Friedrich Maximilian Klinger Reisen vor der Sündfluth 1794 Einleitung des Herausgebers nach Ben Hafi und den arabischen Traditionen. Nach den strengen und thätigen Weisen und Eroberern, die dem großen Propheten in dem Khalifat nachfolgten, lebte nun einer, der vermöge seiner Erziehung und seines natürlichen Hanges zur Ruhe, das Geheimniß finden mußte, der Oberherrschaft über Asien in aller Gemächlichkeit zu genießen. Seine Vizire und Vertrauten bewiesen ihm klar, daß alle seine Vorfahren, nur um ihm, ihrem weisesten und glücklichsten Nachfolger, ruhige, selige Tage zu verschaffen, so viel Land erobert und so viele Hunderttausende während der Eroberungen aufgeopfert hätten. Es hält, wie man sagt, nicht schwer, einen Mann, der als Thronerbe geboren wird, von einer solchen Meinung zu überzeugen, und man soll sogar bei noch sonderbarem Meinungen auf seinen Beifall rechnen können, wozu aber Erfahrung und Geschichte die Beweise liefern mögen. Der Khalife wenigstens widersprach diesen edlen Männern selten, und wären die Kräfte seines Körpers, der Witz seiner reich besoldeten Märchenerzähler zu seinen physischen und geistigen Ergötzlichkeiten immer hinreichend gewesen, so wäre er, aller Wahrscheinlichkeit nach, ohne weitere Klage und Mißbehagen, von seiner Seite wenigstens, mit dem Ruhme zu seinen Vätern gewandelt, selbst nichts Gutes und nichts Böses gethan und weder das erste gehindert, noch das zweite befördert zu haben. Hofleute und Priester mögen es beweisen, daß dieses die besten Regierungen sind. Da aber nun des Khalifen Nerven durch Ruhe und Genuß etwas geschwächt waren, seine witzigen Köpfe sich in wunderbaren Märchen so erschöpft hatten, daß sie die alten wiederholen mußten, ein Ding, welches dem Herrscher ganz unerträglich vorkam, so waren plötzlich alle Personen, die in seinem heiligen und mächtigen Namen herrschten und als wohlverbundne Räuber gegen die Menschheit fest zusammen hielten, in der größten Verlegenheit. Was ihre Verlegenheit sehr ängstlich machte, war, daß der Khalife, der sich bisher um die Regierung gar nicht thätig bekümmert hatte, auf einmal anfing, sich nach Diesem und Jenem zu erkundigen, und für einen Mann von vierzig Jahren, der seit einigen zwanzigen regieren ließ, die sonderbarsten Fragen that. Es schien, er, der bisher ohne alle Sorge und Unruhe auf dem Thron gesessen hatte, wollte nun auf einmal wissen, warum er auf dem Throne säße und was ihm denn eigentlich für Geschäfte in dieser Welt zugetheilt wären. So weit kann sogar Abspannung und Mangel an die Phantasie kitzelnder Unterhaltung einen Khalifen selbst in Asien bringen. Der Khalife war ein sehr frommer Mann, ein eifriger Verehrer Gottes und treuer Schüler des Propheten. Keiner seines großen Reichs war von dem Hauptgesetze der wahren Gottesfurcht, dem völligen Ergeben in den Willen des Höchsten ohne Murren und Fragen, dem Dulden unter dem Schicksale ohne Klage so tief durchdrungen, wie er. Er kannte kein andres Buch als den Koran, dessen Worte beständig im feierlichsten Tone von seinen Lippen flossen, weil der Geist derselben ganz in seinem Herzen wohnte. So leicht nun die Verbündeten, die von diesem Geiste weniger durchdrungen waren, dieses mißbrauchen konnten, so wußten sie doch, daß es ihrem Herrn, der so oft die naivsten, ja gar erhabene Dinge sagte und eben so oft die weisesten Entschlüsse faßte, weder an Verstand noch Witz, sondern bloß an Dem gebrach, was Diesem allem Gedeihen gibt – dem festen, ernsten Willen. Daß dieser ihnen so gefährliche Feind nicht rege würde, dafür hatten sie bisher weislich gesorgt, nun aber fürchtete Jeder des Bundes, es möchte wohl einer unter ihnen herrschsüchtig und treulos genug sein, diesen halberwachten Feind ganz aufzuwecken. Zwar fürchteten sie nicht, der Mann, der seinem Fleische so lange wohl gethan hatte, daß zu Zeiten sein Geist mit demselben Eins geworden zu sein schien, würde nun auf einmal ein thätiger Regent werden; Alles, was sie besorgten, war, einer von ihnen möchte sich, durch die Erfindung eines neuen Gaukelspiels, des Herrschers über Asien allein bemächtigen. Diese Sorge und Angst dauerte einen ganzen Monat lang; Einer beobachtete den Andern, Ruhe und Schlaf hatte Alle verlassen. Die Kabale, Intrike, Niederträchtigkeit, die Heuchelei und der Stolz, angefeuert von Furcht, Mißgunst und Neid, spielten eine so possierlich tragische Farce, daß des Khalifen Unterthanen, hätten sie in die Herzen ihrer Unterdrücker blicken und ihrem Spiel zusehen können, wenigstens einen kleinen Trost für ihre Leiden gefunden haben würden. Ach, die Lage eines Hofmanns, der nicht mit den vollen Segeln der Gunst schiffet, oder der in seiner stolzen Fahrt auf eine Klippe stößt, ist gar zu traurig, und gewiß, es beweiset die eingewurzelte Bosheit der Menschen, wenn sie sich eines so rührenden Schauspiels erfreuen! Zum Trost der Gutgesinnten befreite indessen der Zufall, das dunkelste und entscheidenste aller Wesen in menschlichen Ereignissen und Begebenheiten, unsre Bekümmerten aus ihrer Verlegenheit. Freilich nur auf eine kurze Zeit; da man aber nirgends mehr als an Höfen auf den gegenwärtigen Augenblick sieht, so schien schon Alles gewonnen. In Bagdad trieb sich um diese Zeit ein gewisser Ben Hafi herum, den das Volk den weisen Narren nannte; zwei Gemüthsbeschaffenheiten, die, so widersprechend sie auch bei dem ersten Anblick erscheinen, sich doch sehr oft beisammen finden. Vielleicht nannten die Bagdader ihn auch darum den weisen Narren, weil er nicht weise auf ihre Art war, und gewiß hätte er nach der ihrigen mehr gewonnen, als nach der seinigen. Bis jetzt besaß er nichts an Werth und Schätzen, als eine seltene Handschrift, mit wunderbaren Zeichen geschrieben, des Inhalts: Reisen vor der Sündfluth , aus dem er bald Diesem, bald Jenem, für ein Mittagessen oder Nachtlager, etwas vorerzählte. Diese besondre Art, sein Brod zu erwerben, ward dem Ober-Kadi durch seine geheimen Aufseher hinterbracht, und dieser Umstand beweiset den Spruch des weisen Salomo, daß unter der Sonne nichts Neues mehr geschehen und erfunden werden kann. Der Herausgeber dieses Buchs bedauert es, daß er seine Zeitgenossen um den Ruhm dieser Erfindung der weisesten Polizei bringen muß, tröstet sich aber mit dem schmeichelhaftesten Gedanken, daß sie diese rohe Erfindung so zur Vollkommenheit gebracht haben, daß es unserm erleuchteten Zeitalter noch immer als charakteristisches Ehrenzeichen vorzüglich angehört. Auf was für Absprünge doch ein Mann, der heute ein Buch schreibt oder nur zusammenträgt, gebracht wird, und gleichwohl klagt man, daß wir nicht mehr so einfach schreiben, wie die Alten. Klagt die Veränderung der Umstände, die hohe Erleuchtung an, ihr beschwerlichen Mißvergnügten! Was kann der Schriftsteller dafür, daß Religion, Moral, Politik, Polizei, Finanzwesen und Regierung in ein so schönes, feines, rundes und vollendetes Ganze zusammengeflossen sind, daß man keinen Faden dieses so mannigfaltigen Gewebes berühren kann, ohne die unzähligen andern mit zu bewegen. Und warum darüber klagen, da wir daraus beweisen können, daß sie nicht allein uns glücklich machen, sondern auch durch den Reichthum unsrer Ideen den Vorrath unsrer Sprache so vermehrt haben, daß die Alten mit ihren so ausgebildeten Sprachen als arme Stümper erscheinen müßten, wenn sie mit unsern Moralisten, Kameralisten, Finanziers, Polizeiaufsehern oder gar mit einem Minister zu unterhandeln hätten. Der Ober-Kadi, der, vermöge seines Berufs, natürlich gleich etwas Widriges gegen den Koran oder den Khalifen in dem Benehmen des weisen armen Narren finden mußte, ließ ihn ohne Weiteres vor der Hand gefänglich einziehen, und dies nach den Regeln der Klugheit; denn er war überzeugt: daß, wenn bei der Sache Gefahr wäre, so sei er ihr zuvorgekommen, und fände man den armen Narren unschuldig, so habe er ja noch immer Zeit genug, gegen ihn gerecht zu sein. Ein Mann, der in Bagdad vor grauer Zeit so schließen konnte, wäre auch noch heute in unsern feiner organisirten Staaten zu gebrauchen; doch maßen wir uns mit dieser Bemerkung gar nicht an, unsre Ober-Kadis belehren zu wollen, was in solchen Fällen ihre Pflicht sei. Zum Glück des armen Ben Hafi sprach der Ober-Kadi zufällig von diesem besondern Vorfall mit dem Großvizir. Der Großvizir, der sich am meisten im Gedränge fühlte, hörte kaum die Worte: Reisen vor der Sündfluth, ein närrischer Weiser , als sein Geist ihm zuflüsterte: »Wer weiß, ob uns Dieser nicht aus der Verwirrung hilft; je seltsamer, je besser! Ist der Kerl ein Narr und doch weise dabei, so wird er ja wohl wissen, wie man einem etwas abgespannten Monarchen die Zeit vertreibt, ohne daß es nützet oder schadet!« Der Großvizir sah und hörte Ben Hafi, durchblätterte seine wunderbare Handschrift, schüttelte den Kopf über die verworrenen, verzerrten Zeichen und blickte ihn lächelnd an, während dieser ihm ernst und kalt in die Stirne sah. Hierauf rollte der Großvizir die Handschrift zusammen, nahm sie unter den Arm, winkte Ben Hafi, ihm zu folgen, und sagte im Gehen: »Ben Hafi, närrische Weisheit, so viel du immer willst, nur keine ernste. Die erste erwirbt dir Gold und des Großvizirs Gunst, die zweite des Khalifen Unwillen, weil sie ihm Langeweile machen würde, und sein Diener müßte sie dir, vielleicht gezwungen, mit einem Strick belohnen.« Nach diesem sehr verständlichen Fingerzeig führte ihn der Großvizir bei dem Khalifen ein, legte diesem die Handschrift vor, sagte ihm, was sie enthielte und was er von dem närrischen Weisen wußte. Während der Khalife, neugierig und erstaunt, die wunderbare Handschrift durchblätterte, hatte Ben Hafi Zeit, ihn zu beobachten. Sein freundlicher milder Blick, seine schöne, ehrwürdige Gestalt gewannen ihm Ben Hafis Herz, und es fuhren diesem so viele sonderbare Gedanken über den Herrn der Gläubigen durch den Kopf, in die sich zugleich so viele Kühnheit mischte, daß sie selbst die Gegenwart des strengen Großvizirs nicht niederschlagen konnte. – Bald that der Khalife eine Menge Fragen an ihn: »Woher er die Handschrift habe? In welcher Sprache sie geschrieben sei? Wer der Urheber davon sei? Wie sie der allgemeinen Fluth hätten entgehen können? Ob es nicht gar eine Erdichtung wäre? Scheue dich nicht, Ben Hafi,« setzte er hinzu, »mir dies zu gestehen, denn aus gewissen Ursachen wäre es mir noch lieber, wenn es eine Erdichtung wäre.« Ben Hafi versicherte den Khalifen, die Handschrift enthielte Wahrheit und stellte ein treues Gemälde von der Erde und ihren Bewohnern in dem letzten Zeitraum vor der Sündfluth dar. Khalife. So fürchte ich sehr, diese Gemälde werden so wenig lustig sein, wie die Gemälde von den Menschen nach der Sündfluth. Ben Hafi. Nachfolger des Propheten, du hast viel mit wenig Worten gesagt, vielleicht noch mehr, als du sagen wolltest. Khalife. Ich will weiter nichts sagen, als daß ich fürchte, deine Geschichte da wird für mich nicht unterhaltend sein. Ben Hafi. Höre sie an und urtheile dann. Großvizir. Du bist sehr kurz, Ben Hafi! Glaubst du, der Khalife habe weiter nichts zu thun, als das Wagestück mit dir einzugehen, seine kostbare Zeit aufs Spiel zu setzen? Ben Hafi. So erspare sich und mir der Herr der Gläubigen die Zeit, denn ich stehe für nichts. Und beim Propheten, ich würde eine große Sünde begehen, wenn ich dem Nachfolger des Propheten Stunden raubte, die seinem Volke gehören. Noch mehr, meine Geschichten müßten erbärmlich flach sein, wenn man sie an einem Hofe immer unterhaltend finden sollte; oft erfordern sie etwas mehr, als das bloße Ohr. Laß mich darum immer wieder einpacken. Khalife (fuhr hastig zu) . Halt! beantworte erst meine Fragen, und dann will ich deine Geschichten hören. Ben Hafi. Herr, wenn du mir befiehlst, daß ich dir die Zeichen der Handschrift verdolmetschen soll, so wirst du die Antworten auf deine Fragen nach und nach selber finden. Für jetzt so viel! Diese wunderbare Handschrift fand viele Jahrhunderte nach der Sündfluth ein Weiser Indostans auf dem alten Gebirge, Da die Handschrift Ben Hafis weder dies alte Gebirge, noch den Khalifen namentlich bezeichnet, so hätte der Herausgeber eine schöne Gelegenheit, sich das Vergnügen zu machen, eine lange historische Abhandlung darüber zu schreiben und sie diesem Werke anzuhängen. Das Einzige, was ihn abhält, ist der Zweifel, ob sie dem Leser eben so viel Vergnügen machen würde. Ein Zweifel, der da beweiset, daß der Herausgeber gewiß kein Deutscher ist. tief unter einem Felsen vergraben. Durch Eingebung eines höhern Geistes lernte der Weise, die Handschrift zu entziffern, wenigstens sagte er so. Die Handschrift erbte in seiner Familie fort, und immer lehrte der Vater den Erstgeborenen den Sinn der wunderbaren Handschrift. Ich wanderte in Asien herum, kam nach Indostan, lernte den Besitzer der Handschrift kennen und stahl ihm, durch den Beistand meines natürlichen Geistes, den Schlüssel zur geheimen Sprache dieser Zeichen. Bald darauf verließ ich ihn und wunderte mich sehr, als ich in dem Sacke, worin ich meinen Vorrath auf der Reise trage, die seltene Handschrift fand. Vielleicht wollte mich der gute Weise mit dem Geschenke, nach dem er mich so lüstern sah, überraschen; vielleicht auch, daß das Schicksal wollte, sie sollte nicht fernerhin das zu eigennützige und beschränkte Eigenthum eines Einzigen bleiben; vielleicht wollte es gar, daß der arme, immer herumwandernde Ben Hafi an des Khalifen Hofe dadurch das Ende seiner mühseligen Wanderungen finden sollte. Die Zeichen nun, die du hier siehst, Beherrscher der Kinder des Propheten, sind Zeichen und keine Sprache, oder besser, sie sind Versinnlichung der Gegenstände. Und wer nun diese Zeichen zu deuten weiß und jedes derselben durch drei und sieben und sieben durch drei, und eins durch drei und drei durch eins, und neun durch drei und drei durch neun zu theilen und zu verbinden versteht, der versteht die Bedeutung und den Sinn der Zeichen, er sei Araber, Perser oder Indostaner. Die Wurzel liegt in dem Ungraden und der Geist der Wurzel in dem Einfachen. Khalife . Genug! genug! Sage mir lieber, was die Handschrift enthält. Ben Hafi . Wie schon gesagt: Reisen, Geschichten vor der Sündfluth. Mahals, Noahs des Propheten Schwähers, Reisen oder die Geschichte der Menschen und ihrer Herrscher vor der Sündfluth. Khalife . Ich ließ dich schon merken, daß ich die Geschichten nicht leiden kann, die wahren meine ich. Märchen! Märchen müssen es sein! denn sieh, Ben Hafi, Märchen lehren Weisheit, ohne den Anschein davon zu haben; sie belehren den Zuhörer, ohne daß sich der Erzähler dem Verdacht aussetzt, Höhere und Bessere, als er selbst ist, belehren zu wollen. Märchen kitzeln die Einbildungskraft und schläfern ein. Von Märchen glaubt der Zuhörer, was er will, und erzählst du etwas Schlechtes von Sultanen und ihren Dienern, so kann man denken, es sei Erfindung eines müßigen Thoren oder eines schwarzgallichten Mißvergnügten; aber der Geschichte muß man glauben. Darum mußt du mir deine Reisen da wie Märchen erzählen, wenn du willst, daß ich sie hören soll. Mißfällt mir etwas, so denk' ich oder sag' ich dann: ist's doch nur ein Märchen und keine Wahrheit! Ben Hafi . Ich bewundere, was du sprichst! Springt doch immer da der tiefe Sinn hervor, wo du ihn nicht suchtest! Ach, gliche nur das Vermögen meines Geistes dem Willen, dir zu gefallen, so sollten dir Mahals Reisen vor der Sündfluth eine herrliche Erzählung werden, und ich wäre des reichen Lohns gewiß. Khalife . So beginne! Ben Hafi . Da nun meine Erzählungen wie Märchen klingen sollen, so erlaube, daß ich erst ihren Ton umstimme. Auch mußt du mir, bevor ich anfange, eine Bedingung gewähren. – Khalife . Eine Bedingung! Wer macht die als ich? Vernimm die meine und schweige. Ich unterbreche dich, so oft es mir gefällt. Mache meine Anmerkungen über Das, was du erzählst, schlafe ein, wenn ich dazu geneigt bin, und wenn ich schlafe, so erzählst du fort; denn Derjenige, der unter dem Erzählen schläft – vorausgesetzt, daß der Erzähler keine schnarrende, rauhe, gellende Stimme hat – der glaubt, er schliefe unter dem sanften Gemurmel eines Baches, und erwacht er, so hat er den Vortheil, daß er gleich Gedanken vor sich findet, die ihm weiter keine Mühe kosten, als sie aufzunehmen. Ben Hafi . Vortrefflich, Herr! doch ich kann von meiner Bedingung nicht abstehen, solltest du auch mir zürnen. Khalife . Laß hören. Ben Hafi . Du erlaubst mir, in diese Reisen oder Märchen so viel von meiner eigenen Weisheit und Thorheit, meinen Sprüchen und Bemerkungen einzumischen, als mir gefällt, und wenn sie auch nicht an ihrer Stelle ständen. Kein Philosoph hört sich lieber, als ich mich höre, und springt meine Ader einmal, so möcht' ich mich lieber erdrosseln lassen, als schweigen. Auch muß ich aufhören können, wenn ich es für gut finde, und meine Märchen nach mir gefälligem Maß zuschneiden dürfen. Ferner mußt du Mahals Reisen bis ans Ende anhören, und sollten sie dir auch noch so viele Langeweile machen; denn erst am Ende kommt das Lustige und Stechende. Bin ich mit Mahals Reisen fertig, so erzähle ich dir meine Wanderungen durch Asien und Afrika, die, obschon nach der Sündfluth gemacht, mit denen vor der Sündfluth sehr viel Aehnliches haben, nur daß sie etwas wunderbarer und lustiger sind. – Herr der Gläubigen, gefallen dir meine Bedingungen nicht, so rolle ich meine Handschrift zusammen, und du machst mit mir, was du willst. Khalife . Und du fürchtest nichts von Dem, der hier über Leben und Tod gebietet? Ben Hafi . Nichts, gar nichts, und dazu habe ich einen ganz eignen Grund. Khalife . Wie lautet der? Ben Hafi . Ich glaube, Herr, daß nur die Bösen nach diesem Leben sich fühlen und fortdauern, daß die Guten dort ohne Träume und Erinnern schlafen, und darum kann ich nicht geschwind genug dahin kommen, wo man nicht mehr erwacht, wo man vergißt, daß man gewesen ist. Khalife . Du sprichst Unsinn, Mensch, doch Gott ist groß! denn bei den Engeln, die Einigen die Seelen gewaltsam entreißen! bei den Engeln, die sie Einigen sanft ablösen! bei den Engeln, die mit den Befehlen Gottes schwimmend in der Luft hingleiten! bei den Engeln, die dem Gerechten in dem Paradiese vortreten und seinen Sitz bereiten! bei den Engeln, die die Ereignisse der Welt leiten! Nur ein Stoß in die Trompete wird ertönen, und die Gräber werden sich öffnen, und die Ungerechten werden rufen: Ach, Unglück über uns, der Tag des Gerichts ist da! Dann wird die Erde von ihrer Stelle beweget, die Gebirge in Stücke zerschlagen werden und in Staub zerfliegen. An diesem Tage soll die unvermeidliche Stunde des Gerichts kommen. Dann soll die Sonne zusammengefaltet werden, die glänzenden Gestirne erlöschen und die Himmel zerrissen werden. Das Meer wird kochen, die reißenden Thiere werden sich zu Haufen sammeln, des zehen Monden trächtigen Kameels wird man nicht achten, die Seelen werden mit den Leibern wieder vereinigt werden, die Gräber sich öffnen und die Todten lebend hervorgehen. Dann wird eines Jeden Buch geöffnet werden und Jedem geschehen, nach dem er gethan hat!« Aus dem Koran ; wie alle übrigen so gedruckten Stellen, die in diesem Werke vorkommen. Ben Hafi . Gott ist groß und gerecht und darum fürchte ich nichts. – Ohne diese Bedingungen rolle ich die Handschrift hier nicht auf. Khalife (zum Großvizir.) Was für einen Menschen hast du mir da gebracht? Großvizir . Ich bedeutete dir, Herr, daß ihn das Volk den närrischen Weisen nennt. Geh immer ein, was er verlangt; kannst du ihn doch durch einen Wink zum Stummen machen. Khalife . Wohl weiß ich dies; aber du weißt auch, daß ich es eben darum nicht thue. Wie kann ich, der Aller Willen lenkt und bloß nach seinem Willen lebt, einem Sklaven Willen gegen mich verstatten? Ben Hafi (der die letzten Worte vernahm) . Herr der Gläubigen, dabei leidet dein hoher Wille nichts. Du kannst, wenn, was und wie du willst, und willst du, so willst du doch nur durch deinen Willen, da du Herr bist, zu wollen oder nicht zu wollen. Nur du gebietest dir; denn wer könnte dich wohl nöthigen, mir, dem armen Ben Hafi, eine Bedingung zu gestatten, wenn du nicht wolltest. Alles, was man sagen könnte (vorausgesetzt, man dürfte es wagen, von dir zu reden), wäre: der Herr der Gläubigen gehorchte dem edlen Triebe des Wissens, der, wie du weißt, die Mutter aller Kenntniß ist. – Khalife . Genug! Ich gehe es ein. Vizir, laß ihn kleiden, daß er morgen Abend anständig vor mir erscheinen kann. – Bringe du die Handschrift mit den Fratzen mit. Wahrlich, man sollte sagen, die Hähne hätten sie im Kampfe darauf gezeichnet. – Doch noch Eins! Ich setze voraus, daß die Handschrift nichts enthält, was den Koran beleidigen kann. – Ben Hafi . Sie kann ihn nur verherrlichen, wie du am Ende sehen wirst. Erster Abend Der Khalife lag auf dem Sopha. Zu seinen Füßen saß ein alter Verschnittener, Masul, der von des Khalifen frühster Jugend um ihn war, ohne den er nicht sein konnte und der, weil er taub war, ein sehr ernsthafter Zuhörer blieb. Gegen dem Khalifen über saß sehr ehrerbietig der Großvizir; hinter diesem der Leibarzt, und in einiger Entfernung die wichtigen Diener des Staats, die man nach unsern Gebräuchen Kammerherrn nennen könnte. Ben Hafi saß an einem kleinen Tische, mitten in dem Zimmer. Er beugte sich auf den Wink des Khalifen dreimal mit vielem Ernst und Anstand, rollte die Handschrift aus einander, blickte über die hohe Versammlung hin und begann: Da ich Mahals Reisen vor der Sündfluth, oder die Märchen vor der Sündfluth, wie sie der Herr der Gläubigen genannt will haben, ganz nach meiner Laune erzählen darf und will, so schicke ich zur Einleitung die drei folgenden wichtigen Anmerkungen voraus. Fürs Erste: da die Menschen und Sultane, die darin auftreten werden, alle vor der Sündfluth gelebt haben, so kann ich keinen der jetzt Lebenden, noch weniger der Gegenwärtigen, durch meine Erzählung beleidigen wollen, träfe es auch zufällig zu, daß das Gemälde dieses oder jenes der Vorwelt diesem oder jenem der Nachwelt so haarscharf gliche, als habe er dem Mahal dazu gesessen. Selbst die ältesten Familien Asiens können von dem Erzählten nichts auf sich ziehen, denn es ist bekannt, daß, so wie die alte Welt ihren Ursprung nur einem Manne zu danken hat, die neue den ihren gleichfalls – Khalife . Ben Hafi, ich weiß, was du sagen willst, und gebiete dir, davon zu schweigen. Es ist besser, gewisse Dinge in dem Dunkel zu lassen, in dem sie verborgen liegen. – Wenn du zum Beispiel nun sagtest, wir alle hier, selbst diesen tauben Verschnittenen nicht ausgenommen, stammten von einem Manne her, so könnte Dieser oder Jener nicht glauben, wir alle seien eines Ursprungs; darüber nun ließe sich gar Vieles denken; und sage, wem frommte das? Ben Hafi . Dem Weisen, Herr! doch ich bitte dich, werde nicht zum Räuber an dem armen Ben Hafi und denke unsers Vergleiches. Die Bemerkung gehört mein, und ich lasse mir sie von Keinem nehmen, selbst von dir nicht, der Millionen Alles, bis auf den Athem, nehmen kann. Herr der Gläubigen, Gedanken sind ein Eigenthum, worauf die Allmacht selbst Verzicht that, da sie den Menschen den denkenden Geist einblies. Dieses sagte Ben Hafi mit einem so feierlichen Ernste, daß sich die Gesellschaft anblickte, und Einer den Andern zu fragen schien, wie es zu nehmen sei. Der Khalife sagte zu ihm: Friede sei mit dir! ließ sich noch ein Polster unterlegen und winkte dem Erzähler, fortzufahren. Ben Hafi . Vor einigen Tagen begegnete ich einem Barbier an dem Tigris, der wie ich die weite Welt durchlaufen hatte und nun auf seiner Heimkehr war. Ich fragte ihn, wie es draußen herginge, und er antwortete mir: Bruder, überall wie bei uns. Dieses ist meine zweite Anmerkung, und vielleicht möchte ein so philosophischer Kopf, wie mein Barbier, an dem Ende der Reisen Mahals und meiner Wanderungen mit ihm sagen: Es ist heute noch Vieles wie damals. Khalife . O des Schwätzers! erzähle und laß die Leute sagen, was sie wollen. Ben Hafi . Herr der Gläubigen, die Bedingung. Khalife . Nahe bin ich daran, eine der meinigen zu erfüllen und einzuschlafen. Ben Hafi. Dies muß ich ertragen, verschweige meine dritte Anmerkung und beginne. Khalife. Nun will ich sie hören. Ben Hafi. Sie lautet: obgleich die Sündfluth alles Unkraut der alten Welt weggespült hatte, so blieb doch, wie du hin und wieder merken wirst, einiger Samen desselben in der Erde zurück, und vermutlich wird sie nur das Feuer einst ganz und gar ausreinigen. Khalife. Dann werden Alle glauben. Ben Hafi. Ich beginne: Kaum athmeten auf diesem Klumpen Erde einige wenige Menschen, so theilten sie sich schon in Gute und Böse, und was man von Geschöpfen, die ihrem Ursprunge so nahe waren, die ihren großen Schöpfer zum Theil mit Ohren gehört, mit Augen gesehen hatten, wenigstens nicht hätte erwarten sollen, die Guten machten bald Gemeinschaft mit den Schlechten und übertrafen sie am Ende gar in Bosheit und Verderbtbeit. Khalife. Einen Augenblick, Ben Hafi! fängt gleich dein Märchen wie die Ermahnung eines Mullahs an, so habe ich doch nichts dawider, weil es mir Gelegenheit gibt, etwas zu sagen, das mich oft besonders dünkte. Warum wundert man sich doch so sehr, daß die Menschen heute so böse sind, da doch die Menschheit so zu sagen schon zum Greise geworden ist und damals so zu sagen noch als Säugling an der Brust der Amme lag. Und dies, dies sage mir, warum sind die Menschen böse? Warum gibt es der Bösen mehr als der Guten? Großvizir. Dieses kommt von dem in den Menschen eingewurzelten Bösen her, und darum muß man sie mit einem eisernen Zepter beherrschen. Khalife. Ich kenne deinen Spruch, Vizir; doch Ben Hafi soll mir antworten. Ben Hafi. Willst du, Herr, hierüber eine bestimmte Antwort, so frage den Propheten und die Ausleger des heiligen Buches! durch dieses wissen sie eine Antwort auf jede Frage. Khalife. So ist es, Gott ist groß, und dies ist eines seiner Geheimnisse. Er sagte zu den Engeln: ich will in dem Menschen einen Stellvertreter auf die Erde setzen! Sie antworten: willst du einen auf die Erde setzen, daß er darauf Böses thue und Blut vergieße? Doch wir beten dich an und preisen dich. Gott sprach: wahrlich, ich weiß, was euch verborgen ist.« Ben Hafi. Und so ist der verworrene Knoten gelöst. Kain erschlug seinen frommen Bruder Abel, Gott trieb den Mörder in das Elend, er floh von dem Gebirge der Unschuld in die Thäler und baute sich an. Adam zeugte einen Sohn, den nannte er Seth. Seths Nachkommen wohnten auf dem alten Gebirge, verblieben Gott getreu, lebten in Einfalt und Unschuld, nährten sich von den Früchten der Erde und von der Milch ihrer Heerden. Darum hatte Gott Wohlgefallen an ihnen und nannte sie seine Kinder. Unter ihnen waren weder Weise, Künstler, Richter noch Sultane, Jeder sorgte nur für das Nöthigste, Keiner vernünftelte über sein Dasein, und Jeder war sich selbst Richter und Sultan, weil Jeder in dem reinen Menschensinn wandelte, den auch wir zu Zeiten ahnen, wenn wir, wund und ermüdet von den Schlägen der Menschen und des Schicksals, dem Tand und Truge der Welt, nach dem unschuldigen Glücke der Beschränktheit seufzen. Khalife. Ich begreife ganz wohl, wie Leute leben können, ohne etwas anders zu thun, als zu essen, zu trinken und zu schlafen; aber wie sie ohne Richter und Sultane leben mögen, oder wie man sich Sultan und Unterthan zugleich sein kann, dieses begreife ich nicht. Magst du auch sagen, was du willst, sehr unterhaltend muß ihr Leben nicht gewesen sein, und ich sehe schon voraus, daß es eben darum nicht lange wird gedauert haben. Ben Hafi. Du hast es getroffen, Herr der Gläubigen, siehst für einen Märchenerzähler viel zu scharf und raubst ihm, wornach er vorzüglich strebt, die Ueberraschung. Khalife. Darüber klagten alle; aber dies macht die Ungeduld, die du nicht wenig reizest. Ben Hafi. Sieh, schon fahre ich in dem Entwurfe des Hauptgemäldes fort, das ich an dem Eingang ausstellen muß, damit Jeder wissen möge, was er im Innern zu suchen hat. Vermehrten sich die Nachkommen Seths auf dem Gebirge, so vermehrten sich die Nachkommen Kains noch mehr in den Thälern, die durch ihren Fleiß und erworbene Geschicklichkeit bald blühend wurden. Kain legte zuerst den Grund zur Gesellschaft und zum Bösen, indem er das Eigenthum einführte. Durch das Mein und Dein weihte der Brudermörder die Erde und Das, was sie hervorbrachte, der Gewaltthätigkeit, dem Raube, und ihre Besitzer dem wechselseitigen Morde. Er baute Wohnungen, setzte Richter ein und wies dem Menschen das Fleisch und Blut seines Halbbruders, des Thiers, zur Speise an. Seine Nachkommen gingen weiter, sie entrissen der Erde die Erze, erbauten Städte, sammelten sich in gedrängte Haufen, zwangen die Erde, den ihr vertrauten Samen hundertfältig zurückzugeben, bändigten das Roß, beschifften die Gewässer und beseelten Erz, Holz und die Eingeweide der Thiere durch ihren Athem und ihre Finger, daß sie in wollüstigen und brausenden Tönen erklangen. Den Künsten, deren Mutter das Bedürfnis; war, folgten schnell Erfindungen der Ueppigkeit, und bald erschuf sich der zu gekünstelte Verstand ein Spielwerk für die Phantasie, und dieses Spielwerk nannten sie Wissenschaft . Seths Nachkommen sahen von dem Gebirge auf die blühenden Thäler herunter, sie erblickten die reichen Felder, die duftenden, schattigten Gärten, die dunklen, kühlen Haine, die spiegelnden Teiche und sich schlängelnden Flüsse, die Städte und ihre glänzenden Thürme. Sie sahen ihre Einwohner auf den Wiesen herumschwärmen, in den Hainen und Gärten wandeln, auf dem Rücken des schnellen Pferdes einherschweben und mit ausgespannten Segeln über die Gewässer hingleiten. Nach und nach nahten sie furchtsam den lang angestaunten Wundern, hörten in der Ferne die Zaubertöne der Musik, das Freudengelächter und den süßen, wollüstigen Gesang der Töchter Kains. Gelockt von den Zauberbildern und dem Zaubergetöne, schlichen sie näher. Sie sahen die reizenden Töchter der Thäler, geschmückt von der erfinderischen Hand des Künstlers, unterrichtet von dem Verlangen zu gefallen, in wollüstigen Ringeln, abgemessenen Schlitten, nach dem süßen Geflüster der Flöten, dem hellen Klange der Zither und dem noch süßern Gesange der Gespielen sich winden. Viele vergaßen der Rückkehr bei dem Anblick, Einige schlichen nach dem Gebirge, beschrieben, von dem gefährlichen Gifte berauscht, mit feurigen Worten Das, was sie gesehen hatten. Aber mehr als Worte wirkte auf die erstaunten Horcher das glühende Verlangen in den Augen der Erzähler, der Widerwille, der Ekel, womit sie auf die Gegenstände um sich her blickten. Sie verglichen ihren Zustand mit dem Zustande der Bewohner der Thäler so lange, bis ihnen der ihrige ganz unerträglich ward. Die Nachkommen Seths vermischten sich mit den Nachkommen des Brudermörders Kain, und aus der Vermischung der Kinder Gottes mit den Kindern des Fleisches, oder der Einfalt und Unschuld mit der Aufklärung und Ueppigkeit, entsprangen die Gewaltigen der Erde, ihre Tyrannen und ihre Verwüster. So, Befehlshaber der Gläubigen, verschlang in den ersten Tagen der Welt die Kultur die Unschuld. Khalife. Das ist mir sehr leid; aber wenn dieses nun nicht geschehen wäre, was wäre dann geschehen? Ben Hafi. Wir lebten noch in der Einfalt unsers Herzens, und der arme Ben Hafi würde dem Herrn der Gläubigen keine Reisen vor der Sündfluth als Märchen zu erzählen haben, da entweder alsdann die Sündfluth gar nicht gekommen wäre, oder doch vor der Sündfluth nichts geschehen wäre, was des Erzählens nach der Sündfluth werth gewesen wäre. Khalife. Geschehen mußte es denn doch, weil es geschehen ist, und weil es geschehen ist, so wollte es Gott, und Gott ist groß! Er hat den Schlüssel zu den verborgenen Dingen, außer ihm kennet sie Keiner; er weiß, was auf dem trocknen Lande und in dem Meere geschieht. Kein Blatt fällt von dem Baume, er weiß es, in der Dunkelheit der Erde ist kein Sandkorn, das er nicht kennt, auf ihr sproßt kein Grashalm, den er nicht sieht. Er läßt euch schlafen bei Nacht und weiß, was ihr den Tag verdienet; er weckt euch auf, daß ihr die Zahl der euch bestimmten Tage erfüllen mögt! Zu ihm sollen wir wiederkehren, und er wird Jedem von uns offenbaren, was wir gethan haben.« Gleichwohl muß ich als ein frommer Muselmann wünschen, Dies alles wäre nicht geschehen, und wir lebten noch in der Unschuld, in der die Kinder Seths sollen gelebt haben. Aber wenn ich bedenke, daß von allem Dem, was mir jetzt Vergnügen macht, nichts da wäre, daß ich alsdann nicht Khalife wäre und, dem geringsten meiner Sklaven gleich, ohne Dach und Fach auf dem Gebirge herumziehen müßte, wo mein bester Leckerbissen Gras und Kraut wären – so muß ich anderer Meinung sein, und ich hoffe, Gott wird mir es vergeben. Er sagte vor meiner Zeit, du sollst sein, und er schuf das Kleine wie das Große, macht das Kleine groß und das Große klein. Auch denke ich, Das, was du Aufklärung nennst und der Einfalt entgegenstellst, sei an sich besser, da der Mensch, wie sie sagen, nur dadurch seine herrlichen Eigenschaften entwickeln und zu jener Vollkommenheit gelangen kann, zu der er bestimmt sein soll. Uebrigens, Ben Hafi, kann doch der Mensch so wenig dafür, wenn er gescheidter wird, als die Katze dafür kann, wenn sie Mäuse fängt, und wenn ich mich baden will, muß ich nicht scheuen, naß zu werden. Was meinst nun du: ist Dummheit besser oder Aufklärung? Ben Hafi. Die Frage ist zu verworren und wichtig für mich. Alles, was ich davon weiß, ist dieses: die rohe Unart sah ich im zottigten Fell einhergehen, und das feinere Laster in weicher glatter Seide, das dazwischen lag, war nicht viel besser als jedes Mittelding. Ich fahre fort: Im Jahr tausend fünf hundert und fünf und siebenzig nach Erschaffung der Welt lebte nur noch ein Muselmann mit seiner Familie auf dem alten Gebirge. Khalife . Ben Hafi – ein Muselmann vor der Sündfluth? Ben Hafi . Dem Geiste nach! Glaubte Noah nicht an einen Gott; nennt ihn sein Apostel nicht einen der Propheten? – Ja, ein Muselmann, denn er wandelte auf dem Wege, den Gott den Menschen vorgezeichnet hat, fromm und gerecht; dieser Mann war Noah, der Sterblichen zweiter Urvater. Seths übrige Nachkommen waren nach und nach alle in die lustigen Thäler hinabgestiegen, hatten sich gegen Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht in dem Lande zerstreut und Städte und Dörfer angebaut. Bald vergaßen sie Gott, sündigten und zitterten unter den Tyrannen, die Kains Söhne mit ihren Töchtern zeugten, und die sie selbst als Herrn und Richter über sich gesetzt hatten. Da nun die Gewaltigen ihre Stärke und Macht fühlten, wütheten und immer furchtbarer durch den Schrecken wurden, erscholl eine Sage aus einer dunkeln Höhle: den Gewaltigen dürfe man nicht widerstehen, denn die Söhne Gottes, die Beschützer der Menschen, die von dem Herrn ausgehen, hätten sie, von der Schönheit der Töchter Seths entflammt, gezeugt und die Mütter in den geheimen Künsten, wodurch ihre Sühne herrschten, unterrichtet. Die Gewaltigen der Erde fanden, daß diese Sage ihnen heilsam sei; sie gaben sich von nun an für Söhne der Engel aus und sagten laut: Ihre mächtigen Väter hatten ihnen darum Geist, Verstand, Kraft und Zauber mitgetheilt, damit sie dieselben von ihrem Amte ablösten und die Menschen an ihrer Stelle leiten, beschützen und beherrschen sollten. Die Thoren, die Gott und die Unschuld verlassen hatten, glaubten es ihnen, und ihre Herrscher benutzten den Wahn, nach der Lust ihres Herzens, das keine Grenzen mehr anerkennt, wenn es nichts zu fürchten hat. Der Großvizir sah Ben Hafi sehr bedeutend an und wollte eben den Mund zum Reden öffnen, als der Khalife sich aufrichtete, sich mit Nachdruck auf seine Rechte stützte und sprach: Ben Hafi, dieses ist noch das Gescheidteste, was du bisher vorgebracht hast, und wenn du Verstand hast, so laß es keine Sage sein. Daß sie es nicht ist, kann ich dir beweisen, weil ich Das alles an mir fühle; doch nehme ich die Zauberei aus, die der Koran verbietet. Verstehst du aber die geheime Kunst zu herrschen darunter, so habe ich nichts dawider. (Zum Kammerherrn.) Bringe hundert goldne Derhem, Ben Hafi soll sie mit nach Hause nehmen. – Sagt, leite und beschütze ich nicht ganz Asien? Ist es bloßes Menschenwerk, daß ich, geboren wie ihr, nicht weiser, nicht stärker als ihr, diese ungeheure, vielsinnige, bösartige Menge ohne alle Mühe in Ordnung und Zucht erhalte, daß Jeder thut, was ich will, und Jeder überzeugt ist, daß ich nur wollen darf? Und woher käme es wohl, daß ich immer nur das Beste, ihnen Heilsamste will, und daß nur Menschen eurer Art mir verpfuschen, was ich entwerfe? Dies kommt von Gott, von dem Alles kommt; er weiß, daß Alles rein und meines Ursprungs würdig aus meinem ihm ergebenen Herzen fließt, und daß es nur in den Händen meiner Sklaven verunreinigt wird. Gegen diesen Beweis fand keiner der Anwesenden etwas einzuwenden: jeder, besonders der Großvizir, fühlte sein Gewicht mit tiefer Ehrfurcht. Ben Hafi sah den Khalifen mit ernster Verwunderung an, dankte für die Derhem und fuhr fort: Noah, seine Söhne und Töchter wandten ihr Angesicht nie nach den verführerischen Thälern; der Einzige seiner Familie, welcher forschend und lüstern hinunter blickte, war Mahal, sein Schwager. Dieser Mahal war einer der Geister, denen es nicht genug ist, da und glücklich zu sein, sie wollen auch wissen, warum, wozu sie da sind, ob sie so auf die rechte Art glücklich wären, ob sie es auf eine andere nicht mehr und besser sein könnten. Dabei war er heftiger, gallichter und starrsinniger Gemüthsart und trug in seinem unruhigen Busen den Samen zu Zweifeln, die um so quälender für ihn werden mußten, weil es ihm an hellem Verstande und dem wahren Glauben, der in völligem Hingeben besteht, zugleich gebrach. Ihm kam sehr sonderbar vor, daß sich Noah ganz allein von dem übrigen Menschengeschlechte absonderte und so furchtsam in dem Gebirge vergrübe. Fragte er nun Noah um die Ursache, so erhielt er zur Antwort: »Der Gott unserer Väter will es so! Jene sind von ihm abgefallen, sollen nun auch wir von ihm abfallen, und Keiner des ganzen Menschengeschlechts ihm mehr anhängen?« Je entscheidender nun eine solche Antwort ist, je weniger befriedigt sie den lüsternen Forscher. Der erste flüchtige Gedanke über den Unterschied der Familie Noahs und der Thälerbewohner hatte Mahal des reinen Glücks unfähig gemacht. Nun entspann sich ein Gedanke aus dem andern, und es erging ihm, wie allen Vernünftlern, er fing mit leisen, zagen Zweifeln an und endigte mit Murren und Unmuth. Viel hatte er von den Bewohnern der Städte erfahren, die Sage von ihren Gewaltigen und ihren Thaten vernommen, er stellte sich diese als ungeheure Riesen vor und gedachte ihrer in grausender Bewunderung. Eines Tages sagte er zu seinem Schwäher: »Ich bin dieses Lebens hier müde, der Dorn der Unruhe sitzt in meinem Herzen, und ich kann ihn nicht herausziehen. Alles ist hier einerlei, und ich scheine mir nicht mehr zu leben als unsre Vorfahren, die dort tief in der Erde schlafen. Auch weiß ich nicht mehr als die Schafe, die ich weide. Ich will hinunter in die Thäler steigen zu unsern Brüdern und die Weisheit der Menschen kennen lernen. Ich will diese gewaltigen Riesen, diese Söhne Gottes, welche die Mächtigen des Himmels mit den Töchtern unsers Bluts gezeugt haben, in der Nähe sehen. Mich gelüstet wahrzunehmen, wie sie die Erde beherrschen und den Menschen, die sie bewohnen, gebieten.« Noah ergrimmte und sprach: »Thor, der Dorn, der in deinem Herzen sitzt, ist der lüsterne Hang des Fleisches, den du selbst erzeugt hast! Wohl, gehe und folge ihm und kehre mit Reue zurück, wenn du Denen nicht gleich wirst, nach deren Weisheit dich gelüstet. Aber warum lästerst du Gott vor mir und die Mächte, die er den Menschen als Führer und Beschützer gegeben hat? Diese Gewaltigen, die du Riesen und Söhne Gottes nennst, sind Menschen wie die andern, ihre Stärke und Macht bestehen in ihrer Bosheit und List, mehr noch in der Verderbtheit Derer, über die sie nun eigenmächtig herrschen. Die Nachkommen des Brudermörders zeugten sie mit den Töchtern unsrer Väter; denn da diese den Menschen nahten, lernten sie Alles, was ihr unruhiger Geist ersonnen hatte, wurden ihnen gleich und verließen Gott. Darauf, daß einst ihre Väter Kinder Gottes genannt wurden, weil sie es durch ihre Frömmigkeit waren, bauten ihre Söhne die vermeßne Sage, die dich nun irre führt.« Mahal erwiederte: »Schilt mich nicht, Schwätzer, in deinem Unwillen! Hat sich doch der Mensch diesen ersinnenden Geist nicht selbst gegeben, und vermag er doch nicht mehr, als ihm verliehen ist. Der Löwe und der Bär sind stark, das Pferd und die Gemse schnell, und der Mensch ist sinnreich. Das was ich von ferne sehe, aus der Ferne vernehme, beweist mir, daß die Gewaltigen der Erde Göttersöhne und Riesen sein müssen. Ich sehe die Ebene mit ihren zahllosen Bewohnungen bedeckt, sehe sie auf dem starken Rosse hinfahren gleich dem Winde. Leicht wie der Schwan schwimmen sie in Häusern auf den Gewässern. Oft hör' ich Töne in mein lauschendes Ohr fließen, die mir mein Innerstes fühlbar machen, es erweichen, empören und erheben. Alles haben sie sich unterthan gemacht; ihnen gehorcht die harte Erde, das fließende Wasser und die veränderliche Luft, nebst Allem, was sie tragen und ernähren. Ja, Riesen müssen ihre Gewaltigen sein, ausgerüstet mit der Stärke des Stiers und des Sturms. Wie wäre es sonst möglich, daß sie solche große ungeheure Thaten thun könnten, daß die Andern, glichen sie ihnen, die Gewalt ertrügen. Mich verlangt heiß, ihr Leben anzuschauen, zu erfahren, ob Gott auch unter ihnen ist, und ist Gott unter ihnen, warum sollten wir von Denen getrennt leben, die mit uns eines Blutes sind?« Khalife. Ich wette, dein Mahal macht einen dummen Streich; aber seine Gründe dazu sind vernünftig, und darauf kommt Vieles an bei einem dummen Streiche. Ben Hafi. So muß auch er gedacht haben: denn Noah erfuhr an ihm, wie schwer es sei, den Geist des Forschers zu befriedigen, und da er befürchtete, die kühnen Worte seines Schwähers möchten seine Söhne und Töchter vergiften, so schied er von ihm. Mahal stieg bald darauf mit seiner schönen Tochter Milka von dem Gebirge und lagerte sich an dem Fuße desselben. Hier verweilte er in einer Höhle einige Tage, weil der nähere Anblick der Stadt Enoch, deren Grund Kain gelegt hatte, seine Geister erschreckte. Die dritte Nacht weckten ihn Stampfen und Wiehern der Pferde aus dem Schlafe. Der Schein der Fackeln erleuchtete plötzlich seine Höhle. Männer mit Schwertern und Lanzen bewaffnet traten ungestüm herein, durchsuchten Alles, bemerkten seine blühende Tochter, bemächtigten sich ihrer und verschwanden mit ihrem Raube. Mahal zerriß in Verzweiflung sein Gewand und zerraufte sein Haar. Die Furcht trieb ihn auf das Gebirge zurück, und er murrte in seinem Geiste: »Herr, warum ließest du dies zu? Warum ließest du die Gewaltigen geboren werden?« Kahlife. »Bei dem Rosse des Kriegs, das zur Schlacht »eilt« – es fliegt an dir vorüber, du siehst nicht, mit welcher Farbe es geschmückt ist, aber sein Muth saust durch seine weit offne Nase an dir vorbei Der Koran sagt: sein Keuchen ertönt . Entweder hat der Khalife oder, welches wahrscheinlicher ist, der Herausgeber diese Stelle so paraphrasirt. – Bei dem Feuer, das es mit seinem Hufe aus dem Steine schlägt! Bei Denen, die am Morgen den Feind überfallen, den Staub aufwühlen und durch die Mitte der Feinde sprengen, der Mensch ist undankbar gegen Gott.« So sagt der Prophet! Ben Hafi. Dessen goldner Mund die Wahrheit ist. Als Mahal bei dem wiederkehrenden Lichte über die Ebene hinsah, ward es noch finstrer in seinem Geiste; sein Herz schwoll vor Groll, seine Gedanken wurden immer mehr, und ihre Verwirrung stieg durch die Mehrheit. Er warf sich unter eine Ceder, haderte und klagte. Den zweiten Tag nahte er Noah düstern Muths und erzählte ihm im Grimme, was ihm widerfahren sei. Noah antwortete ihm: »So hast du nun die Gewaltigen der Erde kennen gelernt, und der Herr hat dich gezüchtigt.« Mahal erwiederte: »Hätte er mich geschlagen, würde ich murren? Was hat die Jungfrau verbrochen, daß er sie in die Hände der Gewaltigen fallen ließ? Ach, dieses ist mir leidiger Trost! Leben diese nicht vor seinem Angesichte wie wir, thun vor ihm, was ihnen gelüstet, sind dabei groß von Macht und Ansehen, und wir, die wir ihm treu anhängen, uns schützt er nicht, und wir müssen uns vor ihnen verbergen.« Noah. Der Herausgeber geht darin von der Handschrift ab, daß er das sagte und erwiederte u. s. w., das zu oft vorkommt, wegstreicht. Du möchtest deine Thorheit gern entschuldigen, und solltest du auch Gott Hohn sprechen. Mahal haderte fort. Da säuselte es, als die Dämmerung einbrach, in den Wipfeln der Bäume, und die Erde bebte sanft. Noah rief: »Der Herr wandelt auf dem Gebirge!« Er fiel nieder und betete an. Khalife. Gott ist groß! Ben Hafi. Mahal fiel nicht nieder, sein Geist blieb finster. Khalife. Gott ist langmüthig und barmherzig! Ben Hafi. Die Stimme des Herrn erscholl: »Worüber hadert ihr Männer des Gebirges?« Noah. Herr, vergib mir und ihm! Wir hadern um der Menschen Willen, die in den Städten wohnen, belehre ihn und mich! Die Stimme des Herrn erscholl stärker: »Soll ich Den noch lehren, den ich so gebildet habe, daß er sein eigner Lehrer sein kann? Habe ich ihm nicht einen Geist zum Wächter und Richter gesetzt, den er nicht einschläfern und belügen kann? Habe ich seine Zunge nicht zum Reden gebildet, daß er seinen Gedanken Leben geben möge? Habe ich dadurch nicht Alles für ihn gethan, da ich ihn lehrte, sich von allem Dem, was ihn umgibt, zu unterscheiden, damit er sich nicht für Eins mit Dem halte, was ihn umgibt? Habe ich den Menschen nicht dadurch mit mir verbunden? Doch hat mich das Menschengeschlecht verlassen und reifet schnell dem Verderben. Sieh, auch dein Schwäher ist nun ein Thor geworden. Die Menschen wollen sich von meinem Geist nicht mehr leiten lassen, sie leben nach den Sinnen ihres Fleisches. Sie schaffen und erzeugen nun mit ihren Händen und ihrem Geiste und dünken sich Götter. Sie wollen Alles wissen, Jeder jagt nach Genuß, Ruhm und Wahn, den Götzen, die sie mit der Lust und dem Stolze gezeugt haben. Gleich habe ich sie alle geschaffen; da sie mich verließen, haben sie sich nach Ständen unterscheiden müssen, und die Mächtigen und die Reichen im Volke halten sich für besser gezeugt. Wer ist der Bessere vor meinem Angesicht? Der Gerechte und Der, welcher den Schwachen beschützt und den Unverständigen leitet. Gewaltige herrschen über die Völker; von dem Augenblicke, da mich die Söhne des Staubs verließen, bedurften sie des sichtbaren Herrschers, daß er sie bändige durch Macht. Ihre Laster, ihre Ueppigkeit, ihre Feigheit, ihr Vergessen meiner Gesetze, die ich ihnen mit dem Geiste eingeblasen, machten Tyrannen aus den Herrschern – und nun sagen sie in ihrem Uebermuth: ich habe ihnen Macht und Gewalt verliehen, zu thun nach ihrem Willen. Keiner ist weise, und die Weisheit allein vermag nichts über die Thoren. Keiner ist gut, denn die Bösen spotten der Guten. Aber wer ist gewaltig vor mir? Aller Dichten und Trachten ist das Böse, der Säugling lernt es schon von den Alten und wächst auf, das Böse zu thun und zu ertragen. Sie leben von dem Blute und dem Fleische des Lebenden, ermorden sich selbst aus Ruhm und Habsucht. Wahrlich, nun reuet es mich, daß ich die Menschen gemacht habe. Die Erde ist mir abscheulich, sie ist mit Blut bedeckt. Noch will ich ihnen eine kurze Frist geben, ob sie zu dem einfachen unschuldigen Leben zurückkehren, das mein Sohn Noah lebt. Kehren sie nicht zu mir zurück, so will ich sie alle von der Erde vertilgen, von dem Menschen an bis auf das Vieh, das Gewürme der Erde und die Vögel in der Luft.« Noah schwieg und betete an. Mahal sprach: »Vergib, wenn ich zu reden wage, wie der Geist mich treibt, den du mir gegeben hast. Es reuet dich, daß du sie gemacht hast! du willst sie vertilgen sammt den schuldlosen Thieren. Sind sie doch alle dein Werk und nicht ihr eignes? Sind sie böse, warum besserst du sie nicht durch Worte, Zeichen und That? Herr, warum hast du die Menschen so gemacht, daß es dich gereuen kann, sie gemacht zu haben?« Khalife . Eine kühne vermeßne Frage, mein Engel Die Mahometaner glauben, daß ihnen immer zwei Schutzengel zur Seite stehen, die sich jeden Morgen mit andern ablösen. mache sie mich schnell vergessen. – Aber was antwortete Gott darauf? Ben Hafi . Er schwieg, und eine dunkle Wolke zog sich einen Augenblick vor sein glänzendes Angesicht. Khalife . Nun, beim erhabenen Propheten, mit mir hätte er nicht so gut davon kommen sollen; denn wenn mich Einer fragte, warum ich Dieses oder Jenes gewollt hätte – ich glaube, ja ich glaube beinahe, ich würde ihn verderben können, so gut ich auch sonst bin. Ben Hafi . Darum bist du auch nur ein Herrscher im Fleische, und wenn Gott wie unsre meisten Sultane und Richter dächte, so würde es schlecht mit den Sultanen, Schahen, Scheiken, Richtern und Philosophen selbst aussehen. Schwerlich hätte ich dir dann Reisen vor der Sündfluth zu erzählen. – Khalife . Ich habe zu viel gesagt und meinte es nicht so böse. Gott ist groß. Er bringt hervor das Lebende aus dem Todten, das Todte aus dem Lebenden; er weckte die Erde auf, die todt war, und so sollt ihr aus euern Gräbern hervorgerufen werden. Eins seiner Zeichen ist, daß er euch aus Staub gebildet hat, und sieh, ihr seid Menschen geworden und seid zerstreut über der Fläche der Erde. Eins seiner Zeichen ist, daß er für und aus euch Weiber geschaffen hat, daß ihr mit ihnen wohnen möchtet. Die Liebe und das Mitleiden hat er zwischen euch gestellt, wahrlich darin liegen Zeichen für den Nachsinnenden. Und sein Zeichen ist die Schöpfung der Himmel und der Erde, die Verschiedenheit eurer Sprachen und Gemüthsarten, wahrlich dies sind Zeichen dem Verständigen. Und sein Zeichen ist euer Schlaf bei Nacht und bei Tage, euer Streben, euch mit Dem zu versorgen, was er in Ueberfluß gegeben hat, wahrlich dies sind Zeichen für Den, der hören kann. Und eines seiner Zeichen ist, daß er euch die Blitze sehen läßt, euch durch sie zu erschüttern und Hoffnung des Regens zu geben; er sendet Wasser von dem Himmel, die todte Erde aufzuwecken, wahrlich dies sind Zeichen dem Verständigen. Und eines seiner Zeichen ist, daß die Himmel und die Erde auf seinen Befehl feststehen! Er wird euch durch einen Ruf auffordern, und ihr sollt alle aus ihr hervorgehen. Alles ist ihm unterthan, und Alles gehorcht ihm.« Ben Hafi. Ja dies sind die Zeichen Gottes, die Mahal nicht erkannte. Gott sprach abermals: »Mein Sohn Noah! deinen Schwäher Mahal ekelt der Friede der Unschuld an, sein Herz ist nicht mehr rein und einfältig, und ihn gelüstet nach der Weisheit der Menschen. Er steige nun zu ihnen hinunter, lerne ihre Weisheit erkennen, entdecke die Quelle ihrer Bosheit und ihres Wahnsinns und richte zwischen mir und ihnen, zwischen sich, mir und ihnen. Vielleicht auch, daß er sie bekehre, da er im Tadeln so schnell ist. Fragt' ich Jeden von ihnen, ob die Uebrigen alle das Verderben verdienten, womit ich sie bedrohe, Jeder würde rufen: sie verdienen es Alle außer mir! Nur Mahal weiß es besser. Gehe zu ihnen, wie du in deinem Herzen beschlossen hast, denn mit den Unschuldigen kannst du ferner nicht leben, und dieses ist des Forschers erster trauriger Gewinn. Wandele, so weit sie die Erde bewohnen und mit Gräueln erfüllen. Merke durch die Zeichen, die du von ihnen lernen wirst, Alles auf, was du siehst, hörst, empfindest, thust, denkst und sprichst, was ihre Räthe rathschlagen, ihre Herrscher thun und ihre Weisen sprechen. Je thörichter sie sind, desto weiser dünken sie sich. Dann kehre auf diese Stelle zurück, lies, was du aufgemerkt hast, und ich will dich fragen, was sie verdienen, was die Ursache deiner und ihrer Thorheit ist.« Hierauf überfiel Mahal ein Schlaf voll quälender Finsterniß. Noah kehrte heim zu den Seinen und schlief den ruhigen Schlaf des Friedens, den ich auch dir, Herr der Gläubigen, am Ende meiner Einleitung zu Mahals Reisen vor der Sündfluth zum Dank für dein geneigtes Gehör, wünsche. Er rollte seine Handschrift zusammen, und der Khalife antwortete: »Sind deine Märchen nicht lustiger als deine Einleitung, so entlasse ich dich des gutgemeinten Wunsches auf die Zukunft, die Langeweile wird ihm schon zuvorkommen. Doch laß dich dieses nicht stören, es läßt sich noch immer besser zuhören als denken, und Gott hat Dieses, wie Alles, weislich eingerichtet: denn was sollten langweilige Erzähler anfangen, wenn es anders wäre. Du lächelst? – Nun, Friede sei mit dir!« Der Großvizir, der bisher sehr aufmerksam und bisweilen betroffen zugehört hatte, schien jetzt sehr zufrieden, da der Khalife die Sache so nahm; doch beschloß er, aufmerksam auf den Erzähler zu sein, und wenn er selbst nicht gegenwärtig sein könnte, wenigstens einen solchen Horcher zu bestellen, der den wahren Sinn der Märchen fassen möchte. Daß dieses ein sehr weiser Entschluß war, wird Niemand bezweifeln, der da weiß, von welchen Folgen ein Märchen, am Hofe erzählt, sein kann. Zweiter Abend Die von dem Khalifen ausgewählten Glücklichen versammelten sich den folgenden Abend zur festgesetzten Stunde. Jeder stellte sich ehrfurchtsvoll an den ihm für immer angewiesenen Ort und erwartete das Zeichen zum Niedersetzen. Bei solchen Gelegenheiten zeigte der Khalife gern, wie sehr er auf Ordnung hielt, und selten unterließ er, hiebei einige praktische Regierungsregeln mit einfließen zu lassen. Er war überhaupt von einer solchen ängstlichen Pünktlichkeit in Kleinigkeiten, daß er dem wohlgeordnetsten Hofe eines kleinen Fürsten noch zum Muster hätte dienen können. Seine Grundregel war: »Wie im Kleinen, so im Großen, denn nichts ist klein, was ein Regent thut.« War er bei guter Laune, so setzte er wohl noch hinzu: »Oft spürt man in dem entferntesten Winkel des Reichs, ob der Khalife früher oder später als gewöhnlich aufgestanden, ob er mit dem rechten oder linken Fuß zuerst aus dem Bette getreten ist. Die Hauptsache ist, daß die Uhren in seinem Palaste richtig gehen und Alles, was geschieht, zur bestimmten Stunde geschieht.« Nach diesen weisen Staatsmaximen geschah nun an einem Tage, was an dem andern geschah, und damit ja nichts die eingeführte Ordnung stören und die festgestimmte Regierungsmaschine zerrütten möchte, so hüteten sich alle Diener des Staats sorgfältig, mit einer Nebensache in die Quere zu kommen. Der es wagte, wurde als ein unsystematischer Brausekopf, ohne Rücksicht auf Noth und Pflicht, von seinem Posten getrieben. Die Fälle waren indessen selten. Zu dieser löblichen Ordnung ward der Khalife von Jugend auf von seinen Erziehern gewöhnt, und vermöge ihrer blieb also die Gesellschaft und die Versammlungsstunde fest bestimmt, Keiner derselben durfte eine Ausnahme machen, der Großvizir allein nur, der auf diesen Fall schon gesorgt hatte. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift auseinander und begann: Mahal erwachte aus seinem finstern quälenden Schlafe, nahm einen unfreundlichen, trotzigen Abschied von Noah und stieg mit Eile das Gebirge hinunter. Er war ein Mann von stattlicher Größe und trat so eben in die volle kräftige Fülle der ersten Mannheit. Sein reicher, schwarzer Bart rollte sich in vielen Locken um sein rundes Kinn, seine Wangen blühten in frischer Röthe der Gesundheit, und seine feurigen Augen strahlten unter schön gezogenen Bogen munter und kühn hervor. Der Seher würde von seiner kleinen, krausen Stirne sagen: felsenharter Eigensinn hat sie gebildet, und seine etwas gekrümmte Nase wittert die Entfernung; unstäte Gedanken, ungeduldige Kraft, düstres Spähen, mit Hohn vermischt, Heißhunger des Geistes, liegen in seinem Gange, seinen Blicken und allen seinen Bewegungen. Ich aber sage, was ihn in den Ländern, wohin er nun wanderte, als sonderbar auszeichnen mußte, war seine kühne, kraftvolle Rohheit, seine Neuheit im Benehmen. – Khalife . Worin bestand diese? Der Leibarzt bat mit einer Verbeugung um das Wort; der Khalife gewährte es ihm durch einen Wink: »Nach der kräftigen Beschreibung des Mannes sollt' ich denken, er war ein Neuling bei den Weibern,« sagte der Leibarzt. Khalife . Ein Vorwurf, den ich mir gerne machen ließ; aber ich wette, dies war nicht Mahals Fall, da er, wie du nach seiner Tochter schließen kannst, beweibt war. Ich denke vielmehr, er war ein Neuling in der Weise, wie man sich mit Fürsten zu benehmen hat, das, wie ihr wißt, keiner auf dem Gebirge lernt. Getroffen, Ben Hafi? Ben Hafi . Lernt er nur Dieses, Herr, so wird er bald in nichts mehr ein Neuling sein. Er war ein Neuling im Verstellen, und für Die, die in der Gesellschaft leben, denen diese Kunst zur Natur geworden ist, gibt's auf Erden keine lustigere, spaßhaftere Erscheinung, als ein Mensch, der nicht zu leben weiß. Khalife. Nun verstehe ich dich! Ein roher Klotz! Unter den Türken meiner Leibwache gibt es viele solcher Gesellen – Weiter! Ben Hafi. Den folgenden Tag wanderte schon Mahal durch die mit blühender Saat bedeckten Felder; aber noch schlich er furchtsam an den zerstreuten ländlichen Wohnungen vorüber. Er übernachtete in einem dunkeln Hain und erwachte unter dem Gesang der Vögel, dem sanften Wehen der Morgenwinde in den Wipfeln der Bäume. Bald durchspähte sein Blick den Hain. Plötzlich entdeckte er in einem Kreise von Bäumen ein blendend weißes Wesen auf einer Erhöhung. Seine Geister erstarrten; er glaubte, es sei einer der Gewaltigen, der über die zerstreuten Wohnungen, den Hain, herrschte, und wollte entfliehen. Die Neugierde fesselte den Fliehenden. Er wagte öfter und länger nach dem Gegenstand hinzublicken, und da er endlich gewahr ward, daß sich das blendend weiße Wesen nicht rührte und immer in der nämlichen Stellung verblieb, so nahte er mit leisen Schritten, damit es ihn nicht vernehmen, aus seinen Betrachtungen erwachen, ihm zürnen oder ihn gar verderben möchte. Er stelle sich hinter einen Busch und lauschte. Erstaunt bemerkte er, daß die Vögel um das Wesen herumflatterten, sich gar darauf niederließen. Da trieb ihn die Begierde zu erkennen vorwärts, er eilte mit kühnen Schritten nach dem Gegenstand und stand plötzlich versteinert, mit in der Brust gehemmtem Athem, klopfendem Herzen, starren Blicken, vor einem Wesen seiner Art, nur größer, nur ganz entkleidet, nur glänzend weiß. An dem vollen Busen, dem sanften Lächeln erkannte er, es sei ein Weib, und da er dieses erkannte und glaubte, sie lächele ihm, so ging der Athem frei aus seiner Brust, die Erstarrung löste sich, und die bebende Furcht verwandelte sich in angenehmes Erstaunen. Doch ganz legte sich seine Unruhe nicht, denn da die Gestalt so sehr über die seine erhaben war, so dachte er: wo solche große Weiber leben, müssen noch größere Männer leben, und gewiß ist diese eine der Töchter der Mächtigen des Himmels. Mit bittenden, demüthigen Blicken sah er nach der sanft Lächelnden, stammelte endlich einige Worte, und da die Gestalt noch immer lächelte, so erzählte er ihr mit Zuversicht, woher er käme und was er suche. Die Gestalt veränderte weder Miene noch Stellung. Mahal stand betroffen vor ihr und sann nach: »Es ist ein Wesen meiner Art,« sprach er endlich; »nur größer, und ist sein Fleisch gleich weißer wie das meine, so ist es doch Fleisch. Alle Gliedmaßen sind gebildet wie die meinen. Seine Augen sprechen, der Mund lebt, und die Lippen öffnen sich zu reden – sie reden wirklich, ich vernehme nur den Schall der Worte nicht. Ja, es ist ein Wesen wie ich, und da es mir so freundlich zulächelt, so will ich ihm nahen und seine Kniee bittend berühren.« Er streckte die Hand – Khalife. Das hätte der Narr längst thun sollen, und hätte er dies gethan, so würde er schon so lange als ich gewußt haben, was an dem Dinge ist. Schwieg ich so lange still, so geschah es nur darum, um der Sache recht gewiß zu werden. Soll ich euch nun sagen, was es für ein Ding war, das diesen witzigen Kopf von Mahal so sehr in Verlegenheit setzt? Daß Jedermann, außer Ben Hafi, in den Herrn der Gläubigen drang, war zu erwarten. Khalife (mit Zuversicht) . Eine Bildsäule war es, und ich fürchte, wir sind mitten unter Abgöttern. Ja, ärgere dich nur, Ben Hafi, ich will dir noch mehr sagen, die Bildsäule war von weißem Marmor und stellte die Sultanin des Landes vor. Die Gesellschaft bewunderte des Khalifen Scharfsinn. Ben Hafi. Wie glücklich ist der arme Ben Hafi, dem Nachfolger des Propheten Gelegenheit zu geben, seinen durchdringenden Verstand zu zeigen, doch schwer fällt es, Dem Märchen zu erzählen, der der Ueberraschung vorgreift; aber ich räche mich dadurch, daß ich das Errathene nach eigenem Gefallen forterzähle. Khalife . Ich habe nichts dagegen und höre es gerne. Wie wüßt' ich sonst, daß ich errathen habe, und wie könnte es mich freuen, errathen zu haben? Ben Hafi . Mahal streckte seine Hand aus, fühlte einen kalten Körper und fuhr so erschrocken zurück, wie der Hirte, der nach einem bunten Stabe greift und statt dessen eine Schlange um seinen Arm sich winden sieht. Ein Schrei entfuhr ihm: »Das Wesen ist todt!« Khalife . O, des Dummkopfs! Noch begreift er nicht, daß es Marmor ist? Nun, Der ist zum Reisen ausgerüstet und wird Gott schöne Nachrichten von seinen Wanderungen zurückbringen. Ben Hafi . Da es ihm an Dem fehlte, wodurch du, Herr, so sehr glänzest, so würde er noch lange in diesem Erstaunen geblieben sein, wenn ihn nicht sich nähernder Gesang und helle Musik daraus gezogen hätten. Ein Haufen Jünglinge und Jungfrauen zogen Paar und Paar einher, traten in den Kreis der Bäume, faßten sich an den Händen und tanzten nach Musik und Gesang in verschlungenen Reihen um das Wesen herum, sangen dann einstimmig ein feierliches Lied und legten Blumenkränze zu den Füßen der Süßlächelnden. Mahal stand in dem Kreise gleich der Bildsäule, die auf der Erhöhung stand. Khalife Die Bildsäule! da habt ihr sie! Ben Hafi . Die lispelnden Töne der wollüstig blühenden, schön geschmückten Sängerinnen und Tänzerinnen bezauberten Mahals Ohren und noch mehr sein Herz. Khalife . Das glaube ich; oder er müßte meinem ersten Verschnittenen da gleichen. Ich erinnere mich, was das ist, und wenn es nun gar Einen überrascht – doch kann ich eben nicht sagen, ob daran etwas Besonderes ist; denn so viel ich mich erinnere, hat mich in meinem ganzen Leben nichts überrascht. Ben Hafi, kannst du mir sagen, woher dies kommt? Ben Hafi . Wie sollte ich? Khalife. Nun weiter; ich dachte, ich wüßte es, und da ich es nicht gleich finden kann, so ist es schon genug. Ben Hafi. Ich will dir es sagen. Khalife. Wozu? Ich will es nun nicht wissen, ich brauche es nicht zu wissen. Ben Hafi. Herr der Gläubigen, du mußt es von mir hören, oder mein Märchen ist aus. Khalife. Hüte dich und scherze nicht mit Dem, der über Leben und Tod gebietet, der Alles kann, was er will. Ben Hafi. Nicht darum schweige ich, sondern weil du nun selbst gesagt hast, warum in deinem ganzen Leben dich nichts überrascht hat. Khalife. Was sagte ich? Ich weiß kein Wort davon. Ben Hafi. Was sollte den Mann wohl überraschen, der über Alles gebietet, der seine Genüsse ermordet, weil ihm keiner einige Mühe kostet, der seinen Sklaven und Sklavinnen nur zu winken braucht? Khalife. In der That, darin liegt etwas Wahres, und diese Bequemlichkeit führt die Herrschaft mit sich. Doch wie fange ich es an, daß mich etwas überrasche? Gerne möchte ich mich einmal überraschen lassen, wär' es auch nur, um zu sehen, wie es thut. Ben Hafi. Ich nehme es über mich und überrasche dich, bevor du dich's versiehst. Khalife. Und hundert Derhem sind dein; doch ich will auf meiner Hut sein. Ben Hafi. Der Gesang endigte, und die jugendliche Schaar umfloß ihren erstaunten Zuschauer. Man fragte ihn, wer er sei, er gab sich zu erkennen. Ein freudiger Willkomm, mit Spott über die Thoren auf dem Gebirge, mit Gemälden des Glücks in den Thälern gewürzt, erfolgte. Die Jungfrauen spielten mit ihren zarten, weißen Fingern in seinem schwarzen, lockigten Barte, streichelten seine frisch blühenden Wangen; aber seine Seele war noch so voll des wunderbaren und süßen Staunens, noch so sehr beschäftigt mit dem Wesen, das vor ihm stand, und dem diese frohe Schaar gehuldigt hatte, daß seine erste Frage an sie nur dies betraf. Lächelnd antwortete man ihm: »Es sei ein Bild, das die Liebe, der sie so eben geopfert hätten, vorstellte!« Ein Bild, rief Mahal, ein Bild? »Ja, ein Bild von weißem Steine, berühre es nur!« Einige Jungfrauen leiteten ihn scherzend zu dem Bilde, er betastete es und fragte noch erstaunter: Stein? Wie ward es? Entstand es gleich den übrigen Steinen? Gleich den Bäumen um uns her? Ist es von der Erde gezeugt? oder fiel es von den Wolken? Man antwortete ihm: »Es ist von Menschenhänden gebildet, aus rohem, todtem Steine hervorgezogen und lebt nur in dem Ausdrucke, in dem Geiste des Ausdrucks, den ihm der Geist des Künstlers durch die Schöpfung seiner Hände eingehaucht hat. Sieh, dieser junge Mann erschuf es.« Diese Nachricht vermehrte Mahals Verwirrung. Er sah bald auf das Bild, bald auf den jungen Mann, besah und befühlte seine Hände und sagte in seinem Herzen: »Ist dies wunderbare Wesen ein Werk dieser Hände, so nennen sich wahrlich die Bewohner der Thäler mit Recht Götter, denn sie schaffen aus todtem Steine Geschöpfe, die ihnen gleichen, die an Größe sie noch übertreffen! Gewiß ist dies eine Wirkung der Mächtigen des Himmels, die ihre Mütter einst beschliefen und in den Zaubereien unterrichteten. – Und was, sprach er laut, stellt dieses Bild vor? – Die Liebe. – Was ist die Liebe? Diese Liebe?« Die Jünglinge sahen die Jungfrauen, die Jungfrauen die Jünglinge an. Der Khalife brach in ein Lachen aus und rief: O des Thoren! Die Gesellschaft machte ein leises Echo, den Verschnittnen nicht ausgenommen, und nur Ben Hafi blieb ernsthaft. Ein Jüngling nahte ihm und sprach: Folge uns in unsre Wohnungen, du sollst sie kennen lernen. Sie ist der sechste Sinn, den wir selbst geschaffen, durch Kunst gestohlen haben. Der Geist der Gesellschaft, die Würze des Lebens, die Verbindung der Herzen zum Genusse, durch ein Spiel des Verstandes, das uns von den rohen Thieren und deinen Brüdern auf dem Gebirge unterscheidet. Sie ist die Mutter des süßen Glücks und der süßen Schmerzen. Sie nahmen ihren Schüler in die Mitte und zogen unter Jauchzen und Muthwillen nach den nah gelegenen Wohnungen. Die Alten bewillkommten ihn freundlich, und er fand in Allem, was er sah und hörte, so viel Stoff zum Erstaunen und Bewundern, daß er gleich einer leblosen Maschine unter seinen Gästen stand. Blühende Jungfrauen führten ihn ins Bad, rieben, salbten, wuschen ihn, beräucherten seinen Bart und bekleideten ihn mit einem feinen, leichten Gewande. Er sagte in seinem Herzen: »Herr, verdienen wohl diese schönen, guten und freundlichen Wesen deinen Zorn und das Verderben, womit du sie bedrohest! Sieh, wie sie sich bemühen, mir zu gefallen und mir gutes zu thun. Gleichwohl habe ich es durch nichts um sie verdient. Wie schön ihre Weiber sind! wie weich und sanft ihre Hände, wie mild und einladend ihr Blick. Gewiß, sie können nicht böse sein!« Mit dieser Ueberzeugung trat Mahal in den Saal, worin ein großes Mahl zubereitet war. Der Dampf der Speisen stieg in seine Nase und reizte seinen Gaumen. Sein Benehmen, seine Fragen während der Tafel unterhielten die frohen Gäste, und Alles, was er genoß, bemerkte und empfand, bestärkte ihn in dem Glauben, Gott thue diesen frohen, muntern und guten Geschöpfen zu viel. Bei dem Schlafengehen sagte man ihm: »Am morgenden Tage würde man in dem Haine ein Fest feiern, weil der erhabene und mächtige Sultan in der Stadt Enoch sich eine junge Gemahlin zulegte.« Gesang und Musik wehten ihn aus einem Schlafe, der eine Reihe angenehmer, wunderbarer Erscheinungen und Bilder war. Man begab sich in das Dunkle des Hains, aß und trank und überließ sich der Freude. Bald vertheilte sich Jung und Alt nach Laune und Verbindung in Gruppen, über die ich einen Schleier ziehe. Khalife. Warum? Ben Hafi . Weil ich deinem Verstande erzählen und nicht deine Phantasie kitzeln will. Khalife . Um so schlechter werden deine Märchen sein. Ben Hafi . Noch vor Sonnenuntergang nahm alle Herrlichkeit ein Ende. Man hörte plötzlich das wilde Geschrei des Haders aus einem nahen Gebüsche. Die Eifersucht hatte zwei Nebenbuhler entzweit. Das Neue des Vorfalls zog den Späher hin. Noch haderten die Jünglinge um die Jungfrau, und Mahal hörte Worte, die seltsam gegen die abstachen, welche er bisher gehört hatte. Der Stärkere wollte mit der Jungfrau nach dem Dickicht rennen und hielt sie fest umschlossen. Der Schwächere folgte ihm und stieß ihm sein Schwert in den Rücken. Dieser sank, die Jungfrau entfloh und verkündigte den Hinzueilenden das Geschehene. Alles floh, und nur Mahal blieb bei dem Verwundeten in Betrachtungen vertieft stehen, die er mit dem frohen Gewühle des Tages, mit der Freundlichkeit dieser guten Wesen nicht zusammen reimen konnte. Bei dem Anblick des Bluts, dem Röcheln des Sterbenden fielen die Worte Gottes: »Die Erde ist mir abscheulich, sie ist mit Blut bedeckt!« schwer in sein Herz. Mitleidig sah er auf den Sterbenden, zog das Schwert aus seiner Wunde und bewunderte in schauder- und angstvollem Erstaunen das künstliche Werkzeug des Mords. Seiner Handlung folgte schnell der Tod des Jünglings, und Beben überfiel Mahal, als er die Verzerrung und die Blässe des Todes auf seinem Angesicht sah. Heranstürzende Bewaffnete umringten ihn, entrissen ihm das blutige Schwert, banden ihn und eilten mit ihm nach der Stadt. Hier wurde er in ein düstres Behältniß verschlossen und seinen weitern Betrachtungen für diese Nacht überlassen. Ben Hafi rollte seine Handschrift zusammen und stand auf. Khalife . Ich wette, sie halten den armen Narren für den Mörder des Jünglings, und in diesem Falle kann es ihm sehr schlecht ergehen, da er ein Fremdling und ein so großer Dummkopf ist. Wär' ich grausam, so sagt' ich, mag es ihm ergehen, wie es will, denn er ist ein erbärmlich langweiliger Tropf. Dritter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift auseinander und begann: Gestern Abend, Herr der Gläubigen, verließen wir Mahal in dem Gefängnisse. Der Ort war zu finster, der Uebergang zu rasch, die Veranlassung dazu zu tragisch, das Benehmen der Bewaffneten zu roh, als daß es sein Herz nicht mit besondern und unangenehmen Empfindungen hätte erfüllen und beschäftigen sollen. Die Bewohner der Thäler erschienen ihm nun in einem etwas veränderten Lichte, und er ahnete, Gott möchte doch nicht in Ansehung ihrer so ganz Unrecht haben. Da nun in Enoch die Gerechtigkeit sehr schnell in Erfüllung ihrer Pflichten war, so ward er schon beim Anbruche des Tags vor das Gericht geführt. Ein Gebrauch, Herr, den die Sündfluth mit manchen andern hie und da weggeschwemmt zu haben scheint. Khalife . Und der ein gutes Vorurtheil für den Herrscher des Reichs einflößt; denn wo die Richter so früh aufstehen, ihre Pflicht zu thun, da muß der Oberherr sehr wachsam sein. Ben Hafi . Ganz gewiß. – Einige Männer, in Scharlach gekleidet, traten zu Mahal ins Gefängniß, hüllten ihn in ein langes schwarzes Gewand, warfen einen schwarzen Schleier über sein Haupt, der gleich einem Sacke über seine Schultern herunterhing, und gingen dann langsam, in tiefem Tone heulend, mit ihm durch die Straßen. In einem Saale zog man ihm den Schleier ab. Hier sah er in einem Kreise um sich herum zwölf schwarze Gestalten, eben so verhüllt, wie er es vor einem Augenblick noch war. Hinter jedem der Verhüllten stand ein blendend weiß Gekleideter, mit einem schwarzen Stäbchen in der Hand. Einer der in Scharlach Gekleideten schlug dreimal stark auf eine Pauke, die mitten in dem Kreise stand. Auf den dritten Schlag berührte jeder der Weißgekleideten den vor ihm sitzenden Verhüllten mit dem Stäbchen, und in demselben Augenblick fielen alle die Schleier herunter. Die zwölf Entschleierten starrten nach Mahal hin, ohne daß einer den andern ansah. Die Köpfe, die sich so plötzlich aus der Verhüllung emporhoben, glichen alle den völlig ausgewachsenen Kürbissen und bewiesen, daß die Richter gut genährte Leute waren. Der Scharlachene schlug abermal auf die Pauke, die Stäbchen rührten sich, und eben so schnell verhüllten sich die starren Gaffer. Khalife . Was ist das? Was soll es bedeuten? Sage, was sind dies für sonderbare Richter? Und was ist dies für ein tolles Gericht? Ben Hafi . So toll nicht, als es scheint, Befehlshaber der Gläubigen. Doch Alles nach der Ordnung, die mir die Handschrift vorzeichnet. Jedes Land hat seine Gebräuche, und jedes hält die seinen für die besten. Hierauf trat einer der Scharlachenen zu Mahal und überreichte ihm eine Anklageschrift. Mahal hielt lange die Schrift in den Händen und besah die sonderbaren Zeichen. Der Mann brachte ihm eine Feder und hielt sie ihm dar. Mahal nahm sie nicht, darüber wurde der Scharlachene ungeduldig, drohte, und Mahal rief endlich: »Männer von Enoch! Ich komme vom Gebirge, weiß nicht, was ihr wollt, und verstehe diese Zeichen nicht.« Bei dem Schall seiner Worte schlugen die Weißen neunmal sehr heftig auf die Häupter der Verhüllten, diese brachen in Verwirrung aus und liefen davon. Die Führer faßten Mahal sehr erzürnt an und zogen ihn fort. Khalife . Aber warum? Was that der arme Narr? Ben Hafi . Die Form war verletzt, und du weißt, diese thut Alles; das Weitere wirst du hören. Es ist dir wohl nicht unbekannt, Herr der Gläubigen, daß oft in einem Narrenspiel ein sehr weiser Gedanke zu Grunde liegt. – Da man in dem Nebenzimmer den entflohenen Richtern den Vorfall begreiflich gemacht hatte, so erging der Spruch: man sollte den Angeklagten in Entzifferung der Zeichen unterrichten und Bericht erstatten, wenn er es so weit gebracht hätte. Einer der Schriftkundigen Enochs erschien demnach vor Mahal und erklärte ihm seinen Antrag. Mahal erinnerte sich, daß ihm Gott befohlen hatte, Alles, was er hören, sehen und denken würde, in Zeichen aufzumerken, und überließ sich demnach mit allem Eifer dem Unterricht des Schriftkundigen. Da nun Mahals kindische Unwissenheit dem Schriftkundigen bei jedem Worte Gelegenheit gab, seine Kenntnisse zu zeigen, so entstand sehr bald das angenehme und friedliche Verhältniß zwischen ihnen, das wir so oft mit Erbauung zwischen Dummkopf und Gelehrtem sehen. Mahal wurde nicht müde zu fragen, sein Lehrer nicht müde zu antworten, und jede Antwort gab Stoff zum Bewundern, Erstaunen und zu neuen Fragen. Unter andern fragte ihn auch Mahal, was es für eine Bewandtniß mit den Verhüllten hätte, und um dich nicht mit der zu kindischen Erläuterung ihres Ursprungs zu ermüden, welche die Handschrift enthält, so stimme ich sie so um, damit sie deines aufgeklärten Geistes würdiger werden möge. Unter allen Verderbnissen, Herr der Gläubigen, die die Grundsäulen eines Staats untergraben, ist das verderblichste und gefährlichste die Bestechlichkeit der Richter. Sie greift gleich der Pest um sich und theilt sich allen Denen mit, die den Angesteckten nahen. Setze den Fall, Beherrscher der Kinder des Propheten, unser gerechter Großvizir sei mit diesem schändlichen Laster angesteckt, so kannst du gleich sicher schließen, daß es von ihm aus, bis auf den Vorsteher des kleinsten Dörfchens deines Reichs, sich ausdehnt. Sieht nun einmal das Volk, Recht und Gerechtigkeit seien feil, so sinnet Jeder auf Ränke, wie er die Bestechlichen zum Verderben seines Nächsten benutzen möge. Dann verschwindet alle Redlichkeit, alle Vaterlandsliebe, alles Gefühl von Recht, und das Mitleid selbst. Habsucht und Eigennutz lösen alle Bande der Menschlichkeit auf, tödten in dem Verbrecher und dem Leidenden das Zutrauen zu dem Herrscher, und die allgemeine Schlechtigkeit, nebst dem Elend, das sie zeugt, muß am Ende den Thron erschüttern, und sei er auch in Felsen eingehauen. In dieser Lage, fuhr Mahals Lehrer fort, befand sich das Reich Enoch unter dem Urvater unsers erhabenen Sultans. Mit Kummer und Unwillen sah er die Verderbniß und versuchte alle Mittel, ihr zu steuern. Er strafte, belohnte, umsonst; das Gift war zu tief eingedrungen. Er gab die weisesten Gesetze, sie nahmen sich ganz artig im Gesetzbuch aus, wurden gelobt und blieben todter Buchstabe. Ach, dem Sultan, der unter einem verderbten Volk Gutes thun will, fiel ein schweres Loos. So schnell ein einziger Schlechter es verdirbt, so langsam bessern es viele Gute; und daß viele Gute sich einander auf dem Throne folgen, ist ein Fall, wovon bis jetzt die Geschichte schweigt. Großvizir (trotzig und ärgerlich) . Dies alles kommt von dem in dem Menschen eingewurzelten Bösen her, und darum muß man sie mit einem eisernen Zepter beherrschen und sie zum Guten peitschen. Ben Hafi . Ich beneide den Zuchtmeister nicht. Der Urvater unsers erhabenen Sultans, fuhr der Schriftkundige fort, sann auf einen neuen Plan. Er wollte nun einmal, es koste auch, was es wolle, das Uebel mit der Wurzel ausreißen. Großvizir (zwischen den Zähnen) . Es wird ihm nicht gelingen. Ben Hafi . Eine Handlung, Herr, die sehr selten gelingt, vielleicht dem Menschen gar nicht gelingen soll, weil, wenn sie ihm gelänge, Eines gegen Hunderte zu wetten wäre, man risse das wenige Gute, das daran kleben mag, mit dem Bösen aus, und das Unkraut sprossete plötzlich an einem Orte hervor, wo man es nicht vermuthete. Das Menschenverbessern mag das Einreißen, wie das gewaltsame Antreiben nicht wohl vertragen. Mit dem eisernen Zepter des Großvizirs ist es etwas anders, denn wird dadurch auch der Mensch nicht besser, so wird er doch geschmeidiger. Der Großvizir blickte finster nach Ben Hafi. Khalife . Alles Gewäsche! Der Mensch ist ein gutes, nützliches Ding, Gott ist Aller Schöpfer und Vater, und ich wünschte, daß es Jedem auf der weiten Erde recht wohl gehn möchte; geschieht es nicht in meinem Reiche, so ist es, bei dem Glanze Gottes, nicht meine Schuld. – Nach deinem Spruche, Vizir, dessen Wahrheit und Nützlichkeit ich übrigens nicht bestreite, müßte nun eigentlich Ich die eingewurzelte Bosheit aus dir herauspeitschen, und wer peitschte sie aus mir heraus? – Du staunst mich an, Ben Hafi? – Ben Hafi . Ich bewundere dich. Khalife . Worüber? Ben Hafi . Nun verehre ich dich. (Für sich.) Deine eingeschläferte Tugend soll erwachen . Khalife . Dieses mußt du. Ben Hafi . Dem Aeußern nach, gewiß; doch der innern, wahren Verehrung, wie ich dir sie nun zolle, bin ich Herr und Meister wie meiner Gedanken, und so mächtig du auch bist, kannst du diese nicht in Fesseln legen und jene nicht erzwingen. Sieh, Herr der Gläubigen, so ist jeder wahre Mensch ein unbeschränkter Sultan in den kleinen und großen Reichen, die er sich in dem Umfange seines Kopfs und Herzens schafft. Khalife . Ich habe nichts dagegen, und auch als Sultan bist du mir willkommen. Fahre indessen fort, denn ich bin nun einmal begierig zu erfahren, was es mit dieser Vermummung für eine Bewandtniß hat. Ben Hafi . Der Urvater unsers erhabenen Sultans, fuhr der Enocher fort, ließ auf einmal die fähigsten Köpfe im Lande ausheben. Khalife . Ha, Ben Hafi, und wer waren denn Die, die sie aushoben und dafür erkannten? Ben Hafi . Davon schweigt die Handschrift. Vermuthlich die Vizire und Ober-Kadis. Khalife . Ich habe nichts dagegen; aber lieber wäre es mir gewesen, wenn sie die Bürger gewählt und dabei nicht auf die Fähigsten, sondern auf die Gerechtesten gesehen hätten. Ben Hafi (für sich) . Weise wie Salomo. Großvizir . Sagte doch Ben Hafi, es sei kein Gerechter mehr in Enoch gewesen. Khalife . Das thut mir leid, und ich hatte es vergessen. Ben Hafi . Und ich nicht gesagt. – Diese fähigen, ausgesuchten Köpfe nun ließ der Sultan in den Gesetzen unterrichten, und nachdem sie ihre Studien vollendet, die schärfste Prüfung ausgestanden hatten, ließ er ihnen allen auf einen Tag die Trommelfelle des Gehörs durchstechen und so viel von der Zunge abschneiden, als nöthig war, sie völlig stumm zu machen. Khalife . Taub und stumm die Richter? Ben Hafi . Taub und stumm die Richter; dafür nun ließ er sie köstlich nähren und unterhalten, und das Volk mußte ihnen, wo sie sich nur zeigten, die tiefste Ehrfurcht erzeigen; da aber leider die Tauben und Stummen den Weg der Hörenden und Sprechenden einschlugen, so ersann der Sultan die Gebräuche, die ich beschrieben habe. Du siehst daraus, daß dieser Sultan ein Regent war, der seine Plane durchzusetzen wußte, und man sagt, daß nur dieses das Wahre und Nützliche eines Planes sei, wenn sonst der Plan sein Gutes hat. Verhüllt müssen sie die Angeklagten richten, nur einen Augenblick ihr Angesicht sehen und den ganzen Handel schriftlich mit ihnen und unter sich ausmachen. Stumm müssen Angeklagte, Zeugen und Vertheidiger vor ihnen stehen, weil die Richter taub sind; verhüllt, damit das Spiel der Augen, Mienen und Geberden sie nicht bestechen könne. Während der Angeklagte seine Antwort abfaßt, sitzen alle Richter vermummt, sobald er sie geendigt hat, wird er selbst verhüllt, dann läuft die Antwort von einem der Richter zu dem andern, einer von ihnen nach dem andern zieht den Schleier weg, schreibt sein Gutachten nieder, ein Weißgekleideter sammelt sie, überliefert sie dem Vorsitzer, der nach der Stimmenmehrheit durch übereingekommne, allgemein bekannte Zeichen das Urtheil andeutet. Der Urvater unsers großen Regenten, fährt Mahals Lehrer fort, traute den so weit Verstümmelten gleichwohl so wenig, daß er es noch für nöthig und klug hielt, sie von allen übrigen Menschen abzusondern. Jedem wurde nebst seinem Weibe eine bequeme, abgelegene Wohnung angewiesen, wo sie sich dem Genusse ihrer noch übrigen Sinne ohne alle Störung überlassen konnten. Der Staat nahm es auf sich, sie mit allem Dem zu versorgen, was der lüsternste Mensch von drei Sinnen nur wünschen mochte. Khalife . Dieser Sultan scheint mir ein weiser und entschlossener Mann und dabei ein großer Menschenkenner gewesen zu sein. Ben Hafi . Dieses meinte auch Mahal, ob ihm gleich das Licht nicht sonderlich gefiel, in welchem sich ihm hier die Menschen zeigten. Gleichwohl betrog sich dieser Menschenkenner von einem Sultan, wie du gleich hören wirst. Es dauerte gar nicht lange, so ging Alles den alten Gang; denn da ihre Weiber hören und sehen konnten, mit den Tauben und Stummen bald durch Geberden reden lernten, so fanden die Angeklagten, obgleich nicht durch die Ohren und die Augen, doch einen noch weit geradern und sichern Weg zu dem Herzen ihrer Männer. Diesen Weg nun abzugraben, ersann nach vieler und langer Anstrengung der Vater unsers gewaltigen Sultans, ein Mann von großem Geiste, wie diese Probe zeigt, ein ganz unfehlbares Mittel, und nun, sagte der Enocher zu Mahal, richten unsre Richter so ziemlich gerecht, wenn sie nicht den Schnupfen haben. Khalife . Wie machte er dieses? Bei den Geistern meiner Vorfahren, Ben Hafi, wenn du mir dieses Geheimniß vertraust und es Stich hält, so bist du der reichste Mann in Bagdad. Laß hören, es soll dich nicht gereuen. Ben Hafi . Errathe, Herr. Du hast mir so viele Proben von der Feinheit deines Geistes gegeben, daß du es mit einem kleinen Nachsinnen selber finden wirst. Khalife . Nun, er ließ den Weibern Dasselbe thun, sie taub und stumm machen. Ben Hafi . Und hätt' er sie bis auf den Rumpf verstümmelt, blieb ihnen die erlernte Sprache, der Weg zu dem Herzen ihrer Männer nicht? Khalife . So sag' es nur heraus! du weißt ja, daß ich mir erzählen lasse, um nicht zu denken. Ben Hafi . Vernimm dann, Herr der Gläubigen, das Geheimniß und mache mich zum reichsten Manne in Bagdad. Er ließ sie verschneiden. Alle riefen: Verschneiden! und Alle sahen nach dem tauben Verschnittenen, und der taube Verschnittene sah nach Allen. Ben Hafi . Ja, verschneiden; aber dafür gab er ihnen auch den ersten Rang im Staate, und was du Herr kaum glauben solltest, die Handschrift sagt hier deutlich: Jede Familie in Enoch strebte mit allem Eifer nach dem großen Glücke, einen ihres Stammes unter die Stummen, Tauben und Verschnittenen zu bringen, und die erwählten Glücklichen studirten mit solcher Anstrengung die Gesetze, als die Diener deiner hohen Person auf Mittel, dir zu gefallen. Wahrlich, man hätte sagen sollen, es waren dadurch drei neue Sinne zu gewinnen und keine zu verlieren. Khalife (bestürzt und tief nachsinnend) . Taub, stumm, verschnitten, eingesperrt und doch nur gerecht, wenn sie nicht den Schnupfen haben! Das überrascht mich! Ben Hafi . Thut es dies? Khalife . Ha, Vizir, wenn dieser so entschlossene Mann nichts ausrichten konnte, wozu werden uns die schönen Verordnungen wohl dienen, die wir vor Kurzem ergehen ließen? Ben Hafi . Herr der Gläubigen, laß dem armen Ben Hafi die hundert goldnen Derhems auszahlen. Khalife . Wofür? Ben Hafi . Für die Ueberraschung, die du selbst eingestanden hast; ist es die erste dieser Art, so verdient sie wahrlich die Belohnung, und du bist der Weiseste deiner Vorfahren, wie du nach aller Meinung der Glücklichste bist. Der Großvizir blickte grimmig nach Ben Hafi, und Ben Hafi erwiederte seinen Grimm mit einem ernsten Lächeln. Khalife. Die hundert Derhem, die sind dein, ob ich gleich diese Ueberraschung nicht unter die angenehmen zählen kann. Ich hoffte ein Geheimnis von dir zu lernen, mein Volk auf einmal von dieser Pest zu heilen, und Alles, was ich höre, ist, daß diese Pest unheilbar sei. Doch schlagen meine letzten Verordnungen nicht ein, und die Bestechung dauert in meinen Landen immer so fort, so wage ich dieses schreckliche Mittel; denn besser ist es, daß ein Richter nicht bei dem Weibe schlafen kann, als daß er die Gerechtigkeit zur feilen Metze macht. Beim Propheten. – Ben Hafi. Herr, binde dich durch keinen Eid, und solltest du dieses schreckliche Mittel in Ausübung bringen wollen, so laß erst alle deine Unterthanen im Lesen unterrichten und die Richter aus fremden Landen kommen. Ich fürchte immer, der Schnupfen, von dem Mahals Lehrer spricht, ist eine Familienkrankheit und erklärt sich nur aus dem Drängen nach den Richterstühlen. Khalife. Wohl, ich binde mich durch keinen Eid und will vorerst abwarten, was meine letzten Verordnungen für Wirkung thun. Indessen beweist doch abermals deine Geschichte, wie viel ein Sultan mit seinen Unterthanen unternehmen kann, wenn er nur entschlossen ist, auf seinem Sinn verharrt und es klug anfängt. Daß sich die Söhne der besten Familien verstümmeln ließen, nimmt mich nicht Wunder, denn der Sultan wollte es so; aber daß sie sich darnach drängten, daß er es ihnen so anziehend zu machen wußte, daß sie die besten Glieder hingaben, um den sonst unbrauchbaren Rumpf geehrt zu sehen, darin liegt das große Wunder. Doch nur weiter, er hätte noch mehr wagen können, und ich weiß die Ursache. Ben Hafi. Darf ich mich erkühnen, darnach zu fragen? Khalife . Was sollte es anders sein, Ben Hafi, als der Wille des Allmächtigen; er hat den Menschen, um der Ordnung willen, so für uns zugerichtet; laßt uns dies anerkennen und dankbar schweigen. Gehorchet dem Khalifen, dem Diener Gottes und preiset den Herrn. »Alles, was lebet, singet ihm ein Loblied, er ist mächtig und weise. Sein ist das Königreich des Himmels und der Erde, er ist allmächtig. Er ist der Erste und der Letzte, der Offenbare, der Verborgene, und er kennt alle Dinge. Er ist es, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschuf und dann seinen Thron bestieg. Er weiß, was in die Erde geht, was aus ihr hervorkommt, was von dem Himmel heruntersteigt, was in den Himmel aufsteigt; er ist mit euch, wo ihr seid, und weiß Alles, was ihr beginnet. Sein ist Alles, zu ihm kehrt Alles zurück. Gehorchet ihm und seinem Diener, glaubet an ihn und seinen Apostel, gebt einen Theil eures Vermögens den Armen, ihr gebt von der Erbschaft, die euch von ihm kommt, und für eure Almosen soll euch großer Lohn werden.« Alles, was wir thun, thun wir, weil er es will, weil er es vor unserm Dasein in das klare Buch aufgezeichnet hat. Wer kann ungeschehen machen, was er in das klare Buch aufgezeichnet hat? – Ben Hafi . So sei denn Alles in das klare Buch geschrieben und die Nothwendigkeit unser Herr, auch ist es nur sie, die alle Verwirrung löset. Daß Mahal in seines Lehrers Erzählung sehr reichen Stoff zum Nachsinnen gefunden haben muß, ist sehr begreiflich; er selbst gesteht, daß er ohne seinen Beistand sehr wenig davon begriffen haben würde. Endlich, setzt er noch hinzu, sei ihm daraus so viel deutlich geworden, daß er vor diesem Gerichte wohl das Ende seiner Reisen finden würde; aber er betrog sich. Du wirst wohl gemerkt haben, Herr der Gläubigen, daß das Gefängniß die Schule Mahals war. und ohne dasselbe würde ich nicht das Glück haben, dir diese kostbare Handschrift zu verdolmetschen. Khalife . Noch mir Langeweile zu verursachen. Ben Hafi . Wohl dem Manne, der über sonst nichts zu klagen, der Zeit zur Langenweile hat! Ein Großer, der sonst nichts thut als gähnt, ist wahrlich ein besserer Mann als der, der sich die Zeit mit Thaten vertreibt, die den Kreis seines Wirkens mit Geheul und Jammer erfüllen und ihm am Ende die Reue als Lohn abwerfen. Der Großvizir sah Ben Hafi mit Beifall an, und Ben Hafi achtete es nicht. Ben Hafi . Ueberzeugt von dieser großen Wahrheit, der die Gemächlichkeit das Wort redet, fahr' ich fort: Der Schriftkundige hatte so oft den Sultan genannt, daß er Mahals Neugierde endlich reizte. Du weißt, welches große Bild sich seine gespannte Einbildungskraft von den Gewaltigen der Erde erschaffen hatte. Der geschwätzige Enocher machte ihm nun eine so erhabene, prächtige und kräftige Beschreibung von seines Sultans Person, Eigenschaften und Ursprung, als habe er die Farben dazu aus Mahals Phantasie gestohlen. Er sagte ihm: die Sultane von Enoch stammen in gerader Linie von Naahmah, der schönen Enkelin Kains, des Stifters dieses Reichs und dieser Stadt. Diese Naahmah war so reizend, daß sie die Herzen der mächtigen Geister Aza und Azael mit irdischem, wollüstigem Feuer entflammte. Von ihnen empfing sie den gewaltigen Gedim. Aza beschenkte seinen Knaben mit schrecklicher Kraft, Azael mit durchdringendem Verstande, unternehmendem Geiste und gefährlicher List. Da Gedims Väter aber Geister waren und nicht durch der Menschen Sinne fühlten, so vergaßen sie, was uns armen Menschen das Nothwendigste und Ersprießlichste ist – Mitleiden und Theilnahme. Doch eben dieses, sagte der Enocher, machte sie zu wahren, großen Sultanen, da sie sich durch keine Nebenabsicht, durch kein kleinliches Gefühl in ihren Entwürfen, Unternehmungen und Thaten fesseln ließen. Ich, der arme Ben Hafi, sage: Glücklich sind wir, daß unsre Sultane nach der Sündfluth von Menschen gezeugt und geboren werden, daß ihnen nichts Menschliches fremde ist, daß sie fühlen, wo es uns drückt, und unsre Lasten gern erleichtern, vorausgesetzt, daß ihre Vizire ihnen nicht allzustark beweisen, die Kasse und das vermeinte Ansehen leide zu sehr dadurch. Khalife . Ben Hafi, der Muselmann thut mehr. – Ben Hafi . Und erwirbt den Himmel. – Ferner bedachten die von den Reizen der Mutter verblendeten Geister nicht, daß sie diese gefährlichen Geschenke dem Sohne eines sterblichen Weibes ertheilten, die ihn zugleich zum Erben von Neigungen machte, welche den Besitzer solcher Eigenschaften so leicht zum Mißbrauch reizen. Gedim gebrauchte die Geschenke nach Herzenslust, ward Allen furchtbar durch seine Gaben, gefiel sich bloß in dem Gerüchte des schreckenvollen Ruhms, der sich von ihm über das ganze Land verbreitete. Er unterjochte seine Nachbarn, und nachdem er sich Alles durch Gewalt und Schrecken unterworfen hatte, hielt er es durch seinen Verstand und sein Schwert zusammen, unterrichtete seine Unterthanen in den Künsten und führte durch sie Werke aus, die wir noch heute anstaunen. Er herrschte so gewaltig über die Herzen der Menschen seiner Zeit, daß sich die Furcht vor ihm von Geschlecht zu Geschlechte fortpflanzte und wir noch heute in seinem Urenkel vor ihm beben. Doch glücklicher Weise ließ der Einfluß der mächtigen Geister in den Enkeln bei jedem neuen Geschlechte etwas nach; sie sind nun viel milder, und Alles, was ihnen noch übrig geblieben, ist das Bewußtsein ihres hohen Ursprungs, die Verachtung Derer, die von gemeinen Eltern oder Menschen herkommen, und gewisse Geheimnisse, welche die Geister Naamah lehrten, von der sie Gedim empfing und die sich nun von Vater zu Sohn immer forterben. Dieses ist ein gar glücklicher Umstand, und nichts ist nützlicher als Geheimnisse, wenn das Licht irre führen könnte. Sieh, fuhr Mahals Lehrer fort, dieses ist der hohe Ursprung unsers erhabenen Sultans; möchte er uns nur bald mit einem Erben seiner Macht beglücken, damit sein himmlisches Geschlecht nicht aussterbe und wir armen Enocher zu Waisen oder gar der Raub habsüchtiger Nachbarn werden. Vergebens flehten wir bisher zu dem furchtbaren Gedim, seinem Ahnherrn, unser Vorbitter bei den Geistern, seinen Vätern, zu sein, doch nun scheinen sie uns endlich erhört zu haben, denn vor Kurzem sandten sie eine Jungfrau von dem Gebirge, die von dem Sohne Gottes Seth abstammt und die der Sultan sich nun zugelegt hat. Khalife. Ich wette, ich weiß, wo dies hinaus will. Ist diese Sultanin nicht die geraubte Tochter deines einfältigen und langweiligen Mahals? Ben Hafi. Du hast es errathen, und auch der Vater erkannte sie aus den nähern Umständen, die er dem Schriftkundigen nach und nach abfragte. Ueberzeugt, es sei seine verlorne Tochter, rief er freudig: Ach, Milka, meine Tochter! Der Lehrer bat sich Erläuterung über den Ausruf aus, und als er sie erhalten, fiel er demüthig vor seinem Schüler nieder und sagte: »Gedenke meiner, Herr, in deiner Größe!« Nach diesen Worten verließ er den froh betäubten Mahal. Der Gedanke, seine Tochter sei die Gemahlin eines der Riesen und Gewaltigen der Erde, vor denen er sich so sehr fürchtete, ward bald so überschwänglich und berauschend in seinem Herzen und Kopfe, daß er ganz vergaß, dieser Sultan sei von dem wahren Gott abgefallen. Sein Vaterherz und die Ueberzeugung, das Ende seines Studirens sei das Ende seines Lebens, mögen ihn hier entschuldigen. Ben Hafi rollte seine Handschrift zusammen, und der Khalife winkte ihm für heute gnädig Urlaub zu. Vierter Abend Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift aus einander und begann: Der Schriftkundige lief so lange herum, bis es ihm gelang, vor das Oberhaupt seiner Zunft zu kommen. Er berichtete ihm den Vorfall mit allen Umständen: das Oberhaupt empfand, welchen Vortheil ihm dieser Vorfall bei der Sultanin erwerben könnte, und da er wegen des Auftrags, sie von ihrer Unwissenheit zu heilen, zu jeder Stunde des Tags bei ihr Eintritt hatte, so eilte er schnell nach dem Palaste und hinterbrachte ihr die glückliche Botschaft. Mit der gehörigen Ehrerbietung vertraute sie Alles dem Sultan, ihrem Gemahle, und der Göttersohn geruhte seine Staatsbedienten abzuschicken, um den Vater mit geziemender Achtung abzuholen. Mahal ward prächtig gekleidet, unter tiefer Verehrung aus dem Gefängnisse geführt und wider seinen Willen, gegen sein flehentliches Bitten, auf ein Pferd gesetzt, das, wie gewöhnlich, einige Diener leiteten. Einige Schreier des Hofs gingen voraus und riefen sehr vernehmlich: »Heil Mahal! Dem Enkel Seths! Dem weisen Manne vom Gebirge! Dem ehrwürdigen Vater unsrer schönen Sultanin!« Das Volk verbeugte sich tief vor ihm, und Mahal gesteht hier auf dieser Stelle: »so groß auch seine Furcht auf dem gefährlichen Thiere Anfangs gewesen wäre, so hätte er sie bei diesem Anblick doch sehr bald vergessen.« Khalife . Ich glaube es gerne, und wie kann es anders sein. So sehr er auch Klotz gewesen ist, so mußte er doch nun empfinden, daß er, da ihn der Sultan so sehr ehrte, ein anderer Mann geworden sei. Ben Hafi . Wir wollen sehen, wie es ihm bekommt. – Die Sultanin Milka empfing ihn reich und prächtig gekleidet, umgeben von ihrem Hofstaate. Mahal, entweder geblendet von ihrer schimmernden Pracht, oder erstarrt von ihrer erhabenen Kälte, wagte es nicht, ihr zu nahen, sie an sein klopfendes Herz zu drücken und vor Freude zu weinen, wie er doch so gerne gethan hätte. Die Sultanin that vor der glänzenden Versammlung einige Fragen über sein Wohlbefinden an ihn und freute sich über den glücklichen Zufall, der ihn nach Enoch gebracht, so, wie sich eine Sultanin öffentlich freuen muß: hierauf entließ sie ihn höchst gnädig. Man vertrieb ihm bis zum Abend mit tiefer und kalter Verehrung die Zeit, führte ihn dann in das innere Zimmer der Sultanin, die ihm für diesmal beim ersten Blick um den Hals fiel und nach Allem fragte, was ihm begegnet sei. Sein Herz erwärmte sich nun wieder, er gab ihr von Allem Nachricht, berührte selbst seine hohe Sendung, die aber der Sultanin Aufmerksamkeit nicht sonderlich reizte. Endlich fragte er sie sehr beklommen um die Ursache der Kälte von dem Morgen her, und die Sultanin antwortete: »So will es mein erhabener Gemahl, der Sultan. Er sagte mir, dies Betragen sei eines von den vielen Geheimnissen, die Gedim durch seine Mutter von Aza und Azael erhalten hätte, die Menschen zu beherrschen. Anfangs fiel es mir ein wenig schwer, da mich aber der Sultan sehr hart anging und mir der furchtsame, ängstliche Zwang der andern in meiner Gegenwart immer mehr gefiel, so unterwarf ich mich dem mir selbst Aufgelegten und finde nun Ersatz in dem ihrigen.« Khalife . Diese Sultanin ist für eine Tochter ihres Vaters sehr gelehrig und gefällt mir nicht übel; hier wenigstens hat sie, wie man sagt, den Nagel auf den Kopf getroffen. So viel ist einmal gewiß, wenn ich meinen ganzen Hof so steif und hölzern um mich stehen sehe, daß man alle meine Höflinge für Richter des Königreichs Enoch halten sollte, so vergesse ich, bei ihrem ehrfurchtsvollen Anblick, allen Zwang, den ich selbst empfinde. Weiß ich nicht, daß es von mir, von einem meiner Winke, von einem Zulächeln abhängt, diese hölzernen Maschinen zu beleben? Und dies tröstet, Ben Hafi, und macht gar viel ertragen. Wie sie es ertragen, womit sie sich trösten, das weiß ich nicht, auch kümmert mich's nicht. Doch, womit glaubst du, daß sie sich trösten? Ben Hafi . Ohne deinem durchdringenden Verstande vorgreifen zu wollen mit dem Gedanken: daß sie das Spiel, das du mit ihnen spielst, mit ihren Untergeordneten wieder spielen. Khalife . Und diese mit den Andern, und so immer abwärts. Ja der Mensch ist ein wunderbares Ding, doch Gott hat ihn gemacht, er sprach: » dies habe ich gemacht, und es ist gut! « Auch ist dieses wirklich eines der Geheimnisse, die den Staat und die Menschen in Ordnung zusammen erhalten, und bin ich gleich eines Menschen Sohn, so habe ich's nicht weniger gefunden. Ben Hafi . Mahal war nicht so glücklich, er nagte an dem Räthsel, und bei jedem Schritte schien es ihm verworrener und dunkler zu werden. Khalife . Seine Tochter wird ihn schon in die Schule nehmen. Ben Hafi . Vielleicht. Beim Abschied sagte sie ihm: »Mein Vater, ich habe in der kurzen Zeit, in dieser wunderbaren Stadt, unter diesen wunderbaren Leuten Dinge erfahren und gesehen, wovon man auf unserm langweiligen Gebirge nichts im Traume sieht. Auch sind sie nicht so böse, wie der strenge Noah sie zu schildern pflegte. Mache es nur, wie ich, und sei hübsch gelehrig. Du wirst sehen, wie Alle sich bestreben werden, dich zu unterrichten und dir zu gefallen.« Den folgenden Morgen bekleidete man Mahal mit einem noch reichern Gewande, gürtete ihm ein Schwert um und führte ihn in den goldnen Saal des Sultans Puh. Man bedeutete ihm sein nahes Glück. Seine Geister waren gespannt, sein Blut in Wallung über den Gedanken, bald den Gewaltigen des Landes, den Riesen und großen Abkömmling der Söhne Gottes von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Dieser Sultan Puh, Herr der Gläubigen, auf welchen durch den so öftern Vererb nur sehr wenig von den hohen Kräften, welche die Geister oder Engel seinem Urvater ertheilt hatten, übergegangen war, suchte wenigstens das ihm Fehlende durch Aufrechthaltung und Verbesserung des von seinen Vorfahren eingeführten Ceremoniels zu ersetzen. Khalife . Man thut, was man kann, und wozu einem Jeden Gott Kraft und Muth verliehen hat. Wer das gethan hat, wozu er bestimmt war, hat seinen Lauf und seine Schuldigkeit erfüllt. Der Ochse zieht den Pflug, das Pferd trägt den Krieger, das Kameel die Last. Ben Hafi. Und der Affe schneidet Grimassen. Khalife. Und macht selbst den Zornigen lachen. Ben Hafi. Und den Weisen nachsinnen. Khalife. Und ist dem Thoren ein Spiegel. Ben Hafi. In dem er sich doch selten erkennt. Khalife. Warum? Ben Hafi. Weil es für den Thoren keine Spiegel gibt. Doch um wieder auf den Sultan Puh zu kommen – er unterwarf sich und seine Hofleute den strengsten Regeln der äußern Achtung (denn die innere erzwingt, wie gesagt, kein Sultan auf der Erde, wenn er sie nicht verdient) – hatte seinen Hofstaat so eingeschult, daß Alles wie ein Uhrwerk ging und er des Geistes seiner Vorfahren so lange entbehren konnte, als nichts den Gang der Räder hemmte. Ich versichre dich, Herr der Gläubigen, auf diesem Wege hat sich vor der Sündfluth (nach der Sündfluth geht es ganz anders her) mancher flache Kopf mit Ehren auf dem Throne erhalten, und gewiß ist es die beste Regierungsart (die sicherste und bequemste ist es ohne allen Zweifel), wenn nur nicht zu Zeiten wilde Brauseköpfe, unvorgesehene Umstände, kleine Zufälle und Begebenheiten, die oft die größten Ereignisse und Begebenheiten hervorbringen, den schönen, gemächlichen Gang der weislich eingeführten Ordnung störten. Auch würden wahrlich die Völker unter solchen ruhigen Regenten viel besser fahren, als unter den feurigen, ruhm-, herrsch- und eroberungssüchtigen Geistern, welche die Erde mit dem Blute der Menschen düngen, Städte zertrümmern, ohne neue aufzubauen, ohne alle Ordnung und Regel leben, auf kein Hofceremoniel achten, eine Zeitlang, wie ein drohendes Schwanzgestirn, über den bebenden Völkern einherschweben und dann plötzlich in das Dunkel sinken, woraus sie besser nie hervorgegangen wären. Du wirst sagen, ihr Dasein war nothwendig, war mit allen den blutigen Zeichen im klaren Buche aufgezeichnet; auch ich sage mit einem Seufzer so und bin froh, daß mein Sultan Puh kein Völkerwürger und Städtezertrümmrer gewesen ist. Khalife. Er soll mir darum nicht weniger gefallen. Ich danke Gott, daß ich in Frieden auf dem Throne der Khalifen. sitze, doch vergesse ich nicht, daß ihn ihr Schwert erworben hat. Wer das meinige will kennen lernen, der greife ihn nur an. Ben Hafi. Sitze in Ruhe darauf, Herr der Gläubigen, es stirbt sich leichter so, als wenn die Geister der Erschlagenen ihn umschweben. Mit diesem aufrichtigen Wunsch gehe ich in meinem Märchen weiter. Der Glanz des Saals, worin sich Mahal befand, der prächtige, schimmernde Thron, auf Löwen ruhend, über dem ein ungeheurer Vogel mit einem Menschenangesicht, langen Flügeln, einem langen Ziegenleib mit Tigerklauen schwebte, die reiche Kleidung der Hofleute, die ernste, tiefe Stille, das ehrfurchtsvolle Benehmen Aller mußte ihn immer mehr von dem Gedanken überzeugen, ein Wesen höherer, besondrer, schrecklicher Art müßte nun bald hereintreten. Eine große Pforte flog sausend auf. In dem nämlichen Augenblick riß man Mahal etwas gewaltsam zu Boden, die Stirne niederwärts. Diejenigen, welche ihn gebeugt zur Erde hielten, raunten ihm ins Ohr: »Bei deinem Leben, rühre dich nicht!« In dieser Stellung verblieb Mahal so lange, als der Sultan den Kreis seiner Staatsdiener und Hofleute mit ernsten, kalten Blicken durchlief und so seine Audienz ertheilte. Darauf stellte der Oberceremonienmeister den zur Erde Gebeugten dem Sultan vor. Der Sultan nahte mit hoher Majestät, setzte dem Gebeugten, von zwei der ersten Diener der Krone unterstützt, den Fuß auf das Haupt, trat dann mit aller ihm möglichen Kraft so gewaltsam darauf, daß der rohe, unwissende Mahal glaubte, der Fuß eines ungeheuren Riesen zerschmettre sein Gehirn. Er seufzte, ächzete laut und sträubte sich unter den Händen der ihn Haltenden, wie ein gefangener Eber unter den Zähnen der Fanghunde, Der Sultan setzte sich auf seinen Thron, beschattet von den Flügeln des sonderbaren Vogelthiers. Ein Teppich rollte davor herunter. Man richtete nun Mahal auf, und da man seine Nase und den Boden blutig sah, so nahte man ihm mit der tiefsten Ehrfurcht und wünschte ihm zu der auszeichnenden Gnade Glück. Vermöge deines durchdringenden Verstandes, Nachfolger des Propheten, wirst du ohne mein Erinnern denken, daß man die Grade der sultanischen Gnade in Enoch nach dem Nachdruck maß, mit welcher der sultanische Fuß die ihm Vorgestellten beehrte, und daß man in Enoch einen gewaltigen Fußtritt des Sultans ebenso inbrünstig wünschte, wie anderwärts den Blick der Huld. Mahal, der den Geist dieser so merkwürdigen als bedeutungsvollen Ceremonie jetzt nicht faßte, nahm sie in dem rohen Sinne eines unkultivirten Menschen, und hätten ihm die Staatsbedienten nicht den schäumenden und blutigen Mund zugehalten, so hätte er sich gewiß seinem natürlichen Unwillen und Zorn überlassen und um alle Vortheile gebracht, die ihm der Sultan so gnädig zugesichert hatte. Khalife. Eine sonderbare Ceremonie, aber ich sehe doch Ordnung und Methode darin, wie in Allem, was in diesem Reiche geschieht, und sind die dabei, so ist es gleichviel, wie ein Ding geschieht; die Menschen gewöhnen sich an Alles, und was fiele wohl dem Hofmann schwer und hart, wenn er unsre Gunst erhalten kann? Er thut und erträgt das Böse, selbst ohne Gewissensbiß und ohne Klage. Nur ein einziges Versehen bemerkte ich hier, Ben Hafi: warum unterrichtete man den rohen Menschen nicht von des Hofes Sitte? Dies Versehen dünkt mich unverzeihlich, und mein Oberceremonienmeister wage es nicht, ein gleiches zu begehen. Ben Hafi. Konnten die Hofleute des Sultans in Enoch vermuthen, daß ein Mann auf Erden lebte, der so barbarisch unwissend wäre, die Gebräuche des ältesten Hofs der Welt nicht zu kennen? Khalife. Das ist ein Anderes; ich dachte wohl, daß ihnen die Entschuldigung nicht fehlen würde. Hofleuten fehlt sie nie, und eben dieses beweist die Bildung, die wir ihnen geben. Ben Hafi . Die Hofleute in Enoch, die ich gern wieder mit dir ausgesöhnt sehe, flüsterten ihm hierauf, von seiner thierischen Wildheit gezwungen, die Bedeutung des Geschehenen ins Ohr, wuschen seine Nase mit einem blutstillenden Wasser und stellten ihn vor den verhüllten Thron. Langsam rollte nun der Vorhang auf. Auf einmal sah Mahal die Majestät von Enoch in ihrer ganzen Pracht und Gewalt vor sich und ward von dem Anblick derselben noch mehr erschüttert, als von dem Tritt, mit dem sie so eben sein Gehirn betäubt und seine Nase zerquetscht hatte. Anstatt eines ungeheuren Riesen, eines furchtbaren Göttersohns, eines übermächtigen Gewaltigen, sah er eine dünne, grämliche, blasse, prächtig geschmückte Gestalt, fünf Fuß und einige Linien hoch. Du siehst, Herr, daß der Einfluß der mächtigen, himmlischen Urväter, wenigstens dem Körper nach, nicht sehr merkbar war. So verhaucht Alles auf dieser Erde, und nichts ist beständig, als die Neigung des Menschen zum Bösen und der Undank des Menschen gegen seine Wohlthäter. Mahals Verwirrung, dummes Erstaunen und weit geöffneter Mund wurden ihm indessen zum Besten ausgelegt. Sultan Puh schrieb die Wirkung, die er auf seinen Schwiegervater machte, seinem majestätischen Wesen, seiner erhabenen Gestalt und seinen großen, glänzenden, starren Augen zu, das einzige erbliche Abzeichen, das er von seinen Urvätern an sich trug. Ich sage Abzeichen und nicht Merkzeichen, weil ihnen Das fehlte, was sie in seinen Urvätern beseelte und durch sie mit Blitzen sprach. Du weißt, Herr der Gläubigen, aus Erfahrungen an kleinen, flachen Menschen, daß in ihnen ein Geist, aus bunten Dünsten gebildet, lebt, der in ihrer Einbildungskraft sein Spiel so mit ihnen treibt, daß sie sich immer in dem Glanze sehen, den der lügenhafte Zaubrer in ihrem wässerigten Gehirne erzeugt. Ein schwacher Sultan hat oft viele solcher Geister in und um sich. Puh, gekitzelt von den Seinen, hingerissen von dem süßen Genüsse des Selbstgefühls, überschritt sogar die sich vorgeschriebene Regel und lächelte ein wenig; aber schnell erinnerte sich der Sultan seiner Würde und starrte ernsthaft vor sich hin. So endigte diese für Mahal große und merkwürdige Stunde. Unter abermaligen Glückwünschen ward er in seine neue Wohnung am Hofe gebracht, wo er sich sogleich sehr mißmuthig auf ein weiches Lager niederwarf. Er war mehr darüber ergrimmt, daß er sich in seiner großen Erwartung, etwas Gewaltiges, Ungeheures in dem Herrscher Enochs zu sehen, betrogen hatte, als über die Mißhandlung und den Schmerz, den er noch an seiner Nase und seinem Haupte empfand. Sein Aerger vermehrte sich noch, da er beinahe gestehen mußte: Noch möchte in Dem, was er ihm von den Gewaltigen der Erde sagte, wohl Recht haben. Eine bittre Bemerkung für einen Mann von Mahals Gemüthsart und Forschungsgeist. »Wie,« sagte er bei sich, »dieses grämliche, ernsthafte, geschmückte Männchen, das mir, einem Enkel Seths, auf das Haupt trat – um den Alle zitternd stehen – der kleinste, schwächste Wicht, den ich bisher gesehen habe, herrscht über Diese alle? Wirkt Alles, was ich sehe, höre und vernehme? Und das so gewaltig, daß dem Nahen und Fernen sein Name wie der Donner des Erhabenen ertönt? Wie macht er dies? Worin besteht das Geheimnis, wodurch er alles Dies bewirkt? Etwa darin, daß er ein Abkömmling der Geister ist? Das, was ich an ihm wahrnehme, zeigt mir nichts davon; er ist ein Schatten gegen mich und die Meisten, die bebend um ihn stehen. Doch seh' ich noch nicht, warum der Herr so sehr ergrimmt gegen sie ist und warum er sie verderben will; den Schmerz ausgenommen, den mir dieser traurige Sultan verursachte, scheinen sie mir noch ganz gut zu sein, und er selbst, sagen sie, wollte mich dadurch seines Wohlwollens versichern. Ich glaubte lauter fürchterliche, große, kraftvolle Menschen zu sehen und finde sie klein, lächerlich und schwächlicher, als ich es bin; aber eben Dieses verwirrt mich noch mehr. Wie können so kleine, schwache Wesen so böse sein, um den mächtigen, großen Gott selbst zum Zorne zu reizen? Wie können sie alles das Ungeheure, das ich um mich sehe, hervorbringen? Wie diese Städte, Brücken und Thürme erbauen? Wie sich das Pferd, den Wind und die Gewässer unterthan machen? Und wie die bösen Thaten begehen, wovon der Herr im Zorne spricht und deren Zeuge ich selbst war? Wie, wie kann dieser kleine, schwache Mann alle die Stärkern an seinen Willen fesseln? Wie können sie sich, um seines traurigen Zulächelns willen, das Haupt von ihm zertreten lassen? Ach, er ist kein Riese; da er nun kein Riese ist, so muß er gewiß ein Zauberer sein, und ohne allen Zweifel hat seine Urmutter Naahmah von den Söhnen Gottes die Zauberei gelernt, sie Gedim ihren Sohn gelehrt, von dem sie dann bis auf seinen Enkel, diesen kleinen Puh, fortgeerbt hat!« Nach dieser Standrede fiel ihm sein Lehrer ein. Er ließ ihn schnell aufsuchen. Der Schriftkundige trat herein, fiel auf sein Angesicht vor ihm nieder, und als er seine geschwollne Nase erblickte, wünschte er ihm Glück dazu und empfahl sich seiner Gnade. Hierauf erzählte er ihm, wie er es angefangen hätte, der Sultanin von seinem Hiersein Nachricht zu geben, und ließ leise in seine Rede einfließen, was er von ihm zum Lohn erwartete. Mahal hörte ihn nicht, er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt und sagte ihm ganz rasch heraus, welches Wunder er in dem Sultan zu sehen gehofft hätte und wie gewaltig er sich betrogen fände. Der Schriftkundige gab ihm die klügste Antwort, die ihm je über die Lippen gegangen war und sagte: »Vielleicht hast du eben da das größte Wunder gesehen, indem du keines zu sehen glaubtest!« Mahal horchte hoch auf, sann vergebens nach, um den tiefen Sinn dieser Worte zu fassen, drang dann in ihn, ihm dies Wunder zu beschreiben, ihm zu sagen, worin es läge. Der Schriftkundige macht hier in der Handschrift, nach der Gelehrten Art, ein so dunkles, klingendes Gewäsche über die Geheimnisse der Wunder der Regierung, daß ich vermuthe, er habe einen sehr alltäglichen Sinn mit den Worten verbunden, die einen so tiefen in sich schließen, und das Wunder gerade da nicht gefunden, wo es nach seinen eignen Worten zu liegen scheint. So geht es Schriftkundigen und Dummköpfen sehr oft; zu Zeiten spricht der Geist durch sie, und sie gleichen alsdann Glocken, die nur Andern tönen. Mahal ahnete gleichwohl etwas von dem tiefen Sinne, denn er fagte zu dem Schriftkundigen im Fortgang des Gesprächs: »Das größte Wunder würde immer dieses sein, wenn dieser Mann von Geistern, von Söhnen Gottes abstammte. Wenigstens werde ich an dieses nicht mehr glauben, und dem andern will ich suchen auf die Spur zu kommen.« Der Schriftkundige erblaßte bei dieser kühnen Aeußerung, sah sich furchtsam um, faßte sich, da er Niemand sah, und hielt weiter nicht für zuträglich, über diesen höchst kitzlichen Gegenstand fortzureden. Er entfernte sich bald und hinterbrachte, aus zarter Gewissenhaftigkeit, die kühne Aeußerung des Schwiegervaters des Sultans dem Oberhaupte seiner Zunft. Das Oberhaupt legte dem Untergebenen Stillschweigen auf und schrieb sich die Ketzerei ins Gedächtnißbuch. Mahal ward mit dem traurigen, furchtbaren Sultan nach und nach so vertraut, als es die Würde des Sultans erlauben konnte, und seine Verwunderung nahm durch die nähere Bekanntschaft mit dem grämlichen, mächtigen Zauberer immer mehr zu. Khalife. Und ganz natürlich, Ben Hafi, denn dein roher Dummkopf wird in dem Umgang mit dem Sultan doch endlich begriffen haben, daß es nicht die Masse von Fleisch und Knochen, sondern der Geist oder der Verstand ist, durch den man die Menschen leitet. Ben Hafi. Und wenn er nun nichts davon entdeckt hatte, was sollte der rohe Bergbewohner denken? Khalife. Wer sagt denn, daß er denken sollte? Wozu nutzt es ihm? Ben Hafi. Gegen diesen Ausspruch ist nichts anders einzuwenden, als daß Mahal denken mußte, weil er sah, hörte und verglich, und daß sein Denken außer den Grenzen der Macht des Zauberers von Enoch lag. Nach seiner Handschrift sage ich: er konnte noch immer nicht begreifen, wie die Hofleute in Enoch so viel an ihrem Sultan finden konnten, an dem er so wenig fand, und sann noch immer über die dunkeln Geheimnisse nach, welche die Wunder, die er sah, bewirkten. Der Sultan ertrug und achtete ihn dem Aeußern nach, weil er der Vater seiner Gemahlin war, ihm dadurch angehörte, sonst fand er weiter nichts an ihm. Die Sultanin erzeigte sich ihm immer sehr gnädig vor den Augen Andrer, sie war sogar freundlich gegen ihn, wenn sie sich mit ihm allein befand. Mahal, so erstaunt als ermüdet über und von dem prächtigen Schauspiel, das er am Hofe täglich aufführen sah, warf sich nun in die volkreiche Stadt, von einigen Dienern begleitet, und wenn es dir nicht zuwider ist, so will ich dir morgen, Herr der Gläubigen, einige seiner Bemerkungen verdolmetschen. – Er rollte seine Handschrift zusammen. Khalife. Ganz und gar nicht, ob ich gleich nicht viel erwarte. Fünfter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift aus einander und begann: Mahal spricht: Enoch heißt die Stadt, in welcher die Menschen ihr unruhiges Wesen treiben. Mitten hindurch fließt ein Strom, sie nennen ihn den Pfeil. Ueber denselben haben sie einen großen Bogen von Steinen gespannt, er soll ein Werk Gedims sein und scheint wirklich eher von mächtigen Geistern, als von solchen schwächlichen Menschen herzurühren. Doch wer weiß? So klein sie auch sind, so vermögen sie doch sehr viel, wenn sie einig sind und sich zu einer Unternehmung verbinden. Ihre Höhlen, die sie Häuser nennen, sind sehr ordentlich eingerichtet, reich geschmückt und voller Gemächlichkeiten, die mir nicht zuwider sind. An jeder Höhle ist eine Thüre, die man verschließen kann, damit Keiner sehe, was man darin macht. Kommt Einer zu dem Andern, so kündigt er sich durch einen starken Schlag an der Thüre an, aus Furcht, er möchte den Herrn der Höhle oder des Hauses bei einer bösen oder unanständigen That überraschen. – Es wird mir dunkel vor den Augen, wenn ich auf der Straße durch das Gewühl von Menschen gehe, weil ich immer fürchte, es möchte zwischen ihnen zu gefährlichem Streit kommen, da ich in meines Schwiegersohns Hause bemerkt habe, daß sie sich unter einander gar grimmig hassen, und mein Schwiegersohn, der kleine Zauberer, sein grämliches, blasses, finstres Angesicht doch nicht überall zeigen kann. – In Enoch wohnen viele Leute, die mit ihren Händen, vermöge verschiedener Werkzeuge, aus Holz, Stein, Metall und Fäden, allerlei zum Gebrauch und Vergnügen bilden, hauen, schaffen und weben. Diese haben wahrlich Verstand in den Fingern. Auch sah ich einen Bildner eine Gestalt aus Stein bilden und lache nun über meine Furcht vor dem steinernen Bilde, das sie die Liebe nennen. Ihr Bild hab' ich zwar wieder in Enoch gesehen, doch noch nichts von der Auslegung wahrgenommen, die mir die Bewohner der Felder gemacht haben. Sonderbar kommt mir vor, daß Diejenigen, die am meisten arbeiten, die Aermsten sind und in den elendesten, schmutzigsten Höhlen wohnen. Die auf den Feldern, höre ich, arbeiten noch mehr und sind noch ärmer: auch sollen Die, die mich so gut bewirthet haben, keine Feldbewohner, sondern Städter sein, die auf das Land gezogen waren, um sich daran zu ergötzen, die Andern arbeiten zu sehen. Dagegen leben in der Stadt und besonders an dem Hofe viele Leute, die sehr reich sind, Alles im Ueberfluß haben und gar nichts thun. Einige nennen sich die Bessergebornen – wie diese leben, begreife ich nicht, besonders da sie so gar viel brauchen. Auch begreife ich nicht, wie sie es anfangen, um sich besser als die Andern zeugen und gebären zu lassen. Andere heißen die Beamten des Sultans, unter ihnen sind die meisten aus den Bessergebornen, und sie stehen sich dann zwiefach gut. Andere arbeiten mit dem Kopfe und der Zunge für Die, die keinen Kopf haben und ihre Zunge nicht zu brauchen wissen; sie stehen sich auch nicht schlecht. Andere laufen von den Arbeitern auf dem Lande und in der Stadt, was sie nur hervorbringen, sehr wohlfeil ein und verkaufen es sehr theuer. Der wird der Reichste, der am wohlfeilsten einkauft und am theuersten verkauft. Was mich sehr wundert, ist, daß der Arme Alles, was er von ihnen kauft, sehr theuer bezahlen muß, daß die Großen und Vornehmen Alles viel wohlfeiler von ihnen kaufen, ja oft gar nicht einmal bezahlen. Vielleicht daß sie eben darum den Armen so theuer verkaufen müssen und dürfen; auch ist der Arme gar zu furchtsam in Gegenwart der Reichen, und thut ihm der Reiche Unrecht, so wagt er nicht einmal es zu sagen. Jetzt begreife ich, warum die Bessergebornen so reich sind und nichts thun: die Armen arbeiten für sie, und oft hat ein Einziger viele Hunderte, die für ihn arbeiten, die er nicht seine Ernährer, sondern seine Untergebenen nennt. Die Leute hier nennen die Dinge immer anders, als sie an sich sind. – Der Sultan und meine Tochter, die Sultanin, verzehren so viel, daß es gewiß viele tausend Hände erfordert, für sie zu arbeiten. Ich habe nichts dagegen; was mich aber ärgert, ist, daß die Reichen und Faulen Diejenigen verachten, ja oft mißhandeln, die für sie arbeiten. Diese müssen sehr gutmüthige Leute sein; wie sollten sie es sonst ertragen, sich mit dem wenigen, mühsam Erworbenen begnügen und nicht den Andern gewaltsam den Ueberfluß rauben, der doch von ihnen herkommt? Alle, mit denen ich darüber spreche, sagen mir, der große Sultan Gedim habe es so geordnet, und der Sultan Puh halte nun darauf durch seine Richter und die Schwerter seiner Gewaffneten. Es ist recht gut, daß dieses hilft und sich die Vielen vor den verstümmelten Richtern und den Gewaffneten fürchten: ich möchte sonst keiner von den Bessergebornen und Reichen sein. So laß ich mir's gefallen. – Die Künstler, die aus Steinen Bilder schaffen, und die, welche Menschen, Thiere und Bäume durch bunte Farben nachäffen, nebst den Schriftkundigen, waren sehr zufrieden mit mir. Ich bewunderte sie ganz laut und erstaunte über Alles, was ich sah. Meine Begleiter sagten es dem grämlichen Sultan, der mir bittre Verweise gab und mir sagte, ich machte ihm durch meine rohe Plumpheit Schande; ein Großer müsse nichts bewundern, noch viel weniger, wenn er auch innerlich nicht anders könnte, es äußerlich den Kleinen zeigen. Man machte sie dadurch nur stolz und übermüthig. Vermuthlich verdrießt es ihn, daß ich nicht lobe, was er bildet, denn wenn er nicht steif und grämlich unter seinen Hofleuten steht, so schließt er sich ein und schnitzelt Bilder, die noch steifer und grämlicher aussehen, als er selbst. Ich kann sie nicht loben, wie ich denn überhaupt nichts von Dem loben kann, was er macht, thut und spricht. Indessen ist er doch ein guter Mann, alle Bewohner der Stadt sind gute Leute, und sie sind ganz besonders freundlich und ehrerbietig gegen mich. Auch kann ich noch nicht recht begreifen, warum Gott so gar gewaltig auf sie zürnt. Wäre es nicht Schade, Leute zu verderben, die so große Dinge ausführen, die todten Steine beleben, Metalle in andere Gestalten zwingen, gar zu flüssigem Feuer machen und ihre Gedanken so durch Zeichen zu malen wissen, daß sich Zwei in der weitesten Entfernung unterreden, durch welche sogar der Todte noch mit dem Lebenden sprechen kann. Sie leben alle vergnügt, ja zu Zeiten selbst die Arbeiter: und daß mein grämlicher Schwiegersohn unter ihnen wohnt und sein Name überall zu hören ist, hindert sie nicht einmal daran. Keinen Genuß versagen sie sich und hängen allen Lüsten nach. Von nichts lieber sprechen sie, als von Essen, Trinken, Putz und Weibern. Die Vornehmen sprechen am liebsten von der Gunst meines traurigen Schwiegersohns. Dieses alles wundert mich eben nicht, denn Das, was sie essen und trinken, ist sehr gut, dem Munde sehr angenehm, ihre Weiber gefallen durch ihre Artigkeit und Schönheit und sehen es sehr gerne, wenn man ihnen zu gefallen sucht; auch thun sie in diesem Falle Alles, was Einem Vergnügen machen kann. Daß den Großen viel an der Gunst des Sultans liegen muß, ist ganz natürlich, sie erhalten ja dadurch Alles, was die Andern haben, im Ueberfluß und brauchen nicht zu arbeiten. Uebrigens thun sie Alles, das Gute wie das Böse, so sorgenlos, als könnte es gar nicht anders sein. Sehe ich ihnen zu, so däucht mich selbst, sie könnten nicht anders handeln, und Gott zürne ihnen über Dinge, die sie nicht zu ändern vermögen. Da er sie gemacht und so gemacht hat, muß er es doch wohl besser wissen. Meine Tochter, die Sultanin, die doch noch vor Kurzem auf dem Gebirge den Weg des Herrn wandelte, ist ihnen ganz ähnlich geworden, ich kenne sie beinahe nicht mehr. Das Leben unter den Städtebewohnern muß also sehr ansteckend und ihre Laster, worüber Gott zürnt, den Menschen sehr natürlich sein. Es ist mir leid, besonders da die Quelle davon, nach Gott und meinem Schwäher Noah, in ihrem eignen verdorbenen Herzen springen soll. Ich werde es ja wohl erfahren! – Auf dem Markte der Stadt liegt der große alte Gedächtnißstein Kains, des Brudermörders und Stifters Enochs. Sie nennen die Stätte heilig, ich weiß nicht, warum. Sie wagen nicht, den Stein zu berühren, oder ihm zu nahen. An diesem Orte, sagen die Enocher, traf Lamech den hinter einem Busche stehenden Brudermörder mit einem Pfeile, den er nach einem Reh abschoß, mitten durch das Herz. Ich dachte bei mir, hätte ihn doch der Pfeil des Herrn getroffen, bevor er in das Thal stieg und den Grund zu dieser Stadt legte. Sie würde nun, nach seinen Worten, nicht voller Gräuel und dem Verderben reif sein. Doch Vieles, was ich hierüber denke, halte ich aus Furcht zurück, denn der Herr ist strenge und fordert Unterwerfung. – Noch steht auf dem Markte das Bild Gedims, gewaltig groß und fürchterlich. Man hört beinah nur ihn nennen, selten Gott; sie scheinen ihn über diesen Gedim ganz vergessen zu haben. Ich sprach mit dem Sultan Puh sehr heftig darüber, und er antwortete mir sehr verdrießlich: »Ob es mir mißfiele, daß das Volk seinen großen Ahnherrn und ihn in seinem Ahnherrn verehrte?« – Um das Bild des fürchterlichen Gedims stehen noch viele andere Bilder seiner Nachfolger, alle Sultane und sehr groß, doch immer ein wenig kleiner, als Gedims Bild. Meines grämlichen Schwiegersohns Bild steht auch darunter und ist nach Gedim das größte, so klein er auch wirklich ist. Die Sultane müssen sich wohl gern groß abbilden lassen und die Wahrheit nicht sehr lieben. Hier in den Abbildungen sah ich sie doch wenigstens, wie ich mir sie einst auf dem Gebirge vorgestellt habe. Ueberhaupt vergrößern diese Menschen gern Alles, was sie thun, bilden und in Worten ausdrücken; sollte es wohl daher kommen, weil sie sich so klein fühlen und gerne größer, besser scheinen mögen, als sie sind? Was mich aber ganz besonders an diesen sultanischen Bildern wundert, ist, daß Jeder von ihnen ein reißendes Thier oder einen Raubvogel zum Gefährten hat. Mein trauriger Schwiegersohn hat einen ungeheuren Löwen zu seinen Füßen liegen, der grimmig um sich her sieht und den Rachen zum Verschlingen öffnet. Die Zähne sind sehr schön gebildet. Ich will ihn doch um die Ursache fragen, denn, wie ich ihn kenne, so bin ich überzeugt, er würde gleich vor Schrecken sterben, wenn er einen viel kleinern Löwen lebendig sähe. – Meinen geschwätzigen Lehrer habe ich fortgeschickt, er lobte ohne Unterlaß den kleinen Sultan Puh, sprach immer von seinen großen Eigenschaften und ward mir unerträglich. Ich kann nun einmal nichts an ihm finden, das mir gefalle, und besitzet er keinen Zauber, so sind sie alle toll, daß sie sich so gar sehr vor ihm fürchten. – Endlich habe ich einen Mann gefunden, der mir die dunkeln Räthsel lösen will; er heißt Ram. Wie ich merke, so kann ihn mein Schwiegersohn, der Sultan, nicht leiden, und er darf nicht mit den andern Bessergebornen am Hofe erscheinen, ihn anzugaffen. Gewiß denkt er wie ich, denn er lacht über seinen Zorn. Dieser Ram hat mich gewisse Worte gelehrt und mir durch ihre Anwendung ihren Sinn so gezeigt, daß ich Vieles dadurch unter den Menschen hier erklären kann, was mir bisher so dunkel schien. Die Worte sind: »Bedürfniß, Nutzen, Genuß, Betrug, Heuchelei, Wahn, Stolz, Hoffnung und Furcht.« Nach dem Sinne dieser Worte, die er mir durch Fälle zu erklären sucht, sehe ich den Grund von Vielem, was geschieht. Nach seiner Meinung ist es die Kraft dieser wenigen Worte allein, die Alles hier zusammen hält, und sie sind die Quellen des Guten und Bösen und alles Dessen, was die Menschen thun. Ich fragte ihn, woher diese Worte kämen? Wer sie erfunden hätte? Er antwortete mir: »Unsre Triebe, unser Herz.« Nun kenne ich in mir den Trieb des Hungers und des Durstes, den Trieb nach dem Weibe und, seit langer Zeit, den Trieb, Alles zu wissen, was die Menschen in den Städten wissen. Keinem davon kann ich widerstehen, keinen habe ich mir selbst gegeben, wie, wenn es nun mit diesen Trieben ebenso ist? Wenn sie nun ohne diese Triebe nicht verbunden in den Städten leben und bleiben können? Mein neuer Lehrer sagte mir: »So ist es allerdings. Da unsre Väter auf den Gebirgen in Unschuld lebten, so wußten sie von allem Diesem nichts, und kein grämlicher Puh saß ihnen auf den Nacken, weil sie keines Herrschers bedurften, um sie in Ordnung zu halten.« Das ist wohl wahr, antwortete ich, und ich, der ich so eben von diesem langweiligen Gebirge komme, weiß es gewiß am besten. Doch was können nun Diese dafür, daß ihre Urväter von den Gebirgen gestiegen sind und sich in den Städten niedergelassen haben. Ram antwortete mir mit einem widrigen, spöttischen Lächeln: »Fahre nur so fort, du bist auf gutem Wege.« Und als ich ihm etwas von der Drohung Gottes sagte, erwiederte er mir mit einer ganz äffischen Verzerrung des Gesichts: »Lieber, es wäre schon lange Zeit, daß er diesem Possenspiel ein Ende machte, und wenn es ihn nicht ergötzte, wäre es wohl schon längst geschehen. Vielleicht aber kümmert's ihn gar nicht.« Ich erschrak über seine kühnen Worte, er verließ mich kalt, und so Unrecht er auch hat, so liegen mir seine Worte doch noch immer schwer auf dem Herzen. – Mein grämlicher Schwiegersohn muß ein Herz von eben dem Steine haben, aus dem sein Bild gehauen ist. Heute ging ich mit den Lästigen, die er mir zugesellt hat, nach dem Markte, wo ich eine Menge Volks versammelt fand. Als mich das Volk gewahr wurde, floh es ehrerbietig aus einander. Da sah ich nun meinen neuen Lehrer, der mir die bedeutenden Worte mitgetheilt hat, entkleidet vor der Bildsäule meines grämlichen Schwiegersohns stehen, und ein Mann peitschte ihn ganz schrecklich auf den nackten, zitternden Leib. Der meine schauderte, und das Herz schmerzte mich entsetzlich in meiner eignen Brust. Ich schrie dem Schlagenden zu, einzuhalten, aber er gehorchte mir nicht, und mein Führer sagte mir sehr erzürnt: »Rufe ihm zu, die Streiche zu verdoppeln, er hat Hochverrath begangen.« Auf meine Frage, was es sei, erfuhr ich, Ram habe den Sultan gelästert und laut gesagt, er entspringe nicht aus göttlichem Samen, sei ein Mensch wie andere, und Das, was man von den Göttersöhnen Aza und Azael erzählte, sei ein Märchen, erfunden, die Enocher zu unterjochen. Hätte meinem Leibe nicht so entsetzlich vor der Peitsche gegraut und mein Herz bei Rams Leiden so sehr geächzt, ich würde gewiß geschrieen haben: »Ram spricht wahr, Noah, mein Schwäher, hat zu meinem Verdrusse Recht, und der Sultan Puh ist, wie ich sehe, ein böser Narr. Wäre er göttlichen Ursprungs, wie ihr sprecht, er würde es nicht durch die Peitsche beweisen.« Doch ich schwieg und ging eilends weg, da ich doch dem guten Manne nicht helfen und sein Geschrei nicht ertragen konnte. Ergrimmt ging ich zu dem Sultan, hielt ihm vor, was ich gesehen hatte; er nannte mich einen unwissenden Thoren, wandte mir den Rücken zu und murmelte: »Wäre deine Tochter Milka nicht meine Gemahlin, ich würde dir ein Gleiches thun.« – Ich muß mich hüten, denn er ist wohl fähig, Wort zu halten, der grämliche Puh. Khalife. Und mit Recht, Ben Hafi! Eine kleine Züchtigung thut diesem Mahal, wie ich merke, Noth und wird ihm bald mehr Aufschluß geben, als die Worte, die er von jenem Tollkopf gelernt hat. Was Tausende glauben, muß nicht Einer mustern und bezweifeln wollen, besonders, wenn es eines der Geheimnisse ist, die den Staat zusammen halten. Ben Hafi. Ich erstaune, der Nachfolger des Propheten spricht der Abgötterei das Wort und vergißt, daß Mahal ein Gläubiger ist. Khalife. Ferne sei die Sünde von meiner Seele! Aber sagt nicht Gott durch seinen Apostel: »Die Teufel, die bösen Geister sind es, die dem Menschen trügliche Gedanken und Reden einblasen, um sie zu verführen; gefiele es dem Herrn, sie würden es nicht vermögen. Darum fliehe sie, und Das, was sie fälschlich erträumen, höre nicht an. Laß Die daran glauben, die nicht auf die Zukunft hoffen. Mögen sie sich in ihren Erdichtungen gefallen und Das gewinnen, was ihr Gewinnst sein wird.« Und wiederum sagt Gott durch seinen Propheten: »Gott ist es, der euch erschaffen hat, Einer ist bestimmt, ein Ungläubiger zu sein, und ein Anderer ist bestimmt, ein Gläubiger zu sein. Er hat die Himmel und die Erde geschaffen in Wahrheit, hat euch gebildet und euch schöne Gestalten gegeben, und zu ihm müßt ihr wiederkehren.« Alle. Preis sei Gott! Ben Hafi (nach einer Pause). Herr der Gläubigen, du müßtest eine schlechte Meinung von dem Hofe des Sultans in Enoch haben, wenn du nur einen Augenblick glaubtest, ein Mann, der so verwegen denkt und spricht, und sei er auch der Sultanin Vater, könne sich lang' erhalten. Die Polizei war in Enoch viel zu wachsam, als daß der Sultan Mahals Verhältnis mit dem Gegeißelten und seine sonstigen lauten Aeußerungen nicht hätte erfahren sollen. Er selbst hatte ja einige von ihm gehört, und Mahals Fragen, womit er den Sultan täglich beehrte, waren viel zu naiv verwegen, als daß sie den zerrißnen Faden der Gunst, der eigentlich nie fest gesponnen war, wieder hätten ganz anknüpfen können. Auch das Oberhaupt der Schriftkundigen hielt es nun für seine Pflicht, dem Sultan zu berichten, was ihm der geschwätzige und nun beleidigte Lehrer Mahals hinterbracht hatte. Die Zunft der Schriftkundigen in Enoch hielt weislich und pflichtmäßig ebenso eifrig auf die Vorrechte des Sultans, als die Bessergebornen, und fand ihren Vortheil nebst ihrem Dasein so eng mit dem Vortheil und dem Dasein des Sultans verbunden, daß sie den ganzen Reichthum ihres Witzes und ihrer Beredtsamkeit anwandten, das Volk immer mehr von dem göttlichen Ursprunge des Sultans, als der Hauptquelle aller Macht, zu überzeugen. Darum waren die Staffeln des Rangs in Enoch so geordnet: Die Opfrer Gedims, die verstümmelten Richter, die Großen des Hofs nebst allen übrigen Bessergebornen und sultanischen Beamten, und dann die Schriftkundigen. Alles Uebrige hieß Pöbel und war nur da, für die Andern zu arbeiten, wie Mahal sagt. Ob sich nun gleich diese Klassen unter einander haßten, so kamen sie doch in Dem, was den Sultan betraf, einträchtig überein. Der Sultan Puh machte seinem Schwiegervater eine saure Miene, seine Hofleute folgten dem Beispiel. Mahal, der es gewagt hatte, verwegen vor Gott zu stehen, fühlte Groll darüber und überließ sich ohne Schonung der kraftvollen Aeußerung seines natürlichen Unwillens. Auch glaubte er, es sei nun Zeit, seine hohe Sendung zu beweisen und Gott an den Betrügern zu rächen. Der Sultan Puh begegnete ihm eines Abends sehr schnöde, und seine eigene Tochter Milka stimmte gegen ihn in den Ton ihres Gemahls ein. Den folgenden Morgen, an dem Tage des großen Festes Gedims, wollte er ihr Vorwürfe über ihr unkindliches Betragen machen und seine Strafpredigt über ihren Leichtsinn wiederholen. Bisher hatte er nichts damit gewonnen, als der Sultanin lästig zu werden, welches sie ihm auch ohne alle Verstellung sagte. Trotz der Vorstellung einer alten Wächterin, welcher die Aufsicht über das Betragen der Sultanin anvertraut war, drang er in ihr Schlafgemach und fand sie mit einem jungen Hofmann in einer Lage, wozu er nur seinen grämlichen Schwiegersohn berechtigt zu sein glaubte. Der junge Mann entfloh durch eine Seitenthüre, und der wüthende und beschämte Vater wollte nun eben anfangen, der Tochter ihr sträfliches Vergehen vorzuhalten, als ihm die Sultanin mit hoher Würde und kaltem Aerger entgegen rief: »Glaubst du, mein Vater, du wärst noch auf dem Gebirge unter deinen Heerden, und der Hof meines Gemahls wäre eine Höhle für Thiere, in die man ohne alle Achtung und Vorsicht eindringt?« Mahal (entflammt) . Ja wohl ist es eine Höhle für Thiere, für recht schändliche Thiere, und wie ich sehe, bist du selbst das unreinste der Heerde. Sultanin (ganz kalt). Worin? Wodurch? Mahal. Dieses fragt meine Tochter? Die Enkelin Seths? Sie, die noch vor Kurzem auf dem Gebirge lebte, wo Gott wohnt? Sultanin. Da ich auf dem Gebirge lebte, lebte ich nach der Weise des Gebirges; nun ich am Hofe lebe und Sultanin geworden bin, lebe ich, wie man am Hofe, wie man als Sultanin leben muß. So lehrt mich Jedermann, ich bin meinen Lehrern folgsam und rathe dir ein Gleiches, sonst wär' es besser für mich und dich, du kehrtest zu dem strengen Noah, deinem Schwäher, und den Heerden zurück. Mahal. Muß die Sultanin so leben, wie ich dich gefunden habe? Sultanin. Warum nicht, wenn sie einen Mann zum Gemahl hat, wie ich einen habe? Will ich Sultanin bleiben und mich nicht gleich meinen Vorgängerinnen verstoßen lassen, so muß ich wohl selbst dafür sorgen, diesem Throne, wie sie sagen, Erben zu gebären. Umsonst will ich nicht gehört haben, daß der Sultan immer seinen Weibern den Fehler der Unfruchtbarkeit zum Vorwurf und Verbrechen macht. Ich weiß nun, was daran ist, und weiß, daß zu den großen Eigenschaften, welche die Söhne Gottes seinem Urvater als Erbschaft hinterließen und die er alle hat, wie man sagt, nur diese einzige nicht gehört, die mich zur Mutter machen könnte. Mahal wollte reden, die Sultanin ließ ihn nicht zum Worte kommen und fuhr fort: Zürne dir, nicht mir! Bin ich Schuld daran, daß ich Sultanin in Enoch bin? Warum verließest du mit mir das Gebirge, wo, wie du sprichst, der Herr wohnt? Immer zanktest du dort mit Jedermann, schaltst auf Alles, und Alles ekelte dich an. Deinen Schwäher selbst nanntest du einen langweiligen Thoren, der, stolz auf sich, vor Gott einher ginge. Mißmuthig sagtest du mir oft, das Leben dort sei dir zur Last, du wolltest mit mir in die Thäler steigen, um die Menschen in den Städten, ihre gewaltigen Herrscher und Aller Thun und Wissen zu sehen und zu begreifen. Ich sagte nichts, aber mir lachte das Herz in dem Busen; denn längst hattest du mich mit deinem Ekel angesteckt und das Verlangen nach dem Neuen in mir rege gemacht. Du ruhtest mit mir in einer Höhle, an dem Fuße des Gebirges, Gewaltige nahmen mich dir, du folgtest nicht, und sie führten mich hierher. Herrlich schmückten mich die Freundlichen, und der Netteste der Opfernden stellte mich dem Sultan vor und sagte: »Weiser Sohn des gewaltigen Gedims, des Sohns Azas und Azaels! Hier ist eine reine Tochter des alten Gottes, schön wie deine Urmutter Naahmah, welche die Mächtigen des Himmels mit irdischem Feuer entflammte! Gedim sendet sie dir durch mich. Nimm sie zum Weibe, daß du blühende Söhne von ihr erhaltest und Enochs Volk unter Aza und Azaels Enkeln immer glücklich lebe!« Der Sultan nahm mich von seiner Hand, und die Freude im Reiche war groß. Der Sultan und sein ganzes Reich verehren mich, und mir gefällt die Verehrung. Sage nun, was du gesehen hast, Keiner wird dir glauben, und du wirst nur dir schaden. Nach diesen Worten trat die Sultanin in das Seitenzimmer und ließ den Vater stehen. Ihr Vorwurf fiel ihm schwer auf das Herz. Beschämt stand er noch einige Augenblicke auf derselben Stelle, und schon wollte ihn sein Gewissen laut anklagen, als er plötzlich den Einfluß der wenigen Ausbildung empfand, die er erhalten hatte. Er entschuldigte sein Herabsteigen von dem Gebirge mit dem Durst nach Kenntniß und Wissenschaft, dem bestimmten Befehl Gottes, und ergrimmte nur noch heftiger gegen die Verderber, die seiner Tochter Milka Herz so schnell vergiftet hatten. Er warf sie alle dem Zorne des Herrn hin. Sein Unwillen gegen den Sultan fand neue Nahrung in dem verächtlichen Bilde, das Milka von ihm gemacht hatte, und ganz wagte er nun nicht mehr ihre Vorsicht zu tadeln, da ihre Furcht, verstoßen zu werden, so sehr gegründet war. Der Trompeten- und Paukenschall, das Geschrei des jauchzenden Volks erweckten Mahal aus seinen Betrachtungen. Er verfügte sich zu dem Sultan. Bald zog der Monarch in dem Gefolge seines Hofs nach dem Markte, um vor Kains, Gedims und der übrigen Sultane Denkmälern zu opfern. Geschmückte Schafe und Rinder standen um die Säulen. Der Sultan stand vor Kains Denkstein, wo das Opfer beginnen mußte. Die Opfernden entblößten ihre Messer, und jeder derselben faßte ein Thier. Doch bevor der Aelteste das Zeichen gab, fiel er zuerst mit dem ganzen Volke vor dem Sultan nieder und hielt eine lange Rede an ihn. Nach dieser langen Rede war der kleine grämliche Puh der Inbegriff aller der großen Eigenschaften und erhabenen Vollkommenheiten, die seine Vorfahren insgesammt besessen hatten. Sultan Puh hörte die Rede mit seinem gewöhnlichen Ernste an, und Mahal ergrimmte über ein Ding, worüber ein Weiserer kaum gelächelt hätte. Der Redner verglich den Sultan einigemal mit seinem Ahnherrn Gedim, nannte ihn den göttlichen Sprossen des Geistersohns, und das Volk rief aus voller Kehle: »Er ist es! Er ist Gedims Sohn! Er ist Azas, Azaels Enkel!« Mahal hätte vermuthlich diese ihn empörende Scene ausgehalten, wenn ihn der Sultan nicht selbst zum Ausbruch seiner innern Wuth gereizt hätte. Er ward plötzlich gewahr, daß Mahal nicht mit den Uebrigen niedergefallen war, sondern gleich ihm gerade auf seinen Beinen stand. Sein possierlicher Ernst verwandelte sich in Verzerrung des Zorns; er schoß drohende Blicke nach Mahal aus seinen großen Augen. Mahals verschloßne Wuth entzündete sich nun wie eine dunkle Wolke an dem hinschießenden Blitze, und er schrie mit einem schrecklichen Gebrülle: »Herr, warum tödtete dein Pfeil den Brudermörder Kain nicht, bevor er den Grund zu dieser verfluchten, abgöttischen Stadt gelegt hat? Dein Zorn ist gerecht, vertilge sie alle, sie beten diesen grämlichen Wicht hier an und vergessen dich über das elendeste und lächerlichste deiner Geschöpfe!« Nun erst ergriff ihn die Begeisterung, schon wollte er den Enochern von seiner Sendung reden und ihnen Gottes fürchterliche Drohung in die Ohren donnern, als man ihn umringte und gewaltsam davon führte. Der Sultan erinnerte sich noch in dem Aufruhr seiner Seele der hohen Würde und faßte sich. Die Opfer an den Bildsäulen wurden nach der Reihe vollzogen, man hielt noch eine Rede an ihn, worauf er mit allem Ernst und Anstand nach seinem Palaste hinzog. Lange vor seiner Ankunft hatte die Sultanin von dem tollen Eifer ihres Vaters Nachricht erhalten, und diese neue Begebenheit setzte die von dem Morgen bei ihr in ein noch, gehässigeres und gefährlicheres Licht. Sie fühlte sich nun gänzlich überzeugt, ihr roher Vater tauge nicht zum Hofleben und sei gar nicht gemacht, seine Verhältnisse zu fühlen und zu achten. In dieser Verlegenheit sandte sie nach ihrem Lehrer, dem Oberhaupt der Schriftkundigen, der keuchend zu ihr rannte. Sie theilte ihm ihren Kummer mit und sprach sehr ängstlich über die Gefahr, in welcher sie sich durch ihren Vater zu befinden glaubte. Der Lehrer antwortete: »Es sei gewiß sehr gefährlich für sie, wenn sie sich bei einem so schrecklichen, in Enoch unerhörten Verbrechen ihres Vaters gegen den Sultan annähme oder es nur wagte, ihn zu entschuldigen. Ihr Vater müßte nach dem Gesetze ohne alle Rettung sterben; doch vielleicht ließe der Sultan gegen ihn, als einen zu seiner Familie Gehörigen, Gnade für Recht ergehen. Darum rathe er ihr, sie sollte dem Sultan bei seiner Zurückkunft entgegen gehen, sich heftig über ihren Vater beklagen und ihm den Vorschlag thun, den blinden, tollen Eifrer zum Richter verstümmeln zu lassen. Dadurch würde sie den Zorn des Sultans ein wenig besänftigen, ihren Vater durch die erste Würde des Staats geehrt und glücklich machen und ihn für immer außer Stand setzen, Thorheiten zu begehen, die am Ende ihm und ihr höchst schädlich werden könnten. Du weißt, Sultanin, fügte er hinzu, daß unsre Richter die ruhigsten und stillsten Leute in Enoch sind.« Diese Worte machten natürlich Eindruck auf das Herz und den Verstand der Sultanin und Tochter. Sie ging ihrem Gemahl entgegen, brach in Vorwürfe und Klagen gegen ihren tollen Vater aus, vergoß Thränen und theilte ihm, unter Seufzern und Schmeicheleien, das Rettungsmittel ihres Vaters mit. Der Sultan ward kühler, er fühlte, was er sich und seinem Hause schuldig sei, willigte ein und gab Befehl, es auszuführen. Damit er aber keine neue Thorheit begehen könnte, befreite er ihn von dem vorläufigen Studium der Gesetze und wollte, daß man die Einweihung Mahals den folgenden Tag vornehmen sollte. Milka ließ ihren Vater vor sich bringen, hielt ihm mit vieler Bitterkeit sein unsinniges Betragen vor, erzählte ihm, wie sie ihn von dem unvermeidlichen Tod errettet hätte, und vertraute ihm dann das glücklich ersonnene, ehrenvolle Rettungsmittel. Mahal sagt hier, sein Herz sei in diesem Augenblick so vor Wuth geschwollen, daß er schon in die Haare seiner Tochter hätte greifen wollen, um sie nach väterlicher Art zu züchtigen. Aber auf ihr Geschrei seien ihre Weiber und ihre Lehrer hereingesprungen, hätten ihm seinen schwarzen Undank vorgeworfen und dann zu seiner hohen Ehrenstelle sehr ernsthaft Glück gewünscht. Weislich, setzt er hinzu, erinnerte ich mich nun eines der Worte, die, nach des gegeißelten Rams Meinung, die Gesellschaft fest zusammen halten sollen, aus denen, wie er sagt, alles Gute und Böse der Menschen entspringt und schwieg. Sie entließen ihn, da er ruhig schien. Er aber wartete die Einweihung zu der hohen Ehrenstelle nicht ab, sondern schlich sich bei einbrechender Nacht aus dem Palaste, warf sich in einen Kahn, rief: »Herr, verdirb sie alle!« und trieb, wohin der Strom ihn zog. Ben Hafi rollte seine Handschrift zusammen. Khalife. Daran thut er wohl, die Verwünschung ausgenommen; denn die Rache ist Gottes, er bestimmt und weiß ihre Stunde! – Ob ich nun gleich nichts dagegen hätte, daß deine langweiligen und doch immer anziehenden Märchen zu Ende wären, so wünschte ich doch nicht, daß sie so endigen möchten. Erstlich opferte sich doch dein Mahal hier für den Ruhm Gottes auf, da er den Unsinnigen ihre Abgötterei verwies, und zweitens ist ein solcher Richter ein gar erbärmliches Ding, und ein Gläubiger wird dieses Schicksal keinem Hund anfluchen, sollte er ihn auch im Gebet anbellen. Aber ländlich, sittlich! Es steht in der Macht der Monarchen, das Bitterste zum Süßesten und das Süßeste zum Bittersten zu machen, wie dein Märchen beweist. Ben Hafi. Auch soll es nicht mehr beweisen, Herr der Gläubigen. Khalife. Friede sei darum mit dir und euch! Der Großvizir, der mit seinem Gewissen nicht so gut stand wie sein Herr, fand auch darum in Ben Hafis Märchen weit mehr, als sein Herr. Er ließ Ben Hafi zu sich rufen, sprach mit ihm in einem sehr gelinden, schmeichelnden Tone, den er bald mit versteckten Drohungen, bald mit glänzenden Aussichten unterstützte. Ben Hafi stellte sich, als verstände er seine Meinung nicht; der Großvizir ward rauher, und Ben Hafi antwortete ihm: »Herr, du verwaltest des Khalifen großes Reich so ziemlich nach deinem Sinne, ich erzähle meine Märchen nach dem meinen oder vielmehr dieser Handschrift, deren Echtheit ich beweisen kann. Ist es dir gelegen, so bin ich bereit, dir darzuthun, daß mein Recht auf diese sogenannten Märchen hier, wo nicht gegründeter, doch eben so gegründet ist, als das deine auf die Unterthanen des Khalifen.« Der Großvizir stimmte seinen Ton herunter, erließ ihm den Beweis, und Ben Hafi fuhr mit äußerer Ehrfurcht fort: »Die Geschichten oder Märchen, die ich dem Herrn der Gläubigen erzähle, werden eben Das bewirken, was Wahrheit gewöhnlich bei den Großen wirkt. Warum? Dies wissen Die am besten, die von Jugend auf um sie sind. Meine Märchen können dem Khalifen höchstens dazu dienen, uns seine Belesenheit im Koran und seine Weisheit zu zeigen. Willst du aber, daß sie noch mehr bewirken sollen, so laß ihn nur deinen Unwillen und Verdacht gewahr werden; ich wette, er sieht dann eben Dies, was du, wie es scheint, nicht gern wolltest, daß er es sehen möchte.« Großvizir . Aber wozu? Warum? Ben Hafi . Wozu? Warum? Für das Erste, weil ich es für ein Verbrechen halte, die Wahrheit, welche diese Handschrift enthält, zu verstellen oder zu verbergen. Zweitens, weil es mir mehr Vergnügen macht, als der Besitz des Goldes mir machen könnte, dem Khalifen Wahrheiten zu sagen, die ihm Keiner sagt. Drittens, weil kein Genuß dem Genusse gleich kommt, seiner Laune ohne allen Zwang den Lauf zu lassen, und dies nenne ich mit und in dem Geiste schwelgen. Viertens, weil es doch möglich ist, daß es Einem oder dem Andern von den Zuhörern nützte. Dieses nun sind meine Gründe. Soll ich meine Märchen erzählen, so laß es mich nach meiner Weise thun und glaube mir, so mächtig du auch bist, so vermagst du doch nichts über das kleine, unsichtbare Ding, das in dem Umfange meines Kopfes sein Wesen treibt. Bist du ein so weiser Hofmann, als der Ruf dich ausschreit, so versuchst du's nicht einmal. Ich habe des Khalifen heiliges Wort, meine Märchen und dann meine Wanderungen bis an das Ende anzuhören; willst du ihn gegen den armen Ben Hafi meineidig machen, so thue es immer. Ich finde überall Zuhörer, und ich versichre dich, es ist für dich noch besser, daß der Khalife meine Märchen hört, als daß sie Bagdaner hören. Verlangst du es, so kann ich dir auch hiervon verschiedene Gründe vorlegen, denn ich zähle Gründe gar zu gerne an meinen Fingern her, während ich den Augen des Horchers folge. Großvizir . Aber was gehen uns die Völker vor der Sündfluth und ihre Sultane an? Wozu uns dieser Unsinn, diese Laster, die du in deinen Märchen von den Verderbten aufstellst – und wahrscheinlich noch mehr aufstellen wirst – da sie der Herr mit allem diesem Unsinn und ihren Lastern nun einmal sammt und sonders ersäuft hat und ihnen heute kein Volk der Erde mehr gleicht? Ben Hafi . Daß die heutigen Völker und Sultane und, was noch mehr ist, ihre Vizire den Sultanen, Viziren und Völkern vor der Sündfluth gar nicht gleichen, das weiß auch ich und behaupte es mit dir. Denn glichen sie ihnen, würde sie das Feuer des Rächers nicht längst verzehrt haben? Aber könnte ich wohl den allgemeinen Untergang der ganz Verderbten durch die Sündfluth oder die gerechte Rache Gottes nur mit einiger Wahrscheinlichkeit herbeiführen, wenn ich die Völker, die Sultane und ihre Vizire nach Denen malte, die nach der Sündfluth gelebt haben, heute leben? Würdest du mir glauben, die Großvizire vor der Sündfluth hätten verdient, mit den übrigen Verderbten ersäuft zu werden, wenn ich sie so darstellte, wie du dich uns darzustellen suchst? Die Wahrscheinlichkeit soll dir eigentlich meine Märchen zur Geschichte machen; und legst du ihnen einen andern Sinn bei, so thust du es selbst und magst um die Ursache dein Inneres fragen. Ich fühle es, meine Märchen werden den Khalifen und alle Sultane seines Geistes und Herzens verherrlichen, und daß der Geist und das Herz seines Großvizirs auch durch sie verherrlichet werde, dafür muß ja der Großvizir schon lange her gesorgt haben. Der Großvizir vermerkte nun, daß mit diesem närrischen Weisen nichts zu machen sei, und da er ihn einmal brauchte, so entließ er ihn ganz freundlich; ärgerte sich aber sehr darüber, daß er ihn aufgeführt hatte, und daß er, der mächtigste Mann in Asien, sich der Laune eines herumschweifenden Menschen unterwerfen, gar jeden Abend ihm zuhören mußte, um den weisen Thoren nicht aus den Augen zu lassen. Ben Hafi fühlte es wohl und sagte in seinem Herzen: »Er soll mein Zuhörer bis an das Ende bleiben; diesen Lohn wenigstens nehme ich im Voraus!« Sechster Abend Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift aus einander und begann: Mahal, Herr der Gläubigen, saß, wie du dich erinnern wirst, in seinem Kahne und folgte dem Strome des Flusses. Vieles hatte der Mann in der kurzen Zeit freilich erlernt, doch war Alles nur Stückwerk, denn es fehlte ihm an Kühnheit und Gewandtheit, das Erlernte hübsch in ein Ganzes zu verarbeiten, der Umriß sei richtig oder nicht. Durch den Talisman der Worte, die er von dem gegeißelten Ram gelernt hatte, konnte er manches der ihn quälenden Geheimnisse deuten, manche Erscheinung von ihrem schimmernden Dunst und Nebel reinigen, auch schwammen sie beständig in seinem Gehirne und schwebten immer auf seinen Lippen, da er in seinem Kahne über all das Geschehene und Gesehene nachsann. Auf seine Tochter war er so sehr ergrimmt, daß er gar nicht rückwärts blickte, und mit seinen Beleidigern so beschäftigt, daß er keinen Augenblick finden konnte, auf Das zu horchen, was sein Herz ihm über sich selbst zu sagen hatte. Als nun endlich dieser Augenblick kam und sich das Ich in dem erschütterten Herzen selbst empfand, ihn ohne alle Schmeichelei und Schonung an gewisse Dinge erinnerte, wie zum Beispiel: an sein Wohlgefallen an den Ergötzungen der abgöttischen Enocher, an seine schnelle Beruhigung über das sträfliche Verhältniß seiner Tochter mit dem jungen Hofmanne, an die Vorwürfe, die sie ihm machte, so besänftigte doch sehr bald sein schon etwas erleuchteter Verstand den beschwerlichen, ungestümen Richter. Der geschmeidige Sophist lispelte ihm zu: »Er habe Gott an dem erbärmlichen Wicht gerochen, da er sich nur für seine Sache in Gefahr begeben.« Ja, er ging in seiner Täuschung so weit, daß er zu denken wagte, die Enocher würden ganz gute Leute sein, wenn dieser grämliche Sultan nicht über sie herrschte, und sie bedürften nur eines weisen Mannes, um wieder Gott gefällige Menschen zu werden. Demnach sprach er sie bald von der Verwünschung frei, schüttete diese ganz auf das Haupt des Sultans Puh und seinen Hof, ohne selbst seine Tochter auszunehmen. Aus Betrachtungen dieser Art, die ein wenig den Schooßneigungen der Menschen fröhnten, erweckte ihn der Hunger. Er trieb nun schon lange genug auf dem Strome hin, sah seine blühenden Ufer mit Bäumen süßer, anlockender Früchte besetzt, die fernen und nahen Wohnungen, und sah keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Unerfahren in der Erd- und Schiffkunde, fürchtete er, der Strom würde ihn bis an das Ende der Erde forttreiben; durch welchen Gedanken natürlich seine Lage sehr unbehaglich ward. Nun seufzte er zum erstenmal nach den in dem fernen Blauen sich verlierenden Gebirgen, die er nach seiner jetzigen Meinung so thöricht verlassen hatte, um gewaltige Riesen aufzusuchen, an deren Statt er nur einen grämlichen Puh gefunden hatte, der ihn noch obendrein zum Richter verschneiden lassen wollte. Gebeugt und entkräftet sah er endlich in der Ferne Felsen in dem Strome, die zu einem Uebergang durch Kunst verbunden waren. Seitwärts lag eine Stadt auf Hügeln erbaut. Dieser Anblick heiterte ihn auf und stärkte sein gesunknes Herz; er vergaß sogar, wie wenig er noch vor Kurzem mit den Städtern zufrieden gewesen war. Als er den Felsen näher kam, trieb sein Kahn sehr schnell, und ehe er sich's versah, stieß ihn die Gewalt des Stroms gegen sie an und zerschmetterte ihn. Mahal hielt sich winselnd und laut schreiend an den Felsen. Auf dem Uebergang, den man gezogen hatte, stand ein Mann, der ganz gleichgültig zusah und ihm endlich kalt und ernsthaft zurief: »Ja, du wirst ersaufen, richte dich nur darnach ein.« Auf dem gegenseitigen Ufer saß ein Fischer und flickte sein zerrißnes Netz. Kaum vernahm er das Schreien Mahals, so sprang er auf, warf sich in den reißenden Strom, kämpfte mit seiner Gewalt, drang bis zu Mahal, ergriff und rettete ihn. Der Mann auf der Felsenbrücke sagte während der Bemühung des Fischers sehr ärgerlich: »O des Thoren! des Thoren! sie müssen nun Beide ersaufen!« Mit vieler Mühe brachte der Fischer Mahal an das Ufer; der Mann von der Felsenbrücke kam nun langsam hinzu und lächelte, da er Mahal vor sich liegen sah. Mahal erwachte bald hierauf und erkannte in dem kalten Zuschauer seiner Noth seinen gegeißelten Lehrer Ram. Dieser grüßte ihn und fragte ihn um die Ursache seiner so sonderbaren Reise, und Mahal sagte mit matter Stimme: »Ich sterbe vor Hunger und habe keine Kraft mehr zu reden!« Der Schiffer hörte kaum seine Worte aus, so lief er schon über die Felsenbrücke und brachte sein Morgenbrod, nebst etwas Milch. Nachdem nun Mahal sein Herz gestärkt hatte, so erzählte er Ram seine traurige Geschichte, und Ram brach in ein zischendes Gelächter aus. Mahal ärgerte sich über das Lachen, und Ram sagte spöttisch: »Hättest du den Sinn der Worte, die ich dich gelehrt habe, besser gefaßt, so würdest du an des grämlichen Sultans Puh Hofe ein ganz angenehmes Leben geführt haben und nicht in Gefahr gekommen sein, hier zu ersaufen, das indessen immer noch das Klügste war, was du nach deiner Thorheit thun konntest. Sei in Zukunft weiser, denn nicht immer ist so ein Narr bei der Hand, der dich aus dem Wasser auf eigne Gefahr zieht.« Mahal antwortete ihm sehr ärgerlich: Du Weiser, warum warst denn du so thöricht, den Sultan so zum Zorn zu reizen, daß er dich geißeln und dann verjagen ließ? Ram (spöttelnd) . Was bei mir Uebermaß des Verstandes that, that bei dir rohe Stumpfheit. Ich hatte Zwecke von besondrer Art, und ohne falsche Vertraute (denn keine Freunde gibt es, sonst würde ich sie so nennen) wollte ich dem erbärmlichen Puh seine Götterheit schon ausgezogen haben. Auch war er nicht mein Schwiegersohn und ich in Ungnade. Mahal . Und warum ließest du mich so gleichgültig ertrinken und schaltest noch den guten Mann da, der mich errettet hat? Ram . So will es die Selbsterhaltung, ein Ding, das man auch auf dem Gebirge kennt, ob man gleich das Wort nicht weiß. Merke es indessen, du wirst dadurch Manches, was in dir und Andern vorgeht, deuten lernen. Der Mann übrigens war immer ein Narr, daß er sich um deinetwillen, der du ihm nichts bist, in Gefahr begab, und Diejenigen, die seines Daseins bedürfen, würden es ihm schlecht gedankt haben, wenn er um deinetwillen ertrunken wäre. Mahal seufzte und sagte: »Wiederum ein neues Wort!« Es ging nun gegen Mittag, die Sonne brannte heiß auf ihre Häupter, sie begaben sich nach einem kleinen Gehölze, wo der Fischer Mahal eilends ein Lager von Moos zubereitete und dann dessen triefende Kleider an Aeste hing, um sie zu trocknen. Mahal schlief, ermüdet wie er war, sehr bald ein. Ram folgte seinem Beispiel, der Fischer sah bald nach Mahals Kleidern, bald flickte er an seinem Netze, das er von dem andern Ufer herüber gebracht hatte. Während jene schliefen, zog sich ein schwarzer Sturm zusammen. Plötzlich erweckte fürchterliches Rollen des Donners die beiden Schlafenden. Der Fischer sagte ihnen, sie möchten sich schnell entfernen, denn der Blitz schlüge sehr oft in dieses Gehölze. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als ein hellleuchtender Blitz zischend herunter fuhr und ihn todt zu den Füßen der Beiden warf. Die schreckliche Erleuchtung, der Dampf, das schnell erfolgende Gerassel des Donners betäubte die Beiden, und nur nach einer langen Weile fühlten sie sich lebend. Ram schlug zuerst die Augen auf und sah mit einem spöttischen Lächeln auf den Fischer, indem er sagte: »Da hast du deinen Lohn!« Als Mahal die Augen nun aufschlug und den Fischer todt liegen sah, fing er laut zu weinen und zu klagen an. Er rief in seinem Jammer: »Herr, in dessen Händen der Blitz ist, warum thatest du doch dieses? Warum erschlugst du den Retter meines Lebens, dem ich noch nicht gedankt habe? Warum erschlugst du ihn und verschontest Den, der kalt meiner Gefahr zusah?« Diese Worte verdrossen Ram, er sagte mit Verachtung: Vermutlich tödtete Der, welcher, wie du sagst, die Blitze in seiner Hand hat, den Thoren, weil er dich, einen noch größern Thoren, von dem Tode errettet hat. Mahal erbebte und entfernte sich weiter von ihm, indem er sagte: »Du lästerst Gott, der noch ferne in den Wolken donnert.« Ram . Was schwatzest du nun? Hättest du dich an dem Hofe deines erbärmlichen Schwiegersohns nicht wie ein Narr aufgeführt, so hättest du nicht flüchten müssen. Hättest du nicht flüchten müssen, so hättest du, Unwissender, dich nicht in diesen Kahn gesetzt. Hättest du dich nicht in diesen Kahn gesetzt, so wäre dieser Kahn nicht an den Felsen dort zerschmettert worden. Wäre der Kahn nicht an den Felsen dort zerschmettert worden, so würdest du nicht in Gefahr gekommen sein, zu ertrinken. Wärst du nicht in Gefahr gekommen, zu ertrinken, so würdest du nicht wie ein Feiger gewinselt und geschrieen haben. Hättest du nicht wie ein Feiger gewinselt und geschrieen, so würdest du die Nerven dieses armen Narren nicht gereizt haben, dir beizuspringen. Wär' er dir nicht beigesprungen, so würde er ruhig auf der andern Seite des Flusses bei seinem Netze geblieben sein. Wäre er ruhig auf der andern Seite bei seinem Netze geblieben, so würde er nicht in dieses Gehölze, das der Blitz, wie er sagte, so gern auszeichnet, gekommen sein. Wäre er nicht in dieses Gehölze gekommen, so würde ihn der Blitz, der auf diese Stelle und nicht auf jene fallen sollte, nicht getödtet haben. Folglich hast du oder die dir erwiesene Wohlthat den Narren getödtet. Khalife . Der kühne Vernünftler! Mußte es nicht geschehen? Stand es nicht in dem Buche des Schicksals? Gott sagt: »Wir haben einem Jeden von euch sein Schicksal um den Hals gebunden, und an dem Tage des Gerichts wollen wir Jedem ein Buch vorlegen, worin seine Thaten aufgezeichnet sind, und zu Jedem sagen: Lies dies Buch, deine eigne Seele soll dein Richter sein. Preis sei Gott, der Himmel und Erde geschaffen, Licht und Finsterniß geordnet hat. Er hat uns aus Erde geschaffen, das Ziel unsers Lebens fest bestimmt, und bei ihm ist das Ziel unsers Lebens.« Ben Hafi . Allerdings; aber Mahal mußte gleichwohl den Kitzel des Wissens in seiner thörichten Brust fühlen, von dem Gebirge heruntersteigen, den König Puh beleidigen, damit der gute Fischer, so scheint er immer noch, eine gute Handlung an ihm begehen möchte, und der Blitz mußte Diesen tödten, damit er auf der Stelle seinen Lohn empfing. Der Herr ist gerecht, und das Ende erweist es immer, hier oder dort. Khalife . »Und außer ihm ist kein Gott; er ist der Lebendige, der Selbständige; ihn überfällt nicht Schlummer, nicht Schlaf; ihm gehört Alles, was im Himmel und auf Erden ist. – Er weiß, was geschehen ist, was geschehen wird, und Keiner soll von seinem Wissen mehr begreifen, als so fern es ihm gefällt.« Seht, der Engel des Todes ging einst sichtbar an Salomo vorüber und sah auf einen, der bei ihm saß. Der Mann fragte Salomo, wer ist Dieser? Salomo sagte, es ist der Engel des Todes. Der Mann erwiederte: Es scheint, daß er meiner bedarf, befiehl darum dem Winde, daß er mich von hier nach Indien bringe. Da dies geschehen war, sagte der Engel des Todes zu Salomo: Verwundert sah ich so ernstlich diesen Mann an: Mir war befohlen, seine Seele in Indien von ihm zu nehmen, und fand ihn bei dir in Palästina, wo ich ihn nicht suchte. Ben Hafi . Vortrefflich! Ram fuhr fort: Begrabe deinen Retter wenigstens zum Dank. Ich begreife den Narren wahrlich nicht, aus jener Stadt kann er unmöglich sein; doch mag ja auch ein Narr unter den klugen Iradern wohnen. Begib dich zu ihnen, du wirst viel Neues von ihnen lernen. Ich eile, in ein Land zu kommen, wo, wie man sagt, ein Philosoph als Sultan herrscht. Mahal bat ihn, zu bleiben und sich deutlicher zu erklären; aber Ram antwortete: Ich fliehe dich und mag dich nicht wieder sehen. Deine Gesellschaft bringt Unglück, wie dieser Todte hier beweist. Er eilte davon. Mahal sah ihm lange nach; seine Worte hatten seinen Geist verdunkelt, und er sprach seufzend: »Gott sollte diesen Guten hier getödtet haben, weil er mich errettet hat? Wäre er dann gerecht? Um der guten Handlung willen sollte er sterben, und der Sultan Puh, nebst seinem Hofe und allen den Sündern in Enoch, sollten leben? Ach, er nahm sich meiner nicht an, da sie mich verstümmeln wollten, und doch reizte ich bloß um seinetwillen die abgöttischen Frevler zum Zorne gegen mich!« Lange sah er auf die Leiche, weinte, grub dann die Erde auf und legte sie in ihren Schooß. Darauf wanderte er über die Brücke nach der Stadt Irad zu. Der Sultan von Irad – Gloßvizir . Was, abermals ein Sultan? Müssen denn immer Sultane der Inhalt dieser langweiligen Märchen sein? Wäre es nicht unterhaltender für den Herrn der Gläubigen, wenn du sie mit wunderbaren Begebenheiten zu Wasser und zu Lande, mit Zauberern, Riesen, Feen und Geistern ausschmücktest, wie man es von einem vernünftigen Märchen mit Recht erwartet? Den Khalifen verdroß das ehrfurchtwidrige Betragen des Großvizirs, er sprach: Langweilig mögen nun wohl Ben Hafis Märchen sein, aber doch gewiß nicht darum, weil Sultane, wie sich's gebührt, der Hauptinhalt sind. Warum sollen sie nicht dabei sein? Was in der Welt interessirt wohl mehr, als Diejenigen, die sie beherrschen? Welcher Gegenstand ist wohl erhabener und zugleich unterrichtender? Ich finde jedes Märchen gemein und niedrig, worin Sultane nicht die erste Rolle spielen. Auch ist es immer so von alten Zeiten her gewesen. Dieses sage ich nun nicht, als hätte ich etwas gegen Zauberer, Riesen, Feen und Geister, ganz und gar nicht, sie sollen mir alle recht willkommen sein; aber man sieht sich doch gerne in Gesellschaft seines Gleichen. Kann nun Ben Hafi das Wunderbare, die Zauberer und Geister, die du zu lieben scheinst, mit den Sultanen zusammenbringen, so werde ich's ganz gerne sehen, denn mich dünkt, eben dieser Mangel ist die Ursache, warum seine Märchen so langweilig sind und dem Geiste so wenig Nahrung geben. Ben Hafi . Ich folge meiner Handschrift, und lügen will ich, befiehlst du es, wenn ich dir meine eignen Wanderungen erzählen werde. Der Sultan von Irad saß mit seinen Räthen in dem Divan und rathschlagte mit ihnen über die wichtigste, neueste, sonderbarste, unerhörteste Sache, über die je ein Sultan mit seinen Räthen gerathschlagt hat. Du glaubst vielleicht, Befehlshaber der Kinder des Propheten, die Weisen in Irad hatten untersucht: ob es besser oder anständiger sei, einen langen oder einen Knebelbart zu tragen? Was die Tugend sei? Von welcher Farbe? Ob sie eingelehrt, oder ob sie angeboren werde? Ob sie in einem Staate nöthig sei? Ob der Mondschein eine Farbe habe? Ob der Sultan der Unterthanen wegen da sei, oder die Unterthanen des Sultans wegen? Ob es besser für die Menschen wäre, Sklaven oder frei zu sein, da sie doch im zweiten Fall die schwere Last tragen müssen, für sich selbst zu sorgen! Ob es klüger sei, mit dem rechten oder linken Fuße aus dem Bette zu treten? Ob die sultanische Würde ein Amt, wie jedes andere Amt, oder nur eine Würde, ohne Sorge und ohne Mühe wäre? Ob der Mensch zu den Lastthieren gehörte, und wie viel er in diesem Falle eigentlich wohl zu tragen fähig und geschickt wäre? Von allen diesen Fragen handelte der Divan in Irad nicht. Khalife . Und wovon denn, du lästiger Schwätzer? Großvizir (im Bart) . Ja wohl, und giftiger dazu. Ben Hafi . Ich erkühne mich, es deinem scharfsinnigen Geiste zum Errathen vorzulegen. Khalife . Nichts ist leichter, ob du es gleich sehr listig zu verhüllen suchst. Ich wette, der Sultan von Irad rathschlagte mit seinem Divan über Das, worüber ich so oft mit dem meinen rathschlage, und was ich so gerne ausführen möchte, wenn man mir nicht so viele Schwierigkeiten entgegen zu setzen wüßte, nämlich: Wie er seine Unterthanen recht glücklich und zufrieden machen möchte. Ben Hafi (für sich) . Gute, betrogene Seele! – (Laut.) Auch diese Beratschlagung in einem Divan war vor der Sündfluth neu und unerhört genug; nach der Sündfluth ist es, wie alle Welt weiß, ein ganz gewöhnliches Ding und geschieht in kleinen und großen Reichen täglich. Ich wundre mich daher, wie du, Herr, auf so etwas Alltägliches fallen konntest. Nein, es war etwas so Unerhörtes, wovon wir nach der Sündfluth gar kein Beispiel haben, und darum eben durft' ich es nur wagen, es dir zum Errathen vorzulegen. Khalife . Ben Hafi, mir scheint, ich bin nun nicht zum Errathen aufgelegt, und ob ich gleich wetten könnte, Alles, was ich wollte, zu errathen, so mag ich mich doch nicht immer der Mühe des Nachsinnens unterwerfen. Ich gebiete dir also, es gerade herauszusagen. Ben Hafi . Ich gehorche. Nun so höre. Der Sultan Zobar rathschlagte mit den Räthen in seinem hohen Divan, wie er es wohl anfangen müßte, sich all das Gold seiner Unterthanen zuzueignen. Das heißt: sich nur zum Obereinnehmer und sichren Verwahrer alles ihres Gewinnstes und Erwerbes zu machen und ihnen nur so viel übrig zu lassen, daß es ihnen nicht an Mitteln und Kräften mangele, in seinem Frohndienst fortzuarbeiten. Khalife . Du spottest, Ben Hafi? Dies sollte etwas Neues und Außerordentliches sein? Es ist etwas so alltäglich Gemeines, daß ich es gleich hätte errathen können, wenn ich nur gewollt hätte. Ben Hafi . Vor der Sündfluth, sage ich, war es neu. Weiß ich doch, daß nun Alles anders ist. Daß sich unsre Herrscher nur durch den Reichthum ihrer Unterthanen reich halten, daß sie gerne den ihrigen spenden, um den Reichthum des Volks zu befördern! daß unsre Herrscher zwar geben, aber nur, von der Noth gezwungen, nehmen. Khalife . Da weißt du, beim Propheten, mehr als ich. Doch wozu brauchte der Sultan von Irad rathzuschlagen, wenn es ihm bloß um das Gold seiner Unterthanen zu thun war; er durfte es ja nur nehmen, da sie geben mußten und alles das Ihrige ihm gehörte, wie meine Vizire beweisen, ob ich es gleich nicht glauben kann. Ben Hafi . Der Zweifel ist hierin wenigstens erlaubt. Uebrigens hätte es, wie du sagst, der Sultan von Irad nach der Sündfluth ohne alle Gefahr wagen können. Vor der Sündfluth aber war es damit ein anders, und wäre es auch in andern Ländern damals Sitte gewesen, so ging es doch in Irad nicht an, weil die Irader gewisse Vorrechte hatten. Khalife. Vorrechte? Wozu? Was ist dies für ein Ding? Nie hörte ich in meinem Divan davon reden. Ben Hafi. Zum Beispiel, Herr: Ein jedes Ding bei seinem rechten Namen zu nennen, wenn es nur der rechte war und keine andere Deutung litte. Da aber die Diener des Sultans die Deutung sich vorbehalten hatten, so mußte der Sprecher, bei dem Gebrauche dieses Vorrechts, sehr behutsam sein. Ferner zu lachen, wenn man sie kitzelte, und zu weinen, wenn man sie schlug oder ihnen sonst wehe that; zu murren, wenn sie wider Willen thaten, was man wollte, und keiner der Diener des Sultans es hörte; zu essen und zu trinken, was sie bezahlen konnten. Den Narren öffentlich zu spielen, wenn es ihnen gefiel, sogar ihre Kinder selbst zu machen, wenn sie sich die Mühe geben wollten, ihre Weiber es dabei verbleiben ließen und damit zufrieden waren. Alle diese beschwerlichen Vorrechte für den Sultan, über welche ich den Herrn der Gläubigen mit Vergnügen lächeln sehe, würden am Ende wohl noch zu überwinden gewesen sein; aber die Irader hielten das Gold für ihren Gott, und darin lag die große Schwierigkeit. Denn seinen Gott läßt, wie du weißt, der Mensch sich nicht gerne nehmen, besonders wenn es nicht der rechte, wenn es ein Götze ist. Für ihn wagt er das Leben, ja, was noch mehr ist, den Gehorsam, den er dem Sultan schuldig ist. Khalife. Scheußliche Abgötterei! Ben Hafi. Und eins der Uebel, das, wie man sagt, die Sündfluth auch nicht ganz weggeschwemmt hat. – Aus diesem sehr erheblichen Grunde nun mußte es Sultan Zobar schon listiger anfangen. Khalife. Ich verlasse mich auf seinen Divan. Ben Hafi . Dein Zutrauen macht deiner Erfahrung Ehre, und mit Recht verlässest du dich auf ihn, denn Diejenigen, die in dem Divan saßen, wußten, ihr Gott liefe keine Gefahr und könnte nur Das an Werth und Gewicht gewinnen, was Deren Gott, die nicht in dem Divan saßen, oder des Divans Befehle nicht zu vollziehen hatten, an Werth und Gewicht verlöre. So nun; Nachfolger des Propheten, saß der Sultan von Irad mit seinen Räthen in eben dem Augenblick im Divan, als Mahal in das Thor der Stadt trat. Ein Gewappneter hielt ihm einen Speer mit der Frage vor: »Wohin? Woher? Warum?« Als ihm Mahal sehr bescheiden zur Antwort gab: Er sei einer der Söhne Seths, komme vom Gebirge und reise, der Menschen Wissen und Weisheit zu erlernen, so ließ ihn der Gewappnete durch einen seines Gleichen, nach der Sitte des Orts, zu dem Sultan führen. Der Sultan ließ ihn eintreten, und beschäftigt mit dem dir bekannten wichtigen Gegenstand, fragte er ihn sehr rasch: Was bringst du, Fremdling? Mahal (sehr feierlich) . Die Furcht Gottes bring' ich dir, Sultan von Irad. Der Sultan (launig) . Wir fürchten nur die Armuth hier. Hast du Gold? Da nun Mahal die wichtige Frage mit einem kalten Nein beantwortete, so rief Einer dem Andern verächtlich zu: »Er ist nichts werth! Er ist kein Mensch! Er hat kein Gold!« Man stieß ihn hinaus und rathschlagte fort. Mahal begriff weder den ganzen Sinn der Frage, noch die sonderbare Aufnahme. An dem Hofe seines Schwiegersohns brauchte er kein Gold, da die Diener, die ihm zugetheilt waren, seine Kasse führten, und bei seiner Flucht dachte er gar nicht an dieses so nöthige Hilfsmittel des menschlichen Verkehrs. »Kein Gold!« rief er, als er mitten in der Straße allein stand; »kein Gold! und darum stießen sie mich hinaus, und ich stehe hier auf der Straße, weil ich kein Gold habe. Vermuthlich ist es Dies, was ich, wie Ram mir sagte, hier Neues lernen soll. Der Mann da, der mir die gottlose Antwort gab, ist also auch ein Sultan. Ob er nun gleich kein Riese ist, so ist er doch viel stärker und kraftvoller gebildet, als der Sultan Puh, mein grämlicher Schwiegersohn; ich zweifle aber daran, ob er darum besser und verständiger ist als er!« Lange sah sich nun Mahal um, ob ihn Jemand von den vielen an ihm Vorübergehenden anreden wollte; er folgte Jedem mit seinen Augen, aber Jeder ging kalt an ihm vorbei. Er dachte bei sich, die Leute hier sind nicht so freundlich, wie in Enoch, vermuthlich weil sie mich nicht kennen. Da es nun dunkel ward und nach dem magern Mahl des armen Fischers der Hunger sich bei ihm meldete, so wagte er es endlich, in ein großes Haus einzutreten. Der Herr des Hauses kam ihm auf der Schwelle entgegen und fragte, wer er sei? was er wollte? Mahal antwortete: er sei einer der Söhne Seths, hungere und bedürfe Obdach. Hast du Gold? erwiederte der Irader. Da er nun sein trauriges Nein vorbrachte, stieß ihn der Irader von der Schwelle, rief ihm verächtlich laut nach, daß es die Vorbeigehenden hörten: »Ein werthloses Ding! Es hat kein Gold!« Wie ein Echo ertönte es in der langen Straße: »Ein werthloses Ding! Es hat kein Gold!« lief von Haus zu Hause, und jede Thür verschloß sich ihm. Khalife . Das ist ja ein abscheuliches Volk und scheint von Gastfreiheit gar nichts zu wissen. Wahrlich das größte Laster auf Erden, das Gott nicht ungestraft läßt. Euch sagt der Prophet: »Dienet Gott und gesellt ihm kein Geschöpf zu. Zeigt Milde und Barmherzigkeit euren Verwandten, den Waisen und dem Armen, euren Nachbarn, die eures Geschlechts sind, und auch euren Nachbarn, die euch fremde sind. Euren Genossen des Hauses und auch dem Reisenden, denn Gott liebt nicht den Stolzen, nicht den Ruhmsüchtigen, nicht die Habsüchtigen, die den Geiz empfehlen und Das verbergen, was er aus Güte ihnen zum Erbe gegeben hat. Jede gute Handlung belohnt er zwiefach.« O Gläubige, seid milde und barmherzig, daß Gott milde und barmherzig gegen euch sei. Wendet eure Augen nicht von dem Hilflosen, daß Gott an jenem Tage sein Angesicht nicht von euch wende und sage: Ihr kanntet den Hilflosen nicht, ich kenne euch nicht. Ben Hafi . Die Irader, Herr der Gläubigen, werden dein gutes Herz noch mehr empören. – Die Verachtung, womit man diese Worte aussprach, die Blicke, das Hohnlachen, womit man sie begleitete, reizten Mahals Galle. Der Hunger bellte in seinem schwarzen Groll, die feuchte Kühle der Nacht schauderte durch seinen Leib, und in Unmuth rief er: »Herr, verdirb die Grausamen, sie verdienen deinen Zorn! Dem Nachkommen deines Knechtes Seth, den du deinen Sohn nanntest, versagen sie Obdach und ein wenig Brod! Versagen dem Manne, mit dem du gewürdigt hast zu sprechen, den Namen Mensch! Herr, dein Zorn ist gerecht, hart und grausam ist der Städtebewohner!« Khalife . Ich hoffe, Gott wird diesen Fluch nicht als Sünde in Mahals Buch aufgezeichnet haben; denn die Sünde der Grausamen, da sie das Gastrecht gegen ihn verletzten, reizte den Unglücklichen. Schrecklich muß es sein, von Hunger und Kälte zu leiden, wo Brod und Wärme so nahe sind. Ich habe sie nie empfunden; aber ich kann fühlen, wie es Dem sein muß, den sie überfallen; und wüßte ich, daß Einer in meinem Reiche Hunger litte, ich wollte nicht eher essen, bis ich ihn aufgefunden und gespeiset hätte. Großvizir . In deinem Reiche, Nachfolger des Propheten, leidet Keiner Hunger. Khalife . Ich hoffe es um deinetwillen. Gott sieht Alles, und ihm ist nichts verborgen. Wisset, der leiseste Seufzer, den ihr der Brust des Leidenden durch Mißbrauch der Gewalt entreißt, wird zum lauten Donner dem Ohr des Herrn, und die Thräne, die ihr dem Auge des Unschuldigen abdrängt, wird zum brausenden Strome vor seinen Augen. – Der Khalife richtete sich auf und sah feierlich gen Himmel: »Herr, richte zwischen mir und meinen Dienern am Tage deines Gerichts! richte mich nach meinem Willen, sie nach ihrem Thun und der Weise, wie sie ihn erfüllen. Du ließest mich wie die Andern als beschränkter Mensch geboren werden, bildetest mich aus Erde wie sie und setztest mich zu ihrem Herrn auf den Thron der Khalifen, und doch reicht mein Arm nicht weiter als der ihre, mein Ohr hört nicht schärfer als das ihre, und mein Auge sieht nicht weiter als das ihre. Und hätte auch ich das Gesicht des Adlers, das Gehör des Hasen, die Stärke des Löwen und die Weisheit Salomos, der Gewissenlose könnte mich gleichwohl mit seinem Netze umstricken. Herr, zerreiße das Netz des Gewissenlosen, daß es deinen Diener nicht verstricke!« Bei dem ersten Blicke der Andacht des Khalifen warf sich der taube Verschnittene neben seinem Lager auf die Kniee und betete inbrünstig. Eine feierliche Stille herrschte, noch betete der Khalife leise. Als er sich wieder niederließ, sah er auf Ben Hafi, von Ben Hafi auf den knieenden Verschnittenen, auf dessen Haupt er dann seine Hand legte, und indem er freundlich dabei auf Ben Hafi blickte, sagte er: Dieser kennt mich, und ich weiß, er betet für mich, und ich weiß, der Herr erhöret sein Gebet. Der taube Verschnittene faßte des Khalifen Hand, indem er sie von seinem Haupte wegzog, küßte sie – verbeugte sich bis zur Erde, setzte sich auf seine Stelle und wischte seine Augen. Ben Hafi sah Dem, was vorging, so lange zu, bis seine Wangen erglühten und seine Augen voll hellen Wassers standen. Khalife. Du bist ein guter Mensch, Ben Hafi. Ben Hafi. Wer sollte es vor dir nicht werden? Auch kenne ich die Armuth und ihr Gefolge, den Mangel, die Verachtung. Khalife. Die Feinde des Gerechten, die der Ungerechte zeugt. Sie sollen dich nicht mehr erreichen. Ben Hafi rollte seine Handschrift zusammen, indem er für sich sagte: Edle Seele! es soll schon wirken. Siebenter Abend Während Ben Hafi seine Handschrift auseinander rollte, sagte der Khalife: Nun, Ben Hafi, hat endlich einer der Grausamen dem Mahal die Thüre geöffnet? Ich dachte seiner, so oft ich nur erwachte. Du hättest dein Märchen da nicht abbrechen sollen. Der Erzähler muß wenigstens seine Leute immer in Sicherheit zu bringen suchen und höchstens nur so viel von Verlegenheit übrig lassen, als dazu gehört, einen neuen Faden an den alten anzuspinnen. Ben Hafi. Deine Bemerkung macht deinem Herzen Ehre, Herr der Gläubigen. Zum ersten Mal strafte sich nun Mahal, der immer noch in den Straßen fror und hungerte, seiner Thorheit, das Gebirge verlassen zu haben, wo seine Heerden ihn nährten und er alles Das hatte, dessen er bedurfte. Da aber nun der Groll nicht sättigte und Gott nicht, nach seinem Wunsche, über die Irader herfiel, die Kälte seinen hungrigen Leib immer mehr durchdrang, so wagte er noch einmal am äußersten Ende der Stadt an der Thür eines kleinen Hauses anzuklopfen. Ein Alter trat heraus und fragte ihn, wer er sei? was er wolle? Mahal erzählte ihm kurz seine Geschichte und brachte seine alte Bitte vor; der Alte gab ihm denselben Bescheid. Mahal . Werthloses Ding! Kein Mensch! Warum bin ich kein Mensch? Bin ich nicht gebaut wie du? Habe die Glieder, die du hast, bin von dem Geiste belebt, der dich belebt, habe dieselben Bedürfnisse und fühle Hunger und Kälte wie du? Der Alte . Du Thor, das ist eben dein Unglück, daß du dies fühlst und doch kein Gold hast. Die Thiere fühlen es auch, und darum sagen wir in Irad von Dem, der kein Gold hat, er ist ein Thier, weil er gleich dem Thier des Feldes von dem Raube leben muß. Aber das Thier des Feldes ist noch besser daran; denn das Gesetz tödtet es nicht um des Raubes willen, wohl aber das weit gefährlichere werthlose Ding, das gestaltet ist, wie du es bist, und vom Raube lebt. Mahal dachte abermals mit einem tiefen Seufzer an die Gebirge, den Sitz der Ruhe und Unschuld. Einige Thränen drangen in seine Augen. Gerührt sagte er zu dem Alten: »Willst du nicht, daß ich von dem Raube leben soll, so gib mir Brod und Obdach. Morgen will ich weiter ziehen und dies grausame Land verlassen. Tödtet mich auch der Hunger, so sollen doch meine Gebeine nicht in diesem harten Boden ruhen.« Der Alte. Narr! bedarf dieser Boden deiner Gebeine? Wer von uns würde wohl die Kosten tragen wollen, sie zur Erde zu bestatten. Wem nutzt die Leiche eines Todten? – Doch wofür willst du, daß ich dir Brod und Nachtlager geben soll? Khalife. O Gott! o Gott! Mahal. Um der Menschheit willen. Der Alte. Du hörst ja, daß die Irader das Ding, das kein Gold hat, nicht unter die Menschen zählen. Mahal. Um Gottes willen, der uns alle nährt! Der Alte. Thor, sieh die Schwielen in meiner Hand, sieh mein verbranntes Angesicht. Die Arbeit nährt uns und sonst nichts. Der Gott in Irad ist das Gold, wir kennen keinen andern, und dieser macht uns zu Allem, was wir sind. Khalife. Ben Hafi, dies ist ein ängstliches, abscheuliches Märchen, und glücklich ist mein treuer Masul hier (auf den tauben Verschnittenen deutend), daß er es nicht hört. Ben Hafi. O, wär' es ein Märchen! Khalife. Es ist's! es soll es sein! Ben Hafi. Mahal erblaßte bei dieser Lästerung, sein Herz entbrannte, und er sprach abermals dem Menschengeschlecht den Verdammungsspruch. Khalife. Ich verzeihe es ihm. Ben Hafi. Der Alte schien indessen über etwas nachzudenken. Nach einer Weile zog er Mahal gegen das Licht, betrachtete seinen Bau, seine Hände, befühlte seinen Nacken, maß seinen Rücken und sagte: »Du bist zum Lastthier gut genug gebaut, mir ging eins vor Kurzem ab. Willst du, daß ich dir Brod und Obdach geben soll, so nimm dieses Werkzeug hier. Mein Neffe soll dich auf das nahe Feld führen, der Mond scheint helle, grabe es um, daß ich es morgen besäen kann, und wenn ich dir pfeife, so kehre hierher zurück, dann sollst du essen und darauf auch schlafen. Beim Anbruch des Tags bepacke ich dich und treibe dich zu Markte. Mahal ergriff die Hacke, sah Das, was ihm widerfuhr, für eine verdiente Züchtigung an, ließ sich von dem Knaben auf den Acker führen und arbeitete unter dessen Anweisung bis zur Mitternacht. Der Alte pfiff ihm, gab ihm Brod und stieß ihn mit den Worten in einen Winkel, der seinem Lastthiere zum Lager diente: »Dinge, die kein Gold haben, sind gefährlich.« Hiermit riegelte er ihn ein. Als er ihn Morgens mit gefüllten Körben bepackte, sagte er zu ihm: »Sieh, Fremdling, Die kein Gold haben, müssen ihre Hände und ihren Rücken hergeben, daß Die, welche ihren Rücken und ihre Hände brauchen, Gold durch sie erwerben können. Hast du nun gleich kein Gold, so bist du, wie du siehst, doch wie jedes andere nützliche Hausthier des Goldes werth. Und thust du, was du kannst, so soll dir es an Lager und Brod nicht fehlen, denn wir schonen um unsers Vortheils willen des Thiers, das uns nutzt.« Mahal beugte seinen breiten Rücken, hörte geduldig an, was der Alte sagte, überdachte im Gehen unter seiner Last den Sinn seiner Worte und fand, daß sein neuer Lehrer, der mit einem Prügel hinter ihm herging, den von Ram erlernten Worten Nachdruck und Bedeutung gab. Auch verstand er nun den Wink, den ihm Jener beim Abschied gab, und that auf einmal einen großen Sprung in der Kenntniß des gesellschaftlichen Lebens, ohne es doch für jetzt so bequem zu finden, als in Enoch an des grämlichen Sultans Hofe. Das Gesindel, das Mahal vor dem Alten so rasch und sicher hertraben sah, rief: »Ein gutes Lastthier, das der Alte da gedungen hat. Stark von Nacken und Rücken. Wenn es sonst keine Tücken hat, wird es sein Brod gewiß verdienen.« So trug nun eine Zeitlang Mahal Morgens die Lasten auf den Markt, und zur Abwechselung bearbeitete er, unter der strengen Aufsicht des Knaben, die Felder. Täglich wurde ihm dabei das menschliche Leben, in einem Punkt wenigstens, klarer; aber auch unerträglicher. Oft seufzte er in seinem Winkel: »Wie schön und erquickend ging mir auf dem Gebirge die Sonne auf, und nun wie trübe und schrecklich in diesem feuchten, schmutzigen Loche! Dort tönte der Gesang der Vögel, das Rauschen des Wassers von den Felsen in mein Morgenlied. Die sanften Winde umsäuselten mein Haupt während meines ruhigen Schlafs. Die reine Milch meiner Heerde nährte mich, und mein Weib, meine Tochter, ergötzten mich mit ihrer Sorge und ihren freundlichen Gesprächen. Ich war glücklich bis auf den Augenblick, da der unruhige Geist der Begierde nach Kenntniß in mir erwachte. Da verstummte der Gesang der Vögel und das Rauschen des Wassers, da sang ich kein Morgenlied mehr dem Gott meiner Väter. In meinem Schlafe sah ich unbekannte Gestalten und bunte, wilde Bilder. Mein Haupt umsausten Stürme, in meiner Brust gezeugt, und die Sorge, die Gespräche der Meinen wurden mir zum Ekel. Gebeugt unter meiner Last gehe ich nun dahin, und hinter mir tritt der strenge Treiber einher und nennt allein sich Mensch. Meine Gebeine erkrachen unter der schweren Last, auf dem Felde treibt die heiße Sonne den Schweiß aus meiner Stirne, daß er in meinen Bart fließt, und meine Thränen werden oft mein Getränk bei lechzendem Durste. Werfe ich mich auf dieses elende Lager hin, so quälen mich Vorstellungen des Vergangenen, Gedanken über die Menschen und ihr Wesen, und ich frage dich, Herr, in meinem Unmuthe, warum sind sie so; aber du antwortest mir nicht.« Da der Alte mit Mahals Fleiß zufrieden war, so ließ er es ihm wenigstens nicht an gutem Unterrichte fehlen und ertheilte ihn ihm bei jedem magern Bissen, den er ihm reichte. Seine Güte gegen sein Lastthier ging gar so weit, daß er ihn einstmals in der zur Erholung bestimmten Stunde mit seinem Neffen in die Schule der Stadt führte, damit er recht deutlich und klar erkennen möchte, was der Werth des Goldes und wer der Gott der Irader sei. Ein lumpichtes Ding, eine wahre Abbildung des Hungers und des Elends, hatte sich als Lastthier diesem Viertel der Stadt auf die Bedingung verkauft, die aufwachsende Jugend für Schutz und schlechte Nahrung in der den Iradern nöthigen Wissenschaft zu unterrichten. Er stand auf einer erhabenen Stelle, die Knaben verschiedenen Alters saßen um ihn herum, hinter ihnen standen die Alten, um selbst von den Fähigkeiten und dem Fleiße ihrer Söhne Zeugen zu sein. Die Wissenschaft der Irader war schon so vollendet und zugerundet, daß sie sich in Gemeinsprüchen vortragen ließ, und glich darin so ziemlich derjenigen, die wir jetzt die Sittenlehre nennen, nur daß die Irader jene praktischer befolgten. Nachdem sich nun das lumpichte Ding von Menschen lange in Gemeinsprüchen über den einzigen und wichtigen Gegenstand der Kenntniß der Irader herumgetummelt hatte, so legte er den Knaben, einem nach dem andern, folgende Fragen vor, um ihre Aufmerksamkeit zu prüfen und den Alten zu zeigen, wie weit sie unter seiner Leitung gekommen wären. Was ist das höchste Gut, wornach der Mensch zu streben hat? – Das Gold. Warum ist es das Gold? – Weil dadurch allein der Mensch zu den Mitteln der wahren Glückseligkeit, der Achtung unter seinen Mitbürgern, dem Genusse aller Dinge und der wahren Vollkommenheit gelangen kann. Was muß also der Zweck eines vernünftigen Wesens in diesem kurzen, mühseligen Leben sein? – Gold zu erwerben. Recht gut, mein Sohn. Aber, Folgender, sind, um Gold zu erwerben, auch alle Mittel gleich gut und erlaubt? Gleich gut sind sie alle, wenn sie den Hauptzweck erfüllen; aber nicht alle erlaubt. Was hat also der Verständige dabei zu beobachten? – Wenn er sich durch das Gesetz verbotner Mittel bedient, so muß er darauf sehen, es entweder heimlich oder doch so zu thun, daß das Gesetz in dem ihn betreffenden Fall nicht gelte, wenigstens darauf nicht anwendbar sei. Da dieses oft mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist, so setzt es auch viele Gewandtheit und Erfahrung voraus, erwirbt aber unter den Mitbürgern noch mehr Achtung, als der Gebrauch der geraden und gemeinen Mittel, weil es großen Verstand und listige Verschlagenheit beweiset. Vortrefflich, mein Sohn. Ein Anderer! – Darf man wohl um des Goldes willen auch Mord begehen? – Nein, und zwar um seines eignen Besten willen nicht, weil sonst Keiner seines Goldes unter den Mitbürgern lange sicher wäre. Es gibt eine sehr nöthige Wissenschaft als Hilfsmittel, und ohne welche der Irader nicht bestehen kann, wie heißt die? – Die Rechenkunst. Richtig, die Rechenkunst. – Wie hat man sich in Ansehung der Fremden überhaupt zu verhalten? – Fremde kann man betrügen und muß sie aus Gold- und Vaterlandsliebe betrügen. Auch kann man sie durch Krieg unterjochen, zu Sklaven machen, sie mit so viel Nahrung, als zur Fristung des Lebens hinreicht, zur Arbeit zwingen, und empören sie sich dagegen unter dem Vorwand, es geschehe ihnen Gewalt und Unrecht, so darf man sie als Aufrührer gegen den Staat tödten; doch besser ist es, man tödtet sie durch Arbeit, weil die Arbeit Gold einbringt. Recht sehr gut! – Folgender! Was ist die höchste Tugend? – Reichthum. Was das größte Laster? Die schändlichste Schmach? – Armuth. Wie nennt man das Ding, das kein Gold hat? – Werthlos. Man zählt es auch gar nicht unter die Dinge oder Wesen, man nennt es nur ein Werkzeug in den Händen Dessen, der Gold hat. Viele sprechen ihm sogar alle Vernunft ab. Und das mit Recht, mein Sohn, sagte der Elende seufzend. Was ist nun Der, der Gold hat? – Alles! Er ist vernünftig, beliebt, schön, witzig, vollkommen. Er ist ein Weiser, ein Sultan unter den Menschen. So ist es; sucht es zu werden, ihr Kinder, wie eure Väter hier es sind. Nun sage mir ein Anderer: Wem unter allen Geschaffenen gehört die vorzüglichste Achtung? – Dem Golde. Warum? – Weil es das Vollkommenste der Schöpfung ist und allein seinem Besitzer alle Vollkommenheiten ertheilt. Was ist Gold? – Der Gott, den wir anbeten. Der Khalife hielt hier seine Ohren zu. Warum beten wir ihn an? – Weil nur er glücklich macht, und der Mensch für das Glück geboren ist, oder wenigstens es sein sollte. Ja, sein sollte, seufzte der lumpichte Lehrer. – Sage du! gibt's wohl außer ihm noch andere Götter? – Ja einen, den man den Alten, Unsichtbaren nennt. Muß man auch ihn verehren? – Schaden kann es weiter nichts, weil er, wie man sagt, das Gold gemacht hat. Auch sagten unsre Voreltern von ihm, er könne, wenn er wolle, durch seine große Macht zum Besitze des Goldes verhelfen. Vielleicht war es so zu ihrer Zeit, jetzt gibt er Keinem nichts, und Jeder muß das Gold durch Mühe und List zu erwerben suchen. Da übrigens die Achtung, die man ihm erzeigt, weiter nichts als Worte oder höchstens Gedanken kostet, so kann es Jeder halten, wie er will. Denken die Völker um uns herum, wie wir? – Alle erleuchtete und aufgeklärte Völker, die fernen und die nahen denken so, handeln auch darnach und dienen nur diesem Gott; aber nicht alle sind sie so aufrichtig, es zu gestehen, wie wir es thun. Sie sind meistens Heuchler, und nur der Irader ist ehrlich genug, zu sagen, wie er denkt. Vortrefflich, ihr lieben Kinder, ich hoffe, eure werthen Eltern sind mit euch und dadurch mit mir zufrieden. Es thut mir Noth. Hierauf sprach der lumpigte, von dem Elend und dem Kummer ausgemergelte Lehrer in hoher Begeisterung folgendes Gebet, während welchem er mit Augen voll starrer Entzückung nach dem Wort Gold , das über seinem Lehnstuhl als Inschrift hing, blickte. Die Alten und die Jungen sahen mit tiefer, brünstiger Verehrung mit ihm nach dem bedeutenden Symbol. »Gold, du Herrlicher, Trefflicher! Der du unter dem sichtbaren Erschaffnen glänzest, wie die Sonne an dem Gewölbe des Himmels, wenn du sie beim Anbruche des Tages mit deinem schönen, strahlenden Gewande bekleidest! Ohne dich sinkt sie in schwarze Dunkelheit, und sobald du ihr das geliehene Gewand abziehst, hört sie auf, zu sein, und gleicht dem elenden Menschen, der keine Gnade vor deinen Augen gefunden hat. Doch damit wir dich auch bei dunkler Nacht verehren können und dich immer vor Augen haben mögen, übergoldest du die unzähligen Gestirne mit deinem Glanze. Ach, warum können wir nicht zu der Sonne und zu den Gestirnen hinaufsteigen, um ihnen die uns so nöthige und ihnen so unnöthige kostbare Bekleidung zu rauben! König! Oberhaupt der ganzen Natur, vor dem das ganze Menschengeschlecht die Kniee beugt, von dem Sultan bis zum Bettler! Dem Alles, für den Alles lebt! Du ertheiltest alle Tugenden und Vollkommenheiten und überschüttest deine auserwählten Günstlinge mit des Lebens üppigstem Genusse. Ach, ich bin Keiner derselben! Alles, was die Menschen ersinnen und hervorbringen, geschieht nur, weil du bist. Ohne dich lebte der Mensch noch in der Wildheit gleich den Thieren. Du hast die edlen Fähigkeiten seines Geistes, die Triebe seines Herzens, die Kräfte seines Leibes erst recht entwickelt, und dir ist er Das schuldig, was er durch Verstand, Geist und Gunst vermag. Um deinetwillen wacht der Denker die lange Nacht durch, um deinetwillen schwitzt und keucht der Ackermann auf dem Felde, um deinetwillen kämpft der Schiffer mit dem Sturme, um deinetwillen achtet der Krieger selbst seines edlen Lebens nicht, das er doch nur einmal lebt. Deinen Begünstigten umgaukelt die Freude des Lebens. Alles arbeitet, wächst, entsteht und wird hervorgebracht zur Befriedigung seiner Sinne. Du bist sein Gott, und deine Tochter, die Wollust, seine Göttin. Ihm blüht das zarte Mädchen zur Jungfrau auf; im ersten Augenblick der Reise löst er sie von dem Stengel der Unschuld, an dem sie ihm die Mutter, um deinetwillen, auferzogen und bewacht hat. Die Erde trägt ihm Früchte und Gewächse, das dunkle Meer nährt ihm kostbare Fische, der Wald das geschmackvolle Wild, und die Luft ist für ihn mit Vögeln bevölkert. Ach, nur eine Klage bleibt deinen Günstlingen übrig! Daß sie der Sinne nicht mehrere haben, und daß sie durch den Genuß ihren Reiz und ihre Kraft verlieren. Aber auch alsdann noch tröstet sie dein herrlicher, blendender Glanz. Du verleihest ihnen Verstand, Ansehen, Macht und Unsträflichkeit; denn Alles dürfen Diejenigen wagen, welche dich besitzen. Hoch mögen sie die Häupter empor heben; die von dir Verworfnen kriechen im Staube vor ihnen, lassen sich von ihnen mit Füßen treten und sehen von der niedrigen Erde zu ihnen wie zu Göttern hinauf. »O du Wesen aller Wesen! Du Schöpfer aller Künste und Wissenschaften! Du Triebrad der menschlichen Gesellschaft! großer, mächtiger Zauberer! Gleich dem größten Monarchen der Schöpfung, sitzest du in ihrem Mittelpunkt und ziehest durch deinen Glanz alle durch Verstand, Geist und Kunst gebildete Wesen an! Selbst der rohe Sohn der Unwissenheit, der nur durch den thierischen Instinkt lebt, lächelt, wenn ihn dein Schimmer umstrahlt, das Dunkel der Unwissenheit erheitert sich, und der thierische Trieb verfeinert sich. Alle Wesen der Gesellschaft drehen sich in deinem Kreise herum, und Jeder strebt, dem Andern aus allen Kräften vorzudringen, um deinem Heiligthum der Nächste zu sein. »Ohne dich, du gewaltiger Zauberer, ständen plötzlich die Triebräder der menschlichen Gesellschaft still, alle Tugenden verschwänden mit den Lastern, und der Tod aller moralischen Kräfte erfolgte bald. O Gold, du mühsame Jagd des Menschengeschlechts! dir verkaufen die Jungfrau und die Matrone die Keuschheit! der Denker die Wahrheit! der Staatsmann seinen Sultan und sein Vaterland! der Richter die Gerechtigkeit! der Herrscher das Glück seiner Unterthanen! Um deines Glanzes willen läßt sich der Verständige von dem Dummkopf verachten und schmeichelt ihm noch! Um deines Glanzes willen beugt der Stolze den Nacken und übt seine Zunge im glatten Spiele der Schmeichelei! Um deines Glanzes willen verkaufe ich den edeln und weisen Bürgern von Irad die Tage meines Lebens, und doch fliehest du mich, und mein Gewinn ist hartes Brod und das bloße, farblose, geschmacklose Wasser. »Alles lehrst du ertragen! Durch dich wird der Feige tapfer, der Träge thätig! Du entfernst selbst die schwarzen Schrecken des Todes, das scheußliche Loos der Menschheit, den auf ihr liegenden unabänderlichen Fluch, welchem allein, nebst seinen Vorläufern und Gefährten, den häßlichen Seuchen, deine Günstlinge nicht entfliehen können, und säßen sie auch in dem Mittelpunkt deiner Herrlichkeit. Sie müssen sterben, wie wir Elende es müssen, und, von deinem Glanze geschieden, in die dunkle Finsterniß wandeln. Trotz dem furchtbaren Gespenste thut gleichwohl der Mensch, die Augen auf dich geheftet, Thaten, welche die Nachwelt bezweifelt. Er trägt Leiden und Gefahren, die wir schaudernd bewundern und doch aufsuchen. »Herrlicher, Glänzender! Erhabener! Sieh gnädig auf dein auserkornes Volk herab! Umleuchte nur uns mit deinem strahlenden Glanze. Fliehe unsre Nachbarn, sei ausschließend unser Gott! Kein Volk auf Erden verehrt dich, wie wir dich verehren! Der Irader sucht durch dich die Herrschaft über alle Völker und wird sie gewiß erhalten, wenn du ihm gnädig bist. Gieße dich, Mächtiger, Erhabener! da wir doch einmal den Tod und seine Gefährten, die Seuchen, nicht durch dich besiegen können, wenigstens so lange wir leben, auf uns herab und verbleibe dann Denen hold und getreu, die wir verlassen müssen, denen wir hinterlassen müssen, was du uns von deinem göttlichen Wesen ertheilt hast!« – Khalife. Alles, was dieses lumpigte Ungeheuer da sagt, ist so abscheulich, daß mir ganz finster vor den Augen und ganz weh um das Herz geworden ist. Ben Hafi. Ich glaube es dir gerne, Herr der Gläubigen; aber noch abscheulicher ist es, daß an dem Abscheulichsten, was man von dem Menschen dichten oder sagen mag, immer mehr wahr ist, als Einem lieb ist. Khalife. Leider habe ich in meiner langen Regierung diesen Durst nach Gold nur allzu sehr bemerkt, und ich erstaunte oft, wenn ich um seinetwillen den Besten zu dem Schlechtesten werden sah. Großvizir. Dies alles kommt von dem in den Menschen eingewurzelten Bösen her, darum muß man sie mit einem eisernen Scepter regieren und zum Guten peitschen. Khalife. Gott allein weiß es. Er sieht in der Tiefe des Meeres den Keim der Muschel sich bilden, und in dem Herzen des Menschen die fernste Anregung zum Bösen. So sagt ein Ausleger des Buchs . Ben Hafi (dazwischen für sich) . Dies ist eben das Sonderbare und Bedenkliche von der ganzen Sache. Khalife (fortredend) . Er kennt Alles, Ben Hafi, und kennte sich der Mensch, sagt der Ausleger – kennte sich der Mensch – wie sagt er, doch? Er braucht ein Gleichniß. Ben Hafi. Das mir unbekannt ist. Vielleicht sagt er so, Nachfolger des Propheten: kennte sich der Mensch, so fände er mehr in sich, als er zu sein scheint, oder er hielte sich vielleicht gar bei dem plötzlichen Schrecken über die unerwartetete Selbsterkenntniß für gar nichts. Khalife . Dieses kann nur dem Ungläubigen widerfahren, nicht dem Schüler des Propheten. Auch ist, was du sagst, kein Gleichniß, und ich suche, wie du hörst, ein Gleichnis. (Er sinnet nach und siehet eine Weile eine brennende Wachskerze an.) Mir fällt statt des seinigen ein Gleichniß ein, das ich, weil ich es selbst gefunden habe, mein Eigenthum nennen kann. Kennte sich der Mensch, sage ich, er würde gewiß eben so erstaunen, wie diese brennende Wachskerze, wenn sie auf einmal ihr uns erleuchtendes Licht so schön und deutlich denken könnte, als wir es sehen und denken. Aber was ihr zweiter Gedanke sein würde, das gebe ich dir und euch allen zu errathen auf. Der Großvizir und die Hofleute versicherten den Khalifen, es sei ihnen unmöglich, seinen tiefen Sinn zu erforschen. Ben Hafi schwieg aus einem andern Grunde. Khalife . Es ist doch ein gar begreifliches Ding. Ihr zweiter Gedanke würde gewiß eine Klage über den wenigen Rauch sein, der von ihrem Licht ausgeht, und gleichwohl kann die kleine, schöne, leuchtende Flamme ohne den wenigen Rauch nicht sein. Ben Hafi . Beim Propheten, es ist überraschend tief und schön gedacht. Khalife . Daß ich nicht wüßte, es scheint mir so leicht als natürlich, und Jeder von euch möchte es sagen, der diese Kerze in demselben Augenblick angesehen hätte, da ich sie ansah. – Wie betrug sich dein Mahal bei diesem abscheulichen Unterricht? Ben Hafi . Da er nicht so lange wie du über Menschen geherrscht hatte, so fand er ihn noch abscheulicher. Anfangs hörte er mit ängstlichem Erstaunen zu, dann mit Schmerz, endlich gar mit Wuth. Sie brach aus, und er donnerte den Iradern in kräftigen Ausdrücken ihren Unsinn, den Zorn des Allmächtigen, seine Sendung und ihren nahen Untergang in die Ohren. Die Zuhörer schrieen: Raset das Lastthier? Wie waget das werthlose, nichtsnützige Ding zu rasen, das nichts als die Sprache und Gestalt von Menschen hat? Es raset Ketzerei und verdirbt unsre Jugend. (Zum Lehrer.) Du Schatten von Menschen! gib Ruthen her, daß wir dieses tolle Ungeheuer vor den Knaben züchtigen. Es soll lernen, wie es sich unter Menschen zu betragen hat. (Zu dem Alten.) Wie unterstehst du dich, dein nichtswürdiges Lastthier unter uns zu bringen? Der Lehrmeister brachte Ruthen, die Knaben fielen über Mahal her, entrissen ihm unter Spott und Muthwillen sein Gewand, und so eben wollte das lumpigte Ungeheuer anfangen, ihm seinen breiten Rücken zu zerhauen, als ein Eilbote des Sultans Zobar hereinfuhr und Mahal zu dem Sultan aufforderte. Khalife. Das ist mir lieb, Ben Hafi, denn ich mag keinen Menschen, auch nicht in einem Märchen, geißeln sehen; ich fühle alle die Streiche, die man einem gibt. Ben Hafi. Friede sei mit deinem Herzen, du Freund des Menschen! aber ich erinnere mich deines Mitleids nicht, da Ram gegeißelt wurde und ich dir beschrieb, wie Mahal dabei litt. Khalife. Das ist ein Andres; Ram scheint mir ein böser Mensch zu sein, der Gott Hohn spricht. Er griff, wie es scheint, die Stütze des Throns des Sultans in Enoch an und war bei ihm in Ungnade gefallen. Gleichwohl hätte ich ihn nicht geißeln sehen mögen, und hätte er mir es selbst gethan, wäre er in meine Ungnade gefallen. Wir, Ben Hafi, müssen nur Freudenthränen sehen, wenn wir uns zeigen, und keine Thränen des Schmerzes; könnten wir dies nur immer, ja, dann wären wir zu beneiden! Ben Hafi. Dieser Wunsch allein macht dich des Thrones würdig, auf dem du sitzest. Khalife. Was thu' ich als meine Pflicht, der Prophet will es, ich bin sein und Omars Nachfolger. Und wollt' ich anders, mein Herz würde es nicht können. Wer möchte wohl hart sein, da das Gutsein so viel Vergnügen macht? Ben Hafi. Herr der Gläubigen, ich kann nach Diesem, was du mir sagst, nichts mehr vorbringen, das heute des Hörens noch würdig wäre. Die einzige Gnade, um die ich dich bitte, ist, mir zu erlauben, den Saum deines Gewandes mit meinen Lippen zu berühren und mich dann zu beurlauben. Khalife. Thue es, wenn es dir gefällt. Ben Hafi berührte ehrfurchtsvoll mit seinen Lippen den Saum des Gewandes des Khalifen, rollte seine Handschrift zusammen und ging. Khalife (zu den Andern) . Es ist ein guter Mensch. Langweilig sind seine Märchen, das ist wahr; aber da sie denen, die ich bisher gehört habe, so wenig gleichen und immer etwas Besonderes an sich haben, so muß ich sie doch bis an das Ende anhören, geschäh' es auch bloß darum, den guten Mann nicht verdrießlich zu machen. Achter Abend Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift aus einander und begann: Die Irader, Nachfolger des Propheten, antworteten dem Eilboten des Sultans: »Laß uns ihn erst züchtigen, er ist ein Ketzer und lästerte so eben den Gott des Vaterlandes. Du siehst ja, daß er nur ein Lastthier des Alten hier ist, und durchgepeitscht soll er dir folgen.« Eilbote. Laßt ihn nur immer los. Der Sultan ist sehr erzürnt, und gewiß wird er bei ihm nicht besser fahren. Geht er auch ledig aus, so habt ihr ja noch immer Zeit, ihn für seine Lästerung zu züchtigen. Irader. Du erkennst also das Recht, das wir über ihn haben? Daß wir ihn geißeln können, ob ihn gleich der Sultan fordert? Da nun der Eilbote ihnen dies Recht nicht bestritt, so überlieferten sie ihn ihm. Der Sultan Zobar von Irad hatte von dem Sultan Puh von Enoch eine Botschaft folgenden Inhalts erhalten: »Wir, Sultan von Enoch, der Herrliche, Große, Göttliche, abstammend in gerader, unbefleckter Linie von den Söhnen Gottes Aza und Azael, durch unsre Mutter, die schöne Naahmah. Diese Mächtigen, die um den Thron des alten Gottes stehen, zeugten unsern großen Urvater, den Schrecken der alten Welt, mit der Enkelin Kains, der schönen Naahmah. Die Kraft, Macht, Weisheit und Zauberei, die sie unserm Urvater mitgetheilt haben, gingen in vollem Maße in uns über, und wir, aus Götterstamme, entbieten unsern Gruß dem Sultan Zobar zu Irad, von Menschen gezeugt und geboren. Wir bitten dich durch diese unsre Botschaft, uns den Mann vom Gebirge, Mahal, aus dem Stamme Seths, in unsre prächtige Stadt Enoch, die älteste und berühmteste des Erdbodens, sogleich zu senden. Dieser Mann vom Gebirge hat unsere Majestät höchlich beleidigt. Wir vergaben es ihm gleichwohl, weil er uns durch unsere glänzende Sultanin, seine Tochter, angehört, und wollten ihn zur ersten Ehrenstelle unsres Reichs erheben. Demohngeachtet entfloh er aus unserer prächtigen Stadt und hält sich, wie wir durch unsere Kundschafter erfahren haben, in deinem Lande auf. Wir zweifeln nicht an deiner Willfährigkeit und werden den Dienst erkennen. Die Unkosten erstatten wir, wie sich's gebührt. Die Herrscher der Menschen sind sich dergleichen Dienste schuldig, damit die Verbrecher an ihrer Majestät auf der weiten Erde keinen Schutz und keine Zuflucht finden. Wir empfehlen dich der Obhut unsers Urvaters, des göttlichen Gedims. Gegeben in unsrer prächtigen Stadt Enoch den dritten Mond des Jahrs tausend fünfhundert und sechs und siebzig. Puh, Sohn der Göttersöhne Azas und Azaels, Sultan in Enoch, der ältesten Stadt der Welt.« Als der Sultan Zobar diese Botschaft vernahm, wollte er den Ueberbringer auf der Stelle ermorden. Schon griff er nach seinem gewaltigen Speer, seine Hofleute aber fielen weislich vor ihm nieder und baten ihn, seinen Grimm zu mäßigen. Der Bote allein blieb ruhig stehen, eingedenk seines erhabenen Senders, und sagte voll Muth: »Tödte mich, Sultan zu Irad, wenn du des sultanischen Boten nicht achtest, und beweise dadurch, daß du nicht weißt, was du dir schuldig bist!« Diese kühn ausgesprochenen Worte brachten den erzürnten Sultan schnell auf andre Gedanken; er erinnerte sich nun, wie sich ein Sultan vor dem Haufen achten müsse, und welche Rache seiner allein würdig sei. Er entließ den Boten aus seiner Gegenwart, durchlief noch einmal die Botschaft, und fürchterlicher ward seine Wuth. Er schüttelte seinen gewaltigen Speer, und noch begriff keiner der um ihn stehenden bebenden Hofleute die Ursache davon. Er befahl endlich, Mahal aufzusuchen, und kochte noch immer den Zorn still in seinem Herzen aus. Die Boten flogen in den Straßen Irads herum, und es war nicht schwer dem Lastthier auf die Spur zu kommen, das jeden Morgen auf dem Markte zur Schau da stand. Man führte ihn zu dem erzürnten Sultan, der, gelehnt auf seinem großen Speer, mitten in dem Saal stand, ihn wild anblickte und ihm in einem kreischenden Tone zurief: »Sage schnell, wer du bist? Woher du kommst? Wodurch du den Sultan Puh, den Tropf, beleidigt hast? Wie du, ein Ding ohne Werth, in diese Stadt gekommen bist und wovon du lebst? Bei deinem Anblick erinnere ich mich, daß du schon einmal vor mir erschienen bist und thörichte Worte gesprochen hast.« Mahal. Sultan Zobar, ich heiße Mahal und stamme von Seth. Der Durst des Wissens, die Begierde nach Kenntnissen trieben mich Thoren von dem Gebirge, dem Sitze der Ruhe und Unschuld. Sultan Zobar. Geschwätze! du hast wohlgethan, daß du hieher geflüchtet bist, denn nur in Irad ist die wahre Quelle der Kenntniß und Weisheit. Mein Volk handelt mit allen Völkern der Erde, betrügt sie alle, und keines kennt den Werth des Goldes, wie es ihn kennt. Mahal. Ach dies habe ich erfahren und erfahre es auch noch. Ich stieg von dem Gebirge, ruhte mit meiner Tochter an dem Fuße desselben in einer Höhle, Gewaffnete überfielen uns und raubten mir die Jungfrau. Ich kehrte traurig nach dem Gebirge zurück, haderte, und immer noch gelüstete mich nach den Thälern, den Städten und ihren Bewohnern. Der Gott der Welt, der Schöpfer Alles, erschien mir, strafte mich meines Haderns, und weil ich noch immer fort murrte, so sandte er mich selbst von dem Gebirge, damit ich die Menschen und ihr Wesen näher sehen möchte. Ach, ich habe es gesehen! Zugleich verkündigte er mir, wie groß sein Zorn gegen die Menschen wäre, und daß er sie alle verderben wollte, wenn sie sich nicht besserten. Zulian Zobar. Ja, groß muß sein Zorn sein; wir fühlen nur allzu sehr, was es uns kostet, Gold zu erwerben. Gleichwohl sind wir die Besten auf Erden, und seine Drohung kann uns nicht gelten. Unsern Vätern machte er Alles weit leichter; doch nur weiter. Mahal. Als ich nach Enoch kam, fand ich meine Tochter vermählt mit dem Sultan des Landes. Ich wunderte mich sehr, daß er so klein, schwächlich und grämlich war, denn ich hoffte einen gewaltigen, kraftvollen, schrecklichen Riesen in ihm zu sehen. Der Sultan Zobar dehnte sich aus an seinem Speer, blickte Mahal an, als wollte er sagen: »Wie du nun in mir gefunden hast.« Da er aber weit unter der Vorstellung Mahals war, ob er gleich für eines Menschen Sohn und besonders für eines Sultans Sohn aus altem Herrschersgeschlechte kühn, kraftvoll und stark genug aussah, so beantwortete doch der stumpfe Sohn des Gebirges die Frage nicht und fuhr fort: »Als ich nun wahrnahm, daß sich der schwächliche, grämliche Sultan Puh für einen Sohn der Mächtigen hielt, die um den Thron Gottes stehen, endlich gar hörte, daß er sich in Gegenwart des dummen Volks, worunter sonst ganz gute Leute sind, laut Gott nennen ließ, da erwachte mein Unwille, ich rächte vor dem Volk den wahren Gott an ihm und zeigte ihm seinen Wahnsinn und seine Thorheit.« Der zornige Sultan Zobar brach in ein lautes, schallendes Freudengelächter aus, und seine Hofleute, entzückt über den glücklichen Wechsel der Laune ihres strengen Herrn, folgten seinem Beispiele, daß der Saal ertönte. Dann sauste die gewaltige Stimme des Sultans in folgenden Worten: »Daran hast du wohl gethan! O des armen, grämlichen Thoren, der es wagt, sich für einen Sohn der Götter auszugeben, und von seinem Ursprung nichts vorzuzeigen hat als starre Glasaugen, trockne, dürre Lenden, eine eingedrückte Brust, schmale Schultern und ein gelbes, trübseliges, runzlichtes Gesicht. Mich sieh an, Mann vom Gebirge! Ich beweise meinen Ursprung durch mein Aeußeres, und der Geist, der in mir lebt, ist Allen fühlbar bis an das brausende Meer, das sich an den Küsten meines Reichs zerschlägt. Er ein Göttersohn! Ich, der unbezweifelt von dem Gott abstamme, welcher Speer, Schwert und Schild erfunden, das Pferd gebändigt und zum Krieg gerüstet hat, ich muß wohl wissen, was daran ist. Ich, der durch meine Väter so nahe mit den Göttern verwandt bin, muß wahrlich wissen, wer von ihnen abstammt.« Mahal erschrak über diese Aeußerung und lächelte so schmerzlich, als der Herr der Gläubigen nun thut. Der Sultan legte zu seinem Glücke das Lächeln anders aus und fuhr fort: »Du hast Recht gethan, daß du ihm seinen Wahnsinn verwiesest. Stammte auch Gedim von den Göttern her, so ist doch die Göttlichkeit seiner Urväter durch die erbärmliche, erschlaffte Menschheit der Enocher längst verraucht. Und wäre auch noch etwas davon in der lächerlichen Abbildung dieses Puhs übrig geblieben, was sind seine Ahnherrn Aza und Azael gegen Alfazal, den Gott des Kriegs, den Lehrer, den Vater meines Hauses! Von ihm sind durch meine Väter Tapferkeit und Muth in mich übergegangen, und ich bin auf Erden, was er in dem Himmel ist. Führt er die Kriege des alten Gottes gegen die aufrührerischen Geister in dem Himmel, so führe ich die Kriege auf der Erde für den jungen, blühenden, schönen Gott, das Gold. Doch dieser Puh ist ein gemeiner Mensch, und ich will mich an ihm rächen. Sage mir indessen, was du treibst? Da du als ein kahles Ding herkamst, das die Irader nicht Mensch nennen, so begreife ich nicht, wie du dem Hungertod entgangen bist.« Mahal. Ich diene für das tägliche Brod einem strengen Alten als Lastthier und baue seine Felder. Sultan Zobar. Ich bin den Nachkommen Seths gewogen, meine Mutter stammt von ihnen her, und darum will ich dich schützen. Du kannst in Irad bleiben und ferner thun, was du bisher gethan hast. Khalife. O des Hartherzigen. Ben Hafi. Mahal fand die Großmuth des Sultans gegen sein Geschlecht sehr sonderbar, wagte aber nicht, es merken zu lassen, doch faßte er den Muth, sich über die Bürger in Irad zu beklagen, die ihn geißeln wollten, weil er gegen Gott gesprochen hatte. Sultan Zobar. Thor! Gedim, den Gott des Sultans Puh, magst du lästern, so viel du willst, dieser ist ein Unding und nutzt zu nichts. Aber den Gott Alfazal, von dem ich abstamme, und das Gold, den Gott meines Volks, wage ja nicht anzugreifen; durch sie bestehen wir. Doch weil du es aus Unwissenheit gethan, dem Sultan Puh die Wahrheit gesagt hast und deine Tochter einmal Sultanin ist, so nehme ich deinen Rücken unter meinen Schutz. Geh, bis ich dich wieder rufe. Arbeite und strebe vor dem Gott Irads, den du so thöricht gelästert hast, so viel zu erwerben, daß du auch ein namhaftes Wesen im Staate werdest. Mahal ging zu seinem Alten, der ihm seine Ketzerei sehr hart verwies, ihm die entsetzlichste Strafe drohte, wenn er noch einmal eine solche Lästerung ausspräche. Er machte sich zugleich selbst die bittersten Vorwürfe, daß er ein Lastthier in die Gesellschaft vernünftiger Menschen gebracht hatte. Sultan Zobar sann, während der Unterredung mit Mahal, einen Plan der Rache aus. Nun trat er mit dem Großvizir in ein Seitenzimmer und las ihm die Botschaft Puhs vor. Der Großvizir erblaßte über Puhs Verwegenheit und brach in Schmähungen gegen denselben aus. Sultan Zobar hörte ihm lächelnd zu und sagte dann: »Dafür wollen wir ihn bekriegen, ihm sein Gold, seine Unterthanen, sein Land rauben und seine vermeinten Götter zerschlagen. Diese kühne Botschaft an mich wird die Irader gegen ihn entflammen, und der listig angeblasene Krieg wird mir zugleich die Schlüssel zu ihrem eingeschlossnen Gott geben, und Vizir, habe ich sie einmal arm gemacht, so sorge für weiter nichts. Ich kaufe den Iradern dann ihre Vorrechte mit ihrem eignen Golde ab.« Khalife . Dieser Sultan Zobar, der mir übrigens sehr zuwider ist, geht so systematisch zu Werke, daß ich beinahe wetten möchte, er verschlingt den kleinen Puh, die Vorrechte der Irader und sie selbst am Ende. Ben Hafi . Eine Mahlzeit, Herr der Gläubigen, die ein Sultan vor der Sündfluth sehr leicht verdaute. Der Großvizir lobte den erhabenen Entschluß, wie du leicht denken kannst, und freute sich in seinem Herzen der glücklichen Veranlassung, die Enocher und Irader zu gleicher Zeit plündern zu können. Khalife . Sage mir doch, Ben Hafi, woher mag es wohl kommen, daß die Vizire so schnell gehorchen, wenn unser Einer etwas Dummes oder Böses befiehlt, und so träge sind, so viele Schwierigkeiten ersinnen, wenn wir etwas Gescheidtes oder Gutes wollen. Und wie machen sie es, daß wir ihnen, aller Widersprüche unsers Verstandes ungeachtet, am Ende doch immer glauben, sie wenigstens in dem eben vorliegenden bestrittnen Falle für gescheidter und erfahrner halten, als uns selbst? Ben Hafi . Beim Propheten, eine fürchterliche Frage an den armen Ben Hafi in Gegenwart des deinen! Khalife . Du scheinst mir nicht der Mann, der sich vor ihm fürchtet, und ist es, so rede nur immer frei heraus. Ich meine ihn nicht damit, und ich hoffe, er fühlt sich nicht getroffen. Auch weiß er, daß du unter meinem Schutze stehest. Und daß ihr es ein für allemal wisset, komme mir Keiner und sage, wie ihr sonst wohl zu thun pfleget: Ben Hafi ist verschwunden, verreiset, man weiß nicht warum und wohin. Keiner konnte es ihm nach Gefallen machen und dergleichen. Ich werde nicht darauf hören; denn ob er gleich langweilige Märchen erzählt, so ist doch Sinn darin, und er scheint Verstand zu haben. Nun rede! Ben Hafi . Vielleicht, Herr der Gläubigen, daß du in einem meiner Märchen unvermuthet selbst die Antwort auf deine Frage findest und ich das seltene Glück habe, dich zum zweiten Mal zu überraschen. Khalife . Und ich dir die Ueberraschung mit hundert Derhem zu bezahlen; ich habe nichts dawider. Weiter! Ben Hafi . Der Divan wird nun versammelt, die Botschaft Puhs abermals vorgelesen, die eine schreckliche Wirkung auf alle Gemüther that. Der Sultan und alle Räthe schrieen endlich: Krieg! Raub! Verwüstung! Tod! Der Sultan Zobar ließ folgende Botschaft an den Sultan Puh in Zeichen aufsetzen: »Der Sultan Zobar, von dessen Tapferkeit die Welt spricht; Sultan Zobar, Beherrscher der reichen und kühnen Irader, Sohn des Gottes Alfazals, des Erfinders des Schwerts, der Lanze, des Schilds, des Bändigers des Kriegsrosses, des Führers der blutigen Schlacht. Unser Urvater führet die Kriege des alten Gottes im Himmel gegen die aufrührerischen Geister, wir, sein Enkel auf Erden, gegen Diejenigen, die uns beleidigen. Wir Sultan Zobar, mit dem sich kein Herrscher auf Erden zu vergleichen wagt, entbieten dir, dem Sohne der Menschen und des Staubes, unsern Haß und unsre Verachtung. Sieh, wir rüsten uns mit Mord und Verwüstung, an dir den Frevel zu rächen, daß du gewagt hast, dich den Sohn eines der Mächtigen des Himmels zu nennen! Daß du es gewagt hast, mich, in dessen Gestalt die Göttlichkeit seines Ahnherrn ausgedrückt ist, den Sohn eines Menschen zu nennen! Mich, der ich durch große und fürchterliche Thaten meinen Ursprung erwiesen habe! Wer besitzt die Zauberei, die Menschen zusammenzuhalten und nach Willen zu lenken, wie wir sie besitzen? – Doch in Kurzem wollen wir dir durch Uebermacht des Geistes und durch blutige Thaten beweisen, was du bist und was wir sind. Wir rüsten uns, und du, deine prächtige Stadt, dein und aller deiner Unterthanen Gold seid unser Raub. Ich will den Gott, den wir anbeten, von der Knechtschaft befreien, in welcher ihr ihn gefangen haltet, und meinen Speer nicht eher an die Wand lehnen, bis du meine Göttlichkeit und deine erbärmliche Menschheit erkennest. Den Mahal, der sich zu uns geflüchtet hat, sollst du nicht haben. Sultan Zobar.« Hierauf ließ der Sultan eine Bekanntmachung des Frevels Puhs an seine Unterthanen ergehen und schloß sie mit den Worten: »Wir wollen dem Sultan von Enoch und seinen Unterthanen alles Gold rauben und unsern Gott den Elenden nehmen.« Diese letzten Worte entzündeten die Irader. Die Kriegsrüstungen wurden schnell gemacht, die Irader öffneten ihre Kisten und glaubten, sie legten ihren Gott mit Wucher aus. Da die Kriegsschaaren versammelt waren und Zobar zum Anzuge fertig war, ließ er Mahal abermals rufen und sprach: »Mann vom Gebirge! Ich will dich mit zu Felde nehmen, weil du von dem Stamme Seths bist und den alten Gott gesehen hast, dessen Kriege Alfazal, mein Urvater, führt. Der alte Gott nimmt sich unser nur sehr wenig an, vertheilt das Gold auf dem ganzen Erdboden, und mit Mühe müssen wir es sammeln. Freilich wirst du mich etwas kosten, denn ich muß dich ernähren und kleiden; und da der Tropf von Sultan dein Schwiegersohn ist und du gewiß Freunde unter den Unzufriednen an seinem Hofe hast, so kannst du mir vielleicht durch sie dienen. Der Speer entscheidet nicht allein, und ein Sultan darf nichts umsonst thun, darf nicht geben, wo es ihm nichts nützt.« Khalife . Die Abgötterei abgerechnet, die jeden Gläubigen empört, ist dieser Sultan erträglich genug. Nur sein scheußlicher Geiz ist mir zuwider; ein Monarch muß immer geben, muß nur nehmen, um zu geben; aber er muß mit Weisheit und Verstand geben, da es ihm so wenig Mühe kostet, freigebig zu sein. Noch einmal, ich wollte wetten, er macht diesem armen, grämlichen Puh den Garaus, denn er ist gar zu entschlossen, gar zu systematisch. Ben Hafi . So scheint es, und dieser sehr systematische Sultan fuhr fort: »Da wir nun in Krieg gegen Enoch ziehen und Alles niederwerfen werden, so kannst du dich mit Raube bereichern und dich auf einmal zum Menschen unter meinem Volke machen.« Mahal hatte alle Bewegungen seit dem letzten Vorfall in Irad bemerkt, aber er wagte nicht, weil der Unwille gegen ihn so groß war, Jemand um die Ursache derselben zu fragen. Er fragte demnach den Sultan Zobar geradezu: »Was ist Krieg?« Der Sultan Zobar wunderte sich sehr über die einfältige Frage; da er aber durch den glücklichen Fortgang seiner geheimen Wünsche bei guter Laune war, so geruhte er, Mahal Folgendes zu antworten: »Dummkopf! du fragst, was Krieg ist! So höre denn: es gibt Kriege zweierlei Art, einen, den wir gegen herrsch- und eroberungssüchtige Nachbarn zur Vertheidigung führen und aus Pflicht führen müssen.« – Mahal . Aber ist dieser, den du unternehmen willst, ein solcher? Sultan Zobar . O des Dummkopfs! wer wagte einen Angriffskrieg gegen mich zu führen! Ich seh', ich muß dich Menschenthier etwas aufklären, um dich in meiner Nähe ertragen zu können. Der Krieg, den ich führe, ist das blutige Lieblingsspiel der Sultane meiner Art, wobei die Unterthanen die Auslage mit ihrem Gut und Leben machen, und die Uebergebliebenen zum Lohne Wunden und Ruhm nach Hause bringen. Nur ich gewinne dabei. Für mich ist der Krieg die edelste Leidenschaft, die hohe Jagd, die herrlichste Kraftäußerung, das sicherste Bereicherungs- und Vergrößerungsmittel, und wie es dabei hergeht, davon sollst du Zeuge sein. Mahal . Und warum, Sultan von Irad, spielst du dieses blutige Spiel, wobei, wie du sagst, deine Unterthanen die Auslage mit ihrem Gut und Leben machen und du allein gewinnst? Sultan Zobar . Einfalt! wenn ich dir nun sagte, es geschieht um deinetwillen. Mahal . Um meinetwillen! O, dann laß es nur immer bleiben. So sehr mich auch dein Volk mißhandelt, so wünsche ich ihm doch das Spiel nicht, das du auf seine Kosten beginnen willst. Sultan Zobar . Thor, nicht so um deinetwillen, als wollt' ich mich um dich, das Ding ohne allen Werth, schlagen; du gabst nur die glückliche, zufällige Veranlassung dazu, da du in meine Staaten flohst. Der Sultan Puh forderte dich von mir in einer Botschaft, und bei dem Glanze des Goldes, ich hätte dich ihm auf der Stelle übergeben – denn was läge mir an dir? – wenn er mich in seiner Botschaft nicht beleidigt, sich einen Götter- und mich einen Menschensohn genannt hätte. Nun soll er es mit seinen Unterthanen büßen; wir wollen sie tödten, berauben, ihre Weiber schänden, Alles verwüsten, und du sollst die Freude haben, mit zu machen und dich an dem Tropf gerächt zu sehen. Geh nur und rüste dich. Mahal ging und sagte wie im Traume: »Weil ich mich nicht zum Richter in Enoch wollte verstümmeln lassen und Puh in der Botschaft, worin er mich zurückforderte, diesen noch fürchterlichern Thoren den Sohn eines Menschen nennt, sollen ihre Unterthanen gegen einander rennen, sich erwürgen, und Der, der am meisten erwürgt, wird, wie es scheint, den Andern berauben und sein Herr werden. Und dazu habe ich, nach seiner Aussage, Gelegenheit gegeben. Auch scheint es mir wirklich so; denn wäre ich, mit Ram zu reden, nicht von dem Gebirge gestiegen, um diese Unsinnigen in der Nähe zu sehen, so hätte ich den Thoren in Enoch nicht beleidigt, so würde er diesem tollen Würger keine Botschaft zugesandt haben, und Alles, was geschehen ist und noch geschehen soll, wäre nicht geschehen. Was sind dies für Menschen, und was für ein Mensch bin ich geworden, daß ich zu solchen Begebenheiten Anlaß gebe, ohne zu wissen wie, und ohne es hindern zu können? Gott sagte mir, ich sollte die Quelle des menschlichen Thuns erforschen; ich sehe wohl diese Quelle, aber ihren Ursprung kann ich nicht entdecken, und mit den Worten, die mich Ram gelehrt hat, kann ich wohl der Menschen böse Triebe benennen, doch weiß ich immer nicht, ob und warum sie dieselben haben müssen. Herr, so, wie sie sind, taugen sie freilich nicht viel; aber warum sind sie so? Konnten sie nicht besser sein?« Mahal folgte nun dem Sultan Zobar und seinem Heere. Als sie die Grenzen des feindlichen Landes betraten, überfielen sie die Wohnungen, verwüsteten die blühenden Felder, tödteten die Männer und beschliefen auf den Leichen die jammernden Weiber. Da blutete das Herz Mahals bei dem schrecklichen Schauspiel, Thränen flossen in seinen Bart, und er rief: »Was sind das für Geschöpfe, die die Erde vor mir verwüsten und ihre Bewohner ermorden wie die Schafe? Herr, du hast, wie ich sehe, das Ziel des Verderbens dieser Unsinnigen zu weit hinausgestellt! Eile, sonst kommen sie dir durch ihre wüthende Hand zuvor!« Zum Sultan sagte er: »Haben dich diese Unglücklichen auch durch eine Botschaft beleidigt, daß du sie tödtest und tödten lässest?« Sultan Zobar sagte kalt, indem er über die Leichen und die Verwüstung hinblickte, wie der Schnitter über die Arbeit des Tages: »Der Sultane Thorheit und Wahnsinn büßen die Völker. Tödte, raube, schweige, damit du ein Wesen werdest, das die Menschen zählen.« Mahal klagte unter den Leichen und der Verwüstung: »Der Sultane Thorheit und Wahnsinn büßen die Völker! Welche neue schreckliche Worte vernehm' ich hier! Und warum? Warum müssen die Sultane rasen und die Völker büßen, die nichts verbrochen haben? Aber wer ist unsinniger, Diese, die sich für die zwei Wahnsinnigen tödten, oder die zwei Wahnsinnigen, die die Tausende mit einem Wort gegen einander jagen, um sich zu tödten? Und Dieses alles, weil der Sultan dieser unglücklichen Narren eine tolle Botschaft an den Sultan der glücklichen Narren abgesandt hat, die Den geißeln wollen, weil er das Gold, um deswillen sie hier morden und sich morden lassen, nicht wie sie für einen Gott hält. Das alles, weil der grämliche Puh den Wilden eines Menschen Sohn genannt hat! Ach, Das alles, weil Mahal, getrieben von der Begierde zu wissen, das Gebirge verlassen hat! Herr, laß mir Dieses klar werden, oder werde mein Geist so dunkel wie die Finsterniß, welche die Erde einhüllte, ehe du das Licht erschufst! Sind dies keine Menschen, wie ich es bin? Wie können sie so grausam und so böse sein, da sie doch zugleich so gut sein, so viel Großes thun und ausführen können? Du bist mächtig, groß und vollkommen, Herr; aber etwas muß in diesen deinen Menschen, in dieser deiner Schöpfung nicht richtig sein, irgendwo muß es fehlen, und dieses Irgendwo entzieht sich meinem Blicke. Du sagst, es reue dich, den Menschen gemacht zu haben; so muß er denn nicht nach deinem Sinn gelungen sein, und du hältst ihn in der Anlage so verdorben, daß er der Ausbesserung nicht mehr werth und fähig ist!« Khalife . Höre, Ben Hafi, dein Mahal schwatzt nun gerade so unsinnig, wie diese thun. Ben Hafi . Dies ist die Folge seiner Forschungen, und mehr gewinnt selten der Mann, der über die dunkeln Wege vernünftelt, die Gott das Menschengeschlecht führt. Khalife . Gott ist groß! Bei ihm ist Anfang und Ende. Ben Hafi. Der Sultan Puh starb beinahe vor Wuth, als er die Botschaft des Sultans Zobar vernahm. Sie schnitt mitten durch die Wurzel seines Daseins; da er aber bald von der gewaltigen Rüstung seines kühnen und unversöhnlichen Feindes hörte, starb er beinahe vor Schrecken: doch sein sultanischer Sinn ermannte sich bei der warmen Theilnahme seiner Hofleute und Unterthanen. Sie sahen sich alle in ihm für beschimpft an, und ihre Menschheit konnte nicht ertragen, daß man die Götterheit ihres Oberhaupts bezweifelte. Die Enocher hielten es natürlich für ihren grüßten Ruhm, von einem Göttersohn beherrscht zu werden. Wirklich thaten sie auch Alles, was Unterthanen und Leuten zukam, die in Gefahr sind, das Leben und, was noch mehr ist als das Leben, Das zu verlieren, was dem Leben in aufgeklärten Ländern Werth gibt. Man bot schnell ein Heer auf; nur war es jetzt sehr zu bedauern, daß der Göttersohn selbst nicht ein wenig mehr wahre Menschheit besaß, und daß er die Anführer seiner Krieger mehr in den künstlichen Bewegungen des Hofceremoniels, als in den Bewegungen, wodurch man ein Kriegsheer gewandt macht, geübt hatte. Daran dachte indessen Niemand, man verließ sich auf die Götterheit, die gerechte Sache des Sultans, opferte seinem Urvater Gedim, während Zobar schon die Grenzen verwüstete, und zog dann zu Felde. Der Sultan Puh, der wegen Mangels der Gelegenheit bisher kein Ceremoniel des Verhaltens zu Felde gegen seine hohe Person entworfen hatte und die Zeit dazu für jetzt zu kurz fand, blieb aus diesem wichtigen Grunde zu Hause und spielte seine alltägliche Rolle fort, so lange es gehen wollte. Sultan Zobar war hoch erfreut, als er Puhs Heer zu Gesicht bekam. Er schrie dem seinen zu: »Sieg! hinter diesen Feigen liegt Enoch! Euer Gott liegt dort! Seht seinen herrlichen Glanz! Auf, befreiet ihn aus der Knechtschaft! Laßt euch von dem Herrlichen begeistern!« Diese Worte thaten mehr Wunder, als das Wort Vaterland bei einigen Völkern nach der Sündfluth. Puhs Heer zerfloß vor dem Würgerschwerte der von ihrem schimmernden Gott hoch begeisterten Irader. Mahal stand auf einem Hügel, haderte und heulte: »Ach Das alles, weil die böse Begierde des Wissens mein thörichtes Herz reizte und ich von dem Gebirge zu den Menschen hinunterstieg! Das alles, weil ein unsinniger Sultan noch unsinniger als der andere ist. Nein, mit diesen Sultanen, mit diesen da, die sich für sie schlachten lassen und sie für Götter halten, ist es nicht ganz richtig. Es muß wo ein Fehler stecken; dies scheußliche, grausame und zugleich so wunderbare Geschöpf kann nicht ganz vollendet sein!« Khalife. Das ist es, Ben Hafi, und hier liegt die Beruhigung. Ja, über dem Grabe ist Vollendung; in den Gärten jener Welt, da werden wir erst, was wir sein sollen, und Jedem geschieht dort, wie er hier verdient hat. Daran hätte dein Mahal denken sollen. Ben Hafi. Herr der Gläubigen, sie hatten vor der Sündfluth das Buch noch nicht, das uns Glücklichere dieses lehrt und uns in diesem Leben so geduldig und geschmeidig macht. Khalife. Es ist mir leid um sie! Ben Hafi. Als der Sultan Zobar vor Enoch kam, sein Heer jetzt die Stadt stürmte, Alles tödtete, was ihm flehend entgegen stürzte, nun plünderte, die Stadt endlich in Rauch aufging, und Zobar, in völligem Genusse seiner Macht und seines Siegs, dem schrecklichen Schauspiel zusah, da rief Mahal unter dem Geheule und dem Röcheln der Sterbenden: »Herr, mit Recht sagst du, die Erde ist abscheulich, sie dampft von dem Blute der Erschlagenen! Sieh auf Enoch! Ach, warum gibst du die schöne Erde der Zerstörung und dem Morde dieser Wüthenden so lange Preis? Und alles Dies geschieht, weil Mahal vom Gebirge gestiegen ist? Darum müssen nun Menschen Menschen erwürgen! Darum müssen Weiber, Kinder, Greise sterben. Darum müssen die schönen Werte ihres Fleißes, ihre Felder, ihre Wohnungen, diese prächtige Stadt verwüstet werden, weil ich sie aus Lüsternheit betrat, weil ich aus ihr entflohen bin, um nicht verstümmelt zu werden. Weil Mahal, erfüllt von dir, sie Abgötter schalt, weil dieser im Blute der Menschen sich badende Zobar kein Mensch genannt sein will! Auch ist er es wahrlich nicht; gewiß hat ihn der böse Geist gezeugt, der sich gegen dich empört und unser aller Mutter in den Gärten der Unschuld einst verführt hat. Doch, Herr, vielleicht willst du, daß sich diese Unsinnigen, von dir Abgefallenen durch einander strafen sollen. Vielleicht soll nun Dieser jene durch sein Volk verderben, und ein Anderer rüstet sich schon in der Ferne, bald an ihm das Gleiche zu vollziehen. Vielleicht willst du durch die eigenen Hände der Rasenden die Erde von einem Geschlechte reinigen, dessen Dasein dich gereut, das deinem verborgenen Zwecke so schlecht entspricht. Vielleicht willst du dann ein Geschlecht hervorbringen, das deinen Willen besser erfüllt! Ach, alle diese Vielleicht sind Dem ein schlechter Trost, der dieses Schauspiel ansieht.« Während Enoch in Rauch aufging, sah Mahal seine Tochter und seinen grämlichen Schwiegersohn vor den Sultan Zobar führen. So empört er nun auch gegen alle die Gräuel war, so sagte er diesen Augenblick gleichwohl in seinem Herzen: »Sieh, dies ist der Mann, der dich tödten lassen wollte, weil du ihm die Wahrheit sagtest! Dieses ist die pflichtvergessene Tochter, die dem Bette ihres Gemahls untreu wurde, dich verstümmeln lassen wollte und deine Vorwürfe, deine Vorstellungen mit Spott erwiederte. Gott ist gerecht!« Puh und seine Gemahlin traten mit aller Würde ihres erhabenen Standes vor den Sultan Zobar, und Mahal schreibt hier in diesen Zeichen: »Der grämliche Sultan Puh habe eben so ernst und steif vor seinem Ueberwinder gestanden, als da er ihn zum ersten Mal auf seinem Throne gesehen hätte. Er habe sich sehr darüber gewundert, und es müsse doch ein ganz besonderer Geist in dem Menschen wohnen, der auf einem Thron geboren würde.« Von seiner Tochter sagt er: »Ihr stolzes Wesen sei bei den milden Blicken, womit sie Sultan Zobar begrüßte, in ein so besonderes, sanftes, anlockendes Lächeln übergegangen, wie er vorher nie auf dem Gebirge an ihr bemerkt hätte.« Der Sultan Zobar warf nun dem Sultan Puh sein Vergehen in harten, übermüthigen Ausdrücken vor und fragte ihn: »Wie ein so erbärmlicher Schatten von einem Sultan es habe wagen können, sich einen Göttersohn und ihn, seinen großen, tapfern Ueberwinder, einen Menschensohn zu nennen.« Puh antwortete mit stolzem, festem Tone, und seine fünf Fuß nebst einigen Linien hohe Gestalt wuchs dabei so hoch empor, als seine natürliche Länge durch inneres Aufblasen nur wachsen konnte: »Daß ich ein Göttersohn bin, beweist die Art, wie ich mein Unglück ertrage! Daß du eines Menschen Sohn bist, beweist die Art, wie du dein Glück erträgst!« Zobar brüllte ihm entgegen: »In Irad wollen wir dir die Götterheit schon austreiben. Indessen nutze ich die ersten Rechte des Siegers vor deinen starren Augen. Deine Gemahlin ist schön, eine Tochter Seths, hier steht ihr Vater, der dir deine Thorheit vergebens zu Gemüthe geführt hat, und ich nehme sie zum Weibe!« Milka folgte der Hand, die ihr der Sieger hinreichte, ohne Weigern. Puh sah ihr nach und sagte, indem er nach Mahal blickte: »Daß ich an dir den Schimpf nicht rächen konnte, den du mir und meinem Ahnherrn angethan hast, dieses ist die größte Qual, die ich in diesem Augenblick empfinde.« Khalife . Höre, wenn dein Puh da kein Narr ist, so ist er wahrlich, die Abgötterei ausgenommen, ein großer Mann und des Thrones würdiger als sein übermüthiger Sieger. Ben Hafi . Mahal, der diese Seelengrüße nicht ahnete, hielt sich nur an das Erste und sagte bei sich: »Immer wahnsinniger! Dieser Mensch sah seine Unterthanen erwürgen, seine Stadt in Rauch aufgehen, sein ganzes Reich verwüsten, sein Weib sich gewaltsam nehmen und hält nur Dieses für sein größtes Unglück, daß er mich nicht getödtet hat, mich, der ihm seinen Wahnsinn zeigte, durch den er gefallen ist.« Der Sultan Puh ertrug Alles standhaft, nur als Einige den ungeheuern Kopf von Gedims Bildsäule nebst dem seinigen von seiner Gedächtnißsäule hereinbrachten und sie dem Sultan Zobar verächtlich zu Füßen warfen, brach er in einen Strom von Thränen aus; er erstickte beinahe vor Schluchzen und Seufzen. Sultan Zobar fragte ihn spöttisch: »Warum er bei der Zerstörung dieser leblosen Thoren weinte, da er die Vernichtung der Lebenden so kalt angesehen hätte?« Puh konnte vor Schmerz nicht reden, er verhüllte sein Angesicht, um die abgehauenen Köpfe nicht zu sehen. Daß ein Sieger, wie Zobar, Enoch nicht eher verließ, bis es einer Wildniß glich, wirst du, Herr der Gläubigen, leicht denken, da dir die Geschichte der Eroberer alter und neuer Zeit bekannt ist. Die überbliebenen Enocher ließ er endlich zusammentreiben und machte sie zu seinen Lastthieren. Nun zog er im Triumph in Irad ein. Es wurden Dankfeste über den glücklichen Ausgang des Kriegs gefeiert, und jeder Irader freute sich eine Zeitlang, seinen Hausgott vermehrt zu haben; aber bei kühlerer Ueberlegung fanden sie bald, daß der Gewinnst weit hinter der Auslage geblieben war, und daß eigentlich nur der Sultan zwiefach bei dem blutigen Spiel gewonnen hatte. Der Schimmer des Ruhms war für Leute, die des brennenden Glanzes des Goldes bloß achteten, viel zu kahl und fahl, als daß sie sich damit hätten trösten können. Der Sultan Puh sollte jetzt auf den Befehl seines Siegers vor dem versammelten Volke sein Verbrechen an dem Sultan Zobar bereuen und laut anerkennen, er sei nur eines Menschen Sohn, und Zobar allein stamme von den Göttern her. Keine glänzende Hoffnung, keine Drohung, keine Schmach, selbst der nahe Tod vermochten es nicht über seinen hohen Sinn. Ernsthaft, steif und unerschütterlich stand er vor dem ihn höhnenden Volke, und je mehr man in ihn drang, sein Leben dadurch zu retten und sich gute Tage zu erkaufen, je heftiger schrie er: »Ich bin ein Sohn der Götter Aza und Azael! Ihr Geist lebt in mir! Tödtet mich und macht mich ihnen gleich!« Herr der Gläubigen! war nun der Mensch ein Narr, oder ein großer Mann? Khalife . Als gläubiger Muselmann wünschte ich, er hätte für jede andere Sache so viel Muth gezeigt, als für seine wahnsinnige Abgötterei. Doch Gott richtet ihn dafür, nicht ich. Es scheint, vor der Sündfluth war das Wesen der Sultane mit dieser eingebildeten Götterheit sehr eng verbunden, und die Götterheit unterstützte durch ein Vorurtheil die allzu beschränkte, schwache Menschheit und vernichtete diese am Ende ganz und gar. Doch, dem sei wie ihm wolle, ein Mann, Ben Hafi, der auf einem Throne gesessen hat, kann es nie vergessen. Sein ganzes Wesen verändert sich darauf, und ein gewisser Geist scheint ihn in dem Augenblick, da er sich auf demselben niedersetzt, zu umarmen und sich auf ewig mit ihm innigst zu vermischen. Dies scheint Alles so, und ihr, die ihr nichts davon empfunden habt, ihr müßt es Denen glauben, die es empfunden haben. Darum bleibt ein Sultan auch ohne Thron noch Sultan. – Ben Hafi . Vermöge dieses Geistes, der ihn auf dem Thron umarmt, so meinst du ja, Nachfolger des Propheten, und ich, der ich diese Umarmung nicht gefühlt habe, glaube es dir. Ob dieser Geist den Sultan Puh auch umarmt hat, davon steht in Mahals Handschrift nichts. Er schrie ohne Unterlaß: »Ich bin ein Göttersohn, und Zobar ist eines Menschen Sohn!« Das empörte Volk würde den Frevler endlich zerrissen haben, wenn ihn die Gewaffneten des Sultans nicht beschützt hätten. Da nun Zobar sah, daß er durch Schrecken nichts ausrichten konnte, so hoffte er es durch Elend und Hunger zu bewirken. Diese Rache schien ihm sogar einen süßern und dauerhaftern Genuß zu versprechen, als der zu schnelle Tod. Er ließ also den Sultan Puh beobachtet in Irad leben, wie ein Ding ohne Werth, das er nun auch wirklich nach den Begriffen der Irader war. Er war überzeugt, seine Unterthanen würden ihn so behandeln, wie sie jedes Ding behandeln, das von ihrem Gott verlassen ist. Der Sultan Puh machte auch diese Erfahrung sehr geschwinde und befand sich nun auf einmal in der Lage, in welcher wir Mahal gesehen haben, als er zum ersten Mal in Irad auftrat. Aber Mahal war jetzt am Hofe, und ob ihm gleich seine Tochter, die Sultanin Milka, sehr freundlich und gnädig zulächelte, so konnte er sich doch nicht mit ihr aussöhnen, weil er die gedrohte Verstümmlung nicht vergessen konnte. Der grämliche Puh trieb sich in den Straßen herum, ohne Dach und Nahrung, ein Gegenstand des Spotts und der Verachtung. Mahal suchte ihn auf, redete ihn an und erhielt keine Antwort von dem erhabenen Stolzen. Ob ihn dies nun gleich verdroß, so hatte er doch Mitleid mit dem Thoren, wie er ihn in seinem Herzen nannte, und schlug ihm vor, indessen seine vorige Stelle bei dem Alten anzutreten, um wenigstens den letzten Zweig seines Hauses vor dem nahen Hungertod zu retten. Diese letzten Worte wirkten. Puh sprach wegwerfend: »Führe mich zu dem Alten, du Urheber meines Unglücks! Auch dort will ich beweisen, daß ich Sultan bin. Mag sich mein Nacken unter der Last beugen, von welcher du mir sprichst, nie wird sich mein Geist – ich schwöre es bei meinen Vätern Aza, Azael und Gedim! – unter den Willen eines Menschen beugen, der sich göttlichen Ursprungs rühmt und sich verwegen mir gleich zu halten wagt.« – Mahal lächelte, führte ihn zu dem Alten und trug diesem den grämlichen Sultan Puh als Lastthier an. Der Alte besah und untersuchte die schwächliche, erbärmliche, grämliche Gestalt und sagte: »Das magre, trockne, sauersehende Ding da mag wohl dazu getaugt haben, was es ehemals war; aber, beim Glanze unsers Gottes, zum Lastthier taugt es nichts. Indessen, da es weniger Futter brauchen wird als du – du warst ein großer Fresser, Mahal – so wollen wir es versuchen. Kann ich es doch wegtreiben, wenn es mich gereut.« Sultan Puh arbeitete nun auf dem Felde, ließ sich bepacken, so weit seine Kraft zureichte, trabte unter seiner schweren Last mit eben den hohen sultanischen Gesinnungen und that überhaupt Alles mit eben der ernsten Würde, mit welcher er sonst in dem Kreise seiner Hofleute gestanden hatte. Der Spott, das Gelächter der Irader, die erschreckliche Pein, die ihm die Anstrengung verursachte, nichts brachte seinen erhabenen Geist außer Fassung. Der Sultan Zobar ließ ihn bei dem Alten so ruhig leben, wie er vorher Mahal bei ihm leben ließ, und hoffte immer, er würde bald seiner Götterheit entsagen und die seinige anerkennen. Wie wenig indessen seine Hoffnung gegründet war, soll dir die hier aufgezeichnete Unterredung Puhs und Mahals darthun. Mahal suchte den Sultan in dem ihm bekannten Winkel während der Erholungsstunde auf und fragte ihn: »Wie er in der Lage, in welcher er sich nun befinde, noch immer so unsinnig sein könnte, sich für einen Göttersohn zu halten, da ihn doch das Loos der Menschheit so erschrecklich drückte?« Sultan Puh. Wie würde ich sonst deine Frage ertragen, du Kühner, wenn ich es nicht wäre? Würde ich dich nicht für deine Frechheit tödten? Mahal. Mit dem Tödten hat es nun gute Weile, und die Ursache, warum du jetzt so großmüthig bist, mag wohl diese sein, daß du Keinem mehr befehlen kannst, den dir Verhaßten zu tödten. Wolltest du mich nun tödten, so müßtest du stärker sein als ich, und käme es zum Kampfe zwischen mir und dir, so würde meine Faust deiner Götterheit bald ein Ende machen. Sultan Puh. Die Stärke eines Sultans besteht nicht in seinem groben Bau, sie besteht im Geiste, wie seine Göttlichkeit, und diese tödtet der Menschensöhne keiner. Mahal. Im Geiste? Und wo zeigst du ihn, da du nicht mehr Sultan bist? Sultan Puh. Darin, daß ich noch lebe, ohne es zu sein! Daß ich dich ohne Zorn anhören kann! daß dieses schmutzige, feuchte Lager, für ein Thier selbst zu schlecht, unter mir zum Thron wird! Mahal (sann seinen Worten eine Weile nach) . So weit ging meine Einbildung nicht, als ich hier einst lag; ich fand dies Lager, wie es war, und eines Sultans Einbildungskraft muß ungeheuer sein, wenn sie aus diesem Stroh, das lange Mist geworden ist, einen Thron zu schaffen fähig ist. Doch was höre ich unter Menschen nicht! Könnte indessen das Wunder, das du mir da erzählst, nicht aus deiner Furcht entstehen und deine Menschheit beweisen? Sultan Puh. Dieses widerlegt sich von selbst. Ich, der Einzige von dem Götterstamme Gedim, muß leben, unter Schmerz und Qual, Schmach und Schande leben, damit noch Einer des göttlichen Geschlechts auf Erden sei. Kann es nicht geschehen, daß die mächtigen Götter, meine Urväter, mich eben darum einst wieder empor heben, weil ich in der Erniedrigung ihrer würdig bleibe? Mahal. So thut doch wenigstens die Hoffnung das Ihrige und beweiset deine Menschheit. Sultan Puh. Sie thut das Ihrige und muß es thun. Erlebe ich nur den Tag, an welchem deine Tochter einen Sohn gebärt, so sterbe ich mit der Gewißheit, daß mein Sohn, der einzige Nachkomme meiner Urväter, der einzige Erbe ihrer großen Eigenschaften, nach mir das Reich meines Feindes beherrschen und unser göttliches Geschlecht über dieses verworfene den Sieg davon tragen wird. Ich weiß, Milka, meine Gemahlin, die Sultanin, ist von mir gesegnet. Mahal. Wirklich? Darauf hoffst du also? Und diese Hoffnung unterstützt deinen Wahnsinn, macht diesen Mist zum Throne? Nun so sollst du dann von mir erfahren, wie toll du bist, wie gefährlich es mit der Götterheit deines Erben und vermuthlich auch mit der deinigen aussieht. Das Kind oder der Göttersohn, womit meine böse Tochter Milka schwanger geht, ist nur allzu tägliches Menschenwerk. Höre, ich traf meine Tochter an eben dem Morgen, an welchem du dich als Gott verehren ließest und meinen gerechten Zorn reiztest, mit einem jungen Hofmann in eben der Lage an, in welcher die Menschen Kinder zeugen. Als ich ihr darüber Vorwürfe machte, sagte sie mir, du, Göttersohn, vermöchtest nicht, ihr dazu zu verhelfen, und sie müßte zu eines Menschen Sohn ihre Zuflucht nehmen, damit du stolzer Schwächling sie nicht, unter dem Vorwande der Unfruchtbarkeit, aus deinem Bette stießest, wie du andern Weibern vor ihr schon gethan hättest. Wie steht es nun um deine und deines Erben Götterheit? Sultan Puh (etwas beschämt, und dann stolz) . Es ist nicht wahr, weil es unmöglich ist, und ich würde es nicht glauben, wenn ich, was du sagst, mit eignen Augen gesehen hätte. Mahal. Und warum? Aus eben dem Grunde, aus welchem du dein stinkendes Lager hier für einen Thron hältst? Sultan Puh. Es ist unmöglich, daß ein Menschensohn, ein Unterthan, das Weib berühren sollte, das der Sultan sich gewählt hat. Die Götter, meine Urväter, hätten ihn gewiß des bloßen Gedankens wegen getödtet. So ging die Sage in meinem Palast von Gedim bis auf mich. Mahal. Ach, rede mir nichts von Sagen; du warst der Erste, der mir bewies, was daran ist. Auch diese Sage log. Deine Götter verhielten sich ganz ruhig, als ich meine pflichtvergessene Tochter überfiel. Auch verhalten sie sich jetzt ganz ruhig, da sie doch Sultan Zobar als ein Weib erkannt hat. Du sagst ja von ihm, er sei eines Menschen Sohn, folglich müßten deine Urväter dich auch an ihm rächen. Sultan Puh. Er ist ein Sultan, kein gemeiner Mensch, dies verändert die Sache sehr. Und wer weiß, was meine Urväter dadurch suchen? Ich bin es sehr wohl zufrieden, denn gewiß wird mein Erbe nach ihm über Enoch und Irad herrschen. Mahal. Dessen bist du ganz gewiß, und glaubst wohl auch, der Sultan Zobar wird ihn seinen andern Kindern vorziehen. Sultan Puh. Der meine ist ein Götterkind, Gedim wird ihn in Schutz nehmen und Alles ausführen, was er beschlossen hat. Mahal. Der Schutz, den er dir bewiesen hat, könnte diese Hoffnung niederschlagen. Doch dein strenger Alter pfeift, deine Ruhestunde ist vorüber und ich sehe, du bist ein unheilbarer Thor. Ich komme wieder, und will versuchen, dir deinen Wahnsinn ganz deutlich zu machen. Ich will mein Möglichstes thun, dich dem wahren Gott zuzuführen, der dich verlassen hat, weil du ihn verlassen hast. Mahal, Herr der Gläubigen, sollte die Bekehrung an dem Sultan Puh nicht vollenden. Der Sultan Zobar hatte, da Mahal ohne den Gott der Irader von dem Zuge gegen Enoch zurückgekehrt war und er ihn nun ernähren sollte, eine gar zu schlechte Meinung von dessen Verstande gefaßt. Noch hätte er ihn, aus Rücksicht seiner Gemahlin, bis zu seiner eignen Besserung hinleben lassen, wenn er nur unglücklicher Weise nicht erfahren hätte: ein vornehmer, reicher Irader habe Mahal eine große Summe Goldes angeboten, um eine Sache für ihn bei dem Sultan durchzusetzen, die freilich der Vorsprache eines so mächtigen Gottes gar sehr benöthigt war. Was aber Mahals Sache ganz zu Grunde richtete, war seine Antwort: »Ist deine Sache gut, warum willst du mir von deinem Golde geben und mich dadurch zum Abfall von dem wahren Gott verführen, indem du mir Das hinreichst, was du unsinnig als deinen Gott anbetest. Nie sollen meine Hände dieses verfluchte Metall anrühren, das ihr mit trugvollen, blutigen und grausamen Thaten erwerbt und mit wahnsinnigen, gotteslästerlichen Gesinnungen betrachtet!« Der Sultan Zobar ließ Mahal sogleich vor sich bringen, als er diese schreckliche Ketzerei erfuhr, schalt ihn grimmig aus und sagte: »Wärst du nicht der Vater meiner Gemahlin, bei dem strahlenden Glanze des Gottes der Irader! ich ließe dich zu Tode steinigen, wie man es den rasenden Thieren thut. Gehe von hinnen, aus meinem Reiche, du taugst nicht an meinen Hof, du taugst nicht für Irad. Du bist ein werth- und verstandloses Ding und wirst es ewig bleiben. Fort! fort! Ein Mann wie du kann die Gesinnungen eines ganzen Volks verderben! Ein Mann wie du ist Das nicht werth, was er einem Sultan kostet! Mein Schatzmeister wird dir ein Weniges zur Zehrung von dem Gott geben, den du nicht zu achten scheinst, dann eile zu Thoren, die dir gleichen!« Mahal . Ich schüttle den Staub von meinen Füßen, um nichts aus dieser verfluchten Stadt an mir davon zu tragen. Schon lange lebe ich bekümmert unter diesem verworfenen, schändlichen Volke, dessen würdiges Haupt du bist. Dich und dein Gold und dein Volk verachte ich und übergebe euch Alle der Rache Gottes, die euch nahe ist. Sultan Zolbar . Ich lache der Verachtung eines Dings ohne Werth und fürchte nur die Armuth. Geh! geh! damit du mit heiler Haut davon kommst. Hören die Irader deine Ketzerei, so beschimpfen sie mich in dir; denn so mächtig ich auch bin, so darf und kann ich doch keine Ketzer gegen ihre gerechte Wuth schützen, wie du einer bist. Nach diesen Worten stieß ihn der Sultan sehr unsanft zur Thür hinaus, und Mahal rasete vor Wuth, daß er nicht mehr antworten konnte. Endlich blieb ihm doch weiter nichts mehr übrig, als sich in Geduld zu fassen; wenigstens wollte er nun, vor seiner Abreise aus Irad, seiner Tochter, der Sultanin, einige gute Lehren hinterlassen; aber sie konnte ihn unmöglich sprechen. Er wanderte also zum Palast hinaus, entschlossen, nach dem Gebirge, durch das zerstörte Reich seines grämlichen Schwiegersohns, zurückzugehen; aber der Sultan Zobar hatte seine weitere Reise anders entworfen. Als er aus dem Palast trat, umgaben ihn einige Bewaffnete, eilten mit ihm davon, reiseten Tag und Nacht und verließen ihn nur an dem Gestade des Meeres, wo sie ihn dem Herrn eines segelfertigen Schiffs übergaben. Hieraus siehst du, Herr der Gläubigen, daß die Sultane vor der Sündfluth rund und gerade zu Werke gingen, wenn sie eines Lästigen los werden wollten. Dieser Gebrauch war wenigstens nicht der schlechteste jener Zeit, da der Lästige geschwind davon kam und nicht, wie es manchmal nach der Sündfluth geschieht, so lange an kleinem Feuer geröstet wird, bis er von selbst zu Asche verfällt. Nach diesen Worten rollte Ben Hafi seine Handschrift zusammen. Khalife. Mir gefällt Keiner von den Beiden. Weißt du, Ben Hafi, wie ich mir die Lästigen vom Halse schaffe? Ben Hafi. Wie, Herr? Ich bin begierig, es zu hören. Khalife. Ich erzeige ihnen mehr Gnade als den Andern, in Kurzem begehen sie einen dummen oder bösen Streich, verschwinden dann von selbst vor meinem Angesicht, überzeugt, daß ich keinen Sünder aufsuche, den sein Gewissen von mir weg treibt. – Dein heutiges Märchen war lang und endete gerade, wie ich dachte. Dieser Sultan Zobar ist ein gar methodischer und systematischer Mann, und ein methodisch-systematisch herrsch- und goldgieriger Fürst kann seines Endzwecks nie verfehlen; doch ist mir lieb, daß ich keiner davon bin, denn der Mann, der methodisch und systematisch das Böse thut, thut das Böse, als thät' er recht, und sündigt ohne Erlaß. Doch dies ist die Sache Gottes! Friede sei mit dir! Neunter Abend Ben Hafi erschien mit dem Glockenschlag, rollte seine Handschrift aus einander und begann: Mahal befand sich nun auf einmal in einer ganz neuen Lage, einer ganz neuen Welt. Das vor ihm wallende weite Meer, das große ungeheure Haus, auf dem er sich befand und das auf dem Rücken dieses wallenden Meers so sicher schwamm; das unordentlich scheinende Gewühl und Geschrei der Schiffsleute, auf das immer eine neue überraschende Erscheinung erfolgte, versetzten ihn in das sonderbarste Erstaunen. Er bewunderte den Bau des ungeheuren Schiffs, die Kunst und Gewandtheit der kleinen Geschöpfe, welche diese schwimmende Masse nach ihrem Willen lenkten, und bereute ein wenig seine Verwünschungen gegen das Menschengeschlecht. Doch seufzte er einigemal mitten in seiner Bewunderung: »Herr, warum hast du doch dieses wunderbare Geschöpf so böse, so geneigt zum Zerstören gemacht, da es so geschickt ist, solche Werke durch seinen Geist und seine Hände hervorzubringen? Warum müssen Diese so gern zerstören, die so große, wunderbare Schöpfer sein können? Seh' ich auf Das, was sie erschaffen, so muß ich über sie erstaunen, und in meinem Staunen weiß ich fürwahr nicht, wer Unrecht hat, sie oder – ach, Herr, ich wage es nicht herauszusagen, aber du vernimmst mich. Sollte das Geschöpf, das so viel vermag, nicht zu unterlassen fähig sein, was dich so sehr gegen dasselbe empört? Fehlt es ihm an Kraft oder an Willen? An Willen? Das Wort klingt in meinem Ohr, wie viele der Wörter, die ich unter den Menschen gelernt habe. Aber da ich von dem Gebirge herunterstieg, da wollte ich auch – und du weißt es, Herr, ich mußte wollen, denn der unruhige Geist in meiner Brust, die Begierde nach Kenntnissen trieben mich fort, und ich wollte, weil ich wollen mußte. Gewiß leben mehrere dieser unruhigen Geister in den Menschen, und sie müssen vielleicht gar oft, wenn sie nur zu wollen glauben. Oder wie, wenn sie ohne diese unruhigen Geister alles Dieses nicht hätten hervorbringen können, was mich so in Erstaunen setzt, daß mich beinahe meine Verwünschung gegen sie gereut. Wären sie schlimmer daran ohne diese Begierden und Triebe? Wäre Mahal schlimmer daran, wenn er nicht gesehen und gelernt hätte, was er sah und lernte?« Mahal hatte während der Ueberfahrt nach dem Reiche Gin noch oft Gelegenheit, die Geschicklichkeit dieses so elenden und so erhabenen, dieses so bösen und trefflichen, dieses so schwachen und starken Geschlechts zu bewundern. Ein Sturm überfiel sie auf der Hälfte der Fahrt. Der bebende Mahal sah die Männer mit so kalter Gelassenheit, mit so vieler Festigkeit, Gewandtheit und Zuversicht die ungeheure Maschine durch die brausenden, Gebirgen ähnlichen Wogen lenken, daß sein Erstaunen über sie, sein grausendes Beben unter dem schrecklichen Getöse der schäumenden Wogen, dem heulenden, pfeifenden Zischen des Windes, dem rollenden Donner, der herabschießenden Blitze, die auf Augenblicke die dunkeln Fluthen, das auf ihnen wirbelnde und springende Schiff zu entzünden schienen, zu dem schaudervollsten, erhabensten Gefühl ward, das er je empfunden hatte. Er vergaß in diesem Augenblick Alles, was er an den Menschen erfahren hatte, und war stolz darauf, ihnen anzugehören. Der Sturm legte sich endlich, und seine muthigen Besieger sanken vor Mahals Augen bald wieder zu Dem herunter, was sie wirklich waren. Auch hatte er nun den Bau des Schiffs so lange bewundert, sich nach den Ursachen der Beweglichkeit desselben so lange erkundigt, dem Steuermann so viele Fragen gethan, bis seine Bewunderung da sank, wo sie eigentlich hätte steigen sollen, und darum, Herr der Gläubigen, ist für das menschliche Herz und einen gewöhnlichen Geist nichts Unangenehmeres und Nachteiligeres, als mathematische Kenntniß. Khalife. Ben Hafi, dies lautet neu, und darum erkläre dich darüber, wenn es sich erklären läßt. Ben Hafi. Eigentlich läßt es sich nur fühlen, wie Alles, wobei der Geist und das Herz in Widerspruch stehen, und wo Vernunft und Einbildungskraft sich so lange scheiden, bis Noth und Bedürfnisse sie wiederum vereinigen und zusammenschmelzen. Khalife. Dies mag sein; aber es lautet wie Nichts; ist doch Alles nur darum, weil es einmal so sein sollte. Ben Hafi. Laß mich doch nur erst alle meine Weisheit an das Licht hervorbringen und erinnere dich unsers Vergleiches. Beim Propheten, du mußt mich aushören, und ich wette, es springt Klarheit aus dieser Dunkelheit hervor. Khalife. Es soll mir lieb sein. Ben Hafi. Vor diesem mathematischen Sinne, Herr der Gläubigen, zerstiebt alles Wunderbare, in dem Augenblick, da er erwacht und mit seinem eiskalten Blick den Gegenstand der Bewunderung betrachtet. Er ruht dann nicht eher, bis er Alles aufgelöset, zu Gerippe, zu Federn, Triebrädern und Zugwerk gemacht hat; doch er selbst ist so wunderbar, daß nur durch ihn eigentlich sich der Mensch von dem Thier unterscheidet, daß er nur durch ihn Schöpfer aller der Werke wird, ohne die wir noch in den Wäldern lebten. Denn durch ihn allein ahmen wir im Kleinen die unermeßliche Schöpfung nach, und wenn Gott Welten und Sonnen durch den Raum wälzet, so bewegen wir, nach unserm Maße berechnet, ungeheure Massen auf dem stürmischen Meere, führen aus Kalk und Sande Gebirge auf, die wir Paläste nennen, und schlagen, aus zugerichteten Brettern, Balken und Steinen, Brücken über den reißenden Strom. Ein Mann, der wie Mahal zum ersten Mal ein solches Werk erblicket, steht es nur durch die Einbildungskraft, und der Zauber dauert nur, so lange ihm die mechanischen Hülfsmittel, durch welche die ihn in Erstaunen setzende Schöpfung nach und nach entstand, Geheimniß sind. Er muß aus dem noch grünenden Baume das Schiff entstehen und dann im Sturme über die Wogen hinfliegen sehen, um es für Das zu halten, was es ist: das Wunderwerk der menschlichen Schöpfungskraft. Was aber jetzt die Herabspannung von Mahals hochgeflogener Einbildungskraft beförderte, war die Aufführung dieser Männer, die er so sehr bewundert hatte. Nachdem sie sich von ihrer gewaltigen Anstrengung erholt hatten, überließen sie sich allen Ausschweifungen und fanden bald in Mahal einen trefflichen Gegenstand ihres Muthwillens und ihrer Neckerei. Jeder suchte es dem Andern durch Spott, grobe Streiche und Bosheiten zuvorzuthun, und der arme Mahal wünschte nun den Sturm zurück, der seine rohen Plagegeister so wacker beschäftigt hatte. Er strafte sie mit harten Worten, sie schnitten ihm Grimassen, wie eine Heerde Affen. Er verbarg sich in einen Winkel und seufzte: »Sind es dieselben Menschen, die so eben die empörten Fluthen bändigten, die ich als Geschöpfe höherer Art bewundert habe? Zu denen ich mich mit Stolz gezählt habe? Ich that ihnen nichts, und sie gewinnen nichts damit, daß sie mich plagen. Gleichwohl gibt es keine Schmach, die sie mir nicht anthun, und Derjenige, welcher die mir empfindlichste ersinnt, erweckt das Lachen Aller, und lauter Beifall ist sein Lohn. O Herr, was ist der Mensch? Wie hast du ihn doch so sonderbar böse gemacht, daß er da sogar Genuß in bösen Thaten findet, wo es ihm nichts nützt?« Hier hatte nun freilich Mahal eine der schlechtesten Seiten der Menschen entdeckt, und hätte er die Quelle davon gefunden, so würde sein Groll gewiß noch giftiger geworden sein. Welche ist wohl unreiner als die Quelle des Spottes über ein Wesen, das wie wir gebildet ist, das da fühlt und leidet, wo wir fühlen und leiden? Was ist wohl giftiger als die Quelle des Muthwillens, den wir aus Schadenfreude mit einem Geschöpfe treiben, das daher kommt und dahin geht, woher wir kommen, wohin wir gehen? Gleichwohl ist dieses, nebst der Verleumdung, der Lieblingszeitvertreib der feinen und der rohen Menschen. Und wenn nun Einer den Andern ausspottet, Einer an dem Andern so viel des Spottes Würdiges findet, was soll man von dem Ganzen halten, über das die Einzelnen unter sich ein so unparteiisches Urtheil fällen? Großvizir. Dies alles kommt von dem in dem Menschen eingewurzelten Bösen her, und darum muß man sie mit einem eisernen Scepter beherrschen und zum Guten peitschen. Ben Hafi. Versuche nun deine Universalmedicin. – Wie, wenn nun dieses aus wahrer Selbsterkenntniß entspränge, und die Menschen, wenigstens in diesem Punkte, gegen sich gerecht wären? Khalife. Haltet ein! Dies ist Alles nichts, und du verdirbst deine Märchen völlig mit deinen Glossen. Gegen deine mathematischen hatte ich nichts, weil man dadurch die Allmacht Gottes näher sieht. Mit dieser da ist es etwas anders. Der Spott, den ihr da so unverständig lästert, ist der Zuchtmeister der Thoren. Gott hat ihn so gewiß erschaffen und dem Menschengeschlecht absichtlich gegeben, wie das Salz dem Meere, das er ihm gab, damit es nicht verfaule. Glaubt mit nur, fürchtete der Mensch, und besonders die Großen, den Spott nicht, die Welt würde noch viel schlimmer gehen. Damit aber will ich nicht entschuldigen, was diese rohen Menschen dem armen Mahal zu leide thun; denn wahrlich, seine Lage geht mir an das Herz, und ob ich gleich sein Vernünfteln nicht leiden kann, so wünscht' ich ihn doch heraus. Ben Hafi. Ich danke dir für Mahal, Herr der Gläubigen; für ihn, der noch immer an den ersten Linien zum Umrisse der menschlichen Gesellschaft arbeitete, ohne bis jetzt zu wissen, wo er den Cirkel ansetzen, von welchem Punkte er ausgehen sollte, worin denn auch eigentlich die Schwierigkeit allein zu liegen scheint. – Khalife. Ben Hafi, dieses weiß nur der Allmächtige, er, der in einem Nu den Umriß aller Welten dachte, sie durch ein Wort mit Allem ausfüllte, was in ihnen lebt und ist. Sein Geist durchdringt sie Alle, Alle hat er sie mit einem einzigen Ring umfaßt, der ihn nicht schwerer dünkt, als mich der Siegelring an meinem Zeigefinger. Ben Hafi. Herr, deine Worte klingen so erhaben, enthalten einen so großen Sinn, daß sie im Buche Der Koran. selber glänzen würden. Khalife. Ist es wahr, so verdanke ich es dem Geiste des Buches ; was wäre der Khalife ohne ihn? Ben Hafi (für sich) . Sünde wäre es, dich laut zu loben! Wie groß sitzest du unter deinen fühllosen Verderbern hier! Khalife. Seht, der Prophet sagt in dem Buche der Bücher: »Gott ist es, der den Himmel empor hob, ohne eine sichtbare Säule, dann seinen Thron bestieg und der Sonne und dem Mond gebot, ihren Lauf zu beginnen. Jeder himmlische Körper durchschwebt seine ihm angewiesene Bahn. Deutlich läßt er euch seine Zeichen sehen, damit ihr gewiß seiet, daß ihr vor ihm am letzten der Tage erscheinen müsset. Er hat die Erde ausgedehnt, die Gebirge darauf befestiget und die Ströme und das Meer um sie herumgezogen. Alles hat er nach einem festen Maße geordnet, und ihm ist nichts verborgen.« Keiner ist groß vor ihm, und Keiner ist klein vor ihm. Er sieht das Wirken der Ameise, wie das Wirken des Khalifen. Er ist groß und gnädig, preise seine Geschöpfe nicht, es sei denn zu dem Lobe des Herrn. Friede sei mit dir! Ben Hafi. Mahal, der nicht wußte, daß das Salz das Meer und der Spott die menschliche Gesellschaft vor Fäulniß bewahrt, fand die grobe, rauhe Lauge, womit ihn das Schiffsvolk rieb, ganz unerträglich, und er schreibt hier, daß, wenn man nicht zum Glücke: Land! Land! geschrieen hätte, er sich aus Verzweiflung in das Meer hätte stürzen müssen. Die Schiffsleute waren nun allzu sehr mit dem nahen Gewinne und den ihrer wartenden Ergötzungen beschäftigt, als daß sie seiner weiter denken konnten. Sie wurden endlich gar so artig gegen ihn, daß sie ihm ihre Dienste auf dem Lande anboten und ihn versicherten, sie hätten es nicht böse mit ihm gemeint; einen Narren müßte man bei jeder Fahrt zum Zeitvertreib haben, und wäre er es nicht gewesen, so würden sie sich genöthigt gesehen haben, einen unter sich selbst zu wählen. Mahal war von viel zu saurer Gemüthsart, als daß er sich mit ihnen hätte aussöhnen sollen, und sobald er nur das Land betrat, lief er ihnen, so geschwind er konnte, aus dem Gesichte. Er befand sich nun in dem Mittelpunkte der volkreichen Stadt Gin. In glänzenden weißen Stoff gekleidete Bürger gingen freundlich und vertraulich auf und ab, oder standen in einzelnen Gruppen beisammen. Alles war heiter um Mahal her, Menschen, Luft, Gebäude und Himmel. Die glücklichste, seligste Eintracht schien über dem großen Platz zu herrschen und alles Lebende und Leblose in ein schönes Bündniß vereint zu haben. Mahal, der noch die goldbegierigen Blicke der Iraker, die von ihnen in Enoch verübten Greuel vor Augen hatte und die scharfe Lauge des Schiffsvolks erst gekostet hatte, erquickte sich eine Zeitlang an dem lieblichen Anblick und dachte bei sich: Diese da scheinen mir gute und glückliche Menschen zu. sein. Gewiß beten sie das Gold nicht an, das zu so abscheulichen Verbrechen reizt. Wie brüderlich sie sich besprechen! Wie ruhig und vergnügt sie einhergehen. Sie begleiten, was sie einander sagen, mit so vieler Gefälligkeit – verbeugen sich gegen einander so freundlich, umarmen jeden Neuankommenden so herzlich – ja, es muß ein gutes Volk sein, das den Zorn des Herrn gewiß nicht verdient. Ohne Zweifel werden sie mich gut aufnehmen: aber vor allen Dingen muß ich mich erst erkundigen, ob sich ihr Sultan für einen Gott hält: denn leider kommt all mein Unglück von diesen allzu menschlichen Göttern, in denen ich so viel Großes zu sehen hoffte. Khalife. Ben Hafi, ich wette – ich fürchte, wollt' ich sagen – dein Mahal wird bei den Lächlern da noch schlimmer fahren; wenigstens traue ich den gar zu Freundlichen nicht viel. Ben Hafi. Wir wollen sehen! Er nahte Einem, der sich eben von seinem Gefährten unter den heißesten Umarmungen trennte, mit dem sanftesten Lächeln, der artigsten Bescheidenheit, die er auszudrücken fähig war, und sagte: »Vergib einem Fremdling eine Frage.« Der Giner. Ist stehe zu Befehl, du Guter, dir tausend zu beantworten, ohne zu ermüden. Mahal. Ich danke dir; eine vor der Hand ist hinreichend. Sage mir, habt ihr hier zu Lande auch einen Sultan? Der Giner (lächelte, doch ohne Spott) . Allerdings, mein Lieber. Kann doch ein Volk so wenig ohne Sultan bestehen, als die Erde ohne Sonne. Mahal. Das kann wohl sein, und ich muß es dir wohl glauben! aber sage mir nun, und dies ist eigentlich meine Frage: hält sich euer Sultan auch für einen Gott? Der Giner . Wie sollte er kein Gott sein, da er über Götter herrscht? Mahal (fuhr zurück) . Was Götter? Ueber Götter? Khalife. Wahr ist es, dein Mahal da erfährt wunderliche Dinge; und ich fürchte, all der Wirrwar muß endlich seinen Verstand angreifen, an dem, nach seinem Vernünfteln zu urtheilen, ohne dies nicht viel ist! aber warum blieb der Narr nicht auf seinem Gebirge? Ben Hafi . So ist es. – Der Giner antwortete dem Erstaunten: »Freilich über Götter! Bist du von den Gestirnen heruntergefallen, daß du dieses Gewand nicht kennst und nicht weißt, daß Alle, die es tragen und deren so viele du auf dem Platze hier siehst, Götter sind? Was könnten sie auch anders sein?« Mahal sah ihn lange mit solchen forschenden Blicken an, als suchte er ein Merkzeichen der Götterheit an ihm und Denen, die auf und nieder wandelten! endlich sagte er mit einem tiefen Seufzer: »Alle, die ich hier wandeln sehe, sind Götter und können gar nichts anders sein? Warum können sie denn nichts anders sein?« Der Giner. Weil sie Götter sind und Menschen diesen Platz nicht betreten dürfen. Mahal. Weil sie Götter sind – und Menschen diesen Platz nicht betreten dürfen? Warum dürfen sie nicht? Der Giner. Weil sie Menschen sind, mein Lieber! Mahal. Also bist du kein Mensch? Bist ein Gott dieses Landes? Der Giner. Allerdings. Siehst du nicht die blutrothe Verbrämung um den Saum meines Gewands? das flammende rothe Schwert auf der Brust gestickt? Mahal. Freilich sehe ich es, und diese Verbrämung, dieses flammende rothe Schwert macht dich zu einem der Götter dieses Landes? Der Giner. Nicht doch, mein Bester! es ist nur das Zeichen, daß ich einer der Götter des Landes bin. Ich bin es, weil ich aus einem der Geschlechter abstamme, die man die Auserwählten, die Herrschenden in Gin nennt. Nur sie stehen um den Thron des Sultans und vollziehen seinen Befehl. Er ist die Sonne, wir die Gestirne; und so wie der Gott, der diese Welt erschaffen hat, Geister höherer Art um sich her versammelt und durch sie die Welt beherrschen läßt, eben so versammelt uns der Sultan um seinen Thron und beherrscht durch uns das Land, nebst den Menschen, die es bewohnen und bebauen. Mahal. Sind diese auch Götter, die das Land bebauen? Der Giner (lächelnd) . Sie sind nur Menschen, Lieber, wie gesagt, Menschen, über die wir in des Sultans Namen gebieten und die alles Das thun und verrichten, was den Menschen zu verrichten und zu thun zukömmt, wenn sie leben wollen. Mahal. Und worin besteht es? Der Giner. Du thust sonderbare Fragen, Geliebter; doch die Höflichkeit gebietet mir, dir sie zu beantworten, und wären sie auch noch sonderbarer. Sie säen, pflanzen, handeln, bauen und bringen Alles durch ihrer Hände Arbeit hervor, was zur Noth und zum Vergnügen des Lebens gehört. Sie bauen die Häuser, die du hier siehst, für uns, weben uns diese schirmenden Kleider, besetzen unsre Tische. – Mahal. Und was thut denn ihr? Der Giner. Wir setzen uns daran und essen, leben überhaupt, wie es Göttern zukommt, ohne Mühe und Sorge. Mahal. So viel ich sehe, so seid nicht ihr die größten Thoren dieses Landes, und beweiset dieses eure Götterheit, so fällt euch der Beweis, bei dem wahren Gott! nicht schwer. Der Giner (ernsthaft) . Fremdling! Khalife. Der arme Narr ist unter noch gefährlichere Narren gerathen, als die Irader waren; Stolz ist rachsüchtiger als Habsucht. Ben Hafi. Du kennst sie, Herr der Gläubigen, wie ich höre. Mahal fragte abermals: Und ihr – ihr habt also gar nichts zu thun? Der Giner. Wir beherrschen sie dafür durch unsern Verstand und unsere Kenntnisse, außerdem haben wir der Mühe und Sorge genug; denn von frühester Jugend spornt uns der edle Trieb der Ehre, immer eine Staffel nach der andern hinaufzusteigen, und dieses ist nicht so leicht, mein Lieber, da unsrer so Viele sind, die zugleich den Fuß auf die Sprossen der Leiter setzen. Mahal. Hinauf? Wohin? Zum Himmel, wo die Götter wohnen? Der Giner (milde lächelnd) . Zu der Gunst des Sultans! In der Rangordnung, die von ihm abhängt. Mahal. Ich begreife es und habe abermals ein neues Wort gelernt. Trieb! edler Trieb der Ehre! – Doch sage mir noch Dieses: wie sehen denn Die aus, die ihr hier Menschen nennt? Der Giner. Du sahst ihrer viele in dem Hafen und in den Straßen. Alle, die nicht wie ich gekleidet sind, die nimm nur immer geradezu für Menschen. Sieh, dort schleicht eben einer an den Häusern des Platzes hm! Mahal. Jener, der sich so furchtsam an der Wand hindrückt! der es nicht wagt, nach dem Platze zu blicken? Der Giner. Eben der. Der Weg, den sie um diesen Platz her wandeln dürfen, ist nur eine Elle breit, und klüger thun sie, nicht nach dem Platze zu sehen, wenn die Götter darauf lustwandeln. Mahal. Warum? Der Giner. Weil sie Menschen und wir Götter sind. Mahal. Aber siehst du denn nicht, daß der Mann, dein weißes, feines Gewand ausgenommen, gerade so gebildet ist, wie du und Diese hier? Der Giner. Dies scheint dir so von außen, im Innern sitzt die Götterheit. Mahal. O, Sultan Puh! Der Giner. Was sagst du, Lieber? Mahal. O, ich erinnere mich eines armen Thoren von einem Sultan, der auch ein Gott ist, nun Lasten wie ein Thier zu Markte trägt, auf faulem Stroh schläft und es für einen Thron hält. Der Giner. Wir haben von seinem Unglück gehört, er ist kein Göttersohn. Mahal. Er nicht? Nun wahrlich, er wird dir dies so wenig glauben, als du mir es glauben würdest, wenn ich an deiner Götterheit zu zweifeln Ursache fände. Der Giner. Besser, wage es nicht, um deinetwillen. Mahal. Sage mir doch noch Dieses: wie viel sind ihrer denn eigentlich hier, die sich für Götter halten, und wie viel zählt ihr Derer, die ihr Menschen nennt? Der Giner. Unfrei sind einige tausend Gerechter; die Zahl der Menschen weiß nur Der, der das Steuerbuch in Händen hat und die monatlichen Gefälle heben läßt. Mahal. Was ist das? Der Giner (seitwärts) . Des beschwerlichen Fragers! – (Laut.) Der bestimmte Abtrag, Theurer, an Allem, was sie hervorbringen und was dazu dient, den Sultan und uns zu erhalten und den sonstigen Bedürfnissen des Staats genug zu thun. Mahal. Wie, und Dieses ertragen und thun sie alles? Und ohne Zwang, ohne Murren? Sehen euch zu, wie ihr ein müh- und sorgenloses Götterleben führt, und schwitzen auf den Aeckern, keuchen in den Werkstätten, damit ihr Wenigen dieses Götterleben geruhig führen mögt? Der Giner. Warum sollten sie nicht! Wie könnte es wohl anders sein? Mahal. Aber warum sollen sie? Warum müssen Sie? Sie, die Mehrern, für die Wenigen? Der Giner. Weil sie Menschen und wir Götter sind. Mahal. Und sie glauben, daß ihr Götter seid? Ihr glaubt es, daß ihr es seid? Der Giner. Fremdling, der Giner ist höflich und nachsichtig, dies dankt er seinen Göttern, und seine Götter danken es ihren Sultanen. Deine Frage ist sehr verwegen, hüte dich ja, sie einem Menschen in diesem Reiche zu thun. Ich gebe dir mit Sanftmuth diese Warnung, damit du den Zorn der Götter nicht reizest, die hier auf und nieder wandeln. Sie sind mild und gut, vergeben, ertragen Alles, nur Dieses nicht. Des blühenden Staats Erhaltung, dieser Menschen eigene Erhaltung hängt von diesem Glauben ab. Diese Menschen haben Kräfte, Hände, sogar Verstand; doch wozu würde ihnen Dieses alles nützen, wenn unser Geist sie nicht führte und leitete und ihre gefährlichen Leidenschaften so unterjochte, daß sie zu ihrem und unserm Besten gehorchen, arbeiten und einträchtig leben. Dafür verstatten wir ihnen alle Freuden des Lebens. Kein Volk der Erde thut es den Ginern an Geschicklichkeit voraus, sie haben die Kenntnisse von unsern Vätern, den Göttern, erhalten. Kein Volk der Erde übertrifft die Giner an Fleiß und Arbeitsamkeit; wir, die Söhne unsrer Väter, erhalten sie dabei. Kein Volk der Erde ist reicher, glücklicher, aufgeklärter, gesitteter und genießt des Lebens mehr; wir Götter theilen nur mit ihnen und unterrichten sie dafür in der feinen Lebensart und in der Kunst, des Lebens zu genießen. Mahal. Setze immer noch hinzu: Und kein Volk ist verträglicher. Der Giner. Warum, mein Bester? Mahal. Muß es nicht verträglich sein, da es so viele Götter, sichtbare Götter vertragen kann? Der Giner. Durch diese Götter ist es alles Dieses geworden, hat Alles erlernt, was es weiß, und Dies kann der dankbare Giner nicht vergessen. Mahal. Vergib mir Unwissendem! sieh, ich glaube noch immer du spottest meiner. Der Giner. Ich sollte deiner spotten? Ich sollte ein solches Verbrechen an einem Manne begehen, der uns die Ehre seines Besuches schenkt? So weit sollte einer der Götter in Gin die Höflichkeit verletzen? Du hast mich mit diesem ungegründeten Verdacht sehr tief gekränkt, und doch vergebe ich dir's. Mahal. Du bist sehr gütig. Der Giner. Es ist meine Pflicht; wie könnten wir anders über der Menschen Kinder herrschen, wenn wir nicht so milde, so nachsichtig, als gerecht und streng wären. Mahal. Also doch auch strenge? Khalife. Sieh doch den rohen Sohn des Gebirgs! Hat ihm der Giner, der kein Narr zu sein scheint, ob er gleich wahnsinnig ist, nicht Alles in wenigen Worten gesagt, was darüber nur zu sagen ist? Doch was antwortete ihm der Giner? Ben Hafi. Er antwortete: weil leider die Noth es will. Mahal. Wo sitzt die Noth? Der Giner. Der größre Haufen wird leicht dem kleinern furchtbar. Mahal. Was haben Götter von Menschen zu fürchten? Khalife. Gut! gut, Mahal! Das erste gescheidte Wort, das ich noch von dir gehört habe, und spitz genug dazu. Ich liebe das. Der Giner (sehr ernsthaft und feierlich) . Fremdling! Mahal. Dein Ernst kleidet dich noch besser, wie dein Lächeln; und solltest du auch ernsthafter werden, sieh, ich glaube noch immer, daß du meiner spottest. Der Giner. Warum? Mahal. Daß du dich für Das halten solltest, das ich ernsthaft nicht zu nennen wage, ohne Den zu beleidigen, der diese Welt, nebst allen Thoren und Weisen, die sie trägt und nährt, geschaffen hat. Der Giner. Wer ist Der? Mahal. Gott. Der Giner. Er ist der Herr der Geister, wir der Erde, auf der wir wohnen. Mahal. Und eurer nicht? Der Giner. Auch unsrer, und vorzüglich, weil wir nach den Geistern, die um seinen Thron stehen, das Beste sind, das er geschaffen hat. Mahal. O Adam! Adam! Vater der Menschen! Der Giner. Er ist nicht der unsere. Mahal. Nicht; und woher kommt ihr? Der Giner. Unser Ursprung ist in glänzende Dunkelheit gehüllt; besser ist es, mein Lieber, davon zu schweigen, damit die Götter hier an dir nicht zu Menschen werden. Mahal. Ich nahm mir vor, aus diesem Lande zu fliehen, sobald ich vernehmen würde, es herrschte ein Sultan, der sich für einen Sohn der Götter hielte. Ach, diese Söhne der Götter haben mir gar viel zu Leide gethan, sich gar zu menschlich gegen mich erzeigt; aber Das, was ich hier sehe und von dir vernehme, ist so unerhört, erinnert mich meines Berufs so stark, daß ich nicht entfliehen kann, bevor ich nicht die Quelle dieser außerordentlichen Erscheinung ausgespürt habe. Doch ich bin hülflos – habe nichts von dem Aftergott der Irader – du kennst ihn vermuthlich – Der Giner. Ganz gewiß. Mahal. Sieh doch, wie verkehrt die Menschen sind! In Irad hielten sie sich, den Sultan ausgenommen, für Menschen und ehrten in dem Golde ihren Gott. – Khalife. Ben Hafi, dein heutiges Märchen ist das langweiligste, das ich noch gehört habe. Ben Hafi. Gleichwohl schläfst du nicht darüber ein. Khalife. Eben darum taugt es nichts. Ben Hafi. Mahal fuhr fort: Hier finde ich nun gar Menschen, die mit ihrer eignen Götterheit einen noch weit vortheilhaftern Wucher treiben. Der Giner. Und Beide, mein Lieber, haben Recht, nur sind wir die Weisern; wir nennen uns Götter, weil wir es sind, und brauchen nur das Gold, unsre Götterheit noch glänzender zu machen. Uebrigens sind die Irader ein kluges Volk, und nichts mangelt ihnen, als – Mahal. Als daß sie keine Götter, wie ihr seid, zu Herren über sich setzen und für sie säen und pflanzen. Beruhige dich hierüber, denn ob sich gleich Diejenigen, die dort eure Rolle spielen, Menschen nennen, so haben sie doch die Mittel gefunden, Das für sich thun zu lassen, was man hier für euch thut. Ihr Sultan Zobar ist ein Meister in dieser Kunst. Da ich nun von diesem unglücklichen gelben Metalle nichts habe und von Hunger, Durst und Kälte leide, Uebel, die du, ohnerachtet deiner Götterheit, vielleicht selbst empfindest, so bitte ich dich, gewähre mir Schutz und Nahrung, damit ich hier verweilen und euer Wesen näher erkennen lernen möge. Khalife. Siehst du, Ben Hafi, daß dein Mahal nun eben dieses Salz gebraucht, womit man die Thoren reibt, und daß er Unrecht hatte, über die Lauge des Schiffsvolks sich zu beklagen. Ben Hafi. Ob es ihm bekommen wird? – Der Giner antwortete sehr höflich: Ach, mein Bester, wer könnte, dürfte dir die kleine Gefälligkeit wohl abschlagen! Wie sehr bedaure ich für meine Person, daß ich nicht eingerichtet bin, Gäste zu bewirthen und aufzunehmen. Ich sage dir's mit vielem Kummer und trenne mich sehr ungern von dir. Doch jeder dieser Götter hier wird dich gern aufnehmen. Mahal. Ich danke dir und ihnen. Ich will lieber zu Denen gehen, die ihr Menschen nennet: vielleicht sind sie darum gastfreier. Der Giner. Ich zweifle; sollt' es aber geschehen, so hüte dich ja, solche Fragen an sie zu thun, solche Bemerkungen zu machen, wie ich einige von dir vernommen habe. Wie leid würde es mir thun, mein Theurer, wenn ich dich an das Kreuz sollte schlagen sehen. Mahal. Und was ist das nun wieder? Der Giner. Die Strafe der Frevler. Siehst du jenes Kreuz an dem Eingänge des Platzes? An ihm stirbt Jeder des langsamen, qualvollen Todes, der unsrer Götterheit spottet oder sie bezweifelt. Mahal. Um so schneller will ich fliehen. Der Giner. Einen Augenblick! Vielleicht beleidigte ich gar die Pflicht – vielleicht bist du einer des Geschlechts, dem wir unser Haus nicht versagen dürfen – Wo kommst du her? Wer bist du? Mahal. Ich heiße Mahal – bin einer der Söhne Seths, komme von dem Gebirge und bereue, es verlassen zu haben. Der Giner (umarmt ihn feurig). Einer der Kinder Seths! O glückliches Ungefähr! Wisse, Geliebter, wir stammen alle von seinen Töchtern her, und du bist mit uns allen hier verwandt. Folge mir und beglücke meine Wohnung mit deiner Gegenwart. Mahal. Ich danke dir. Ich bin ein Mensch, halte mich dafür und will erst sehen, was für Wesen eure Menschen hier sind, da ich ihre Götter nun gesehen und gehört habe. Ben Hafi rollte seine Handschrift zusammen. Khalife. Ich fürchte, es wird dem armen Narren bei diesen Menschen nicht besser ergehen. Ben Hafi. Warum, Nachfolger des Propheten, fürchtest du dies? Khalife. Ich traue ihnen wegen der Höflichkeit ihrer Herren nicht viel Gutes zu. Auch fügt man: wie der Sultan, so die Hofleute und seine Diener, wie die Hofleute und seine Diener, so seine Unterthanen. Doch wünschte ich, ich hätte mich betrogen. – Friede sei mit dir und euch! – Zehnter Abend Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift auseinander und begann: So entfloh Mahal, verlor sich in den Straßen und befand sich nun in einem Theile der Stadt, wo Menschen wohnten, die, obgleich anders gekleidet, wie ihre Oberherrn, die Götter, doch eben so heiter und zuvorkommend zu sein schienen, wie ihre Oberherrn, die Götter. Mahal ging also ganz unbesorgt auf Einen zu und forderte, was ihm jetzt so nöthig war. Der Mann beantwortete seine Bitte mit dem holdesten Lächeln, machte ihm die feinsten Entschuldigungen und wies ihn an einen Andern. So spielte ihn die Höflichkeit so lang aus einer Hand in die andere, bis er endlich über die süßen Redner und lieblichen Lächler ergrimmte. Khalife. Habe ich dir es nicht vorausgesagt? Nicht gesagt, daß mir ihre allzu große Freundlichkeit verdächtig ist? und daß sie ihren klugen Herren gleichen würden? Ben Hafi. Das alles hast du gesagt, Herr der Gläubigen. – Mahal trug endlich sein Begehren, nach seiner jetzigen Stimmung, einem Giner etwas trotzig vor. Den wohlerzogenen Giner beleidigte der rohe Ton, und er antwortete ihm: »Mensch, was gehst du mich an? Was geht mich es an, ob du hungerst und kein Obdach hast? Habe ich doch ein Obdach und hungere nicht.« Wäre nun Mahal aufgeklärt genug gewesen, den Sinn, der in diesen Worten lag, in seinem ganzen Umfang zu fassen, so würde er gleich den Schlüssel zu der Höflichkeit der Giner gefunden und dadurch entdeckt haben, daß die Giner einem Gott dienen, der mit dem der Irader gleichen Ursprungs ist, oder den vielmehr jener mit der Erleuchtung gezeugt hat. So viel begriff er indessen, daß diese Worte für ihn nicht von allzu guter Vorbedeutung waren. Ein nahestehender Giner, von dem glattesten, geschmeidigsten Aeußern, dabei etwas ältlich, hatte die rauhe Antwort seines Landsmanns gehört und war nun Zeuge der unangenehmen Verlegenheit Mahals. Er nahte ihm sehr liebreich, fragte ihn, woher er käme und wer er sei? Als ihm nun Mahal antwortete, er käme von dem Gebirge, lächelte der Giner noch liebreicher, maß ihn von dem Scheitel bis zur Sohle, betrachtete genau den Umriß seines kräftigen Baues, legte endlich seine Hand unter Mahals Hüfte und befühlte einen Ort, den ich dir, Herr, zu errathen überlasse. Hierauf sagte er ernsthaft: »Wie kann doch ein Mann deines Schlags in Gin verlegen sein? Folge mir, mein Theuerster!« Mahal wußte nicht, was er von dem Manne, der sonderbaren Betastung und seinen Worten denken sollte. Er hielt es endlich für einen Gebrauch des Landes, eine ihm neue Begrüßungsart, und folgte dem Giner, der ihm so freundlich vertraulich die Hand darreichte. Der gute Giner führte ihn in ein Bad, ließ ihn waschen, reiben, salben, kleiden, leicht speisen und bat ihn hierauf sehr höflich, ihm weiter zu folgen. Es war nun Abend geworden. Der Giner trat mit ihm in ein großes, wohlausgeschmücktes Haus, ließ durch einen Diener eine Botschaft in das Innre laufen, die Thüren öffneten sich, und der Giner stellte den Mann vom Gebirge einer jungen, schönen, blühenden Wittwe mit einem Lobspruch vor, über den die schöne Wittwe vergnügt erröthete und durch den Mahal sich die Begrüßungsart des Giners erklärte, indem er ihn zugleich verwirrte. Diese Verwirrung gereichte ihm aber bei der Wittwe nicht zum Nachtheil. Sie nahte ihm vertraulich und liebreich und betrachtete ihn mit vielem Wohlgefallen. Indessen erzählte ihr der Giner, was er von Mahal wußte, in welchen Umständen er ihn gefunden und was er bisher mit ihm unternommen hatte. Die Wittwe sagte endlich zu dem Redner: »Ich danke dir, Lieber, daß du meiner gedacht und mir ihn zugeführt hast. In meinem Hause, wenn er sonst leistet, was sein Ansehen verspricht (und daran zweifele ich nicht, da er von deiner Hand mir kommt), soll er, ich schwöre es bei meinem Selbst, gewiß nicht Mangel leiden. Für sein Vergnügen zu sorgen, ist von nun an mein Geschäft; das seinige sei, mir seine Schuld und Dankbarkeit durch Vergnügen abzutragen.« Nun trat sie mit dem Giner auf die Seite, und Mahal sah sie so ernsthaft mit einander reden, wie Leute, die einen sehr wichtigen Handel mit einander abzuschließen haben, wovon der Eine seine Waare so theuer als möglich an den Mann zu bringen, und der Andere sie so wohlfeil als möglich zu erstehen sucht. Oft stand das Geschäft einige Augenblicke stille, der Giner setzte dann seinen rechten Fuß zum Abmarsch vorwärts, die Wittwe blickte auf Mahal und hielt den Handelsmann am Arme fest. Der Vertrag ward endlich geschlossen, die Wittwe füllte die Hand des Giners mit dem Gott der Irader, den Mahal so sehr verabscheute. Dieser ging, und sie nahte Mahal nun vertraulich und sagte, indem sie über seine Wangen strich, mit derem festen braunen Roth der schwarze lockichte Bart so bedeutungsvoll abstach: »Lieber, ich habe dich theuer von dem Manne erstanden, doch ich hoffe, nicht zu theuer. Wer kann die Freundschaft eines Mannes, wie du mir scheinst, eines Mannes, der von dem seinen Gebirge herkommt und so ganz das Ansehen hat, auf demselben gleich einer unverletzten Eiche aufgewachsen zu sein, zu theuer bezahlen.« Du kannst leicht denken, Herr der Gläubigen, daß der Mann des Gebirges von allem Diesem sehr wenig begriff: doch die schlaue Wittwe machte ihm das Unverständliche bald verständlich, und wenn ein junges, schönes Weib es über sich nimmt, einem gesunden Manne etwas begreiflich zu machen, so findet sie, wie man sagt, sehr leicht Eingang. Vielleicht aber wunderst du dich über Mahals schnelle Gelehrigkeit? – Khalife. Ganz und gar nicht. Ben Hafi. Wenigstens mochtest du erwarten, daß ein Mann von solchem Berufe doch eine Zeitlang Das hätte spielen sollen, was man jetzt hin und wieder vorzüglich Tugend zu nennen beliebt und wodurch man eigentlich der Tugend ein so enges, neues, dünn gewobenes Gewand umhängt! Damit war es vor der Sündfluth ganz ein anderes. Die Handlung, auf welche für das menschliche Geschlecht eine so wichtige Erscheinung erfolgen kann, betrachtete man damals eben so, wie man jetzt das Pflanzen eines guten und nützlichen Gewächses ansieht. – Khalife. Warum sollte man nicht? Ben Hafi. Man betrachtete es als ein ergötzliches und verdienstliches Geschäft. Ergötzlich, weil es dem Pflanzer Vergnügen macht, und verdienstlich, weil es einem Wesen Leben gab. Noch unter den Propheten (den Patriarchen) nach der Sündfluth hielt man es so damit, wie man in den alten Schriften von ihnen lesen kann, und ich weiß nicht, woher es kommt oder was das menschliche Geschlecht dabei gewonnen hat, daß einige Schwärmer diese so wichtige, als natürliche Handlung lästern – doch vermuthlich ist dieses die Ursache davon: die Ausübung der wahren männlichen Tugend scheint ihnen zu beschwerlich, und sie suchen sich wenigstens mit einer zu brüsten, die, wenn sie auch weniger kostet, ihnen doch am Ende, vor den Augen Blödsinniger und Heuchler, Ruhm erwirbt. Heldenmuth erfordert es gewiß nicht, und darum nennt man es auch mit Recht die neue Tugend, zum Unterschied der alten. Khalife. O des Geschwätzes! Ben Hafi, der Mann muß wenig Werth haben, der keinen andern als diesen vorzeigen kann, und damit genug. Ben Hafi. So ist es! – Mahal fand seinen gegenwärtigen Dienst bei der jungen Wittwe weit lustiger, als bei dem strengen Alten in Irad. Khalife. Ich glaube es gerne. Ben Hafi. Die Wittwe war vollkommen mit ihm zufrieden, überhäufte ihn mit Schmeicheleien, ließ die besten Leckerbissen für ihn zubereiten, und er lebte, ohne daran zu denken, das wahre Leben der Götter in Gin, das er anfangs doch so anstößig gefunden hatte. Da es nun der Wittwe nicht an Verstand und Witz gebrach, so machte sie ihm den eingeschränkten Aufenthalt in ihrem Hause ohne viele Mühe sehr angenehm. Sie übernahm es sogar, seinen Geist etwas mehr auszubilden, und er lernte in ihrer Schule Manches, von dem ihm nicht geträumt, das er schwerlich unter Männern erfahren hätte. Doch in so rohen Zeichen, als er sich bedient, lassen sich solche feine Dinge nicht so glücklich ausdrücken, wie in unsrer hochausgebildeten arabischen Mundart. Um der Langenweile, die am Ende doch immer zwei Personen beschleicht, die zusammen leben, zuvorzukommen, lud die schöne Wittwe oft Gäste beiderlei Geschlechts ein, und Mahal fand immer mehr Ursache, mit dem Lande und seinen Bewohnern zufrieden zu sein; ja, er wagte es sogar, die Giner von den Völkern auszunehmen, die nach seiner Meinung den Zorn des Herrn verdienten. Die Enocher, Irader nebst den Schiffern übergab er seiner Rache, ohne allen Vorbehalt: »aber warum,« sagte er, »willst du diese feinen, wohlthätigen, wohlerzogenen Leute, deren Weiber so schön und zuvorkommend, deren Männer so höflich und artig sind, verderben? Sieh, sie leben in Eintracht dem Vergnügen ihrer Sinne, der angenehmen gesellschaftlichen Unterhaltung, und ich sehe sie gar nichts Böses thun.« In dieser guten Laune that Mahal oft die naivsten Fragen; eine Zeitlang ergötzte sich die Gesellschaft daran. Da aber das Naive, weil es allzu natürlich ist, gebildeten Leuten gar bald kindisch und einfältig vorkommt, so hielt es die Wittwe für nöthig, ihm, um des Tons der Gesellschaft willen, etwas von dieser allzu großen Naivität zu benehmen. Um ihm nun den ersten Unterricht zu geben, versammelte sie zu einem Abendessen eine ganz auserwählte, ganz eingeweihte Gesellschaft, und da kam es denn sehr bald heraus: »Das Reich Gin sei ein Land voller Freundschaft und Liebe. In Gin lebe Jeder, von dem Sultan bis auf den Letzten, sich und seinem Vergnügen. Das Ich , das Selbst sei der angebetete Gott des Landes, und das Ganze halte nur dadurch so fest zusammen, weil jedes weisen Giners Ich des Ichs der andern Giner zu gewissen unentbehrlichen Bedürfnissen und Bequemlichkeiten benöthigt wäre. Das eigne Ich sei also der Grund aller Handlungen der Giner, und die Giner seien darum das allerverfeinerteste Volk der Welt, weil sie diese Beweggründe des menschlichen Thuns so fein und artig zu verbergen wüßten, daß man in keinem Lande vor der Sündfluth so viel von Aufopferung, Großmuth, Uneigennützigkeit, Freundschaft und Liebe redete, als in Gin, davon man aber selten etwas in der Wirklichkeit sähe, es müßte denn einmal ein roher, unerzogener, wilder Mensch den thierischen Trieben seiner Natur folgen. Jeder Giner nähme aber, dem Aeußern nach, diese Worte, um durch Höflichkeit und Sittlichkeit dem gesellschaftlichen Leben einen schönen, glänzenden Firniß zu geben, für baare, echte Münze an, und Der, welcher den Andern merken ließe, er zweifelte an ihrer Echtheit, gälte für einen Menschen ohne Lebensart, sei untauglich für die Gesellschaft und den Verkehr des Lebens. Doch hätte dieses keinen Einfluß auf die wirklichen Handlungen, und darum thäte gewöhnlich jeder Giner das Gegentheil von Dem, was er dem andern zusagte, und selten frage ein Giner den andern, warum er seinen Worten nicht gemäß gehandelt hätte. Jeder wisse zu gut, was und wie viel es erforderte, um einen von ihnen dazu zu bewegen.« So spricht zum Beispiel, setzte ein sehr feiner Mann hinzu, der sich besonders zum Lehrer Mahals aufwarf, ein Giner zu einem, der ihn um Hülfe anfleht und von dem sein Ich weder etwas zu fürchten noch zu hoffen hat: »Ich bedaure von Herzen, mein Theurer, daß ich dir nicht dienen kann!« Dies heißt auf gut Arabisch: was geht dein leidendes Ich mein Ich an, das sich jetzt ganz wohl befindet und dem du nichts Böses noch Gutes thun kannst. So spricht der Sultan laut: Ich habe das Glück, über die Giner um ihretwillen zu herrschen. In seinem Herzen sagt er: Ich herrsche über die Giner um meinetwillen, sie sind mein Eigenthum. So sagen die Erhabenen, Auserwählten, die als Götter um des Sultans glänzenden Thron stehen. – Mahal (fuhr auf) . Götter! Götter! Wie könnt ihr, sonst ganz vernünftige Leute, doch so rasend sein, diese sogenannten Götter für etwas anders zu halten, als was sie wirklich sind, Menschen, wie ihr es seid? Die ganze Gesellschaft erblaßte, erbebte und sah sich so furchtsam um, als ständen die verderbenden Götter mit den flammenden Schwertern hinter ihnen. Die schöne Wittwe blickte Mahal zum ersten Mal voll Ingrimm an und schrie: »Du rasender Rohling! sage, willst du, daß ich mit dir an das Kreuz geschlagen werden soll! Wage nur noch einmal ein solches Wort, und ich überliefere dich den erzürnten Göttern, so lieb du mir auch bist; denn noch lieber ist mir mein Leben und mein Haus, mein Hab und Gut! Die Freunde trösteten die Erzürnte, indem sie sagten: »Kein Diener ist gegenwärtig, und wir haben nichts gehört.« Alle schärften nun dem rohen Gebirgsmann ein, nie mehr zu wagen, von diesen Göttern zu reden, deren Gewalt so groß, deren Rache so schrecklich wäre und die, dieses abgerechnet, sonst so gütig und großmüthig wären, jeden Menschen nach seinen Lüsten leben zu lassen, so reich zu werden, als er werden könnte, die Alles erlaubten, wenn man ihnen nur gäbe, was ihnen zukäme, und sich nie einfallen ließe, daran zu zweifeln, daß sie Wesen höherer Art seien und daß die Wesen niederer Art darum geboren würden, um für sie zu arbeiten und von ihnen beherrscht zu werden. Nachdem man nun dem stumm gewordnen Mahal genug hierüber gesagt hatte, fuhr der Lehrer fort: »Besser ist es, von den Göttern ganz zu schweigen und sie weder zu loben noch zu tadeln. Weiter: der Großvizir sagte laut –« Großvizir. Hm, Ben Hafi, was soll nun der Großvizir? Khalife. Wie? Folgt er nicht auf den Sultan? Soll er von dem Sultan zu dem letzten Giner überspringen und die Rangordnung beleidigen, die im Staate so große Wunder wirkt? Was sagt der Großvizir, Ben Hafi, ich bin begierig zu hören, welchen blauen Dunst er den Ginern, die, wie ich sehe und höre, ein Pack Betrüger sind, vormacht? Ben Hafi. Er sagt, fuhr der Giner fort: »Ich diene dem Sultan, dem Staate. Dies heißt in gemeiner Sprache: Was geht mich der Sultan und der Staat an, ich diene mir.« Khalife. Glaube mir, Ben Hafi, dergleichen geschieht auch noch nach der Sündfluth. Ben Hafi. Vielleicht hier und dort. Mahal rief seinem Lehrer zu: »Sage mir doch, ist der Großvizir nicht einer Dieser, die ich nicht nennen soll?« Sein Lehrer sagte: Allerdings. Wer in Gin kann sonst ein Amt verwalten, als sie, die Auserwählten? Ihre Väter hinterließen ihnen, mit ihrem Geiste, die Macht über Gin als Erbschaft, und so gehört ihnen das ganze Reich eigen zu, mit Allem, was darauf lebt, wächst und ist. Sie borgen uns nur den Boden, damit wir ihn für sie und uns bebauen. Doch was geht uns dieses an? Ob wir gleich nur Menschen sind, so leben wir doch, mit ihrer Erlaubniß, so vergnügt wie sie, unser eignes Selbst ist unser Gott, wie ihr hohes Selbst der ihrige ist, und beten wir zu dem alten Gott, so geschieht es bloß darum, daß er es unserm Selbst wohl ergehen lasse und dem zarten, vielgeliebten ja nicht wehe thue. Der Giner ging in der Entwickelung seiner Lehre immer weiter. Mahal hörte ihm lange sehr beklommen zu und that nun auf einmal die sehr naive oder sehr rohe Frage an seine schöne Wittwe: »Wenn ihr Giner, wie ihr sagt, Alles um eures Selbst willen thut, warum hast denn du mich in dein Haus aufgenommen, da ich dir gar nichts bin? Warum nährst du mich, den Fremdling, so gut und reichlich?« Die Wittwe antwortete, um den angefangenen Unterricht befördern zu helfen, eben so naiv: »Weil du der rohe Neuling vom Gebirge –« Leibarzt (dazwischen) . Da haben wir den Neuling an seinem rechten Orte; ich habe es längst gesagt. Ben Hafi fuhr fort: »vom Gebirge mir sehr willkommen warst. Du warst mir sehr willkommen, weil du stärker und muthiger bist, als die zarten, feinen Giner. Weil mir nun deine Stärke und dein Muth Vergnügen machen, so suche ich sie durch eine gute Tafel und Ruhe zu unterhalten. Bleibe du nur fernerhin bei den Kräften, die ich an dir kenne, und mein Ich wird immer mit deinem Ich zufrieden sein.« – So endigte für einen Augenblick die für Mahal so neue, lehrreiche und schmerzliche Unterhaltung. Sie war darum schmerzlich für ihn, weil der Umgang mit der schönen, freundlichen Wittwe und ihren artigen Gästen sehr viele feine, versteckte Empfindungen in dem rohen Sohne des Gebirges gezeugt, erweckt und entwickelt hatte. Doch kaum sind es Empfindungen, und besser nennt man sie Kitzeleien der Eigenliebe, des Wahns, des Wohlgefallens an sich selbst, die, wie wir sehen, nur der Umgang mit der hochgebildeten Welt entwickelt und wozu jeder Erdensohn die Anlage, wie zum Bösen, mehr oder weniger mit sich auf die Welt bringt. Mahal hatte sich beinahe schon für Das gehalten, wofür ihn die schöne Wittwe in Stunden der Begeisterung zu halten schien; auch schrieb er die ihm von ihr erzeigte Achtung ganz andern Verdiensten zu, als er nun auf einmal das Glück oder Unglück hatte, wahrzunehmen. Er war noch roh genug, bestürzt zu werden, zu schmollen und bei sich zu murren: »So bin ich denn auch hier ein Lastthier, nur anderer Art, nur daß ich besser gefüttert werde und besser gebettet bin. Doch dies geschieht ja nicht um meinetwillen. Dort pflügt' ich des strengen Alten Aecker, und hier –« die Wittwe legte ihm in diesem Augenblick einen Leckerbissen vor. Lange schwieg indessen Mahal still und hing seinen Betrachtungen nach. Die Wittwe merkte wohl, wo es den Rohling drückte, unternahm es daher, ihn mit sich selbst bekannt zu machen und ihm seine Thorheit ohne alle Schonung aufzudecken. Plötzlich wandte sie sich mit der Frage an ihn: »Mahal, warum verbleibest du in meinem Hause?« Mahal. Die Frage ist leicht zu beantworten; weil du mich als Lastthier gedungen oder gar gekauft hast! Die Wittwe und die Gäste hielten die Ohren zu, als sie die rasche, ungeschminkte, mit einem mürrischen, knurrenden Tone vorgebrachte Antwort vernahmen. Mit einem beißenden Tone sagte nun die Wittwe: »Wie oft, du Wilder, habe ich dir schon gesagt, daß ich den Unterhändler nur darum bezahlt habe, weil er dich mir vor allen Andern zugeführt hat, und daß ich dich weder gekauft noch gedungen habe. Oft sagte ich dir, du kannst mein Haus verlassen, wenn und wie du willst; da du bliebst, so verdanke ich deiner Liebe dein Verbleiben. Sage mir nun, warum verweilst du demohngeachtet bei mir?« Mahal. Weil es mir bis hierher bei dir wohlgefiel. Wittwe. Warum gefiel dir es bisher bei mir? Mahal. Weil es mir Vergnügen machte. Wittwe. Und was ist es eigentlich, das dir hier Vergnügen macht? Mahal. Der Genuß deines schönen Leibes, deine Artigkeit, dein Zuvorkommen, deine Schmeicheleien, deine gute Tafel, die Ruhe, die Unterhaltung. – Wittwe. Sieh nun, ist etwas anders in diesem deinem Bekenntniß hörbar als dein eignes Ich ? Verbleibst du, nach deinem eigenen Geständnisse, nun um meinetwillen oder um deinetwillen in meinem Hause? Mahal (betreten) . Mich dünkt beinahe, um meinetwillen; aber doch bist du es nur, die mir es angenehm macht. Wittwe. Und wenn sich nun diese Schönheit, deren Genuß dir Vergnügen macht, in Häßlichkeit verwandelte, wenn ich mit dir keifte, anstatt dich zu liebkosen, und wenn diese gute Tafel, die dir so wohl zu schmecken scheint, auf einmal aufhörte, gemeine, rohe, harte Speise dein Tägliches würde – was würdest du denn thun? Mahal. Mich dünkt, ich würde davon laufen. Wittwe. Und worüber zürnst du denn, da du mehr eingestanden hast, als ich? Bekennest du nicht selbst, daß dein Ich dein Gott ist, wie mein Ich der meine ist. Daß du Alles, was du in meinem Hause thust, bloß um deines Selbst willen thust. Wollte nun ich mit dir schmollen, daß du nicht Alles aus bloßer Liebe zu meinem Ich thust, würdest du nicht meiner spotten? Mahal. Ich weiß nicht, was ich thun würde, und freilich scheint Alles so, wie du sagst, auch kann ich weiter keine Antwort darauf finden, es sei denn, ich sagte: Es ist vielleicht nicht recht, daß ich in dieser Lage mit dir bin. Ueberdies widerspricht ein dunkles Gefühl in meiner Brust Allem, was ich heute höre, und es erniedrigt mich, zu denken, die Menschen seien nur durch ein so unreines Band verknüpft. Vielleicht auch ist dies die Ursache, warum ich davon laufen würde, da mich kein reineres an dich bindet. Wittwe (für sich) . Das rohe Ungeheuer! Alles sagt er gerade heraus, und nie wird er der feinen Bildung fähig werden; doch man muß ihn nehmen, wie er ist, und vielleicht verlöre ich, wenn er anders würde. Der vorige Giner, der sich als Lehrer aufwarf: »Sahst du ein reineres Band, mein Lieber?« Mahal . Außer auf dem Gebirge leider nicht. Der Giner . Wir sprechen von Menschen, Guter, nicht von Thieren – was sich in deiner Brust gegen die Wahrheit empört, die wir dich hier lehren, ist deine beleidigte Eigenliebe, und nur dieses läßt auf die Zukunft noch etwas von dir hoffen. Auch verdankst du dies Gefühl nur unserm Umgang. Sieh, mein Theurer, wir machen es alle so, der Große und der Kleine. Ein Jeder von uns, den die Erfahrung noch nicht genug belehrt hat, möchte gar zu gerne, daß man das Spiel, das er doch gegen Alle spielt, nicht gegen ihn selber spielte. Jeder dieser Thoren möchte gerne, daß die andern ihr Ich dem seinen aufopferten, und Derjenige, der seinem Selbst am meisten fröhnt, sieht es oft als den größten Fehler, den schwärzesten Flecken in Andern an, wenn sie ihn zu deutlich merken lassen, der Keil, der ihn treibt, treibe auch sie. Den Widerstand gegen das Selbst erträgt nur der Weise mit Geduld, und Alles, was er in dem unvermeidlichen Kampfe der Ichheiten thut, besteht darin, nicht beleidigt zu werden; von dem Ich der Mitkämpfenden alle den Vortheil zu ziehen, den sein Verstand ausfindet, und den Beweggrund seines Handelns so schön und glänzend zu schmücken, als Höflichkeit, Glätte, Feinheit und Beredtsamkeit nur gewahren können. Die größte Kunst besteht hauptsächlich darin, seinen Vortheil so zu berechnen, daß die andern den ihrigen dabei finden, und dann ist man Herr des Spiels. Sieh, so ist Ichheit oder Selbstheit jedes Menschen Gott! Mahal . Ein Afterdienst, der, wie ich nun höre, bei euch nicht versäumt wird, und so begreife ich auch Alles, was mir hier widerfahren ist. O meine Gebirge! meine Heerden! meine Felsen! meine murmelnden Bäche! meine Ruhe! meine glückliche Unwissenheit! Die Gäste sahen Mahal betreten an; einer von ihnen befühlte seinen Puls. Mahal (fortredend) . Das Menschengeschlecht hat nur mit der Unschuld den wahren Gott verlassen! den Stand verlassen, zu dem er sie geschaffen hat! Alles rennt nun nach einem Ziele, jung und alt; Jeder will nun der Erste sein; selbst den Lastern hat ihr Geist glänzende Namen gegeben. Von der List, dem Betruge, der Heuchelei, der Goldbegierde und dem Morde begleitet, sah ich sie auf dem Kampfplatz zum Streite gerüstet! Welches Zerreiben! Welches fürchterliche Gewühl! Welches Mordgeheul! Welches Wehklagen! Welches Freudengeschrei! Welches Gelächter des Hohns und der Schadenfreude! Stoße sie vorwärts, Wahnsinn! Versammelt um den Altar des Afterdienstes, des Goldes und des Wahns, ergreife sie der Zorn des Herrn, daß ich sie um ihn her zerschmettert liegen sehe! Die Giner belachten diese Standrede aus vollem Halse, und Mahal ward noch zorniger. Der Giner . Worüber zürnest du doch und sprichst so viele thörichte Worte, Mann vom Gebirge! Was kann der Mensch dafür, daß er so gebildet ist? Mahal . Unmöglich! Ist er so, so hat er sich selbst dazu gemacht; wodurch, dies weiß ich nicht. Der Giner . Sollte er nicht so sein, so hätte er nicht so werden können. Sei er so gebildet, oder habe er sich dazu gemacht, gleichviel. Hast du nicht unsrer schönen Wirthin zugestanden, es geschähe nur um deinetwillen, daß du ihr gewisse Dinge zu Gefallen thust? Was treibt dich nun dazu? Mahal . Mit mir und ihr mag es so sein; aber Gott hat den Menschen gewiß nicht so gemacht, daß er sich einzeln denken soll und die Andern alle bloß als um seinetwillen geschaffen. Der Giner . Da Dies aber Alle denken, so wird dadurch das Spiel des Lebens befördert, und Alles ruht dadurch auf einem so einfachen Grund, der gleich in die Sinne eines Jeden fällt, das ganze Geheimniß enthüllt und alle Schwierigkeiten löset. Der Mensch ist nicht weniger und nicht mehr, als er sein kann. Der Glücklichste ist Der, der seinem Ich am besten thun kann, am besten zu thun versteht, der aller andern Ich zum besten seines Ich's zu gebrauchen weiß. Der Geliebteste ist Der, der dieses Spiel am feinsten zu übertünchen gelernt hat. Ist es nun Gott, der uns so gemacht hat, was können wir dafür, da nicht die Umstände und Veranlassungen von uns abhängen, sondern wir von ihnen? Da sich Das entwickeln muß, was in uns gelegt ist? Wir empfingen diese Lehre von unsern Vätern und hinterlassen sie unsern Kindern, weil wir uns dabei gut befunden haben. Wir können diese Triebe in uns so wenig hindern, als wir den Stein aufhalten können, den ein Entfernter in die Höhe schleudert. Fallen muß er, bis ihn ein anderer Körper hindert oder zum Absprung zwingt. So ist es mit dem Ich des Menschen: es geht in gerader Linie fort, bis ihm das Ich eines Andern in den Weg tritt; kann es des Andern Ich überwinden, so unterwirft es sich dasselbe und zieht es in seinem eigenen Wirbel mit sich fort. Muß es dem andern Ich weichen, so macht es einen Umweg; wird es von dem Ich des Andern verschlungen, so bewegt es sich mit so viel Gewinnst als möglich in dem Wirbel des Ichs des Andern, bis es sich gewaltsam losreißen, oder klüger – sanft von ihm ablösen kann. Khalife . Höre, Ben Hafi, du und deine Giner, ihr seid beide unerträgliche Schwätzer, und du gar, du mißbrauchest in seinem Namen den Vertrag, den ich so großmüthig als unüberlegt mit dir gemacht habe. Wozu Dies alles? Ist doch nichts leichter zu beantworten, als die einfältige Frage, warum der Mensch sein eignes Ich mehr liebt, als eines Andern Ich ? Ben Hafi . Beschenke mich mit dieser Beantwortung, Herr der Gläubigen, und ich lasse meinen Giner schweigen. Khalife . Auf diese Bedingung herzlich gerne. Nun, der Mensch liebt sein eignes Ich mehr als das Ich der Andern, weil ihm nichts so nahe verwandt ist, als sein eignes Ich . – Ben Hafi . Wahrlich, die Antwort ist so einfach, daß sie gar keinen Widerspruch verstattet; doch, Herr der Gläubigen, entschuldigst du dadurch nicht Alles, was er zum Besten dieses geliebten Verwandten thut? Khalife . Ganz und gar nicht, denn darum gab Gott dem Menschen das Gewissen und durch seinen Propheten Gesetze, damit er seinen Vortheil nicht in dem Nachtheil des Andern suche. Ben Hafi . Aber wie, wenn die allzu große Vorliebe zu dem Ich das Gewissen nun erstickt oder das Gesetz so listig zu umgehen weiß, daß der Richter den heimlichen Verbrecher nicht in Anspruch nehmen kann? Khalife . »Dem Herrn bleibt nichts verborgen, und der Tag wird kommen, an welchem die Erde verwandelt werden wird. Dann werden sich die Menschen aus ihren Gräbern erheben, um vor dem einzigen, dem mächtigen Richter zu erscheinen. An diesem Tage sollt ihr die Bösen und die Ungerechten in Ketten sehen, das Gewand, das sie bekleidet, wird von Pech sein, Feuer wild ihr Angesicht decken, und Gott wird jede Seele belohnen und bestrafen, nachdem sie verdient hat.« Ben Hafi . Wird dies Die trösten, die durch die Bösen und Ungerechten leiden? Khalife . Gott sagte zu der Biene: »Bereite deine Wohnung auf den Gebirgen und in den Bäumen. Esse von jeder Art der Früchte und Blumen und laß, was du issest, durch die von dem Herrn zugerichteten Wege gehen.« So ißt nun die Biene bittere Pflanzen, bereitet sie in ihren Eingeweiden zu süßer Speise, und so wird der Mensch, der, unter dem Druck der Ungerechten, auf dem harten und mühsamlichen Pfade seines Lebens das bittre Brod des Elendes unter Thränen und Seufzern ißt, sich süße Speisen in den Gärten des Propheten zubereiten. Der Herr sagt durch seinen Apostel: »Die, die mich fürchten, die um meinetwillen leiden, die das Gute thun, sollen in den Gärten wohnen, zwischen frischen, nie versiegenden Quellen, schattigten, immer grünenden Bäumen. Die Engel werden zu ihnen sagen: Tretet herein: ihr sollt hier in Sicherheit und Frieden leben. Wir wollen jede Qual, jede Pein aus eurer Brust nehmen. Gleich Brüdern werden die Gerechten einander gegenüber gelagert sitzen, kein Ermüden fühlen und ewig in den blühenden Gärten wohnen. Es ist nur ein Gott, der einzige wahre Gott, er zeuget nicht, er hat nicht gezeugt, und da ist Keiner, der ihm gleich wäre.« Ben Hafi . Herr der Gläubigen, du heilest nicht das Haupt des Zweiflers, du zerschlägst es! Khalife . Wehe dem Zweifler! Wer zweifelt noch als der Thor, da Gott das Gesetz durch seinen Apostel gegeben hat? Doch es ist Gottes Sache, und er hat bestimmt, wer auf dem geraden Wege einhergehen soll, und hat fest bestimmt, wer irren soll.« Er wird über Beide richten. Friede sei mit euch! Ben Hafi . Die Lehren der Giner hatten Mahals Verlangen zu dem Abendessen, wie zu seiner schönen Wittwe für heute verdorben. Man ließ endlich den rohen Dummkopf sitzen und lächelte der Wittwe zu, als wollte man sagen: »Er ist nur dazu gut, zu dem er sich verkauft zu sein glaubt.« Mahal setzte die ganze Nacht die verschiedenen alten und neuen Worte, die er erlernt hatte, in mancherlei Formen zusammen, dachte sie bald verbunden, bald einzeln. Schon wollte er durch das letzt Erlernte die verschiedenen, verworrenen Fäden zusammenreihen und in einen Knoten schürzen, schon schwebte ein neuer Verdammungsspruch gegen Enocher, Irader, Giner auf seinen Lippen, als ihn die warmen, sanften Lippen der schönen Wittwe wegküßten und ihm sein eigenes Ich sehr lebhaft fühlbar machten. Gewiß wäre es auch der schönen Ginerin gelungen, ihn nach und nach mit dem System ihrer Landsleute auszusöhnen, für jetzt aber waren seine Nerven noch viel zu stark, und bevor sie dieselben so geschmeidig machen konnte, um seine kräftige Ichheit auf dem sanften Throne der Weichlichkeit, Wollust und Verfeinerung einzuschläfern, trug sich ein Vorfall zu, der aller seiner Bildung, in ihrem Hause wenigstens, ein Ende machte. Vor Mahals Ankunft in Gin hatte die schöne Wittwe mit einem der Götter des Landes in einer sehr menschlichen Verbindung gestanden. Dieser Göttersohn fiel durch ein Versehen bei dem Oberhaupte der Götter, dem Sultan, in Ungnade. Man versetzte ihn zur Strafe an die Grenze des Reichs, gab ihm einen wichtigen Posten, damit er dort seine üble Laune an den Menschenkindern ausbrausen möchte. Da aber die eng verbundenen Götter des Landes selten einen ihrer Art lange unter der Ungnade des Sultans schmachten ließen, so ward er zurückgerufen, ohne daß es die schöne Wittwe erfuhr. Auf einmal erschien er vor ihr, fand sie mit dem Menschensohne Mahal allein, und das in einer Vertraulichkeit, zu welcher nur er sich berechtigt zu sein glaubte. Er machte der Wittwe in zierlichen Worten Vorwürfe, und dem Menschensohne wies er verächtlich und gebieterisch die Thüre. Der rohe Mahal rührte sich nicht. Bald kam es zum Wortwechsel, und Mahal sagte ganz derbe: »Versuche nur deine Götterheit mit meiner Menschheit, damit wir sehen, wer hier Sieger bleibt!« Der Göttersohn wagte nicht, sich so tief zu erniedrigen, und ging erzürnt davon. Nun rang die schöne Wittwe in Verzweiflung die Hände, zerraufte ihr langes Haar und schimpfte Mahal in den wildesten Ausdrücken. Mahal wunderte sich sehr, wie seine schöne Wittwe auf einmal so häßlich und rauh werden könnte, und fragte sie um die Ursache. »Rohling, Ungeheuer von einem Berg- und Thiermenschen, und du fragst noch! Wie konntest du, Staub, es wagen, einen der hohen Götter des Landes zu beleidigen, der mir vor allen Töchtern der Menschen die Ehre anthut, seine Götterheit bei mir auf einige Stunden zu vergessen! Du hättest dich vor ihm demüthigen, bei seiner Erscheinung tief gebeugt dich entfernen sollen, und ich würde ihn sehr leicht besänftigt haben. Du hast mir nun das grüßte Unglück zugezogen, das einen Menschen treffen kann. Soll ich um deinetwillen zu Grunde gehen! Fliehe! daß man dich ja nicht in meinem Hause finde! daß ich mich noch rette und dem Kreuze entgehe, dem du nicht mehr entgehen kannst.« Der starrsinnige Mahal rührte sich nicht. Die ergrimmte und vor Furcht bebende Wittwe rief ihre Leute zusammen, diese stießen den mit ihnen kämpfenden Wilden zum Hause hinaus. Voller Wuth stand er eine Zeitlang vor demselben; er hatte auch nicht die Zeit, über das Geschehene vernünftig nachzudenken, als ihn eine Schaar unter der Leitung des beleidigten Göttersohns ergriff und ihn in sichere Verwahrung brachte. Diese Nacht nun hielt Mahal den Ginern und den Menschen überhaupt eine sehr schlechte Lobrede. Bei dem Anbruche des Tages brachte man ihn vor ein Gericht der Götter, die schon vor seiner Erscheinung entschieden hatten, ihn an das Kreuz zu schlagen: doch nahm man ihn sehr höflich auf, schilderte ihm mit den ausgesuchtesten, schonungsvollsten Ausdrücken sein schwarzes Verbrechen, geruhte mit vielem Bedauern über die Nothwendigkeit den Verdammungsspruch auszusprechen und fragte dann erst: was er zu seiner Vertheidigung und Entschuldigung vorzubringen hätte? Mahal wußte nichts vorzubringen, als seine Geschichte, und dachte, er wollte am Ende derselben seine Sendung nutzen, um ihnen ihren Unsinn recht deutlich zu machen. Es kam nicht so weit: kaum sagte er, er stamme von Seth, als sich alle Gesichter aufheiterten. Der Oberkadi sprach: »Sohn Seths, ferne sei es von uns, einen Unsersgleichen zu verdammen, du gehörst uns an, da wir alle von den Töchtern und Söhnen Seths abstammen. So gewiß es ist, daß kein gemeiner Mensch in Gin es wagen kann, einen der Götter zu beleidigen, so gewiß mußt du einer der Götter sein! Wir gewinnen viel dabei, daß dieser für uns immer höchst verdrießliche Handel einen solchen Ausgang nimmt!« Der Oberkadi und alle Beisitzer, der Ankläger selbst umarmten ihn, und Mahal sagte bei sich: »Es sei doch besser, jetzt sein Leben ihrem Unsinn zu danken, als ihn durch Aufdeckung desselben noch mehr zu reizen!« Der Oberkadi. Man muß sogleich diese Begebenheit in Gin öffentlich bekannt machen, damit ja das Volk einsehe, daß Keiner aus ihm das Verbrechen habe begehen können, einen von uns zu beleidigen. Unser Wohl und Dasein hängen von dieser Meinung ab. Den Sohn Seths hier, unsern Bruder, wollen wir dem Sultan vorstellen und seinen Namen in das Götterbuch eintragen lassen. Man führte Mahal in ein Seitenzimmer, entkleidete ihn, warf ihm ein weißes, verbrämtes, mit dem flammenden Schwerte geziertes Gewand um, nahm ihn in die Mitte und zog mit ihm in den Palast des Sultans. Mahal murmelte bei sich: »Diese Göttersöhne sind wahrlich noch toller, als sie böse sind; doch was soll Mahal unter ihnen? Gestern ein wohlgenährtes Lastthier in dem Dienste einer schönen Wittwe, die mich aus dem Hause werfen ließ, weil ich einen dieser wahnsinnigen Thoren beleidigte, und heute bin ich selbst einer davon. Ach, was soll, was wird, was kann aus Mahal werden, und was kann Mahal thun, daß nicht Das aus ihm werde, wozu er gewaltsam fortgestoßen wird! Soll ich nun wahnsinnig mit den Wahnsinnigen sein, oder dieses schimpfliche Kleid zerreißen und mich an jenes hohe Kreuz lebendig schlagen lassen! Ach, Herr, was sind die Menschen? Wo fehlt es ihnen? Was soll Mahal unter ihnen? Warum begab sich Mahal unter sie? Täglich erfahre ich mehr; aber da das Erfahrne so wenig taugt, so verdunkelt sich mein Verstand immer mehr, anstatt sich aufzuhellen. Ach, nur Worte lerne ich, ihr Geist scheint immer weiter von mir zu fliehen, je mehr ich ihrer lerne!« Mahal ward nun dem Sultan Lom, dem Herrscher der Giner, durch die Götter, die stolz um seinen prächtigen Thron her standen, vorgestellt. Die fürchterliche, große und erhabene Vorstellung, die sich Mahal auf dem Gebirge von den Gewaltigen der Erde gemacht hatte, und welcher nach seiner Aussage nichts entsprach, als ihre bösen Thaten, war nun durch die Erfahrung so ziemlich verwischt worden; er war demnach sehr zufrieden, einen Mann vor sich zu sehen, der vor allen seinen höflichen Hofleuten oder Göttern durch seine geistreichen Blicke, sein sanftes, bescheidenes und doch hohes Wesen, den melodischen Klang seiner Stimme angenehm auf seine Sinne und sein Herz wirkte. Er sagte bei sich selbst: »Schade, daß dieser Mann kein Mensch heißen will, da er ihn doch so gut und schön vorstellt!« Auf die Vorstellung der Götter, und weil Mahal von Seth herstammte, ließ ihm der Sultan sogleich einen Bezirk zum Unterhalt anweisen, und so ward er einer der Götter des Landes und lebte gleich ihnen von dem Schweiße der Giner, die als Menschen verpflichtet waren, das Stück Land zu bebauen, das ihm der Sultan von dem seinigen zugetheilt hatte. Doch war er von dem Wahnsinn weit entfernt, sich für mehr zu halten, als er war; auch erinnerte er sich oft der Unterredung bei der Wittwe, und die Unterlage, die sein Geist der Glattheit, Höflichkeit und Geschmeidigkeit Derer unterschob, mit denen er leben mußte, machte ihm Alles verdächtig, was er sah und hörte. Er sah überdem diese Götter solche menschliche Dinge begehen, daß er oft im Begriff war, seinen weißen Kaftan zu zerreißen und den Göttern zu sagen, sie seien erbärmliche, böse Menschen und Betrüger. Nur das hohe Kreuz, das er täglich sah, kühlte seinen heißen Eifer etwas ab; und wahr ist es, es gibt kein besseres Mittel, den Enthusiasmus und das Wahrheitsgefühl abzukühlen. Der Sultan Lom ließ sich eines Tages Mahals Geschichte von ihm erzählen, und so langweilig sie auch der Herr der Gläubigen in meinem Munde findet, so wirkte sie doch in dem Munde Mahals so mächtig, daß ihn der Sultan Lom von demselben Augenblicke an seinen Hof aufnahm und ihm eine Stelle gab, die ihn seiner Person sehr nahe brachte. Großvizir. Ich glaube es nicht. Khalife. Ich glaube es wohl, denn warum sollte ich es nicht glauben; aber wenn er so wie du erzählt hat, so möchte ich doch wissen, wie und warum dieser weise Sultan den Erzähler einer solchen Ehre würdig finden konnte. Großvizir (für sich) . Ja wohl! Es ist eine Lüge, deren Zweck leicht zu errathen ist; doch wir wollen schon dafür sorgen. Ben Hafi. Herr der Gläubigen, wo nannte ich diesen Sultan den Weisen? Indessen mag es so sein. Mahal sagt nicht, wodurch er so besonders auf den Sultan Lom gewirkt hatte, und so muß es in jedem Falle der Inhalt seiner Geschichte gethan haben; doch wenn es dir gefällt, so will ich dir nach einigen versteckten Deutungen meine Muthmaßungen über diesen sehr wichtigen Punkt mittheilen. Khalife. Du hast mich einmal in deiner Gewalt, da mir mein gegebenes Wort so heilig ist, als ein Eid auf das Buch der Bücher. Ben Hafi (verbeugt sich) . Mahal sprach mit vieler Bitterkeit von den Sultanen Puh und Zobar und sagte gerade heraus, sie bewiesen durch ihre Thorheit und ihren Wahnsinn nur allzu sehr, daß das Menschengeschlecht zu dem Verderben, womit es Gott bedrohte, völlig reif wäre. Der Sultan Lom ließ sich diese Worte erklären, und ob er gleich den Verdammungsspruch über das ganze Menschengeschlecht etwas hart fand, so sah er ihn doch für gerechter an als Mahal, worüber sich dieser ein wenig wunderte. Da nun der Sultan Lom weiter vernahm, daß Mahal einst wieder auf das Gebirg zurückkehren sollte, um dem erzürnten Herrn der Welt Bericht von Dem abzustatten, was er gesehen und gehört hätte, so hielt er es für gut und weise, sich einem Manne von so wichtigem Beruf so zu zeigen, daß er in seinem Denkbuch eine bessere Rolle spielen möchte, als der grämliche Puh und der wilde, blutdürstige Zobar. Khalife. Hm – mit diesem weisen Manne da muß es nicht ganz richtig stehen; denn sieh, Ben Hafi, käme dieser Mahal oder sonst Einer an meinen Hof, unter allen diesen Umständen, ich würde ihn, um besser als alle die Thoren und Bösewichter, die er aufgeführt hat, in seinem Buche zu stehen, weder scheuen noch darum aufnehmen. Denn Gott wird am letzten Tage eines Jeden Buch aufschlagen, in welchem all unser Thun und Denken aufgezeichnet ist nebst Allem, was wir öffentlich und heimlich gesagt haben. Dann soll eines Jeden Seele für sich antworten, und einem Jeden soll bezahlt werden, was er Böses gethan hat, und Keines Seele soll Unrecht leiden.« Was würde es mir vor den Augen Dessen, der Alles sieht, helfen, wenn ich besser in den Büchern der Menschen stände, als er mich kennt? Die Sünde der Heuchelei würde die Schale meiner Schuld noch schwerer machen, und vielleicht die Schmeichelei die ihrige. Zwiefach sündigte ich dann, da ich noch zu Sünden reizte. Wer besser scheinen will, als er wirklich ist, wird vor den Augen Gottes und des Mannes, der ihm in den Busen blickt, um eben so viel schlechter, als er sich besser dünkt. Ben Hafi. Da der Sultan Lom von des Herrn der Gläubigen edlen Gesinnungen sehr weit entfernt war und das heilige Buch nicht kannte, so wollte er doch sehr gerne, ob er sich gleich für einen Gott hielt, gut in dem Denkbuch Mahals stehen. Ob Mahal seine sehr menschliche Absicht bemerkt hat, weiß ich nicht; bisher lautet sein Bericht von diesem Sultan noch immer gut. So sagt er zum Beispiel hier auf dieser Stelle und mit diesen Zeichen: »Der Sultan Lom habe weit mehr Verstand gehabt, als alle die Götter, die um seinen Thron herstanden, seine Befehle ausführten und das ganze Land in seinem Namen beherrschten. Er sagte und dachte, fährt Mahal fort, ganz vortreffliche Dinge, drückte sich oft so erhaben, so menschlich gut und groß aus, daß ich, in Bewunderung verloren, vor dem seltenen Sultan stand – dabei war er so mild und großmüthig – und nur der einzige traurige Umstand war, sagt Mahal, daß er von allen den großen, schönen und erhabenen Sachen, von denen er beständig sprach, auch nie eine ausgeführt hat.« Khalife. He, Ben Hafi, was sprichst du da? Und warum hat er es bloß beim unnützen Reden gelassen? Ben Hafi. Ich spreche nicht, Nachfolger des Propheten, Mahal spricht und fährt fort: »Die Götter des Landes hatten ihm durch gewisse Vorspiegelungen, die sie mit einigem Anschein von Wahrheit zu übertünchen wußten, von frühester Jugend seinen eigenen, sehr hellen Verstand so verdächtig gemacht, daß er sich ihnen in Allem, was sie wollten und was er nicht wollte, unterwerfen mußte, und wenn er es auch mit Händen hätte greifen können, daß nur er es sei, der in der vorhandenen Sache das Wahre und das Nützliche wollte.« Khalife. Beim Propheten! gerade so machen sie es mit mir, und ersinne ich etwas Gutes und Nützliches, so fährt Alles auf, mir es auszureden. Der Eine spricht von Gefahr für mich und den Staat, der Andere von Verletzung durch Herkommen ehrwürdiger Gebräuche, der Dritte von gänzlicher Unmöglichkeit der Ausführung, und der Vierte gar von den großen Uebeln, die durch die Heilung eines kleinen Uebels entstehen könnten. Dann setzen sie Alle hinzu, wie nachtheilig es für den Herrscher über Menschen wäre, wenn er sich gezwungen sähe, einmal gegebene Befehle zurückzunehmen; loben, was ich vorbringe, mit den ausgesuchtesten Worten; setzen seufzend hinzu, wie sehr es zu bedauern sei, daß ein so guter Sultan, wie sie mich dann nennen, nicht über Menschen herrsche, die des Guten und Großen, das ich zu ihrem Glück ersänne, nicht so fähig und würdig wären, als sie es selber wünschten. Hört man ihnen zu, so sollte man wirklich glauben, ein Sultan könnte und sollte nichts Gutes thun, sei nur darum da, um Böses zu thun, und die Menschen seien so schlecht, daß man sie nicht anders in Ordnung zusammenhalten könne als durch Gewalt und Schrecken. Der Großvizir hörte Ben Hafi mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und während der Khalife sprach, sah er sehr ernsthaft auf den Boden. Doch konnte er am Ende der Rede des Khalifen ganz fest und heiter um sich blicken. Der taube Verschnittene allein verwandte kein Auge von ihm. Ben Hafi sah in seine Handschrift und sagte dann: Sonderbar! – Du hast dir nun, Herr der Gläubigen, die Antwort auf deine an mich ohnlängst gethane Frage selbst gegeben. Khalife. Auf welche Frage? Ben Hafi. Du beliebtest mich vor einigen Tagen zu fragen, woher es wohl komme, daß die Vizire so schnell gehorchten, wenn ihnen die Sultane etwas Dummes oder Böses anbeföhlen, und warum sie so träge wären, so viele Schwierigkeiten ersännen, wenn man ihnen etwas Kluges, Nützliches und Gutes auftrüge. Du setztest die Frage noch hinzu: Wie sie es wohl machten, daß ihnen die Sultane am Ende immer glaubten und sie, die Vizire, wenigstens in dem vorhandenen bestrittenen Punkte, immer für erfahrner und klüger hielten, als sich selbst. Hier hast du nun die Antwort darauf, die sich der Herr der Gläubigen nur selber geben durfte. Khalife. Ben Hafi, du hast mich überrascht und, so viel ich sehe, alle deine Zuhörer. Hundert Derhem zahle ich dir dafür. Großvizir. Mich hat er nicht überrascht. Das, was er da erzählt, mag sich wohl vor der Sündfluth zugetragen haben, und ich bezweifle es auch gar nicht, aber nach der Sündfluth ist so etwas unerhört. Khalife. Warum sollte es nach der Sündfluth so unerhört sein? Geht es doch beinahe bei mir so her, und an euch liegt es wahrlich nicht, daß mein Divan dem Divan des Sultans in Gin nicht ganz und gar gleiche. Großvizir. Dies ist ganz unmöglich, und wenn du es erlaubst, Herr der Gläubigen, so will ich dir es so klar beweisen – Khalife. Großvizir, ich mag deines Beweises nicht, weil ich nun gerade keinen Beweis davon hören will, wie du am Ende immer Recht behältst. Großvizir. Ich sehe dich gerne in guter Laune und schweige. Khalife. Du thust wohl daran; und hierüber fällt mir eine Fabel ein, die mir mein treuer, guter Masul mit vielen andern in meiner Kindheit sehr oft erzählt hat, und der ich mich, wie Alles, was er mir erzählt hat, mit vielem Vergnügen erinnere. Du glaubst nicht, Ben Hafi, welch ein guter, scharfsinniger, munterer Erzähler mein Masul war und noch ist; aber leider weiß ich beim Anfange jeder seiner Erzählungen gleich das Ende, da ich sie oft gehört habe und er keine neue sammeln kann, weil er taub ist, oder sammeln will, weil er nur Das liebt, was er in glücklichern jüngern Tagen zu erzählen pflegte. Die Fabel nun lautet so: »Ein junger Krieger ging mit gespanntem Bogen im Felde umher, um sich im Schießen zu üben. Auf einem Baume saßen ein Rabe und eine Taube. Der Rabe sagte zu der Taube: Ich will dem auf seine Sprache stolzen Menschen zeigen, daß wir Vögel auch eine Stimme haben und vernünftig und vernehmlich sprechen können. Er sprang auf einen entblätterten Ast und krächzte. Der junge Krieger schoß, und als der Rabe sterbend niederfiel, sagte die erschrockene Taube, indem sie in die Luft sich schwang: Armer Schwätzer! nicht selten ist der Schweigende der Weiseste.« Großvizir. Merke dir die Lehre, Ben Hafi. Ben Hafi. Herr, wenn ein Weiser eine Fabel dichtet, so denkt er sich die Großen und die Kleinen als Zuhörer. Khalife. Und der Große muß um so mehr aufmerken, weil seine Thorheit Mehreren schaden kann. Ben Hafi. Ich danke dir, Herr der Gläubigen, für die hundert Derhem, und damit ich dir dafür nichts schuldig bleibe, so beliebe weiter mich anzuhören. Doch bemerke, Mahal spricht, nicht ich. »So nun vernichten sie in den Sultanen dadurch, daß sie ihnen ihren eigenen Verstand verdächtig machen, allen Willen, vernichten die Kraft des Wollens selbst in ihnen, und der klügste Sultan handelt wie der schlechteste Kopf, sagt Mahal, weil es ihm an Willen, an Kraft, zu wollen, fehlt. Nur der starke Willen, meint Mahal, mache den Sultan, wenn es übrigens mit seinem Gehirne und seinem Herzen gut bestellt ist, und nicht die ausgeschmücktesten Reden, nicht die erhabensten Gesinnungen hülfen hier zu etwas, weil, wie Mahal sagt, der schönste Sprecher, der erhabenste Denker im wirklichen Leben oft die dümmsten, einfältigsten, ja bösesten Handlungen, ohne es zu ahnen oder zu wissen, begeht und begehen läßt.« – Vielleicht bemerkst du, Herr der Gläubigen, daß dieser rohe Mahal auf einmal als ein so welterfahrener Mann spricht, und dies kommt vermuthlich von dem Geiste des Kaftans her, den er jetzt trägt. Du weißt, der Rock wirkt viel auf den Verstand des Mannes. Anders begreife ich es nicht, es müßte denn sein, daß ihn einer der Götter in die Schule genommen hätte. Dem sei nun, wie ihm wolle, er entdeckte bald, sagt er: daß der treffliche, verständige Sultan Lom von den Göttern, die um seinen prächtigen Thron her standen, so unterjocht war, daß ihm weiter nichts mehr übrig blieb, als in dem Zauberkreise, den sie um ihn gezogen hatten, auf dem Throne zu sitzen, sich äußerlich verehren, bewundern, anbeten zu lassen, Befehle zu geben, die man ihm einzuflößen wußte, und weiter nicht zu fragen, wie und ob sie ausgeführt würden, ob es Denen nutzte oder schadete, die sie betrafen. Reden ließ man ihn darüber so viel, so lange und schön er wollte, bewunderte auch Alles, was er sagte, und nun, spricht Mahal, hatte der Sultan Lom zu viel Verstand, um den Grund des Spiels nicht einzusehen, das man mit ihm spielte und ihn spielen ließ. Khalife. Soll ich dir ihn sagen? Ben Hafi. Wenn es dir so gefällt. Khalife. Die sogenannten Götter da, die in diesem Punkte wenigstens keine Thoren waren, verehrten ihn als das Oberhaupt ihrer tollen und sträflichen Götterheit, damit er nicht über sie und die Giner als Mensch herrschen möchte. Habe ich's getroffen? Ben Hafi. Ganz! Khalife. O, die heutigen Großen gleichen deinen Narren von Göttern nur allzu sehr. Sie verehren ihr Oberhaupt so lange, bis es, wenn es sie nicht durchsieht und sich vor ihnen hütet, vor lauter Verehrung es zu sein vergißt. Ben Hafi (für sich) . Weise wie Salomo! es soll schon wirken. (Laut.) Herr der Gläubigen, du darfst sagen, was der kleine Ben Hafi nur zu denken wagt. Der Sultan Lom fühlte es mit vielem Kummer, fährt Mahal fort, denn da er, wie gesagt, Verstand hatte, so sah er wohl ein, welches Spiel sie mit ihm und Denen trieben, die sie Menschenthiere nannten. Was aber das Allerstärkste ist, das man von einem Sultan sagen kann, er war von dem Betrug seiner und ihrer Götterrolle völlig überzeugt und hätte ihm gerne ein Ende gemacht, um über die Giner insgesammt als Mensch zu herrschen. Khalife. Und warum that er es nicht? Ben Hafi. Nicht weil es ihm an Verstand, sondern an Willen und der rechten Kraft, zu wollen, gebrach. Dies Wollen nun wollte der Mann vom Gebirge in ihm erwecken. Er sprach zu ihm: »Sultan Lom, du hast mir nun alle deinen Kummer vertraut, und ich, ein treuer Verehrer des wahren einzigen Gottes, vor dem wir alle Staub sind, ergreife mit Freuden die Gelegenheit, dich zum wahren Herrn der Giner zu machen, um sie und dich von diesem schändlichen Afterdienst zu bekehren. Wolle nur recht, und es geschieht. Es gibt verschiedene Wege, dich von dem Druck und der Unterjochung dieser sogenannten Götter zu befreien. Wähle einen. Der einfachste wäre: du bewiesest diesen Göttern ihren Unsinn dadurch, daß du dich zeigtest, was du so trefflich bist, ein Mensch, der ihres Betrugs müde ist; ob aber dieser sehr einfache Weg der klügste und sicherste ist, dieses mußt du erwägen. Wenigstens mußt du ihn vorbereiten, bevor du ihn betrittst. Ein künstlicherer wäre, wenn du so Viele von deinem Volke oder denen, die sie Menschenthiere nennen, zu Göttern machtest, daß es nicht mehr der Mühe lohnte, einer davon zu sein, weil alsdann jeder der Götter, der weiterhin leben wollte, zu einem nährenden Werkzeuge greifen müßte. Oder du forderst im Stillen die Menschen in Gin auf, deren du Tausende gegen einen der Götter zählen kannst, und sagst ihnen, du wolltest durch sie der Tyrannei dieser Götter ein Ende machen. Sei überzeugt, daß die Giner, die diese Götter so kostbar ernähren müssen, sie mit Freuden zu Dem machen werden, was sie wirklich sind. Alsdann nur wirst du alles Das ausführen können, worüber du so schön und herrlich sprichst.« Khalife. Es soll mir lieb sein, wenn es gut geht; aber ich zweifle sehr daran. Großvizir (in Bart murmelnd) . Es kann, es soll nicht gut gehen. Ben Hafi. Dem Sultan Lom gefiel Mahals Vorschlag; er überlegte ihn nach seiner an diesen Göttern gemachten Erfahrung und fühlte eine starke Beklemmung in der Brust bei dem Gedanken der Ausführung. Khalife. Es thut mir leid; aber ich dachte es wohl. Großvizir (für sich) . Ich auch! Ben Hafi. Er glättete nach und nach den rohen Vorschlag Mahals, machte ein Mittelding daraus, und indem er ihm das Kühne nahm, machte er ihn zu Dem, was jedes Mittelding am Ende wird. Er wollte Schritt vor Schritt gehen und seine Schritte dabei so weise leiten, daß er sie entweder zurückthun oder doch übertünchen könnte. Er that nun den ersten bedeutenden Schritt, die Götter wachten auf, ohne es sich merken zu lassen. Er that den zweiten, sie lobten ihn; er that den dritten, sie sagten kein Wort, und Alles, was geschah, bevor er den vierten thun konnte, war, daß Mahal in einem Gange des Palastes, nicht ferne von seiner hohen Person, einen Dolchstich empfing, worüber er ohne Bewußtsein zu Boden sank. Als sich Mahal von seiner Ohnmacht erholte, befand er sich in einem fremden Hause, unter den Händen der Aerzte, die ihm mit vieler Ehrfurcht seine Wunde in der Brust verbanden. Keiner der Aerzte noch Umstehenden sprach ein Wort mit ihm; auch beantwortete Niemand seine Fragen. In dieser peinlichen, langweiligen Lage brachte er einige Monate zu. Als er nun genesen war und aufstand, um sich zu dem Sultan zu begeben, trat einer der Götter zu ihm und sagte im Namen des Sultans Lom: »Der Sultan bedaure seinen Unfall gar herzlich; auch habe er dem Göttersohn, der ihn nicht weit von seiner hohen Person verwundet hatte, einen sehr rauhen Verweis gegeben. Ihm riethe er nun, sich aus Gin zu entfernen, damit er aufs Künftige solchen Gefahren nicht mehr ausgesetzt wäre. Er möge gleich das Land mit einem der segelfertigen Schiffe verlassen, und es freue übrigens den Sultan höchlich, daß er an seiner Wunde nicht gestorben wäre. Noch versichere er ihn, als einen wahren Enkel Seths, aller seiner Achtung.« Mahal wollte reden. Der Göttersohn sprach: »Mein Bester, sprich lieber nicht. Es würde uns um den Sultan leid thun, an dir das Herkommen verletzen zu müssen und einen unsers Geschlechts, gleich einem gemeinen Menschenthier, an das Kreuz zu schlagen.« Hierauf legte er ihm mit vieler Artigkeit ein Säckchen voll des Gotts der Irader in die Hand. Mahal warf es ihm zu Füßen, zerriß sein verbrämtes Gewand und forderte eins von denen, welche die Menschenthiere trugen. Der Göttersohn bemitleidete seinen Wahnsinn, bedauerte, daß er seinem erhabenen Ursprunge so schlecht entspräche, erfüllte seinen Willen und ließ ihn eilends zu Schiffe bringen. Hieraus siehst du, Herr der Gläubigen, daß es oft ein großes Wagestück ist, einem Sultan zu zeigen, wo es ihm fehlt, oder wie er sich aus einer Lage, die ihn hindert, Gutes zu thun, retten müßte. – Mahals Lohn beweist das Uebrige. Großvizir (für sich) . Und mit Recht. Khalife . Wäre ich in diesem Fall, oder könnte ich in diesen Fall je kommen, beim Propheten, es sollte so nicht gehen. Ben Hafi (für sich, indem er seine Handschrift zusammen rollt) . Ich nehme deine Worte für eine gute Vorbedeutung. Und wer wollte es um deinetwillen nicht wagen? Khalife . Habe ich es doch immer gedacht, daß es dem armen Mahal unter diesen glattzüngigen Ginern übel ergehen würde; doch es hätte noch schlimmer ausfallen können, und es ist mir lieb, daß er so davon gekommen ist. Ich wette, er wird in Zukunft behutsamer an den Höfen sein. Friede sei mit euch! Elfter Abend Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift auseinander und begann: Als Mahal sich gerettet sah, murrte er für sich: »Also ein Dolchstich von der Hand eines dieser Götter sollte meinem Leben und meiner Götterheit ein Ende machen. Und der verständige Sultan, den ich zum Menschen und dadurch zum Herren dieser Götter machen wollte, gibt einem von ihnen einen Verweis dafür, daß er mich ermorden wollte. Vermuthlich haben sie es gemerkt, und der schön und erhaben sprechende Sultan ließ mich fallen, um mit ihnen ferner zu bleiben, was er ist, ein Unglücklicher unter Thoren und obendrein ein armer, mit goldnen Ketten gefesselter Unglücklicher. Herr, was soll Mahal dabei thun und dazu sagen? Der grämliche Puh und meine schöne, böse Tochter, die Sultanin, wollten mich verstümmeln lassen, weil ich ihnen ihren Unsinn und ihre Bosheit zeigte. Der wilde Sultan Zobar jagte mich fort, weil ich so dumm war, nichts von ihrem schändlichen Gott nehmen zu wollen. Diese Göttersöhne geben mir nun einen Dolchstich, und der Sultan läßt es dabei, und Das alles geschieht, weil ich Gott und die Menschheit wieder in diesem verdorbenen Lande herstellen wollte. So wird mir jede neue Erfahrung zu einer neuen Pein, und jeder neue Zusatz der Kenntniß neuer Schmerz. Das Zeichen der Wunde auf meiner Brust, einige neu erlernte Wörter, die auch nur Zeichen in meinem Gehirne sind, ist nun abermals Alles, was ich aus Gin mitnehme. Ach, Herr, was soll ich nun zu meinem Ruhme, zum Ruhme der Menschen einst vor dir sagen! O meine Gebirge, meine Felsenquelle! mein süßer Schlaf! meine glückliche Unwissenheit! Diese Standrede hielt nun Mahal ganz für sich, während sich das Schiffsvolk zur Abfahrt rüstete. Er hatte nun so reichen Stoff zum Nachsinnen gesammelt, daß ihn die äußern Gegenstände nicht sehr reizen konnten. Er bewunderte für diesmal weder das Schiff, noch die Geschicklichkeit der Schiffer, und aus Furcht, Herr der Gläubigen, vor dem Salze der Gesellschaft, das er so scharf und beißend gefunden hatte, verbarg er sich unter der Decke des Schiffs in einen Winkel und ließ es über sich ergehen, wie Wind und Wellen wollten. Gleich einem reisenden Philosophen, der auf Menschenkenntniß auszieht und bei Andern weislich damit anfängt, war es ihm gleichviel, an welchem Landstrich man landete, überzeugt, daß, wohin auch der Wind ihn blasen möchte, er immer Thoren finden würde; vorausgesetzt, daß das Land von Menschen bewohnt sei. Meinst du, Herr der Gläubigen, Mahal habe sie alle in seiner eigenen Person schon auf dem Gebirge finden können, so habe ich nichts dawider; Alles, was sich dagegen sagen ließe, ist dies: der Philosoph wird es nicht glauben, und die Verschiedenheit ergötzt. Was aber das Sonderbarste bei Mahal war, so erwachte trotz Allem, was er zu Zeiten sagte, und trotz Allem, was er erfahren hatte; gleichwohl der Wunsch zur Rückkehr auf das Gebirge nicht lebhaft in seinem Herzen. Ihn spornte der Reiz des Schauspiels, die Begierde, immer mehr zu wissen, Alles philosophisch zu bemerken, das, wie ein weiser Sultan des grauen Alterthums sagt, die böse Beschäftigung ist, welche Gott dem Menschen, ihn zu ermüden, gegeben haben soll. Er hoffte doch endlich, ob sich sein Geist gleich immer mehr verdunkelte, heller zu sehen, die Quelle aller ihn plagenden Erscheinungen zu entdecken und genau zu erfahren, woher eigentlich der unreine Zu- und Einfluß herkäme, ob aus dem Menschen selbst, oder ob ihn Der so gemacht hätte, der ihm nun mit Verderben drohte. So erging es ihm wie jedem Späher des Labyrinths des menschlichen Geistes und Lebens, der unbegreiflichen Erscheinungen der physischen und moralischen Welt. Dieser überzeugt sich immer mehr von seiner Unzulänglichkeit, den verworrnen Knäuel loszuwinden, gleichwohl läßt er nicht ab, wird nur hitziger, schmollt, murrt, hadert mit sich, durch sich mit Gott und verwirrt das Verworrene immer mehr. O selige Einfalt! du Balsam des Lebens! Die Worte, die Mahal bisher erlernt hatte, stehen hier unter allerlei Formen und Gestalten. Bald steht das letzte zuerst, bald das erste zuletzt, und es scheint, Mahal war mit ihnen in einem unablässigen Kampfe. Ein Luftgefecht, Herr der Gläubigen, aus welchem bisher noch Keiner als gekrönter Sieger zurückgekommen ist. Mahal wenigstens scheint in diesem Kampfe nicht glücklich gewesen zu sein; ich sehe dieses daraus, daß er am Ende seiner Fechterstreiche immer dieselben Fragen aufwirft: »aber Wohin? Woher? Wozu? Warum? Was ist der Hauptsinn davon?« Es scheint ihm ebenso gegangen zu sein, wie allen Denen, die über Gott und die Welt Systeme bauen, ein Gerüste von Worten zusammentragen – Khalife . Genug! Genug! O Ben Hafi, du fängst dein heutiges Märchen so arg an, daß ich an meinem gegebenen Wort zu zweifeln anfange. Ben Hafi . Dieses fürchte ich nicht, und vielleicht lohnt es am Ende. – Sieh, Nachfolger des Propheten, schon bin ich mit Mahal im Lande der Faraker angelandet. Die aufgehende Sonne vergoldet den Himmel, Mahal steht vor einer mit Gräben, Thürmen und Mauern umgebenen Stadt und wartet, bis das eherne, feste Thor sich öffnet. Es geschieht; das eherne Thor öffnet sich so langsam auf den Angeln, so ächzend und knarrend, wie das Thor eines Gefängnisses. Mahal wird eingelassen, ausgekundschaftet, sein Inneres und Aeußeres mit Zeichen aufgemerkt; schon wandelt er in den noch stillen und einsamen Straßen und wundert sich sehr, ganz klare und durchsichtige Häuser zu sehen, die wie eine Reihe ungeheurer Laternen neben und gegeneinander über standen. Er sah die Bürger Faraks mit den Bürgerinnen in den Betten und in den übrigen verschiedenen Lagen des häuslichen Lebens. Mahal dachte – Khalife . Laß mich dir erst sagen, Ben Hafi, was ich davon denke. Ich denke nun, dein Mahal findet hier, was er schon so lange suchte: gute, gottesfürchtige und vortreffliche Menschen, die das Tageslicht nicht scheuen, die, weil wir nun einmal kein Guckglas an unsrer Brust anbringen können, wogegen ich für meine Person und als Regent nichts hätte, ihr ganzes Haus zu einem Guckglas machten. Glücklich ist das Land, wo es die Bürger in der Sittlichkeit und Gottesfurcht so weit gebracht haben, daß die ganze Stadt Zeuge von dem Thun und Handeln eines Jeden sein kann! Ben Hafi . Und sogar eines Jeden Worte hören kann, wenn man sie auch noch so leise lispelte. Khalife . Warum nicht? Hört sie doch Gott! – Fahr fort, Ben Hafi; leicht könnte mir dieses ein unterhaltendes Märchen werden, und Zeit wäre es einmal. Ben Hafi. Ich wünsche es von Herzen; doch mäßige immer ein wenig deine Erwartung, da ich nichts anders geben kann, als was ich in dieser Handschrift finde. Noch mehr wunderte sich Mahal, Männer an den Thüren stehen zu sehen, die ihr Ohr an eine Oeffnung derselben legten und, während sie sehr aufmerksam horchten, Zeichen auf Tafeln niederschrieben. Diese Männer waren mit schönen, vielfarbigen Mänteln bekleidet, die ihnen bis zur Ferse herunter hingen, und auf ihrem Haupte trugen sie tief herunter hängende Deckel. Mahal schlich nach ihrem Beispiel an eine der Oeffnungen und hörte ein leises Lispeln. Dieses Geschäfts ungewohnt, vernahm er nicht gleich den Sinn des Lispelns und wollte nun eben recht aufmerksam lauern, als einer der Männer zu ihm trat, ihn an dem linken Ohr ergriff und das Zeichen forderte, das ihn zu diesem Geschäft berechtigte. Da nun Mahal kein Zeichen vorzuweisen hatte, so befahl ihm der Mann, ihm zu folgen. Er führte ihn in eine sehr breite und lange Straße, deren Häuser nach der Außenseite alle sehr fest vermauert, und ganz das Gegentheil der Laternen waren. Sie hielten vor einem großen Hause, und Mahals Führer sagte: »Hier wohnt der erste Gomer in Farak, unser Oberhaupt.« Dieses Wort, Herr der Gläubigen, hat nach Mahals Erklärung dreierlei Bedeutungen, die es nach und nach in guten und bösen Zeiten erhalten hat. Du weißt ja wohl, daß die Worte, deren sich die Menschen bedienen, mit den Menschen besser oder schlimmer werden. Die erste Bedeutung war die ursprüngliche, die Sache bezeichnende. Die zweite die figürliche oder auch verschlimmerte. Die dritte die ganz veredelte. In der Geschichte dieser Worte hast du zugleich die Geschichte Derer, die man damit bezeichnete. Nach der ersten ursprünglichen, die Sache bezeichnenden bedeutet das Wort Gomer einen Mann, der von den Zeichen der Worte lebt. Nach der figürlichen, verschlimmerten einen Mann, der mit der Wahrheit Wucher treibt, auch der sie verkauft, und sogar einen Lügner mit geschminkten Lippen. Nach der dritten und ganz veredelten bedeutet es einen Büchermacher oder Schriftsteller, und dieses letztern Worts bediene ich mich nach Mahal, wenn ich von den Gomern in Farak rede. Sie fanden das Oberhaupt der Gomer oder der Schriftsteller in einem großen Saale, an dessen Wänden rundum Schränke voller wohlgeordneter Handschriften standen. Es ist Schade, daß die Sündfluth sie weggeschwemmt hat, da wir nun an Büchern Mangel haben! Der Führer Mahals, ein untergeordneter Schriftsteller, lispelte dem sehr ernsten Oberhaupte seiner Zunft etwas in das Ohr, und der sehr stattliche ernsthafte Mann wandte sich zu Mahal und fragte ihn in einem sehr derben Tone: »Wie hast du, Unglücklicher, es wagen können, den Weisen in Farak in das Amt zu greifen und dein Ohr an die Thüre des Hauses eines unsrer Bürger zu legen?« Mahal. Herr, ich kenne weder die Weisen, noch die Thoren dieses Landes. Ich kam diesen Morgen vor eurer Stadt hier an, man ließ mich ein, ich sah diesen Mann sein Ohr an eine Thüre legen, ich that es ihm nach, in der Hoffnung etwas zu erfahren, das ich noch nicht wüßte und das vielleicht des Wissens werth wäre. Hierauf erzählte Mahal den ersten Theil seiner Geschichte, und der stattliche Mann sagte ihm: »Lege ferner nicht dein Ohr an die Thüren der Faraker. Gehe durch die Straßen, ohne in die Häuser zu sehen, denn dieses kommt nur Denen zu, die du so gekleidet siehst wie mich und diesen Weisen hier, und die das geheime Zeichen von sich geben können. Man vergibt für diesmal deiner Unwissenheit, und da du so weit herkommst, so will ich dich dem mächtigen, großen Sultan der Faraker vorstellen. Neige dich dreimal bis zur Erde vor ihm, erzähle ihm, was dir in Farak widerfahren ist, vielleicht lächelt er, und dein Glück ist gemacht. Vor allen Dingen vergiß ja nicht, dich dreimal bis zur Erde zu neigen und deinen Zeigefinger auf den Mund zu legen, bis er dir zu reden gebietet.« Mahal . Sei doch so gütig und sage mir: Hält sich der mächtige und große Sultan der Faraker auch für einen Gott? Verzeihe mir diese Frage, ich fürchte mich gar zu sehr vor den menschlichen Göttern. Der ernsthafte Mann lächelte und sagte: »Ich merke schon, du kommst aus Gin, dem Lande der Thoren und Betrüger.« Mahal . Ach ja, und beides sind sie. Das Oberhaupt der Schriftsteller . Du bist nun im Lande der Weisen, die durch ihren Verstand und den Geist ihrer Schriften alle Thorheit ausgerottet haben. Khalife . Weniger erwarte ich von Weisen nicht. Ben Hafi . Der ernsthafte und vornehme Mann fuhr fort: »Der Macht nach, Fremdling, ist der große Sultan Komar ein Gott in Farak, denn er kann da wohl und weh thun, wo es Männer unsrer Farbe für ersprießlich und nöthig finden. Uebrigens ist er ein Mensch, wie ich und du, und zu weise, sich für mehr zu halten.« Khalife . Das ist mir lieb. Ben Hafi . Mahal antwortete: »Ist dem so, so führe mich nur immer zu ihm. Ich versichere dich, er ist der erste Mensch auf dem Throne, den ich auf meiner mühseligen Wanderung gefunden habe; auch mache ich mir daraus im Voraus einen großen Begriff von ihm. Das Oberhaupt der Schriftsteller . Du kannst nicht groß genug von ihm denken, und jede deiner Vorstellungen wird er übertreffen, denn er ist der erste Sultan, den Schriftsteller ganz gebildet und ausgebildet haben. Hierauf winkte das Oberhaupt der Schriftsteller dem Mahal abzutreten, lispelte dessen Führer etwas in die Ohren, und Mahal ward von diesem in ein Zimmer geführt, worin man ihn sehr reichlich speiste und tränkte. Dieser an sich unbedeutende Umstand erhöhte Mahals Begriff von dem vornehmen Manne, den Schriftstellern, dem Sultane und den Farakern insgesammt. Das Oberhaupt der Schriftsteller erhob sich bald unter der Begleitung einer großen Anzahl vielfarbiger Mäntel, und Mahal vergaß während des Zuges seines Befehls nicht, starrte gerade vor sich hin, und schielte er auch ein wenig seitwärts, so geschah es nur, um die vielfarbigen Mäntel zu beobachten, die rechts und links in die Laternen sahen und sich ihre Bemerkungen zuzischelten. Sie traten nun alle in einen ungeheuren Palast, dessen Höhe und Breite das Auge kaum erreichen, kaum ausmessen konnte. Die Wächter und Diener neigten sich vor dem Oberhaupte der Gomer und seinem Gefolge, und nun traten sie in einen glänzenden, sehr langen, sehr hohen und breiten Saal, der, so wie der Palast, für Wesen gebaut zu sein schien, wie sie sich Mahal unter den Gewaltigen auf dem Gebirge einst dachte. An einem Ende dieses ungeheuren Saals saß der Sultan Komar auf seinem Throne, bei dessen Erblickung Mahal einen lauten, starken, heftigen Schrei des Staunens und des Entsetzens ausstieß. Khalife . Ich wollte wetten, der rohe Mann vom Gebirge macht wieder einen dummen Streich, oder hat ihn schon gemacht. Ben Hafi . Mit Recht nennst du ihn so, Beherrscher der Kinder des Apostels Gottes! Der Sultan Komar war weder ein Gegenstand des Staunens noch des Entsetzens. Höchstens war er für einen ausgebildeten Mann der Gegenstand eines stillen, leisen Lächelns, denn der große und mächtige Sultan Komar, wie ihn das Oberhaupt der Schriftsteller nannte, war ein ganz kleiner Zwerg, ein wenig über eine Elle hoch, prächtig geschmückt, auf seinem Haupte einen sehr dicken, mit einer reichen Feder gezierten Turban tragend, der seinen rechten Fuß auf eine große Kugel stemmte, auf welcher das Zeichen der Erde in Gold zu sehen war. Sein Angesicht war etwas runzlicht, dabei aber sehr majestätisch; er spielte seine Sultansrolle in der kleinen Person sehr gut, sah sehr ernsthaft und kalt über die Versammlung hin und zupfte zu Zeiten an seinem sehr dünnen, langen Barte. Auch hatte er einen sehr langen Stab in der rechten Hand. Der Schrei Mahals unterbrach gleich im Anfange den feierlichen Auftritt. Der Sultan blickte auf den rohen Gebirgsmann, das Oberhaupt der Gomer bemerkte es, er nahte dem Sultan, küßte ehrerbietig seinen langen Bart, lispelte ihm etwas leise dem Stabe hinauf zu, worüber der Sultan Zwerg vergnügt zu sein schien. Khalife . Ich habe lange an mich gehalten; doch bei dem dünnen Barte dieses kleinen Sultans! nun erzählst du eine Fabel und kein Märchen. Ein Zwerg ein Sultan! – Ich weiß wohl, Ben Hafi, daß ein Mann, der ein Märchen erzählt, das Recht hat, zu lügen, es nach Gefallen auszuschmücken; aber er muß in den Grenzen der Wahrscheinlichkeit bleiben, wenn er will, daß man ihm glauben soll, so lange wir ihm erlauben, uns Langeweile zu machen. Ben Hafi . Bei der Wahrheit, ich erzähle nichts, was sich nicht in dieser seltenen Handschrift findet. Sieh hier, Herr, diesen Zwerg mit Turban, Stab und Kugel abgebildet, den Maßstab unter ihm, der gerade eine Elle und etwas darüber ausmacht. Khalife . Wahrlich ganz natürlich! und wie du sagst, so lächerlich es ihm auch läßt, doch sehr majestätisch, – und dieses Zeichen da, was soll es vorstellen? Ben Hafi . Die Erde. Khalife . Gleicht es doch gerade dem Dinge, womit das Volk bei tollen Festen den Schädel seiner Narren ziert. Aber wie konnte das kleine Ding da Sultan sein? Ben Hafi . Und warum sollte es ein so kleines Ding nicht sein können? Ist es doch nicht der Körper, sondern der Geist, der die Menschen beherrscht und leitet, und so gut ein Riese ein Zwerg an Geist sein kann, so gut kann ein Zwerg ein Riese an Verstand sein. Khalife . Das Erste mag sein und ist um so schlimmer, das Zweite glaube ich gar nicht. Ben Hafi . Warum, Herr der Gläubigen? Khalife . Weil des Riesen Geist in dem Zwerge nicht Platz hätte, den Körper des armen Zwerges leicht zersprengen könnte, besonders wenn er in ihm zu brausen anfinge. Glaubt mir, Gott gibt dem Zwerge und dem Riesen, was sich für jeden schickt, und gibt er dem Riesen Dummheit, so geschieht es darum, daß ihn der Verstand der Zwerge bändige. Der Zwerg, Ben Hafi, der Gott fürchtet, ist so groß wie der Riese und noch größer wie der Riese, wenn der Riese ein Ungläubiger ist und Gott nicht fürchtet; aber zum Sultan taugt er wahrlich nicht. Nehmt einmal an, Ich, der Herr der Gläubigen, der Nachfolger des Propheten, der ich über mehr Länder und Menschen herrsche, als alle Sultane zusammen vor der Sündfluth, wäre ein Zwerg, wie dieser da – was meint ihr davon? Großvizir . Herr, du würdest auch dann so groß und gütig sein, als du nun bist. Khalife . Ich habe nichts dagegen, daß du dieses glaubst, weil es doch nichts schaden kann; aber ich glaube es nicht. Ben Hafi . Ich auch nicht. Khalife . Und warum nicht? Ben Hafi . Weil Kraft zum Guten gehört, und wenn sie auch nicht da ist, diese Kraft, so muß doch wenigstens die Wahrscheinlichkeit davon da sein. Khalife . Ja, die thut viel in unsrer Lage: denn ist auch der Herrscher nicht, was er sein soll, so müssen oder sollen wenigstens doch Alle glauben, daß er es sein kann, wenn er nur will. Ben Hafi . Es recht will. Du hast's gesagt, und ich fahre fort. Das Oberhaupt der Schriftsteller nahm nun einigen Untergebenen verschiedene Rollen ab und las dem Sultan ganz leise vor, was die Kundschafter gesehen und gehört hatten. Es schien den Sultan sehr zu unterhalten, und er gebot, über das Gehörte weiter zu verordnen. Nun mußte Mahal vortreten, die drei Verbeugungen bis zur Erde machen und seinen Zeigefinger auf den Mund legen. Auf ein Zeichen des Sultans mit dem langen Stabe durfte er reden, sein Vergehen, gegen die Sitte des Landes und dann seine Geschichte erzählen. Des Sultans Runzeln zertheilten sich auf seiner Stirne, und da ihm gar das Oberhaupt der Gomer Mahals Frage wegen seiner Götterheit vorbrachte, so brach der vernünftige Sultan in ein so starkes Gelächter aus, daß die Kugel unter seinem rechten Fuße hin- und herrollte, der dicke, hohe Turban um sein Haupt schlotterte und sein kleiner Bauch sich aufblies und zusammenfiel, wie ein Blasebalg. Die ganze hohe Versammlung ward hierbei ehrerbietig heiter. Hierauf gebot der Sultan, dem Fremdling eine Wohnung und Unterhalt zu geben. Ein Haufen der Schriftsteller nahmen nun Mahal in die Mitte, führten ihn durch die Straßen und riefen: »Faraker! er hat ihn gesehen – er hat den Großen, den Herrlichen, den Mächtigen gesehen! – er hat den erhabenen Weisen gesehen, den wir gebildet haben! Er hat ihn gesehen, den Schlußstein der menschlichen Gesellschaft, der Alles zusammenbindet, ohne den Alles zusammenfällt! Er hat ihn gesehen, den gewaltigen Sultan Komar, und der gnädige Sultan Komar hat ihm zugelächelt!« Die Faraker riefen, Jung und Alt, Mann und Weib, Greis und Kind, in wehmüthig freudigem Tone, aus ihren Laternen heraus: »Ach, der Glückliche hat ihn gesehen – hat den Schlußstein gesehen, den Großen, den Mächtigen gesehen, und er hat ihm zugelächelt. Wir Unglückliche haben ihn nicht gesehen – wann werden wir Unglücklichen ihn sehen und nicht mehr unglücklich sein!« Ein Schriftsteller rief: »Weise und glücklich ist, der ihn nicht sieht und doch glaubt.« Man führte nun Mahal in eine sehr helle und durchsichtige Laterne ein, wies ihm seinen Unterhalt an und rieth ihm, behutsam zu sein. Ganz natürlich war es, daß Mahal fragte, worin er eigentlich behutsam sein müßte, und aus seinen zerstreuten und sehr dunkeln Bemerkungen habe ich nur Folgendes zusammenbringen können. Die Faraker waren ehemals, wie es scheint, ein sehr widerspenstiges, zu Empörungen und Neuerungen sehr aufgelegtes Volk. Sie stritten mit eben so viel Ungestüm und Feuer, wenn sie Recht, als wenn sie Unrecht hatten. Es war ihnen genug, wenn sie nur streiten und kämpfen konnten, mochte es ihnen auch schädlich oder nützlich sein. Daher waren sie selten mit ihren Sultanen und ihre Sultane noch seltner mit ihnen zufrieden. Beliebe, Herr der Gläubigen, ein für allemal zu bemerken, daß nur der Gomer oder Schriftsteller in Farak die Geschichte schreiben durfte. – Die Faraker fühlten, wie es scheint, den Kitzel der Freiheit ein wenig allzu lebhaft und ihre Beherrscher den Kitzel der Allgewalt nicht minder lebhaft. Dieses nun sind zwei einander so entgegenstrebende Kitzel, daß der eine immer Schmerz empfinden muß, wenn der andere den seinigen befriedigt; ja, es kann beinahe Keiner derselben seinem Kitzel ganz genug thun, ohne ihn dem Andern auszutreiben. Sogar nach der Sündfluth ist es noch Keinem gelungen, diese sich so sehr widerstrebenden Kitzel oder Empfindungen durch Verstand und Weisheit so zu vereinigen, daß jede Partei zufrieden wäre und jede derselben ihren Kitzel fühlen könnte, ohne der andern Schmerz zu verursachen. Demnach war nun in Farak ein beständiger Krieg, und der kleinste von der einen oder der andern Partei errungene Sieg endigte mit Mißbrauch. Die Gomer, Weisen, Gelehrten oder Schriftsteller des Landes hätten nun sehr leicht dem verderblichen und wilden Kampfe ein Ende machen können. Sie hatten weiter nichts zu thun, als eine scharfe Linie zwischen den Parteien zu ziehen, die Rechte und Vorrechte einer jeden genau abzusondern und zu wachen, daß jede derselben in den angewiesenen Schranken ruhig blieb. Doch es scheint, die Gomer in Farak trauten der menschlichen Natur nicht Vieles zu, vielleicht war dieses Mißtrauen eine Frucht ihrer Weisheit oder ihrer Erfahrung an sich selbst. Leicht soll auch das Ding überhaupt nicht sein. Dem sei nun, wie ihm wolle, die Schriftsteller in Farak waren dieser Meinung, und wer kann mit ihnen darüber streiten? Sie hielten sich, als Leute, die das Waffengeräusch, das Blutvergießen aus Menschlichkeit verabscheuen, während des Kampfes sehr still und lagen den Wissenschaften ob. So sehr sie aber mit den erhabenen und entfernten Wahrheiten beschäftigt waren, so entgingen ihnen doch die gemeinen und nähern nicht. Sie entdeckten, daß der Vortheil für sie sehr groß sein würde, wenn sie es mit Dem hielten, der alle Macht in einer einzigen Person vereinigte: und daß, wenn diese einzige Person durch sie zum Sieger über die wilde Menge würde, diese einzige Person viel leichter durch sie zu leiten wäre, als diese wilde Menge. Alle Fehde mußte auch alsdann auf einmal ein Ende nehmen. Diesen sehr patriotischen Gedanken theilten sie sich unter einander mit, verbanden sich zur Ausführung desselben, theilten die Vorbereitungsrollen aus und arbeiteten eine Zeitlang ganz im Stillen für die Ruhe der Faraker. Man überlistete die Rohen nach und nach, fing mit Vernichtung unbedeutender, den einfachen Gang der Regierung störender Vorrechte an, als: Sicherheit der Person, des Guts, des Rechts, selbst zu bestimmen, was ein Jeder nach Vermögen zum Bedürfniß des Staats beizutragen fähig ist u. s. w., und endigte, wie es immer geht, mit Vernichtung derer, ohne deren Besitz man gerade Das wird, was du, Herr der Gläubigen, die Faraker wirst werden sehen. Doch muß ich zum Lobe dieser Schriftsteller sagen, daß, wenn sie den Geist der Freiheit in den Farakern ausrotteten, sie sich ihn weislich ausschließend vorbehielten. Und damit der ihrige nie Gefahr liefe, so umspannen sie den Sultan mit einem so feinen Netze, daß er etwas mehr als ein Zwerg hätte sein müssen, um sich heraus zu wickeln. Darum sorgten sie dafür, daß der schwächste Erbe dem letztverstorbenen Sultan auf dem Throne folgen mußte. Die Stärkern verblühten früh, und bevor sie in ihrer allzu gefährlichen Kraft ganz aufgeschossen waren. Sie übernahmen die Vormundschaft über den Sultan Zwerg und schnitten während derselben den Plan zu der glücklichen Regierung zu, die ich hier, dir zur Erbauung und zur Freude aller Genies dieser Art, aus Mahals Handschrift zusammenlese. Khalife . Sie erbaut mich schlecht, und ich fürchte sehr, ich habe mich in diesem Volk und seinen Laternen betrogen. Es ist mir leid. Ben Hafi . Der erste Schriftsteller war und blieb für immer Großvizir. – Die Wahl nur verursachte einen großen Krieg unter der ganzen Zunft, weil sich Jeder für den ersten hielt, und sie waren nah daran, sich unter einander durch Uneinigkeit, zum Unglück Faraks, aufzureiben, als sie glücklicher Weise auf den Einfall kamen, für diesmal den ältesten Greis zum Großvizir zu wählen. – Damit aber in Zukunft die Wahl keine weitere Uneinigkeit verursachen und das Wohl des Staats Gefahr laufen möchte, so ward einstimmig ausgemacht, daß nur Der zu diesem hohen Amte sollte gewählt werden, der die meisten und die dicksten Bücher geschrieben hätte. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie dieser Sporn die Schriftsteller in Farak in Athem setzte! Bei dem Absterben eines Großvizirs trug Jeder, der Anspruch machen konnte, seine Handschriften, keuchend unter der Last, nach dem Saal der Wahl, in welchem eine sehr richtige Wage aufgestellt war. Die Handschriften oder Bücher wurden dann so genau wie Gold und Edelsteine gegen einander abgewogen, und das Uebergewicht entschied die Wahl. Alle übrigen Stufen von dem Großvizir bis zum niedrigsten Diener des Sultans wurden gleichfalls von Schriftstellern besetzt, und ihre Rangordnung nebst weiterer Beförderung eben nach dem Gewichte ihrer Schriften bestimmt. Der vielfarbige Mantel unterschied sie von den übrigen Farakern. Ein Theil derer von ihnen, die in Kronbedienung standen, hatten zugleich das sehr wichtige Geschäft, ihr Ohr an den Mund ihrer Mitbürger zu legen, in ihre Laternen zu sehen und Alles aufzuzeichnen, was ein Faraker sprach, dachte und that. Damit dieses nun ohne alle Schwierigkeit geschehen möchte, ward einem Bauverständigen aufgetragen, den Riß zu einem Hause zu machen, in dem nichts geschehen könnte, was man nicht von außen sähe, in dem nichts gesprochen werden könnte, was man nicht an der Thüre hörte. So entstanden die schönen, hellen, durchsichtigen Laternen, über die sich Mahal so sehr bei seinem Eintritt in Farak wunderte. Durch alle Zimmer wurden künstliche Röhren gezogen, diese mit einem Hauptrohr, dessen Oeffnung in der Mitte der Thüre sich befand, verbunden, und das Machwerk davon war so vortrefflich eingerichtet, daß es das allerleiseste Lispeln verstärkte und dem Lauscher verständlich machte. Dieser nützliche Beamte hielt Griffel und Tafel in der Hand und zeichnete das Gehörte auf. Die Berichte Aller insgesammt wurden jeden Morgen dem Großvizir überbracht, der den Sultan damit unterhielt und das Weitere selbst verfügte. Bei Todesstrafe durfte Keiner den Gomer oder Schriftsteller in seiner Amtsverrichtung stören, und der Faraker lief Gefahr, verdächtig zu werden und für einen schlechten Bürger zu gelten, wenn er in dem Augenblicke, da er den Horcher merkte, seine angefangene Rede unterbrach. Für alle diese große Mühe, den Staat zu beherrschen und die Faraker zu belauschen, lebten ganz natürlich die Schriftsteller in Farak, gleich den Göttern in Gin, auf Kosten Derer, die diese große Mühe verursachten und für deren Glück und Ruhe sie so weislich sorgten. Der Sultan Zwerg lebte durch ihre Sorgfalt als unumschränkter Herr in seinem ungeheuern Riesenpalast, schlief immer ruhig, lebte vergnügt, hatte nichts zu fürchten und durfte auf seinem goldenen Throne denken, er sei Beherrscher der Welt, Alles zittere vor ihm und Niemand dürfe wagen, etwas zu reden, das ihm mißfallen könnte. Auch wußten die Gomer das Netz, worin sie den Zwerg gefangen hielten, so fein zu verbergen, daß er, wäre er auch ein Riese an Leib und Geist gewesen, doch nicht hätte merken können, er sei der erste Sklave in Farak. Und in diesem Sinne, Herr der Gläubigen, sagt Mahal, ist jeder Sultan ein Zwerg, wenn er aus Güte, oder Schwäche, oder Weichlichkeit, oder Stumpfheit, oder Mangel an echtem, starkem Willen sein Volk durch seine Vizire regieren läßt. Khalife. Darin hat Mahal vollkommen recht, und der Sultan, den es trifft, der mag es sich gesagt sein lassen. Der Großvizir fand dieses Märchen Ben Hafis bis hierher ganz erträglich, nun aber änderte er seine Meinung. Ben Hafi. Den Farakern war übrigens erlaubt, mit Kopf und Händen so viel zu arbeiten, als sie Kräfte hatten; das Bücherschreiben doch ausgenommen. Und was brauchten sie mehr? Sie durften sogar lustig sein, sagt Mahal, Alles thun, was sie ergötzte, wenn man nur sah und hörte, was sie thaten und sprachen, und es weiter keinen Verdacht gegen die Ruhe und die eingeführte Ordnung des Staats erweckte. Die Schriftsteller fanden diese ihre Staatsverfassung so vortrefflich, daß des Lobens und Preisens derselben von ihrer Seite kein Ende war, und die Faraker wurden mit Schriften in gebundener und ungebundener Rede über ihre glückliche Verfassung überschwemmt, die Jeder lesen, bewundern, zur Erholung von der Arbeit abschreiben und sammeln mußte, wenn er sich nicht als schlechter, unpatriotischer Bürger verdächtig machen wollte. Dabei gewannen nun die Gomer oder Schriftsteller zwiefach; denn erstlich arbeiteten sie für ihre herrliche Staatsverfassung, und zweitens erschrieben sie sich Ehrenstellen, da ihnen jedes dicke Buch, das ihnen von ihren Fingern floß, eine Stufe weiter helfen konnte, wenn es zum Wägen ihres Verdienstes kam. Auch waren die Bücher sehr schön geschrieben, denn die Gomer wandten alle Gaben ihres Geistes an, ihr Lieblingsgeschäft recht auszuschmücken. Es ist Schade, daß die Sündfluth sie weggeschwemmt hat! Sieh, Herr der Gläubigen, so machten Leute, die kein Schwert gezogen, kein Kriegsroß bestiegen hatten, die vor dem Wort Kampf erbebten, der wilden, blutigen Fehde in Farak ein Ende, und Farak ward unter ihrer sanften Leitung das glücklichste, ruhigste, seligste Land, das vor der Sündfluth auf dem Erdboden geblühet hat. Man hörte da keinen raschen, tollen Schrei, keinen kühnen, gefährlichen Gedanken, keine kraftvolle, zarte, der Ruhe gewohnte Sinne beleidigende Ausdrücke. Der Zwerg Sultan konnte vergnügt auf seinem Throne sitzen, die Schriftsteller konnten sich ruhig in ihren Gemächern Ehrenstellen, bis zum Viziriat hinauf, erschreiben; Jeder war gewiß, keine Gefahr, keine Veränderung bedrohe ihn, und auch die Bürger waren fest überzeugt, man würde ihnen nichts zu Leide thun, wenn sie Das verblieben, wozu die Gomer sie gemacht hatten. Kurz, die Faraker lebten so ruhig, wie die Todten in den Gräbern, und unterschieden sich nur dadurch von ihnen, daß sie thun mußten, was die Todten nicht mehr thun, für die Gomer und sich so lange zu arbeiten, bis sie den Todten völlig glichen. Khalife. Ben Hafi, ich hatte im Anfange deines Märchens eine bessere Meinung von diesem Lande: nun sehe ich, daß ich mich betrogen habe, und dies ärgert mich. Dein Märchen da, es sei nun Fabel oder Wahrheit, ist eins der widrigsten, das ich noch gehört habe, und beim Glanze meiner Vorfahren! der Mann, der so und über solche Menschen, in solchen Laternen und mit solchen Sprachröhren an den Thüren der Laternen herrschen mag, muß ein Zwerg an Leib und Seele sein, wie dieser dann es ganz gewiß sein muß. Es ist mir nur lieb, daß du ihn dazu gemacht hast, und ich sehe daraus, daß oft ein Märchen durch Das wahrscheinlich wird, wodurch es anfangs unwahrscheinlich zu sein schien. Und diese Schriftsteller, diese Gomer – ich spreche nicht gern Böses von den Menschen – aber wahrlich, ich wünsche sie meinen Feinden – ich wünsche sie den Ungläubigen – doch nein! es ist zu viel – ich nehme meinen bösen Wunsch zurück – ist es an mir, sie zu richten? Gott hat sie gerichtet und wird an jenem Tage sie richten, an welchem die Mutter ihren durstigen, schreienden Säugling selbst nicht hören wird. – Aber was sagte Mahal von dem Dinge? Ben Hafi. Er dachte gerade so wie du, nur durfte er es nicht wagen, in seiner Laterne laut zu denken. Unvorsichtiger Weise fragte er einen Schriftsteller: »Woher es käme, daß nur sie in undurchsichtigen Häusern und nicht in Laternen wohnten, wie die übrigen Faraker?« Der Schriftsteller antwortete: »weil wir dem Staate nicht gefährlich sind.« Mahal erwiederte lächelnd: »ich glaube es wohl!« und machte sich verdächtig. Zu seinem Unglück konnte er nicht unterlassen, wie du schon oft bemerkt wirst haben, laut zu denken, und so sehr er es sich auch vorgenommen hatte, sich während seines Aufenthalts in Farak in Acht zu nehmen, so entwischte ihm doch eines Tages aus Langerweile folgendes Selbstgespräch: »Dieser Sultan da gleicht wahrlich meinem ehemaligen Schwiegersohn Puh im Kleinen, und seine Unterthanen, die, so wie ich, in Laternen wohnen und gleich mir nicht zu reden wagen, sind gerade eines solchen Sultans werth. Diese Schriftsteller da, die nichts thun als die Bürger zu belauschen und dicke Bücher zu schreiben, sind noch ärger als die Götter in Gin. Diese legten doch ihr Ohr nicht an die Brust der Giner, und der Ehemann durfte ihnen wenigstens einen Sklaven zeugen, ohne daß sie zusahen, wie er es machte. Lange halte ich es hier nicht mehr aus! Ach, Herr! was sind die Menschen! Was ist aus deinen Geschöpfen geworden! Wie konnte, was ich sehe und erfahre, aus deinen Geschöpfen werden?« Kaum hatte Mahal diese letzten Worte ausgesprochen, als einer der Gomer in sein Zimmer trat und ihm von seiner Tafel herlas, was er eben gesprochen hatte. Hierauf sprach der Gomer in einem sehr ernsten Tone: »Fremdling in Farak, ich bin dein zugestellter Schutzgeist und habe es über mich genommen, für deine Ruhe, deine Sicherheit und dein Glück zu sorgen, so lange du in Farak unter unsrer weisen Leitung lebst. Ueberbrachte ich deine kühnen und unvernünftigen Worte unserm Oberhaupte, so würde es dich dein theures Leben kosten. Doch unser gütiges Oberhaupt hat mir, als er dich meinem Schutze übergab, bedeutet, mit dir bei deinem ersten Fehler gelinde zu verfahren. Ich weiß nicht, wodurch du diese besondere Gnade vor seinen strengen Augen gefunden hast. Ich gehorche indessen gerne und lege dir nun, als dein dich liebender Schutzgeist – nicht zur Strafe – denn wie kann dies eine Strafe sein? – sondern zu deiner Erleuchtung auf, daß du alle die Bücher, wodurch sich unser erhabenes Oberhaupt das Viziriat erschrieben hat und die alle, in gebundener und ungebundener Rede, zum Zweck haben, die Bürger über ihre glückliche Staatsverfassung aufzuklären, durchlesest. Ich hoffe, du wirst durch sie überzeugt werden, daß Farak das einzige Land auf dem Erdboden ist, welches weise und glücklich regiert wird.« Auf des Schriftstellers Befehl kamen bald viele Lastthiere, mit den Büchern des Großvizirs beladen, vor der Laterne Mahals an. Mahal mußte sie abladen und sehr sorgfältig, nach der Anweisung des Gomers, in Ordnung aufstellen. Hierauf gab ihm sein Schutzgeist einen strengen Aufseher, und Mahal mußte sich, noch denselben Tag, über das ungeheure schreckliche Geschäft hermachen. Zwanzig Monate brauchte Mahal, um alle die dicken Bücher des Großvizirs zu durchlesen. Oft seufzte er still in seinem Herzen, denn dies war Alles, was er in seiner Laterne und in Gegenwart seines strengen Aufsehers ohne Gefahr thun durfte: »Ach, Herr! Herr! du strafest mich schrecklich für meine Wißbegierde! Deine Strafe geht über meine Kraft! Tödte mich und laß mich nicht an diesen fürchterlichen Büchern den Tod der Langeweile sterben!« Während der zwanzig Monate sah und hörte er nichts von Dem, was um ihn her vorging. Das einzige Neue und Sonderbare, was er bemerkte, war ein Auftritt, der sich gerade vor seiner Laterne, die mitten auf dem Platze stand, ereignete. Ein alter Schriftsteller, in einem neuen, prächtigen, vielfarbigen Mantel, erschien auf einmal öffentlich. Einige seiner Diener hielten neben ihm drei sehr schön geschmückte Kameele, die mit seinen Handschriften beladen waren. Als er nun durch Trompetenstöße die Aufmerksamkeit der Faraker aufgefordert hatte und diese sich ehrfurchtsvoll um ihn her versammelten, fing er gleich einem Vogel schwarzer Vorbedeutung an, Folgendes zu sagen: »Hört mich, Faraker, ich will euch etwas Großes sagen und, wie man spricht, den Mund recht voll nehmen. Die Thoren sprechen, wahre Größe schweigt von sich. Doch ich kenne euch und weiß, daß man euch seinen Werth in die Ohren schreien muß, denn ihr seid gar stumpfen Herzens. Es sind nun vier und vierzig Jahre, seitdem ich, der Verfasser aller dieser Handschriften, zum erstenmal im Chor der Dichter und Schriftsteller auftrat. Meine Laufbahn umfaßt beinahe ein halbes Jahrhundert. Ich begann sie da, eh die Morgenröthe unsrer Literatur vor der aufgehenden Sonne zu schwinden anfing, und ich beschließe sie – wie es scheint, mit ihrem Untergange . So stellt nun Gebete und Opfer an, damit ich noch lange unter euch leben möge; denn ob es mir gleich zum großen Ruhm gereichte, wenn mit mir aller Witz und alle Einbildungskraft zu Grabe ginge, so dauert ihr armen Faraker mich doch gar zu sehr.« Die armen Faraker waren über die schwarze Prophezeiung, die ihnen mit lauter Mißjahren an Werken des Witzes und der Einbildungskraft drohte, sehr tief gerührt. Viele weinten und schluchzten. Ein Verständiger unter ihnen sagte: »Der berühmte Mann hat sein Lebenlang viel Schönes und Herrliches geschrieben, viel Artiges über die Staatskunst gedichtet, aber wahrlich, dies ist das erste erhabene Wort, das er gesprochen hat. Laßt es uns bewundern und es unsern Kindeskindern überliefern. Haben wir indessen doch seine Schriften noch, um uns daran zu erwärmen, wenn der kalte, unfruchtbare Winter kommt, womit er uns so fürchterlich bedroht!« Mahal sagte: »Die Faraker sind doch ein gutes Volk!« und sein strenger Aufseher antwortete: »Wie sollte es nicht, da wir es gebildet haben?« Als nun Mahal sein schreckliches Geschäft beendigt hatte, war er so zerschlagenen und zerrütteten Geistes geworden, daß er bei seinem ersten nun verstatteten Ausgang die gröbste aller Thorheiten und, nach der Sprache der Schriftsteller in Farak, das größte aller Verbrechen beging. Er ging vor der Stadt an dem Ufer des Meeres herum, um frische Luft zu athmen und Gott zu danken, daß er mit dem Leben von seiner schrecklichen Strafe davon gekommen sei. Auf einmal kam ein Haufen Volks aus der Stadt, in ihrer Mitte drei Faraker, deren Hände gebunden waren. Ein vielfarbiger Mantel oder Gomer führte den Haufen an. Als sie nun an das Ufer des Meers kamen, öffneten sie drei Säcke, legten schwere Steine in jeden, steckten hierauf die drei gebundenen Faraker hinein und wollten sie in das Meer schleudern. Mahal sah zu bis auf diesen Augenblick, dann fuhr er sehr heftig hinzu und fragte um die Ursache dieses grausamen Unternehmens. Der vielfarbige Mantel oder Schriftsteller hatte die Güte, ihm zu sagen: »Der Erste da hat das entsetzliche Verbrechen begangen und unsern großen Sultan Komar einen Zwerg genannt! »Der Zweite hat das entsetzlichere Verbrechen begangen und unsere treffliche Staatsverfassung getadelt! »Der Dritte hat das allerentsetzlichste Verbrechen begangen und ein Buch unsers erhabenen Oberhaupts, des Großvizirs, ein plattes Ding genannt! »Darum nun haben wir Gomer sie zum Tode verdammt, Andern zum Schrecken und zur Warnung.« Da sagte der Mann vom Gebirge in seinem Grimm: »Ihr Wahnsinnigen und boshaften Heuchler! Ist eure Staatsverfassung nicht ein Ungeheuer? Ist euer Sultan nicht ein Zwerg? Sind die Bücher des Großvizirs, an denen ich mich beinahe zu Tode lesen mußte, nicht die plattesten, elendesten Schmierereien?« Der weise Gomer rief: »Faraker, seid taub!« und die Faraker schrieen: »Wir waren taub! wir sind taub!« Der Gomer winkte, und man verband Mahal den Mund und umgürtete seine Hände. Die drei Verurtheilten mußten nun vor ihrem Ende aus den Säcken rufen: »Der Sultan sei kein Zwerg! die Staatsverfassung in Farak sei die beste der Welt! und das Buch des Großvizirs das herrlichste Werk, das die Vernunft zur Erleuchtung und Aufklärung der Menschen aufgestellt hatte!« Hierauf schleuderte man die Faraker in das Meer, und Mahal ward in die Stadt zurück geführt. Weil er nun ein Fremder war und der Sultan über ihn gelacht hatte, so ward er aus besonderer Gnade zur Landesverweisung verdammt, zuvor aber sollte er, des Andenkens an Farak halben, gestäupt werden. Khalife. O, Ben Hafi, ich bitte dich, laß ihn nicht stäupen! Der Arme leidet für die Wahrheit, und ich vergesse in diesem Augenblick all sein kühnes Vernünfteln. Ben Hafi. Ich wollte dir es gerne zu Gefallen thun, Herr der Gläubigen! aber die Pflicht – das Gewissen – und beruhige dich nur immer – Mahal versichert, die Ruthenstreiche auf seinem Rücken seien ihm lange nicht so schmerzlich und beschwerlich gewesen, als das Lesen der Bücher des Großvizirs in Farak. Khalife. Es kann leicht sein, und er muß es am besten wissen; doch ist es hart, die beiden schrecklichen Züchtigungen nach einander auszustehen, und ich hätte ihm gerne die letzte erlassen sehen. Auch hat er nur die erste verdient, wie er selbst gesteht. Indessen da es geschehen ist, und er doch nicht anders aus diesem abscheulichen und mir ganz verhaßten Lande kommen konnte, so ist es gut, daß es vorüber ist. Ben Hafi. Mahal sprach das Verdammungsurtheil über die Faraker, die Giner, die Irader, die Enocher, über alle Büchermacher aus und ward über die Grenze gebracht. Ben Hafi rollte seine Handschrift zusammen. Khalife. Es ist mir lieb, daß du ihn dahin gebracht hast, denn dein Märchen war nicht allein langweilig, es war abscheulich. – Friede sei mit dir und euch! Siebzehnter Abend Der Herausgeber sieht sich genöthigt, fünf Abende aus diesem Buche herauszuschneiden, und Das darum, weil die Begebenheiten, die sie enthalten, einigen Vorfällen unsrer neuern Zeit so ähnlich sind, daß man sagen sollte, Mahal habe seine Reisen im achtzehnten Jahrhundert und zwar nicht in Asien, sondern in dem christlich aufgeklärten Europa gemacht. Auch er mag keine Eulen nach Athen tragen. Das Ausgelassene würde nur dem Einzelnen gleichen, nicht dem Menschengeschlechte; und wer bedürfte auch heute der Erinnerung an das Einzelne, da wir Lebenden Zeugen davon waren, und die Geschichte es den künftig Lebenden genug erzählen wird, wenn es nicht die Folgen des Geschehenen selbst thun. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift aus einander und wollte eben beginnen, als der Khalife sagte: »Ben Hafi, du hast mir seit einiger Zeit so widrige und scheußliche Märchen erzählt, daß ich mein Wort so heilig halten muß, als ich zu thun gewohnt bin, um dich ferner anzuhören.« Ben Hafi. Das Uebel davon ist nur, daß sie wahr sind, und das Gute davon ist, daß sie für die Völker und ihre Beherrscher vielleicht belehrend sein können. Khalife. Ich hoffe, nach der Sündfluth wird sich so etwas nicht mehr zutragen, und ferner hoffe ich, daß dein heutiges Märchen lustiger sein wird, als die letzten traurigen. Ben Hafi. Ich stehe für nichts; doch schmeichle ich mir, ein Umstand darin wird dem Herrn der Gläubigen gefallen. Khalife. So muß es gewiß das Letzte sein. Ben Hafi. Meine Eigenliebe erlaubt es nicht, dir dieses zuzustehen. Die Laune Mahals, Nachfolger des Propheten, die eben nicht die sanfteste war, stieg durch diese Erfahrungen und Kränkungen bis zum giftigsten Groll, und in dieser Stimmung lief er nun über die ihm verhaßte Erde hin. Nach seiner Geißelung, nach den Schauspielen, denen er in *** und in *** u.s.w. als Zuschauer und Theilnehmer beigewohnt hatte, schwebten nun ohne Unterlaß Verwünschungen gegen das ganze Menschengeschlecht auf seiner Zunge. Er warf die Menschen insgesammt dem Zorne des Herrn, als dem Verderben völlig gereift, hin und wünschte herzlich den Tag der großen Rache bald zu sehen. Aber leider arbeitete demohngeachtet sein empörter Geist noch immer fort, den sich vor seinen Augen immer mehr verwirrenden Knoten des menschlichen Lebens aufzuwickeln. Und wie gelänge dies dem empörten Geiste des Menschen, da es dem stillen, sanften und bescheidenen nicht gelingt, wenn er aufhört, weise zu sein, und diesem düstern Abgrund naht? Noch immer dünkte Mahal, er habe nur Worte erlernt, alle die tollen Triebe und ihn empörenden Erscheinungen zu benennen, aber keines dieser Worte erklärte ihm das Wie? Warum? Wozu? Daß die Menschen das gedrohte Verderben verdienten, darüber war er völlig einig; aber der Vernünftler wollte auch gern wissen, warum sie dahin kommen mußten? Warum sie Das, was sie von den Thieren unterschiede und so hoch über sie stellte, gerade dazu anwendeten, um unter sie zu sinken? Warum sie ihre Vernunft, ihren Witz, ihre wunderbare, schöpferische Einbildungskraft, die Fähigkeiten, die Künste gerade zum Bösen und, wie es schiene, aus Willkühr zum Bösen – Khalife. Ich will hierüber nichts mehr hören. Unser Buch beantwortet, wie du weißt, alle diese kühnen Fragen. Ben Hafi. Allerdings, aber Mahal kannte es nicht. Khalife. So konnte er doch wissen, daß alles Böse von Eblis, von dem Teufel kommt. »Gott sagte: wir schufen den Menschen aus getrocknetem Thone und schwarzem Leimen und bildeten daraus seine Gestalt. Vorher hatten wir den Teufel aus seinem Feuer geschaffen. Erinnere dich, daß dein Herr zu den Engeln sagte: gewiß ich gehe damit um, den Menschen aus getrocknetem Tone und schwarzem Leimen zu schaffen und ihm eine Gestalt zu geben: wenn ich ihn ganz gebildet und ihm meinen Geist eingehaucht habe, so sollt ihr niederfallen und ihn verehren. Und alle Engel zusammen verehrten Adam, außer Eblis, der nicht unter den Engeln war. Und Gott sagte zu ihm: Eblis, warum warst du nicht unter Denen, die Adam verehrten? Was hinderte dich, Den zu verehren, den ich mit meiner Hand gebildet habe? Bist du aufgeblasen von Stolze? Oder bist du wirklich von so ausgezeichnetem Verdienste? Eblis antwortete: Ich bin besser als er, du hast mich aus Feuer geschaffen, den Menschen aus trocknem Thone und schwarzem Leimen zur Gestalt gebildet; es ist nicht schicklich, daß ich ihn verehre. Gott sagte; darum gehe von hinnen, denn du sollst mit Steinen vertrieben werden, und ein Fluch soll auf dir liegen bis zum Tage des Gerichts. Der Teufel sagte: O Herr, gib mir Frist bis zum Tage der Auferstehung. Und Gott antwortete: Wahrlich, du bist einer von Denen, denen Frist gegeben sein soll bis zum Tage der bestimmten Zeit. Der Teufel erwiederte: O Herr, weil du mich verführt hast, so will ich gewiß die Menschen auf Erden verführen, und alle will ich verführen, außer diejenigen, die du zu deinen Dienern erwählt hast. Gott sagte: so ist es recht. Wahrlich über meine Diener sollst du keine Gewalt haben, sondern über Die, die sich verführen lassen und dir folgen.« Ben Hafi. Und der Teufel verführte unsere Mutter durch die Frucht der Erkenntniß, indem er sie glauben machte, sie und Adam würden Engel und unsterblich werden. So löst der Prophet den Knoten, und er ist gelöst. Auch Mahal kannte dieses Bild, gleichwohl löste er sich die ihn quälenden Schwierigkeiten nicht damit und deutet sie an einigen Stellen dieser Handschrift auf den Kitzel des Wissens, wie du weiter hören wirst. Uebrigens scheint der Teufel erst nach der Sündfluth recht in Ansehen gekommen zu sein, und seine Herrschaft muß einst beschränkter gewesen sein, als sie nun ist. Wenigstens muß er damals noch nicht so böse gewesen sein. Du weißt, Herr der Gläubigen, aus dem Buche , daß er noch lange in vier Himmeln erscheinen durfte. Aus dem vierten wurde er nur bei der Geburt des Propheten Jesus verstoßen, und aus den drei übrigen bei der Geburt unsers erhabenen Propheten. Von dieser Zeit her ist er vermuthlich so arg geworden. Mahal suchte also noch immer die Quelle der Thorheit und Bosheit der Menschen, hielt, wenn er allein war, sehr oft Standreden, die ich dir erlasse, um deine Geduld nicht zu mißbrauchen. Zu was könnte es uns auch nützen? Der Koran sagt uns Alles, und der Zweifler ist gestraft, da ihn immer noch nach der Ueberzeugung dürstet, die wir im Glauben finden. Bisher, Nachfolger des Propheten, hatte Mahal nur reife Menschen gesehen; aber nun sollte er sie überreif sehen. Menschen, meine ich, die mit der Vernunft und Einbildungskraft so lange schwelgen, bis sie Ungeheuer zeugen. Molche der Geister- oder Verstandeswelt, welche die Einfalt auf der Erde getödtet, die natürliche Glückseligkeit davon verbannt und ein Spiel erfunden haben, das die thätigen Kräfte im Menschen auflöset, die nothwendigen Nebel zu ertragen und zu bekämpfen. Thun die Sultane oft das Böse, ohne zu wissen, auf Antrieb ihrer Diener, so thun es diese aus Ueppigkeit des stolzen vermessenen Verstandes. Mahal befand sich nun in dem großen Reiche Kopha, das nach Hafa, welches wir eben verlassen haben, den höchsten Grad der Bildung und Erleuchtung erstiegen hatte und recht dazu gemacht war, einen Denker entweder ganz zu vollenden oder ganz zu verwirren. Als Mahal auf dem Platze der Hauptstadt auf und nieder ging und dem Zufall zu überlassen schien, was er für ihn verfügen wollte, sah er einen reich gekleideten Mann, dem das Wohlleben die Wangen geschminkt hatte, auf sich zukommen. Er glaubte, diesen Mann, trotz der äußern Veränderung, an Gang und Geberde zu erkennen, und irrte sich nicht; es war Ram, sein alter Lehrer aus Enoch, der ihn bei der Felsenbrücke ohnweit Irad so sonderbar verlassen hatte. Ram erkannte ihn gleich, begrüßte ihn jetzt ganz freundlich und hieß ihn willkommen in dem großen Reiche Kopha. Mahal. Wenn ich dir nicht zuwider bin, wie ich dir es damals schien, als du mich so schnöde verließest, so nimm mich in deinen Schutz. Ich habe des Bösen so viel erfahren, daß ich nun mit Furcht den Fuß in jedes mir neue Land setze. – Ram. So hoffe ich denn, das menschliche Leben ist dir nach und nach klarer geworden, als es dir in Enoch zu sein schien, und du hast die Quellen springen gesehen, die du in Enoch so eifrig suchtest. Mahal. Ganz und gar nicht. Je mehr ich Böses sehe und erfahre, je mehr scheinen sie sich vor mir in der Tiefe zu verlieren. Ram. Glück zu! du bist nun in ein Land gekommen, wo man Alles weiß, weil man weiß, daß man nichts wissen kann. – Indessen denke ich doch, daß sich das Bewundern und Anstaunen ein wenig bei dir gelegt haben wird. Mahal. So ziemlich; doch habe ich mehr dabei verloren als gewonnen. – Aber in welchem Lande bin ich eigentlich? Ram. Im Lande der Vernunft! Im Lande der Weisheit! In einem Lande, wo ein Philosoph Um verständlich zu sein, braucht der Uebersetzer dieses angenommene Wort. Das eigentliche arabische bedeutet Denkling ; ein Ding, das wohl dem Begriff, aber nicht dem Ausdruck nach in Europa im Gange ist. Sultan ist, zu dem ich gezogen bin und der Leute meiner Art zu schätzen weiß. Mahal. Nun, so hält er sich gewiß für keinen Gott, wie beinahe die Narren alle, die ich gesehen habe. Ram. Nichts weniger, er ist ein Philosoph, ein Denkling, mag nur Denklinge um sich leiden, will all seine Unterthanen dazu machen, Gott ganz abschaffen, weil er sich durch seine Schuld nicht begreifen lassen will, und sich an seine Stelle setzen. Das Volk ist schon auf diese Begebenheit vorbereitet, und du wirst die Wunder mit ansehen, welche die Vernunft hier wirkt. Mahal. So laß mich geschwinde weiter reisen! Khalife. Ich bitte dich, thue es, Ben Hafi; ich erwarte von diesem Lande, diesem Sultan nichts Gutes, und mir ist leid, daß Mahal diesen Ram hier angetroffen hat. Ben Hafi. Dieses Märchen, Herr der Gläubigen, wird dich empören, und doch wirst du um eines Umstandes willen damit zufrieden sein. Ram sprach: Wie, ein Mann, der das Gebirge um der Erkenntniß und des Wissens willen verlassen hat, wollte nun fliehen, da er an ihrer wahren Quelle ist? Mahal. So sage mir erst, was ist ein Philosoph? Ram. Ein Ding, wie ich eins bin, ein Mann, der bald nichts, bald Alles weiß und über Alles spottet: doch dies ist Scherz! Ich bin ein Philosoph des Sultans Denkling, befinde mich ganz wohl dabei, und wenn noch etwas aus dir zu machen ist, so sollst du dich bald eben so wohl befinden. Aber du mußt allen Meinungen, die du bisher eingesogen hast, den Krieg ankündigen, mußt bloß den Gesetzen der kalten, reinen Vernunft folgen, sonst können wir dich hier nicht brauchen. Komme nun mit mir in meine Wohnung, damit ich sehe, wie es mit deinem verworrenen Kopfe jetzt aussieht. Mahal folgte ihm in ein Haus, das eher einem kleinen Tempel der Sinnlichkeit, als der Wohnung der Weisheit glich. »Du siehst, sagte Ram, daß der Sultan Denkling seine Freunde zu schätzen weiß. Nackend am Leibe ward ich in dieses Land geworfen, aber der Geist, den der Sultan in diesem nackten Körper zu finden wußte, hat, wie du siehst, für seine elende Hülle gut gesorgt.« Ram ließ Erfrischungen auftragen, und Mahal fand bisher Alles gut; nur der einzige Gedanke verbitterte seine Zufriedenheit und erregte sein Mißtrauen, daß der Sultan Denkling, aus einem so besondern Grunde, Gott in seinem Lande abschaffen wollte. Er ließ sein Mißtrauen merken, Ram lächelte spöttisch darüber und verlangte nun von ihm, er sollte ihm seine Geschichte, ohne alle Schminke, von dem Augenblick ihrer Trennung an, erzählen. Mahal erfüllte seinen Wunsch mit der ihm gewöhnlichen Treue; Ram hörte sehr ernsthaft zu und lächelte nur bei jedem für Mahal traurigen und schmerzlichen Vorfall. Besonders ergötzten ihn die Begebenheiten in Irad, der Fall Puhs, das Lesen der Handschriften des Großvizirs in Farak, die Geißelung, die *** der *** u.s.w., und da der Erzähler seine Geschichte mit seinen Zweifeln untermischte, die zu Zeiten wie ein Dampf aus der Erde aufstiegen, in den die Märchenerzähler gewöhnlich ihre Zaubrer zu hüllen pflegen, und dieser Dampf Alles um Mahal her in Nebel hüllte, so faßte ihn Ram am Ende derselben bei der Hand und sagte: »Mahal, du bist der Alte noch, so viel ich sehe; doch der Sultan dieses Landes liebt das Neue und Sonderbare. Ich will dich zu ihm bringen, du sollst ihm deine Geschichte erzählen, vielleicht daß du hier das Ende deiner traurigen Wanderungen findest.« Mahal. Du weißt, daß sie auf meinem Gebirge endigen müssen; auch weißt du ja, daß mir Gott befohlen hat, dahin zurückzukehren, wenn ich die Quellen der Bosheit und der Thorheit der Menschen entdeckt habe. Ram. Eben darum kann dein hiesiger Aufenthalt das Ende deiner Wanderungen werden. Geselle dich nur immer zu uns, und selbst Das, was du da gesagt hast, wird dir vielleicht zur Fabel werden. Mahal. Ich glaube, Ram, ihr hier zusammen seid noch unsinniger, als Alle, die ich gesehen habe. Ram. Es kann wohl sein, und um so mehr sind wir des Sehens werth. Ich hoffe dem Sultan einen Gefallen zu thun, wenn ich dich ihm bringe, und darum will ich dich mit dem Manne vorher bekannt machen, damit du nicht bei ihm einen deiner Streiche machst, wodurch du in Gefahr kommst, verstümmelt zu werden, und wodurch dir bald ein Dolchstich, bald eine Geißelung, bald ein zwanzig Monden langes Lesen, bald u.s.w. zu Theil wird. Mahal. Hast du vergessen, daß ich auch deinen Leib in Enoch unter der Geißel bluten sah. Ram. Nein, Mahal, und du sollst sehen, daß ich's nicht vergessen habe. So höre denn: Der Vater des Sultans Denkling war ein großer gewaltiger Mann. Er liebte den Heldenruhm und erkaufte sich mit dem Leben vieler Tausende seiner Kopher, die Menschen in Sullah und Mullah zu Unterthanen. Da diese Sullaher und Mullaher nur vieles Blut und wenig Gold kosteten, so hielt es der Sultan für einen sehr guten Handel. Nachdem er nun unumschränkter Herr über diese drei Reiche war und die Einwohner dieser drei Reiche seine Herrschaft sehr geduldig ertragen mußten, so herrschte er ganz erträglich und sorgte als ein guter Vater seiner Völker dafür, daß er ihnen seinen Samen als Erbschaft hinterlassen möchte. Er nahm ein Weib und zeugte drei Söhne, die er alle drei nach den an ihnen entdeckten Eigenschaften ihres Geistes benannte und sich dann entschloß, seine drei Reiche, nach ihren und der Bewohner Eigenschaften unter sie auszutheilen. Hieraus siehst du, daß der gute Sultan auf die Zukunft dachte und keiner der Herrscher war, die da glauben, mit ihnen sterbe Alles, und mit ihrem Tode erfolge der Untergang der Welt. Sein erster Sohn Fakim (Denkling) hatte sich diesen bezeichnenden Namen dadurch erworben, daß er, wie sein Vater von ihm erzählte, Alles, was man ihm zur Unterhaltung in die Hände gab, sogleich in Stücke schlug und riß, über die zerschlagenen und zerrißnen Fetzen so lang nachsann, sie so lange auf verschiedne Art zusammensetzte, bis er den Mechanismus des Machwerks entdeckt zu haben glaubte, oder etwas anders, sei es auch noch so sonderbar oder verzerrt gewesen, draus geschaffen hatte. Aber nie versuchte er, ein Ding wiederum in seinen vorigen Zustand herzustellen; alles Dieses bewies nun eben sowohl seine Eigenheit, als seinen tiefen, rastlosen Forschungsgeist. Darum nun bestimmte ihn schon der weise Vater in der Kindheit zum künftigen Beherrscher der tiefsinnigen, verdrießlichen und launichten Kopher. Der Name thut oft viel; denn da der kleine Mann sich immer Herrscher und Denkling nennen hörte, so glaubte er, er sei beides schon, und setzte aus den zwei Begriffen ein ganz artiges Ungeheuer zusammen. Die Lehrer, die man ihm gab, versäumten natürlich nicht, diesem Ungeheuer Glätte, Schmuck und Gestalt zu geben, sie überzeugten ihn dabei so sehr von seinem tiefen Forschungsgeist, daß er nun der größte, tiefste Denker in seinem Reiche wirklich geworden ist und so viel Genuß in dem Denken findet, daß er nichts weniger will, als alle seine Unterthanen zu solchen ungeheuern Denkern machen, als er sich zu sein glaubt. Er wird sich dann nur für ganz glücklich halten, wenn er ein Denkling über Denklinge herrscht. Mit dem Hofe hat er es schon ziemlich weit darin gebracht, und selbst die traurigen Kopher benehmen sich ganz artig dabei. Sie werden auf der einen Seite witziger und auf der andern dümmer. Das Einzige, was uns bisher einige Narren vorwerfen können, ist der unbedeutende Umstand, daß die Kopher, seitdem sie der Sultan zu so großen Denklingen gemacht hat und sie so viel von moralischen Maximen und reinen Beweggründen ihrer Handlungen sprechen, so gar viel über Gott und die Welt vernünfteln, viel schlechtere Arbeiter und noch schlechtere Menschen geworden sind. Doch Dieses alles wird sich schon geben, wenn sie nur erst die Sittengesetze, die mit so feiner Schrift in die Vernunft aufgezeichnet sind, recht deutlich werden lesen können. Diese Sittengesetze sind die Erfindung unseres Sultans Denkling, und du wirst erstaunen, wenn du sehen wirst, wie leicht es ist, die Menschen damit zu der lange gewünschten, lange gesuchten nützlichen Vollkommenheit zu leiten. – Mahal. Könntest du mir diese merkwürdigen Gesetze nicht im Voraus mittheilen? Ram. Sehr gerne. Sieh, es sind nur einige Zauberformeln, die auf einmal das ganze Menschengeschlecht von allem moralischen Uebel, aller Unruhe des Geistes, aller Ungerechtigkeit, aller Habsucht, aller Zweifelsucht heilen werden, die Alles auf einen ganz einfachen Grundsatz zurückführen und die Menschen zu so reinen vollkommenen Wesen machen müssen, als die nur immer werden können, die auf zwei Beinen gehen und von irdischer Speise und irdischem Tranke leben. Merke wohl auf! Die erste Formel lautet: Keine unsrer Erkenntnisse und Begriffe erstreckt sich über die Erfahrung unsrer fünf Sinne. Das heißt: Alles, was du nicht riechen, schmecken, hören, befühlen und sehen kannst, das ist nicht für dich, ist für dich gar nicht da, und Alles, was du je gedacht hast, je denken wirst und jetzt denkst, muß von den Eindrücken herkommen, die sie erhalten haben, die du bemerkt und unterschieden hast. Die zweite Formel lautet schon erhabener: Du mußt immer so handeln, daß der Beweggrund deiner Handlungen ein allgemein verbindendes Sittengesetz für alle Menschen werden kann. Die dritte Formel, die eine Folge der zweiten ist, lautet so: Der Beweggrund deiner Handlungen muß aus einem freien Willen fließen, die thierische Lust und Unlust, der thierische Schmerz und das thierische Vergnügen müssen auch nicht den geringsten Einfluß darauf haben. Alles, was du thust, muß ohne Furcht vor der Strafe, die auf deine Handlung erfolgen könnte, ohne alle Hoffnung auf Lohn, die deine Handlung verdienen könnte, geschehen, muß bloß darum geschehen, weil die Handlung gut ist und weil das Gesetz der reinen unbestochenen Vernunft sie gebietet. Dieses erhabene Princip der Moral steht wahrlich nicht hier, um verspottet zu werden. – Nimm es in Rücksicht, wie die Menschen handeln sollen, so ist es das Erhabenste, was die erleuchtete Vernunft aufgestellt hat; hältst du es gegen die Erfahrung, so ist es freilich die giftigste Satire gegen die Menschen, und Lucian, Rabelais und Swift konnten ihrer nicht grausamer spotten, als es diese wenigen Worte thun. – Neu ist es eben so wenig, denn von den alten Philosophen bis zum platonischen Shaftesbury haben es sehr viele aufgestellt, und Niemand kräftiger, als das Weib in Damas, das der Gesandte Ludwigs des Heiligen auf der Straße sah, indem es in der einen Hand Feuer und in der andern Wasser trug. Der Gesandte fragte es um die Ursache, und es antwortete im Geiste dieses Princips: »Mit dem Feuer will ich das Paradies verbrennen, mit dem Wasser das Feuer der Hölle auslöschen, damit die Menschen Gott um seinetwillen und nicht wie Tagelöhner verehren.« – Damit aber dieses Princip allgemein praktisch werde, so erfordert es weiter nichts, als daß dieses und jenes geschehe, bis dahin (und warum sollte es nicht einst in Erfüllung gehen, da es nicht vom Können , sondern vom Wollen abhängt und der Wille so leicht, wie theoretisch erwiesen ist, zu rectificiren ist) kann es einstweilen zum Probestein der Würdigung menschlicher Tugenden und Handlungen dienen. Den Beobachter, der ihn recht zu brauchen weiß, wird man nicht leicht durch den Schimmer von heuchlerischen und tagelöhnerischen Scheintugenden blenden. Damit er aber als ein gerechter, billiger Mann verfahre und selbst dabei gewinne, so fängt der Schätzer und Beobachter am besten bei sich selbst an. Dann wird er auch leicht finden, wo es ihm und den Nachbarn eigentlich dazu fehlt. Mahal. Ob ich gleich dieses so ziemlich begreife, so erinnere ich mich doch, daß ich auf meinen unglücklichen Wanderungen keinen Menschen gefunden habe, der nach diesen Zauberformeln, wie du sie nennst, gehandelt hätte. Jeder that immer gerade so, als wäre er allein in der Welt. Ram. Du wirst es auch hier so finden; doch ist es gut und nützlich, den Menschen recht oft zuzurufen, wie sie sein sollten. – Die einzige Schwierigkeit, die wir hier vor uns finden, ist nur diese, daß wir die Kopher noch nicht ganz von dem Gefühl der Lust und Unlust heilen können; daß sie noch immer fürchten und hoffen. Doch eben daran arbeitet unser Sultan Denkling aus allen seinen Kräften, und unterstützt seine Arbeit mit aller Macht, die ihm der Thron verleiht. Außerdem finden sich noch einige kleine Widersprüche, die aber so unbedeutend sind, daß ihrer der Sultan nur lacht. Zum Beispiel, wir sagen: der Mensch ist frei, hängt nur von den Gesetzen ab, die ihm die Vernunft, folglich er sich gibt. Da nun die Vernunft sein eigentliches Ich ausmacht, so ist der Mensch natürlich sein eigner Gesetzgeber. Dagegen lautet eine andere Formel: Der Sultan ist unumschränkter Herr, sein Wille ist euer Gesetz, dieses müßt ihr befolgen, vertrüge es sich nach eurer Meinung auch nicht mit den Gesetzen eurer Vernunft. So sehr sich auch der Sultan dem Gesetze seiner Vernunft unterwirft, so kann er doch gleichwohl nicht vergessen, daß er Sultan ist, und ein Sultan, guter Mahal, muß Manches befehlen, das der Vernunft zuwider ist, und daher kommt es vermuthlich ganz allein, daß nichts Schwereres für einen Sultan ist, als zugleich ein Philosoph zu sein, weil sein sonderbares Amt und die daraus fließenden Ansprüche und Forderungen sich so hart mit der Philosophie vereinigen lassen. Auch braucht jeder Sultan die Fabel der Lust und Unlust, des Schmerzes und des Vergnügens, die, ob sie gleich alles Böse in der Gesellschaft verursachet, sie gleichwohl bisher im Gang erhalten haben, und ohne deren Ertrag wir es wohl nicht der Mühe werth hielten, mit dem Sultan Denkling zu philosophiren. Indessen Dieses alles wird sich schon geben, wenn wir nur erst einmal mit der Ausrottung des Unkrauts fertig sind, das neben der Vernunft aufwächst. Mahal. Ram, ich verstehe von Dem allem nichts. Ram. Brauchst du das! Und glaubst du, es lohne wohl der Mühe, zu philosophiren, wenn Leute wie du sogleich verständen, worüber wir so lange gebrütet haben! Mahal. Wozu sagst du mir es denn? Nam. Um dich zu einem größern Narren zu machen, als du schon bist, und um dich neue Worte zu lehren. Den zweiten Sohn nun nannte der alte Sultan Gripik. – Dies heißt in der gemeinen Sprache, Herr der Gläubigen, Schönling. So paraphrasirt der Araber, und der Uebersetzer braucht dieses Wort, weil es, wenn auch nicht gebräuchlich, doch verständlich ist. – Diesen Namen, sagte Ram zu Mahal, gab ihm der Vater darum, weil er Alles, was ihm unter die Hände kam, verschönerte, es mochte die Verschönerung vertragen oder nicht. Alles beschmierte er mit glänzenden Farben, Menschen und Thiere, sein belebtes oder unbelebtes Spielzeug. Dabei schnitt und schnitzelte er an Allem und suchte Allem, was er vorfand, eine schönere Form zu geben, als die Natur oder die Hand des Künstlers ihm gegeben hatte. Auch sprach er, von frühster Kindheit an, in wohlgeordneten klingenden Worten, liebte und suchte jeden Ausdruck, der über die gemeine Vorstellung hinüberschoß, hüllte Alles, was er sprach, in große, erhabene Bilder ein und schien ganz Einbildungskraft zu sein. Der Vater wählte ihm Lehrer dieser Art, und unter ihrer Leitung bildete er sich in dem geistigen Genusse des Schönen, Guten und Erhabenen so aus, daß ihm alles Alltägliche und Gemeine unerträglich ward. Er ist von dem zartesten Gefühl, dem feinsten Geschmack und von so erhabenem Sinne, daß ihm Alles, was man ihm in der nackten Wahrheit vorstellt, zur Marter wird. Jeder geht an seinem Hofe auf feierlichen Stelzen und spricht in Bildern und Figuren. Ihm bestimmte der Vater die Sullaher zu Unterthanen, ein sehr leichtes, munteres Volk, ganz der Freude und Wonne ergeben. Es soll nun in Sullah herrlich hergehen, Alles im Genusse des Schönen und Guten leben, mit der Einbildungskraft schwelgen, alle Tugenden, und besonders die Tugenden des Sultans Schönling trefflich besingen, und sie sollen in Sullah sogar von Gott in ihren Gedichten reden, weil er als ein großer, prächtiger, geheimnißvoller, dichterischer Gegenstand zu brauchen ist. Unsere Philosophen sagen zwar, die Sullaher verlören nicht allein, bei ihrem angenehm und erhaben Fühlen, allen Sinn für Wahrheit, sondern sie vergäßen auch über dem Kitzel der Einbildungskraft, Das zu thun, was das Feuer dieser schönen Zauberin unterhält, und man fühle schon die Folgen der Dichterwuth in Sullah. Doch Denklinge sprechen selten gut von Schönlingen, und Schönlinge eben so selten von Denklingen. Khalife. Wie wahr spricht doch der Prophet von den Dichtern: »Der Sinne beraubt, laufen sie in den Thälern herum und sprechen, was sie nicht thun.« Ben Hafi. Gerade so war es in Sullah vor der Sündfluth, und ist, wie der Prophet beweiset, noch nach der Sündfluth so. – Den dritten Sohn, fuhr Ram gegen Mahal fort, nannte der Sultan Pah! das heißt im gemeinen Arabischen: der Einfältige. Khalife. Dieses Wort ist malerisch genug; weißt du wohl warum, Ben Hafi? Ben Hafi. Gern lerne ich von dir. Khalife. Weil sich der Einfältige über Alles wundert. Ben Hafi. So ist es, und dann ruft er in dieser Silbe aus. – Dieser Pah nun, fuhr Ram fort, war so gemeinen Schlags, daß er weder tief zu denken noch schön zu empfinden schien, sondern alle nöthigen Verrichtungen des menschlichen Lebens so gerade weg machte, wie jedes andere Menschenthier. Es schien ihn gar nicht zu bekümmern, womit und wodurch er dieses that, ob durch seinen freien Willen, ob durch die Nothwendigkeit, das Gesetz der Vernunft oder den Trieb der Lust oder Unlust; aber Alles, was man ihm zu thun auftrug, das that er so eifrig und so treu wie ein Lastthier, dessen Vorzüge, mein lieber Mahal, du dich wohl erinnern wirst. Da der Sultan Vater sah, daß an dem Knaben so wenig war, so überließ er ihn weislich seiner angebornen Einfalt und gab ihm außer ihr keine andern Lehrer. Ihn bestimmte er zum Sultan der Mullaher; ein wildes, ungesittetes Volk, das aber in einem Punkte Das ist, wozu unser Sultan die Kopher erleuchten will. Sie wissen nichts mehr von Gott, haben ihn ganz vergessen, sie pflanzen, säen, ernten, jagen, fischen, essen und trinken, schlafen bei ihren Weibern, wissen nicht, woher sie kommen, wohin sie einst gehen werden, und fragen auch nicht einmal darnach. Es ist ein dummes, gesundes, glückliches, starkes Volk, das selbst den Tod nicht fürchtet, und will sie der Gott, mit dem du gesprochen haben willst, mit uns feinern, ausgebildetern Leuten verderben, so verdirbt er wahrlich Menschen, die, da sie von ihm nichts wissen, ihn auch nicht beleidigen können. Khalife. Ben Hafi, laß den Menschen schweigen. Ben Hafi. Ich kann nicht, Herr, es führt zum Zweck. – Ram fuhr fort: doch dies ist ja seine Sache, nicht die meine. Wie, Mahal, du erblassest – sei nur ruhig, dein Ohr wird sich schon gewöhnen; dein Blut wird bald an deinem Herzen fester sitzen bleiben und nicht so leicht nach deinen Wangen fliegen, wenn du uns besser kennen lernen wirst. – Khalife. Warum mußte Mahal diesen Ram antreffen! Ben Hafi. Kann ich's ändern? Gedulde dich, Herr, du wirst am Ende zufrieden mit diesem Märchen sein. Khalife. Keine Zufriedenheit kann mir die Angst bezahlen, die ich bei den Aeußerungen dieses Menschen leide. Ich wette, Ben Hafi, es ist einer der bösen Geister oder Eblis selbst, der in der Gestalt dieses Rams den armen Mahal zum Abfall von Gott verführen will. Ben Hafi. Es könnte wohl sein, und die Larve eines Philosophen schickte sich am besten dazu; aber in diesem Märchen geht Alles gar zu natürlich her; und dieser Ram ist leider ein Mensch. – Es gibt einige Leute hier, sagte nun Ram, die da behaupten, der alte Sultan würde besser gethan haben, den tiefen Denker über die muntern Sullaher, den anmuthigen Geist über die tiefsinnigen, launichten Kopher als Sultane einzusetzen. Andere gehen gar so weit (und es sind nicht die Dümmsten), zu sagen, er würde am besten gethan haben, dem Sultan Einfalt die drei Reiche allein zu hinterlassen, weil er mit den Menschen ihren angewöhnten Gang in aller Ruhe fortgegangen wäre; doch dies wissen wir Philosophen besser. Und sieh nur, Mahal, so stumpf und blödsinnig sind die Menschen, daß nun viele aus diesen beiden erleuchteten Reichen davon laufen, sich bei den wilden Mullahern niederlassen und keiner der wilden Mullaher zu uns herüber in die Schule kommt. Der Sultan Denkling meint, es würde sich noch Alles geben, und wer von uns wird ihm wohl die Freude verderben wollen? Der alte Sultan lag auf dem Sterbebette, die drei Erben seiner Throne standen um ihn herum. Er hielt eine sehr lange Rede und legte nun, wie Sultane manchmal thun, ein Bekenntniß seiner Fehler ab, die er nun erst bereute, begangen zu haben. Dieses ist ein recht guter Gebrauch der sterbenden Sultane; es ist nur Schade, daß er zu nichts mehr nutzet, daß sie das Geschehene nicht mehr ungeschehen machen oder verbessern können, und ihre Erben, während des Bekenntnisses, gewöhnlich an etwas ganz anders denken, als aus dem Bekenntnisse nützliche Warnungen und Lehren für sich zu sammeln. So ging es auch hier. Einfalt heulte wie ein ganz roher natürlicher Mensch über den nahen Verlust des Vaters, Schönling setzte dem Sterbenden in seinem Geiste eine schöne Leichenrede zusammen, und Denkling spottete des armen Tropfs von Sultan, der von Sünden gegen sein Volk und ein Wesen sprach, das er als überflüssig schon damals abzusetzen dachte. Auch meinte er, es sei einmal hohe Zeit, daß der Mann, der so wenig von den Gesetzen der Vernunft wußte, ihm, der ganz nach diesen Gesetzen herrschen wollte, Platz mache. Damit ihm nun die Zeit nicht lang würde, nahm er sich vor, genau acht zu geben, was seinen Vater bei dem Verscheiden verlassen würde, ein Nichts oder ein sichtbares Körperchen. Schönling lief bei den ersten Todeskrämpfen davon, um nichts von dem häßlichen Tod zu sehen. Einfalt heulte immerfort, und Denkling ärgerte sich innerlich über den gemeinen Menschen und kann ihm sein damaliges Betragen noch heute nicht vergeben. Einige Augenblicke vor dem Hinscheiden sagte der Alte: »Für meine zwei Aeltesten bin ich unbekümmert, der eine hat Verstand, der andere Gefühl; aber Einfalt! Einfalt!« Einfalt küßte seine Hände, legte ihm ein Polster unter das Haupt, der alte Sultan sank in seine Arme, verschied, und Einfalt allein blieb bei ihm und weinte über seine Leiche. Sieh Dies alles hat mir Sultan Denkling mit sehr viel philosophischem Stolze erzählt und dabei gesagt: »da er nichts seinen Vater beim Verscheiden habe verlassen sehen, so müsse auch wohl nichts in ihm gewesen sein.« Nachdem nun Schönling seine lange, schöne Rede abgelesen, Einfalt genug geweint und Denkling über Beide genug gespottet hatte, folgte jeder seiner Bestimmung. Jeder setzte sich auf seinen goldnen Thron, und Alles geht so herrlich, wenigstens bei uns in Kopha, daß ich dir Glück wünsche hergekommen zu sein. Nun gehe ich zum Sultan, um dich ihm als ein recht ungeheures, der Bildung aber recht fähiges Menschenthier anzumelden. Noch einmal, hüte dich vor einem rohen Gebirgsstreich, und damit er dir nicht entwische, will ich dir zur Seite sitzen. Mahal war während der langen Rede Rams nicht wohl zu Muthe, und er fühlte die ängstlichste Beklemmung, als er ihm von dem wilden Volke in Mullah sprach; aber die aufgeklärten Kopher sollten ihm ganz andere Bangigkeiten verursachen. Ram meldete ihn dem Sultan an, und der Sultan verordnete, man sollte ihn bei der ersten Versammlung in den Saal der Vernunft einführen. Es waren in dem Palaste des Sultans drei Versammlungssäle, der Saal der Vernunft, der Saal der Wahrheit, der Saal des Lichts; doch hörte man in diesen drei Sälen nie etwas Vernünftiges, nie etwas Wahres, nie etwas Klares, und darin gleichen ihnen die philosophischen Hörsäle oft noch nach der Sündfluth, ob sie gleich nicht so prächtig ausgeziert, auch nicht in den Palästen der Sultane zu suchen sind. Bis dahin führte Ram seinen Gast bei einigen seiner philosophischen Freunde auf, und weil Mahal ihnen nur zuhorchte, so faßten sie keine schlechte Meinung von ihm und versicherten ihn sogar ihres Schutzes. Die Meinung aber, die Mahal von ihnen faßte, war so vortheilhaft nicht, denn der Sohn des Gebirgs fühlte, daß sein eben nicht sehr heller Geist in ihrer Gesellschaft immer dunkler ward, und ein ängstliches Beben überfiel ihn jedes Mal, wenn sie den Knoten so rasch zerhieben, an dem er so furchtsam nagte. Der Tag erschien nun, an welchem Mahal vor dem Sultan in dem Saal der Vernunft erscheinen sollte. Ram führte ihn ein. Sultan Denkling saß unter seinen Brüdern, ohne alles Zeichen seiner Macht. Hier herrschte allgemeine Gleichheit, und der Werth des Menschen ward nur nach dem Maße der Vernunft gemessen. An der Hauptwand des Saals waren die obigen Zauberformeln, in goldnen Zeichen, eingegraben. Sultan Denkling war eine lange hagere Gestalt, mit einem sehr blassen Angesicht, das stolze Genügsamkeit des Geistes und kalte Selbstsucht ganz gut ausdrückte. Mahal mußte sich gegen ihm über niederlassen und ohne weitere Umstände seine Geschichte anfangen. Ram saß neben ihm. Die Gesellschaft hörte ihn eine Zeitlang sehr aufmerksam an, nickte ihm sogar Beifall zu, als er seinen heißen Durst nach Kenntnissen und Wissen beschrieb; als er aber ganz unbefangen erzählte, wie ihm Gott erschienen sei, so brach der Sultan Denkling in ein lautes, schallendes Gelächter aus. Die Versammlung wieherte ihm nach, und der Saal der Vernunft erscholl von dem sausenden Gelächter der Philosophen, während Mahal wie ein Mann da saß, den man plötzlich überfällt und mit Fäusten schlägt. Ram, der diese Wirkung voraussah und mit unbeschreiblichem Verlangen den Augenblick erwartete, lächelte nun und sagte zu dem Sultan: »Habe Mitleiden mit dem Armen und laß ihn lieber die Schärfe deines Verstandes und den Stachel deines Witzes empfinden.« Mahal wollte reden; aber Ram stieß ihn an und sagte: »Ich bringe dich, wie du siehst, auf guten Weg. Schweige und reize ja diese Denker hier nicht; wahrlich, du würdest nicht so gut davon kommen, wie in Gin, Farak u. s. w.« Sultan Denkling schien eine Zeitlang tief nachzudenken; die ganze Versammlung saß gleich ihm in tiefsinnigem Schweigen. Endlich öffnete er seine blassen Lippen, warf sich in die Stellung eines zermalmenden Denkers, und alle seine Brüder richteten ihren Blick auf ihn. Sultan Denkling. Fremdling, du sagst, du habest Gott gesehen? Mahal. Das habe ich! Sultan Denkling. Nun, so hast du ihn doch wohl in menschlicher oder in einer andern Gestalt gesehen; hast ihn mit einer menschlichen oder sonst einer dir verständlichen Sprache reden hören? Mahal. Ganz gewiß? Sultan Denkling. Gut! – Hast du Gott in menschlicher Gestalt gesehen, mit menschlicher Stimme reden hören, so hast du nicht Gott gesehen, nicht eine göttliche Stimme gehört, sondern eine menschliche Gestalt gesehen und eine menschliche Stimme gehört. Wir hier wissen nichts von Gott, weil er nicht wollte, daß wir etwas von ihm wissen sollten. Wir alle sind überzeugt, daß wir ihn mit diesen unsern Sinnen nicht begreifen können, und was wir mit unsern Sinnen nicht begreifen können, Das lassen wir dahin gestellt sein. Denken wir uns etwas unter diesem Begriff, oder bilden wir uns ein, wir dächten etwas darunter, so sagen wir nach dem Maße unserer Sinne vergleichungsweise: er ist unendlich unermeßlich, dem Auge des Menschen unerreichbar und unsichtbar. Du siehst, Dieses alles sind Gegensätze unsers eigenen Wesens! Wir nennen ihn auch wohl den Schöpfer und Erhalter aller Dinge, ohne doch etwas darunter klar zu denken, weil unsre Sinne davon nichts fassen können, und was unsre Sinne nicht fassen können, ist nach der ersten Formel dort nichts für uns und kann uns nie Wahrheit werden. Mann vom Gebirge, hast du nun nach deiner Aussage Gott in einer Gestalt gesehen, so hast du ihn in dieser Gestalt eingeschlossen und eingeschränkt gesehen; hast du ihn in dieser Gestalt eingeschlossen und eingeschränkt gesehen, so war er damals weder unendlich, noch unermeßlich, noch allmächtig, noch dem Auge unsichtbar und unerreichlich, sondern er war in diesem Augenblick meßlich, endlich, erreichbar, sichtbar und in seiner Macht beschränkt, wie wir alle hier, die wir in Körper eingeschlossen sind. Nun sagt man ferner, sein Geist durchdringe Weltgebäude nebst Allem, was auf und in ihnen ist und lebt. Diese Weltgebäude müßten also in dem Augenblick seiner Einschränkung in die endliche begrenzte Gestalt zusammengefallen sein. Da sie nun nicht in dem Augenblick, als du Gott in menschlicher Gestalt sahest, zusammenfielen, und wir mit allen diesen Weltgebäuden noch da sind, so konnten wir und sie diesen Augenblick ohne seine Einwirkung bestehen; konnten wir und sie, während deiner Unterredung mit ihm, ohne seinen Einfluß bestehen, so konnten wir und Alles auch ohne ihn entstehen. Oder willst du lieber sagen, nur ein Theil von ihm habe sich in der Gestalt verborgen, so hebst du abermals sein Wesen auf, indem du ihn theilbar denkst. Du hast also Unsinn gesagt; oder du hast ein Traumgesicht gesehen. Ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung erscholl, als der Sultan Denkling zu reden aufhörte, den Zeigefinger über seine Nase legte und dem verwirrten, glühenden, bebenden Mahal ganz kalt in die Stirne sah. Stürmend wollte dieser losbrechen; aber Ram stieß ihn noch heftiger an und sagte: »Schweig; noch einmal sage ich dir, dieser Sultan Denkling und seine Freunde sind noch weit gefährlicher als alle die Götter von Sultanen, die du bisher gesehen hast. Du bist nun auf dem Wege, dein Glück zu machen, sieh vorwärts und laß hinter dir liegen und fallen, was da will.« Der Khalife erhob begeistert seine Stimme, indem er rund um sich herblickte; Gesegnet sei Gott der Allmächtige! Ihr glaubet, und Ihr werdet sterben, und Ihr werdet auferstehen. Sehet, da ist ein Mann, der streitet über Gott, ohne Kenntniß und Weisung eines offenbaren Buchs, er windet sich in seinem Geiste, daß er die Menschen von dem Wege des Herrn locke. Schande wird sein Lohn in dieser Welt sein, und an dem Tage, da die Mutter den vor Durst lechzenden Säugling zu stillen vergessen und sein Wimmern nicht hören wird, an dem Tage der Auferstehung, soll er die Qual des Feuers empfinden. Gott ist gerecht! Mit glühenden Gewändern sollen die Ungläubigen bekleidet werden. Kochendes Wasser soll über ihre Häupter gegossen werden, daß sich ihre Haut, ihre Eingeweide auflösen, und mit eisernen Keulen sollen sie zerschlagen werden.« Ben Hafi. Dieses wird ihr Lohn sein! – Ohngeachtet der Vermahnung Rams unterließ doch Mahal nicht, seine bebenden Lippen zu öffnen: »Damals sah ich kein Traumgesicht; aber nun sehe ich ein Gesicht, scheußlicher, als mir der Unsinn der Menschen bisher gezeigt hat. Ihr Gottesleugner –« Der Sultan Denkling fuhr auf: »Freund! deine Geschichte. Wir hier leugnen deines Gottes Dasein nicht und bejahen es auch nicht. Was nicht erkannt sein will, nicht erkannt werden kann, ist für uns nicht da. Das, was du von ihm sagtest, ist Wahnsinn, und Wahnsinn muß sich nicht erkühnen, in dem Saale der Vernunft laut zu werden. An der Tafel magst du mich damit ergötzen.« Khalife. Ben Hafi, könntest du dein Märchen nicht erzählen, ohne mich mit diesen ungeheuren Menschen ferner zu quälen? Ben Hafi. Und wie sollt' ich zu dem Hauptumstand gelangen, den es enthält? Wie mit meinem Märchen zu Ende kommen? Sind es doch eben diese Menschen hier, die es zu Ende bringen. Khalife. Hundert Derhem, und mehr, sind dein dafür. Fordere! Ben Hafi. Ich nehme hundert Derhem mit Dank an und entwerfe dir nur ein Gerippe von meinem Märchen, mir doch vorbehaltend, es schriftlich nach der Handschrift Mahals weiter auszuführen und es dir dann mit allen kleinen Umständen, Beschreibungen und Reden zu überliefern. Groß ist das Opfer, das ich dir bringe; denn nun erst habe ich die rechte Gelegenheit gefunden, all mein unnützes Wissen anzubringen – und unnützes Wissen, Herr der Gläubigen, bringt man am liebsten an. Khalife. Auch bei der Kürze des Unsinns ist Gewinn für Den, der ihn anhören muß, und auch diese Thoren predigen wider ihren Willen Gottes Macht. Ich hoffe, die Engel, die mir heute zu Seite stehen, werden die kühnen Worte dieser Lästerer von meinen Ohren wegblasen und sie zu meinem Herzen nicht kommen lassen. Für diesen armen Mahal aber ist mir bange. Ben Hafi. Mahal fuhr nun in seiner Geschichte fort, berührte seine Sendung, welche die Gesellschaft, als eine Allegorie, so ziemlich ergötzte. Dann erzählte er seine Begebenheiten an den verschiedenen Höfen, die den Sultan sehr unterhielten. Und obgleich Denkling alle diese Sultane für Thoren hielt, so hielt er sie doch darin für klug, daß sie sich als Götter aufgestellt hätten. Er sagte: »Der Mensch bedarf einer sinnlichen Darstellung der Macht und Gewalt über ihn; da nun der Begriff von Gott über alle Fassung geht und in Unsinn ausartet, so kann man das Nützliche davon nicht besser versinnlichen, als unter dem Bilde eines herrschenden Sultans, und darauf denken wir!« Nachdem nun Mahal seine Erzählung geendigt hatte, warf er folgende Fragen auf: »Nun ihr, die ihr, wie ihr sagt, so viel und so wenig wisset, die ihr meinen Verstand durch Das, was ihr sprecht, noch mehr verwirrt habt, erleuchtet mich doch in einer Sache und sagt mir: Warum der Mensch nicht besser ist, als ich ihn hier finde und anderwärts gefunden habe? Warum er sogar böse ist? Wo wohl die Ursache sitzen mag? Ob außer oder in ihm? Und zeigt mir deutlich, wo die Quelle seines Unsinns und seiner Bosheit springt?« Khalife. Abermals die unerträgliche, alte Frage, die doch so leicht zu beantworten ist. Ben Hafi. So leicht! freilich nach dem Koran – Khalife. Auch aus der Vernunft, der ganz gemeinen Vernunft. Großvizir (für sich) . Dies alles kommt von dem in den Menschen eingewurzelten Bösen her, darum muß man ihn mit einem eisernen Zepter regieren und zum Guten peitschen. Khalife. Ben Hafi, es ist gerade mit dem Bösen, wie mit dem Durst. Gott, von dem Alles kommt, gab ihn dem Menschen, damit er nicht austrocknen und des Vergnügens zu trinken genießen möchte. Das Böse ist darum in der Welt, damit der Mensch nicht einschlafen, das Vergnügen genießen möchte, Gutes zu thun und sich vor Gott Verdienst zu erwerben. Wie könnte er nun dieses, wenn er gut sein müßte? Ben Hafi. Herr der Gläubigen, mit diesen wenigen Worten hast du mehr Wahres gesagt, als du von diesen Weisen hören wirst. Khalife. Davon weiß ich nichts; so laß sie schweigen, denn ich wünsche nun nichts, als daß ich sie nicht hören müßte. Ben Hafi. Ein Denkling sagte ganz kalt: »Freund, der Mensch ist weder gut noch böse.« Mahal. So wünscht' ich, du hättest meine Wanderungen gemacht, wärst in Enoch in Gefahr gewesen, zum Richter verstümmelt zu werden, wärst in Irad ein Lastthier gewesen, man hätte dir in Gin einen Dolchstich beigebracht, du hättest in Farak zwanzig Monat des dortigen Großvizirs ungeheure Bücher lesen müssen und zur Veränderung so viele Ruthenstreiche bekommen, als ich dort bekam. Der Denkling. Und was bewiese dies? Das, was dir dort widerfuhr, schien dir zwar böse, aber es war es nur in Bezug auf dich; Denen, die es gegen dich ausübten, war es gut, nützlich und heilsam. Wärst du weiser, als du mir zu sein scheinst, so würde dir selbst die Erfahrung nützlich geworden sein. Da nun Das, was dir böse scheint, ein Gut für Andere werden kann, und Das, was dir gut scheint, ein Uebel für Andere werden kann, so siehst du doch wohl ein, daß Bös und Gut nur zwei Worte sind, die Das bezeichnen, was uns, einzeln betrachtet, schädlich oder nützlich ist. Ein anderer Denkling. Leider hat diese abscheuliche Lehre die Erfahrung für sich und scheint sogar wirklich der Beweggrund aller menschlichen Handlungen zu sein; aber der weise Denker geht nicht von dem Menschen aus, der im Schlamme des Eigennutzes versunken liegt, er zeigt dem ganzen Menschengeschlecht den hohen, erhabenen Standpunkt an, auf dem es eigentlich stehen sollte, auf dem es stehen kann, einst stehen wird. Nach dieser, abscheulichen Lehre, die du diesem Fremdling da aufgestellt hast, ist unser erhabener Sultan und Keiner von uns seines Guts und seines Lebens sicher. Denn ein Kopher darf nur ein Verbrechen gegen ihn oder Einen von uns für ausführbar halten, ohne daß er Gefahr laufe, entdeckt zu werden, und deine Lehre der Nützlichkeit wird ihn sehr leicht dazu verleiten. Würde nicht das Böse, das er dem Sultan oder Einem von uns zufügte, ein Gut für ihn? Ich sage, der Mensch ist böse, weil er sich von Lust und Unlust hinreißen läßt, weil er nach ihren Anregungen, ihren dunkeln und thierischen Trieben handelt; weil er seine Handlungen nicht nach dem Gesetze der Vernunft, den Tafeln der Sittlichkeit, die sie selbst sich vorzeichnet, erwägt, bestimmt und nach ihrem Ausspruch, ohne Furcht und ohne Hoffnung handelt. Ram. Lieber! Mahal könnte noch immer fragen, woher dies komme, und ich zweifle so wenig an der Antwort, die du geben könntest, als an der, die du schon gegeben hast. Aber um dieses Menschenthier zu unterrichten, frag' ich dich nun, wo kommen diese Tafeln her? Wer hat sie beschrieben? Der obige Denkling. Der höchste, oberste Gesetzgeber. Der erste Denkling. So gibt es wahrlich keinen Gesetzgeber und keinen Schriftsteller, dessen Gebote und Vorschriften schlechter befolgt werden, als die seinigen. Alle, und selbst du, handeln nach dem Triebe des Fleisches, der Anregung zur Lust, dem Eigennutz, dem Gefühl des Schmerzes oder des Vergnügens, und nur dieses bringt das menschliche Leben auf einen klaren, bestimmten, einfachen Satz zurück, der allein von unsern Sinnen sich fassen läßt und, wie du selbst sagst, mit der Erfahrung übereinstimmt. Außer ihm ist nichts als Zweifel, Widerspruch oder Schwärmerei. In welch einem scheußlichen Lichte erscheint dann erst der Mensch, wenn er, wie du sagst, solche von seiner Vernunft anerkannte, von dem Obergesetzgeber eingegrabene, klare, lesbare Tafeln mit sich herum trägt, sie stündlich sehen und lesen kann und doch so handelt, als kenne er kein Gesetz, außer dem Gesetz des Eigennutzes und der Selbstsucht. Entweder sind diese Gesetze der Vernunft nicht so ganz klar und leserlich geschrieben, das Auge, das sie sehen soll, nicht recht dazu gebildet, oder der sie lesen soll, versteht die Sprache nicht, in der sie abgefaßt sind; oder die stärkern, mächtigern, gemeinen thierischen Triebe ziehen einen Dunst vor diesen Tafeln in dem Augenblick, da sie über die vorhabende Handlung entscheiden sollen. Ist es so? Wessen ist die Schuld? Sollte der Mensch nach den Gesetzen dieser in seiner Vernunft aufgehangenen Tafeln leben, so mußten auch sie und nicht die Sinne herrschen! Der andere Denkling. Dein Widerspruch ist klarer Unsinn. Das Gesetz der Vernunft ist da und klar und redet laut und ist darum gegeben, Lust und Unlust so zu ordnen, daß ihnen Keiner zum Nachtheil des Andern Genüge leiste, nicht sie aufzuheben. Der Denkling. In der Welt lebt Alles auf Kosten des Andern, sie selbst lebt von ihrem eigenen Stoffe, nährt und zerstört sich, um zu leben. Sultan Denkling. Wir reden hier von Menschen, nicht von Thieren. Freilich sind die Menschen nicht mehr und nicht weniger, als sie sein können; doch Weise und ihre Herrscher können viel aus ihnen machen, wozu sie nicht geschaffen zu sein scheinen, und eben darum ist der Mensch das Wunder der lebenden Natur. Immer von Lüsten und Begierden getrieben, schmieden wir ihn in die zwar kalte, aber glänzende Kette der Vernunft, fesseln ihn an das in ihm vorhandene Gesetz, wodurch er Alles außer der Nothwendigkeit besiegen kann; aber auch zappelnd und knirschend unter der Nothwendigkeit lästigem Joche, entspringt er ihr durch seine Vernunft so weit, daß sie ihn zwar zerschlagen, doch nicht zwingen kann, gegen das Gesetz seiner Vernunft zu handeln. Dieses ist nun freilich nicht so leicht und erfordert Männer, wie wir zu werden streben, wozu wir die Kopher zu bilden willens sind. Männer höherer Art, die das Gute um des Guten willen thun, die Pflicht um der Pflicht willen erfüllen, die aus reinem Willen handeln und die Tafeln der Sittlichkeit nie aus den Augen verlieren. Haben wir es nur einmal so weit gebracht, so haben wir den Sieg über das Böse davon getragen und sind Dem gleich, was man sich unter Göttern denkt. Der Denkling. Und auch das Gute ausgerottet! Denn was wäre es ohne das Böse? Würde das Gute zur Nothwendigkeit, wie es nun das Böse leider zu sein scheint, wo bliebe dem Guten sein Verdienst? Laß den Augenblick kommen, der noch ziemlich ferne ist und wohl nie kommen wird, so sinken wir zu der kalten Gleichgültigkeit herab, in welcher Diejenigen leben mögen, von welchen zu Zeiten die Dichter an dem Hofe deines Bruders, Sultans Schönling, schwärmen, um ihre klingenden, leeren Verse mit Bildern auszufüllen. Sultan Denkling. Desto besser, so werden wir, was ich eben sagte, Götter in menschlicher Gestalt. Ram. Nicht dir zu widersprechen, Herr, rede ich, sondern um deinen Verstand auf meine Kosten leuchten zu lassen. – Ja, Götter werden wir und Götter, denen ihre Menschheit ein tiefes Geheimniß bleibt, die nicht einmal wissen, was sie unter diesem Worte, sobald sie es auf ihre Bestimmung anwenden und die sich widerstrebenden, widersprechenden Mittel, die dahin leiten sollen, erwägen, denken sollen. Umsonst fragt man, warum der Mensch böse ist? Ob das Böse eine Nothwendigkeit seiner Natur sei, oder aus seinem verderbten Willen stieße? Vielleicht ist beides wahr, vielleicht keines von beiden. In jeder Schale liegt die Wahrheit, aber auch die Zweifel und die Widersprüche; in welche wir nun greifen, fassen wir keines ohne das andere. Der Mensch ist zur Dunkelheit, wenigstens zum Helldunkel geboren, und nie wird er etwas Gewisses von seinem Ursprunge, seiner Bestimmung erfahren, da wir Den nie begreifen werden, von dem sie beide, nach der Meinung Vieler, abhängen. Da wir nun den Trieb zum Bösen fühlen und von Gott, der, wie Viele sagen, die Bösen strafen und die Guten belohnen soll, nichts nach der Weise, wie der Mensch erkennt, zu erkennen vermögen, so kann uns, auf der Erde gezeugt, von ihr genährt, von den uns und ihr anhängenden Plagen gemartert, nichts anders verbinden, als Das, was das Thier verbindet, das, wie wir, von ihr lebt und endlich auf ihr stirbt. Der geschwindeste Fresser, der beste Jäger unter ihnen ist der Fetteste. Was uns in der menschlichen Gesellschaft dazu macht, brauch' ich Männern, die sich im Saale der Vernunft versammeln, nicht zu entwickeln. Um aber auf den Hauptpunkt, von dem Alles am Ende abhängt, zurückzukommen, so hat es Thoren und Weise gegeben, gibt vielleicht noch, die sich durch etwas in ihnen, das sie ebenso wenig begreifen, weil es sich nicht sinnlich denken läßt, mit einer andern Welt in Verbindung setzten und sogar behaupteten, daß Diejenigen, die nach diesen Tafeln der Vernunft, gegen die ich weiter gar nichts habe, als daß sie ihr Dasein der Kunst verdanken, ihre Handlungen auf dieser Erde eingerichtet hätten, wohl nach dem Tode Licht sehen, vollendet, das Wesen Gott erkennen und Alles erfahren würden, was uns schon hier zu wissen sogar nöthig wäre. Khalife. O daß ich so taub wie mein treuer Masul wäre! Ben Hafi. Ram fuhr fort: Es kann wohl sein; denn wer kann sagen, was sein und nicht sein kann? Ich aber frage, wie werden sie das Wesen Gottes erkennen? Ganz oder stückweise? Werden sie so vollkommen werden, daß auch kein dunkles Fleckchen in ihrem lichten Geiste kleben bleibt? Erkennen sie das Wesen Gottes ganz, so müssen sie ihm gleich werden, und das Endliche, Begrenzte muß dann unendlich unbegrenzt werden, sonst ist das Maß seines Erkennens des Unendlichen immer noch zu kurz. Zum Theil, stückweise; so bleibt die alte Qual, die uns auf Erden martert. Denn das kleine dunkle Fleckchen, das unerleuchtet bleibt, wird einen finstern Schatten über die hellen Theile werfen und diese der Vollkommenheit so Nahen nach dem Fehlenden, um menschlich zu reden (können wir anders?), ebenso lüstern machen, als wir es in unsrer gänzlichen Dunkelheit zu sein das Glück oder Unglück haben. Wollt ihr eine Stufenleiter annehmen, wie wir im Reiche des Geschaffenen thun und sagen, die Kette der Geister geht auf- und abwärts, so habt ihr die sinnliche Leiter dort wie hier, von dem ausgebildetsten Geist, wie zum Beispiel unser erhabener Sultan ist, bis zum Wurme herab, und Der, welcher zunächst an dem Throne des uns unbekannten, geheimnißvollen Wesens steht, muß vergleichungsweise in einer noch weitern Entfernung von ihm stehen, als wir von unserm Sultan. Faßten sie den Unsichtbaren, und wir unsern sichtbaren Sultan ganz, so wären sie dem ihren, wir dem unsern gleich, und sie fänden an dem ihren nichts mehr zu bewundern, wie wir an dem unsern. Und was sollte der Herr des Himmels mit Geistern um sich, die an ihm nichts mehr zu bewundern fänden? Er müßte sie so langweilig finden, als ein sichtbarer Sultan seine Großen, die sich in dieser Lage gegen ihn befänden. Was man mit allem Diesem will, das begreife ich nicht. Es liegt etwas Ungeheures in dem Gedanken, daß dies Wesen, dem Alles sein Dasein und seine Erhaltung zu danken haben soll, gehüllt in Dunkelheit, in völliger Genügsamkeit und Selbstgenuß da sitzt und sich uns entzieht, da wir doch von brennendem Durst zu ihm, der Quelle unsrer Kenntniß, getrieben werden. Khalife. »Glaubet, Kinder des Apostels! Wenn der unvermeidliche Tag des Gerichts einbricht, so werden Einige erniedrigt, Andere erhöhet werden. Wenn die Erde erbeben wird von einem gewaltigen Stoße und die Gebirge in Stücken zerschlagen werden und in Staub verfliegen, werdet ihr in drei verschiedene Theile geordnet werden! In die zur Rechten (wie glücklich werden die zur Rechten sein!), in die zur Linken (wie elend werden die zur Linken sein!), und in die, die Andern im Glauben vorgegangen sind. Diese sollen euch im Paradiese vorgehen. Sie sollen Gott am nächsten sein und in den Gärten des Vergnügens wohnen. Auf Betten, mit kostbaren Steinen und Gold geschmückt, sollen sie einander gegenüber ruhen. Immer blühende Jünglinge sollen um sie herumgehen, ihnen aufwarten und ihnen Kelche voll duftenden Weins darreichen. Von diesem Weine soll ihr Haupt nicht beschwert und ihre Vernunft nicht verwirrt werden. Sie sollen ihnen die Früchte darreichen, die sie wählen werden, und das Fleisch der Vögel, nach dem ihnen gelüstet. Jungfrauen mit großen schwarzen Augen, weiß, wie das Ei des Straußes, der Perle gleich in der Muschel verborgen, sollen ihre Gesellschafterinnen sein, als eine Belohnung für ihre Thaten. Dort sollen sie kein eitles Geschwätze, keinen Vorwurf der Sünde hören, sondern nur den Gruß: Friede! Friede!« Strebet, Kinder des Apostels, den Andern im Glauben vorzugehen. Und die auf der rechten Hand (wie glücklich sind die auf der rechten Hand!) sollen wohnen unter Lotus-Sträuchen ohne Dornen, unter Akazienbäumen ohne Dornen, immer beladen mit ihren Blumen von dem Fuße bis zum Wipfel. An immer fließendem Wasser, unter breiten kühlen Schatten, unter nie mangelnden Früchten, die sie nach Gefallen sammeln mögen, sollen sie sitzen und auf hohen Betten ruhen. Wahrlich, wir haben die Jungfrauen des Paradieses erschaffen, und Moschus ist der Stoff, aus dem wir sie gebildet haben. Und wir haben sie zu Jungfrauen geschaffen, geliebt zu werden von den ihnen Vermählten, die gleiches Alters mit ihnen sind. Und sie sollen nur Den anblicken, der ihnen vermählt ist, und in großen, prächtigen Gezeiten wohnen.« Glaubet, daß dies euer Loos werde! Ben Hafi. Wir glauben. – Mahal sagte zu Ram: »Du bist der Abscheulichste unter allen Diesen.« Ram. Schweige, es sitzen Thoren um mich her, und du bist wahrlich der kleinste nicht. Er erhob abermals seine Stimme: Khalife. Genug des Wahnsinns! genug der Lästerung! Ich kann heute nichts mehr hören, und morgen, Ben Hafi, laß diese Rasenden schweigen; oder ich breche zum ersten Mal mein Wort! Ben Hafi. Nur dies, während ich meine Handschrift zusammenrolle. Beim Aufbruch sagte Mahal zu Ram: »Ich habe heute unter euch die Quelle der Verderbniß, der Thorheit und des Wahnsinns gefunden, nach der ich so lange geforscht habe; es ist das Wissen.« Ram antwortete lächelnd: »Halte dich indessen immer daran, sie fließt breit, stark und voll, und du kannst auf ihr nach der Entdeckung der andern kühnlich schiffen. Aber warum haben wir es und den Trieb dazu? Das Kind, das aus dem Mutterleibe kommt und das Licht empfindet, legt schon den ersten Grund zum Wissen. – Kann es dafür?« Khalife. Ben Hafi, Friede sei mit dir! Achtzehnter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift auseinander und begann: Da du, Herr der Gläubigen, das Geschwätz dieses sogenannten philosophischen Sultans und seiner sogenannten Freunde nicht weiter hören willst, so darf ich dir auch nicht die glänzende Rede Rams herlesen, die er in dem Saale des Lichts hielt und deren Erfolg war, daß nun Sultan Denkling wirklich den Entschluß faßte, die weise und einfache Allegorie der Gottheit, die von den ältesten Zeiten her in einem Tempel stand, zu zerschlagen und sein eigenes Bildniß an ihre Stelle zu setzen, damit doch die Kopher eine Versinnlichung der Macht und Gewalt vor Augen haben möchten. So war nun dieses meistens das Wert des Mannes, der in Enoch gegeißelt wurde, weil er des armen Narren Puhs Götterheit verspottet hatte. Mahal seufzte, glühte, raste; Ram spottete seiner und verwirrte durch Witzeleien und Sophismen sein schon genug verwildertes Gehirn noch mehr. Er sprach bei sich: »Dieses ist also die Weisheit, um deren willen ich das Gebirge verlassen habe! Dies die Frucht der Wissenschaften und Künste, nach denen ich so lüstern war? Dies sind die Wesen, deren Wirken und Thun ich bewunderte und das ich, was das Unbegreiflichste ist, in so vielen Stücken bewundern muß. Und ich muß zu dir rufen: Verdirb sie, Herr! sie sind deiner Rache reif! aber warum sind sie so? Warum rasen Die, die so vernünftig handeln könnten? Warum sprechen Die dir Hohn, die Alles von dir haben, Alles durch dich sind, denen du eben die Vernunft gegeben hast, durch die sie sich gegen dich empören? Warum gabst du ihnen Fähigkeiten, die sie gegen dich mißbrauchen? Mit Recht sagst du, sie sind dem Verderben reif: aber warum mußten sie ihm reifen? Ich rede von dir, und sie spotten meiner; ich spreche von ihrem nahen Verderben, und sie lachen mir ins Angesicht, verwirren meinen Geist mit ihren ungeheuern, kühnen Gedanken, zerreißen mein Herz mit ihren Zweifeln, und hätte ich dich nicht wachend gesehen und gehört, sie würden mich selbst überreden, du seist nicht, und ich habe ein Traumgesicht gesehen. Ja, ihr Wissen macht ihr Unglück, ihr Wissen macht sie kühn und wahnsinnig! Alles, was ich bisher gewonnen habe, ist die Ueberzeugung, daß das Wissen Gift ist und ein Gift, das man dafür erkennt und doch verschlingt, das das Gehirn mit Worten füllt und das Herz einengt, das den vor Durst lechzenden Geist nie erquickt. Und darum hab' ich mein Gebirge verlassen, wo glückliche Unwissenheit, Unschuld und Einfalt wohnen? Mit diesem Bekenntnisse soll ich vor dich treten, Herr! Aber ach, Herr! warum wissen die Menschen so viel und doch nichts, und warum hast du ihnen diesen gefährlichen Durst nach Wissen gegeben?« Der Tag zur Aufstellung der Bildsäule des Sultans Denkling war bestimmt; er sollte in dem ganzen Reiche Kopha feierlich begangen werden. Der Sultan begab sich, begleitet von seinen Philosophen, unter denen Mahal war, nach dem Tempel. Die tiefsinnigen Kopher hatten das große Gebäude angefüllt, und nun hielt der Sultan Denkling eine lange Rede über den Unbegreiflichen und die Allegorie, die ihn versinnlichen sollte; zeigte die Mißdeutungen und übeln Folgen, die sowohl die kalten Begriffe, als sinnliche Vorstellungen von ihm veranlaßten, und that dar, daß alles Unglück, das bisher in Kopha geschehen, daher entsprungen sei. Er sagte ferner: »Bloß diese Versinnlichung, nebst den verworrenen Begriffen über den Unbegreiflichen, seien Schuld, daß die Kopher nicht so Welt in der wahren Erleuchtung gekommen wären, und daß noch, viele unter ihnen, vor Furcht zitternd, nach Lohn schnappend, das Gute thäten und das Böse unterließen. Er wolle nun diese Bilder und mit ihnen die irrigen Begriffe, die man sich von dem Unbegreiflichen machte, zerschmettern; wolle ihnen dafür ein sinnliches Bild der Gewalt, welche die Gesellschaft zusammen hielte, hinstellen, das Bild ihres Sultans und Herrn, der nach den Tafeln der Sittlichkeit, deren Urheberin die Vernunft selbst wäre, herrschte, und dadurch diese Tafeln, die bisher Lust und Unlust, Furcht und Hoffnung, Eigennutz und Selbstsucht überdünstet und verdunkelt hätten, in ihrer reinen ursprünglichen Klarheit wiederum herstellen.« Hierauf ergriff der Sultan eine Axt, die Philosophen thaten dasselbe; der Sultan führte den ersten Streich, und nun schlugen alle auf die Bilder, bis sie in Stücken zerfielen. Doch plötzlich trug sich eine Erscheinung zu, welche die Philosophen und den Sultan selbst betäubte. Der seltene Vogel, der aus seiner Asche wieder aufersteht und ein Bild des Muselmanns an jenem großen und furchtbaren Tage ist, erhob sich in seinem glänzenden Gefieder aus einer großen ehernen Kugel, die mit einem schrecklichen Brausen von sich selbst zersprang, und hielt eine Handschrift in seinem Schnabel. Als er sich erhob, erscholl eine Stimme: »Dies ist der Koran, dessen die lebenden Geschlechter nicht würdig werden konnten.« Herr der Gläubigen, Gabriel, der Fürst der Engel, hatte ihn in diese Kugel auf Befehl Gottes eingeschlossen, und sie ist ein Zeichen dem Gläubigen, daß der Koran einst über die ganze Welt herrschen werde. Der Phönix überbrachte das heilige Buch dem Fürsten der Engel, der Fürst der Engel überreichte es dem Allerheiligsten; der Allerheiligste legte den Koran neben seinen erhabenen Thron nieder, bis das Menschengeschlecht seiner würdig würde. Tausende der Jahre verflossen, der Apostel, den Gott ausersehen hatte, erschien, und Gott sandte und offenbarte ihm, durch seinen Diener Gabriel, das heiligste der Bücher. Khalife . »Preis sei Gott dem Erhabenen, dem Allmächtigen, dem Barmherzigen, der den Koran seinem Apostel offenbart hat und uns durch seinen Apostel, daß er der Lehrer aller Geschöpfe werde. Ihm, dem Herrn, gehört das Königreich des Himmels und der Erde; er ist einzig, er hat keinen Sohn gezeugt, hat keinen Theilhaber seines Königreichs. Er hat Alles geschaffen, Alles geordnet nach seinem festen, unveränderlichen Willen. Preis sei Gott! Es ist nur ein Gott, und Mahomed ist sein Apostel.« Alle . Preis sei Gott! Es ist nur ein Gott, und Mahomed ist sein Apostel! Khalife . »Alles, was im Himmel und auf der Erde ist, preiset den Herrn, den Heiligen, den Mächtigen. Er ist es, der unter den ungelehrten Arabern einen Apostel ihres Geschlechts aufgestellt hat, ihnen seine Zeichen zu verkündigen, sie zu reinigen und sie die Schrift und Weisheit zu lehren; vorher waren sie gewiß in offenbarem Irrthum. Andere haben die Weisheit nicht gefunden. Die so den Glauben nicht angenommen haben, sollen zur Zeit, die Gott gefällt, bekehrt werden, er ist mächtig und weise. Dies ist die Gnade Gottes, er gibt die Weisheit Denen, die er auserwählt.« Ben Hafi . Sieh, Herr der Gläubigen, dies ist der geheimnißvolle Umstand, auf den ich dich verwies. Khalife . Ben Hafi, ich bin zufrieden mit dir, du hast mir dadurch alle Angst, die mir dieses Märchen, und alle Langeweile, die mir die vorigen verursachten, hinlänglich versüßt, und nie sollst du darben. Friede sei mit dir! Die Gärten des Propheten sollen dir aufgethan werden und du ewig in ihrem erquickenden Schatten ruhen. Ben Haft verbeugte sich und fuhr fort: Die tiefsinnigen Kopher schrieen einstimmig: ein Wunder! der Sultan und seine Freunde standen eine Zeitlang betäubt da; endlich ermannte sich Ram und rief: warum erstaunt ihr über den groben Betrug der Priester dieses Tempels? Sie haben diesen Vogel in der Kugel verborgen, sie durch ein geheimes Kunstwerk aus einander gerissen, um das Volk zu blenden, ihren ihnen vortheilhaften Aberglauben für immer zu erhalten und der Erleuchtung der Kopher entgegen zu arbeiten!« Die Kopher mußten es glauben. Hierauf wurde das Bildniß des Sultans aufgestellt, und Denkling sah ich als einen Gott dastehen. Auf dem Fußgestell waren die dir bekannten Zauberformeln eingegraben. So sah nun Mahal das möglichste Maß der menschlichen Vermessenheit und Raserei; ergrimmt wanderte er mit dem Hofe nach dem Palast zurück, und an der fröhlichen Tafel, wo man das Siegesfest über den Aberglauben feierte, hielt er dem Sultan eine sehr derbe Strafpredigt, wodurch er aber weiter nichts wirkte, als daß er ein Gegenstand des Spotts und Gelächters ward, und von diesem Augenblick sah ihn der Sultan als einen Wetzstein seines Witzes an und duldete ihn auch nur darum in seiner erleuchteten Gesellschaft. Die ernsthaften, launigten Kopher, die nun nichts mehr aus Furcht vor der Strafe und aus Hoffnung auf Lohn thun sollten, lachten bald in ihrem Herzen des Sinnbilds eines Gottes, der im Fleisch vor ihnen wandelte und der trotz der Tafeln der Vernunft so Vieles that und thun mußte, was sich mit ihren strengen Gesetzen nicht reimen ließ. Uebrigens schwatzten sie, gleich ihm, ein Langes und Breites über die Gesetze der Vernunft und gingen den Weg der Lust und Unlust; aber über die Beweggründe ihrer Handlungen, die Reinheit des Willens dachten sie so scharf und mühsam nach, daß, wenn der Hunger in den Kophern nicht gewirkt hätte, wie in andern Menschenthieren, die ganze Staatsmaschine bald gestanden haben würde, und ihre Lehrer diese Tafeln mit eigner Hand würden haben zerschlagen müssen, um ferner fort philosophiren zu können. Doch thaten diese Denklinge, was sie konnten, das ganze Gebäude des Staats zu Grunde zu richten, und um es ganz zusammen zu werfen, erforderte es weiter nichts, als einen groben Schlag von einer unphilosophischen Hand. Die gescheidtesten Kopher zogen zu Sultan Pah oder Einfalt und ließen sich unter den Mullahern nieder, um nicht vernünfteln zu müssen. Diese machten dem Sultan eine so sonderbare Beschreibung von der Wirthschaft seines erhabenen Bruders, daß er theils aus Neugierde, theils aus Gutmüthigkeit den Entschluß faßte, einmal an seines Bruders Hof zu ziehen, um die Wunder, die er wirkte und die so viele Unterthanen aus seinem Lande jagten, mit eignen Augen anzusehen. Begleitet von einigen rohen Mullahern kam er ohne Weiteres in eben dem Augenblick in Kopha an, als der Sultan Denkling in dem Saal der Vernunft mit seinen Freunden saß und ihnen eine Rede über die Erleuchtung, Aufklärung und moralische Vollkommenheit vorlas. Bruder Einfalt ging gerade auf ihn zu und wollte ihn zärtlich umarmen; aber der Sultan, beleidigt von der Zudringlichkeit Einfalts in den Saal der Vernunft mit seinen Barbaren, verließ seinen Posten nicht, zeigte ihm ganz kalt einen Ort zum Niedersitzen und fuhr in seiner Rede fort. Als nun seine Rede zu Ende war und die Philosophen sie genug bewundert hatten, sagte auf einmal Einfalt mit vieler Herzlichkeit: »Bruder Denkling, von allem Dem, was du gesagt hast, verstand ich kein Wort. Wir in Mullah verstehen unter Bebauen nichts anders, als das Bebauen unsrer Felder, unter Erleuchtung nichts anders, als die Erleuchtung der guten Sonne, und geht uns die aus, so zünden wir Lichter an. Von Vollkommenheit wissen wir weiter nichts, als gesund zu sein, zu essen und zu trinken, so viel wir verdauen können, und so viel Kinder zu zeugen, als wir Kräfte haben. Die Vernunft kennen wir nicht, noch weniger verstehen wir Dasjenige darin zu lesen, was, wie du sagst, darin aufgeschrieben ist. Gott ist gar nicht mehr in Mullah, auch haben wir kein Bild von ihm, wie du eines in deiner Person von ihm sollst aufgestellt haben. Ich bin begierig, das Ding zu sehen, das so viel Lärmen macht. Uebrigens gehorchen mir die Mullaher gerne, wenn ich nur befehle, was Rechtens ist. Befehle ich ihnen aber etwas Dummes oder etwas, das sie für unrecht halten, so sagen sie mir es gerad heraus, thun es auch nicht, und da sie sich vor dem Tode gar nicht fürchten, so halte ich mich lieber an Das, was sie für klug und gut halten, und mich däucht sogar, sie wissen es noch besser als unser Einer, was ihnen nützlich oder schädlich ist. Nun bin ich eigentlich hierher gekommen, dich, lieber Bruder, recht zu bewundern, deine große Wirtschaft, von welcher ich gar nichts verstehe, anzusehen und etwas von dir zu lernen. Zeige mir nur den Weg dazu und sage mir, wo und worüber ich eigentlich anfangen muß, dich zu bewundern. Aber vor allen Dingen erkläre mir: Woher kommt es wohl, daß trotz deiner Weisheit und deinen Wundern so viele Kopher zu uns rohen Mullahern wandern, sich bei uns niederlassen, und kein Mullaher zu deinen Kophern wandert, um sich bei ihnen niederzulassen?« Khalife . Eine spitze Frage für einen Einfältigen, und es ist vermuthlich die gescheidteste, die in dem Saale der Vernunft bisher aufgeworfen worden ist. Mahal horchte dem Sultan Einfalt sehr aufmerksam zu und sah bald ihn, bald Sultan Denkling an. Denkling antwortete: »Bruder Einfalt! du bist noch der Alte und ganz für das rohe Volk geboren, das unser Vater dir zur Herrschaft übergeben, oder vielmehr dem er dich, um von ihm beherrscht zu werden, übergeben hat. Rohheit und Einfalt vertragen sich recht gut mit einander; darum hättest du besser gethan, zu Hause zu bleiben, als dich diesen Weisen in deiner Nacktheit zu zeigen. Doch ich will dir sagen, warum deine wilden Mullaher nicht zu uns wandern und sich bei uns niederlassen. – Warum kommen die Thiere des Waldes nicht zu uns?« Sultan Einfalt . Weil sie Thiere sind und sich da, wo sie sind, recht wohl befinden. Der Sultan und die Weisen lachten laut über Einfalls Antwort; Einfalt lachte herzlich mit und sagte endlich: »Nun weiß ich, warum die Thiere des Waldes nicht zu euch kommen; weil sie nicht über euch lachen können.« So arglos auch Einfalt diese Worte vorbrachte, so fühlte sie gleichwohl Sultan Denkling und antwortete mit sehr feierlichem Ernste: »Bruder Einfalt! die Thiere kommen nicht zu uns, weil sie der Vernunft nicht fähig sind, und die Mullaher kommen nicht zu uns, weil sie noch in dem Schlamm der Unwissenheit versunken liegen und gleich ihren Brüdern im Walde nur den viehischen Trieben des Fleisches folgen. Meine Kopher ziehen in dein Reich, weil sie als erleuchtete Menschen das Licht, das ich in ihnen angezündet habe, gerne weiter auf der Erde verbreiten möchten. Du wirst bald die Wirkung davon empfinden und dann einsehen, daß du zwar über Thiere, aber nicht über Menschen zu herrschen fähig bist.« Sultan Einfalt . Wollen deine Kopher dies, so ist es Zeit, daß ich zurückreise und sie wegjage; doch bisher haben sie sich ganz stille gehalten, und da sie von dir viel Dummes, Lächerliches und Böses erzählen, so glaube ich beinahe, sie sind eher aus Ueberdruß deiner hohen Weisheit davon gelaufen, als mit dem Vorsatz, Thiere zu belehren, deren glücklichen Sultan ich mich nenne. Diese letzten Worte machten einen so widrigen Eindruck auf den Sultan Denkling, daß er plötzlich die Gesellschaft aufhob, seinen Bruder stehen ließ und sich in sein Gemach begab, wohin ihm die Auserwählten nebst Mahal folgten. Sultan Einfalt lief in dem Palaste herum, um seine alten Bekannten aufzusuchen, er fand aber keinen derselben; denn die Denklinge hatten die Diener der vorigen Regierung, als ungebildete Leute, alle weggedrängt und sich in ihren Stellen festgesetzt. Dieses that dem Sultan Einfalt sehr weh. Er sah ganz einsam in einem Zimmer voller Handschriften und andern Geräthschaften zur Weisheit und wunderte sich sehr darüber, daß sein Bruder Denkling so viel zu thun hätte und ihm, der so weit herkäme, ihn zu besuchen, nicht einmal eine kleine Stunde seiner Zeit schenken könnte. Hierüber schlief er ein und war so glücklich, wie Einfalt und Unschuld in allen Lagen des Lebens ist. In dem Augenblick, da Sultan Einfalt des sanften Schlafs genoß, rathschlagte sein Bruder Sultan Denkling mit seinen weisen Freunden, was mit dem rohen Menschen anzufangen sei. Er ging lange ärgerlich und mißvergnügt auf und nieder, endlich beklagte er sich laut über die Fühllosigkeit und Dummheit seines Bruders, wovon dieser eben, nach seiner Meinung, so schreiende und schimpfliche Beweise gegeben haben sollte. »Und dieses Thier,« schrie er heftig, »soll über Menschen herrschen! Es macht mir, der Vernunft, der ganzen Menschheit Schande! So lange Sultane wie er regieren können und die Menschen unter ihnen wie Pflanzen leben und hinwelken, kann sich das Reich der Vernunft nicht ausbreiten. Kann ein Geist, wie ich, auf die Dauer der Aufklärung nach sich rechnen? Ich steige in das dunkle Grab, werde Asche, und die Dummheit herrscht, wenn ich nicht bei den benachbarten Völkern, eben so wie in Kopha, Aufklärung auszubreiten suche. Auf meiner Rechten da ist mein Bruder Schönling, durch einen breiten Strom von meinem Reiche getrennt, er verbrennt die Vernunft durch die Einbildungskraft und macht die Sullaher zu klingenden Narren. Auf meiner Linken dieser Barbar, den Gebirge von meinem Reiche scheiden, der über Thiere herrscht und mir ins Angesicht sagt, er halte es für ein Glück. Was hilft es mir nun, daß ich gleich einer strahlenden Sonne in ihrer Mitte sitze; der eine sieht mein Licht aus Dummheit nicht, und der andere haßt es, weil die Schönlinge das Helldunkel lieben und ihnen die Vernunft alle die erlognen Bilder ihrer Phantasie zu Gerippen macht.« Ram . Herr, so müssen sich die Philosophen aufmachen und ihnen das Licht zutragen; doch meine Meinung wäre (der deinen unbeschadet), wir fingen mit diesen Menschenthieren zuerst an; denn Schönlingen der Vernunft zuzuführen, ist eben so leicht, als Affen gesetzt, sittsam und bescheiden zu machen. – Du sagtest vorhin selbst, daß sich schon viele deiner Unterthanen in dieser Absicht nach Mullah begeben hätten. – Sultan Denkling . Ach, Ram, ich wollte Einfalt nicht die Wahrheit sagen. Die Entflohenen sind Abtrünnige der Vernunft, die darum die Dummheit der Erleuchtung vorziehen, weil sie hier keine Rolle spielen können, weil – Ram wollte nicht gerne, daß der Sultan die Gründe aufsuchen und aufzählen sollte, und fiel ihm ein: »Sultan Denkling, wenn ich zu dir rede, so rede ich zu einem Denker, zu einem Manne, der, ob er gleich Sultan ist, doch einen Sultan über sich anerkennt, und dieser ist deine helle, reine, von allen Vorurtheilen befreite Vernunft. Dem zufolge sage ich, das Größte, Erhabenste, was du unternehmen kannst, ist, daß sie, die deine Herrscherin ist, die Herrscherin aller Menschen werde. Es wäre verwegen, dich zu fragen, ob du dieses eingestehst.« Sultan Denkling . Dies wäre es allerdings. Ram . So frage ich dich: hältst du den Sultan Einfalt der Erleuchtung fähig? Sultan Denkling . Du hast die Beweise davon in dem Saale der Vernunft gehört. Ram . So hat er sich sein Urtheil selbst gesprochen. Alle . Das hat er gethan. Sultan Denkling dachte ernsthaft nach. Ram . Ist Einfalt der Erleuchtung unfähig, so kann er nie erleuchtet werden. Kann er als das Oberhaupt der Mullaher nicht erleuchtet werden, so kann von ihm die Erleuchtung zu den Mullahern nicht übergehen. Kann die Erleuchtung zu den Mullahern nicht übergehen, so bleiben sie in ihrer Dummheit; bleiben sie in ihrer Dummheit, so ist es unmöglich, daß dein Licht sich weiter ausbreite – und dies – dies, Herr, ist noch das Unbedeutendste. Sultan Denkling (auffahrend) . Was wagst du zu sagen? Ram . Hm, ich sage, daß diese rohen, dummen, ungeschliffenen Mullaher deinen verfeinerten, erleuchteten, tiefsinnigen Kophern mit der Zeit sehr gefährlich werden können. Die Erleuchtung ist eine gar herrliche Sache für den Geist, doch oft nicht für den Körper; oft geschieht sie sogar auf Unkosten der Kräfte des Körpers, und wenn es zwischen den Kophern und Mullahern zu Schlägen kommen sollte – Sultan Denkling . Du thust uns zu viel. Der Verständige siegt immer über das Thier, geschieht das nicht mit dem Schwerte, so geschieht es mit der List. Ram . Die doch die Schwäche des Körpers beweist. Besser ist es, du lässest es nicht dazu kommen und nimmst dem Thier die rohe gefährliche Kraft. So machten es unsre Vorfahren mit dem Pferde und mit dem Stier. Bedenke noch, daß die Mullaher nicht vergessen haben, daß dein Vater sie sich gewaltsam unterworfen hat. – Nach allem Diesem sage ich nur, da Sultan Einfalt ein Thier über Thiere bleiben will und diese Thiere Menschen werden sollen, so kann Sultan Einfalt nicht Sultan in Mullah bleiben. Sultan Denkling (lächelte) . Und wer sollte es an seiner Stelle sein. Ram . Wer anders als die Sonne in Kopha? Liegt es dir nicht als Pflicht ob, die vernunftwidrige Einrichtung deines Vaters umzustoßen und dich nach und nach als Herr der drei Reiche auf den Thron zu setzen, auf dem er gesessen hat? Sultan Denkling . Dies alles ist trefflich und gut; aber – Ram . Ich sehe nur eine Schwierigkeit, und die ist für einen systematischen Denker unausstehlich, denn der erste Schritt zur Bildung dieser rohen Mullaher müßte darin bestehen, daß du ihnen den Begriff von Gott beibrächtest. Da du ihn nun den Kophern genommen hast, wie kannst du – Sultan Denkling . Das werde ich nie thun, und warum, wozu? Ram . Hm, es ist sonderbar genug! Sieh, Sultan Denkling, der erste Schritt zur Aufklärung ist der Begriff von Gott, und der letzte, den meine ich, der der Erleuchtung das Siegel der Vollendung aufdrückt, ist, ihn als überflüssig wegzuwerfen. Ich denke, wir haben dies in Kopha bewiesen, und Alles, was wir nur in Mullah suchen müssen, ist, daß die Mullaher mit der Zeit durch Kunst werden möchten, was sie nun von Natur sind. Wir bedürfen dieses Begriffs nicht mehr, weil er der Beweggrund unsrer Handlungen nicht sein darf, denn wär' er der Beweggrund unsrer Handlungen, so bewegte uns nicht die Vernunft, sondern Furcht, Hoffnung, Liebe oder Achtung, die beide wiederum in den ersten unreinen sich auflösen. Ueberall ist nur Knechtschaft, und diese hassen wir. Doch davon, wenn wir nur erst Herren der Mullaher sind. Sultan Denkling . Und wie sollten wir dies werden? Ram . Nichts ist leichter. Bist du nicht als der Aelteste sein nächster Erbe? Will ich nun Einen beerben, so muß Das voraus gehen, was mich zum Erben machen kann. Ich spreche das Wort nicht aus, denn jeder erleuchtete Mensch verabscheut den Begriff der Auflösung. Spräche ich nun zu einem gewöhnlichen Menschen, so würde ich mich, nach der Weise der Schönlinge, in rednerischen Figuren fein und zierlich herumwinden; aber dir sage ich, bist du der Mann, der du uns zu sein scheinst, so darfst du hier das Gesetz der Vernunft verletzen, über eine ihrer Tafeln einen Schleier fallen lassen, da du sie alle in den Köpfen der Mullaher mit deinem Lichte dadurch erleuchtest. Auch kann man ein Thier, das unnütz ist, einsperren und es seinen Sinnen leben lassen, bis es sie abgenutzt hat. Sultan Denkling . Wir wollen es überlegen. So viel ist klar, Einfalt ist in das Netz gelaufen, und wir müßten ihm gleichen, wenn wir ihn wieder entspringen ließen. Indessen seid freundlich gegen ihn. Ich will ihn auf morgen zu einer Versammlung einladen, und bleibt er, wie er ist, so wollen wir das Andere berathen. Zum Sultan taugt er auf keine Weise. Ram . Dies ist es eben, was ich beweisen wollte und bewiesen habe. Khalife . Das sind ja abscheuliche Menschen. Ben Hafi . Es sind Selbstler, Nach dem Arabischen paraphrasirt; das Wort ist bezeichnend genug und hat nichts gegen sich, als daß es nicht gebräuchlich ist. aus Philosophen, Höflingen und Herrschern entsprungen, und es ist zu bewundern, daß aus der sonderbaren Mischung nicht etwas Schlimmeres hervorgegangen ist. – Abends schmeichelte man dem Sultan Einfalt und machte ihn mit Mahal zum Gegenstand des Spotts; Einfalt merkte nichts. Auf den folgenden Tag lud man ihn in den Saal der Wahrheit ein; aber Einfalt war verschwunden. Khalife . Das ist mir lieb. Ben Hafi . Als es Ram vernahm, sagte er zu Mahal: »An Einfalts Flucht bist du Schuld; du hast ihm unsern Anschlag verrathen.« Mahal . Freilich hab' ich es gethan, mag ich auch das Leben darüber verlieren, das mir unter euch zur Last wird. Ram . Gleichwohl hast du gehört, daß wir die Mullaher von Gott unterrichten wollten; nun bist du Schuld, daß sie in ihrer groben Unwissenheit verbleiben. Mahal . Ihr seid abscheulich mit und ohne Gott. Ram . Wie hast du ihm unsern Anschlag beigebracht? Mahal . Durch einen seines Gefolgs. Ram . Schweige davon gegen Jedermann. Du hast recht wohl gethan, denn eben darum sprach ich so in deiner Gegenwart vor dem Sultan. Ich war gewiß, du würdest in deinem Eifer thun, was du gethan hast, und wollte wahrlich nicht, daß Einfalt etwas zu Leide geschehe. Mahal . Wer begreift dich, Schlange. Ram . Nenne mich, wie du willst. Ich hasse alle diese Narren hier, auch habe ich die Geißelung in Enoch noch nicht vergessen. Sei nur ruhig, du wirst noch mehr sehen und vor lauter Sehen blind, vor lauter Erkennen stumpf werden, und wirst du das nicht, so mußt du endlich über Alles denken, wie ich, dein erster und dein letzter Lehrer denke. Hier bist du an der Quelle der Weisheit, und je nachdem du aus ihr schöpfest, wirst du entweder ein Narr, ein hohles Nichts oder ein Bösewicht; doch das Erste brauchst du nicht erst zu werden. Mahal . So bin ich es unter euch geworden: doch bevor eins von den dreien wirklich geschieht, will ich mich auf das Gebirge flüchten, um über euch und mich zu weinen, bis ich sterbe. Ram . Siehst du wohl, daß du ein Narr bist? aber folge mir nur; da du ein weinender und kein lachender Thor bist, so will ich dein Wohlthäter werden und dir Stoff zu Thränen zubereiten. Auf das Gebirge will ich dir schon helfen. Nach dieser Unterredung ging Ram mit Mahal zum Sultan Denkling, der, umgeben von seinen Freunden, über die Flucht seines Bruders nachsann und äußerst ergrimmt war, daß er ihm entgangen war und seine Einladung in den Saal der Wahrheit verschmäht hatte. Ram sagte ihm gerade heraus, es müßte ein Verräther unter den Denklingen sein; denn Einfalt wäre viel zu einfältig, als daß er ihren so klugen Anschlag hätte merken sollen. »Sei indessen ruhig, Sultan,« fuhr er fort, »hat er sich zu dem Sultan, deinem Bruder, begeben, so wird es ihm bei den Schönlingen nicht besser ergehen.« Sultan Denkling . So will ich gleich meinen Bruder Schönling zu einem Bündniß gegen Einfalt einladen; von der Hoffnung gereizt, die ihm mein Gesandter vorspiegeln soll, die Mullaher zu Schönlingen zu bilden, wird sich seine Einbildungskraft einen Augenblick entflammen. Haben wir es einmal so weit gebracht, daß wir Mullah theilen können, so müßten wir keine Philosophen sein, wenn wir nicht Sullah und Mullah der Vernunft unterwürfen. Auch soll ihm mein Gesandter sagen, wie sehr mich Einfalt beschimpft hat, da er meiner Einladung in den Saal der Wahrheit so schnöde ausgewichen ist. Mein Bruder, ob er gleich nur ein Schönling ist, ist doch fähig, eine solche Beleidigung zu fühlen. Wir müssen nun einen Mann aussuchen, der die Kunst versteht, recht glühend und erhaben zu reden, denn Bruder Schönling muß durch die Phantasie gefaßt werden. Sultan Denkling hatte sich in seiner Muthmaßung nicht betrogen. Einfalt zog gerade zu Schönling, beklagte sich mit vielem Schmerz über seinen Bruder Denkling und gewann durch seine Klage weiter nichts, als daß er Schönling reizte, mit seinen Freunden zu Rathe zu gehen, wie man es wohl machen müßte, die Mullaher dichterisch zu bilden und empfänglich für das Schöne und Gute zu machen; aber das Glück, das die Einfalt oft so gerne beschützt, rettete Sultan Einfalt auch hier; wie? erzählt Mahal nicht, weil er kein Zeuge davon war. Die Botschaft des Sultans Denkling machte demnach einen starken Eindruck auf den Sultan Schönling. Er erblickte sich plötzlich in dem Glanze eines Helden. Die Schönlinge sahen in seinen und ihren Thaten einen neuen erhabenen Gegenstand ihrer Dichterei, und in den starken, nervichten, arbeitsamen Armen der Mullaher eine neue, reiche Quelle der Nahrung ihres Dichtergeistes. Der Krieg gegen Mullah ward also mit der den Dichtern und Schönlingen eignen Begeisterung unternommen. Der Sultan ließ eine Schrift in feurigen Zeichen und hohem Stile an die muntern Sullaher ergehen; sie zündete, und Alles machte sich auf, die Menschenthiere in Mullah zu Schönlingen zu bilden. Als Sultan Einfalt in Mullah ankam, erzählte er seinen Aeltesten mit vielen Thränen, wie seine Brüder ihn hätten tödten und sich dann die Mullaher unterwerfen wollen, um sie zu Denklingen und Schönlingen zu bilden. Wuth und Grimm überfielen die gegenwärtigen rohen Mullaher; sie schwuren alle bei der Erde, ihrer Ernährerin, sie wollten den Kophern und Sullahern die Schädel einschlagen, die so viel Böses und Dummes ausheckten, und sich auf einmal für die alte Unterjochung rächen. Einfalt that es nun herzlich leid, daß es dahin kommen sollte; aber da sich mit den Mullahern viel thun und wenig reden ließ, so setzte er sich an die Spitze der Mullaher, die wohlgeordnet, mit Keulen und Schwertern bewaffnet, aus ihren Gebirgen hervorbrachen und gegen Denklings Grenzen anzogen. Es war ein fürchterliches Heer, Herr der Gläubigen, da die Mullaher den Tod nicht fürchteten und von der Tapferkeit weiter gar nichts wußten, als daß ein Mann nicht wohl ohne sie sein könnte. Die zwei erhabenen Brüder hatten sich indessen vereinigt und vertrugen sich gerade so, wie Vernunft und Einbildungskraft sich zu vertragen pflegen. Sie fühlten die unerträglichste Langeweile, wenn sie beisammen waren; einer verachtete den andern, und die Denklinge und Schönlinge thaten auf beiden Seiten ihr Möglichstes, diese Verachtung bis zum Hasse zu treiben, dabei aber klüglich zu rathen, es nur beim innern Groll bewenden zu lassen, bis man den Andern nicht mehr brauchte. Denkling dachte, er wollte die Schönlinge zur Unterjochung der Mullaher brauchen und dann die Mullaher zur Unterjochung der Schönlinge. Sultan Schönling dachte eben so von den Denklingen, und so spielten sie ganz artig das Spiel Verbündeter, und es steht zu erwarten, der Gewinn werde so ausfallen, wie er zwischen verbündeten Großen gewöhnlich ausfällt. Wahrend nun die Oberhäupter mit so vortrefflichen und weisen Gedanken umgingen, sprachen die tiefsinnigen Kopher so lange über die edle Verachtung des Todes und den reinen Heldenmuth, seine wahre Quelle, bis sie endlich fanden, es vertrüge sich gar schlecht mit der Vernunft, für einen Sultan, wie der ihrige sei, sich todtschlagen zu lassen. Zu dieser weisen Bemerkung trugen einige von den Keulen der Mullaher eingeschlagene Schädel Vieles bei; denn die Kopher fühlten bei dem scheußlichen Anblick, diese Keulen zerschlügen auf einmal alle Tafeln der Sittlichkeit, indem sie die Gesetzgeberin Vernunft selbst herausschmetterten. Die Schönlinge besangen die Heldenthaten, die sie thun wollten, solange, sprachen so lange von dem schönen, ruhmvollen Heldentode, der Unsterblichkeit des Namens nach dem Heldentode, dem schaudervoll Erhabenen, das den Krieg begleitet, bis sie bei gleicher Veranlassung empfanden, ein so grober Schlag mache allem Spiel der Einbildungskraft, allem Gefühle des Schönen und Guten ein Ende, und dann sei Alles gleich, der ausgebildetste, gefühlvollste Schonung nicht besser daran, als der roheste Barbar; der Tapfre würde dort behandelt, wie der Feige, und man müßte ein Thor sein, um eines Andern willen, und sei es auch ein Sultan, aufhören zu wollen, schön zu fühlen. Der Tag der Schlacht brach an. Denkling und Schönling hielten Reden an ihre Heere, voll Tiefsinn und Erhabenheit. Die Heere rückten einander entgegen, Schönlings Heer unter rauschender Musik, Denklings still und feierlich. Als ihnen nun die Mullaher in das Weiße der Augen sahen, ihre Keulen emporhoben, ihre Schwerter zogen und eben losbrechen wollten, setzten sich die Kopher und Sullaher ganz ruhig auf ihre Schilder nieder und riefen den Mullahern zu: »Gebt euch weiter keine Mühe, uns zu besiegen; das Gefühl der Schönheit, die Tafeln der Vernunft machen uns zu euern Freunden, und ihr könnt nun unsere zwei Sultane da nehmen, die uns hierher geführt haben. Gebt uns dafür Einfalt zum Herrn und laßt uns alle Feindseligkeiten vergessen.« Ram brachte mit einigen Denklingen und Schönlingen die zwei Sultane zu Einfalt, der ihnen um den Hals fiel und herzlich weinte. Ram sagte zu Einfalt: »Weine nur immer, doch vergesse nicht darüber, daß du Sultan bist, und was deine edlen Brüder mit dir vorhatten.« Sie sind meine Brüder, sagte Einfalt schluchzend, wie sollte ich nicht weinen? Ach, ich kann ihnen nichts zu Leide thun. – Ram . Das sollst du auch' nicht. Sperre sie nur zusammen ein, und sie werden sich selbst so viel Böses thun, daß sie dich bald von ihrer Last befreien werden. Die Kopher und Sullaher waren zufrieden, sie riefen Sultan Einfalt zum Herrn der drei Reiche aus und sagten unter sich: »Wir waren Narren unter diesen Thoren, unter Einfalt werden wir wieder gescheidt werden.« Die Kopher und Sullaher zogen heim, und Ram nebst Mahal folgten Einfalt nach Mullah. Ben Hafi rollte seine Handschrift zusammen. Khalife . Das war ein böses, abscheuliches und einfältiges Märchen, Ben Hafi. Es ist mir lieb, daß es zu Ende ist. Ben Hafi . Vergiß nicht, daß es nur ein Gerippe ist, und daß ich dir es schriftlich mit allen Umständen geben werde. Khalife . Es sei, mich freuet es indessen recht sehr, daß Einfalt so gut davon gekommen ist. Ich hoffe, er wird gut regieren, denn ein einfältiger Sultan ist noch immer besser, als ein überweiser. Großvizir . Dies ist noch das beste Märchen, das Ben Hafi uns erzählt hat, und dieser Einfalt ist ein ganz vortrefflicher Sultan: denn der Einfältige, der sich von weisen Leuten führen läßt, ist besser als der Weise, der sich selbst vertraut und dem es an Erfahrung und Menschenkenntniß fehlt. Neunzehnter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, rollte seine Handschrift auseinander und begann: Mahal hatte nun Stoff genug zum Nachsinnen. Ram war für ihn ein quälendes Räthsel, und fragte er ihn um die Auflösung desselben, so war ein spöttisches Lächeln seine ganze Antwort. Die Mullaher setzten ihn noch mehr in Erstaunen, ob er sie gleich gerade so fand, wie sie Ram und Einfalt geschildert hatten. Das ganze Land glich einem wohlgebauten Garten; Genügsamkeit und Zufriedenheit herrschte in den Feldern, in der Stadt. Der rohe Mullaher, der nichts sagte, was er nicht that, und nichts that, was er nicht sagte, schien ihm der beste Mensch, den er auf seinen traurigen Wanderungen angetroffen hatte. Sie lebten, um zu leben, ohne zu wissen, woher sie kamen, wohin sie einst gingen. Sonne und Mond waren ihnen nichts als Lichter, die Erde ihre Ernährerin und der Himmel das Behältniß des Wassers, ihre Felder anzufeuchten. »Schade,« sagte Mahal, »daß dieses sonst gute Volk an keinen Gott glaubt, von Gott gar nichts weiß! Und wunderbar, daß Die, die an keinen Gott glauben, gerade die Besten sind, welche ich gesehen habe!« Er faßte im Stillen den Entschluß, die Mullaher mit Gott bekannt zu machen. Die Mullah« hörten ihn an und sprachen: »Fremdling, die Erde ist unser Gott, sie ernährt den Arbeiter und läßt den Faulen verhungern.« Mahal ließ sich von dieser thierischen Antwort nicht abschrecken und fuhr in seinem Eifer fort. Ram, der nun Einfalls Großvizir geworden war, vernahm Mahals Bekehrungsgeschäft, ließ ihn vor sich fordern und sagte: »Mahal, ich höre, du sprichst den Mullahern von Gott vor; laß dieses immer unterbleiben, damit wir nicht gezwungen werden, dich zum Lohne mit einer Geißelung wegzusenden. Die Mullaher sind Thiere und gute Thiere; was aus den Menschen werden kann, wenn sie aufhören, Thiere zu sein, davon hast du Beweise genug gesehen und erfahren. Wie ich merke, suchst du noch immer die Ursache, warum die Menschen so sind, wie sie sind! ich zweifle nur daran, daß du sie je finden wirst. Darum, mein Lieber, ist es Zeit, daß du nach deinen Gebirgen zurückwanderst und Gott Alles erzählst, was du gesehen, gehört und erfahren hast. Er wird daraus vernehmen, daß wir ganz artige Leute sind, und daß Ram nicht der Dümmste unter ihnen ist. Das, was du mich thun und ausführen sahst, war ein Spiel, das ich mit diesen Sultanen trieb, und du siehst daraus, daß ich die Geißelung nicht vergessen habe, die mir dein grämlicher Schwiegersohn aufladen ließ. Nun will ich Einfalt zu einem ganz sonderbaren Ding machen, wenn uns Gott Zeit dazu läßt; thut er es nicht, so wär' es wahrlich Jammerschade. Gott wird sich wohl nicht wundern, wenn du ihm sagst, du habest die Ursache nicht entdecken können, warum wir sind, wie wir sind; wir wissen es selber nicht, und sollte er dir sein Geheimniß vertrauen, so komm zu uns und theile es uns mit; aber ich zweifle daran, denn mir scheint es eigentlich das Haupt- und Staatsgeheimniß des Himmels zu sein. Ich, Großvizir des erhabenen, mächtigen Sultans Einfalt, gebe dir nun Leute mit, die dich bis an das Gebirge begleiten sollen, und wenn du unterweges keine dummen Streiche machst, so wirst du wohlbehalten dort ankommen. Leid wäre es mir, wenn es nicht geschähe, und Gott würde gar viel dabei verlieren. Lebe wohl! Das Reisen hat dich wohl erfahrner gemacht; aber Das, was du suchtest, hast du nicht gefunden. So geht's uns allen auf unsrer Reise durch diese sonderbare Welt.« Mahal ergrimmte heftig über diese kühne Rede Rams; aber Ram lachte seines Grimms. Er stieß seine Verdammungsformel über die Menschen und Ram aus, der ihn daran hinderte, dies gute Volk Gott zuzuführen, und Ram sagte: »Grüße Puh und Noah, deinen Schwäher!« So trat nun Mahal seine Rückreise nach dem Gebirge an, beschämt, Das, was er gefunden hatte, für Weisheit gehalten zu haben, empört gegen das ganze Menschengeschlecht, murrend gegen Gott, vor dem er nun in seiner nackten Thorheit und als Zeuge der Bosheit und Verderbniß der Menschen erscheinen sollte, nach deren Umgang er so lüstern war. Auch hatte unvermerkt das ungeheure Geschwätz der Denklinge einigen Eindruck auf ihn gemacht, ihn wenigstens in seinem starren Steifsinn bestärkt. Auf seinem Rückzug fand er den Sultan Zwerg noch immer glücklich unter dem Schutze der Schriftsteller. Der Sultan Lom war noch immer geistreich und verständig, hielt es auch noch immer für klug, seinen Verstand den Göttern, die um seinen glänzenden Thron herstanden, zu unterwerfen. Mahal hielt es für weise, ganz stille durch die Staaten dieser beiden Sultane zu ziehen. In Irad fand er, daß Zobar plötzlich vor Zorn gestorben war, weil ihm der Vizir mit dem Schatzmeister viel von seinem Hausgott veruntreuet hatte; daß seine Tochter, die erleuchtete Milka, an seiner Stelle herrschte, daß der Enocher Höfling ihr Großvizir war und, was Mahal noch mehr Wunder nahm, daß der kleine Sohn, bei dessen Pflanzung er den Höfling überraschte, bestimmt war, den Thron nach ihr zu besteigen. Er suchte Puh auf, der noch immer mit aller majestätischen Erhabenheit und Würde seine Last trug und allen seinen Kummer bei dem freudigen Gedanken vergaß, sein Sohn würde Gedims Götterstamm fortpflanzen und über die zwei Reiche herrschen. Die kluge Milka, die nun eine Göttin geworden war, durfte es nicht wagen, den armen Puh von seinem Elende zu befreien, weil er auf keine Weise, zum Vortheil der Sultane in Irad, seiner Götterheit entsagen wollte. Milka ließ ihn also staatsklug, menschlich hinschmachten. Mahals Herz pochte über die Verderbniß seiner Tochter, von welcher er sich nun als den Urheber ansah. Er begab sich zu ihr, um ihr ihren Wahnsinn zu verweisen, sie fiel ihm aber kalt und stolz in die Rede: »Vater, du hast mich zu Narren geführt, und nun, da ich unter Narren bin und bleiben muß, bin ich ihnen, was ich ihnen sein muß: eine kluge Närrin. Das Beste für mich und dich ist, du hältst dich in Irad nicht lange auf; denn wie ich vernahm, so sind die Irader deine Freunde nicht.« Sie verließ ihn und, selbst die Thränen der Reue, des tiefsten Schmerzes, die nun zum ersten Mal aus den Augen des verstockten, eigensinnigen Mahals drangen, rührten sie nicht. Er sprach nichts mehr; der Schmerz, der Unwille, der Groll zogen sich in sein finsteres, empörtes Herz zurück. Seine Begleiter verließen ihn unsern des Gebirges. Er erblickte den Grabhügel Adams, eilte hinzu, warf sich auf das Grab und ließ, nach langen, qualvollen, stummen Betrachtungen, seinen Verdruß und Gram folgender Gestalt in der Luft verhallen: »Hier, in diesem kleinen Bezirke, liegt also der Staub des ersten Mannes, von dem Alle ausgehen, die ich gesehen habe, Alle ausgehen werden, die noch geboren werden sollen, Alle ausgegangen sind, die, wie er, Staub geworden. O, daß ich nicht unter Denen bezeichnet gewesen wäre, die aus dir entspringen sollten! Wäre ich nur Asche, wie du nun bist, oder besser nie gewesen! In dir, dem Einzigen, einem Einzigen! lag also Keim zu Allem, was wir sind, was wir werden mußten; und wie unsre Väter sagten, mußtest du sogar durch einen Fehltritt diesen Keim entwickeln; mußtest durch diesen Fehltritt erfahren, was Gut und Böse sei, und diese unglückliche Kenntniß, dein erstes Wissen, mußte von dir zu deinen Söhnen auf uns forterben, steigen und wachsen, sich ins Unaussprechliche und Unzählige vervielfältigen; wir deine Nachkommen und jedes neue aufblühende Geschlecht mußte des Bösen mehr zu dem Bösen fügen, bis die Menschen so reif dem Verderben würden, wie ich sie gesehen habe. Ach, Vater des Menschengeschlechts! wenn du nun sähest, was aus deinen Enkeln geworden ist! Wenn du nun den Erdboden durchziehen könntest, wie ich gethan habe, und ihre Bosheit, ihre Laster, ihren Abfall von Gott, ihr Blutvergießen, ihre Herrschsucht, ihre Goldsucht, ihren Wahn sähest und sie dir alle zuriefen: »Vater, wir haben es von dir! Warum strecktest du deine Hand nach der verbotenen Frucht aus, die dir die reizende Verführerin darreichte? warum wolltest du einer der Götter werden? warum dürstete dich nach der unglücklichen Erkenntniß, der Quelle alles Bösen, das wir thun und leiden? Hättest du dich nicht reizen lassen von der verbotenen Frucht, so würden wir nun, wie du vor deinem Fall, in den blühenden Gärten leben, die schönsten, glücklichsten, durch Einfalt und Unschuld seligsten Geschöpfe der Welt sein, ohne Arbeit, Sorge, Furcht und Hoffnung, unter kühlenden Schatten, an rauschenden, erfrischenden Quellen sitzen, die süßesten Früchte essen, den ruhigsten Schlaf schlafen und uns an den uns umgebenden, erhabenen Gegenständen ergötzen, ohne zu wissen, warum und wodurch sie es sind. Du sprachst mit dem Herrn, den wir nun vergessen, verkennen oder vor dem wir zittern, und wußtest weiter nichts, als daß er dein Schöpfer, der Herr der blühenden Gärten sei. Er war dir ein Hirt, der die Schafe auf die Weide führt, dem die Schafe gehorchen, ohne von seinem Recht über sie etwas zu wissen. Du strecktest deine Hand nach der lieblich scheinenden Frucht aus, in der die Kenntniß und ihre Töchter, die Sünde, die Thorheit, der Wahn und die Begierde schliefen, und hinterließest sie uns zur Erbschaft. Bald vermählten sich diese mit dem Stolze, dem Durst nach Gewalt, und aus ihnen entsprangen die zahllosen Verderbnisse, Laster und Qualen der menschlichen Gesellschaft; ein nie hinwelkendes, immer grünendes, sich mehrendes Geschlecht. Ach, was nutzt es uns, daß unser Geist und unsre Hände durch Wissen Künste, Zeichen und Geräthe erschaffen und bilden können; Alles, was wir schaffen und zeugen, beweiset unsern Mangel und unser Bedürfniß, beweiset, was wir verloren haben, und legt die rastlose Begierde an den Tag, durch Erkünstelung das Glück wiederum herzustellen, das wir verloren haben. Aber umsonst! Das Glück ist die Gefährtin der Unwissenheit; wer da weiß, daß er glücklich ist, weiß auch, auf wessen Verlust er es ist, er weiß, daß sein Gluck zerstörbar ist, und weiß, daß ihm ein Ziel gesetzt ist!«« Sieh, so würden die Menschen dir zurufen. Und ich rufe hinunter in dein dunkles Grab, und sollte auch mein schmerzvoller Ruf deine Asche bewegen – der Trieb des Wissens, den ich von dir geerbt habe, machte mich unglücklich; er stieß mich gewaltsam unter die Menschen, die mich geißelten, verhöhnten, die meiner Warnung, meiner Sendung spotteten, bei denen ich Weisheit erlernen wollte und nichts erfuhr, als daß sie wahnsinnig sind, daß Laster und Thorheit sie allein ergötzen, und daß der Herr wohlthut, sie zu verderben. Aber Das, was nun mein Herz zerreißet – Zweifel und Unwillen gegen Den, der sie gemacht hat, der dich so gemacht hat, daß dich gelüsten konnte und durfte nach Wissen und Kenntniß, sind mein schrecklicher Gewinn! Der gleich schreckliche ist, eine Sünderin gezeugt, den Menschen zugeführt zu haben, die an Vermessenheit und Kühnheit alle Töchter Kains, des Brudermörders, übertrifft. Doch, du vernimmst mich nicht, du bist Staub, das, was wir alle werden, die aus deinen Lenden entsprungen sind. Der Herr will sie nun alle zerschlagen, und nichts soll von ihnen und Dem, was sie hervorgebracht haben, übrig bleiben, als das Gedächtnis; ihrer Laster und Thorheit. Adam! Vater der Menschen, warum strecktest du deine Hand nach der Frucht der Erkenntniß aus? Warum mußten wir erfahren, was Gut und Böse ist, und warum mußten wir so gebildet sein, daß wir des Bösen viel und des Guten so wenig thun?« Nach dieser Rede stieg Mahal auf das Gebirge, eilte nach dem Ort, wo er den Herrn gesehen hatte, und brachte nichts mit, als die Handschrift über seine Brust gebunden, unter welcher jetzt sein Herz schlug und bebte. Er setzte sich auf einen Stein unter eine Ceder und überlas, nach dem Befehl des Herrn, unter Seufzern, Beklemmung, Murren und Unwillen seine Handschrift bis zum Ende, schlug sie zusammen und rief mit starker Stimme: »Herr! hier bin ich, ein unglücklicher Thor, des Lebens müde, verwirrt und zermalt von Dem, was ich gesehen habe!« Da sausten die Winde, der Berg bewegte sich leise, und die Ceder rauschte in dem Wipfel. Die Stimme des Herrn erscholl: »Mensch, dem nach der Weisheit seiner Brüder gelüstete, was hast du gewonnen?« Mahal. Vergib mir, Herr, wenn ich rede, wie mein trauriges Herz mich antreibt zu reden. Mein Gewinn ist, daß ich müde bin zu leben, mich selbst hasse und verachte und das ganze Menschengeschlecht in mir. Vernichte sie alle, sie sind reif dem Verderben, wie du gesagt hast, und vernichte mich, den Thoren, mit ihnen. Doch, Herr, schaffe nicht mehr ihres Gleichen, denn ich fürchte, es möchte dich abermals gereuen. Gott. Und du hast kein Volk, kein Geschlecht gefunden, dessen meine Gnade schonen könnte? Mahal. Vergib mir, Herr, wenn ich rede, wie mein bekümmertes Herz mich zu reden antreibt. Ein einziges Volk habe ich besser als die andern gefunden: aber dieses Volk hat dich ganz vergessen, kennt deinen Namen nicht mehr, weiß nichts von dir, lebt wie die Thiere des Waldes und die Pflanzen der Erde. Ihre Unwissenheit ist so groß, daß, wenn du sie auch mit den andern verdirbst, sie nicht einmal glauben werden, daß sie es verdienen! sie nicht einmal ahnen werden, woher ihr Verderben kommt. Ach, Herr, vergib mir Thoren; aber warum gereuet es dich doch, daß du die Menschen gemacht hast, und warum hast du sie so gemacht, wie ich sie gefunden habe? Gott. Was ich geschaffen habe, habe ich geschaffen: wie ich es geschaffen habe, habe ich es geschaffen. Ich sprach, da ich Alles geschaffen hatte, es ist gut! und es war gut! der Mensch war das Beste, was nach den Geistern des Himmels aus meiner Hand hervorging, denn ich belebte ihn mit meinem Geiste vor allen Geschöpfen der Erde. Nur dadurch war er das Beste, weil er das Böseste des Geschaffenen werden und alles Geschaffene, das ihm erreichbar ist, zum Guten oder Bösen anwenden konnte. Mahal. Ach Herr, ich verstehe dich nicht! Gott. Weil du verstockten Sinnes und thörichten Herzens bist! – Du hast nun die Menschen gesehen – hast du auch entdeckt, warum sie so böse sind, und warum du ein Thor bist? Mahal. Ich weiß, daß ich ein Thor war, dieses Gebirge zu verlassen: aber ich mußte dieses Gebirge verlassen, weil die rastlose Begierde zu wissen und zu erkennen stärker war, als die Vernunft oder der Geist, den du meinem aus Thon und Leimen geschaffenen Leibe zugetheilt hast. Kann ich doch nicht dafür, daß Adam, unser aller Vater, von der Frucht der Erkenntnis; genossen und den heißen Trieb des Wissens in uns, nebst der Erkenntniß des Guten und Bösen, fortgepflanzt hat. Herr, ich habe Alles aufgezeichnet, was ich gehört, gesehen und empfunden habe. Ich habe gesehen und an mir selbst erfahren, daß die Menschen wahnsinnig und böse sind. Keiner kennt dich und denen ich dich nannte, die spotteten meiner. Ich habe die Quelle des Bösen gesucht in ihrem Fleische und in ihrem Geiste und frage noch immer: Herr, warum beherrscht das Fleisch den Geist, warum geht das Böse des Fleisches zu dem Geiste hinüber? Warum mußte doch der Geist, der von dir kommt, der ein Theil von dir ist, weil du ihn dem Menschen eingeblasen, hast, von dem Fleische abhängen, das du aus Thon gebildet hast und das der Mensch der Erde wiedergibt? Wie kann der Mensch zwei sich so widerstrebende Dinge ausführen, zu leben dem Geiste und dem Fleische? Gewiß weißt du Dieses alles, o Herr! und du hast Alles gut gemacht; aber ich weiß es nicht, und Alles, was ich darüber erfahren habe, was ich gelernt habe, sind Worte, womit ich die Triebe zum Guten und Bösen benennen kann; doch es sind nur Worte, und ich benenne diese Triebe, wie ich die Sonne, den Mond, die Gestirne, die Kräuter benenne, ohne ihr Inneres zu kennen. Alles, was ich davon weiß, ist, daß du sie geschaffen hast, daß Alles von dir kommt. Mir fehlt der Sinn, den Zweck zu fassen, den Schlüssel zu dem dunkeln Geheimnisse, vor dem ich bebend, schaudernd und schwindelnd stehe. Du hast ihn, und ich darf ihn von dir nicht fordern, denn Keinem vertraust du dein Geheimniß. Mir bleibt nichts übrig, als vor dir in den Staub, aus dem du mich hervorgerufen hast, niederzufallen, über mich und das ganze Menschengeschlecht, das du erschaffen hast, dessen Erschaffung dich gereut, das du verderben willst und das deinen Zorn verdient, zu weinen und dann zu sterben. Gott. Sieh, so erziehe ich mir das Menschengeschlecht zu dem hohen Zweck, den ich festgesetzt habe. Dieses ist der erste Schritt seiner Kindheit. Ich verderbe dieses Geschlecht, das nun die Erde mit Greuel erfüllt, meinen Namen vergessen hat oder ihn lästert und mißbraucht. Ich vertilge sie alle, und den Geschlechtern, die einst nach ihnen aufblühen sollen, sende ich Weise, Propheten und Apostel, offenbare mich ihnen durch sie und erziehe mir das Kind zum Manne. Khalife ( für sich ). Abraham, Moses, Christus und unser erhabener Prophet. Mahal. Vergib mir, Herr, daß ich rede, wie mein dunkler Geist mich zu reden antreibt. Was haben Diese gethan, daß sie früher geboren wurden und früher sündigen mußten? Was können doch sie dafür, daß sie in der Kindheit des Menschengeschlechts entsprossen sind und keine Weisen, Propheten und Apostel unter ihnen auftraten, dich ihnen zu offenbaren? Was ist doch dem Einzelnen, den der Tod wegrafft, die Erziehung des Ganzen, da er verwelket, bevor sie beendiget ist? Gott. Ich war euch Prophet und Apostel und ließ mich selbst zum Lehrer unter euch nieder. Ich sprach dir und allen Lebenden die deutliche und starke Sprache meines väterlichen Daseins und meiner väterlichen Sorge. Meine Offenbarung steht lebendig um euch her in großen, erhabenen, unverhüllten Zeichen. Ihr wollt sie nicht sehen, wollt meine Stimme nicht hören, ob ich gleich im Donner zu euch rede und mit Blitzen zu Euch spreche. Nun muß ich die Menschen ihrer Verstockung überlassen, denn ich bin ein väterlicher Erzieher und kein zwingender Zuchtmeister. Darum sprach ich zu diesen Geschlechtern, wie der Vater zu dem geliebten Kinde. Die künftigen Geschlechter sollen mich und meinen Willen nur durch die Stimme des Menschen vernehmen und kennen lernen, und sie sollen glauben und ahnen, was ihr mit euern Augen gesehen habt. Mahal. Ach, Herr! vergib doch der Blindheit meines Geistes und den Zweifeln meines Herzens; sieh, ich kann die bösen Gedanken nicht unterdrücken, und mit Recht nennest du mich verstockt. Sind diese Menschen, die ich gesehen habe, noch in den Jahren der Kindheit, so möchte ich jene wohl sehen im Alter des Mannes oder des Greises. Zürne mir nicht! aber, Herr, was läßt sich doch von einem solchen Kinde erwarten? Ich habe nichts als Böses gesehen. Gräuel und Abscheulichkeiten im Denken und Thun ist das Geschäft des Menschen: deiner spottet er, arbeitet nur für sich selbst und seine Lüste und halt dafür, die ganze Welt, seine Brüder, du selbst, Herr, Alles sei bloß um seinetwillen da. Die Menschen gefallen sich im Blutvergießen und Zerstören, sie finden Ruhm in schrecklichen Thaten und grausender Vernichtung ihrer Brüder, der Erde, der Wohnungen und der nährenden Felder. Böse, thörichte Menschen herrschen über die Thoren, nennen sich Götter, und die noch elendern Thoren halten sie dafür, lassen sich für sie tödten, kriechen vor ihnen im Staube und sagen: du bist einer der Götter, bist besser als wir und darfst mit uns nach deinem Gefallen thun! Warum mußte der Mensch, dessen Herr du bist, den du geschaffen hast, sich so tief vor seines Gleichen erniedrigen? Gott. Dies ist das höchste Maaß ihres Wahnsinns und mußte in dem Augenblick erfolgen, da sie mich verlassen haben. Ich wollte, ihre Führer sollten Hirten sein, sie machten sie selbst zu ihren Tyrannen! Darum soll dieser Wahnsinn mit ihnen allen von der Erde vertilgt werden, um nie wieder aufzukeimen. Das junge künftige Menschengeschlecht soll nur Väter in seinen Herrschern sehen; denn dazu, und daß sie Recht und Gerechtigkeit ausüben, setz' ich sie ein. Mahal. Ach Herr! warum ließest du es jetzt geschehen? Warum durfte dieser Wahnsinn herrschen? Und höre, Herr, das Schrecklichste, das Scheußlichste, das ich gesehen habe! Sie beten das Gold an und halten es für ihren Gott. Warum hast du das Gold erschaffen, Herr, warum hast du die Dinge überhaupt geschaffen? Gott. Thor, so könntest du nun auch fragen, warum ich dich geschaffen habe? Mahal. Vergib doch, Herr, meinem finstern Geiste, ich bin ein Thor; aber ich frage dich darum. Gott. Und sollst keine Antwort erhalten! Mahal. Ach, dies ist unser Schicksal! So will ich nun das Menschengeschlecht in dem Alter des Säuglings, des Mannes und des Greises beweinen und mit der Frage sterben: warum hast du sie so gemacht, so werden lassen? Ich bin verstockten, unmuthigen Herzens und kann selbst vor dir, meinem Schöpfer und Richter, nicht schweigen. Was hülfe es mir auch, da du das Innere des Geistes siehst, den du mir gegeben hast, und durch den ich denke und bin. Gott. Dem Verstockten verschließe ich mein Ohr! Mit offenen Augen siehst du nicht, mit deinen Händen greifst du nicht und horchest nicht auf den Geist, den ich dir zum Wächter in das Herz gesetzt habe. Mahal. Ach, Herr, ich vernehme ihn und schelte mich über meine Thorheit; aber die Finsternis; wird mir darum nicht Heller. Herr, warum tödtete dein Blitz den armen Schiffer, der mich von dem nahen Tode errettete, den Einzigen, der mir unter den Menschen wohlgethan hat? Gott. Dies sollst du wissen! Mein Blitz tödtete ihn, weil er während deines Schlafes nachsann, wie er dich und deinen vermessenen Gefährten um des Wenigen, das ihr befaßet, tödten möchte. Hätte mein Donner euch nicht so schnell von den Banden des Schlafes entfesselt, er würde an euch das Verbrechen vollzogen haben. Oft strafe ich, wo ich zu belohnen scheine; oft belohne ich, wo ich zu strafen scheine. Khalife. Gott ist gerecht! Ben Hafi. Dies fühlte Mahal in diesem Augenblick, und Gott fuhr fort: »Du fühlst meine Gerechtigkeit, und doch sagt dein Geist: warum blieb mein Gefährte, der des Bösen so viel noch that, verschont? Du bist verstockten Herzens und unheilbar, und ob ich dir gleich sagte, ich übersehe das unzählige Menschengeschlecht, das da ist, gewesen ist und sein wird, wie du diese Ceder mit ihren Aesten übersiehst, und sehe das Gute für das ganze Menschengeschlecht da hervorkeimen, wo du das Böse wahrzunehmen glaubst, so würdest du doch verstockt bleiben, weil du unwilligen Herzens, finstern Geistes bist und die Zweifel dir gefallen. Ich zwinge mein Licht dem Sterblichen nicht auf, daß sich der Sterbliche des Lichts erfreuen und seiner würdig werden möge. Diese Geschlechter sollen ferner nicht mehr leben. Ich will Wasserfluthen über die ganze Erde senden, und alles Lebende, alles von den Händen der Lebenden Erschaffene soll untergehen mit Thieren und Gewürmen. Nur mein Knecht Noah mit seinen Söhnen, den Weibern seiner Söhne (und den Thieren paarweise gesammelt) sollen leben und Väter der Völker werden, die ich mir erziehen will zu großen Zwecken der Vollendung, Er soll ein Schiff bauen, das über den Wasserfluthen einherschwebe, bis sie die Winde, auf mein Geheiß, verwehen und die von den Sündern gereinigte Erde trocknen.« Mahal. Zürne mir nicht, Herr, und vergib meinem bekümmerten Herzen. Ich will keine Kammer in diesem Schiffe; Obgleich dieser verstockte Mahal, nach unserer Art zu denken, Vielen unwahrscheinlich vorkommen könnte, so wird ihn doch der Leser des ältesten der Bücher nicht dafür erkennen; denn er gleicht sehr viel den starrköpfigen, eigensinnigen, mürrischen und empörischen Israeliten, wie sie uns diese älteste der Bücher ohne alle Verschönerung, Veredlung und Schmuck zu Dutzenden aufstellt, und wodurch diese Bücher zu den wahresten und aufrichtigsten Büchern auf Erden geworden sind und, wie es scheint, wohl auch bleiben werden. Sie allein malen den Menschen ohne alles Idealisiren und bleiben der Wahrheit und der Menschheit so getreu, daß sie den Mann, den sie auf der einen Seite den Mann nach dem Herzen Gottes nennen, auf der andern Handlungen begehen lassen, wofür wir ihn oft einen Mann des Teufels nennen möchten, Schriftsteller gemeiner Art würden gewiß das Bise ihrer Helden zu mildern und das Gute zu verschönern gesucht, haben; aber sie wollten nur Menschen historisch schildern, Menschen, die es vor Gott in aller ihrer Menschheit sind und die einmal wissen, seinen Augen sei doch keine ihrer Blößen verbergen. Alles, was man dawider sagen könnte, wäre etwa: die Schriftsteller dieses Buches schrieben in dem Charakter des sonderbaren Volks, den sie selbst an sich trugen. Auch dies! und diese Bücher bleiben dadurch um so mehr der wichtigste, wahreste und sonderbarste Beitrag zur Geschichte der Menschheit.] denn mit den Guten, den Unschuldigen kann ich nicht mehr leben, mit den Bösen und Verdorbenen will ich nicht leben. Gott. Dies und die traurigen Zweifel, die dich Plagen, sind der Lohn der Thoren, welche die Weisheit unter den Menschen und nicht bei mir suchen. Du sollst dieses Geschlecht nicht überleben. Vergrabe die Schrift, in welcher du mit künstlichen Zeichen den Wahnsinn der Menschen aufgezeichnet hast, tief unter diesem Felsenstein, der dir nun zum Lager dient; die Fluth soll ihn verschonen und deine Schrift nicht verderben. Dieser Stein verbleibe dein Sitz, diese Ceder deine Decke, bis ich deinen unruhigen Geist von dir nehme. Die Vögel des Himmels sollen dich speisen; denn auch gegen die Thoren bin ich barmherzig und ernähre sie. Weine über deine und der Menschen Thorheit, nach welcher dich gelüstete, vor welcher mein Knecht Noah dich gewarnt hat. Keiner der Kinder Seths soll dir nahen, selbst Noah, mein Sohn, nicht, damit du ihre Einfalt nicht vergiftest und sie von meinen Wegen leitest, bevor ich sie sende in die Ebene, um das Schiff der Erhaltung zu bauen. Thörichter bist du wiedergekehrt, als du ausgewandert bist; dies ist die Frucht des menschlichen Wissens; Dem nur wird es zu Gift, der erforschen will, was ich ihm verbergen muß, damit ich ihm gnädig sein und ihn belohnen kann. – Gott schwieg. – Mahal betete an, aber sein Herz blieb verstockt; er wollte forschen und wissen, und wollte nicht anerkennen das nothwendige Gesetz der Entsagung in den Willen Gottes, wodurch wir tragen und erdulden, was er uns zugetheilt hat. Ohne diese Entsagung gibt es, wie du, Herr der Gläubigen, am besten weißt, keinen wahren Glauben an Gott, und dieses hat uns der Prophet gelehrt. Mahal saß auf dem Felsenstein, beweinte seine Thorheit, der Menschen Thorheit, ihre Laster und ihren Wahnsinn. Sein Geist verließ ihn, und sein Leib ward zum bleibenden Denkmal auf dem Steine, worauf er gesessen und über sich und das Menschengeschlecht geweint hat. Noch steht dieses Denkmal auf dem Gebirge, und scheint im Steine noch über die Nachkommen Noas zu weinen, die unter ihm leben und sündigen. Ich, Ben Hafi, habe ihn auf dem Gebirge gesehen, ihn der Verstockung angeklagt und dann mit ihm geweint, wenn ich von dem Gebirge auf die Erde sah, welche die Menschen bewohnen und worauf sie so viel Böses thun. Dann warf ich mich nieder vor dem Herrn und bat ihn, mich vor Zweifel über die Wege zu bewahren, die er die Menschen führt. – So endigen, Herr der Gläubigen, die Reifen oder Märchen Mahals. Haben sie dir gefallen, so ist der arme Ben Hafi belohnt. Viele der einzelnen Greuel, Verbrechen und Gewaltthätigkeiten habe ich verschwiegen, um deines menschlichen Herzens zu schonen. Auch erwirbt man damit keinen Dank und verschafft dem Zuhörer wenig Vergnügen. Khalife. Daran thatst du wohl, und besser wäre es, wir könnten alles Böse vergessen, das die Menschen gethan haben, und unseren Nachkommen nichts als das Andenken guter Thaten hinterlassen. Auch habe ich beinahe Alles vergessen, was du mir erzählt hast, und erinnere mir nichts so lebhaft, als Das, was du von dem Koran erzähltest, der vor der Sündfluth in der ehernen Kugel auf Erden war. Und darum befehle ich dir, diese Märchen schriftlich aufzusetzen, damit Gläubige und Ungläubige sehen mögen, wir seien das auserwählte, von Gott erzogene Volk, das vor Allen er gewürdigt hat, durch seinen Apostel sein heiliges Wort zu senden. Dafür und weil du ein guter Mensch bist, sollst du in meinem Palaste wohnen, von meiner Güte leben, und ich will dein Schutz sein. Leid ist mir übrigens, daß dieser Mahal in seiner Verstockung verharrte; doch möchte ich gar zu gerne sein weinendes Denkmal sehen, wenn die Reise nur nicht zu weit und mein Geschäft nicht in Bagdad wäre. Ben Hafi. Ich danke dir, Herr, für deine große Güte und will aus allen Kräften sie ferner zu verdienen suchen; doch bevor ich nach deinem Befehl diese Schrift abfasse, muß ich dir, aus gewissen Ursachen, erst meine Wanderungen durch Asien und Afrika erzählen. Khalife. Das sollst du, Ben Hafi, und ich wünschte um deinetwillen, daß sie mir besser als deine Märchen gefallen möchten. Ben Hafi. Ich hoffe es, und haben dem Nachfolger des Propheten auch meine Märchen nicht gefallen, so kenne ich doch zwei, denen sie gefallen haben. Khalife. Und wer sind diese? Ben Hafi. Dein Diener Ben Hafi und dein treuer Masul. Khalife. An dir zweifle ich nicht; aber er, der so taub ist, daß er, ohne die Gnade Gottes, den Stoß in die Trompete nicht hören würde, wenn jetzt der Tag des Gerichtes einbräche – Ben Hafi. Gleichwohl hörte er meine Märchen mit vieler Aufmerksamkeit, Zufriedenheit und Erbauung an, nahm mit seinen Augen mir jedes Wort von den Lippen und begleitete meinen Blick, als horchte er mit dem Herzen und dem Geiste und verstände den Sinn des meinen. Khalife. Ja, mein treuer Masul hat das Gehör und alle seine Sinne in seinem guten Herzen, dieses weiß ich; doch daß er deine Märchen verstanden haben sollte, glaube ich nicht, denn er war viel zu ernsthaft. Ben Hafi. Eben darum! beliebe ihn nur zu fragen. Der Khalife machte Masul einige Zeichen, Masul verstand sie, trat vor den Khalifen, und sagte sehr ehrerbietig mit einer starken, hellen, klingenden Stimme: »Ja, Herr der Gläubigen, ich habe Alles sehr gut verstanden, was dieser ernsthafte Mann da erzählt hat, denn ich habe ihn erzählen sehen. Oft kam mir vor, wenn ich auf ihn und die wunderbaren Zeichen seiner Handschrift sah, wir säßen alle hier vor Gerichte, und er sei der von Gott beorderte Engel, uns Allen unser Schuldbuch vorzulesen. Du, Herr der Gläubigen, da du nichts Böses thust noch denkest, hörtest es mit der Ruhe des unschuldigen Säuglings an und schienst nur gerührt bei den bösen Thaten Anderer. Ich armer Verdienstloser, der ich weder Böses noch Gutes gethan habe, glaubte, es ginge mich nichts an, und erschrak nur ein einziges Mal, da alle nach mir blickten. – Ach Herr, was hat Masul verbrochen? Was hat Masul gethan, daß er Gnade vor dir einst finden sollte! – Doch hoffe ich, Herr der Gläubigen, Gott wird mir nicht zurechnen, was ich unterlassen habe, und mir, um der Liebe zu dir willen, erlauben, in den Gärten des Paradieses zu deinen Füßen zu sitzen, wie ich hierin diesem Leben zu deinen Füßen immer sitze. Nur Einer war unter uns, der sehr unruhig, sehr ängstlich, sehr verdrießlich zuhörte, während der ernsthafte Mann da unser Schuldbuch ablas. Oft glaubte ich, der Engel des Todes stände hinter ihm, und mir war bange um seinetwillen.« Masul verstummte nach diesen Worten. Die Augen des Khalifen, selbst die Augen der anwesenden Hofleute wandten sich plötzlich gegen den Großvizir. Nur Ben Hafi sah starr in seine Handschrift. Der Großvizir blieb unerschüttert, und da er sich nicht vertheidigte, glaubte er die Anklage abgewiesen zu haben. Khalife. So muß doch mehr in diesen Märchen verborgen sein, als ich darin gefunden habe. – Herr! gib mir Stärke und Weisheit und meinen Dienern Milde und Gerechtigkeit! Ben Hafi. Erlaube deinem Diener, nur einmal laut sein Gebet an das deine anschließen zu dürfen. Khalife. Du begehst schon eine Sünde durch die Bitte! Der Khalife ist nicht größer vor Dem, zu dem wir beten, als du, und leicht ist das Gebet des Armen ihm willkommner. Ben Haft schlug seine Hände über der Brust zusammen, neigte sich auf seine Kniee und betete mit lauter Stimme: Herr! laß meinen Namen ein Schrecken sein den Thoren, den bösen und den harten ungerechten Viziren, die dem Schrei der Menschheit ihr Ohr verstopfen! Er erschalle wie ein gutes Gerücht und dufte gleich dem Weihrauch vor den guten, starken, menschenfreundlichen Sultanen der Erde. Ueberzeuge diese (sie sind die besten Geschenke, die du den Menschen machst), daß sie keine bessern Freunde, keine wärmern Verehrer haben, als Die, welche den Geist und den Muth besitzen, die Wahrheit zu sagen. Sie singen der edlen Sultane und ihrer treuen menschlichen Vizire Verherrlichung und Lob, indem sie die Schande, Schwäche und Thorheit derjenigen aufdecken, die ihnen nicht gleichen. Khalife. Dein und mein Gebet werde erhört! Der Kalife erhob sich, Masul und Ben Hafi, folgten ihm. Großvizir. Dich und deines Gleichen übergebe ich dem Teufel, und hinge es von mir ab, dein Gebet sollten deine letzten Worte sein; doch wir wollen darüber nachsinnen, bevor du deine Wanderungen zu erzählen beginnst. ( zu den Anwesenden .) Sie mögen sagen, was sie wollen, Alles kommt von dem in den Menschen eingewurzelten Bösen her, und darum muß man sie mit einem eisernen Scepter regieren und zum Guten, das heißt: zum Gehorsam, peitschen. Dieses will ich dem Khalifen gegen diesen gefährlichsten der Bösewichter klar und deutlich beweisen. Alles wollt' ich ihm verziehen haben; denn was gehn uns der Unsinn und die Laster der ersäuften Welt an, von denen heute keine Spur auf der Erde zu sehen ist? Aber, daß er es wagte, dem Khalifen von Muth und Stärke zu reden, daß er ihm meine kluge, auf Menschenkenntniß gegründete Regierungsweise verdächtig zu machen sucht – dies ihm zu verzeihen, fordert selbst der Prophet von dem Manne nicht, der als Großvizir den Staat zum Besten seines Herrn zusammen halten muß. Beruhigt euch; auch an diesem Thoren bekräftige ich meinen Spruch. Menschliche Vizire – ich kenne diese Lockung und ihren Zweck! –