Menschenhaß und Reue. Schauspiel in fünf Akten von August von Kotzebue. Neue, von dem Verfasser selbst ganz veränderte Ausgabe.     Leipzig, bei Paul Gotthelf Kummer. 1819.     Personen.         General Graf von Wintersee . Die Gräfin . Major von der Horst , Bruder der Gräfin, in französischen Diensten. Lotte , Kammermädchen der Gräfin. Ein Kind der Gräfin von 4 bis 5 Jahren. Bittermann , Haushofmeister und Verwalter des Grafen. Peter , sein Sohn. Madame Müller , oder Eulalia . Ein Unbekannter . Franz , sein alter Diener. Zwei Kinder von 4 bis 5 Jahren. Ein Greis .     Erster Akt. (Ein freier Platz im Parke des Grafen von Wintersee. Rechter Hand ein Sommerhaus und eine Rasenbank. Im Hintergrund eine Bauerhütte.) Erste Scene. Peter (jagt einem Schmetterlinge nach, den er endlich mit dem Hute erhascht.) Aha! – Dich hab' ich erwischt. Ei, der ist gewaltig schön, roth und blau und gelb. (er spießt ihn an eine Nadel und steckt ihn auf den Hut.) Sapperlot! bin ich nun noch der dumme Peter? – mein Vater nennt mich immer ungeschickt; aber was gilts, den bunten Schmetterling hätte er nicht so flink erhascht? – Ja, er will immer so gescheit seyn, nichts kann ich ihm recht machen; bald red' ich zu viel, bald zu wenig, und wenn ich einmal mit mir selbst rede, so nennt er mich gar einen Narren. Ei, ich rede doch am liebsten mit mir selbst, denn ich verstehe mich am besten, und ich lache mich auch nicht aus, wie die andern wohl zu thun pflegen; das ist eine häßliche Gewohnheit. Ja, von Madam Müller mag ich's wohl leiden; denn da bin ich froh, wenn ich sie nur einmal lachen sehe, sie ist immer so traurig. – Na, Musje Peter, nun wollen wir Erdbeeren suchen, und Madam Müller soll die schönsten bekommen. – (er will gehen) Potz Velten! da hätte ich beinahe vergessen, warum ich kam. (er zieht einen Beutel hervor.) Sie hat mir ja befohlen, das Geld dem alten Tobies zu bringen – und nicht ein Wörtchen soll ich ausplaudern? – o ich bin stumm, wie ein Fisch. – Ja, schön ist Madam Müller, sehr schön, aber dumm, entsetzlich dumm! denn mein Papa sagt: wer sein Geld verthut, ist ein halber Narr, aber wer es verschenkt, ein ganzer.   Zweite Scene. Der Unbekannte . Franz . Peter . Der Unbekannte (mit verschränkten Armen und gebeugtem Haupte. Als er Petern erblickt, bleibt er stehen und betrachtet ihn mißtrauisch.) Peter (steht ihm gegenüber und sperrt das Maul auf. Endlich zieht er den Hut, nickt ihm bäuerisch zu und geht in die Hütte.) Unb . Wer ist der Mensch? Franz . Der Sohn des Verwalters. Unb . Vom Schlosse? Fr . Ja. Unb . Was thut er hier? Fr . Er ging hinein zu dem armen Bauer. Unb . Von dem du gestern sprachst? Fr . Ach! Sie antworteten mir nicht. Unb . Woher weißt du, daß er so arm ist? Fr . Er sagt es. Unb . O sie sagen und klagen viel. Fr . Und betrügen viel. Unb . Richtig. Fr . Dieser nicht. Unb . Warum nicht? Fr . Die Wahrheit hat so ihren eignen Stempel. Unb . (höhnisch) Meinst du? Fr . Es fühlt sich. Unb . Narr! Fr . Besser fühlen als klügeln . Unb . Das ist nicht wahr. Fr . Wohlthaten erzeugen Dank. Unb . Das ist nicht wahr. Fr . Und beglücken mehr den Geber, als den Empfänger. Unb . Das ist wahr. Fr . Sie sind ein wohlthätiger Herr. Unb . Schweig! die Menschen verdienen es nicht. Fr . Die meisten freilich nicht. Unb . Sie heucheln. Fr . Sie betrügen. Unb . Sie weinen ins Angesicht. Fr . Und lachen hinter dem Rücken. Unb . (bitter) Menschenbrut! Fr . Es gibt Ausnahmen. Unb . Wo? Fr . Dieser Greis. Unb . Hat er gesagt? Fr . Mit heißen Thränen. Unb . Ein wahrhaft Unglücklicher klagt nicht. Fr . Die Conscription hat ihm den einzigen Sohn entrissen. Unb . Futter für Pulver, ha! ha! ha! Fr . Er darbt, ist krank und verlassen. Unb . Wer kann ihm helfen? Fr . Sie. Unb . Wodurch? Fr . Wenn er einen Stellvertreter bezahlen könnte – Unb . Hälst du mich für reich? Fr . Und für gut. Unb . Ich will nicht gut seyn. Fr . O Sie sind es wider Ihren Willen. Unb . Laß mich zufrieden. (er geht in die Hütte.)   Dritte Scene. Franz allein. Aha! er geht hinein. Was gilt's, er hilft. – Ein guter Herr, aber das Reden verlernt man bei ihm. Ein braver, wunderlicher Herr! immer schimpft er auf die Menschen, und doch geht kein Armer hilflos von seiner Thür. Schon drei Jahre bin ich bei ihm, und noch weiß ich nicht, wer er ist. Ein Menschenfeind. Aber ich wette, seine Mutter hat ihn nicht dazu geboren. Der Menschenhaß ist in seinem Kopfe, nicht in seinem Herzen.   Vierte Scene. Franz . Der Unbekannte . Peter aus der Hütte. Peter . Spazieren Sie nur voran. Unb . Narr! Fr . So bald zurück? Unb . Was soll ich da? Fr . Fanden Sie es nicht, wie ich sagte? Unb . Diesen Burschen fand ich. Fr . Was hat der mit Ihrer Wohlthätigkeit zu schaffen? Unb . Mein Geld braucht der Alte nicht. Fr . Es wäre ihm schon geholfen? Unb . Frage nur diesen. Fr . He! junger Herr, was haben Sie dort in der Hütte gemacht? Peter . Gemacht? nichts. Fr . Umsonst sind Sie doch nicht da gewesen? Peter . Umsonst? warum nicht? mein Seel, ich bin umsonst da gewesen. Pfui, wer wird sich denn Alles bezahlen lassen? wenn Madam Müller mir ein freundliches Gesicht macht, so klettere ich umsonst in den Taubenschlag. Fr . Also Madam Müller hat sie geschickt? Peter . Nun ja, man spricht nicht gern davon. Fr . Warum denn nicht. Peter . Ja seh' er nur, Madam Müller sagte: Musje Peter, seyn Sie so gut und lassen Sie sich nichts merken. (mit vieler Behaglichkeit) Musje Peter! seyn Sie so gut! hä! hä! hä! das kitzelt. Fr . Freilich, dann müssen sie auch verschwiegen seyn. Peter . Ei, das bin ich auch. Ich sagte dem alten Tobies, er solle nicht etwa denken, daß Madam Müller ihm das Geld geschickt hätte, denn das würde ich nimmermehr ausplaudern. Fr . Daran thaten Sie wohl. Brachten Sie ihm viel Geld? Peter . Nun ich habe es nicht gezählt. Es war in einem grünen seidenen Beutelchen. Ich denke, es mochten wohl die Milchpfennige seyn, die sie seit 14 Tagen zusammen gespart, hat. Fr . Warum denn eben seit 14 Tagen? Peter . Ei damals mußte ich ihm ja auch Geld bringen, und vor drei Wochen – es war gerade an einem Sonntage – nein, es war an einem Milchtage – aber ein Festtag muß es gewesen seyn, denn ich hatte meinen Sonntagsrock an. Fr . Und alle das Geld kam von Madam Müller? Peter . I Herr Je! von wem denn sonst? mein Papa ist nicht so ein Narr; der sagt, man muß das Seinige zu Rathe halten, und besonders im Sommer muß man gar kein Almosen geben, denn da hat der liebe Gott Kräuter und Wurzeln genug wachsen lassen, von denen der Mensch satt werden kann. Fr . Ei der liebe Papa! Peter . Aber Madam Müller lacht ihn aus. Als vor Weihnachten die Kinder der alten Lise die Pocken hatten – nein, es war nach Weihnachten – Fr . Nun gleichviel. Peter . Ja, da wollte Madam Müller mich auch hinunter schicken ins Dorf, zu der alten Lise nemlich, aber das schlug ich ihr rund ab; denn es hatte geglatteist, und die Kinder sehen so schmuzig aus. Fr . Und was that denn Madam Müller? Peter . Mein Sir! sie ging selber hin und hat die schmuzigen Kinder auf ihren weißen Armen herumgetragen. Puah! Fr . Eine sonderbare Frau. Peter . Ja sie ist manchmal gar zu wunderlich. Oft weint sie den ganzen Tag, ohne zu wissen warum. Ach! dann schmeckt mir kein Bissen, und ich muß mit weinen, ich mag wollen oder nicht. Fr . (zu dem Unbekannten) Sind Sie nun beruhigt? Unb . Schaffe mir den Schwätzer vom Halse. Fr . Ich empfehle mich, Musje Peter. Peter . Wollen Sie schon fort? Fr . Madam Müller wird auf Antwort warten. Peter . Ach der Geier! Sie haben Recht. (er zieht vor dem Unbekannten den Hut) Gott befohlen, Herr! (leise zu Franz) Der ist gewiß böse, daß er nichts von mir herauskriegt? Fr . Es scheint beinahe. Peter . Ja, der Peter ist keine Plaudertasche. (ab)   Fünfte Scene. Der Unbekannte . Franz . Fr . Nun Herr? Unb . Ich will nichts mehr hören. Diese Madam Müller, wer ist sie? warum finde ich sie immer auf meinem Wege? wo ich hinkomme, da ist sie schon gewesen. Fr . Sie sollten sich freuen. Unb . Worüber? Fr . Daß es der wohlthätigen Menschen noch mehrere in der Welt gibt. Unb . O ja. Fr . Sie sollten ihre Bekanntschaft suchen. Unb . Warum nicht lieber gar mich in sie verlieben? Fr . Auch das, wenn Sie Lust dazu haben. Ich sah sie einigemal im Garten, sie ist eine schöne junge Frau. Unb . Schönheit ist Larve. Fr . Bei ihr doch wohl ein Spiegel der Seele. Ihre Wohlthaten – Unb . Ach, rede mir nicht von ihren Wohlthaten. Glänzen und schimmern wollen sie alle, eine Frau in der Stadt durch ihren Geist, eine Frau auf dem Lande durch ihr Herz. Fr . Gleichviel, wie das Gute gestiftet wird. Unb . Nicht gleichviel. Fr . Wenigstens für den armen Alten. Unb . Desto besser, so kann er meiner Hülfe entbehren. Fr . Das fragt sich noch. Unb . Wieso? Fr . Seinen dringendsten Bedürfnissen hat Madam Müller abgeholfen; ob sie aber so viel ihm gab oder geben konnte , um sich auch die Stütze seines Alters zurück zu erkaufen – Unb . Schweig! ich will ihm nichts geben. – Du interessirst dich ja recht warm für ihn. Willst du vielleicht mit ihm theilen? Fr . Pfui! das kam nicht aus Ihrem Herzen. Unb . (reicht ihm die Hand) Nein. Vergib mir. Fr . (küßt sie) Armer Herr! wie muß Ihnen mitgespielt worden seyn, ehe es der Welt gelang, diesen fürchterlichen Menschenhaß, diese schauerlichen Zweifel an Tugend und Redlichkeit in Ihr Herz zu pflanzen! Unb . Du hast's errathen. Laß mich zufrieden. (setzt sich auf eine Bank und liest) Fr . (für sich) Immer meine ich, wenn es ihn so ergreift, nun werde er sich Luft machen; aber jedesmal bricht er ab und setzt sich in einen Winkel und liest. Für ihn hat die schöne Natur keinen Reiz und das Leben keine Freude. Nicht Einmal in drei Jahren hab' ich ihn lachen sehn. Was soll daraus werden? Gott schütz' ihn vor Selbstmord! Wenn er sich doch an irgend ein lebendes Wesen kettete, wäre es auch nur ein Hund oder ein Vogel. Oder wenn er Blumen zöge, oder Schmetterlinge sammelte; denn etwas muß der Mensch doch lieben. Unb . (liest) »In der Einsamkeit blutet jede alte Wunde, da rostet kein Dolch.« Fr . Ja, ja, der ehrliche Mann hat Recht, drum fort aus der Einsamkeit! Fort in einen Wirbel von Geschäften und Zerstreuungen! (der Unbekannte hört ihn nicht.)   Sechste Scene. Die Vorigen . Der Greis (aus der Hütte.) Greis . O wie wohl das thut, nach sieben langen Wochen – Gottes warme Sonne! – Fast hätt' ich in der Freude dem Schöpfer zu danken vergessen! (faltet die Mütze zwischen beiden Händen, blickt gen Himmel und betet.) Unb . (läßt das Buch sinken und wird aufmerksam auf ihn.) Fr . Dem Alten ist wohl wenig Freude in der Welt beschert, und doch dankt er Gott für das Wenige. Unb . Er stellt sich fromm, um mich zu rühren. Fr . (die Achseln zuckend.) O weh! o weh! Greis . (hat still sein Gebet vollendet und nähert sich mit der Mütze in der Hand.) Guten Tag! Fr . Den gebe dir Gott! Greis . Er hat ihn mir gegeben. Fr . Glück zu, Alter! Du bist dem Tode entronnen. Greis . Eine wohlthätige Frau hat mir das Leben gefristet. Fr . Freilich bist du schon ein alter Knabe. Greis . Ueber siebenzig. Fr . Fürwahr, du solltest über deine Genesung murren. Greis . Murren? Fr . Für den Unglücklichen ist der Tod kein Uebel. Greis . Bin ich denn so unglücklich? Genieße ich nicht diesen schönen Morgen und bin gesund? – Glaubt mir, Herr, ein Genesener, der zum Erstenmale wieder in die freie Luft tritt, ist sehr glücklich. Fr . Wie lange? Greis . Freilich, man gewöhnt sich nur zu leicht daran. Doch weniger im Alter. Da wird man haushälterisch mit der Gesundheit. Man stürzt den Wein nicht mehr hinunter, man schlürft die letzten Tropfen. So ist's auch mit der Freude. Ich habe viel in der Welt gelitten und leide noch, aber ich würde darum doch nicht gerne sterben. Als mir vor vierzig Jahren mein Vater diese Hütte hinterließ, da war ich ein junger rascher Kerl, nahm ein gutes flinkes Weib, die schenkte mir fünf Kinder, und Gott segnete meine Wirthschaft. Das dauerte wohl 15 Jahre. Es kam die große Hungersnoth, mein Weib half mir ehrlich tragen. Aber bald darauf nahm Gott sie zu sich! mit ihr verschwand der Segen. Durch den Krieg mußt' ich verarmen. Die Knochen meiner Söhne liegen auf dem Schlachtfelde! nur Einer blieb mir übrig. Das war Schlag auf Schlag! ich konnte mich lange nicht erholen. Zeit und Gottesfurcht thaten endlich das ihrige. Ich gewann das Leben wieder lieb. Mein Sohn wuchs heran und half mir arbeiten. Nun hat auch der fort gemußt – das ist freilich hart! Arbeiten kann ich nicht mehr, ich bin alt und schwach. Wäre Madam Müller nicht gewesen, ich hätte verhungern müssen. Fr . Und doch hat das Leben noch Reiz für dich? Greis . Warum nicht? so lange mein Herz noch an irgend etwas hängt. Hab' ich denn nicht einen Sohn? Fr . Wer weiß, ob deine Augen ihn je wiedersehen. Greis . Er lebt aber doch. Fr . Wer weiß! Greis . Nun so lebt er in meinen Gedanken, und das erhält mir mein eignes Leben. Ja, Herr, selbst wenn mein Sohn todt wäre, so würde ich darum doch nicht gerne sterben. Denn hier ist noch eine Hütte, in der ich geboren und erzogen bin; hier ist noch eine alte Linde, die mit mir aufwuchs, und – fast schäme ich mich, es zu bekennen – ich habe auch noch einen alten treuen Hund, den ich liebe. Fr . Einen Hund? Greis . Ja, einen Hund. Lach' er, wie er will. Madam Müller, die wackere Frau, war selbst einmal in meiner Hütte. Der alte Fidel knurrte, als sie kam. »Warum schafft er den garstigen großen Hund nicht ab?« fragte sie mich, »er hat ja kaum Brod für sich.« – Lieber Gott! gab ich zur Antwort, wenn ich ihn abschaffe, wer wird mich dann lieben? Fr . (zu dem Unbekannten) Nehmen Sie mir's nicht übel, gnädiger Herr, ich wollte Sie hätten zugehört. Unb . Das hab' ich. Fr . Nun so wollt' ich, Sie nähmen ein Beispiel an diesem Alten. Unb . (nach einer Pause, gibt ihm das Buch) Da, leg' es auf meinen Schreibtisch. (Franz ab) Unb . Wie viel gab dir Madam Müller? Greis . Ach! die gute, englische Seele hat mir so viel gegeben, daß ich dem kommenden Winter ruhig entgegen sehen darf. Unb . Nicht mehr? Greis . Wozu denn mehr? – Freilich. um meinen Hans los zu kaufen, könnt' ichs wohl brauchen – aber – sie ist ja selbst nicht reich. Unb . (drückt ihm einen Beutel in die Hand) Da! kaufe deinen Hans los. (er entfernt sich schnell) Greis . Was war das! (er öffnet den Beutel und findet ihn voller Goldstücke) Ach Gott! (er zieht die Mütze ab, kniet nieder und betet.)   Siebente Scene. Franz . Der Greis . Greis . (ihm entgegen ) Nun, sieht er wohl, Herr? Vertrauen auf Gott läßt nicht zu Schanden werden. Hier ist Gottes reicher Segen. Fr . Glück zu! wer gab dies? Greis . Sein braver Herr, dem Gott lohne. Fr . Amen. – Darum also mußt' ich das Buch hinein tragen? Er wollte keinen Zeugen seiner Wohlthätigkeit. Greis . Auch meinen Dank wollte er nicht einmal. Fort war er, ehe ich reden konnte. Fr . Das sieht ihm ähnlich. Greis . Nun, Herr, nun will ich gehn, so schnell die alten Füße mich tragen wollen. Ach! ein fröhlicher Gang! ich gehe, meinen Hans loszukaufen. – Wie wird der gute Junge sich freun! Er hat auch ein Mädchen unten im Dorfe, eine brave Dirne – welche Freude! welche Freude! – Gott! wie gütig bist du! Jahre lange Leiden vermögen die Erinnerung an ehemalige Freuden nicht auszulöschen, aber ein einziger froher Augenblick tilgt Jahre lange Leiden aus unserm Gedächtniß! – Beschreib' er seinem Herrn meine Freude, die wird ihm lieber seyn, als mein Dank. – O warum kann ich nicht laufen! warum nicht fliegen! – (er steht plötzlich still) Halt! das war unrecht. Der alte Fidel muß auch mit mir gehen. Er hat mit mir gehungert und gewinselt, er soll sich auch mit mir freuen. Er und mein Sohn sind alte gute Freunde. (in die Hütte gehend) Fidel! Fidel! Fr . (abgehend) Die Reichen sind doch zu beneiden.   Achte Scene. (Zimmer im Schloß.) Eulalia . (tritt auf mit einem Briefe in der Hand.) Das ist mir nicht lieb. – Ich hatte mich so gewöhnt an die stille Einsamkeit. – Freilich wohnt die Ruhe nicht immer in der Brust des Einsamen; denn ach! dir folgt dein Gewissen in Klöster und Wüsteneien! Aber ich konnte doch weinen, wenn die Reue mich nagte, und Niemand sah mein rothgeweintes Auge, und Niemand fragte: warum haben Sie geweint? ich konnte in Wald und Feld herum irren, und Niemand wußte, daß mein Gewissen mich jagt! – Nun werden sie mich in ihre Gesellschaften ziehen, da werd' ich reden und lachen sollen, an schönen Tagen mit ihnen spazieren gehn, bei Regenwetter wohl gar Karten spielen. – Und auch der Major – ich muß ihn scheuen. – Ach! ich wollte sie wären in der Stadt geblieben, auf ihren Bällen und Clubbs, auf ihren Assembleen und Promenaden, und hätten sich da begafft und verleumdet, betrogen und verführt; – (in den Brief sehend) und heute schon? – das ist mir gar nicht lieb! – und ich kann nicht recht klug aus dem Briefe werden, ob die Reise aufs Land nur so eine Grille war? Laune eines Augenblicks, oder Plan auf längere Dauer? – Fast befürchte ich das Letztere! und dann – gute Nacht Einsamkeit! die du so oft mit deinem magischen Stabe das gefolterte Herz milde berührtest! Gute Nacht Lectüre! schales Plaudern wird dich verdrängen. Hier, wo die Morgensonne sich nur in meinen Thränen spiegelte, hier wird Jagdgetös und Hundegeheul sie begrüßen. – Ach! Alles wollt' ich gern ertragen, doch wenn die edle Gräfin mir Beweise ihrer Zuneigung, wohl gar ihrer Hochachtung gibt, und jeden Augenblick mein Bewußtsein mir sagt, daß ich es nicht verdiene – oder – ich bebe vor dem Gedanken! – Wenn dieses Schloß nun ein Tummelplatz von Gesellschaften würde, unter welche das Ungefähr wohl gar einige meiner ehemaligen Bekannten mischte – ach! wie elend ist man, wenn auch nur zwei Augen in der Welt sind, deren Blick man scheuen muß! –   Neunte Scene. Peter . Eulalia . Peter . Nun, da bin ich. Eul . Schon zurück. Peter Gelt' ich bin flink? und habe unterwegs noch den schönen Schmetterling gehascht, und Erdbeeren gesucht, und ein Viertelstündchen verplaudert. Eul . Plaudern mögen Sie, nur nicht ausplaudern. Peter . Bewahre der Himmel! der alte Tobies meinte zwar, er wüßte schon, daß das Geld von Ihnen käme – Eul . Und Sie antworteten? Peter . Ei, das wüßte ich auch, aber ich würde es ihm doch nicht sagen. Eul . Allerliebst. Peter . Heute geht er zum Erstenmale wieder aus. Eul . Gott sey Dank! (für sich) Kindische Freude, weil es mir gelungen, von der schweren Schuld einen Groschen abzutragen. Peter . Er will selbst heraufkriechen, und Ihre Knie umfassen. Eul . Ums Himmelswillen nicht! lieber Musje Peter! thun Sie mir den Gefallen, geben Sie Achtung, wenn der alte Tobies kommt, lassen Sie ihn nicht herauf, sagen Sie ihm, ich hätte keine Zeit, ich wäre krank, ich schlief, oder was Sie sonst wollen. Peter . Schon gut. Und wenn er nicht geht, so will ich die Hofhunde auf ihn hetzen. Eul . Ei bewahre Gott! Sie müssen dem alten Manne ja kein Leid zufügen, hören Sie? Peter . Alles wie Sie befehlen. Sonst ist der Sultan ein tüchtiger Hund.   Zehnte Scene. Bittermann . Die Vorigen . Bitterm . Guten Morgen, guten Morgen, meine liebe, scharmante Madam Müller. Wohl geschlafen? thut mich freuen. Hochdieselben haben mich rufen lassen? vermuthlich etwas Neues aus der Residenz? – Ja, ja, es gehen wichtige Dinge vor. Ich habe auch Briefe. Eul . (lächelnd) Freilich, lieber Herr Bittermann, Sie correspondiren ja mit der ganzen Welt. Bitterm . Sichere Correspondenten, wenigstens in den Hauptstädten von Europa. Eul . Und doch zweifle ich, ob Sie wissen, was heute hier im Hause vorgehn wird. Bitterm . Hier im Hause? nichts von Bedeutung. Wir wollten heute ein paar Scheffel Gerste aussäen, aber die Witterung ist mir zu trocken. Ich hatte gestern Briefe aus Siebenbürgen, auch da mangelt der liebe Regen. Die allgemeine Klage! Doch ein Plaisirchen können Sie sich heute machen, wir haben Schafschur. Peter . Und die große blaue Gans bringt heute ihre Eier aus. Bitterm . Schweig, Tölpel! Eul . Unser Graf wird heute hier seyn. Bitterm . Wie? was? Peter . O Jemine! Eul . Nebst seiner Gemahlin und seinem Schwager, dem Major von der Horst. Bitterm . Spaß apart? Eul . Sie wissen, lieber Herr Bittermann, ich bin eben nicht sehr spaßhaft. Bitterm . Ei du mein Gott! Se. hochgeborne Excellenz, der Herr Graf in eigner hoher Person – Peter! – Und die gnädige Frau Gräfin – und Se. hochwohlgeborne Gnaden, der Herr Major – und hier ist nichts in der gehörigen Ordnung! – Peter! Peter . Nun, da bin ich ja! Bitterm . Rufe geschwind die Leute zusammen – schicke nach dem Förster, er soll ein Reh in die herrschaftliche Küche liefern – und Lise soll die Zimmer fegen, den Staub von den Spiegeln wischen, damit die gnädige Frau Gräfin sich darin besehen kann – und der Koch soll ein paar Kapaunen schlachten und Hans soll einen Hecht aus dem Teiche holen – und Friedrich soll meine Sonntagsperücke frisiren. (Peter ab) Eul . Vor allen Dingen lassen Sie die Betten lüften, und die Sofas ausklopfen. Sie wissen, der Herr Graf hat es gern bequem. Bitterm . Freilich, freilich, meine liebe scharmante Madam Müller, das muß sogleich geschehn. – Alle Wetter! da hab' ich im grauen Zimmer Kartoffeln aufgeschüttet! die können nicht so eilig transportirt werden. Eul . Ist ja auch nicht nöthig. Bitterm . Lieber Gott, wo soll denn der Herr Major logiren? Eul . Geben Sie ihm das kleine rothe Zimmer an der Treppe. Es ist ein niedliches Zimmer und hat eine herrliche Aussicht. Bitterm . Recht gut, liebe Herzens-Madam Müller, aber da hat sonst immer der Haus-Secretair des Herrn Grafen gewohnt. Zwar den braucht Se. Excellenz eben nicht nothwendig, er hat jährlich kaum ein paar Briefe zu schreiben. Man könnte ihm – halt! da kommt mir ein prächtiger Einfall! Sie kennen das kleine Häuschen am Ende des Parks? Da wollen wir den Herrn Secretär hinstopfen. Eul . Sie vergessen, lieber Herr Bittermann, da wohnt der Fremde. Bitterm . Ach, was geht uns der Fremde an! wer hat ihn heißen hineinziehen? er muß heraus. Eul . Das wäre unbillig. Sie selbst haben die Wohnung ihm eingeräumt, und ich denke, er bezahlt sie Ihnen gut. Bitterm . Er bezahlt wohl – und so ein Accidenz für einen armen Verwalter ist freilich nicht zu verachten, aber – Eul . Nun? aber? Bitterm . Aber man weiß doch nicht, wer er ist! Kein Teufel kann aus ihm klug werden. Ich habe den Henker von seinem Gelde, wenn er mich für jeden Groschen quälen will. Eul . Er quält Sie? wodurch? Bitterm . Zerbrech' ich mir nicht schon seit vier Monaten vergebens den Kopf, um hinter das Geheimniß zu kommen? Zwar hatte ich vor kurzem Briefe aus Spanien: es soll in hiesiger Gegend ein Spion sich herumtreiben – Eul . (lächelnd) Um Ihnen die Schafzucht abzulauern, nicht wahr? Nein, lieber Herr Bittermann, lassen Sie den fremden, geheimnißvollen Mann zufrieden. Er ist mir zwar noch nie in den Wurf gekommen, und ich bin auch eben nicht neugierig, ihn zu sehen; aber Alles, was ich von ihm höre, bezeichnet ihn als einen Menschen, den man überall wohl dulden mag. Er lebt still und friedlich. Bitterm . Das thut er. Eul . Er spendet Wohlthaten im Verborgenen. Bitterm . Ja, das thut er. Eul . Er beleidigt kein Kind. Bitterm . Nein, das thut er nicht. Eul . Er fällt Niemanden zur Last. Bitterm . Nein, das auch nicht. Eul . Nun, was wollen Sie mehr? Bitterm . Zum Henker! ich will wissen, wer er ist! – Und wenn er einem doch nur Rede stünde, daß man bei Gelegenheit ihn fein ausholen könnte! Aber wenn er mir auch einmal im dunkeln Lindengange, oder unten am Bache aufstößt – das sind so seine beiden Lieblings-Spaziergänge – so heißt es: guten Tag! und damit holla! – Ein paar Mal hatt' ich angefangen: es ist heute schönes Wetter – »ja« – die Bäume fangen schon an auszuschlagen – »ja« – der Herr machen sich, wie ich sehe, eine kleine Bewegung? – »ja« – Nun so ja'e du und der Teufel! Und – wie der Herr, so der Diener, gerade so ein Stacks! ich weiß nichts von ihm, als daß er Franz heißt. Eul . Sie ereifern sich, lieber Herr Bittermann, und vergessen darüber die Ankunft unsers Grafen. Bitterm . Ach der Teufel! Gott verzeih mir die Sünde! Da sehn Sie, was für Unglück daraus entsteht, wenn man die Leute nicht kennt. Eul . (nach der Uhr sehend) Schon 9 Uhr. Wenn der Herr Graf sich ein Stündchen von seinem Schlafe abgebrochen hat, so kann er bald hier seyn. Ich gehe, das Meinige zu thun, thun Sie das Ihrige. (ab)   Eilfte Scene. Bittermann allein. Ja, ja, ich will das Meinige schon thun. Die ist mir auch so Eine, man weiß ja auch nicht, wer sie ist. Madam Müller? ja lieber Gott! Madam Müller! es gibt der Madam Müllers viele in der Welt. Das weiß ich wohl, daß die gnädige Frau Gräfin mir vor drei Jahren die Madam Müller so unvermuthet ins Haus gesetzt hat, wie ein Guckgucksei ins fremde Nest, aber woher? warum? weswegen? ja, da hapert's. – »Sie soll die innere Wirthschaft führen,« sagte die Frau Gräfin. Ja du lieber Gott! hab' ich denn nicht 10 Jahre der innern und äußern Wirthschaft mit Ruhm vorgestanden? – Freilich, ich werde alt, und das muß ich ihr nachsagen, sie gibt sich viele Mühe; aber hat sie nicht Alles von mir gelernt? – Als sie herkam, Gott verzeih mir's! sie wußte ja nicht einmal, daß der Flachs geröstet werden muß. (ab)     Zweiter Akt. (Dasselbe Zimmer.) Erste Scene. Bittermann und Peter reißen die Türen auf und lassen den Major hereinereten, der während dieser Scene innere Unruhe verräth. Bitterm . Ew. hochfreiherrlichen Gnaden habe ich die Ehre in meiner geringen Person den Haushofmeister Kilian Bittermann vorzustellen, welcher die Stunde selig preist, da ihm das Glück zu Theil wird, den hochfreiherrlichen Schwager Seiner hochgräflichen Excellenz von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Peter . (den Vater nachäffend) kennen zu lernen. Major . Keine Umstände, Herr Bittermann; ich bin Soldat und hasse alle Complimente. Bitterm . Bitte unterthänigst! Der gebührende Respekt. Peter . Wir bitten um Respekt. Bitterm . Halt das Maul! Major . Nun, nun, wir werden schon bekannter werden. Sie sollen wissen, Herr Bittermann, daß ich gesonnen bin, die Einkünfte von Wintersee ein paar Monate lang verzehren zu helfen. Bitterm . Warum nicht Jahre lang, Ew. hochfreiherrlichen Gnaden? Dem alten Bittermann ist's eben recht. Der hat ohne Ruhm zu melden zusammengespart, daß Se. hochgräfliche Excellenz darüber erstaunen werden. Major . Desto besser! Ein Sparer will einen Verthuer, und da finden Sie an meinem Schwager Ihren Mann. Sie wissen doch, daß er den Dienst quittirt hat, und sein Leben hier auf Wintersee in Ruhe zu beschließen gedenkt? Bitterm . Was Sie sagen! nein, nicht eine Sylbe ist mir zu Ohren gekommen. Peter . Mir auch nicht. Bitterm . Aber desto besser! nun wird der alte Bittermann erst recht zu leben anfangen. Peter . Und der alte Peter auch. Bitterm . Der Herr Graf erhalten posttäglich, wie ich mich noch gar wohl erinnere, den hamburgischen unparteyischen Correspondenten; und wir – wir haben denn auch unsere Quellen. Peter . Ja, wir haben Quellen. Bitterm . Wir empfangen Briefe von allen Seiten. Peter . Ich hole sie von der Post. Bitterm . Nichts neues, Herr Major, aus der politischen Welt? Major . Nichts von Bedeutung. Bitterm . (geheimnißvoll) Hä! hä! hä! wir wissen hier schon seit zwei Monaten, daß der Krieg wieder ausbrechen wird. Peter . Ja, das wissen wir schon lange. Major . Wirklich? in der Residenz weiß man noch nichts davon. Bitterm . Das ist eben der Spaß, hä! hä! hä! Peter . Hi! hi! hi! Major . (ungeduldig) Künftig mehr von Politik. Sagen Sie mir doch, Herr Bittermann, wohnt hier nicht auch eine Freundin meiner Schwester? Bitterm . Eine Freundin der Frau Gräfin? Daß ich nicht wüßte. Peter . Ne, die wohnt hier nicht. Major . Madam Müller – Bitterm . Ja so, Madam Müller! Peter . Ja, die wohnt im Schlosse. Bitterm . Ist aber nur eine quasi Haushälterin. Major . Eine Fremde, nicht wahr? Bitterm . Leider blutfremd. Major . Wo mag sie her seyn? Bitterm . Ja, lieber Gott! das weiß ich so eigentlich nicht zu sagen. Peter . Ich auch nicht. Bitterm . Keiner meiner Correspondenten hat mir darüber Auskunft geben können. Peter . Mir auch nicht. Major . Wie lebt sie? Bitterm . I nu, davon wäre viel zu reden. Major . (erstaunt) Ihre Aufführung –? Bitterm . Ich will ihr eben nichts Böses nachsagen, aber als einen alten treuen Diener des hochgräflich Winterseeischen Hauses liegt mir ob, der gnädigen Herrschaft allerlei ins Ohr zu raunen, was den Einkünften merklichen Schaden bringt. Major . Nun? Bitterm . Der Herr Graf zum Beispiel wird denken, er habe da noch ein 40 bis 50 Bouteillen von dem alten Hochheimer im Keller liegen? ja, prost die Mahlzeit! Kaum 10 oder 15 mögen noch übrig seyn. Ueber meine Zunge ist kein Tropfen gekommen, nicht. einmal an hohen Festtagen. Peter . Ich habe auch nichts davon bekommen. Major . (lächelnd) Nun? Madam Müller wird ihn doch nicht ausgetrunken haben? Bitterm . Sie selbst nun wohl eben nicht, denn sie trinkt keinen Wein. Aber wenn ein Kranker im Dorfe ist, der sich mit einem Schluck Brantwein behelfen könnte, da schickt sie flugs eine Flasche von dem köstlichen Hochheimer hin. Ich habe ihr verschiedentlich und wiederholentlich Vorstellungen darüber gemacht, aber sie antwortet mir immer ganz schnippisch: »ich will es schon verantworten.« Major . Ich auch, lieber Herr Bittermann. Bitterm . In Gottes Namen! mich geht es nichts an. Ich habe dem Keller 20 Jahre lang vorgestanden, von mir haben die Armen keinen Tropfen bekommen. Peter . Von mir auch nicht. Bitterm . Und wenn sie auf der einen Seite verschwendet, so knausert sie wieder auf der andern zu unrechter Zeit. Als ich eine Staffette, mit der Nachricht von dem Siege bei Leipzig erhielt, da wollt' ich, als ein ächter Deutscher, meine Freude an den Tag legen; ich bat den Herrn Pfarrer und den Herrn Gerichtshalter zu mir, um in Fröhlichkeit des Herzens ein paar Flaschen Wein mit ihnen auszustechen – Was meinen Sie, hochwohlgeborner Herr Major? da speiste sie mich mit Frankenwein ab. Major . Unerhört! Bitterm . Es ist eine wunderliche Frau. Der Umgang mit der Frau Pastorin und der Frau Gerichtshalterin ist ihr nicht gut genug, und dann sitzt sie doch zuweilen wieder mitten unter den Bauerweibern. Peter . Mitten drunter. Bitterm . Wir beide vertragen uns noch so ziemlich, denn, unter uns, sie hat ein Auge auf meinen Peter geworfen. Peter . Ich bin der Peter. Bitterm . Ein derber Bursche, wie der Herr Major wohl sehen. Er lernt jetzt vom Schulmeister schreiben. Peter . Auch das Einmal Eins. Major . Gratulier. Bitterm . Mich dünkt, ich höre die Silberstimme der Madam Müller auf der Treppe. Major . (für sich, die Hand auf sein Herz schlagend) Sie kommt. Bitterm . Wenn der Herr Major gnädigst erlauben – die Anstalten zum Empfange Sr. Excellenz – Major . Gehn Sie, lieber Herr Bittermann, lassen Sie sich nicht aufhalten. Bitterm . Wenn Ew. hochfreiherrlichen Gnaden dann und wann die Zeit lang werden sollte – ich kann aufwarten mit Briefen aus allen Ländern. Im Vertrauen, ich habe sogar einen Correspondenten in St. Helena. (unter vielen Kratzfüßen ab mit Peter,)   Zweite Scene. Der Major allein. Ich werde sie wiedersehn! – An diesem Augenblicke hängt mein Schicksal! – Nun wird sich's zeigen, ob ich Sieger blieb in dem Kampfe mit meinem Herzen. – Als noch Berg und Thal uns trennte, war meine Vernunft so rüstig und prahlte mit ihrer Heilkunst – aber nun – die Stunde der Prüfung schlägt –   Dritte Scene. Eulalia . Der Major . Eul . Ich freue mich, gnädiger Herr, den Bruder meiner Wohlthäterin wieder zu sehen. Major . (sehr verwirrt) Madam ich bin entzückt (bei Seite) Gott! sie war nie so schön. Eul . Der Frühling hat den Herrn Grafen vermuthlich aus der Stadt gelockt? Major . (sich fassend) Das wohl eben nicht. Sie kennen ihn. Ihm gilt es gleich, ob wir Regen oder Sonnenschein, Frühling oder Winter haben, wenn nur in seinem Hause ein ewiger Sommer herrscht, das heißt: eine freundliche Frau, eine gut besetzte Tafel und ein paar lachende Freunde. Eul . Der Graf ist ein liebenswürdiger Epikuräer. Major . Er hat den Dienst verlassen, um ganz sich selbst zu leben. Eul . Das macht ihm Ehre. Major . Wenn nur die Einsamkeit ihm nicht am Ende lästig wird. Eul . Ich denke, Herr Major, für den, der ein unbefangenes Herz mit in die Einsamkeit bringt, erhöht sie jede Freude des Lebens. Major . Zum Erstenmale höre ich das Lob der Einsamkeit aus einem so schönen Munde. Eul . Sie sagen mir eine Schmeichelei auf Kosten meines Geschlechts. Major . Noch immer, wie vor drei Jahren, scheint jeder Ausdruck meines Gefühls Ihnen Schmeichelei. Eul . O nichts davon, Herr Major. Major . (seufzend) Ihnen zu gehorchen habe ich nicht verlernt. Eul . Sie waren indessen auf Reisen? Major . Und Sie eine Einsiedlerin? Eul . Dank sey es der Güte Ihrer Schwester. Major . So jung und nie ein leiser Wunsch nach Stadt und Menschengewühl? Eul . Nie, Herr Major. Major . Das zeugt von einem sehr gebildeten Geiste, oder von einem wunden Herzen. Eul . (wendet sich seufzend ab und antwortet nicht) Major . (nach einer Pause) In der That, Madam ohne Ihrem Geschlechte zu nahe treten zu wollen die Weiber scheinen weniger für die Einsamkeit geschaffen, als die Männer. Wir haben tausenderlei Beschäftigungen, tausenderlei Zerstreuungen, welche Ihnen mangeln. Eul . Darf ich fragen, welche. Major . Wir reiten, wir jagen, wir spielen, wir schriftstellern wohl gar ein wenig Eul . Die edle Jagd, und das noch edlere Spiel räume ich Ihnen willig ein, aber ich fürchte, dabei haben Sie wenig gewonnen. Major . In der That, Madam, ich wünschte einen Tag lang Zeuge Ihrer Beschäftigungen zu seyn. Eul . O Sie glauben nicht, Herr Major, wie schnell die Zeit vorüber eilt, wenn eine gewisse Einförmigkeit in unserer Lebensweise herrscht. Ein Tag wie der andere, heute wie gestern, da fragt man sich oft: haben wir heute schon Sonnabend? ist der Monat schon zu Ende? Wenn ich an einem heitern Morgen mir den Kaffe auf den grünen Hofplatz hinaustragen lasse, dann ist mir das süße Bild der auflebenden Geschäftigkeit und Thätigkeit immer neu. Die Schwalben schwirren, das Hausgeflügel kratzt und schnattert, das Vieh wird ausgetrieben, der Bauer zieht hinaus auf's Feld und wünscht mir im Vorübergehen einen freundlichen guten Morgen. Alles lebt und webt in froher Munterkeit. Ich eile nun auch an meine Geschäfte, und eins, zwei, drei ist der Mittag da. Gegen Abend fange ich an herum zu schwärmen, aus dem Garten in den Park, aus dem Parke auf die Wiesen. Ich füttere die Tauben, begieße meine Blumen, pflücke Erdbeeren, suche Kräuter Major . Alles das sind Freuden des Sommers. Aber der Winter! der Winter! Eul . O wer wird sich nun gerade den Winter denken als einen Greis in Pelz gehüllt, mit dem Muff in der Hand? Der Winter hat seine eigenen Freuden. Wenn draußen Schnee und Hagel an die Fenster stürmen, so thut einem schon der Gedanke wohl: ich sitze hier im warmen Zimmer. Und dann ist's Zeit, den Bücherschrank zu öffnen. Oder ich lasse mir mein Klavier stimmen, so gut unser Schulmeister das versteht. Meinen Sie, die Stadt biete angenehmere Zerstreuungen? etwa das lästige Visiten geben und empfangen? die Sorge, daß man nicht zurückbleibe in der neuesten Mode? Hier fragt Niemand darnach; für die Frau Pastorin ist meine Haube noch immer nach dem neuesten Geschmack. Major . Aber man will doch zuweilen ein Menschen-Antlitz sehn? Eul . Fehlt es mir etwa daran? Den Frohsinn, der mir hier von frischen Wangen entgegen lacht, würde ich in der Stadt vergebens suchen. Und dann hab' ich, außer dem Herrn Bittermann und seinem Peter, bisweilen noch eine ganz eigene Gesellschaft, die mich zerstreut und belustigt, nemlich die Bauerweiber aus dem Dorfe. Die kommen im Winter mit ihren Spinnrädern, da setze ich mich mitten unter sie, und da erzählen sie mir und belehren mich über Flachs und Hanf, über Milch und Butter, und was dergleichen mehr ist. Die guten Seelen haben mich alle so lieb, weil ich sie immer um Rath frage, und weil sie sich dabei so wichtig fühlen. Major . Wahrlich! Sie verstehen, Honig aus jeder Blume zu saugen. Eul . (wendet sich ab und seufzt.)   Vierte Scene. Peter . Die Vorigen . Bald nachher der Greis . Peter . Ja, ich kann ihn nicht halten, er ist schon auf der Treppe. Eul . Wer? Peter . Der alte Tobies. Warum haben Sie mir nicht erlaubt, den Sultan auf ihn zu hetzen? (ab) Greis . (sich hereindrängend) Ich muß guter Gott ich muß Eul . (sehr verlegen) Ich habe jetzt keine Zeit, guter Alter. Ihr seht, ich bin nicht allein. Greis . Ah! der gnädige Herr wird mir verzeihen Major . Was wollt Ihr? Greis . Danken will ich! Empfangene Wohlthaten sind ja auch eine Bürde, wenn man nicht danken darf! Eul . Morgen, lieber Alter, morgen. Major . Keine falsche Bescheidenheit, Madam. Erlauben Sie ihm, daß er seinem Herze Luft mache, und gestatten Sie mir , Zeuge eines Auftritts zu bleiben, der, redender als Ihr Gespräch, mich belehrt, wie edel Sie Ihre Zeit zubringen. Rede, Alter, rede. Greis . O, daß jedes meiner Worte Segen auf Sie herab beten könnte! Krank und verlassen lag ich in meiner Hütte, Sturm und Regen drangen hinein, ich hatte keine Decke, meine Füße darein zu wickeln, nur mein alter, treuer Hund wärmte mich. Aber nicht einmal ein Bissen Brod war mir geblieben für den treuen Gefährten meiner alten Tage. Ah! da erschienen Sie mir, in der Gestalt eines Engels! und kräftiger als Ihre Arzneien wirkte die tröstende, liebreiche Stimme, kräftiger als der Wein, durch den Sie mich labten. Ich bin genesen! ich habe meinem Gott gedankt! und nun komme ich zu Ihnen, edle Frau lassen Sie mich meine Thränen auf Ihre wohlthätige Hand weinen, lassen Sie mich Ihre Knie umfassen (er will niederfallen, Eulalia verhindert es) . Um Ihrentwillen hat Gott mein Alter gesegnet! Der fremde Herr, der seit drei Monaten unten im Parke wohnt, hat mir einen Beutel mit Gold geschenkt, um meinen Hans loszukaufen. Ich bin auf dem Wege nach der Stadt ich hole meinen Hans dann gibt er mir eine brave Schwiegertochter, dann schaukle ich vielleicht noch Enkel auf meinen Knieen! Und Sie wenn Sie dann an meiner glücklichen Hütte vorübergehen wie wohl wird Ihnen seyn, wenn Sie zu sich sagen: Das ist mein Werk! Eul . (bittend) Genug, Alter, genug! Greis . Ja wohl, genug! denn ich kann's doch nicht so von mir geben, wie es hier in meinem Herzen geschrieben steht. Das weiß nur Gott! Er mög' es vergelten! (ab)   Fünfte Scene. Eulalia . Der Major . Eul . (steht verwirrt mit niedergeschlagenen Augen.) Major . (sehr bewegt, bei Seite) Nun, du kalte Vernunft, bist du endlich überwunden? Freue dich, mein Herz, du darfst wieder lieben. Eul . (sich fassend) Sie haben gesehen, Herr Major, wie leicht es auf dem Lande wird, ein wenig Gutes zu thun Major . Ich habe gesehn, daß (einen Augenblick an sich haltend, dann ausbrechend) daß ich ein Thor war, in die weite Welt zu reisen. um Sie nicht zu sehen. Eul . (überhörend und ausweichend ) Vermuthlich waren Sie auch in Frankreich? Major . Ueberall, nur da nicht, wo ich hätte seyn sollen. Madam, verzeihen Sie mir eine Frage. Ich thue sie weiß Gott nicht aus leerer Neubegier; Sie waren (ängstlich) oder sind verheirathet. Eul . (schmerzlich betroffen) Ich war verheirathet. Major . Also Witwe? Eul . Ich bitte Sie es gibt Saiten im menschlichen Leben, deren Berührung einen so traurigen Mißton hervorbringt ich bitte Sie, Herr Major Major . (seufzend) Ich schweige!   Sechste Scene. Bittermann und Peter reissen die Thüren auf. Es treten herein der Graf und die Gräfin mit ihrem Kinde an der Hand. Graf . Nun, da wären wir. Gott segne unsern Eintritt! Madam Müller, ich bringe Ihnen einen Invaliden, der künftig nur zu Ihrer Fahne schwören will. (er umarmt sie) Eul . Meine Fahne weht für die Einsamkeit. Graf . Und ist mit Liebesgötterchen auf allen Seiten bemahlt. Gräfin . (welche indessen Eulalien freundschaftlich umarmt und von ihr bewillkommt wird) Sie vergessen, Herr Gemahl, daß ich zugegen bin. Graf . Zum Henker, Frau Gemahlin, ich kann doch nicht weniger thun, als Ihr süßer Herr Bruder? der hat meine vier Schimmel halb todt gefahren, um nur ein paar Minuten früher anzukommen. Major . (für sich) Und kam doch viel zu spät! Gräfin . (zu Eul.) Ist mein Wilhelm nicht recht groß geworden? Eul . Das süße Kind! (sie kauert sich zu ihm nieder und tiefe Melancholie überzieht ihr Gesicht.) Graf . (indem er sich den Oberrock ausziehen läßt) Nun, Bittermann, ich hoffe, er hat für eine gute Mahlzeit Sorge getragen? Bitterm . So gut sich's in der Eile hat wollen thun lassen. Gräfin . (leise zu dem Major) Herr Bruder, du stehst ja da wie ein Poet, der einen schweren Reim sucht? Major . Du hast Recht. Alles, was ich that, war ungereimt. Ich habe mit dir zu reden. Gräfin . Nur jetzt nicht. (laut) Mein Gott! ich habe noch tausenderlei zu besorgen. Das erste und wichtigste, mein Kopfputz. Ich wette, daß der Pastor und der Amtmann mir heute ihre unterthänige Aufwartung machen werden; da muß man wohl den Spiegel ein wenig zu Rathe ziehen. Komm, Wilhelm, wir wollen uns ankleiden. Auf Wiedersehn, liebe Madam Müller. (sie geht mit dem Kinde ab) Major . (für sich) Mir ist seltsam zu Muthe. (er will gehn.) Graf . Wohin, Herr Schwager? Major . Auf mein Zimmer. Graf . Ei so bleiben Sie doch! wir wollen vor dem Essen noch einen Spaziergang in den Park machen. Major . Verzeihen Sie. Es spazieren mir so viele Dinge im Kopfe herum ich wünsche allein zu seyn. (ab) Graf . Nach Belieben. (er hat sich behaglich in einen Sessel geworfen.) Eul . (steht an der Seite, hat ihren Strickstrumpf hervorgezogen, und wischt sich dann und wann eine Thräne aus den Augen.) Graf . Nun, Bittermann? ist er noch immer so ein närrischer Kerl? Bitterm . Ew. hochgräflichen Excellenz unterthänigst aufzuwarten. Graf . Ich denke, wir wollen recht viel Spaß mit einander haben. Bitterm . Das wollen wir, geliebt es Gott. Graf . (auf Peter zeigend) Wer ist denn der große Maulaffe da? Bitterm . Das ist, mit Respekt zu melden, mein leiblicher Sohn, mit Namen Peter. Peter . (macht Kratzfüße.) Graf . So, so wie sieht's denn in der Wirthschaft aus. Bitterm . Alles wohl und gut. Habe, ohne mich zu rühmen, gearbeitet wie ein Pferd. Graf . Warum nicht lieber wie ein Esel? Bitterm . Oder wie ein Esel, wenn Ew. hochgräfliche Excellenz so befehlen. Das Heu ist dieses Jahr trefflich gerathen, auch die Felder prangen mit Gottes Segen; nur das liebe Obst haben die Raupen verzehrt. Graf . Wie steht's mit der Jagd? Bitterm . Federwildpret in Menge, und im Frühjahr haben die Hasen dem Roggengras weidlich zugesprochen. Graf . Ist er auch ein Jäger? Bitterm . Vor diesem wohl; aber seit 4 Jahren, als mir das Unglück begegnete, daß ich drei zahme türkische Gänse schoß, die ich für Trappen ansah, habe ich keine Flinte wieder losgebrannt. Mein Peter schießt zuweilen Sperlinge. Peter . Ich schieße Sperlinge. Bitterm . Ich habe lieber nebenher für Ew. hochgräflichen Excellenz hohes Plaisirchen gesorgt. Den Park sollen der Herr Graf sehn, wie ich den zugestutzt habe! Sie werden ihn nicht wieder kennen. Eine Einsiedelei, krumme Gänge, ein Obelisk, Ruinen eines alten Raubschlosses. Und Alles mit Oekonomie, Alles mit der sparsamsten Sparsamkeit Hä! hä! hä! Da hab ich zum Exempel über den Bach eine chinesische Brücke gebaut. Was meinen der Herr Graf, wo ich das Holz dazu hernahm? Hä! hä! hä! von dem alten eingefallenen Hühnerstalle. Graf . Den hatte meine selige Großmutter noch gebaut. Das Holz muß verdammt mürbe seyn. Und die Brücke steht noch? Bitterm . Sie steht noch bis auf den heutigen Tag. Graf . (aufstehend) Nun, ich will doch die Herrlichkeiten besehen. Laß er unterdessen die Tafel decken. Bitterm . Ist schon besorgt. Werde die Ehre haben, Ew. Excellenz unterthänigst zu begleiten. Peter . Werde auch die Ehre haben. Graf . (im Abgehn) Sie sind ja so fleißig, liebe Madam Müller, als ob Sie Ihr Brod mit Stricken verdienen müßten.   Siebente Scene. Eulalia allein. Was ist's, das mich so fürchterlich erschüttert hat? mein Herz blutet, meine Thränen fließen. – Schon war es mir gelungen, Herr über meinen Kummer zu scheinen, und mindestens jene frohe Laune zu erheucheln, die mir einst so eigen war – ach! da schlägt der Anblick dieses Kindes mich tief zu Boden! – Als die Gräfin den Namen Wilhelm nannte – ach! sie wußte nicht, daß sie mir einen glühenden Dolch durch's Herz stieß! – Ich habe auch einen Wilhelm – er muß jetzt so groß seyn als dieser, wenn er noch lebt – Ja, wenn er noch lebt! Wer weiß, ob er und meine kleine Amalie nicht schon lange vor Gottes Richterstuhl Wehe! über mich schreien! – Laß ab, mich zu quälen, düstre Phantasie! ich höre das hülflose Wimmern meiner Kinder – ich sehe sie kämpfen gegen Blattern und Maserngift – lechzend mit dürrer Zunge nach einem Trunke, den die Hand eines Miethlings ihnen darreicht – vielleicht auch versagt! – Denn ach! – sie sind ja verlassen von ihrer unnatürlichen Mutter! (bitterlich weinend ) Oich bin ein elendes, verworfenes Geschöpf! und daß eben heute, da mein Gesicht einer Larve so bedürftig war   Achte Scene. Lotte . Eulalia . Lotte . (im Hereintreten zur Thür hinausbelfernd) Nun ja, das wäre mir eben recht. Warum nicht lieber gar in den Stall? Ihre Dienerin, Madam Müller. Ich bitte mir ein Zimmer aus, wie es sich für eine honnette Person geziemt. Eul . (sich fassend) Ich denke, man hat Ihnen ein recht artiges Zimmerchen eingeräumt? Lotte . Ein artiges Zimmerchen? seht doch? hinten an der Treppe, gerade über dem Kuhstalle? Fi! da könnt' ich vor Gestank kein Auge zuthun. Eul . (sehr gelassen) Ich habe selbst ein ganzes Jahr lang da geschlafen. Lotte . Wahrhaftig? nun so rathe ich Ihnen, je eher je lieber wieder hinein zu ziehen. Meine liebe Madam, es ist ein großer Unterschied zwischen gewissen Personen und gewissen Personen. Es kommt gar viel darauf an, wie man es von Jugend auf gewohnt gewesen. Mein seliger Papa war Hofkutscher und trug die Livree seiner Durchlaucht. Gewisse Personen sind so aus der Luft heruntergeschneit Eul . (mit einem tiefen Athemzuge der Erholung) Gott Lob! so etwas war nöthig. Lotte . Ich dächte, Madam, Sie träten mir Ihr Zimmer ab. Eul . Wenn die Frau Gräfin es befiehlt, recht gern. Lotte . Wenn die Frau Gräfin es befiehlt? seht doch! wer wird denn die hohen Herrschaften mit solchen Bagatellen überlaufen?   Neunte Scene. Peter . Die Vorigen . Peter . (stürzt athemlos herein) Ach Herr Jemine! ach Herr Jemine! Eul . Was gibts? Peter . Die Excellenz ist ins Wasser gefallen! die Excellenz ist ersoffen! Eul . und Lotte zugleich. Wer? was? Peter . Der gnädige Herr Graf Eul . Ist ertrunken? Peter . Ja. Eul . Todt? Peter . Ne, todt ist er nicht. Eul . So schreien Sie nur nicht so, daß die Frau Gräfin nichts davon erfährt. Peter . Ich nicht schreien? ach Herr Jemine! die Excellenz trieft wie ein Pudelhund!   Zehnte Scene. Die Gräfin . Der Major (von verschiedenen Seiten.) Die Vorigen . Gräfin . Was gibt's? Major . Welch' Geschrei! Eul . Ein Unfall, gnädige Gräfin, ich vermuthe, ein unbedeutender Zufall. Der Herr Graf ist dem Wasser zu nahe gekommen und hat sich die Füße ein wenig naß gemacht. Peter . Die Füße? ja, prost die Mahlzeit! bis über den Kopf ist er hinein geplumpt. Gräfin . Barmherziger Gott! Major . Ich eile Eul . Bleiben Sie, Herr Major. Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Was auch geschehen sey, der Herr Graf ist zum mindesten gerettet. Nicht wahr, Mosje Peter? Peter . Mein Six! die Excellenz ist eben nicht todt, aber sie ist sehr naß. Gräfin . Rede, junger Mensch! Major . Erzähle! Peter . Wir gingen am Bache hinunter, ich, mein Papa und der Herr Graf; da kamen wir an die chinesische Brücke, die mein Papa aus dem alten Hühnerstalle zusammengeschlagen hat. Da ging nun der Herr Graf auf die Brücke, und da sagte er, es wäre recht fein und lieblich anzusehen, wie der Bach sich durch den Busch schlängelte, und da lehnte er sich ein wenig auf das Geländer krach! brach das Geländer entzwei, plumps! lag die Excellenz im Wasser. Eul . Aber Sie zogen ihn doch gleich wieder heraus? Peter . Ich nicht. Eul . Aber der Papa? Peter . Der Papa auch nicht. Eul . Sie ließen ihn liegen? Peter . Ja, wir ließen ihn liegen. Aber wir schrien beide aus Leibeskräften. Eul . Und da eilten Leute herbei? Peter . Der fremde Herr kam, der dort unten neben dem alten Tobies wohnt und immer kein Wort spricht. Das ist ein Teufelskerl! mit einem Sprunge war er im Wasser, schwimmen kann er wie eine Ente. Flugs erwischte er die Excellenz bei den Haren und schleppte sie glücklich an's Ufer. Gräfin . Gott segne den fremden Mann! Major . Wo bleiben sie denn Alle? Peter . Sie kommen die Allee herauf. Eul . Auch der Fremde? Peter . Nein Sir! der lief davon. Der Herr Graf wollte sich bei ihm bedanken, aber er war schon über alle Berge.   Eilfte Scene. Der Graf . Bittermann . Die Vorigen . Gräfin . (ihrem Gemahl mit offnen Armen entgegen eilend) Ah, mein Bester! Graf . Drei Schritte vom Leibe! Sie sehen ja, daß ich triefe. Gräfin . Um Gotteswillen! geschwind trockne Wäsche! Graf . Nun ja, ja! Seyn Sie ruhig, es hat keine Gefahr. Ein alter Soldat ist wohl eher ein bischen in der Schwemme gewesen. Aber es hätte übel ablaufen können, wenn nicht der großmüthige Fremde wer ist der Mann? wer kennt ihn? Bittermann hat mir allerlei verworrenes Zeug vorgeschwatzt Eul . Man kann nicht klug aus ihm werden. Er kam vor einigen Monaten in diese Gegend und miethete von Bittermann das kleine Sommerhaus am Ende des Parkes. Da lebt er ganz im Stillen, sieht Niemand, spricht mit Niemand. Ich selbst sah ihn nur ein paar Mal von ferne. Scheu und gebückt schleicht er umher, und weicht Jedermann aus, allein er thut viel Gutes im Verborgenen. Graf . Lotte, geh' hin und bitt' ihn auf den Abend zum Essen. Er möchte vorlieb nehmen, er käme in das Haus eines Freundes. (Lotte ab) Gräfin . Sie vergessen, sich umzukleiden. Graf . Gleich, gleich. Gräfin . Und niederschlagendes Pulver einzunehmen. (zu Eulalien) Sie haben doch welches im Hause? Eul . (nach ihren Schlüsseln greifend) Augenblicklich. (ab) Graf . Ich habe den Henker von Ihrem Pulver. Ein Glas Mallaga, um das Blut zu erfrischen. Hör' er, Bittermann, das muß ich ihm nachsagen, er hat eine helle, durchdringende Stimme, er kann brüllen, daß man's unter dem Wasser hört. Bitterm . (noch sehr verzagt) Ew. hochgräflichen Excellenz unterthänigst aufzuwarten. Graf . Aber mit seiner chinesischen Brücke kann er zum Teufel gehn! (ab. Die Gräfin und der Major folgen)   Zwölfte Scene. Bittermann . Peter . Bitterm . (trübselig) Peter! Peter . (eben so) Papa! Bitterm . Wie seh' ich aus? Peter . Wie unsere selige Frau Muhme, wenn die Gurken erfroren waren. Bitterm . Ach ich zitt're noch am ganzen Leibe. Peter . Die ganze Brücke hat gezittert. Bitterm . Warum sprangst du denn nicht ins Wasser? Peter . Warum ist der Papa nicht selber gesprungen? Bitterm . Meine Corpulenz hinunter wäre ich gesunken, wie ein Stück Blei. Peter . Ich bin ja auch kein Korkstöpsel. Bitterm . Ah, Peter, komm in meine Arme! Peter . Na, was soll ich denn da? trink er lieber ein Gläschen Kümmel auf den Schrecken. Bitterm . Meinst du, Peter? Ach ja! edler Kümmel! Sorgenbrecher! (er wankt fort) Peter . Was gilt's, mir gibt er keinen Tropfen. Und wenn ich nicht so geschrien hätte, so wäre die Excellenz nun mausetodt. (ab)     Dritter Akt. (Die Bühne wie zu Anfange des ersten Akts.) Erste Scene. Der Unbekannte (sitzt auf der Rasenbank und liest.) Franz (kommt.) Fr . Gnädiger Herr, das Essen ist fertig. Unb . Für dich, wenn du willst. Fr . Sie sind nicht hungrig? Unb . Nein. Fr . Ich werde das Hühngen verwahren. Vielleicht auf den Abend. Unb . Vielleicht. Fr . (nach einer Pause) Darf ich reden? Unb . Rede. Fr . Sie haben eine schöne That vollbracht. Unb . Welche? Fr . Sie haben einem Menschen das Leben gerettet. Unb . Schweig. Fr . Wissen Sie auch wem? Unb . Nein. Fr . Dem Grafen von Wintersee. Unb . Gleichviel. Fr . Freilich. Sie würden es auch mir gerettet haben. Unb . Gewiß. Fr . Das eben rührt mich bis zu Thränen. Ein so edler, ein so braver Herr Unb . Willst du mir schmeicheln? Pack dich fort! Fr . Bei meiner armen Seele, es geht mir vom Herzen. Wenn ich so im Stillen betrachte, wie Sie um sich her Gutes wirken, wie Sie die Noth eines Jeden zu Ihrer eignen machen, und doch selbst nicht glücklich sind ach! da blutet mir das Herz! Unb . (weich) Ich danke dir. Fr . Lieber Herr, nehmen Sie mir's nicht übel: sollte vielleicht nur dickes Blut Sie so schwermüthig machen? Ich hörte einmal von einem berühmten Arzte: der Menschenhaß habe seinen Sitz im Blute, oder in den Eingeweiden. Unb . Das ist nicht mein Fall, guter Franz. Fr . Also wirklich unglücklich und doch so gut! das ist ein Jammer! Unb . Ich leide unverschuldet. Fr . Armer Herr! Unb . Hast du vergessen, was der Greis diesen Morgen sagte? »Es gibt ein anderes, besseres Leben!« laß uns hoffen und muthig tragen. Fr . Amen!   Zweite Scene. Lotte . Die Vorigen . Lotte . Mit Permission. Sie sind doch der fremde Herr, der meinen gnädigen Grafen aus dem Wasser gezogen? Unb . (antwortet nicht.) Fr . Er ist's. Lotte . Meine gnädige Herrschaft, der Herr Graf von Wintersee und die Frau Gräfin, lassen sich Ihnen schönstens empfehlen und allgelegentlich bitten, diesen Abend auf dem Schlosse mit einem Gerichte Gerngesehn vorlieb zu nehmen. Unb . Ich esse nicht. Lotte . Nun so kommen Sie wenigstens. Unb . Ich komme nicht. Lotte . So trocken werden Sie mich doch nicht abfertigen? Kein Wort weiter? Der Herr Graf ist durchdrungen vom Gefühl der Dankbarkeit, Sie haben ihm das Leben gerettet Unb . Ist gern geschehn. Lotte . Und wollten nicht einmal ein kahles Gott vergelt's dafür in Empfang nehmen? Unb . Nein. Lotte . Wirklich, mein Herr, Sie sind grausam. Ich muß Ihnen sagen, daß uns'rer drei Frauenzimmer im Schlosse sind, und daß wir alle drei vor Begierde brennen, zu wissen, wer Sie sind. Unb . (steht auf und geht ab.) Lotte . Grobian! Mein Freund, werd' ich von ihm erfahren, wer sein Herr ist? Fr . Schwerlich. Lotte . Warum nicht? Fr . Weil ich es selbst nicht weiß. Lotte . Ein Abenteurer? Fr . Vielleicht. Lotte . Etwa ein Duell Fr . Kann seyn. Lotte . Oder ein Emigrant? Fr . Wohl möglich. Lotte . Was soll ich denn meiner Herrschaft sagen? Fr . Was Ihnen beliebt. Lotte . Das hat man von dem verwünschten Landleben! Kein savoir vivre ,kein Mensch comme il faut . (ab) Fr . (allein) Ja, ja, mein schönes Mamsellchen, zum artigen Gesellschafter ist mein Herr verdorben.   Dritte Scene. Der Unbekannte . Franz . Unb . Ist sie fort? Fr . Ja. Unb . Franz. Fr . Gnädiger Herr! Unb . Wir müssen auch fort. Fr . Wohin? Unb . Das weiß Gott. Fr . Wohlan, ich folge Ihnen. Unb . Wohin ich gehe? Fr . Und wär's in den Tod. Unb . Wollte der Himmel, nur im Grabe ist Ruhe! Fr . Warum nicht auch hier? Unb . Ich will mich nicht begaffen lassen, wie ein fremdes Thier. Fr . Wie Sie das nun wieder deuten nach Ihrer Weise! Daß ein Mensch den Retter seines Lebens zum Essen bittet, ist doch wohl sehr natürlich. Unb . Man soll mich aber nicht zum Essen bitten. Fr . Seyn Sie ruhig, man wird es schwerlich zum zweiten Male versuchen. Unb . Die Schranzen! sie bilden sich ein, der wichtigste Dienst sey vergolten, wenn man einmal das Glück haben darf, mit ihnen zu speisen. Fr . Geben Sie Acht, gnädiger Herr, die werden hier nicht lange weilen. Im Sommer ziehen die vornehmen Leute aufs Land, weil es so Mode ist, und danken Gott, wenn der Herbst kommt, daß sie mit Ehren wieder nach der Stadt fahren können. Unb . Schimmern dort nicht schon wieder Uniformen und Kopfzeuge die Allee herauf? Nein, ich muß fort! hier ist meines Bleibens nicht länger. Fr . Wohl, ich schnüre mein Bündel. Unb . Je eher, je lieber. Da muß ich an diesem heitern Tage mich in mein Zimmer sperren, um fremden Gesichtern aus dem Wege zu gehn! Franz, ich verriegle meine Thür. Fr . Und ich halte Schildwacht von außen. (der Unbekannte ab.) Fr . (allein) Wenn die Herrschaften eben so neugierig sind, als das Kammermädchen, so werd' ich ein Verhör aushalten müssen.   Vierte Scene. Franz . Die Gräfin am Arme des Majors . Gräfin . Sieh da, ein Unbekannter vermuthlich der Bediente. Major . Mein Freund, dient er bei dem Fremden, der hier wohnt? Fr . Ja, gnädiger Herr. Major . Kann man seinen Herrn sprechen? Fr . Nein, gnädiger Herr. Major . Nur auf wenige Minuten. Fr . Er hat sich eingeschlossen. Gräfin . Sag' er ihm, daß eine Dame hier auf ihn warte. Fr . Dann macht er gar nicht auf, Gräfin . Haßt er mein Geschlecht? Fr . Er haßt die Menschen überhaupt und, wie es mir geschienen, die Weiber insbesondere. Gräfin . Warum? Fr . Er mag wohl oft betrogen worden sein. Gräfin . Das ist nicht artig. Fr . Nein, artig ist mein Herr nicht, aber wenn es darauf ankommt, einem Menschen das Leben zu retten Major . So thut er es mit Gefahr seines eigenen. Das ist freilich mehr werth, als die sogenannte Artigkeit. Auch uns führt sie nicht hieher. Die Gattin und der Schwager des Geretteten wünschen seinem Herrn ihre Erkenntlichkeit zu bezeigen. Fr . Er liebt das nicht. Major . Ein Sonderling. Fr . Der blos Ruhe wünscht. Gräfin . Er scheint sich mit dem Schicksal überworfen zu haben? Fr . So scheint es. Gräfin . Vielleicht eine Ehrensache? Fr . Vielleicht. Gräfin . Oder eine unglückliche Liebe? Fr . Kann seyn. Gräfin . Oder Schwärmerei? Fr . Wohl möglich. Gräfin . Dem sey, wie ihm wolle, ich wünschte zu wissen, wer er ist? Fr . Ich auch. Gräfin . Wie! er kennt ihn nicht? Fr . O ihn kenn' ich wohl, er ist der bravste Herr auf Gottes Erdboden; aber wenn es nur seinen Namen gilt, so kenn ich ihn freilich nicht. Gräfin . Dient er ihm schon lange? Fr . Drei Jahre. Gräfin . Und in der langen Zeit konnte er nicht erfahren? Fr . Vergeben Ew. Gnaden, ein ehrlicher Diener soll weder lauern noch plaudern. (verbeugt sich und geht.)   Fünfte Scene. Die Gräfin . Der Major . Gräfin . Am Ende ist's wohl nur die Sucht sich auszuzeichnen. Der Eine umsegelt die Welt, der Andere kriecht in eine Tonne. Komm Bruder, wir wollen meinen Mann aufsuchen. Er ging mit Madam Müller dort über die Wiese. Major . Bleib. Ich habe mit dir viel zu reden. Gräfin . Kann das nicht geschehen, indem wir lustwandeln? Major . Man könnte uns begegnen. Gräfin . Ist's denn ein Geheimniß? Major . Allerdings. Gräfin . Nun so rede. Major . Schwester, ich liebe. Gräfin . Mich ohne Zweifel? Major . Keinen Scherz. Ich liebe Madam Müller unaussprechlich! Gräfin . Ei, das große Geheimniß! wußt' ich das nicht schon vor 3Jahren? Major . Allerdings. Ich liebte sie schon damals, und mehr als du glaubtest. Ihr meintet wohl, mich habe die Lust zu reisen aus meinem Vaterlande getrieben? Schwester ich schämte mich, es zu bekennen; ich mußte fliehen, um keinen dummen Streich zu machen, wie ich es damals nannte. Gräfin . So? Major . Drei Jahre bin ich herumgeschweift, habe im Geräusche der Waffen, im Glanz der Höfe die verlorne Ruhe gesucht Gräfin . Und nicht gefunden? Major . Bisweilen hab' ich mir's eingebildet. Mit einer Art von Trotz kehrt' ich zurück aber ach! ich sah sie wieder Gräfin . Und geschmolzen ist das erkünstelte Eis? Ha! ha! ha! Major . Ich bitte dich, Schwester, sey ernsthaft. Es gilt mein Glück, mein Leben! Gräfin . Um aller Grazien willen! du siehst ja aus, als wolltest du Geister citiren. Major . Wer ist sie? was weißt du von ihr? Gräfin . Viel und wenig. Was ich weiß, soll dir unverhohlen bleiben. Vor länger als 3Jahren meldete man mir eines Abends in der Dämmerung ein fremdes Frauenzimmer, welches mich allein zu sprechen begehre. Madam Müller erschien, mit alle dem Anstande, alle der Bescheidenheit, welche auch dich bezaubert haben. Doch trugen ihre Züge damals noch das sichtbare Gepräge der Angst und der Verwirrung, die jetzt in sanfte Melancholie verschmolzen sind. Sie warf sich zu meinen Füßen und bat mich, eine Unglückliche zu retten, die der Verzweiflung nahe sey. Man hatte, wie sie sagte, ihr viel Gutes von mir erzählt, und sie erbot sich, mir als Kammerfrau zu dienen. Ich forschte vergebens nach der Ursache ihrer Leiden; sie verschleierte ihr Geheimniß, entfaltete aber mit jedem Tage immer mehr und mehr ein treffliches Herz, einen gebildeten Geist. Ich ließ ab, in ihr Vertrauen mich eindrängen zu wollen; aber ich überhob sie der niedrigen Dienste, sie wurde meine Freundin. Als sie eines Tages auf einer Spazierfahrt hieher mich begleitete, und ich in ihren Augen das stille Entzücken las, mit welchem ihre Seele an den Schönheiten der Natur hing, that ich ihr den Vorschlag, hier zu bleiben und sich der häuslichen Wirthschaft anzunehmen. Sie ergriff meine Hand und drückte sie dankbar an ihre Lippen mit ungewöhnlichem Feuer. Seitdem ist sie hier und wirkt unzähliges Gute im Verborgenen, und wird angebetet von Allen, die ihr nahen. (mit einem Knix) Ich bin fertig, Herr Bruder. Major . Und ich weiß genug. Sey sie, wer sie wolle Schwester, steh' mir bei ich heirathe sie. Gräfin . Du? Major . Ich. Gräfin . Baron von der Horst? Major . Pfui, wenn ich dich recht verstehe. Gräfin . Gemach! gemach! die erhabenen Grundsätze von Gleichheit aller Stände passen herrlich in einen Roman; allein wir leben nun einmal nicht in der Ideenwelt. Der Herr Baron will seine Gemahlin nach Hofe führen, das geht nicht an. Er will seine Söhne, seine Töchter in adligen Stiftern versorgen, das geht nicht an. Major . Alles, was du sagen kannst, hab' ich mir drei Jahre lang vergebens vorgepredigt. Mein Loos ist geworfen. Ich bin kein brausender Jüngling mehr. Du hast einen Mann vor dir, der Gräfin . Der eine Frau nehmen will. Major . Dem ein stilles, häusliches Glück mehr gilt, als jener Flitterglanz der großen Welt. Ich ziehe auf meine Güter, ich bin mir selbst genug. Eine Frau wie diese einst Vater von Kindern, die ihr gleichen eine Hand voll Unterthanen, die ich zu beglücken den Willen und das Vermögen habe ein paar geprüfte Freunde eine zärtliche, muthwillige Schwester oder wie? wäre diese Schwägerin der Frau Gräfin etwa nicht anständig? Gräfin . Du wirst unartig. Major . Nun? was hindert denn noch? Gräfin . Das ist Alles schön und rührend, der Plan vortrefflich, aber einen kleinen Umstand hast du vergessen. Major . Der wäre? Gräfin . Ob Madam Müller dich haben will. Major . Das ist es eben, liebe Schwester, wozu ich deines Beistandes bedarf. Gute Henriette! wirst du meine Fürsprecherin werden? du, mit der ich an Einer Brust gelegen Gräfin . Um Vergebung, ich hatte eine Amme. Major . Grausamer Muthwille! Gräfin . Wunderlicher Mensch! wozu denn hier Empfindelei? du kennst mich. Hier hast du meine Hand, ich thue, was ich vermag. St! beinahe wären wir überrascht worden. Sie kommen. Weg mit der Ehestands-Falte! warte dein Spiel ruhig ab, ich will die Karten mischen.   Sechste Scene. Eulalia am Arme des Grafen . Die Vorigen . Graf . Potz Stern, Madam! Sie sind gut zu Fuße. Mit Ihnen mag ein anderer um die Wette laufen. Eul . Gewohnheit, Herr Graf. Sie dürfen nur vier Wochen hintereinander täglich einen solchen Spaziergang machen. Graf . O ja, wenn ich Lust habe, meinen Windhunden ähnlich zu werden. Gräfin . Wo war't Ihr? wir suchten Euch. Graf . Wo wir waren? ja, sieh' nur mein Schatz, wenn man mit Madam Müller geht, so weiß man so eigentlich nicht, wo man ist. Eul . Ich führte den Herrn Grafen auf jenen Hügel, von dessen Spitze man das ganze Thal und den Fluß, der sich im Thale schlängelt, übersehen kann. Graf . Ja, ja, die Aussicht ist schön, und wenn Madam Müller dabei ein wenig schwärmt, so ist das noch schöner. Aber nehmen Sie mir's nicht übel, mich kriegen Sie doch nicht wieder hinauf. Ich bin so müde, als ob ich einen forcirten Marsch gemacht hätte. Major . So lassen Sie uns nach Hause gehn. Ein wohlgepolstertes Sofa ladet Sie ein. Graf . Und eine Flasche Selterwasser mit Mosler Wein. Erquickender Gedanke! Gräfin . Geht! wir Weiber laufen indessen noch ein wenig herum. (sie gibt ihrem Bruder einen Wink.) Graf . Aber folgt uns bald, sonst rauchen wir Tobak aus langer Weile. Apropos! wie ist's mit dem Fremden? wird er kommen? Gräfin . Nein. Er hat es der Lotte rund abgeschlagen. Graf . Ein wunderlicher Heiliger. Aber das geht doch nicht an, ich muß ihm doch meine Dankbarkeit auf irgend eine Art beweisen. Major . Wenn Sie meinen, so will ich nachher selbst zu ihm gehn. Graf . (im Abgehn) Thun Sie das, Herr Bruder. Reden Sie ihm zu. Ich muß dem Manne doch einen Bissen Brot vorsetzen.   Siebente Scene. Die Gräfin . Eulalia . Gräfin . Gut, daß die Männer gingen. Ich habe Ihnen ein Geheimniß zu vertrauen. Eul . Mir? Gräfin . Wie gefällt Ihnen mein Bruder? Eul . Ich hielt ihn stets für einen wackern Mann. Gräfin . Ist er nicht auch ein schöner Mann? Eul . (gleichgültig) O ja. Gräfin . O ja? das klang beinahe wie: o nein! Aber ich muß Ihnen sagen, daß er Sie für eine schöne Frau hält. (Eulalia lächelt) Sie sagen nichts dazu? Eul . Was soll ich sagen? Spott kann nicht aus Ihrem Munde kommen; also Scherz und ich bin so wenig dazu gemacht, einen Scherz zu unterhalten Gräfin . Eben so wenig, als ihn zu veranlassen. Nein, es war Ernst. Nun? Eul . Sie setzen mich in Verlegenheit. Nun ja, ich will mich nicht zieren. Es gab eine Zeit, wo ich gern in meinen Spiegel sah. Das ist vorbei. Der Kummer hat an meiner Gestalt genagt. Nur Herzensruhe gießt den Zauber über ein weibliches Gesicht. Der Blick, der brave Männer fesselt, ist nur der Abglanz einer schönen Seele. Gräfin . Nun, Gott gebe mir immer ein so reines Herz,. als aus Ihren Augen leuchtet. Eul . (wild und rasch) Ach! Gott behüte Sie davor! Gräfin . (erstaunt) Wie!? Eul . (mit verhaltenen Thränen) Verschonen Sie mich ich bin eine Unglückliche dreijährige Leiden geben mir zwar keinen Anspruch auf die Freundschaft einer edlen Seele aber auf Mitleid verschonen Sie mich! (sie will gehn.) Gräfin . Bleiben Sie, liebe Madam Müller! wirklich, Sie müssen bleiben. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist vielleicht des Anhörens werth, Ihre Selbst-Anklage schreckt mich nicht ab. Mich dünkt, Sie sehen, wie der gute Paskal, neben Ihrem Stuhle eine Hölle; aber die Teufelchen existiren nur in Ihrer Einbildung. Eul . Wollte Gott, ich sähe die Hölle nur neben meinem Sessel! ach! ich trage sie rastlos im Herzen mit mir herum! Gräfin . Freundschaft hat Balsam für manche Wunde. Ich bitte zum ersten Male um Ihr Vertrauen. Nie Sie wissen es bin ich durch unbefugte Neubegier Ihnen lästig geworden; aber heute treibt mich ein edleres Interesse. Ich bitte mit Schwesterliebe um Ihr Vertrauen. Mein Bruder liebt Sie. Eul . (fährt zusammen und sieht der Gräfin starr ins Gesicht.) Für Scherz zu viel für Ernst zu traurig! Gräfin . Schon vor drei Jahren wurzelte diese Leidenschaft in seinem Herzen. Was kalte Vernunft dagegen sprach, er war nicht taub dafür. Er schwieg er ging auf Reisen Allein, vergebens hat er sein Herz bekämpft Ihr Bild begleitete ihn überall er fühlt, daß nur in Ihrem Besitz er Glück und Ruhe wieder finden kann. Hier haben Sie mein Creditiv. Entscheiden Sie, ob ich berechtigt bin, um Ihr Vertrauen zu bitten. Entdecken Sie sich mir! Sie wagen nichts. Schütten Sie Ihren Kummer in den verschwiegenen Busen einer Schwester aus! Eul . Ach! ich fühle es: das höchste Opfer, welches wahre Reue zu bringen vermag, ist freiwilliger Verzicht auf die Hochachtung einer schönen Seele. Ich will dieses Opfer bringen und hab' ich dann genug gebüßt! (stockend) Hörten Sie nie verzeihen Sie mir hörten Sie nie o es ist sehr schwer, eine Täuschung zu zerstören, welcher allein ich bis jetzt Ihre Güte verdanke aber es muß seyn pfui, Eulalia! ziemt Stolz dir? Hörten Sie nie von einer gewissen Baronesse Meinau? Gräfin . Am benachbarten Hofe? Mich dünkt, ich hörte von einer solchen Creatur. Sie soll einen braven Mann höchst elend gemacht haben. Eul . O Gott! ja! einen sehr braven Mann! Gräfin . Sie brach die Treue und entwich aus seinem Hause. Eul . Ja, das that sie! (außer sich, zu den Füßen der Gräfin stürzend) Verstoßen Sie mich nicht! Gräfin . Um Gotteswillen! sie sind Eul . Ich bin diese Creatur! Gräfin . (sich unwillig wegwendend) Ha! (sie geht einige Schritte, ihr Herz zieht sie zurück.) Aber sie ist unglücklich sie büßt streng weg mit dem Kopfe, der immer bereit ist, ein Verdammungs-Urtheil zu sprechen. (Sie blickt wehmüthig nach ihr ) Ach! sie ist so unglücklich! stehn Sie auf! ich bitte, stehn Sie auf. Man könnte uns beobachten. Ich gelobe Ihnen Verschwiegenheit. (Sie hebt sie auf.) Eul . Ach mein Gewissen! es wird nie schweigen! (mit beiden Händen die Hand der Gräfin ergreifend.) Verstoßen Sie mich nicht! Gräfin . Nein, ich verstoße Sie nicht. Ihr Betragen in den letzten drei Jahren Ihr stiller Kummer Ihre Reue tilgen freilich nicht Ihre Schuld aber eine Freistatt wird mein Herz Ihnen nie versagen, eine Freistatt, wo Sie ungestört um den Verlust Ihres Gemahls weinen dürfen ach! ich fürchte, ein unersetzlicher Verlust! Eul . (mit der Kälte der Verzweiflung) Unersetzlich! Gräfin . Armes Weib! Eul . Gott weiß, ob er lebt, oder todt ist! Gräfin . Genug! Eul . Für mich ist er todt! Gräfin . Fassen Sie sich! Eul . Ich hatte auch Kinder Gräfin . Nichts mehr! Eul . Gott weiß, ob sie leben, oder todt sind! Gräfin . Arme Mutter! Eul . Für mich sind sie todt! Gräfin . Ihr Blick wird gräßlich! Eul . Ich hatte einen alten Vater Gräfin . O um Gotteswillen! hören Sie auf! Eul . Der Gram um mich hat ihn gemordet. Gräfin . Wie furchtbar rächt sich die beleidigte Tugend! Eul . (endlich laut heulend und mit beiden Händen ihr Gesicht verhüllend.) Und ich lebe noch! Gräfin . Wer könnte diese Büßende hassen? (Eulalien in ihre Arme schließend) Nein, Sie sind nicht lasterhaft. Es war nur im Taumel, ein Rausch, ein Wahnsinn Eul . O verschonen Sie mich! wenn Sie wüßten, wie jede Milderung meines Verbrechens mir ein Dolchstich ist wie mein Gewissen nie mich heftiger martert, als wenn mein Kopf nach Entschuldigungen grübelt Nein, ich kann mich durch nichts entschuldigen, und die einzige traurige Beruhigung meines Herzens ist: mich ohne alle Einschränkung strafbar zu bekennen. Gräfin . Dieser Zug ist ächte Reue. Eul . O wenn Sie ihn gekannt hätten, den schönen, edlen Mann! Als ich ihn zum ersten Mal erblickte ich war damals kaum 14Jahr alt Gräfin . Und Ihre Verbindung? Eul . Wenige Monden nachher. Gräfin . Und Ihre Flucht? Eul . Zwei Jahre war ich seine Gattin. Gräfin . O dann lassen Sie Ihre Jugend büßen, was nicht Ihr Herz verbrach. Eul . Das ist die Sprache meines Kopfes in Stunden, wo Sehnsucht und Liebe den Sieg über die Reue davon tragen. Nein, meine Jugend entschuldigt mich nicht! (mit einem Blick zum Himmel) Alter, ehrwürdiger Vater! das hieße dich anklagen! du hattest mir Grundsätze der Ehre und Tugend ins Herz gepflanzt! du hattest mich gewarnt vor dem Gift der Schmeichelei und Verführung. Gräfin . Was vermag Erziehung gegen einen Lovelace. Eul . Jener Nichtswürdige er steht nun vor Gott! hatte die Freundschaft meines Gatten erschlichen, und mit ihr mein Vertrauen. Eine lange Geschäfts-Reise trennte Meinau von mir, der scheidend mich des Freundes Obhut empfahl. Daß ich keine Gefahr ahndete, war mein Verderben. Doch hat mich Gott nicht so verworfen, daß ich versuchen mochte den Gemahl zu täuschen die Stunde meines Falles war auch die Stunde meiner Trennung, meiner Flucht wahnsinnig entrann ich dem erschrockenen Verführer hinaus in die stürmische Nacht bis an den Morgen durchirrte ich die einsamen Straßen, vor jeder Laterne mich verkriechend endlich nahm in ihrer Hütte meine alte, verschwiegene Amme mich auf segne sie Gott! sie hat mich vor Selbstmord bewahrt! Gräfin . Und Sie betraten Ihre Wohnung nicht wieder? Eul . Nie wieder! sie war mir zur Hölle geworden! Gräfin . Und Ihre Kinder? Eul . Nur noch ein Mal sah ich verstohlen sie von Ferne auf dem Arme ihrer Wärterin. Ach! ich durfte nicht einmal sie segnen mit unreinen Lippen! An demselben Tage, an dem mein Gatte zurückkehren sollte, verließ ich unter fremden Namen den Schauplatz meiner Verbrechen und flüchtete zu einer edlen Seele, die mir ein Plätzchen gab, auf dem ich weinen darf und mir auch ein Plätzchen nicht versagen wird, auf dem ich sterben dürfe. Gräfin . (sie in ihre Arme schließend) Hier nur hier an meinem Busen sollen künftig Ihre Thränen fließen; und möcht' es mir gelingen, dich arme Leidende wieder mit der Hoffnung vertraut zu machen! Eul . Nein! ach nein! Gräfin . Hörten Sie seitdem nichts von Ihrem Gemahl? Eul . Er verließ die Stadt Niemand weiß, wohin er ging. Gräfin . Und Ihre Kinder? Eul . Nahm er mit sich. Gräfin . Wir müssen Erkundigungen einziehen. Vielleicht, daß mein Bruder ach! mein armer Bruder, den hatt' ich ganz vergessen! Kommen Sie, liebe Freundin! man erwartet uns, und wir bedürfen beide der Zerstreuung. Eul . Noch einen Augenblick, um mich zu sammeln. Gräfin . Ich verstehe Sie. (ab)   Achte Scene. Eulalia allein. (nach einer Pause) So hab' ich mir nun auch die letzte Täuschung geraubt ich bin in fremden Augen nicht mehr, was ich scheine Die Verbrecherin ist entlarvt! So recht! so mußt' es seyn! der wahren Reue ziemt Verheimlichung nicht. Gott! nimm auch dieses Opfer gnädig an! Mir ist eine Last vom Herzen gewälzt Ich fühle nun den Grund der Freudigkeit, mit der so oft ein Verbrecher zum Richtplatz geht: er hat durch sein Bekenntniß sie erworben. Ach! ich werde mein Auge nicht mehr zu der edlen Gräfin erheben dürfen eine neue, bittere Strafe desto besser! desto besser! (sie geht)     Vierter Akt. Erste Scene. Franz sitzt auf der Rasenbank und verzehrt sein Abendbrod. Gleich darauf der Major . Fr . Als ich noch in der Stadt auf dem Kaffeehause diente, da gab es täglich Leckerbissen, aber Gott sey Dank! dies Brod schmeckt mir doch besser. Das macht, ich war damals ein fauler Gesell. Major . Mein Freund, ich muß seinen Herrn sprechen. Fr . Kann nicht dienen. Major . Warum nicht? Fr . Ist mir verboten worden. Major . (will ihm Geld in die Hand stecken) Da, melde er mich. Fr . Brauche kein Geld. Major . Nun, so melde er mich nur. Fr . Ich will Sie melden, gnädiger Herr, aber was kann das helfen? Ich werde ausgescholten und er schließt sich ein. Major . Wer weiß. Sag' er ihm, ich bäte nur um eine einzige Minute, wolle ihm nicht beschwerlich fallen. Wenn er ein Mann von Erziehung ist, so wird er hier unter freiem Himmel mich nicht vergebens warten lassen. Fr . Nun, in Gottes Namen! ich will's versuchen. (ab) Major . Aber wenn er nun kommt, wie soll ich ihn behandeln? Knigge hat ein Buch geschrieben, über den Umgang mit Menschen; aber wie man einem Menschenfeinde schicklich beikommen soll, davon sagt er nichts. Wohlan! auf gut Glück! ein offenes, freundliches Gesicht, weder blöde noch dreist, damit kommt man so ziemlich bei Jedermann fort.   Zweite Scene. Der Unbekannte . Der Major . Unb . Was steht zu Befehl? Major . Verzeihen Sie, mein Herr (ihn plötzlich erkennend) Meinau! Unb . Horst! (sie stürzen sich in die Arme.) Major . Bist du es wirklich, alter Freund?! Unb . Ich bin's. Major . Mein Gott! wie entstellt! Unb . Die Hand des Unglücks liegt schwer auf mir. Stille! Wie kommst du hieher? was willst Du? Major . Wunderlich! ich stehe hier und sinne, wie ich den einsiedlerischen Fremden anreden, was ich ihm sagen soll er erscheint und siehe da, ich finde meinen braven Meinau! Unb . Du hast mich also nicht erforscht? du wußtest nicht, daß ich der Bewohner dieser Hütte sey? Major . So wenig, als ich weiß, wer auf dem Kaukasus wohnt. Du hast diesen Morgen meinem Schwager das Leben gerettet; eine dankbare Familie wünschte, dich in ihrer Mitte zu sehen, du schlugst es dem Kammermädchen meiner Schwester ab, und um der Einladung mehr Gewicht zu geben, sandte man mich selbst. Siehe da, das Vehikel, dessen der Zufall sich bediente, um mir den Freund wieder zu schenken, den mein Herz so lange entbehrte. Unb . Ja, ich bin dein Freund, dein wahrer Freund. Du bist ein guter Mensch, ein seltener Mensch, mein Herz ist unverändert gegen dich. Ist aber diese Versicherung dir lieb und werth so Horst so verlaß mich und komm nie wieder zu mir. Major . Alles, was ich von dir sehe und höre, ist mir ein Räthsel. Du bist es, dein Gesicht steht vor mir, aber das sind nicht die Züge, die einst die Herzen aller Mädchen bezauberten, Freude in jede Versammlung brachten, dir Freunde erwarben, ehe du noch sprachst. Unb . Du vergissest, daß ich um sieben Jahre älter geworden bin. Major . Freilich, dann bist du ein paar Jahre über dreißig. Warum vermeidest du, mich anzusehn? ist Freundes Antlitz dir zuwider geworden? wo ist der offene Feuerblick, der sonst in Aller Herzen las? Unb . Mein Blick las in Aller Herzen? Ha! ha! ha! Major . O Gott! dies gräßliche Lachen, es klingt wie ein Fluch! Mensch, was ist dir wiederfahren? Unb . Alltägliche Dinge der Welt Lauf Begebenheiten, wie man sie auf allen Straßen hört. Horst! wenn ich dich nicht hassen soll, so verschone mich mit Fragen, und wenn ich dich lieben soll, so verlaß mich. Major . Pfui! wie das Schicksal einen Menschen verhunzen kann! Ich bitte dich, wecke die schlummernde Vergangenheit, daß dein Herz wieder warm werde und fühle, daß ein Freund ihm nahe ist. Erinnere dich unserer froh durchlebten Tage im Elsaß; nicht jener tollen Schwärmereien im lärmenden Gewühl unserer Kriegskameraden, nein, jener heitern, sanften Stunden, wo wir Arm in Arm uns den Wällen von Straßburg, oder am Ufer des Rheins den Schönheiten der Natur unsere Herzen öffneten, und für Wohlwollen und Freundschaft sie empfänglich machten. In jenen seligen Augenblicken ward der Bund unserer Herzen geknüpft; in einem jener seligen Augenblicke gabst du mir diesen Ring zum Pfande treuer Bruderliebe. Erinnerst du dich dessen noch? Unb . O ja! Major . Bin ich seitdem deines Vertrauens unwerth geworden? Unb . Nein! nein! Major . Waren wir bloße Alltagsfreunde, durch Laune, Zufall und Lustbarkeiten an einander geknüpft? haben wir und nur in bunten Zirkeln mit einander herum getrieben? Haben wir nicht auch dem Tod unter den Batterien vor Gibraltar Hand in Hand getrotzt? Karl! es thut mir weh, daß ich alle meine Rechte auf dich geltend machen muß. Gedenkst du noch des schwülen Tages, an dem der Rheinstrom dich, den Badenden, verschlang? Unb . Du rettetest mein Leben. Major . So vergilt mir und rede. Unb . Ach! wozu!? Major . Ich kann auch mit dir weinen . Unb . Ich habe längst keine Thränen mehr! Major . So gib mir Worte, die das Herz erleichtern. Unb . Mein Herz ist gleich einem lange verschlossenen Grabe. Laß faulen und verwesen, was dort verscharrt wurde; warum es öffnen und die Luft umher verpesten? Major . Lüften wollen wir's und reinigen, und der Strahl der Hoffnung möge es mild erwärmen. Unb . Hoffnung? Ha! ha! ha! Horst, ich glaubte, es sey mir gleichgültig geworden, was irgend ein Mensch in der Welt von mir denken möchte; aber ich fühle in diesem Augenblicke, es ist nicht ganz so. Der Freund soll den Schatten des Freundes nicht verlassen, ohne zu erfahren, was für jede Freude des Lebens ihn mordete. Wohlan in ein paar Worte läßt sich viel Unglück fassen. Bruder, ich verließ dich und die französischen Dienste. Seit jenem Augenblicke floh mich das Glück. Mir winkte mein Vaterland. Was träumte ich mir nicht für süße Bilder, wie ich da leben und wirken, manchen alten Schlendrian ausrotten, manche Thorheit zu Schanden machen wollte. O, wem seine Ruhe lieb ist, der wage sich nicht an die Thorheiten der Menschen! ich wurde verfolgt, gehaßt, für einen gefährlichen Menschen ausgeschrien. »Witz hat er,« so sprach man überall, »aber ein böses Herz.« Das ärgerte mich. Ich schwieg, tadelte nichts mehr, lobte Alles, buhlte um das Zutrauen der Menschen zu spät! sie konnten mir's nie vergessen, daß ich einst hatte klüger seyn wollen, als sie. Ich zog mich zurück, war mir selbst genug, lebte einsam mitten in der Residenz. Die Stände wählten mich zum Sprecher für ihre bedrängten Rechte. Ich that meine Pflicht, erzürnte den Fürsten, ward verleumdet und saß ein Jahr lang auf der Festung, ohne Verhör, ohne Urtheil und Recht. Man gab mir endlich die Freiheit. Ich raffte mein Vermögen zusammen und ging aus dem Lande. Mit Menschenkenntniß gewaffnet so bildete ich mir ein sollte es mir nun leicht werden, mit und unter den Menschen zu leben. Ich wählte Kassel zu meinem Aufenthalt. Alles ging vortrefflich. Ich fand Freunde, die mir liebkosten, mich verhätschelten, mir mein Geld abborgten und meinen Wein austranken. Endlich fand ich auch ein Weib ein kindlich frommes Geschöpf! owie liebte ich sie! ja, damals war ich glücklich! sie gebahr mir einen Sohn und eine Tochter beiden hatte die Natur die Schönheit ihrer Mutter verliehen owie liebt' ich mein Weib und meine Kinder! Ja, damals war ich recht glücklich! (er wischt sich die Augen) Sieh da, noch eine Thräne. Hätt' ich's doch kaum gedacht. Willkommen ihr alten Freunde! wir haben uns lange nicht gesehn! Nun, Bruder! meine Geschichte ist gleich zu Ende. Einer meiner sogenannten Freunde betrog mich um mein halbes Vermögen. Ich verschmerzte das. Dem Zufriedenen blieb noch immer genug. Da kam ein Anderer ein Heuchler, der mich bestrickte, den ich mit meinem Gelde unterstützte, durch mein Ansehen ihm empor half ja, ich vertraute ihm mein Alles, mein Weib und meine Kinder, als mich ein lästiger Proceß nach Schwaben rief. Endlich war er verglichen! endlich kehrt ich heim auf den Flügeln der Liebe und fand mein Haus leer, mein Weib verführt, entwichen! ist dir das genug für meinen Menschenhaß? Major . Sie war deiner unwerth. Unb . Ach! ich liebe sie noch! Major . Und wo ist sie? Unb . Das weiß ich nicht, verlange es auch nicht zu wissen. Major . Und deine Kinder? Unb . In einem nahen Städtchen ließ ich sie, bei einer Bürgerswitwe, die mir dumm genug, und also ehrlich schien. Major . Warum behieltest du die Kinder nicht bei dir? sie würden dir manche schwermüthige Stunde weggegaukelt haben. Unb . Daß die Aehnlichkeit mit ihrer Mutter mir täglich das Bild entflohener Freuden zurückgerufen hätte? Nein, ich habe sie in drei Monaten nicht gesehn. Ich mag keinen Menschen um mich haben, weder Kind, noch Greis; das Kind ist ein werdender Bösewicht, und der Greis ein vollendeter Schurke! wahrlich! hätte unsere vornehme Erziehung mir nicht einen Bedienten zum Bedürfniß gemacht, ich würde den meinigen längst weggejagt haben, ob er gleich nicht der Schlechteste unter den Schlechten ist. Major . Das kommt dabei heraus, wenn man eine Frau aus unsern sogenannten guten Familien wählt. Darum, Meinau, siehst du mich entschlossen, ein Weib aus dem Bürgerstande zu heirathen. Unb . Hüte dich! hättest du mein Weib gekannt, du würdest keiner trauen. Major . Diese ist geprüft. Du sollst sie sehen. Komm mit mir! meine Familie erwartet dich mit Sehnsucht. Unb . Verschone mich. Major . Du würdest alle Zartheit der Empfindung beleidigen, wenn du meinem Schwager nicht wenigstens eine Stunde opfertest. Jemanden eine Wohlthat erzeugen und keinen Dank fordern, ist edel und schön; aber diesem Danke so geflissentlich ausweichen, daß die Wohlthat zur Last wird das thut kein edler Mann. Unb . Wohlan, ich komme. Doch unter zwei Bedingungen. Major . Welche? Unb . Daß du meinen Namen verschweigst Major . Zugestanden. Unb . Und daß du morgen ohne Widerrede mich abreisen lässest. Major . Abreisen? wohin? Unb . Wohin Gott will! unter Menschen, die mich nicht kennen. Major . Thu' morgen und übermorgen was dir gefällt, aber leere heute ein Glas Wein mit mir. Unb . Zum letztenmale! Major . Folge mir. Unb . Ich muß mich doch erst ein wenig umkleiden. Major . So erwarten wir dich bald. Du gabst mir dein Wort. Unb . Ich gab es. Major . Leb' wohl! (ab)   Dritte Scene. Der Unbekannte . Gleich darauf Franz . Unb . (geht mit finsterm Blicke einigemal auf und nieder. Endlich bleibt er stehen und ruft:) Franz. Fr . (kommt) Gnädiger Herr! Unb . Morgen reisen wir. Fr . Mir recht. Unb . Vielleicht in ein anderes Land. Fr . Mir auch recht. Unb . Vielleicht in einen andern Welttheil. Fr . Mir alles recht. Unb . Ihr friedlichen Insulaner der Südsee, zu Euch will ich; Ihr werdet mich bestehlen, aber meine Ruhe mir nicht rauben. Oder zu euch, ihr wackern Bewohner von Bisnapore, wenn ihr Raynal's Gemählde gleicht. Oder nun ja, wohin Gott will! Fort! fort aus diesem kultivirten, moralischen Lazareth! Hörst du, Franz? morgen, mit dem Frühsten. Fr . Ganz wohl. Unb . Doch zuvor noch ein Geschäft für dich. Geh ins Dorf, miethe Pferde und Wagen von einem Bauer, und eile in das nahe Städtchen. Du kannst vor Sonnen-Untergang zurück seyn. Ich will dir einen Brief an eine Bürgersfrau mitgeben, die ich kenne. Dort wirst du zwei Kinder finden, es sind meine Kinder. Fr . (erstaunt) Ihre Kinder, Herr? Unb . Nimm sie, packe sie auf den Wagen und bringe sie hieher. Fr . Ihre Kinder, Herr? Unb . Nun ja doch, meine Kinder. Ist denn das so unbegreiflich? Fr . Ich begreife wohl. daß Sie Kinder haben können; aber daß ich nun schon seit drei Jahren in Ihren Diensten bin, ohne jemals ein Wörtchen davon zu hören Unb . Viel von seinen Kindern sprechen, ist thörichte Eitelkeit. Fr . Sie waren also verheirathet? Unb . Belästige mich nicht mit unnützen Fragen. Geh, mach' dich reisefertig. Fr . Dazu brauche ich fünf Minuten. Unb . Ich folge dir sogleich, um den Brief zu schreiben. (Franz ab.)   Vierte Scene. Der Unbekannte allein. Ja, ich will sie mit mir nehmen. Ich will mich an ihren Anblick gewöhnen. Die unschuldigen Geschöpfe sollen nicht vergiftet werden, weder durch ein Philanthropin, noch durch eine Pension. Mögen sie lieber auf irgend einer wüsten Insel ihren täglichen Unterhalt mit Bogen und Pfeil erjagen, oder, wie die Hottentotten, in einem Winkel kauernd, die Spitze ihrer Nase betrachten. Besser nichts thun, als Böses. – Narr, der ich war, mir das Versprechen entlocken zu lassen, noch Einmal unter Menschen zu erscheinen, unter Menschen, wie Europa sie liefert! – Doch es gilt einen Freund, den Einzigen, den ich hatte! – Möcht' er fühlen, daß dieses Opfer mir schwerer fällt, als ihm der Sprung für mich in den Rhein. (ab)   Fünfte Scene. Der Major und die Gräfin . Major . (die Gräfin nach sich ziehend) Bin ich endlich deiner habhaft geworden? Schwester, du bist grausam! du siehst meine Unruhe, meine Winke, und bleibst wie angenagelt an deinem Theetisch sitzen. Gräfin . Nun ja, deine Winke sind mir nicht entgangen. Meinst du, ich wäre dir nicht schon längst gefolgt, wenn ich etwas Tröstliches dir zu sagen hätte? Major . Du hast mit ihr gesprochen? Gräfin . Ja. Major . Ihr gesagt, daß ich sie liebe? Gräfin . Ja. Major . Und sie verschmäht mich? Gräfin . Sie schätzt dich hoch, allein sie kann die Deinige nie werden. Major . Warum nicht? Gräfin . Frage mich nicht. Major . Hat sie dir entdeckt ? Gräfin . Alles. Major . Und die Hindernisse? Gräfin . Sind unüberwindlich. Major . Dir mag das so scheinen, du begreifst nicht, wie ich sie liebe. Gräfin . Und wenn du, wie Schillers Taucher, den Trauring aus dem Strudel holen wolltest, es ist vergebens! Major . Also schon verheirathet? Gräfin . Ich darf ihr Geheimniß nicht verrathen. Major . Vertrauen hätte ich doch verdient? Gräfin . Es sey dir genug zu wissen, daß sie unglücklich ist, sehr unglücklich! Du bist bedauernswerth, aber sie erbarmungswürdig! sey edel, schone sie! Major . Nun wohl, ich bin ein Mann, ich muß mich fassen aber kann ich denn gar nichts für sie thun? mein Vermögen, mein Leben Gräfin . Sie ist nicht zu retten! Major . Ha! ich wähnte: ihr entsagen müssen, sey das Schwerste, aber du hast ein Schwereres auf mich gewälzt. Gräfin . Nur mildern kann die Freundschaft ihre Leiden. Bruder, wir wollen thun, was wir können. Major . Sprich, was kann ich thun? Gräfin . Sie mit der zartesten Schonung behandeln; sie weder an ihr Unglück, noch an deine Liebe erinnern. Still! man kommt.   Sechste Scene. Der Graf . Eulalia . Die Vorigen . Graf . Zum Henker! denkt ihr denn, ich sey ein Xenocrat? oder ein Marmorbild, wie der arme Sultan Uzim Oschantey? Da lassen Sie mich immer in Gottes Namen mit Madam Müller allein, als ob mein Herz ein Kieselstein wäre. Ich sage es Ihnen, Frau Gemahlin, wenn das noch einmal geschieht, so hab ich meine Liebeserklärung schon in petto . Gräfin . Vermuthlich von Ihrem Secretair entworfen? Graf . Ich hatte noch keinen Secretair, als ich die schönsten billets doux an Sie schrieb. Gräfin . Die wollen sie doch nicht zum zweiten Male brauchen? Graf . Verdammtes Weib! ich komme nicht gegen sie auf. Herr Schwager, wie steht's? wird der Fremde kommen? Major . Ich erwarte ihn jeden Augenblick. Graf . Das ist mir lieb. Wieder eine Gesellschaft mehr. Auf dem Lande kann man deren nicht zu viel haben. Major . Durch diesen Fremden wird unser Zirkel eben nicht erweitert werden. Er reist schon morgen ab. Graf . Das soll er wohl bleiben lassen. Nun, Frau Gräfin, nun einmal alle Ihre Reize aufgeboten. Es ist keine Kunst, sich an einem Ehemanne zu reiben, der ist schon abgeschliffen; aber so ein fremder Sonderling, der hat scharfe Ecken. Da versuchen Sie Ihr Heil. Gräfin . Wahrhaftig, die Eroberung wäre schon der Mühe werth. Aber was der Madam Müller in vier Monaten nicht gelungen, das werd' ich nie zu Stande bringen. Eul . Doch, gnädige Frau. Er hat mir nie Gelegenheit gegeben, meine Reize auf ihn wirken zu lassen. Wir haben in diesen vier Monaten einen sehr geistigen Umgang gepflogen, denn wir haben uns auch nicht ein einziges Mal gesehn. Graf . Er ist ein Narr und Sie sind ein Närrchen. Bitterm . (tritt herein) Der fremde Herr will die Ehre haben, aufzuwarten. Graf . Herzlich willkommen! Immer herein.   Siebente Scene. Der Unbekannte . Die Vorigen . Unb . (tritt mit einer ernsthaften Verbeugung in das Zimmer.) Graf . (geht mit offnen Armen auf ihn zu.) Eul . (erblickt ihn, stößt einen lauten Schrei aus und fällt in Ohnmacht.) Unb . (wirft einen Blick auf sie, entsetzt sich, läßt seinen Hut fallen und rennt zur Thür hinaus.) Graf . (sieht ihm voll Erstaunen nach.) Die Gräfin und der Major (beschäftigen sich um Eulalien.)     Fünfter Akt. (Zimmer im Schloß.) Erste Scene. Der Graf allein (geht herum und schlägt Fliegen todt) Ehemals zog ich gegen Menschen zu Felde, nun gegen Fliegen. Beide sind oft ein lästiges Geschmeiß. – Den heutigen Feldzug eröffne ich aus langer Weile – und wie mancher Feldzug wird aus keinem bessern Grunde eröffnet! – Kaiser Domitian schlug Fliegen todt, so gut als ich; darüber lacht die ganze Welt. Aber daß Kaiser Karl Menschen todt schlug, wie Fliegen, weil sie nicht beten wollten, wie Er, darüber lacht Niemand, und es ist doch bei Gott sehr lächerlich? Guter Domitian! deine Asche ruht in Frieden, die Seelen der ermordeten Fliegen können dir nicht fluchen. Selig ist der Kaiser, der fein zu Hause bleibt und Fliegen todt schlägt.   Zweite Scene. Bittermann . Der Graf . Bitterm . Ew. hochgräfliche Excellenz, die Tafel ist servirt. Graf . Ich frage den Henker nach seinen Leckerbissen, wenn er mir die Tafel nicht auch mit Menschen servirt. Allein schlafen kann ich zur Noth, aber nicht allein essen. Wo bleibt denn meine werthe Hausgenossenschaft? liegt Madam Müller noch in Ohnmacht? Bitterm . So viel ich im Vorbeigehen am Schlüsselloch erlauschen konnte, ist sie nun wieder zu sich gekommen. Du lieber Gott! ist das nicht ein Spectakel um so ein Frauenzimmerchen. Die arme hochedle Mamsell Lotte läuft Treppe auf, Treppe nieder, nach Hirschhorn und weißem Pulver. Ich wundere mich nur über die gnädige Frau Gräfin und über den hochwohlgebornen Herrn Major; die sind so ängstlich um die gewisse Person beschäftigt, als ob dieselbe zu Ew. hochgräflichen Excellenz hoher Familie gehörte. Graf . (lächelnd) Wer weiß. Bitterm . Bei meiner armen Seele! ich glaube, wenn ein alter, treuer Diener, der seit 20Jahren die Ehre hat, Ew. hochgräflichen Excellenz aufzuwarten, ein Mal das Unglück hätte, in Ohnmacht zu fallen, es würde nicht halb so viel Lärm entstehen. Graf . Das glaub' ich beinahe selbst. Bitterm . Und lieber Gott! Niemand weiß doch, wer das Frauenzimmerchen ist. Ich habe Briefe über Briefe geschrieben, ich habe Antworten über Antworten erhalten; keiner meiner Korrespondenten kann mir Auskunft geben. Graf . Weiß er was, Bittermann? da will ich ihm einen guten Rath ertheilen. Bitterm . (sehr begierig) Ich bin ganz Ohr. Graf . Ich schließe aus dem heutigen Vorfall, daß Madam Müller und der Fremde sich kennen müssen. Wenn er also nur von dem Fremden nähere Nachricht einziehen könnte Bitterm . (wehmüthig) Ach, theuerster Herr Graf! habe ich mir nicht schon die unsäglichste Mühe deshalb gegeben? Seit vier Monaten ist alle mein Dichten und Trachten vergebens! dicker Nebel, ägyptische Finsterniß! und ohne Ruhm zu melden, was ich nicht zu Tage fördere, das muß im tiefsten Schacht vergraben liegen.   Dritte Scene. Der Major . Die Vorigen . Graf . Endlich kommt doch Einer, der mit mir zur Tafel gehen wird. Major . Verzeihen Sie, Herr Bruder, ich habe weder Hunger noch Durst. Graf . O weh! welch ein klägliches Gesicht! Alles kann ich verzeihen, nur nicht, daß man in meinem Hause den Kopf hänge. Wenn ich König wäre, ich würde meine Unterthanen glücklich machen, so viel in meinen Kräften stünde; wen ich aber nicht glücklich machen könnte, der müßte über die Grenze. Major . Also nur aus Egoismus würden Sie die Menschen glücklich machen? Graf . Ach, lieber Herr Bruder, Egoisten sind wir alle, der eine mehr, der andere weniger. Der eine läßt seinen Egoismus nackend laufen, der andere hängt ihm ein Mäntelchen um. Major . Zum Disputiren bin ich jetzt nicht gestimmt. Graf . Ein andermal. Apropos, was macht Madam Müller? Major . Apropos? ein allerliebstes Apropos. Graf . Nun denn, ohne Apropos. Major . Sie hat sich erholt. Graf . Wird sie zum Essen kommen? Major . Nein. Graf . Meine Frau auch nicht? Major . Ich zweifle. Graf . Und werde ich erfahren ? Major . Verschonen Sie uns heute. Graf . Nun, so hol Euch alle der Henker! Komm' er, Bittermann, er soll mir bei Tische ein Paar von seinen Briefen vorlesen. Bitterm . Mit dem größten Vergnügen, Ew. hochgräfliche Excellenz. (beide ab) Major . (vor sich hinstarrend) Die Räthsel sind gelöst armer Horst! sie ist das Weib deines Freundes! Mein schönes Wolkenbild! es zerfließt in kalten Nebel! Wohlan! jetzt widerlege durch die That, was der Graf da eben frostig deklamirte. Du kannst nicht glücklich seyn! aber du kannst vielleicht glücklich machen Eulalien wieder glücklich machen! Odann wäre ich ja doch beneidenswerth!   Vierte Scene. Die Gräfin . Eulalia . Der Major . Gräfin . In den Garten, liebe Freundin, in die frische Luft. Eul . Mir ist wohl. Wenn Sie sich nur nicht um mich beunruhigten (bittend) wenn Sie mich lieber ganz allein ließen. Major . Nicht doch, gnädige Frau, die Zeit ist kostbar. Er will fort, morgen schon. Lassen Sie uns alle Mittel denken, Sie mit Ihrem Gemahl auszusöhnen. Eul . Wie, Herr Major? Sie wissen Major . Alles. Meinau ist mein Jugendfreund. Seit sieben Jahren waren wir getrennt. Der Zufall führte uns heute wieder zusammen, und sein Herz schloß sich mir auf. Eul . (schaudernd) Nun fühl' ich, was es heißt, den Blick eines ehrlichen Mannes nicht ertragen können! OGräfin! verbergen Sie mich vor mir selbst! (sie verbirgt ihr Gesicht am Busen der Gräfin.) Major . Wenn ungeheuchelte Reue, ein Leben ohne Tadel, nicht Anspruch auf Verzeihung der Menschen geben, was hätten wir einst von Gott zu hoffen! Nein, Sie haben genug gebüßt. Ich kenne meinen Freund, ich eile zu ihm Eul . Was wollen Sie thun, Herr Major? Nein, nimmermehr! Die Ehre meines Gemahls ist mir heilig. Ich liebe ihn unaussprechlich, aber ich kann nie wieder seine Gattin werden, selbst wenn er großmüthig genug wäre, mir verzeihen zu wollen. Major . Ist das Ihr Ernst, gnädige Frau? Eul . Nicht diese Benennung, ich bitte Sie. Ich bin kein Kind, das sich der Strafe entziehen will. Was wäre meine Reue, wenn ich einen andern Vortheil dadurch zu erlangen hoffte, als den eines minder tobenden Gewissens! Major . Aber wenn nun Ihr Gemahl selbst Eul . Das wird er nicht, das kann er nicht. Major . Aber er liebt Sie noch. Eul . Nun so darf er nicht. Er muß sein Herz von einer Schwachheit losreißen, die ihn entehrt. Major . Seltene Frau! Sie haben mir also gar nichts aufzutragen? Eul . Doch, Herr Major. Ich habe zwei Bitten, deren Erfüllung mir am Herzen liegt. Oft, wenn ich im Uebermaß meines Kummers an jedem Trost verzweifelte, kam es mir vor, als würde ich ruhiger seyn, wenn das Schicksal mir den Wunsch gewährte, meinen Gemahl nur noch ein einziges Mal zu sehen, ihm meine Schuld zu bekennen, und dann auf ewig von ihm zu scheiden. Das also meine erste Bitte: eine Unterredung von wenigen Minuten, wenn er meinen Anblick nicht verabscheut. Aber daß er ja nicht wähne, es gelte ein Versuch, ihm seine Verzeihung abzubetteln! daß er ja überzeugt sey, ich wolle meine Ehre nicht auf Kosten der seinigen wiederherstellen! Meine zweite Bitte ist Nachricht von meinen Kindern. Major . Ich eile Gräfin . Gott sey mit Dir! Eul . Und mein Gebet! (Major ab.) Gräfin . Ihm nach, liebe Freundin, ein Gang unter die Linden, bis er mit freundlicher Zusage wiederkehrt. Eul . Wenn er sich meiner erbarmt wenn er diesen milden Tropfen in die Schale meiner Leiden träufelt oTod! dann sey mir willkommen! ich werde nicht in Verzweiflung sterben. (beide ab)   Fünfte Scene. (Der Platz vor der Wohnung des Unbekannten.) Der Major allein. Gibt es noch auf Erden solch' ein Weib? er muß ihr verzeihen! – Dich was werd' ich ihm sagen, wenn er mir das Phantom der Ehre entgegen stellt? wenn er mich fragt, ob ich ihn zum Spott der bürgerlichen Gesellschaft herabwürdigen will? – was werd' ich antworten, wenn er spricht: ein ehebrecherisches Weib ist ein Schandfleck ihres Geschlechts, und ihr verzeihen, heißt ihre Schande theilen? – Ach! nur zu wahr! – doch ihre Jugend – ihre Reue – seine Liebe – – die Welt? nun die muß er fliehen, der muß er auf immer entsagen. In stiller Einsamkeit, wo keine Fesseln drücken, wird Eulalia ihm Ersatz gewähren.   Sechste Scene. Franz . Wilhelm . Malchen . Der Major . Wilh . Ich bin müde. Malchen . Ich auch. Wilh . Haben wir noch weit bis nach Hause? Fr . Nein, wir sind gleich da. Major . Halt! was sind das für Kinder? Fr . Die Kinder meines Herrn. Wilh . Ist das der Papa? Major . Wie ein Blitzstrahl fährt mir's durch den Kopf. Ein Wort, Alter. Ich weiß, du liebst deinen Herrn. Hier sind wunderliche Dinge vorgefallen. Fr . Zum Exempel. Major . Dein Herr hat seine Frau wieder gefunden. Fr . So? Das ist mir lieb. Major . Madam Müller Fr . Ist die seine Frau? das ist mir noch lieber. Major . Aber sie wollen sich trennen. Fr . O weh! Major . Man muß das zu hindern suchen. Fr . Ei freilich. Major . Vielleicht, daß der unvermuthete Anblick der Kinder ihre Herzen überrascht. Fr . Wie das? Major . Nimm die Kleinen und verbirg dich mit ihnen dort in der Hütte. Bald sollst du mehr erfahren. Fr . Aber Major . Ich bitte dich, Alter, frage nicht viel. Die Zeit ist kostbar. Fr . Nun, nun, fragen ist eben meine Sache nicht. Kommt Kinder. (er geht mit ihnen in die Hütte.) Major . (allein) Ja, ich verspreche mir etwas von diesem kleinen Kunstgriff. Wenn er, nach langer Trennung, seine Kinder und zugleich ihre Mutter wieder sieht, dann wird die Natur nicht umsonst ihre Stimme erheben.   Siebente Scene. Meinau . Der Major . Major . (eilt ihm entgegen und schließt ihn mit Herzlichkeit in seine Arme.) Meinau! Unb . Du hier? (mit starrer Kälte) Du weißt nun, was ich verloren habe. Major . Verloren und wieder gefunden! Unb . (stutzt und sieht ihn starr an) Was willst du damit sagen? Major . Du kannst wieder glücklich werden. Unb . (auffahrend) Mensch! (nach einer Pause mit Kälte) Hat meine Frau dich zu mir geschickt? Major . Ja. Unb . (mit Verachtung) Und sie könnte hoffen Major . Nichts hofft sie. Deine Ehre ist ihr heilig. Unb . (bitter) Wirklich? O ich verstehe. Seit 4 Monaten wohne ich hier, das wußte Eulalia Major . Nein, sie sah dich heute zum ersten Mal. Unb . Das glaubst du ihr. Höre weiter. Sie wußte ferner recht gut, daß durch einen Theater-Coup mir nicht beizukommen sey; darum legte sie einen feinen, tief versteckten Plan an. Sie spielte die Fromme, die Sittsame, die Eingezogene, um meine Neubegier rege zu machen. Sie spielte die Wohlthätige, doch so, daß ich es jedesmal erfahren mußte. Und endlich heute spielt sie dir reuige Spröde, und entsagte meiner Verzeihung, um desto sicherer sie mir zu entlocken. Major . Mit Verwunderung habe ich dir zugehört. Nur einem Menschen, der so oft betrogen wurde, verzeiht man solche Grillen. Höre nun auch mich. Eulalia ist fest entschlossen, deine Verzeihung nie anzunehmen, auch dann nicht, wenn du selbst nach ihrem Ausdruck schwach genug seyn könntest, die Ehre der Liebe zu opfern. Unb . Nun, warum bist du denn hier? Major . Vor allen Dingen komm' ich als dein Freund, dich feierlich zu beschwören, dieses Weib nicht von dir zu stoßen! denn bei Gott! du findest ihres Gleichen nicht wieder. Unb . Gib dir keine Mühe. Major . Du liebst sie noch. Unb . Leider! Major . Sie betet dich an! durch meine Schwester weiß ich alles. Du ließest sie allein. Du selber fordertest von ihr Vertrauen zu dem Verführer. Du warst der erste Betrogene, sie fiel durch deinen Wahn. Und was that sie, als ein Augenblick die erste und letzte Schuld auf sie gewälzt hatte? ergab sie sich dem Laster? oder täuschte sie dich, wie tausend andere an ihrer Stelle gethan haben würden. Nein, sie floh in derselben Stunde, um fern von dir in Reue und Buße ihre Jugend zu vertrauern. Nach Jahren eines tadelloses Lebens führt der Zufall nein, die Vorsehung, euch wieder zusammen und du könntest schwanken? Unb . Wenn ich auch das alles glaube und ich gestehe dir, ich glaube es gern so kann sie doch nie wieder die Meinige werden. Ha! das wäre ein Schmaus für die geschminkten Weiber und alle die faden Höflinge, wenn ich wieder mitten unter sie träte, mit meinem verlaufenen Weibe am Arme! Wie sie hohnlächeln, such in die Ohren wispern, mit Fingern auf mich zeigen würden! Odas wäre ein Schauspiel, um des Teufels zu werden! Major . Nun, jenen abgeschmackten Cirkeln zu entsagen, wird doch wohl meinem Freunde Meinau keinen Seufzer kosten? du gehst auf deine Güter und bist glücklich in Eulaliens Armen. Unb . Ich verstehe. Ihr habt Euch mit meinem Herzen gegen meinen Kopf verschworen; allein umsonst! ich bitte dich, Bruder, kein Wort weiter, oder ich gehe. Major . Wohlan, so hab' ich Freundes Pflicht erfüllt. Jetzt noch ein Wort in Eulaliens Namen. Sie bittet dich um eine letzte Unterredung, sie will Abschied von dir nehmen. Diesen Trost wirst du ihr nicht versagen. Unb . O, ich verstehe auch das. Sie schmeichelt sich, meine Standhaftigkeit werde vor ihren Thränen hinweg schmelzen; aber sie irrt sie möge kommen. Major . Und dich fühlen lassen, wie sehr du sie verkennst. (will gehn) Unb . Noch eins, Horst. Gib ihr dies Papier und diesen Schmuck er gehört ihr zu. Major . Das magst du selber thun. (ab)   Achte Scene. Der Unbekannte allein. Nun, Meinau, der letzte glückliche Augenblick deines Lebens naht heran. Du wirst noch ein Mal sie sehen, sie, an der deine ganze Seele hängt! O, daß ich ihr nicht entgegen fliegen, an dies klopfende Herz sie drücken darf! – pfui! ist das die Sprache des beleidigten Gatten? – Ach! ich fühle es, das Hirngespinst der Ehre wurzelt nicht im Herzen. – Standhaft! – es darf nun einmal nicht anders seyn. – Ernst will ich mit ihr reden, aber sanft. – Hüte dich, daß kein Vorwurf deinem Munde entschlüpfe. – Ja, ihre Reue ist wahrhaft, was auch mein Argwohn erklügelt. – Nun, so soll zum mindesten ihr Schicksal erträglich seyn; sie soll nicht dienen müssen, um das tägliche Brod. Unabhängig soll sie leben, und auch die Mittel nicht entbehren, um ihren wohlthätigen Hang zu befriedigen. (Er blickt um sich und fährt zusammen.) Ha! sie kommen! Beleidigter Stolz, erwache! gekränkte Ehre, schütz mich!   Neunte Scene. Der Unbekannte . Eulalia . Die Gräfin . Der Major . Eul . (welche langsam und bebend herbeischwankt, zu der Gräfin, welche sie unterstützen will.) Lassen Sie mich, gnädige Frau! Ich war einst stark genug zu sündigen, Gott wird mir heute Kraft verleihen zu büßen. (Sie naht sich dem Unbekannten, welcher mit abgewandtem Gesicht in großer Bewegung ihre Anrede erwartet.) Herr Obrister Unb . (mit sanfter, zitternder Stimme und stets abgewandtem Gesicht.) Was willst du von mir, Eulalia? Eul . (sehr erschüttert) Nein um Gotteswillen! Darauf war ich nicht vorbereitet O dieser Ton schneidet mir durchs Herz! Dieses du dieses vertrauliche du nein um Gottes willen, großmüthiger Mann! einen rauhen, harten Ton für das Ohr der Verbrecherin! Unb . (sucht seiner Stimme mehr Festigkeit zu geben) Nun, Madam? Eul . Ach! wenn Sie mein Herz erleichtern wenn Sie sich herablassen wollten, mir Vorwürfe zu machen Unb . Vorwürfe? hier stehen sie auf meiner blassen Wange, in meinen eingefallenen Augen diese Vorwürfe konnte ich Ihnen nicht ersparen. Mein Mund schont Ihres Elends. Eul . Wäre ich eine verhärtete Verbrecherin, so würde dieses Schweigen mir Wohlthat seyn; aber ich bin eine reuige Büßende, und dieses edelmüthige Schweigen drückt mich ganz zu Boden! Ach! so muß ich denn selbst der Herold meiner Schande werden! denn wo wäre Ruhe für mich, ehe dies Bekenntniß von meinem Herzen abgewälzt worden! Unb . Kein Bekenntniß, Madam. Ich weiß Alles und erlasse Ihnen jede Demüthigung. Doch werden Sie selbst einsehen, daß nach dem, was vorgefallen, wir uns auf ewig trennen müssen. Eul . Ich weiß es. Auch kam ich nicht hieher, Verzeihung zu erflehen. Auch regte sich nicht die leiseste Hoffnung in mir, Verzeihung zu erhalten. Es gibt Verbrechen, welche doppelt schänden, wenn man auch nur den Gedanken hegen kann, sie jemals ganz auszulöschen. Alles, was ich zu hoffen wage, ist, die Versicherung aus Ihrem Munde zu hören, daß Sie meinem Andenken nicht fluchen. Unb . (weich) Nein, Eulalia, ich fluche dir nicht deine Liebe hat mich in bessern Tagen so sehr beglückt! Nein, ich werde dir nie fluchen. Eul . (in großer Bewegung) Mit dem innigen Gefühl, daß ich Ihres Namens unwerth bin, habe ich schon seit drei Jahren einen andern unbekannten getragen. Aber das ist nicht genug Sie müssen einen Scheidebrief haben der sie in den Stand setzt, eine würdigere Gattin zu wählen in deren Armen Gott seinen mildesten Segen auf Sie herabschütten wolle! Dazu wird dieses Papier Ihnen nothwendig seyn es enthält ein schriftliches Bekenntniß meiner Schuld. (sie reicht es ihm bittend dar.) Unb . (nimmt es und zerreißt es) Es sey auf ewig vernichtet! Nein, Eulalia, du allein hast in meinem Herzen geherrscht, und ich schäme mich nicht, es zu bekennen du allein wirst ewig darin herrschen! Dein eignes Gefühl verbietet dir, diese Schwachheit nützen zu wollen und wäre es nun, bei Gott! diese Schwachheit ist meiner Ehre untergeordnet! Aber wie wird ein anderes Weib mir Eulalien ersetzen. Eul . (zitternd) So bliebe mir denn nichts weiter übrig als Abschied von Ihnen zu nehmen Unb . Halt! noch einen Augenblick. Wir haben einige Monate lang, ohne es zu wissen, einander sehr nahe gelebt. Ich habe viel Gutes von Ihnen erfahren; Sie haben ein weiches Herz für die Noth der Armen. Das freut mich. Es muß Ihnen nie an Mitteln fehlen, diesen Trieb zu befriedigen auch Sie selbst dürfen nie Mangel leiden diese Schrift versichert Ihnen eine Leibrente von 1000 Thalern, welche der Banquier Schmidt in Kassel jährlich auszahlen wird. Eul . Nimmermehr! die Arbeit meiner Hände muß mich ernähren. Lieber trocknes Brod von Thränen der Reue befeuchtet, als das Bewußtseyn, von dem Vermögen eines Mannes zu schwelgen, den ich einst so schändlich verrathen konnte. Unb . Nehmen Sie, Madam, nehmen Sie. Eul . Ich habe diese Demüthigung verdient aber ich flüchte zu Ihrer Großmuth verschonen Sie mich! Unb . (für sich) Gott! welch' ein Weib hat der Bube mir entrissen! (er steckt das Papier wieder zu sich.) Wohl, Madam, ich ehre ihre Gründe, ich stehe ab von meinem Begehren; doch nur unter der Bedingung, daß, wenn es Ihnen je an etwas mangelt, ich der Erste und Einzige sey, an den Sie sich freimüthig wenden. Eul . Ich verspreche es. Unb . Und nun darf ich wenigstens verlangen, daß Sie Ihr Eigenthum zurücknehmen, Ihren Schmuck. (er reicht ihr das Schmuckkästchen.) Eul . (sehr bewegt, öffnet das Kästchen, und Thränen stürzen darauf.) Ach! diesen Schmuck Sie schenkten mir ihn an jenem Abend, an dem mein alter Vater unsere Hände in einander legte ich trug ihn an meinem Hochzeittage er war Zeuge meines fröhlichen Gelübdes es ist gebrochen! Damals hatt' ich ein reines Herz keine Reue kauft es mir zurück! Dieses Halsband empfing ich an meinem Geburtstage Sie hatten ein kleines ländliches Fest veranstaltet wir waren so herzlich froh! Diese Schmucknadel erhielt ich aus Ihrer Hand, als ich meinen Wilhelm geboren hatte. Owie drückend ist Erinnerung an entflohene Freuden, wenn die Schuld sie vergiftet! Nein, auch diesen Schmuck kann ich nicht behalten es müßte denn Ihre Absicht seyn, durch dessen Anblick die schon gequälte zu martern. Nehmen Sie ihn zurück. (sie reicht ihm das Kästchen, nachdem sie zuvor eine Nadel herausgenommen.) Nur diese Nadel sey mir ein Andenken an die Geburt meines Wilhelms. Unb . (in großer Gemüthsbewegung, die er zu verbergen sucht; nimmt den Schmuck mit weggewandtem Gesicht.) Nein, länger halte ich es nicht aus. (Er wendet sich zu ihr. Sein Ton ist weder rauh noch sanft, weder fest noch weich, sondern schwankt zwischen beiden.) Leben Sie wohl! Eul . O nur noch eine Minute! nur noch Beantwortung Einer Frage! Beruhigung des Mutter-Herzens. Leben meine Kinder? Unb . Sie leben. Eul . Und sind gesund? Unb . Gesund. Eul . Gott sey Dank. Mein Wilhelm ist wohl schon recht groß geworden? Unb . Ich vermuthe. Eul . Und Malchen? ist sie noch Ihr Liebling? Unb . (tief erschüttert, bleibt stumm im Kampfe mit Ehre und Liebe.) Eul . O großmüthiger Mann! ich bitte Sie, lassen Sie mich meine Kinder noch ein Mal sehen, ehe wir scheiden, daß ich sie an mein Herz drücke, daß ich sie segne, und die Züge ihres Vaters in ihnen küsse; nur noch Eine mütterliche Umarmung, und wir trennen uns dann auf ewig! Unb . Gern, Eulalia noch diesen Abend ich erwarte die Kinder jeden Augenblick sie wurden im nächsten Städtchen erzogen ich habe meinen Bedienten dahin gesandt er könnte schon zurück seyn ich gebe Ihnen mein Wort, sobald sie kommen, sende ich sie aufs Schloß da mögen sie bis morgen bei Ihnen bleiben Ja bis morgen früh dann nehme ich Sie mit mir. (Pause.) (Die Gräfin und ihr Bruder, welche in einer Entfernung von wenigen Schritten der Unterredung mit innigster Theilnahme zuhörten, geben sich Winke. Der Major geht in die Hütte und kommt bald darauf mit Franz und den beiden Kindern zurück. Er übergibt den Knaben seiner Schwester, welche sich hinter Eulalien stellt; er selbst tritt mit Malchen hinter Meinau.) Eul . So hätten wir uns denn in diesem Leben nichts mehr zu sagen. (alle ihre Entschlossenheit zusammen raffend) Leben Sie wohl, edler Mann! Vergessen Sie eine Unglückliche, die Sie nie vergessen wird! (sie kniet nieder und ergreift seine Hand.) Lassen Sie mich noch einmal diese Hand an meine Lippen drücken, diese Hand, die einst mein war! Unb . (sie aufhebend) Keine Erniedrigung, Eulalia. (er schüttelt ihr die Hand) Leben Sie wohl! Eul . Auf ewig! Unb . Auf ewig! Eul . Sie scheiden ohne Groll Unb . Ohne Groll. Eul . Und wenn ich einst genug gebüßt habe wenn wir in einer bessern Welt uns wiederfinden Unb . Dann bist du ewig mein! (beider Hände liegen in einander, beider Blicke begegnen sich wehmüthig, sie stammeln noch ein Lebewohl und trennen sich. Aber indem Jedes sich abwendet, stößt Eulalia auf den kleinen Wilhelm und Meinau auf Malchen, die der Major und die Gräfin ihnen entgegen halten.) Malchen . Vater! Wilh . Mutter! (Vater und Mutter drücken sprachlos die Kinder in ihre Arme.) Wilh . (zu dem Vater laufend ) Lieber Vater! Malchen . (zu der Mutter laufend) Liebe Mutter! ( Meinau und Eulalia reißen sich los von den Kindern, sehen einander sprachlos an, breiten zitternd ihre Arme aus, und stürzen sich Eines in des Anderen Arme.) Meinau . Ich verzeihe dir!   (Der Vorhang fällt.)