Karl Kraus Literatur oder Man wird doch da sehn Magische Operette in zwei Teilen   1921   Verlag »Die Fackel«, Wien – Leipzig Mit einer Notenbeilage (Musik nach Angabe des Verfassers)   Alle Rechte – des Nachdrucks, der Übersetzung, Vorlesung und Aufführung – vorbehalten Druck von Jahoda \& Siegel, Wien Das Verständnis der Vorgänge erschließt sich nur jenem Leser, der den »Faust« so gut kennt wie der Dichter der magischen Trilogie »Spiegelmensch«, zu deren Kenntnis die folgenden Zitate ausreichen mögen: Spiegelmensch Ich finde, wie ich so durchs Dunkel steure – Nach Wein riecht's weniger als nach Vater-Säure. Thamal So wird es immer wieder Tag und Nacht! Das, was ich wähnte, hab ich nicht vollbracht, Im Herzen schleimen schon des Zweifels Maden, Die Sprung- und Triebkraft leidet an Verdickung. Der scharfe Wille kommt zu Schaden, Der Glaube an Erwählung, Tat und Schickung, Den du in ferner Nacht mir suggeriert, Asthmatisch schrumpft er hin. Der Mensch laviert Fad, zuchtlos, indolent und ohne Steuer. Die Tat kommt nicht! Kaum kommen Abenteuer, – Und bestenfalls hat man sich amüsiert. Spiegelmensch Dein Pathos, o Thamal, ist immer noch groß. Im heroischen Blankvers bist du famos. Dritter Bewunderer Und wahrst dabei durchtrieben und genau der ältern Meister strengen Strophenbau. Mönch Du bist geweiht, so wirst du erleben! Thamal Ich will sterben. Spiegelmensch Gut! Sterben! Aber wozu? Der alte Spruch wird gerne umgepflanzt, Wenn rings Revolten durch die Städte blitzen. Das Erbe, dem du nicht entgehen kannst, Ermord es, um es – zu besitzen! Thamal Ein Mysterium Ist jede Opfertat! Ach! Mich durchrasen Der Todes-Wahl beschworne Wonnen – Spiegelmensch (fällt ihm ins Wort) Phrasen! Ganz recht, du stehst in einem Schauspielhaus. Du trinkst sehr edel Gift. Was folgt? Applaus! Es klatscht die Claque, es rast die Galerie. – – – – – – – – – – – – – – – – Winkt dir am nächsten Morgen Glück, Wirst du die allerbeste Presse haben, Es schwärmt der Schmock, – du aber bist begraben. Ob du am Kreuz stirbst, ob im Rampenflaus, Es wird am Ende ein Erfolg daraus. Spiegelmensch Sie ist Einbildung, Wahnbild, Traum und Luft. Sie war nicht! Thamal War nicht?? Fort! (Zögert) Ich bin ein Schuft! Heiseres Weib Ja, da sieht man's, diese dicken Raunzer, die im Zwielicht weinen, Sind nun aufgetaut und zwicken Einer Solchen in die Beine. Knabenstimme Seine Stirne flimmert Im Überschwang! Mädchenstimme Er ist schön! Frauenstimme Er ist jung. Matronenstimme Und schlank. Spiegelmensch (furchtbarer Schrei) Krrriehh! (versinkt) Thamal (... und stößt mit der letzten Kraft seiner Seele die heilige weltumspannende Silbe hervor) Om!!!!! (1913) (1920) Ich hatte in diesem mystischen Erlebnis die namenlose Persönlichkeit des Wortes erfahren. – – Am Morgen weckte mich ein Brief von Karl Kraus, in dem er mir mitteilt, daß er meine von einem Freunde (ohne mein Wissen) eingesandten Gedichte in der Fackel zu drucken beabsichtigt. Ein Jahr später sah ich Kraus von Angesicht zu Angesicht und erkannte alle Schauer dieses Lebens im Leib, in ihm jene Traumerscheinung. – – Ich habe gestern einige Seiten Philosophisches über Karl Kraus geschrieben. Ich sende es Ihnen nicht – es ist ohnmächtig! Ohnmächtig gegen das Ereignis, mit dem unerklärlich dieser Mann in mein Leben trat. Denn hinter allem Essayistischen, das ich über Karl Kraus schreiben könnte, stünde gebieterisch und unverrückbar die Stunde, die meinen Planeten an den seinen bindet. »Was soll ich nun in den nächsten Tagen der Beschäftigungslosigkeit beginnen? Halt! Ich will unter die Propheten gehn, natürlich unter die größeren Propheten! – Das Erste ist, ich gründe ... eine Zeitschrift und nenne sie: Die Leuchte? Nein! Der Kerzenstumpf? Nein! Die Fackel? Ja! – Ich will den Stadtklatsch zu einem kosmischen Ereignis machen – – Ich will mit Kalauer und Pathos so trefflich jonglieren, daß jeder, der bei der einen Zeile konstatiert, ich sei ein spaßiger Denunziant und Fürzefänger, bei der nächsten zugeben muß, daß ich doch der leibhaftige Jesaja bin ... Mein leider allzu abhängiger Charakter hat ein großes Talent auch zum akustischen Spiegel . Kurz und gut, weil ich zwar den Menschen aus den Augen, doch nicht in die Augen sehen kann, will ich ihnen lieber gleich in den Hintern schauen, ob dort ihr Ethos in Ordnung ist – –« Personen: Johann Wolfgang , Sohn Der Vater Johann Paul , Cousin Der Onkel Die Schwester Drei Freundinnen der Schwester Ein entfernter Verwandter Ein Kiebitz beim Tarockspiel Die Bewunderer Zwei Stimmen vom Schachtisch Ein Schachpartner Stimme des Kiebitzes Harald Brüller Brahmanuel Leiser (stumme Figur) Zwei Mänaden Chloë Goldenberg Zwei Bacchanten Zwei Tarockspie1er Ein Kiebitz Stimme eines Bacchanten Ein Bewunderer Schwarz-Drucker Frei-Handl Ein Bacchant Ein Spiegelmensch Ein Waschzettel Stimme aus der Garderobe Franz Blei , ein Abt der Roten Garde Der Großvater Bacchanten, Mänaden, Schachspieler, Tarockspieler, Faune, Schmöcke.   Ort der Handlung: Ein Kaffeehaus. Die Bühne stellt eine tiefe Halle vor, die in einem seltsam unbestimmten Licht liegt. Je dreizehn Schmöcke in den Nischen auf jeder Seite. Jeder dieser Schmöcke ist sein eigener Lichtspender. An verschiedenen Tischen dicht gedrängt Personen, die alle zu einander zu gehören scheinen und von Tisch zu Tisch hinübersprechen. Ein Winkel weist nomadenhafte Häuslichkeit auf; während verschiedene junge Leute schreiben, diktieren, malen, zeichnen, verrichten Mädchen häusliche Arbeiten, stopfen Zigaretten u. dgl. An einigen Tischen, dicht umstellt von Zuschauern, wird Schach, an andern Tarock gespielt. In der Mitte viele Tische aneinandergerückt: Der Vater, der Sohn, die Tochter, der Cousin, der Onkel, der Großvater, entfernte Verwandte, Freunde des Vaters, Freunde des Sohnes, Freundinnen der Tochter, die ab- und zugehen. An den Wandtischen Mänaden, die sich aber auch zwischen den Gruppen tummeln. Bacchanten und Faune hinter ihnen her. Die Dialoge spielen sich vielfach auch so ab, daß die Sprecher zwischen den Tischen und peripatetisch ihre Meinungen vortragen. Es herrscht lebhafteste Bewegung. Alles spricht durcheinander, gestikuliert heftig. Nur der Großvater sitzt stumm und unbeweglich da, mit halb geschlossenen Augen. Kellner sind nicht zu sehen; die Gesellschaft des Raumes scheint völlig sich selbst überlassen. Neugierige schauen herein. Chor der Bacchanten Wir haben Epochen im Sturme zerbrochen. Was sollen die Formen den Neuen, Enormen! Nicht jedem, nicht allen sind wir zu Gefallen. Wir malen Gedichte, wir bauen an Bildern, wir haben Gesichte, die sind nicht zu schildern. Wohl aber zu lallen. Wir bellen, wir ballen. Wir malen, wir dichten, ohne uns zu verpflichten; die Blinden und Tauben, die müssen dran glauben. Wir wissen, es kann uns nix gschehn. Man wird doch, man wird doch da sehn. Der Sohn (wallendes Haupthaar, Kronionsstirn, Genieblitz aus dem gewölbten Aug, korpulent) Ist es der Stank, der wieder zur Bedrückung dem zartem Geist durch alle Poren drang? Ist es der Fluch jahrhundertalter Schickung, der alpisch mir den freien Odem zwang? Ergeb ich mich der stürmischem Beglückung, so mahnt mich dieser längst verschollne Klang. Vergebens, daß der Genius mich befeure! Durch jeden Spalt netzt mich die Vatersäure. Der Vater (normaler Habitus) Das sind Verstiegenheiten. In deinen Jahren – hättest du sehn solln – er hätt mir gegeben! Er ja – seh ihn nur an dir, wie er da sitzt. Er redt nichts, aber denken tut er sich. Was willst du, sag mir nur um Gotteswillen, hab ich dich nicht studieren lassen? Du, du hast nicht gut getan; ein junger Mensch, wenn er was taugt, gehört er ins Geschäft! Und wenn er nicht taugt, dann doch eo ipso. Ist das nicht lachhaft? Von Kaffeehäuser und Nixtun wirst du mir nicht leben, hörst du! Ich hab mich einmal überzeugen wollen, was sich da tut und was ihr hier mir treibts. Ist das ein Aufenthalt du, sag mir bittich – das letzte Mal, da kannst du Gift drauf nehmen, daß ich erlaube, daß du hier verkehrst! Verstiegenheiten, ausgefallene Sachen! Da reussiert man nicht! Das hab ich gern! Der Onkel Das seh ich nicht ein – wenn er Talent hat – Paul hat auch Talent. Trag vor das Gedicht. Der Vater Du fang mir auch noch an, das fehlte noch, aufhetzen – kümmer du dich lieber selber. Von mir aus kann dein Sohn Gedichte machen soviel er will, red ich dir da was drein? Was heißt Talent? Was geb ich auf Talent? Sag mir was schaut heraus dabei – man wird doch da sehn! Worauf herauf hat er Talent? Der Onkel Trag vor das Gedicht. Der Vater Ich will nichts hören, ich hab schon genug! Der Sohn Entflieh, o Vater, unerschlossnem Kreise! Der dir entsproß, ist auf bekannte Weise dem Väterwort, der dumpfen Zucht entflohn. Der dir durch jenen Zufall einst entsprossen, ist längst bei den bewährten Kampfgenossen. Ich bin dein Sohn nicht, denn ich bin Der Sohn! Der Vater Mit dir, das sieht man, ist es weit gekommen. Ist das ein Leben, Wolfgang, hör mich an – Der Sohn Wer ruft mir? Sind es Schatten? Sinds Gespenster? Ich sah die Welt durch neunmal neunzig Fenster. Nun füllen ferne Klänge mir das Ohr. Ein Spiegelmensch, ein schellenlauter Tor, ein Nichts von einem Ding, ein Petrefakt, es hat im Innersten mich angepackt. Wie es sich innen, wie sichs außen ballt – wo faß ich dich, du schwankende Gestalt? Du breitest Zwielicht, wo du immer bist, du ideal vertrackter Realist! Wie links und rechts du nun das Nichts beschielst, bald mich den Säugling, bald den Greis befühlst: es ist der alte Wahn, der Menschentrug – glaub mir, ich hab von alle dem genug. Nun steh ich da, nun ist die Täuschung voll, ich steh, ich frag, ich weiß nicht, was ich soll. Hier unten wird es schief und immer schiefer. Was will die Zeit mir, was will das Geziefer? Was all ich wirkte, halb nur wars das Wesen, ich hab in weisen Büchern viel gelesen, und weiß nun erst, hier rings um uns ist Nacht. Der Vater Mit einem Wort, du hast es weit gebracht. Der Onkel Warum, wenn er Talent hat? Paul hat auch Talent. Trag vor das Gedicht. Der Cousin Schleimig! Oh! Sternsturz umwerfend queres. Dessenungeachtet. Dämmerungen kreisen. Sirius kalbt. Auftrotzt Zukünftiges. Kegelkugel blaut Neuerung. Ungeteiltes klemmt. Haltet hin, haltet her, Ihr tötet euch um Katzenschmer. Hirnbrand spaltet erdwärts. Wortmund schleimt Fesselung. Bürgerknochen verwesend pfählt losgelöstes – : eitern Male. Sturmschweigen dröhnt. Gott ragt himmeldurch. Ausgezackte Lichtung hämmert opalen. Geballtes wuchtet. Gestuftes tönt Besinnungsgipfel. Morast steilt. Schwester du! Aufdunsten. Rosenthal! Und. Der Vater No und? Die Tochter Gott wie geballt! Erste Freundin Gott wie gestuft! Zweite Freundin Gott wie gesteilt! Dritte Freundin Gott wie geklemmt! Die Tochter Man spürt das Erlebnis. Erste Freundin Das ist ganz ein anderes Kriegsgedicht wie die andern Kriegsgedichte. Schwer entringt sichs. Es webt zwischen irdischer und himmlischer Liebe Begegnung. Es hat das Wissen um den Weg einer in Blut gewordenen, dem Blutgrauen entrungenen Seelenheit. Es hat den fernen Atem vom Urwort her. Es ist Aufgipfelung. Es ist Kernschicht des Heutigen, Bodenschicht des Kommenden. Es ist der Grundstein. Es ist der Dachstein. Zweite Freundin Es ist direkt orphisch. Dritte Freundin Es weckt Sehnsuchten. Der Cousin Es ist angenommen von der Neuen Rundschau. Der Onkel Er hat Aussicht, Lektor zu wern bei Kurt Wolff. Der Vater Auch ein Beruf. Du bittich hör mir auf, ich will nichts mehr wissen – damit komm mir nicht! Das nennt man dichten, sag mir? Treff ich auch! Der Onkel Warum, weil er keine Reime macht? Recht hat er. Er sagt, sie dürfen nicht mehr reimen in der neuen Dichterschul. Der Vater Was heißt, sie dürfen nicht mehr? Mein Sohn reimt! Der Onkel Leugn ich, daß er Talent hat? Der Cousin Mein Erlebnis schließt den Reim aus, sein Erlebnis schließt den Reim nicht aus, das ist der ganze Unterschied, es kommt darauf an, wie man erlebt. Der Vater Ich pfeif auf sein Erlebnis; was erlebt er? Er hätt sein Rigorosum machen sollen! Zu meiner Zeit – hätt ich wie er gefaulenzt, mein Vater – Gott, da hätt ich was erlebt! Zu meiner Zeit – war eine andere Zeit. Ich wer' dir etwas sagen du, dein Vater, wenn er dich läßt, so is das seine Sache. Was meinen Sohn betrifft, bin ich der Vater! Er stürmt! Er hat nichts Besseres zu tun! Nichts hör ich andres. Jedes zweite Wort is: er stürmt! Was stürmt er sag mir? Muß er stürmen? Im Krieg war Ruh. Im Kriegspressequartier, hätt einer sich erlauben solln und stürmen, da warn sie still. Kaum war Revolution, hat er sich eingelassen gleich und stürmen hat Gott behüt er wolln den Bankverein! Ich denk's wie heut, da hat man laufen müssen, es für ihn richten bei der Polizei. Wie hab ich ihn gewarnt, fang dir nichts an! Wie oft hab ich geschrien, misch dich nicht ein, er aber stürmt sich fort zur Roten Garde. Jetzt möcht er wieder unvorsichtig sein, mit Menschlichkeit und lauter solche Sachen was nur hinauslauft, Leute aufzuhetzen – von Weltbeglücken kann ein Mensch nicht leben. Er is ein Urchrist, sagt er, tut sich was! Sonst fehlt ihm nix, schauts her, wie er gesund is, er hat die Menschheit doch zum fressen gern. Das sind Ideen! Auf ihm hat man gewartet. Verdienen soll er! Im Geschäft! Da wird er von selbst auf andere Gedanken kommen. Die Tochter (aufspringend) Das heißt, das Wort im Mutterleib ertöten! Ich tu's! Sie tritt erregt zum Bruder, der ihr ein Manuskript aushändigt, und macht sich zum Fortgehen bereit. Der Vater Was heißt das? Schau dich lieber um ums Nachtmahl! Verdienen soll er! Wird er mit der Kunst sich was verdienen? Wie man sich verdient, das und nur das ist heutzutage Kunst. Auf Tachles kommt es an und nicht auf Schmonzes! Er rüttelt den Sohn, der nachdenklich dasitzt. Verdienen sollst du – du – Die Tochter (heulend davon) Das ist Inzest! Der Vater Meschugge! Kinder hab ich – ein Skandal! Was meint sie mit Inzest? Der Onkel Das is von Freud. Erste Freundin Sie weiß schon was sie meint, nur unbewußt. Zweite Freundin Sie meint, er hat vom Vater den Komplex, sie liebt den Bruder, der die Mutter liebt, es ist das alte Ödipuserlebnis, aus Träumen steigt es manchmal klar hervor, bei Heller hab ich gestern es gehört. Der Vater Bei Heller? Ödipus? Zu Rebussen bin ich nicht aufgelegt, mein liebes Freilein. Dritte Freundin (sich abwendend) In diesem Haus ist nicht ein Gran Kultur! Der Cousin Wenn man etwas nicht genau weiß, soll man nicht reden. Ich hab bekanntlich einen Ödipuskomplex – wie ich gestern im Herrnhof davon erzählt hab, sind sie vor Neid zerplatzt! Was in Wolfgang gährt, ist gar nichts weiter wie ganz gewöhnliche Vaterverleugnung! Der Vater Laß ihn verleugnen! Er ist doch mein Sohn, glaub mir, er is von mir; er is von mir bedeutend mehr, als was er schreibt von ihm is. Wenn sich die Söhne auch der Väter schämen, wir Väter schämen uns der Söhne nicht! Und daß er schreibt, damit macht er sich selber nur Schande, weil man jedem Wort gleich anmerkt, daß er mein Sohn is. Es is nicht weit her mit ihm. Ihm fehlt hör ich der eigene Ton, sie sagen, alles war schon da, weiß ich, sie reden, daß kein Wort von ihm von ihm is. Der Sohn Der Teufel nehm die Lästerbrut beim Kragen! Bis sie bekennt, laß er sie nicht in Ruh! Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen, und vor der Nase fällt die Tür euch zu. Eratmend will der Sinn das Höchste wagen – das allzu Irdische ersteht im Nu. Was plagt mich, der entrückt ins Ungeheure, schon wieder die verwünschte Vatersäure? Der Vater No also, was hab ich gesagt, was sagt man, er redt kein Wort, das von ihm selber is! Er hat Gehör, doch keinen eigenen Ton, so wahr ich leb, was man da sagt, is wahr; gelesen hab ich, seine Sprache is von einem Klassiker, wie heißt er nur, ja richtig Werfel, von dem alten Werfel, er hat sich ganz in ihn hineingelebt, man hört nur Frankfurts Laute und sein Weimarsch tönt akkurat, als obs von Werfel war. Doch mir macht er nichts vor und ich erkenn ihn, ich hab ihn noch gekannt, wie er so klein war – wer denn wie ich? Jedoch an der Gewure, mit der ers macht, merk ich, er ist mein Sohn! Nur tuts mir leid, daß so viel Tüchtigkeit auf Schmonzes wird verwandt anstatt auf Tachles. Der Cousin Onkel, wie du nichts verstehst. Wenn du verstehn möchtest, möchtest du verstehn, daß ihm Werfel effektiv alles vorgetönt hat. Von ihm ist jede Zeile, die von Werfel ist. Der Onkel Er hat doch den Urfaust geschrieben, warum nicht, recht hat er, und sogar in drei Teilen. Der Cousin Ich kenne diese Vorwürfe und ich kenne auch die Richtung, aus der sie kommen, um nicht zu sagen, den Ursprung. Ist das nicht der beste Beweis? Von mir heißt es, meine Gedichte sind von Sonnenschein und sogar von Ehrenstein. Sind sie darum und eben darum nicht von mir? Und wenn sie von Sonnenschein wären, wären sie dann von Sonnenschein? No also! Der Vater No sind sie, sag mir, nicht von Sonnenschein? Der Cousin Wieso? No sind sie von Sonnenschein? Darauf antwort mir! Der Vater Von wem denn sind sie, wenn sie nicht von ihm sind? Der Cousin Es ist sehr schwer, mit Bürgern von solchen Dingen zu reden. Vielleicht wirst du noch behaupten, daß sie von der Lasker-Schüler sind? Der Vater Das weiß ich nicht, vielleicht, vielleicht auch nicht, wer kennt sich aus in dem Geschäft, in meinem geht jedenfalls es viel reeller zu. Der Cousin Also hör zu: Meine Sachen sind von mir, wenn sie von ihm sind, seine Sachen sind von ihm, wenn sie nicht von ihm, sondern von mir sind. Der Vater Ja, jetzt versteh ich! Aber sag mir nur, mein Wolfgang sagt, daß alles was von dir ist und nicht von dir, sondern von Sonnenschein, zurückzuführen ist auf Ehrenstein, ders ohne Zweifel nebbich von sich selbst hat. Der Onkel (beleidigt) Alles von Ehrenstein? Paul hat zufällig einen Artikel geschrieben über das Wesen des Humors, der Wort für Wort von Kulka is! Der Cousin Ja, bitte und da bin ich stolz darauf! Ich verehre Kulka und weil ich weiß, daß die Zeitschriften von ihm nichts wissen wollen und weil ich Kämpfe für ihn zu bestehen hatte, weil sie ihn nicht bringen, hab ich ihnen beweisen wollen, daß sie wirklich von ihm nichts wissen, weil sie ihn ja bringen, nämlich wenn es unter einem andern Namen erscheint und sie merken es nicht, darum hab ich meinen höchst pseudonymen Autornamen darunter gesetzt, no und da haben sie gebracht! Ein entfernter Verwandter (sich vom Tarockspiel abwendend) No ja, das is ganz was anderes. Da hat er sich ein Verdienst erworben. Aber sagts mir nur bitteuch, wer is eigentlich dieser Kulka, von dem jetzt so viel die Rede is? Ein Kiebitz Unerhört! Kulka – das wissen Sie nicht? Kulka, das ist doch der, der den Jean Paul herausgegeben hat! Der entfernte Verwandte Sie brauchen sich gar nicht aufregen. Jean Paul hat er herausgegeben? Wie is das: herausgegeben? Den ganzen Jean Paul? Der Kiebitz Den ganzen. Nichts hat er sich behalten von ihm. Der entfernte Verwandte Das is anständig von ihm. Aber sagen Sie mir nur bittsie, wer is eigentlich dieser Jean Paul? Der Kiebitz Da fragen Sie mich wieder zu viel. Sie spielen weiter. Der Vater Kinder, ich wer' euch sagen, was ich glaub. Wie ihr da alle seids, seids ihr zusammen und jeder einzeln ganz dasselbe wert wie jeder einzeln, darum ist es möglich, daß jeder wird mit jedem leicht verwechselt; was einer hat, das kann auch jeder andre, drum kann er es von jedem andern haben; denn nichts ist so gemeinsam wie das Nichts. Wenn sich der Tineff auch absurd gebärdet, es kommt zuletzt nichts anderes heraus. Ihr seid gewiß so talentiert wie wir: was könnte jeder von euch Jungen leisten, hätt er sich nicht grad das Geschäft gewählt! Statt Bücher schreiben, solltet ihr sie führen. Er begibt sich ans Schachspiel. Der Sohn Mir wird bei diesem Vaterwort zumut, als lärmt' ein Schwarm von siebentausend Tanten und türmte sich der Staub von Folianten mir in dem aufgemischten Blut. Ihr nennt den trägen Trott Karrieremachen – und was sich mir auch wesentlich erneure, der Kasus bringt den schalsten Narrn zum Lachen mit etwas Mutterwitz und Vatersäure! Der entfernte Verwandte Er wird noch den Großvater wecken mit dem Geschrei. Die Bewunderer Weh dir, daß du ein Enkel bist! Der Onkel Er hat den Daimon. Der Vater (herüberrufend) Weißt du was? Gib schon Ruh! Der Sohn Nur Ruh! Nichts störe diese satte Ruh, uns reißen sternwärts alle Silbergäule und hinter uns bleibt eures Daseins Fäule, von allem Wust ein höllisches Ragout. Weh, wer den Wink zur Abkehr nicht genutzt und diesen dumpfen Kursus durchschmarutzt! Mein Tempo dünkt euch Firlefanzen toll – mich widert dies gemächlich Traben. Im Innern pocht gebietend ein »Ich soll« – Der Vater Was heißt, ich soll? Die Hauptsach is das Haben! Der Sohn Was soll mir das? Wofür war' es mir nütze? Ich koch mir selber meine Hafergrütze! Und gibt es dazu auch noch etwas Schleim, so schmeckt mir erst der so entstandne Reim. Ein Tor, wer auf verjährte Weisheit bauet, wer nicht dem Drang, dem innern Muß vertrauet. Wir stürmen weiter, kein Pardon gegönnt dem störrisch widerwärtgen Element! Was uns die Jugend noch im Traum behext, es trolle hin sich, wo der Pfeffer wächst! Du willst ans Ziel – da fährt dir ein Gespenst an deinen Atem, das du Vater nennst. Will mich mein Wagner aus dem Werke stören? Wir schreiten kaum, doch fühl ich mich schon weit, man sieht es klar, zum Raum wird hier die Zeit, und Vätersprüche werde ich nicht hören! Die Sucht und Selbstflucht, die sich nie vergaß, zerlebt sich bald an meinem Übermaß! Nun sind sie beim Tarock, beim lieben Schach – das nenn ich mir ein väterliches Führen, es ist ihr ewig Weh und Ach aus diesem Punkte zu kurieren. Im Spiel noch sind sie unfrei, sind pedantisch, sie haben sich am Trunke nie besoffen, im Abenteuer nicht die Spur romantisch. Mir aber stehen alle Himmel offen! Ich möchte mich an allen Quellen laben, mir tönt es tiefer tief und schöner schön, was allen Göttern eignet, möcht ich sehn, was nicht von mir ist, möcht ich haben! Was stürmt die Brust mir auf, was tönt mir wieder? Die Träne quillt, es klingen alte Lieder. Stimme vom Schachtisch Pscht! Man kann nicht spielen! Zweite Stimme vom Schachtisch Das – gewinne ich – spielend. Aber spielend sage ich Ihnen – Sso! Erste Stimme Ja spielend! Aufgewachsen! Spielen Sie sich nix mit mir – sag ich Ihnen – Sso! Zweite Stimme Sie wem sich was erleben – Oi oi oi – pomali – Sso! Erste Stimme Eine – feste Borg ist unser Gott – Sso! Zweite Stimme Eine feste – Borg – Sso! Erste Stimme Gleich wern wirs haben – Schachuzim – Schachuzim – Schäch – Ssso! Zweite Stimme Die schönen Tage von Schachuzim – sind vorbei – Pardon mein Herr – wwo! Erste Stimme Auch ich bin in Aranschuwez geboren – Da wern Sie kein Glück haben – sehr guut – mein Herr – seehr gut hat er das gemacht – talentvoller junger Mann – aber schon seeehr gut – Ssso! Zweite Stimme Diese Antwort – des Kandidaten Jobses – Ssso! Erste Stimme Wissen Sie schon – wissen Sie schon – was es Neues gibt – in Rzeszow – es gibt nix Neues – in Rzeszow – unter der – Sonne – also – erregte – allgemeines Schütteln des – Kopses – Ssso! Zweite Stimme Jobses – Kopses – Ha ha! He he! Hi hi! – Glauben Sie! – Tja, die Sache steht mies – aber gewaltig mies – aber schon ganz gewaltig mies – wwwo! Erste Stimme Steht – mies – tjajajaja – Jo – pses – Ssso! Zweite Stimme (verröchelnd) Ko – pses ... Der Sohn So plackt sich fort die leidige Menschenqual und bleibt ja doch im besten Fall banal; und jedem Wachstum bietet sie Verneinung. Indessen faßt mein Aug die Welt-Erscheinung, das Herz erbebt und jeder Nerv vibriert und die Gefühle gehen wie geschmiert. Ich weiß nun alles, was im Erdenrund gibt ersten Schrei, gibt letzten Seufzer kund: mir gilts, nur mir – im Feuerwirbelsturm litt ich mit dem zertretnen letzten Wurm, mit allem, was da leidet, leid ich mit, weil es durch mich, der ich geboren, litt! Ich weiß die Tränen, weiß vergossnes Blut, ich weiß um alles, was sich sonst noch tut. Du Kaiserin, die in den Tod genickt – Du Stickerin, die wund sich hat gestickt – Du Nähterin, die mir noch nie genaht – Du, die die Schüssel einst zerbrochen hat – Du Sperling, meiner Knabenlaune Fang, als ich in jenes Frühtags Überschwang die Spur von dir auf meinem Finger spürte, was mich schon seinerzeit zu Tränen rührte und so, wiewohl ich noch ein halbes Kind, das eine ganz mich wissen ließ: Wir sind! – Du alter Mann mit einem Kaiserbart, der mich gerührt hat, weil ich ihn gewahrt als er hineinging, ich aber hinaus aus jenem unscheinbaren kleinen Haus, den ich fortan ekstatisch Bruder nannte, bloß aus dem Grund, weil ich ihn niemals kannte – Schiffsheizer du, wer riß aus den Äonen dich, ausgerechnet um für mich zu fronen, für mich vor Kesselgluten stumm zu schwitzen, dieweil es mir gewährt ist, hier zu sitzen: gewähr mir das Ertragen dieser Pein, was ist der Mensch, jedoch was soll er sein; du ahnst es nicht, wie sehr ich für dich litt. Schiffsheizer, nimms: ich schwitze mit dir mit! Stimme vom Schachtisch Sagts mir bitteuch, was schreit er so fürchterlich? Stimme des Vaters Laßts ihn gehn, er hält Gerichtstag über sich. Die Bewunderer Ihn hat bei diesem strengen Selbstgerichte der Menschheit ganzer Jammer angefaßt. Stimme vom Schachtisch Ihr Sohn is etwas ein Phantast. Die Bewunderer Wer stört die Fülle der Gesichte? Der Sohn (aufheulend) Erst tief hinunter, dann gehts höherwärts! Stimme des Vaters Werfts ihn heraus, er bricht sich selbst das Herz. Ich kenne das, es gibt sich nach und nach. Ich biete ihm – jetzt biet ich Ihnen Schach! Stimme des Partners Wie reimt sich das? Sie patzen – doch am End bekommen Sie vom Sohne das Talent! Stimme des Vaters Nicht ausgeschlossen. Es ist ja nicht schwer, man hörts doch täglich und hat selbst Gehör. Dem Apfel, der zu weit fiel, folgt der Stamm; schau ich ihn an, entsteht ein Epigramm. Im Pathos haperts noch, da gibts Verdruß, indeß – ich hoffe – Stimme des Partners Schach! Jetzt mach ich Schluß! Der Sohn Nun beug ich mich dem Blitze! Komm er doch! So laß es enden! Stimme des Kiebitzes Also! Tommer doch! Es treten auf Harald Brüller und Brahmanuel Leiser. Brüller verbreitet Frische; Leiser Müdigkeit. Brüller deutet durch seine Bewegungen an, daß er eigentlich ein Wiking ist, den ein Seeunglück in die Zeit und in dieses Milieu verschlagen hat, versteht es aber, in seinem Wesen das normannische Element glücklich mit dem amerikanischen zu verschmelzen. Jenes kommt durch seine Tracht (Radmantel und Ballonmütze) zum Ausdruck, dieses durch die kurzangebundene Art seines Auftretens, seinen Händedruck, unter dem sich der Reihe nach alle Anwesenden, die er begrüßt, in Schmerzen winden, sowie durch ein gelegentlich in die Debatte geworfenes »All right!«, Leiser ist schweigsamer, er hat orientalischen Typus, die abfallenden Schultern der müden Kulturen, ist schmächtig, modisch gekleidet (Gürtelrock) und scheint, von diesem Moment abgesehen, anzudeuten, daß sein Reich nicht von dieser Welt ist. Als die typischen Vertreter zweier Weltanschauungen werden sie von den Anwesenden entsprechend begrüßt und tauchen sogleich in einem Wirbel von Interessen unter. Bei ihrem Eintreten hat sich der im Raum verstreuten Mänaden lebhafteste Unruhe bemächtigt. Zwei treten vor. Erste Mänade Gott ich sag dir – der Leiser – er macht mich – ganz närrisch, no ist das ein Wunder – er ist so esoterisch. Er schaut nur und weiß schon und führt so ein Leben, und was es da gibt, hats für ihn schon gegeben. Er sagt nichts, er deutet, und wenn man ihn fragt, was er macht, so hat er schon der Arbeit entsagt. Die andern, sie schreiben, er schreibt keine Zeil, er redt nichts, er tut nichts, er denkt sich sein Teil. Zweite Mänade Gott ich sag dir – der Brüller – ich flieg auf – ihn tamisch, no ist das ein Wunder, er ist doch dynamisch. Was hab ich von den andern, so blasiert und so kränklich, teils sind sie nachdenklich, teils sind sie bedenklich. Pervers sein ist schön, doch auf die Dauer zu fad, er allein, schau ihn an, hat den Willen zur Tat. Unter Stimmungsmenschen ist er Aktivist, und außerdem ist er der einzige Christ. Ich fühle eine solche Leere in mir, daß ich unbedingt etwas brauche, was mich ausfüllt, und wäre es auch nur ein Mann. Erste Diese Einstellung ist mir fremd. Ich will nichts weiter als das Unendliche im Endlichen, im Relativen. Zweite Ich suche das Absolute, das Geradlinige, das Tiefaufwühlende. Erste Einen einzigen Buddhisten von der Ferne anschaun ist mir lieber als mit hundert ich weiß nicht was. Aber versunken muß er sein, da versink ich auch. Zweite Es handelt sich immer um das Sein oder um die Form. Ich brauche das Sein. Ohne das Sein komme ich mir völlig überflüssig vor. Ich brauche einen Impuls. Ich hab seit ich das letzte Feuilleton von der Zuckerkandl gelesen habe, so einen Unruh in mir. Ich sehne mich nach einem ideellen Beharrer. Erste Meine Worte. Eben das suche ich auch. Ich suche die ewige Weihe, das unendliche Weiter! Ich will eintreten in den Tempel des Lebens. An der Seite Leisers, wenn möglich. Zweite Ich will Chaos. Ohne Chaotisches kann ich nicht existieren. Erste Wem sagst du das? Ich bin doch Bejaherin der Selbstauflösung. Zweite Das, was Unruh der Menschheit gibt, ist daß sie endlich Ruh bekommt, und diese Hoffnung scheint mir in Brüller verkörpert. Er ist einfach kosmisch. Sein Weltbegreifen ist mein Weltbegreifen. Unter seiner Hand fallen die Schleier von allen Heimlichkeiten. Ich brauche den Menschen, der sich eins spürt durch sein Wachsen in die Menschheit. Den Menschen, der dereinst zum blühenden Gleichnis und zum höchsten Bewußtsein in der Natur werden wird. Ich möchte in dem kommenden Allmenschen die schöpferische Flamme des Religionsstifters anfachen. Erste Brahmanuel Leiser ist Religionsstifter. Er webt Seelenheit. Ihn anschauend fühlte ich, wie die schöpferische Flamme in mir angefacht wird. Nur so könnte die zu ersehnende Einheit von Leib und Seele herbeigeführt werden. Zweite Da schiene mir die Seele über Gebühr bevorzugt. Der Leib ist es, was heute brachliegt. Alles drängt zum absoluten Bekennen: dieser Erde ganz anzugehören. Im Symbol einer Vereinigung von Mann und Weib zu einem Leib, in der Auflösung aller Zweiheit in Einheit offenbart sich die Entwicklung des Tier-Menschen zum Gott-Menschen auf seiner Erde. Mann und Weib, die eine von Gott geforderte Einheit bilden, werden durch das eigenste Erlebnis einer schöpferischen Einheit selber Gefäß des Göttlichen. Ich möchte um jeden Preis so ein Gefäß des Göttlichen werden! Erste Ein Gefäß des Göttlichen sein – das ist es. Aber wenn ich die Zuckerkandl richtig verstanden habe – Zweite Im Gegenteil! Man hat eben die Materie nicht mehr als Hindernis auf dem Weg zur Gottwerdung zu empfinden. Aber da sein muß sie! Ohne die Überwindung der Materie wäre es weder eine Kunst ein Heiliger zu sein, noch ein Vergnügen. Es war ein Fehler, die Flucht der Seele in ein höheres Reich als Erlösung zu erleben. Diese Schwachheit der Menschen ließ sie Christi hehres Beispiel, der durch die Hingabe seines Lebens die Nichtigkeit des irdischen Lebens gegenüber der Erhaltung seines göttlichen Bewußteins[* wohl Bewußtseins *] auf ewige Zeiten erweisen wollte, im Innersten verkennen. Empfang des Sakramentes führte alle diese Schwachen zu einer Mißachtung des Lebens. Das Kreuz blieb uns der Schmerzenswegweiser in eine ewig tränende, ewig trauernde Welt. Das wird jetzt anders werden. Erste Glaubst du? Zweite Ob ich glaub! Fritz Unruh hat doch die Güte. Er will an Stelle des für die Welt sterbenden Christ den freudig die Welt Erhaltenden setzen. Er will Christ erlösen. Erste Das ist eine Idee, aber ob es sich wird machen lassen? Ich meine auswirken. Zweite Es gibt kein Leid mehr. Jeder Tag wird zum Fest. Denn die Erde gehört dem Menschen. Der Mensch aber – der Liebe! Schau dir bitt dich den Brüller an, diese Vitalität! Nämlich das Gefühl, das den Menschen mit der Menschheit verbindet, deren Bewegtheit er in sich und sie wieder durch ihn begreift. Darauf kommt es an. Erste Das sind Ausnahmsfälle. Bis das überall durchgeführt sein wird! Ich meine ausgewertet. Zweite Haben erst alle Menschen sich ganz in die Einheit aufgelöst, so werden sie ihres ewigen Kampfes gegeneinander vergessen. Du wirst sehn. Erste Ja das ist wahr. Die schöpfungsbejahende Kreatur muß erstehn. Sie, die nur Freude atmet und deren Sich-im-andern-Erleben die dumpfe Frage löst des: Woher – Warum – Wohin? Denn im Bewußtwerden der eigenen Göttlichkeit ist Ewigkeit. Ist Ziel, Weg, Erfüllung. Zweite Man wird doch da sehn. Schau dir Brüller an. Ein Erfüllter! Erste No und Leiser is ein Hund? Ein Erweckter is er sag ich dir. Halb Dandy, halb Erweckter. Zweite No und Brüller ist Bolschewik und Gentleman. Du wirst zugeben, daß man das selten vereinigt findet. Erste Leiser gemahnt direkt an den Beau Brummel. Zweite Schön, aber hat er den Daimon? Erste No und wie! Gott, der hat dir einen Daimon! Du würdest paff sein. Zweite No ja, aber hat er ein Ethos? Erste Was heißt Ethos, Ethos ist gar kein Wort für das Ethos, das er hat! Ich wer' dir etwas sagen – sei nicht bös – was an Brüller nicht in Ordnung ist, ist daß er fort all right sagt. Zweite No gar keinen Fehler soll er haben? Eine Individualität hat eben ihre Eigenart. Erste Das ist wahr. Aber daß Leiser auch ein Ewigkeitsmensch ist, darauf kannst du dich verlassen. Ich habe in dem Punkt einen guten Instinkt. Jetzt handelt es sich um Kosmisches. Und das hat er. Ich gebe zu, Brüller ist mehr dionysisch, aber dafür ist Leiser wieder mehr apollinisch. Selbstredend wäre eine Synthese von Leiser und Brüller das Ideal. Also etwa Thomas Mann! Zweite Mein Mann ist Heinrich. Das heißt, schon auch nicht mehr. Erste Ich gebe zu, daß Brüller speziell das Zukünftige auswirkt. Er scheint darin mit Unruh eine Ähnlichkeit zu haben. Zweite Unruh hat aus dem furchtbaren Kriegserleben das erschütternde Erleben einer Weltrevolution geballt, die in der Seelenrevolutionierung des Einzelindividuums ihre Erlösung ahnt. Noch ist Krampf da, aber grad das hab ich gern. Es ist gewalttätige Monumentalität des Stils, der aber schon durch auflösende Harmonien wie von fernem Sphärenklang der Erfüllung durchzittert ist. Es ist alles mit jener tiefsten Konzentrationskraft gearbeitet, mit jenem Sturm der Hingabe, der sein Schaffen zu einem dargebrachten Opfer stempelt, zu einer völligen Selbstentsagung, zu Einsamkeitsqual und Segen. Erste Auf ein Haar hätt ich ihn voriges Frühjahr wie er in Wien war beim Tennis kennen gelernt. Zweite Ich auch. Ich hab übrigens von Eingeweihten gehört – von den Wenigen, die Einblick nehmen durften – daß das, was jetzt kommt, Unruhs eigenste Klärung in die ewige Weite einer liebend neugeschaffenen Welt bedeuten soll. Und das unendliche Weiter auf dem Wege eines neuen Aufstiegs, der zum Gipfel des religionsphilosophischen Ethos führt, zu welchem Fritz Unruh die deutsche Jugend hinreißen will und auch hinreißen wird. Erste Die Bewußtseinseinstellung ist auf die Ewigkeitseinstellung bereits eingestellt. Findest du nicht, daß die jungen Leute jetzt alle schon wie sie da gehn und stehn etwas Danteskes haben, das an Moissi gemahnt? Zweite Im Gegenteil, ich finde eher, daß sie alle etwas von Cesare Borgia haben, zum mindesten eine Spontaneität der Gebärde, die einfach monumental ist! Ich meine unter den Schaffenden vor allem die Maler. In der Literatur sind sie eher differenziert, intellektuell und nachdenklich. Erste Ich versicher dich, das ist nur die Inbrunst der Gothik, glaub mir. Gütig sind sie. Zweite Aber schau dir bittich die Menschen und Dinge an, schau dir die Rhythmik dieser Neuen an, dieser gebauten Bilder, wo das Kubische nur schlicht als Ewigkeitsakkord anklingt. Da ist ein Geformtes. Ich will von der Innerlichkeit nicht reden, die man schon von außen sieht. Aber gestern hab ich dir bei Lanyi ein wollüstiges Rot neben einem asketischen Braun gesehn, da war wirklich ein später Kandinsky mit einem frühen Picasso vereinigt. Da könnte Kokoschka – Erste No der ist doch ein Epigone, wie er im Büchl steht. Wenn nicht seine Gedichte wären ... Zweite Hast du von Wolf Baller nichts gehört? Er soll als Aktivist im Café des Westens Furore machen. Er hat doch von ihnen allen, abgesehn von Brüller, die stärkste Dynamik. Impulse sollen von ihm ausgehn, heißt es. Erste Er hat aber auch lange genug an seiner Vollendung gearbeitet. Übrigens seine Gemeinschaft, von der eine neue ethische Entwicklung beginnen wird, ist schon im Entstehn, heißt es. Zweite Genau dasselbe will eigentlich Unruh. Er schreibt darüber an die Zuckerkandl. Er sagt ihr, sie wird ganz fühlen, wie er die Kuppel wölbt. Er ist voll Kraft und kann es nicht erwarten. Wie liebe ich diese Losgeher! Diese Dynamischen, die einem nicht zur Ruh kommen lassen. Ja früher, ich wer' dir sagen, da haben die Leute einfach auf Dante gefußt und sich mit der ganzen Glut ihres Gefühls in die ewige Mystik des Jenseits versenkt. No war das eine Kunst? Oder sie waren indifferent wie Max Brod. Erste Vielleicht bin ich unmodern, aber das ist ganz mein Fall. Denk an Leiser. Er hat Möglichkeiten. Zweite Unruh sagt, daß Dante als erster aller Geister (inklusive Buddha, Laotse, Christus, Platon) den Weg jener Einheit zwischen Materie und Geist erstrebt hat. Nur ging Dante nicht den letzten Schritt, nämlich den ins Leben, in die Realität. Den geht Unruh. Den geht Brüller, schau dir ihn an. No sein Gang – ich sag dir nur: federnd! Erste Leiser federt auch. Zweite Sie werden die Erlösung zum Leben und zur Freude bringen. Der Faust ist nur eine Vorstufe, er versinkt in der Schlußmystik seines zweiten Teils. Erste Eine Vorstufe zum »Spiegelmenschen« oder überhaupt? Zweite Überhaupt. No der Spiegelmensch und Faust – das is wie tausend und eine Nacht! Im Spiegelmenschen sind doch direkt orphische Urlaute. Faust, no ja – schließlich wirst du zugeben, wir haben alle einmal faustisch gerungen, aber worauf es ankommt, ist doch immer wieder das Leben, das heißt die Auswirkung im Wesentlichen. Unruh sagt, daß erst das Aufgeben seines Ego uns, das heißt nicht uns, sondern ihn, in die Gemeinschaft aller lebendigen Kreatur aufnimmt und zu Gott und Schöpfer macht. Erste Da hat er ganz recht, aber – wer wie wir am Leben gelitten hat – Man will doch eine Antwort auf Fragen, die in einem sind. Siehst du, mein Ideal wär der Karl Kraus gewesen. Ich war bekanntlich seine größte Verehrerin, und mein Bruder natürlich auch – aber glaubst du, daß man da eine Antwort bekommen hätte? Zweite Aber geh, der ist doch schon so infantil, was ist das gegen Unruh. Er hat das Geheimnis. Hier – eine Stelle – ich hab's aufgehoben, da hast du's – (Sie hält den Finger auf die Stelle) Erste (liest) [Ein Wort.] Tabarin. Pianist Leopoldi. Zweite Aber nein, die Zeile darunter, unter dem Strich. Da – wer so lebt, der lebt in der Freude. Er erlöst sich und die Realität wird eins mit dem Urquell allen Lebens, mit der Bewegung innerer Herzensruhe, mit der Liebe. Und dann fordert er noch die Zuckerkandl auf, sie soll ihm helfen erlösen – und seien es nur Wenige, bei denen es gelingt – denn das ist die Priesterschaft, die wir übernehmen, mit der wir leuchtend, jubelnd in die Zukunft schreiten. Du ich bin bereit mich sofort erlösen zu lassen! Unruh führt zur Alliebe. Er wandelt das »Du sollst« in ein revolutionäres »Ich will« – Erste Ich will auch! Zweite Und führt endlich zu dem sittlich freien »Ich soll« hinan. Ich soll auch, aber ich überleg noch. Man muß doch psychische Hemmungen haben. Erste Gott ich hab schon so viel sublimiert, daß meine Libido heute minimal ist, nicht der Rede wert. Mir gibt Unruh auch so genug. Er will Geistigkeit und Sinnlichkeit in ein neues reines Kräfteverhältnis zueinander bringen, das von dem Klassisch-Materiellen wie von dem Gothisch-Transzendenten gleich weit entfernt, alle Zweiheit zur Einheit führt, und mehr braucht man nicht. Zweite Was Chloe Goldenberg dazu sagen wird! Wo sie nur heute bleibt? Erste Sie ist doch in Trauer. Zweite Ja richtig, wegen der Gobelins. Es ist aber auch entsetzlich. Alles solln sie uns nehmen, unsere Ehre, unser Geld – alles, nur nicht das, nicht dieses Letzte was uns geblieben ist, nicht den Kulturbesitz! Ich hab dem Papa gesagt, wenn jetzt auch noch das geschieht, daß der Jagdteppich verkauft wird, geh ich auf und davon! Es ist nur so schwer wegen der Valuta. Erste Ich auch. Und Chloe Goldenberg bleibt gewiß nicht. Ich wunder mich so, daß sie nicht längst wieder nach Italien is, sie, die doch die hieratischen Gesten der ravennatischen Mosaiken so liebt und überhaupt gewöhnt is, ein Leben in Schönheit zu führen. Hier? Hier kann man nicht einmal in Schönheit sterben! Zweite Sie, die einzige, die wirklich unwirklich lebt und nur so hingehaucht is wie ein Pastell von einem dieser frühen Meister oder wie eine Linie von einem dieser ganz zarten malayischen Expressionisten. Nicht so wie Zoë Silberberg, die noch immer präraffaelitisch herumgeht diese typische Hysterika, und wenn sie Schönheit sucht, braucht sie dazu Pagen und Vasen und Schwäne. Das is natürlich heute schon gar unmöglich: Aber sie läßt sich ja nichts sagen, sie is noch immer im Cinquecento. Erste Ein Nebbich. Zweite Da kommt Chloe Goldenberg! Und ganz gebrochen! Gott sie fällt um – Es entsteht Bewegung. Chloe Goldenberg ist eingetreten, sie sinkt sogleich hin und wird von den beiden Mänaden gestützt, die sie in den Vordergrund der Bühne geleiten. Sie ist außer mit einem schwarzen Schleier, der um die Hüfte von einem goldenen Gürtel gehalten wird, noch von einer Quaste bekleidet, die von dem Gürtel herunterhängt. Außerdem weisen der linke Oberarm und der rechte Fußknöchel goldene Spangen auf. Sie ist wie eine Blume. Teilnehmende und neugierige Gruppen drängen herzu. Nur die Besetzung der Spieltische scheint nicht abgelenkt. Indem Chloe Goldenberg wankend nach vorn kommt, haucht sie die folgende Melodie: Oh erlöst, was mir west, von dem Leid, Seelenheit, die verblüht! Ich bin so mied. Ich bin so mied. Chor der Mänaden und Bacchanten Sie ist so mied. Wir sind so mied. Oh befreit die bereit, und versteht die vergeht! Wer erriet, die doch so mied, die ach so mied. Chor Die ach so mied. Wir sind doch mied. Oh erfaßt mir die Last! Es verhaucht unverbraucht und morbid. Ich bin so mied. Ich bin so mied. Chor Sie ist so mied. Wir sind so mied. Oh erbarmt, wenn verarmt mich die Zeit und das Leid mich durchzieht, die doch so mied, die ach so mied. Chor Die ach so mied. Wir sind doch mied. O erhebt, die noch lebt, die noch singt, schon verklingt letztes Lied. Ich bin so mied, ich bin so mied. Chor Sie ist so mied. Wir sind so mied. Sie geleiten Chloe Goldenberg auf ein Sofa, wo sie mit Absynth gelabt wird. Harald Brüller stürmt auf Chloe Goldenberg zu, drückt ihr die Hand mit einem All right! und stürmt davon. Sie sinkt mit einem Schrei zurück und muß abermals gelabt werden. Die Mänaden Gott wie dynamisch! Der Sohn Sie ist die erste nicht. Vorhang. Zweiter Teil Die Mänaden Gott wie kosmisch! In der Gruppe, die um den Sohn versammelt ist, entsteht eine Bewegung. Man hört einen Schrei: Oh Mensch! Erster Bacchant Also – das ist doch nichts Neues! Zweiter Bacchant Ja, das hat man wirklich schon gekannt, wie noch das Kriegspressequartier war. Wie die Verbrüderung gekommen ist, war mir das alles schon so geläufig das mit dem Menschentum, daß ich mich geniert hab. Wenn es nicht wegen Romain Rolland gewesen wäre, das heißt wegen Zweig – so hätte ich mich nicht verbrüdert. Der erste Zweig hat von allen sicher die größte Menschlichkeit entfaltet. Unvergessen wird ihm bleiben, daß er schon 1917 und noch dazu in der Schweiz das Wort geprägt hat, daß der Krieg etwas Schreckliches ist. Das wird vom Jeremias bleiben. Der zweite Ja, es hat etwas dazu gehört. Wenn man sich erinnert, welche Mentalität damals unsere Leute im Kriegspressequartier gehabt haben. Dieses Durchhaltenwollen, dieses auf den Endsieg Eingestelltsein, dieser Blutdurst ... Der erste Was wollen Sie haben? Menschen im Krieg! Der zweite Trotzdem behaupte ich und dabei bleibe ich: Der Mensch ist gut. Der erste Das is aber ja wahr! Das seh ich doch am besten an mir. Ich fühle wie ich demütig werde. Denn das weiß ich, ich bin erwählt. Ich muß den Durst nach Wert in mir stillen; und ich werde es. Der zweite Was fällt Ihnen dazu ein? Der erste Sie meinen wegen der Libido? Der zweite Nein, wegen Werfel. Was sagen Sie, wie der geläutert ist! Nicht wiederzuerkennen. Haben Sie den Schrei gehört, mit dem der Spiegelmensch in ihm versunken ist? Krrriehh! Es hat einen Krach gemacht, wie wenn er durchgefallen wäre. Der erste Ich war dabei. Wiewohl es nur ein Symbol ist, so war es doch ein Erlebnis. Mir ist zum erstenmal das Gleichnishafte alles Vergänglichen aufgegangen. Und passen Sie auf, allen, die in seiner Lage sind und in seinen Fußstapfen erleben, wird es genau so gehn. Uns und allen. Und speziell ihm. (Er zeigt auf den Sohn.) Ich glaube, daß sich heute etwas entscheiden wird ... Der zweite Man wird doch da sehn. Der erste Es fällt mir übrigens auf, daß Sie »Der Spiegelmensch« sagen. Es heißt »Spiegelmensch«. Wie können Sie wissen, ob es ein Maskulinum ist? Wissen Sie, was Om ist? Der zweite Nein. Der erste Ich auch nicht. Der zweite Sie haben recht, das ist es. Er hat es. Nicht wissen. Sein. Das Om haben. Der erste Ich habe das Ur. Der zweite Hab ich auch. Der erste Es ist der Schlüssel. Der zweite Ich schwanke nur noch, ob ich mich dem Neokatholizismus anschließen soll oder dem Zionismus. Ich bin durch Kierkegaard hindurchgegangen, aber jetzt korrespondiere ich mit Haas, ob ich mich auf den Weg begeben soll, der wahrscheinlich doch zur Erlösung führt. Damit man nur wieder einmal seinen Ewigkeitsmenschen in sich erkennt. Ich künde – Der erste Ich wer' Ihnen sagen, mir steht die indische Philosophie näher, die wahrscheinlich einen entscheidenden Einfluß auf meine Entwicklung haben wird. Es wird sich demnächst entscheiden. Wie endet Spiegelmensch? »Um endlich die letzte Vollendung zu finden im süßen Erlöschen und Ausdirverschwinden.« Nein, das hat kein Goethe geschrieben. Wissen Sie was? In mir sind stumme Fragen laut, die längst beantwortet sind. Wir müssen endlich zur Synthese gelangen. Der zweite Meinen Sie im Kosmischen oder im Allgemeinen? Wissen Sie, was das Ethos anbelangt, so kann ich Ihnen sagen, daß ich es darin heute mit jedem von der Wiener Literatur aufnehme, und das will viel sagen. Momentan allerdings befinde ich mich auf der Selbstflucht. Das wichtigste Symptom, das ich bei der letzten Analyse an mir beobachtet habe, ist, daß ich es an andern beobachte. Aber das gehört ja dazu. Der erste Wir müssen Wesentliches aus uns herausprojizieren und zunächst in allen seinen Auswirkungen auswerten. Wir, denen es nun einmal bestimmt ist, neue Lebensinhalte aus uns herauszustellen und als schöpferische Menschen die heroische Selbstbehauptung in die determinierten Zusammenhänge mit den Bewußtseinsinhalten der Realität zu differenzieren, indem wir den Extrakt unseres Wesens mit der Abstraktion im Bilde restlos zu verschmelzen suchen, um in Lust und Qual tragischer Selbstauflösung aus dem titanischen Ringen um ein Seiendes als ein Vorgestelltes das Gestufte im Rauschhaften zum Erlebnis der Ekstase perspektivisch aufzugipfeln und so, befreit und doch zutiefst gebunden, mit äußerster Konzentration den letzten Schritt vom Erhabenen zum Kapriziösen zu wagen. Der zweite Wem sagen Sie das! Nur wer Wissen um Größe und Gewalt, die in unser Leben der geschichtliche Wille geschüttet, womit er es zum Rand gefüllt hat, erlebt, dem wird Sturm und Segnung und eine Fülle der Eindrücke, die gigantisch heranbraust, mit einer bis zum Verzicht gesteigerten zerebralen Leidenschaft die Besinnung rauben. Und doch drängt sich das Bewußtsein des quälenden, drückenden, enervierenden Fluches der Materie vor, die makabre Wehmut, die der Gedanke heraufspült, daß diese Bedingtheit, dieses in einem stilisierten Abrollen von Leistung und Pflichterfüllung verlaufende Dasein den krönenden Gipfel arabesken, minutiös-monumentalen Weltgefühls nicht erreichen, geschweige denn in einem triumphalen, blitzenden, stolz aufglühenden, musivisch-linearen, gleichsam konturhaften Geheimnis überwinden könnte, das mit diesen skurril-heroischen Verkürzungen und Verknüpfungen im strukturhaft Dimensionalen und mit der harmonisch zerrissenen, distanzierten und moquanten Gebärde einer geschlossenen, gebietenden und lenkenden, fast seigneurialen Gestalt, umbraust von dem Glanz und dem Pathos der Geschichte, sich noch einmal zu der konvulsivischen Wucht plastisch-diaphaner, wie verflackernder Seelenschönheit erhebt, um dann mit asthenischer Dynamik nach einem steilen Schrei der Rabies in tenebral-luciden Intervallen sich schlechthin zum amorph Adjektivischen zu kristallisieren. Der erste Damit haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Das sollten Sie schreiben. Ich kann es Ihnen nachempfinden. Es geht mir ja ähnlich. Indem ich aber vom eigenen unerlösten Wesen singe, löse ich polare Energien aus und betrete, Sucher und Priester in einem, Neuland der Seele. Ich weiß nur nicht, ob ich die Welt sich in mir spiegeln lassen soll oder mich in der Welt. Ich besitze mich nicht in meiner Ichheit. Manchmal werde ich darüber nachdenklich. Aber eben das gibt ja meiner Lyrik die Geste. Der zweite Ich bin jetzt am Ziel des deutschen Wegs. Ich bin dort, wo Minnesang und Meistersang, das Nibelungenlied und Hans Sachs, Weininger und Jakob Böhme, Rilke und Kassner, Klopstock und Latzko, Kant und Fichte, Beethoven und Bach erfüllt sind. Eckhart und Tauler, Herr Walter von der Vogelweide, Hermann Bahr und Thomas von Aquino sind, seit wir von Ischl zurück sind, die Leitsterne meines Daseins. Wissen Sie, das Nibelungenlied ist doch sehr gekonnt! Und wie ich Thomas von Aquino wieder einmal vorgenommen habe, war es eine ganz reine Stunde. Der erste Ist er nicht etwas epigonisch verknorkst? Wie sind Sie Thomist geworden? Der zweite Ich habe viel überwunden, ehe ich dahin gelangt bin. Ich habe erkannt, daß wir nicht durch die Realität sind, sondern die Realität durch uns. Wie prachtvoll notiert doch Bahr am 13. Februar in seinem Tagebuch: »Heut am ersten Fastensonntag betet die Kirche: Obtinere abstinendo! Hier ist das Geheimnis kundgetan. Nur durch Enthaltung erhalten wir erst den Preis des Lebens.« Seit ich das gelesen habe, fühle ich mich doch schon sehr stark. Der erste Was halten Sie vom Barock? Der zweite Was halten Sie? Der erste Kein Zweifel, daß es seine Renaissance erleben wird. Der zweite Apropos Renaissance. Wissen Sie schon, daß ich effektiv einmal ein Condottiere war? Manchmal kommt noch meine Cesare Borgia-Natur in ihrer ursprünglichen Wildheit zum Durchbruch, wissen Sie wegen dem Inzestmotiv, aber dann finde ich doch immer wieder eine Brücke des Herzens zwischen Diesseits und Jenseits. Der erste Kommen Sie noch hinauf zu Terramare? Ich weiß, wenn ich zur Zeit Buddhas gelebt hätte – Der zweite Buddho! Der erste Natürlich – Wissen Sie, was man werden muß? Ein Joghi! Ein Joghi hat ausgesorgt. Der zweite Ich mache gar keine Pläne. Ich weiß um die unbestimmten Dränge der Zeit und vertraue ihnen. In mir ballt es sich. Zähne zusammbeißen und dastehn. Bereit sein. Auf das Opfer kommt es an. Ich mache gar keine Pläne. Wenn es zu einer Rätediktatur kommt – wenn es mir bestimmt ist, mein Golgatha zu finden – also wenn es soweit kommt – Sonnenschein hat mir versprochen – das Ressort für die Sozialisierung der Luxusdrucke – Der erste Ich stehe am Ufer und alles fließt vorbei. Noch ein Schritt und ich habe die letzte Vollendung gefunden und gehe in den unberührten Frieden der Erde ein. Güte – das ist es. Wissen Sie, ich weiß schon manchmal nicht mehr, ob ich Ich bin oder Du bin. Der zweite Wir sind. Der erste Kein Zweifel. Aber es kommt auf das Einander an. Besonders wenn es sich um Rezensionen handelt. Der zweite (zieht sein Notizbuch, murmelt) Gütig sein ... Bruder ... Der erste Arbeiten Sie jetzt etwas oder schreiben Sie? Der zweite Ich schreibe etwas. Der erste Über wem? Der zweite Ich soll über Scheinstein schreiben. Er drängt. Er schreibt mir aus Leipzig, er würde sich sehr freuen, recht bald im Prager Tagblatt, der Wage, dem Sturm, der Ähre (Zürich) und im Hamburgischen Correspondenten meinen Scheinstein-Aufsatz zu sehen. Prag und Hamburg honorieren schreibt er, keines der Blätter legt auf Erstdrucke Wert. Er träumt von einer möglichst expansiven Tätigkeit meinerseits und klagt, daß sich so viele Kritiker drücken. Den die »Gelbe Zeit« betreffenden Abschnitt soll ich zuerst den Leipziger Neuesten Nachrichten und der Wiener Abendpost schicken, die gleichfalls zahlen. Also da frag ich Sie, was soll ich zuerst tun? Der erste Ich würde bei Zürich anfangen und dann allmählich Schritt für Schritt weiter nach Osten. Der zweite Momentan bin ich aber mit einem Versuch über den Dandysmus und seine letzten Ausstrahlungen in unsere Kultur beschäftigt, mit Einstellung auf Franz Blei. Außerdem habe ich alle Hände voll zu tun mit Andeutungen über Barbey d'Aurevilly, Leconte de Lisle, Villiers de L'Isle-Adam, Mallarmé, Baudelaire, Verlaine, Rimbaud, Laforgue, Peladan, Huysmans, Anatole France, Walt Whitman und Verhaeren und über den Weg, der von ihnen über Claudel, Francis Jammes, Romain Rolland, Barbusse, Bergson und Charles Peguy zu Stefan Zweig führt. Der erste Wie das alles klein wird, wenn man am Ufer steht und den Schlüssel hat! Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es noch etwas hinter der Kunst gibt. Ein Letztes. Der zweite Wem sagen Sie das? Der erste Etwas, das selbst mit den doch reichen Mitteln des Expressionismus nicht zu fassen ist. Wir sind so klein vor der Aeternität, daß wir uns vor ihr nur behaupten können, indem wir nichts ernst nehmen außer etwa uns. Ich bringe nicht die Indifferenz eines Max Brod auf. Unser Dasein ist so nichtig, daß uns schließlich nichts übrig bleibt, als es zu verdoppeln, um überhaupt existieren zu können, also dada zu sein. Seitdem ich das erkannt habe, lasse ich nur noch Hülsenbeck gelten und, mit gewissen Einschränkungen, Buddha. Nun erst hat mein Leben etwas Erfülltes. Ich bin im Mittag. Der zweite Ich habe Aussicht, bei der Mittagszeitung anzukommen. Sonntag kommt eine Notiz von mir über Zweig. Der erste Sonntag erscheint doch keine. Der zweite Ich meine natürlich, Samstag. Wenn ich jetzt noch in das Neue Reich eintreten könnte – Der erste Das können Sie nur, wenn Sie Bahr empfiehlt. Er hat Sie doch schon einmal als dampfenden Jüngling erwähnt. Sie sollten nicht versäumen, es auszuwerten. Werden Sie sich nicht an etwas Größeres heranmachen? Der zweite Ich lege die letzte Hand an meinen Roman: Die schwere Stunde der Barbara Niedergesäß. Ein Buch vom Aufstieg. Ich widme es Edschmid, dem stärksten Könner unter den Heutigen zum Dank für alles was er mir gegeben hat, und im Hinblick auf ein Feuilleton in der Frankfurter Zeitung. Das sind glatt zwei Auflagen. Außerdem habe ich den Titel zu einem Roman: Wallungen, Ballungen. Das Lebensbuch eines Angelangten. Der erste Sekkiert Sie Ihr Alter noch immer mit dem Beruf? Der zweite Nein. Ich habe ihm klar gemacht, daß ich dann den Ewigkeitsmenschen in mir begraben müßte. Das kommt mir genau so vor, hab ich ihm gesagt, wie wenn man Hölderlin zugeredet hätte. No und das hat er schließlich eingesehn. Der erste Zahlt die Mittagszeitung? Der zweite Danach frage ich nicht mehr. Das Rezensionsexemplar kann ich behalten. Übrigens weiß ich, daß das alles nur ein Übergang ist. Wenn es zu einer Rätediktatur kommt – Der erste Aber bis dahin? Man steht außer der Zeit, aber man lebt in ihr. Nun – was mich betrifft – ich will Ihnen etwas anvertrauen. Ein Geheimnis. Der zweite Es gibt keines außer Obtinere abstinendo. Der erste Es gibt Om. Der zweite Und das wäre? Der erste Ich arbeite. Der zweite Sie arbeiten?! Der erste Ja. Ich bin darauf eingestellt. Ich arbeite am Leben Buddhas! Der zweite Wiesoo –? Der erste (mit Betonung) Das Leben Buddhas ist der stärkste Film der Gegenwart, der bisher da war. Der zweite (sprachlos) Der erste Aber Ehrenwort! Der zweite (wie vor den Kopf geschlagen) Ehrenwort – aber schaun Sie, da könnte ich Ihnen noch massenhaft Ideen – (im Gespräch ab.) Ein Tarockspieler (zu vorbeieilenden Mänaden) Was rennts ihr weg? Schon wieder in die Tanzerei? Der Vater Was sagt man zu dem Nachwuchs? Tanzen gehn sie und wenn sie mied sind, rennen sie zu Freud. Der Tarockspieler No was wolln Sie haben, meine Tochter tritt Sonntag im Mittlern Konzerthaus auf. Ein Kiebitz So! Was tanzt sie so? Der Tarockspieler Weiß ich, Laotse und den Doppeladlermarsch. Der Cousin Zufällig tanzt sie jetzt das Relativitätsprinzip. Ein anderer Tarockspieler No ja lauter so exotische Tänze, jede Woche was anderes, wer kennt sich da aus. Der Tarockspieler Man wird doch da sehn. Stimme eines Bacchanten Der Muschik ist kosmisch eingestellt. Er hört einem zu. Dumpf, aber klug. (Am Tisch des Sohnes starker Applaus) Die Bewunderer Das Silbenmaß, es fügt sich ohne Zieren, läßt der Gedanken Strömung freien Lauf. Stimme des Vaters Wolfgang, acht Uhr – hör auf zu deklamieren, das führt ja doch zu nichts, hör endlich auf. (Erregung) Ein Bewunderer Hier sickert Herzblut. Dort bleibt ungebannt ein Wicht, ein Fürchtenicht, ein alter Fant, ein kindscher Greis, ein dumpfer Sauertopf, ein Molch, ein Pavian, ein Wiedehopf. Vor nie gehörten Rhythmen, Engelsworten sitzt arrogant ein stumpfer Krämer dorten. Vor neuen Geistes neugetönten Sätzen wird er philistrisch sich beim Skat ergetzen. Hier tönt ein Gott. Mit unbewegten Mienen denkt jener nur an Fressen und Verdienen. Der Schelm, der dort als Vater sich erdreistet – Der Vater Sie junger Mann, was haben denn Sie geleistet, daß Sie sich hier so öffentlich erfrechen, mit mir im alten Werfelton zu sprechen? Mich jückt es in den Fingern, euch zu zeigen, daß ich in diesem Versmaß talentiert bin, und gradso wie mein Sohn darin versiert bin den Sphären ihre Klänge nachzugeigen. Das scheint des Landes jetzt der Brauch, drum brächt ich wohl den alten Spruch zu Ehren, ein Handelsmann könnt einen Dichter lehren, und was mein Sohn trefft, treff ich auch! (Große Erregung, Oho-Rufe) Hab ich nun seinen, hat er meinen Ton, so zweifelt keiner mehr, er ist mein Sohn. Nur tuts mir lang schon in der Seele weh, daß ich ihn in der Gesellschaft seh. Und wenn er sich noch lästerlich beschwert, dann soll ihm jener, den er einst verehrt – In diesem Augenblick springt alles auf und schreit heftig gestikulierend gegen den Vater los, der schrittweise zurückweichend in seine alte Tonart findet. No no, ihr freßts mich noch, was soll das heißen, seids ihr nicht in die Vorträge gerannt? (Das Folgende wie einen Part aufsagend) Er is ja nicht mein Mann, ich kenn ihn doch, nicht ausstehn kann ich ihn, viel weniger kann ich ihn ausstehn wie ihr alle hier, ein eitler Mensch und ganz ohne Charakter. Er macht sich Feinde – hat das einen Zweck? Man kann im Leben jeden Menschen brauchen. Er is von allem nur das Gegenteil. Was will er haben? Er is doch e Jud! Ich wünsch ihm – jedenfalls in meinem Haus duld ich das rote Büchel nicht und er soll nicht genannt wern, wünsch ich ihm, zeitlebens. Er kann nicht aufbaun, alles niederreißen, das trifft er, alles greift er an, sogar die Neue Freie Preß ist ihm nicht heilig, froh war er, wenn er war hineingekommen, das wurmt ihn heute, darum rächt er sich, versündigt hat er sich an Benedikt, und eben darum soll er nicht genannt wern! Rufe »Das ist sein Vaterkomplex!« »Selbsthaß des Judentums!« »Alles was er kann, is uns nachjüdeln!« »Epigone!« »Alles haben wir ihm vorgejüdelt!« »Geballt soll er wern!« »Wir haben Material gegen ihn!« »Ich bin ein gotterfüllter Tempelsänger, er aber ist ein Fürzefänger!« »Ich halt bei Freud einen Vortrag gegen ihn!« »Ich schreib einen Roman gegen ihn! Ich hab schon die Idee für die Schleife!« »Ich schreib ein Stück gegen ihn, da wird er fertig sein, der Waschzettel is fertig!« »Demnächst erscheint eine Zeitschrift von mir gegen ihn!« »Ich habe eine Beilage beigelegt gegen ihn!« »Ich gewinne Cassierer gegen ihn!« »Ich krieg Reiß für ein Buch gegen ihn!« Der entfernte Verwandte (aufhorchend) Reis? Rufe »Ich sprech bei Reuß \& Pollak gegen ihn!« »Ich zerreiß ihn auf Bütten!« »Ich signiere 50 Exemplare eigenhändig gegen ihn!« »Ich gewinne Georg Müller gegen ihn!« »S. Fischer is gegen ihn!« »Kiepenheuer is gegen ihn!« »Rohwolt is gegen ihn!« »Kurt Wolff is auch gegen ihn!« »Alle haben eine Wut auf ihn!« »Ich hab einen Pik auf ihn und such nur noch dazu den Verleger!« »Ich bin ein glühender Verehrer gegen ihn!« »Alles was ich schreib, is gegen ihn!« »Ich bin ein Dreck gegen ihn!« Der Vater Das weiß ich nicht und kann ich nicht beurteiln, das eine weiß ich, er mit seiner Feder hätt's weiter bringen können. Er is fertig. Der Sohn Wohl ist es wahr, er kann nur niederreißen (von Zeit zu Zeit hör ich den Alten gern und wo er recht hat, stehn wir uns nicht fern), doch möcht ich ihn mit bessern Worten heißen das was er ist: den Geist, der stets verneint und allem, was da klingt und scheint, negierend wünscht, daß es zugrunde geht, den trocknen Schleicher, dunklen Ehrenmann, der weils ihm selber nicht geraten kann, so grillenhaft auf meinem Schein besteht. Der Onkel Er hat sich ausgeschrieben. Der Vater Neulich hör ich, er zieht sich bald zurück, er hat schon hübsch verdient. Und dann wird Ruhe vor ihm sein. Rufe »Verdient hat er auf der Börse! Ich weiß es aus dem Material gegen ihn!« »Wir schreiben alle zusammen alles zusammen gegen ihn!« »Wir haben beschlossen, wir kommen von allen Seiten und machen einen Angriff gegen ihn!« »Ich komme von rückwärts gegen ihn, da kenn ich mich aus!« »Ich bin durch ihn hindurchgegangen!« »Ich weiß schon, was ich tu. Ich reagier gegen ihn ab, ich sag alles über ihn, was ich von mir weiß, das ist die beste Waffe gegen ihn!« Die letzten Worte erregen einen unbeschreiblichen Tumult der Begeisterung. Alles jubelt dem Rufer zu. In diesem Augenblick betreten Schwarz-Drucker und Frei-Handl den Raum. Frei-Handl zieht sich sogleich mit den Älteren zurück, Schwarz-Drucker tritt mitten unter die Jugend. Schwarz-Drucker Nur keine Aufregung meine Herrn! Eben aus diesem Grunde bin ich in Ihrem Kreise erschienen. Ich biete Ihnen Erleichterung und die todsichere Aussicht auf eine Karriere, wie sie noch nicht da war. Wer sich seine Sporen verdienen will und bereit ist, mit offenem Visier diesem Stein des Anstoßes die Maske vom Gesicht zu reißen, dessen Tat wird einen Markstein in der Geschichte der heimischen Journalistik bilden. Ich komme im Auftrag keines Geringeren als meines Chefs, der sich entschlossen hat, diese Pestbeule am gesunden Körper unseres geistigen Lebens nicht mehr totzuschweigen (Hört! Hört!) , sondern ihrer Bekämpfung die Spalten des Blattes zu öffnen, wofür er jedem, der den Mut hat, die Dinge beim wahren Namen zu nennen, die Verantwortung voll und ganz überläßt (Murren) . Ich erinnere Sie, meine Herrn, daran, daß keiner der Kämpen, die sich je in anderen Blättern für die gute Sache aufgeopfert haben, es noch zu bereuen gehabt hat, sondern daß sie vielmehr alle heute in gesicherten und last not least geachteten Stellungen sind. Er ist freilich auch noch nicht um allen Kredit gebracht, und eben diesen Übelstand wollen wir nicht länger anstehn lassen. Sie meine Herren sind Talente (Bravo!) und mein Chef hat ein Auge auf Talente, getreu den Traditionen seines in Gott ruhenden Vaters, ein vorbildlicher Sohn, der im Gegensatz zu Ihnen meine Herrn nie an einem Vaterkomplex gelitten hat (Murren) , aber auch nie allfällige Meinungsverschiedenheiten zum Gegenstand einer magischen Trilogie gemacht hätte (Oho!-Rufe) . Sie meine Herrn, die Sie selbst bei der Behandlung eines so unerquicklichen Problems so viel Talent zeigen, wissen am besten, daß die Zeit viel zu schwer ist, um sich im Angesicht des Feindes, des wahren Feindes, mit Psychologie und lauter solchen Sachen abzugeben. Auch hege ich die zuversichtliche Hoffnung, daß alle Ihre Bestrebungen, die Sie scheinbar von dem Ziel, einen leicht verständlichen Ausdruck für Ihre Gedanken zu finden, weitab führen, schließlich doch in die Tagespresse, diesen Hort alles wahren geistigen Lebens unserer Zeit, münden werden. (So ist es!) Da Sie aber unmöglich verlangen können, daß sich der Ton des Blattes der expressionistischen Schreibweise anpaßt, so wird sich diese dem Ton des Blattes anpassen müssen, was ihr umso weniger schwer fallen kann, als ja die wichtigste Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenwirken, eine gewisse Lockerung der grammatikalischen Fesseln, ohnedies bei Ihnen vorhanden ist. (So ist es!) Seien Sie dagegen versichert, meine Herrn, daß die Presse für jede Richtung, wenn sie nicht durch Übertriebenheiten, durch Übermut das Publikum vor den Kopf stößt, Verständnis und Raum hat. (Hört! Hört!) Wir selbst wissen ja so gut wie Sie, daß der eigentliche Zweck aller schriftstellerischen Wirksamkeit darin besteht, bemerkt zu werden und vorwärts zu kommen (So ist es!) und wir unsererseits sind viel zu weltgewandt, um nicht auch zu wissen, daß nur der Mangel an einem sichtbaren Erfolg Ihrer Bestrebungen Sie bisher zu Extravaganzen und zu einem trotzigen Verharren bei denselben verleitet hat. In dem Augenblicke jedoch, wo Ihnen die Presse Entgegenkommen beweist und an der Hand eines populären Themas, das beiden Teilen, der Journalistik sowohl wie der Literatur, in gleicher Weise am Herzen liegt, Beschäftigung bietet, wird sich manches ändern, und so kann nicht zuletzt die Presse hoffen, daß sie durch die Anziehung, die sie auf Sie meine Herrn ausübt, auch ihr Scherflein zur Reinigung des literarischen Lebens beitragen wird. (Bravo!) Natürlich ganz abgesehen von dem so bedeutungsvollen Zweck unseres Zusammenwirkens, das ja, in Abänderung jenes unhaltbaren Systems, wonach er nicht genannt werden soll, die Ausrottung dieses Schädlings bis ins dritte Geschlecht intendiert. (Bravo!) An Ihren verlangenden, wie von einer frohen Verheißung überglänzten Mienen erkenne ich, daß ich den richtigen psychologischen Moment getroffen habe, um mich Ihnen zu nähern. Wer von Ihnen meine Herrn die Absicht haben sollte, sich lieber oder nebstbei anderen geschäftlichen Interessen zuzuwenden, dem wird mein Freund Frei-Handl, der unsere Weltanschauung auf einem andern Gebiete vertritt, die entsprechende Anregung zukommen lassen. (Eine Gruppe löst sich los und begibt sich zu Frei-Handl.) Ich sehe, daß die meisten von Ihnen auf mich gewartet haben. Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht und Sie, die in ihrer erdrückenden Majorität geistige Ideale verfolgen, sollen sich in der Presse nicht getäuscht haben. (Man wird doch da sehn!) Was die Presse ist, welche kulturelle Mission sie bis heute durchgeführt hat und allen Verleumdungen zum Trotz auch weiterhin durchführen wird, brauche ich Ihnen meine Herrn nicht auseinanderzusetzen. Und doch. Wer wüßte heute nicht, daß ein einziger Tag unserer Wirksamkeit das Geistesleben entscheidender beeinflußt hat als sämtliche Werke Goethes? (So ist es! Bravo!) Ist es doch, um nur ein Faktum herauszugreifen, heute nicht mehr zu bezweifeln, daß der Sprachschatz der Bevölkerung von der Korrespondenz Wilhelm weit mehr bereichert wurde als etwa vom Faust, von dem vielleicht auf Ihre literarische Berufstätigkeit, meine Herrn, manche Anregungen ausgegangen sein mögen (So ist es!) , der aber im Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit gewiß nicht so verankert ist (Ein Ruf: Gott sei Dank!) , gewiß nicht jene Befruchtung bewirkt hat, deren sich die Sprache des Feuilletons, die Sprache des Leitartikels und last not least die Sprache der Lokalberichterstattung bis hinunter zu der schweren und verantwortungsvollen Aufgabe der Nachtlokalberichterstattung heute rühmen kann. (Bravo! Bravo!) Der Beruf des Journalisten ist wie Sie alle wissen werden, ein dornenvoller Beruf, dessen Wirkung aber in ihren Auswirkungen weit bedeutungsvoller ist als es das Publikum, welches das fertige Blatt in die Hand bekommt, auch nur ahnt. (So ist es!) Aber von allem abgesehen, können wir doch wie gesagt schon dadurch, daß wir Kräfte wie Sie meine Herrn der Literatur entziehen, uns rühmen, eine kulturelle Leistung zu vollbringen, die selbst jener zugeben wird. (Hoffentlich!) Wir Leute von der Presse sind nicht gewohnt, viel Aufhebens von unsern Verdiensten zu machen, denn diese Verdienste sprechen für sich selbst und eine viel bessere Sprache, als wir selbst es vermöchten. Was soll ich Ihnen sagen, mit ehernen Lettern steht in der Geschichte der Menschheit und namentlich in der der letzten Jahre eingeschrieben, daß diese Geschichte unser Werk ist, indem uns speziell an den Verlusten der Menschheit der Löwenanteil gebührt. (So ist es! Bravo!) Darum, meine Herrn, vertrauen Sie sich der Presse an! Wollen Sie Ruhm? Die Presse bringt ihn. Wollen Sie Karriere? Die Presse bringt sie. Wollen Sie Geld? Die Presse bringt es. (Bravo! Bravo!) Geben Sie Ihre Manuskripte her, die Presse bringt sie (Alle reichen Manuskripte) – nein, nicht Ihre Gedichte, davon wollen wir uns ein anderesmal unterhalten, sondern jene, die das Thema behandeln (Alle reichen andere Manuskripte) , sie werden gebracht werden. Denn es gibt nichts was die Presse nicht bringt. Die Presse bringt wenn's sein muß auch Ihre Gedichte. (Man wird doch da sehn!) Die Presse bringt alles. Die Presse bringt. Im Anfang war die Presse und dann erschien die Welt. Im eigenen Interesse hat sie sich uns gesellt. Nach unserer Vorbereitung sieht Gott, daß es gelingt, und so die Welt zur Zeitung er bringt. Die Welt war es zufrieden, die auf die Presse kam, weil schließlich doch hienieden Notiz man von ihr nahm. Auch was sich nicht ereignet, zu unserer Kenntnis dringt; wenns nur fürs Blatt geeignet – man bringt. Wenn auch das Blatt die Läus hat, die Leser gehn nicht aus; denn was man schwarz auf weiß hat, trägt man getrost nachhaus. Was wir der Welt auch rauben, sie bringt uns unbedingt dafür doch ihren Glauben; sie bringt. Sie lesen, was erschienen, sie denken, was man meint. Noch mehr läßt sich verdienen, wenn etwas nicht erscheint. Wir schweigen oder schreiben, ob jener auch zerspringt, wenn uns nur unser Treiben was bringt. Die Welt, soweit sie lebend, singt unsere Melodie. Wir bleiben tonangebend von aller Gottesfrüh. Nach unsern notigen Noten die Menschheit tanzt und hinkt, weil Dank sie für die Toten uns bringt! Die Zeit lernt von uns Mores, der Geist ist uns zur Hand, denn als Kulturfaktores sind wir der Welt bekannt. Kommt her, Gelehrte, Denker, komm, was das sagt und singt, daß hoch hinauf der Henker euch bringt! Wir bringen, dringen, schlingen uns in das Leben ein. Wo wir den Wert bezwingen, erschaffen wir den Schein. Schwarz ist's wie in der Hölle, die auch von Schwefel stinkt, wohin an Teufels Stelle man bringt! Begeisterte Hochrufe. Alles schart sich um Schwarz-Drucker. Es bilden sich Gruppen. Der Sohn (zu Schwarz-Drucker) Mit euch, Herr Doktor, zu spazieren, ist ehrenvoll und bringt Gewinn. Schwarz-Drucker Wir haben schon so viel für Sie getan, daß uns zu tun fast nichts mehr übrig bleibt. Die Stimme Frei-Handls Hat er Waggooons? Der Sohn Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Da streb ich lieber doch nach oben. Auch wirds beiweitem müheloser sein, hier schiebst du selbst, und dort wirst du geschoben. Ein Bacchant Jetzt, wo wir die Presse hinter uns haben, werden wir auch mit dem Vaterproblem fertig werden. Erstens wird es ihnen imponieren, daß wir in die Presse schreiben, und dann werden sie sich vor uns fürchten und selber einen Komplex bekommen. Stimme des Vaters Paßts auf, sie alle machen Karriere, der schreibt ein Stück und jener die Kritik, ein anderer macht mit Waggons sein Glück – mein Sohn, stinkfaul, begnügt sich mit der Ehre! Hat jeder sein Talent schon angebracht, mein Wolfgang bleibt bei seinen Stanzen. Er geht sich auf den Blocksberg tanzen und schreibt noch einmal die Walpurgisnacht! Wo hat ers her? Es liegt doch nicht im Blut, er ist und bleibt nun mal ein Tunichtgut. Ich fürcht', er wird ein böses Ende haben und dann noch in der Fürstengruft begraben! Der Sohn Ich bin des trocknen Tons nun satt, er scher' sich aus dem Tempel in den Tempel! Ich statuiere einmal ein Exempel, dann weiß es auch die ganze Stadt. Er wirft nach dem Vater eine Kaffeetasse. Die Tasse ist entzwei! An der ist nichts zu halten. Kein Wort mehr red ich mit dem Alten. Ein Spiegelmensch (der plötzlich, ihn deckend, vor dem Vater steht) Auf solchen Faustkampf war ich präpariert. Sie liegt gebrochen in zwei Teile. Nur weiter, wir verziehn noch eine Weile, der Sohn ist auch im zweiten Teil versiert. Beim Element, weit besser sonst den Ton als diesesmal traf der geschickte Sohn. Ich habe, mit Verlaub, erst deinem Alten ein wenig meinen Spiegel vorgehalten. Ich wußte, diesem Spiegel tust du nichts, mit Rücksicht deines eigenen Gesichts. Der mit sich stets sich auseinandersetzt, dem glückt nur dieses selbst zuguterletzt, und solchem fehlt, im Guten und im Schlechten, selbst noch der echte Mut zum Spiegelfechten. Nichts hat in Tat und Wort er je vollbracht, was ihm ein anderer nicht vorgemacht. Was hör ich da, »der Spruch wird umgepflanzt«, wenn solche Geister ihren Faust benützen: »Das Erbe, dem du nicht entgehen kannst, ermord es, um es zu besitzen«? Wie, Mord am Vater? Nicht doch, kein Gedanke, da wehrt dir doch die so beschriene Schranke. Gedankenmord am Vater? Vatermord bloß am Gedanken und ererbtem Wort! Bekanntest du dich einmal zu der Quelle, gleich ward erschlagen die lebendge Stelle. Sonst hast du bloß mit deinem zahmen Witz herangemacht dich an den Geistbesitz, um, was von innen dir verwehrt zu erben, durch offenen Gehörgang zu erwerben, denn du vermagst wie keiner sonst von allen, Bedeutendes bedeutend nachzuschauen. Du triffst es fast so gut, das glaube mir, wie ich für mein satirisches Pläsier. Mit Worten wie Pläsier, vertrackt, Register wird zum Mephisto noch ein Staatsphilister, man karessiert im Zauberkreis herum, zum Zeitvertreib gibts ein Brimborium, und dies Rezept, wonach man immerzu aus Dreck und Feuer leicht macht ein Ragout, das außerdem, nebst andern Quintessenzen, ein Elixier mag schmackhafter ergänzen, um in dem Wust mit höllischen Latwergen den alten Sauerteig nicht zu verbergen: leiht heute jedem geistigen Kalfakter den Schein von höchst solidem Sprachcharakter. Man merkt nicht, wie er wort- und wetterwendsch, und das Entzücken wird bald epidemisch, da wird der heilige Bahr direkt blasphemisch: vor Goethes Faust steht ihm ein Spiegelmensch! Nun vollends, wenns hinaufgeht in die Sphäre – vor der Musik macht dein Gehör dir Ehre. Am leichtesten wird dem das Lied gelingen, der unlängst hörte jene Engel singen; dem guten Ohr gerät in diesem Alter der Teufelston sowohl als auch der Psalter und leicht wird an der Inbrunst solcher Engel der Ladenschwengel gar zum Überschwengel. Je weniger Wolle, desto mehr Geschrei; vor allen andern Dingen brauchts das Fühlen und bald spült sich herbei das Wühlen – ich brings noch einem alten Juden bei. Der sitzt dann trumpfend da vor seinem Sohne und dünkt sich stolz ein Werfelepigone. Doch zwitschern nach Gesungenem auch die Jungen, der große Wurf ist keinem noch gelungen. Es werfelt sich wie bei dem Wurf der Tasse: hast beide Teile dann in deiner Hand, fehlt leider! nur das geistige Band, und dies ersetzt, mein Sohn, nicht die Grimasse. Im ersten gehts beiweitem fließender, Unendliches ins All ergießender. Doch was vom Anfang spielend sich erfühle, versinkt alsbald im dunkleren Gewühle. Wer an dem Prächtigen sich was gekleistert, wird von dem Mächtigen bald übermeistert. Wer an dem Gleitenden glatt sichs gerichtet, wird vom Bedeutenden tödlich vernichtet! Der Könner, den der fremde Glanz gesonnt, hat an dem Feuer nicht vorbei gekonnt. Da wird es schwerer schwer, und wie geballt, verzeih das Wort, ist hier die Wortgestalt. Doch grau ist alle Theorie – ich wette: ein Magus trifft selbst da die Operette. Dem Eingeweihten macht es keine Sorgen, sich bei den Müttern etwas auszuborgen. Und wer ins weitere Gewand geschlieft, hat sich schon ganz von selbst darin vertieft. Wie das Talent ich immerhin bestaune, so blieb mir doch die übermütge Laune, das Nachgebild aus besseren Gefilden, sie zu entsühnen, besser nachzubilden, das Handgeschöpfte kunstvoll abzuschreiben und mit der wohlbekannten Teufelsfaust dem Heiligtum, das leider so verlaust, den ramponierten Teufel auszutreiben; der sich bei aller Pietätsdurchdringung am besten fängt in der Zitatverschlingung. Er kann bei Gott auch hohe Worte machen, doch kommt der Tag, wo ihn sein Kreis verhöhnt, sein Pathos bringt sie dann gewiß zum Lachen, sobald sie merken, daß es vorgetönt; sie finden nichts Aparts und nicht die Spur von einem Geist, und alles ist Dressur; und daß an allem, was es faustisch trieb, ein gutes Ohr weltfreundlich hängen blieb, um von Damaskus bis zu jenen Müttern sich mit Bedeutung einmal vollzufüttern, von Klängen und Symbolen aus Peer Gynt, vom reichen Erbe jenes andern Strind- berg, so verbrüdert durch das Wort: Wir sind. Doch nehmen wir den Fall, obschon er magisch, in dieser Schwindelwelt nicht allzu tragisch; demnächst entfleucht ein routinierter Triller hin zum Elysium des seligen Schiller. Vom Morgenrot so bis zur Abendröte, doch nicht errötend auf verbotnen Spuren, im Anspruch der entrückteren Naturen folgt knäbisch einer nach dem alten Werfel. Mit solchen Locken, ellenhohen Socken, so eingeweiht im Klang geweihter Glocken, bleibst du doch immer, was du bist! (Tumult) Die Bewunderer Was will denn dieser Proktophantasmist? Beweist er nicht mit seinen eignen Worten, daß eben die von eben jenem dorten? Soll ers versuchen, einen Faust zu machen! Da hat der Kerl sich einmal angeschmiert, indem er ihn nicht, sondern sich blamiert; der Dichter kann sich nun ins Fäustchen lachen. Pack' der Pedant sich fort zum alten Eisen, das Neue wird sich am Erfolg beweisen! Der Sohn Ganz recht, bald steh ich in dem Schauspielhaus. Mein Stück wird aufgeführt. Was folgt? Die Bewunderer Applaus. Der Sohn Es klatscht die Claque, es rast die Galerie und hoffentlich werd ich dann in der Früh – Die Bewunderer Du wirst die allerbeste Presse haben. Und kannst dann jedem Neider Rübchen schaben. Der Sohn Die Lust, noch diese Stimmen zu erlauschen, möcht' ich um keinen Königsmantel tauschen. Doch wird des Pudels Kern am Ende naß und aller Wust verläuft im Kehrichtfaß. Da ists denn wahrlich oft ein Jammer, es kommt, nachdem sie applaudiert, ein Zaubermantel in die Rumpelkammer, und bestenfalls – Die Bewunderer – hat man sich amüsiert. Ob du am Kreuz stirbst, ob im Rampenflaus – Der Spiegelmensch (ins Publikum) Verzeihung (nur was für die Zwischenpausen): es war ein falscher Singular von Flausen – Der Sohn – so wird am Ende – Die Bewunderer – ein Erfolg daraus. Welch Schauspiel! Der Spiegelmensch Aber ach! ein Schaupiel nur! Die Bewunderer Von der Unendlichkeit – Der Spiegelmensch – auch nicht die Spur. Die Bewunderer Schweig, dreister Wicht, was gehts dich an? Der Spiegelmensch Hab' ich doch meine Freude dran! Und niemand merkt den Wolfgang-Doppelgänger. Die Bewunderer Will denn der Kerl noch nicht zum Teufel gehn? Der Sohn Laßt ihn doch gehn, er ist ein Fürzefänger! Der Spiegelmensch Jawohl, ich habs auf deine Verse abgesehn! Dein Buch, mein Sohn, hat sieben Siegel. Jedoch akustisch ist mein Spiegel! Die Schwester stürzt herein und auf den Sohn mit einem Brief zu. Alles in höchster Spannung. Schwarz-Drucker Die Presse habn Sie. Wenn's nur noch gelingt, daß jener uns zulieb vor Wut zerspringt! Sind Sie denn aber auch schon angenommen? Der Sohn Wir sind. Grad hab' ich diesen Brief bekommen. Die Schwester (noch atemlos) Und nicht allein das! Erich Wolfgang Korngold komponiert es! Er hat gesagt, das trifft sich großartig, er war sowieso auf der Suche nach einem magischen Libretto. Ein neuer Mozart und ein neuer Werfel heißt es schon überall. Zwei Wolfgangs! Der Spiegelmensch (mit furchtbarem Schrei versinkend) Krrriehh! Magische Musik Alle (erregt durcheinander) Was soll denn das sein? Wer kann es uns deuten? Wie kam der herein zu unseren Leuten? Schwarz-Drucker Er ist zersprungen! Die Bewunderer Wie es magisch sich webt! Schwarz-Drucker Es ist uns gelungen. Die Bewunderer Er hat sich zerlebt! Die Musik bricht jäh ab. Schwarz-Drucker Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit, dabei zu sein. Wir fassen es als ein Zeichen froher Vorbedeutung auf, daß der erste Anlaß, ihn nicht mehr totzuschweigen, ein so aktueller ist und daß wir in der Lage sind, als ersten Artikel gegen ihn seinen Nekrolog zu bringen. Jetzt wird aber schon gar keine Rücksicht genommen! Wie ich unsern Chef kenne, wird er, getreu den Traditionen seines in Gott ruhenden Vaters, alles was dieser selbst und er selbst solange bei sich selbst behalten hat, nun mit umso größerer Vehemenz zum Ausdruck bringen. Genannt soll er wem! Wenn bisher noch ein Zweifel gewesen wäre – wir bringen! (Hochrufe.) Meine Herrn! Jetzt ist das letzte Hindernis für Ihre Karriere beseitigt, der Stein des Anstoßes hinweggeräumt. Jetzt ist es an Ihnen, ihn noch hinwegzuräumen und dafür einen Markstein zu setzen. Nur über diese Leiche geht Ihr Weg! Stimme vom Schachtisch Vermutlich hat er das alles nicht mehr mit ansehen können. Recht hat er gehabt. – Jobses – Wwwo! Zweite Stimme vom Schachtisch Wo er recht hat, hat er recht. – Kopses – Ssso! Alle (singen) Uns ist ganz kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säuen! Der Sohn (überwältigt) In ewigem Angedenken! Ich habe in seinem mystischen Erlebnis die namenlose Persönlichkeit des Wortes erfahren. Er hat meine Gedichte gedruckt. Was ich sagen könnte, ist ohnmächtig gegen das Ereignis, mit dem unerklärlich dieser Mann in mein Leben trat. Denn hinter allem Essayistischen, das ich über ihn schreiben könnte, stünde gebieterisch und unverrückbar die Stunde, die meinen Planeten an den seinen bindet. Später habe ich ihn einen Fürzefänger genannt. Oh Mensch! Die Bewunderer Wie er Gerichtstag über sich hält! Gott über die Welt! Erste Mänade (zur zweiten) Nachbarin, euer Fläschchen! Der Vater Komm zu dir, Wolfgang! Es kann ja noch alles gut wern. Schau, ich verzeih dir! (Sich zu den andern wendend) No ja, es is keine Kleinigkeit, ich erinner mich noch, wie die Demolierte Literatur erschienen is, war eines seiner ersten Kindheitseindrücke. Und heute –! Zwei Seelen wohnen nebbich in seiner Brust – Die Bewunderer Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen. Der Vater Komm zu dir, wo du so einen Erfolg hast! Wart – sammel dich – du kannst ihm ja die Grabrede halten! Komm zu mir, schau her, ich bin stolz auf dich und du wirst sehn, daß ich dir kein Hindernis mehr in den Weg lege. Das Milieu hier gefällt mir und ich bin schon selbst ganz in den höheren Regionen. Du – hörst du? Der Sohn Ich will sterben. Es möchte kein Hund so länger leben! Drum hab ich mich der Magie ergeben. Der Vater Gut, sterben! Aber wozu? Du bist geweiht, so wirst du erleben! Die Bewunderer Er war ein schellenlauter Tor. Geläutert geht er sich hervor. Der Vater Du bist geläutert hör ich, braucht man mehr, kein größeres Glück könnt mir zu Ohren kommen, du bist im Burgtheater angenommen, daß jener starb, ist kein solches Malheur. Die Schwester Treib doch nicht so; machst deine Sachen schlecht. Ich sag dirs im Vertrauen nur: Du bist doch nun mal von der Literatur; so sei's auch eben recht. Der Bewunderer Um endlich die letzte Vollendung zu finden im süßen Erlöschen und Ausdirverschwinden! Der Vater Du hast Erfolg, vergiß das Leid, der kleine Korngold – Kleinigkeit! Der Sohn Den Durst nach Wert in mir, ich muß ihn stillen! Der Vater So helfts ihm doch um Gotteswillen! Weihrauch und Fackeln werden gebracht, letztere aber zurückgewiesen. Ein Waschzettel (erscheint und meldet) Diese magische Trilogie ist ein Theaterstück, gesäugt an den Brüsten Calderonscher Mystik, Molièrescher Komik, Aristophanischer Drastik und Werfelscher Tiefe. Die Bewunderer Die Mütter sind es! – 's klingt so wunderlich! Der Waschzettel (fortfahrend) Es geht über alles Dagewesene hinaus; es ist nicht das Werk eines Neutöners – Die Bewunderer Oho! Der Waschzettel – es wirkt vielmehr wie ein kühn-verwegener Schlußstein, aufgesetzt auf den breiten und hohen Dramenbau aller Vergangenheit. Der Vater No was willst du noch mehr? Die Tiefe hast du von Werfel. Ein gemachter Mann. Der Waschzettel (fortfahrend) Durch das tiefernste Menschenproblem aber und den philosophisch-religiösen Grundgedanken tritt es als Rivale höchster Dichtung auf, den Vergleich nicht scheuend. Die Bewunderer Warum denn auch? Nur ungescheut, wer würde sich genieren, uns kann doch nichts passieren, Verleger kommt nicht von Verlegenheit. Der entfernte Verwandte Sie, wer sind Sie eigentlich, Sie Asisponem? Der Waschzettel Alles. Ein Dichter. Mehr als jeder Dichter. Ein Bekenner. Ein Aufbauer. Ein Vollender. In der ruhigen Leidenschaftlichkeit und kunstvollen Unmittelbarkeit der Darstellung selbsterlebter Phänomene und Erlebnismöglichkeiten, in der Simplizität einer durch Formeln nicht zu umgrenzenden Kompliziertheit, in der Verästelung der Empfindungen und in der Bemeisterung echt malerischer Werte zu literarischen, in der lyristischen Verdichtung zu Postulaten von unerhörter Intensität, in der wesentlichen Äußerung des Zeitgefühls auf höherer Ebene, in der lebendigsten Durchblutung der Gegenwartsprobleme zu neuer Daseinsgestaltung, in der Polarisation des funkelnd Geistigen, die dem geformten Weltbild erst die letzte Rundung gibt, in der mythischen Darstellung einer Synthese von dionysischem Individualismus und allumspannendem Weltgefühl, in der Verkündung neuer Gefühlskomplexe, in der visionären Einfühlung und im intuitiven Erfassen erhöhter Realität wie überhaupt in der zugleich individuellen und kosmischen Gedankengestaltung und Erlebnismitteilung sowie in der gefühlsmäßigen Formung des Gegebenen und Auswertung zu Ewigkeitswerten auf holzfreiem Dünndruckpapier bin ich jedem Dichter über. Alles ist paff. Schwarz-Drucker macht sich Notizen. Der Waschzettel nimmt unter den Bewunderern Platz. Der Sohn setzt sich zu ihm. Stimme des Spiegelmenschen Ja, da sieht man's, diese dicken Raunzer, die im Zwielicht weinen, sind nun aufgetaut und zwicken einem Solchen in die Beine. Alles ist entsetzt, faßt sich aber wieder. Schwarz-Drucker Nur Übersatz! Er ist für uns doch Luft. Er war nicht. Der Sohn War nicht?? Fort! (zögert) Er ist ein Schuft! Bacchanten und Mänaden Seine Stirne flimmert im Überschwang! Er ist schön. Er ist jung. Stimme aus der Garderobe Und schlank! Der Sohn blickt in innerster Verzückung zum Himmel. Die Bewunderer knieen. Der Waschzettel entschwebt. Der Cousin (will ihm nach) Bitte aber das mit dem Schlußstein sei nicht ihm gesagt, sondern mir gesagt! Ich bin der Grundstein und der Dachstein! Schwarz-Drucker (hält ihn zurück) Ein Markstein! Der Onkel Du? Wo ich gehofft hab, daß dir der Antrag, den dir Frei-Handl gemacht hat, zusagen wird? Schau dir sie alle dort an, wie sie um ihn herumstehn. Lauter Expressionisten! Schau dir sie an, wie sie dort kalkulieren. Und nur solide Geschäfte. Greif nur herein ins volle Menschenleben! Der Cousin Grün ist des Lebens goldner Baum. Der Onkel Hör schon auf mit dem Expressionismus! Der erste Bacchant (im Hintergrund, das Notizbuch zuklappend) Nicht zu machen! Der Vater (erregt) Unter gar keinen Umständen würde ich zugeben, daß er sich in ein Geschäft einläßt. Der Onkel Warum, wenn er Talent hat? Trag vor die Offerte. Leinwand. Die Tochter Gott wie geballt! Der Vater Erlaub du mir – in unserer Familie – und noch dazu wahrscheinlich ein Luftgeschäft! Die Mänaden Gott wie kosmisch! Der Onkel Luftgeschäft? Keine Spur! Dazu hätt er zu wenig Phantasie! Der Cousin No und was möchte ich mit meinem Ödipuskomplex anfangen? Der Onkel Wird er dir auch einen Antrag machen. Da finden sich Abnehmer. Warum nicht, ein erstklassiger Komplex? Heutzutag? So viel Traumas möcht ich haben wie – Der Vater Nie möcht ich wollen, daß ein junger Mensch, wenn er was taugt, sich einläßt mit Geschäften. Verstiegenheiten, ausgefallene Sachen! Wird im Geschäft er heut sich was verdienen? Verdienen kann er heut nur mit der Kunst, denn nur die Kunst ist heute ein Geschäft! Der Onkel Du, ich bin paff über dich! Der Vater Was heißt das, jetzt wo er geläutert is bin ich auch geläutert! In meiner Brust wohnen auch zwei Seelen, laß mich in Ruh. Heute, an seinem Wiedergeburtstag wer' ich meinem Sohn nicht die Freud verderben. Der Onkel No kann man denn schon gratulieren? Der Vater Selbstredend, schau her, sie knien doch schon alle um ihn herum! Ich sag dir, jetzt weiß ich erst, warum ich damals den Schigan gehabt hab, ihn Johann Wolfgang zu nennen. Es stellt sich heraus, es war eine Kapitalsanlage! Schon gar zusammen mit Erich Wolfgang, wo ich doch höchstens geglaubt hab, er wird mit Verdi verdienen. Der Onkel No und Johann Paul war vielleicht keine Idee? Der Vater (von oben herab) Das wird sich erst zeigen müssen. Vielleicht wird er auch geläutert. Jedenfalls kann ich dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, daß mein Sohn sein Rigorosum nicht gemacht hat. Wo wär er heute! Der Sohn Wie das? Du willst mit dem vertrackten Jus mich nicht mehr herrisch aus den Träumen jagen? Wie? Du erlaubst, daß ich dem Genius erlaube, mich in meine Welt zu tragen? Und fortan zu beseligterm Genuß darf ich mich in das Grenzenlose wagen? Wie immer sich das Leben auch verteure, zum Elixier wird mir die Vatersäure! Der Vater No also, siehst du, du bist doch mein Sohn! Und was mir auffällt, ist dein neuer Ton. Der Sohn Ja apropos, ich wollte nur noch sagen: Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn. Der Vater Jetzt glaub ichs selbst. Man wird ja doch da sehn. Der zweite Bacchant (nimmt den Sohn beiseite) Hören Sie, Sie haben doch jetzt schon einen Namen – Ich könnte Ihnen den Stoff für den stärksten Film der Gegenwart geben, der bisher da war – Ich will nur eine Beteiligung – Ich bin durch einen puren Zufall dazugekommen, aber verraten Sie mich nicht – Es würde Ihnen besser liegen wie manchem andern, ich will keinen Namen nennen – Es ist nämlich, da wern Sie spitzen, das Leben Buddhas! Schwarz-Drucker Meine Herrn! Da alles den besten Fortschritt nimmt, da die freudigen Ereignisse, deren Zeugen wir waren, die Wiedergeburt und ein Todesfall, die Lebensgeister allseits in die Höhe gebracht haben und das Problem Väter und Söhne zugunsten der letzteren gelöst ist, so möchte ich vorschlagen, daß die Jugend, die sich ja längst schon das Tanzrecht erobert hat, von dieser Eroberung auch den entsprechenden Gebrauch mache. (Die Paare ordnen sich zum Laotse-Marsch.) In Anbetracht dessen, daß die verschiedensten Stile bereits vermählt und alle Richtungen, die ich hier vertreten sehe, schon verschmolzen sind, so daß auf diesem Gebiete eigentlich gar keine Überraschung mehr möglich ist – Franz Blei in der Tracht eines Abbés und mit der Kappe eines Rotgardisten tritt in größter Eile auf und ruft Es lebe der Kommunismus und die katholische Kirche! Allgemeines Hoch! Bacchanten und Mänaden umringen den Rufer. Faune heben ihn auf den Schultern empor. Der Onkel Die Kirche hat einen guten Magen. Der entfernte Verwandte Und so was muß man hier erleben! Ich möcht ihm das Kappl herunterschlagen. Der Vater Es muß auch solche Käuze geben. Die Bacchanten Wir wissen, es kann uns nix gschehn. Man wird doch, man wird doch da sehn. Dann tritt Ruhe ein. Leise magische Musik hebt an. Blei geht auf Chloe Goldenberg zu und löst ihr den goldenen Gürtel. Sie sagt: Ich bin so mied. Blei tritt zum Sohne und spricht: Der jüngste bist du der Wiedergeburt, Drum nimm hier des Amtes goldenen Gurt! Um endlich die letzte Vollendung zu finden im süßen Erlauschen und Ausdirverschwinden. (stark) Nimm denn! Der Sohn versucht den Goldgürtel anzulegen. Franz Blei und Brahmanuel Leiser neigen sich vor ihm. Die Musik schweigt. Der Großvater schlägt die Augen auf und sagt Oi. Alle (durcheinander) Was hat er gesagt? Franz Blei Die heilige weltumspannende Silbe. Indem die sechsundzwanzig Schmöcke ungerührt und mildgrinsend hockenbleiben Fällt der Vorhang.   Zum Erstenmal vorgetragen in Wien am 6. März 1921 Anhang: Notenbeilage