anging, beim alten, und die Stadtverwaltungen hatten die Funktion, die Bauern zur Räson zu bringen, wenn sie nicht zahlten. Wir haben gesehen, mit welcher Grausamkeit einige von ihnen sich dieser Mission entledigten. Man hat überdies der Anmerkung James Guillaumes, die oben (S. 138 bis 141) mitgeteilt wurde, entnehmen können, daß die Nationalversammlung in einem dieser Akte vom August 1789 ausdrücklich sagte, daß es sich nur um ›Beschlüsse‹ (arrêtés) handelte, woraus sie das Urteil zog, daß diese Akte die Sanktion des Königs nicht brauchten. Aber zugleich nahm ihnen die Versammlung den Charakter von Gesetzen, den sie nicht trugen, solange sie nicht in die Form konstitutioneller Dekrete gebracht waren; sie gab ihnen keinen obligatorischen Charakter. Auf gesetzgeberischem Wege war nichts geschehen. Überdies kamen selbst diese ›Beschlüsse‹ den Herren und dem König zu radikal vor. Dieser versuchte Zeit zu gewinnen, um sie nicht verkünden zu müssen, und noch am 18. September richtete er Vorstellungen an die Versammlung, sie möchte es sich noch einmal überlegen. Erst am 6. Oktober, nachdem die Frauen ihn nach Paris gebracht und unter die Überwachung des Volkes gestellt hatten, entschloß er sich, sie zu verkünden. Aber jetzt stellte sich die Nationalversammlung taub. Sie verkündete sie erst am 3. November 1789, indem sie sie an die Parlamentshöfe der Provinzen versandte, so daß also die ›Beschlüsse‹ vom 5. bis 11. August nie richtig der Öffentlichkeit verkündet worden sind. Man versteht, daß unter diesen Umständen der Bauernaufstand nicht aufhören konnte. Der Bericht des Feudalausschusses, den der Abbé Grégoire im Februar 1790 lieferte, stellte in der Tat fest, daß die Bauernerhebung fortdauerte oder seit Januar an Stärke zunahm. Sie verbreitete sich von Osten nach Westen. Aber in Paris hatte die Reaktion seit dem 6. Oktober schon viel Boden gewonnen; und als die Nationalversammlung nach dem Bericht Grégoires das Studium der Feudallasten aufnahm, machte sie Gesetze, die von reaktionärem Geiste erfüllt waren. In der Tat hatten die Dekrete, die sie vom 28. Februar bis 5. März und am 18. Juni 1790 erließ, die Wirkung, das Feudalwesen in der Hauptsache wiederherzustellen . Das war (man sieht es an den Dokumenten der Zeit) die Meinung derer, die damals die Abschaffung des Feudalismus wollten. Man sagte von diesen Dekreten, sie stellten den Feudalismus wieder her. Zunächst wurde die Unterscheidung zwischen den Ehrenrechten, die ohne Ablösung abgeschafft wurden, und den nutzbringenden Rechten, die die Bauern ablösen mußten, völlig aufrechterhalten und befestigt; und noch schlimmer war, daß mehrere persönliche Feudalrechte, die schon in die Klasse der nutzbringenden aufgenommen waren, ›den einfachen Renten und Reallasten gleichgestellt wurden‹. Rechte also, die lediglich auf Usurpation beruhten, Überreste der Leibeigenschaft, die schon auf Grund dieses Ursprungs hätten verdammt werden müssen, wurden ebenso behandelt wie Verpflichtungen, die aus dem Pachtvertrag stammten. Gegen die Nichtzahlung dieser Lasten konnte der Grundherr – wenn er auch das Recht der ›Feudalkonfiskation‹ verlor (Artikel 6) – allen möglichen Zwang nach dem gemeinen Recht ausüben. Der folgende Artikel beeilte sich, dieses Recht mit folgenden Worten zu bekräftigen: ›Die Feudallasten und Grundzinse, zugleich alle Verkaufsgebühren, Renten und Lasten, die ihrer Natur nach ablösbar sind, werden bis zu ihrer Ablösung den Regeln unterworfen, die die verschiedenen Gesetze und Bräuche des Königreichs festgesetzt haben.‹ Die Versammlung ging noch weiter. In der Sitzung vom 27. Februar schloß sie sich der Meinung des Berichterstatters Merlin an und bestätigte für eine große Zahl Fälle das Leibeigenschaftsrecht der toten Hand. Sie dekretierte, ›daß die Grundrechte, bei denen das Lehnsverhältnis der toten Hand in die Form von Grundzinsen gebracht worden ist, nicht die tote Hand vorstellen und aufrechtzuerhalten sind‹. Das Bürgertum hielt dieses Erbe der Leibeigenschaft so in Ehren, daß der Artikel 4 des Titels III des Gesetzes bestimmte: ›Wenn die dingliche oder gemischte tote Hand bei der Bauernbefreiung in Grundgebühren und Übertragungsgebühren (beim Grundbesitzwechsel) verwandelt worden ist, dann sind diese Abgaben weiter zu zahlen.‹ Im allgemeinen fragt man sich, wenn man die Debatte über das Feudalgesetz in der Nationalversammlung liest, ob sie wirklich im März 1790, nach der Eroberung der Bastille und dem 4. August stattfand, oder ob man sich noch im Anfang der Regierung Ludwigs XVI., im Jahre 1775, befindet? So werden am 1. März 1790 ohne Entschädigung abgeschafft gewisse Rechte ›aus der alten Verpflichtung des Hundefütterns, des Wachestehens‹ und ebenso gewisse Rechte vom Kauf und Verkauf. Man hätte doch meinen sollen, diese Rechte seien schon in der Nacht des 4. August ohne Ablösung abgeschafft worden? Aber es war nicht so. Nach dem gesetzlichen Zustand durfte noch im Jahre 1790 in einem großen Teil Frankreichs der Bauer keine Kuh kaufen und nicht einmal sein Korn verkaufen, ohne dem Grundherrn Gebühren zu zahlen! Er konnte sein Korn überhaupt erst verkaufen, wenn der Grundherr seines verkauft und von den hohen Preisen profitiert hatte, die man im allgemeinen erhielt, solange noch nicht viel Korn ausgedroschen war. Aber schließlich, wird man sagen, wurden diese Rechte am 1. März abgeschafft, und ebenso die Gebühren, die der Herr vom Backofen, der Mühle, der Kelter erhob? Man schließe nicht zu schnell. Sie wurden abgeschafft – mit Ausnahme von denjenigen, die früher einmal Gegenstand eines schriftlichen Vertrags zwischen dem Grundherrn und der Bauerngemeinde gewesen waren oder die gegen irgendein Zugeständnis eingetauscht und als Verpflichtung anerkannt worden waren! Zahlen, Bauer! Fleißig zahlen! Und spute dich, denn sonst ergeht sofort die Zwangsvollstreckung gegen dich, und deine einzige Rettung wäre, wenn es dir gelänge, vor Gericht den Prozeß zu gewinnen! Man kann es kaum glauben, aber es ist so. Man lese den Text des Artikels 2 des Titels III des Feudalgesetzes. Er ist ein wenig lang, aber er verdient es, abgedruckt zu werden, damit man sehen kann, welche Lasten das Feudalgesetz vom 24. Februar/15. März 1790 noch die Bauern bedrücken ließ: Artikel 2. ›Es gelten bis zum Gegenbeweis als ablöspflichtig (das heißt: es sollen vom Bauern bezahlt werden, bis er sie abgelöst hat): Alle diejenigen herrschaftlichen Jahresabgaben, sei es in Geld, Korn, Geflügel, Futter oder irgendwelchen Bodenerzeugnissen, die unter folgenden Benennungen geschuldet werden: Grundzins, Überzins, Feudalrenten, herrschaftliche Renten, Erbzinsen, Kehrzehnten, Fruchtzinsen, Ackerzehnten, dingliche Fronden, oder unter irgendwelcher andern Benennung, sofern sie nur vom Eigentümer oder Besitzer eines Grundstücks gezahlt und geschuldet werden, solange er Eigentümer oder Besitzer ist und auf Grund der Dauer seines Besitzrechtes. Alle unbestimmten Gefälle, die unter Namen wie Fünftel, Fünftel vom Fünftel, Dreizehntel, Kaufzins und Dreizehngarben, Kauf- und Verkaufzins, Halbkaufzins, Ablösezins, Kaufgebühr, Lösung, Hubgebühr, Gerichtszins oder irgendwelchen andern Benennungen auf Grund von vorkommenden Veränderungen im Eigentum oder Besitz eines Grundstücks geschuldet werden. Die Abgaben, die unter verschiedenen Namen beim Wechsel der früheren Herren geschuldet wurden.‹ Andrerseits hatte die Versammlung am 9. März verschiedene Wegegelder auf den Landstraßen, den Kanälen usw., die von den Herren erhoben worden waren, aufgehoben. Aber unmittelbar nachher beeilten sie sich hinzuzufügen: ›Die Nationalversammlung ist aber nicht gemeint, für jetzt solche berechtigten Oktroigebühren usw. und solche in dem vorigen Artikel genannten Gebühren, die als Entschädigung erworben sein können, unter der im eben erwähnten Artikel ausgesprochenen Aufhebung zu befassen.‹ Das will folgendes sagen. Viele Herren hatten manches ihrer Rechte verkauft oder verpfändet; oder es hatte auch im Erbantritt der älteste Sohn das Land oder das Schloß geerbt, und die andern, hauptsächlich die Töchter, hatten zur Entschädigung die und die Rechte des Wegezolls auf Straßen, Kanälen oder Brücken erhalten. In diesen Fällen nun sollten alle diese Abgaben, obwohl sie als unberechtigt anerkannt waren, bestehenbleiben, weil sonst eine Anzahl adlige und Bürgerfamilien Verluste erlitten hätten. Und ähnliche Fälle trifft man im ganzen Feudalgesetz. Nach jeder Aufhebung brachte man einen Schleichweg an, um sie unwirksam zu machen. Es hätte endlose Prozesse geben müssen. Nur in einem Punkt verspürt man den Hauch der Revolution. Wenn es sich um die Zehnten handelt. So wird festgesetzt, daß alle geistlichen und feudalisierten (das heißt an Laien verkauften) Zehnten vom 1. Januar 1791 an für immer verschwinden werden. Aber auch hier ordnete die Nationalversammlung an, daß sie für das Jahr 1790 an jeden Berechtigten auf Heller und Pfennig bezahlt werden mußten. Noch mehr. Man vergaß nicht, Strafbestimmungen gegen die zu erlassen, die diesen Dekreten nicht Folge leisteten, und bei der Debatte über den Titel III des Feudalgesetzes beschloß die Versammlung: ›Keine Gemeindeverwaltung, keine Distrikts- oder Departementsverwaltung ist befugt, die Erhebung irgendeiner herrschaftlichen Gebühr, deren Zahlung verlangt wird, unter dem Vorwande zu hintertreiben, sie sei implicite oder explicite ohne Entschädigung aufgehoben. Tut sie das dennoch, so ist die Entscheidung nichtig; die Verwaltung wird vor Gericht gefordert und ist zur Schadloshaltung verpflichtet.‹ Was die Distrikts- und Departementsverwaltungen angeht, so war nichts zu befürchten. Sie waren mit den Adligen und den besitzenden Bürgern ein Herz und eine Seele. Aber es gab, hauptsächlich im Osten Frankreichs, Gemeindeverwaltungen, deren sich die Revolutionäre hätten bemächtigen können, und diese hatten den Bauern gesagt, die und die Feudallasten seien aufgehoben, und wenn der Grundherr sie verlange, brauche man sie nicht zu zahlen. Jetzt durften, wenn sie nicht selbst belangt und gepfändet werden sollten, die Gemeinderäte in einem Dorf es nicht wagen, irgend etwas zu sagen, und der Bauer mußte zahlen (und sie selbst mußten zur Beschlagnahme schreiten), wobei es ihm freistand, sich später, wenn die Zahlung sich als zu Unrecht herausstellte, vom Grundherrn entschädigen zu lassen – der vielleicht in Koblenz war. Damit war, wie Sagnac sehr treffend bemerkt hat, eine furchtbare Bestimmung eingeführt. Den Beweis, daß der Bauer nicht mehr verpflichtet war, die und die Feudallasten zu zahlen, den schwierigen Beweis, daß es persönliche und nicht an den Boden geknüpfte Lasten waren, mußte der Bauer führen. Führte er ihn nicht, konnte er ihn nicht führen – und das war meistens der Fall –, so mußte er zahlen! 27. Die feudale Gesetzgebung von 1790 So benutzte also die Nationalversammlung den augenblicklichen Stillstand der Bauernerhebungen, der mit dem Anfang des Winters eingetreten war, und beschloß im März 1790 Gesetze, die in Wirklichkeit dem Feudalwesen eine neue gesetzliche Grundlage schufen. Damit man nicht glaube, dies sei unsere persönliche Auslegung, könnte es genügen, den Leser auf die Gesetze selbst oder auf das, was Dalloz davon sagt, zu verweisen. Aber man höre, was ein moderner Schriftsteller, Ph. Sagnac, darüber denkt, dem man gewiß nicht Sansculottismus vorwerfen kann, da er die Abschaffung der Feudalrechte, wie sie später der Konvent vollzog, als eine unbillige und unnütze ›Beraubung‹ ansieht. Sehen wir also zu, wie Sagnac die Gesetze vom März 1790 beurteilt. ›Das alte Recht‹, sagt er, ›drückt in dem Werk der Konstituierenden Versammlung mit seinem vollen Gewicht auf das neue Recht. Wenn der Bauer nicht mehr den Grundzins zahlen oder nicht mehr einen Teil seiner Ernte in die Scheune des Grundherrn bringen oder nicht mehr seinen Acker verlassen will, um auf dem des Herrn zu arbeiten, dann liegt es ihm ob, zu beweisen, daß der Anspruch des Grundherrn unberechtigt ist. Aber wenn der Grundherr ein Recht vierzig Jahre lang besessen hat – gleichviel, was unter dem Ancien régime sein Ursprung war –, dann ist dieses Recht durch das Gesetz vom 15. März ein gesetzliches geworden. Der Besitz genügt. Es kommt wenig in Betracht, daß der Zinspflichtige die Rechtmäßigkeit gerade dieses Besitzes bestreitet; er muß trotzdem zahlen. Und wenn die aufständigen Bauern im August 1789 den Grundherrn gezwungen haben, auf gewisse Rechte zu verzichten, oder wenn sie seine Urkunden verbrannt haben, so genügt es jetzt, daß er den Beweis erbring, daß er seit dreißig Jahren im Besitz der Rechte war, und diese Rechte werden wiederhergestellt.‹ (Ph. Sagnac, La législation civile de la Révolution française. Paris 1898. S. 105–106) Allerdings gestatteten die neuen Gesetze dem Landmann auch, die auf dem Boden ruhenden Lasten abzulösen. Aber ›alle diese Bestimmungen, die dem, der zu dinglichen Lasten verpflichtet war, so außerordentlich günstig schienen, wandten sich gegen ihn‹, sagt Sagnac; ›denn für ihn war zunächst die Hauptsache, nur rechtmäßige Abgaben zu zahlen – und er mußte, da er den Gegenbeweis nicht erbringen konnte, auch die unrechtmäßigen Lasten ablösen und bezahlen‹ (S. 120). Mit andern Worten, man konnte nichts ablösen, wenn man nicht alles ablöste: die Grundlasten, die das Gesetz beibehalten hatte, und dazu noch die persönlichen Lasten, die abgeschafft waren. Und weiter lesen wir bei demselben Verfasser, der doch in seinem Urteil so maßvoll ist, das Folgende: ›Das System der Konstituierenden Versammlung stürzt in sich selbst zusammen. Diese Versammlung von adligen Grundherren und Juristen, denen, trotz ihrem Versprechen, wenig daran liegen kann, das grundherrliche und landesherrliche Regime völlig zu zerstören, trägt dafür Sorge, daß die wesentlichsten Rechte aufrechterhalten bleiben‹ (alle, wie wir gesehen haben, die einen wirklichen Wert hatten) ›und treibt dann die Großmut so weit, daß sie die Ablösung dieser Lasten gestattet; aber in demselben Augenblick dekretiert sie in Wirklichkeit die Unmöglichkeit dieser Ablösung ... Der Landmann hatte flehentlich Reformen gefordert oder, besser zu sagen, er hatte die gesetzliche Bestätigung einer Revolution gewollt, die in seinem Kopfe schon geschehen und, wie er wenigstens glaubte, in den Tatsachen schon verkörpert war; die Männer der Gesetzesarbeit gaben ihm nur Worte. Nun merkte er, daß die Herren noch einmal gesiegt hatten‹ (S. 120). ›Niemals hat eine Gesetzgebung eine größere Entrüstung entfesselt. Von zwei Seiten schien man sich vorgenommen zu haben, sich nicht um sie zu kümmern‹(S. 121). Die Herren, die sich von der Nationalversammlung gestützt fühlten, gingen jetzt daran, energisch alle Feudalabgaben einzutreiben, von denen die Bauern geglaubt hatten, sie seien gründlich unter den Boden gebracht. Sie forderten alle Rückstände ein, und es regnete Tausende von Prozessen über die Dörfer. Andrerseits setzten die Bauern, die sahen, daß aus der Nationalversammlung nichts für sie herauskam; in gewissen Gegenden den Krieg gegen die Herren fort. Eine große Zahl Schlösser wurden geplündert oder verbrannt, und wiederum in andern Gegenden wurden nur die Urkunden verbrannt und die Bureaus der Fiskalprokuratoren, der Amtmänner und Amtsschreiber geplündert oder verbrannt. Der Aufstand ergriff auch den Westen Frankreichs, und in der Bretagne wurden im Laufe des Februars 1790 siebenunddreißig Schlösser niedergebrannt. Als aber die Dekrete vom Februar/März 1790 auf dem Lande bekannt wurden, entbrannte der Krieg gegen die Herren noch heftiger und breitete sich in Gegenden aus, die es im Sommer vorher nicht gewagt hatten, in den Aufstand zu treten. So erfährt man in der Sitzung vom 5. Juni von den Aufständen vom Bourbon-Lancy und Charolais; man verbreitet dort falsche Dekrete der Nationalversammlung, man verlangt das Ackergesetz. In der Sitzung vom 2. Juni werden Berichte über große Erhebungen im Bourbonnais, Nivernais und dem Berry verlesen. Mehrere Gemeindebehörden haben den Belagerungszustand verhängt: es hat Tote und Verwundete gegeben. Die ›Räuber‹ haben sich über die Campine verbreitet, in diesem Augenblick umzingeln sie die Stadt Decize. Auch im Limousin große ›Exzesse‹: die Bauern verlangen die Festsetzung des Getreidepreises. ›Der Plan, von den Gütern Besitz zu ergreifen, die seit hundertzwanzig Jahren den Herren zuerkannt sind, ist ein Artikel ihres Statuts‹, sagt der Bericht. Es handelt sich um die Wiedererlangung der Gemeindeländereien, die den Gemeinden von den Herren geraubt worden waren. Und überall falsche Dekrete der Nationalversammlung. Im März und April 1790 verbreitete man welche auf dem Lande, die den Befehl aussprachen, für das Brot nicht mehr zu zahlen als einen Sou für das Pfund. Die Revolution zeigte also dem Konvent und dem Gesetz über den Maximalpreis den Weg. Im August dauern die Volkserhebungen an. So tötet in der Stadt Saint-Étienne-en-Forez das Volk einen Kornwucherer, ernennt eine neue Gemeindeverwaltung und zwingt sie, den Brotpreis herabzusetzen; aber daraufhin bewaffnet sich die Bürgerschaft und nimmt zweiundzwanzig Aufrührer fest. Das ist ungefähr das Bild der Vorgänge, wie sie fast überall stattfanden, von den großen Kämpfen, wie in Lyon und im Süden, hier nicht zu reden. Was tut daraufhin die Versammlung? Läßt sie den Forderungen der Bauern Gerechtigkeit widerfahren? Beeilt sie sich, die Feudallasten ohne Entschädigungspflicht abzuschaffen, die den Bauern so verhaßt sind und die sie nur noch unter dem Druck des Zwanges zahlen? Ganz gewiß nicht! Die Nationalversammlung beschließt neue drakonische Gesetze gegen die Bauern. Am 2. Juni 1790 beschließt die Versammlung, ›die von den Ausschreitungen erfahren hat und darüber tief betrübt ist, die Banden von Räubern und Dieben‹ (lies: Bauern) ›in den Departements des Cher, der Nièvre und des Allier begangen haben, und die sich bis in das Departement der Corrèze ausgedehnt haben‹, strenge Maßnahmen gegen diese ›Unruhestifter‹ und macht die Gemeinden für die begangenen Gewalttätigkeiten solidarisch haftbar. ›Alle diejenigen‹, sagt der erste Artikel, ›die das Volk in Stadt und Land zu Gewalttaten gegen das Eigentum, die Besitzungen und Einhegungen, gegen das Leben und die Sicherheit der Bürger, die Einziehung der Steuern, die Freiheit des Verkaufs und des Handels mit den Bodenerzeugnissen aufreizen, werden zu Feinden der Konstitution, der Arbeiten der Nationalversammlung, der Natur und des Königs erklärt. Gegen sie wird das Standrecht erklärt werden‹ (Moniteur vom 6. Juni). Vierzehn Tage später, am 18. Juni, nimmt die Versammlung ein Dekret in neun noch härteren Artikeln an. Es verdient, angeführt zu werden. Der erste Artikel bestimmt, daß alle zur Zahlung des Zehnten an die Geistlichkeit oder, falls es von der Geistlichkeit veräußert war, an Weltliche Verpflichteten gehalten sind, ›ihn, aber nur für das laufende Jahr, an den Berechtigten in der gewohnten Weise zu zahlen ...‹ Daraufhin fragte sich der Bauer vermutlich, ob nicht ein neues Dekret den Zehnten noch für ein oder zwei Jahre auferlegen würde – und zahlte nicht. Auf Grund des Artikels 2 sind ›diejenigen, die Kehrzehnten, Ackerzehnten, Grundzinsen und andere in natura zahlbare Abgaben schuldig sind, die nicht ohne Entschädigungspflicht aufgehoben sind, verpflichtet, sie im laufenden und den folgenden Jahren zu zahlen ... in Gemäßheit der am 3. März und 4. Mai erlassenen Dekrete‹. Der Artikel 3 erklärt, niemand dürfe unter dem Vorwande, es sei ein Prozeß anhängig, die Zahlung der Zehnten, Kehrzehnten usw. verweigern. Und insbesondere ist es verboten, ›in der Zeit des Einkassierens irgendwie Unruhen zu erregen‹. Im Fall von Zusammenrottungen sollen die Gemeindebehörden auf Grund des Dekrets vom 20./23. Februar unnachsichtig vorgehen. Dieses Dekret vom 20./23. Februar 1790 ist bemerkenswert. Es befiehlt den Gemeindebehörden, in allen Fällen einzuschreiten und das Standrecht zu proklamieren, wo es zu Zusammenrottungen kommt. Wenn sie es verabsäumen, das zu tun, werden die Gemeindebeamten für allen Schaden, den die Besitzenden erleiden, haftbar gemacht. Und nicht allein die Beamten, sondern ›alle Bürger, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung Hilfe leisten können; die ganze Gemeinde soll für zwei Drittel des Schadens haften‹. Jeder Bürger soll die Verkündung des Standrechts verlangen können, und nur wenn er das getan hat, ist er seiner Verantwortlichkeit ledig. Dieses Dekret wäre noch schlimmer gewesen, wenn die Besitzenden nicht einen taktischen Fehler gemacht hätten. In Nachahmung eines englischen Gesetzes wollten sie eine Bestimmung einführen, wonach das Militär oder die Miliz gerufen werden konnte, und in diesem Fall sollte an dem Orte die ›königliche Diktatur‹ proklamiert werden. Das Bürgertum wurde infolge dieser Bestimmung mißtrauisch, und nach langen Debatten überließ man es den bürgerlichen Gemeindebehörden, das Standrecht zu erklären und sich gegenseitig Beistand zu leisten, ohne die königliche Diktatur zu erklären. Außerdem wurden die Dorfgemeindebehörden für den Schaden verantwortlich gemacht, den der Grundherr erleiden konnte, wenn sie nicht rechtzeitig die Bauern erschießen und hängen ließen, die sich weigerten, die Feudallasten zu zahlen. Das Gesetz vom 18. Juni 1790 bestätigte das alles. Alles, was von den Feudalrechten tatsächlichen Wert hatte, was durch alle möglichen juristischen Feinheiten als an den Boden geknüpft dargestellt werden konnte, mußte wie früher bezahlt werden. Und jeder, der sich weigerte, wurde mit Erschießen und dem Galgen bedroht, die obligatorisch geworden waren. Gegen die Zahlung der Feudallasten zu sprechen war schon ein Verbrechen, das man mit dem Kopf bezahlte, wenn das Standrecht verkündet war. So war die Hinterlassenschaft der Konstituierenden Versammlung beschaffen, von der man uns so viel Schönes gesagt hat. Denn so blieb alles bis zum Jahre 1792. Man beschäftigte sich mit den Feudallasten nur noch, um gewisse Regeln der Ablösung der Feudalgebühren festzusetzen, darüber zu klagen, daß kein Bauer etwas ablösen wollte (Gesetz vom 3./9. Mai 1790), und noch einmal 1791 (Gesetz vom 15./19. Juni) die Drohungen gegen die Bauern, die nicht zahlten, zu wiederholen. Alles, was die Konstituierende Versammlung zur Abschaffung des verhaßten Feudalsystems getan hat, waren die Dekrete vom Februar 1790, und erst im Juni 1793, nach dem Aufstand vom 31. Mai, zwingt das Volk von Paris den ›gesäuberten‹ Konvent, die tatsächliche Abschaffung der Feudallasten auszusprechen. Behalten wir also diese Daten gut im Gedächtnis: 4. August 1789: Abschaffung des Feudalwesens im Prinzip; Abschaffung der persönlichen toten Hand, des Jagdrechts und der Patrimonialgerichtsbarkeit. 5. bis 11. August: Teilweise Wiederherstellung des Feudalsystems durch Beschlüsse, die die Ablösung aller Feudalgebühren von irgendeinem Wert auferlegen. Ende 1789 und 1790: Strafexpeditionen der städtischen Gemeindebehörden gegen die aufständischen Bauern; die Aufrührer werden gehängt. Februar 1790: Bericht des Feudalausschusses, der zu der Feststellung kommt, daß der Bauernaufstand sich weiter ausdehnt. März und Juni 1790: Drakonische Gesetze gegen die Bauern, die die Feudalabgaben nicht zahlen oder ihre Abschaffung predigen. Der Bauernaufstand gewinnt frische Kräfte. Juni 1791: Neue Bestätigung dieses Dekrets. Reaktion auf der ganzen Linie. Die Bauernerhebungen dauern fort. Und erst im Juni 1792, wie wir noch sehen werden, unmittelbar vor dem Tuileriensturm, und im August 1792, nach dem Zusammenbruch des Königtums, unternimmt die Versammlung die ersten entscheidenden Schritte gegen die Feudallasten. Und endlich wird erst im Juni 1793, nach der Vertreibung der Girondisten, die endgültige Abschaffung der Feudallasten ohne Ablösungsverpflichtung ausgesprochen. Das ist das wahre Bild der Revolution. Die zwischen dem 24. Februar und dem 15. März 1790 erlassenen Gesetze, wie überhaupt die gesamte Feudalgesetzgebung der National- oder Konstituierenden Versammlung, lösten den erbitterten Protest der Bauern aus. Professor N. I. Karejew hat diese Gesetzgebung ausführlich analysiert (Die Bauern und die Bauernfrage in Frankreich im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, S. 423–454 und Anhang Nr. 25–36). Vgl. ebenfalls: H. Doniol, La Révolution française et la féodalité. Paris 1814, S. 104 f. ### Eine andere Frage von außerordentlicher Bedeutung für die Bauern war ohne Zweifel die der Gemeindeländereien. Überall (im Osten, Nord- und Südosten), wo die Bauern sich stark genug verspürten, suchten sie wieder in den Besitz der Gemeindeländereien zu gelangen, von denen ein außerordentlich großer Teil ihnen durch Betrug oder unter dem Vorwand von Schulden mit der Hilfe des Staates, hauptsächlich seit der Regierung Ludwigs XIV. (Dekret von 1669), geraubt worden war. Adlige, Geistliche, Mönche, Dorf- und Stadtbürger – alle hatten sich einen Teil davon genommen. Es war indessen von diesen Ländereien noch viel im Gemeindebesitz geblieben, und die Bürger der Nachbarschaften warfen begehrliche Blicke auf sie. Daher beeilte sich die Gesetzgebende Versammlung, ein Gesetz zu machen (am 1. August 1791), das den Verkauf der Gemeindeländereien an Private erlaubte. Damit war der Plünderung dieser Ländereien freie Hand gegeben. Die ländlichen Gemeinderäte bestanden damals, auf Grund des neuen Munizipalgesetzes, das die Nationalversammlung im Dezember 1789 erlassen hatte, ausschließlich aus einigen Vertretern, die aus der reicheren Dorfbourgeoisie von den Aktivbürgern gewählt worden waren, das heißt von den reicheren Bauern; die armen, die kein Pferd zur Bodenbestellung hatten, waren ausgeschlossen. Und diese Dorfgermeinderäte beeilten sich natürlich, die Gemeindeländereien zum Verkauf zu bringen, von denen dann ein großer Teil von den Reichen im Dorfe zu niedrigem Preise erworben wurden. Die Masse der armen Bauern widersetzte sich dieser Zerstörung des Gemeindebesitzes an Grund und Boden aus allen Kräften, wie es ebenso heutzutage in Rußland der Fall ist. Andrerseits bemühten sich die Bauern, reiche wie arme, die Dörfer wieder in Besitz der Gemeindeländereien zu setzen, die ihnen von den Adligen, den Mönchen und den Bürgern weggenommen worden waren: die einen in der Hoffnung, einen Teil davon für sich zu erwerben, die andern in der Hoffnung, sie für die Gemeinde zu erhalten. Alles das, wohlverstanden, in der unendlichen Mannigfaltigkeit der Verhältnisse in den verschiedenen Teilen Frankreichs. Dieser Wiedererlangung nun der Gemeindeländereien widersetzten sich die Konstituierende, die Gesetzgebende Versammlung und selbst der Konvent bis zum Juni 1793. Erst als der König gefangengesetzt und hingerichtet war und als die Girondisten aus dem Konvent verjagt waren, wurde auch das durchgesetzt. 28. Stillstand der Revolution im Jahre 1790 Wir haben die wirtschaftlichen Zustände in den Dörfern im Laufe des Jahres 1790 kennengelernt. Sie waren derart, daß die Bauern, wenn nicht die Bauernaufstände trotz alledem fortgedauert hätten, trotz ihrer persönlichen Befreiung immer unter dem wirtschaftlichen Joch des Feudalsystems geblieben wären – wie es in Rußland geschah, wo der Feudalismus 1861 durch das Gesetz, aber nicht durch eine Revolution abgeschafft wurde. Aber außer diesem Konflikt, der zwischen dem zur Macht gelangenden Bürgertum und dem Volke ausbrach, gab es auch noch die ganze politische Arbeit der Revolution, die nicht nur im Jahre 1790 unvollendet gelassen, sondern sogar völlig in Frage gestellt wurde. Als die erste Panik, die 1789 der unerwartete Ansturm des Volkes hervorgebracht hatte, vorüber war, beeilten sich der Hof, die Adligen, die Reichen und die Priester, sich zu vereinigen, um die Reaktion zu organisieren. Und bald fühlten sie sich so gestärkt und so mächtig, daß sie darangingen, nach Mitteln Ausschau zu halten, die Revolution auszutilgen und den Hof und den Adel in ihre für den Augenblick verlorenen Rechte wieder einzusetzen. Alle Historiker sprechen gewiß von dieser Reaktion; aber sie zeigen nicht auf, weder wie tief sie ging, noch wie ausgedehnt sie war. In der Tat kann man sagen, daß zwei Jahre lang, vom Sommer 1790 bis zum Sommer 1792, das ganze Werk der Revolution vertagt war. Man hatte angefangen, sich zu fragen: wird die Revolution oder die Gegenrevolution den Sieg davontragen? Das Zünglein der Waage schwankte zwischen beiden hin und her. Und völlige Verzweiflung an ihrer Sache brachte die ›Führer‹ der Revolution endlich, im Juni 1792, dahin, noch einmal an den Volksaufstand zu appellieren. Man muß anerkennen, daß die Konstituierende und nach ihr die Gesetzgebende Versammlung, wenngleich sie sich der revolutionären Abschaffung der Feudalrechte und der Volksrevolution im allgemeinen widersetzten, doch ein gewaltiges Werk vollbrachten: zum Zweck der Vernichtung der Gewalten des Ancien régime – des Königs und des Hofes – und zur Schaffung der politischen Macht des Bürgertums, das der Herr des Staates wurde. Und als die Gesetzgeber dieser zwei Versammlungen die neue Verfassung des dritten Standes in der Form von Gesetzen ausdrücken wollten, gingen sie, das muß anerkannt werden, energisch und klug vor. Sie verstanden es, die Gewalt der Adligen zu untergraben und in einer bürgerlichen Verfassung den Ausdruck der Rechte des Bürgers zu finden. Sie arbeiteten eine Departements- und Kommunalverfassung aus, die geeignet war, dem Regierungszentralismus einen Damm entgegenzusetzen, und sie ließen es sich angelegen sein, durch eine Modifizierung des Erbrechts das Eigentum zu demokratisieren, den Besitz unter eine größere Zahl Personen zu verteilen. Sie zerstörten für immer die politischen Unterschiede zwischen den verschiedenen ›Ständen‹ – Klerus, Adel und dritter Stand –, und das war für die Zeit etwas Ungeheures: man braucht nur daran zu denken, wie schwer das in Deutschland oder in Rußland durchzuführen ist. Sie schafften die Adelstitel und die zahllosen Vorrechte ab, die es damals gab, und sie fanden gleichheitlichere Grundlagen der Besteuerung. Sie vermieden die Schaffung eines Oberhauses, das ein Bollwerk der Aristokratie gewesen wäre. Und durch das Departementsgesetz vom Dezember 1789 taten sie etwas Außerordentliches, um der Revolution freie Bahn zu schaffen: sie schafften in der Provinz alle Repräsentanten der Zentralgewalt ab. Sie nahmen endlich der Kirche ihre reichen Besitzungen weg und machten aus den Geistlichen einfache Angestellte des Staates. Die Armee wurde neu organisiert; ebenso die Gerichte. Die Wahl der Richter geschah durchs Volk. Und bei alledem verstanden es die bürgerlichen Gesetzgeber, zuviel Zentralismus zu vermeiden. Kurz, in der Gesetzgebung sehen wir geschickte und energische Männer am Werk, und wir finden in ihnen ein Element von demokratischem Republikanismus und Autonomie, das die vorgeschritteneren Parteien unserer Zeit nicht genügend würdigen. Indessen, trotz all diesen Gesetzen, gab es noch nichts Tatsächliches. Die Wirklichkeit entsprach nicht der Theorie. Denn – und hier rühren wir an den allgemeinen Irrtum derer, die das Funktionieren des Regierungsmechanismus nicht aus der Nähe kennen – es ist ein abgrundtiefer Unterschied zwischen einem eben verkündeten Gesetz und seiner tatsächlichen Durchführung im Leben. Es ist leicht zu sagen:›Die Besitzungen der Ordensgesellschaften sollen in die Hände des Staates übergehen.‹ Aber wie wird es in Wirklichkeit umgesetzt? Wer wird zum Beispiel in die Abtei St. Bernhard in Clairvaux gehen und den Abt und die Mönche auffordern, fortzugehen? Wer wird sie vertreiben, wenn sie nicht freiwillig gehen? Wer hindert sie, die von allen Frommen der benachbarten Dörfer unterstützt werden, morgen wiederzukommen und in der Abtei die Messe zu singen? Wer organisiert den Verkauf ihrer Liegenschaften in der richtigen Weise? Wer endlich macht aus den schönen Gebäuden der Abtei ein Hospiz für alte Männer, wie es später in der Tat die revolutionäre Regierung tat? Man weiß in Wahrheit, daß dieses Gesetz über den Verkauf der geistlichen Güter nie begonnen hätte, in die Wirklichkeit überführt zu werden, wenn nicht die Sektionen von Paris seine Durchführung übernommen hätten. In den Jahren 1790, 1791, 1792 stand das alte Regime noch immer aufrecht da und war immer bereit, sich – abgesehen von einigen leichten Modifikationen – im ganzen wieder festzusetzen, – gerade wie das zweite Kaiserreich in der Zeit der Thiers und Mac-Mahon in jedem Augenblick im Begriff war, wiederzukommen. Der Klerus, der Adel, das alte Beamtentum und vor allem der alte Geist waren bereit, sich wieder aufzurichten und die zu verderben, die gewagt hatten, sich mit der Trikolore zu gürten. Sie lauerten auf die Gelegenheit, und sie arbeiteten daran, sie herbeizuführen. Überdies waren die neuen Departementsdirektorien, die von der Revolution gegründet, aber aus Reichen zusammengesetzt waren, Körperschaften, die immer geneigt waren, das alte Regime wieder herzustellen. Das waren Vorwerke der Gegenrevolution. Die Konstituierende und die Gesetzgebende Versammlung haben eine große Zahl Gesetze gemacht, deren Klarheit und Stil bis zum heutigen Tag bewundert wird – und dennoch blieb die übergroße Mehrzahl dieser Gesetze ein toter Buchstabe. Weiß man, daß mehr als zwei Drittel der grundlegenden Gesetze, die zwischen 1789 und 1793 gemacht worden sind, niemals den geringsten Anfang der Durchführung gefunden haben? Es genügt eben nicht, ein neues Gesetz zu machen. Man muß auch fast immer den Mechanismus erst schaffen, mit Hilfe dessen es angewendet wird. Und wenn gar das neue Gesetz ein eingewurzeltes Vorrecht trifft, muß man eine ganze revolutionäre Organisation ins Treffen führen, wenn dieses Gesetz mit allen Konsequenzen in Leben verwandelt werden soll. Man betrachte sich nur die winzigen Ergebnisse all der Gesetze des Konvents über den unentgeltlichen und obligatorischen Unterricht: sie sind toter Buchstabe geblieben! Selbst heute sehen wir, trotz der bureaukratischen Konzentration und den Beamtenheeren, die alle ihren Mittelpunkt in Paris haben, daß jedes neue Gesetz, wenn es von noch so geringer Bedeutung ist, Jahre braucht, ins Leben überzugehen. Und dann – wie oft ist es in seinen Anwendungen völlig verstümmelt! Zur Zeit der großen Revolution aber gab es diesen bureaukratischen Apparat noch gar nicht; es waren mehr als fünfzig Jahre erforderlich, damit er seine jetzige Vollendung erreichte. Wie also sollten damals die Gesetze der Versammlung ins Leben treten, ohne daß die tatsächliche Revolution in jeder Stadt, in jedem Nest, in jeder der sechsunddreißigtausend Gemeinden Frankreichs vor sich ging! Jedoch die Verblendung der bürgerlichen Revolutionäre war derart, daß sie einerseits alle Maßregeln ergriffen, auf daß das Volk, die Armen, die einzig und allein zu herzhafter Revolution bereit waren, an der Führung der Gemeindeangelegenheiten keinen zu großen Anteil bekamen, und andererseits aus allen Kräften verhindern wollten, daß die Revolution in jeder Stadt und jedem Dorf ausbrach und durchgeführt wurde. Dazu, daß aus den Dekreten der Versammlung ein lebensfähiges Werk hervorging, bedurfte es der Unordnung. Es war nötig, daß sich an jedem kleinen Orte Männer der Tat, Patrioten, die das alte Regime haßten, der Gemeindeverwaltung bemächtigten, daß sie in ihrem Dorfe oder Städtchen eine Revolution machten; daß man sich um keine Behörden mehr kümmerte; es war nicht anders möglich, als daß die Revolution eine soziale war, wenn die politische Revolution durchdringen sollte. Es ging nicht anders, als daß der Bauer von der Erde Besitz nahm und den Pflug darübergehen ließ, ohne die Erlaubnis der Behörde abzuwarten, die vermutlich nie eingetroffen wäre. In jedem Dorfe mußte ein ganz neues Leben beginnen. Aber ohne Unordnung, ohne viel soziale Unordnung konnte das nicht geschehen. Diese Unordnung nun eben wollten die Gesetzgeber gerade verhindern. Sie hatten nicht nur vermittelst des Munizipalgesetzes vom Dezember 1789, das die Verwaltungsbefugnis den Aktivbürgern anvertraute und unter dem Namen Passivbürger alle armen Bauern und fast alle städtischen Arbeiter davon ausschloß, das Volk aus der Verwaltung entfernt; nicht nur übergab dieses Gesetz demnach die ganze Gewalt in der Provinz dem Bürgertum, es versah dieses Bürgertum mit immer drohenderer Macht, um die arme Bevölkerung daran zu hindern, ihre Aufstände fortzusetzen. Und doch waren es nur die Aufstände dieser Armen, die es später, 1792 und 1793, möglich machten, daß dem alten Regime der Todesstoß versetzt wurde. Folgendermaßen also sahen die Dinge aus. Die Bauern, die die Revolution begonnen hatten, sahen wohl, daß noch nichts Tatsächliches durchgeführt war. Die Abschaffung der persönlichen Lasten hatte nur ihre Hoffnungen wachgerufen. Es handelte sich jetzt darum, die drückenden wirtschaftlichen Reallasten abzuschaffen, und zwar wohlverstanden für immer und ohne Ablösung. Außerdem wollte der Bauer von den Gemeindeländereien wieder Besitz ergreifen. Zunächst war es ihm darum zu tun, was er davon 1789 bereits wieder genommen hatte, zu behalten und dafür die nachträgliche gesetzliche Grundlage zu erreichen. Und was wiederzuerobern ihm noch nicht gelungen war, wollte er haben, ohne dadurch mit dem Standrecht in Konflikt zu kommen. Aber diesen beiden Forderungen des Volkes widersetzte sich das Bürgertum aus Leibeskräften. Eis hatte sich die Bauernerhebung von 1789 gegen den Feudalismus zunutze gemacht, um seine ersten Angriffe gegen die absolute Gewalt des Königs, den Adel und die Geistlichkeit zu unternehmen. Aber sowie der erste Entwurf einer bürgerlichen Verfassung angenommen und vom König – mit reichlichem Spielraum, sie zu verletzen – akzeptiert war, erschrak das Bürgertum vor den stürmischen Fortschritten, die der revolutionäre Geist im Volk machte, und wollte nicht weitergehen. Das Bürgertum begriff überdies sehr wohl, daß die Güter der Grundherren in ihre Hände übergehen mußten; und sie wollten diese Güter unversehrt erhalten, mit allen daraufstehenden Einkünften, wie sie die alten Lasten, die in Geldzahlungen umgewandelt waren, vorstellten. Späterhin konnte man ja sehen, ob es nicht eines Tages vorteilhafter wäre, die Reste dieser Lasten abzuschaffen; und sodann sollte es auf dem Wege der Gesetzgebung, methodisch und ordnungsgemäß vor sich gehen. Denn wenn man die Unordnung einmal duldete, – wer konnte wissen, wo das Volk haltmachen würde? Sprach man nicht bereits von ›Gleichheit‹, vom ›Agrargesetz‹, von der ›Ausgleichung der Vermögen‹, davon, daß kein Grundbesitz größer als 120 Morgen groß sein sollte? Und mit den Städten, den Handwerkern und der ganzen Arbeiterbevölkerung der Städte stand es gerade so wie mit den Dörfern. Die Meisterrechte und die Zünfte, die das Königtum zu Werkzeugen der Unterdrückung gemacht hatte, waren abgeschafft worden. Die Reste feudaler Leibeigenschaft, die in Städten wie in Dörfern noch in großer Zahl vorhanden waren, waren schon infolge der Volksaufstände vom Sommer 1789 abgeschafft worden. Die herrschaftlichen Gerichtshöfe waren verschwunden, und die Richter wurden vom Volk erwählt und dem besitzenden Bürgertum entnommen. Aber das war im Grunde sehr wenig. Den Industrien fehlte es an Arbeit, und das Brot wurde zu Teuerungspreisen verkauft. Die Masse der Arbeiter wollte sich gern gedulden, wenn man nur daranging, das Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herzustellen. Aber da das nicht geschah, verlor es die Geduld. Und der Arbeiter verlangte nun, die Kommune von Paris, die Stadtverwaltungen von Lyon, Rouen, Nancy usw. sollten von sich aus Einrichtungen treffen, um das Korn zum Selbstkostenpreis zu verkaufen. Er verlangte, den Händlern sollte ein fester Kornpreis vorgeschrieben werden, man sollte Gesetze gegen den übertriebenen Luxus machen, den Reichen sollte eine hohe und progressive Steuer auferlegt werden! Aber da stieg das Bürgertum, das sich schon 1789, während die Passivbürger ohne Waffen blieben, bewaffnet hatte, auf die Straße, entfaltete die rote Fahne, befahl dem Volk, auseinanderzugehen, und erschoß die Aufständigen. So geschah es in Paris im Juli 1791 und da und dort in ganz Frankreich. Und die Revolution kam zum Stillstand. Das Königtum erholte sich wieder. Die Emigranten in Koblenz und Mitau rieben sich die Hände. Die Reichen bekamen wieder Mut und überließen sich zügellosen Spekulationen. Und so konnte vom Sommer 1790 bis zum Juni 1792 die Gegenrevolution glauben, sie triumphiere. Es ist übrigens ganz natürlich, daß eine Revolution von solcher Tragweite wie die zwischen 1789 und 1793 ihre Augenblicke des Stillstands und selbst des Rückgangs hatte. Das alte Regime verfügte über außerordentliche Kräfte, und es konnte nicht ausbleiben, daß sie nach der ersten Niederlage sich wieder erholten und dem neuen Geiste einen Damm entgegensetzten. So war die Reaktion, die in den ersten Monaten des Jahres 1790 und sogar schon im Dezember 1789 eintrat, ganz natürlich. Aber wenn diese Reaktion bis zum Juni 1792 dauern konnte, und wenn sie trotz aller Verbrechen des Hofes so mächtig wurde, daß im Jahre 1791 die ganze Revolution in Frage gestellt war, – so kam das daher, daß sie nicht nur das Werk des unter der Fahne des Königtums vereinigten Adels und der Geistlichkeit war. Vielmehr brachte auch das Bürgertum – diese neue Macht, die durch die Revolution selbst entstanden war – seine Geschäftstüchtigkeit, seine Ordnungs- und Eigentumsliebe und seinen Haß gegen den Volksaufruhr herbei, um die Mächte zu unterstützen, die die Revolution zu hemmen versuchten. Und ebenso wandte die große Zahl der Gebildeten, der ›Intellektuellen‹, in die das Volk sein Vertrauen gesetzt hatte, sowie sie das erste Aufzucken einer Volkserhebung spürten, ihr den Rücken; sie kehrten eilends in die Reihen der Verteidiger der Ordnung zurück, um das Volk klein zu bekommen und seinen Gleichheitsbestrebungen einen Damm entgegenzusetzen. Die Gegenrevolutionäre, die dermaßen verstärkt waren, hatten in ihrer Verschwörung gegen das Volk solchen Erfolg, daß die Revolution zum Stillstand gekommen wäre, ohne etwas Dauerndes zustande gebracht zu haben, wenn die Bauern auf dem Lande nicht ihre Erhebungen fortgesetzt hätten und wenn nicht das Volk in den Städten, als das Ausland in Frankreich eindrang, sich im Sommer 1792 von neuem erhoben hätte. Überhaupt war die Lage im Jahre 1790 sehr düster. ›Die reine Aristokratie der Reichen hat sich schon ohne Scham festgesetzt‹, hatte Loustalot schon am 28. November 1789 in den Révolutions de Paris geschrieben. ›Wer weiß, ob es jetzt nicht ein Verbrechen gegen die Majestät der Nation ist, wenn einer zu sagen wagt: Die Nation ist der Herrscher?‹ Aber seitdem hatte die Reaktion viel Boden gewonnen und drang in jedem Augenblick weiter vorwärts. In einem großen Werke über die politische Geschichte der großen Revolution hat es Aulard unternommen, den Widerstand ins Licht zu setzen, den die Idee der republikanischen Staatsform beim Bürgertum und den ›Intellektuellen‹ der Zeit fand – selbst zu einer Zeit, wo die Verrätereien des Hofes und der Monarchisten schon zur Republik drängten. Während in der Tat im Jahre 1789 die Revolutionäre so vorgegangen waren, als ob sie sich des Königtums völlig entledigen wollten, entstand unter diesen nämlichen Revolutionären, je mehr die konstitutionelle Gewalt der Nationalversammlung sich befestigte, eine ausgesprochen monarchistische Bewegung. Man kann sogar noch weitergehen. Nach dem 5. und 6. Oktober 1789 und der Flucht des Königs 1791 wurden das Bürgertum und seine Meinungsmacher jedesmal, wenn das Volk sich als revolutionäre Macht erwies, noch etwas monarchistischer. Das ist eine sehr wichtige Tatsache; aber auf der andern Seite darf man auch nicht vergessen, daß das Wesentliche für das Bürgertum und die Intellektuellen die Erhaltung des Eigentums war, wie man sich damals auszudrücken pflegte. Diese Frage der Erhaltung der Besitztümer oder des Eigentums geht in der Tat wie ein schwarzer Faden bis zum Sturz der Girondisten durch die ganze Revolution. Es ist sogar sicher, daß die Republik deswegen den Bürgern und sogar den heißblütigen Jakobinern solche Furcht machte (während die Cordeliers sie gern akzeptierten), weil sich dem Volke die Idee der Republik mit der Idee der Gleichheit unlöslich verknüpfte und weil die Gleichheit sich dem Volk in dem Ideal der Gleichheit der Vermögen und des Ackergesetzes vorstellte, – das waren die Formeln der Umstürzler, der Kommunisten, der Expropriateure, der ›Anarchisten‹ jener Zeit. Also hauptsächlich um das Volk zu verhindern, das allerheiligste Prinzip des Eigentums anzutasten, beeilte sich das Bürgertum, der Revolution Zügel anzulegen. Schon im Oktober 1789 beschloß die Nationalversammlung das berüchtigte Gesetz über das Standrecht, das die Möglichkeit gab, die aufständigen Bauern standrechtlich zu erschießen und später, im Juli 1791, das Volk von Paris niederzumetzeln. Sie wollte desgleichen verhindern, daß Männer des Volkes aus den Provinzen zum Bundesfest vom 14. Juli 1790 nach Paris strömten. Und sie traf eine Reihe von Maßnahmen gegen die lokalen revolutionären Gesellschaften, die die Stärke der Volksrevolution ausmachten, auf die Gefahr hin, damit zu töten, was der Keim ihrer eigenen Macht gewesen war. In der Tat waren schon gleich im Anfang der Revolution Tausende politischer Vereine in ganz Frankreich entstanden. Das waren nicht bloß die Wähler- oder Wahlmännerversammlungen, die fortfuhren, sich zu versammeln. Das waren auch nicht nur die zahlreichen jakobinischen Gesellschaften, die der Muttergesellschaft von Paris angeschlossen waren. Hauptsächlich waren es die Sektionen, die Volksvereine und Bruderschaften, die spontan und oft ohne äußere Formen entstanden. Es waren Tausende von Ausschüssen und fast unabhängigen Lokalgewalten, die sich an die Stelle der Gewalt des Königtums setzten und dazu beitrugen, im Volke die Idee der gleichheitlichen sozialen Revolution zu verbreiten. Diese Tausende lokaler Mittelpunkte nun zu vernichten, zu lähmen oder wenigstens zu desorganisieren, unternahm das Bürgertum mit größtem Eifer; und es hatte damit so großen Erfolg, daß die monarchistische, klerikale und Junkerreaktion in mehr als dem halben Frankreich in Städten und Flecken mehr und mehr die Oberhand zu gewinnen begann. Bald wagte man sich an Justizverfolgungen, und im Januar 1790 erlangte Necker einen Haftbefehl gegen Marat, der sich der Sache des Volkes, der Habenichtse, aufrichtig ergeben hatte. Da man einen Volksaufstand fürchtete, brachte man zur Verhaftung des Tribunen Infanterie und Kavallerie zur Stelle; man zerbrach sein Letternmaterial, und Marat sah sich mitten in der Revolution genötigt, nach England zu flüchten. Als er nach vier Monaten zurückgekehrt war, mußte er sich fast die ganze Zeit verborgen halten und war im Dezember 1791 noch einmal gezwungen, jenseits des Kanals seine Zuflucht zu suchen. Kurz, das Bürgertum und die Intellektuellen, die Verteidiger des Eigentums, verrichteten ihre Arbeit, die Initiative des Volkes zu brechen, so wacker, daß sie die Revolution selbst zum Stillstand brachten. Je mehr die Autorität des Bürgertums sich festsetzte, um so kräftiger erstand die Autorität des Königs aufs neue. ›Die wahrhafte Revolution, die Feindin der Zügellosigkeit, wird mit jedem Tage kräftiger‹, schrieb im Juni 1790 der Monarchist Mallet du Pan. Und er hatte recht. Drei Monate später fühlte sich die Gegenrevolution bereits so stark, daß sie die Straßen von Nancy mit Leichen bedeckte. Im Anfang hatte der Geist der Revolution die Armee, die in jener Zeit aus Söldnern bestand, und zwar zum Teil aus Ausländern, Deutschen und Schweizern, wenig berührt. Er drang indessen allmählich in sie ein. Das Bundesfest, an dem Abgeordnete der Soldaten als Bürger teilzunehmen eingeladen worden waren, trug dazu sein Teil bei, und im Laufe des Monats August gab es fast überall, insbesondere in den Garnisonen Ostfrankreichs, unter den Soldaten hintereinander aufständige Bewegungen. Sie wollten ihre Offiziere zwingen, über die Summen, die durch ihre Hände gegangen waren, Rechnung zu legen und wiederzuerstatten, was sie den Soldaten unterschlagen hatten. Dabei handelte es sich um ungeheure Summen: sie beliefen sich auf mehr als 240 000 Livres im Regiment der Provinz Beauce, auf 100 000 und sogar bis zu zwei Millionen in andern Garnisonen. Die Aufregung wuchs, aber wie man es bei Leuten, die durch einen langen Dienst stumpf geworden waren, erwarten konnte, hing ein Teil von ihnen den Offizieren an, und die Gegenrevolutionäre machten sich diesen Zwiespalt zunutze, um Streitigkeiten und blutige Zusammenstöße unter den Soldaten selbst hervorzurufen. So lieferten in Lille vier Regimenter einander eine Schlacht – die Royalisten gegen die Patrioten – und ließen fünfzig Tote und Verwundete auf dem Platz. Es ist sehr wahrscheinlich, da die royalistischen Verschwörungen seit Ende 1789, hauptsächlich unter den Offizieren der Ostarmee, die unter dem Befehl Bouillés stand, ihre Tätigkeit verdoppelt hatten, daß die Verschwörer den Gedanken faßten, den ersten besten Soldatenaufstand zu benutzen, um ihn mit Hilfe royalistischer Regimenter, die ihren Führern treu geblieben waren, im Blut zu ertränken. Die Gelegenheit bot sich bald in Nancy. Als die Nationalversammlung von der Gärung im Militär Kenntnis erhalten hatte, beschloß sie am 6. August 1790 ein Gesetz, das die Effektivbestände der Armee verminderte, die ›beratenden Versammlungen‹ der Soldaten in den Regimentern verbot, aber zugleich anordnete, die Offiziere sollten unverzüglich ihren Regimentern Rechnung legen. Sowie dieses Dekret am 9. in Nancy bekannt geworden war, verlangten die Soldaten – hauptsächlich die Schweizer vom Regiment Châteauvieux (meistenteils Waadtländer und Genfer) – von ihren Offizieren Rechnungslegung. Sie nahmen ihre Regimentskassen weg und gaben sie unter den Schutz ihrer Wachen, bedrohten ihre Führer und schickten acht Abgesandte nach Paris, die ihre Sache vor der Nationalversammlung vertreten sollten. Die Bewegungen der österreichischen Truppen an der Grenze vermehrten die Unruhe. Inzwischen beschloß die Nationalversammlung auf Grund falscher Berichte aus Nancy und gedrängt von Lafayette, dem Kommandanten der Nationalgarde, in den das Bürgertum volles Vertrauen setzte, am 16. ein Dekret, das die Soldaten wegen ihrer Unbotmäßigkeit verurteilte und den Garnisonen und Nationalgarden des Departements Meurthe den Auftrag gab, ›die Rädelsführer des Aufruhrs zur Räson zu bringen‹. Die Abgesandten der Soldaten wurden festgenommen, und Lafayette erließ seinerseits ein Rundschreiben, in dem er die Nationalgarden der Nancy benachbarten kleinen Städte berief, um die aufrührerische Garnison dieser Stadt zu bekämpfen. Inzwischen schien in Nancy selbst alles auf friedlichem Wege ins gleiche zu kommen. Die Mehrzahl der aufständigen Leute hatte sogar ein Schriftstück unterzeichnet, in dem sie ihrer Reue Ausdruck gaben. Aber augenscheinlich war damit den Zwecken der Royalisten nicht gedient. Bouillé brach am 28. an der Spitze von dreitausend getreuen Soldaten mit dem festen Entschluß von Metz auf, in Nancy den ersehnten großen Streich gegen die Rebellen zu führen. Die Zweideutigkeit des Departementsdirektoriums und der Stadtverwaltung von Nancy trug zur Verwirklichung dieses Planes bei, und so stellte Bouillé, während sich alles hätte friedlich schlichten lassen, der Garnison unmögliche Bedingungen und entfesselte den Kampf. Die Soldaten richteten ein furchtbares Blutbad in Nancy an, sie töteten wahllos Bürger und aufständige Soldaten und plünderten die Häuser. Dreitausend Leichen auf den Straßen, das war das Ergebnis dieser Schlacht, auf die die ›gesetzlichen‹ Strafmaßnahmen folgen. Zweiunddreißig Soldaten wurden hingerichtet und gerädert, einundvierzig zur Zwangsarbeit verurteilt. Der König beeilte sich, in einem Schreiben ›die gute Haltung Bouillés‹ anzuerkennen; die Nationalversammlung sagte den Mördern ihren Dank, und die Stadtverwaltung von Paris veranstaltete eine Totenfeier zu Ehren der in der Schlacht getöteten Sieger. Niemand wagte zu protestieren. Robespierre ebensowenig wie die andern. So schloß das Jahr 1790. Die bewaffnete Reaktion schien anzufangen, die Oberhand zu gewinnen. 29. Die Flucht des Königs – Die Reaktion – Das Ende der Konstituierenden Versammlung Die Große Revolution ist voller überaus tragischer Ereignisse. Die Eroberung der Bastille, der Zug der Frauen nach Versailles, der Angriff auf die Tuilerien und die Hinrichtung des Königs haben in der ganzen Welt ihren Widerhall gefunden. Wir haben diese Daten schon in unserer frühen Kindheit gelernt. Indessen hat es neben diesen großen Ereignissen andere gegeben, von denen zu sprechen man oft vergißt, die aber nach unserer Meinung eine noch tiefere Bedeutung haben und noch besser geeignet sind, den Geist der Revolution in einem bestimmten Augenblick zusammenzufassen und ihre künftige Entwicklung vorauszubestimmen. So ist für den Sturz des Königtums der bezeichnendste Moment der Revolution – der ihren ersten Teil am besten zusammenfaßt und ihrem künftigen Gang einen gewissen Volkscharakter geben wird – der 21. Juni 1791: diese denkwürdige Nacht, in der Unbekannte, Männer aus dem Volke, den flüchtigen König und seine Familie in Varennes in dem Augenblick festnahmen, wo sie im Begriff standen, die Grenze zu überschreiten und sich in die Arme des Auslands zu werfen. Von dieser Nacht an datiert der Sturz des Königtums. Von diesem Augenblick an tritt das Volk auf die Bühne und drängt die Politiker in den Hintergrund. Man erkennt das Abenteuer. Eine ganze Verschwörung war in Paris angezettelt worden, um dem König zur Flucht zu verhelfen und ihm die Möglichkeit zu verschaffen, sich jenseits der Grenze zu begeben, wo er sich an die Spitze der Emigranten und der deutschen Armeen stellen sollte. Der Hof hatte diesen Plan schon im September 1789 gefaßt, und es scheint, daß Lafayette davon Kenntnis erhalten hatte. Daß die Royalisten in dieser Flucht das Mittel sahen, den König in Sicherheit zu bringen und zugleich mit der Revolution fertig zu werden, versteht sich von selbst. Aber eine große Zahl Revolutionäre aus dem Bürgertum begünstigten den Plan ebenfalls. Wenn die Bourbonen einmal aus Frankreich draußen wären, dachten sie, setzte man Philipp von Orléans auf den Thron und ließe sich von ihm eine bürgerliche Konstitution oktroyieren, ohne die immer gefährliche Hilfe von Volksaufständen nötig zu haben. Das Volk vereitelte diesen Plan. Ein ›Unbekannter‹, Drouet, ein früherer Postmeister, erkennt den König im Vorüberfahren in einem kleinen Flecken. Aber schon ist die königliche Equipage im Galopp durchgefahren. Nun reiten Drouet und einer seiner Freunde namens Guillaume in größter Eile in der Nacht, um den Wagen zu verfolgen. Die Wälder der Straße entlang werden, wie sie wissen, von den Husaren durchstreift, die auf der Heerstraße herangezogen waren, um die königliche Equipage in Pont-de-Somme-Vesle zu erwarten, die sich aber, da sie sie nicht kommen sahen und die Feindseligkeit des Volkes fürchteten, in die Wälder zurückgezogen haben. Es gelingt Drouet und Guillaume indessen, diese Patrouillen zu vermeiden, indem sie Fußpfade benutzen, die sie kennen, aber sie stoßen erst wieder in Varennes auf den königlichen Wagen, wo ihn ein unerwarteter Aufenthalt zurückgehalten hatte – die Pferde zum Wechseln und die Husaren fanden sich nicht genau an dem Ort des vorausbestimmten Rendezvous –, und da findet Drouet, der ein wenig voraus war, kaum die Zeit, zu einem Freund, einem kleinen Wirt, zu eilen: Bist du ein guter Patriot? – Ich denke schon! – Dann wollen wir den König verhaften! Und zunächst versperren sie, ohne weiteren Lärm, der schweren königlichen Equipage den Weg, indem sie quer über die Brücke einen beladenen Möbelwagen stellen, den sie zufällig da fanden. Dann verhaften sie, zusammen mit vier oder fünf Bürgern, die sich mit Flinten bewaffnet hatten, gerade in dem Augenblick die Flüchtlinge, wo ihr Wagen auf dem Wege aus der obern Stadt zur Aire-Brücke durch den Torbogen der Kirche St. Gençoult fahren wollte. Drouet und seine Freunde heißen die Reisenden trotz ihrem Protest aussteigen, und sie müssen sich, während die Gemeindeobrigkeit ihre Pässe untersucht, in der Kammer hinter dem Laden des Krämers Sauce aufhalten. Da sieht sich der König, da er von einem in Varennes wohnenden Richter bestimmt erkannt wird, genötigt, seine Rolle eines Bedienten von ›Madame Korff‹ aufzugeben, und schildert nun, schlau wie immer, in bewegten Worten die Gefahren, denen seine Familie von Seiten der Orléans in Paris ausgesetzt sei, um seine Flucht zu entschuldigen. Aber das Volk läßt sich nicht betrügen. Es hat die Pläne und den Verrat des Königs sofort erfaßt. Die Sturmglocke läutet, und ihr Klang tönt in der Nacht von Varennes aus ins Land hinaus, von Dorf zu Dorf, und von allen Seiten eilen die Bauern, mit Knüppeln und Heugabeln bewaffnet, herbei. Sie halten beim König bis zum Tagesanbruche Wache, und zwei Bauern stehen mit der Heugabel in der Hand Posten vor seiner Türe. Die Bauern eilen zu Tausenden auf dem ganzen Wege von Varennes nach Paris herbei und halten die Husaren und die Dragoner Bouillés, denen sich Ludwig XVI. für seine Flucht anvertraut hatte, in Schach. In Sainte-Menehuld ertönte die Sturmglocke schon unmittelbar nach der Abfahrt der königlichen Equipage, ebenso in Clermont-en-Argonne. In Sainte-Menehuld entwaffnete das Volk sogar die Dragoner, die den König eskortieren wollten; jetzt macht es mit ihnen Bruderschaft. In Varennes sind die sechzig deutschen Husaren, die dahin gekommen waren, um den König bis zu seinem Zusammentreffen mit Bouillé zu eskortieren, und die in der Unterstadt auf dem andern Ufer des Aire unter dem Befehl des Unterleutnants Rohrig aufgestellt waren, kaum zu sehen. Der Offizier ist verschwunden, ohne daß man seitdem jemals erfahren hat, was aus ihm geworden ist, und die Soldaten, die den ganzen Tag mit den Einwohnern getrunken haben (die sie nicht beschimpften, sondern sie für ihre Sache gewannen, indem sie mit ihnen Bruderschaft machten), zeigen keinerlei Interesse für den König. Sie trinken jetzt unter den Rufen: Es lebe die Nation!, während die ganze Stadt durch die Sturmglocke auf die Beine gebracht ist und sich vor dem Laden von Sauce zusammendrängt. Die Tore von Varennes sind verbarrikadiert, um die Ulanen Bouillés nicht in die Stadt dringen zu lassen. Und von Tagesgrauen an ertönen in der Menge die Rufe: Nach Paris, nach Paris! Sie werden um so stärker, als gegen zehn Uhr morgens zwei Kommissare anlangen, die Lafayette einerseits und die Nationalversammlung andrerseits am 21. morgens abgesandt haben, um den König und seine Familie festnehmen zu lassen. Fort mit ihnen! Sie müssen fort! Wir werden sie mit Gewalt im Wagen fortziehen! schreien die Bauern, die voller Wut sehen, daß Ludwig XVI. Zeit zu gewinnen sucht, um die Ankunft Bouillés und seiner Ulanen abzuwarten. Da sehen sich endlich der König und seine Familie genötigt, sich auf den Weg zu machen, nicht ohne vorher die kompromittierenden Papiere, die sie in ihrem Wagen hatten, vernichtet zu haben. Das Volk führt sie als Gefangene nach Paris. Es war aus mit dem Königtum. Es war der Schande verfallen. Am 14. Juli 1789 hatte das Königtum sein Bollwerk verloren, aber es hatte seine moralische Stärke, seinen Nimbus behalten. Drei Monate später, am 6. Oktober, wurde der König zur Geisel der Revolution, aber das monarchische Prinzip blieb immer noch aufrecht. Der König, um den sich die Besitzenden scharten, war noch sehr mächtig geblieben. Nicht einmal die Jakobiner wagten ihn persönlich anzugreifen. Aber in dieser Nacht, die der König, als Bedienter verkleidet und von den Bauern bewacht, in der hintern Kammer eines Dorfkrämers, von den Patrioten gepufft, beim Schein einer Kerze, die man in eine Laterne gesteckt hatte, verbrachte, in dieser Nacht, wo die Sturmglocke ertönte, um den König zu hindern, die Nation zu verraten, wo die Bauern herbeieilten, um ihn dem Volk von Paris als Gefangenen zurückzugeben – in dieser Nacht stürzte das Königtum für immer. Der König, der ehemals das Symbol der nationalen Einheit gewesen war, hatte seine Existenzberechtigung verloren, als er das Symbol des internationalen Bundes der Tyrannen gegen die Völker geworden war. Alle Throne in Europa verspürten es. Zur gleichen Zeit trat das Volk in die Schranken, um den politischen Führern das Handwerk zu legen. Dieser Drouet, der aus eigener Initiative handelt und die Pläne der Politiker vereitelt; dieser Dorfbewohner, der aus eigenem Antrieb seinem Pferd die Sporen gibt und im Galopp über Abhänge und Schluchten reitet, um den Erzverräter, den König, zu verfolgen, der ist das Symbol des Volkes, das von jetzt an in jedem kritischen Augenblick der Revolution die Dinge selbst in die Hand nimmt und über die Politiker die Oberhand gewinnt. Der Sturm des Volks auf die Tuilerien vom 20. Juni 1792, der Marsch der Faubourgs von Paris gegen die Tuilerien vom 10. August 1792, die Absetzung usw., alle diese großen Ereignisse folgen einander von jetzt an wie eine geschichtliche Notwendigkeit. Als der König versuchte zu flüchten, war sein Plan gewesen, sich an die Spitze der Armee zu stellen, die Bouillé befehligte, und von einer deutschen Armee unterstützt gegen Paris zu marschieren. Was die Royalisten sich nach der Wiedereroberung der Hauptstadt vorgesetzt hatten, weiß man heute genau. Alle ›Patrioten‹ sollten verhaftet werden: die Proskriptionslisten waren schon aufgestellt. Die einen sollten hingerichtet, die andern deportiert oder gefangengesetzt werden; alle Dekrete, die die Nationalversammlung beschlossen hatte, um die Verfassung einzuführen oder den Klerus zu bekämpfen, sollten abgeschafft werden; das alte Regime mit seinen Ständen und Klassen sollte wiederhergestellt werden; mit bewaffneter Hand und mit Hilfe summarischer Exekutionen sollten die Zehnten, die Feudalrechte, die Jagdrechte und alle Feudallasten des alten Regime wieder eingeführt werden. Das war der Plan der Royalisten; sie machten auch kaum ein Geheimnis daraus. – ›Wartet, ihr Herren Patrioten‹, sagten sie zu jedem, der sie hören wollte, ›bald werdet ihr für eure Verbrechen büßen.‹ Das Volk vereitelte, wie wir gesehen haben, diesen Plan. Der König wurde in Varennes ergriffen, nach Paris zurückgeführt und unter die Überwachung der Patrioten der Faubourgs gestellt. ### Man hätte glauben sollen, nunmehr werde die Revolution mit Riesenschritten ihrer logischen Entfaltung folgen. Nachdem der Verrat des Königs einmal bewiesen war, mußte ja natürlich die Absetzung ausgesprochen werden, mußten die alten Feudaleinrichtungen gestürzt, die demokratische Republik begonnen werden? Damit wurde es nichts. Es triumphierte im Gegenteil einen Monat nach der Flucht von Varennes die Reaktion, und das Bürgertum stellte dem Königtum einen neuen Freibrief aus. Das Volk hatte die Situation sofort erfaßt. Es war klar, man konnte den König nicht mehr auf dem Thron lassen. Wenn er unversehrt in sein Schloß zurückkehrte, würde er den Faden seiner Verschwörungen sofort wieder aufnehmen und noch lebhafter mit Österreich und Preußen konspirieren. Er wäre künftighin nicht mehr in der Lage, Frankreich zu verlassen, und wäre also noch eifriger darauf bedacht, die Invasion zu beschleunigen. Das war ganz klar; um so mehr, als er nichts gelernt hatte. Er fuhr fort, seine Unterschrift unter die Dekrete, die die Macht der Geistlichkeit und die Vorrechte der Grundherren antasteten, zu verweigern. Man mußte ihm also die Krone nehmen, die Absetzung sofort aussprechen. Das verstand das Volk von Paris und einem guten Teil der Provinzen sehr gut. In Paris begann man schon am 22. Juni, einen Tag nach der Flucht also, die Büsten Ludwigs XVI. zu zertrümmern und die königlichen Abzeichen zu zerstören. Die Menge flutete in die Tuilerien; man sprach unter freiem Himmel gegen das Königtum; man verlangte die Absetzung. Als der Herzog von Orléans lächelnd durch die Straßen von Paris wandelte – er glaubte, eine Krone darin zu finden –, wandte man ihm den Rücken: man wollte keinen König mehr. Die Cordeliers verlangten geradeheraus die Republik und verfaßten eine Adresse, in der sie sich alle gegen die Könige erklärten – alle als ›Tyrannenfeinde‹. Der Gemeinderat von Paris gab eine Erklärung im nämlichen Sinne ab. Die Sektionen von Paris erklärten sich in Permanenz; die Pikenmänner und Mützenträger waren wieder auf den Straßen zu sehen; man hatte den Eindruck, vor einem neuen 14. Juli zu stehen. Das Volk war in der Tat bereit, sich aufzumachen, um das Königtum endgültig zu stürzen. Die Nationalversammlung ging unter dem Drängen der Volksbewegung vorwärts. Sie gebahrte sich, als ob es keinen König mehr gäbe. Hatte er nicht in der Tat durch seine Flucht abgedankt? Sie bemächtigte sich der Exekutivgewalt, gab den Ministern Anweisungen und nahm die diplomatischen Beziehungen in die Hand. Etwa vierzehn Tage lang lebte Frankreich ohne König. Aber das Bürgertum wurde bald andern Sinnes, kehrte um und trat in offene Opposition gegen die republikanische Bewegung. Und ebenso veränderte sich die Haltung der Nationalversammlung. Während alle Volksvereine und Brüderschaften sich für die Absetzung aussprechen, verwirft der Jakobinerklub, der aus staatsmännischen Bürgern zusammengesetzt ist, die Idee der Republik und spricht sich für die Aufrechterhaltung der konstitutionellen Monarchie aus. ›Das Wort Republik erschreckt die stolzen Jakobiner‹, sagt Réal auf der Tribüne ihres Klubs. Die radikalsten unter ihnen, darunter auch Robespierre, haben Furcht, sich zu kompromittieren; sie wagen nicht, sich für die Absetzung auszusprechen, sie reden von Verleumdung, wenn man sie Republikaner nennt. Die Versammlung, die am 22. Juni so entschlossen war, nimmt plötzlich ihre Entscheidungen zurück und erläßt am 15. Juli in aller Eile ein Dekret, in dem sie den König für unschuldig erklärt und sich gegen die Absetzung, gegen die Republik ausspricht. Künftig wird es ein Verbrechen sein, die Republik zu fordern. Was ist nun in diesen zwanzig Tagen vorgefallen, daß die revolutionären Führer des Bürgertums eine so plötzliche Schwenkung machten und den Entschluß faßten, Ludwig XVI. auf dem Throne zu lassen? Hat er sich verpflichtet, sich der Verfassung zu unterwerfen? Nein, nichts dergleichen ist geschehen! Die Sache ist die, daß die bürgerlichen Führer von neuem das Gespenst sehen, das sie seit dem 14. Juli und dem 6. Oktober 1789 in Entsetzen jagte: die Volkserhebung! Die Pikenmänner waren auf die Straße gestiegen, und die Provinzen schienen wie im August 1789 bereit, sich zu erheben. Der bloße Anblick der Tausende von Bauern, die beim Schall der Sturmglocke aus den benachbarten Dörfern auf die Straße nach Paris geeilt waren und den König in die Hauptstadt zurückbrachten – dieser Anblick allein hatte sie schon schaudern gemacht. Und jetzt würde sich das Volk von Paris erheben, sich bewaffnen und die Fortführung der Revolution fordern: die Republik, die Abschaffung der Feudallasten, die uneingeschränkte Gleichheit. Das Agrargesetz, der festgesetzte Brotpreis, die Besteuerung der Reichen – sollte das alles Wirklichkeit werden? Nein, lieber den Verräterkönig, lieber die Invasion des Auslands als den Erfolg der Volksrevolution. Das ist der Grund, warum sich die Nationalversammlung beeilte, jeder republikanischen Bewegung ein Ende zu machen, warum sie am 15. Juli schnell ein Dekret zusammenpfuschte, das dem Verfahren gegen den König ein Ende machte, ihn wieder auf den Thron setzte und alle die als Verbrecher erklärte, die verlangten, die Revolution solle ihre aufsteigende Bewegung wieder aufnehmen. Daraufhin gaben die Jakobiner, diese angeblichen Führer der Revolution, nach einem Tag des Schwankens, die Republikaner preis, die den Plan gefaßt hatten, am 17. Juli auf dem Marsfeld eine große Volksbewegung gegen das Königtum hervorzurufen. Und nunmehr war das gegenrevolutionäre Bürgertum seiner Sache sicher, sammelte seine Nationalgarde, warf sie gegen das unbewaffnete Volk, das um den ›Altar des Vaterlands‹ versammelt war, um eine republikanische Petition zu unterzeichnen, ließ die rote Fahne entfalten, proklamierte das Standrecht und metzelte das Volk, die Republikaner, nieder. Nunmehr begann eine Periode der offenen Reaktion, die bis zum Frühjahr 1792 immer ausgeprägter wurde. Die Republikaner, die Verfasser der Marsfeldpetition, die die Absetzung verlangte, wurden offen verfolgt. Danton mußte (im August 1791) nach England fliehen. Robert (ein erklärter Republikaner, der Redakteur der Révolutions de Paris), Fréron und vor allem Marat mußten sich versteckt halten. Das Bürgertum machte sich einen Augenblick des Schreckens zunutze und beeilte sich zuallererst, die Wahlrechte des Volks zu beschränken. In Zukunft bedurfte es, um Wahlmann zu sein, außer den zehn Arbeitstagen, deren Wert als direkte Steuer bezahlt sein mußte, eines Besitzes oder einer Nutznießung im Werte von 150 bis 200 Arbeitstagen oder der Pacht eines Gutes, dessen Ertrag auf 400 Arbeitstage geschätzt war. Man sieht, die Bauern waren aller politischen Rechte völlig beraubt. Nach dem 17. Juli (1791) wurde es gefährlich, sich Republikaner zu nennen oder so genannt zu werden, und bald gab es Revolutionäre, die solche, die die Absetzung des Königs und die Republik verlangten, als ›verdrehte Menschen‹ behandelten, die ›in der Unordnung und Anarchie nichts zu verlieren und alles zu gewinnen‹ hätten. Allmählich wird das Bürgertum kühner, und als der König am 14. September 1791 die Verfassung annimmt und in der Nationalversammlung feierlich beschwört, die Verfassung, die er am selben Tag noch verriet, da geschieht es inmitten einer ausgesprochen royalistischen Bewegung, unter begeisterten Huldigungen, die dem König und der Königin vom Pariser Bürgertum dargebracht werden. Vierzehn Tage später ging die Konstituierende Versammlung auseinander, und es bot sich den Konstitutionellen von neuem eine Gelegenheit, ihre royalistischen Kundgebungen zu Ehren Ludwigs XVI. zu erneuern. Die Regierung ging in die Hände der Gesetzgebenden Versammlung über, die aus einem beschränkten Wahlrechtsverfahren hervorgegangen und offenbar noch bürgerlicher war als die Konstituierende. Und die Reaktion prägte sich immer noch mehr aus! Gegen Ende 1790 waren die besten Revolutionäre so weit, daß sie schließlich völlig an der Revolution verzweifelten. Marat glaubte sie verloren. ›Die Revolution‹, schrieb er im Ami du Peuple, ›ist gescheitert‹ ... Er verlangte den Appell ans Volk, aber man wollte nicht auf ihn hören. ›Eine Handvoll Unglücklicher‹ (er meint Arme), sagte er in seinem Blatt am 21. Juli, ›hat die Mauern der Bastille zerstört. Man rufe sie wieder ans Werk, sie werden herbeikommen, wie sie das erstemal kamen, sie lechzen nur danach, gegen ihre Tyrannen zu kämpfen, aber damals waren sie frei im Handeln und jetzt sind sie gefesselt.‹ Gefesselt, wohlverstanden, von ihren Führern. ›Die Patrioten wagen sich nicht mehr zu zeigen‹, sagt derselbe Marat am 15. Oktober 1791, ›und die Feinde der Freiheit füllen die Tribünen des Senats und sind überall zu finden.‹ Das also wurde mehr und mehr aus der Revolution, je mehr die Männer des Bürgertums und ihre Intellektuellen triumphierten. Ebensolche Worte der Verzweiflung sprach auch Camille Desmoulins im Jakobinerklub am 24. Oktober 1791. »Die Reaktionäre haben«, sagte er, »die Volksbewegung vom Juli und August 1789 zu ihren Gunsten gewendet. Die Günstlinge des Hofs reden heutzutage von der Souveränität des Volkes, den Menschenrechten, der Gleichheit der Bürger, um das Volk zu täuschen, und sie schreiten in der Uniform der Nationalgarde einher, um die Offiziersstellen an sich zu reißen oder gar zu kaufen. Um sie sammeln sich die Helfershelfer des Thrones. Die Teufel der Aristokratie haben eine höllische Geschicklichkeit bewiesen.« Aber Prudhomme und Desmoulins konnten sich wenigstens zeigen. Ein Volksrevolutionär wie Marat jedoch mußte sich mehrere Monate hindurch versteckt halten und wußte manchmal nicht, wo er für die Nacht ein Asyl finden sollte. Man hat von ihm sehr richtig gesagt, er habe die Sache des Volks mit dem Kopf auf dem Block vertreten. Danton, der auch verhaftet werden sollte, war nach London abgereist. Überdies hat die Königin selbst in ihrer Geheimkorrespondenz mit Fersen, durch dessen Vermittlung sie die Invasion lenkte und den Einzug der deutschen Armeen in die Hauptstadt vorbereitete, ›eine sehr deutliche Veränderung in Paris‹ festgestellt. Das Volk, sagte sie, liest keine Zeitungen mehr. ›Nur das teure Brot und die Dekrete interessieren sie‹, schrieb sie am 31. Oktober 1791. Das teure Brot – und die Dekrete! Das Brot zum Leben und zur Fortsetzung der Revolution – denn es fehlte schon im Oktober daran! Und die Dekrete gegen die Priester und die Emigranten, die der König zu sanktionieren sich weigerte. Überall war Verrat, und man weiß heutzutage, daß zu derselben Zeit, Ende 1791, Dumouriez, der girondistische General, der die Ostarmeen befehligte, bereits mit dem König konspirierte. Er überreichte ihm eine geheime Denkschrift über die Mittel, die Revolution zum Stillstand zu bringen. Man fand diese Denkschrift nach dem Tuileriensturm im eisernen Schwank Ludwigs XVI. 30. Die Gesetzgebende Versammlung – Die Reaktion in den Jahren 1791–1792 Die neue Nationalversammlung, die nur von den Aktivbürgern gewählt war und die sich den Namen Gesetzgebende Versammlung beilegte, trat am 1. Oktober 1791 zusammen, und vom ersten Augenblick an nahm der König, der durch die Kundgebungen des Bürgertums, das sich um ihn drängte, kühn geworden war, gegen die neue Versammlung eine anmaßende Haltung an. Wie in den ersten Anfängen der Generalstaaten folgten einander eine ganze Reihe von boshaften kleinen Schikanen von seiten des Hofes und schwache Widerstandsversuche von seiten der Abgeordneten. Und trotzdem begrüßte die Versammlung den König, sowie er hinkam, mit würdelosen Kundgebungen der Verehrung und mit der größten Begeisterung. Ludwig XVI. sprach von einer dauernden Harmonie und von unabänderlichem Vertrauen zwischen der Gesetzgebenden Körperschaft und dem König. ›Möge die Vaterlandsliebe uns verbünden und das öffentliche Interesse uns unzertrennlich machen‹, und im selben Augenblick bereitete er die Invasion des Auslands vor, um die Konstitutionellen zu zähmen und die Vertretung in drei Ständen, die alten Parlamentshöfe und die Vorrechte des Adels und der Geistlichkeit wiederherzustellen. Ganz allgemein hat sich seit Oktober 1791 – im Grunde seit der Flucht des Königs und seiner Verhaftung in Varennes im Juni – die Furcht vor der Invasion des Auslands schon der Geister bemächtigt und wird zum Hauptgegenstand der Besorgnisse. Wohl hat die Gesetzgebende Versammlung ihren rechten Flügel in Gestalt der Feuillants oder konstitutionellen Monarchisten und ihre Linke in der Partei der Girondisten, die einen Übergang bildet zwischen der konstitutionellen und der republikanischen Hälfte des Bürgertums. Aber weder die einen noch die anderen interessieren sich für die großen Aufgaben, die die Konstituierende Versammlung ihnen hinterlassen hat. Weder die Einführung der Republik noch die Abschaffung der feudalen Vorrechte beschäftigen die Gesetzgebende Versammlung. Selbst die Jakobiner und sogar die Cordeliers scheinen darüber einig zu sein, nicht mehr von der Republik zu sprechen, und die Leidenschaften der Revolutionäre und der Gegenrevolutionäre stoßen über Fragen von untergeordneter Bedeutung zusammen, wie zum Beispiel, wer Bürgermeister von Paris werden soll. Die große Aufgabe des Augenblicks dreht sich um die Priester und die Emigranten. Diese beiden Fragen sind wichtiger als alle andern wegen der gegenrevolutionären Aufstände, die die Priester und die Emigranten organisieren, und weil diese Fragen in inniger Verbindung mit dem Krieg stehen, dessen Herannahen niemandem mehr zweifelhaft ist. Man erinnert sich, daß der jüngste Bruder des Königs, der Graf von Artois, schon am 15. Juli 1789 ausgewandert war. Der andere, der Graf von Provence, war zugleich mit Ludwig XVI. geflüchtet und hatte Brüssel glücklich erreicht. Alle beide hatten gegen die Annahme der Verfassung von Seiten des Königs protestiert. Dieser, sagten sie, war nicht in der Lage, die Rechte der alten Monarchie zu veräußern; folglich war der Schritt, den er getan hatte, ungültig. Ihrem Protest wurde von den royalistischen Agenten in ganz Frankreich Verbreitung gegeben, und er übte eine große Wirkung aus. Die Adligen verließen ihre Regimenter oder ihre Schlösser und wanderten in Massen aus, und die Royalisten drohten denen, die nicht dasselbe taten, sie würden ins Bürgertum gestoßen werden, so wie der Adel siegreich zurückkehrte. Die Emigranten, die in Koblenz, in Worms, in Brüssel ihr Hauptquartier hatten, bereiteten ganz offen die Gegenrevolution vor, die durch die Invasion des Auslands unterstützt werden sollte. Es wurde mehr und mehr klar, daß der König ein doppeltes Spiel trieb, denn es war unmöglich, nicht zu merken, daß alles, was von seiten der Emigranten geschah, seine Zustimmung hatte. Am 30. Oktober 1791 entschloß sich die Gesetzgebende Versammlung endlich, gegen den zweiten Bruder des Königs, Louis Stanislas Xavier, Graf von Provence, vorzugehen, der von Ludwig XVI. im Augenblick seiner Flucht ein Dekret in Empfang genommen hatte, das ihm für den Fall, daß der König verhaftet werden sollte, den Titel ›Regent‹\< übertrug. Nunmehr forderte die Versammlung den Grafen von Provence auf, binnen zwei Monaten nach Frankreich zurückzukehren; im Weigerungsfall sollte er seiner Rechte auf die Regierung verlustig gehen. Einige Tage später (am 9. November) erließ die Versammlung den Befehl an die Emigranten, vor Schluß des Jahres zurückzukehren; im Weigerungsfall sollten sie als Verschwörer behandelt, in contumaciam verurteilt und ihre Einkünfte sollten zugunsten der Nation konfisziert werden, ›ohne Präjudiz indessen für die Rechte ihrer Frauen, ihrer Kinder und ihrer legitimen Gläubiger‹. Der König sanktionierte das Dekret, das seinen Bruder betraf, legte aber gegen das zweite Dekret, in betreff der Emigranten, sein Veto ein. Ebenso verfuhr er mit einem Dekret, das den Priestern befahl, den Eid auf die Verfassung zu leisten, und ihnen im Weigerungsfall androhte, sie würden im Fall religiöser Unruhe in den Gemeinden, deren Pfarrer sie waren, als verdächtig verhaftet werden. Der König setzte auch diesem Dekret sein Veto entgegen. ### Der wichtigste Akt der Gesetzgebenden Versammlung war die Kriegserklärung an Österreich. Dieses rüstete offen zum Kriege, um Ludwig XVI. in seine Rechte aus der Zeit vor 1789 wieder einzusetzen. Der König und Marie-Antoinette drängten den Kaiser, und ihre Bitten wurden nach dem gescheiterten Fluchtversuch immer dringender. Aber es ist sehr wahrscheinlich, daß sich diese Rüstungen in die Länge gezogen hätten, vielleicht bis zum nächsten Frühjahr, wenn die Girondisten nicht zum Krieg gedrängt hätten. Die Unverträglichkeit der Elemente, aus denen das Ministerium zusammengesetzt war – ein Mitglied des Ministeriums, Bertrand de Molleville, war ein offener Gegner des Konstitutionalismus, während dagegen Narbonne die Stütze des Throns daraus machen wollte –, führte zu seinem Sturz, und im März 1792 berief Ludwig XVI. ein girondistisches Ministerium. Dumouriez bekam das Ministerium des Äußern, Roland, das heißt Madame Roland, das Innere, de Grave, der bald durch Servan ersetzt wurde, das Kriegsministerium, Clavière die Finanzen, Duranthon die Justiz und Lacoste das Marineministerium. Unnütz zu sagen, daß (wie Robespierre es bald hervorhob) die Eroberung der Ministergewalt durch die Girondisten die Revolution keineswegs stärkte, sondern im Gegenteil eine Stütze für die Reaktion war. Von diesem Augenblick an war alles für die Mäßigung, sowie der König akzeptiert hatte, was der Hof das ›Ministerium der Sansculotten‹ nannte. Lediglich zum Krieg trieb dieses Ministerium ohne Mäßigung, gegen den Rat Marats und Robespierres, und am 20. April 1792 triumphierten die Girondisten. Der Krieg war Österreich, oder, wie man damals sagte, ›dem König von Böhmen und Ungarn‹ erklärt. ### War der Krieg notwendig? Jaurès (Histoire Socialiste, La Législative, S. 815 ff.) hat diese Frage aufgeworfen und hat, um sie zu lösen, dem Leser viele Dokumente aus der Zeit vorgelegt. Und die Schlußfolgerung, die aus diesen Dokumenten hervorgeht und die der Verfasser selbst zieht, ist dieselbe, zu der Marat und Robespierre gelangt waren. Der Krieg war nicht notwendig. Die fremden Fürsten fürchteten offenbar die Entwicklung der republikanischen Ideen in Frankreich; aber von da bis zur Hilfeleistung zu Ludwigs XVI. Befreiung war noch ein weiter Weg: sie zauderten, sich in einen Krieg dieser Art einzulassen. Die Girondisten waren es, die den Krieg gewollt haben und dazu drängten, weil sie in ihm das Mittel sahen, die königliche Gewalt zu bekämpfen. Die Wahrheit hierüber hatte Marat übrigens ohne Umschweife gesagt. Ihr wollt den Krieg, sagte er, weil ihr den Appell ans Volk, durch den dem Königtum der entscheidende Streich versetzt werden könnte, nicht wollt. Die Girondisten und eine Masse Jakobiner zogen diesem Appell ans Volk die Invasion des Auslands vor, die den Patriotismus erwecken und die Verrätereien des Königs und der Royalisten aufdecken und so den Sturz des Königtums ohne eine Volkserhebung herbeiführen würde. ›Wir brauchen große Verrätereien‹, sagte Brissot, dieser Mann, der das Volk, seine undisziplinierten Aufstände und seine Angriffe gegen das Eigentum haßte. So war der Hof auf der einen Seite und die Girondisten auf der andern darüber einig, den Einfall des Feindes in Frankreich zu wollen, und ins Werk zu setzen. Unter diesen Umständen wurde der Krieg unvermeidlich; er wütete dreiundzwanzig Jahre lang mit all seinen unheilvollen Folgen für die Revolution und den Fortschritt Europas. – Ihr wollt nicht den Appell ans Volk, ihr wollt nicht die Revolution des Volkes, wohlan, ihr werdet den Krieg und vielleicht den Zusammenbruch haben! Wie oft ist diese Wahrheit seitdem bestätigt worden! Das Gespenst des bewaffneten und aufständigen Volkes, das von dem Bürgertum seinen Anteil am Nationalvermögen forderte, ängstigte fortwährend die Männer des dritten Standes, die zur Macht gelangt waren oder durch die Klubs und die Zeitungen einen Einfluß auf den Gang der Ereignisse erlangt hatten. Es muß noch hinzugefügt werden, daß allmählich die revolutionäre Erziehung des Volkes von der Revolution selbst besorgt wurde und daß das Volk kühn genug geworden war, Forderungen aufzustellen, in denen ein kommunistischer Geist lebte, Maßregeln zu verlangen, die dazu hätten beitragen können, mehr oder weniger die wirtschaftlichen Ungleichheiten zu beseitigen. Man sprach im Volk von der ›Ausgleichung der Vermögen‹. Die Bauern, die nur elende Fetzen Landes besaßen, und die städtischen Arbeiter, die zur Arbeitslosigkeit verdammt waren, rafften sich auf, ihr Recht auf den Boden auszusprechen. Man verlangte auf dem Lande, niemand dürfte ein Gut von mehr als 120 Morgen besitzen, und in den Städten sagte man, jeder, der den Wunsch hätte, das Land zu bestellen, müßte ein Recht auf soundso viel Morgen haben. Der festgesetzte Lebensmittelpreis, um die Verteuerung der notwendigsten Bedürfnisse durch die Spekulation zu verhindern, Gesetze gegen die Wucherer, der Verkauf der Lebensmittel durch die Gemeinde zum Einkaufspreis an alle Einwohner, die progressive Steuer auf den Reichtum, die Zwangsanleihe und schließlich eine hohe Erbschaftssteuer, – all das wurde im Volk diskutiert, und diese Ideen drangen auch in die Presse. Die Einstimmigkeit, mit der diese Ideen jedesmal, wenn das Volk, gleichviel ob in Paris oder den Provinzen, einen Sieg errang, hervortraten, zeigt, daß sie in den Reihen der Enterbten lebhaft besprochen wurden, obwohl die Schriftsteller der Revolution es nicht wagten, sie allzusehr in den Vordergrund zu rücken. ›Merkt ihr denn nicht‹, sagte Robert im Mai 1791 in den Révolutions de Paris, ›daß die französische Revolution, für die ihr, wie ihr sagt, als Bürger kämpft, in Wahrheit das Ackergesetz ist, das das Volk zur Durchführung bringt? Es hat seine Rechte wiedererlangt. Noch einen Schritt, und es wird seinen Besitz wiedererlangen ...‹ (Zitiert von Aulard, S. 91.) Man kann sich den Haß denken, den diese Ideen im Bürgertum hervorbringen mußten, die jetzt ihr errungenes Vermögen und desgleichen die neue privilegierte Rolle, die sie jetzt im Staate spielten, in Ruhe genießen wollten. Ein Beispiel dieses Hasses kann die Wut sein, die sich im März 1792 erhob, als man in Paris erfuhr, der Maire von Etampes, Simoneau, sei von den Bauern getötet worden. Wie so viele andere bürgerliche Gemeindevorsteher hatte er ohne Gerichtsverfahren die aufständigen Bauern erschießen lassen, und niemand hatte ein Wort gesagt. Aber als die ausgehungerten Bauern, die verlangt hatten, daß man den Brotpreis festsetzte, diesen Maire endlich mit ihren Spießen töteten, ließ sich der Chor der Entrüstung vernehmen, die infolge dieses Vorfalls im Bürgertum von Paris losbrach. ›Der Tag ist gekommen, wo die Besitzenden aller Klassen endlich merken müssen, daß sie in Gefahr sind, unter der Sense der Anarchie zu fallen‹, jammerte Mallet du Pan in seinem Mercure de France; und er verlangte den ›Zusammenschluß der Besitzenden‹ gegen das Volk, gegen die Räuber, die Prediger des Ackergesetzes. Alle fingen jetzt an, gegen das Volk zu wettern, Robespierre nicht minder als die andern. Es war eine Ausnahme, daß ein Priester, Dolivier, die Stimme zugunsten der Massen zu erheben und zu sagen wagte, ›die Nation‹ sei ›in Wirklichkeit die Besitzerin ihres Bodens‹. ›Es gibt kein Gesetz‹, sagte er, ›das gerechterweise den Bauern zwingen kann, sich nicht satt zu essen, während die Bedienten und selbst die Haustiere der Reichen haben, was sie brauchen.‹ Robespierre seinerseits zögerte nicht, zu erklären, das Ackergesetz sei nur ein ›alberner Popanz, den verrückte Menschen für Dummköpfe aufgestellt‹ hätten. Und er verwarf von vornherein jeden Versuch, den man zur ›Gleichmachung der Vermögen‹ unternehmen könnte. Wie er immer darauf bedacht war, nie von der Meinung derer abzuweichen, die in einem bestimmten Augenblick die herrschende Macht vorstellten, hütete er sich wohl, sich auf die Seite derer zu schlagen, die mit dem Volke gingen und begriffen hatten, daß lediglich die gleichheitlichen und kommunistischen Ideen der Revolution die Kraft geben könnten, die zur Zertrümmerung des Feudalwesens erforderlich war. Diese Furcht vor dem Volksaufstand und seinen wirtschaftlichen Folgen brachte das Bürgertum auch dazu, sich mehr und mehr um das Königtum zu scharen und die Verfassung schlecht und recht, wie sie aus den Händen der Konstituierenden Versammlung hervorgegangen war, mit all ihren Fehlern und Nachgiebigkeiten gegen den König zu akzeptieren. Anstatt auf der Bahn der republikanischen Ideen fortzuschreiten, entwickelten sich das Bürgertum und die ›Intellektuellen‹ im umgekehrten Sinne. Wenn man im Jahre 1789 in allen Handlungen des dritten Standes einen entschieden republikanischen und demokratischen Geist wahrnimmt, so wurden jetzt, je mehr das Volk seine kommunistischen und gleichheitlichen Bestrebungen an den Tag legte, diese selben Leute zu Verteidigern des Königtums, während die offenen Republikaner, wie Thomas Paine und Condorcet, eine winzige Minderheit im gebildeten Bürgertum vorstellten. Je mehr das Volk republikanisch wurde, um so mehr zogen sich die ›Intellektuellen‹ auf die konstitutionelle Monarchie zurück. Am 13. Juni 1792, kaum acht Tage vor dem Massenbesuch des Volkes in den Tuilerien, donnerte Robespierre noch gegen die Republik. ›Vergebens‹, rief er an diesem Tage, ›will man die hitzigen und weniger erleuchteten Köpfe mit dem Köder einer freieren Regierung und dem Namen der Republik verführen: der Umsturz der Verfassung kann in diesem Augenblick nur den Bürgerkrieg entzünden, der zur Anarchie und zum Despotismus führen muß.‹ Fürchtete er die Errichtung einer aristokratischen Republik, wie Louis Blanc meint! Möglich wäre es; aber es scheint uns wahrscheinlicher, daß er, der bis dahin der entschiedene Verteidiger des Eigentums geblieben war, in dem Augenblick, wie fast alle Jakobiner, die Wut des Volkes und seine Versuche zur ›Ausgleichung der Vermögen‹ (wir würden es heute ›Expropriation‹ nennen) fürchtete. Ihm war bange, die Revolution könnte in kommunistischen Versuchen scheitern. Jedenfalls steht fest, daß Robespierre unmittelbar vor dem 10. August, in einem Augenblick, wo die ganze unvollendete, in ihrem Aufschwung gehemmte und durch tausend Verschwörungen bedrohte Revolution in Frage gestellt war und nichts sie retten konnte als der Sturz des Königtums durch eine Volkserhebung, daß da Robespierre wie alle Jakobiner lieber den König und seinen Hof stützte, als einen neuen Appell an die revolutionäre Wut des Volkes zu wagen. Ganz wie die italienischen und spanischen Republikaner unserer Tage, die lieber die Monarchie zurückkehren sehen, als daß sie die Revolution des Volkes riskieren, weil diese notwendigerweise kommunistische Tendenzen auslösen würde. Immer wiederholt sich die Geschichte – und wie oft wird sie sich noch wiederholen, bis die Tendenzen der Revolution überall durchgedrungen sind! Was am meisten in der Geistesverfassung der Politiker jener Zeit auffällt, ist die Tatsache, daß genau in diesem Augenblick, im Juli 1792, die Revolution von einem furchtbaren royalistischen Staatsstreich bedroht war, der von langer Hand vorbereitet war und der durch umfangreiche Aufstände im Süden und Westen zusammen mit der deutschen, englischen, sardinischen und spanischen Invasion unterstützt werden sollte. So schrieb also im Juni 1792, sowie der König die drei girondistischen Minister (Roland, Clavière und Servan) entlassen hatte, Lafayette, der Führer der Feuillants und im Grunde ein Royalist, schleunigst seinen berühmten Brief an die Gesetzgebende Versammlung (unter dem Datum des 18. Juni), in dem er ihr einen Staatsstreich gegen die Revolutionäre anbot. Er verlangte offen, daß Frankreich von den Revolutionären gesäubert würde, und fügte hinzu, in der Armee seien ›die Prinzipien der Freiheit und Gleichheit geliebt, die Gesetze geachtet und das Eigentum heilig ‹, nicht wie zum Beispiel in Paris, in der Kommune und bei den Cordeliers, wo man sich erlaubt hatte, es anzugreifen. Er verlangte – und daraus ersieht man, wie weit es mit der Reaktion gekommen war –, daß die Gewalt des Königs unangetastet und unabhängig bliebe. Er wollte ›einen geehrten König‹, – und das nach der Flucht von Varennes! Das in dem Augenblick, wo die Tuilerien eine ausgedehnte royalistische Verschwörung vorbereiteten, wo der König einen lebhaften Briefwechsel mit Österreich und Preußen führte, von denen er seine ›Befreiung‹ erwartete, und die Nationalversammlung je nach den Nachrichten, die er über die Fortschritte der deutschen Invasion erhielt, mit mehr oder weniger Verachtung behandelte. Und die Nationalversammlung war wahrhaftig im Begriff, diesen Brief Lafayettes an die 83 Departements zu versenden, und nur die Schlauheit der Girondisten verhinderte es – Guadet behauptete nämlich, der Brief sei eine Fälschung, er könne nicht von Lafayette stammen! All das kaum zwei Monate vor dem 10. August. Paris wimmelte in dieser Zeit von royalistischen Verschwörern. Die Emigranten gingen offen zwischen Koblenz und den Tuilerien, wo sie zärtlich behandelt wurden und Geld in Empfang nahmen, hin und her. ›Tausend Spelunken standen den Verschwörern zur Verfügung‹, sagt Chaumette, der damals Prokurator der Kommune von Paris war. Die Departementsverwaltung von Paris, in deren Mitte Talleyrand und La Rochefoucauld saßen, war ganz in den Händen des Hofs. Die Munizipalverwaltung, ein großer Teil der Friedensrichter, ›die Mehrheit der Nationalgarde, ihr ganzer Generalstab waren in den Händen des Hofs, dienten ihm bei den zahlreichen Ausfahrten, die er damals machte‹ (war denn also des 21. Juni schon vergessen?) ›und bei den verschiedenen öffentlichen Festen als Trabanten und Bejubler‹, sagt Chaumette. ›Der militärische Hofstaat des Königs, der sich zu sehr großem Teil aus früheren Gardedukorps, aus zurückgekehrten Emigranten und aus den Helden vom 28. Februar 1791, die unter dem Namen Chevaliers du Poignard (Ritter vom Dolch) bekannt sind, zusammensetzte, brachte das Volk durch sein anmaßendes Wesen auf, beschimpfte die Volksvertretung und sprach ganz offen von Maßnahmen zur Unterdrückung der Freiheit.‹ Die Mönche, die Nonnen und die ungeheure Mehrheit der Priester stellten sich auf die Seite der Gegenrevolution. Und die Nationalversammlung wird von Chaumette folgendermaßen charakterisiert: ›Eine Nationalversammlung ohne Kraft, ohne Ansehen, die in sich selbst zerspalten ist, die sich vor den Augen Europas durch kleinliche und gehässige Debatten erniedrigt, die sich vor einem unverschämten Hof duckt und seine verächtliche Behandlung nur mit verdoppelter Unterwürfigkeit beantwortet, eine Versammlung ohne Macht und ohne festen Willen.‹ In der Tat konnte diese Versammlung, die viele Stunden mit Debatten darüber verbrachte, aus wieviel Mitgliedern die Deputationen, die man zum König entsandte, bestehen sollten, und ob ihnen die beiden Flügel der Türe oder nur einer geöffnet werden sollte, und die, wie Chaumette sehr gut gesagt hat, ihre Zeit damit vergeudete, ›deklamatorische Berichte anzuhören, deren Ende immer – eine Adresse an den König war‹, diese Versammlung konnte vom Hof selbst nur Verachtung ernten. Inzwischen war der ganze Westen und der Südosten bis unmittelbar vor die Tore der revolutionären Städte – wie zum Beispiel Marseille – von royalistischen Geheimkomitees bearbeitet worden, die in den Schlössern Waffen ansammelten, Offiziere und Soldaten warben und sich rüsteten, gegen Ende Juli eine starke Armee auf Paris marschieren zu lassen, die von Führern, die aus Koblenz gekommen waren, befehligt werden sollte. Die Bewegungen im Süden sind so bemerkenswert, daß man wenigstens ein allgemeines Bild davon geben muß. 31. Die Gegenrevolution im Süden Wenn man sich mit der Großen Revolution beschäftigt, ist man dermaßen von den großen Kämpfen, die sich in Paris abspielten, hingerissen, daß man geneigt ist, den Zustand der Provinzen und die Kraft, die dort zuzeiten die Gegenrevolution besaß, zu vernachlässigen. Indessen war das eine außerordentlich starke Kraft geblieben. Zu ihrer Stütze dienten die Jahrhunderte der Vergangenheit und die Interessen des Augenblicks; und wenn man sich mit ihr abgibt, versteht man, wie geringfügig die Macht einer Vertreterversammlung während einer Revolution ist, selbst wenn diese Abgeordneten, was unmöglich ist, von den besten Absichten beseelt wären. Wenn es sich darum handelt, in jeder Stadt und jedem kleinen Flecken gegen die Mächte des alten Regimes zu kämpfen, die sich nach einem Augenblick der Erstarrung wieder aufrichten, um die Revolution zum Stillstand zu bringen, kann es nur dem Drucke der Revolutionäre an Ort und Stelle gelingen, diesen Widerstand zu besiegen. Es brauchte Jahre und Jahre des Studiums in den Lokalarchiven, um alle Bewegungen der Royalisten während der Großen Revolution schildern zu können. Einige Episoden gestatten indessen, ein Bild davon zu geben. Man kennt mehr oder weniger den Aufstand der Vendée. Aber man ist nur zu geneigt, zu glauben, da hätte sich in einer halbwilden Bevölkerung, die von religiösem Fanatismus angetrieben war, der einzige Herd der Gegenrevolution befunden. Und doch war im Süden ein anderer Herd derselben Art, der um so furchtbarer war, als die Dörfer, auf die sich die Royalisten stützten, um den religiösen Haß der Katholiken gegen die Protestanten auszubeuten, sich dicht neben andern Dörfern und großen Städten befanden, die in der Revolution eine wichtige Rolle gespielt hatten. Diese verschiedenen Bewegungen wurden von Koblenz aus, einer kleinen Stadt im Kurfürstentum Trier, gelenkt, die das wichtigste Zentrum für die royalistischen Emigranten geworden war. Seit dem Sommer 1791, wo der Graf von Artois, dem der Exminister Calonne und später sein Bruder, der Graf von Provence, gefolgt waren, sich in dieser Stadt niedergelassen hatte, wurde sie der Mittelpunkt der royalistischen Verschwörungen. Von da gingen die Emissäre aus, die in ganz Frankreich die Aufstände der Gegenrevolution organisierten. Sie warben überall Soldaten für Koblenz an – selbst in Paris, wo der Redakteur der Gazette de Paris ganz offen jedem Soldaten, der sich anwerben ließ, sechzig Livres anbot. Eine Zeitlang dirigierte man diese Leute fast unverhohlen zunächst nach Metz und dann nach Koblenz. ›Die Gesellschaft folgte ihnen‹, sagt Ernest Daudet in seiner Studie ›Die royalistischen Verschwörungen im Süden‹; der Adel folgte dem Beispiel der Prinzen und viele Bürger und kleine Leute folgten dem Adel. Man wanderte um der Mode willen, aus Not oder aus Furcht, aus. Eine junge Frau, die von einem Geheimagenten der Regierung in einem Postwagen betroffen und von ihm befragt wurde, antwortete: »Ich bin Schneiderin: meine Kundschaft ist nach Deutschland gereist; ich bin Emigrantin geworden, um sie wiederzubekommen.« Ein ganzer Hof mit seinen Ministern, seinen Kammerherren und seinen offiziellen Empfängen und ebenso mit seinen Intrigen und Kläglichkeiten entstand um den Bruder des Königs, und die Souveräne Europas erkannten diesen Hof an, verhandelten und verschworen sich mit ihm. Die ganze Zeit wartete man darauf, daß Ludwig XVI. ankäme, um sich an die Spitze der Emigrantentruppen zu stellen. Man erwartete ihn im Juni 1791 bei seiner Flucht nach Varennes und später, im November 1791, im Januar 1792. Endlich beschloß man, den großen Schlag für den Juli 1792 zu rüsten, wo die royalistischen Armeen des Westens und Südens, unterstützt von der englischen, deutschen, sardinischen und spanischen Invasion, auf Paris marschieren und unterwegs Lyon und andere große Städte zur Erhebung bringen sollten, während die Royalisten von Paris ihrerseits losschlagen, die Nationalversammlung auseinanderjagen und die ›Rasenden‹, die Jakobiner, züchtigen sollten. ›Den König wieder auf den Thron setzen‹, das heißt, ihn von neuem zum absoluten König machen; das alte Regime wieder einführen, wie es im Augenblick der Berufung der Generalstaaten bestanden hatte, das hatten sie sich vorgenommen. Und als der König von Preußen, der gescheiter war als diese Gespenster von Versailles, sie fragte: ›Wäre es nicht ebenso gerecht wie klug, der Nation gewisse Mißbräuche der alten Regierung zum Opfer zu bringen?‹, antwortete man ihm: ›Majestät, keinerlei Änderung, keinerlei Gnade!‹ (Dokument in den Archiven des Ministeriums des Äußern, zitiert von E. Daudet.) Es braucht nicht gesagt zu werden, daß alle Kabalen, alles Geklatsch, alle Eifersüchteleien, die für Versailles bezeichnend waren, sich in Koblenz wiederholten. Die beiden Brüder hatten jeder seinen Hof, seine offizielle Mätresse, seine Empfänge und seinen Cercle, während die adligen Nichtstuer sich mit Klatsch und Tratsch beschäftigten, der um so bösartiger war, als viele Verleumdete bald dem Elend verfielen. Um diesen Mittelpunkt bewegten sich jetzt mit Wissen aller Welt und vor aller Augen die fanatischen Geistlichen, die den Bürgerkrieg der Unterwerfung unter die Verfassung nach den Bestimmungen der neuen Dekrete vorzogen, und ebenso die adligen Abenteurer, die lieber eine Verschwörung wagten, als sich in den Verlust ihrer privilegierten Stellung zu finden. Sie kamen nach Koblenz, erlangten von den Prinzen ebenso wie von Rom die formelle Genehmigung ihrer Komplotte und kehrten dann in die bergigen Gegenden der Cevennen oder in die Vendée zurück, um den religiösen Fanatismus der Bauern zu entzünden und die royalistischen Erhebungen zu organisieren. Die Historiker, die mit der Revolution sympathisieren, gleiten vielleicht zu schnell über diese Widerstandsbewegungen der Gegenrevolution hinweg, was oft den Leser dazu bringt, sie für das Werk einiger Fanatiker zu halten, mit denen die Revolution leicht fertig geworden wäre. Aber in Wirklichkeit erstreckten sich diese royalistischen Verschwörungen über ganze weite Länderstriche, und da sie einerseits bei den reichen Bürgern und andererseits in der religiösen Feindschaft zwischen Katholiken und Protestanten – das war im Süden der Fall – eine Stütze fanden, hatten die Revolutionäre den Kampf gegen die Royalisten in jedem Dorf und in jeder kleinen Gemeinde zu führen. Während man so in Paris am 14. Juli 1790 das große Bundesfest beging, an dem ganz Frankreich teilnahm und das die Revolution auf eine feste kommunale Grundlage stellen zu sollen schien, bereiteten die Royalisten im Südosten den Bund der Gegenrevolutionäre vor. Am 18. August dieses nämlichen Jahres versammelten sich beinahe 20 000 Vertreter von 185 Gemeinden des Vivarais auf der Ebene von Jalès. Alle trugen sie das weiße Kreuz am Hute. Unter der Führung des Adels schufen sie an diesem Tage die Grundlage für den royalistischen Bund des Südens, der im folgenden Februar feierlich begründet wurde. Dieser Bund bereitete zunächst eine Reihe von Aufständen für den Sommer 1791 und dann die große Erhebung vor, die im Juli 1792 mit dem Beistand der Invasion des Auslands ausbrach und der Revolution den Todesstreich versetzen sollte. Er war so zwei Jahre lang tätig und stand in regelmäßiger Korrespondenz sowohl mit den Tuilerien wie mit Koblenz. Er hatte sich verschworen, ›den König in seinen Ruhm, die Geistlichkeit in ihre Güter, den Adel in seine Ehren wieder einzusetzen‹. Und als seine ersten Versuche scheiterten, organisierte er mit Hilfe von Claude Allier, dem Prior von Chambonnaz, eine ausgedehnte Verschwörung, die mehr als 50 000 Mann auf die Beine bringen sollte. Unter der Führung einer großen Zahl Priester sollte diese Armee unter dem weißen Banner, unterstützt von Sardinien, Spanien und Österreich, auf Paris marschieren, den König ›befreien‹, die Nationalversammlung verjagen und die Patrioten züchtigen. In der Lozère, in den Cevennen organisierte der Notar Charrier, ein früheres Mitglied der Nationalversammlung, der an eine Adlige verheiratet war und vom Grafen von Artois mit dem Oberkommando betraut war, offen die gegenrevolutionären Milizen und stellte sogar Artilleriekolonnen zusammen. Chambéry, zu jener Zeit eine Stadt im Königreich Sardinien, war ein anderer Mittelpunkt der Emigranten. Bussy hatte dort sogar eine royalistische Legion gebildet, mit der er am hellen Tage exerzierte. So organisierte sich die Gegenrevolution im Süden, während im Westen die Geistlichen und Adligen die Erhebung der Vendée mit Hilfe Englands vorbereiteten. Und man sage uns nicht, diese Verschwörer und diese Ansammlungen seien wenig zahlreich gewesen. Es ist eine Tatsache, daß die Revolutionäre ebenfalls, wenigstens die zum Handeln Entschlossenen, nicht zahlreich waren. In jeder Partei bilden zu jeder Zeit die tatkräftigen Männer eine winzige Minderheit. Aber dank der Trägheit, den Vorurteilen, den materiellen Interessen, dem Geld und der Religion hielt sich die Gegenrevolution in ganzen Landschaften; und diese schreckliche Macht der Reaktion – nicht die Blutgier der Revolutionäre – erklärt das Wüten der Revolution in den Jahren 1793 und 94, als sie eine letzte Anstrengung machen mußte, um sich von der Umklammerung, die sie zu ersticken drohte, zu befreien. Ob die Anhänger von Claude Allier, die bereit waren, zu den Waffen zu greifen, sich auf 60 000 Mann beliefen, wie er bei seinem Besuche in Koblenz, im Januar 1792, versicherte, darf man bezweifeln. Aber sicher ist, daß in jeder Stadt des Südens der Kampf zwischen Revolutionären und Gegenrevolutionären ununterbrochen weiterging, mit wechselndem Erfolg, bald für die eine und bald für die andere Seite. In Perpignan bereiteten sich die royalistischen Truppen darauf vor, den spanischen Armeen die Grenze zu öffnen. In Arles blieb in dem lokalen Kampf zwischen den Monnetiers und den Chiffonnistes, das heißt den Patrioten und den Gegenrevolutionären, der Sieg zunächst den Letztgenannten. ›Sie hatten die Nachricht erhalten‹, sagt ein Schriftsteller, ›daß die Marseiller einen Zug gegen sie rüsteten, daß sie sogar das Arsenal von Marseilles geplündert hatten, um sich gegen sie zu rüsten, und daraufhin bereiteten sie den Widerstand vor, verschanzten sich, befestigten ihre Stadttore, gruben Gräben um die Wälle, schützten ihre Verbindung mit dem Meer und reorganisierten die Nationalgarde, so daß sie mit all diesen Maßnahmen die Patrioten zur Ohnmacht verdammten.‹ Diese wenigen Zeilen, die Ernest Daudet entnommen sind, sind charakteristisch. Sie geben ein Bild von dem, was fast überall in ganz Frankreich vor sich ging. Es bedurfte vier Jahre Revolution, das heißt, der Abwesenheit einer starken Regierung während vier Jahren und unaufhörlicher Kämpfe von seiten der Revolutionäre, um mehr oder weniger mit der Reaktion fertig zu werden. In Montpellier mußten die Patrioten eine Liga gründen, um die Geistlichen, die den Eid auf die Verfassung geleistet hatten, und ebenso die Personen, die bei den vereidigten Priestern zur Messe gingen, gegen die Royalisten zu schützen. Oft kämpfte man in den Straßen. In Lunel, in l'Hérault, in Yssingeaux, im Departement Haute-Loire, in Mande, in der Lozère war es ebenso. Man legte die Waffen nicht nieder. Im Grunde kann man sagen, daß in jeder Stadt dieser Gegend dieselben Kämpfe zwischen den Royalisten oder den Feuillants des Ortes und den ›Patrioten‹ und später zwischen den Girondisten und den ›Anarchisten‹ sich abspielten. Man könnte sogar hinzufügen, daß in der überwiegenden Mehrzahl der Städte des Centre und des Westens die Reaktionäre die Oberhand behielten und daß die Revolution nur in dreißig von dreiundachtzig Departements ernsthafte Unterstützung fand. Mehr als das. Die Revolutionäre selbst hatten zum größten Teil keine Kühnheit und entschlossen sich nur sehr langsam, als allmählich ihre revolutionäre Erziehung von den Ereignissen selbst in die Hand genommen wurde, den Royalisten entgegenzutreten. Die Gegenrevolutionäre all dieser Städte gingen einander an die Hand. Die Reichen hatten tausend Mittel, die die Patrioten im allgemeinen nicht besaßen, ihren Wohnort zu wechseln, mit Hilfe besonderer Emissäre sich in Verbindung zu setzen, sich in den Schlössern zu verbergen und dort Waffen zusammenzubringen. Die Patrioten korrespondierten ohne Zweifel mit den Volksgesellschaften und den Brüderschaften von Paris, mit der Société des Indigents und ebenso mit der Muttergesellschaft der Jakobiner, aber sie waren so arm! Es fehlte ihnen an Waffen und an den Mitteln, den Wohnort zu wechseln. Und dann war alles, was sich gegen die Revolution verbündete, von außen unterstützt. England hat immer die Politik verfolgt, die es noch heutzutage hat: ihre Nebenbuhler dadurch zu schwächen, daß es in ihrem Lande mit Hilfe von Geld sich Parteigänger schafft. ›Das Geld von Pitt‹ war durchaus kein Hirngespinst. Im Gegenteil! Mit Hilfe dieses Geldes kamen die Royalisten von ihrem Zentrum und Waffendepot Jersey offen nach Saint-Malo und nach Nantes; und in allen großen Häfen Frankreichs, hauptsächlich in Saint-Malo, Nantes, Bordeaux, gewann das englische Geld Anhänger und unterstützte die ›Commerçantistes‹, die sich gegen die Revolution wandten. Katharina II. von Rußland machte es wie Pitt. Im Grunde waren alle europäischen Monarchien an der Sache beteiligt. Wenn die Royalisten in der Bretagne, in der Vendée, in Bordeaux und Toulon auf England zählten, rechneten sie im Elsaß und in Lothringen auf Deutschland und im Süden auf den bewaffneten Beistand, den Sardinien versprochen hatte, und ebenso auf die spanische Armee, die in Aigues-Mortes landen sollte. Die Malteserritter sollten sich ebenso mit zwei Fregatten an dieser Expedition beteiligen. Zu Beginn 1792 waren das Departement Lozère und Ardèche, die beide der Sammelpunkt der reaktionären Geistlichen geworden waren, mit einem Netz royalistischer Verschwörungen bedeckt, deren Mittelpunkt Mende war, ein verlassenes Städtchen in den Bergen des Vivarais, wo ein überaus zurückgebliebener Geist herrschte und die Reichen und die Adligen die Gemeindeverwaltung in Händen hatten. Ihre Emissäre durcheilten die Dörfer der Gegend, befahlen den Bauern, sich mit Flinten, Sensen und Mistgabeln zu bewaffnen und bereit zu sein, beim ersten Ruf herbeizueilen. So bereitete man den Handstreich vor, mit Hilfe dessen man hoffte, das Gévaudan und Velay zur Erhebung zu bringen und das Vivarais zu nötigen, ihnen zu folgen. Es ist wahr, daß alle royalistischen Aufstände, die 1791 und 1792 in Perpignan, in Arles, in Mende, in Yssingeaux und im Vivarais stattfanden, scheiterten. Der Ruf: ›Nieder mit den Patrioten!‹ genügte nicht, um eine genügende Zahl Aufständiger zu sammeln, und die Patrioten trieben schnell die royalistischen Banden auseinander. Aber es war zwei Jahre hindurch ein Kampf ohne Unterbrechung. Es gab Augenblicke, in denen das ganze Land dem Bürgerkrieg preisgegeben war und die Sturmglocke ohne Unterbrechung in den Dörfern dieser Gegenden läutete. In einem bestimmten Augenblick war es nötig, daß bewaffnete Banden der Marseiller auf die Gegenrevolutionäre der Gegend Jagd machten, sich der Städte Arles und Aigues-Mortes bemächtigten und das Schreckensregiment errichteten, das später im Süden, in Lyon und im Ardèche so große Dimensionen annahm. Der Aufstand, den der Graf von Saillans im Juli 1792 organisierte und der zugleich mit dem Aufstand der Vendée und in dem Augenblick, wo die deutschen Armeen auf Paris marschierten, ausbrach, hätte eine schlimme Wirkung auf den Gang der Revolution gehabt, wenn das Volk ihm nicht schnell ein Ende gemacht hätte. Aber es war so, daß das Volk im Süden mit diesen Aufständen fertig wurde, während Paris sich seinerseits rüstete, um sich endlich des Mittelpunkts all dieser royalistischen Verschwörungen zu bemächtigen – der Tuilerien. 32. Der 20. Juni 1792 Man sieht aus dem, was gesagt worden ist, in welcher traurigen Verfassung die Revolution in den ersten Monaten des Jahres 1792 war. Konnten sich die bürgerlichen Revolutionäre befriedigt fühlen, daß sie einen Teil der Regierung erobert und die Grundlagen zu den Vermögen gelegt hatten, die sie mit Hilfe des Staates erwerben sollten, so mußte das Volk sehen, daß noch nichts für es getan worden war. Das Feudalwesen blieb bestehen, und die Masse der Proletarier in den Städten hatte nicht viel gewonnen. Die Kaufleute, die Wucherer kamen mit Hilfe der Assignaten, durch den Verkauf der geistlichen Güter, durch die Gemeindeländereien, als Lieferanten des Staates und als Börsenspekulanten zu kolossalen Vermögen; aber der Preis des Brotes stieg trotz einer guten Ernte unausgesetzt, und das Elend hatte sich in den Arbeitervierteln dauernd niedergelassen. Inzwischen hatte die Aristokratie ihren Mut wiedergefunden. Die Adligen und Reichen hoben den Kopf wieder in die Höhe und prahlten, sie wollten mit den Sansculotten bald fertig sein. Von Tag zu Tag erwarteten sie die Nachricht von einer deutschen Invasion, die im Triumph auf Paris ziehen und das alte Regime in all seinem Glanze wiederherstellen sollte. In den Provinzen organisierte, wie wir gesehen haben, die Reaktion ihre Parteigänger mit Wissen und vor den Augen aller Welt. Die Verfassung, die die Bürger und selbst die revolutionären Intellektuellen aus dem Bürgertum um jeden Preis erhalten wollten, existierte nur für die Maßnahmen von minderer Bedeutung, während die ernsthaften Reformen betrüblich auf sich warten ließen. Die Gewalt des Königs war beschränkt worden, aber in sehr bescheidener Weise. Bei den Gewalten, die die Verfassung ihm ließ (die Zivilliste, das Kommando über die Armee, die Wahl der Minister, das Veto usw.), und insbesondere bei der inneren Organisation Frankreichs, die alles in den Händen der Reichen ließ, hatte das Volk keine Macht. Niemand wird ohne Zweifel die Gesetzgebende Versammlung im Verdacht des Radikalismus haben, und es ist sicher, daß ihre Dekrete über die Feudalabgaben oder die Priester den Geist einer gut bürgerlichen Mäßigung atmen; und trotzdem verweigerte der König selbst diesen Dekreten seine Unterschrift. Alle fühlten, daß man von der Hand in den Mund lebte, unter einem System, das keine Festigkeit hatte und leicht zugunsten des alten Regime umgestürzt werden konnte. Unterdessen dehnte sich das Komplott, das in den Tuilerien angezettelt wurde, jeden Tag weiter über Frankreich aus und erstreckte sich bis zu den Höfen von Berlin, Wien, Stockholm, Turin, Madrid und Petersburg. Die Stunde war nahe, zu der die Gegenrevolutionäre den großen Schlag führen wollten, den sie für den Sommer 1792 vorbereiteten. Der König und die Königin drängten die deutschen Armeen, auf Paris zu marschieren; sie bezeichneten ihnen schon den Tag, an dem sie in die Hauptstadt einziehen sollten und an dem sie die bewaffneten und organisierten Royalisten mit offenen Armen empfangen würden. Das Volk und diejenigen unter den Revolutionären, die sich wie Marat und die Cordeliers zum Volk hielten, die die Kommune vom 10. August machten, begriffen die Gefahren, von denen die Revolution umringt war, völlig. Das Volk hat immer ein richtiges Gefühl von der Lage, selbst wenn es dieses Gefühl nicht korrekt ausdrücken und seine Befürchtungen nicht mit gebildeten Gründen motivieren kann; und es erriet unendlich viel besser als die Politiker die Komplotte, die in den Tuilerien und in den Schlössern gesponnen wurden. Aber es war ohne Waffen, während das Bürgertum sich in den Bataillonen der Nationalgarde organisiert hatte; und noch schlimmer war, daß die Intellektuellen, die die Revolution in den Vordergrund gebracht hatte, die sich zu Wortführern der Revolution aufgeworfen hatten – ehrliche Männer wie Robespierre eingeschlossen –, nicht das nötige Vertrauen in die Revolution hatten, und noch weniger ins Volk. Wie die parlamentarischen Radikalen unserer Zeit, hatten sie Furcht vor dem großen Unbekannten, vor dem Volk, das auf die Straße stieg, das sich zum Herrn der Ereignisse hätte machen können, und da sie es nicht wagten, sich diese Furcht vor der gleichheitlichen Revolution einzugestehen, erklärten sie ihre unentschlossene Haltung mit der Sorge, wenigstens die paar Freiheiten, die man durch die Verfassung erlangt hatte, erhalten zu wollen. Dem Wagnis eines neuen Aufstandes zogen sie die konstitutionelle Monarchie vor. Es bedurfte der Kriegserklärung (21. April 1792) und der deutschen Invasion, um die Situation zu ändern. Jetzt ging das Volk, das sich von allen Seiten, selbst von den Führern, denen es sein Vertrauen geschenkt hatte, verraten sah, ans selbständige Handeln, um einen Druck auf die ›Parteiführer‹ auszuüben. Paris rüstete zu einer Erhebung, die das Volk in die Lage bringen sollte, den König abzusetzen. Die Sektionen, die Volksgesellschaften und die Fraternelles, die Unbekannten, die Menge, die von den glühendsten Cordeliers unterstützt wurden, machten sich an diese Arbeit. Die feurigsten und einsichtigsten Patrioten, sagt Chaumette in seinen Mémoires (S. 13), begaben sich in den Klub der Cordeliers und blieben ganze Nächte beisammen, um sich zu beraten. Es gab unter andern ein Komitee, in dem man eine rote Fahne mit der Inschrift herstellte: Kriegsrecht des Volkes gegen die Empörung des Hofes. Unter diesem Banner sollten sich die Freien, die wahren Republikaner zusammenscharen, die einen Freund, einen Sohn, einen Angehörigen zu rächen hatten, der am 17. Juli 1791 auf dem Marsfeld getötet worden war. Die Historiker, die damit ihrer staatlichen Erziehung einen Tribut leisteten, haben den Jakobinerklub als Anstifter und Haupt aller revolutionären Bewegungen in Paris und den Provinzen hingestellt, und zwei Generationen lang haben wir das alle geglaubt. Aber wir wissen jetzt, daß es nichts damit ist. Die Initiative des 20. Juni und des 10. August ging nicht von den Jakobinern aus. Im Gegenteil. Ein ganzes Jahr lang hatten sie sich – selbst die revolutionärsten unter ihnen – einem neuen Appell ans Volk widersetzt. Erst als sie sich von der Volksbewegung überschwemmt sahen, entschlossen sie sich – und auch jetzt noch nur ein Teil der Jakobiner –, ihr zu folgen. Aber mit welcher Schüchternheit! Man wünschte wohl das Volk zum Kampf gegen die Royalisten auf der Straße zu sehen; aber man wagte nicht, die Konsequenzen zu ziehen. – ›Und wenn sich das Volk nicht damit begnügte, die königliche Gewalt umzustürzen? Wenn es gegen alle Reichen, gegen die Mächtigen, gegen die Spekulanten, die in der Revolution nur ein Mittel, sich zu bereichern, gesehen hatten, marschierte? Wenn es nach den Tuilerien die Gesetzgebende Versammlung auskehrte? Wenn die Kommune von Paris, die Wilden, die ›Anarchisten‹ – die selbst Robespierre gern mit Schimpfworten überhäufte –, diese Republikaner, die die ›Gleichheit der Vermögen‹ predigten, die Oberhand gewännen?‹ Das ist der Grund, warum es in allen Verhandlungen, die vor dem 20. Juni stattfanden, soviel Zögern auf seiten der bekannten Revolutionäre gibt. Das ist der Grund, warum die Jakobiner soviel Widerstreben an den Tag legen, eine neue Volkserhebung zuzulassen, und sich ihr erst anschließen, nachdem das Volk gesiegt hat. Erst im Juli, nachdem das Volk über die konstitutionellen Gesetze hinwegschritt, die Sektionen in Permanenz erklärte, die allgemeine Bewaffnung anordnete und die Nationalversammlung zwang, ›das Vaterland in Gefahr‹ zu erklären, erst dann entschlossen sich die Robespierre, die Danton und im letzten Augenblick auch die Girondisten, dem Volk zu folgen und sich mehr oder weniger mit dem Aufstand solidarisch zu erklären. Man versteht, daß unter diesen Umständen die Bewegung des 20. Juni nicht den Schwung und die Einheitlichkeit haben konnte, die nötig waren, um daraus eine geglückte Erhebung gegen die Tuilerien zu machen. Das Volk stieg auf die Straße, aber da es über die Haltung des Bürgertums im unklaren war, traute es sich nicht zu weit. Es schien erst das Terrain kennenlernen zu wollen, um zu sehen, wie weit man sich dem Schloß nähern könnte – und das übrige überließ man den Zufällen der großen Kundgebungen des Volkes. Wenn daraus etwas hervorging, um so besser, wenn nicht, hatte man immerhin die Tuilerien aus der Nähe gesehen und konnte beurteilen, wie stark sie waren. Und so kam es denn auch. Die Demonstration war völlig friedlich. Unter dem Vorwand, der Nationalversammlung eine Petition zu überreichen, den Jahrestag des Schwurs im Ballhaus zu feiern und einen Freiheitsbaum am Tor der Nationalversammlung zu pflanzen, hatte sich eine ungeheure Volksmenge in Bewegung gesetzt. Sie füllte bald alle Straßen, die von der Bastille zur Nationalversammlung führten, während der Hof die Place du Carroussel, den großen Hof der Tuilerien und die Zugänge zum Palais mit seinen Parteigängern füllte. Alle Tore waren geschlossen, die Kanonen waren auf das Volk gerichtet; man hatte unter die Soldaten Patronen ausgeteilt, ein Zusammenstoß zwischen den beiden Massen schien unvermeidlich. Der Anblick dieser immer anwachsenden Massen aber lähmte die Truppen des Hofes. Die äußern Tore wurden bald freiwillig oder mit Gewalt geöffnet, das Carroussel und die Höfe wurden von der Menge überschwemmt. Viele waren mit Spießen, mit Säbeln oder mit Stöcken bewaffnet, auf denen ein Messer oder eine Säge befestigt war; aber die Sektionen hatten die Männer, die an der Manifestation teilnahmen, sorgfältig ausgesucht. Die Menge wollte eben ein anderes Tor der Tuilerien mit Axtschlägen öffnen, als Ludwig XVI. selbst befahl, es freiwillig aufzumachen. Sofort strömten Tausende in die inneren Höfe und in den Palast. Die Königin wurde mit ihrem Sohn in aller Eile von ihrem Vertrauten in einen Saal geflüchtet und mit einem Tisch verbarrikadiert. Als der König in einem andern Saal entdeckt wurde, füllte sich der Saal in einem Augenblick mit Menschen. Man verlangte von ihm, er sollte die Dekrete sanktionieren, denen er seine Sanktion bisher verweigert hatte; er sollte die girondistischen Minister zurückrufen, die Priester verjagen, zwischen Koblenz und Paris wählen. Der König schwang seinen Hut, er ließ sich eine Wollmütze auf den Kopf setzen, man ließ ihn ein Glas aufs Wohl der Nation leeren. Aber er widersetzte sich der Menge zwei Stunden lang und wiederholte nur immer, er wollte sich an die Verfassung halten. Als Angriff gegen das Königtum war die Bewegung gescheitert. Es war nichts ausgerichtet worden. Jetzt mußte man die Wut der wohlhabenden Klassen gegen das Volk sehen! Da das Volk nicht gewagt hatte, aggressiv zu werden, und da es eben damit seine Schwäche gezeigt hatte, fiel man mit dem ganzen Haß, den die Furcht eingeben kann, über das Volk her. Als man in der Nationalversammlung den Brief verlas, in dem Ludwig XVI. sich über das Eindringen in seinen Palast beschwerte, brach die Versammlung in einen Beifall aus, der ebenso servil war wie der Beifall der Höflinge vor 1789. Jakobiner und Girondisten verleugneten einmütig die Bewegung. Der Hof hatte durch diese Aufnahme offenbar Mut bekommen, und es gelang ihm, im Tuilerienschloß einen Gerichtshof einzusetzen, vor dem die an der Bewegung ›Schuldigen‹ ihre Strafe finden sollten. Man wollte so, sagt Chaumette in seinen Mémoires, das gehässige Verfahren vom 5. und 6. Oktober 1789 und vom 17. Juli 1791 wieder ins Leben rufen. Dieser Gerichtshof war zusammengesetzt aus Friedensrichtern, die vom Hof erkauft worden waren. Der Hof verpflegte sie, und die königliche Mobilienkammer hatte den Auftrag erhalten, für alle ihre Bedürfnisse zu sorgen. Die energischsten Schriftsteller wurden verfolgt und eingekerkert; mehreren Sektionsvorsitzenden und Sekretären, mehreren Mitgliedern von Volksgesellschaften erging es ebenso. Es wurde gefährlich, sich Republikaner zu nennen. Die Direktorien von Departements und eine große Zahl Gemeindeverwaltungen schlossen sich der servilen Kundgebung der Nationalversammlung an und schickten Briefe, in denen sie ihre Entrüstung gegen die ›Aufrührer‹ aussprachen. In Wirklichkeit waren dreiunddreißig Departementsdirektorien von dreiundachtzig – der ganze Westen Frankreichs – offen royalistisch und gegenrevolutionär. Es darf nicht vergessen werden, daß die Revolutionen immer von Minoritäten gemacht werden, und selbst wenn die Revolution schon begonnen hat und ein Teil der Nation ihre Konsequenzen akzeptiert, ist es immer nur eine winzige Minderheit, die versteht, was zu tun übrigbleibt, um den endgültigen Sieg dessen, was getan worden ist, sicherzustellen, und die den Mut zum Handeln hat. Das ist der Grund, warum ein Parlament, das immer den Durchschnitt des Landes vertritt, oder vielmehr noch unterhalb des Durchschnitts bleibt, in allen revolutionären Zeiten ein Hemmschuh, aber niemals das Werkzeug der Revolution gewesen ist. Die Gesetzgebende Versammlung ist dafür ein treffendes Beispiel. Man höre also, was am 7. Juli 1792 (und man beachte, daß man vier Tage später, angesichts der deutschen Invasion ›das Vaterland in Gefahr‹ erklärte), kaum einen Monat vor dem Sturz des Thrones, in dieser Versammlung vorging. Man debattierte seit mehreren Tagen über die Maßregeln, die für die allgemeine Sicherheit notwendig wären. Angestiftet vom Hofe, beantragte Lamourette, der Bischof von Lyon, in Form eines Geschäftsordnungsantrags eine allgemeine Versöhnung der Parteien und gab ein sehr einfaches Mittel an, dazu zu gelangen: ›Ein Teil der Nationalversammlung schreibt dem andern den aufrührerischen Plan zu, die Monarchie zerstören zu wollen. Die andern schreiben ihren Kollegen den Plan zu, die Zerstörung der verfassungsmäßigen Gleichheit und die aristokratische Regierung zu wollen, die unter dem Namen der Zwei Kammern bekannt ist. Wohlan, meine Herren, zerschmettern wir in einer gemeinsamen Verwünschung und durch einen gemeinsamen Schwur, zerschmettern wir die Republik sowohl wie die Zwei Kammern!‹ Und darauf läßt sich die Nationalversammlung in plötzlicher Begeisterung hinreißen und erhebt sich einmütig, um ihren Haß gegen die Republik und die Zwei Kammern auszusprechen. Die Hüte fliegen in die Luft, man umarmt sich, die Rechte und die Linke verbrüdern sich, und es wird auf der Stelle eine Deputation zum König geschickt, der sich der allgemeinen Fröhlichkeit anschließt. Diese Szene heißt in der Geschichte ›Der Kuß des Lamourette‹. Aber die öffentliche Meinung ließ sich durch solche Szenen nicht fangen. Am nämlichen Abend noch protestierte bei den Jakobinern Billaud-Varenne gegen diese heuchlerische Verbrüderung, und man beschloß, seine Rede den befreundeten Gesellschaften zuzustellen. Der Hof seinerseits dachte nicht daran, abzurüsten. Pétion, der Maire von Paris, war eben an diesem Tage von dem (royalistischen) Direktorium des Seinedepartements seiner Funktionen entkleidet worden, weil er am 20. Juni seine Pflichten vernachlässigt hätte. Aber jetzt trat Paris energisch für seinen Maire ein. Eine drohende Bewegung entstand, so daß sechs Tage später, am 13., die Nationalversammlung die vorläufige Amtsentsetzung aufheben mußte. Im Volke stand die Meinung fest. Man sah ein, daß der Augenblick gekommen war, sich des Königtums zu entledigen, und daß es um die Revolution geschehen wäre, wenn dem 20. Juni nicht sehr bald eine Volkserhebung folgte. Aber die Politiker der Nationalversammlung urteilten anders. Wer konnte wissen, was der Ausgang eines Aufstandes wäre? Daher sorgten diese Gesetzgeber, mit Ausnahme von dreien oder vieren unter ihnen, schon für eine Rettungstüre, im Fall die Gegenrevolution siegreich bleiben würde. Die Angst der Staatsmänner, ihr Wunsch, sich im Fall der Niederlage die Verzeihung im voraus zu sichern, war die Gefahr in allen Revolutionen. Die sieben Wochen zwischen der Demonstration des 20. Juni und dem Tuileriensturm vom 10. August 1792 sind in dieser Hinsicht überaus lehrreich. Obwohl die Demonstration vom 20. Juni ohne unmittelbares Resultat geblieben war, hatte sie doch für Frankreich wie ein Sturmläuten gewirkt. ›Die Empörung geht von Stadt zu Stadt‹, wie Louis Blanc gesagt hat. Der Feind steht vor den Toren von Paris, und am 11. Juli wird das Vaterland in Gefahr erklärt. Am 14. Juli feiert man das Bundesfest, und das Volk macht daraus eine furchtbare Demonstration gegen das Königtum. Von allen Seiten senden revolutionäre Gemeindeverwaltungen Adressen an die Nationalversammlung, um sie zum Handeln zu zwingen. Da der König das Vaterland verrät, verlangen sie die endgültige oder vorläufige Absetzung Ludwig XVI. Indessen wird das Wort Republik noch nicht ausgesprochen: man neigt vielmehr zur Regentschaft. Marseille macht eine Ausnahme, indem es schon am 27. Juni die Abschaffung des Königtums fordert und fünfhundert Freiwillige schickt, die unter dem Gesang der ›Marseiller Hymne‹ in Paris einziehen. Brest und andere Städte schicken ebenfalls ihre Freiwilligen. Die Sektionen von Paris tagen in Permanenz. Sie bewaffnen sich und organisieren ihre Bataillone. Man spürt, die Revolution nähert sich dem entscheidenden Augenblick. Und was tut nun die Versammlung? Was tun diese bürgerlichen Republikaner – die Girondisten? Als man in der Versammlung die männliche Adresse von Marseille verliest, die Maßregeln fordert, die auf der Höhe der Ereignisse stünden, protestiert fast die ganze Versammlung. Und als am 27. Juli Duhem verlangt, man solle über die Absetzung diskutieren, wird sein Vorschlag mit Geheul aufgenommen. Marie Antoinette täuschte sich gewiß nicht, als sie am 7. Juli ihren Vertrauten im Ausland schrieb, die Patrioten hätten Angst und wollten verhandeln. Und das geschah denn auch in der Tat einige Tage später. Die in den Sektionen zum Volke hielten, fühlten ohne Frage, daß ein großes Ereignis bevorstand. Die Sektionen von Paris, die sich ebenso wie einige andere Gemeindeverwaltungen in Permanenz erklärt hatten, kümmerten sich nicht mehr um das Gesetz über die Passivbürger, ließen diese vielmehr zu ihren Beratungen zu und bewaffneten sie mit Spießen. Offenbar war ein großer Aufstand in Vorbereitung. Aber die Girondisten, die Partei der Staatsmänner, schickten in diesem Augenblick dem König durch Vermittlung seines Kammerdieners Thierry einen Brief, in dem sie ihm mitteilten, ein furchtbarer Aufstand würde vorbereitet. Die Absetzung und noch Schlimmeres könnte daraus entstehen, es gäbe ein einziges Mittel, diese Katastrophe zu beschwören – und dieses Mittel wäre ... in spätestens acht Tagen Roland, Servan und Clavière wieder ins Ministerium zu rufen. Gewiß waren es nicht die zwölf Millionen, die man Brissot versprochen hatte, die die Gironde dazu brachten, diesen Schritt zu tun. Es war auch nicht, wie Louis Blanc meint, der Ehrgeiz allein, der die Regierungsgewalt erlangen wollte. Nein. Die Ursache lag tiefer. Die Flugschrift Brissots ›An seine Wähler‹ verrät ihren Gedankengang ganz klar. Es war die Furcht vor einer Volksrevolution, die das Eigentum antasten könnte – die Furcht vor dem Volk und die Verachtung des Volkes, der Menge, der Elenden in Lumpen. Die Furcht vor einem Gesellschaftszustand, in dem das Eigentum und, mehr als das, die staatsmännische Bildung, die ›Geschäftsgewandtheit‹ die Privilegien verlören, die sie bis dahin ihren Trägern verschafft hatten. Die Furcht vor dem Ausgleich, die Furcht, nicht mehr über das Niveau der großen Masse emporzuragen. Diese Furcht lähmte die Girondisten, wie sie heutzutage alle Parteien lähmt, die in den gegenwärtigen Parlamenten die nämliche, mehr oder weniger regierende Stellung einnehmen, wie sie damals die Girondisten in dem Königsparlament hatten. Man begreift, welche Verzweiflung sich jetzt der wahren Patrioten bemächtigen mußte, wie sie Marat in den folgenden Zeilen zum Ausdruck brachte: ›Seit drei Jahren sind wir tätig, um unsere Freiheit zu erlangen, und doch sind wir weiter davon entfernt als je.‹ ›Die Revolution hat sich gegen das Volk gewandt. Für den Hof und seine Helfershelfer ist sie ein ewiger Anlaß zu List und Bestechung; für die Gesetzgeber eine Gelegenheit zu Pflichtverletzungen und Schurkereien ... Schon ist sie für die Reichen und Habgierigen nichts mehr als eine Gelegenheit zu unerlaubten Gewinnen, zu Wucher, Raub und Betrug; das Volk ist zugrunde gerichtet, und die unzählige Klasse der Enterbten steht zwischen der Furcht, vor Not zugrunde zu gehen, und der Notwendigkeit, sich zu verkaufen ... Fürchten wir nicht, es zu wiederholen: wir sind weiter von der Freiheit entfernt als je; denn wir sind nicht nur Sklaven, wir sind es jetzt durch Gesetzeskraft.‹ ›Das mußte so kommen‹, fährt Marat fort, ›denn die unteren Klassen der Nation kämpfen allein gegen die oberen Klassen.‹ In dem Augenblick der Erhebung zermalmt das Volk wohl alles mit seiner Masse; aber soviel Vorteile es zunächst auch erlangt hat, es unterliegt schließlich vor den Verschworenen der oberen Klassen, die voller List, Verschlagenheit und Kunstgriffe sind. Die gebildeten, schlauen und intriganten Männer der oberen Klassen haben zunächst Partei gegen den Despoten genommen; aber das geschah nur, um sich gegen das Volk zu wenden, nachdem sie sich in sein Vertrauen geschlichen und sich seiner Macht bedient hatten, um sich an die Stelle der privilegierten Stände zu setzen, die sie vertrieben haben. ›So ist die Revolution nur durch die letzten Klassen der Gesellschaft gemacht und gestützt worden, durch die Arbeiter, Handwerker, Krämer, Bauern, durch die Plebs, durch die Unglücklichen, die der unverschämte Reichtum Canaille nennt und die die Frechheit der Römer Proletarier nannte. Aber, was man sich nie hätte träumen lassen, ist die Tatsache, daß sie nur zugunsten der Grundeigentümer, der Juristen, der Helfershelfer des Ränkespiels gemacht worden ist.‹ Am Tage nach der Eroberung der Bastille wäre es den Volksvertretern leicht gewesen, ›den Despoten und seine Agenten all ihrer Würden zu entkleiden‹, so schreibt Marat weiter. ›Aber dazu wäre es nötig gewesen, daß sie Einsichten und Tugenden besessen hätten. Und das Volk hat den Fehler gemacht, sich nicht durchweg zu bewaffnen, vielmehr zu dulden, daß nur ein Teil der Bürger bewaffnet wurde { in der Nationalgarde, die sich nur aus Aktivbürgern zusammensetzte } . Und anstatt die Feinde der Revolution unverzüglich anzugreifen, hat es selbst seine Vorteile aufgegeben und sich auf die Defensive beschränkt.‹ ›Heute‹, sagt Marat, ›nach drei Jahren ewiger Reden der patriotischen Gesellschaften und nach einer Flut von Schriften – ist das Volk weiter davon entfernt, zu merken, was ihm not tut, um sich seinen Bedrückern entgegenzustellen, als am ersten Tage der Revolution. Damals verließ es sich auf seinen natürlichen Instinkt, auf den schlichten, gesunden Menschenverstand, der es das rechte Mittel hatte finden lassen, mit seinen unversöhnlichen Feinden fertig zu werden ... Heute ist es gefesselt im Namen der Gesetze, tyrannisiert im Namen der Gerechtigkeit, geknechtet im Namen der Verfassung.‹ So schrieb Marat nicht heutzutage, – sondern in Nr. 657 des ›Ami du Peuple‹. Eine tiefe Verzweiflung ergreift also Marat bei Betrachtung der Lage, und er weiß nur einen Ausweg: ›Ausbrüche des Bürgerzorns‹ von seiten der großen Volksmasse, wie am 13. und 14. Juli, am 5. und 6. Oktober 1789. Die Verzweiflung nagt an ihm bis zu dem Tag, wo die Ankunft der Föderierten, die aus den Departements nach Paris kommen, ihm neue Hoffnung gibt. Die Aussichten der Gegenrevolution waren in diesem Augenblick (Ende Juli 1792) so groß, daß Ludwig XVI. den Vorschlag der Girondisten rundweg ablehnte. Marschierten nicht schon die Preußen auf Paris, war nicht Lafayette und ebenso Luckner bereit, ihre Waffen gegen die Jakobiner und gegen Paris zu richten? Und Lafayette hatte im Norden eine große Macht. In Paris war er der Abgott der bürgerlichen Nationalgarden. Hatte der König nicht in der Tat alle möglichen Gründe zur Hoffnung? Die Jakobiner wagten nicht zu handeln; und als Marat am 18. Juli, nachdem der Verrat Lafayettes und Luckners bekannt geworden war (sie wollten den König am 16. Juli entführen und ihn in die Mitte ihrer Armeen bringen), als Marat vorschlug, den König als Geisel der Nation gegen die Invasion des Auslands zu ergreifen – da wandten ihm alle den Rücken, behandelten ihn als Narren, und nur die Sansculotten in ihren elenden Löchern stimmten ihm zu. Weil Marat gewagt hatte, in diesem Augenblick zu sagen, wovon die Geschichtsschreiber heute wissen, daß es die Wahrheit war, weil er es wagte, die Komplotte des Königs mit den Ausländern aufzudecken, sah er sich von aller Welt verlassen – selbst von den wenigen jakobinischen Patrioten, auf die er, die man als so argwöhnisch hinstellt, doch noch gerechnet hatte. Sie verweigerten ihm sogar das Asyl, als man ihn zu verhaften suchte und er an ihre Türe pochte. Die Gironde aber verhandelte, nachdem der König ihren Vorschlag abgelehnt hatte, durch Vermittlung des Malers Boze aufs neue mit ihm; am 25. Juli schickte sie ihm noch eine neue Botschaft. Vierzehn Tage nur trennten Paris vom 10. August. Das revolutionäre Frankreich knirschte unter seinen Zügeln. Es sah ein, daß der entscheidende Augenblick zum Handeln gekommen war. Entweder mußte man jetzt dem Königtum den Todesstoß versetzen, oder die Revolution blieb unvollendet. Und dann ließ man das Königtum sich mit Truppen umgeben und die große Verschwörung zustande bringen, durch die Paris den Deutschen ausgeliefert werden sollte! Wer konnte sagen, für wie viele Jahre das Königtum, das ein etwas anderes Gewand bekommen hatte, aber immer noch beinahe absolut war, auf dem Thron Frankreichs bliebe? In diesem Augenblick nun beschäftigten sich die Politiker mit weiter nichts, als miteinander zu streiten, in welche Hände die Gewalt kommen soll, wenn sie den Händen des Königs entfallen muß. Die Gironde will sie für sich, für die Zwölferkommission, die jetzt die Exekutivgewalt ausüben soll. Robespierre seinerseits verlangt neue Wahlen – eine erneuerte Nationalversammlung, einen Konvent, der Frankreich eine neue republikanische Verfassung geben soll. Ans Handeln, an die Vorbereitung der Absetzung denkt niemand außer dem Volk – ganz gewiß nicht die Jakobiner. Es sind wiederum die ›Unbekannten‹, die Lieblinge des Volks – Santerre, der Amerikaner Fournier, der Pole Lazowski, Carra, Simon, Westermann (in dem Augenblick ein einfacher Kanzleischreiber), von denen einige auch zum geheimen Ausschuß der ›Föderierten‹ gehörten – die sich im Soleil d'Or versammelten, um über die Belagerung des Schlosses und den allgemeinen Aufstand mit der roten Fahne an der Spitze zu beraten. Es sind schließlich die Sektionen – die Mehrzahl der Sektionen von Paris und hie und da ein paar im Norden, im Departement Maine-et-Loire, in Marseille; es sind schließlich die Freiwilligen aus Marseille und Brest, die sich vom Volk von Paris für die revolutionäre Sache anwerben lassen. Das Volk, immer das Volk! ›Dort (in der Nationalversammlung) sah es so aus, als ob hitzige Advokaten unaufhörlich unter der Peitsche der Herren in erbärmlichem Zanken wären‹ ... ›Hier (in der Versammlung der Sektionen) legte man die Grundlagen zur Republik‹, sagt Chaumette. 33. Der 10. August; seine Ergebnisse Wir haben gesehen, in welchem Zustand sich Frankreich im Sommer 1792 befand. Seit drei Jahren war das Land völlig in Revolution, und eine Rückkehr zum alten Regime war ganz unmöglich geworden. Denn wenn zum Beispiel das Feudalwesen noch von Gesetzes wegen vorhanden war, so erkannten es die Bauern im Leben nicht mehr an. Sie zahlten die Abgaben nicht mehr; sie bemächtigten sich der Ländereien der Geistlichkeit und der Emigranten, sie ergriffen in manchen Orten wieder Besitz von den Ländereien, die ehemals den Landgemeinden gehört hatten. Sie hatten ihre Dorfgemeindeverwaltungen und betrachteten sich als die Herren ihres eigenen Geschicks. Ebenso stand es mit den staatlichen Einrichtungen. Der ganze Verwaltungsaufbau, der unter dem alten Regime ein so furchtbares Aussehen gehabt hatte, war unter dem Hauch der Volksrevolution zusammengestürzt. Wer dachte noch an den Intendanten, an das Marschalls-Prevotalgericht, an die Richter der Parlamentshöfe! Die Gemeindeverwaltung, die unter der Kontrolle der Sansculotten stand, der lokale Volksverein, die Wählerversammlung, die Pikenmänner stellten jetzt die neuen Gewalten Frankreichs vor. Das ganze Aussehen des Landes, der ganze Geist der Bevölkerung, die Sprache, die Sitten, die Ideen, alles war von der Revolution gewandelt worden. Eine neue Nation war geboren, und sie unterschied sich in allen politischen und sozialen Gestaltungen völlig von dem, was vor kaum zwölf Monaten gewesen war! Und doch stand das alte Regime noch aufrecht. Das Königtum war noch da und bildete eine ungeheure Macht, um die die Gegenrevolution sich sammeln wollte. Man lebte im Provisorium. Dem Königtum seine Macht von ehemals wiedergeben war offenbar ein toller Traum, an den nicht einmal die Fanatiker des Hofes mehr glaubten. Aber die Kraft des Königtums, Schaden zu tun, war noch immer sehr groß. Es war ihm zwar unmöglich, das Feudalwesen wiederherzustellen – aber wieviel Schaden konnte es trotzdem den befreiten Bauern zufügen, wenn es die Oberhand gewann und daranging, in jedem Dorf den Bauern die Ländereien und die Freiheiten, die sie sich genommen hatten, streitig zu machen! Und eben das hatten sich der König und eine große Zahl Feuillants (konstitutionelle Monarchisten) für den Zeitpunkt vorgenommen, wo die Hofpartei die überwunden hätte, die sie ›die Jakobiner‹ nannten. Hinsichtlich der Verwaltung haben wir gesehen, daß in zwei Dritteln von allen Departements und sogar in Paris die Verwaltung der Departements und der Distrikte gegen das Volk, gegen die Revolution war; sie hätten sich mit jedem Schatten einer Konstitution zufriedengegeben, wenn diese nur den Bürgern erlaubte, die Gewalt mit dem Königtum und dem Hofe zu teilen. Die Armee, die von Männern wie Lafayette und Luckner befehligt war, konnte in jedem Augenblick gegen das Volk entfesselt werden. Nach dem 20. Juni sah man in der Tat Lafayette sein Lager verlassen und nach Paris eilen, um dem König die Hilfe ›seiner‹ Armee anzubieten, die patriotischen Gesellschaften aufzulösen und einen Staatsstreich zugunsten des Hofes zu machen. Und schließlich haben wir gesehen, daß das Feudalwesen gesetzlich noch bestehengeblieben war. Wenn die Bauern die Feudalabgaben nicht mehr zahlten, so war das in den Augen des Gesetzes nur ein Mißbrauch. Wenn der König morgen seine Autorität wiedererlangt, wird das alte Regime die Bauern zwingen, alles zu zahlen, solange sie sich nicht von den Gewalttätigkeiten der Vergangenheit losgekauft haben, und alle Ländereien zurückzugeben, die sie genommen, oder sogar, die sie gekauft haben. Es ist klar, daß dieses Provisorium nicht länger zu ertragen war. Man kann nicht ewig mit einem Schwert über dem Kopfe weiterleben. Und dann sah das Volk mit seinem immer richtigen Instinkt ganz deutlich, daß der König mit den Deutschen, die auf Paris marschierten, im Einvernehmen war. Zu jener Zeit besaß man noch nicht den schriftlichen Beweis seines Verrats. Die Korrespondenz des Königs und Marie Antoinettes mit den Österreichern war noch nicht bekannt; man hatte noch keine Belege dafür, wie diese Verräter die Österreicher und die Preußen drängten, auf Paris zu marschieren, sie über alle Bewegungen der französischen Truppen auf dem laufenden hielten, ihnen unverzüglich alle militärischen Geheimnisse übermittelten und Frankreich der Invasion auslieferten. Man erfuhr das alles, und auch da noch ziemlich unbestimmt, erst nach dem Tuileriensturm, wo man in einem geheimen Eisenschrank, den der Schlosser Gamain für den König gemacht hatte, die Papiere des Königs fand. Aber ein Verrat läßt sich nicht leicht verbergen, und aus tausend Anzeichen, die die Männer und Frauen des Volks so gut verstehen, merkte man, daß der Hof einen Pakt mit den Deutschen geschlossen, daß er sie nach Frankreich gerufen hatte. Es entstand also in einigen Provinzen und in Paris der Vorsatz, man müßte den großen Schlag gegen die Tuilerien führen; man verstand, daß das alte Regime immer eine Drohung für Frankreich bleiben würde, solange nicht die Absetzung des Königs ausgesprochen war. Aber dazu war es nötig, daß man – wie in den Tagen vor dem 14. Juli 1789 – einen Appell ans Volk von Paris, an die ›Pikenmänner‹ machte. Gerade das aber wollte das Bürgertum nicht. Das fürchtete es am meisten. Man findet in der Tat in den Schriften der Zeit eine Art Angst vor den Pikenmännern. Sollte man sie, die den Reichen so schrecklich waren, noch einmal sehen müssen!? Wenn diese Furcht vor dem Volke nur die Rentiers gehabt hätten! Aber die Männer der Politik hatten dieselbe Angst, und Robespierre widersetzte sich bis zum Juni 1792 ebenfalls dem Appell ans Volk. ›Der Sturz der Verfassung in diesem Augenblick‹, sagte er, ›kann nur den Bürgerkrieg entzünden, der zur Anarchie und zum Despotismus führen muß.‹ Auch für den Fall des Sturzes des Königs glaubt er nicht an die Möglichkeit einer Republik. ›Wie!‹ ruft er, ›mitten in so vielen verhängnisvollen Spaltungen will man uns mit einem Male ohne Verfassung und ohne Gesetz lassen!‹ Die Republik wäre nach seiner Meinung ›die Willkür der Minorität‹ (er meint die Girondisten); ›das ist‹, sagt er, ›der Sinn aller Intrigen, die uns seit langem beunruhigen‹; und um sie zu vereiteln, will er lieber den König und alle Intrigen des Hofes behalten. Diese Sprache führte er im Juni, kaum zwei Monate vor dem 10. August! Aus Furcht, eine andere Partei könnte sich der Bewegung bemächtigen, behält er lieber den König: er widersetzt sich dem Aufstand. Es bedurfte des Scheiterns der Demonstration vom 20. Juni und der Reaktion, die ihr folgte, es bedurfte des Handstreichs Lafayettes, der in Paris anlangte und sich samt seiner Armee für einen royalistischen Staatsstreich bereit erklärte; es war nötig, daß erst die Deutschen sich entschlossen, auf Paris zu marschieren, ›um den König zu befreien, um die Jakobiner zu strafen‹; es war erst nötig, daß der Hof seine militärischen Vorbereitungen traf, um Paris eine Schlacht zu liefern: all das war nötig, um die revolutionären Parteiführer dazu zu bringen, das Volk aufzurufen, gegen die Tuilerien einen entscheidenden Schlag zu führen. Aber nachdem das einmal entschieden war, wurde alles andere vom Volke selbst gemacht. Es ist sicher, daß es zwischen Danton, Robespierre, Marat, Robert und andern eine provisorische Verständigung gab. Robespierre war alles an Marat widerwärtig, seine revolutionäre Leidenschaft, die er Übertreibung nannte, sein Haß gegen die Reichen, sein völliges Mißtrauen gegen die Politiker – alles bis auf die ärmliche und schmutzige Kleidung des Mannes, der seit dem Ausbruch der Revolution sich mit der Nahrung der Ärmsten, mit Wasser und Brot begnügte, um sich ganz der Sache des Volks zu weihen. Und doch kamen nun der elegante und korrekte Robespierre und ebenso Danton zu Marat und den Seinen, zu den Männern der Sektionen, der Kommune, um sich mit ihnen über die Mittel zu verständigen, das Volk noch einmal wie am 14. Juli zur Erhebung zu bringen – dieses Mal zum entscheidenden Sturm gegen das Königtum. Entweder mußte man ans Volk appellieren und ließ ihm dann volle Freiheit, seine Feinde so zu schlagen, wie es das verstand, und also auch gegen die Reichen und ihr Eigentum vorzugehen. Oder das Königtum trug den Sieg davon, und das war der Triumph der Gegenrevolution, die Zerstörung des Wenigen, was man für die Gleichheit erlangt hatte. Das wäre schon 1792 der weiße Schrecken von 1794 gewesen. ### So gab es ein Einverständnis zwischen einer bestimmten Zahl vorgeschrittener Jakobiner (sie tagten sogar in einem besonderen Lokal) und denen, die im Volke den großen Schlag gegen die Tuilerien führen wollten. Aber von dem Augenblick an, wo dieses Einverständnis vollzogen war, von dem Augenblick an, wo die Parteiführer – die Robespierre und Danton – versprochen hatten, sich der Volksbewegung nicht mehr entgegenzusetzen, sondern sie zu unterstützen, war alles übrige dem Volk überlassen, das besser als die Parteiführer die Notwendigkeit einer vorläufigen Verständigung einsieht, wenn die Revolution im Begriff ist, einen entscheidenden Schlag zu führen. Nachdem die Einigung einmal hergestellt war, ging das Volk, der große Unbekannte, daran, den Aufstand vorzubereiten, und es schuf spontan für die Bedürfnisse des Augenblicks die Organisation in den Sektionen, die man für nützlich hielt, um der Bewegung den nötigen Zusammenhang zu geben. Für die Einzelheiten verließ man sich auf den organisatorischen Geist des Volks der Arbeiterviertel; und als die Sonne am 10. August über Paris aufging, hätte noch niemand voraussagen können, wie dieser große Tag endete. Die zwei Bataillone von Föderierten, die aus Marseille und Brest gekommen und die wohlorganisiert und bewaffnet waren, zählten nur 1000 Mann, und niemand außer denen, die in den vorhergehenden Tagen und Nächten sich an den intensiven Vorbereitungsarbeiten der Faubourgs beteiligt hatten, hätte sagen können, ob die Faubourgs sich in Masse erheben würden oder nicht. ›Und wo waren die gewohnten Führer? Was taten sie?‹ fragt Louis Blanc. Und er antwortet: ›Es gibt kein Anzeichen dafür, was in dieser entscheidenden Nacht Robespierre für eine Rolle gespielt hat, oder ob er überhaupt eine gespielt hat.‹ Auch Danton scheint weder an den Vorbereitungen zur Erhebung noch an dem Kampf vom 10. August selbst aktiv teilgenommen zu haben. Einige französische Historiker der Revolution versuchen heute, Danton als einen der Hauptorganisatoren des Aufstands vom 10. August hinzustellen. Das wird jedoch weder von früheren noch von neueren Forschungen bestätigt. Danton spielte hei dar Stärkung des Geistes des französischen Volkes in dessen gewaltigem Kampf gegen die Könige Europas, die sich unter Führung Österreichs und Preußens und mit Unterstützung Englands gegen die Revolution zusammengeschlossen hatten, eine wahrhaft bedeutende Rolle. In diesem Sinne hatte er persönlich als auch als Mitglied des Klubs der Cordeliers, ebenso wie Marat, bei der Organisation der revolutionären Selbstverwaltung der Städte in ihren ›Distrikten und Sektionen‹ eine wichtige Funktion. Es kann ohne weiteres behauptet werden, daß der Aufstand vom 10. August nicht so erfolgreich verlaufen wäre, wenn Danton die Vorbereitungen dazu nicht mit seiner gewaltigen Autorität unterstützt hätte; ihn aber als Seele dieses Aufstandes oder der Vorbereitungen dazu hinzustellen, entbehrt jeder Grundlage. Es ist klar, daß von dem Augenblick an, wo die Bewegung entschieden war, das Volk die Politiker nicht mehr brauchte. Was nötig war, war die Herstellung der Waffen, die Verteilung an die, die sich ihrer bedienen konnten, die Organisation des Kerns jeder einzelnen Truppe, die Formation der Kolonne in jeder einzelnen Straße der Faubourgs. Dabei wären die politischen Führer nur im Wege gewesen – und man sagte ihnen, sie sollten sich schlafen legen, während die Bewegung in der Nacht vom 9. zum 10. August endgültig organisiert wurde. Und das tat Danton. Er schlief friedlich: man weiß es aus dem Tagebuch von Lucile Desmoulins. Neue Männer, ›Unbekannte‹, ganz wie in der Bewegung vom 18. März 1871, traten in jenen Tagen hervor, als ein neuer Generalrat, die revolutionäre Kommune vom 10. August, von den Sektionen ernannt wurde. Die Sektionen nahmen die öffentliche Gewalt in die Hände, und jede ernannte drei Kommissäre, ›um das Vaterland zu retten‹, und die Wahl des Volkes fiel, sagen uns die Historiker, nur auf Unbekannte. Der ›tolle‹ Hébert war darunter – das versteht sich von selbst, aber man findet unter ihnen zunächst weder Marat noch Danton. ### So entstand also eine neue ›Kommune‹ – die Kommune des Aufstands – aus dem Schoße des Volks und bemächtigte sich der Leitung der Bewegung. Und wir werden sehen, wie sie einen mächtigen Einfluß auf den ganzen Gang der folgenden Ereignisse nimmt, wie sie den Konvent beherrscht und den Berg zum revolutionären Handeln drängt, um wenigstens die bisherigen Ergebnisse der Revolution zu sichern. Es ist nicht nötig, hier den Tag des 10. August zu schildern. Die dramatische Seite der Revolution ist das beste bei den Historikern, und man findet bei Michelet, bei Louis Blanc treffliche Schilderungen der Ereignisse. Beschränken wir uns also darauf, an die wichtigsten zu erinnern. Seit sich Marseille geradeheraus für die Absetzung des Königs ausgesprochen hatte, gingen der Nationalversammlung zahlreiche Petitionen und Adressen, die die Absetzung verlangten, zu. In Paris hatten sich zweiundvierzig Sektionen in diesem Sinne ausgesprochen. Pétion war sogar am 4. August in die Nationalversammlung gekommen, um ihr dieses Verlangen der Sektionen vorzutragen. Aber die Politiker der Nationalversammlung waren sich des Ernstes der Lage keineswegs bewußt; und in einer Zeit, wo man in Briefen, die in Paris (von Madame Jullien) am 7. und 8. August geschrieben wurden, die Worte liest: ›Ein furchtbares Gewitter steht am Horizont‹, sprach die Nationalversammlung in ihrer Sitzung vom 8. August die Freisprechung Lafayettes aus, wie wenn sich in Paris und in ganz Frankreich gar nichts von Haß gegen das Königtum geregt hätte. Während dieser Zeit rüstete sich das Volk von Paris zu einem entscheidenden Schlage. Indessen waren die Komitees der Aufständigen klug genug, nicht von vornherein den Tag der Erhebung festzusetzen. Sie begnügten sich damit, den wechselnden Geist in den Massen zu ergründen, versuchten ihn zu heben und warteten auf den rechten Augenblick für den Ruf zu den Waffen. So scheint es, daß man bei Gelegenheit eines Volksbanketts, das auf den Ruinen der Bastille gefeiert wurde und an dem das ganze Faubourg teilgenommen, zu dem es Tische und Proviant mitgebracht hatte, am 26. Juni schon eine Bewegung hervorzurufen gesucht hatte (Mortimer Ternaux, Terreur, II. 130). Eine andere Erhebung versuchte man am 30. Juli, aber auch sie glückte nicht. Die Rüstungen zu dem Aufstand, die von den politischen Führern schlecht unterstützt wurden, hätten sich vielleicht in die Länge gezogen; aber die Komplotte des Hofes beschleunigten die Ereignisse. Die Royalisten glaubten, mit Hilfe der Höflinge, die schwuren, für den König zu sterben, mit einigen Bataillonen der Nationalgarde, die dem Hof treu geblieben waren, und den Schweizern des Sieges gewiß sein zu dürfen. Sie hatten den 10. August für ihren Staatsstreich festgesetzt: ›Das war der Tag, der für die Gegenrevolution festgesetzt war‹, so liest man in den Briefen der Zeit, ›am nächsten Tag sollten die Jakobiner Frankreichs in ihrem Blute schwimmen.‹ So ertönte endlich in der Nacht vom 9. auf den 10. August mit dem Schlage der zwölften Stunde die Sturmglocke in Paris. Indessen schien sich im Anfang nicht viel zu rühren, und es war in der Kommune sogar die Rede davon, den Aufstand abzusagen. Um 3 Uhr morgens waren einige Stadtviertel noch völlig ruhig. Es scheint, daß das Volk von Paris mit seinem revolutionären Instinkt es ablehnte, in der Dunkelheit sich in einen Kampf mit den königlichen Truppen einzulassen, der sich in unordentliche und gefährliche Gefechte hätte auflösen können. Inzwischen hatte die Aufstandskommune in der Nacht vom Rathaus Besitz ergriffen, und die gesetzliche Kommune hatte der neuen revolutionären Gewalt den Platz eingeräumt; und diese gab sofort der Bewegung einen energischen Aufschwung. Gegen 7 Uhr morgens waren Pikenmänner, die von Marseiller Föderierten geführt wurden, die ersten auf der Place du Carroussel. Eine Stunde später setzte sich die Masse des Volks in Bewegung, und man benachrichtigte das Palais, daß ›ganz Paris‹ auf die Tuilerien marschierte. Es war in der Tat ganz Paris, aber hauptsächlich das ganze Paris der Armen mit Unterstützung der Nationalgarden aus den Arbeiter- und Handwerkervierteln. Nunmehr verließ der König gegen halb 9 Uhr, da ihn die frische Erinnerung an den 20. Juni schreckte und er vom Volk getötet zu werden fürchtete, die Tuilerien. Er flüchtete sich in die Nationalversammlung und überließ es seinen Getreuen, das Schloß zu verteidigen und die Stürmenden niederzumetzeln. Aber nachdem der König weg war, liefen ganze Bataillone der bürgerlichen Nationalgarde aus den Quartieren der Reichen schleunigst auseinander, um dem aufständigen Volk nicht gegenübertreten zu müssen. Die dichtgedrängten Massen des Volks betraten jetzt die Zugänge zu den Tuilerien, und ihre Avantgarde, die von den Schweizern, welche ihre Patronen zu den Fenstern hinauswarfen, ermutigt wurden, war in einen der Höfe des Palastes gedrungen. Aber nunmehr feuerten andere Schweizer, die von Offizieren des Hofs befehligt wurden und an der großen Eingangstreppe aufgestellt waren, auf das Volk, und bald lagen mehr als vierhundert Leichen am Fuß der Treppe übereinander. Das entschied den Ausgang des Tages. Das Volk schrie: Verrat! Nieder mit dem König! Nieder mit der Österreicherin! und eilte von allen Seiten nach den Tuilerien. Die Faubourgs Saint-Antoine und Saint-Marceau begaben sich in Masse dahin, und bald waren die Schweizer, die vom Volk wütend angegriffen wurden, entwaffnet oder niedergemacht. Muß es erst gesagt werden, daß die Nationalversammlung selbst in diesem äußersten Augenblick unentschlossen blieb und nicht wußte, was sie tun sollte? Sie handelte erst, als das bewaffnete Volk in den Sitzungssaal eindrang und drohte, den König und seine Familie und ebenso die Abgeordneten, die nicht wagten, die Absetzung auszusprechen, auf der Stelle niederzumachen. Selbst nachdem die Tuilerien erstürmt waren und das Königtum in der Tat schon nicht mehr existierte, wagten die Girondisten, die sonst so gern von der Republik gesprochen hatten, noch nichts Entscheidendes zu unternehmen. Vergniaud wagte nur, ›die provisorische Suspension des Chefs der Exekutivgewalt‹ zu verlangen, der künftig im Luxembourg seinen Aufenthalt nehmen sollte. Erst zwei oder drei Tage später brachte die revolutionäre Kommune Ludwig XVI. und seine Familie in den Turm des Temple und übernahm das Amt, ihn da als Gefangenen des Volks zu halten. Das Königtum war so tatsächlich abgeschafft. Von jetzt an konnte sich die Revolution eine Zeitlang entfalten, ohne fürchten zu müssen, auf ihrem Gange plötzlich durch einen royalistischen Staatsstreich, durch die Niedermetzelung der Revolutionäre und durch das Walten des weißen Schreckens aufgehalten zu werden. Für die Politiker ist die Hauptbedeutung des 10. August der Schlag, den er dem Königtum versetzte. Für das Volk war das Wichtigste die Abschaffung der Gewalt, die sich der Ausführung der Dekrete gegen die Feudalrechte, gegen die Emigranten und gegen die Priester widersetzte und zugleich die deutsche Invasion begünstigte, der Triumph der Volksrevolutionäre – des Volks, das jetzt die Revolution vorwärts, der Gleichheit zu, nach diesem Traum und Ziel der Massen, treiben konnte. So kam es denn, daß schon am Tag nach dem 10. August die Gesetzgebende Versammlung, die sonst so feigherzig und reaktionär war, unter dem Druck von außen einige Dekrete erließ, die die Revolution einen Schritt vorwärts brachten. Jeder nicht vereidigte Priester, sagten diese Dekrete, der binnen vierzehn Tagen nicht den Eid auf die Verfassung leistete, sollte, wenn er nach dieser Frist auf französischem Boden ergriffen wurde, nach Cayenne deportiert werden. Alle Güter der Emigranten in Frankreich und den Kolonien wurden mit Beschlag belegt. Sie sollten alle in kleine Teile zerschlagen und zum Verkauf ausgeschrieben werden. Jede Unterscheidung zwischen Passivbürgern (den Armen) und Aktivbürgern (den Besitzenden) wurde abgeschafft. Alle wurden mit einundzwanzig Jahren wahlberechtigt und konnten mit fünfundzwanzig Jahren gewählt werden. Hinsichtlich der Feudalrechte haben wir gesehen, daß die Konstituierende Versammlung am 15. März 1790 ein Dekret erlassen hatte, in dem alle Feudalabgaben behandelt wurden, als ob sie den Preis einer gewissen Landabtretung vorstellten, die der Besitzer eines Tages seinem Zinsmann gemacht hätte (was falsch war), und wonach sie alle als solche geleistet werden müßten, solange sie nicht von den Bauern abgelöst waren. Dieses Dekret hatte also, indem es dermaßen die persönlichen Abgaben (die aus der Leibeigenschaft hervorgegangen waren) mit den auf dem Boden ruhenden Abgaben (die aus der Pacht hervorgegangen waren) verwechselte, den Beschluß vom 4. August 1789, der die persönlichen Abgaben für abgeschafft erklärt hatte, tatsächlich aufgehoben. Durch das Dekret vom 15. März 1790 waren diese Abgaben durch die Fiktion, die sie als mit dem Boden verknüpft hinstellte, wieder ins Leben gerufen worden. Das hatte Couthon in seinem Bericht, der am 29. Februar 1792 in der Nationalversammlung verlesen wurde, gut hervorgehoben. Jetzt, am 14. Juli 1792 – das heißt, beim Herannahen des 20. Juni, als es galt, sich mit dem Volk zu versöhnen –, schaffte die Linke, die die zufällige Abwesenheit einer größeren Zahl Mitglieder der Rechten benutzte, einige persönliche Feudalrechte, insbesondere die Kasualrechte (was der Grundherr in den Fällen des Vermächtnisses, der Eheschließung, von der Kelter, der Mühle usw. erhob) ohne Entschädigung ab. Nach drei Jahren Revolution bedurfte es also eines Handstreichs, um die Versammlung zur Abschaffung dieser verhaßten Lasten zu bringen. Im Grunde schaffte selbst dieses Dekret die Kasualabgaben noch nicht vollständig ab. In gewissen Fällen mußten sie immer noch abgelöst werden; aber gehen wir darüber hinweg. Die Annuitäten hingegen, wie der Grundzins, der Kehrzehnt usw., die die Bauern als Auflage zur Grundpacht zu zahlen hatten und die ebenfalls einen Rest der ehemaligen Leibeigenschaft vorstellten, blieben in Kraft! Aber jetzt ist das Volk nach den Tuilerien marschiert; jetzt ist der König entthront und Gefangener der revolutionären Kommune. Und sowie diese Nachricht in den Dörfern bekannt wird, wird die Nationalversammlung von den Bauern mit Petitionen überschüttet, in denen die gänzliche Abschaffung der Feudallasten gefordert wird. Nunmehr entschließt sich die Versammlung – man stand vor dem 2. September, und man weiß, daß die Haltung des Volks von Paris gegen die bürgerlichen Gesetzgeber ziemlich drohend war –, noch einige Schritte nach vorwärts zu tun (Dekrete vom 16. und 25. August 1792). Alle Prozesse, die wegen nichtbezahlter Feudalabgaben bei den Gerichten anhängig waren, wurden niedergeschlagen – das war nicht zu verachten! Die feudalen und grundherrlichen Abgaben aller Art, die nicht der Preis für eine ursprüngliche Bodenabtretung sind, werden ohne Entschädigung abgeschafft. Und nach dem Dekret vom 20. August wurde es erlaubt, sowohl die Kasualabgaben wie die Annuitäten, die durch Vorweisung der ursprünglichen Urkunde über die Gebietsabtretung gerechtfertigt waren, jede für sich abzulösen. Aber all das nur in dem Fall eines neuen Kaufes durch einen neuen Erwerber. Die Niederschlagung der Prozesse bedeutete ohne Frage einen großen Schritt nach vorwärts. Aber die Feudalrechte bestanden noch immer. Immer noch mußte man sie ablösen. Das neue Gesetz vermehrte nur die Konfusion, und man war von jetzt an in der Lage, nichts zu zahlen und nichts abzulösen. Und die Bauern verfehlten nicht, es so zu machen; sie warteten einen neuen Sieg des Volkes und eine neue Konzession von Seiten der Regierenden ab. Zugleich wurden alle Zehnten und alle Fronden (unentgeltliche Arbeit), die aus der Leibeigenschaft – der toten Hand – stammten, ohne Entschädigung abgeschafft. Das war auch ein Gewinn: wenn die Nationalversammlung die Grundherren und die neuen bürgerlichen Grundbesitzer unter ihren Schutz nahm, so gab sie wenigstens die Geistlichen preis, seit der König nicht mehr zu ihrem Schutze da war. Aber plötzlich verfügte diese selbe Versammlung eine Maßregel, die, wenn sie angewandt worden wäre, das ganze bäuerliche Frankreich gegen die Republik aufgebracht hätte. Die Gesetzgebende Versammlung schaffte die Gemeinbürgschaft für die Zahlungen, die in den Bauerngemeinden bestand, ab, und zu gleicher Zeit bestimmte sie, die gemeinschaftlichen Gemeindeländereien sollten zwischen den Bürgern der Gemeinden aufgeteilt werden (Antrag von François de Neufchâteau). Es scheint indessen, daß dieses Dekret, das in sehr unbestimmten Ausdrücken gehalten war und nur einige Zeilen umfaßte, und das mehr wie eine Prinzipienerklärung als wie ein Dekret aussah, nie ernst genommen wurde. Seine Anwendung wäre überdies auf solche Schwierigkeiten gestoßen, daß es ein toter Buchstabe geblieben wäre; und als die Frage von neuem aufgeworfen wurde, war die Gesetzgebende Versammlung schon an ihrem Ende angelangt und ging auseinander, ohne etwas zu entscheiden. Hinsichtlich der Güter der Emigranten wurde angeordnet, sie sollten in kleinen Stücken von zwei, drei oder höchstens vier Morgen zum Verkauf gestellt werden. Und dieser Verkauf sollte ›durch Pacht, in Goldrente‹ vor sich gehen, die immer ablösbar sein sollte. Das heißt, wer kein Geld hatte, konnte unter der Bedingung, daß er eine dauernde Pacht zahlte, die er bei Gelegenheit ablösen konnte, trotzdem kaufen. Das war offenbar für die armen Bauern vorteilhaft. Aber man versteht, daß den kleinen Käufern sofort alle möglichen Schwierigkeiten gemacht wurden Den reichen Bourgeois war es lieber, die Güter der Emigranten im großen zu kaufen, um sie später im kleinen wieder zu verkaufen. Schließlich – und das ist sehr bezeichnend – benutzte Mailhe den herrschenden Geist, um eine wahrhaft revolutionäre Maßregel vorzuschlagen, die später, nach dem Sturz der Girondisten wieder beantragt werden sollte. Er verlangte, man sollte die Wirkungen der Ordonnanz von 1669 tilgen und die Grundherren zwingen, den Dorfgemeinden die Ländereien zurückzugeben, die ihnen auf Grund dieses Ediktes genommen worden waren. Sein Antrag, das versteht sich von selbst, drang nicht durch: es bedurfte dazu einer neuen Revolution. Das also sind die Ergebnisse des 10. August. Das Königtum ist gestürzt, und es wäre jetzt der Revolution möglich, einen neuen Schritt der Gleichheit entgegen zu tun, wenn die Nationalversammlung und die Herrschenden im allgemeinen sich dem nicht widersetzten. Der König und seine Familie sind im Gefängnis. Eine neue Nationalversammlung, der Konvent, wird berufen. Die Wahlen gehen nach dem allgemeinen Stimmrecht, aber immer noch indirekt vor sich. Man ergreift einige Maßregeln gegen die Priester, die sich weigern, die Verfassung anzuerkennen, und gegen die Emigranten. Der Verkauf der Güter der Emigranten, die auf Grund des Dekrets vom 30. März 1792 mit Beschlag belegt sind, wird angeordnet. Der Krieg gegen die Ausländer, die ins Land eingefallen sind, wird von den sansculottischen Freiwilligen mit Energie geführt. Aber die große Frage – was geschieht mit dem verräterischen König – und die andere große Frage, die fünfzehn Millionen Bauern bewegt, die Frage der Feudallasten, bleiben beide noch unentschieden. Man muß immer noch diese Lasten ablösen, wenn man sie los sein will. Und das neue Gesetz über die Teilung der Gemeindeländereien bringt neue Schrecken über die Dörfer. So stehen die Dinge in dem Augenblick, wo die Gesetzgebende Versammlung auseinandergeht, nachdem sie alles getan hat, um die Revolution daran zu hindern, sich richtig zu entfalten und zur Abschaffung der beiden Erbstücke aus der Vergangenheit zu kommen: des französischen Königtums und der Feudalrechte. Aber neben der Gesetzgebenden Versammlung ist seit dem 10. August eine neue Gewalt, die Kommune von Paris, hoch gekommen, die die revolutionäre Initiative in die Hand nimmt und sie, wie wir sehen werden, etwa zwei Jahre lang behält. 34. Das Interregnum – Die Verrätereien Das Volk von Paris beweinte seine Toten und schrie laut nach Gerechtigkeit und Bestrafung derer, die das Gemetzel um die Tuilerien hervorgerufen hatten. Elfhundert Menschen, sagt Michelet, dreitausend nach den Gerüchten, die umliefen, waren von den Verteidigern des Schlosses getötet worden. Es waren hauptsächlich Pikenmänner, die Ärmsten der Faubourgs, die getroffen worden waren. Sie hatten sich in Massen auf die Tuilerien gestürzt und waren unter den Kugeln der Schweizer und der Adligen, die von den starken Mauern geschützt waren, gefallen. Man fuhr, sagt Michelet, die Leichen auf Karren in die Faubourgs, und dort stellte man die Toten zur Schau, damit sie rekognosziert werden konnten. Große Scharen sammelten sich an, und die Racherufe der Männer mischten sich mit dem Schluchzen der Frauen. Am Abend des 10. August und am nächsten Tage richtete sich die Wut des Volkes hauptsächlich gegen die Schweizer. – Hatten nicht Schweizer ihre Patronen zu den Fenstern hinausgeworfen und so die Menge eingeladen, den Palast zu betreten? Hatte nicht eben das Volk versucht, mit den Schweizern, die auf der großen Eingangstreppe postiert waren, zu fraternisieren, als diese plötzlich aus nächster Nähe ein langes und mörderisches Feuer auf die Menge eröffneten? Bald aber begriff das Volk, daß man höher greifen mußte, wenn man die Urheber des Gemetzels finden wollte. Das waren der König, die Königin, das ›österreichische Komitee der Tuilerien‹. Aber eben den König, die Königin und ihre Getreuen deckte die Nationalversammlung mit ihrer Autorität. Zwar waren der König, die Königin, ihre Kinder und die vertrauten Damen Marie-Antoinettes im Turm des Temple eingesperrt. Die Kommune hatte bei der Nationalversammlung durchgesetzt, daß sie in diesen Turm verbracht wurden, indem sie jede Verantwortung für den Fall ihres Verbleibens im Luxembourg ablehnte. Aber im Grunde war nichts Endgültiges getan worden. Nicht bis zum 4. September. Am 10. August hatte sich die Nationalversammlung sogar geweigert, die Absetzung Ludwigs XVI. auszusprechen: unter dem Einfluß der Girondisten hatte sie nur seine Suspension ausgesprochen und hatte sich beeilt, dem Dauphin einen Erzieher zu bestellen. Und jetzt waren die Deutschen, die am 19. August in der Zahl von 130 000 Mann französischen Boden betreten hatten, im Begriff, auf Paris zu marschieren, um die Verfassung abzuschaffen, den König wieder in seine absolute Macht einzusetzen, alle Dekrete der beiden Nationalversammlungen für nichtig zu erklären und die Jakobiner, das heißt alle Revolutionäre, zum Tod zu bringen. Man begreift, was für eine Stimmung unter diesen Umständen in Paris herrschen mußte; äußerlich herrschte Ruhe, aber eine dumpfe Erregung bemächtigte sich der Faubourgs, die sich nach ihrem so teuer erkauften Siege über die Tuilerien von der Versammlung und sogar von den revolutionären Führern, die ebenfalls zögerten, sich gegen den König und das Königtum zu erklären, verraten glaubten. Jeden Tag wurden auf der Tribüne der Versammlung, in den Sitzungen der Kommune, in der Presse neue Beweise für das Komplott mitgeteilt, das vor dem 10. August in den Tuilerien gesponnen worden war und in Paris und den Provinzen fortdauerte. Aber es war nichts geschehen, um die Schuldigen zu treffen oder sie zu hindern, den Faden ihrer Verschwörungen wieder aufzunehmen. Mit jedem Tag wurden die Nachrichten von der Grenze beunruhigender. Die Festungen waren von Truppen entblößt, es war nichts geschehen, um den Feind aufzuhalten. Es war klar, daß die schwachen französischen Kontingente, die von zweifelhaften Generälen befehligt wurden, nie imstande waren, die deutschen Armeen aufzuhalten, die an Zahl doppelt so stark und kriegsgewohnt waren und deren Generäle das Vertrauen ihrer Soldaten hatten. Die Royalisten hatten schon den Tag und die Stunde ausgerechnet, zu der die Invasion vor den Toren von Paris stehen würde. Die Masse der Bevölkerung verstand die Gefahr. Alles, was in Paris jung, stark, begeistert, republikanisch war, ließ sich anwerben, um nach der Grenze zu eilen. Die Begeisterung stieg bis zum Heroismus. Den Rekrutierungsbureaus strömten das Geld und die patriotischen Gaben zu. Aber was sollten all diese Opfer nützen, wenn jeder Tag die Nachricht von einer neuen Verräterei brachte, wenn all diese Verrätereien in Verbindung stehen mit dem König und der Königin, die aus dem Temple heraus immer noch die Komplotte dirigieren? Wußte nicht, trotz der strengen Überwachung von seiten der Kommune, Marie-Antoinette alles, was draußen vorging? Sie war über jeden Schritt der deutschen Armeen unterrichtet; und als Arbeiter die Fenster des Temple vergitterten, sagte sie zu ihnen: ›Wozu? In acht Tagen werden wir nicht mehr hier sein.‹ In der Tat erwarteten die Royalisten für den 5. oder 6. September den Einzug von achtzigtausend Preußen in Paris. Wozu sich bewaffnen, wozu an die Grenzen eilen, wenn die Gesetzgebende Versammlung und die Partei, die am Ruder ist, erklärte Feinde der Republik sind? Sie tun alles, um das Königtum zu retten. Hat nicht in der Tat, vierzehn Tage vor dem 10. August, am 24. Juli, Brissot gegen die Cordeliers gesprochen, die die Republik wollten? Hat er nicht verlangt, sie sollten mit der Schärfe des Gesetzes getroffen werden? Und schweigt nicht auch jetzt noch, nach dem 10. August, der Jakobinerklub, der der Sammelpunkt des wohlhabenden Bürgertums ist, schweigt er nicht – bis zum 27. August – über die große Frage, die das Volk bewegt: soll das Königtum, das sich auf die deutschen Bajonette stützt, beibehalten werden, ja oder nein? Die Ohnmacht der Regierenden, die Feigherzigkeit der Führer in dieser Stunde der Gefahr mußten mit Notwendigkeit das Volk zur Verzweiflung bringen. Und man muß sich, wenn man die Zeitungen, die Memoiren und die Privatbriefe der Zeit liest, die mannigfachen Gefühle, die seit der Kriegserklärung in Paris walteten, lebendig vorstellen, um die Tiefe dieser Verzweiflung zu verstehen. Darum wollen wir kurz die wichtigsten Tatsachen noch einmal zusammenstellen. In dem Augenblick, wo der Krieg erklärt wurde, hob man, hauptsächlich in den bürgerlichen Kreisen, Lafayette noch in den Himmel. Man war glücklich, ihn an der Spitze einer Armee zu sehen. Allerdings hatte man über ihn nach dem Gemetzel auf dem Marsfeld schon zu zweifeln begonnen, und Chabot hatte diese Bedenken in der Versammlung Anfang Juni 1792 zum Ausdruck gebracht. Aber die Nationalversammlung behandelte Chabot als Störenfried, als Verräter und brachte ihn zum Schweigen. Nun aber bekam die Versammlung am 18. Juni von Lafayette den berühmten Brief, in dem er die Jakobiner denunzierte und die Unterdrückung aller Klubs verlangte. Dieser Brief traf ein, nachdem der König ein paar Tage vorher das girondistische Ministerium (das jakobinische Ministerium, wie man damals sagte) entlassen hatte, und dieses Zusammentreffen gab zu denken. Aber die Nationalversammlung ging darüber hinweg, indem sie die Echtheit des Briefes bezweifelte; worauf das Volk sich offenbar fragen mußte, ob die Versammlung nicht mit Lafayette im Einverständnis wäre? Trotz alledem stieg die Aufregung fortwährend, und das Volk erhob sich endlich am 20. Juni. Die Sektionen haben es vortrefflich organisiert, und so dringt es in die Tuilerien ein. Alles ging, wie wir gesehen haben, recht bescheiden zu; aber das Bürgertum wurde von Angst ergriffen, und die Nationalversammlung warf sich in die Arme der Reaktion und erließ ein Dekret gegen die Zusammenrottungen. Zu der Zeit, am 23. Juni, kommt Lafayette an: er begibt sich in die Nationalversammlung, wo er seinen Brief vom 18. Juni als echt anerkennt und zurückverlangt. Er tadelt den 20. Juni in heftigen Ausdrücken. Er denunziert die ›Jakobiner‹ mit gesteigerter Schärfe. Luckner, der Befehlshaber einer anderen Armee, schließt sich Lafayette an, tadelt den 20. Juni und bezeigt dem König seine Treue. Nachher fährt Lafayette durch Paris, ›mit sechs- oder achttausend Offizieren der Pariser Armee, die seinen Wagen umringen‹. Man weiß heutzutage, warum er nach Paris gekommen war. Es war geschehen, um den König zu überreden, er solle sich mit fortnehmen lassen, um ihn unter den Schutz der Armee zu stellen. Heutzutage haben wir darüber Gewißheit. Aber damals fing man schon an, gegen den General mißtrauisch zu werden. Es wurde der Versammlung am 6. August ein Bericht vorgelegt, der verlangte, daß er in Anklagezustand versetzt werde; aber die Mehrheit stimmte dafür, daß er für schuldlos erklärt wurde. Was sollte das Volk davon denken? ›Mein Gott, lieber Freund, wie schlecht steht es um alles!‹ schrieb Frau Jullien am 30. Juni 1792 an ihren Mann. ›Denn beachten Sie, die Haltung der Nationalversammlung reizt die Masse derart, daß man, wenn es Ludwig XVI. beliebte, die Peitsche Ludwigs XIV. zu nehmen, um dieses elende Parlament davonzujagen, auf allen Seiten Bravo riefe; allerdings aus sehr verschiedenartigen Beweggründen, aber was liegt daran den Tyrannen, wenn der Beifall nur ihren Plänen günstig ist! Die bürgerliche Aristokratie ist im Delirium, das Volk in hoffnungsloser Niedergeschlagenheit; es liegen Gewitter in der Luft‹ (S. 174). Wenn man diese Worte mit denen von Chaumette zusammenhält, die oben angeführt wurden, versteht man, daß die Nationalversammlung für das revolutionäre Element der Pariser Bevölkerung eine Kugel an den Füßen der Revolution bedeuten mußte. Inzwischen ist der 10. August gekommen. Das Volk von Paris bemächtigt sich in seinen Sektionen der Bewegung. Es ernennt auf revolutionärem Wege seinen Gemeinderat, um der Bewegung einen festen Kern zu geben. Es verjagt den König aus den Tuilerien und macht sich in offenem Kampf zum Herrn des Schlosses, und die Kommune hält den König im Turm des Temple gefangen. Aber die Gesetzgebende Versammlung bleibt, und sie wird bald der Boden, auf dem sich die royalistischen Elemente sammeln. Die bürgerlichen Besitzer merken sofort, welche neue volkstümliche, gleichheitliche Wendung die Bewegung genommen hat, und um so mehr klammern sie sich ans Königtum. Tausend Projekte werden jetzt in Umlauf gesetzt, um die Krone entweder auf den Dauphin zu übertragen (das wäre geschehen, wenn man nicht solchen Abscheu vor der Regentschaft Marie-Antoinettes gehabt hätte) oder auf irgendeinen andern französischen oder ausländischen Prätendenten. Wie nach der Flucht von Varennes brechen die Stimmungen, die dem Königtum günstig gesinnt sind, wieder hervor, und während das Volk laut fordert, man solle sich offen gegen das Königtum erklären, hütet sich die Nationalversammlung, wie jede Versammlung parlamentarischer Politiker, in der Ungewißheit, welche Regierungsart die Oberhand gewänne, sich zu kompromittieren. Sie neigt eher dem Königtum zu und sucht die vergangenen Verbrechen Ludwigs XVI. zu verbergen. Sie will nichts davon wissen, daß sie durch ernsthaftes Verfahren gegen seine Mitschuldigen aufgedeckt werden. Die Kommune muß damit drohen, die Sturmglocke zu läuten, die Sektionen müssen auftreten und von einer Massentötung der Royalisten sprechen, damit die Versammlung sich entschließt, nachzugeben. Sie ordnet endlich am 17. August an, es solle ein Gerichtshof aus acht Richtern und acht Geschworenen gebildet werden, die von Vertretern der Sektionen gewählt werden sollten. Und noch immer sucht sie die Befugnisse dieses Gerichtshofs einzuschränken. Er soll nicht die Verschwörung zu ergründen suchen, die in den Tuilerien vor dem 10. August gesponnen wurde: er soll sich darauf beschränken, zu untersuchen, wer für die Ereignisse am 10. August verantwortlich zu machen ist. Inzwischen häufen sich die Beweise für das Komplott; sie werden mit jedem Tag bestimmter. In den Papieren, die man nach dem Tuileriensturm in dem Sekretär von Montmorin, dem Intendanten der Zivilliste, fand, waren viele kompromittierende Schriftstücke. Es fand sich unter anderm ein Brief von den Prinzen, aus dem hervorging, daß sie in Übereinstimmung mit Ludwig XVI. handelten, als sie die österreichischen und preußischen Armeen gegen Frankreich aufboten und ein Kavalleriekorps von Emigranten organisierten, das mit diesen Armeen auf Paris marschierte. Es fand sich eine lange Liste von Broschüren und Schmähschriften gegen die Nationalversammlung und die Jakobiner, Schriften, die von der Zivilliste bezahlt worden waren, darunter auch solche, die anläßlich der Ankunft der Marseiller einen Streit provozieren wollten und die Nationalgarde aufforderten, sie niederzumachen. In einem Brief aus der Schweiz war die Rede davon, die Jakobiner zu strafen: ›Wir werden sie zur Rechenschaft ziehen; wir werden ein schreckliches Exempel statuieren ... Krieg den Assignaten! sie bringen uns den Bankrott. Man wird die Geistlichkeit und die Parlamentshöfe wieder in ihre Rechte einsetzen ... Schlimm für die, die die Güter der Geistlichkeit gekauft haben.‹ In einem andern Brief hieß es: ›Es ist kein Augenblick zu verlieren. Man muß dem Bürgertum beibringen, daß nur der König es retten kann. ‹ Und man fand schließlich den Beweis, daß die ›konstitutionelle‹ Minorität der Versammlung versprochen hatte, dem König für den Fall, daß er Paris verließ, ohne jedoch die von der Verfassung vorgeschriebene Entfernung zu überschreiten, zu folgen. Man fand noch vieles andere, aber man verbarg es aus Furcht, die Wut des Volkes könnte sich gegen den Temple richten ... Vielleicht auch gegen die Nationalversammlung? fragen wir uns. Endlich bricht der Verrat, den man schon lange vorhersehen konnte, in der Armee aus. Am 22. August erfährt man den Verrat Lafayettes. Er hat versucht, mit seiner Armee gegen Paris zu marschieren. Im Grunde war sein Plan schon zwei Monate früher fertig, als er nach dem 20. Juni in Paris das Terrain sondierte. Jetzt hat er die Maske abgeworfen. Er hat die drei Kommissäre, die die Nationalversammlung ihm geschickt hatte, um ihm die Revolution vom 10. August mitzuteilen, verhaften lassen, und Luckner, der alte Fuchs, hat seine Haltung gebilligt. Zum Glück ist die Armee Lafayettes ihrem Führer nicht gefolgt, und am 19. August muß er in Begleitung seines Generalstabs die Grenze überschreiten. Er hoffte, Holland zu erreichen. Er fiel in die Hände der Österreicher, wurde von ihnen ins Gefängnis geworfen und sehr hart behandelt – woraus man ersehen konnte, wie die Österreicher die Revolutionäre behandeln wollten, die das Unglück hatten, ihnen in die Hände zu fallen. Die patriotischen Mitglieder der Gemeindeverwaltungen, die sie ergreifen konnten, erschossen sie auf der Stelle als Rebellen, und einigen schnitten die Ulanen die Ohren ab und nagelten sie ihnen an die Stirne. Am Tag darauf erfährt man, daß Longwy, das am 20. August belagert wurde, sich sofort ergeben hat, und in den Papieren des Kommandanten Lavergne findet man einen Brief, der Anerbietungen für den Fall des Verrats von Seiten Ludwigs XVI. und des Herzogs von Braunschweig enthält. Wenn kein Wunder geschieht, ist nicht mehr auf die Armee zu rechnen. In Paris selbst wimmelt es von ›Schwarzen‹ (so nannte man damals die, die sich später die ›Weißen‹ nannten). Eine Menge Emigranten sind zurückgekehrt, und oft erkennt man unter der Soutane eines Priesters den Offizier. Alle Arten Verschwörungen, denen das Volk, das das Gefängnis des Königs peinlich überwacht, bald auf die Spur kommt, werden um den Temple angezettelt. Man will dem König und der Königin die Freiheit verschaffen, entweder durch die Flucht oder durch einen Gewaltstreich. Die Royalisten bereiten eine allgemeine Erhebung für den Tag vor – den 5. oder 6. September –, an dem die Preußen in der Bannmeile von Paris sein werden. Sie machen kaum ein Geheimnis daraus. Die siebenhundert Schweizer, die in Paris geblieben sind, sollen den militärischen Kern der Erhebung bilden. Sie sollen nach dem Temple marschieren, den König in Freiheit setzen und ihn an die Spitze der Erhebung stellen. Alle Gefängnisse sollen geöffnet, die Gefangenen sollen veranlaßt werden, die Stadt zu plündern und so die Verwirrung vermehren, während Paris in Brand gesteckt wird. So lauteten wenigstens die Gerüchte, die in der Öffentlichkeit umliefen und die von den Royalisten selbst bestärkt wurden. Und als Kersaint in der Nationalversammlung am 28. August den Bericht über den 10. August zur Verlesung brachte, bestärkte dieser Bericht das Gerücht. Nach der Mitteilung eines Zeitgenossen war er ›schaudererregend‹, so ›eng war das Garn um die Revolutionäre gesteckt‹. Und noch war nicht die ganze Wahrheit am Tage. In all diesen Schwierigkeiten besaßen nur die Kommune und ihre Sektionen die Tatkraft, die dem Ernst des Augenblicks gewachsen war. Sie allein handelten, unterstützt von dem Klub der Cordeliers, um das Volk noch einmal zur Erhebung zu bringen, um es noch zu einer letzten Anstrengung zu vermögen: zur Rettung der Revolution und des Vaterlandes, die in diesem Augenblick nur eines waren. Der Generalrat der Kommune, der auf revolutionärem Wege am 9. August von den Sektionen ernannt worden war und der im Einverständnis mit den Sektionen vorging, arbeitete mit leidenschaftlicher Begeisterung daran, erst 30 000 und dann 60 000 Freiwillige, die zur Grenze aufbrechen sollten, zu bewaffnen und auszurüsten. Danton half ihnen, und sie fanden in ihren kraftvollen Aufrufen die Worte, die Frankreich elektrisierten. Denn die Kommune von Paris ging jetzt über ihre Munizipalgeschäfte hinaus und sprach zu ganz Frankreich, und durch ihre Freiwilligen auch zu den Armeen. Die Sektionen organisierten die ungeheure Arbeit, die Freiwilligen auszurüsten, und die Kommune befahl, die Bleisärge einzuschmelzen und Kugeln daraus zu gießen, und ebenso die Kultusgeräte, die man aus den Kirchen genommen hatte, um aus ihnen Bronze zu gewinnen und Kanonen zu machen. Die Sektionen wurden der Schmelzofen, in dem die Waffen bereitet wurden, mit denen die Revolution ihre Feinde besiegen und einen neuen Schritt vorwärts machen sollte – der Gleichheit zu. Denn in der Tat, eine neue Revolution – eine Revolution, deren Ziel die Gleichheit war und die das Volk in die eigene Hand nehmen mußte, stand schon bevor. Und es war der Ruhm des Volkes von Paris, daß es verstand: wenn es sich rüstete, um die Invasion zurückzutreiben, handelte es nicht nur aus dem Gefühl des Nationalstolzes heraus. Es war auch nicht mehr bloß die schlichte Frage, die Wiedererrichtung des königlichen Absolutismus zu verhindern. Es handelte sich darum, zunächst die Revolution zu befestigen, sie für die Masse des Volkes zu einem praktischen Abschluß zu bringen, indem man eine neue Revolution ins Leben rief, die einen ebenso sozialen wie politischen Charakter haben sollte; und das bedeutete: durch eine äußerste Anstrengung der Massen des Volkes ein neues Blatt der Geschichte der Zivilisation eröffnen. Aber auch das Bürgertum hatte diesen neuen Charakter der Revolution, der sich ankündigte und zu dessen ausführendem Organ sich die Kommune von Paris machte, sehr wohl bemerkt. Daher arbeitete die Nationalversammlung, die hauptsächlich das Bürgertum vertrat, eifrig daran, dem Einfluß der Kommune entgegenzuwirken. Schon am 11. August, als noch das Feuer in den Tuilerien schwelte und die Leichen noch in den Schloßhöfen lagen, hatte die Nationalversammlung die Wahl eines neuen Departementdirektoriums angeordnet, das sie der Kommune entgegenstellen wollte. Die Kommune hatte das abgelehnt, und die Nationalversammlung mußte nachgeben, aber der Kampf dauerte fort – ein dumpfer Kampf, in dem die Girondisten der Versammlung versuchten, bald die Sektionen der Kommune abspenstig zu machen, bald die Auflösung des Generalrats durchzusetzen, der am 9. August auf revolutionärem Wege ernannt worden war. Und all diese kläglichen Intrigen unter den Augen des Feindes, der Frankreich aufs schändlichste plünderte und mit jedem Tag Paris näher kam. Am 24. August erhielt man in Paris die Nachricht, daß Longwy sich ohne Kampf übergeben hatte, und dementsprechend wuchs die Frechheit der Royalisten. Sie sangen Triumphlieder. Die anderen Plätze würden es wie Longwy machen, und sie verkündeten schon, daß ihre deutschen Verbündeten in acht Tagen einträfen; sie sahen sich schon nach Quartieren für sie um. Royalistische Zusammenrottungen bildeten sich um den Temple, und die königliche Familie schloß sich ihnen an, um die Erfolge der Deutschen zu begrüßen. Aber das Schrecklichste war, daß die, die das Amt übernommen hatten, Frankreich zu regieren, nicht den Mut hatten, irgend etwas zu unternehmen, um Paris davor zu bewahren, ebenso kapitulieren zu müssen wie Longwy. Die Zwölferkommission, die den Kern der Nationalversammlung bildete, wenn es galt, die Initiative zum Handeln zu ergreifen, wußte nicht, was sie machen sollte. Und das girondistische Ministerium – Roland, Clavière, Servan und die anderen – war der Meinung, man müßte fliehen und sich nach Blois oder noch besser in den Süden zurückziehen und das revolutionäre Volk von Paris dem Wüten der Österreicher, des Herzogs von Braunschweig und der Emigranten überlassen. ›Schon flohen die Abgeordneten einer nach dem andern‹, sagt Aulard. Die Kommune beklagte sich darüber in der Nationalversammlung. Das hieß, zum Verrat die Feigheit fügen, und Danton war von allen Ministern der einzige, der diesem Vorschlag strikt entgegentrat. Nur die revolutionären Sektionen und die Kommune sahen ein, daß es galt, um jeden Preis den Sieg zu erringen, und daß er nur zu erringen war, wenn man zugleich den Feind an der Grenze und die Gegenrevolutionäre in Paris schlug. Und eben das wollten die Herrschenden nicht zulassen. Nachdem der Gerichtshof, der den Auftrag hatte, die Anstifter des Gemetzels vom 10. August zu richten, mit großer Feierlichkeit eingesetzt worden war, merkte man bald, daß sich dieses Gericht ebensowenig darum kümmerte, die Schuldigen zu bestrafen, wie der Staatsgerichtshof von Orléans, der nach dem Ausdruck Brissots ›die Schutzwache der Verschwörer‹ geworden war. Es opferte im Anfang drei oder vier unbedeutende Helfer Ludwigs XVI., aber bald sprach es einen der ernsthaftesten Verschwörer, den Exminister Montmorin, und ebenso Dossonville frei, der in die Verschwörung von d'Angremont verwickelt war, und zögerte, Bachmann, den Befehlshaber der Schweizer, zu verurteilen. Demnach war von dieser Seite nichts mehr zu erwarten. Man hat versucht, die Bevölkerung von Paris so hinzustellen, als ob sie sich aus blutdürstigen Kannibalen zusammengesetzt hätte, die wütend wurden, wenn ihnen ein Opfer entging. Das ist völlig falsch. Vielmehr merkte das Volk von Paris an diesen Freisprechungen, daß die Herrschenden über die Verschwörungen, die in den Tuilerien gesponnen worden waren, kein Licht verbreiten wollten , weil sie wußten, wie viele von ihnen kompromittiert worden wären, und weil sie wußten, daß diese Verschwörungen noch im Gange waren . Marat, der gut unterrichtet war, hatte recht, als er sagte, die Nationalversammlung hätte Angst vor dem Volke und sie wäre nicht unglücklich darüber gewesen, wenn Lafayette mit seiner Armee gekommen wäre und das Königtum wiederhergestellt hätte. Die Entdeckungen, die man drei Monate später machte, als der Schlosser Gamain die Existenz des Geheimschranks anzeigte, der die geheimen Papiere Ludwigs XVI. enthielt, haben es in der Tat bewiesen. Die Stärke des Königtums lag in der Nationalversammlung. Nunmehr beschloß das Volk, als es sah, daß es ihm völlig unmöglich war, die Verantwortlichkeit jedes einzelnen der monarchistischen Verschwörer festzustellen und abzuwägen, inwieweit jeder angesichts der deutschen Invasion eine Gefahr war, ohne Unterschied alle zu verfolgen, die am Hofe Vertrauensposten bekleidet hatten und die die Sektionen für gefährlich hielten oder bei denen man Waffen versteckt fände. Zu diesem Zweck verlangten die Sektionen von der Kommune und diese wieder von Danton, der seit der Revolution am 10. August den Posten des Justizministers innehatte, es sollten in ganz Paris Massenhaussuchungen veranstaltet werden, um Waffen, die bei den Royalisten und den Geistlichen verborgen waren, zu beschlagnahmen und solche, die des verräterischen Einvernehmens am dringendsten verdächtig waren, zu verhaften. Die Nationalversammlung mußte sich unterwerfen und ordnete diese Haussuchungen an. Die Haussuchungen fanden in der Nacht vom 29. zum 30. August statt, und die Kommune entfaltete dabei eine Energie, die den Verschwörern furchtbaren Schrecken einjagte. Am 29. August nachmittags schien Paris wie tot, einer düsteren Angst preisgegeben. Es war den Privatleuten verboten worden, nach 6 Uhr abends auszugehen, und in den Straßen zeigten sich beim Beginn der Dunkelheit Patrouillen, deren jede sechzig Mann stark und mit Säbeln und improvisierten Piken bewaffnet war. Gegen 1 Uhr nachts begannen die Haussuchungen in ganz Paris. Die Patrouillen begaben sich in jede Wohnung, suchten nach Waffen und nahmen die fort, die sie bei den Royalisten fanden. Nahezu dreitausend Menschen wurden verhaftet, nahezu zweitausend Flinten wurden beschlagnahmt. Manche Haussuchungen dauerten stundenlang, aber niemand hatte sich über den Verlust der geringsten Kleinigkeit zu beklagen, während man bei den Eudisten, Priestern, die den Eid auf die Verfassung verweigert hatten, das ganze Silbergut fand, das aus der Sainte-Chapelle verschwunden war. Es war in ihren Brunnen versteckt gewesen. Am nächsten Tage wurde die Mehrzahl der verhafteten Personen auf Anordnung der Kommune oder auf Ersuchen der Sektionen wieder freigelassen. Hinsichtlich derer aber, die im Gefängnis gelassen wurden, ist es sehr wahrscheinlich, daß eine Art Auslese gemacht worden wäre und daß Gerichtshöfe zu summarischer Aburteilung geschaffen worden wären, wenn sich nicht die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz und in Paris überstürzt hätten. Während ganz Paris dem starken Aufruf der Kommune folgte und sich bewaffnete; während sich auf allen öffentlichen Plätzen Vaterlandsaltäre erhoben, an denen die jungen Männer sich zum Dienst meldeten und auf denen die Bürger ihre kleinen oder großen Gaben für das Vaterland niederlegten; während die Kommune und die Sektionen eine wahrhaft furchtbare Energie entfalteten, um 60 000 Freiwillige, die zur Grenze ziehen sollten, auszurüsten und zu bewaffnen, obwohl es dazu an allem, aber an allem fehlte, und es ihnen trotzdem gelang, 2000 an jedem Tag hinzuschicken – dieser Augenblick schien der Nationalversammlung der rechte, um gegen die Kommune vorzugehen. Auf einen Bericht des Girondisten Guadet erließ sie am 30. August ein Dekret, das die sofortige Auflösung des Generalrats der Kommune und die Vornahme neuer Wahlen anordnete. Hätte die Kommune gehorcht, so wäre damit zugunsten der Royalisten und der Österreicher die einzige Möglichkeit der Rettung, die es noch gab, die Invasion zurückzutreiben und das Königtum zu überwinden, in Verwirrung gebracht worden. Man versteht, daß die einzige Antwort, die darauf von der Revolution gegeben werden konnte, war, den Gehorsam zu verweigern und die Urheber dieser Maßregel für Verräter zu erklären. Das tat die Kommune einige Tage später und befahl Haussuchungen bei Roland und Brissot. Marat verlangte kurz und bündig, man sollte diese verräterischen Gesetzgeber austilgen. Am selben Tage sprach das Sondergericht Montmorin frei – und zwar, nachdem man vor einigen Tagen durch den Prozeß von d'Angremont erfahren hatte, daß die gut besoldeten royalistischen Verschwörer angeworben, in Brigaden geteilt, einem Zentralkomitee unterstellt wären und nur das Zeichen erwarteten, um auf die Straße zu steigen und die Patrioten in Paris und in allen Provinzstädten anzugreifen. Der übernächste Tag, der 1. September, brachte eine neue Enthüllung. Der ›Moniteur‹ veröffentlichte einen ›Kriegsplan der gegen Frankreich koalierten Mächte‹, den er, wie er sagte, von sicherer Hand aus Deutschland erhalten hatte; und in diesem Plan hieß es, der König von Preußen sollte, während der Herzog von Braunschweig die Armeen der Patrioten in Schach hielte, direkt auf Paris marschieren; nachdem er sich zum Herrn von Paris gemacht hätte, sollte unter den Einwohnern eine Auslese getroffen werden; alle Revolutionäre sollten hingerichtet werden; im Fall die Kräfte ungleich wären, sollten die Städte in Brand gesteckt werden. ›Wüsten sind besser als rebellische Völker‹, hatten die verbündeten Könige gesagt. Und wie um diesen Plan zu bestätigen, unterhielt Guadet die Nationalversammlung mit der großen Verschwörung, die man in der Stadt Grenoble und ihrer Umgebung entdeckt hatte. Man hatte bei Monnier, einem Emigrantenagenten, eine Liste von über hundert lokalen Führern der Verschwörung gefunden, die auf die Mitwirkung von fünfundzwanzigtausend bis dreißigtausend Menschen rechneten. Überdies hatten sich die Dörfer im Departement Deux-Sèvres und Morbihan gleich nach der Nachricht von der Übergabe von Longwy erhoben: das gehörte zum Plan der Royalisten. Am selben Tage nachmittags erfuhr man, daß Verdun belagert sei, und alle Welt dachte sich, daß dieser Platz sich ebenso wie Longwy übergeben würde; daß sich nichts mehr dem raschen Marsch der Preußen auf Paris entgegenstellte und daß die Nationalversammlung entweder bald Paris verlassen und es dem Feind preisgeben oder parlamentieren würde, um den König wieder auf den Thron zu setzen und es ihm freizustellen, seine Rache zu befriedigen und die Patrioten zu vernichten. An diesem nämlichen Tage schließlich, dem 1. September, erließ Roland eine Adresse an die Verwaltungskörperschaften, die er an die Mauern von Paris anschlagen ließ und in der er von einer ausgedehnten royalistischen Verschwörung sprach, die den freien Umlauf der Lebensmittel unterbinden wollte. Nevers und Lyon litten bereits darunter. Jetzt schloß die Kommune die Schranken an den Toren von Paris und hieß Sturm läuten und die Alarmkanone ertönen. In einer machtvollen Proklamation forderte sie alle Freiwilligen, die zum Abmarsch bereit waren, auf, auf dem Marsfeld zu lagern, um am nächsten Tag frühmorgens aufzubrechen. Und zur selben Zeit ertönte überall in Paris der Wutschrei: »Zu den Gefängnissen!« Dort sitzen die Verschwörer, die nur die Ankunft der Deutschen abwarten, um Feuer und Blut über Paris zu bringen. Einige Sektionen (Poissonnière, Postes, Luxembourg) stimmen dafür, diese Verschwörer sollten sterben. »Man muß ihnen heute ein Ende machen!« – und dann die Revolution auf neue Bahnen führen. 35. Die Septembertage Sturmläuten in ganz Paris, der Generalmarsch auf den Straßen, die Alarmkanone, deren drei Schläge viertelstündlich ertönten, die Gesänge der Freiwilligen, die zur Grenze zogen, alles trug an diesem Tag, Sonntag den 2. September, dazu bei, den Zorn des Volkes zur Wut zu steigern. Schon zwischen 12 und 2 Uhr mittags fingen sich Ansammlungen vor den Gefängnissen zu bilden an. Vierundzwanzig Geistliche, die man in geschlossenen Wagen vom Rathaus nach dem Gefängnis l'Abbaye transportierte, wurden auf der Straße von Föderierten aus Marseille oder Avignon angefallen. Vier Geistliche wurden getötet, ehe sie das Gefängnis erreichten. Zwei wurden im Augenblick der Ankunft am Tor niedergemacht. Die andern wurden hineingelassen; aber kaum hatte man angefangen, sie einem Verhör zu unterziehen, als eine mit Piken, Schwertern und Säbeln bewaffnete Menge die Gefängnistür erbrach und die Geistlichen tötete; nur der Abbé Picard, der Taubstummenlehrer war, und sein Unterlehrer wurden gerettet. So begannen die Gemetzel in l'Abbaye, einem Gefängnis, das in dem Viertel einen besonders schlechten Ruf hatte. Die Scharen, die sich vor dem Gefängnis gebildet hatten und die sich aus selbständigen Handwerkern und kleinen Kaufleuten des Viertels zusammensetzten, verlangten den Tod der Royalisten, die seit dem 10. August verhaftet worden waren. Man wußte in dem Viertel, daß sie mit dem Gelde umherwarfen, daß sie sich's wohlsein ließen und ihre Frauen und Geliebten in voller Freiheit im Gefängnis empfingen. Sie hatten nach der Niederlage, die die französische Armee bei Mons erlitten hatte, illuminiert und nach der Übergabe von Longwy Siegeslieder gesungen. Sie beschimpften die Vorübergehenden hinter ihren Gittern hervor und verkündeten die baldige Ankunft der Preußen und die Ermordung der Revolutionäre. Ganz Paris sprach von einem Komplott, das in den Gefängnissen gesponnen wurde, von Waffen, die eingeschmuggelt wurden, und man wußte überall, daß die Gefängnisse wahrhafte Fabriken von falschen Assignaten und von falschen Noten der Unterstützungskasse geworden waren, durch die man den öffentlichen Kredit zu ruinieren suchte. All das wiederholte sich in den Zusammenrottungen, die sich um die Gefängnisse l'Abbaye, la Force und die Conciergerie gebildet hatten. Bald hatten diese Scharen die Tore erbrochen und fingen drinnen damit an, die Generalstabsoffiziere der Schweizer, die königlichen Garden, die Priester, die wegen ihrer Weigerung, den Eid auf die Verfassung zu leisten, deportiert werden sollten, und die royalistischen Verschwörer, die seit dem 10. August verhaftet waren, zu töten. Die Plötzlichkeit und Gleichzeitigkeit dieses wilden Angriffs scheint alle Welt überrascht zu haben. Dieses Blutbad war keineswegs von der Kommune und von Danton ins Werk gesetzt, wie die royalistischen Historiker zu behaupten belieben, es kam vielmehr so unerwartet, daß die Kommune in aller Eile Maßregeln ergreifen mußte, um den Temple zu schützen und die zu retten, die wegen Schulden usw. im Gefängnis saßen, und ebenso die Damen aus der Umgebung Marie Antoinettes. Diese Damen konnten nur unter dem Schutze der Nacht von Kommissären der Kommune gerettet werden, die sich ihrer Aufgabe nur mit großen Schwierigkeiten entledigten und in Gefahr waren, selbst von den Scharen getötet zu werden, die die Gefängnisse umstellt hatten und in den benachbarten Straßen Wache hielten. Sowie das Blutbad in l'Abbaye begonnen hatte, und man weiß, daß es gegen halb 3 Uhr begann (Mon agonie de trente-huit heures, von Journiac de Saint-Méard), ergriff die Kommune sofort Maßregeln, um es zu verhindern. Sie benachrichtigte sofort die Nationalversammlung, die Kommissäre ernannte, die zum Volk sprachen, und in der Sitzung des Generalrats der Kommune, die am Nachmittag anfing, erstattete der Prokurator Manuel bereits von seinen fruchtlosen Versuchen Bericht, dem Blutbad Einhalt zu gebieten. ›Er sagt, daß die Bemühung der zwölf Kommissäre der Nationalversammlung, seine eigenen und die seiner Kollegen von der Gemeindeverwaltung nicht erreichen konnten, die Verbrecher vom Tod zu erretten.‹ In ihrer Abendsitzung nahm die Kommune den Bericht ihrer Kommissäre entgegen, die sie nach la Force entsandt hatte, und beschloß, sie sollten sich noch einmal dahin begeben, um die Gemüter zu beruhigen. Das Volk hörte nicht auf sie, da es jeden Glauben an die Versammlung verloren hatte. Die Kommune hatte sogar in der Nacht vom 2. auf den 3. September Santerre, dem Kommandanten der Nationalgarde, befohlen, Abteilungen zu senden, die dem Blutbade ein Ende machen sollten. Aber die Nationalgarde wollte sich nicht einmischen . Sonst ist kein Zweifel, daß zum wenigsten die Bataillone der gemäßigten Sektionen marschiert wären. Offenbar hatte sich in Paris die Meinung gebildet, gegen die Zusammenrottungen sich wenden wäre ebensoviel, wie den Bürgerkrieg in dem Augenblick entflammen, wo der Feind nur ein paar Tagesmärsche entfernt und vor allem die Einigkeit nötig war. ›Man teilt euch; man sät den Haß; man will den Bürgerkrieg entflammen‹, sagte die Nationalversammlung in ihrer Proklamation vom 3. September, in der sie die Bürger aufforderte, einig zu bleiben. Unter diesen Umständen gab es kein anderes Mittel als gutes Zureden. Aber auf die Ermahnungen der Abgesandten der Kommune, die das Blutbad verhindern wollten, antwortete einer der Männer aus dem Volke in l'Abbaye, indem er Manuel fragte, ob die verfluchten Preußen und Österreicher, wenn sie nach Paris kämen, Schuldige und Unschuldige unterscheiden würden oder ob sie massenhaft töten würden? Und ein anderer oder vielleicht derselbe fügte hinzu: ›Das ist das Blut von Montmorin und seiner Rotte; wir sind auf unserm Posten, geht ihr auf euren; wenn alle die, die wir beauftragt haben, Justiz zu üben, ihre Pflicht getan hätten, wären wir nicht hier .‹ Das sahen die Bevölkerung von Paris und alle Revolutionäre an diesem Tage sehr klar vor sich. Jedenfalls erließ das Überwachungskomitee der Kommune, sowie es das Ergebnis von Manuels Mission erfuhr, am Nachmittag des 2. September den folgenden Aufruf: ›Im Namen des Volkes. Kameraden, wir befehlen euch an, über alle Gefangenen von l'Abbaye ohne Unterschied, mit Ausnahme des Abbé Lenfant, den ihr an einen sicheren Ort bringen werdet, Gericht zu halten. Im Rathaus, am 2. September. (Gezeichnet: Panis, Sergent, Aufsichtsbeamte).‹ Sofort wurde ein provisorischer Gerichtshof aus zwölf Geschworenen, die das Volk ernannte, eingesetzt, und der Huissier Maillard, der in Paris seit dem 14. Juli und dem 5. Oktober so wohlbekannt war, wurde zum Präsidenten des Gerichts ernannt. Ein ähnlicher Gerichtshof wurde von zwei oder drei Mitgliedern der Kommune in la Force improvisiert, und diese beiden Gerichte bemühten sich, so viel Gefangene zu retten, als ihnen möglich war. So gelang es Maillard, Cazotte, der schwer kompromittiert war (Michelet, Buch VII, 5. Kapitel), und de Sombreuil zu retten, der als erklärter Feind der Revolution bekannt war. Er benutzte die Gegenwart ihrer Töchter, Fräulein Cazotte und Fräulein Sombreuil, die sich mit ihren Vätern hatten ins Gefängnis sperren lassen, und auch das hohe Alter Sombreuils, und es gelang ihm so, ihre Freisprechung zu erwirken. Später konnte Maillard in einem Schriftstück, das Granier de Cassagnac in Faksimile wiedergegeben hat, mit Stolz sagen, daß er so sechsundvierzig Personen das Leben gerettet hat. Es ist kaum nötig, hinzuzufügen, daß ›das Glas Blut‹ von Fräulein de Sombreuil eine der niederträchtigsten Erfindungen der royalistischen Schriftsteller ist. (Siehe Louis Blanc, Buch VIII, 2. Kapitel; L. Combes, Épisodes et curiosités révolutionnaires, 1872.) In la Force gab es ebenfalls viele Freisprechungen; nach der Aussage Talliens wurde nur eine einzige Frau getötet, Frau von Lamballe. Jede Freisprechung wurde mit dem Rufe: ›Es lebe die Nation!‹ begrüßt, und der Freigesprochene wurde von Männern aus der Menge mit allen Zeichen der Sympathie bis zu seiner Wohnung begleitet; aber diese Begleiter lehnten es rundweg ab, von dem Befreiten oder seinen Angehörigen Geld anzunehmen. Man gab so notorische Royalisten frei, gegen die es keine beglaubigten Tatsachen gab, wie zum Beispiel den Bruder des Ministers Bertrand de Molleville, und selbst einen fanatischen Feind der Revolution, den Österreicher Weber, den Milchbruder der Königin, und man führte sie im Triumph, mit Ausbrüchen der Freude zu ihren Angehörigen oder Freunden. Im Karmeliterkloster hatte man seit dem 11. August angefangen, Geistliche einzusperren, und da befand sich der berüchtigte Erzbischof von Arles, den man beschuldigte, die Ursache der Niedermetzelung der Patrioten in dieser Stadt gewesen zu sein. Alle sollten deportiert werden, als der 2. September dazwischenkam. Eine Anzahl Männer, die mit Säbeln bewaffnet waren, drangen an diesem Tage in das Kloster und töteten den Erzbischof von Arles, und ebenso – nach summarischem Gerichtsverfahren – eine Anzahl Geistliche, die den Bürgereid verweigert hatten. Mehrere retteten sich indessen, indem sie eine Mauer erkletterten, andere wurden, wie aus dem Bericht des Abbé Berthelet de Barbot hervorgeht, von Mitgliedern der Sektion des Luxembourg und von Pikenmännern, die in dem Gefängnis stationiert waren, gerettet. Das Morden dauerte auch noch am 3. September fort, und am Abend sandte das Überwachungskomitee der Kommune mit Zustimmung des Justizministers an die Departements ein Zirkular, das Marat verfaßt hatte und in dem er die Nationalversammlung angriff, die Ereignisse erzählte und den Departements empfahl, dem Beispiel von Paris zu folgen. Indessen legte sich die Aufregung des Volkes, sagt Saint-Méard, und am 3. September gegen 8 Uhr hörte er mehrere Stimmen rufen: »Gnade, Gnade für die, die noch übrig sind!« Übrigens waren nicht mehr viele politische Gefangene in den Gefängnissen. Aber jetzt ereignete sich, was notwendig kommen mußte. Unter die, die die Gefängnisse aus Überzeugung angegriffen hatten, mischten sich andere, zweifelhafte Elemente. Und endlich entstand, was Michelet sehr gut ›die Säuberungswut‹ genannt hat – die Begier, Paris nicht nur von den royalistischen Verschwörern, sondern ebenso von den Falschmünzern, den Herstellern falscher Assignaten, den Spitzbuben, selbst den öffentlichen Dirnen zu säubern, die man alle royalistisch nannte! Am 3. September hatte man schon im Grand-Châtelet Diebe und in les Bernardins Zuchthäusler umgebracht, und am 4. zog eine Schar zur Niedermetzelung nach la Salpêtrière, nach Bicêtre, ja sogar in die Besserungsanstalt von Bicêtre, die das Volk als einen Leidensort von Unglücklichen wie es selbst, hauptsächlich von Kindern, hätte respektieren sollen. Endlich gelang es der Kommune, dem Blutbad ein Ende zu machen – nach Maton de la Varenne am 4. September. Im ganzen wurden mehr als tausend Menschen umgebracht, darunter 202 Geistliche, 26 Angehörige der königlichen Garde, 30 Schweizer vom Generalstab und mehr als 300 gemeine Sträflinge von denen, die in der Conciergerie während ihrer Haft falsche Assignaten hergestellt hatten. Maton de la Varenne, der in seiner Histoire particulière (S. 419 ( 460)) eine alphabetische Liste der während dieser Septembertage Getöteten mitteilt, kommt zu einer Gesamtsumme von 1086, wozu noch drei Unbekannte kommen, die bei der Gelegenheit getötet wurden. Auf Grund dieser Tatsachen haben die royalistischen Historiker ihre Romane ausgearbeitet und haben von 8000 und selbst von 12 852 Getöteten gesprochen. Alle Historiker der Großen Revolution, anzufangen mit Buchez und Roux, haben die Meinung verschiedener bekannter Revolutionäre über diese Bluttaten angeführt, und ein interessanter Zug ist den zahlreichen Zitaten, die sie mitteilen, gemeinsam: die Girondisten, die sich später am meisten der Septembertage bedienten, um die Männer des Bergs heftig und unausgesetzt anzugreifen, nahmen in diesen Tagen durchaus die nämliche Haltung des ›laisser faire‹ ein, die sie später Danton, Robespierre und der Kommune vorwarfen. Die Kommune allein ergriff in ihrem Generalrat und ihrem Überwachungskomitee mehr oder weniger wirksame Maßregeln, um den Bluttaten ein Ende zu machen oder sie wenigstens, als sie sah, daß es unmöglich war, sie zu hindern, zu umgrenzen und zu legalisieren. Die andern waren lässig oder glaubten vielmehr, sich nicht einmischen zu sollen; und die meisten billigten die Sache, nachdem sie geschehen war. Das beweist, bis zu welchem Grade trotz dem Entrüstungsschrei, den diese Bluttaten hervorriefen, alle einsahen, daß sie die unvermeidliche Konsequenz des 10. August und der zweideutigen Politik der Regierenden selber während der zwanzig Tage nach dem Tuileriensturm waren. Roland spricht in seinem so oft zitierten Brief vom 3. September von den Bluttaten in Ausdrücken, die ihre Notwendigkeit anerkennen, und für ihn ist die Hauptsache, die These auszuführen, die die Lieblingsthese der Girondisten werden wird: daß vor dem 10. August die Unordnung nötig war, daß aber jetzt alles zur Ordnung zurückkehren müsse. Im allgemeinen sind die Girondisten, wie Buchez und Roux sehr gut bemerkt haben, ›hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt‹; ›sie sehen mit Betrübnis die Macht ihren Händen entfallen und in die ihrer Gegner übergehen ... aber sie haben keine Motive, um die Bewegung, die vor sich geht, zu tadeln ... Sie verhehlen sich nicht, daß diese Bewegung allein die Unabhängigkeit der Nation retten und sie selbst vor der Rache der Emigration in Waffen schützen kann .‹ (S. 397) Die wichtigsten Zeitungen, wie der ›Moniteur‹ und die ›Révolution de Paris‹, billigen die Vorfälle, während andere, wie die ›Annales patriotiques‹ und die ›Chronique de Paris‹ und selbst Brissot im ›Patriote français‹, sich mit einigen kalten und gleichgültigen Worten über diese Tage begnügen. Daß die royalistische Presse sich dieser Taten bemächtigt hat, um ein Jahrhundert lang die phantastischsten Berichte in Umlauf zu bringen, versteht sich von selbst. Wir geben uns nicht damit ab, sie zu widerlegen. Aber es gibt einen Irrtum in der Beurteilung, der sich auch bei den republikanischen Historikern findet und der behoben zu werden verdient. Es ist wahr, daß die Zahl derer, die in den Gefängnissen töteten, nicht mehr als dreihundert Mann betrug. Auf Grund dessen klagt man alle Republikaner, die dem Morden kein Ende gemacht haben, der Feigheit an. Nichts ist indessen irriger als diese Art der Rechnung. Die Zahl von drei- oder vierhundert ist richtig. Aber man braucht nur die Berichte von Weber, von Fräulein von Tourzel, von Maton de la Varenne usw. zu lesen, um zu sehen, daß zwar die Mordtaten das Werk einer beschränkten Zahl Menschen waren, daß aber um jedes Gefängnis herum und in den benachbarten Straßen große Scharen von Menschen standen, die das Blutbad billigten und die gegen jeden, der sie hätte hindern wollen, zu den Waffen gerufen hätten. Überdies beweisen die Bulletins der Sektionen, die Haltung der Nationalgarde und selbst die Haltung der Revolutionäre, die auf Posten standen, daß alle begriffen hatten: eine Einmischung des Militärs wäre das Signal zu einem Bürgerkrieg gewesen, der, gleichviel, welcher Seite der Sieg zugefallen wäre, zu noch viel ausgedehnteren und schrecklicheren Bluttaten geführt hätte, als die in den Gefängnissen waren. Andrerseits hat Michelet gesagt, und dieses Wort ist seitdem wiederholt worden, es sei die Furcht gewesen, die grundlose Furcht, die immer maßlos ist, was diese Bluttaten verursacht hätte. Ein paar hundert Royalisten mehr oder weniger in Paris, hat man gesagt, bedeuteten für die Revolution keine Gefahr. Aber wer so räsoniert, verkennt, will mich bedünken, die Kraft der Reaktion. Diese ›paar hundert Royalisten‹ hatten für sich die Mehrheit, die überwältigende Mehrheit des wohlhabenden Bürgertums, die ganze Aristokratie, die Gesetzgebende Versammlung, das Departementsdirektorium, die meisten Friedensrichter und bei weitem die meisten Beamten. Diese kompakte Masse von Elementen, die Feinde der Revolution waren, wartete nur auf die Ankunft der Deutschen, um sie mit offenen Armen zu empfangen und mit ihrer Hilfe das gegenrevolutionäre Schreckenselement, das ›schwarze‹ Blutbad in Szene zu setzen. Man braucht sich nur an den weißen Schrecken unter den Bourbonen zu erinnern, als sie im Jahre 1814 unter dem hohen Schutze der ausländischen Armeen zurückgekehrt waren. Überdies gibt es eine Tatsache, die die Historiker unbeachtet lassen, obwohl sie die ganze Situation zusammenfaßt und den wahren Grund der Bewegung des 2. September zum Ausdruck bringt. Diese Tatsache ist, daß sich noch während der Bluttaten, am Morgen des 4. September, die Nationalversammlung endlich auf den Vorschlag von Chabot entschloß, das so lange erwartete Wort auszusprechen. In einer Adresse an die Franzosen erklärte sie, der Respekt gegen den künftigen Konvent verhinderte ihre Mitglieder, in dem Augenblick zum Ausdruck zu bringen, was sie von der französischen Nation erwarteten; aber schon jetzt wollten sie als Individuen den Schwur leisten, den sie als Volksvertreter zu leisten jetzt nicht mehr in der Lage wären: ›Aus all ihren Kräften die Könige und das Königtum zu bekämpfen! Keinen König! Niemals eine Kapitulation, nie einen König des Auslands!‹ Und sowie diese Adresse angenommen war, wurden die Abgesandten der Nationalversammlung, die sich mit ihr in die Sektionen begaben, trotz der Einschränkung, die eben erwähnt worden ist, sofort mit Begeisterung empfangen, und die Sektionen nahmen es auf sich, den Bluttaten ein Ende zu machen. Es war indessen nötig gewesen, daß Marat dem Volk sehr dringlich empfahl, die schurkischen Royalisten der Gesetzgebenden Versammlung niederzumachen, und daß Robespierre Carra und die Girondisten im allgemeinen denunzierte, sie seien geneigt, einen ausländischen König zu akzeptieren; es war nötig, daß die Kommune Haussuchungen bei Roland und Brissot anordnete, damit der Girondist Guadet am 4. September – erst am 4. – eine Adresse brachte, in der die Abgeordneten aufgefordert wurden, zu schwören, sie wollten mit all ihren Kräften die Könige und das Königtum bekämpfen. Wäre eine zweifellose Erklärung dieser Art unmittelbar nach dem 10. August beschlossen, und wäre Ludwig XVI. in Anklagezustand versetzt worden, so hätten die Septembermorde gewiß nicht stattgefunden. Das Volk hätte die Ohnmacht der royalistischen Verschwörung eingesehen, sowie sie nicht den Beistand der Nationalversammlung, der Regierung gehabt hätte. Und man sage nicht, der Verdacht Robespierres sei ein bloßes Hirngespinst gewesen. Erkennt nicht Condorcet, der alte Republikaner, der einzige Abgeordnete in der Gesetzgebenden Versammlung, der sich schon 1791 offen für die Republik ausgesprochen hatte, in der ›Chronique de Paris‹ an, daß man ihm mehrfach von der Idee gesprochen habe, der Herzog von Braunschweig solle den Thron Frankreichs besteigen, Carra, der Herausgeber der ›Annales patriotiques‹, eines der wichtigsten Organe der Gironde, äußerte sich in der Ausgabe vom 19. Juli 1792 folgendermaßen über den Herzog von Braunschweig: ›Der Herzog von Braunschweig ist der größte Heerführer und der größte Politiker Europas; er ist ein außerordentlich gebildeter, aufgeklärter und umgänglicher Mann: Ihm fehlt eigentlich nur die Krone, um, wenn schon nicht der größte Monarch auf Erden, so doch ein wahrhafter Erneuerer der Freiheit in Europa zu werden. Wenn er nach Paris kommt, so stehe ich dafür ein, daß er sich als erstes in den Jakobinerklub begibt und dort die rote Mütze aufsetzt.‹ (Als Zeichen ihrer demokratischen Gesinnung trugen die extremen Jakobiner damals gestrickte rote Bauernmützen.) wobei er freilich für sich – aber nur für sich – jeden Gedanken an solchen Wunsch abweist? Es ist Tatsache, daß in diesen zwanzig Tagen des Interregnums viele Kandidaturen – die des Herzogs von York, des Herzogs von Orléans, des Herzogs von Chartres (des Kandidaten von Dumouriez) und selbst des Herzogs von Braunschweig – in den Kreisen der Politiker besprochen wurden, die keine Republik wollten, wie die Feuillants, oder die, wie die Girondisten, nicht an die Möglichkeit eines Sieges der Franzosen glaubten. Dieses Schwanken, diese Schwachmütigkeit, diese Verräterei der Staatsmänner, die am Ruder waren, das sind die wahren Gründe für die Verzweiflung, die am 2. September die Bevölkerung von Paris überkam. Endnoten, sowie Fußnoten der zeitgenössisischen Ausgabe aus ©-Gründen gelöscht. Re.