Friedrich Maximilian Klinger Geschichte Giafars des Barmeciden – Band 2 Viertes Buch 1. Der Ruf von Giafars Tugend erscholl immer mehr durch die Staaten des Khalifen. Hundert wahre Züge davon gingen von Mund zu Munde, tausend wurden dazu erfunden, und die geschäftigen Hofleute sorgten dafür, daß die wahren und erfundnen dem Khalifen zu Ohren kamen. Noch verzieh Haroun ihm seine Tugenden, weil sie ihm nützten, quälte ihn, wo er konnte, und ermüdete nicht, diesen Tugenden, die er im Grunde seines Herzens anerkannte und verehrte, durch Wort und That Netze zu stellen. Giafar entging ihnen immer mit Triumph. Von Fatime vernahm er nichts. Nie sah er sie bei der Prinzessin, zu welcher ihn der Khalife nun jeden Abend einlud; nie hörte er sie dort nennen, und nie sprach er ihren Namen aus. Den einzigen Trost, den er fand, war die Theilnehmung der Prinzessin, welche sie ihm aber, da Haroun seine und ihre Bewegungen sorgfältig zu beobachten schien, nur durch Blicke zeigen durfte. Die Zärtlichkeit des Khalifen gegen seine Schwester hatte nicht abgenommen; nur bemerkte Giafar, daß oft eine plötzliche, ungestüme, leidenschaftliche Wildheit seine zärtlichen Ergießungen unterbrach. Diese Ausbrüche, die Schamröthe, die in solchen Augenblicken der Prinzessin Wangen färbte, die bedeutenden Blicke, womit sie ihren Bruder strafte, sein finstres Betragen darauf gegen sie und ihn verwirrten und ängstigten ihn so, daß ihm diese Stunden der Zusammenkunft bald zu den beschwerlichsten seines Lebens wurden. Er ahnete etwas, das er nicht zu denken wagte, das ihn mit kaltem Schauder überfiel, wenn sich ihm ein Gedanke davon wider Willen aufdrang. Auf den nächtlichen Wanderungen, die er nun zu Zeiten mit dem Khalifen machen mußte, unterhielt ihn dieser ohne Unterlaß von der Anmuth, den Reizen, den Talenten, dem Verstand der Prinzessin, und schon zitterte Giafar vor einer schrecklichen Entdeckung, als ihm Haroun, eben da er ihn an der geheimen Pforte des Palasts entließ, seine nahe Vermählung mit Fatime ankündigte, ihm für das Glück dankte, das er ihm in ihr geschenkt hätte, und darauf verschwand. Giafar blieb lange an der Thüre stehen und sah dem Manne erstaunt nach, der so schonungslos die Wunde seines Herzens wieder aufriß. »Er spottet meiner noch und dankt mir, wie der Räuber dem waffenlosen Wanderer, den er ausgeplündert in der Wildniß der Verzweiflung überläßt. Nah bin auch ich ihr – er fühlt nicht, aus welchem Bewegungsgrund ich ihm dieses große Opfer brachte, er nimmt's für sklavischen Gehorsam, weil ich leide und schweige. – Ich seufze, und Alles schweigt um mich – doch eben in diesem geheimnißvollen, feierlichen Schweigen wirkt der unbegreifliche Verhüllte die großen Wunder, durch die Alles lebt, genießet und sich freut. Stört es ihn in seinem Wirken, weil wir ihn verkennen? Verzeih dem Sohne des Staubs, Geheimnißvoller, den kühnen Gedanken, durch den er sich dir in unendlicher Entfernung von dir nahet!« Er sah zum sternvollen Himmel, trocknete seine Augen und wanderte durch die einsamen Straßen nach seinem Palaste. Der Tag der Vermählung des Khalifen war wirklich bestimmt. Abbassa, die ihres Bruders Festigkeit in seinen Entschlüssen kannte, befolgte seinen Befehl, ohne weiter mit ihm darüber zu reden. Sie suchte Fatimens Kummer zu lindern und sie auf Das vorzubereiten, was geschehen sollte. Der Prinzessin Vorstellungen, ihre Sanftmuth, Güte und noch mehr die glänzende Aussicht, Gemahlin des Khalifen zu werden, die tägliche Gesellschaft des freundlichen blühenden Herrschers Asiens tilgten nach und nach in dem jungen weiblichen Herzen die Liebe zu dem ernsthaften, melancholischen, gleichförmigen Geliebten. Sie hörte die Spöttereien Harouns über den Barmeciden bald ohne Widerspruch und dann lächelnd an; doch der Ernst Abbassa's verbitterte oft den kleinen Triumph. Der Prinzessin Bewunderung für den Leidenden nahm täglich zu. Sie hatte Fatime alles Vorgegangene abgefragt, und ihr Herz setzte nun den Mann, der, um das Leben eines Andern zu retten, seinen Hals darbot, der nun aus so edlem Zwecke die Geliebte ohne Murren hingab, weit über alle Sterbliche. Den Mann, der dieses unnatürliche Opfer erzwungen hatte, konnte sie nicht mehr mit ihm vergleichen. Die Vermählung geschah mit aller Pracht. Giafar mußte der Feierlichkeit, dem Gastmahl beiwohnen; denn es ist eine weltbekannte Sache, daß die Großen der Erde wenig von bürgerlicher Delikatesse wissen; was ihnen gefällt, muß Allen gefallen, selbst Denen, auf deren Kosten es geschieht. Giafar betrug sich dabei, wie sich ein Mann beträgt, der noch etwas Erhabeneres kennt, als den Besitz eines Weibes. Die Zufriedenheit Zobaidens (unter diesem Namen spricht Harouns Geschichte viel von ihr) machte ihm den Verlust der sanften, unschuldigen Fatime erträglicher; doch bis zum Glückwunsch konnte er sich weder gegen den Khalifen, noch die Neuvermählte erniedrigen. Er verlor sich während dieser Ceremonie unter dem Haufen, und Khozaima versäumte nicht, es der Neuvermählten merkbar zu machen. Sie sah sich gerührt nach dem Barmeciden um, und Haroun, der es gehört, ihre Bewegung bemerkt hatte, erröthete. 2. Die Reize Fatimens fesselten den Khalifen nur auf wenige Tage. Er kehrte bald zu seiner Schwester zurück; theilte von neuem seine Zeit zwischen seine Geschäfte und ihre Gesellschaft, ohne weiter seiner neuen Gemahlin zu erwähnen. Noch düsterer, noch quälender ward nun seine Laune. Die Sanftmuth, die Freundlichkeit, der Witz der Prinzessin, ihr Gesang, ihr Lautenspiel wirkten weiter nichts auf ihn, als daß sie ihn zu noch ungestümern Aeußerungen reizten. Sein Betragen gegen Giafar war entweder äußerst rauh oder äußerst zärtlich. Er haßte und liebte ihn in gleichem Maße; seine Abwesenheit war ihm so unerträglich, wie seine Gegenwart, und je weiser, muthvoller Giafar seine Laune ertrug, je mehr empörte sich sein stolzes Herz. In jedem seiner Worte, in jedem seiner Blicke sah und hörte er einen Sieg über sich, und um so peinlicher ward ihm diese Empfindung, da sein Verstand ihm deutlich zeigte, er verdiene die Niederlagen. Eines Tages neckte er ihn in Gegenwart Abbassa's auf das grausamste; Giafar erduldete es lange; endlich sah er ihn mit kaltem Ernste an und sagte: »Herr der Gläubigen, wäre mein Herz zum Stolze geneigt, du müßtest ihn heute mehr als je erweckt haben; denn nun seh' ich erst ganz klar, daß du in deinem Innern mit mir und meinen Diensten weit zufriedner bist, als ich zu denken wagte. Würdest du es wohl, wenn du gegründete Ursache zum Mißvergnügen hättest, bei der Verspottung der Eigenschaften bewenden lassen, wodurch ich allein deiner würdig sein kann? Spotte, Herr; ich, der ich nur Einen Wunsch habe, von dir geachtet zu sein, wenn ich es verdiene, kann auch deinen unverdienten Haß ertragen. Erlaube mir nur für mein Dulden, daß ich dir so dienen darf, wie es deiner, meiner und der Menschen würdig ist, die das Schicksal dir zur Leitung anvertraut hat.« Haroun sah von ihm auf Abbassa. In ihren Augen schimmerte der Beifall des gerührten Herzens. Sie blickte nach Haroun; er ward die Thränen gewahr, die an ihren Augenwimpern zitterten – lispelte Giafar ins Ohr: »diese Nacht begleite mich durch Bagdad,« und brach auf. 3. Giafar erschien zu der ihm bekannten Stunde. Sie schweiften absichtslos in der Stadt herum. Haroun schwieg. Endlich traten sie, nahe am Tigris, in eine Karavanserie, worin sie eine Gesellschaft persischer, arabischer, ägyptischer und indischer Kaufleute antrafen, die in einem lebhaften Gespräche über die Regierung begriffen waren. Haroun hörte Giafars Namen zehnmal vor dem seinigen. Unter dem Haufen saß ein Araber, der bei jedem Lobspruche, den man einem von ihnen ertheilte, ungeduldig die Schultern zuckte und finstre, widrige Grimassen schnitt. Haroun bemerkte ihn und zeigte ihn seinem Begleiter. Bisher bewies der Araber noch immer sein Mißvergnügen durch Geberde, aber endlich brach er ungestüm los und sagte mit einer heischern, gellenden Stimme in arabischer Sprache: »Ihr seid alle Heuchler und feige Memmen! denn ihr alle hier wißt so gut, wie ich, daß der Khalife und sein Großvizir der Lobsprüche nicht mehr würdig sind, die ihr ihnen ertheilt. Beim Propheten, sollte einer von ihnen mich je darum fragen, ich wollt' es ihm ins Angesicht sagen!« Die Kaufleute erschraken, sahen einander an, und da sie die zwei zuletzt angekommenen Fremdlinge bemerkten, so zerstreuten sie sich. Nur der Araber blieb ruhig sitzen. Haroun trat zu ihm und sprach ihn arabisch an. Der Araber antwortete ihm nicht, stand auf; Haroun folgte ihm mit Giafar. Wackrer Fremdling, sagte Haroun, da sie in einiger Entfernung von der Karavanserie waren; da du so viel Muth hast, dem Khalifen und seinem Großvizir ins Angesicht zu sagen, daß sie der Lobsprüche dieser Männer nicht mehr würdig sind, so wirst du wohl auch den Muth haben, uns, deinen Landsleuten, die Ursache davon mitzutheilen. Der Araber starrte sie beide an. Warum nicht? Ist nicht ganz Bagdad davon voll? Wird es nicht bald durch alle die Länder des Khalifen erschallen? Fluch dem Muselmann, der länger davon schweigt? Und wovon? fragte Haroun in einem leisen Tone. Davon, Zudringlicher, antwortete der Araber rauh, daß der Herr der Gläubigen, der Nachfolger des Propheten, seine Schwester liebt, Blutschande mit ihr treibt oder treiben will! Daß der hochgepriesene Barmecide das Geheimniß weiß und dazu schweigt! Geh! und sage dies dem Khalifen, wenn du von seinem Hofe bist, und sage ihm: der Blutschänder könnte des Propheten Kinder nicht beherrschen! Wüthend, unbemerkt von dem Araber, zog Haroun während diesen Worten seinen Dolch aus dem Gürtel und stieß ihn dem Redner in die Brust: »Nimm den Lohn dafür, du Kühner, daß du mir ein Geheimniß ins Ohr gesagt hast, das ich nie selbst zu ergründen wagte!« Noch einmal wollte er nach dem Sinkenden stoßen, Giafar warf sich seinem Dolch entgegen, wollte reden: »Schweige,« schrie Haroun – »dieses soll der Lohn eines Jeden sein, der in mein Herz zu blicken wagt. Ich will ihn aufsparen, wenn der Tod ihn aufspart. Bleibe hier; ich will dir Männer von der Nachtwache schicken, bringe ihn an einen geheimen Ort und laß mich morgen wissen, ob er lebt, wer er ist – und daß ich ja erfahre, wer ihn zu diesem kühnen Schritt gedungen hat. Ist er todt, so sei der Tigris sein Grab!« Als sich der Khalife entfernt hatte, so neigte sich Giafar gegen den Verwundeten, rief ihm zu, befühlte seine Wangen und Hände, richtete sein Haupt auf, und da er noch Leben in ihm spürte, zog er ihn zu einem nahen Baum hin, um ihn daran zu lehnen. Der Verwundete schlug die Augen auf, sah sich um und fragte auf persisch: Ist der Khalife fort? Giafar fuhr vor Erstaunen zurück, als er Khozaima aus der Stimme erkannte. »Khozaima!« rief er. »Ja, Khozaima – der ich diesen Undankbaren zum zweitenmal auf die Gefahr meines Lebens errettete – da du es nicht wagen wolltest – entferne mich, bevor die Männer kommen, damit mein gewagtes Unternehmen nicht vergebens sei. Unfern hab' ich eine geheime Wohnung. Dort will ich dir Alles entdecken. Meine Wunde ist nicht gefährlich; ich spielte den Todten, wie du siehst, um es nicht zu werden.« Er löste seinen Turban auf, bedeckte seine Brust, damit die Spuren des Bluts ihn nicht verrathen möchten. Giafar leitete ihn zu seiner geheimen Wohnung, und nachdem einer seiner Vertrauten die Wunde verbunden und er sich erholt hatte, sprach er: Barmecide, ich bin, wie du siehst, in deiner Gewalt, und du kannst mich verderben, wenn du mich dem Khalifen entdeckst; doch erwäge, daß ich mich dieser Gefahr aussetzte, ihn vor Blutschande zu warnen und vom unvermeidlichen Verderben zu retten. Glaubst du, der Muselmann würde einen Mann als Herrscher ertragen, den er im Verdacht eines solchen Verbrechens hat? Schon geht das Gerücht davon im Volke – (er log, denn dies sollte erst geschehen, wenn er nicht auf Haroun wirkte, wie er hoffte) – und du, der du öfters Zeuge der Aussprüche seiner Leidenschaft warst – du schwiegst – schwiegst, weil du für dich und deine Stelle fürchtetest. Wie ich dies mit deiner hochgerühmten Tugend vereinigen soll, begreife ich nicht. Ich, der ich keine andere Tugend kenne als meinen Muth, entschloß mich, dem Verblendeten die Augen zu öffnen. Ich nahm Urlaub auf einige Zeit, verbarg mich hier und lauerte schon seit acht Tagen auf allen öffentlichen Plätzen, in der Hoffnung, der Zufall möchte mich mit dem spähenden Forscher zusammenbringen. Bei eurem Eintritt erkannte ich ihn und dich, so sehr ihr auch verhüllt waret, und ward bald gewahr, daß ich durch mein Betragen des Khalifen Aufmerksamkeit auf mich gezogen hatte. – Harouns Wuth, seine rasche Rache beweisen, daß ich mich nicht geirrt habe, daß er das Verbrechen schon begangen hat, oder ihm sehr nahe ist. Wär' er unschuldig, wär' seine Liebe zu seiner Schwester rein, so hätt' er den Vorwurf nicht mit Mord gerächt. Nur der Verbrecher rächt sich so! – Dein Schweigen bestätigt meine Meinung. Warum schwiegst du, da er dich so laut seinen Freund nennt, daß es durch ganz Asien erschallt? Warum mußt' ich auf Gefahr meines Lebens ihn zu retten wagen? Giafar. Ich schwieg, weil ich keine Gefahr für den Khalifen sah, weil ich verschweigen konnte, was ich sah, weil ich den Mann, den du als Verbrecher denkst, des fernsten Gedankens dieses Verbrechens nicht fähig halte. Der Unterschied zwischen mir und dir ist nur dieser: du, um ihn zu warnen, zu retten, wie du sagst, nahmst unter einem Vorwand Urlaub, verbargst dich in Bagdad und nahtest ihm vermummt, und ich, wenn ich es für nöthig gehalten hätte, würde es ihm laut, unverhüllt beim hellen Lichte, in seinem Palaste gesagt haben. Freilich wär' es noch gefährlicher für mich gewesen; aber vermuthlich auch wirksamer. Und darum nun, muthiger Khozaima, mußt du mir verzeihen, wenn ich dir sage, daß es nicht die Rettung des Khalifen ist, die dich zu diesem höchst gefährlichen Schritt verleitet hat. Khozaima. Und was sonst? Giafar. Das wirst du mir sagen, wenn du die Entdeckung nützlich für dich findest. Groß muß Das sein, wornach du strebst! denn ob ich gleich deine Tugend, die du in deinen Muth setzest, nicht bezweifele, so weiß ich doch, daß kein so kluger Hofmann, wie du bist, sein Leben bloß zum Besten eines Andern, am wenigsten zum Besten seines Herrn, aufs Spiel setzt, besonders wenn der Herr ein Mann wie Haroun ist. Khozaima (nach einigem Nachsinnen). Barmecide, ich lachte deiner Tugend; nun scheint sie mir achtungswerth, vielleicht gar furchtbar – ich sehe, daß die Schwärmerei, die deine Augen gegen dich selbst zu verdunkeln scheint, sie durchdringend gegen Andere macht; doch auch die meinen sind geübt, indes Menschen Herz zu blicken. Giafar. Wer zweifelt daran? Und wer fürchtet's? Khozaima. Wenn der Khalife nun erfährt, daß ich es war, der ihm die Warnung gab, wird er das Ganze nicht als eine Hofkabale ansehen? Wär' dann nicht aller Vortheil, den ich durch mein Wagstück suchte, für ihn verloren? Dies erwäge – denn daß du um meinetwillen schweigen solltest, das fordere ich nicht, kann und will es nicht fordern – ich weiß, du hassest mich. Giafar. Wie es der Khalife ansehen würde, wenn ich ihm sagte: Khozaima war's, der dir diese Warnung gab, das weiß ich nicht; denkt er, wie ich denke, so muß ihm eine Kabale, von seinem Hofe aus, mit Vorsatz unternommen, mit so viel Kühnheit ausgeführt, bedeutender scheinen, als ein bloßes Volksgerücht. Denn ein Volksgerücht verliert sich; aber wo endet eine Hofkabale? Um so leichter würde also dieser Kabale Zweck erfüllt, wenn wir nur dabei die Gefahr für dich vermeiden könnten. – Doch du sagtest, ich haßte dich – warum sollte ich dich hassen? Khozaima. Weil ich dich hasse – dir zu schaden suche, so viel ich kann. Giafar. Ich habe davon nichts wahrgenommen. Khozaima. Um so bittrer ward mein Haß. Nicht genug, daß du meinen Neid erweckest, beleidigst du auch meinen Stolz. Giafar. Deine Aufrichtigkeit gefällt mir, und wenigstens bist du in diesem Augenblick der feine Hofmann nicht, wofür man dich hält. Khozaima. Vielleicht mehr als je. Ich kenne den Mann, der vor mir sitzt, und lehne mich auf seine Tugend. Zum weitern Beweis – wenn ich einst eben diesen Vorfall, den du verschweigen mußt und wirst, zu meinem Vortheil gegen dich benutzen könnte, glaubst du, daß ich's unterlassen würde? Giafar. Ich glaube es nicht, und obgleich diese Drohung mir ein schmerzliches Lächeln abzwingt, so kann sie doch nicht bestimmen, was ich thun soll. Khozaima. Eben dieses ist's, worauf ich trotze. Sagst du Das nicht laut genug, was deine Handlungen bestimmt? Laß es nun sehen – du kannst mich verderben – kannst bei dem Khalifen, den ich besser kenne, als du ihn zu kennen scheinst, durch die Entdeckung meine That um allen Nutzen bringen – dich zugleich von einem gefährlichen Feind befreien. – Giafar. Ich danke dem Schicksal für Feinde deines Gleichen – sie sind mir nützlich, da sie mich aufmerksamer auf mich machen. Khozaima. Wirst du schweigen? Giafar. Ich werde schweigen, wenn Schweigen dem Khalifen nutzt, wenn nur ich dabei Gefahr laufe und eine Lüge mit fester Stirne sagen kann. Doch Alles, was geschieht, sollst du sogleich vernehmen. Khozaima. Ich hab' ihn auf den Thron gesetzt. Giafar. Dies ist mir nicht neu. Khozaima. Ich wagte mein Leben damals für ihn – wagte es nun, wußte, daß ich es wagte, und sollte nun schweigen, da es Alles gilt, was ich zum Lohn mir wünschte? Ich fürchte ihn nicht, und lieber unternehme ich das Spiel mit seiner ganzen Macht – Höre! höre den Bewegungsgrund meines Unternehmens, vertrau' es ihm, wenn du nicht schweigen kannst. Ich liebe die Prinzessin, habe als Retter ihres Bruders vor Allen Ansprüche auf sie. Ich sah, daß er sich nie von ihr trennen würde, daß die Flamme widernatürlicher Liebe ihn mehr an sie fesselte, als die Herrschsucht an seinen Thron; um ihn zur Trennung von ihr zu zwingen, that ich diesen Schritt, in der Ueberzeugung, daß er sie nur mit mir vermählen könnte. Nun verlaß mich, ich übergebe dir mein Schicksal – rede oder schweige – das Gesumse der Wespen soll sein eingeschlafenes Gewissen schon aufwecken! Giafar. O Aufrichtigkeit des Hofmanns! Nun erst merke ich, wie sehr du wünschest, daß ich recht geschwätzig sein möchte. Vergiß nur nicht, guter Khozaima, daß Haroun mehr durch seine Tugenden, durch die Liebe seiner Völker herrscht, als durch seine Macht, und daß wir, wenn wir den Großen wichtige Dienste geleistet haben, davon schweigen müssen; denn leichter reizen wir sie dadurch zum Hasse, als zur Dankbarkeit. Gehab dich wohl, morgen früh sollst du erfahren, was zu thun ist. 4. Giafar brachte den übrigen Theil der Nacht in Sorgen über die bedenkliche Lage des Khalifen zu. Seine eigene Bemerkungen trafen mit Dem, was Khozaima ihm so kühn gesagt hatte, nur allzu sehr zu, und aus seiner raschen Rache schloß er auf die Stärke seiner Leidenschaft. Er hielt das Wagstück Khozaimas für ein Glück, faßte den Entschluß, dem Khalifen über ein Verhältniß die Augen zu öffnen, das man, wär' es auch unschuldig, so leicht und gern mißdeuten würde. Er trat vor den Khalifen, den er allein und verschlossen antraf. Mit wilden, forschenden Blicken empfing ihn Haroun: Lebt der Elende? Wer ist er? Giafar. Herr, sage lieber der Unglückliche, der den Muth hatte, dir ein Gerücht zu verkünden, dem bei Menschen, die den weisen, edlen Haroun nicht kennen, deine blutige Rache einen auffallenden Schein von Wahrheit geben könnte. Haroun. Giafar, der Dolch ist noch feucht von des Kühnen Blut. Giafar. Wenn ich vor deiner Drohung erschrecke, so ist es mehr um deinetwillen. Vergib mir, Herr! ich glaubte dich über diese That gerührt zu finden; wenigstens entschlossen, die Warnung des Unglücklichen zu benutzen. Wahr sei es oder falsch, was er dir verkündet hat, so verdient er deinen Dank. Dein Zorn läßt mich nun befürchten, daß ihm noch Viele folgen müssen, wenn du Jeden so belohnen willst; aber eben dadurch wird dieses für dich bedenkliche Gerücht nur lauter werden. Brauch' ich dem Oberhaupt der Gläubigen die Folgen davon darzulegen? Haroun ging einigemal auf und ab, dann trat er schnell zu Giafar: Glaubst du, was dieser Elende sagte? Giafar. Ich glaube, daß Haroun, der Nachfolger des Propheten, nicht fähig ist, zu denken, was dieser Zudringliche sagte; aber dieses glaube ich, daß er durch Aeußerungen, durch Umstände Gelegenheit zu einem Gerüchte gegeben hat, das die Bosheit seiner Feinde, die Neigung der Menschen, alles ihren Herrschern Nachtheilige für wahr zu halten, gern verbreiten wird. Wahrheit und Unwahrheit sind hier gleich nachtheilig für dich, für deine erhabene Schwester – dein Volk – und für das Gute, das es von dir hofft. Haroun stand tief gerührt vor Giafar – seine Augen wurden feucht – seine Lippen öffneten sich zu reden, plötzlich zog sie Grimm zusammen, und er rief in schneidendem Tone: Ich fragte dich, ob der Elende lebte? wer er ist? Giafar. Dein Dolch hat ihn getödtet; ich begrub deine That in den Tigris, möcht' ich dein Geheimniß so begraben können. Haroun. Vortrefflich! ich hoffe, es ist mit ihm begraben. Jeden will ich ihm nachschicken, der ergründen will, was ich zu ergründen selbst nicht wage. Giafar. So möchtest du am Ende über Todte herrschen. Haroun. Giafar, reize meine Wuth nicht allzu sicher – der Unschuldige, der du dir nur scheinst, möchte ihr leicht das liebste Opfer sein. Giafar. Wer Königen dient, und seien sie auch Haroune, geht dies gefährliche Wagstück mit ihrer Laune ein. Haroun. Die Antwort auf dies später, Barmecide! – Wer war der Mann? Du hast ihn doch nicht begraben, ohne sein Angesicht zu betrachten? Ohne dich weiter zu erkundigen? Giafar. Ein mir gänzlich Unbekannter. Haroun. Du lügst – dein Mund sagt dies – und dein Geist, der unwillig über deine Lüge in deine Augen schießt, widerspricht ihm. Giafar. So ist's die erste Lüge – weil ich dir nützen und – den Warner retten will; doch vielleicht ist dir die Wahrheit nützlicher, vielleicht, daß mich eben darum mein, der Lügen ungewohnter Geist verrathen hat. Vernimm – und mögen die Folgen eben so deinem Geist erscheinen, wie sie dem meinen erschienen, als ich ihn erkannte. Es ist kein Unbekannter – Khozaima ist's, der dir diesen Dienst auf seine Gefahr erwiesen hat. Haroun. Dein Glück ist dieses Wort; denn wisse nur, kaum war ich in meinem Palast angekommen, kaum hatte ich mich aus der Betäubung erholt, als ich ihn erkannte. Seine Stimme, sein Aeußres konnte er ändern und verhüllen; aber wie den Blick, wie die Geberde, womit rastlose Ehrsucht, giftiger Neid ihn zur Warnung Anderer gezeichnet haben? Nur ihm glich diese That, er ist der Erfinder dieses Gerüchts, mit ihm ist es gestorben. Ich danke dir für sein Grab, du hast mich und dich von einem gefährlichen Feind befreit. Giafar. Du dankst mir umsonst – dein Dolch hat ihn verwundet, nicht getödtet. Er lebt! Haroun (finster) . So ist meine Ruhe auf immer hin – und dich – dich hasse ich – Warum lebt er? Warum vollendetest du nicht die halbgeschehene That? – Unsinniger Schwätzer, fühltest du nicht den Dienst, den du mir erweisen konntest? Hatte ihn mir nicht sein Verhängniß zur Rache in blinder Verwegenheit entgegengeführt? Verschwand er nicht von der Erde, ohne daß man wußte, durch wen und wie? Und du nennst dich meinen Freund? Giafar. Nur dann würd' ich's nicht mehr sein, wenn ich deinen Leidenschaften diente. Du selbst befahlst mir, ihn aufzusparen, wenn er noch lebte; hätt' ich dir nicht gehorcht, so wär' ich strafbar. Sollte er darum sterben, weil er dir dienen wollte, weil er dich mit einem Gerücht bekannt machte, das für dich gefährlich ist? Er verdient deinen Dank, und nicht die blutige Rache, die dein gutes Verhängniß von ihm abgewendet hat. Haroun. Welchen Dienst hättest du mir erwiesen – Giafar! Giafar, du hast dir einen sehr gefährlichen Feind aufgespart. Giafar. Das sagte er mir selbst, und um so näher liegt mir seine Rettung, um so mehr muß ich mich nun hüten, daß mir nichts Menschliches widerfahre. Herr, sieh nur auf den Vortheil, den dieser Zufall bringt. Ist es nicht besser, du vernahmst dies Gerücht aus seinem Munde, bevor es dein ganzes Land erfüllt? Nun wird dir deine Weisheit leicht die Mittel zeigen, es zu dämpfen. Haroun. Meine Rache soll ihn finden. Giafar. Auf dich ziehst du die Rache; und nur durch sie kann der Verdacht zur Wahrheit werden. Selbst die Klugheit will, daß du dieses als den zweiten, größten Dienst ansiehst, den dir ein Unterhan erwiesen hat. Sieh nicht auf das Innre des Mannes, sieh auf seine That. Eben der Khozaima, der, um dich zu retten, einst deinen Verfolger stürzte, warnt dich nun vor einer Gefahr, deren Folgen nicht abzusehen sind. Die Verbindlichkeit, die du ihm für den ersten Dienst hast, ist von der Art, daß ihn die Menschen nicht so leicht vergessen, und daß der zweite, wenn du der Rache folgst, nicht vergessen werde, dafür werden seine Genossen schon Sorge tragen. Glaubst du, daß Khozaima ein solches Wagstück ohne Kenntniß Anderer unternommen hat? Ein Volksgerücht dämpft sich durch ein neues; aber wie ein Gerücht, das Leute deines Hofs aus Absichten geflissentlich unterhalten? Haroun. Alles Dieses weißt du, und doch lebt er? Thorheit ist die Tugend, wenn sie nicht weiß, daß man oft das Gute durch eine bös scheinende That befördert. Giafar. Hüte dich, Herr, daß dieser Spruch an deinem Hofe nicht zur Regel werde; des Bösen bist du dann gewiß, und was erwartest du von diesem vermeinten Guten, da es der Vortheil und die Neigung eines Jeden bestimmen wird? Hat nicht Khozaima bei diesem Vorfall, der dich so sehr empört, davon Gebrauch gemacht, um seine Absichten zu befördern? Haroun. Welche? Welche? Giafar. Er offenbarte mir sie so absichtlich, daß ich ihm diene, wenn ich dir sie vertraue. Wie, wenn er nun, in dem Augenblick, da er den Khalifen warnte, ihm fühlbar machen wollte, das beste Mittel, dieses Gerücht zu dämpfen, sei, die Prinzessin zu vermählen. Haroun. Giafar! Giafar. Und das an ihn, weil er sich durch seinen Rang und mehr noch durch den Dienst, den er dem Bruder erwiesen hat, für den ihrer Würdigsten hält. Haroun. Abbassa! – ihm? – einem Manne? einem Sterblichen? Sie, die allein das Glück meines Lebens macht – die die Blüthe meines Ruhms durch ihren Geist, durch ihre Freundschaft zur Reife treibt? Die alles Gute, dessen ich fähig bin, zum Leben und Gedeihen bringt? – Weißt du, was Abbassa ist? Kann dein Herz ihren Werth empfinden? – Und du kannst mir dies so kalt sagen? – Du bist fühllos – du kennst die Freundschaft nicht. – Und er – er hat gelebt! Dankt' ich nur ihm mein Dasein, wär' er die Stütze meines Throns, er müßte sterben, um des kühnen Gedankens willen. Befreie mich schnell von ihm, wenn du nicht willst, daß ich von dir glauben soll, du seist mit dem Verbrecher einverstanden – wenn du nicht willst, daß auch dich meine Rache treffe. Giafar. Glaubst du dies, so hat sie's schon gethan. Ist es zärtliche Freundschaft, die dich an deine erhabene Schwester fesselt, so bedaure ich dich und ergrimme mit dir, daß die Frechheit der Menschen ein so reines, schönes Band antastet und dein süßestes Glück verunreinigt. Doch, Herr, du weißt es besser, als ich dir es sagen kann, daß die Herrscher der Menschen manch hartes Opfer bringen – viel um des Vorurtheils entbehren müssen. Gerne macht der Haufen ihnen zum Verbrechen, was sie an ihres Gleichen kaum bemerken, und Jeder rächt sich freudig durch Entdeckung und Verbreitung der Schwache des gefürchteten Großen, den er im Schooß des Glücks sich denkt. Auch weißt du, daß äußre Macht den Herrscher nicht wirklich größer und erhabener macht, als er sich in seinem Innern fühlt. Vergib mir, Herr! auf deine Weisheit, auf diese deine wahre Größe vertrauend, hielt und halt' ich meine Zweifel gern zurück. Ich sehe ein, daß die Kühnheit Khozaimas dich mit Recht empört; aber hier gilt der Spruch vielleicht: das Böse könne das Gute befördern, und die geheime Tücke, die Beleidigung eines Kühnen schlage zu unserm Vortheil wider seine Absicht aus. Ich, der diesen Vortheil mit mehr Kälte betrachten kann, finde in dem Wunsche eine Entschuldigung für Khozaima. Ist sein Fehler nicht menschlicher, verzeihlicher, als wenn ihn bloße Bosheit, nur Wille, dir zu schaden, zu diesem kühnen Schritt verleitet hätten? Haroun. Ich danke dir; er soll leben und leiden; in seinem kühnen Wunsche sehe ich dauernde Rache für mich. Wo ist er? Wie steht's mit seiner Wunde? Giafar. Er lebt verborgen. Seine Wunde wird ihm nicht so bald erlauben, vor dir zu erscheinen. Haroun. Laß ihn wissen, du habest mir nichts entdeckt; ich glaubte, es sei ein Unbekannter gewesen, den der Tod meiner Ahndung entrissen hätte, und er möge bis zum Ende seines Urlaubs in seinem Aufenthalt verbleiben. – Peinvoll ist die Lage, worein er mich versetzt hat. Laß mich allein! ich, der ich über Millionen herrsche, tauschte gern in diesem Augenblick mit dem Aermsten meines Reichs. Ich habe keinen Freund – keiner würde mich verstehen, und der Beste würde Das mißbrauchen, was mich zum Menschen macht – Giafar. Keinen Freund! – Haroun keinen Freund! Haroun. Ich fühle den Stich durchs Herz, den du empfindest, und doch kann ich nicht widerrufen in Ansehung deiner nicht widerrufen. Dunkel liegt die Ursache in meinem Geiste – entdeckte ich dir sie – so zerriß' ich ganz das lockre Band, das mich an dich fesselt, das ich gern enger zusammenziehen möchte. Geh deines Weges gerad fort und hüte dich, mir über das Geschehene zu reden. Was Haroun thut, muß aus seinem Willen, aus seinem Herzen kommen: er muß jeden Sieg nur sich verdanken, wenn er ihm gefallen, wenn er ihm nützen soll. 5. Haroun kämpfte in seinem Innern; er sprang von Entschluß zu Entschluß, und jeden, den sein Verstand erwählte, verwarf sein Herz mit Unwillen. Wuth, Liebe, Rache und Zärtlichkeit wechselten in seinem Busen; bald wollte er Abbassa nicht mehr sehen, bald Allen trotzen, bald sie zu der Mutter senden, sie auf immer von sich trennen; aber da lag die Welt leer und düster vor ihm, und schnell entschied der Stolz des Herrschers zum Vortheil des entflammten Herzens. Empört rief er: »Soll ein Elender über mich und mein Glück entscheiden? Soll ich, der ich Asien beherrsche und glücklich mache, vor dem Geschwätze erbeben, das der müßige Pöbel so lange wiederholt, bis eine neue Verläumdung ihre Ohren kitzelt, ihre Zungen in Bewegung setzt? Soll ich diesem Khozaima und seinem Anhang den Triumph über mich gestatten, sie hätten mich durch einen kühnen Schritt gezwungen, sie als Richter meiner Handlungen anzuerkennen? Es sind Eingriffe in meine Macht, die mich zu ihrem Sklaven machen würden!« Kühn wollte er nun das Gerücht mit Füßen treten, sich in seine Unschuld, seine Stärke hüllen und so handeln, als ob er nichts vernommen hätte. Doch bald beunruhigten ernstere Betrachtungen seinen Geist. Der reine Ruf seiner geliebten Schwester – das Schreckliche, Scheußliche, Empörende des Verbrechens, das man ihm, dem Oberhaupt der Gläubigen, dem Lehrer des Volks, dem Nachfolger des Propheten, dem Manne, der durch Unsträflichkeit, durch Reinheit der Sitten das Vorbild Aller sein sollte, laut andichten würde. Unter fürchterlichen Gestalten erschienen ihm die Folgen, und er fühlte, daß in seiner Lage der Verdacht und das Verbrechen, Schein und Wahrheit Eins seien. Zum erstenmal sah er mit Grimm auf die Höhe, auf die ihn das Schicksal, Aller Augen ausgesetzt, gestellt hatte! – »Und wenn ich sie vermählte!« – Er knirschte vor Wuth bei dem Gedanken; aller Entschluß, alles Sinnen erstarrte vor dem kalten, widrigen Frost, der ihn überfiel. So kämpfte er viele Tage mit sich selbst und verbarg den Sturm seines Herzens unter seinem ernsten Aeußern. Er floh Giafar – floh seine Schwester, und wenn ihn sein Herz hinzog, so konnte er nicht weilen. Die Stunden, die er den Geschäften entziehen konnte, verlebte er in qualvoller Einsamkeit, und schon war er in Gefahr, die Weisheit und Stärke seines Geistes an der sträflichen Gluth seines Herzens aufzubrennen, als ihn das Volk in Bagdad aus seinem Schlummer weckte. Er begab sich den Freitag, wie gewöhnlich, nach der Moschee, und betroffen merkte er, als er aus seinem Palaste ritt, daß sich nur wenig Volk versammelt hatte, daß die Wenigen ernsthaft und traurig auf ihn blickten, ohne ihn nach ihrer Weise mit einem Freudenschrei zu empfangen. Er trat in die Moschee; niedergeschlagen blickte die Versammlung auf den Boden. Als er auf seine hohe Stelle stieg, den Koran aufschlug und über das stille, ernste Volk hinblickte, und Keiner seine Augen gegen ihn emporhob, schauderte der Gedanke durch seine Seele: »Sie alle wissen, was in deinem Busen glüht. Die Herrschaft über sie liegt in der Meinung, die sie von dir haben. So wie du nun dastehst, bist du, trotz deiner Macht, trotz deinem Glanze ihr Sklave – noch zweifeln sie; aber bald wirst du der Gegenstand ihres Hasses, ihres Abscheues werden – bald werden sie nur dich als die Ursache jedes Unglücks ansehen, das sie treffen wird!« Die Stärke seines Geistes erwachte – seine Miene heiterte sich auf, er stimmte das Gebet mit freier, heller Stimme an, des nahen Siegs über sich gewiß. Sparsam, ohne Theilnahme, begleitete ihn das Volk auf seinem Rückzug. Khozaimas Anhang hatte den Abend vorher verschiedene widrige Gerüchte ausgebreitet, das Volk zur Traurigkeit gestimmt, und da Haroun, gebeugt von den Vorwürfen seines Gewissens, selbst seine Vertrautesten nicht um die Ursache zu fragen wagte, so blieb sie ihm ein Geheimniß. Entschlossen, empört über seinen Entschluß, ergrimmt, als drohe eine feige, meuchelmörderische Bande ihm Ehre und Leben zu rauben, begab er sich nach langem, qualvollem Streit zu seiner Schwester. Mit Heiterkeit und sanftem Lächeln empfing sie ihn, machte ihm zärtliche Vorwürfe, daß er sie so lange vernachlässigt hatte, fragte dringend: ob sie etwas gegen ihn verschuldet, ob sie seine Liebe verloren hätte? Er drückte sie wider seine Brust, und Thränen netzten seine Wangen. »Rühren dich meine Thränen, Geliebte? Was wird es dann sein, wenn du hörst, von deinem Haroun hörst, daß sie unserer Trennung fließen?« Abbassa. Unsrer Trennung, Bruder? Womit hab' ich dies grausame Loos verdient? Haroun. Womit ich? Abbassa. Und wer fordert sie? Wer erzwingt sie? Wer kann Haroun, den Herrscher Asiens, nöthigen, sich von seiner geliebten Abbassa, seiner zärtlichen Freundin, zu trennen? Haroun. Eben Das, daß er der Herrscher Asiens ist, dieses zwingt ihn. Was gäbe er nun darum, daß er es nicht wäre! Abbassa. Ein neues Räthsel! Doch Bruder, so viele mir auch dein unbegreifliches Betragen zur Lösung aufgegeben hat, so ist mir dieses doch dunkler als die vorigen. Es ist nun einmal deine Laune – deine Freunde auf die Probe zu setzen – sie immer durch neue, unerwartete zu überraschen, und um dir Genüge zu thun, wechselst du mit Giafar und deiner Schwester. Haroun. Giafar! Giafar! – Doch gut, daß du ihn nennst, ihn wenigstens mit einem mir so theuren Namen, mit dem einzigen, den mein Ohr mit Gefallen hört, zusammenstellst. – Du bist meine Schwester! Wollte Gott, ich könnte dich mit einem andern Namen nennen – dann wär' Alles gut – für dich – für mich – für diesen Giafar. – Sieh mich an! Warum erröthest du? Deine Wangen glühen, und eiskalt fühl' ich deine Hand in der meinen. – Nun schießt wieder Wärme – bis in die Fingerspitzen – und dein schönes Angesicht erblaßt – (er läßt ihre Hand fahren) berühre mich nicht! – Höre – höre – (Zitternd und stammelnd.) – Ich will – ich muß dich vermählen – an diesen Giafar – Nun schießt Röthe auf deine Wangen – dein Athem stockt – o Haroun! Haroun! – (Er faßt ungestüm ihre Hand – legt sie dann sanft wider sein Herz und sieht sie tief gerührt an, sie neigt ihr Haupt gegen ihn – er sieht ihre Thränen und ruft mit bebender Stimme:) Abbassa, wir müssen uns trennen – wenigstens auf eine Zeit – wähle nun zwischen Trennung, Erwartung auf Wiedersehen, oder diesem Giafar – Abbassa (lange nachsinnend) . Und wenn ich ihn wählte – darum wählte, um dieser gedrohten, mir unbegreiflichen Trennung zuvorzukommen – Haroun (entfärbt sich und sagt mit verbißner Wuth): Du hast gewählt, du liebst den Mann und ziehst ihn deinem Bruder vor. Abbassa. Wenn ihn mein Bruder gewählt hat, meiner würdig findet, so ist doch wohl nicht sein Wunsch, daß er mir zuwider sei? Warum sollt' ich nicht beantworten, was dein Antrag so bestimmt zu fordern scheint? Es ist nur Ein Mann in Asien, der Harouns Schwester Gemahl werden kann, und dies ist Giafar, des großen Harouns edler Freund. Haroun. Undankbare! ich habe dich mit aller Zärtlichkeit geliebt – zu meinem Unglück, mit mehr als brüderlicher Zärtlichkeit; aber bekämpfte ich nicht jeden kühnen Wunsch, jede verbotene Empfindung, jeden gefährlichen Gedanken, die nur allzu oft deine Reize in mir erweckten? Dir verbarg ich sorgfältig die unglückliche Gluth, litt allein und ließ sie an meinem Herzen peinlich zehren. Unablässig strebt' ich, sie an deinem erhabenen Geist zu läutern, sie mir zum reinsten Licht des Lebens auszubilden. Nur in dir sah ich meine Freundin, nur von dir erwartete ich meinen gewissen, unfehlbaren Trost, nur in deinem Umgang den Lohn für meine Mühe. In diesen Träumen wähnt' ich, das Herz, die Liebe deines Bruders würden dir genügen – du könntest dich mit dem Ruhm seiner Thaten, seiner Weisheit, seiner Großmuth vermählen und ihm beweisen, daß ein menschliches Herz nur um seinetwillen leben könnte. Ich habe mich betrogen – lange sah ich es, und dieses ist die Quelle meines unbegreiflichen Betragens, das doch so begreiflich war, wenn du für mich empfunden hättest, was ich allein empfand. Es ist wahr, ich forderte viel von dir; aber wenn Haroun nichts von seiner Abbassa fordern kann, von welchem Sterblichen soll er fordern? Nur seit Giafar's Dasein merkt' ich, daß meine Forderung über deine Kräfte, über deinen Willen ging. Die Blicke deines Wohlgefallens, die Lobeserhebungen des Verhaßten bewiesen mir's, und früh fühlte ich die peinvolle Ahnung, ich würde dich einst durch ihn verlieren. Nun hört' ich, wovor ich bebte, und Haroun hat keinen Freund mehr, kann sein Herz keinem mehr vertrauen – an keines Busen mehr sicher ruhen – Und ich sollte dich, die Quelle meines Glücks, meiner Größe, meines Ruhms, meiner irdischen Seligkeit, einem Andern überlassen? Auf ewig dich verlieren? Auf ewig dich und Den hassen, den du mir vorgezogen hast? Abbassa. Die Vorwürfe, die du mir machst, sind so grausam als ungerecht. Kann ich, darf ich beantworten, was du von mehr als brüderlicher Liebe sprichst? – O laß mich meine beschämten Wangen bedecken, meine Augen verhüllen und dir in leisem, bebendem Ton zulispeln – deine allzu feurige Liebe, deine zu leidenschaftliche Bewundrung war mir, die ich dich so sanft und schwesterlich zärtlich liebe, nur zu oft schrecklich, und ich durfte es nicht wagen, dir meinen Schrecken, meine Angst zu zeigen, weil ich fürchtete, von dir zu hören, was mich zur Unglücklichsten der Erde hätte machen müssen. Und darum – darum – vergib mir, Haroun, darum preis' ich mich und dich nun glücklich, daß bald meine Furcht verschwindet, daß ich ohne Angst und Scham auf dich und mich blicken darf. Wenn du Das in Abbassa suchst, was du mir nun so edel und deiner würdig geäußert hast, werd' ich dir Dies alles nicht sein können? Hör' ich auf, Das zu sein, was du so gütig von mir denkst? Können dein Ruhm, dein Glück, deine Größe mir fremd werden? Bleiben mir nicht alle meine reinen, freundschaftlichen, zärtlichen Gesinnungen für dich? Geliebter Bruder, sie können durch den Umgang mit dem Manne, den du trotz deinen Aeußerungen liebst und achtest, weil du, stolz wie du bist, ihm den zweiten Platz nach dir einräumst, ihn deiner Abbassa und deiner Verwandtschaft würdig hältst, nur erhöht werden. – O höre mich und zürne nicht. Laß mich deinen Unwillen von deiner Stirne küssen – du mußst meine Antwort auf deine Vorwürfe aushören. Soll ich auch einst vor dem strengen Herrscher zittern, so sei es nur nicht heute, so erlaube er mir nur noch heute, seine geliebte, aufrichtige Schwester zu sein. Wenn ich ihn liebe, diesen Giafar, diesen edlen, von dir geschätzten Mann, so ist es mehr dein Werk, als das meine. Wer hat mich, durch Lehren und Beispiele seltner Tugenden, so aufmerksam auf männlichen Werth, so empfänglich dafür gemacht? Warst du es nicht? Und nun – nachdem du dies gethan hast, bemühtest du dich ohne Unterlaß, mir den seinen in erhabenem, glänzendem Licht zu zeigen. Du hast ihn gedrückt, verfolgt, mit Wort und That beleidigt, auf die grausamsten Proben gestellt, damit er immer größer sich erhebe, seine Tugend immer heller strahle. Jede deiner unbilligen Kränkungen, jede deiner harten Beleidigungen, jeder beißende Spott, jeder deiner finstern unverdienten Blicke gewann dem stillen, edlen Dulder einen Theil des Herzens deiner Schwester, bis Mitleid, Bewunderung – ich muß es sagen, so wild du auf mich blickest, mein ganzes Herz mit seinem Bild erfüllten. Klein müßt' ich von meinem großen Bruder denken, wenn ich ihm nun verschwiege, daß der Beleidiger oft in Gefahr stand, Das zu verlieren, was der unschuldig Beleidigte gewann. Konnte es wohl anders sein? Raubtest du nicht eben diesem Manne, der, um dir zu dienen, Alles ertrug, was deine Laune ihn zu quälen ersann, das einzige Weib, das sein Herz gewählt, das er zu künftigem Glück sich auferzogen hatte? Brachte er nicht deiner Gewalt, deinem Eigensinn dies Opfer, damit du, der du ihn seines gehofften Glücks beraubt hattest, ihm nun ferner gestatten möchtest, dein und deiner Völker Bestes zu befördern? Haroun. Er raubte mir dich zuvor, dich, das edelste Kleinod meines Lebens, die Sicherheit meines Ruhms und meiner Größe. Dann erst raubt' ich ihm sein angetrautes Weib, weil ich in der gehofften Täuschung dich zu vergessen wähnte. Umsonst, in ihr umarmt' ich dich, der Trug verschwand, und du fehltest mir bei ihr. Meine Tugend, die sich an den Strahlen deiner Augen nur erwärmt, erkaltete – ha, so wollte es das Verhängniß; von ihm getrieben, von ihm geblendet, mußt' ich diesen Raub begehen, damit du ihm, die erste deines Geschlechts, den Verlust eines gewöhnlichen Weibes ersetztest. Könnt' ich dich vergessen! könnt' ich nur sagen, ich sei schuldlos! könnt' ich nur dich und ihn allein anklagen! – Wohl, werde die Seinige, das du, nach deinem Geständniß, schon lange bist; deinen Verlust werd' ich betrauern, wenn ich die Wunden nicht mehr so brennend fühle, die mir deine Worte schlugen. – O ich fürchte, ganz Asien wird einst mit Haroun diesen Tag beklagen! – (Er betrachtet sie lange mit zärtlichem Schmerz.) – Nein, ich kann es nicht denken – beim heiligen Wort des Propheten, er soll, kann, darf dich nicht besitzen – darf dich nicht ganz besitzen. Sein, mein und dein Unglück steht darauf. Abbassa soll keines Menschen Eigenthum werden, da sie das meine nicht werden kann. Abbassa. Ich will, was du sagst, im besten Sinn nehmen; ob es gleich einen sehr widrigen in sich schließt, ob ich gleich sagen könnte, mein Bruder denke nur an sich. Ich habe dir mein Herz entdeckt, du hast es gefordert, vernimm nun meinen festen Entschluß. Liebst du deine Schwester, wie sie dich liebt, gehört ihr Umgang zu deinem Glücke, kannst du reine Freundschaft für sie fühlen und des Mannes schonen, den du ihr durch dein Betragen so liebenswürdig gemacht hast, so vergiß, was ich gesprochen habe, und Abbassa weiht dir ihr ganzes Leben; ihr genügt deine Freundschaft, sie setzt dich über Alles, was du ihr wieder werden kannst, was du ihr warst, bevor du den Thron bestiegst. Haroun. Schwester, vernimm mein ganzes Unglück – ich darf nicht annehmen, was deine Großmuth mir anbietet. Wir müssen uns trennen. Die Elenden haben unsre Liebe mißgestaltet – sie verunreinigt unter das Volk gebracht – und ich – das Oberhaupt der Gläubigen – Mahomets des Propheten Nachfolger, stehe in dem Verdacht eines Verbrechens, dessen fernster Gedanke meine Seele empört. Abbassa (sinkt auf den Sopha erstarrt zurück – Thränen und Schluchzen ersticken die folgenden Worte): Laß mich entfliehen! diesen Palast verlassen! Laß mich zu unserer Mutter nach Damas bringen. Rette, rette die unglückliche Abbassa von einem Verdacht, der sie zum Gegenstand des Abscheues der Menschen macht – von dem der Tod, der von allem Unglück befreit, nicht rettet. Vermeide mich, Bruder, um meiner Ruhe, deines Glücks, deines Ruhms willen, vermeide mich! Er faßte ihre Hände – sie wand sich los und eilte in ein Nebenzimmer; Haroun rief ihr nach: Fasse dich – mag Haroun elend werden, du sollst glücklich sein. 6. Mit Bitten, Thränen, den dringendsten Vorstellungen hatte der Khalife Tags darauf von der Prinzessin erhalten, sich noch einige Zeit an seinem Hofe aufzuhalten, um seine fernere Entschließung abzuwarten. Er fühlte die Nothwendigkeit der Trennung, und je mehr er sich davon überzeugte, je schrecklicher, qualvoller ward ihm seine Lage. Giafarn hatte er sie bestimmt; aber so oft sich der Barmecide anmelden ließ, wies er ihn ab. Sein Herz empörte sich, wenn er ihn nennen hörte. Wuth, Rache und Haß erfüllten seine ganze Seele. Auch ließ er ihn nicht eher vor sich, als bis er einen Plan ersonnen hatte, der seine Eifersucht befriedigte, der diesem die abgezwungene Verbindung zur gefährlichsten Probe und zur schrecklichsten Qual zu machen geschickt war. Als Giafar erschien, fragte er ihn kalt: Ist Khozaima von seiner Wunde hergestellt? Giafar. Beinahe. Haroun. Ich will ihn entfernen, ihn als Statthalter nach Aegypten schicken, sobald er sich mir zeigen wird. Giafar. Davor bewahre dich dein guter Genius. Haroun. So kann ich nichts thun, das dir gefiele? – Warum nun nicht? Giafar. Weil ich denke, daß der Khalife den Aegyptern in ihrem Statthalter keinen Feind zusenden will. Haroun. Eben darum send' ich ihn: denn da du mich von ihm nicht befreien wolltest, so mögen es seine Verbrechen thun. Giafar. Und in dieser Voraussetzung wollte der Herr der Gläubigen diesem Manne das Schicksal einiger Millionen übergeben? Unmöglich, dies kann Haroun nicht wollen; er kann nicht wissentlich das Unglück seines Volks befördern wollen; er fühlt sein Loos schon hart genug, daß er dem Bösen nicht überall zuvorkommen kann, das nah und fern von ihm begangen wird. Haroun. So hör' ich doch den Barmeciden einmal zum Nachtheil eines Mannes reden – es ist mir begreiflich, er ist dein Feind, aber warum hast du dies nicht zuvor bedacht? Giafar. Ich habe keinen Freund und keinen Feind, wenn ich zum Besten deines Volkes rede. Ständ' er hier, ich würde dasselbe sagen; und spreche ich nicht zu seinem Besten, da du sein Verderben nur durch das Unglück Anderer suchen willst? Haroun. Giafar – bedenke, er ist dein Feind – er kann dir sehr gefährlich werden. Giafar. So wird er dir's. Erlaube mir die kühne Frage, Herr: kann Khozaima Harouns Freund sein, wenn er Giafars Feind ist? Haroun. Die Frage ist noch stolzer, als sie kühn ist. Giafar. Damit hast du meine Worte, nicht mein Gefühl beantwortet. Haroun. Ich bin nicht aufgelegt zum Wortgefechte. Kann Khozaima nicht Statthalter von Aegypten werden, so mag er dann mein Schwager werden. Gefällt er dir so besser? Giafar. Nun wäre meine Antwort Vermessenheit. Haroun. Gleichwohl will ich sie hören; ich will wissen, was der weise Barmecide denkt; ob er diese Verbindung nicht für mich gefährlich hält. Giafar. Dieses wird ja wohl der Khalife erwogen haben. Haroun. Aber ich will deine Meinung hören. Giafar. Nun, meine Meinung ist, daß der Khalife mit seinem Diener scherzt, daß er der Verbindung der Prinzessin mit Khozaima nie im Ernste gedacht hat – Haroun. Und warum? Ist er nicht ihrer würdig? Geben ihm nicht sein Rang, sein Reichthum, der letzte mir geleistete, von dir selbst gebilligte Dienst, meine ältere Verpflichtung vor allen Großen meines Reichs ein Recht auf sie? Giafar. Allerdings. Haroun. Und doch wär' er, deiner Meinung nach, nicht der Mann für sie. Giafar. Nein. Haroun. Kennst du einen Würdigern? Giafar. Keinen. Haroun. Beim erhabnen Propheten, du hast Recht! Wer auf dem weiten Erdboden könnt' es sein? Wär' ich nicht ihr Bruder – und besäße ich die Herrschaft über die bekannte Welt, wäre der edelste, größte aller Menschen, ich hielte mich nicht ihrer würdig. – Und doch, Giafar, muß ich mich von ihr trennen – muß sie, deren, wie du selbst sagst, Keiner würdig ist, einem Andern hingeben. Folge mir, ich will dir den Mann zeigen, den ich für sie gewählt habe, den ich in ihr mit dem Schmuck der Welt belohnen will. Er führte ihn in die Zimmer Abbassa's. Giafar fühlte des Khalifen Hand in der seinen beben. Sein Gesicht ward blaß, seine Lippen zitterten. – Da er ihr nahte, faßte er seine Kraft zusammen und sprach mit feierlicher Stimme: Schwester – Giafar ist dein Gemahl! – Er wollte weiter reden – Thränen drangen in seine Augen – ihm fehlte die Stimme – er verschwand. Abbassa sank in den Sopha zurück. Blässe und Röthe wechselten auf ihren Wangen. Giafar stand – erstaunt – erstarrt – er sank bei dem Sopha auf seine Knie nieder, ohne zu wissen, wo er sei, was mit ihm geschehen war, und hielt für Spiel, für Täuschung, was mit ihm geschehen war. Die Prinzessin winkte ihm, aufzustehen – er blickte wie durch ein Traumgesicht nach ihr – sie reichte ihm die Hand, und die Erinnerung, daß sie ihn einst in der nämlichen Stellung, in dem nämlichen Zimmer, mit eben dem seelenvollen, theilnehmenden Blick aufgerichtet hatte, drang mit der ganzen Wärme, der ganzen seligen Wonne, die er damals empfand, der er damals nicht nachzusinnen wagte, durch sein Herz. Und nun erfolgte ein Gespräch, von seiner Seite so voll Bescheidenheit, edler Wärme, schöner Weisheit, von der ihrigen so voll Feinheit, Zärtlichkeit und reinen jungfräulichen Sinns, daß man, um es sich lebendig vorzustellen, nur das Gegentheil von Dem, was die Verliebten in unsern gewöhnlichen Romanen und Dramen reden, zu denken braucht. Haroun ließ sich nicht mehr sehen. Giafar ging nach Hause, verschloß sich mit seiner Mutter und lispelte ihr noch bebend die Nachricht seines Glücks ins Ohr. Er küßte die Thränen des freudigen Erstaunens von seiner Mutter Augen und fühlte sich nun zwiefach glücklich, da er den Khalifen aus einer Lage gerettet sah, vor deren Folgen er so lange gezittert hatte. Entzückt sprach er von der Seelengröße, der Erhabenheit, dem Geist, der Schönheit der Prinzessin und überließ sich den süßen Träumen seines Glücks. Er sah seine Tugend, sein Leiden über die kühnste Hoffnung belohnt; schmeichelte sich, er habe das Herz des Khalifen gewonnen, seine Laune besiegt; er dürfe nun, ungekränkt von ihm, seinen Zweck verfolgen; und seine Seele erhob sich während dieser Betrachtungen zur reinsten, erhabensten Begeisterung. Ach, nur zu bald sollte er erfahren, daß von Großen kein reines Glück zu hoffen ist, daß sie es nur so glänzend färben, um dem Getäuschten die giftige Tücke zu verbergen. 7. Kaum hatte Haroun den entscheidenden Schritt gethan, als es ihn reute. Seine Unruhe, seine Eifersucht folterten ihn schrecklicher, als je; mehr als einmal sprang er von seinem Sitze auf, um die Glücklichen, die er eben vereinigt hatte, durch einen Machtspruch wiederum zu trennen. Nur sein Ehrgeiz, die Sorge für seinen Ruhm, seine Klugheit, sein Verstand hatten gesiegt, nicht sein Herz; dies fühlte er nun. Schon wollte dieses alle gemachte Vorstellungen unterjochen, als ihm sein böser Dämon den entworfenen Plan zulispelte. In diesem sah er Ruhe für sich, Genugthuung, die peinvollste Probe für Giafar, Strafe, Rache an ihm, an seiner Schwester; mit eben dem wollüstigen Genusse, mit dem die Großen jeden Plan zur Unterjochung des Menschen ansehen, betrachtete er ihn nun. Zum erstenmal lächelte er wieder. Kalt gab er seinem obersten Diener den Befehl, Alles auf den künftigen Abend zur Hochzeit der Prinzessin einzurichten, davon zu schweigen, bis er ihm gebieten würde, laut zu werden. Die schnelle, unerwartete Nachricht sollte ihn zugleich an Khozaima rächen, den er als den Urheber seiner Qual ansah. Giafar erschien den folgenden Tag vor dem Khalifen, ließ sich vor ihm nieder und dankte ihm mit dem lebhaftesten Gefühl für das hohe Glück, das er ihm bestimmte. Haroun. Danke mir nicht, Barmecide, für Das, was ich gezwungen that – und erwäge, daß das Glück, für das du mir so entzückt nun dankst, mein Unglück macht – vielleicht das deine – später beweinst auch du vielleicht diesen Augenblick, den nun ich beweine. Schweige und höre; ich weiß, was mir deine Weisheit alles sagen kann, Haroun hat sich's selbst gesagt und bedarf deines Geschwätzes nicht. – O unaussprechlich Glückliche, die ich hasse und liebe – bewundre und verabscheue – die ich lieben muß, so sehr ich sie verabscheue – du – du hast mich alles Dessen beraubt, was meinem Leben Reiz und Werth gab. Hier steh' ich, Asiens Herr, von äußerm Glanz umschimmert und Finsterniß, Pein, Groll und Mißmuth im zerfleischten Busen. Giafar. So klage sich der Herr Asiens selber an, daß er eine Pein in seinem Busen nährt, die ihn, seinen Werth und seinen Ruhm zu verzehren droht. Ich bin schuldlos und kann dich mehr bedauern, als entschuldigen. Haroun. Schuldlos! Keiner ist schuldlos, der die Ursache des Leidens eines Andern ist. Sein Dasein scheint Dem ein Verbrechen, der durch ihn leidet, und reizt nur zu oft dazu. Giafar. Herr, das Glück ist groß, das du mir einen Augenblick gezeigt hast. Nie konnt' ich wagen, es zu hoffen, und noch scheint mir's ein Traum, von dem ich mich, wachend, wie ich vor dir stehe, kaum überzeugen kann. Auch sagst du weise, vielleicht in prophetischem Geiste, ich könnte einst diesen Augenblick beweinen. Setze deinen Ruhm, dein Glück in Sicherheit, wenn du es auf eine andre Weise kannst, und laß mir Alles, was geschah, einen Traum bleiben. Kann ich ihn nicht vergessen, so kann ich ihn doch verschweigen. Haroun. Feiger! so kalt kannst du diesem Glück entsagen? Kannst, willst Der entsagen, deren Preis mein ganz von ihr durchdrungenes Herz nicht zu bestimmen, nicht auszusprechen fähig ist? O Abbassa, kein Sterblicher war deiner werth, als Haroun! Und Diesem – Diesem da sollt' ich dich geben, dem kalten Schwätzer, der dich nimmt, weil ich's so haben will, der dir entsagt, weil ich mürrisch auf ihn blicke. Du liebst Abbassa nicht! Giafar. Mein Geständniß würde deinen Zorn entflammen, – und doch – ja, ich liebe sie – liebe sie mehr wie du – reiner und edler – und darf sie lieben. Haroun (ergrimmt und dann sich fassend) . Giafar – die Wiederholung dieses Geständnisses könnte mich zu deinem Mörder machen. Ich bitte dich, sei hier nicht vorschnell. – Liebt sie Der, welcher um ihretwillen nicht sterben kann? Und du – du kannst ihr entsagen, wenn ich es gebiete? Giafar. Ich entsagte einer, die ich mir erzogen, zu meinem künftigen Glück erzogen hatte. Gestern überraschtest du mich mit der Vermählung deiner Schwester, der schönsten, erhabensten Sterblichen; meine Seele erhob sich, da ich aus meinem ersten Erstaunen erwachte; schon sah ich mich durch ihren Besitz der hohen Tugend näher, nach der ich ringe, fühlte mich gedoppelt glücklich, weil ich wähnte, diese Verbindung würde auch deine Ruhe sichern. Was ich heute sehe, setzt mich in Zweifel über dich, und darum sage ich dir noch einmal: Kannst du auf Kosten meines Glücks, bisher nur geträumten Glücks, deine Ruhe sichern, so thu' es. Ich liebe, bewundere deine erhabene Schwester; aber mich fesselt ein noch stärkeres, wichtigeres, älteres Band, dem ich deine Gunst, sie und mich aufopfre! Haroun. Und dieses Band? Giafar. Die Pflicht, die mich an dein Volk, durch dein Volk an dich bindet; denn kein anderes Band an dich hast du mir verstattet, so sehr mein Herz es suchte. Erlaube mir zu thun, was meine Vernunft für gut erkennt, und hier stehe ich, das Spiel deines Unwillens, deiner Laune, deines Hasses – tritt auf das Opferthier, das sich dir geweiht hat. Haroun. Giafar, du lehrst mich meine Pflicht, ich fühle sie; aber wenn ich dir sagte, wie ich sie liebe – dir den Kampf erzählte – die Qualen, die ich ausgestanden – die Gefahr, in der ich schwebte – Pflicht, Herrschaft, Ruhm, Thron, Alles würd' ich ihr aufgeopfert haben. Nur Eins fesselte mich, der Zuruf des Gewissens, das Bewußtsein, das Gefühl, die Reinste, die Erhabenste ihres Geschlechts herabzuwürdigen. Schaudere nun! ohne dies wär' ich gefallen, für diese und jene Welt gefallen. O warum ward ich nicht mit ihr geboren, bevor der Prophet durch einen Machtspruch, den ich mit schaudernder Ehrsucht verehre, über mein Schicksal entschied! Warum lebt' ich nicht, da die Herrscher dieses Landes – deine Vorfahren, Barmecide, sich mit Denen vermählen durften, mit denen sie die Natur schon durchs Blut vermählt hatte. – Giafar, sie wuchs an meinem Busen auf – ich bildete sie – belebte die ersten Empfindungen ihres Herzens, entwickelte mit Sorgfalt die Blüthe der Schönheit ihres Körpers, ihres Geistes. Mein waren ihre ersten Empfindungen, nur floßen sie verklärter, schöner in mein Herz zurück. Mit der Sanftmuth ihres Geistes geschmückt, neu beseelt hört' ich meine Gedanken wieder. Sie begleitete mich auf meiner Flucht vor meinem Bruder, ward meine getreue, unermüdete Gefährtin, trotzte allen Gefahren, schlief oft mit mir in unzugänglichen Höhlen, ergötzte mich mit ihrem süßen Geschwätze, heilte meinen Trübsinn mit ihrer Musik, ihren schöngedichteten Liedern, und die Schwache, die Furchtsame, die Zartgebaute ward aus Liebe zu dem irrenden Flüchtling kühn und stark. Wie nun die reine Bruderliebe in eigennützige, leidenschaftliche ausartete, dies weiß ich nicht – es begann und war – entstand, ohne daß ich's wußte, ohne daß ich's sah, ohne daß ich's wollte – und da sie da war – schon in meinem Busen glühte, da konnt' ich nicht mehr wollen, daß es anders sei – da faßte ich den Entschluß, sie sollte nie eines Andern sein, – nur mir leben – sollte sich mit meiner Tugend, meinem Ruhm vermählen, in ihnen den Lohn der Aufopferung finden und meine Stirne mit denen an ihrer Seite errungenen Lorbeern kränzen. So hoffte ich, die wilden Flammen an ihrem Glanze zu reinigen, und gelungen wär' mir's ohne dich. – – Es ist vorbei, ich habe sie nicht mir gebildet, habe für Andere der Blume gewartet – doch bei dem Propheten, kein Lebender soll die schöne Blüthe beflecken – rein, duftend, wie sie nun noch ist, soll sie die verheißnen Gärten des Propheten schmücken; dort will ich sie wieder finden, wie ich sie hier gewaltsam hingeben muß, und dieses ist's, was ich dir nun sagen will. Raserei ergreift mich bei dem Gedanken, daß sie eines Andern Weib soll werden, wie das Weib es wird – sie – dich – die Kinder, die sie zeugt – laß mich's nicht aussprechen, Allmächtiger! – Ja, starre, zittre, erblasse, bebe – heute vermähl' ich dich mit ihr – noch diesen Abend – doch vorher mußt du mir auf das heilige Wort des Propheten schwören, ihr nie als Mann zu nahen. Du mußt deine Seele durch einen Eid an meine Ruhe, an meine rastlose Eifersucht fesseln, mit dem Bewußtsein fesseln, daß du des Todes stirbst, wenn du ihn verletzest. Schwöre und sei mein Freund, mein Retter – gebiete über Asiens Schätze – fordere, Alles, was Haroun vermag, ist dein! Giafar. Ich kann diesen Eid nicht schwören. Haroun. Warum? Giafar. Weil ich nichts beschwören kann, wovon ich nicht gewiß bin, ob ich die Kraft es zu erfüllen habe. Haroun. So gedenkst du's nicht zu halten? Giafar. Herr, hast du erwogen, was du nun von mir forderst? Nach deinem eignen Herzen erwogen? Hast du erwogen die Reize deiner Schwester, die Schwäche der Menschheit, das Unnatürliche, was du forderst? Haroun. Ich habe es und fühle, daß ich dich vor allen Großen meines Reichs zu meinem Schwager erhebe, daß dieser Name dich mehr belohnt, als du je verdienen kannst. Ich lebte Stunden an ihrer Seite wo ich gerne mein Leben um ihren Besitz gegeben hätte, noch gerne drum gäbe! ihre Reinheit fesselte mich – Laß sie dich nun fesseln – Giafar. Sie soll mich fesseln – ich will der Menschen Recht vergessen, der Natur Hohn sprechen und Haroun wiederum zu dem Mann machen, den ich jetzt in ihm vermisse. Doch nur der Leichtsinnige, der auf augenblicklichen Gewinn sieht und das Uebrige dem Zufall überläßt, bindet sich durch einen Eid. Haroun. Ein Mann wie du, der seine Pflicht nie aus den Augen verliert, der selbst meiner Macht trotzt, wenn er mit ihr im Widerspruch steht, kann diesen Eid mir leisten, kann ihn halten. Schwöre ihn und sei mein Freund. Giafar. Der dir ihn schwört, verpflichtet sich über seine Kräfte, oder schwört ihn in der Hoffnung, dich zu täuschen. Haroun. So schwöre ich – hier auf dieses heilige Buch – bei dem Glanze meiner Vorfahren – bei dem erhabenen Propheten – bei dem Allmächtigen, zu dessen Thron mein kühner Schwur aufsteigt, du stirbst den Tod des Verbrechers, wenn du meine Schwester – die ich über Pflicht und Gewissen liebe, die ich dir gezwungen abtrete, als Weib erkennst. – Blässe des Todes deckt nun deine Wangen – ich kann nicht anders – an meinem Herzen nagt die Verzweiflung, und das Gift der Eifersucht hat es ganz erfüllt. Giafar. Hier steht dein Opfer – das Schicksal hat dir's zugeführt, und die Pflicht unterwirft es deinem Wahnsinn. Tödte, vernichte – und wisse nur, daß Giafar, dem du dräust, Abbassa nicht um seinetwillen, nicht um ihrentwillen zum Weibe nimmt! daß er deinen Willen erfüllt, um dich zu retten, da du anders nicht zu retten bist! daß er nur dadurch deine durch diese Leidenschaft zerrüttete Tugend wieder herzustellen hofft. Haroun. Sei ein Mann! Dir geb' ich sie, weil ich nur deiner Tugend traue. Weil ich dich eben so achte, als ich dich hassen muß, und weil ich hoffe, daß du mich nicht zur Rache reizen wirst. Diesen Abend wird sie deine Gemahlin – ihren Namen sollst du nicht mehr von meinen Lippen hören; vernimmst du ihn, so ist er der Ausspruch deines Todes. Er öffnete die Thüre, winkte den Hofleuten, einzutreten, und stellte ihnen den Barmeciden als seinen Schwager vor. Alle standen erstaunt, blickten wie träumend bald auf den Khalifen, bald auf Giafar; nur Khozaimas Freunde erholten sich zuerst und bezeigten ihre Freude über Harouns Entschluß. Reiner, wärmer fühlte sie das Volk, da das Gerücht durch Bagdad erscholl. Die Handwerker warfen ihr Werkzeug weg, die Kaufleute schlossen ihre Buden, Alles stürzte auf die Straßen, eilte nach des Khalifen, nach Giafars Palast und schrie ihnen Dank, Glück und Segen zu. Sie riefen einander zu: »der Khalife habe nur darum den Barmeciden gezwungen, seine erste Gemahlin zu verstoßen, damit er ihn mit der schönsten und größten Prinzessin, mit seiner erhabenen Schwester, belohnen könnte.« Haroun fühlte nun, was er gewonnen hatte; aber er fühlte es als Regent, lächelte seiner Weisheit und Stärke zu, genoß die Frucht des schwer erfochtnen Siegs und erinnerte sich Dessen nicht, der ihm, ihn zu erkämpfen, die Mittel gab, der sich so großmüthig als Opfer seiner Rettung hingegeben hatte. Giafar hörte das Freudengeschrei des Volks, ahnete die Ursache, und Thränen stürzten aus seinen Augen – rollten über seine Wangen nach seinen bebenden Lippen. Ein düstres, Unglück weissagendes Gefühl verfinsterte seinen Geist und zog sein Herz zusammen. Er eilte nach dem Garten des Khalifen und fühlte nun mit aller Stärke, zu was er sich verbunden hatte. Sein Geist empörte sich gegen die Grausamkeit Harouns, seine harten Aeußerungen, sein Geständniß des Hasses, das er ihm ohne alle Schonung machte. Sein Herz fühlte Alles zurück, was er schon von ihm erlitten, und schauderte ahnungsvoll vor Dem, was er noch zu erwarten hatte. In der widernatürlichen, tyrannischen Bedingung sah er seinen von ihm entworfenen Sturz, seine tückisch ausgesonnene Rache, eine die Menschheit empörende Eifersucht, einen gänzlichen Mangel von moralischer Kraft und Werth. Alles Edle, Große, was er bisher von ihm gedacht hatte, stürzte vor diesen Vorstellungen zusammen, und er fand in seinen Tugenden weiter nichts, als einen kalt ausstudirten Plan des gefühllosen Herrschers. Sein Herz wollte sinken, die schmerzhaften Empfindungen wollten seinen Verstand umhüllen – ein heller Blick auf das Vergangene, auf Das, was er gethan hatte, noch thun konnte; sein Ruf, Das, was das jauchzende Volk von ihm erwartete; das Große, Erhabene des Siegs, wenn er hier nicht unterläge, die Hoffnung, durch sein Dulden, sein Ausharren, seine Stärke eben diesen, ihm nun bedaurungswürdig scheinenden Khalifen zum Glauben an die Tugend zu zwingen; der Gedanke, ihn von einem Verbrechen gegen die Natur gerettet zu haben; der feste Vorsatz, nichts zu thun, was den Zweck stören könnte, auf den ihn seine Vernunft so hell und bestimmt hinwies, erhoben seine Seele. Vor seinen Augen stand Abbassas Bild in ihrem ganzen Reiz, sein Herz erglühte in reinem Feuer, und sein erwachter Geist dachte nun, was sie ihm sein könnte, wie sie durch die Größe ihrer Seele, durch ihre Sanftmuth das Gute, das er suchte, befördern würde. Nun sah er in ihr eine ihm zugetheilte Gesellschafterin, ihn auf dem rauhen, gefährlichen Weg zu leiten, worauf die Menschheit sich so leicht verirrt. Er fühlte die Möglichkeit des Siegs über sich, blickte auf das Glück der Millionen, die Vollendung seines Zwecks, und Schamröthe färbte seine Wangen, daß er, der Prüfung gewohnt, auf Prüfung gefaßt, das Erhabene seiner Bestimmung so lange vergessen, sie gegen einen augenblicklichen Genuß der Sinne in Anschlag bringen konnte. Seine ganze Stärke war zurückgekehrt; er eilte nach dem Palast zurück, entschlossen, wenn er fallen müßte, als ein reines Opfer der Tugend hinzusinken, im Bewußtsein, seine Pflicht gethan zu haben, in der Gewißheit, der Mensch sei Schöpfer seines Werths, und nichts entschuldige die Unterlassung des Guten, das er auszuführen fähig ist. 8. Die Vermählung ward mit aller Pracht gefeiert. Mit leisen Schritten, begleitet von der jungfräulichen Scham, der süßen Verwirrung, dem sanften Ernst, nahte Abbassa. Haroun legte ihre Hand in Giafars Hand – sein Herz zerrissen und voll Grimm, seine Stirne in Majestät gehüllt. Giafar empfing sie von ihm, als ein Wesen einer andern Welt, das ihn nur an sein erhabenes Ziel fester knüpfen, seine Tugend erwärmen und begeistern sollte. Jubel empfing die Neuvermählten, als sie den Palast verließen. Die Stadt war erleuchtet, ihr Weg mit Blumen bestreut. Giafars Mutter empfing knieend die erhabene Tochter, sie richtete sie auf und drückte sie an ihre Brust. Der Barmecide führte sie nach seinem Harem, wo sie allein herrschen sollte. Ihre Dienerinnen erwarteten sie. Die Zimmer waren mit prächtigen Geschenken des Khalifen angefüllt, und Masul überreichte Giafarn die Anweisung auf einen reichen Brautschatz. Abbassa trat in das Schlafgemach, der Barmecide entfloh, verschloß sich in sein Gemach und rief: »Die Forderung geht über des Menschen Kräfte, und nur Der kann sie zu erfüllen versuchen, der der Menschen Glück zu dem seinen macht. O Tugend, der ich mich aufopfere, laß nun den Dank Derer, die ich glücklich gemacht habe, mein Schlafgenosse sein! Gieße einen deiner reinsten Strahlen in mein Herz, umschimmre mich mit deinem sanften Lichte! Wehe mir die Begeisterung zu, von welcher beflügelt sich deine Auserwählten über sich selbst, die rohe Sinnlichkeit, die Schrecken des Todes, die Gewalt der Tyrannen und die Schwäche der Menschheit erheben! Geister meiner Väter, wenn ihr noch seid, verlaßt euren Enkel nicht! – Gute Nacht, Abbassa! Ihr Bild umschwebt mich, in ihr sehe ich mir die Tugend nah.« 9. Für Khozaima war die Nachricht eine Todespost; alle seine Entwürfe sah er auf einmal zerrissen, er wüthete, rasete, verfluchte sich, Haroun und Giafar. Seine Wunde, die sich kaum geschlossen hatte, drohte durch die heftige Bewegung wieder aufzubrechen. Seine Freunde bemühten sich, ihn zur Vernunft zu bringen, und es gelang ihnen nur dadurch, daß sie seine Rache reizten, indem sie ihm zu verstehen gaben, Giafar habe ihn betrogen, den Khalifen geschreckt und den Vorfall zu seinem eigenen Vortheil benutzt. Nun sah er sich von Dem als überlistet an, den er der List nicht fähig hielt: »Zu seinem Besten,« schrie er, »habe ich mich der Gefahr des Todes ausgesetzt, nun siegt er über mich – hat sie – und ich rase hier! Dem Träumer gab er sie, und ich, der ich sein Leben rettete, ihn auf den Thron setzte, muß den einzigen meiner würdigen Lohn in dem Besitze eines Andern, eines mir verhaßten Schwärmers, sehen!« – Der Streich war geschehen, die Flamme der Wuth legte sich nach und nach und machte dem gefährlichen Gefühl des Hofmanns Platz. Düstre, giftige, verschlossene Rache umschlang sein Herz; sein in Ränken geübter Kopf sann mit den Genossen auf Mittel, diese Rache zu befriedigen; aber fest stand Haroun durch seine Macht, noch fester Giafar durch seine Tugend. Es blieb Khozaima nichts übrig, als auf den verborgenen Haß des Khalifen, wozu er den ersten Grund gelegt hatte, zu rechnen. Er wußte, wie tief er Wurzel gefaßt hatte, und von diesem erwartete er spät oder früh das Verderben seines vermeinten Feindes. Die Zeit seines Urlaubs war nun vorüber; er begab sich erst heimlich zu dem Barmeciden, wünschte ihm mit feurigen Ausdrücken zu seiner Vermählung Glück und dankte ihm für seine Erhaltung, seine Verschwiegenheit. Bald darauf erschien er vor dem Khalifen; dieser nahm ihn freundlich auf, ließ sich von seinen Vergnügungen, seinen vorgenommenen Jagden erzählen und sagte ihm am Ende mit bedeutendem Ernste: »Khozaima, du hast für einen so gewandten Hofmann einen großen Fehler begangen. Wie konntest du dich zu einer Zeit von meinem Hofe entfernen, da deine Gegenwart so nöthig war. Immer dachte ich, meine Schwester an einen Helden zu vermählen, und da ich mich umsehe, dem Würdigsten den Wink zu geben, sich um sie zu bewerben, finde ich ihn nicht. Indessen kommt mir der stille Weise zuvor, setzt sich in ihrem Herzen fest, und doch hat Haroun nur Eine Schwester. Khozaima. Der gerechte, große Haroun hat seinen Diener nach Verdienst belohnt. Keiner deines Reichs ist der Prinzessin würdiger, als Giafar. Wer, außer dem Manne, der von den alten Königen dieses Landes abstammt, könnte den Gedanken fassen und ertragen, des erhabenen Khalifen Schwager zu heißen? Das Volk segnete dich, als du ihn zum Großvizir erhobst, nun segnet es dich mit Freudenthränen, da du ihm einen so redenden Beweis gegeben hast, daß du den Mann, den es seinen Freund, Beschützer und Vater nennt, zu schätzen weißt. Nur er verherrlicht durch seine Weisheit und Gerechtigkeit deinen Thron und setzt deine erhabene, gefürchtete Tugend in ein sanftes Licht. Haroun. Wie glücklich bin ich, von so wahrhaft großen Männern umgeben zu sein. Fern von dem Neide, der Eifersucht kleiner Geister, achtet Jeder der Tugenden des Andern, weil er der seinen sicher ist. Bald sollen die Ungläubigen die Folgen dieses seltnen Einverständnisses empfinden. Sei und bleibe des edlen Barmencien Freund, wie er der deine ist. Khozaima. Er ist zu groß, mein Freund zu sein; er kann mir nur zum Muster dienen, dem ich schüchtern in weiter Entfernung nachzufolgen strebe. Der Herr trennte sich von dem Diener, und jeder von beiden glaubte, seine Rolle gut gespielt zu haben. 10. Haroun hatte sich seit der Entfernung Abbassas in Kälte und Ernst gehüllt. Täglich vernahm er von seinen Kundschaftern das Betragen Giafars, erfreute sich der Pein, in der er ihn gedachte, und je mehr er sich davon überzeugte, je gefälliger, freundlicher ward er gegen ihn: aber in seinem Herzen blutete die Wunde, wüthete der Haß. Alles fehlte ihm, sein Palast schien ihm leer, träumend durchirrte er seiner Schwester Zimmer, lagerte sich gedankenvoll und seufzend auf den Sopha, wo er so viele Stunden an ihrer Seite zugebracht hatte. Todt wie die Laute, die vor ihm lag, der nur ihr Spiel und Gesang entzückendes Leben gab, schien ihm nun sein Herz. Nur ihre Stimme hören zu können, nur eine Stunde des Tags an ihrer Seite zu sitzen, ihre geistvollen Blicke zu beobachten, die Empfindungen ihres Herzens von ihren Lippen zu belauschen, nur eine Sekunde zu denken, sie sei noch sein, sie habe sich für keinen Andern erklärt, schien ihm der seligste Genuß des Lebens. Diese Unruhe, diese qualvolle, Leere, die er Tag und Nacht, zum erstenmal, bei den wichtigsten Geschäften, selbst in den Armen seiner liebkosenden Weiber empfand, würden ihn endlich gegen seinen festen Entschluß zu ihr geführt haben, wenn nicht der Bericht einiger unbedeutender Vorfälle mit den Griechen auf den Grenzen seinem Geiste plötzlich eine andere Richtung gegeben hätte. Kaum hatte er die Botschaft gehört, so entflammte sich sein Herz. Krieg, Ruhm, Eroberung, Ausbreitung des Glaubens, seinem Geiste angemessene Beschäftigungen, erfüllten auf einmal seine ganze Seele. Der Divan ward versammelt, die Berichte vorgelegt, zum Schein berathschlagt, und nur Giafar meinte, die Ursachen der Beschwerden seien nicht hinreichend, das Blut des Muselmanns aufzuopfern; es ließen sich vielleicht von der schwachen Regierung des griechischen Kaisers die Vortheile, die man suchte, durch Unterhandlungen erhalten, und um menschlich zu sein, müßte man wenigstens dieses erst versuchen. Khozaima rief: »Das Gesetz des Propheten will's!« Der Divan hallte nach: »Der Prophet will's! Zu lange haben die Waffen des Muselmanns geruht, und nach des Propheten Willen sollen sie nicht ruhen, bis sie seiner Lehre die Erde unterworfen haben!« Der Khalife hielt eine Rede in demselben Geist; der Krieg ward beschlossen, durch ein Wort über das Schicksal so vieler tausend Schlachtopfer entschieden, weil Haroun die Leidenschaft, die sein Herz verzehrte, nicht überwinden, die Leere des erzwungenen, des notwendigen Verlusts nicht ertragen konnte. Die Zurüstungen wurden schnell gemacht; die Statthalter bekamen Befehl, die Völker an den Grenzen zu sammeln; und Haroun begab sich bis zur Zeit seiner Abreise in seinen Palast jenseits des Tigris, weil ihm sein gegenwärtiger Aufenthalt verhaßt war. 11. Haroun irrte sich nicht, wenn er Giafar in Pein dachte. Er fühlte die Qual des fabelhaften Tantalus; jede Sekunde seines Lebens setzte ihn, trotz des erhabenen Schwungs seiner Seele, trotz der reinen Begeistrung und seines festen Vorsatzes, auf die gefährlichste Probe, mit welcher jemals ein Sterblicher von höherer Macht belastet ward. Die Prinzessin schwebte vor ihm wie eine vom Himmel gesandte Erscheinung, die er nicht berühren durfte, ohne die Grenzen des Todes zu betreten – und doch lud ihn diese Erscheinung so freundlich ein; das Band der Herzen zog sich durch den Umgang immer fester zusammen, ihre Seelen lernten sich immer mehr verstehen – er entdeckte von Augenblick zu Augenblick höhere Vollkommenheiten. Jeder ihrer Blicke, jede ihrer Bewegungen, jedes Lächeln, jedes Oeffnen des lieblichen Mundes, jede Stellung zeigten ihm noch unentdeckte Schönheiten eines Körpers, den die Natur in der schönsten Begeistrung nur so vollkommen gebildet zu haben schien, um den erhabenen Geist, diesen göttlichen Funken aus der Quelle des ursprünglichen Lichts, seiner würdig einzuhüllen. Und diese Abbassa, die alle diese Vollkommenheiten besaß, die wie er über Weisheit, Tugend und Menschenglück dachte und empfand, mit ihm über die Mittel, es zu befördern, rathschlagte, gestand ihm, wie glücklich sie nun sei, wie sie es immer mehr würde, ihn immer mehr liebte; vertraute ihm, von welchem Augenblick an sie ihn erst bewundert und dann geliebt hätte. Diese Abbassa hielt ihn mit ihren geistreichen Gesprächen zurück, wenn er gehen wollte, verscheuchte seinen Ernst mit seelenvoller Munterkeit, fesselte den Traurigen mit himmlischem Gesang, mit melodischem Lautenspiel, liebkoste ihn, lehnte sich an seine Brust, fragte ihn, ob und wie sehr er sie liebe! erzählte ihm, wie sie mit ihrem Bruder in der Irre herumgewandert sei, was sie dabei ausgestanden, erfahren, gedacht und empfunden hätte, fragte ihn dann um sein vergangenes Leben, wollte Alles wissen, was ihm besonders begegnet sei, was er gedacht und empfunden hätte; was er nun dächte und fühlte – dann entfaltete er das Innerste seines Herzens, und ihre Seelen schmolzen zusammen in innigster Vertraulichkeit, in seligster Zärtlichkeit. Begeisterung, Schwärmerei erhob sie, sie überließen sich dem süßesten Einverständniß. Plötzlich rauschte die Drohung Harouns durch den Geist des von Liebe trunknen Barmeciden; der kalte, mörderische Gedanke zog sein Herz zusammen – er mußte sich losreißen, einen Vorwand mit bebender Lippe stammeln – erstaunt, gerührt sah sie dem Fliehenden nach und versank in Träume. Giafars Mutter konnte ihres Sohns Betragen, seine Entfernung von seiner Gemahlin nicht begreifen; sie beobachtete ihn und Abbassa lange und schwieg aus weiblicher Sittsamkeit. Da sie aber die zunehmende Unruhe ihres Sohnes gewahr wurde und bemerkte, wie seine Heiterkeit nach und nach verschwand, wie der Mann, der so festen, sichern Tritts einherging, nun mit sich in innerm Kampfe zu leben schien, so widerstand ihr mütterliches Herz nicht länger; sie fragte ihn ohne Rückhalt um die Ursache seines Kummers, seines unbegreiflichen Betragens gegen die Prinzessin. Er erblaßte bei ihrer Frage, sein Haupt sank gegen seine Brust: »Forsche nicht, meine Mutter! dein Sohn soll und darf nur glücklich durch das Glück der Andern werden, ihm ist keins vorbehalten: er ist der Spott des Gewaltigen, dem er sich aufopfern muß. Hilf ihm, daß er seiner ganz vergesse, daß er seinem Zweck getreu verbleibe! Für ihn ist Abbassa nur die Erscheinung einer andern Welt.« Die Mutter drang nun weiter in ihn, und sein Herz goß das qualvolle Geheimniß mit allen Umständen in ihren Busen. Lange saß die Mutter betroffen, tief gerührt vor ihm. Sie fühlte die Gefahr ihres Sohnes – sein unvermeidliches Unglück, wenn er unterläge, seinen qualvollen Zustand im Kampfe – ihr hoher Sinn drang nach und nach durch die schwarze Vorstellung; sie empfand, daß sie ihn weder laut beklagen, noch ihm zeigen dürfe, was sie fürchtete. Kalt sagte sie: Barmecide, da du dich hierzu verpflichtet hast, so hast du auch gewiß deine Kraft gegen die Gefahr erwogen. Giafar. Ich habe es. Mutter. So richte deinen Blick auf deinen hohen Zweck und erinnere dich, daß Keiner deines Hauses anders groß und gut, als auf seine Kosten ward. Hoffst du ihnen zu gleichen? Giafar. Ich hoffe es. Mutter. Der Perser Glück werde dein Genuß, der Stärkste, Erprobteste deines Hauses zu sein, dein Ruhm. Weiß die Prinzessin den Befehl des Grausamen? Giafar. Könnt' ich es ihr vertrauen? Mutter. Ich will es leise ihrer schönen Seele zuhauchen. Sie muß die Gefahr wissen, in der du schwebst, und dein Schutzengel werden. Giafar sah die Nothwendigkeit davon ein, und er hoffte viel dadurch für seine Ruhe. Er schmeichelte sich, das reine Verständniß zwischen ihr und ihm würde dadurch von aller Hinderniß befreit werden, und die Liebe würde ihn gegen die Liebe selbst bewachen. Die Gelegenheit bot sich der Mutter leicht dar; denn Alles, was Abbassa dachte, empfand und redete, bezog sich nur auf ihn. Da sie in einer Laube vertraulich zusammen saßen und Abbassa in strömender Beredtsamkeit der Liebe von ihm sprach – alle seine edlen Eigenschaften berührte – hielt sie auf einmal plötzlich inne und sah in der Mutter Augen, als ertappte sie ihn so eben auf einem Fehler, den ihre Zunge nicht aussprechen konnte, weil ihn ihr Herz nicht deutlich dachte. Die Mutter deutete leise auf ihr dunkles Gefühl, und mit einem Seufzer antwortete sie: »Ach Mutter, meine Liebe macht ihn nicht so glücklich, als sie mich es macht. Er liebt mich nicht, wie ich ihn liebe; denn sieh, er kann mich in der wärmsten Ergießung des Herzens kalt verlassen, kann bekümmert sein, wenn ich unaussprechlich glücklich bin – doch sage ihm ja nicht, was ich dir vertraue.« Mutter. Kenntest du sein Herz, du würdest ihn bedauern. Der Schein ist wider ihn; und Das, was du ihm zum Fehler machst, würde seine höchste Tugend werden, wenn du die Quelle dieses Fehlers kenntest. Abbassa. Wie, und er hätte mir dies verborgen? hätte mir etwas verborgen, und etwas, das den Kummer, der sich meinem Herzen täglich mehr nähert, entfernen könnte? aber nein, ich hätt' es entdecken, wenigstens an ihm nicht zweifeln sollen und habe die Strafe der Besorgniß verdient. Mutter. Du konntest es nicht errathen, und er durfte, konnte dir's nicht sagen. Meine Tochter – laß mich dich so nennen – nur durch dich ist er glücklich, nur durch dich kann er's bleiben; nur durch deine Leitung, deinen Beistand, deinen erhabenen Sinn kann er seine Tugend fort ausüben. Nur dieses Glück kann ihm keine Macht der Erde nehmen, so eigensinnig, so eigennützig der Gewaltige es auch beschränkt. Du mußt ihm, um ihn zu erhalten, die Fesseln leicht machen, mit denen ihn dieser drohende Gewaltige belastet hat – die er nun so schmerzlich fühlt. Abbassa. Kann ich? Ich? und du zögerst, Mutter! Mutter. Nun so höre, wie er gefesselt, von ihm gefesselt ist. (Sie lispelt ihr das Geheimniß zu.) Der Abglanz der Rose auf die Lilie überschattete ihre Wangen und Stirne. Der Athem hielt an ihrem Herzen; aber als die Mutter des Schwurs des Khalifen erwähnte, verschwand die Röthe der jungfräulichen Scham; kaltes Erbeben schlich durch ihre Glieder, sie sank an der Mutter Brust! »Haroun! Haroun! was hat der Thron der Khalifen aus dir gemacht!« – Die Scham verbot ihr, weiter zu reden, sie eilte nach ihren Zimmern, und nun da sie allein war, über ihres Bruders Verfahren mit ihr und Giafar lange nachgesonnen hatte, erleichterte sich ihr Herz durch Klagen: »Er sollte sterben – um meinetwillen – durch meinen Bruder – den ich so zärtlich liebte – dessen Schicksal das meinige ward, von dem Augenblick, da ich empfand, und nun, da er das meinige bestimmt, vergiftet er's. Vor uns stellt sich der Furchtbare, umschwebt uns unsichtbar, um jede Aufwallung der Liebe durch Todesangst niederzuschlagen! Den Tod stellte er als Scheidewand zwischen mich und ihn! O Haroun! Haroun! – Ich danke dir, Mutter, daß du mir ein Räthsel gelöset hast, mit dem sich mein Geist beschäftigte, ohne zu wissen, womit er sich beschäftigte. Du hast mich von meinem Verdacht, meinem Kummer geheilt. Er sei der Unglückliche, er leide durch das Bewußtsein unsers Glücks, das er uns nicht rauben, über das keine Macht der Erde gebieten kann.« Zum erstenmal erwachte Groll in ihrem Herzen; aber bald verschwand er vor dem Bilde Giafars. Noch bewunderungswürdiger schien ihr nun der Mann, der, um ihren Bruder zu retten, um dem Undankbaren noch ferner nach seinem großen Sinne dienen zu können, sich durch dieses unnatürliche Gelübde gebunden hatte. Leicht schien es ihr, sich einem Ausspruch zu unterwerfen, der den Mann bedrohte, welchen sie über Alles liebte, der eines solchen Opfers fähig war, und unbedeutend schien ihr die Entbehrung eines Glücks, das noch dunkel vor ihren Augen schwebte. Ihn zu beruhigen, ihm das Opfer leicht zu machen, sann sie nun auf Mittel; aber trotz aller Begeisterung faßte doch das Herz mit tiefem Schmerz den Entschluß, den Ausbruch der Zärtlichkeit zu mäßigen; sie fühlte die Qual der Bande, womit sie sich nun fesseln sollte, seufzte über den Verlust der vergangenen, wonnevollen Stunden, in welchen sie sich ganz ihren Empfindungen überlassen durfte, weiter nichts mehr hoffte, nichts mehr fürchtete und ihr Glück an des Geliebten Busen für ganz gesichert und entschieden ansah. Sanfte Thränen folgten dem Entschluß, die nur der Gedanke der Gefahr Giafars trocknete. Als ihr der Barmecide zum erstenmal wieder nahte, färbten sich ihre Wangen höher, ihr Herz fühlte sie eingeengt, und ihre Blicke sanken unwillkürlich auf ihren bewegten Busen. Verschwunden war die glückliche Vertraulichkeit, das freie Entgegenschlagen der Herzen, die keine Gewalt über sich erkannten, als die Gewalt der Liebe. Mit jedem Worte, mit jedem Blicke, mit jeder Bewegung glaubte man zu viel zu thun. Noch vor Kurzem sang sie in ihre Laute das frohe Glück der Liebe, nun sang sie ihre schmelzenden Klagen, ihre peinvolle Unruhe; und jungfräuliche Scham, die kalte Regel der Pflicht, Furcht, Zwang, Wünsche, Hoffnung zogen einen düstern, melancholischen Schleier um das edle Paar. Giafar fühlte, was er verloren hatte, doch berührte er diese Saite nicht; er sah die Nothwendigkeit der Unterwerfung ein und suchte ihr Herz nach dem Ton des seinigen zu stimmen, die vorige Vertraulichkeit und Offenheit wieder hervorzulocken und ihr Zuversicht auf sich und ihn einzuflößen. Mit Wärme schilderte er das Glück der Liebe, stellte sie dar als den feurigsten und reinsten Trieb zum Schönen und Guten: unterhielt sie von Dem, was er gethan, was er auf die Zukunft zum Glück der Menschen entworfen hatte, und lud sie ein, ihm mit ihrem Rath, ihrer Hülfe beizustehen und den seligen Genuß des Wohlthuns mit ihm zu theilen. Dann zeigte er ihr, indem er sich sanft an sie schmiegte, daß er nur durch sie ihres Bruders und seines Glückes sicher wäre, nur durch ihren Beistand hoffen könnte, den betretnen Pfad nach dem Wunsche seines Herzens durchzulaufen, und wenn er das Ziel erreichte, nur von ihr den Kranz des Ruhms erwartete. Es waren ihre Gefühle, ihre Gesinnungen, und Giafar konnte nichts Großes denken und empfinden, das sie nicht gedacht und empfunden hätte; aber durch eben diese Begeisterung, durch dieses völlige Uebereinstimmen, durch die Mittheilung des Genusses über das beiderseitig bewirkte Glück der Menschen nahm ihre Liebe den gefährlichen Ton der Schwärmerei, wechselseitiger Vergötterung an, und je mehr sie sich auf den Flügeln des Geistes zu erheben glaubten, je näher brachte sie die entflammte Phantasie zusammen; je mehr fühlten sie, was sie schied, was sie hinderte, einander in die Arme zu fliegen, um sich Herz an Herz, Mund an Mund ihr Entzücken, ihre Bewundrung mitzutheilen. Ein Blick, ein einziges dem Herzen entflohenes Wort, ein unvermuthetes Berühren, und die Begeistrung sank; sie sahen sich betroffen an, strebten, ihre Blicke von einander abzuziehen, und die Furcht, der Zwang vergiftete die Quelle ihres Glücks. Der thätige, in Geschäfte und Sorgen verwickelte Barmecide, der stündlich mehr empfand, was er noch zu leisten hätte, der laut hörte, was man von ihm erwartete, der mit den Intriguen, den Kabalen und Schlechtigkeiten der Hofleute, der unter ihm stehenden Beamten zu kämpfen hatte, fand in diesen äußern Verhältnissen immer neue Kraft, die Probe zu bestehen, und jede überwundene Erschütterung, jede erkämpfte Zurückhaltung eines feurigen Wunsches spannten seine Hoffnung des Sieges über sich. Ganz anders wirkte der Zwang auf Abbassa, alle Gluth zog sich in ihr Herz, und da sie keine Empfindung mehr zu äußern wagte, so drängten sie sich in ihrem Busen zusammen, und jeder zurückgehaltne Wunsch, jede versagte Aeußerung von Zärtlichkeit kehrte feuriger zurück. In Gegenwart Giafars faßte sie sich, so viel sie konnte, strebte, sich aufzuheitern, und schien nur mit ihm und seiner Zufriedenheit beschäftigt: aber undeutliche Wünsche, unbekannte Gefühle, rastloses Spiel der durch Furcht und Angst gefesselten Phantasie, Unruhe, der sie keinen Namen zu geben wußte, die ihre Seufzer nicht erleichterten, ihre Thränen nicht kühlten, folgten ihr in die Einsamkeit. Voll der Bewunderung für den edlen Mann, verzieh ihm doch oft ihr Herz nicht, daß er sein Schicksal so kalt ertrüge, sich nicht beklagte, seine Lage nicht bedauerte, seine Klagen nicht mit den ihren vermischte, keine Thränen darüber mit ihr vergoß, durch seine Thränen, durch seine Klagen ihren Kummer nicht zu stillen suchte. Mit der Mutter vermied sie aus Scham davon zu reden, und zeigte sich ihr immer gefaßt und heiter, so weit sie's nur vermochte. Schwermuth hatte sich nun auf sie herabgelassen. Schon nahte ihr Giafar mit Beben, schon empfing sie ihn mit schmerzlichem Willkomm, schon konnte oft das Wort des Abschieds nicht über die bebenden Lippen fließen. – In dieser Stimmung saßen sie eines Abends beisammen, als ein Eilbote kam und Giafar zu dem Khalifen forderte. Kaum vernahm es Abbassa, so fiel sie ihm erschrocken um den Hals: »Was will er zu dieser Stunde? In der tiefen Nacht? Was haben wir verbrochen? Will er dich tödten? Laß mich dich begleiten, mit dir zu ihm eilen, daß ich mit dir sterbe!« Giafar lächelte und sagte: Worüber erschrickst du, Geliebte? Läßt er mich nicht täglich rufen? Du weißt, daß sich der Khalife diesen Tag zur Armee begibt: glaubst du, daß er mir keine Befehle zu hinterlassen hat? Verbrechen! Kann Giafar, der Gemahl Abbassas, ein Verbrechen begehen, das ihm den gerechten Zorn des Khalifen zuzöge? – Er umarmte sie zärtlich, warf sich mit einigen seiner Diener in ein Fahrzeug und schwamm über den Tigris. 12. Die Unruhe des. Khalifen hatte sich nicht gelegt; er versuchte, sich in der Gesellschaft seiner Weiber zu zerstreuen, und seine Gegenwart gab allen Leben, erweckte ihre Talente, ihre schlafenden Fähigkeiten, und jede strebte, ihre Reize durch Anmuth, Witz und bisher kaum von ihm bemerkte Geschicklichkeiten in ein schimmerndes Licht zu setzen. Musik, Tanz, Muthwillen, Spiel, Laune wechselten ab; doch nur des Khalifen Ohr vernahm es. Nachdem man nun Alles erschöpft hatte und der strenge Herrscher Asiens immer kalt und ernst vor sich hinsah, so verfiel man endlich auf Märchen, auf wunderbare Erzählungen von Feen, Geistern, Genien, Sylphen, und erzählte nach der Runde herum. Haroun horchte – lächelte über seine und ihre Thorheit und horchte wieder. So wild, wunderbar und unnatürlich die Märchen auch sein mochten, so entzündete sich doch bald der Glaube der Weiber an ihrer eigenen Einbildungskraft, und diese Tausendkünstlerin hüllte endlich die ganze Versammlung in ihren bunten Zaubermantel ein. Eine Griechin that sich durch lebhafte Darstellung, durch starte Gemälde und Kenntniß Dessen, was am meisten die Phantasie fesselt, am meisten hervor. Aller Augen hingen an ihren Lippen, wenn sie sie zum Reden öffnete. Sie glänzte im Tragischkomischen und verstand durch das Gemische von Lächerlichem und Schrecken, von Mitleiden und Laune die Neugierde zu reizen, das Interesse zu unterhalten, wußte ihre Geister, Genien, Feen und Sylphen so zu Humanisiren, so mit dem Menschen zu verschmelzen, ihr Dasein mit dem unsern in ein so genaues Verhältniß zu setzen, daß, bevor sie ihre Erzählung endete, der ganze Kreis sammt dem Herrn der Gläubigen gedrängt um sie herumsaß. Die erwärmte Einbildungskraft erstickte bald gänzlich das Licht der Vernunft, die Widersprüche der Erfahrung, und man sah unwillig auf die kalte Zudringliche, welche die Wallungen der Herzen legen, die bunten Gemälde auslöschen wollte, Haroun, der, so sehr sich sein Verstand auch sträubte, doch eben so gerne wie jeder andere Erdensohn über das Unbegreifliche faselte, der so viel Genuß darin fand, mit diesen reizenden Schwärmerinnen zu faseln, hielt es gleichwohl gegen seine hohe Würde, seinen männlichen Sinn, so ganz zu schweigen, und ließ die Erzählerinnen die Geißel seines Spotts ohne Mitleid und als Herr ohne Furcht der Wiedervergeltung empfinden. Jede beeiferte sich nun, ihm die Möglichkeit zu beweisen, und nur Zobaide (einst Fatime) schwieg; aber ihr Schweigen war so bedeutend, daß der Khalife merkte, sie habe etwas über den Punkt des Streits auf dem Herzen. In dem Augenblick, da er sie auffordern wollte, drang das lang Zurückgehaltene über ihre Lippen: »Herr, du zweifelst an der Erscheinung der Geister, der Genien, und hier siehst du gleichwohl eine vor dir, die ein Geist oder ein Genius vom Ertrinken errettet hat.« Erstarren, Erstaunen, Fragen, Siegesblicke der Weiber über den Zweifler, Alles war nur ein Augenblick. Haroun lachte und fragte noch dringender. Fatime erzählte, was sie wußte, wie der Geist sie und Giafars Mutter errettet, wie Giafar ihr und der Mutter eine lange Erzählung von seiner Unterhaltung, von einem durch den Geist erweckten Traume gemacht hätte. Den Inhalt, die besondern Umstände davon hätte sie vergessen, kaum bemerkt, da sie während der Erzählung viel zu erstaunt gewesen wäre. – Haroun brach ernsthaft auf, sandte einen Eilboten an Giafar und blieb allein bis zu seiner Ankunft. Fatime erschrack über die ernste Miene des Khalifen: nur jetzt erst erinnerte sie sich, daß Giafar ihr und seiner Mutter Schweigen geboten hatte, und ob sie gleich für sich und Giafar nichts Böses in der Begebenheit sah, das Bedeutende davon nicht faßte, so fühlte sie doch Unruhe, sein Geheimniß verrathen zu haben. 13. Giafar kam; der Khalife ließ ihn ein, befahl der Wache, ferne von dem Zimmer zu halten, schloß selbst die Thüre ab und wandte sich zu dem Barmeciden: Warum verbargst du mir das wichtigste Geheimniß deines Lebens? Bin ich allein nicht werth, von dir übel Dinge belehrt zu werden, nach denen der Mensch so lüstern ist? Giafar. Herr der Gläubigen, ich verstehe dich nicht. Haroun. Du hast einen Geist – einen Genius – was weiß ich? gesehen? mit ihm gesprochen? durch ihn geträumt – Wo? Wenn? Wie? Giafar. Einen Geist? Was ist ein Geist? Wer sieht einen Geist? Haroun. Das will ich eben von dir erfahren, und darum ließ ich dich rufen. Ist das Märchen vielleicht nur für Weiberohren ersonnen? Es sei, wie es wolle, ich will es hören, von dir hören, ob ich gleich nicht an die Möglichkeit glaube. Aber wie daran zweifeln, da mir Zobaide betheuerte, dein Geist habe sie und deine Mutter vom Ertrinken errettet? Giafar. Deine Gemahlin, Herr – deine Gemahlin sagte – Haroun. Ja sie – sie hat durch Zufall entdeckt, was du mir so lange verschwiegen hast, was du mir, wie ich sehe, noch jetzt gerne verschweigen möchtest. Giafar. Ich hatte so wenig Ursache, dir einen sonderbaren Zufall meines Lebens mitzutheilen, als ich nun habe, ihn dir zu verschweigen, da du mich darum fragst. Warum sollt' ich's? Was hätte ich dabei zu fürchten? Was es war, wie es zugegangen, was es ist, begreife ich nicht. Nur dies weiß ich, daß die Erscheinung ganz körperlich war, mit menschlicher Stimme sprach und folglich, so lange ich sie sah, kein Geist war. Haroun. Und was sprach die Erscheinung? Giafar. Sie sprach sehr gut über die unbegreiflichen Dinge, die ich von ihr wissen wollte, verstand sehr gut, sie mit einem schimmernden Glanze auszuschmücken. Sie erweckte mich aus meinem Trübsinn, indem sie mein Verlangen, gut und tugendhaft zu sein, auf einen zwar hohen, aber sichern Zweck hinspannte. Haroun horchte lächelnd zu; er winkte dem Barmeciden, sich niederzulassen, und befahl ihm, umständlich den wunderbaren Zufall zu erzählen. Giafar ergriff mit Wärme die Gelegenheit, ihn ganz mit seiner Denkungsart bekannt zu machen. Er entwickelte ihm die Lage, worin er sich nach seines Vaters Tod befunden, die Erscheinung Ahmets, seine Unterhaltung, und hielt sich besonders bei dem Gedanken auf, was der Mensch dem Menschen sein sollte, wie nur durch ihre Schuld das moralische Böse entstände, und wie sie nur durch reinen Willen, durch das Gesetz der Vernunft, durch aus ihr bestimmte Wahl zwischen Gutem und Bösem den Endzweck des Ewigen befördern könnten. Dann berührte er das Gesicht – zeigte, welche Warnung ihm die Erscheinung durch Selbsterkenntniß gegeben hätte, und ließ nichts aus, als die Rolle, die Haroun im Traum gespielt hatte, weil er dabei Nachtheil für sich, ohne Vortheil für den Khalifen, sah. – Er verschwand – zerfloß in hellem Feuer vor meinen Augen, setzte er hinzu – deine Boten kamen, ich sah ihn nicht wieder. Ich dankte ihm für die Warnung; aber ich fühlte bald, daß mich meine Vernunft, das Gefühl meiner Freiheit ohne ihn durch das Leben führen könnten, daß sie allein mich führen müßten, wenn das Gute und das Böse, das ich wirke, mir zugerechnet werden soll. Haroun. Giafar, und dies soll ich dir glauben? Giafar. Kann ich es fordern, da ich es selbst nicht begreife? Haroun. Und gleichwohl glaubst du, was du mir erzählt hast? Giafar. Ich glaube es – fühle es durch die Wirkung. Haroun. Du glaubst, du ständest mit höheren, unsichtbaren Wesen in Verbindung? Giafar. Davon weiß ich nichts, auch bedarf ich ihrer nicht. Dieses erschien, ohne daß ich es gerufen habe, verschwand und ist nie wiedergekehrt. Haroun. Und es war ein Geist – ein wahrer Geist – ein Genius? Giafar. Wie kann ich sagen, was es war; ich sah ein Wesen meiner Art: aber Das, was dieses Wesen auf mich wirkte, mit mir vornahm, geht über unsre Kräfte, wie über unsre Erfahrung. Haroun. Du bist ein Träumer, ein Schwärmer! Dich täuschte deine kranke Einbildungskraft, dann täuschtest du die Weiber, die so empfänglich für das Wunderbare sind, und nun täuschest du mich, um nicht als Lügner zu erscheinen und dich mir durch deine geträumte Verbindung mit Wesen höherer Art wichtiger zu machen. Sieh in meine Stirne und sage noch einmal, du ständest mit Geistern in Verbindung. Giafar. Ich sagte es nicht und sage es nicht. Ich erzähle dir, was mir widerfahren ist, weil du es verlangst. Was sind mir Wesen einer andern Welt? So lange ich hier auf Erden bin, habe ich nur Sinn für Das, was ich begreife, leide, denke und wirke, beschränkt auf die Gegenwart. Ich erfülle den Kreis meines Wirkens, wie du; entfliehe ich einst dieser Welt und fühle und denke, bin noch, so geht für mich ein neues, mir jetzt ganz unbekanntes Dasein an. Alles, was ich jetzt zu thun habe, ist, dafür zu sorgen, daß mir alsdann die Erinnerungen von diesem kurzen Dasein hier nicht zur Bürde werden mögen. Vielleicht daß ich dann erfahre, was diese Erscheinung sagen wollte, vielleicht daß ich's noch hier erfahre; denn eben dieses Wesen drohte, mir einst wieder zu erscheinen. Haroun. Ich wünschte, es mit dir zu sehen, denn nur meine Augen können mich davon überzeugen. – Wunderbar! zu deutlich und licht für einen Träumenden – zu unwahrscheinlich, zu dunkel für einen Wachenden. Meine Vernunft empört sich, und doch möcht' ich wissen – mehr wissen – tausend Fragen drängen sich nach meinen Lippen. Erinnerst du dich, wie dieses Wesen aussah? Giafar. Sehr genau. Haroun. Und wie? Wie? Wie war seine Kleidung? seine Miene? Giafar. Seine erhabene Gestalt, seine nur ihm eigene Bildung, sein ernstes, ehrwürdiges Wesen, seine ausdrucksvollen bedeutenden Züge schweben lebendig vor meinem Geiste. Er war in ein graues, fliegendes Gewand gehüllt – ein feuerfarbener Gürtel umschloß sein Unterkleid – eine weiße Binde, in sonderbaren Biegungen, deckte sein dunkles Haar. – Durchdringendes Feuer strahlte aus den Augen, die dunkle, fein gezogene Braunen deckten. Tiefer, hoher Ernst saß auf seiner festen Stirne, Ueberredung floß von seinen Lippen, er unterjochte den Horcher, und der Ton seiner Stimme durchbebte die Nerven. Alles gewann er, nur das Herz nicht; denn um seinen Mund, der nur zum Genuß des Unsterblichen gebildet zu sein schien, spielte ein Lächeln, wenn er sanft sein wollte, das das Herz durchschnitt und mit kaltem, qualvollem Schauder füllte. Haroun. So wie du das meine bei der Täuschung, die du mir vorgegaukelt hast; bei den Lügen, die du mir aus unedlem Zweck aufdringen willst. Wessen soll ich dich nun bezüchtigen? des Selbstbetrugs, der Schwärmerei, der Thorheit, einem Gaukler zum Spiel gedient zu haben – oder – geh, erzähle Weibern dein Hirngespinnst; Männer wissen nur allzu gut, was kluge Männer dadurch suchen. – Ha! Bei diesem Schrei fuhr der Khalife plötzlich zurück; er sah Ahmet in dem Winkel des Sophas sitzen, mit den Geberden, in der Kleidung, wie ihn Giafar geschildert hatte. Giafar. Was ist dir, Herr? Haroun. Siehst du nicht? – Ist er's nicht? Dort – dort in dem Sopha. Giafar. Ich sehe nichts. Haroun. Ich sage dir, er ist's – Er! dein Geist, dein Genius – dein Er! Ha, so will ich einmal einen Geist in der Nähe sehen – Er eilte nach dem Sopha, die Gestalt verschwand. – Unruhig, betroffen wandte sich Haroun zu Giafar? Hast du nichts gesehen? Giafar. Nichts. Haroun. Da! da saß es! Giafar. Was? Wer? Haroun. Dein Hirngespinnst – mein Hirngespinnst – dein Geist! Er sprang nach der Thür, sah nach, ob sie noch verschlossen wäre – er fand sie fest geriegelt. Bedeutend sagte er zu dem Barmeciden: dein oder mein Hirngespinnst! Bist du ein Magus? Giafar. Herr! Haroun. Ha, sei es, was es wolle! – Der war es, der uns von einander riß, wenn wir uns nahen wollten. Dieser ernste Geist, mit dem kalten bedeutenden Blick, warf sich immer zwischen mich und dich. Giafar. Welche fürchterliche Deutung gibst du dieser Erscheinung, die ich nicht begreife, die ich nur als eine Wirkung deiner durch meine Erzählung gespannten Einbildungskraft ansehe? Haroun. Sprichst du nun so? Ich sage dir, ich sah ihn, wie du ihn maltest – hier – hier – er verschwand in Luft – und kalt, eiskalt blies mich die Luft an. Und du hast ihn nicht gesehen? Diese kalte Luft von ihm nicht empfunden? Giafar. Ich sah und fühlte nichts. Haroun. Es sei – Morgen früh reden wir von Geschäften. Die Nacht ist dunkel, der Tigris gefährlich reißend – dein Geist ist vielleicht nicht immer bereit, einen deiner Familie aus den Fluthen zu ziehen. Schlafe hier, auf dieser Stelle, wenn du kannst. (Er deutet auf den Sopha.) Giafar. Was sollte mich daran stören? Haroun. Zählst du so gewiß auf deinen Genius? Giafar. Auf den deinen zähl' ich, Herr, und mehr noch auf den meinen, auf den, meine ich, der in mir wohnt. Haroun. So gib jenem schnell den Abschied. Giafar war mehr betroffen über das Betragen des Khalifen, als über die plötzliche Erscheinung des vermeinten Ahmets, die jener gesehen haben wollte. Harouns Worte klangen noch immer in seinen Ohren. Er sann der Erscheinung, ihrer Bedeutung, der Ursache nach, wodurch sie sich ihm entzogen hätte. Die Geschwätzigkeit Fatimens, die Wendung, welche der Vorfall genommen hatte, füllte seinen Geist mit einer Ahnung, die er sich nicht erklären konnte. Da er aber die Laune des Khalifen, von der er schon so viel gelitten, kannte und sein Bewußtsein ihn rechtfertigte, so schlief er bald unter diesen Betrachtungen auf eben der Stelle ein, wo Haroun den Geist gesehen haben wollte. Ganz anders war es mit dem Khalifen; ihn quälten Unruhe, Zweifel, Mißtrauen. Bald sah er Giafar als einen Schwärmer, bald als einen Zauberer, bald als einen Betrüger an, der seinen Verstand durch Vorspiegelungen unterjochen wollte; aber wenn er dachte, daß er so lange geschwiegen hatte, daß ein bloßer Zufall die Ursache der abgedrungenen Entdeckung war, mit welcher Gleichgültigkeit, Gewißheit der Barmecide ihm Alles mittheilte, wie sehr sein Leben und Wirken den vorgegebenen Inhalt der Unterredung mit dem Geist bestätigten – »und habe ich dieses ernste Wesen nicht selbst gesehen?« rief er laut: »schwebt es nicht noch jetzt vor meinen Augen in eben dem Gewande, mit eben der Geberde, eben den Zügen, wie ich's sah, und wie er's schilderte? Aber konnte es nicht meine erhitzte Einbildungskraft erzeugen? Konnte es nicht eben so entstehen, wie es nun aus dem Gehirn durch meine Augen hervortritt? Hätte nicht auch er es sehen müssen!« – Diese Betrachtungen hinderten seinen Schlaf; er ergriff den Koran und wollte seinen Geist zur Ruhe lesen. Umsonst! – Plötzlich sprang er auf; er wollte Giafar noch einmal ausforschen, ihn listiger, kälter über jeden Umstand fragen. Er trat in das Zimmer, wo er ihn verlassen hatte, fand ihn auf eben der Stelle des Sophas ruhig schlafend. Heiter und glücklich war seine Miene, keine Spur von Sorge auf seinem Angesicht, der Athem floß unmerklich über seine Lippen. Lange betrachtete ihn Haroun, endlich murmelte er in sich: »Hier stehe ich als ein Thor vor ihm. In der Ueberzeugung, seine Rolle gut gespielt zu haben, schlief er ruhig ein. Furchtbar wollte er sich mir machen, ich sollte ihn unter dem Schutze, in der Verbindung mit höhern Geistern denken – so hoffte er durch diese Täuschung meiner gewissen Rache einst zuvorzukommen. Wag' es nur und reize sie. Haroun hat früh gelernt, die Tiefe des menschlichen Herzens zu ergründen.« Er ging, bestärkt in seiner Meinung, in seinem Hasse. Verblendet von diesem bittren Gefühl, empfand er nicht, daß nur die Eifersucht, nur Giafars tadellose Tugend die ungerechten Ankläger in seinem Herzen waren; er wollte nicht fühlen, daß eben dieser ruhige Schlaf der sicherste Beweis von der Unschuld, der Reinheit des Gewissens des Angeklagten war. 14. Der Khalife hüllte sich in Verstellung ein. Er empfing Giafar den folgenden Morgen, in Gegenwart seines Hofs, mit aller Freundlichkeit; sagte laut, mit welche Ruhe er sich zur Armee begäbe, da er einen Mann, wie Giafar, als Stellvertreter hinter sich ließe: empfahl ihm sein Volk, die Gerechtigkeit und trat mit ihm in sein innerstes Kabinet. Hier theilte er ihm seine Absichten, seine weitern Befehle mit und verabredete Alles mit ihm, was auf den Feldzug, die innere Regierung Bezug hatte. Ihres nächtlichen Gesprächs erwähnt' er nicht. Der Barmecide mußte ihn hierauf zum Heere begleiten, das in den Ebenen um Bagdad versammelt war. Die Mannschaft war ausgerückt. Khozaima empfing ihn an ihrer Spitze. Kriegerische rauschende Musik ertönte – Siegesgeschrei überbrüllte sie. Der Name Haroun schallte von Flügel zu Flügel – Haroun wandte sich zu Giafar: »Barmecide! Sieh, dies sind meine Geister!« Er wartete keine Antwort ab, begab sich in sein Zelt, gab Befehl zum Aufbruch mit Anbruch des künftigen Tags, ordnete die Reise seines Harems und seiner Kinder an, bestimmte die Stadt im Rücken seines Heers, wohin sie sich begeben sollten. – Die Stunde des Gebets ward ausgerufen, er umarmte Giafar zum Abschied. Giafar kniete nieder, ergriff seine Hand, drückte sie wider seine Lippen. Haroun fühlte seine Thränen auf seiner Hand; gerührt richtete er ihn auf – »Giafar, der Khalife soll als Sieger in Bagdad einziehen, sorge dafür, daß dir Haroun als dein Freund zurückkehre!« 15. Abbassa hatte am frühen Morgen einen Boten über den Tigris gesandt. Er kehrte zurück und sagte ihr: Giafar habe den Khalifen nach dem Heere begleitet, man habe des Khalifen Zelt aufgeschlagen, er würde im Lager übernachten und den folgenden Tag aufbrechen. Da die Prinzessin dieses vernahm, so erwachte das Verlangen in ihrem Herzen, ihres Bruders Kinder, die sie so zärtlich liebte, für deren Erziehung sie so viel gethan hatte, noch einmal zu sehen, von ihnen Abschied zu nehmen und sie ihren Wärterinnen zu empfehlen. Die Kinder sprangen ihr froh entgegen, schalten sie, daß sie so lange nicht zu ihnen gekommen, fragten sie, wo sie gewesen wäre? sie beantwortete mit stillen Thränen ihre zärtlichen Vorwürfe, ihre kindischen, endlosen Fragen, trug ihnen auf, ihren Bruder zu grüßen, unterhielt sich lange mit ihren Wärterinnen und entriß sich den Kleinen. Hierauf begab sie sich zu Zobaide, angenehm überrascht eilte ihr diese zärtlich entgegen; aber da sie Spuren von Thränen in ihren Augen gewahr ward, ihren innern Kummer beim ersten Blick bemerkte und erfahren hatte, daß Haroun Giafar den Augenblick hatte rufen lassen, da er aus dem Harem ging, so glaubte sie, ihr Besuch habe auf Das Bezug, was den Abend vorgegangen war. Um ihren Vorwürfen zuvorzukommen, fing sie an, sich zu entschuldigen, und fragte ängstlich: ob Giafar ihr zürne, was der Khalife gesagt hätte; sprach verworren von dem Geiste, dem Genius. Abbassa rief erstaunt: Ein Geist, ein Genius! – Ja, eben der Geist, der Genius, der mich und seine Mutter errettet hat, der ihn beschützt! Abbassa. Der ihn beschützt? – (Ein sonderbares, dunkles, freudiges Gefühl durchdringt ihr Herz.) Der ihn beschützt, ihm erschienen ist? Zobaide. Der ihn durch alle Gefahren glücklich geführt hat, ihn ferner führen wird. Abbassa. Ein Geist, der ihn durch alle Gefahren glücklich führt? In ihrem Herzen, ihrer Phantasie lag der Keim zum Wunderglauben. Eine Frage folgte der andern. Zobaidens Antworten wurden immer dunkler, immer verworrener. Einige Worte, die sie von Harouns Antheil an der Erscheinung fallen ließ, ängstigten sie; das dunkle Gefühl von Schutz, die Gewißheit, daß Giafar nichts widerfahren sei, beruhigten sie. Die Erzählerin konnte ihr nichts deutlicher machen. Die Stätte brannte unter ihren Sohlen. Der Abschied ward schnell genommen; sie versprach Zobaide, sie bei Giafar zu entschuldigen, eilte davon, befahl ihren Leuten, schnell zu sein. Giafar war angekommen, sie flog an seine Brust: Dank dem Propheten, daß du da bist! Was hat mein Bruder dir von dem Geist gesagt? Warum verschweigst du mir ein Geheimniß so seltener, glücklicher Art? Durfte Abbassa nicht so gut, als Fatime wissen, daß du unter dem Schutze höherer Wesen stehst? Wer ist es würdig, wenn du's nicht bist? Erzähle mir schnell – laß mich den Geist kennen lernen, der dich schützt, und empfiehl auch deine Abbassa seinem Schutz! Giafar sah sie ernster und feierlicher an, als sie ihn je gesehen hatte. So weißt auch du, daß mich der Khalife um dieser Erscheinung willen hat rufen lassen? Abbassa. Wohl weiß ich es. Fatime ist untröstlich darüber, daß sie dein Geheimniß verrathen hat. Es war zufällig, und du wirst sie entschuldigen, wenn du Alles hörst. Doch wo ist die Gefahr dabei? Was kann es dir bei meinem Bruder schaden? Muß er nicht mit Ehrfurcht den Mann ansehen, der mit Höhern, mit Mächtigern, als er, in Verbindung steht? Das dunkle Gefühl legte einen starken Nachdruck auf das Wort Mächtiger . Giafar. Die Wirkung, Geliebte, die es auf ihn that, ist von anderer Art; jene wünschte ich nicht, und diese konnte ich nicht vermuthen, da er mich um die Erscheinung fragte. Er hielt mich für einen Träumer, einen Betrüger, und als er selbst die Erscheinung erblickte, ergrimmte er gegen mich, sagte Unsinn in seinem Zorne. Hab ich dies Wesen doch nicht gerufen! bedarf ich doch seiner nicht! Abbassa. Ihm – auch ihm ist dein Geist erschienen? Giafar. So sagte er – ich sah ihn nicht – sah nur sein Staunen – seine Augen starr gekehrt gegen den Winkel des Sophas – sah ihn die Luft durchgreifen, mit wilden Blicken sich gegen mich kehren – doch ich bin es von ihm gewohnt und vergebe es ihm; diesen Morgen war er milder. Er verfiel in Nachsinnen. Abbassa hing an seinen Augen; er begann: du sollst Alles hören, sollst zwischen ihm und mir als Richter sitzen. Dir wird der tiefe Sinn des sonderbaren Gesichts mehr einleuchten. Du wirst die Warnung fassen, wie ich sie faßte, und die Erzählung wird dir Licht über mein vergangenes und jetziges Leben geben. Mit düstern Farben schilderte er seine ehemalige Lage und ihre Ursache, von dem gewaltsamen Ende seines Vaters bis zum Augenblick der Erscheinung Ahmets. Das Mitleiden, die Theilnehmung Abbassas erweckten ganz sein damaliges Gefühl; aber da er nun anfing, Ahmets Erscheinung, seine Unterredung mit ihm zu schildern, und sie ihm immer näher rückte – ihr Athem bald stand, bald leise über die Lippen drang – ihre gespannte Seele, ihr Herz voll Glauben sich in allen ihren Zügen ausdrückten, so entstammte sich seine Beredtsamkeit an dem sanftglühenden Feuer der Augen und Wangen der durch die Liebe zum Wunderbaren gestimmten Horcherin. Kühne Bilder, erhabene Gesinnungen, große Gedanken drangen aus seinem Herzen. Ihn erhob das Gefühl des Guten, das er gethan hatte, die Ueberzeugung, daß er seinen Ruf erfüllte, die anerkannte Gewißheit, daß die Ereignisse der moralischen Welt durch unsern reinen Willen, durch den wahren Gebrauch unsrer Vernunft, unabhängig von aller fremden, äußern Macht, in unserm Vermögen stehen, unser Vermögen bestimmen müßten. Noch mehr erhob ihn der Gedanke, Abbassas Herz immer mehr an diesen seinen hohen Zweck zu fesseln, ihre Ruhe, ihr Glück dadurch zu sichern, und glaubte in der Begeisterung, er sichere dabei seinen schweren Sieg. Dann beschrieb er ohne Schonung für sich die Warnung, die ihm dieses unbegreifliche Wesen durch eine Reihe von Gesichten im Traum gegeben – vergaß den Antheil nicht, den Haroun daran hatte – Abbassa bebte auf ihrem Sitze – sank bleich gegen seine Brust, als er seinen schrecklichen Fall, sein noch erschrecklicheres Erwachen schilderte. Lächelnd drückte er sie wider seine Brust: Fürchte nichts, Giafar ist nur im Traum gefallen, war nur im Traume ein Verbrecher. Nur im Traume verblendete ihn der Wahn, damit er wachend die Klippe zu vermeiden strebe. Es ist mir bisher gelungen und wird mir's an deiner Seite, die du mir eine nähere, verwandtere, begreiflichere und angenehmere, himmlische Erscheinung bist, nun nicht leichter gelingen? Kann ich, von dir, deiner Tugend, deiner Weisheit geleitet, straucheln? – Sich, dies ist die Erscheinung, die ich deinem Bruder gezwungen mittheilen mußte; in der er einen Betrug von mir zu sehen glaubte, die ihn gegen mich empörte, da sie dem Zweifler sich darstellte. Abbassa sah sich mit banger Neugierde um. Giafar. Er ist nicht da! dir wird er nicht erscheinen. Was hätte er dir zu sagen? Alle Vorstellungen von Furcht und Gefahr verschwanden vor dem glänzenden Gedanken, der Mann, den sie liebte, stehe durch seine Tugend, durch diesen Geist mit dem Erhabenen in Verbindung, der das Schicksal der Menschen leitet, und Bosheit, Macht und Gewalt vermöchten nichts gegen ihn. Selbst der Zwang verlor sich während dieser Begeisterung; kaum erinnerte sie sich der Drohung des eifersüchtigen Bruders. Giafar entriß sich spät der reizenden, gefährlichen Schwärmerin und überließ sie ihren Träumen. 16. Giafar ging nun noch muthiger an seine Geschäfte; die Liebe war seine Begleiterin; ihre reine, wonnevolle Flamme glühte in seinem Herzen und umleuchtete das Ziel seines edlen Strebens. Aber nur zu bald fühlte er die Gefahr der Schwärmerei; entsprungen aus der Liebe, dem Wunderglauben an einen schützenden Geist, beflügelt von dunkler Hoffnung auf die Hülfe dieses Geistes, theilte sie Allem, was Abbassa that und sagte, einen unwiderstehlichen Zauber mit. In sanftem Schimmer umschwebte sie ihre Stirne, ihre ganze Gestalt, belebte ihre reizenden Züge, spielte in geistigem, durchdringendem Feuer in ihren Augen und drohte ihn selbst jeden Augenblick in den magischen Kreis zu ziehen, den sie um sie gezogen hatte. Zu schnell mußte er der Hochbegeisterten erzwungene Kälte entgegensetzen und sie durch seine Blicke, durch hingeworfene Worte zu dem Zwang zurückrufen, den die Schwärmerei so rasch gelöst hatte; aber Das, was er dabei litt, der innere Kampf, das brennende Verlangen seines Herzens, der Unwille über den Grausamen, der zwei zum Glück geschaffene Wesen auseinander riß, die heimlichen Thränen, das plötzliche Wegwenden seiner Blicke verriethen nur allzu sehr, was er verbergen wollte. Die vorige peinliche Stimmung von beiden Seiten trat wieder ein. Man suchte sich mit feurigem Verlangen, träumte von dem Glück der nahen Zusammenkunft – sah sich, wagte nicht zu reden, nicht um die Ursache des Verstummens zu fragen. Noch verließ Giafar seine Stärke nicht, noch ergriff er die Gelegenheit, ihre Aufmerksamkeit durch Mittheilung seiner Entwürfe, des Guten, das ihm gelungen, zu fesseln – sie drückte seine Hand wider ihre Lippen, und ihre feuchten Augen erhoben sich zum Himmel. Wenn er sie verließ, so machte sie sich Vorwürfe über ihr Betragen, sah sich als die Ursache seiner Qual, seines Unglücks an. »Wenn ich nicht mehr sein werde; wird er nicht ruhig sein?« lispelte sie sich zu. »O um seiner Ruhe, um des Guten willen, das er thut, das ich nun hindere, möchte ich sterben! Werde ich dann nicht glücklich sein? Was mich jetzt unglücklich macht, begreife ich nicht; ich fühle es nur – und das Gefühl davon überzieht meine erbleichenden Wangen mit Scham. – Kälte schleicht durch meine Glieder; undeutliche, verworrene Gesichter schweben in meinen Träumen vor mir; in glühender Hitze erwache ich, und ermattet sinke ich wieder in schweren Schlummer. Ihm darf ich nicht sagen, was ich leide, darf ihn nicht fragen, warum ich leide – sehe ihn leiden und darf ihn nicht fragen, warum er leidet, wage ihm nicht mehr zu sagen, daß ich ihn liebe. Erbeben, Zittern ergreifen mich, wenn ich klagen, wenn ich ihn beklagen will.« Ihr Blick fiel während einer dieser Ergießungen auf die goldne Spitze eines Pavillons, der, getrennt von dem Garten, unter dem dunkeln Schatten hoher, dichter Bäume lag. Oft hatte sie diese düstere Einöde durchirrt und sich vorzüglich da gefallen. »Dorthin will ich fliehen,« rief sie begeistert; »unter dem sanften Rieseln der Bäche, dem Gesänge der Vögel, der stillen Ruhe, dem Wehen in den Aesten der dunkeln Bäume mich wieder suchen und finden! Ihn nicht wieder sehen, bis ich diesen lästigen Trübsinn überwunden habe, bis ich ihn durch meine Gegenwart wieder beglücken und aufheitern kann!« Ihre Seele heiterte sich auf bei dieser Vorstellung, bei dieser Hoffnung, die der Wunsch zur Gewißheit machte. Sie theilte ihrer Amme ihren Entschluß mit, und nur diese nebst einigen getreuen Dienerinnen sollten sie begleiten. Durch die Mutter ließ sie Giafar bitten, sie in ihrer Einsamkeit nicht zu stören. »Sage ihm, in jenen einsamen Gebüschen sucht' ich meine und seine Ruhe, sein und mein künftiges Glück; er sollte mich nur dann wieder sehen, wenn ich sie gefunden hätte. Wie ich mir es angelegen werde sein lassen, kannst du denken, da unser Wiedersehen der Preis ist, um den ich nun kämpfe. Auch du mußt mich nicht besuchen, denn dein Ernst, deine Blicke, dein Mitleid – und wozu dein Mitleid, da ich glücklich bin?« fügte sie gerührt hinzu und riß sich von ihr los. Giafar erschrack über diesen raschen Entschluß; sein Herz machte ihr diese willkürliche Trennung zum Vorwurf, er erwartete nichts von dieser Einsamkeit als Vermehrung ihres Grams, Angst und Unruhe für sich. Die Mutter fühlte die Ursache seines Widerspruchs, sie hatte in sein und Abbassas Herz geblickt und oft für Beide gezittert. Sie warnte ihn vor der Gefahr, die ihm drohte, zeigte ihm seine Schwäche und bewies ihm, die Prinzessin sei durch ihren Entschluß größer, stärker und vorsichtiger, als er. Sie sprach viel von ihrer Heiterkeit, ihrem Muth, und Giafars Seele füllte sich mit neuer Hoffnung. 17. Die ersten Tage verflossen Abbassa ruhig in der Einsamkeit. Das Neue der Scene, die Stille, die nur der Gesang der Vögel, das Rieseln der Bäche, das Lispeln der Luft in den hohen Bäumen belebten, versetzte sie in sanfte Träumereien: aber eben diese sanften Träumereien stimmten sie nach und nach zu einer gefährlichern, stillern, verschlossnern Melancholie. Sie klagte nicht mehr – sie sammelte alles Fühlen und Denken in ihr Herz und empfand täglich mehr, daß ihr Alles fehlte, ohne zu wissen, was ihr fehlte. Kaum erinnerte sie sich noch, warum und wozu sie sich in diese Einsamkeit zurückgezogen hatte; und doch war dieser wachend träumende Zustand so angenehm, das Versinken in sich selbst so reizend, der Gedanke, Giafar genösse nun der Ruhe, so entzückend, daß sie sich unter leisen Seufzern, unter Thränen selig pries, sich von ihm geschieden zu haben. Schwärmerisch traurig und schwärmerisch begeistert wandelte sie in den dunkeln Gängen und sah sich als ein von der Welt, von ihrem Körper, von allem Kummer geschiedenes und befreites Wesen an, während der stille Gram, der zärtliche Hang, der geheime Wunsch an der Blüthe ihres Lebens nagten. Täglich ließ sie Giafar von ihrem glücklichen Zustand Nachricht geben, ihn versichern, sie würde ihn bald, geschwinder, als er hoffte, sehen. Mit süßer Zufriedenheit horchte sie auf Nachricht von ihm und ließ sich seine Worte hundertmal wiederholen. Sie hatte in die Einsamkeit ihre Laute, ihre Stickereien, die Schriften arabischer Dichter und Geschichtschreiber mitgenommen. Der hohe Flug, die erhabenen Gesinnungen, die kühnen Bilder, womit diese die Natur, die Gewalt des Schicksals, die Thaten der Vorwelt, die Aufopferungen großer Männer zum Besten des Vaterlandes und des Glaubens besangen und beschrieben, spannten ihre Phantasie nur auf große Gegenstände, entrückten ihr unvermerkt das Wirkliche, beinahe das Gegenwärtige. Nah war sie der Ruhe, nah dem Siege, als ein Traum diese Begeistrung niederschlug. Giafars Gesicht, die Erscheinung des Geistes, dessen Thaten, Worte und Gestalt sich so ganz ihrer Einbildungskraft bemächtigt hatten, waren in schlaflosen Nächten der Hauptgegenstand ihrer Betrachtungen, ihres Nachsinnens. Mit schauderndem Verlangen fühlte sie den Wunsch, er möchte ihr erscheinen, daß sie ihn fragen könnte – aber Das, was sie ihn fragen wollte, lag noch dunkel in ihrem Busen. Oft fuhr sie bei dem Säuseln der Blätter, dem Spiele des Monds, dem Flattern eines Vogels von einem Ast zum andern bebend aus ihrem Nachsinnen und glaubte ihn zu sehen – seine Stimme zu vernehmen. Sank sie nach diesen Erschütterungen in Schlaf, so sah sie Giafar bald in dieser, bald in jener Gefahr und überall unter dem Schutze des mächtigen Wesens, das er ihr geschildert hatte. Giafar lag in ihren Armen, sie fühlte seinen Athem auf ihren Wangen, seinen Kuß auf ihren Lippen, der grausame Haroun überraschte sie, zog einen Dolch auf Giafar, der Geist erschien drohend, ergriff sie und den Geliebten und trug sie durch die Luft. Dann wallte sie mit dem Geliebten in blühenden Gefilden, geleitet von dem wunderbaren, schützenden Wesen, sah Haroun in der Ferne, bittend, versöhnt – ein Bild, eine Erscheinung voll Schrecken, Glück, Furcht und Wonne folgte auf das andere. Aus diesen Träumen erwachend, bildete der Wunsch des Herzens diesen Gedanken immer weiter aus. Er ward zur Gewißheit: »Was hat Der zu fürchten, der unter dem Schutze eines so mächtigen Wesens steht? Wird er nicht zu seiner Rettung herbeieilen? Zeigte er ihm nicht durch seine Erscheinung, daß er ihn zu seinem Liebling erwählt hat, daß er durch ihn große Zwecke erfüllen will? Wird er ihn in Gefahr verlassen? Kann mein Bruder die Verfügung des Schicksals stören? Weiß er nicht, daß Giafar unter dem Schutze des Mächtigen steht? Wird er es wagen, den von Geistern Bewachten anzugreifen?« Aus diesen Betrachtungen, dieser kühnen Hoffnung entsprang neue, qualvollere Unruhe. Sie bebte, glühte – sie wollte Giafar sehen, ihm mittheilen, was sie hoffte, ihn durch die Mittheilung gegen alle Gefahr vor ihrem Bruder zu sichern. Die Scham fesselte ihre Füße – Furcht, Ungewißheit umnebelten in dem Augenblick des Entschlusses ihren Geist, und sie versank in tiefere, peinlichere Schwermuth. Noch immer sandte sie Giafar gute Botschaft; jede Stunde, jeden Tag hoffte er sie zu sehen, litt und bekämpfte sein Leiden, die heiße Begierde, sie zu sehen. Schwarze Melancholie ergriff auch ihn; er zweifelte an den Berichten, die er erhielt; aber immer fesselten ihn die Warnung der Mutter, die Drohung des Khalifen, der Gedanke der Gefahr, alle seine Zwecke zu zerrütten. Oft trug ihn sein Fuß nach den dunkeln Gebüschen, die seine Geliebte verbargen, die ihm seine Einbildungskraft leidend, entstellt, traurig vorstellte. Eine stärkere Macht schien ihn zurückzutreiben; er floh, erfreute sich seines Siegs mit zerrißnem Herzen. Hätte er gesehen, wie die Rosen auf ihren Wangen erblichen, wie der Gram an dem Herzen nagte, das nur für ihn schlug, wie die Gluth der Liebe die Blüthe ihrer Schönheit versengte! Hätte er gehört, wie sie, wenn sie seiner Leiden gedachte, in den dunkeln, einsamen Gebüschen, wo nur das fühllose Echo ihre Klagen beantwortete, rief: Warum that der Grausame nicht den Ausspruch, daß ich sterben sollte! – Sie verblühte, sank hin, und je mehr ihr schöner Körper verblühte und hinsank, je höher stimmte sich ihr Geist, je feuriger ward ihre Phantasie, je verworner, dunkler, glänzender und bunter wurden die Bilder, die sie schuf. Im Wachen sah sie Erscheinungen – Geister umschwebten sie – sie schlief nicht mehr, sie träumte wachend – fühlte sich vergehen, sah lächelnd in ihr langsames Hinscheiden. Entkräftet sank sie auf ihr Lager – sie sah den Geist vor sich stehen – vernahm seine Stimme – vernahm von seinen Lippen, was sie zu hören wünschte. In dieser Verwirrung, Täuschung, Pein und Hoffnung auf Rettung ergriff sie eines Morgens, vor Aufgang der Sonne, ein Blatt und schrieb Folgendes an Giafar: Die strenge Sittsamkeit gebot, Die Gluth, die mich verzehrt, dir ewig zu verhehlen; Ich wollt' es; aber ach! umsonst. Erröthend geb ich nun der heißen Liebe nach – Zerreiß dies Blatt, benetzt mit meinen Thränen. Vor Liebe oder Scham, erblassen muß ich bald! Doch sterben ohne dir zu sagen, Daß nur für dich Abbassa stirbt, Dies kann sie nicht. Die Amme eilte nach dem Palast, sie weckte Giafar auf, er las, sprang auf, warf sich in sein Gewand. Die Sonne stieg den Horizont herauf – er trat in den Pavillon. Sie lag auf dem Sopha, los ihr langes, rabenschwarzes Haar – Sie vernahm ihn – ein Zuruf der Freude, des Schreckens empfing ihn. Die Scham überzog schnell ihre blassen Wangen. Erstarrt stand Giafar: er sah die Zerstörung, die der Gram, die gewaltsam zurückgehaltene Gluth der Liebe bewirkt hatten. Thränen glänzten in ihren sterbenden Augen. Ihre Lippen bebten, ihr Busen drängte sich gegen das Gewand – ihre Hände zitterten. Gewaltsam brachen seine Thränen hervor – sie neigte sich zu ihm – ergriff seine Hand, drückte sie an ihre bebenden Lippen, lispelte ihm zu: »Warum that der Grausame nicht den Ausspruch, daß ich sterben sollte! Du solltest dann glücklich sein! Zürne mir nicht! sieh, wie ich gekämpft habe – ohne Abschied von dir konnte Abbassa nicht sterben!« – Sie verbarg ihr Angesicht – Bei diesen Worten, dem Ton, der sie begleitete, dem Hinsinken, dem Anblick, der Zerstörung verließ ihn alles Denken. Alle Vorstellungen wurden von dem Schmerz verdrängt. Sein Herz fühlte den Vorwurf, der in ihren Worten lag – er drückte sie an seine Brust, küßte ihre Lippen, ihre sterbenden Augen – hatte nur ein Gefühl, das Gefühl ihrer Rettung. Fünftes Buch 1. Wenige waren der Augenblicke des Glücks für Giafar; kurz die reine Freude, der selige Genuß, die hinwelkende Rose an seinem Busen erfrischt, die hinsterbende Geliebte ins Leben zurückgerufen zu haben. Nur bei Abbassa vermochten die Begeisterung, die Empfindung des wiedergekehrten Lebens, die Hoffnung auf Hilfe unsichtbarer, mächtiger Wesen die Gedanken von Gefahr niederzuschlagen; aber bald wurde auch sie durch ein öfteres, peinliches Mißbehagen, eine unüberwindliche Traurigkeit in ihren süßesten Träumen gestört. Die Folgen der wonnevollen Stunde traten für die Glücklichen nur allzu schnell ein. Die Mutter, die das Geschehene an der heitern, glänzenden Ruhe, der schamvollen Verwirrung, der stillen Zufriedenheit bemerkte, errieth nun mit Entsetzen die Ursache des jetzigen Zustandes der Prinzessin. Sie waffnete sich mit Muth und Klugheit und eröffnete ihr mit der zärtlichsten Schonung ihre Vermuthung. Beschämt, zitternd für den Geliebten, sank Abbassa an der Mutter Busen. Die Mutter suchte sie aufzurichten und stellte ihr vor, wie nun all ihr Denken darauf gehen müßte, ihren Zustand und seine Folgen den Augen der Menschen zu entziehen; fragte sie dann, wem von ihren Weibern sie trauen könnte. Sie nannte ihre Amme und einige andere. Die Mutter vertraute Giafar ihre Entdeckung. Kalter Schauder fuhr durch sein Blut. Er sah sein ganzes Dasein, sein künftiges Wirken, die Früchte aller seiner Thaten, seine erhabenen Wünsche und Hoffnungen verschwinden und fühlte sich Sklave der Menschen und des Zufalls. Er theilte seiner Mutter diese Empfindungen mit. Sie antwortete ihm gerührt: er müßte von dem Ausspruch des Khalifen, wie er ihn kennte, gewiß die schrecklichsten Folgen erwarten, und darum müßte sein ganzes Bestreben sein, dem Verbrechen des Khalifen an der Menschheit zuvorzukommen und die Ruhe und das Glück seiner Gemahlin zu sichern. Giafar. Mutter, nur dies! Es falle übrigens aus, wie es wolle, ich konnte sie nicht anders retten, und wenn ich dir sagte – nein, es soll nie über meine Lippen kommen, der Grausame forderte mehr, als der Mensch leisten kann; will er ein Verbrechen an mir begehen, schon lange bin ich zubereitet, als ein Opfer zu fallen. Sorge du nur für sie und die Frucht, womit sie die Liebe gesegnet hat. Mutter. Giafar, von dem Augenblick, da deine Gemahlin dein Haus betrat, vertraute sie dir, daß dich Kundschafter des Khalifen umgeben; du hattest sie nicht zu fürchten, nun hast du sie zu fürchten. – Komm, folge mir zu ihr! – Abbassa saß in düstern Gedanken auf ihrem Sopha, als die Mutter und Giafar hereintraten. Sie hörte Geräusch, sah auf, und ihr Blick sank schwermüthig auf ihren Busen. Giafars feste Stimme, sein heiterer, liebevoller Blick, der Mutter freundlicher Zuruf, die Worte der Hoffnung, dem Khalifen das Geheimniß verbergen zu können, wenn sie Muth faßte und sich leiten ließe, richteten sie auf. Giafar malte ihr die gewisse Gefahr für sich, wiederholte ihr Harouns auf den Koran geschworenen Eid und erinnerte sie an die ihr bekannte Ursache desselben. Bebend antwortete sie: »Wir sind verloren, Giafar – Nie nahm mein Bruder ein Wort zurück – und einen Eid – einen solchen Eid! – Ich erwarte nichts als blutige Rache von ihm – Hättest du ihn gekannt, bevor er den Thron der Khalifen bestieg – damals nur fühlte er menschlich – doch sei ruhig – die Menschheit soll dich nicht verlieren – das Geheimniß wird mit mir vor seiner Ankunft begraben werden!« Giafar küßte die Thränen von ihren Wangen, die Mutter sprach ihr Muth zu und zeigte ihr die Möglichkeit, Giafar zu retten. Für jetzt sei nichts nöthig, sagte sie, als ihren Zustand zu verbergen, sich in Gegenwart ihrer Dienerinnen über Giafar zu beklagen, damit diese glaubten, es herrsche Mißvergnügen zwischen ihr und ihm. Die Besuche Giafars müßten seltener sein, kalt und erzwungen scheinen, damit es das Ansehen hätte, sie geschähen bloß des Anstands wegen. Nur in ihrer Gegenwart dürften sie sich ihren Empfindungen überlassen und nur vor ihr sich über das Weitere berathschlagen. Die Kundschafter würden diese Veränderung gewiß dem Khalifen berichten, und getäuscht von diesem Bericht, würde er wähnen, sein unnatürliches Gebot habe diese Zwietracht verursacht, sein Verdacht, seine Eifersucht würden einschlafen, und um dieses desto sicherer zu bewirken, müßte die Prinzessin den Pavillon nicht mehr verlassen und nach und nach die ihr verdächtigen Personen von sich entfernen. Die Natur, fuhr die Mutter fort, die der Khalife so frevelhaft beleidigt, an der er ein Verbrechen zu begehen droht, hat dir einen Zufluchtsort bereitet. Sie wird dich in einer tiefen Grotte, die durch einen geheimen Gang mit dem Pavillon verbunden ist, in ihren heiligen Schleier hüllen – ihr, eurer geheimnißvollen Mutter, müßt ihr das Kind eurer Liebe anvertrauen, sie wird es aufnehmen und schützen, bis es an deinem Busen so stark geworden ist, daß man es ohne Gefahr entfernen kann. Dann will ich es selbst, gehüllt in Sklavenkleider, den Priestern der heiligen Moschee in Mekka übergeben, und der erhabene Prophet werde sein Beschützer und sein Vater! Ein freudiger, frommer, dankvoller Blick zum Himmel war Abbassa's Antwort. Giafar fand den Gedanken schön und sicher, und neue Hoffnung belebte sein Herz. Mit Zuversicht ging er nun wieder an seine Geschäfte, führte aufs genaueste, so viel es ihn auch kostete, den Willen seiner Mutter aus. Die süßen Erwartungen, das zärtliche Vorgefühl der seligen Bande, die täglich mehr das Herz umflochten, das Feierliche, Geheimnißvolle der immer mehr nahenden Stunde der Befreiung, der dunkle, verborgene Zufluchtsort, die bildliche Vorstellung des Beistands der Natur, der Schutz des Propheten, die nie versiegende Hoffnung auf die Hülfe des Geistes in plötzlicher Gefahr besänftigten alle Unruhe der Prinzessin, und die Frucht der Liebe gedieh unter ihrem Herzen. 2. Die Zeit der Befreiung nahte. Die Mutter bereitete Abbassa in Giafars Gegenwart auf den glücklichen, großen Augenblick vor; sie erblaßte. Giafar umschlang sie, drückte sie an sein Herz: Warum erblassest du? Es ist der Augenblick, der uns glücklich macht, unsre Ruhe sichert und uns von aller Furcht befreit. Abbassa. Ich fürchte nicht für mich. Ein schreckliches Gefühl drang durch mein Herz. – (Sie sieht auf ihren hohen Leib, Thränen dringen aus ihren Augen, rollen auf das Gewand, das ihn deckt.) – Wenn das mit Sehnsucht erwartete Pfand deiner Liebe dir, mir – und sich – den Tod brächte! – Die Mutter winkte ihr, sie ward die schreckliche Wirkung gewahr, die ihre Worte auf Giafar machten, und sagte sanft: Sei ruhig – ich fürchte nichts! Was hab' ich zu fürchten? Wenn es auch mein grausamer Bruder erführe, wird nicht dich und den sehnlich Erwarteten, vielleicht auch seine Mutter dein Geist, dein Genius gegen ihn in Schutz nehmen? Giafar sah sie betroffen und ernst an. Abbassa. Nimm mir diese süße Hoffnung nicht. Sie hat mich bisher getragen, erhalten und gestärkt. Ohne sie hätte ich nie in deine Arme sinken, nie die Stunde überleben können, die auf jenen Augenblick folgte! Eine zermalmende Empfindung ergriff Giafars Herz bei dieser Aeußerung. Er bot alle Kraft auf, den schrecklichen Eindruck ihrer Worte auf sein Herz nicht merken zu lassen, und nur der plötzliche Gedanke, wie viel diese Täuschung zu ihrer Ruhe beitragen könnte, verlieh sie ihm; aber von dem Augenblick folgte ihm dunkles, qualvolles Gefühl, dem er nicht nachzusinnen wagte, welches verschwand, um mit Stichen durchs Herz, mit kaltem Erzittern durchs Gehirn zurückzukehren. In den Armen Giafars, unterstützt von der Mutter und der Amme, entwickelte sich in der unterirdischen Grotte das Geheimniß der Natur. Abbassa drückte einen Knaben an ihr Herz, begrüßte ihn mit Freudenthränen, vergaß bei seinem Anblick allen Schmerz und Furcht, überreichte ihn dem Vater, der ihn an seine Brust drückte, die Natur aufrief, ihn in ihr Geheimniß zu hüllen und das nur ihr anvertraute Pfand mütterlich zu schützen. Er legte es an den Busen Abbassa's und dachte mit Schauder an die Stunde, da er es wieder nehmen müßte, um es dem Zufall zu überlassen. Zur gesetzlichen Zeit verrichtete er das Amt des Priesters, schloß den Knaben in den Bund seines Volks, nach der Sitte des Landes, und nannte ihn Asan. Den Knaben bewachten wechselsweise die Amme, die wenigen Vertrauten, und Abbassa schlich bei Tag und Nacht unbemerkt durch den geheimen Gang zu ihm. 3. Der Säugling trank Kraft, Leben und Gedeihen an dem Busen seiner nun glücklichen Mutter, und Giafar genoß oft in stillem Entzücken des schönsten, rührendsten Anblicks, womit die Natur ihre Kinder belohnt. Abbassa's Blick theilte sich zwischen ihm und Dem, der an ihrer Brust lag, und nichts störte ihre Wonne, als der Gedanke der gedrohten Trennung. Mit freudig bebendem Herzen sah sie sein Gedeihen, bemerkte sie jede Entwicklung, sein erstes Lächeln, seinen ersten vernehmlichen Laut, sein erstes Sitzen und hatte täglich Giafar neue freudige Wunder zu erzählen. Bei seinem ersten wankenden Stehen fühlte sie Freude und Schrecken – es brachte die gedrohte Trennung näher herbei – sie lächelte und weinte, drückte den Knaben fest an ihr Herz: »Warum darf ich nicht mit dir fliehen? Warum mich nicht mit dir verbergen? Warum dich nicht an deinen heiligen Zufluchtsort begleiten?« Schon verkündigte ihr die Mutter wegen der baldigen Ankunft des Khalifen die Nothwendigkeit der Entfernung des Knaben und sprach von den Anstalten, die sie insgeheim zur Reise gemacht hatte. Giafar erhielt in diesem Augenblick Nachricht von dem Khalifen, sie lautete: er würde, nachdem er den griechischen Kaiser zu einem schimpflichen Frieden gezwungen und das Reich erweitert hätte, sein während der Verfolgung Hadi's gethanes Gelübde erfüllen, sogleich eine Wallfahrt nach Mekka antreten und sich erst von da nach Bagdad begeben. Der Barmecide trat zu den Weibern und unterrichtete sie von dem Vorhaben Harouns. Bekümmert sagte er zu seiner Mutter: »Wir können den Knaben nun nicht nach Mekka senden, wie leicht entdeckte ihn dort der Khalife? Wir müssen warten, bis er Mekka verlassen hat, bis er in Bagdad angekommen ist.« Abbassa's Augen glänzten vor Freude bei dieser Nachricht, sie fiel Giafar entzückt um den Hals: »Ich werde ihn noch länger behalten, noch länger seine Mutter sein dürfen! Dank sei dem Propheten, der meinen Bruder nach Mekka rief! Der Knabe wird indessen noch stärker werden, und ich habe weniger für ihn zu zittern! – Doch warum so ernst, Giafar? Nimmst du keinen Theil an meiner Freude?« Giafar. Ich schweige, Geliebte, um deine Freude nicht zu stören. Sei wachsam – unsre Lage wird nun mit jedem Tag gefährlicher. Gefahrvoller ist die Reise des Knaben, wenn dein Bruder in Bagdad ist. An ein Wunder grenzt es, daß unser Geheimniß bisher verborgen blieb; noch größer wird das Wunder sein, wenn wir ihn von hier bis nach Mekka den Augen seiner Kundschafter entziehen können. Ist er außer unsrer Hand, so ist er und unser Glück in der Gewalt des Zufalls. Darum sei weise, daß wir nicht durch unsre Schuld zerschmettert werden. Ich weiß und fühle es, was ich und du in dem Knaben verlieren, fühle die Gefahr, der ich ihn aussetze, und, beim Propheten! gehörte mein Leben mir allein, ich stellte mich bei des Khalifen Ankunft vor ihn und sagte ihm, was geschehen ist – Abbassa. O Giafar – er würde dich tödten – Giafar. Er würde mir Ruhe geben, und so würde ich sie suchen. Ich fühle ergrimmt mein Recht als Mensch, das er mit Füßen tritt. Fühle heiß, daß ich ein Barmecide bin! daß ich Vater bin! und mich nun zur Lüge, zur Verstellung erniedrigen muß, um meine Pflicht zu erfüllen, mein Kind zu retten, ihn, den Grausamen vor einem Verbrechen zu bewahren, das die Menschheit empören, ihn zum scheußlichen Ungeheuer machen müßte. Abbassa. Welche schreckliche Zukunft eröffnest du mir? Und mit so viel Ernst, einer so finstern Stirne, als triebe dich eine dunkle Ahnung zur Weissagung deines, meines und dieses Knaben Unglücks. Giafar. Abbassa, ich bin nicht mehr frei, hänge nun von den Menschen, von dem Zufall ab. Dieses empfinde ich und muß dich auf Alles vorbereiten, was uns treffen kann. Mit Muth und Klugheit mußt du dich bewaffnen, um diesem schrecklichen Ausgang zuvorzukommen. Dies ist's, was ich sagen will; es ist keine Ahnung, die mich zu reden treibt; auch erfordert's keinen weissagenden Geist, um dies zuvorzusehen. Es ist Vorbereitung, Warnung, daß deine mütterliche Zärtlichkeit dich nicht verrathe. Wie unglücklich ist Giafar, daß er dich in seinen süßen Träumen stören muß; aber er ist aus den seinen erwacht, und sein Glück beginnt nur wieder, wenn dieser geliebte Knabe in Sicherheit ist. Abbassa. Er ist es, wird es sein. Ihn begleiten seines Vaters Tugend, die Liebe seiner Mutter, der Schutz des Ewigen, der ihn, seines Vaters Tugend zu belohnen, ihre fernere Wirkung nicht zu stören, dem Auge der Menschen verbergen, dem Zufall, den Er lenkt, entreißen wird. Ihn schützt der Geist, der seinem Vater einst erschienen ist, um ihn von düstrem Trübsinn zu heilen und in das Leben zum Besten der Menschheit zurückzuführen. Giafar wandte sich bei den letzten Worten weg. Er fühlte eine eiskalte Hand in seinen Busen greifen. Mit Mühe wandte er sich zu Abbassa: Glaube und sei glücklich; doch wisse, daß der Ewige Alles an uns dadurch gethan hat, daß er uns einen Geist beigesellt hat, der für sich fähig ist, zu wählen und thätig zu sein. Auf ihn zu warten, daß er den Knoten löse, den wir verworren haben, hieße den Unbeschränkten zum Unterworfenen des Beschränkten machen, brächte uns um unsern Werth und machte ihn zum Mitschuldigen unsrer Thorheit. – Meine Mutter lächelt! Höre auf sie, Geliebte; ihr kluger, kalter Sinn wird schon die Mittel zu unsrer Rettung finden. Mein tugendhafter Vater starb, und kein Geist kam ihm zu Hülfe. Abbassa. Er kam dem Sohn zu Hülfe. Giafar. Er erweckte ihn aus dem Schlummer, soll er nun auch den Wachenden leiten? Abbassa. Erschien er nicht meinem Bruder, um ihn von der Wahrheit, die er bezweifelte, zu überzeugen? Giafar. Er erschien, um deines Bruders Herz von mir noch mehr abzuwenden; schwieg bei seinen fürchterlichen Worten und verschwand. Wollte er nur dies bewirken? wollte er – (Er sieht mit forschenden Blicken auf sie, sie schlägt die Augen verwirrt nieder. Er deutet auf seine Brust.) – Verzeihe mir, ich will deinen Kummer nicht vermehren. Glaube an Geister, an ihre Hülfe! Der Gedanke werde dein Trost, befördere deine Ruhe. Meine Mutter und ich, wir handeln, als stehe unsre Rettung nur in unsern Händen. Abbassa. Vergib mir, Giafar! Ich bin nicht mehr die vorige Abbassa. Seitdem ich dich liebe, diesen Knaben habe, lebe ich nur in euch – und habe keine Klugheit, keinen festen, kalten Sinn mehr. 4. Abbassa's mütterliches Herz fand zu viel Trost in diesen Träumen, als daß Giafars Ernst und Worte sie hätte verscheuchen können. Auch störte er sie weiter nicht in ihrem Wahn. Da die Zeit der Ankunft des Khalifen herannahte, so begab sich die Mutter unter einem Vorwand zu einem der Barmeciden auf ein Landhaus nahe bei der Stadt. Giafar theilte einem alten treuen Diener seines Vaters, der ihn auferzogen hatte, seinen Plan mit, bereitete seine Gemahlin auf die nahe Trennung von dem Knaben vor und unterrichtete sie von Allem. Der Khalife kam an. Giafar zog ihm an der Spitze des Volks entgegen. Sorge, Angst, die Pein der nothwendigen Verstellung, Furcht für Abbassa, für den Knaben erfüllten seine ganze Seele. – Das Freudengeschrei des Volks, die Glückwünsche dem Sieger erschallten. Der Khalife empfing den Barmeciden freundlich, eilte mit ihm nach seinem Palast, dankte ihm für die Ausübung der Gerechtigkeit, den Fleiß, womit er für sein Kriegsheer gesorgt hatte, zog ihn in sein Kabinet, besprach sich mit ihm über die wichtigsten Vorfälle, machte ihm eine Beschreibung von seinen Siegen, den erhaltnen Vortheilen durch den Frieden, fragte nach seinem Neffen, sah ihn dann mit einem forschenden Blick an: »Und Giafar hat mir nichts zu sagen, das meine Freude stören könnte!« Giafar verstand durch den Blick den fürchterlichen Inhalt der Frage. Er sah ihn fest, zuversichtlich an. Haroun blickte starr in seine Augen und sagte nach einer Pause: Du hast mich verstanden. Ein Barmecide wird nicht zwei Verbrechen begehen, wird nicht durch Verstellung meine Rache mehr entflammen wollen. – Er umarmte ihn zärtlich. – Ich danke dir für meine Ruhe, für mein Glück. Giafars Herz wollte unter der Last der Verstellung brechen; aber seine Vernunft lispelte ihm zu: »Erspare dem Grausamen ein Verbrechen und sieh nur auf deinen Zweck.« Fester blickte er den Khalifen an. Mit ausschweifendem Lobe erzählte ihm Haroun die Thaten Khozaimas; setzte mit leiser Stimme hinzu: Und ich habe nichts mehr, dem Manne, dem ich so viel schuldig bin, nach seinem Wunsche zu lohnen. Das, was der Herrsch- und Ehrsüchtige sucht, Das, was er nur allein für seiner würdig hält, darf ich ihm nicht geben. Darf ihm, aufgeblasen wie er nun ist, nicht die entfernteste Hoffnung dazu zeigen. Giafar! Giafar! warum gabst du ihm nicht den Tigris zum Grabe? Giafar. Hat er sein Leben gegen deine Feinde nicht gut genutzt? Haroun. Beim Propheten, sein Tod hätte mich über den Verlust einer Schlacht getröstet! Vielleicht wirst du bald mit mir einstimmen, so erstaunt du nun über diese Worte bist. Nach deinem Platz strebt er – Großvizir will er heißen, und alle Mittel dazu sind ihm gleich. Doch sei ruhig, wenn du sonst nichts zu fürchten hast. Hast du nicht? – so ist Haroun so glücklich, als er in diesem öden Hause sein kann. Mir fehlt meine Sängerin, meines Ruhms Pflegerin – kalt ist der, den ich mitbringe, der Hauch ihrer Freude erwärmt ihn nicht. Ueberbringe ihr dieses Kleinod, Barmecide – du hörst, ich nenne sie nicht – dieses Kleinod ist rein, wie ich sie denke. Sage ihr, es sei ein Geschenk der griechischen Kaiserin, das sie mir, dem siegenden Bruder, zum Dank für den geschenkten Frieden zugeschickt hätte. Auch dich habe ich nicht vergessen. Und nun gehe, bevor mein Groll gegen dich erwacht. 5. Giafar eilte nach seinem Palast, überbrachte Abbassa die Geschenke ihres Bruders; nur einen Augenblick ergötzte sie sein Andenken. Sie benetzte die glänzenden Steine mit ihren Thränen, warf sie unwillig weg und rief: »Der Grausame, der mir das kostbarste Kleinod entreißt, höhnt meiner mit diesem Tand! Will er sein Opfer schmücken?« – – Stumm, angstvoll und bebend begab sich das unglückliche, edle Paar die dritte Nacht nach der Ankunft des Khalifen in den Pavillon und schlich wie Verbrecher nach der Grotte – Abbassa stand an der Wiege des schlafenden Knaben – ihr Haupt gesenkt gegen ihn – umsonst rief ihr Giafar zu, umsonst sprach er von der drohenden Gefahr – sie hörte ihn nicht. Nur da er sagte: So behalte ihn; aber wie, wenn auch der gewisse Tod seines Vaters ihn nicht schützte! wenn nun die Rache des Khalifen sich auch bis auf ihn erstreckte! – »Und ich soll den süß Schlafenden aufwecken?« – Du sollst ihn aufwecken, Geliebte, daß er den Schlaf des Todes nicht schlafe, seinen Vater nicht tödte! – Leise schüttelte sie ihn – sprach sanft zu ihm – der Knabe erwachte – sie drückte ihn an ihr Herz, hob ihn empor zum Himmel – übergab ihn Giafar und entfloh nach dem Palast. Der Barmecide küßte den Knaben, übergab ihn schweigend dem alten Diener und eilte Abbassa nach. Der Diener verbarg ihn unter seinem Gewand, setzte über den Tigris, eilte nach der Vorstadt, wo ihn die Mutter, als Sklavin gekleidet, mit den Sklaven, die er theils gekauft, theils gedungen hatte, antraf. Die Mutter setzte sich mit dem Knaben in einen verhüllten Palankin, von Maulthieren getragen. Nach Mitternacht begab sich die kleine Karavane auf den Weg. Die Sonne ging auf, und Giafars Mutter blickte dankbar zum Himmel, da sie sich so weit von Bagdad entfernt sah. Auf einmal hörte der alte Diener in der Ferne den lauten Schlag der Hufe der Pferde. Er erhob sich auf seinem Thier – und bald sah er eine dicke Staubwolke, die einen Haufen Reiter umgab, deren Waffen und Zeug in der Sonne schimmerten. Da sie gegen ihn kamen, so fürchtete er nichts und zog ruhig fort. Es war Khozaima, der heransprengte; er war bei Sonnenuntergang mit seinen Leuten aus Bagdad geritten, um den heimlich gemachten Raub von Gold und Weibern in Sicherheit bei einem seiner Freunde zu bringen, und eilte nun zurück. Der alte Diener erkannte ihn und ritt langsam voran. Als Khozaima den Zug wahrnahm, vertheilte er seinen Haufen auf die zwei Seiten der Straße, nahte dem, den er für den Führer erkannte und fragte: »Wohin?« Nach Mekka, antwortete der Diener. »Wer sendet dich?« Der reiche Kaufmann Yousuph aus Balkh, antwortete er noch entschlossener. »Was ist dein Auftrag?« Geschenke zu überbringen, die er der Moschee gewidmet hat. Von seiner Hand gesiegelt, liegen sie im Palankin, Teppiche und andere Kostbarkeiten. Khozaima ritt vorüber. Der Alte freute sich der List, womit er den gefährlichen Mann abgefertigt zu haben glaubte. Als die Reiter langsam vorüber zogen, erkannte ein Diener Khozaima's einen der Sklaven von der Karavane und ließ sich nah bei dem Palankin in ein Gespräch mit ihm ein. Der Alte wurde es gewahr und wollte eben hinzueilen, ihn zu entfernen, als der Knabe, durch den Fehltritt eines der Thiere, auf dem Schooße der Mutter erwachte und laut zu schreien anfing. Der Diener Khozaima's lachte und rief dem Alten zu: Eure Geschenke werden lebendig; spornte sein Pferd und ritt davon. Der Alte hatte seine Worte gehört, das Geschrei des Knaben vernommen, und tödtliche Angst überfiel ihn. Er hob die Decke des Palankins auf und sagte der Mutter leise, was vorgefallen war. Eben wollten sie sich berathen, was zu thun sei, als Khozaima mit seinem Haufen umwandte. Der Diener hatte ihm lachend erzählt, es sei ein Kind, das man nach Mekka schicke, und sein Landsmann habe ihm gesagt, man habe ihn erst gestern in Bagdad gedungen und sei diese Nacht von da abgereist. Ein Kind nach Mekka! rief Khozaima, und plötzlich erinnerte er sich, daß ein Gerücht an dem Hofe des Khalifen ging: eine der Weiber des gefangenen Neffen Harouns habe heimlich geboren. Er glaubte also, man wollte das Kind in Mekka aus gefährlichen Absichten verbergen, und dachte dem Khalifen einen neuen, wichtigen Dienst zu leisten. Giafars Mutter hatte kaum die Zeit, dem Alten zuzulispeln, zu schweigen und zu sterben, als Khozaima schon heransprengte und den Palankin gewaltsam aufriß. Die Mutter hielt den Knaben auf ihrem Schooße. »Wer bist du, Weib?« rief Khozaima. »Wessen ist der Knabe?« Mein, antwortete die Mutter, aus Angst und Verwirrung, und Der ist sein Vater! indem sie auf den alten Diener hinwies. Khozaima lachte laut: Weib, deine Zeit zu gebären, und seine, zu zeugen, ist wohl schon lange vorüber – und wo sind die Geschenke des reichen Yousuph aus Balkh? Auf den Thieren, antwortete der Alte. Vor einem Augenblick waren sie auf dem Palankin, du alter Lügner! Ich weiß, wessen Knabe dies ist; wollt ihr euer Leben nun retten, so sagt die Wahrheit. Die Mutter und der Alte: Wir haben dir's gesagt. Er fragte die Sklaven, wer und wo man sie gedungen hätte. Sie erzählten ihm, dieser Alte habe sie in Bagdad gedungen und gekauft, und sie seien erst gestern mit ihm ausgezogen. Khozaima überzeugte sich noch mehr von seiner Vermuthung; und zwiefach freute ihn die Entdeckung, da er hoffte, dem Khalifen einen neuen, wichtigen Dienst zu erzeigen und sich zugleich an dem Barmeciden zu rächen, der einen so gefährlichen Vorfall entweder nicht bemerkt, ihn verschwiegen, oder gar, nach seiner Weise zu handeln, befördert hätte. Er überließ die Sklaven einigen seiner Leute, befahl, den Alten zu binden, den Palankin zu umringen, und zog so nach Bagdad zurück. Je weniger er während des Weges von der Mutter und dem Alten erfahren konnte, je gewisser schien ihm seine Vermuthung, und sein Herz klopfte vor Freude, als er die Mutter über seine Frage: Ob es nicht der Großvizir sei, der ihnen den Auftrag gegeben? erschrecken und zurücksinken sah. Er ließ den Palankin jenseits des Tigris, setzte mit der Mutter, dem Knaben, dem Alten und einigen seiner Diener über, übergab die Beiden der äußersten Wache des Palasts, verbarg den Knaben unter seinem Gewand und ließ sich bei dem Khalifen melden. Er erzählte dem Khalifen den Vorfall, seine Vermuthung, zog den Knaben unter seinem Gewand hervor und hielt ihn ihm vors Angesicht. Erstaunt nahm ihn der Khalife in die Arme. Der Knabe schmiegte sich an ihn – hielt sich fest an ihm und sah dem Verwunderten, Erstarrten freundlich in die Augen. Haroun betrachtete ihn lange; endlich sprach er im Tone der schmerzvollsten, äußersten Wuth: »Meines Neffen Sohn? Wollte Gott, er wär's – Khozaima – sieh diese Züge – es ist meiner Schwester Abbassa Sohn!« Bei diesen Worten schleuderte er den Knaben auf den Sopha, der, da er sich von dem Schrecken erholte, laut zu schreien und zu wimmern anfing. »Schweige,« schrie Haroun knirschend und drohte ihm mit aufgehobener Faust. Die Thränen des Knaben erstarrten vor Furcht in seinen Augen. Khozaima sah ihn mit forschenden, verwunderten Blicken an. Der Khalife schlug ihn auf die Schulter: »Du hast mir einen großen, einen erschrecklichen Dienst erwiesen – schweige über Das, was du hören und sehen wirst. Laß die beiden Alten kommen!« Die Unglücklichen wurden hereingeführt. Der Knabe streckte die Arme nach der Mutter aus. Haroun stellte sich zwischen ihn und sie, fragte sie mit fürchterlicher Stimme: Wessen ist der Knabe? Unser. Die Qualen der Folter sollen euch das Geheimniß abdringen. Unerschüttert stand der Alte, die Mutter blickte nur nach dem wimmernden Knaben. Khozaima wollte die Beiden wegführen lassen; der Khalife besann sich plötzlich: Spare sie noch auf – laß sie bewachen. Schicke einen meiner ersten Diener zu Abbassa, er soll sie zu mir einladen; ihr bedeuten, schnell zu sein. Ihm folge bald ein Anderer nach, rufe Giafar zu mir, und ihn halte du im großen Saal auf, bis ich zu euch sende. Haroun blieb mit dem Knaben allein. Mit schrecklichen Blicken betrachtete er ihn Zug vor Zug, und seine Wuth entflammte sich mehr bei jedem neu entdeckten. Der Knabe verbarg sein Angesicht in den Sopha vor seinen fürchterlichen Blicken, gewaltsam riß er ihn gegen sich. Er kroch an ihm hinauf, hüllte sich in das Gewand, das seinen Busen deckte, er riß ihn weg – stieß ihn von sich – ergriff ihn wieder. – Der Knabe stöhnte aus Schmerz – er liebkoste ihn, streichelte ihn, sprach zärtlich zu ihm, Thränen in den Augen, Wuth und Durst nach Rache in dem Herzen. »Es ist sein – er ist Abbassa's Kind. – Ist dies deine Tugend, Barmecide? Hältst du so die Probe aus? Und trittst vor mich, lügst mit eiserner Stirne, wie ein im Verbrechen lange Geübter? Nun will ich die Last, die ich so lange trug, von mir auf dich werfen, meinen Haß, meine Rache, meine Eifersucht befriedigen. Ich habe lange genug geweint – und bin ich nicht durch einen Eid gebunden? Ihm gehorchend, will ich dich, heuchlerischen Schwärmer, zu deinen Geistern senden! Dir deinen Knaben mit auf den Weg geben! Die Verzweiflung sende dir die Mutter nach!« Er trug den Knaben nach dem Harem, in die Zimmer Abbassas, in eben das Zimmer, wo er zum letztenmal sich mit ihr unterredet, wo er den Eid geschworen hatte. Alles floh vor seinem wüthenden Blick. Er winkte einem seiner Vertrauten. Er verschwand und kehrte mit den Stummen, den Ausführern seiner Rache, zurück. Der Knabe ward auf Abbassa's Sopha gelegt, mit einem Tuch bedeckt; um ihn standen die Stummen mit Dolchen, ferne stand Haroun. Abbassa trat herein. Der Diener riß die Decke weg, die Stummen zückten die Dolche auf den schreienden Knaben. Abbassa hörte, erblickte ihn: Ha, mein Asan! mein Sohn! Ist er's, rief Haroun grimmig: Dein und Giafars Sohn? Hat dir der treulose Barmecide nicht gesagt, daß ich meine Seele durch einen Eid auf das Wort des Propheten gebunden habe? Mit der Blässe des Todes bedeckt, mit starren Augen, sah Abbassa auf Haroun – sie hatte den Knaben umschlungen – ihre Arme bebten – der Knabe bebte in ihren Armen. Sie sah auf ihren Bruder – auf den Knaben – stumm und leblos. Er muß sterben! er und sein Vater! Tödtet ihn, rief Haroun und wandte sein Angesicht weg. Fester drückte sie ihn wider ihre Brust – überdeckte ihn mit ihren Armen. Tödtet ihn in ihren Armen, schrie Haroun wüthender und verhüllte sein Gesicht. Die Stummen zückten die Dolche gegen die Brust des Knaben – in dem Augenblick, da sie den Streich führten, ließ Abbassa plötzlich den Knaben in ihren Schooß fallen – die Dolche fuhren in ihren Busen – sie griff durch die schwebenden, aus ihrer Brust gezogenen Dolche – riß den Knaben wider ihren blutenden Busen – deckte ihn nochmals mit ihren Armen – sank zurück und zog ihn mit der letzten Lebenskraft an ihr zerrissenes Herz. Bei ihrem Aechzen schlug Haroun sein Gewand zurück, ein Schrei des Entsetzens entfuhr ihm, und wüthender gebot er, den Knaben zu tödten. Die Stummen ermordeten den Knaben an der Mutter Brust – Er nahte ihr: Der Unglücklichste ist dein Bruder! Sie wandte ihre sterbenden Augen von ihm ab, drückte den leise ächzenden Knaben an ihr Herz, erhob ihn mit der letzten Kraft gegen ihre Lippen – drückte ihren Mund auf den seinigen – auf seine Wunde – »Giafar – Asan« zitterte auf ihren Lippen – sie verschied. Haroun vernahm es. Verzweifelnd stand er da – dicke Thränen rollten in seinen Bart – aber es waren Thränen der Wuth – sein Haß ward noch giftiger bei ihren letzten Worten. Giafar trat auf seinen Wink herein. Er deutete auf die Leichen und rief ihm in der grimmigsten, glühendsten Rache zu: Sieh hin, treuloser Barmecide, meine Tugend scheiterte da, wo die deine scheiterte! Die Erde kann mir nicht ersetzen, was ich durch dich verloren habe. – Warum logst du? Warum verbargst du mir dein Verbrechen? Du! Du hast alles Elend auf mich geschüttet – verflucht sei die Stunde, da ich dich zu mir rief, die Tugend deines Vaters in dir, meineidigem Heuchler, zu belohnen! Du und dein ganzes Geschlecht sollen von dem Erdboden verschwinden! Mein Haß soll sie alle bis in das öde Gebirge verfolgen! – Giafar hörte ihn nicht. Er kniete bei den Leichen – sein Haupt gesunken auf die Wangen Abbassa's – seine Hand hatte den Knaben umspannt. Weg von ihr! Berühre sie nicht; nun ist sie wiederum mein. Führt ihn in den Thurm des Todes, auf diese Leiche soll er keine Thräne weinen. Verzweifeln soll er in der todten Einsamkeit, bis ihn meine Rache ergreift. Ich will sie beweinen – sie beklagen – rasen – und dich verfluchen. Mein letztes Wort reize dich zur Wuth gegen dich – Khozaima war's, der dein Verbrechen entdeckt hat! Giafar (erhebt sich von den Leichen) . Legt keine Hand an mich, ich folge euch ohne Zwang. Als man Giafar entfernt hatte, schrie Haroun: Weg mit seinem Knaben – hier will ich weinen, bis ich keine Thränen mehr habe! – Er warf sich neben die Leiche Abbassa's. 6. Zwei Nächte und drei Tage saß Giafar, angekettet an dem Rumpfe einer Säule, in dem dunkeln, gewölbten Thurm des Todes, der verbunden mit dem Palaste der Khalifen gegen den Tigris lag und über Bagdad zum Schrecken seiner Bewohner hervorragte. Lange lag er da, zwischen Sein und Nichtsein, verloren an dem starren, leeren, schaudervollen Abgrund des Schmerzes, der Verzweiflung, und nur nach und nach entwickelten sich die schrecklichen, scheußlichen Begebenheiten wieder vor seinen Augen. Er sah die Gattin in ihrem Blute – den Knaben ermordet an ihrer geöffneten zerfleischten Brust – ihren schrecklichen Mörder – fühlte seinen Schmerz, sich wieder in dem Schmerz – empfand sein schaudervolles Dasein – wollte aufspringen, die schweren Fesseln zogen ihn auf den von ihnen erklirrenden Boden zurück. Starr blickte er in die düstre Finsterniß, befühlte seine Ketten und erinnerte sich des Todesausspruchs des Khalifen. Sein Haupt sank gegen seine Brust, und er rief in das öde Gewölbe: »Eile, Wahnsinniger, bevor der Schmerz das Opfer deiner unmenschlichen Rache in Freiheit setzet!« Beim Anbruch der dritten Nacht sank er erschöpft von seinen Leiden, erdrückt von den schrecklichen Vorstellungen, in einen tiefen Schlaf. Alle die scheußlichen Bilder verflogen aus seiner Seele. Er sah im Traume seine blühende Gattin – auf ihrem Schooß den kleinen Asan. Sein Herz erglühte – er fühlte sich Flügel – sie trugen ihn zu der Geliebten – er drückte sie an seinen Busen, der Knabe hing erwachsener um seinen Nacken – Freudenthränen netzten seine Augen – sein ausgestreckter Arm hing in der Fessel; der Schmerz vom Druck, die Anstrengung weckten ihn auf, er fühlte die Täuschung, fühlte seinen Verlust, und seine Seufzer widerhallten am Gewölbe. Auf einmal erblickte er den matten Schein eines Lichts, sah sich um und entdeckte Leviathan unter der Gestalt Ahmets auf einem Steine gegen sich über sitzen. Ernst, feierlich und mitleidsvoll sah dieser auf ihn. Giafar. Ahmet – du? Leviathan. Ich! – Versprach ich nicht, dir einst wieder zu erscheinen? Wesen meiner Art halten Wort. Hier bin ich. Fürchtest du mich? Giafar. Was hätte Giafar noch zu fürchten. Vermuthlich kommst du, Zeuge zu sein, wie Haroun die Tugend belohnt. – (Er schüttelt seine Ketten.) – Gehe hin, sieh mein Weib und meinen Knaben, im Blute liegend, ermordet von ihm, und dann blicke in mein Herz. Leviathan (kalt) . Ich habe sie gesehen in ihrem Blute; ihren Mörder bei den Leichen heulen, dich von ihm verfluchen und anklagen hören, als den Mörder seines Glücks, den Zerstörer seiner Tugend. Ich war unsichtbarer Zeuge der That, blicke nun in dein Herz, sehe alle deine Leiden, deine Größe, vernehme deine wilden, verworrenen, zerrissenen Gedanken und komme, dich in diesem Zustande nach deiner Erfahrung an dir und den Menschen zu fragen: Wie es nun mit der Harmonie der moralischen Welt steht? Wie du sie befördert hast? Wo du sie findest? Giafar. Da nur, wo ich sie suchte, seitdem du mich verlassen hast. In meinem von Schmerz zerrißnen Busen, in meiner Vernunft, die alle Widersprüche, die ich sah und erfuhr, nicht verdunkeln, welche die blutige schreckliche That des Wahnsinnigen nicht vernichten konnte. In dem Guten, das ich mit Bewußtsein auf meine Gefahr gethan habe; in seiner Wirkung auf die Lebenden, die künftigen Geschlechter; in dem Willen, so unglücklich ich auch nun bin, es nach der schrecklichen That dieses Mannes selbst für ihn noch zu thun, wenn er mich darum aufforderte, zu leben. Leviathan. Groß ist dein Gefühl, Barmecide, und größer, als nöthig. Ich sehe, Giafar ist ein Held der Tugend geworden, meine Lehre hat gut angeschlagen, und ich hoffe, die künftigen Früchte sollen noch blühender sein. Giafar. Ha, Ahmet, hätte ich diese moralische Welt, diese Tugend anderwärts gesucht, so würde ich nun ergrimmt sagen: Sie sei der Traum einer erhitzten Einbildungskraft, der Wunsch eines zu hoch gespannten Herzens, eine fein ausgesponnene Vernünftelei unsers Stolzes, eine erkünstelte Schwelgerei unsers Geistes; denn sieh, um das ganze herrliche Gewebe meiner Vernunft und meines Herzens zu zerreißen, erforderte es weiter nichts, als daß dieser wahnsinnige Khalife eine sträfliche Leidenschaft für seine Schwester im Busen trage, sich wüthender Eifersucht, unmenschlicher Rache überlasse, und alle meine Zwecke scheitern. Leviathan (noch kälter) . Wahr, Barmecide, vollkommen wahr; wie fern hernach. Freilich, es erforderte weiter nichts, als daß sich der erhabene Barmecide einen Augenblick von dem Kitzel der Wollust hinreißen ließ, nur einen Zeigerschlag seiner erhabenen Zwecke vergaß. – Laß deinen Zorn ruhen, Barmecide, der Richter, der vor dir sitzt, fürchtet ihn nicht – und er zwingt, durch dieses Vergessen, den wahnsinnigen Khalifen zur Erfüllung seines Eids, den er in seiner Gegenwart geschworen hatte. Durch diesen einzigen Augenblick ist der harmonische Gang der moralischen Welt in Asien zerrüttet, die Zerrüttung wirkt auf die lebenden und künftigen Geschlechter, wir haben eine neue Reihe der Dinge, eine andere Welt, andere Menschen, und der nicht so ganz wahnsinnige Khalife setzt uns Khozaima an Giafars Stelle zum Großvizir hin, in der Gewißheit, dieser würde ihm durch Mißbrauch der anvertrauten Gewalt schnell Gelegenheit geben, eines gleich Verhaßten auf eine eben so gerecht scheinende Art los zu werden. Mögen sich Die trösten, die darunter leiden: hat doch der Barmecide weiter nichts gethan, als daß er sich einen kurzen Zeigerschlag dem Rausche der Sinne überließ. Giafar. Khozaima! armes Volk! Leviathan. Sehr gut, daß dir dies nah geht, so verzweifle ich nicht an dir. Ja, Er, durch den du gefallen bist, der die Flucht deines Knaben – zufällig, um noch deine Sprache zu reden – entdeckt hat, den du vernichten konntest, dessen Tod der Khalife von dir forderte, und den du zu deinem und dieses Volks Verderben aufgespart hast. Giafar. Ich handelte gerecht, so weit gerecht, als es der Mensch, nach seinem beschränkten Blick, von einer That sagen kann, deren Folgen nicht in seiner Gewalt sind, die er nicht verantwortet. Mich erschüttert dein Vorwurf nicht. Weißt du, daß ich mich nur darum dem Eid des Khalifen unterwarf, um ihn vor einem Verbrechen zu bewahren, das ihm Thron und Leben gekostet und sein Reich zerrüttet haben würde? Leviathan. Was weiß Ahmet nicht? Aber um so mehr mußte dir der Wille des strengen, drohenden Herrschers unverletzliches Gesetz sein. Er, der Herr deines Schicksals, in dessen Gewalt du warst, durch dessen Namen du wirktest, hatte das Todesurtheil über dich ausgesprochen, und doch ließest du dich von der Wollust hinreißen, zeugtest den Knaben dem Morde, weihtest dich, dein Weib, deine Verwandten dem Morde, der Verfolgung und warfst dieses Volk, das nur in dir seinen Vater und Volksbeschützer sah, seinen Tyrannen zum Raube hin. Hätte diese fürchterliche Aussicht dein heißes Blut nicht abkühlen sollen? Sei ruhig, Held der Tugend, du hast diesen Haroun durch dieses grausame Verbrechen zum Blutdurst eingeweiht, und schrecklich werden die Folgen sein, wenn du ihnen nicht zuvorzukommen suchst. Giafar. Wer bist du, Schrecklicher, der du so schonungslos in meinem zerrißnen Herzen wühlst? Der du das Licht meines Verstandes, das ich in allen diesen Stürmen erhalten habe, nun auszulöschen strebst? Da ich dich erblickte, hoffte ich Trost, nähere Erleuchtung, und mit kaltem, fühllosem Blick, mit hämischem Genusse siehst du auf meinen Schmerz. Leviathan. Lob, die Lieblingskost des Sohns des Staubs, dies erwartetest du von mir, doch noch ist's zu früh dazu. Giafar. Sage Mitleid – Lästiger! Fühle als Mensch, oder entfliehe nach den kalten Regionen, woher du kamst. Ich habe dich nicht gerufen und bedarf deiner nicht. Ich habe Kraft, meine Leiden auszutragen, und das Gefühl meines Herzens empört sich gegen dich! Leviathan. Ich fühle als Mensch und will dich auch als Mensch fühlen lehren. Hier sitz' ich vor dir – dein hellsehender Richter, mit Gewalt versehen, der du unterworfen bist – mein Fuß ruht auf der Tiefe, mein Haupt hebt sich über die Wolken, und der Strahl meiner Augen spaltet dein Herz. Was ich bin, woher ich komme, später! Ich bin nicht, was ich scheine, und scheine weniger, als ich bin, damit du meine Gegenwart ertragen kannst. Wenn ich erst die ganze Kraft deiner Seele abgewogen habe, ganz eingesehen habe, ob du der Mann bist, die großen Zwecke auszuführen, die ich auf dich berechnet habe – dann sollst du mich näher kennen lernen – sollst erstaunen – unter meiner furchtbaren Größe hinsinken und dich an meiner Größe wieder aufrichten. – Hast du, was ich dir vorwarf, nicht Alles durch den Fall mit diesem Weibe bewirkt? Giafar. Verblühte sie nicht? Starb sie nicht des langsamen, qualvollen Todes? Konnt' ich sie anders erretten? Wer der Erdensöhne wäre nicht so gefallen? Konnt' ich vorsehen, da ich mich allein zu ihrer Rettung aufopfern wollte, daß die Rache des Grausamen auch sie, auch den Knaben, mein Geschlecht und sein unschuldiges Volk treffen würde? Sei, was du willst – dein Blick zerspalte mein Herz; er entdecke die Ruhe meines Gewissens über diesen Fall – ich beweine die Folgen und vergesse mich darüber. Leviathan. Täuscht dich die Ruhe deines Gewissens, so täuscht sie mich nicht. Ist mir doch bekannt, wie eure Feigheit, euer Stolz, eure Leidenschaften diese gefällige Kupplerin eurer Lüste zu stimmen wissen. Mich wirst du nicht verblenden, ich dringe tiefer – rede ich nicht zu dem Manne, der den Held der Tugend zu spielen unternahm? der die Harmonie der Welt befördern wollte? der sie beförderte, um sie schrecklicher zu verwirren? Wie, du, dem jetzt noch das Licht der Vernunft so hell vorleuchtet, du konntest diese Folgen nicht voraussehen? So ahnet ihr immer die Uebel, wo sie nicht sind, und seht sie da nicht, wo sie wirklich sind: seht sie nicht da, wo euer Eigennutz, eure Sinnlichkeit euch blenden. Ist dein Weib nun weniger todt? Hast du nicht ihren Bruder zum Mörder gemacht, da du seinen Eid wußtest, da dir bekannt war, daß er ihm Genüge leisten mußte? Sind die Folgen der blutigen That nicht dein Werk? Was war dies Weib für Asien? Hing von ihrem Leben das Glück dieser Völker ab? Konnte sie die erhabenen Zwecke erfüllen, die du ihr vorgezeichnet hattest? Nur von dir, von deiner Kraft hing das Glück dieser Geschlechter ab; konnte nur durch dich auf die künftigen hinüber blühen! Ha! sie ahnen nicht, daß die augenblickliche Thorheit eines Barmeciden ihr Schicksal so schrecklich bestimmte, und klagen einst bei ihren Qualen den Ewigen, das Verhängniß und das Reich der Finsterniß an. Giafar. Du bist grausamer, als Haroun, und vergißt, daß du zu einem beschränkten Menschen redest, der über die Zukunft nicht gebieten kann, der nur sein gegenwärtiges Wirken, nur den Beweggrund seines Wirkens zu verantworten hat. Ich? Ich sollte diese schrecklichen Folgen verantworten, nicht der blutdürstige Mörder, der erst der Menschheit Hohn sprach und dann ihr reinstes Heiligthum befleckte? Ich liebte mein Weib, liebte sie über meine Pflicht, war gieriger nach ihrem Genusse, als nach der Erfüllung meiner Pflicht, sah mit Unwillen auf mein Wirken, ob ich gleich stündlich das Gute daraus entspringen sah, weil ich, auf Kosten meines Herzens, meiner Ruhe dies schwere Opfer bringen mußte. Doch widerstand ich, doch konnte ich sie in ihrer Einsamkeit verschmachten lassen und sank nur an ihren Busen, um sie dem Tode zu entreißen – entschlossen, für Die zu sterben, die mit Freuden für mich gestorben wäre, wenn ihr Tod mich hätte retten können. Verlaß mich, kaltes, unempfindliches Wesen, das sein Dasein nicht durch das Herz empfindet. Ich habe Alles gethan, was der Mensch thun kann. Und ich sollte deine Vorwürfe verdienen, sollte strafbar sein, weil ich Haroun, auf meine Gefahr, vor Blutschande sicherte, weil Haroun an seinem Retter, an seiner unschuldigen Schwester, dem noch unschuldigem Knaben ein Verbrechen begangen hat, wovor die Menschheit sich entsetzt? Ich sollte die Folgen seiner Verbrechen als mein Werk ansehen, da er über mein Schicksal aus einem Gefühl entscheidet, welches das Gesetz verdammt? Leviathan. Diese Entschuldigung hätte in jedes Andern Mund Gewicht, nur in dem Munde des Mannes nicht, der einst die Natur und ihren Urheber lästerte! Der Mann, der die Uebel außer sich suchte, der mußte so handeln, daß er bei seinem Fall rein und groß dastehen konnte! Vor den Augen höherer Wesen ist Der der Strafbarste, welcher durch Schwäche oder Bosheit Ursache zum Verbrechen gibt. Doch ich will einen Augenblick deine Entschuldigung annehmen und dich als einen gewöhnlichen Menschen betrachten; aber dann muß ich auch diesem Haroun die Decke von den Augen reißen, die ihm sein Schicksal verbirgt, muß ihm zeigen, daß er aus dunkler Ahnung zu seinem Besten, zum Besten seiner Kinder und Kindeskinder diese That begangen hat, daß ihn und sie nichts als dieses empörende Verbrechen retten konnte! dann wäge deine Entschuldigungen gegen die seinigen ab. Giafar. Ich begreife dich nicht mehr. Sieh – Leviathan. Du wirst es immer mehr. In deinem Knaben Asan ermordete der Khalife seinen künftigen Mörder, den Mörder seiner Kinder. Diese dunkle Ahnung seines Schicksals stieß ihn vorwärts – aus dieser dunklen Ahnung entsprang sein Eid! aus dieser dunklen Ahnung entsprang sein wilder Kampf, seine widernatürliche Eifersucht! Doch ohne dich hätte er seine Schwester umarmt und sich, sie, seine Kinder, seinen Thron, Asiens Glück unter der Last der Blutschuld begraben! Dich las das Schicksal als Opfer seiner Rettung aus, und von Ewigkeit her warst du dazu bestimmt! – Giafar. Ahmet! Ahmet! Leviathan. Höre, Sohn des Staubs, und schweige! noch mehr sollst du vernehmen! Ich will deinen Stolz zermalmen, deinen Geist zerrütten, dein Herz zerbrechen – dich bis zum Wahnwitz treiben – dann dich heilen! dann dich Wahrheit sehen lassen! – Vernimm! du hast ihn von allem Diesem errettet; doch nur halb war die Rettung, da du die Probe nicht erfülltest, die er dir aufgelegt hatte. Nur durch die gänzliche Erfüllung entferntest du deinen Untergang, gewannst Harouns Herz dir und der Tugend und befördertest Asiens Glück in dem Bunde mit ihm. Eure so verbundne Regierung sollte das erhabenste Schauspiel werden, das je hohe Weisheit, kluge Güte, strenge Gerechtigkeit zum Sieg der Menschheit über ihren Hang zum Bösen dargestellt hat. Darum erhöhte ich deinen Begriff von Freiheit, darum spannte ich deinen Begriff von Tugend bis zur äußersten Spitze deiner Kräfte; darum erhob ich deinen Stolz durch deinen innern, unabhängigen Werth, deine Selbständigkeit, und verbarg dir die Kette der Dinge, in die du, wie Alles, eingeschmiedet bist, damit ihre Last dich nicht erdrücken möge, damit du deinem Schicksal durch deine Kraft entgingest! Alle diese Zwecke hast du in einem Augenblick vernichtet, den Samen zu künftigem Unglück ausgestreut – und Haroun, getrieben vom dunkeln, weissagenden, innern Geiste, glaubte, er opferte der Rache, da er nur seinen, seiner Kinder von dir gezeugten Mörder tödtete. Giafar. Hört mein Ohr? Faßt mein Geist die Worte, aus denen ein so schwarzer, fürchterlicher Sinn aufsteigt? Spottest du meiner, Gefährlicher, daß du mich nun wieder in das wilde, verworrene Chaos stößest, das mich einst zu verschlingen drohte? Was sind wir, Schrecklicher, wenn Das ist, was du mir nun sagst? Sklaven der eisernen Nothwendigkeit, blinde, tugend- und lasterlose, verdienst- und straflose Werkzeuge in der Hand eines grausamen Mächtigen, der uns zu Zwecken anwendet, die er uns verbirgt? Der uns für Das zur Rechenschaft zieht, was er in seinem undurchdringlichen Dunkel entworfen hat! Gegen den wir durch Thun, wie durch Unterlassen fehlen? So ist meine Aufopferung Thorheit, so hat Haroun nichts verbrochen, so mußte er mich verfolgen, seine Schwester, meinen Knaben ermorden! Und Der, der alles Dieses so entworfen hat, muß mit Wohlgefallen auf das Vollbrachte sehen! Leviathan. Ich sehe Licht und Klarheit, wo du nur Finsterniß vernimmst. Was ihr seid, sollst du später vernehmen. Giafar . Behalte deine Weisheit – laß dir dein Licht leuchten, gerne will ich in dieser Finsternis; verbleiben, die mich nicht erschreckt. Ahmet, Das, was du mir sagtest, ist mir, wie du weißt, nicht neu. Dachte ich nicht so in meinem unsinnigen, wilden, eingebildeten Gram? In meinem wirklichen Unglück sehe ich heller und blicke mit Abscheu auf die Widersprüche, durch die du mich martern oder prüfen willst. Der Mensch, der mit so klarem Bewußtsein, mit so viel Ordnung, Kraft und Vorsicht, durch seine Vernunft, durch seinen von ihr bestimmten Willen, selbst auf Gefahr seines Daseins, so große Dinge unternehmen, so viel zum Glück Anderer bewirken kann – der sich überwinden kann – ist kein blindes Werkzeug einer despotischen Gewalt; er ist ein freies, mit einem reinen Geist verwandtes Wesen, wie du ihn einst geschilderst hast. Behalte du deine Kenntnisse, die über des Menschen Kräfte gehen, die sein Dasein, seine Kraft und sein Wirken zermalmen und vernichten müßten, die ihn elender machen würden, als mich die Gewalt dieses sichtbaren Tyrannen gemacht hat. Ich sehe mich nun auf dem höchsten Punkt meiner irdischen Entwicklung, glaube das Maß meiner möglichen Vollkommenheit erreicht zu haben, und Der, der meinen weitern Fortgang stört, der verantworte es. Er soll mich erwürgen, und nicht die Verzweiflung. Leviathan (feierlich) . Jener zuvorzukommen, diese zu heilen, bin ich gekommen. Verschwinde, Hülle, vor den Augen des Sterblichen! Du stehst auf dem hohen Punkt, auf dem ich dich sehen wollte. Meine Lehre hat gefruchtet; laß sehen, ob du ihr ganz entsprichst. Was könnte wohl mich aus jenen Gefilden zu dem Sohne des Staubs ziehen, als sein Glück? Ich habe mich dir nicht enthüllt und enthülle mich dir nicht, bis ich den ganzen Umfang deiner Kraft gemessen habe. Merke auf, in Finsterniß Geborner! Ich, der ich das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige durchschaue, der ich die entfernteste Veranlassung deiner Wünsche und Gedanken erhasche, der ich Thaten reif sehe, wenn ihr Keim noch in deinem Busen schlummert – will dir nun die Mittel zeigen, die Fehler, die du gemacht hast, zu verbessern und wieder herzustellen, was dieser unsinnige Khalife zerstört hat, zu zerstören droht. Er berührte Giafars Stirne mit einem Stabe und rief: Enthülle dich, Zukunft, dem Erdensohne des Staubs! Er sehe geworden, was noch im Werden liegt! Das Ungeborne stehe vollendet da! Was künftig leidet, ächze in sein Ohr! was künftig sich freut, jauchze ihm zu! klage ihn als seinen Urheber an! segne ihn als seinen Schöpfer! Verschlinge dich, Zeit! ziehe dich zusammen, Raum! Alles stehe still und lebe, wenn ich's gebiete! Das schwache Licht verlosch. Dicke Finsterniß erfüllte den Kerker. Es rauschte wie die Wogen des Meers, die der Sturm aufwühlt. Eine widrige, blutrothe Dämmerung erleuchtete die Scene. Giafar befand sich in einem wilden Thal, umschlossen von einem Gebirge strotzender, nackender, drohender Felsen. Tiefe Stille herrschte. Bald hallte ein dumpfes Stöhnen, Aechzen und Todesröcheln und Geheul der Verzweiflung in den Felsen. Eine dunkle Wolke stieg aus der Erde auf, rollte über den dürren, scheußlich gefärbten Boden, gegen Giafar hin. Leviathan schlug mit seinem Stabe durch den Dampf. Die Wolke zerriß und gebar ein Chaos von schrecklichen Bildern. Stärker erscholl das Geheul, Stöhnen und Aechzen. Abermals schlug Leviathan durch das wilde Gewühl; es zerfloß in Gruppen, in einzelnen Gestalten. Das Aechzen, das Geheul ließ nach, und Giafar sah vor sich liegen die Leichen seiner Mutter, seiner Brüder, seiner Verwandten, noch zuckend – noch bebend. Leviathan rief: Dieses Geschlecht hat seine Rolle auf Erden seit Jahrhunderten gespielt, gut und groß gespielt, durch dich ausgespielt. Merke auf! die Zukunft ist im Kreißen. Giafar sah sich unter den Händen der Henker – sah seinen Kopf vom Leibe trennen – seinen Rumpf zerstücken. Die Kälte des Todes, den Krampf des Todes fühlte er in seinen Gliedern bei dem scheußlichen Schauspiel. Fürchterlich schrie Leviathan: Barmecide! Dieses wird geschehen! Das Gemälde verschwand. Krachend stürzten die Gebirge in den Abgrund. Die Erde verschlang sie, bebte, die blutige Luft zitterte. Leviathan rief: Entwickle dich, Zukunft, dem Sohne des Staubs! Er sehe die Folgen seines Todes! Aus dem Abgrunde stiegen schwarzer Rauch, zischende, feurige Dämpfe. Rollend fuhren sie in dunkelglühenden Wolken dahin, breiteten sich aus zwischen dem Himmel und der Erde und wirbelten in stammenden, dampfenden Kreisen. Schreckliche Geistergestalten entschwangen sich dem Schlunde und stürzten sich in das wirbelnde Chaos. Dann erscholl eine Stimme aus der Tiefe, daß die Erde tönte in ihrem Zittern, die Geister in den wirbelnden Kreisen versanken und sich nur mächtig kämpfend dem Strudel entrissen. »Aufruhr! Zwietracht! Bürgerkrieg!« brüllte der dumpfe Donner aus der Tiefe der Erde. Mit gellendem Gekreische wiederholten es die mit dem wirbelnden Chaos kämpfenden Geister. Langsam erhob sich aus dem feurigen Schlunde ein dunkles, ungeheures Haupt empor, stieg über das sausende, kochende, dampfende Feuermeer: seine Füße standen im Abgrund, seinen gepanzerten Leib umrollten die rauchenden Dämpfe. Abermals donnerte es herab durch das Chaos, und starker zitterte die Erde, wilder wirbelten die flammenden Kreise: »Ich zerreiße das Gesetzbuch! zerschmettere den Thron! Zerschlage die Stühle der Richter! Verschlinge Wohnung und Feld! Unter meinen Fersen liegt ächzend die Menschheit! Zum Kampfe gerüstet stehen die Söhne des Staubs! Ihr Schwert bereitet den Vögeln der Luft, den Thieren des Waldes ein Mahl!« Das Gekreische der Geister tönte es nach. Höher stieg das ungeheure Haupt über das kochende Chaos, seine Schultern erhoben sich, wie Felsen von Lava gebildet. Ein ungeheurer, bepanzerter Arm fuhr aus dem Chaos und schlug mit einem flammenden Schwerte hindurch. Das zischende, dampfende, wirbelnde, kochende Gewirre riß sich von einander, und im brausenden Sturme rollten die dunkel glühenden Wolken durch die Luft. Zwei Heere standen in unübersehlicher Ebene gegen einander. Haroun an der Spitze des einen, Khozaima an der Spitze des andern. Der Donner rief: »Wahnsinn, Blutdurst, Rache, Herrschsucht, beginnt euer blutiges Spiel!« Die Heere stürzten gegen einander. Das Schwert wüthete. Auf einem feurigen Wagen, von Wölfen, Tigern und Löwen gezogen, saß die ungeheure, gepanzerte Gestalt und fuhr über die Heere hin. Sein Haupt umschwebten die kreischenden Geister. An den stammenden Rädern hing der Tod und die Verwüstung . Der Gepanzerte schwang eine vom Blut triefende Fahne über die Heere; es war die Fahne der Khalifen, aufgeschwollen vom Wind, wie ein ausgespanntes Segel: er griff in die Fahne, zerriß sie, und die blutigen Stücke stürzten herab über Harouns Heer. Leviathan schlug mit seinem Stabe in das wilde Kriegsgemenge. Todesstille erfolgte. In der Ferne brannten Städte und Dörfer; beim Glanze des Feuers sah Giafar die Ebene mit den Gebliebenen bedeckt. Noch dumpfer, fürchterlicher schrie Leviathan: Bebe, Sohn des Staubs! dieses sind die Folgen deines Todes! Giafar lag auf der Erde – seine Hände emporgehoben – seine Augen blinkend gegen den nun glühenden Himmel. Abermals berührte Leviathan seine Stirne und schlug durch die brennende Luft. Die Verwüstung verschwand, Nacht erfolgte. Bald stieg die Sonne den Horizont herauf. Giafar erblickte die Leichen Harouns, seiner Söhne, Khozaimas vor dem Palast des Khalifen. Frohlockend stürzte das Volk herbei und weidete sich an dem Fall des Tyrannen. Sie rissen die Erde bei dem Palaste auf, warfen die Leichen hinein und deckten sie mit einem Steinhaufen. Giafar sah sich nach dem Palast eilen, umgeben von seiner Mutter, seinen Verwandten, hörte seinen Namen frohlockend ausrufen von dem Volke. Er sah sich sitzen auf dem Throne der Khalifen, Fatime zu seinen Füßen, blühende erwachsene Kinder um sich. Auf seiner Rechten stand eine erhabene Gestalt, die Wage der Gerechtigkeit haltend – auf seiner Linken ein schöner gedankenvoller Jüngling, der Ahmet glich. Das Volk vor ihm knieend, die Hände gegen ihn ausstreckend. Leviathan schlug durch die Luft, die Bilder verschwanden, das Licht der Sonne erleuchtete hell die Scene. Duftende, blühende Wiesen, reiche Felder lagen vor ihnen. Mit munterm Gesange, fröhlichem Gebrülle zogen Hirten und Vieh aus den Dörfern. Ihnen folgten fröhliche Arbeiter und zerstreuten sich in den Feldern. Die Karavanen zogen ruhig über die Straßen. Lobgesänge des Barmeciden ertönten. Sanft erscholl Leviathans Stimme: Giafar, dies kann noch geschehen! Er berührte seine Stirne. Giafar erwachte wie aus einem schweren Traume, lag gefesselt an dem Rumpfe der Säule; Leviathan saß gegen ihm über in voriger Stellung. Nach einer langen Pause: Wähle, Barmecide! Dieses kann geschehen! Jenes wird geschehen! Nochmals, zum letztenmal ruft dich Ahmet, dessen Macht du kennst und siehst, zum Glück der Menschen auf! Noch mehr, er sichert auch das deine! Giafar (bebend) . Wie kann es geschehen? Was muß ich thun? Leviathan. Stehe auf! Giafar richtete sich auf; klirrend fielen die Fesseln von seinen Gliedern. Er sah den Kerker weit offen stehen, seine Wächter vor demselben liegen, als habe sie der Tod hingestreckt. In der Ferne hörte er sich rufen – Leviathan. Sie schreien um ihren Erretter von künftigem Jammer! hoffen auf ihren Retter, harren, bis Ahmet ihn zu ihnen führt; sie lechzen, den Barmeciden zur Rache zu begleiten und den Abkömmling ihrer alten Könige, unter deren Scepter sie so glücklich waren, auf den Thron der Khalifen zu setzen. Alles, was ich bisher mit dir vorgenommen habe, sollte nur zu deiner Prüfung dienen und dich auf höhere Zwecke vorbereiten. Nun erst weißt du, wie man die Menschen leiten, wie man auf sie wirken muß. Die Erfahrung hat dir den Mittelweg zwischen Tugend und Laster gezeigt; beide sind als gleich gefährliche Klippen zu vermeiden. Kalt mußt du von nun an zwischen beiden stehen und sie so mischen, wenn es noch thut, daß Keiner errathe, in welche Wagschale du gegriffen hast. Du schweiftest in der Tugend aus – wolltest ein Gott sein – ich mache dich zum Menschen, daß dich die Menschen ertragen mögen, daß du menschliches Glück genießest. Das Gefängniß steht offen, die Wächter schlafen, durch meine Macht – dieser dunkle Gang führt zu dem Schlafgemach des Khalifen, dem Mörder deines Weibes, dem Mörder deines Knaben, deinem Mörder. Von Wollust ermattet, sank er an Fatimens Seite in Schlaf – ich gehe dir vor, bewache und schütze dich! Du stößest diesen Dolch in die Brust des Schlafenden – rächest dich, bist gerettet, und Asien blüht unter dem weisen Barmeciden. Giafar stand erstarrt – den Dolch in bebender Hand haltend. Leviathan. Warum zitterst du, Feiger? Habe ich deine Kraft, deinen Sinn fürs Große und Gute zu hoch angeschlagen? Wagst du dieses, was ich fordere, gegen das Glück der Menschheit abzuwägen? Giafar. Ahmet – als ich diese schrecklichen Gesichter sah, litt ich über des Menschen Kräfte; nun du ein Verbrechen von mir forderst, leide ich nicht mehr. Vor einem Augenblick bebte ich vor deiner zermalmenden, mir unbegreiflichen Macht, nun bin ich stark, stärker als du! Leviathan. Stark! Daß ich doch ja deine Stärke nicht prüfe! Doch noch lasse ich mich zu dem Sohne des Staubs herab. Verbrechen? Wo ist ein Verbrechen? Durch Das, was ich nun von dir fordere, was die Gerechtigkeit will, handelst du der ewigen Ordnung ebenso gemäß, als es Harouns Mutter that, da sie ihren Sohn vergiftete, um dem Bösen, das er that, ein Ziel zu setzen und dem Guten, das Haroun thun sollte, Raum zu geben. Er hat den Kreis des Guten, das ihm bestimmt war, durchlaufen; nun da er, durch das Verbrechen an dir, zum Bösen hinüber springt, ist es deine Pflicht, dir vom Schicksal von Ewigkeit her bestimmt, seinen Lauf zu hemmen und das größere, gewissere Gute, das die Menschheit von dir erwartet, zu vollenden. So nur zerstörst du den Samen des künftigen Bösen, und Asiens Glück blüht unter dir auf. Giafar (nach einer langen Pause) . Dich begreife ich nicht mehr; doch sei, was du willst, ein Versucher oder Verführer, ich begreife mich und wache, und deine Worte haben mich kalt gemacht. Was ist mir deine Vernünftelei? Was deine Zukunft? Ich fühle die Grenzen, in die ich eingeschlossen bin, und handle nach diesen Grenzen. Das Gegenwärtige ist der Kreis meines Wirkens, für die Zukunft ist mein Auge zu stumpf. Zum Mord forderst du mich auf? Der Barmecide sollte durch ein Verbrechen Gutes wirken? – Der Sohn des Staubs, wie du mich nennst, der nur bis morgen lebt und dann das vermeinte Gute Andern überlassen muß, dieser Sohn des Augenblicks sollte sich erkühnen, den Gang der Welt durch einen Mord zu stören, ihr einen neuen aufzuzwingen? Du kannst wohl meinen Verstand verwirren, aber mein Herz empörst du. Zweizüngiger! und wo bliebe die moralische Welt, von welcher du einst so erhaben sprachst? Nach deiner jetzigen Lehre würden bald Verbrechen die Erde verwüsten und alle gesellschaftlichen Bande auflösen. Die durch Eigennutz und niedrige Begierden bestochene Vernunft würde jeder schlechten That eine Wendung in diesem gefährlichen Sinn zu geben wissen. Und wäre nun ich so unsinnig, den Thron der Khalifen durch ein Verbrechen besteigen zu wollen, würde ich mich nicht durch neue darauf erhalten müssen? Würde nicht jeder Verwegene durch gleiches Verbrechen mich herunter zu stürzen berechtigt sein? Könnte dann noch der Barmecide das moralische Gesetz der Vernunft zur Richtschnur seines Lebens machen? Ahmet, oder wer du seist, wenn ich mein geliebtes Weib, meinen geliebten Knaben durch eine solche That wieder auferwecken könnte, wenn eine Stimme vom Himmel ertönte, wenn der Erhabene mir so sichtbar werden könnte, als du gefährlicher Geist mir es bist, und mir eine That geböte, die dem Gesetze meiner Vernunft widerspräche, ich würde ihm mein Ohr verschließen, und zerfiel ich in Staub vor seinem Odem. Doch du machst mich Unsinn reden, denn heilig, wie er ist, kann er das Gesetz nicht aufheben, das er mir gegeben hat. Leviathan. Du schwärmst im Fiebertraum; denn was du fühlst, denkst und sprichst, fließt nicht aus dem natürlichen Zustand des Menschen. Selbsterhaltung ist das erste der Gesetze, dieses fühlt das Herz des Menschen bei seiner Geburt und verläßt ihn nur beim letzten Athemzug. So wie Keiner das Böse um des Bösen willen, sondern um des Vortheils willen thut, der daraus für ihn entspringt, so thut Keiner das Gute bloß um der Idee des Guten willen. Erwache aus deiner Schwärmerei, laß dich die Bande der Menschheit wieder durch das Herz, die Sinne umfassen, und kehre zur Erde zurück, auf der du geboren bist. Giafar. Damals, als meine Vernunft verdunkelt, mein Herz von Zweifeln gefoltert war und ich die Weisen las, die meine Selbständigkeit auflösten; damals, da ich die Quelle des Uebels außer dem Herzen und dem Unverstand der Menschen suchte und Gott und die Natur zu Mitschuldigen unsrer Thorheit machte, da war ich ein Schwärmer, ein unglücklicher Schwärmer; aber als meine moralische Kraft durch Thätigkeit lebendig ward, und ich durch die Ausübung der Tugend lernte, daß aus dem Bösen, worüber ich murrte, unsre Vollkommenheit entspringt, nur daraus entspringen könnte, und ich mich dieser Vollkommenheit immer näher fühlte, die Früchte des Guten um mich her reifen sah, da verschwand die Schwärmerei, da ward ich Mensch; da trat mein Herz mit der Vernunft in Einverständniß. Leviathan. Um kalt, gleichgültig gegen den Ewigen zu werden? um ihn in stolzem Sinn zu lästern? Giafar. Wer kann heiß gegen Das sein, was er nicht fassen, nicht denken, nicht begreifen kann? Der Mensch liebt nur, was ihm durch Bedürfniß verwandt ist, was sein Glück und Unglück mit ihm sichtbar theilen und fühlen kann. Jede dunkle, ferne, unfaßliche Macht drückt unsre Stärke nieder, zermalmt die Kräfte, die uns zum freien Gebrauch gegeben sind. Was ist für mich außer dieser Welt? Ich erfülle den Kreis meines Wirkens durch die Vernunft, strebe so zu handeln, daß der Beweggrund meines Handelns Gesetz für Alle sein mag. Der Erfolg ist nicht in meiner Gewalt; aber meine Handlung ist vollendet durch den Zweck, durch den reinen Willen. Noch fühle ich, denke ich durch diesen Körper, bald überlass' ich ihn der Verwesung, und lebt ein anderes Wesen in mir, so kann ich nur durch dieses mit der Zukunft verbunden sein, kann nur dadurch mit höhern Wesen in Verbindung kommen und nur dann erfahren, in wie fern ich hier mit ihnen in Verbindung stand. Leviathan. Der mit dem Geiste schwelgt, ist nur der feinere Wollüstling. Die ausgekünstelte Selbstsucht bestimmte einst dein Wirken, nun deinen Entschluß. In deinem stolzen, kalten Flug, deiner dichterischen, unnatürlichen Ueberspannung verlierst du das Glück der Menschen aus den Augen und stürzest dich üppiger in den Tod des Verbrechers, als der rohe Wollüstling in die Arme des lang gewünschten Weibes. Giafar. Eben darum, weil er nicht der Tod des Verbrechers ist; nur alsdann würde ich vor ihm beben. Sieh, dies ist eben die Freiheit meines Willens, an der ich einst zweifelte, daß ich nun diesen fürchterlichen Tod wähle und die Rettung verwerfe, die du mir angeboten hast. Was ist es nun, das mich über alle diese Schrecken, über deine Zweideutigkeit, deine schaudernde Macht erhebt, was mich alles Gefühl der Rache zu unterdrücken lehrt? Ich hoffe nichts durch diesen Tod, verliere Alles, was der sinnliche Mensch Glückseligkeit nennt – Leviathan. Bemühe dich nicht, du suchst vergebens darnach; im Reiche der Träume schwebt es; aber ich will dir's mit menschlichen Namen bezeichnen – Feigheit ist es, Schwäche, dein Weib, deinen Knaben nicht überleben zu können. Ermüdung, bevor du das Ziel erreicht hast. Stolz, Wahnsinn des beschränkten Thoren, der um eines Hirngespinnsts willen die Welt der Tyrannei zur Verwüstung hinwirft! der in dichterischen Verzuckungen von der beschwerlichen Bahn abspringt, die zur männlichen ernsten Tugend führt. Doch es ist Zeit, daß ich die Täuschung wegblase, in die ich dich gehüllt habe. Es ist Zeit, daß ich die Vorsehung gegen deine kühne Anmaßung rechtfertige. Du nanntest dich frei! Was ist Freiheit? Was heißt frei sein? Wann, wie, wo warst du es? Hing es von dir ab, geboren zu werden? Konntest du über deine Erziehung ordnen? Die Begriffe, Gefühle bestimmen, die dir dein Vater eingeflößt hat? Sprang dein Denken aus deiner innern Kraft, ohne daß das Aeußere, über das du nicht gebieten kannst, das Seinige hinzuthat? Warst du damals frei, als ich dich an dem Knoten nagend fand, den der Ewige nur zur Pein der Frevler geschürzt hat? Warst du es, da ich dir, aus dir damals unbekannten Absichten, die Tugend zur Dichterei machte und dem Sklaven der Nothwendigkeit das schmeichelnde Lied der Freiheit vorsang, um ihn fester an die Kette zu schmieden? Warst du es, da ich dich dem glänzenden Dampf nachjagte? Bist du jetzt frei? Kannst du sagen, ich will nicht in Ketten liegen, ich will nicht fühlen, ich will nicht denken? Nichts ist frei von Allem, was dein Auge erreicht, dein Geist umspannt. Das Thier folgt dem aufgezwungenen Instinkt, der Stein, die Pflanze, der Baum dem Triebe des Wachsthums, die Welten den fest vorgezeichneten Bahnen, und der Mensch, das leidende Ding, den Eindrücken der äußern Gegenstände, die ihm seine Begierden, Wünsche, Denken und Empfinden gewaltsam wider seinen Willen aufdringen. Entspringt eine Handlung rein aus deiner Kraft, ohne allen Bewegungsgrund? Kennst du seine Veranlassung? Weißt du sein entferntes, unsichtbares Entstehen? Die Kette der Nothwendigkeit umspannt dich hier und dort, und wenn ich die leeren, lockern Begriffe von Freiheit und Selbständigkeit bei dir, bis zum Wahnsinn, zuspitzte, so geschah es darum, um dich später der faßlicheren Wahrheit, dem nothwendigen Schicksal, das alle Knoten löst, zuzuführen. Außer ihm ist nichts als wilder Zufall, ohne Festigkeit, ohne Zweck. Gleich einem losgerißnen Wesen treibst du in den Wirbel dieser ungeheuren Maschine, ohne Steuer und Ruder. Störst und wirst gestört – zerreibst und wirst zerrieben und sinkst zerrieben ins leere Nichts. O der herrlichen Welt, wo jeder Zwerg des blinden Geschlechts die festbestimmte unveränderliche Ordnung der Weltbegebenheiten verwirren könnte! Und welche Beschäftigung gibt denn das fünfsinnige, leidenschaftliche Thier dem Herrn und Herrscher dieser Welten? Soll er bloß über den Wolken sitzen und eurem unsinnigen Spiel zusehen; oder allenfalls die Glieder, die ihr aus der Kette reißt, wiederum hineinschmieden? Was ist Er, wenn jeder vermessene blinde Sohn des Staubs, jeder Wurm, jedes Insekt sein eigenes Schicksal bestimmen kann? Wenn Jeder frei ist zu wollen, ohne weitere Ursache zu wollen, als weil er will. Der Zwerg steht auf und sagt: ich bin frei, es gibt keine Zukunft, mein Eigensinn, mein Wohlgefallen, meine Leidenschaften geben ihr erst Dasein. Was will das Wesen der Wesen mit seiner festen Ordnung? Wir leben ohne Haupt; von unsrer Bosheit, unsrer Narrheit, unsren schwarzen Lastern, unsrem Stolze, unsrem Wahn, unsrer Tugend, über deren Bedeutung wir noch nicht einig sind, hängen die Weltbegebenheiten ab; durch sie zerrütten oder befördern wir die Reihe der Dinge, die der Ewige entworfen haben soll. Wir machen die Welt aus, und er hat seine Freude an uns. Die Sonne, die Planeten mögen wohl nach einer festen Ordnung laufen, doch wir, die wir ihm ähnlich sind, wir sind unsre Gesetzgeber, Schöpfer unsers Werths, sind Götter im Kleinen, pfuschen in seiner Schöpfung, pfuschen seiner Schöpfung nach. Dein stolzes Haupt sinkt – merke auf! – Ich muß die Vorsicht rächen – durch dein eignes Beispiel rächen. Laß sehen, was deine Freiheit, dein Wille zu den Begebenheiten hinzugethan hat, in die du verwickelt warst. Hadi mußte grausam sein, damit er deinen Vater ermorden konnte. Dieser Mord mußte in deiner Gegenwart geschehen, deinen Geist verwirren, dein Herz mit unnützen Betrachtungen über die Uebel der Welt foltern und dich zur künftigen Ueberspannung stimmen. Hat deine Freiheit, dein Wille hierbei gewirkt? Konntest du eines dieser Ereignisse ungeschehen machen? Eine Wolke mußte am Euphrat bersten, dich zur Lästerung gegen den Ewigen reizen; ich mußte dir erscheinen, dich diesem dunkeln, verworrenen Labyrinthe entreißen, um dich zwar in ein glänzenderes, aber noch weit verworreneres zu führen. Hat dein Wille hierbei etwas gethan? Harouns Mutter mußte ihren Erstgebornen ermorden, damit Haroun den Thron besteigen möchte, damit Haroun dich zu sich rufe, um die Tugend deines ermordeten Vaters in dir zu belohnen. Was that hierbei der freie Barmecide? Wahr ist's, etwas thatest du auf deiner Reise; du erzähltest im Selbstgenuß den Weibern meine Erscheinung. War dies eine Wirkung deiner Freiheit; oder nennst du einen Kitzel deiner Zunge Zufall – Zufall, was später über dein Schicksal so schrecklich entschied? Gewiß, das Geheimniß war ganz für Weiberohren gemacht und gut verwahrt. Du kamst in Bagdad an, gingst stolz, kühn und stark einher, und deine Freiheit bewirkte hier, was ganz natürlich war, das Mißtrauen, die Eifersucht eines Herrschers, der seine schwankende, junge Regierung noch erst gründen mußte; später, Giafar, hätte er deiner unabhängigen Tugend nur gelacht. Warst du damals frei, so warst du wahrlich der Sklave deiner Freiheit. In der Brust dieses Khalifen mußte eine unnatürliche Leidenschaft für seine Schwester glühen, und Giafar mußte just solche glänzende Thaten thun, um dieser Schwester Herz durch Bewunderung zur Liebe für ihn zu reizen und das Herz dieses Eifersüchtigen noch mehr gegen sich zu empören. War dies eine Wirkung deiner Freiheit, daß sich nach und nach der Sturm zusammenzog, um dich zu zerschmettern? Von Eigennutz getrieben, mußte dein kühner Feind Khozaima diesem Khalifen ins Gewissen reden. Dein Wille that hier nichts, als daß du den gefährlichen Mann aufspartest, da dir der Khalife doch befohlen hatte, ihn mit seinem Geheimniß in den Tigris zu begraben. Nenne dich hier frei, wenn du willst – ich, der ich die ganze Kette fasse, sage, du warst des Schicksals blinder Sklave und mußtest ihn aufsparen, damit er später dich erwürgte. Um seinen Ruhm, seinen Thron zu retten, deine Tugend auf die Probe zu stellen, seiner wilden Eifersucht genug zu thun, gibt dir der Khalife seine Schwester zum Weibe und bindet sich durch einen furchtbaren Eid. Was that der freie Barmecide hierbei? – Beschämt, daß du der Männer Pflichten nicht erfülltest, im Wahn, die Phantasie der Neuvermählten mit Luft zu füllen, vertrautest du den Eid des Khalifen deiner Mutter; sie flüsterte ihn deinem Weibe ins Ohr und blies den ersten Funken des Begehrens in ihrem Blute an. Aus Mißmuth zieht Haroun über den Tigris; seine Weiber erzählen ihm Märchen von Geistern, Feen und Zauberern, damit er durch seinen Spott die weibliche Ungeduld Fatimens reizte, mit deinem Geheimniß herauszuplatzen. Abbassa mußte das Verlangen, die Kinder ihres Bruders noch einmal zu sehen, nach dem Palast treiben, sie mußte Fatime besuchen, das Geheimniß von ihr erfahren, der Gedanke sich in ihrem Herzen festsetzen: der Mann, der unter dem Schutze der Geister stehe, habe keine irdische Macht zu fürchten. Vergebens seufzest du, vergebens blickst du ergrimmt auf mich. Schon hatte die üppige Flamme der thierischen Liebe den hohen Sinn, die feste Klugheit des Weibes angefressen, der Wunderglaube verzehrte sie, und dieser Wunderglaube mußte den großen, erhabenen Barmeciden stürzen! Wie? warst du da frei, als die lodernde, zitternde Glut aus den Augen der vor Durst nach Wollust Sterbenden dein Herz ergriff und dich in ihre Arme zog? Konnte deine Freiheit diesen Augenblick beschwören, der über Haroun, dieses Volk, über dich, über sie und den Knaben, den sie empfing, so schrecklich entschied? Gleichwohl wußte der auf seine Freiheit stolze Barmecide, daß sein Leben, und mehr als sein Leben, sein hoher Zweck, seine Tugend auf dem Spiele ständen. Wo war da deine Freiheit? Die Wollust hatte sie eingewiegt, die Weiberliebe eingeschläfert. Barmecide, war es Freiheit oder Furcht, die dich zum Heuchler machte, dich mit Frechheit ausrüstete, als dich der Khalife durch eine Wendung nach deiner Lage mit seiner Schwester fragte? Warst du frei, als du deinen Knaben deiner Mutter übergabst? Konnte deine Freiheit den räuberischen Khozaima hindern, daß er deinem flüchtigen Knaben nicht begegnete? Konnte deine Freiheit das Stolpern des Thiers abwenden, den Mund des schreienden Knaben zuhalten, das Ohr des Dieners deines Feindes mit Taubheit schlagen? Hing es von dir ab, daß sich Khozaima bei seinem Berichte eines Hofgeschwätzes erinnerte und deinen flüchtigen Knaben für einen Sohn des Neffen Harouns hielt? Was hat nun bei allem Dem der freie Barmecide gethan? Wurde er nicht von einer äußern Macht gewaltsam fortgestoßen, bis der Strudel ihn ergriff? Mußte er sich nicht leidend verhalten? Hat deine Tugend, dein Verstand einem einzigen dieser Umstände entgegen wirken können? Wurde nicht dieser zum Sklaven gemacht, und jene durch sie zum Fall gebracht? Was siehst du nun hier? Zufall, blindes, sinnloses Ohngefähr; oder eine Reihe von Begebenheiten, wo nothwendig eine aus der andern fließt? Keines Menschen Kraft vermag ihren schnellen Lauf zu fesseln; keines Menschen Kraft den kleinsten Umstand hinzu oder davon zu thun. Alles ist fest, von Ewigkeit her bestimmt; Alles nothwendig. Jede gegenwärtige Begebenheit ist von der vergangenen gezeugt und zeugt die künftige. Wäre es anders, so wäre es diese Welt nicht mehr, so wäre es eine andere, Haroun nicht Das, was er ist, und der Barmecide wäre nicht der erhabene, stolze Mann, den er mir hier vorspielt. Die Kette, die von dem Throne des Ewigen ausgeht, umspannt alle Welten, Alles, was sie in sich fassen, keines ihrer Glieder kann verändert oder herausgerissen werden. Fest hat der Ewige alle Wesen durch die Nothwendigkeit, sich selbst durch sie gefesselt. Was wäre er, wenn er diese Kette mit so schlaffer Hand hielte, daß jedes seiner geschaffnen Wesen sich davon trennen dürfte? Daß jedes aus dem Kreise springen dürfte, den er zu seinem Laufe bestimmt hat? Er hörte auf zu sein, was er ist, wäre schwach, eigensinnig, veränderlich, verleugnete seine Natur und wäre ein Sklave seiner Sklaven. Barmecide! Alles ist festes, unveränderliches Schicksal; Alles ist nothwendig, was geschieht; Alles, was geschieht, mußte geschehen, so geschehen, wie es geschieht. Nur ein Band umspannt Alles. Es gibt kein Drittes – entweder ist Alles Zufall, oder Alles Nothwendigkeit. Zwischen beiden liegt nichts, und das erste selbst ist nichts. Du verfliegst dich in dem ungeheuren Leeren, bist ein Spiel des sinnlosen Zufalls; oder du ergreifst die Kette der Wesen, an der Alles hängt. Da nun Alles, was du gewirkt hast, was dir begegnet ist, von Ewigkeit her bestimmt und vorgesehen war, so ist auch fest bestimmt und vorgesehen, was du ferner wirken sollst, was dir ferner begegnen soll. Du mußt es wirken, es muß geschehen, weil die Nothwendigkeit das Gesetz aller Wesen ist und durch den Himmel, die Erde und die Hölle herrscht. Giafar. Ich hörte dir zu und schwieg. Alles, was ich bei deiner langen Rede dachte, war, daß du an Haroun und allen Verbrechern gefälligere, gläubigere Zuhörer finden würdest, als an mir. Den Schluß erwartete ich, und du hast ihn ganz nach der Weise der Philosophen gemacht, die ich so lange gehört habe. Ahmet – wie ich dich nennen soll, weiß ich nun nicht; aber ich fürchte dich nicht mehr. – Wenn, wie du, zweizüngiges Wesen, uns sagst, der Mensch eine Puppe dieses schrecklichen Mächtigen ist, das Gute und Böse nicht aus freier Wahl thut, sondern weil er muß, demnach weder tugend- noch lasterhaft sein kann, so stehe ich, der mit Ketten Belastete, gegen ihn auf, schüttle dieses Joch ab, empöre mich gegen deine ewige Nothwendigkeit und zerreiße kühn den Faden, den er, nach deiner Aussage, zur Bewirkung einer fernern Reihe von Weltbegebenheiten durch mich von Ewigkeit her gesponnen haben soll. Du sagst, ich sei an der Klippe der Wollust gestrandet, wenigstens sollst du mich nicht an der Klippe des Unsinns stranden sehen. Leviathan. Des Unsinns? Ward nicht eben diese Lehre dem Propheten offenbart? Giafar. Die Offenbarung der Vernunft ist älter. Und zieht der Prophet diese Folgen daraus? Wirkt wohl seine Lehre mehr, als daß sie die Menschen unter das Joch des Gewaltigen des Himmels und der Tyrannen der Erde beugt? Sie durch Furcht und Angst zur stumpfen, thierischen Geduld zwingt, damit sie sich nicht das Haupt zerschlagen? Weißt du, warum ich frei bin? Nicht darum, weil ich Alles kann, was ich will, sondern weil ich will, was ich soll. Auf dieses Sollen ist meine Freiheit eingeschränkt, daß sie das moralische Gesetz nicht verletze, das die Vernunft mich lehrt, das in die Tafel meines Herzens von ihr nur eingeschrieben ist. Ich bin frei, weil nichts mich zwingen kann, eine Handlung zu begehen, die diese Gesetzgeberin für böse erkennt. Weiß ich nicht, wie ich frei bin, so weiß ich doch, wie ich gerecht, wie ich tugendhaft sein soll. Du hast vergessen – ich begreife es, warum – daß der Mensch, außer dieser sinnlichen Welt, durch seine Vernunft noch zu einer andern Welt gehört und je mehr gehört, als er sich über diese sinnliche erhebt. Du hast vergessen, daß ein Geist ohne Willen und thätige Kraft ein Unding ist; daß er nicht Mittel, sondern Zweck ist, daß wir nur unter Freiheit Sittlichkeit denken können. Mir ist der ganze Zusammenhang aller Weltbegebenheiten ein Spiel der moralischen Kräfte freier, nur von dem Gesetze der Vernunft abhängiger Wesen. Jedes übt, entwickelt, veredelt, vervollkommnet, vermindert oder verschlimmert die seinen und bestimmt schon hier in seinem Innern seinen Werth. Mehr weiß ich nicht, und dies ist mir genug. Empfinde ich nicht, daß ich mich durch die Vernunft von allen andern Dingen, selbst denen, die auf mich wirken, unterscheide? Muß ich mich nicht durch dieses Bewußtsein als ein Wesen ansehen, das außer dieser sinnlichen Welt zur intellektuellen gehört? Gibt mir dieses nicht zwei Standpunkte, nach denen ich mich betrachten muß? Als ein zur intellektuellen Welt gehöriges Wesen kann ich die Bestimmung meines Willens nicht anders als unter der Idee der Freiheit denken. Mit dieser ist die daraus fließende, sich selbst Gesetz zu sein, unzertrennlich verbunden; an beide schließt sich fest der allgemeine Grund der Sittlichkeit. Wäre ich nun bloß ein Glied der intellektuellen Welt, so würden alle meine Handlungen dem Gesetze der Vernunft gemäß sein. Da ich aber zugleich ein Glied der sinnlichen Welt bin, so muß mein Streben dahin gehen, daß sie ihm gemäß seien. Leviathan. Ein wahrhafter Todessprung für den Sohn der Erde! – Wie, du siehst nicht, daß du den Knoten zerhauest, daß du die Grenzen der Vernunft überspringest, da du dich in die intellektuelle Welt versteigst? Giafar. Ich würde es, wenn ich mit diesen Augen hineinblicken wollte. Leviathan. Und für diese Chimäre, für diesen Fiebertraum unterwirfst du dich dem Henker? Giafar. Ich unterwerfe mich dem Henker, weil ich nicht der Henker eines Andern sein will. Leviathan. Und deine Mutter? deine Anverwandten? Giafar. Sie sind mir mehr durch Tugend, als das Blut verwandt. Leviathan. Und das Menschengeschlecht, das durch deinen Wahnsinn leidet? Giafar. Du spottest meiner. Wie kann Haroun Den tödten, den das Schicksal von Ewigkeit her bestimmt hat, eine neue Reihe der Dinge anzufangen! Leviathan. Wenn es nun dich fallen ließe? Giafar. So ist Ahmet, was er mir scheint, und ich habe recht oder, wenn du willst, dem ewigen Rathschluß gemäß gehandelt. Leviathan. Welchen Lohn erwartest du für deine Thorheit? Giafar. Keinen. Glaubst du, daß ich mit der Tugend Wucher treibe? Vielleicht, daß mir dann hell wird, was mir jetzt dunkel ist. Leviathan (bricht in ein schallendes, gräßliches Lachen aus) . Träumer, bevor du dahin gelangst, will ich dich zu Asche hauchen! deine Stärke zerbrechen! deinen Stolz unter meine Ferse treten! deine Kraft zum Sterben zermalmen und dich in heulender Verzweiflung deinem Schicksal überlassen! Erkenne mich, Barmecide! – Ich bin ein Philosoph – das böse Princip – der Ahermen – der Teufel, Barmecide! – der Teufel, dessen Spiel du warst; der dich, da er dich nicht durchs Laster stürzen konnte, durch den Wahnsinn übertriebener Tugend stürzte. Hier stehe ich, genieße meines Siegs über dich, dein ganzes Haus und diesen unsinnigen Khalifen. Löse nun diesen Knoten auf – vergleiche mein Dasein, meine Erscheinung mit deiner Freiheit. Während dieser Worte überzog der Grimm der Hölle sein Angesicht. Wuth, Hohn, Haß, bittrer Mißmuth über das Mißlingen seiner Absicht verfinsterten, verzerrten seine erhabenen Züge. Seine Lippen schwollen auf, dick rollten sich die Falten über seine Stirne und drangen über der Nase hervor. Seine Augenbraunen senkten sich herunter, unter ihnen schoß wildes, glühendes Feuer hervor. Sein Athem fuhr kalt und sausend aus seinen weit geöffneten Nasenlöchern. Die Worte des Drohenden, seine plötzliche, schreckliche Verwandlung zerrütteten auf einen Augenblick die Sinne Giafars. Er sank an dem Rumpfe der Säule zurück. Schon triumphirte Leviathan in seinem Grimme, schon hoffte er ihn gänzlich zu zerknirschen und ihn zum Wahnwitz, zur Verzweiflung zu treiben. Nochmals rief er ihm zu: Kannst du diesen Knoten lösen? Giafar faßte seine Kraft zusammen, richtete sich auf an dem Rumpfe der Säule, sah in Leviathans fürchterliches Angesicht und antwortete mit fester Stimme: Der Knoten ist gelöst, denn ich habe dich besiegt. Noch schrecklicher blickte Leviathan auf ihn; Giafar fuhr fort: Philosoph, Teufel, böses Princip, was du auch seist, wirklich oder ein Blendwerk meiner Phantasie! der Knoten ist gelöst, ich habe das Böse in dir besiegt. Bist du, wofür du dich ausgibst, so bist du nichts als ein Auswurf der Geisterwelt, der mir, dem Sterblichen, nicht anders, als unter der Maske der Weisheit nahen durfte. Leviathan. Und nie bin ich gefährlicher, als wenn ich diese Maske annehme; denn so erscheine ich in euren Philosophen. Dir nahte ich – durfte dir nahen, da du dich frech gegen den Ewigen empörtest, da die Zweifel deine Seele zerrissen und er sein Angesicht von dir gewandt hatte. Hätte ich dein Herz vergiften können, so würde ich diese Zweifel geschärft haben; aber zu großen entscheidenden Thaten warst du zu feige, und mir blieb nichts übrig, als deine Einbildungskraft zu entflammen. Gelang mir's nicht, durch das Geschwätze über unbegreifliche Dinge, durch die Träume, die ich in deinem Gehirne erzeugte, deine Tugend bis zur unsinnigen Schwärmerei zu treiben? Nur dadurch konnte ich das Gute vernichten, das du, wenn du bescheiden einher gegangen wärst, mit diesem Khalifen ausgeführt hättest. Ich sah voraus, daß der stolze, unabhängige Schwärmer durch seine schreiende Tugend diesen auf seine junge Macht eifersüchtigen Herrscher empören mußte! Ich sah voraus, daß du mit jedem Widerstand, mit jedem Kampfe gegen seine ungerechten Forderungen dich höher über ihn schwingen, durch jeden Sieg über ihn seinen Stolz mehr beleidigen, seinen Haß mehr vergiften müßtest! Ich sah voraus, daß Harouns Schwester den Mann bewundern würde, den ich so gut zugestutzt hatte. Ich sah voraus, daß diese Liebe, das auf dein, des Khalifen und das Weiberherz berechnete Spiel so blutig enden würde. Ich sah voraus, daß du meine zweideutige Erscheinung aus Schlaffheit oder Eitelkeit ausplaudern würdest, und dieses war es, was dein Glück zertrümmerte. So mußtest du fallen, da fallen wo Haroun mit Recht einen Beweis deiner Tugend erwarten konnte! So mußte durch dich dein der Hölle verhaßtes Geschlecht zu Grunde gehen! das Gute verlöschen, das du gethan hast, das du noch thun konntest. Ein Augenblick der Wollust vernichtete Alles, und nun stehst du vor mir, wie der Landmann, der seine Felder umging, die reifen Früchte in Garben sammeln ließ, sich seines Reichthums erfreute – eine Wolke stieg am Abend den Horizont herauf, der Blitz schoß aus ihrem Bauche und verzehrte in einem Nu den Lohn des Schweißes. Morgen sehe ich dich unter den Händen des Henkers sterben, du wirst Staub, zerfällst in Nichts, und ich fahre siegreich in die Hölle. Giafar. Fahre hin! Noch weiß ich nicht, woher ich komme, wohin ich gehe. Hier stehe ich vor dem Versucher zum Bösen, der meinen Verstand durch die schrecklichsten Vorspiegelungen, durch die giftigsten Erläuterungen über mein Leben zu verwirren sucht! der mich in das Dunkel zurückzustoßen strebt, durch das ich mich muthig gekämpft habe! Um mich her sehe ich die Leichen meiner Geliebten – ahne die Vernichtung meines ganzen edeln Geschlechts, sehe alle meine Zwecke zum Guten von der Hand eines Mannes zertrümmert, dem ich mich aufgeopfert habe; höre sie verspottet, entstellt von diesem schrecklichen Wesen! In dieser Qual, dieser Finsterniß, diesem Zweifel erwarte ich den Tod des Verbrechers – und was ist es nun, das mir eine lichte, leuchtende Flamme vorhält in diesem schrecklichen Dunkel? Durch was besiege ich die Zweifel, die dieser gefährliche Geist mit höhnender Miene in meine Seele schießt? Was ist es, das mich über ihn erhebt? Daß ich ohne Schauder den Furchtbaren ansehe, seine trugvolle Hülfe verschmähe und keine Rache auf das Haupt des Mörders meiner Geliebten herabflehe? Trugvoller Geist, in dem ich die Neigung zum Bösen besiegt habe! die Reinheit meines Willens ist es, das Gefühl, nach dem Gesetze der Vernunft gehandelt zu haben. Die Ueberzeugung, daß ein Wesen nicht vergehen kann, das durch den Verstand gewirkt hat. Die Ueberzeugung ist es, die höchste Vollendung meiner Kraft erreicht zu haben, durch das Streben nach ihr, den uneigennützigen Gebrauch meiner Freiheit, durch den Segen der Menschen, der mich aus diesem Leben begleitet, des Lichts würdig zu sein, dessen mein Geist bedarf, die peinliche Finsterniß zu zerstreuen, welche du um mich gezogen hast, die ich hier nicht ganz zerstreuen kann. Dieses ist es, was mich zum Sieger über dich und alle Schrecken macht. Mein Vater, wenn du noch bist, höre mich, nimm mich auf in deinen Schooß, ich falle wie du! Schon erhoben sich die Haare auf dem Haupte Leviathans in rauschendem Feuer – schon dehnte sich seine Gestalt bis zum Gewölbe des Kerkers aus. Ein Bote des Allheiligen schwebte um das Haupt des Barmeciden, ihm unsichtbar; berührte mit seinen glänzenden Schwingen sanft seine Augen und öffnete sie der Unsterblichkeit. Leviathan entfloh, die Lampe verlosch, und Giafar versank in einen erquickenden Schlaf. Seine Seele schwebte in den Gefilden der Ruhe: sanfte kühlende Lüfte umwehten seine Stirne. Er wandelte mit Abbassa und Asan, auf blumigten Wiesen, unter freundlichen Schatten. 7. Harouns Wuth, Rache und Haß nahmen zu beim Gefühl seines Verlusts, beim Anblick des schrecklichen Mords seiner Schwester. Lange weinte und klagte er bei ihrer Leiche; dann sprach er das Todesurtheil über Giafar, verbannte die Barmeciden aus seinen Staaten und ließ in Bagdads Straßen Dem den Tod ankündigen, der einen Barmeciden beherbergen, der ihren Namen aussprechen würde. Einen gleichen Befehl sandte er nach allen Provinzen. Das Volk bebte und verfluchte im Herzen den Mann, der ihm den Vater und Freund raubte. Die furchtbare Macht Harouns fesselte den stillen Grimm. Khozaima bekam von dem Khalifen Befehl, den Barmeciden zu dem Richtplatze zu führen. Man weckte ihn auf aus seinen süßen Träumen, verkündigte ihm sein Urtheil, das Urtheil über sein ganzes Geschlecht und führte ihn in Ketten aus dem Kerker. Wehklagen des Volks empfing ihn. Heiter und ruhig sah er über das Volk hin, seine Augen winkten den Weinenden den Abschied zu, seine Hände waren gefesselt. Alles floh, da er dem Richtplatze nahte, und verschloß sich in die Häuser. Giafar, der Barmecide, die Zierde Asiens, der Ruhm der Menschheit, fiel unter der Hand des Henkers, und Harouns Völker sahen sich verwaist an. 8. Tiefe Traurigkeit herrschte in Bagdad, bald im ganzen Lande. Jeder seufzte im Stillen über den Tod des Gerechten, über den Tod des Wohlthäters des Menschengeschlechts, und Jeder zitterte, den Namen des Mannes auszusprechen, den er beweinte. Nur ein einziger Alter, Namens Mondir, hingerissen von Bewunderung und Schmerz, achtete den Befehl des gefürchteten Khalifen nicht. Er stellte sich, dem verlaßnen Paläste über, auf eine Anhöhe und brach in laute Klagen über das Schicksal Giafars und der Barmeciden aus. Das Volk versammelte sich um ihn her; und begeistert von seinem Gefühle, von dem Schluchzen, den Thränen der Umstehenden, hielt er eine Lobrede auf Giafar und sein Geschlecht. Mit der rührenden wahren Beredtsamkeit des Herzens schilderte er ihre großen Thaten, die unzähligen Wohlthaten, die sie Persien und ganz Asien erwiesen haben, dann streckte er die Arme gegen den Palast Giafars und ihr Geschlechtshaus aus und rief: »Und diese Häuser, in denen jeder Unglückliche Zuflucht, jeder Arme Hilfe und Trost, jeder Hungrige Speise, jede Waise einen Vater fand, sind öde und verlassen! Ihr edelster Bewohner ist nicht mehr – ist ermordet! Und Er, der alle seine Väter übertroffen hat, hat kein Grab, auf dem wir weinen, auf dem wir für ihn beten können!« Thränen, Murren und Seufzen und Wehklagen begleiteten diese Worte des Alten. Der Kadi, der von dem Zusammenlaufe Nachricht erhalten hatte, eilte mit einer Wache herbei, trieb das Volk auseinander, riß den Redner herunter und schleppte ihn nach dem Palaste des Khalifen. Der Khalife ergrimmte, ließ ihn vor sich bringen, und als er ihn erblickte, schrie er ihm zu: »Verwegener, hast du meinen Befehl nicht gehört?« Mondir (gelassen) . Ja! So tödtet den Kühnen, den Andern zum Schrecken, sprach Haroun. Mondir Ich danke dir, Nachfolger des erhabenen Propheten! Erlaube mir nur aus Gnade, bevor du mich tödten lässest, einige wenige Worte, und ich eile dem Barmeciden nach. Haroun winkte ihm die Erlaubniß zu. Mondir Herr der Gläubigen, wer wird wohl darüber erstaunen, daß du den armen Mondir tödten lässest, nachdem du den Gerechtesten in Asten zum Tod verurtheilt hast? Dein Volk ist nach dieser That auf das Schrecklichste vorbereitet; denn um sie begehen zu können, muß der gute Geist, der dich bisher geleitet hat, von dir gewichen sein. Nur wenig Athem habe ich noch; aber ich will ihn anwenden, um dir zu sagen: du hast die Zierde deines Throns, den Vater deines Volks, deinen weisen Freund in Giafar ermordet! die künftigen Freunde und Lehrer deiner Kinder in seinem Geschlecht verbannt. Freilich kannst du mich tödten und hast, so mächtig du auch bist, kein anderes Mittel, mich alten Mann verstummen zu machen. Aber kannst du auch den Ruhm seiner und seiner Väter Thaten tödten? Kannst du den Dank deiner Völker, den Segen der durch sie Glücklichen schweigen heißen? Kannst du die heimlichen Thränen über ihren Verlust in deiner Unterthanen Augen zurückhalten? Kannst du gebieten, ihre Herzen sollten dich nicht im Stillen verwünschen? Tödte nur und wüthe! die Barmeciden sind unsterblich, sie leben durch ihre Wohlthaten, durch ihre Tugend. Sie leben fort in den Gebäuden, die sie als Denkmäler ihrer Menschlichkeit aufgeführt haben. Zerstöre sie, und die Trümmer werden dann noch bezeugen, was ich sage, wenn von dir nichts mehr übrig ist, als das Andenken der schrecklichen That, die du begangen hast. Dein Bruder Hadi tödtete den edlen Vater, du den noch edlern Sohn, den Sohn des Mannes, dem du das Leben dankst! »Unter solchen Herrschern ist der Tod Gewinn!« Harouns Wangen glühten, seine Augen wurden feucht. Vergebens erwachte Groll in seinem Geiste. Die Worte des Alten, seine Vorwürfe, das Andenken Hadis, das er ihm so plötzlich vorhielt, die Erinnerung der Tugenden Giafars, das Bewußtsein: die Stimme des Volks sei gerecht; das Gefühl: der Mann, der alle diese Vorzüge besessen, sei nicht mehr, er habe seine Rache an ihm gesättigt, seine Macht durch seinen Fall bewiesen, die Klugheit des Herrschers stimmten ihn zum Mitleid mit dem Alten. Er rief einem seiner Diener, sprach leise zu ihm; dieser trat ab. Die Umstehenden sahen den Tod Mondirs als gewiß an. Der Diener kam zurück mit einer goldnen Schüssel voll Derhem. Haroun ließ sie dem Alten reichen und sagte: Haroun ist gerecht; Asien nennt ihn Alraschid, und so wird ihn die Nachwelt nennen. Nimm hin, und Friede sei mit dir! Mondir empfing die goldne Schüssel, hielt sie gegen die Anwesenden hin und rief: Seht hier noch eine Wohlthat des edlen Barmeciden! Diese Worte wurden zum Sprüchwort in ganz Asien, und Jeder, der noch heute unvermuthet eine Wohlthat empfängt, ruft Mondir nach: Seht hier noch eine Wohlthat des edlen Barmeciden! 9. Leviathan fuhr ergrimmt in die Hölle zurück. Schweigend, die Augen fürchterlich rollend, sank er zu den Füßen Satans hin. Das Triumphgeschrei der Teufel stockte plötzlich, da sie seine finstre Wuth bemerkten. Satan rief ihm zu: Bringst du Sieg, mein Sohn? Leviathan. Sieg, Herr, doch keinen für mich. Satan. So stehen die Barmeciden? Leviathan. Gefallen! Aber Der, den ich hierher reißen wollte, den ich vernichten, dem ich Laster zur Tugend machen wollte, der hat über mich gesiegt. Ich habe mich in ihm betrogen, und der Haß gegen die Menschen würde mich tödten, wenn mich die Last der Unsterblichkeit nicht drückte. Ich wollte ihn nur äffen, nur den Wunsch zum Verbrechen in ihm erzeugen, dann mit Hohnlachen davon ziehen; die Verzweiflung hätte ihn mir schon nachgesandt. Nichts ließ ich unversucht; ich gaukelte ihm die künftige Glückseligkeit der Söhne des Staubs vor, setzte ihn auf den Thron der Khalifen, ermordete ihn, sein Geschlecht, Tausende der Elenden im Bilde vor seinen Augen; verwüstete, verbrannte Städte, sprach im Geiste deiner Philosophie – umsonst! Alle meine List, alle meine Kenntniß vom Menschen scheiterten an ihm. Die Vernunft ist seine Gesetzgeberin, der reine Wille sein Leiter. Erhaben über die Schrecken, womit ich ihn umgab, stand er da! Mein fürchterlicher Anblick erstarrte ihn nicht! Sein schreckliches, nahes Ende machte ihn nicht erbeben! Alle Qualen unsers Daseins empfand ich, da ich ihn in seiner kalten Erhabenheit vor mir stehen sah. Bis zum glühenden Wahnsinn von seinem Geschwätze über Tugend ermüdet, wollt' ich wagen, die Grenzen meiner Macht über ihn zu überschreiten – schon schoß ich in die scheußlichste Larve der Hölle, schon berührte mein flammendes Haar das Gewölbe des Kerkers; ein Sklave des Ewigen erschien, berührte mit seinen glänzenden Schwingen die Augen des Thoren – er sah in Verzückung, was wir verloren haben! Ich mußte entfliehen! Leviathan mußte vor dem Sklaven entfliehen! – Noch sah ich Giafar unter den Händen des Henkers – noch hörte ich die Verbannung seines Geschlechts ausrufen. Satan (leise) . Da haben wir's! doch deine Neider würden froh sein, wenn ich dir zürnte. – (Laut.) Mein Sohn, du hast genug gethan! Das uns verhaßte Geschlecht der Barmeciden, die Hauptstütze der Tugend in Asien, ist durch die Bosheit der Menschen dahin; das Andenken dieses Khalifen wird das Andenken der großen Aufopferungen dieser Thoren schon abkühlen und wenig gefährlich für uns machen. So ein Herrscherstreich heilet die Narren von dem Enthusiasmus der Tugend auf lange. Tretet näher, ihr Teufel, bewillkommt den Fürsten, und sucht ihm gute Laune einzuflößen. Die Teufel nahten spöttisch, und Moloch sagte: Fürst Leviathan, auch dem geschmeidigsten Sophisten gelingt nicht immer der Zungenkampf. Schade nur, daß es ein Sohn vom Weibe geboren ist, der dich überwunden hat. Satan. Schweig, Prinz Moloch! Leviathan hat gesiegt! für die Hölle groß gesiegt! Nur sein edler Ehrgeiz macht ihn mißvergnügt. Leviathan. Verdammt sei die Vernunft des Menschen! Durch sie dachte ich diesen dem Ewigen zu entreißen, und brachte ihn ihm näher. Dreimal verdammt – meine Verwünschung erschalle durch die ganze Hölle – sei die kalte, starke Vernunft! Groß ist die moralische Kraft des Menschen, wenn sie ihn leitet, und nur durch sie steht er da, ein Bild des Ewigen! An Keinen will ich mich mehr machen, der sich bloß von ihr leiten läßt, der das Gute um des Guten willen thut, ohne Hoffnung auf Lohn, der die Tugend zu seiner Natur und Bestimmung macht! Macht euch, ihr Teufel, an Die, welche sich vom Glauben leiten lassen, die vor Strafe zittern und nach dem Lohn schnappen, der so lockend für sie ist, weil er, wie sie meinen, alle Genüsse übertrifft, die sie in Schwelgerei ihrer Sinne gekostet haben. Die Vernunft steht in einer Schanze, in Felsen gehauen; nur dann, wenn sie sich mit dem Glauben sinnlich vermischt, zieht die Einbildungskraft eine Verzäunung von Stroh um sie, diese setzt ihr mit einem einzigen irdischen Funken in Flammen und erstickt die gefesselte Sklavin im Dampfe! Satan. Merkt euch dies, ihr Teufel! Leviathan. Doch sage mir, Herr, was soll aus uns werden, wenn die Philosophie, die dieser Giafar nur ahnte, und die von der deinen so sehr absticht, einst von einem tiefen Denker systematisch bearbeitet wird und faßlich unter den Menschen in Gang kommt. Satan. Damit hat es noch lange Zeit, und geschieht es einst, so wird es damit gehen, wie mit Allem, was die Menschen thun. Sei ruhig, mein Sohn, über diesen Punkt. Der Faden ist für die groben Sinne viel zu fein gesponnen, das Licht viel zu helle, als daß es die bloß an Helldunkel gewöhnten Augen der Menschen ertragen könnten. Und wagt sich einst dieser Denker hervor, so werden die Schüler meiner Weisheit ein solches Geschrei erheben, daß man die Stimme der Wahrheit nicht vernehmen wird. Meine Schüler, Leviathan, schreien für die Ehre, das Brod, das Handwerk, und ihre Zunft ist groß, wie du weißt. – Alles Das ist nur für die Hörsäle, allenfalls noch für die Wolkenritter, wie dein Barmende einer war. Versuche nur Einer, diese kalte philosophische Dichterei thätig unter den Menschen auszuüben, und es wird ihm ergehen, wie diesem da. Nur meine Philosophie ist und bleibt die wahrhaft allgemein praktische für diese sinnlichen Söhne der Erde. Die übersinnliche des Philosophen, womit du uns bedrohst, wird nur eine Satire mehr zur Beschämung dieses Geschlechts werden und meinen treuen Schülern noch viel giftigere Beweise zur Bekräftigung der meinigen, von den Menschen geliebtern, liefern.