Pagenstreiche. Eine Posse in fünf Aufzügen von August von Kotzebue.     Leipzig, bey Paul Gotthelf Kummer. 1820.     Personen.         Baron Stuhlbein , ein reicher Edelmann in Pommern. Seine Töchter:     Annlieschen ,     Trudchen ,     Kätchen . Paul von Husch , ein Page, sein Neffe. Stiefel , dessen Reitknecht. Fräulein Deborah , des Barons Schwester. Husarenlieutenant von Berg . Dragonerlieutenant von Busch . Infanterielieutenant von Thal . Drey alte Landjunker:     Herr von Brennessel ,     Herr von Kreuzqueer,     Herr von Heldensinn , ein abgedankter Lieutenant. Hanns , Hausknecht beym Baron Stuhlbein. Christine , Kammermädchen der Fräuleins. Ein Kutscher und mehrere Straßenjungen . Der Schauplatz ist in einer Landstadt.     Erster Aufzug. Ein Zimmer in Baron Stuhlbeins Hause mit einer Mittelthüre und zwey Seitentüren, rechts das Schlafzimmer der Fräulein Deborah, links das Schlafzimmer des Barons. Neben der Mittelthüre auf der einen Seite steht ein ziemlich großer Gewehrschrank, dessen obere Hälfte Glasfenster hat. Neben dem Schrank, im Winkel, ein Perückenstock mit einer frisirten Perücke darauf. An der andern Seite der Mittelthüre eine große altväterische Uhr mit Gewichten in einem Uhrkasten, der bis zur Erde geht und zu verschließen ist. Im Vordergrunde linker Hand steht ein alter Pharotisch, mit einem Ausschnitt für den Banquier, dicht an der Wand. Erster Auftritt. Annlieschen , Trudchen und Kätchen stehen auf der Bühne, Berg , Busch und Thal liegen zu ihren Füßen. Der Page steht im Gewehrschranke und ist durch die Glasscheiben zu sehen, bückt sich aber jedesmal, wenn er erblickt zu werden fürchtet. Berg . Ich bitte – Annliesch . Nein – Busch . Ich flehe – Trudch . Nichts. Thal . Ich beschwöre – Kätch . Umsonst. Berg . Soll ich verzweifeln? Annliesch . Gott bewahre! Busch . Ich erschieße mich. Trudch . O weh! Thal . Ich nehme Gift. Kätch . Thut mir leid. Berg . Grausame! Sie sind kalt wie Novemberabend. Busch . Kieselherz! Ihre Brust ist verschlossen wie ein Olivenkern. Thal . Marmorseele! warum quälen Sie mich, als wär ich ein Reim in einem Sonnett? Annliesch . Aber wenn wir Sie auch liebten, was kann das helfen? Trudch . Sie haben ja schon bey Papa um uns geworben. Kätch . Und er hat es rund abgeschlagen. Thal . Man könnt' ihn erweichen. Kätch . Schwerlich. Busch . Wenn Sie nur Ihre Bitten vereinigen wollten – Trudch . Das dürfen wir nicht. Berg . Wenn Sie zu seinen Füßen – Annliesch . Ey warum nicht gar! Sollen wir knieend um Männer betteln? Berg . Er hatte nichts einzuwenden, als unsere Armuth. Annliesch . Bey ihm ist das viel. Busch . Er, der reichste Mann in der Provinz – Trudch . Er will es gern bleiben . Thal . Wie wär' es, wenn wir Sie entführten. Kätch . Ha! ha! In Pommern spielen wir keine Romane. Berg . (steht auf) Wohlan, Ihr Unerbittlichen! Wir verlassen Euch! Busch . (steht auch auf) Ja, das thun wir. Thal . (ebenso) Auf ewig, Annliesch . Nach Gefallen. Trudch . Wir müssen uns trösten. Berg . O freylich! An Troste fehlt es dem treulosen Geschlechte nie. Busch . So lange der Spiegel höflich bleibt – Thal . Wir wissen auch recht gut, wer hier tröstet. Berg . O ja, das wissen wir. Busch . Der verdammte Page! Thal . Dem der Satan auf vier Wochen Urlaub verschaffte. Berg . Der allen Mädchen in der Stadt die Köpfe verrückt – Busch . Dem Fräulein, wie der Zofe. Thal . Und sie alle zum Besten hält. Annliesch . (spöttisch) Alle doch wohl nicht. Er macht Ausnahmen. Trudch . (eben so) Galant ist er gegen alle, doch nur Eine liebt er. Kätch . (eben so) Trotz seines Flattersinns, hat doch Eine ihn gefesselt. Thal . Es ist nicht wahr; er betrügt sie alle. Berg . Aber er soll büßen! Busch . Arm und Beine – Thal . Recht, Herr Bruder! Mit graden Gliedern kommt er nicht aus der Stadt. Die drey Mädchen . Ha! ha! ha! Berg . Leben Sie wohl, mein Fräulein! Annliesch . Ihre Dienerin. Busch . Sie sehen mich zum Letztenmahle. Trudch . Ich muß mich drein finden. Thal . Ich komme nicht wieder. Kätch . So wünsch' ich wohl zu leben. (Alle drey entfernen sich zögernd. Nach einer Pause ) Berg . Sie rufen uns nicht zurück? Annliesch . Nein. Berg . (kommt wieder) Wir waren auf dem nächsten Balle zur ersten Angloise engagirt – ich tanze nicht mit Ihnen. Annliesch . Ein großes Unglück. Thal . (kommt wieder) Ich hatte Ihnen versprochen, der Fräulein Hirsenfeld ins Gesicht zu sagen, daß sie häßlich wäre – ich thu' es nicht. Kätch . Wie Sie wollen. Thal . Ich sage, daß sie schön ist, wie ein Engel, und Sie sollen dabey stehen. Kätch . Da werd' ich lachen. Busch . (kommt wieder) Ihnen zu Liebe habe ich sogar Verse gemacht – es geschieht nicht wieder. Trudch . Man muß sich mit Prosa behelfen. Berg . Der Page soll mir's entgelten, das schwöre ich Ihnen bey meinem Säbel! Busch . Die Nase, Herr Bruder, hau' ich ihm ab. Thal . Und ich die Ohren. Berg . Kommt, wir wollen ihn zurichten, daß er aussehen soll, wie eine Weihnachtspuppe, mit der die Kinder schon vier Wochen gespielt haben. Thal . Adieu, meine Damen! Busch . Zupfen Sie nur indessen Charpie für ihren Pagen. (Alle drey ab.)   Zweyter Auftritt. Die drey Mädchen lauschen noch ein wenig, und laufen dann alle drey zum Schranke, den sie öffnen und den Pagen herausführen. Annliesch . Haben wir es so recht gemacht, lieber Vetter? Page . Allerliebst! Ich möchte Sie alle drey dafür küssen – und ich weiß auch gar nicht, warum ich es aufschiebe? (Er will Eine nach der Andern umarmen. ) Annliesch . Zurück, Wildfang! Trudch . Hüten Sie sich! Kätch . Ich kratze Ihnen die Augen aus. Page . (bey Seite) . Das heißt: wir sind nicht allein! (laut) Aber, meine schönen Mühmchen, wie soll ich Ihnen meine Dankbarkeit ausdrücken? – Ein Lord schenkt zuweilen, ein Poet macht Verse, ein Page küßt. Annliesch . Denken Sie lieber auf Ihre Sicherheit! Trudch . Haben Sie die gräßlichen Drohungen wohl gehört? Page . O, mit den drey Herren will ich schon fertig werden! Kätch . Nas' und Ohren soll es kosten. Page . (leise zu ihr) Ein geringer Preis um Ihre Liebe. Kätch . (bey Seite ) Mich zieht er vor. Trudch . Blut soll fließen. Page . (leise zu ihr) Für Sie meinen letzten Tropfen. Trudch . (bey Seite) Sein Herz ist mein. Annliesch Arm' und Beine will man Ihnen entzwey schlagen. Page . (leise zu ihr) Auch der Krüppel würde Sie anbeten. Annliesch . (bey Seite) Wie sehr er mich liebt! Trudch . Aber, Vetter Sausewind, wir haben nun Ihr Begehren erfüllt, unsre drey Anbeter haben sich trollen müssen; was nun weiter? Page . Was weiter? Sie nehmen Jede einen Andern, das versteht sich. Annliesch . Ja, wenn sie auf den Bäumen wüchsen, wie die Borsdorferäpfel! Page . In allen Winkeln wächst das Unkraut. Ein schönes Mädchen darf nur den Kopf zum Fenster hinausstecken, husch, weht jeder Zephyr einen verliebten Seufzer ihr zu. Trudch . Vorüber wollen Sie sagen. Page . Auch das. Nicht alle Liebhaber sind treu, wie die Pagen. Kätch . Stehen die Pagen wirklich in diesem Rufe? Page . Natürlich! Wie kann es auch anders seyn? Das gute Beispiel von Jugend auf. Denn wo meint man es ehrlicher, als bey Hofe? Wo ist mehr Wahrheit , als bey Cour? mehr häusliche Glückseeligkeit , als auf Assembleen? Da giebt es weder Schmeicheleyen noch Schminke. Da gilt der Schein nichts, Verdienst alles. Zuweilen stellt man sich wohl, als könne man diesen oder jenen nicht leiden, aber im Herzen liebt man ihn wie einen Bruder. Kurz, meine schönen Mühmchen, der Hof ist die Schule der Wahrheit, und die gelehrigsten Schüler – sind die Pagen. Kätch . Die schöne Residenz! Trudch . Wir sitzen Jahr aus Jahr ein in unsrer Provinz. Annliesch . Alle Jahre schickt der Vater einen großen Transport Gänsebrüste dahin. Trudchen . Wir dürfen aber nie mitreisen. Kätch . Und selten verirrt sich ein vernünftiger Mensch in unsere Einöde. Annliesch . Seit den vier Wochen, daß der Vetter hier ist, haben wir schon Manches gelernt. Trudch . Ach! Morgen ist sein Urlaub um. Page . Er muß reisen – aber sein Herz bleibt zurück. Kätch . Ist das gewiß? Page . Welche von Ihnen zweifelt daran? Annliesch . Erklären Sie doch lieber in Gegenwart meiner Schwestern – Trudch . Annlieschen glaubt – Kätch . Trudchen meynt – Annliesch . Kätchen bildet sich ein – Page . O in der Liebe giebt es keinen Irrthum! – ( leise zu Annlieschen , indem er ihr verstohlen die Hand drückt) Nicht wahr, mein schönes Mühmchen? (laut) Ein einziger Blick verscheucht jeden Zweifel – (leise zu Trudchen) Nicht wahr, mein schönes Mühmchen? – (laut) Ein Seufzer wird zum Verräther – (leise zu Kätchen, indem er seufzt) Nicht wahr, mein schönes Mühmchen? Die drey Mädchen . ( zugleich bey Seite) Er meint mich. Annliesch . Mein Vater muß aber doch vor Ihrer Abreise erfahren – Page . Ey freilich! – Trudch . Sie selbst müssen ihm entdecken – Page . Ach! ich habe das Herz nicht. Annliesch . Soll Ihre Geliebte das Wort führen? Page . Das wünsche ich. Annliesch . Viel gefordert. Page . Wahre Liebe wird nicht zaudern – St! – Mich dünkt, ich höre Papa. – Blödigkeit, die erste Tugend eines Pagen, treibt mich fort. (zu Annlieschen leise) Ich kann nicht gegenwärtig seyn, wo vielleicht der Pinsel der Liebe mir schmeichelt. (zu Trudchen leise.) Möge die Beredtsamkeit der Liebe von Ihren schönen Lippen fließen! (leise zu Kätchen) Könnte mein zärtlicher Blick Ihnen Muth einflößen! – (laut) Ich gehe in mein Kämmerlein und harre des Ausspruchs über Leben und Tod. (Er liebäugelt mit allen Dreyen und entschlüpft.)   Dritter Auftritt. Annlieschen , Trudchen , Kätchen . Annliesch . Ich wünschte, liebe Schwestern, Ihr ginget ein wenig in unser Zimmer. Ich habe mit Papa allein zu reden. Trudch . Dieselbe Bitte wollte ich eben an Dich thun; denn auch ich muß allein mit Papa sprechen. Kätch . Seltsam! Das ist gerade mein Fall auch. Annliesch . Ich wüßte doch nicht, was Ihr ihm könntet zu sagen haben? Trudch . Ich für meine Person habe ihm etwas sehr Wichtiges zu vertrauen. Kätch . Es kann unmöglich wichtiger seyn, als das, was mir auf dem Herzen liegt. Annliesch . Man hat freylich zuweilen Einbildungen. Trudch . Die am lächerlichsten sind, wenn man es selbst nicht zu wissen scheint. Kätch . Die Eitelkeit verleitet zu komischen Prätensionen. Annliesch . Ja wohl, liebe Schwester, besonders in der Liebe. Trudch . Es giebt Mädchen, denen ein junger Mensch nur ein paar galante Worte sagen darf – Kätch . Ganz recht, so meynen Sie gleich die Auserkohrnen zu seyn. Annliesch . Wenn auch der Vorzug, der einer andern gegeben wird, noch so deutlich ins Auge fällt. Trudch . Man ist dann wie mit Blindheit geschlagen. Ha! ha! ha! Annliesch . und Kätch . Ja wohl, liebe Schwester! Ha! ha! ha! Trudch . Man giebt wohl gar seinem Liebhaber den Abschied. Annliesch . Ehe man einen andern hat. Kätch . Und bleibt am Ende sitzen, Annliesch Dafür wolle Euch der Himmel behüten, liebe Schwestern! Trudch . Auf mein Mitleid dürft Ihr Beyde rechnen. Kätch . Es wird mich sehr erquicken. Ha! ha! ha! Trudch . Wenn Ihr Euch durchaus nicht entfernen wollt, so kann ich's auch Papa in Eurer Gegenwart sagen. Kätch . O auch ich; es wird doch bald kein Geheimniß mehr seyn. Annliesch . Ich bin es zufrieden. Meine Bitte geschah nur, um Euch zu schonen. Trudch . und Kätch . Schonen? Ha! ha! ha! Annliesch . (nachspottend) Ja, schonen. Hahaha!   Vierter Auftritt. Baron Stuhlbein , Fräulein Deborah , Vorige . Bar . Ich sage Dir, Schwester, es steht ein Todesfall in der Familie zu erwarten, denn die Bilder unserer Ahnen haben sich an der Wand bewegt. Deborah . Es kann ja auch ein Zugwind – Bar . Nein, Deborah, kein Zugwind. Die alte Großmutter machte ordentlich Klipp, Klapp, Klipp, Klapp, und als ich den Ahnherrn mit der großen Allongenperücke ins Auge faßte, da sah er mich starr an, und sein Blick folgte mir, wo ich gieng und stand. Du weißt, ich bin eben nicht furchtsam, ich habe in meiner Jugend den Hamlet spielen sehen, und bin nicht hinausgegangen, als der Geist erschien. An Gespenster glaub' ich nicht; über solche Ammenmährchen bin ich weit hinaus; – aber es giebt denn doch Dinge in der Natur – Correspondenzen unserer Seele mit – Gott weiß, wem – geistige Stimmen, die sich vernehmen lassen, Gott weiß, wie – Deborah . Ist auch oft nur Einbildung oder Schelmerey. Weißt Du noch, wie neulich der Page eine Maus in Deine Perückenschachtel praktizirt hatte? Und Du meyntest, es wäre der seelige Kammerdiener, weil er immer die Perücke zu frisiren pflegte? Bar . Der Page ist ein Taugenichts. Vorgestern hat er einen Topf voll Maykäfer in mein Schlafzimmer gesetzt, daß ich die ganze Nacht vor Kribbeln und Krabbeln nicht ruhen konnte. Deborah . Meine Haartour hat er dem Kettenhund aufgesetzt und ihn mit auf den Markt genommen, daß alle Jungen aus der ganzen Stadt zusammengelaufen sind. Bar . Meine Rechentafel hat er mit Talg bestrichen, daß keine Kreide mehr haften wollte. Deborah . In alle meine Schlüssel hat er Siegellack laufen lassen, daß ich kein Schloß mehr öffnen konnte. Bar . Ich bin froh, daß Morgen sein Urlaub zu Ende geht. Die drey Mädchen . Lieber Papa – Bar . Nu, nu, alle drey auf einmahl? Annliesch . Ich wollte – Trudch . Ich muß – Kätch . Ich habe – Bar . Du willst? Du mußt? Du hast? Annliesch . Den Lieutenant habe ich verabschiedet. Trudch . Ich auch – Kätch . Ich auch – Bar . Daran habt Ihr sehr wohl gethan. Drey junge Herren, die von ihrer Gage leben. Deborah . Und drey Mädchen mir Tonnen Goldes! Annliesch . Ich habe auch schon einen andern Liebhaber. Trudch . Ich auch. Kätch . Ich auch. Bar . So? Ohne mir ein Wort davon zu sagen? Annliesch . Ich sag' es Ihnen ja eben jetzt. Der Vetter Page will mich heyrathen. Trudch . Mich auch. Kätch . Mich auch. Bar . Der Vetter Page? Ey, ey! Ich glaube wohl, daß er Euch alle drey heyrathen möchte; ein Page ist darinnen nicht difficil. Annliesch . Mir hat er es zu verstehen gegeben. Trudch . Mir sehr deutlich. Kätch . Mir noch deutlicher. Bar . Da haben wir's! Deborah . Seyd Ihr denn ganz von Sinnen? Wollt Ihr mit ihm zum Pagenhofmeister ziehn? Annliesch . Er thut sich ein Leides, wenn er mich nicht bekommt. Trudch . Ach Schwester, wegen Dir wird er sich nicht in den Finger schneiden. Kätch . Hahaha! Er bekümmert sich um Euch beyde nicht. Bar . Er soll sich um Euch alle drey nicht bekümmern. Deborah . Kinderchen! die Ehe ist kein Blindekuhspiel. Bar . Doch, liebe Deborah! In der Ehe wird sehr oft Blindekuh gespielt. Derjenige, dem die Augen verbunden werden, ist gewöhnlich der Mann. Deborah . Ein artiges Leben würde das werden mit dem Pagen, der selber noch ein Kind ist. Bar . Des Morgens blättern sie in Bertuchs Bilderbuche. Deborah . Des Mittags essen sie Confect. Bar . Des Abends gießen sie Zinn bey Wachsstöckchen. Deborah . Und die Frau Pagin! Hahaha! Annliesch . Ich bitte, lieber Papa – Trudch . Ich küsse Ihre Hand – Kätch . Ich falle auf die Kniee – Bar . Wollt Ihr fort? Seyd Ihr von Sinnen? Kein Wort weiter, Ihr leichtsinnigen Dirnen! Ich habe Euch bereits drey Männer ausgesucht, wohlhabend, von reifen Jahren, Ehrenfest. Sie haben ihre Güter in der Nähe, sind heute sämmtlich anhero citirt, und ich erwarte sie jeden Augenblick. Deborah . Deine Wahl, Bruder Hanns, ist vortrefflich. Zwey von Deinen künftigen Schwiegersöhnen haben mir selbst vor dreißig Jahren recht stark die Cour gemacht. Sie waren beyde so liebenswürdig, daß ich länger als zehn Jahre unschlüssig blieb, welchen ich wählen sollte. Als ich endlich im Begriff stand, zu entscheiden – da war die Sache unterdessen in Vergessenheit gerathen. Annliesch . Aber, lieber Papa,. ich mag keinen alten Mann. Trudch . Ich auch nicht. Kätch . Ich auch nicht. Bar . Man schweige! Man muckse nicht! Man gehorche! Ein Bedienter . Herr von Heldensinn will die Ehre haben. Bar . Er ist willkommen! – Annlieschen, setze Dich in Positur! Du erblickst Deinen künftigen Herrn und Gemahl.   Fünfter Auftritt. Heldensinn . Die Vorigen . Heldens . Guten Abend, Schwiegerpapa! Der gnädigen Tante meinen Respekt. (Die Liebesgötter marschieren auf in drey Colonnen.) Sieh da! wie wird mir? Potz Friedrich und Bonaparte! Das sind wohl die allerliebsten Kinder, deren Eins mich auf dem Lebensmarsch begleiten soll? Annliesch . Es scheint, Herr Lieutenant, Sie marschieren schon ziemlich lange? Heldens . Noch immer so frisch, als ob ich eben aus den Winterquartieren rückte. Trudch . Sie sollten lieber hinein rücken. Heldens . Das will ich auch. Drum hab' ich den Generalquartiermeister Hymen schon vorausgeschickt. Kätch . Wenn nur nicht Amor schon occoupirt hat. Heldens . Scharmante nasenweise Kinder! Allons, Schwiegerpapa! über welche von den Dreyen wird das Commando mir anvertraut? Bar . Welche gefällt Ihnen am besten? Heldens . Gleichviel! Drey prächtige Recruten! haben alle das Maaß. Bar . Hier Annlieschen sey Ihre Braut! Heldens . Annlieschen? Bravo! Munter, mein Fräulein, das Köpfchen in die Höhe, Brust heraus! Sie sollen mit mir zufrieden seyn. Ich halte Ihnen ein eigenes Reitpferd; ich schenke Ihnen eine Koppel Hunde, die alle Solo fangen. Wir sprengen zusammen auf die Jagd, es mag schneyen oder hageln. Annliesch . Wir brechen den Hals. Heldens . Nicht doch; wir hetzen, wir schießen, wir prellen einen Fuchs. Annliesch . Doch wohl einen alten? Heldens . Ja freylich einen alten. Wir graben Dachse – Annliesch . Ein allerliebster Zeitvertreib! Heldens . O, es soll noch besser kommen! Wenn man nur meine ländliche Ruhe nicht stöhrt; wenn ich nur bey Hofe vergessen werde. Bar . Sind der Herr Schwiegersohn gekannt bey Hofe? Heldens . Wie ein bunter Hund. Ich habe ja den ganzen Einjährigen Krieg als Volontair mit gemacht. Zwar lag ich zehn Monate im Feldhospital – Deborah . Blessirt? Heldens . Nein, ich hatte so eine Art von Fieber. Als ich zum Erstenmale wieder ausging – es war gerade an dem Tage, wo der Waffenstillstand publicirt wurde – begegnete mir Seine Majestät der König. »Nun, mein lieber Lieutenant Heldensinn,« sagte der König, »der Feind wird erschrecken, wenn er ihn sieht.« – »Ja, Eure Majestät!« antwortete ich beherzt und machte ein grimmiges Gesicht. Da lachte der König und flüsterte dem nächsten General was ins Ohr. Vermuthlich schimpfte er auf den Feind, denn ich hörte so etwas von Poltron . – Seitdem ließ mir der König den gnädigen Rath ertheilen, auf meinen Gütern der Ruhe zu pflegen, damit er im Nothfalle mich berufen, und ich dann mit frischen Kräften zu Felde ziehen könne. Das hab' ich denn gethan, bin aber freylich keinen Augenblick sicher. Meine Feldequipage ist immer fix und fertig. Wenn der König ruft: Maximilian von Heldensinn! wo bist Du? so werd' ich nicht das Maul halten, wie Adam im Paradiese. Ein Bedienter . Herr von Kreuzqueer ist so eben angekommen. Bar . Nur herein! – Trudchen, jetzt kommt die Reihe an Dich. Trudch . (bey Seite) Ach du lieber Gott!   Sechster Auftritt. Kreuzqueer . Vorige . Kreuzq . Allerseits eilfertiger Diener! Bar . Willkommen, Herr Schwiegersohn! müde von der Reise? Kreuzq .. Nichts weniger; das bin ich gewohnt. Sie wissen, ich bin einmahl von Stolpe nach Danzig gereist, da gab es ganz andere Strapatzen. Darf ich bitten, mich der Fräulein Gertraud als meiner vielgeliebten Zukünftigen zu präsentiren? Deborah . Da steht sie mit dem krausen Näschen. Kreuzq . Mein schönes Fräulein, wir wollen schon näher bekannt werden. Wenn man viel auf Reisen gewesen, so erlangt man eine gewisse Ungezwungenheit – Als ich einmahl von Stolpe nach Danzig reiste – Trudch . Hatten Sie schönes Wetter? Kreuzq . Bald Sonnenschein, bald Regen, wie es auf einer großen Reise zu gehen pflegt. O, welche Merkwürdigkeiten habe ich damahls in Augenschein genommen! Trudchen . Sie ließen dagegen sich auch wieder sehen. Kreuzq . Allzuschmeichelhaft! In der That, Sie werden erstaunen. Ein Tagebuch hab' ich geführt, so dick, als die Pommersche Chronik. In den ersten drey Jahren unsrer glücklichen Ehe hoffe ich Ihnen Abends drey bis vier Stunden damit zu verkürzen. Trudch . Eine reizende Aussicht! Kreuzq . Man wird uns in der Nachbarschaft zu Gaste laden, man wird allerley Lustbarkeiten veranstalten; aber wir schlagen alles aus, wir sitzen gemüthlich daheim und lesen meine Reise von Stolpe nach Danzig. Trudch . Vortrefflich! (sie gähnt) Aber wollen Sie denn Ihr Tagebuch nicht lieber drucken lassen? Kreuzq . Ach, das war schon längst mein Wunsch; kein Satan von Buchhändler will es mir abnehmen. Trudch . Es wird doch jetzt so viel dummes Zeug gedruckt. Kreuzq . Freylich, freylich! Als ich von Stolpe nach Danzig reiste, fand ich in allen Buchläden Taschenbücherchen die Hülle und die Fülle; aber ein lehrreiches dickes Buch, in gebührenden breiten Redensarten, damit will sich keiner befassen. Ein Bedienter . Herr von Brennessel will aufwarten – Bar . Bravo! Da wären wir ja beysammen. Kätchen, nun ist's an Dir! Kätch . Die Zeit ist mir gar nicht lang geworden.   Siebenter Auftritt. Brennessel . Vorige . Brenn . (verbeugt sich ungeschickt.) . Verzeihen Sie, Schwiegerpapa, daß ich meine verfluchte Schuldigkeit nicht früher observirt habe. Ich bin zwar schon seit diesem Morgen in der Stadt, weil ich eine desperate Sehnsucht nach meiner Braut hatte, aber ich mußte erst ein Paar Scheffel Kartoffeln verkaufen, die ich hinten auf dem Wagen mit hereingeführt habe. Die Preise sind verdammt niedrig; aber was soll man machen? Wo ist denn meine Braut? Bar . Da steht sie im Winkel. Brenn . Potz Miekchen! Sie thut mich ja gar nicht anblinzen? Nun, seyn Sie nur nicht so glupisch. Ein schmuckes Mädel fürwahr! Verstehen Sie sich auch schon ein wenig auf die Stallfütterung? Kätch . Ich habe noch wenig mit Ochsen zu thun gehabt. Brenn . In Zukunft sollen Sie täglich welche zu sehen bekommen, und derbe Ochsen! verlassen Sie sich auf mein Wort. Kätch . Unsre erste Bekanntschaft läßt mir keinen Zweifel übrig. Brenn . Erste Bekanntschaft? Bey Leibe! Sie sind schon vor zwölf Jahren einmahl mit dem Papa auf meinem Guthe gewesen. Ich feyerte damals grade die silberne Hochzeit mit meiner Ersten Frau. Erinnern Sie sich noch? Die Kuchen schmeckten Ihnen vortrefflich. Nu, nu, ich denke, wir bringen's auch noch Einmahl bis zur silbernen Hochzeit. Bar . Meine werthen Herrn Söhne, bey mir wird Abends nicht gespeist; wenn Sie aber hungrig sind, so soll gleich kalte Küche aufgetragen werden. Heldens . Meinetwegen ja nicht. Ein alter Soldat, der den ganzen Einjährigen Krieg mitgemacht hat, fragt den Henker nach einem Soupée. Kreuzq . Auf meiner großen Reise von Stolpe nach Danzig habe ich nie zur Nachtzeit gespeist. Brenn . Der Mann, der mir die Kartoffeln abkaufte, hat mich mit zwanzig Stück Jauerschen Bratwürsten traktirt, da bin ich noch ganz satt. Bar . So wollen wir wenigstens vor Schlafengehen noch ein paar Flaschen guten Grüneberger mit einander ausstechen (im Begriff zu gehen ) Heldens . Ich bin dabey. (zu Annlieschen) Wohlan, mein Fräulein, setzen Sie sich in Defensionsstand, morgen attaquire ich. (er folgt) Kreuzq . (zu Trudchen) Das menschliche Leben ist eine Reise, der Brautstand eine Station. Bis dahin geht's mit raschen Pferden, hernach ein wenig langsamer, die Wege werden schlechter. Dann ist man froh, eine muntere Reisegefährtin zu haben; nicht wahr, mein schönes Fräulein? ( er folgt) Brenn . (zu Kätchen) Gute Nacht, mein Schatz! Morgen will ich Ihnen eine Probe von meiner Butter zeigen; da können die Schweizer und die Holländer nur einpacken. (er folgt) Deborah . Wackre Männer! und jeder hat so seine eigne Manier, Ihr glücklichen Mädchen! (sie geht den übrigen nach)   Achter Auftritt. Annlieschen , Trudchen , Kätchen , weinen. Nach einigen Augenblicken schleicht der Page herein. Er nimmt Einer nach der Andern das Tuch vom Gesicht. Page . Was Henker ist denn hier passirt? Annliesch . (schluchzend) Papa will nicht haben, daß ich Sie heyrathe. Trudch . (eben so) Ich soll Sie auch nicht heyrathen. Kätch . (ebenso.) Ich auch nicht. Annliesch . (schluchzend) Euch hat er so nicht gewollt. Trudch . (eben so) An Euch hat er gar nicht gedacht. Kätch . (eben so) Von Euch war nie die Rede. Page . Still, still, meine schöne Mühmchen! Ist das Ihr einziger Kummer? Annliesch . (weinerlich) Ach, da ist ein Bramarbas gekommen, der soll mein Mann werden. Aber ich thue es nicht, ich stürze mich in den Teich. (ab) Page . Hu, hu! Trudch . (eben so) Mir will Papa einen Narren aufdringen, der einmal von Stolpe nach Danzig gereist ist; aber lieber hänge ich mich an meinem Strumpfbande. (ab) Page . Hu, hu! Kätch . (eben so) Ich soll einen Landlümmel heyrathen, der mich für eine Kuh ansieht; aber lieber nehme ich Ratzengift. (ab) Page . Hu, hu! – Die armen Kinder! sie dauern mich in der Seele. Und kaum hab' ich noch 24 Stunden Zeit, um sie zu retten. – Page! Page! mache deinem Stande Ehre! (Er sinnt nach)   Neunter Auftritt. Christine kommt mit einem Lichte und trägt in einem Arm einen Weiberschlafrock und eine Nachthaube. Page . Page . Christinchen! wo willst Du hin? Christ . Ich soll hier warten auf die fremden Herren und soll ihnen zu Bette leuchten. Page . Wo werden sie denn schlafen? Christ . Hinten auf dem Gange in der großen Stube, da stehen drey Gastbetten. Page . (nachdenkend) Hm! – Hör' einmahl, Tienchen! – Könnten die Herren nicht auch da schlafen? (Er deutet auf Deborahs Zimmer) Christ . Sind Sie wunderlich? Das ist ja das Schlafzimmer der Tante! Page . Was thut's? die Tante ist eine ehrbare alte Person; es hat nichts zu bedeuten. Christ . Nun ja, da würd' ich schön einkommen! Page . Oder – Ja – freylich – Du hast Recht – auf dem Gange müssen sie schlafen. Aber, Du armes Kind, sollst Du so lange stehen und warten? Bist wohl schläfrig? Christ . (gähnend) Ach ja! Page . Laß mir Dein Licht und geh' zu Bette. Ich will die Herren an Ort und Stelle bringen. Christ . Ja, wenn man sich auf Sie verlassen könnte? Aber Sie spielen Einem lauter Possen. Page . Wenn ich Dir nun auf Pagenehre versichre – und weißt Du was? auf ein halbes Dutzend Küsse kommt es mir auch nicht an. Christ . Seht doch; als ob seine Küsse Viergroschenstücke wären! Page . I nu, ich gebe Dir ein halbes Dutzend Viergroschenstücke oben drein. Da, es sind hol' mich der Teufel! meine letzten. Christ . Was wollen Sie denn einmahl wieder anstellen? Page . Das geht Dich nichts an. Fort! Fort! (nimmt ihr das Licht weg) Christ . Nu, nu, ich muß doch erst die Nachthaube und den Schlafrock zu der gnädigen Tante hineintragen. Page . Gieb nur her, das will ich schon alles besorgen. Christ . Meinetwegen; aber wenn Sie dumme Streiche machen, so schieben Sie nicht etwa die Schuld auf mich. (ab)   Zehnter Auftritt. Page allein. Närrin! Lose Streiche kann ein Page wohl machen, aber dumme nicht. – Ei, ei! – der Schlafrock und die Nachthaube kommen mir eben recht. (Er setzt das Licht bey Seite, stürzt schnell die Haube auf den Kopf und zieht den Schlafrock über) Ein wenig zu lang – das schadet nicht. In meinen Jahren muß man sich in alles finden, wär' es auch der Schlafrock einer alten Jungfer. – (Er nimmt das Licht wieder) Die Herren Nebenbuhler haben mich ja nie gesehen – und ich bin doch wohl hübscher, als Christinchen – als zweyter Faublas, nicht wahr? (Er löscht die andern Lichte aus und stellt sie unter die Tische)   Eilfter Auftritt. Heldensinn . Der Page . Heldens . (zurück in des Barons Zimmer redend) Nein, Schwiegerpapa, keinen Tropfen mehr! – Potz Friedrich und Bonaparte! Wir haben so hastig getrunken, daß mir's schon ein wenig zu Kopfe gestiegen ist. Ich meyne aber, die andern haben noch stärker geladen. – He da! Kammerkätzchen! wo ist mein Schlafzimmer? Page . (verschämt kokettirend) Auf dem Gange. Ich werde so glücklich seyn, dem Herrn Lieutenant vorzuleuchten. Heldens . So glücklich seyn? I was Teufel! Du setzest ja Deine Worte wie ein Feldprediger – Kennst Du mich denn? Page . Ach, wer sollte einen so wackern Kriegsmann nicht kennen? Es giebt ja kein Stubenmädchen in der ganzen Stadt, die ihm nicht nachsähe, wenn er über die Straße geht. Heldens . Blitzmädel! Ich glaube, sie ist hübsch. (guckt ihr unter die Haube) Ja mein Seel! Page . (minaudirend) Ach hören Sie doch auf, mein Herr! – Sie könnten einem armen Mädchen was in den Kopf setzen – mich unglücklich machen – Heldens . Wie so, Kind? Wieso? Page . (verschämt stockend) I nu, – ich könnte mir am Ende wohl gar einbilden – Sie wären mir gut. Heldens . Das bin ich auch. Potz Friedrich und Bonaparte! ich habe den ganzen Einjährigen Krieg mitgemacht. So oft ich eine Festung eroberte, hat man mir Deputationen von zwanzig, dreyßig hübschen Mädchen entgegen geschickt, aber so ein niedliches Kind, wie Du bist, hab ich nirgend angetroffen. Page . Sie scherzen mit Ihrer unterthänigen Magd. Sollen wir gehn? Heldens . Höre, Schatz, führe mich lieber auf Dein Kämmerlein, da will ich Dir vom Einjährigen Kriege Wunderdinge erzählen. Page . Ich höre so etwas vor mein Leben gerne – aber – Heldens . Was aber? Die Aber hau' ich alle in die Pfanne. Wo schläfst Du? etwa im vierten Stock? Page . Das wohl eben nicht. Mein Zimmer ist hier ganz in der Nähe. (Er deutet auf Deborahs Zimmer ) Heldens . Dieses? Erwünscht! Allons! Marsch! (will ihn hineinziehen) Page . Jemine! Ich muß ja erst die andern Herren zu Bette leuchten. Heldens . So schlüpf ich indessen voran und harre Deiner! Page . Wenn Sie das wollten? Aber Sie müssen mir schwören, daß Sie meine Unschuld respektiren werden. Heldens . Parole d'honneur! Im Einjährigen Kriege hab' ich alle Unschulden respektirt. Page . Und müssen sich still verhalten, wenn Sie etwa ein Geräusch hören. Heldens . Geräusch? Wovon? Page . I nu, es ist da ein Eichhörnchen von Ihrer Fräulein Braut und ein paar Katzen von der gnädigen Tante. Es wär' auch möglich, das Stubenmädchen liefe noch einmahl durch, aber stehen Sie nur hinter dem Bettvorhang und kehren sich an nichts. Heldens . Wohl, wohl! Komm nur bald nach. Ich will Dir Geschichten erzählen, die in Altona und Hamburg in keiner Zeitung stehen! – (tappt in Deborahs Zimmer) Page . (schiebt ihn hinein) . Fort! ich höre kommen.   Zwölfter Auftritt. Brennessel . Page . Brenn . ( zurückredend ) Gute Nacht, Schwiegerpapa, gute Nacht! Nun will ich noch einmahl nach meinen Mastochsen sehen, ob sie Heu genug vor haben – Ja so, potz Miekchen! ich hin ja nicht zu Hause. Page . (bey Seite) Der hat auch ein Gläschen zu viel. Brenn . He da! wo ist mein Schlafzimmer? Page . Hier, gnädiger Herr! (zeigt auf der Tante Zimmer ) Brenn . Gieb mir das Licht und rufe meinen Peter; er soll mir die Stiefeln ausziehen. Page . Gleich, gnädiger Herr! aber es spuckt hier im Hause; ohne Licht getrau' ich mich nicht die Treppe hinunter zu gehen. Brenn . Ja so, es spuckt. Der Schwiegerpapa hat mir das auch schon gesagt. Na, so nimm das Licht nur mit; ich will mich indessen schon im Dunkeln behelfen. (Er geht nach der Thüre) Page . Gleich an der Thüre steht ein Sopha, da dürfen Sie sich nur so lange niederlassen. Sollten Sie etwa rascheln hören, so fürchten Sie nichts, es giebt da eine Menge Ratten und Mäuse. Brenn . O, die giebt es bey Tausenden in meinem Kuhstalle! Daraus mache ich mir gar nichts. ( Er tappt hinein) Page . Da kommt wahrhaftig der Dritte auch schon.   Dreyzehnter Auftritt. Kreuzqueer . Der Page . Kreuzq . Ja, ja, Schwiegerpapa, morgen sollen Sie noch ganz andere Dinge hören. Auf Reisen giebt's Abentheuer. Für heute, gute Nacht! – Sieh da! ein hübsches Kind! Sollst Du mir mein Schlafzimmer anweisen? Page . Ja, gnädiger Herr! (deutet auf Deborahs Zimmer) Kreuzq . Dieses hier? Page . Ja, gnädiger Herr! Kreuzq . Nun, so führe mich flugs hinein, denn ich bin verdammt müde. Page . Belieben Sie mir nur zu folgen! (Er bläst unvermerkt das Licht aus) Ach! ich dummes Mädchen! da ist mir das Licht ausgegangen. Wollten Sie nur die Gnade haben, voran zu spazieren, ich werde sogleich ein anderes Licht holen. Kreuzq . Hat nichts zu bedeuten. Als ich von Stolpe nach Danzig reiste, da bin ich gar oft ohne Licht zu Bette gegangen. (tappt hinein)   Vierzehnter Auftritt. Page allein. Ihr Götter! das übrige stelle ich in Eure Hand. Fort mit dem Plunder! (Er wirft Haube und Schlafrock von sich) Aber, wo mich verstecken? denn ich muß doch ärndten, wo ich gesäet habe. Halt! der Winkel am Schranke bleibt im Schatten, wenn auch die Tante ein Licht mitbringt. Aber der Perückenstock? Ey, den wollen wir mit den übrigen Perückenstöcken zusammensperren! (Er nimmt die Perücke herunter, setzt die Haube darauf, und setzt ihn hurtig in Deborahs Zimmer, dann stellt er sich geschwind in den leeren Platz desselben, hängt sich die Perücke auf den Kopf, so daß der Zopf ihm über das Gesicht hängt, schiebt einen Großvaterstuhl vor sich, der ihn halb bedeckt, und steht ganz still)   Funfzehnter Auftritt. Deborah kommt mit einem Lichte aus ihres Bruders Zimmer. Gute Nacht, Bruder Hanns! (sie gähnt) Ich glaube wahrhaftig, die Uhr ist schon über zehn. Nein, das Schwärmen kann ich nicht mehr vertragen. (sie nähert sich ihrem Zimmer) Heldens . (inwendig) Wer da? Brenn . Wer packt mich? Kreuzq . Laßt mich los! Deborah . Ach du mein Gott! Was spuckt in meinem Zimmer? Bruder! Bruder! (Verworrenes Geschrey inwendig) Satan, wer bist Du? Laß mich los! Licht her! Licht her! Bar . (im Nachthabite, tritt aus seinem Zimmer) Alle gute Geister Deborah . Ach Bruder! Alle böse Geister sind in meinem Schlafgemach. (Geschrey und Gepolter inwendig) Brenn . Ich bin ja der gnädige Herr von Brennessel. Kreuzq . Du bist der Teufel! Heldens . Hinaus mit Euch! hinaus! (Die Thüre fliegt auf. Brennessel und Kreuzquer haben sich gepackt und zerren sich heraus. Hinter ihnen Heldensinn , mit dem Perückenstocke in der Hand, den er hoch schwingt. Alle haben bereits angefangen ihre Nachttoilette zu machen) Heldens . Potz Friedrich und Bonaparte! Bar . Sehe ich recht, meine Herren Schwiegersöhne? Kreuzq . Ey, ey! sind Sie es, Herr von Brennessel? Brenn . Freylich bin ich es, und die Nase, die Sie gepackt haben, gehört auch mir zu. Bar . Was soll das bedeuten? Deborah . Wie kommen Sie in mein Schlafzimmer? Brenn . Die Kammerjungfer hat es mir angewiesen. Kreuzq . Mir auch. Heldens . Mir auch. Deborah . Unmöglich! Ich merke schon, das ist ein Affront für mich. Nun, Bruder? hab' ichs Dir nicht immer gesagt. Alle Liebe rostet nicht? Zwey von diesen Herren haben mir vor zwanzig Jahren die Cour gemacht, haben mir lange nachgestellt nun, meynen sie, wäre der rechte Zeitpunkt gekommen meine Unschuld mein guter Ruf Bar . Ich will nicht hoffen Brenn . Potz Miekchen! ich kann beschwören Heldens . Ich auch. Kreuzq . Ich auch. Deborah . Was ist da zu beschwören? Die That spricht. In mein Kämmerlein haben sie sich geschlichen, das noch keines Mannes Fuß jemals betreten hat. Was konnten sie anders da wollen, als meiner Unschuld Fallstricke legen? Dann sind sie eifersüchtig auf einander geworden und haben sich beyn Köpfen genommen. Bar . Wie, meine Herren? in dem Augenblicke, da Sie mit meinen Töchtern verlobt werden, thun Sie meinem Hause einen solchen Schimpf an? Kreuzq . Aber du lieber Gott Brenn . Die Kammerjungfer hat uns ja selber hinein geführt. Heldens . Ja, Schwiegerpapa, die muthwillige Dirne ist an allem Schuld. Deborah . Das wollen wir bald sehen! (sie geht an die Thüre) Christine! Christine! Christ . (kommt) Ihro Gnaden? Deborah . Hast Du die Herren in mein Schlafzimmer geführt? Christ . Gott bewahre! Deborah . Da haben wir's! Nun leugnen Sie noch, wenn Sie können? Sagen Sie es dem Mädchen ins Gesicht! Brenn . Diese war es nicht. Kreuzq . Eine Andere. Deborah . Wir haben keine andere im Hause. Pfui! Schämen Sie sich! Heldens . So war es der leibhaftige Satan. Bar . Der soll Ihnen dießmahl nicht heraushelfen. Deborah . Bruder Hanns! Von Dir fordre ich Rache für meine beleidigte Ehre. Bar . Fort, aus meinem Hause! Und morgen müssen Sie sich alle drey mit mir schießen. Kreuzq . Ich schieße mich nicht. Heldens . Und ich gehe nicht. Brenn . Und ich auch nicht. Bar . Das wollen wir doch sehen! Heldens . Um Mitternacht jagt man die Gäste nicht aus dem Hause. Kreuzq . Nein, das thut man nicht. Brenn . Wir weichen nicht von der Stelle. Bar . (wüthend) Johann! Niclas! Peter! Kein Bedienter mehr im Vorzimmer? Gleichviel! Ich ziehe mich wieder an, ich hole selber die Polizey. Deborah, gieb mir meine Perücke! Deborah . So recht, Bruder! der Schimpf muß gerochen werden. (Sie geht mit dem Lichte hin und nimmt die Perücke von des Pagen Kopf) Ah! Bar . Was giebt's? Heldens . Da steht das rechte Kammermädchen. Brenn . Ja, das ist sie! Deborah . Der Page? Bar . Der verfluchte Page. Heldens . Kreuzq . und Brenn . Ein Page? Deborah . Jetzt begreif' ich. Bar . Galgenschwengel! wie kommst Du hierher? Page . (kommt hervor) Ich freue mich, Sie allerseits wohl zu sehen. Wollen der gnädige Onkel die Gnade haben mich diesen fremden Herren zu präsentiren? Bar . Taugenichts! Du hast Dich selber präsentirt. Meine Herren, ich bitte um Vergebung, ich habe Ihnen Unrecht gethan. Der Bube leider mein Vetter! ist Schuld an Allem. Aber er soll gezüchtigt werden, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Heldens . Ich hau' ihn morgen früh in kleine Stücke. Kreuzq . Ich werd' ihn Conduite lehren. Brenn . Nicht zu meinem Viehhirten wollt' ich ihn machen. Bar . Ueberlassen Sie mir seine Strafe und folgen Sie indessen diesem wahrhaften Kammermädchen, um endlich der Ruhe zu pflegen. Heldens . Im ganzen Einjährigen Kriege hab' ich solchen Spektakel nicht erlebt. Brenn . In meinem Kuhstalle gehts ruhiger zu, als in diesem Hause. Kreuzq . So etwas ist mir nicht wiederfahren, als ich von Stolpe nach Danzig reiste. (Alle dreye ab mit Christinen)   Sechzehnter Auftritt. Baron . Deborah . Page . Bar . Und nun, mein sauberer Herr Vetter, pack' er sich auf der Stelle aus meinem Hause. Deborah . So recht! Page . Der gnädige Herr Onkel werden doch nicht verlangen, daß ich mitten in der Nacht Bar . Wer mitten in der Nacht dumme Streiche macht, der büße sie auch. Fort! Page . Ach, gnädige Tante, erbarmen Sie sich meiner! Deborah . Nichts da! Fort! Page . Alle Wirthshäuser sind ja schon verschlossen. Bar . So bleibt man auf der Straße. Page . Es regnet draußen. Deborah . Da wird der Muthwille sich abkühlen. Page . Ich habe kein Geld. Bar . Das bedaure ich. Page . Wenn der gnädige Onkel mir ein paar Dutzend Dukaten Bar . Keinen Pfennig. Page . Ich muß aber doch leben. Bar . Das ist nicht so nothwendig. Page . Wohlan, wenn ich in Verzweiflung gerathe Deborah . Ein Page geräth nicht in Verzweiflung. Page . Nein, da haben Sie recht! Hahaha! Was ist's nun mehr? Ich schlafe à la belle Etoile ! Hat doch Rousseau auch einmahl unter freyem Himmel geschlafen. Freylich regnete es damals nicht. Immerhin! Bekomme ich das Fieber und sterbe (zum Baron mit hohler Stimme) so wird meiner Mutter Geist Wehe! über Sie rufen. Hören Sie? meiner Mutter, ihrer Schwester Geist! Gute Nacht, lieber Oheim! (statt aus der Mittelthüre zu gehen, schlüpft er schnell in des Barons offenes Zimmer) Bar . (der sich eben, durch die Geisterdrohung erschreckt, gegen Deborah gewendet hatte) Was spricht er da von Geistern? der verwegne Bursche! Gespenster giebt es nicht, nein, Gespenster nicht, aber Geister das ist ganz ein Anderes. Die größten Männer haben an Geister geglaubt. Und wenn es auch keine gäbe, so will ich doch nicht, daß man davon in meinem Hause, und noch dazu um Mitternacht, sprechen soll. Verdammter Bube! will seiner Mutter Geist Wehe! über mich rufen lassen I nu, er mag diese Nacht nur noch zum letztenmahle hier schlafen. Deborah . Er ist schon fort. Bar . Ist er? Auch gut. So wollen wir uns zur Ruhe verfügen. Gute Nacht, Deborah! Deborah . Gute Nacht, Bruder Hanns! (geht in ihr Zimmer) Bar . (geht langsam auf sein Zimmer zu und stutzt vor der offenen Thüre) Hm! Hab' ich denn nicht noch ein Licht in meinem Zimmer brennen lassen? Wer hat es denn ausgelöscht? Page . (inwendig, seufzt tief) Bar . (prallt zurück) Horch! war das nicht ein Seufzer? Page . (seufzt abermahls) Bar . (retirirt sich immer weiter) Ja, so wahr ich lebe! Noch einmal! Deborah! Page . (seufzt zum drittenmahl) Bar . Ach, Gott sey mir Sünder gnädig! Jetzt hat es zum drittenmahle geseufzt. Deborah! Deborah! Deborah . (inwendig) Was giebts denn? Bar . Komm doch geschwind heraus! Deborah . Ich bin schon mit einem Fuße im Bette. Bar . So komm nur geschwind mit dem andern Fuße! Deborah . Ich kann nicht. Bar . So mache mir wenigstens Deine Thüre auf. Deborah . Warum denn? Bar . (der immer mit ängstlichen Blicken seine eigne Thüre bewacht) In meinem Schlafzimmer hat es dreymahl tief geseufzt. Deborah . Ach, Du bist ein Narr! Bar . Wie Du willst; aber komm nur! Deborah . Laß mich zufrieden. Ich komme nicht. Bar . O Du Rabenschwester! Was fang ich an? Meine Leute sind auch schon alle zu Bette (er schiebt sich an der Wand fort nach der Mittelthüre) He da! Ist niemand mehr im Vorzimmer?   Siebzehnter Auftritt. Stiefel . Baron . Stief . Was befehlen der gnädige Herr? Bar . (sehr erfreut) Sieh da, Stiefel! Mein guter Stiefel! bist Du noch wach? das ist mir ja eine wahre Erquickung. Stief . Die andern sind alle zu Bett. Ich warte nur noch auf meinen jungen Herrn. Bar . Der ist schon längst hinaus; er wollte im Wirthshause schlafen. Stief . So? Da muß er durchs Vorzimmer geschlüpft seyn, als ich eben ein wenig eingeduselt war. Bar . Denke Dir nur, mein guter Stiefel! da in meinem Schlafzimmer hat es schon dreymahl geächzt und gestöhnet. Stief . Wer? Bar . Ja wer? Das ist eine verwegne Frage. Ich getraue mich nicht hinein. Hast Du Courage? Stief . Warum nicht? Wenn ein Trinkgeld dabey zu verdienen ist? Bar . Sollst Du haben. Geh, geh, mein tapferer Stiefel! Suche den Grund zu erforschen. Stief . So geben Sie mir das Licht! Bar . Das Licht? Dann blieb' ich ja hier im Dunkeln ganz allein? Stief . Ohne Licht kann ich keine Untersuchung anstellen. Bar . Weißt Du was? Es muß noch ein Licht darin auf der Commode stehen. Wenn ich mit meinem Lichte mich so von ferne postire, so kannst Du es in der Dämmerung wohl finden. Spring hinein! hol es heraus! Stief . Auch das, gnädigster Herr! (er thut es) Bar . Es ist doch ein wackerer Bursche, der Stiefel. Stief . (kommt mit dem unangezündeten Lichte zurück) . Bar . Nun? hast Du nichts gemerkt? Stief . Gar nichts? (er zündet das Licht an) Bar . So geh' und untersuche alle Winkel! Stief . (geht mit dem brennenden Lichte wieder hinein) Bar . Möcht' er doch eine Katze oder irgend ein anderes Beest antreffen, dem man das Seufzen Schuld geben könnte! Denn wenn er gar nichts findet, so ist es noch weit bedenklicher. Er bleibt lange er wird doch nicht Stiefel! wo bist Du? (immer ängstlicher) Stiefel! Hörst Du mich nicht? Stief . (der das Lachen kaum verbeißen kann) Hier bin ich, gnädiger Herr! Bar . Nun? was schneidest Du für Grimassen? Hast Du etwas gefunden? Stief . Ach, gnädiger Herr! ich habe den Krampf im Gesicht in Ihrem Zimmer ist es nicht geheuer. Bar . (zitternd) Wie? Wieso? Stief . In Ihrem Bette Bar . Was? In meinem Bette Stief . Liegt eine Gestalt Bar . Was? Eine Gestalt? Stief . Und scheint recht süß zu schlafen. Bar . Eine Gestalt schläft in meinem Bette? Ach Gott! hab' ich darum ein Bett, damit Gestalten sich hineinlegen und darin schlafen sollen? Sprich! Ist es meine eigne Gestalt? Stief . Das hab' ich so genau nicht unterscheiden können. Der Henker mag sich lange hier aufhalten. Schlafen Sie wohl, gnädiger Herr. Bar . (außer sich) Was! Stiefel! Herzallerliebster Stiefel! Du willst mich doch hier nicht allein lassen? Stief . Was soll ich denn hier? Ich bin schläfrig und mein junger Herr wird auf mich warten. Bar . Ich bitte Dich um Gotteswillen! Stief . Ich will ein Paar von Ihren Leuten wecken. Bar . Unterdessen blieb' ich ja doch immer allein. Stief . So gehen Sie mit mir. Bar . Da müßt' ich ja doch entweder hinter Dir oder vor Dir gehen, und beydes kann ich dermahlen nicht prästiren. Stief . Was sollen wir denn aber anfangen? Bar . (bittend) Wir wollen hier ein zeitverkürzendes Gespräch führen. Stief . Bis morgen früh? Bar . Ja, bis morgen früh. Stief . Danke gehorsamst! Bar . Stiefelchen, mein bestes, mein einziges Stiefelchen! Stief . Aber, gnädiger Herr! was gehen mich Ihre Gespenster an? Bar . Pst! Um Gotteswillen! rede doch nicht von Gespenstern! Es giebt keine Gespenster, aber es sind Kräfte in der Natur, die man, ohne sich zu schämen, wohl fürchten darf. Darum bleibe bey mir, mein Stiefelchen! Ich will Dich belohnen; ich will Dir einen Gulden, einen Thaler schenken. Stief . Ja so, das klingt anders. Für einen Thaler kann man ja wohl einmahl des Nachts hindurch bey einem Kranken wachen. Bar . Setze Dich hier auf diesen Lehnstuhl! (Er schiebt den Stuhl fast dicht vor das offene Zimmer, so daß Stiefel gerade hineinsehen muß) und ich will mich hierher setzen. (Er stellt den zweiten Stuhl in der nehmlichen Richtung, doch um ein Beträchtliches entfernter.) Stief . Erlauben Sie, das wird sich nicht schicken, daß ich Ihnen den Rücken zukehre. Bar . Hat nichts zu bedeuten. Setze Dich nur! Stief . Aber so nahe? Das ist für Einen Thaler zu viel gefordert. Bar . I nu, es soll mir auch auf einen Dukaten nicht ankommen. Stief . Einen Dukaten? Ich sitze. Bar . Die Nacht ist lang; ich will Ein Licht auslöschen, damit, wenn das Andere zu Ende brennt, wir nicht im Finstern bleiben müssen. Stief . (streckt sich aus) Ein weicher Sessel. Hier wird sich's angenehm schlummern. Bar . Beyleibe nicht! Sieh, ich nehme dieses Stöcklein zur Hand. So oft ich merke, daß Dich der Schlaf überwältigt, so werde ich Dich ein wenig auf den Kopf tippen. Stief . Wenn ich nur Etwas zu trinken hätte! Bar . Auf dem Tische in meinem Schlafzimmer steht eine Bouteille Wein; aber ich kann Dir nicht zumuthen Stief . Ey was! ich riskire es! (er springt hinein) Bar . Das ist ein Teufelskerl! Stief . (inwendig) Ich habe sie! Bar . Die Gestalt? Stief . (kommt heraus) Nein, die Bouteille! Bar . Liegt sie noch im Bette? Stief . So viel ich in der Dämmerung .sehen konnte, ja! Aber ich denke, wir haben wenig von ihr zu befürchten, denn sie schläft wie ein Ratz. Bar . Ach Gott! Ach Gott! Stief . (trinkt) Der Wein ist gut. Bar . Besaufe Dich nur nicht. Das wird eine schöne Nacht werden! Ach! wer mich so sitzen sähe, einen Stein in der Erde möcht' es erbarmen! (indem Stiefel trinkt und der Baron jämmerlich da sitzt, fällt der Vorhang.)   Ende des ersten Aufzugs.   Zweyter Aufzug. Erster Auftritt. Stiefel und der Baron . (Es ist Morgen geworden. Stiefel schläft im Sessel; die leere Bouteille steht neben ihm. Der Baron sitzt noch in der nehmlichen Stellung wie am Ende des Ersten Aufzugs.) Bar . Endlich wird es Tag! Es ist nur noch ein Glück, daß wir nicht im Monde wohnen, wo die Nächte zwey Wochen lang sind. Das hätt' ich nicht ausgehalten. Der Arm ist mir ganz steif vom vielen Tippen. Der Kerl hat den Teufel im Leibe! Der Huth liegt ihm beynahe auf der Nase, und er schläft wie ein Murmelthier. Ein Paar mahl ist mirs wahrhaftig vorgekommen, als ob die Gestalt in meinem Bette schnarchte. Jetzt eben wieder! (er tippt Stiefel auf den Kopf mit seinem Stöckchen) Heda Stiefelchen! Stief . (brummt im Schlafe) Bar . Jetzt klang es gar wie geräuspert. (er tippt wieder) Stiefelchen! Stiefelchen! Stief . (ermuntert sich) Was giebt es denn? Bar . Ach Gott sey Dank! da kommt auch meine Schwester!   Zweyter Auftritt. Deborah . Vorige . Deborah . (in einem züchtigen Negligee) Gott verzeih mir meine Sünde! Was soll das vorstellen? Bar . Da siehst Du, wozu Deine Grausamkeit einen leiblichen Bruder gezwungen hat. Die ganze Nacht hab' ich hier gesessen mit offenen Augen, wie eine Eule. Deborah . Warum denn? Bar . Wegen der Seufzer und Wehklagen, die sich in meinem Zimmer vernehmen ließen, und wegen der Gestalt Ja, eine Gestalt lag in meinem Bette. Deborah . Du bist nicht wohl gescheidt. Bar . Und Du bist überstudiert, gehörst zu den neumodischen Damen, die vor lauter Floskeln vergessen, daß sie auf der Welt sind. Fräulein Philosophin! möchtest Du doch einmahl recht in eine Geisterklemme gerathen Da! Da! hörst Du? Deborah Was? Bar . Ein Geräusch in meinem Zimmer? Deborah . Ja, das hör ich; es wird Jemand darin seyn. Bar . Kein Mensch, sag' ich Dir! Eine Gestalt und weiter nichts. Deborah . Hahaha! Du hast recht. Eine Pagengestalt.   Dritter Auftritt. Page . Vorige . Page (tritt demüthig in die Thüre) Stief . (zieht sich zurück) Bar . Was? Was ist das? Page . Ich habe die Ehre, dem gnädigen Onkel einen guten Morgen zu wünschen. Bar . (der kaum Worte findet) Bursche! Er war in meinem Zimmer? Page . Ach ja! Bar . Er hat dreymahl geseufzet? Page . Ueber Ihre Ungnade. Bar . Und Er hat in meinem Bette geschlafen. Page . Aus Verzweiflung; übrigens aber recht gut. Bar . Höllenbrand! Wie ist er da hineingekommen? Page . Als der gnädige Onkel mich verstieß, da war ich so verwirrt, so betäubt, daß ich die rechte Thüre verfehlte. Auf einmahl kam es mir vor, als sey ich in einem Gasthofe. Ohne zu wissen, was ich that, machte ich mir's kommode, löschte das Licht aus, seufzete und schlief ein. Bar . O des verdammten Taugenichts! Was hält mich ab (Er sucht nach einem Stocke) Deborah . Mach' nur keinen Lärm, Bruder! sonst wirst Du noch obendrein ausgelacht. Bar . Fort, mir aus den Augen! Find' ich den Burschen wieder, so laß' ich ihn ins Zuchthaus stecken. (will gehen) Stief . (hält seinen Huth hin) Gnädiger Herr, meinen Dukaten! Bar . Geh zum Teufel! Von dem jungen Herrn da laß Dich bezahlen. (Er läuft in sein Zimmer) Deborah . Vetter! wenn Er nicht bald anders wird, so fährt Er bey lebendigem Leibe zur Hölle! (folgt ihrem Bruder) Page . I nu, die Hölle ist wohl auch so schlimm nicht, als man sich vorstellt. Ein Teufel neckt den andern, da giebts wenigstens keine Langeweile.   Vierter Auftritt. Page . Stiefel . Stief . Ist's noch nicht gefällig abzumarschiren? Page . Nichts weniger. Stief . Haben Sie denn nicht gehört, daß der alte Herr sich Ihre Gegenwart verbittet? Page . O ich habe mir die seinige oft genug verbeten; er hat sich nie daran gekehrt. Stief . Aber unser Urlaub ist um. Page . Leider! Stief . Wir müssen also reisen. Page . Höre, Stiefel, kennst Du das alte Sprüchwort nicht: Zum Reisen braucht man Geduld und Geld . Ich habe keins von beyden. Stief . Daß Sie kein Virtuos in der Geduld sind, weiß ich längst; daß Sie aber auch kein Geld mehr haben Page . Hättest Du auch schon längst wissen können. Die ganze Stadt ist voll hübscher Mädchen, man muß sich putzen, Cadeaux machen, reiten, fahren Stief . Freylich! Und viel hatten wir ohnehin nicht. Page . Also der Beutel ist leer! quod erat demonstrandum. Stief . Ey, da kommt ja die Bitte des alten Herrn, uns fortzupacken, recht zu gelegener Zeit! Page . Ach Stiefel! ich habe noch andere Ursachen, warum ich nicht fort mag. Stief . Sind Sie verliebt? Page . In's schöne Annlieschen. Stief . So? ich dachte in Trudchen. Page . Allerdings auch in Trudchen. Stief . So geht das arme Kätchen allein leer aus? Page . Wie kannst Du das glauben? Ich liebe Kätchen mit gleichem Feuer. Stief . Alle drey auf einmahl? Nun, das muß wahr seyn, ein Pagenherz ist wie das Oelkrüglein der Wittwe zu Sarepta. Man schenke heraus, so viel man wolle, es wird doch nie leer. Page . Du siehst also, ich kann nicht fort, denn ich muß lieben, mich lieben lassen, den Onkel prellen, die Tante foppen, meine Nebenbuhler für Narren halten, und endlich vor allen Dingen Geld, Geld! Unter hundert Dukaten kann ich den Onkel unmöglich durchschlüpfen lassen. Stief . Er scheint eben nicht aufgelegt. Page . Er muß. Stief . Wie wollen Sie das anfangen? Page . Das weiß ich selbst noch nicht; aber er wird mich nun einmahl nicht eher los. Geh, Stiefel, bleib im Vorzimmer, sey bey der Hand, wenn ich Dich brauche. Stief . Ganz wohl! Doch mit Ausnahme. Denn wenn der alte Herr böse wird, und es käme etwa hier zu einigen Handgreiflichkeiten, so mögen Sie rufen, so viel Sie wollen, ich rühre mich nicht. (ab)   Fünfter Auftritt. Page allein. Es wäre doch schlimm, wenn ich glatter Bursche mit dem alten eckigten Onkel nicht fertig werden könnte. Es soll ihm eben so schwer werden, mich zu fangen, als ein Quecksilberküchelchen mit zwey Fingern zu erwischen.   Sechster Auftritt. Trudchen . Page . Trudch . Guten Morgen, Vetter! Page . (trübselig) Ach schönes Trudchen! das wird wohl der letzte gute Morgen seyn, den Sie mir bieten. Trudch . Wieso? Page . Der Papa hat mich aus dem Hause gehen heißen. Trudch . Warum? Page . Der Barbar! weil ich Sie anbete. Trudch . Guter Vetter! und Sie wollen wirklich fort? Page . Nichts weniger, mein theures Mühmchen! wenn Sie mir nur beystehen. Trudch . Wie kann ich das? Page . Verstecken Sie mich! Trudch . Wo? Allenfalls im Keller, zu dem hab' ich den Schlüssel. Page . Prr! nein; im Keller ist mir's zu kalt, zu dunkel. Auch blieb' ich gern in der Nähe, um meinen Nebenbuhler zu beobachten. Wie wär' es, wenn Sie mich wieder ein wenig in den Schrank sperrten, und, so oft Papa den Rücken kehrt, mir Trost in meinen Kerker brächten? Trudch . Der Schrank ist verschlossen. Papa hat gestern Abend den Schlüssel abgezogen. Page . Wir brechen ihn auf. Trudch . Das würde gewaltigen Lärm machen. Page . Sollte die alte Uhr da nicht Raum genug für mich haben? Trudch . Welch' ein Einfall? Page . Ich bin ja ein schlanker Jüngling, und, wenn es seyn muß, kann man mich zusammendrücken, wie einen Muff in seine Schachtel. (er öffnet den Uhrkasten) Trudch . Aber wo sollen die Gewichte bleiben? Page Die schneiden wir ab. Trudch . Sind Sie toll? Dann geht ja die Uhr nicht mehr. Page . Was schadet das? Wollen Sie einen Mann nach der Uhr? Ist es Ihnen nicht genug, zu wissen, daß ein Liebhaber in der Uhr steckt, der zu jeder Stunde des Tages, sie mag schlagen oder nicht, mit Leib und Seel' der Ihrige ist? (er schlüpft hinein) Trudch . Aber Sie müssen ersticken. Page . Nicht doch, das Loch da vorne (er meint nehmlich das ovale Loch, welches in der Gegend zu seyn pflegt, wo der Perpendikel hängt) wird mir mehr Luft geben, als ein verliebter Page bedarf. Ziehen Sie nur den kleinen seidenen Vorhang wieder drüber. Trudch . Ich höre kommen. Page . Den Schlüssel abgezogen. Fort! Fort! Trudch . (zieht den Schlüssel ab und entfernt sich von der Uhr) Ein toller Mensch! Ach, die Liebe zu mir macht ihn so verwegen.   Siebenter Auftritt. Baron . Kreuzqueer . Vorige . Bar . Ja, Herr Schwiegersohn! wir wollen noch diesen Vormittag die Sache in Richtigkeit bringen Eine Braut ist eine reife Frucht; läßt man die zu lange am Baume hängen, so kommen die Wespen. Kreuzq . Und die Sperlinge. Als ich von Stolpe nach Danzig reis'te Bar . Das sollen Sie mir auf den Abend erzählen. Jetzt will ich selber zum Notarius gehen. (Er nimmt Huth und Stock) Kreuzq . Wie wird Ihnen, mein Fräulein, da Sie das Wort Notarius aussprechen hören? Trudch . Als ob ich mein Testament machen sollte. Bar . Kehren Sie sich nicht an das alberne Ding! Der Ehestand ist, sans Comparaison , eine ruhende Klapperschlange. Die Mädchen hüpfen, wie die Vöglein, bezaubert immer näher, und schlüpfen ihr endlich freywillig in den Rachen. Trudch . Eine allerliebste Beschreibung des Ehestandes. Bar . Sey vernünftig, Gertraud! unterhalte Deinen Bräutigam mit lieblichen Worten und Geberden, bis ich zurückkomme. (will gehen) Ach! fast hätte ich vergessen es ist heute Sonnabend. Ich muß doch erst meine Uhr aufziehen. Trudch . (bey Seite) O weh! Bar . Nu? Wo ist denn der Schlüssel zu dem Kasten? Der Uhrschlüssel hängt ja drinnen. Trudch . Ich weiß nicht. Bar . Was soll das vorstellen? Der Schlüssel wird ja sonst nie abgezogen. Trudch . Nein freylich ich weiß gar nicht Bar . Du kommst mir ja so verlegen vor? Trudch . Ich? Gott bewahre! Ach nun besinne ich mich, die Uhr ist schon aufgezogen. Bar . So? Wer hat es denn gethan? Trudch . Ich selbst; gestern Abend. Bar . Ey, das wäre ja das Erstemahl in Deinem Leben? Trudch . Ja ich weiß nicht, wie es mir einfiel Bar . Wenn mir recht ist, so kannst Du ja nicht einmahl hinaufreichen? Trudch . Ich bin auf einen Stuhl gestiegen. Bar . So? Da hast Du Dir ja echt viel Mühe gegeben? Aber mit alledem scheint es mir doch, daß sie steht. (Er horcht auf den Schlag des Perpendikels) Trudch . Steht sie? Ey! Bar . Ja, sie steht; (er sieht nach seiner Taschenuhr) und zwar ist sie erst vor wenig Minuten stehen geblieben. Trudch . Das ist kurios! Bar . Sehr kurios! Kreuzq . Auf meiner großen Reise von Stolpe nach Danzig Bar . Ich bitte, Herr Schwiegersohn, lassen Sie nur dieß Kapitel erst abthun. (zu Trudchen) Da Du die Uhr aufgezogen hast, so mußt Du ja auch wohl den Schlüssel zum Kasten haben? Trudch . Ich glaube. Bar . So gieb ihn her! Trudch . (sucht in der Tasche) Ich hab' ihn auf meinem Zimmer gelassen. Bar . So hol' ihn! Trudch . Ich will es nur gestehen, lieber Papa, ich bekam gestern vom Nachbar eine junge allerliebste Katze geschenkt. Ich weiß aber, daß Sie die Katzen nicht leiden mögen, und da ich auch fürchtete, sie möchte mir des Nachts zu viel Lärm im Zimmer machen, so sperrte ich sie für's Erste hier ein. Aber gehen Sie nur zum Notarius, ich will die Katze gleich wieder herauslassen, und wenn Sie Ihnen mißfällt, so gebe ich sie dem Nachbar zurück. Bar . Was das für Streiche sind! Katzen in meinem Uhrkasten! Wenn das Beest nun da (er zieht den kleinen Vorhang weg und erblickt des Pagen Gesicht) So? Kreuzq . Ey, ey! Bar . Ein allerliebstes Kätzchen! vom Nachbar geschenkt? Trudch . Gnädiger Papa Bar . Den Hals dreh' ich Dir um! Und Er, mein sauberer Vetter, was sagt Er dazu? Page . Was soll ich sagen? Miau! Bar . Er untersteht sich noch zu spotten? Page . (wehmüthig) Ach ja! Bar . Hatt' ich ihm nicht das Haus verboten? Page . Ja. Bar . Dießmahl soll es ihm theuer zu stehen kommen. Meine Geduld ist erschöpft. Der Kutscher und der Hausknecht sollen mir das Kätzchen herausholen und auf die Straße transportiren. Damit aber unterdessen die Fräulein Tochter dem Kätzchen nicht zu Hülfe kommen könne, so beliebe sie dem Herrn von Kreuzqueer ihren Arm zu geben. Trudch . Gnädiger Papa! Bar . Halt's Maul! ich bin ungnädig! Allons, Herr Schwiegersohn, führen Sie die unverschämte Dirne fort. (Als er sieht, daß Trudchen sich sträubt) Es hat nichts zu bedeuten, wenn Sie ihr auch den Arm ausrenken. Kreuzq . Mein holdes Fräulein Trudch . Ich folge, weil ich muß; aber ewig werd' ich den Vetter lieben! Bar . Wir wollen Dir die jungen Katzen schon aus dem Kopfe bringen. (Alle drey ab.)   Achter Auftritt. Page allein, das Gesicht vor dem Loche. Meine Lage ist eben nicht die bequemste. Wenn ich nur die Arme rühren könnte, so wollte ich bald, wie Simson, das ganze Gebäude auseinander schmettern. He! Stiefel! Stiefel! Es wäre doch ein verfluchter Streich, wenn der Kutscher und der Hausknecht mich hier attrapirten. Stiefel! Stiefel! Der Schlingel hört nicht! O Jupiter, Du warst ja auch zu Deiner Zeit ein verliebter Schalk! Um des Pagen Ganimed willen! hilf mir aus der Klemme!   Neunter Auftritt. Kätchen und der Page . Kätch . (einen Haubenkopf in der Hand tragend, auf welchem eine Haube mit einem Schleier befindlich ist) In dieser Haube werd' ich dem kleinen Wildfang sicher gefallen. Das purpurfarbne Band zu meinen schwarzen Augen und die Lotosblume, die so imponirend herüber nickt, und das versteckte Veilchen, das zu sagen scheint: suche mich! Ach, wenn ich ihm nur ganz trauen dürfte! Wenn nur irgend ein Schutzgeist mir zuflüsterte: Er liebt Dich! Page . Er liebt Dich. Kätch . Ach! was war das? Page . Die Stimme eines armen Vetters, der von Barbaren hier eingesperrt worden, weil er Muhme Kätchen liebt. Kätch . Ums Himmelswillen! Warum? Weswegen? Wie ist das zugegangen? Page . Befreyen Sie mich nur erst aus dem verdammten Loche, dann will ich alle Ihre Fragen beantworten. Kätch . Herzlich gern; aber der Schlüssel steckt ja nicht im Schloß! Page . Das ist eben der Teufel! Und der gnädige Papa ist hingegangen, Leute zu holen, um mich ganz höflich auf die Straße zu transportiren. Kätch . Mein Gott! Page . Der Unmensch weiß nicht, daß heut zu Tage, wo alles Griechisch ist, man die Gastfreyheit respektiren muß. Kätch . Was fangen wir an? Page . Haben Sie keinem Dietrich? Keine Brechstange? Kätch . Wie käme ich dazu? Page . Läßt sich denn das Uhrwerk oben nicht herunter heben? Kätch . O ja! Page . Page . So thun Sie es geschwind, dann kriech' ich oben heraus. Kätch . (setzt ihren Haubenkopf auf den Farotisch) Es ist mir zu hoch. Page . So steigen Sie auf einen Stuhl! Kätch . Aber die Gewichte? Page . Die hab' ich schon abgeschnitten. Kätch . (steigt auf den Stuhl) Wenn ich nur Kräfte genug habe. Page . Ich will mit dem Kopfe nachhelfen. Ich will, ein zweyter Atlas, die Zeit auf meinem Haupte tragen. Kätch . e (hebt den obern Kasten, in welchem das Werk ist, herunter; die abgeschnittenen Stricke von den Gewichten hängen daran herab) Das wäre geschehen; aber wie kommen Sie heraus? Page . O, ich bin wohl eher in einem Kamin in die Höhe geklettert! (er steigt heraus) Es geht, es geht! Nur einen Tisch hier in die Nähe, daß ich den Fuß darauf setzen kann. Victoria! (er springt heraus) Kätch . Nun müssen wir aber die Uhr wieder in Ordnung bringen. Page . Das sey meine Sorge! Aber ganz leer darf der gnädige Papa den Uhrkasten doch auch nicht finden. Ogeben Sie mir den Haubenkopf! Kätch . Was wollen Sie damit? Page . Um des Kontrastes willen. Denn nichts unähnlicher auf der Welt, als ein Pagenkopf und ein Haubenkopf. (Er senkt den Haubenkopf hinab in den Uhrkasten, so daß das gemahlte Gesicht gerade vor die vorhandene Oeffnung zu stehen kommt, setzt dann das Werk wieder drauf, und bringt alles schnell in Ordnung) Kätch . Jetzt machen Sie aber auch, daß Sie fortkommen! Page . Ich Sie verlassen? Nimmermehr! Kätch . Sind Sie toll? Meynen Sie durch solch' einen Schelmenstreich meinen Vater zu besänftigen? Entweichen Sie wenigstens seinem Ersten Zorne! Page . Ich fürchte mich vor Niemand, als vor dem Amor, der aus Ihren beyden Augen Pfeile auf mich schießt. Kätch . Die Galanterie kommt sehr zur Unzeit. Ich kenne meines Vaters Hitze und bebe für Sie. Page . So verstecken Sie mich! Kätch . Wohin denn? Schlüpfen Sie in den Garten. Page . Nein, aus diesem Zimmer geh' ich nun einmahl nicht. Kätch . Der Mensch ist rasend. Page . (den Farotisch und die Haube, die darauf liegt, betrachtend) Ein köstlicher Einfall! Ihr Haubenkopf residirt in der Uhr? Kätch . Leider! Page . Und dieser alte Farotisch es geht, o wahrhaftig, es geht! Kätch . Was hat denn nun wieder der Farotisch mit meinem Haubenkopfe zu schaffen? Page . Schönes Mühmchen, ich liebe Sie! ich bete Sie an! Um Ihrentwillen lasse ich mich zu der niedrigsten Verkleidung herab. Kurz und gut, ich bin ihr unterthänigster Haubenkopf. Kätch . Was soll das heißen? Page . Das sollen Sie bald gewahr werden. (Er nimmt die Haube, setzt sie auf, schlüpft hinter den Farotisch und bückt sich so, daß sein Kopf und Hals gerade in den halbrunden Ausschnitt passen) Jetzt belieben Sie nur noch den Schleyer zu arrangiren und dann will ich den sehen, der mich nicht für einen leibhaftigen Haubenkopf halten soll. Kätch . (deckt den Schleyer über ihn) Er ist ein toller Mensch. Was wird das für ein Ehemann werden! Page . Seyn Sie ruhig! In der Ehe sollen Sie mir den Kopf nicht herausputzen.   Zehnter Auftritt. Baron . Brennessel . Hanns . Kutscher . Vorige . Bar . Kommen Sie, Herr Schwiegersohn! Indessen der Herr von Kreuzqueer meinem Trudchen den Kopf zurechte setzt, sollen Sie Zeuge seyn, wie ich mit dem Taugenichts umspringen werde. Den Schlüssel hat sie herausgeben müssen. Es ist eine Schande für die Familie, daß ich den Buben von Domestiken aber besser, man schneidet einen brandigen Ast vom Baume. Hanns und Peter, postirt Euch hierher, und sobald ich den Kasten geöffnet, greift hinein, zieht ihn heraus und werft ihn auf die Straße. ( Hanns und Peter stellen sich an die Eine Seite, wo die Thüre sich öffnet, der Baron an die Andere und schließt auf) Na, greift zu! Hanns und Peter (greifen zu und holen den Haubenstock heraus) Bar . (ganz versteinert) Was ist das? Brenn . Potz Miekchen! Ein Haubenkopf. Hahaha! Bar . Kann der Bube hexen? Hanns . Soll ich ihn auf die Straße werfen? Bar . Wie ist das zugegangen? Käthe! Rede! Kätch . Ich weiß von Nichts. Bar . Die Gewichte abgeschnitten, die ganze Uhr ruinirt, und mit Satans Hülfe meiner Rache entflohn! Brenn . Hahaha! Schwiegerpapa! bey mir müssen Sie in die Schule gehen. Ich lege meinen Bauern Blöcke an die Füße, und meinen Schweinen hölzerne Kragen um den Hals, da schlüpft mir Keines durch den Zaun. Bar . Nu, hol ihn der Teufel! Ich bin nur froh, daß ich ihn los bin. Geht! (Hanns und der Kutscher ab) Daß er nicht noch Einmahl zurückkömmt, dafür bin ich sicher; er kennt mich; ich lasse nicht mit mir spaßen. Brenn . Guten Morgen, meine schöne kleine Braut! Kätch . Das fällt Ihnen etwas spät ein! Brenn . Ja sehn Sie nur, das müssen Sie mir nicht übel nehmen, das passirt mir oft. Aber in der Wirthschaft denke ich an Alles, an Heumachen und Korndreschen, an Flachsrösten und Schweinemästen. Kätch . Vortrefflich! Bar . Allerdings vortrefflich, auch ohne gerümpfte Nase, mein schnippisches Fräulein. Auf den schönen Gütern dieses Mannes erwartet Dich ein wahres Schäferleben. Kätch . Nur nicht in Arkadien. Brenn . Nein, in Pommern. Meine Güter liegen alle in Pommern. Herrliche Güter! Da wollen wir leben! Potz Miekchen! Des Morgens essen wir kräftige Biersuppe, mit Honig von meinen eignen Bienen; dann gehen wir ein wenig in den Stall und sehen, ob das liebe Vieh sein gehöriges Futter hat; dann schlend'r ich, Ihnen zu Gefallen, mit in die Milchkammer, da schöpfen wir den Rahm von den Töpfen; Nachmittags spazieren wir hinaus aufs Feld, und sehen, wie der liebe Dünger auf den Aeckern vertheilt wird. Kätch . Das wird jährlich viel Eau de Lavande kosten. Brenn . Keinen Tropfen. Solch Zeug taugt nicht in die Wirthschaft. Ueberhaupt werden Sie sich sehr bey mir insinuiren, wenn Sie all' den neumodischen Flatterstaat in die Plunderkammer werfen. Kätch . (spöttisch.) O ja, ich verspüre große Lust dazu. Bar . Er hat Recht. Es wird immer toller. Ein Spinngewebe ist dichter, als Euer Anzug. Das Gebein kann man durchschauen, und die Arme sind gar nackend bis an die Ellenbogen. Ob Euch die Seele im Leibe erfriert, daraus macht ihr Euch gar nichts, wenn nur die Eitelkeit fein warm sitzt. Und die Kopfzeuge sie kosten ein Sündengeld ist doch nicht für einen Dreyer solider Werth darinnen. Da steht so ein Ding! da sehn Sie nur einmal, Herr Schwiegersohn! (er hebt mit zwey Fingern dem Pagen die Haube vom Kopfe, der ihn zärtlich ansieht. Große Pause) Brenn . (bricht endlich los) Potz Miekchen! Kätch . O weh! O weh! (sie schleicht sich fort) Brenn . He da! Fräulein Braut! Schleichen Sie doch nicht davon, wie die Katze vom Taubenschlage. (er stolpert ihr nach)   Eilfter Auftritt. Baron . Page . Bar . (der bis jetzt, mit der Haube zwischen den Fingern, ganz verblüfft stand, den Pagen anstierte und von ihm angesehen wurde) Ist Er's wirklich? Page . (wehmüthig) Ja, gnädiger Onkel! Bar . Er untersteht sich Page . Ach Gott! darf ich denn in Ihrem Hause nicht einmahl ein Haubenkopf seyn? Bar . Ein Tollkopf ist Er! den ich bey den Haaren hinausschleppen werde! (Er fährt auf den Pagen . los, der Page . duckt unter, schlüpft zwischen seinen Füßen durch in eine andere Ecke des Zimmers) Page . Bitte, bitte, lieber Onkel! Bar . (außer sich) Wo ist mein Stock? mein Page . (hebt einen Stuhl auf) Onkel, ich wehre mich in aller Unterthänigkeit. Bar . Was? Er will sich gegen seinen leiblichen Oheim zur Wehr setzen? Page . Ja, wenn Sie's gnädigst erlauben, ich wehre mich bis auf den letzten Blutstropfen. Bar . Teufelsjunge! Will er sich gleich aus dem Hause packen? Page . Mein gnädiger Onkel! Bar . Nicht? Page . Nein, wahrhaftig nicht. Ich liebe Sie gar zu sehr; ich kann mich unmöglich von Ihnen trennen. Bar . Warte, Bursche! Mit Dir wollen wir wohl fertig werden. (läuft wüthend davon) Page . Es wird Ernst. Jetzt ist guter Rath theuer.   Zwölfter Auftritt. Annlieschen . Page . Annliesch . (kommt aus der Seitenthüre und will eilig nach der Mittelthüre) Page . Wohin so schnell, mein schönes Mühmchen? Annliesch . Ich habe einen Burschen von der Straße heraufgerufen, um einen Blasebalg von ihm zu kaufen. Page . O bleiben Sie; ich habe Ihnen ja heute noch gar nicht gesagt, daß ich Sie liebe anbete Annliesch . Sagen Sie mir das nachher; der Bursche läuft mir sonst wieder weg. Page . Wo ist er denn? Annliesch . Vermuthlich im Vorzimmer. Page . Und so ein Blasebalg, so ein Wind, wäre Ihnen lieber, als ein ehrlicher Page, der nie Wind macht? Annliesch . Wer sagt das? Aber kann ich Sie denn in der Küche brauchen? Page . Ueberall können Sie mich brauchen, so lange Papa mich nicht zur Thüre hinauswirft. Annliesch . Pfui! Was denken Sie von Papa? Page . Ich denke, daß er eben hingegangen ist, seine Leute zu holen, um mich die Treppe hinab zu komplimentiren. Ja, schönes Mühmchen, wir sollen uns auf ewig trennen! Annliesch . Reden Sie im Ernst? Was ist vorgefallen? Page . Nichts auf der Welt. Ich erklärte ihm blos, daß ich ohne Sie nicht leben könnte. Was fang' ich nun an? Muß ich aus dem Hause, so sterb' ich vor Gram. Annliesch . (bei Seite) Der arme Junge! wenn ich nur helfen könnte. Page . Ach Gott! Da hör' ich ihn schon! Und der Kutscher, der Hausknecht das ist grobes Gesindel, das hat Fäuste und Manieren. Auf Wiedersehen, schönes Mühmchen! Aus dem Hause bringt er mich doch hol' mich der Teufel nicht! (Er läuft durch die Mittelthüre fort) Annliesch . Warum kam ich denn eigentlich her? Der hübsche Wildfang hat mich ganz konfus gemacht.   Dreyzehnter Auftritt. Baron . Heldens . Hanns mit einem großen Besen. Annlieschen . Heldens . Potz Friedrich und Bonaparte! Schwiegerpapa, ich mache ein Ragout aus dem Knaben. Bar . Wo ist er geblieben? Annliesch . Wer? Bar . Der saubre Vetter? Annliesch . Ich hab' ihn nicht gesehen. Bar . Ist er nicht wieder hier irgendwo versteckt? Annliesch . Sie scheinen sehr aufgebracht, lieber Papa? Was hat denn der Vetter gethan? Bar . Alles hat er gethan! Alles! Heldens . Alles nun wohl nicht, denn er hat den Einjährigen Krieg nicht mitgemacht. Bar . Sein Glück, daß er sich skisirte. Heldens . (schwingt die Fuchtel) Ich hätt' ihn zu einem Pudding gehauen. Annliesch . Wenn er nehmlich still gehalten hätte. Heldens . Was denken Sie, Fräulein Braut? Mir muß man still halten. Ich habe ganz andre Leute vor mir gehabt, Croaten und Panduren! Fünf Campagnen hab' ich im Einjährigen Kriege mitgemacht, und wenn ich kam, so lief keiner davon! Bar . Hanns, gieb Du wohl Acht, laß mir den Burschen nicht wieder über die Schwelle! Hanns . Der Kutscher hat mir den Stallbesen geliehen, da will ich ihn schon fegen.   Vierzehnter Auftritt. Page . Vorige . Page . (als Blasbalgmacher, in einen weiten Rock geknüpft, einen heruntergeschlagenen Huth in das Gesicht gedrückt, einige Blasebälge auf dem Rücken hängend und einen großen Blasebalg in der Hand) Met Verlöf, myne Herrn! Bar . Was willst Du Bursche? Page . Dat gnädige Frölen hatt mi geropen. Annliesch . Ach, das hatt' ich ganz vergessen! Ja, lieber Papa, wir brauchen nothwendig einen neuen Blasebalg. Bar . Was geht das mich an? Dergleichen muß nicht hier in meinem Wohnzimmer abgehandelt werden. Fort! hinaus! Page . Wat meent he denn Herr? Dat man de Püstermacker achter'n Tun findet. Bar . Geh zum Teufel mit Deinen Blasebälgen! Page . De Düvel ward mi keene abköpen. Dem sind se to lütge, um syn Füer met antupusten. Kiek' He man her, sind süß schöne Püster, se macken ju Wind, noch beeter, als en Keerl de jümmer achten de Frunt seten hett. (er bläst auf Heldensinn) Heldens . Bursche! bleib' mir vom Leibe! Page . Bruucken se keenen Wind? Dat is doch süß Allmanns-Koop. Nümmes kann et missen. Ahn Wind kann de Grapen am Füer nich koocken; dat Mehl tum Brod kümmt von de Windmöhl; en Haasen up ju Tisch könnt ju mit de Windbücks scheeten; de Orgelpipen möten Wind hebben, süß gaht nümmes in dat Gottes Huus; de schmucken Frölens bym Tanz maacken Wind mit de Föger und de Junker mit't Muul. De Versemacker brucken Wind am Nyjahrstage und de Avisenschriewer alle bott. Well ji fryen, min Herr, ahn Flausen geht ju keen Deeren int't Nett. Well ju en Boock schriewen, met i wedder Flausen macken, süß waar ji nicht geröhmt, ji ja ock by Hofe ward alle Jahr en Hupen Wind verbruckt. Met Wind kennt ji dat Fewer koriren, kinnt macken Getränk för schwangre Fruuens, dat Söt tum Coffee, Supp ut Knacken, Geld ut d' Lotterie, Caffee ut Cichorien, ja man met Wind stigt ji in de grote Windkugel tu de hiligen Engelgens hinup, oder breckt dat Genick as jen Franzos. Yi sehn darut, dat de Püstermacker nich achter'n Tun jung woren sind. Heldens . Der Bube hat den Teufel im Leibe! Page . Kommen Se, gnädig Frölen, kommen Se na de Keeck, da wöll wi de Püster versöcken, und dann wöll wi öbber den Pryß woll enig waren. Bar . Halt! das Ding kommt mir verdächtig vor. Laß Er sich doch einmahl recht besehen, mein witziger Herr Blasebalgmacher. Page . (weicht aus) O perre mi nich so nahe up't Lief, dat kennen sellen die groten Lüde verträgen. Bar . Mache der Herr keine Umstände, oder ich will ihm einen Sturm vorblasen, der ihn zum Thore hinaus wehen soll. (Er erreicht ihn und reißt ihm den Huth weg) Dacht' ich's doch! Schon wieder der vermaledeyte Page! Annliesch . Ach der Vetter! Heldens . (schwingt den Stock.) Ist er das? Heraus, mit der Fuchtel! Bar . Hanns! Peter! werft ihn aus dem Hause! Page . (retirirt sich hinter Annlieschen und bläst aus seinem Blasebalge Wind, so viel er kann hervor) Wer mir zu nahe kommt, ist ein Kind des Todes! Gnädiger Onkel! ich bitte um freyen Abzug, oder ich beschwöre den Geist meiner Mutter, sich alle Abend in Ihr Bett' zu legen, und Sie mit off'nen Armen zu empfangen. Bar . Hu! hu! Was der Bube für gräßliche Gedanken hat! Laßt ihn laufen! Page . (küßt Annlieschen schnell) Auf Wiedersehn, schönes Mühmchen! (indem er geht und bläßt) Platz da! Platz da! (ab) Heldens . Potz Friedrich und Bonaparte!   Ende des zweyten Aufzugs.   Dritter Aufzug. (Eine Straße. Links des Barons Haus, welches gegen die Zuschauer fast Fronte macht. Es hat einen Balkon. Neben demselben rechts steht ein großer Baum. Links Parterre ist ein Fenster für den Hausknecht. Des Barons Hause gegenüber steht ein Kaffeehaus. Zwischen beiden ein Buchladen, und neben dem Buchladen die Wohnung eines Fleischers.) Erster Auftritt Page . Stiefel . Stief . Nun, Gott sey Dank! so weit hätten wir es gebracht. Weder Dach noch Fach, nichts zu beißen, nichts zu brechen, sollen Morgen reisen und haben keinen Heller in der Tasche. Eine recht scharmante Situation! Page . Du irrst. Ich habe noch Pathenpfennige. Zwey seltene Dukaten. Stief . Ja, damit werden wir weit kommen. Page . Wer sagt Dir denn, daß ich fort will? Hier will ich bleiben. Stief . Auf der Straße? Page . Nichts weniger, in diesem Hause meines Onkels. Es müßte doch mit dem Teufel zugehn, wenn wir nicht irgendwo ein Schlupfloch finden sollten. Stief . Ja, wenn wir Katzen wären, so kletterten wir durch die Dachlücken. Page . Ey was! nur den Muth nicht verloren. Un héros prévoit tout; l'image du danger, Loin d'arrêter son bras, sert à l'encourager, Il voit d'un oeil serein la mort qui l'environne, Un grand coeur s'enhardit, où le foible s'étonne! Stief . Davon versteh' ich kein Wort. Aber daß wir keinen hinkenden Postgaul damit bezahlen können, das weiß ich. Page . Zum Teufel mit Deinen Postpferden! Ich gehe nicht eher von der Stelle, bis der Onkel mit den Dukaten herausrückt. Stief . Ja, ja, es hat das Ansehn dazu. Die Thüre ist verschlossen, und wenn wir noch lange hier stehen, so sind sie kapabel, uns mit ihrem Waschwasser zu taufen. Page . Keine Sündfluth soll mich hier vertreiben. (er klopft) He! Holla! Holla! Stief . Er wird nicht eher ruhn, bis er Prügel bekommt. Page . Holla! Holla!   Zweyter Auftritt. Hanns am Fenster. Vorige . Hanns . Was will der junge Herr? Page . Mach' auf! Hanns . Ich darf nicht. Page . Warum nicht? Hanns . Ich bekomme Prügel, wenn ich aufmache. Page . Nun, was thut das? Hanns . Ey, es thut weh! Page . Ich gebe Dir Geld. Hanns . Wieviel? Page . Die Hälfte meines ganzen Vermögens. Hanns . Behüte! Das wäre gar zu viel. Stief . Nimm's nur, Kamerad! Es wird Dir die Taschen nicht entzwey reißen. Page . Da nimm! Hanns . (steckt die Hand heraus) Ein Dukaten? Ne, junger Herr, Da käme noch kein Groschen auf jeden Hieb. Stief . (bey Seite) Bey dem sind die Prügel Scheidemünze. Page . (sucht in den Taschen) Barbar! Da geb' ich Dir noch ein Komödienbillet in den Kauf. Hanns . Was soll ich damit machen? Page . Du kannst in Berlin die Donaunymphe dafür sehen. Hanns . Gott bewahre mich vor der sündigen Comödie! Page . Willst Du mich zur Verzweiflung bringen? Wohlan! Nimm mein ganzes Vermögen! (will ihm auch den andern Dukaten geben) Hanns . Zwey Dukaten? Ne, junger Herr! Der gnädige Onkel jagt mich zum Hause hinaus. Page . So blicke stolz auf ihn herab und geh! Hanns . Wovon soll ich denn leben? Page . Du Esel! ich versorge Dich. Hanns . Wie denn? Page . Ich lasse Dir täglich eine Portion Rumfordische Suppe reichen. Hanns . Ey was Suppe! hier hab' ich Fleisch, (schlägt das Fenster zu) Page . Hanns! Höre doch! Nur noch ein Wort. Hanns . (am Fenster) Na! Was giebt's noch? Page . Ich schlage Dir Arm und Bein entzwey. Hanns . Oho! Page . Ich zünde Dir das Haus über dem Kopfe an! Hanns . Dann werden Sie lebendig gerädert. (schlägt das Fenster zu)   Dritter Auftritt. Page . Stiefel . Page . Verfluchter Kerl! Stief . Jetzt sind wir wohl am Ende von unserm Latein? Am besten, wir laden uns als blinde Passagiers auf den Postwagen und kutschiren heim. Page . Aber bedenke doch nur, daß wir funfzig Meilen entfernt sind. Mit zwey Dukaten kommen wir nicht einmahl blind bis nach Hause. Stief . Man muß auf Mittel denken. Es reisen ja so manche Leute Ohne Geld. Wie, wenn Sie einen hübschen neumodischen Titel für ein Buch ausdächten, und ließen unterwegs darauf pränumeriren? Page . Da müßt' ich ja das Buch auch schreiben? Stief . Bewahre der Himmel! Oder kollectiren Sie für eine abgebrannte Kirche. Page . Seh' ich denn aus wie ein Kirchenvorsteher? Stief . Oder dringen Sie den Leuten Lotterieloose auf, wie die Braunschweiger Collecteurs. Page . Pfuy. Stief . Oder wir sagen, wir sind chinesische Emigranten. Page . Willst Du nicht lieber gar mit Fleckkugeln herum reisen? Stief . O ja, wenn es Kugeln gäbe, mit denen man die Flecken aus der Seele reiben könnte, da wär' etwas zu verdienen. Page . Gerade umgekehrt! Dann würde Jedermann sagen: Geht zum Teufel! ich brauch' Euch nicht. Stief . Es kommt mir vor, als ob wir schon auf gutem Wege zum Teufel wären. Page . Stiefel! Ich habe einen Einfall. Stief . Es wird wohl wieder was Tolles seyn. Page . In das Haus muß ich, und sollt' ich zehn Jahr davor liegen, wie die Homerischen Helden vor Troja. Stief . Wenn wir nur solche Posaunen hätten, wie bey Jericho! Page . Zum wenigsten verschaffe ich Dir Luft, um dieß Briefchen an meine Cousinen zu bestellen. Stief . Was wollen Sie denn von ihnen? Page . Im Nothfall sollen Sie mir ihre Marktpfennige leihen; wenn ich in der Lotterie gewinne, bezahl' ich sie ehrlich wieder. Stief . Haben Sie denn in die Lotterie gesetzt? Page . Nein, aber komm nur! Stief . Wohin denn? Page . Dort im Wirthshause finden wir, was wir brauchen. Stief . Essen und Trinken brauchen wir. Page . In fünf Minuten soll die Kriegslist im vollen Gange seyn. (ab) Stief . (ihm folgend) Ach, wenn nur erst mein Magen im Gange wäre.   Vierter Auftritt. Baron und Hanns aus dem Hause. Bar . Hier vor der Hausthüre war er? Hanns . Ja! Bar . Und wollte mit Gewalt herein? Hanns . Er bot mir Geld. Bar . Das schlugst Du aus? Hanns . Da bot er mir Prügel. Bar . Laß Dich prügeln, lieber Hanns, laß Dich windelweich prügeln; aber keinen Fuß über die Schwelle! Im Nothfall, wenn er durchaus darauf besteht, so kommst Du lieber herunter auf die Straße. Hanns . Das werd' ich wohl bleiben lassen. Bar . Du hast recht, denn Du bist ein dummer Kerl. Es könnt' ihm einfallen die Thüre mit Dir einzurennen. Wenn er wieder kommt, so gieb mir nur einen Wink, dann steh' ich hinter Dir. Hanns . Sehr wohl; und wenn er dann wieder sagt; Du Esel! so sag' ich, der gnädige Herr steht hinter mir. Bar . Tag und Nacht bleibe auf Deinem Posten, bis der Schelm abreist. Hanns . Auch bey Nacht? Bar . Allerdings! Der Bube ist zu allem fähig. Hanns . Ey, bey Nacht brauchen wir keine Wache. Da hängen ja gleich in der Unterstube die alten Familienbilder, die leiden nichts Unrechtes im Hause. Bar . Hast Du auch so was gemerkt? Hanns . Freylich! Ich wundre mich nur, wie der Vetter Page gleich daneben hat schlafen können. Bar . Ich wollte, seine Urgroßmutter hätte ihm den Hals umgedreht. Nu, Hanns, paß auf! und laß mir keine Mücke zum Fenster herein fliegen, ohne zu rufen: Wer da? (geht uns Haus)   Fünfter Auftritt. Hanns allein. Schon gut, schon gut! Bey Tage steh' ich meinen Mann; aber bey Nacht?– Ne, da schickt der Teufel seine Pagen aus; da bleib' ich fein im Bette. Ja, wenn ich so viel Courage hätte, wie unsre Kammerjungfer, das ist eine verzweifelte Dirne! Mit meinen eigenen Ohren habe ich die Gespenster hören in ihre Stube hinein gehen, und sie hat sich gar nichts draus gemacht. (Er geht ins Haus, verschließt und verriegelt es)   Sechster Auftritt. Stiefel verkleidet mit einem Raritätenkasten. Page als Savoyard mit einer Leyer. Ein Haufen Straßenjungen folgen. Page . (leyert von Zeit zu Zeit) Orgelum, orgeley, dudeldum dey! Schöne Rarität! Hab' Sie kesehn, schöne Rarität! Stief . Wer zahlt! Wer zahlt! Erschaffung der Welt um zwey Dreyer, Sündfluth keht in den Kauf. Page . (leyert) Orgelum, orgeley, dudeldumdey! Schöne Rarität! Stief . (stellt den Kasten auf, so, daß die Löcher, durch welche man hineinsieht, gegen die Hausthüre des Barons zu stehen kommen. Die Jungen zahlen ihre zwey Dreyer und drängen sich vor die Löcher) Na Junge! Hör einmahl auf zu leyern und sag' deine Lektion auf! Page . Im Anfang war sick alles finster Wie su Straßburk im krosse Münster, War sick nok alles wüst und leer, Auch froren die Engelein kar su sehr. Sprack liebe Gott, es werde Lickt! Kuck' Sie hinein wie's hell umbrickt. Wie also gleick die Element bey Vieren Kar lustick durkeinander marschieren, Luft, Erde, Wasser und auck Feuer, Die kück sie Alle vor Swey Dreyer. Orgelum orgeley! dudeldum dey! (er leyert ein wenig) Hanns . (macht sein Fenster auf und horcht hinaus) Stiefel . Da kommt die Sonn kezogen, Die Sternlein am Himmelsbogen, Der liebe Mond seyn auk dabey, Die Thiere macken groß Geschrey. Adam im Paradiese Mit neue Händ' und Füsse, Schaut sich mit kroß Vergnügen Kebratne Tauben fliegen, Darf nur das Maul aufsperren, Kebt Sie wohl ackt, Ihr Herren! Page (leyert ein wenig) Orgelum orgeley, dudeldum dey! Hanns . Den Teufel, das möcht' ich doch auch sehn. Zwey Dreyer lassen sich schon noch dran wenden. (Er macht das Fenster zu) Page . Da kommt sick auk Frau Eva O heilik Genoveva! Sie speis' in Apfelschnitt Mit krosse Appetitt. Der Apfel seyn kemaust. Der Teufel lackt in sein Faust.   Siebenter Auftritt. Hanns . Vorige . Hanns . Hört einmahl, guter Freund! Da habt Ihr zwey Dreyer! Laßt mich auch hineingucken. Stief . Platz da, Jungens, Platz da! Hanns . (guckt hinein) Stiefel . Nu werd Sie schau, Nu werd Sie seh Der Franzmann nach Egypten geh, Da sitzen schon vor ein Landkarte Der große General Bonaparte, Da speisen er ein mager Supp, Da fahren er auf ein Schalupp, Und eh sick umkehrt eine Hand, Steigen er in Egypt' an Land. Page . (giebt Stiefeln ein Billet, winkt ihn und Stiefel schlüpft durch die offene Hausthüre) Hanns . 's ist doch ein schnakisches Ding. Page . Schau Sie die Muselmann kommen Mit krosse Säbel keschwommen, Da reiten der Mufti durch die Nil Auf ein kewaltig Crocodill. Hanns . Das ist ein Teufelskerl! Page . Jetzt müß' Sie fleißig kucken, Da komm' die Mammelucken, Mit ihre breite Messer, Seyn karsticke Menschenfresser Keporen in Afrika, Die hau sick ein, Allah! Ah! die verfluckte Mohren! Sie nehm sick kein Raison, Schau, schau, da hab sie schon Ein Franzmann bey die Ohren.   Achter Auftritt. Der Baron führt mit der linken Hand Stiefel bey Einem Ohr, ergreift im Vorbeygehn mit der Rechten Hannsens Ohr, führt so Beyde auf den Vordergrund der Bühne und stellt sie einander gegenüber. Heldensinn , Brennessel und Kreuzqueer sind gefolgt. Sobald der Page das gewahr wird, wirft er die Leyer von sich, schlüpft in das Haus, schließt und riegelt hinter sich zu. Bar . (zwischen Stiefel und Hanns von denen der Letztere voll Verwunderung das Maul aufsperrt) Gehorsamer Diener! Stief . Unterthänigster Knecht! Bar . Sollt' ich Dir Spitzbuben nicht das Ohr vom Kopfe reißen? Heldens . Ich will es ihm abhauen, Schwiegerpapa! Stief . Bitte, sich beyderseits nicht zu incommodiren. Brenn . Geben Sie mir den Kerl, ich mach' ihn zum Ochsentreiber. Stief . Ach Gott! dazu hab' ich kein Genie. Bar . (zu Hanns) Und Du Schurke! heißt das aufpassen? Hanns . Ich wollte nur die Mammelucken ein Bischen sehen. Bar . (zu Stiefel) Spitzbube! wo ist das Briefchen, das Du in der Hand hattest? Stief . Ein Briefchen? Bar . Ja, ja, ein Briefchen! Wo hast Du es hin praktizirt? Stief . Lieber Himmel! ich kann gar nicht schreiben. Bar . Eulenspiegel! Dein vermaledeyter Herr hat es geschrieben. Stief . So? Bar . Heraus damit! Stief . In der Angst hab' ich's verlohren. Bar . Du willst nicht? Herr Schwiegersohn, ziehen Sie vom Leder! Heldens . (zieht) Potz Friedrich und Bonaparte! Stief . Ach ja, ja; da ist es! Bar . (liest) »Einzig Geliebte!« welche von meinen Töchtern meynt er damit? Stief . Er sagte, ich möchte es der Ersten geben, die mir aufstieße. Brenn . Was? Meiner Braut auch? Stief O ja! Kreuzq . Auch der meinigen? Stief . Zu dienen. Heldens . Ich will hoffen, daß er bey der meinigen eine Ausnahme machte? Stief . Keinesweges! Bar . Hören Sie nur, meine Herren! (er liest) »und wenn Ihr Vater, der Barbar« das soll ich seyn; »Sie hinter dreyfachen Schlössern verriegelte, so wollt' ich ihm dennoch eine Nase drehen.« Mir will er eine Nase drehn, mir »Der alte Held aus dem Einjährigen Kriege ist ein Prahlhanns« das geht auf Sie, Herr Schwiegersohn! Heldens . Alle Wetter! Wo sind meine Pistolen? Bar . (liest) »der sich mit mir auf dem Mantel schießen muß!« Heldens . Auf dem Mantel? Lieber gar einander die Pistolen ins Maul stecken! Bar . (liest) »Der Landjunker mit den großen Kuhställen« das geht auf Sie, Herr Schwiegersohn! »sollte lieber eine Schwindsüchtige heyrathen« Brenn Potz Miekchen! was soll ich mit einer Schwindsüchtigen machen? Dummer Gedanke! Bar . (liest) »und den lebendigen Reisekoffer« das geht auf Sie, Herr Schwiegersohn! »wollen wir in Gottes Nahmen wieder auf den Postwagen packen.« Kreuzq . Narr! Bin ich denn nicht schon auf Reisen gewesen? Bin ich etwa nicht von Stolpe nach Danzig gereis't? Apropos! Damahls hab' ich auch einen solchen Raritätenkasten gesehen, da wurde die Welt erschaffen und sonst noch allerley. Es steht alles in meinem Tagebuche, das kein Mensch drucken will. Bar . (zu Stiefel) Jetzt packe Dich fort, Du Kuppler! Laß Dich nicht wieder vor meinem Hause erblicken, und sage Deinem Herrchen, all' seine List und Ränke sind vergebens. Der Onkel ist auf seiner Hut. Marschiert Ihr nicht bald aus dem Thore, so laß' ich Euch prostituiren. Stief . Ach! wenn der gnädige Herr mir Reisegeld spendiren wollten. Bar . Fort! Marsch! ich gebe keinen Heller. Stief . Kommt, Jungens! Orgelum orgeley, dudeldum dey! (Er packt seinen Kasten auf und geht)   Neunter Auftritt. Vorige ohne Stiefel . Bar . Meine werthen Herren Söhne! es ist gut, daß der Notarius noch heute Abend Alles in Richtigkeit bringt; denn lieber wollt' ich drey Kirschbäume vor Sperlingen hüten, als drey Mädchen vor Windbeuteln. Heldens . Ich will mein Annlieschen schon kirre machen. Brenn . Wenn Kätchen sich der Stallfütterung annimmt, so soll sie genug zu thun bekommen. Kreuzq . Ich führe Trudchen auf Reisen, da lernt sie Mores. Bar . (zu Hanns, der noch immer mit offenem Munde da steht) Nun? Was stehst Du noch immer da? Hanns . Ich verwundre mich noch immer. Bar . Fort! Mach' uns die Thüre auf. (Hanns geht) Kommen Sie, meine Herren, die Flasche war noch nicht leer. (Sie gehen zu Hanns, der die Hausthüre beguckt) Nun? Mach' auf! Hanns . Der gnädige Herr haben die Thüre verschlossen. Bar . Dummkopf! Du hast ja selber den Schlüssel. Hanns . So muß der Wind sie zugeworfen haben. (Er versucht aufzuschließen) Bar . Nun? wird's bald? Hanns . Es geht nicht. Die Thüre ist von innen verriegelt. Bar . Vermuthlich hat meine Schwester aus löblicher Vorsicht Wir müssen klopfen. Hanns . (klopft) He! Holla! Es hört niemand. Bar . (klopft selber) Heda! Holla! Hanns . Alles mausetodt. Bar . Sind die vier Mädchen taub geworden? Meine Herren, helfen Sie doch! (Alle trommeln an der Thüre) Holla! Holla!   Zehnter Auftritt. Page auf dem Balkon. Vorige . Page . Wer klopft und schreyt denn da so mörderlich? Alle . (Prallen zurück mit offnem Maule) Bar . Pah! Brenn . Potz Miekchen! da ist er ja schon wieder. Heldens . Der Bursche hat ein Pactum mit dem Satan gemacht. Hanns . Kurios! Der Herr Page ist drinnen und wir sind draußen. Bar . (der vor Wuth kaum sprechen kann) Sag' mir nur, Verfluchter Page . Ach, sind Sie es, gnädiger Onkel? Worinn kann ich Ihnen dienen? Bar . Den Augenblick laß die Thüre aufmachen, oder Page . Sie scheinen ganz erzürnt? Bar . Warte nur! Laß mich nur hinein kommen! Page . So? Wenn das Ihre Meynung ist, so wär' ich wohl ein Narr, wenn ich aufmachte. Bar . Du willst nicht aufmachen? Page . Nein! Bar . Willst mir mein eignes Haus vor der Nase zuschließen? Page . Es thut mir unendlich leid; aber jeder ist sich selber der Nächste. Bar . Ich lasse den Schlosser holen. Heldens . Ich lasse eine Kanone aufführen. Brenn . Wenn ich nur Einen von meinen Mastochsen hier hätte, der sollte schon die Thüre aufrennen, Page . Probiren Sie es unterdessen. Bar . Bursche? machst Du auf oder nicht? Page . Ich mache nicht auf. Ich habe meinen schönen Mühmchen noch so Vielerley zu sagen, und ich weiß doch, daß Sie uns stöhren würden. Gehn Sie lieber mit den Herren noch ein Stündchen spazieren. Bar . Unverschämter Bube! Hanns! lauf' nach dem Schlosser! Hanns . Der Riegel ist ja vorgeschoben. Page . Gnädiger Onkel! ich will Ihnen eine Kapitulation vorschlagen. Bar . Schweig, Bösewicht! Page . Erster Artikel: Es soll zwischen den kriegführenden Mächten Friede und Freundschaft auf ewige Zeiten geschlossen werden. Wir können es hinterdrein doch halten wie wir wollen. Bar . Ich glaube, der Bube spottet noch? Page . Keinesweges. Zweyter Artikel: Paul von Husch entsagt allen seinen Eroberungen, erhält aber dagegen eine Indemnisation von hundert Dukaten. Bar . Hundert Stockprügel! Page . Wollen Sie das nicht, so empfehle ich mich schönstens, und eile, die Besatzung zur tapfern Gegenwehr aufzumuntern. (zieht sich zurück) Bar . Hanns! hole mir ein Beil. Uf! ich ersticke vor Wuth! Oder warte das währt mir Alles zu lange. Meine werthen Herren Schwiegersöhne, sollten wir fünf baumstarke Männer nicht Kraft genug haben eine Thüre einzurennen? Heldens . Ey warum das nicht? Brenn . Wo ich mit meinem Kopfe einstoße Kreuzq . Auf meiner Reise von Stolpe nach Danzig Bar . Reisen Sie zum Teufel! aber jetzt helfen Sie mir die Thüre einsprengen. Hanns . Es wird aber Alles morsch entzwey brechen. Bar . Und wenn das ganze Hans davon einstürzte! Allons! Frisch drauf los! (Alle lehnen sich gegen die Thüre) Besser! noch besser! (die Thüre bricht ein) Paff! da liegt sie! Nun warte, Herr Vetter! (ab) Heldens . Jetzt marschiren wir durch die Bresche. (ab) Hanns . Nun mag ich's auch mit dem Pagen nicht theilen. (Alle ab)   Eilfter Auftritt. Page , Annlieschen auf dem Balcon. Page ., Der Teufel! Es wird Ernst. Annliesch . Um Gotteswillen, Vetter! sie sind schon auf der Treppe. Page . Hat nichts zu bedeuten: ich retirire mich en bon ordre . (er steigt auf den Baum) Annliesch . Sie werden den Hals brechen. Page . (im Herabsteigen) Die Liebe wird mich schützen. Annliesch . Er ist glücklich herunter. Adieu! Adieu! (ab) Page . Nun wollen wir den Spaß doch vollends abwarten. Den Rücken hab' ich ja frey.   Zwölfter Auftritt. Baron und Hanns mit großen Knütteln auf dem Balcon. Page unteu. Bar . Wo ist er? wo hat er sich verkrochen? Page . Ganz gehorsamer Diener! Bar . (ihn erblickend) Nu, so schlag das Donnerwetter drein! Hanns . Der kann mehr, als Brod essen. Page . Treppe oder Baum, das gilt einem flinken Pagen gleich. Bar . Baum? He, Hanns! der Baum soll umgehauen werden, heute noch, hörst Du? Page . Was hilft das Alles, lieber Oheim? Sie werden mich doch nicht los, wenn Sie mir nicht hundert Dukaten Reisegeld vorstrecken. Bar . Um mir den Satan vom Halse zu schaffen, wollte ich wohl endlich in einen sauern Apfel beißen Page . Beißen Sie, lieber Oheim, beißen Sie! Bar . Welche Sicherheit kann Er mir stellen? Page . Ich schreibe Wechsel so viel Sie wollen. Bar . Seine Wechsel sind Wische. Wovon kann Er mich wieder bezahlen? Page . Sobald ich mündig werde, fange ich einen Prozeß gegen Sie an, wegen des Guthes, das meiner Mutter gehörte; den Prozeß gewinne ich, und dann bezahl' ich Sie bey Heller und Pfennig. Bar . Mit meinem eignen Gelde? Warte, Bursche! Wir haben noch Polizey in der Stadt, die soll Dir den Muthwillen dämpfen. (ab)   Dreyzehnter Auftritt. Page allein. Fort ist er! – so geht es nicht. – Aber gehen muß es doch, es sey auf welche Art es wolle; denn ohne Geld kann ich doch nun einmahl nicht reisen. Soll ich wieder hineinschlüpfen? Die Thüre ist zerbrochen aber jetzt ist der Feind noch in Allarm. Wir müssen temporisiren. Bis jetzt war ich Hannibal, nun will ich einmahl den Fabius Cunctator spielen. Wahr ist's, es liegen mir gar zu viel Feinde auf dem Halse, und ich steh' allein; denn Stiefel ist nicht zu rechnen. Ich werde mir doch wohl Allirte suchen müssen. Es mag drum seyn. Da ich die Mädchen doch nicht alle drey heyrathen , so will ich lieber gar keine haben. Ja ich will sie den drey Officieren geben und meinen Seegen dazu.   Vierzehnter Auftritt. Stiefel schleicht herbey. Page . Stief . Sind Sie glücklich wieder heraus? Page . Dummer Esel, warum hast Du Dich denn bey den Ohren kriegen lassen? Stief . Ich kann mich ja nicht unsichtbar machen. Page . Wenn nur Dein Witz nicht immer unsichtbar bliebe. Ein Reitknecht bey einem Pagen und weiß sich nicht besser zu helfen! Stief . Nehmen Sie sich nur in Acht, daß Sie nicht zwischen zwey Feuer kommen, denn ich sehe da oben die drey Herren Officiere aufmarschiren, die Sie aus dem Korbe gestochen haben. Ich denke, wir machen, daß wir fortkommen. Page . Feige Memme! Die Herren kommen mir eben recht, ich habe etwas mit ihnen zu reden. Stief . Da will ich nicht stöhren. (Er zieht sich furchtsam in den Hintergrund)   Funfzehnter Auftritt. Berg . Busch . Thal . Vorige . Berg . Sieh, sieh, da steht ja wohl der saubre Herr Page. Busch . Jetzt Revange, Herr Bruder! Thal . Dießmahl, junger Herr, sollen Sie uns nicht entschlüpfen. Page . Meine Herren, das ist auch gar nicht meine Absicht. Ich war im Gegentheil eben auf dem Wege Sie zu suchen. Berg . Wirklich? Busch . Ein Nothschuß. Thal . Was wollten Sie denn bey uns? Berg . Vermuthlich das Trinkgeld holen? Page . Keinesweges. Ich bin uneigennützig und wollte Ihnen blos Glück wünschen. Busch . Wozu? Page . Mit vieler Mühe ist es mir endlich gelungen, meine drey Muhmen zu überzeugen, daß sie keine bessern Männer auf der Welt finden werden, als Sie, meine Herren! Thal . Will der junge Herr uns wieder zum Besten haben? Page . Hören Sie mich doch nur aus! Daß ich selber ein wenig in meine schönen Mühmchen verliebt war, will ich gar nicht läugnen, und so lange ich Hoffnung hatte, war ich mir freylich der Nächste. Aber jetzt, da drey verdammt vierschrötige Bräutigams angekommen sind Alle Drey . Was? Page . Und ich also doch leer ausgehe, so gönne ich sie Ihnen lieber, als den einfältigen Landjunkern. Darum hab' ich beschlossen, daß noch heute Abend Ihre Verlobung seyn soll. Berg . Sie haben beschlossen? Das ist allerliebst. Busch . Wollen Sie etwa Komödie mit uns spielen? Page . Warum nicht? Ein wenig. Wir wollen aber gleich beym vierten Akt anfangen, und im fünften werden die Heyrathen vollzogen. Ich rechne freylich dabey auf Ihre Hülfe. Thal . Wenn es Ernst wäre Page . Für's Erste müssen wir die Nebenbuhler aus dem Hause schaffen, dann hab' ich das Uebrige schon im Kopfe. Berg . Junger Herr, wenn Sie Wort halten, so haben Sie drey arme Teufel glücklich gemacht. Busch . Und drey wackere Männer sich zu Freunden erworben. Thal . Wenn es aber wieder so ein Pagenstreich ist Page . Meine Herren, ich bin in Ihrer Gewalt! Wenn ich Sie dießmahl anführe, (zu Berg) so schlage ich mich mit Ihnen auf Pistolen. (zu Busch) mit Ihnen auf den Hieb; (zu Thal) und mit Ihnen auf den Stoß. Kommen Sie nur mit aufs Kaffeehaus, da will ich Ihnen meinen Plan entwickeln. Courage, Messieurs!     Il est beau de tenter des choses inouïes, Dût-on voir par l'effet ses volontés trahies. Je brave les dangers, la mort, l'enfer, la loi: Vou - s'il y faut périr - périssez avec moi! Alle in das Kaffeehaus.   Ende des dritten Aufzugs.   Vierter Aufzug. (Der Schauplatz wie im dritten Aufzug. Der Baum ist aber umgehauen. Die Hausthüre wieder in Ordnung.) Erster Auftritt. Page , Berg , Busch , Thal , auf dem Kaffeehause. Page . Haben Sie nun Alles begriffen? Alle Drey . Vollkommen. Page . (zu Berg) Der Fleischer ist willig? Berg . Für Geld und gute Worte. Page . Haben Sie die Ukrainischen Ochsen selbst gesehen? Berg . Sie sind brav gemästet. Page . (zu Thal) Und Sie, Herr Lieutenant, waren Sie im Buchladen? Thal . Der steht ganz zu unserm Befehl. Der Buchhändler selbst ist auf der Messe. Ich kenne aber seine junge hübsche Frau; sie wird Beystand leisten und im Nothfall sich sogar vorlesen lassen, bis zum Einschlafen. Page . Bravo! (zu Busch) Und Sie, Herr Lieutenant, werden dem alten Kriegskameraden aufs Leder trinken, bis er den Hausvater für einen Mammelucken ansieht. Busch . Wenn er nur an die Gesandtschaft glaubt. Page . Ach ja doch! Man kann den Leuten das tollste Zeug weiß machen, wenn es nur ihrer Eitelkeit schmeichelt, und besonders, wenn Einem schon der Nagel im Kopfe steckt, da darf man nur in Gottes Nahmen drauf los hämmern, er geht immer tiefer hinein, immer tiefer! Wohlan, meine Herren! die Rollen zu der Farce sind vertheilt das Locale ist, wie Sie sehen, klüglich benutzt. Alles in der Welt kommt darauf an, daß Jeder an seinem rechten Platze stehe. Das ist leider selten der Fall; denn die Menschen werden nicht auf den Acker des Lebens gesäet, wie Korn, sondern der Wind des Zufalls trägt den Saamen hier und dort hin. Aber diesesmahl drey junge Lieutenants, ein Page und ein muthwilliger Streich es müßte mit dem Teufel zugehn, wenn es nicht gelingen sollte. Berg . An uns soll es nicht liegen. Busch . Wenn nur nicht am Ende die Mädchen Page . Ey was, die Mädchen dürfen nicht mucksen! Dort drey alte Narren; hier drey junge Liebhaber, heute Abend Verlobung mit jenem oder mit diesem; da bleibt keine Wahl übrig. Hinein, meine Herren! der Vorhang rollt auf ein Jeder mache sich fertig zum Debüt ich halte indessen den Prolog. Berg . Amor ist die Parole. (er geht zum Fleischer) Thal . (ab in den Buchladen) Busch . (ab in das Kaffeehaus)   Zweyter Auftritt. Page allein. Amor?– das wollen wir so genau nicht untersuchen. Die schönen Mühmchen mit ihren 50,000 Thalern bekommen auch wohl Männer, ohne daß Amor sich zu incommodiren braucht. Schade, daß ich sie nicht selber heyrathen kann! nehmlich die 50,000 Thaler. Denn was die Mühmchen betrifft, die werden doch, wenn sie Männer haben, nicht grausam gegen mich werden?   Dritter Auftritt. Annlieschen auf dem Balkon. Page . Annliesch . Vetter! Vetter! Page . Ach sieh da, mein schönes Mühmchen! Herrlich, herrlich, daß Sie herauskommen, denn ich habe Ihnen wichtige Dinge zu entdecken. Annliesch . Ach, was haben Sie gemacht! Page . Nichts auf der Welt. Aber ich denke noch Allerley zu machen, woraus Ihnen Spaß und Freude erwachsen soll. Annliesch . Eine schöne Freude, daß Sie nicht mehr ins Haus dürfen. Page . Wer sagt Ihnen das? Ich hoffe noch diesen Abend das Vergnügen zu haben, mit Ihnen zu speisen. Annliesch . Ach! daran ist gar nicht zu denken! Der Papa ist so zornig. Page . Hat nichts zu bedeuten. Wo stecken die drey Bräutigams? Annliesch . Die sitzen wieder bey der Flasche und sind schon halb betrunken. Page . Desto besser. Annliesch . Heute Abend soll durchaus Verlobung seyn. Page . Daraus wird nichts. Annliesch . Sagen Sie lieber, aus unserer Verbindung wird nichts. Page . Da haben Sie Recht! Aus der wird auch nichts. Annliesch . Und das sagen Sie so gleichgültig? Page . Gleichgültig? Mein Herz blutet wie eine Taube, der man den Hals abgeschnitten. Aber was ist zu thun? Wahre Liebe ist uneigennützig. Ich werde meinen Gram in der Brust verschließen, wenn ich, fern von hier, nur weiß, daß meine schönen Mühmchen im Arm der Liebe ruhen. Annliesch . Dazu ist jede Hoffnung verschwunden. Page . Mit nichten. Vergessen Sie einen unglücklichen Pagen, der in die Einsamkeit des Hofes flüchten, und in den treuen Busen der Höflinge seinen ewigen Schmerz ausschütten wird. Sie, sammt Ihren Schwestern, kehren Sie zurück in die holden Arme der entflohenen Lieutenants, die vergebens auf den Kaffeehäusern ihren Schmerz in Punsch zu ersticken sich bemühen! Nicht wahr, liebes Mühmchen, es ist doch besser, die muntern Lieutenants zu heyrathen, als Ihre schwerfälligen Landjunker; und da nun einmahl aus uns beyden nichts werden kann Annliesch . Haben Sie vergessen, daß wir unsre Liebhaber spottend verabschiedeten? Page . Werden schon wieder kommen. Ihre Reize schimmern nicht blos im Spiegel. Die solide Anmuth, welche Sie und Ihre Schwestern besitzen, können die Jahre Ihnen nicht rauben. Annliesch . Schmeichler! Page . Präpariren Sie nur Trudchen und Kätchen darauf. Sie sollen mich ach Gott! (weinend) Sie sollen mich vergessen und Ihr Herz der alten Liebe wieder zuwenden. Annliesch . Wenn man freylich aus zweyen Uebeln das kleinste wählen muß Page . Recht so! Ein gescheidtes Mädchen ergreift seine Parthie. Deborah . (inwendig) Annlieschen! Annliesch . Ach Gott! meine Tante! (Sie schlüpft hinein) Page . Auch gut. Nun wär' alles vorbereitet. He, Stiefel! Du russischer Stiefel! bist Du fertig?   Vierter Auftritt. Berg , als russischer Kaufmann. Stiefel , als ein gemeiner Russe verkleidet, Page . Stief . Schto wam nadobna Page . Bravo! Du siehst aus, wie ein Iswoschtschik , der auf die Leipziger Messe fährt. Berg . Was sagen Sie zu meiner Verkleidung?. Page . Gut, recht gut! Jetzt, Stiefel, melde Deinen Herrn. Ich besorge indessen das Weitere. Sind nur erst die Nebenbuhler bey Seite geschafft, so haben wir bald gewonnen Spiel. (ab in das Kaffeehaus)   Fünfter Auftritt. Berg , Stiefel , dann Hanns . Stief . (pocht) Sluschti! Dwornik! Sluschti! Hanns . (kommt) Was Teufel, ist das vor ein Kerl? Stief . (zeigt auf Berg) Wot Gospodin! Berg . Sie verzeih. Wenig Deutsch. Herr Brennessel in diese Haus? Hanns . Haus? Berg . Ja, ja, Haus. Herr Brennessel rufen hieher! Hanns . (bey Seite) Kuriose Kerls! Vermuthlich Kalmucken. Mit solchen Bärten bleib' ich nicht gern allein. (laut) Schon gut, meine Herren, ich will den Herrn von Brennessel sogleich rufen. (ab) Berg . Nun, Stiefel, halte das Patent nur parat. Stief . Da ist es schon, auf russische Manier in ein seidnes Tuch gewickelt.   Sechster Auftritt. Brennessel . Vorige . Brenn . (ein klein wenig benebelt) Wer will mich sprechen? Was sind das für Leute? Berg . Ich haben die Ehre zu sprechen mit Herr Brennessel (das ch muß durchgehends rauh ausgesprochen werden) Brenn . Herr von Brennessel, Erbherr auf Kuhdorf und Schaafsleben. Berg . Der nehmlich, der in Oekonomie und Stallfütterung und Kleebau auf höchste Vollkommenheit gebracht? Brenn . Der nehmliche. Woher weiß der Herr? Berg . Hat der Ruhm geblasen in seine Trompete, ist weit erschollen bis Peterburch. Brenn . Wahrhaftig! Potz Miekchen! Berg . Seyn ich Mitglied von ökonomisch Sozietät zu Peterburch, ist worden beschlossen aufzunehmen als Ehrenmitglied den Gospodin Brennessel. Brenn . Ich ein Ehrenmitglied? Berg . Hat der Secretarius gefertigt ein groß Patent, hat der Präsident unterschrieben mit seinen Petschaften. (zu Stiefel) Wannuschka podi Sudá überreiche das Patent. Stief . (entwickelt das seidne Tuch, breitet das Patent auseinander und überreicht es Brennessel.) Brenn . Ganz gehorsamer Diener! Ey, ey, welche Ehre! welche Krackelfüße! Berg . Das seyn Russisch mit Slavonisch Buchstab. Brenn . Potz Miekchen! Hätt' ich doch nimmermehr geglaubt, daß der Ruf von meiner Stallfütterung bis an den Eispol dringen würde! Viel Ehre, meine Herren, viel Ehre! werden Sie sich noch lange hier aufhalten? Bitte, mich auf Schaafsleben zu besuchen. Da sollen Sie einen Ochsen sehen! und welch' einen Ochsen! Was wird der Schwiegerpapa vor Augen machen? Kann ich der ökonomischen Societät mit ein paar Scheffel Teltauer Rüben aufwarten? Berg . Mein Commission noch nicht zu Ende. Sie kenn doch den Fürst Tschuktschukmutschutschky ? Brenn . Tschuk - tschuk - mut - schutschky ? Ich habe nicht die Ehre, Seine Durchlaucht zu kennen. Berg . Das seyn der reichste Mann in ganz Rußland. Er haben Güter von Wolga bis Irtisch. Brenn . Ein paar berühmte Städte! Berg . Er besitzen auch Wallfischfang in Ostsee. Brenn . Potz Miekchen. Berg . Drey Millionen jährlich Einkünfte. Brenn . Alle Teufel! Berg . Kann sechs Millionen werden, wenn er auf sein Güter Kleebau und Stallfütterung einführen thut. Brenn . Da hat er recht. Berg . Muß aber ein klug erfahren Oekonom engagiren. Brenn . Ey freylich. Berg . Der Fürst Tschuktschukmutschutschky will solchem zahlen 100,000 Rubel für Ein Jahr. Brenn . Für ein einziges Jahr? Das ist honett. Berg . Muß aber seyn klug wie Gospodin Brennessel. Brenn . Gehorsamer Knecht! Berg . Ist gefällig zu reisen? Hier Vollmacht hier Contract. Brenn . (bey Seite) Der Mund läuft mir voll Wasser. Berg . Ja oder Nein! Brenn . Ey, das geht nicht so geschwind! Wer soll indessen meine Güter verwalten? Zwar, die könnt' ich verpachten. Aber potz Miekchen! Ich soll auch heyrathen. Berg . Braut kann warten. Der Fürst schicken kostbare Diamanten. Brenn . Freylich, freylich! und die 100,000 Rubel Berg . Auch senden Seine Durchlaucht drey prächtig Stück Ukrainisch-Ochsen. Brenn . Mir? Berg . So is. Peterburch seyn Hauptstadt in Ukrain. Brenn . Ja, ja, das weiß ich. Berg . Ich kommen 12000 Werst, um zu suchen einen Ochs, der sey größer als meine Ochsen. Brenn . Das wollen wir doch sehen! Wo sind sie? Berg . (auf Stiefel deutend) Dieser Mann, Ochsentreiber, haben verdient ein Nawodka , ein gut Trinkengeld. Brenn . Soll er haben. Da! da! (giebt Stiefel Geld) Wo sind die Ochsen? Ich brenne vor Begier. Berg . Seyn logirt bey dieser Fleischer. Brenn . Geschwind! geschwind! Sr. Durchlaucht, der Fürst Tschuktschukmutschutschky muß ein vortrefflicher Herr seyn. Ich habe große Lust ihm in Wolga oder Irtisch meine Aufwartung zu machen. (geht mit Berg und Stiefel zum Fleischer)   Siebenter Auftritt. Page und Busch schleichen aus dem Kaffeehause. Busch ist als Courier gekleidet. Page . Der wäre abgefertigt. Zwischen den Ochsen vergißt er die Braut, und wird uns für's Erste nicht stöhren. Jetzt, Herr Lieutenant versuchen Sie Ihr Heil! Ich will indessen noch ein wenig Branntwein in den Champagner thun. (ab in das Kaffeehaus) Busch . (klopft an des Barons Haus) Holla! Hanns . (am Fenster) Wer klopft? Busch . Logirt hier nicht der Herr Lieutenant von Heldensinn. Hanns . Ja! Busch . Ruf Er ihn geschwind! Ich bringe Depeschen aus der Residenz. Hanns . Will der Herr nicht herein kommen? Busch . Nein; ich muß ganz allein mit ihm sprechen. Hanns . Der Herr Lieutenant sind eben in der Bataille mit den Weinflaschen, da geht's mörderlich zu! Ich will's ihm aber wohl sagen. (ab) Busch . Desto besser, wenn er schon ein wenig benebelt ist. Der Wein macht ja nicht blos geschwätzig, sondern auch leichtgläubig. OBachus! Höre! Dein Bruder Amor ruft Dich zu Hülfe!   Achter Auftritt. Heldensinn . Busch . Heldens . Was beliebt, mein Herr? Busch . Bin ich in der That so glücklich, den berühmten Herrn von Heldensinn vor mir zu sehen? Heldens . Ja. Busch Den nehmlichen, der den ganzen Einjährigen Krieg mitgemacht? Heldens . Den nehmlichen. Busch . Zu dem Sr. Majestät der König sagten: Er solle nach Hause gehn, bis man ihn rufen werde? Heldens . Ja, so sagten Sr. Majestät. Busch . Wohlan! die Zeit ist gekommen! Der König ruft! Heldens . Giebt's Krieg? Wo? Busch . Zwar nicht im lieben Vaterlande; aber das Reich der Ptolomäer, die Wiege der Wissenschaften, der Schauplatz von Cäsars und Alexanders Siegen, mit einem Worte Egypten, schmachtet noch immer unter dem Joche der Muselmänner. Die Mammelucken wehren sich wie brave Leute, doch ihr tapferster Anführer, Owar Bay, ist gefallen. In dieser Noth haben sie eine schwarzbraune. Deputation an den König gesandt, um Hülfe und Schutz gebeten. Nun sind Sr. Majestät zwar nicht gesonnen, ihnen öffentlich Vorschuß zu leisten, denn sie wollen mit der Ottomannischen Pforte nicht geradezu brechen; jedennoch wünschen Sie insgeheim die Mammelucken zu unterstützen, und wollen ihnen deshalb einen Beystand zusenden, der leicht mehr werth seyn könnte, als eine Armee. Dreymahl riefen Sr. Majestät: »welcher unter meinen Generalen hat Muth an der Spitze der Mammelucken zu fechten?« Dreymahl verstummten die Krieger ringsumher. Schon glühte des Königs Auge von edlem Unwillen, als plötzlich ein guter Genius den Nahmen Heldensinn ihm zuflüsterte. »Ha!« rief er aus: »Adjutant von Säbelknopf!« das bin ich »zieht flugs Eure Courierstiefeln an, jagt zehn Pferde todt, und meldet meinem wackern Heldensinn, sein König ruft! Er soll nach Egypten fliegen, meinen Nahmen verherrlichen, und zum Lohne sich alle die Schätze aneignen, die er in den Pyramiden finden wird.« Heldens . Potz Friedrich und Bonaparte! Busch . Der Mammeluckische Ambassadeur hat mich begleitet. Da wir aber geritten sind, wie der leibhaftige Satan, so ist sein Gebein zermalmet, er hat sich zu Bette legen müssen und wird nicht eher als morgen früh um Audienz bitten können. Heldens . Er soll sie haben! Ja, mein Herr von Säbelknopf! der König hat seinen Mann an mir gefunden, wie? Busch . Daran zweifeln Sr. Majestät keinen Augenblick. Heldens . Ich muß nur noch vorher ein wenig heyrathen, dann steh' ich gleich zu Diensten. Busch . Da Sr. Excellenz das Commando wirklich annehmen Heldens . (bey Seite) Excellenz? Sapperment! Busch . So wär' es doch wohl besser, die Vermählung bis nach der Egyptischen Expedition zu verschieben. Heldens . Warum das? Busch . Die geheime Instruction vom Hofe, die ich mitzutheilen die Ehre haben werde Heldens . Wo ist sie? Busch . Bey einer Bouteille Champagner läßt sich das besser in Erwägung ziehen. Heldens . Da haben Sie recht! Busch . Wenn es Sr. Excellenz gefällig wäre, ich habe bereits hier im Kaffeehaus die nöthigen Anstalten getroffen. Heldens . Ja, ja, mein lieber Adjutant von Säbelknopf, es ist mir gefällig. Sie gefallen mir, und ich werde dem König schreiben, daß ich Sie mit nach Egypten nehme. Potz Friedrich und Bonaparte! ich bin heute gerade in der Laune, die Türken zusammen zu arbeiten, daß sie den Mahomet für einen Mäusefallenkrämer halten sollen. (Beyde ab in das Kaffeehaus)   Neunter Auftritt. Der Page , der während dieser Scene sich aus dem Kaffeehause nach dem Buchladen geschlichen und hinter dessen Glasthüren den Erfolg abgewartet, kommt jetzt mit Thal heraus. Thal ist als Buchhändler gekleidet. Page . Dem Zweyten wären wir auch los. Nun machen Sie sich an den Dritten; bey dem steh' ich für den Erfolg. (zieht sich ein wenig zurück) Thal . (klopft) Holla! Hanns . (am Fenster) Wer klopft? Thal . Ich bin der neue Buchhändler Druckefix hier aus der Nachbarschaft und habe nothwendig mit dem Herrn von Kreuzqueer zu sprechen. Hanns . Jetzt wird er schwerlich zu sprechen seyn, denn er löscht eben seinen Durst. Thal . Sag' Er nur, es beträfe seine Reisen. Hanns . Ich will's ihm sagen. (ab) Thal . Wenn ich nur die Kunstsprache besser verstünde, daß ich keinen Bock schieße. Page . Nicht doch! Machen Sie Ihre Herren Collegen nur brav herunter; schimpfen Sie über Nachdruck und theures Papier; klagen Sie über die Schriftsteller, daß sie nicht mit dem funfzigsten Theil des Gewinnstes vorlieb nehmen, wie vormahls, und daß sie nicht mehr glauben wollen, der liebe Gott habe sie um der Buchhändler willen erschaffen, sehen Sie, so hält Jedermann Sie für einen ächten und rechten Buchhändler. Er kommt ich lausche. (retirirt sich)   Zehnter Auftritt. Kreuzqueer . Thal . Kreuzq . Was steht zu Ihren Diensten, mein Herr? Thal . Hab' ich die Ehre, den merkwürdigen Mann vor mir zu sehen, der die große Reise von Stolpe nach Danzig gemacht hat? Kreuzq . Ja, mein Herr! hin und wieder zurück Thal . Und darf ich fragen, ob das Gerücht wahr sey, welches die Fama ausgesprengt? Kreuzq . Welches Gerücht? Thal . Daß diese interessante Reise von Dero geschickten Feder zu Papier gebracht worden? Kreuzq . Allerdings. Es sind 132 Bogen. Sehen Sie hier, ich führe sie beständig in der Tasche. Thal . Ach lieber Gott! mir wässert der Mund bey diesem Anblick. Kreuzq . Wie so? Lassen Sie hören! Reden Sie frey! Thal . Ich bin ein junger Anfänger. Wenn ich das Glück hätte, ein solches Werk zu drucken, so würde ich auf einmahl unter die Matadors meiner großachtbaren Zunft gerechnet werden. Kreuzq . (der seine Freude kaum verbergen kann) I nu wissen Sie was dazu könnte Rath werden. Thal . Ach Euer Gnaden! wär' es möglich? Kreuzq . Einem jungen Buchhändler muß man auf die Beine helfen. Thal . Ich bin aber nicht reich. Das theure Papier der verdammte Nachdruck Kreuzq . Freylich, nachdrucken wird man es gleich. Thal . Ich könnte nur ein mäßiges Honorar zahlen. Kreuzq . Ich werde mich billig finden lassen. Wie viel denn ungefähr? Thal . Etwa sechs Louisd'or für den Bogen Kreuzq . (schreyt fast laut auf) Sechs (faßt sich) (bey Seite) sechs Louisd'or für den Bogen. (laut) Hören Sie einmahl, es ist freylich nicht viel, indessen ich schreibe ja auch nur für die Ehre. Kurz und gut, Sie geben mir sechs Louisd'or und lassen mich in der Zeitung loben. Thal . Von Herzen gern. Kreuzq . Unter dieser Bedingung können Sie den Druck morgen anfangen. Thal . Gloria! Nun ist mein Glück gemacht. Wollen Euer Gnaden nicht die Gnade haben, ein wenig bey mir einzutreten? Ein Gläschen Champagner und meine junge Frau sehnt sich, einen so großen Mann kennen zu lernen. Es ist gar eine kluge Frau, sie liest alle meine Verlagsartikel, ehe ich sie ins Publikum bringe, und wenn Euer Gnaden uns vollends so glücklich machten, uns etwas von Ihren 132 Bogen vorzulesen Kreuzq . I nu, warum nicht? Ich halte zwar heute Abend Verlobung; aber ein paar Stunden kann ich Ihnen schon noch schenken. (bei Seite) Endlich will doch Jemand zuhören! Thal . Ich für meine Person werde ab- und zugehen müssen, wegen der vielen Geschäfte; aber meine Frau wird kein Wort verliehren. Kreuzq . O das glaub' ich! Wer einmahl den Anfang gehört hat, der vergißt Essen und Schlaf. (Beyde gehn in den Buchladen)   Eilfter Auftritt. Page . Hernach Stiefel . Page . (allein) Es geht vortrefflich! Wer bey der Ausführung eines klugen Plans so weit gekommen ist, die Narren aus dem Wege zu schaffen, der hat schon halb gewonnen Spiel, denn im Grunde ist nichts schwerer von der Stelle zu bewegen, als ein Narr. Stief . (kommt in seiner gewöhnlichen Kleidung aus des Fleischers Hause) Page . Nun, Stiefel! was machen die Ochsen? Stief . Sie werden befühlt, gezwickt, betastet, hinten und vorne, und immer dazwischen ein Gläschen russischer Doppelkümmel hinunter geschlürft. Ich schlich mich fort, um meine Maske abzuwerfen. Ich denke aber, wir werden bald hören, daß der Herr von Brennessel bey den Ochsen auf der Streu liegt. Busch . (am Kaffeehausfenster.) He! Bst! Mein Held schnarcht unter dem Billiard. Page . Bravo! Thal . (am Fenster des Buchladens) He! Bst! Mein Schriftsteller liest der Frau Buchhändlerinn seine Reise vor, Page . Bravissimo! Berg . (am Fenster des Fleischers) He! Bst! Mein Mitglied der ökonomischen Societät schlummert sanft unter den Ukrainischen Ochsen. Page . Viktoria! Sind auch die Absage-Briefe dictirt und geschrieben? Alle Drey . Ja ja ja! Page . Kommen Sie, meine Herren! jetzt müssen wir den glücklichen Moment ablauschen. (Alle Drey ziehen sich zurück) Allons, Stiefel, mache Dich fertig! Du sollst das Meisterwerk vollenden. Deine Rolle weißt Du, spiele sie gut! (Er versteckt sich) Stief . (allein) Ich werde mein Möglichstes thun. An Aufmunterung fehlt es mir nicht. Auf Einer Seite Geld, auf der Andern Prügel. (er klopft) He! Kamerad! He!   Zwölfter Auftritt. Stiefel . Hanns am Fenster. Hanns . Du! packe Dich fort! Wenn der gnädige Herr Dich gewahr wird, so geht es Dir übel. Stief . Ach Kamerad! Hab' Erbarmen! Melde dem gnädigen Herrn, es stünde ein bußfertiger Sünder draußen vor der Thüre, der hieße Stiefel und hätte ihm wichtige Dinge zu vertrauen. Wenn ich nicht in's Haus darf, so soll er doch nur so großmüthig seyn, ein wenig herunter auf die Straße zu kommen und auch die gnädige Tante mitzubringen; ich hätte ihm große Geheimnisse zu entdecken. Hanns . Na, da wär' ich doch selbst neugierig. Ich will's ihm sagen. (ab) Berg , Busch und Thal (haben sich aus den verschiedenen Häusern im Hintergrunde um den Pagen versammelt) Stief . Nun, meine Herren, geben Sie wohl Acht! Wenn Frau Fortuna jetzt vorüber flattert, so packen Sie die Hexe schnell beym Schopf! Page . Vergessen Sie nicht die Unterstube rechter Hand. Alle (ziehen sich zurück in die Coulisse, des Barons Hause gegenüber)   Dreyzehnter Auftritt. Baron , Deborah , Hanns , Stiefel . Bar . (der von Zeit zu Zeit ein wachsames Auge auf die Hausthüre hat) Du Galgenschwengel unterstehst Dich noch vor unsern Augen zu erscheinen? Stief . Ach. gnädiger Herr Onkel! haben Sie Erbarmen mit einem armen Dienstbothen, der tanzen muß, wie sein Herr pfeift, der aber von Natur ein so frommes Gemüth hat, daß er diesen bösen Wandel unmöglich länger mit ansehen kann. Mein zerknirschtes Herz giebt Blut von sich wie Wasser, und ich komme, Sie auf meinen Knieen anzuflehen, mich aus den Klauen dieser jungen Satansbrut zu erlösen. Deborah . Nun, das klingt doch einmahl vernünftig. Bar . Wodurch bist Du denn auf diese gottseeligen Gedanken gerathen? Stief . Durch Prügel, mein gnädiger Herr Onkel! Ja, meine gnädige Tante, so eben hat der Vetter mich geprügelt, daß mein Rücken blau und roth ist, wie eine Preußische Uniform. Wenn die gnädige Tante befehlen, so will ich mich auf der Stelle entkleiden und mein gefärbtes Fleisch Dero gnädigem Blick exponiren. Deborah . Laß es gut seyn, mein Sohn! Ich habe noch in meinem Leben nichts Nackendes an einem Mannsbilde gesehen. Bar . Weshalb hat er Dich denn so geprügelt? Stief . Weil ich seine Schelmstücke nicht länger mitmachen wollte. Eben hat er Dietriche und Brechstangen gekauft; diese Nacht will er mit Gewalt in Ihr Haus brechen; die gnädigen Fräuleins will er entführen Bar . Der Bube! Stief . Und ich glaube, auch die gnädige Tante. Deborah . Was? auch mich? Stief . Nein, Herr Vetter, sagt' ich, das ist zu arg! Einem solchen Onkel zu begegnen, als ob er ein Narr wäre? Eine solche gnädige Tante zu entführen, als ob sie noch jung und hübsch wäre? Nein, dazu biete ich meine unschuldigen Hände nicht. Stracks geh' ich hin und deponire es. Bar . Und darauf erfolgten die Prügel? Stief . Mörderliche Prügel! Mein Rücken hat sonst ein schlechtes Gedächtniß, aber das vergißt er in seinem Leben nicht. Deborah . Der arme Teufel! Bar . Der Spitzbube von Pagen! Stief . Ach! Sie haben keine Idee von allen den listigen Ränken, die sich wie Mäusenester in seinem Kopfe vermehren. Ich will Ihnen nur ein Beyspiel erzählen, wie er es einmahl in Hamburg machte: da werden Sie sehen, wie man vor ihm auf der Hut seyn muß. Bar . Nun? Laß doch hören! Stief . Ein reicher Kaufmann hatte drey hübsche Töchter. Unser Herr Vetter versprach drey jungen Officieren, sie in des Kaufmanns Haus zu schaffen, es koste, was es wolle. Nun war aber die Thüre immer verschlossen, und der Hausknecht, ein grober Esel, ließ keinen Menschen hinein, Was thut er? Er verkleidet einen listigen Kerl in eine Art von See-Capitain, der muß den Kaufmann sammt seiner Frau herunter auf die Straße locken, und muß sich stellen, als ob er ein weitläuftiger Anverwandter sey, der eben mit großen Schätzen aus Indien zurückkehre. Ich habe dem Schelm von weitem zugesehn. Sie können nicht glauben, wie natürlich er seine Rolle spielte. »I willkommen,« fing er an, »willkommen, mein werther Herr Cousin! meine schätzbare Frau Cousine! Kennen Sie mich nicht mehr? Ich bin ja der alte Obermann, der vor zwanzig Jahren nach Batavia gieng. Herzlich erfreut, Sie wieder zu sehen!« und indem er so sprach mit Ihrer gnädigsten Erlaubniß drückte er sie beyde auf das zärtlichste in seine Arme (er thut es wirklich) und Husch! war unterdessen Einer in's Haus geschlüpft. (Man sieht Berg über die Bühne ins Haus schlüpfen) Bar . Der Bösewicht! Wo war denn der Hausknecht? Stief . Der stand dabey und sperrte das Maul auf. Hanns . Hähähä! Stief . Aber noch lange nicht genug. Nun fing er an zu erzählen, wie er einen gewaltigen Sturm auf der See ausgestanden, und wie das Schiff ohne ihn verlohren gewesen wäre. »Sehen Sie,« sagte er, »da stand ich mitten im Sturm, da faßt' ich einen Quadranten, nahm die Polhöhe; glücklicher Weise trat die Sonne einen Augenblick aus den Wolken sehen Sie, da steht sie!« und während nun die guten Leute in die Sonne guckten, husch! war wieder Einer hinein. (Man sieht Busch vorüber schlüpfen) Deborah . Es ist ein Schelmenpack. Stief . Dann kam er auf den Tod seiner Frau, wurde ganz gerührt, führte die Umstehenden an ihr Sterbebette. »Sehn Sie,« sagte er, »da liegt sie, die Blume, die entblätterte Rose« und während nun die ehrlichen Leute mit gefalteten Händen hinunter auf die Leiche sehen, husch! war wieder Einer hinein. (Man sieht Thal vorüber schlüpfen) Bar . Ach! Das ist denn doch ein wenig dumm. Mich hätt' er so nicht erwischt. Stief . Nun stellte sich der Pfiffikus, als ob sein Schmerz ihn überwältige; heulte, fieng an zu wanken, und fiel endlich gar in Ohnmacht. Die mitleidigen Seelen fuhren zu, ihm Hülfe zu leisten Sehn Sie so (er zieht sie an sich) mit Erlaubniß (er legt sich in beyder Arme) und husch! war auch der Letzte ins Haus. (Man sieht den Pagen vorüber schlüpfen) Deborah . Das wird hinterdrein eine artige Bescheerung geworden seyn. Stief . Das können die gnädige Tante wohl denken! Und das hab' ich nun Alles so mit ansehn müssen, ich, der ich von christlichen Eltern zu Zucht und Ehrbarkeit von Jugend auf angewiesen worden. Aber länger halte ich es auch nicht aus. Jetzt bin ich in der Verzweiflung, und wenn der gnädige Onkel mich nicht in Ihre Dienste nehmen, so stürze ich mich in die Ostsee, wo sie am nassesten ist. Deborah . Es ist doch ein ehrlicher Bursche. Ich dächte, Bruder Bar . Allerdings, Schwester! Es ist ein verirrtes Schaaf, dem ich meinen Stall gern aufthue. Er kann für's Erste das Haus bewachen helfen. Stief . Da können Sie sich auf mich verlassen. Wer jetzt nicht schon drinn ist, der soll gewiß nicht hinein kommen. Bar . So geh, mein Sohn, Du wirst hungrig seyn. Deborah . Geh in die Küche, Du weißt ja Hauses Gelegenheit. Stief . Gnädigster Onkel die Freudenthränen sehen Sie nur, gnädigste Tante, sie laufen mir wie ein Platzregen über die Backen. (ab ins Haus) Deborah . Der Bursche hat ein ehrlich Gemüth. Bar . Wir dürfen uns in der That zu der gemachten Acquisition Glück wünschen. Deborah . Ja wohl, Bruder Hanns! Treue Domestiken sind eine Himmelsgabe. Bar . Es wird schon dämmrig; nun ist meines Bleibens hier nicht länger. Hanns! sobald wir hinein sind, verschließe und verriegle die Thüre. Ach! es ist doch eine süße Empfindung für einen Vater, zu wissen, daß Niemand in seinem Hause ist, dem er nicht seine Töchter ohne Gefahr anvertrauen könnte. (Alle ab)   Ende des vierten Aufzugs.   Fünfter Aufzug. (Ein kurzes Zimmer in des Barons Hause mit zwey Seitenthüren. An der Hinterwand hängen zwey große Gemählde, welche den Ahnherrn und die Ahnfrau der Stuhlbeinischen Familie vorstellen. Ein gedeckter Theetisch.) Erster Auftritt. Berg , Busch und Thal liegen auf den Knieen. Annlieschen , Trudchen und Kätchen in ihren Armen. Der Page steht seitwärts und betrachtet die Gruppen schalkhaft. Page . Ein Schauspiel für Götter, zwey Liebende zu sehen! Hier sind ihrer gar drey Paar, und ihre zärtliche Versöhnung ist mein Werk. Aber für's Erste, meine gnädige Damen, bitte ich, Ihrer Zärtlichkeit Grenzen zu setzen. Der gnädige Papa kann alle Augenblicke hier seyn. Stehen Sie auf! (es geschieht) Empfangen Sie vorläufig meinen Seegen. Ja, meine Herren, sanft ruhe der Ehestandspantoffel auf Ihren Nacken, und wenn einst Phöbus den Morgen Ihrer silbernen Hochzeit bestrahlt, so fluchen Sie meinem Andenken nicht! Annliesch . (drohend) Vetter! Trudch . Was wollen Sie damit sagen? Kätch . Ich will nicht hoffen Page . Hoffen Sie, meine lieben Mühmchen! Es ist der schönste Vorzug des Menschen, daß er hoffen darf, was ihm beliebt. Aber merken Sie sich, der Seegen am Hochzeittage kommt mir vor, wie eine Procession, um Regen vom Himmel zu erflehen. Wenn der Himmel nicht will, so regnet es doch nicht. Doch stille jetzt! die Herren versparen ihre Schwüre und die Damen ihre Betheurungen bis nach geschehener Arbeit. Jetzt müssen wir den Hauptstreich ausführen. Die Damen haben dabey nichts weiter zu thun, als sich entfernt zu halten, bis sie gerufen werden. Annliesch . Wenn es nur glücklich abläuft! Page . Tausend Sapperment! Es muß glücklich ablaufen! Wenn Amor einen Pagen zum Feldherrn macht, so werden alle Anstalten so getroffen, daß weder Ovid noch der Cardinal Bernis etwas dagegen einwenden könnten. Sie wissen doch, daß hinter dieser wurmstichigen hölzernen Wand vier Wochen lang mein Schlafzimmer war? Trudch . O ja, das wissen wir! Page . Und Sie erinnern sich doch, daß ich des Morgens oft Stundenlang auf meinen Thee habe warten müssen, weil die schönen Mühmchen so spät aus den Federn krochen? Kätch . Wie gehört das hierher? Page . O allerdings! Ich habe den großen Augenblick im Geist vorausgesehen, und wenn ich des Morgens Langeweile hatte, meinen Verdruß an den Wänden ausgelassen. Annliesch . Sie sprechen sehr räthselhaft. Page . Geduld! die Auflösung ist nahe. Machen Sie nur, daß Papa in diesem Zimmer bleibt, denn der Schauplatz kann nicht verrückt werden. Annliesch . Er pflegt hier alle Abende seinen Thee zu trinken; aber dann müssen wir bey ihm bleiben, sonst, wissen Sie wohl, fürchtet er sich vor den alten Familienbildern. Page . Ey, es wird sich schon ein Vorwand finden lassen, ihm zu entschlüpfen; das sey Ihre Sorge! St! Ich höre kommen. Folgen Sie mir, meine Herren! Ich weiß Hauses Gelegenheit. Berg . Meine Theure Busch . Meine Holde Thal . Meine Geliebte Page . Et cetera! et cetera! Machen Sie fort, sonst werden wir überrumpelt. (Alle viere links ab)   Zweyter Auftritt. Baron . Stiefel . Vorige . Bar . Hier, Kinder! bring ich Euch einen ehrlichen braven Menschen, der die Schelmenstreiche Eures gottlosen Vetters nicht länger mit ansehen konnte. Bußfertig und reumüthig ist er in meine Dienste getreten; ich habe ihn zu meinem Haushofmeister ernannt, er wird ein wachsames Auge auf Euch haben, und ich befehle Euch, ihn zu respectiren. Stief . Der gnädige Herr Onkel thun sehr wohl, diesen Befehl wacker einzuschärfen, denn es ist nicht zu läugnen, daß die Fräuleins mitunter sich dem Leichtsinn ergeben, und wohl gar mit soliden Männern ihren Spott treiben. Bar . Er hat Recht, und ich rathe Euch bey Vermeidung meines Zorns (setzt sich an den Theetisch) Annliesch . Wir werden gehorchen, gnädiger Papa! (leise zu Stiefel) Spitzbube, wir kennen Dich schon. Stief . Nun, nun, diese Höflichkeit läßt Gutes hoffen. Trudch . (leise) Galgenstrick! wir wissen, welche Rolle Du gespielt hast. Stief Recht so, mein Fräulein! das sind Gesinnungen, die Ihnen Ehre machen. Kätch . (leise) Schelm! Dein Herr ist in seinem Schlafzimmer. Stief . Ich bin ganz gerührt von Ihrer Aufmerksamkeit. Annliesch . (leise) Du unverschämter Bösewicht! Stief . O ich bitte Trudch . (leise.) Du Ausbund von Schelm! Stief . O allzugütig! Kätch . (leise) Du listiger Spöttergeist! Stief . Sehr obligirt! Nun, gnädiger Herr Onkel, ich bin vollkommen mit den Fräulein zufrieden. Sie überhäufen mich mit Artigkeit und ich zweifle nicht, daß noch diesen Abend alles in der gehörigen Ordnung seyn wird. Bar . Das hoff' ich auch. Sobald meine Schwiegersöhne zurückkommen, soll man den Notarius holen. Stief . Ich eile, meine Functionen anzutreten. (links ab)   Dritter Auftritt. Hanns tritt rechts ein. Vorige . Hanns . Da sind drey Briefchens an die gnädigen Frölens eingelaufen. (übergiebt sie und geht) Bar . Briefchen an meine Töchter? Habt Ihr Correspondenzen hinter meinem Rücken? Annliesch . Ich weiß von nichts. Trudch . Ich kenne die Hand nicht. Kätch . Auch mir ist sie unbekannt. Bar . Oeffnet sogleich in meiner Gegenwart und les't ohne Stocken! Annliesch . Herzlich gern! (liest) »Mein gnädiges Fräulein! Die Ehre ruft, das Herz muß schweigen. Sr. Königliche Majestät haben mich an die Spitze der Mammelucken in Egypten zu stellen geruht, und Sie werden mich nicht eher wiedersehen, bis ich drey Dutzend Türkenköpfe zu Ihren Füßen legen kann. Heldensinn.« Bar . Ist der Mensch toll geworden? Annliesch . So scheint es. Kätch . (liest) »Mein gnädiges Fräulein! Der berühmte Fürst Tschuktschukmutschutschky hat mich auf seine Güter in die Wolga berufen, um dort die Stallfütterung einzuführen. Tausende von Ochsen erwarten meine Pflege, die ich folglich für's Erste Ihnen entziehen muß. In Jahr und Tag sehen Sie mich wieder, mit Lorbeeren gekrönt. Brennessel, Mitglied der ökonomischen Societät zu Petersburg.« Bar . Noch ein Verrückter! Kätch . Ja. Gott sey Dank! noch Einer. Trudch . Und hier ein dito . (liest) »Mein gnädiges Fräulein! Als ich von Stolpe nach Danzig reiste, fiel es mir noch nicht ein, daß diese große und beschwerliche Reise mich in der ganzen Welt berühmt machen würde. Kurz und gut, sie wird gedruckt auf Velin-Papier, und ich eile in die Residenz, im mich in Kupfer stechen zu lassen. In einigen Monaten erblicken Sie wieder zu Ihren Füßen, Ihren in Kupfer gestochenen Kreuzqueer.« Bar . Von der Tarantel mag er gestochen seyn! Ist der Satan in die Kerls gefahren? Die drey Mädchen (fangen an zu weinen) Annliesch . Mir diesen Schimpf! Trudch . Hätten Sie uns lieber den drey Officieren gegeben. Kätch . Die waren zwar arm, aber sie meynten es doch ehrlich. Bar . Da hab' ich bey meiner armen Seele die drey Mädchen wieder auf dem Halse. Annliesch . Nun wird die ganze Stadt mit Fingern auf uns zeigen. Trudch . Es geschieht ihnen schon recht, wird man sagen, die drey schmucken Officiere haben sie ausgeschlagen. Kätch . Nun können sie als alte Jungfern sterben. Bar . Mädchen! macht mir den Kopf nicht toll. Annliesch . Schon gut! ich will in mein Kämmerlein gehn, und will mir die Augen aus dem Kopfe weinen. (ab) Trudch . Und ich will mich ärgern, bis ich quittengelb werde. (ab) Kätch . (auf die Bilder deutend) Ach, wenn doch mein edler Urgroßvater dort noch lebte! und meine Urgroßmutter! die würden sich meiner Noth erbarmen. (ab)   Vierter Auftritt. Baron allein. Nun, zum Henker! Wo lauft Ihr denn alle hin? – Lassen mich wahrhaftig hier ganz allein, und wissen doch, daß ich in diesem Zimmer nie ohne Gesellschaft verweile. Annliese! Trude! Käte! Muß auch noch die jüngste Dirne die Bilder dort anrufen, die ich ohnehin niemahls ohne Grauen betrachte. Ich muß nur machen, daß ich unter Menschen komme, ehe kann ich mich nicht ruhig über meine albernen Schwiegersöhne ärgern. (will gehen) (Das Gesicht der Ahnfrau an der Wand verschwindet, und statt desselben erscheint des Pagen Gesicht) Page . (ruft) Hanns von Stuhlbein! Bar . (prallt zurück) Ach du lieber Gott! was ist das? (Das Gesicht des Ahnherrn verschwindet ebenfalls, und statt dessen erscheint Stiefels Gesicht) Stief . (ruft mit holer Stimme) Hanns von Stuhlbein! Bar . Gott sey bey uns! Meine Vorfahren fangen an zu reden. (er will zitternd davon schleichen) Page . Bleib! Stief . Bleib! Bar . Wenn Sie so befehlen. Ja, ich bleibe! (er wagt einen Blick hinzuwerfen) Hu! Was für grimmige Gesichter! Stief . Laß Deine Töchter selbst sich ihre Gatten wählen! Page . Laß Deiner Schwester Sohn es nie an Gelde fehlen. Stief . Es schließe dreyfach sich der Bund beglückter Ehe. Page . In dieser Stunde noch! Sonst Wehe! Beyde . Wehe! Wehe! (Sie verschwinden und lassen die alten ausgeschnittenen Gesichter wieder an die Stelle treten) Bar . (bebend) Ich hin des Todes! Ach Gott! Ich will ja gern gehorchen! Haben Sie sollst noch etwas zu befehlen? Belieben Sie nur alles auf einmahl von sich zu geben denn so viel Ehre mir auch Ihre Conversation macht, so muß ich doch um meiner schwachen Nerven willen unterthänigst bitten, mich in Zukunft damit zu verschonen. (Er horcht) Nichts mehr? Sehr wohl! Erlauben Sie nur gnädigst, daß ich die Klingel ziehe, um Dero Befehle stracks pünktlich in Erfüllung zu setzen. (klingelt herzhaft) Deborah! Annliese! Trude! Käte! Hanns! Stiefel! Peter!   Fünfter Auftritt. Deborah , Annlieschen , Trudchen , Kätchen , Baron . Deborah . Was giebt's, Bruder? Die drey Mädchen Warum schreyen Sie, lieber Papa? Bar . (sehr bewegt) Hört einmahl, Kinder ich wollte Euch wohl nicht rathen die drey Narren zu heyrathen von welchen ihr so eben die albernen Billets empfangen habt es wäre denn, daß Ihr sie liebtet. Annliesch . Bewahre der Himmel! Bar . Nun? Wen liebt Ihr denn? Sagt's frey heraus ich bin ein guter Vater wenn mir auf eine liebreiche Weise zugeredet wird (er schielt verstohlen nach den Bildern) so laß' ich mir Alles gefallen. Deborah . Bruder! bist Du wunderlich? Bar . Schwester, halt das Maul! Hier haben ganz andere Leute darein zu reden, als du bist. Sprecht, Kinder! Annliesch . Je nun, lieber Papa, wenn ich's sagen darf Der Lieutenant Berg gefällt mir wohl. Trudch . Der Lieutenant Busch ist ein braver Mann. Kätch . Mit dem Lieutenant Thal würde ich glücklich seyn. Bar . So schickt nur geschwind hin, laßt sie holen; denn in einer Stunde seyd Ihr verlobt. Deborah . Bruder, übereile Dich nicht! Bar . Halt's Maul, Schwester! Ich weiß wohl, was ich thue. Schickt, sage ich, über Hals und Kopf und laßt mir auch meinen lieben Vetter, den Pagen, mitkommen. Annliesch . Sogleich! (ab) Deborah . Das begreif' ich nicht. Der Page sollte ja nicht wieder über die Schwelle? Bar . Pfuy, Schwester! wer wird so hartherzig seyn? Es ist doch immer unser Verwandter. Wir stammen von Einem Eltervater her. Da sieh nur hin da oben hängt er der würde es gewiß ungnädig vermerken, wenn wir den armen Teufel in der Noth stecken ließen und wer weiß, was die Frau Eltermutter dazu sagen würde. Deborah . Narr! die liegen ja längst im Grabe. Bar . Freylich liegen sie im Grabe aber sie hängen auch hier an der Wand verstehst Du mich? und kurz, man muß Respekt vor ihnen haben. Deborah . Ich begreife nicht, was Dir zugestoßen ist. Bar . Schweig! Ich will's nun einmahl so haben! Ich bin Herr in meinem Hause so lange nehmlich die gnädigen Voreltern nichts dagegen einwenden.   Sechster Auftritt. Stiefel . Vorige . Stief . Ich habe eben aus dem Dachfenster auf die Straße geschielt. Mir kommt's vor, als wären die jungen Herren schon unten vor der Thüre versammelt; aber wir sind bereit, sie mit Stallbesen und Ofengabeln zu empfangen. Bar . Nein, Stiefel! Ich danke Dir für Deine Treue; aber die Umstände haben sich geändert. Sind sie schon unten vor der Thüre? Desto besser! Laß sie herein, führe sie her zu mir! Stief . So? Nun wie der gnädige Onkel befehlen. (ab) Bar . Schwester, es giebt kuriose Dinge in der Natur. Deborah . Ja, zum Exempel die Köpfe. Bar . Nicht eigentlich kurios, wollt' ich sagen, sondern ehrwürdige Dinge. Deborah . So muß ich mein Beyspiel zurück nehmen.   Siebenter Auftritt. Page , Berg , Busch , Thal , Annlieschen , Stiefel , Vorige . Page . (küßt dem Baron die Hand) Ach, gnädiger Onkel! Sie sind versöhnt? Bar . (mit erzwungener Freundlichkeit) Ja, mein lieber Vetter! Er ist zwar ein muthwilliger Bursche, aber Er hat doch nun einmahl die Ehre, einer Familie anzugehören, (mit einem Blicke auf die Bilder) vor der ich allen Respekt habe. Da man nun nicht wissen kann, wie lange man lebt, so wollen wir auch nicht im Groll von einander scheiden. Thu' Er mir den Gefallen, lieber Vetter! und nehm' Er hundert Dukaten Reisegeld von mir an. Page . Nein, gnädiger Onkel! Bewahre der Himmel! das thue ich nicht. Bar . Sey Er so gut, lieber Vetter! nehm' Er's ohne Umstände. Page . Nein, das würde eigennützig aussehn. Mir genügt schon an Ihrer Liebe. Bar . Aber wenn ich Ihn recht sehr darum bitte. Page . Nimmermehr! Bar . (ängstlich) Aber ins Teufelsnahmen! ich will es so haben! Er macht mich unglücklich, wenn Ers nicht nimmt. Page . Nun, wenn Sie durchaus so befehlen Bar . Ich werd' Ihm auch jährlich noch einen ansehnlichen Zuschuß übersenden. Page . Ihre Güte entzückt mich! Bar . Mich nicht; aber laß' Er's nur gut seyn. (Zu den Officiers, die bey ihrem Eintritt sich verbeugten und in einiger Entfernung stehen blieben) Sie, meine Herren, haben um meine Töchter gefreyt, und ich finde nichts dagegen einzuwenden. Berg . Ist's möglich? Busch . Großmüthiger Mann! Thal . Ich darf Sie Vater nennen? Bar . Ja, ja, in Gottesnahmen! Ich trete Ihnen meine Güter ab, doch unter der Bedingung, daß meine Töchter alle Familienbilder aus dem Hause mitnehmen (verstohlen zu den Bildern) wenn's nehmlich erlaubt ist und daß Sie die alten Hauben und Zwickelbärte in Ehren halten, so wie ich jederzeit beflissen gewesen. Annliesch . Ich verspreche es für mich und im Nahmen meiner Schwestern. Bar . (halb zu den Bildern.) Nun hab' ich meine Sachen doch recht gemacht? Wie? Stief . Da der gnädige Herr Onkel dem Vetter verziehen haben, so will ich nun auch wieder bey ihm bleiben. Bar . Thu' das, mein Sohn! Gott geb' Euch eine glückliche Reise. Die hundert Dukaten, lieber Vetter, kann Er je eher, je lieber abholen. (indem er sich entfernt und vor den Bildern vorbeygeht) Nun, ich empfehle mich gehorsamst, und hoffe, die gnädigen alten Herrschaften werden mit mir zufrieden seyn. (ab) Deborah . Mein Bruder ist ja ganz verwandelt. Was ist hier vorgegangen? (zu dem Pagen) Hör' einmahl, Spitzbube! Du hast gewiß wieder einmahl einen tollen Streich gemacht? Page . Ist etwas Gutes daraus geflossen, Ey nun, Ihr Damen und Herren, nicht wahr? So überseht Ihr wohl die Possen, Die eine launige Stunde gebahr? Doch wer von uns am besten berathen? Die Frag' ist noch für jetzt zu schlau; Ich habe meine hundert Dukaten, Sie haben Jeder eine Frau. Könnt' ich ein Drittes noch erreichen, So wäre ganz mein Glück gemacht (an das Publicum) Wenn nehmlich zu meinen Pagenstreichen Das Publikum von Herzen lacht.   Ende .