Eduard von Keyserling Nachbarn Novelle Das kleine Bergtal füllte sich mit durchsichtiger Dämmerung. Die fetten Wiesen lagen farblos da, und der Bergbach, weiß in den sinkenden Schatten, begann lauter zur rauschen. Immer, wenn es abendlich still wurde, erhob er so die Stimme, um endlich im Schweigen der Nacht allein das Wort zu behalten. Vom See, der drüben hinter den Bäumen still und dunkel dalag, wehte es kühl herüber. Oben aber an den Berggipfeln hing noch roter Abendschein. Das Ehepaar von Bassel kehrte von seinem Spaziergange zurück, langsam, müde, die Glieder schwer von dem langen heißen Tage und dem weiten Wege. Sie gingen nicht nebeneinander, sondern hintereinander. Oskar war Dina einige Schritte voraus, dann blieb er stehen, nahm seinen Hut ab und schaute zu den Bergspitzen empor, aufmerksam wie jemand, der entschlossen ist, einen Eindruck in sich aufzunehmen. Hier auf dem Lande hatte er sich einen blonden Bart stehen lassen, auch das Haar war ziemlich lang geworden. Aus dem hübschen, sonst so diplomatenhaft gepflegten Kopf war so etwas wie ein Dichterkopf entstanden. Oskar war auch überzeugt davon, daß ein Dichter in ihm stecke. In seiner Jugend hatte er Verse in Zeitschriften veröffentlicht, und jetzt sprach er stets davon, daß er den Plan zu einem bedeutenden Werke in sich trug. Wenn nur das Leben ihm Zeit dazu lassen würde, aber da war seine Anstellung im Finanzministerium, da war die Geselligkeit, er war beliebt, er war Lebemann, er war Sportsmann, wo sollte da die Zeit zum Dichten herkommen. Aber hier auf dem Lande, hier mußte auch dem Dichter sein Recht werden. Dina war stehengeblieben und schaute auch zu den Bergen auf. »O sieh doch«, sagte sie. »Ich bin ja gerade dabei, das zu sehen«, erwiderte Oskar ärgerlich und ging weiter. Dieses kurze Zwiegespräch hatte sich manchen Abend schon wiederholt, wenn die Bergspitzen rot wurden, konnte Dina nicht umhin zu sagen: »O sieh doch!«, und das verstimmte Oskar jedesmal, als würde das Abendrot ihm dadurch verdorben. Ja es wurde ihm gewiß dadurch verdorben, dachte Dina, denn wenn sie miteinander zankten, liebte es Oskar, zu sagen: »Ich weiß nicht, durch dich wird meine Natur verfälscht.« Nun, wahrscheinlich verfälschte sie ihm auch das Abendrot. Ja, Dina war unglücklich und begriff doch nicht, warum sie es sein mußte. Sie war doch so bereit, glücklich zu sein und glücklich zu machen. Das wollte ihr jedoch nicht gelingen. Wenn das Leben Oskar keine Zeit für seine große Dichtung ließ, so ließ es ihm noch viel weniger Zeit für Dina. Alles ging vor, die Geschäfte, die Vergnügungen, die Freundinnen, und für Dina blieben nur einige Stunden eines gereizten und säuerlichen oder einsilbigen Beisammenseins übrig. Dina konnte es nicht ändern, daß sie dann weinerlich und vorwurfsvoll und eifersüchtig war. Zuweilen allerdings kamen große Versöhnungsszenen, die für Dina große Festtage waren, sie gerieten jedoch zu bald in Vergessenheit. Nach solch einer Versöhnungsszene war es gewesen, daß sie diesen Landaufenthalt beschlossen hatten. Hier in der Einsamkeit, vor der großen Natur wollten sie sich wieder finden, hier wollte Oskar ganz den beiden Vernachlässigten, seinen Gedichten und seiner Frau, leben. Anfangs war es auch hübsch gewesen, obgleich die Art, mit der Oskar seine Freundlichkeit unterstrich, ein wenig unbehaglich war und Dina befangen machte. Dann aber ging es mit dem Gedicht nicht recht vorwärts, und Dina schien daran schuld zu sein, Oskar wurde bitter und Dina weinerlich, sie stritten oder sie schwiegen miteinander, und Dina fühlte, daß das Glück, welches sie nun zu halten geglaubt hatte, ihr wieder entwischte. Alles um sie her schien ihr traurig und bedrückend, diese Berge, diese hellen Tage, der starke, süße Duft der Wiesen und die fette Behäbigkeit der Kühe und Menschen. Das melancholischste aber war stets dieses Heimkommen vom Abendspaziergange, wenn Oskar und sie so stumm hintereinanderher gingen, die Müdigkeit lag schwer auf ihren Schultern, die gepflückten Feldblumen welkten in ihrer heißen Hand, und nichts, nichts war zu erwarten, das sie ein wenig glücklich machen konnte. Drüben in der niedrigen Bauernstube würden die Abendmilch und der langweilige Aufschnitt sie erwarten, und dann würden sie auf dem Balkon sitzen, in die Nacht hinaussehen, den Tönen lauschen, und Oskars Schweigen würde Dina wie eine körperliche Qual krank machen. Dinas hübsches rundes Gesicht, das ganz auf ein glückliches Lächeln eingerichtet war, wurde, während sie langsam hinter Oskar her ging, kummervoll, und das Junge und Blühende in ihm, das es sonst hübsch machte, schien wie erloschen. Aus dem Waldwege, der vom See heraufführte, bog jetzt ein zweites Paar in die Hauptstraße ein. Ein ganz junger Mann in gelbem Radfahrkostüm, schmalschulterig wie ein Knabe, den Hut in der Hand, das reiche schwarze Haar im Abendwinde flatternd, umschlang mit dem rechten Arm ein junges Mädchen. Sie war überschlank, ganz in Weiß gekleidet, das Haar, unbedeckt, hing feucht von Abendnebeln ihr über die Stirn. Sie lehnte sich ganz fest an ihren Gefährten, als sei es ihr schwer, ohne Stütze zu gehen. »Das ist das Paar, das unter uns wohnt«, sagte Dina. »Ich sehe es«, erwiderte Oskar, und nach einer Weile setzte er hinzu: »Ich weiß nicht, warum es dir ein Bedürfnis ist, mir alles, was hier geschieht, sozusagen vorzustellen.« »Ach, man sagt das so«, meinte Dina. Oben in der Bauernstube, in der Oskar und Dina wohnten, standen in der Dämmerung die Milch und der Aufschnitt auf dem Tisch. Das Ehepaar setzte sich und begann schweigend zu essen. Kann es etwas Traurigeres geben, dachte Dina, als diese Mahlzeit. Endlich wurde ihr das Schweigen so unerträglich, daß sie beschloß, etwas Freundliches zu sagen: »Ist dir auf dem Spaziergange etwas Hübsches für dein Werk eingefallen?« Überrascht sah Oskar auf, und dann antwortete er in einem Ton, als habe Dina ihn beleidigt: »Was soll mir einfallen? Und überhaupt mein Werk! Ich liebe es nicht, wenn danach gefragt wird, etwa wie man fragt: Hast du noch Zahnweh?« »Ach so, das wußte ich nicht«, entgegnete Dina spitz. Eine Wohltat war es, als Resei, die Magd, in das Zimmer trat, um das Geschirr zu holen. Sofort begann Dina mit ihr zu sprechen: »Sagen Sie, der Herr und die Dame, die unter uns wohnen, was sind das für Leute?« – »Die«, erwiderte Resei, »mit denen ist es nicht ganz richtig. Da kennt man sich nicht aus. Verheiratet sind sie nicht, Geschwister sind sie nicht, tags sitzen sie zu Hause hinter geschlossenen Fensterläden, abends gehen sie fort und fahren auf dem See herum, bis es dunkel wird, und wenn sie heimkommen, sitzen sie dort auf dem Balkon die ganze Nacht und sprechen und sprechen. Und wie sehen sie aus, bleich wie die Gespenster, ordentlich zum Fürchten. Ja, was die haben, kann man nicht wissen. Er nennt sich Doktor Krammer und sie Adine Mieke, Studentin.« Und dann seufzte Resei und fügte hinzu: »Ja, es gibt so allerhand Leute.« »So, so«, meinte Oskar, und damit war das Mädchen entlassen. Oskar und Dina gingen auf den Balkon hinaus und schauten schweigend in die Nacht hinein. Sehr hell und unruhig flimmernde Sterne standen am Himmel über all dem Schwarz, welches auf dem Lande lag. Zuweilen erwachte ein Ruf irgendwo sehr weit und kam durch die Finsternis heran wie durch eine große schweigende Leere. Ein Gefühl unendlicher Einsamkeit ergriff Dina, sie hätte weinen mögen, und angstvoll wartete sie darauf, daß er etwas sage, um sie aus dieser Einsamkeit zu reißen. Er schwieg jedoch oder pfiff zuweilen leise eine Melodie vor sich hin, welche Dina hoffnungslos traurig erschien. Plötzlich ließ sich eine Stimme vernehmen. Sie kam von dem unteren Balkon, eine tiefe, ein wenig singende Frauenstimme, die ihre Worte langsam aussprach, als wollte sie ihnen Zeit lassen, ein jedes für sich in die Finsternis hinauszufliegen. »Ach, du mußt Geduld mit mir haben, es wird kommen, ich weiß bestimmt, daß es kommen wird, aber heute wieder war es so eigen –« »Wir haben Zeit«, erwiderte eine Männerstimme, die gegen den dunklen veträumten Ton der Frauenstimme unruhig und erregt klang, »natürlich wird es kommen, wie etwas Notwendiges, nicht einmal die Anstrengung eines Entschlusses wird es kosten. Es wird uns nehmen wie das Selbstverständliche, wie das einzige, das wir wollen können.« »Heute«, begann wieder die Frauenstimme, »heute auf dem See, da kam ein Augenblick, in dem ich es hätte tun können, als die Dämmerung kam und die Nebel um uns aufstiegen und alles um uns her wie fortgelöscht schien. Nichts war das als ein kühles Wehen. Da wollte ich dir sagen, jetzt – aber da sah ich plötzlich, daß in den Häusern am anderen Ufer die Lichter angesteckt wurden, kleine gelbe Punkte, und sofort stellte ich mir die Stuben vor, in denen die Lichter brannten, und die Menschen, die dort eng und warm beisammensaßen, sicher hinter verschlossenen Türen – und da fror mich und da –« »Ich weiß, ich weiß«, fiel die Männerstimme ein, »aber du kannst ruhig sein, nächstens werden wir diese schmutzigen gelben Lichter nicht mehr ansehen können. Warte nur, bis wir ganz auf unserer Höhe sind.« Jetzt schwiegen die Stimmen. Dina hatte atemlos gelauscht, und als das Gespräch verstummte, da erfaßte sie ein Grauen, es war ihr, als hätten die beiden klagenden Stimmen in die Stille der Nacht ein unheimliches Fieber hineingelegt, etwas, das lauert und droht und einsam leidet. Nein, sie hielt es nicht aus. »Ich zünde die Lampe an«, sagte sie und ging ins Haus. Oskar folgte ihr, er hatte blanke Augen und begann sehr angeregt zu sprechen: »Ein Schicksal vollzieht sich da unter uns, du wirst sehen. Das nenne ich ein Erlebnis, das nenne ich eine Impression.« »Ich finde das unheimlich«, sagte Dina und schmiegte sich an Oskar. Der Landaufenthalt gewann für Oskar jetzt an Inhalt, er sprach beständig von dem rätselhaften Liebespaar unter ihnen. Er versuchte es, ihnen zu begegnen, wenn sie zum See hinuntergingen, wartete mir großer Aufregung auf ihre Rückkunft, oder er stand am Seeufer und schaute zu, wie der Kahn mit den beiden Liebenden auf dem Wasser schaukelte. »Es ist klar«, sagte er zu Dina, »er reißt das arme Mädchen mit in sein Verderben, er hat sie hypnotisiert, ja, so sieht sie aus. Wenn man nur wüßte, man könnte sie vielleicht retten.« »Wer? Du?« fragte Dina. »Ja, warum nicht«, erwiderte Oskar eifrig. »Wenn ich sehe, daß ein Unglück geschieht, so ist es Menschenpflicht zu retten. Aber man weiß eben nicht. Übrigens habe ich sie heute ganz nahe gesehen, sie hat eins dieser schmalen, bleichen Gesichter, die so ergreifend sein können. Und dann die Augen, goldbraun, die aussehen, als seien sie müde von dem eigenen Glanze, den sie ausstrahlen müssen. Und der Mund, der so geistvoll Schmerz ausdrückt.« »Du dichtest ja«, warf Dina hin. Allerdings, Oskar gestand, daß diese Begegnung ihn sehr anregte. Dina zog die Augenbrauen ein wenig empor, was ihrem Gesichte einen Ausdruck verleihen sollte, als langweilte sie das Gespräch. »Für dein Talent«, meinte sie, »ist es schade, daß ich ein rundes Gesicht habe, keine müden Augen und keinen geistreichen Mund.« »Unsinn«, brummte Oskar, dann fuhr er auf: »Ich wundere mich, daß du kein Mitleid fühlst. In solch einem Fall kann man sich doch einer gewissen menschlichen Teilnahme auch für Fremde nicht erwehren.« Dina zuckte die Achseln: »Mitleid schon, aber Damen in solchen Verhältnissen stehen mir so fern, daß mein Interesse für sie nicht sehr lebhaft ist.« Da lachte Oskar höhnisch: »Natürlich, ihr drapiert euch in eure bürgerliche Tugend und seid dann aller menschlichen Gefühle überhoben.« »Ja, wünschst du denn, daß ich mich für solche Damen interessiere?« fragte Dina gereizt. »Solche Damen?« wiederholte Oskar, machte eine abwehrende Bewegung, nahm seinen Hut und lief hinaus. Er ging in den Wald. Die jungen Tannen der Schonung standen blank und regungslos in der Mittagssonne, durch die heiße Luft surrten zahllose winzige Flügel, ein Ton wie das regelmäßige Atmen eines Schläfers. Hier war es gut. Der Streit mit Dina hatte in Oskar die angenehme Erregung, das starke Empfinden, die sich in letzter Zeit in ihm anzusammeln begannen, zerstört, hier waren sie wieder da. Langsam ging er den Waldweg entlang, da sah er auf einer Bank die Fremde sitzen. Fräulein Adine Mieke im weißen Kleide, ohne Hut, die Hände im Schoß gefaltet, seltsam regungslos, als schliefe sie, aber ihre Augen waren weit offen und schauten starr und klar vor sich hin, das bleiche Gesicht trug den Ausdruck einer großen Müdigkeit, die sich unendlich wohlig an der Ruhe berauschte. Dieser Anblick erschütterte Oskar, er blieb einen Augenblick stehen, dann ging er entschlossen auf die Bank zu und setzte sich mit einem kurzen »Entschuldigen Sie«. Das junge Mädchen schrak heftig zusammen, errötete und antwortete: »O bitte.« Gleich darauf jedoch versank es wieder in sein müdes Vorsichhinstarren und schien Oskar vergessen zu haben. Er aber fühlte, daß er etwas Bedeutsames sagen, etwas Bedeutsames tun mußte, er begann daher: »Das ist ungewohnt, mein Fräulein, sonst pflegen Sie bei Tage nicht auszugehen, denke ich.« Adine Mieke fuhr wieder zusammen, errötete, und etwas wie Schrecken malte sich auf ihrem Gesichte, als sei sie auf einer unerlaubten Tat ertappt worden. »Ach ja«, erwiderte sie hastig, als müßte sie sich entschuldigen, »wir gehen bei Tage nicht aus, er, das heißt, mein Freund will das nicht, aber mir wurde es da drinnen hinter geschlossenen Fensterläden so eng, ich konnte nicht atmen, es machte mich krank. Da bin ich ein wenig hinausgegangen.« Sie stieß das schnell hervor wie ein Kranker, der froh ist, auf eine teilnehmende Frage sein ganzes Leiden herauszusagen. »Daran tun Sie sehr recht«, erwiderte Oskar, ergriffen von dem gequälten Blick ihrer Augen, »um diese Stunde hier still zu sitzen ist, denke ich, sehr heilsam; spüren Sie nicht auch, wie sich unser Körper hier mit Leben volltrinkt, zum Überlaufen voll. Wir können hier Leben auf Vorrat aufspeichern.« Oskar lächelte, Adine jedoch erwiderte dies Lächeln nicht, sondern machte noch immer ihr erschrockenes Gesicht. »Oh, meinen Sie?« sagte sie. »Und das ist doch gut«, fuhr Oskar fort, »denn wir können doch nicht genug Leben in uns aufsammeln.« Das schien Adine zu ärgern, sie zog die Augenbrauen leicht zusammen, ihr Mund zuckte, als sei sie böse und als wollte sie weinen. »Ich wollte mich hier ein wenig ausruhen«, sagte sie mit zitternder Stimme, »ich wollte nichts einsammeln und nichts trinken, und ich brauche keinen Vorrat, und jetzt muß ich auch gehen.« Sie stand eilig auf, nickte und lief den Waldweg hinab dem Hause zu. Oskar schaute ihr gerührt nach und sagte sich: »Oh, die hat noch Lebensvorrat genug in sich.« Oskar erzählte Dina nichts von der Begegnung, war aber unterhaltend und liebenswürdig. Er sprach davon, daß die Natur mit jedem Tage einen tieferen Eindruck auf ihn mache, daß seine Dichtung in ihm wachse, »sie kommt, sie kommt«, sagte er und rieb sich vergnügt die Hände, es kam nur darauf an, viel mit der Natur allein zu sein, sozusagen mit der Natur unter vier Augen. Dina griff seufzend nach ihrem englischen Roman, ach ja! darauf kam es immer heraus, daß sie einsam zu Hause sitzen mußte. Abends hatte Oskar einen anstrengenden Wachtdienst, er folgte dem Paare, wenn es zum See ging, er nahm einen Kahn und fuhr auf den See hinaus, sein ganzes Wesen war gespannt vor Erregung, vor Angst, vor quälendem Mitleid, als gälte es, etwas ihm Teures zu retten. Den Tag nach ihrer ersten Begegnung hatte er Adine nicht auf der Bank getroffen, am folgenden Tage jedoch saß sie wieder da, die Füße von sich gestreckt, die Hände im Schoß gefaltet, ganz versunken in die Ekstase des Ruhens. Oskar setzte sich zu ihr, sie lächelte matt und sagte leise: »Ich bin doch wieder da.« – »Das ist gut, das ist gut«, meinte Oskar eifrig. »Ach nein, aber – er schlief gerade, da mußte ich hinaus. Sie sagten, hier trinke man sich mit Leben voll, ja, so komme ich mir vor, wie ein Trinker, der sich heimlich fortstiehlt, um sich einen Rausch zu holen.« »Warum heimlich?« rief Oskar eindringlich, »es ist ja unsere Pflicht, so viel Leben als möglich in uns hineinzubringen, das ist ja gut, wer kann uns das verbieten.« Adine zuckte müde mit den Schultern. »Ach wozu! es hat ja doch keinen Sinn.« Oskar setzte sich zurecht, jetzt galt es, etwas Entscheidendes zu sagen, jetzt galt es, dieses arme verzagte Wesen zum Leben zu überreden. Ihm wurde warm ums Herz, schließlich war er doch nicht umsonst ein Dichter, wenn er auch bisher keine Zeit für seine Dichtungen gefunden hatte. So begann er denn: »Bitte, mein Fräulein, es ist möglich, daß das Leben keinen Sinn hat, es ist sehr möglich, aber es braucht auch keinen Sinn zu haben, es ist für sich selbst genug. Und sehen Sie, in den Augenblicken, in denen es am wenigsten Sinn zu haben scheint, in denen es nur so in uns brennt und uns gedankenlos macht, da macht es uns am glücklichsten, da verstehen wir es ganz. Um solcher Augenblicke willen können wir schon manches Harte mit in den Kauf nehmen.« »Warum sagen Sie das?« fragte Adine und sah Oskar erstaunt und böse an, er jedoch fuhr in ruhig belehrendem Tone fort: »Weil – nun weil es mir scheint, als hätten Sie das ein wenig vergessen. Nun also, hören Sie dem Summen hier zu, hat das einen Sinn? Es ist eben nur die wohlige Musik von tausend kleinen Wesen, die glücklich sind, zu leben. Bitte, sehen Sie dort die Hummel an, diesen hübschen kleinen goldbraunen Sammetball, wie sie gemächlich durch den Sonnenschein schlendert. Sie fliegt an den Blumen vorüber, sie hat nichts zu tun, als durch den Sonnenschein zu schlendern und schläfrig vor sich hin zu singen. Nein bitte, sprechen Sie nicht, wir wollen jetzt nebeneinandersitzen und schweigen. Sie werden mich dann verstehen. Es ist nämlich nicht unwichtig, daß in solchen Augenblicken zwei nebeneinandersitzen, das gehört dazu, also bitte.« Adine lächelte wieder ihr müdes Lächeln, aber sie schwieg gehorsam, faltete die Hände im Schoß und schaute der Hummel nach. Aus ihrem bleichen Gesichte wich alles Gespannte, Angstvolle, es war wie das Gesicht eines Menschen, der einschlafen will und noch ein wenig zögert, um zu fühlen, wie die Süßigkeit der Ruhe ihn überwältigt. Aus den unbewegten Augen aber rannen langsam Tränen über die blassen Wangen. Abends, als Dina und Oskar auf dem Balkon saßen, tönten wieder die Stimmen der Nachbarn von unten herauf. »Wieder ein Tag vorüber«, sagte Doktor Krammer klagend, »und warum? ich frage, warum?« Adine antwortete, ihre Stimme zitterte, sie schien zu weinen: »Was kann ich dafür? Du sagst, es kommt ohne unser Zutun, ich warte.« Doktor Krammer lachte kurz und höhnisch auf, Dina fand dieses Lachen unheimlich. Unheimlicher noch war es, daß neben ihr in der Dunkelheit auch Oskar zu lachen begann. »Warum lachst du?« fragte sie. »Ich denke, du bist mitleidig.« – »Ich bin mitleidig«, erwiderte er, »und deshalb lache ich.« Dina zuckte die Achseln. Es war wohl Schuld der Dichtung, dachte sie, daß Oskar jetzt solche Aussprüche liebte, die ihr ganz unverständlich waren. Für Dina kamen jetzt einsame Tage, die ihr unendlich lang erschienen. Sie sah Oskar fast nur zu den Mahlzeiten, ihre Spaziergänge mußte sie allein machen, oder sie saß auf dem Balkon und las den englischen Roman, vor sich das sonnige Tal in seiner fetten, farbigen Ruhe. Sie hätte viel um ein Ereignis gegeben, und wäre es auch nur wieder eine tüchtige Szene mit Oskar gewesen, Tränen und Versöhnung. Eines Tages, als sie von ihrem heißen Morgenspaziergang heimkehrte und sich anschickte, auf Oskar zu warten, der täglich zu spät zum Mittagessen kam, da trat die Magd Resei ein und berichtete: Der Herr lasse der gnädigen Frau sagen, er habe eilig in die Stadt müssen, er würde noch schreiben. So, das war eine Neuigkeit, aber sie überraschte Dina nicht allzusehr, sie war an solche geheimnisvolle Entschlüsse bei Oskar gewöhnt. »Ja, unten beim Bauern«, berichtete Resei weiter, »hatte der Herr den Wagen bis zur Station genommen.« So, nun, dann konnte Resei das Mittagessen bringen. Das Mädchen ging, in der Türe blieb es stehen, als hätte es noch etwas zu sagen. Dina schaute erwartungsvoll auf. »Ja – und«, begann Resei zögernd, »der Bauer sagt, drüben am Walde ist das Fräulein, das hier vom Doktor unten, in den Wagen gestiegen und mitgefahren.« Resei schaute Dina nicht an, sondern ging eilig zur Türe hinaus. Dina war ein wenig bleich geworden, sie bog den Kopf auf die Lehne des Sessels zurück. »Ach Gott, wieder das, immer wieder das! wahrscheinlich wieder solch ein Erlebnis.« Wenn Dina eifersüchtig war, pflegte Oskar zu sagen: »Ich nehme dir nichts, aber ich bedarf solcher Erlebnisse wie der Maler seiner Farben.« Es erregte Dina kaum, nur eine trostlose Müdigkeit machte ihr das Herz schwer. Sie beschloß, nicht mehr auszugehen, sie schämte sich vor den Leuten, die jetzt doch alle wußten, was geschehen war, sie wollte ruhig auf ihrem Stuhle sitzen und sich nicht rühren. Jetzt zwar fühlte sie nur müde Resignation, aber das Unglücklichsein würde noch kommen, das kannte sie aus ähnlichen Fällen. Langsam vergingen die schwülen Nachmittagsstunden mit ihrem Fliegengebrumm und den grellen Sonnenstrahlen, die durch die Spalten der Jalousien in die Dämmerung des Zimmers hineinstachen. Dann kam die Abendkühlung, der Wind flüsterte in den Bäumen, und der süße, starke Duft der Wiesen drang herein, wehte wie Trost in dieses Zimmer, das Dina ganz voll und schwer von Traurigkeit zu sein schien. Endlich hingen rosenrote Abendwolken an den Berggipfeln. Es wurde an die Türe geklopft. Dina sagte »herein«, ohne aufzuschauen, sie glaubte, es sei die Magd. Als die Türe sich aber öffnete und wieder schloß, schaut sie auf. Ein Herr stand an der Türe, Doktor Krammer, mit seinem wirren, schwarzen Haar, den aufgeregten Augen im bleichen Gesicht und den ungelenken Schülerbewegungen. Er verbeugte sich hastig. Oh, der! dachte Dina und sah ihn mit Abneigung an. Was wollte der? O nein, der durfte an sie nicht heran, ihre Sache und seine Sache hatten miteinander keine Verbindung, und sie war zufrieden mit dem kalten, hochmütigen Tone, in dem sie fragte: »Sie wünschen, mein Herr?« Doktor Krammer stolperte vorwärts und begann zu sprechen: »Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich wollte Sie um Gehör bitten, nur einige Worte.« Dina wies auf einen Stuhl hin, Krammer setzte sich, rang die Hände ineinander und stieß mühsam hervor: »Sie wissen es vielleicht schon, gnädige Frau, Ihr Gemahl hat heute mit meiner – meiner Freundin den Ort verlassen.« – »So höre ich«, sagte Dina in einem Tone, als handle es sich um die gleichgültigste aller Nachrichten. Der junge Mann schaute sie erstaunt an, verzog seltsam sein Gesicht, sann einen Augenblick vor sich hin und murmelte: »Das habe ich nicht erwartet, daß das so aufgefaßt wird, habe ich nicht erwartet.« Er schüttelte sich, als fröre er, und als er zu sprechen begann, überschlug sich seine Stimme, und er sprach schnell, als fürchtete er, unterbrochen zu werden: »Daß das Ereignis hier so aufgefaßt wird, konnte ich nicht erwarten. Ich könnte nun gehen, ich will nur noch sagen, daß dies Ereignis für mich ein Unglück, ja das Unglück meines Lebens ist. Mit diesem jungen Mädchen hatte ich einen Bund geschlossen, der fester, ich kann wohl sagen, heiliger ist als jeder andere Bund, und nun – diese gemeine Trivialität des Lebens, die alles zerstört.« Er schwieg, rang seine Hände ineinander, daß sie knackten, und sein Gesicht zuckte, als wollte er weinen. – »Es tut mir sehr leid«, sagte Dina jetzt teilnahmsvoll, »aber wie kann ich – –« – »Nein, Sie können mir nicht helfen«, unterbrach der junge Mann sie hastig, »es war ein Irrtum von mir. Ich bin mein ganzes Leben unglücklich gewesen, daran bin ich gewöhnt, aber ich verstand es nie recht, allein unglücklich zu sein, ich suchte immer einen Gefährten meines Unglückes, jetzt glaubte ich ihn gefunden zu haben, es war eine furchtbare Enttäuschung, und in meiner Aufregung meinte ich hier oben etwas wie den Kameraden meines Schmerzes zu finden, es war sehr töricht, verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich gestört habe, so will ich wieder gehen.« Er blieb jedoch sitzen und schaute vor sich nieder. Dina sah ihn mitleidig und neugierig an. »Was werden Sie jetzt tun?« fragte sie, »werden Sie etwas schreiben?« – »Schreiben!« fuhr Krammer auf, »Sie wollen über mich spotten.« Dina errötete: »O nein, Herr Doktor; gewiß nicht, ich höre nur immer, daß man Erlebnisse nötig hat, um etwas zu schreiben. Es war natürlich dumm, das zu sagen.« Krammer lächelte verzeihend. »Was ich tun werde«, meinte er, »nun, das ist jetzt gleich, ich werde leben«, und er erhob dabei die Stimme, »ich sehe ein, das Leben ist so gemein, daß ein edler Tod darin nicht Platz hat.« Dieser Ausspruch schien ihm seine Haltung zurückzugeben, er erhob sich, machte ein hochmütiges Gesicht und verbeugte sich. Dina nickte ihm zu: »Ach ja, Herr Doktor, tun Sie das, und wenn das Fräulein das erfährt, wird sie gewiß wieder –« Er jedoch machte eine abwehrende Bewegung und verließ das Zimmer. Die Dämmerung erfüllte das Gemach, Dina saß noch immer auf ihrem Platze, sie dachte an Krammer, anfangs mit leichtem Grauen, dann mit Mitleid, und endlich dachte sie an sich, und da wurde das Mitleid so groß, daß sie lange still vor sich hin weinte.