Karl Kraus Kanonade auf Spatzen Glossen 1920-1936 1920 November 1920 Ein Vorschlag 29. Oktober 1920. An die Friends' Relief Mission (Englisch-Amerikanische Hilfsmission der Gesellschaft der Freunde) Wien, I. Singerstraße 16 Ew. Wohlgeb. Sie teilen dem Herausgeber der Fackel mit, Ihre Mission beziehe viele Spenden »von ärmeren Leuten in England und Amerika, das heißt von denjenigen, die einen sozialen Sinn haben«, und viele von diesen sagten jetzt, »sie würden schon gerne weiter mithelfen, wenn Österreich auch etwas tut, um sich selbst zu helfen«. Daran knüpfen Sie die einigermaßen rhetorische Frage: »Was tun eigentlich die Wiener und Wienerinnen für ihre eigenen Kinder?«, und sind, um doch eine Antwort darauf zu finden, entschlossen, eine Sammelwoche in Wien zu veranstalten und den Ihrem Brief beigelegten Aufruf in allen Cafés, Restaurants, Theatern usw. zu verbreiten. Auch die Presse habe schon versprochen, »recht viel über die Sache zu veröffentlichen«, also von dem kostbaren Raum, der der Förderung von Nachtlokalen gewidmet ist, einiges zu opfern. »Nun ist uns«, so schließen Sie, »gesagt worden, daß so etwas unbedingt nicht ohne den Beifall des Fackel-Kraus gemacht werden könne, und so schreibe ich Ihnen hiemit, um zu wissen, ob ich vielleicht doch durch die eiserne Wand durchdringen könnte, die Sie zu umhüllen scheint, und mit Ihnen die ganze Sache besprechen«. Die Besprechung ist aus dem Grunde überflüssig, weil wir Ihnen auf diesem Wege mitteilen können, daß der Beifall des Herausgebers der Fackel zu Ihrem Projekt nur bei jenem Wiener Gesindel zweifelhaft sein kann, von dessen Sitten Sie schon an dem Ausdruck »Fackel-Kraus« eine Vorstellung haben, ohne doch als Ausländer – sonst würden Sie's ja nicht nachsprechen – die verachtende und verächtliche Gesinnung spüren zu können, die sich in solcher nur hier möglichen Prägung manifestiert. Seien Sie versichert, daß es dieselbe ruchlose Gesellschaft der Feinde ist, die nichts zur Unterstützung Ihrer edlen Absicht beitragen wird, die Sie aber vermutlich für die eigene Passivität durch einen falschen Ratschlag entschädigen wollte, indem sie Ihnen einredete, der Herausgeber der Fackel, der prinzipiell alles angreift, werde durch einen Appell an seine stadtbekannte Eitelkeit ausnahmsweise zu einer organisatorischen Mitwirkung zu haben sein. Nun ist eine solche ganz und gar nicht seine Sache und was er in der Ihren tun kann, ist, daß er den Teil des Ertrags seiner Vorlesung vom 1. November, der wie immer einem wohltätigen Zweck vorbehalten ist, Ihrer Aktion zuwendet. Wir haben den Betrag schon am 28. Oktober an Ihre Adresse abgesandt. Der Herausgeber der Fackel ist aber bereit, in diesem Fall, in dem es sich erweisen soll, ob das Beispiel der ärmeren Leute in England und Amerika von den reicheren Leuten in Wien befolgt wird, wo es sich doch um die ärmeren Leute von Wien handelt, noch ein Weiteres zu tun. Er empfiehlt Ihnen, nach der Sammelwoche ein Verzeichnis aller jener Bewohner der Inneren Stadt wie der eleganteren Straßen der andern Bezirke herstellen zu lassen, die sich an Ihrer Sammlung nicht oder in offenbar unzureichendem Maße beteiligt haben. Er ist gern bereit, es zu veröffentlichen, so umfänglich es auch ausfallen mag, da ja zu erwarten ist, daß sich nur wenige die Ehre entgehen lassen werden, in der besten Gesellschaft zu erscheinen. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Verlag der Fackel. Empfang durch die Kriegsberichterstatterin Doch in diesem Klima gedeiht selbst dies zur Operette. Sie kehren zurück. Sechs Jahre lang hatte das Vaterland, der Schuft, sie von der Heimat getrennt. Sie kehren zurück und viel hundert erwartende Herzen klopfen so laut, daß kein fremdes Wort sich hören ließe. Was ist alles Ekrasit jenes Kriegs gegen die Sprengkraft dieser Gefühle! Wann hätte je ein Bahnhof so viel schmerzliches Glück umfaßt! Wann gab es ein Wiedersehn, so in allen Falten des Gesichts betränt von dem unbegreiflichsten Abschied? Dies Unsägliche, wer verstummte nicht davor? Dies Unbeschreibliche, wer wollte es beschreiben? Wer, der nicht zugehörig ist, wagte dabeizustehn? Wer träte zwischen ein Mutterherz und den Wiedergeborenen mit dem Vorrecht auf seine Empfindungen? Die Kriegsberichterstatterin! Sie, die Soldatenleichen photographiert hat, empfängt die aus dem Grab Erstandenen. Das Feuilletongespenst, das durch alle Höllen dieses Abenteuers geschritten ist, erscheint nun an der Pforte der Erlösung, mit der in Not und Tod, in allen Lagen und Gelegenheiten dieser heroischen Aktion, zu Land und Wasser und in der Luft, in Stürmen, Gefahren und Unternehmungen aller Art, beim Ausputzen von Schützengräben und beim Champagnisieren in Offiziersmessen unerbittlich gestellten Frage: Was empfinden Sie jetzt, was denken Sie sich dabei, Sie müssen sich doch etwas denken! – Ich weiß ja längst, daß man der Meinung ist, die Dinge, die wir in diesen Jahren, seit jene in Sibirien waren, gelebt und gelesen haben, seien von mir erfunden. Fast glaubte ich es selbst, wenn ich's nicht auch gelebt und gelesen hätte. Und so habe ich, meinen abgehärteten Augen nicht trauend, dennoch in der Neuen Freien Presse, der Unverwüstlichen, gelesen, wie die Schalek sich darüber beklagt, daß sie gar nicht zum Ausfragen eines Heimgekehrten gelangen konnte, weil sie zwar rechtzeitig zwischen ihn und seine Mutter getreten war, aber dann leider doch die Mutter zwischen ihn und die Schalek trat. Wer's nicht glaubt, höre: Nun kommt der Augenblick, wo sich Mütter, Väter, Kinder und Bräute um die Heimkehrer scharen ... Freilich, es gibt auch hier noch Leid. Der eine erfährt, daß seine Mutter schon seit zwei Jahren begraben ist, einen hat überhaupt niemand abgeholt und die zwei weinen jetzt wie ganz kleine Kinder. Die meisten aber haben sofort ihre Lieben um sich, in den Armen der Mutter versinkt manch einer für schier endlose Zeit. Und sofort belegt sie ihn eifersüchtig mit Beschlag , versucht man, ihn etwas zu fragen , doch ein kleines ganz verschrumpftes Frauchen kommt treuherzig zurück: »Nein, er soll nur erzählen, daß es viele erfahren, was er erlebt hat. Ich dachte, es sei nur neugierige Ausfragerei .« Das treuherzige Frauchen sah, daß sie die Schalek vor sich habe, und ward sogleich andern Sinnes, da es sich eben nicht um Ausfragerei, sondern um Psychologie handelt und zwar nicht für eigenen Gebrauch, sondern für das Blatt. Die Mutter selbst war leider beiweitem nicht so einsichtig. Als der Sohn für schier endlose Zeit in ihren Armen versank und die Schalek doch nicht so lange warten konnte, trat sie dazwischen und legitimierte sich: Bitte, mir schütten Sie Ihr Herz aus! Was haben Sie in den letzten sechs Jahren empfunden? Sie müssen Furchtbares durchgemacht haben! Und was empfinden Sie jetzt, da Sie nachhauskommen und mich wiedersehn? Erkennen Sie mich nicht? In der Schlacht bei Lemberg, knapp bevor Sie in Gefangenschaft gerieten, war ich bei Ihnen und hab Sie gefragt, was Sie empfinden, was Sie sich dabei denken, Sie müssen sich doch etwas dabei denken, also was denken Sie sich dabei? ... Der Heimgekehrte schweigt wie einst. Er blickt nach der Mutter aus. Die nähert sich sofort und belegt ihn eifersüchtig mit Beschlag. 1921 Januar 1921 Verdächtige Zeitungsinserate »Masseusen« und »Maniküren« Exemplarisch bestrafte Gelegenheitsmacherinnen Die immer krasser auftretende Sittenverderbnis in Wien – sagt das Neue Wiener Journal veranlaßt Polizei und Strafbehörde zu schärferen Maßnahmen gegen die sogenannten Masseusen und Maniküren, die unter diesem Titel in ihre »Salons« Herren locken , um ihnen dort Gelegenheit zum Verkehr mit Frauen und Mädchen zu bieten. Ei, von allen Gelegenheiten, die das Leben dieser Zeit und dieser Stadt zu bieten haben, nicht die gefährlichste, und von einer Falle, in die man gelockt wird, könnte wohl nur die Rede sein, wenn die Herren das gefunden hätten, was verheißen war. Aber wie lockten denn jene? Wie erfuhren die Herren und ferner die Behörden davon? – – durch verdächtige Zeitungsinserate , in welchen sich Frauenspersonen feinen Herren zur Massage oder zum Maniküren anboten – – unterhielt in der Salvatorgasse eine aus fünf Zimmern bestehende, luxuriös eingerichtete Wohnung und empfahl sich als »äußerst geschickte Maniküre«. Die Erhebungen bestätigten – daß sie es war? Nicht doch, sondern den Verdacht in vollem Umfang. Die Kupplerinnen nahmen von den Mädchen die Hälfte des Liebeslohnes in Anspruch. Und wie viel mußten sie davon den Zeitungen geben? Welch glänzenden Geschäftsgang sie aufzuweisen hatten, geht aus den vorgefundenen Aufzeichnungen hervor – – im August sogar 18.630 Kronen verdiente, wozu noch der Reingewinn aus den verabreichten Speisen und Getränken kam. Nach Abzug der Kosten für die Zeitungsinserate. – – daß sie nach den beschlagnahmten Gebrauchsgegenständen wie Ruten und Peitschen und dergleichen, widernatürlichen Umgang begünstigten – – Aber auch in der Wohnung der sauberen Schwestern selbst wurden Herrenbesuche empfangen – – sie suchten ihr schändliches Vorgehen so gut es ging zu beschönigen – – Die näheren Details aus der geheim geführten Verhandlung entziehen sich der Veröffentlichung. Zum Unterschied von den Inseraten in derselben Nummer: Masseurin für Herrschaften – – – – – – – – – – – – – Vorzügliche Masseurin empfiehlt sich den ersten Kreisen – – – – – – – – – – – – – In der Rubrik, in der sonst »Material über die Fackel« angeboten wird. Das sittlich Gravierendste, was man dieser vorwerfen könnte, dürfte wohl die seit jeher vertretene Ansicht sein, daß gegenüber dem Ruf seines redaktionellen Teils die Masseusen-Inserate geradezu eine Rehabilitierung des Neuen Wiener Journals bedeuten. Die Gelegenheit, die es den Masseusen und Maniküren macht, ist die weitaus unbedenklichste von allen, die seine Mitarbeiter je hatten, und wer sich über Empfehlung des Neuen Wiener Journals nach Gebühr mit Ruten und Peitschen traktieren läßt, handelt moralischer als der Hermann Bahr, denn während jener sich einer öffentlichen Anregung zu einem privaten Vergnügen bedient, beichtet dieser am Sonntag dem Lippowitz, daß er unter der Woche einen Rosenkranz gebetet habe. Das ist mehr als widernatürlicher Umgang, das ist Exhibitionismus krassester Art, ganz abgesehen davon, daß man unmöglich glauben kann, ein alter Feuilletonist, der doch noch einen andern Ehrgeiz kennen muß, als zur Fußwaschung heranzureifen, habe wirklich in einer Salzburger Kirche ein Erlebnis gehabt, wenn er es in Wien an die große Glocke hängt. Es mag ja, da hier von einem geschlechtlichen Unterschied kaum gesprochen werden könnte, der Fall sein, daß aus Journalisten mit der Zeit alte Betbrüder werden, die zwar nicht mehr unterm Strich gehen, aber noch ein Tagebuch haben. Allein die Schaustellung ihrer Himmelfahrten, und noch dazu in einem Judenblatt, ist weit obszöner als die Handlungen, die das Neue Wiener Journal seinen Masseusen und Maniküren vorzuwerfen hat. Denn man verkenne nicht, daß seine Moral schon daran Anstoß nimmt, daß sie eben die Gelegenheit gemacht haben, zu der das Neue Wiener Journal Vorschub leistet. Die Objektivität seiner Gerichtssaalberichterstattung, die nicht umhin kann, zuzugeben, daß die Anlockung durch »verdächtige Zeitungsinserate« geschehen ist, weil es ja doch schwer hielte, zu glauben, daß die Masseusen und Maniküren ihre Geschicklichkeit aus dem offenen Fenster verkündigen, leidet keineswegs durch den Umstand, daß sie auf das Neue Wiener Journal selbst offenbar nicht den geringsten Eindruck macht. Denn daß Masseusen hinter den reellen Absichten, die ihr Name verheißt, auch noch andere Bestrebungen verbergen können, welche die Moral eben jener Kreise verletzen, denen sie zugutekommen, stellt sie tief unter die Journalisten, die so ehrlich sind, hinter dem sozialkritischen Ernst, mit dem sie das Laster angehen, gleich dessen Propaganda zu betreiben. Nur ein Umstand wäre geeignet, die Autorität des Neuen Wiener Journals herabzusetzen. Wollte es sich nämlich darauf berufen, daß die fünf Angeklagten über die von ihm eingeräumte Unsittlichkeit hinaus auch noch des Verbrechens schuldig waren, unerfahrene Mädchen, ja ihre eigenen Töchter dem von ihm geforderten und geschmähten »Schandgewerbe« zuzuführen, so würde ein negatives Ergebnis der Untersuchung, ob nicht gerade diese »Frauenspersonen« dem Neuen Wiener Journal die feinen Herren zu verdanken hatten, keineswegs beweisen, daß das Neue Wiener Journal ihre Annoncen abgelehnt hat, sondern leider nur das eine: daß nicht alle Masseusen und Maniküren Vertrauen zum Neuen Wiener Journal haben und manche eben doch in ihrer Anhänglichkeit an die Neue Freie Presse nicht wankend geworden sind. Über die Gründe ihrer Haltung befragt, würden sie der Wahrheit die Ehre geben und sagen, daß feine Herren das Neue Wiener Journal nicht lesen. März 1921 Alle Gebildeten begreifen In den Tagen, da das Publikum die größten Schwierigkeiten hatte, das Prinzip der Entpragmatisierung im Postdienst zu verstehen, wurde es zugleich in die Einsteinsche Relativitätstheorie eingeführt. Herr Felix Salten, der bisher nur berufen wurde, wenn es galt, bei besonderen Gelegenheiten einen Einblick in die Geheimnisse des spanischen Zeremoniells zu eröffnen, und der den Weltkrieg, der zu dessen Erhaltung unternommen wurde, mit der Devise »Es muß sein« beglaubigt hatte, war ausersehen, an der Spitze des Blattes »Einsteins Gegenwart« zu verklären. Daß ihm dies ebenso gelingen würde, wie die Schilderung einer Wachparade, konnte vorweg keinem Zweifel unterliegen. Nur daß freilich, um an die Persönlichkeit Einsteins nur halbwegs die Begeisterung wie an die Wilhelms II. zu wenden, ein Übergang notwendig ist: Denken wir an die Berühmtheiten der letzten Jahre, dann zieht ein armseliger Reigen, halb verbrecherisch, halb toll an unserer Erinnerung vorüber; Menschen, die vom Zufall ihrer Geburt oder vom augenblicklichen Vorrang ihres Handwerkes oder durch die Konjunktur des Zusammenbruches emporgehoben waren und Macht über unser Leben bekommen hatten. Wie anders Einstein. Ein Mann, dem zur Vollkommenheit nur eines fehlt, daß der Kaiser Franz Joseph sein Wirken nicht erlebt hat, zu dessen achtzigstem Geburtstag Saiten die Worte fand: Darwin und Haeckel , und Richard Wagner und Ibsen und Brückner, und Edison und Marconi, Feuerbach und Nietzsche, Marx und Lassalle, diese ganze bunte Fülle, dieses unermeßliche Gedränge von gestaltenden Geistern, Schöpfern, von Eroberern der Erde, all dies zog an ihm vor bei. Ob er es nun bemerkt hat oder nicht, ob er es als Erlebnis zu nennen weiß oder nicht, ob er es schätzt oder verachtet, oder überhaupt auseinanderhält, er hat auf seinem Throne dennoch von all dem einen Hauch verspürt, hat die Welt sich verändern und sich entwickeln sehen und ist von dieser Entwicklung in seinem eigenen Wesen angerührt und gefärbt worden. Was hätten wir von Franz Joseph, dem so früh Dahingegangenen, zu erwarten gehabt, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, auch noch die Relativitätstheorie auf sich wirken zu lassen. Während aber seine Persönlichkeit von allen wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften angezogen hatte, während er in seinem Wesen von ihnen angerührt und gefärbt wurde, konnte dem mit ihm Schulter an Schulter kämpfenden Wilhelm II. und zwar gleichfalls von Salten nachgesagt werden, daß »seine Epoche von ihm gestempelt, von ihm gefärbt wurde«. Eben deshalb aber war auch der Eindruck, den Salten auf dem Penzinger Bahnhof von ihm empfing, von seiner »echten, tiefen Menschlichkeit«, die, wenn man von den zehn Millionen Toten absieht, »Lebensfrische und Daseinsfreude rings um sich her verbreitete«, der »elektrisierenden Wirkung«, die von ihm ausging, »ein unvergeßlicher«. Auch schon von Berlin her, wo Salten ihn einst, »umdröhnt vom eisernen Schritt der Gardefüsiliere«, beobachtet hatte, als er »wie aus großer Tradition hervorgeritten kam«. Was nun Einstein betrifft, der von Salten mehr in das Gedränge der Geister gewiesen wird, das an den Herrschern vorbeizudefilieren hat, und zwar unmittelbar angeschlossen an »Kopernikus und Galilei, Kepler und Newton«, so kann Salten den Lesern der Neuen Freien Presse nur folgende Aufschlüsse geben: Im Gang der Gestirne waren Unregelmäßigkeiten beobachtet worden . Unerklärlichkeiten waren festgestellt, für deren Bewältigung keine bekannte Methode der Mechanik mehr genügte. Probleme ergaben sich, im Kreislauf der Sterne ebenso wie in der Bewegung der »letzten, aller direkten Wahrnehmbarkeit entrückten Atombestandteile der Körperwelt«. Um diese Probleme genau auseinanderzusetzen , müßte ich ein Gelehrter auf dem Gebiete der Physik sein, die mir fremd ist. Ich müßte Einsteins Theorie und alle ihre Folgen so genau und gründlich verstehen, wie ich sie nur ungenau und nur in losem Umriß ahne. Aber alle Gebildeten begreifen mit mir und ich begreife es mit ihnen ohne viele Mühe, daß die Bogendifferenz, die geringe Bogendifferenz von 45 Bogensekunden, um welche die Drehung der Merkurbahn im Sinne der Bahnbewegung von ihrem astronomisch errechneten Wert abwich, eine Beunruhigung der Wissenschaft sein mußte , je mehr und je stärker sein mußte, je hartnäckiger sich diese Differenz allen Aufklärungen entzog. Es muß uns Außenstehenden , denen der Zugang zur höheren Mathematik verschlossen ist, auch die Tatsache genügen , daß die neuen Berechnungen, die auf Grund des Einsteinschen Prinzips angestellt wurden, jene Differenz beseitigten, alles Unregelmäßige und alle Unerklärbarkeit zum Schwinden brachten, womit die Theorie Einsteins als die allein gültige erwiesen war. Die Auslegung, die von den Berechnungen Knieriems abweicht, zeigt die Relativitätstheorie als das beherrschende Prinzip für die Einstellung des Feuilletonisten auf die Welt. Alle Gebildeten begreifen mit ihm. Die Drehung der Merkurbahn – unmittelbar vor einer Verwaltungsratssitzung – hatte sie beunruhigt. Seit aber im Sonnenspektrum die Farbe stagelgrün entdeckt wurde, ist alles wieder in Ordnung. Eine Überraschung von ungewöhnlicher und, um es gleich zu sagen, sympathischer Art Es gibt noch solche in dieser trüben Zeit, die einem wenig zu hoffen übrig läßt. Aber während es sonst immer schlimmer kommt, als man gedacht hat, geschah ausnahmsweise einmal das Folgende: Aus Berlin wird uns berichtet: Das Publikum des Staatstheaters erlebte am Samstag bei der Aufführung der »Sterne« eine Überraschung von ungewöhnlicher und, um es gleich zu sagen, höchst sympathischer Art. Bassermann war plötzlich erkrankt. Doch nicht darin bestand, um es gleich zu sagen, die Annehmlichkeit. Sondern: Ersatz war in der Eile nicht zu beschaffen, und so entschloß sich der Autor Hans Müller, die Rolle des Galilei zu übernehmen. Das Wagnis war um so größer, als der Dichter bis dahin niemals die Bühne betreten hatte. Aber es gelang ihm sehr gut. Vor der Aufführung teilte der Regisseur Dr. Bruck dem Publikum mit, aus welchem Grunde Müller die Rolle übernommen habe, und er bat im Namen des Verfassers um freundliche Nachsicht. Die Bitte war, wie sich sofort zeigte, überflüssig. Das Spiel Müllers war sicher und gewandt. Das Publikum war gepackt von der sicheren Darstellung. Im Dichter wurde der Darsteller, im Darsteller der Dichter wiederholt stürmisch gerufen. Das Publikum war über den grauen Alltag so hinausgehoben, daß es Müller nicht wiedererkannte, indem es, als sich ihm der Dichter der »Sterne« zeigte, den Darsteller des Galilei zu sehen begehrte und als dieser hervorkam, nach dem Dichter der »Flamme« rief. Wie man sich täuschen kann. Wenn man mich damals, als Müller mir im Gerichtszimmer gegenübersaß, als Mensch zum Menschen sprach und aus Gründen der Nächstenliebe durchaus nicht zu bewegen war, seine Ehrenbeleidigungsklage aufrechtzuhalten, sondern zu jeder Ehrenerklärung bereit schien – eine Überraschung von ungewöhnlicher und, um es gleich zu sagen, höchst sympathischer Art –, wenn man mich damals, vor einem Schauspiel von geringer Standhaftigkeit, gefragt hätte, welche Rolle ich dem Dichter auf der Bühne zutrauen würde – jeden seiner Könige, hätte ich gesagt, soll er verkörpern, jeder Sänger oder fahrende Gesell mag ihm liegen, jeder Rittersmann oder Knapp, aber kein Bekenner, der vor meinem Scheiterhaufen dabeibleiben wird, daß ich ihn beleidigt habe; alles soll er spielen, nur die Galileigestalt soll er nicht spielen, hätt ich gesagt. Nie hätte ich ihm den Galilei zugetraut und nicht einmal den von Hans Müller! Ich habe ihn sprechen gehört, und wenn er auch von Lampenfieber nicht frei war, so gewann ich mir doch ein Urteil über seine darstellerischen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Ein gewisses Pathos ist da, aber in den entscheidenden Momenten fehlt die Kraft, und die Aussprache ist nicht frei von einem gewissen Anklang, der zwar dem Müllerschen Vers scheinbar zustatten kommt, jedoch auf der Bühne, und namentlich auf der des ehemaligen Berliner Hoftheaters, befremden muß. Bassermanns Erkrankung ist bedauerlich. Doch wenn ich nun bedenke, daß an der Stelle, wo einst Matkowsky gestanden, heute Hans Müller einen Erfolg errang, dann merke ich erst, wie sehr sich der Geschmack des Theaterpublikums gewandelt hat. Sie regnet ... denn jeder dritte Wagen bleibt irgendwo stecken, eine stumme Illustration der berühmten Worte: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders u.s.f.« ... Sagt die Reichspost, bekanntlich eine der feinsten Humoristinnen, über den Wiener Autobus, nicht wissend was sie tut, wiewohl sie jedenfalls einen Pik auf Luther hat, weil er zu Worms nicht widerrufen hat, Gott helfe ihr, Amen. Wenn sie den Autobus, den sie für eine »marxistische Erfindung« hält, nicht verleumdet, so würde er die Eigenschaft, nicht anders als stehen zu können, mehr noch als mit Luther mit einer in rasendem Lauf befindlichen Figur ihres Zeichners Schönpflug teilen. Viel delikater ist sie, wenn sichs um jene theologische Persönlichkeit handelt, mit der Luther einmal eine Begegnung hatte, die man sich mit einem Redakteur welcher Konfession immer zu haben wünscht; da sagt sie nur, einer hätte ausgerufen, es möge einen andern der ... holen, während doch die Neue Freie Presse dem Beruf, der ihr am meisten wider den Strich geht, wenigstens das H läßt. Übrigens brauchen die Protestanten wegen des Vergleichs, für den Luther herhalten muß, nicht bös zu sein. Die Bildung der Reichspost, die nur eine Lücke umfaßt, hat zum Beispiel auch für einen gewissen Thomas von »Aquini« Raum. Und selbst die Ungläubigen haben sich damit abgefunden, daß sie einmal von »Lassalles kommunistischem Manifest« gesprochen hat, welches somit vielleicht das einzige Werk ist, das sie für keine marxistische Erfindung hält. Mein Gott, man muß zufrieden sein, wenn die Reichspost »Schinken« als Maskulinum, »Butter« als Femininum und insbesondere »Gas« als Neutrum erkennt. Dagegen bin ich nicht sicher, ob ihre Schriftleiter gegebenenfalls nicht die Wendung gebrauchen würden: »Ah, sie regnet!« Aber natürlich nicht aus Unbildung, sondern nur aus Humor. Während zum Beispiel mich die Vorstellung, auf einem Kontinent leben zu müssen, wo es die Reichspost gibt, trübsinnig macht. Berichtigung eines sinnstörenden Druckfehlers In unsre gestrige Besprechung der Aufführung des »Reigen« in den Kammerspielen hat sich ein sinnstörender Druckfehler eingeschlichen. Es soll dort heißen: Und zu diesen Naturgefühlen gehört es, daß der Akt, der den Gipfelpunkt sämtlicher Akte des »Reigen« bildet, im Geheimen abgetan wird. Es gibt ein einziges Lebewesen , das sich an dieses Naturgebot nicht hält: der der Natur entfremdete, degenerierte, rasselose Straßenköter . Der Gedanke hat die Berichtigung gelohnt. Denn es ist doch klar, daß die jetzt von der geistvollen Gemeindesteuer betroffenen Rassehunde es im Geheimen abtun und zwar nicht nur, weil das die Herrschaft so veranstaltet, sondern weil sie ein Schamgefühl haben. Keinem Dobermann würde es einfallen, wenn er schon überhaupt so ein widernatürliches Gelüste hat, es vor Leuten zu betätigen. Denn es ist widernatürlich. Tuts ja doch nur der »der Natur entfremdete«, degenerierte, rasselose Straßenköter. Es ist gut, daß das richtiggestellt ist. Die Setzmaschine hatte sich zuerst geweigert und die Stelle verhoben, aber nun mußte sie klein beigeben. Die besseren Hunde, die das 8 Uhr-Blatt lesen, werden bestätigen können, daß es so ist und daß sie sich nicht von ihren Herren beschämen lassen, die doch auch nicht gleich in den Animierlokalen sich dem widernatürlichen Trieb, auf dem wie alles in der Welt leider auch das Inseratengeschäft beruht, hingeben. Der Text ist rein. Ein Druckfehler hatte sich, um den Sinn zu stören, eingeschlichen, aber nun ist er draußen. Das Naturgebot verlangt nicht die Begattung, sondern deren Diskretion. Das einzige Lebewesen, das sich an dieses Naturgebot nicht hält, ist der Straßenköter, dieser Proletarier der Natur, und für den hat das 8 Uhr-Blatt so wenig übrig wie für die Proletarier aller Länder. Er ist nicht nur der Auswurf unter den Hunden, sondern unter den Tieren überhaupt. Möge er, ob er vergnügt oder mißvergnügt ist, auf die Straße gehn. Die andern Lebewesen, alle, haben noch ein Schamgefühl und lassen die Öffentlichkeit nicht in ihr Privatleben hineinsehen. Selbst die Fliegen machen's im Zimmer ab, und die Löwen ziehen sich bekanntlich bis in die Wüste zurück, um den Schiebern das Ärgernis zu ersparen. Nur mit Überwindung aller Naturgefühle, die sie im Tabarin befestigt haben, wohnen diese den Aufführungen des »Reigen« bei, von dessen Duldung der Kritiker der Reichspost eine Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten befürchtet und dessen Besprechung Wien von allen Seiten auf einem geistigen Niveau gezeigt hat, daß kein Hund so länger leben möchte. Die Tote Bis jetzt wurden fünf Tote geborgen, und zwar der Fabrikant Ludwig Altschul, Wien, 4. Bezirk, Karlsplatz 3, der siebenjährige Sohn des früheren Bahnerhaltungsvorstandes in Wien, Wenger, Staatsbahnrat Robert Hackl, eine Frauensperson und ein italienischer Chauffeur aus Villach, welche noch nicht agnosziert sind ... Dem Polizistenjargon, der sich bei Durchsuchungen in Stundenhotels betätigt, ist die Bezeichnung endlich abgewöhnt worden, und er muß sich dazu bequemen, eine Frau selbst dann als Frau anzuerkennen, wenn sie von ihrer Eigenschaft, eine zu sein, Gebrauch gemacht hat. Der Journalistenjargon kehrt bei Durchsuchung eines Leichenfelds zur altösterreichischen Terminologie zurück. Der unsägliche Jammer von Felixdorf, der wie die letzte Strafe der Natur an einem heillosen Staat anmutet, der von der niedrigsten Stufe zivilisatorischer Einrichtungen noch in den Abgrund eines Weltkriegs taumeln mußte, läßt doch das Lichtbild einer Kompagnie schauen, die obenauf bleibt: Die Geretteten, die den Sterbenden nicht Platz machen wollten, die Lebenden, die die Toten beraubt haben, und die Schreibenden, die einen verstümmelten Leichnam als Frauensperson agnoszieren. November 1921 Ein Wahrspruch Die Presse – Auge und Ohr der Welt . Einen bemerkenswerten Sieg hat die »Chicago Tribune« soeben in dem Prozeß errungen, den der Bürgermeister von Chicago gegen sie angestrengt hatte. Es war beantragt, das Blatt wegen Kreditgefährdung zu einer hohen Geldentschädigung zu verurteilen ... Die hohe Schadenersatzsumme, die die Stadtverwaltung forderte, wurde damit begründet, daß der Stadt durch diese Angriffe ungeheure Schwierigkeiten bei der Aufnahme von Krediten entstanden seien. Das Gericht stellte sich indessen auf die Seite der verklagten Zeitung und wies die Klage zurück. »Hätte die Stadt Recht bekommen«, erklärte der amerikanische Richter, »so wäre den städtischen Beamten mit dem Urteil ein Mittel in die Hand gegeben worden, die Presse einzuschüchtern und ihre Gegner zum Schweigen zu bringen. Die Presse ist aber heute Auge und Ohr der Welt. Sie ist der Anwalt der Schwachen und Leidenden und leuchtet mit der Fackel der Wahrheit in die Tätigkeit der an hoher Stelle stehenden Beamten. Ohne sie würden die Handlungen von Wohltätern der Allgemeinheit unbeachtet bleiben und den Schwindlern und Gaunern die Möglichkeit geboten werden, ihr verbrecherisches Treiben ungestört fortsetzen zu können.« Daß dies – vorläufig für die amerikanische Presse – urteilsmäßig festgestellt wurde, ist sicherlich dankenswert. Vielfach ist ja noch das Vorurteil in Geltung, daß die Presse der Anwalt der Starken und der Handelnden sei und daß sie für jede Information dafür zu haben sei, das Publikum über die Tätigkeit der an hoher Stelle stehenden Beamten zu belügen oder sie wenn sie verdienstlich ist, zu behindern. Daß gerade durch die Presse die Handlungen von Wohltätern der Allgemeinheit unbeachtet bleiben und durch sie den Schwindlern und Gaunern die Möglichkeit geboten wird, ihr verbrecherisches Treiben ungestört fortzusetzen, an dem die Presse mit Gewinn beteiligt ist. Daß aber dafür ohne sie der Weltkrieg nicht entstanden wäre und wenn er schon unvermeidlich war, ohne sie die Hyänen sichs nachher nicht so gemütlich gemacht hätten. Allerdings ist zutreffend, daß die Presse das Auge und Ohr der Welt ist. Denn die Welt ist so blind und so taub, daß sie sich die Presse gefallen läßt. Wo bleiben die Setzer? Was aus der Geschichte wird, wenn sie der Journalist einrichtet. Prager Leser bekamen das Folgende: Wien, 22. Oktober. – – und die österreichischen Monarchisten hätten nicht die Absicht, das Unternehmen zum Ausgangspunkt einer Aktion zu machen. Heute nachmittag um ½3 Uhr sprach der Vertreter des Exkaisers beim Bundespräsidenten vor und teilte ihm mit, daß die Abreise des Exkaisers und seiner Gemahlin nach Ungarn mittels Flugzeug erfolgt sei. Ein Probealarm in Wiener-Neustadt – – Natürlich ist »heute nachmittag ½3 Uhr« Prager Zeitrechnung, und es war der Bundespräsident der Schweiz. Die Vorstellung, daß der österreichische den Besuch des »Vertreters« empfangen wird, der ihm im Auftrage des Exkaisers mitteilt, wie dieser diesmal es angestellt hat, um Österreich um- und hinterzugehen, und daß er sich unverhaftet entfernt, weil doch der österreichische Bundespräsident froh ist, wenigstens den Vertreter hier zu haben, und was die beiden Herren über die künftigen Pläne des Exkaisers und seiner Gemahlin, etwa über die Rückreise, gesprochen haben mögen – all das beschwert kein Redakteurshirn und infolgedessen auch kein Leserhirn. Nur daß die Setzer, die doch dazwischen eingreifen, nicht ihre Macht benützen, um in einem wohltätigen Sinne zu intervenieren, ist mir immer erstaunlich. Im alten Tagblatt soll es einen Metteur gegeben haben, der der Redaktion jeden Artikel, der ihm zu blöd war, schonungslos zurückgegeben hat. In welcher Druckerei wäre heute, wo doch das Niveau der täglichen geistigen Leistung noch erheblich gesunken ist, eine derartige Initiative aufzutreiben? Gewiß hat der Handsatz eine größere persönliche Überwindung verlangt als die Bedienung der Setzmaschine. Aber schließlich steht doch auch da ein Mensch mit fünf Sinnen dabei, und sich vorzustellen, daß ein Organismus von dem Inhalt einer Nummer der Staatswehr, des Salonblatts, der Wiener Stimmen oder von einem Leitartikel des Benedikt vorher gewußt hat, ohne es zu verhindern, könnte einen wohl trübsinnig machen. Ich habe mir schon gedacht, ob ich, um mir die Martern, die ich täglich bei einem nur flüchtigen Blick über das stereotypierte Weltbild erleide, zu lindern, nicht wenigstens als Setzer in die Neue Freie Presse kommen könnte, um dort durch gütliches Zureden oder, wenn nicht anders möglich, durch Streik, passive Resistenz, Sabotage Ordnung zu schaffen. Den Plan, es mit Geld zu versuchen, habe ich wegen der Teuerung aufgeben müssen. Mehr Säuglingsschutz! Die ›Staatswehr‹ ist in der Lage, den Text einer neuen »Österreichischen Monarchistenhymne« mitteilen zu können, die von Kasmader herrühren dürfte und in der unter anderm das folgende vorkommt: Herr Kaiser, Herr Kaiser, wir halten dir Treu', Schwarzgelb, wir, die Legitimisten, Dir Treu' bis zum Tod, ohn' Wanken und Reu', Als öst'rreichisch fühlende Christen! Die Liebe zum Erzhaus schon sogen wir ein An unseres Mütterleins Brüsten – Und da gibt es noch Leute, die einer Freigabe der Fruchtabtreibung widerstreben! Nein, sich nur auszumalen, daß so ein armer Wurm die Liebe zum Erzhaus an des Mütterleins Brüsten einsaugt, und nichts als diese, eben weil wegen der Liebe zum Erzhaus alle nahrhafteren Stoffe ausgegangen sind – es ist wahrhaft gräßlich. Was sind das aber auch für entmenschte Mütterlein, die, wohl wissend, daß sie nichts als Liebe zum Erzhaus abgeben können, dem armen Säugling noch die Brust darbieten! Das heißt wirklich zum Schaden den Spott fügen. Der Säugling schreit, und sie stillen ihn mit Erinnerungen an Habsburg, dessen Interessenvertretern es bekanntlich schon einmal gelungen ist, die Milch der frommen Denkart in Liebe zum Erzhaus zu verwandeln. Und doch, so etwas wächst heran, wird Offizial und weist mit Stolz auf das Kindheitserlebnis. Epilog Gesprochen am 30. Oktober Gewiß, ein Monarch kann auf Regierungsdauer ein Trottel sein, das widerstreitet nicht dem monarchischen Gedanken. Wenn er sich aber auch in der Zeit, da er kein Monarch mehr ist, wie ein Trottel benimmt, nämlich durch die Art, wie er wieder ein Monarch werden möchte, so sollte man doch meinen, daß auch die Anhänger des monarchischen Gedankens ihm die Eignung hiezu absprechen müßten. Freilich huldigen ja die Anhänger des monarchischen Gedankens auch der Anschauung, daß ein Trottel, der einmal ein Monarch war, gar nicht aufgehört habe, einer zu sein, nämlich ein Monarch, so daß ihn der Umstand, daß er sich auch während der Unterbrechung als ein solcher gezeigt hat, nämlich als ein Trottel, nicht hindern könne, der Monarch zu werden, der er immer war und ist. Woraus ferner hervorgeht, daß auch die Anhänger des monarchischen Gedankens nie aufhören, das zu sein, was sie sind und immer waren, nämlich Anhänger des monarchischen Gedankens. Intimes von Dichtern Dieser Tasso hat keinen stark bezeichnenden Zug der Eitelkeit, der Zerstreutheit, der Nachlässigkeit – man weiß, wie Dichter sind – und die Heftigkeit kommt bei Aslan nicht aus Tassos nervösem Temperament, sondern – – Man muß sich dazu das Kopfnicken der Börseaner vorstellen, die das zum Frühstück lesen: man weiß, wie Dichter sind. Nicht werden sie wissen, wo doch jede Familie ihren Tasso hat, zerstreut, schlampig, bitt Sie wie schon Dichter sind, man weiß doch, man steht sich mit ihnen aus, alles vergessen sie, nur nicht eigenhändig signieren! 1922 März 1922 Aus dem Deutschen Vorgelesen nach »Aus dem Ungarischen« Dieses war die ungarische Kultur. Nun folgt die deutsche. Ich werde in Deutschland doch schon ziemlich geschätzt. Da habe ich z. B. im Jahre 1919 den folgenden Brief erhalten. Berlin, den 7. Februar 1919. Sehr geehrter Herr Kraus! Gestatten Sie mir als Bewunderer Ihrer Kunst, wenn Sie auch leider in Berlin sehr selten zu sehen sind und Ihre Zeitschrift »Die Fackel« selten nach Berlin gelangt, daß ich mich mit einer Bitte an Sie wende. Im Verlage Wilhelm Borngräber erscheint eine Zeitschrift für den gebildeten Herrn mit dem Titel »Der Junggeselle« in Bälde, wenigstens die Probenummer , wozu ich unbedingt Ihre Mitarbeit gebrauche . Da ja der Verkehr nach Österreich sehr erschwert ist, so möchte ich Sie gleich heute um eine bestimmte Zusage für uns bitten und möchte für unsere erste Nummer Aussprüche, Splitter oder ein kurzes Essay über die Lebensweise des Herrn, gerade über die banale , lebensdumme Art des heutigen snobistischen Herrn haben, und würde Sie bitten, mir doch umgehend , da Sie schon in der ersten Nummer erscheinen sollen , einen Kostenanschlag zu schicken. Auch möchte ich Sie als ständigen Mitarbeiter für mindestens eine Nummer im Monat, wenn auch nur mit ein paar Zeilen, bitten. Denn ich weiß, was für einen großen Leserkreis Sie gerade bei uns in Berlin hätten, doch kommen wir leider nie auf unsere Kosten , da scheinbar nie etwas von Ihnen über die Grenze kommt. Herr ....., unser Beauftragter in Wien, wird sich erlauben, bei Ihnen vorzusprechen (Anm. Ist wohlweislich unterblieben, obschon ich parterre wohne.) Mitarbeiter wie Bernhard Kellermann, Dr. Karl Hauptmann, Georg Kaiser, Alice Salomon, Professor Pazaurek, sind schon für die Mitarbeit gewonnen. Sie sehen also, Sie sind in nicht allzu schlechter Gesellschaft. Beiliegendes Exposeé setzt Ihnen etwas den Charakter unseres Blattes auseinander. Ich hoffe möglichst bald trotz der Postkalamität von Ihnen, sehr geehrter Herr Kraus, Antwort zu erhalten. Ergebenst – – * 1 Anlage. Das Exposee: Es gibt in Deutschland über 400 Zeitschriften, welche die Interessen und Ansichten der Frau oder der Dame vertreten, doch heute keine, die dem Mann oder dem Herrn gehört. So schritten wir zur Gründung des Blattes und nannten es » Der Junggeselle « Wochenschrift für den gebildeten Herrn. Wenn vielleicht auch manche, und auch Sie sogar der Titel »Der Junggeselle« abschreckt, so werden doch die meisten ein Schmunzeln, Lächeln haben, wenn ihnen der Name des erste Mal begegnet. Und das wollen wir . Es soll kein Blatt sein wie die »Elegante Welt« oder »Die Dame«, eine Modezeitschrift, zusammengestellt in althergebrachter Weise ... Nein, alles was um uns geschieht und in uns lebt, in geistreicher, quirlender Form herausbringen , jedes Gebiet soll behandelt werden: Das Buch, die Kunst, Wissenschaft, der Roman, die Novelle, das Theater, das Leben um den Herrn, die Wohnung und Annehmlichkeiten, Sport und Reise. Ja Börse und Politik sogar . Doch alles in kultiviertester Form und vergeisteter Art. Der alte, leider so entschwundene geistreiche Witz, die lächelnde Satire , die heute leider zur Zote geworden ist, sollen in vollendetster Form neu erstehen. Doch dazu brauchen wir einen Stab erster Mitarbeiter, und da glauben wir, bei diesem noch nicht erschlossenen Gebiet wird so mancher etwas oder sogar viel zu sagen haben. Der Götze Zensur liegt ja in Trümmern. Nur von erstklassigen Malern und Illustratoren sollen die einzelnen Nummern ausgestattet werden, jede Nummer von einem Künstler. Der literarische Teil soll sich der Eigenart des Illustrators anpassen, so daß jedes Blatt einen eigenen Charakter trägt, z.B. wird bei einem Heft , das von einem Karikaturisten illustriert ist, nicht gerade ein tiefgründiges Essay Platz finden und bei einer Slevogt-Nummer nicht gerade eine spielende Plauderei . So soll die Zeitschrift jedem etwas bringen: Dem Mann, der im hastenden Leben steht, der flüchtige Zerstreuung auf der Elektrischen in dem Blatte sucht, dem Herrn, der im weichen, tiefen Sessel beim heimelnden Licht mit seiner Freundin sitzt, dem geistig Hochstehenden, der die Kultur auch in leichter Form gern mal genießt, (doch auch ernsteste, seriöse Kunst soll gepflegt werden), dem Provinzler, der mit Röllchen und geklebtem Schlips sich in seiner Stadt als »der« Lebemann vorkommt, wenn er Abonnent des »Junggesellen« ist, dem alt gewordenen Mann, der schon völlig resigniert leicht lächelt im Lesen des »Junggesellen« und nicht zuletzt der Frau. Denn auch die Frau wird den »Junggesellen« im geheimen lesen und sehen wollen, wie er lebt, was ist seine Kost. Glauben Sie mir, wenn die Frau in die Wohnung des verheirateten Mannes gehen soll, so denkt sie an die abgeklapperte Alltäglichkeit, aber die Wohnung des Junggesellen »Donnerwetter, da gehst du hin!« Ich hoffe, ich habe Sie überzeugt, wir wollen kein Familienblatt sein, kein Philisterblatt. Mal Wein-, mal Bierstimmung, mal Beethovenmusik, mal Fledermaustöne. Doch alles voll Kultur und nicht abgedroschener konventioneller Alltäglichkeit. »Machen Sie mit??« Jawoll! Und dieses Volk wollte siegen! Versailles ist hart. Aber man male sich aus, was im gegenteiligen Fall aus Europa geworden wäre! Juli 1922 Hatte er auch das reiflich erwogen? Dienstag vormittag wurde die 28jährige Marie Schidl, Trubelgasse Nr. 7 wohnhaft, am Gehsteig des Hauses Trubelgasse Nr. 9 von einem herabstürzenden Blumentopf am Kopf getroffen und derart schwer verletzt, daß sie binnen wenigen Minuten ihren Verletzungen erlegen ist. Während sie noch im Sterben lag, wurden ihr 9000 Kronen entwendet. Und darum Räuber und Mörder! Hierin ist aber die Identität der Person, die den Blumentopf so gestellt hatte, daß der Ausgang tödlich war, und des Leichenräubers enthalten: [Die Verlegerhonorare für Exkaiser Wilhelm.] Unser Berliner Korrespondent meldet: In diesen Tagen hält sich der Direktor des amerikanischen Verlagshauses Harper Brothers das die Erinnerungen des ehemaligen Kaisers Wilhelm erworben hat, Brainard, in Berlin auf. Der diplomatische Mitarbeiter der »B. Z. am Mittag« hatte eine Unterredung mit ihm. Es ist Tatsache, daß der Exkaiser von dem amerikanischen Verlage für die Zeitungs- und Buchausgabe ein Honorar von 250.000 Dollar , also 80 Millionen Mark bezieht, das macht 600.000 holländische Gulden. Außerdem erhält der Kaiser eine hohe Tantieme von der Buchausgabe, die vielleicht eine halbe Million Dollar ergeben wird. An Ludendorff hat seinerzeit dasselbe Haus für seine Memoiren 40.000 Dollar gezahlt und 15 Prozent Beteiligung an der Tantieme, an Hindenburg 30.000 Dollar und ebenfalls 15 Prozent Tantiemen. Das Kaiserbuch wird zuerst in 16 großen amerikanischen Zeitungen erscheinen. Nur daß es drei sind und der Raub erst bei eingetretener Leichenstarre erfolgte. Die drei sind also zusammen 320.000 Dollar nebst Tantiemen wert. Unter Brothers! Wenn man sie ihnen vor dem August 1914 gegeben hätte – wie sicher ginge heute die Menschheit ihrer Wege! Die ganze; nicht bloß jener Teil, der ausging, den Platz an der Sonne zu suchen, und bei stockfinsterer Nacht nachhause kam. Es ist wohl das sinnfälligste Sinnbild dieser Glorienpleite: der Sieger führt nicht mehr die Besiegten im Triumph auf, sondern kauft ihnen ihre Erinnerungen ab. Über dem Wasser, wo Menschen, Tiere und Tonnen versenkt wurden, langen jetzt Manuskripte unversehrt an. Der Friede konnte nicht mit eiserner Faust und blitzendem Schwerte diktiert werden: so werden Memoiren diktiert. Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Das hätte sich aber nicht einmal der Herr der Heerscharen, auf den das deutsche Volk sich doch bombenfest verlassen hat, erwartet, daß die Sache im Westen, die ja schon immer gemacht wurde, so günstig ausgehen werde. Die Kriegsentschädigung ist respektabel. Wie nur werden sich jene Deutschen dazu stellen, die an ihr keinen Anteil haben und die im Gegenteil all die Verluste, die eigenen und die fremden, tragen müssen, die jetzt mit solcher Verlagsrechnung abschließen? Was meint der den Weltkrieg überlebende Kretinismus, der noch immer mit Gott, Kaiser und Vaterland rechnet, wiewohl jener längst aus der dubiösen Kompagnie ausgeschieden, dieser desertiert ist und nur ein armseliges Vaterland zurückgeblieben, das von seinen ausgesuchtesten Heroen schon beschissen wurde, ehe sie den Feinden ihre Erinnerung an seine Schicksalsjahre verkauften. Gewiß, nur eine ganz hoffnungslose Minderheit von jenen Deutschen, die nicht alle werden, wohl aber alldeutsch, dürfte sich heute noch über die Herren Wilhelm und Ludendorff heldische Illusionen machen. Was sagen sie aber zu diesem fest und treu stehenden Wachtmeister am Rhein, den ins Napoleonmaß avancieren zu lassen sie kein strategischer Rückzug abhalten konnte und nicht einmal die offenkundige Subalternität eines Kopfes, der sich einst in österreichischer Uniform unverkennbar als der jenes Hauptmanns Schanderl von Schlachtenfern entpuppt hat, der, und wenn die Welt voll Teufel wär', im Kaffeehaus von St. Pölten aufs Avancement wartet. Nicht Not und Tod, nicht das Gedenken hingemordeter Millionen konnte die Deutschen einer Panoptikumfigur abwendig machen, unter deren Auspizien getötet und geboren, gekegelt und gesoffen, gehaßt und geliebt, gelogen und gewahrzeichnet wurde. Wer zählt die Nägel, die auf einen Kopf getroffen wurden, der damit gewiß schon versehen war, und die, so allen Zweck verfehlend, die Nägel zu Deutschlands Sarge geworden sind! »Walhalla ist ein Warenhaus«: war je ein Wort erfüllter als jenes, das mein Wahnschaffe singt und wonach der Deutsche für Ideale und von ebendenselben lebt? »Gebt Blut – habt ihr das nicht gewußt? – für Mark: das ist kein Kursverlust!« Viel Feind, viel Dollar, und made in Germany ist wieder weltbeliebt. Und es sind Selfmademen. Denn ohne ihre persönliche Tätigkeit würde es ja heute gar nicht so viel ausmachen. Es wirkt nur so zauberhaft auf dem dunkeln Hintergrund der durch sie bewirkten Pleite. Aber erfährt nicht der Heroenkult immerhin dadurch eine abschwächende Tendenz, daß der Hauptheros am wenigsten kriegt? Wenn man noch dazu bedenkt, daß die Voraussetzungen zu diesem Geschäft zwar von den Autoren der Not geschaffen sind, aber doch jedenfalls ein großer Betrag für jene in Abzug zu bringen sein wird, die ihnen die Bücher geschrieben haben. Immerhin, Deutschland erlebt die Genugtuung, daß den schmerzlichsten Reparationen und allen Blutsaugereien der Besatzungsbordelle doch eine Aktivpost gegenübersteht: seine Heerführer finden in Amerika Anwert wie seine Hanswurste, und wie nur ein Lehar-Ensemble sind die Librettisten der tragischen Operette begehrt. Sie haben ein einzig Volk von Brüdern so lange zum Durchhalten gezwungen, bis sie selbst sich den Brothers verschreiben konnten. Wir, die ein kurzes Gedächtnis langer Leiden tauglich macht, sie wieder zu erleben, möchten vergessen, was jene getan haben. Sie aber haben es gut: sie können sich erinnern! Wie sie heiraten Zu Aachen in seiner Kaiserpracht oder vielmehr in Tagen, wo die kaiserlose, die schreckliche Zeit noch nicht geendigt war, doch immerhin auch in einer stark katholischen Gegend, ist im dortigen Anzeiger das Folgende erschienen: Heirat! Junger Kaufmann, 28 Jahre, hier fremd, sucht passende Lebensgefährtin – Alter 25 bis 30 Jahre – mit Vermögen. Es wird jedoch mehr Wert auf vorhandene Räumlichkeiten gelegt, da beabsichtigt ist, hierselbst ein Engrosgeschäft zu übernehmen. Damen, auch Witwen, die über drei Räume verfügen, bitte um vertrauensvolle Zuschriften. Diskretion Ehrensache. Gefällige Angebote u. s. w. »Solche Geschäfte werden alle Tage und überall abgeschlossen, und sie werden dann in der Kirche eingesegnet. Ob diese Ehen wohl auch ›im Himmel geschlossen‹ und ›heilig und untrennbar sind‹, Herr Piffl?« fragt ein Neugieriger. Die Frage ist zu bejahen, solange diese katholische Menschheit einen besseren Magen hat als ihre Kirche, indem sie sich diese schmecken läßt. In jenem Falle aber und in den jetzt so zahlreichen Fällen, wo sie den Segen dazu gibt, daß der eheliche Beischlaf soviel wie Beiwohnen bedeutet, kurz in allen den Fällen, wo der Mieterschutz geheiligt ist, könnte füglich nicht nur von einer Untrennbarkeit, sondern geradezu von einer Unkündbarkeit der Ehe gesprochen werden. Ein Brief der schon an dem Tag, an dem er abgeschickt werden sollte, den Adressaten verfehlt hätte und dessen Inhalt wohl immer unbestellbar bleiben wird: An den Bundeskanzler Schober. Hochgeehrter Herr! Von einer Auslandsreise heimgekehrt, beeile ich mich, Ihnen als dem Leiter des Finanzministeriums zu versichern, daß noch viel hoffnungsloser als die wirtschaftliche Misere des Vaterlands das Benehmen der Finanzorgane ist, die den Heimkehrenden als die Repräsentanten der österreichischen Staatshoheit an der Grenze empfangen. Nicht daß sie sich als Vertreter eines Bettlerstaates auf das halbe Kilo Zucker oder die fünfzig Zigaretten stürzen, die sie mit begreiflichem Mißtrauen im Koffer vermuten und mit berechtigtem Eifer suchen, ist das Verdrießliche. Wohl aber der Ton, der in jedem, welcher die österreichische Grenze zu überschreiten wagt, einen Delinquenten anzusprechen scheint. Es ist doch unerträglich, daß zu den Besitztümern, die der Reisende unbedingt nicht hinübernehmen darf, die Menschenwürde gehören soll, und es mag dahingestellt bleiben, ob es für den Ruf dieses Staates im Ausland abträglicher wäre, daß der Fremde den Eindruck empfängt, in ein Land der schlechten Manieren zu geraten, oder dem patriotischen Gefühl unangemessener, daß der Inländer nur mit Widerstreben ein Territorium betritt, an dessen Schwelle er bloß dafür, daß es ihm einfiel, zurückzukommen, angeschnauzt wird. Auf Wunsch kann Ihnen mit genaueren Daten über das Betragen eines österreichischen Gepäcksrevisors gedient werden, der der Meinung zu sein schien, daß das Öffnen des Koffers eine militärische Übung sei und im Ton der Abrichtung verfügt werden müsse. Die Widerlichkeit der Szene wurde womöglich durch die Schüchternheit gesteigert, in die er gegenüber einem Passagier umschlug, der mit ironischem Gleichmut antwortete und in dem er, schon allein dadurch verwirrt und umsomehr, als der Koffer statt Zucker Manuskripte und Bücher darwies, einen »Redakteur« vermutete. Die Frage »Is der Herr vielleicht a Redakteur oder so was?« wurde nur als ein weiterer Beweis des Mißtrauens abgewiesen, wiewohl es unschwer gewesen wäre, durch die Bejahung ein Wunder der Liebenswürdigkeit zu bewirken. Da nun nicht lauter Redakteure die Grenze passieren, sondern auch solche Reisende, die sich selbst einschüchtern lassen, etwa Frauen, so wäre wohl eine Weisung dringend geboten, durch welche den Leuten, denen die Suche nach Zucker und Tabak obliegt und die infolgedessen einen Machtrausch produzieren, der uns noch von den Kriegszeiten in grauslichster Erinnerung ist, eingeschärft wird, daß sie sich anständig zu benehmen haben. Bei Inländern, die ohnedies schon abgehärtet sind und im Umgang mit dem Kasmadertum in seinen schwersten Formen bereits einige Übung haben, kann die Sache ja nicht zu bösen Weiterungen führen. Aber die Fremden, nach denen dieser Staat lechzt, sollten doch nicht schon an der Grenze erkennen müssen, daß er sich der untauglichsten Mittel bedient, um sie anzulocken, und es kann der Hebung des Verkehrs derselben keineswegs zustattenkommen, wenn, wie ich es einmal in Lundenburg gehört habe, einem Amerikaner von einem ziemlich lauten Kontrollorgan der Rat widerfährt: »Gengan S' nach Amerika zruck, wann Ihna was net recht is!« Gegen diesen Rat wäre gewiß nichts einzuwenden, wenn sich hierin ein volkswirtschaftliches Bedenken gegen den Zustrom von Aufkäufern unserer armen Reste geregt hätte, es war aber im Gegenteil Größenwahn und gewiß wäre es verhängnisvoll, wenn etwa auch die Abgesandten des Herrn Morgan solchen und ähnlichen Fatalitäten, wie sie sich tagtäglich ereignen, ausgesetzt wären. Aus allen diesen Gründen und weil es doch einleuchtend ist, daß sich mit solchen Grenzhütern nicht Staat machen läßt, wäre es endlich angebracht, sie, die ja heute zum Glück nicht mehr die schon seinerzeit faule Ausrede haben, die militärische Sicherheit des Vaterlandes schützen zu müssen, darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich nicht wie die Feldwebel auf den reisenden Feind oder den reisenden Eigenen zu stürzen, auch nicht wie die Berserker die Koffer in Unordnung zu bringen und daß sie jede Unhöflichkeit zu unterlassen haben wie jeden unziemlichen Scherz, der an und für sich und umsomehr durch die vorgestellte und so wenig behauptete Würde der Staatsrepräsentanz verletzen muß. Da der Reisende beim geringsten Widerspruch Gefahr läuft, am Weiterreisen verhindert zu werden, und lieber jede Demütigung über sich ergehen läßt, so erscheint das Betragen solcher Repräsentanten als die vollkommenste Ausnützung jener Wehrlosigkeit, die im Shakespeare'schen Satz »Dem Hund im Amt gehorcht man« als die Beziehung des Bürgers zur Autorität endgiltig bezeichnet ist, wobei ich freilich als Hundefreund zweifeln möchte, ob das Tier je durch Machterhöhung die Harmonie der Natur verletzen könnte. Dagegen bin ich durchaus überzeugt, daß gerade Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, der schon als Polizeipräsident die Veredlung der in ihren Sitten so rauhen Sittenpolizeiorgane angestrebt hat, sich ein hinreichend lebendiges Gefühl für die Unleidlichkeit bureaukratischer Ausartung bewahrt haben, um ihr wenigstens jene Grenze zu setzen, die sich mit der Landesgrenze deckt. Was man alles auf Lager haben kann Schadchen, welche Wiener Kaufleute auf Lager haben, wollen ihre Adresse bekanntgeben. Unter »Glückbringend 23902« an die Exp. Das stand im Neuen Wiener Tagblatt, das von jenen kommerziellen Kreisen gelesen wird, die hier für das Angebot sowohl wie für die Nachfrage in Betracht kommen dürften. Es gelangt ja gewiß etwas wie eine höhere Gerechtigkeit darin zum Ausdruck, daß Wiener Kaufleute einmal auch selbst auf Lager gehalten und vielleicht sogar in Zeiten der Knappheit versteckt und dann hinaufnumeriert oder auch freibleibend sofort greifbar offeriert werden und was dergleichen Usancen mehr sind, die sie nun am eigenen Leib erfahren können. Aber es handelt sich noch um eine ganz andere Ware, um eine, die so sehr versteckt wird, daß von ihr gar nicht einmal die Rede ist. Es handelt sich um andere, dem Plan der Schöpfung noch nicht so entrückte Lebewesen, die etwas an ihrem Leib erfahren sollen. Es handelt sieh nicht nur um einen Handel, der auf Erden, sondern auch um einen, der im Himmel geschlossen wird, und sich auf der Spitze dieses Dreckhaufens noch den Priester vorzustellen – und es könnte ja hinter dem Schadchen ausnahmsweise auch ein Gottesmann walten, der auf der Unlösbarkeit des Unternehmens besteht –: da möchte man doch in das hinterste Dschungel fliehen und die Jaguare und Hornvipern fragen, ob sie sich für die gewiß auch ihnen unerläßliche und immerhin wünschenswertere Fortpflanzung so schäbiger Mittel bedienen wie die Abonnenten des Neuen Wiener Tagblatts. Wofern man aber genug schmerzliche Phantasie hat, sich die soeben noch ahnungslosen Wesen vorzustellen, die, wenn die Annonce gewirkt hat und vom Schadchen das Glück gebracht ist, jene Wiener Kaufleute, eben dieselben, auf Lager haben werden – so möchte man ihnen schon jetzt zurufen: Laßt es nicht zu! Lasset euch, Ware der Ware, nicht begehren! Verschmähet das Glück! Eher mögen euch Leib und Seele verdorren, bevor ihr so zu Blüte und Frucht gelangt! Dienet und helft nicht, daß die Wiener Kaufleute sich fortpflanzen! Lieber ein Leben im Hurenhaus als eine Nacht im Warenhaus! Verbraucht euch selbst! Lebet euch selbst! Tötet euch selbst! Alles, nur eins nicht: Seid nicht auf Lager! November 1922 Wilde Sachen Müller, dessen »Vampir«, als er fortsetzungsweise in der Neuen Freien Presse erschien, uns das Blut in den Adern stocken machte – so stark wird da alles, was Brünn an Dämonie bietet, fühlbar –, scheut seit dem Erfolg der »Flamme« vor Kraßheiten des Ausdrucks nicht zurück, die ein Blatt nicht bringen kann. Er selbst würde baß erschrecken, wenn ers an solcher Stelle gedruckt fände, und sagen, es sei starker Toback. Die Zeitung, die nur andeutungsweise von einer H. ... zu sprechen wagt, nämlich die Neue Freie P. ..., gerät vor den Arbeiten Müllers, den zu fördern ihr eine künstlerische Ehrenpflicht ist und in dem sie neben Schönherr unsere stärkste expressionistische Begabung erkennt, oft in arge Verlegenheit. Am leichtesten kann man sich noch helfen, wenn es sich bloß um ein Wort handelt. Man ersetzt es entweder durch Punkte oder durch ein gelinderes Wort, was man, selbst wenn der Dichter telephonisch nicht zu erreichen wäre, in Anbetracht der Fülle von Worten, die noch übrig bleiben, getrost riskieren kann. Da steht zum Beispiel gleich nach der Stelle, wo von Muhme Rotwang die Rede ist, etwas, was im Druck der Neuen Freien Presse folgendermaßen lautet: Potz Altersschnee ... jetzt werd ich selber wild! Wirf dich auf ihn! Ich finstre dir das Haus Und lösch dazu (zeigt auf die Jünglingsgestalt) den blassen Leuchter aus – So hat doch jeder auf der Welt sein Teil! Es ist die überaus gewagte Lockung des sogenannten »Männchens«, dessen Funktion nicht ganz klar ist, das aber sogleich als der stärkste Dämon in Erscheinung tritt, den je ein Brünner auf die Szene gebracht hat. »Potz Altersschnee« ist noch, ähnlich wie »Muhme Rotwang«, eine Wendung aus der romantischen Periode Müllers, die Punkte dahinter sind ein vom Dichter beabsichtigter Ausklang und nicht etwa von der Redaktion. Dagegen hat sie offenbar noch in derselben Zeile eingegriffen. Man kann sich vorstellen, was sich getan hat, wie sie im letzten Moment in der Fahne bemerkt haben, daß dort ausgerechnet jene Regung bezeichnet steht, die seinerzeit die ältesten Biachs erfaßt hat, wie sie gelesen haben, die Nase der Kleopatra war eine ihrer größten Schönheiten. Der junge Biach las den Vers, schüttelte den Kopf und sagte: Das ist Verderbtheit. St – g, jene einzige Abkürzung, die dort nicht aus Schicklichkeit, sondern aus Bescheidenheit geübt wird, ist für die Innere Stadt verantwortlich und sprach: Es hieße eine Binsenwahrheit aussprechen, wollte man sagen, daß wir erhaben sind über den Verdacht, eine redaktionelle Keuschheitskommission gegen Mitarbeiter zu etablieren und durch die Begünstigung hypermoralischer Tendenzen die Freiheit des Wortes unter ein caudinisches Joch beugen zu wollen – aber »geil« geht nicht! Auernheimer trat hinzu und lächelte. Am andern Morgen sah es der Dichter und es gab ihm potz einen Stich ins Herz. Er rief sofort an, warum man ihn nicht angerufen habe, er wäre fürbaß in die Redaktion geeilt, denn wenn schon »wild«, so müßte doch jeder auf der Welt wenigstens sein Bild haben und nicht sein Teil, wo bleibt sonst der Reim? Der Herausgeber antwortete: Das ist Ausgelassenheit. St – g sagte: Wir vermeiden grundsätzlich jede Bevormundung des Lesers und wollten ihm ermöglichen, cum grano salis die ursprüngliche Fassung wiederherzustellen. Da es nicht unsere Sache ist, uns in die Toga puritanischer Strenge zu hüllen und das Amt eines publizistischen Cerberus auszuüben, so haben wir uns mit einem Obolus der Milderung begnügt, um der Muse den Eintritt in unsere Spalten zu ermöglichen. Den Canossagang einer Berichtigung werden wir nicht antreten, getreu unserem Grundsatz »Cui bono?« Auernheimer trat ans Telephon und lächelte. Der Dichter war beruhigt, und ich kann ihm sagen, die Neue Freie P .... hat die einzig richtige Lösung gefunden und das Wort, das den Zustand der Erregung ganz zutreffend bezeichnet. Wenn sie irgendwo liegt – potz Altersschnee, da werd ich selber wild! Kommen Sie mal 'raus und überzeugen sich selber, was los ist Die Unentbehrlichkeit der Zeitungen erweist sich bekanntlich nicht so sehr durch ihr Erscheinen als durch ihr Ausbleiben, denn in diesem Fall werden sie zwar durch die Gerüchte ersetzt, die authentischer sind und gleichfalls von keinem Verbot der Kolportage behindert, die aber doch den Nachteil haben, daß einem da nichts schwarz auf weiß gemacht wird. Am empfindlichsten hat man überall den Ausfall des Neuen Wiener Journals gespürt, nicht allein darum, weil man sich ohne Hermann Bahrs Zwiesprach mit seinem Gott und ohne den sonstigen Theatertratsch behelfen mußte, sondern weil man dadurch auch um den Inhalt der ganzen Weltpresse kam. Da es wieder erscheint, kann es mit Recht auf den Notstand jener Tage hinweisen, der sich dadurch ergab, daß das Publikum auf die ungedruckten Lügen angewiesen war; wobei freilich ein gewisser Neid auf eine gerüchtbildende Phantasie mitsprechen mag, die in solchen Tagen Sensationen erfindet, die gemeinhin weder einer Feder noch einer Schere erreichbar sind. Der idealste Zustand wäre eigentlich, wenn in einer zeitungslosen Zeit, wo dem Tratsch Tür und Tor geöffnet ist, auch das Neue Wiener Journal erscheinen könnte, um ihn zu drucken. Aber das ist eben nicht zu haben, und so bleibt nichts übrig als hinterher sich zusammenzunehmen, das Versäumte nachzuholen wie auch durch die Feststellung der Schäden, die das Publikum erlitten hat, seine Unentbehrlichkeit darzutun. Denn die Wüste, die Hindenburgs Armeen in Nordfrankreich zurückgelassen haben, ist nichts gegen die Zerstörungen, die der Setzerstreik im Weichbild Wiens angerichtet hat. Mit der ihr eigenen Prägnanz beschreibt die Neue Freie Presse das Schauspiel, das Wien in jenen Tagen bot, wie folgt: »Handel und Wandel waren einer vollständigen Anarchie preisgegeben«; wobei sie sich jeder Ausschmückung enthält und sogar auf die bekannten Einschaltungen wie »Kommentar überflüssig« oder »Was soll ich Ihnen sagen« verzichtet. Waren aber einmal Handel und Wandel bei uns in Unordnung geraten, also just das eingetreten, was man in den Zeiten, wo es noch eine Tagespresse gab, nicht für möglich erachtet hätte, so gab es auch kein Halten mehr. Die Festsetzung der Preise für die lebensnotwendigsten Bedarfsartikel war rein in das Belieben der Verkäufer gestellt und in den Kaffeehäusern tauchten sogenannte Schieber auf, Leute, die Waren anboten, die sie selbst nie gesehen hatten. Auch wurden Fälle von Gesetzesverletzung bekannt und insbesondere ließen sich Versuche der Hinterziehung von Steuern beobachten. Wegen der Kredite machte sich ein stärkerer Pessimismus geltend als bei einem fortgesetzten Erscheinen der Zeitungen möglich gewesen wäre, wo die Not am größten, floß der Champagner in Strömen, Wien übte zwar noch seine alte Anziehungskraft auf die Fremden aus, die sogar da und dort ein- und ausgingen, um einander die Türklinke in die Hand zu drücken, aber die wildesten Umsturzgerüchte durchschwirrten die Stadt und man kann nur von Glück sagen, daß die disziplinierte Wiener Bevölkerung ihrer Gewohnheit, Gruppen zu bilden, treu geblieben war, sonst würde eine Tatarennachricht wie die, daß die Ungarn bereits ein Lauffeuer verbreitet hätten, Panikkurse erzeugt haben. Was ist das aber alles gegen die schlichte Wahrheit, die das Neue Wiener Journal den Wienern, jetzt kann man's ihnen ja sagen, über die Tage, die sie überstanden haben, erzählt: Das Publikum wußte in seiner Mehrzahl nichts davon, daß im Burgtheater eine Neuinszenierung des »Götz von Berlichingen« zu sehen war, daß Reinhardt inzwischen schon sein Gastspiel mit »Clavigo« im Redoutensaal eröffnet hat, daß Moissi im Deutschen Volkstheater auftrat, das Raimundtheater unter der Regie Karlheinz Martins den »Othello« mit Kortner in der Titelrolle spielte und daß im Akademietheater nunmehr die Mitglieder des Burgtheaters Vorstellungen geben. Das ist aber noch gar nichts. Was hier versäumt wurde, konnte nachgeholt werden und insbesondere was die Herren Reinhardt und Moissi betrifft, macht sich der Setzerstreik schon so gut wie gar nicht mehr fühlbar. Gewiß, ein Ereignis wie die Neuinszenierung des »Götz« im Burgtheater mit Herrn Reimers, dem namentlich ein Satz der Titelrolle auf den Leib geschrieben sein soll, kann gar nicht genug gewürdigt werden, jedoch alles in allem hat die Presse getan was sie tun konnte, und auch manchen Premierenautor, der sie in jenen Tagen vermißt hat, als wär's ein Stück von ihm, reich entschädigt. Aber was so bald nicht ausgeglichen werden kann, ist die Nervosität des Publikums, die nachzittert und die noch heute, wo doch schon zum Glück die Zeitungen wieder erscheinen, zur Gerüchtbildung neigt. Es sind Luftblasen, Hirngespinste, Ausgeburten einer fiebrisch überhitzten Phantasie, der auch in zeitungslosen Tagen das Neue Wiener Journal erscheint, und man möchte, daß das ganze Publikum nur eine Stirn hätte, damit man die Hand auflegen könnte und sprechen: Is schon alles gut, das Neue Wiener Journal erscheint ja eh wieder! Denn es ist bezeichnend, daß diese Gerüchte den Zeitungsstreik überdauert haben, sei es, weil eben die allgemeine Erregung nachzittert, sei es daß der Tratsch sich gerade durch das Wiedererscheinen des Neuen Wiener Journals angeregt fühlen mag. Immerhin hat dieses doch endlich Gelegenheit, Nachrichten, wie sie sonst nur in zeitungsloser Zeit entstehen, aus erster Quelle zu erfahren. Ein wildes Gerücht durchschwirrt die Stadt. Man erzählt – doch wird es besser sein, anstatt die Leute noch mehr aufzuregen, gleich das Dementi des Neuen Wiener Journals zu zitieren: (Ein Brief der Tänzerin Anita Berber.) Seit einigen Tagen ist in Wien das Gerücht verbreitet , daß die bekannte Tänzerin Anita Berber schwer nervenkrank sei und nach Steinhof übergeführt werden mußte. Nun meldet sich Fräulein Anita Berber in einer Zuschrift an einen unserer Redakteure zu nachstehendem lustigen Dementi. Sie schreibt: » Lieber Herr Redakteur! Wenn ich nur wüßte, wie ich das anfangen soll? Schon seit einer halben Stunde halte ich die gräßliche Kratzfeder in der Hand und habe mir schon das ganze Bett voller Tintenflecke gemacht – aber schließlich und endlich – – – na, also – – – Glauben Sie, daß ich verrückt bin? Sagen Sie es mir offen und ehrlich! Sie müssen es doch wissen – denn Ihr »Journal« weiß doch alles . – Da – nun hören Sie zu, verehrter Herr Redakteur: Alle Leute sagen , ich wäre verrückt geworden und säße tobend, eingesperrt in Steinhof! Ist das nicht schrecklich? – Und dabei liege ich ganz vergnügt im Sanatorium Dr. Loew , sogar in der Frauenabteilung (aber natürlich nicht das, was Sie nun wieder denken werden ) und erhole mich nur von einer kleinen Bauchfellentzündung! Und die habe ich mir beim Filmen geholt, draußen im Schönbrunner Park! Und nun behaupten alle Leute , ich wäre verrückt geworden!! – Darum, lieber Herr Redakteur, berichten Sie den vorlauten Leuten, daß alles gar nicht wahr ist, sondern daß ich quitschvergnügt und puppenlustig bin, in acht Tagen aufstehen darf und in vierzehn Tagen mit meinem Partner Sebastian Droste nach Italien, Spanien und Paris auf eine Tanztournee fahren werde! Wenn Sie aber selber glauben, daß ich übergeschnappt bin, kommen Sie mal 'raus und überzeugen sich selber, was los ist . Herzlichst Ihre Anita Berber.« Wer aber zufällig nicht zu jener kompakten Majorität gehört, die da behauptet, die bekannte Tänzerin Anita Berber sei verrückt geworden (während sie in Wahrheit quitschvergnügt und puppenlustig ihrem Geschäft nachgeht, Tänze des Grauens, des Lasters und der Ekstase aufzuführen), ja wer nicht einmal gewußt haben sollte, daß es ein solches Gerücht gibt, lernt auf diese Art wenigstens die bekannte Tänzerin Anita Berber kennen. Und es ist gewiß lohnend, sich die Individualitäten, die, uneingeholt von all unsrem Verhängnis, tanzen, filmen, schreiben und sich das ganze Bett voller Tintenflecke machen, vorstellen zu lassen und dazu die Herren Redakteure, die es interessant und belustigend finden, diese Tintenflecke aufzunehmen, und nur so schalkisch zwischen den Zeilen lächeln, wenn jene denken, was sie nun wieder denken. Denn die Frauenabteilung, wo sonst Frauen wirklich Kinder zur Welt bringen – da kann man nur kichern! Es ist halt, und wenn die in Rußland Leichen fressen, eine Welt voller Miezikatzi, Mausi und Schlankeln. In vierzehn Tagen, wo hier mehr Tränen sein werden als Brot, um es damit zu essen, wird jene mit Sebastian Droste – der schon zu hüpfen beginnt – nach Italien, Spanien und Paris auf die Tanztournee fahren. Denn die unserm Jammer verschlossene Welt öffnet sich den Sendboten unserer Fröhlichkeit und erscheint uns als ein Neues Wiener Journal, das uns wieder erscheint. Die im Steinhof können von Glück sagen; sie toben ganz mit Unrecht. Sie brüten Hirngespinste aus von einer vernünftigen Welt. Kommen Sie mal 'raus und überzeugen sich selber, was los ist! Dezember 1922 Fundertag Das fünfzigste Wiegenfest Dr. Friedrich Funders . Anläßlich des 50. Geburtstages des Herausgebers der »Reichspost«, Chefredakteur Dr. Friedrich Funder, langten bei dem Jubilar eine überaus große Anzahl von Glückwunschschreiben hervorragender Persönlichkeiten und aus weiten Kreisen der Bevölkerung ein, darunter viele drahtliche und briefliche Kundgebungen aus dem Ausland, vorzugsweise aus Italien, aus der Tschecho-Slowakei und aus Ungarn und Jugoslawien. Um 8 Uhr abends zog die stramme Musikkapelle des Josefstädter Jugendbundes vor dem Gebäude der Verlagsanstalt »Herold« auf und brachte dem Jubilar ein Ständchen dar. Im Nu hatte sich eine große Menschenmenge in der Strozzigasse angesammelt. Obmann Arzmüller und Stadtverbands obmann Stein übermittelten dem Jubilar die Glückwünsche der katholischen Jugend Wiens. Vor dem Ständchen hatten sich Vertreter aller Abteilungen der Verlagsanstalt bei Chefredakteur Dr. Funder zur Gratulation eingefunden. Der Redaktionsstab begab sich geschlossen zum Jubilar, den der Obmann des Redaktionsausschusses, Redakteur Otto Howorka , in einer kurzen Ansprache namens der engeren Mitarbeiter beglückwünschte. * Also sich vorzustellen, wie Herr Dr. Funder in der Wiege liegt, würde schon jene Phantasie erfordern, die die Reichspost die orientalische nennt. Leichter und mehr den Wiener Maßen angepaßt ist die Vorstellung, daß sich im Nu eine große Menschenmenge ansammelt, wenn das Verkehrsleben durch ein Ständchen unterbrochen wird, und es beweist weniger für die Popularität des Herrn Funder, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, wie ja auch eine Ansammlung um ein gefallenes Pferd nicht so sehr von der Tierliebe als von der Neugierde der Wiener zeugt, die eben zu jedem Fall oder Ständchen gern ein Umständchen bilden. Also davon Aufhebens zu machen ginge so wenig, wie sie von dem fünfzigsten Wiegenfeste Aufhebens machen, obschon sie die Strozzigasse füllen. Wenn Kralik zum Fundertag ein Wiegenlied gesungen hätte, würde ihnen wahrscheinlich die Neugierde vergehen. Interessant ist eigentlich an der ganzen Angelegenheit – nebst der unbestreitbaren Fülle von Obmännern, welche bei Wiegenfesten etwa die Funktion haben, die bei Geburtstagen den Kommerzialräten zufällt – interessant ist, daß sich das Ausland so intensiv eingestellt hat und daß vorzugsweise aus Italien und der Tschechoslowakei, woselbst man die Wirksamkeit Funders in dankbarer Erinnerung hat, Kundgebungen eingelaufen sind. Auch Jugoslawien ließ sich nicht lumpen und daß Ungarn Anteil nimmt, entspricht nur dem primitivsten Gebot der Menschlichkeit. Aber den Vorzug genießen doch Italien und die Tschechoslowakei. Die Katzelmacher können der Reichspost nun einmal nicht vergessen, was sie für sie getan hat, und auch die Tschechen wissen, daß sie ohne sie nicht so bald in den Besitz ihrer Freiheit gelangt wären. Die Nationen bleiben ihr treu von der Wiege Funders bis zum Grabe der Monarchie. Wenn der Jubilar und sein Redaktionsstab, der so lange geschlossen dem Generalstab gefolgt ist, bis er ihn überleben konnte, die überaus große Anzahl von Glückwunschschreiben hervorragender Persönlichkeiten Revue passieren lassen, mögen sie eines schmerzlich vermissen, nämlich von Lammasch, den sie so lange für einen der ihren gehalten hatten und dem es nicht mehr vergönnt sein sollte, die Tage Kraliks und Funders zu erleben. Aber ich kann ihnen nach meiner genauen Kenntnis der Belange versichern, daß sie nichts zu vermissen haben. Lammasch hätte nicht gratuliert. Er hatte seine Korrespondenz mit Herrn Funder endgiltig mit der Erkenntnis abgeschlossen, daß es mindestens bis zur Niederlage nicht möglich sein würde, die Reichspost zu einer menschheitswürdigen Haltung im Kriege zu bestimmen. Über den Fall Lammasch muß sie also jenes Kreuz machen, das ausnahmsweise einen Verlust bezeichnet. Bravo Wowes! Die Reichspost ist doch scharfsinniger als man geglaubt hätte und geradezu das Organ des intelligenten Kerls von Wien. Sie polemisiert gegen die Neue Freie Presse wie folgt: Sie spricht dann von »Beschränkungen«, die das Amt des Rektors diesem auferlege und gibt als eine dieser Beschränkungen die an, daß ein Rektor nicht »als antisemitischer Parteimann auftreten« dürfe. Folgt aus einer solchen Aufstellung nicht das Recht zur Forderung, daß ein Jude nicht als Rektor auftreten dürfe? No eigentlich nicht. Nicht einmal zu der Forderung, daß ein Rektor nicht als Jude auftreten dürfe. Er darf es ebenso, wie er als Christ auftreten darf. Aber ich habe ja den Gedankengang unterbrochen und wie sagt doch Wowes, gewiß ein Reichspostleser, dieser »gefinkelte Kampl«, dem sie beim Liebesmahl (in der letzten Szene) schon nach der ersten Strophe applaudieren: »Is noch nicht aus!« Wenn schon das Amt »Beschränkungen« auferlegt, warum sollte es den Semitismus nicht mindestens ebenso beschränken, als den Antisemitismus? Ja, das ist allerdings schlagend. Bravo Wowes! »Der unterhaltet eine ganze Gesellschaft.« Wie entwirrt sich durch die Einführung des Begriffes »Semitismus« das ehedem Verworrene! Denn Antisemitismus ist vorweg etwas Positives, sei es das Bekenntnis zum Christentum, sei es das Bewußtsein arischer Abstammung. Wenn aber nicht und wenn er vielleicht doch ein Angriffsprogramm wäre, nun, so hätte er doch mindestens das gleiche Recht wie die jüdische Abstammung, denn diese ist doch gewiß etwas Negatives, nämlich ein Angriff auf das Christentum, beziehungsweise Ariertum. Die Juden sind nicht allein Semiten, sondern sie treiben auch Semitismus. Was ist aber Semitismus? Semitismus ist nicht allein, wie schon aus dem Wort selbst hervorgeht, die Bekämpfung des Antisemitismus, sondern auch die Bekämpfung des Christentums, des Ariertums. (Wiederhole das Gesagte!) Jetzt ist es klar, daß wenn ein Jude als Rektor auftritt, damit auch der Rektor als Jude auftritt, und was das bedeutet, wissen wir. Der jüdische Rektor ist ein Semit, er treibt als solcher Semitismus, er würde infolgedessen selbstverständlich coram publico seinem Bedauern Ausdruck geben, daß in der Wissenschaft vorläufig noch die Befähigung und nicht die jüdische Abstammung maßgebend sei, und den Wunsch aussprechen, daß die Bodenständigen zum Lehramt nicht zugelassen werden, sondern ausschließlich die Landfremden. Wenn man das noch klarer machen müßte als es eh schon ist, könnte man sagen, der Fall liege etwa so, wie wenn sich ein Jagdklub und ein Verein von Hirschen gegenüberständen. Die Hirsche machen ihr Recht am Leben geltend und wollen, welchen Schaden immer sie sonst anrichten mögen, nicht geschossen werden, und wenn es sich gar um die Vertretung der Humanität handelt, so halten sie sich dazu für ebenso berufen wie einen Jäger, dem es wenigstens an solcher Stelle nicht zieme, einer zu sein. So, sagt die Jagdzeitung, wenn schon das Amt Beschränkungen auferlegen soll, warum sollte es das Hirschsein, das ja den Jäger bedroht, nicht mindestens ebenso beschränken wie das Jägersein? Findet man aber in die Wirklichkeit zurück, so mag man immerhin zugeben, daß der Semitismus sich schon darum eine gewisse Beschränkung gefallen lassen kann, weil ja der Antisemitismus ohnedies beschränkt genug ist. Jargon meint man, sei, wenn einer von »Tam« spricht. Falsch. Ich spreche davon, wenn der Leitartikel über die Rede eines sozialistischen Abgeordneten mit dem hochdeutschen Satz beginnt: Wien, 6. November. Die Feststellung einer Begabung ist das einfachste Gebot der Gerechtigkeit. Das ist Jargon. Denn da ist die Hand im Spiele, da wackelt ein Kopf und die Kandelaber zittern vor Ehrfurcht, weil jenner »eine Begabung« feststellt. Aber was gar vorgeht, wenn der Titel über einem Leitartikel gegen die Sozialdemokraten, wo nur ganz zum Schluß ein leises Grollen gegen den Bundeskanzler vernehmbar wird, weil er von der christlichen, bodenständigen Bevölkerung gesprochen hat, das ist der Dank – wenn also der Untertitel, nicht der Haupttitel, nein nur der Untertitel lautet: Fehler auf beiden Seiten. – also was da für eine Pantomime sich in vier scheinbar hochdeutschen Worten abspielt, das ist gar nicht zu sagen! Der Auftrag Richter zum Angeklagten: Sie scheinen ja das reine Ebenbild des Schalanter im »Vierten Gebot« zu sein. Vater und Sohn, die gemeinsam sich dem Trunke ergeben. – Der Richter verurteilte den Vater zu vierzehn Tagen strengen Arrestes bedingt und trug ihm auf , sich des Trinkens zu enthalten. Ferner trug er ihm auf , lieber von dem Gelde, das er sich vom Trinken abspare, sich einmal das »Vierte Gebot« anzusehen, damit er aus dem Vorbilde, dem Schalanter, ersehe, wohin dieses Treiben von Vater und Sohn führen kann. Seitdem stehen Vater und Sohn vor dem Deutschen Volkstheater und warten, bis das »Vierte Gebot« gegeben wird, schon jetzt geläutert und entschlossen, fortan nur mehr tief ins Opernglas zu gucken. Der Ausgleich Das Ehepaar Turek hatte schon wiederholt gehört, daß die über ihm wohnende Frau Draschinskv ihr fünfjähriges Mäderl schlug, so daß das Kind laut weinte. Am 9. Oktober um ½ 10 Uhr nachts hörten die Turek und ihr bei ihnen wohnender Neffe, der Industrieangestellte Karl Rogel, wieder lautes Geschrei. Das Kind rief: »Ich bitte, Mama, nicht mehr hauen, es ist schon genug!« Die Turek klopften zuerst an die Zimmerdecke; da dies nichts nützte, ging Rogel hinauf, läutete bei Draschinskv an und forderte die Frau auf, das Kind nicht zu mißhandeln, da er sonst die Anzeige erstatten werde. Doch diese antwortete: »Schaun Sie, daß sie weiter kommen, Sie blöder Kerl, sonst schütte ich Sie an.« Es kam zu einem heftigen Wortwechsel, bei dem Frau Draschinsky noch gesagt haben soll, sie werde »die Turek-Bagage ausheben lassen«. Infolgedessen gegenseitige Ehrenbeleidigungsklage beim Bezirksgericht Margareten. Der Richter Landesgerichtsrat Dr. Etz suchte einen Ausgleich zustande zu bringen. Doch Frau Draschinsky wollte zunächst nichts davon wissen, da sie empört war, daß Rogel sich »in ihre Familienangelegenheiten eingemischt« habe. – Richter: Wenn ein Kind mißhandelt wird, so geht das jedermann an. – Schließlich zogen doch beide Teile ihre Klagen zurück. Und das Kind? 1923 April 1923 Anm. d. Red. Der urkomische Hermann Bahr plaudert in der Neuen Freien Presse über den heiligen Philippus Neri, und an einem Tag, wo sie sich wirklich mehr für die »Verhaftung des Seifen-Trebitsch« interessiert. Gleichwohl hat sie die Geistesgegenwart, seinen Ausführungen mit der dem Thema gemäßen Andacht zu folgen. Nur an einer Stelle, wo ihr die Geschichte gar zu inbrünstig wird, wo es von Heiligen nur so wimmelt und sich klar herausstellt, daß sie das Opfer einer Verwechslung von Kuverts geworden ist, indem nämlich Herr Bahr ein der Reichspost zugedachtes Manuskript der Neuen Freien Presse geschickt hat, kann sie sich nicht enthalten, dazwischenzujüdeln. Das sieht dann so aus: Und der heilige Ignatius hat einmal gesagt, daß ihm eine Viertelstunde der Sammlung im Gebet genüge, um aller inneren Unruhe Herr zu werden, selbst wenn sein Lebenswerk zerstört und die Gesellschaft Jesu aufgelöst würde wie Salz im Wasser. ( Wir möchten das interessante Essay Hermann Bahrs nicht mit einer Polemik verbinden, trotzdem es in mancher Hinsicht unserer Weltanschauung widerspricht . Anm. d. Red.) Dann konnte er wieder fortfahren: Und bei Thomas von Kempen heißt es ... Es ist das aus den Kriegszeiten bekannte »Wir möchten nicht«, mit dem die Deutung der Generalstabsberichte versucht wurde und dessen Schalmeienton die Jerichoposaunen immer angenehm ablöste. Aber warum sie ausgerechnet jene Stelle bewogen hat, »das« interessante Essay zu unterbrechen und ihm das falsche »trotzdem« zu bieten, also in einer Verwahrung zwei Grammatikfehler zu machen? Weil ihrer Weltanschauung offenbar die Vorstellung widerspricht, daß die Gesellschaft Jesu aufgelöst würde wie Salz im Wasser. Was den letzten Anstoß gegeben hat daß mein Entschluß, jenen Austritt zu vollziehen, ins Werk gesetzt werde, war der Umstand, daß die Reichspost, also das offizielle Organ katholischer Interessen, dem Zeichen des Kreuzes nunmehr seine endgiltige Bestimmung zuerkannt hat: Das Inseratenkreuz . Jetzt, nachdem schon ganz Wien weiß , daß die Notizen, die in den Wiener Zeitungen mit einem   versehen sind, als bezahlte zu werten sind, jetzt, nachdem sich das Berufungsgericht schon lange damit abgefunden und erklärt hat, diese Art der Bezeichnung genüge, wenn es sich um die Kenntlichmachung bezahlter Notizen handle, jetzt kommt der Hofrat Höflmayer neuerlich und erklärt als Vorstand des Strafbezirksgerichtes I in einer Verhandlung gegen die drei Eigentümer und Herausgeber der »Kronenzeitung«, daß auch die von den Wiener Zeitungen derzeit neugewählte Form der Erkenntlichmachung gezahlter Ankündigungen im Textteile des Blattes den Anforderungen des neuen Preßgesetzes nicht entspricht und zuwiderhandle ... Die Reichspost, die da weiß, wie das Kreuzzeichen zu werten ist, erkennt offenbar in dem Umstand, daß der Hofrat Höflmayer gegen den Stachel des Hofrats Wessely lökt, also in der Verurteilung der Kronenzeitung wegen des Kreuzes, einen Angriff auf Thron und Altar. Sie ist froh, daß wir einen Wessely haben, wenngleich dieser die Presse nur als die sechste Großmacht gelten läßt, während der Bischof von Limburg geschrieben hat: Die Macht der Presse ist die größte Macht der Welt . Es muß dem katholischen Volke zum Bewußtsein gebracht werden, daß Gaben und Opfer für unser Pressewesen Gott wohlgefälliger sind und den Interessen unserer Kirche und der Seelen bisweilen besser dienen als Stiftungen von kirchlichen Geräten, ja sogar von gottesdienstlichen Feiern . Somit ist es klar, daß die Verwendung des Kreuzes für Korruptionszwecke, die ja die Macht der katholischen Presse nicht minder als die der jüdischen stärkt, nicht Gotteslästerung, sondern im Gegenteil Gottesdienst ist, ja besser als dieser. (Ähnlich wie etwa das Segnen von Bomben und giftigen Gasen.) Was dem katholischen Volke erst heute zum Bewußtsein gebracht wird, konnte ich aber unmöglich schon seinerzeit wissen, als ich Katholik wurde. Ich hatte den unbedachten Schritt unternommen, aber ich kann zu meiner Entschuldigung sagen, daß es wenigstens in dem guten Glauben geschah, daß   etwas anderes als Bezahlung bedeute und alles andere Gott wohlgefälliger sei als Gaben und Opfer für das Pressewesen (und als die Tötung des Nebenmenschen). Ganz Wien wußte das damals noch nicht, und niemand hätte es auch nur ahnen können. Ich schwankte jetzt, ob ich den Austritt bei Rudolf Mosse oder bei Haasenstein \& Vogler anzeigen solle, man riet mir aber, es beim Magistrat zu tun, wo es bestimmt nichts koste. Es war auch viel einfacher als ich mir vorgestellt hatte, es ist sicherlich der einzige Amtsweg in Österreich, der sich, ganz abgesehen von der Annehmlichkeit des Ziels, ohne Scherereien vollzieht, und da ich ihn nicht einmal selbst gehen mußte, so beginne ich wieder an Wunder zu glauben. Wenn die Katholiken eine Ahnung hätten, wie bequem er ist und daß man von allen Wegen, die los von Rom fuhren, auch den wählen kann, wo man zuhaus bleibt, die Reichspost könnte über viele ein Kreuz machen. Die besten Dinge geschehen ja hierzuland nicht, weil die Formalitäten so umständlich sind oder weil man glaubt, sie seien es. Ich konnte also der Volkszählung, die ich wohl zum letzten Mal mitgemacht habe, in diesem Punkte schon mit reinem Gewissen entgegensehen. Was die Frage nach der Rasse anlangt, so habe ich sie leider nicht beantworten können, da ich nur mit Sicherheit weiß, daß ich nicht jener angehöre, in deren Geistigkeit sie ihren Ursprung hat. Mitglied der Cherusker in Krems war ich nie und gedenke auch fürder nicht mein Leben nach ihren Statuten zu fuhren. Wenn die Herren Kasmader, Pogatschnigg (und Gemahlin), Übelhör, Homolatsch, Winfried Hromatka i. a. B. und Frank – und speziell der Herr, der die Vertreter der Rasse, auf die ers abgesehen hat, auf dem Concordiaball als die »Vertreter des Geistes« anspricht –, wenn sie hier einen größeren Einfluß gewinnen sollten, als ihren kulturellen Belangen zukommt, so gibt es ja noch Gegenden jenseits des Waldviertels. Mein Heil habe ich verwirkt, nach dem Hedl trachte ich nicht, und Funktionären, die zwar entgegenkommend sind, aber nicht verhindern können, daß man auf der Ringstraße mit Gummiknütteln und im Theater mit Stinkbomben traktiert wird, werde ich alstern auch keine Träne nachweinen. Juni 1923 Mussolinis Bezähmung Frau Lucy Weidt war in Rom, sie hat den Papst geschaut, »ganz in blendendem Weiß«, sie hat den Kardinal gesehen, »ganz in Rot«, sie hat den ungarischen Gesandten Grafen Somssich besucht, ganz in Weiß, und auch der österreichische Gesandte Kwiatkowski war anwesend, ganz in Schwarzgelb. Der Clou von allem aber: sie war bei Mussolini, der unt'risch ganz in Schwarz war, aber außen »eine Art Jagdkostüm von brauner Farbe mit hohen Ledergamaschen trug«. Er geht ihr mit vollendeter Höflichkeit entgegen, was umso wohltuender ist, als sich ja der Faszismus noch nicht völlig konsolidiert hat und an manchen Orten Italiens auch Frauen an ihn glauben müssen. Noch überraschender ist, daß Mussolini deutsch spricht. Er beherrscht es, denn er beherrscht alles. Selbst der Priester, der die neuvermählte Prinzessin gesegnet hat, unterließ es ja nicht, ihn als »den Mann mit den eisernen Muskeln und dem eisernen Willen« zu feiern, worauf sich Mussolini dankend verbeugte. Er ist aber nicht nur stark, sondern auch gerecht wie Breitbart, denn er belobt Polizisten, die ihn wegen Schnellfahrens aufschreiben, und die italienische Fibel ist seines Ruhmes voll wie nur ehedem die österreichische vom Ruhm des angestammten Herrscherhauses. Um aber auf Frau Weidt, die Gnade vor seinen Augen gefunden hatte, zurückzukommen. Sie erzählt, in Italien blühe es überall, nämlich in der Natur. Da kann es sich der Interviewer nicht versagen, auch seinerseits ein Scherflein von einer Blüte beizutragen: Duftige Rezensionsexemplare hat die erfolgreiche Interpretin Richard Wagners in Italien und im lateinischen Südamerika in das kühle Wien mitgebracht. Natürlich aus Italien, nicht aus dem lateinischen Südamerika. Sie versucht aber auch selbst eine Schilderung zu geben. Bitte, urteilen Sie nicht zu streng über meine journalistische Leistung. Schalkin, er wird schon nicht. Was hat also Mussolini zu ihr gesagt, der das Deutsche beherrscht? Wie verlief die Unterredung? Man stellt sich das mit einem Holofernes so vor, daß wenn das erste Herzklopfen vorbei ist, er die Frage stellt: »Was verschafft mir aber eigentlich das Vergnügen?«, und sie antwortet: »Man sagte mir, Menschenleben schonen Sie nie, Sie sind eine kleine Bosheit, Sie. Man sagte auch – ich kann's nicht glaub'n von so einem Herrn – daß Sie ein Judenfresser wär'n.« »Es ist nicht so arg, ich hab' nur die Gewohnheit, alles zu vernichten. Setz dich und speis mit mir.« Nicht doch, in einem Satz hat er alles, was zu sagen war, gesagt: Ich kenne Wien und bin entzückt von dieser Stadt. Ich habe auch einer Aufführung von Schnitzlers »Reigen« beigewohnt. Wien kennen und nicht von dieser Stadt entzückt sein, das ist für den, der das Italienische beherrscht, soviel wie Neapel sehn und nicht sterben. Was nun Schnitzlers »Reigen« betrifft, so bedeutet er zwar keinen Eindruck, der vom Gesamtbild Wiens geradezu untrennbar wäre, aber wahrscheinlich hat Herrn Mussolini die Intervention der Wiener Faszisten bei der Aufführung angeheimelt. Auf die Frage, ob er sich nicht auch »Tristan und Isolde« einmal ansehen wolle, antwortete er – italienisch –: »Leider bin ich an diesen Tisch gefesselt.« Aber da er eiserne Muskeln hat, so würde er auch als Ausbrecherkönig seinen Mann stellen. Zwanzig Minuten dauerte mein Besuch. Ebenso liebenswürdig wie der Empfang gestaltete sich die Verabschiedung. In Sperrdruck; wahrscheinlich, weil einen ja bei einem Mann mit eisernen Muskeln schon gar nichts wundernehmen würde. Er ist aber ganz anders. Oh, der frißt aus der Hand: Frau Weidt läßt auf dem Tische des Ministerpräsidenten die Veilchen des italienischen Osterfrühlings, die sie mitgebracht hat. Das heißt, natürlich keins von den Rezensionsexemplaren, die sie in das kühle Wien mitgebracht hat, sondern solche, die sie eigens für Mussolini mitgebracht hat. Und was sagte er? Also da soll man sehn! Nein, er ist nicht so, er ist ganz anders: »Blumen«, sagte Mussolini galant beim Abschied, » sind das Entzückendste auf der Welt .« Das ist von außerordentlicher Schlichtheit und wie viel steckt doch darin. Er frißt aus der Hand. Ingomar war ein unbezähmbarer Sohn der Wildnis dagegen. Freilich gelingt das nicht jeder Parthenia; aber der wär's sogar mit Horthy gelungen. Auch er hätte sich nicht anders verabschiedet, wenn ihm Frau Weidt Veilchen geboten hätte. Da könnte traun selbst Hitler Menschliches nicht zurückdrängen. Wenn sich so mancher österreichischen Brust, der der schleichende Bolschewismus schwer auflag, der Seufzer entrang: Einen Horthy braucheten wir halt, oder einen Rinaldini, oder irgendeinen andern der Stars mit eisernen Muskeln und Hersteller der Ordnung, die die Schlamperei nicht leiden können, wenn die Toten herumliegen – so sieht man jetzt, daß unter solchem Regime auch das Wiener Herz nicht zu kurz käme. Der Titel Das macht er so: Schutz für die Wiener Messe. Drohende passive Resistenz bei Post, Telegraph und Telephon. Wien, 17. März. Schützet die Wiener Messe! Was kann es Natürlicheres geben als diese Parole? ... No also ich könnte mir, wenn's drauf ankommt, schon was Natürlicheres denken, aber in Gottes Namen, schützet die Wiener Messe. Nach dem Punkt im Titel hätte man allerdings vermuten können, der Schutz sei ihr bereits gewährt und sei eine Tatsache wie die drohende passive Resistenz. Denn diese verlangt er nicht etwa, sondern konstatiert sie, jenen aber verlangt er. Freilich, wenn er verlangt, so ist es auch schon so gut wie erfüllt. Der Wunsch ist des Gedankens Vater, aber aus Pietät für diesen darf er im Titel kein Rufzeichen machen. Wenn der Titel zum Beispiel der Ausruf wäre: Gott über die Welt!, so wäre es so gesetzt: Gott über die Welt. Und ehe man merkt, daß es nur ein Seufzer ist, der folgerichtig zum Schlußsatz führen muß: Die Zeiten sind zu ernst und die Not zu groß hätte man den Eindruck, daß er etwas von Gott über die Welt für das Blatt bekommen hat. Etymologie Wenn Monarchisten auf richterliches Verständnis hoffen dürfen, sobald sie Republikaner ermorden, so setzen sie es umsomehr für jene Fälle voraus, wo sie sie nur beleidigen. Denn hier können sie sich sogar damit rechtfertigen, daß sie es nicht so gemeint haben. In dieser Methode werden täglich Fortschritte erzielt. Während aber der Verteidiger des Herrn Hussarek immerhin noch die Möglichkeit offen gelassen hat, daß das Wort »Schurke« nicht nur »geschickt«, sondern auch »ehrlos« bedeute, berief sich jetzt ein anderer monarchistischer Angeklagter, der einen republikanischen Politiker »Schuft« genannt hatte, darauf, daß dieses Wort überhaupt »keine Beleidigung sei: es stamme aus dem Hebräischen ›Schofai‹ und dieses bedeute ›Volksbeauftragter‹ oder ›Heerführer‹. Damit konnte er natürlich kein Glück haben, immerhin aber durch ehrliches Bestreben Sympathie erwecken. Von vornherein verloren wäre dagegen ein Republikaner, der etwa einen habsburgischen General einen Schurken und Schuft genannt hätte. Denn daß er habe sagen wollen, jener sei ein geschickter Heerführer, würde man ihm gewiß nicht glauben. Nicht Laertes, sondern eher Gajus Marius [Grillparzer als politischer Denker.] Unter diesem Titel brachte Dr. Werner Riemerschmied in der Politischen Gesellschaft eine Auswahl aus Grillparzers politischen Schriften, Aphorismen und Gedichten zum Vortrage. Der junge Vortragskünstler, dem eine warme und sehr modulationsfähige Baritonstimme nachgerühmt werden kann, verfügt über überraschend reife Auffassung und sehr bemerkenswerte Technik ... Den verbindenden Text zwischen den einzelnen Teilen des Vortrages bildeten Ausführungen des Wiener Schriftstellers Doktor Korningen, die in mancherlei Beziehung von den eingebürgerten Auffassungen der Grillparzer-Interpreten abweichen, auch in einem gewissen Gegensatz zu dem geistigen Bilde stehen, das Dichter wie Eulenberg und Hohlbaum von Grillparzer entworfen haben. Nach diesen Darlegungen wäre insbesondere der alternde Grillparzer nicht als » idyllische Laertes-Natur « zu betrachten, sondern eher als ein Typus von der Schärfe eines Gajus Marius . Grillparzers Charaktereigenschaften suchte der Vortragende aus dem Dionysischen seines Wesens zu erklären ... Höchst interessant wirkte auch der Nachweis, daß selbst die Slawen der Grillparzer-Zeit den Zusammenhang zwischen Österreich und Deutschland als etwas Unzerreißbares ansahen ... Diese Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall entgegengenommen. Es muß aber auch fesselnd gewesen sein. Immer hatte ich bisher den alternden Grillparzer eher für einen Typus von der Schärfe eines Gajus Marius gehalten, aber da kann man ja nichts machen, die Leute haben ihre eingebürgerten Auffassungen, lassen sich nicht ausreden, daß er eine idyllische Laertes-Natur war, und stützen sich dabei auf Eulenberg und Hohlbaum, auf die ich mich nie stützen würde. Nun wird glatt nachgewiesen, daß er ein Gajus Marius, freilich mit einem Alzerl Dionysos war, woraus sich dann auch die Haltung der Slawen unschwer erklärt. No und dazu der schöne Bariton, der wieder das Bild Grillparzers als politischen Denkers zur Geltung brachte – also es muß schon interessant gewesen sein. Wenn ich jetzt nur noch wüßte, was eine idyllische Laertes-Natur ist! Das ist Verderbtheit In der Neuen Freien Presse findet sich die folgende pietätlose Äußerung: ... Sie laufen ja noch vielfach frei herum, diese noblen Herrschaften, sie haben Automobile, leben in Saus und Braus, in Jubel und Freuden als Nutznießer des Weltunterganges, als Hyänen des Schlachtfeldes, auf welchem die Menschheit sich verblutet ... Da kann man einer Hyäne nur zurufen: Such's Herrl! ... Aber was nützt das – die Gracchen können zusperrn. Das 8 Uhr-Blatt entrüstet sich über Wurzlokale, die ›Bohemia‹ verurteilt Erpressung und nationale Verhetzung, das Neue Wiener Journal tadelt Sensationen, die es nicht ausgeschnitten hat, und wird sich demnächst über journalistischen Diebstahl aufhalten, die Neue Freie Presse beklagt sich über Hyänen beim Weltuntergang – die Welt steht auf kein' Fall mehr lang! Motivenbericht zur Einführung der Prügelstrafe Es gibt wohl kaum etwas Unappetitlicheres als den Humor, den sich die alles außer Geist, Herz und Takt besitzende Klasse zulegt, wenn sie die Leiden, die sie mit dem unbotmäßigen Proletariat »sich auszustehen hat«, unter ihresgleichen zum Besten gibt. Der aufreizendste Vertreter dieser Note ist jener st –g, der auch ohne diese liebliche Abkürzung die Überlegenheit seiner Witzarmut und die Süffisance seiner Leere gleich hinter den Personalnachrichten nicht verleugnen kann. Ein Schmuckstück dieses Mittelstandshumors ist die bekannte »Perle«, als welche das die Herrschaft tyrannisierende Dienstmädchen bezeichnet wird, noch weit wertvoller als der bekannte »Obolus«, den der »Zerberus« des Hauses vereinnahmt. Nun hat sich dieser Plage, die in der Regel als ein uns schreibender und trotz den schweren Zeiten zu Schmonzes aufgelegter »Junggeselle« einhertritt, ein weiblicher st –g gesellt, der mit umso größerer Kompetenz das Leid der Hausfrau gestaltet, das ihr durch die Folgeerscheinungen eines weltgeschichtlichen Umsturzes zugewachsen ist, der auf sie nicht Rücksicht genommen hat, und das sich als die folgende Reihe »bitterer Lad« herausstellt: Ein Ofenputzer, den ich einladen ließ, meinen häuslichen Herd doch noch vor den Feiertagen in Ordnung zu bringen, sagte mir mit der überraschenden Begründung ab, er werde in den letzten Tagen der Karwoche nicht mehr in Wien sein, weil er die Ostern auf der Rax verbringe, was allerdings von einer seltenen Berufsfreudigkeit zeigt, die augenscheinlich selbst in Stunden der Muße auf die Nähe von Kaminen nicht völlig zu verzichten vermag, andererseits aber auch von der Einträglichkeit des Ofenputzergewerbes ein anschauliches Zeugnis ablegt ... Daß ein anderer, ein Telamon, dessen über alle Maßen imposanten Bizeps ich mir gern zu Nutz und Frommen meiner klopfbedürftigen Spannteppiche dienstbar gemacht hätte, mir mit milder Gönnerhaftigkeit empfahl, meine Perser doch lieber vom Vakuum-Cleaner »aussuzeln« zu lassen, weil das beim Klopfen unvermeidliche »Staubschlicken« in keinem erträglichen Verhältnis zu den herrschenden Weinpreisen stehe, hat mich ebenso nachdenklich gestimmt, wie der gutgemeinte Rat eines Pinselvirtuosen, mit dem ich behufs Ausmalung meiner Küche in Unterhandlung trat, »Schaun S', gnä' Frau«, sagte treuherzig der Biedermann, der im Gegensatz zu den beiden ersterwähnten ablehnenden Elementen die Arbeit tatsächlich übernehmen wollte, »schauen S', überlegens S' Ihnen's nit lang: derweil S' no handeln, steigen do schon wieder die Arbeitslöhne ...« Man kann gegen die Einführung der Prügelstrafe alle möglichen Bedenken vorbringen – daß jedes andere Mittel bisher versagt hat, diesem Gesindel Menschlichkeit oder wenigstens den Takt beizubringen, ihre Unmenschlichkeit nicht noch an die große Glocke zu hängen, steht doch fest. Nicht daß das Gesindel einem arbeitenden Menschen einen Ausflug in die Berge mißgönnt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der ein solches Beginnen als Absurdum vorausgesetzt wird, ist die Infamie, die einmal den Versuch lohnte, die Hosen hinunter- und die Röcke hinaufzuziehen. Die Telamonen sind zu gar nichts anderem auf die Welt gekommen als das Gebälk dieser Gesellschaft zu tragen, und sie spottet der Möglichkeit, daß sie einmal auslassen könnten. Wenn sie schon allzulange keine Furcht gehabt hat, wird sie frech. Dann fürchtet sie den imposanten Biceps nicht, sondern empfindet nur Hohn bei der Vorstellung, daß er sich der gottgewollten Aufgabe entziehe, zu Nutz und Frommen ihrer klopfbedürftigen Spannteppiche dienstbar gemacht zu werden. Aber in Wahrheit sind nur deren Besitzer klopfbedürftig, die Spannteppiche sind es beiweitem nicht so häufig, wie der Wahn zu wenig geklopfter Megären es an jedem Morgen in jedem Wiener Hof gebietet, um diesen zur Hölle zu machen. Wie viel von unbefriedigter Sexualität, Hysterie und Ehemisere da tagtäglich zum Himmel stinkt als der Staub, den die Kreatur der Kreaturen schlucken muß, und zum Himmel brüllt als der Lärm, der weit und breit keinen Schlaf und keine Arbeit zuläßt – das erfüllt schon ein Tohuwabohu des irdischen Wahnsinns. Es ist nicht anders: die ganze Schurkerei dieser Gesellschaft triumphiert darin, daß sie sich für die eigene, selbstbeschlossene Naturverkürzung noch dort am fremden Leben entschädigt, wo sie für ihre mottenfräßigen Instinkte nichts gewinnt als die Rache am Sündenbock und die Bestätigung ihrer Macht an der Wehrlosigkeit. So prügelt sie Kinder, wie sie Dienstboten mißbraucht, um auf Gegenstände zu schlagen; die Familienwut wird einfach auf Sklaven und Teppiche überwälzt, aufgeschlagen, und nichts bleibt als die von mir im »Traumstück« berufene Hoffnung, daß einmal die Pracker zur richtigen Verwendung, zur verkehrten, gelangen werden. Als wäre der Rat, den jener Telamon gab, die Perser doch lieber vom Vacuum-Cleaner aussuzeln als den Menschen tuberkulös werden zu lassen, doch wenigstens dort, wo schon die Maschine den Menschen ersetzen kann, sich ihrer zu bedienen, nicht menschlicher als der Hohn der Megäre über solche Zumutung! Dieser nichtswürdige Hohn noch zu der feigen Bestialität des Teppichklopfenlassens, die sich selbst Ohren und Nase, aber auch das Herz vor dem Werk verschließt, zu dem sie andere nötigt – wer je ein Zimmer nach dem »Hof« bewohnt hat, kann nichts lebendiger erleben als den Wunsch, daß sich seine Gefangenen endlich auf die Gasse begeben, um dem Haus zu zeigen, wie viel's geschlagen hat! Oktober 1923 Der erste Transvestit in Wien (Fräulein Mann.) In der Kärntnerstraße gab es Donnerstag nacht ein Aufsehen . Um die erste Morgenstunde sammelten sich um eine elegant gekleidete Blondine mit duftigem weißem Kleid, schwarzem Tüllhut, durchbrochenen Strümpfen mehrere gewerbsmäßig in der Kärntnerstraße promenierende Mädchen an und kicherten und lachten. Ein Wachebeamter trat auf die Gruppe zu. Es stellte sich heraus, daß die weißgekleidete Schöne mit dem rosigen Teint ein zwanzigjähriger Mann war. Er wurde wegen der Verkleidung und wegen des Ärgernisses , das die Szene erregt hatte, arretiert. Er gab an, er habe sich bloß einen Spaß machen und in der Verkleidung seine Geliebte in einem Stadtcafé besuchen wollen. Die Maskerade habe er mit den Kleidern seiner von Wien abwesenden Mutter gemacht. Er wurde mit vier Tagen Arrest bestraft. Also nicht einmal ein richtiggehender Transvestit und dennoch Aufsehen und Ärgernis. Man denke an die Friedrichstraße, wo man die Männer überhaupt nur daran erkennt, daß sie Frauenkleider tragen, und selbst da noch im Ungewissen tappt. Aber warum Ärgernis in einer Welt, in der doch so wenige, die Hosen anhaben, Männer sind und wo Leute, die eine Soutane tragen, die Staatsgeschäfte führen? Ein Hakenkreuzlerplakat warnte: Arische Mädchen! ... Von dem Tage an, da ihr diesen Lüstlingen verfallt , seid ihr für euer deutsches Volk verloren. Was die deutsche Sitte betrifft. In den Belangen der deutschen Sprache dürften sie kaum mehr zu verderben sein. Die tschechische Handgranate, das deutsche Kind und der deutsche Dichter Das schlesische Kind. Und als ich kam in die freundliche Stadt,       da schwangen die Türme die Glocken, Es war kein friedliches Festgeläut,       es war kein Hochzeitsfrohlocken, Es war ein klagend dumpfes Gedröhn,       es war ein bitteres Zürnen, Es hämmerte weiter in Blut und Mark,       es staute sich hinter den Stirnen Und rüttelte alle Schlaffheit wach       und bohrte sich ins Gewissen: Es wurde ein Kind, es wurde ein Kind       von Handgranaten zerrissen. Was ist geschehen? Es lief über Feld       ein kleiner zehnjähriger Racker Und fand ein lustig glitzerndes Ding       im frühlingsduftenden Acker; Ein Ei aus Silber mit hölzernem Griff,       das nahm das Kind voll Vertrauen, Welch köstliches Spielzeug! und hob es auf,       um es genau zu beschauen. Da brüllte ein feuriger Wirbelwind,       es war wie von höllischen Bissen Zerfetzt und hingeschleudert das Kind,       von der Handgranate zerrissen. Die Glockentöne schwingen sich auf       gleich Vögeln in schwerem Fluge Und hinter dem armen Kindersarg       geht schweigend im Leichenzuge Die ganze Stadt, die ganze Stadt,        Arbeiter, Bürger und Bauern. Heut' sind sie einig endlich einmal       in einem gemeinsamen Trauern. Und allen hämmert es dumpf in der Brust       und nagt es heiß im Gewissen: Es wurde ein Kind, ein deutsches Kind       von Handgranaten zerrissen. Das ist der Soldatenübermut;       sie übten Krieg in den Wiesen Und scherten ums Höllenwerkzeug sich nicht,       das sie dort liegen ließen . Und blieb auch so eine Granate zurück       im Gras und hinter den Hecken, Wir kennen das Ding; und finden es die,       so mögen sie d'ran verrecken. Es sind ja nur Deutsche , was schadet es uns,       wenn Deutsche d'ran glauben müssen – – So wurde ein armes deutsches Kind       von Handgranaten zerrissen. Die Glockentöne verdichten sich       zu einer tönenden Wolke. Es ist wie ein bitteres Grabgeläut       dem ganzen zerrissenen Volke. Und alle die Männer ballten die Faust,       die hinter dem Sarge gehen Und beißen die Zähne zusammen: » Dereinst       kommt ein rächendes Auferstehen !« Schon steht vor Gott, schon klagt vor Gott       im Hemdchen, blutig zerschlissen, Das arme, deutsche Schlesierkind,       das die Handgranate zerrissen. Da bleibt nur noch ein Reim übrig, denn das ist wohl, nachdem er fünf Jahre lang dem Soldatenübermut, und zwar dem deutschen belletristisch gedient hatte, einer der dreistesten Kriegshetzer, die es heute noch gibt. Sie übten Krieg in den Kriegen und ließen die Handgranate liegen: das wäre der Reim der Menschlichkeit, dessen ein so miserabler Reimer niemals fähig ist, der nur die tschechischen Handgranaten auf den Wiesen bemerkt, die sie dort liegen ließen. Aber an dem Grauen des Falls, daß wieder ein Kind von einer solchen zerrissen wurde, hat weder die tschechische Provenienz der Handgranate noch die deutsche des Kindes auch nur den geringsten Anteil; diese gewiß einen noch geringern als jene. Es ist wohl auch schon an einer deutschen Handgranate ein tschechisches Kind zugrundegegangen und es hätte von der nämlichen tschechischen auch ein tschechisches zerrissen werden können. Selbst wenn die Militärübung, die gewiß der gröbste Unfug ist, der unter der Sonne begangen werden kann, in einer rein deutschen Gegend stattfand, so ist es nicht nur eine Infamie, das Liegenlassen der Granate als einen Plan darzustellen, sondern auch eine Dummheit, anzunehmen, daß in solcher Gegend kein einziges nichtdeutsches Kind existiert, das auf der Wiese das Spielzeug finden könnte. Als ob im militärischen Tun und Lassen als solchem nicht genug des Wahnwitzes enthalten wäre. Für die Schande der Menschheit, daß es Handgranaten gibt und daß mit ihnen zuerst Erwachsene und dann Kinder spielen, welcher Nation immer beide angehören mögen, hat ein solcher Blutsudler kein Gefühl und keinen Vers, der tragische Vorfall taugt ihm bloß dazu, den Vorsatz, wieder deutsche Handgranaten zu fabrizieren, Arbeitern, Bürgern und Bauern einzuimpfen und zum nationalen Racheschwur zu erhitzen, glücklich, sie wenigstens darin »endlich einmal einig« zu wissen. In klägliche Verse gebracht, ergibt dieser Geisteszustand ein Festgedicht, um die Pfingsten eines Hakenkreuzlerblattes würdig einzuläuten, es ist von Herrn Karl Hans Strobl, und die Judenpresse ist stolz darauf, ihn zu ihren Mitarbeitern zu zählen. Die heilige Valuta ist bekanntlich die Schutzpatronin, an die sich die frommen Bauern in ihren Nöten halten. Sie steht zwar nicht im Kalender, aber in den ›Innsbrucker Nachrichten‹, und zwar so: Die Wiener Merkantilbank Zweiganstalt Innsbruck vormals H. Bederlunger \& Co. unter Patronanz des Zisterzienserstiftes Lilienfeld Aktienkapital und Reserven zirka 5 Milliarden Kronen verzinst bis auf weiteres Gelder ohne Kündigung mit 9 Prozent, mit Kündigung nach Vereinbarung, und besorgt alle Arten von Bankgeschäften kulantest . Eigentlich ist es die Umkehrung eines Sachverhaltes. Aber eine Annonce des Zisterzienserstiftes Lilienfeld, daß es unter der Patronanz der Wiener Merkantilbank stehe, dürfte nur aus dem Grund bisher nicht erschienen sein, weil die Tatsache, daß die Kirche in Österreich unter der Patronanz der Banken steht, zwar bei den Wahlen zur Geltung kommt, jedoch auch offenkundig genug ist, um nicht vor den Wahlen hinausposaunt zu werden. Der Umstand, daß der Gläubige denn doch vielleicht keinen so guten Magen hat wie die Kirche, so daß es zu Umdrehungen (Konversionen) kommen könnte, verlangt schließlich seine Berücksichtigung. Aber eigentlich könnte schon das Bekenntnis wahrer Religiosität, wie es jene Annonce bedeutet, vollauf zu dem Entschlusse genügen, aus der Merkantilbank auszutreten. Pietà. Abbildung Aus der »Dame« Einen Einser in Sitten verdient nach einem ihrer letzten Communiqués zweifellos die Polizeidirektion, deren Streben , den Interessen der Bevölkerung zu dienen, im Publikum und bei der führenden Tagespresse bisher stets gewürdigt wurde. War einmal die Neue Freie Presse streng und tat sie der braven Sittenpolizei Unrecht, indem sie sie fälschlich eines geradezu ungeheuerlichen »Mißgriffs« beschuldigte, so erhielt die Fackel eine Berichtigung. Aber diese vermag das Streben durchaus nicht zu würdigen, weil sie, selbst wenn der Sittenpolizei nicht der geringste Mißgriff passiert, auch mit dem Griff nicht einverstanden ist, ja schon nicht damit, daß es eine Sittenpolizei gibt. Denn was gehen die Polizei unsere Sitten an? Auch wenn sie noch so eindringlich versichert, daß sie in diesem Punkt nur um unsere Gesundheit besorgt sei, so stellt sich, wie ein Halbweltblatt mit sensationeller Absicht, aber sachlicher Berechtigung entdeckt hat, leider heraus, daß der Punkt, nämlich der, aus dem zwar alles zu kurieren ist, wenngleich auch alles zu infizieren, uns noch immer hieramts als »schwarzer Punkt« angemerkt wird. Aber das wünschen wir nicht mehr. Von erfolgreichen Razzien, Rekognoszierungen von Chambres séparées, Ausräucherung von Liebesnestern und dergleichen strategischen Notwendigkeiten, die keine sind, wollen wir nicht mehr hören und bitten den kultivierten Mann, in dessen Namen sich das alles begibt und der doch in Genua mit Europäern zusammengekommen ist und dort, sowohl in den Kreisen der Diplomatie wie in deren Umgang, »gewerbsmäßige Unzucht« in Fülle geschaut hat, dafür zu sorgen, daß dieser Begriff aus dem Vorstellungsleben der Wiener Polizeidirektion definitiv verschwinde. Ich möchte ihn überhaupt nur noch zur Kennzeichnung der führenden Tagespresse, die das Streben der Polizeidirektion würdigt, gelten lassen. Es ist ja ganz gewiß wahr, daß die Kuppelei »ein in die strafgerichtliche Kompetenz fällendes Delikt« ist, aber abgesehen davon, daß es tagtäglich von der führenden Tagespresse begangen wird – wenn die Behörde wegen jeder strafbaren Handlung einschreiten wollte, wie viel hätte sie allein wegen des täglich verhöhnten § 26 des Preßgesetzes zu tun, der noch dazu erst erschaffen wurde, während die Sittlichkeitsparagraphen ein alter Trödel sind, den zu strapazieren jedem Kriminalisten eben die Schamröte ins Gesicht treiben müßte, die sich ihm leider noch immer vor dem Naturereignis des Geschlechtsverkehrs einstellt. Es ist doch wirklich kaum erträglich, zwar keinen Kaiser zu haben, aber in Fragen des allerpersönlichsten Lebens auf das Gutdünken einer Obrigkeit angewiesen zu sein, also einen Umsturz erlebt zu haben, von dem alles, nur nicht jene Sittenkommission berührt sein soll, durch deren Medium sich der weiland Kaiser Franz für unsere Privatangelegenheiten interessiert. Wir verdanken diesem Umsturz und meiner Nachhilfe immerhin die Ausmerzung des lieblichen Wortes »Frauensperson« aus dem Wörterbuch der Moralbureaukratie und möchten nun auch den Eifer, mit dem sie der Sache anhängt wie eh und je, entbehren. Dagegen bliebe der Sicherheitsbehörde, die vielleicht in keiner Epoche notwendiger war als in dieser, ein weites Betätigungsfeld, wenn sie, abgesehen von dem populären und zumal seit der Heldenzeit in Ehren gehaltenen Delikt des Diebstahls, einem noch immer zeitgemäßen Strafparagraphen, nämlich dem gegen Mord, ihre ausschließliche Aufmerksamkeit und womöglich die präventive Obsorge zuwenden und überzeugt sein wollte, daß die Freudenmädchen im Allgemeinen nicht gefährlicher sind als die Hakenkreuzler. Was die Preßfreiheit anlangt, der jetzt gern mittels eines auch schon zweifelhaften Paragraphen die Grenze vor der »Herabwürdigung« der behördlichen Autorität gesetzt wird, so dürfte es der Polizeidirektion hinlänglich bekannt sein, daß ich sie, nämlich die Preßfreiheit, vom Gesichtspunkt einer Kulturgesetzgebung als ganze verneine und wünschen würde, die Machtmittel des Staates täglich in hundert Fällen aufgeboten zu sehen, die uns – meist als analoger Eingriff in die Freiheitsrechte des Privatmenschentums – ein Greuel und eine Qual sind. Wird sie ausnahmsweise zum Schutz dieser Lebensgüter in Anspruch genommen, so schütze ich sie. Vollends aber will sich mir die Urbanität und Weltgewandtheit eines Mannes, der während des Kriegs den Zumutungen der Menschenmaterialverwalter ehrenhaften und besonnenen Widerstand geleistet hat, nicht mit einem moralischen Dunstkreis verbinden, in dem es noch immer »schwarze Punkte« gibt, ein kaum zu verbergendes Behagen an der Möglichkeit des »Abschiebens« zum Ausdruck kommt, untersucht wird, ob in einem Hotel Mädchen mit ihren »ständigen Freunden« einkehren oder mit »neuen Freunden«, die Trinkgelder, die der Portier erhielt, communiquéfähig sind und mit gehaltenem Pathos die Tatsache vermerkt wird, daß eine Artistin 800.000 Kronen Monatsgage hatte, »während ihr Budget sechs Millionen betrug«. Man denke. Aber sonst sind wir saniert und das Selbstgefühl eines Staates ist gesund, dessen Hofräte bloß den Weg über den Schottenring machen müssen, um ein Einkommen, mit dem sie nicht auskommen konnten, zu vergrößern, und dessen Oberfinanzräte in Massen von den Bankdirektoren, die sie zu besteuern hatten, »übernommen« werden, da es ja erfahrungsgemäß den Wächtern bei den Räubern noch besser geht als den Räubern bei den Wächtern. Doch wenn unter aller Prostitution – und verpönt ist nach wie vor nur die des Geschlechts und erlaubt ist, was nicht gefällt – der Fall der armen Artistin der ungefährlichste und der honorigste ist: welche vom sittenpolizeilichen Standpunkt anfechtbaren Möglichkeiten böte nicht jedes Gelage der Hautefinance, an dem teilzunehmen die Welt der Würde für eine Ehre hält? Und welches Sittenbild bietet das Leben einer führenden Tagespresse, von der gewürdigt zu werden, sie den offen einbekannten Ehrgeiz hat! Ein von der Kammerfrau der Duse hinausgeworfener Interviewer weiß deshalb nur das Folgende auszusagen: Ist sie wirklich da? Niemand hat mit ihr gesprochen, niemand hat sie gesehen. Ein Trugschluß. Weil er nicht mehr da ist, glaubt er, sie sei nicht da. Aber gerade der Umstand, daß niemand mit ihr gesprochen, niemand sie gesehen hat, beweist doch, daß sie da ist. Selbst dem Gesandten ihres Landes, der sich als aufmerksamer Diplomat ihr vorstellen wollte, blieb die Tür ihres Zimmers verschlossen. Diese Mitteilung – in dicken Lettern – kommt schon immerhin dem Geständnis nahe, daß sie da ist. Aber es soll auch dartun, daß es keine Schande für einen Journalisten sei, von ihr nicht vorgelassen zu werden, wenn das sogar einem passieren kann, den das Land und nicht das Blatt gesandt hat. Man gehört so für den Augenblick des Hinauswurfs gleichsam zum diplomatischen Korps und muß sich taktvoll benehmen. Man tut infolgedessen, als ob man noch immer nicht wüßte, daß sie da ist. Ist sie wirklich da? Der polizeiliche Meldezettel überzeugt . Unter den Angekommenen des 15. d. findet sich folgende Eintragung: »Eleonora Duse, Private, geboren in Vigevano am 3. Oktober 1859, verheiratet, katholisch, Staatsbürgerschaft: Italien, Heimatsort: Venedig, frühere Wohnung: Venedig.« Sie ist also da. Es kommt heraus. Sie bewohnt zwei Zimmer (III. Etage, Nr. 308 und Nr. 309). Ihre Kammerfrau Maria Avogadro leistet ihr Gesellschaft und pflegt die Frau, deren 64jährige Reize manchmal der Nachhilfe bedürfen . Dafür ist die Kammerfrau noch rüstig. Auch ein Impressario ist mitgekommen ... Der hat infolgedessen schon etwas mehr Verständnis für die Bedürfnisse der Presse und erzählt etwas über die Lebensgewohnheiten der Duse, die bei weitem nicht so göttlicher Natur sind, wie man sich vorgestellt hat und wie man gefunden hätte, wenn man sich persönlich hätte überzeugen dürfen: Aber auch die Duse gehorcht den Funktionen, die der menschliche Organismus verlangt. Wie eine brave Bürgerin nimmt sie um ½9 das Frühstück , das ihr zwar nicht der Kellner mit seinem männlichen Blick auf die eben Erwachte serviert, sondern die Kammerfrau, die mit allen Geheimnissen vertraut ist . Aber keins verraten will. Und was ließe sich da alles erzählen! So ist man auf Mutmaßungen angewiesen nebst den paar Details, die der »Impressario« hinwirft: Um 1 Uhr rollt das Mittagessen heran. Einfache Menüs, für drei Personen serviert. Zum Nachtmahl jedoch gibt es nur Milchspeisen. Wie gefällt ihr Wien? Sie wollte auch in den Prater hinunter. Im letzten Augenblicke zögerte sie: die Duse ist ja nicht fürs Volk . Sie hat auch im Prater nichts zu suchen . Sie scheint aber auch nicht für die Presse zu sein, die bei ihr etwas zu suchen hat. Doch die Kammerfrau erzählt – Diese tüchtige Person scheint wirklich alles zu machen. Im Hinauswerfen erzählt sie noch. Und zwar: daß das Gehen der Sechzigjährigen Mühe verursacht und sie häufig mit Franzbranntwein eingerieben werden muß. Offenbar wollte sie ihre Herrin entschuldigen, die sonst gern selbst dem Herrn einen Tritt versetzt hätte. Gut, daß sie's nicht tat. Wer mit ihr in Berührung kommt, weiß, wie unberechenbar sie ist: Die Duse ist sehr unangenehm auf den Proben. Jähzornig und hysterisch . Sie ist kein Star, sie will eine Göttin unter den Mitspielenden sein . Und diese müssen es sich gefallen lassen . Da können die Reporter von Glück sagen, daß sie nur mit der Kammerzofe zu tun bekamen und sogar erfuhren, wie diese heißt: Die Kammerzofe heißt Desirée, das heißt die » Verläßliche «. Sie ist eine verläßliche Zeitungsfeindin, sie hat alle Reporter verjagt , die sich vor dem Appartement angesammelt und gewartet haben ... Ist diese Zurückhaltung Stolz oder berechnende Reklame ? Fast scheint diese Askese ein Geschäftskniff zu sein. Jedenfalls ist die Reklamesucht der Duse, die nichts mit Zeitungsleuten zu tun haben will, auffallend. Das ganze Jahr hindurch keinen Schmock vorlassen, das heißt denn doch die Askese ein bißchen zu weit treiben. Man habe der Duse garantieren müssen, daß sie »keinem Fremden« hinter der Bühne begegnen werde. Von der Garderobe zur Bühne, von der Straße zum Bühneneingang, ja von der Hoteltüre zum Auto habe ein Teppich gelegt werden müssen – was freilich schon deshalb nicht ganz wahr sein dürfte, weil man von eben jenen Örtlichkeiten die Schmöcke nicht weggebracht hat. Aber wenn's ihnen nichts genützt hat, so soll es doch wenigstens der Duse schaden: I Ihr Erfolg am heutigen Abend steht bombenfest. Man wird sie feiern als die größte Künstlerin, die noch lebt . Doch der Mensch , die Frau Duse im Privatleben, ist mit allen Schwächen und Kleinlichkeiten behaftet , die sich ein skurriles Gehirn nur wünschen und ausdenken kann. Die Duse ist auf der Bühne ein großer Mensch und im Alltag eine kleine Frau . Man sieht, er ist zu diesem Eindruck gelangt, ohne die Duse im Alltag gesehen zu haben. Es geht dann umso leichter. Und da ist denn zu sagen: Es dürfte wohl keine Stadt der Welt geben, in welcher sich derartiges abspielen könnte, und weder das Verkehrsleben in den Abruzzen noch die Einrichtung der sizilianischen Blutrache weist ähnliche Formen der Vergeltung auf. Ein Parlament, das da nicht zum Rechten sieht und keinen Polizeischutz fremder Künstler gegen die Hotelbanditen der Presse vorkehrt, soll mir nicht gewählt, sondern gestohlen werden! 1924 Januar 1924 Als ich in die österreichische Sektion des Internationalen Schriftstellerklubs aufgenommen werden sollte An Frau Grete Urbanitzky Wien IV. Viktorgasse 12 A Herr Karl Kraus hat am 23. Oktober in einem mit Schreibmaschinenschrift adressierten Kuvert, das als Absender Ihren Namen trägt, eine Zuschrift des Internationalen Schriftsteller-Klubs (»The P. E. N. Club«) erhalten, dem im Ausland unter anderen Anatole France, Knut Hamsun, Maeterlinck, Gorki, Nexö, Gerhart Hauptmann und Selma Lagerlöf, in der österreichischen Sektion Richard Kola, Hans Müller, Dr. Moriz Scheyer, Dr. Julian Sternberg, Direktor Skurah, Siegfried Trebitsch und Berta Zuckerkandl angehören. In dieser Zuschrift, die von Herrn Dr. Raoul Auernheimer eigenhändig unterzeichnet und gleichfalls mit der Schreibmaschine geschrieben ist, wird mitgeteilt, daß der Ausschuß der österreichischen Sektion des Londoner P. E. N. Club in seiner letzten Sitzung beschlossen habe, den Adressaten zur Mitgliedschaft einzuladen, woran sich eine Darstellung der Vorteile und Annehmlichkeiten einer solchen Mitgliedschaft anschließt, als da sind: ein allmonatliches gemeinsames Abendessen, allwöchentliche gesellige Nachmittags-Zusammenkünfte und Vorträge, Benützung der Klubräume, in denen außer den Wiener Tagesblättern auch englische Literaturzeitschriften aufliegen, und dergleichen mehr. Der Zuschrift war eine Beitrittserklärung angeschlossen sowie ein Auszug aus den Statuten, worin nebst einer Darlegung des kulturellen Zwecks dieser Vereinigung usw. mitgeteilt wird, daß der Ausschuß berechtigt sei, nach seinem Ermessen Schriftsteller einzuladen, auf deren Mitgliedschaft er besonderen Wert legt. Wir beehren uns, außer der Tatsache, daß Herr Karl Kraus eine solche Einladung respektive ein solches Schriftstück erhalten hat, auch unsere Vermutungen, wie dies zu erklären sein könnte, zu Ihrer Kenntnis zu bringen. Es gibt nicht weniger als drei Möglichkeiten der Erklärung. Die erste und zugleich wahrscheinlichste wäre die, daß sich jemand, der Zutritt zu Ihren Vereinslokalitäten hat, ein solches von Herrn Dr. Raoul Auernheimer eigenhändig unterschriebenes und an keine bestimmte Person adressiertes Schriftstück sowie ein Kuvert Ihres Klubs verschaffen und den dummen Scherz machen konnte, auf dieses den Namen des Herrn Karl Kraus zu setzen, in der Erwartung irgendeines die Büberei lohnenden Ausgangs, etwa um sowohl ihn, der der ehrenden Einladung nicht widerstehen werde, »aufsitzen zu lassen«, wie den Klub, der seine Beitrittserklärung erhält, zu verblüffen. Für diesen immerhin denkbaren Fall – nicht daß sie erfolgt, sondern daß ein Scherzbold sie herbeiführen wollte – glauben wir uns Ihren Dank zu verdienen, wenn wir Sie auf die Möglichkeit des Mißbrauchs Ihrer Klubpapiere aufmerksam machen. Die zweite Erklärung, die eine geringere Wahrscheinlichkeit für sich hat, wäre die, daß sich der Ausschuß Ihres Klubs selbst und also auch der Unterzeichner der Einladung, Herr Dr. Raoul Auernheimer, einen Scherz erlauben wollte, auf die Gefahr hin, daß Herr Karl Kraus seinen Beitritt anmelden könnte – eine Vermutung, die uns mit dem Ernst Ihrer kulturellen Absichten und mit der literarischen Position der Persönlichkeiten, die an der Spitze Ihres Klubs stehen, keineswegs vereinbar schiene. So bliebe noch die Möglichkeit übrig, die allerdings die unwahrscheinlichste ist: daß es dem Klub mit der Einladung Ernst sei. Für diesen schon völlig unglaubhaften Fall – den anzunehmen wohl eine Erfüllung der spaßhaften Kombination wäre, die wir als die erste Möglichkeit gesetzt haben – beehren wir uns mit Dank zu erwidern, daß Herr Karl Kraus kein Freund des Klublebens, ja den durch ein solches gebotenen geselligen Nachmittags-Zusammenkünften und gemeinsamen Abendessen abhold ist, daß er den Vorteil, englische Literaturzeitschriften lesen zu können, nicht zu benützen vermöchte, da er der englischen Sprache nicht mächtig ist, und daß er es vorzieht, die einzig greifbare Annehmlichkeit, nämlich die Wiener Tagesblätter zu lesen, nicht im Beisein von deren hervorragendsten Mitarbeitern zu genießen. Wir wiederholen jedoch, daß wir keinen Augenblick zweifeln, daß Ihr Klub ganz ebenso wie er selbst von seiner Untauglichkeit, dessen Mitglied zu werden, überzeugt und daß die Einladung oder vielmehr die Übermittlung des Schriftstücks nur auf den dummen Witz eines Außenstehenden zurückzuführen ist. Vielleicht sind Sie in der Lage, diesen Vorfall aufzuklären, dessen Mitteilung wir indes noch benützen wollen, um Ihre Aufmerksamkeit auf einen andern Umstand zu lenken, der es empfehlenswert erscheinen läßt, die Obsorge der Klubleitung auch auf die textliche Gestaltung der Schriftstücke, die so leicht in unrechte Hände geraten, auszudehnen. Wir möchten sie nämlich darauf aufmerksam machen – und wir würden uns dies auch erlauben, wenn die Zuschrift Privatcharakter trüge, indem sie ernsthaft Herrn Karl Kraus als dem präsumtiven Mitglied Ihres Klubs zugedacht wäre –: daß durch ein Gesetz der Republik die Adelsbezeichnungen abgeschafft sind und daß somit die Anführung einer Baronin Gisela Berger als einer Angehörigen des Klubausschusses und einer Grete v. Urbanitzky als Gründerin heute weniger werbende Kraft als den Reiz des Verbotenen hat – eine Tatsache, deren Erkenntnis Sie selbst sich nicht zu verschließen scheinen, indem ja der zuletztgenannte Name auf der Rückseite des Kuverts immerhin durch gleichartig große Lettern die Deutung des V. als des Anfangsbuchstaben eines weiblichen Vornamens ermöglicht. Wir sind der Meinung, daß für eine kulturelle Vereinigung von österreichischen Schriftstellern, die einem internationalen Klub angeschlossen ist, die Achtung eines Gesetzes der österreichischen Republik eine Selbstverständlichkeit sein sollte, und hoffen uns durch diesen Hinweis wie durch jenen, der einem Unfug anderer Art gilt, Ihre Dankbarkeit erworben zu haben. Hochachtungsvoll Verlag »Die Fackel« Die sich nicht zu erziehen haben lassen Ein deutschnationaler Professor ist – bitteres Los – genötigt, sich gegen den Verdacht der Bevorzugung von Ostjuden wie folgt zu wehren: Aus Liebedienerei gegen die Studenten habe ich Einseitigkeiten nie begangen und werde sie auch nicht begehen, denn ich bin heute immer noch der Meinung, daß die Professoren die Studenten zu erziehen haben, sich aber nicht von den Studenten erst zu erziehen haben lassen ... Ich stelle fest, daß während meines Dekanates keine schrankenlose Aufnahme von Ostjuden erfolgt ist und im Gegenteil die Aufnahme der Ostjuden in weitgehendster Weise und nach klar umrissenen einheitlichen Normen herabgedrückt wurde. Das war insofern ein Fehler, als ich überzeugt bin, daß sich unter den Ostjuden manche finden, die mehr Gefühl für die deutsche Sprache haben als sämtliche Ostdeutschen. Daß die Aufnahme in weitgehendster Weise herabgedrückt wurde – was auch anstrengend sein muß – ist sehr bedauerlich. Aber was sollten die ostjüdischen Studenten schließlich ausrichten? Die deutschnationalen Professoren wissen ganz gut, daß sie sich nicht von ihnen zu erziehen haben lassen. Und wenn man sie fragte, ob sie sich nicht vielleicht, nämlich in der deutschen Sprache, haben erziehen zu lassen (oder erziehen zu lassen haben), so würden sie vermuten, daß man sie mit echt talmudischer Spitzfindigkeit hineinlegen will. Juni 1924 Seipel und die Razzien Wenn der Polizei der Vorwurf gemacht wird, daß sie die schreckliche Einrichtung der Razzien habe, so muß erwidert werden, daß die Polizei diese Bezeichnung gar nicht kennt. Sagte Herr Seipel, den ich im Gegensatz zu einem oppositionellen Tadler seines Gefühlsmangels nicht für einen »Mann von höchsten geistigen Qualitäten, von dem stärksten Verstande« halte. Denn selbst als christlicher Dreh würde die Negierung der Einrichtung durch die Regierung der Bezeichnung zu dürftig sein. Was ist ein Name, was uns Razzia heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften. Aber dazu kommt, daß Herr Seipel hier den jesuitischen Anforderungen höchstens durch ein Minimum an Wahrheitsliebe gerecht wird, indem ja die Polizei »diese Bezeichnung« sehr wohl kennt. Die Bezeichnung »Frauensperson« habe ich ihr bereits abgewöhnt. Im dreißigsten Jahrgang der Fackel hoffe ich feststellen zu können, daß sie nicht mehr von Razzien spricht; im fünfzigsten: daß sie nicht mehr weiß, was das ist. Und später einmal, daß Herr Seipel die Wahrheit, sagen wir, vorausgesagt hat. Ich habs immer gesagt der Buchdruckerkunst ist nicht zu trauen. In feinster Gesellschaft passiert das Folgende und zwar dem Neuen Wiener Journal, das sich doch sonst in solcher zu bewegen weiß. Aber das kommt davon, daß es sich auf Originalbeiträge einläßt, vor denen der Setzer nicht nur wegen der undeutlichen Handschrift, sondern vor allem wegen der Überraschung verwirrt ist: ... Beste Wiener Friedensgesellschaft, ein Patronessenkomitee, geführt von unseren Aristokratinnen, eine entzückende jeunesse d'ore , die dem Walzer ostentativ huldigt, zugleich aber auch den Schiebetänzen – fast wäre mir einer entschlüpft! – nach allen Regeln moderner Tanzkunst in Grazie ihren Tribut zollt. Man soll dort, wo es auf reelle Arbeit ankommt, die Zeile entgeltlich ist und man ohnehin sein Kreuz hat, keine Witze machen und am allerwenigsten mit den Schiebern, die »jeunesse d'ore«, die ihr Gold wert ist, mag's treiben, wie sie will, aber wenn einem da mehr als einer entschlüpft, so könnte die Toilettefrau des Neuen Wiener Journals das Nachsehen haben. Wahrhaft staatsmännische Worte – – Die Astronomen sagen uns, daß der heutige Abend der letzte Winterabend ist und daß morgen Frühling wird. Wir Österreicher haben den ersten Frühlingshauch verspürt , als es uns gelang, das Interesse und die werktätige Solidarität fast aller Völker der Welt für unser gefährdetes kleines Land zu wecken. Dieser Solidarität verdanken wir unseren Wiederaufstieg. Ich glaube zuversichtlich, daß unter der zielbewußten Führung unserer beiden ausgezeichneten Gäste auch das Deutsche Reich die Zone der Winterstürme durchschritten und den Weg in einen neuen Frühling gefunden hat ... daß wir uns alle bald des wahren Völkerfrühlings erfreuen können, darauf erhebe ich mein Glas. Seipel hatte die astronomische Gelegenheit sehr gut benützt und wiewohl er von dem fortdräuenden Winter desavouiert wurde, so wußte jeder Festteilnehmer ganz gut, daß doch Frühling werden müsse. Marx – der nicht zu Verwechselnde – rühmte denn auch die »wahrhaft staatsmännischen Worte« und gab der Überzeugung Ausdruck, daß die Kultur der Menschheit nur unter der Sonne des wahren Friedens gedeihen kann. Er folgte Seipeln auf dem einmal betretenen Wege nicht ohne bundesbrüderliches Verständnis und sprach von den »trotz der Kürze der Zeit von fruchtbarem Gedankenaustausch erfüllten Stunden«. Freuen wir uns, daß wir Deutsche, wenn wir einmal angeschlossen sind, zwei solche Kanzler haben. Bis dahin bleibt freilich die Frage offen, wer von beiden etwas davon hat, wenn Seipel und Marx ihre Gedanken austauschen, und warum wir zu diesem Ergebnis die Spesen eines Festessens zahlen müssen. Ich hab mir von der Reise ein Bild aus dem »Weltspiegel« mitgebracht, das Marxen zeigt, wie er in einer Umgebung von Männern im Winterrock, die auf den ersten Blick als deutsche Männer (nebst einer deutschen Frau) zu erkennen sind, im Freien, mitten in den Winterstürmen, »Deutschland Deutschland über alles« singt. Wirklich singt, mit offenem Mund, vor dem Reichstagsgebäude; und darunter sind die Noten gedruckt, die Musiknoten. Sonntag, den 24. Februar, man bestelle es. Ich reproduziere dieses Bild nur aus dem Grunde nicht, weil ich noch nicht des Pendants habhaft werden konnte, wie Seipel nach der gleichen Melodie »Gott erhalte« singt. August 1924 Nachhilfe – – Man sagt, er (O'Neill) sei der Begründer einer autochtonen, amerikanischen Theaterdichtung. Es ist festzustellen, daß auch diese autochtone Literatur fest auf europäischen Traditionen ruht. Das Volksstück ... fußt noch so ziemlich im konsequenten Naturalismus. – – – Doch sein (Homolkas) Talent steht dabei ganz außer Zweifel. Herr Kalbeck, der die Vorstellung inszeniert hat, erweist sich auch damit wieder als vorzüglicher Regisseur. In den Strnad-Schülern Niedermoser und Wenzel, von denen die Dekorationen waren, lernt man ein paar viel versprechende Bühnenkünstler kennen.                     f. s. Dieser Salten ist so sehr Autodidakt, daß man schon ein bisserl nachhelfen muß. Seine Anlagen wurden zu früh dem Schutze des Publikums empfohlen und daß ein Autodidakt mit dem Autochthonen Schwierigkeiten hat und glaubt, man müsse jetzt immer das h weglassen, ist kein Wunder. Auch kann man nur sagen, Herr O'Neill sei der Begründer einer autochthonen amerikanischen Theaterdichtung, ohne Komma, weil dieses bedeuten würde, daß er der Begründer einer autochthonen Theaterdichtung und zwar einer amerikanischen ist. Sein Volksstück kann ferner nie »im«, sondern nur auf dem konsequenten Naturalismus fußen. Und wenn Herr Kalbeck sich »damit« wieder als vorzüglicher Regisseur erweist, so ist es ein stilrhythmischer Zwang, seine vorzügliche Regie an der Tatsache bewiesen zu sehen, daß Herrn Homolkas Talent außer Zweifel steht, was einen Unsinn ergibt; gemeint ist aber offenbar, daß er sich durch die Vorstellung als vorzüglicher Regisseur erweist, also »durch diese« oder in ihr. Vollends unmöglich ist, daß die Herren Niedermoser und Wenzel ein paar, also einige, viel versprechende Bühnenkünstler sein sollen. Da kein Mensch ein paar Füße hat, und die beiden Gracchen nicht ein paar Gracchen sind, so kann man es in den Herren Niedermoser und Wenzel nur mit einem Paar vielversprechender Bühnenkünstler zu tun haben, also im Genitiv und natürlich in einem Wort, weil sie sonst am Ende viel versprechen, was sie nicht halten, wobei es freilich noch zweifelhaft bleibt, ob man Dekorationsmaler überhaupt »Bühnenkünstler« nennen kann. Kurzum, es ist nicht leicht. Aber gern erkläre ich mich bereit, den Herren von der Kritik, ehe sie ihre Manuskripte in Druck geben, mit Rat und Tat beizustehen. Auf einen Tag wirds schon nicht ankommen und mir selbst blieben arge Umständlichkeiten erspart, indem ich ja doch oft, wenn ich aus streng sachlichen Gründen zitieren will und es sich um nichts weiter handelt, als eine Dummheit oder Gemeinheit zu reiner Geltung zu bringen, vorerst die Stil- und Grammatikfehler ausmerzen muß, deren Sperrung im Nachdruck mit den Hinweisen auf das Wesentliche kollidieren würde. Ich hab's also noch weit schwerer, und beiden Teilen könnte geholfen werden. Ein für allemal verspreche ich, daß ich am Gedanken nichts ändern würde, ja in Ausnahmsfällen sogar besonders verhatschte Satzwendungen, die ich wieder gern zitiere, unversehrt ließe. Den ganzen Text der Wiener Zeitungen kann ich nicht zur Redigierung übernehmen, aber die Arbeiten der feineren Literaten betreue ich gern, um wenigstens aus dem Gröbsten herauszukommen. Wenn theoretische Mahnungen wirken möchten, würde ich ja öfter die Bitte aussprechen, nicht » an « sie zu vergessen, und ich brauchte nur zu sagen, es genüge nicht zu glauben, daß man nur » schreiben braucht «, um zu schreiben. Die Voraussetzung jeder literarischen Tätigkeit ist doch wohl ein gewisses Stilgefühl, das ich aber den meisten Wiener Feuilletonisten, die da meinen, man könnte es ihnen » zumuten «, nicht zutraue . Denn zutrauen (glauben) kann ich nur eine Fähigkeit – die hier nicht vorhanden ist –, zumuten jedoch (begehren) kann ich nur ein Tun – von dem hier nicht die Rede ist –, während ich etwa eine Unterscheidung von Begriffen (als Handlung wie als die Fähigkeit dazu), die man einem sowohl zumuten wie zutrauen kann, ihnen weder zutrauen noch zumuten kann. So haben wir's denn schwer miteinander, und ich wette, daß sie diesen Satz nicht verstehen. Ich habe es aber wie gesagt schwerer mit ihnen als sie mit mir, da ihnen ja was sie schreiben wurst ist, während ich mir's zu Herzen nehme. Zum Beispiel bin ich so pedantisch, die richtige Pluralbildung »die Trottel« selbst von solchen zu verlangen und nur im Dativ ihnen das »n« zu erlauben, das sie sich auch im Nominativ und jenseits aller Absicht des Idiotismus, ich meine des mundartlichen Ausdrucks, zulegen. Mit Unrecht halten sie auch das »s« für mehrzahlbildend und schreiben »die Fräuleins«, aber dafür »des Fräulein«. Ich vermute, daß sie jedesmal schwanken, wissend, daß hier eine Klippe ist, und jedesmal sich für diese entscheiden. Hier läßt sich aber leicht Abhilfe schaffen, indem sie sich nur immer an »die Mädchen« zu erinnern brauchen (zu!) und »des Mädchens« nicht vergessen dürfen (aber ja nicht: an das Mädchen; das würde nichts helfen). Manchen gibt es, der » den Fesseln entraten ist «, nämlich den der Grammatik, was nur daher kommt, daß er dem Unterricht in diesem Gegenstand entronnen ist und da er des Gefühls für ihn entbehrt , auch des Rats entbehren zu können meint. Dem grammatischen Libertiner ist jedes Hilfszeitwort recht, aber da ist keine Rettung, weil eben »der Schule entraten haben« nun einmal ihrer entbehrt haben bedeutet und nicht wie er wähnt: ihr entronnen sein, also hier mit »haben« und nicht mit »sein« konjungiert und mit dem Genitiv, nicht mit dem Dativ konstruiert werden muß. Die Herren haben sich von Kindheit auf arg vernachlässigt und schwer büße ich ihre Bildungslücken. Temperament kann über den Mangel nicht hinweghelfen, und wenn sie auch noch so leicht in » Extase « geraten; an mir ist es dann, an solchen Geringfügigkeiten, auf die es doch in der Literatur gar nicht ankommt, in Ekstase zu geraten. Autochton oder autochthon, das ist doch unter denen, die es zumeist nicht sind, ganz egal und schließlich leisten sie ja für das h wieder Ersatz, indem sie sich » peripathetischen Neigungen« hingeben, weil sie glauben, daß solche vom Pathos kommen, und wohl wissen, daß dieses sich nicht der neuen Orthographie beugt, die als Ortographie auch keine Rechtschreibung wäre. Denn das wäre zwar nicht » abnormal «, welches sie mit »abnorm« verwechseln, wohl aber anormal, welches eine griechisch-lateinische Bildung ist, ihnen also mangels ebenderselben fremd. Aber man schöpft da in ein Danaidenfaß, das sie oft für ein Danaergeschenk halten, welches sie wieder mit dem der Danae zu vertauschen pflegen. Mit einem Wort, es sind Autodidakten und da tut etwas Nachhilfe schon not.     Ernst, aber zuversichtlich verlassen Ludendorff und Gemahlin die Siegfriedstellung und begeben sich in die Walhalla. Habe noch nie so gelacht Beisetzung Hugo Stinnes' Tirpitz X verläßt das Krematorium. Spiel der Wellen Die Saison ist da, in welcher – man achte genau darauf und melde mir diesbezügliche Wahrnehmungen – am Strand der Nordsee lagernd Kammergerichtsanwalt Wolf Krotoschiner II zu Kommerzienrat Katzenellenbogen, wenn sie sich entschließen, ins Wasser zu gehen, diesen Entschluß wie folgt mit einem Beispiel angewandter Kunst äußern wird: »Auf in den Kampf Torero!«, worauf der Mitkämpfer, keineswegs verlegen, erwidern dürfte: »Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp'?«, was wieder der andere mit dem beherzten Ausruf parieren wird: »Mut zeiget auch der Mameluk!«, welchen Gedanken er gelegentlich noch, scherzando, mit der kleinen Abweichung verzieren könnte: »Mut zeiget auch der lahme Muck!« Liegt Frau Krotoschiner (Marga) daneben, so dürfte der Gatte, nicht abhold dem Unternehmen mit ihr zu baden, die Worte sprechen: »Erhebe dich, Genossin meiner Schmach!« Wobei aber festzustellen ist, daß inzwischen bereits Rechtsanwalt Sally Seligsohn I Anlaß hatte, ihr die Worte zuzuflüstern: »O Königin, das Leben ist doch schön!« (Hier wäre ein Kapitel von der erotischen Scherzhaftigkeit der besitzenden Klasse einzuschalten. Ihre Gedanken, soweit sie nicht vom geschäftlichen Leben abgelenkt sind, kreisen um den Ehebruch und wo sie ihn nicht begehen, treiben sie doch Spott mit ihm, drohen einander, oft gleichzeitig, mit dem Finger: »Das ist einer [eine], aber ich werde ihn [sie] schon erwischen!«; und immer behauptet sie [er], daß er [sie] es dick hinter den Ohren habe, aber sie [er] glaubts natürlich nicht, auch wenn es der Fall ist. Das Strohwitwertum ist ein Motiv tollster Ausgelassenheit: »Bitt Sie, geben Sie mir acht auf meinen Mann, letzten Sommer – also man weiß schon!«, »Noja, wenn man einen so feschen Mann hat – ich würde da nicht auf die Länder gehn!«, und es schwirrt nur so von Göttergatten. Der Unterschied zwischen Berlin und Wien besteht darin, daß sie dort ganze Sätze sprechen, Fertigware, die auch exportfähig ist, ohne die grauslichen Voraussetzungen einer spezifischen Operettenkultur. Es sind Präzisionsapparate der Banalität, man ist rasch bedient und sie schaffen dem nüchternen Leben gern Ersatz durch eine gewisse, natürlich nicht ernst gemeinte Pathetik, über die sie vermöge der Bildung jederzeit verfügen, so daß sie auch in der Lage sind, sich auf des Meeres und der Liebe Wellen mit Zitaten höherer Ordnung zu bewerfen.) Krotoschiner II und Katzenellenbogen haben es also inzwischen gewagt, wobei unentschieden bleiben mag, wer der Rittersmann und wer der Knapp' ist. Im Wasser wird ein lebhaftes Gespritze durch die Rettung auf ein Felsenstück beendet werden und den darauf abzielenden Plan wird jeweils jener, der als der erste hinaufgelangt, in die Worte fassen: »Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen«, während man sich dem Gegner, der sich trotzdem annähert, mit der Erwartung entgegenstellt: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«. Gelingt es diesem, hinterrücks zum Schlage auszuholen, so kann nur geantwortet werden: »Was wolltest du mit dem Dolche sprich«, worauf wieder prompt der Bescheid erfolgen dürfte: »Ja siehste, es gibt im Menschenleben Augenblicke«. Sally Seligsohn aber, als Eigenblödler bekannt, hält sich von dem Treiben der Welt fern, hat nur Sinn für Marga, der Lose, und erteilt auf die Frage des Gatten, warum er sich zurückziehe, die im Allgemeinen zutreffende Auskunft: »Der Starke ist mit am mächtigsten allein«. Denn er ist auch nicht auf den Mund gefallen. Entsteht am Strand Bewegung, weil das B. T. angekommen ist, so erschallt unisono die Frage: »Was rennt das Volk, was wälzt sich dort?« Dies Getändel freut den Nereus, der fünfzig Nereiden zu versorgen hat und deshalb auf die Berliner Familien Wert legt, und es geht fort, bis die B. Z. eintrifft und die Sonne untergeht, die schließlich ein Einsehen hat. Im Hintergrund aber sieht man Hans Müller einer Gruppe, die sich bildet, von okkulten Phänomenen erzählen, während Lippowitz im Strandcafe sitzt, damit beschäftigt, einem Stoß reichsdeutscher Blätter das Weltbild zu entnehmen, für eben jene Leser, die das Spiel der Wellen, das sie auffuhren, noch auf eine aparte Art zu beleben wissen. In französischen Nordseebädern, wo auf tausend Badende höchstens ein Molière-Zitat entfällt, dürften solche Wahrnehmungen nur dort zu machen sein, wo Deutsche hinkommen, die den Wiederaufbau der Kultur besorgen. Man hört sie dort auch gelegentlich ausrufen: »Nich in die Lamäng!«, was zwar französisch ist, aber nicht von Molière. Einen Stüber – also nicht in die Lamäng, wiewohl ich eingedenk bin des im Entstehen begriffenen Sprichworts, daß, wer den Stüber nicht ehrt, des Schillings nicht wert ist, auf den ich aber gleichfalls verzichte. Denn ich bin von einem bäurischen Mißtrauen erfüllt und gebe mich Zweifeln hin, ob die österreichisch-ungarische Bank mir gegen diese Metalle bei ihrer Hauptanstalt in Wien sofort auf Verlangen den angewiesenen Wert in gesetzlichem Papiergelde auszahlen würde. Zwar tröstet Shakespeare: Was ist ein Name, was uns Stüber heißt, wie es auch hieße, würde lieblich klingen. Aber dieser Trost ist mir einen Stüber wert, und ich mag nun einmal ein Geld nicht leiden, an dessen Namen der Duft des christlich-germanischen Schönheitsideals haftet, wie es sich in jener Koalition auswirkt, wo sich der Frank mit dem Kienböck, also Starkes sich und Mildes paarten und es infolgedessen eben den Klang des Stübers gibt. Auch hat er etwas von einer Hans Müller-Währung, gilt so viel wie einen Deut, also weniger als einen Batzen und wird unter allen Umständen mit einem Topp! dahingegeben und mit einem Hei! dankbar empfangen. Ich tu da nit mit. Österreich hat sich in der Wahl seiner Geldbezeichnungen zwar insofern nicht vergriffen, als Stüber auch einen »schnellenden Schlag« bedeuten kann, zum Beispiel einen Nasenstüber von der Entente, und Schilling »eine Tracht Schläge«, also einen schweren Schlag, eine Sanierung. Es sind mithin, um gut Müllersch zu reden, recht hahnebüchene Titulaturen. Freilich war es schwer, für eine so suspekte Münze wie die österreichische die richtigen zu finden. Der Frank konnte aus dem Grunde leider nicht eingeführt werden, weil wir ihn schon haben und infolgedessen Zweifel an seinem Wert entstanden wären. Die Krone war nach allen Richtungen schwer kompromittiert und man gibt für keine ihrer Bedeutungen einen Pfifferling. »Ostmark« wäre nicht so übel gewesen, wie einem dabei geworden wäre. Kurzum, es war schwer. Am ehesten hätte ich noch dem Vorschlag einer Freundin zugestimmt, die mehr Grütze im Kopf hat, als in Müllers Beutel Stüber klingen dürften, dem Vorschlag, das österreichische Geld schlicht, wie es ist, zu nennen: Neanderthaler . Ein sonderbarer Schwärmer Das blödeste Blatt der Welt – also nicht die ›Wiener Stimmen‹ – bringt diesen Notschrei: [Die vergessenen Denkmäler.] Wir erhalten folgende Zuschrift: »Verehrliche Redaktion! Ihre Betrachtungen im Morgenblatt vom 11. d., die den skandalösen Zustand betreffen, in dem sich die Wiener Denkmäler befinden, sind vielen Wienern aus dem Herzen gesprochen. Es ist wirklich im höchsten Grade bedauerlich, daß man einen so wertvollen künstlerischen Schmuck, wie ihn die Wiener Denkmäler darstellen, verfallen und zugrundegehen läßt. Am deutlichsten offenbart sich die Gleichgültigkeit , mit der man die Denkmäler behandelt, an den Figuren des Albrechts-Brunnens . Seit Jahr und Tag stehen die Standbilder des Inn und der Save mit abgeschlagenen Händen da und recken dem Passanten ihre Armstümpfe entgegen. Der Mauerverputz ist vielfach abgeblättert, so daß der Brunnen, der an einem der frequentiertesten und repräsentativsten Plätze Wiens gelegen ist, in nicht zu ferner Zeit vollends den Eindruck einer Ruine machen wird. Das zeigt sich bereits an der Figur der March , die von herabgefallenem Schutt gleichsam umrahmt ist. Muß das sein ? Eine Entschuldigung gibt es nicht für diese sträfliche Schlamperei, die geeignet ist, das Ansehen Wiens bei den zahlreichen Fremden, die jetzt hieherkommen, um die Schönheiten der vielgerühmten Stadt am Donaustrand zu bewundern, herabzusetzen ...« Es muß sein; wie Altmeister Salten vor zehn Jahren ausrief, als es galt, das Unternehmen zu verklären, dem so viele Hunderttausende zwischen Inn und Save die abgeschlagenen Hände verdanken und die Armstümpfe, die sie heute dem Passanten entgegenstrecken können, und so viele aus der Gegend der March, daß sie einmal verschüttet waren und heute nur mehr mit flackerndem Blick die Schönheiten der vielgerühmten Stadt am Donaustrand bewundern können. Zu diesen haben also tatsächlich durch vier Jahrzehnte die Standbilder des Inn, der Save und der March gehört, die das blödeste Blatt der Welt »Denkmäler« nennt und deren Unversehrtheit wohl den äußersten Vandalismus bedeutet hat, der je einem Stadtbild angetan wurde. Daß man speziell der Save, mit der uns doch höchstens noch freundnachbarliche Beziehungen verbinden, die Pratzen abgeschlagen hat, ist eine ästhetische Wohltat, die vielleicht von der jugoslawischen Gesandtschaft als illoyaler Akt empfunden werden könnte. Aber in die Angelegenheiten des Inn lassen wir uns nichts dreinreden und mit dem diesbezüglichen Flußgott, der immerhin noch so dasteht, als ob er an Gschnasfesten des Männergesangvereins mitwirken könnte, können wir machen was wir wollen, und daß die March endlich von herabgefallenem Schutt gleichsam umrahmt ist, ist ein wahrer Segen. Nein, man hat diese Denkmäler nicht vergessen. Sie waren der plastische Ausdruck der Vorstellung, die sich der Besitzer des hinter ihnen aufragenden Hauses, der Erzherzog Friedrich, von den österreichischen Flüssen gemacht haben dürfte, und wenn ebenbürtige Geister ein Bedürfnis nach ihrer Wiederherstellung und den jetzigen idealen Zustand als sträfliche Schlamperei empfinden, so braucht man sich ja nur mit Ambros Bei in Verbindung zu setzen, und der Schönheitssinn der vielgerühmten Stadt an der Donau (deren Denkmal leider nicht verstümmelt ist) wird rehabilitiert sein. Die Wendung Die Journalisten können sich für das Mißverständnis seltener Wendungen auf Grillparzer berufen, der ein Bildungsdichter war und infolgedessen sich beim Dichten auf einen so trügerischen Besitz wie die Bildung verließ, mit der man oft etwas zu erlangen wähnt, was man dann doch nicht hat. Das Musterbeispiel einer Wendung, die erlesen ist, aber falsch erlesen, die schon stimmen wird, aber nicht stimmt, ist der Satz aus der Stelle im »Ottokar«, wo der gleichnamige Horneck dem Rudolf von Habsburg die Vorzüge Österreichs rekommandiert: – – – – – – – – – – es ist ein gutes Land, Wohl wert, daß sich ein Fürst sein unterwinde ! Ich habe den Satz in Erinnerung von der Septima her, in der ich – 1891 – in einer Schulfeier zum 100. Geburtstag Grillparzers das Lob Österreichs zu sprechen hatte, wozu man nur entweder Schiller zitieren kann, der das Glück die Gaben ohne Wahl verteilen läßt, oder einen der neueren Autoren, die den Fall bündiger mit dem Wort »ausgerechnet« formulieren würden. Ich hatte damals schon das Gefühl, daß ich mich überwinden müsse, um zumal jene Wendung deklamatorisch zu meistern. Denn es war eine schwierige Aufgabe, der ich mich zu unterziehen hatte, ein kühnes Abenteuer, dessen ich mich unterfing . Und dies eben fühlte ich als den Sinn von »sich unterwinden«. Grillparzer wieder mag gefühlt haben, daß die Übernahme Österreichs die einer schwierigen Aufgabe sei, indem doch mit allen landschaftlichen Reizen, die er den Ottokar v. Horneck mit Fug anpreisen läßt, auch ein rechter Pallawatsch durch die Jahrhunderte und die ganze Vertracktheit der älplerischen Menschenart in Kauf zu nehmen wäre. Man kann nun wohl, wenn man eine Kurasch hat und die kaiserlose, die schreckliche Zeit schon einmal ein Ende haben soll, eine solche Aufgabe auf sich nehmen, sich ihr unterziehen, ihrer unterfangen, unterwinden, man kann aber unmöglich ein Land auf sich nehmen, sich einem Land unterziehen, sich eines Landes unterfangen. Sich Österreichs zu unterwinden war also selbst der erste Habsburger nicht imstande, und dem letzten ist die Aufgabe – nicht das Land – bekanntlich so über den Kopf gewachsen, daß wieder eine kaiserlose, eine schreckliche Zeit anbrechen mußte, in der wir mitten drin stecken, harrend des Augenblicks, wo Richard v. Kralik Otto von Habsburg bitten wird, sich Österreichs, das ein gutes Land ist, zu unterwinden, was dann eine Wendung durch Gottes Fügung wäre. Das haben die Mädchen so gerne und so träumt jetzt, in München, wo Hitler waltet, die deutsche Jungfrau den Frühling: Frühlingstraum Wo finde ich feschen Herrn zwecks bald. Ehe. Wunsch : Metzgermeister od. Autobesitzer Bin jung, lustig, tüchtig, besitze sehr schöne Möbel und Wäscheausstattung u. Vermögen. In Frage kommen nur Briefe mit Bild u. gew . Herrn, alles andere Papierkorb. Briefe unter Auto 142251 a. d. M. N. N. Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt', wer der »gew. Herr« gewesen ist. Offenbar einer der Gewaltigen. Jedenfalls ein Habebald der Mädchen, ein Haltefest der Möbel und ein Raufebold der Nation. Dezember 1924 Einer von denen, die es in Osterreich noch gibt Es geschieht immer in den Tagen, wo die Justiz ihren Schwächezustand nicht verbergen kann, daß sie dort, wo man es nicht verlangt hat, zu imponieren beginnt. Der strategische Rückzug vor Herrn Castiglioni wird durch Vorstöße gegen Frauen, die der nächsten Generation das Verhungern ersparen wollten, durch Umzingelung von Zimmervermieterinnen und durch Attaken gegen Zeuginnen wettgemacht, und wenn der große Räuber fünfzehn Milliarden geboten hat, damit man ihn nicht lebendig liefert, so können wir sicher sein, in der Gerichtssaalrubrik, die eine so umfängliche Lücke aufweist, von einem armen Schelm zu lesen, der im Taglohn arbeitet und elf lebendige Kinder hat, der darum einen Laib Brot nicht nehmen oder dessen Frau ein zwölftes nicht abtreiben durfte. Und was an Scherzhaftigkeit gegen Personen, die das Unglück hatten, Parteien zu werden, geleistet wird, das geht in einer Epoche, in der die Justiz alle Ursache hätte, nicht die Augen mit einer Binde, sondern das Haupt mit einem Sack zu verhüllen, schon ins Aschgraue. Eine um ihre Liebe betrogene, von einem monarchistischen Ritter ausgeraubte Frau ist Zeugin. Ihr Geschlecht, ihr Schicksal, die Nötigung vor Gericht zu stehen, alles an dem Fall heischt Rücksicht, Schonung, Erbarmen, Takt, Diskretion, kurz all das, was sich auf der Straße einer Negerstadt von selbst verstünde. Der Richter – er heißt Schachner und ich habe von seiner Erleuchtung in § 19-Sachen noch einen Schein bewahrt, der in zwanzig Jahren nicht erloschen ist – macht Bemerkungen wie diese: »Sie haben aber gewußt , daß ihr Mann kein Vermögen und keine Beschäftigung hat?« Die Zeugin wiederholt, daß sie ihren Mann nicht gefragt und ihm vertraut habe, weil sie ihn liebte. Vorsitzender Dr. Schachner: Liebe dauert ewig, hier sagen Sie aber gegen ihn aus. – – Die Zeugin berichtet dann weiter, daß ihr Mann für seinen Bruder 150 Millionen verausgabt habe. Sie sei nicht in der Lage gewesen, dagegen Einspruch zu erheben, und habe den Bruder ihres Mannes bei sich dulden müssen. – Vorsitzender Dr. Schachner (gleichgültig): Na, wenn ein Bruder den andern unterstützt, ist das nicht so furchtbar. – Vertreter der Privatbeteiligten: Aber nicht mit dem Geld der Frau! Selbst ein so gerichtssaalfrommes Schafsblatt wie das Neue Wiener Tagblatt kann sich da nicht enthalten, von »merkwürdigen Äußerungen des Vorsitzenden« und von »Bemerkungen auffallendster Art« zu sprechen. Die Zeugin erzählt, daß ihr Mann einmal gedroht habe, »er könne jemand mit dem Staub eines zerriebenen Rohrstockes vergiften, und man werde bei der Obduktion gar nichts bemerken«. Vorsitzender Dr. Schachner (ironisch): Also, Sie haben sich vor dem Rohrstaberl gefürchtet! Wenn man jahraus jahrein die Verbrechen dieser Justiz an Angeklagten miterlebt – deren Gipfel wohl die barbarische Bestrafung der Frau Kadivec durch den Herrn Habietinek ist, der jetzt als Advokat die Interessen des Herrn Direktors Robert vertritt – wenn man des neulichen Falles gedenkt, wo der Vorsitzende den auf dem Sterbebett hereingetragenen Angeklagten für vernehmungsfähig erklärte; wenn man sich insbesondere diese fortgesetzten, durch keinen moralischen Protest abzustellenden Roheitsdelikte gegen wehrlose Zeugen und Zeuginnen vergegenwärtigt, diesen trivialen Hohn einer geistigen Dürftigkeit, die sich nun völlig gehen läßt, ehe sie im Namen der Republik ihr, mit Erlaubnis zu sagen, Urteil in der Kaiserbart brummt – dann fragt man sich, was eine Zeitgenossenschaft wert ist, die ihre tiefe Respektlosigkeit vor geistigen Gütern mit der unabänderlichen Hochachtung vor solcher Autorität verbindet, und was ein politischer Umsturz taugt, der dem gröbsten Unfug der alten Staatsmacht kein Ende gesetzt und dem Kaiserbart dieser Justiz kein Haar gekrümmt hat. Dazu mußten Millionen sterben, daß die Herrschaften wie eh und je das Theater aus dem Gerichtssaal machen, welches er, wenn das Auditorium zu lachen anfängt, auf einen Wink mit dem Rohrstaberl nicht mehr sein darf und das er ja in der Tat nicht ist, weil selbst das Theater im Wandel der Zeiten nicht so auf den Hund kam. Verändert hat sich da nichts, verschlechtert alles. Und die Hoffnung, daß diese Justitia, wenn mundus schon pereat, aus ihrer Binde Charpie zupfen werde, ist schmählich getäuscht worden. Todesurteil und Prügelstrafe Keine Geschworenenbank hat noch bisher ihr Todesurteil in einer Beratung von zehn Minuten »erledigt«. Was den zwölf Männern aus dem Volk ihr Gewissen verleidete, diese siebzehn Herren von hohen akademischen Graden haben keine zarten Bedenken dagegen gehabt. Aber was sage ich »Beratung«? Die Frühstückspause hat ihnen genügt! Seht ihr sie, Mitmenschen, behaglich das belegte Brot kauend, im Konferenzzimmer umhergehen, während über Leben oder Nichtleben des »Schwarz Thomas, Schüler der Oktava« entschieden wurde ? – – Müßte man nicht, wenn man diese Artikel der Skandaille liest, wirklich glauben, daß die Professoren ein »Todesurteil« über den armen Gymnasiasten, der den Scherz auf die Tafel geschrieben hatte, gefällt haben? Was immer man gegen sie einwenden mag, und mögen sie alle zusammen nicht so viel wert sein, wie das Leben dieses einen Knaben (dessen krankhaftes Minus doch wohl der Widerspruch bildet zwischen der demonstrierten Geringschätzung des Schulmilieus und der tragischen Überschätzung ihrer Folgen) – erfreulicher ist selbst der ärgste Lebensbedrücker unter ihnen als dieses greuliche Libertinertum, das den Autoritätshohn der Schultafel in die Zeitung fortsetzt. Ganz ebenso schlimm aber der andere Typus, der des alten Geistreichtums, welcher der Schultyrannei Mut gegen die Jugend machen möchte und sich mit der Humorigkeit, die schon auf hundert Meter als die des Julian Sternberg riechbar wird, in einem Nachruf unter dem Titel »Der Lustigmacher« (denn so nannte der Direktor den Knaben) zu der folgenden Impertinenz versteigt: – – Man müßte doch annehmen, daß die Möglichkeit vorhanden gewesen wäre, dem Lustigmacher anders beizukommen als dadurch, daß man ihn zum bürgerlichen Gymnasiastentod verurteilte, worauf er ein weiteres Todesurteil über sich aussprach. Wenn der beleidigte Lehrer die Inschrift auf der Schultafel: »Die Professoren können Alles ...« ganz anders gedeutet hätte, nämlich dahin, daß die Professoren unter Umständen einem dummen Jungen auch Eine hinter die Ohren versetzen können , dann würden heute nicht verzweifelte Eltern im tränenlosen Schmerz auf einen frischen Grabhügel starren. Was müßte man nicht erst alles einem liberalen Schreiber versetzen können, der ein System befürwortet, das in den Schulzeiten der finstersten Monarchie nicht möglich gewesen wäre, um einen toten Knaben zu schmähen, der doch jedenfalls mehr Talent und mehr Ehrgefühl besessen hat als die ganze Redaktion der Neuen Freien Presse! Der arme Gymnasiast hat sich zu seiner Tat bekannt und aus der Strafe eine unverhältnismäßige Konsequenz gezogen. Herr Sternberg (Bürgerlicher), der seinerzeit – für Breslau – mir ohne Nennung meines Namens, aber mit unverkennbarer Beziehung die Titulatur eines »Lümpchens« gegeben hatte, leugnete (ehe er verurteilt wurde), daß er mich »gemeint« habe, und blieb der Lustigmacher der journalistischen Klasse, mit dessen Ödigkeit es keine Konkurrenz aufnehmen konnte. Aber daß auf einer Schultafel, zu was immer für Unfug sie Gelegenheit bieten möge, mehr Grütze sichtbar wird, als in einer Schmocknotiz, brauchte nicht erst bewiesen zu werden. Welche ausgewachsene Dummheit, zu vermuten, daß der Oktavaner, von dem das Blatt im unmittelbaren Anschluß an die Schäbigkeit berichtet, daß er den Selbstmord verübt habe weil er sich durch den Antrag des Professorenkollegiums auf Ausschluß von der Anstalt in seinem Ehrgefühl tief gekränkt fühlte die Prügelstrafe überlebt hätte! Nein, sie im Gymnasium einzuführen, wäre unpädagogisch; die jungen Leute sind noch nicht reif. Erst wenn sie ins Leben hinaus und in die Redaktion eintreten, da ist sie am Platz! Die Kämpfer – – Die Auszeichnung des braven Vorkämpfers wird daher in allen Kollegenkreisen mit großer Freude aufgenommen. Nämlich des Herausgebers der Korrespondenz Wilhelm. »Ich kämpfe stets dafür und habe immer dafür gekämpft , möglichst viel herauszuschlagen .« Immerhin ein verkrachter Oberst, der den Gläubigern einer monarchistischen Bank Rede steht. Wo man hinsieht, Kämpfer. Die Teilnehmer am Weltkrieg hatten keine Gelegenheit zu solcher Aktivität. Verbroigter Loibusch Wenn, wie sonst berufsmäßige Verkleinerer behaupten, die Presse das große Übel der Welt ist, so sind die Druckfehler das Korrektiv und im Gegensatz zum sonstigen Text unbezahlbar. Druckfehler beziehen von der Autorität des Drucks die Macht, Lebenstatsachen zu schaffen wie dieser selbst, aber als ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, wirken sie zumeist Segen. Daß Seine Majestät gehurt haben, war vielleicht der erste Aufschluß, den der Untertan über das Wesen der Monarchie empfing, weil er sich das bis dahin gar nicht hatte vorstellen können. Was aber ist ein verbroigter Loibusch? Ich weiß es nicht, doch weiß ich, wenn es ein Druckfehler war, so hat er auf das glücklichste den Sinn der k. k. Staats- und Kriegswelt anno 1915 als den Inbegriff des Wirrsals ausgedrückt, da unter dieser Chiffre ein Scherflein in der Neuen Freien Presse ausgewiesen erschien, welche damals mit rabiaten Leitartikeln und 30.5 cm-Titeln in das Chaos fuhr, als wollte der alte Biach sich den Sieg mit Gewalt richten. Als es schon im Gemäuer rieselte und ich im Frühjahr 1915 in Rom wußte, daß die repräsentierenden Dummköpfe der Mittelmächte – bei denen das Mittel vom Maß ihrer intellektuellen Macht bezogen war und darum jede Vermittlung aussichtslos machte –, daß sie sich also auch mit Italien verrechnet hatten, und als ich diese Tatsache einer Freundin melden wollte, deren geistige Fähigkeit ausgereicht hätte, den ganzen Weltkrieg zu verhüten, die ihn aber im Gegensatz zu Herrn Berchtold nicht überleben durfte, telegraphierte ich ihr bloß das Wort: Verbroigter Loibusch, und die Zensoren waren davon so fasziniert, daß sie es durchließen. Es bedeutet, anders als jene andere rätselhafte Wortbildung, die ich in diesem Heft dem Sprachschatz einverleibe, einen mehr durch persönliche Verhatschung, mehr durch Ohnmacht und eigenes Ungeschick als durch das Geschick oder die Macht der Verhältnisse hervorgerufenen Pallawatsch. Es ist dem verbroigten Loibusch eigentümlich, daß das Wort den Zustand, aus dem es geboren ist, auch erzeugt, einen Zustand, den man noch mit einem andern suggestiven Wort bezeichnen könnte, das demselben Kulturkreis zugehört und worin das Wirrsal der Sache und das Wirrsal des Ausdrucks zu ebenso sinnfälliger Deckung gelangen, so daß man schon vom Hören eben das in sich vorgehen fühlt, was es besagen will: man wird »mewulwel«. (Nämlich von all dem so, als ging' einem ein Mühlrad im Kopf herum.) Der größte verbroigte Loibusch nach dem Weltkrieg ist bekanntlich die Affäre Sternberg. Aber auch jeder Wiener Strafprozeß, der nur ein Mal durchgeführt wird, bietet ein vollkommenes Abbild von einem solchen, schon an und für sich und wie erst im Spiegel einer Berichterstattung, welche die Welt des Gerichtssaals als Vorstellung bei aufgehobener Kausalität zeigt und Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Angeklagten, Zeugen und Psychiater in einem undurchdringlichen Wortgemenge begriffen vorführt, bei dem der Unbeteiligte mit verminderter Zurechnungsfähigkeit davonkommt, denn er wird ganz mewulwel. Kein Tag der Zeitung ohne die Indizien (für die darum jetzt auch das Fremdwort »Inzichten« gebraucht wird) einer sprachlich und logisch aus den Fugen geratenen Zeit, die, Schmach und Gram, ich zur Welt einzurichten kam. War der »verbroigte Loibusch« ein Druckfehler, so kann ein Druckfehler einen verbroigten Loibusch ergeben, in welchem Fall die von ihm bewirkte Verwirrung, Verwirkung und Verwirksung bis zur Harmonie der Dinge gesteigert wird. Ein drolliges Beispiel für solchen Loibusch ist ein Gerücht, welches sich an die neueste Berliner Theatergründung des Herrn Reinhardt knüpft. Druckfehlern ist geradezu die Kraft der Legendenbildung gegeben und sie können unter Umständen darüber entscheiden, ob eine Persönlichkeit heilig zu sprechen oder eher zu steinigen ist. Herrn Reinhardt ist die bessere Chance eröffnet. Hartnäckig erhält sich nämlich die Version (die in diesem Fall wirklich eine Lesart ist), daß er mit seinem neuen Theater kein Geschäft machen wird. Das ist aber keine Prophetie – die bei einem Theater der oberen Zehn, das vermutlich auch »Bäder im Haus« hat, ja nicht eben den Blick einer Theaterkassandra erfordert –, sondern geradezu ein direktoriales Programm. Reinhardt will kein Geschäft machen. Müde der Praxis, an viertausend Proletariern, die einen Zirkus füllen, zu verdienen, hat er sich auf der Mittagshöhe seines Wirkens entschlossen, sich für die Bankdirektoren zu opfern und ihnen ein Schmuckkasterl hinzubauen, wo die künstlerische Teilnahme einer auserwählten Schar ihm Lohn sein wird, der reichlich lohnet. »Der Zuschauerraum, der nur Platz für etwa 500 Personen bietet, wird in enger Anlehnung an den Rokokostil ausgestattet sein.« Und sie sollen bei jeder Loge auch ihr Speiszimmer haben und auch »einen üppig ausgestatteten Salon als Vorraum, in dem die Logeninhaber während der Pause Cercle halten können«. Alles in Rokoko. Dicke Teppiche werden das geringste sein, was er ihnen hinlegt, so daß sie sich kannibalisch wohl fühlen können wie jene anderen Wesen, die ihrer Zahl nach das Reinhardtsche Theater gleichfalls gefüllt hätten. Er selbst aber wird darben. So war es wenigstens im Neuen Wiener Journal zu lesen und das Kuriosum war dort mit Recht in Sperrdruck gesetzt: Weite, bequeme, gepolsterte Sessel werden den Raum füllen. Einen Reingewinn wird das Theater nicht haben. Mißtrauisch wie ich in Kulturangelegenheiten bin, und nicht so leicht mewulwel zu machen, verglich ich den Text des Telegramms mit dem ziemlich gleichlautenden in den andern Blättern, wobei sich herausstellte: Dicke Teppiche und weiche, bequem gepolsterte Sessel werden den Raum füllen. Ränge wird das Theater nicht haben. Das macht aber nichts, das Gerücht erhält sich. Vielleicht jedoch ist es wahr oder kann mindestens neben der Wahrheit bestehen: Das Theater wird keine Ränge und keinen Reingewinn haben. (Zwei Tatsachen, wovon die erste freilich nicht erst im Lauf der Saison offenbar wird.) Wie das aber schon so geschieht, packte gleichzeitig der verbroigte Loibusch die ökonomische Welt der Reinhardtbühnen von einer andern Seite. Hatte er ihn dort zum Mäzen gemacht, so machte er ihn hier zum Schmutzian. In einem Feuilleton »Gruß an Max Reinhardt«, worin ihm als Verdienst angerechnet wurde, daß er sogar bis nach Prag gegangen sei, um sich Schauspieler zu holen, war dem Grüßer eine Wendung entrutscht, die vielleicht auch als Lob der Tatkraft gemeint war, aber eine so bittere Bosheit enthielt, daß der Loibusch am nächsten Tag als Druckfehler verbroigt werden mußte. Wenn er wirklich einer war, so war er einer der besten, die je gemacht wurden, und verbroigte nun den folgenden Loibusch: (Reinhardt und die Gagen seiner Schauspieler.) In unser Feuilleton vom vorigen Samstag, »Gruß an Max Reinhardt«, hatte sich ein peinlicher Druckfehler eingeschlichen. Es stand dort zu lesen: Andere (seine Schauspieler nämlich) holte er ohne Gage aus seiner eigenen Statisterie. Das sollte selbstverständlich Reinhardt nicht nachgesagt werden, daß er keine Gagen zahle. Der Passus soll richtig heißen: » ... holte er ohne Zahl ...« »Ohne Zahl« ist natürlich kein Druckfehler für »ohne zu zahlen«, der wäre noch peinlicher. Sollte Herr Reinhardt aber wirklich Statisten ohne Zahl als Schauspieler beschäftigt haben – wie etwa die Zöglinge seiner Schule, die bald nach einer Premiere unter den Namen der Stars auftraten –, und ihnen allen Gage gezahlt haben, so wäre es kein Wunder, daß er schon damals ohne Reingewinn dastand. Man darf aber einen verbroigten Loibusch nicht analysieren und nicht in Ordnung zu bringen suchen, sondern muß ihn nehmen wie er ist, um Freude an ihm zu haben. Druckfehler fördern so sehr die Legende, daß sie das beste Mittel der Aufklärung sind. Sie geben den Erscheinungen erst das Profil. Wenn die Zeitungen bloß den Text richtigstellen wollten, der keine enthält, könnte noch alles gut werden. Die Cherusker in Krems Zufolge vertraulicher Angaben hatte der Polizeibezirksleiter von Döbling Erhebungen über Vorgänge im Café Rudolfshof gepflogen. Die Anzeige besagte, daß sich im Jagdstüberl des Cafés unsittliche Vorgänge abspielen, daß sich dort eine unmoralische Stammtischgesellschaft zusammenfinde, der Geschäftsführer Anton W. einen unsittlichen Gummigegenstand herumzeige, daß sich Frauen nackt produzieren und anderes. Infolgedessen war W. vor dem Bezirksgericht Döbling wegen Übertretung gegen die Sittlichkeit angeklagt. – – Als Zeuge wurde auch der christlichsoziale Bezirksrat Sch. vernommen. Er wurde gefragt, ob er es für möglich halte, daß W. den weiblichen Gästen » laszive Figuren « gezeigt habe. – Zeuge: Nein, er war wohl in seinen Ausdrücken etwas derb, aber so etwas habe ich nie bei ihm gesehen. Dann marschierten die Stammgäste des Jagdstüberls auf. Sie erzählten von lustigen Unterhaltungen und Zechereien, stellten jedoch unmoralische Begebenheiten in Abrede. Der Stammgast Leopold W. teilte mit, daß sich unter den Stammgästen Abgeordneter ..., Landeshauptmann ..., Landeshauptmannstellvertreter ... und andere Politiker befanden. Die Friseurin Antonie B. gab aber an, daß ihr W. einmal eine laszive Figur aus Gips gezeigt habe. Sonst wisse sie nichts . Sie habe das für einen harmlosen Scherz angesehen. – Zeugin Kathi K. erzählte: Einmal ist von W. etwas gezeigt worden, was in einer Lade aufbewahrt war. Er machte damals die Lade auf und legte den Gegenstand wieder hinein. Wir haben ihm gesagt, er solle es uns auch zeigen, und da hat er es uns auch gezeigt . – Richter Landesgerichtsrat Dr. R.: Eine Frau soll in die Lade gegriffen und dann zu ihrem Mann gesagt haben: » So, jetzt brauch' ich dich nicht! « – Angekl.: Ich habe damals sofort gesagt: » Das ist eine Gemeinheit, über meine Lade zu gehen!« Das Ding hatte ein Gast einmal vergessen und ich hatte es aufbewahrt. – – Zeugin: Es war in der Lade in Papier eingewickelt. – – Verteidiger Dr. Z.: Erinnern Sie sich , daß eine Frau dann zu ihrem Mann sagte: » Jetzt brauche ich Dich nicht mehr !« – Zeugin: » Ja .« – Dieser Vorfall wird noch von zwei Zeuginnen, Mutter und Tochter , bestätigt. Die Tochter gibt an: Es war damals eine Gesellschaft von der Wieden beisammen. Sie waren in angeheiterter Stimmung . Es waren sehr feine Leute beisammen . Es hat sieh niemand entrüstet . – Denn nur urtanäre Leute entrüsten sich. Und darüber werden in Wien – bis zum Freispruch – »Erhebungen« gepflogen. Und es sind ganz dieselben Sumper und Biamten, die George Grosz anzeigen und konfiszieren. »Wir haben ihm gesagt, er solle es uns auch zeigen, und da hat er es uns auch gezeigt«, spricht die Wiener Sittlichkeit. Fürs Leben gern sich einmal anstoßen lassen, um hinterdrein Anstoß nehmen zu können. Täter und Kläger aus einem Holz. Eine Zeugen- und Zeuginnenreihe, aus der sich jene gräßlichen Gesellschaften zusammenstellen lassen, die nach einem Flügelhornsolovereinsabend unvermutet ein Kaffeehaus überfluten und zwölf im Nu zusammengerückte Tische besetzen. Von dem Anblick abgesehen, machen Quietschen und Gröhlen jedes fernere Verweilen unmöglich. Die Weiber, vom Humor durchdrungen, gehen zu zweit auf die Toilette, was abermals ein Gaudium bewirkt. Alles ist feuchtfröhlich. Draußen schüttet's natürlich, man ist deshalb gezwungen, das weiter mitzumachen, was aber auch unmöglich ist, denn soeben ist einem das Wort entfahren: »Ah, sie regnet!« Immer weitere Cherusker aus Krems ziehen ein. Zwei Weiber kehren von der Toilette zurück, biegen sich vor Lachen, haben gewiß etwas Gspaßiges draußen gelesen. Die andern sagen, sie sollen es ihnen auch zeigen, und da haben sie es ihnen auch gezeigt. Ein begabter jüngerer Herr hat soeben »Tischlampe – der Schlampen« dekliniert. Die Weiber bekommen Schnackerl, die Männer stoßen auf. Alan hat nicht die Empfindung, in einer Epoche zu leben, in der man schon nach Amerika fliegen kann; wiewohl man es möchte. Die dort kenne ich, es muß jene sein, welche beim Anblick des chauffierenden Negers ausgerufen hat: »Hirst, is dr der am ganzen Kirper schwoaz?« Es sind sehr feine Leute beisammen. Es hat sich niemand entrüstet. Es ist der Menschenschlag, der durch seine Politiker, Beamten, Minister unsere öffentlichen Angelegenheiten, unsere Justiz, unsere Kultur besorgt. Und es ist ein Wunder, wenn sich junge Menschen, die in das so beschaffene Leben hinaustreten sollen, nicht umbringen, ohne daß ihnen in der Schule ein Leid geschah. Die Thespis (Der 16jährige Theaterdirektor.) Bevor er wegen Betruges in den Kerker flog, hat der junge Johann Stöger einen Rekord aufgestellt: der eine ist der erfolgreichste Schieber, der andere der gerissenste, aber der Angeklagte von gestern war das Wunderkind dieser prächtigen Gilde. – – Daß dieser Stöger schon mit 15 Jahren ein anerkannt guter Viehhändler war, ist noch nicht seine Meisterleistung, wenn man auch darüber staunen muß, daß ein so grüner Knabe Geschäftsfreunde fand. Daß er aber als Sechzehnjähriger das Stadttheater in Baden pachten und betreiben konnte, ist ein Stück, das zwischen tiefer Tragik und lustiger Operette schwankt. Ein bartloser Junge konnte Verträge abschließen, konnte Existenzen aufbauen oder vernichten, konnte mit den Gemeindevertretungen mehrerer Orte Verhandlungen führen. – – Soweit so gut, und man muß nur staunen, daß der Bühnenverein es unterlassen hat, Herrn Stöger die moralische Zuverlässigkeit zu bestätigen. Das Neue Wiener Tagblatt aber weiß fortzusetzen: Stöger war kühner und großzügiger als sie alle. Kaum der Schulpflicht entwachsen, erwarb er schon Geld und damit auch schon die moderne Visitkarte, die alle Türen öffnete, auch die des Theaters. Warum soll man nicht die Thespis zur Geliebten haben können, wenn man sie bezahlen kann? – – Während es bis heute unaufgeklärt ist, mit wem die Neue Freie Presse, nämlich Herr Salten, den »mythischen Hirten« Proteus verwechselt hat, läßt das Neue Wiener Tagblatt jeden profanen Leser hinter die Kulissen seiner klassischen Bildung gucken, da sofort klar wird, daß hier eine unerlaubte Verbindung zwischen der Thalia und der Themis vor sich gegangen ist. Der Thespis war aber bekanntlich der Erfinder der griechischen Raumbühne, die die Form eines Karrens hatte und von der Gemeinde Athen mit Recht subventioniert wurde. Daß er eine Direktrice war, ist nicht überliefert, und daß er kein Transvestit und überhaupt kein Homosexueller war, geht schon daraus hervor, daß er die griechische und nicht die preußische Tragödie begründet hat. In Berlin mögen immerhin Fälle vorgekommen sein, daß einer die Thespis soutenierte, während der Herr Thalia, der abends als Muse verkleidet ausging, nicht Brot auf Hosen hatte. Wie immer dem sei, so könnte man fragen, warum eigentlich – in Berlin wie in Wien – gerade die Leute, die nichts gelernt und selbst das nicht behalten haben, berufen sind, es einer breiten Öffentlichkeit von Lesern mitzuteilen. Vermutlich mit Recht, da keiner von den Hunderttausenden es bemerkt und in einer Zeit, da Photo, Kino, Radio, Auto und Aëro über die Gehirne flitzen, es wirklich gehupft wie gesprungen ist, ob der oder die Thespis noch mit ihrem Karren daherkommt. Hier eingreifen zu wollen, hieße dem Sisyphus die Arbeit abnehmen, den sie regelmäßig mit dem Tantalus verwechseln, doch auch mit dem Augias, den sie zumeist für den Herkules halten, oder es käme der Füllung des Danaidenfasses gleich, das sie bekanntlich für ein Danaergeschenk ansehen, nämlich für jenes, mit dem der Jupiter die Danae überrascht hat. Da läßt sich gar nichts machen. Man müßte sich denn unterfangen, den Pelion auf den Ossa stülpen zu wollen oder wie einer unserer Burgtheaterkritiker gesagt hat: »den Ida auf die Ossa wälzen« (wobei er ganz gut wußte, daß der Ida keine Kellnerin im Trojanerbeisl ist, sondern der Berg, der in der »Schönen Helena« vorkommt, immerhin jedoch die Ossa für ein mährisches Gewässer zu halten schien). Daß die Penelope so häufig auch für Niobe durchhalten muß, die Circe Rätsel aufgibt, während die Sphinx die leichtere Aufgabe hat, Männer in Schweine zu verwandeln, und daß dementsprechend der Odysseus und der Oedipus Austauschfürsten sind, versteht sich von selbst. Es ist aber auch schon vorgekommen, daß die Xanthippe für das Weib des Sophokles gehalten wurde, und was es zwischen Aristoteles, Aristophanes und Aristides für Möglichkeiten gibt, das ist mehr, als sich die Schulweisheit träumt. Meines Wissens hat es in den Jahren, da ich die Wiener Presse sämtliche griechischen und mythologischen Dinge und Namen verwechseln sehe, nur einen Fall gegeben, wo einer die humanistischen Kenntnisse, die ihm in der überraschend kurzen Zeit von zwei Gymnasialjahren zu erwerben gelang, durchaus bewährt hat. Das war, als im Extrablatt gemeldet wurde, in Fünfhaus sei der achtundachtzigjährige Emanuel Kohn gestorben, »der Nestor unter den Pferdefleischhauern«. Hier lag ganz bestimmt keine Verwechslung mit dem Ulysses vor. Sonst aber bewundere ich die Treffsicherheit, mit der die Wiener Journalisten in ihrer klassischen Bildung, die ohne Zweifel vorhanden ist, immer danebengreifen, und die Unerschrockenheit, mit der sie sich in den Strudel-Strudel hineinstürzen, ohne zu bedenken, daß zwischen Scylla und Charybdis unter anderen Gefahren doch auch die besteht, sie zu verwechseln. Welches Bild der Behutsamkeit, im Vergleich mit diesem ungestümen Walten, offenbarte sich mir einst in einem Gespräch zweier alter Chemnitzer Juden! Ich will nicht mit meiner Ausdauer renommieren, aber ich habe wirklich einige Tage meines Lebens in Chemnitz verbracht. Dort ward mir indes auch die Entschädigung des Augenblicks, den ich gern ums Verweilen gebeten hätte, als ich nämlich im Kaffeehause in einer Debatte, in der die Devisen und Prozente nur so durch die Luft schwirrten, die wohl noch nie gestellte, wichtige Frage hören konnte: »Bitt Sie, sagen Sie mir, was is eigentlich der Unterschied zwischen einer Hiobspost und einem Uriasbrief?« Der andere, überrascht und bestürzt, den Unterschied als erheblich fühlend und die Frage als berechtigt, sagte nach einigem Nachdenken: »Weiß ich?« Es war klar, daß keiner der beiden den Mut hätte, für eine Wiener Zeitung zu schreiben. Aber die jüngere Generation ahnt nicht einmal, daß der Unterschied der zwischen einer Botschaft ist, die dem Empfänger, und einer solchen, die dem Überbringer Unheil bringt, geschweige denn, daß sie wüßte, wer hier der Überbringer und wer dort der Empfänger ist. Zum Glück reduziert sich bei uns das Problem auf die Möglichkeiten, die die Wiener Postverhältnisse bieten. Uriasbriefe werden nicht zugestellt, weil diese Art der Beförderung ein Eingriff in das Regal wäre, und Hiobsposten gelangen nicht an den Adressaten, weil die Post sie befördert. Hin und wieder erhalte ich Briefe einer dritten Sorte, für die aber das alte Testament keine Bezeichnung vorgesehen hat, nämlich solche, die dem Absender Unheil bringen. Ein Spaßvogel erster Güte ist doch dieser Bernard Shaw. Da flattert so jeden Monat ein Mot von ihm über den Kontinent, über das sich schon England gebogen hat, und wenn man die Leute fragt, warum sie eigentlich lachen, so wissen sie zu antworten, Bernard Shaw habe wieder einen Witz gemacht. Manchmal schlägt er auch Pirouetten auf der Straße, daß sich die Konstabler kugeln, sooft er zu Falle kommt, und es nachmachen und Briefträger und Milchmänner auch, aber immer sind es Sprünge des Geistes und da kugelt sich die Welt, die noch leichter mitzureißen ist als ein Konstabler. Da mir ein unbeeinflußbares Vorurteil zu eigen ist, befasse ich mich nicht so sehr mit den Dichtungen des Herrn Shaw als mit den Mots, die von ihm im Umlauf sind, und mit den Manifesten, die er von Zeit zu Zeit nach Mitteleuropa schickt, sei es daß er demonstrierende bulgarische Studenten bändigen will, sei es daß er sich darüber zu beklagen hat, daß er für seine guten Witze schlechtes Geld bekommt, und hauptsächlich wenn er seinen Übersetzer Trebitsch gegen den Vorwurf verteidigen will, daß er ihm für sein gutes Englisch schlechtes Deutsch gebe. Aber eben die skeptische Miene, die er vor allem heroischen Geschehen in der Welt- und Geistesgeschichte, ja selbst vor Shakespeare aufsetzt, Herrn Shaw gegenüber und der ihm huldigenden europäischen Geistigkeit zu tragen, wird schon kein Sakrileg sein. Und seit wann wäre es denn ein Beweis gegen den diagnostischen Blick, daß er mit einem Blutstropfen vorlieb nahm, um die ganze Krankheit festzustellen? Man gönne mir meine Vorurteile und man gönne sie noch mehr den von ihnen Betroffenen, für die sie doch ein wahrer Segen sind. Denn wenn ich alles das auch noch kennen lernte, was ich nicht mag, wie würde es da erst mit ihnen ausschauen! Für den besten Witz also, den Herr Shaw in seinem ganzen Leben gemacht hat, halte ich den Trebitsch. Da steckt viel eigene Erfindung drin. Ich bin gewiß ein passionierter Niederreißer, aber halt doch ein armer Teufel in diesem Beruf gegen einen Satiriker, der den Siegfried Trebitsch aufgebaut hat. Er hat kürzlich einen Brief an Herrn Reinhardt drucken lassen, worin nebst diesem nur Johann Sebastian Bach und Trebitsch als deutsches Kulturgut anerkannt waren, und als sich der Berliner Korrespondent des ›Observer‹ über die schlechte Übersetzung der »Johanna« durch Herrn Trebitsch beschwerte, da schrieb er dem Londoner Blatt eine Rehabilitierung des Herrn Trebitsch, die sich gewaschen hat und die er nicht versäumte auch dem Berliner Tageblatt zu übermitteln, welches bereit war, sie »um ihrer humorvollen Fassung willen weiterzugeben«, aus der Herr Shaw ja auch von keinem Konstabler zu bringen ist, der ihn wegen Pirouettenschlagens anhält. Aber die Fassung, die man bei der Lektüre nicht verliert, ist gleichfalls nicht ohne Humor. Man erinnert sich noch der Fülle von Stilproben, die dargeboten wurde, als Herr Trebitsch die ersten Stücke des Herrn Shaw aus dem Englischen in eine ihm gleichfalls fremde Sprache übersetzte, und es wurde damals die Beobachtung gemacht, daß viel Lustigkeit zum englischen Original hinzugekommen sei, was ja die Treue des Autors für den Übersetzer hinlänglich erklären könnte. Ich selbst kann über diese Angelegenheit wieder einmal nicht fachmännisch urteilen, da ich noch weniger englisch verstehe als Herr Trebitsch, was nur dadurch wieder wettgemacht wird, daß ich mehr deutsch kann. Ich tue darum besser, mich an die deutsche Produktion des Herrn Trebitsch zu halten, die auch Herr Shaw gegen die Verkleinerer Trebitschs ins Treffen führt und die er einmal ins Englische zu übersetzen versuchen sollte. Herr Shaw wehrt nun die Vorwürfe des Korrespondenten, daß Trebitschs Muttersprache nicht deutsch sei und daß er ein unzulängliches Deutsch schreibe, mit dem entschieden humorvollen Argument ab, Trebitsch sei in Wien geboren worden und seine Sprache »die Sprache Grillparzers und Raimunds, Schnitzlers und Hofmannsthals«. Den andern Genannten will ich nicht nahetreten, aber merkwürdig, daß mir bei meiner Befassung mit Raimund nie aufgefallen ist, daß er die Sprache Trebitschs geschrieben hat. Wenn ich Trebitsch las, habe ich zwar vielleicht an das Raimundtheater gedacht, aber selbst wenn ich an dieses dachte, ist mir noch nie der Gedanke an Raimund gekommen. Nun meint Herr Shaw, Trebitschs Werke seien, schon bevor ihn dieser zu übersetzen begann, »in Deutschland in vielen Auflagen verbreitet« gewesen. Das wäre jedoch, wenn es wahr ist, weniger ein Beweis für das gute Deutsch Trebitschs als für das schlechte Deutschlands. »Wahrscheinlich hat mein Stil ihn demoralisiert«, scherzt Herr Shaw. Aber er wisse, daß jener »seither zwei Literaturpreise für seine eigenen Leistungen bekommen hat«. Herr Shaw ist Satiriker; wenngleich einer, der nicht spürt, wie sehr er es auch mit der Hinausstellung einer Tatsache ist, mit deren Wahrheit er ihre Ernsthaftigkeit für gegeben hält. Aber selbst wenn ihn seine Ahnungslosigkeit davor bewahrte, zu merken, daß der Dichterruhm des Herrn Trebitsch von der Platzvertretung einer großen Auslandsfirma ins Schlepptau genommen wird, so brauchte er doch, um zu wissen, wie Buchfeuilletons und selbst Literaturpreise zustandekommen, nicht einmal den rührigen Sami Fischer und den würdigen Gregori zu fragen, der ja ein Spezialist des Bauernfeldpreises ist. Offenbar ist in dieser literarischen Welt, in der Herr Shaw als Satiriker dasteht, alles in bester Ordnung und ich habe nur darum noch kein Buchfeuilleton in der Neuen Freien Presse und erst recht keinen Literaturpreis bekommen, weil ich ein schlechteres Deutsch schreibe als Herr Trebitsch. Zu diesem will Herr Shaw, so erklärt er (»alles in allem«), halten, obwohl die Nationalität dieses echten Wieners bisweilen als ungarisch, bisweilen als polnisch »und vielleicht sogar bisweilen als chinesisch angegeben wird«. Ist das nicht überaus humorvoll? Er führt »diese wilden Gerüchte«, die »die Schattenseiten des Ruhms« seien, auf die Ränke der anderen Übersetzer zurück, welche behaupten, besser übersetzen zu können: es seien eben »enttäuschte Rivalen«; und Herr Shaw hat offenbar gar nicht den Wunsch, es mit ihnen zu versuchen, weil er von Trebitsch durch und durch überzeugt ist. Der Korrespondent habe »von einem dieser Enttäuschten sich hinters Licht führen lassen«, und er verzeihe ihm deshalb. Aber da die Tatsache , daß Herr Trebitsch ein bekannter Wiener Schriftsteller ist, in Deutschland ebenso bekannt ist, wie man in England weiß, daß Thomas Hardy kein Hindu ist, hätte er die Wahrheit seiner Information feststellen müssen, bevor er sie im »Observer« veröffentlichte. Der nächste Schutzmann hätte es ihm sagen können . Herr Shaw kann natürlich seine Übersetzungen anfertigen lassen von wem er will. Aber gar so viel Federlesens brauchte er deshalb mit Herrn Trebitsch nicht zu machen. Er ist darin der echte Literat, daß er die Reichweite der Literaturbegebenheiten überschätzt und wähnt, an den Geschäften, die im Kaffeehaus gemacht werden, oder an der Ware, die im Schaufenster der Buchhandlungen ausliegt, sei die Straße im Innersten beteiligt. Er pirouettiert im Literaturkreise, und die Information, die er selbst hat, nämlich die, daß Herr Trebitsch als bekannter Wiener Schriftsteller in Deutschland bekannt ist, dürfte von Herrn Trebitsch, dem diese Tatsache bekannt ist, herrühren. Ob es auch der nächste Schutzmann in Berlin weiß, möchte ich bezweifeln. Nicht einmal ein Wiener Polizeimann dürfte da verläßliche Auskunft geben. Gewiß sind die Übersetzungen des Herrn Trebitsch ein Literaturkapitel für sich, welches um seiner humorvollen Fassung willen in linguistischen Fachkreisen geschätzt wird, und daß Herr Shaw an ihm einen Narren gefressen hat, ist eine Pirouette der Literatur, die alle fortreißt und sogar die dramatische Karriere des Herrn Trebitsch in Schwung gebracht hat. Aber die Schutzleute intervenieren nur bei Straßenübersetzungen, nicht wenn man sie gegen schlechtes Deutsch zuhilfe ruft; stilistische Exzesse, Zusammenstöße mit der Grammatik, Überschreitungen der Syntax lassen sie unbewegt. Das ist nicht so wie bei den Londoner Konstablers, die literarisch gebildet sind und mittun, wenn ein Satiriker Sprünge macht, gleich einer genügsamen Welt, die sich in solchem Falle bei solchem Falle kugelt. Fast erraten Unmöglich kann man von deutschen Männern und insbesondere von dem Publikum, das bei der Resitant verkehrt, verlangen, daß sie wissen, wie der Konjunktiv imperfecti von »erfahren« heißt. Wollte man sie befragen, man erführe es nie, denn es entstünde entweder verlegenes Schweigen oder eine Panik, zunächst weil sie nicht wissen, was man von ihnen haben will und was das eigentlich ist, ein Konjunktiv imperfecti, dann aber würde sich vielleicht doch einer finden, der das weiß, und man erführe es. Also da ist nichts zu wollen. Wenn man aber einen Schriftleiter der ›Wiener Stimmen‹ – und die Schrift muß sich von ihm leiten lassen, wiewohl sie doch lieber ungeleitet nachhause ginge –, wenn man ihn also nicht fragt, nicht verschüchtert, sondern ihn die Schrift leiten läßt, wie er will, so kommt das Folgende heraus: Man könnte am Wesen des Geldes irre werden, erfähre man nicht, daß – Man sieht, wie gefährlich diese Dinge sind, und man könnte am Wesen der geleiteten Schrift irre werden, erführe man erst, wie's da zugegangen ist. Da hat wohl einer, der wußte, daß man nicht »erfahrte« sagen kann, aus »erfährt« einen Konjunktiv gemacht, sich aber nicht getraut, ein herzhaftes »erfährte« anzulegen. So ein armer Zeitungsgoi schlägt sich schlecht und recht durch die Fährlichkeiten der deutschen Grammatik, mit denen jüdischer Wagemut es leichter aufnimmt. Fast erraten hat ers ja. Und hälte er sich an der Stange, läße er sich von der Schrift leiten, so erräte ers ganz und gar. Freilich, fräge er, schläge es noch glücklicher aus. Das kommt aber davon, daß diese Leute, gepültet wie sie sind, nicht schreiben können, wie ihnen der Schnabel wächst, sondern, im Sinne Nestroys, nur, wie er ihnen wuchs. Wüchse er aber so, wie sie schreiben, so wächse er und wäre noch lieblicher anzuschauen. Die Wendung »wenn man erfahren würde« ist nicht schön, aber den Bedürfnissen der Strozzigasse schließlich angepaßt. Nein, sie müssen sich in ein Gedränge einlassen, und ich habe das Nachsehn. Fürwahr, wenn ich mich an solchen Dingen nicht stöße, sie leichter erträge oder sie mir gar nicht auffällen, ich häbe bei den Deutschen, unter denen ich lebe, mehr Ansehen als deutscher Schriftsteller, dem heute bloß die Aufgabe zugewiesen ist, die Schrift, die andere geleitet haben und zwar irre, zu stellen und zwar richtig. Jung is er halt! Ein Unterrichtsminister, stelle ich mir vor, ist einer, der noch mehr Deutsch kann als ein Gymnasialprofessor, der darin wieder den Schüler übertreffen muß. Aber man täuscht sich oft. Genötigt, einen Aufsatz über das Thema »Musik- und Theaterfest« – was allerdings schwer ist – zu liefern, ward er, ungestüm wie er ist, in die folgende Affäre verstrickt: – – ich verweise auf die bedeutungsvolle Aufführung von in unserer Zeit fast unbekannten Glucks Meisterballett »Don Juan« in unserer Staatsoper – – So hineinzutreten! Hätte er den Satz vor dreißig Jahren geschrieben, er wäre nicht zum Unterrichtsminister aufgestiegen. Nun, ohne Kopfzerbrechen ist es gewiß nicht abgegangen. Da stand wohl zuerst: – – Aufführung des in unserer Zeit fast unbekannten Glucks Meisterballett – – Unmöglich! Zurück! Also: – – vom in unserer Zeit fast unbekannten Meisterballett Glucks »Don Juan« – – Zurück! Vielleicht: – – von in unserer Zeit fast unbekanntem Glucks – – Aber! – – von in unserer Zeit fast unbekannten – – von Gluck – Gluck – Gluck – Setzen! Also wie denn? Ich würde für gottbehüte künftige Musik- und Theaterfeste empfehlen: – – von Glucks in unserer Zeit fast unbekanntem Meisterballett »Don Juan« – – oder: – – des in unserer Zeit fast unbekannten Meisterballetts »Don Juan« von Gluck – – Aber wenn ich Unterrichtsminister wäre und hätte schon das Malheur gehabt, so würde ich fleißig den Unterricht inspizieren gehn, weil vielleicht doch etwas hängen bleibt. Es kann ja noch alles gut werden. Eine vortreffliche Leserin erinnert mich daran, daß ich einst in einer Glosse den Einspännerkutscher, dessen Pferd in ein Schaufenster eindrang, die alle Beteiligten durchaus beruhigenden und den Vorfall erledigenden Worte sprechen ließ: »Jung is er halt!« Warum vadient der Jude schneller und mehr Jeld als der Christ Die Wiener Hakenkreuzlerzeitung ist meine Sonntagsfreude, ich schau' immer nach, wie's mit den Schweißfüßen geht, bin aber auch schon zufrieden, wenn ich nur sehe, wie den analogen Versfüßen geholfen wird. Etwa in einem Trutzgesang unter dem Titel »§ 144«: Einhundertvierundvierzig heißt der Paragraph der Mutter, an dem Begierde zerrt und reißt und wütend, doch vergeblich, beißt ... Der Paragraph bleibt stehen, Mag Juda noch so krähen! Die letzten Schranken möchten sie dem Arier entreißen. Doch nur gemach! Die Zeit kommt nie! Trotz allem Schmutz- und Schweinevieh! Eh' wird die Welt vergehen! Der Paragraph bleibt stehen! Für Leute, die in geiler Lust den Zweck des Lebens sehen, sollt' unser deutsches Volk sich stumm entwickeln hin zum Dirnentum? Im Sumpf zugrunde gehen? – Der Paragraph bleibt stehen! Heran, herbei, was deutscher Art! Sie greifen nach der Mutter! Gewehr bei Fuß! Wir halten Wacht! Wir dulden diese Purims nacht niemals! Ihr sollt es sehen! – Der Paragraph bleibt stehen! Spationiert sind im Original nur »Purim«, »Mutter« und »Die«, aber Vollklang hat alles. Jede Zeile ein Ramsauer. Daß der § 144, der die deutsche Frau eine »Frauensperson« nennt, die letzte Schranke des Ariers vorstellt, ist der neue Gedanke. Offenbar ist gemeint, daß die Juden, die gar nicht daran denken, im Schoße der eigenen Familie Abtreibungen zu begehen, sondern fruchtbar sein und sich vermehren wollen, bloß nach der arischen Mutter greifen und den § 144 ausschließlich zur Verhinderung des bodenständigen Nachwuchses abschaffen möchten. Wenn er durch jüdische List fiele, so würden die Germaninnen offenbar gezwungen sein, keine Kinder zur Welt bringen, was Wodan verhüten möge. Nicht so klar ist der Zusammenhang der Purimsnacht mit der Agitation für die Aufhebung des § 144. Das Purimfest dient dem Gedenken der Juden an die Rettung von ihrer durch Haman geplanten Vertilgung, während sie selbst doch durch die Abschaffung des § 144 die Vertilgung der Arier planen, so daß eigentlich diese, wenn ihnen dereinst mit Hilfe eines Mardochai und einer Thusnelda die Rettung gelingen sollte, ein diesbezügliches Purim feiern müßten. Wenn sie Gewehr bei Fuß halten, wird ja alles gut ausgehen, bis dahin mag getrost manch ein Trutzgesang mit einem mehr gemütlichen Liedchen abwechseln, wie etwa diesem: »Mostschädl.« (Oberösterreichisch.) Der mih »Mostschädl« hoaßt, Der beleidingt nöt mi. Weil i wirklön , wias wißts, A Mostschädl bi(n) . Wann a Most drinnat is, Is a dena nöt lahr ... I tauschat mit koan'. Wo a Stroh drinnat war'. Was aber würde der Dichter (der übrigens die rührende Gewissenhaftigkeit hat, gerade das »bi« durch ein eingeklammertes n zu erläutern) was würde er für ein Gedicht machen, wenn ihn einer zufällig nicht Mostschädl, sondern Strohschädl genannt hätte? Ist dies nun die oberösterreichische Tonart, so scheint die folgende Annonce: ! Arier heraus! Zur Gründung eines neuen Unternehmens, neuzeitlich, gewinnbringend, leichte Arbeit, Kapital zirka 100 Millionen, eventuell Gründung einer Genossenschaft. Rascher Entschluß, ehe Jude vorgreift . Unter »Massenartikel 1822« an die Verw. d. Bl. mehr Steirers letzten Versuch darzustellen. In den Rassenbelangen charakteristisch ist wohl die Furcht, daß Jude vorgreifen könnte. Es wird ja mit jedem Tag, den Odin die Sonne scheinen läßt, klarer, daß das germanische Ideal (wie auch das christlich-germanische) eine Verdrängung der jüdischen Schmutzkonkurrenz bedeutet. Bei meinem letzten Berliner Aufenthalt genoß ich in der Friedrichstraße eine Viertelstunde lang, ich konnte mich nicht satt hören, die Melodie, mit der ein unverfälscht germanisches Zeitungsweib den ›Fridericus‹ anbot: »Die neieste Nummaa – warum va dient der Jude schnellerund mehr Jeld als der Christ« »Die neieste Nummaa – warum va dient der Jude schnellerund mehr Jeld als der Christ«. Nicht einen Groschen hat sie verdient, während sich daneben alles um ein Schweineblatt riß, das Enthüllungen über eine »Killekillekammer« brachte und über die Transvestiten im »Mikadoo« (zu welchem Namen für ein Berliner Lokal mir die Erklärung »Aha – Mann darin!« einfiel). Nicht einen Groschen hat sie verdient, und als ich nach zwei Stunden wiederkam, bewegte sich noch immer ein Neidmaul, das zum Symbol ungestillter arischer Sehnsucht erstarrt war: » Warum va dient der Jude schnellerund mehr Jeld als der Christ«. Niemand begehrte es zu wissen, jeder nahm die Tatsache als gegeben hin und manche erkannten mitfühlend den Drang, der sich rasch entschließen möchte, ehe Jude vorgreift, nichts anderes will als was dieser will, nämlich Geld verdienen, aber von der Natur durch jene Schranke gehindert ist, die die Juden dem Arier um alles in der Welt nicht entreißen möchten, durch den Stolz, der in den Worten des Dichters zum Ausdruck kommt: Weil i wirklön, wias wißts, A Mostschädl bi(n). 1925 März 1925 Ich werde sterben und es nicht erfahren warum ich – es kostet Lippowitzen \& Co. 100 Kronen, eine Drucksorte, ein Kuvert und die Adresseschrift, setzt Postbeamte und einen Briefträger in Bewegung – von Zeit zu Zeit den Mahnruf empfange: Wenn Sie ein Inserat im Kleinen Anzeiger aufgeben und Erfolg haben wollen, so inserieren Sie im Neuen Wiener Journal – – – – – – – – – – Da das Neue Wiener Journal von Hunderttausenden gelesen wird, so müssen Sie Erfolg haben. Ich will aber gar nicht Erfolg haben, höchstens den, daß das Neue Wiener Journal nicht von Hunderttausenden gelesen wird. Wenn ich bestimmt wüßte, daß ich diesen Erfolg habe, sobald ich das Inserat im Neuen Wiener Journal aufgebe, tu' ichs, wobei ich allerdings wieder Gefahr laufe, daß ich mir die Chancen des Inserats verringere und keinen Erfolg habe. Was soll ich also tun? Der Junggeselle – wer würde nicht wohlig sich seines Schreibens an mich entsinnen – ist noch immer der Alte. Er plaudert über »Reizlose Frauen« und findet da die glückliche Wendung: Ein Weib mit vollendeten Tatsachen , aber ohne Pikanterie ist wie ein Feuilleton , dem der Zensor die nahrhaftesten Stellen gestrichen hat. Ein brüstiges Weib ohne einen Schuß Kessheit bleibt eine Nummer , wird aber nie eine Klasse für sich werden ... Da ist mal wieder in einem Satz die ganze Natur wie 'n Brötchen mit 'ner Bombe belegt. Und das wundert sich, daß es von der Welt eingekreist war! Unruh der nun schon etliche Jahre, mit etwas Zuckerkandl bestreut, dem deutschen Publikum mundet, gehört zu den Weltumarmern, spricht aus, was ist, nennt eine Katze eine Katze, sagt zu Barbusse »Barbusse!«, ohne daß Barbusse, schwer leidend, »Unruh!« sagt, und vertritt speziell gegenüber Frankreich, wo man der Anschauung zuneigt, daß »le style c'est l'homme«, den Standpunkt, daß der Mensch auch dann gut sei, wenn der Stil schlecht ist. Aber es gibt nun einmal ein Schmocktum, dem sich das Wort überhaupt erst von diesem Stammler eines neuen Weltgefühls herschreibt, eines Weltgefühls, dessen Erhabenheit nur von den Maßen einer Impotenz übertroffen wird, die im Ausdruck des alten Weltgefühls allerdings deutlicher in Erscheinung träte. Viel zur Bildung dieser geistigen Glorie hat unstreitig das Kriegsleid beigetragen, das Herr von Unruh durchzumachen hatte, nur daß eben die tiefere pazifistische Erkenntnis aus der menschlichen Teilnahme auch zu der Verdammung eines Kriegswesens gelangen müßte, welches nicht nur so viele abscheuliche Literaten des Blutdurstes ermöglicht hat, sondern auch die Dilettanten der Menschenliebe erzeugt und so vielen Opfern die literarische Amnestie erwirkt hat. Man kann aber auf die Dauer weder das Martyrium im Krieg, das ja Millionen gemeinsam war, noch die anständige Gesinnung während der Revolution als geistigen Maßstab aufrechterhalten und einmal müssen selbst in der Beurteilung der pazifistischen Dichter die Friedenswerte wieder zur Geltung kommen, auf die Gefahr hin, daß man den zartesten Gefühlen jener Romain Rolland-Seelen nahetritt, die ohnedies zumeist identisch sind mit den abgedankten Barden des Kriegspressequartiers, und ohne Rücksicht auf die Wallungen der Zuckerkandl, die, wenn man sie nach ihrer Ansicht über Goethe befragt, wie eh und je zu deklamieren anfängt, daß über allen Gipfeln Unruh ist. Ich aber meine: unter der Kanone! In seinem »Reisetagebuch« beschreibt er den deprimierenden Eindruck vom Milieu der Deutschen Botschaft in Paris, und es mag schon so sein, daß diese zwar wieder hörbar ist, aber eben aus ihr sich der Umstand erklärt, daß der Welt der Glaube fehlt. Ich stelle mir den gestärkten Vorhemdton auf einer Deutschen Botschaft etwa so vor wie den Stil der Kunde, die Herr Unruh davon bringt. Es ist eine überaus praktische Sache, welche in allen Lebenslagen eine zeitsparende Verbindung von Dialog und jeglicher Handlung ermöglicht, die die sprechende Person dabei verrichtet. – – – – Ein eleganter Haushofmeister verneigt sich : »Der Herr Botschafter warten schon«. – – »Aber«, wischt sich der Freund das Brillenglas rein , »ich habe es wieder erhalten«. – – »Bitte«, verbeugt sich der Botschafter vor Victors Frau – – und »bitte, bitte, kommen Sie doch«, nötigt er uns . – – »Gnädige Frau«, verneigt sich abermals der Botschafter vor der Dame , ihr rechts neben sich den Platz anweisend. »Herr«, beugt er den Kopf nach links und zu uns – – »Sind Sie«, erwache ich, als der Botschafter der Frau Salat, Sardinen und gelbklebrige Mayonnaise auf den Teller legt , »mit Ihren Einkäufen zufrieden? – –« Victor, mit einem Salatblatt kämpfend, lenkt ab : »Wie schön Ihr Garten ist, Herr Botschafter.« »Nicht wahr«, winkt der Botschafter dem Haushofmeister, der darauf den Sekt in die Gläser schäumt , »der Garten ist schön! Man vergißt die Stadt.« – – »Weil bei uns«, pafft der andere Herr in die Luft , »jeder gleich ein Gedankensystem erfinden will –« »Das ist unser unausrottbarer Trieb zum Ideellen«, leert der Journalist seine Mokkatasse , »wir sind eben immer noch sehr unamerikanisch –« »Nun«, tritt ein Ministerialdirektor zu mir , »wollen Sie sich nicht setzen oder«, rückt er sich vorm Spiegel die Krawatte korrekt über den Kragenknopf , »sind Sie nicht zufrieden mit uns?« – – »Was machst Du für ein trauriges Gesicht?« folgt mir Victor . – – »Gewiß«, kauft er noch ein paar Gazetten , »und das Essen war ausgezeichnet! – – Außerdem entscheiden die Taten.« »Die Taten?« sehe ich Victor an , »möglich, aber mir scheint, der Boden müßte anders bestellt sein, aus dem Taten wachsen könnten, wie ich sie ersehne fürs Volk.« »Weltverbesserer!« ruft Victor ein Auto und trennt sich von mir . »Zuckerkandl, euer Fläschchen!« haue ich Unruhs Reisetagebuch um die Erd'. Moissi empfängt mit »eingebundenem Hals«, sie liegt im Bett, der Inhalationsapparat steht daneben, aber die der Schönheit und Sehnsucht restlos hingegebene Persönlichkeit wirkt stark und rein. Und die Überzeugung wird geweckt, daß hier hohe Künstlerschaft der lautersten Quelle entspringt: Edlem Menschentum. Das spielt sich in jeder Saison einmal ab, wie alljährlich so auch heuer, selbstredend kommt er von Moskau, wo sie bekanntlich bloß Revolution gemacht haben, um das Theater zu entfesseln, und dies, um Moissi an Moskau zu fesseln. Als gebranntes Kind fällt er aber nur ein künstlerisches Urteil, welches »durchaus nicht geeignet ist, irgendwie politisch umgewertet zu werden«. Das Gespräch umfaßt, wie es sich gehört, nicht nur die Eindrücke, sondern auch die Zukunftspläne, die er natürlich nicht macht, weil es doch gewöhnlich anders kommt, was aber weder den Interviewer hindert, nach ihnen zu fragen, noch Herrn Moissi, sie zu machen. Unstet wie er ist, plant er im Kaukasus zu spielen, vielleicht aber auch in der Schweiz und sogar in Deutschland. Auch wegen einer Gastspielfahrt durch Amerika schweben Verhandlungen. Er will sich zunächst in Wien niederlassen, wo er sein neues Heim beziehen wird, er freut sich sehr darauf, wiewohl er »den Besitz im allgemeinen nicht als erstrebenswertes Glück« empfindet, nur im besondern. Was sich in ihm dagegen sträubt, »muß wohl ein Rest vom alten Wanderkomödianten- und Vagantenblut sein«. Wahrscheinlich. Moissis Augen leuchten während des ganzen Gesprächs, so daß auch bei hereinbrechender Finsternis gespart werden kann, was beim Hotelzimmerpreis immer im Voraus berücksichtigt wird. Von neuen künstlerischen Aufgaben reizt ihn außer dem Sigismund in Calderons »Leben ein Traum«, den ihm Herr Hofmannsthal bearbeitet – er hat ihm bereits »die drei ersten Bilder vorgelegt« –, der »Timon von Athen«, den ich bearbeitet habe, ohne aber Herrn Moissi etwas vorzulegen. Freilich könnte ich auch den Ansprüchen, die Herr Moissi an Shakespeare stellt, nicht gerecht werden: Beim Timon erscheint mir die Motivierung für des Helden phantastische Menschenverachtung doch ein wenig zu schwach . Die letzten Szenen dieses Stückes sind wohl das größte, was Shakespeare geschrieben hat, auch hier hoffe ich auf einen neuen Bearbeiter. Ich kann Herrn Moissi in dieser Hoffnung nur bestärken und freue mich immer, wenn ich sehe, wie diese neuen Theaterleute, insbesondere Herr Reinhardt, sich ihr Repertoire von meinen Vorlesungsprogrammen befruchten lassen, wobei ich nie zögere, mich zu revanchieren und den Aufführungen gleich wieder nachzuhinken, damit doch ein Vergleich möglich sei. Ich würde Herrn Moissi für die Bearbeitung des »Timon« zu Beer-Hofmann raten; von dem er wie alljährlich so auch heuer spricht, nicht ohne daß seine Augen leuchten; wiewohl dieser vielleicht nicht imstande sein wird, die Menschenverachtung des Helden besser zu motivieren. Wenn sich aber Herr Moissi zu diesem Zweck entschließen könnte, die Gastfreundschaft des Timon ein wenig mit Figuren aus den Berliner und Wiener Kunstmilieus zu beleben und als Maler etwa Herrn Oppenheimer und als Dichter Herrn Salten auftreten zu lassen, dann brauchte er überhaupt keine Bearbeitung. Von sonstigen künstlerischen Plänen verrät er noch, daß er Ende März in Wien einen zweiten Vortragsabend »zu volkstümlichen Preisen« geben wird. Der erste litt an deren Unvolkstümlichkeit, war aber trotzdem ganz gut besucht, weil die Unvorsichtigkeit, an demselben Abend, wo im gleichen Hause der »Talisman« vorgelesen wurde, zu sprechen, ein wenig durch den Abfluß der Leute wettgemacht wurde, die eine der beiden Kassen geschlossen fanden und darum mit der andern vorlieb nahmen. Wogegen ich in keinem Falle das geringste einzuwenden habe, während ich umgekehrt auf Besucher verzichten würde, die ich bloß der zeitlichen und lokalen Gelegenheit zu verdanken hätte und etwa dem Wunsche, Herrn Moissi zu hören. Der Wiener Literatur aber würde ich empfehlen, den Glücksfall eines solchen Zusammentreffens eigens herbeizuführen, dann würde es gewiß nicht mehr geschehen, daß zwei Grenadiere herumgeistern und nicht wissen, wo sie ihr müdes Haupt zur Ruhe betten sollen. Ein Gespräch mit Moissi ist immer interessant. Es hat zwei Formen. Die eine gestaltet sich, wenn der Interviewer ihn zufällig im Hotelvestibül trifft, wo husch husch die kleinen Mädchen schwirren: da ist er allegro wie die eine Palpiti, »ganz das italienische Feuer«. Trifft man ihn aber auf dem Zimmer und liegt die Dame im Bett, so ist er mehr Russe, die Züge sind leidverklärt, er hat einen Fedja verschluckt, verzichtet auf den Besitz, den er demnächst beziehen wird, und reines Menschentum entfaltet sich vor den Augen des Interviewers. Immer aber, da und dort, muß es wohl ein Rest vom alten Vagantenblut sein. »Und dabei« – lebt er in Italien oder stirbt er in Polen, was liegt daran – leuchten Moissis Augen in alle Fernen, so als ob die ganze Welt gerade groß genug wäre, ihre Heimat zu sein. Und das Licht leuchtet in der Finsternis. De lege ferenda Ein achtzehnjähriges Mädchen kam um drei Uhr morgens nach Hause, es gab Vorwürfe, Streit, Aufregung, sie wollte sich mit Gas töten, durch das sie die Schlafenden gefährdet hat, und wird zu drei Tagen Arrests verurteilt, mit jener Bewährungsfrist, die eingeführt ist, damit die Richter Zeit haben, über ihre Urteile nachzudenken, die sie aber ungenützt verstreichen lassen. Dem Urteil ging eines voran, das für die Beurteilung des Richters einen erschwerenden Umstand bedeutet: Der Richter Landesgerichtsrat Dr. Schedy hielt der Angeklagten, die ihre Aufregung schilderte, vor: Ihre Aufregung glaube ich Ihnen. Sie haben für Ihr Nachtschwärmen aber Strafe verdient ! Freilich wäre eine Stockstrafe für Sie angezeigter gewesen. Was haben Sie sich denn gedacht, als Sie nach Hause kamen? Man werde Ihnen eine Belohnung geben? – Die Angeklagte blieb still. – Richter: Sehen Sie ein, daß Sie ein Unrecht begangen haben? – Angekl. (leise): Ja. Alles natürlich nur de lege ferenda, wonach Nachtschwärmen ein Delikt und für dieses Stockstrafe eingeführt sein wird. Solange aber die Herren dafür angestellt sind, nach einem schon gegebenen Gesetz, das ja barbarischen Ansprüchen hinreichend entgegenkommt, zu urteilen, ist es immer wieder verdrießlich, sie aus ihrer Weisheit schöpfen zu sehen und goldene Worte sprechen zu hören, für die man keinen Stüber gibt. Höchstens einen solchen, der die gelindeste Antwort auf den Einfall ist, einem erwachsenen Mädchen mit einem Schilling zu drohen. Ein Unhold haust im 8 Uhr-Blatt, ich habe rechtzeitig gewarnt. Er plaudert, aber er ist unheimlich. Jetzt ist es zu spät. Jetzt schreibt er über ein Hotelabenteuer – worüber denn sonst –: – – Er durchwühlte die Kleider. Vergeblich. Er fand nur ein Zettelchen. Kein Liebesbriefchen. Ein Miniaturbittgesuch. Ein Liliputschnorratorium . Es ist derselbe Mensch, von dem das Wort »Bekotelletete« stammt. Und die Polizei weiß wieder einmal von nichts. Mai 1925 Reiflich Erwogenes * Die Prothese gestohlen . Ein Dieb hat am 3. d. dem Straßenmusikanten Johann Weininger, Meiselstraße wohnhaft, in der Branntweinschenke, Alserstraße Nr. 7, die Fußprothese, einen Lederfuß im Werte von 300 Schilling, gestohlen. Den Krüppel trifft der Diebstahl ungemein schmerzlich, da er ohne die Prothese ganz hilflos ist. Den Diebstahl begangen zu haben, ist ein Invalide verdächtig. Sie sind bloß am Weltkrieg schuld Auf seine alten Tage verleugnet Herr Georg Brandes den Schoß, dem er entstammt, und ist sogar zu einem Hinauswurf von Interviewern entschlossen, denen er vorher Rede und Antwort gestanden hat. Seine Stellung zur Presse ist nunmehr am treffendsten so formuliert: Auf eine Frage stellt Brandes fest, daß er in seinem Berliner Vortrag nicht gegen die Presse im allgemeinen gesprochen habe, sondern nur gesagt, daß ohne Presse der Weltkrieg undenkbar sei . Er hat also gar nichts gegen die Herren, sie sind bloß am Weltkrieg schuld. Aber da kann ich alter Überschätzer der Presse nur mit der bündigen und in allen Lebenslagen gültigen Frage antworten: Wem sagen Sie das? ... Und er sagt es den Herren von der Presse. Oktober 1925 Ein teuflischer Plan 40 Jahre Fiakerlied . Die ›Reichspost‹ wird um Aufnahme des folgenden Aufrufes ersucht: Am 24. d. jährt sich zum 40. Mal der Tag, an dem Alexander Girardi anläßlich eines großen von Fürstin Metternich zur Jahrhundertfeier der Wiener Fiaker für die Rettungsgesellschaft veranstalteten Wiener Volksfestes in der Rotunde zum erstenmal das »Fiakerlied« sang. Die »Gesellschaft zur Hebung und Förderung der Wiener Volkskunst« begeht den Vorabend dieses Wiener Gedenktages durch eine große Veranstaltung in Weigls Dreherpark und bittet alle Wiener, den Etablissementsbesitzerverband, den Verband der Lichtspieltheater, den Musikerverband, die Internationale Artistenorganisation, die Kapellmeisterverbände, den »Zwölferbund«, den Bund der Berufssänger, die Schrammelmusiker- und -sängerorganisation, alle sonstigen Musiker und Sänger, am 23. d. um 9 Uhr zur Feier des Tages in allen Wiener Familien, in allen Etablissements und Kinos das »Fiakerlied« zu spielen und zu singen . Der Gottesfrevel ist auch in der Reichspost im Druck hervorgehoben, wird also von ihr offenbar begünstigt. Man hat keine zuverlässigen Berichte darüber, ob er vollbracht ward. Aber es ist anzunehmen, daß doch in manchen Wiener Familien damals Schlag 9 das Fiakerlied nicht gesungen wurde, da dieses Sodum bis auf den heutigen Tag stehen geblieben ist. Schließlich ist ja auch zu vermuten, daß etliche Wiener Familien durch Verluste im Weltkrieg noch heute so berührt sind, daß sie der Stolz auf zwa harbe Rappen nicht hinreichend entschädigen könnte, und andere wieder schon so weit saniert, daß ein am Graben stehendes Zeugl ihre Phantasie vergebens anregen würde. Eigentlich war aber die faktische Durchführung schon darum nicht nötig, weil der Eindruck, in einer Idiotenanstalt zu leben, auch an solchen Tagen hinreichend stark ist, wo kein Jubiläum des Fiakerliedes gefeiert wird. Der Ausländer versuche sich jedoch vorzustellen, daß ich in einer Stadt wirke, in der auch nur der Plan gefaßt wurde, daß zu einer bestimmten Minute sämtliche Eingeborenen das Fiakerlied anstimmen. Nicht wahr, da staunt der Fachmann und es verwundert sich der Leiermann! Wäre es geschehen, in solcher Nacht hätte sich kein Stern am Himmel gezeigt und ich hätte mich, durch die Straßen irrend, mit einem stillen Kusch zu den Fenstern empor begnügt. Im Namen Girardis! Ganz wie ich zu tun gewohnt bin, wenn ich nach viertelstündigem Schlaf von der vorbeiziehenden Wehrmacht mit dem Fußmarsch getreten werde, den sie, eingedenk der Lorbeerreiser, beibehalten hat und durch keine Weltkatastrophe sich abringen ließe. Aber daß es Krieg und Revolution geben würde, damit die Metropole des Verderbens das Fiakerlied anstimmt, das hatte einer doch nicht reiflich erwogen. Und bedenkt man dazu, daß Text und Musik dieses bodenständigen Liedes von einem Juden stammen, dann mag man erst ermessen, was da die Reichspost einer Bevölkerung angesonnen hat, die schon durch die Abhaltung des Zionistenkongresses unausdenkbare Schmach erleiden sollte. Troglodytisches In einem Flugblatt »Rassenverschlechterung durch Juda« (1. Auflage für Deutschösterreich, 128. bis 178. Tausend), mit dem Vermerk »Weitergeben!«, wird aus dem Buche »Entdeckung der Seele« von Professor Dr. Gustav Jäger, offenbar dem Manne, der durch die Erfindung der Jäger-Wäsche der deutschen Nation etwas Praktisches geschenkt und infolgedessen viel über Ausdünstung nachgedacht hat, der folgende Brief eines Fachkollegen an ihn zitiert: Von Jugend auf hatte jeder Jude für mich einen absonderlichen, wenn auch nicht immer unangenehmen Duft und als Junge bekam ich manches Kopfstück, wenn ich ganz ungeniert Besucher unseres Hauses frug, ob sie auch Juden seien? Diese Erfahrung, die die erwachsenen Rassenforschler leider nicht machen, hielt ihn jedoch nicht ab, seinen Geruchsinn auszubauen und zu vertiefen: Später erkannte ich durch den Geruchsinn auch solche Personen, welche entweder durch Kreuzung oder durch Spiel der Natur nichts weniger als Juden gleichsahen, die auch niemand im entferntesten dafür hielt, ja, die es vielleicht kaum selbst mehr wußten, daß sie jüdischer Abstammung seien, oder doch nichts davon wissen wollten. 1847, als ich Pio nono in Rom den Pantoffel küßte , war ich der erste, der des Papstes hebräische Abstammung behauptete – die er 1861 selbst den Gebrüdern Cohn aus Lyon gegenüber zugestand –, und ohne daß ich es wußte, daß Kardinal Consalvi schon längst gesagt: ›E un ebrco!‹ Das Flugblatt, von der »Nationalsozialistischen deutschen Arbeiter-Partei« I. Elisabethstraße 9, also in einem österreichischen Regierungsgebäude verfaßt, enthüllt noch den Plan der im Auftrag des internationalen Judentums handelnden Franzosen, durch die Verwendung farbiger Truppen im Rheinland und im Ruhrgebiet eine Schändung, Schwächung und Bastardierung der deutschen heldischen germanischen Rasse herbeizuführen, und schließt mit der Aufforderung: Die geschändeten Mädchen sollten sich durch freiwilligen Tod für das deutsche Volk opfern. Gewünschter Opfertod ist der Germanin erspart geblieben, deren Abenteuer gelegentlich des Zionistenkongresses in der deutschösterreichischen Tageszeitung) (auch »Dötz« genannt) packend geschildert wird. Also ein Dötz-Zitat: Männer, hütet eure Frauen! Man schreibt uns: Sie veröffentlichten vor einigen Tagen unter dem Titel »Mütter, hütet Eure Kinder«, eine Mahnung, man solle auf seine Mädchen achten, damit sie nicht den grauslichen Wüstensöhnen , welche der Osten in diesen Tagen über unsere Vaterstadt ausspeit, zum Opfer fallen. Aber auch auf die Frauen müssen wir acht geben! Ich beobachtete in der Badener Elektrischen eine lehrreiche Begebenheit: War da ein weißbärtiger Ostjude in Begleitung eines zweiten, der eine krummnasig, der andere stumpfnasig. Wovon sprachen die beiden Hebräer –von e Prozeß. Und als sie hierüber genug gemauschelt hatten, setzte sich der Stumpfnasige ins Nichtraucherabteil und der Krummnasige ins Raucherabteil. Dort saß eine Frau in der Blüte der Jahre, zwischen 30 und 35, mit einer Gestalt , wie man sie jetzt wenig findet, üppig, groß, mit einem Wort, der Typ einer Arierin . Der geile, weißbärtige Jude fixierte sie und setzte sich dann in ihre Nähe. Ich beobachtete gespannt, was nun kommen wird . Es vergingen keine vier Minuten, hatte er sie schon angesprochen. Die Frau wurde purpurrot, und hatte so viel Ehrgefühl, auf die Ansprache dieses Halbmenschen nicht zu reagieren. Als er sah, daß ich gespannt hinblickte, da zog er es vor, sich zu seinem Stammesgenossen ins andere Abteil zu begeben. Daher Männer , hütet Eure Frauen! Auf daß sie nicht eine Beute dieser geilen Judenherde werden. Aber was nützt alle Vorsicht, entweder hat eine Ehrgefühl im Leib: dann kann ihr ein ganzer Kongreß von Zionisten nichts anhaben, oder ein anderes Gefühl: dann könnte die Obhut doch nur mechanisch verhindern, daß die Arierin, mit einer Gestalt, wie man sie jetzt wenig findet (folgt Gebärde in die Richtung des sogenannten Busams), den Wüstensohn als Oase empfindet und den Halbmenschen dem Vollgermanen vorzieht. Was tut Wodan, ist sie imstand, einen Zionistenkongreß interessanter zu finden als die Vereinssitzung der Cherusker in Krems, und Homolatsch, der Ehrenfeste, säße belämmert da, nachdem er sein Haussprüchlein vorgebracht: Mein deitsches Weip – mein Heim – mein Kind – Mir das Liebste – auf Erden – sind. Wodanseidank ist die Gefahr vorüber. A Hur war's Graz, 28. April. Der 40jährige Polizeikommissär Dr. Alois Hampel hat sich vor dem Schöffengericht zu verantworten. Er wurde beschuldigt, sich in sehr vielen Fällen Prostituierte, mit denen er amtlich zu tun gehabt hatte, durch Drohungen gefügig gemacht zu haben. Wiederholt, wenn Polizeiorgane eines der umherstreifenden Mädchen beanstandeten, wurde von diesen in dunklen Andeutungen auf Dr. Hampel verwiesen. Diese Gerüchte verdichteten sich immer mehr und schon wurde dem verdächtigten Kommissär nahegelegt, selbst die Anzeige zu erstatten. Er tat das jedoch nicht, was von der Anklage mit als Beweis für seine Schuld geführt wird. Schließlich mußte, da die Anwürfe immer bestimmter auftraten, von Amts wegen gegen den Polizeikommissär eingeschritten werden. Die Untersuchung bei der Polizei ergab sofort so viele Verdachtsmomente, daß Dr. Hampel vom Dienste suspendiert werden mußte. Heute war er wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt und wegen Verführung zur Unzucht von Personen, die ihm anvertraut waren, angeklagt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Die Anklage wirft ihm vor, er habe nachweislich in neun Fällen die Verbrechen, deren er beschuldigt ist, begangen, und zwar habe er den Mädchen, die entweder vorgeladen oder auf seinen Befehl aus der Polizeihaft vorgeführt wurden, zuerst auseinandergesetzt, daß von seinem Ermessen allein eine milde oder strenge Bestrafung abhänge, und sie auch mit dem Arbeitshaus bedroht, wenn sie ihm nicht zu Willen seien. Die so eingeschüchterten Mädchen habe er dann auf den Schoß genommen, sie unsittlich berührt, mit mehreren direkten Verkehr gepflogen und sie zu Perversitäten gezwungen. Das alles habe er in seinem Dienstzimmer getrieben. Die Anklage fuhrt dann neun Namen von Mädchen an, die auf diese Weise von Dr. Hampel behandelt worden sein sollen und heute als Zeuginnen geladen sind. Der Angeklagte leugnet und erklärt sich als Opfer der Rachsucht der Prostituierten. Einige der Zeuginnen sind nicht erschienen, weil sie wegen Geschlechtskrankheiten im Spital liegen. Trotz der schweren Belastung sprach das Schöffengericht den Sittenkommissär frei, da es den Aussagen von Prostituierten nicht Glauben schenken könne. Also eine kleine Aufmerksamkeit zum Geburtstag des Verfassers von »Sittlichkeit und Kriminalität«, der sich ja schon immer vorgestellt hat, daß die steirische Themis eine Binde vor dem Kropf trägt. Aber so sympathisch hatte ich mir die Dame doch nicht gedacht. Der Grazer Sittenkommissär – denn man hat Revolution gemacht, um diesen Beruf dem Vaterland zu erhalten – ist angeklagt, seine Amtsgewalt gegenüber Prostituierten mißbraucht zu haben. Anders kann er ja seine Amtsgewalt gar nicht mißbrauchen als durch den Gebrauch der Prostituierten, da eben nur Prostituierte seiner Amtsgewalt unterstellt sind. Zeugen für diesen Mißbrauch der Amtsgewalt können wieder nur Prostituierte sein, da sich solcher Mißbrauch der Amtsgewalt nur vor jenen zu begeben pflegt, an denen er begangen wird, also vor den Prostituierten. Da man aber Prostituierten keinen Glauben schenken kann, so können Sittenkommissäre weiterhin Mißbrauch der Amtsgewalt begehen. Sie können aber auch, wenn außer ihrer eigenen Aussage keine andere Zeugenschaft dem Schöffengericht zur Verfügung steht, wo sie möglich wäre: ausgeraubt und überhaupt die Opfer aller sonst strafbaren Delikte werden; wenigstens in Graz. Denn zwischen den Leitmeritzer Geschwornen, die einst den Mörder einer Prostituierten wegen Übertretung des Waffenpatents verurteilt haben, und den Grazer Schöffen, dehnt sich ein schönes Stück Kulturwelt, zwischen damals und heute hat sich nichts zugetragen als ein Weltkrieg und eine Revolution, und ein Ruf wie Donnerhall braust ungeschwächt durch veränderte Zeiten und Staaten: A Hur war's! Aus einem Dr ... blatt Sein Urteil war so drastisch, daß man es wörtlich kaum wiedergeben kann . Er sagte, die Maschin sei ein Dr ... Und wenn man ein Preisrätsel ausschriebe, kein Mensch würde erraten, daß diesen Akt von Selbstüberwindung die – ›Stunde‹ getätigt hat. (Der Gedankenstrich müßte von rechtswegen so lang sein, daß sämtliche Prostituierten Wiens Platz fänden.) Was mag das Dreckblatt nur angewandelt haben? Ich könnte mich nicht so zusammennehmen! Die Antwort paßt nicht! Gleich neben dem Vergleich Reinhardts mit Goethe war zu lesen: » Die Antwort paßt .« Goethes Zorn konnte nicht mehr erregt werden, als wenn ein Schauspieler während der Probe die Rolle, die er gelernt haben konnte und sollte, ablas. Als Unzelmann mit der Rolle in der Hand probierte, rief Goethe aus dem Dunkel des Parketts, in dem er sich aufhielt: »Ich bin es nicht gewohnt, daß man seine Aufgabe abliest!« Unzelmann trat an die Rampe, entschuldigte sich: seine Frau sei krank gewesen, und er hätte mehrere Tage nicht lernen können. Goethe antwortete, hartnäckig-widerwillig, darauf: »Der Tag hat vierundzwanzig Stunden, die Nacht mit eingerechnet.« Unzelmann: »Ew. Exzellenz haben vollkommen Recht! Aber wie der Staatsmann und der Dichter seiner Nachtruhe bedarf, so auch der arme Schauspieler.« Starre Angst über die entschiedene Anklage unter allen Mitgliedern. Kurze, bedeutungsschwere Pause, dann Goethes ruhige Stimme: »Die Antwort paßt! Weiter!« Wenn es überhaupt wahr ist, so ist es von Reinhardt. Denn man kann schwerlich annehmen, daß Goethe sich von der Logik des Schauspielers verblüffen ließ, von dem er doch nur verlangt hatte, daß er zur Leistung und nicht zur Fortsetzung der Berufsarbeit die Nacht zu Hilfe nehme, also nicht, daß er nach einem Arbeitstag noch die Nachtruhe opfere. Goethe hätte replizieren müssen, daß auch der Staatsmann und der Dichter, wenn sie am Tag durch Privatangelegenheiten verhindert waren ihre Arbeit zu leisten, sie eben des Nachts leisten müßten; denn sonst hätte sein Vorwurf an den Schauspieler überhaupt keinen Sinn gehabt. Nur wenn Goethe von diesem die Fortsetzung des Rollenstudiums über den Tag hinaus verlangt hätte, hätte die Antwort gepaßt. Da dies nicht der Fall war, wäre die passende Antwort gewesen, sich, ohne Berufung auf den Beruf, mit menschlichen Argumenten, mit der plausiblen Müdigkeit und Arbeitsunfähigkeit nach geleisteter Krankenpflege oder mit dem benommenen Gemütszustand zu entschuldigen. Denn nicht der »arme Schauspieler« hat der Nachtruhe bedurft, deren Berechtigung ja nicht erst verteidigt werden mußte, sondern der Mensch und Gatte. Es ist also zu vermuten, daß sich der Vorfall auf einer Probe im Josefstädter Theater abgespielt hat, und die Goethische Färbung des Ausspruchs erklärt sich hinreichend aus der bekannten Wesensverwandtschaft der beiden Theaterdirektoren. Ich hüte mich einfach aus dem Grund, einer dortigen Shakespeare-Aufführung – denn der Gereifte findet ja hin und wieder zu Shakespeare zurück – beizuwohnen, weil ich bei solchen Gelegenheiten zu zischen pflege und nicht riskieren will, daß mir aus der Direktionsloge der Ruf entgegentönt: »Man schweige!« Diese Antwort würde mir schon gar nicht passen. Das Sittlichkeitsverbrechen New-York, 11. August. (Tel.-Komp.) In dem Badeort Exzelsior Springs stürmte vorgestern eine Menschenmenge von etwa tausend Personen ins Gefangenhaus, überwältigte die Wärter und schleppten den jungen Neger namens Walter Mitchell heraus, welcher am Tage vorher an einem weißen Mädchen ein Sittlichkeitsverbrechen begangen hatte. Der Neger wurde geteert, gefedert und rittlings an einer Stange durch die Straßen der Stadt geschleppt, um schließlich an einem Baum auf dem Hauptplatz der Stadt gehenkt zu werden. Die Erker des vornehmen Badehotels auf dem Hauptplatz waren während dieses Schauspiels von einer großen Anzahl reicher Badegäste besetzt, die dem Akt der Lynchjustiz behaglich zuschauten . Es kann natürlich auch vorkommen, daß ein Neger ein Sittlichkeitsverbrechen an einem weißen Mädchen begeht wie umgekehrt auch ein Weißer an einer Negerin. Aber selbst wenn dies der Fall war und nicht, wie es häufiger der Fall ist, ein Sittlichkeitsverbrechen vorliegt, das eine Weiße von einem Neger begehen läßt, so dürfte es wohl kaum an das Sittlichkeitsverbrechen des weißen Pöbels hinanreichen und schon gar nicht an das der weißen Hautevolée, deren weiblicher Teil mit der Lust des Grausens auch seine Eifersucht befriedigen konnte. In Ozeanweite von solchem Mißwuchs der Natur, empfindet man doch das Unlustgefühl, mit ihm die Luft desselben Planeten zu atmen, und kann die Generallynchung einer von Giftgasen erhaltenen Zivilisation durch eine naturüberlegene Rasse gar nicht mehr erwarten. Also sprach Keyserling »Die bloße Tatsache des Lebens ist überall dieselbe sowie die 25 Buchstaben des Alphabets. Wert oder Unwert hängt davon ab, ob man mit diesen 25 Buchstaben den »Faust« schreibt oder Unsinn redet.« 1926 April 1926 Pfleget den Fremdenverkehr ( Fremdenverkehrsförderung durch Schulkinder. ) Das Fremdenverkehrskomitee im Gremium der Wiener Kaufmannschaft hat gestern unter Vorsitz des Vizepräsidenten Kommerzialrates Bittmann nach einem ausführlichen Referat über Fremdenverkehrsförderung durch Sekretär Dr. Paneth beschlossen, den Stadtschulrat für Wien zu ersuchen, in den Schulen Fremdenverkehrstage ein zuführen . Aus Anlaß dieser Tage hätten die Lehrpersonen die Schulkinder aufmerksam zu machen, wie sehr eine Förderung des Fremdenverkehres im Interesse des Wohlstandes jedes einzelnen, also auch in letzter Linie der Lage der Schulkinder ist . Die Schulkinder seien in der Lage , den Fremdenverkehr dadurch zu fordern, daß sie Fremden bereitwilligst Auskünfte geben und so dazu beitragen, daß jeder Besucher Österreichs gern an seinen Aufenthalt in Österreich zurückdenkt. Ich freue mich immer, wenn meine Satire, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war, zur Wirklichkeit heranwächst. Es könnte doch keine Absurdität geben, die dieses absurde Land auf meine Weisung nicht zu liefern bereit wäre. Ja, die Förderung des Fremdenverkehrs, auf die »aus Anlaß dieser Tage« die Lehrpersonen die Schulkinder aufmerksam machen sollen, ist im Interesse des Wohlstandes jedes einzelnen, »also auch in letzter Linie der Lage der Schulkinder«, in der sie sind, ihn zu fordern. In erster Linie aber wird sie zur Verhinderung der deutschen Sprache beitragen, damit die Kleinen, wenn sie den Fremdenverkehr gelernt haben und dereinst ins Leben hinaustreten, im Fremdenverkehrskomitee sitzen und auch so schöne Beschlüsse fassen können. Ob die Fremden an ihren Aufenthalt in Österreich mit besseren Gefühlen zurückdenken werden, wenn die Wiener Schulkinder ihnen bereitwilligst Auskünfte erteilen, um die sie sie kaum angehen dürften, mag dahingestellt bleiben. Offenbar ist geplant, sie beim Betreten des Stock-im-Eisen-Platzes von einer Gruppe attakieren zu lassen, gleich jener, die den Betrachter des Kreidefelsens auf Rügen mit dem gräßlichen Chor erwartet: »Soool ich Ihnen die Sage vom Herthasee erzählen?«, worauf sich der Gast mit Grausen wendet, entschlossen, nie wieder den Fuß auf den Boden dieser schönen, aber unwirtlichen Insel zu setzen. Man muß es einmal dem von einer fixen Idee paranoisch besessenen Österreicher sagen: die Fremden kommen deshalb so spärlich nach Österreich, weil sie hier auf Schritt und Tritt von den Bestrebungen zur Hebung des Fremdenverkehrs belästigt werden und weil ihnen halt gar so wenig außer dieser Zerstreuung geboten wird. Sollte jedoch Österreich trotzdem einmal seinen Fremdenverkehr haben, so wird ja noch immer nicht Ruhe sein. Denn was fängt die Dementia paranoides an, wenn man ihr die Idee entwindet? Ich habe in meinem von Patienten aller Richtungen umstellten Leben ganz entsetzliche Beispiele dieser Art erlebt. Wenn man bedenkt, was dann der Österreicher alles anfangen könnte, so ist es immer noch besser, der Fremdenverkehr hebt sich nicht, damit jener an seiner Hebung fortwirken könne. Juni 1926 Es genügt nicht, alt zu sein um gescheit zu werden, lautet der Gedanke, den der Präsident der Concordia, der auch Verse macht, durch ein spitzes Epigramm ausgedrückt hat, in einer Reihe von Strophen, betitelt »Alt und Jung«, in denen er das ihm am Herzen liegende Problem gestaltet, daß man mit der Zeit zu gehen und mit der Jugend fortzuschreiten habe: Wenn es genügte hier auf Erden, Alt zu sein, um gescheit zu werden, So wäre die Schildkröt' der weiseste Mann, Weil sie zweihundert Jahre alt werden kann. Hier ist der Beweis insoferne durchaus gelungen, als noch niemand eruiert hat, ob nicht die Schildkröt', die zweihundert Jahre alt werden kann, unter ihren Artgenossen in der Tat die weiseste Schildkröt' ist und ob sie nicht sogar weiser ist als ein Journalist, wenn er zweihundert Jahre alt würde, während unzweifelhaft feststeht, daß sie auch dann noch immer nicht »der weiseste Mann« wäre. Die Zoologie hat ihr Alter feststellen können, aber auf den Grad ihrer Weisheit bisher nicht einmal aus dem Umstand geschlossen, daß sie keine Epigramme macht und gegen die Preßgesetzreform eine mehr zuwartende Haltung einnimmt, gleichmütig und gepanzert gegen jede Drohung, mag sie nun von einem Gesetz gegen Erpressung ausgehen oder vom Erpresser. Eine schöne Erinnerung auf der das deutsche Auge wohlgefällig ruht, erscheint jetzt in einem deutschen Buch, von einem Geheimen Rat und einem offenen General der Infanterie, betitelt »Der deutsche Kronprinz, ein Stück Weltgeschehen«, angekündigt als »das Buch des ehrlichen Historikers und des unbestechlichen Militärs, ein Buch für Wahrheit und Wahrhaftigkeit«: Der Kaiser, Fürst Fürstenberg und der österr.-ung. Militärbevollmächtigte im Manöver Es dröhnt von der Lachsalve. Links das gekrönte Monstrum, das sein eigener Hofnarr war; in seiner Stimme wiehert ein Schlachtroß, heult ein Werwolf. In der Mitte der liebe Schneck von Donaueschingen, von der Quelle des Nibelungenstroms: die beiden Schultern verbindend. Rechts der eo ipso verbindliche Rücken des k. k. Feschaks. Offenbar erzählt er einen Mikosch-Witz, wie ihn die Majestät geliebt hat und wofür sie zärtliche Fußtritte zu verabreichen pflegte. Schon im Manöver war's also zum Schießen. Im Weltkrieg haben sie sich dann totgelacht. Oktober 1926 Angeblich Zeugenaussagen erfolgen unter Eid, aber der Angeklagte kann sie bezweifeln. Was selbst der Angeklagte nicht bezweifeln kann, ist, daß sie abgegeben wurden. Die Zeitung des Angeklagten hat keinen leichten Stand: Im Zusammenhange mit einer solchen anonymen Anzeige wurde auch der ehemalige Generaldirektor der Nordisch-Oesterreichischen Bank, Waldegg, vorgeladen, der angeblich deponierte, daß ihm der Prokurist der Inseratenverwaltung der Kronos A. G., Harry Weller O'Brien, eine Verlängerung eines Inseratenauftrages mit dem Hinweis darauf, daß sich sonst die wohlwollende Haltung der »Börse« gegen die Nordisch-Oesterreichische Bank ändern werde, erpreßt habe. Ein zweiter Zeuge, der geschäftsführende Verwaltungsrat der Nordisch-Österreichischen Bank, van Royen, behauptete angeblich , daß nach dem Zusammenbruch der Nordisch-Österreichischen Bank Harry Weiler O'Brien spät abends bei ihm in der Wohnung erschienen sei und von ihm eine Sicherstellung für die Forderung des Kronos-Verlages, eventuell den Schmuck seiner Frau verlangt habe, mit der Drohung, daß sonst Angriffe erscheinen könnten. Hier regt sich offenbar ein Mißtrauen des Gerichtssaalberichterstatters gegen das Protokoll des Untersuchungsrichters, wenn man nicht annehmen will, daß die ›Stunde‹ ihrem Gerichtssaalberichterstatter mißtraut. Nicht allein was die Zeugen angegeben haben, sondern daß sie es angegeben haben, wird als »angeblich« bezeichnet, während »bekanntlich« das ist, was erfunden wurde oder worüber nur Gerüchtsakten bestehen. Die ›Stunde‹ kann es gar nicht glauben, daß die Zeugen so etwas über den Prokuristen des Kronos-Verlags behauptet haben sollen. Darum begnügt sie sich nicht, zu sagen, er habe angeblich erpreßt, sondern sagt, daß die Zeugen es angeblich behauptet haben. Der weitere Bericht müßte folgerichtig so lauten: Die Staatsanwaltschaft erblickt angeblich in diesen Äußerungen die Merkmale des § g8 b, über ihren Antrag wurde vor ungefähr 14 Tagen Harry Weller O'Brien angeblich verhaftet und gegen ihn die Anklage erhoben. Die Verhandlung hat angeblich heute begonnen. – – Gleich nach Eröffnung der Verhandlung kündigt der Staatsanwalt an, daß er gegen O'Brien eine neue Untersuchung wegen eines andern Faktums habe einleiten lassen. Angeblich. Dagegen scheint festzustehen, daß die Erpressung kein praktisches Resultat gehabt hat, was die ›Stunde‹ nicht ohne Bedauern vermerkt: Das betreffende Inserat , um das es sich handelte, wurde von der Nordisch-Österreichischen Bank nicht bezahlt . Die Nordisch-Österreichische Bank ist bei ihrem Zusammenbruch 75 % ihrer Inseratenaufträge dem Kronos-Verlag schuldig gewesen, von denen seither auch kein Groschen einging . Das ist allerdings ein Jammer, aber angeblich kann man trotzdem eine Erpressung begangen haben. Samariter in Wien Wenn Bühnenleute mit dem Auto jemanden überfahren, so ist es eine Pikanterie. Das prominente Schandblatt Wiens, das Selbstmorde als Zugkraft für Kreuzworträtsel erfindet, schrieb von einem Theaterdirektor, der sich hier niederlassen wollte, so ganz beiläufig, er sei früher in der Schweiz tätig gewesen, wo er »das Malheur hatte«, ein Kind totzufahren, was dann auch noch ein »Pech« genannt wurde. Das Neue Wiener Tagblatt schließt sich wie folgt an: ( Schauspieler Treßler als Samariter .) Schauspieler Otto Treßler fuhr gestern mit seinem Privatauto über die Mariahilferstraße. An der Ecke der Zieglergasse lief die 19jährige Marie S .... unvorsichtig über die Fahrbahn und direkt in das Auto hinein. Sie wurde niedergestoßen und erlitt eine Rißwunde am Hinterhaupt und eine Quetschung des rechten Knies. Herr Treßler brachte die Verletzte im Auto in die Filialstation der Rettungsgesellschaft und nachdem sie dort verbunden worden war, in ihre Wohnung, Nobilegasse Nr. 26. Es ist gewiß wahr, daß die Wiener Fußgeher die einzige Qualität, die von ihnen verlangt wird, nicht haben, nämlich gehen zu können. Während der Wiener in allen anderen Lebensverhältnissen zu paktieren gewohnt ist, schaut er auf der Straße nicht nach rechts und nicht nach links, sondern torkelt gradaus aufs Ziel los, glotzend, plauschend, zeitunglesend oder schlechtweg tramhapert. Er geht so für sich hin, um nichts zu suchen als den Tod. Man hat den Eindruck, als ob man unter lauter Selbstmörder geraten wäre, die mit allem abgeschlossen haben und denen die nächste Gelegenheit gerade recht ist. Nie und nirgend haben sie mehr Gedanken im Kopf als auf der Straße, wobei sie das Hupensignal durchaus nicht als Störung empfinden. Paris, von Wienern bevölkert, gliche des Abends einem Leichenfeld nach einem Großkampftag. In Wien müßte man von rechtswegen aussteigen und jeden einzelnen Wiener über die Straße bringen, um ihn der Gefahr zu entrücken und selbst weiter zu können, mag jener auch noch lange stehn und starren. Offenbar trifft also den Herrn Treßler, der, falls er die Tätigkeit selbst ausübt, gewiß mindestens ein so guter Chauffeur wie Schauspieler ist, nicht die geringste Schuld an dem Unfall. Aber hat er ein Verdienst daran? Hätte er die Überfahrene auch liegen lassen können? Konnte er sich, selbst ohne Mitleidsregung, dem Mißverständnis, daß er schuld sei, durch Abfahren entziehen? Immerhin ist es doch eine Selbstverständlichkeit, daß ein Automobil, dessen Lenker ja die moralische Pflicht hat, jeden auf der Landstraße Verunglückten ins nächste Spital zu bringen, den von ihm selbst Niedergestoßenen aufnimmt. »Samariter« wäre nicht einmal der intervenierende Lenker des andern Autos. Aber wenn auf einer Wiener Straße etwas geschieht, so ist es nicht das Unglück des Betroffenen, das in der Lokalchronik verschwindet, sondern der Erfolg des Täters. In Wien wird's halt eine Reklamenotiz. Und hinter ihr wird das glotzende Gesindel sichtbar, das auf der Straße die Funktion erfüllt, den Verkehr zu stören und die Hilfeleistung zu hemmen, zumal wenn der Samariter eine stadtbekannte Persönlichkeit ist. Dem Verunglückten wird höchstens manchmal die Aufmerksamkeit zuteil, daß ihm für alle Fälle das Geldtaschel abgenommen wird. Ältere Leser der Fackel erinnern sich noch an die konfiszierte Notiz über die »Hochgebornen Samariter«, die durch die weit verdienstvollere Intervention des Abgeordneten Masaryk, der mir damals gegen das Haus Habsburg beistand, parlamentarisch gerettet wurde und sofort wiedererscheinen konnte. Es war dargestellt, wie die minimale Pflichtleistung eines Erzherzogs, die kaum mehr als die höchstpersönliche Anwesenheit bedeutet hat, aus der Betrachtung einer servilen Presse als Ruhmestat hervorging, an der doch nichts bemerkenswert war als das Aufsehen und Gedränge der grüßenden Kanaille, die durch einen förmlichen Wall von Devotion die Hilfe erschwert hatte. Man wäre in einem Zustand der Traumverlorenheit gleich dem des Wiener Fußgängers befangen, wenn man wähnte, daß dergleichen in der Republik nicht mehr vorkommt. Abgesehen davon, daß ein Erzherzog seine Zugkraft beiweitem nicht eingebüßt hat – denn man könnte sich ganz gut vorstellen, daß hinter der haushohen Hoheit, wenn sie nicht in Basel lebte, die ganze Innere Stadt wie eh und je einherginge –, abgesehen von der Unveränderlichkeit in diesen Belangen besteht der republikanische Fortschritt auf der Wiener Straße in dem Stehenbleiben vor jedem Fußballer oder Filmfatzken. Die 19jährige Marie S. hat eine Rißwunde am Hinterhaupt, und wenn die Neugierde der Umstehenden dem Interesse für den Samariter und dieses endlich ihm selbst Platz gemacht hat, so fährt sein Automobil durch ein Spalier von Hochrufern zur Rettungsgesellschaft. Falls die Aktion nicht noch durch den Umstand verzögert wurde, daß Fräulein Körmendy und Fräulein Löwenstamm ihre Autographenalbums bei sich hatten. Ein feines Ohr hat Liebstöckl: Doch gewahrt das feinere Ohr nicht selten die edlere Linie des alten Burgtheaterlustspiel geistes, der Siebert, Maierhofer, Günther, Huber und Schmidt umweht . Mein stumpferes Auge würde da den edleren Ton des alten Burgtheaterlustspielgeistes, der Sonnenthal, Meixner, Hartmann, Schöne und Gabillon umweht hat, kaum gewahren. Hungerkünstler da und dort In Deutschland: Vor dem Leipziger Schöffengericht hatten sich heute der Hungerkünstler Harry Nelson, alias Reinhold Ilmer, aus Berlin, der Kaufmann Schützenbühel aus Berlin und der Wärter Bernhard Müller wegen Betrugs zu verantworten. Nelson war in Leipzig als Hungerkünstler aufgetreten und wollte fünfundvierzig Tage hungern. Am zweiunddreißigsten Tage kam auf, daß der Hungerkünstler durch längere Zeit in der Früh Biomalz zu sich genommen hatte, das ihm vom Wärter Müller im Einverständnis mit dem Angeklagten Schützenbühel zugesteckt worden war ... Nelson wurde zu zwei Jahren, zwei Monaten Gefängnis, Schützenbühel zu vier Monaten Gefängnis und Müller zu einer Woche Gefängnis verurteilt. In Österreich: In einem Bierkeller des 3. Bezirkes hungert der Hungerkünstler Fred Ellern heute den 46. Tag. Während er bisher gesundheitlich keinerlei Besorgnis erregte, haben sich gestern Herzkrämpfe eingestellt, und auch eine Untersuchung der Lunge hat zu Befürchtungen Anlaß gegeben. Aus diesem Grunde ist Fred Ellern sowohl von einem Privat- als auch von einem Polizeiarzt untersucht worden und die Polizei will heute oder morgen die Entscheidung treffen, ob der Hungerkünstler weiter hungern darf oder nicht. Die Temperatur betrug heute früh 36.4 Grad, der Puls 94 ... Es ist begreiflich, daß Ellern weniger aus Rekordgründen, als vielmehr aus materiellen Ursachen über Pfingsten durchhalten will, um sich die erhöhten Einnahmen infolge des Pfingstbesuches zu sichern. – – Die völlig verschiedene Art, wie sich da und dort die Bestialität äußert, zeigt die Schwierigkeit des Anschlusses. In Deutschland ist man gegen Hungerkünstler, die nicht durchhalten wollen, weit unerbittlicher als gegen Fürsten, die während des Weltkriegs noch ganz anderes zu sich genommen haben als Biomalz und die Zuschauer noch ganz anders betrogen haben. In Österreich, wo kein Volksbetrüger einer erpresserischen Journalistik zwei Jahre und zwei Monate bekommt, würde man vielleicht nicht einmal einem mogelnden Hungerkünstler eine so bestialische Strafe aufmessen. Natürlich legt man auch hier großen Wert darauf, daß reelle Arbeit geleistet wird, und steht einem, der hungern will, um nicht zu verhungern, noch am 46. Tag mit der Devise gegenüber: Leben und leben lassen! Daß eine Frau, um leben zu können, ihre Körperlust verkauft, wird da und dort von der Sittlichkeit verpönt und bedarf der behördlichen Bewilligung. Der Mann, der seine Körperqual zur Schau stellt, füllt seinen sozialen Beruf aus und bekommt es nur mit der deutschen Justiz zu schaffen, wenn er die Kunden um die Herzkrämpfe verkürzt. Es ist eine Freude, in solchen Gemeinwesen zu leben, wiewohl es in andern auch nicht ungemütlicher herzugehen scheint. Wer möchte zum Beispiel nicht gern der Landsmann der Leute sein, die einander jüngst in New York zu Tode getreten haben, um einem Filmstar, der es vom Kellner zum Frauenbezwinger zweier Weltteile gebracht hatte, die letzte Ehre zu erweisen? Und mit derselben Begeisterung wird dieselbe Herde dort und überall in den nächsten Weltkrieg rennen, wenn ein gebietender Trottel oder ein Parlament von ebensolchen ihrer Blutgeilheit das rechte Phantom vorhält. Indes aber vertrauen sie auf Voronoff. Das gibt es jetzt Der ›Morgen‹ – mit dem sympathischen »Götz« Vertreter jener Sorte Humor, die in das Schönpflugische und Infanteriezwocklhafte der ›Muskete‹ ein Geschäftsreisendentempo gebracht hat und glücklich so etwas wie die jüdischen ›Wiener Stimmen‹ ergibt – hat eine Rubrik »Dummheiten der Woche«, die aber auch noch die Roheiten des Montags einschließt, wie der folgende Fall beweist: »Neue Freie Presse«, Abendblatt vom 1. Juli 1926: »Als Ursache der Explosion wird angegeben, daß bei einer Nachtübung die Granate von einem Soldaten gefunden und zur Kompagnie gebracht wurde, die dabei explodiert sei.« Wer ist also zersprungen ? Die Granate, der Soldat oder die Kompagnie? Der Zerspringhumor muß also, um auf seine Kosten zu kommen, die Übersetzung des Wortes »explodiert« vornehmen, und er muß eigens den »Soldaten« berücksichtigen, der doch von dem stilistischen Fehltritt der Neuen Freien Presse gar nicht berührt ist. Der Beweis, daß diese nicht deutsch kann, hat zunächst die Vorstellung zu rechtfertigen, daß eine Kompagnie, also eine Mehrheit von Menschen »explodiert« sei, was es ja nicht gibt, was sich aber doch irgendwie mit dem Greuel verbindet. Um aber den grammatikalischen Nonsens zu einem Sinn von Unmenschlichkeit zu machen, läßt der Witzkopf die Kompagnie »zerspringen«, und vollends schmackhaft wird die Bestialität durch die Vergegenwärtigung des einzelnen Soldaten, der auch »zersprungen« sein muß, wiewohl sich an ihn der Relativsatz mit »die« nicht anschließt, er also bei der scherzhaften Herstellung einer gräßlichen Wirklichkeit jedenfalls aus dem Spiel zu bleiben hätte. Ist solch übler Humor nicht von noch gefährlicherer Seelenlosigkeit, von einem noch größeren Minus an Phantasie bezogen als das üble Deutsch, das er treffen will? Packt man solche Scherzbolde, so haben sie es nicht so »gemeint«, da sie natürlich keiner Fliege ein Haar krümmen könnten. Aber alle unsittliche Wirkung geht von denen aus, die es nicht so gemeint haben und die sich eben das nicht vorstellen können, was sie nur schwätzen und vor allem schmieren. Die freiheitlichen und freimaurerischen Kreise, denen der ›Morgen‹ nahesteht, sollten aufmerksam werden, welche Humanität sie da tolerieren und welchen Pazifismus einer Journalistik, die die Stofflichkeit des Todes und das »Menschenmaterial« für ihren nichtswürdigen Humor nicht anders einsetzt, als einst die Generalität für ihren nichtswürdigen Ernst. Bei aller pflichtschuldigen Verachtung für das Handwerk vom Anbeginn seiner Existenz muß doch gesagt werden, daß die alte Journalistik ein Tugendbund war neben dem, was es jetzt gibt. Dezember 1926 Gebet der deutschen Jungfrau Aus den ›Münchner Neuesten Nachrichten‹ Eine Schönheit bin ich nicht hab jedoch ein freundlich Gesicht, viel Witz u. Geist, auch Humor u. ziemlich dicke hinterm Ohr . – Ich sing u. spiele gut Klavier, schwimme wie ein Wassertier , ich laufe gut auf Eis u. Schnee u. steig auf Berges höchste Höh'; mich freuet sehr Natur u. Kunst, verabscheu aber eitlen Dunst ‹. – Hab dunkle Augen, dunkles Haar, bin flott gewachsen, das ist wahr ; bin auch geschäftlich tüchtig , nehm ernste Sache wichtig. – Ich bin kath., religiös , 26 alt u. nicht nervös , leg Wert auf gut Gewand, zum Ekel ist mir öder Tand . – Ich hab Geschick zum Kochen, Nähen u. möchte jetzt den Mann erspähen , der gerade so wie ich, ein warmes Nest ersehnet sich , ein glücklich deutsches nettes Heim, das nie mehr gehet aus dem Leim . – Auch Einheirat in Vaters Geschäft , das brillant geht, wär mir recht. – Ich hab ein Haus u. auch ein Geld, das Nötige für diese Welt. 30-33 sei der Herr, bevorzugt Akademiker, Dr. jur. u. rer. pol. findet sich am Ende wohl . – Er sei kath. u. gesund , von bestem Ruf u. nicht zu rund; ca. 1.70 in der Höh, mit oder ohne Portemonnaie . – Ausschlaggebend kann allein, nur gegenseitige Neigung sein. – Ausführliches mit Bild (retour) erbeten unter AZT 324825 an die Münchner Neuesten Nachrichten. Diskretion beiderseitig Ehrensache . Auch meinerseits. Die Anekdote Unter dem Titel »Nachkriegsgreuel« zitiert die ›Arbeiter-Zeitung‹ aus einer Zeitung des Rheinlandes »Feldgraue Erinnerungen«: Der Engländer. Der Hotzenloisl hat alleweil Hunger. Und wenn der Loisl Hunger hat, dann ist er imstand und schießt – sich einen Engländer, der etwas unvorsichtig als vorgeschobener Grabenposten aus der Deckung lugt. »Krach piff!« Der Engländer liegt. Und der Loisl setzt über spanische Reiter und Trichterfelder weg und holt sich dessen wohlgefüllten Tornister. Im Graben kramt er aus: Brot, Konservenbüchsen, Schnäpse. Neidvolle Augen umlauern ihn. Sagt der Bachlmuck, der auch alleweil Hunger hat: »Geh weiter, laß mich doch auch mithalten.« Sagt der Loisl saukalt: »Könnt' mir einfallen ... Schieß dir selber einen!« Und bemerkt dazu: Der schmockische Erdgeruch, der der Anekdote entströmt, befreit die deutschen Krieger von dem Verdacht, daß sich unter ihnen dergleichen zugetragen hat. Der Widerwille, den sie hervorruft, kann nur diejenigen treffen, die mit solchen Erfindungen den Kriegsgreuelgeist pflegen wollen, natürlich zur höheren Ehre der Monarchie. Dazu ist erstens zu sagen, daß der Titel falsch ist, da es sich um rechtschaffene Kriegsgreuel handelt und »Nachkriegsgreuel« sich höchstens auf Begebenheiten aus der Zeit beziehen könnten, wo dieselben Leute, die soeben in der Sphäre des »Abschießens« gevöllert hatten und am Blutbetrug beteiligt waren, sich auf den Raub umstellten. Zweitens haftet der Anekdote kein schmockischer Erdgeruch an, sondern der unverfälscht bajnvarische, und es wird kaum möglich sein, die deutschen Krieger von dem Verdacht zu befreien, daß sich unter ihnen dergleichen zugetragen hat, da unter den unzähligen Tatsachen entfesselter Bestialität in allen Kriegslagern vom ersten Tag ihres Ausbruchs an gerade das »Abschießen« auf bayrischer und österreichischer Seite eine Hauptrolle spielte. Wenn sich die Gesinnung, die dergleichen nicht nur preist, sondern ihm eine humorige Seite abgewinnt, durch zehn Jahre nach Kriegsschluß erhalten hat, so kann man wohl ermessen, wie tief sie in der Stimmung jener Tage verankert war. Erfunden ist an der Anekdote höchstens das Greuel der pointierten Fassung, nicht der Gefühlsinhalt: die mechanische Bereitschaft des Mordens, sei es im Dienst der vaterländischen Phrase oder des durch sie verursachten Hungers; und wenn die Pointe diesen Inhalt herausarbeitet, so wird sie dem psychischen Sachverhalt der damaligen Situation durchaus gerecht, der spontanen Verwandlung des Spießers oder gemütlichen Trottels in eine saukalte Bestie. Drittens aber ist es völlig falsch, zu meinen, daß der Widerwille, den die Anekdote hervorruft, bloß eine politische Tendenz gegen die militärisch-monarchistisch orientierten Erfinder habe. In Wahrheit ist die Publikation, ob sie nun eine wahre oder eine zufällig erfundene Begebenheit betrifft, ein kulturelles Symptom von außerordentlicher Bedeutung und der Widerwille richtet sich leider gegen eine Nation, in deren Sprache derartige Reminiszenz und vor allem das Behagen an ihr möglich ist. Denn völlig undenkbar wäre, daß heute in einem Ghurka-Blatt eine Bluttat von damals in der Perspektive eines »Gut gegeben« der ›Fliegenden Blätter‹ erschiene und daß Farbige, ohne auch schamrot zu werden, mit Schmunzeln bei der Erinnerung an das Abenteuer ihrer Hotzenloisl und Bachlmuck verweilten. Vor solcher Saukälte ginge ihnen denn doch ein Schauer über den Rücken, den die Feldgrauen noch heute nicht spüren. Dagegen scheint also kein Umsturz etwas zu vermögen, und es setzt schließlich eine kulturhistorische Anekdote ab, die den andern beliebten Titel führt: »Immer derselbe«. Die findige Post Ungewöhnliche Dinge haben sich da begeben: Ernst Lothar schloß seine Einführung mit der Verlesung eines Briefes, der ihm während seines Vortrages überreicht wurde. Professor Max Liebermann, der Präsident der preußischen Akademie, hat an Heinrich Mann die Mitteilung gerichtet, daß die Sektion für Dichtkunst ihn in ihrer ersten Sitzung zum Mitglied gewählt habe, und fragt vertraulich an, ob Mann die Wahl annehme. Und da Heinrich Mann annimmt , hatten die Anwesenden Gelegenheit , dem Ausgezeichneten ihre Genugtuung darüber zu bezeugen. Der Brief mit der vertraulichen Anfrage muß also spät abends eingetroffen und von der Post irrtümlich statt an den Adressaten Heinrich Mann an Herrn Ernst Lothar ausgeliefert worden sein, wiewohl dieser gerade einen Vortrag hielt und schon an und für sich als Pseudonym schwer auffindbar ist; denn während man glauben möchte, daß er Rudolf Lothars Bruder ist und also Spitzer heißt, verbirgt er sich als der Bruder Hans Müllers. Aus dem Brief ging aber noch nicht die Antwort hervor, nämlich, ob Herr Mann annimmt oder ablehnt. Wie erfuhr Herr Lothar dieses? Und vor allem: wie konnte ihm, während er sprach, ein Brief überreicht werden? Das ›Extrablatt‹ ist genauer informiert: Während der gestern abends im großen Musikvereinssaal stattgefundenen Vorlesung Heinrich Manns traf in Wien ein Schreiben der Deutschen Dichtersektion aus Berlin ein , in welchem Heinrich Mann die Aufnahme in die Deutsche Dichtersektion mitgeteilt wurde. Ernst Lothar hatte eben einen einleitenden Vortrag begonnen , als ein Diener das Schreiben in den Saal brachte. Daraufhin las Ernst Lothar den Brief vor, der, von Max Liebermann gezeichnet, an Heinrich Mann die Anfrage richtete, ob er die Aufnahme in die Deutsche Dichtersektion annehme. Ernst Lothar konnte gleichzeitig die bejahende Antwort des Dichters dem Publikum mitteilen , das die Nachricht mit stürmischem Beifall aufnahm . Manches bleibt doch unaufgeklärt. Nehmen wir also getrost an, daß am Abend im Hotel des Herrn Heinrich Mann ein Brief aus Berlin eingetroffen war, den der Portier sofort ins Künstlerzimmer nachgeschickt hat (da er ahnte, daß darin die Berufung in die Akademie enthalten sei). Man entschloß sich, den Brief durch einen Diener aufs Podium zu schicken. Er dachte, wenn er sich schon durch Herrn Ernst Lothar eine »Einführung« in seinen Vortrag besorgen läßt – Lothars Bruder Hans Müller ist offenbar für Thomas reserviert –, so gehe dies in einem. Die Post, das Hotel, der Dichter, der Diener – alles klappte tadellos. Wie aber erfuhr Herr Lothar, daß der Dichter die Berufung annimmt? Da bleibt nur die Vermutung, daß dieser einen Zettel mitgeschickt hat mit den kurzen, aber inhaltsschweren Worten: Sagen Sie, ich nehm' an! ...[*] Es kommt selten vor, daß während einer Produktion ein Diener auf dem Podium erscheint, höchstens bei Todesfällen oder wenn ein Vortragender das Publikum dermaßen langweilt, daß er abgeführt werden muß, was tatsächlich einmal in Wien geschehen sein soll. Herr Ernst Lothar dürfte erschrocken sein, als der Diener herannahte, aber er bewies eine Geistesgegenwart, die vielleicht im Vortrag selbst nicht so ganz zur Geltung kam. Davon, daß zwischen so ernsten Männern etwa eine Komödie abgekartet worden wäre, indem ihnen Berufung und Annahme schon vor Beginn des Vortrags bekannt waren und nur um die Stimmung des Publikums zu heben, der Zwischenfall mit der Intervention des Dieners inszeniert wurde, davon könnte doch nicht die Rede sein. Kläglich genug bleibt ja die Vorstellung, daß die Akteure selbst überrascht waren und sich keinen anderen Ausweg wußten als die Mitteilung an das Publikum. Die öffentliche Haltung Heinrich Manns hat bisher für solche Vorstellungen wenig Raum gelassen. Aber die Würde eines deutschen Dichterakademikers scheint eben allerlei Konzessionen zu bedingen. Wiener Leben ... Frau W.: Unser Haus ist rot, ich aber bin farblos. – Richter: Was sind Sie, farblos, was soll das heißen? – Frau W.: Das soll heißen, daß mich die Politik weniger interessiert als der Radetzkymarsch. Und weil mich die Politik nichts angeht, habe ich am 1. Mai meine Teppiche geklopft , das geht doch niemanden etwas an. Aber die Roten in unserem Haus haben natürlich gleich ein großes Wasser aus der Geschichte gemacht ... Schließlich versucht der Richter noch mehrmals, einen Ausgleich herbeizuführen ... Frau W.: Ich bin doch eh bereit, Herr Richter. Mit allen gleich ich mich aus, nur mit dem Alfred und seinem hohen Bildungsgrad nicht. Der soll sich merken, daß man nicht schimpfen darf. Den Goethe haben s', so viel ich weiß, auch eingesperrt, weil er das Götzzitat gebraucht hat . Und der war doch gewiß ein studierter Herr ... Ja, ja, dahin mußte es einmal kommen. Was aber das Teppichklopfen anbelangt, so wäre es besser, wenn die Roten nicht bloß am 1. Mai, sondern an jedem Tag ein großes Wasser daraus machten. Und alles, alles wäre anders, wenn sie damals, als es ans große Reinemachen ging, einer Verrichtung, in der sich die wahre hausherrlich-bürgerliche Bestialität austobt – an Teppichen, Dienstbotenlungen und unser aller Ruhe –, ein Ende gemacht hätten. Aber sie haben ja auch den Fußmarsch, der uns von der Straßenseite weckt, beibehalten, und in nichts drückt sich die Nichtveränderung des Lebens besser aus als in dem Fortleben von Geringfügigkeiten, in Wahrheit Privilegien der Tobsucht, die das fremde Lebensgut konfisziert. Was die ›Reichspost‹ mit dem deutschen Dichter sagen kann ... Da kann man nur mit dem deutschen Dichter sagen: Und der Gast wendet sich mit Grausen . Das tut er ganz bestimmt; denn es würde ihm keinesfalls, und wenn er sich noch so sehr anstrengt, gelingen, es mit dem deutschen Dichter zu sagen – es kommt und kommt halt kein Vers heraus. Da ist es eben der ›Reichspost‹ widerfahren, daß sie das »da« bereits konsumiert hatte und nun kopfscheu wurde. (Sie sollte sich von Herrn Hofmannsthal für alle Fälle ein paar »da« ausborgen.) Auch scheint sie geschwankt zu haben, von welchem deutschen Dichter es ist, weil doch sonst gar kein Hindernis bestünde, ihn zu nennen. Es ist aber von jenem, der sich mit Grausen gewendet hat, als der andere das Götz-Zitat gebrauchte, für das er auch, wie eine Leserin der ›Reichspost‹ erzählt hat, eingesperrt wurde. Schrecklich übrigens diese Geschichte mit dem Götz-Zitat. Das kommt davon, daß die ganze Gegend fasziniert ist von dem Humor dieser Berufung, auf den ja ein eigenes tierisches Witzblatt gegründet wurde. Einem Europäer fehlen alle Voraussetzungen für solchen Genuß. Neben mir aber saß einmal ein Hiesiger, von dem ich geschworen hätte, daß er auf die ›Reichspost‹ schwört und »Sie regnet« sagt. Der starrte in den ›Götz‹ und war total verinnerlicht. Plötzlich brachte er ganz trocken die Worte hervor: »Zum Schießen der Götz.« Er skandierte nicht einmal, stellte nur fest, aber in ihm war Ergötzen. Ein Europäer, der keine Ahnung hat, daß Schießen den von Berlin übernommenen höchsten Ausdruck der Lebensfreude bedeutet, hätte nach der Leichenbittermiene, mit der jener es sagte, geschlossen, daß er den Götz erschießen wolle, eine Regung, die ja auch ihm verständlich wäre. Es war die gespenstischeste Auswirkung des Witzblatthumors, die ich je gesehen habe. Und der Gast wandte sich mit Grausen. Ein Opfer der Breitner-Steuern Totenübel wird einem, sooft man auf das Cliché des Wiener Grolles stößt: »der Breitner«. Wie aber die Dummheit, die es sich zugelegt hat, selber als das Resultat einer Steuerrechnung herauskommt, zeigt der Fall, der dem Neuen Wiener Journal passiert ist, mit einem Originalbericht, der ein anderes Malheur behandeln wollte, nämlich: »Was einem Wiener Vortragsmeister in Wien passiert ist«. Untertitel: »Ein Opfer der Breitner-Steuern«. Da wird erzählt, daß im mittleren Konzerthaussaal ein Filmvortrag stattgefunden habe mit einer Einnahme von 2800 Schilling. Nach Abzug der Kosten durfte ein ansehnliches Reinerträgnis erwartet werden, »zur peinlichen Überraschung des Vortragenden« kam ein Defizit heraus. Und zwar aus dem Grunde, weil der Filmvortrag eben als solcher behandelt, also mit Recht einer höheren Lustbarkeitssteuer unterworfen wurde. Da nun aber auch der Abzug von 28 ½ % noch kein Defizit ergeben würde, so komplettiert das Neue Wiener Journal das Martyrium des Opfers der Breitner-Steuern durch die Warenumsatzsteuer (2 %), die der Staat einhebt, die Verkaufsprovision für Karten (10 %), die der Veranstalter einhebt, und die Spesen der Saalmiete, die gleichfalls nicht dem Breitner zufließen. Die Liste macht schon den plastischen Eindruck seines Sündenregisters, aber sie ist nicht vollständig. Denn es blieben ja noch immer zirka 45 % für den Vortragenden, die sich offenbar und auf geheimnisvolle Weise doch der Breitner anzueignen gewußt hat. Wofür wurden diese 45 % von 2800 Schilling – oder noch mehr, da der Vortrag ja ein Defizit ergeben hat – aufgewendet? Der Originalbericht sagt es mit einer schlichten Zeile, über die man getrost hinweglesen mag und bei der sich nur Nörgler aufhalten können: Dazu die Spesen für Reklame und andere Propaganda . Man kann also errechnen, daß bei einer Einnahme von 2800 Schilling mindestens 1250 für eine wahrscheinlich wertlose Reklame oder Propaganda dem Vortragenden in Rechnung gestellt wurden. Ob nun diese ganze Summe den Administrationen der Wiener Presse oder ein Teil von ihr dem Konzertveranstalter (für die aufreibende Tätigkeit der Annoncenaufgabe) zufloß, jedenfalls dürfte der Breitner – außer der Annoncensteuer – weniger davon erhalten haben als das Neue Wiener Journal, und sicher reicht die erhöhte Lustbarkeitssteuer, die doch immerhin gemeinnützigen Zwecken zufällt, beiweitem nicht an den Betrag heran, der in diesem Fall an die Wiener Presse abgeführt werden mußte. Er konnte unmöglich in die Liste aufgenommen werden, weil ja sonst die ganze Anschaulichkeit verloren gegangen wäre, indem man sofort erkannt hätte, daß 45 % mehr sind als 28½. Da aber doch eine gewisse Aufklärung über den Rest nötig war, so mochte er so beiläufig in einer Nachtragszeile erwähnt werden. Von der Zeitung wird ja keine Genauigkeit im Detail verlangt, wie sie die Originalrechnung bietet, in der gewiß verzeichnet steht, wieviel auf das Neue Wiener Journal entfallen ist, und schließlich handelt es sich ja nicht darum, sondern um den Titel. Richtiger hätte er zwar gelautet: »Was einem Berliner Vortragsmeister in Wien passiert ist. Ein Opfer der Kreuzelnotizen«. (Deren eine gleich in derselben Nummer seinen nächsten Vortrag anzeigt, so daß der Verdacht auftaucht, die Steuerbeschwerde sei eine unbekreuzelte Draufgabe.) Aber einen Originalbericht, der die Wiener Spesen vervollständigt, würde das Neue Wiener Journal denn doch nicht bringen. 1927 Februar 1927 Ein Treppenwitz ( Jeßner dementiert .) Anläßlich der scharfen Kritik, die Leopold Jeßners Hamlet-Inszenierung im Berliner Schauspielhause als Parodie des Wilhelminischen Hofes erfahren hat, entgegnet Jeßner in der ›Voss. Ztg.‹ Eine Parallele zwischen dem König Claudius und dem letzten preußischen König ist selbstverständlich niemals beabsichtigt worden. Auch nur die Möglichkeit einer solchen Auffassung ist weder dem Regisseur noch einem seiner Mitarbeiter jemals in den Sinn gekommen . Wenn wirklich eine derart entwürdigende Taktlosigkeit beabsichtigt worden wäre, so hätte sie logischerweise schon von der ersten Szene an in die Erscheinung treten müssen. Daß dies nicht geschah, beweist, daß es sich hier nicht um die porträthafte Darstellung eines angeborenen körperlichen Leidens handeln konnte. Zum Ausdruck kommen sollte vielmehr der durch das »Schauspiel« herbeigeführte körperliche Verfall als Folge eines seelischen Zusammenbruches . Nichts in meiner Vergangenheit berechtigt dazu: mir einen so schmählichen Verstoß gegen das natürlichste Taktgefühl zuzumuten . Oder, sagen wir, zuzutrauen. Aber höher geht's auf der Treppe schon nicht mehr. Es handelt sich also nicht um einen angeborenen, nur um einen erworbenen Körperfehler. Der seelische Zusammenbruch des Königs Claudius äußert sich in plötzlicher Armverkürzung. Doch nehmen wir an, daß dieses Gebreste ihm bis zur Schauspielszene wirklich nicht angehaftet hat – nicht bloß nicht bemerkt wurde –: warum hat dann der expressionistische Regieschwindel, der den seelischen Zusammenbruch in physischer Veränderung darstellt, just zum Ausdrucksmittel des verkürzten Arms gegriffen? Als ob die entwürdigende Taktlosigkeit darin bestände, daß der Geburtsfehler, und nicht darin, daß das Gebreste vorgeführt wird. Daß auf der Szene des neuzeitlichen Regieunfugs wie mit den Gliedmaßen der Dichtung auch mit denen der Figuren verfahren werden kann, das darf man schon glauben, und was jeder Betrachter jener schandvollen Hamletfratze gesehen hat, kann von keiner Verwahrung des Herrn Jeßner bestritten, höchstens von Furcht oder Reue aus der Welt geschafft werden. Herr Jeßner versuche es, mit der Erklärung hervorzutreten, daß der seelische Zusammenbruch in der Schauspielszene heute noch auf dieselbe Art körperlichen Verfalles dargestellt wird wie in der Erstaufführung. Aber was bedeutet derlei »Symptom« gegen den Zusammenbruch des deutschen Theaterwesens! Der ehemalige Hausherr des preußischen Staatstheaters, den man gezwungen ist in gemeinsamen Schutz mit Shakespeare zu nehmen, hat die deutsche Welt nicht so zugrunderegiert, wie Herr Jeßner und seinesgleichen die deutsche Bühne. Umsturz in der Neuen Freien Presse Unlängst, an einem Sonntag, mußten die ältesten Leser das Folgende wahrnehmen. Zum erstenmal, nicht etwa in der Gerichtsrubrik, nein in der Literaturrubrik – in der Besprechung einer Novelle von Berthold Viertel durch Herrn Zweig – lasen sie, der Autor habe unter anderen Werken eine fanatische Bekenntnisschrift für Karl Kraus geschrieben, und ferner, der Held seiner Novelle werde in einem Abenteuer mit einer kleinen Hure vorgeführt. Das war etwas viel auf einmal. Es schmeichelt mir, daß bei der ersten Gelegenheit, da sich die Neue Freie Presse das Wort »Hure« erlaubte – obschon sie vielleicht bei einer »kleinen« Hure unliebsame Gedankenverbindungen für ausgeschlossen hält –, auch meinen Namen über die Lippen gebracht hat. Sie weiß, daß ich stets gerade auf diesem Gebiete den Kampf gegen soziale Vorurteile geführt habe und wo es stärkere Journalisten gibt, immer auf Seite der schwächeren Huren gewesen bin. Aber für die treuen Leser, welche die Traditionen des Blattes schon durch die Seifenannoncen über dem Leitartikel durchbrochen fühlen, war es sicherlich ein Chok. Handelt es sich doch um Gebiete des Wissens, die nicht ohne behutsame Aufklärung, nicht allzu jäh erschlossen werden sollten. Jenen nun, die sich über die durchgreifende Neuerung entrüsten dürften, wird die Neue Freie Presse schon mit dem Mut ihrer Überzeugung und mit dem Blattgefühl, das eben auch eine Anpassung an den Zeitgeist vorschreibt, zu begegnen wissen. Es werden sich aber voraussichtlich Gruppen bilden, und was wird sie mit solchen Lesern anfangen, die überhaupt nicht verstanden haben, was ihnen ihr Blatt da auftischt? Es verlautet denn auch bereits, daß aus dem Lager der ältesten Biache, die nie anderes als die Neue Freie Presse gelesen haben, lebhafte Anfragen eintreffen: »Fanatische Bekenntnisschrift für Karl Kraus? Erstens, wer ist das, was heißt das? Bekenntnisschrift für einen Unbekennten? Was hat er selbst für Schriften geschrieben? Zweitens, wie ist das zu verstehn mit Hure? Was ist das, was heißt das? Schreibt sie fürs Blatt?« Denn zu Rebussen sind sie nicht aufgelegt, und schließlich muß man zugeben, die Neue Freie Presse hat sich vielleicht ein bißl übereilt. Juni 1927 Je nachdem Die Kranken und Invaliden werden getragen. In Lainz und Speising leisteten die Straßenbahner hingebungsvolle Wahlarbeit. Obwohl sie die ganze Nacht Plakatschutzdienst hatten, waren sie frühmorgens wieder an der Arbeit. Ununterbrochen rollten die Autos heran, in denen die Kranken und Invaliden aus dem Invalidenhaus und aus dem Spital sowie aus ihren Wohnungen gebracht wurden. Beim Wahlhaus angekommen, wurden die Kranken auf Stühle gehoben und von den kräftigen Armen der braven Genossen in das Wahllokal getragen. Die Christlichsozialen hatten nur ihre Söldlinge als Agitatoren, unter ihnen den wegen Unterschlagung und anderer Verbrechen verurteilten ehemaligen Betriebsrat Kugler, mit dem der christlichsoziale Gemeinderat Lehninger seine Agitationsfahrten durch den Bezirk zu unternehmen sich nicht schämte. Von Alland sind hundertzwanzig tuberkulöse Pfleglinge auf Autobussen nach Wien gekommen, um ihr Wahlrecht in der Gemeinde Wien auszuüben. Samstag nachts sind sie in Wien angekommen, Montag früh fahren sie wieder nach Alland, um ihre Kur fortzusetzen. Schändlicher Terror im Lainzer Versorgungsheim. In ganz Hietzing und Umgebung herrscht grenzenlose Empörung über die Gewalttaten der Marxisten im Lainzer Versorgungsheim. Schon in aller Früh vor Beginn der Wahl drangen rote Vertrauensleute in die Säle, entrissen den Pfleglingen ihre für die Wahl bereitgehaltenen und fast durchwegs auf »Einheitsliste« lautenden Stimmzettel und drängten den hilflosen alten, furchtbar verschreckten Leuten sozialdemokratische Stimmzettel auf mit dem Bemerken, daß nur dies die »richtigen« Stimmzettel seien. Auch vor den Schwerkranken und selbst vor den Sterbenden machte der bolschewikische Terror, der sich hemmungslos austobte, nicht Halt. Vierzig städtische Sanitätsgehilfen, die zur Unterstützung des Hauspersonales in das Heim beordert waren, standen im Dienst der Gewalt. Sie trugen die Schwerkranken, von denen sich manche bereits in Agonie befanden, in die Wahlräume, eigneten sich die Ausgangskarten der Pfleglinge, die als Wahldokument galten, an und gaben für sie, die ja gar nicht mehr recht wußten, was eigentlich vorgeht, auf Grund dieser Karte einen sozialdemokratischen Stimmzettel ab. Die christlichen Vertrauensleute, vor allem Gemeinderat Lehninger, machten natürlich ihr Möglichstes, um dem Schandtreiben der Marxisten Einhalt zu tun und konnten manches noch verhüten. Dem Wahrheitssucher bliebe nichts übrig, als in alten Jahrgängen der ›Arbeiter-Zeitung‹ und der ›Reichspost‹ nachzuschlagen, aus der Zeit, wo die städtischen Versorgungsanstalten noch christlichsozial verwaltet waren, um zu finden, daß damals was links gedruckt ist, rechts, und was rechts gedruckt ist, links zu lesen war – »weil«, nach Grillparzer, »was Brot in einer Sprache, Gift heißt in des andern Zunge, und der Gruß der frommen Lippe Fluch scheint in dem fremden Ohr«; (das ruft diesen Schmerz empor). Ist, was heute rechts zu lesen, Wahrheit, so ist es doch Lüge, wenn man bedenkt, daß diese Überredung der Nächstenliebe – wir wollen sie Samariterror nennen – ganz bestimmt auch im Dienste der christlichen Politik geübt wurde oder würde; und ist, was heute links zu lesen, Lüge, so liegt ihr doch die Wahrheit zugrunde, die den Vorgang selbst zu einem Greuel der Menschheit macht. Denn deren ganzer Jammer und nicht bloß der von Invaliden und Tuberkulösen faßt einen an, der Ekel vor einem politischen Handel, der selbst dem Tod noch Stimmen abfängt: wenn man erfährt, daß Ärzte dem leidenschaftlichen Verlangen nicht gewehrt haben, auf Autobussen und Tragstühlen zum Bekenntnis geschleppt zu werden, und daß dieser äußerste Beweis für die Allgemeinheit des Wahlrechts noch als sentimentales Fibelstück Verwendung findet. Die Demokratie hat das Glück der Spalierbildung durch den Stolz ersetzt, einmal selbst »schreiten« zu dürfen, zur Urne, und wer's nicht mehr kann, wird eben getragen, da er doch die Empfindung des dulce et decorum nicht entbehren möchte, sich für Herrn Mataja oder für Herrn Eldersch zu entscheiden, und wenn's in eigener letzter Stunde wäre. Und gewiß ist er ja noch immer beneidenswerter als der Herr Volksvertreter, der's vielleicht den Hundertzwanzig aus Alland zu verdanken hat, daß er es geworden ist. Hoch klingt das Lied vom braven Mann Beruf und Gesinnung. Eine Leserin schreibt uns: »Die Notiz in der Arbeiter-Zeitung vom Donnerstag über den sozialdemokratischen Chauffeur hat mir ein Erlebnis, das ich dieser Tage hatte, aufgeklärt. Es läutete nämlich an meiner Wohnungstür und als ich öffnete, stand ein Mann draußen, der mir einige Drucksachen mit den Worten: »Das können S' gleich in den Ofen stecken« in die Hand drückte. Als ich dann die Druckschriften ansah, merkte ich, daß es Wahlaufrufe und Stimmzettel der Einheitsliste waren. Ich war natürlich sehr verwundert über den sonderbaren Agitator. Aber jetzt ist es mir klar: der Mann hat die Verteilung der Einheitsliteratur, für die er bezahlt wurde, pflichtgemäß besorgt, aber als pflichtbewußter Sozialdemokrat hat er den Empfängern empfohlen , die Schandschriften zu verbrennen.« Aber ich glaube mit der Vermutung nicht fehlzugehen, daß, wenn die ›Reichspost‹ eine analoge Zuschrift einer auf die Grenze von Beruf und Gesinnung so feinfühlig bedachten Leserin gedruckt hätte – also zum Ruhm eines sozialdemokratisch tätigen, jedoch christlichsozial gesinnten Agitators, der innerhalb der übernommenen Pflichtleistung deren Zweck sabotiert –, daß dann die ›Arbeiter-Zeitung‹ nicht versäumt hätte, den Mann einen Lumpen zu nennen. Und sie hätte – aus einem Moralbewußtsein, das nicht bloß durch die Schädigung der eigenen Sache provoziert wäre – die Zeitung wie die liebe Leserin belehrt, daß die »Verteilung«, für die der Mann bezahlt wurde, keineswegs »pflichtgemäß besorgt« sei, wenn ihr Sinn durch die Warnung vor dem Verteilten ins Gegenteil verkehrt wird, daß die Verwunderung über den »sonderbaren Agitator« natürlich und berechtigt war, und daß es auch einen Uriasbrief für den Absender gibt, wenn der ungetreue Bote seinen Inhalt entwertet. Gewiß soll sich die Gesinnung vom Beruf nicht beeinträchtigen lassen; aber diese Freiheit hat sie, auch wenn grimmigste Lebensnot ihr ihn aufgedrängt hätte, doch nur außerhalb des Berufs, der, einmal übernommen, nicht von der Gesinnung beeinträchtigt werden darf. So hoch sie im Range der Lebensgüter stehen mag, höher steht doch wohl Treu und Glaube selbst in dem schlechtesten Handel, den zwei miteinander eingegangen sind. Die Verherrlichung des Betruges, welche Parteigesinnung immer sich durch ihn bewähren mag, taugt nicht zum Lesestück für die politische Fibel. Da tun wir nicht mit! Christlichsozialdemokratisch Die Formen parteipolitischen Hohns, in deren jeder an und für sich schon der Ekel der Wirklichkeit und der Ekel der Satire in einander übergehen, verwachsen im Zeichen Schönpflug-Chat roux zur kulturellen Einheit. Die durch nichts als durch Tendenz und Meinung beglaubigte Polemik weist ja tausend Fälle auf, in denen es ihr gelingt, dem Gegenstand des Abscheus Sympathien zu werben. So hat mir ehedem die Musketenironie über Jägerwäsche und Röllchen, die ihr doch geistig geradezu angewachsen waren, eben diese als das Kennzeichen einer höheren Zivilisation erscheinen lassen. Mit den Parteisatirikern – soweit sie mir nicht die abgeluchsten Vorstellungen und Klischees, wie »der junge Biach«, »Springinsgeld«, »Kasmader« u. dgl. bis zur Unkenntlichkeit verschandeln – verhält es sich nun so, daß einem die Wirklichkeit der einen Partei, die der satirische Gegner treffen will, wie auch die, die beide treffen wollen, eben dadurch rehabilitiert wird. Zu den entsetzlichsten Dingen des Wiener Lebens gehört für mich nebst dem Pupperl und dem Momenterl das »Ho-ruck!«. Aber als das Motiv brachialer Vorstellung eines Wahlsiegs, als das Schwelgen in der Sphäre eines Möbelpackertums, dessen Geistigkeit ja freilich die österreichische Politik durchaus erfüllt, ringt es selbst jenes scheußliche »Rrtsch – obidraht!« aus Luegers Zeiten nieder. Was ich gleichfalls nicht mehr lesen möchte, aber sicher noch oft lesen werde und was womöglich noch mehr peinigt, ist die satirische Verwendung einer Parole, die, so grauslich sie als Element der politischen Wirklichkeit ist, als satirisches Zitat den ihr anhaftenden Ekel noch steigert. Nämlich die Formel: » Darr Jud!« Es ist eine der Satirischkeiten eines Jargons, der überhaupt keine Verbindung mit dem ursprünglichen Wienertum mehr hat, außerhalb der neuwienerischen Welt völlig unverständlich, und atmet jenen pestilenzialischen Humor aus, der, nur im hiesigen Klima möglich und sich immer wieder auf »das Götz-Zitat« berufend, in dieser Perspektive ein eigenes Witzblatt erschaffen hat. Es ist geradezu ein Schulbeispiel für die Erscheinung, wie das satirische Klischee den Ekel des stofflichen Inhalts in sich aufnimmt. Geistiges Gemeingut der Parteien ist jetzt der »Zerspring«-Humor, den Wechsel des Wahlglücks zwischen Leopoldstadt und Ottakring begleitend. Den ›Wiener Stimmen‹ jedoch, deren Klang sich die österreichische Versammlungssprache sonst völlig angenähert hat, eignet als Spezialität der fettgedruckte Titel: »Die Partei Nobelschani«. Trostlos. Schon das Wort »Schani« könnte einen lebensüberdrüssig machen; was es mit einem »Nobelschani« für eine Bewandtnis hat, weiß vollends kein Europäer. Und nun gar die scherzhafte Anwendung auf eine politische Partei und in den Balkenlettern eines jener ausgelassenen Titel, die jetzt nicht nur jüdeln, sondern auch schon christeln. Oder was fängt ein Kulturmensch mit der Überschrift an: »Wählerfang mit Kotzen«, zumal wenn im Untertitel vom Gastwirtgewerbe die Rede ist. Da ihm die Wendung »jemanden mit der Kotzen fangen« nicht gegenwärtig oder nicht bekannt ist, reagiert er wohl im andern Sinne des Wortes. Ich meinerseits habe gewiß sprachlich viel zur Unübersetzbarkeit des Wiener Lebens und zur Abschreckung des Wiener Fremdenverkehrs beigetragen. Aber dergleichen geht über meine Kraft. Nur wenn ich es wieder zitiere, kann es zur Not seine Position im deutschen Schrifttum behaupten. Desperanto zur Beethoven-Feier:   Dem Mann maßlos wütender Wortgewitter, dessen Liebe den Nächsten mit der Peitsche Reinheit heischender Virtus striemte, wälzt Schicksalsfinsternis undurchdringliche Nebelschwaden vor des Hörganges Pforte. Beethoven wird taub. Das kann dem Leser, dem solch undurchdringliche Nebelschwaden vor des Hörganges Pforte gewälzt werden, auch passieren. Denn, wie sich der Erfinder dieser Sprache einst kürzer ausgedrückt hat: »Schälle täuben«. Wie dem immer sei, jedenfalls sieht man, daß er der Alte geblieben ist, daß er durch das schurkische Attentat, welches ihn zum Blutzeugen gegen diese deutsche Nachkriegswelt gemacht hat, nicht, wie das Gerücht behauptete, der Kraft verlustig ging, seine Satzgebilde zu formen. Bedauerlich genug, daß sich Gesundheit nicht anders ausdrückt, erfreulich, daß sie sich ausdrückt. Und man darf mir schon glauben, daß ich solche Gelegenheit zum Dementi mit einem positiven Gefühl benütze: auch als die zu einer menschlichen Anerkennung, die dem Manne gebührt, der für die sagenhafte deutsche Freiheit mehr getan, weil mehr gelitten hat, als alle diese Protestliteraten zusammen, die sich in Gruppen hervorwagen, um unter einen verständlicheren Leitartikel ihre Namen zu setzen. Ich habe es mir seit damals versagt, seine Arbeiten, die er fast nur mehr in Wien veröffentlicht, zu lesen, und sicher war es bloß um dieser Erklärung willen meinem Blicke verhängt, auf den einen, vollkräftigen Satz seiner Beethoven-Huldigung zu fallen. Der Glaserdiamant Dieses ist von Werfel, für Mosse zu Ostern: Der Fanatiker. Wehleidig, wie noch immer nicht gesundet Von langer Krankheit, schaut er müde drein. Er wählt, abwesend, unter Näscherein, Von denen ihm die süßeste nicht mundet. Braun ist sein Aug' von Ekel untergrundet. Ein graues Lächeln hängt wie Spinnweb fein Im Runzelwerk: Die Welt ist so gemein! Man hat ihn schon im Mutterleib verwundet. Das Stichwort fällt! Der noch wie Uferweiden Im Winde des Gespräches schlaff sich wand, Hebt eine Stirn nun, steinern ausgespannt. Das Kinn zielt scharf. Nun sollen andre leiden! Schon blitzt, um uns ins Lügenherz zu schneiden, Sein Brillenblick, der Glaserdiamant. Man sagt, es gehe gegen mich. Ich wüßte nicht, wie er zu der Beobachtung gekommen wäre. Möglich, daß ich in der Zeit, da ich den Dichter in der Maienblüte meiner Sünden und seiner Begeisterung ein paar Mal an meiner Seite hatte, müde und wehleidig dreingeschaut habe. Das ist aber schon lange her und von Ekel untergrundet war mein Auge erst später, als sich das Erlebnis der Haßliebe an einem dieser Verehrer nach dem andern wiederholte. »Näscherein« und gar solche, die sich so pragerisch reimen, habe ich selten genossen, und richtig ist nur, daß mir bald die süßeste, welche man in Deutschland für Lyrik hält, nicht gemundet hat. Ich erinnere mich, daß ich etwa im Jahre 1913 nach dem Abendessen einige sogenannte »Scheidl«, die geradezu ein Gedicht waren, zu mir genommen, diese Gewohnheit aber zugleich mit dem Genuß der echten Werfel eingestellt habe. Es könnte nun sein, daß das Motiv der »fünfzehn Indianerkrapfen«, für das ich vergebens nach einem Anhaltspunkt in meinem Leben suchte, aus solchem Bezirk visionärer Eindrucksbildung – der Dichter sah mir auf die Lippen – in die Erpresserjournalistik gelangt ist. Daß ich mich je im Winde des Gesprächs mit Werfel wie Uferweiden schlaff gewunden haben soll, ist eine starke Übertreibung und vielleicht die hysterische Übertragung eines Jüngers, der sich damals im Mänadenzustand vor mir gewunden hat, bis er sich selbständig machte und mich nebbich überwand. Es kam, nach jener großen Zeit, da das Vaterland die Begeisterung für Görz verlangte, die Epoche des Sturms und Drangs auf den Bankverein, welcher sich aber auch nicht erobern ließ, hierauf spiegelmenschliches Besinnen, etliche Libretti mit und ohne Musik von Verdi, von dem »La donna e mobile« ist, und dazwischen öfter ein Gedicht, das meines Wesens Bild als das eines Fanatikers, eines Torquemada, kurz als das eines Menschen zeichnete, der keine Gefühlsschlamperei in der Literatur duldet. Aber immer so, daß es etwas unbestimmt war und auch gegen einen andern gehen konnte. Ich habe natürlich gar nichts dagegen, daß es sich auf mich bezieht, wiewohl manches nicht zu stimmen scheint. Das mit dem Brillenblick, dem Glaserdiamanten, ist gewiß nicht richtig. Ich trage wohl eine Brille, weil mein Auge kurzsichtig ist, aber mein Blick ist es keineswegs. Nicht die Brille, die nur bei Erfassung äußerer Mißeindrücke hilft, macht meinen Blick zum Diamanten, der das Gläserne bricht; sondern von Natur schneidet er ins Lügenherz. Daß der Dichter sich zu einem solchen bekennt, um meine Unerbittlichkeit anzuklagen, ist vielleicht eine Fleißaufgabe zu dem Gerichtstag, den er über sich zu halten pflegt. Dennoch möchte ich ihn, streng, aber gerecht ermahnen, in seinem Läuterungsbedürfnis nicht zu weit zu gehen. Ich fühle mich nicht getroffen, wohl aber belästigt, und er sollte sich doch ein Beispiel an mir nehmen, der sich so lange als nur möglich zurückhält, jenen Gerichtstag über sich zu halten, durch den hervorkäme, welcherlei Menschlichkeiten ich literaturreif gemacht habe. »Nun sollen andre leiden!«: es ist einfach nicht wahr, daß dies mein Wunsch ist, und ich habe es mein Lebtag immer so lange vermieden, als es mit einem öffentlichen Interesse nur irgend vereinbar war. Diese Abspiegelungen meiner Wesensart, wie sie sich vazierenden Verehrern darstellt, diese Versuche, mit mir bei Mosse oder wo immer in Sonetten anzubinden, wünsche ich ehestens eingestellt, nicht weil sie mich betreffen, sondern weil sie der klägliche Ausweg eines Betroffenen sind, der zugleich nicht dichten und nicht polemisieren kann. Wie rein sachlich in künstlerischen Dingen ich urteile, rücksichtslos bis zum Fanatismus, wenn es sich um Verse handelt; wie da den Glaserdiamanten – schon blitzt er – kein Mitleid abhält, andere leiden zu lassen, beweise ich allerdings gerade in diesem Fall. Denn wiewohl das Gedicht offenbar gegen mich geht, bringe ich doch die Objektivität auf, zu erklären, daß es ein Dreck ist. Humor des Inlands Das Verkehrsministerium hat, zur Verständigung im Verkehr und zur Verkehrung des Verständigen, aber damit halt die Zeit vergeht, angeordnet, daß künftig der Plural von »Wage« »Waagen« geschrieben werde, um diese ewigen Verwechslungen mit dem Plural von »Wagen«, der nach wie vor so geschrieben werden soll, tunlichst hintanzuhalten. Hierauf hat sich der Lokalspötter der Neuen Freien Presse gemeldet, darauf ein seriöser Leser, der die ministerielle Maßnahme verteidigt, da insbesondere bei »Kinderwagen« eine Verwechslung sehr leicht passieren könne. Und dann erschien das Folgende: [Wagen und Waagen.] Ein Leser schreibt uns: Der Verfasser der Zuschrift unter obiger Marke im vorigen Samstagabendblatte hat unrecht; die Mehrzahl des Wortes Wagen in der Bedeutung eines Vehikels hat den Umlaut, es heißt also nicht die Kinderwagen sondern die Kinderwägen. Das Doppel-a in den Kinderwaagen ist also von diesem Standpunkte aus nicht nötig. Das druckt die Neue Freie Presse, ohne mit der Wimper zu zucken. Nun gibt es allerdings eine deutsche Nebenform des Plurals von Wagen: Wägen, wie Mägen und Kragen, welche aber die jüdische Hauptform ist. Daß diese dem Verfasser der Zuschrift, die der Neuen Freien Presse imponiert hat, vorschwebt, beweist die apodiktische Hinstellung der Norm. Es ist fast so, wie wenn in einen Streit, ob man eine oder »auf eine« Sache zu vergessen habe, sich das Arbitrium mischte, daß man »an« sie zu vergessen hat. Zum Glück aber hat sich schließlich noch ein Belesener gemeldet, der mit Hinweis auf den »Kampf der Wagen und Gesänge« bei Schiller und von diesem Standpunkte aus die Kinderwägen in die Leopoldstadt zurückrollte. Worauf sich freilich wieder das Ministerium melden könnte, um darzutun, wie gerade dieses Zitat die Reform rechtfertige. Denn wer in Wien kennt sich schon aus, was für Wagen auf Korinthus' Landesenge gemeint sind. (Die Behauptung, daß in der ›Neuen Freien Presse‹ Artikel erscheinen könnten, die irgendwelchen persönlichen Gefälligkeiten entsprechen würden, ist so lächerlich, daß sie wohl kaum einer besonderen Widerlegung bedarf. Anm. d. Red.) Nein, aber auch auf so was zu verfallen! Mai 1929 Größerer Gegner gesucht Bln-Lichterfelde, 15. September An Karl Kraus, Wien. Es kann Ihnen nicht ganz gleichgültig sein, von einem Abseitsstehenden zu erfahren, in welcher Weise u. wieweit hier in Berlin auf Ihre September-Fackel hin Resonanz erfolgte. Selbstverständlich kann ich nur von eigenen Erfahrungen u. denen eines engeren Bekanntenkreises sprechen, möchte also nicht verallgemeinern. Soweit mir deutlich, hat kein ehrlicher Deutscher je Alfred Kerr's Art, seine Ärmlichkeiten u. Erbärmlichkeiten ernst genug genommen, um ihm überhaupt die Achtung einer Auseinandersetzung zuteil werden zu lassen. – Ich glaube deswegen, Sie überschätzen das, was Sie so fanatisch bekämpfen. Man hat oft den Eindruck, als boxten Sie in einen weichen Brei; als fänden Sie überhaupt keinen Widerstand, der für einen Mann Ihres Formates » lohnte« ! Man wünscht Ihrer wahrhaft kritischen Kraft u. Fähigkeit einen größeren Gegner; einen, der eine anständigere Art des Kampfes verbürgt. Sie kommen bei der Kleinheit u. Unfähigkeit Kerr's, ein ethisches Niveau zu halten, selber in Gefahr, Ihre Stimme u. stahlharten Blick an ein Figürchen zu verlieren, das all dessen nicht würdig ist, nicht lohnt, u. – last not least – es nicht erträgt. – – Lieber Karl Kraus, Sie werden mir die Offenheit, die Sie selbst von jedermann verlangen, nicht übelnehmen u. auch nicht läßlich belächeln. Ich wiederhole: Kerr's Beamtung entspricht nicht Ihrer Bemühung. Dieses Mißverhältnis ist für den unparteiisch Lesenden das eigentlich Ärgerliche, u. nicht das Ding der Polemik an sich. – – Die gelegentlichen mageren Feuilletons mögen von einer gewissen Lesersorte (die alles andere als auserlesen ist) goutiert werden. Die sind nicht zu bekehren; u. auf sie kommt es nicht drauf an. Aber wer Ohren hat, zu hören u. ein gesundes Hirn, der »weiß« ohnedies. Mit der Sprache kann ja gelogen werden, die Sprache selbst aber lügt nie . Das weiß auch Kerr. Darum sein Versteckenspiel in Klammern u. geklaupten Stil; daher seine zehnfache Not, aus der er hundert Tugenden zu machen sucht; deswegen seine Maske der Offenheit u. Öffentlichkeit. Und doch: auch dieser Mensch, der sich sicher verschiedentlich unangenehm bloßgestellt hat, ist nicht so radikal zu beurteilen, einzuteilen, aufzuteilen u. zu verurteilen, wie Sie es versuchen. Wir kennen doch von Kerr wirklich echte, menschliche Töne u. zumindest einen guten Willen zu sauberer Gesinnung – – Man vermißt Ihrerseits ein Wort über diese Seite der Gestalt; die andern liegen so offenbar u. so leicht verwundbar, daß man ihm vor einem Kampfe ein Schild reichen sollte, sich zu decken; nicht so sehr seinetwegen, als um des Kampf-Niveau's wegen. Jeder Haß ist weicher Brei. Aber die Frage des Mutes, was »meinte« dieser Mensch, wenn er so sprach, was »meint« überhaupt sein Dasein, ist nicht von Ihnen gestellt worden. Schließlich leugnen Sie (wie auch Kerr) die Tatsache, daß aller Irrtum, jeder Irrtum, ja sämtliches Halb-, Falsch- u. Besserwissen »Weg« ist; daß sehr wohl ein Weg-Stück, das ich heute nicht mehr gehen würde, gestern noch wahr u. ehrlich war. Es ist leicht, Widersprüche aus solcher »Bewegung« herzuleiten u. mit langem Finger darauf zu weisen. Kennen Sie Otto zur Linde aus Bln-Lichterfelde? – – Auch ich weiß nicht, was mir die Berechtigung gibt, diesen völlig improvisierten Brief zu schreiben; Ihnen, dem viel Älteren u. Erfahreneren. Vielleicht die innere Nötigung, in geistigen Dingen Stellung zu nehmen. – – Wo ist eine Stimme u. adliger Wille? Sie haben beides. Ich glaube, Ihre besten Leser erwarten von Ihnen weniger »Antworten auf Antworten«, sondern neue, tiefere Fragen um wesentliche Dinge. Aufrichtig Ihr ... * Wien, 25. September Sehr geehrter Herr! Es ist überaus dankenswert, daß Sie Herrn Karl Kraus erfahren lassen, in welcher Weise u. wieweit in Berlin auf die September-Fackel hin Resonanz erfolgte. Wiewohl Sie sogleich einschränkend fortsetzen, daß Sie selbstverständlich nur Ihre Meinung u. die Ihres engeren Bekanntenkreises wiedergeben können, so halten Sie doch Ihre Aufschlüsse für so wichtig, daß Sie mit Recht die Erwägung beiseite lassen, ob er nicht vielleicht auch schon andere Mitteilungen, entgegengesetzter Art empfangen habe, aus denen er gleichfalls erfahren konnte, in welcher Weise und wieweit in Berlin Resonanz erfolgte. Die Ihre hat entschieden den Vorzug, daß sie Argumente beibringt, die er in dreißig Jahren noch niemals gehört hat. Da ist vor allem der Einwand der Geringfügigkeit des Themas und der Überschätzung des bekämpften Gegners. Der Herausgeber der Fackel kann Ihnen gar nicht genug danken, daß Sie ihn endlich darauf aufmerksam gemacht haben. Aber wenn er in diesem Fall noch für seine Verirrung geltend machen könnte, daß er es doch eben auf das Mißverhältnis zwischen der Geltung einer wirkenden Null u. deren Nullität abgesehen hatte, so belehren Sie ihn, daß ja den Herrn Kerr in ganz Deutschland noch nie jemand ernst genommen habe. Kein ehrlicher Mann habe seinen Ärmlichkeiten u. Erbärmlichkeiten bisher überhaupt die Achtung einer Auseinandersetzung zuteil werden lassen. Vor diesem Faktum, welches sich natürlich nicht etwa daraus erklärt, daß es so wenig ehrliche u. mutige Leute in der deutschen Literatur gibt, können die Huldigungen, die sämtliche führenden Geister Deutschlands kürzlich dem Kerr zuteil werden ließen, und die Macht, die er über die ganze Theaterwelt ausübt, entschieden nicht in Betracht kommen. Sie haben nun einmal den Eindruck, als werde hier in einen weichen Brei geboxt. Damit haben Sie gewiß recht, und der Eindruck muß nicht einmal darauf zurückzuführen sein, daß durch den Angriff etwas, das nie Konsistenz hatte, coram publico in Brei verwandelt wurde. Vielmehr dürfte der Mißgriff des Angreifers darin bestehen, daß er gewähnt hat, vor der geistigen Welt erst darstellen zu müssen, daß sie einen Brei für Bergkrystall halte, während sie in Wahrheit die Beschaffenheit längst erkannt hat und nur aus irgendwelchen Gründen es nicht wahr haben will oder sagen wir aus Feigheit unterlassen hat, es zu sagen. Sie bedauern, daß der Angreifer hier keinen Widerstand findet, der für einen Mann seines Formates lohnte, daß er seine Stimme u. stahlharten Blick an ein Figürchen verliert, und wünschen seiner wahrhaft kritischen Kraft u. Fähigkeit einen größeren Gegner. Er wäre Ihnen für umgehende Angabe der Adresse verbunden. Sollte ein solcher wider Erwarten im heutigen Geistesleben vorhanden sein, so besteht freilich die Gefahr, daß vor der anerkannten Größe des Gegners die Gegnerschaft verschwindet. Aber Sie meinen es offenbar menschlich sehr gut mit dem Herausgeber der Fackel, dem Sie zu einer anderen Weltanschauung zureden wollen und der dankbar schon in der Ansprache »Lieber Karl Kraus« die Wärme des Mentors spürt. Wohltuend berührt dabei auch die Bescheidenheit, mit der Sie zugeben, daß Sie einen viel Älteren u. Erfahreneren beraten, nicht wissend, was Ihnen die Berechtigung gibt, diesen völlig improvisierten Brief an ihn zu schreiben. Er weiß es leider auch nicht, aber er kann Sie darüber beruhigen, daß es das eben im Leben eines Polemikers gibt, der als Zubuße zu seiner großen und planvollen Arbeit auch auf jede Improvisation vorbereitet sein muß. Von Übelnehmen oder gar läßlich Belächeln, wie Sie es fürchten, kann gar keine Rede sein. Warum sollte denn nicht auch der Erfahrenere empfänglich sein für Argumente von so überraschender Neuheit, wie es die Ihren sind? Wenn sich der erwartete Erfolg des Insichgehens nicht sogleich einstellt, so liegt der Grund in etwas anderem. Das Problematische Ihrer Belehrung besteht ausschließlich in einer schwer leserlichen Handschrift, die gerade den Weg zu den wertvollsten Erkenntnissen verrammelt. Mit Mühe war ihr eben noch zu entnehmen, daß die Berliner Leser der Fackel nicht so sehr das Bedürfnis haben, Aufschlüsse über Herrn Kerr zu erhalten, als neue, tiefere Fragen um wesentliche Dinge, die dem Herausgeber der Fackel dann wahrscheinlich aus Berliner Leserkreisen beantwortet würden. Was den Kerr betrifft, so wiederholen Sie kategorisch: »Kerrs Beamtung entspricht nicht Ihrer Bemühung«, und hier ergebe sich ein Ihnen ärgerliches Mißverhältnis. Wie schade! Und der Polemiker hatte, ahnungslos wie er in den Verhältnissen der deutschen Publizistik ist, gewähnt, er habe erst das Mißverhältnis zwischen einer Nichtswürdigkeit und deren Beamtung als des ersten und maßgebendsten Kritikers aufzudecken. Sie sagen nun mit so glücklichem Ausdruck von den gläubigen Lesern des Herrn Kerr: »auf sie kommt es nicht drauf an«. Was aber die Sprache betrifft, in deren Geheimnisse Sie den Herausgeber der Fackel einführen, so belehren Sie ihn in Bezug auf den Kerr: »mit ihr könne gelogen werden, sie selbst aber lüge nie«. Was so viel besagen soll als: daß jeder bessere Mensch in Deutschland ohnehin schon weiß, wie es mit dem Kerr bestellt ist. Das sagen zwar immer jene, die es erst aus der Fackel erfahren haben, doch wir wollen hoffen, daß es bald auch wahr sein wird. Das Erfreulichste an Ihrem Zuspruch ist aber, daß sie plötzlich »Und doch« ausrufen, um bei diesem Grad schärfster Erkenntnis auch die guten Seiten des Angegriffenen hervorzuheben, nicht ohne den Schmerz, solche Gerechtigkeit beim Angreifer zu vermissen. Der Vorwurf jedoch, daß in der Polemik die wirklich echten, menschlichen Töne Kerrs u. zumindest sein guter Wille zu sauberer Gesinnung zu kurz gekommen wären, ist insofern unbillig, alsja gerade seine pazifistische u. weltbürgerliche Sinnesart hervorgehoben wird gegenüber seiner gelegentlichen Neigung, den Feinden zur Ernährung schimmelfeuchtes Stroh zuteil werden zu lassen u. noch Rheumatismus im Popo. Außerdem könnte man doch auch nicht sagen, seine wirklich echten, menschlichen Töne seien nicht anerkannt worden, als er dem Amtsgericht Charlottenburg den Aufruf des Tiroler Antisemitenbundes gegen den Herausgeber der Fackel unterbreitete und gewissenhaft zu bedenken gab, »ob Antisemitismus gegen Kraus mitsprach oder nicht«. Während dieser nun alles getan zu haben glaubte, wenn er die Individualität im unverkürzten Abdruck ihrer eigenen Werke sich entfalten ließ, erkennen Sie eben darin einen Akt der Ungerechtigkeit. Ja, Sie wünschen im Grunde, er hätte, wo der Unwert einer Erscheinung wie des Kerr ohnedies zu Tage liegt, mehr deren Wert hervorgehoben. Demnach stellt sich heraus, daß der Kerr doch eigentlich ein größerer Gegner ist als es zuerst den Anschein hatte, ein solcher, den Sie dem Herausgeber der Fackel wünschen, ja dessen positive Qualitäten die Gegnerschaft verstummen machen könnten. So käme man allmählich zu der Einsicht, daß dies die richtige Antwort auf die Schurkereien der Schriftsätze gewesen wäre. Vollends vermissen Sie die Untersuchung: »was sein Dasein meint«. Mit dieser Forderung betreten Sie freilich ein Gebiet der Lebensweisheit, dessen Erschließung möglicherweise bis zu Steiner, wenn nicht gar bis zu Keyserling führt und auf den Polemiker zunächst verwirrend wirkt, freilich nicht ohne jede Gewähr, daß sich die guten Folgen noch einstellen werden. Als besonders eindrucksvoll empfindet er heute schon die Mahnung, nicht Widersprüche aus solcher Bewegung herzuleiten u. mit langem Finger darauf zu weisen. Indem wir der Hoffnung Ausdruck geben, daß Sie damit nicht auf das Plagiat an der Apokalypse anspielen wollen, zeichnen wir mit vorzüglicher Hochachtung Der Verlag der Fackel. Spezialmassage Das ›Neue Wiener Journal‹ hat in der jüngsten Zeit mir gegenüber einen Ton der Hingebung angeschlagen. Das ist die Folge strenger, aber gerechter Massage, die ich ohne Ansehn der Partei und Konfession allen besseren Herren von der Presse angedeihen lasse und deren Wirkung sich bald auch am ›Abend‹ erweisen wird. Man hat beobachtet, daß sie sich in meinem Salon die Türklinke reichen, man hat auch die Instrumente aufgefunden, aber der Polizei ist es nicht gelungen, sie zu saisieren, weil sie selbst damit bedient wird. Lippowitz jedoch hat in den letzten Wochen auch Schläge vom Schicksal erlitten. Es ist ihm zwar geglückt, dem Gerichtssaal, dem er grundsätzlich in sämtlichen Funktionen fernbleibt, auch als Zeuge zu entgehen und die Möglichkeit zu vermeiden, mit dem Schatten seines ermordeten Redakteurs konfrontiert zu werden. Für 100 Schilling Disziplinarstrafe, die er noch knapp vor der Verhaftung einer Inserentin hereinbringt. Aber die in Ehrendingen feinfühlige Wiener Gesellschaft empfindet es doch nachgerade als unbillig, den Bekessy zu entbehren und den Lippowitz zu haben. Mit Schober steht er auf dem Neckfuß. Der liefert ihm Erinnerungen an Bela Kun zum Ersatz dafür, daß er ihm die einzige anständige Rubrik entvölkern möchte. Doch es gelingt ihm nicht. Denn wenn er täglich der Opfer zweie schlachtet – und glaubet an Liebe und Treue –, wachsen am nächsten Tag viere dazu, und Lippowitz behält sowohl den Polizeipräsidenten als die Delinquentinnen. Der Vorteil für ihn besteht auch darin, daß er täglich in der Gerichtssaalrubrik daraufhinweisen kann, daß »nach den Erhebungen der Polizei mehr erotische als reelle Massage betrieben« werde, was jene Leser der Annoncenrubrik, die ganz sicher gehen wollen, beruhigt. Mehr als das Geschäft hat immerhin das Ansehen gelitten, da es sich ja mit der Zeit doch herumspricht, worin jenes besteht. Er macht darum jetzt öfter den Versuch, mich auf seine Seite zu bringen, etwa indem er mich als einen Autor hinstellt, dessen Stoff das Privatleben von Wiener Persönlichkeiten bildet. Natürlich perhorresziert er solche Befassung nicht anders, als er die Tätigkeit seiner Inserentinnen beanstandet, sobald sie verhaftet sind. Er hat Telegrammspesen aufgewendet, um sich die Nachricht eines Berliner deutschnationalen Blattes übermitteln zu lassen, und gehofft, mir mit Lettern faustdick wie die Lüge den Gefallen einer Reklame zu erweisen, auf die ich als affärensüchtiger Schlüsseldramatiker doch ausgehe. Die Wahrheit an der Nachricht war, daß eine Nichtaufführung der »Unüberwindlichen« Herrn Schober erwünscht und dieser Wunsch der Vater des Gedankens ist, daß diesbezüglich der Castiglioni mit dem Einspruch vorangehen könnte. Ich höre fern die großen Stiefel trappen; nur daß sie diesmal der andere anhaben soll. (Schober macht alles, ob aber Castiglioni persönlich hervortreten kann ist zweifelhaft.) Nein, die Preußen lieben zwar einstweilige Verfügungen, aber so schnell schießen sie doch nicht. Die Nachricht – an der bloß richtig war, daß ich »Berlin mit meiner Anwesenheit beglücke«, da ich tatsächlich die »Briganten« vortrug – hatte eine maßvolle, wenngleich energische Behandlung zur Folge: * Neues Wiener Journal, 14. Februar: Wir erhalten folgende Berichtigung: Im Vollmachtsnamen Karl Kraus' fordere ich die Berichtigung der in Ihrer Nummer 12.635 vom Freitag, dem 25. Januar 1929, Seite 5, mitgeteilten, meinen Mandanten betreffenden Tatsachen gemäß § 23 Preßgesetz. Sie berichten unter dem Titel Karl Kraus' neueste Affäre. Einspruch gegen die geplante Berliner Aufführung eines Schlüsseldramas aus der Wiener Gesellschaft, daß Karl Kraus »bereits wieder in eine neue Affäre verwickelt« ist, indem »im Theater am Schiffbauerdamm als nächste Vorstellung im Studio die Satire »Die Unüberwindlichen« unter der Regie von Bert Brecht vorbereitet« wird, »ein Schlüsseldrama schlimmster Sorte, in dem führende Persönlichkeiten der Wiener politischen und Finanzwelt verunglimpft werden«, und »nun von Seiten einer in diesem Stücke verspotteten Persönlichkeit Einspruch gegen die Aufführung erhoben und der Schutz, der nach dem reichsdeutschen Gesetz dem Privatleben gewährleistet ist, erbeten« wurde; »falls, woran nicht zu zweifeln ist, diesem Einspruch Folge geleistet wird, müßte die Premiere unterbleiben «. Die in diesem Bericht enthaltenen tatsächlichen Behauptungen sind unwahr. Es ist unwahr, daß »Die Unüberwindlichen« ein Schlüsseldrama aus der Wiener Gesellschaft sind, gegen welches einer der darin vorkommenden Persönlichkeiten nach dem reichsdeutschen Gesetz der Schutz des Privatlebens gewährleistet ist. Wahr ist, daß den »Unüberwindlichen« Vorgänge des öffentlichen Lebens, wie die Ereignisse des 15. Juli 1927, die Angelegenheit der Leumundsnote für Emmerich Bekessy und dessen publizistische Beziehungen zu führenden Persönlichkeiten der Wiener politischen und Finanzwelt zugrunde liegen. Es ist unwahr, daß von Seiten einer in diesem Stücke verspotteten Persönlichkeit Einspruch gegen die Aufführung erhoben wurde. Wahr ist, daß ein solcher Einspruch nicht erhoben wurde. Es ist somit unwahr, daß Karl Kraus bereits wieder in eine neue Affäre verwickelt ist. Wahr ist, daß er im Zusammenhang mit der geplanten Aufführung der »Unüberwindlichen« in keinerlei Affäre verwickelt ist. Es ist unwahr, daß als nächste Aufführung im Studio des Theaters am Schiffbauerdamm »Die Unüberwindlichen« vorbereitet werden. Wahr ist, daß dieses Stück als übernächste Aufführung vorbereitet wird und als nächste Aufführung »Wolkenkuckucksheim«, ein Versspiel auf Grundlage der »Vögel« des Aristophanes von Karl Kraus. Dr. Oskar Samek. * Wir brauchen ein anderes Preßgesetz, dann werden solche Mißbräuche künftighin unmöglich sein. Kommentar überflüssig. Der peinlich korrekte Abdruck und der bescheidene Zusatz sollten dem ›Abend‹ ein Beispiel sein. Natürlich brauchen wir ein anderes Preßgesetz, und ohne Zweifel ist die totale Überflüssigkeit eines Kommentars noch nie so anschaulich und so rührend in Erscheinung getreten. Selbst wenn nicht gleich darunter etwas unter der Spitzmarke: e (Sind Sie niedergeschlagen,) abgespannt und nervös ... empfohlen wäre, so wäre ich versöhnt und bereit, da dies alles ja in der Schoberwelt spielt, Treue um Treue zu bieten. Denn hier bekundet sich eine Ergebung, die wirklich dartut, daß die Massage doch kein leerer Wahn ist. Und weit und breit nichts als Resignation. Was soll man denn machen, wenn Schober einen Bericht aussendet, die Assistentin habe gestanden, daß sie an den Kunden des Salons sogenannte »Spezialmassagen« ausführte? Nein, das kann Lippowitz doch nicht an dem Tag erscheinen lassen, wo es hinten ohnedies schon mit so viel Wehmut des Abschieds heißt: Letzter Tag Spezialmassagen Mir sei nur noch die Bitte gewährt, im Bunde der Dritte zu sein und sie fortzusetzen. 1928 Briefwechsel mit Cossmann An den Verlag »Die Fackel« Propaganda-Leitung München, 12. Dez. 1928 Sehr geehrter Herr Kollege ! Es scheint , daß die Rechtshandhabung überall an Ansehen verliert; vor allem sind es die großen Aufgaben des Wirtschaftsrechts und Völkerrechts, deren Behandlung oft ein geradezu klassisches Bild juristischer Unsicherheit verrät. Das zeigte uns, um nur ein Beispiel aus neuester Zeit zu nehmen, mit aller Deutlichkeit der Eisenkonflikt. Ferner sei an die Erörterungen über die Todesstrafe erinnert und an den daraus sich entspinnenden erbitterten Meinungskampf, der immer an das Grundsätzliche rührt . Die Frage: Krisis der Justiz? ist deshalb nur zu berechtigt. Wegweisend haben die Süddeutschen Monatshefte dem ersten Heft des neuen Jahres dieses Thema eingeräumt. Das Heft wird überall in Deutschland Aufsehen erregen; dafür bürgt schon die Behandlung hochaktueller Einzelprobleme, die, wie Sie aus beiliegendem Inhaltsverzeichnis ersehen können, zu einer außergewöhnlichen Verbreitung des Heftes in allen Bevölkerungsschichten, namentlich in Juristenkreisen, beitragen werden. Eine solch günstige Werbegrundlage werden Sie sich wohl nicht entgehen lassen wollen . Wir empfehlen Ihnen daher, sich diesen ausgedehnten Interessentenkreis auch für das in Ihrem Verlag erschienene Werk Sittlichkeit und Kriminalität zu erschließen. Unser hoher Kollegenrabatt von 30 % erlaubt Ihnen auch bei geringeren Mitteln eine gewinnbringende Beteiligung in dieser Sondernummer. Genaue Preisangabe finden Sie am Schlusse des Inhaltsverzeichnisses. Bei baldigem Entschluß können wir Ihnen noch einen Vorzugsplatz ohne jeden Preisaufschlag zukommen lassen. Wir bitten deshalb um Ihre umgehende Stellungnahme. Mit kollegialem Gruß Süddeutsche Monatshefte G. m. b. H. Verlag. Anlage * Der Wegweisung der Süddeutschen Monatshefte wurde die folgende Wegweisung der Fackel zuteil: An die Süddeutschen Monatshefte Wien, 14. Dezember 1928 Daß Sie die Fackel nicht kennen und deshalb vermuten, sie habe eine »Propaganda-Leitung« (an die Sie Ihre Zuschrift richten), nimmt uns nicht wunder. So viel aber müßten Sie doch schon vom Hörensagen oder aus dem Werk selbst, das Sie annonciert wünschen, in Erfahrung gebracht haben, um zu wissen, daß sie eine Propaganda, wie Sie ihr sie vorschlagen, für sich wie für die Zeitschrift, die diese besorgt, auf das äußerste perhorresziert. Sie beginnen Ihr Bittgesuch um eine Annonce mit den Worten: »Sehr geehrter Herr Kollege! Es scheint, daß die Rechtshandhabung überall an Ansehen verliert«. Das scheint uns auch; aber daß dieser Umstand uns bestimmen sollte, eine Handhabung des Geistes, die noch weit mehr an Ansehen verliert, in den Praktiken, die dazu geführt haben, zu unterstützen und daß wir Ihre Bemühungen, durch ein Sonderheft der »Krisis der Justiz« abzuhelfen, mit einem Inserat belohnen müßten, sehen wir nicht ein. Sie meinen, »eine solch günstige Werbegrundlage« werden wir uns »wohl nicht entgehen lassen«. Doch! Wir werden die Chance von »Erörterungen über die Todesstrafe« zu keinem Inseratauftrag benützen. Wenn Sie sich bei der Vorbereitung eines Heftes, das der Krisis der Justiz gewidmet ist, an das Werk »Sittlichkeit und Kriminalität« erinnert haben und finden, daß ihm in einem solchen Rahmen ein Platz gebühre, womit Sie gar nicht so unrecht haben, so bleibt es Ihnen ja unbenommen, einen Artikel darüber zu bringen. Aber daß der Autor sich an der Gelegenheit materiell beteiligen soll, ist eine starke Zumutung, die er ablehnt, obwohl ihm sogar ein Vorzugsplatz winkt. Er macht also von dem »Kollegenrabatt« von 30 % – wohl der einzigen Gunst, die ihn mit Ihnen verbinden könnte – keinen anderen Gebrauch als den der Gelegenheit, Ihnen etwas über publizistische Moral zu sagen, was gleichfalls »an das Grundsätzliche rührt«. Wenn wir über das Wesen Ihrer Zeitschrift nicht schlechter unterrichtet sind als Sie über uns, so vermuten wir, daß die ›Süddeutschen Monatshefte‹ deutschnationalen Charakter haben. Die wiederholten Versuche, dessen rassenmäßige Reinheit zu bestreiten, dürften durch Ihr Angebot einer »gewinnbringenden Beteiligung«, die Ihnen Gewinn bringen soll, Nahrung erhalten. Jetzt, wo Sie dem vielverheißenden Vorbild Mosses folgen, wird man anerkennen, daß die seinerzeit in der Fackel glossierte Arierfrage »Warum verdient der Jude schneller und mehr Geld als der Christ« Ihnen kein Problem mehr bedeutet. Für alle Fälle möchten wir Ihnen aber eine Sorge, die uns beim Lesen Ihrer Zuschrift beschlichen hat, nicht verhehlen. Diese ist offenbar ganz individuell an uns gerichtet, indem sie sich ja auf das Werk »Sittlichkeit und Kriminalität« bezieht. Da Sie aber nicht allzuviele Kollegen haben dürften, die zugleich Autoren von Werken sind, deren Eignung für den Rahmen Ihrer Sondernummer in Betracht kommt, so fürchten wir, daß die Erörterung über die Todesstrafe Ihnen außer dem ethischen Nutzen nur einen geringen materiellen Gewinn eintragen dürfte. Wie immer dem sein mag, jedenfalls haben Sie sich bei uns an die unrechte Adresse gewandt. Wir möchten Sie aber schließlich bitten, in dieser Ablehnung keine Parteinahme zugunsten Thomas Manns zu erblicken, zu dessen Polemik mit Ihrem Herrn Professor Cossmann wir im Gegenteil die streng unparteiische Ansicht vertreten, daß beide Teile den Kürzeren gezogen haben. Indem wir Ihnen den kollegialen Gruß, den Sie uns entbieten, zurückgeben, zeichnen wir Der Verlag der Fackel. 1929 August 1929 Kerrs Enthüllung Im kleinen Finger der Hand, mit der er fünfundzwanzig Verse der Ammerschen Übersetzung von Villon genommen hat, ist dieser Brecht originaler als der Kerr, der ihm dahintergekommen ist; und hat für mein Gefühl mit allem, was ihn als Bekenner dem Piscatorwesen näher rückt als mir (ja was mir weltanschaulich zuwider ist als die Mischung von Nieder- und Aufreißertum, als eine betonte Immoral sanity) mehr Beziehung zu den lebendigen Dingen der Lyrik und der Szene als das furchtbare Geschlecht des Tages, das sich nun an seine Sohlen geheftet hat. So wenig ein Zweifel darüber bestehen kann, daß eine geistige Existenz ausgelöscht wäre, die auch nur mit einem einzigen fremden Vers zu glänzen versuchte, so ausbündig ist die Trottelei, die einem weismachen will, dieser so geartete, so begabte und so sichtbar abwegige Autor hätte es nötig gehabt und für möglich gehalten, die Verse, die ihm für den Bühnenzweck praktikabel schienen wie Versatzstücke und Personen, und deren autorrechtliche Fatierung er für den Druck verschlampt hat, als literarische Kontrebande auf die Seite zu bringen. Eine Bewußtseinshandlung, die hier noch ein »Copyright« anbringt, zu unterstellen, ist nicht die Bosheit der Satire, sondern der Idiotie, oder gar die Gesinnung, die deren Anschein nicht verschmäht, um auf Idioten eine Augenblickswirkung zu erzielen. Annähernd so stupid wie etwa der Versuch, Altenbergs Fluch über Freunde als Zeugnis zu werten, ihn, da er Geld sammelte, der Korruption, oder, wenn er Verse genommen hätte, der Dieberei zu beschuldigen. Wenn es heute in der Literatur einen Fall gibt, wo eine Tat, die Unterlassung ist, durch den Täter entsühnt wird – der mindestens den Anspruch hat, daß man ihm biologisch so gerecht werde wie er den Lebenserscheinungen, und der gewiß mit der gleichen Unbedenklichkeit und Verwahrlosungssucht über sein eigenes Gut verfügen würde –, so ist es der Fall Brecht. Das kann ich aus einem lyrischen Wust herleiten, in dem doch Echteres enthalten ist als die heutige Literatur zu bieten hat, wie aus einer Theaterbesessenheit, die ich am Werke gesehen habe und an der auch nicht die Spur eines Spekulantentums ist, das ihn von meiner dramatischen Sphäre ausschließen würde. Die Schufterei wird natürlich sagen, daß mich seine Neigung zu eben ihr befangen macht; aber ich würde diesen Regisseur im Falle der Nichtbewährung mit der vollen Unbefangenheit ablehnen, mit der ich jedem Versuch der heutigen Theaterwelt gegenüberstehe, sich mit mir einzulassen. Mit größerem Recht weise ich den schäbigen Beweggrund solcher Verknüpfung dem Herrn Kerr zu, dessen Drang, hier zu enthüllen, nicht allein in dem Bedürfnis der Ablenkung wurzelt, sondern auch innerhalb des Machtbereichs der kritischen Repressalien spielen dürfte. Wäre Bert Brecht trotz der Verdächtigkeit der Anzeige ein Dieb, so könnte ich natürlich auch seine Originalität der Regieführung nicht brauchen. (Auf die ich auch verzichten müßte, wenn ich ihn der konjunkturpolitischen Lumperei für fähig hielte, deren ihn die Ehrlichkeit Franz Pfemferts beschuldigt.) Da er es nach meiner Überzeugung nicht ist, bin ich umso mehr verpflichtet, diese geltend zu machen, als ihm sein Vorhaben, durch keinerlei Furcht und Rücksicht gehemmt oder bestimmt, die Verfolgung offenbar zugezogen oder doch einer alten Ranküne auf die Beine geholfen hat. Verpflichtet also, dem Opfer eines Kesseltreibens beizustehen, das ich, wie so oft in diesen Bereichen der Gewalthaberei, als Vergeltung meiner Schuld empfinde und dessen Gefährlichkeit zum Glück von seiner Dummheit paralysiert wird. Was den Rädelsführer betrifft, so habe ich schon in Einleitungen zu dem Vortrag »Der größte Feigling im ganzen Land« darauf hingewiesen, daß »Kens Enthüllung« eine für die Sprachlehre erhebliche Genitivbeziehung vorstellt. Es wäre nur noch zu sagen, daß er im Vergleich mit Brecht insofern mehr Pech hat als dieser, als es noch niemand eingefallen ist, zu enthüllen, daß die Gottlieb-Gedichte nicht von ihm seien, und ich glaube, daß er heute eine weit größere Summe, als er mir mit Hilfe der deutschen Justiz für »einstweilige Verfügungen« abgenommen hat, dafür geben würde, daß sie nicht von ihm wären. Ja, es besteht die Vermutung, daß hier einmal ein rechtmäßiger Eigentümer durch den Ruf »Haltet den Dieb!« ablenken wollte. Und wie er zu dem ersehnten Resultat, daß die Gottlieb-Gedichte nicht mehr von ihm seien, gelangen könnte, diesen Weg werde ich, Friedmensch der ich bin, ihm gelegentlich weisen. Brecht hätte sich geschickter als mit der »grundsätzlichen Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums« durch den Hinweis auf einen lyrischen Autor verteidigt, der so penibel ist, seine eigene Produktion zu verleugnen, und sich mit Hilfe der Zivilgerichte gegen jeden Versuch wehrt, sie ihm mit Quellenangabe zuzuschreiben, ja nicht weit von dem Wunsch entfernt ist, daß sie ihm gestohlen würde. Was der Kerr da ins Werk gesetzt hat, als er erfuhr, daß Brecht sich für die Regie der »Unüberwindlichen« oder der »Letzten Nacht« interessiere, ergänzt derart das Bild seiner moralischen und intellektuellen Beschaffenheit, daß man darauf nur das Mot anwenden kann, mit dem er kürzlich dem Kurfürstendamm zu Lachkrämpfen verhalf: »Saudumm und Gomorrha.« Nun, er ist, um weiter in seiner Sprache zu reden: ein Enthüllerich. Aber was wäre ich erst für einer, wenn ich wieder einmal einen Strafprozeß in Deutschland – sie sind so schwer zu führen! – abbrechen wollte, um (im Falle Wolff-Kerr) die Beute eines unbezahlbaren Schriftsatzes und eines, der noch die bekannten übertrifft, zu präsentieren. Und daß Herr Kerr, der die englische Herkunft eines Gedichtes gewissenhaft schon nach zwei Wochen nachgetragen hat, Plagiate enthüllen darf, ist ganz in Ordnung und in der Linie seiner Gerechtsame, vor der meine Apokalypse, die bis heute der Quelle des Johannes entbehrt, und mein Lichtenberg-Zitat nicht bestehen konnten. Aber was soll man dazu sagen, daß sein freundbrüderlicher Nachdrucker aus Gottlieb-Tagen, der Lippowitz, dessen Geschäft, von Bordellgewinsten abgesehen, keineswegs der heimliche literarische Diebstahl, sondern der offene Raub des geistigen Eigentums sämtlicher deutschen Tagesliteratur ist, ein Geschrei erhebt, als ob zum erstenmal ihm etwas abhanden gekommen wäre! Das Neue Wiener Journal kann es einfach nicht ertragen, daß man sich zur Laxheit in Fragen geistigen Eigentums bekennt und schreibt: Früher nannte man solche Dinge »literarischen Diebstahl« oder belegte sie mit irgendeinem anderen unliebenswürdigen Ausdruck. Nämlich damals, als die Frankfurter Zeitung den Lippowitz einen Dieb nannte und er, um solcher Unfreundlichkeit zu begegnen, die Artikel, die er ihr entnahm, mit F. Z. unterzeichnete. Damals, als sich in der Fackel die geplünderten Autoren meldeten, kriminalistische Fachblätter über die spezifische Technik des Diebstahls beim Neuen Wiener Journal Essays brachten und der Fall heiteres Aufsehen erregte, wie der Artikeldieb durch die stehengebliebene Wendung von Eduard VII. als dem »Onkel unseres Kaisers« die Selbstanzeige erstattet hatte. Dieses nämliche Neue Wiener Journal nun – an der diesbezüglichen Identität dürfte Schober nicht zweifeln – scheint es dem Autor der Dreigroschenoper zu verübeln, daß er die Herkunft der paar Verse, die er nicht leugnen konnte, ausdrücklich zugab, und eben darin eine Laxheit in Fragen geistigen Eigentums zu erblicken, in welchen es, sooft es auch erwischt wurde, dem starren System gehuldigt hat, sich nichts wissen zu machen und weiter zu stehlen. Es setzt den Titel: »Brecht antwortet auf Kerrs Plagiatbeschuldigung«. Derlei hat Lippowitz nie getan – das heißt, plagiiert schon, aber nicht geantwortet! In der durch Zörgiebel ausgebauten (und durch Schober vertieften) Bundesbrüderschaft mit dem ›Vorwärts‹ hat er aber gar die Frechheit, das Folgende zu drucken: ( Dem Plagiator Brecht ins Stammbuch .) Der sozialdemokratische ›Vorwärts‹ widmet dem kommunistischen Plagiator Bert Brecht, der bekanntlich gestanden hat, zahllose Verse der »Dreigroschenoper« gestohlen zu haben , die folgenden spitzen Verse ... Kein Zweifel, er verübelt ihm hauptsächlich das Geständnis. Aber die Verse des sozialdemokratischen Blattes, das von der Chefredaktion des alten Liebknecht bis zu der Tauglichkeit, vom Lippowitz mit Quellenangabe benützt zu werden, herabgesunken ist, sind nicht spitz, sondern dreckig. Die zahllosen Verse jedoch, die Brecht unter sechshundert mit einer Planhaftigkeit übernommen hat, die den Lippowitz zum Hort der autorrechtlichen Moral machen würde, entsprechen genau der ominösen Zahl, die das Leitmotiv dieses Heftes der Fackel bildet. Sie wäre für einen journalistischen Hinterteil fällig, wenn dessen Platz nicht von dreimal so viel Bordellannoncen okkupiert wäre, die die einzigen sauberen und originalen Beiträge des Neuen Wiener Journals bilden. Die Räuber in Salzburg Das Inszenierungsproblem der »Räuber« hat seit Piscator die deutsche Kulturwelt bewegt. Man war auf Reinhardts Lösung gespannt. Ich habe ihr zwar nicht beigewohnt, aber ein lebendiges Bild durch den die Eindrücke zusammenfassenden Bericht der Neuen Freien Presse erhalten. Er lautet: Die Reinhardt-Inszenierung von Schillers »Die Räuber«. Telegramm unseres Korrespondenten. Den Höhepunkt der heurigen Festspielsaison bildete die gestrige Premiere der Reinhardt-Inszenierung von Schillers » Die Räuber «. Zu diesem Ereignis hatte sich im Festspielhaus ein glänzendes Publikum eingefunden, das alle Räume füllte. In dem ausverkauften Haus gaben die herrlichen Toiletten der Damen dem Bilde eine farbenprächtige Note. Man sah zahlreiche Vertreter der Theaterwelt des In- und Auslandes sowie der Spitzen der Behörden von Stadt und Land Salzburg mit Landeshauptmann Rehrl , Bürgermeister Ott und viele bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Der Premiere wohnte auch der frühere Handelsminister Dr. Heinl bei. Nach der Vorstellung fand im Schloß Leopoldskron ein Empfang bei Max Reinhardt statt, zu dem sich eine große Anzahl von Personen in den herrlichen Räumen des Schlosses eingefunden hatten. Ein Zitat als Titel Einem anschlußfreundlichen Blatte ist es passiert, einen Titel – der das Zitat aus einer reichsdeutschen Äußerung bildet – wie folgt anzuordnen: Österreich kann Deutschland Gegenleistungen höchsten Wertes bieten Ganz das nämliche hat sich schon zu der Zeit, da sich die Schulter an der Schulter rieb, Österreich gedacht. Es ist sozusagen die Kehrseite des Gefühls, das als Pathos des Anschlusses das der Distanz abgelöst hat. Das Richtigste wäre aber, daß die Realität der Handels- und Exportdinge unverhüllt aus Nationalrausch und Phrasendampf hervorträte, einem Zustand, der nicht nur darum widerlich ist, weil er Kaufleute in Ekstase vorführt, sondern weil er fallweise auch die Auflösung der Firma zuläßt und die Ernüchterung von Gebrüdern, die einander »Piffke« und »Nazi« titulieren. Und vor allem – bevor sie deutsch fühlen, sollen sie es lernen! Oktober 1929 Keine Vertiefung? »Bei der Übernahme der Regierungsgeschäfte der Republik Österreich ist es mir ein aufrichtiges Bedürfnis, Sie, Herr Reichskanzler, zu versichern, daß mir und allen Mitgliedern meiner Regierung die Pflege und der Ausbau innigster Beziehungen zwischen dem deutschen Brudervolke und Osterreich besonders am Herzen liegt.« Seit wann wird denn gepflegt? Jüdelnde Hasen Es dürfte nicht allen, die die umfassende Wirksamkeit unseres Felix Saiten kennen und schätzen, bekannt sein, daß sie ihm auch noch Zeit läßt, das Weidwerk zu pflegen. Wohl wissen viele, daß es ihm gelungen ist, die Tierseele zu belauschen, aber sie würden gewiß nicht vermuten, daß der Weg zur Schreibmaschine hier durch das strapaziöse Erlebnis geführt hat, und wenn sie schon einem Legitimisten die Hantierung mit dem Schießgewehr zutrauen, so würden sie doch nicht glauben, daß ein Zionist einem Reh ein Haar krümmen könnte. Gleichwohl ist dem so, und Salten steht dem Waldesweben, in das er manchmal mit der Flinte einbricht, näher, als es den Anschein hat und als man einem Bekenner des Moses zutrauen würde, aber jedenfalls des Mooses wegen. Wie im »Freischütz« kann er singen: »Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen?«, obschon er als Autor der »Josefine Mutzenbacher« gewiß nicht den Jungfernkranz zu winden in der Lage wäre. In die Geheimnisse des Waldes eingeführt wurde er, wie es heißt, durch Bekessy, der ein gewaltiger Nimmrod vor dem Herrn war. Während unsereins, auf manch edles Wild lauernd, noch am Schreibtisch saß, sind die beiden oft durch Wald und Flur gestreift oder haben auf dem Anstand gewartet, dessen sie in ihrer publizistischen Tätigkeit entbehren mußten. Auch hätte man sich in der Hand Bekessys immer eher eine andere Waffe vorgestellt als das Rohr, mit dem auf Hirsche gezielt wird, von denen doch das, was sie zu verschweigen haben, nicht zu erfahren und nichts zu haben ist als das Leben. Saiten freilich, der differenzierteren literarischen Ansprüchen genügen muß, hat die Gelegenheit bis zum Verenden des Tieres nicht ungenützt vorübergehen lassen, um auch dessen Sprache zu erlernen. Wie nun aus dem Hasenroman, den er in der Neuen Freien Presse veröffentlicht, deutlich hervorgeht, konnte es ihm nicht schwer fallen, diese Sprache zu verstehen, denn es stellt sich heraus, daß die Hasen jüdeln. Einer von ihnen, der »Iwner« heißt, also ganz gut von Bekessy auch als Wirkwarenhändler vom Quai hätte angesprochen werden können, antwortet auf die schüchterne Frage eines Kollegen, der den Namen »Hops« führt, mit einer ganzen Reihe von Fragen. Es geht so: – »Und ... Er?« Iwner blinzelte geringschätzig: » Wichtigkeit! Was tut uns schon Er? Spielt keine Rolle!« Da muckte Hops auf: »Mna ... das scheint mir doch übertrieben ... das ist unerlaubt sorglos!« Rasch entgegnete Iwner: » Sorglos? Wer spricht von sorglos? Keine Sekunde darf man sorglos sein ! Merk' dir das!« Geduckt, das Haupt in den Vorderpfoten, murmelte Hops: »Das sage ich immer.« »Nun?« fuhr ihn Iwner an. » Nun? Tag und Nacht , zu jeder Stunde, unaufhörlich gibt es hier im Wald Gefahr! Das weißt du doch! Drohung ist im Gebüsch, ist im freien Feld, überall und immer ist Gefahr. Dennoch leben wir! Was willst du von Ihm ? Wann kommt Er schon in den Wald? Er? Wichtigkeit ! Er gehört nicht zum Wald! Er ist nicht vom Wald! Man hört seinen Schritt, wenn Er noch so leise schleicht. Er ist unbeholfen. Man hat seine Witterung. Man kann ihm ausweichen. Und so selten, wie Er kommt, so ungeschickt, wie Er sich anstellt, ist Er noch am wenigsten gefährlich.« (Fortsetzung folgt.) Das kann gut werden. Dieser Has, der offenbar kein heuriger ist, sondern sich auskennt, redet wie ein Buch, das im Zsolnay-Verlag erscheinen wird. Und das Urteil Iwners über Ihn, dessen Schritt man hört, wenn er noch so leise schleicht, ist sicherlich berechtigt. Nichts geht doch über den Instinkt der Tiere. Aber daß sie sich sprachlich so dem Feind assimiliert haben, ist überraschend. Vielleicht eine Mimikry zum Schutz vor Verfolgung? Aber da sollte nur im Moment der Gefahr gejüdelt werden, man gewöhnt es sich leicht an; wenn sie unter sich sind, könnten sie deutsch reden. Wie immer dem sei, man ist auf die Fortsetzung gespannt. Das kann ja, wenn dann noch Er dazukommt, ein fröhliches Gejaide werden! Großmann der allen größeren Männern üble Nachrede hält, indem er behauptet, mit ihnen verkehrt zu haben, sagt es auch von Gustav Landauer. Es stellt sich aber heraus, daß zwischen den beiden, deren Verbindung schon in der Artikelaufschrift Stefan Großmann                        Gustav Landauer etwas Auffallendes hat, mit der Zeit eine Distanz eingetreten war, die vor dem tragischen Ende des einen zur folgenden plastischen Anschauung durch den andern kam: – – Das starke, einfache, mitreißende Wort zum Volke war ihm auch in Revolutionszeiten versagt. Ich konnte mir nicht helfen: in diesen Tagen vor seinem Tode war das Don-Quichottehafte seines aristokratischen Revolutionarismus am allerdeutlichsten ans Licht gekommen. In diesen Münchener Tagen begegneten wir einander in einer Bedürfnisanstalt. Er im Schlapphut und romantischem Havelock, ich mit einer empörend bürgerlichen Melone auf dem Kopf. Während wir unserer natürlichen Beschäftigung nachgingen, sahen wir einander an und grüßten uns schwach. Das war das letzte Kapitel einer Jugendfreundschaft. Aber sicher das spannendste. Die Phantasie des Lesers soll es nicht ausspinnen. (Es steht im ›Tagebuch‹, Jahrgang 10, Heft 18.) Von allen Begegnungen, die dieser interessante Autor gehabt hat, ist die zwischen Schlapphut und Melone wohl die denkwürdigste, ja man fragt sich, ob man schon je so was in einem Nachruf gelesen hat. Großmann ist, seitdem ich ihn vernachlässige, recht entartet, und das empörend Bürgerliche an ihm ist nicht so sehr die Kopfbedeckung als die Entblößung im Sonstigen, die ohne jede Rücksicht auf die Anforderungen der Scham und der Pietät coram publico erfolgt. Denn was sich einem mit dieser lästigen Mitwisserschaft aufdrängt, ist das Bedürfnis, die Situation aus seiner Vorstellung zu tilgen und dem Andenken eines Wertvollen gegen die Verunreinigung beizustehen. Ob ein Anstandsort, den Großmann besucht hat, noch weiterhin diesen Namen verdient, mag zweifelhaft sein; das Blatt, in dem er seiner natürlichen Beschäftigung nachgeht, ist gewiß keiner. Großmann, mit dem ich nichts mehr zu tun haben will – er hat es sich verdorben –, scheint zu glauben, daß beim Verlassen der Anstalt bloß die Melone in Ordnung zu bringen sei. Behandlung von Idealismus durch Psychoanalyse Louis – ein Früchtl – wurde mit allem Komfort eines wohlhabenden Patrizierhauses erzogen . Gleichwohl oder eben darum rief er eines Tages seinen Eltern zu: »Ich esse nicht mehr an eurem Tische, wo meine Genossen nicht einmal für das trockene Brot genug haben, ich mache eure luxuriöse Lebensführung nicht mehr länger mit!« Er war nämlich Kommunist geworden, und die »Vorstellungen der Eltern« hatten nur den Erfolg, daß er ihnen solches zurief. Außerdem aber der Wache: »Pfui, ihr Schweinehunde!« Denn eines andern Tags, gelegentlich einer Demonstration, ging er sogar so weit, sich der Verhaftung und Mißhandlung seiner Freundin zu widersetzen. Vors.: Wie sind Sie in die Sache hineingeraten? – Angekl.: Ich hatte mit meiner Bekannten, dem später arretierten Mädchen, einen Ausflug in die Lobau verabredet. Am Praterstern wurden wir aufgehalten und sahen uns den Aufmarsch an. Plötzlich bemerkte ich, wie ein Wachmann dem Mädchen den Arm umdrehte. Da wollte ich sie freibekommen ... Das Neue Wiener Tagblatt betitelt es infolgedessen: Der Kommunist aus dem Patrizierhause. Phantasien eines Siebzehnjährigen. Als die Patrizier ihn verhindern wollten, an der Maifeier teilzunehmen versuchte er sich mit Leuchtgas zu vergiften; bald darauf schnitt er sich die Pulsadern auf, doch wurde er auch diesmal gerettet. Nun aber trat einer auf, der Auskunft über das Früchtl geben konnte. Sein Professor stellte ihm als Zeuge ein glänzendes Zeugnis aus. Er schilderte ihn als einen ausgezeichneten Charakter , vielleicht den besten , den er während seiner langjährigen Lehrtätigkeit kennengelernt habe. Louis sei Kommunist aus Idealismus und ehrlicher Überzeugung , und stets bereit, für seine Ideen durch das Feuer zu gehen . Was macht man in einem Patrizierhaus dagegen? So ein Professor hat leicht reden, selber nur Idealist, der nie begreifen wird, daß das Leben seine Rechte und den Eintritt des Sohnes in die Firma fordert. Was macht man also? Derzeit befindet sich Louis in Behandlung eines Psychoanalytikers, und die Eltern hoffen, daß es dem Arzte gelingen werde, auf das Wesen des Sohnes einen heilsamen Einfluß zu üben. Es dürfte eine sehr kostspielige Kur werden. Bei Bettnässe, deren Spuren sie in Goethes »Zauberlehrling« sublimiert finden, lassen Psychoanalytiker vielleicht noch mit sich reden und behandeln aus Idealismus, sagen wir aus wissenschaftlichem Interesse. Aber bei Idealismus? Und noch dazu, wo der Patient aus einem Patrizierhaus ist? 50.000 Analphabeten gibt es in Österreich sagt ein Titel des Neuen Wiener Journals. Das ist aber beiweitem nicht so viel, wie man geglaubt hätte, wenn man nur den riesigen Apparat bedenkt, den allein so eine Sonntagsnummer erfordert. Dazu kommt der allgemeine Aufschwung der Presse in Österreich und die immer mehr anwachsende Tätigkeit der Ämter. Eine Zeitlang hatte Osterreich Zuwachs durch die sogenannten Analphabetyaren, die aber heute zum größten Teil wieder ausgemerzt sind. »Der sicherste Maßstab des kulturellen Niveaus eines Landes«, heißt es in dem Artikel, sei die Feststellung ob und wieviel Einwohner des betreffenden Landes des Lesens und Schreibens nicht kundig sind. Der Schreiber dieses Satzes täte unrecht, wollte er sich aus Bescheidenheit von dieser Statistik ausschließen. Ob freilich und wieviel Redakteure des Neuen Wiener Journals auch des Lesens unkundig sind, das ist insofern eine andere Frage, als ja doch zahlreiche Artikel der Weltpresse auf ihre Tauglichkeit, ohne Quellenangabe übernommen zu werden, geprüft werden müssen und das Ausschneiden nur eine sekundäre Arbeit vorstellt. Der Artikel über die Analphabeten dürfte jedoch der Originalbericht sein, als der er wie jene bezeichnet ist. Er geht der Erscheinung auf den Grund und erklärt die Existenz der Analphabeten aus dem Umstand, daß auch idiotische Kinder geboren werden die wegen ihres Schwachsinns der Schulpflicht nicht nachkommen können. Über die Berufswahl, die in diesen Fällen heute kein Problem mehr ist, wird begreiflicherweise nichts angegeben. Es ist ein Redaktionsgeheimnis; doch ermangeln schon die nächsten Spalten nicht der sinnfälligen Beispiele, die es verraten. Da will zum Beispiel einer, bevor er fürs Neue Wiener Journal schrieb, sein Leben gefristet haben, indem er für Wiener Volkssänger Couplets und Soloszenen schrieb. Den bekanntesten Volksbarden wie ... Oder er inspizierte im Sulkowsky-Theater in der Matzleinsdorferstraße, die heutige Verlängerte Wiedener Hauptstraße. Das war eine sogenannte Übungsbühne wo große Künstler hervorgingen. Der Direktor aber hatte, wenn er sprach, ein hohes Organ, das bei seinem wienerischen Dialekt sehr drollig klang. Ohne Zweifel auch ein Originalbericht. Der über die Analphabeten unterscheidet zwischen Vorkriegsanalphabeten, von denen »ein kleiner Rest noch am Leben ist«, und der heutigen Generation. Innerhalb dieser müßte aber wohl wieder zwischen den totalen Analphabeten und solchen, die bloß nicht schreiben können, unterschieden werden. Von diesen, obschon sie in der Regel diktieren, wollen wir nicht reden, sie sind nun einmal berufen, die öffentliche Meinung zu machen. In Sparta setzte man schwachsinnige Kinder auf dem Taygetos aus, in Wien bringt man sie auf eine Höhe, wo ihnen das Publikum ausgesetzt ist. Doch nicht diese, sondern jene, die auch nicht lesen können, scheinen mit den 50.000 ausschließlich gemeint zu sein. Wenn aber auch sie ein Maßstab für das kulturelle Niveau eines Landes sein sollen, so kann man wohl sagen, daß gerade die so geringe Zahl – »nicht einmal ein Prozent«, wie der Bericht mit unangebrachtem Optimismus feststellt – einen trüben Ausblick eröffnet. Nicht mehr also als diese sind es, die in Österreich davor bewahrt bleiben, das Neue Wiener Journal zu lesen. Schreibe, wie du sprichst Im ›Tag‹: Denn daß Seitz und Schober sich zusammentreffen ... In der ›Neuen Freien Presse‹: ... auf der gleichen Weise aus der Welt geschafft ... Nur sich keinen Zwang antun!    1930 Mai 1930 Molo Über Saltens jüdelnde Hasen hat Herr Walter v. Molo in der Neuen Freien Presse die folgenden Sätze geschrieben, mit denen verglichen die Hasenjagd eine Hetz ist: Lieber Felix Saiten, wenn Sie mir des öfteren von Ihrem Jagen, der Jagd und dem Wald und Feld erzählten und ich Ihre Jagdtrophäen betrachtete, dann war es sehr reizend, aber ich muß gestehen, ich hielt es, mißtrauisch wie wir Menschen nun mal sind, von denen jeder etwas vom Hasen Murk hat, der in der Drahtschlinge im Schnee jämmerlich endet, weil er »das Leben des anderen Hasen für ganz falsch und nur seines allein für richtig hielt und hoffte, es werde ihm gelingen, die einzig richtige Art ausfindig zu machen« – für Jägerlatein! Und: In unserem Fache heißt das vornehm: »Wahrheit und Dichtung!« Na, ich sehe jetzt aus ihrem neuen Buche »Fünfzehn Hasen, Schicksal in Feld und Wald«, ich habe wie der Goldfasan, dem beide Beine darinnen durchschossen wurden, der hinkt, aber behauptet: »Alles in Ordnung« – recht gehabt . Das auch sonst neckische Feuilleton des Herrn v. Molo endet mit den Worten: Also: das ist die schönste deutsche Dichtung über unseren Wald und dessen Tiere, die ich mir denken kann. Diese Dichtung macht froh und kindhaft warm. Schönen Dank und frohe Weihnachten bei gutem Hasenbraten, lieber Felix Saiten! Richtig , das Buch ist bei Paul Zsolnay erschienen, der auch mein Verleger ist. Aber trotzdem über Ihr Werk zu schreiben, ist nicht »Korruption«, da man die Pflicht hat, Tüchtiges zu loben, und weil ich nichts dafür kann, daß Zsolnay ein so gutes Buch verlegt hat. Ich kann gewiß nichts dafür und beklage mich auch nicht im geringsten darüber, daß ich nicht der preußischen Dichterakademie angehöre. Wie ich aber dazu komme, einer Nation anzugehören, deren Dichterakademie der Walter v. Molo vorsteht, das soll mir einer sagen! September 1930 Im Dienste des Kaufmanns Das geistige Deutschland produziert auf Adler-Schreibmaschinen – – Wiederholt brachten wir Abbildungen und Berichte, wie die Adlermaschine eine liebenswerte Helferin beim geistigen Schaffen wurde, heute nun sind wir in der Lage, unseren Lesern im Bilde eine Reihe prominenter Schriftsteller und Schauspieler in Verbindung mit der von ihnen liebgewonnenen Maschine zu zeigen. – – Auf S. 27, im Bilde unten links, wird uns der Autor des auf vielen deutschen Bühnen aufgeführten »Fröhlichen Weinbergs« Karl Zuckmayer an seiner Klein-Adler gezeigt. – – In kapriziöser Stellung mit ihrer Klein-Adler die bekannte Mitarbeiterin der ›Dame‹ und vieler mondäner Zeitschriften Ruth Landshoff (Seite 29 oben). – – Der bekannte Kritiker und Schriftsteller Dr. Alfred Kerr benutzt die Klein-Adler (›Der Adlerhorst‹, ein Hort kaufmännischen Wissens und Wirkens) Ich mehr den Kopf! Der Fordschritt (Der standardisierte Mensch.) Henry Ford hat kürzlich hundert Millionen Dollar für die Errichtung einer Schule gestiftet, die er die Schule der Zukunft nennt. »Ich habe so lange Autos fabriziert«, erklärte er, »bis ich den Wunsch bekam, nunmehr Menschen zu fabrizieren. Die Losung der Zeit ist Standardisierung.« – Die erste Musterschule Fords, die ihre Tätigkeit bereits begonnen hat, nimmt nur Knaben im Alter von 12 bis 17 Jahren auf. Verpönt sind Sprachen, Literatur, Kunst, Musik und Geschichte. – Die Lebenskunst müssen die Schüler lernen, sie müssen verstehen, zu kaufen und zu verkaufen – Endlich einmal tabula rasa mit Vorwänden, die dem einzigen und wahren Lebenszweck vielfach hinderlich waren! Woran sie arbeiten Franz Lehar. Woran ich jetzt arbeite? ... Ich warte noch immer auf das Buch der Bücher! Ernst Lissauer. Ich mache die Proben meines Dramas »Luther und Thomas Münzer« mit, das von Ende Juni an im Rahmen der Augsburger Festwochen zum vierhundertjährigen Jubiläum der Augsburgischen Konfession gespielt wird, und gehe dann an den Starnberger See. Man erfährt also in einem, wo er den Sommer verbringt. Was die Augsburger Konfession betrifft, so hätte sie es mithin weit gebracht, aber was ist das gegen Lehar, der offenbar die katholische Bibel zu komponieren vorhat. Verhatschtes Füßeln Vorhalt an Herrn Schober: – – Sich an den Tisch der Demokratie setzen, und unter dem Tisch mit den Faszisten füßeln, das geht auf die Dauer nicht. Schon aus dem Grunde nicht, weil am Tisch der Demokratie keine Faszisten zu sitzen pflegen. Es ginge nur, wenn sie unter dem Tisch versteckt wären, was ja irgendwie seine Richtigkeit hat, aber doch wieder nicht das richtige Füßeln ergäbe. Hätten es die Faszisten zu einem Platz am Tisch der Demokratie gebracht, dann dürfte sie gegen das Füßeln nichts mehr einwenden. Ihr Publizist – der Deutsch heißt – wollte sagen, es gehe auf die Dauer nicht, sich an den Tisch der Demokratie zu setzen und mit den Faszisten am Nebentisch zu kokettieren – eine Metapher, die Schobers Treublick durchaus angestanden hätte. Die Tücke des Objekts Kein tragisches Unheil könnte es geben, dessen Bote, der Analphabet in Druckerschwärze, am Ausgang nicht für Heiterkeit sorgte. Den Bericht über die Flugzeugkatastrophe bei Iglau und den Flammentod so vieler Menschen schließt er in der Neuen Freien Presse wie folgt: – – Eine Tücke des Objekts ist es, daß das Gepäck der Reisenden vollkommen unversehrt geblieben ist. Produkt einer Phrasenverknotung wie im Gehirn Wackers, der das ganz gut sagen könnte, wenn er »Hohn des Schicksals« meinte. Natürlich spielt auch die Vorstellung des Gepäcks als eines »Objekts« hinein. Und diese Imbezillen messen der Phantasie des Publikums die tägliche Ration zu. In Sensationslettern Eine österreichische Schauspielerin nach Leipzig engagiert. Schwer vorstellbar, wie es seinerzeit, sooft eine Eule nach Athen getragen wurde, gemeldet worden sein mag. Anschluß Die Repräsentanten der deutschen Kultur in Nord und Süd fühlen sich durch das Bewußtsein, die deutsche Sprache nur unzulänglich zu beherrschen, auf Gedeih und Verderb und insbesondere auf diesen miteinander verbunden und zwar hauptsächlich gegen mich, der aufpaßt. Da aber die Österreicher und unter diesen wieder die totalen Analphabeten in der Journalistik führend und darum in Berlin gesucht sind, so weicht allmählich ein gewisses Festhalten an Regeln der Grammatik, wie es eine Zeitlang noch in Norddeutschland beobachtet wurde, dem Einfluß eines milderen Klimas, und die Übereinstimmung von Sinn und Ausdruck, auf die jeder französische Greißler Wert legt, wird dort nicht mehr als unerläßlich angesehen, wo zu einer Vielheit gebildeter Deutschen gesprochen wird. Beispiele lassen sich täglich wahrnehmen, das heißt, sooft in der Früh ein Abendblatt, mittags eine Nachtausgabe, abends das Morgenblatt und in der Nacht das Übermorgenblatt erscheint. Sie nahm 20 Tabletten, zusammen 10 Gramm, eine Dosis, welche auch ihrem an Rauschgift gewöhnten Körper nicht gewachsen sein konnte. Stellt das Berliner Tageblatt fest, wo schon fließend österreichisch geschrieben wird. Zweifelhaft, ob das journalistische Gift auf die Dauer der deutschen Sprache gewachsen sein wird. Berliner Satire findet oft den knappsten Ausdruck. Ich habe nachgedacht, was die dortige Sozialkritik, die daran Anstoß nimmt, daß ernste Männer, die doch Wichtigeres zu tun hätten, als korampublikoh zu streiten, einander zu verhohnepipeln und am Ende gar zum Kadi zu gehn, an Stelle solch unnützer und nur zeitvergeudender Polemik zu setzen hätte. »Anmerkung des Setzerlehrlings: Ei ei!« schien mir bisher die Formel für alles Boshafte. Auch: »Ha ha!« Nicht so sehr: »Hi hi«, weil dieses als die Chiffre eines bekannten Berliner Satirikers mißdeutet werden könnte. Nun habe ich gefunden, was ich nicht erfinden konnte: Entweihter Wagner. Der Münchener ›Völkische Beobachter‹, Hitlers Organ, meldet am 2. April: »Siegmund und Sieglinde – ein »jüdisches« Wälsungenpaar. In der gestrigen Aufführung der »Walküre« sangen der Jude Fischer den Siegmund und die Jüdin Mihacsek die Sieglinde. Also ein jüdisches Wälsungenpaar! Kurs Franckenstein.« – Hu hu! Natürlich im Organ von Monty und Gesell. Die deutsche Kultur ist gewiß durch die Existenz des Hitler bezeichnet. Daß es noch immer Wälsungenpaare auf der Bühne gibt – selbst wenn sie von Ariern gesungen werden –, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Aber das Stärkste an der unscheinbaren Notiz ist doch die satirische Zusammenfassung durch »Hu hu!«. Eigenartige Nation. Personalien Jannings geriet bei seiner Ankunft in Wien unter die Füße von Verehrern und kam mit einer leichten Körperverletzung davon. Moissi, dessen Stern man schon im Sinken geglaubt hat, geriet bald darauf in ein Handgemenge, wobei ihm von Mänaden der Überzieher zerrissen wurde. Theaterhistoriker wissen sich nicht zu erinnern, daß dergleichen jemals den Herren Iffland, Anschütz und Mitterwurzer zugestoßen wäre. Lektüre für Revolutionäre Der Gumpoldskirchner hatte Herrn Ferdinand trefflich gemundet und es war daher schon spätnachts, als er heimkehrte. Schon hatte er das Haustor erreicht, als Cäcilie, ein hübsches, junges Mädchen, vor ihm die Straße entlang ging. Da konnte Ferdinand der Lockung nicht widerstehn und zwickte Cäcilie. – – Geil ist die alte Vettel, die sich noch immer neue Freie nennt, das ist gar nicht zum Sagen. Da kitzelt sie – mit der unverkennbaren Feder jenes Schmonzers, der dem Ernst des Lebens die heitere Seite abzugewinnen hat – allen Reiz aus der Nachricht, daß man irgendwo in Ungarn einer Venusstatue ein Spitzenhemd angezogen habe, und fragt, da es ihr wieder ausgezogen wurde, ob sie dort nicht gar am Ende die heidnische Teufelinne mit einem Bauernjanker bekleiden werden. Aber sie entfaltet ihre Sinnlichkeit gar in zwei Spalten. Gleich rechts daneben wird als Ereignis eine Novelle der Alice Schalek, der Forttätigen, angekündigt, die »auch als Erzählerin bedeutsam hervorgetreten ist«. Die Novelle spielt in jenen südlichen Gefilden, die sie aus eigener Anschauung auf das genaueste kennt. Unter südlicher Sonne erglühen die Leidenschaften , von denen der Obersteward berichtet . Man folgt der Geschichte, die er so mitreißend erzählt, mit der lebendigsten Teilnahme und man ist schon darum sogleich in ihrem Bann, weil diese seltsamen, wahrhaftig nicht alltäglichen Liebesabenteuer in der so wundersam lockenden Landschaft vor sich gehen ... Drei Punkte inhaltsschwer. Welcher Vorlesungshörer würde sich nicht erinnern, wie während einer Isonzoschlacht die Nachtigall gelockt und die Akazien betäubend geduftet haben. Da dürfte die Venus im Spitzenhemd zusperr'n können. Vorsicht! Von Zeit zu Zeit gelüstet es mich, in der »Dötz« am Sonntag nachzuschauen, wie's mit den Schweißfüßen geht. Der Ratgeber ist unerschöpflich an Variationen desselben Rats, denn schier ungeheuer ist der Andrang und offenbar genügt es den Bodenständigen, die sich das Übel zugezogen haben, keineswegs, daß ein für allemal oder bei besonderen Gelegenheiten das Mittel bekanntgegeben wird, sie wollen es immer wieder schwarz auf weiß nachhause tragen, so daß man den Eindruck hat, daß sie eher auf Erhaltung als auf Beseitigung Wert legen. In einer und derselben Rubrik war zwischen Ratschlägen gegen Magerkeit und Fettleibigkeit, gegen Stockschnupfen und Totwerden des Fingers, und was so vaterländische Leiden sind, zu lesen: Schweißfüße . Man pinselt die Füße eine Zeitlang täglich mit 5- bis 10 prozentigem Formalinspiritus oder mit 3 prozentiger wässeriger Chromsäurelösung ein. Außerdem muß man fleißig die Fußbekleidung wechseln und die benutzten Schuhe gut auslüften und der Sonne aussetzen. In besonders hartnäckigen Fällen hilft eine Behandlung mit Röntgenstrahlen (aus harten Röhren). – – – – – – – – – – – – Fußschweiß . Man kann dieses lästige Übel leicht wegbringen, wenn man die Füße eine Zeitlang mit 5- bis 10 prozentigem Formalinspiritus einpinselt. Außerdem muß man fleißig die Fußbekleidung wechseln und die benützten Schuhe der Sonne aussetzen. Die Beseitigung des Fußschweißes hat keinerlei gesundheitliche Nachteile zur Folge . Eigentlich und fast mit denselben Worten – mit dem gleichen schnöden Rat, die Sonne den Schuhen auszusetzen – wird also dasselbe gesagt, nur daß im zweiten Fall auch vor einer leichten Polemik gegen das Übel nicht zurückgescheut wird. Hier scheint es sich um einen Überängstlichen zu handeln, dem in Gesinnungskreisen eingeredet wurde, daß die Beseitigung gesundheitsschädlich sei. Und wer weiß, vielleicht sind diejenigen, die der Dötz die scheinbare Heilung verdanken, wirklich nicht mehr dieselben. Sie gehen ein, werden kopfhängerisch und mancher, vordem ein Bild strotzender Gesundheit, ist nicht mehr zu erkennen und betrachtet den Zuruf »Heil!« als Ironie. Mit diesen Dingen ist nicht zu spassen. Früher, ja, da wurde einfach die Fußwaschung empfohlen, die in jedem Alter auch noch in der Republik erschwinglich war. »Laues Wasser mit Seife«, fertig. Doch das imponierte den Interessenten nicht, darum wird jetzt Formalin verordnet oder gar Röntgen, noch dazu mit harten Röhren. Man müßte, wie bei allen diesen Eingriffen, die die moderne Medizin angibt, erst die Folgen abwarten. Besser aber gleich zu Zeileis! Pech! Norddeutscher Lloyd Literarische Abteilung Schriftleitung »Die Fackel« Wien 3 Hintere Zollamtsstr. 3 Bremen, den 14. Juni 1930 Hierdurch erlauben wir uns Bildmaterial zu übersenden, das Ihnen vielleicht für Illustrationszwecke oder sonstwie zur Veröffentlichung geeignet erscheint . Wir überlassen Ihnen das Bildmaterial mit allen Rechten , bitten aber um Nennung des Norddeutschen Lloyd , sowie um Übersendung eines Belegexemplares. Mit vorzüglicher Hochachtung Norddeutscher Lloyd Literarische Abteilung Unterschrift Wozu der Norddeutsche Lloyd eine literarische Abteilung hat und wie sie dazu kommt, die Fackel in der Liste ihrer Geschäftsverbindungen zu führen, ist nicht ganz klar. Aber ein ganz besonderer Glücksfall der Fall, in dem sie von der Adresse Gebrauch gemacht hat, weil sich herausstellt, daß von sämtlichen Zeitschriften, an die das Bildmaterial versandt wurde, die Fackel die einzige ist, der es für Illustrationszwecke oder sonstwie zur Veröffentlichung geeignet erschien. Pech, das das Bildmaterial hat. Auf dessen Rückseite ist die folgende Notiz zum Gebrauch befestigt: Der bekannte österreichische Schrittsteller Felix Salten hat sich als Vertreter der »Neuen Freien Presse« zusammen mit 13 europäischen Journalisten auf Einladung der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden auf Dampfer »Berlin« des Norddeutschen Lloyd kürzlich nach New York begeben. Die Herren unternahmen eine zwei Monate dauernde Studienreise durch die Vereinigten Staaten, um die dortigen wirtschaftlichen, sozialen, politischen und geistigen Verhältnisse zu studieren. Das der Fackel mit allen Rechten überlassene Bildmaterial: 1931 März 1931 Wichtigkeit! Mit jedem Wort, das die Zunft von sich gibt, ließe sich dieses Monstrum von Schwachsinn, Frechheit, Analphabetismus und Verlogenheit, das sich da als öffentliche Meinung gebärdet und nachgerade mit ihr kongruent sein dürfte, entwurzeln. Wenn die Menschheit durch das Gedruckte, das ihr tagtäglich angetan wird, nicht eben gänzlich kretinisiert wäre, müßte sie's spüren und mit dem Wisch, der ihr jeweils vor die Augen kommt, den Erzeugern um die Ohren schlagen, anstatt in Devotion vor ihnen zu ersterben. Man betrachte zum Beispiel das Folgende. Ohne Zweifel kann ein Heimwehrmann auch das Objekt einer unwahren Behauptung sein, ja es kann sogar geschehen, daß sich bei der Lüge des Linksjournalisten die Balken, deren Größe seine Titellettern haben, biegen. Kein Grauen vor der Welt der Starhemberg, Stumpf und Steidle wird mir den Schüttelfrost vor einer freiheitlichen Journalistik benehmen, die doch den Urquell allen Übels bildet. Da hat die ›Wiener Allgemeine Zeitung‹, das Blatt, das nicht in allen Teilen die Schönheit zu pflegen pflegt, in Titellettern, die buchstäblich drei Zentimeter groß waren, die Nachricht gebracht: Starhemberg darf nicht nach Tirol. Landeshauptmann Dr. Stumpf verbietet die Einreise. Egal, wie man zu dem Faktum stehen mag und ob einem der Hader der Bodenständigen, mit dem die fremdrassige Presse seit Monaten ihre Spalten füllt, zum Hals herauswächst – für das Blatt, das die Nachricht in Lettern bringt, die die Zunft »Katastrophenlettern« nennt und die das Ereignis, wenn nicht erzeugen, so doch vergrößern, war es eines. Daß eine tatsächliche Mitteilung vorlag, der der Betroffene gemäß dem Berichtigungsgesetz entgegnen kann, ist einleuchtend; daß er nach diesem das Recht auf gleich große Entgegnungslettern hat, ist bekannt. Das Blatt mußte also der Feststellung Raum geben, es sei unwahr, daß Starhemberg nicht nach Tirol darf und daß Landeshauptmann Dr. Stumpf seine Einreise verbietet. Wahr sei vielmehr daß Starhemberg sich seit 18. Februar in Tirol aufhält und daß Landeshauptmann Dr. Stumpf niemals die Einreise verboten hat . Was tut man da? Ganz einfach: Das Preßgesetz zwingt uns zu den riesigen Lettern , mit denen wir eine keineswegs riesenhafte Angelegenheit behandeln müssen . Ob sich Herr Starhemberg in Tirol oder sonstwo aufhält , ist für die Öffentlichkeit so unwichtig, daß man nur sagen kann: schade um die Druckerschwärze! Und offenbar den Leser schon für so völlig vertrottelt halten darf, daß er sich nicht erinnern werde, in welchen Lettern man die Angelegenheit behandelt hat, daß er vielmehr vermuten möchte, die für die Öffentlichkeit so unwichtige Tatsache sei ganz nebenher in winzigen Lettern gestreift worden und ein wahnwitziges Preßgesetz zwinge die arme Redaktion, der Entgegnung in so riesenhaften Lettern Raum zu geben; wahrscheinlich weil es sich um einen Fürsten handelt. Man hat offenbar recht, diese Geistesverfassung beim Leser anzunehmen; mindestens spürt er nicht die Selbstverhöhnung eines Gewerbes, dessen Ausüber zuerst »Sensation!« rufen und wenn sie sich als Lüge herausstellt, zu ihrem Inhalt nur noch »Wichtigkeit!« sagen; einer Profession, die in dem Augenblick, wo ein wahrer Sachverhalt denselben Raum beansprucht wie der unwahre, »nur sagen kann: schade um die Druckerschwärze!« Aber diese Erkenntnis kommt nicht bloß in dem einen Fall zu spät, wo die Frage, ob sich Herr Starhemberg in Tirol oder sonstwo aufhält, für das Blatt an Wichtigkeit so viel verloren hat. Wenn sie am Eingang jedes journalistischen Beginnens stände, und wenn der Schmock sich gewöhnte, achselzuckend »Wichtigkeit!« zu sagen, bevor er sich eine Nachricht aus den Fingern saugt und nicht erst, wenn ihm auf diese geschlagen wurde, so würde eine Öffentlichkeit, die ihre Belästiger zu schützen vorgeben, aufatmen. Ob Herr Starhemberg sich in Tirol oder sonstwo aufhält, ist für diese Öffentlichkeit sicherlich unwichtig. Wichtig für sie wäre, daß sich der Schmock nirgends aufhält. Und so schreiten denn die beiden deutschen Brüder Hand in Hand der Sonne entgegen, es flimmert uns vor den Augen von Bruderschaft, Weggenossenschaft, Schicksalsgemeinschaft, während im Schatten nationalökonomisch geschulte Sektionschefs anderer Konfession um Tachles kämpfen. Ist das alles noch mit Nerven, die an Autohupen gewöhnt sind, zu ertragen? Gibt es das wirklich, daß Staatsmänner, also doch erwachsene Leute, sich durch Tage ins Treuauge blicken und Sätze zueinander sprechen, persönlich, telegraphisch, mikrophonisch, deren Bravheitsgehalt vifere Knaben der Vorkriegszeit zum Schulstürzen gereizt hätte? Oder ist es wieder ein Wunder der Technik, daß zum tausendsten Male derselbe Gehirnschleim appretiert werden kann, Wörter, deren Inhalt völlig ausgeraucht ist, so permutiert werden können, daß Schall und Schwall vor einem internationalen Forum zur »Kundgebung« wird? Wenn da nicht von der neueren Journalistik her Fettaugen wie »stimmungsmäßig«, »ein Erleben«, »gefühls- wie verstandesmäßig« auf der gedanklichen Bettelsuppe schwömmen – glaubt man wirklich, daß man mit derlei noch Staat und gar zwei Staaten für ein Volk machen kann? Will man uns wirklich einreden, daß bei Dingen, die den Export betreffen, kein Auge trocken bleibt, wenn etwas, was aus deutschem Herzen kommt, »zu deutschem Herzen klingt«? Daß sich einer, der auf zwei Tage nach Wien fährt, vom Geiste deutscher Geschichte und deutscher Kultur »umfangen« fühlt; daß er hören wird, wie wir hier »den Pulsschlag der Funktion des Herzens im großen deutschen Bruderreiche vernehmen« (Schober); daß es »unvergeßlich bleiben« wird, wie man zusammen auf unsere Kosten gespeist hat, und daß auf dem Bahnhof den Bruder das Gefühl überkommt, »vom Bruder Abschied zu nehmen«? Ja, ja, ja, wir sind »ein Volk, das zusammengehört«, die Sprache eint uns und vor allem deren unsägliche Mißhandlung; wir wissen es. Man vertiefe die Gemeinschaft, so tief man kann, wenngleich's mit dem Ausbauen schon hapert. Ohne Zweifel, deutsch ist unser Boden seit undenklichen Zeiten, deutsch unser Wesen und »Sinnen«. Grenzmark, Ostmark, Reichsmark, Blutsbrüderschaft, Singen und Sagen, Fremdenverkehr, Lande, etwas Wirtschaft und regionale Zusammenfassung, Befriedung, Lichtbild, schönes Weichbild, alter Kulturboden, Natur der Dinge, auch die Goldene Bulle von 1356 mag Interesse wecken. Aber wenn uns gesagt wird, daß die Tage in Wien Feiertage sind, weil es »ein Besuch in der deutschen Heimat« sei, so gäbe es doch, wenn man in Berlin bleibt, nichts als Feiertage! Aber es ist ja doch einfach nicht wahr, daß auf dem Westbahnhof Nibelungengefühle erwachen, das alles gibt es ja nicht, und es bleibt nur zu erkennen, daß diese deutsche Welt, die unaufhörlich das Bedürfnis hat, sich ihres Deutschtums zu vergewissern, einen Weg genommen hat, der, wie der Leitartikler sagt, »immer höhere Tragweite gewinnen muß«, nämlich wenn man die Geistigkeit eines Bismarck-Satzes mit der Mammutfibel vergleicht, die sich einem in den Empfangsreden, Trinksprüchen und Abschiedsgrüßen dieser untrennbaren Staatsmannschaft eröffnet. Liest man es gedruckt, so kann man's nicht fassen, daß es so was gibt und daß man davon regiert wird. Hört man's dann von Schallplatten, so staunt man über das Wunder einer Technik, die sich dem geistigen Inhalt nicht widersetzt hat. Der Zug steht bereit , uns wieder nach Hause zu weiterer ernster Arbeit zurückzuführen. Die Eisenbahner haben nichts dagegen. Beim Aeroplan wär's unvorstellbar. Aber selbst der Postillon hätte gebeten, ihm doch nicht so etwas zu erzählen! Optimist und Hellseherin (Die Wiener Anwesenheit der Hellseherin Mme. Leila.) In auswärtigen und in der letzten Zeit auch in Wiener Tagesblättern war die Nachricht enthalten, daß die Hellseherin Mme. Leila vor kurzem vom Vizekanzler Schober und vom Minister Ing. Winkler gerufen worden sei, um sich von ihr die Zukunft voraussagen zu lassen. Hiezu wird mitgeteilt, daß die bezüglichen Zeitungsnachrichten vollkommen aus der Luft gegriffen und vermutlich zu Reklamezwecken ausgestreut worden sind. Übrigens wurde Mme. Leila kurz nach ihrem Eintreffen in Wien als lästige Ausländerin aus sämtlichen Bundesländern abgeschafft . Sie hat gegen dieses Abschaffungserkenntnis Berufung eingelegt, über welche noch nicht endgültig entschieden ist. Was hätte sie ihm auch voraussagen sollen? Daß er seine Pflicht erfüllen wird? Das weiß er selbst. Und überhaupt, wozu braucht ein Optimist eine Hellseherin? Sie wurde also nicht gerufen, »um sich von ihr die Zukunft voraussagen zu lassen«. Es sind Ausstreuungen, über die man zur Tagesordnung schreitet, und nichts ist an ihnen erheblich außer dem Kauderdeutsch, in dem sie amtlich zurückgewiesen werden. Die Zukunft kann sich Herr Schober auch im Inland voraussagen lassen, zum Beispiel von mir; ich würde ihm sagen, daß sie ihm bevorsteht und daß noch die Kindeskinder einer polizeilichen Weihnacht von ihm sprechen werden. Wegen der Beziehungen Winklers zur Nachwelt bin ich nicht so ganz zuversichtlich. Was sich da übrigens als »sämtliche Bundesländer« aufspielt, um eine »lästige Ausländerin« abzuschaffen! Vermutlich hat sie einst der k. u. k. Monarchie vorausgesagt, daß ihr diese letzte Machtverfügung gegenüber Angehörigen eines Auslands bleiben werde, von dem sie abgeschafft wird. Demnach war es durchaus angemessen, noch an dem Abend des Tages, wo man den Eisenbahnräubern knapp auf den Fersen war, zu verlautbaren, die Erhebungen seien augenblicklich auf einem toten Geleise angelangt . Woraus sich freilich für eine primitive Phantasie, die schon aus einer Metapher wie »Brunnenvergiftung« falsche Schlüsse gezogen hat, der Anreiz zu dem Gerücht ergeben mochte, daß es bei dem Bahnattentat doch Tote auf dem Geleise gegeben habe. In diesem Zusammenhang mag es frommen, darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn man schon »letzten Endes« diese furchtbare deutsche Neubildung hinnehmen muß, es doch gut wäre, dem folgenden Wirbel aus dem Weg zu gehen: Ebensowenig wird in Abrede gestellt, daß die Begehung der Strecke eine letzten Endes unzulängliche war. Der faule Zauberer Nie, seitdem der Planet besteht, hat es tagtäglich so viel »Gerüchte« und so viel Besprechungen mit »Vertrauensleuten« – zu denen ich nicht gehöre – gegeben wie um den Reinhardt herum, dem ich kürzlich in Moabit – in Sachen Kerr – Gelegenheit hatte in die Pupille zu blicken. Er wußte von nichts. Aber er weiß, daß täglich über ihn etwas in der Zeitung stehen wird, was so wahr ist wie das Gegenteil. Ich vermute, die ganze Welt kotzt bereits, aber sie muß, aus unerforschlichem Ratschluß, durchhalten. Denn wie keine andere der europäischen Attrappen braucht diese ihre tägliche Beglaubigung. Mit »Schall und Rauch« hat es begonnen, und nun heißt's weitermachen. Häuserspekulationen, artistische Luftgeschäfte und die besondere Zauberregie, der eine prostituierte Gesellschaft Professuren, Doktorate und sonstige Ehren in Fülle verleiht. Ob das »Reinhardt-Seminar« – unvorstellbar der Unfug, der da getrieben werden mag, wenn's nicht ein Wahngebilde ist – »aufgelöst« wird; ob er die »Fledermaus« – haste Kunsttat! – geben wird, in Wien, London, Riga, Kalkutta, oder nicht, das ist das Spannende. Wie bisher durch Hunger und durch Liebe, scheint Natur das Getriebe nunmehr durch diese Fragen zu erhalten. Denn weil, was ein Professor spricht, nicht gleich zu allen dringet, so übt sie halt die Mutterpflicht und sorgt, daß nie die Kette bricht und daß der Reif nie springet. Das ist von Schiller und betrifft die »Taten der Philosophen«, in deren Reihe die Frankfurter Fakultät den Mann aufnahm, der durch Nichtssagen sich's verdient hat. Unausdenkbares würde geschehen, wenn die Kette bräche. Täglich erhebt sich bang die Frage: Was tan mr jetzt? Aber es kommt immer wieder was, sei's ein seltner Vogel oder Amnionshorn, oder ein Mann, der in die Villa eindringt und behauptet, er sei der Reinhardt. Es ist der stärkste Fall einer in Glorie verzauberten Pleite, den die Menschheit bis dato erlebt hat. Ein Schwärm von Analphabeten besorgt es in jedem Blatt, und da erfährt man sogar: Die Wiener Erstaufführung soll während der Festwochen im Juni stattfinden. Die Bühne , auf der die »Fledermaus« gegeben werden wird, steht noch nicht fest. Offenbar wackelt sie bereits. Der Nobelpreis wird vom Hermann Bahr im Neuen Wiener Journal wie folgt verteilt: 29. Januar. Der Nobelpreis für Literatur fiel jetzt Sinclair Lewis zu. – – Soviel ich weiß, hat man dabei bisher Österreich immer übergangen, vor Jahren kam Rosegger dafür in Frage, doch vergebens. War Hofmannsthal so hoher Auszeichnung nicht würdig, ist es Artur Schnitzler, ist es Richard Beer-Hofmann, ist es Felix Salten, ist es Karl Schönherr, ist es Wildgans, ist es Werfel, ist es Stephan Zweig nicht? Es sind unter uns offenbar zu viele, denen der Nobelpreis gebührt, und man zieht in diesem embarras de richesse vielleicht, um keinen zu kränken, lieber Amerika vor, dort fällt die Wahl ja nicht schwer. Sicherlich fällt sie in Osterreich schwerer, aber Saiten scheint doch der aussichtsreichste Kandidat. Wenn er ihn noch nicht bekommen hat, so liegt wieder der Grund in der Vielfältigkeit seines Schaffens und also darin, daß die Preisrichter sich nicht einigen können, für welches seiner Werke er ihn verdiene. Noch hier macht sich ein starker embarras de richesse fühlbar. Die einen sind mehr für die Jüdelnden Hasen, die andern finden, daß nichts über die Josephine Mutzenbacher geht. Wieder andere jedoch meinen, daß ein Büchlein den Vorzug verdiene, das zwar nicht auf eine so große Gemeinde zählen kann wie die Werke, mit denen der Autor durch Erschließung der Tier- und Kindesseele unser Gemüt anspricht, das aber in Interessentenkreisen sich doch bereits durchgesetzt hat. Es heißt »Teppiche«, ist »allen Freunden dieser unentbehrlichen Gewebe« gewidmet und bei Fischer erschienen, zwar nicht bei S., aber bei Emanuel, dem Inhaber eines Reklamebüros, das nur für erstklassige Firmen arbeitet und nur erstklassige Federn beschäftigt. Dieser Umstand kann jedoch nicht über den rein dichterischen Antrieb der Schöpfung hinwegtäuschen. In dem hübsch ausgestatteten, fackelrot gebundenen Werkchen wird ausdrücklich einbekannt, es sei »ja nicht Zweck dieser kleinen Schrift, für die Firma J. Ginzkey in Maffersdorf Reklame zu machen.« Aber wer wäre denn je auf solchen Verdacht gekommen? Die kann bei ihrem fast hundertjährigen Bestehen wirklich auf eine derartige Reklame verzichten. Und mich haben lediglich die Teppiche interessiert. Dieses rückhaltlose Bekenntnis hat indes die mutwillige Firma – wie Firmen nun einmal sind – nicht abgehalten, Bildchen mit Texten einzulegen wie: Einem wirklich guten Teppich schadet auch Nässe nichts. Oder: Solch ein einfacher Läufer wirkt elegant und hält schon was aus! Denn es ist eine Erfahrungstatsache, daß Firmen, die wirklich auf eine derartige Reklame verzichten können, es trotzdem nicht wollen und unter Umständen sogar vor einer Verbindung mit der Literatur nicht zurückschrecken, besonders wenn sie etwas vom Fach versteht. Und wer würde es hier bezweifeln? Saiten bekennt, daß ihn der Betrieb in Fabriken seit jeher interessiert habe. Auch »zu Maffersdorf« sei es ihm so gegangen: Nur daß dort der Eindruck doch ein bißchen stärker war. Denn von Teppichen weiß ich nämlich ein bißchen was, habe im Orient und in Rumänien die Teppichknüpferinnen an ihrer Heimarbeit gesehen, weiß auch ein weniges von der Geschichte des Teppichs, die interessant und geheimnisreich genug ist, und verstehe einiges von den Teppichen selbst. Den eingelegten Bildchen entspricht demnach ein umgebender Text, der auf den ersten Blick den Fachmann und Eingeweihten verrät. Und daß er wirklich von dem bekannten Burgtheaterkritiker und Penklub-Präsidenten stammt, geht unverkennbar aus Sätzen wie den folgenden hervor: Ja, lieber Himmel, wer hohe Preise zahlen kann und will, wer sich ganz besondere erlesene Exemplare zu leisten vermag, wird vielleicht gelegentlich etwas Gutes erwischen. Teppiche, die aus der Vorkriegszeit stammen oder von noch früher her. Vielleicht. Denn auch da sind Täuschungen wie Enttäuschungen selbst für den Kenner nicht ganz ausgeschlossen. Von solchen könnte für den Stilkenner nicht die Rede sein. Zweifelhaft bleibt nur, ob unter den hohen Preisen die der Teppiche, die der Autoren eines Reklamebüros oder die Nobelpreise zu verstehen sind, derer sie von Kirchenvätern im Neuen Wiener Journal würdig befunden werden. Aber im Ernst bleibt zu fragen, ob eine Erscheinung wie dieser Felix Saiten, der auf Pirschgängen mit Bekessy das Waldesweben belauscht hat und »anläßlich einer Vortragsreise nach Maffersdorf kam«, um nichts zu suchen und sich von der Firma Ginzkey noch in das Geheimnis der mechanischen Teppichweberei einführen zu lassen, als publizistischer Machthaber und literarischer Würdenträger möglich wäre in den Gegenden, wo er die Teppichknüpferinnen an ihrer Heimarbeit sehen konnte. Ein Geständnis Kerrs, den ein kommunistisches Blatt – wie es sich gehört – über seine »Stellung zu den Nationalsozialisten« befragt hat, unter dem Titel »Bereit sein!« Das letzte Mittel ist nicht mehr geistig. Ich bin gewissermaßen »Pazifist solang es geht«. (Obgleich ich mit dieser Losung in einem Teil des vierjährigen Schwindelkriegs wallungsmäßig Irrtümer beging , die ich nicht wiederholen würde.) Wird anerkannt. Aber warum zahlt er nicht das wallungsmäßige und dennoch relativ hohe Honorar, das er von Scherl für die Irrtümer empfing, den Invaliden zurück? Die 20.000 Mark, die ich für diesen wohltätigsten Zweck und als entsprechendste Buße von ihm verlangt habe, und mit denen er doch selbst den Wert seines Autorrechts an den Gottlieb-Gedichten beziffert? Hat er's nicht, so bin ich bereit, es durch Vorlesungen aus seinen eigenen Schriften aufzutreiben, wenn er die einstweilige Verfügung zurücknimmt, durch die er eben solche verbieten ließ. Er schleicht von Reue getrieben um den Tatort, hat hellhörig selbst das todbringende Gerassel aus Piscators »Rivalen« erlauscht, aber wenn man ihn dann auch nur ziviliter fassen will, um seinem Gewissensdrang entgegenzukommen, ist er auf und davon. Dann macht er vor dem sogenannten Kadi deutsches Männchen, das hingerissen war. In der Nußschale des Gerichtszimmers, wo ich alle diese Autoritäten, die Reinhardt, Wolff, Hollaender vor mir reduziert fand, sinkt der kritische Machthaber zum Schacher herab, steht da wie einer, der sich selbst an die Wand gestellt hat, an die Wand eines Schulzimmers, und zittert in Klammerwendungen nach. Hingerissen war er, pro Wallung 50 Mark! Nicht wiederholen möcht er's. Aber er ist wieder einmal dafür, daß andere bereit sind ... Bis in die letzte Faser ihrer bürgerlichen Gesinnung hinein sollte sich die kommunistische Literatenschaft schämen, es zu drucken! Schöne Literatur Die schöne Literatur Eine literarisch-kritische Monatsschrift / Herausgeber: Will Vesper Eduard Avenarius Verlag G. m. h. H., Leipzig N 22 25. 10. 30 Sehr geehrter Herr! Der Inhalt des anliegenden Sonderdruckes ist von äußerster Wichtigkeit! Wir erbitten für diese Angelegenheit auf das Nachdrücklichste Ihre Aufmerksamkeit. Ohne Zweifel werden viele Zeitschriften und Zeitungen zu diesem Aufsatz Stellung nehmen müssen. Wir wären Ihnen daher verbunden, wenn auch Sie in der »Fackel« sich dazu äußern würden und bitten Sie, uns Ihre Stellungnahme zugänglich zu machen. Aufs neue zeigt dieser bedeutsame Aufsatz, welche Richtung »Die schöne Literatur« seit einiger Zeit, die zuvor geübte Reserve verlassend, eingehalten hat: nicht Zersetzen , sondern zielbewußtes Aufbauen und entschiedenes Eintreten für deutsche Dichtung und deutsches Volkstum ist unsere Aufgabe. Um diese größere Nähe zu den literarischen Dingen der Gegenwart auch äußerlich stärker zu kennzeichnen, wird »Die schöne Literatur« vom Januar 1931 an unter dem Titel »Die neue Literatur« erscheinen. Wir bitten Sie, uns Ihr Interesse auch in Zukunft zu bewahren, und verbleiben in ausgezeichneter Hochachtung Schriftleitung Die schöne Literatur NB: – – möchten wir diese Kritik ins Positive dadurch erweitern, daß wir eine Anzahl Namen nennen, deren Träger für uns Verkörperer des wesentlichen deutschen Schrifttums sind: – – – – Hans Watzlik u. a. Wien, 7. November 1930 An Die schöne Literatur Herausgeber Will Vesper Leipzig N 22 Sehr geehrter Herr! Wir bestätigen mit dem besten Dank für Ihre freundliche Absicht den Empfang Ihrer Zuschrift vom 25. 10., in der Sie uns die Namen nennen, deren Träger, u. a. Hans Watzlik, für Sie Verkörperer des wesentlichen deutschen Schrifttums sind, uns auffordern, uns zu einer Ihrer Publikationen, deren Inhalt von äußerster Wichtigkeit sei, zu äußern, und uns auch mitteilen, daß Sie, um die größere Nähe zu den literarischen Dingen der Gegenwart auch äußerlich zu kennzeichnen, »Die schöne Literatur« von nun an »Die neue Literatur« nennen wollen. Wir können aber leider nur antworten, daß die Äußerungen, die in der Fackel erscheinen, in keinem Falle durch äußere Anregung Zustandekommen und daß Sie sich auch mit einem Programm, wonach nicht Zersetzen, sondern zielbewußtes Aufbauen verlangt wird, an die unrichtige Adresse gewandt haben. In diesem Sinne wollen wir Ihnen freilich nicht verhehlen, daß wir zu der Änderung des Titels »Die schöne Literatur« in »Die neue Literatur« durchaus positiv stehen. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Verlag der Fackel Ehre seinem Andenken! Selbstmord eines Droschkenkutschers . Gestern erhängte sich der 62jährige Droschkenkutscher Friedrich Grosse in Potsdam, nachdem er vorher sein Pferd gefüttert hatte. Nahrungssorgen waren die Ursache seines Freitodes. Er war tausendmal mehr wert als sämtliche Ernährungspolitiker der Nation in zwei Staaten. Die fressen dem Pferd die Nahrung weg, um ein freies Leben zu führen. Mai 1931 Kinder als Zeitungsleser Unter dieser Spitzmarke, die den höchsten Triumph bekennt, dessen der Fortschritt habhaft werden konnte, stellt das zufriedene Zentralorgan der Sozialdemokratie fest, daß man die nachteiligen Wirkungen der Sensationsberichterstattung auf den »gesunden Jugendlichen« – welches Wort nach Bonzenfrohsinn schmeckt –, überschätzt habe. Denn er frißt zwar sehr viel in sich hinein , verarbeitet es aber doch nur in seiner Phantasie, nicht in seiner Moral. Es werden also weniger Mörder als Schmöcke gezüchtet. Nun wolle jedoch »eine großzügige und objektive Rundfrage des Deutschen Instituts für Zeitungskunde« – denn das gibt es und es ist nicht bloß eine Abteilung des Instituts für kriminalistische Forschung – »noch tiefer schürfen« und festzustellen versuchen, wie es um die Zeitungslektüre des werdenden Menschen steht, dessen Geist sich erst bildet ... Hunderttausend Fragebogen wurden ausgesandt, indem es sich ja doch von selbst versteht, daß die Jugendlichen statt des Wintermärchens die Generalanzeiger, Vorwärtse und sonstigen Papiere fressen, deren andere Bestimmung, nämlich erfrorene Füße einzuwickeln, mir kürzlich eine gutmütige Toilettefrau auf dem Prager Flugplatz vermittelt hat, die es an Menschlichkeit und Sinn für Lebensdinge mit sämtlichen Staatsmännern, Publizisten und sonstigen Mißbrauchern des technischen Fortschritts aufnehmen dürfte. Die »Jugendlichen von zwölf bis zwanzig Jahren« wurden also ausgefragt, ob sie eine Tageszeitung und welche sie lesen, ob sie gar mehrere lesen, »welche Teile der Zeitung interessieren dich am meisten und warum«, ob die Tageszeitung im Schulunterricht herangezogen werde – denn das kommt auch schon vor – und »was hältst du persönlich von der Zeitung?«. Der Zweck dieser Fragen sei leicht ersichtlich, meint das Zentralorgan. Nicht etwa, um schon jetzt zu erkennen, daß die Gehirnmasse der Menschheit sich in fünfzig Jahren in Brei und Jauche verwandelt haben wird, sondern es sollte im Gegenteil einmal der offiziellen Einführung der Zeitungslektüre in den Unterricht vorgearbeitet werden, wie von der sozialdemokratischen Pädagogin Dr. Wegscheide-Ziegler mit guten Gründen propagiert wird . Für die Dame, die da offenbar einen Herkulesentschluß gefaßt hat – und Vorkämpferinnen führen zumeist einen Doppelnamen – wäre ich ausnahmsweise zu sprechen. Vor allem aber soll sich »ein Bild von dem Verhältnis der Jugend unserer Zeit zur Presse« ergeben, so etwas wie ein »Querschnitt« – das liebt man jetzt – »durch die gesamte geistige Situation der jungen Generation«. Ohne Zweifel muß es doch interessant sein, zu erfahren, wie viel junge Gemüter sich noch für Kerr, wie viele sich schon für Hildenbrandt erwärmen, ob sie in der Politik mehr dem Wolff oder dem Hussong folgen, wie sie gierig aufnehmen, was unser O. K. am Radio erlauscht hat, und ob sie mehr von den täglichen Bulletins über Reinhardt, Jannings, Zuckmayer in Spannung gehalten werden oder durch das, was die sozialdemokratische Presse der Bourgeoisie an Schlafwagenabenteuern abzugewinnen vermochte; wie sie die Sittlichkeit von den Gerichtssaalberichterstattern und die Sprache von den Analphabeten im allgemeinen erlernt haben. Das erfreuliche Ergebnis der Rundfrage zeigt die Tatsache, daß es unter den Jungen und Mädchen von heute fast überhaupt keine »Nichtzeitungsleser« gibt. Aber nicht etwa, daß sie bloß das »Tagerl«, die herzige Filiale des ›Tag‹ goutieren, nein, solche Kindereien überlassen sie jenen Jugendlichen, die vom Alphabet noch den ersten Buchstaben wiederholen müssen – sie fressen vielmehr alles in sich hinein, was die Erwachsenen fressen. Von 1854 höheren Schülern zwischen zwölf und achtzehn Jahren teilen nur 27 mit, daß sie keine Zeitung lesen; 1356 sind regelmäßige, 471 unregelmäßige Leser, 437 lesen mehrere Blätter. Und mehr als 200 lesen nicht die in ihrer Familie gehaltene Zeitung, sondern ein andres Blatt, eine bemerkenswerte geistige Selbständigkeit . Wobei es das zufriedene Zentralorgan gar nicht interessiert, ob diese Revolutionäre nicht vielleicht dem ›Vorwärts‹, an dem sich die Eltern weiden, schon den ›Völkischen Beobachter‹ vorziehen oder die schwerindustrielle ›Börsenzeitung‹, was freilich durch die fesselnde Mitarbeit eines Wiener Genossen entschuldigt wäre. Besonders interessant sind die Zahlen bei den Volksschülern . Von 435 Jungen einer Berliner Gemeindeschule lesen nur drei keine Zeitung, 274 lesen regelmäßig und 158 gelegentlich, offenbar im Fall des Lustmordes, 62 lesen nicht das Blatt ihrer Eltern, 56 interessieren sich ständig auch für andre Blätter. Man muß doch auf dem Laufenden sein. Es folgt die Statistik der Volksschülerinnen, dann noch die der Berufsschüler. Warum Zeitung gelesen wird, ist oft recht hübsch begründet ... Die politischen Argumente finden sich am meisten. Es ergebe sich das Bild einer »Generation von werdenden Staatsbürgern«. Die Unfallchronik wird hauptsächlich von Mädchen gelesen: Sie lesen merkwürdig gern die Berichte über die Katastrophen, Straßenunfälle, Selbstmorde, Morde und ähnliches . Auf die Frage, warum dieses Thema sie besonders interessiert, erfolgte – nebst Mitleid und anderen Motiven – die Antwort: »Weil es so schön schaurig ist.« Die Herren vom Institut hatten erwartet, daß Romane und Heiratsanzeigen besonders interessieren würden, aber nein, die stehen erst an neunter, respektive an vierzehnter Stelle. »Der moderne Lehrer weiß«, resümiert das Zentralorgan mit Genugtuung, daß die Zeitung ein unentbehrliches Hilfsmittel für jede Erziehungsarbeit darstellt ... Ganz abgesehen von der optimistischen Dummheit, die hier stillschweigend auch die Lektüre der kapitalistischen Zeitung als proletarischen Erziehungsfaktor einsetzt, wird doch bei solcher Gelegenheit die volle Hoffnungslosigkeit einer Kulturbetrachtung plastisch, die die Verbreitung des giftigsten aller Bürgergifte, der Druckerschwärze, für einen Fortschritt erachtet und den »Jugendlichen« als eine Kreuzung von Fußballer und Schmock präparieren möchte. Unter ihnen allen aber, die dem Institut für Zeitungskunde antworten mußten, tönt nur den wenigen, die schon in früher Jugend stolz bekennen, »Nichtzeitungsleser« zu sein, glaubhaft die Parole von den Lippen, die ihnen ergraute Bonzen beigebracht haben: »Wir sind jung und das ist schön!« Denen könnte man vielleicht noch das Wintermärchen vorlesen. Wichtigkeit! sagt, wie im Fall Starhemberg dargestellt war, die ›Wiener Allgemeine‹, wenn ihr eröffnet wird, daß sie sie einer Unwahrheit beigemessen habe. Sollte man glauben, daß sie mit mir, dem Darsteller dieser Prozedur, das gleiche wagt? Ich weiß wohl, daß eine Angelegenheit, die mich betrifft, nur eine Mücke ist in dem Weltgetriebe der täglichen Schmockerei und von einer Publizistik, die am sausenden Webstuhl der Zeit sitzt, auf kurzem manuellem Wege abzutun. Denn was ist das schon gegen die Kokolores der Theatergeschäftswelt! Über einen Beleidigungsprozeß (dessen Akten bei weitem nicht so geschlossen sind, wie die bürgerliche Justiz und ihre sozialdemokratischen Klienten vermuten) bringt nun die Allgemeine – Magazin der Lasten, die das schlechte Gewissen der Arbeiter-Zeitung von sich wälzt –, einen Bericht, der so viele Lügen als Sensationslettern enthält. Selbstverständlich bekommt sie eine niet- und nagelfeste Berichtigung, in der – ich bin nun einmal so – ihr auch nicht ein Jota der Unwahrhaftigkeit durchgeht. Man bringt, weil man muß. Etwas dazusetzen, ist schwer, etwas aufrecht halten wollen wäre letal. Aber irgendwie muß man doch vor den Lesern, die nun in den gleichen Sensationslettern die Wahrheit zu lesen bekommen, Haltung bewahren. Da hilft ein Titel: Sorgen eines deutschen Dichters . Daß die Materie, die hier behandelt wird, nicht meine Sorge, sondern die des Lügners war, welche ich doch keineswegs provoziert habe, und daß es eine durchaus legitime Sorge ist, die Unwahrheit, die ein anderer behauptet, durch Wahrheit auszutilgen, das werden die Leser, stupidisiert wie sie sind, schon nicht merken. Es ist immer das Nämliche. Einer rennt durch die Straßen und ruft »Feuer!« Macht man ihn aufmerksam, daß es nicht brenne, ruft er »Wichtigkeit!«, und der andere steht vor der Menge, die sich angesammelt hat und es so gern hört wie den Alarm, als Querulant da, total betroppezt, wie sie sagen. Gegenüber der Kulturkatastrophe, die wir durchmachen und deren Folgen noch gar nicht abzusehen sind, jener tiefsten Ursache aller »Sorgen«, aller Not und allen Haders: nämlich dem Phänomen, daß die private Dummheit oder Unsauberkeit ihre Vervielfältigung und Autorisierung erfahrt, gäbe es, solange die Technik nicht auch die Individuen sichtbar macht, nur das Mittel, sie einzelweis herbeizuwinken und – ohne Gewaltanwendung, so sittlich diese gegen die tausendfache Gewalt der mechanisierten Lüge wäre – das Individuum durch einen ausdauernden Blick in die Pupille zu verwirren und für künftige Fälle abzuschrecken. Der letzte Schmock würde doch in camera caritatis nicht zu äußern wagen, was er coram publico beherzt von sich gibt. Ich bin bereit, meine Exklusivität abzulegen und den Persönlichkeiten milde zuzusprechen: »Aber nicht wahr, etwas so Saudummes, wie Sie da schreiben wollen, das werden Sie doch vor mir nicht über die Lippen bringen? Also wollen wir's auch nicht in Druck legen, Doktorchen, nicht wahr?« Wenn er dann noch »Wichtigkeit!« sagt, geb ich's auf. Zum Kotzen »Ich bin sehr froh, wieder in Wien zu sein. Diese Stadt ist so schön und jede Beifallskundgebung so herzlich, daß man sich immer wieder freuen muß, einige Tage hier verbringen zu können. Vor allem muß ich heute noch ins Griechenbeisel gehen und abends zum Heurigen . Das sind Wiener Eindrücke, die man sofort wieder in sich aufnehmen muß .« Aber ist uns nicht, als ob uns der Herr Jannings das schon hundertmal erzählt hätte und gleich ihm alle andern Lieblinge, die hier ankommen? Wie oft noch? Gewiß, das gibt es erst, seitdem ich's bemerke. Vor dem Krieg war's ein Schnupfen, jetzt ist's die Pest. Kann man sich vorstellen, daß noch eine Zeit kommen wird, wo Liebling, Schmock und Leser derlei nicht mehr verbreiten und wo jener sich wieder mit zwanzig Mark Spielhonorar bescheidet? Gesagt, getan Emil Jannings bei der Aufführung der Beer-Schüler, beim Heurigen und im Griechenbeisel Den gestrigen Tag hat Jannings wieder dazu benützt, seine beiden Wiener Lieblingsplätze, das Griechenbeisel und den Heurigen, zu besuchen. Abends war Jannings im Akademietheater bei der Aufführung der »Wienerinnen« durch die Schauspielklasse Doktor Beer. Jannings fand an den Darbietungen der jungen Schauspieler sichtlich großes Gefällen und erwähnte, daß auch er zum erstenmal in einer Schülervorstellung in Liegnitz in Schlesien aufgetreten sei und daß bei dieser Aufführung der große Matkowsky anwesend war . Ähnlich ist nun der Besuch von Jannings bei dieser Aufführung, es bleibt nur die Frage , ob wieder ein Jannings in dieser Aufführung entdeckt wurde. Möglich, aber kaum ein Matkowsky. Die Ähnlichkeit liegt entschieden darin, daß auch dieser schon bei Tag den Heurigen aufzusuchen pflegte. In der Nacht war Jannings in der »Femina«. In seiner und seiner Gattin Gussy Holl Gesellschaft befanden sich – – Frag'! Die Frage, ob Jannings gern in Wien ist, findet er müßig zu beantworten, so sehr hat er sich in diese Stadt eingelebt. »Sie wissen doch«, sagt er, »wie sehr ich diese Stadt liebe, so daß jedes Wort überflüssig ist.« Also wozu fragen sie ihn dann jedesmal? Psychoanalyse Der bekannte Seelenarzt Dr. Rudolf Urbantschitsch der tiefschürfend über infantile Sexualität sprach und »inspirierte« (also von Gott eingegebene) »Ausführungen über den Anteil der Kultur zur Entstehung der Neurosen« machte, und von dem auch selbst etwas zu viel die Rede ist, prägte den Satz: Die Neurose ist das Wappen der Kultur. Sehr schön, aber es laufen derzeit schon weit mehr Heraldiker als Adelige herum. Wie zu Hause fand es Hasenclever in Hollywood: Berthold Viertel holte mich ab, wir fuhren gleich zu seiner Villa am Meer, und nach drei Tagen und vier Nächten bekam ich zum erstenmal wieder anständig zu essen. Da war seine Frau, die prachtvolle Salka mit ihren drei Söhnen, ein riesiger Schäferhund, eine Bibliothek und ein Bild von Karl Kraus. Es war wie zu Hause . (Hat denn Hasenclever ein Bild von mir?) Sodann trat Greta Garbo ein und hierauf ein Erdbeben. Hasenclever nahm eine Katze auf den Arm und tröstete sie. »Arme Katze«, sagte ich, »es war ja nur ein Erdbeben«. Greta sah es. » Mich auch«, bat sie . Ich setzte die Katze auf die Erde und nahm die Garbo auf den Arm . (Vor meinen Augen!) »Arme Greta«, sagte ich, »es ist ja vorbei«. Da tat die Katze das einzig Richtige. Sie lief zu ihrer Schüssel und trank Milch. Ich ging zum Teetisch, goß Sahne in eine Untertasse und reichte sie Greta. Und sie machte es genau wie die Katze. Dann waren wir alle glücklich. Das war ihre beste Rolle. Wie anders man sich Hollywood vorstellt! Und es ist wie zu Hause. Was aus Theaterkindern wird! »Hamlet« in Feldgrau . Interessantes Inszenierungsexperiment in Trier. Aus Trier wird uns berichtet: Intendant Ferdinand Skuhra und Bühnenbildner Kurt Hedrich haben im Stadttheater Trier einen neuen Versuch einer »modernen« »Hamlet«-Inszenierung unternommen. Man hatte versucht, die Stilbühne mit einer etwas zu opernhaften Barockszene zu verbinden, schuf eine kostümliche Form, die sich als eine Zusammenstellung preußischer Militäruniformen und ziviler Mode aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts sowie in Feldgrau und Stahlhelm präsentierte. Das Bild war interessant, bewegt und gekonnt gestaltet . Aber diese Inszenierung erwies sich, weil man anscheinend vergessen hatte, daß Shakespeares »Hamlet« schließlich und endlich doch eine dramatische Handlung ist, nur als ein Schau-Spiel, nicht als eine erlebnisstarke dramatische Gestaltung. Das Publikum nahm diese Neuinszenierung mit zwiespältigen Gefühlen auf. Als Knabe ging ich an einem Zettel des Theaters an der Wien vorbei, der mich durch die Besetzung anzog: Der nagende Wurm                kl. Skuhra Ist das der? Solche Sachen macht er jetzt? Reinhardt gratuliert Wildgans, Wildgans gratuliert Treßler, und wem immer dieser gratuliert, immer sind Schneiderhan und Seitz hinterher, für alle gibt es eine offizielle Feier und eine nicht-offizielle Feier, über die aber auch Berichte ausgeschickt werden, und mindestens fette Titel übers Gratulieren, alle kommen in die Zeitung, ob ihnen gratuliert wird oder ob sie selbst gratulieren, sie wechseln ab, Jannings und Veidt sind auch dabei, weil sie grad da sind, die Argentina kommt ahnungslos an, aber sicher gratuliert sie auch, denn nicht alle Tag wird einer sechzig, aber weil alle Tag einer sechzig wird, so gratulieren sie halt, trifft's wen's trifft, tagtäglich wird den ganzen Tag gratuliert, so daß man eigentlich nicht weiß, wo in Wien die Leut die freie Zeit hernehmen, um das zu leisten, wofür sie einander unaufhörlich gratulieren. Und 's is alles nicht wahr, und 's is alles nicht wahr! lautet der Refrain eines Nestroy'schen Couplets, dem ich, wie ich endlich gestehen muß, durch die Jahre in weitem Bogen ausgewichen bin. Die bloße Vorstellung, zu diesem Couplet aller Couplets, das mich durch alle Träume mahnt, Zusatzstrophen machen zu sollen, ist niederwerfend und das Beginnen wäre gleichbedeutend mit dem Entschluß, mich unter den hunderttausend Zeitdokumenten, deren kleinster und wahrscheinlich ungewichtigerer, nur von Laune und Zufall aufgegriffener Teil zweiunddreißig Jahre der Fackel füllte, lebendig begraben zu lassen. Man wird sich damit begnügen müssen, den Refrain einmal als Epilog oder Epitaph zu verwenden. August 1931 Assimilation ist im politischen Zusammenleben oft zu beobachten. Der markanteste Fall dürfte der einer Angleichung unserer Sozialdemokratie an die Schoberwelt sein, die sich nunmehr sogar auf die sprachlichen Normen erstreckt. Daß die sozialistische Studentenschaft die Rektorate der Wiener Hochschulen ersucht, gegen Gewalttäter »rücksichtslos die Polizeigewalt in Anspruch zu nehmen«, dagegen wäre natürlich von keinem Standpunkt aus etwas einzuwenden, mag es auch der Presse des Rowdytums eine Erinnerung an jenen 15. Juli nahelegen, und es hätte höchstens, wenn's politisch noch erlaubt wäre, mit schroffer Abhebung von dem Walten einer Polizeigewalt zu geschehen, deren »alte Gegner« wir sind. Aber verblüffend ist der völlige Verlust dieses Gedenkens bis zur Übernahme des ehedem mit Recht verpönten Polizeijargons. Die rücksichtslose Aufbietung der Polizeigewalt soll gegen diese Elemente erfolgen, und die sozialistische Studentenschaft verspricht, daß sie bei allen Bemühungen die Rektoren voll und ganz unterstützen werde. Mehr kann man schon wirklich nicht verlangen, und es ist eben nur daraus zu erklären, daß sie sich in ihrer Stellung hinter Schober in nichts mehr von den Konzeptsbeamten unterscheiden wollen. Fehlt nur noch, daß statt Freiligrath Rückert zitiert wird. Zur politischen Anpassung auch sprachlich sein Scherflein beizutragen, grenzt jedenfalls an Pflichterfüllung. Markstein und Nasenstüber Der Freisinn dagegen spricht so: Und die Schaffung dieses Marksteins auf dem Wege zur wirklich demokratischen, allen Staatsbürgern auch praktisch gleiches Recht gebenden Republik Österreich, diesen empfindlichen Nasenstüber für alle reaktionären Dunkelmänner, die da glaubten, es gebe kein Gewissen und keine Mannhaftigkeit mehr, danken wir Ihnen, hochverehrter Herr Regierungsrat. Auch geloben sie: Es wird uns immer eingedenk sein, wie Sie als einziger der dann mit den »Denkern und Führern der großen französischen Revolution« verglichen wird. Unterzeichnet ist es von der »Kanzlei der Deutsch-Demokratischen Hochschülervereinigung«, einem Vorsitzenden und einem Führer solcher Schrift. Das Demokratische wäre hinreichend beglaubigt; im Deutschen werden wohl, wenn erst die Ruhe fürs Studium wiederhergestellt sein wird, noch Fortschritte erzielt werden. Von den Christlichsozialen liegt keine Kundgebung vor. Sonst bekäme man gewiß zu lesen, daß ihnen die Lorbeerreiser eingedenk sind. Die Sprache der Deutschen in Österreich Der Rassenstreit in deutschen Ländern, der noch eine Berechtigung hätte, wenn eine der andern Rasse die Verhunzung ihrer Sprache zum Vorwurf machen könnte, müßte längst mit dem Einverständnis beendet sein, daß keine der beiden die Sprache des Landes sprechen kann, und höchstens noch ein Streit darüber möglich, welche von beiden sie ärger verhunzt. Sicherlich ist die jüdische Presse vor allem als Sprachverderberin der Ausrottung wert, aber was soll andrerseits der Ruf »Deutschland erwache!« für einen Sinn haben, wenn die Bodenständigen außer diesem und dem entgegengesetzten Imperativ keine schwierigere Konstruktion bewältigen können? Die deutschchristliche Presse wird doch nicht im Ernst glauben, daß sie mit der deutschen Sprache eine intimere Beziehung unterhält als die andere, die die Weltanschauung der Kleinen Schiffgasse zu kultureller Geltung bringt? In keiner Sprache der Welt wäre es möglich, daß die Wortführer der öffentlichen Meinung sie so wenig beherrschen oder ihr so sorglos dienen, wie es rechts und links in der deutschgeschriebenen Presse der Fall ist. Daß ein Pariser Bäcker besser französisch spricht als der Wiener Zunftgenosse deutsch, versteht sich von selbst; aber er beschämt darin auch den deutschen Leitartikler. Das geringste, was man von Deutschnationalen verlangen könnte, wäre, sollte man meinen, daß sie deutsch sprechen. Aber sie legen im Gegenteil nicht den geringsten Wert darauf, in diesem Punkt es den Fremdrassigen zuvorzutun. Die sogenannte »Dötz« betätigt jeden andern nationalen Ehrgeiz eher als den, das kostbarste Gut der Nation vor dem Zugriff der ›Neuen Freien Presse‹, des ›Tag‹ und der ›Arbeiter-Zeitung‹ zu schützen. Daß in diesem eigenartigsten aller Staatswesen ein ehemaliger Justizminister bei einem Straßenradau zu tun hat, muß weiter nicht auffallen. Aber noch weniger fällt auf, daß der Herr Dr. Hueber seinem Blatt die folgende Schilderung gibt: Auf der Lastenstraße, hinter dem Rathaus, bedrängte die Polizei den Zug der demonstrierenden Studenten. Als hiebei eine kleine Gruppe in den Park auf dem Friedrich Schmidt-Platz ausweichen wollte, riegelte die Polizei den Park ab und drosch mit Gummiknütteln rück sichtslos von rück wärts auf die sich bereits auf dem Abmarsch befindliche Menge ... Polizisten auf Krafträdern fuhren in die Menge, ohne Rücksichtnahme auf die Sicherheit der Leute. Die sich dort befindliche Polizei dürfte wohl den Hakenkreuzlern zarter entgegengekommen sein, als diese allerorten der deutschen Sprache. Schon »nach rückwärts« ist dem Sprachgefühl entgegengerichtet; »von rückwärts« kann man nicht einmal geschlagen werden, geschweige denn schlagen. Er wollte sagen »von hinten«. Das einzige deutsche Wort ist »Krafträder«. Welch ein Bild des Jammers, von deutschen Männern auf die sich bereits auf dem Rückzug befindliche deutsche Sprache so rücksichtslos von rückwärts ohne jede Rücksichtnahme auf die Fremden gedroschen zu sehn! Großmann macht mir eine Szene Eine alte Beziehung, lange Zeit ein gespanntes Verhältnis, artet nunmehr in einen Briefwechsel aus (ich habe es nicht gewollt): Stefan Großmann         22.5.31. Berlin-Charlottenburg 9 Eichenallee 64 Westend 8874 An den Verlag Die Fackel Wien III. Hintere Zollamtsstr. 3 Am heutigen Tage traf die beiliegende Nummer der Fackel hier ein, in der ein Artikel, der Herrn Großmann betrifft, rot angestrichen ist. Herr Großmann befindet sich zur Zeit im Ausland. Da ich annehme, daß er an dem Artikel kein Interesse hat, sende ich Ihnen die zugesandte Nummer anbei zurück. Hochachtungsvoll – – Sekretärin * 6. Juni 1931 An Fräulein – – Sekretärin des Herrn Stefan Großmann Berlin-Charlottenburg 9 Eichenallee 64 Sehr geehrtes Fräulein! Sie teilen uns mit, daß ein Heft der Fackel, worin ein Artikel, der Herrn Großmann betrifft, rot angestrichen sei, bei Ihnen eintraf, und senden das Heft an uns, da Sie annehmen, daß Herr Großmann, der sich zur Zeit im Ausland befinde, an dem Artikel kein Interesse habe. Selbst wenn es so wahr sein sollte, daß Herr Großmann an dem Artikel kein Interesse hat, wie daß er sich zur Zeit im Ausland befindet; wenn Sie also seine Intention erraten haben sollten anstatt sein Diktat zu empfangen, so verstehen wir noch immer nicht, warum Sie uns all dies mitteilen und uns das Heft zusenden. Wir können uns nun allerdings denken, daß Sie uns für den Absender des Heftes halten. Diese Meinung würde aber auf einem Irrtum beruhen, und wir senden Ihnen deshalb das Heft, das jedenfalls weit eher dem Adressaten als uns zugehört, wieder zurück. Nichts könnte dafür sprechen, daß gerade wir das Heft an Herrn Großmann, an den der Herausgeber der Fackel noch nie eine Zuwendung außer der in dem Artikel erwähnten gemacht hat, gelangen ließen. Freilich halten wir es nicht für unwichtig, daß er die Fackel liest, aber wir sind überzeugt, daß wir dafür nicht erst durch deren Einsendung sorgen müssen, sondern daß Herr Großmann sich die Fackel kauft, wenn er sie nicht, wie es eben diesmal geschehen ist, von wohlmeinender Seite geschenkt bekommt. Ihre Annahme, daß er an dem Artikel kein Interesse habe, ist ganz gewiß nicht zutreffend, es wäre denn, daß er nach flüchtigem Überblick sich davon überzeugt hätte, daß der Artikel im Wesentlichen kaum mehr als einen Nachdruck von Unsauberkeiten enthält, die dem Herrn Großmann ohnedies aus seinem Buche bekannt sind. Wie immer dem aber sei, und selbst wenn ein Heft, das einen Artikel über Herrn Großmann bringt, wegen starker Nachfrage vergriffen wäre, so wären wir doch nicht in der Lage, es uns von ihm spenden zu lassen. Die bemerkenswerte Tatsache jedoch, daß es dem Herrn Großmann von irgendeiner Seite, die ihn auf dem Laufenden erhalten will, zugesandt wurde, hätte keineswegs des Beweises durch Vorzeigung bedurft. Wir senden Ihnen deshalb das Heft zurück, nicht ohne den Rat an Herrn Großmann, es entweder, sobald er aus dem Ausland heimkehrt, zu lesen, da es ja auch noch andere interessante Beiträge enthält als denjenigen, der ihn nicht interessiert, oder wenn er überhaupt kein Interesse dafür haben und auch nicht imstande sein sollte, den Absender ausfindig zu machen, es an einen Interessenten weiterzugeben. Schließlich möchten wir bemerken, daß der gewiß erhebliche Umstand, daß sich die Fackel nach langer Ablenkung wieder einmal ausführlicher mit Herrn Großmann befaßt hat, noch immer nicht den Übermut rechtfertigt, mit uns in brieflichen Verkehr zu treten. Hochachtungsvoll Der Verlag der Fackel. »Keine Schwachköpfe mehr!« plaudert der Schäker der Neuen Freien Presse. Aber man kann für die Rubrik unbesorgt sein. Es handelt sich um Versuche an Kindern, so daß vielleicht erst die kommende Lesergeneration die Wirkung verspüren wird. Die Analphabeten So wird auch jetzt vielfach behauptet, daß August Lederer bedeutende Vermögenswerte seiner Firma auf sein Privatkonto geschrieben hat, was der Struktur seiner Betriebe gemäß rechtlich ohne weiteres möglich war, und daß er jetzt einfach die Regelung anderen überläßt, während er selbst sein Schärflein im Trockenen hat. Nur ein Schäflein als Beitrag zum Kapitel journalistischer Bildung. Dezember 1931 Die Enthüllung Nicht daß Politik und Publizistik dieses unerträglichsten aller Staatswesen und dieser geduldigsten aller Völkerschaften einen einzigen Misthaufen bilden; nicht daß Schmutz zutagekommt, wenn ebenda Bewegung der Parteien eintritt – nicht solches ist die Enthüllung. Darin besteht sie, daß sie selbst sie vornehmen, um vom Schmutz abzulenken, in welchem sie doch »letzten Endes« – das nun bald keine Phrase mehr sein wird – geeinigt bleiben. Nicht darin besteht sie, daß, wie in allen Ressorts neuzeitlicher Betätigung, so vor allen im politischen Handwerk Unsauberkeit und Unfähigkeit prominent sind; sondern darin, daß auch die Frechheit von Dummköpfen am Ruder ist, die die Opfer blödmachen wollen. Daß Preßlumpen Trinkgeld abkriegen, um zu beten und nicht zu fluchen, wenn Banklumpen stehlen gehn, ist keine Enthüllung. Aber die sittliche Einhelligkeit, mit der sie sich entrüsten – die, die nichts bekommen haben, mit denen, die genommen haben –; der Ruf nach Nennung der Namen in der Zuversicht, daß er nie erhört wird; die phraseologische Treffsicherheit, mit der sie einander der Lumperei beschuldigen, in dem gegenseitigen Vertrauen, daß sich nie die Berechtigung des Vorwurfs herausstellen wird – das ist die Enthüllung durch jene Ironie der Wirklichkeit, die mit der Satire fertig wird. Nichts bleibt ihr diesfalls zu sagen übrig, als daß alle, die im Ernstfall Hände vorweisen könnten, denen kein verschwiegener Treuhänder der Kreditanstalt etwas zugesteckt hat, mit jedem unbezahlten Wort Betrug verüben. 1932 März 1932 Brückner-Forschung Csokor, der Ungestüme, leitet den von Herzmansky und »Pressestimmen« begleiteten Programmaufsatz für Burgtheaterbesucher, welcher den mit der Vorstellung unvorstellbaren »Timon« kommentiert, folgendermaßen ein: Mit dem Timon Shakespeares hat der Ferdinand Brückners so wenig gemein, wie etwa seine »Elisabeth von England« mit der britischen Gegenspielerin der Stuart bei Schiller; nur die Wurzel ist hier die gleiche: der Dialog des Lukian und Plutarch . Ich habe, da ich die »Elisabeth von England« nicht kenne und meinem Vorurteil, daß es ein analoger Mumpitz sei, zu opponieren bestrebt war, sofort Wurzelstudium getrieben, aber weder bei Lukian noch bei Plutarch auch nur den geringsten Hinweis auf die Gestalt der Elisabeth von England gefunden. Dagegen muß ich bekennen, daß ich erstarrt vor diesem Spiel verkleideter Bundesbeamten saß, in einem Publikum von ebensolchen in Zivil, die es ebenso träfen. Der neuen Zeit ward damit Rechnung getragen, daß das Wort »Arsch« vorkam, während die vielen psychoisraelitischen Wendungen der auftretenden Griechen und Götter um ihren Saft gebracht wurden. Das Problem, ob der Vorhang aufgehen solle, erfuhr seine Lösung durch Mangel an Applaus. Als er niederging, waren auf ihm die Gestalten der Wolter, Baumeisters und Hartmanns zu erkennen. Das Äußere hat sich seit vier Jahrzehnten wenig verändert, höchstens dadurch, daß im Foyer die Bilder der Großen einer versunkenen Theaterwelt von Anschütz bis Mitterwurzer vor denen der Reimers, Devrient und anderer dii minorum gentium verschwinden. Röbbeling dürfte durch die Berufung solcher, die jetzt den Spitznamen »Prominente« führen, Kasse in die Bude bringen. Zusperren wäre sicherer. Schon vor dreißig Jahren – ungefähr um die Zeit als Treßler dazukam – haben besorgte Fiaker jeden Abend »Aus is –!« gerufen. Hätte man ihnen gefolgt! Geht in Ordnung Daß ein ordentlicher Professor mehr sein soll als ein außerordentlicher, ist nur bei tieferer Erfassung des Wortes verständlich als der Bezeichnung von etwas »außer der Ordnung«. Wiewohl der Ausdruck also, im Gegensatz zu den meisten der deutschen Amts-, Verkehrs- und Zeitungssprache, in Ordnung ist, erfaßt einen doch eben vor dieser ein außerordentliches (ungewöhnliches) Gefühl der Öde, wenn man so etwas liest: Der Bundespräsident hat den mit dem Titel eines ordentlichen Universitätsprofessors bekleideten außerordentlichen Professor der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Wien Dr. Karl Gottfried Hugelmann zum ordentlichen Professor der Rechts- und Staatswissenschaften und den mit dem Titel eines ordentlichen Universitätsprofessors bekleideten außerordentlichen Professor der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Wien Dr. Adolf Merkl zum ordentlichen Professor der Rechts- und Staatswissenschaften an der genannten Universität ernannt. Man denkt sich, es könnte, da beide gleich bekleidet waren und nun gleichermaßen ernannt sind und auch sonst alles bis auf den Namen übereinstimmt, ferner wenn schon zwei dasselbe tun, was zwar nicht immer dasselbe ist, aber doch – also man denkt sich, es ließe sich in einem abmachen, nämlich: daß der Bundespräsident die mit dem Titel ... bekleideten außerordentlichen ... der ... an ... zu ordentlichen ... der ... an ... ernannt habe. Sehr kompliziert wird ja die Sache dadurch, daß jeder der beiden Außerordentlichen, bevor er ein Ordentlicher wurde, schon so hieß. Das hat sich denn auch der praktische Setzer des ›Tag‹ gedacht und der Einfachheit halber es gleich so durchgeführt: Der Bundespräsident hat die mit dem Titel eines ordentlichen Universitätsprofessors bekleideten ordentlichen Professoren der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Wien Dr. Karl Gottfried Hugelmann und Dr. Adolf Merkl zu ordentlichen Professoren der Rechts- und Staatswissenschaften an der genannten Universität ernannt. Somit wäre alles in Ordnung. Wissen Sie schon wie die Telegrammadresse des Herrn Grafen Keyserling, Inhabers der »Schule der Weisheit«, lautet? Weisheitling                Darmstadt Tatsache! Oktober 1932 Was die Sozialdemokratie auf ihre Fahnen geschrieben hat und zwar auf die erste und die letzte der Arbeiter-Zeitung vom 8. Mai 1932: – – Kampf gegen die jüdischen Bankherren, die Rothschild und Sieghart, gegen die jüdischen Industriegewaltigen, die Trebitsch und Geiringer, gegen die jüdischen Großverdiener, die Gerngroß und Krupnik ganz ebenso wie gegen die christlichen Scharfmacher, die Apold und Busson, die Urban und Schoeller – das wollen wir ! – – Den Kampf gegen das Kapital ... – ihn hat die Sozialdemokratie auf ihre Fahnen geschrieben – –. Gerngroß Krupnik voran! Kriegsopfer Was soll man für ein Vaterland übrig haben, das, wie einst gegen sein Leben, noch heute gegen seine Sprache Krieg fuhrt und dem Unheil, das es bewirkt hat, so mit dem Wort gerecht wird: Der Reinertrag soll zur Linderung der Not der im Weltkrieg vor dem Feinde im Felde gestandenen Kriegsteilnehmer und der Hinterbliebenen nach im Weltkrieg gefallenen oder ihren vor dem Feinde erlittenen Verwundungen erlegenen Kriegsteilnehmern verwendet werden. Welch ein Ausdruck für den trostlosesten Inhalt! Welches Rangsklassendeutsch widerfährt da dem Tod! Und das alles, weil man dem guten Fremdwort das Kauderwelsch vorzieht; weil man zwar Invalide gemacht hat, aber sie nicht nennen darf. Welche Sprache der Ordnung ohne Syntax! Nein, keine könnte es geben, die wie die unsere so zum Kriegsopfer derer wurde, die sie sprechen; keine, vor deren Schamrot nicht das Gedenken des Bluts verblaßte, wollte sie ihm mit solchem Amtsumschweif gerecht werden. Mögen die Staatsbankrotteure weiter auf Mittel sinnen, die Not, die der Weltkrieg bewirkt hat, mit der Not, die sie nach ihm bewirkt haben, zu lindern und die ihnen hinterbliebene und ausgelieferte Bevölkerung nach ihrer Zugehörigkeit »zu im« Weltkriege gefallenen oder ihren vor dem Feinde erlittenen Verwundungen erlegenen Kriegsteilnehmern einteilen; mögen sie sie auch weiterhin hauptsächlich mit dem Mittel der Illusion entschädigen, es sei ein Feld der Ehre gewesen, auf dem sich dank einer entwickelten Chemie diese glorreichen Vorgänge abgespielt haben. Ein Feld der Schande ist jedes Gebiet, auf dem nicht mit Taten, sondern Worten gestanden wird, und die deutsche Sprache wird bald ihren vor dem bürokratischen und publizistischen Feinde erlittenen Verwundungen erlegen sein. Da gibts nichts! Hitler hat den Eid auf die Verfassung geschworen, das Berliner Tageblatt zitiert unter dem Titel »Hitlers Eid« dessen Wortlaut und bemerkt: Mit Recht macht der »Vorwärts« darauf aufmerksam, daß niemand Hitler gezwungen hat, Beamter zu werden, daß er den Eid also freiwillig geleistet hat. Es gibt künftig keinerlei Ausflucht . Der neue Regierungsrat wird seinen Eid halten müssen wie jeder andere Beamte . Jetzt hat man ihn! Bei Nestroy beruhigt sich ein verdachtschöpfender Bräutigam immer mit den Worten: »Sie hat mir ja ewige Liebe geschworen!«, und ohne Zweifel würde der Staatsanwalt an dem ersten Tag, den das dritte Reich besteht, dessen Gründer wegen Verfassungsbruchs hoppnehmen. Es ist aber ein alter Jammer, daß, wenn Juden blöd sind, es ausgibt. Die Vizinalbahn Die Zeugin Marie L. aus Gleichenberg sagt: Das Ehepaar M ... und der Vizekanzler Winkler waren gute Freunde. Dr. S.: Wird nicht über die Freundschaft zwischen dem Ehepaar M. und Winkler etwas in der Gegend gesprochen? Zeugin: Gesprochen wird viel. Man sagt allgemein, die Bahn wäre nie gebaut worden, wenn der Winkler mit der Frau M. nicht so gut wäre. Dr. V.: Sind die Gnaser mit der Bahn zufrieden? Zeugin: Nein. Sie müssen jetzt so große Umlagen zahlen, um die Unkosten der Bahn zu decken. Man redet von der Bahn überhaupt nicht gut. Man sagt immer: »Die Antschi-Bahn « oder die » Pupperlhutschen «. (Frau M. heißt mit dem Vornamen Anna.) Der ehemalige Landtagsabgeordnete Dr. Alois Sernetz erklärt unter anderm als Zeuge: Ich habe in einer Landtagssitzung Stellung zu dem Bahnprojekt genommen. Ich war der Ansicht, daß sämtliche Regierungsparteien schuld an der Kostenüberschreitung sind, weil alle davon unterrichtet waren. Ingenieur Pichler erklärt als Zeuge, daß die Bahnangelegenheit im Land sehr viel Staub aufgewirbelt habe. Es hätte sich vermeiden lassen, die Strecke über das Rutschterrain zu legen. Die Bahn bildet das Gespött des ganzen Landes und heißt im Volksmund nur » dem Winkler seine Pupperlbahn «. Alles nicht wahr. Wahr jedoch die Möglichkeit, heutige Machthaber und Staatslenker von solchem Milieu umgeben, in solchem Dialekt beredet zu wissen. Das Grauslichste, was dem neuösterreichischen Volksmund entstammt, ist ja dieser Terminus »Pupperlhutschen«, die Bezeichnung für jenen Beisitz des Motorrades, den der Neudeutsche kaum minder schrecklich den »Soziussitz« nennt. Eine ordinär humorige Verachtung der Frau als eines Zubehörs liegt in der Wortbildung, in der das gebrauchsfertige »Pupperl« – an und für sich magenumdrehend – noch dem Zweck des »Hutschens« unterworfen wird. Unsereins verbindet damit die Vorstellung, daß ein Ungetüm, soweit in der Geschwindigkeit feststellbar einem apokalyptisch gewandeten Konzeptsbeamten gleichend, wie ein rasender Schönpflug durch die Landschaft jagt. Auf das Verhältnis einer motorischen Nibelungentreue bezogen, ist es das Schulter an Schulter des Tüchtigen, der viel Staub und Lärm macht, damit ihm die Welt gehöre, mit einer Austria, die, auf Gedeih und Verderb ihm anvertraut, mit dem Soziussitz vorlieb nahm, bis sie noch diesen verlor. Aber den Ausdruck »Pupperlhutschen« hat sie behalten. Und nun stelle man sich erst vor, daß er zur Metapher für eine »Pupperlbahn« wird! Wenn die Arbeiter-Zeitung den Bericht druckt, so hat sie es natürlich auf das Moment landbündlerischer Korruption abgesehen, welches im Prozeßergebnis keine Bestätigung fand. Aber es handelt sich um die Feststellung von Lebensformen, die den Machtbetrieb dieses neuen Österreich ohne parteipolitischen Unterschied mit der Region der antipathischesten Volkstümlichkeit verbinden. Welch eine Perversion aller weltgeschichtlichen Erfahrung bedeutet doch dieser Kriegsausgang! Ehedem hatten die Besiegten den Kulturprofit; heute nur die gigantische Entschädigung an Theatertratsch, nebst jener Genugtuung der Freigelassenen, in den Familienaffären der Herrschaft zu wühlen. Für die Herabsetzung einer erledigten Hausmacht auf eine gegenwärtige Hausmeistermacht könnte nichts bezeichnender sein als der Drang, dem »Geheimnis von Mayerling« auf die Spur zu kommen, für dessen Zugkraft das einstige Verbot andauernd zulangt. Überall ein Ausverkauf hinterlassener Hoftracht, den schwachsinnige Weilande im Dienste einer freiheitlichen Sensationspresse vermitteln. Aber die Senkung des Niveaus, wie sie in den geistigen und moralischen Belangen dieses Mitropa erlitten hat, ist wohl des Teufels Hohn auf eine schimmernde Wehr, in der, von ihm geritten, es ausgezogen war, eine Welt herauszufordern. Welch ein Ruin, wenn uns die Hölle, der er entsprang, heute als verlornes Paradies erscheint! Welche Heimsuchung einer Nostalgie nach Lebensformen, die damals unerträglich waren! Und welch ein Trost für Republiken, die es sind, weil ihnen die Monarchen fehlen: sie durch Parvenüs und Prominente ersetzen zu können. Die Reduzierung in allem Geistigen, Moralischen und Gesellschaftlichen ist umso furchtbarer, als die regierende Mittelmäßigkeit sich für das, was sie Innen- und Außenpolitik nennt, mit einem Apparat auftut, der gleichermaßen den intellektuellen wie den geographischen Maßen Hohn spricht: nichts wäre dem für Fressereien und Fahrereien hinausgeworfenen Vermögen gemäß als die Größe des Elends und die Zahl der Arbeitslosen in diesen Unglücksstaaten. Dabei wirft sich die subalterne Machthaberei in die Würdebrust (der nichts fehlt als die monarchischen Orden), wenn einmal die Behauptung, daß sie Provision genommen habe, eine Verleumdung war und wenn sich wider Erwarten herausstellt, daß es in Österreich richtig zugeht, während in Ungarn ein solches Durcheinander der Ressorts herrscht, daß statt des Justizministers der Kultusminister wegen Defraudation angeklagt wird. Und doch läßt sich nun einmal nicht leugnen, daß alles, was sich hierorts im Verkehrsleben begibt, an dem Knotenpunkt einer Vizinalbahn spielt, und man möchte davon träumen, daß alles nicht wahr sei, und man bloß Schwierigkeiten habe, an einem Bundesminister vorbei zu einem Amtsdiener der Neunzigerjahre vorzudringen. Die mit der linken Hand stehlen Ich hüte mich seit langem, Wendungen, die von mir sind, wiederzugebrauchen, um nicht in den Ruf eines Plagiators zu kommen, der mir seit der Apokalypse ohnedies anhaftet. Immer wieder kann ich mich in der Presse lesen, aber da es keinen Autorschutz für Gedanken gibt, muß ich es hinnehmen, als Quelle, die sie nicht angeben, verunreinigt zu werden. Aus meinem Haus sind schon viele Diebe hervorgegangen, manche jedoch, verwarnt, können es nicht lassen und schleichen, von jener Nostalgie getrieben, immer wieder an meinen Herd, um ein bißchen Feuer zu fressen. Ich mag darum die eigenen Schriften nicht, die nicht mehr ganz die eigenen sind, und stehe auf dem Standpunkt des Konditors, der selber nicht nascht. Also: Die deutsche Übersetzung von Creme der Gesellschaft ist offenbar »Abschaum«. Seitdem ich sie besorgt habe. Hin und wieder begegnet man auch der Deutung der »Monogamie« als »Einheirat« oder der Definition eines Volkes, an das man sich anschließen soll, als der »elektrisch beleuchteten Barbaren«. Vielfach wird aber auch das Gehirnweichbild Wiens in meiner Perspektive von jenen betrachtet, die im Punkte der Konsistenz just nicht unbedenklich sind. Aus dem Gehirnweichbild Mit ihr ist endlich wieder ein neues Talent da. Frisch, unverbraucht, ohne die lästigen Allüren des Ruhmes und ohne jede Gouvernantensäure, die Jugend im Burgtheater so rasch ansetzt . Also wie ist das. Wenn Jugend, die schon im Engagement ist, ansetzt, so war doch jedesmal beim ersten Auftreten wahrzunehmen, daß sie noch nicht angesetzt habe; und wenn sie so rasch ansetzt, so besteht doch Gefahr, daß es der neuen Debütantin ebenso ergehen wird, worauf wieder der nächsten nachgerühmt werden kann – nicht auszuschöpfen! Runderlaß – – es sei darauf zu achten, daß ... künstlerische Ziele nicht auf Kosten der durch die öffentliche Sittlichkeit gebotenen Zurückhaltung bei der Entblößung menschlicher Körper verwirklicht werden . Das muß Erfolg haben: schon die Sprache ist imstande, jede sinnliche Regung im Keim zu ersticken. Ablenkung durch Sexappeal (Zwischenfall im Stehparterre des Burgtheaters.) Während der Aufführung von » Metternich « am Samstag drängte sich im Stehparterre des Burgtheaters während des letzten Aktes ein Besucher in unziemlicher Weise an eine vor ihm stehende Dame. Er wurde festgenommen, polizeilich bestraft und dem Bezirksgericht wegen Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit übergeben. Unglaublich! Wenn so etwas bei Saßmanns »Schöner Helena« passiert, wo auf der Szene ähnliche Dinge vorkommen und wo die Handlung oft in den Zuschauerraum verlegt ist, kann man ein Auge zudrücken. Da waltet ein Fluidum. Aber bei einem historischen Werk, das tiefschürfende Vorstudien im Staatsarchiv erfordert hat? Die Wiedererweckung des österreichischen Gedankens hat man sich wahrlich anders vorgestellt! Ein älterer, gewissenhafter Erotiker Die Presse, mag sie auch auf Kongressen das Maul voll kultureller Mission nehmen, schätzt sich in Wahrheit so niedrig ein, daß sie nicht nur meine Überschätzung ihres Berufs komisch findet, sondern in keinem Fall daran denken würde, auch nur die gröbsten Greuel des Druckes, solche, an denen nicht die journalistische Unbildung, sondern nur die Hudelei des Mechanismus Schuld trägt, durch Berichtigungen aus der Welt zu schaffen. Was in die Setzmaschine gespien wird, bleibt bestehen, weil der Journalist davon überzeugt ist, daß es mit dem Tag vergeht, und eben diese Selbstunterschätzung bedeutet das wirkende Übel der Welt. Es gibt Ausnahmen. Ältere Journalisten haben noch den Ehrgeiz, die Maschine nicht als Herrin ihres wenngleich noch so bescheidenen geistigen Willens anzuerkennen, und bringen regelmäßig ihre Richtigstellung vor. Zum Beispiel Vater Korngold, der sich viele nachträgliche Sorgfalt ersparen würde, wenn er sie schon an die Korrektur der Fahne, zu der er schwört, wenden wollte. Geradezu rührend ist aber die Gewissenhaftigkeit, mit der ein anderer älterer Herr auf Wiederherstellung seines geistigen Eigentums, nämlich eines Eingriffs in das Privatleben zwischen Goethe und der Frau v. Stein, den ihm der Setzer verpatzt hat, besteht. Er hatte in der letzten Saison wiederholt die Aufmerksamkeit jener Leser, die nicht dabei sein konnten, auf die mehr ästhetischen Reize der La Jana gelenkt, und nie wurden sie durch den Druck entstellt. Wie wichtig aber das Tüpferl auf dem i sein kann, das angeblich von mir überschätzt wird, zeigt der folgende Fall: ( Richtigstellung. ) Unser Berliner Korrespondent schreibt uns: Ich bin genötigt, eine kleine Richtigstellung zu erbitten, da in dem Feuilleton über das Gastspiel des Burgtheaters in Weimar (Morgenblatt von Mittwoch, 6. April) ein weggefallenes Fragezeichen mich das Gegenteil von dem sagen läßt, was ich sagen wollte. Unter Hinweis auf die bekannte Tatsache, daß Goethe der Prinzessin im »Tasso« Züge der Frau v. Stein gegeben hat, hatte ich geschrieben: »Aber in welcher Idealisierung läßt Goethe im »Tasso« die so heiß und vergeblich (wirklich vergeblich?) Begehrte erscheinen!« In der Klammer ist das Fragezeichen weggeblieben, so daß das Nichtbestehen erotischer Beziehungen zwischen Goethe und Frau v. Stein bekräftigt wird, statt in Zweifel gezogen zu werden . Paul Goldmann . Der Lose! Nein, der Korrekte! Gewiß, er mischt sich da in eine Sache, die ihn nichts angeht; aber wenn schon, so hat er natürlich ganz recht, auf der Restituierung eines Zweifels zu bestehen, der durch die Auslassung des Fragezeichens zur Behauptung des Angezweifelten wurde. Freilich, ausgelassen war das Fragezeichen schon, als er es geschrieben hatte, und das eben scheint dem Druckfehlerteufel, der keine so zügellose Phantasie hat, widerstrebt zu haben. Ich gehe im Blätterwald wirklich bloß so für mich hin mit dem ausgesprochenen Sinn, um nichts zu suchen, und man tut unrecht, zu meinen, daß ich immer nur die Fehler bemerke. Ich bemerke auch die Richtigstellungen. Angebot Der Verleger der »Josefine Mutzenbacher« (nicht Urfassung, sondern Leitfaden für den Schulgebrauch) schreibt mir – mit dem diskreten Aufdruck einer Importfirma und dem Vermerk »Chef privat«, aber vier Postscheckkonti –: Sehr geehrter Herr! Ich habe in Erfahrung gebracht, daß Sie selbst schriftstellerisch tätig sind und erlaube mir daher die höfliche Anfrage, ob Sie an interessanten Neuerscheinungen in sexualwissenschaftlichen Büchern, Sittengeschichte und Privatphotos als Sammler Interesse haben. Falls Sie sich für dieses Gebiet interessieren, gehen Ihnen auf Wunsch meine neuesten, ausführlichen Spezial-Angebote zu. Beiderseitige Diskretion ist selbstverständlich. Da diese Art von Werken immer bald vergriffen , sehe ich Ihren eventuellen Wünschen baldigst entgegen und zeichne mit vorzüglicher Hochachtung – – Ich bin wunschlos. Da aber selbst schriftstellerisch tätig, verstehe ich zwar, daß diese Art von Werken immer bald vergriffen, muß jedoch beanstanden, daß die Diskretion so weit geht, hier das Wörtchen »ist« zu unterdrücken, mag es auch an das hinweisende Fürwort Goethes anklingen, jenen Iste, der aber doch wieder nichts im Vergleich zu dem, was dem Ehrenpräsidenten des Penklubs in jungen Tagen aus der Feder geflossen. Zugegriffen hätte ich dagegen bei der folgenden Chance, die sich mir aber leider nicht geboten hat, weil ich nicht Abonnent der ›literarischen Welt‹ bin, und von der ich nur aus zweiter Hand weiß: Betr.: Sonderangebot für Abonnenten. Sehr geehrte gnädige Frau! Sehr geehrter Herr! Um Ihnen als unserem Abonnenten Gelegenheit zu geben , das kürzlich erschienene Buch unseres Herausgebers : Willy Haas, Gestalten der Zeit zu besitzen , haben wir eine ganz beschränkte Anzahl dieses Buches vom Verlag erworben und geben es zu unserem Selbstkostenpreis in Leinen gebunden Mark 1,50 statt Mark 6,50 nur an unsere Abonnenten ab. Herr Haas ist außerdem auf Wunsch bereit, seinen Namen in das Buch einzuzeichnen. Da es sich nur um wenige Exemplare handelt, bitten wir Sie, uns Ihre Bestellung umgehend zu übermitteln. Die Bestellungen werden in der Reihenfolge des Einganges erledigt. Wir hoffen , Ihnen mit diesem Angebot gedient zu haben , und zeichnen hochachtungsvoll Die literarische Welt So entgegenkommend! Zum Selbstkostenpreis erwirbt er sein Buch, damit andere es besitzen. Etwas von der großen Resignation jenes Kant'schen Wortes zum ewigen Frieden ist darin. Selbst wohnt man in einer freudlosen Gasse, aber die Nachwelt soll etwas davon haben: die »Gestalten der Zeit«, deren schwankendste sich mir wieder naht. Und ich der Landgraf komm zu so was nicht, denn ich bin nicht Abonnent und 6 Mark 50 geb ich nicht. Schade, ich hätte noch meine Photographie eingeklebt und dann wär's ein Unikum gewesen. Und die erotische Phantasie hat noch ganz andere Möglichkeiten schreibt ein Splitterrichter, dem die pornographische Literatur unzulänglich scheint, eine kluge Freundin sagte einmal, »wen ein Takt Musik, von Piccaver gesungen, nicht ganz anders anrührt, als die ›Mutzenbacher‹, dem ist nicht zu helfen «. Die möchte ich kennen lernen und fragen, wie das zu dem kommt. Gewiß ist die Wirkung von Tenoren und Naturburschen auf kluge Freundinnen nicht zu unterschätzen, doch was bekanntlich dem einen sin Uhl', ist dem andern sin Nachtigall, der eine zieht beim Baden Reaumur, der andere Celsius vor, und die Männer, die sich nicht helfen können, müssen eben vorlieb nehmen. Aber Piccaver? Wäre da überhaupt ein Vergleich möglich, so möchte ich sagen, daß einen heute selbst ein Gedicht von Wengraf ganz anders anrührt und daß man in der Realität schon Albers heranziehen müßte, um der Wirkung, die von der Mutzenbacher ausgeht, auch nur nahezukommen. Die Freundin scheint bloß die Ausgabe für Töchterschulen zu kennen, aus der man nicht klug wird. Da freilich hat der Lohengrin leichtes Spiel! Letzten Endes befinden wir uns ebenda. Nachdem wir seit dem Zusammenbruch ebenso oft versichert haben: »Geht in Ordnung«. Namentlich die noch häufigeren Prominenten lassen sich in diesem Punkt nicht lumpen. In einem Interview mit Herrn Werner Krauß (der mit etwas mehr Recht als die anderen überschätzt wird) habe ich nicht weniger als vier Letztender erbeutet: Letzten Endes spielt man ja immer nur sich selber. Er zieht ja letzten Endes nur die Summe seiner eigenen Existenz, wenn er spielt. Einmal fängt auch der Interviewer an: Letzten Endes ist aber ein Spiel ohne oder gegen das Publikum unlogisch. Der Inspizient rief bereits, so daß Herr Werner Krauß letzten Endes nur noch Gelegenheit hatte, zu versichern, der Schauspieler habe das wirkliche Leben glaubhaft zu machen, alles andere aber sei fiktiv und letzten Endes unkünstlerisch. Nun aber müsse er zum Schlußakt – der Hilfsregisseur wird sonst ungeduldig. Und das könnte gefährlich werden ... Die drei Punkte, die unwiderruflich letzten Endes stehen, sollten dieses wohl ersetzen. (Anschütz, hör ich, hat vor dem Auftreten keinem Reporter Aufschlüsse über das Wesen der Schauspielkunst erteilt; doch man hat eben von jenem »Lebt wohl!« bis »Letzten Endes« eine Entwicklung durchgemacht.) Vermutlich geschah es während einer Aufführung von Hauptmanns »Vor Sonnenuntergang«, wo »Letzten Endes« faktisch im Dialog vorkommt und mit vollem Recht, sowohl was den Dichter wie was den regieführenden Zauberer und Theaterunternehmer anlangt. Es bezeichnet jenen Zustand, den man etwas schlichter auch Pleite nennt. Man lebt nun einmal in dem Vorstellungskreise, und dem Wort zu entrinnen ist unmöglich. Keine Kolumne, in der es nicht auftaucht, Politiker führen es im unsaubern Munde, längst hat es Odol verdrängt, in einem Nachruf war erzählt, wie der Tote letzten Endes gestorben sei, von einem Selbstmörder hieß es, er habe letzten Endes es seinem Leben gemacht, weil dieses offenbar nichts mehr als dieses bot, aber dann kommen die Optimisten und versichern, wenn der Winter noch so sehr dräue, es müsse letzten Endes doch Frühling werden. Schließlich muß man nicht immer letzten Endes sagen, sondern man kann letzten Endes auch schließlich sagen. Beer, von dem ganz bestimmt in einem der Monate, die er auf Reinhardts Unterschrift warten mußte, mehr die Rede war als von Laube in dessen ganzem Leben, ist demgemäß blendend gelaunt und begrüßt demgemäß die ihn erwartenden Journalisten in heiterster Laune . Ich bin ja schließlich erst von dem Augenblick an Direktor, da der Deutsche-Volkstheater-Verein mich freigibt. Wenn er aber nur bis 1. Juli in Wien bleiben und gleich anschließend seine Tätigkeit in Berlin aufnehmen wollte, so wäre es doch ganz falsch, daraus zu schließen, daß er von Wien gern weggehe, konträr, schließlich bin ich elf Jahre lang hier und in einer so langen Zeit muß man diese Stadt im allgemeinen wie im besonderen liebgewinnen, aber schließlich kennt man sie doch schon zu genau, darum entschließt man sich sie zu verlassen, trotzdem verläßt man sie schweren Herzens und ausschließlich nur wegen der Chance, die Berlin bietet, denn schließlich ist das Deutsche Theater gegenwärtig die führende Bühne des deutschen Theaterwesens überhaupt. Aber schließlich müssen wir, wenn uns die Geschäfte der Theaterdirektoren schließlich zum Hals herauswachsen, nicht verzweifeln, denn mitten drin steht doch die Verheißung: Morgen spricht an dieser Stelle der Modechef der Tiller A.-G., Mariahilf über: » Unsere Konfektion ist Kunst «. Und der spricht knapp, jeder Satz sitzt wie angegossen, ein Labsal neben dem umlagernden täglichen Geschmuse über unsere Kunst, die Konfektion ist. Ala ist groß Wien, 6. Juli 1932. Verehrliche Verwaltung! Wir sind nunmehr wieder mit der Revision unserer Kartei zwecks Zusammenstellung der Daten für den großen Ala Zeitungskatalog 1933 beschäftigt. Wir bitten Sie aus diesem Grunde höflichst in Ihrem eigensten Interesse den mitfolgenden Fragebogen genauest auszufüllen und mit einem evtl. gedruckten Inseratentarif und 3 Probenummern mit dem Vermerk »Für Kartei«, raschmöglichst an uns zurückzusenden. Wir bitten Sie speziell darauf zu achten, daß bei den einzelnen Preiskategorien (Inseratenteil, Text teil, Notizen) , die für jede Gruppe giltige Grundschrift, d. i. die kleinste mit oder ohne Preisaufschlag zur Verwendung gelangende Schrifttype ( eventuellen Aufschlag nennen !!), das zulässige Höchstformat für Beilagenprospekte , die Falzgebühr, sowie der effektive Erscheinungstag und die Vordatierung bekanntgegeben wird. Alle diese Fragen sind in unserem Fragebogen enthalten. Auch die Angabe, ob Sie mit Matern oder Klischee ( aufgeholzt ?) arbeiten können, ist uns sehr wichtig. Falls Sie für das Deutsche Reich andere Preise haben, wollen Sie auch diese bekanntgeben. Da die Aufnahme im offiziellen Teil des Ala Zeitungskataloges für Sie kostenlos erfolgt und dieses Buch von vielen Inserenten als Nachschlagewerk benützt wird, glauben wir, daß auch Sie darin nicht fehlen wollen und bitten um umgehende Erledigung, bezw. Retoursendung des ausgefüllten Fragebogens. Hochachtungsvoll Österreichische Anzeigen-Gesellschaft A. G. Sehr geehrte Herren! Ihre freundliche Anfrage können wir leider nur teilweise beantworten, da unser Fall einen Sonderfall vorstellt. Während nämlich die Aufnahme von Inseraten bei uns kostenlos erfolgt, gelangen in unserem Textteil tatsächlich häufig Firmenannoncen zum Abdruck. Eine strenge Trennung zwischen dem Inseratenteil und dem Textteil, wie sie eben in anderen Zeitungen eingehalten wird, besteht bei uns nicht. Es ist uns nicht ganz verständlich, warum Sie sie besonders hervorheben, da ja der Textteil der Zeitungen unbezahlt ist und die Inserate, die ihn bilden, eben zum Inseratenteil gehören. Insbesondere ist uns unklar, welchen Unterschied Sie zwischen den Preiskategorien »Textteil« und »Notizen« machen, die doch gewiß zum Textteil und infolgedessen zum Inseratenteil gehören. Offenbar bezieht sich diese Einteilung auf solche Notizen, die nicht als »entgeltlich« erkennbar gemacht werden und infolgedessen den eventuellen Aufschlag haben, von dem Sie sprechen. Unsere Notizen gehören gleichfalls zum Textteil und enthalten vielfach Firmenreklamen, für die wir aber keinen Aufschlag einheben. Beilagenprospekte erscheinen nur selten und wenn dies der Fall ist, so sind sie bereits einer anderen Zeitung honoriert worden, wie zum Beispiel Diebolds Italienkarte der Frankfurter Zeitung. Es ist bei uns Usus, daß wir in allen jenen Fällen, wo die Reklame auch schon in anderen Zeitungen erschienen ist, weder eine Grundgebühr noch einen Aufschlag in Rechnung stellen, weil wir der Meinung sind, daß man in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise die Unternehmungen nicht zu stark belasten soll. Was den effektiven Erscheinungstag anlangt, so ist er uns selbst unbekannt, da unsere Zeitung nur unregelmäßig und dazwischen gar nicht erscheint. Mit Klischees arbeiten wir vielfach, und tatsächlich sind sie aufgeholzt. Ihre Frage, ob wir für das Deutsche Reich andere Preise haben, müssen wir verneinen. Wir würden Sie aber mit Rücksicht auf die ungeklärten Verhältnisse, die bei uns in administrativer Beziehung herrschen, ersuchen, von der Aufnahme unserer Zeitung in den offiziellen Teil des großen Ala Zeitungskatalogs, wo wir unter anderen Umständen gewiß nicht fehlen wollten, Abstand zu nehmen, obzwar sie kostenlos erfolgt und in unserem eigensten Interesse wäre. Aber so sind wir nun einmal. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Verlag der Fackel. Wissen Sie schon? daß Olly Gebauer regelrecht vermählt ist, und zwar mit dem Filmregisseur Nossek ... daß Mitzi Günther mit Fred Hennings, ohne daß man davon etwas erfahren hätte, einen Sohn hat, der jetzt schon über ein Jahr zählt ... Nein! Hatte ja keine Ahnung! Tragisch an dem Wunder des technischen Fortschritts ist nicht der Umstand, daß es zu spät eintrat; daß Stimme und Schritt der Wolter auf keiner Schallplatte, keiner Leinwand überliefert, daß Mitterwurzer in keinem Tonfilm zu hören und zu schauen ist. Sondern: daß es noch nach tausend Jahren möglich sein wird, der Menschheit eine deutliche Vorstellung zu vermitteln, wie Verebes gewesen. Das soll's auch nicht mehr geben? Ärztliche Ratschläge Erröten . Das unbegründete oder fast unbegründete Erröten beim geringsten Anlaß ist eine nervöse Störung in den Blutgefäßen der Haut. Das Leiden ist unangenehm, besonders noch durch die Angst und das fast unerträgliche Gefühl, daß man die fremde Aufmerksamkeit erregt und fremden Leuten vielleicht Anlaß zu verschiedenen nicht immer schmeichelhaften Gedanken gibt. Behandeln läßt sich das Leiden schwer. Durch ärztlichen Zuspruch und durch Autosuggestion, auch durch ärztliche Suggestion und durch Hypnose kann man Einsicht in das Unberechtigte der Erscheinung und der Angst davor gewinnen. Innerliche Medikamente und Elektrisieren des Gesichtes können manchmal Erfolg haben, wahrscheinlich aber nur auf dem Umwege der suggestiven Beeinflussung. In der jüngsten Zeit beschäftigt sich auch die Psychoanalyse mit dem zwar ungefährlichen, aber doch recht unangenehmen Leiden. Die wird es zwar nicht heilen, aber auch zu allerletzt herauskriegen; daß es auf Schamgefühl zurückzuführen sein könnte, oder auf das tiefer sitzende Übel, daß nämlich einer Ehre im Leib hat. Aber welch ein Apparat von Medizin wegen der paar Leute, die noch an so was leiden! Es wird darauf hingewiesen daß die auf dem Tatort gefundenen Hakenkreuzbinden nicht den Parteistempel tragen. Nur die von uns gelieferten Überfälle sind die echten, das Publikum soll nicht auf jeden Schwindel hineinfallen. Das Notwendige und das Überflüssige Unser Sonderberichterstatter beginnt: Der Hunger hetzt sie in ihren Haß. Und schließt: Gerade hier, wo zahllose Millionen an Lohnsummen zu jedem Wochenende umgesetzt werden, ist der Geldmangel besonders würgend. Nahezu ausnahmslos stehen die Städte und Gemeinden vor dem Zusammenbruch. Muß Dortmund , Deutschlands jüngste Industriemetropole, in Konkurs gehen? Es ist eine verzweifelte Frage , hinter der die Bedeutung alles parteipolitischen Zwistes weit zurücktritt. Vielleicht hat hier die Not ihr Gutes: sie scheidet mit grausamer Deutlichkeit das Notwendige vom Überflüssigen. Und die tragische Überflüssigkeit des täglichen Giftkampfes wird nur so lange dauern, als es am Notwendigen mangelt . Zwischen Rhein und Ruhr rauchen heute die Revolver . Der Spuk wird verfliegen, wenn morgen wieder die Schlote rauchen . Man achte auf diesen Sonderberichterstatter, in dessen Kopf anders als sonst in Menschenköpfen sich die Welt malt. Der Hunger hetzt sie in ihren Haß, also sollte man glauben, daß, wenn der Hunger aufhört, der Haß aufhört. Aber es war nur die notwendige Pointe für den Anfang. Für das Ende ist wieder eine Pointe notwendig, mehr optimistisch. Wenn zwischen Rhein und Ruhr die Revolver rauchen, ist man zwar an der Donau fern vom Schuß, aber zum Frühstück ist es immer gut, etwas Zukunftsfrohes, womöglich »geprägt«, zu bekommen. Stellen wir selbst die verzweifelte Frage, ob Dortmund in Konkurs gehen muß, ein Ausweg läßt sich immer finden. Es ist notwendig, daß der Haß aufhört, der überflüssig ist, damit die Not aufhört, die nur so lange notwendig ist, als sie dauert. Sie hat schließlich ihr Gutes. Wieso? Sehr einfach, sie läßt deutlich erkennen, daß sie nur so lange dauern kann, als es am Notwendigen mangelt, was sich aber mit einem Schlage ändert, wenn die Not aufhört, und dies tritt automatisch ein, wenn wieder die Schlote statt der Revolver rauchen, was morgen der Fall sein wird, selbst wenn Dortmund in Konkurs geht, weil doch alles auf der Welt und vor allem der Artikel des Sonderberichterstatters letzten Endes ein solches haben muß. Das ist notwendig, sich aber den Kopf zu zerbrechen wegen Sorgen, die andere haben, überflüssig. Ich freilich bilde mir die Kausalität ein, daß es jene Sorgen gibt, weil es diese Zerstreuung gibt. Wem sagen Sie das! Die französische Akademie berät jahre- und jahrzehntelang, ob eine sprachliche Neubildung in dem Diktionär aufzunehmen würdig befunden werden soll. In Frankreich wird die Sprache wie ein Heiligtum behandelt. Ein Aufschrei Schiller hat in seinen »Räubern« von dem tintenklexenden Säkulum gesprochen ... Noch niemals hat man das Wort so sehr geschändet durch Mißbrauch wie in dieser Epoche , noch niemals ist es so sehr seines metallischen Wertes entkleidet worden, des Edelgewichtes , das dem Symbol erst Inhalt gibt. Das steht in der – nein, ich sag's nicht, man würde es ja doch nicht glauben. Mai 1935 Außen- und Innenpolitik Seite 1, Außen: – – Laval habe sich in Moskau als Mann aus dem Volke eingeführt , der sein Auvergner Hochlandtum nicht verleugne und von den Ansichten und Wünschen des Durchschnittsfranzosen mehr verstehe als ein anderes Mitglied des französischen Kabinetts. Man erzählt in diesem Zusammenhang, Stalin habe bei seiner ersten Begegnung mit Laval im Kreml zum französischen Außenminister gesagt: »Wir wollen aufrichtig mit einander sprechen, denn ich bin kein Diplomat«. Darauf soll Laval erwidert haben: »Das gefällt mir, ich bin auch keiner«. Seite 2, Innen: Wie die »Nár. Pol.« erzählt, hat sich im Wahlkampf in Karpathorußland eine heitere Episode abgespielt . In Tačevo hatte der Kandidat der Gewerbepartei Dr. Spiegel eine Versammlung einberufen. Einer seiner politischen Gegner wollte ihm einen Streich spielen, fing in Massen Maikäfer und steckte sie in einen großen Sack. Diesen brachte er unbemerkt in das Versammlungslokal, knüpfte dort in einer Ecke den Sack auf und verschwand. Die Folge war, daß die Versammlung nicht abgehalten werden konnte . Daß wir endlich keine Diplomaten mehr sind und daß Versammlungen nicht abgehalten werden können, ist eine schöne Neuerung. Leider nur dürften auch die heiteren Episoden, die sich da abspielen, zu Tragödien werden, die vielen Männern des Volkes das Leben kosten. Zwangsläufig letzten Endes 16. Mai: – – Es ist eine bekannte Tatsache: Es gibt keine Staatsform und keine politische Gestaltung irgend eines Staates, sei er wo immer, wo nicht letzten Endes das Schicksal von einigen wenigen Wissenden wirklich bestimmt wird ... 17. Mai: – – Hier liegen Gegensätze vor, die letzten Endes ihre Begründung nur in der künstlichen Absperrung des Bedarfes vom Angebot haben. Hier müssen letzten Endes Brücken gefunden werden, um diese Unmöglichkeiten zu beseitigen ... – – Diese Gedankengänge schließen die Notwendigkeit in sich, daß darüber hinausgehend immer und immer wiederholt und immer deutlicher betont werde, daß es vielfach unausdenkbar bleibt, daß ... neuerdings einer Entwicklung unaufhaltsam entgegengegangen werden sollte, die letzten Endes nur mit einer Vernichtung ungeheurer kultureller Werte endigen kann ... Es scheint mir, daß aus diesem Wissen und Wollen zwangsläufig der Glaube ... herauswächst, und zwar über das System von Pakten und Verträgen ... hinaus. – – Wir müssen die Auffassung vertreten, daß ... der Stolz einer Nation, der Stolz eines Volkstums letzten Endes nicht die Faust, sondern immer das Gewissen und der Kopf bleiben müssen. – – Da kommt es darauf an, ob ... all dieses letzten Endes einmal zur Zerstörung und Vernichtung oder zum Aufbau und zum Fortschritt bestimmt ist ... Wir glauben daran, daß letzten Endes die Vernunft Siegerin bleibt ... Der Humor tritt in seine Rechte Die ›Reichspost‹ ist in der Lage, das Folgende zu verraten: – – Die Künstlerschaft, vereinigt in der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens, hat ihrer Phantasie keine Zügel angelegt und Wunderdinge für das traditionelle Gschnasfest geschaffen – – die »Vereinigten Staaten von Gschnasurien«, »A-zien« ... »Papagonien«, die »Ravagei«, »Mondafonien«, belebt von Mondafonier Rindern, einer Abart der Mondkälber, und andere Phantasiestaaten – – der Spanische Saal nimmt »Gorgonopolis, die Hauptstadt von Zerritschhagien« auf, eine gruselige Angelegenheit, von Professor Gorgon, Franz Windhager und Professor Zerritsch ausgedacht. »Hooruckasien« – Entwurf Prof. Sturm-Skrla – zaubert den Erdbewohnern ein Land der erfüllten Wünsche vor. – – Maler Strohofer wartet mit Blumen auf, wie sie noch keine Schau zeigte – – nicht zuletzt auch das launig ausgestattete »Verkehrts-Bureau«, verraten eine Fülle köstlicher Einfälle. – – Weltkrieg, Revolution, Bolschewismus, Drittes Reich, Abessinien – nichts, nichts hat daran etwas ändern können; und am wenigsten sechsunddreißig Jahre ›Fackel‹. »Werfel-Film wird nicht gedreht« Gleich neben einem der allwöchentlichen Artikel, in denen jene Rassenschande angeprangert erscheint, die den Begriff ausheckte und bis zur Tollwut verfolgt, wird Geschrei gemacht über die allerdings verblüffende Anomalie, daß der Werfel »nicht gedreht« wird. Zuerst Geschäker: Schon vor Monaten kabelte man ihm ein Honorar von 20.000 Dollar. Eine Kleinigkeit, für die Greta Garbo nicht einmal von der Couch aufstehen würde. Couche! (sprich: Kusch!) Alles, was Werfels Anwesenheit in Hollywood an besonderem Reklamewert noch abgeworfen hätte, wäre ihm natürlich extra bezahlt worden. Aber jetzt ist Schluß damit! Leider doch nicht. Mitleid und Empörung der Welt werden aufgerufen, weil er jetzt dasteht oder vielmehr einstweilen noch in New-York sitzt bei den Proben seiner Bibeltragödie »Der Weg der Verheißung«. Und deren Land, Hollywood, nicht erblicken wird. Die Metro-Filmgesellschaft läßt, weil die Türkei protestiert hat, den ganzen armenischen Freiheitskampf nicht einmal vor die Kamera: Schluß! Leider nicht. Es ist das Erlebnis eines Freiheitsdichters, der von aller Metierpolitik jederzeit himmelweit entfernt war. Sein Erlebnis ist der armenische Freiheitskampf? Nein, der Vertragsbruch der Metro-Filmgesellschaft. Mit starker Ironie wird dieser Gesellschaft (in der Branche kurz »die Metro«), welcher doch Freiheitskämpfe stagelgrün aufliegen und die bloß nach dem bunten Stoff geschnappt hatte, der Rat erteilt: man soll sich mit Dichtern nicht abgeben. Ohne daß aber auch den Dichtern der Rat erteilt wird, sich mit der Metro nicht abzugeben. Im Gegenteil wird der Märtyrer der armenischen Freiheit, himmelweit entfernt von aller Metierpolitik, für fähig gehalten, mit einem gleichfalls goldenen Mittelweg einverstanden zu sein, um der völligen Unterdrückung durch eine tyrannische Metro zu entgehen: Es wäre zweifellos leicht gewesen , das Milieu dieser Filmaufnahmen zu verlegen, Zeit und Ort zu wechseln, äußerlich und formal also jenem offiziellen Protest die Spitze zu nehmen. Wie einfach für beide Vertragsteile: man verlegt und wechselt, und warum soll der Dichter nicht einverstanden sein, der, trotz deutscher Verhinderung, schon am Roman dick verdient hat? Aber diese Hollywooder Filmdollarkönige wissen und verstehen sehr gut, daß es sich gar nicht um die Armenier handelt, sondern um die Seele ihres Geschäftes. Um die Internationalität des Kitsches, nicht der Wahrheit. Und offenbar auch des Blödsinns. Denn wenn sie jenes wissen, warum hat so ein Dollarkönig nicht dem Dollarhöfling empfohlen, die Wahrheit nebst Männerstolz zu verkaufen, das Armenische zu entfernen und den Kitsch internationaler zu halten? Ihm selbst wird doch die Einsicht zugetraut, »daß es sich gar nicht um die Armenier handelt«. Es handelt sich auch nicht um die Juden, über deren Schicksal hinweg die Durchsetzung des Romans im Dritten Reich versucht wurde, die ja gelungen wäre, hätte sich nicht schon damals die Türkei eingemischt. Welche Gestalt von einem Freiheitsdichter, der im heutigen Deutschland bloß der türkischen Zensur ausgesetzt ist! Der als Paulus die Gunst genießt, nicht unter den Juden der Züricher Filiale erscheinen zu müssen, sondern im Hauptverlag Zsolnay zu verbleiben, der sich den Weg deutscher Verheißung geebnet hat, wie in der andern Musenbranche die Universal-Edition (die heute, sagen wir: heil-froh ist, daß ihr der ohnedies gebrochene Offenbach-Kontrakt entwunden wurde). Was aber dürfte nun geschehen? Die Freiheitsstatue im New-Yorker Hafen sieht jetzt vermutlich mit einem ironischen Lächeln auf Franz Werfel herab. Das wäre unter allen Umständen möglich. Doch warum speziell? Die ausbezahlten oder vertraglich zugesagten Riesenhonorare werden auf Verlustkonto gebucht. Die Überzeugung eines Dichters und die Achtung einer Kulturwelt dazu . Nun, falls diese noch ein unzertrümmertes Atom von Ehre hat, wird sie doch vorziehen, wenn schon nichts anderes »gedreht« wird, es wenigstens ihrem Magen zu gönnen, bei dem Gedanken, daß solche Beschwerde in Tagen laut wird, wo »zum Schutze der deutschen Ehre und des deutschen Blutes« 35.000 Hausgehilfinnen die jüdischen Haushaltungen verlassen müssen und zum Schutz vor dem Verhungern in »Auffanglager« geschleppt werden. Sie wird, ohne tieferes Interesse für Hollywooder Wechselfalle, daran denken, daß wenige Kilometer von Leopoldskron die Vorstände jener Haushaltungen, die Rassengenossen von Freiheitskämpfern verhungern müssen, dieweil die Kulturschande beschrien wird, daß nunmehr – denn die »Metro« wird zu den gekabelten 20.000 noch was zulegen – auf jeden der »Vierzig Tage des Musa Dagh« bloß 1000 Dollar kommen. Rehabilitierung des »Faust« Vor einigen Wochen stand der 15 jährige Hilfsarbeiter Karl auf der Quellenstraße und las einigen Freunden aus Goethe vor. Zufällig kam ein Wachmann vorbei, hörte zu und fragte dann, woher er das Buch habe. Er wurde verlegen und gestand schließlich, daß er es aus einer offenstehenden Schrebergartenhütte entwendet habe. Bald hatte man den Eigentümer – einen Sandgrubenbesitzer – festgestellt, der das Buch seiner Tochter gekauft hatte. Richter : »Du siehst ja so brav und nett aus und auch dein Zeugnis ist tadellos, wie kommst du denn auf so eine Idee?« Karl : »Ich hab mir nicht anders helfen können, wie ich das Buch gesehen hab; ich interessier' mich so für Klassiker und wie soll ich zu einem anständigen Buch kommen, die Eltern und ich haben doch nichts.« Richter : »Wie bist du grad auf dieses Buch verfallen?« Karl : »Ich schwärm' so für Goethe, besonders für den ›Zauberlehrling‹ und für einzelne Teile von ›Faust‹. Aber auch Schiller und Raimund hab ich sehr gern, nur krieg ich fast nie ein anständiges Buch.« Karl, der gut beschrieben wird und dessen Bildungseifer vom Gericht geglaubt wurde, erhielt nur einen bedingten Schuldspruch. Das tut ordentlich wohl nach den Salzburger Festspielen! Die Adresse des Knaben konnte beim Jugendgerichtshof erfragt werden, der eine Unterstützung durch Lektüre wärmstens empfahl. Für die Handschrift des Magiers hat sich bisher kein Lord gefunden, und – Mißerfolg oder Erfolg? – Autographenfachleute erklären, daß der Wert weit hinter dem Weltruhm des Urhebers zurückbleibe und bloß im Abdruck durch die Fackel bestehe (während die sensationelle Enthüllung der Kommisnatur ja schon um den Preis des Heftes zu haben ist, das sie enthält). Gleichwohl hat die Buchhandlung R. Lanyi – der die Adresse des echteren Faust-Schwärmers bekannt ist – für die Handschrift einstweilen den Betrag von 25 Schilling bezahlt, welcher gerade die Selbstkosten einer Goethe-Ausgabe erreicht, die dem Knaben zugewendet wurde. (Wie von anderer Seite einige Raimund-Bände.) Ein etwaiger Mehrerlös aus dem Verkauf des Autographs wird gemäß der ursprünglichen Ankündigung Schauspielern überwiesen werden, denen es bisher nicht gelungen ist, durch die Ahnungslosigkeit von Geldgebern zu reüssieren. Der Löwenanteil gebührt dem Knaben, der – solche Kontraste gibt's nur an meiner Front – Altersgenossen auf staubiger Straße mit eben den Mysterien beschenkt, mit denen gleichzeitig ein tüchtiger Magier Snobs und Schmöcke im Grünen ködert. Wollte aber der Weltfreund Werfel, einst Gastfreund Rintelens, sich weiterhin erlauben, in seine Enthusiasmen für den Geschäftsfreund Häkeleien (deren Wettbewerb das ›Prager Tagblatt‹ ausschreibt) gegen einen vormals Angebeteten zu flechten, so wäre die einschüchternde Wirkung (mit Hilfe des Neuen Wiener Journals) nur gering. »Betretungssüchtige Schulmeisterei« bleibt unbelehrbar. Es könnte ihr die kultursatirische Lust nicht hemmen, religiöse Inbrunst dabei zu betreten, wie sie in einer Konferenz »auf Leopoldskron«, vor sprachlosen Zeugen, ihre finanzielle Sicherstellung begehrt, und den Weg der Verheißung als die Karriere zu beschreiben: vom Sturm auf die Bastille des Bankvereins bis zu lukullischen Mahlen, von der Anrede an die Schweizer Arbeiterschaft bis zu der an einen Kardinal; kurzum: diese Penetranz ins Bodenständige – nach mißglückten Bestrebungen, Blut und Boden zu gewinnen – aus der Sphäre der ›Reichspost‹ in die des ›Prager Tagblatt‹ zurückzugeleiten. Oder gar, wenn mit dem Essen der Appetit wachsen sollte – was hier nicht bloß Metapher ist –, den vollen Ertrag aus den Urschriften »unwandelbarer Treue und Verehrung« (in Prag hab ich schon eine Kollektion von Unwandelbaren) mit »allen guten Gefühlen des Herzens« einer proletarischen Jugend zu widmen, die auf der Straße etwa aus der Bibel vorliest. Auch für eine Entwendung des Buchs der Bücher hätte der Jugendgerichtshof mehr Verständnis als für dessen Fruktifizierung und den literarischen Aufschwung, der im Tagebuch eines für Osterreich gefallenen edlen Dichters mit den Worten verzeichnet steht: »Mein Jugenderlebnis entwendet.« Das bunte Blatt Es ist nicht schwer, Lokalpatriot zu werden und an Wien jedes gute Haar zu lassen, wenn man das ›Prager Tagblatt‹ liest, dessen schwelgerischer Betrachtung mein Lebensrest vorbehalten bleibt. Wie jung war man, als es noch eine Neue Freie Presse gab! Doch auch das Alter hat usw. Es wird insbesondere durch den täglichen Blick auf die Prager Fülle von Druckfehlern verklärt, gegen die es zwar kein Präservativ zu geben scheint – »Ihr Schutz und Ihr Genuß« beim Lesen –, deren Gefahr aber gerade mein etwas perverser Geschmack als besondere Würze empfindet. Da ich nie vor Ankunft des ›Prager Tagblatt‹, welche leider schon um halb sieben Uhr früh erfolgt, schlafen gehe und die aufregende Lektüre mich bis zum Mittag wach hält, so benütze ich diese Zeit, an einer Sammlung der merkwürdigsten Druckfehler – aus ethno- wie psychologischem Gesichtspunkt – zu arbeiten (»Schäätze –! Schäätze –!« sag ich als Nestroyscher Zopak); ferner an einer Sammlung von Annoncen, auf deren Druck Sorgfalt verwendet wird, und sonstigen Nachrichten aus Österreich, von sprachkritischen Versuchen des ›Prager Tagblatt‹ (»Fred«!) wie seinen andern Anekdoten, und last not least an einer Schilderung des Heldenkampfes zwischen Olla und Primeros, bei dem es eine Neutralität wahrt, die an die Haltung der Schweiz hinanreicht, nur mit dem Unterschied, daß deren Kriegsgewinn geringer ist. Vorläufig sei – von einem, der manchen Prager Eindrücken ein nie zuvor verspürtes Pumpern des Herzens bei der Heimkehr verdankt – dem Erstaunen Ausdruck gegeben, daß ein feiner Stilist, der für das Blatt Wiener Theaterberichte schreibt, dort, heute, den Satz drucken läßt: Dr. Beer, ein Wiener in Amerika, gibt der Figur die gemütliche Verwaschenheit, die sie als zuständig an der gelb-grau-grün-blauen Donau legitimiert. Daß es Herr Dr. Beer, den ich schon spielen sah, nötig hat, daran ist nicht zu zweifeln. Was den Wiener Kritiker anlangt, auf den als einen der wenigen denkenden Angehörigen seines Berufes Wien stolz sein kann, so wäre es zwar nicht unproblematisch, doch immerhin möglich, selbst unter dem Alpdruck der Gefahr, daß sich die Spree in die Donau ergießen könnte, an Ort und Stelle einer hergebrachten Ansicht Ausdruck zu geben, die durch die überraschende Entschiedenheit einer Abwehr zunächst widerlegt erscheint. Keineswegs empfiehlt es sich, sie in einem politischen Milieu kundzutun, das allen Grund hätte, die Wiener Ausdauer mit Dankbarkeit statt mit schmunzelnder und schmonzelnder Zweifelsucht zu betrachten. Es ist gewiß nicht gut, die Leser des ›Prager Tagblatt‹, denen nur am Samstag Aussicht auf verläßlichen Schutz gewährt wird, noch mehr zu entmutigen, als es durch die Entwicklung der Dinge um Henlein ohnedies geschieht. Besser jedenfalls, das chuzpetige Herabsehen auf Wien der Redaktion selbst zu überlassen, welche den unverwaschenen Herrn Max Brod eine »Moser-Rolle« (das gibt es) als eine vielleicht gar nicht existierende, aber jedenfalls sehr österreichisch, angenehm und schlampig anmutende Gestalt bezeichnen läßt. Dem ›Prager Tagblatt‹, in dem zwar so manche österreichisch anmutende Annonce erscheint, pflegt ja nur selten die Schlamperei zu widerfahren, daß ein angenehmer Sprachunterricht unter »Körperpflege« gerät, und bekanntlich kann man politisch, kulturell und administrativ im dortigen öffentlichen Leben von Wesenszügen der gemischtsprachigen Monarchie auch nicht mehr so viel wahrnehmen, als unter den Fingernagel eines Prager Intellektuellen geht. Was jedoch die Farbe der Donau betrifft, will ich nicht leugnen, daß ich sie gleichfalls nie so ausgesprochen blau finden konnte, wie sie die Walzerkomponisten fanden; aber so blau wie die Gesellschaft des ›Prager Tagblatt‹ (der ich dringend widerraten möchte, sich als feste und treue Wacht an der einfarbigen Moldau aufzuspielen) habe ich sie schon in Zeiten gefunden, wo ich noch nicht gratis für den Wiener Fremdenverkehr wirkte, den das ›Prager Tagblatt‹ gegen hohe Entlohnung zu heben pflegt. Wie dem immer sei, würde ich jetzt mehr die Zufriedenheit betonen, daß die Donau, mag sie alle andern Farben spielen, doch jedenfalls nicht braun ist; ich persönlich tät's auch aus alter Sympathie für eine Bevölkerung, die an der Moldau zweifellos zuständig ist und vom Weltbürgertum des ›Prager Tagblatt‹ unberührt. Wohl muß man einer bunten Redaktion, der wie alles auch das eigene Blatt stagelgrün aufliegt, eine gewisse Ausgelassenheit zugutehalten. Vollends wenn sie es nicht unterläßt, in der gleichen Nummer dem Getändel mit dem gemütlichen Wienertum, dem man sich dort in jeder Hinsicht und hauptsächlich intellektuell überlegen fühlt, die Aufklärung über eine Prager Gemütlichkeit zu gesellen, die allerdings resoluter geartet scheint. Eine Tierfreundin will nämlich beobachtet haben, daß man sich bei Silvesterfeiern damit vergnügt, die nach altem Brauch präsentierten Ferkel, kurz bevor sie geschlachtet werden, noch beherzt anzupacken, am Schwanz zu ziehen und sonst auf allerlei Art zu quälen. Die Dame bezeichnet zwar nicht die Kreise, wo solcher Humor in seine Rechte tritt. Da aber die Beschwerde in einer anscheinend deutschen Zeitung erfolgt, so hätten die Prager Deutschen – soweit ihnen das Deutsch des ›Prager Tagblatt‹ diese Eigenschaft erhalten und sie nicht zu Kosmopoliten gemacht hat – entweder Grund zu einer Gegenbeschwerde oder zu einer gewissen Nachsicht für volkstümliche Besonderheiten. Der Wiener Autor jedoch, der sich in den Spalten des ›Prager Tagblatt‹ vielleicht etwas beengt fühlt und darum entgleisen konnte, wurde für das Opfer, das er einer unverwaschenen Denkart gebracht hat, sogleich bestraft. Man ließ ihn der gemütlichen Figur des Dr. Beer (der im Prager Theaterleben prominent wäre) eine lamarquante Figur anschließen und dieser wieder ein süßes Mädchen, dem die Darstellerin die uneingeschränkte Bejahrung der Zuschauer erspielt habe. Das ist aber nichts gegen den Genieblitz des Setzers, der letzthin eben diese Zuschauer – welche offenbar alte Leser werden sollen, bevor sie eines süßen Mädchens und eines makellosen Tagblatts habhaft werden – mit der Neubildung bedacht hat, die zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: das Zublikum. (Schäätze –!) »Rauchen im Gefängnis« Eine Verteidigung der Donau, wie wenig muß sie, nichtwahr, dem anstehen, der gerade gegen diesen Strom dauergeschwommen ist – und doch tat er's um der echten »Schätze« willen, die er besser sah als die, die prinzipienfest mit dem Strom schwimmen, ja selbst als die bodenständigen Uferbewohner, welche doch bestimmt keine Ahnung von Raimund und Nestroy haben, von Peter Altenberg und Adolf Loos. Es sind eben (»c'est comme ça«) die Widersprüche, und da kann man halt nix machen: als schwimmen, wie man will und nicht: wie die andern wollen, daß man schwimme. Einen »Zwiespalt der Natur« bedeuten jene nicht, bloß den der Welt, die sich längst mit sich selber nicht auskennt, umsoweniger mit dem Betrachter, und wir werden zur Erklärung keinen Oerindur brauchen. Mißfallen wie Gefallen an der Gegend wird auch Zeitstoffeln, die sich erfrechten, einem die geistige Richtung vorzuschreiben, einst ein Bild hinterlassen, dessen Vielförmigkeit nicht Schuld der Darstellung gewesen. Papierne Freiheit mag, wissend oder vergessend, daß ihrer eignen Reiche Macht hundertmal härter den Gewalttäter ergriffe – geschweige die jenes Dritten, wo Gewalt gegen Wehrlosigkeit wütet –, sie mag sich vorgenommen haben, Osterreich als das »Land der Kerker« zu fixieren. Das eben ist der Fluch der bösen Tat des Weltkriegs, daß Amnestien beiweitem keinen so starken Widerhall finden als Verurteilungen: bei einer Machtwelt, die der Ohnmacht die Toleranz befiehlt, aber das Wüten der Gewalt als »innere Angelegenheit« achtet; und von einer Zeit her, wo das Hiesige dasig wurde und die Umgänglichkeit der »reinen Lamperln« mißtrauenswürdig schien. Sollte sich jedoch, lange nach der bösen Tat eines Friedens, der Österreich den Hunger, aber deutschem Wahn die Nahrung brachte, das Ansehen der Dinge nicht verändert haben? Sollte nicht der Begriff eines »heiligen Verteidigungskriegs«, vor dem unnennbaren Folgeübel, das nicht bloß den Schwächsten bedroht, jetzt erst in seine Ehre eingesetzt sein? Wäre eine veränderte und so verringerte Wirklichkeit, die als Vorposten der Welt nun der ausgewachsenen Hölle gegenübersteht, nicht neuer Erkenntnis würdig? Hie und da scheint diese, von kleinem Anlaß geweckt, sich gegen die Macht propagierender Niedertracht durchzusetzen. Osterreich bleibt das Land der Kerker; daß sie stark geleert wurden, macht schwachen Eindruck; doch der sinnfällig humanen Neuerung, daß dem Rest von Gefangenen das Rauchen erlaubt ist, wird in einem ausländischen Blatt, dessen staatlicher Bereich sich solcher Reform wohl noch nicht rühmen kann, ein Lob gezollt, das die Verteidigung der Donau gegen jenen Zweifel über ihre Farbe, ja den Antrieb dazu in bemerkenswerter Weise unterstützt: Schön, daß gerade in Österreich der Entschluß solcher Reform gefaßt wurde, daß wieder einmal dieses wunderliche, kleine, machtlose und tausendfach liebenswerte Land der Welt zu Bewußtsein bringt, was für Schmach und Unglück das wäre, wenn es ans Hakenkreuz geschlagen würde. Schön, daß gerade in der Tschechoslowakei der Entschluß zu solcher Anerkennung gefaßt wurde, daß endlich dieses nicht kleine und machtlose, aber wunderliche, trotz seinen Politikern und Journalisten liebenswerte Land sich selbst zum Bewußtsein bringt, was für Schmach und Unglück der bezeichnete Ausgang auch für Prag bedeuten würde. (Wogegen doch politisierende Schwächlinge bei der bloßen Berührung der welthistorischen Alternative, zu der es wohl nie kommen wird: Hitler oder Habsburg – in Österreich! –, einen roten Kopf zugunsten des Unsäglichen bekamen und den Autor der »Letzten Tage der Menschheit« auf diese zu verweisen wagten. Macht nichts, und wenn alle Unwandelbaren futsch – oder sagen wir fučik – sind: sein Blick ist gleichwohl nur von der Wirklichkeit zu dirigieren, und er würde sich trotz solcher Autorschaft nicht nach Moskau schicken lassen, um dort zwei Wochen einem »großen Werden« beizuwohnen, wodurch man leicht den Sinn für kleinere Themen und auch das Gedächtnis für realere Vorgänge verliert.) Die Einsicht, die in jenem Satz enthalten ist, macht dem Autor, Alfred Polgar, mehr Ehre, als ihm zu seinem sechzigsten Geburtstag erwiesen wurde – indem es ja auch zu den Wunderlichkeiten des so gewürdigten Landes gehört, geistige Werte lieber hervorzubringen als zu würdigen und einen geräuschvollen Drang nach Feuerung anderweitig zu stillen. Der Satz rechtfertigt aber auch das Prinzip des Widerspruchs, und in dem Maße, daß ein Autor, dessen Denken eben keinem äußern Diktat gehorcht, schon binnen acht Tagen eine Zeitnotwendigkeit zu erkennen vermag, weil er sich nicht durch die standhafte Dummheit zwingen lassen wird, aus seinem Herzenjust die Mördergrube zu machen, in die, mit ihrer Hilfe, sein Land, ihr Land verwandelt werden soll. Denn die Anerkennung einer Reform, die mehr Gemütlichkeit bekundet als Verwaschenheit, stammt von eben deren Tadler. Mit richtiger Erkenntnis stellt nun der Autor die an der Donau zuständige Gerichtsbarkeit dem Geist einer neudeutschen entgegen, die für den Gefangenen »ein Höchstmaß an Leiden« statuiert und die da verlangt, daß er von dem ganzen Jammer seiner Situation bis zur Hoffnungslosigkeit erfaßt werde, kurz, die den Häftling nach dem im Wiener Lied ausgesprochenen Grundsatz behandelt wissen will: »Hält er's aus, is' gut für ihn – hält er's nicht aus, wird er hin.« Hierin ist vielleicht, aus Versehen, einer in Prag willkommenen Lesart insofern Vorschub geleistet, als könnte sich die neudeutsche Grausamkeit auf einen im altwienerischen Liede bejahten Grundsatz oder gar Rechtsgrundsatz berufen; eine Nachprüfung des Textes würde wohl ergeben, daß sein Sinn eher auf eine Ablehnung jener Probe hinausläuft, daß weniger Empfehlung als Darstellung so peinlicher Wurstigkeit – möglicherweise etwas wurstig, und peinlich genug – beabsichtigt ist; vermutlich handelt überhaupt keine Strophe von Kerkerleiden, und besser wäre vielleicht ein Hinweis auf den »im Wiener Lied bezeichneten (nicht bezogenen) Standpunkt« gewesen. Die Greuel des Strafvollzuges waren zu allen Zeiten ein internationales Übel; doch ganz bestimmt hatte das Milieu, dem das Lied entsprang, in der Gestalt des »Wächters« (der bei Nestroy zu ganz anderm Zweck die Hand erhob) nichts von der Gewalttätigkeit aufzuweisen, die das Jahrhundert einer fortgeschrittenen Technik, vor, in und nach dem Weltkrieg, auszeichnet – geschweige denn, daß es eine Stütze für die Herrenmoral freigelassener Sklaven böte. Der Annahme, das Wiener Lied habe solch fatalen Sinn zu eigen, würde ja erfreulich und überraschend die Hervorhebung der Reform widersprechen, gleich ihrer Möglichkeit, auf die eine regierende Sozialdemokratie wie auf so manches nicht verfallen ist, weshalb sie wohl auch verfallen ist. Doch man hat – selbst wenn sich das Milieu widerspräche und die Verehrung der »Letzten Tage der Menschheit« (die unwandelbarer bleiben) getäuscht wäre – man hat hier wirklich den Eindruck, als ob sich jetzt, da Bomben, Trümmer, Blut und Boden rauchen, an so unscheinbarer Wohltat ein Rest von Menschsein gegen die Schrecken der Zivilisation bewähren wollte. In Brunn mögen nun auch Köpfe rauchen, weil das jüngst erst gezeichnete Porträt eines Justizministers (der zwar von seiner Wissenschaft mehr versteht als ein Winkeladvokat des Teufels) durch einen Erlaß und dessen Belobung so arg ins Humane verzerrt wird. Prags Tagblatt aber hat Sinn für Abwechslung und findet es »intressant«, zwischen all den versteckten Herabsetzungen (deren Offenheit seine letzte und stärkste Seite beeinträchtigen könnte) auch einmal die Wahrheit über Osterreich zu drucken, und eine, die selbst vom Setzer nicht entstellt wurde. Paneuropa mit Kultur, Wirtschaft, Weltfrieden und garantiertem Zusammenleben von Löwe \& Lamm wäre ohne Zweifel ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, wenn es nicht leider der Fall wäre, daß den Weg dahin, unter Palmen, »niemand ungestraft wandelt«, ja daß einem diese »verhaßt gemacht« werden. Man ist aber genötigt, sowohl dem Standpunkt der Ottilie in den »Wahlverwandtschaften« wie dem des Tempelherrn im »Nathan«, die so häufig verwechselt werden, beizupflichten, weil das Ideal nicht ohne die Artikel des Grafen Coudenhove-Kalergi zu erreichen ist. (Deren einer, der Nachruf auf Dollfuß, von jeglicher Redensart frei schien, was aber wohl das Verdienst des lebendigen Toten war.) Der vorzüglichen Schauspielerin Ida Roland, die merklich noch einen Schimmer der Wolter empfangen hat, war es nicht beschieden, dem riesenhaften Vorbild auch in dem Glück des gräflichen Kunstberaters nachzustreben; vielmehr hat sie allzulange dem eigenen Wirken entsagt, um mit administrativer Tüchtigkeit der politischen, rednerischen und publizistischen Betätigung des Gatten beizustehn, dessen gutes Meinen, nehmt alles nur in allem, die Sphären Benesch und Mussolini umschließt, nicht ohne auch eine letzte Hoffnung auf Hitler. Ob sie das Format zu einer Lady Macbeth hat, wird sich zeigen; aber daß sie den Mann, der außer einem starken Hang zur Publizität frei von teuflischen Trieben ist, zu Kongressen spornt, hat schon einen tragischen Zug. Jedenfalls ist ein Theatererfolg in der Hand besser als die Ehre, vom unverwüstlichen Ullmann zur »Hausfrau Paneuropas« ernannt zu werden. Der Hausherr, nunmehr ganz auf Prag konzentriert, ließ vor kurzem dort wie hier ein Artikelchen erscheinen, nach dessen Inhalt – so im Gedankenraum der Verbindung von Kultur und Handelsverträgen – sich Paneuropa endlich als die 25malige Wiederholung von Europa herausstellt:  . .  gehört zu den vielen europäischen Paradoxen . . sprachen sie europäisch . . ihr gemeinsames Bekenntnis zu Paneuropa, zur europäischen Idee, zur europäischen Kultur, zur europäischen Wirtschaft, zur europäischen Politik . . in der Mitte Europas . . erfüllt vom europäischen Geist und europäischer Tradition . . des größten Europäers Masaryk . .  dem jüngsten Stern auf dem Himmel der großen europäischen Politik; einer großen europäischen Hoffnung . . neues Kapitel in der Geschichte Mitteleuropas . . für die wirtschaftliche Gesundung Mitteleuropas . . geistige Persönlichkeiten von europäischem Format . . das gemeinsame Bekenntnis zu Europa . . die wirtschaftliche Zersplitterung Europas . . eine glückliche Zukunft der Europäer . . bekennen sich zur gemeinsamen europäischen Kultur . . die tausendjährige Kultur Europas . . zwischen den drei Europäern . . bildet einen Lichtblick im Dunkel der heutigen Politik Europas . . Verständigung im Herzen Europas . . um diese europäische Verständigung eines Tages in Paris und Berlin zu krönen. Coudenhove-Kalergi, dessen paneuropäisches Ideal nicht angetastet werden soll – wiewohl die Abschaffung der Presse noch schöner wäre und die Ruhe der Welt noch besser garantierte –, scheint sich ganz dem Glauben verschrieben zu haben, daß »Europäer« zu sein eine besondere kulturelle Ehre bedeute. Nun ist es zwar richtig und nachweisbar, daß sich mitten in Europa die Barbarei aufgetan hat; aber darum ist die Umgebung noch beiweitem nicht so europäisch, wie der edle Schwärmer anzunehmen scheint. Wäre es jedoch selbst der Fall: weshalb soll ein »Europäer«, den man ja allenfalls einem Amerikaner vorziehen mag, ein höheres Gottesgeschöpf sein als ein Bewohner anderer, wenngleich dunklerer Erdteile? Wir Afrikaner sind doch bessere Menschen und bestimmt keine so geübten Menschenfresser. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn Asien dem Grafen Coudenhove-Kalergi so nahe liegt? Ein Japaner, der gleichfalls in der europäischen Zivilisation bewandert war, antwortete mir einst auf meine Frage, was man dort von ihr halte, kurz und bündig: »Mer lacht«. Nun, Japaneuropa ist auch nicht das Wahre. China, an dessen Vergiftung durch Opium die Kompagnie arbeitet, ist weit naturnäher; fern aller Anpassungsfähigkeit, dürfte es sowohl über den Glauben des Europäers, daß er einer sei, wie über den Stolz darauf, wenn er einer wäre, bloß lächeln, wofern ihm nicht Lehar die Laune verdüstert hat. Die Lords sind aus dem Castle Man hat mir gesagt, daß Louise Rainer eine Jüdin ist; wenn das wahr ist, würde ich, wäre ich ein Deutscher von reinster arischer Abstammung, sofort Selbstmord begehen . (Viscount Castlerosse in einem Londoner Blatt.) Auch die Ladies: Während bisher die meisten der bereits weltberühmten Stars bloß bei dem einen oder bei dem anderen Geschlecht Begeisterung hervorrufen, wirkt die Persönlichkeit und die Schönheit Luise Rainers in gleicher Weise auf Männer und Frauen; von wie wenigen von uns kann man das behaupten! (Lady Inverclyde im ›Sunday Expreß‹ Das alles kommt an den ›Tag‹, der gleich der ›Fackel‹ eine besondere Mission übernommen haben dürfte, englische Stimmen zu verbreiten (wiewohl hier der Ursprung nicht ganz gesichert scheint). Der Herr Viscount Castlerosse (dessen Name in keine Verbindung mit der Aufschrift gebracht werden möge) soll sich, wie man in Wien zu raten pflegt, nichts antun. Was die Erwägung des Selbstmordes von Bluboständigen betrifft, so dürften bereits an hunderttausend triftigere Gründe vorliegen. Auch die erhitzte, aber bescheidene Lady Inverclyde (deren Name einem, der mehr Beziehung zu Shakespeare als zum Englischen hat, gleichfalls erfunden klingt) wird sich hoffentlich beruhigen. Die Schauspielerin, die es ihr angetan hat, mag begabt sein, heutiges Theatermaß durchaus erfüllen und auch für die Unbilden hiesiger Analphabeten Entschädigung verdient haben – es ist weder erwünscht, daß sie, längst eines bessern belehrt, in Interviews ihre Verzauberung durch den Magier bekennt, noch daß wir erfahren, welche Verheerung sie selbst unter den Lords und Ladies angerichtet hat. Die Wirkung der Helena auf den Faust nebst Zubehör war schließlich noch stärker, nicht zu reden von der Bergner, welche doch Königinnen verzückte und sogleich, auftretend, sich Besitz und Thron erwarb: Pfeile folgen Pfeilen mich treffend; allwärts ahn' ich überquer gefiedert schwirren sie in Burg und Raum – was bleibt mir übrig, als mich selbst zu übergeben, und mir eine Vorstellung vom Niveau des englischen Theaters zu machen. Was ausgeschtelt wird Im Bundestheatermuseum wurde heute der von Albert Bassermann übergebene Ifflandring zum erstenmal öffentlich ausgestellt. Dieses vielbesprochene Symbol deutschen Schauspielerruhmes besteht aus einem Siegelring, der als Camee das Profil August Iffands zeigt, umgeben von einem dünnen Goldrahmen und einem Brillantkranz. Zugleich mit dem Ringe ist das Schreiben ausgestellt, das Bassermann an das Bundestheatermuseum gerichtet hat. Es lautet in der seltsamen Schreibweise des Künstlers, die dieser: »phonetische Ortographie« nennt: » ... Der mir fon Friedrich Haase zur weitergabe an den "würdigsten" fermachte "Ifflandring" war fon mir zuerst Alexander Girardi, dann Max Pallenberg und schliesslich Alexander Moissi zugedacht. Diese drai maister der schauschpilkunst schtarben in der folkraft ires schafens. Dieser seltsame Umschtand liss in mir den entschluss raifen den ring kainem darschteler mer waiterzuraichen ...« Schon, ob Theodor Doering, der ihn vom großen Devrient überkam, recht tat, als er ihn angesichts der höchsten Burgtheaterkunst dem Nuancierer Friedrich Haase fermachte, muß dahingeschtelt bleiben. Was er – gleich der Moissi-Sammlung – im Burgtheatermuseum zu suchen hat, ist nicht erforschlich. Klarer, daß ihn Girardi wie wenige seiner Zeitgenossen verdient hätte. Nicht minder klar, daß die Burg des Symbols eines deutschen Schauspielerruhms, den sie bis zu des Jahrhunderts Neige wie kein anderes Theater gehäuft hat, nicht bedarf. Eher wäre es zur Verklärung solcher Vergangenheit ratsam, etliche Porträts aus der Ehrengalerie zu entfernen. Die Bereicherung des Museums um die zweifellos originele Bassermannsche Ortografi hingegen wird kaum von der Erinnerung ablenken können, daß Mitterwurzer ein Genie war. Nun, jedem das Saine. Wenn man aber schon so schreiben soll, wie man spricht – was in Wahrheit ein etwas abgebrauchter Unsinn ist –, so spricht man doch nicht so, und man könnte, mag's auch wahr sain, unmöglich sagen, daß jener Darschteler in der Volkraft seines Schafens schtarb und eine Lücke zurückliss, die nicht mer ausgefült wurde. Das sol fonetisch sein? Wer so zu schprechen vermöchte, wäre kaineswegs der geeignete Nachfolger Mitterwurzers. (Ich bin auch der Meinung, daß Herr Bassermann seine Glanzleistung in einer Episode der »Zaza« – Berliner »Barnaytheater« – in vierzig Jahren nicht wieder erreicht hat.) Oder sollte man hier nur zu beklagen haben, daß zu viel veröfentlicht wird, und darum warnen müssen, die Zeitung, die schon der normalen Schreibart nicht gewachsen ist, vor besondere Aufgaben zu schtelen? Möglich, daß der Setzer den Schreiber fonetisch übertrumpft hat und mit den unerläßlichsten Konsonanten und Vokalen nach Belieben schaltete; aber das käme eben davon. (Anderseits entschteht wieder die Frage, ob »Ring« statt »Rink«, »Weitergabe« statt »Waitergabe« – da man doch entschlossen ist, ihn nicht waiterzuraichen –, Druckfeler oder Inkonsekwenz sai.) Wenn sich die Nachschtrebenden derlei zum Muster nemen, wird man in den Teatern noch Schöneres zu hören krigen, als man schon krigt. Die Richtigkeit des Drucks vorausgesezt, dürfte ein origineler Schauschpiler (falls er Zeit für solche Kunst hat) eher so schreiben als schprechen. (Wiewohl ich nicht ganz sicher bin, ob ich nicht tatsächlich bei einer Lear-Aufführung in Beers Deutschem Volkstheater ähnliche Töne fernomen habe.) Aufhebung eines physikalischen Grundgesetzes Also sprach Kubinzky: – – Die Vielen, denen aus Raummangel keine Einlaßkarte mehr gegeben werden konnte, würden ihr Fernsein sicher noch viel mehr bedauert haben, hätten sie den Ausführungen des österreichischen Regierungschefs lauschen können. Gut getarnt Ein Lastauto machte sich an der Grenze verdächtig. Kriminalbeamte vermuteten, daß mit diesem Auto Devisenschmuggel betrieben wird ... Die Durchsuchung forderte überraschender Weise keine Devisen zutage, sondern gewaltige Mengen illegaler kommunistischer Literatur – – Unmöglich, zu erraten, welchen Titel die Meldung erhält! Illegale Literatur als Devisenschmuggel getarnt Offenbar hatten sie noch im letzten Moment durch die Beteuerung, sie seien bloß Devisenschmuggler, zu entkommen gehofft. Wer weiß, in wie vielen Fällen umgekehrt Devisen hinausgebracht werden konnten, weil die Grenzbehörde der Versicherung, es sei bloß illegale Literatur, Glauben schenkte. Auch munkelt man, daß Reisenden das Öffnen des Koffers erspart geblieben ist, die auf die Frage, ob sie neue Schuhe oder Tabak drin hätten, die Antwort gaben: »Nein, nur alte Wäsche, tausend Pfund und etwas illegale Literatur.« März 1936 Kulturelles »Dichter der Heimat, die nicht vergessen werden sollen« In der Reihe des über Initiative des Professors Dr. Hans Nüchtern von der Ravag veranstalteten Zyklus »Dichter der Heimat, die nicht vergessen werden sollen«, hält Doktor Franz Zehden kommenden Samstag einen Radiovortrag über den steirischen Mundartdichter Hans Fraungruber, der einen großen Teil seines Lebens in Wien zugebracht und hier gewirkt hat. Dem literarischen Leiter der Ravag, Professor Dr. Hans Nüchtern, der diese Vortragsreihe im Rahmen seines großzügigen literarischen Konzeptes geschaffen hat, ist es zu danken, daß dieser, unserer Heimat besonders dienende Zyklus ins Programm aufgenommen wurde. * Das von Herrn Jahn geleitete Deutsche Volkstheater hat eine Rundfrage veranstaltet. Nestroy fast einstimmig abgelehnt Besonders auffällig ist es auch, daß 90 Prozent der Zuschriften mit aller Entschiedenheit Nestroy ablehnen , insbesondere die in dieser Saison gespielte »Verhängnisvolle Faschingsnacht«, die als »vorsintflutlich« bezeichnet wird. Abgelehnt werden auch Trauerspiele und vielfach auch Klassiker.