Jean Paul Die Doppelheerschau in Großlausau und in Kauzen nebst Feldzügen     Franz Ludwig Habbel Verlag Regensburg 1922     Erstes Kapitel worin mehr als ein Fürst auftritt Sowohl das kleine Fürstentum Großlausau als das eben so enge Kauzen hatten Haupt- oder Residenzstädte – denn diese besitzt auch ein Land, das nicht einmal Dörfer aufzeigt, geschweige Städte; – beide Fürstentümer aber wiesen noch zum Überfluß einige Dörfer um die Hauptstadt auf. Aus der Kleinheit dieser Länder mach ich mirs am begreiflichsten, warum man sie auf keinen anderen Karten angedeutet findet, als auf ihren eigenen Spezialkarten; aber auf ihren Generalkarten schon nicht; daher denn für Länder, die in keinem geographischen Atlas vom mythologischen Atlas Napoleon gefunden wurden, auch nichts von 6 ihm getan werden konnte, sondern sie mußten alles selber tun, und sich eigenhändig zu Souveräns zu krönen suchen, als alles um sie her sich souveränisierte. Aber niemand erfuhrs im Druck als die Untertanen. Der Großlausauer Fürst, Maria puer , war ein Herr von Ehre und Glanz, so daß er Gott gedankt hätte, wenn ein Friedrich II. bei der Plünderung seines Schlosses, wie bei jener des Grafen Brühl nicht weniger als 600 Paar Stiefel, 322 Dosen, 80 Röcke, 528 Kleider und eine Stube voll Perücken vorgefunden hätte, aber zur Anschaffung vorher hatte er von jeher das Geld nicht. Was er inzwischen ohne edle Metalle ausmünzen konnte, nämlich fremde Ehre, um eigne zu haben, das prägte er bei eintretender Souveraineté reich aus. Zu seiner Tafel ließ er keinen andern tafelfähigen Mann mehr zu, als einen von 32 Ahnen, welchen er aber vorher zu adeln hatte, um im Adelsbriefe ihm die nötigen 32 Ahnen anstatt der gewöhnlichen 4 vorzugeben. Was nur sein Zepter erreichen konnte, schlug dieser zum Großkreuz, da er glücklicherweise die nötigen Orden vorher dazu gestiftet, so daß er alles, was er berührte, schöner als Midas, ins Flitter-, Rausch- und Katzengold von Titeln verwandeln konnte, und so durch diese Ehren sich selber die Honneurs machte; daher er einen Fremden von seiner Tafel selten anders wie als einen Kommandör fortschickte. Er hätte wohl gern das ganze Land geadelt, mußte sich aber darauf einziehen, daß er die restierenden Unadeligen nur zu Räten machte. Die sämtlichen Dörfer selber erhob er wirklich in den Adelsstand von 7 Residenzgassen; und indem er, da die meisten oft über eine halbe Meile von der Hauptstadt ablagen, solche zu Vorstädten der letzten ernannte, so umgab und umzingelte er sich durch bloßes Ausmerzen und Einziehen der Dörfer vielleicht mit einem glänzenden großen Paris im kleinen. – Überhaupt vergrößern Fürsten lieber die Stadt als das Land, weil jene für die Menschen ein Blumentopf ist, in welchem die Gewächse bekanntlich stärker wachsen und treiben als im Lande. – Auch führte Napoleon wenige Ehrenämter ein, die Maria nicht in Ehrenämtchen nachgedruckt hätte; nur daß, da es ihm an Dienern und Geldern gebrach, er mehrere nötigste Chevaliers d'honneur in einen zusammenzuschmelzen hatte, wie denn z. B. der Unter-Zeremonienmeister aus Mangel an Gage zugleich Ober-Zeremonienmeister sein mußte. Wer aber den redlichen Maria nicht kannte, sah seine Nachäffung Napoleons ordentlich für eine Satire auf die deutschen Hof-Nachäffungen desselben an; aber der Treffliche wollte ausgemacht nur Glanz. Wie oft hatte er sich nicht als die Katze von La Lande geträumt, die am Himmel als Sternbild sitzt, oder sich an die Stelle eines elenden toten Sextanten von Hadley gesetzt, der ebenfalls oben hängt? Und wie schmerzlich mußt er aus seiner Täuschung erwachen, wenn er sah, daß nichts von ihm, nicht einmal ein Strumpf oder Stiefel droben glänzte! Wenn er alsdann fluchte und sagte: »ich will nicht selig werden, wenn ich etwas anderes werde als berühmt!« so ist es wohl zu entschuldigen. Er bewies mehr als gemeinen Verstand dadurch, daß 8 er seinen Erbprinzen Napoleon taufen ließ; denn wenn sein Prinz den kurzstämmigen Thron besteigt, eigentlich beschreitet, so nennt dieser sich, weil er nicht anders kann, Napoleon der Erste; »und dann (so denkt der Vater) wollen wir sehen, ob nicht ein Napoleon der Erste mehr in der Welt ist.« Ein ganz anderer Fall wars mit dem Grenzfürsten von Kauzen, Tiberius dem Neunundneunzigsten (Tiberius LXXXXIX); ein Herr von so wahrhaft kriegerischem Geiste, ein Feind aller Marianischen Paradebetten und Paradepferde, aber ein Freund aller Paradeplätze. Nur gehörte er leider unter die kriegerischen Fürsten, welche dem sitzenden Jupiter von Phidias ähneln, welchem man vorwarf, daß er, wenn er in seinem Tempel sich aufrichtete, mit seinem Kolossenkörper das Dach einstieße; und in der Tat konnte der kriegslustige Tiberius sich nicht von seinem Throne erheben, ohne seinen Thronhimmel durchzustoßen. Als er vom Fortgange der eingeführten Konskriptionen hörte: konskribierte er, was nur zu haben war, und verstärkte seine Heeresmacht dergestalt sehr, daß er mit einer 150 Mann starken jede Minute ausrücken konnte, wiewohl er doch oft heimlich nachsann, ob nicht gar der ganze Staat anzuwerben wäre. Es entging ihm nicht, daß Staaten, so wie man auf Universitäten sich in alle Würden und in die Erlaubnis zu lesen hineindisputieren muß, sich von jeher ebenso in alle Würden und Selbsterlaubnisse hinein geschossen und gehauen haben. Daher ließ er sogar am Sonntag sein Heer schießen und prügeln. 9 Schildwachen stellt er auf vor jedes öffentliche Nest, vor das Rathäuschen, vor das Drehhaus des Prangers, vor das heimliche Gemach in seinem Schlosse, und so weiter. Vorposten und enfants perdus verteilte er sogar im Frieden vorsichtig, um alles mehr abzuhärten. Kurz, er war der Mann, der auf nichts dachte, als alle seine Untertanen auf dem leichtesten Wege zu den freisten Republikanern zu machen, nämlich zu Soldaten; denn ein stehendes Herr wird nicht gefesselt, sondern fesselt bloß das sitzende; ja prätorianische Kohorten voll Kanonenfieber beherrschen nicht nur die Untertanen voll Gefängnisfieber, sondern sogar ihre Beherrscher selber. – Sein Militär stand an Freiheiten der gallikanischen und der triumphierenden Kirche gegen den Zivilstand keinem (vorigen) preußischen nach. Manche Einrichtungen von ihm verdienen daher wohl Nachahmung. Er sah es gern, wenn seine Offiziere im Frieden, wo sie sich mit keinen auswärtigen Feinden messen konnten, sich an nähern übten, zu welchen sie für ihre Fechter- und Ritterspiele sich Bürger und Bauern leicht zuschnitten. Wenn daher ein Offizier, mit kurzem Verzichtleisten auf sein altes Vorrecht, nur mit seinesgleichen und mit gleichen Waffen zu fechten, einen Bürger oder Bauer, der kaum Waffen hatte, geschweige die nämlichen, demungeachtet des Hauens oder Stechens würdigte: so machte der Fürst sich aus ein paar Bauernnasen oder Bauernleben, die etwa dabei abgehauen wurden, natürlich wenig, weil damit drei oder vier tapfre Offiziere mehr gar nicht zu teuer erkauft wurden. Nach Dorfkirmessen – an deren 10 Rheinufern der Freude gewöhnlich Rheinschnaken der Soldateska stachen – wurden daher die Gestochenen zur Strafe gezogen, wenn sie durch ihr Verteidigen Männer angriffen, die sich an ihnen bloß für höhere Feinde, wie Schützen an Schwalben für edlere Vögel, zu üben getrachtet. Der Fürst erreichte auch sein Ziel; ja sogar, wie nach Benzenberg die Gewitter im Winter gefährlicher sind als die im Sommer, so schlugen seine Helden in der kühlen gemäßigten Kirmeszeit noch stärker ein als in der Hitze der Schlacht. Aber das Beste fehlte jetzt dem Fürsten: ordentlicher echter Krieg. Es fehlte ihm nämlich an einer Kriegskasse aus Mangel an einer Friedenskasse, daher unter seiner ganzen Regierung keinem Verbrecher (wie etwa im Orient) zerlassenes Gold in den Hals gegossen wurde, indem keines da war. Doch ungeachtet aller Armut hätt er den seltenen Vogel Phönix, den Krieg, der sich immer im Feuer erneuert, erwischen können (sah er ein), wäre sein Land nur größer gewesen. Daher beneidete er sehr geldarme, aber größere Regenten, welche ihren stilliegenden Untertanen, wenn sie ihnen nichts zahlen und reichen können, bloß Marschorders geben; eine schöne Nachahmung des wundertätigen Petrus, welcher (Apostel-Geschichte K. 3 V. 6) zu einem Bettler sagte: Geld könn er ihm nicht geben, aber wohl (durch ein Wunder) Gehvermögen, worauf der lahme Kerl sogleich aufbrach und marschierte. So standen beide Fürsten und Helden dieser Groteske gegeneinander, jeder mit anderen Vorzügen ausgerüstet. 11   Zweites Kapitel worin Erklärungen und Zurüstungen des Kriegs vorkommen Einst besuchte Tiberius LXXXXIX. seinen Grenznachbar Maria. Jener sprach viel und froh von seiner bevorstehenden Heerschau (Revüe) und beklagte nur, daß er des Lumpenpacks so wenig habe: »Herr Vetter, mein Lager wird, sorg ich, wie eine lebendige Trödelbude aussehen, die Kerle haben nicht viel.« – »Desto besser,« versetzte Maria, »daß Sie auch nicht viele Kerle haben. Ich habe einiges Volk.« Er sprach nur aus Bescheidenheit so; denn da nach der Jurisprudenz schon 10 Mann ein Volk ausmachen: so wird man sich von seiner Volksmenge einen Begriff machen, wenn ich sage, daß sie sich über 500 Köpfe belief. Tiberius, ein geheimer Spötter des an seine Stelzen noch Kothurne anschuhenden Fürsten, versetzte: »Kleider und Schneider machen Leute, und reimen sich.« Es ist wohl kein schicklicherer Ort als dieser, um die Welt an eine alte Notiz zu erinnern, und ihr eine neue zu geben. Erinnern muß sie sich nämlich, daß sie gelesen, wie in Frankreich zwischen den Schneidern und Trödlern ein mehr als zweihundertundsechsundvierzigjähriger Prozeß (Anno 1530 ging er an, 1776 schwebte er noch) geführt worden, worin dreißigtausend Urteile ergangen, um womöglich auszumitteln, welche Kleider zu alten oder zu neuen zu rechnen sind. Nun hatte das Fürstentum Großlausau – dies ist der Welt die neue Notiz – das Eigentümliche, daß es, um die benachbarten Ländchen mit Kleidern zu versorgen, fast ganz aus Schneidern bestand, wie etwa in Rußland ein 12 Dorf lauter Handwerker von einerlei Art besitzt. Die Kauzen hingegen waren lauter Trödler, was weniger seltsam ist, da sowohl im Fürstentum selber als in der Nachbarschaft es sehr an Leuten mangelte, denen wenig mangelte, und die etwas anzuziehen hatten. Beide Länder oder Handwerker wünschten einander nun nichts als wechselseitigen Totschlag; alte und neue Kleider stifteten da hitzigere Sekten, als sonst Altes und Neues Testament, oder jetzt ästhetische Antike und Moderne; Flicken des Trödels wurde für Schneidern genommen, ein kaum getragenes Kleid für ein neues und umgekehrt. Nun fällt auf tausend Sachen in unserer Geschichte Licht. Tiberius kam jetzt auf den Vorschlag, den er dem Vetter tun wollte: »Wie wärs, Herr Vetter, würfen wir unsere beiden Revüen für dieses Jahr zusammen, und jeder mit seinem Heere rückte gegen den andern vernünftig an? Es sähe bei Gott ordentlich wie ein Krieg aus; nur müßte man Spaß verstehen. Geübt würden freilich die Leute unglaublich, und alle andere Revüen wären Bettel dagegen.« Ein solches Spiegelzimmer von Selbstansichten erfaßte den Maria, als einen Liebhaber glänzender Sünden, anfangs über die Maßen; aber als er sich ein wenig sammelte, gab er zu bedenken, es sei, da schon auf dem Theater und in Heerschauen, wo Freunde gegen Freunde fechten, sich der böse Feind zuweilen mit seinem Unkraut einmischte und Feinde aussäte, die einander gute reelle Schläge geben, es sei, sagt er, in einem Falle noch mehr zu beherzigen und zu befürchten, wo 13 fremde Heere, vollends gar Trödler und Schneider gegen einander ins Feld zögen, weil vielleicht mancher Trödler eine Schuld durch einen Kolbenstoß abzustoßen suchen könnte, oder ein Schneider sich seines Kerbholzes durch einen Ladstock zu entledigen. Er gab allerdings so fein als möglich zu verstehen, daß die Kauzen oder Tiberianer viel seinen Großlausauern oder Marianern schuldig wären. »Ah, pah,« versetzte Tiberius, »schlage meinetwegen einander tot, was will; wenn man nur gescheit kommandiert, und seine richtigen Evolutionen macht; Gerechtigkeit darf nach der alten Sprache kein Mitleiden haben ( justitia non compassionem habere debet ), und Krieg ist das allerstärkste peinliche Recht. – Lassen Sie Ihre Schneider, Herr Vetter, nur brav laufen, was ihnen nach dem langen Sitzen recht gesund sein wird: so steh ich Ihnen dafür, meine Leute schlagen ihnen keinen einzigen Ellenbogen entzwei.« Maria gab nach; er hatte überhaupt nur andeuten wollen, daß Tiberius Heer nicht viel hätte, ohne zu bedenken, daß er damit wider Willen lobe. Denn eben Platons idealer Republik, worin bloß die Soldaten gar kein Eigentum besitzen durften, nähern sich Staaten doch einigermaßen, in welchen sie wenigstens nicht vieles haben, so daß, wie man oft Bettler zur Strafe unter die Soldaten steckte, man zum Lohne diese unter jene steckt. Nach Arvieux schürzen die arabischen Barbiere sich die Ärmel bis hinter den Ellenbogen zurück, um immer die Narben aufzudecken, welche sie sich zu Ehren ihrer Geliebten eingeschnitten; aber wie viel 14 mehr wird benarbten Kriegern nicht der vielleicht eitle, aber verzeihliche Wunsch, die Ehrenzeichen ihres Leibes den ganzen Tag vorzuzeigen, vom Staate erleichtert, wenn er ihnen absichtlich nichts gegeben, was den Leib und also die Narben bedeckt! Indes war nun der Schaukrieg zwischen beiden Vettern organisiert, und die Zurüstungen fingen an. Maria Puer hielt sogleich Kriegsrat und beratschlagte sich darin über die Schutzwaffen, welche Kriegern, wie die Großlausauer Handwerker, noch nötiger waren als Trutzwaffen. Um nur vor allen Dingen sich den Rücken zu decken, wurde vom Fürsten ein Zopf genehmigt, der den ganzen Rücken bis ans Steißbein herablief, hinter diesem Sturmzopfe und Ankerseil war jeder ganz hiebfest, der lief; es war eine Ableitkette der Wunden, wie das Kettchen auf dem Kopfe der französischen Pferde. Außerdem hatte ein ganzes Heer mit solchen Rückenschlangen, Zornruten und Kriegsgurgeln im Rückzuge etwas Pompöses und jagte Schrecken ein. Puer war überhaupt in sehr verschiedenem Sinne der Berliner Zopfprediger Schulze, nämlich ein Prediger und Verfechter der Zöpfe, weil er sie für die absteigenden Zeichen und Staubfäden hielt, die den Wehrstand so sehr unterschieden vom Lehrstande – für die den Spitz- und Backenbärten ziemlich entsprechenden längern Nackenbärte von hinten und überhaupt für die Zeiger und Perpendikel des Kriegs; und der Fürst begriff es am leichtesten, wie der Held Ziethen als Knabe an jedem Sonnabend zwei Stunden von Wustrau nach Ruppin marschierte, um sich da einen Zopf machen 15 zu lassen auf eine ganze Woche. Nun konnte ihm als Generalissimus schon längst nicht gleichgültig sein, daß seine Truppen Zöpfe trugen, welche nicht in der Länge über einen Kamm geschoren waren. Demzufolge wurden, da man viele falsche anbinden mußte – manche Bandzöpfe waren wahre Haarröhrchen – Haarlieferungen an die Großlausauerinnen ausgeschrieben, die sich bei dieser Gelegenheit als schöne Schwestern jener alten Römerinnen erwiesen, welche ihre Haare zu Stricken gegen die belagernden Gallier abgeschnitten und zusammengedreht, daher die Venus calva (die kahle Venus) einen Tempel bekommen. Wenn oft so eine Geliebte ihrem Geliebten, mit der Schere in der Hand, ihr Haar abtrat, und ihres mit seinem durch ein Zopfband – wie beide künftig selber durch ein kirchliches – vereinigt wurden, so fielen Auftritte vor, welche ergriffen, und Bearbeiter verdienten. Kostspieliger war die zweite Zurüstung – weil dazu ganz andere Wesen Haare lassen mußten als die Untertanen, – daß man der ganzen Armee die großen Hüte der Franzosen aufsetzte, die jetzt jeder deutsche Offizier und Zivilist, der etwas vorstellen will, aufhat, gleichsam Schwämme mit dünnem Stiel, aber unendlichem Hute. Nach dergleichen wurde sogar für Kleinigkeiten, besonders für Soldaten, gesorgt; und es wurde den ganzen Tag konskribiert und exerziert. Statt der Stieglitze, die man sonst Kanönchen abschießen, und statt der Pudel, die man Gewehre halten lehrte, wurden Meister und Gesellen geübt, so daß sie, ebenso wie die Juden am Bau des zweiten Tempels, arbeiteten, in der einen 16 Hand das Handwerkszeug, in der andern die Waffe; aber ist denn überhaupt Schneiderhandwerk von Kriegshandwerk bei so vielem Stechen, Durchlöchern, Schneiden, Führen des heißen Eisens anders als im Gegenstande unterschieden? Der ganze auf Kriegsfuß gesetzte Staat sah zuletzt so martialisch aus, wie englische Damen während der Drohung der französischen Landung; Flinten, Kanonen, Trommeln waren etwas Gewöhnliches in weiblichen Haaren, und zwar sogar von Gold als Nadeln; Helme und Tartschen hingen an ihren Ohrläppchen, und eine Sturmleiter, vom Juwelier gezimmert, schimmerte am Busen als Busennadel. Letztes gefällt mir, daß die Festung selber die Leiter zum Ersteigen heraushängt, und daß die Schönen überhaupt sich bloß bewaffnen, um entwaffnet und erobert zu werden. Ich übergehe mehrere Zurüstungen Marias; gar nicht etwa als wären sie weniger bedeutend – denn eine davon war, daß der Hofmaler als Schlachtenmaler angestellt und mobil gemacht wurde, eine andere die, daß der Zuckerbäcker auf die Hoftafel lauter Aufsätze von alten Helden und Siegen, ganze Schlachtstücke aus Zucker liefern mußte, um die Generalität teils zu erhitzen, teils zu exerzieren – sondern weil sie in einem »Kriegskalender für gebildete Leser aller Stände« einen Platz wegrauben, der größeren Kriegen gehört. Wer nur für den nächsten Feldzug Mut suchte, der konnte ihn bei Maria Puer finden. Als ein glanzliebender Herr wünschte er schon in seiner Jugend nichts so feurig, als großen Helden ähnlich zu werden, 17 und wie ein Cäsar, Friedrich II., Napoleon aus großen und häufigen Schlachten zurückzukehren mit dem Leben. Er äußerte oft, wer Kriegsruhm liebe, werde wünschen, lebendig heim zu kommen, um ihn zu genießen, und bedauerte die tausende Totgeschossenen, die bei Lebzeiten nichts davon haben. »Himmel!« sagt er, »welche Wunder der Tapferkeit würde mancher tun, wenn er wüßte, er bliebe nicht, sondern könnte sie selber erzählen.« – »Was ist dies anders als Kriegsmanier, Herr Vetter?« sagte einmal Tiberius. »Die Pferde, grade mehr als die Hälfte der Reiterei, gehen auch tapfer ins Feuer und bleiben; aber man redet von ihnen so wenig im Bulletin als vom Fußvolke; die Ehre gehört den Offizieren.« Tiberius selber fragte, gleich seinen Trödlern, nicht stark nach Glanz. Wie sonst Bärenwildbret auf die Hoftafeln, so gehörte er zu den wenigen tafelfähigen Bären an der Tafel. Dies würde ich schon glauben, wäre auch die Anekdote von ihm erdichtet – denn eben das Erdichten bewiese für mich – welche ich im Gasthof selber gehört, wo sie vorgefallen sein sollte, daß er nämlich, als er inkognito aus Eile sich den Bart von einem fremden Barbier abnehmen lassen, welcher zu unvorsichtig ein Viertel Backenbart mit weggeschoren, den Backenbartputzer so lange geprügelt, bis die Wangenmähne wieder nachgewachsen war. Unglaublich genug! Gewiß aber betete er, wie die alten Römer, die Lanze an, und hielt die Staaten für Flaschen, welche nur der Flintenschrot, d. h. der Krieg gut ausspült und reinigt; worin er freilich den Selbstvermittler, Adam 18 Müller, auf seiner Seite hat. Daher wurd ihm dieser Krieg etwas dadurch verkümmert, daß wenig oder nichts totgeschlagen werden sollte, und er so das ganze Ährenfeld mit seinen Schnittern vergeblich, ohne einen Schnitt zu machen, durchziehen mußte. Maria hatte die entgegengesetzte Bekümmernis, daß er, wie einmal Sophokles für sein Trauerspiel mit einer Feldherrnstelle belohnt wurde, umgekehrt für sein Feldherrnamt mit einem Trauerspiele bezahlt werde; den Trödlern war nicht zu trauen. Daher traute Tiberius ihnen desto mehr; er ließ seine kecken Tiberianer oder Kauzen fast in nichts vorüben als im Laufen, weil er, sagt er, sich nicht schmeichle, daß sie darin mit den Schneidern wettliefen, wenn diese das Feld räumten. Übrigens verließ er sich darauf, daß hier Schuldner, also Undankbare, gegen Gläubiger losschlugen und gerade den Zorn mitführten, der den Menschen, wie Sauerteig den Teig, so hebt. Zum Überfluß organisierte er noch ein Freikorps von Kamm- und Knopfmachern, von welchen er sich allerlei versprach, wenn sie alle übrigen Waffen aus der Hand würfen, und dann mit der letzten allein – da beide Handwerker die längsten Fingernägel führen müssen – durch ihre zehn Pinzetten oder Glaserdiamanten die feindlichen Gesichter, also die gordischen Knoten des Kriegs, vorteilhaft zerschnitten. Jetzo stehen wir nun vor der großen Stunde, in welcher beide Mächte gegeneinander vorrücken. Nachts zog Maria aus, damit alle Untertanen, wenn der Generalmarsch geschlagen würde, nach der Kriegsregel Lichter an die Fenster setzten, gleichsam als 19 Vorspiel und Aurora künftiger Siegserleuchtung. Nie marschierte wohl ein Heer mutiger und gefährlicher aus dem Tore als die Großlausauer Schneidermeisterei, wenn Galiani recht hat, daß Mut eine Frucht der Furcht ist; denn die Versammlung schien ordentlich die wiedergeborne Kirchenversammlung zu Tours im Jahre 1163, welche bei Kirchenbuße alles Blutlassen verboten, und es gab Bebende darunter, vor welchen wohl ein herzhafterer Mann als Galiani hätte zu beben gehabt. Indes wenn die Sparter sonst bloß unter Flötenspiel auszogen, um ihren wilden Mut zu mildern: so stimmte auf dieselbe glückliche Weise schon die Trommel und Drommete und andre Kriegsmusik den Großlausauer Mut um vieles herab. Ansich aber wars erhaben, es zu sehen, wie man auszog; nicht nur die sogenannte Prima Plana war bei dem Heere (die Gemeinen verstanden sich von selber), sondern auch ein Regimentsstab samt Unterstab, und über fünf Viertel Generalstab; der Rumormeister aber erschien als wahrer Überfluß. Ich sehe sie noch vor mir hinmarschieren, die Helden der Zukunft. Wenigere Jammergesichter wären freilich in der Armee gesehen und geschnitten worden, hätte nicht Tiberius die Bosheit ausgeübt – wovon leider die ganze Armee gehört – daß er aus dem Tollhause einen verrückten Trödler, der sich seit Jahren für einen Premierleutnant in Kauzner Diensten aus eigner Idee gehalten, in die Montur stecken und mit anmarschieren lassen. Dies verwirrte aber die Schneider, wenigstens viele. Verständigere darunter sagten sich unverhohlen: 20 »Dergleichen kann keinen vernünftigen Militär erfreuen. Wir ziehen da so fröhlich und keck in den Krieg, aber wer steht uns dafür, wenn der Verrückte dabei ist (der keine Vernunft annimmt), daß nicht unsre Macht Beulen und Prügel heimbringt, ja noch mehre Beulen als Männer? Kann nicht der Premierleutnant Ladstöcke laden und abschießen? – Beim Himmel! Hübsche Vexierschlachten, wenn darin mehr Leute verwundet werden können, als in einem Realkrieg in Welschland sonst im fünfzehnten Jahrhundert, wo oft in einem Feldzuge kein Mann umkam. So hole doch der Teufel einen so unsinnigen Krieg, wobei man kaum des Lebens sicher bleibt!« Auch dies verstärkte nicht sonderlich ihren Mut, daß Tiberius seine ganze Generalität von Affen mitgenommen, weil solches Vieh, unbekannt mit Kriegszucht, durch ungestümes Nachäffen tapferer Gefechte ja mehr Schaden anrichten konnte als die Fechtenden selber. Es bestand aber die Generalität aus einem Hundsaffen und zwei Meerratzen; und der Regimentsstab aus einem seltenen Beelzebub mit Rollschwanz (der Coacta oder Paniscus ) und einigen Pavianen; allen aber hatte er bestimmte Namen von Kriegswürden zugeteilt. Einer und der andere, der ihn näher kennt, als wir alle, will hinter diesem Affenmilitär heimlichen Spott auf Marias Kopiermaschinen des Hofs und Kriegs vermuten, was ich sehr ungern sähe. 21   Drittes Kapitel worin Würste und Galgen von strategischer Bedeutung sind Endlich standen beide Heere einander im Angesicht . . . Aber hier ist der Ort, wo der Verfasser dieses das demütige Geständnis ablegen muß, daß er nur Levanen, Vorschulen, Titane geschrieben, und niemals Kriegsoperationen aus Mangel an Sachkenntnis, und daß folglich dieser Mangel jetzt, wo seine Federzüge an Feldzüge sich wagen sollen, ihn ungewöhnlich bedenklich machen muß, wie er den Großlausauer und Kauzner Feldzug beschreiben soll, ohne entweder sich lächerlich zu machen, oder die Helden, oder beides. Daher verspricht er auch nur Unparteilichkeit für beide Mächte, und will ohne Rücksichten bald Tiberius, bald Maria loben; indem er doch der Hoffnung lebt, daß nach ihm irgendeine Feder von Handwerk, die vielleicht mitgefochten – gleichsam aus dem Adlerflügel selber ausgezogen – der Welt diesen Krieg mit aller der taktischen und strategischen Kenntnis darstellt, ohne welche jede Beschreibung davon lächerlich ausfällt. Beide Heere waren darüber einig, daß der ganze Erfolg der Heerschau oder des Feldzugs davon abhänge, welches von beiden zuerst sich des Galgenbergs – der übrigens nur mit einem Manne besetzt war, der noch dazu am Galgen hing – bemächtige; wer dann bei dem oder an dem Galgen war, sah ruhig dem übrigen Kriege zu, und machte, wie der Gehenkte, bloß aus Spaß noch Schwenkungen. Alle verständigen Militärpersonen, die ich noch darüber gesprochen, versicherten nun einmütig, daß die Kauzen oder Trödler viel früher 22 als die Großlausauer den Galgen, woran so viel hing, hätten besetzen können, wenn nicht unterwegs ein Unglück vorgefallen wäre, welches zum Unglück die Kauzen für ein Glück genommen. O so sehr siegt totes, aber tolles Gedärm über lebendiges, das leer ist, und elende Würste schießen sich als Feldschlangen ab, und halten ganze Heere auf! Es ist nämlich nur gar zu erwiesene Tatsache – ich kenne jeden Zeitungsschreiber, der sie zu verdecken suchte – daß die streit- und eßlustigen Kauzen auf ihrer Militärstraße grade vor eines Fleischers Hause vorbeigemußt, das brannte. Nun warf die Lohe aus dem Rauchfange alle darin hängenden Würste und Sausäcke wie Wachteln und dreipfündige Handgranaten auf die Kauzen heraus, so daß der Kern des hungrigen Heers, davon durchbrochen, sich umherstreute, um die auf sie gefeuerten Würste aufzulesen und aufzuessen, mit welchen der Rauchfang, kein Hungerturm, sondern ein Füllhorn, kaum auf sie zu spielen nachließ. Kein Kugelregen hätte die magern Trödler so aufgehalten, als es der Mannaregen von Einschiebessen tat; daher die Mannschaft, ob sie gleich dem Feinde schon drei falsche Zöpfe abgenommen hatte, doch so spät am Galgenberg anlangte, daß sie ihn von den Großlausauern schon in solchen Stellungen besetzt antraf, bei welchen wohl mehr als einem Kauzen der Mut sank, weil mit dem Galgen gerade die Hauptfestung verloren ging. Noch dazu hatten die Großlausauer – wahrscheinlich durch Bestechung – sich den Stadtschlüssel des Pförtchens zum Galgen, nämlich zur Ringmauer, die dessen Beine ziemlich hoch umgab, 24 zu verschaffen gewußt, so daß sie im Notfall den Rückzug in die Festungskasematten offen behielten; denn standen sie einmal alle unter dem Galgen, und mitten von diesem runden Mauerverhack hoch umschlossen, so war ihnen nichts anzuhaben, und alle Schneider konnten durch das Galgenpförtchen, wie in einem engen Thermopyläpasse, spartisch heraus fechten. Der Operationsplan war, wie es scheint, mit Verstand entworfen. Inzwischen drangen dennoch die Trödler unter Anführung des toll seienden Premierleutnants gegen den furchtbaren Berg vor und daran auf. – Beide Generalissimi der Heere fochten von Weitem auf dem rechten Flügel; – mit Erdklößen wurde ein böses Erdfeuer gemacht; und es wurde sogar ein Frauenschneider in der Hitze des Gefechtes an den Beinen wie ein Schlitten herabgezogen. Zuletzt mußten die Großlausauer der Übermacht weichen, da der wahrhaft grimmige Premierleutnant mit gefälltem Bajonett, nämlich mit gefälltem Flintenkolben auf jeden eindrang; denn die Kauzner Übermacht bestand nicht in Menschen – obwohl nach dem alten Kriegsglauben der Belagerer zehnmal mehr sein müssen, als der Belagerten – sondern in Kräften und Mut. Wirklich erstürmten die Kauzen den Berg; aber hier erwartete sie jener Marianische Kriegsverstand, welcher schon lange vorher den Galgenschlüssel zur Januspforte sich in die Hände zu spielen gewußt; der ganze rechte Schneiderflügel zog sich durch das Pförtchen hinter feste Mauern zurück, entschlossen, aus demselben, Schneider für Schneider, auszufallen. 25 Dennoch trat wieder der Tolle als ihr Unglücksvogel auf. Gegen ein fürchterliches Knallfeuer und eine aufgepflanzte Batterie von Flintenkolben drang er allein vor das Galgenpförtchen, faßte den Drücker an, schlug dasselbe zu und zog den Schlüssel ab. Der Kern der halben Armee war nun eingeschlossen vom Galgen, denn die Ringmauer dieses Notstalls war viel zu hoch, als daß, sogar Meister auf Gesellen gestellt, sie hätten auf den Wall heraussteigen können, um etwa von da aus etwas hinab zu tun. Anfangs schrie der ganze halbe Flügel: »Aufgemacht unsere Festung! Ist das Kriegsgebrauch und Revüengebrauch? Den Schlüssel hinein, ihr Galgendiebe!« – Dieser Name war den Trödlern nicht gleichgültig; mehrere warfen – um vielleicht Artigkeiten und Liebe mit Krieg zu vereinen – ungeheure Steine, womit das erste Griechenland gerade die Liebe und die Grazien (nach Winckelmann) darstellte, in das Parterre noble hinein, welches, so dicht gedrängt, am Kopfe viel litt. Aus Mut feuerten wieder die Konklavisten ihre Ladstöcke in die Luft, und schossen ihren Gehenkten beinahe wie einen Fahnen- und Schützenadler ab, ohne den Feind draußen anders zu verwunden als an Ehre durch Schimpfen. Jetzt aber flogen nicht nur Verbalinjurien und Spitznamen, sondern auch die eingeflogenen Steine aus dem Bergkessel, und diese wieder gegenseitig in diesen Festungsgraben zurück; ja es ist erwiesen, daß einige Großlausauer aus Mangel an Gelassenheit und an Ladstöcken zuletzt selber Flinten hinauswarfen, um damit, statt zu erschießen, doch zu erwerfen. 26 Es ist in der Tat ein trauriges Amt, Kriege beschreiben zu müssen, worin Feindseligkeiten vorfallen, welche für Gesundheit, ja Leben der Krieger so leicht von ernsten Folgen sind. Eine einzige Galgenleiter hätte das Großlausauer Heer errettet und gehoben; dasselbe wäre daran auf die Mauer gestiegen, und hätte sich von da unter die Feinde hinabgestürzt. Jetzt aber ließen die Kauzen gar vollends die ganze Gewerkschaft und Besatzung in dieser la grande force des Galgens verhaftet zurück, und zogen davon, um zum Flügel des Fürsten Tiberius als Verstärkung zu stoßen. Hier, wo die Fürsten selber kommandierten, hatte in der Tat lange der Sieg geschwankt, ja Maria Puer hatte durch Mehrzahl die Zunge der Wage auf seine Seite gezogen, als der Kauzenflügel gerade vom Galgen kam, und die Wagzunge ziemlich in die Mitte richtete, bis wieder das Tiberische Affenkontingent, das nach nachgemachten Gefechten dürstete, den Fürsten Maria so mit Pfoten und Prügeln umringte, daß er in Gefahr kam, von ihnen, da sie schlugen und sprangen und kratzten und nichts nach Fürsten und Heerschauen fragten, gefangen genommen zu werden – wär ihm nicht zum größten Glücke gegen das Auxiliarvieh seine Schneidersscherenflotte vom Galgenberge her zu Hilfe geflogen. Diese machten ihn frei, und die Mächte wieder gleichgewichtig, und führten leicht den Waffenstillstand, der zum Essen nötig war, herbei, so daß beide Fürsten in einem königlichen Zelte ganz friedlich speisten. 27   Viertes Kapitel worin der Krieg eine ernsthaftere Wendung annimmt Wie der Schneiderflügel aus dem Galgen-Gewahrsam und Gehorsam gekommen, ist bald erzählt; nämlich der wackere Flügel, dem es am Ende lästig wurde, über sich als Flügelmann oder Adlerflügel nur den Gehenkten zu sehen, und welchen nach Ehre dürstete, und nach Essen hungerte, sprengte zuletzt das Pförtchen auf, und machte sich von dieser Untiefe flott, mit Lorbeeren bedeckt, nämlich mit Wunden, nicht von hinten , sondern von oben . Aber diese zeigte er leider seinem Fürsten Maria, und fragte an, ob dies Völkerrecht und Heerschau sei, solche Kopfbeulen? Da wurde Maria fuchswild. »Ihro Hoheit« – fing er an mit furchtbarem Anstand und etwas sieg- und weintrunken, und rückte den großen französischen Kriegshut so recht mit der Spitze gegen Tiberius, mit welcher so viele den Franzosen jetzo eine bieten, gleichsam der geschwollene doppelte schwarze Hahnenkamm – »ich darf dafür, glaub ich, Genugtuung erwarten.« – »Das glaub ich gar nicht, Herr Vetter und Bruder!« versetzte Tiberius, der sich von dessen Trunkenheit etwas versprach, nämlich ein Stückchen Krieg; daher nannt er ihn mit Vergnügen Bruder; denn die Fürsten glauben, durch gegenseitiges Geben von Verwandtschaftsnamen anzudeuten, daß sie wirklich Verwandten ähnlichen, weil diese immer am meisten hadern und prozessieren. »Nein! Nicht die mindeste (fuhr er fort). Warum hat sich Ihr Volk nicht gutwillig unter dem Galgen ergeben? Und 28 wären allen Schneidermeistern die Nähfinger oben an der Fingerkoppe durchstochen: so wär es bloß der Fehler, daß sie ohne Fingerhüte ins Feld gerückt.« – Maria antwortete, vielleicht auf die Trödler anspielend: »Aber ich schärfte nach dem Kriegsrechte einer Heerschau meinen Leuten ein, nicht einem Lumpen einen Lumpen zu rauben.« – Tiberius versetzte: »Ich braucht es bei meinen Leuten weniger; Stehlen auch des kleinsten Lappens kennen sie nicht; aber desto mehr warnt ich vor Totschlagen. Und doch, Herr Vetter, wollt ichs verschmerzt haben, hätten sie sogar durch Zufall einen oder ein paar Ihrer Offiziere eingefädelt am Galgen als Stricke.« »Narren und Affen waren Ihre Reserven, gehören aber in keinen Krieg,« rief Maria trunken. – »Aber in Ihren Frieden?« fragte Tiberius gelassen, als ob ers bejahe. Solche kalte Tropfen in eine warme Trunkenheit sind bloß Wassertropfen in einen Kessel voll geschmolzenes Kupfer. Maria fuhr, wie dieses, auf und sagte: »So forder ich denn Genugtuung!« – »Herr Vetter wissen,« versetzte Tiberius, »daß ich Genugtuungen immer vorrätig halte, nur bitte ich Ihro Hoheit, mich sogleich zu belehren, ob Sie sich mit mir schießen oder hauen, oder ob wir mit allen unsern Kriegsvölkern gegen einander fechten wollen.« Eine ganz verfluchte Wendung der Sache! dachte Maria; da ihr aber nicht auszubiegen war, so wählte er aus Glanzsucht statt des Zweikampfs – dieser schon von Junkern und Studenten abgenutzten Genugtuung – den Allkampf, den Krieg, und wollte sich, um mehr 29 Ehre zu haben, lieber mit zweihundert Armen, als mit zweien wehren. »Krieg, Krieg!« rief er und stand von der Tafel auf. Ein größerer Glücksfall konnte allerdings Tiberius nicht begegnen; denn im süßesten Frieden war ihm so erbärmlich zumute, als einem Seefisch im süßen Wasser, welcher gewöhnlich darin absteht, aus Durst nach salzigem. Er schloß gern Frieden, wie katholische Priester Ehen, nur mußte er selber nicht daran teilnehmen sollen. Vor Freude über Krieg wurde Tiberius fast friedlich und faßte Marias Hand und sagte: »Ich denke, in einigen Stunden sehen wir uns wieder, Herr Vetter!« Darauf ritt er davon und befahl seinem Heere, das noch den Bissen im Munde hatte, ihm nachzurücken. – Jetzo wäre der »verbesserte und der neue Kriegs-, Mord- und Tod-, Jammer- und Notkalender auf 1734 von Adelshein« ein wahres Schatz- und Farbenkästchen auf dem Tische des Verfassers, um Farbenkörner für einen wahren Krieg daraus zu holen, dessen Heerschau schon vorher so sehr ins Tapfere spielte. Aber leider darf ich wenig hoffen, diese Feldzüge mehr als erträglich darzustellen, so gern ichs für mich selber wünschte; da eine solche Darstellung allerdings einigen Ansatz in mir zu einem kommandierenden General oder doch Divisionsgeneral hoffen ließe; denn wie, nach den Gesetzen, nur Personen Zeugen eines Testaments sein können, die selber eines zu machen imstande sind: so brauche ich es wohl den vielen Offizieren, die jetzt Kriege so gut beschreiben und bezeugen, nicht erst zu 30 beweisen, daß sie solche eben darum ebensogut zu machen verstehen, sondern man kann sich auf ihr Bewußtsein berufen. Maria schickte eilig den Generaladjutanten an die Marianer, und ließ ihnen den Krieg ankündigen, den sie sowohl zu leiden als zu führen hätten; darauf wurde am Nachtisch, während man Zucker-Devisen erbrach, ein kurzer Kriegsrat gehalten, um zu wissen, was man zu tun habe. Einer der besten Generale im Konseil gab sogleich den Rat, man müsse, ehe man auf einen andern falle, erst wissen, was der Feind zu tun gedenke. Sofort wurde ein geheimer Spion abgefertigt, um den Bewegungen des Feindes von weitem nachzugehen und nachzusehen. Was allerdings am allermeisten fehlte zum Schießen, waren Kugeln, welche man alle in der Hauptstadt gelassen, gleichsam wie Augen im Haupte; daher wurde beschlossen, vor der Ankunft des Bleies mit allem Möglichen, mit allem Nahen zu laden – also in Ermangelung der Perlen, womit einmal die Moskowiter aus Kugelmangel geschossen – notfalls Sand abzufeuern, doch aber nur selten die Ladestöcke, weil das ebensoviel hieße, sagte der Kriegsrat, als das Gewehr strecken, nämlich dem Feinde die Flinte an den Kopf zu werfen; höchstens möge man mit den Stöcken bei Gelegenheit prügeln und stoßen. Die Bestürzung der Marianischen Armee über die Urias- und Hiobspost eines wahren Krieges war so allgemein und stark, als wären sie geschlagen worden, ja noch stärker, denn im letzten Falle wären sie doch 31 auf der Flucht oder in Gefangenschaft gewesen, mithin schußfest. »Kartätschen«, sagte ein Altmeister, »laß ich mich gern gefallen, aber nur sollen sie Schafwolle bestreichen, nicht mich.« Was die Leute noch aufrecht erhielt, war, daß zwischen ihnen und den Tiberianern der Unterschied obwaltete, welchen Kunstfreunde zwischen den Bildsäulen der beiden Freunde Kastor und Pollux mit Vergnügen wahrnehmen, nämlich den des Läufers und des Kämpfers . Das Heer wünschte feurig, nur recht bald vor den Feind geführt zu werden, um früher davon zu laufen, und die eigene Rolle wie Orchestergeiger besser zu spielen, so daß dasselbe, wie diese, dem ganzen Kriegstheater nur den Rücken zeigte, und nur die Instrumente handhabte. Es gab im ganzen Heere nicht drei, welche nicht christlich und philosophisch dachten, und nicht die so oft und so vergeblich gepredigten Todesbetrachtungen anstellten, unaufhörlich erwägend, daß sie jede Stunde sterben könnten. So denkt der Christ und der Philosoph ohne stolze Sicherheit des Sünders! – So der Geistliche, der durch seine Leichenpredigt unaufhörlich an den Tod erinnert und erinnernd, nicht keck vor ein ansteckendes Bett voll Typhus tritt, sondern lieber in seinem eignen zu Hause bleibt.   Fünftes Kapitel worin die Kriegsflammen lodern und Eroberungen um sich greifen Nach anderthalb Stunden passierte der heimliche Spion Marias durch die schneiderische Armee zurück und hinterbrachte unterwegs den Truppen, wie 32 er oben auf der Ruine ganz deutlich gesehen, daß die Kauzen sich der Großlausauischen Hauptstadt ohne Schwertschlag bloß durch Trommelschlag bemächtigt hätten. Wer in der Welt weiß, was Jammer ist, dem brauch ich den Großlausauer gar nicht zu schildern. Von den vier Kardinallastern des Krieges: nämlich Töten, Schwelgen, Plündern und Fliehen, hatte der Feind durch den Vortrab die drei ersten voraus, und ließ höchstens das vierte noch übrig. Da der Mensch überhaupt, als Gegenspiel des Bären, der im Kampfe sich menschlich auf zwei Füße stellt, darin gern tierisch auf vier niederfällt, und da an den menschlichen Soldaten wie an bleiernen sich durch langen Gebrauch leicht die Röte abfärbt (die Schamröte), so daß ihnen desto weniger Blut in die Wangen steigt, je mehreres sie aus fremden ausgelassen: so konnten (sah jeder Meister voraus) vollends die Tiberianer in der Hauptstadt nichts anders sein, als des Teufels lebendig. Sie konnten – mußten angesessene Marianer befahren – die besten Schuldscheine durch Instrumente, und die Laus deos durch Te deums tilgen, und ihre Schulden absitzen durch bloße Einquartierung. Indes ist doch, meiner Meinung nach, der Gebrauch, jemand zu bezahlen, indem man ihn vor den Kopf schlägt, von dem Gebrauche auf der Insel Sumatra nicht verschieden, wo man ehemals keine andere Münzsorte hatte als feindliche Schädel; und natürlich greift man am liebsten zum nächsten. Was das Plündern anlangt, so sei man doch gerecht, und mehr Christ als Heide; denn ist Krieg ein Ausdreschen der Völker, so ist es nicht billig, wenn 33 man dem Soldaten, der tritt und drischt, wie die Griechen dem dreschenden Tiere mit einem besonderen Zaume (im Griechischen solle er Καυστικαπη geschrieben werden, denn ich versteh keines) das Maul verbindet; denn Gott hatte den Juden befohlen, so lange die Tiere von der Ernte fressen zu lassen, als sie daran draschen, daher grade diese Drescher sich durch saure Arbeit mästeten. Jetzt wurde Generalmarsch geschlagen, und Marschschritt kommandiert, unter dem unaufhörlichen zwar nicht Kanonen-, aber Trommeldonner ging man auf die eigene Residenzstadt los, um sie los zu machen und zu befreien. Es war kein einziger Held im ganzen Zuge, der nicht gewünscht hätte, gleich einem Taschenspieler Kunstfeuer zu speien, um so damit dem verächtlichen Feinde recht ins Gesicht zu speien und zu feuern; und jeder schwur, ihn zu verfolgen, wenn er liefe. O überhaupt würde selten der Mut fehlen, wenn man mehr wüßte, wieviel dem Feinde davon abgehe! Wenn in Loango das Heer einem Hasen aufstößt, so wird es auf der Stelle heroisch, weil es den Hasen (ein recht nützlicher und wünschenswerter Aberglaube) für einen Geist ansieht, der ihm die Feigheit des Feindes ansagen soll; und in der Tat sollten nur die feigsten Regimenter als ebensoviele Waghälse über Feinde herfallen, sobald sich diese als Hasen zeigten; der Ehrenpunkt griff ein, und kein Soldat will gern vor einem Vorläufer laufen. Gleichwohl wurde der kriegerische Mut später verstimmt von zwei Unfällen. Nämlich ein Rittmeister, welcher (und ich habe nie widersprechen hören) für den 34 Achilles und Heros von Großlausau galt, setzte vor fünfzig rechten und fünfzig linken Augen kühn über einen Graben, und an sich glücklich genug; aber durch den Flug fuhr dem Gaule der Schwanz ab, der zu schwach an den Schwanzriemen befestigt war – (o welche Täuscher sind die Roßtäuscher samt und sonders!) und zwar mehrere Schwanzlängen vom Tiere hinweg, und das Roß schnalzte nur bloß einen kurzen Schweif-Abhub empor, einen elenden Pfeifenstummel; jedoch keinem tapferen Mann tat dieser ominöse Verlust, gleichsam einer Fahne, eines Bassaschweifes, sonderlich wohl. Für den zweiten Unfall steh ich weniger, da er Spuren scherzhafter Übertreibung trägt. Es soll nämlich ein Bettelmann an der Militärstraße gesessen haben, mit Wunden bedeckt, anstatt mit Pflastern, und zwar im Gesicht. Ein angehender Badergeselle hatte 35 dem Manne, um ihm ein Almosen zu geben, gratis den Bart abgenommen, um sich ungescholten an einem Menschen im Scheren zu üben, welcher schon etwas vertragen konnte; und in der Tat blutete der Mann wie ein erobertes Land. Bettelvögte zwar wollen weiter sehen, und wagen die Vermutung, daß der Kerl nur so fließend da gesessen, um auf seinen Blutströmen, wie auf Kanälen, sich Güter zuzuführen; aber im ganzen steckt er doch dadurch das tapfere Heer mit einer Blutscheu an; und dasselbe Menschenblut, das Löwen zum Angriffe der Feinde berauscht, machte die Marianer zu einem Angriffe der Feinde zu nüchtern. Fürst Maria ließ nicht nur sofort englisches Pflaster ( the genuine court-plaster ) für die Kinnwunden zerschneiden, damit wenigstens die Nachhut kein Blut sähe; sondern er verteilte auch eine ganze Feldapotheke von diesem Pflaster an die wichtigsten Personen des General- und des Regimentsstabes. Dem Generalfeldzugmeister, dem bedeutendsten bei der Artillerie, gab er am meisten vom court-plaster ; einem braven Manne von ausdauerndem Mute, da er ihn im ganzen langen Frieden gezeigt; nur in Kriegszeiten. die aber desto kürzer dauerten, sank er ihm etwas; daher Leute, die seine Mutvakanz im kriegerischen Zwischenraume kannten, denken mußten, mit seinen militärischen Ordensbändern und Ritterketten behäng er sich an Brust und Herz grade aus der Ursache, warum die französischen Kavalleristen ein Kettchen über den Pferdekopf hängen, nämlich an der schwächsten Stelle der Verwundung. Das Heer erschien endlich von weitem vor seinen 36 eigenen Toren, aber ohne die Freude, mit welcher es ihnen sich sonst genähert: der Feind war Türsteher der Stadttore. Die Tiberianer standen hinter einer Batterie von lauter aus dem Großlausauer Zeughause geholten vernagelten Kanonen, zwischen jeder Kanone stand eine Feuerspritze aus der Stadt, welche der tolle Premierleutnant aufgeführt, und auf ihr stand ein Oberster und hinter ihr sieben Kanonierbediente. Ein harter Anblick, wie zum Fürchten geschaffen! Und in der Tat wird alles desto härter, wenn man bedenkt, daß ein armer unschuldiger Soldat im Kriege ganz wie ein verurteilter in Friedenszeiten, welchen man durch die Kompaniengasse voll Spießruten recht langsam führt, damit er nicht laufe , und sich Hiebe erspare, behandelt wird; indem man den treuen Menschen, der ja nicht zu , sondern vor dem Feinde laufen will, ordentlich an Bewegung hindert, damit er nur desto mehr Schwertschläge empfange. Sehr hart für einen unschuldigen Soldaten, der lieber liefe! Als endlich die Marianer ziemlich nahe an die Kanonen, worüber Lunten brannten, gekommen waren, machten die Tiberianer eine der besten Evolutionen; nun fing das Feuern aus mehr als zwanzig offenen Feuerspritzen an, um das Feuer des Mutes zu löschen. Ein solcher unversehener Kugelregen (aus Millionen Wasserkügelchen bestehend) – wütete entsetzlich unter dem Handwerk. – Das Gewehrwasser fuhr grade ins Gesicht und Auge, wie Cäsar die Gesichter der Ritter des Pompejus anfallen ließ. – Sehen blieb so wenig möglich als Sand-Abfeuern, weil die Wasserstrahlen 37 alle Pulverpfannen vernagelten, sogar die Reiterei wurde zurückgeworfen, weil die Pferde von Augen- und Naseneinspritzungen scheu wurden, und die Reiter ohnehin vorher; – auf die empfindlichsten Stellen, Magen und Nabel, spielten unaufhörlich zwanzig offene Wasserschlünde, ein wahres weniger Blut- als Wasserbad. – Wie auch erst die Nachwelt entscheide, ob diese unerwartete Umwandlung eines Landkriegs in einen Seekrieg, einer Feuertaufe in eine Wassertaufe, Kriegsrecht für sich habe, darf man doch beklagen, daß so viele Brave durch ein solches Wasserschießen, eine wahre Löschanstalt des Lebenslichts, in einen Zustand gebracht worden, wo sie mehr Schweiß als Blut vergossen. Was hätten nicht die Marianer tun können, ohne die neue Kriegswaffe, nicht viel verschieden von dem Kriegsbrander vor Kopenhagen, dessen Erfinder sie mehr verdiente als die Marianer. Er ersoff (neuerlich wird das Gegenteil versichert). Einige ergaben sich schon, um sich abzutrocknen; vielen wäre der Galgenstrick des Gehenkten lieb gewesen, als Trockenseil; jeder wünschte sich einen altdeutschen Schild, als einen Regenschirm gegen den wagrechten Platzregen. Jetzt aber gab der Rittmeister ohne Roßschweif dem Fürsten einen kecken Rat, wofür er ein Pascha von drei Roßschweifen zu werden verdient hätte, den nämlich, dem Feinde verächtlich den Rücken zu kehren, und im Trabe davon zu rennen, und geradezu in dessen, nur eine halbe Meile ferne Hauptstadt Kauzen einzubrechen, wenn sie offen wäre; »wir wollen doch beim Teufel 38 sehen – fügt er übermütig hinzu – ob er uns mit seinem Geschütze nachschießen oder nachkommen kann, zumal da ihm unterwegs die Wassermunition ausgeht.« Maria Puer war ein Mann, – Verwegenheiten flattierten ihn; auf der Stelle genehmigte er den Operationsplan, und das Fortlaufen wurde kommandiert und zwar im Doppelschritte, womit man in einer Minute neunzig Schritte macht, und nicht fünfundsiebzig wie im Marschschritte. Diese Kriegslist tat ihre Wirkung; die Tiberianer schossen unbedachtsam so lange mit hartem Wasser nach, bis sie sich verschossen hatten, und der Feind sich verlaufen. Jetzt war an ihnen das Laufen, aber die Großlausauer Sonnen im Wassermann, griechische Statuen in nassen Gewändern, waren schon zu weit voraus, und sie marschierten um so schneller, da sie aus medizinischen Gründen sich aus dem kalten Bade ein Schwitzbad bereiten wollten. Auch schwitzte das ganze Heer; nur aber bedeutete dieser Schweiß nicht, wie nach Cicero das Schwitzen der Victoria in Cuma , die Niederlage, sondern den Namen der Göttin, die Besiegung. Denn die Kauzen in der Residenz, welche ihre Landsleute so hart hinter den rennenden Großlausauern erblickten, konnten in der Eile nichts anders machen als den Schluß, daß die Schneider in die Stadt eingetrieben würden wie Vieh, und taten demnach das Tor auf. Aber kaum waren diese Kamele durch das Nadelöhr der Stadt, so schlugen sie die Tür hinter sich zu – und draußen standen die Nachsetzer verdutzt. 39 Am Ende machten die Feinde sich nicht viel daraus, sondern zogen, da die Marianer sich als starke Riegel gegen das Tor anschoben, lieber in die Marianische Stadt voll Einquartierungen zurück.   Sechstes Kapitel worin der blutige Krieg in einen andern übergeht, Zeitungsschreiber glänzen und ein Anfang zum Ende der ganzen Sache gemacht wird Die ersten, welche beide Feldherren in den eroberten Residenzen vor sich kommen ließen, waren die Zeitungsschreiber derselben; Tiberius machte dem Großlausauischen, dem Herausgeber des »patriotischen Archivs für Großlausau« – einem bösen Possenreißer und Mokierspieler – bekannt, es komme jetzt nur auf ihn selber an, wie viele Prügel er sich wöchentlich erschreiben wolle, indem man ihm kein Haar krümmen würde – wobei der Schreiber, ein Krauskopf , halb lächelte, nämlich mit der linken Mundecke – wenn er ihn und den Feldzug gehörig würdige, nämlich hoch genug, und der Welt das beste davon sage, wiewohl man ihm übrigens gern gestatte, seine satirische Kollerader gegen seine Landsleute schwellen zu lassen. Der patriotische Archivarius versetzte: »Mit Freuden, denn mir kanns einerlei sein, wen ich auslache, sobald ich mich künftig gedeckt sehe. Ein Pritschenmeister und ein Knittelversmacher wäre ja ein Stocknarr im eigentlichsten Sinne, wenn er Knittel und Stock selber fühlen wollte.« Tiberius versprach ihm das Fiskalat oder auch ein Polizeikommissariat in seinem Lande. – Und Schnabel (so hieß der Redner) 40 hielt auch Farbe und Wort; und mit Vergnügen bekennt der Verfasser dieser Groteske, daß er Schnabeln manche dunkle Mitteltinte verdankt, welche zur höhnischen Darstellung z. B. der Großlausauer Galgenarrestanten nur aus dessen patriotischem Archive zu holen war. Fürst Maria hingegen, welcher den Zeitungsschreiber des »Kriegsboten von und für Kauzen«, namens Maus, zu sich berief, ließ den engen bangen Mann gar nicht ohne Höflichkeit an, vielmehr bezeigte er ihm Hoffnung, Maus selber werde den »Kauzischen Kriegsboten« wohl nicht mißbrauchen, fremde Verdienste, wenn auch feindliche, zu verkleinern; so wie auch er den Verfasser des Kriegsboten so sehr achte, daß er ihm den Charakter eines Großlausauer Kriegsrats auf der Stelle erteile. Das war zuviel für Maus; so gelobt und gelabt fiel er ihm zwar nicht zu Füßen, aber auf die eigenen vier innern, und versprach alles, was in seinen Kräften stand. Freilich stand in diesen nicht viel, und diese sehr unter den Schnabelschen. Indes hob doch Maus noch abends im Druck an dem seltenen Fürsten Maria den 41 milden Eroberer, den mildernden Stadtgouvernör und einsichtigen Feldherrn heraus, ohne sehr gegen den Zeitungsschreiber Schnabel oder seine Landsmannschaft zu schreiben, teils aus Angst vor beiden, teils aus Achtung. Ein guter Mann! wenn auch kein seltener! Im ganzen auch ein verständiger. Der erste Artikel des Kriegsboten unter dem Titel: »Kurzes résumé des Krieges« (er liegt vor mir) bekränzt am meisten den Fürsten Maria, als Ur- und Bewindheber des Ausgangs, und läßt die Verdienste der Schneider dahingestellt. Sein Gleichnis dabei gefällt denn doch: wie nämlich große Maler, z. B. Rubens, Raffael, sagt er, Schlachtenstücke mit Kraft entwerfen, und dann ihren Schülern das andere zur Ausführung übergeben, ohne daß darum die Stücke den Namen ihres hohen Urhebers zu entbehren hatten: so macht der Fürst den Entwurf zu einem Kriege und läßt dann seine Schüler, die Krieger, an der Ausführung mitarbeiten, gleichsam ein zweiter Claude Lorrain, der den Kriegsschauplatz wie der erste die Landschaften, selber bestimmt, und die Menschen, wie dieser, von andern bestimmen läßt. 42 Die Truppen beider Mächte blieben in den feindlichen Städten fest; ohnehin war wechselseitiges Erobern der Städte, bei diesem Mangel an allem groben Geschütz, sogar an vernageltem, unmöglich; und Herauswagen aus des Feindes Stadt unratsam, weil die feindlichen Bürger das Tor zuwerfen konnten, und der Landsherr vor seiner Hauptstadt draußen im nackten Freien stand. Beide Feldherren schienen Windmühlen in Tälern zu sein, denen nur zwei Winde zu Gebote stehen. Man brachte also, mochte man noch so großen Kriegsrat halten, keinen andern Rat heraus, als den zu täglichen kleinen Streifkorps oder Streiflichtern, damit doch die Dörfer und die feindlichen Streifkorps auch etwas empfänden. Aber diese Scharmützel-Partien waren eben die Engel der Zeitungsschreiber, nämlich ihre Zeitungskorrespondenten, so wie Marodeurs ihre Colporteurs , damit jeder Gazettier sich am andern chagrinierte. Einige Artikel seien mir aus Schnabels patriotischem Archiv einzurücken erlaubt, ich würde mehrere ausziehen, wäre nicht seine Geschichts-Muse eine prima donna buffa . Der Artikel im Sonntagsblatt sagt, sie hätten vor der Schlacht am Galgenberg die schöne altdeutsche Sitte nachgeahmt, sich Leichentext und Sarg bei Lebzeiten zu bestellen. Darauf erhebt er mehrere vom Regimentsstabe Marias, und sagt, sie wären in ihrer Kühnheit ganz so ins feindliche Lager gegangen, wie sonst Trompeter in eines geführt werden, nämlich mit verbundenen Augen, wiewohl diese Blindheit den Operationen mehr geschadet als genützt. 43 Hämisch fällt er gegen einen der besten Offiziere aus, von welchem er sagte, er sei weit mehr von der Liebe als vom Hasse beschädigt worden, – und führt versteckt die letzte Stelle an, die Nase, von welcher er behauptet, er habe sie als tapferer Mann verloren, weil er dem feindlichen Geschlechte stets die Stirne geboten. Er will ihn zwar nachher damit entschuldigen, daß nach einer bekannten Bemerkung an alten Bildsäulen gerade die Nasen am meisten beschädigt sind, bringt auch die scheinheilige Fiktion bei, daß, so wie jener Mann Sitzen mied, weil er sich für gläsern hielt, ein anderer das Stehen im Feuer fürchten kann, weil er seiner Nase, nach der rhetorischen Figur pars pro toto folgt, und sich selber für wächsern hält; aber im ganzen will er ihn doch lächerlich machen. Weniger zweideutig ist das Dienstagsblatt desselben Schnabels. Es lautet wörtlich so: »Unser Tiberius hat wieder gesiegt, nicht über den Fürsten Maria Puer, sondern über dessen Truppen, so weit sie vorkriechen und zwar in einem Kruge.« Nur sage man nicht vorher, ehe ich weiter beschreibe, daß solches Wirtshäuser-Plänkern nichts entscheide und beweise, freilich kanns anfangs bloß beweisen, und nur später entscheiden; denn ein Plänkler macht ein Streifkorps, Streifkorps ein Regiment, Regimenter das Heer. Ein Tambour vom Regiment Tiberius traf in einer Kneipe auf zwei feindliche Flügel, wovon jeder einen Mann stark war. Aber der Trommler postierte sich dem Heere kühn entgegen an einem Tische, und forderte sein Glas. Er sah scharf beide Flügel an, und 44 Grattenauers Bemerkung konnt ihm bekannt sein, daß zwar in sonstigen Kriegen die Gesundbrunnen für neutral gehalten wurden, aber nicht in jetzigen; und in der Tat sind Kneipen, Krüge und Wirtshäuser – diese Gesundbrunnen gesunder Trinkgäste – die gewöhnlichen Kriegsschauplätze, wo die Krieger gerade das, was sie am meisten gebrauchen und am nächsten besitzen, Stuhlbeine und Krüge zu Waffen umarbeiten, gleichsam Glocken zu Kanonen, und so trunken Trauerspiele miteinander spielen; daher die Griechen mit so feinem Sinne den Bacchus, nicht den Apollo, zum Patrone der Tragödien erlesen. Wenn übrigens Isenflamm recht hat, daß nichts so schnell nüchtern macht, als eine Verwundung: so sind Wunden wohl nirgends heilsamer angebracht als in Häusern, wo Trunkenheit an der Tages- und Nachtordnung ist, und ein leerer Krug stellt, gut geworfen, an Köpfen alles wieder her, was der volle in ihnen eingerissen. – Kurz, der Trommelschläger nahm nach kurzem Rekognoszieren der Gesichter beider Flügel seine Trommelschlägel, und schlug mit dem rechten Schlägel den rechten Flügel, mit dem linken den linken dermaßen aufs Haupt, daß aus letztem einiges Blut floß. Seine wahren Absichten dabei sind, wenn nicht unbekannt, doch streitig; denn auf der einen Seite nimmt der Feind an, der Tambour habe beide Flügel nur zur Ader gelassen, weil sie zu unerschrocken gegen ihn gewesen, womit der Feind auf die Römer anspielen kann, welche die Sklaven, die zu kühn auftraten, zur Ader ließen; auf der andern nimmt der Freund mit mir an, 45 der Pauker habe durch einige Kopfwunden nur das Gedächtnis der Marianer, ihre Niederlage betreffend, stärken und auffrischen wollen, da bekanntlich Kopfwunden oft so stärkend auf das Gedächtnis wirkten wie Kräutermützen. Nikolai führt aus Petrarch an, daß Papst Clemens VI. sein ungeheueres Gedächtnis bloß einer Kopfwunde verdankte. Wahrhaft verwegen wars noch, daß der Zeitungsschreiber mitten in der Hauptstadt seines vorigen Fürsten sich erkeckte, dem Blatte ein Extrablatt anzuhängen, worin er den Marianern vorwarf, daß sie eine der erbärmlichsten Aussprachen hätten, da sie nicht einmal v von f zu unterscheiden wüßten, so daß er, wenn sie sonst vor dem Schloßhofe ihres Fürsten Vivat gerufen hätten, leider mit seinem geübteren Ohre immer gehöret habe: Fi! Fat! – was aber gänzlich den Sinn entstelle. Es wäre zu weitläufig, noch aus dem Dienstag-, Mittwoch-, Donnerstag-, Freitag-, Sonnabendblatte auszuziehen; genug, er ärgerte damit ihren Mausen halb tot, wie mit Giftblättern. Der Zeitungsschreiber Maus schränkte sich mehr auf das Leben des Fürsten Maria ein und berührte die Trödler oder Tiberianer nur seitwärts, um nicht von ihnen anders und vorwärts berührt zu werden. Bloß beiher malte er ihre Eß- und Verkauflust aus, welche sie verspürt haben sollen, als sie neben einer offenen Kirchweih in einem ausländischen Grenzdorfe – nur zwei Schritte von ihnen – sich bloß mit Feinden herumzuschlagen hatten, anstatt Essen und Geld einzunehmen. Indes erinnern ihre Begierden und ihr Schicksal in 46 der Beschreibung zu sehr an jene Hunde, welche als (aufrecht) stehende Truppe in menschlicher Draperie ein Lustspiel geben müssen – jämmerlich sehen die stummen Figuranten einander auf die halb sichtbaren Schwänze – die Peitsche ist ihre dea ex machina in ihren Forcerollen – – und die Statisten sehnen sich umsonst von ihren Kothurnen, d. h. von ihren zwei Füßen auf ihre vier niederzufallen, und ganz andere Erkennungen als theatralische darzustellen. Unlust genug für ein Lustspiel! Zuletzt aber zankten sich die Zeitungsschreiber immer wilder – Schnabel setzte den gelassenen Maus ganz außer sich – Wortspiele über die Namen, z. B. sich mausig machen, oder schreiben wie der Schnabel gewachsen, waren posttägliche Sachen. – Maus ließ, so wie jener Schlachtenmaler zur Begeisterung des Pinsels Kriegsinstrumente um sich zu spielen befahl, gewöhnlich eine Trompete neben sich blasen, damit er besser in die weitere der Fama stieße. – Kurz der Krieg war nun vom Festland aufs Papier gespielt, und beide Schreiber verwandelten sich zuletzt in die Parteigänger, welche sie anfangs nur aus Schein auf fürstliches Drohen hatten spielen wollen. Ganz anders fiels mit beiden Kriegsvölkern aus. Der Krieg hatte nun schon so lange gedauert, so viele Tage, als der siebenjährige Jahre, eine Woche lang, mithin nur einen Tag kürzer als ein chinesisches Trauerspiel von acht Tagen, indes Corneille die Trauerzeit gleichsam wie ein voriger Magdeburger Festungskommandant nur auf dreißig Stunden 47 einschränkte. In beiden Residenzstädten fraßen die Truppen mit Wetteifer, doch die Tiberianer das meiste; denn sie, welche nicht vergaßen, daß die Schneider, ihnen an Anzahl überlegen, mit den zahlreicheren Mägen die Stadt ausschöpfen würden, arbeiteten auf ein Gleichgewicht dadurch hin, daß sie in Großlausau doppelte Portionen und Rationen für einen Magen beorderten. Schwaches Plündern, Requirieren der Schuldscheine und dergleichen war gar nicht gegen die Grundsätze der Tiberianer, welche vielmehr schlossen: wenn schon Freunden alles gemein ist, wie viel mehr Feinden. Ja, es gab Köpfe unter ihnen, welche fragten, sollten denn die Kriege, es werde nun darin eigenes oder fremdes Blut vergossen, nicht so viel Recht haben, wie die elenden fünf jährlichen Aderlaßtage ( dies minutionum ) der Karthäuser, an welchen man diesen fettere Kost, Freiheit vom Kloster und Freiheit zu Spaziergängen, und sogar weibliche Gesellschaft verstattet? – Freilich Handel und Wandel, also Trödler und Schneider stockten; nichts war los zu werden, nichts anzumessen. Beide Heere fühlten, daß die Astronomen ein treffendes Zeichen für den Erdenkreis im Kalender gewählt, nämlich einen Kreis mit einem Kreuze (♁), so wie sie die Venus beinahe wie Thümmel mit einem umgekehrten angezeichnet (♀); – aber an dieses arme Kreuze sind wir zwei Mächte genagelt? Himmel wir? Wir, die wir umgewandt gern nach dem Evangelium die andern Backen hinhalten, wenn wir etwas auf die vorderen bekommen haben; und die wir die Bitte der tapferen Sparter an die Götter, 48 daß sie Beleidigungen möchten ertragen lernen, gar nicht zu tun brauchen, da dies schon Naturgabe bei uns ist? Diese Überlegungen wurden leider in beiden Residenzen so häufig, daß sie eine Verschwörung unter den Truppen beider Heere gegen die Fürsten einleiteten, welcher nichts fehlten als Anführer, die sich unter Heerführern leicht finden. Denn ein wichtiger Umstand – auf welchen alle künftige Geschichtschreiber dieser Umwälzung aufmerksam zu machen sind – entschied gewaltig dabei, der nämlich, daß sowohl die Tiberianer ihres Tiberius so satt waren, als die Marianer ihres Maria, beide hingegen nach einem Umtausch der Fürsten hungerten. Bei den Landeskindern bedeutete ihr Landesvater etwas nicht viel Besseres, als was die Studenten sonst einen nannten, ein Loch im Hute: »ich habe mehr Landesväter in meinem Hute als du,« sagt der Musensohn, weil bei jedem Gesang, der »Landesvater« genannt, der Hut durchstochen wird. Freilich verstanden Kauzen und Großlausauer unter Löchern ganz andere als in Hüten und Röcken. Es konnte z. B. den Trödlern wenig gefallen, ewig in Monturen gesteckt zu werden, die sie vielmehr selber absetzen wollten, denn Tiberius ließ nur das halbe Land, nämlich die weibliche Hälfte, kantonfrei. Ob es aber nicht besser sei, wenn ein Land kein Winter ist, in welchem man bekanntlich von Amseln nur die Männchen sieht, sondern lieber ein Frühling voll Weibchen, können wohl Trödler nicht ausmachen, sondern Gelehrte. Auf der andern Seite waren die Schneider 49 ebensowenig mit ihrem Fürsten zufrieden, welcher nicht sowohl Menschen als Gelder, weniger Köpfe als Kopfsteuern eintrieb, um ein großes (Fürsten-) Haus zu machen. Daher sagten die Trödler: ein Maria, der nur brillieren, nicht exerzieren will, gefällt uns besser, und Trödel dazu haben wir genug vorrätig. Die Schneider aber fuhren fort: »Ein Tiberius ist wieder uns lieber; Landmeister, Gesellen und Pfuscher haben wir leider genug zum Land-Matrosen-Pressen, aber einen Fürsten wie Tiberius nicht, der nicht verschwendet, keinen Glanz und Zeremonienmeister fordert, und jeden als seinesgleichen an die Tafel zieht.« Kurz, dieser gegenseitige Wunsch eines Fürsten-, nicht Länder-Tausches trug unglaublich viel zu der Verschwörung der beiden Divisionsgenerale bei, nach deren Plane sie die Fürsten in den feindlichen Residenzen sitzen lassen und bloß mit den Völkern wieder heimkehren wollten. Der Erfolg war, wie Männer von Verstand vorausgesagt. Gerade ein solcher Krieg hatte beide Länder einander näher gebracht – was eben nahe am meisten nötig haben – und sie halb ausgesöhnt; jeder wollte jetzt, statt zu bluten und bluten zu lassen, lieber leben und leben lassen. Oft kam es mir vor, wenn ich die friedlichen Folgen dieser Heerschau und Kriegszeit überdachte, als sei alles die Nachahmung eines bekannten hannoverischen Dekrets an die Göttingischen Professoren. Die Regierung schickte nämlich allen Professoren, vom Doktor der Theologie an bis zum Professor der Rechte und der Moralien, die Verordnung zu, daß 50 sie – da bisher unter ihnen weniger gegenseitiges Befreunden als Befeinden obgewaltet – an jedem Sonntag um vier Uhr eine Stunde lang auf der Esplanade miteinander gehen sollten, um doch einigermaßen zusammen zu kommen, und sich zusammen zu gewöhnen, und dadurch einander weniger zu verabscheuen. Nun sah gewiß die weise Regierung so gut wie wir alle voraus, daß die Professoren selten physisch miteinander gehen konnten, ohne systematisch auseinanderzugehen, und daß hundert Disputierübungen stets die gymnastischen um vier Uhr begleiten würden; aber da sie gleichwohl das Zusammenwandern, (sogar für den bloßen Satiriker ein schöner Anblick) – dekretierte: so hat sie vorausgesetzt, daß die Professoren eben durch nahes Streiten sich so nahe zusammenknüpfen würden – als unsere Schneider und Trödler. Kurz, Kauzen und Großlausauer waren sämtlich nach kurzen stillen Erforschungen, welche die höheren Kriegsgewalten, die Divisionsgenerale und Unterhändler, angestellt, sogleich bereit, nach Hause zu gehen und sich regieren zu lassen vom ersten besten Feind-Fürsten, der eben zu haben stände, sobald nur alles ginge wie sonst, oder noch besser; die Fürsten beider eroberten Länder (dies wurde feierlich ausgemacht und untersiegelt) möchten dann in diesen als Geiseln (aber nicht als aktive wie Attila, sondern als passive) so lange bleiben und herrschen, als sie dürften. Alles gelang. Jedes Heer zog nach Haus; nur jeder Fürst blieb in jeder Stadt gleichsam wie in seinem Bienenweisel-Gefängnis zurück, und regierte zur 51 Erholung hie und da. Wahrscheinlich hat darin Maria geweint und Tiberius geflucht. Übrigens wars ein Glück, daß jedes dieser Länder, wie viele jetzige, nicht ein durch Vaterland und Fürstenliebe fest verknüpfter Staat war, sondern nur aus lose aneinander gestellten Untertanen bestand; ein schweres, aber nötiges Meisterstück der jetzigen Politik, gleich dem Meisterstück der Böttcher, das aus lauter Faßdauben ohne Reifen bestehen muß. Jetzt war aber vor allen Dingen zu eilen, um dem Gewaltstreiche die nötige Rechtmäßigkeit und Stütze zu geben. Es wurden deshalb Deputierte von beiden Ländern nach Paris geschickt, mit allen glaubwürdigen Landkarten und Zeugnissen versorgt, welche vonnöten waren, um Napoleon zu überzeugen, daß die Länder existierten. 52 Auch brachten sie die Bitte mit, daß sie bald recht fest regiert würden. Aber im Gedränge der wichtigsten Angelegenheiten konnte, wie sich denken läßt, bis diese Stunde nicht über diese kleine entschieden werden, und beide Fürsten regieren die eroberten Interims-Länder noch vor der Hand fort.   Nachschrift im Heumond 1816 – Und noch am heutigen Heumonate sitzen die beiden Fürsten auf ihren Tauschthronen still. Denn damals – im Jahr 1810 – hatte Napoleon so viele weit größere Dinge zu nehmen, Hannover – Holland – die zweite Kaiserin – die Hansestädte und -küsten, daß er keine Minute erübrigte, über zwei so kleine Fürstentümchen irgendeinen Spruch Rechtens oder 53 ein rechtliches Erkenntnis ergehen, nämlich sie nehmen zu lassen. Noch länger haben die beiden Fürsten jetzo zu sitzen, da sie auf deutsche Entscheider warten; denn der deutsche Zeiger hat, wie ein richtiger Monatszeiger an einer Uhr, stets Monate von 31 Tagen und keine von 30. Deutschland ist, wie nach Cuvier das größte Tiergerippe der Vorzeit unter das Faultiergeschlecht gehört, vielleicht gleich groß und gleich faul, sozusagen ein Riese, welcher, wie sonst in Spanien Kammerherrn tanzenden Prinzessinnen, mit gelassenen Schritten einer springenden Zwergin die Schleppe trägt. –