August von Kotzebue Die Spanier in Peru, oder: Rollas Tod. Ein romantisches Trauerspiel in fünf Aufzügen. Erschien 1795.   Theater von August v. Kotzebue. Vierter Band. Rechtmäßige Original-Auflage. Verlag von Ignaz Klang in Wien und Eduard Kummer in Leipzig.   1840.     Personen. Ataliba, König von Quito. Rolla, Alonzo de Molina, Feldherren der Peruaner Cora, Alonzos Gattin. Pizarro, Heerführer der Spanier. Elvira, seine Freundin. Almagro, Gonzalo, Davila, Gomez, Pizarros Gefährten. Valverde, Pizarros Geheimschreiber. Las Casas, ein Dominicaner. Diego, Alonzos Waffenträger. Ein alter Cazike. Ein Greis. Ein Knabe. Spanische und indianische Wachen. Priester, Weiber und Kinder.     Vorbericht. Dieses Stück ist eine Fortsetzung meiner Sonnenjungfrau . Mein würdiger Freund, Herr Schröder, hat verschiedene kleine Veränderungen damit vorgenommen, die ich, im Vertrauen auf seine Bescheidenheit, wohl verschweigen könnte, die ich aber hiermit dankbar anzeige, theils, weil ich mich nie geschämt habe, von einem Manne, wie Schröder, Belehrung anzunehmen; theils, weil sonst wieder irgend ein hämischer, auf den Beifall, welchen das Stück erhalten, neidischer Spürhund auftreten, und mir meinen Antheil schmälern möchte. – Die Veränderungen sind entweder solche, die Herr Schröder selbst , oder solche, die ich auf sein Anrathen unternommen. Zu den ersteren gehört vorzüglich: die Weglassung einer Scene des Waffenträgers Diego, der, ohne übrigens mit dem Interesse des Ganzen verbunden zu sein, durch unzeitigen Scherz den raschen Gang des ersten Acts unterbrach. Durch ein Versehen in der Druckerei ist diese Scene S.217 stehen geblieben. Ferner: die Unterdrückung eines Schluß-Chors, und einer Arie, welche Elvire sehr zur Unzeit in die Guitarre sang. Ferner der Umstand, daß Pizarro Elvirens Anschlag auf sein Leben nur erräth , den, vor dieser Abänderung, ihm Rolla mit dürren Worten entdeckte, und dadurch vielleicht einen Schein des Unedelmuths auf seinen Charakter warf. Ferner: die Milderung von Pizarros Niederträchtigkeit, da er vorher selbst, trotz seines gegebenen Wortes, Rolla wieder in seine Gewalt zu bekommen suchte. Ich selbst habe auf sein Verlangen den Kapellan Valverde in einen Geheimschreiber verwandelt; denn man will nun einmal die schlechten Pfaffen nur auf der großen Bühne der Welt, und nicht auf den Privat-National-Theatern sehen. Zwar hatte ich mir gleich Anfangs vorgenommen, diese Veränderung nur für die Bühne zu machen, im Druck hingegen diesen elenden Pfaffen, der keine erdichtete Person ist, in seiner ganzen Nichtswürdigkeit wieder herzustellen; am Ende aber hatte ich weder Zeit noch Lust, mich mit diesem Unhold wieder zu befassen, und es mag schon so bleiben. Unstreitig die wichtigste, und dem Stücke vorteilhafteste Veränderung ist die Veredlung von Elvirens Charakter, die ich auf seinen Rath unternahm, und für welche ich ihm den meisten Dank weiß. Elvira, die jetzt hoffentlich zu Mitleid und Bewunderung hinreißt, glich vorher in vielen Stellen nur einer gemeinen Buhlerin. Andere Abänderungen, wo Herr Schröder sich offenbar in die Zeit fügen mußte, habe ich nicht angenommen. Ich sehe zum Beispiel nicht ein, warum man nicht gerade heraussagen dürfte, daß der Vater Papst den Spaniern Amerika durch eine Bulle geschenkt; daß er durch eine andere Bulle die Indianer für Menschen, und nicht für Affen erklärt; daß man zur Ehre Christi und der zwölf Apostel dreizehn Indianer aufgehangen; und was dergleichen mehr ist. Warum sollte man historische Thatsachen auf der Bühne verschweigen? Ich ergreife diese Gelegenheit, noch zwei Worte über ein paar andere meiner Stücke zu sagen. Ein gewisser Herr Schütze behauptet in seiner hamburgischen Theatergeschichte sehr zuversichtlich: Herr Schröder habe mit dem Grafen Benjowsky große Veränderungen vorgenommen, welchen das Stück den erhaltenen Beifall verdanke. Das ist aber, mit seiner Erlaubniß, nicht wahr ; Herr Schröder hat im Grafen Benjowsky nichts geändert, und Herr Schütze wird wohl thun, sich in Zukunft besser zu unterrichten. Die Literatur-Zeitung hat die Güte gehabt, meinen Sultan Wampum (ein unbedeutendes Produkt, dem ich selbst eine» sehr geringen Werth beilege) mit mehr Nachsicht zu beurtheilen, als ich vielleicht selbst gethan haben würde, da sie doch vormals weit bessere meiner Stücke, dem allgemeinen Beifall des Publikums zum Trotz, mächtig und höhnisch in den Staub trat. Ich bin für diese Nachsicht sehr verbunden, und will nur hier anzeigen, daß einige der getadelten, und wirklich tadelnswerthen Verse nicht von mir herrühren, sondern, vermuthlich um der Bequemlichkeit des Componisten willen, ohne mein Wissen geändert worden, und hernach so stehen geblieben sind, weil ich zu weit vom Druckort entfernt war, um die Handschrift noch einmal durchzusehen. Wenn es der Mühe verlohnte, würde ich meine Verse hier abdrucken lassen. Erster Act. (Im spanischen Lager, das Innere von Pizarros Gezelt.) Erste Scene. Elvira. Valverde. Elvira (in Mannstracht auf einem Ruhebette schlummernd). Valverde (schleicht herein, betrachtet sie mit Lüsternheit, kniet endlich neben ihr nieder, und küßt ihre herabhängende Hand). Elv. (erwacht und betrachtet ihn mit Unwillen). Valv. Vergib der Macht deiner Reize. Elv. O weh'! – es könnte dir endlich ein Wunder gelingen. Valv. Und welches? Elv. Ein Weib mit seiner eigenen Schönheit zu entzweien. Valv. Sehr bitter. Elv. Warum störst du meine lieblichen Träume? Valv. Was träumtest du? Elv. Ich sah dich hängen. Valv. Wie lange wird Elvira meiner Liebe spotten? Elv. Deiner Liebe? Ei wer gab dem Bastard diesen ehrlichen Namen? Unter uns, Valverde! wenn ich dich von Liebe sprechen höre, so kömmst du mir vor wie ein Taschendieb, der um eine milde Gabe bittet, und während er nach dem Beutel schnappt, Gottes Segen im Munde führt. Valv. Was doch ein schönes Weib nicht alles sagen darf. Elv. Was doch ein Geck nicht alles thun darf. Wer erlaubte dir, meinen Schlaf zu stören? Ist es nicht genug, daß mich in jeder Nacht die Trommeln wecken? Doch lasse ich meine Ohren lieber quälen, als meine Augen. Valv. Geduld zu prüfen, verstehst du meisterlich. Elv. Soll ich Pizarro von deinen Nachstellungen unterrichten? Valv. Sage mir lieber, durch welche Zauberkraft dieser Pizarro dich gefesselt hält? – Ein wildes, stieres Auge, ein ungekämmter Bart, Heuchler in der Freundschaft, Tirann in der Liebe – Elv. Halt! die Leichenpredigt kommt zu früh, er ist ja noch nicht todt. Valv. Ungeschliffen und holpricht an Leib und Seele, in seiner Jugend ein Sauhirt, im Alter, Menschen wie Säue regierend. Elv. Ha! ha! ha! vielleicht kennt er euch besser, als ihr glaubt. Valv. Unwissender als ein andalusischer Mauleseltreiber, nicht einmal lesen und schreiben kann der Held. Elv. Merk' es dir, guter Freund, ein Weib, das Liebe heischt, fragt wenig darnach, ob der Geliebte auch lesen und schreiben könne, denn die Liebe lies't sich nur in den Augen, und schreibt sich nur in das Herz. Tapferkeit fesselt Mädchenherzen sicherer als Gelehrsamkeit. Pizarro ficht mit dem Schwert, und du mit der Feder. Er vergießt Blut, und du nur Tinte. Valv. Noch hat beides uns wenig geholfen. Elv. Aber mit allen deinen Kritzeleien hätte Nugnez Balboa das Südmeer nie entdeckt; mit allen Sätzen deines Aristoteles hätten Pizarro und Almagro nie ein Schiff ausgerüstet. Du säßest noch immer im Schulstaube, und ich wäre vielleicht eine Nonne. Valv. Es fragt sich noch, ob wir dabei gewonnen oder verloren hätten? Elv. Klösterliche Einförmigkeit, der Schlaf eines Murmelthiers. Valv. So seid ihr Weiber, nur Aufsehen wollt ihr machen. Ein glänzend Elend ist euch lieber als Ruh' und stilles Glück. Elv. Weißt du, was wir am meisten hassen? die ungebetenen Schwätzer, die Gemeinspruchsprediger. Valv. Recht, spotte nur so lange die Sonne scheint, und zage, wenn der Donner rollt. Der Augenblick ist nicht mehr fern vielleicht. Elv. (spöttisch). Valverde ein Prophet! und worauf gründet sich deine düstere Weissagung? Valv. Sind wir nicht in einem fremden Lande, wo uns der Tod aus jeder neuen Pflanze, aus jeder unbekannten Frucht entgegen grinzt. Wen des Feindes Schwert verschonte, den tödtet ein ungewohnter Himmelsstrich. Täglich mindert sich die Zahl der Uns'rigen. Elv. Desto besser, sind wir nicht die Erben eines jeden Todten? Valv. Da haben wir's! nur Raubsucht ist euer Zweck. Elv. Und der deinige, Freund Valverde? – Meinst du, ich witt're den Wolf nicht, weil er das Blöcken der Schafe nachäfft? Willst du vor Weiberaugen den Schalk verbergen? Geh', geh', im ganzen Lager ist nicht einer, der so redet wie er denkt, den alten Las Casas ausgenommen. Valv. Nenne diesen Schwärmer nicht. Er träumt von Menschlichkeit und Duldung. Elv. Weißt du, daß es Augenblicke gibt, wo dieses Greises Träumereien mein Herz gewaltig fassen? daß ich seinen grauen Bart oft lieber küssen möchte, als deine braune Wange? daß ich Nächte hindurch schwelgen muß, um einen lästigen Eindruck zu verlöschen? Valv. Schäme dich. Elv. (mit einem halben Seufzer). Hätte ich diesen Alten früher gekannt, wer weiß, was aus mir geworden wäre? Valv. Eine heilige' Schwärmerin für die sogenannte Menschheit; denn für nichts schwärmet man leichter als für Worte, die keinen bestimmten Begriff haben. Die Einbildungskraft kreißt, und der Märtirer wird geboren. Elv. Valverde auch ein Philosoph? Valv. Mißfällt es dir? Wohlan, laß aus den Nebelwolken der Philosophie uns herab auf die Fluren der Liebe steigen. Elv. Sie verdorren unter deinem Fußtritt. Kurz, Freund Schleicher, wirf die Feder weg, ergreif' ein Schwert, und thu' etwas Großes, wenn Elvira dich lieben soll. Valv. Nenne mir doch Pizarros Thaten. Elv. Frage die alte und neue Welt. Durch eigene Federkraft schwang er vom Sauhirten sich zum Krieger empor. Als er mit einem kleinen Schiffe, von hundert Gefährten nur begleitet, Panama verließ, um eine unbekannte Welt zu erobern, da flüsterte mein Herz: ein kühner Mann! Als er auf der kleinen Insel Gallo mit seinem Degen eine Linie in den Sand zog, einem jeden erlaubte, ihn zu verlassen, der diese Linie überschreiten würde, und als nur dreizehn geprüfte Männer ihm zu folgen schwuren, an deren Spitze er sich dem Tode weihte, da sprach mein Herz laut: ein großer Mann! Valv. Groß, wenn es gelingt; doch scheitert sein Entwurf, so nennt die Welt ihn einen Thoren. Elv. Das Schicksal jedes Helden. Kinder sehen mit offenem Maule eine Rakete steigen, und lachen, wenn sie platzt. Valv. Gesetzt, sie stiege auch bis in die Wolken, was hoffst du dann? Elv. Einst Vicekönigin zu werden. Pizarro wird dies rohe Volk regieren , ich werde es bilden . Valv. Wirklich? dann kennst du Pizarros schlauen Ehrgeiz wenig. Fährt das Glück ihn auf die höchste Staffel, so reicht er seine Hand einem Mädchen, dessen Geburt die Flecken der seinigen zudeckt, dessen Verwandtschaft bei Hofe ihm zur Schutzmauer dient; und die arme Elvira ist vergessen! vergessen alles, was sie that und litt! Elv. Ha! dann – doch zische nur, giftiger Wurm! Valv. Auf dieser Seite hingegen Valverde jetzt nur Geheimschreiber, doch bald vielleicht Kanzler, Elvira, seine Freundin. Elv. Unverschämter! Valv. Du trittst die Blume, die du pflücken könntest, um einer Frucht willen, die dir zu hoch hängt. Glaube mir, so lange dieser Alonzo de Molina den Feind in unseren Künsten unterrichtet, so lange wird Pizarro leeres Stroh dreschen. Elv. Und so lange dieser Pizarro meine Gunst verdient, soll keine Tücke mich von ihm scheiden. Kehrt ihm Fortuna den Rücken, so reicht ihm Elvira die Hand. Valv. Die Reue hinkt, doch sie ereilt den Thoren. – St! ich höre seine Stimme. Elv. Geschwind ein ehrliches Gesicht, du Tausendkünstler! Zweite Scene. Pizarro. Die Vorigen. Pizarro (stutzt, da er Valverde und Elvira beisammen findet. Er betrachtet beide mit finsterem Argwohn, Valverde verbeugt sich, Elvira lacht). Warum lachst du? Elv. Lachen und weinen, ohne eben das warum zu sagen, ist Weibervorrecht. Piz. Ich will es wissen. Elv. Ich will! ich will! – aber ich will nicht ! Valv. Donna Elvira spottete meiner Furcht. Piz. Welcher Furcht? Valv. Daß der Feind durch überlegene Menge, und von Alonzo angefeuert – Piz. (mit bitterm Spott). Nur ein Weib, und was dem ähnlich ist, kann diesen Knaben fürchten. Valv. Du hast Recht. Es war kindisch kleinmüthig. Er, der Lehrling unter deinen Fahnen, lehnt sich gegen den Meister auf. Piz. An meinem Tische hat er gegessen, auf meinem Teppich hat er geschlafen. Valv. Der Undankbare! Piz. Ich liebte ihn. Er war mir von seiner Mutter anvertraut. Seine Mütter war ein stolzes Weib. Und in der Brust des Knaben glimmte ein Heldenfunke, den ich zur Flamme anzufachen hoffte. Elv. Nur Mädchen erziehen Helden. Piz. (spöttisch). Meinst du? – ich habe nie geliebt. Elv. (empfindlich). So warst du auch nie ein Held. Piz. (zu Valverde). Oft, wenn ich ihm von unserer ersten Fahrt erzählte, wie ich mit einer Hand voll Menschen siebzig Tage lang herumgetrieben wurde; wie Sturm und Wellen auf dem Meere, Sümpfe, Flüsse, unwegsame Wälder auf dem festen Lande, uns jeden Schritt zu Tagereisen machten; wie bald der wilde Küstenbewohner, und bald der Himmel gegen uns fochten; wie Kampf und Hunger, ein schwüles Klima und böse Krankheiten den kleinen Haufen täglich minderten, bis die Noth mich zwang, diese fluchbeladene Küste zu verlassen, und den Perleninseln gegenüber auf einem unwirthbaren Eiland mein Leben zu fristen; wenn ich ihm das alles ungekünstelt malte, dann schloß er voll Bewunderung mich in seine Arme, und eine Thräne trat in sein großes blaues Auge. Valv. Und wessen Fuß zerstörte die hoffnungsvolle Saat? Piz. Las Casas erschien mit seiner glatten Zunge, entrückte ihn in höhere Sphären, berauschte ihn durch Schwärmerei, und von Stund' an müht' ich mich vergebens, ihn aus seinem Wolkenschloß auf die wirkliche Welt herabzuziehen. Valv. Er floh! und ward dein Feind? verrieth sein Vaterland? Piz. Zuerst versuchte der thörichte Knabe die Grundsätze eines Mannes zu erschüttern. Er hing mit Thränen an meinem Halse, wollte das gezückte Schwert mir aus der Faust winden, nannte die Peruaner unsere Brüder. – Valv. Verstockte Heiden unsere Brüder! daran erkenne ich Las Casas. Piz. Als er sah, daß seine Thränen auf kalten Marmor fielen, da ging er zu den Feinden über, nutzte verrätherisch ihre Menge, meine Lehren, seine Kenntniß, unsere Stärk' und Schwäche, und zwang mich – ha! – zu einem schimpflichen Rückzug. Valv. Die Rache schwebt über seinem Haupte. Piz. Mit verstärkter Macht bin ich zurückgekehrt, und erfahren soll der Knabe, das; Pizarro lebt! Valv. Es fragt sich nur, ob Alonzo noch lebt? Piz. So eben hat man seinen Waffenträger gefangen. Zwölftausend ist der Feind stark. Alonzo und Rolla sind ihre Anführer. Sie opfern heute ihren Götzen. Diese Sicherheit wollen wir nutzen, und das Opfer mit Menschenblut begießen. Elv. Ueberfall? Schlacht? Nimmst du mich mit, Pizarro? Piz. Es geht nicht zum Ball. Elv. (empfindlich). Auch fragt' ich keinen Tänzer. Piz. Wenn du in meiner Rüstkammer ein Schwert findest, leicht genug für eine Weiberfaust, so komm' und steh' an meiner Seite. Elv. Wirst du mich d'rum lieber haben? Piz. Ja, und weißt du auch warum? Das Schlachtgetümmel ist mir Bürge für deine Treue. Elv. Du irrst. Ein Weib, das Lust hat zu betrügen, kehrt sich weder an Sturm noch Erdbeben. Piz. Ich danke dir für die gute Lehre, und schreibe sie in mein Gedächtnis. Elv. Du kannst nicht schreiben. Piz» (mit einem grimmigen Blick). Elvira! Elv. Ist es denn meine Schuld? Piz. Du weißt, was ich nicht hören mag. Elv. Hätte deine Amme dir ein Bein gebrochen, würdest du dich zu hinken schämen? Piz. Genug! und nie wieder davon. Elv. (für sich). Achilles war nur an der Ferse verwundbar. Dritte Scene. Diego (wird herein geführt). Die Vorigen. Piz. Sieh' da! willkommen guter Freund! Diego. Ach! ich unglückseliges Mutterkind! Piz. Kennst du mich noch? Diego. Wie sollt' ich die Blume der spanischen Ritterschaft vergessen? Piz. Wie lange ist es her, daß du meine Küche zum letzten Mal besuchtest? Diego. So lange, daß ich darüber zum Gerippe mich gefastet habe. Piz. Lebt dein Herr? Diego. Er lebt. Elv. Wie hast du dich zu uns verlaufen? Diego. Eure Vorposten brateten ein Spanferkel, mich lockte der Geruch. Piz. Wie stark ist der Feind? Diego. Zwölftausend. Piz. Und Alonzo ist Feldherr? Diego. Alonzo und Rolla. Piz. Wer ist dieser Rolla? Diego. Ein Wilder, der mit dem Satan im Bunde steht, der eine Keule schwingt, wie ich ein Lammsviertel, und das Schwert so rasch führt, wie euer Koch den Schaumlöffel. Piz. Es soll mir lieb sein ihn kennen zu lernen. Sind er und Alonzo Freunde? Diego. Freunde? o ja! er ist verliebt in Donna Cora. Elv. Wer ist Cora? Diego. Die Gemahlin meines Herrn. Piz. Dein Herr vermählt? Valv. Und mit einer Heidin! welch ein Gräuel! Diego. Sie lieben sich wie ein paar gemeine Menschen. Valv. Hat er sie getauft? Diego. Nein, er spricht, es gäbe auch ungetaufte Tugend. Valv. Der Bösewicht. Piz. Ist Cora mit im Lager? Diego. Sie und ihr Kind, nebst einem Haufen and'rer Weiber. Piz. Das ist mir lieb. Je mehr Weiber, je leichter der Sieg. Sie weinen, sie kreischen und die Männer werden muthlos. Ist man auf eine Schlacht genistet? Diego. Heute wird geopfert. Valv. Dem Teufel vermuthlich? Diego. Der Sonne. Valv. Aber doch Menschenblut? Diego. Früchte und wohlriechende Kräuter. Piz. Mit Menschenblut wollen wir das Opfer begießen. Genug, Sennor Diego. Du kannst indessen in meiner Küche die Bratenwender bewachen. Diego. Herzlich gern. Seht nur meinen magern Wanst und meine dürren Beine. Mit faulen Fischen, sauren Kirschen und Maiz- (Körner-) Kuchen haben sie mich gefüttert. Piz. Ich sollte dich, Ueberläufer, an einen Baum knüpfen lassen. Diego. O weh! (Zu Elvira.) Schöner junger Herr, bittet für mich. Piz. Pack' dich fort, und dank' es deiner Dummheit, daß ich dir das Leben schenke. Diego. Dem Himmel sei Dank, daß ich so dumm bin. (Er geht.) Die Wache. Soll man ihn in Ketten legen? Diego. Tölpel! lege deine Zunge in Ketten. Piz. Gebt ihm Essen und Trinken, so wird er nicht davon laufen. Diego. Es lebe Don Pizarro! er kennt seine alten Freunde wieder. (Ab.) Piz. (einen Augenblick nachsinnend) . Ja, es ist beschlossen. Die Opfernden sind zu Opferthieren erkoren. Erst Kriegsrath, dann die Schlacht. Elvira entferne dich. Elv. Warum? Piz. Weil Männer sich versammeln werden. Elv. Als ob ein Weib dann überflüssig wäre. Wahrlich! die Männer sind undankbare Geschöpfe, das nützlichste, was die Natur euch gab, gebraucht ihr zum Spielwerk. Ich bleibe. Piz. Nun so bleib'! und schweige, wenn du kannst. Elv. Ich werde denken. Der leere Kopf plaudert. Denken und schweigen sind immer beisammen. Vierte Scene. Las Casas , Almagro , Gonzalo , Davila und Andere treten herein. Las Cas. Du hast uns hieher entbieten lassen – Piz. Setze dich, ehrwürdiger Greis, setzt euch meine Freunde. Der Augenblick ist da, in welchem wir die Früchte unserer Kühnheit ernten sollen. Der Feind, in Sicherheit versunken, opfert heute seinen Götzen. Mein Rath ist: schneller Ueberfall, Tod den Bewaffneten, und Ketten den Wehrlosen. Almag. Tod jedem Peruaner! bewaffnet oder wehrlos, das gilt gleich. Gonz. Die Weiber und Kinder mag man schonen. Almag. Es wäre besser, die ganze Brut auszurotten. Valv. Zur Ehre des Glaubens! Las Cas. Läst're nicht! Almag. Wir haben lange genug an dieser Küste gefaullenzt. Las Cas. Und morden nennt ihr arbeiten? Almag. Noch sah ich keine Frucht der großen Kosten, die wir aufgewandt. Piz. Wir leiden Mangel und die Krieger murren. Gonz. Indessen Alonzo im Wohlleben unserer spottet. Piz. Verräterischer Knabe! Las Cas. Mir sagt mein Herz, daß Alonzo zwischen Menschlichkeit und Vaterlandsliebe einen schweren Kampf besteht. Almag. Dein Herz vertheidigt deinen Zögling. Las Cas. Ja, er ist mein Zögling und ich bin stolz auf ihn. Almag. Genug, er soll uns kennen lernen. Piz. Des Feindes Macht wächst, die Gegend ist uns unbekannt, der Mangel reißt ein, und Zaudern erschlafft den Muth. Das einzige Mittel gegen alle diese drohenden Gefahren, ist eine Schlacht. Alle (außer Las Casaz) . Eine Schlacht! eine Schlacht! Las Cas. Welch ein fürchterlicher Widerhall! Eine Schlacht? Gegen wen? gegen einen König, der noch vor wenig Tagen euch die Hand zum Frieden bot, gegen ein Volk, das harmlos seine Felder baut und in reiner Unschuld der Sitten den Schöpfer nach seiner Weise lobt. Valv. Ein Heidenkönig, der der Sonne opfert, und den das Schwert vertilgen muß. Las Gas. Ist das Blutmaß eurer Grausamleiten noch nicht voll? Diese Kinder frommer Unschuld, die euch gastfrei aufnahmen, wann haben sie genug gelitten? – Allmächtiger! dessen Donner Felsen zerschmettern, und dessen Sonne Eisgebirge schmelzen kann! leihe meinen Worten deine Kraft, so wie deine Güte meinen Willen beseelt. – Werft einen Blick auf die Millionen Schlachtopfer, von eurer Raubsucht nothlos gewürgt. Als Götter wurdet ihr empfangen, als Teufel kamt ihr unter sie! Gern und fröhlich gab man euch Gold und Früchte, ihr schändetet zum Dank Weiber und Töchter. Die Menschheit empörte sich, die Unterdrückten murrten; da richtete man Hunde ab, sie zu hetzen. Wen diese höllische Jagd noch übrig ließ, der wurde vor den Pflug gespannt, sein eig'nes Feld für euch zu ackern, oder in die Goldminen begraben, um euren nimmer satten Geiz zu sättigen. Piz. Du übertreibst. Las Cas. Ich übertreibe? – O wollte Gott, ich hatte schon alles gesagt! ach! was noch übrig ist, könnte Zähren aus Tigeraugen locken! Schweig Wehmuth! hinab ihr Thränen! laßt mich reden. – Man wettete, wer mit mehr Geschicklichkeit einen Menschen spalten, einen Kopf herunter hauen könne; man riß die Kinder aus der Mutter Armen, und schleuderte sie gegen Felsen. Bei langsamen Feuer bratete man ihre Anführer, und wenn ihr Geheul die Henker im Schlaf störte, so stieß man ihnen einen Knebel in den Hals. An dreizehn Galgen hing man dreizehn Indianer auf – Gott! darf ich's aussprechen! – Zu Ehre Christi und der zwölf Apostel! Meine Augen haben diese Gräuel geseh'n, und ich lebe noch! – Ihr weint, Donna Elvira? hat Euch allein mein schreckliches Gemälde erschüttert? Almag. Weil wir keine anderen Weiber unter uns haben, als sie und dich. Piz. Was du erzählst, trifft nicht uns. Was kümmern uns die Grausamkeiten eines Columb, eines Ovando? Las Cas. Steht ihr nicht im Begriff, sie zu erneuern? Valv. Und wäre es auch, noch ist es kaum entschieden, ob diese Indianer Menschen oder Affen sind. Las Gas. Wehe euch! daß der Vater Pabst erst eine Bulle geben mußte, um euch Menschen kennen zu lehren. Valv. Er hat uns die neue Welt geschenkt, um sie zu unterjochen, mit Hilfe der göttlichen Gnade. Worte der päbstlichen Bulle. Siehe Robertsons Geschichte von Amerika. Piz. Genug der unnützen Worte! die Zeit verstreicht und die Gelegenheit entflieht, wollt ihr fechten? Alle. Wir wollen. Las Cas. O sendet mich vorher noch einmal zu den Feinden! laßt mich Worte des Friedens reden, unsere heilige Religion mit Sanftmuth predigen. Valv. Erst laß diese Helden fechten, und unserer Lehre den Weg bahnen. Las Cas. Mit Blut? Almag. Du magst hernach das Blut mit frommen Thränen wegwaschen. Auf! meine Freunde! zögert nicht! Las Cas. Gott! du hast mich nicht zu deinem Diener gesalbt, um zu fluchen, sondern um zu segnen. Doch hier wäre mein Segen Lästerung. Fluch euch Brudermördern! Fluch eurem Vorhaben! Ueber euch und eure Kinder komme das unschuldige Blut, das heute vergossen werden soll! – Ich verlasse euch auf immer, um nie wieder Zeuge eurer Raserei zu sein. In Höhlen und Wäldern will ich mich begraben, zu Tigern und Leoparden will ich reden; und wenn wir einst dort vor dem stehen, dessen sanfte Lehre ihr heute verleugnet, so zittert vor meiner Anklage! (Er will gehen.) Elv. (in unwillkürlicher Bewegung) . Nimm mich mit dir, Las Casas. Las Cas. Bleib'! und rette Menschen, wenn du kannst. Ich vermag hier nichts mehr. Doch die Reize eines Weibes sind mächtiger, als die Beredsamkeit eines Greises. Vielleicht bist du erkoren, der Schutzengel jener Unglücklichen zu werden. (Er geht ab.) Piz. Was wolltest du thun, Elvira? Elv. Ich weiß nicht. Der alte Mann kam mir in diesem Augenblick so übermenschlich vor, und du, und ihr alle so tief menschlich – Almag. Der alte Graukopf schwärmt. Valv. Er träumt sich eine Welt wie Plato. Piz. Er kann nicht mehr genießen, und spielt den Bußprediger. Elv. Sagt, was ihr wollt, in mir ist Etwas, das euch widerspricht. Gonz. Mitleid ziemt dem schönen Weibe. Elv. Wie dem Sieger Menschlichkeit. Piz. Recht gut, daß wir den Sittenprediger los geworden. Almag. Wir werden weniger gähnen und mehr fechten. Piz. Um die Mittagsstunde pflegt der Feind zu opfern, dann ziehst du Almagro dich links durch den Wald. Du Gonzalo bemühst dich, rechts den Hügel zu erklimmen. Ich gehe gerade auf ihn los. Siegen wir, so sind die Thore von Quito für uns offen. Almag. Und wir begrüßen dich, Pizarro, als König von Peru. Piz. Mitnichten, meine Freunde! Wer langsam geht, geht sicher. Ataliba bleibe Schattenkönig, ich herrsche unter ihm, vermähle mich mit seiner Tochter, und sichere mir so die Thronfolge dieses Reichs. Gonz. Ein guter Plan. Almag. Pizarro ist Held und Staatsmann. Valv. (heimlich spöttisch). Nun Elvira? Elv. Ein allerliebster Plan. Und wo bleibt Elvira? Piz. Im Hause ihres Freundes. Elv. Als königliche Magd? Piz. Ich gebe der Erbin von Peru, was man Prinzessinnen gemeiniglich gibt: die Hand; Elvira behält mein Herz. Elv. Und wenn ich älter werde, machst du mich zur Hofmeisterin deiner Kinder? nicht wahr? Piz. Du bist empfindlich, Elvira? bedenke, daß ein Thron mir winkt. Elv. Ich empfindlich? o nein! ich ärgere mich nur, daß dieser Dickkopf weiter sah als ich. Piz. Was soll das heißen? Elv. O nichts! Grillenfängerei! vergib der weiblichen Schwatzhaftigkeit, sie soll die Bahn des Helden nicht länger durchkreuzen. Euch ruft Waffengeklirre. Fort! fort! ihr tapfern Männer! Piz. Du wolltest mich begleiten? Elv. Ei freilich. Ich will die erste sein, die dem neuen Königs-Eidam huldigt. Fünfte Scene. Gomez (tritt herein). Almag. Was bringst du, Gomez? Gom. Einen Gefangenen. Auf jenem Hügel unter Palmen fanden wir einen alten Caziken, der unser Lager zu belauschen schien. Entfliehen konnte er nicht, er ließ sich willig fesseln. Doch jedes Wort aus seinem Munde ist Bitterkeit und Hohn. Piz. Führe ihn her. (Gomez verläßt das Zelt, und kehrt sogleich mit dem alten Caziken zurück.) Piz. Wer bist du? Caz. (immer sehr gelassen, aber ohne alle Prahlerei.) Wo ist der Anführer der Räuberbande? Piz. Ha! Almag. Bist du rasend? (Zu Pizarro.) Laß ihm die Zunge aus dem Halse reißen. Caz. Recht, so bleibt die Wahrheit mir im Halse stecken. Dav. (seinen Dolch zückend). . Erlaube mir, ihn nieder zu stoßen. Caz. (zu Pizarro) Zählst du mehr dergleichen Helden unter deinem Heere? Piz. (mit funkelnden Augen). Sterben sollst du, alter Trotzkopf! doch vorher bekenne, was du weißt. Caz. Das that ich schon. Doch eines lernte ich von dir. Piz. Und welches? Caz. Daß ich sterben muß. Piz. Durch mindern Starrsinn könntest du vielleicht dein Leben retten. Caz. Mein Leben ist ein dürrer Baum, es ist nicht der Mühe werth, ihn zu verschonen. Almag. Unsere Waffen können dich zum Ersten deines Volks erheben. Caz. Mein Volk kennt den alten Crozimbo. Er war nie der letzte. Piz. Wir gehen, euer Heer zu schlagen. Sei unser Führer durch den Wald, und wir überhäufen dich mit Schätzen. Caz. Ha! ha! ha! Piz. Du lachst? Caz. Ich bin ein reicher Mann, ich habe zwei tapfere Söhne, und überdies noch manche gute That zurückgelegt. Piz. Wie stark ist euer Heer? Caz. Zähle die Bäume im Walde. Almag. Wo ist die schwächste Seite eures Lagers? Caz. Die gerechte Sache deckt es überall. Dav. In welcher Stunde opfert ihr der Sonne? Caz. Unsern Dank in jeder Stunde. Piz. Wo verbergt ihr eure Weiber und Kinder? Caz. In den Herzen ihrer Männer und Väter. Almag. Kennst du Alonzo? Caz. Ob ich ihn kenne? ihn, den Wohlthäter unserer Nation? Piz. Wodurch verdient er diesen Namen? Caz. Er ist euch in keinem Stücke gleich. Almag. Unsinniger! rede mit Ehrfurcht. Caz. Ich rede die Wahrheit mit Gott, was soll ich denn mit Menschen reden? Valv. Du kennst Gott nicht. Caz. (seine Arme ausbreitend, mit frommer Zuversicht). Ich kenne ihn! Valv. Wir bringen euch die einzige wahre Religion. Caz. Sie ist in unser Herz geschrieben. Valv. Ihr seid Götzendiener. Caz. Laßt uns den alten Glauben, der uns froh leben und heiter sterben lehrte. Dav. Verstockte Brut! Caz. Junger Räuber! wir rauben kein fremdes Eigenthum. Dav. Schweig oder zitt're! Caz. Ich habe nie vor Gott gezittert, warum vor Menschen? warum vor dir? du weniger als Mensch! Dav. (den Dolch zückend). Kein Wort mehr, heidnischer Hund! oder ich stoße dich nieder. Caz. Stoß zu! damit du doch zu Hause prahlen kannst: ich habe auch einen Peruaner ermordet. Dav. (ihn niederstoßend) . So fahre zur Hölle! Piz. Was thust du! Dav. Kannst du seine Schmähungen länger dulden? Piz. Soll er ohne Martern sterben? Caz. (der sich tödtlich verwundet fühlt). Junger Mensch! du verlierst eine schöne Gelegenheit, leiden zu lernen. Elv. Ihr seid Unmenschen! – (Sich zu ihm kauernd.) Armer Greis! Caz. Ich arm? – so nahe meinem Glücke? – meine Gattin winkt – die Sonne lächelt – Gott bess're euch – und segne euch – (Er stirbt.) Elv. Valverde! stirbt der Christ schöner? Valv. Ihn stärkte des Satans Macht. Piz. Schleppt den Leichnam fort! – und du, Davila, nie wieder so voreilig! Dav. Vergib, mein Blut empörte sich. Piz. Folgt mir, Freunde! ein jeder auf seinen angewiesenen Posten. Ehe der Gott der Peruaner sich in's Meer senkt, stürzen wir die Mauern von Quito. (Ihm folgen Almagro, Davila, Gonzalo und Gomez.) Sechste Scene. Valverde. Elvira. Valv. Nun, schöne Elvira? meine Hoffnung wächst mit Pizarros Uebermuth. Elv. O mir ist wunderlich zu Muthe! – Dieser schauderhafte Wechsel von Scenen der Grausamkeit – dieses unverschämte Bekenntniß des Ehr- und Habsüchtigen – Valv. Wirf dich in meine Arme! Elv. Weh' mir, wenn dein Arm meine letzte Zuflucht bleibt! Valv. Traust du mir nicht Kraft zu, einen Dolch mit Sicherheit zu führen? Elv. Von hinten ja! Wie theuer verkaufst du einen Mord? Valv. Nur um einen hohen Preis, dir aber leicht zu zahlen. Elv. Leicht? du irrst. Doch Rache kauft ein beleidigtes Weib nie zu theuer. Geh', laß mich allein, du sollst von mir hören. Valv. Der Dolch ist geschliffen, der Arm gezückt. Ein Wort, und er blutet zu deinen Füße». (Geht ab.) Elv. Nein! auch wenn Mord in meiner Seele stünde; nicht diese Rache! nicht dieses Werkzeug! Pfui der Gemeinschaft mit diesem Elenden! Wenn Pizarro mich verstößt, mich, die ihm Tugend und Ehre opferte – Dann – Mich verstößt? – (Mit Würde.) Ich verstoß' ihn . Was liebt ich denn an ihm? seine Größe! Er ist ein kleiner Mensch geworden – weg ist meine Liebe! Doch halt' – Geschieht denn alles, was ein Mann beschließt? – Der Ehrgeiz baut Kartenhäuser, und die Liebe haucht sie um. – Prüfe ihn noch einmal, Elvira, und findest du ihn deiner unwerth, so verachte ihn! und tritt ihn in den Staub, aus dem er sich aufschwang. (Ab.) Zweiter Act. (Das peruanische Lager, nahe bei einem Dorfe, von welchem noch die letzten Häuser sichtbar sind. In der Mitte der Bühne ist ein Altar errichtet. Im Hintergrunde ein Hügel, auf welchem ein Baum steht.) Erste Scene. Cora (sitzt auf einer Rasenbank, ein Kind auf dem Schooße). Alonzo (steht vor ihr, und sieht mit innigem Entzücken auf sie herab). Cora (blickt lächelnd bald auf Alonzo, bald auf ihr Kind). Er sieht dir ähnlich. Alonzo. Nein, dir. Cora. Laß mir doch meine Freude. Alonzo. Hat er nicht schwarzes Haar? Cora. Aber blaue Augen. Alonzo. Und wenn er lächelt, lächelt er nicht gerade wie du? Cora (das Kind an ihr Herz drückend). Unser Ebenbild. Alonzo. Du liebst den Vater weniger, seitdem der Sohn auf deinem Schooße spielt. Cora. Du lügst. Alonzo. Er raubt dir manchen Kuß, der mir gebührt. Cora. Ich küsse dich in ihm. Alonzo. Der Knabe wird mich eifersüchtig machen. Cora. Ich lebe nur in dir und ihm. Jüngst träumte ich, die weißen Blüten seiner Zähne wären schon hervorgebrochen. Alonzo. Das wird ein Festtag sein! Cora. Und wenn er zum ersten Male laufen wird von mir zu dir – Alonzo. Und wenn er zum ersten Male stammeln wird: Vater! Mutter! – Cora. O Alonzo! täglich wollen wir den Göttern danken! Alonzo. Gott und Rolla! Cora. Du bist glücklich! nicht wahr? Alonzo. Das frägt Cora? Cora. Aber warum wirfst du dich des Nachts zuweilen hin und her auf deinem Lager? Warum höre ich Seufzer deiner Brust entquillen? Alonzo. Muß ich nicht gegen meine Brüder fechten? Cora. Wollen sie nicht unsern Untergang? Alle Menschen sind deine Brüder. Alonzo. Und wenn die Spanier siegen, welch' Schicksal wartet mein! Cora. Wir fliehen in die Gebirge. Alonzo. Mit einem Säugling auf dem Arm? Cora. Warum nicht? meinst du, eine fliehende Mutter wisse, wie viel ihr Kind wiegt? Alonzo. Auch würde ich gern die süße Last dir abnehmen. Cora. (schalkhaft). Er bleibt nicht bei dir, er schreit. Alonzo. Liebe Cora, willst du mich ruhig wissen? Cora. Freilich will ich das. Alonzo. So flieh' noch heute in die Gebirge zu deinem alten Vater, dort bist du sicher. Dann gehe es, wie es wolle, ich komme dir den Sieg zu verkündigen, oder in jener Freistatt der Natur mein Leben mit dir zu enden. Cora. Und in unserm Sohne meinem Vaterland einen Rächer zu erziehen. Alonzo. Das wollen wir. Cora. Ja, Alonzo! aber fliehen kann ich nicht, jetzt noch nicht. Dich in Gefahr wissen, würde jeden meiner Schritte hemmen. Du vielleicht verwundet, unter fremder Pflege – nein, das kann ich nicht. Alonzo. Bleibt nicht Rolla bei mir? Cora. Ja, so lange ihr fechtet. Rolla versteht Wunden zu schlagen, aber nicht zu verbinden. Er wird dich rächen, aber nicht retten. Nein, wo der Mann ist, da muß auch das Weib sein. Ich schwur, dich nicht zu verlassen bis in den Tod. Alonzo. So bleib', getreue Seele! und Gott verleihe uns Sieg! Cora. Ist unsere Nothwehr nicht gerecht? der Götter Schutz wird mit uns sein. Alonzo. Wo nicht, so finde mich der Tod von deinem Arm umschlungen. Cora. Nicht sterben! Seit ich dich und diesen Kleinen habe, denke ich ungern an den Tod. Alonzo (umfaßt kniend Weib und Kind). Holdes Weib! für mich geboren, und durch ein halbes Wunder mein! O des Elenden, der das Glück sucht und bei der Liebe vorübergeht! Cora. (seine Liebkosungen erwidernd). Die Liebe ist still, wer dem Geräusch nachtaumelt, findet ihre Spur nicht. Alonzo. Meine Cora! meine Welt. Cora. Mein Alonzo! mein Alles. Zweite Scene. Rolla. Alonzo. Cora. Rolla (der unbemerkt näher trat und ihren Liebkosungen zusah). Dank den Göttern für diesen Augenblick! Alonzo. Ha Rolla! du hier? Rolla. Ich theilte euer Entzücken. Alonzo. Es ist dein Werk. Rolla. Wohl mir! Cora. Guter Rolla, du hast mich unaussprechlich glücklich gemacht. Rolla. Cora glücklich durch Rolla! Ihr Könige des Erdbodens! welcher wagt es, mir einen Tausch anzubieten? Alonzo. Unser Bruder! Cora. Mehr als Bruder, unser Freund! Rolla. Recht so, macht mich übermüthig! laßt mich schwelgen in eurem Glücke. Cora. Wenn dieses Kind einst weniger für dich thut, als für seinen Vater, so trifft ihn der Mutter Fluch. Rolla. Genug! was ich that, geschah für Cora. Sie ist glücklich, ich bin belohnt. – Jetzt Freundes Rath. Flieh' mit deinem Kinde tiefer in den Wald, oder in's Gebirge, du bist hier nicht sicher. Alonzo. Auch ich bat, aber vergebens. Cora. Nicht sicher bei dir und Alonzo? Rolla. Der Feind sinnt auf Ueberfall. Cora. Wenn auch; sind wir nicht auf unserer Hut? Rolla. Der Sieg steht in Gottes Hand. Cora. Mit euch entfliehen wird mir leicht. Alonzo. Erspare dir die Angst in der Nähe des Schlachtgetümmels. Cora. Ich kenne die Angst nur fern von dir. Rolla. Helfen kannst du nicht, wohl aber schaden. Cora. Schaden? wie das? Rolla. Muß ich's dir erklären? Du weißt, wir lieben dich. Bleibst du uns so nahe, so werden wir ängstlich fechten, werden immer fechtend uns zurückzieh'n nach dem Orte, wo du bist. Ein Verliebter darf nur Feldherr sein, wenn er die Geliebte fern in Sicherheit weiß. Alonzo. Rolla hat Recht. Wie könnte ich vorwärts in den Feind stürmen, so lange auch nur Ein Spanier neben mir, hinter mir bliebe, dem es gelingen möchte, zu Cora durchzudringen. Cora. (lächelnd). Ihr wollt das eitle Weib bestechen, aber die Gattin hört euch nicht. Alonzo. Und auch die Mutter ist taub. Rolla. Thue, was du willst, ich habe gesagt, was wahr ist. Alonzo. Alle unsere Weiber verbergen sich, nur du allein – Cora. Ich vertraue fest auf die Götter und Euch. Doch wenn es eure Ruhe heischt, so will ich gehen, wohin ihr wollt. Alonzo. Gutes Weib, ich danke dir. Rolla. Der König nähert sich zu opfern. Alonzo. Hast du gesorgt, das uns kein Ueberfall bedrohe? Rolla. Alle unsere Posten sind wachsam. Alonzo. Ich vermisse meinen Waffenträger. Zwar ist er kein Verräther, aber ein Dummkopf. Rolla. Fürchte nichts, wir sind bereit. Dritte Scene. Ataliba von Kriegern, Höflingen, Priestern und Weibern umringt. Die Vorigen. Atal. Willkommen, Alonzo! – deine Hand, Vetter Rolla – (Zu Cora.) Gott segne die frohe Mutter! Cora. Gott segne den Vater seines Volks. Atal. Der Kinder Wohl ist Vaterglück. Wie steht's, meine Freunde? was machen uns're braven Krieger? Alonz. Sie rufen froh: der König ist in unserer Mitte! Rolla. Er theilt Gefahr und Mangel mit uns. Alonzo. Gott und der König! Rolla. Sieg oder Tod! Atal. Ich kenne mein Volk. Wenn dieses Schild durchlöchert wird, so leiht mir jeder Unterthan seine Brust. Alonzo. Wähle dann die meinige. Rolla. Vergiß Rolla nicht. Cora (ihr Kind emporhebend). Und hier wächst deinem Sohne ein Freund heran. Atal. Eure Liebe ist mein Reichthum, und ich fühle, daß ich reich bin. – Aber sprecht! noch immer hält der Feind sich ruhig? Rolla. Er steht wie eine Wetterwolke. Atal. Gelass'ner Muth sei unser Obdach. Rolla. Jene fechten um schnödes Gold, wir für das Vaterland. Alonzo. Jene führt ein Abenteurer in die Schlacht, uns ein König, den wir lieben. Atal. Und ein Gott, den wir anbeten! – Kommt, Freunde! Laßt uns den Göttern opfern. (Die Priester hinter dem Altare, der König und das Volk zu beiden Seiten desselben.) Chor der Priester. Gottheit! die uns Leben gab, Lächle mild auf uns herab! Das Volk. Laß der Kinder frommes Lallen Und der Greise Stammeln dir gefallen! Schling ein unauflöslich Band Um den König und das Vaterland. Chor der Priester. Sonnenkinder! kniet nieder! Ehrt sie durch Gebet und Lieder. Das Volk (kniend). Fromm und schuldlos nahen wir, Uns're Herzen opfern dir! (Während der König sich nähert, und wohlriechende Kräuter auf den Altar wirft, singen die Priester mit aufgehobenen Händen.) Sende, Gottheit, deinen Strahl! Wenn dein Ohr uns gnädig höret, Sei das reine Opfermahl Von der heil'gen Glut verzehret! (Eine Flamme fährt herab und entzündet das Opfer. Eine sehr gewöhnliche Priestertäuschung, weit einfacher und schuldloser, als so manches christliche Wunder. Das Volk. Triumph! wir sind erhört! Das Opfer ist verzehrt! Auf! spitzt den tödtenden Pfeil! Heraus das blanke Schwert! Der Sieg wird euch zu Theil! Triumph! wir sind erhört! Vierte Scene. Ein Indianer (athemlos). Vorige. Ind. Der Feind – Atal. Wie nahe? Rolla. Wo? Ind. Auf des Hügels Spitze hab' ich das Lager überschaut. Er rückt aus – Rolla. Wir wissen genug. Atal. Bringt Weiber und Kinder in Sicherheit. Cora. Ach Alonzo! Alonzo. Wir sehen uns wieder. Cora. Segne deinen Sohn! Alonzo. Gott schütze dich und ihn! Atal. Fort! die Augenblicke sind kostbar. Cora. Leb' wohl, Alonzo! (Die Weiber hängen an ihren Männern, die Kinder an den Knien ihrer Väter.) Alonzo. Geh', mach' mich nicht muthlos. Cora. Ich gehe. Sei Held – aber schone dich, wenn du kannst. Rolla (traurig). Mir sagst du nicht ein Wort, Cora! Cora (ihm die Hand reichend). Bring' mir Alonzo zurück! Atal. Gott mit dir und uns! Cora. Gott mit euch! (Sie entflieht nebst den Priestern und übrigen Weibern.) Atal. (zieht das Schwert). Auf! meine Freunde! Rolla. Wir folgen dir. Atal. Du, Alonzo, vertheidigst den engen Paß im Gebirge, du, mein Rolla, empfängst den Feind rechter Hand im Walde. Ich stehe in der Mitte und fechte, bis ich falle. Rolla. Du fällst nicht ohne uns. Atal. Ihr lebt für meinen Sohn, mein Sohn lebt für die Rache. Alonzo. Sieg dem gerechten Vater! Rolla. Auf den Abend danken wir den Göttern. Atal. Das Feldgeschrei ist: Gott und Vaterland ! (Er geht ab. Rolla will ihm folgen; Alonzo hält ihn zurück.) Alonzo. Rolla, noch ein Wort. Rolla. Fechten ist die Losung. (Er will fort.) Alonzo. Ein Wort von Cora. Rolla. Von Cora? Rede. Alonzo. Was bringt uns die nächste Stunde? Rolla. Sieg oder Tod. Alonzo. Dir Sieg, mir Tod. Vielleicht auch umgekehrt. Wer kann das wissen? Rolla. Wir können beide fallen. Alonzo. Fallen wir beide, dann sind Weib und Kind Gott und dem Könige empfohlen. Gott mag sie trösten, und der König schützen. Rolla. Das wird er. Alonzo. Falle aber ich allein, Rolla, dann bist du mein Erbe. Rolla. Wie verstehst du das? Alonzo. Cora sei dein Weib, mein Kind das deinige. Rolla. Es sei. Alonzo. Du reichst mir deine Hand darauf. Rolla. Wenn Cora will. Alonzo. Du hinterbringst ihr meinen letzten Wunsch. Rolla. Das werde ich. Alonzo. Und meinen Vatersegen dem Säugling an ihrer Brust. Rolla. Genug, Freund! in der Stunde der Schlacht höre ich lieber ein rauhes Feldgeschrei, als den letzten Willen eines Gatten und Vaters. Alonzo. Ich weiß nicht, welche Ahnung mich preßt. So war mir nie zu Muthe. Rolla. Fort in die Schlacht! Alonzo. Nur noch dies Eine. Meinen Körper begräbst du unter der Palme, wo wir des Abends zu sitzen pflegten, und gehst dann nach wie vor des Abends unter die Palme, und setzest dich mit Cora auf des Freundes Grab. Wenn dann mein Knabe ein Blümchen vom Grabe bricht, oder der Abendwind in den Blättern lispelt, so gedenkt ihr meiner. Rolla (bewegt) . O weg mit den Grillen! Alonzo (seine Hand fassend) . Dann gedenkt ihr meiner. Rolla. Das werden wir. Alonzo. Nun fort in die Schlacht! Rolla. Du links, ich rechts. Wir sehen uns wieder. Alonzo (schwermüthig) . Hier oder dort! Rolla. Hier! hier! Alonzo. Das gebe Gott! Rolla. Heraus die Schwerter! (Er zieht.) Alonzo (sein Schwert ziehend) . Für den König und Cora! Rolla. Für Cora und den König! (Beide auf verschiedenen Seiten ab.) Fünfte Scene. Es bleibt niemand zurück, als ein alter blinder Greis , und ein Knabe . Greis. Sind sie fort? Knabe. Alle fort! dahin und dort hin! Greis. Ach meine Augen! wenn ich sehen könnte, so hätte ich noch ein Schwert gefaßt, und wäre ehrlich gestorben. Knabe. Wollt Ihr in die Hütte? Greis. Nein, mein Kind. Führe mich zum Altare. (Der Knabe führt ihn dahin.) Hier laß mich stehen. Sind wir ganz allein? Knabe. Alle sind geflohen. Der Vater ist mit dem Heere, die Mutter ich weiß nicht wo. Greis. Es ist mir um dich bange, armes Kind. Knabe. Ich bleibe bei Euch, lieber Großvater. Greis. Was wirst du thun, wenn der Feind kommt? Knabe. Ich will sagen, das Ihr alt und blind seid. Greis. Sie werden dich fortschleppen. Knabe. O nein! sie sehen ja wohl, daß Ihr ohne mich nicht gehen könnt. (Man hört Getümmel in der Ferne.) Greis. Ach! sie fechten schon. – Geh' Kind, besteige den Grabhügel deiner Großmutter. Dann klett're auf den Baum, den ich dort pflanzte, und der nun schon so hoch heraufgewachsen ist. Von dort kannst du das Schlachtfeld übersehen. Knabe. Soll ich Euch allein hier stehen lassen? Greis. Ich stehe am Altare, Gott ist um mich und neben mir. Geh', und erzähle mir wieder, was du hörst und siehst. (Der Knabe geht und klettert auf den Baum.) Greis. Das ist die erste Schlacht ohne mich. Noch vor wenig Jahren habe ich einen Bogen gespannt, so gut als Einer von den Yncas. Nun zupfe ich Baumwolle mit den Weibern. Nun muß ich hören, wie die Schwerter klirren, und die Schilder tönen; kann weder mir noch andern helfen. Aber bei jedem Kriegsgeschrei, bei jedem Hörnerschall zuckt mir die Faust, und fährt rasch gewöhnlich nach der Seite – wo keine Waffe mehr hängt. – Wohlan, Knabe! was siehst du? Knabe. Viel Staub und Rauch. Greis. Den Staub kenne ich wohl, ich habe ihn oft verschluckt; aber der Rauch kömmt gewiß aus den Feuer-Röhren, die Flammen speien und Donner brüllen, gleich, dem fürchterlichen Berge Catacunga. (Dem Knaben zurufend.) Erzähle weiter. Knabe. Wenn der Rauch sich theilt, sehe ich die Uns'rigen. Greis. Gehen sie weiter? Knabe. Sie stehen. Greis. Auch gut. Siehst du die Fahne der Yncas? Knabe. Sie weht in der Mitte. Greis. Dank den Göttern! der König lebt. Knabe. Jetzt seh' ich auch die Feinde, ihre Waffen blitzen. Greis. Weiter! weiter! Knabe. Sie sind nicht gestaltet wie wir. Greis. Doch mein Kind. Knabe. Weit größer und schneller. Greis. Sie reiten auf muthigen Thieren. Knabe. Jetzt mischen sie sich mit den Unsrigen. Greis. Und fallen? Knabe. Es blitzt und raucht. Greis. Blitze du Rächer aus den Wolken herab. Knabe. Die Fahne der Yncas verschwindet. Greis. O weh! Knabe. Die Unsrigen weichen. Greis. Mein Schwert! mein Schwert! ich will hin! ich will fechten! – Nur noch einmal, liebe Sonne, laß dein Licht mich schauen. Knabe. Eine dicke Wolke verhüllt sie alle. Greis. Weh' mir! muß ich diesen Tag erleben! kann ich denn nichts mehr für mein Vaterland! – doch ich kann noch beten. (Er kniet nieder, und umfaßt den Altar.) Ihr Götter! deren Zorn uns niederdrückt, laßt ab, ein Volk zu vernichten, das euch mit reiner Inbrunst ehrt! Schützt euren Sohn, den guten Ynca! laßt ihn nicht durch Räuberhände fallen! Knabe. Ein kleiner Haufe nähert sich. Greis. Sind es Feinde? Knabe. Ich sehe nur den Staub. Greis. Flieh', gutes Kind! flieh' in die Gebirge. Knabe. Die Spitzen der Lanzen schimmern. Greis. Dann sind es Peruaner. Knabe. Sie eilen hieher. Greis. Steig herab. Knabe. In der Ferne geht alles bunt durch einander. Greis. Die Uns'rigen fechten? Knabe. Und weichen langsam. Greis. Aber weichen doch! grausame Götter! komm, Knabe! komm herab! Knabe (herabsteigend) . Sollen wir die Mutter suchen? Greis. Das Grab, mein Kind! das offene Grab! Sechste Scene. Ataliba verwundet, von einigen Kriegern begleitet. Die Vorigen Atal. Hier laßt mich ruh'n – und sterben, wenn es sein muß. Ein Soldat. Wir bleiben bei dir. Atal. Mit nichten! kehrt zurück! dort bedarf man eurer. Soldat. Aber deine Wunde – Atal. Ist nicht gefährlich. Geht! rächt eure gefallenen Brüder! geht, ich befehle es euch! (Seine Begleiter entfernen sich.) Atal. (sich an den Alter lehnend). Gerechte Götter! womit hab' ich es verschuldet! Greis. Ich höre einen Unglücklichen, aber ich sehe ihn nicht. Wer bist du, Klagender? Atal. Ein Verlassener, der um den Tod fleht. Greis. Lebt der König noch? Atal. Er lebt. Greis. So bist du ja nicht verlassen. Ataliba schützt den geringsten seiner Unterthanen. Atal. Und wer schützt ihn ? Greis. Die Götter! Atal. Ihr Zorn ruht schwer auf ihm! Greis. Das kann nicht sein. Er hat nie das Recht gebeugt, nie den Schwächern unterdrückt; er hat nie mit dem Schweiß der Bauern seine Höflinge gemästet; er hat nie der Armuth seine Hand, nie der Klage sein Ohr verschlossen. Atal. (bei Seite). Gott! du hast in die bitterste Stunde meines Lebens einen der süßesten Augenblicke verflochten! – Guter Alter, kennst du den König? Greis. O ja, gesehen hab' ich ihn oft. Noch vor wenig Jahren focht ich an seiner Seite gegen Huascar. Atal. Wie lange dientest du? Greis. Vier und fünfzig Jahre. Atal. Hat der König dich belohnt? Greis. Genieß' ich nicht der Ruhe im Schooß der Meinigen? Atal. Sonst nichts? Greis. Ist das nichts? O ein König hat viel gethan, wenn er die Ruhe seiner Unterthanen sicherte. Atal. Er war dir mehr schuldig. Greis. Sage das nicht. Täglich erzählen mir meine Enkel, wie er sein Volk beglückt. Andächtig höre ich zu, und freue mich. Atal. (gerührt). Denken alle deine Brüder so wie du? Greis. Sie denken alle so. Atal. Warum sollt' ich den Tod fürchten? wie ist mir? ich fühle meine Wunde nicht mehr. Greis. Bist du verwundet? Knabe! hole meinen Kräutersaft aus der Hütte. (Der Knabe geht.) Atal. Ich danke dir. Nur der Arm – Greis. Du hättest doch den König nicht verlassen sollen. Atal. Eine Flechse ist zerschnitten, ich kann nicht fechten. Greis. So hättest du das Schwert in die linke Hand nehmen sollen. Siebente Scene. Fliehende Indianer (eilen über die Bühne). Die Indianer. Alles ist verloren! rettet! rettet euch! Atal. (zu einem der letzten) . Steh'! ich befehle es dir! (Der Indianer gehorcht.) Atal. Wo ist Alonzo? Ind. Ich sah ihn nicht. Atal. Wo ist Rolla? Ind. Mitten unter den Feinden. Atal. Und du hast deinen Feldherrn verlassen? Ind. (beschämt) . Ich habe mein Schwert verloren. Atal. Da nimm das meinige, und stirb als ein Sohn des Vaterlandes. Ind. (mit dem Schwerte zurück eilend) . Nur der Tod soll mir dies Geschenk entreißen. Greis (ihm nachrufend) . Lebt der König? ach! er hört mich nicht mehr. Atal. Der König lebt. Ein Indianer (schwer verwundet, schleppt sich zu Atalibas Füßen) . Hier laß mich sterben. Atal. Ist alles verloren? Ind. Alles. Atal. Fiel auch Rolla? Ind. Alonzo fiel. Rolla vertheidigt sich noch. Atal. (mit tiefem Schmerz) . Alonzo! Götter! Greis. Du fragst nicht nach dem König? Atal. (dem Verwundeten sein Schwert nehmend) . Gib Mir dein Schwert, du bedarfst dessen nicht mehr. Ind. Mein König! was willst Du thun! Atal. Dem Feinde seinen Triumph verbittern, mich unter den Trümmern meines Reichs begraben! Greis. Götter! Du bist Ataliba! Atal. Laß sie kommen! ich bin bereit. Rollas Stimme (hinter der Scene). Zurück! zurück ihr Feigherzigen! – Hieher zu mir! Rolla ruft! Viele Stimmen. Zu dir, Vater Rolla! wir folgen dir! Rollas Stimme (mehr entfernt). Für Gott und den König! auf, in die Schlacht! Atal. Mein tapferer Rolla lebt. Ich hoffe noch. Greis. Guter König! Du mir so nahe! ach! ich armer blinder Mann! Atal. Deine Liebe, ehrwürdiger Greis, tröstet mich in einer bittern Stunde. Greis (welchem der Knabe indessen die Kräuter gebracht). Laß meine zitternde Hand Deine Wunde verbinden, tröpfle von diesem heilenden Saft darauf. Atal. Gib. Ich danke dir. Greis. Hätte ich doch mehr als dies! und mein Gebet! – Geh', Knabe, klett're wieder auf den Baum. (Der Knabe gehorcht.) Ind. (sich zu Atalibas Füßen windend). Sohn der Sonne! – segne mich – ich sterbe – Atal. Du stirbst für dein Vaterland, Gott segne dich! Der sterbende Ind. Gott segne – den guten König – (Er stirbt.) Atal. (gerührt auf ihn herabsehend). Unterthanenblut! kostbares, mir vertrautes Pfand! ich habe dich nicht muthwillig geopfert. Greis. Rede, Knabe! was siehst du? Knabe. Freund und Feind, alles durcheinander. Greis. Welcher weicht? Knabe. Keiner. Atal. Gute Götter! wollt ihr ein Opfer, hier bin ich, aber schützt mein Volk! Knabe. Hier und da verschwindet ein Hut mit einem Federbusch. Greis. Das sind die Spanier. Schlagt zu, tapf're Brüder! schlagt wacker zu! Knabe. Ich erkenne Rolla. Atal. Er steht? Knabe. Sein Schwert flimmert wie ein Blitz hier und dort. Greis. Er ist der Götter Liebling. Atal. Der Götter und Menschen. Knabe. Sie weichen. Greis. Wer? Knabe. Die Feinde. Greis. (in Begeisterung) . Jetzt gilt's! jetzt laßt nicht ab! da liegt Einer und dort Einer, fort über ihre Leichname! kein Erbarmen! alles nieder! so recht! immer vorwärts! Atal. Welch' Jünglingsfeuer! Knabe. Sie fliehen. Greis. (sich vom Altar entfernend, und herumtappend) . Ha! sie fliehen! setzt ihnen nach! reibt die ganze Brut auf! – Wo bin ich! wo bin ich! Knabe (laut schreiend) . Triumph! sie fliehen! Atal. (am Altare niedersinkend) . Gott! du hast mein Vertrauen belohnt! Knabe (herabsteigend) . Ich sah deutlich, wie sie flohen, Die Fahne der Yncas weht ihnen nach. (Er führt seinen Großvater wieder zum Altar.) Greis. Sohn der Sonne! laß mich Deine Hand küssen. Da preßt noch eine Thräne sich aus meinem Auge, eine Freuden-Thräne. Sohn der Sonne, laß mich sie auf Deine Hand weinen. Atal. (aufstehend, und ihm dir Hand reichend) . Laßt uns den Göttern danken. Greis. Freudenthränen sind das schönste Dankopfer. Ind. (mit Atalibas Schwert stürzt athemlos auf die Bühne) . Wir siegen! Atal. Bote des Himmels! Ind. (das Schwert zu seinen Füßen legend) . Hier ist Dein Schwert, ich hab' es nicht entehrt. Atal. Behalt' es, und gedenke dieses Tages. Ind. Laß mich, guter König, diesen Tag vergessen, und nimm Dein Schwert zurück. Ich könnt' es meinen Enkeln doch nicht zeigen. Atal. (auf das Schwert deutend) . Ist das nicht Feindes-Blut? Steh' auf. Du hast den Flecken weggewaschen. Jetzt erzähle, wie ihr siegtet. Ind. Rolla wand den Sieg aus des Siegers Händen. Rolla schien begeistert von einer höheren Macht. Als alles floh, und das Geschoß der Feinde die Fliehenden ereilte, ihr Schwert des Würgens müde war: da warf sich Rolla mitten in den Weg, er bat, er drohte, aus seinen Augen schossen Blitze, von seinen Lippen rollten Donner, dann wieder sanfte Worte wie der Schwanengesang. Bald kehrte er das Schwert gegen die Flüchtigen, bald gegen seine eigene Brust. So hielt er auf, rief zurück, sammelte um sich die Verwirrten, ergriff die Fahne der Yncas mit der Linken, und stürmte voran. Des Sieges schon gewiß, plünderten die Spanier die Erschlagenen, ihre dichten Reihen waren getrennt. Rolla und die Götter an unserer Spitze, ein Augenblick entschied den Sieg. Hier stürzten die Feinde ohne Gegenwehr, dort flohen sie mit Angstgeschrei. Das Schlachtfeld war unser. Halt! rief Rolla. Triumph! jauchzte das Heer, und ich eilte hieher. Atal. Wo ist der Held des Vaterlandes? wo ist mein Rolla? Der Ind. Er nähert sich. Atal. Jetzt fühle ich, daß auch Könige arm sind. Achte Scene Rolla (mit der Fahne der Yncas, auf welcher eine Sonne strahlt, von einem zahlreichen Gefolge begleitet). Atal. (geht ihm entgegen). Rolla (kniet nieder, und legt die Fahne zu seinen Füßen). Du bist Sieger. Atal. (ihn umarmend). Mein Freund! mein Schutzgott! Das Volk. Es lebe Rolla! Atal. (nimmt eine Sonne von Diamanten, welche an einer goldenen Kette seine Brust zierte, und hängt sie Rolla um). Im Namen des Volks, dessen Retter du bist, trage dieses Zeichen meines Dankes. Die Thräne, die darauf gefallen, sagt dir besser, was dein König fühlt. Rolla (aufstehend). Ich war nur der Götter Werkzeug. Greis. Wehe dem blinden Mann, der den Helden nur hören kann! Atal. Fort zu den Weibern, die ängstlich unserer harren. Rolla. Wo ist mein Freund Alonzo? Atal. (schmerzhaft) . Bei den Göttern! Rolla. Ach ich Elender! Ein Ind. Er fiel. Ein Anderer. Er wurde gefangen. Der Erste. Ich habe ihn fallen seh'n. Der Zweite. Ich sah ihn fortschleppen. Rolla. Arme Cora! Atal. Theurer Sieg. Der Erste. Er fiel, aber er lebt. Der Zweite. Ich hört' ihn fern um Hilfe rufen. Rolla. Und Rolla hörte seines Bruders Stimme nicht! Atal. Die Götter wollten ein Opfer. Der Freund ist verloren, das Vaterland gerettet! Des Volkes Jauchzen erstick' uns're Klagen. Fort zu den Weibern, die nun Witwen, zu den Müttern, die nun Kinderlos geworden! Thränen trocknen ist der Könige schönste Pflicht! Rolla (in Verzweiflung) . Ich soll Cora wieder sehen ohne ihn! (Der König geht, alles folgt ihm.) Dritter Act. (Ein freier Platz im Walde.) Erste Scene. Cora mit ihrem Kinde; mehrere Frauen und Kinder Gruppenweis vertheilt. Cora (hat den kleinen Fernando unter einen Baum auf ein Bett von Moos gelegt, und Zweige um ihn her gesteckt. Sie kauert sich neben ihm nieder) . Immer schläfst du, holder Bube. Willst du dein blaues Aeuglein noch nicht aufschlagen, daß die Mutter sich freue über des Vaters blaue Augen? (Sich schwermüthig aufrichtend.) Ach! wo sind des Vaters Augen? leuchten sie noch? lebt er noch? – Eines der Weiber (in der Ferne nach einem Hügel blickend) . Xuliqua! siehst du nichts? Eine weibl. Stimme (hinter der Scene.) Ich sah große Staubwolken, nun ist's vorüber. Ein Weib. Bald muß sich's entscheiden. Ein Anderes. Als ich auf dem Hügel stand, hörte ich das Klirren der Waffen. Ein Drittes. Ein dumpfes Getöse schlug an meine Ohren. Das Erste. Das waren die Schilder der Uns'rigen. Das Dritte. Die Feuerrohre der Spanier hörten wir alle. Das Zweite. Die Götter schützen unsere Männer! Cora (für sich, die Hände emporstreckend) . Gott mir dir, Alonzo! Das erste Weib (an der Scene) , Xuliqua! siehst du nichts? Xuliq. (in der Ferne) . Die Sonne blendet mich. Das Weib. Unser Vater sieht herab, die Kinder der Sonne werden siegen. Cora (neben dem Knaben) , Sieh, da hat eine Mücke dich gestochen. Die böse Mücke! (sie fächelt ihn mit einem Zweige,) O Alonzo! dein armes Weib quält sich hier um einen Mückenstich, indessen dir vielleicht ein Pfeil durch das Herz fuhr. Das erste Weib. Xuliqua! siehst du nichts? Xuliq. (hinter der Scene) . Ich sehe einen Mann, und in der Ferne wieder einen, sie eilen athemlos hieher. Die Weiber (untereinander) . Ihr guten Götter! Botschaft! Botschaft von unsern Männern! Xuliq. (hervortretend) . Der Erste verlor sich hinter den Bäumen, er muß gleich hier sein. Cora (zitternd) . Mein Herz will durch den Busen springen. Ein Weib. Da ist er! Bringst du Freude oder Jammer? Ein Peruaner (athemlos) . Wir sind geschlagen! rettet euch! (Die Weiber kreischen, Cora sinkt neben ihrem Kinde hin.) Peruan. Rettet euch! alles ist verloren! der König verwundet – vielleicht schon todt – Die Weiber (heulend) . O Tag des Jammers! Cora (mit schwacher Stimme) . Und Alonzo? Peruan. Ich sah ihn nicht. Die Weiber. Wohin fliehen wir? Peruan. Tiefer in den Wald. Die Weiber. Fort Schwestern! rafft alles zusammen! flieht! flieht! Cora. Ich kann nicht. (Die Weiber wollen fliehen, ein anderer Peruaner stürzt auf die Bühne.) Peruan. Wohin? Noch ist Hoffnung! Die Weiber. Hoffnung! wo! wo! Peruan. Rolla hat die Flüchtigen gesammelt. Rolla tobt und ras't unter den Feinden wie ein verwundeter Löwe. Die Weiber. Rolla! der Liebling der Götter! Cora. Und Alonzo? Peruan. Ich sah ihn nicht. Die Weiber. Ist der König verwundet? Peruan. Man trug ihn aus dem Schlachtgetümmel. Die Weiber. Warum nicht hieher zu uns? Peruan. Er wankte, ich sah sein Heldenblut fließen. Ein Weib (sinkt auf die Knie) . Betet! betet für des Königs Leben! Alle Weiber (knien nieder) . Ihr Götter! schützt den Sohn der Sonne! Cora (sich matt auf ihre Knie richtend) . Einziger Gott! erhalte mir Alonzo! Bube, falte deine kleinen Hände, bete für Vater und Vaterland! Ein dritter Peruan. (eilt herbei) . Glück auf! wir siegen! Die Weiber (alle aufspringend) . Sei uns willkommen, Bote des Heils! (Sie umringen ihn und erdrücken ihn fast mit ihren Liebkosungen.) Peruan. Laßt mich – ich kann nicht mehr! Die Weiber. Lebt der König? Peruan. Er lebt. Die Weiber. Rede! erzähle! Peruan. Rolla hat den Sieg erfochten. Die Weiber. Segen über Rolla! Cora. Und Alonzo? Peruan. Ich sah ihn nicht. Die Weiber. Fort! fort! laß uns hin! zu unsern Brüdern! unsern Männern! Peruan. Bleibt! sie werden gleich hier sein. Die Weiber. Sie kommen? sie kommen? Peruan. Sie folgen mir auf der Ferse. Ein Weib. Auf, ihr Schwestern! brecht Zweige von den Bäumen, windet Kränze für die Sieger! Alle. Kränze! Kränze für die Sieger! (Sie brechen Zweige ab.) Cora (schwermüthig) . Keiner hat ihn gesehen! O mein Sohn! hast du noch einen Vater? (Man hört in der Ferne einen Marsch.) Ein Weib. Ha! sie kommen! – Hieher Schwestern! seht die Helden stolz einherzieh'n! Hebt die Kinder hoch empor, daß sie den Siegern entgegen lallen. Jubelt, jauchzt! (So wie der Marsch sich nähert, stimmen die Weiber ein Triumphgeschrei an.) Heil den Kindern der Sonne, Freude Rolla, dem Sieger, Segen Ataliba, dem Geretteten, unserm Vater und Könige! Zweite Scene. Der König . Rolla . Ein Theil des Heeres. Die Vorigen. Die Weiber (mischen sich im frohen Jubel unter die Kommenden, und bekränzen Ataliba und Rolla) . Atal. Ich danke euch, meine Kinder! Einige Weiber. Guter König, Du bist verwundet? wo? wir haben heilenden Saft aus Kräutern gepreßt. Atal. Ich danke euch! seid unbesorgt, meine Wunde ist leicht, der Sieg hat Balsam dareingegossen. Rolla (steht finster in sich gekehrt) . Cora (die mit ihrem Kinde auf dem Arm den ganzen Zug durchlief, um Alonzo zu finden, kehrt jetzt voll Verzweiflung zurück zu Rolla) . Wo ist Alonzo? Rolla (wendet sich ab und schweigt) . Cora (stürzt zu des Königs Füssen) . Gib mir meinen Gatten! gib diesem Kinde seinen Vater wieder! Atal. (sich verstellend) . Ist Alonzo noch nicht hier? Cora. Du erwartest ihn? Atal. (sie aufhaltend) . Mit Sehnsucht und Verlangen. Cora. Er ist nicht todt? Atal. Die Götter werden mein Gebet erhören. Cora. Er ist nicht todt? Atal. Er lebt in meinem Herzen. Cora. O König! Du marterst mich gräßlich! nicht diese zweideutigen Worte! zermalme mich durch einen Schlag! bin ich Witwe? ist dieses Kind eine Waise? Atal. Warum, liebe Cora, willst du durch trübe Ahnungen unsere wenige Hoffnung noch vermindern? Cora. Wenig! aber doch noch Hoffnung! was ist das! Rede, Rolla! du bist ein Freund der Wahrheit, rede wahr. Rolla. Alonzo wird vermißt. Cora. Vermißt? ich kenne das Wort nicht! auch du redest mit Umschweifen? O laß deinem Blitz keinen Zickzack machen, laß ihn gerade herab auf meinen Scheitel fahren, sprich nicht vermissen, sprich sterben! Rolla. Soll ich lügen? Cora. Dank den Göttern, wenn es eine Lüge ist! aber ist denn keiner unter euch so barmherzig, mich aus dieser unaussprechlichen Qual zu reißen! Strecke deine Händchen empor, armes Kind! vielleicht ist dein Lallen beredter als der Schmerz deiner Mutter! Rolla. Alonzo ist gefangen. Cora. Gefangen? von den Spaniern? O dann ist er todt! Atal. Warum todt? Ich sende sogleich einen Herold ab, ein großes Lösegeld für seine Befreiung zu bieten. Cora. Ein Lösegeld – wo ist mein Geschmeide? (Sie holt ein Kästchen hinter dem Baume hervor.) Wo ist der Herold? Atal. Will Cora mir nicht die Freude gönnen, das Leben meines Freundes zu erkaufen? Cora. Ein Lösegeld für meinen Gatten? und ich sollte mehr übrig behalten als dies Gewand? Einige Weiber (nachdem sie unter sich geflüstert, bringen eine jede ein Kästchen) . Hier, Cora, sind unsere Kostbarkeiten, die wir zu retten gedachten, nimm sie, wir geben sie aus gutem Herzen. Cora (ihnen um den Hals fallend) . O meine Freundinnen! Atal. (gen Himmel blickend) . Ich danke dir Gott, du machtest mich zum Herrscher über Menschen! Cora. Dank sei das erste Lallen dieses Kindes. Nimm, nimm, Ataliba, und sende Deinen Herold. Atal. Ohne Verzug. (Er übergibt den gesammelten Schmuck seinem Gefolge.) Cora. Ich selbst will ihn begleiten, und wen der Glanz des Goldes nicht versucht, den sollen meine Thränen rühren. Atal. Nein Cora, das darf ich nicht erlauben. Du würdest dich und deinen Gatten nur größern Gefahren aussetzen. Warte des Herolds Rückkunft ab! Cora. Lehre mich leben bis dahin. Atal. Vergiß nicht die Mutter über der Gattin. Willst du dein Kind fremden Händen anvertrauen? oder soll es eine Beute der wilden Spanier werden? –Du selbst! – Du mit deinen Reizen unter diesen Ungeheuern! Du wagst dein Leben, deine Ehre, deines Kindes Leben, und statt Alonzo zu retten, würden bei deinem Anblick seine Fesseln sich nur enger zusammen ziehen. – Muß ich deutlicher reden? – Bleib', liebe Cora – du bist Mutter, vergiß das nicht. Cora (zu ihrem Kinde) . Ich will es nicht vergessen. Atal. Ich gehe, den Göttern zu opfern, Dank für mein Vaterland, Gebet für Alonzo. Cora. Du gehst. O gib vorher Dein königliches Wort, daß noch an diesem Abend Alonzo zurückkehren soll. Atal. Kann ich das? Cora. Nicht? also sein Tod doch möglich? Warum so still, arme Waise? Schreie, schreie laut! ford're von diesem Manne deinen Vater! für diesen Mann ist er gestorben! Atal. Du zerfleischest mein Herz. Würd' ich minder trauren als du, wenn Alonzo nicht zurück kehrte? Ich hätte dann einen Freund verloren. Einen liebenden Mann findet die Gattin wieder, aber wo findet ein König einen Freund wieder? (Er entfernt sich mit seinem Gefolge und dem größten Theil der Weiber.) Dritte Scene Cora . Rolla . Einige Weiber. Cora. Leidiger Tröster! Armes Kind, was soll aus dir werden? Rolla. Nicht diese Verzweiflung, Cora! Vertraue den Göttern. Cora. Ach! mich haben sie verlassen. Rolla. Sie schufen die Freundschaft zum Balsam für jede Wunde. Cora. Für mich nicht. Rolla. Sie pflanzten die Blume der Hoffnung auf den Boden der Trübsal. Cora. Für mich ist sie verwelkt. Rolla. Deine Verzweiflung zerstört ihre Blüten. Der Schmerz macht dich undankbar. Was die Götter dir wunderbar gaben , können sie auch wunderbar erhalten . Cora. Und wenn nicht ? Wenn Alonzo – ach! ich kann es nicht aussprechen! Rolla. Ist dein Kind vaterlos, so lange Rolla lebt! Cora. Kannst du auch die Mutter ihm ersetzen? oder meinst du, ich würde Alonzos Verlust überleben? Rolla. Um deines Kindes willen, ja. Cora. Soll es Blut aus meinen Brüsten saugen? soll es sich nur in Mutterthränen baden? Rolla. Die lindernde Hand der Zeit, des Königs Freundschaft, meine Liebe! – Cora. Weg mit eurer Freundschaft, eurer Liebe! Gib dem Landmann, dem der Hagel seine Saaten knickte, keine Hand voll Gras zurück. Rolla. So höre Alonzos Freund, wenn du den deinigen zurückstößest. Cora. Alonzos Freund! wer war das nicht! Rolla. Seine letzten Worte vor der Schlacht – Cora (ängstlich) . Seine letzten Worte? rede! Rolla. Er vertraute mir zwei theu're Pfänder: Segen für sein Kind, und einen Wunsch für dich. Cora. Einen Wunsch? – den letzten! nenne ihn! Rolla (trocken und finster) . »Wenn ich falle,« sprach er und faßte bebend meine Hand, »so sei Cora dein Weib.« Cora. Dein Weib? Rolla. Ich gab mein Wort, und wir schieden. Cora. Ha! mir geht ein schreckliches Licht auf! Alonzo! du wurdest ein Opfer deines truglosen Herzens! o hättest du geschwiegen! statt diese elenden Reize einem laurenden Erben zu vermachen! – Rolla. Welch' ein fürchterlicher Argwohn belagert deine Seele! Cora. Es ist klar! ihr habt ihn hingesandt, wo der Tod unvermeidlich war, seine Tapferkeit ließ sich willig täuschen von eurer Hinterlist – er ging, er flog – er stürzte sich in die Schwerter – ihr sähet es von ferne und lächeltet. – Rolla (ganz erstaunt) . Cora! Cora. Gesteh' es nur, du hättest ihn retten können; aber da schwebte das Vermächtniß dir vor den Augen. Er fiel – du wandtest dein Gesicht. – Rolla. O Sonne! muß ich das erleben? Cora. Hast du ihn doch nicht selbst ermordet, was darf die arme Witwe klagen; die Hand, die du ihr reichst, trieft ja nicht vom Blute ihres Gatten. Du hast nur zugesehen. Rolla. Das ist zu viel! Cora. Und dieser letzte Wunsch – wer weiß auch einmal, ob er je über Alonzos Lippen ging? die Todten sind gefällig. Rolla. Cora! nimm mein Schwert und tödte mich. Cora. Warum nicht leben für die Liebe? eine Liebe, deren Blumen aus deines Freundes Grabe hervorsprießen. – Aber höre auch meinen Schwur, so wie du Alonzos Wunsch vernahmst: eher soll mein Sohn Gift aus dieser Brust saugen, als ich dich Gatte, er dich Vater nennen! Rolla. So nennt mich eu'ren Freund, euren Beschützer. – Cora. Hinweg! ich kenne keinen andern Schutz als Gott! mit diesem Kinde auf dem Arme will ich das Schlachtfeld auf- und niedereilen, jeden verstümmelten Körper umwenden, in jedem Gesichte, das der Todeskampf verzog, das holde Lächeln meines Gatten suchen! seinen Namen will ich kreischen, bis die Adern in meiner Brust zerspringen! und glimmt nur noch ein Lebensfunke in ihm, so wird er mich hören, seine Augen noch einmal dem Sonnenlicht öffnen. Finde ich ihn aber nicht, wohlan mein Sohn! so stürzen wir uns unter die Feinde. Auch die Spanier sind Menschen. Dieses Kindes Lächeln soll mir durch tausend Schwerter den Weg bahnen! Wer wird eine Mutter zurück stoßen, die ihren Gatten sucht! wer ein unschuldiges Kind von sich schleudern, das nach seinem Vater lallt! komm mein Sohn! wir sind überall sicher! Ein Kind an der Mutter Brust ist ein Freipaß durch die Welt, von der Natur unterzeichnet. Komm! komm! wir wollen deinen Vater suchen. (Sie stürzt fort.) Vierte Scene. Rolla (allein). (Er steht lange, seinen finstern Blick an den Boden geheftet. Nur einmal geht seine Empfindung in Wehmuth über, und er ruft mit gerührte Stimme) Mir das! (Darauf wird er wieder ernst, nachdenkend, sein Auge rollt, und er spricht männlich entschlossen:) Ich will sie zwingen, mich hochzuachten. (Er geht ab.) Fünfte Scene. (Im spanischen Lager.) Pizarro (allein) . (Wild und finster auf- und niedergehend.) Glück! du Buhlerin der Knaben! Mannes Arm ist dir zu rauh. Wer noch Flaum am Kinn und ungefurchte Wangen hat, der wird von dir geschmeichelt und gestreichelt. Wo aber auf des Mannes Stirn die Klugheit sich in Falten lagert, da wendest du den Rücken. Du geschminktes Ungeheuer! Nun so rolle deine Kugel! rolle sie über meinen zerquetschten Leichnam! aber Rache! Rache an Alonzo! – Nur noch einmal lächle mir! und dein Lächeln sei Alonzos Tod! Sechste Scene. Elvira. Pizarro. Piz. Wer kommt? Wer wagt es, dich herein zu lassen? Wo ist meine Wache? Elv. O deine Wache hat gethan, was einer ehrlichen Wache zukommt. »Wer da?« Ich, Elvira. – »Zurück!« – Warum? – »Pizarro will allein sein. Er hat aufs strengste verboten –« da gleitete mein sanfter Blick vom borstigen Haar zum straubigten Bart herunter, die Hellebarde senkte sich, und – hier bin ich. Piz. Was willst du? Elv. Ich will sehen, wie ein Held sein Unglück trägt. Piz. Sahst du mich nicht im fliehenden Heere, wo diese Faust den feigen Flüchtling niederstieß? Sahst du mich nicht vor dem geschlagenen Heere, wo unter tausend gesenkten Häuptern, mein Haupt allein noch ungebeugt dem Schicksal trotzte? Elv. Ich sah dich da und dort, doch um den Helden ganz zu kennen, mußte ich ihn auch hier in seinem Zelte sehen. Groß unter Menschen, ist nicht immer groß in sich allein. Mancher zittert in einsamer Nacht, der, wenn Tausende auf ihn blicken, dem Tode kühn die Stirne bietet. Piz. Nun, hier siehst du mich. Bin ich durch Gram entstellt? Hörst du ein fruchtloses Winseln? Elv. Pfui! Winseln! das thun nur Pfaffen und Weiber. Aber du knirschest, und auch das taugt nicht. Piz. Soll ich etwa an deiner Hand einen Ball eröffnen, weil das Schwert der Feinde die Tapfersten im Heere fraß? Elv. Kalt und still sollst du sein, wie die Nacht, wenn ein Gewitter austobte. Kalt und still wie das Grab am Abend vor der Auferstehung. Der Morgen bricht an, und mit neuer Kraft, von einer neuen Sonne bestrahlt, tritt der Held hervor. Piz. Weib! warum waren an diesem Tage nicht alle meine Männer, Weiber wie du! Elv. So hätte meine Hand dich heute zum König von Quito gekrönt. Doch sieh, wir stehen noch am Ufer. Die Krone, die da vor uns hin in einem Strom von Blute schwimmt, ist unserm Auge noch nicht entrückt. Wir sammeln frischen Muth, und springen rasch noch einmal in den Strom. Piz. O Elvira! meine Hoffnung glimmt nur schwach, so lange dieser Alonzo, diese Geißel meines Lebens, an der Spitze der Feinde steht. Elv. Ach, das vergaß ich dir zu sagen: Alonzo ist gefangen. Piz. Wie? Elv. So eben hat ein Trupp der Uns'rigen ihn durch das ganze Lager im Triumph geschleppt. Piz. (sie umarmend) . Weib! welche Botschaft bringst du mir! – Alonzo gefangen? O dann bin ich der Sieger! ich habe den Feind geschlagen! Elv. Wahrhaftig, du machst mich neugierig, den Mann zu seh'n, vor dem Pizarro sich fürchtet. Piz. Wo ist er? – Wache! (Die Wache tritt herein.) Bringt den gefangenen Spanier sogleich hieher. (Die Wache ab.) Elv. Was willst du mit ihm thun? Piz. Sterben soll er! Stunden lang – Tage lang – Elv. Schäme dich. Was wird die Nachwelt sagen? Pizarro konnte nur siegen, wenn Alonzo ermordet wurde. Piz. Gleichviel. Elv. Welch' ein Wort in deinem Munde! Handle nicht immer edel , aber handle immer groß . Piz. Und was räthst du mir? Elv. Gib ihm ein Schwert, und fordere ihn zum Zweikampf. Piz. Er hat sein Vaterland, vielleicht auch seinen Gott verrathen. Der Heldentod ist nicht für den Verräther. Elv. Thu' was du willst, doch wenn du ihn ermordest, so ist Elvira für dich verloren. Piz. Welchen Theil nimmst du an einem Unbekannten? – Was ist er dir? Elv. Er? nichts. Aber dein Ruhm alles. Meinst du, ich liebe dich ? nein, ich liebe deinen Ruhm . Piz. Nicht nach Ruhm, nach Rache dürstet mein Herz! Ich habe sie ihm geschworen, und ich bin Spanier. Siebente Scene. Alonzo (in Fesseln, tritt herein). Elv. (betrachtet Alonzo mit einer Mischung von Bewunderung und Neubegier) . Piz. Ha! willkommen, Don Alonzo de Molina! wir haben uns lange nicht geseh'n. Alonzo. Wir sehen uns immer noch zu früh. Piz. Ihr seid dick und fett geworden. Alonzo. Doch ward ich nicht mit Blut und Raub gemästet. Piz. Auch vermählt, wie ich höre? wohl gar schon Vater? Alonzo. Thut es Euch wehe, daß Ihr das Kind im Mutterleibe nicht mehr ermorden könnt? Piz. (mit funkelnden Augen) . Knabe! Elv. Dir geschieht Recht, warum spottest du? Piz. Wer hat dich zu seinem Sachwalter ernannt? Elv. Den Ueberwundenen schmähen ist klein. Piz. Entferne dich! Elv. Ich will nicht. Piz. Soll ich Gewalt brauchen lassen? Elv. Gewalt? (Sie zieht einen Dolch hervor.) Alonzo. Edler Jüngling, wer seid Ihr? ich sah Euch nie. Elv. Wenn ich edel bin, was liegt Euch an meinem Namen? Alonzo. Schont Euch selbst; mich vertheidigen, heißt dem Tiger eine Beute rauben wollen. Piz. Und dieser Tiger ist die Gerechtigkeit. Alonzo. Welchen Namen entweihen deine Lippen? Piz. Du hast dein Vaterland verrathen. Alonzo. Bin ich unter Räubern geboren? Piz. Du Abtrünniger von Gott und Religion! Alonzo. Du lügst. Piz. Dein Weib ist eine Heidin. Alonzo. Gott kennt die Herzen und richtet. Piz. Und lohnt nach Verdienst. Alonzo. Dort! ja. Piz. Deine Augenblicke sind gezählt, vertheidige dich, wenn du kannst. Alonzo. Wo sind meine Richter? Piz. Du fragst noch? Alonzo. Bist du hier Despot? Piz. Berufst du dich auf den versammelten Kriegsrath? Alonzo. Wenn Las Casas unter euch ist, ja. Wo nicht, so kann ich meine Worte sparen. Piz. Daß doch die Unbesonnenheit sich so gerne auf fremde Thorheit stützt. Alonzo. Las Casas ein Thor! o dann verschont mich mit Eurer Weisheit! und du, heiliger Gott! laß mich sterben in Las Casas Thorheit! Piz. Du bist dem Ziele deiner Wünsche näher, als du glaubst. Alonzo. Denkst du mich zu schrecken? Piz. Doch, wenn Las Casas hier an meiner Stelle säße, was würdest du ihm sagen? Alonzo. Was ich ihm sagen würde? An seiner Hand würde ich die Fluren von Quito durchstreichen: sieh', wie alles grünt und blüht, wie hier die Pflugschaar unbebaute Felder durchwühlt, und dort eine reiche Saat unserer Hoffnung entgegenreift, das ist mein Werk. Sieh', wie Zufriedenheit auf jeder Wange lächelt, weil Gerechtigkeit und Milde barbarische Gesetze tilgten, das ist mein Werk. Sieh, wie schon hier und dort Einer und der Andere Blicke voll hoher Andacht emporhebt nach dem einzigen wahren Gott! das ist mein Werk. Und Las Casas würde mich in seine Arme schließen, und eine Thräne sanfter Wehmuth voll würde Segen auf mich herabträufeln. Begreifst du nun, wie man dem Tode lächelnd trotzen kann? Piz. Du bist noch immer was du warst, ein Schwärmer. Alonzo. Ach! wenn diese Schwärmerei mich je verlassen könnte, so wäre ich werth – Pizarros Freund zu heißen. Piz. Trotze nur, Knabe! Doch alte Weiber sitzen hier nicht zu Rathe, hier richten Männer. Alonzo. Ich kenne eure Männlichkeit und bin gefaßt darauf. Piz. Wohl dir, denn nur noch wenig Stunden sind dein. Geh' und bereite dich zum Tode. Alonzo. Ich bin bereit. Piz. Hat deine hohe Schwärmerei auch Weib und Kind aus Sinn und Herz verdrängt? Alonzo. Es lebt ein Gott! Piz. Viel Glück zu dieser stolzen Fassung. Geh' und bete. Der erste Sonnenstrahl ist dein Todesbote. Alonzo. Deine Rachsucht ist eilig. Ich danke dir dafür (Er will gehen.) Elv. Halt, Alonzo! – ich sage dir Pizarro, dieser Jüngling wird nicht sterben. Piz. Bist du von Sinnen? Elv. Nicht Tugend und Großmuth fordere ich auf. Thu', was du der Ehre schuldig bist. Setz' ihn in Freiheit, gib' ihm ein Schwert, kämpfe mit ihm – wo nicht, so muß ich dich verachten. Piz. Ihm die Freiheit? daß er seine Faust auf's neue mit dem Blut der Brüder färbe? Alonzo. Räuber waren nie meine Brüder. Piz. Hörst du? – fort, Alonzo! du weißt dein Urtheil. Alonzo. Ich weiß es und verachte dich. – Dir, holder Jüngling, meinen Dank! du taugst nicht unter diese Menschen. Geh' zu den sogenannten Wilden, dort wirst du deine Heimath finden. (Geht ab.) Achte Scene. Pizarro. Elvira. Piz. Schmähe nur, und gieße Oel in meiner Rache Glut. Das sind Las Casas saub're Lehren. Elv. Ich bewund're diesen Alonzo. Piz. In wenig Stunden kannst du sagen: ich habe ihn bewundert. Elv. Meinst du, er werde sterben? Piz. So gewiß die Sonne eben untergeht. Elv. Und die Art seines Todes? Piz. Darüber sinne ich eben, wie viele Qualen man in den Zeitraum einer Stunde zusammendrängen könnte. Elv. Ich wüßte eine Marter, die den Gepeinigten ewig plagt, und dem Peiniger Wollust schafft. Piz. Nenne sie. Elv. Sie heißt Beschämung . Piz. Ich verstehe dich nicht. Elv. Verzeih' ihm. Piz. Schon wieder. Elv. Und noch tausend Mal. Segne mich, denn ich erspare dir der Nachwelt Fluch. Sie wird deine Thaten lesen: er landete mit einer Hand voll Menschen in einem fremden Welttheil, er schlug den König eines mächtigen Reichs, er war tapfer! – er verzieh dem stolzen Feind in Ketten – Ha, er war groß! Piz. (lächelnd) . Und meine modernde Gebeine werden dann im Grabe fröhlich rasseln, nicht wahr? Elv. Nachruhm ist eine Seifenblase, und der Held ein Kind. Doch dieses Spielwerk eben knüpft den Halbgott an die Menschheit. Piz. Und wenn ich die gerechte Rache sättige, was spräche man dann? Elv. Er stieß dem Gefesselten einen Dolch in die Brust, er war ein gemeiner Mensch. Piz. (kalt lächelnd) . Herkules erdrückte den Riesen, und Apoll hat einst den Marsyas geschunden. Elv. Ha! ha! ha! Bravo! wir wollen ihn schinden. Bläst er doch die Flöte besser als wir. Piz. (finster) . Genug, Elvira! Elv. Du hast Recht, wer wird in einem Sumpfe Cedern pflanzen. – Laß uns vernünftig von der Sache reden. Ruhm und Nachruhm sind unvernünftige Dinge. Ein wenig Rauch, ein wenig Flamme, es wärmt nicht, es sättigt nicht. Aber unser Vortheil – was meinst du, Pizarro? Wenn wir durch wohlfeile Großmuth theuern Sieg erkaufen konnten? Piz. Rede deutlicher. Elv. Alonzo wird und muß Las Casas Lehren versiegeln, ob mit einem heldenmüthigen Tode, der uns wenig Nutzen schafft? oder mit einer Thorheit, die uns frommt? das steht bei dir. Piz. Wie das? Elv. Wir wollen einen Schwärmer in seinem eigenen Hirngespinste fahen. Das Unding, das die Menschen hohe Tugend nennen, ist sein Abgott. – Tritt vor ihn hin und sprich: Alonzo, du hast mich beleidigt. Ich verzeihe dir, du bist frei. Was gilt's, der Knabe wird in deine Arme sinken, und den Thron von Quito dankbar dir verrathen. Piz. Meinst du? ich zweifle. Elv. Ist das Kunststück dir allein zu schwer, ich helfe dir. Wen als den Schwärmer reißt die Liebe leichter hin zum Guten, wie zum Bösen? – Ich bin schön, ich habe Reiz, Verstand, kann mich in Männerlaunen schmiegen. Du weißt, Pizarro, Tausende gehorchen dir, dem Helden; du mir, dem Weibe. Piz. Ich dir? Elv. Kein Wort, die Zeit ist kostbar. Ich gehe zu Alonzo. Hab' ich nicht schon als Jüngling ihm das Herz entwandt? – und wenn ich nun gar als Weib vor ihn trete – wenn meine Hand die seinige hält, meine Augen bittend auf ihm ruhen – wenn der Tugend Bildersprache von meinen Lippen strömt; meinst du, er werde mir widerstehen? Piz. Deine Eitelkeit belustigt mich. Elv. Danke mir den freundlichen guten Willen, ehe er mich gereut. Piz. Laß ihn immer dich gereuen, denn mein Entschluß ist fest. Elv. Alonzo stirbt? Piz. Er stirbt. Elv. Und wenn gleich in seiner Todesstunde Elvira dich auf immer verließe? Piz. Wenn gleich. Elv. Wenn sie zu einem edlern Feinde fliehend, mit Alonzo, an dem Glücke der Peruaner arbeitete? Piz. Es gibt noch Kerker und Banden. Elv. Nicht für ein Weib, das ohne Las Casas Lehren den Tod verachten lernte. Piz. Auch der kann dir werden. Elv. (zärtlich) . Pizarro, du liebst mich nicht mehr! Piz. Wenn du aus dem Feldherrn einen Schäfer machen willst, so irrst du dich. Elv. Undankbarer! du hast vergessen, daß ich Vaterland und Eltern um deinetwillen verließ; daß ich nur in deinen Armen oder im Schoos der Wellen mich begraben wollte! Piz. Hab' ich dir nicht Gleiches mit Gleichem vergolten? worüber beklagst du dich? theilst du nicht meine Macht, wie meine Freuden? Elv. Vergiß nicht, daß ich auch deine Gefahren theilte. Wer war an diesem fürchterlichen Tage dir am nächsten im Gewühl der Schlacht? Wer hat die Brust, des Eisenharnisches ungewohnt, zum Schilde dir geliehen? Piz. Gut, Elvira, du bist verliebt wie ein Weib, und tapfer wie ein Mann. Dafür gebührt dir ein ganzes Herz und halbe Beute. Elv. Halbe Beute? Wohl! so ist Alonzo mein Gefangener. Piz. Mit nichten! die Theilung behalte ich mir vor. Elv. (sich an ihn schmiegend) . Auch nicht, wenn ich süß dich bitte? deine Wange mit meinen Thränen netze? Piz. (kalt) . Auch dann nicht. (Nach einer Pause.) Was soll ich davon denken: hat des Knaben glatte Wange dich bethört? Elv. O nein. Noch lieb' ich dich. Aber sei meiner Liebe werth! Den Sieg über Feinde konnte ein Zufall dir entwinden; bekämpfe dich selbst, und deine Niederlage wird zum schönern Siege. Dann bist du wieder Held, und nur den Helden kann Elvira lieben. Piz. Vergebens! Hüte dich, Elvira, daß kein Argwohn seine Krallen in mein Herz schlage, du kennst die Spanier, kennst mich. Elv. Ja, ich kenne dich; du bist eifersüchtig auf Weibergunst, doch eifersüchtiger auf deinen Ruhm. Du wirst nicht das einzige Band zerreißen, das Elviren an dich fesselt. Piz. Jedes deiner Worte häuft seine Schuld. Elv. Wohlan, so sei es zerrissen! Geh' und schleife deine Klinge für den Nacken des Gefangenen, dessen Fesseln dir dein theures Leben sichern. Gern hat Elvira ihrem Helden Staub und Blut nach jeder Schlacht von der Stirne gewischt, doch nicht den Staub der Flucht oder das Blut des Meuchelmords. – Der Arm, der einen wehrlosen Feind durchbohrt, soll nie wieder ein edles Weib umschlingen. Die Lippen, die kalt und spöttisch ein Todesurtheil aussprechen, sollen nie wieder die meinigen berühren. – O ich weiß recht gut, daß Rache ein süßes, herrliches Gefühl ist; aber nur so lange der Feind trotzig da steht: er sinkt – und verschwunden ist die Rache! Wer anders fühlt, den bedaur' ich; wer anders handelt, den veracht' ich. Piz. (betrachtet sie spöttisch lächelnd. Nach einer Pause) . Du bist ein Weib! (Er geht ab.) Neunte Scene. Elvira (allein). Ein Weib? – das weißt du und zitterst nicht? – weißt, daß ich hasse, wie ich liebe, und zitterst nicht? – Wohlan, du! den nicht der Kampf der Elemente, nicht die Wuth des Feindes schreckte, dein Verderben schwur ein Weib! – – Leben soll Alonzo! – und lieben will ich ihn! – nicht weil Anmuth und Jugend ihm frischere Reize leihen – nein! weil der Götze, den ich in Pizarro ehrte, nur ein gebrechlich Machwerk war; weil das, was in der Ferne einem Marmortempel glich, nur eine übertünchte Gaukelbude ist! – Ha, Pizarro! noch hätt' ich dir verziehen, wenn du um eines Thrones willen nur treulos gehandelt hättest, aber du handelst ehrlos – und Elvira ist für dich verloren! (Sie geht ab.) Vierter Act. (Ein Zelt im spanischen Lager.) Erste Scene. Alonzo (allein. Es ist Nacht.) Verachte den Tod! – so sprachen Römer und Griechen, Heiden mit der Weisheit vertraut. Schäme dich, Christ! du zagst! – Was jene nur zu ahnen wagten, ist dir Gewißheit – eine bessere Welt! – und du zagst? – Sträubt die Jugend sich mit starken Muskeln gegen einen frühen Tod? – Was ist ein früher Tod? – soll Alonzo sein Leben nach Jahren zählen? – besaß er nicht Cora? – Cora! – ach! da zuckte ich an den Rosenbanden, die mich an die Welt unwiderstehlich fesseln! Weib und Kind! Hier hält mich die Thräne der Liebe, und dort das Lächeln der Unschuld. – Ja, Cassius, du warst nicht Gatte! Seneca, du warst nicht Vater! Laut ruft die Stimme der Natur: lebe! Laut gibt mein Herz den Ton zurück. – Kann dieser Wunsch den Mann und Helden schänden? – Herr meines Schicksals! ich wünsche zu leben! Zweite Scene. Alonzo . Ein Soldat (mit zwei Flaschen Wein). Soldat. Hier, Alonzo de Molina, seid wohlgemuth und trinket. Alonzo. Wer sendet dich? Soldat. Ich halte die Wache vor Eurem Zelte. Alonzo. Danke ich deinem Mitleid diese Erquickung? Soldat. Nein. Zwar geht Euer Zustand wahrlich mir zu Herzen! aber helfen kann ich nicht; den ich bin arm. Alonzo. Wer gab dir diesen Wein? Soldat. Jemand, der wohl süßere Dinge geben kann, als Wein. (Heimlich.) Donna Elvira. Alonzo. Wer ist Donna Elvira? Soldat. Habt Ihr nicht von ihr gehört? – Die Freundin unsers Feldherrn. Alonzo. Seine Freundin? Soldat. Nun ja, Ihr versteht mich wohl. Alonzo. Und diese Elvira sagst du – Soldat. Sandte Euch den Wein. Alonzo. Kennt sie mich? Soldat. Ich glaube kaum. Alonzo. Geh', und danke ihr. Soldat. Schon gut. Alonzo. Den Wein nimm wieder mit. Soldat. Wollt Ihr denn nicht trinken? Alonzo. Ich trank seit Jahren keinen Wein. Soldat. Aber Ihr bedürft den flüßigen Muth in dieser Flasche. Alonzo. Guter Freund, ich beklage den Elenden, der seinen Muth hier leihen muß. Soldat. Aber doch! es benebelt die Sinne, und stumpft den Schmerz ab. Alonzo. Laß mich. Der Tod ist mir kein Gespenst, vor dem ich den Kopf in die Ohrkissen verberge. Trink den Wein selbst. Wir haben eine kühle Nacht, er wird dir wohl thun. Soldat. O ja! warum nicht? wie Ihr wollt. Wahrlich! Ihr seid ein braver Rittersmann. Nur Schade, daß Ihr ein Heide geworden seid! Ich möchte weinen über Euch, wenn's nur nicht Sünde wäre. (Ab.) Dritte Scene. Alonzo (allein). Armer Mensch! er weiß nicht, was er spricht. Gott! du schufst die Rebe für den Spanier und die Batana für den Peruaner. Deine Wasserströme befeuchten die Fluren am Fuße der Pyrenäen, wie am Fuße der Cordilleras. Du hast das Kreuz auf unsern Altären zum Sinnbild deiner Huld gemacht; doch Du lächelst auch der Sonne auf der Brust der Yncas. Vierte Scene. Elvira. Alonzo. Elv. (am Eingange rufend) . Don Alonzo! Alonzo. Tritt näher. Wer bist du? Elv. (sich nähernd) . Kennst du mich noch? Alonzo. Wohl erkenn' ich dich, holder Jüngling. Du warst es, der dem Wüthrich Pizarro zu widersprechen wagte, als mein Tod von seinen Lippen ging. Deine Gestalt ist in mein Herz gegraben. Elv. Lebe, denn ich liebe dich! Alonzo. Es ist edel, aber gefährlich, einen Unglücklichen zu lieben. Du verschwiegst mir vorher deinen Namen; wer bist du, junger Adler unter den Geiern? Elv. Das erräthst du nicht? Alonzo. Wie kann ich das? Elv. Wo hat die Menschlichkeit einen schönern Tempel, als im Herzen des Weibes? Wer darf es so kühn wagen, selbst Tirannen zu trotzen, als das Weib? Alonzo. Ich erstaune – du ein Weib? vielleicht Donna Elvira? Elv. Es scheint durchaus um einen Namen dir zu thun? Ja, ich bin es. Alonzo. Ein solcher Besuch – in dieser Stunde? Elv. Wer dem Bedrängten zu Hilfe eilt, zählt die Stunden nicht. Alonzo. Es ist die letzte meines Lebens. Elv. Ich sage dir: Nein! Alonzo. Pizarro schwur meinen Tod. Elv. Und ich dein Leben. Alonzo. Ich danke dir, aber ich weiß zu sterben. Elv. Immer Tod und Sterben um das dritte Wort. Bist du der seltenen Nichtmenschen einer, die an des Grabes Rande sich gemächlich niederlassen, um mit Wohlgefallen in den Abgrund hinabzuschauen. Alonzo. Ich leide, was ich muß. Elv. Stirbst du gern? – Alonzo. Ich würde Euch und mich täuschen, wenn ich ja antwortete. Elv. So eile! fliehe! Alonzo. Fliehen? Ihr scherzt. Elv. Dann hätte ich meine Zeit vortrefflich gewählt. Alonzo. Diese Fesseln – meine Wächter – Elv. Fesseln lösen und Wächter blenden, ist der Liebe nur ein Spiel. Alonzo. Der Liebe? Elv. Nenne es, wie du willst. Nie gab ich mir die Mühe, meine Empfindungen schulgerecht in Worten auszudrücken. Gefesselt sah ich dich vor Pizarro stehen, und hörte dich gleich einem alten Römer sprechen. In jenem Augenblicke gleiteten die Fesseln von deiner Hand und umschlangen mein Herz. Ich fühlte das Bedürfniß dich zu retten. Entschluß und That sind bei mir nie durch kühle Zwischenräume getrennt. Ich fühlte, – und handelte. Alonzo. Ihr mich retten? Elv. Ich dich, du mich. Du sollst mich aus dem Strudel reißen, der jedes Streben nach Ruhm in blutigen Schaum verschlingt; weg von der Bahn, wo die Habsucht jeden Lorbeer zertritt. Ich bin kein gemeines Weib, ich will nicht lieben, um im Kreise meiner Kinder Mährchen am Spinnrocken zu erzählen; von den Thaten des Geliebten sollen meine Lippen überfließen. Seht ihr, Kinder, die Marmorsäule? die ward eurem Vater errichtet! Hört ihr das Jauchzen der Bewunderung? es tönt eurem Vater! reicht eure kleinen Hände dem versöhnten Feinde, euer Vater hat ihn durch Tapferkeit und Edelmuth besiegt! Ha, glückliches Weib, dem diese Sprache ziemt! das allein sich rühmen darf: meine Liebe ist keine alltägliche Schwachheit. Jüngling! gefall' ich dir so; willst du mir so das Elend vergessen machen, als Weib geboren zu sein, so schlag ein, ich rette dich. Alonzo. Versteh' ich recht, schöne Frau, so zählt Ihr auf einen Dank, den Alonzo Euch nicht geben kann. Ich bin vermählt. Elv. Mit einer Heidin. Alonzo. Gleichviel, sie ist meine Gattin, und Liebe heiligt unter jedem Himmelsstriche das Band der Ehe. Elv. Erwidert sie mit gleicher Treu deine Zärtlichkeit? Alonzo. Mit gleicher nur? Donna Elvira kennt ihr Geschlecht, unerreichbar in Liebe und Haß. Elv. Und doch willst du sie zur Witwe machen? Alonzo. Mein Schicksal und das ihrige stehen in Gottes Hand. Elv. So spricht jeder, der nicht handeln mag. Hast du Kinder? Alonzo. Ein Pfand der reinsten Liebe. Elv. Das willst du zur Waise machen? Alonzo. O mein Fernando! Elv. Ziemt es dem Helden zu klagen, wo er muthig handeln soll? – Höre mich! wenn du dem Herzen deiner Gattin alles bist, wenn sie dein Leben um keinen Preis zu theuer kauft, so wird sie willig ihre Ansprüche opfern, und den Geretteten der Retterin überlassen. Alonzo. Das würde sie. Elv. Wohlan! Alonzo. Nimmermehr! Meine Fesseln löst ein schneller Tod, ihren Kummer würde mir ein langsames Dahinsterben enden. Sie würde mit verhaltenen Thränen mich in Euren Armen sehen, ich würde laut an Eurem Busen schluchzen. Liebende können alles opfern, nur ihre Liebe nicht! sie können alles entbehren, nur nicht die Liebe. Ich bin meiner Gattin alles, sie ist mir mehr als mein Leben! Um Schätze zu erobern kamen wir in dieses Land, den kostbarsten Schatz hab' ich gefunden, ein gutes Weib! und ich sollte ihn verschleudern, um ein elendes Ding damit zu erkaufen, das ohne sie keinen Werth hat? – O Cora, in deinen Armen hab' ich das Glück des Lebens kennen lernen, aus deinen Armen nur will ich in's Grab steigen! – Geht, geht Sennora, wenn Ihr kein anderes Mittel kennt mich zu retten, so gehabt Euch wohl, ich danke Euch. Elv. Ha, so gefällst du mir. Laß mir den stolzen Wahn, ich würde deine Liebe verdient haben, wenn dein Herz noch frei wäre. Ist mir's doch, als beneidete ich dein glückliches Weib. Weg mit diesem unedeln Gefühl! Geschwind, Elvira, ersticke es durch eine uneigennützige That. Hier, Jüngling, nimm diesen Dolch und folge mir. Ich führe dich in Pizarros Schlafgemach, du durchbohrst das übermüthige Herz; der Schrecken breitet seine Flügel über das ganze Lager, und im erster Wirrwarr, beim ersten Mordgeschrei, wenn alles durcheinander und widereinander läuft, fliehen wir hinüber zu den Deinen. Dort will ich die Freudenthränen deines Weibes auf meiner Wange fühlen, dort will ich das Stammeln deines Kindes hören und alle meine stolzen Entwürfe vergessen. Wohlan, folge mir! Alonzo. Ich einen Schlafenden ermorden? Elv. Deinen bittersten Feind. Alonzo. Ich würde den Teufel schonen, wenn er schliefe. Elv. Ich hasse diesen Pizarro, weil er an mir zum Verräther wurde, und ich verachte ihn, weil er den überwund'nen Feind mit Füßen trat. Edelmuth ist nur für Edle. Richte den Bösewicht, wie er andere richtet. Befreie die Erde von einem Ungeheuer, welches von der alten Welt ausgespien wurde, um die neue Welt zu verheeren. Dankbaren Jubel wird dein zweites Vaterland dir zujauchzen, und ehrenvolle Ruhe im Schooße der Deinigen dein Loos sein. Auf! entschließe dich! Alonzo. Ich bin entschlossen. Elv. So folge mir! Alonzo. Mit nichten! Sucht Euch ein anderes Werkzeug Eurer Rache. Es war eine Zeit, wo dieser Pizarro mich liebte, wo er jede ruhmvolle Gefahr des Schlachtfeldes und jeden Leckerbissen seiner Tafel mit mir theilte. Hundertmal hab' ich ruhig an seiner Seite geschlafen, und diesen Mann sollt' ich im Schlaf ermorden? Elv. Hat er nicht jedes Band zwischen Euch zerrissen? Alonzo. Jedes, nur das Band seiner Wohlthaten nicht. Elv. Schwärmer! ich verlasse dich, die Einsamkeit wird die Vernunft aus ihrem Schlummer wecken, der Todesschrecken wird dich nüchtern machen. Wisse, man hat ein großes Lösegeld für dich geboten, Pizarro hat es ausgeschlagen. Dir bleibt keine andere Rettung. Alonzo. So werd' ich zu sterben wissen. Elv. Sieh' das Morgenroth in Osten, es verkündet deinen nahen Tod. Die Minuten fliehen, nur noch wenige sind dein, und die Gelegenheit kehrt nie zurück. Ich lasse dir Bedenkzeit. In einer Viertelstunde bin ich wieder bei dir, um deinen letzten Entschluß zu holen. (Sie geht ab.) Fünfte Scene. Alonzo (allein). Erspare dir den fruchtlosen Gang, es ist vergebens. Der Tod ist bitt're Arzenei, aber das Laster süßes Gift. – Gott sei mit meinem Weibe! Gott und Rolla! – Möchte sie fliehen in die Gebirge, wo Unschuld und Friede wohnen! Möchte mein armes Kind nie erfahren, ans welchem Blute es abstammt. – Du, Jehova! oder Sonne! – gleichviel, wie ich dich nenne – erhalte den Meinigen Gesundheit und reine Sitten! das Uebrige ist eitel Tand. (Hinausblickend,) Sieh da, der erste Morgenschimmer malt die Berge grau. Noch etwa eine Stunde ist mein. Ich will versuchen, die Todesfurcht um ihren Zoll zu betrügen, ich will mich schlafen lege». (Er legt sich nieder.) Du, mein gutes Gewissen! winke deinem Freunde den Schlaf herbei. – Meine Kräfte sind erschöpft – Die Mattigkeit drückt mir die Augen zu – Komm, holder Schlummer! bereite mich vor auf deines jüngern Bruders Bekanntschaft. – (Er entschlummert.) Sechste Scene. Rolla . Die Wache . Die Wache. (Man sieht die Wache am Eingange des Zeltes auf- und niedergehen. Nach einer Pause ruft sie:) Wer da! – gib Antwort! wer da! Rolla (noch ungesehen) . Ein Priester. Soldat. Was wollt Ihr, ehrwürdiger Vater? Rolla (tritt hervor in Mönchskleidung) , Sage mir, Freund, wo wird der gefangene Spanier Alonzo bewacht? Soldat. Hier in diesem Zelte. Rolla. Hier? – Las; mich herein. Soldat. Zurück! ich darf nicht. Rolla. Er ist mein Freund. Soldat. Und wenn ihr sein Bruder wärt. Rolla. Welches Schicksal bestimmt man ihm? Soldat Mit Sonnenaufgang muß er sterben. Rolla. Ha! so komme ich noch eben recht. Soldat. Um Zeuge seines Todes zu sein. Rolla. Ich muß ihn sprechen. Soldat. Zurück! Rolla. Ist er allein? Soldat. Ja. Rolla. Ich bitte dich, laß mich zu ihm. Soldat. Umsonst! der Befehl war streng. Rolla (zieht die Sonne hervor, welche ihm der König zum Geschenke gab) . Sieh diese kostbaren Diamanten. Soldat. Was wollt Ihr damit? Rolla. Sie sind dein, laß mich zu ihm. Soldat. Wollt Ihr mich bestechen? ich bin ein Alt-Castilier. Rolla. Nimm und thu' ein gutes Werk. Soldat. Zurück! ich kenne meine Pflicht. – Rolla. Bist du verheirarhet? Soldat. Ja. Rolla. Hast du Kinder? Soldat. Vier Buben. Rolla. Wo ließest du sie? Soldat (sanfter) . Daheim in meinem Vaterlande. Rolla. Hast du Weib und Kinder lieb? Soldat (bewegt) . Mein Gott! ob ich sie lieb habe? Rolla. Wenn du nun in diesem fremden Lande sterben müßtest? Soldat. So bringen meine Kameraden den letzten Gruß und Segen nach Hause. Rolla. Und wenn einer dort so grausam wäre, deinen Kameraden den Zutritt zu versagen? Soldat. Wie das? Rolla. Alonzo hat auch Weib und Kind. Seine jammernde Gattin schickt mich her, den letzten Gruß und Segen von ihm zu holen. Soldat. Geht herein! Rolla (indem er näher tritt) . O heilige Natur, du verläugnest dich nie. – Alonzo! wo bist du? – da liegt er und schlummert. (Er rüttelt ihn.) Alonzo! erwache! Alonzo (aus dem Schlafe auffahrend) . Kommt ihr schon, mich abzuholen? (Er rafft sich auf.) Ich bin bereit. Rolla. Ermunt're dich. Alonzo. Welche Stimme! Rolla. Ich bin Rolla. Alonzo (in seine Arme stürzend) . Rolla! bin ich wirklich erwacht? – Wie kömmst du hieher? Rolla. Jetzt ist nicht Zeit zu Frag' und Antwort. (Er wirft das Kleid ab.) Dies täuschende Gewand lieh mir der Leichnam eines Priesters, der heute in der Schlacht den Tod fand. Nimm es und fliehe! Alonzo. Und du? Rolla. Ich bleibe hier an deiner Stelle. Alonzo. Nimmermehr! Rolla. Ich bitte dich, keine Sentenzen. Hülle dich ein und fliehe. Alonzo. Du sterben für mich? lieber zweifachen Tod! Rolla. Wer sagt das? Ich werde nicht sterben. Alonzo haßt man hier, nicht mich. Eine kurze Gefangenschaft, aus welcher dein Arm mich bald befreien wird. Alonzo. Dann kennst du Pizarros schwarze Seele nicht. Du entreißest ihm seine Beute, er würde wüthen, und dich seiner Rache opfern. Rolla. Nicht doch, ein großes Losegeld – Alonzo. Sein Blutdurst ist gieriger als sein Geiz. Rolla. Und wäre es auch, was ist's nun mehr? – ich bin allein in der Welt, ein einzelnes Wesen, das an niemand hängt, ein Strauch in der Sandwüste. Laß ihn abhauen, wer fragt darnach? Glücklich, wenn ein paar gute Menschen sich noch bei seinem Feuer wärmen. – Du hingegen bist Gatte und Vater. An deinem Leben hängt Wohl und Weh eines braven Weibes, eines lallenden Kindes. Fort! fort! nimm dies Gewand und fliehe! Alonzo. Willst du mich zum feigen Mörder meines Freundes machen? Willst du mir ein Leben schenken, das unaufhörliche Qualen verbittern würden? Rolla. Nur in Coras Armen sollst du meiner gedenken. Eine Thräne in euren Freudenkelch, das ist es alles. Ich habe umsonst in der Welt gelebt. Gönne mir die letzte Freude, daß ich wenigstens nicht umsonst sterbe. Alonzo. So kann ein Freund mich martern! Meine Todesstunde ist schwer. Rolla. Ich kann dir nicht einmal einen Gruß von deinem guten Weibe bringen, denn sie kennt niemand um sich her, sie fällt aus einer Ohnmacht in die andere. Alonzo. O meine Cora! Rolla. Wenn du nicht bald zu ihr eilst, so fürchte ich für ihr Leben. Alonzo (erschrocken) . Für ihr Leben? Rolla. Du stirbst, sie stirbt, dein armes Kind wird zur Waise. Alonzo. Rolla wird sein Vater sein. Rolla. Ja doch, Rolla! meinst du, er werde Coras Tod überleben? Alonzo. Stärke in diesem Kampfe! Rolla. Und was gewinnst du durch deine Hartnäckigkeit? – Du willst nicht fliehen? – Wohlan! ich auch nicht. Ich bleibe hier. Mich trennt keine Gewalt von dir. Du sollst die Freude haben, mich an deiner Seite fallen zu sehen. Dann ist Cora ganz verlassen. Alonzo. Mensch! Du bringst mich von Sinnen. Rolla. Wenn du beharrst, so ist alles, und gewiß verloren. Fliehst du aber, so ist noch Rettung möglich. So geschwind wird man mich nicht hinrichten. Ich werde dem Pizarro mit wichtigen Entdeckungen schmeicheln, ich werde Aufschub gewinnen; du eilst in's Lager, raffst uns're junge Mannschaft zusammen, brichst in der kommenden Nacht wie ein Gewitter herein, und führst deinen Freund im Triumph zurück! – Auf, Alonzo! der Tag bricht an. Säume nicht! fliehe in Coras Arme! rette ihr Leben! dann kehre wieder und rette das Meinige! Alonzo. Rolla! wozu verleitest du mich? Rolla. Hat Rolla je was Unedles von dir begehrt? – (Er wirft ihm das Priestergewand um.) Hülle dich ein, halt deine Ketten fest, daß sie nicht klirren; vermumme dich bis an die Zähne – so – jetzt geh'! – Gott sei mit dir! (bewegt) grüße Cora – und sage ihr – sie habe mir Unrecht gethan. Alonzo (an seinem Halse) , Freund! – ich habe keine Worte. – Rolla. Fühle ich nicht die warme Thräne, die auf meine Wange träufelt? Geh', ich bin belohnt. Alonso. In wenig Stunden kehre ich zurück, dich zu befreien, oder mit dir zu sterben. (Er eilt unaufgehalten fort.) Siebente Scene. Rollo (allein). (Ihm nachsehend. Nach einer Pause.) Er ist fort! – Zum ersten Male habe ich einen Menschen getäuscht. Das wird der Gott der Wahrheit mir verzeihen! – Er schmeichelt sich mit der Hoffnung, mich wieder zu sehen – ja dort vielleicht! dort, wo mich Cora lieben wird! – Eigennütziger Mensch! gesteh' es dir nur selbst: du stirbst, damit, wenn einst auch Cora hinauf zu unserm Vater geht, ihre erste Frage sei: wo ist Rolla? – wer kömmt? Achte Scene. Rolla. Elvira. Elv. Nun Alonzo, hast du dich besser besonnen? (Als sie Rollo erkennt.) Was ist das? Wer seid Ihr? wo ist Alonzo? Rolla. Welches wollt Ihr zuerst wissen? Elv. Wo ist Alonzo? Rolla. Fort. Elv. Entflohen? Rolla. Ja. Elv. Ha! man muß ihm nach. (Sie will fort.) Rolla (tritt ihr in den Weg) . Halt, ich lasse dich nicht. Elv. Verwegener! ich rufe die Wache. Rolla. Thu' was du willst, wenn nur Alonzo Zeit gewinnt. Elv. (wieder fort wollend) . Wo du mich berührst – Rolla. Nicht von der Stelle! (Er schließt sie in seine Arme.) Elv. (zieht einen Dolch hervor) . Ich ersteche dich. Rolla. Stich zu! aber noch im Fallen werde ich dich umklammern. Elv. Wirklich? denkst du so? – Ei, so wäre es ja der Mühe werth, dich näher kennen zu lernen. – Laß mich los, ich bleibe. Rolla (sie loslassend) . Es ist vollbracht! nun ist er weit genug. Elv. Alonzo floh durch deine Hilfe? Rolla. Durch die meinige. Elv. Und das wagst du zu gestehen? Rolla. Warum nicht? Elv. Willst du den Tod an seiner Stelle leiden? Rolla. Ich will. Elv. Du bist ein seltener Freund. Rolla. Ich that es nicht aus Freundschaft. Elv. Was sonst? Rolla. Gleichviel für dich. Elv. Ich merke, du bist wortkarg. Rolla. Ich handle, wie du siehst. Elv. Wer bist du? Rolla. Mein Name ist Rolla. Elv. Der Feldherr der Peruaner? Rolla. Das war ich. Elv. Ist es möglich! du in unserer Gewalt. Rolla. Vollkommen. Elv. Hat man dich vielleicht hintangesetzt? treibt die Rache dich zu uns? Rolla. Wie verstehst du das? Elv. Hat dein König dich vielleicht nicht nach Verdienst belohnt? Rolla. Ueber Verdienst. Elv. Und doch hier? – nicht aus Rache? nicht aus Freundschaft? – und doch hier? Rolla. Und doch hier. Elv. So kenne ich nur noch eine Leidenschaft, die dieses Wagestück unternehmen könnte. Rolla. Nenne sie. Elv. Die Liebe. Rolla. Errathen. Elv. Du liebst? wen? Rolla. Gleich viel für dich. Elv. Und hoffest durch diesen Schritt – Rolla. Ich hoffe nichts. Elv. Nun versteh' ich dich. Deine Geliebte ist todt, Verzweiflung, Lebensüberdruß brachten dich hieher. Rolla. Wie du willst. Elv. Ich beklage dich. Rolla. Danke. Elv. War, was du hier verlorst, unersetzlich? Rolla. Unersetzlich. Elv. So jung willst du der Welt und dem Genusse deines Ruhms entsagen? Rolla. Ruhm ist nur ein Geschenk der Nachwelt. Elv. Wie aber, wenn du deinem Vaterlande noch wichtige Dienste leisten könntest? Rolla. Das werde ich, wenn ihr mich nicht tödtet. Elv. Und wie? Rolla. Indem ich gegen euch fechte. Elv. Das sagst du mir in's Gesicht? Rolla. Schade, daß du nicht Pizarro bist. Elv. Warum? Rolla. Dann hätte ich es Pizarro in's Gesicht gesagt. Elv. Ha! du bist ein Mann, wie ich die Männer liebe. Rolla. So gleiche mir, wenn du kannst. Elv. Ich dir gleichen? bin ich doch nur ein schwaches Weib. Rolla. Du ein Weib? Elv. Du staunst? Rolla. O nein. Elv. Recht so, der Held muß über nichts erstaunen. Rolla. Am wenigsten über ein Weib. Elv. Auch dann nicht, wenn sie einer großen kühnen Handlung fähig wäre? Rolla. Auch dann nicht. Elv. Du ehrst unser Geschlecht? Rolla. Ihr seid besser und schlechter als wir. Elv. Wenn ich deinem Vaterlande dich und den Frieden wieder gäbe, würdest du mich unter die bessern zählen? Rolla. Vielleicht. Elv. Nur vielleicht? Rolla. Ist es denn genug zu wissen wie du handelst? und kann ich errathen, warum du handelst? Elv. Stolzer Mann! wie gewinnt man deine Freundschaft? Rolla. Durch Freundschaft. Elv. Wohlan, ich will es versuchen. Der Morgen dämmert kaum, noch ist es Zeit. Nimm diesen Dolch, folge mir. Rolla. Wohin? Elv. Ich führe dich in Pizarros Schlafgemach, du senkest den Dolch in seine Brust, wir fliehen, dein Vaterland ist frei, du bist frei. Rolla. Was that dir Pizarro? Elv. Sein Ruhm lag in den Armen meiner Liebe: sie fielen beide auf einen Streich. Rolla. Du liebtest ihn einst? Elv. So glaubt' ich, als ich ihn bewundern hörte. Rolla (sehr kalt) . Und du willst, daß ich ihn jetzt im Schlaf ermorden soll? Elv. Wollt' er nicht Alonzo in Fesseln umbringen? wir zahlen ihm mit gleicher Münze. Der Schlafende und der Gefesselte sind beide wehrlos. Rolla. So gib den Dolch. Elv. Hier. Rolla. Geh' voran. Elv. Den Wächter vor dem Zelt mußt du zuerst niederstoßen. Rolla. Muß ich? Elv. Er würde Lärm machen. Rolla. So nimm den Dolch zurück. Elv. Warum? Rolla. Dieser Wächter ist ein Mensch. Elv. Nun ja. Rolla. Ein Mensch! verstehst du mich? Nicht alle Menschen sind Menschen. Elv. Was heißt das? Rolla. Diesen Wächter, den kein Geld bestechen konnte, bestach sein Gefühl. Er ist mein Bruder, ich thue ihm nichts. Elv. Wohlan, wir wollen versuchen, ihn zu täuschen. Verbirg den Dolch. He da! Wache! Neunte Scene. Der Soldat . Vorige. Soldat. Was wollt Ihr? Elv. Wo ist dein Gefangener? Soldat. Wo sonst als hier? (Er erblickt Rolla.) Was ist das? (Er schaut umher.) Heiliger Gott! Alonzo ist entfloh'n. Elv. Du bist verloren. Soldat (zu Rolla) . Ihr habt mich betrogen. Ich muß sterben! ach mein Weib! ach meine Kinder! Rolla. Sei unbesorgt, Pizarro hat bei dem Tausch nichts verloren. Er wird deiner schonen, ich gebe dir mein Wort. Elv. Auch ich. Nur müssen wir sogleich den Feldherrn von diesem Zufall unterrichten. Ich führe diesen Mann zu ihm. Begleite uns. Soldat. Er wird mich hinrichten lassen. Elv. Ich bürge dir für deine Begnadigung. Rolla. Und ich. Soldat. Ach, schöne Frau, um meiner armen Kinder willen! – Elv. Komm nur, komm, dir soll kein Haar gekrümmt werden. – Wohlan, Rolla! bist du entschlossen? Rolla. Ich folge dir. Elv. Der Todesengel des Tirannen gehe vor uns her! (Alle ab.) Zehnte Scene. (Pizarros Zelt.) Pizarro (allein, wälzt sich in unterbrochenem Schlummer auf seinem Ruhebette, und spricht im Schlaf abgebrochene Worte.) Blut – Blut – keine Gnade – Rache – Rache – haut ihn nieder – So – da liegt der Rumpf – Ha! ha! ha! – Die blonden Locken – blutig gefärbt – Eilfte Scene. Elvira und Rolla (treten leise herein) . Elv. Da liegt er. Jetzt geschwind! Rolla. Geh', laß mich mit ihm allein. Elv. Warum? Rolla. Ich morde nicht in Gegenwart eines Weibes. Elv. Aber – Rolla. Geh' oder ich wecke ihn auf. Elv. So rufe mich, wenn die That vollbracht ist. Rolla. Warte draußen. Elv. Nur schnell, ehe er erwacht. (Sie geht ab.) Zwölfte Scene. Rolla. Pizarro (schlafend). Rolla (tritt mit verschränkten Armen vor ihn hin und sieht auf ihn herab) . Das also ist der Störer unsers Friedens, der Räuber, den eine erzürnte Gottheit uns zur Geißel sandte? Er schläft wirklich, kann dieser Mensch auch schlafen? Piz. (im Schlummer.) Laßt mich – laßt mich – fort ihr Geister. O! O! Rolla. Ich irrte – er kann nicht schlafen. O all ihr Bösewichter, schaut her. So schlafen Verbrecher. Piz. (fährt erschrocken in die Höhe.) Wer da! Wache! Rolla (den Dolch zuckend) . Kein Wort oder du bist des Todes. Piz. Verrätherei! Rolla. Sprich leise, ich befehle es dir. Piz. Wer bist du? Rolla. Ein Peruaner, wie du siehst; mein Name Rolla. Dein Leben ist in meiner Gewalt. Du rufst vergebens um Hilfe, dieser Arm wird schneller sein als deine Wache. Piz. Was begehrst du? Rolla. Nicht deinen Tod. Ich hätte dich im Schlaf ermorden können. Ich that es nicht, d'rum sei ruhig. Piz. So rede. Dreizehnte Scene. Elvira. Vorige. Elv. (hastig herein) . Nun? Ha! was ist das! (Zu Rolla.) Verräther! Rolla. Rolla mordet nicht. Piz. Wer dann? (Elviren fixirend.) Du? Du? – Niederträchtige! Elv. War ich das, dein Tod wäre nie mein Plan gewesen. Mich leitete nicht Rache, nicht Eifersucht. Meinen Dolch schwang die Menschheit. Dem Kronenräuber galt er, dem Unterjocher eines unschuldigen Volks. Peru den Frieden wieder zu geben, den du ihm stahlst, darum beschloß ich deinen Tod. Rolla. Wäre die That so edel gewesen, wie die Absicht, ich würde dich bewundern. Elv. Sie ist's, edler, als eine, die ich that. Warum führt' ich sie nicht selbst aus, warum vertraut' ich sie dir an. Wisse, unzeitiger Menschenfreund, mein Mord war barmherziger, als deine Schonung. Piz. Schweig, Rasende. Diese Barmherzigkeit werde dir ! Wache! (die Wache tritt ein.) Ergreift dieses Weib. Es wollte euren Feldherrn ermorden. Werft es in das tiefste Gefängnis! – sinnt auf neue Martern – Elv. Du bleibst Pizarro, wie ich Elvira. Willkommen ist mir der Tod, da dieser Streich mißlang. Aber hören sollst du mich erst. (Wüthend.) Ja, ich wollte aus Barmherzigkeit dich ohne Qualen aus der Welt schicken; aber du bist bestimmt, durch Reue und Gewissensbisse todt gemartert zu werden. Nur zu! ermorde auch mich, du Völkermörder! Weißt du noch, wie durch deine glatte Zunge du mich um Unschuld und Seligkeit betrogen hast? Hörst du noch die letzten Worte meiner alten Mutter, wie sie dem Verführer ihres Kindes fluchte? Hörst du noch das letzte Röcheln meines Bruders, der die Ehre seiner Schwester rächen wollte, und durch dein Mordschwert fiel? – Komm nur, komm du Wüthrich! folge mir über kurz oder lang in jene Grabesnacht! die Musik zu deinem Empfang ist bereit: meiner Mutter Fluch! meines Bruders Röcheln! und das Geschrei zahlloser Völker um Rache! Piz. (seine Erschütterung verbergend) . Wird man meinen Befehl vollstrecken? Elv. Du, Rolla, hast mich betrogen, ich verzeihe dir. Laß nicht deine Verachtung mir in's Grab folgen. Ich war einst ein gutes Mädchen, fromm und unbefangen. Wenn du wüßtest, wie dieser Heuchler meine Unschuld getäuscht, wie er meinen Glauben an Tugend untergraben, wie er mich von Stufe zu Stufe hinab in des Lasters Abgrund gezogen, du würdest mich bedauern. Rolla. Ich bedaure dich. Elv. Ein lindernder Tropfen in die Glut meines Gewissens. Leb' wohl. – Und – du lebendig Verdammter! sündige nur immer d'rauf los! sündige! wir werden uns wiedersehen! Ha! wir werden uns wiedersehen! Die Qualen, die du mir aufsparst, veracht' ich. Mein schöner Wille umschwebt mich. Groß zu leben hinderte mich das Schicksal, groß zu sterben, soll es mich nicht hindern. (Ab.) Vierzehnte Scene. Pizarro. Rolla. Rolla. Ich möchte nicht an deiner Stelle sein. Piz. Aber jetzt erkläre mir das doppelte Wunder, dich hier zu sehn und als meinen Schutzgott? Rolla. Ich kam, meinen Freund Alonzo zu retten. Piz. Dann kamst du vergebens. Ich bin dir hohen Dank schuldig, ford're alles, was ich habe, nur nicht das Leben dieses Mannes. Rolla. Er ist in Sicherheit. Piz. Wer? Rolla. Dein Gefangener. Piz. Entflohen? Rolla. Ja. Piz. Hölle und Teufel! wie war das möglich? Rolla. Wie? warum nicht? ihr haltet uns für Barbaren; lerne jetzt, daß wir die Freundschaft kennen. Piz. Wie? du wagtest – Rolla. Ich. Ein Priestergewand verhüllte mich, so drang ich durch bis in sein Zelt, gab ihm das Gewand, er ging, ich blieb. Piz. Ha! du hast die schönste Beute mir entrissen! – Rolla. Er ist Feldherr, ich bin es auch. Morde mich statt seiner. Piz. Mann, du zwingst mich zur Bewunderung. Rolla. Ich muß mich wahrlich schämen, daß sogar ein Weib diese Bewunderung mit mir theilt. Kam Elvira nicht in gleicher Absicht zu ihm? Piz. That sie das? – Nichtswürdige! – Wahrlich! beim Lichte beseh'n muß ich dir danken, daß du zu rechter Zeit Alonzos Flucht befördertest. Hatte sie ihn gefunden, ihn zum Werkzeug erkohren, so wäre nun der Meuchelmord an mir vollbracht. Rolla. Das ist nicht wahr. Alonzo hätte gerade so gehandelt als ich. Piz. Meinst du? Ich zweifle, und halte mich dir hoch verpflichtet. Rede, wodurch kann ich dich belohnen? Rolla. Das fragst du noch? Piz. Du bist frei. Rolla. Ohne Zweifel. Piz. Bekenne, daß deine Feinde dir an Großmuth gleichen. Rolla. Du thust deine Pflicht. Piz. Geh'! und wenn wir, mit den Waffen in der Hand, uns wieder treffen sollten – Rolla. Dann fechten wir als brave Männer. Piz. Immer werde ich deiner schonen. Rolla. Thu' das nicht, denn nun ich dich kenne, bist du der Erste, den ich auf dem Schlachtfeld suchen werde. Indessen lebe wohl. Gott bessere dich! (Er geht ab, und kehrt wieder um.) Noch eins. Der Wächter an Alonzos Zelt hat seine Pflicht gethan, er ist unschuldig an der Flucht meines Freundes. Vergib ihm. Piz. Du forderst viel. Rolla. Ist mein Begehren unbillig, so bleibe ich hier, und leide, was jener leiden müßte. Piz. Wie, du wolltest für einen gemeinen Krieger dein Leben wagen? Rolla. Er ist ein Mensch, den ich in's Unglück riß. Piz. Zieh' hin in Frieden, ich verzeihe ihm. Rolla. Gib mir deine Hand d'rauf. Piz. (einschlagend) , Laß uns Freunde sein. Rolla. Lebe friedlich unter uns, diene deinem Gott, wie wir dem uns'rigen, sei der Tugend Freund, und du bist der Meinige. Piz. Wenn ihr das schöne Ziel meiner Thaten, den Thron von Quito mir einräumt. – Rolla. Nun ist's genug! Leb' wohl! (Er geht ab.) Piz. (nach einer Pause). Und ich lasse ihn ruhig ziehen? – Es ist gefährlich, einen Schwärmer anzuhören, man wird unwillkürlich eingewiegt. – Doch er hat mein Wort. – Mein Wort? – Soll ich den Kaplan fragen, ob man einem Heiden Wort halten muß? – Aber dieser Heide ist ein Held, und die Helden haben überall nur einen Glauben. (Geht ab.) Fünfzehnte Scene. (Ein freier Platz, nicht fern vom peruanischen Lager.) Ataliba (ruht unter einem Baume). Wie still und öde um mich her. – Ist es nicht nach einem Siege, wie nach einem Fieber? Man freut sich der überstandenen Gefahr, und hat kaum so viel Kraft sich zu freuen. Das Lächeln schwimmt in Thränen, und das Jauchzen verhallt in Seufzer. – Wahrlich! der Sieg ist eine theure Ware! die Geschichte zählt nur die Erschlagenen, und sollte die Unglücklichen zählen. Der abgedruckte Pfeil scheint nur Ein Herz zu treffen, und durchbohrt oft Hunderte. – Ach! ich verkaufe alle meine Siege um Ein frohes Erntefest. – Sechzehnte Scene. Ein Höfling (tritt auf). Höfling. Der Herold kehrt ohne Trost zurück. Atal. Ist Alonzo todt? Höfling. Er lebt. Aber die Spanier verschmähten das Lösegeld. Eure Schätze, sprachen die Uebermüthigen, gehören uns. In wenig Tagen sind wir eure Herren. Das Recht wohnt in unserer Stärke. Atal. Ha! noch nicht gedemüthiget? Wächst diese Schlange, die um meine Krone zischt, denn immer wieder? – Wo ist Alonzos Gattin? Höfling. Sie floh mit ihrem Kinde, man weiß nicht wohin. Das Heer ist in dumpfer Bestürzung, denn auch Rolla verschwand. Atal. Rolla? unmöglich! – Er mich verlassen, da Gefahr und Jammer mich umringen? – Gott! ist denn keiner, der Lust hat, einen König abzulösen! Ich tausche gern mit dem Geringsten im Volke. Siebzehnte Scene. Alonzo (in Priesterkleidung). Die Vorigen. Alonzo. Mein König! ich sehe dich wieder! Atal. Alonzo! bist du es? Alonzo. Wo ist mein Weib? Atal. Willkommene Erscheinung. Alonzo. Wo ist mein Weib? Atal. Wie entkammst du? Alonzo. Mich rettete ein halbes Wunder. Atal. Rede. Alonzo. Wer, als Rolla konnte der Freundschaft hoher Glut dies Opfer bringen? Wer, als Rolla, konnte, in dies Gewand gehüllt, bis in meinen Kerker dringen? Er war es, der meine Fesseln zerbrach, um sich selbst darein zu schmieden. Atal. Rolla in der Gewalt des Feindes? Ach du schlägst mir eine neue Wunde! Alonzo (sein Gewand abwerfend) . Gib mir ein Schwert und fünfhundert entschlossene Männer, ich gehe ihn zu retten. Atal. Soll ich in dir meine letzte Stütze wagen? Alonzo. Der Feind ist muthlos, das Lager an der rechten Seite schwach befestigt, durch Grausamkeiten hat Pizarro sich verhaßt gemacht, die Soldaten murren; laß ihnen keine Zeit, sich zu besinnen. Noch ein Sieg, und wir jagen sie in's Meer, daß die Wellen unsere Noth und ihre Raubgier verschlingen. Atal. Komm, ich will selbst ihr Lager beschleichen, will sehen, wie und wo ein Angriff möglich ist. Alonzo. Setze der Gefahr dich minder aus. Du bist König – Atal. Wo den Kindern Gefahr droht, da geht der Vater selbst. Alonzo. So laß mich nun vorher mein gutes Weib umarmen. Atal. (verlegen) . Dein Weib? Alonzo. Gewiß hat Cora viel gelitten. Atal. Deß bin ich Zeuge. Alonzo. Ein Augenblick, und ich bin wieder bei dir. Atal. Wo willst du sie suchen? Alonzo (erschrocken) . Ist sie nicht hier? Atal. Ihre Angst trieb sie fort. Alonzo. Wohin? Atal. Weiß ich es? vielleicht in die Gebirge zu ihrem Vater – Alonzo. Gott! welch ein Schauder läuft durch meine Glieder! Höfling. Auf dem Schlachtfelde hat man sie geseh'n, deinen Namen rief sie bis es dunkel wurde. Alonzo. Und dann? Höfling. Dann verlor sie sich im Walde. Alonzo. Im Walde? der von Feinden wimmelt! Cora! Cora! (Er will fort.) Atal. Alonzo! wohin? Alonzo. Wohin mich Angst, Verzweiflung treiben! – Guter Ynca! du bist in Sicherheit, der überwundene Feind darf keinen Angriff wagen. Du, Beschützer jedes Rechts! ehre das Recht der Natur! mein Weib, mein Kind, mein Alles ist verloren! entlaß den Feldherrn seiner Pflicht, daß der Gatte die verirrte Gattin suche! Atal. Ich fühle deinen Schmerz. Geh'! doch vergiß unsern Rolla nicht! Alonzo. Cora! Rolla! welch ein guter Engel leitete meine ungewissen Schritte! (Er geht ab.) Atal. (zu dem Höfling) . Leih' mir einen Augenblick dein Schwert. (Der Höfling überreicht ihm sein Schwert. Ataliba versucht es zu schwingen, muß aber den Arm bald sinken lassen.) Es geht noch nicht. – Armer König! – Was vermag des Hauptes Klügeln und des Herzens Muth, wenn die Glieder widerspenstig sind? (Er entfernt sich.) Fünfter Act. (Ein dichter Wald. Im Hintergrunde zwischen den Bäumen versteckt sich eine Hütte, von Zweigen geflochten. Es blitzt und donnert.) Erste Scene. Cora (mit ihrem Kinde auf dem Arm, athemlos keuchend, das Haar flattert wild um ihren Nacken). Ich kann nicht mehr! – die Natur ist schwächer als die Liebe – mein Herz will fort – aber ich kann nicht mehr! – Du schlummerst, Kleiner? Ach! dein Vater schläft! – Du wirst erwachen, mein Alonzo nie! – Warum bin ich Mutter? – Warum kettet dieses Kind mich an das Leben? – Ich bin so elend, daß ich nicht einmal sterben darf! – Wo bin ich? – wohin trieb mich die Angst? Blitze erleuchten den dunkeln Wald, aber kein Fußpfad zeigt sich mir. Der Donner rollt in den Gebirgen, er übertönt meine schwache Stimme! – Ich kann nicht weiter – meine Füße tragen mich nicht mehr. – (Sie sinkt unter einen Baum.) Holder Knabe! du lächelst sorglos. Zischt, ihr Blitze! – brüllt, ihr Donner! die Unschuld ist im Mutterarm entschlummert. – Hier will ich dir ein Bett von Moos und Blättern bereiten – mit meinem Schleier will ich dich bedecken, und dann an deiner Seite sterben! – (Sie hat dem Knaben neben sich ein Lager zubereitet, ihren Schleier abgerissen und ihn darein gewickelt.) So lieg' und schlumm're, und möchtest du nie erwachen, um in der entseelten Brust deiner armen Mutter vergebens Nahrung zu suchen. – Wie ist mir – meine Sinne umzieht ein Nebel – jedes Glied ohnmächtig – jede Muskel abgespannt – ist das der Tod? – (Sie lehnt ihr Haupt kraftlos an den Baum.) Alonzos Stimme (in einer weiten Entfernung) . Cora! Cora (erschrickt) . Was ist das? Alonzos Stimme. Cora! Cora. Es ist der Widerhall des Donners in den Gebirgen. Alonzos Stimme. Cora! Cora. Horch! die Geister rufen. Alonzos Stimme. Cora! Cora (sich aufraffend) . Betrüge mich nicht, mein Herz! es ist Alonzos Stimme. Alonzo (noch immer in der Tiefe des Waldes) . Cora! Cora (sich einige Schritte von ihrem Kinde entfernend) . Alonzo! wo? Alonzo. Cora! Cora (noch einige Schritte der Stimme folgend) . Es ist seine Stimme! Alonzo! Alonzo. Cora! Cora (immer weiter gehend) . Alonzo! – ha! welche neue Kraft belebt mich! Alonzo (ein wenig näher) . Cora! wo bist du? Cora. Hier! hier! (Sie verschwindet hinter den Bäumen.) Man hört Coras und Alonzos Stimme noch eine Zeitlang in der Ferne wechselweise rufen. Sie nähern sich einander, und ein Ausruf des Entzückens, den man schwach vernimmt, läßt endlich errathen, daß sie sich gefunden haben.) Zweite Scene. Zwei spanische Soldaten (betrunken). Der Eine. Bruder, wo führst du mich hin? Der Andere. Wohin du willst, Bruder. Erster. Weißt du wohl, daß wir uns verirrt haben? Anderer. Verlaß dich auf mich. Wenn wir die Sonne linker Hand lassen – Erster. Ja die Sonne, siehst du sie denn? Anderer. Begreifst du nicht, Dummkopf, daß wir sie nicht sehen können, weil ein Donnerwetter davor steht? Erster. Also wenn wir den Blitz linker Hand lassen – Anderer. Richtig. Wir sind nicht weit vom Lager, ich hörte die Feldposten Cora rufen. Erster. Muß wohl das Feldgeschrei sein. Anderer. Nun so komm fort. (Sie stolpern beide fort, und stoßen auf das Kind.) Erster. He da! Bruder! was ist das? Anderer (hebt den Schleier auf) . Das? das ist ein Kind. Erster. Wie kommt das Kind hieher? Anderer. Laß uns das überlegen. Erster. Ei was geht es uns an! laß es liegen, es ist ein Heidenkind. Anderer. Es schläft so süß. Ich habe auch einen zu Hause, ist gerade so alt wie der. Was meinst du Bruder, ich will ihn mitnehmen. Erster. So pack' ihn auf, aber laß mich ungeschoren, wenn er dir zu schwer wird. Anderer (den Knaben in seine Arme fassend) . Das kleine Ding ist federleicht. Erster. Dort hinter dem Busche wird es heller. Anderer. Geh' nur voran. (Sie entfernen sich.) Coras Stimme (von der andern Seite) . Hieher, Alonzo, hier ließ ich ihn. Zweiter Soldat (hinter der Scene) . Laß mir die Zweige nicht so ins Gesicht schlagen. Coras Stimme (näher) . Mein Herz führt mich nicht irre, wir sind gleich da. Soldat (mehr in der Entfernung) . Linker Hand hinab seh' ich das Lager schimmern. Dritte Scene. Cora und Alonzo. Cora. Hier ist der Platz, und unter jenem Baume (sie läuft auf den Baum zu, findet den ledigen Schleier, und sinkt mit einem Schrei ohnmächtig zu Boden) . Alonzo (ihr nachstürzend) . Cora! was ist dir? Cora (sich aufrichtend) . Er ist fort. Alonzo (erschüttert wie Cora) . Ewiger Gott! Cora (kreischend) . Er ist fort. Alonzo. Laß uns suchen. Cora. Mein Sohn! Alonzo. Wo lag er? Cora (stürzt auf die Stelle) . Hier. Alonzo. Er wird erwacht und einige Schritte weiter gekrochen sein. Cora (rafft sich auf, und sucht in den Gesträuchen umher) . Nirgends! ach! nirgends. Alonzo. Sei ruhig, er wird sich finden. Cora . Fernando! Fernando! Alonzo. Er kann nicht weit sein. Cora (als sie vergebens umher gesucht) . Ach! er ist fort! Alonzo. Kennst du auch gewiß die Stelle wieder? Cora. Lag nicht der Schleier hier? (In Verzweiflung) Ein wildes Thier hat ihn zerrissen. Alonzo. Denke nicht das Aergste. Cora. Ich denke nichts! ich sehe mein blutiges Kind. Alonzo. Um Gotteswillen – Cora. Es ist kein Gott! Alonzo. Cora! welch' ein gräßliches Wort! Cora. Was hab' ich gethan, daß er diesen Jammer über mich häuft! Alonzo. Cora, theu're Gattin! komm in meine Arme! Cora (den Blick gen Himmel) . Mein Kind oder den Tod! Alonzo. Sieh dort zwischen den Bäumen ist eine Hütte. Cora. Ha! dort wohnt der Räuber meines Kindes! (Sie eilt auf die Hütte zu.) Alonzo (ihr nach) . Cora! hüte dich! wenn Spanier dort wohnen – Cora. Und wenn es eine Herberge der bösen Geister wäre! Holla! holla! Alonzo. Laß mich voran geh'n. Cora. Holla! holla! Vierte Scene. Las Casas . Die Vorigen. Las Cas. Wer klopft? Cora. Gib mir mein Kind zurück! Las Cas. Junges Weib, was willst du? Alonzo. Gott, was seh' ich! Las Casas! Las Cas. Alonzo, ich seh' dich wieder! (Sie sinken sich in die Arme.) Alonzo. Mein Lehrer! Las Cas. Mein Freund! Cora. Wo hast du mein Kind verborgen? Las Cas. Was ist das? Alonzo. Ach! in welchem Augenblicke finden wir uns wieder! Cora. Guter Greis! du scheinst menschliches Gefühl zu besitzen; erbarme dich einer armen Mutter! Las Cas. Ich verstehe dich nicht. Cora (sich zu seinen Füßen windend) . Ich will dir bis an meinen Tod als Magd dienen, mein Sohn soll dein Sklave sein. Las Cas. Ist sie wahnsinnig? Alonzo. Sie ist mein Weib, wir verloren unser Kind. Las Cas. Wo? Alonzo. Unter jenem Baume verließ sie es schlummernd. Las Gas. Sie verließ es? Cora (sich wild aufraffend) . Du hast Recht, ich bin eine Rabenmutter! ich habe mein Kind verlassen! die Strafe der Götter folgt mir nach. Las Cas. Ach! daß ich Trost für dich hätte! Alonzo. Hilf mir diesen Jammer tragen. Cora (sinnlos) . Seht die bunte Schlange, wie sie sich um den Leib des Knaben windet – jetzt zischt der giftige Wurm – jetzt fährt der Stachel in sein Herz. Alonzo. Geliebte Cora! besinne dich! Cora. Da flattert der grausame Vogel Cuntur hoch in der Luft, schießt herab auf die Beute, umkrallt das wehrlose Huhn – dort lauert ein blutdürstiger Tiger – ein Sprung hinter dem Gesträuche hervor – jetzt rieselt das Blut – (Sie wirft sich zu Boden) Hilfe! Hilfe! Alonzo (zu ihr kniend) . Mein Weib! mein Sohn! Las Cas. Bis in diese Einöde verfolgen mich die Bilder des Jammers! Alonzo. Gib uns Trost. Las Casas! du mein Lehrer! mein Wohlthäter! verlaß uns nicht in dieser schrecklichen Stunde! Las Cas. Ich bleibe bei dir. Doch wir sind dem Lager der Spanier sehr nahe. Flieh' zu den Deinigen, ich begleite dich. Alonzo. Wie sollen wir das ohnmächtige Geschöpf fortbringen? Las Cas. Versuche sie aufzurichten. Alonzo. Komm, liebe Cora, laß uns gehen. Cora. Gehen? wohin? Alonzo. Zurück zu den Unsrigen. Cora. Ich diese Stelle verlassen! diese Stelle, wo mein Kind starb? Alonzo. Der Feind ist uns so nahe. Cora. Grausamer! soll ich nicht einmal die Knochen meines Kindes sammeln? Alonzo. Dein Vater und Bruder sind im Lager angekommen. Cora. Ich habe weder Vater noch Bruder! ich hatte nur Ein Kind! Alonzo. Wir wollen es suchen. Cora (schnell aufspringend) . Suchen! suchen! wo! wo! Alonzo. Dieser Greis wird uns helfen! Cora. Hilf uns, guter Greis! hilf uns suchen! Las Cas. Gern, liebe Cora, sei nur ruhig. Cora. Hast du auch Kinder? Las Cas. Nein. Cora. So verzeih' ich dir diese Zumuthung. Gib mir mein Kind wieder, und lerne dann die Ruhe einer Mutter kennen! (Sie stürzt ab.) Las Cas. (ihr nacheilend). . Suche sie mehr rechter Hand zu leiten. Alonzo. Du warst mir die Erscheinung eines Engels! Fünfte Scene. (Aeußerste Grenze des Lagers.) Rolla wird gebunden von einigen Soldaten herbeigeschleppt. Ein Soldat. Hieher, Götzendiener. Rolla. Pizarro hat mich freigelassen. Soldat. Davon wissen wir nichts. Bei uns kömmt kein Heide mit dem Leben davon, vielweniger mit der Freiheit. Fort, zum Zelte des Feldherrn! Der and. Soldat. Still, Bruder! der Feldherr kommt. Piz. (tritt auf) . Was ist das? seh' ich recht? Rolla? Rolla (höhnisch) . Freilich zum Erstaunen. Piz. Und gebunden? Rolla. So fest, daß du ganz ruhig sein darfst. Piz. Wer hat sich unterstanden, den Retter meines Lebens so zu mißhandeln? Soldat. Dieser Mann bekennt, daß er Heerführer unter seinem Volke ist; er wollte durch die Vorposten schleichen. Rolla (verächtlich) . Schleichen? Soldat. Wir hielten ihn an, und Almagro befahl ihn zu fesseln. Piz. Du hörst, daß ich unschuldig bin. Man bind' ihn los! (Es geschieht.) Es demüthigt mich, einen Helden, wie Rolla, unbewaffnet zu sehen. (Ueberreicht ihm ein Schwert) . Lerne die Spanier besser kennen. Sie wissen Feindes Edelmuth zu würdigen. Rolla (das Schwert nehmend) . Und die Peruaner wissen Beleidigungen zu vergessen. Ich verzeihe dir. Piz. Nun vergib, wenn ich nicht ernstlich auf meine Leute zürnen kann, weil ich diesem Zufall das Glück verdanke, dich noch einmal zu sehen. Rolla. Schon genug der glatten Worte. Laß mich gehen. Piz. Nach deinem Gefallen. Doch gönne mir die süße Hoffnung, daß dieser Zufall uns vielleicht einander näher bringen wird. Rolla und Pizarro sind nicht geschaffen, um ewig Feinde zu bleiben. Rolla. Ich verspreche dir Freundschaft – sobald das Meer zwischen uns liegt. Piz. Wie, wenn ein gemeinschaftlicher Zweck uns verbände? Du wurdest vorher unwillig, als ich von meinen Hoffnungen auf den Thron von Quito sprach. Ich entsage ihnen. Unterwerft euch dem spanischen Zepter, huldigt dem christlichen Glauben, und Fried' ist zwischen mir und euch. Rolla. Sehr großmüthig. Piz. An Pizarros Freundschaft hängt der Schutz eines mächtigen Monarchen und dieser Pizarro bietet dir selbst die Hand. Rolla. Rolla ist kein Verräther. Piz. Du wendest auf ein Mal allen Jammer von deinem Vaterlande. Rolla. Ich bin dem Vaterlande mein Leben, nicht meine Ehre schuldig. Piz. Du raubst einem schwachen König einen Platz, der ihm nicht gebührt. Rolla. Attaliba schwach? – Doch wäre es auch! Ein König, der sein Reich beglückt, ist stark durch die Liebe seines Volkes. Piz. Rathe dir selbst. Rolla. Mein Gewissen hat vorlängst entschieden. Piz. Bedenke, daß verschmähte Freundschaft heftig, wie verschmähte Liebe wüthet. Rolla. Ha! da hab' ich dich schon längst erwartet. Warum quälst du dich selbst? wirf die Larve ab. Piz. (seinen Grimm verbeißend) . Rolla, verkenne mich nicht. Rolla. Darf ich gehen? Piz. (nach einigem Kampfe) . Geh'! Rolla. Wird nichts mich aufhalten? Piz. Wenn nicht die Reue dich zurückbringt. Rolla. Dank den Göttern! Rolla hat noch nie etwas bereuet. Sechste Scene. Die beiden Soldaten (mit dem Kinde). Der eine Soldat. Herr, wir haben ein Kind gefunden. Piz. Was soll mir das? packt euch fort! D. Soldat. Nicht fern vom Lager im Gesträuche. Piz. So werft es in den ersten besten Graben. Rolla. Götter! es ist Alonzos Kind! Piz. (stutzend) . Was? Rolla (zu den Soldaten.) Gebt her! Piz. (dazwischen tretend) . Nicht so rasch! – Alonzos Kind, sagst du? vortrefflich! willkommen, kleine Puppe! du sollst mir als Geißel bürgen für deines Vaters Thorheiten. Rolla. Führt Pizarro Krieg mit kleinen Kindern? Piz. Das verstehst du nicht. Ich habe mit Alonzo noch eine alte Schuld abzuthun. Ich könnte diesem Kinde einen Dolch in die Brust stoßen, und hätte bezahlt – aber nur bezahlt – und Alonzo bliebe mir nichts schuldig. Rolla. Du hast Recht, ich verstehe dich nicht. Piz. Denke dir den kleinen runden Kopf auf der Spitze einer Lanze, und den Helden Alonzo, wie er eben mit gezücktem Schwert in den Feind bricht; wie er gleich einem reißenden Strome sich fortwälzt, den nichts aufzuhalten vermag als – ein Kinderkopf. Hu! da steht er versteinert, und läßt das Schwert sinken, und schaut gräßlich nach dem blutigen Panier, von welchem noch die Tropfen an der Lanze herunter rieseln. Ha! ha! ha! Rolla. Mann! du bist ein Mensch? Piz. Wenn er dann nach Hause kömmt zu der harrenden Mutter, die den Schwanenarm um seinen Nacken schlingt, und mit ihrem seid'nen Haar die Blutstropfen ihm von der Achsel wischt – nicht so hastig, schöne Dirne! du meinst, es sei Feindes Blut? – Ha! ha! ha! nein, es ist das Blut deines Kindes! Rolla. Sieh, wie der Knabe lächelt. Könntest du diese lächelnde Unschuld ermorden? Piz. Könntest du einer Taube den Hals umdreh'n? Rolla. Willst du Lösegeld? ich sende dir Silber, zehn Mal so viel als der Knabe wiegt. Piz. Laß ihm eine Bildsäule davon gießen, und setze sie auf sein Grab. Rolla. Pizarro, du verdankest nur dein Leben, schenke mir dafür das Leben des Kindes. Piz. Willst du mich durch eine so geringe Forderung demüthigen? Rolla. Sende das Kind zurück, ich bin dein Gefangener. Piz. Du bist frei. Rolla. Mensch! es ist nicht möglich, daß die Natur dich so ganz verwahrlost habe, es muß doch irgendwo in deinem Herzen noch ein menschliches Gefühl verborgen sein. Sieh mich zu deinen Füßen! mich, den Retter deines Lebens! mich, deinen Sklaven, wenn du mir das Kind auslieferst. Piz. (ohne auf ihn zu achten) . Das Kind bleibt hier. Rolla. (wüthend) . Pizarro! höre mich! Piz. Ihr Spaniens Vasallen – oder dies Kind mein Gefangener. Rolla. (aufspringend) . Nun dann! (Er entreißt dem Soldaten das Kind, umklammert es mit dem linken Arm, und zieht mit seiner Rechten das Schwert.) Dies Kind ist mein! Ich erhielt dies Schwert nicht umsonst. Wer mir folgt, ist des Todes. (Eilt ab.) Piz. Rasender! Tollkühner! – Eilt ihm nach. Bringt ihn, wo möglich, lebendig zurück. (Die Soldaten eilen nach.) Welcher Teufel beseelt diesen Menschen! Warum gab ich ihm ein Schwert! (Sieht hin.) Wie der Rasende sich vertheidigt – Er entfernt sich immer weiter – Bei Gott! er entkömmt ihnen. Fort, nach! man soll nicht weiter ihn schonen. Haut ihn nieder! (Andere Soldaten eilen nach.) Der Hügel verbirgt ihn meinem Auge – Gib nicht mir die Schuld deines Todes, Rasender! Gern hätt' ich dich erhalten; dir großmüthig meine Schuld abgetragen. (Man hört einige Schüsse fallen.) – Fahre hin! Du warst eines edler'n Todes werth.– Nun? Ein Soldat. Beruhige Dich, Herr, der Heide wird nicht weit laufen. Ich sah ihn stürzen. Die Kugel traf ihn, glaub' ich, in die rechte Seite. Piz. Gern hätt' ich ihn lebendig wieder gehabt. Der Uebermüthige! hier im Lager mir Trotz zu bieten? Soldat. Dein Befehl, ihn zu schonen, hat vier meiner Kameraden das Leben gekostet. Ein anderer Soldat (tritt auf) . Er hat sich durchgeschlagen, und die feindlichen Vorposten glücklich erreicht. Piz. (mit dem Fuße stampfend) . Verdammt! Soldat. Aber dem Tode wird er nicht entlaufen, er war schwer verwundet. Piz. Und doch durchgeschlagen! Soldat. Herr, nie habe ich so kämpfen sehen. Uns're Ammenmährchen von mohrischen Rittern sind Spielwerk dagegen. Viere von uns fielen durch sein Schwert, die ihn lebendig sahen wollten. Ein Schuß stürzte ihn dann zu Boden, aber eben so schnell raffte er sich wieder auf, lehnte sich an einen Baum, legte das Kind neben sich, und hieb um sich wie der Engel mit dem Flammenschwert, bis wieder zwei von uns in's Gras gestreckt lagen, und drei and're nach ihren Feuerröhren griffen; da stürzte er wie ein Pfeil mit dem kreischenden Kinde davon, und wo er gestanden hatte, war die Erde blutig, und der Baum, an den er sich lehnte, und die Straße, die er lief, alles mit Blut bezeichnet. Die Wachen sandten ihm ihre Kugeln nach, aber er verschwand hinter dem Hügel. Piz. Warum warft ihr euch nicht auf die Pferde? Soldat. Sie grasen hinter dem Lager. Piz. Ha! verdammter Heide! und doch kann ich ihm meine Bewunderung nicht versagen. Gebt mir tausend solche Männer, und ich erobere die Welt. (Er stürzt ab.) Siebente Scene. (Ein freier Platz, der an das Lager der Peruaner stößt.) Ataliba (mit verschränkten Armen, das Haupt auf die Brust gesenkt, tritt Gedankenvoll auf) . Der Feind hält sich ruhig – mein Heer schlummert – das Gewitter zog vorüber – kein Lüftchen säuselt in den Wipfeln der Bäume – rings umher tiefe Stille – überall Ruhe – nur hier nicht! (Auf sein Herz deutend.) Warum nur hier nicht! Soll ich es sein, den das Bild der Erschlagenen verfolgt? – Muß ich es sein, den das Röcheln der Sterbenden quält? – Zog ich nicht das Schwert für Gott und Vaterland? – Achte Scene. Cora (wahnsinnig auf die Bühne stürzend). Wo führt ihr mich hin! – Wo ist das Grab meines Kindes! – (Den König erblickend.) Ha! du! Sohn der Sonne! Gib mir mein Kind zurück! Atal. Cora! wo kommst du her? Cora. Aus dem Grabe meines Sohnes – tief unter der Erde – da ist es kalt und feucht – Hu! mich friert! – Atal. Welche Schreckensgestalt! Alonzo und Las Casas (Cora nacheilend) . Alonzo. Unglückliche! wohin treibt dich dein Jammer! Cora. Still, Alonzo, wir sind am Ziele. Hier steht der Sohn der Götter, die Sonne ist sein Vater, ihm kostet es nur ein Wort, und das Grab gibt seine Beute zurück. (Sie umklammert Atalibas Knie.) O mein König! sprich es aus, dies kräftige Wort! erbarme dich der mütterlichen Angst! Atal. Götter! was ist das? Alonzo. Sie verlor ihr Kind. Atal. Arme Mutter! ich kann dir nicht helfen! ach! ich bin nur ein König! Cora. Du kannst nicht? wer kann mir denn helfen? – wem haben die Götter unser Leben anvertraut? – warst du es nicht, der die Peruaner in die Schlacht führte? hat mein Alonzo nicht für dich gefochten? – Versagst du mir den einzigen Lohn seiner Thaten, das Leben eines Kindes, das einst auch für dich fechten sollte? Atal. Zermalmt mich, ihr Götter, ich halte dem Schicksal still! (aufspringend) . Tirann! den mein angstvolles Winseln nicht rührt! ist deinem Ehrgeiz noch nicht Blut genug geflossen? Sieh! an jedem deiner Diamanten hängt ein Blutstropfen! Mußtest du auch noch Kinder von der Mutterbrust reißen, und den wilden Thieren vorschleudern? Ha! was kümmert mich dein Diadem! was kümmert eine Mutter der Thron von Quito! Herbei ihr Mütter, die der Sieg kinderlos machte! helft mir fluchen, daß unser Jammer zugleich mit dem Jauchzen dieses Barbaren gen Himmel steige! und wenn ihn dort der Schmerz nur Einer unglücklichen Mutter ewig quält, so ist er gestraft genug! (Sie sinkt erschöpft zu Boden.) Alonzo (sie in seine Arme fassend, zu Ataliba) , Verzeih' dem Wahnsinn einer Mutter. Atal. (sich eine Thräne aus dem Auge wischend) . Ach! der Thron hat keinen Ersatz für eine solche Thräne! Cora (lächelnd) . Alonzo, meine Brust schmerzt, reiche mir das Kind, daß es sauge. (Erschöpft.) Du bist grausam, Alonzo – du siehst, daß ich sterbe – und willst nicht, daß die Mutter sich noch ein Mal am Lächeln ihres Kindes ergötze. Alonzo. Ach, diese Klage ist schrecklicher als ihre Wuth! wüthe, arme Mutter! du hast kein Kind mehr! Cora (zurücksinkend) . Arme Mutter! du hast kein Kind mehr! Neunte Scene. Ein Peruaner . Rolla (gleich nachher). Der Peruaner. Rolla kömmt! Atal. und Alonzo. Rolla! Rolla (wankt auf die Bühne, mit Todtenblässe bedeckt, in seiner Rechten das blutige Schwert, in seinem linken Arm das Kind) . Atal. Gott! was ist das! (Alle schaudern.) Rolla (schwer verwundet, sinkt einige Mal in die Knie, ehe er sich der ohnmächtigen Cora nähern kann. Er ruft mit schwacher Stimme) . Cora! – dein Kind! – Cora (erwacht. Der Anblick ihres Kindes gibt ihr neue Kraft. Sie streckt die Arme darnach aus) . Mein Kind! – mit Blut befleckt – Rolla. Es ist mein Blut. (Er reicht ihr das Kind hin.) Cora (schließt es in ihre Arme) . Mein Kind! – Rolla! – Rolla. Ich liebte dich – du thatest mir Unrecht – ich kann nicht mehr! – (Er sinkt nieder.) Alonzo (sich auf ihn werfend) . Rolla! du stirbst! Rolla. Für Cora – (Er stirbt.) Cora (schmerzhaft auf die Leiche herabblickend) . O! wer hat geliebt wie dieser Mann! – Knabe! du bist theuer erkauft! Alonzo. Las Casas! hilf mir an Gott glauben. Las Casas. Seine Wege sind dunkel! Bete an und dulde. (Der Vorhang fällt.)