Kilian oder Die gelbe Rose Eine Komödie in drei Akten von Paul Kornfeld     Ernst Rowohlt Verlag Berlin [1926]     Personen Frau Samson Erika , ihre Tochter Schiroga Julius Vierfuß Gräfin Ziegeltrum Schumpeter Kummer Natterer Kilian Mantl Samson     Erster Akt Ein Zimmer im Hause der Familie Samson.   Erika . Erika (allein) : Wäre doch dieser Abend schon vorbei, nach diesem Tag! Draußen, es kommt eine heitere Sommernacht über das Land, und es wäre gut, beim halben Licht durch die Felder zu jagen – doch nein, ich darf ja nicht, ich muß zu Hause bleiben; es kommt ja einer der größten Männer aller Lebenden, angefüllt mit ungeheueren Erkenntnissen und begabt mit außerordentlichen Kräften, und es wird Worte regnen und Worte und Worte! – Wenn aber statt dessen lieber die Kräfte sich entfalten wollten und etwas geschähe, irgend etwas geschähe! – Der Abend ist noch schwül vom Tag her, doch die Nacht muß sich abkühlen, und dann löst sich alles im Schlaf – und verwirrt mich wieder im Traum! – Was war das? Ist nicht ein Stein gegens Fenster gekommen? – Und jetzt wieder einer? (Durchs offene Fenster wird eine Rose ins Zimmer geworfen.) Und jetzt – eine Rose? (Beim Fenster:) Ist jemand hier? Niemand. 8 Niemand zu sehen. Sonderbar! Der Scherz eines Unbekannten? Oder eines Bekannten –? – Nun, ich nehme sie auf, als kleines Geschenk, als kleinen Teil des Sommers draußen, und ich fürchte, sie wird das einzig Lebendige sein in diesem Haus, heute nacht. – Doch was ist das? Auch sie ist nicht lebendig, nicht einmal verblüht – eine künstliche Rose, aus altem, abgeschabtem Samt; einmal war sie gelb, jetzt ist sie fast grau, und statt des Duftes nur der Geruch von Staub! Wie schade! – Ist jemand hier? – Ist jemand hier? Nein. Niemand. Sonderbar. Niemand hier.   Frau Samson . Frau Samson : Nun, mein Kind, bist du bereit? Unsere Gäste müssen im Augenblick hier sein. Auch er wird gleich kommen; denn der Weg vom Bahnhof hierher dauert ja nur eine Viertelstunde. Mein Kopf zerspringt! Ich weiß gar nicht, wie ich all die geistigen Ereignisse verarbeiten soll. Gestern erst fuhr der italienische Dichter weg, heute morgen der Astronom, und jetzt kommt wieder dieser Mensch, der nach allem, was ich von ihm gehört habe, einer der bedeutendsten und geheimnisvollsten Männer sein muß! Wie er wohl aussehen mag? Aber denk nur: die Nachricht von seiner Ankunft scheint sich schon verbreitet zu haben! Erika : Ach –? Frau Samson : Ja! Ich habe eben diesen Brief bekommen, von einem ganz fremden Menschen! Erika : Ach –? 9 Frau Samson : Ja! Denk nur! Er schreibt: »Sehr geehrte gnädige Frau! Verzeihen Sie, daß ich als Fremder mir erlaube –« und so weiter, und er hätte gehört, welcher Gast sich bei uns einfinden würde, und von der heutigen Zusammenkunft – »und da es schon immer mein glühendster Wunsch gewesen ist, in dieses geistige Zentrum eindringen zu dürfen –« – und so weiter – »werde ich mir gestatten, nach neun Uhr anzufragen, ob mein Wunsch erfüllt und ich vorgelassen werde. Ich bitte Sie, zu entschuldigen –« und so weiter, und so weiter. – Es ist doch erfreulich, zu sehen, daß die bedeutenderen Interessen im Wachsen zu sein scheinen. Ich wollte, es wäre auch bei dir der Fall! – Doch was hältst du in der Hand? – Was ist es? Erika : Eine künstliche Rose. Sie ist durchs Fenster hereingeflogen. Frau Samson : Was soll das bedeuten? Erika : Sie kam durchs Fenster und fiel hier nieder. Ich bin hingelaufen, es war aber niemand im Garten. Frau Samson : Bist du gleich hingegangen? Erika : Im selben Augenblick! Frau Samson : Selbst wenn derjenige, der sie hereingeworfen haben könnte, gleich geflohen ist, hättest du ihn doch sehen müssen, ehe er zum Gartentor kam –? Erika : Ich habe auch gestaunt. Frau Samson : Wann war es? Erika : Eben jetzt. Vor zwei Minuten. Frau Samson : Fünf Minuten vor neun Uhr –. 10 Um diese Zeit soll der Zug in die Stadt einfahren. Ob ein Zusammenhang besteht –? Erika : Ich verstehe dich nicht –? Frau Samson : Nun ja, ich kann es im Augenblick nicht gleich formulieren, jedoch –: ein Vergleich, ein Symbol –: es kommt ein Mann, um gleichsam die Blüten seines Geistes über uns auszustreuen – und im selben Moment, da der Zug, der ihn bringt, in die Bahnhofshalle einfährt, im selben Moment fällt eine Blüte, unbegreiflich wieso, woher, hier nieder! Erika : O weh! Ich hätte es nicht sagen dürfen! Man kann bei meiner Mutter nicht vorsichtig genug sein! Ich werde lügen, sonst nimmt's kein Ende. Frau Samson : Nun? Was meinst du? Erika : Es ist ja nicht wahr, Mutter, ich habe gescherzt. Ich habe die Rose gefunden. Frau Samson : Was soll das nun wieder? Was also ist wahr? Erika : Ich habe ein wenig phantasiert. – Als ich am Nachmittag nach Hause ging, lag sie mir auf der Straße vor den Füßen, und ich habe sie in Gedanken aufgehoben. Frau Samson : Sag lieber: in Gedankenlosigkeit! Denn gingest du in Gedanken versunken, du würdest den alten Plunder vor deinen Füßen nicht erblicken, geschweige denn aufheben! Und du würdest nicht vollkommen haltlose Aussagen machen über einen aus dem Äther hergeflogenen Gegenstand! Wirf sie weg! wirf sie weg! – Aber ich sehe an dir jenen Gleichmut allen geistigen 11 Sensationen gegenüber, der ein Erbteil deines Vaters an dich ist! Mein Kind, ich will dich nicht kränken, dich klage ich nicht an. Die Schuld ist mein, die Schuld und die Tragik meines Lebens: daß ich in unklarer Jugend mich von irdischer Liebe habe gefangennehmen lassen und die Frau eines ungeistigen Mannes geworden bin. – Aber sieh diesen Brief! Fremde Menschen bringen meinen Bestrebungen mehr Interesse entgegen als meine eigene Tochter! Hier ist er! Lies ihn! Erika : Du hast mir seinen Inhalt ja gesagt –! Frau Samson : Armes, armes Kind –! – Liebe Gräfin!   Gräfin Ziegeltrum . Gräfin Ziegeltrum : Liebe Frau Samson! Wie danke ich Ihnen –! Ist er schon hier? Wann kommt er? Wirklich, Sie machen Ihr Haus zum Paradies des Geistes! Ah, Ihre Tochter! Liebes Kind, wie glücklich sind Sie, eine solche Mutter zu haben! Wann kommt er? Wie alt ist er? Ob er auch hypnotisiert? Sie kennen ihn auch noch nicht? Frau Samson : Nein, ich kenne ihn noch nicht. Wieder ein neuer bedeutender Mensch! Ist das nicht die einzige Freude, die wir haben? Ich stand nur in Korrespondenz mit ihm. Jetzt ist er bei meiner Cousine in Oldenburg. Sie schreibt mir: er ist geradezu ein Übermensch! Gräfin Ziegeltrum : Ach, ich schwärme für Übermenschen! Sie ersetzen mir die Liebe! Ich habe 12 jetzt seine Bücher gelesen: »Betrachtungen zum Leben«, »Ethische Fundamente«, »Mystische Weltanschauung« – Offenbarungen! Seitdem ich die Beschreibungen seiner inneren Erlebnisse gelesen habe, kann ich selbst keine anderen Erlebnisse mehr haben! – Aber warum haben Sie ihn nicht an der Bahn abgeholt? Frau Samson : Ich wollte es tun, doch ich habe mich eines Satzes erinnert, den ich gelesen habe: es ist ein eigenartiges, nachdenkliches Gefühl, allein in einer fremden Stadt anzukommen und durch die Straßen zu schlendern – und dieses Erlebnis wollte ich ihm nicht nehmen. Gräfin Ziegeltrum : Sie wissen das Leben der Menschen reicher zu gestalten! Frau Samson : Wollen wir hineingehen? Gräfin Ziegeltrum : Ja! Ach, dieses Zimmer! Welche Sensationen haben wir darin schon erlebt! Frau Samson : Es hat geschellt! Gräfin Ziegeltrum : Ob er das ist? Frau Samson : Nein, es ist Julius' Stimme. – Sehen Sie, welchen Brief ich eben bekommen habe! Von einem ganz fremden Menschen! – Erika, empfange ihn! und wirf doch endlich die Rose weg! (Ab mit Gräfin Ziegeltrum.)   Julius . Julius : Guten Abend! Ich heiße Julius. – Gnädiges Fräulein, zwar bin ich das erstemal hier, doch wenn ich Sie sah, wußte ich, wer Sie sind. Erika : Sie kennen mich? 13 Julius : Ja; ehe ich nämlich Zutritt zu diesem Haus hatte, bin ich oft um seine Mauern geschlichen, träumend von all dem Leben, das sich hier abspielt; und da habe ich Sie einmal bemerkt, wie Sie von der Straße kamen und in den Garten gingen. Wie habe ich Sie damals beneidet! Sie schwebten dahin wie ein Geist, der von der lärmenden Erde kommt und die Gruft der Weisheit betritt. Ja, wie habe ich Sie damals beneidet! Und heute darf ich selbst hier sein! Welch ein herrliches Dasein für Sie, immer in dieser Atmosphäre zu leben! Umringt von den Freunden Ihrer Mutter, umgeben von Geistern, die auf allen Wegen Wahrheiten und Erkenntnisse suchen und sammeln, bis sie einmal die eine, letzte, endgültige Wahrheit finden! – Nicht? Erika : Gewiß, gewiß! Julius : Sie können nicht ahnen, welch eine Erlösung es für mich ist, hier sein zu dürfen! Erika : Ach –? Julius : Ja, sehen Sie, was führt man für ein Leben? Immer das Studium, immer das Studium! Was aber können mir meine Lehrer geben? Plumpe Mitteilungen, nackte Tatsachen, von dürrem Kopf zu dürrem Kopf überlieferte Mitteilungen, doch von den Wundern und Geheimnissen wissen sie nichts! Und die Welt ist doch voller Wunder und Geheimnisse –? Erika : Gewiß ist sie es! Julius : Oh, ich glaube, wir werden einander verstehen! Sie sind wunderschön, gnädiges Fräulein! 14 Ah, wie gewaltig und erfüllt spüre ich heute das Leben! – Ist Ihr Gast schon hier? Erika : Nein. Wir erwarten ihn eben jetzt! Doch was wissen Sie von ihm? Julius : Nicht viel. Eigentlich nichts. Aber ich zittere vor Spannung, – genau wie Sie! – ihn zu, sehen und zu hören! Ich kenne nur die Titel der Bücher, die er geschrieben hat: »Betrachtungen zum Leben«, »Ethische Fundamente«, »Mystische Weltanschauung« – aber eben, daß er mir so unbekannt ist, das Geheimnis, das ihn für mich umgibt und das sich hinter diesen Titeln verbirgt, macht ihn mir noch großartiger! Denn danach, was mir Ihre Mutter von ihm sagt, ist er groß nach allen Seiten hin! Er scheint geradezu ein Genie zu sein! Gnädiges Fräulein, ich liebe alles Große! Sind wir nicht immer auf der Suche nach dem Großen, Wunderbaren, und man findet es, wenn man es will und es in sich hat und die Arme öffnen kann, um es an sich zu reißen! – Doch Sie sagen nichts, und immer spreche nur ich –! Erika : Ich höre Ihnen zu –. Julius : Gibt's etwas Schöneres, als einander seine Gedanken zu verraten und von seinen Ideen zu sprechen? Denn man ist ja immer so einsam, immer eingesperrt in die Höhle seines Alleinseins! Erika : Es werden sich Brücken finden in die Welt! Julius : Glauben Sie's wirklich? – Denken Sie –: ich habe noch nie geliebt! vielmehr, ich habe 15 unendlich oft geliebt, aber immer nur in der Ferne schwebende Gestalten, doch nahe, haltend, selbst geliebt – so nie! so nie! Wahrscheinlich, weil ich eine verschlossene Natur bin, und doch will ich geben und alles teilen, was ich denke und fühle; denn denken Sie! so sonderbar ist es mit mir! zugleich bin ich eine mitteilsame Natur! Dennoch dürfen Sie nicht glauben, daß ich zu jedem so spreche, wie jetzt und hier, aber zu Ihnen habe ich – ich weiß nicht, wieso und warum – ein unendliches Zutrauen! Erika : Nun denn! so sprechen Sie weiter! Julius : Oh, Sie sind gut! Ich habe das Gefühl, wir verstehen einander! Ach, ich verschmachte ja in der Steppe meines Studiums! Hier aber, hier will ich alles in mich saugen und es mit meiner Seele verschmelzen; was aber in mir ist, in meiner Seele an Erfahrungen, Wissen, Gedanken und Gefühlen, das soll heraus! denn bin ich auch erst achtzehn Jahre alt – in meinen Gedanken und meinem Gefühlsleben bin ich schon ur-, uralt! (Er weint.) Erika : Der Knabe –! Warum weinen Sie? Weinen Sie nicht! Julius : Ich weiß nicht, was es ist. Verzeihen Sie! Erika : Diese grundlosen Tränen, sie strömen aus dem Allgemeinen ins Allgemeine. Sie werden sich bald in grundlose Heiterkeit verwandeln. – Sprechen Sie! Öffnen Sie sich! Ich meine es gut mit Ihnen! Julius : Ich weiß es. Ich fühle es. Oh, Sie trösten mich schön! – Alles ist unfaßbar! Nichts ist 16 begreiflich! Die Welt ist so groß! Alles voller Geheimnis! alles so voller Wunder! – Gnädiges Fräulein! Glauben Sie nicht, daß ich nur aus dem Überschwang des Augenblickes spreche – ich weiß, was ich sage! – aus tiefster Überzeugung, aus tiefster Seele sage ich es! staunen Sie nicht! gewiß, es muß Sie überraschen, aber was sich vielleicht seit Äonen vorbereitet hat, erfüllt sich in einem Augenblick! – antworten Sie! antworten Sie, was Sie wollen, aber ich muß Sie fragen –: wollen Sie meine Frau werden? Erika : Oh! ich bin bestürzt! – Was soll ich ihm nun sagen? Julius : Die erste und letzte Frau meines ganzen Lebens! Erika : Sehen Sie, der Abend hat ja noch kaum begonnen, und ehe die Nacht zu Ende geht, wollen wir noch viel miteinander sprechen –; jetzt aber, ich kann Ihnen keinen Bescheid geben, nicht einmal eine Antwort, denn hören Sie? man kommt! – doch für jeden Fall –: halten Sie nicht etwa bei meiner Mutter um meine Hand an! Julius : Warum? Erika : Still!   Vierfuß . Vierfuß : Guten Abend, Erika! – Und Julius –! Nun? Sie stehen da in Erwartung des großen Mannes? Oder sollte irgend etwas anderes die Begeisterung in Ihre Augen gebracht haben? – Sie, Erika, sehe ich gleichmütiger. Es wäre auch 17 sonderbar, wenn Sie nicht in Erwartung anderer Dinge vibrieren würden, als der Ankunft eines Propheten. Erika : Und Sie? Vierfuß : Ich? Ein Prophet ist immer interessant – auch wenn er kein Prophet sein sollte. Und spielt man nicht mit, so setzt man sich doch gern an den Tisch und sieht den andern zu und dem Spiel ihrer Gesichter. Julius : So glauben Sie nicht an ihn? Sind Sie ein Zweifler? ein Skeptiker? Vierfuß : Keine allgemeinen Worte! Lieber Julius, Sie sind ein reizender Junge, doch müssen Sie mir auch verzeihen, wenn ich, der viermal so alt ist wie Sie, anders spreche und denke. – Je älter man wird, desto weniger glaubt man – und desto frömmer wird man. Beides zugleich! – Doch die Gläubigen versammeln sich!   Frau Samson und Gräfin Ziegeltrum . Frau Samson : Es hat geschellt! Erika : Es ist Schiroga. Gräfin Ziegeltrum : Lieber Julius, ich freue mich, Sie in diesem Haus zu finden. – Schiroga –? Kommt er auch? Ein dämonischer Mensch!   Schiroga . Schiroga : Gnädige Frau, ich bin Ihnen ungeheuer dankbar für Ihre Einladung. Ist er schon hier? Es ist für mich eine Frage nach Tod und 18 Leben, – im geistigen Sinn natürlich! – mit diesem Menschen zu sprechen. Vierfuß : Wir alle warten auf ihn. Schiroga : Für niemand aber, glaube ich, ist es im tiefsten so entscheidend. Ja, es wird immer geheimnisvoller um mich. Die mystischen Erlebnisse mehren sich, merkwürdige Zusammenhänge zeigen sich immer wieder. Gräfin Ziegeltrum : Was ist geschehen? Sprechen Sie, sprechen Sie! Schiroga : Es sind sonderbare, im gewöhnlichen Sinn kaum erklärliche Phänomene, die mich gleichsam planmäßig verfolgen. Vierfuß : Und war es immer so? Schiroga : Nein; erst seit zwei Jahren; gerade, denken Sie! gerade an meinem fünfzigsten Geburtstag haben sie begonnen – als Krönung meines Lebens, als Endakkord einer chaotischen Symphonie. Ich weiß nicht – es gehört eins zum andern und alles zusammen – ich weiß nicht, ob Sie die Geschichte meines Lebens kennen? Julius : Nein! Ach, bitte, bitte! Erika (für sich) : Ich kenne sie; er erzählt sie jedem in den ersten fünf Minuten der Bekanntschaft. Gräfin Ziegeltrum : Sprechen Sie, sprechen Sie! Ich habe sie oft gehört, doch ich möchte sie Wort für Wort noch einmal hören! Schiroga : Nun denn! – Es ist wie der Lauf eines stürmischen, seinen Gang immer wieder ändernden Stromes. – Meine Familie entstammt einem 19 alten slawischen Fürstengeschlecht. Ich wurde in einem Kloster erzogen, wurde Mönch und blieb es bis zu meinem dreißigsten Jahr, beschützt von einem sicheren Gott, Diener einer Religion, die die Augen niederschlägt vor dem Diesseits – so lebte ich wie in einem hohlen Baum, bis mich der Wunsch ankam und zur Leidenschaft wurde –: nach langen Kämpfen stürzte ich hinaus –: um das Dasein zu erkennen und um sein Glück zu erleben. Zuerst – mit der Erkenntnis wurde es nichts, denn am Anfang lockte mich die Freude: es war eine Frau, die erste Frau, die ich in meiner Freiheit kennengelernt habe. Ich heiratete sie, doch die erste Katastrophe: gierig nur auf körperliche Sensationen, hat sie mich betrogen – und in einer furchtbaren nächtlichen Aussprache mir die Schuld zugemessen! – Seitdem glaube ich nicht mehr an die Liebe. Enttäuscht und verzweifelt warf ich mich in die andere Welt der Freude: des Genusses – das ist die traurigste Zeit meines Lebens: Spiel, Trunk, Duelle, Weiber – oh! wie wurde ich ausgenützt! – und damals zerschmolz in wenigen Jahren mein großes Vermögen. – Doch nichts ist vergebens erlebt, und aus dem Sumpf wuchs ein gereinigter Mensch. Die Sehnsucht meiner Kindheit erfüllte sich: ich wurde Maler und erlebte die Vibrationen der Kunst – hunderte kühne, ekstatische Bilder sind Zeugen. Aber der Krieg kam, und ich erinnerte mich, daß ich ein Vaterland habe. Ich kämpfte, habe alle Orden bekommen, war dreimal schwer verwundet – bis ich erkannte – leider 20 so spät, denn es nahte schon das Ende des Krieges – bis ich erkannte: Krieg ist Wahnsinn! Haß ist Irrsinn! Liebe! Friede! – Und die Folge dieser meiner inneren Wandlung? Ich kam ins Gefängnis! Doch heraus trat ich als Revolutionär im tiefsten Herzen, als glühender Kämpfer für einen neuen Staat – um abermals – als einzige Individualität, als einzig Unbedingter, als einziger Idealist im Getriebe der Politik! – um abermals enttäuscht zu werden! Ich floh den ganzen Wirrwarr und stand da, nachdem ich durch alle Höllenstationen der Erde gegangen war, stand da, nackt wie ein Kind, und dann kam es –: an meinem, denken Sie! gerade an meinem fünfzigsten Geburtstag hatte ich meine erste Vision. Seitdem ist es eine Kette von mystischen Erfahrungen, von jenseitigen Erscheinungen. – Mein Leben war wie ein schwarzer, von Blitzen durchzuckter Himmel. Julius (leise) : Ach, Fräulein Erika, daß ich das alles mit Ihnen erleben darf! Gräfin Ziegeltrum : Ich sehe, Julius, Sie sind entflammt, wie ich! Frau Samson : Man wagt nach dieser Erzählung gar nicht zu sprechen. – Nicht wahr, Ihr Leben war wie ein Sturm? – Wollen Sie sich setzen? Hierher, hier ein Kissen! Schiroga : Danke, danke! – Gnädige Frau, ich kenne Ihren Grundsatz, Ihren Gästen keine alkoholischen Getränke anzubieten, doch ich kenne auch Ihren anderen Grundsatz: den Willen des Nebenmenschen nicht hemmen zu wollen. So 21 werden Sie es mir verzeihen, daß ich mir meine eigene Flasche mitgebracht habe. Bitte, kein Glas, danke, ich trinke aus der Flasche! Habe ich getrunken, dann wird mein körperliches Auge trübe, doch mein inneres Auge öffnet sich, wird sehend, und ich ahne viele, ungeheuere Zusammenhänge –. Vierfuß : Und Ihre Visionen? die mystischen Geschehnisse? Wir sind aufs äußerste gespannt! Schiroga : Ja, wie soll man's sagen? Jede Beschreibung entkleidet sie der Seele. Und doch, es wird der Tag kommen, da die Wissenschaft den Menschen und die Welt mit neuen, ungeahnten, erschütternden Gesetzen erfassen wird! – Ich glaube nur noch an zweierlei: an die wahre Erkenntnis der Welt und an die große Persönlichkeit! Gräfin Ziegeltrum : Es hat geschellt! Frau Samson : Eine fremde Stimme! Das ist er! Erika, geh ihm entgegen, ihn begrüßen!   Mantl . Mantl : Guten Abend! Erika : Was soll das –? Gräfin Ziegeltrum : Wie seine Augen leuchten! Frau Samson : Sehen Sie meine Tochter! Ganz blaß! Gräfin Ziegeltrum : Schon in seinem Bann! So jung und schon ein Übermensch! Frau Samson : Wie danke ich Ihnen, daß Sie gekommen sind! Mantl : Im Gegenteil! ich danke Ihnen, daß ich kommen durfte. 22 Schiroga : Wie schlicht! Mantl : Bitte –? Frau Samson : Nein! Sie sind für uns der mit Sehnsucht erwartete Meister! Erika : Nein –! Frau Samson : Was sagst du da –? Mantl : Die junge Dame, die ich für Ihre Tochter halte, hat: nein – gesagt. Sie hat das Richtige erraten, daß ich kein Meister und kein Übermensch bin, sondern nur ein Mann – ich bin derjenige, der Ihnen heute abend den Brief geschickt hat, mit der Bitte, vorgelassen zu werden. Ich heiße Mantl. Frau Samson : Ein Mißverständnis! Verzeihen Sie! Gräfin Ziegeltrum : Nun, sind Sie auch noch kein Übermensch, so können Sie ja immer noch einer werden! Schiroga : Er ist es nicht? Gleichgültig! Für einen Augenblick war er es doch! Diese Stimmung, diese Atmosphäre in der einen Minute! Sehen Sie, ich werde verfolgt von sonderbaren Zufällen – das dritte Erlebnis dieser Art am heutigen Tag! Gräfin Ziegeltrum : Ach, erzählen Sie doch! – Sehen Sie Julius! Wie seine Augen glänzen! – Kommen Sie, Julius, mit uns! Herr Schiroga erzählt uns von seinen Erlebnissen! (Ab mit Schiroga und Julius.)   Schumpeter . Schumpeter : Komme ich zu spät? komme ich zu spät? 23 Frau Samson : Wir warten noch, wir warten! – Doch was bringen Sie mir? Schumpeter : Einige Zeitschriften und Bücher. Hier ein Aufsatz über das Verhältnis der Chemie zur Physik – sehr interessant! Hier über die sexuelle Aufklärung der Kinder – sehr gut! sehr gut! Hier über Graphologie, hier ganz neue, aber doch recht einleuchtende Behauptungen eines Astronomen, hier über Telekinese, hier – sehr wichtig, sehr wichtig! – über die Notwendigkeit von Gedächtnisübungen, und hier – hier wird geradezu experimentell bewiesen, daß sich das menschliche Geschlecht bei genügendem Fleiß und ununterbrochener Konzentration innerhalb von drei bis fünf Generationen zu einem Geschlecht von Menschen mit höheren geistigen Kräften und Erkenntnissen entwickeln könnte. Frau Samson : Hörst du, Erika? Bei ununterbrochener Konzentration! Vierfuß : Und wodurch? Schumpeter : Vor allem durch die Konzentration selbst und durch den Willen zu einem höheren Dasein. Frau Samson : Hörst du, Erika? Erika : Ach, ich bin in diesem Dasein noch nicht ganz zu Hause! Frau Samson : Dieses Dasein? Das kannst du getrost als eine Bagatelle ignorieren! – Gehen wir zu den andern! (Mit Schumpeter und Vierfuß ab.) Erika : Was soll das? Warum sind Sie hier? Was soll das? 24 Mantl : Haben Sie meinen Brief nicht gesehen? Erika : Nur gehört! ohne Unterschrift! Wie konnte ich ahnen, daß er von Ihnen kommt! Warum aber der Brief? Warum die erheuchelte Begeisterung für dieses Haus? Mantl : Ich wußte kein anderes Mittel, mich hier einzuführen. Ich dachte, wir würden lachen, wenn wir einander sehen. Statt dessen –! wie empört Sie sind, daß ich hier bin! Erika : Ich bin nicht empört, bin nur erschrocken, doppelt erschrocken über die Art, mit der man Sie begrüßt hat! Mantl : Und ich hatte Lust, sie fortzusetzen und mich als Meister zu gebärden, doch im letzten Augenblick – ich habe mich erinnert, daß ja doch der echte Meister gleich kommen muß. – Wie verwirrt Sie sind! Erika : Ich bin's! Alles wirbelt um mich! Der Ekel erstickt mich – ich weiß nicht, wovor –: ob vor diesen Menschen oder vor mir, daß ich sie nicht verstehe, oder vor meiner Schwäche, daß ich nicht weglaufe, irgendwohin! All diese Menschen! Und nun auch noch Sie! Mantl : Soll ich wieder gehen? Erika : Nein! Bleiben Sie! – Ah, jetzt kommt er! Gehen wir! Ich will nicht die erste sein, die ihn begrüßt! – Bleiben Sie! Sind Sie gekommen, so bleiben Sie auch! (Mit Mantl ab.) 25   Kilian . Kilian (allein) : Ein schönes Zimmer! – Viele Bücher! Man sieht: hier leben Menschen des Wissens! – Wie spät ist es? – Halb zehn! – Was Buchbindermeister Kilian auch für eine Aufgabe sich setzt – er führt sie durch! Frau Samson hat heute morgen in meiner Abwesenheit meiner Werkstatt einen Besuch abgestattet und war enttäuscht, wie mir der Lehrling berichtet hat, daß diese Bücher erst morgen fertiggebunden sein sollten, sie brauchte sie heute abend, ja, sie war untröstlich und hat lamentiert! Schön, habe ich gesagt, sie soll nicht lamentieren, die Dame soll ihre Bücher haben! Bis spätestens halb zehn! – Es ist halb zehn! – Und nun? Ich könnte die Bücher herlegen und wieder gehen, doch vielleicht erscheint Frau Samson, will sie selbst in Empfang nehmen, ich könnte so ihre Bekanntschaft machen und sie ihr persönlich überreichen –: Madame, hier Ihre Werke!     Daneben eine Gesellschaft, Damen und Herren, in lebhafter Unterhaltung begriffen. Wahrscheinlich wollen Sie heute einander aus diesen Werken vorlesen und dann ihre Meinungen über das Gehörte austauschen. Die gebildete Welt – die glückliche Welt! Hier hätte man geboren, hier hätte man groß geworden sein müssen! Mit der Muttermilch werden gleichsam die Bazillen der Bildung eingesogen, das Spielzeug der Kinder sind Bücher! – Bücher, Bücher, viele Bücher, Originalgemälde, Porträts bedeutender Männer des Geistes, der 26 Leuchten an den Himmeln der Künste und der Wissenschaften! In dieser Atmosphäre kann sich die Knospe des Geistes entwickeln, die in jedes Menschen Gehirn verborgen ist! – Doch auch in der Werkstatt bleibt der Mensch ein Mensch! Auch der Handwerkermeister Kilian ist nicht zu verachten, wenn er auch, zwar aus eigener Kraft Meister geworden, dennoch nur die Bücher zu seinen Kunden austrägt. – Eine Dame –? Es wird wohl die Dame des Hauses sein.   Frau Samson . Kilian : Madame –! Frau Samson : Oh! – Verzeihen Sie! Ich wußte nicht, daß Sie schon hier sind! Sie sind der Meister? Kilian : Der Meister selbst! Frau Samson : Wie danke ich Ihnen, daß Sie gekommen sind! Kilian : Ich hab's mir vorgenommen – ich bin hier!   Nacheinander: Gräfin Ziegeltrum, Erika, Mantl, Schiroga, Julius . Gräfin Ziegeltrum : Da ist er! Jetzt sehe ich erst, wie Augen leuchten können! – Meister, ich sage nur eines: ich kenne Ihre Bücher! Kilian : Es ist mir ein Vergnügen, das zu hören, und ich glaube selbst, sagen zu dürfen, daß meine Bücher erstklassige Arbeit darstellen! Frau Samson : Hier, Meister, das ist meine Tochter. 27 Kilian : Mein Fräulein –! – Ein schönes Mädchen, gnädige Frau, ein schönes Mädchen! Frau Samson : Nur äußerlich, nur äußerlich! Ich erwarte sehr viel von Ihrem Einfluß! Kilian : Von meinem Einfluß? Ein Scherz, Madame, ein Scherz! Schiroga : Mein Herr, ich begrüße Sie. Ich heiße Schiroga. Eine innere, geheimnisvolle Stimme sagt mir, daß wir Freunde sein werden. Ich bin ein Mensch, der sich durch alle Wildnisse des Lebens durchgekämpft hat, jetzt aber auf die unendliche Ebene der freien Erkenntnis gelangt ist. Doch zu gewaltig sind die Erlebnisse! Lassen Sie uns Freunde sein! Kilian : Es wird mir eine ungeheuere Ehre sein, Herr Schiroga, jedoch –. Frau Samson : Das ist Julius. Sie sehen, er zittert und kann den Mund nicht öffnen, da er vor Ihnen steht. Gräfin Ziegeltrum : Der reizende Junge! Wie ihn die Sensation durchbebt! Kilian : Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, was ich sagen soll – ich fürchte, ich bin nicht derjenige, für den Sie mich halten! Gräfin Ziegeltrum : Oder Sie sind mehr, als Sie selbst ahnen! Frau Samson : Doch legen Sie endlich Ihren Hut ab! Haben Sie einen Koffer? Kilian : Einen Koffer –? Wofür? Hier das Paket, das ich zu bringen hatte! Frau Samson : Bitte –? 28 Kilian : Die Bücher. Frau Samson : Bitte –? – Erika, geh hinein, den Herren sagen, daß unser Gast gekommen ist! Kilian : O bitte, bitte –! Erika (leise zu Mantl) : Kommen Sie! (Mit Mantl ab.) Julius : Fräulein Erika, welchen Eindruck haben Sie? Ungeheuer, nicht wahr? (Ab.) Gräfin Ziegeltrum : Der arme Junge ist ganz aufgelöst! (Ab.) Kilian : O bitte, bitte, ich kann es nicht dulden, daß um meiner geringfügigen Persönlichkeit willen irgend jemand gestört wird! Frau Samson : So wollen wir hineingehen? Kilian : Gern, gnädige Frau, gern –. Schiroga : Sehen Sie, wie er versunken ist!   Schumpeter . Schumpeter : Hat er schon etwas gesagt? Frau Samson : Stören Sie ihn nicht! Er ist mir geradezu unheimlich! Gehen wir, er wird nachkommen! (Ab mit Schiroga und Schumpeter.) Kilian (allein) : Ich glaube, man verwechselt mich. Ja, sie verwechseln mich mit irgendeinem bedeutenden Menschen oder Genie. Wahrscheinlich eine Ähnlichkeit der Gestalt oder der Gesichtszüge! Sehr interessant! Sehr schmeichelhaft! – Doch die Komödie sei beendet! denn sie ist dieser so liebenswürdigen und durchaus sympathischen Menschen, und sie ist vor allem meiner nicht würdig! Ich werde vielmehr vor die Gesellschaft hintreten 29 müssen und frei und offen sagen: meine Damen und Herren, nicht bin ich derjenige, für den Sie mich halten, kein großer Mann und kein Genie – vielmehr bin ich nur der schlichte Buchbindermeister Kilian! – Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir durch diesen Irrtum bezeugt haben, wenn ich auch nicht weiß, wodurch ich sie verdient habe. – Gewiß, wie oft sagen meine Freunde am Stammtisch: Kilian, du bist ein Künstler! – und wenn ich ihnen über dies oder jenes Auskunft geben und manchen Zweifel lösen kann: Kilian, du bist ein Gelehrter! – und ich antworte ihnen: ja, glaubt ihr denn, daß ein Handwerker nur wie eine Maschine sein muß oder wie ein mechanisches Tier? Hat die Natur nicht jedem Menschen Verstand, Vernunft und ein Gehirn gegeben? Auch er kann denken, auch er kann sich emporschwingen – und gerade wir Buchbinder! haben wir nicht das edelste Material in unserer Werkstatt: Bücher, aus denen wir bei unserer Tätigkeit lernen können? Und während die Hände sich das tägliche Brot erarbeiten, kann der Geist in andere Höhen steigen und sich dem und jenem Problem zuwenden. Ja, meine Damen und Herren, auch ich habe gedacht und gegrübelt, auch ich weiß von den zahlreichen Rätseln, die hinter allem sich verbergen, auch ich habe meine Meinungen und Theorien über die Welt und das Dasein! Aber natürlich, ich kann mich nicht messen mit den Philosophen und Denkern – ich bin nur ein schlichter Sucher der Wahrheit, der schlichte 30 Handwerker Kilian; und es sei fern von mir, zu beurteilen, ob das vor Gott gar nichts bedeutet oder vielleicht doch – im Kosmos! – ein ganz klein wenig!   Frau Samson . Frau Samson : Sie sind noch immer allein! Sagen Sie mir – wir sprachen eben darüber –: welches ist die fruchtbarste Religion für den Menschengeist? Kilian : Ein tiefes Problem, gnädige Frau, ein tiefes Problem!   Schumpeter, Gräfin Ziegeltrum . Schumpeter : Nun, was hat er geantwortet? Gräfin Ziegeltrum : Meister! Hat der Mensch einen Astralleib? Kilian : Bitte –?   Schiroga, Julius . Schiroga : Ja oder nein! Glauben Sie an mystische Zusammenhänge? Kilian : Warum denn nicht, Herr Schiroga, warum denn nicht? Gräfin Ziegeltrum : Haben Sie sich mit Graphologie beschäftigt? Und vor allem: glauben Sie ans Hellsehen? Kilian : Ich sage immer, Frau Gräfin: es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde –! Frau Samson : Wie richtig! wie richtig! – Herr Schumpeter, Sie müssen mitschreiben – was er sagt – wenigstens Schlagworte! 31 Schumpeter : O nein, ich schreibe alles mit, alles! Geben Sie mir Papier! – Haben Sie sich mit dem Problem des Spiritismus befaßt? Kilian : Es ist mir durchaus nicht unbekannt. Frau Samson : Nichts scheint ihm unbekannt zu sein.   Erika, Mantl, Vierfuß . Gräfin Ziegeltrum : Ach, bitte, eine spiritische Sitzung! Julius : Ja, bitte, bitte! Schiroga : Tun Sie es! Ich ahne eine große Nacht! Kilian : Meine Damen und Herren, Sie irren! Noch nie versuchte ich es, und ich bin gewiß nicht der Geeignete, solche Phänomene hervorzuzaubern. Gräfin Ziegeltrum : Die Macht Ihrer Anwesenheit erzwingt alles! – Soll man sich psychoanalysieren lassen? Frau Samson : Sie sehen –: wenn wir uns öffnen, was finden Sie in uns? Fragen, Fragen, nichts als Fragen! Die Not des Geistes, des Herzens, der Seele! Wie unbefriedigt sind wir alle! Wie gern wäre ich bereit, mich einer Religion anzuschließen, und wäre es die exotischste, denn interessant sind ja alle! Kilian : Sehr richtig! Frau Samson : Aber welches ist die fruchtbarste für den Menschengeist? Kilian : Ein tiefes Problem, ich sagte es schon, ein tiefes Problem, das ein einfaches Menschengehirn schwer im Augenblick lösen kann. 32 Gräfin Ziegeltrum : Ein einfaches Menschengehirn, ein einfaches Menschengehirn –! Frau Samson : Sie haben doch gewiß darüber nachgedacht? Kilian : Nachgedacht, nachgedacht – worüber hat man nicht in einsamen Abendstunden sich seinen schweifenden Gedanken hingegeben und so ein wenig phantasiert? Schiroga : Ich sehe es: Sie haben eine bestimmte Idee darüber. Sprechen Sie! Ein Wort kann die Krise, in der ich mich befinde, lösen! Frau Samson : Sprechen Sie! Kilian : Nun, denn, wenn ich wagen darf, meine Meinung zu äußern – nun denn: ich sehe eine Religion vor mir, die alle bisherigen Religionen in sich zusammenfaßt, alle Vorteile, die verstreut in ihnen allen ruhen, in sich, als der einzigen vereinigt, also gleichsam ein Esperanto der Religionen! Frau Samson : Haben Sie's? Schumpeter : Ja. Schiroga : Weiter! Kilian : Nicht wahr, nicht schlecht? Schumpeter : Eine Vision von weltumfassender Bedeutung! Kilian : Nicht wahr, das ist doch eine Meinung, die sich durchaus sehen und hören lassen kann? Schiroga : Weiter! Was Sie sagten, ist groß! Frau Samson : Erika, du stehst teilnahmslos da, bist zufrieden mit dem Spielzeug in deiner Hand – ich schäme mich deiner, daß ich sterben könnte! 33 Erika : Auch dadurch würde ich nicht klüger werden! Frau Samson : Haben Sie's gehört, Meister? Sagen Sie ihr doch ein Wort! Kilian : Mein liebes, gutes Fräulein, immer Geduld, immer Respekt vor der Mutter! Frau Samson : Wie er das sagt! Der Ton seiner Stimme durchfährt das Herz! Dieses eine Wort wiegt dein ganzes bisheriges Leben auf! Schiroga : Aus allen Ihren Worten spricht die Tiefe! Es lebe die menschliche Seele, es lebe das große Unbekannte, das Fremde, Tiefe! Prosit! Kilian : Prosit!   Kummer . Kummer : Guten Abend! Frau Samson : Ah! Das ist Professor Kummer, ein großer Gelehrter, der uns mit den Werkzeugen der Wissenschaft und Forschung begleitet! Kummer : Haben schon irgendwelche Experimente begonnen? Dann sind sie ungültig! Denn ich muß von Anbeginn die Kontrolle ausüben! Julius : Was für Experimente? Ich zittere! Fräulein Erika, hören Sie doch! Frau Samson : Was meinen Sie? Kummer : Ja, sagten Sie mir nicht, Ihr Gast verfüge über außerordentliche, ja, übermenschliche Kräfte? Nun, das muß sich doch irgendwie feststellen, irgendwie beweisen lassen! Oder bin ich im Irrtum, war es nur übertreibend-bildlich gemeint, und sollte sich seine Macht – an der ich 34 natürlich nicht zweifle! – etwa nur darin zeigen, daß er in unbefriedigtem Fortpflanzungstrieb sogenannte Liebesgedichte verfertigt oder in langen Tiraden irgendeine Weltanschauung offenbart? Ich, der ich zwanzig Stunden am Tage arbeite, ich bin nicht gekommen, um Worte zu hören, Debatten zu führen, Meinungen auszutauschen, die persönlichen Äußerungen des einzelnen Individuums interessieren mich nicht! Ich suche Größeres: ich suche die Wahrheit! Vierfuß : Und sind das etwa Ihre Helfer? (Es werden verschiedenartige Apparate hereingetragen.) Kummer : Diese Apparate, meine Damen und Herren, sind klüger als wir alle! Wir Menschen, wir lieben und suchen die Wahrheit – diese aber, sie bringen die Wahrheit an den Tag! Kilian : Meine Damen und Herren, lassen Sie mich Ihnen endlich ein Wort sagen –! Kummer : Wie ich aus Ihren Büchern erraten kann, werden Sie den ganzen Abend über sehr viel sprechen, so gestatten Sie mir zuerst, Sie zu warnen, indem ich Ihnen sage, wer vor Ihnen steht: der Vertreter der exakten Forschung! Ihre übermenschlichen Kräfte in allen Ehren – beweisen Sie sie! – Lassen Sie mich zu Ende sprechen! – Auf Erzählungen gebe ich nichts, Hypothesen kenne ich nicht, Theorien nur insofern, als sie sich auf die Resultate der exakten Forschung aufbauen! Ich bin bereit, Ihnen auf jedes Gebiet, und sei es das okkulteste, geheimste, unbekannteste, zu folgen. Denn mein Wissensdurst und 35 Forschungsdrang ist unbegrenzt! Ich habe keine Vorurteile, deshalb bin ich zu jedem Urteil zu bringen; ich habe keine Weltanschauung – ich sehe nur die Dinge an! Spiritismus? Mediumismus? Telepathie? Telekinese? Bitte! Zwar haben Sie in Ihren Büchern bisher nur Ihr ethisch-mystisch-sentimentales Weltanschauungswasser abgeschlagen, aber ich kann mir sehr wohl denken, daß Sie nun zu diesen Phänomenen übergegangen sind. Bitte! Aber Tatsachen, Tatsachen, Tatsachen! – Lassen Sie mich zu Ende sprechen! – Ich glaube nur an das, was ich sehe, und was ich nicht sehe, bin ich von Berufs wegen zu bezweifeln verpflichtet. Doch ist der Mensch ein schwaches Geschöpf, von labiler Konstitution, und seine Nerven und Sinne funktionieren niemals einwandfrei – also ist es seine erste Aufgabe, sich Krücken zu verschaffen, daß er gehen, Brillen, daß er sehen kann – kurz, Hilfsmittel für seine Forschung! Der Betrunkene glaubt in seinem Rausch, zwei Laternenpfähle zu sehen, doch hätte er einen photographischen Apparat bei sich, er könnte mit geradezu göttlicher Sicherheit feststellen, daß er nur einen Laternenpfahl vor sich hat! Kilian : Ausgezeichnet! Ausgezeichnet! Gehen wir denn nicht alle den Weg zur Wahrheit hin? Kummer : Ja! Und deshalb stolpern wir ja übereinander! Einer muß dem andern Platz machen auf diesem Weg! Kilian : Ich kann Ihre Feindschaft gegen meine Person nicht begreifen! 36 Kummer : Weil Sie mich nicht kennen! Ich aber kenne Ihre Bücher! Kilian : Aber –! Kummer : Kein Aber! Kein Friede zwischen uns! Nur keinen Rückzug! keine Feigheit! Kilian : Solange ich lebe, hat mir noch niemand von Feigheit gesprochen! Sehe ich so aus, daß Sie das wagen dürfen? Ich könnte Sie durch eine Bemerkung, durch die Feststellung einer nackten Tatsache von einem Irrtum überzeugen, in dem sie sich über meine Person – komisch genug! – befinden! Kummer : Die nackten Tatsachen festzustellen, wird meine Aufgabe sein! Auch ich bin Okkultist! Aber um Wahrheit, Klarheit, Licht und Deutlichkeit zu bringen! Hier ist meine Vernunft, mein Auge, meine Logik, mein Verstand! Die Gespenster sollen kommen! Blitzlicht und Linse halten sie fest zur Untersuchung! Geisterhände bewegen Dinge? Dieser feine Puder auf den Dingen wird uns die Fingerabdrücke der Geister zeigen! Und der Gesang der Toten wird aufgenommen von dem Aufnahmeapparat eines Grammophons! Mediumistische Substanz? Der von ihr befreite Körper muß also leichter wiegen – hier die zarteste Wage! Und wenn Sie um fünf Uhr morgens etwa neue Erkenntnisse und Erscheinungen haben, dann wollen wir den Blutdruck, die Herztätigkeit, den Körper auf Ermüdungserscheinungen untersuchen, um zu erkennen, ob der gesunde Körper diese Erscheinungen und Erkenntnisse hatte! – Wohin soll man die Apparate bringen? 37 Frau Samson : Hier, ins andere Zimmer, bitte! Kummer : Zugleich werde ich das Zimmer, Decke, Boden, Einrichtung untersuchen und nachher absperren. Und auch Sie, meine Damen und Herren, werden sich, wenn Sie Wert auf meine Anwesenheit legen, einer gründlichen Untersuchung unterziehen müssen! Gräfin Ziegeltrum : Ja, nicht wahr, wir werden uns alle untersuchen lassen? – Wie schön wäre eine spiritistische Sitzung! Kummer : Und dann reden Sie nicht, sondern zeigen Sie, beweisen Sie! Und ich und diese meine besten Freunde, wir wollen allem auf den Grund gehen! Kilian : Ja, Donnerwetter und dreckiger Kuckuck, was soll ich denn beweisen? Kummer : Ihre übermenschlichen Kräfte! Aber Tatsachen, Tatsachen! Wir wollen nicht waten im Sumpfe der Worte, in dessen Ausdünstungen Sie allerdings, wie ich weiß, sich sehr wohl fühlen! Schiroga : Gerade durch jedes Wort beweist er seine Größe! Antworten Sie doch, Meister! Frau Samson : Sprechen Sie, sprechen Sie! Kilian : Nun denn, ich habe nie behauptet, ein Übermensch zu sein, aber was Sie einen Sumpf nennen, den Sumpf der Worte, das ist für mich ein tiefer See! Schumpeter : Tiefer See! Kilian : Sehen Sie sich um! Bücher, Bücher! Gibt es etwas Schöneres? Und was steht in den Büchern? Worte! Worte! 38 Frau Samson : Bravo! Sehr gut! Kilian : Nicht wahr? – Seitdem die Welt besteht, seitdem das Licht in den Gehirnen leuchtet, hat sich der Geist ins Wort ergossen! Und jene Menschen, die wir am meisten verehren, hatten als Werkzeug das Wort! Gräfin Ziegeltrum : Prachtvoll! Julius : Wunderbar! Kummer : Alle diese Redner, alle diese Schreiber werden eines Tages als Clowns betrachtet werden! Kilian : So werden wir eben bis ans Ende unsrer Tage die Clowns verehren! Alle : Bravo! – Prachtvoll! (Sie applaudieren.) Kummer : Genug! Gehen wir! Tragen Sie die Apparate hinein! (Ab.) Kilian : Jawohl, mein Herr, gehen wir! (Ab.) Frau Samson : War es nicht herrlich? Schiroga : Die Luft schien zu zittern! (Mit Frau Samson, Gräfin Ziegeltrum, Julius ab.) Vierfuß : Erika, armes Kind, Sie und ich – am Ende auch Sie, Herr Mantl? – wir fühlen uns sehr verirrt hier, nicht wahr? Erika : So sehr, daß ich, nach einem Weg zu suchen, bald aufgeben werde. Vierfuß : Sie müssen ja hier bleiben – aber Sie, Herr Mantl? Ich selbst, ich bin nur noch aus Neugier da – denn geben Sie nur acht! an solch einem Abend steigen gern von allen Seiten die Gespenster nieder. Bleiben Sie bei Erika – ich gehe zu den Apparaten; das sind schon die ersten Gespenster; die von der einen Seite. (Ab.) 39 Erika : Nun? Sie haben mir noch immer nicht gesagt, warum Sie hier sind? Mantl : Was ist da viel zu sagen? Würden Sie es nicht ahnen auch ohne den heutigen Tag? und jetzt, da ich doch offenen Herzens zu Ihnen gesprochen habe, wissen Sie's nicht? – Ich wünsche immer, bei Ihnen zu sein. Das ist's. Heute aber – manchmal wünsche ich es noch mehr als sonst, dann ist's wie ein Wind hinter meinem Rücken; als müßte ich hergeweht werden. Sie sind in irgendeinem Haus unter irgendwelchen Menschen, und ich anderswo, unter anderen Menschen – wie unnatürlich! wie seltsam, sich eine bestimmte Zeit zuzumessen und dann, kommt eine Mahlzeit, kommt ein Gast, voneinanderzueilen, während doch Mahlzeit und Gast und dies und jenes uns beiden so wesenlos ist wie die Gespräche dieser Menschen drin. Das war's auch heute –: wir waren im Wald gegangen, dann haben wir einander die Hände gereicht, und Sie gehen her und ich anderswohin. Ich konnte es nicht begreifen, es schien mir ein Irrtum, ein Mißverständnis. – Doch zu alldem allerdings kam dann noch etwas –. Erika : Was war's? – Haben Sie diese Rose hereingeworfen? Mantl : Ja, und ich hatte gehofft, Sie damit ans Fenster zu locken, daß ich Ihnen schnell ein Wort sagen kann – Sie kamen auch, aber gerade in diesem Augenblick mußte ich mich, weil der kleine Julius ums Haus herumgeschlichen ist, an die Mauer drücken und verstecken. 40 Erika : Was also ist's damit? Mantl : Warum sind Sie so ungeduldig? – Es war so: nachdem ich Ihnen am Nachmittag gezeigt hatte, was ich empfinde, und Sie mir eigentlich mit nichts geantwortet hatten, außer mit einer großen Verwirrung, und wir dann voneinandergegangen waren, kam ich nach Hause – und was finde ich dort? Irgend etwas war im Hause vor sich gegangen, man hatte aufgeräumt, umgeräumt und hatte in einem versteckten Winkel eine Schachtel gefunden mit alten Liebesbriefen, von irgendwelchen Ahnen, und dazwischen diese Rose, wahrscheinlich irgendein Geschenk oder eine Erinnerung. Erika : Nun denn! So ist's also doch etwas Geheimnisvolles mit diesem Ding! Mantl : Warum so ärgerlich? Etwas Geheimnisvolles? Wer sprach davon? Ich sagte es Ihnen doch: ein Zueinandertreffen, ein Zueinanderfinden von Umständen und Tatsachen. – Wenn aber hier etwas Geheimnisvolles wäre, dann läge es ganz anderswo! – Hören Sie doch! Was ich sagen wollte, kommt erst. Ich saß also in meinem Zimmer, vor meinem Tisch, vor mir die Briefe und die Rose, betrübt, verwirrt, zerrissen, und eigentlich gedankenlos habe ich sie angestarrt. Da kam eine Vorstellung aus der andern, ein Gedanke aus dem andern, eine Empfindung aus der andern – und nachdem ich sie fünf Minuten angesehen hatte, war ich sehr glücklich und sehr heiter. – Ja, ich habe mich mitgeschwemmt gefühlt mit den Zeiten, sehr 41 gut geborgen; mein Gott, jede Generation nur eine neue Jahreszeit; ich habe für einen Augenblick gleichsam mein Ich verloren, und es war, als wäre ich dadurch gesünder geworden; alles schien mir einfach und selbstverständlich. – Gewiß, es war nur ein Augenblick, aber ich denke, auf diese Art müßte auch der Tod nicht mehr grauenhaft sein. – Und es schien mir, als müßte sich auch zwischen uns alles einfach und selbstverständlich lösen; so war es nur Hoffnung und Freude, freudige Sicherheit, daß ich unbedingt noch heute hier, bei Ihnen sein wollte – und alles andere ergab sich dann wie aus Übermut von selbst. – Aber wie ich dann hergekommen bin, war's anders, und ich fühle, daß ich weniger sieghaft hier stehe, als ich es gedacht hatte. Erika : Sie dachten, weil etwas mit Ihnen geschehen ist, wäre auch ich in den drei Stunden anders geworden? Nein, ich bin die gleiche, habe Mißtrauen gegen alles, auch gegen alles, was meine eigene Natur ist. Mantl : Das kommt von jenen Narren drin. Erika : Ja, jene drin – sehen Sie nur den Meister! Mantl : Wie heißt er eigentlich? Erika : Jakob Natterer. – Sehen Sie, wie ihn alle umkreisen! Wenn er den Mund auftut, sind ihm alle schon hingegeben, ehe er das Wort gesagt hat. Und er selbst mit seiner affektierten Bescheidenheit! – Ja, jene drin, Sie sagen, es sind Narren, ich sage dasselbe; dafür werden sie uns beide verachten. Gut, wie aber, wenn ich einmal einsehen 42 sollte: was jene drin sprechen, sind Weisheiten, und ich war nur zu taub und zu dumpf –? Immer wieder, immer wieder muß ich es hören! Ja, wenn ich es eines Tages einsehen sollte, dann wären Sie so gehaßt und verachtet, wie es mein Vater immer war. Mantl : Sie nennen Ihren Vater zum erstenmal. Sagen Sie mir: lebt er eigentlich noch oder nicht? Ich habe niemals von ihm gesprochen, weil auch Sie ihn nicht erwähnt hatten. Erika : Nehmen Sie sich ein Beispiel und erwähnen Sie ihn auch nicht! Mantl : Es herrscht hier große Unordnung. Gewiß, das kommt von diesem Haus, vielleicht auch von Ihnen her – aber ich weiß nicht, was es ist, es scheint mir, als hätte auch ich ein wenig schuld daran. Erika : Sie? Lieber, Guter, glauben Sie das nicht! Wie kommen Sie auf diesen Gedanken? Mantl : Wie konnte ich meine Sicherheit so schnell wieder verlieren? hinunterstürzen in die Schüchternheit? Erika : Gehen Sie und geben Sie mich auf, mich verwirrtes Wesen! Mein lieber, guter, armer Mensch, wie bedauere ich Sie! Die Tränen sind mir nahe, wenn ich an Sie denke! Mantl : Still! Sehen Sie, wer da kommt! Erika : In seine Gedanken eingetaucht! Wie ihm alle nachsehen – mit den Augen liegen sie auf den Knien vor ihm! – Kommen Sie! Schnell! Bevor er hier ist! (Mit Mantl ab.) 43   Kilian . Kilian (allein) : Ich ein Genie? ein Prophet? Sie umschmeicheln mich, sie bestürmen mich! Ich ein Prophet? Gab ich mich manchmal meinen Träumen hin, dann habe ich mich vielleicht als lorbeergezierter Dichter auf palmengeschmückter Estrade gesehen. Oder als Kaiser habe ich dem Volke zugerufen –: ich führe euch einer glorreichen Zukunft entgegen! – doch ein Prophet? Zuviel, zuviel, ein viel zu großes Wort! Zwar scheinen – nach dem allgemeinen Beifall! – meine Freunde mit ihrem Urteil über mich nicht so ganz unrecht gehabt zu haben – ja, das bestätigt mir auch mein eigenes Gefühl, und was ich in stillen Stunden gedacht, war nicht das Unkraut eines spielenden Gehirnes, nein, es waren vielleicht edle Gewächse, und manche meiner Gedanken mögen sehr wohl zu verwenden sein in einem der Bücher, die diese Herren drin schreiben!     Habe ich nicht gedacht, gegrübelt, geforscht? Habe ich nicht jedes Buch, ehe ich es abgeliefert habe, wenigstens durchgeblättert? Und einmal habe ich ein Konversationslexikon gebunden – ein Jahr verging, ehe ich es abgeliefert habe! diese ungeheuere Anhäufung des menschlichen Wissens, diese gigantische Leistung des Menschenfleißes und Menschengeistes. Und wie in einem Teich, was in ihn geworfen wird, unten sich ablagert, kommt aber das Wasser in Bewegung, emporgewirbelt wird, so steigt jetzt alles in mir auf, was ich in mich gesogen habe! Manche Menschen, die 44 in der großen Welt leben, sind weniger, als sie glauben, und andere, die in ihrem Winkel dahinvegetieren, haben einen größeren Besitz an Geist und Wissen und Bildung, als sie selbst je geahnt! – Die Römer, als die Sieger, haben die Kultur der Griechen, als des besiegten Volkes, geerbt. – Optimismus – Pessimismus; Metaphysik – Transzendenz; Glaube, Skepsis, kühle Vernunft! – Hypochondrie. – Vor ur-, uralten Zeiten war der Mensch ein Affe – die Eiszeit kam viel später. – Ein Atom ist ganz, ganz, ganz klein, das Weltall über alle Menschenvorstellung groß! – Nirwana – Seelenwanderung! – Spiritismus: man setzt sich um den Tisch, und es geschehen sonderbare Dinge. – Lues ist das lateinische Wort für Syphilis; Synthese kommt vom griechischen Wort synthesis – ja, auf der ersten Silbe betont! carpe diem! Elektrizität ist negativ oder positiv, Quecksilber und Schwefelsulfat –! Und so fordere ich euch auf, ihr Anwesenden, edle Masse! Folgt mir durch das Tor der Forschung und des Fortschritts! Wir gehen den Weg der Wahrheit! Der Glaube jedes Menschen ist sein Heiligtum! Der menschliche Geist wird die Türen aus den Angeln heben! die menschliche Kraft wird den Riegel zurückschieben! Kämpft alle Vorurteile nieder! Unser Wahrheitstrieb wird siegen, weil er siegen muß! Per aspera ad astra! – Doch ich bin Kilian, und jene verehren mich, weil sie nicht wissen, wer ich bin, und wenn sie es dann erfahren, werden sie sagen: wir haben uns eben in ihm getäuscht, natürlich ist er kein Genie, 45 und seine Gedanken sind wohl gar anderen abgestohlen! – Doch Prophet, Genie und Übermensch – zuerst sei ein Mann! Sie sollen hören und erfahren, wer ich bin, und dann zurück in deine Werkstatt, Kilian, mit dir, lebe weiter, unerkannt denke weiter, unerkannt träume weiter, und die Strahlen meines Verstandes sollen sich an den Mauern meiner Kammer brechen, und jene sollen weiter glauben, daß sie allen Geist, alle Weisheit, alle Bildung nur für sich allein und ihren Kreis eingesammelt haben!   Frau Samson . Kilian : Madame, ehe Sie weitersprechen –! Hier, dieses Paket habe ich gebracht, nicht wahr? Ich öffne es und überreiche Ihnen seinen Inhalt! Frau Samson : Wie, Bücher? Und gar: »Ethische Fundamente«, »Mystische Weltanschauung«, »Betrachtungen zum Leben« – wie danke ich Ihnen! Kilian : Ich habe nur getan, was meines Berufes ist! Frau Samson : Wie –? Gerade diese Bücher hatte ich zum Binden gegeben –. Kilian : Jawohl, ich weiß es –. Frau Samson : War vormittags noch in der Werkstatt, um sie zu holen, doch sagte man mir, sie würden heute nicht mehr fertig sein –. Kilian : Ich weiß es, ich weiß es –. Frau Samson : Wie? Sie wissen es? Und da habe ich sehr gebeten, weil ich sie gerade doch heute hier haben wollte –. Kilian : Ich weiß es, ich weiß es! Und deshalb habe ich sie Ihnen gebracht! 46 Frau Samson : Sie wissen es? Sie wissen alles? – Wenn ich Sie nicht so bewundern würde, ich würde Angst vor Ihnen haben! Kilian : Sie staunen, gnädige Frau, weil Sie eben nicht wissen, wer ich bin! Frau Samson : Doch! ich weiß es, ich weiß es, vom ersten Augenblick an habe ich es gewußt! Nicht, was Sie sagen, nicht, was Sie tun, nicht daß Sie diese Bücher geschrieben haben, nicht daß Sie sie mitgebracht und alles gewußt haben, nicht das ist es, was mich vor Ihre Füße bringt –! Kilian : Sondern –? Frau Samson : Die Macht Ihrer Person! Kilian : Wie –? Frau Samson : Ja, Segnen Sie mich! Ihr Blick ist es, Ihre Sprache, Ihr Gang, die Gewalt Ihrer Anwesenheit! Kilian : Madame, ich warne Sie –! Frau Samson : Wovor! Aus Ihrem Blick strahlt die Größe, aus Ihrem Wesen die Erhabenheit! Kilian : Ich fürchte, Sie werden bald bedauern, daß Sie so gesprochen haben –! Frau Samson : Nie, nie! Kilian : Sie sagen hier gewaltige Worte –! Frau Samson : Sie kommen aus dem Abgrund meines Herzens! Kilian : Schwören Sie? Frau Samson : Ja! Ja! Segnen Sie mich! Kilian : Nun denn! Es sei!   (Ende des ersten Aktes.) 47   Zweiter Akt Ein anderes Zimmer im selben Haus.   Kummer (bei den Apparaten), Vierfuß (schlafend), Frau Samson, Schiroga . Schiroga : Prosit, gnädige Frau, prosit! – Diese Flasche ist wie eine Sanduhr: sie ist halb leer – und die Nacht ist halb vorüber. Mystisch hat die zwölfte Stunde längst geschlagen. Was war's für eine Zeit! Um wieviel bin ich reicher geworden! Jedes Wort dieses geheimnisvollen Menschen nehme ich in die Hand, als wär's ein Schlüssel, jedem Augenblick sehe ich entgegen, als wär's eine Tür, hinter der sich Entscheidendes vorbereitet –. Frau Samson : Er wird immer größer. Es ist, als würde er sich von Stunde zu Stunde mehr entfalten. Schiroga : Und was haben wir gesehen! Ereignisse, die eine wahre Wissenschaft der Zukunft wird in sich aufnehmen müssen, wenn sie vor dem Geist bestehen und dem Weltall gerecht werden will! 48   Gräfin Ziegeltrum . Gräfin Ziegeltrum : Hier sind Sie! Ich denke immer, ob wir nicht zur Aufklärung des Geschehenen noch eine zweite spiritistische Sitzung veranstalten sollten! Kummer : Noch eine? Nein! Durch mich wird aufgeklärt, was geschehen ist! Einen Augenblick, einen Augenblick! lassen Sie mich das Material zusammenstellen und sichten! Noch eine? Danke! Ist's nicht genug mit dem Humbug? Sind Sie nicht lange genug – anderthalb Stunden! – um diesen Tisch gesessen? Und das Resultat? Mager! Erbarmungswürdig! wie diese ganze Methode! Vierfuß (aufwachend) : O bitte, sagen Sie nichts gegen diese Methode! Sie ist zwar sehr veraltet, hat aber den Vorzug der Aufrichtigkeit, ja, sogar des Mutes. Ich weiß wohl, ein Gespenst, das etwas auf sich hält, geht nach der Mode, heute also im Kleid der Wissenschaftlichkeit. Kummer : Wagen Sie etwa, die offenen Auges weiterschreitende Forschung zu mißachten? Vierfuß : Wie Sie mich mißverstehen! Ich wage es nicht. Warum sollten wir nicht die Natur, die wir lieben, sie und ihre Bahnen nicht auch zu erkennen suchen? Warum sollten wir meinen, daß wir erst gestern die letzten Erkenntnisse hatten und heute also keine neuen hinzufügen können? Schiroga : Mir kann die eiskalte Wissenschaft nichts geben, denn sie wird von erlebnislosen Menschen ausgeübt. Vierfuß : Und Sie wären doch unendlich 49 geschmeichelt, wenn das Vorhandensein Ihrer Visionen – der objektive Tatbestand! – experimentell nachgewiesen werden würde. Dann erst würden Sie von der Welt den ganzen Glauben verlangen! – So wenig vertrauen Sie Ihrem eigenen Erlebnis! Kummer : Herr Schiroga, ich bringe jedem Dilettantismus die angemessene Verachtung entgegen! Vierfuß : O weh! Und Sie brauchen doch erst Ihre Apparate, Maschinen und Protokolle, um Wissenschaft von Dilettantismus zu unterscheiden! – Verzeihen Sie! Kummer : Nein! Ich verzeihe nicht! um so weniger, als ich Sie nicht verstehe! – Seien wir sachlich und betrachten wir die Ereignisse! Gräfin Ziegeltrum : Ja, ja, das wollen wir tun! Kummer : Sie haben gesehen, daß ich die ganze Zeit über gearbeitet und experimentiert habe, und die Resultate strahlen geradezu Sonnenlicht aus! Was also ist geschehen? Sie haben sich um den Tisch gesetzt, haben gewartet, gewartet, bis uns allen die Eingeweide aus dem Leib gekrochen sind, schließlich hat er gewackelt und sich geneigt. Kolossal! Man plappert immer wieder das Alphabet, und bei manchen Buchstaben verbeugt er sich, und auf diese Art haben sich Worte gebildet. Kolossal! Kolossal! Und weiter? Der so vergeistigte Tisch gab unvermittelt Herrn Mantl den sinnvollen und geistsprühenden Auftrag, nach Schluß der Sitzung hier allein im Zimmer zu bleiben. Warum? wozu? Wir werden es erraten! Zuerst aber hat Ihre allergrößte Aufregung 50 hervorgerufen, daß Herr Mantl mit seinem Vornamen Robert angesprochen wurde, obwohl doch diesen niemand gekannt hatte und sein Brief nur mit dem Familiennamen unterzeichnet war. Kolossal! Kolossal! Kolossal! Er selbst ist seit diesem unerhörten Ereignis ganz konsterniert. War wirklich allen Anwesenden sein Vorname absolut unbekannt? allen ohne Ausnahme? Das war zu untersuchen! Vor allem hier die Skizze mit der genauen Sitzordnung! Wer saß an jener Seite, nach welcher sich der Tisch neigte? Herr Vierfuß, Frau Samson, Fräulein Samson! Was also habe ich getan? Zuerst habe ich einmal mit diesem relativ einfachen, aber äußerst exakt arbeitenden Apparat, der eine Vereinigung des Sphygmographen, des Kardiographen und eines Jaquetschen Chronometers darstellt, zuerst also habe ich festgestellt: daß von jenen drei Personen, die an der Seite saßen, nach welcher sich der Tisch neigte, zwei Personen einen vollkommen normalen Puls hatten, die dritte Person aber – Fräulein Erika Samson! – einen Puls mit 110 Schlägen! Vierfuß : Kolossal! Kummer : Ein höchst interessantes Resultat! Und was habe ich weiter getan? Auf dem bisherigen Ergebnis fußend, habe ich Fräulein Erika veranlaßt, sich während der weiteren Sitzung auf diesen Sessel, der – wie Sie jetzt sehen! – zugleich eine Wage darstellt, die sogenannte Mareysche Wage, niederzulassen. Nun hatte ich hier am Rand des Tisches eine von einem präzisen Uhrwerk 51 getriebene Rolle befestigt, auf der zu ersehen ist, wann und wie tief sich der Tisch niedergebeugt hat. Eine ebensolche, vom gleichen Uhrwerk getriebene Rolle hatte ich hier an der Wage angebracht, deren Zeiger mit einem Kohlenstift in Verbindung steht. Auf dieser zweiten Rolle ist also abzulesen, wann und um wieviel die Belastung der Wage abgenommen hat. Hier die beiden Tabellen! Absolut parallel! Am Anfang, als der Tisch noch ruhig stand, zeigte die Wage das normale Gewicht der Versuchsperson, dann aber, je tiefer er sich neigte, ein desto geringeres Gewicht zeigte sie, ein Beweis dafür, daß die Versuchsperson einen Teil ihres eigenen Gewichtes auf die Platte übertrug, in Form eines Druckes, der den Tisch sich neigen ließ! – Aus diesen Beobachtungen ziehe ich den unwiderleglichen Schluß, daß Fräulein Erika den Tisch niedergedrückt hat, daß also auch sie es gewesen sein muß, die den Vornamen des ihr vollkommen unbekannten Herrn Mantl gekannt, durch einen wahrscheinlich unerforschlichen, aber auch ganz uninteressanten Zufall erfahren hat! Warum nun aber – sagen wir: der Tisch mit Herrn Mantl allein zu bleiben gewünscht hat, übergehe ich. Das dürfte mehr ins Gebiet der Psychoanalyse gehören. – So ist des Rätsels Lösung, und so muß man arbeiten! Vierfuß : Kolossal, kolossal! Was Sie ans Licht ziehen! Wer hätte das von Erika gedacht! Frau Samson : Sehr interessant! Doch weiter! weiter! 52 Kummer : Was denn –: weiter? – Ach so! Was dann geschah? Was dann geschah, da nun einmal die Geister gekommen waren und die richtige Stimmung geschaffen hatten? – Das allerdings ist noch merkwürdiger und ist besonders für unsern Meister zum Mittelpunkt des Geschehenen, zum Gipfelpunkt des Interessanten geworden! – Doch er kommt selbst!   Kilian, Schiroga, Julius, Erika, Mantl, Schumpeter . Frau Samson : Ja! – Hier, Meister, setzen Sie sich! Kilian : Wir müssen die Klarheit bewahren, vor allem das: die Klarheit! – Wenn wir einem neuen Phänomen gegenüberstehen, dann müssen wir uns immer zuerst fragen: in welcher Richtung gelangen wir zu seiner Erforschung? Es gibt die naturwissenschaftliche Richtung, die philosophische Richtung und so weiter, und so weiter! Oder aber, können wir nicht all diese Richtungen zusammenschieben zu einer breiten Straße, auf der wir dann alle Hand in Hand und freundschaftlich dem gemeinsamen Ziel entgegenmarschieren? Ja, meine Damen und Herren, es ist ein weiter Weg für den Menschen von seiner Geburt bis zu seinem Ende, und immer wandelt er sich, je weiter er vordringt ins Innere der Erscheinungen, und doch bleibt er immer der Gleiche, das gleiche forschende, grübelnde, phantasierende Wesen! Schon als Kind, auf alles, was man mir sagte, habe ich immer mit dem gleichen Wort erwidert – meine Mutter 53 sprach oft davon! – mit dem Wort: warum? Das Spielzeug, das man mir gab, zerbrach ich; als müßte ich seine Seele schauen, als müßte ich seine Eingeweide betrachten, als wäre ein Drang in mir, der es verbietet, daß irgend etwas mir verborgen bleibt! – Das dämonisch-suchende Wesen ist eben manchen Menschen eingeboren – und das ist es übrigens, was ich die dritte Seele nennen möchte! Schumpeter : Es rundet sich! Vorhin schon – in anderem Zusammenhang – sprachen Sie von der ersten Seele und der zweiten Seele. Kilian : Ganz recht –! Schumpeter : Die Seele des Lebens, die Seele des Gefühls, und jetzt die dritte –. Kilian : Ganz recht! Man muß sich alles aufbauen, damit man's versteht! Doch sehen wir die Begebnisse an! Klarheit! Klarheit! Kummer : Die ist bei mir, und ich will Sie lehren, wie man den Gespenstern das Leintuch vom Leibe reißt! Kilian : Bitte, bitte, ich habe nie behauptet, ein Geisterbeschwörer oder Hexenmeister zu sein! Meine Kraft liegt anderswo! Der Aberglaube sei mir fern, aber denken muß man, denken! Schon oft hat etwas Kleines zu großen Erkenntnissen geführt. Nichts ist zu klein für den Geist! Unscheinbar begonnen, vom Schicksal wie als Scherz hingeworfen, sehen wir ein kleines Problemchen, doch je länger wir es betrachten, desto mehr wächst es zum Problem, und je länger es ungeklärt bleibt, 54 desto mehr beunruhigt es uns und desto mehr gewinnt es an Bedeutung. Gräfin Ziegeltrum : Er meint die Rose. Erika : Ach, die Rose! Lassen Sie's doch, das alte, verstaubte Ding! Frau Samson : Du hast es den ganzen Abend in der Hand gehalten, als wäre es mehr als ein altes, verstaubtes Ding! Erika : Die Gegenstände haben eben ihren Atem von der Hand, die sie hält, und sie führen ein anderes Leben mit uns als für sich allein! Kilian : Mein Fräulein, ob ein Ding alt ist oder neu, ob es verstaubt ist oder nicht, das ist für die Wissenschaft gleichgültig. – Wie war es? wie kam es? – Fräulein Erika hatte die Rose immer in der Hand – ihre Mutter, damit unzufrieden, fordert sie auf, sie wegzugeben; sie tut es und legt sie dort auf den Kamin; ein Vorgang, den wir alle bemerkt haben, ohne ihm – in die Gespräche vertieft – die geringste Beachtung zu schenken. Es kommt die spiritistische Sitzung und bringt nur die alltäglichen Sensationen, und schon sind wir enttäuscht; und wie wir nun aus diesem Zimmer gehen, um Herrn Mantl hier allein zu lassen, sehen wir sie noch dort, auf dem Kamin, wiederum ohne Gewicht auf diese Tatsache zu legen; und als wir nach einer Minute wiederkamen, fragt Fräulein Erika harmlos: wo ist meine Rose? Wir sehen hin, und sie ist nicht dort. Nun, fragen wir, haben Sie sie vielleicht eingesteckt, Herr Mantl? Nein, sagt er, ich habe sie nicht eingesteckt. – Nun, denken 55 wir, sie ist vielleicht heruntergefallen, und sehen nach, doch nein, sie ist nicht auf der Erde. Nun, sagen wir, man muß suchen – wir suchen und finden sie nicht. Suchen immer weiter, immer mehr und finden sie nicht, finden sie nicht! Und endlich müssen wir es aufgeben, ohne sie gefunden zu haben. Aber schließlich, irgend etwas muß doch geschehen sein, da sie auf keine Weise aus dem Zimmer entfernt werden konnte! Was ist vor sich gegangen? Kummer : Ja, was ist vor sich gegangen, da sie auf keine Weise aus dem Zimmer verschwinden konnte und doch verschwunden ist? Höchst rätselhaft, höchst rätselhaft! Ich selbst habe Herrn Mantl aufs gründlichste untersucht, seinen Körper, seine Kleidung, das ganze Zimmer, alle Gegenstände, Möbel, Teppiche – und nichts gefunden! In diesem einen Zimmer links waren wir, das andere zur Rechten war versperrt, im übrigen hatte ich seinen Boden mit einem kaum sichtbaren Puder bestreut, der seine Fußspuren hätte zeigen müssen, wenn er darin gewesen wäre. Verbrannt kann er sie nicht, aus dem Fenster oder hier durch die Tür in den Garten kann er sie auch nicht geworfen haben, denn ich hatte da und dort Fäden gespannt, die hätten reißen müssen, wenn Tür oder Fenster geöffnet worden wäre. Auch war sie nicht aus einem Material, das, zu einem kleinen Kügelchen zusammengerollt, verschluckt oder in einer Körperöffnung versteckt werden kann. Kurz, sie war vom Erdboden verschwunden! Und doch, ich 56 zweifle nicht, daß ich auch diesem Problem auf den Grund kommen werde, und es wird mir eine grenzenlose Freude, eine Wollust sein, Ihnen die Lösung mitzuteilen! Kilian : Nun? Bitte! Sprechen Sie! Kummer : Noch muß ich warten! Kilian : Aha! Da hat auch dieser Alleswisser, dieser Skeptiker nichts zu sagen! Kummer : Ich denke, dieser mysteriöse Gegenstand wird desto eher zum Vorschein kommen, je eher wir die gleichen Bedingungen schaffen, wie sie vorhin bestanden: daß das Zimmer nämlich wieder leer oder fast leer ist. Kilian (aufstehend) : Bitte, bitte, wir können das Zimmer verlassen! Kummer : Ich kann warten! Gräfin Ziegeltrum : Vielleicht hat er sie im Trancezustand verschluckt? Kummer : Ich glaube nicht, Gräfin, ich glaube nicht! Frau Samson : An der Decke? Nein, an der Decke ist sie auch nicht. Kilian : Wir begeben uns hier in gefährliche Gebiete. Wir dürfen auch hier die Klarheit nicht verlieren. Noch will ich nichts deuten, nichts erklären. Vielleicht ist alles nur ein verwickelter Zufall; vielleicht können wir es wissenschaftlich erklären. Sie werden gehört haben –: es gibt das Phänomen der Materialisation und das der Dematerialisation. Alle Körper bestehen aus ihren 57 winzig kleinsten Bestandteilen, den Atomen, Ionen, Elektronen, welche jedoch nur in den seltensten Fällen einzeln auftreten, vielmehr nur in großen Anhäufungen, die wir dann Körper oder Ding oder Masse nennen. Wenn nun solch eine Masse in ihre winzigsten Bestandteile zerfällt, können wir diese nicht mehr wahrnehmen. Nicht einmal mehr mit dem Mikroskop. Und von einem solchen Ding sagen wir dann: es ist verschwunden, was jedoch wissenschaftlich durchaus ungenau ausgedrückt ist. Wie aber kommt es zu einem solchen Zerfall, zu einer solchen Zerstäubung? Mit physischer Gewalt nicht – das ist wissenschaftlich nachgewiesen! Auf elektrischem Wege? Dieser kommt hier nicht in Betracht! Also – vielleicht! – mit dem Willen des Menschen? Sie wissen, dieser, der Wille des Menschen, ist unendlich – ich erinnere Sie nur an die indischen Fakire, ja, schon im Tierreich die Schlange, die den Vogel bannt –! Hypnose, Suggestion, Autosuggestion und so weiter, und so weiter! Was ist Materie? Was ist Natur? Was ist solch ein verschwundenes kleines Ding? Ungeheuer sind die Probleme! Ungeheuer die Fragen! Geheimnis türmt sich auf Geheimnis! Der Wille des Menschen im Weltall, die Liebe, die Erde und der Kosmos, Tod und Leben –! Gräfin Ziegeltrum : Ach, Meister, lebt der Mensch noch einmal nach dem Tode? Kilian : Ob der Mensch noch einmal nach dem Tode lebt? Wenn er will, wenn er wirklich will, wenn er mit ganzer Kraft will, wenn er sagt: ich 58 will und muß, dann wird er auch noch einmal nach dem Tode leben! Schumpeter : Mit allen Seelen? Kilian : Nein! Natürlich nur mit den höheren! Die niederen vergehen mit dem vergänglichen Leib! Schiroga : Mir ist's, als hätten wir alle schon unsere Körper verloren – mein armes irrendes Herz läuft frei im Raum und greift nach den Geheimnissen und Wundern! Kummer : Geheimnisse? Wunder? Fällt auch noch dieses sinnloseste aller Worte? Darf ich Sie fragen, was in dieser Welt der durch die menschlichen Gesetze geordneten Natur ein Wunder ist? Kilian : Das wird der kleine Mensch ohne Seele und Aufschwung nie begreifen! Kummer (in die Hände klatschend) : Antworten Sie doch! Was ist ein Wunder? Vierfuß (aus dem Schlaf aufwachend) : Ein Wunder? Sie fragen, was ein Wunder ist? Es ist die Legitimation einer überirdischen Macht an einen Menschen, daß er ausgewiesen ist auf der Erde, als von ihr geschickt! Kilian : Sehr gut! Eine ausgezeichnete Erklärung! Vierfuß : Damit man weiß, daß auch, was er spricht, göttlicher Natur ist, und die Welt wird gut tun, solch einen Mann sehr zu verehren. Denn nur für diese ihre Lieblinge und Gesandte – die allerdings sollen die Lieblinge der lebenden Menschheit zu sein pflegen – verleugnet die Gottheit sich selbst und verzichtet für einen Augenblick 59 auf ihr ewig scheinendes Gesetz. Das ist der Sinn des Wunders! Kilian : Sehr gut! Eine ausgezeichnete Erklärung! – Selig solche Menschen, die dahinkriechen wie alle andere Kreaturen auch – eines Tages aber –: ein Toter! Sie sagen: Toter, werde lebendig! – und er wird lebendig! Ein Blinder! Sie sagen: Blinder, werde sehend! – und er wird sehend! – Welch ein Jubel, welch eine Erschütterung muß solch einen Menschen durchströmen, wenn er erkennt, daß er nicht nur ausgezeichnet ist mit den natürlichen Gaben des Geistes und Herzens, sondern auch mit den höheren, himmlischen Gaben! – Gehen wir! (Alle ab außer Vierfuß und Erika.) Vierfuß : Erika, Erika, armes Kind! – Doch warten Sie nur – es wird alles noch gut werden! (Ab.) Erika (allein) : Warum kommt er nicht? – Warum kommt er nicht? – Er soll doch kommen! – Ah, statt seiner Julius!   Julius . Julius : Fräulein Erika –! Endlich sehe ich Sie allein! Ich zittere nach diesem Augenblick! Noch erwarte ich von Ihnen die Antwort auf meine Frage – sagen Sie mir nicht Ihre Entscheidung! Etwas anderes muß ich wissen! Was ist's mit Ihnen? Ich sehe Sie abseits! Den ganzen Abend betrachte ich Sie! Während ich die Worte jenes Menschen in mich trinke und umrauscht bin von ihnen, hören Sie kaum hin, wenn er spricht! Erika : Weil ich ihn nicht recht verstehe, Julius. 60 Julius : Und meinen Sie, daß ich ihn immer verstehe? Haben Sie gedacht, wir könnten seine Lehren in einer Nacht begreifen? Was er ein Leben lang gedacht, könnten wir in fünf Stunden erfassen? Aber versuchen müssen wir es doch! Oder nicht –? Ihm folgen, soweit wir können! Es aufnehmen und uns damit abgeben, uns reicher machen, klüger, weiser! Oder nicht –? All das nicht? O Fräulein Erika! sind Sie nichts als schön? Erika : Sehen Sie nur, armer Julius, wie schnell ich Sie enttäuschen muß! Julius : Ich dachte, wir würden zusammengehen auf allen Feldern! Ich dachte, wer aussieht wie Sie, ist auch unendlich reich! Wollen wir nicht die Welt mit allen Armen umfangen? Wollen wir sie nicht mit tausend Augen betrachten? Ich dachte, wir würden heute die Brautnacht feiern des Geistes! Nicht, daß ich die Sinne verachte oder die Liebe der Sinne, o nein! ich kenne die Wildheit des Fleisches, die Wildheit des Mannes, und Ihre Schönheit brennt noch in mir – aber so fern von Ihnen brennt sie in mir! Ich dachte, jeder große Gedanke, den man ausspricht, würde unsere Augen leuchtend entgegenkommen lassen! Es geschehen hier unfaßbare Dinge – ich dachte, wir würden im Feuer der Ereignisse miteinander verschmelzen –! Statt dessen bin ich wieder allein, zittere ich allein! Welch ein Traum verfliegt mir hier! (Er weint.) Erika : Ein Traum, Julius, ja! Und dieser Schmerz gehört zu ihm, zum Traum – warten Sie die Nacht ab und den Morgen! 61 Julius : Es ist eine Katastrophe. Doch von Schuld sei nicht gesprochen. Leben Sie wohl!   Gräfin Ziegeltrum . Gräfin Ziegeltrum : Wo sind Sie, Julius? Sie versäumen so viel! Julius : Ist wieder etwas geschehen? Gräfin Ziegeltrum :: Geschehen ist nichts, aber er spricht vom Kosmos! Julius : Vom Kosmos? Den ganzen Abend habe ich's auf der Zunge, ihn zu fragen: wie weit reicht das Weltall? Ich weiß, noch weiter als die Sterne, immer noch weiter, aber die Grenze – wo ist sie? wann beginnt das Nichts? Und ist das Nichts grenzenlos? Was bedeutet dieses Wort: grenzenlos? Einmal muß doch die Grenzenlosigkeit ein Ende haben, und was beginnt dann? Oh, Gräfin, man muß wahnsinnig werden! Gräfin Ziegeltrum : Fragen Sie ihn doch! Fragen Sie ihn! Julius : Und wie ist alles entstanden? Wenn sich alles erst entwickelt hat, etwas muß dagewesen sein, das sich entwickeln konnte! Wann kam's? Vor undenkbaren Zeiten? Oder war es immer da? Immer? Was bedeutet das Wort: immer? Auch da die Grenzenlosigkeit? Oh, Gräfin –! Gräfin Ziegeltrum : Wir wollen ihn fragen, wollen ihm zuhören und wollen wieder miteinander darüber sprechen. Dann aber wollen wir seine Bücher lesen, Seite für Seite und Wort für Wort miteinander lesen und studieren! Wollen Sie? 62 Julius : Ja, Gräfin, das wollen wir tun! Gräfin Ziegeltrum : So haben wir einen gemeinsamen Altar! Kommen Sie! (Mit Julius ab.) Erika (allein) : Jetzt wird er wohl kommen –? Ja. Endlich.   Mantl . Mantl : Erika, ich werde verrückt! Wissen Sie, wie die Rose verschwunden ist, vom Kamin verschwunden ist? Ich habe sie mit dieser meiner Hand in diese meine Tasche gesteckt! Gut! Daran läge nichts? Gut! Aber hören Sie! Ich bin hier allein, wütend und nervös, sehe dort die Rose, erinnere mich, daß Ihre Mutter um ihretwillen ewig zankt, will nicht, daß sie von Hand zu Hand geht, und stecke sie zu mir! Gut! Man kommt herein, und wie man mich fragt, ob ich sie habe, sage ich aus Befangenheit: nein – ahnungslos, was sich daraus ergeben wird. Nachher aber war es zu spät, meine Lüge einzugestehen. Gut, alles gut! Wie man aber darangeht, mich zu untersuchen, und wie ich denke: jetzt bin ich ertappt, jetzt wird man sie finden! jetzt werde ich hinausgeworfen – als sie alle hereinkamen, habe ich sie hier noch gespürt, und nachher hatte ich die Hand nicht mehr in der Tasche! – wie er dann aber die Hand in meine Tasche steckt, ist sie nicht mehr drin, weg, verschwunden! Ich gehe ins Irrenhaus! Erika : Ja! Gehen Sie! Aber nehmen Sie mich mit! Hier ist sie! Wenn jene Menschen Sinne hätten, dann hätten sie sehen müssen, daß Sie gelogen 63 haben, daß Sie verlegen waren, daß Sie errötet sind! Ich habe Sie angesehen und alles verstanden! Ich war neben Ihnen, habe sie sofort aus Ihrer Tasche gezogen und hier versteckt! Das ist alles! – Ich aber kann nicht mehr! (Sie weint.) Mantl : Was soll ich jetzt sagen? Wie habe ich mich blamiert! Aber warum weinen Sie? warum Sie? Erika : Weil ich vor dem Geheimnisvollen erschauere – und ist es nichts Geheimnisvolles, erschauere ich doch! Weil mich alles erfaßt, ohne daß ich's erfassen kann! erfaßt bei allem, was sie unbegreiflich nennen, und mich erfaßt's, wenn sie's begreiflich machen wollen! Ja, ich ahne die Rätsel, und ich weiß nicht, wie sie zu Ende gehen –! Aber ich will nichts mehr vom Grenzenlosen hören, wenn ich das Begrenzte nicht kenne, ich will nichts von der Unendlichkeit wissen, solange ich das Endliche nicht lieben gelernt habe! Mantl : Sie sollen nicht in den Räumen fliegen! Bleiben Sie hier! Erika : Sie ziehen mich fort mit ihren Worten! Was sie denken, weiß ich nicht, will ich nicht wissen, aber ihre Worte höre ich, und sie vibrieren, wenn sie sprechen, und ich erzittere mit! Sie wünschen, daß Gespenster kommen, ich aber habe eine fürchterliche Angst davor! Diese Stunden um den Tisch in dem Strom dunkler Gespräche! Mantl : Was jene tun und reden, es ist ja nur ein Spiel mit Spielmarken, die sie niemals einlösen können. Erika : Wenn aber etwas so Einfaches geschieht, 64 daß jemand in Ihre Tasche greift und, ohne daß Sie es wissen, einen Gegenstand herausnimmt – was ist dann? Oh, Sie haben Ihre Ruhe und Kraft schnell wiedergefunden! Mantl : Weil ich sehe, daß ich sie für uns beide brauche! Erika : Ich höre vom Weltall – ja, aber sind wir nicht wirklich seine Bewohner? Ich höre vom Tod, und werden wir nicht wirklich einmal vergehen? Und vielleicht umschweben uns wirklich die fernen Toten, flügelrauschend und liebevoll oder sehnsüchtig nach einer blühenden Erde? Umlauern uns, eifersüchtige Vampire? Umarmen uns, sie die wahrhaft Lebendigen? Und ist nicht wirklich unser Dasein, alles Vergängliche nur eingeflochten ins Unvergängliche? und wirklich alles, Zeit und Leben, grauenhaft rätselvoll und geheimnisvoll? Mantl : Diese Hunde, daß sie wagen, all das auszusprechen! Erika : Diese nebelhaften Kräfte, von wo kommen sie und wohin gehen sie? Aber sie gehen durch mich! Mantl : Durch uns beide! Erika : Ich weiß nicht, was es ist. Ich spüre mich vergehen. Mantl : O Erika –! (Kuß und Umarmung.) – Man kommt.   Kummer . Kummer : Ich will nur nochmals nachsehen, ob sie nicht in den Kamin gefallen sein kann. – Nein. Ausgeschlossen! Alles in Ordnung! (Ab.) 65 Mantl : Sie suchen noch immer! – Sehen Sie, und nun lachen Sie schon ein wenig darüber! – Hören Sie das Gewitter? Es kommt zu uns. Erika : Ja. Sturm. Und schon die ersten Tropfen. – Was aber sollen wir tun, wenn man Sie nochmals oder mich untersucht und sie bei uns findet? Mantl : Wegwerfen –? Wohin –? – Ich werde sie dorthin legen, wo sie war! Erika : Und was ergibt sich daraus? Mantl : Was kümmert's mich! Wir beide wissen ja Bescheid! Erika : Und wenn man uns beobachtet hat? Mantl : Das könnte nur Kummer getan haben. Die anderen haben gewiß nichts gesehen. Und wir leugnen ihm, der alles durchschaut, alles ab! – Schnell, schnell! – Hier sei sie niedergelegt. – So!   Kilian . Kilian : Man soll uns nicht den Vorwurf des Leichtsinns machen dürfen. – Ich muß auch den Kamin – aber hier ist sie ja! Haben Sie's gesehen? Seit wann liegt sie da? (Nach außen:) Meine Damen und Herren! Hier ist sie!   Frau Samson, Schiroga, Schumpeter, Kummer . Kilian : Ahnungslos komme ich her, und dort liegt sie friedlich und stumm, als wäre es nichts! Schumpeter : Seit wann? Frau Samson : Ganz plötzlich –? O Meister –! Kilian : Da stehe ich nun, und was soll ich denken? Jetzt, mein Schicksal, bewahre mich vor 66 Hochmut! All unsere Kenntnisse, all unseren Geist müssen wir aufwenden, um auch dieses Phänomen zu erklären!   Gräfin Ziegeltrum, Julius, Vierfuß . Frau Samson : Sie ist wieder hier! Dort –! Plötzlich! Vierfuß : Wer? Ach die Rose! Das freut mich, denn ich hatte den Eindruck, Erika, als wäre Ihnen an ihrem Besitz ein wenig gelegen? Gräfin Ziegeltrum : Mehr haben Sie nicht zu sagen –? Frau Samson : Ein Ignorant! Kilian : Wir dürfen die Besinnung nicht verlieren! Sie, Herr Kummer, waren vor einer Minute hier und haben nichts gesehen –? Kummer : Allerdings! Kilian : Und nur diese beiden jungen Menschen waren hier und können sie doch nicht hingelegt haben, denn sie hatten sie doch nicht –! Schiroga : O Welt, o Welt, o Welt! Kilian : Was soll man denken! Oder hört hier das Denken auf? Oder beginnt es hier in Wirklichkeit erst? Schiroga : Ja, hier beginnt es erst! Kilian : Oder beginnt das Unbegreifliche, nicht Erklärliche, das Wunderbare? – Bewahre mich vor Hochmut! – Sie, Herr Kummer, der Sie alles zu wissen glauben, haben Sie nichts zu sagen? Retten Sie uns vor diesem Schauer! Sie, auch Sie, wenn auch auf anderen Wegen, ein Sucher der 67 Wahrheit, können Sie uns nicht wenigstens auf Ihre Art eine Deutung geben? Sprechen Sie, sprechen Sie! Kummer : Gerne, gerne! Ich warte ja darauf! Es ist so weit! Meine Damen und Herren! Ich bin als Forscher hergekommen und bedauere, mich als Detektiv betätigen zu müssen. Es ist ein Betrüger unter uns! Julius : Was –? Frau Samson : Wer ist es? Schumpeter : Ausgeschlossen! Gräfin Ziegeltrum : Ich sterbe! Kummer : Jawohl, ein Betrüger, ein Schwindler! und zwar ein sehr läppischer, der nicht berechnet hat, daß ich hier bin! Kilian : Wer sollte es gewagt haben, mich zu narren? Mantl : Mein Herr! Ich habe mich von Ihnen untersuchen lassen, soviel Sie wollten; wenn Sie mich aber noch einmal verdächtigen, haue ich Ihnen eins in die Fresse! Kilian : Nicht solche Worte! Sie passen schlecht in diesen Augenblick! Er soll sagen, was er zu sagen hat, und wir wollen alles prüfen! Doch dieser junge Mann ist gewiß nicht schuldig – sehen Sie ihn an und seine Miene! Kummer : Wozu noch weiter dieses lächerliche Spiel? Verteidigen Sie nicht Herrn Mantl – ich habe ihn nicht angegriffen. Er hat nicht gelogen –! Kilian : Sondern? Frau Samson : Sprechen Sie's aus! 68 Julius : Wer? Kummer : Unser verehrter Meister! Kilian : Wer –? Ich –? Frau Samson : Er ist verrückt! Schiroga : Mensch! Kilian : Ich betrogen –? Ich –? Ich schwöre es bei allen Heiligen: es ist nicht wahr! Gräfin Ziegeltrum : Meister, wir lassen uns nicht beirren! Julius : Das ist die größte Roheit, die man je erleben kann! Mantl : Er soll's beweisen! Kummer : Sehr richtig! Schreien Sie doch nicht! Warten Sie! Ich will's Ihnen beweisen! Es ist psychologisch interessant, aber ein durchaus unorigineller Fall. – Sie starren alle fasziniert auf die eine Minute, in der Herr Mantl hier allein war, untersuchen das Zimmer, untersuchen ihn und finden nichts. Nun ist es ein alter Trick der Taschenspieler, die Aufmerksamkeit des Publikums in eine bestimmte Richtung hinzulenken, etwa auf die sehr tätige rechte Hand – und währenddessen kann die Linke um so ungestörter den Zauber vollführen. So auch hier! Gab's nicht außerhalb dieser einen Minute, in der allerdings die Rose unmöglich verschwinden konnte, gab's nicht außerhalb dieser einen Minute dafür eine Gelegenheit? Jawohl! Als wir nämlich ins andere Zimmer gingen, trat ich, alles beobachtend, als Vorletzter hinaus, und es entging mir nicht, daß unser Meister noch einen Augenblick hier blieb, um einige gewichtige Worte 69 an Herrn Mantl zu richten. Es ist mir sofort verdächtig erschienen! Herr Mantl, vollkommen naiv, gesteht selbst ein, daß er nicht weiß, was hier vorgegangen ist. Was war nun leichter, als in dieser einen Sekunde mit einem kurzen Griff den betreffenden Gegenstand in seine Tasche zu praktizieren? Nachher läßt man das Zimmer und die einzige verdächtige Person untersuchen und hat währenddessen in aller Gemütsruhe das Ding bei sich! Kilian : Ich schwöre, ich schwöre –! Kummer : Einen Augenblick! Es hat mich gejuckt, während Sie so erschüttert waren, Ihnen zu sagen: greifen Sie doch in seine Tasche; doch wollte ich es natürlich zu Ende führen lassen, und ich habe Ihnen ja auch prophezeit: der Gegenstand wird wieder auftauchen, wenn das Zimmer leer oder fast leer sein wird; denn er ist geschickt genug, nie allein zu bleiben, um keinen Verdacht zu erregen. Und dann, während zwei vollkommen ahnungslose Menschen hier sind, die womöglich – wiederum sehr geschickt von ihm – womöglich mit anderen Dingen beschäftigt sind, taucht sie ganz leicht auf ähnliche Weise wieder auf! Kilian : Aber ich bin doch gar nicht zum Kamin getreten –! Herr Mantl –! Kummer : Ein Wurf, und sie liegt dort! Mantl : Ich finde die Beweisführung ausgezeichnet. Sie nicht auch, gnädiges Fräulein? Kilian : Sie auch –? Erika : Ich enthalte mich des Urteils. Kilian : Sie auch –? 70 Frau Samson : Hinaus! Mantl : Sie dürfen mich, den so lange Verdächtigen, nicht hinausweisen – er will rehabilitiert sein! Kilian : Das wird der Himmel bestrafen! Ich gelogen und betrogen? Ich, ich? – Hören Sie den Donner? – Gewaltige Stunde! Wer hinausragt übers Allgemeine, muß Märtyrer werden! – Hören Sie den Donner? – Was macht man aus mir –? Frau Samson : Seit zwanzig Jahren zum erstenmal spüre ich eine Träne –. Kilian : Ich zermartere mein Gehirn und grüble und suche alles in mir hervor, was ich weiß von der Welt, und er sagt: Betrüger! Ich bete: bewahre mich vor Hochmut, und er sagt: Schwindler! Gräfin Ziegeltrum : Wir glauben an Sie! Julius : Ja! Kilian : Aber ein Zweifel bleibt doch! Und wie beweise ich ihm meine Unschuld? Bin ich gefesselt? Kann ich nichts sagen? – Ich will Ihnen alles verzeihen, aber strengen Sie Ihren Geist an, bemühen Sie sich –: gibt's keine andere Erklärung? Kummer : Nein! Keine! Kilian : Und wenn ich nun kein Betrüger wäre –? Kummer : Dann allerdings müßte ich an Ihre übermenschlichen Kräfte glauben! Kilian : Dann – dann –! Ich bin keiner, ich bin keiner! O Herr, gibt's eine wissenschaftliche Erklärung, gib Kraft meinem Geist, daß ich sie finde! Vielleicht können sich die Atome, Ionen, 71 Elektronen zur alten Form wieder zusammenfinden? Ist's aber ein Wunder, laß andere Wunder geschehen, die er nicht anzweifeln kann! Frau Samson : Sehen Sie ihn an, sehen Sie seinen Kummer, und glauben Sie noch immer, was Sie gesagt haben? Kummer : Ja! – So bleibt auch hier nichts Zweideutiges, meine Mission ist erfüllt, und die Ehre der Natur ist gerettet! Gute Nacht! Vierfuß : Sie wollen gehen? – Gestatten Sie mir, daß auch ich mich bei dieser Gelegenheit verabschiede! Kilian : Auch Sie –? Auch Sie –? Und warum? Vierfuß : Es ist spät, und dies alles ist mir nicht wie Ihnen eine Sensation. Kilian : Ist's Ihnen gleichgültig, was hier geschehen ist, wie es geschehen ist, wie es und ob es erklärt wird? Und ob ich ein Betrüger bin? Ist's Ihnen gleichgültig? Vierfuß : Ja. – Ich denke nämlich: es wird schon irgendwie sein. Ich mache nicht den gewaltigen Unterschied, wie Sie, zwischen dem Bekannten und Unbekannten. Das Bekannte und Alte verachten Sie, das Neue lieben Sie, und das Unbekannte machen Sie zum Gespenst! Frau Samson : Er hat Angst, Meister, vor dem Fremden, Gewaltigen und Wunderbaren! Kilian : Materialist! Vierfuß : Aber, aber! Im Gegenteil, es ist mir zu unmystisch, und wenn Sie mystisch werden, ist es mir zu materialistisch! Sie wollen immer irgend 72 etwas Jenseitiges – ich weiß nicht, was es ist, aber irgend etwas Jenseitiges mit diesseitigen Dingen beweisen. Das aber ist eine gottlose Spielerei! Das Wunderbare! Was habe ich nicht schon Wunderbares erlebt! Sehen Sie mich an! Wie lange ist's her, da habe ich so ausgesehen wie dieser Knabe, und jetzt – sehen Sie mich an! Kilian : Kleiner Mensch! Wissen Sie nicht, daß das allerdings nur ein Naturgesetz ist? Vierfuß : Vielen Dank! Doch ist es mir schon seit langem vollkommen gleichgültig, ob die Natur ihr Unbegreifliches vollbringt, indem sie ihre Gesetze durchbricht, oder indem sie sie befolgt. Es ist, als wären zwei Gottheiten –: die eine läßt die alte Ordnung abrollen, die sie einmal geschaffen, und die andere, ja, sie bewirkt das Wunderbare und, wenn sie wollen, das Wunder – ich sagte: es ist als wären zwei Gottheiten, doch denken Sie! diese und jene, beide sind eine! – Gute Nacht! Kilian : Nein! Sie sollen bleiben! Und dann vor meine Füße und flehen: verzeih uns! Gräfin Ziegeltrum : Und haben Sie nicht Angst? jetzt? in dieser Stimmung? in den dunkeln Straßen? Vierfuß : Wovor? Wenn Gespenster kämen, ich meine: wirkliche, richtige Gespenster, ich würde sagen: sieh an, sieh an, gibt's das also wirklich? Und was könnten sie mir tun? Hier stehe ich, heute noch lebendig, aber ein Greis – und dennoch habe ich keine Furcht mehr vor dem Tode. Sehen Sie, das ist etwas, worüber ich nicht genug staunen 73 kann. – Sie, Julius, hätte ich gern mitgenommen – doch ich weiß, ja, ja, Sie bleiben unbedingt hier. Kummer : Genug gesprochen! Gehen wir endlich! Genug geschwindelt! Kilian : Satan der kalten Vernunft! Bleib! Und prüf' noch einmal! Ich fühle, es werden noch ungeheure Dinge geschehen! Kummer : Es bleibt Ihnen gläubiges Publikum genug! Kilian : Erwürgt ihn niemand? – Was wird aus mir gemacht! Gehen Sie nicht! Sie würden es bereuen! (Es donnert.) – Ja, das sage ich euch: wer jetzt geht, wird wiederkommen, wird wiederkommen – aber auf einer Bahre wird er hereingetragen werden müssen! Frau Samson : Bleiben Sie! Gräfin Ziegeltrum : O Gott! Vierfuß : Das hätten Sie nicht sagen dürfen! das war nicht schön, das hätten Sie nicht sagen dürfen, so mit aller Kraft es mir entgegenwerfen. – Wenn ich trotzdem gehe, so gebe ich dennoch zu, daß Ihre Prophezeiung sich sehr wohl erfüllen könnte. Denn oft schon ist es geschehen, daß einem Menschen sich jene Voraussage, die er nicht beachtet hat, weil sie ihm sinnlos schien, sich erfüllt, und Warnungen, die er überhört hat, weil sie ohne Vernunft waren, sich später doch als gar zu berechtigt gezeigt haben. Ja, es gibt geheimnisvolle Zusammenhänge, doch spricht man von ihnen, sind sie nicht mehr wahr. – Sehen Sie: ich bin erschrocken. Meine Schritte gehen schwerer. Sie 74 hätten nicht so zu mir sprechen sollen! Wie kann man auch so etwas einem achtzigjährigen Mann sagen! – Aber hören Sie: ich will noch nicht sterben! zum Donnerwetter! ich will noch nicht sterben! Wir wollen doch sehen! – Gehen wir, Herr Kummer? – Sie hätten nicht so zu mir sprechen sollen! – Gehen wir, Herr Kummer? Kummer : Ich will ihm den Gefallen tun und bleibe noch; es interessiert mich selbst, was es noch Ungeheures geben wird. Vierfuß : So gehe ich allein. Gute Nacht! (Ab.) Kilian : Gehen Sie ihm nach, gehen Sie ihm nach! Er soll bleiben! (Frau Samson ab.) Kummer : Ach, dieses Geschrei! (Ab.) Mantl : Kommen Sie! (Mit Erika ab.) Kilian : Schleichen sich alle weg? vom Schwindler? vom Betrüger? Ja, gehen Sie! Gehen Sie alle! Zuviel kommt über mich! Lassen Sie mich allein! Gräfin Ziegeltrum : Ja, wir wollen ihn allein lassen. – Meister, aber wir glauben an Sie! (Mit Julius und Schiroga ab.) Kilian (allein) : Herr, Schicksal, Allmacht, Gott, Idee, deus – wie man dich nennen mag: welche Prüfungen schickst du über mich? Womit habe ich dich erzürnt? Der du die Dinge geschehen läßt, rette mich, rette mich! Ich bin ja nichts, nur dein Diener, dein Knecht, Sklave, Magd, hätte ich fast gesagt – vernichte die Zweifler, laß andere Wunder geschehen! – Laß andere Dinge verschwinden, diesen Tisch, diesen Schrank, dieses Haus, laß Menschen verschwinden, laß meine Feinde 75 verschwinden vom Erdboden! Laß Wunder geschehen! Laß sie regnen, laß sie regnen! (Es klopft ans Fenster.) Wer ist da? (Es klopft noch einmal.) Wer ist da? Natterers Stimme s: Lassen Sie mich doch hinein! Kilian : Wer bist du? Natterers Stimme s: Das will ich Ihnen sagen. Aber lassen Sie mich doch zuerst hinein! Kilian : Bist du ein Mensch –? Natterers Stimme s: Ein richtiger Mensch! Ich stehe hier im Regen und finde die Klingel nicht in der Dunkelheit. Lassen Sie mich hinein! Es ist unerhört! Kilian : Und was willst du? Natterers Stimme s: Nichts Schlimmes. Ich bin durchnäßt und will vor allem ins trockene Zimmer kommen. Kilian : Schwöre! Natterers Stimme s: Ich schwöre. Kilian : Nun denn! (Er öffnet das Fenster.)   Natterer (mit einem Koffer und einem Strauß Rosen) . Kilian : Mensch! Hilfe! Die Rosen! Vervielfältigt! Natterer : Erschrecken Sie doch nicht! Was geht denn hier vor? Die Rosen? Ich habe sie bei einer Händlerin gekauft, um sie Frau Samson mitzubringen. Sind Sie der Hausherr? Kilian : Nein. – Wer sind Sie? Natterer : Ich heiße Natterer. Kilian : Und –? Natterer : Haben Sie nie von Natterer gehört? Jakob Natterer? 76 Kilian : Nein. Natterer : Und wissen Sie auch nicht, daß hier ein Gast erwartet wird? ein Schriftsteller, ein Philosoph? Kilian : Jetzt? um diese Stunde? Natterer : Nein. Früher – um neun Uhr. Mein Zug hatte aber fünf Stunden Verspätung. Und ich komme an, fremd, niemand kümmert sich um mich, niemand erwartet mich, ich irre im Gewitter durch die menschenleeren Straßen, natürlich kein Auto zu bekommen, verirre mich, finde nicht das Haus, dann nicht das Tor – eine Stunde wate ich im Regen. Das ist die Verehrung, die Liebe, die man genießt! Gib uns die Produkte deines Geistes, liefere sie nur ab, deine Schmerzenskinder, im übrigen kannst du verrecken! – Aber ich will nicht klagen, wahrscheinlich verdiene ich es nicht besser. Ich habe nur zu arbeiten, zu arbeiten, und so meine Mission zu erfüllen. Kilian : Jetzt verstehe ich alles! Auf den Gedanken bin ich nicht gekommen –. Natterer : Wo ist die Hausfrau? Kilian : Einen Augenblick –! Die können Sie jetzt nicht sehen. Natterer : Und mit wem spreche ich? – Bitte? Mit wem spreche ich? Kilian : Ich heiße Kilian. Natterer : Sie sind Gast in diesem Haus? Kilian : Ja. Natterer : Und wurde gar nicht von mir gesprochen? Hat man mich vergessen? vergessen, daß 77 ich kommen soll? Die Leute glauben immer: wenn einer mehr ist als sie im Geist, dann spürt er keinen Hunger, keinen Regen, nicht seinen Körper – soll's ihm gehen, wie's will! Nach dem Tod werden dann aus dem Elend und aus den Mißhandlungen Anekdoten gemacht, dann werden die Denkmäler gebaut. – Gut, gut, was bin ich denn; ich bin ja auch nur ein kleiner Mensch, ein Nichts. Aber dieser kleine Mensch wird doch auch, solange er lebt, ein wenig mißhandelt. Kilian : Wie ich Ihnen das nachfühlen kann, mein Herr, oh, wie gut! – Er tut mir leid. Was aber soll ich tun? Aus dem Fenster und weg –? Aber dann –? Dann war ich nur eine Mystifikation – und was geschah, war dann natürlich nur Schwindel! Natterer : Führen Sie mich doch, bitte, endlich zur Hausfrau! Ich will in mein Zimmer gehen, mich vor allem umkleiden. Kilian : Das geht nicht, mein Herr, das geht nicht! Natterer : Und warum? warum? Kilian : Was soll ich tun? – Ich will Ihnen alles sagen. Man hat uns beide, wie ich kam, miteinander verwechselt. Man hat mich für Sie gehalten. Natterer : Und Sie haben den Irrtum nicht aufgeklärt? – Es ist dabei geblieben? – Und warum? Kilian : Das läßt sich nicht mit einem Wort sagen und hat vielleicht eine tiefere Bewandtnis. Vielleicht hat das Schicksal hier mitgespielt. 78 Natterer : Wieso? wieso? Ich verstehe Sie nicht. – Sind Sie auch Philosoph? Kilian : Ja! Natterer : Haben Sie irgendwelche Werke veröffentlicht? Kilian : Noch nicht! Natterer : Was sind Sie von Beruf? Kilian : Buchbinder. Natterer : Und was Sie gesprochen haben? Kilian : Hat große Bewunderung geerntet, große Bewunderung! Natterer : Sie kennen meine Werke nicht? Kilian : Nein. Natterer : O Ruhm! Das ist die Welt! Das sind meine Verehrer, die mir flammende Briefe schreiben, die Gläubigen an mich, die mich einen Weisen nennen und das größte Genie der Zeit – und dann kommt ein Buchbinder, spricht, was ihm in den Sinn kommt, und sein Humbug wird so beklatscht wie meine Lehren, über denen ich seit drei Jahrzehnten grüble. In diesem Augenblick fühle ich mein Leben nutzlos versprengt. Kilian : Einerseits verwahre ich mich dagegen, Humbug gesprochen zu haben; Sie haben mich nicht gehört und haben nicht das Recht, es so zu nennen – andererseits verstehe ich Ihren Kummer. Natterer : Ihnen, lieber Mann, verzeihe ich! Sie sind nicht der Schuldige hier! Die Verlockung war wahrscheinlich zu groß. Wir sind alle kleine Menschen, auch ich, auch ich! Keine Gewissensbisse – reichen Sie mir die Hand! 79 Kilian : Ich habe kein schlechtes Gewissen, es kam so, mußte so kommen; nur Sie, wie Sie dastehen! Ich bedauere Sie, aber trösten Sie sich damit, daß Ihr Name Wunderkraft besitzt, und wer sich mit ihm umkleidet, gilt schon als großer Mann; denn ich wurde von Anbeginn sehr ehrfurchtsvoll, mit großer Auszeichnung empfangen! Natterer : Mein Name, mein Name! Was liegt am Ruhm! Aber was hinter dem Namen steht? Der Mensch! Und hinter dem Menschen? Die Gedanken, die Lehren, der Glaube! – Und haben Sie nicht bedacht, daß man gelernt haben muß? Auch das Denken muß man lernen! Selbst bei den besten Anlagen! Studieren, studieren, studieren! Kilian : Ja, gewiß, gewiß, das ist wahr –. Natterer : Sie haben einen Beruf, Sie können keine Zeit haben, Sie müssen die Dinge nur von der Oberfläche sehen –! Nun, trösten Sie sich, lieber Mann, trösten Sie sich! Zum Schluß gibt's eben eine Anekdote von Natterer. – Und worüber haben Sie gesprochen? Kilian : Man hat mich gefragt, und ich habe gesagt, was ich denke. Natterer : So, so. Und was nun etwa haben Sie gesagt? Kilian : Manches könnte, denke ich, trotz allem in Ehren in Ihren Büchern Aufnahme finden; aber es deckt sich vielleicht nicht mit Ihren Meinungen, auch bin ich nicht so gebildet wie Sie, in meiner Ausdrucksweise nicht so fachmännisch, und zu 80 debattieren ist nicht meine Sache –. – Sagen Sie mir lieber, was ich hätte antworten sollen! Natterer : Fragen Sie, guter Mann, fragen Sie! Kilian : Man hat die schwerwiegendsten Fragen an mich gerichtet! Zum Beispiel –: welches ist die fruchtbarste Religion für den Menschengeist? Natterer : Und darauf haben Sie geantwortet? Eines der gewaltigsten Probleme, über das ich seit Jahren nachdenke. O Gott, o Gott! – Nun denn: ich habe die Vision einer Religion, die alle Religionen in sich zusammenballt, das Fruchtbarste aus ihnen allen addiert, gleichsam also eine Universalreligion! –Verstehen Sie das? Kilian : Ja! – (Für sich:) Das habe ich auch gesagt! – Was denken Sie über den Spiritismus? Natterer : Ich bin kein Gaukler und kein Hexenmeister! Meine Arbeit liegt auf anderem Gebiet. Kilian : Das habe ich auch gesagt! – Lebt der Mensch noch einmal nach dem Tode? Natterer : Welch ein Problem! – Das ist eine Frage des unbedingten Willens zur Wiedergeburt! Kilian : Das habe ich auch gesagt! – Hinaus! Sie sind ein Buchbinder! Natterer : Was bin ich? Kilian : Hinaus! Entweder bin ich ein Prophet wie Sie, oder aber Sie sind ein Schwindler so wie ich! Für zwei Schwindler aber ist in diesem Haus kein Raum und auch nicht für zwei Propheten! Hinaus! Natterer : Ich denke, ich habe einen Verrückten vor mir –? 81 Kilian : O nein, doch einen Narren, einen Narren der Bescheidenheit, der sich hat einschüchtern lassen, doch nur für einen Augenblick, und meine natürliche Kraft wogt wiederum in mir! Was Sie in dreißig Jahren Tropfen für Tropfen herausgeschwitzt haben, das strömt, ist meine Brust einmal geöffnet, in fünf Stunden hervor! Hinaus! Wie Sie gekommen sind! Hinaus! Natterer : Der Mensch, der sich einen Namen angeeignet, will seinen Träger, der einige Gedanken gestohlen hat, will ihren Schöpfer hinausjagen –? Es ist grotesk! Kilian : Weniger, als Sie glauben! Gestohlen? Ich kenne Ihre Bücher nicht, nicht einmal Ihr Name ist zu mir gedrungen! Ich war behangen mit Gedanken, wie der Baum mit Blüten! Wenn ich geschaut, wenn ich geatmet habe, war's schon ein gigantischer Gedanke! Natterer : Und mein ganzes Werk? Sechzehn Bücher, neun Broschüren –! Kilian : Das kommt! Natterer : Über unzählige Themen Vorträge gehalten! Kilian : Das kommt! Natterer : Und was ich sonst geleistet –? Kilian : Unmöglich mehr – im Verhältnis – als ich in den letzten fünf Stunden! Natterer : Vor närrischen Weibern! Kilian : Vor Ihren Anbetern! Natterer : Indem Sie meinen Namen trugen! Kilian : Und von niemand die Verwechslung 82 bemerkt wurde! – Und von den mystischen Ereignissen spreche ich gar nicht! Natterer : Ob Sie auch wagen würden, so zu sprechen, wenn Sie mein neues Werk kennen würden? Kilian : Was ist es? Natterer : Sie verstehen es ja gar nicht, wenn ich Ihnen sage, worum es sich handelt! Es heißt: Visionen – und ist halb philosophisch und halb dichterisch. Alle Träume und Visionen, die ich jemals hatte, sind darin gesammelt. Kilian : Visionen? Das kann ich auch! Natterer : Sie sind größenwahnsinnig! Kilian : Man schließt die Augen und versenkt sich. Versuchen wir's! Ich bin in Stimmung! – Sie können es nicht so schnell? – Ich versenke mich! – Setzen Sie sich! – Sind Sie so weit? – Was sehen Sie? Natterer : Ich sehe eine paradiesische Landschaft, von einem Bach durchzogen –. Kilian : Als der ehrliche Handwerker, der ich bis heute war, schwöre ich Ihnen: ich sehe dasselbe! Natterer : Schwindler! Kilian : Gut! So spreche ich weiter! – Entlang des Baches geht ein nacktes Liebespaar. Er ist etwas größer als die Frau. Sie sieht zu ihm auf, und er hat seinen Arm um ihre Schulter gelegt. – Gestehen Sie: sehen Sie dasselbe? Natterer : Allerdings. – Jetzt bleiben sie stehen –. Kilian : Und sehen zum ewig blauen Himmel empor! – Genug! Hätte ich studiert wie Sie, die 83 Welt läge vor mir, hätte ich so viele Bücher gelesen wie Sie, die Welt würde bersten! Dreißig Jahre – und noch ragen nicht überall Ihnen zu Ehren prachtvolle Denkmäler empor? Noch brüllt Ihnen nicht in der kleinsten Stadt ein millionenfaches Hurra entgegen? Sie sind ein Stümper! Natterer : Sie wissen nichts von der Welt, nichts vom Schicksal des großen Mannes, nichts von den Feinden, Neidern und Verständnislosen! Kilian : Die Neider sind fern, meine Freunde aber sind um mich! Die Feinde können nur die Köpfe schütteln, aber die Freunde jubeln laut! Die Hausfrau hat drei Cousinen in drei verschiedenen Städten, und jede ist umgeben von einer Schar wissensdurstiger Menschen; ich fahre hin und dorthin und dorthin und dann weiter, weiter, und überall bildet sich ein Kreis und noch ein Kreis und noch ein Kreis, und dann, wie der Rauch hinausdringt aus dem geöffneten Fenster ins Offene, so dringt mein Ruf in die Welt, und zuerst wird man's flüstern, dann aber rufen: ein neues Genie, ein neues Genie! Und glauben Sie nicht, daß man sich in der Literatur für mich interessieren wird? Und dem Himmel sei's gedankt, es gibt noch Frauen, die wissen, daß man sich der neuen Größe zuwenden muß, und es werden sich noch nicht verblödete, sondern moderne Universitätsprofessoren finden, die dem Fortschritt zuliebe die Geschehnisse hier untersuchen werden und sagen: es ist etwas daran, es ist etwas daran! Ja, dem Himmel sei's gedankt, der Charakter dieser Zeit ist 84 nicht so steif und hart, daß sie nicht wüßte: sie muß fortschreiten, immer suchen, immer suchen und sich strahlend dem Neuen zuwenden! Und wie der Komet mit seinem Schweif am Himmel dahinstolziert, so werde ich über die Erde schreiten, mit einem Schweif von Bewunderern, und alles wird rufen: seht ein Komet! Natterer : Es wird anders kommen, bestimmt anders kommen; Sie werden wieder untergehen! Kilian : Und warum? Natterer : Vielleicht nur deshalb, weil Sie zu plötzlich gekommen sind, nur deshalb, weil Sie die schnelle Fahrt nicht vertragen werden. Dann aber werde ich noch schlicht und einfach als kleine Sonne am Himmel stehen. Kilian : Sie? Sie sind größenwahnsinnig! Haben Sie denn nicht selbst von sich gesagt: ich bin ja nichts, ich bin ja nur ein kleiner Mensch! Natterer : Narr! Wohl habe ich das gesagt, aber warum? Weil man sich selbst nie überschätzen soll! Wohl habe ich es gesagt, aber das war nur meine Demut! und meine Demut ist rührend, herzbezwingend, und Sie sind der erste, der sich ihr entziehen will! Kilian : Und warum? Weil ich noch demütiger bin als Sie! Sage ich nicht selbst immer: ich bin ja nur ein schlichter Sucher der Wahrheit! Natterer : Lügner! Das sage ich immer von mir! Kilian : Genug! Hinaus! Natterer : Ich gehe zur Hausfrau! Kilian : Gehen Sie, und ich gehe mit! Doch jene 85 werden dann wissen, und morgen wird's die Stadt wissen, und weiter wird sich's tragen und weiter –: es wurde ein Prophet erwartet, doch siehe! es kam statt seiner ein einfacher Handwerker, der sein Leben in seiner Kammer verbracht hat – und er öffnete den Mund und sprach, und alle riefen: Oh, wie ist er gewachsen, wie ist er noch größer, als wir gedacht hatten, der Prophet – doch siehe, es war der einfache Handwerker! Wer ist dann der Große, der Held, die Leuchte des Geistes? Kilian, der Buchbinder! Und wer der überschätzte, kleine Mensch, der Aufgeblasene? der Schwindler? Herr Natterer! Natterer : Es ist eine sonderbare Stunde. Glauben Sie es mir: ich habe immer ehrlich und aufrichtig gedacht und gearbeitet und nach der Wahrheit gesucht. Und wenn mir jemand gesagt hätte: Sie sind ein Schwindler, Herr Natterer, dann hätte ich geantwortet: wie das, mein Herr, wie das –? In dieser sonderbaren Stunde aber taucht mir langsam ein Gedanke auf: wer ein Schwindler ist vor höheren Instanzen, das läßt sich schwer sagen, schwer entscheiden –! Vielleicht ich nicht weniger als Sie! Und wer weiß, ob nicht gerade diese Erkenntnis entscheidend ist in meinem Leben, und ob nicht gerade sie meine Gedanken in ganz neue Richtungen lenken und so die Frucht dieser Stunde neue Theorien und Bücher sein werden! – Und wenn ich gehe? Kilian : Dann soll nie ein Mensch auf Erden von dieser nächtlichen Zwiesprache erfahren! 86 Natterer : Ihre Hand! Kilian : Hier! Natterer : Nun denn, reichen Sie mir den Koffer! – Doch draußen auf einer Bank sitzt ein Mann – ich habe mit ihm gesprochen, ihn um Auskunft gebeten und dabei gesagt, wer ich bin – und wenn ich nun wieder gehe und er sitzt noch immer dort –? Kilian : Ein fremder Mann? Natterer : Er schien herzugehören; ein alter Mann; er war ganz schwach und krank. Kilian : Ein alter Mann? schwach und krank? schien herzugehören? – Vierfuß! Natterer : So ähnlich nannte er sich. Kilian : Sie können getrost gehen! – Hier haben Sie ein Beispiel –: bevor Sie kamen, ging er weg, und ich habe gesagt, er wird als Toter, auf einer Bahre wiederkommen. Kaum habe ich es ausgesprochen, sitzt er draußen, krank und schwach. – Haben Sie schon etwas Ähnliches geleistet? Natterer : Ich habe es noch nicht versucht. – Ich wollte ihm beistehen, doch er hat gemurmelt: gehen Sie, ich glaube, mir ist nicht zu helfen. Kilian : Aha! – Sie haben es noch nicht versucht? in Ihrer dreißigjährigen Tätigkeit noch nicht versucht? – Sie können getrost gehen! Entweder ist der alte Mann jetzt schon tot, oder er wird gestorben sein, bevor er wieder hereinkommt. Sie können getrost gehen! Natterer : Reichen Sie mir den Koffer! – Herr Kilian, wollen wir Freunde sein? 87 Kilian : Danke! Danke! Gehen Sie! Natterer : Reichen Sie mir den Koffer! (Er klettert durchs Fenster hinaus. – Ab.) Kilian (allein:) Und hier noch Ihre Rosen! (Er wirft sie hinaus.) – Schon weg. Er hat mich nicht mehr gehört. Nun denn, so mögen die Blüten im Garten liegenbleiben als Zeichen meines Triumphes! (Er schließt das Fenster.)     Das war herrlich! Das war prachtvoll! Das war ein Sieg der geistigen und menschlichen Kraft! Das war mir geschickt, um mich aufzurichten nach meinen Prüfungen! – Und draußen sitzt Vierfuß und krepiert!   (Ende des zweiten Aktes.) 88   Dritter Akt Garten mit Gitter, im Hintergrund die Front des Hauses. Nacht, später kommende Dämmerung.   Vierfuß (auf einer Bank vor dem Gitter) . Vierfuß (aus dem Schlaf erwachend, allein:) Noch immer Nacht! Welch traurige Kraft, die mich hier niederhält, welch arme Schwäche, die mich nicht nach Hause gehen läßt! Es läuft heute alles so, wie er will, es läuft heute so – aber es wird doch nicht sein, es wird doch nicht sein, daß ich sterbe? Oh nein, es wird nicht sein! (Er schläft wieder ein und bleibt von allen unbemerkt.)   Julius . Julius : O Welt! O Geist! O Liebe! Was ist die Welt? Sie sprechen weiter, sprechen immer weiter, und ich kann nicht mehr denken, kann nicht mehr folgen, nicht ihren Worten und nicht den Ereignissen! Alles, jedes einzelne, das geschieht, und jeder Satz, den ich höre, alles macht mich hilflos und ratlos und sprengt mich – sie 89 aber – ja, das ist das sonderbarste und unbegreifliche: sie nehmen alles zusammen so hin, zwar staunend und doch, als wäre alles in Ordnung! Wahrscheinlich leben sie schon in einer anderen Sphäre. – Und ich? Wer hilft mir? mit wessen Hand kann ich gehen? wo ist ein Freund? Erika –? Sie? O nein! Fata Morgana! die schön anzusehen ist und uns doch verdursten läßt! Welch ein Zusammenbruch!! Und doch –! wie schwach bin ich! trotz allem, trotzdem doch der Dunst verflogen ist und ich sie ganz und ganz entlarvt habe, trotz allem, von jenem Bild, das meine Phantasie von ihr gelogen hat, kann ich mich, kann ich mich nicht trennen –! (Ab.)   Frau Samson . Frau Samson : Was ist's mit mir? Er wächst und wächst und steigt und steigt, und ich sinke vor ihm immer mehr in mich zusammen, und wenn er mich ansieht, dann ist's, als wäre ich gar nicht mehr da, und ich bin wie zerschmolzen. Wer hätte gedacht, daß noch solche Empfindungen über mich kommen können! Was soll ich tun? Es gibt Stunden, in denen sich das geistige Leben des Menschen entscheidet, und je älter man wird, desto schneller folgen diese Stunden aufeinander; denn immer mehr häufen sich vor uns die Probleme! – Ach, diese Regungen! Wie sie an mir nagt, wie sie an mir frißt, wie sie mich vernichtet – die fürchterliche Scham! (Ab.) 90   Schiroga . Schiroga : O selige Nacht! o selige Nacht! Wie fühle ich mich erhoben! – Dort eilt noch jemand her, in die Einsamkeit, wie ich!   Kummer . Kummer (ohne Schiroga zu bemerken:) Die Gehirne schwitzen schon! Aus den Köpfen steigen Wolken! Der Blick kann nicht mehr den Nebel durchdringen! Wenn man wenigstens sagen könnte: alles, was er tut, ist Betrug! Doch so kann man's nicht sagen! Verfluchtes Gesindel! Schiroga : Kummer –! Kleine Laus! Knie nieder! Kummer : Wovor? – Sie sind ein Narr! Schiroga : Aber ein trunkener Narr! – auch ohne Alkohol! Knie nieder! Vor ihm! Ich liebe und verehre ihn – und du nennst ihn einen Schwindler? Nennst du ihn so? Kummer : Wollen Sie raufen? – Nein, ich nenne ihn nicht so. Schiroga : Ah –? Kummer : Ah –! Bei den genauesten Beobachtungen kann ein Irrtum geschehen. Ich habe mich nachträglich einer schnellen Bewegung Erikas erinnert –: natürlich hat Mantl die Rose in seine Tasche gesteckt, und Erika hat sie herausgezogen! Schiroga : Ah –! Also ist er kein Betrüger? Kummer : Nein! Außerdem bin ich Psychologe 91 genug, um einen ertappten Schwindler von einem unschuldig Verdächtigten zu unterscheiden! Schiroga : Bravo! Endlich! Endlich, du Hund! Solch einen Mann zu verleumden! War nicht jener Augenblick einer der schönsten meines Lebens? Kummer : Welcher Augenblick? Schiroga : Welcher Augenblick –! Jener, da er den alten Mann verflucht hat! Wie er ihn angedonnert hat: wer jetzt geht, wird nur auf einer Bahre wiederkommen! Schien da die Welt nicht einzustürzen? Kummer : Ja! Sie schien einzustürzen! Aber sie ist nicht eingestürzt! Und wird nicht einstürzen! Verflucht hat er ihn, aber nichts ist geschehen! Schiroga : Nichts ist geschehen? So wird noch geschehen! Kummer : Was? Schiroga : Sie werden sehen, es wird noch geschehen! Kummer : Was wird geschehen? Schiroga : Sie werden es sehen! Kummer : Schweigen Sie! Schiroga : Gut, ich schweige. Aber Sie werden sehen, es wird noch geschehen! Und dann, wie er allein geblieben ist, allein im Zimmer, von allen Seiten eingesperrt, da haben wir zuerst seine Stimme allein gehört, dann aber plötzlich eine andere fremde Stimme – woher kam sie? Und sie haben eine Zwiesprache gehalten, die fremde Stimme und er, wie wir aber zurückkamen, war 92 er wieder allein. Und haben Sie nicht wieder alles untersucht und nichts gefunden, Sie großer Untersucher? Nun? Wie ist's damit? Kummer : Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er ein Bauchredner! Ich weiß es nicht! Es ist nichts geklärt. Eine geordnete Kontrolle war nicht möglich! Aber ich verstehe natürlich Ihre Erregung! Schiroga : Gut! Endlich, du Hund! – Und ist er ein Schwätzer und Scharlatan? Kummer : Das habe ich nie behauptet! Ich habe mich nur um die Ereignisse gekümmert! Schiroga : Ah! Also ist er doch ein großer, ein bedeutender, ein seltsamer Mensch? Kummer : Ich weiß es nicht! Jedenfalls ist er eine suggestive Persönlichkeit. Er hat viel studiert, auch die Resultate der modernen Forschung, hat viel gearbeitet und denkt in kühnen Kombinationen. Manches ist phantastisch und undeutlich, aber vielleicht nur mir, der ich in bestimmten Geleisen zu denken gewohnt bin! Schiroga : Gut! Gut! Ich liebe Sie! Ich liebe die Wissenschaft! Kummer : Danke! (Im Hintergrund wird Samson sichtbar.) Schiroga : Sehen Sie! Dort! Kummer : Was? Schiroga : Eine fremde Gestalt! im Dunkel! Kummer : Wo? Ich sehe nichts! Schiroga : Dort, dort! Zehn Schritte weit! Sie müssen doch den Menschen sehen! 93 Kummer : Ja – aber das ist keine menschliche Gestalt! Schiroga : Herr! Da gibt's doch keinen Irrtum! Das ist ein Mensch! Kummer : Nein! Das ist kein Mensch! Sie halluzinieren! Kommen Sie! Schiroga : Aber vielleicht ist es ein ganz gewöhnlicher Mensch –? Kummer : In diesem Fall wäre es vollkommen uninteressant, wenn er hier spazieren geht! Kommen Sie! (Ab.) Schiroga : Wie kann man nur solche Angst haben vor ein bißchen Gespenst! (Ab.)   Samson (kommt nach vorn) . Samson : Das ist wieder eine Nacht! Bin ich der Hausherr? Nein, ich glaube nicht. Man tut, als wäre ich gar nicht auf der Welt. Die ganze Nacht Lärm im Haus, und ich kann nicht schlafen; jetzt auch noch Lärm im Garten – ich denke: Einbrecher – und schleiche mit diesem Revolver her – ja! Was sehe ich? Gäste meiner Frau! – Jetzt aber, wirklich, jetzt möchte ich mit dem Revolver meine Frau erschießen. Aber das wäre unklug. Denn habe ich ihr schon in der Ehe meine ganze Jugend dargebracht, dann will ich ihretwegen nicht noch ins Zuchthaus kommen. – Aber all diese Gäste könnte ich hinauswerfen! – Ja, wie oft habe ich mir das schon vorgenommen und doch nicht getan. – Heute aber werfe ich sie wirklich hinaus! – Das habe ich schon oft gesagt. – Heute 94 aber werfe ich sie ganz bestimmt wirklich hinaus. (Ab.) Schiroga (vorübergehend:) Weg ist das Gespenstchen! Weg! – Ich gehe nicht hinein – was sollte ich denn drin? Ich bin so selig, schwebend im All –! (Ab.)   Schumpeter . Schumpeter : Ich kann nicht mehr. Mein Arm schmerzt mich und ist lahm vom Schreiben. Ganze Bände habe ich geschrieben. – Hoffentlich sagt er indessen nicht etwas Besonderes. Alles, was er sagt, ist besonders. Und die Persönlichkeit kann man doch nicht einfangen in den Worten. – Weiter, weiter! Wie es schmerzt! Ich werde mit der linken Hand zu schreiben versuchen. (Ab.)   Gräfin Ziegeltrum . Gräfin Ziegeltrum : Es treibt mich heraus! Ach, diese Nacht! Könnte man doch die häßlichen, rohen Tage ausstreichen und eine Nacht wie diese an die andere reihen! Die Männer, die Männer, sie sind stark, sie kennen keine Grenzen, sie nehmen die schwersten Worte in die Hand, als wär's ein Flaum! – Die Erde ist nur ein im All dahinwirbelndes Atom. – Der Geist ist alles. – Acht Leiber hat der Mensch, darunter den Astralleib. – Bei jedem Satz durchrieselt's mich! Die Männer, die Männer! – ein herrliches Geschlecht! – Lieber Julius! 95   Julius . Julius : Gräfin –! Gräfin Ziegeltrum : Ich kann nicht mehr in meiner Seligkeit! Julius : Es ist zuviel dies alles, zuviel! Gräfin Ziegeltrum : Nicht wahr? Julius : Wenn aber nur alles ganz in mich überginge, daß ich mitaufsteigen kann! Wenn ich nur alles ganz verstünde! Gräfin Ziegeltrum : Wir müssen uns mit dem Schauer begnügen, den wir empfinden! Julius : Ja. Aber nicht wahr, wir wollten seine Werke studieren? Gräfin Ziegeltrum : Das wollten wir, und wir werden es auch tun, und dann wollen wir einander sagen, was wir über die tausend Gegenstände denken, und wollen sprechen und sprechen und unsere Seelen ganz weit öffnen! Julius : Könnte es mir so entströmen, wie ich alles empfinde! Gräfin Ziegeltrum : Wollen Sie heute nachmittag zu mir kommen? zum Tee? Julius : Vielen Dank! Sehr gern. – Gräfin Ziegeltrum : Sie haben noch nie geliebt? Julius : O Gräfin, wie Sie mich nicht kennen! Gräfin Ziegeltrum : Sie haben mich mißverstanden. – Ich meine: Sie haben noch nie die Freuden eines Frauenkörpers genossen? Julius : Nein. Noch nie. Gräfin Ziegeltrum : Süßer Junge! Bleiben Sie keusch! Bleiben Sie, wie Sie sind! Diesen Kuß der 96 Freundschaft! Sie kommen heute zu mir, unsere Geister werden einander küssen, unsere Astralleiber einander umarmen –! Süßer Junge! Bleiben Sie keusch! Noch diesen Kuß! Bleiben Sie keusch, bleiben Sie keusch! (Mit Julius ab.) Vierfuß (erwachend:) Es ist anders geworden. Am Himmel ein Schein, in der Ferne der Tag und schon, weit weg, Geräusch und Schritt! – Und doch, noch immer, dieser Druck in meiner Brust! (Er schläft wieder ein.)   Schiroga . Schiroga : Ich gehe nicht hinein – Geschwätz, immer nur Geschwätz! laß sie schwätzen! – Ich schwebend im All, schwebend im All – was fehlt mir noch? Eine Seele, eine Seele, eine Frau mit einer Seele, daß ich ihr alles zuflüstern kann, und sie gläubig und hingegeben hört! Und kleine Zärtlichkeiten, kleine harmlose Zärtlichkeiten für mein aufsteigendes Herz –! – Doch so sind diese Frauen: sie sagen: ich liebe nur den Geist – und wenn man ihnen antwortet: ausgezeichnet, sehr verehrte gnädige Frau, ich habe auch nichts anderes zu bieten als den Geist – seelisch fühle ich mich jugendlich und schwärmerisch, mein Geist voll überstürzender Kraft – im übrigen aber, vorzeitig und seit langem schon – wie sagte mir einmal ein Nebenbuhler –? Impotenter Mystiker –!   Samson (am Fenster des ersten Stockwerks) . Samson : Ach, bitte, verzeihen Sie! Mein Name ist Samson. Dürfte ich Sie höflichst bitten, nur ein 97 wenig ihre Stimme zu dämpfen –? Entschuldigen Sie, bitte! Schiroga : Eine fremde Stimme aus der Höhe! Was sie gesagt, habe ich nicht verstanden, aber gehört habe ich sie, gehört, die fremde Stimme! – Und dort! Dort eine Gestalt am Fenster! Hast auch du die fremde Stimme gehört? Und wer bist du? Wenn du eine Frau bist, komm zu mir herunter, in meine Arme –! (Samson verschwindet.) – Du wirst Sensationen erleben, ein Glück von nie geahnter Art an meiner Brust, du wirst mit jedem Nerv vibrieren – ich bin ein toller Kerl! – Schon weg! –     Hast du's gehört? Der erste Vogel hat gepfiffen. Das kann ich auch. Ft. Ft. Ich kann es nicht. Ich bin nur Geist und Herz.   Verwandlung: Das Zimmer des zweiten Aktes. Künstliche, düstere Beleuchtung. Kilian, Frau Samson, Gräfin Ziegeltrum, Schiroga, Kummer, Julius, Schumpeter, Erika, Mantl . Schumpeter : Kein Papier, kein Papier, kein Papier mehr da! Kein Papier im ganzen Haus! Und niemand mehr ein Notizbuch –? Die Manschetten sind auch schon fast vollgeschrieben –. Julius : Bitte, nehmen Sie meine! Frau Samson : Die Läden werden ja bald geöffnet, dann wird Julius Papier holen. Draußen muß doch schon Tag sein. Gräfin Ziegeltrum : Sprechen Sie weiter, Meister, sprechen Sie weiter! 98 Frau Samson : Sprechen Sie weiter! Ich will Sie nicht stören, nur das noch –: Vor zwei Jahren – das Ganze stand mit allen Einzelheiten und Zeugenaussagen in der Zeitschrift »Wissenschaftliche Untersuchungen sonderbarer Fälle« – vor zwei Jahren also ist ein Herr in London in ein Auto gestiegen und hat als Ziel eine bestimmte Adresse angegeben. Es war Mittag, der Weg ging durch die belebtesten Straßen, wie aber der Wagen vor dem betreffenden Haus stehenbleibt – ist er leer. Ein Verbrechen war am Tag und in dieser Gegend ausgeschlossen, herausgesprungen kann er auch nicht sein, denn der Chauffeur war mit achtzig Kilometer Geschwindigkeit gefahren und wurde deshalb auch nachher bestraft. Der Fremde war verschwunden. Man hat im Wagen nach irgendwelchen Hinweisen gesucht, wer er gewesen sein mag – doch vergebens. Nach zwei Tagen aber fand man mitten auf seinem Boden einen Zettel, auf dem stand mit zitteriger Hand geschrieben: forschet nicht nach mir! Kilian : Sehr interessant, was Sie da erzählten! Doch es ist etwas anderes, als wovon wir sprachen. Wo sind wir geblieben? wovon haben wir gesprochen? – Frau Samson : Sind Sie müde, Meister? Kilian : Durchaus nicht, nur angeregt, nur angeregt! Im übrigen, meine Damen und Herren, ich habe ganz vergessen, ihnen eine Mitteilung zu machen. Als Herr Vierfuß gegen meinen Willen dieses Haus verließ, habe ich gesagt: er wird 99 wiederkommen, aber nur als Leiche. Nun denn, ich kann Ihnen sagen: es ist bald so weit. Mantl : Was soll das bedeuten? Kilian : Ja, kurz, nachdem er von hier weggegangen war, ist er draußen auf einer Bank gesessen und ist gestorben. Schiroga : Hören Sie es, Herr Kummer, Sie Hund? Kummer : Lassen Sie mich! Schiroga : Gestorben –? Kilian : Nun ja, er war noch nicht tot, aber er war nahe daran. Mantl : Woher wissen Sie es? Kilian : Ich habe genaue Nachrichten darüber. Erika : Und warum ist man ihm nicht helfen gegangen? Kilian : Ihm war nicht mehr zu helfen. Er hat es selbst gesagt. Mantl : Sie erzählen das so, als wäre es nichts! Doch es ist etwas, wenn einer stirbt! Begreifen Sie's! Es wäre furchtbar –! Kilian : Furchtbar –? Er hätte eben hierbleiben sollen! – Doch – furchtbar –? Nun ja, andererseits wäre es furchtbar. Gewiß. – Hatte er Kinder? Oder war er allein auf der Welt? Frau Samson : Ich weiß es nicht. Kilian : Wie? Sie wissen es nicht? Er war Ihr Freund, und Sie wissen es nicht? Mantl : Es ist ja alles Unsinn, was Sie sprechen! Kilian : Nun denn, wir werden ja sehen, ob alles Unsinn ist! Lassen wir's! – Wo sind wir 100 geblieben? Sie haben etwas sehr Interessantes erzählt, gnädige Frau –. Doch vorher sprachen wir von etwas anderem. Ja, nun denn: ich sagte also: wir wollen keine Materialisten sein und glauben an den Sieg des Geistes und des Fortschritts. – Die Wissenschaft hat bisher den Tieren alle Vernunft abgestritten. Ich hasse alle Vorurteile und frage: warum sollte der Mensch das einzige gehirnbegabte Wesen ohne Denkfähigkeit sein? Es ist nachgewiesen, daß alles radioaktiv ist, und ich sage nun: warum sollte gerade das Gehirn nicht radioaktiv sein? Ja, ich behaupte: die Gedanken sind lediglich Ausstrahlungen des Gehirns. Herr Kummer, es wird eine lohnende Aufgabe sein, diese meine Hypothese experimentell nachzuweisen! Psychisches gibt es, wissenschaftlich gesehen, nicht. Der Wille – alles ist lokalisiert! – hat seinen Sitz im Gehirn. Auch er ist eine Seele, also aber auch eine ausstrahlende Seele. Der Tod ist – äußerlich betrachtet – ein chemischer Auflösungsprozeß, innerlich ist er etwas ganz anderes. Als ganz von außen kommend, ist er ein Wunder. Wir aber müssen auch die Wunder, soweit sie nicht, wie es meistens, ich möchte sagen: im Alltag, der Fall sein wird, durch die Forschung aufklärbar sind, mit unserm Verstand zu erfassen suchen durch Gesetzmäßigkeit, Analogien, Parallelitäten. Frau Samson hat uns durch ihre Erzählung eine solche Parallelität gegeben: zuerst verschwindet ein Ding, die Rose, und jetzt, hier, wie wir eben gehört haben, ein lebendiger Mensch 101 – dies alles unter der Voraussetzung, daß nicht jeder dieser beiden Fälle durch Aufdeckung eines Zufalls erledigt wird, was ich nun nicht mehr glaube, wobei jedoch auch dann noch immer zu sagen wäre: selbst wenn wir den Tatbestand des Zufalls als volle Wahrheit aufgedeckt hätten, müßten wir immer noch fragen: was ist Wahrheit? Frau Samson : Wie richtig! wie richtig! Kilian : Wir sagen von etwas: so ist es, und ein Echo kommt zurück und ruft: ist es so? – Kurz also, wir müssen der Mystik eine wissenschaftliche Grundlage geben und müssen andererseits die Wissenschaft mystifizieren! Schumpeter : Augenblick, Augenblick, ich komme kaum nach –! Julius : Verwandte von mir kamen unlängst auch aus London, und sie haben erzählt: ein Herr ist auch in ein Auto gestiegen, um nach Haus zu fahren, er liest Zeitung, wie er aber dann aufschaut, ist er in einer ganz fremden, menschenleeren Gegend, die Türen waren zugesperrt, er schreit, aber das Auto rast und rast, und plötzlich fährt es in den Hof eines riesigen, schloßartigen Hauses, dort wird er von fremden Männern herausgezerrt, ausgeraubt, dann wahrscheinlich chloroformiert, denn er erinnert sich an nichts mehr, und erst am nächsten Morgen an einer Straßenecke bewußtlos aufgefunden. Die Polizei hat Wochen und Wochen nach diesem Haus gesucht, es aber nicht gefunden. Wahrscheinlich war es ganz weit draußen außerhalb der Stadt. – 102 Kilian : Sehr interessant! – Man spricht immer vom Wärmetod oder Kältetod der Erde – ich habe da andere Gedanken –. Wer weiß, ob nicht eines Tages die Erde statt dessen – wie sie entstanden ist! – plötzlich in ihre Atome zerfällt und sich so im All verliert –. Doch das ist eine sehr weit hinreichende Hypothese – und nicht alles, was ich sage, ist nun auch schon ganz bestimmt! Schiroga : Was Sie erzählt haben, Julius, war vielleicht von diesem Menschen nur ein Traum, oder der Kerl war ein Großmaul. Unlängst wurde einer ermordet; erstochen. Man hat einen Hellseher gefragt, und er –: ich sehe eine Hand, dort und dort, sie wird euch weisen. Man hat gesucht, dort und dort, und hat sie wirklich gefunden, dort und dort, eine Menschenhand, und nachher auch bemerkt, daß dem Toten eine Hand fehlt; abgehackt; aber der rechte Zeigefinger war ausgestreckt bei dieser Hand, und unterm Nagel ein Haar des Verbrechers – so konnte man ihm den Mord nachweisen. Tod, Hinrichtung. Frau Samson : Schrecklich, schrecklich! Unlängst ist ein Mann bei einer spiritistischen Sitzung fast ermordet worden. Er blieb allein mit dem Tisch, und wie man wiederkam, waren alle Gegenstände zerschlagen und er selbst furchtbar verprügelt. Er hatte aber niemanden gesehen. Kilian : Sehr interessant! Schiroga : Das waren vielleicht feindliche Geister aus einem früheren Leben. Gräfin Ziegeltrum : O! Entsetzlich! Denken Sie, 103 ich habe eine Tante, die weiß genau, was sie in ihrem früheren Leben war! Julius : Ist es wahr –: wenn man einem Huhn den Kopf abhackt, läuft es noch weiter, immer noch weiter und lebt noch –? Gräfin Ziegeltrum : Ich habe eine Tante, die weiß genau, was sie in ihrem früheren Leben war! Kilian : Was war sie denn? Gräfin Ziegeltrum : Eine Pinie auf Sizilien. An einem Sommertag stand sie in der Nähe des Baumes, da wurde ihr ganz sonderbar, sie schwankte hin zum Baum, hat ihn umklammert und hat gefühlt: wir sind verwandt, der Baum und ich. Das war ich einst in einem früheren Leben. Denken Sie! Kilian : Aha! Da haben wir's!   Samson (erscheint unbemerkt in der Tür) . Schumpeter : Alles, was Sie uns heute einzeln und verstreut gesagt haben, schließt sich nun für mich zu einem großen System, und ich übersehe seinen ganzen Bau. – Sieben Seelen, lehren Sie, sind im Menschen wirksam? Kilian : Sieben Seelen! Schumpeter : Doch sprachen Sie noch davon, was wirksam ist im erhöhten Menschen? Kilian : Ganz recht! Was man gemeinhin ein Talent nennt –. Das Talent hat acht! – Und das Genie neun! Frau Samson : Und wie nennen Sie Ihr System? Die Lehre von Gott? vom Menschen? von den Seelen? vom Leben? Vitasophie? 104 Kilian : Gut! Vita – das Leben! Vital! Frau Samson : Und Sie haben noch nicht von der Liebe gesprochen? Schiroga : Und von Gott? Gräfin Ziegeltrum : Und vom Tod? Kilian : Einen Augenblick, meine Damen und Herren, eins nach dem andern! Der Tod – ich kann es ihnen nicht genauer ausführen–nur kurz: der Tod ist eine Form des Lebens, das Jenseits eine andere Form des Diesseits. Schiroga : Ich ahne, was Sie meinen! – Sehen Sie! Dort! Ein fremdes Wesen! Gräfin Ziegeltrum : Huch! Frau Samson : Hinaus! Kummer : An die Apparate! Julius : Hilfe! Schiroga : Gegrüßt, wolkenhaftes Wesen aus geahnten Welten! Der letzte Schluck der Flasche sei dir zugetrunken! Kummer : Verflucht, verflucht, wo ist das Blitzlicht? – Hier, drücken Sie Ihre Finger in diese Masse! Kilian : Ruhe, Ruhe! Wir dürfen die Besinnung nicht verlieren! Bist du ein Mensch oder ein Wesen welcher Art? Samson : Sie werden es erfahren, daß ich ein lebendiger Mensch bin! Kilian : Ein lebendiger Mensch! – Hören Sie alle? – Das habe ich nicht erwartet! Gräfin Ziegeltrum : Ein lebendiger Mensch –! Schiroga : Die Stimme kenne ich! Alles ahne 105 ich immer voraus! Auch diese Nacht habe ich vorausgeahnt! Alles verstehe ich, alles weiß ich – Visionen, Visionen! Kummer : Was wissen Sie? Was verstehen Sie? Sprechen Sie! Schiroga : Das bleibt für immer mein heiliges Geheimnis! (Er fällt hin und reißt die Apparate mit.) Kummer : Meine Apparate, die Apparate! Idiot! Jetzt ist alles zu Ende! Samson : Ich habe Sie wohl sehr erschreckt? Frau Samson : Geh wieder! – Meister, das ist mein Mann, ein Ignorant, ein vollkommen ungeistiger Mensch. – Geh, wohin du gehörst! In dein Bureau! Samson : Ich bitte vielmals um Entschuldigung. – Ich wußte ja nicht, daß die Herrschaften noch hier sind. Ich wollte nur sehen, ob die Zeitung schon gekommen ist. – Ich hoffe, Sie haben eine angenehme Nacht in meinem Haus verbracht, in angeregter Unterhaltung. – Gestatten Sie übrigens, daß ich mich ihnen allen vorstelle. Samson. – Samson. – Samson. – Samson. – Sie, mein Herr, sind gewiß der berühmte Herr Natterer. Ich freue mich besonders, Sie kennenzulernen. Meine Frau hat viel von Ihnen gesprochen. Leider kenne ich noch keines Ihrer Bücher, aber jetzt, da ich Sie kenne, werde ich wohl daran gehen. Es ist doch interessant, ein Buch von einem Menschen in der Hand zu haben, den man persönlich kennt. – Ich wäre ja gern die Nacht über bei Ihnen gesessen, 106 aber ich bin aufrichtig: ich verstehe nichts von diesen Dingen. Ich sage immer: de gustibus non est disputandum . Das ist doch richtig, nicht? – Ich vergleiche es immer mit einem Sammler. Ich sage immer meiner Frau: es gibt ja auch Leute, die Porzellanpantoffeln sammeln. Ich interessiere mich nicht für Porzellanpantoffeln und verstehe nichts davon. So sammeln auch Leute Bilder und Bücher und interessieren sich für Kunst und Wissenschaft und allerlei Probleme. Gewiß auch die anwesenden Herrschaften. Aber ich bin aufrichtig: das alles ist nichts für mich. – Der berühmte Lionardo hat gemalt, aber ich habe gelesen, alle seine Bilder sind verdorben. Nun also! Heute gibt es andere Maler, die andere Bilder malen. Ich bin Finanzrat, und nach mir werden andere Finanzräte kommen. – Meine Frau ist ganz anders als ich. Und sie hat mich doch geheiratet. Ich war nämlich ein schöner, starker Mann. Wenigstens galt ich dafür. Man soll sich nicht selbst loben. – Ich habe einmal gehört, wie jemand von uns beiden gesagt hat: die passen zusammen, wie Topf und Deckel. Wieso? Wir passen eigentlich gar nicht zusammen. – Mit Politik befassen sich die Herrschaften wohl nicht? Wie? – Also ich werde nicht weiter stören und mich verabschieden. – Auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen. – Auf Wiedersehen. – Es hat mich sehr gefreut, Sie alle kennengelernt zu haben. – Guten Morgen! – Es hat mich sehr gefreut. – Guten Morgen! (Ab.) 107 Frau Samson : Meister, ich schäme mich vor Ihnen –! (Sie weint.) Kilian : Meine Damen und Herren, das war ein großer Schrecken; doch wir haben gesehen, daß es ein Mensch ist. Allerdings ein sehr kleiner Mensch, eine Laus, die über die Erde kriecht. So aber ist es gefügt, daß das Kleine klein und das Große groß ist. Niemals kann das Kleine groß sein. Doch so lange jene Wesen aus den Niederungen unten, wo die Nebel wallen, emporsehen zu den Bergesgipfeln, ist alles gut. – Wovon sprachen wir? – Ja – ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen – nennen Sie's eine Legende oder ein Märchen –.     Es lebte einst ein Mann, irgendwo, kärglich von seiner Hände Arbeit und ernährte sich schlicht und bescheiden. An einem Abend, da ging er hinaus, kaum war man aber seiner ansichtig geworden, da riefen alle: unser Prophet! – denn siehe, man hatte ihn, man hatte sein Gesicht verwechselt mit dem Gesicht eines großen Propheten. Und sie fragten ihn, und da sie in ihn drangen und ihm keine Ruhe ließen, öffnete er den Mund und sprach und sprach und gab ihnen Auskunft, und siehe, sie hörten ihn und riefen: heil unser Prophet, wie ist er noch größer geworden! – Er war aber gar nicht der erwartete Prophet, sondern er war der schlichte Mann aus dem Volk. Siehe, sie aber wußten es nicht. Und er sprach und sprach, und aus allen Poren quoll Weisheit hervor, und sie jubelten und machten ihn – sie machten ihn nicht zu ihrem König – aber sie nannten ihn ihren 108 Meister. – Und er, den man erwartet hatte, der aber nicht gekommen war, hieß Natterer –! Schiroga : Er ist nicht der Natterer –! Schumpeter : Wer ist er? Gräfin Ziegeltrum : Und Sie? Wer sind Sie? Frau Samson : Eine heilige Stimmung durchströmt mich! (Es schellt.) Was ist das? Wer ist das, Meister? Gräfin Ziegeltrum : Was denken Sie, Julius? Was wird's nun sein? Frau Samson : Erika, geh nachsehen! Mantl : Sie schicken Ihre Tochter –? Ich gehe. (Ab.) Schiroga : Das ist die schönste Nacht meines Lebens! Kilian : Meine Damen und Herren, wir wollen die Besinnung nicht verlieren! – Wir wollen mit Ruhe warten, mit Ruhe! – Schon ist ja Herr Mantl gegangen, nachzusehen – und schon höre ich seine Schritte wiederkommen. – Nun –?   Mantl (mit zwei Männern, die Vierfuß auf einer Bahre bringen) . Mantl : Vierfuß! – Sie bringen Vierfuß! Kilian : Tot –? Julius : Hilfe! (Er fällt in Ohnmacht.) Kilian : Wirklich tot? – Vielleicht nur eine Ohnmacht? – Man soll nachsehen! Wirklich tot? Frau Samson : Um ihre Größe zu beweisen! Kilian : Ich danke Ihnen, Madame! Doch ich bedauere, daß es dafür eines Menschenlebens bedurft 109 hat! Ich bedauere es! – Meine Damen und Herren, ich muß denken, denken, immer denken, alles soll ich wissen, alle Fragen soll ich beantworten, alle Probleme lösen, über alles Auskunft geben, immer denken, denken – und indessen stirbt mir einer unter den Händen! Mantl : Bitte setzen Sie doch Ihre Gespräche im andern Zimmer fort. Ich werde alles in Ordnung bringen. Kilian : Ja, gehen wir. – Ich bedauere es. – Gehen wir! (Alle ab, außer Erika, Mantel und Julius.) Erika : Der gute Mann! Wäre er doch hier geblieben! – Er war der einzige, der mir manchmal, als wollte er mich trösten, zugelächelt hat, und ich glaube, er hat mich auch getröstet. Denn seine Worte sind doch sanft in mich gefallen. Und auch nicht ein Wort des Dankes! Der gute Mann – ich trauere sehr um ihn. Mantl : Hätte doch lieber sein Fluch alle die andern niedergeschlagen, als daß die Schwäche eines alten Mannes hinfallen mußte vor dem leeren Wort eines Hergelaufenen! Erika : Ist das der Tod? Welch grauenvoller Schauder! Ist so das Ende? Mantl : Es ist das ferne Ende, und unser Leben ist, daß wir's vergessen! Erika : Nein, nein, ich will nichts wissen vom Leben! Ich spüre den Geruch des Grabs! Sehen Sie doch hin! Unter der Decke das starre Ding! Mantl : Sehen Sie nicht hin! Ich halte Sie bei mir! 110 Erika : Nein, nein, ich will nichts wissen vom Leben! Mantl : Doch ist es da und tönt in allen Akkorden! Erika : Ich sehe nichts, ich höre nichts! Ich will nichts wissen vom Leben, wenn so das Ende ist! Mantl : Das Ende! Doch bis dahin umwehen uns die Düfte aller Gärten, daß wir fortgetragen werden von ihnen und sind! Erika : Wohin? wohin? – Ach, lieber Freund, lassen Sie mich aus Ihren Armen! Ich spüre einen Wind des Grauens! Mantl : Und doch, er trägt ein Licht der Ewigkeit mit sich! Erika : Lieber Freund, ich will's nicht sehen! Mantl : Sie glauben's nur, Sie glauben's nur! Erika : Lassen Sie, lassen Sie! – Sie retten mich aus einem Abgrund in den andern! Mantl : Ja –! (Er trägt sie, die Tür zum Garten eintretend, hinaus.) Vierfuß (nachdem er sich von der Bahre erhoben hat:) Nicht lachen! nicht lachen! Es waren schwere Stunden für mich! Es war kein Spaß, diese Bahre, kein Spaß! – Jetzt allerdings geht es mir gut, und ich bin heiter. – Wie ich hier weggehen wollte, lustig und siegesbewußt – doch seine Worte, sie klangen wie ein Befehl, und das macht schwach, und die Schwäche macht ängstlich und die Angst noch schwächer – und wie ich durch den Garten gegangen bin, die Worte im Rücken, da wurde ich immer ängstlicher und schwächer, und wie ich auf 111 der Straße stand, da ging mein Herz nur noch wie ein im Winde zitterndes Blatt, bevor's vom Zweige fällt. – Ich habe mich niedergesetzt auf einer Bank, um mich auszuruhen für einen Augenblick – und konnte nicht mehr aufstehen! Und ich habe Bilder gesehen –! und habe gehört: auf einer Bahre! auf einer Bahre –! – Auf diesen Worten lief die Zeit an mir vorbei, und ich lag dort, halb träumend und halb wach, halb lebendig und halb tot, Stunden und Stunden, bis es Morgen war. – Zwei Arbeiter sind gekommen –: was ist denn, alter Mann? Sollen wir Sie nach Hause führen? – In dieses Haus, in dieses Haus, auf einer Bahre, auf einer Bahre – zum Scherz, zum Scherz! – habe ich gesagt, denn ich habe mich geschämt! und habe ihnen alles Geld gegeben, das ich hatte, gegeben, gegeben, denn ich hatte mich gerühmt: ich habe keine Angst mehr vor dem Tode – aber erschrocken bin ich doch! – Hier liegst du, kleiner Junge! – Er rührt sich schon. – Der Mantl hat gesagt: ich werde alles in Ordnung bringen – und läßt mich hier liegen! Gut, gut, er soll mich liegen lassen – ich aber habe mir vielleicht noch ein Jahr gerettet –. Was ist ein Jahr vor der Ewigkeit? Ich aber messe nicht mehr nach der Ewigkeit und habe mir noch einige Jahreszeiten gerettet, vielleicht ein Jahr, ein kleines Jahr! – Sie sind an der Tür. Was soll ich tun? Mich wieder niederlegen? Ich bin ja tot und bin so übermütig – als hätte ich die Flasche Schirogas ausgetrunken – daß ich fähig wäre zu jedem 112 kindischen, törichten Knabenstreich. – Sie kommen. Schnell, schnell! (Er legt sich nieder.)   Kilian . Kilian : O mein Herr, wären Sie doch hier geblieben! – Ich hätte an mich auch geglaubt ohne Ihren Tod! – So ernst war es nicht gemeint. Es war nur Jähzorn. Und nun liegen Sie da! – Wären Sie doch hier geblieben! Ich will keine Opfer. Sie machen mich schwach. – Hätte ich noch Kräfte! Ich würde Sie wiedererwecken! – Oh, gebt mir Kräfte! Gebt meinen Worten Gewalt! – Steh auf! steh auf! – Er rührt sich nicht! – Steh auf! steh auf! – Er rührt sich nicht. (Julius erwacht aus der Ohnmacht und erhebt sich.) – Er rührt sich nicht! Es ist auch eine Roheit, einen Toten anzuschreien. Ich werde es ihm leise sagen. – Steh auf! steh auf! – Er rührt sich! Er steht auf! – Leg dich nieder! leg dich nieder! – Leg dich nieder! Vierfuß : Was denn, was denn? Auf – nieder! Auf – nieder! Tot – lebendig! Tot – lebendig! Nein, jetzt bleibe ich stehen und bleibe lebendig. Kilian : Sie waren ja gar nicht tot –! Vierfuß : Doch, doch. Ich war tot. Kilian : Nein. Es ist nicht wahr! – Ich glaube es nicht. Vierfuß : Warum zweifeln Sie? Glauben Sie nicht an Ihre eigene Macht? Kilian : Ich weiß es nicht. – Aber wenn Sie wirklich tot gewesen wären – wie war es denn? wie 113 eine tiefe Ohnmacht? oder – was haben Sie erlebt? Vierfuß : Nicht viel. Es verging ja erst eine kurze Zeit, – Dort oben ist nämlich eine Terrasse, von der man niedersehen kann auf das Diesseits. Zu ihr drängen sich immer die jüngsten Bewohner des Jenseits, die eben Verstorbenen. Und ich war natürlich unter ihnen –. Kilian : Eine Terrasse –? – Und was haben Sie gesehen? Wie bietet es sich dar, das Diesseits? Vierfuß : Ein großes Getriebe; Bäume, Menschen, Tiere wachsen, Bäume, Tiere, Menschen wollen sich nähren und fortpflanzen – ein großes Getriebe, man könnte sagen: ein geordnetes Chaos. Aber man ist enttäuscht, wenn man niederschaut, denn was man sucht, findet man nicht, und in diesen ersten Stunden des Überganges weiß man auch gar nicht recht, was man sucht. Kilian : So. – Und ragt nichts besonders hervor? Vierfuß : Jedem das, was ihn anging auf der Erde. Später allerdings, sagte man mir, soll das anders werden. Kilian : Und die großen Männer? Vierfuß : Wie? – Ach so! Nein, nein, die sieht man nicht! von denen weiß man nichts! von dort ist hier alles anonym. – Zwar, natürlich, manchmal steigt etwas hinauf, etwas Getanes, etwas schön Getanes, etwas Gesagtes, etwas schön Gesagtes, doch langt es oben leise an, und man empfängt's, dann hat man nur ein kleines Gefühl, als wollte man mit dem Kopf nicken, nichts mehr, und 114 dazu nur sagen: ja, ja, es stimmt! Es fliegt etwa eine rührende Melodie hinauf – man hört's und sagt: ja, ja, es stimmt! – doch woher sie kommt, aus welchem Menschen, das weiß man nicht! Kilian : Sehr sonderbar! Vierfuß : Nicht wahr? – Es gingen gerade Hölderlin und Sokrates vorbei, und sie sprachen darüber, daß es doch eigentlich ein großes Unglück sei, als großer Mann dahinzuvegetieren und einzugehen ins Jenseits, denn hier auf der Erde sei es nur Qual – man wird ja doch nur verkannt und gekreuzigt, nicht wahr? – und nach dem Tod hat man auch weder Nutzen noch Freude davon –! Kilian : Aha! Vierfuß : Aber das merkwürdige war: sie unterhielten sich weiter: was sie sein möchten, wenn sie wiederkämen auf die Erde, und denken Sie! sie waren einig, sie möchten – unbegreiflicherweise! – dasselbe sein wie das erstemal! Kilian : Allerdings: unbegreiflicherweise! Vierfuß : Nicht wahr? Kilian : Sie lügen! Das alles ist nicht wahr! Sie waren gar nicht tot! Vierfuß : Doch, doch, zweifeln Sie nicht! – Es ist eben eine sonderbare Verwirrung, diese Sehnsucht, groß zu sein oder es zu scheinen. Wie ich vor dem Tor stand – bevor ich gestorben bin – ist ein Mann gekommen und hat behauptet, er wäre der Natterer! – Allerdings, wie er wieder hinaustrat, da hat er sich nicht mehr getraut, es zu wiederholen. Denn als ich ihn ansprach: Herr 115 Natterer – da hat er gesagt: so heiße ich nicht! Natterer war gar nicht da! Wer er also sei, frage ich ihn – da wurde er ganz verlegen, hat gestottert, als müßte er sich erst auf seinen Namen besinnen, und schließlich kam's herausgeschossen –: Kilian! Kilian : Aha! Da hat er sich schon meinen Namen angeeignet, um zu prahlen! Vierfuß : Wie? Er hat geprahlt, wie er sich Natterer genannt hat? Kilian : Nein, er hat geprahlt, wie er sich Kilian genannt hat! Ich heiße Kilian! – Vierfuß : Nicht möglich, nicht möglich! Sie sind nicht der Natterer? Ich gratuliere, ich gratuliere! Kilian : Wieso –? Vierfuß : Nun, das müssen Sie ja am besten wissen, da Sie ihn so gut dargestellt haben! Ich kenne seine Bücher – ein Lausedreck, ein Lausedreck! Und warum haben Sie's getan? Aus Spaß? Nur um uns zu necken? Ausgezeichnet! Und wie Sie's durchgeführt haben! Ausgezeichnet! Es gehört eine rührende Selbstverleugnung dazu, sich für den Natterer halten zu lassen, und es gehört viel Geist dazu, einen Dummkopf so gut zu kopieren! Sie sind ein Genie, mein Herr, Sie sind ein Genie! Kilian : Ich danke Ihnen, doch mag Ihr Urteil über Herrn Natterer ein wenig über die Grenzen hinausgehen –? Vierfuß : Durchaus nicht! Glauben Sie mir: was Sie gesprochen haben, das könnte Wort für Wort in seinen Büchern stehen! So blöd ist er! – Oder 116 ist Ihnen mein Urteil unangenehm? Sind Sie befreundet mit ihm? Kilian : Nein, bitte nein, bitte nein! Vierfuß : Es wäre auch schade um Sie! Nachdem Ihr Geist ihn ausgelacht hat, lassen Sie Ihre Gutmütigkeit ihn nicht verteidigen! Doch sprechen wir nicht mehr von ihm! Wozu –? Ich freue mich, Sie nun wirklich kennenzulernen. Wer sind Sie? Was sind Sie? Sie heißen Kilian, gut, doch weiter: wer sind Sie? was sind Sie? Sind Sie auch Philosoph –? Kilian : Nein –. Vierfuß : Sondern? Kilian : Handwerker. Vierfuß : Oh, das ist besser als ein Prophet in diesen Tagen! Und weiter? Was für ein Handwerker? Kilian : Buchbinder. Vierfuß : Bei der Intelligenz, die Sie bewiesen haben, bei Ihrer Klugheit müssen Sie Ihre Arbeit ausgezeichnet leisten. Sie haben gewiß schon eine ausgedehnte Werkstatt? Kilian : Nein, groß ist sie nicht. Vierfuß : So wird sie's werden! Sie haben sie geerbt? Kilian : Nein. Selbst gegründet. – Mit eigenem ersparten Geld. Vierfuß : Ja, dann kann sie doch noch gar nicht groß sein! Kilian : Nun, klein kann man sie auch wiederum nicht nennen –. 117 Vierfuß : Im Vergleich zu den andern –? Kilian : Ich habe schon manchen meiner Kollegen überholt. Vierfuß : Sehen Sie! Ich frage mich immer: wie kommt das nur: zwei Menschen beginnen dasselbe – dem einen gelingt's, und dem andern gelingt's nicht. Wie kommt das nur? Kilian : Darauf könnte man wohl eine Antwort geben: es kommt eben auf die Arbeit an, die man leistet! Vierfuß : Das ist natürlich wahr –. Kilian : Vor allem aufs Material! Vierfuß : Leicht gesagt! Da muß man aber auch vom Material etwas verstehen! Kilian : Allerdings! mein Herr, allerdings! – Und dann auf die Ausführung! Vierfuß : Alles leicht gesagt! Kilian : Aus meiner Werkstatt kommt kein Exemplar, bevor ich es nicht selbst noch einmal aufs genaueste geprüft habe. Vierfuß : Eine gute Methode! – Und sagen Sie mir noch etwas –! Kilian : Einen Augenblick! Dieses Buch ist von mir gebunden, bitte sehen Sie es an! Und dieses von – von wem? Kuhn! Von diesem Kuhn sind in den letzten Wochen zehn bis zwanzig Kunden zu mir übergegangen. – Ich habe gehört, er säuft. Vierfuß : Sind Sie verheiratet? Kilian : Nein. Vierfuß : Nun, nun, Sie sagen es in einem Ton, 118 als würde dieses Nein nicht lange mehr Gültigkeit haben? Da gibt's etwas, da gibt's etwas! Kilian : Worüber man noch nichts Bestimmtes sagen kann! Vierfuß : Wir sind so schön ins Gespräch gekommen! Was gibt's, was gibt's? Kilian : Nun ja, es gibt da eine Witwe mit zwei Kindern –. Vierfuß : Aha, Sie Don Juan! Und wie ist sie denn? Jung? hübsch? zärtlich? vielversprechend? liebevoll? Kilian : Ich denke, dies alles kann man wohl mit einem Ja beantworten. Vierfuß : Und die Kinder? Kilian : Ein Mädchen von sechs Jahren und ein vierjähriger Knabe. Vierfuß : Und die Kinder haben Sie gewiß schon gern? Kilian : Ja, wenn ich komme, gibt es immer schon ein rechtes Hallo. Vierfuß : Ein lautes Hallo von den Kindern und ein stilles von der Mutter –? Und wie ist sie? Groß? blond? Kilian : Groß, stattlich, aber rabenschwarz! Vierfuß : Herr Kilian, ziehen Sie die Gardinen zurück und öffnen Sie die Tür und das Fenster! Noch immer die Lampen! – öffnen Sie und holen Sie sich den Tag herein! (Kilian öffnet Tür und Fenster.) – Welch ein Tag! Welch ein Wiedersehen an jedem Morgen mit dem Licht und mit den Farben! Daß man noch immer, noch einen Tag, noch einmal wiedergeboren wird –! 119 Kilian : Mein Herr, Sie waren gar nicht tot –? Vierfuß : Aber beinahe! Kilian : Und haben Sie sich sehr gefürchtet? Sind Sie sehr erschrocken? Vierfuß : O ja. Doch lassen wir's! Kilian : Wie bedauere ich das! – Aber wirklich, ein großer, ein lustiger Tag! Ich spüre die frische Luft! Vierfuß : Nicht wahr? Noch ein wenig vom Regen in ihr, schon ein wenig von der Sonne, und der ganze Duft der feuchten Blätter und der nassen Erde! – Hier ist noch Julius! Ich habe dich ganz vergessen! – Hier stehst du –! Nun, kleiner Junge, bist du wieder wach? Und hast du hier gehört? Was sind das für Ereignisse, Erlebnisse, Geschehnisse, bei denen man ohnmächtig werden muß? Du gehst mit mir, und ich werde dir noch manches sagen, obwohl ich denke, daß es schon überflüssig ist! – Aber sehen Sie dort! Erika und Mantl! – (In den Garten rufend:) Erika! – Erika! – Ja, mein Kind, ich lebe, ja! – Später! alles sollen Sie später hören! Später! – Ja! – Nun rühren Sie sich und kommen Sie!   Erika. Mantl . Erika : Herr Vierfuß –! Vierfuß : Ich weiß es, daß Sie sich freuen. Ihre kleine Leichenrede hat mir wohlgetan. – Kein Wort, kein Wort! Ich ahne, was Sie denken. Ich konnte nicht aufstehen von der Bahre! Aber wüßten Sie, wie entzückt ich war, daß noch an der kalten Flamme meines Scheintodes sich ein lebendiges 120 Feuer angezündet hat! Sie werden sich doch vor mir altem Mann nicht schämen! Doch nun, Julius, komm her! Sieh Erika an! Ist sie schön? Sie und dieser Mann, sie gehören zusammen, wir können's nicht ändern. Dennoch wird sie dir einen guten und sanften Kuß geben – aber unter einer Bedingung: keine Freundschaft mit der Gräfin! Julius : Ich habe ihr versprochen, gerade heute zu ihr zu kommen. Vierfuß : Und gerade das sollst du nicht! Nun? Entscheide dich! Nichts weiter! – Sieh Erika an und entscheide dich! Julius : Fräulein Erika –. Vierfuß : Er ist gerettet! Kilian : Da haben sich ja in meiner eigenen Anwesenheit Dinge ereignet, von denen ich nichts geahnt habe –? Erika : Ja! Denken Sie! Sehen Sie dieses Ding an! Was hat es uns geärgert! Und jetzt – wir kamen in den Garten – und sehen Sie, was wir gefunden haben – diese blühende Rose und dort noch eine und noch eine, als hätte man einen ganzen Strauß über die Erde hinverstreut! Mantl : Wie kamen sie hin? Es wird schon irgendwie sein! Warum sollten wir uns nicht entschließen, etwas nicht zu wissen! Es wird schon irgendwie sein. Und dennoch ist es uns ein kleines Wunder! Kilian : Nun, wenn man sich hier ans Fenster stellt und –. Ich könnte Ihnen wohl Auskunft geben, wie diese Blüten dorthin gelangt sind. 121 Erika : Wir wollen sie gar nicht, Ihre Auskunft! Wir aber könnten Ihnen sagen, wie dieses Ding verschwunden und wiedergekommen ist! Kilian : Danke! das will ich wiederum nicht wissen! Vierfuß : Es sei Ihnen nämlich verraten, aber niemandem sagen, niemandem sagen: es war alles nur ein Spaß! Erika : Ein Spaß –? Vierfuß : Doch wie gut, daß Sie ihn beendet haben! Ich habe schon gefürchtet, Sie würden nicht mehr zurückfinden. Es könnte ja zur Verwirrung und Wahnsinn führen –! Kilian : Nicht wahr, nicht wahr –? Vierfuß : Wenn man nicht darüber steht –! Kilian : Nicht wahr –? Eben. Erika : Und was haben Sie mir mit Ihrem Spaß für eine Nacht bereitet! Kilian : Nun, mein Fräulein, zu etwas war dieser Spaß, war diese Nacht denn doch gut! – Wir treiben unsern Scherz, und währenddessen macht die Natur ihren Ernst! Vierfuß : Bravo, Herr Kilian! Nicht wahr, wenn wir wählen müßten, wir wählten eher Natur ohne Geist als Geist ohne Natur? Kilian : Bitte –? Vierfuß : Nun, Sie, der Sie uns alle so gut angeführt haben, Sie wissen's doch am besten, was jenen fehlt. Diese ewigen Denker, sie sind ja so bodenlos dumm, diese ewigen Sucher sind ganz verloren. Die Handvoll Erde, die ein Samenkorn 122 nährt, ist mehr als sie, denn sie sind keine Erde. Sie essen das Brot und verachten es, sie haben einen Körper und mißachten ihn, und wissen doch nicht, die Narren, daß er die Mitte ist von allem. Sie sehen nicht, sie hören nicht, sie leben nicht, sie haben keine Sinne – und wollen denken! Kilian : Dann allerdings können sie alles denken! Vierfuß : Sehr richtig, Herr Kilian! Kilian : Nicht wahr –? Dann brauchen Sie nur in die Luft zu greifen, dahin zu greifen und dorthin zu greifen, und schon haben Sie etwas und alles ist interessant! Vierfuß : Sehr richtig, Herr Kilian! Interessant! Das ist's! Sie lieben nicht das Schöne und Geradgewachsene – sie lieben das Interessante! Das ist's, daß sie alles zum Chaos machen müssen, das ist's, daß sie nichts zur Blüte kommen lassen wollen! Interessant! Aber die Welt ist doch ein Bild und kein Panoptikum, in dem man von einer Nummer zur andern rennt! Nicht wahr? Kilian : Sehr richtig, Herr Vierfuß! Vierfuß : Nun, kurz: sie haben keine Natur und also keinen Gott! Kilian : Sehr richtig! Und deshalb brauchen sie ja nur zu phantasieren und können immer spazieren gehen in den Wundern und im Jenseitigen und im Unendlichen und so weiter und so weiter! Vierfuß : Sehr richtig, Herr Kilian! Es ist ein gottloses Pack! Kilian : Sehr richtig, Herr Vierfuß! Erika : Das Endliche, das Unendliche! Als ob das 123 zweierlei wäre! Wir lieben das Endliche nur, wenn's ins Unendliche mündet, aber das Unendliche nur, wenn es im Endlichen ruht! Kilian : O ja –. Das war gut, mein Fräulein. Mantl : Gehen wir! mit unsern Füßen auf der Erde, und unser Mund auf einem andern! – Doch wenn unser Herz hinausgeht in andere Felder, dann sei's, weil es in seinen Wurzeln so genährt, hinaufwächst und hinaufblüht, und nicht, weil es so leicht und unbeschwert, immer emporflattern kann! Vierfuß : Ja, gehen wir, und wir wollen leben, und alles andere ist Spaß! Wir kommen aus der Fremde auf die Erde und gehen mit dem Tod in die Fremde – so sei hier unsere Heimat, und ist sie auch der Sturm unseres Leides, so ist sie doch auch der Wald unserer Freuden – nicht wahr, Herr Kilian? Kilian : Sehr richtig, Herr Vierfuß! Mantl : Gehen wir, Erika! Erika : Ja, und nehmen Sie diese Blüte als Andenken von mir! (Mit Mantl ab.) Vierfuß : Danke! – Komm, Julius! – Er weint! – Komm Julius! – Und Herr Kilian, nehmen Sie das als Andenken von mir! (Mit Julius ab.) Kilian : Danke! – (allein:) Das war gut. Das war schön. – Doch warum lassen sie mich allein? – Es wäre wohl auch für mich an der Zeit, zu gehen – aber wie? aber wie? Frau Samsons Stimme : Dürfen wir zu Ihnen? Kilian : Bitte! Bitte! 124   Schiroga, Kummer, Frau Samson, Gräfin Ziegeltrum, Schumpeter . Schiroga : Kommen Sie! Stützen Sie mich, stützen wir einander! – Aber wo ist die Leiche? Weg! Was sagen Sie jetzt? Kummer : Gar nichts! Ich bin ruiniert! Wenn die ganze Nacht über ein fremder Mensch, wie dieser Samson, im Haus versteckt ist und allen Schabernack tun kann, wie ist dann eine geordnete Arbeit möglich? Und wer hat die Tür geöffnet? Wer hatte einen zweiten Schlüssel? Ich will nichts mehr wissen! Man kann die Apparate doch nicht so vervollkommnen, daß man Wissenschaft treiben könnte! Ich bin ruiniert, die Wissenschaft ist ruiniert – Intuition ist alles! Sie waren auf dem richtigen Weg! Schiroga : Wollen wir nicht einen Bericht über diese Nacht verfassen? Aber präzis, aber präzis! Kummer : Ach was, präzis! Das gibt es nicht! Schlafen! Schiroga : Wir legen uns her! Kommen Sie! (Sie legen sich.) Frau Samson : Nun, Meister, sprechen Sie! Was ist hier geschehen? Wer hat die Tür geöffnet? Kilian : Gezaubert! gezaubert! mit dem Finger habe ich sie geöffnet! Frau Samson : Und wo ist die Leiche? Kilian : Verschwunden, aufgelöst! In Atome aufgelöst, in Atome, Ionen, Elektronen! Frau Samson : Und Erika? Und Mantl? 125 Kilian : Auch verschwunden! aufgelöst! alle meine Feinde sind verschwunden! Frau Samson : Meine leibliche Tochter! Gräfin Ziegeltrum : Und Julius? Kilian : Der allerdings ist merkwürdigerweise auf natürliche Art mit den Füßen auf der Erde hier hinausgegangen! Gräfin Ziegeltrum : Der arme Junge! So einsam in dem Sturm! (Ab.) Frau Samson : Herr Schumpeter, lassen Sie uns allein! Schumpeter : Aber –! Frau Samson : Lassen Sie uns allein! (Schumpeter ab.) Meister, die beiden schlafen. Endlich bin ich mit Ihnen allein. Noch weiß ich nichts von Ihnen, von Ihrem persönlichen Dasein und Ihrem Leben auf der Erde! Kilian : Von schlichten Eltern stamme ich ab und habe nicht studiert. Frau Samson : Nicht das ist's, was ich meine. Sind Sie verheiratet? Kilian : Nein. Frau Samson : So dachte ich es. Ein Mensch wie Sie lebt nur allein, auf eigener Ebene, frei von triebhaft-körperlicher Verbindung. Auch ich habe versucht, mich so hoch emporzuarbeiten. Früher nämlich war ich erschreckend sinnlich, von besessener Erotik, bis einmal, denken Sie! bis einmal mein Mann mir die Abdrücke meiner Finger in seinem Fleisch zeigte. Damals bin ich im Innersten erschrocken! Das schrecklichste war: er schien 126 sich darüber zu freuen, ja, wie er sie mir lächelnd zeigte, da war er für mich der Teufel! Damals habe ich tief in mich hineingesehen, und damals habe ich die Bestie in mir erkannt, und damals habe ich gesagt: genug! nicht weiter! und habe das Tier in mir erwürgt! Kilian : Nun –? Und –? Frau Samson : Nicht für immer, Meister, nicht für immer! Ich schäme mich vor Ihnen, aber ich fühle, wie es in mir revoltiert! Kilian : Nun –? Und –? Ihr Mann –? Frau Samson : Ach, er! Meine Verehrung für Sie ist zu groß geworden! Ich weiß, daß ich Sie damit erniedrige, aber der Geist ist aus seinen Ufern getreten und hat das ganze Wesen ergriffen! Kilian : Aha –! Stehen Sie auf! – Nun, ich denke, es ist durchaus erlaubt, der irdischen Liebe ihren Tribut zu zollen! Frau Samson : Oh, und ich dachte, Sie in Ihrer Welt, Sie würden es verachten und verdammen! Kilian : Nur unter Umständen, Madame, nur unter Umständen! Frau Samson : Wie soll ich das verstehen? Kilian : Lassen Sie mich einen Augenblick allein, ich werde nachdenken, und Sie sollen dann das Genauere erfahren! Frau Samson : Ja! – (Für sich:) Er ist mir unheimlich! Als wäre er schon im Wahnsinn! (Ab.) Kilian : Alles krumm, alles schief! Weg, weg! Sie soll in meine Werkstatt kommen, dann will ich ihr sagen, was ich denke! – Gnade mir Gott, 127 ein Übermensch zu sein! Weg, weg! – Und nehmen Sie das als Andenken von mir! (Ab.) Schiroga : Wer schreit denn hier? Kummer : Verflucht, ich will schlafen. Mir ist ekelhaft zumut! Schiroga : Wollen Sie trinken? Kummer : Die Flasche ist doch leer. (Er schläft ein.) Schiroga : Schadet nichts, schadet nichts. Ich trinke immer aus der leeren Flasche und habe nur die Illusion: sie wäre voll, und dann bin ich schon ganz berauscht. (Er schläft ein.)   Gräfin Ziegeltrum, Frau Samson, Schumpeter . Gräfin Ziegeltrum : Julius ist weg! Frau Samson : Und der Meister? Er war so sonderbar –! Gräfin Ziegeltrum : Ob er wiederkommen wird? – Aber sehen Sie hier! Er hat am Ende noch die künstliche Rose zur Blüte gebracht! Schumpeter : Hat er noch etwas gesagt, bevor er weggegangen ist? – Wachen Sie doch auf! Hat er noch etwas gesagt? Frau Samson : Glauben Sie, daß er wiederkommen wird? Gräfin Ziegeltrum : Nein, ich glaube nicht. Frau Samson : Ich glaube es auch nicht. – Doch eine Nacht war er bei uns! Und jetzt ist er zurück in jene Welt, aus der er kam!   Ende