Die deutschen Kleinstädter. Ein Lustspiel in vier Akten von August von Kotzebue. Neue Auflage     Leipzig bei Eduard Kummer. 1842.     Personen:         Herr Nicolaus Staar , Bürgermeister, auch Oberältester zu Krähwinkel. Frau Unter-Steuer-Einnehmerin Staar , seine Mutter. Sabine , seine Tochter. Herr Vice-Kirchen-Vorsteher Staar , sein Bruder, ein Gewürzkrämer. Zwei Muhmen:     Frau Ober-Floß- und Fisch-Meisterin Brendel ,     Frau Stadt-Accise-Cassa-Schreiberin Morgenroth . Herr Bau-, Berg- und Weginspectors-Substitut Sperling . Olmers . Ein Nachtwächter . Klaus , der Rathsdiener. Eine Magd . Ein Bauer . Ein paar Kinder . (Die Scene ist in der kleinen Stadt Krähwinkel. In den ersten drei Akten ein Zimmer in des Bürgermeisters Hause. Im letzten Akte die Straße vor dem Hause.)     Erster Akt. Erste Scene. Sabine allein. (Sie steht am Fenster, schlägt es hastig zu, läuft an die Thür und ruft hinaus:) Margarethe! Margarethe! Die Magd (draußen) . Mamsellchen! Sab . Die Post ist gekommen. Geschwind hinüber! sieh, ob ein Brief an mich da ist. – (Sie tritt hervor.) Schon seit fünf Wochen bin ich aus der Residenz zurück, und noch keine Zeile. Wenn ich heute wieder vergebens hoffe, so – so – ja was denn? – so werd' ich böse und heirathe Sperling. – Gemach! gemach! ich kann ja auch wohl böse werden, ohne Sperling zu heirathen. Wer wäre sonst am meisten gestraft?   Zweite Scene. Die Magd . Sabine . Magd . Da ist ein Brief, Mamsellchen. Sab . (reißt ihr den Brief hastig aus der Hand) . Endlich! endlich! (Sie besieht die Aufschrift.) Von meiner Cousine. Magd . Da sind auch die Zeitungen. (Sie legt sie auf den Tisch.) Es ist heute ein starker Posttag. Sechszehn Briefe sind angekommen, alle nach Krähwinkel! Der Herr Postmeister wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. Sab . Geh nur, geh nur. Magd (ab) .   Dritte Scene. Sabine (allein). (Sie liest flüchtig.) »Neues Schauspiel –« – was kümmerts mich? – »Die Schleppen werden jetzt sehr lang getragen« – wer will das wissen? – »englische Strohhüte« – wer hat darnach gefragt? – Wie? – schon zu Ende? – Keine Sylbe von ihm? – Freilich hab' ich ihm verboten, mir selbst zu schreiben, das schickt sich nicht. Aber er versprach doch durch die Cousine – und auch die Cousine versprach – warum hat denn keines Wort gehalten? – bin ich schon vergessen? – er wollte ja selber kommen, mit Empfehlungsschreiben vom Minister? und nun kömmt er nicht, und schreibt auch nicht. Er weiß doch, daß ich den Sperling heirathen soll. Der Vater quält mich, die Großmutter quält mich, und nun werd' ich auch noch von ihm gequält! – (Sie zerreibt den Brief zwischen den Händen.) Es geschieht dir schon Recht. Man hat dich genug vor den jungen Herren aus der Residenz gewarnt. Sie verlieben sich in Einem Tage dreimal, und wenn sie Abends in die Komödie gehn, wissen sie schon nichts mehr davon. – Aber Karl! Karl! auch du ein Alltagsmensch? auch du nur ein Schönschwätzer? (Sie zieht ein Portrait aus der Tasche.) Können diese edlen Züge täuschen? – mit diesem Blicke schwur er mir, in wenig Wochen selbst zu kommen, und meinen Vater zu gewinnen. Sind fünf Wochen wenig? muß ich ihm vorrechnen, daß sie aus 35 ewig langen Tagen bestehn? – O Karl! eile! sonst bin ich für dich verloren! (Sie betrachtet wehmüthig das Bild.)   Vierte Scene. Frau Staar und Sabine . Fr. Staar . Sabinchen, die Kuchen sind schon aus dem Ofen, köstliche Kuchen! sie machen dir Ehre. Nun wollen wir sie mit Blumen bestecken, und auch mit Myrthenreis, du weißt schon warum. Das wird morgen ein Fest werden! ein gewaltiges Fest! – Aber du stehst ja da wie ein kranker Kanarienvogel? – hörst du mich nicht? – was hast du denn da? Sab . (erschrickt, und will das Portrait wegstecken) . Nichts, liebe Großmutter. Fr. Staar . Ei ja doch. Das war ja ein Ding wie ein Brillenfutteral? gieb nur her! gieb her! ich will es haben. Sab . (giebt es) . Es ist ein Portrait. Fr. Staar . Ein Portrait? ein Mannsbild? – Gott steh mir bei! – Kind, ich will nicht hoffen – Sab . Was denn? Fr. Staar . Ich mache Lärm im Hause! Sab . Ums Himmelswillen nicht, liebe Großmutter! (Schalkhaft.) Gesetzt, es brennt, was kann Ihr Schreien helfen? Fr. Staar . Was? ein fremdes Mannsbild in deiner Tasche? wohl gar in deinem Herzen? Sab . Es ist ja nur ein Mann in Glas und Rahmen. Fr. Staar . Ei, lehre du mich die Männer kennen, sie springen aus dem Rahmen heraus, ehe man sichs versieht. – Nun da haben wirs! ich bin immer dagegen gewesen, dich in die Residenz zu schicken. War ich doch auch zu meiner Zeit eine wohlerzogene Jungfrau, aber von der Residenz hab' ich nichts weiter gewußt, als daß Se. Majestät der König dort wohnen. – Nun haben wir die Bescheerung! Bilderchen hat sie mitgebracht! Mannsbilderchen! du gottlose Dirne! weißt du, was so ein Ding zu bedeuten hat? Zu meiner Zeit ließ sich keiner malen, der nicht in Amt und Würden stand, oder wenigstens 10 Jahre verheirathet war. Dann geschah es aber auch mit der gehörigen Gravität in Lebensgröße, einer Spitzenhalskrause, und einem Blumenstrauße in der Hand. So hängt dein Großvater draußen hinter dem Küchenschranke, der wohledle Herr Untersteuereinnehmer, Gott hab' ihn selig! aber heut zu Tage, daß Gott erbarm! die Kinder lassen sich malen mit struppigten Haaren und offener Brust! und klein, winzig klein, daß man es in eine Nadeldose legen kann. Daher kömmt eben der Unfug. Große Bilder stehen frei und ehrbar vor der ganzen Welt; aber die kleinen Spitzbuben schleichen sich in alle Taschen, und Gott verzeih mir die Sünde! hängen wohl gar an Bänderchen und Kettchen in den Busen hinab! – Wer ist der Mensch? heraus mit der Sprache! Sab . (verlegen) . Liebe Großmutter, Sie ereifern sich ohne Noth – Fr. Staar . Nun? wer ists? Sab . Es ist – (für sich) was soll ich ihr sagen? (laut) es ist das Bild unsers Königs. Fr. Staar . Unsers Königs? Sab . Die Cousine schickte es mir, weil sie weiß, daß wir ihn Alle lieben. Fr. Staar . Ah! ja so! das ist ein Andres. Sieh, sieh doch, ist das unser König? hab' ich doch längst gewünscht, ihn einmal zu betrachten. Aber er hat ja keinen Stern? Sab . Den braucht er nicht, um zu glänzen. Fr. Staar . Ei! ei! nun das war ein gescheuter Einfall von deiner Cousine. Höre, Sabinchen, das Bild mußt du mir schenken. Ich will es an eine Zitternadel befestigen, und auf meine Haube stecken. Sab . (bei Seite) . O weh! Fr. Staar . An deinem Ehrentage leih' ich es dir. Oder auch schon morgen am Verlobungstage. (Sie steckt es zu sich.) Sab . Nein, nein, lieber will ich es nie tragen, nur keine Verlobung. Fr. Staar . So recht, Sabinchen, ziere dich, wein' ein Thränchen, verstecke dich, das ist fein sittsam, ich hab' es auch so gemacht. Heutzutage sehen die Mädchen ihren Liebhabern starr in die Augen, und sprechen von einer Verlobung, als von einem Recept zu einer Mandeltorte. Höchstens bei der Trauung fallen sie noch ein bischen in Ohnmacht. Sab . Aber bei mir, liebe Großmutter, ist es keine Ziererei. Ich kann den Herrn Sperling nicht ausstehn. Er hängt sich an wie eine Klette, und schwatzt wie eine Elster, – und kurz, er ist ein Narr. Fr. Staar . Ei ei, Kind, was redest du da? wahre deine Zunge! Ich habe schon manche Dirne spotten hören, die hinterdrein froh war, wenn der Verspottete sie heim führte. Sab . Lieber bleib' ich ledig. Fr. Staar . Ei du mein Gott! was kannst du denn gegen ihn einwenden? hat er nicht einen feinen Titel? ist er nicht Bau-, Berg- und Weginspectors-Substitut? Sab . Das gilt mir gleich. Fr. Staar . Waren seine Eltern nicht honette Leute? sein Großvater hat sogar mit im Rathe gesessen. Sab . Immerhin. Fr. Staar . Du kömmst da gleich in eine große Verwandtschaft. Sab . Desto schlimmer. Fr. Staar . Eine Menge Vettern und Muhmen, der Eine hilft hier, der Andere dort. Sab . O ja, alle Wochen ein Familienschmauß. Fr. Staar . Auch gut. Dabei wirst du nicht zurück bleiben. Herrliche Wäsche bekömmst du mit, Gedecke zu 18 Personen. Herr Sperling hat hübsches Silberzeug; er ist auch sonst nicht arm; ein Krautland vor dem Thore und ein Erbbegräbniß in der Kirche – Sab . Ich wollte, er läge schon darin. Fr. Staar . Gottloses Kind! da kömmt dein Oheim, der wird dir sagen, was der Herr Bau-, Berg- und Weginspectors-Substitut für ein feines Männchen ist.   Fünfte Scene. Der Vicekirchenvorsteher Staar . Die Vorigen . Fr. St . Gott zum Gruß, mein Sohn Andreas. Komm doch näher. Du bist Vicekirchenvorsteher, du weißt deine Worte zu setzen; bedeute doch das alberne Mädchen. Sie will nichts von der Verlobung hören, sie macht sich lustig über den Bräutigam. Hr. St . Ei, ei, ich will nicht hoffen – Sab . Mein Oheim wird mir beistehn. Er hat eine Lesebibliothek und folglich kennt er die Welt. Hr. St . Ja, ja, die kenn' ich. Sab . Die neuen Romane hat er alle gelesen, und folglich kennt er das menschliche Herz. Hr. St . Ja, ja, das kenn' ich. Sab . Er wird Ihnen gleich sagen, wie manches arme Mädchen, das zu einer Heirath gezwungen wurde, an der Schwindsucht sterben mußte. Hr. St . Nein, Binchen, nein, dergleichen führ' ich nicht. Die weinerlichen Romane sind aus der Mode, ich brauche sie nur noch in meiner Gewürzbude. Räuber müssen es sein, Banditen! Fr. St . Gott steh uns bei! Hr. St . Schade nur, daß unsere Dichter so wenig Patrioten sind, und immer nur Italiener verewigen. Wir haben doch auch einen Käsebier, einen Schinderhannes und wie die großen deutschen Männer alle heißen. Fr. St . Da war ja auch vor zehn Jahren der Lorenz Schmeckebein, der an unsern eigenen Galgen gehangen wurde. Hr. St . Recht, Frau Mutter. Im Vertrauen, ich bin jetzt daran, sein Leben zu dramatisiren. Sperling macht die Romanzen dazu. Er ist kein übler Dichter. Besonders weiß er mit den Sonetten umzuspringen; da müssen die Reime herbei, und sollt' er ihnen alle Haare ausraufen. Fr. St . Hörst du, Binchen? hörst du? Hr. St . Es ist ein ganzes Kerlchen, der Sperling, hat die neuere Aesthetik studiert, könnte Collegia darüber lesen. Fr. St . Hörst du, Kind? hörst du? Hr. St . Sentenzen sprudelt er von sich, und Fragmente würgt er heraus; den will ich sehen, der sie toller macht, als Er. Fr. St . Nun, Binchen? nun? Hr. St . Kurz, Mädchen, er wird dein Mann, mein Neffe, mein Erbe, mein Gehülfe bei der Lesebibliothek; und damit Punktum.   Sechste Scene. Der Bürgermeister . Die Vorigen . Bürg . Sabine, hole mir die Perücke, ich muß aufs Rathhaus. Sab . Gleich, lieber Vater. (ab.) Bürg . Sein Diener, Herr Bruder. Ein saurer Tag! ich muß arbeiten wie ein Ackergaul. Hr. St . Was giebt es denn? Bürg . Liegt denn nicht Alles auf mir? das Wohl der ganzen Stadt? – der Proceß, den Meister Barsch mit dem Nachtwächter führt, wegen der zerbrochnen Laterne, wird heute entschieden. Hr. St . Wer hat gewonnen? Bürg . Der Nachtwächter muß die Laterne repariren lassen, und Meister Barsch bezahlt die Gerichtskosten, 4 Thaler 8 Groschen. Fr. St . Das ist billig. Bürg . Der Schuster Korb und der Schneider Lümmel werden heute auch vorgenommen, wegen der Prügelei im Bierhause. Hr. St . Was giebts denn da? Bürg . Beide behalten ihre Prügel und zahlen Strafe. Fr. St . Von Rechtswegen. Bürg . Dann ist noch die wichtige Sache mit der ganzen Bürgerschaft. Hr. St . Wegen des Straßenfegens? Bürg . Ganz recht. Der Hochlöbliche Magistrat will nun einmal nicht die Straßen fegen. Es ist ein Onus der Bürgerschaft, sie hat sich von jeher mit dem Straßenkothe befaßt, und der Hochlöbliche Magistrat wird sich drein legen so lange, bis die Widerspenstigen ihre Pflicht thun. Fr. St . Ein jeder fege vor seiner Thür, das ist ein altes Sprüchwort. Bürg . Nein, Frau Mutter, ich bin Bürgermeister, auch Oberältester, und fege nicht vor meiner Thür. Sie mögen nur appelliren, der Koth bleibt liegen. Und sollte der Proceß 20 Jahre dauern, der Koth rührt sich nicht von der Stelle. Hr. St . Auf Recht muß man halten. Bürg . Wohlgesprochen, Herr Bruder. Fr. St . Aber am Ende können wir nicht mehr vor die Hausthür. Bürg . Thut nichts, wir bleiben daheim, dann mögen sie sehen, wie sie auf dem Rathhause fertig werden. Standhaft bin ich wie die babylonische Mauer. Was wäre auch schon längst aus unsern Privilegien geworden, wenn ich nicht gewesen wäre? – wer hat es so weit gebracht, daß wir morgen das hohe Fest feiern können? ich! ich bin durchgedrungen, ich habe die Ehre der Stadt gerettet!   Siebente Scene. Sabine (mit der Perücke), Vorige . Sab . Da ist die Perücke. Fr. St . Es bleibt doch dabei, mein Sohn, daß morgen zugleich Sabinchens Verlobung gefeiert wird? Bürg . Allerdings. Es ist ein merkwürdiger Tag. Fr. St . Das Mädchen macht Einwendungen. Bürg . Was? ich bin Bürgermeister, auch Oberältester, mir macht man keine Einwendungen. Sab . Lieber Vater! Bürg . Erst die Pflicht, dann die Liebe. Ich gehöre dem Staate. Mir gebührt es, ein Fest zu verherrlichen, das noch unsern Urenkeln Segen bringen wird. (indem er die Perücke aufsetzt.) Die Jurisdiction zwischen unserer guten Stadt Krähwinkel und dem benachbarten Amte Rummelsburg war strittig – eine Diebin wurde eingefangen – wir wollen sie an den Pranger stellen, die Rummelsburger gleichfalls. – Neun Jahre lang haben wir processirt – die Delinquentin ist indessen wohl verwahrt worden – Gott sei Dank! sie lebt noch – wir siegen, und morgen steht sie am Pranger. Sab . Lieber Vater, der Delinquentin kann fast nicht schlimmer zu Muthe sein, als mir. Bürg . Wie so? Sab . Wenn sie ihre Strafe überstanden hat, so ist sie frei. Ich habe nichts verbrochen, und soll morgen auf ewig in Ketten geschmiedet werden. Bürg . Sei ruhig, mein Kind. Der heidnische Gott Amor oder Hymenäus schmiedet nur Blumenfesseln. Sab . Ach! die nicht selten das Herz wund drücken. Bürg . Der Herr Bau-, Berg- und Weginspectors-Substitut Sperling ist ein Mann bei der Stadt. Fr. St . Das hab' ich auch gesagt. Bürg . Es fehlt ihm keinesweges am Judicio. Hr. St . Das hab' ich auch gesagt. Bürg . Er hat Vermögen. Fr. St . Meine Worte. Bürg . Schreibt allerlei poetische Exercitia. Hr. St . Mir aus der Seele gesprochen. Bürg . Kurz, ich habe denselben zu meinem Schwiegersohn erkieset, wogegen keine weitere dilatorische Einrede statt findet. Sab . (bei Seite) . Weh mir! Alles hat sich gegen mich verschworen!   Achte Scene. Die Magd . Die Vorigen . Magd . Da bringt eben ein Bauer einen Brief. Der Herr, der ihn schickt, liegt draußen im Steinbruch und flucht. Er hat den Wagen zerbrochen, und ich glaube auch ein Bein. Bürg . Seit, ich Bürgermeister auch Oberältester bin, ist, Gott sei Dank, noch in jeder Woche auf unserer Straße ein Reisender umgeworfen worden. Fr. St . Warum läßt denn aber ein Hochedler Rath die Wege nicht repariren? Bürg . Was soll denn aus unsern Schmieden und Sattlern werden, die vom Umwerfen leben müssen? Sab . Aber, lieber Vater, die Reisenden klagen gewaltig. Sie müssen noch obendrein Chausseegeld bezahlen. Bürg . Laß sie klagen und zahlen. Was wollen die Reisenden reden, wenn wir uns sogar gefallen lassen, daß das Pflaster unserer guten Stadt Krähwinkel noch weit schlechter ist als die Landstraße? Sab . Trotz des Pflastergeldes. Bürg . Eben deswegen. Wir brechen hier auch die Beine, und murren nicht. Also, wo ist er Brief? Magd (öffnet die Thür) . Nur herein, guter Freund! (Sie geht ab.)   Neunte Scene. Ein Bauer . Die Vorigen . Bauer . Ew. Gestrengen halten zu Gnaden. Draußen im Steinbruch liegt ein Herr, muß wohl ein vornehmer Herr sein, denn er hat auch Laternen am Wagen, sie sind alle zerbrochen. Bürg . Und Arm und Beine? Bauer . Die sind für diesmal noch ganz geblieben. Nur die Nase ein wenig geschunden. Bürg . Aber der Wagen? Bauer . Der sieht jämmerlich aus. Ein Rad liegt oben, gerade neben der Tafel, wo das Chausseegeld darauf steht. Hr. St . Da kann er lesen zum Zeitvertreib. Bauer . O, Bücher hat er die Menge, aber alle beschmutzt, so wie seine Kleider. Drum getraut er sich auch noch nicht, vor Ew. Gestrengen Gnaden zu erscheinen. Bürg . Was will er bei mir? Bauer . Er hat mir einen halben Gulden gegeben, daß ich den Brief hertragen und ihn anmelden soll. Fr. St . Vielleicht kommt er zu dem morgenden Feste. Sab . (bei Seite) . Oder vielleicht – o wie klopft mein Herz! Bürg . (öffnet den Brief) . Wie? was? von Sr. Excellenz dem dirigirenden Herrn Minister? dem hohen Gönner und Patron dieser Stadt? – man schweige – man verwundre sich – man höre. – (Er liest.) »Mein lieber Herr Bürgermeister!« – O ja! Se. Excellenz haben mich immer geliebt. – »Ueberbringer dieses, mein alter Schul- und Universitätsfreund, Herr Olmers« – Sab . (bei Seite) . Er ists! Fr. St . Herr Olmers schlechtweg? ein Freund des Ministers? Bürg . Stille! (Er liest.) »hat viel Gutes von Ihnen und Ihrer Stadt gehört, und wünscht einige Wochen da zuzubringen.« – Hört ihr, Kinder? in der Residenz sprechen sie von nichts, als von mir und unserer Stadt. – »Da ich ihn nun sehr liebe und hochschätze, so wünsche ich, Sie möchten die Gefälligkeit für mich haben« – unterthänigster Diener! – »ihn in Ihrem Hause aufzunehmen,« – Ew. Excellenz haben zu befehlen! – »sein etwaniges Anliegen bestmöglichst zu befördern« – soll geschehn. – Sab . (bei Seite) . Gottlob! Bürg . (liest) . »und ihn als Ihren eigenen Sohn zu betrachten.« – fiat! – »Mit Vergnügen werde ich jede Gelegenheit ergreifen, Ihnen wiederum gefällig zu sein.« – Zu viel Gnade! – »Ich verbleibe mit Hochachtung meines Herrn Bürgermeisters dienstwilliger Graf von Hochberg.« – Alles manu propria . Habt ihrs gehört? Se. Excellenz der Herr Graf von Hochberg – Fr. St . Er ist dein Dienstwilliger. Hr. St . Er verbleibt mit Hochachtung. Bürg . Er ergreift jede Gelegenheit! – Das ist ein Mann! Kinder, das ist ein Mann! der könnte alle Tage Bürgermeister in Krähwinkel werden! Aber er soll auch an mir seinen Mann gefunden haben. (Zu dem Bauer.) Marsch! fort! hinaus! Ich lasse dem fremden Herrn meinen unterthänigsten Respect vermelden, und den Augenblick solle mein eigner Wagen ihm zu Diensten stehn. Fr. St . Wo denkst du hin? unsere Pferde sind aufs Feld, Kartoffeln zu holen. Bürg . Ja so! ein verdammter Streich! man springe hin zu dem Wirth in der goldenen Katze, er soll vorspannen, soll seine Schützenuniform anziehn, soll sich selber auf den Bock setzen, hinausfahren, aufladen, hereinführen, fort! fort! Bauer (ab) . Sab . (bei Seite) . Er hat doch Wort gehalten. Fr. St . Aber das gefällt mir nicht, mein Sohn, daß du dem Fremden deinen unterthänigsten Respect hast vermelden lassen. Das ist zu viel. Bürg . Zu viel? ist er nicht der Freund des Herrn Grafen? und ist der Herr Graf nicht mein Dienstwilliger? Fr. St . Alles gut, aber er ist doch nun einmal gar nichts, hat weder Titel noch Amt, Herr Olmers schlechtweg. Du bist Bürgermeister, auch Oberältester. Bürg . Freilich, freilich. Was ist zu thun? Der Bauer ist mit dem unterthänigsten Respect nun einmal davon gelaufen. Hr. St . Ich denke, Frau Mutter, dahinter stecken noch ganz andere Dinge. Wenn der Herr Olmers schlechtweg Herr Olmers wäre, so würde der Minister den Henker nach ihm fragen. Schulfreund? Universitätsfreund? Du lieber Gott! die vornehmen Herrn vergessen wohl, wen sie gestern gesehn haben, das find' ich in allen Romanen; wie viel mehr Leute, mit denen sie vor 20 Jahren einmal den Cornelius Nepos exponirten. Nein, nein, ich bleibe dabei, der Herr Olmers reist incognito, und ist ein wichtiger Mann im Staate. Bürg . Da hat der Herr Bruder allerdings einen klugen Einfall. Gebt Acht, der Fremde ist nicht viel weniger als Minister. Hr. St . Ehe ihrs euch verseht, knöpft er den Oberrock auf – da habt ihr den Stern. Fr. St . Ein Stern! ich bekomme meinen Schwindel. Sab . (bei Seite) . Er trägt allerdings etwas Kostbares auf dieser Stelle. Fr. St . Aber sagt mir nur, was kann er denn bei uns suchen? Bürg . Fehlt es uns etwa an Merkwürdigkeiten? Das alte Rathhaus! 1430 ist es erbaut worden. Auf dem großen Saale hat ein Hussitengeneral dem damaligen Bürgermeister eine Ohrfeige gegeben. Hr. St . Und die Wallfischrippe an der Decke – Bürg . Und die Stadtuhr, wo der Hahn kräht, und der Apostel Petrus mit dem Kopfe nickt. Fr. St . Und unsere Leinewandbleiche – Hr. St . Und das große Hirschgeweih – Bürg . Ein Pommerscher Herzog hat den Hirsch höchsteigenhändig erlegt. Fr. St . Vielleicht kömmt er auch wegen der Tuchfabriken? Bürg . Possen! ein solcher Herr hat in seinem Leben Tuch genug gesehn. Fr. St . Meinen Cichoriencaffee soll er bewundern. Hr. St . Ein gutes Buch dabei aus meiner Lesebibliothek. Bürg . Oder die merkwürdigsten Akten, welche vor einem Hochlöblichen Rathe verhandelt worden. Fr. St . Was wird das vor Aufsehn in der Stadt machen, daß ein solcher Herr bei uns logirt. Bürg . Wir müssen ihn nur auch nach Würden empfangen. Hr. St . Sabinchen, laß die Kinder weiß anziehn. Ich will den Sperling herschicken, der soll sie lehren Blumen streun, das ist jetzt Mode. Bürg . Und ich will sogleich den Thürmer bestellen. Er kann ein wenig die Trompete blasen. Wenn der Fremde zum Thore herein fährt, soll er blasen, was die Lunge nur halten will. Hr. St . Find' ich nur den Sperling, er ist capabel noch Verse zu machen. Bürg . Suche der Herr Bruder ihn auf; und die Frau Mutter, nebst Jungfer Tochter, verfügen sich in die Küche, backen, kochen, sieden, braten. Heute wird nicht von Zinn gespeist, sondern von Fayance. Was von Silber im Hause ist, muß auf den Tisch. Meine silberne Tabaksdose kann als Salzfaß gebraucht werden. – Das große Deckelglas mit meinem verzogenen Namen wird vor den Fremden gestellt. Kein schwarzes Brod, lauter Semmeln. Zwei Flaschen von meinem köstlichen Naumburger. Ein Kalbskopf mit einem vergoldeten Lorbeerblatt im Maule. Eine Pastete mit Morcheln, und eine gebratene Gans mit Borstdorferäpfeln. O, Se. Excellenz sollen wissen, daß wir auch verstehn, was dazu gehört. Fr. St . Und was das Nöthigen betrifft, da verlaß dich auf mich. Ich will ihn nöthigen, so lange noch ein Bissen hinein geht. Er soll einen Knopf nach dem andern von der Weste springen lassen. Bürg . Das thue die Frau Mutter. Komm der Herr Bruder. Jeder verrichte das Seine, zu Ehr' und Ruhm unserer guten Stadt Krähwinkel. (Ab mit Herrn Staar.)   Zehnte Scene. Frau Staar . Sabine . Fr. St . Nun Sabinchen, jetzt rühre dich. Die Garnitur von Damast muß auf den Tisch. Sie sollte zwar erst morgen an deinem Verlobungstage prangen. – Sab . Je nun, liebe Großmutter, wer weiß was heute geschieht. Fr. St . Wie? ziehst du andre Saiten auf? der Fremde, nicht wahr? Sab . Freilich, der Fremde. Fr. St . Wir bitten ihn zur Hochzeit? Sab . Das versteht sich. Fr. St . Er sitzt oben an. Sab . Er soll neben mir sitzen. Fr. St . Nein, Kind, das geht nicht, da sitzt der Bräutigam. Sab . Recht, liebe Großmutter. Fr. St . Und an der andern Seite der Brautvater, und gegenüber sitz' ich, und neben mir, da mag er sitzen. Sab . Ich will ihm schon ein Plätzchen anweisen, mit dem er zufrieden sein soll. Fr. St . Vielleicht kann er auch deinem künftigen Manne weiter forthelfen. Sab . Das denk' ich. Fr. St . Es ist schon lange im Werke mit dem Sperling, daß er Runkelrübencommissionsassessor werden soll. Das wäre denn doch ein feiner Titel. Sab . Ein recht süßer Titel. – Also die Garnitur von Damast? Fr. St . Ja, Binchen. Ich habe sie noch als Braut gesponnen. Dein Großvater hat oft dabei gesessen. Sab . Da ist der Faden wohl manchmal abgerissen? Fr. St . Schalk! nun freilich. – Sab . Ich hole sie, und denke dabei an die treue Liebe. (Ab.)   Eilfte Scene. Frau Staar . Bald darauf die Magd . Fr. St . (allein) . Sieh, sieh, das Binchen ist auf einmal ganz lebendig geworden. Aber sie hat Recht, wir müssen uns tummeln. – Ach du mein Gott! da fällt mir eben bei, es müssen ja auch noch Gäste gebeten werden; der Fremde kann doch nicht ganz allein mit uns essen.– Aber, wen soll man einladen? – Da sind sie nun Alle fort! – Mit wem soll man dergleichen wichtige Dinge berathschlagen? – Margarethe! Margarethe! Die Magd (kömmt) . Fr. St . Lauft doch geschwind hin zu meiner Muhme, der Frau Oberfloß- und Fischmeisterin Brendel, und zu meiner Muhme, der Frau Stadtaccisecasseschreiberin Morgenroth, und sprecht: die Frau Untersteuereinnehmerin lasse sich der Frau Oberfloß- und Fischmeisterin und der Frau Stadtaccisecasseschreiberin ganz gehorsamst empfehlen, und wenn die Frau Oberfloß- und Fischmeisterin und die Frau Stadtaccisecasseschreiberin die Güte haben wollten, die Frau Untersteuereinnehmerin auf einen Augenblick zu besuchen, so würde die Frau Untersteuereinnehmerin solches mit großem Dank erkennen, sintemal etwas sehr Wichtiges vorgefallen sei. Die Magd (ab) . Fr. St . (allein) . Nun muß ich auch noch meine geblümte Contusche anziehn – und eine andere Haube aufsetzen – aber der Perückenmacher! – daß Gott erbarm! – der kömmt nur an Sonn- und Feiertagen – in der Woche geht er auf dem Lande umher und frisirt den Pastoren ihre Perücken. – Was ist anzufangen? – ich könnte mich freilich von der Sabine – aber die jetzigen Moden sind so lüderlich, so pudelmäßig – da ist nichts Geklebtes, nichts Geschniegeltes – weder Pommade noch Kammstrich! – Mein Sohn Niclas denkt auch an gar nichts. Hätte er den vornehmen Herrn noch ein paar Stunden im Steinbruche zappeln lassen, so könnte man ihn mit der gehörigen Gravität empfangen.   Zwölfte Scene. Frau Staar und Frau Brendel . Fr. Brendel . Da bin ich, liebwertheste Frau Muhme. Ich bin gelaufen, ich habe keinen Athem mehr – ich war eben erst bei meiner siebenten Tasse Caffee, aber ich habe Alles stehn und liegen lassen – Fr. St . Sehr verbunden, hochgeschätzte Frau Muhme. Wissen Sie schon? – Fr. Br . Ach ich weiß Alles! Meine Magd war im Fleischscharren, da hat der Fleischer erzählt, sein Nachbar, der Leineweber, habe gehört, wie der Rathsbote zu seiner Tochter gesagt hat: Mieke, hat er gesagt, draußen im Steinbruche liegen ein paar Grafen, die haben Arme und Beine gebrochen und werden gleich hier sein. Der Thürmer wird blasen, die Kinder werden Blumen streuen, der Magistrat in corpore wird ihnen entgegen ziehn, und die Glocken werden geläutet. Fr. St . Es ist nur Einer, Frau Muhme, Einer liegt draußen im Steinbruch, vermuthlich ein vornehmer Herr. Bei uns wird er logiren. Der Minister hat selber geschrieben, und hat meinen Sohn um Gotteswillen gebeten. Nun können Sie denken, Frau Muhme, was für ein Rumor hier im Hause ist. Und Alles liegt auf mir! Alles auf mir!   Dreizehnte Scene. Frau Morgenroth . Die Vorigen . Fr. Morgenroth . Gehorsame Dienerin, meine theuerste Frau Muhme! sehn Sie nur, wie ich schoffirt bin. Ich komme doch nicht zu spät? Mit Erlaubniß zu reden, ich war fast noch im Hemde, singe mein Morgenlied und kämme den Mops. Beim dritten Verse stürzt Ihre Magd herein, je du mein Gott! ich denke, das Haus brennt. Da bin ich aufgesprungen, der Mops ist mir vom Schooße gefallen, das Gesangbuch in die Kohlpfanne, wo ich meinen Caffee wärmte, der Caffee ist in die Kohlen geflossen, und von dem Liede: wach auf mein Herz und singe! sind zwei Verse verbrannt. Fr. St . Ich bedaure unendlich, werthgeschätzte Frau Muhme. – Fr. M . Hat nichts zu bedeuten. Ich weiß schon Alles. Draußen im Steinbruche liegen drei oder vier Prinzen, der Eine ist todt, der Andere schnappt nur noch ein Bischen. Der Kutscher hat den Hals gebrochen, und die Pferde strecken alle Viere von sich. Der Herr Amtsadvocat Balg ist mir auf der Straße begegnet, der hat es von seiner Köchin, die weiß es von der Frau Lotterieinspectorin, der hat ihres Mannes Balbier Alles umständlich erzählt. Fr. St . Nun, nun, so gar gefährlich ist es doch nicht. Vor einer kleinen Weile kam ein Bauer von Rabendorf – Fr. Br . Ich weiß, der hat einen harten Thaler zum Trinkgelde bekommen. Fr. M . Nicht doch, Frau Gevatterin, ein Louisd'or soll es gewesen sein. Fr. St . Der war gelaufen was er konnte. – Fr. Br . Er soll das Milzstechen bekommen haben. Fr. M . Auch Nasenbluten. Fr. St . Ein vornehmer Herr hat den Wagen gebrochen. Fr. Br . Ein Graf – Fr. M . Etliche Prinzen. Fr. St . Das wissen wir noch nicht. Vornehm muß er sein, denn er logirt nicht in der goldenen Katze, sondern bei uns, auf ausdrückliches hohes Begehren. Nun, da mein Sohn, der Bürgermeister auch Oberältester, die Erste Person in der Stadt gleichsam repräsentirt, so begreifen Sie wohl, liebwertheste Frau Muhme, daß er seinem Range Ehre machen muß. Fr. Br . Ein Schmauß auf dem Rathhause – Fr. M . Ein Tanz auf der Schützengilde. Fr. St . Morgen ist das große Fest, wie Sie wissen. Fr. Br . Ach ja das Weib, das vor 9 Jahren die Kuh stahl – Fr. M . Morgen steht sie am Pranger. Ich freue mich ungemein darauf. Fr. Br . Ich habe mir eine ganz neue Roberonde dazu machen lassen. Fr. St . Da ist nun ohnehin schon Allerlei zu dieser Feierlichkeit veranstaltet. Aber heute ruht die Ehre der Stadt auf uns allein; heute müssen wir tractiren, und das wollen wir denn auch mit Gottes Hülfe. Die Tische sollen sich biegen unter Gottes Segen. Meine werthgeschätzten Frau Muhmen sind auch dazu eingeladen. Fr. Br . Ist mir eine große Ehre – Fr. M . Werde nicht ermangeln. Fr. St . Nun wünscht' ich aber doch den fremden Herrn mit den Honoratioren unserer Stadt bekannt zu machen. Da hab' ich mir denn nun Ihren guten Rath erbitten wollen, wer etwa noch einzuladen wäre. Fr. Br . (nachdenkend) . Je nun, ich dächte – Fr. M . Sie könnten etwa – Fr. Br . Den Herrn Geleits- und Landacciscommissarius Kropf – Fr. St . Nein, Frau Muhme, der hat neulich an seiner Mutter Geburtstage einen Schmauß gegeben, und hat uns nicht dazu gebeten. Fr. Br . Ah so! Fr. M . Etwa den Herrn Supernummerarius-Rentkammerschreiber Wittmann? Fr. Br . Nein, Frau Muhme, mein seliger Mann hatte einen Proceß mit seinem Schwiegervater wegen einer Dachrinne. Fr. M . Ah das ist ein Andres. Fr. St . Ich denke den Herrn General-Postgüterbeschauer Holbein? Fr. M . Um Gotteswillen nicht, Frau Muhme! der hat eine unausstehliche Frau! fast alle Sonntage ein neues Kleid. Das rauscht an den Kirchenstühlen vorüber – Fr. Br . Das trägt die Nase so hoch – Fr. M . Und man kennt sie doch noch recht gut – Fr. Br . Ja wohl, wie sie das graue Leibchen mit der grünen Schürze trug. Fr. M . Man munkelt auch Allerlei, woher sie es nimmt. Fr. Br . Nein, da möcht' ich lieber den Herrn Kreis-, Trank-, Schock- und Quatembersteuer-, auch Imposteinnehmer Runkel vorschlagen. Fr. St . Mit dem bleiben Sie mir vom Leibe, Frau Muhme; der ist ein Grobian! Glauben Sie wohl, daß er uns ordentlich besucht hat? Der Naseweiß! eine Karte hat er abgegeben, eine Visitenkarte. – Eher könnte man den Herrn Floßstrafbefehlshaber Weidenbaum bitten. Fr. Br . Ja nicht, Frau Muhme, ums Himmelswillen nicht! Sie wissen doch, daß der böse Mensch dreimal mit meines Schwagers Stieftochter gesprochen hat, und daß er sie folglich heirathen wollte? Nun ist er weggeblieben, und hat das arme Mädchen ins Gerede gebracht. Fr. St . Ja du lieber Gott! wen sollen wir denn aber bitten? Fr. M . Da kömmt der Herr Vetter Sperling.   Vierzehnte Scene. Sperling (mit einem großen Blumenstrauß) . Die Vorigen . Sperl . Frau Untersteuereinnehmerin Frau Oberfloß- und Fischmeisterin Frau Stadtaccisecasseschreiberin allerseits gehorsamster Diener! Ich war in meinem Garten der Herr Vicekirchenvorsteher hat den Rathsboten nach mir geschickt ich bin gelaufen wie ein Sonnenstrahl! Kaum hab' ich mir so viel Zeit genommen, diese Kinder des Frühlings zu pflücken. Die drei Frauen . Wissen Sie schon? Sperl . Alles weiß ich. Ein berühmter Gelehrter umgeworfen das Nasenbein gequetscht Empfehlungsschreiben vom Minister Fr. St . Ein Gelehrter, sagen Sie? Fr. Br . Nur ein Gelehrter? Fr. M . Ei du mein schöner Caffee! der in die Kohlen lief. Fr. St . Glauben Sie's nicht, Frau Muhme. Ich habe alle mein Lebtage gehört, daß die Minister sich wenig um Gelehrte bekümmern. Nein, nein, es hat eine andere Bewandtniß. Sperl . Und ich bleibe dabei, der Mann mit der gequetschten Nase ist ein Gelehrter, kömmt aus Egypten oder aus Weimar, hat die Säule des Pompejus gemessen, oder doch Wieland aus dem Fenster gucken sehn. Kurz, wir haben keine Zeit zu verlieren. Hier sind die Blumen, schaffen Sie mir nur geschwind die Kinder herbei. Kinder muß ich haben! dann mag er kommen und sehn, was in Krähwinkel geschieht! Fr. St . Nun, nun, sie sollen gleich hier sein. (Ab.) Sperl . (steht seitwärts und probirt pantomimisch den Empfang) . Fr. M . Haben die Frau Gevatterin wohl bemerkt, wie lächerlich die alte Frau Muhme sich geberdet? Fr. Br . Ja wohl, Frau Gevatterin, sie bläht sich wie ein Teig am Ofen. Fr. M . Lieber Gott! ihr Mann war doch nur Unter steuereinnehmer. Fr. Br . Wie er starb, blieb er einen Rest in die Casse schuldig. Fr. M . Und was wird das für ein Tractament werden? wissen Sie noch vor acht Wochen den Braten? er war ja ganz verbrannt. Fr. Br . Und wie sie aussieht! was wird sie anziehn? Fr. M . Sie hat ja nur drei Kleider. Fr. Br . Ganz recht, das braune Fr. M . Und das weiße Fr. Br . Und das stoffene Fr. M . Das hat sie machen lassen, wie der Bürgermeister zum ersten Male taufen ließ. Fr. Br . Um Vergebung, Frau Gevatterin, das wurde gemacht, als der Vicekirchenvorsteher seine zweite Frau heirathete. Fr. M . Die auch eine Närrin war. Fr. Br . Ja wohl, ja wohl.   Funfzehnte Scene. Frau Staar mit zwei Kindern , die große Butterbrode essen. Die Vorigen . Fr. St . Da sind die Kinder. Sperl . Her damit! Fr. St . Verneigt euch erst vor den lieben Frau Muhmen. So! Nun gebt eine Patschhand. So! Fr. Br . (indem sie sich die Butter von den Fingern wischt) . Allerliebste Püppchen! Gott behüte sie! Fr. M . (eben so) . Der lieben Frau Muhme wie aus den Augen geschnitten. Fr. Br . Haben doch die Pocken schon gehabt? Fr. St . Noch nicht. Mein Sohn wollte immer inoculiren lassen, aber das leide ich nicht. Man muß dem lieben Gott nicht vorgreifen. Fr. M . Jetzt will man die Kinder gar unter das Vieh stecken. Fr. Br . Man nimmt die Materie von den Bestien. Fr. St . Es ist ein gottloses bestialisches Wesen. Sperl . (der sich indessen mit den Kindern beschäftigte) . Kinder, legt die Butterbrode bei Seite. Die Kinder . Ne, ne. Sperl . So nehmt wenigstens die Blumen in die Eine Hand.   Sechszehnte Scene. Herr Staar . Der Bürgermeister . Sabine . Einer nach dem Andern. Die Vorigen . Hr. St . (eilig) . Eben fährt er zum Thore herein. Die ganze Straße ist voll Jungen. Sie rufen neben dem Wagen her und gaffen ihm ins Gesicht. Bürg . (eilig) . Er kömmt! er kömmt! Der Thürmer steht auch schon unten mit seiner Trompete. Sperl . Du lieber Gott! die Kinder sind noch so dumm Hr. St . Streut nur Blumen, und werft sie ihm ins Gesicht. Sabine (eilig) . Olmers! Olmers! er ist da! (Ein verstimmter Trompetenstoß) . Bürg . Allons! ihm entgegen! Hr. St . Die Kinder voraus! Sperl . (reißt ihnen die Butterbrode aus den Händen und wirft sie auf den Tisch) . Laßt die Butterbrode so lange hier. Hr. St . (schiebt hie Kinder zur Thüre hinaus) . Fort! fort! Die Kinder (schreien) . Mein Butterbrod! mein Butterbrod! Bürg . (ihnen folgend) . Wollt ihr die Mäuler halten? ( Sperling und Herr Staar folgen.) Sabine (steht am Fenster und wirft Küsse hinab) . Fr. St . Frau Oberfloß- und Fischmeisterin, Sie werden die Güte haben, voran zu spazieren. Fr. Br . Das wird nimmermehr geschehn, Frau Stadtaccisecasseschreiberin, ich bitte gehorsamst Fr. M . Frau Untersteuereinnehmerin, Ihnen gebührt die Ehre. Fr. St . Bewahre der Himmel! ich bin in meinem eigenen Hause. Fr. Br . Ich kenne meine Schuldigkeit. Fr. M . Ich gehe nicht von der Stelle. Alle Drei (fangen plötzlich an zu reden und zu complimentiren) .   (Der Vorhang fällt.)   Zweiter Akt. Erste Scene. (Die drei Frauen stehen noch immer an der Thür und complimentiren. Sabine seitwärts.) Fr. Br . Sie werden excusiren. Fr. M . Ich muß depreciren Fr. St . Bitte, mich nicht in Versuchung zu führen. Fr. Br . Ah! da hör' ich sie schon auf der Treppe. (Alle drei prallen zurück.)   Zweite Scene. Olmers . Der Bürgermeister . Herr Staar . Sperling . Die Vorigen . Bürg . Heil ist meinem Hause wiederfahren! Heil der guten Stadt Krähwinkel! Olm . Nicht doch, Herr Bürgermeister, ich bin schon zufrieden, wenn auch nur eine einzige Person (mit einem Blick auf Sabinen) sich über meine Ankunft freut. Bürg . Bewahre der Himmel! ich wollt' es keinem gehorsamen Bürger rathen, sich nicht unterthänigst zu freuen. Dafür haben wir Mittel. Olm . Diese Damen gehören vermuthlich zu Ihrer Familie? Bürg . Meine wertheste Frau Muhme, die Frau Oberfloß- und Fischmeisterin Brendel, desgleichen meine wertheste Frau Muhme, die Frau Stadtaccisecasseschreiberin Morgenroth. Fr. Br . und Fr. M . (mit gewaltigen Knixen) . Wir freuen uns unendlich die Ehre zu haben Bürg . Hier ist meine Mutter, die Frau Untersteuereinnehmerin Staar. Fr. St . Bitte nur tausendmal um Vergebung, daß die Vorhänge noch nicht gewaschen sind. Es geschieht sonst immer vor Pfingsten und Weihnachten. . Olm . Madam, ich würde untröstlich sein, wenn Sie durch mich in Ihrer alten Ordnung sich stören ließen. Fr. St . (bei Seite mit gerümpfter Nase) . Madam! Olm . (zum Bürgermeister) . Dies junge Frauenzimmer ist vermuthlich Ihre Mademoisell Tochter? Bürg . Jedermann erkennt sie doch gleich an der Aehnlichkeit mit mir. Olm . Mademoisell, ich schmeichle mir mit der Hoffnung, daß meine Gegenwart keinen unangenehmen Eindruck auf Sie machen werde. Sab . Im Gegentheil, der Eindruck ist so angenehm, daß ich ihn nur früher gewünscht hätte. Hr. St . Man hört doch gleich, daß das Mädchen ein Jahr in der Residenz gewesen ist. Olm . Vermuthlich haben Sie dort interessante Bekanntschaften gemacht? Sab . Wenn auch nicht viele , doch Eine . Olm . Die sich um so glücklicher schätzen wird. Sab . Wer weiß. Man findet in der Residenz so ziemlich Alles, ausgenommen Gedächtniß. Olm . Hüten Sie sich, daß Sie kein Unrecht abzubitten bekommen. Sab . Dabei würde ich gewinnen. Olm . Wer einmal so glücklich war, Sie zu sehn Sab . Sie schmeicheln einem armen Landmädchen. Bürg . Nun, nun, Sabinchen, ein Landmädchen bist du doch gerade auch nicht. Wir bewohnen, Gott sei Dank! eine ganz feine Stadt. Hr. St . Die beiden Hauptstraßen sind gepflastert. Sperl . Fünftausend Einwohner, worunter auch einige Dichter. Fr. St . Drei schöne Kirchen. Fr. Br . Eine anmuthige Promenade bis zum Galgen. Olm . Ich habe eine liebliche Anhöhe bemerkt. Fr. M . O die ist ganz vortrefflich zum Wäschetrocknen. Olm . Und das Thal so malerisch mit Gebüschen bestreut. Fr. Br . Die schönsten Erdbeeren wachsen dort. Sperl . (mit einem Blick auf Sabinen) . Gewürzig und purpurroth wie gewisse Lippen. Olm . In der Tiefe schlängelt sich ein Fluß. Fr. St . Mit Forellen und Karauschen. Olm . Ein schattenreicher Wald beherbergt ein Heer von Nachtigallen. Hr. St . Der Wald ist dick genug, aber das Holz wird doch alle Jahre theurer. Olm . Treibt das Städtchen einen starken Handel? Fr. St . O ja, mit Meerrettig. Hr. St . Auch giebt es Niederlagen von ost- und westindischen Gewürzen, sammt einer Lesebibliothek. Sperl . Von unserm Scheibenschießen haben Sie wohl schon gehört? Olm . Leider nein. Sperl . Es ist auch ein Hanswurst dabei. Fr. St . Und einen Nachmittagsprediger haben wir an der Aegidienkirche, das ist ein Mann wie ein Apostel! Oder ist Ihnen sicher schon bekannt? Olm . In der That, ich muß mich schämen Sperl . Was sagen sie denn in der Residenz von unserm Liebhabertheater? ich spiele den Peter in Menschenhaß und Reue. Fr. M . Und recht natürlich. Sperl . Nicht wahr, Frau Muhme? Bürg . Vor allen Dingen werd' ich dem Herrn unser Rathhaus zeigen. Ein Baumeister aus Gotha hat es vor 300 Jahren erbaut. Es ist im ächt gothischen Geschmack. Olm . So bald ich mich ein wenig von der Reise erholt habe. Fr. St . Sabinchen, führe doch den Herrn auf sein Zimmer. Sab . Herzlich gern. Bürg . Ich werde die Ehre haben zu begleiten. Hr. St . Auch ich. Sperl . Auch ich. Olm . Bemühen Sie sich nicht, meine Herren, ich bin vollkommen mit meinem Führer zufrieden. Bürg . Mit nichten. Se. Excellenz, der Herr Minister, haben mir Hochdieselben empfohlen, und ich werde nicht ermangeln, Sie wie Dero Schatten zu umgeben. Olm . Dann werden Sie mir oft in die Sonne treten. Bürg . Sonne genug. Dero Fenster liegen gegen Mittag. Uebrigens sehr bequem. Nur drei Stufen hinab in die Kammer, und wiederum zwei Stufen hinauf in den Alcoven. Olm . (reicht Sabinen die Hand) . Mademoisell, an Ihrer Hand hoffe ich die Stufen leicht zu erklimmen. Sab . Es wäre doch besser, wenn wir uns schon am Ziele befänden. (Ab mit Olmers . Der Bürgermeister folgt.) Sperl . (zu Staar) . Was meinen Sie, wenn ich ihm gleich die Ode vorläse? die an die braunschweiger Mumme? Hr. St . Jetzt nicht. Ich zeig' ihm erst meine Nürnberger Kupferstiche. (Beide ab.)   Dritte Scene. Frau Staar . Frau Brendel . Frau Morgenroth . Fr. St . Nun, was sagen Sie, liebwertheste Frau Muhmen? Fr. Br . Mich hat er kaum angesehn. Fr. M . Mit mir hat er kein Wort gesprochen. Fr. St . Und mich hat er gar eine Madam genannt. Seht doch! Madam! ich bin mit Gott und Ehren Frau Untersteuereinnehmerin und keine Madam. Fr. Br . Er hätte doch fragen können, ob mein Mann schon lange todt wäre? oder so etwas dergleichen. Fr. M . Wenn er sich doch nur nach meinen Kindern erkundigt hätte. Fr. St . Mein Sohn hat ihm deutlich genug gesagt: Frau Untersteuereinnehmerin; und dennoch hat er mich recht unverschämter Weise zur Madam gemacht. Fr. M . Was Lebensart heißt, muß er erst i Krähwinkel lernen. Fr. Br . Ein hübscher Mann ist er. Fr. St . Ja, aber gar nicht ein bischen steif. That er nicht, als ob er hier zu Hause wäre? Fr. M . Recht, Frau Muhme, es mangelte in ganz die volle Verlegenheit. Fr. Br . Feine Wäsche trägt er. Fr. St . Aber keine Manschetten. Fr. M . Das Haar mag auch wohl vor acht Tagen zum Letztenmal gepudert worden sein. Fr. St . Der Mensch kömmt mir so bekannt vor. Es ist mir immer, als hätte ich ihn schon irgendwo gesehn. (Sich plötzlich besinnend und sehr heftig erschrocken.) Ah! Ah! mein Schwindel! Ich falle in Ohnmacht! Fr. Br . und Fr. M . (eilen ihr zu Hilfe) . Was ists, Frau Muhme? Fr. St . Da, in meiner Tasche Fr. Br . Das Riechfläschchen? Fr. St . Nein nein ein Bild ein Bild Fr. Br . (hat indessen in ihrer Tasche gesucht) . Nun ja, da ist eins. Ei seht doch, das ist wahrhaftig der Fremde. Fr. St . Zeigen Sie her. So wahr ich eine arme Sünderin bin! er ists! ich bin des Todes! Fr. Br . Wer denn? Fr. M . Ich will nicht hoffen Fr. St . Ich kann nicht zu Athem kommen Fr. Br . Doch kein entsprungener Delinquent? Fr. M . Wohl möglich. Man wird das Bild zu dem Steckbriefe gelegt haben. Fr. St . Es ist der König! es ist der König! Beide (schreien laut auf) . Der König! Fr. St . Se. allerglorreichste Majestät! Fr. Br . Frau Gevatterin, mir wird schlimm. (Sie sinkt auf einen andern Stuhl.) Fr. M . (eben so) . Auch mir, theuerste Frau Gevatterin. (Alle drei stöhnen.) Fr. St . Nein, das überleb' ich nicht die hohe Ehre die hohe Gnade und die Vorhänge nicht gewaschen. Fr. Br . Weiß es denn noch Niemand in der Stadt? Fr. St . Keine Christenseele. Fr. Br . Ah! da muß ich ja eilen! Kommen Sie, Frau Gevatterin! Fr. M . Ja doch, ja! es ist mir zwar wie Blei in die Füße gesunken aber der König die Vaterlandsliebe kommen Sie! kommen Sie! (Beide ab.)   Vierte Scene. Frau Staar (allein). Ich bin ganz weg – thut nichts. – Nun mag mein Stündlein schlagen, wann es dem Himmel gefällt! Ja, nun will ich auch in Gottes Namen eine Madam sein! der König mag mich Madam nennen, so viel er will! Horch! da oben geht er auf und nieder man hört es doch gleich, es ist ein königlicher Schritt! wenn ich nur von der Stelle könnte wenn nur mein Sohn erst wüßte daß er nichts gegen den Respect manquirt   Fünfte Scene. Bürgermeister . Herr Staar . Sperling . Frau Staar . Fr. St . Kommt ihr endlich? seht, da sitz' ich, und wer weiß, ob ich in meinem Leben wieder aufstehe. Bürg . Was ist der Frau Mutter widerfahren? Fr. St . Ich will es kurz machen ich will reden ich will das große Geheimniß von mir geben und dann in mein Kämmerlein gehn, und mit lauter Stimme einen Lobpsalm singen! Hr. St . Was schwatzt die Frau Mutter? Fr. St . Wo ist euer Gast? Sperl . Er wird gleich herunter kommen. Fr. St . Niemand bei ihm? Bürg . Keine Seele. Die Sabine wollte bei ihm bleiben, aber ich jagte sie in die Küche. Fr. St . Nun so lauft! rutscht auf euren Knieen die Treppe hinauf! Niclas! Niclas! der König ist in deinem Hause! Bürg . und Hr. St . Wie? was? Sperl . Der König? Bürg . Mache mich die Frau Mutter nicht confus. Fr. St . Ja, nun wird die Confusion erst recht angehn. Ganz Krähwinkel muß confus werden! Er ist da, sag' ich, er ist da! Gleich dem großen Weltkönig, der auf einem Eselein ritt, hat er dich erwählt, mein Sohn Niclas! in dein Haus ist er eingezogen, du glücklicher Bürgermeister auch Oberältester! Bürg . Frau Mutter, ich bitte, sich zu expliciren, denn ich weiß schon nicht mehr, ob ich einen Kopf oder eine Windmühle auf dem Rumpfe trage. Fr. St . Da! da ist unsers gnädigsten Königs Portrait! nun, da seht selbst! ist ers? oder ist ers nicht? Bürg . Der Fremde, wie er leibt und lebt. Hr. St . Richtig. Bürg . Aber woher weiß die Frau Mutter ? Fr. St . Hab' ich vor 40 Jahren nicht des Königs Großvater gesehn? und ist ihm der Enkel nicht wie aus den Augen geschnitten? Ich sage dir, das ist sein Portrait, und die geheiligte Person wandelt über unsern Köpfen. Hr. St . Da haben wirs! er reist incognito. Sperl . Der Landesvater im Steinbruche! Bürg . Ach mein Gott! was ist nun anzufangen? Da muß ja die Bürgerwache mit der alten Trommel aufziehn. Sperl . Und die Schützencompagnie mit der Fahne. Hr. St . Und der Magistrat mit den Waisenkindern. Fr. St . Ach! wenn das mein seliger Herr noch erlebt hätte! Bürg . Aber ist es denn auch so recht gewiß? Hr. St . Wie kann der Herr Bruder noch zweifeln? die Frau Mutter hat ja den Großvater selbst gesehn. Sperl . Und das Portrait läßt sich doch auch nicht ganz wegdemonstriren. Fr. St . Es ist der König, sag' ich dir! Bürg . So muß mit allen Glocken geläutet werden, daß die Bürger zusammenlaufen. Fr. St . Die Frau Muhmen sind schon hinaus. Bürg . So brauchen wir keine Glocken. Aber eine Ehrenwache muß gleich vor das Haus. Fr. St . Vor unser Haus! Wenn ich die Ehrenwache sehe, so rührt mich der Schlag. Sperl . Da ist er. Fr. St . (zwingt sich aufzustehn) . Ach Gott! Ach Gott! Bürg . Ein Herz gefaßt.   Sechste Scene. Olmers . Vorige . Olm . Ein recht bequemes Haus, lieber Herr Bürgermeister, und eine vortreffliche Aussicht. Ich hoffe, sehr frohe Stunden hier zu verleben. Bürg . Allergnädigster König Olm . Wie? Hr. St . Ew. Königl. Majestät. Olm . Was? Sperl . Glorreichster Monarch Olm . Scherzen Sie mit mir? Fr. St . Gesalbter des Herrn Olm . Wir haben doch heute nicht den sechsten Januar? Bürg . Verbergen Sie sich nicht länger Ihren getreuen Unterthanen! Hr. St . Unsere Herzen brennen Sperl . Und lodern Fr. St . Und zerfließen Olm . Was haben Sie mit mir vor? Bürg . Dero Premierminister hat bereits halb und halb verrathen Olm . Mein Premierminister? (Für sich.) Ich werde doch nicht ins Tollhaus gerathen sein?   Siebente Scene. Die Magd . Vorige . Magd . Draußen stehen zwei Männer. Sie sprechen, sie wären Deputirte von der Schützengilde, und wollten den König bewillkommnen. Bürg . Wollen Ew. Majestät allergnädigst erlauben? Olm . Ei zum Henker! was fällt Ihnen ein? Ich bin ja eben so wenig eine Majestät als Ihr Nachtwächter. Bürg . Ach großer Gott! was wollen Allerhöchstdieselben länger leugnen? Wir besitzen ja Dero unschätzbares Portrait. Olm . Mein Portrait? Fr. St . Hier ist es, großer König! (Sie überreicht es.) Olm . Ja, es ist allerdings mein Portrait Bürg . Endlich! (zu der Magd.) Die Deputation soll herein kommen, soll die Gnade haben, vorgelassen zu werden. Olm . Ums Himmelswillen nicht! Sie machen mich zum Gespött. ich heiße Karl Olmers, und damit holla. Hr. St . Laß der Herr Bruder es gut sein; Se. Majestät wollen nun einmal durchaus incognito bleiben. Fr. St . Aber die Ehrenwache werden Allerhöchstdieselben doch nicht verschmähen? Olm . Wenn Sie nicht bald aufhören, so brauch' ich allerdings eine Wache, denn ich werde verrückt. (Zu Sabinen, welche eben hereintritt.) Ah Mademoisell! gut, daß Sie kommen. Man will mich hier mit Gewalt zum König. machen. Wie das zugeht, mag Gott wissen. König bin ich wahrlich nicht! zu herrschen begehr' ich nirgends, als nur in Einem Herzen. Erlang ich aber diesen Wunsch, so beneid' ich keinen König. (Ab.)   Achte Scene. Frau Staar . Der Bürgermeister . Hr. Staar . Sperling . Sabine . Bürg . Man muß Se. Majestät begleiten. (Er will nach.) Sab . (hält ihn auf) . Lieber Vater, was soll das heißen? wie kommen Sie auf den Einfall? Bürg . Naseweiß! es ist unser König. Sab . Gott bewahre! wer hat Ihnen das weiß gemacht? Hr. St . Weiß gemacht? Bürg . Hat die Frau Mutter nicht den Großvater gesehn? Hr. St . Hat sie nicht das Portrait? Fr. St . Von ihr selbst hab' ich es empfangen. Sab . Ah! nun versteh' ich ja lieber Gott, das war nur ein Scherz. Alle . Ein Scherz? Sab . Verzeihen Sie, liebe Großmutter Fr. St . Ich drehe dir den Hals um! Sab . Konnt' ich das vermuthen Fr. St . Gottloses Kind! du wußtest also, wen das Portrait eigentlich vorstellt? Sab . (sich etwas verlegen heraushelfend) . Nein das wußte ich nicht Fr. St . Wie kamst du dazu? Sab . Ich ich hab' es gefunden. Fr. St . Gefunden? wo? wie? Sab . Als ich noch in der Residenz war auf einem Spaziergange im hohen Grase ich steckt' es in die Tasche, und hab' es vergessen bis auf den heutigen Tag. Fr. St . Ei! woher denn aber die Zärtlichkeit, mit der du das Bild angafftest, als ich diesen Morgen hereintrat? Sab . Zärtlichkeit? Fr. St . Ja ja, Mamsell, dir war Hören und Sehen vergangen. Sperl . Ei, ei, Mademoisell. Sab . Ah, das kann ich Ihnen leicht erklären. Aufmerksamkeit war es. In den Zeitungen wurde ein verlornes Bild angezeigt. Da fiel mir das meinige wieder bei. Schnell zog ich es aus der Tasche, um es mit der Angabe zu vergleichen. Fr. St . Ich habe ja keine Zeitungen gesehn? Sab . Dort liegen sie noch auf dem Tische. Fr. St . (zieht die Brille heraus) . Gieb doch her, ich will den Artikel selber lesen. Sab . (erschrocken) . O ja warum nicht hier sind sie ach verwünscht! da haben die Kinder das Butterbrod darauf gelegt. Es ist Alles durchgeweicht, Alles unleserlich. Fr. St . Verschmitzte Kreatur! wenn ich nun das Bild an einer Zitternadel auf meine Haube gesteckt hätte? Die ganze Stadt hätte mit Fingern auf mich gewiesen. Fort damit! Laß es mir nie wieder vor die Augen kommen. Bürg . Gieb es dem Fremden zurück. Sab . Ei freilich, er könnte ja sonst wunder glauben Sperl . Der Ersatz sei meine Sorge. Ich selber lasse mich malen. Sab . (bei Seite) . Lieber ausstopfen. Hr. St . Die Jungfer Nichte ist eine Närrin! Daß doch so eine leichtfertige Dirne eine ganze reputirliche Stadt wie ihren Strickbeutel umkehrt. Ich muß nur gehen, und die Bürgerschaft beruhigen. (Ab.) Bürg . Und ich will die Schützendeputation abfertigen. Das sag' ich dir bringst du mir noch einmal einen solchen König ins Haus, so schick' ich dich auf die Spinnstube. (Ab.) Fr. St . Alle Freude umsonst! ich sah schon die Ehrenwache vor unserer Thür; ich erzählte es schon meinem seligen Herrn im Grabe und indessen sind meine Braten zu Kohlen verbrannt, du Rabenkind! (Ab.)   Neunte Scene. Sperling und Sabine . Sab . Herr Bau-, Berg- und Weginspectorssubstitut, Sie werden vermuthlich vor dem Essen auch noch Geschäfte haben? Sperl . Wertheste Mademoisell, vor dem Essen und nach dem Essen hab' ich kein anderes Geschäft, als mein treues Herz vor Ihnen auszubreiten. Sab . Ausbreiten? es ist ja kein Mantel. Sperl . Poetischerweise allerdings ein Mantel, aber ohne Falten, ohne alle Falten. Schönste Sabina! versuchen Sie es! wickeln Sie sich darein bei Sturm und Frost. Sab . Ich bin noch jung, mein Herr, und bedarf keiner geborgten Wärme. Sperl . Will ich denn dies treue Herz nur borgen? nein, schenken will ich es! (Er kniet nieder.) Hier zu Ihren Füßen empfangen Sie Ihr Eigenthum! schalten Sie damit nach Gefallen. Der König ist verschwunden, aber die Königin steht vor mir! Meine Königin! mein Götterkind!   Zehnte Scene. Olmers . Vorige . Olm . (stutzt, als er hereintritt) . Ich bitt' um Vergebung, eine so schöne Unterhaltung muß man nicht stören. Sperl . (steht auf) . Sab . Es hat nichts zu bedeuten. Kommen Sie nur näher. Olm . (bitter) . Nichts zu bedeuten? Es möchte doch wohl Leute geben, denen ein solcher Anblick sehr bedeutend vorkäme. Sperl . Ei freilich! Sie sollen wissen, mein Herr, daß nach einer Ewigkeit von zwei Jahren die treue Liebe endlich siegt. Olm . Wirklich? ich wünsche Ihnen Glück. Sperl . Wenn Sie einige Wochen bei uns verweilen, so werden Sie einem Feste beiwohnen, an welchem Amor und Hymen sich brüderlich umarmen. Olm . In der That? Sab . Ja, mein Herr, das hoff' ich von ganzem Herzen. Olm . Ei, welche liebenswürdige Offenheit! Natürlich werde ich so lange hier bleiben, denn ich muß für meinen zerbrochenen Wagen doch durch etwas entschädigt werden. Sab . Noch bin ich zwar nicht Braut, aber ich hoffe es bald zu werden. Olm . Sie wären es noch nicht? Sie belieben zu scherzen. Sperl . Purer klarer Scherz im Gefolge der Grazien. Sab . Mein Herr, verstehen Sie mich recht. Schon seit fünf Wochen hab' ich gehofft, daß mein Geliebter sich erklären würde, aber er schwieg. Sperl . Er schwieg? Schalkhafte! haben meine Augen denn nicht gesprochen? Olm . (der zu begreifen anfängt) . Er schwieg vielleicht nur, um Alles vorzubereiten. Sperl . Ganz recht, mein Herr. In meiner künftigen Wohnung wird noch gebaut. Jetzt logir' ich im Dachstübchen bei dem Herrn Vicekirchenvorsteher. Sab . Er hätte mir doch durch die dritte Hand eine schriftliche Nachricht können zukommen lassen. Sperl . Lag ich denn nicht täglich selber zu Ihren Füßen? Olm . Vielleicht hat er ein strenges Verbot, welches die Sittsamkeit ihm auflegte, zu gewissenhaft erfüllt. Sperl . Errathen, mein Herr. Als die Mamsell nach der Residenz ging, verbot sie mir ausdrücklich, meine Seufzer durch die Post zu spediren. Sab . Einer dienstfertigen Muhme hätte man sich immer vertrauen mögen. Sperl . Schönste Mademoisell, alle unsere Muhmen sind Klatschmäuler. Olm . Vielleicht glaubte man auch, von Liebe und Treue bereits so viele Proben abgelegt zu haben, daß man auf edles Vertrauen rechnen dürfe. Sperl . Getroffen, mein Herr. Ich bin ja so treu als der Hund des Melai in Meißners Skizzen. Sab . Sie glauben also wirklich, Herr Olmers, daß mein Geliebter noch eben so warm für mich empfinde, als vormals? Sperl . Nur warm? siedend heiß! Ja, Mademoisell! hätte Archimedes solche Liebe empfunden, er hätte seine Spiegel nicht gebraucht, um die feindliche Flotte in Brand zu stecken. Olm . Ich wage zu behaupten, daß seine Empfindungen durch die Abwesenheit nur noch heftiger geworden. Sperl . Freilich, freilich. Als sie in der Stadt war, wollt' ich rasend werden. Sab . Nun so bin ich beruhigt. Sperl . Endlich! Olm . Auch ich. Sperl . Sie sind ein scharmanter Mann, daß Sie um meinetwillen sich so beunruhigt haben. Ich bitte mir Ihre Freundschaft aus. Olm . Gehorsamer Diener. Sab . Wer mich aufrichtig liebt, wird es aber nicht blos mir sagen. Sperl . Wem sonst? Olm . Vermuthlich wird er sich Ihrem Herrn Vater entdecken. Sperl . Ist ja schon geschehn. Sab . Was noch zu thun wäre, muß bald geschehn, da meine Verlobung bereits auf morgen festgesetzt worden. Sperl . Eben deswegen ist nichts mehr vonnöthen. Olm . Und wäre noch etwas vonnöthen, so wird es sicher diesen Abend geschehn. Sperl . Natürlich. Sab . Ich schwebe zwischen Furcht und Hoffnung. Sperl . Werfen Sie sich der Hoffnung getrost in die Arme. Olm . Mächtige Fürsprache kann Gutes bewirken. Sperl . Wozu? die Familie ist einig. Der Schmetterling vermählt sich mit der Rose, Und trinkt entzückt den Thau aus ihrem Schooße. Sab . Wohlan! in Gegenwart dieses Herrn schwör' ich nochmals ewige Liebe! Olm . Ich empfange den Schwur im Namen des Geliebten. Sperl . Ach wie rührend! Sab . Keine Gewalt soll mich von ihm trennen! Olm . Er ist auf ewig mit Ihnen verbunden. Sperl . Meine Thränen fließen. Sab . Zum Pfand des Schwurs reich' ich die Hand. Olm . Dankbar drücke ich sie an die Lippen. Sperl . Na, ich bin recht seelenvergnügt.   Eilfte Scene. Frau Staar . Vorige . Fr. St . Das Essen ist aufgetragen. Die Gäste sind bereits in der großen Stube. Wenn ich gehorsamst bitten darf Olm . Zu Befehl. (Er reicht Sabinen hinter Sperlings Rücken die Hand und entschlüpft mit ihr.) Sperl . (indem er weiße Handschuh anzieht) . So will ich denn im Triumph an der Hand der Liebe (er wendet sich galant, um Sabinen die Hand zu reichen, steht aber vor der Großmutter.) Fr. St . (verneigt sich) . Herr Bau-, Berg- und Weginspectorssubstitut Sperl . (stotternd) . Frau Untersteuereinnehmerin. (Sie reicht ihm ihre Fingerspitzen, welche er mit seinen Fingerspitzen faßt, und mit einem süß-sauren Gesichte sie fortführt.)   (Der Vorhang fällt.)   Dritter Akt. Erste Scene. Frau Staar (allein). Nein, so etwas dergleichen von Ungezogenheit ist mir noch nicht vorgekommen. Sind das die feinen Sitten in der Residenz? Gott behüte und bewahre! Von der Madam will ich gar nichts mehr reden, denn die liegt mir schon tief im Magen. Aber ich weise ihm den Ehrenplatz an zwischen zwei respectabeln alten Frauen, was thut er? er läßt sie sitzen, wie ein paar Wachsbilder in einer Jahrmarktsbude, und pflanzt sich mitten unter das junge Volk! Ei! ei! ei! Nein, da lob' ich mir den Herrn Bau-, Berg- und Weginspectors-Substituten! das ist doch ein Männchen! galant und scharmant, gebiegelt und geschniegelt.   Zweite Scene. Frau Staar . Frau Brendel . Frau Morgenroth . (Beide nach ihrer Art geputzt.) Fr. St . Nun Frau Muhme? der liebe bescheidene Gast! Fr. Br . Der scheint mir ein lockerer Zeisig. Fr. M . Haben Sie bemerkt, wie er das Brod zu Kugeln drehte, und die Jungfer Muhme damit warf? Fr. St . Der böse Mensch! die edle Gottesgabe! Fr. Br . Den rothen Wein hat er auf's Tischtuch verspritzt. Fr. M . Was wollen Sie sagen! beim Lichtputzen hat er sogar einen Funken darauf fallen lassen. Fr. St . I du Bösewicht! mein damastnes Tischtuch. Fr. Br . Das Essen schien ihm auch nicht recht zu schmecken. Fr. M . Er ließ manche Schüssel ganz vorübergehn. Schickt sich das? Fr. St . Ich habe ihm doch genug gesagt, wie gut jede Schüssel zubereitet sei, und aus welchen Ingredienzien sie bestehe. Fr. Br . Ich denke, am Nöthigen haben wir es Alle nicht fehlen lassen. Fr. M . Er war ja so unverschämt, sich das Nöthigen ganz zu verbitten. Fr. St . Man sieht, daß er noch wenig gute Gesellschaft frequentirt hat. Fr. Br . Nicht einmal den Kuchen hat er gelobt, und der war doch vortrefflich. Fr. M . Außerordentlich mürbe. Fr. Br . Er zerging auf der Zunge. Fr. M . Vermuthlich selbst gebacken? Fr. St . Zu dienen. Fr. Br . O das merkt man gleich. Fr. St . Allzugütig. Fr. M . Der Teig ist wie Schaum. Fr. St . Sie beschämen mich. Fr. Br . Darf ich fragen, wie viel Eier die Frau Muhme dazu nehmen? Fr. St . Ich werde die Ehre haben, das ganze Recept mitzutheilen. Man nimmt Erstens   Dritte Scene. Herr Staar . Die Vorigen . Hr. St . Bleibt mir vom Halse mit Eurem vornehmen Gaste! Der kann sich erst aus meiner Lesebibliothek das Sittenbüchlein holen, und solches fleißig studiren. Fr. Br . Ja wohl, Herr Vicekirchenvorsteher, der ist gar sehr in der Erziehung verwahrlost. Hr. St . Erst hat er nicht einmal ordentlich sein Tischgebet verrichtet. Fr. St . Und noch obendrein über die armen Kinder gelacht, die doch ihr »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast« recht ordentlich herunter beteten. Hr. St . Als ich, nach alter scherzhafter Weise, die Gesundheit: Was wir lieben! machte, gleich rief er: was uns wieder liebt und seinem Nachbar einen Kuß giebt. Fr. Br . (sich verschämt mit dem Fächer wedelnd) . Ich hatte das Unglück, ihm an der linken Hand zu sitzen. Fr. St . Die hübsche Mamsell Morgenroth, die ihm zur Rechten saß, wurde feuerroth. Hr. St . Die Sabine warf ihm einen grimmigen Blick zu. Fr. St . Am Ende wollte er ja gar ein heidnisches Lied singen: Freude, schöner Götterfunken! Nein, so verrucht geht es bei uns nicht zu. Hr. St . Weil er selbst keinen Titel hat, so gibt er auch keinem Menschen seine gebührende Ehre. Fr. St . Wenn mein Sohn, der Bürgermeister, auch Oberälteste, die wichtigsten Prozesse abhandelte, so saß er und kitzelte mit der Gabel auf dem Teller. Fr. Br . Und Zucker hat er in den Kaffee geworfen, eine ganze Hand voll! Fr. M . Und statt nach Tische zur gesegneten Mahlzeit die Hand zu küssen, hat er sich ein einziges Mal rings herum verbeugt. Hr. St . Ich möchte nur wissen, wie der Herr Minister solche Leute empfehlen kann.   Vierte Scene. Sperling . Vorige . Sperl . Hochgeehrteste Frau Muhmen, ich wollte, der Fremde läge noch im Steinbruche, denn unter uns gesagt, er hat keine Conduite. Hr. St . Darüber sind wir einig. Sperl . Haben Sie wohl das spöttische Lächeln bemerkt, als ich den löblichen alten Leberreim vorschlug? Hr. St . Von Ihrer schönen Ode auf die braunschweiger Mumme hat er nicht drei Worte gehört. Fr. Br . Da zwinkert' er immer mit der Jungfer Muhme, die ihm gegenüber saß. Sperl . Für die schöne Literatur scheint er wenig Sinn zu haben. Hr. St . Er hat ja nicht einmal den Rinaldo Rinaldini gelesen. Sperl . Er ist zu bedauern. Es mag ihm nicht an Anlage fehlen, aber keine Ausbildung. Hr. St . Keine Sitten. Fr. Br . Keine Moral. Fr. M . Keine Lebensart. Fr. St . Keinen Titel. Sperl . Wenn der bei dem morgenden großen Feste erscheint, geben Sie Acht, der wird zum Kinderspott. Hr. St . Danken wir dem Himmel, daß in unserer guten Stadt Krähwinkel die liebe Jugend feiner erzogen wird.   Fünfte Scene. Sabine . Vorige . Fr. St . Gut, Binchen, daß du kömmst. Sag' uns doch ein wenig: gleichen die jungen Herren in der Residenz alle diesem Musje Olmers! Sab . Alle, die Anspruch auf feine Bildung machen. Fr. St . So? Scharmant. Hr. St . Er ist ja ein Grobian. Fr. Br . Dreht Brodkugeln. Fr. M . Befleckt die Tischtücher. Fr. St . Titulirt keinen Menschen. Sperl . Verhöhnt die Poesie. Fr. Br . Lobt keinen Kuchen. Fr. M . Läßt die Hälfte auf dem Teller liegen. Hr. St . Weiß von keinem Tischgebet. Fr. St . Will heidnische Lieder singen. Sperl . Küßt die Nachbarin. Fr. St . Hat weder deinem Vater noch dem Herrn Pastor loci geduldig zugehört. Sab . O weh! o weh! der arme Olmers! Liebe Großmutter, in der Residenz verbannt man so viel möglich allen Zwang. Komplimente sind dem, der sie macht, im Grunde. eben so lästig, als dem, der sie empfängt. Man läßt die Leute essen, wovon sie Lust haben, und so viel sie mögen, man nöthigt nie. Das Tischgebet ist nicht mehr gebräuchlich, weil die Kinder nur plappern, und die Erwachsenen nichts dabei denken. Ein anständiger Scherz, ein frohes Lied würzen das Mahl. Der Titel bedient man sich blos im Amte, im geselligen Leben würden sie nur die Freude verscheuchen. Kurz, ein guter Wirth sucht Alles zu entfernen, was die Behaglichkeit seiner Gäste stören könnte. Man kömmt, man setz sich, man steht, alles nach Belieben. Man geht wieder, ohne Abschied zu nehmen. Fr. St . Hör' auf! Ich bekomme meinen Schwindel. Fr. Br . Ohne Abschied! Ist das möglich? Fr. M . Sich nicht einmal zu bedanken für genossene Ehre! Sab . Wenn die Gäste vergnügt sind, so hält der Wirth das für den besten Dank. Fr. St . Ach du mein Gott! ist denn die Residenz zu einer Dorfschenke geworden?   Sechste Scene. Der Bürgermeister . Olmers . Vorige . Bürg . Wie ich Ihnen sage, Herr Olmers, die Stadtheerde hat seit hundert Jahren das Privilegium, auf den Rummelsburger Stoppel zu weiden Olm . So? Bürg . Nun aber hat der Amtmann daselbst noch neuerlich einen Hammel gepfändet Olm . (zu Sabinen) . Meine schöne junge Wirthin ist mir entschlüpft. Bürg . Einen Hammel, sag' ich, hat er gepfändet Olm . Zwar kleidet die häusliche Sorge Sie überaus wohl Bürg . Einen fetten Hammel, sage ich Sab . (halbleise) . So hören Sie doch auf den Hammel! Olm . Lassen Sie es gut sein, Herr Bürgermeister. Ich bin von den Privilegien Ihrer Stadtheerde sattsam überzeugt. Der Amtmann muß den Hammel herausgeben, das versteht sich. Bürg . Ei, damit ist's noch nicht gethan. Olm . Und Strafe dazu, so viel Sie wollen. (Zu Frau Staar.) Nicht wahr, Madam? Sie haben uns so schön bewirthet, daß wir in diesem Augenblicke selbst für den fettesten Hammel uns nicht zu interessiren vermögen. Fr. St . Es scheint überhaupt, mein Herr, daß vernünftige Gespräche nicht Jedermann interessiren. Zu meiner Zeit wurde das Alter in hohen Ehren gehalten. Betitelte Personen von gesetzten Jahren führten das Wort, die unbetitelte Jugend hörte und lernte. Sintemalen nun aber diese ehrbare Sitte nicht mehr gebräuchlich, so thun ältere Personen wohl, sich der Gesellschaft zu entziehen, und über den Sittenverfall in christlicher Einsamkeit zu seufzen. (Sie verneigt sich und geht ab.) Olm . Ich will nicht hoffen, daß Madam auf mich zürnt? Hr. St . Meine Frau Mutter, die Frau Untersteuereinnehmerin, wird in ganz Krähwinkel so hoch respectirt, daß sie auch dann nicht einmal zornig wird, wenn Dieser oder Jener ihr die gebührende Titulatur versagt. (Ab.) Olm . Mein Gott! die Titel sind hier in der Provinz so lang, und das Studium derselben so beschwerlich Sperl . Besonders wenn man selbst keinen Titel hat. (Ab.) Olm . Aus einer frohen Gesellschaft sollte jeder Zwang verbannt sein. Fr. Br . Da man aber bei einer Gasterei nicht zusammenkömmt, um froh zu sein, sondern um die Gaben Gottes reichlich und mit Anstand zu genießen, so sollte man doch billig auf die respective Würde der Gesellschaft einige Rücksicht nehmen. (Verbeugt sich und geht.) Fr. M . Zumal, da die guten Sitten nur durch ein ehrbares Ceremoniel in ihrer Reinigkeit erhalten werden. (Verbeugt sich und geht.) Olm . Bewahre der Himmel. Bürg . (bei Seite, indem er sich die Perücke zurecht zupft) . Wenn nur der Minister nicht wäre, ich wollte es ihm auch schon sagen. Sab . (leise) . Sie sind auf dem besten Wege, es mit der ganzen Familie zu verderben. Reden Sie mit meinem Vater, ehe es zu spät wird. (Ab.)   Siebente Scene. Olmers und der Bürgermeister . Bürg . Wiederum auf besagten Hammel zu kommen Olm . O Herr Bürgermeister! und wenn Sie mir alle Hammel von ganz Tibet versprächen, jetzt hab' ich einen Wunsch, der mir näher am Herzen liegt. Bürg . So? so? Olm . Ich liebe Ihre Mademoisell Tochter. Bürg . Ei, ei. Olm . Ich wünschte sie zu heirathen. Bürg . Viel Ehre. Olm . Ich habe Vermögen, und durch das Wohlwollen des Ministers hoffe ich auch bald ein anständiges Amt zu erhalten. Bürg . Gratulire. Olm . Nur Ihre Einwilligung fehlt noch zu meinem Glücke. Darf ich mir schmeicheln? Bürg . Gehorsamer Diener! Olm . Als ein ehrlicher Mann hab' ich meine Anwerbung in wenig Worten ohne Schminke vorgetragen. Antworten Sie mir eben so. Bürg . O ja Sie erlauben nur ich bin paterfamilias meine Pflicht erheischt, die sämmtlichen Vettern und Muhmen zusammen zu berufen, und selbigen Dero Anliegen in geziemenden terminis vorzutragen. Olm . Thun Sie das. Ich gehe indessen in den Garten und erwarte mit Ungeduld die Entscheidung. (Ab.)   Achte Scene. Der Bürgermeister allein. Ei seht doch! der Mensch fällt mit der Thür ins Haus. Ist das eine Manier zu heirathen? weiß er denn nicht einmal, daß man vorher ein halbes Jahr in einem Hause ab und zu, aus- und eingehen muß, bis die ganze Stadt davon spricht, ehe man zu solchen Extremitäten schreitet? Gott verzeih' mir die Sünde, das sähe ja aus, als müßte die Hochzeit über Hals und Kopf aus gewissen Ursachen beschleunigt werden. (Er geht an die Thür und ruft hinaus.) Margarethe! Bittet geschwind die Frau Mutter, und den Herrn Bruder, und auch die Frau Muhmen herüber; ich hätte etwas Importantes mit ihnen zu überlegen. (Kommt zurück.) Ja wenn nur der Minister nicht wäre, auf der Stelle hätte ich ihn abgefertigt. Aber ich wollte denn doch, daß er das morgende Fest Sr. Excellenz getreulich referirte; drum muß ich ihn schonen.   Neunte Scene. Bürgermeister . Frau Staar . Herr Staar . Frau Brendel . Frau Morgenroth . Fr. Br . Da sind wir auf des Herrn Bürgermeisters Verlangen. Fr. St . Was begehrst du, mein Sohn? Hr. St . Was will der Herr Bruder? Bürg . Es ist eine Familienangelegenheit zu berathschlagen; da hab' ich denn die lieben Angehörigen versammeln wollen. Fr. Br . und Fr. M . Ei was denn? Herr Vetter, was denn? Bürg . Etwas Nagelneues. Fr. Br . Doch nicht wegen der neuen Frau Steuereinnehmerin, die der alten würdigen Frau Muhme beim heiligen Liebesmahl durchaus vortreten will? Fr. St . Sie soll sich nur unterstehen Bürg . Nein, das ist es nicht. Fr. M . Oder wegen Feldscheers Christian, der ihren Gottlieb einen Strohkopf geschimpft hat? Bürg . Auch nicht. Die Sache ist jetzt vor Einem Hochedeln Rath und kann unter zwei Jahren nicht beendigt werden. Fr. St . Nun so explicire dich, mein Sohn! Bürg . Nehmen wir zuvor Platz, um in gehöriger Ordnung zu procediren. Die Frau Mutter, als Familienpräses, in der Mitte; die Stammhalter zu beiden Seiten. Die Frau Muhmen auf dem rechten und linken Flügel. So. Fr. Br . (indem sie sich setzt) . Ich sterbe vor Verlangen. Fr. M . (eben so) . Ich platze vor Neubegier. Bürg . (räuspert sich) . Es ist Ihnen allerseits wohl bewußt, welchergestalt meine älteste eheleibliche Tochter Sabina nunmehro die mannbaren Jahre erreicht hat. Fr. St . Freilich, sie soll ja heirathen. Fr. Br . Etwas zu jung möchte sie allerdings noch sein. Fr. M . Wenn sie nicht meine liebe Muhme wäre, so würde ich sagen, sie sei noch ein wenig naseweis. Hr. St . Getroffen. Die Bücher aus meiner Lesebibliothek sind ihr alle nicht gut genug. Fr. Br . Ein ziemliches Weltkind, das die neusten Moden aus der Residenz bekömmt. Fr. M . Neulich spottete sie gar über unsere Manier, uns zu verneigen. Fr. Br . Unser alter Tanzmeister war zu seiner Zeit doch ein berühmter Mann. Fr. M . Freilich wußte er nichts von dem neumodischen Hopsasa! Fr. Br . Und litt auch nicht, daß man auf der Straße die Schleppe um sich wickelte wie einen nassen Lappen. Fr. St . Nun, nun, liebwertheste Frau Muhmen, der Jugend muß man etwas zu gute halten. Mein Sabinchen hat doch ein ehrliches Gemüth. Fahre fort, mein Sohn Niclas! Bürg . Obbesagte meine Tochter Sabine gedenket nunmehro der Herr Bau-, Berg- und Weginspectors-Substitut Sperling als sein eheliches Gemahl heim zu führen. Hr. St . Ist zur Gnüge bekannt. Nur weiter. Bürg . Es findet sich aber, daß, ehe noch die sponsalia vollzogen worden, ein Mitbewerber auftritt, welcher gleichfalls christliche Absichten heget. Alle . Wer? wer? Bürg . Es ist solches der mir von Sr. Excellenz dem höchst zu verehrenden Herrn Minister das Dringlichste empfohlene Herr Olmers. Fr. St . Der? Hr. St . Hm! Fr. Br . Ei! Fr. M . Seht doch! Fr. St . Wirklich? Hr. St . Curios! Fr. Br . In der That. Fr. M . Unvermuthet. Bürg . Was meinen nun die lieben Angehörigen nach reiflicher der Sache Erwägung. Hr. St . Je nun Hr. St . Ich meine Fr. Br . Was mich betrifft Fr. M . Ich habe so meine eigenen Gedanken. Fr. Br . Die Heirathen nach der Residenz gedeihen nicht allzuwohl. Man hat Beispiele. Fr. St . Ganz recht, Frau Muhme, die Stadtsecretairs Tochter. Fr. Br . Das war ein Juchhe und eine Herrlichkeit, wie sie den Journalenschreiber heirathete. Fr. M . Drei neue Kleider auf Einmal wurden angeschafft. Hr. St . Aber es dauerte kein Jahr, so kam sie mit einem Würmchen zurück. Fr. Br . Sitzt nun da und nagt am Hungertuche. Fr. M . Die seidenen Fähnchen sind verkauft. Fr. St . Natürlich, wo soll es herkommen! Fr. Br . Das Leben wird alle Tage theurer. Fr. M . Ja wohl, Frau Muhme, die Butter hat auf dem letzten Markttage wieder einen Groschen mehr gekostet. Fr. St . Wo will das hinaus? Fr. Br . Die Frau Rentkammerschreiberin Wittmann tractirt doch alle Tage. Fr. M . Ich höre ja, sie hat gestern wieder Kuchen gebacken? Fr. St . Was Sie sagen! Fr. Br . Ihr Mann ist doch nur Supernumerarius. Fr. St . Wo nehmen nur die Leute das Geld her? Fr. M . Ja, wenn ich reden wollte Fr. St . und Fr. Br . O reden Sie, liebe Frau Muhme, reden Sie. Bürg . Ein anderes Mal, wenn ich unmaßgeblich bitten darf. Wiederum auf meine Sabine zu kommen Hr. St . Wo denkt der Herr Bruder hin? Der Mensch hat ja gar keine Familie. Fr. Br . Man weiß ja nicht einmal, wie er geboren ist? Fr. M . Ob man Hoch- oder Wohledel an ihn schreibt? Fr. Br . Sie wissen. daß die Honoratioren unserer Stadt seit undenklichen Zeiten Alle untereinander verwandt sind. Fr. M . Der Familie wegen werden ja eben die Heirathen gestiftet. Hr. St . Das hilft sich einander in den Hochweisen Rath. Fr. Br . Der Herr Vetter wissen das selber am besten. Fr. M . Ein Fremder ist eine Raubbiene in unserm netten Bienenkorbe. Hr. St . Weiß nichts von unsern alten ehrwürdigen Gebräuchen Fr. Br . Macht sich lustig über unsere ehrbaren Sitten Fr. M . Vergiftet die liebe Jugend, die ohnehin täglich schlimmer wird Fr. St . Ja wohl, Frau Muhme! zu unserer Zeit Fr. M . Ei ja wohl! ja wohl! Fr. St . Ich wundre mich nur, wie Sie die Hauptsache vergessen können! Der Mensch ist ja gar nichts, nicht einmal ein Supernumerarius, oder so etwas dergleichen. Seht doch! das gefällt mir nicht übel. Die Tochter eines Bürgermeisters auch Oberältesten! Die Enkelin eines Untersteuereinnehmers! Die Nase steht ihm hoch. Bürg . Das Conclusum dieser Berathschlagung fiele also dahin aus Fr. St . Nein, er bekömmt sie nicht. Alle . Er bekömmt sie nicht. Bürg . Bene! Optime! Das ist auch meine Meinung. Nur stehet annoch zu erörtern, wie man auf eine glimpfliche Weise ihm solches insinuiren möge? Denn aus schuldigem Respect vor Sr. Excellenz dem Herrn Minister muß solches mit besonderer Schonung tractiret werden. Fr. St . Wenn er alle Tage zu Gaste geladen wird, so kann er schon zufrieden sein. Bürg . Das wäre etwas. Fr. Br . Der Herr Vetter können ihm ja von Rathswegen den Ehrenwein schenken. Bürg . Nein, Frau Muhme, das wäre zu viel. Fr. M . Oder bei der nächsten Kindtaufe, welche in der Familie vorfällt, könnte man ihn zu Gevatter bitten. Bürg . Das läßt sich hören. Hr. St . Wie wär' es da es ihm doch hauptsächlich darauf ankömmt, sich hier in Krähwinkel zu etabliren wenn man ihm eine andere Frau proponirte? Bürg . Da hat der Herr Bruder einen gesunden Einfall. Fr. St . Ja, aber wen? Hr. St. Deine Ursula. Sie geht ins neunte Jahr. Er kann warten; kann unterdessen mit Hülfe des Ministers ein ordentlicher, honnetter Mensch werden; kann in unsern Gesellschaften Lebensart lernen, durch meine Lesebibliothek sich ausbilden, und dann wieder zufragen. Fr. St . Recht. Man bliebe dann noch immer Herr zu thun oder zu lassen. Bürg . Wenn er aber nicht so lange warten will? Denn ich kenne die jungen Herren, wenn sie einmal das Heirathen anwandelt, so geht es über Hals und Kopf. Hr. St . I nu, ich wollt' ihm auch wohl eine reife Schönheit vorschlagen. Alle . Wen denn? Hr. St . Da unsere Frau Muhme, die Frau Oberfloß- und Fischmeisterin. Fr. Br . (verschämt) Ah! Sie spaßen. Hr. St . Sie ist schon acht Monat Wittwe. Fr. Br . Bald neun Monat, Herr Vicekirchenvorsteher, bald neun Monat. Hr. St . Sie hat Vermögen, kann ihm irgend einen Titel kaufen, sie sind wohlfeil zu haben. Ein hübscher Mensch ist er doch nun einmal. Fr. Br . Ja, hübsch ist er, das muß man gestehn. Hr. St . So käm er denn doch in die Familie. Fr. St . Und darum scheint es ihm besonders zu thun. Bürg . Ja wie wär' es, Frau Muhme? Fr. Br . (sich hinter den Fächer versteckend) . Ach lassen Sie doch den lieben Gott walten.   Zehnte Scene. Olmers . Vorige . Olm . Verzeihen Sie der Ungeduld der Liebe, die mich rastlos umhertreibt. Ich sehe Sie versammelt. Vielleicht ist mein Schicksal schon entschieden. Darf ich mir schmeicheln, bald mit in diesen Kreis zu gehören? Bürg . (verwirrt und umständlich) . Ja ja Se. Excellenz der Herr Minister haben Dieselben allerdings so dringend empfohlen wenn ich gewisse Wünsche nicht gerade angebrachtermaßen Fr. St . So gäb' es denn doch noch Mittel Hr. St . Mit einigen Modificationen Fr. Br . Ach ich bitte! schweigen Sie. Fr. M . Die Familie ist, dem Himmel sei Dank, groß Fr. Br . Sie machen, daß ich glühe. Olm . Was soll ich aus diesen abgebrochenen Sätzen schließen? Ich bitte, Herr Bürgermeister, erklären Sie sich deutlich. Bürg . Meine Frau Mutter ist das Haupt der Familie, ihr kömmt es zu, das Wort zu führen. (Ab.) Olm . Von Ihren Lippen, Madam, erwart' ich also den Ausspruch. Fr. St . (nießt) . Alle (außer Olmers) . Zur Gesundheit! Gott stärke Sie! Fr. St . (bei Seite) . Nicht einmal Prosit sagt der Unmensch. (Laut.) Nein, mein Herr, die Madam hat hier nichts auszusprechen. Rede du, mein Sohn, du kennst meine Gedanken. (Ab.) Olm . O geschwind, mein Herr, lassen Sie mich nicht länger in dieser marternden Ungewißheit. Hr. St . Eine delicate Sache. Heirathen und Nähnadeln müssen die Frauenzimmer einfädeln. Bitte daher, sich an die Frau Muhmen zu halten. (Ab.) Olm . Sie also, meine Damen? Fr. M . Das Herz eines Jünglings, mein Herr, weiß nicht immer, was es wünscht. Oft wähnt es sich fern vom Ziele, indessen Amor durch einen glücklichen Tausch es zu beseligen im Begriff steht. Olm . Was soll das heißen? Fr. M . Fragen Sie nur die Frau Gevatterin. (Ab.) Olm . Werden Sie mir endlich diese Räthsel lösen? Fr. Br . (minaudirend) . Die Familie hat Absichten Sie glaubt Ihnen Ersatz schuldig zu sein man thut Vorschläge man entwirft Pläne aber Sie fühlen wohl, mein Herr, daß es unschicklich wäre, wenn eine junge Frau sich auf etwas einlassen wollte, die erst seit zehn Monaten Wittwe ist. (Ab.)   Eilfte Scene. Olmers allein. Was Teufel soll das bedeuten? – Man ist doch wahrhaftig übel daran, wenn man sein ganzes Leben in einer großen Residenz zugebracht hat. Führt Einen der Zufall dann in eine kleine Stadt, so steht er da, wie eine Eule auf der Stange; die Krähen flattern rings umher und ärgern sich über den Fremdling.   Zwölfte Scene. Sabine und Olmers . Sab . Sind Sie endlich allein? Olm . Ja wohl, aber nicht in der besten Laune. Sab . Ich habe Ihnen tausenderlei zu sagen. Olm . Ich Ihnen nur Einerlei. Sab . Daß Sie mich lieben? nicht wahr? Olm . Getroffen. Sab . Dazu ist jetzt nicht Zeit. Der verdammte Sperling sitzt mir überall auf der Ferse. Ach mein Gott! da ist er schon wieder!   Dreizehnte Scene. Sperling . Vorige . Olm . (leise) . Soll ich ihn zur Thür hinauswerfen? Sab . (leise) . Ums Himmelswillen! verderben Sie nicht Alles. Sperl . Da bin ich, da bin ich, mein reizendes Sabinchen, treu und folgsam wie die Schleppe an Ihrem Kleide. Olm . Da stehen Sie in Gefahr getreten zu werden. Sperl . Ach! aber ach! das Mädchen kam, und nicht in Acht das Veilchen nahm, Zertrat das arme Veilchen Olm . Die Grausame! Sperl . Hat nichts zu bedeuten. Nicht wahr, mein Binchen? Wir wissen schon, wie wir mit einander stehen. Olm . Nur nicht vor dem Altare. Sperl . Bald! bald! Die Myrtenkron' im blonden Haar Führ' ich die Holde zum Altar. Olm . (der nur mit Mühe noch an sich hält) . Wie aber, mein Herr Bau-, Berg- und Weginspectors-Substitut, wenn Sie sich vorher noch mit einem Nebenbuhler den Hals brechen müßten? Sperl . Ei, ei, wie das? Olm . (rückt ihm näher) . Wenn man Ihnen kurz und rund sagte Sperl . (retirirt) . Ei was denn? was denn? Sab . (tritt zwischen sie) . Ja, Herr Olmers, Sie haben Recht, es wird am besten sein, diesen Herrn um Rath zu fragen. Sperl . Worin denn? Sab . (Olmers winkend) . Er versteht sich darauf, das dürfen Sie mir sicher glauben. Sperl . Worauf denn, mein Engel? Sab . (zu Sperling) . Sehn Sie nur, dieser Herr hier steht im Begriff, einen Roman zu vollenden. Olm . Ich einen Roman? Sab . (leise) . Ei so schweigen Sie doch! Sperl . Einen Ritterroman? Sab . Ja ja, es ist so eine Art von Ritterroman. Um nun die Katastrophe vorzubereiten, ist es durchaus nothwendig, daß der Ritter mit einem Mädchen eine geheime Unterredung habe. Olm . Ja, mein Herr, das ist durchaus nothwendig. Sperl . Wohl, wohl, ich begreife das. Sab . Nun ist aber das arme Mädchen den ganzen Tag von lästigen Augen bewacht. Bald der Vater, bald die Mutter, bald der Nebenbuhler Sperl . Aha! ist auch ein Nebenbuhler dabei? vermuthlich eine widerliche Kreatur? Olm . Ja wohl, mein Herr, ein unerträglicher Narr! Sperl . Ich verstehe, hä! hä! hä! hä! hä! Sab . Es muß also eine List ersonnen werden, um der Dirne Gelegenheit zu verschaffen unbemerkt mit ihrem Ritter zu schwatzen, denn (mit Beziehung) sie hat ihm höchst wichtige Dinge zu sagen. Sperl . Die der Nebenbuhler nicht hören darf? Sab . Nun freilich. Sperl . Ich verstehe. Und nun ist der Herr da in Verlegenheit, wie er das Ding einfädeln soll? Olm . Allerdings. Wenn Sie die Güte haben wollten, mir mit gutem Rath beizustehn Sperl . Herzlich gern. Nichts leichter auf der Welt. (Er sinnt nach.) Sehen Sie zum Exempel am Tage darf die Zusammenkunft schon nicht geschehn, denn da geht der abgeschmackte Nebenbuhler dem Mädchen nicht von der Seite. Olm . So ist's, mein Herr. Sperl . Also bei Nacht! und zwar in der Geisterstunde! um Mitternacht! Sab . Das möchte bedenklich sein, weil das Mädchen zwar munter und muthwillig, aber doch sehr sittsam geschildert worden. Olm . Das hätte doch so viel nicht zu bedeuten, da der Ritter ohnehin schon halb und halb ihr Bräutigam ist. Sab . Nein, Herr Olmers, die Ehre Ihrer Heldin ist mir zu lieb. Um Mitternacht wird nichts daraus. Allenfalls den Abend. Sperl . Wohl, wohl, den Abend. Vermuthlich ist der Nebenbuhler eine Schlafmütze, die früh zu Bette geht? Sab . Getroffen. Sperl . Nun, so bleiben wir bei dem Abend. Da ist denn ein langer, einsamer Gang in der Burg, von einem Lämpchen schwach erleuchtet Sab . Nein, nein, das Local ist bereits sehr umständlich geschildert. Da ist kein solcher Gang. Sperl . Oder ein Garten, wo zwischen düstern Taxushecken Sab . Sie vergessen, Herr Sperling, das sittsame Mädchen geht nicht zwischen die düstern Taxushecken. Olm . Mich dünkt doch, dahin könnte man sie immer gehen lassen. Sab . Ei bewahre! das thut sie nicht. Sperl . So könnte der Ritter sich kurz und gut in ihr Schlafzimmer schleichen? Sab . Behüte der Himmel! das thut sie noch weniger. Olm . Es scheint fast, sie hat kein Vertrauen zu ihrem Geliebten. Sab . Das wohl. Aber was würden die Recensenten von der Moralität sagen? Nein, auf solche Dinge läßt sie sich durchaus nicht ein. Sperl . Ja, dann sind wir doch wirklich in einiger Verlegenheit. Ich wollte, weiß Gott! herzlich gern die Sache befördern. Schade, mein Herr, daß Sie den Charakter des Mädchens fast ein wenig zu streng und sittsam angelegt haben. Olm . Sie haben Recht. Ich sehe wohl, sie wird am Ende doch noch dem albernen Nebenbuhler zu Theil werden. Sperl . Nein, nein, nein! Das muß nicht geschehn. Nein, durchaus nicht! Das wollen wir zu verhüten suchen. (Nachsinnend.) Wie wenn das Einzige, wozu das Mädchen sich allenfalls verstehen könnte, wäre etwa, vor Schlafengehn, eine kurze Unterredung vor der Hausthür. Da wäre denn noch Alles rings umher wach es gingen Leute vorüber, der Nachtwächter und dergleichen. Was meinen Sie dazu? Olm . Ein herrlicher Einfall. Sab . Recht schicklich kommt es mir freilich auch nicht vor Sperl . Seien Sie ganz ruhig, das nehm' ich auf mich. (zu Olmers.) Veranstalten Sie in Gottes Namen die Zusammenkunft auf diese Weise; dagegen kann Niemand etwas einwenden. Sab . Nun ja, Herr Olmers, wenn es Ihnen so gefällt Olm . (zu Sperling) . Ich befolge Ihren Rath mit Freuden. Sperl . (reibt sich sehr zufrieden die Hände) . Na, so hätten wir denn doch dem armen sittsamen Mädchen aus der Klemme geholfen. Sab . (macht einen Knix) . Dafür muß sie sich bedanken. Sperl . Ist gern geschehn. Vielleicht könnte man es auch so einrichten, daß der Nebenbuhler dabei auf eine lächerliche Weise hinter das Licht geführt würde? Sab . Allerdings. Sperl . Wenn er nämlich dumm genug dazu ist? Olm . O ja, dafür steh' ich Ihnen. Sab . Wie, wenn das Mädchen in Gegenwart des Nebenbuhlers ihr Rendezvous mit dem Geliebten veranstaltete? Sperl . Bravo! bravo! Da gibt es etwas zu lachen. Sab . Man könnte ihn sogar selbst mit lachen lassen. Sperl . Immer besser! immer besser! (Er lacht von ganzem Herzen) . Sab . Horch! die Gäste brechen auf. Gute Nacht, meine Herren! Morgen wollen wir mehr darüber lachen, denn vermuthlich wird Herr Olmers noch diesen Abend Alles in Richtigkeit bringen. Olm . Ganz gewiß. Sab . Nun dann, auf Wiedersehn! (Ab.) Sperl . Sie wollen noch heute daran arbeiten? Olm . Ja, das erste Feuer muß man nutzen. Sperl . Sie haben Recht. Hören Sie wenn Ihr Roman fertig ist darf ich mir wohl ein Exemplar davon ausbitten? Olm . Er soll Ihnen dedicirt werden. (Ab.)   Vierzehnte Scene. Sperling (allein). Zu viel Ehre, mein Herr! allzuviel Ehre! – Kam es mir doch beinahe vor, als ob er sich lustig über mich machte? der Herr Romanenschreiber! Er bläht sich auf gleich Superintendenten! Hofft Ehr' und Geld nun nun, der Himmel geb's! Daß sein Roman von zwanzig Recensenten Gelästert wird, gebt Achtung, ich erleb's. Zwar half ich ihm mit eigenen Talenten; Er ohne mich ging rückwärts wie ein Krebs: Das Mägdelein hinunter auf die Straßen Dies große Wort hab' ich ihm zugeblasen! (Ab) .   (Der Vorhang fällt.)   Vierter Akt. (Die Straße vor dem Hause des Bürgermeisters. Dem gegenüber das Haus seines Bruders, von mehrern Stockwerken; in der Dachstube Sperlings Wohnung. Vor diesem letztern Hause steht ein Laternenpfahl mit einer Laterne, die aber nicht brennt. Es ist Nacht, doch sieht man noch Licht in beiden Häusern.). Die Häuser müssen herauswärts, gleich an die erste oder zweite Coulisse gebaut sein, so, daß die Bühne dadurch etwas verengt wird, und die aus den Fenstern Schauenden von dem Zuschauer en face gesehen werden. Der Laternenpfahl kann sodann etwas mehr zurück stehn. Erste Scene. Olmers allein. (Er kömmt aus dem Hause.) Dem Himmel sei Dank, daß die Menschen in kleinen Städten wenigstens früh schlafen gehn. Bin ich doch den ganzen Tag nicht Herr einer Minute gewesen. Das fragt, das complimentirt, das schnattert unaufhörlich; will Alles wissen und weiß doch Alles schon besser. Keinen Augenblick lassen sie den lieben Gast allein; auf jedem Schritt und Tritt schleichen sie ihm nach. Er muß essen ohne Hunger, trinken ohne Durst, sich setzen ohne Müdigkeit; ihre Wunderwerke sehen, ihre Stadtklatschereien hören, und Alles loben und preisen. Gern wollt' ich's ertragen um den Besitz der Geliebten! aber noch lächelt mir keine Hoffnung, und nicht einmal ein Gespräch unter vier Augen hat mir bis jetzt den langweiligen Zwang versüßt. Hieher wollte sie kommen, wenn Alles still im Hause wäre. Sie wird doch Wort halten?   Zweite Scene. Sabine und Olmers . Sab . (die aus dem Hause schlich, klopft ihm auf die Schulter) . Ja, lieber Zweifler, sie hält Wort. Olm . Endlich, bestes Mädchen! endlich sind wir allein! und ich darf Ihnen einmal wieder recht herzlich sagen Sab . Was denn? Alles was Sie mir zu sagen haben, weiß ich schon längst. Olm . Aber ich muß ja die Augenblicke stehlen Sab . So seid ihr Alle. Der Liebhaber findet nie Zeit genug, das tausendmal Gesagte tausendmal zu wiederholen. Der Ehemann hingegen dürfte plaudern den ganzen Tag, aber der geht im Zimmer auf und nieder, und brummt. Olm . Ich will nicht hoffen Sab . Daß Sie es auch so machen werden? nein, das hoff' ich auch nicht. Aber wahr bleibt es doch immer! Liebhaber und Lerchen singen nur im Frühling, und man muß noch froh sein, wenn sie im Herbst nicht gar davon ziehn. Olm . Ich schwöre Ihnen Sab . Schwören Sie nur nicht zu laut. Wir sind hier von ein paar Dutzend Ohren umringt. Dort ist meines Vaters Schlafzimmer, er hat noch Licht. Hier wohnt die Großmutter, die singt gewiß noch ihr Abendlied. Da gegenüber der Oheim, der blättert noch in seinen Romanen; und oben im Dachstübchen Herr Sperling, macht wohl gar noch ein Sonett auf mich. Ferner wird es nicht lange währen, so kömmt der Nachtwächter mit dem Horn und der Feuerwächter mit der Schnurre. Olm . Allerliebst. Vermuthlich wird auch die Laterne da bald angesteckt? Sab . Nein, das nicht. Wir haben Mondschein. Olm . Erst gegen Morgen. Sab . Thut nichts. Er steht doch im Kalender, und da befleißigen wir uns einer weisen Sparsamkeit. Olm . Freilich bei dem herrlichen Steinpflaster Sab . Spotten Sie nicht, und seien Sie froh, daß Sie mit einer geschundenen Nase davon gekommen sind. Olm . Aber, liebes Mädchen, auf meinem Zimmer wären wir ja weit ruhiger, weit ungestörter gewesen? Sab . Meinen Sie? o ja. Schade nur, daß es in Krähwinkel nicht Sitte ist, daß die jungen Mädchen zu ihren Liebhabern auf die Stube gehn. Hier auf der Straße befinde ich mich gleichsam in der Obhut aller meiner Verwandten. Olm . Und können im Nothfall den Nachtwächter zu Hülfe rufen. Sab . Allerdings, mein Herr. Olm . Ich hätte geglaubt, als meine Braut Sab . Das bin ich noch nicht, und wenn Sie fortfahren, sich so albern aufzuführen, so dürfte ich's auch wohl schwerlich jemals werden. Olm . Albern? wie so? Sab . Welcher Satan hat Ihnen eingegeben, meine Großmutter Madam zu nennen? Sie ist Frau Untersteuereinnehmerin, merken Sie sich das. Olm . Nun ja, morgen soll sie es wenigstens einhundertmal hören. Sab . Je mehr, je besser. Und warum aßen Sie denn diesen Abend keinen Bissen? Olm . Weil ich satt war. Sab . Gleichviel. Das ist ein schlechter Liebhaber, der seinem Mädchen zu Liebe nicht einmal einer Indigestion Trotz bietet. Olm . Gut, ich will essen, wie der berühmte Paul Butterbrod. Sab . Und warum gähnten Sie immer, als mein Vater den langen Proceß erzählte? Olm . Eben weil er so lang war. Sab . Hilft nichts. Muß ruhig und aufmerksam angehört werden. Olm . Aufmerksam? wenn Sie mir gegenüber sitzen? Sab . Konnten Sie doch, mir gegenüber, recht stattlich gähnen. Und waren Sie denn ganz rasend, als mein Oheim seine Lesebibliothek auskramte, zu sagen, es sei lauter Schofel? Olm . Ja, es ist ja lauter Schofel, nichts als Räuber, Banditen, romantische Dichtungen und fromme Almanache. Sab . Was geht das Sie an! Wir glauben nun einmal Geschmack zu besitzen. Wir sind erhaben über die gemeine Menschennatur. Wir lesen Wieland und Engel nicht mehr. Olm . Nun wohl, morgen will ich die Kraftgenies loben, noch ärger als sie sich selbst. Sab . Das möchte Ihnen schwer werden, aber versuchen Sie es. Olm . Um Ihren Besitz wag' ich das Schwerste. Sab . Mit alle dem werden Sie doch noch nicht zum Ziele gelangen. Es fehlt Ihnen noch ein Haupterforderniß. Olm . Das wäre? Sab . Ein Titel, lieber Freund, ein Titel! Ohne Titel kommen Sie in Krähwinkel nicht fort. Ein Stück geprägtes Leder gilt hier mehr als ungeprägtes Gold. Ein Titel ist hier die Handhabe des Menschen, ohne Titel weiß man gar nicht, wie man ihn anfassen soll. Hier wird nicht gefragt: hat er Kenntnisse? Verdienste? sondern wie titulirt man ihn? Wer nicht 12 bis 15Sylben vor seinen Namen setzen kann, der darf nicht mitreden, wenn er es auch zehnmal besser verstünde. Die Titel nehmen wir mit zu Bette und zu Grabe, ja, wir nähren eine leise Hoffnung, daß einst an jenem Tage noch manches Titelchen aus der letzten Posaune erschallen werde. Kurz, mein schöner Herr, ohne Titel bekommen Sie mich nicht. Meine Großmutter wird es nimmermehr zugeben, daß der Prediger beim feierlichen Aufgebot nichts weiter zu sagen haben solle, als: der Bräutigam ist Herr Karl Olmers. Olm . Wie aber, wenn ich mir schon ein ganz feines Titelchen verschafft hätte? Sab . Haben Sie? Nun dann sind wir ja über alle Berge. Warum sagten Sie das nicht gleich? Olm . Ich wußte ja nicht Sab . Ei das hätten Sie wissen sollen und müssen. Glauben Sie denn, die Titelpest grassire nur hier zu Lande? C'est partout comme chez nous. Stille! ich höre ein Geräusch. Es ist Sperlings Dachfensterlein. Er wird uns doch nicht belauscht haben?   Dritte Scene. Sperling am Fenster. Vorige . Sperl . Holla! Holla! thu auf mein Kind! Schläfst, Liebchen, oder wachst du? Wie bist noch gegen mich gesinnt? Und weinest oder lachst du? Sab . (leise) . Das ist wohl gar eine Apostrophe an mich? Sperl . Dort sind die lieben Fensterlein, hinter welchen die Holde weilt. Alles dunkel und finster. Vielleicht haben die sieghaften Aeuglein sich bereits geschlossen. Sab . Hören Sie, mein Herr? sieghaft. Olm . Er sagt mir nichts Neues. Sperl . Zarte Melodien sollen der Keuschen Schlummer umgaukeln. (Er stimmt eine Violine.) Sab . O weh! das ist wohl gar auf eine Serenade abgesehn. Der Mensch ist im Stande, die ganze Nachbarschaft aus dem Schlafe zu kratzen. Olm . Hol' ihn der Teufel! Sperl . (spielt und singt) . Trallirum larum höre mich Trallirum larum Leyer Sab . (die sich umgesehen hat, spricht während des Gesanges) . Nun ja, das fehlte noch. Da kömmt der Nachtwächter. Geschwind hinter den Laternenpfahl. (Sie verbergen sich beide so gut sie können.)   Vierte Scene. Der Nachtwächter . Die Vorigen . Nachtw . (stößt ins Horn) . Hört ihr Herren Sperl . (herunter schreiend) . Unverschämter Mensch! Hört er nicht, daß ich musicire? Nachtw . Ei, was kümmert das mich! Wenn der Herr die Stunden selber absingen will, so komm' er herunter. (Er singt.) Hört ihr Herren und laßt Euch sagen Sperl . (zugleich spielend und singend) . Trallirum larum das bin ich   Fünfte Scene. Frau Staar am Fenster. Vorige . Fr. St . (singt zugleich) . Nun ruhen (ruft) . Mein Gott! welch ein Lärm! (singt) alle Wälder! Nachtw . (zugleich) Die Glocke hat Neune geschlagen! Sperl . (zugleich) Herzliebchen, dein Getreuer! Fr. St . Man kann ja sein eigenes Wort nicht hören! Sperl . Der verfluchte Nachtwächter! Nachtw . Na, na, ich bin schon fertig. (Ab.)   Sechste Scene. Herr Staar am Fenster. Vorige . Hr. St . (über sich schauend) . Herr Nachbar da oben, krakeelen Sie nicht so. Das liebe Vieh wird sogar unruhig im Stalle. Fr. St . Und die Menschen werden in der Andacht gestört. Sperl . Ich wollte nur meiner Braut ein Ständchen bringen. Fr. St . Ei, die schläft schon lange. (Sie macht das Fenster zu, indem man noch in her Ferne die letzten Töne ihres Abendlieds verhallen hört.) Hr. St . Wir haben heute einmal recht geschwärmt. Die Uhr ist gleich zehne. Sperl . Wer ist Schuld daran, als der Aventürier aus der Residenz? Sab . (zu Olmers) . Das sind Sie. Hr. St . Und die Jungfer Naseweiß, der sonst immer schon um acht Uhr die Augen zufallen. Olm . (zu Sab) . Das sind Sie. Sperl . Fast kam es mir vor, als hätte sie kein Auge von dem Landstreicher verwandt. Sab . (zu Olm) . Das sind Sie. Hr. St . Leider! prahlen können wir wohl mit Sittsamkeit Olm . Das geht auf Sie. Sperl . Und doch ertragen wir fremde Unverschämtheit. Sab . Das geht auf Sie. Hr. St . Die Jungfer Nichte bildet sich viel auf ihr Lärvchen ein. Olm . Merken Sie sich das. Sperl . Und der Herr Olmers auf seine philosophischen Floskeln. Sab . Schreiben Sie das in Ihr Gedächtniß. Hr. St . Morgen muß das Ding ein Ende nehmen. Sab . Mit Gottes Hülfe. Sperl . Morgen ist Verlobung. Olm . Zwischen uns. Hr. St . Schlafen Sie wohl, Herr Bau-, Berg- und Weginspectors-Substitut. Sperl . Angenehme Ruh', Herr Vicekirchenvorsteher. (Beide hinein.)   Siebente Scene. Olmers und Sabine . Olm . Endlich sind sie fort! Sab . Aber nun müssen auch wir hinein. Olm . Nicht doch, der Abend ist so schön, so lau. Noch ein Spaziergang vor das Thor. Sab . Sind Sie toll? Warum nicht lieber gar in Ihren Steinbruch? Olm . Oder doch durch die Straßen. Sab . Eben so wenig. Da sieht man, was ein Mädchen wagt, wenn es nur einen Finger breit vom Wohlstande weicht. Weil ich vor die Hausthür mich locken ließ, so meint der Herr nun gleich, er dürfe mit mir lustwandeln in die weite Welt. Olm . Ein harmloser Spaziergang Sab . Ein fröhlicher Gang durchs Leben an Ihrer Hand, aber kein solcher Spaziergang vor der Hochzeit. Drum gute Nacht. Morgen rücken Sie nur fein früh mit dem Titel heraus, und befolgen meine übrigen Vorschriften pünktlich. Olm . Gute Nacht, treffliches Mädchen! Ein Kuß wird mir doch nicht verweigert? Sab . Ein Händedruck ist schon mehr als zu viel. Gute Nacht! Oweh! da sehe ich eine Laterne auf uns zukommen. Es ist der blinde Rathsdiener, wo ich nicht irre. Geschwind noch Einmal Versteckens gespielt. (Sie treten wieder hinter den Laternenpfahl.)   Achte Scene. Klaus , der Rathsdiener, mit einer Blendlaterne. Vorige . Klaus (außer Athem) . Hilf, ich armer, ich geschlagener Mann! Das bringt mich um das Leben! Oweh! oweh! Wenn es mich nur nicht gar um den Dienst bringt. Aber was hilfts? Der Bürgermeister muß es wissen noch in dieser Nacht Vielleicht läßt er Sturm läuten. (Er klopft an das Haus.) He! holla! he! Bürg . (inwendig) . Wer klopft denn noch so spät? Kl . Aufgemacht! Der Staat ist in Gefahr! Bürg . (am Fenster) . Klaus! Seid Ihr es? was wollt Ihr? Kl . Ach gestrenger Herr Bürgermeister! Ich bin des Todes! Bürg . Was geht denn vor? Kl . Die Delinquentin Bürg . Nun? Kl . Sie ist zum Teufel! Bürg . Was? Kl . Fort ist sie über alle Berge! Bürg . Das wolle Gott verhüten! Kl . Meine Ehre! meine Reputation! meine Sporteln! Ich stürze mich in den Teich! Bürg . Stille nur, Klaus! stille! Die Sache muß verschwiegen tractirt werden. Wart' Er ein wenig, ich komme hinunter. (Er macht das Fenster zu.) Kl . Ich armselige, miserable Kreatur! Wer soll nun morgen am Pranger stehn? Kein Christenkind in der ganzen Stadt wird mir aus der Noth helfen.   Neunte Scene. Bürgermeister im brocatnen Schlafrock. Vorige . Bürg . Nun, Klaus? Man referire den Zusammenhang der schrecklichen Begebenheit. Kl . Ew. Gestrengen wissen doch, daß ich der Delinquentin alle Abend ein halbes Pfund Brod, und einen Krug Wasser aus dem Stadtgraben bringen mußte? Nun, das geschah auch heute. Sie war lustig und guter Dinge. Die Handschellen saßen fest. Ihr gutes Bett von allem weichem Stroh war aufgeschüttelt. Ich wünsche ihr Glück zu ihrem morgenden Ehrentage, schließe zu, verriegle, gehe zu Bett. Vor einer Stunde stößt mich meine Frau mit dem spitzen Ellenbogen in di Seite, und spricht: hör' einmal, wie oben die Katzen lärmen. Was Katzen! ruf' ich bedenklich: denen ist längst verboten, auf dem Rathhause zu erscheinen, seitdem, zur höchsten Ungebühr, einst eine Katze den Stuhl des Herrn Bürgermeisters zum Wochenbette erkoren. Bürg . Nur weiter. Kl . Ich horche ich lausche ich muthmaße ich verwundere mich das mag wohl so eine halbe Stunde gedauert haben Bürg . Viel zu lange! Kl . Endlich sammle ich meine Lebensgeister. Ich stehe auf, zünde mein Laternchen an, schleiche hinauf, riegle los, stecke den Kopf hinein rührt mich der Schlag auf der Stelle! das Nest leer der Vogel ausgeflogen! Bürg . Mit Satans Hülfe? Kl . Wie sonst? Die Handschellen hat sie abgestreift, die Wand durchbrochen, ist in meine Schinkenkammer gestiegen, hat einen Schinken und drei Würste aufgepackt, und fort ist sie! Bürg . Eine Hexe! Sie muß verbrannt werden! Ich mache einen Bericht an die Kammer der Oberförster muß herrschaftliches Holz zum Scheiterhaufen liefern. Kl . Ja wenn wir sie nur erst wieder hätten! Bürg . Verdammter Streich! Neun Jahre lang hab' ich es mir sauer werden lassen, zu der Höhe eines Stockwerks sind die Acten angewachsen, (mit Pathos) morgen erschien endlich der große Tag, an dem ich die Früchte meines Fleißes erndten sollte, schon harrt ganz Krähwinkel der feierlichen Stunde entgegen schon winkt der Pranger zu Ehr' und Ruhm des Hochweisen Stadtrathes und siehe, zerplatzt sind meine stolzen Hoffnungen wie die Seifenblasen der Gassenbuben! Kl . Meine Reputation! meine Sporteln! mein Schinken! Bürg . Ist denn keine Spur zu entdecken, ob vielleicht eine verruchte Hand zu der Flucht beförderlich gewesen? Kl . Der Satan, sonst keine Christenseele. Das Weib ist im letzten Kriege als Marketenderin mit in Lothringen gewesen, da hat sie den Teufel kennen lernen. Eine abgefeimte Kreatur! Die Worte wußte sie zu setzen wie eine Edelfrau, und lesen that sie den ganzen Tag. Ein paar Bücher lagen auch noch auf dem Tische, und ein schmutziger Zettel. Ich kann nicht lesen. Bürg . Her mit dem Zettel! (Er liest beim Licht der Laterne.) »Ein Hochweiser Rath wird verzeihen, daß ich ihm den morgenden Spaß verderbe« Spaß? es war nichts weniger als Spaß. Kl . Hätten wir dich nur wieder! Wir wollten dich bespaßen. Bürg . (liest) »Die Zeit wurde mir endlich gar zu lang. Ich hatte Lust, frische Luft zu schöpfen« Hätte sie denn nicht warten können, bis sie am Pranger stand? Kl . Undankbares Mensch! Neun Jahr ist sie gefüttert worden. Bürg . (liest) . »Dem Herrn Vicekirchenvorsteher dank' ich für meine Befreiung« Wie! was! mein Bruder? Ist er rasend? Kl . Gott sei Dank, so halten wir uns an den. Bürg . (liest) . »Er hat die Güte gehabt, mir manch schönes Buch aus seiner Lesebibliothek zu leihen« Das hat ihm der Teufel geheißen! (liest) »unter andern Trenk's Leben und Flucht aus dem Gefängnisse.« Ich wollte er säße selbst darin! (liest) »Aus diesem Buche hab' ich gelernt, durch Muth, Geduld und Geschicklichkeit meine Flucht vorzubereiten. Der Augenblick ist gekommen ich fliehe!« Kl . Das ist nicht wahr, sie ist schon fort. Bürg . (liest) . »Dem gestrengen Herrn Bürgermeister danke ich für sein verschimmeltes Brod« Dummer Schnack! Ich soll ihr wohl Kuchen schicken? (liest) »dem Herrn Rathsdiener Klaus für sein schlammigtes Wasser« Kl . Es ist erlogen! Der Stadtgraben hat unterirdische Quellen. Bürg . (liest) . »Sämmtlichen Einwohnern von Krähwinkel empfehle ich mein Andenken. Ich bereue von Herzen, vor neun Jahren die Kuh gestohlen zu haben, denn sie war sehr mager.« Kl . Der Umstand ist richtig. Bürg . (liest) . »Der Himmel segne dafür den Herrn Bürgermeister mit Fett, und lasse ihm auch den morgenden Festbraten gedeihen. Eva Schnurrwinkel.« Odu vermaledeite Eva! Kl . Du Schlange! Bürg . Du Basilisk! Wie werden nun die Rummelsburger frohlocken! meine Ehre der Ruhm der Stadt Krähwinkel Alles verloren! Hört, Klaus! wißt Ihr keinen unter unserer getreuen Bürgerschaft, der aus Patriotismus, und um der Ehre willen man könnt' ihm ja eine Larve vorbinden. Kl . Es thut's keiner, gestrenger Herr Bürgermeister. Zusehen wollen sie Alle; aber wenn Einer selber hintreten soll, zum Wohl des Staats, ja, da ist Niemand zu Hause. Bürg . Wehe! wehe! und mein Bruder! mein verdammter Bruder! der schläft quasi re bene gesta . (Er trommelt an des Bruders Haus.) He da! holla! he da! Hr. St . (am Fenster) . Tausend Sapperment! Wer klopft so spät? Packt Euch fort! Ich verkaufe nach zehn Uhr keinen Kaffee mehr. (Schlägt das Fenster zu.) Bürg . Nun höre mir Einer den Maulaffen! Ich, Bürgermeister auch Oberältester, komme zum Gewürzkrämer um ein Loth Kaffee! (Klopft wieder.) He da! holla! Hr. St . (am Fenster) . Wenn Ihr nicht bald geht, so lass ich die Polizei aus dem ersten Schlafe wecken. Bürg . Sei der Herr Bruder nur selber froh, wenn sie fortschläft. Hr. St . Sieh da! Ist's der Herr Bruder? Was bringt denn der so spät? Bürg . Eine Hiobspost. Komme der Herr Bruder nur herunter. Hr. St . Ei, ei, es brennt doch nicht? Bürg . Wollte Gott, die halbe Stadt wäre lieber abgebrannt, und des Herrn Bruders Haus vor allen. Hr. St . Behüte der Himmel! Ich komme schon. (Er macht das Fenster zu.) Bürg . Komm nur, komm nur. Eine ehrsame Bürgerschaft hat sich auf den morgenden Tag so gefreut; haben sich neue Röcke machen lassen und fette Schweine geschlachtet. Wenn sie hören, daß durch seine Schuld nichts passirt, so sind sie capabel, ihm das Haus zu stürmen, und seine ganze Lesebibliothek an den Pranger zu nageln. Kl . Desto besser. Sie besteht so aus lauter Raubgesindel.   Zehnte Scene. Herr Staar im Nachthabit. Vorige . Hr. St . Nun? Was gibt es denn? Bürg . Schöne Dinge hat der Herr Bruder angerichtet, kostbare Dinge. Hr. St . Wer? Ich? Bürg . Mit seinen verdammten Büchern! Hr. St . Verdammt? Sie haben alle die Censur passirt. Bürg . Wer hat dem Herrn Bruder von Obrigkeitswegen erlaubt, einer Delinquentin die Zeit zu vertreiben? Hr. St . Du lieber Gott! Es will ja doch heutzutage Alles lesen. Delinquenten haben so gut Langeweile als vornehme Leute. Aus Barmherzigkeit hab' ich ihr dann und wann einen Banditen oder so ein Ungethüm zugesteckt. Bürg . Vortrefflich! Hr. St . Auch wohl ein neues geistliches Lied nach Jacob Böhm, da hat sie sich erbaut. Bürg . Eine herrliche Erbauung! Zum Teufel ist sie gegangen. Hr. St . Was? Bürg . Durch die Mauer hat sie gebrochen. Kl . Meine Schinken hat sie gestohlen. Bürg . Und bedankt sich bei dem Herrn Bruder. Hr. St . Bei mir? Bürg . Da! da! Nehme der Herr Bruder die Laterne und lese. Hr. St . (thut es) . Sperl . (am Fenster) . Was murmelt? was flüstert? was brummt? was zischelt? Bürg . (der Sperling gewahr wird) . Da haben wir's! Alle Narren in ganz Krähwinkel werden noch aufwachen. Sperl . Was seh' ich? was hör' ich? was vermuth' ich? Bürg . Ist der Herr flink auf den Beinen, so komm' Er herunter, und setze ihr nach. Sperl . Ist meine Braut davon gelaufen? Ich komme auf den Flügeln des Sturmwinds. (Er schlägt das Fenster zu.) . Bürg . (zu Staar) . Nun? wie schmeckt es? Hr. St . Der Herr Bruder sieht mich voller Erstaunen Bürg . Was hilft mir das? Ich kann sein Erstaunen nicht an den Pranger stellen.   Eilfte Scene. Sperling im Nachthabit. Vorige . Sperl . Da bin ich, da bin ich! Wer hat sie entführt? Bürg . Der Satan! Sperl . Ich merke schon, weiß schon, verstehe schon; der Satan heißt Olmers. Bürg . Ist der Herr verrückt? Wer redt denn von meiner Tochter? Die Delinquentin ist fort. Sperl . Die Delinquentin?! Kl . Sammt Schinken und Würsten. Bürg . Der Herr Bruder hat ihr durchgeholfen. Hr. St . Sie hat den Trenk gelesen. Sperl . All' ihr himmlischen Mächte! Was hör' ich! Was vernehm' ich! Morgen kein Fest! kein Pranger! keine Verlobung! Was soll nun werden aus meinen Kunstwerken?! Ein Sonett hab' ich gedichtet auf die Delinquentin, ein Triolett auf den Galgen, den dreibeinigten! Bürg . Ich wollte, daß ihr Alle daran hinget. Hr. St . Was ist anzufangen? Bürg . Ja da stehn wir nun wie eine Heerde Ochsen am Berge! Sperl . So ein unterbrochenes Opferfest! Hr. St . Die Rummelsburger lachen sich todt. Bürg . Das ist das Wenigste. Aber was wird man in der Residenz dazu sagen? Hr. St . Keine Ordnung, wird es heißen. Bürg . Keine Vorsicht, keine Wachsamkeit. Hr. St . Der Minister wird außer sich sein. Bürg . Der König in Zorn gerathen. Hr. St . Der Herr Bruder wird abgesetzt. Bürg . Und der Herr Bruder kömmt ins Zuchthaus. Hr. St . O weh! o weh! Bürg . Dreimal weh! Hr. St . Man muß Sturm läuten, ihr nachsetzen! Bürg . Es ist ja stockfinstre Nacht. Hr. St . Befehle der Herr Bruder, daß die Laternen angezündet werden, gleich auf der Stelle. Bürg . Es steht ja Mondschein im Kalender. Hr. St . Wenn gleich es gilt des Staates Wohlfahrt! Ich liefre das Oel. Herr Klaus, hieher! Hier vor meinem Hause mach' er den Anfang. Kl . Herzlich gern, wenn ich nur meine Schinken dadurch zu sehen bekäme. (Indem er die Laterne anzünden will, erblickt er die Versteckten, und schreit.) Ah! die Delinquentin! Da steht sie leibhaftig! Alle . Wie! was! Kl . Und der Satan neben ihr! Bürg . Hervor, hervor! Du gottlose Kreatur! Kl . (Sabinen beim Arm fassend) . Wo sind meine Würste? Sab . (knieend) Ach mein Vater! Bürg . und Hr. St . Was? Sabine? Sperl . Die Jungfer Braut? Kl . Ein satanisches Blendwerk. Olm . (hervortretend) . Herr Bürgermeister Bürg . und Hr. St . Und unser Gast? Sperl . Hab' ich's nicht gesagt? Bürg . Wie kömmst Du hieher? Was machen Sie hier? Sab . Morgen, mein Vater, sollen Sie Alles wissen. Der Zufall hat uns überrascht. Ich liebe Olmers. Ich verabscheue Sperling. Sperl . Barbarin! Sab . Olmers hat Vermögen, hat einen Titel, ist ein Schulfreund des Ministers Olm . Und würde sich glücklich schätzen, die unangenehme Begebenheit, von der er so eben Zeuge gewesen, bei Hofe zu vermitteln. Denn es ist nicht zu leugnen, die Sache ist sehr schlimm und bedenklich. Bürg . (ängstlich) . Meinen Sie in der That? Hr. St . (eben so) . Was stünde zu erwarten? Olm . Sie, Herr Bürgermeister, würden cassirt. Bürg . (sehr erschrocken) . Wirklich? Olm . Und Sie, Herr Vicekirchenvorsteher, würden eingesperrt. Hr. St . Ohne Gnade? Olm . Aber ich nehme Alles auf mich, und stehe für den guten Erfolg. Bürg . Wenn Sie das könnten Hr. St . Der Herr Bruder muß auch bedenken, daß das Mädchen in unsrer Stadt ohnehin zum Gespötte werden wird. Mitten in der Nacht, auf offner Straße, mit einem jungen Burschen es nimmt sie Keiner mehr. Sperl . Ich wenigstens nehme sie nicht. Bürg . Ja wenn ich auch wollte, von wegen der bedenklichen Aspecten aber die Großmutter Sab . Er hat einen Titel. Bürg . Hat er wirklich? Fr. St . (am Fenster) . Sind denn die bösen Geister diese Nacht alle los? Was wird da unten für Spuk getrieben? Bürg . Eben recht. Komme doch die Frau Mutter ein wenig herunter. Wir wollen Verlobung feiern. Fr. St . Auf der Straße? unter freiem Himmel? bei Nacht und Nebel? Das wäre mir eben recht. (Schlägt das Fenster zu.) Bürg . (zu Olmers) . Das sage ich dem Herrn, die Sache mit der Delinquentin muß beigelegt werden, ehe ist an keine Hochzeit zu denken. Olm . Ich stehe für Alles.   Zwölfte Scene. Frau Staar im Nachthabit. Vorige . Fr. St . Nun? Herr Bau-, Berg- und Weginspektors-Substitut, was sind das einmal wieder für Romanstreiche? Sperl . Ei, von mir ist gar nicht die Rede. Bürg . Herr Olmers will Sabinchen heirathen, und Sabinchen will ihn. Fr. St . Und deshalb vexirt man mich aus dem Bette? Hab ich denn nicht meine Meinung schon rund und deutlich an den Tag gelegt? Nein, daraus wird nichts. Hr. St . Aber es hat sich allerlei zugetragen Fr. St . Was kümmert's mich? Bürg . Der Herr kann uns aus einer großen Verlegenheit helfen. Fr. St . Gleichviel. Hr. St . Das Mädchen hat mit ihm hinter dem Laternenpfahl gesteckt. Fr. St . Desto schlimmer. Bürg . Sie bekömmt nun doch keinen Mann. Fr. St . So mag sie als eine ehrsame Jungfrau sterben. Bürg . Der Herr hat Geld Fr. St . Ist Numero 2. Hr. St . Und Verdienste Fr. St . Ist Numero 3. Bürg . Er hat auch einen feinen Titel. Fr. St . Einen Titel? Wie? Was hat er denn für einen Titel? Olm . (zieht sein Taschenbuch hervor) . Wenn die Frau Untersteuereinnehmerin die Güte haben wollen, einen Blick auf dieses Papier zu werfen, so schmeichle ich mir, die Frau Untersteuereinnehmerin werden, nach den bekannten edlen Gesinnungen, welche die ganze Welt an der Frau Untersteuereinnehmerin rühmt Fr. St . (besänftigt) . Nun, nun, der Herr ist ein höflicher Herr, das muß man ihm lassen. Was ist es denn für ein Titelchen? Olm . Geheimer Commissionsrath. Fr. St . (erstaunt) . Rath! Hr. St . (eben so) . Commissionsrath! Bürg . (eben so) . Geheimer Commissionsrath! Fr. St . Ei, ei, das verändert allerdings die Sache. Etwas Geheimes haben wir in unsrer Familie noch nicht gehabt. Ja, wenn dem so ist, und der Herr Geheime-Commissionsrath unserm Hause die Ehre erzeigen wollen Olm . Mein Glück ruht ganz in den Händen der Frau Untersteuereinnehmerin. Fr. St . Der Herr Geheime-Commissionsrath dürfen auf mich zählen. Olm . Die Frau Untersteuereinnehmerin sind die Güte selbst. Fr. St . Und der Herr Geheime-Commissionsrath ein Muster von guter Lebensart. Bürg . Nun wohlan, Kinder, kommt, herein, daß wir sogleich einen Contract und einen Steckbrief aufsetzen. Hr. St . Topp! Wir wollen Punsch machen. Ich hol' euch Citronen. (Ab in sein Haus.) Olm . Darf ich die Ehre haben, der Frau Untersteuereinnehmerin die Hand zu bieten? Fr. St . Der Herr Geheime-Commissionsrath finden jederzeit an mir eine bereitwillige Dienerin. (Olmers führt sie in das Haus.) Bürg . (zu Sperling) . Nehme mir's der Herr nicht übel. Wenn das Vaterland in der Klemme ist, da muß ein guter Patriot allenfalls seine Tochter dem Moloch opfern. (Ab.) Sperl . Gehorsamer Diener! Sab . (zu Sperling) . Herr Bau-, Berg- und Weginspectors-Substitut, ich bitte um ein Hochzeitgedicht. (Sie verneigt sich tief und geht in das Haus.) Sperl . Warte nur eine Ehrenpforte will ich Dir schreiben, ein Kunstwerk! Kl . Wer weiß, hinter welchem Zaune das Weib jetzt sitzt und an meinen Würsten schmaußt. Sperl . Herr Klaus, komm' er hinauf zu mir. Ich will ihm mein Triolett auf den Galgen vorlesen. Kl . Ei, ich habe den Teufel von Ihrem Trio! Schaffen Sie mir meine Schinken! (Er geht fort.) Sperl . (allein) . Ganz umsonst kann ich es doch nicht geschrieben haben. Wenn nur der Nachtwächter käme. (Zu dem Publikum mit süßer Höflichkeit.) Ist denn Keiner, der sich herauf bemühen möchte, mein Triolett zu hören?   (Der Vorhang fällt.)