Karl Kraus In dieser großen Zeit Aufsätze 1914 – 1925 Am Sarg Alexander Girardis trete die Trauer zurück und lasse den Wunsch die Wache halten: der erbarmende Genius der Vergangenheit möge die unbefugten Leidtragenden verjagen, dorthin, wo sie in Blut und Schmutz Freudenfeste feiern, dorthin, wo der unerbittliche Zeitgeist sie treffen will und sie ihn. Die unbefugten Leidtragenden, die nur der letzte Verzicht auf ein Schamgefühl ermutigen kann, um Girardi zu klagen, sind die Henkersknechte eines Lebens, das sie gezwungen haben, sein eigenes Grab zu schaufeln. Die unbefugten Leidtragenden, die tieftrauernd von aller Scham Verlassenen, sind aber auch die Bewohner einer Theaterstadt, die ihrem Ruin als Zuschauerin bis zum Schluß beiwohnt, sind die Verräter eines Volkstums, die ihr Gewand verkauft haben, um in die Hölle zu fahren; ihre Heiligtümer in Aktiengesellschaften verwandelt sahen, ihre Wahrzeichen umgelogen, und nun in den Weltuntergang als Tanzoperette mit Berliner Text und Budapester Melodie hineinrennen. Nicht der Hingang, sondern das Dasein dieses einzigen Girardi war beweinenswert. Denn wenn alles Menschentum der Kulisse nur ein Wertmaß der Zeit ist und einem unholden Gegenwärtigen nur ein Widerwärtiges gemäß sein kann, das die noch lebendigen Sinne fliehen mögen, so waren sie vor Girardis Ton rettungslos einer unerfüllbaren Sehnsucht preisgegeben; denn dieses Bühnenleben war das Maß des Unermeßlichen, das uns verloren ist. Da stand durch drei Jahrzehnte ein Gast der Zeit in ihrem unsäglichen Ensemble, und es war von tragischer Wirkung, wie die Natur zur letzten Aussprache mit einer Entmenschtheit kam, die eben noch Nerven hat, sich kinematographisch zu erleben. Doch ihrer Schmach unbewußt, treibt diese Zeitgenossenschaft auch Firlefanz mit den Reliquien, stellt sie in einem Etablissement aus, das außen von Marmor ist und innen ohne Geist, und geriet also auf den kindischen Einfall, einem Girardi das Burgtheater zu eröffnen, anstatt es ihm zu Ehren zuzusperren. Aber er wußte nicht, wie ihm geschah, und er ging dahin, ohne zu merken, daß sie ihm ein Bein abgenommen hatten. Wir aber sollen es merken. Nichts bleibt zu tun, als es zu wissen. Und da Girardi hinging, ist erst wahr geworden, was ich damals, gerade vor zehn Jahren, gewußt habe, als er aus Ekel an einem berlinisierten Wien nach Berlin ging. Ich hab's ihm nachgerufen – und uns, dem Volk, das seine Selbstbestimmung in der Hingabe an sein Verhängnis betätigt. Ich fragte, ob es denn der Donau nicht nahegehe, daß sie jetzt über Passau nach Berlin fließt und in die Nordsee mündet; und meinte, daß die Wiener Kultur tot sein müsse, wenn ihr das Herz herausgeschnitten wurde und sie dennoch weiterleben kann. Die Weltausstellungsreife der Wiener Eigenart, schrieb ich, das ethnologische Interesse, das man jetzt an uns nimmt, die Zärtlichkeit der Berliner für uns – dies alles ist fast so tragisch wie unsere Unempfindlichkeit gegen solches Schicksal. »Wir freuen uns, wie sie Stück für Stück von uns ausprobieren und immer mehr Geschmack an unsern Spezialitäten haben und so lange an allem, was wir haben, teilnehmen, bis sie uns eines Tages ganz haben werden. Sie setzen den Wiener auf ihren Schoß, schaukeln ihn und versichern ihm, daß er nicht untergeht; das macht beiden Teilen Spaß und ist ein Zeitvertreib, der über den langweiligen Ernst eines Fäulnisprozesses hinüberhilft. Wir sind auf unsere Tradition stolz gewesen, aber wir waren nicht imstande, die Spesen ihrer Erhaltung aufzubringen. Unsere Gegenwart war tot, unsere Zukunft ungewiß, aber unsere Vergangenheit war uns geblieben. Sollten wir auch die verkommen lassen? Da war es doch klüger, sie einem Volke in Kommission zu geben, das eine hinreichend starke Gegenwart hat, um sich auch noch den Luxus einer fremden Vergangenheit leisten zu können ... Bis die Hypertrophie der technischen Entwicklung, der die Gehirne nicht gewachsen sind, zum allgemeinen Krach führt, ist es das Schicksal der von Müttern gebornen, rindfleischessenden Völker, von den maschinengebornen und maschinell genährten Völkern verschlungen zu werden.« 1908 war's, als ich es schrieb. Der Zeitenschauer, der uns anpackt, wenn wir jetzt mit einem Fuß noch auf dem Franziskanerplatz stehen und mit dem andern schon vor dem Haus, in dem das Kaiser-Wilhelm-Kaffee etabliert ist, erstarrt zu der ohnmächtigen Erkenntnis, daß der Fortschritt dieses Haus bejaht und die Bombe jenen Platz zerstören würde. Und fern bleiben wir der Trauer, wenn die Zeit nicht nur die Macht hat, den Wert zu morden, sondern auch den Mut, ihn zu beklagen! An den Polizeipräsidenten »Ein angesehener Wiener Arzt schreibt uns: Gestatten Sie mir, anschließend an Ihre Notiz vom 4. d., von einem zweiten Opfer der Keuschheitskommission zu berichten. Eine Beamtin wird in einem Hotel aufgegriffen, ihr Begleiter erklärt, sie sei seine Braut. Das Mädchen gibt das – weltbekannte – Bureau an, in dem sie beschäftigt ist. Zur Feststellung dieser Angaben werden die beiden Beteiligten nicht etwa vorgeladen, sondern unter Mitteilung der Sachlage wird telephonisch in dem Bureau angefragt. Das Mädchen wird daraufhin, allerdings mit einer anständigen Abfertigung, sofort entlassen. Im alten Österreich hat gelegentlich ein Richter das Verhältnis zweier lediger Personen in offener Gerichtsverhandlung als nicht unsittlich erklärt. Es ist gestattet, daß untergeordnete Amtsorgane Existenzen vernichten in der Republik, die ungleich schwerere Verbrechen durch das Gesetz der bedingten Verurteilung schützt? Sie war die erste nicht; diese hatte sich bei einem Sprung aus dem Fenster das Bein gebrochen. Nun möchte ich an den Polizeipräsidenten Schober, auf dessen Gewissen ehedem ein Sachverhalt mit der Kraft einer Mahnung gewirkt hat, die Frage richten, ob er und der Autor von »Sittlichkeit und Kriminalität« die Verwandlung des verhaßtesten Polizeistaats in eine Republik erlebt haben sollen, um derartige Niederträchtigkeiten schweigend hinzunehmen. Ob er nicht unserm Ekel an einem Staatsleben der Mißgriffe, Zufälle und plumpsten Sensationen wenigstens diese Nahrung entziehen möchte und meine Formel, daß sich die Sittenpolizei der Einmengung durch eine Amtshandlung schuldig macht, endlich außer Geltung setzen will. Ob er seinen Organen die Auffassung abgewöhnen wird, daß das Wesen einer Republik zwar die Befreiung der Pornographie, aber die Knebelung des Privatlebens und die Besudlung der Menschenwürde erfordert. Ob er dafür sorgen will, daß Infamien, wie sie hier begangen wurden, nicht nur in Zukunft ausgeschlossen sind, sondern auch für die Vergangenheit gutgemacht werden, indem die Täter zur Verantwortung gezogen werden und das Amt, das sie angestiftet hat, Abbitte leistet, den Betroffenen und der Öffentlichkeit, und, soweit es noch möglich ist, Schadenersatz gewährt. Ob er seine Leute dahin instruieren wird, daß in Privatangelegenheiten weder »aufgegriffen«, noch angefragt, noch auch vorgeladen zu werden hat und daß künftig nicht wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs, sondern nur wegen frecher Einmischung entlassen werde. Schließlich, ob er, wenn wir schon dem größeren Übel preisgegeben bleiben sollen, dem unüberbietbaren Grauen dieses Freudentumults einer todgeweihten Stadt und der Schmach, daß ein erbarmungsloser Luxuspöbel das Ausland über unsere Not betrüge, nicht wenigstens Vorkehrungen treffen will, daß die republikanische Polizei von jetzt an statt der Mädchen mehr die schwarzgelben Legitimisten beaufsichtigt und aufgreift, die in der »Staatswehr« jede Woche gemustert, ernannt, geadelt und »für besondere Verwendung bestimmt« werden: und zwar mit besonderem Interesse dafür, worin diese Verwendung bestehen mag, weil nämlich das Ärgste, was man heutzutag kriegen kann, nicht die Syphilis ist – der man ja doch erst durch Untersuchung und Bestrafung der Männer abhelfen wird –, sondern die Habsburger, unter deren Regierung sie nebst den Künsten und Wissenschaften geblüht hat, durch deren Krieg sie zu ihrer vollen Glorie gelangt ist und deren Wiederkehr zu wünschen schon die Folgeerscheinung der Gehirnparalyse voraussetzt. 1921 Aus der Sudelküche Die Menschheit kann an jedem Tage und vor jeder Zeile sehen, daß sie verloren ist, wenn sie sich dem Journalismus ausliefert, und sie will doch nicht anders. Jedes Wort, das er spricht, ist Lüge, jeder Atemzug, den er tut, das todsichere Verderben. Die vollkommene Wurstigkeit, mit der er den Ereignissen gegenübersteht, wohl wissend, daß sie ohne ihn keine wären, drückt sich in der Aufschrift aus, die ein Berliner Blatt über ein Telegramm setzt: Mordanklage gegen Erzherzog Stephan Friedrich. Wie in Wiener politischen Kreisen verlautet, hat die Budapester Staatsanwaltschaft beschlossen, auf Grund der gepflogenen Erhebungen gegen Stephan Friedrich die Anklage wegen Anstiftung zur Ermordung des Grafen Tisza zu erheben. Friedrich war der erste bürgerliche Ministerpräsident nach der Beseitigung des Regimes Bela Kuns. Was der schwere, verantwortungsvolle Beruf, über den sie immer wieder seufzen, den sie aber doch niemand zwang statt jenes, den sie verfehlt haben, zu ergreifen, mit einem telegraphierten Sachverhalt anstellen kann, ist da mit einem Federzug bewiesen. Verbrecherische Irreführung und Störung ernster Männer in der Erfüllung schwerer Berufspflicht durch sie selbst. Man kann noch vom Glück sagen, daß es mit der Mordanklage gegen irgendeinen Erzherzog Stephan Friedrich nur deshalb nicht stimmt, weil sie leider nicht erhoben wird. Die Weltgeschichte läuft nun einmal so, doch sie verläuft ganz gewiß letal, solange man sich nicht zur Anklage gegen die eigentlichen Mörder aller Wahrheit, aller Vorstellung und eben darum auch allen Lebens entschließt. Nicht durch die parteipolitische Verpflichtung zur Lüge, zur täglichen Entstellung, zur Herabsetzung derselben Taten, die dem eigenen Schmutzbezirk zur Zierde gereichen – es wäre das geringere, leichter überblickbare Übel –, sondern durch prinzipielle Ehrlosigkeit sündigt diese Profession am geistigen und materiellen Wohl der Welt, und sie lebt sich und tobt sich in dem Mißverhältnis zwischen der völligen, durch kein Strafgesetz einzudämmenden Verantwortungslosigkeit inferiorer Charaktere und miserabler Intelligenzen und der Zaubermacht des gedruckten Wortes aus, in dem von sich selbst zuerkannten Verfügungsrecht, das die grauenhafte Eigentümlichkeit bewährt, den Benützer durch den Gebrauch noch niedriger zu machen und so das Mißverhältnis noch mehr zu steigern. Aber geschieht denn einer wollenden Menschheit, die nicht einmal ihr Untergang, das Fazit aus dem Kriegswerk dieser Tintenbuben, zur Änderung des Zustands bestimmen kann, die sich zur Zerschlagung von Thronen, aber nicht von Redaktionssesseln aufraffen konnte, Unrecht? Was der Journalismus vermag, erlebe ich, dessen geringfügige Welt doch weitab von seiner verderblichen Neugierde aufgerichtet ist, an den spärlichen Gelegenheiten, wo er sich herbeiläßt, meinen Namen oder meine Sache in die Fänge seines eklen Mechanismus zu zerren. Da kann man Gift drauf nehmen, daß eine Lüge herauskommt. Doch will ich ihm mit den dürftigen Mitteln, die das Gesetz gewährt, die Lust dazu nehmen, in seiner Überzeugung, daß ich nicht auf der Welt bin, nachzulassen. Was haben diese Zeitungen nicht über einen Prozeß zusammengelogen, den ich anzustrengen gezwungen war, weil eben in dieser unwahrscheinlichsten aller Sphären die Behauptung Platz finden konnte, von dem Ertrag der Grabrede für Peter Altenberg sei etwas in meine Tasche geflossen. Die Tollheit des Anwurfs, nur aus dem Wahnwitz einer alle Besinnung verkürzenden Profession erklärlich, wird natürlich von einer Berichterstattung begleitet, die die Erfindung für zuverlässiger hält als den Bericht. Einer dieser Schöpfer, der noch nie davon gehört hat, daß der Angeklagte die Wahrheit seiner Behauptung und nicht der Kläger deren Unwahrheit zu beweisen habe, meldet allen Ernstes, »bei der ersten Verhandlung« hätte ich, offenbar vom Gericht zur Rechenschaft gezogen, »den Beweis angetreten«, daß der Ertrag wohltätigen Zwecken zugeflossen sei. (Wenn dafür ein Angeklagter, was er muß um nicht verurteilt zu werden, Beweisanträge stellt, so heißt es, der Prozeß »hat eine interessante Wendung genommen«.) Es hilft nichts, als systematisch mit dem einzigen Strafparagraphen, vor dem diese Romantiker noch halbwegs Respekt haben, weil seine Übertretung leicht zu fassen ist und schweres Geld kostet, mit dem armseligen § 19 sie zu der Einsicht zu bringen, daß Totschweigen allerwegen noch am besten gegen mich schützt. Ist es etwa nicht sicherer, so zu tun, als erschiene die Fackel nicht, als zu behaupten, sie erscheine seit einer »Dekade«? Gerade wenn eine Wiener Zeitung nicht weiß, seit wann die Fackel erscheint, und eine Dekade, die sie doch zu spüren bekommen hat, ihr aberkennt, sollte man verlangen dürfen, daß sie sich über diesen Punkt ausschweige. Tut sie's nicht, so muß sie dafür das folgende tun: »Die Ichzeitung«. Wir erhalten nachstehende Zuschrift: An den verantwortlichen Redakteur der »Wiener Mittags-Zeitung« Wien, 1. Mit Berufung auf den § 19 des Preßgesetzes fordern wir Sie auf, die nachfolgende Berichtigung des in Nr. 9 der »Wiener Mittags-Zeitung« vom 13. Jänner 1921 erschienenen Artikels »Die Ichzeitung« in der dem Gesetz entsprechenden Weise aufzunehmen. Sie schreiben: »Vor über zwanzig Jahren erschien »Die Zukunft« Maximilian Hardens, vor über zehn Jahren »Die Fackel« Karl Kraus' in Wien. In jeder der letzten Dekaden hat ein in die Künstlerschaft hineingewachsener Publizist seinem Jahrgangsgeschlecht die große »lchzeitung« zu geben gesucht...« Es ist unwahr, daß »Die Fackel« Karl Kraus' »vor über zehn Jahren erschien«. Wahr ist vielmehr, daß »Die Fackel« Karl Kraus' am 1. April 1899, also vor mehr als einundzwanzig Jahren erschienen ist. Verlag »Die Fackel«. Der Fall ist nicht so ephemer, so »vor über«, wie er ausschaut. Es ist gar kein Zweifel, daß der Autor des Artikels, Müller (Robert), einer der dynamischesten Nichtskönner der neueren Literatur, einfach deshalb mit der Zeitgeschichte so verfuhr, weil er die »Dekade« gebraucht hat, um zur lebendigen Gegenwart des Herrn Flake zu finden. So arbeitet der Journalismus, er muß nicht erst in die Künstlerschaft hineinwachsen, er ist schon drin; er stellt einfach seine Schöpfung hin, der natürlich eine Bestreitung der äußeren Wahrheit nichts anhaben kann. Oder es ist eines jener Tinterl an der Tour, die seit Jahr und Tag davon leben, mir meinen Stil zum Scheuel und Greuel zu machen; plötzlich, es nicht länger tragend, rächt es sich dafür, daß es keinen hat, und »faßt« mich »auf«. Psychoanalytisch natürlich, »Selbsthaß des Juden«, »Vaterverleugnung« und so Ingredienzen aus der Sudelküche des neuen Literatentums, das den eigenen Defekt für einen Rebbach hält und ihn an dem durchschaut, der ihn nicht hat, im Kompensationsverfahren, zu dem eine Wissenschaft Mut macht, beobachterisch und mit allen Finten und Tinten versorgt, aus sich selbst das Schmalz und von mir die Antithese, gottwietalentvoll, mit allen dreimal gewendeten Gemeinheiten einer Milieukonstruktion, zu der das psychologische Schlieferltum berechtigt, wie sich eben so etwas nicht vorstellen kann, daß ich anders als aus seinem Schleim erschaffen sein könne, darauf bauend, daß mein Taschentuch am Ende nicht groß genug sein werde, um alle Judennasen zu schneuzen, und wenn doch, daß der Spektakel eine Mezzie sei. Ein Schmierblatt – nämlich eines, das ich speziell so nennen würde, wenn ich nicht alle dafür hielte – »bringts«; und rühmt, daß ich hier als jüdischer Geistestypus »geschaut« und »zum erstenmal in meinem unheilvollen Einfluß auf die junge Generation beschrieben« werde, wahrscheinlich auf jene, die mir als Gefolgschaft zu erhalten, das Ziel meines verzehrenden Ehrgeizes ist. Denn die andere besteht doch nur aus Leuten, die trotz meinem Einfluß reine Menschen geblieben oder geworden sind und die zum Beispiel, wenn sie mich selbst in Sibirien lasen, noch immer Gott gedankt haben, der sie davor bewahrt hatte, in eben diesen Jahren Zeitungsschmierer und Kaffeehausschmarotzer zu sein. Und von solchem Dank haben sie mich wissen lassen, dessen sittliche Leistung für eine Jugend, die nicht »verdorben« werden soll, zwar nicht an das Vorbild von Dielenbajazzos heranreichen mag, den aber, und fräßen ihn für alle sonstige Schuld und Verirrung die Wanzen, immerhin das Verdienst, daß sein Wort ein paar hundert Märtyrern in Kavernen und Baracken zugesprochen hat, vor der Beschmutzung durch eine Presse, die sich demokratisch nennt, bewahren müßte. Weil man ja doch immer wieder wähnt, ein letztes Gefühl für Sauberkeit könnte dem Drang nach Sensation widerstehen. Nun, ausgeliefert an eine Zeit, die nur noch vom Verlust der Ehre lebt, schlage ich, wie den Schmutz der Wiener Straße oder die Qual einer österreichischen Eisenbahn, es zu den unvermeidlichen Minussen des Lebens, daß ich irgendwo auf einer dieser Unlustreisen so etwas zu Gesicht kriegen muß. Diem perdidi, wenn mir nicht dafür übel mitgespielt wurde, daß ich an dem Tag etwas Gutes getan habe. Ich bin aber so gründlich abgehärtet gegen die Vorstöße des Typus »Asis-Ponem« in der Literatur – vergebens werden sie über meiner Kunst des Nachjüdelns ihre eigene Anregung vergessen machen –, ich habe in meinem geistigen Erdenwallen und speziell aus Prag, wo jetzt der jüdische Urfaust zur Welt gekommen ist (»Ich will sterben« »Gut! Sterben! Aber wozu?«... Mönch: »Du bist geweiht, so wirst du erleben!«) schon so viele Beweise von Chuzpe empfangen, daß ich wirklich nichts mehr gegen den Ehrgeiz des Einzelfalls auf dem Herzen habe, nur immer wieder was gegen die Schande des deutschen Verlagswesens, das in einer Zeit, der Nahrung und Kleidung alle Geistigkeit verzehrende Probleme sind, Luxuspapier für Dreck übrig hat und wahrlich den Hingang einer besseren Jugend abgewartet zu haben scheint, damit Frechheit und virtuose Impotenz zu überlebendiger Fülle gedeihen. Aber man beachte nur auch die Ökonomie eines Journalismus, der für die Zurechtweisung eines Kaffeehausbesuchers Telegrammspesen aufwendet, mit denen man einem Dutzend lungenkranker Kinder eine Woche lang den Tisch decken könnte Eine bübische Anspielung auf die Körperlichkeit eines Mannes, von dessen Sittlichkeit eine Generation von Prager Schmöcken ein zimmerreines Dasein führen könnte, sollte ihre Remedur erfahren. Daraus macht die Presse zwischen Wien und Berlin – die Lüge wälzt sich im Schneeballsystem fort, die Berichtigung bleibt isoliert – ein »Revolverattentat«, das ein »Verehrer« von mir, für mich, geplant hat, weil »der auch in Berlin bekannte Schriftsteller und Literat« den Karl Kraus »als einen Hysteriker bezeichnete«. So werden Karrieren. Wenns wahr wäre – ach ich hätte schließlich nichts dagegen, daß sichs die Herren Verehrer so einteilten, daß immer der, der es noch ist, dem zuletzt ausgesprungenen eine herunterhaut, weil ich ganz aufrichtig bekennen muß, daß es die praktischeste Art wäre, Ruhe zu schaffen und ein Unwesen, dessen polemische Befassung nichts Neues mehr aufschließen könnte und leider doch immer wieder notwendig ist, ein für alle Mal abzustellen. Natürlich kann mich jeder Kuhmist zu einem Vers anregen, an dem er kein anderes Verdienst hat als eben den, ein Kuhmist zu sein, aber schöner wär's schon, wenn der Verdruß im Keim erstickt würde, und da ein geistiger Mitgänger sich zu so etwas nie entschließen könnte, wiewohl gerade wahrer Anteil es wünschen müßte, so wäre gar nichts dagegen einzuwenden, daß die Verehrer sichs untereinander abmachen. Welche Form von Erledigung mir aber bei Leibe nicht nur gegen jenes Klettenwesen des neuen Literatentums wünschenswert scheint, das sich heutigentags mit der Hoffnung, doch ohne die Aussicht, von meiner Erschöpfung zu leben, an meine Organe klammert und Helfer findet, die das Schulbeispiel eines Versuchs mit untauglichen Mitteln als »Abrechnung mit dem Polemiker Kraus« auf der Buchhändlerbörse ausbieten. Wo gäbe es im Chaos der drängenden Anlässe dieser losgelassenen Welt ein Ding, geschaffen aus Kot und Zufall, das mich nicht eben dadurch physisch bedrängte, daß es da ist mit dem Anspruch, in Geist und Plan eingeordnet zu werden? Da könnte einer, dessen Anschauung Format und Stoff nicht wertet und dessen Kraft der Weisheit ermangelt, vor einer Quantität zu verzichten, die er nur vermehrt, nie zum Entschluß mechanischer Ausschaltung, wohl aber zu dem Wunsch mechanischer Erledigung gelangen: einen Vanderbilt zur Seite zu haben, der ihm die Hydra aufkauft, oder einen Herkules, der sie ihm erschlägt. Und wie nun gar vor der Qual jener Herausforderungen, nicht weil sie mich betreffen, sondern weil sie die Zeit nicht besser betreffen könnten als durch mich! Sollte nicht wirklich ein abgekürztes Verfahren dort am Platze sein, wo das Prager Judendeutsch den Versuch unternimmt, sich polemisch mit mir zu verständigen und wo einer, der vermutet, daß ich mir eine Gefolgschaft aus seinesgleichen zusammengestellt habe, sich darüber beschwert, daß als Reaktion auf seine reine Geistestat »pünktlich auch schon der bekannte Qualm von Hysterie und Gekeif aufsteigt«, dem – nicht etwa: kein diesem Rayon sich Nähernder, sondern – »keiner diesem Rayon sich Nähernde« entrinnen, nein: » entraten« kann. Soll sich denn wirklich so ein Fall innerhalb der Literatur abspielen, dessen Held zwar der Kenntnis der Sprache, die er schreibt, enträt, aber nicht des Muts, sich auszureden, er habe jenen Hinweis auf ein körperliches Gebrechen »natürlich nur metaphorisch« gemeint, und stolz darauf, daß die Metapher »saß« – worunter der Schwachkopf nicht ihre Berechtigung als Metapher, also der angeblichen geistigen Kritik, versteht, sondern den hinzutretenden Beweis, daß auch ihre physische Realität vorhanden ist – seinen schäbigen Einfall eine »Divination« nennt! Soll, wenn in der Literatur einmal das körperliche Moment in Frage kommt, Konsequenz verpönt sein und gegen ein Betragen, das die Tat dreist leugnet und dreister die Gesinnung zugibt, das die Niedrigkeit, die es ablehnt, noch übertrumpft, die Watschen eine Metapher bleiben? Die Überlegenheit der geistigen Arbeit gegenüber der manuellen wird oft so herausfordernd betont, daß diese schon der Ehrgeiz anwandeln könnte, durch eine symbolische Handlung zu beweisen, daß jene keine war. Man entlaste mich. Ich bin überzeugt, daß es möglich wäre, auf einen Hieb dem ganzen Unfug des expressionistischen Geballes ein Ende zu setzen, das sich jetzt als Erinnyenchor für einen erschlagenen Plagiator (der mich aber wieder verehrt) in Deutschland und überall, wo noch Papier zu haben ist, gegen mich regt. Denn das andere unfehlbare Mittel anzuwenden, dem Beinfraß der Sprache ein aufmunterndes Wort zu sagen und mir die wertlosesten Herzen dieser Welt zu gewinnen, konnte ich mich doch mein Lebtag nicht entschließen. Was diese Schleimrüssel, deren Unfähigkeit, sich sonstwie fließend auszudrücken, sie verhindert, endlich in den Schoß der alleinseligmachenden Presse einzugehen und die darum handgeschöpftes Bütten brauchen, dem Leser an esoterischen Beziehungen, Verständigungen, Voraussetzungen, von einem Kaffeehaustisch zum andern, gestikulierend, zwinkernd, an- und mißdeutend, deutend, in hundertfach verklausulierten Sätzen zumuten, geht auf keine Kuhhaut. Ich verstehe von dem Geseres, das doch hauptsächlich auf meine Beachtung abzielt und die unerwiderten Liebesbriefe fortsetzen soll, buchstäblich nichts anderes als das Wort »Material«, das als Drohung immer wiederkehrt, und es scheint sich wirklich eine ganze Maffia von Kettenhändlern mit einer Ware, die nicht vorhanden ist, zusammengeschlossen zu haben, um es gegen mich aufzunehmen, da sich nun einmal, endlich, immer klarer herausstellt, daß mit mir kein Geschäft zu machen ist. Dabei sind sie doch so ehrlich, sich mit der Erinnerung an ihre einstige Liebe wie der Mephistopheles mit den Rosen herumzuschlagen, und so weit ich überhaupt verstehe, was sie wollen, außer mit mir und jedenfalls mit ihrem Verleger abzurechnen, bekennen sie, ich sei ein Phänomen gewesen, aber seit der vorigen Woche, seitdem ich einem der ihren das Verdienst eines Plagiats geschmälert habe, sei ich ein Mistkerl, und weil sie halt von mir enttäuscht sind, sagen sie, sie hätten's immer schon gewußt. Aber wenn sie mich auch durch und durch erkennen, besonders natürlich darin, daß all mein Wüten nur der bekannte jüdische Selbsthaß ist – die Väter führten's auf die Neue Freie Presse zurück –, so werden sie doch alte Expressionisten werden, wenn sie glauben, daß mich eine Ballung sämtlicher Chuzpen von Berlin, München, Dresden, Prag, Brünn und Wien einschüchtern könnte. Sie versuchen es aber nicht nur durch die Tagespresse, sondern auch auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Weg der Unsterblichkeit, soweit sie ihrer bereits mit meiner Hilfe teilhaftig geworden sind. Das heißt, sie polemisieren gegen mich in »magischen Trilogien«, in Werken, deren erhabenem Ladenpreis man es nicht ansehen würde, daß sie für meine Wenigkeit Raum haben. In dem von Herrn Bahr – wie denn nicht – rekommandierten »österreichischen Faust«, der eigentlich aus Prag ist, aber von der Tschechoslowakei keineswegs reklamiert werden dürfte, steht, weil ja bekanntlich auch Goethe seinen Nicolai als Steißseher entlarvt hat, die Behauptung, daß ich nebst allem möglichen andern, was auszusprechen den Herrn Werfel das Gedenken seiner anbetenden Tage nicht gehindert hat, ein »Fürzefänger« sei, und dies, diesen bescheidenen Hinweis auf meine Kritik Werfelscher Hervorbringungen – er meints natürlich nur metaphorisch –: der Inhaber des Verlages der Schriften von Karl Kraus, der keine Gelegenheit vorübergehen läßt, den einzigen Autor seines Nebenverlags seiner Achtung zu versichern, wahrlich das weiteste Herz, das in der heutigen deutschen Literatur Platz hat, Herr Kurt Wolff hat es gedruckt! Er hat gedruckt, was Herr Werfel von mir nicht glaubt: daß ich einer sei, der »den Stadtklatsch zu einem kosmischen Ereignis macht«. Wann hätte denn der Herr Werfel so eine Wahrnehmung gemacht! Ich und Stadtklatsch! Er wäre nicht Manns genug, sich zu einer Lüge zu bekennen, die er mit keinem Eindruck aus der Zeit erhärten könnte, da er seinen Planeten für ewig an den meinen gebunden gefühlt, also in denkbar engster Nachbarschaft mit mir gelebt hat. Wohl aber ist er Weibs genug, die Ranküne aus der verschmähten Beziehung in Lügen zu sublimieren, was er sich ja leisten kann, weil er zugleich einer der talentiertesten Büßer ist, wie kein zweiter in der Literatur imstande, sich an die Brust zu schlagen und sich hinauszuwerfen, denn er bricht sich das Herz, indem bekanntlich – oh Mensch – in jedem Gefühlsschlampen so eine Art Tolstoi steckt. Herr Werfel weiß nicht, was er tut, und ist deshalb ein Dichter. Doch Herr Wolff hat gewußt, was Herr Werfel tat, und ihn dennoch gewähren lassen. Er mag und muß nicht gewußt haben, daß Herrn Werfels Werk kein Kunstwerk sei, aber er hat gewußt, daß dieser Monolog des »Spiegelmenschen« eine Zutat der Rache sei, und es mit seinem langjährigen Respekt vereinbar gefunden, daß in seinem Hause, in dem ich zum Glück nur einen Seitentrakt bewohnt habe, aber scheinbar geehrt und als vorlesender Gast durchaus gehört wurde, ein allgütiger Windbeutel, ein Schreiber, der im Krieg patriotische Aufrufe für Görz geliefert und in der Schweiz die Firma verschrien hat, zu deren Propaganda er hinausgeschickt war, von » meinem leider allzu abhängigen Charakter« zu sprechen wagte. Und um auch nicht einen der oberen Zehntausend, die das erste bis zehnte Tausend des »Spiegelmenschen« (522 Kronen) kaufen könnten, auf dem Gewissen zu haben, will ich jedem die auf mich klar bezügliche Stelle im Wortlaut (und mit den Spationierungen des Originals) ersetzen: – Was soll ich nun in den nächsten Tagen der Beschäftigungslosigkeit beginnen? Halt! Ich will unter die Propheten gehn, natürlich unter die größeren Propheten! – Das Erste ist, ich gründe ... eine Zeitschrift und nenne sie: Die Leuchte? Nein! Der Kerzenstumpf? Nein! Die Fackel! Ja! – Ah! Alle Größen der Weltliteratur jucken mir in den Fingern! Man soll meinen, Goethes plus Shakespeares Ingenium sei in der Natur eines östlichen Winkeladvokaten reinkarniert. Ich will den Stadtklatsch zu einem kosmischen Ereignis machen und die kosmischen Ereignisse zu einem Stadtklatsch. Ich will mit Kalauer und Pathos so trefflich jonglieren, daß jeder, der bei der einen Zeile konstatiert, ich sei ein spaßiger Denunziant und Fürzefänger, bei der nächsten zugeben muß, daß ich doch der leibhaftige Jesaja bin. – Vor allem will ich aber als Cabarettier meiner apokalyptischen Verkündigung auftreten, denn ich bin ein guter Komödiant, und gerade daran erkennt man mich, ganz zu schweigen von meiner Eignung zum Stimmenimitator . Mein leider allzu abhängiger Charakter hat ein großes Talent auch zum akustischen Spiegel. Kurz und gut, weil ich zwar den Menschen aus den Augen, doch nicht in die Augen sehen kann, will ich ihnen lieber gleich in den Hintern schaun, ob dort ihr Ethos in Ordnung ist. Also keine Angst! Ich gehe nicht unter, und wenn heute ein Unglück geschehen sollte ... (Herr Kapellmeister!) ... Seid ruhig, seid stille, Als Bildchen, als BildchenIch bleibe, ich bleibe, in eurer Pupille! (nach kurzem Tanz ab). In der Überführung von Schlüsselliteraten habe ich seit alten Zeiten eine gewisse Übung. Die eines Schlüsselmystikers dürfte, wenn er nicht im Ernstfall glaubhaft macht, er habe die »Fackel« natürlich nur metaphorisch gemeint und zwar die, die in Frankfurt erscheint, nicht allzu schwer sein. Um den Literarhistorikern, die da kommen werden, auch noch etwas übrig zu lassen, sei nicht jede Andeutung dieser geradezu klassischen Walpurgisnacht kommentiert: Was aber die Weltweisen anbelangt, so kenne ich einen großen Zeitgenossen, der am Grabe seines besten Freundes mit geschminkten Lippen eine Rede hielt, und als er zurück zu den Trauernden trat, nicht nur an mich die berechtigte Frage stellte : »Wie hab ich gewirkt?« Daß diese Worte auf mich abgezielt seien, eine solche Schweinerei möchte ich selbst einem Magiker nicht zutrauen. Eher schon, dank der Identität des Partners, wäre ihm die Absicht bezüglich der Stelle zu glauben: Merken Sie, ich habe nicht nur den Vorzug, der ursprüngliche Motor aller Kultur zu sein, das weit Angenehmere an mir ist, man kann sich in meiner Gegenwart gehn lassen, so – gehn lassen ... nun, kein Wort mehr darüber. Die Vielflächigkeit dieses Spiegelmenschen ermöglicht indes nur eine faßbare Beziehung, auch Herrn Kurt Wolff verständlich, von dem Punkt an, wo er den Entschluß faßt, die Fackel zu gründen. Und jener hat geduldet, daß in einem Buch, welches den Namen eines Verlegers trägt, der im Firmenaufdruck der meinen immerhin an zweiter Stelle vorkommt, der Satz steht: Kurz und gut, weil ich zwar den Menschen aus den Augen, doch nicht in die Augen sehen kann, will ich ihnen lieber gleich in den Hintern schaun, ob dort ihr Ethos in Ordnung ist. Er hat diese von jeder Silbe meines Lebenswerks Lügen gestrafte Zeichnung, die ihren eigenen Sinn meinem Kampf für das Recht der sexuellen Persönlichkeit verdankt und deren Wahnsinn mich geradezu mit dem von mir enthüllten Enthüller der Moltke-Prozesse verwechselt; er hat die Entgleisung eines haßgeblendeten Literaten, der wie kaum ein zweiter in der Runde meiner Judasse die Fähigkeit eingebüßt hat, mir in die Augen zu sehen, aber auch wie kaum ein zweiter die Gabe bewährt, in der seit jenem Romansudler literaturgängigen Methode hysterischen Umtausches alle tiefgefühlte Minderwertigkeit auf mich abzuwälzen: er hat einen Schulfall der von mir so häufig dargestellten Spiel- und Schielart, die heute vor allem mich in ihrem Zwielicht sieht, um mit der Treffsicherheit der Imbezillen ihr Spiegelbild zu zeichnen, wider sein besseres Wissen um den Sachverhalt meines Lebens und Denkens und gegen seine tausendmal beteuerte Überzeugung zum Druck befördert. Es bleibe Herrn Kurt Wolff überlassen, die Konsequenz aus diesem Verhalten für eine gesellschaftliche Verbindung zu ziehen, die mir nicht unwert, und für eine geschäftliche, die mir gleichgiltig war und in die ich nur jener zuliebe eingewilligt habe. Und er verteidige sich nicht damit, daß ihm als Verleger ein Eingriff in die künstlerische Schöpfung nicht zustehe. Was ihm als Verleger zusteht, ist das Recht, sich dagegen zu wehren, einer Beleidigung mitschuldig zu sein, selbst wenn sie nicht den Autor seines andern Verlags beträfe, den zu gewinnen er ehedem freiwillig eine weit gelindere Infamie aus einer gedruckten Auflage ausgemerzt hat. Er verteidige sich ferner nicht damit, daß ihm auch eine Zensur meiner Bücher, die er gar erst nach Drucklegung kennen lernt, nicht zustehe. Allerdings enthalten diese Bücher mehr und stärkere Polemiken als der Werfelsche Faust, aber dem polemischen Element dürfte die Absicht eines Ehrenangriffs schwerer nachweisbar sein als einem Mysterium, in dem zwischen den Rätseln der Menschennatur eben noch Raum für die Ranküne eines Weltfreunds bleibt. Mein Verleger kann seine Verantwortung für mein Wort getrost in der meinen geborgen wissen. Für das des Herrn Werfel würde ich nicht den Autor, sondern den Verleger belangen, und er hat die Möglichkeit nicht verhindert, daß ich es täte, daß ich überlegt habe, ob die von jedem deutschen und österreichischen Gericht erwirkbare Konfiskation eines Faust nicht angebracht wäre, um die Grenzen des künstlerischen Schaffens zu fixieren und eine Büberei außer die literarische Debatte zu stellen. Ich tue es nicht, weil zwar die materielle Schädigung eine verdiente Strafe und zudem ein berechtigter Schutz vor einem Lesepöbel wäre, der den Faust um einer Pikanterie willen kauft, mein Wunsch jedoch stärker ist, die Schande dieser Selbstentblößung vom ersten bis zum zehnten Tausend sich auswirken zu lassen, und ich werde mir erst die Schauspieler von den Bühnen, denen gegenüber die Dichtung als Manuskript gedruckt ist, herunterholen, die es wagen sollten, ein Parterre von Schiebern mit dem Vorsatz des »Spiegelmenschen« zu erheitern, eine Zeitschrift zu gründen, die nicht »Der Kerzenstumpf, nein: Die Fackel« heißen soll. Vielleicht kann Herr Kurt Wolff, der auch den Bühnenvertrieb hat, wenigstens rechtzeitig für eine Bearbeitung Sorge tragen. Verstehe er nur recht, wie ichs meine, woran ich Anstoß und worauf ich Einfluß nehme. Wenn sämtliche Autoren seines Verlags sich um den Beweis bemüht hätten, daß ich ein Nichtskönner sei, so würde meine Eitelkeit, in der sich nun einmal alles Nichts spiegelt, den gemeinsamen Verleger vor keine Entscheidung stellen. Mein Sonderverlag ist auf der Basis meiner grundsätzlichen Mißachtung der vom Hauptverlag Kurt Wolff geförderten Literatur errichtet, und ich hätte gar nichts dawider, daß diese, wenn sie dazu imstande wäre, gegen mich ein Verfahren übte, an dem mich gegen sie keine private oder geschäftliche Rücksicht zu hemmen vermocht hätte. Hier liegt eine Neuerung vor, und sie besteht darin, daß eine seltene Vielseitigkeit verlegerischer Interessen, deren Träger so oft meiner Kritik seiner Literatur zustimmte, nunmehr die Entehrung meines Charakters toleriert hat. Er nehme auf diesem Wege – und ein anderer schien weder dem persönlich Beleidigten noch dem Vertreter der allgemeinen Sache literarischen Anstands gangbar – zur Kenntnis, daß der »Verlag der Schriften von Karl Kraus« mit dem nächsten Buch einen neuen Inhaber anzeigen wird. Möge ihn die Erfahrung entschädigen, daß eine zu weit getriebene Objektivität, gegen die mir die Errichtung eines Sonderverlags unter gleichem Dache keinen hinreichenden Schutz gewährte, unter keinen Umständen gut tut und daß es besser ist, sich der Förderung des Literatentums hinzugeben, ohne sich gleichzeitig den Luxus seines Widerspiels zu leisten. Wenn es mir schon nicht gelang, ihn von jenem, so soll es mir doch gelungen sein, ihn von diesem zu befreien, vor dem als einem viel zu verläßlichen Zeitgenossen ich ihn seit jeher noch eindringlicher gewarnt habe. Was aber den Herrn Werfel anlangt und weil ich nun weiß Gott doch mehr dem Nicolai gleiche als er dem Goethe, so könnte ich ihm beweisen, daß die Tätigkeit, die er mir zuschreibt, beiweitem nicht so unappetitlich ist wie die Gewohnheit, von der sie lebt, wie das Talent der metaphysischen Blähungen, bei denen nichts herauskommt, wie das Unternehmen eines, der faustische Klänge und was sich sonst im Kosmos begibt, hinlegen kann, daß man es nicht nur für echt, sondern für garantiert echt hält. Wenn ich mit einer sprachlichen Schätzmeisterschaft, welcher Wert und Echtheit des zartesten oder, wie Werfel und Goethe sagen, zärtesten Hauchs nicht entgehen, jenem Zeile für Zeile bewiese, wie tüchtig er ist, er würde sich, schaudernd vor diesem »Spiegelmenschen«, wundern, welchem Schwindler er da aufgesessen ist, als er sich bei seinen Arien zuhörte – von den Gimpeln der deutschen Literaturkritik und vom Bahr, der stets Gimpel und Schwindler in Einem ist, gar nicht zu reden. Ich würde seinen »knäbischen Gebärden« nachweisen, daß das Ringen mit dem »Vaterkomplex« und sonstigem Judenleid, durch das sich diese Prager Faustusse coram publico hindurchläutern, um aus der Misch- in die Epoche zu gelangen, noch keinen Faust macht, selbst wenn er, das Orakel verspottend, den gordischen Weichselzopf mit dem frechen Witz durchhaut. Das Erbe, dem du nicht entgehen kannst , Ermord es, um es – zu besitzen! wobei der talentlose Gedankenstrich nicht unbeträchtlich ist. Daß die versatile Kunst Werfels, die schon mit »unter uns« und »wir Brüder tuns« die Dichtung einleitet – ein Reim, der wohl nur in der Welt des »Machen wir« eine Deckung der Sphären ergibt –, auch von einer schlechten Peer Gynt-Übersetzung Knopfgießerisches und wenngleich nicht Großes, so doch Krummes mitgenommen hat und, weil man Symbolisches von überall brauchen kann, nicht versäumte, die Tierstimmen meines Schieberlokals in seine »Höhle des Ananthas« einzufangen – »Was liegt daran!« »Wenn schon!« »Kann ich dafür?« nein, gewiß nicht –: es zeugt von einer Aufnahmsfähigkeit, die nicht darauf angewiesen ist, sich faustisch abzugrenzen und immer bei der Stange einer orientalisch zugerichteten Mephisto-Handlung zu bleiben. Doch wird man diesem gastfreundlichen Ohr nicht bestreiten können, daß es doch am liebsten jene Klänge aufnimmt, in denen beide Tonfälle, des Suchers und des Versuchers, Psalter und Grille, zusammenschleimen wie die zwei Seelen, die ach in der Brust dieses Dichters wohnen, ihn aber beide zu den Gefilden hoher Ahnen heben. Wir wollen das einmal aus dem Schema F dartun, nach dem er dichtet: So wird es immer wieder Tag und Nacht! | Faust Das, was ich wähnte, hab ich nicht vollbracht. | Im Herzen schleimen schon des Zweifels Maden, | Faust und Mephisto Die Sprung- und Triebkraft leidet an Verdickung. | Der scharfe Wille kommt zu Schaden, | Der Glaube an Erwählung, Tat und Schickung, | F. Den du in ferner Nacht mir suggeriert, | Asthmatisch schrumpft er hin. Der Mensch laviert | M. Fad, zuchtlos, indolent und ohne Steuer. | Die Tat kommt nicht! Kaum kommen Abenteuer, – | F. u. M. Und bestenfalls hat man sich amüsiert. | M. Faust oder Mephistopheles, wer diagnostiziert so richtig? Wer ist es? Wer hält so aus dem Seelendüster Rückschau? Faust? »Er, unbefriedigt jeden Augenblick«? Ich habe nur begehrt und nur vollbracht Und abermals gewünscht, und so mit Macht Mein Leben durchgestürmt – Gleich werden des Zweifels Maden zu schleimen beginnen, ob nicht doch wieder Mephistopheles den Mund spitzt, und bestenfalls hat man sich amüsiert. Sinds nicht zwei Tonfälle, ganz wie wenn ich mit Pathos und Kalauer so trefflich jongliere, daß man mich mit mir verwechselt? Denn sie sind ja doch beide von mir! Hat der Spiegelmensch Herrn Werfel nichts darüber gesagt, von wem der Faust ist? »Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm«, nämlich die vorgetönte; »was er erkennt, läßt sich ergreifen«. Mißtöne hör' ich, garstiges Geklimper? Nicht doch, man findet sich wie M. drein und möchte – die Racker sind doch gar zu appetitlich – diese Verse fragen: »Ihr schönen Kinder, laßt mich wissen: Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht?« Nämlich: Es ist mir so behaglich, so natürlich, als hätt' ich euch schon tausendmal gesehn. Denn wie sagt doch der Spiegelmensch: ich habe ein großes Talent zum akustischen Spiegel! Und wenn ich nicht hundert Auditorien mit dem Nachweis erschüttern kann, daß der windigste Wortbetrug eines Virtuosen unerlebter Bedeutung eine sprachferne Zeitgenossenschaft entzückt hat und daß orphischen Liedes Reim, ich wette, in der Operette der Librettisten Hofmannsthal und Werfel steht; furzum, wenn die Sphärentöne, die ich da fange (was nicht genügte, ließ er fahren; was ihm entwischte, ließ er ziehn) nicht jede bessere psychoanalytische Spürnase als sublimiert erkennt – so soll das, was mein Spiegelmensch, sein Spiegelmensch, von mir behauptet, wahr sein; so soll ein Bocher, ders faustdick hinter den Ohren hat, von mir sagen dürfen, ein »östlicher Winkeladvokat« bilde sich ein, in ihm sei »Goethes plus Shakespeares Ingenium reinkarniert«, so soll einer, der im Weimarer Großvaterrock Prager Kindheitseindrücke gehabt hat, behaupten können, ich hätte ihm ihm und nicht dem rechtmäßigen Besitzer gestohlen, so soll ein Bauchredner der himmlischen Heerschaaren mich einen »Stimmenimitator«, ein Unterkantor Gottes mich einen »Cabarettier meiner apokalyptischen Verkündigung«, ein schlechter mich einen »guten Komödianten« und ein trauriger Werfel mich einen »spaßigen Denunzianten« nennen dürfen, und zum Schluß mögen die, ausgerechnet, »sechsundzwanzig Mönche ungerührt und mild grinsend hockenbleiben«. Wie wird ihm? Hiobsartig? Beul' an Beule der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut? Und triumphiert zugleich, wenn er sich ganz durchschaut, wenn er auf sich und seinen Stamm vertraut (nicht wahr?): gerettet sind die edlen Teufelsteile! Denn wir können auch schillern, nicht wahr? Spiegelmensch, ich kenne dich! Aber ich will nächstens unter euch treten und fürchterlich Musterung halten. Ich bleibe, ich bleibe, Seid ruhig, seid stille, Als Bildchen, als Bildchen in eurer Pupille! Denn was die ganze Rasse der Neu-, Nach- und Nebbichtöner betrifft, die sich jetzt vereinigt zu haben scheinen, um das Literaturgeschäft auf meinem Rücken zu effektuieren und mit dem Polemiker Kraus oder wenigstens mit seiner Hilfe abzurechnen, so sei ihnen bedeutet: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuld, wenn's schief geht. Wer schon unsterblich ist, soll es bis auf Widerruf bleiben. Ich habe genug Pathos, um Magiker nicht ernst zu nehmen, und genug Witz, um vor Hanswursten keinen Spaß zu verstehn. Also mehr Angst! Ich gehe nicht unter, und wenn heute ein Unglück geschehen sollte! Doch die Hoffnung, daß ich, Herr aller Geräusche, als Fürzefänger derart unerschrocken sein werde, die unaussprechlichsten Namen – wie etwa Przygode – in der Fackel einzubürgern, ist ein Irrwahn. Ich mache es auf meine Art. Und die deutschen Verleger werden es schon zu spüren bekommen, daß die Unterstützung der ganzen Tagespresse und eines speziellen Tagebuchs nicht ausreicht, wenn ich ihre Wirksamkeit statt der Mitwelt bloß der Nachwelt überliefere, wenn ich zwar zur Verabscheuung, aber nicht zur Verbreitung des gröbsten Unfugs helfe, der je, aller Zucht von Sprache und Moral entratend, dem Polizeiparagraphen entronnen ist! Aus Kindern werden Erwachsene Mit liebevollem Verständnis für die Kindesseele hat die Reichspost – selbst Herr O. K. der Arbeiter-Zeitung könnte ihr das Lob nicht vorenthalten, daß sie »kindertümlich« sei – Volkslieder des südöstlichen Niederösterreich erlauscht. Zu den anmutigsten Blüten in diesem Liederkranze gehören zweifellos die Kinderlieder. Proben: »Engerln, Bengerln, sikarisa. Riwadi, Riwadi knoll – Witzt – wutzt Außig 'stutzt.« Oder: »Rauchfangkehrer, Suppenstierer, Boandl-Beißer, Hos'nz'reißer.« Ferner: Einmal erwachsen, übersiedelt man vom Südosten Niederösterreichs nach dem Nordwesten, tritt unter die Cherusker von Krems, und brilliert mit der Pointe des Zwischenrufs: »Jidelach!« Sehr anmutig ist auch: »Schuasta, flick, flick, Dei Nodl is dick. Dei Nodl is krummb, Da Schuasta is a Lump.« Warum da Schuasta ein Lump ist, wird nicht gesagt. Aber auch Frauen kommt die Kindesseele des südöstlichen Niederösterreich nicht besonders zart entgegen: Ferner das bekannte : »Heineridi, Zigeunerich, Wos mocht denn deine Frau? Sie woscht si nit, Sie kämmt si nit, Sie is a olti – Sau.« Der Gedankenstrich dürfte von der Reichspost stammen, die der Verblüffung eine Atempause gönnen wollte. Aber daß sie, nämlich die Frau, sich nicht wäscht und nicht kämmt, kommt ausschließlich davon, daß auch sie einst solche Kinderlieder gesungen hat. Es dürfte sich, nach dem Familienbild dieses Zigeunerich und seiner Frau zu schließen, um eine jener wilden Völkerschaften handeln, deren die Monarchie so viele vereinigt hat, die Gold für Eisen gaben und als infolgedessen die Monarchie kaputt ging, Seife, die ihnen die Amerikaner darbrachten, für Schnaps. Von nicht mehr zu überbietender Anmut jedoch ist das Lied des »Halterbua«: »Bi bo, bi bo, Ziach d' Kotz d' Haut o, Häng's am Steck'n, Loß verrecken, Wirf's in Grob'n, Daß alle Hund'schob'n. Pfeiferl, geh, geh, Sonst wirf i di in' Schnee, Sonst wirf i di in d'Schindagrab'n, Daß da alle Hund' und Katz'n d' Darm auszahn.« Wenn das am grünen Holze geschieht, darf man sich nicht wundern, daß die Kinder, wenn sie einmal erwachsen sind, eine zwanglose Gruppe um den Scharfrichter Lang bei der Hinrichtung Battistis bilden. Dem Kinderlied ist im Rahmen des Volksliedes nur noch ein Plätzchen an einzelnen Festen des Jahres gegönnt, so z. B. am Neujahrstage, an dem die Kleinen ihr Wunschlied singen dürfen: »I wünsch, i wünsch, i woaß schon was, Greif in den Säckel und gib ma was.« Herangewachsen, gehn sie nach Genf und kriegen Kredite. Dementsprechend darf auch das Vergelt's Gott und überhaupt die Note der Frömmigkeit nicht fehlen. Durch die Dorfgassen ziehen die »Ministrantenbuam« und man hört den Kindervers, von dem die Reichspost immerhin zugibt, daß er »geräuschvoll« ist: »Wir ratsch'n, wir ratsch'n zum Englischen Gruß, Daß jeder Christ woaß, daß er bet'n muaß!« Anders tät er's wohl nicht. Ja dies alles auf Ehr' kann die Reichspost und noch viel mehr, und verdankt die Texte einem Lehrer, einer Lehrerin und einem Pfarrer. Es ist als Volkspoesie etwa die Vorstufe der schon kunstgerechteren Formen der Gelegenheitsdichtung, die auf Abortwänden den Sinn erfreut, deren Motive aber von der Reichspost nicht gesammelt werden, wiewohl eines der seit dem Umsturz beliebtesten die Klage über den Untergang der Monarchie ist und die Sehnsucht nach deren Wiederkehr, welche oft in den drastischesten Aufforderungen an jene zum Ausdruck kommt, die die vermeintliche Schuld an der Wendung der Dinge haben. An solchen Treffpunkten der legitimistischen Gefühle erkennt man erst, daß die Bewegung doch stärker ist, als gemeinhin angenommen wird, denn was das Gemüt in Wahrheit erfüllt, kommt dann erst heraus, wenn man sich unbeobachtet weiß, der Nachkommende erwidert mit einer Sentenz oder mit einem kräftigen Reimsprüchlein, es entwickelt sich ein Zwiegespräch, aber einig sind alle darin, daß die Saujuden die Schuld haben, eine Erkenntnis, die in der Regel einer, der Lieder ohne Worte hat, mit der Zeichnung eines Geschlechtsteils oder mit einem Hakenkreuz zu besiegeln pflegt. So interessant es wäre, den Menschen dabei zu beobachten, wie er seine Notwendigkeit mit Ornament und Einfall verschönt und die Zeit des Aufenthalts, die jene erfordert, absichtlich verlängert, um noch das Überflüssige, wenngleich Künstlerische, zu verrichten, so wäre es auch folkloristisch lohnend, hier alle Wandlungen des politischen Zeitgeschmacks, alle Spiegelungen der Lebensdinge festzustellen, kurz die Menetekels volkstümlicher Erkenntnis von der Abortwand abzulesen. In keiner Kulturregion der Erde wäre die Ausbeute eine so große wie in Österreich selbst in dessen reduziertem Format, wo vielleicht jeder zweite Mensch ein Dichter ist, der sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen läßt, da er schon in seiner Kindheit die Aufforderung, d' Kotz d' Haut ozuziach'n und sie nachher verrecken zu lassen, als Liedchen geträllert hat. Diese Dichter dürften wohl identisch mit jenen sein, die es, wie die Reichspost versichert hat, in Österreich noch gibt und die sie deshalb in den Wahltagen mit Seipel-Hymnen förmlich überschüttet haben. Hier wie dort, in allen Belangen christlich-germanischen Denkens, triumphiert der Urlaut »Rrtsch-obidraht!«, und es dürfte ganz gewiß kein anderes Land geben, wo Roheitsdelikte ein so ergiebiges Motiv der Volkspoesie sind. Doch auch kein anderes, wo der tägliche Umgang fast ausschließlich von der einen Redewendung bestritten scheint, mit der auf dem Gebiete der Nächstenliebe just das Unmögliche verlangt wird. »A Näägaa –!«, Geh hörst'rr schau drr den schwoazen Murl an!«, »Hörst Murl, wosch di o!«, »Na woart du schwoaza Pülcher!«, »Geh ham, Schwoazer, verschandelst uns jo di ganze Stadt!«, »Do fohr oba, zur Daunau und wosch diii –!«, »Hörst, wann i di drwisch, nacher schau di an, schwoaza Kinäsa!«, »Jessas, a narrischer Indianer!«, »Aschanti vadächtigaa –!«, »Tepataa –!«, »Stinkataa –!«. Mit diesen Ausrufen des Staunens der Zivilisation über die Erscheinung eines chauffierenden Negers verfolgen die Leser der Reichspost seine Spur, und eine schöne Leserin, die sich aus der Wallung der Säfte in einen Lachkrampf rettet, fragt ihren Begleiter: »Hirst, is dr der am ganzen Kirper schwoaz?«, während ein Denker, sich die Stirn haltend, nur die Worte hervorbringt: »Ah – jetzt waß i ollas!«, ohne aber zu verraten, was er eigentlich wisse und ob er etwa die Überlegenheit der schwarzen Rasse über jene, die bei der Volkszählung paradieren kann, blitzschnell erfaßt habe. So, im Starrkrampf eines Schönpflug'schen Straßenbildes, ließ ich dieses Wien hinter dem Neger zurück. Es waren auf den Tag zehn Jahre nach dieser meiner Zeichnung, als in einem Tagesblatt die anschauliche (hier nur etwas eingerichtete) Schilderung eines Straßenerlebnisses erschien: Servitengasse: ein herrlicher Spätsommernachmittag, überall Mittagsruhe. Plötzlich rast ein Fuhrwerk daher, am Bock zwei Kutscher, einer im Boxringkampf mit einem Neger, der andere treibt die Pferde an; da plötzlich fliegt der Neger aufs Pflaster; doch in der nächsten Sekunde ist er wieder am Wagen und der Kampf beginnt aufs neue. Nun fallen beide Kutscher über den Schwarzen her und wollen ihn vom Wagen abschütteln; der Neger hält sich verzweifelt fest. Doch jetzt – liegt er unten. Der Wagen rast davon. Der geprügelte, zerkratzte Nigger hat sich noch nicht vom Boden erhoben und schon drischt ein Mann in Lederjoppe mit einem schweren Stock auf ihn ein; gewandt wie eine Katze weicht der Neger aus und im nächsten Augenblick sitzt ein gut placierter Kinnbackenhieb. Von beiden Seiten regnet es Hiebe, der Neger scheint im Vorteil. Da plötzlich haut ein andrer Kutscher (den der liebe Gott hergeschickt haben muß) mit den Worten: »Geh' nach Afrika, schwarzer Hund!« auf ihn ein. Dieser, weder faul noch feig, nimmt nach zwei Fronten den Kampf auf. Nun stützen sich wie eine Meute noch ein paar unbeteiligte Passanten auf den Neger; und (einer hält ihn am Kragen fest) hau'n ihn windelweich; der Kutscher, bleich vor Wut, hat inzwischen eine schwere Eisenstange von seinem Wagen geholt, und wenn man ihn nicht mit aller Gewalt zurückhält, ist eine Leiche am Platze. Endlich (ein Mensch hatte inzwischen den Neger in ein Haustor gezerrt, das der eisenbewehrte Kutscher unbedingt stürmen will) erscheint der langersehnte Wachmann und die Szene endet bei der Polizei. Ursache? Der Neger war von der Elektrischen bei der Haltestelle Porzellangasse abgestiegen, als er ganz grundlos von einem des Weges kommenden Kutscher: »Geh' aus'n Weg, schwarzer Hund!« beschimpft wird. Zur Rede gestellt, antwortet der Kutscher mit einem wohlgezielten Peitschenhieb; nun springt der Neger auf den Wagen usw. Das Publikum, das nicht weiß, worum es sich handelt, möchte den Neger fast lynchen. Ja, warum denn? warum? – weil er ein Schwarzer ist? Wir sind doch weder in Afrika, noch jenseits des großen Wassers, sondern im gemütlichen Wien! Kein Zweifel, es ist die erwachsene Kindesseele der Reichspost, jung gewohnt, d' Kotz d' Haut ozuziach'n, wiewohl ihr diese nicht das geringste getan hat; denn früh übt sich, was ein Schinder werden will. Es ist die Tradition der Tierquäler, der Kindmarterer, die als solche vollenden, was an ihnen begonnen wurde, denn was ein Meister werden will, vergilt am Lehrling, was ihm selbst einst angetan ward. Und der im Rahmen eines Nedomansky-Bildes gehaltene Schubertfranzel der Reichspostfeuilletonistin hat, als er vom Kahlenberg die Stadt sich besehn, zwar ersucht, »die Untertöne nicht zu vergessen«, aber darunter sicherlich nicht die Schreie der gequälten Kreatur verstanden. Hätte ich die Affenliebe, die alle Welt mit allem Hiesigen verbindet, ich glaube doch, daß ich das Erlebnis des von Wienern gelynchten Negers nicht aus der Vorstellung bannen könnte. Doch zu den Symptomen, die unfehlbar anzeigen, daß man die österreichische Grenze überschritten hat, wenn man landeinwärts reist, gehört ja der »Pumperer«, den Persönlichkeiten wie Hans Müller, die Niese und die Jeritza in der Herzgegend verspüren. Ich vergaß – bei der Gelegenheit, da ich letzthin dieser Regung des Lokalpatrioten gerecht wurde, der nur in das Ausland reist, um viel lieber doder zu bleiben – ein noch weit charakteristischeres Kennzeichen zu erwähnen, das den vollzogenen Grenzübertritt so sicher beweist wie der Stempel im Paß. Das ist das automatische Verschwinden aller beweglichen Gebrauchsgegenstände aus dem Klosett, vielleicht die einzige behördliche Vorkehrung, die in Österreich mit unbedingter Zuverlässigkeit klappt und die man der zwiefachen psychologischen Erkenntnis verdankt, daß die Ausländer derlei Komfort ohnedies kennen und die Inländer ihn mitnehmen würden. Gleichwohl ist beiden dieses Österreich ans Herz gewachsen, das zu klopfen beginnt, sobald sie die Grenze überschreiten, während ich, wie schon gesagt, eine freudige Erregung zwar an dem gleichen Punkte der Strecke, aber in der umgekehrten Fahrtrichtung verspüre, doch landeinwärts bloß vermehrten Pulsschlag bekomme bei dem Erlebnis, wie sich alle lang entbehrte Unsauberkeit, Unordnung und Sprachenverwirrung dem Heimkehrer pünktlich erfüllt, bis zur verspäteten Ankunft auf dem Westbahnhof, woselbst die Lieben schon warten, die es auf alle Taschen abgesehn haben, die etwas schlampige Organisation von Spitzbuben, die keinen Richter brauchen werden und den Prospekt einer Gegend andeuten, wo es im Ober- und Unterhalten drunter und drüber geht. Unter fühlenden Brüsten die einzige Larve, entschädige ich mich für mein nachweisbares Unbehagen nur durch das Bewußtsein, eine völlig neue Art gefunden zu haben, die Stadt, in der ich lebe, unerträglich zu finden, bei voller Anerkennung, daß Wien eine schöne Umgebung hat, in die Beethoven öfter geflüchtet ist. Gegen den Verdacht, daß ich ein »Raunzer« bin, schützt mich die Abneigung gegen sämtliche Wiener Spezialitäten. Wissend um das Geheimnis eines Landes, wo die Automaten Sonntagsruhe haben und unter der Woche nicht funktionieren, möchte ich dies Unwesen, das man nicht wie die wesenlose Luft umarmen kann, dem Umstand zuschreiben, daß der Genius des locus, an dessen Wand der monarchistische Teufel gemalt ist, die Züge jenes echten Schönpflug trägt, unter dem ich viel mehr leide als man glaubt, und daß die Reichspost Kinderlieder singt, für die mich die Tatsache, daß hier auch Schubert'sche Musik gewachsen ist, keineswegs zu entschädigen vermag. Denn wie sagt doch der Dichter: »Engerln, Bengerln, sikarisa, Riwadi, Riwadi, knoll – Witzt – wutzt Außig'stutzt« und was jene Katze anlangt, der die Haut abzuziehen ist, so sieht kein Verstand der Verständigen, was in Einfalt ein kindlich Gemüt übet. In der Welt, die aus nichts besteht als aus Zufall und Zusammenhanglosigkeit, werden mir Plan und Zusammenhänge offenbar. Wenn ich nun so häufig von jenen, deren Dummheit bloß verstandesmäßige Konsequenzen begreift, gefragt werde, warum ich einer Gesittung, deren mit der Lüge einer ererbten Kultur aufgemachter Barbarei ich so gern den Rücken zukehre, nicht lieber entrinne, zumal wo heute der Uridil spielt, und warum ich mit dem ganzen Mangel an Heimatgefühl mich nicht in die Fremde begebe, so kann ich nur sagen, daß meine Heimat mein Schreibtisch ist und mein Bett, die aus unerforschlichen Gründen gerade an diesem Meridianpunkt aufgestellt wurden, der vielfach für einen bevorzugten gilt, und die aus technischen Gründen nicht leicht zu übertragen sind. Unaufrichtigkeit möge man bei mir nicht vermuten: gern lebe ich nicht an einem Ort, wo einerseits die Reichspost erscheint und anderseits die Neue Freie Presse und die beiderseits nach deren Ebenbilde erschaffenen Menschen wohnen. Beethoven und Goethe Vorbilder und Lebensführer Heiratsgesuch. Ich lebe als vielbeschäftigter Rechtsanwalt in rhein. Kleinstadt unweit der Großstadt. Mein Wohnort, meine starke berufl. Inanspruchnahme und das Brachliegen des gesell. Lebens sind der Grund meiner Ehelosigkeit. Ich habe gutes Einkommen und Privatvermögen. Alter 36 J., Größe 1,73 m, dunkelblond u. gesund. Ich stamme aus vornehmer christl. Akademikerfamilie. Bei aller Energie bin ich recht verträglich u. anpassungsfähig . Ein Freund der Künste , bevorzuge ich die Musik, die ich selbst mit Passion ausübe. Ohne mich im politischen Leben zu betätigen, stehe ich der Deutschen Volkspartei nahe . Ich bin gut deutsch gesinnt, Kriegsteilnehmer und Anhänger eines Königtums nach engl. Muster. Ich bekenne mich zu keiner Kirche, ohne deshalb unreligiös zu sein. Männer wie Friedrich der Große und Bismarck, Goethe und Schiller, Beethoven und Wagner sind mir Vorbilder und Lebensführer. Seit langem geht mein tiefstes Sehnen nach einer herzlieben Frau, die Verständnis für meine Art hat. Eine solche Gattin zu finden, wäre mir höchstes Erdenglück! In Betracht kommt nur eine Tochter aus ebenbürtiger Familie, die gleich mir im Elternhause die sorgfältigste Erziehung genossen hat. Ihre Anschauungen müssen den meinen verwandt sein. Ich habe eine ausgesprochene Vorliebe für hübsche (!) Blondinen von ungefähr 1,70 m Größe. Hellblondine bevorzugt. Meinem Geschmack entspricht, was Äußeres angeht, Henny Porten, Margarete Schön. Vor allem muß meine Frau Sinn für ein gemütliches Heim haben. So sehr ich gelegentl. Besuch von Konzert und Theater schätze, so zuwider ist mir eine Frau, die ihre Lebensaufgabe im Vergnügen außerhalb des ehelichen Heims sieht. Bei aller Freude an schicker Kleidung mag ich keine Modepuppe, deren ganze Seligkeit ein vollgepfropfter, ständig neue Zufuhr erhaltender Kleiderschrank ist. Meine Frau muß den Haushalt führen, dazu auch wirklich in der Lage sein und darf im Kochen kein Stümper sein. So wie ich meinen Beruf verstehe, so soll sie den ihrigen beherrschen. Es wäre mir lieb, wenn meine Frau etwas vom Klavierspiel verstünde. Ich wünsche, daß meine Braut die Sachen in genügender Menge mit in die Ehe bringt, die zu ihrem ausschließlichen Gebrauch bestimmt sind , also z. B. Garderobe, Leibwäsche , Schuhe u s w. Davon abgesehen sind die Vermögensverhältnisse meiner Zukünftigen Nebensache. Nur darf sie keine Schulden haben. Junge Damen, die ein wahres Familienglück suchen, Eltern, die ihre Tochter einem zuverlässigen Manne anvertrauen wollen, mögen mir eingehend unter Beifügung eines Bildes schreiben. Strengste Verschwiegenheit u. Rückgabe des Bildes sichere ich ehrenwörtlich zu. Angebote u. M V 3179 an die Exped. d. Bl. Es ist vor allem nicht zu verstehen, warum solche 1,73 m lange und episch breite Individualitäten, die in einem Inserat sich ganz ausströmen, bis zu dem ständig neue Zufuhr erhaltenden Kleiderschrank – warum sie sich gelegentl. Buchstaben vom Mund absparen. Das kommt freilich von der berufl. Inanspruchnahme und vom Brachliegen des gesell. Lebens in einer rhein. Kleinstadt u. namentlich, wenn man aus einer christl. Akademikerfamilie stammt. Dafür wird man sonst deutl. Das Rufzeichen nach den hübschen (!) Blondinen soll ausdrücken, daß nicht etwa jede Blondine von ungefähr 1,70 m schon glauben darf, daß sie da in Betracht kommt. Vor allem müssen ihre Anschauungen den seinen verwandt sein, sie hat also der Deutschen Volkspartei nahezustehen und Anhängerin eines Königtums nach engl. Muster zu sein. Nebenbei bemerkt, schwärmen jetzt alle Kapitalkälber, alle Terrorzitterer, die den Sack und darum die Hosen voll haben und die wissen, daß ihre Sehnsucht nach den alten Zeiten ungestillt bleiben muß, für ein Königtum nach engl. Muster. Sie gleichen sich mit dem republikanischen Gedanken zu 50% aus. Offenbar ist der Hosenbandorden eine besondere Sicherheitsvorkehrung gegen die Folgeerscheinungen des »Bolschewismus«, der ihnen zumal dann unsympathisch ist, wenn er »schleicht« und sich infolgedessen zu einer andauernden Bedrohung auswächst, anstatt wie es sich gehört durch einen kurzen Hagelschauer des roten Terrors die Sonne des weißen heraufzuführen. Diese Gesellschaft ist natürlich in allen Ländern von der gleichen Wesenswiderwärtigkeit, man erkennt sie an den Reflexbewegungen und Gurgellauten der Eigentumsangst, die sie, wie manche Insekten einen übelriechenden Saft, von sich geben, sobald nur das Problem der Not an ihrem schäbigen Horizont auftaucht. Sie wollen vom Krieg »nichts mehr wissen«, es wäre denn daß es ihn wieder herbeizuführen gälte oder daß sie als »Kriegsteilnehmer« gern auf die wilden Abenteuer im Etappenraum zurückblicken; und wenn neben ihnen ein Invalide verhungert, so trösten sie sich mit dem Gedanken, daß die Sanierung eben Opfer erfordert und zwar jene, die die Ruinierung übriggelassen hat. Denn es geschieht alles fürs Vaterland, welches eine praktikable Dekoration ist, bestehend aus zwei Teilen, dem Vorteil für die einen und dem Nachteil für die andern. Dies ist die Gesinnung, deren Urgemeinheit die Kraft hatte, alle Feindschaft aufzuheben und selbst die nationalen Gegensätze zu versöhnen. Aber wenngleich sie den Bürgersinn der ganzen Welt bezeichnet, am greulichsten zeigt sich die Naturfarbe doch in unseren Klimaten. Wehe der Frau, die in solchen Belangen das wahre Familienglück sucht! Denn wenn sie nicht von Haus aus Verständnis für die Art hat, also nicht eo ipso ein Mißgeschöpf ist, wird sie in ihrer hellblonden Ahnungslosigkeit heillos in den Strudel dieser Konzessivsätze gerissen: bei aller Freude an schicker Kleidung mag er nicht und so sehr er gelegentlich, so zuwider ist ihm, bei aller Energie ist er und ohne sich zu betätigen steht er, und ohne etwas zu sein, bekennt er sich – und sie geht in der Langweile einer Ehrbarkeit unter, die in ihrem ganzen Leben keinen andern romantischen Einfall hatte als den, Friedrich den Großen und Bismarck, Goethe und Schiller, Beethoven und Wagner als ihre Vorbilder und Lebensführer anzusprechen und zu wünschen, daß auch die Braut die Sachen in genügender Menge mitbringt, die wieder ausschließlich zu ihrem Gebrauch bestimmt sind. Also die Garderobe bis zur silbernen Hochzeit: damit nämlich der Kleiderschrank nicht ständig neue Zufuhr erhalte. So grauenhaft nun die Möglichkeit ist, daß Frauen an solchen Auswurf des Kosmos, der die Stützen der Gesellschaft repräsentiert, ihre Instinkte vergeben – weit grauenhafter als die, daß sie sich an so etwas verkaufen –, so findet man doch wieder einigen Trost in der Vorstellung, daß sie dann möglichst oft ihr Vergnügen außerhalb des ehelichen Heims finden. Es wäre ihm lieb, wenn sie etwas vom Klavierspiel verstünde: dem Manne kann geholfen werden, wenn ein Klavierlehrer nachhilft. Wo so viel verlangt wird, soll schon etwas gewährt sein. Seinem Geschmack entspricht Henny Porten, natürlich nur »was Äußeres angeht«, das Innere hat besser zu sein, und er hat die Frechheit, zur Kennzeichnung seines erotischen Bedarfs auch noch auf eine dem Plakatruhm ferne Darstellerin klassischer Gestalten hinzuweisen. Könnte man sich nun im Ernst vorstellen, daß dergleichen außerhalb der christl.-germanischen Kulturzone, sagen wir in China möglich wäre? Daß dort so um Frauen geworben wird, solches Spülicht von Glücksverheißung sich durch die Presse, diese Cloaca maxima der öffentlichen Meinung, wälzt? Aber an all der Schmach sind nur die Frauen schuld, weil sie, anstatt die Natur, der sie doch näherstehen als die Verdiener, durch Verzicht auf die Ausübung ihrer Funktionen in übelster Gemeinschaft zu rächen, sich diesen bürgerl. Geschlechtstieren hingeben, um sie gar noch fortzupflanzen. Und die Parteien des politischen Umsturzes sind viel zu sehr in der vorhandenen und an allen Übeln der Welt beteiligten Geschlechtsmoral befangen, um auch nur zu ahnen, daß allein hier die wahre Revolution anzusetzen hat. Was in der Trümmerwelt, die der Krieg zurückgelassen, zu tun übrig bleibt, ist die Aufgabe, allen Überbleibseln der Lebensform, die ihn ermöglicht hat, wo immer wir ihrer in ihrer herztötenden Wirkung habhaft werden, den einzig sittlichen Krieg zu erklären und, noch vor jeder positiven Hilfe für das geschwächte Leben, dem frechen Wahnwitz ein Ende zu machen, daß ein invalider Staat durch Erhaltung des infamsten Paragraphen die Bevölkerungspolitik des Mordes fortsetzt, indem er hungernde Mütter zwingt, Kinder zu gebären, um sie ihnen, wenn er wieder die Möglichkeit hätte, als Erwachsene abzutreiben. Damit, wo Windeln aus Zeitungspapier aushelfen mußten, dereinst des Kaisers Rock angetan sei. Aber wenn in alle Ewigkeit die Natur die schmerzvolle Schmach empfindet, daß die Mütter ihre Söhne nicht gehalten haben, als das Vaterland rief, so werden sie sich wenigstens von einer Republik nicht vorschreiben lassen, sie zu gebären! Das Naturrecht, wenn schon nicht die Erzeugung, so die Nichterzeugung vor dem staatlichen Zugriff zu schützen, muß für alle Mütter wiedererobert werden, auch für solche, die nicht die materielle und technische Möglichkeit besitzen, die Aufsicht zu betrügen. Alles Gerede darüber, ob und inwieweit der Abtreibungsparagraph fallen soll, ist Halbheit und Feigheit, die nur zur Folge hat, daß die Früchte, die nicht abgetrieben werden, sich dauernd zu Staatsanwälten und zu denjenigen Richtern entwickeln, die es leider Gottes in Österreich noch gibt. Und vor allem zu dieser Art Musterknaben und »Freunden der Künste«, die noch nie in ihrem Leben neugierig waren zu erfahren, ob auch die Künste ihre Freunde sind, weil sie das von vornherein für ausgemacht halten. Denn die Künste sind dazu bestimmt, die freien Stunden nach der berufl. Inanspruchnahme auszufüllen, und die Natur geht mit drauf, indem die Frauen sich als Mütter wie als Huren dazu hergeben, bei solcher Gelegenheit zu flechten und zu weben, wofür sie nicht so sehr geehrt als mißbraucht und verachtet werden. Da beschreibt ein Empfindsamer eine »Kleine Tragödie:« – Vor mir auf der Straße geht ein Mann mit seiner Frau. Eine hübsche, schlanke, gut, aber nicht auffallend angezogene Frau. Der Mann sieht widerwärtig aus, d. h. ich kann sein Gesicht nicht sehen. Aber wie sich von hinten die prallen wulstigen Beine durch die straffen Hosen drängen, wie der breite Rücken geradezu aus dem Jackett herausknallt, wie der Kragen überkränzt ist von einer roten Fleischschwarte, das erübrigt es, daß ich mir den Mann von vorn ansehe. – Er spricht. Sie antwortet ganz selten. Plötzlich hebt er seinen Arm und klopft seiner Frau auf den Rücken. Klopft mitten auf der Straße seiner Frau auf den Rücken. Und in dieser Geste liegt eine besitzgenießerische Brutalität, die empört erbeben läßt. Die Frau macht eine abwehrende Bewegung. Sie muß es genau so empfunden haben. Da lacht er und klopft ihr noch einmal und etwas stärker auf den Rücken. – Wieder macht die Frau eine erschrockene und fahrige Bewegung. Man sieht, wie ihr hinten vom Hals Röte ins Gesicht kriecht. Ihre Handtasche fliegt auf's Pflaster bei der raschen Geste, der Mann sagt begütigend: »Na, was ist denn?« Sie antwortet nicht, er bückt sich nicht, sie hebt stumm die Tasche auf. Sie gehen weiter. Und plötzlich steht die ganze Tragödie dieser Ehe da. Vom Vorspiel, dem Flirt eines ahnungslosen jungen Mädchens in einem Badeort, dem reichen Bewerber und der habgierigen Mutter, vom ersten Akt, der Fremdheit der Frau in fremder Wohnung, den Greueln der Hochzeitszeremonien bis zum letzten Akt, wo vielleicht der für solche Dramen notwendige Schuß knallt und ein dicker Mann ratlos vor einem bleich gewordenen Gesicht steht, das blutend in den Kissen liegt und um den Mund herum entsetzlich müde und zugleich befreit aussieht. Wohl, so ähnlich spielen sich die Dinge ab. Aber wo wird der Inhalt der kleinen Tragödie erzählt? In der Zeitung, die das Leibblatt des Monstrums mit den prallen wulstigen Beinen, dem breiten Rücken und der roten Fleischschwarte über dem Kragen ist. Mehr: deren Geschäft es ist, die Tantiemen von den kleinen Tragödien in Form von Annoncengewinn zu beziehen, von den Tragödien, die sie selbst inszeniert hat. Denn so ahnungslos war das junge Mädchen natürlich nicht, mit dem Untier sich in einen »Flirt« einzulassen, wohl aber so wehrlos, sich von ihm durch die Zeitung – die eine Schmucknotiz übrig haben wird, um ihr Schicksal zu beklagen – erschachern zu lassen. Unter den »Greueln der Hochzeitszeremonien« sind natürlich nur die der Hochzeitsnacht gemeint, die eine prüde Kupplerin zwar herbeigeführt hat, aber nicht bei ihrem Namen zu nennen wagt, denn sie ist noch immer eher geneigt, das religiöse als das moralische Gefühl ihrer Kunden zu verletzen. Und sie sind so gewiß, daß die Kanaille nicht aufhören wird, ihnen hübsche, schlanke, gut angezogene Frauen zuzuführen – die die Sachen in genügender Menge mitbringen und denen sie dafür zufrieden auf den Rücken klatschen –, daß sie ihr ausnahmsweise die sensible Anwandlung gestatten, aus dem kleinen Scherz eine kleine Tragödie zu machen. Aber mit oder ohne solche Extratouren einer Presse, die nicht nur als praktische Zutreiberin, sondern mit jeder Faser ihres kulturellen Daseins die genußfrohe Welt der Fleischnacken bejaht – der Geschlechtsbesitz ist jener, aus dem die besitzende Klasse vor allem zu verjagen ist, und der Posten, wo sie sich am unsichersten zu fühlen hat, ist das Bettl Es ist mit fühlenden Sinnen einfach nicht zu fassen, nicht zu ertragen, daß diese männermordend schlachtgeborne Brut, die Beischläfer einer toten Natur, noch einen Augenblick des Unbewußtseins haben sollen, einen, wo sie außerhalb der elenden Berechnungen empfinden, durch die sie sich ihn doch erkaufen. Bei aller Energie bin ich recht verträglich u. anpassungsfähig, aber mein Lebtag habe ich mich der Vorstellung der »Mitgift«, die ihnen ins gemütl. Heim gebracht wird, nicht ohne die naturerlösende Nebenvorstellung überlassen können. Brot und Lüge Es wäre mithin zum inneren Aufbau der Welt unerläßlich, ihr das wahre Rückgrat des Lebens, die Phantasie, zu stärken. Dies könnte nur gelingen, indem die Notwendigkeit bereinigt und also der Menschengeist von der Befassung mit ihr erlöst, zugleich aber auch der Zustrom aus den falschen Quellen eines papierenen Lebens gehemmt wird. Denn in dem Maß, als der Geist den Selbstverständlichkeiten preisgegeben war, wuchs sein Verlangen, die Phantasie von außen her ersetzt zu bekommen, und je mehr dieses Verfahren vervollkommnet wurde, desto mehr war wieder der Zweck den Mitteln ausgeliefert. Nur eine Politik, die als Zweck den Menschen und das Leben als Mittel anerkennt, ist brauchbar. Die andere, die den Menschen zum Mittel macht, kann auch das Leben nicht bewirken und muß ihm entgegenwirken. Sie schaltet umsomehr den gesteigerten Menschen, den Künstler, aus, während die nüchterne Ordnung der Lebensdinge ihm den naturgewollten Raum läßt. Jene gewährt eine rein ästhetische und museologische Beziehung zum geschaffenen Werk, sie bejaht, diesseits der Schöpfung, das Resultat als Ornament und lügnerische Hülle eines häßlichen Lebens, ja sie erkennt nicht einmal das Werk an, sondern eigentlich nur das Genußrecht der Bevorzugten an dem Werk, dessen Schöpfer vollends hinter dem fragwürdigen Mäcen einer im Besitz lebenden Welt verschwindet. Sie züchtet den allem Elementaren abtrünnigen und eben darum allem Schöpferischen feindlichen Snobismus, der seine Beziehung zur Kunst legitimiert glaubt, wenn er den Schutz des schon vorhandenen Kunstwerks über die Sorgen der Lebensnot gestellt wissen möchte. Aber der Sinn der Kunst erfüllt sich erst, wenn der Sinn des Lebens nicht zur Neige geht, und Symphonien wachsen nur, wenn nicht daneben ein todwundes Leben um Erbarmen stöhnt. Was in das Leben wirkt, ist auch vom Leben bedingt. Ästheten, die die Verhinderung erkennen, mögen dem Geräusch die Schuld geben. In Wahrheit aber umschließt das Geheimnis, dem sich das Werk entringt, noch diesen rätselhaften Einklang mit allem Lebendigen, dessen Verarmung zugleich auch die schöpferische Seele verarmt. Denn was irdischer Überfluß vermag: neben der Not zu leben, weil er von ihr lebt, vermag der Reichtum göttlichen Vermögens nicht – er leidet mit ihr, er verkümmert an dieser Gleichzeitigkeit eines unbefriedigten Lebens und er versiegt an diesen sündigen Kontrasten von Fülle und Mangel, die die Zeit dem stets verantwortlichen Gewissen einer höheren Menschenart vorstellt. In einer Kultur, die den Luxus mit Menschenopfern erkauft, fristet die Kunst ein dekoratives Dasein, und wie alle lebendigen Tugenden eines Volks sind seine produktiven Kräfte gleich gehemmt im Glanz und im Elend und zumal unter dem schmerzlichen Fluch dieser Verbindung. Die Kraft, zu geben, wie das Recht, zu empfangen, sind von der Sicherung bedingt, daß das Leben nicht unter seiner Notwendigkeit und nicht über ihr gehalten, nicht ans Entbehren verloren sei und nicht ans Schwelgen, sondern aufbewahrt für sich selbst und zur Glücksempfindung jeglichen Zusammenhangs mit der Natur, als zu dem »Anteil an diesen Tagen«, den Gott einer Spinne wie einem Goethe gewollt hat. Der Mensch aber hat gewollt, daß er des Anteils, daß er seiner selbst verlustig gehe, und aus der Zeit, die den Lebenssinn mit den Ketten und Fußfesseln der Lebenssorge bindet und das Geschöpf entehrt, floh jede Gnade der Schöpfung. Ist das Naturrecht verkürzt, die Schönheit zu empfangen, so verkümmert auch die Fähigkeit, sie zu geben. Nur jener unseligen, die auch den feindlichen Zeitstoff bewältigt und sich an dem Mißton erregt, der Symphonien verhindert, ist Raum gelassen – woraus sich mir bei klarster Erkenntnis der Problemhaftigkeit meiner Gestaltungen sozusagen der völlige Mangel einer zeitgenössischen Literatur in deutscher Sprache erklärt. Wie es um die Malerei bestellt ist, eine Kunst, deren Werk seine Materie nicht überdauert, weiß ich nicht. Wohl aber weiß ich, daß sie, falls ihr eine ähnliche Verbindung mit allem Lebendigen, wirkend und bedingt, wie der Sprache eignet, einen Rembrandt erst haben kann, wenn ringsum nicht der Tod die Schöpfung bestreitet, und daß die produktive Tat in leerer Zeit der Entschluß wäre, mit der Leinwand des vorhandenen Rembrandt die Blößen eines Frierenden zu bedecken. Denn der Geist steht zwar über dem Menschen, doch über dem, was der Geist erschaffen hat, steht der Mensch; und er kann ein Rembrandt sein. Diese Sätze habe ich im Juli 1919 geschrieben, zu einer Zeit, da der Hunger für die wohlhabenden Kreise dieser Stadt zwar längst eine Zeitungsrubrik war, aber noch nicht in die Theater- und Kunstnachrichten hinüberspielte. Ich glaube wohl, daß hier für Herzen, die noch lebendige Gedanken zu fassen vermöchten, ein Einklang vernehmbar war zwischen den elementaren Angelegenheiten der Menschheit, also dem Sinn des Lebens und dem Begriff der Kunst, als eine ungeahnte Verbindung, durch die Sein und Schaffen in eine freiere Erde eingeordnet erscheinen, wie eine Entdeckung ihrer Pole: Persönlichkeit und Gemeinschaft und deren Funktion, doch eine und dieselbe Welt zu umschließen. Aber die Gedanken eines Autors sind für wenige Leser ein Anlaß, sich welche zu machen. Weil es an den empfangenden Herzen fehlt, fehlts an den verstehenden Köpfen, und in wie geringem Maß die geistigen Dinge danach angetan sind, Ursache einer zeitlichen Wirkung zu sein und eine Handhabe dem unmittelbaren Begreifen, zeigt wie kaum ein anderer Fall so beispielhaft mein Schicksal einer tiefen Unwirksamkeit, die noch ihre Popularität dem Mißverständnis verdankt, so daß ich mich einigermaßen befugt halte, über die völlige Überflüssigkeit allen Kunstbesitzes ein Wort zu sprechen. Hätten geistige Kräfte jene kontagiöse Gabe der Überredung, welche den Meinungen als ein scheinbarer und von jeder Widerrede zerstörbarer Erfolg zukommt, so wäre doch in zwanzig Jahren das große Übel ausgerottet, dem wir den Untergang so vieler irdischer Werte und Hoffnungen verdanken, diese Presse, die nicht durch die Verbreitung lebensgefährlicher Ansichten, sondern durch die tödliche Gewalt ihres seelenfeindlichen Wesens den Schrecken ohne Ende und nun das Ende mit Schrecken heraufgeführt hat. Ja, ich könnte selbst, von meinem geringfügigen Beispiel auf die kulturellen Besitztümer übergreifend, die den Tempelhütern der Kunst am Herzen liegen, die Frage stellen, ob denn diese Erzlügner, die doch gewiß den Wert an der Wirkung messen, im Ernst der Meinung sind, daß die Habe, vor die sie schützend ihre Arme breiten, damit unser Hunger ja nicht um ein paar Wochen verkürzt werde, wirklich mehr wert sei als die ausländische Valuta, für die wir Getreide bekommen können: wenn all ihr Zauber uns nicht davor bewahrt hat, in diesen Zustand zu geraten, wenn all der herzerhebende und für die Kultur unentbehrliche Besitz uns nicht davor behütet hat, eine Zeitlang mit Gelbkreuzgranaten und Flammenwerfern uns zu vergnügen. Und ob es nicht eben das Ergebnis ist, daß wir selbst nur noch als leibliche Existenz diese Werke wert sind, aber nicht mehr ihrer würdig. Und die eigentliche Niederlage: nur mehr auf Lebensmittel Anspruch zu haben und nicht auf das Glück, eine Kultur aus dem Krieg zu retten, die uns nicht genug verbunden war, uns vor ihm zu retten. Nur zu gern überlasse ich es den Kunstsachverständigen, zu entscheiden, ob Teppiche und Gobelins in dem Tempel Platz haben sollen, in dem unsere Blut- und Wucherwelt vor Rembrandt und Dürer ihre Andacht verrichtet, und vertraue, als einer, in dessen Seele zeitlebens nur die Farbe der Natur Eingang fand, blind der Überlieferung, daß die Werke der Malerei zu jenen unveräußerlichen Geistesgütern der Menschheit gehören, ohne die wir uns das Leben nicht vorstellen und uns selbst nicht auf der heutigen himmelnahen Stufe der Entwicklung denken könnten. Meiner Ahnung ist das Geheimnis unerschlossen, aus dem der Genius in zeitbedingten, zeitverfallenen Materialien seine Welt ersinnt, und es muß wohl jene überzeitliche Wirkung, ohne welche die Kunst nichts als ein schnöder Zeitvertreib oder Aufputz wäre, auch der Schöpfung eingeboren sein, deren Magie der Möglichkeit nicht widerstrebt, wie einst dem fürstlichen Zahler, nun frisch aus dem Mysterium einem Cottagejuden zuzufallen, damit sie ihrer Einmaligkeit genüge und noch im Werte steige. Da ich nun von den Bedingungen dieser Produktion so wenig wie um ihr Geheimnis weiß, so käme meine Unwissenheit in den Verdacht der grundsätzlichen Aversion eines Farbenblinden, wollte ich meinen unerschütterlichen Glauben, daß das Leben wichtiger sei als das Kunstwerk, vornehmlich an den Werken der bildenden Kunst betätigen. Der Frage, ob man solche gegen Lebensmittel umtauschen solle, habe ich durch die Entscheidung, die mit der kostbarsten Leinwand die Blößen eines Frierenden zu bedecken rief, unzweideutig vorgegriffen. Das Beispiel, gegen das der ästhetische Vorbehalt sich sträubt und der rationale die Zweckwidrigkeit der brüchigen Kunstmaterie einwendet, war, als die vorgestellte Wahl der höchsten und letzten im Raum der Notwendigkeit verfügbaren Werte: des toten Lebens und des noch lebendigen, der Gedanke: daß ein auf sein primärstes Problem ausgesetztes Menschentum dem Schaffen und dem Empfangen entsagen muß und der Geist aus Treue zu sich selbst, vom Ästhetischen ins Sittliche gewendet, zur Barmherzigkeit wird. Es kann vollends nicht zweifelhaft sein, daß ich Besitzinteressen für kein Hindernis ansehen werde, wenn es sich nicht um die Zerstörung eines Kunstwerks zum Schutz gegen Erfrieren, sondern nur um seine Entfernung zum Schutz gegen Verhungern handelt. Da es aber noch höhere Interessen als die der Interessenten sein sollen, welche den Verkauf von Kunstwerken verwehren, da sogar die höchste Lüge, über die wir all in unserer Not noch verfügen und die wir noch an unserm Grabe aufpflanzen, nämlich unsere Kultur es verwehren soll, so wird es sich empfehlen, daß ich ein Gebiet, in dem ich nur durch Unzulänglichkeit des Wissens Aufsehn errege, verlasse und jenes betrete, zu dem mir auch der Todfeind eine gewisse Beziehung der Liebhaberei nicht absprechen wird; und daß ich mein Augenmerk einer Kulturgefahr zuwende, die uns vorläufig noch nicht droht, von der ich aber selbst in Zeiten des Wohlstands wünschen würde, daß sie über uns verhängt wäre. Der tiefsinnigste Einwand gegen den Verkauf von Gobelins, der in allen Protesten wiederkehrt, ist wohl die Erkenntnis, daß Brot, wenn es einmal aufgegessen ist, nicht mehr da ist, während man an der Kunst etwas Dauerhaftes hat. Vorausgesetzt, daß die Regierung, als sie sich zu der Methode entschloß, den Hunger zunächst mit Brot zu stillen und indessen auf Gott oder andere Hilfe zu vertrauen, nicht im Voraus bedacht haben sollte, worauf sie ein Weiser da aufmerksam macht, nämlich auf die Vergänglichkeit der Nahrung im Gegensatze zur Unvergänglichkeit von Gobelins; und falls sie etwa der Meinung war, daß wir von »dem Speck, der knapp für ein paar Wochen reichen wird«, auch fernerhin werden leben können, sei ihr eine Anregung geboten: wenn die Museen geleert sind, nicht zu vergessen, daß es auch Bibliotheken gegen Hunger gibt. Und damit wäre ich auf dem Gebiete angelangt, wo mein Kulturnihilismus schon einiges Zutrauen verdient und wo ich von berufswegen berechtigt bin, lieber die Zerstörung zu wünschen als den Gebrauch zur Lüge. Wenn es nun um den Verkauf von Literatur ginge, so weiß ich wohl, daß das vielmalige Vorhandensein eines und desselben Geisteswerkes wie die nationale Bedingtheit seines Verständnisses Wesensmerkmale sind, die seinen Kaufwert neben dem Ertrag der bildenden Kunst verschwinden lassen; gleichwohl würde hier, bei vertausendfachter Fülle des Inventars, das bibliophile Moment in zahllosen Fällen seinen Anreiz bewähren. Ich habe für die Dringlichkeit, das nackte Leben zu retten, nur darum das Beispiel des Bildwerks bevorzugt, weil Leinwand als Kälteschutz sinnfälliger ist denn Papier, das doch erst durch Feuerung dem wohltätigen Zwecke dienstbar wird. Ich lasse aber den Argwohn nicht an mich heran, als ob ich, um in kalter Nacht zu arbeiten, nicht bereit wäre, mit meinen Werken einzuheizen, wenn mich je verlangt hätte, sie zu besitzen. Die Gewißheit um den toten Wert aller geistigen Habe, und wie erst in den Händen dieser Zeitgenossenschaft, hat mich noch immer vor dem Streben nach einem Erfolg bewahrt, der dem Wesen aller künstlerischen Produktion fremd ist und dessen Mangel sie erst bestätigt, und es gehört die ganze Selbstsicherheit dieses Gefühls dazu, den geräuschvollen Anklang, der dem stofflichen Reiz wie der Sonderbarkeit des Einzelfalles gilt, nicht mit jener Wirkung zu verwechseln, die ein Werk dem Publikum zu eigen gibt. Kann ich es aber als den eigentlichen Erfolg meiner Gestaltungen werten, daß sich ihr leichtester Satz dem gemeinen Verständnis noch immer schwerer erschließt als ein Dutzend Bücher, die man ihm abgewinnen könnte; und ist es mir, so wenige es auch wissen oder spüren mögen, zu glauben, daß ich kein materielles Hindernis gelten ließe, wenn es die Vervollkommnung eines Wortes gilt, seine Verantwortung vor mir selbst, also den Bestand vor dem mit zunächst maßgebenden Forum, und dann ohne Beruhigung über dieses hinaus bis an ein imaginiertes Sprachgericht; daß ich einem Beistrich zuliebe auch die Reise an den fernsten Druckort nicht scheute und dennoch unbefriedigt heimkehrte – so wird auch der niedrigste Verkenner in meiner Einschätzung des fertigen, nur scheinbar fertigen Werks, dessen Aufhaltbarkeit alle Zweifel entfesselt hat und dessen Abschluß alle Reue, jede andere Sehnsucht als die nach Beifall erkennen. Wenn das Vorlesen der eigenen Schriften nicht auch die Befriedigung wäre, die dem nervösen Anspruch darstellerischer Lust gebührt, so wäre es nur die Qual des Autors, der noch nie einen Blick in seine gedruckten Werke, es sei denn zur frohgemuten Änderung für spätere Ausgaben, getan hat, der sie am Vorlesetisch hilflos in all ihrer Unzulänglichkeit erleiden muß und, während er das Ohr befriedigt, dem Aug verborgene Korrekturen vermerkt. Der Irrtum, daß die Seele, in der so irdisch unwägbare Interessen leben, Raum haben könnte für Erfolgsucht, müßte schon an der Wahrnehmung zuschanden werden, daß sie den ungeheuerlichen und an jedem Tag bemerkten Ausfall durch all die Jahre doch zu ertragen vermocht hat. Der Irrtum lebt fort von dem Mißverständnis jener historischen Verbindlichkeit, die ich mir mit höheren Pflichten auferlegt habe: innerhalb der eigenen Publizität auch die Signale meines Daseins aus der fremden zu verzeichnen und, da ich dieses Brauchs schon entwohne, mit stolzerem Behagen alle Momente zu sammeln, in denen sich die Konvention des Schweigens an mir erweist. Welch grelleres Schandmal könnte ich aber an einer offiziellen Literaturwelt, die nun leider auch die Ehren der Weltliteratur verteilt, entdecken, als ihre Stellung zu mir? An welchem andern Fall würde denn ihr elendes Scheinwesen, das zu entblößen mir Gebot ist, sinnfälliger? Wo träte die Kongruenz meiner Behauptung mit der Beweisführung derzeit in packendere Wirksamkeit? Und was könnte, nebst seinem eigenen Verhältnis zur Kriegsschmach, das ganze lumpige Lügenwerk dieses Feuilletonismus besser enthüllen als die hehlerische Gewandtheit, mit der er das, was ich 1914 ausgesprochen habe, jenen, die sich schon 1918 getraut haben es mir zu stehlen, als Geistestat anrechnet? Wenn doch der Unverstand, der einem Autor Selbstgefühl vorwirft, endlich zur Kenntnis nähme, daß dieser Zustand nur bis zur Drucklegung vorhält, und da freilich in einer gar nicht vorstellbaren Schrankenlosigkeit, darüber hinaus jedoch nur als der Verzicht auf eine Erfolgswelt in Erscheinung tritt! Und ich glaube wohl, daß keiner der Schöpfer, zu denen sich der Gebildete einer Beziehung rühmt, die aber ohne das zweifelhafte Medium der Literaturgeschichte ganz gewiß nicht auf diese Nachwelt gekommen wären, anders, weniger eitel und weniger bescheiden, zu seinem Werk gestanden hat. Auch sie haben sich selbst eingeheizt, und hätten eben darum nicht gezögert, es mit ihren fertigen Werken zu tun und so auch mit den fremden. Indem ich bei Verwendung meiner Bibliothek keinesfalls die eigenen Schriften verschone, schütze ich meine allgemeine Geringschätzung der schon geschaffenen Werke gegen den Verdacht, daß ich es geflissentlich auf die mir fremden, auf die Verarmung von Galerien abgesehen habe, und so zu den Objekten der Wortkunst gesinnt, dürfte es dem Schriftsteller am ehesten glücken, einer in Schönheit sterbenden Kriegswelt mit dem Gedanken beizukommen, daß im Namen der Kunst und alles ewigen Lebens der erschaffene Mensch über dem erschaffenen Werk steht. Um die Forderung mit aller nötigen Unerbittlichkeit zu stellen, sei vorweg der Fall angenommen, daß es nicht wie bei den Bildwerken nur auf eine räumliche Trennung, durch die ja bloß die Bedingungen ihrer unmittelbaren Wirkung verändert, vielleicht verbessert werden, sondern auf eine Vernichtung unserer Literaturschätze, ja in der Totalität alter Drucke, die irgendwo vorrätig sind, abgezielt wäre – eine Katastrophe, die man sich noch leichter als durch die Politik der Kohlennot durch einen der Zufälle kriegerischer Zwecklosigkeit verhängt denken könnte. So behaupte ich mit freier Stirn, daß unsere Welt zwar an Genüssen, an jenem Glück der Lüge, die ihr Genüsse einbildet, und vollends der Lüge, die ihr das Hochgefühl einer kulturellen Verantwortung verschafft, ärmer würde, aber nicht um eine Faser von einem lebendig empfangenen Wert. Behaupte ich mit der Beharrlichkeit, die mir so wenig Erfolg erstritten hat: daß ein Zeitungsblatt mehr gegen unsere sittliche Entwicklung bewirkt hat als sämtliche Bände Goethes für sie! Weshalb ich mir zwar von der planmäßigen Vernichtung alles vorhandenen Zeitungspapiers – nach Kriegen, die diese Menschheit ihm verdankt – einen Gewinn verspreche, aber von dem zufälligen Ruin aller vorhandenen Geisteswerke – durch Kriege, die diese Menschheit trotz ihnen führt – keinen Verlust befürchte. So denke ich, und bezeuge es mit der Tatsache, daß die Deutschen, und wenn sie noch so lügen, aus ihren Herzen keine Mördergrube machen, wenns ihre Kultur gilt, und daß sie in hundert Jahren auf ihren Goethe nicht so stolz waren wie in fünf auf ihre Bombenschmeißer. Ich glaube, daß eine Untersuchung, wie viel Deutsche die Pandora und wie viele den Roten Kampfflieger von Richthofen gelesen haben, ein Resultat zeitigen würde, das uns nicht gerade berechtigen könnte, uns in Kulturaffären mausig zu machen. Aber man wende nicht ein, daß Krieg Krieg ist. Wenn das Volk Goethes nicht schon im Frieden gelogen hätte, so hätte es ruhig zugegeben, daß es Geibel für einen weit größern Dichter hält. Wie könnte man die Unentbehrlichkeit der ewigen Werte für das deutsche Gemüt besser beweisen als durch den Umstand, daß vom Erstdruck des Westöstlichen Divan der Verlag Cotta voriges Jahr die letzten Exemplare vom Tausend an einen Liebhaber verkauft hat? Bedürfte es noch des erschütterten Blicks auf die Auflagenfülle Heinescher und Baumbachscher Lyrik? Und welche Gefahr müßte denn einem Wortheiligtum drohen, damit das deutsche Kulturbewußtsein in Wallung käme? Die Schmach, ein Bild aus dem Land zu verkaufen, wo es doch keine war, es hereinzukaufen, möchte jeder Kunstgreisler von unserm Gewissen abwenden. Aber wer protestiert gegen die ruchlose Verwüstung, die den klassischen Wortkunstwerken durch die Tradition der literarhistorischen Lumperei und den ehrfurchtslosen Mechanismus der Nachdrucke angetan wird, durch den frechen Ungeist, der die Sprachschöpfung an der Oberfläche des Sinns identifiziert und korrigiert, und durch ein System, das der Barbarei des Buchschmucks den innern Wert zum Opfer bringt? Welch ärgerer Unglimpf droht denn dem Jagdteppich als statt in Wien in Paris zu hängen? Hat je ein Konservator anders als durch Unfähigkeit an dem ihm anvertrauten Schatz gesündigt, hätte er je wie der Literarhistoriker es gewagt, einen erhaltenen Wert zu zerstören und einen Strich, den er für verfehlt hält, weil seine Stumpfheit eben hier die schöpferische Notwendigkeit nicht spürt, glatt zu überschmieren? An einem der ungeheuersten Verse der Goethe'schen Pandora haben sich die Herausgeber der großen Weimrer Ausgabe dieser Missetat erdreistet, sich unter ausdrücklichem Hinweis auf die Urfassung dazu bekennend, einfach, weil sie die Sprachtiefe für einen Schreibfehler hielten und die schäbige Verstandesmäßigkeit ihrer Interpungierung für den Plan des Genius. »Rasch Vergnügte schnellen Strichs« – gleich den Kriegern des Prometheus an eben jener Stelle. Von solchem Hirnriß, der nun für alle folgenden Ausgaben maßgebend ist und bleibt, von solchem Verbrechen, mit dem sich die deutsche Literaturbildung in ihrer Ohnmacht vor dem Geist durch Frechheit behauptet, von solchem Exzeß deutschen Intelligenzknotentums möchte ich sagen, daß er die Kulturschmach von zehn ans Ausland verkauften Tizians, die doch höchstens durch ein Eisenbahnunglück und durch keinen Historiker verstümmelt werden können, in Schatten stellt. Die deutsche Bildung möge noch so laut versichern, daß sie ohne Goethe nicht leben kann, ja sie möge es sogar glauben – welche Beziehung hat der deutsche Leser zu einem Vers, wenn der deutsche Gelehrte kapabel ist, an dessen heiliges Leben Hand anzulegen? Eben noch die, daß er seinerseits imstande ist, »Über allen Gipfeln ist Ruh« zu einem U-Boot-Ulk zu verunreinigen. Wenn Güter des Geistes den Empfänger so begnadeten, wie die zurechtgemachte Fabel wähnt, so müßte allein von solcher Wortschöpfung, müßte sich von den vier Zeilen, die Matthias Claudius »Der Tod« betitelt hat, eine allgemeine Ehrfurcht auf den Kreis der Menschheit verbreiten, in dessen Sprache solche Wunder gewachsen sind, nicht allein zur Heiligung dieser selbst, sondern zur Andacht vor aller Naturkraft und zur Läuterung der Ehre des Lebens, zu seinem Schutz gegen alles, was es herabwürdigt, kurzum zu einer politischen und gesellschaftlichen Führung, die den Deutschen dauernd vor dem Gebrauch von Gasen und Zeitungen bewahrte. Es müßte mehr Stille in dem Hause sein, in dem solche Worte einmal vernommen wurden, und kein Gerassel mehr hörbar, seitdem ein Atemzug der Ewigkeit zur Sprache ward. Statt dessen erfahren wir es, daß der Lebenston, den keine Schöpfermacht zu verinnerlichen vermöchte, sich an eben ihren Wundern vergreift und ein schimpfliches Behagen, niederträchtiger als jeder Plan, zur Ausrede für die Lästerung wird. Denn wie keine der Nationen, deren Wort solcher Fülle im Einfachsten enträt, deren Mensch aber teil hat an ihren Gaben, lebt der Deutsche neben seinen Gipfeln auf hoffnungslosem Flachland und empfängt nichts von dem Klima, in dem seine Geister hausen. Vermittelt den anderen ihre günstige Mittellage die leichte Berührung mit dem Segen, den die künstlerische Kraft der Nation ergibt, steht jeder einzelne von ihnen durch den zärtlichen Umgang mit der Sprache dem Dichter nahe, so läßt die Umgangssprache des Deutschen nur noch das Staunen übrig, daß aus solchem Rohstoff doch auch das Höchste erwachsen konnte, und die Beziehung seiner Kultur zu den Schöpfern scheint hinterher durch die Pflicht der Bildung oder die Fleißaufgaben des Snobismus hergestellt. Nur eine Sprache, die so der Seele und dem Betrieb, zugleich der tiefsten und der niedrigsten Gesittung gerecht wird, hat die Totenklage über Euphorion und ein »Heldengedächtnisrennen« ermöglicht, und noch die stets fertige Beschönigung jedes Kultur- und Menschheitsgreuels mit der Landsmannschaft Goethes. Nein, Geistesgüter sind nicht wie jene, die sich schieben lassen, »sofort greifbar«, sie entziehen sich dem Händlergeist, auch wenn er sich auf sie beruft und je prompter er an sie herankommen möchte, um sich ihrer zur schönern Aufmachung zu bedienen. Und weil er von ihnen nichts spürt, als daß sie sich ihm weigern, wenn er sie begreifen möchte, so rächt er sich an ihnen. Daß aber just jenes Spießertum, dem eine heilige Schrift zur Unterlage für Gspaß und Gschnas taugt, zum Schutz der Kunstehre das Maul aufreißen muß, versteht sich aus der naiven Unbefangenheit, mit der diese Bekenner, ebenso wie sie ihre ungeheuchelten Schweißfüße in Illustrationen vorführen, auch ihren angebornen Drang zur Lüge annoncieren. Die Selbstlosigkeit, aus der deutsche Kulturhüter sich zu Protesten entschließen, ist wohl am deutlichsten in der Tatsache ausgeprägt, daß kein einziger von ihnen auch nur einen Augenblick vor der Möglichkeit erschrickt, man könnte seine Existenz zum Beweise heranziehen, daß in Deutschland gar keine Kultur in Gefahr ist. Vorbildlich bleibt die Unerschrockenheit jener 93 Intellektuellen, die keine Lüge gescheut haben, um darzutun, daß Deutschland verleumdet werde, und die damit auch tatsächlich den Krieg gewonnen haben, der nur später durch die Ungunst der Verhältnisse wieder verloren ging. So aus der Lüge eine Wissenschaft zu machen und aus der Wissenschaft eine Lüge – das trifft keine andere Nation, und weil jede andere so natürlich geartet zu sein scheint, daß sie vor der Wirklichkeit der Not nicht Redensarten machen wird und daß sie den Hunger für eine respektwürdigere Tatsache hält als selbst Gobelins, so glaube ich, daß sie sobald nicht in die Lage kommen wird, solche um jenes willen verkaufen zu müssen. Gelogen wird ja überall, wo gedruckt wird in der Welt; aber weiß Gott, im Zentrum Europas ist der Mensch schon vollends nach dem Ebenbild des Journalisten geschaffen. Hätten so idealen Geschöpfen Werke, die von den Gedanken der Menschlichkeit überfließen, je etwas anderes als Zeitvertreib gebracht – und den ehrlichern unter ihnen bloß Zeitverlust –, wie wären sie mit so frischem Mut in die Hölle der heutigen Sittlichkeit eingegangen? Fragt man nun aber, wo denn jene durch die Zeitalter dringende Geistesmacht der Kunst geblieben sei, deren Versagen an der Menschenseele wahrlich das größere Rätsel ist als die Unwirksamkeit des unmittelbaren Eindrucks, so kann ich nur bekennen, daß, sowenig ich von dem Erfolg der Lektüre oder der Betrachtung halte, so unverrückbar mir der Glaube an die sittliche Fernwirkung des künstlerischen Schaffens bestehen bleibt, ohne den zu denken undenkbar wäre. Und daß sie ganz gewiß durch alle Offensiven des Satans, deren furchtbarste wir nun erleiden, hindurchgeht, um die Menschheit doch auf einem höheren Grade anzutreffen, als es der Fall wäre, wenn ein Schöpfungsfluch ihr geboten hätte, ohne ihre Sterne durch ihre Nacht zu finden. Von diesem Glauben an die tiefere Unentbehrlichkeit und Unveräußerlichkeit des künstlerischen Wesens zu dem flachen Wahn, daß wir ohne sein Objekt und dessen Betastung nicht auskommen, ist etwa so weit wie von meinem Schreibtisch zu einer Protestversammlung, in der sich Kunstspießer für die bedrohte Ehre einer Schöpfung ereifern, von welcher sie weniger wissen als von dem Speck, über den sie sich erhaben dünken, solange sie ihn haben. Solange ihnen die Vorstellung eines Lebens, in dem zum erstenmal die Selbstverständlichkeit zum Problem wird, und zum einzigen Problem, nicht an den eigenen Leib rückt. Denn das Quentchen Phantasie, schon heute zu empfinden, was man erst morgen erleben wird und was der nächste Nachbar schon gestern erlebt hat, bringt kein Künstler auf. Es bereitet mir ein in Worten gar nicht ausdrückbares Vergnügen, mich schützend vor die Viktualien zu stellen, wenn eine Regierung es wagte, sie für die Ideale der Wiener Künstlergenossenschaft verkaufen zu wollen. Was bleibt unsereinem übrig als an Butter zu denken, wenn sie für die hehre himmlische Göttin zu schwärmen beginnen? Würde ich nicht dazu inklinieren, Fieberträume zu haben, wenn am Rande des Weltuntergangs ein Dämon namens Sukfüll die Fremden zu dessen Besichtigung anlockt, und beherrschte mich nicht die Vorstellung, daß jener letzte Nibelungenschatz, der nach einem verschärften U-Bootkrieg noch gehoben werden kann, der Fremdenverkehr ist, ich würde klaren Blickes erkennen, daß in diesen dunklen Tagen ein Ersatz für Gschnasfeste beabsichtigt war, indem Malermeister, anstatt jenen unseligen Humor in seine Rechte treten zu lassen, aufstehen, um die Kunst gegen die Ansprüche der gemeinen Lebensnot zu verteidigen. So weit habe ich aber in dem Lärm, den schlechte Musikanten in unserer Hölle aufführen, noch meine Sinne beisammen, um ihnen zu sagen, daß die Not eine viel ehrfurchtgebietendere, viel elementarere Angelegenheit ist als ihre ganze Kunst und selbst als die Kunst, und daß wir nach einer Epoche, in der Millionen mit Lügen die Augen ausgewischt und Tausende mit Gasen geblendet wurden, nach der zur Erholung auf den Wiener Straßen die Schwindsucht spazieren geht, und deren Erinnerung uns zwischen den Strafen unserer irdischen Verdammnis mit dem Bild der Gefangenen quält, die das Fleisch ihrer verhungerten Kameraden gegessen und mit den Kleidern von Choleraleichen sich gegen Frost geschützt haben – weder zu Künstlerhaushumor aufgelegt sind noch zur Andacht vor Gobelins die innere Sammlung besitzen. Und wenn ein maßgebender Tropf, ohne daß ihm der Setzer das Manuskript zurückgibt, die Erkenntnis niederschreibt, Brot sei nur eine irdische Angelegenheit, Kunst aber eine höhere und wir dürften »das wertvollste Besitztum der Nation«, nämlich den Schönbrunner Jagdteppich, nicht gegen Lebensmittel tauschen, weil ein geistreicher Franzose einmal gesagt hat, eine Statue des Phidias habe mehr für die Unsterblichkeit Griechenlands geleistet als alle Siege Alexanders des Großen, so ist ihm zu erwidern, daß die Belästigung mit diesem notorischen Sachverhalt erträglicher wäre, wenn eben der Verkauf eines vaterländischen Kunstwerks geplant würde, und daß man allerdings behaupten kann, Kochs Kolossalgemälde »Die große Zeit« habe mehr für die Unsterblichkeit Österreichs geleistet als alle Siege des Erzherzogs Friedrich, während anderseits sämtliche Statuen des Phidias weniger für unsern Lebensmut getan haben als ein Jahrgang der Neuen Freien Presse gegen ihn. Sollte man glauben, daß eine Öffentlichkeit, und wäre ihre geistige Ehre durch den langjährigen Zwang zur Mordslüge noch über alles vaterländische Maß verludert, solche Schönrederei und solches Kunstpathos widerstandslos erträgt? Eine Berufsdebatte von Spenglern und Tischlern wird mehr lebendige Beziehung zum Leben bekunden als die Wallungen dieser Handwerker, die in ihrem Wahn, gar mit der Kunst verbunden zu sein, den schrecklichsten der Schrecken noch überbieten. Schlappe Hüte, matte Herzen hinter gestärkten Brüsten, das rollende Auge zu einem Himmel emporgewendet, von dem sie ihr Lebtag kein anderes Geheimnis als das des Wetters empfangen haben – wie heilsam wäre ihnen ein Traum, der ihnen die Protestversammlung von Rembrandts entgegenstellte, die gegen den Versuch aufstehen, die Zeugnisse ihrer lebendigen Kraft, überall wirksam oder unwirksam, zum Hausfetisch der Bildung zu machen und der Rettung des Lebens vorzuenthalten! Leute, die es mit der Ehre ihres Berufs vereinbar gefunden und nicht als Stigma der deutschen Kultur verabscheut haben, daß die Kunst als Schöpfungsakt »in den Dienst des Kaufmanns« eintrete, finden es unleidlich, daß sie als Wertgegenstand dem Menschentum diene. Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, wenn ihre Würde in die Hand dieser Künstler gegeben ist! Und die Zündkraft der Redensart erscheint auf keinem Gebiet wirksamer als auf dem der künstlerischen Profession. Wäre es sonst möglich, daß auch ein Mann, dessen Kunstauffassung dem gemalten Künstlerhausernst reichlich fern steht, bei dem rednerischen Gschnas bedenkenlos mittut? »Wenn ein Tizian in irgend ein Dorf gesendet würde, dann würde man zu diesem Dorfe eine Eisenbahn führen lassen. Wien aber soll seiner Kunstwerke beraubt werden; es würde zu einer Stadt herabsinken, über die man die Achseln zucken und an der man vorbeifahren würde.« Der Kunstgelehrte, dem die Frage, ob man mit Bildern Getreide kaufen soll, Sorgen macht, scheint die künstlerische Kohlenfrage für gelöst zu halten. Er würde sonst gewiß dagegen protestieren, daß man beim besten Willen, eine Eisenbahn zu einem Tizian führen zu lassen, nicht genug Kohle für diesen Zweck hat, ja nicht einmal für den doch praktischeren Ausweg, den Tizian nach Wien zu bringen, und leider auch nicht für die Notwendigkeit, den Neugebornen im Wöchnerinnenspital den Erfrierungstod zu ersparen. Aber sein Glaube an eine Menschheit, die mitten auf ihren Geschäftsreisen nach Wien umkehrt, weil es dort keine Gobelins mehr gibt, ist doch ein rührender Beweis jener Lebensferne, in die auch bei bestem Kohleneinlauf keine Eisenbahn geht. Wiewohl der Tizian so mit den allerpraktischesten Rücksichten verknüpft wird, scheint hier doch weit weniger der Standpunkt der Landesfremden als der der Weltfremden zur Geltung gebracht. Der Kunstkenner erklärt schlicht, daß »die Frage der geistigen Zukunft Deutschösterreichs auf dem Spiele« sei, und hält es für eine »Angelegenheit von größter geistiger Tragweite«, was sie zweifellos ist, wenn man an sie den Maßstab der geistigen Tragweite anlegt, die die Argumente ihrer Vertreter haben. Sie bezeichnen sich aber trotzdem als die »geistig Höchststehenden einer Nation, an denen ein Verbrechen begangen werden soll«. Und einer von ihnen paradiert mit dem Gedanken: Wenn das Brot aufgegessen sei, »werden wir tausendmal ärger dran sein, weil wir nicht einmal mehr die Hoffnung haben werden, uns durch Manöver wie das jetzt beabsichtigte noch solange über Wasser zu halten, bis das Wunder geschieht, auf das offenbar gewartet wird«. Man würde also meinen, daß der Hohlkopf mindestens in demselben Maß, in dem uns dann die Hoffnung fehlt uns über Wasser zu halten, sie jetzt gegeben sehen und also für den Verkauf plädieren müßte. Aber es widerstrebt ihm eben, das wertvollste Besitztum der Nation, nämlich den Jagdteppich – er wird sogleich den Phidias berufen – »um ein Linsengericht zu verkaufen« und sich dadurch »auf Jahrhunderte hinaus mit der Verachtung der Nachwelt zu beladen«. Die Schäden des Weltkriegs würden, schätzt der Optimist, »in fünfzig bis sechzig Jahren ausgeglichen sein«, aber in den Baedekers der kommenden Zeiten – Achtung auf den Fremdenverkehr! –werde »unsere Schmach in großen Buchstaben verzeichnet stehen und, solange Wien besteht und es Wiener gibt, uns auf der Seele brennen«. Wenn wir dazu noch hoffen können, daß dann den Wienern auch etwas auf dem Herde brennen wird, so dürften die Sukfülls, die da kommen werden, sich schon etwas von der Attraktion einer solchen Schmachspezialität versprechen. Es wird doch immer heißen, daß es ein lustiges Völkchen war, das aus purem Übermut, wo eh nur fünfzig Jahre bis zum Ende der Hungersnot waren, den Vorsatz ausgeführt hat: Verkaufts mein' Gobelin, i fahr in' Himmel! Und »allen Warnungen und Argumenten zum Trotz«. Denn es ist nicht nur, sagen die Künstler, »ein unersetzlicher kultureller Verlust, sondern auch eine schwere Schädigung des Volksvermögens«. Wozu noch kommt, daß »die Erklärungen der Regierung den Künstlern nicht die Überzeugung zu verschaffen vermögen«, daß sie schon alle andern Mittel versucht habe, um die fremde Valuta zu bekommen und »daß die ernste Absicht bestand, Hindernisse, die der Beschaffung des Kredits im Wege stehen mochten, zu beseitigen«. Glauben sich aber die Künstler zur Beurteilung dieses Gegenstandes hervorragend kompetent, so räumen sie doch ein: »Sollte sich aber der Verkauf als unbedingt notwendig erweisen, so erwarten sie«. Der seichte Ärger, der dann irgendwelche Richtlinien vorschreibt, macht nicht nur aus der sozialen Sache eine künstlerische, sondern verwechselt noch die beiden. In die Enge getrieben, will er den ganzen Schwall kultureller Verwahrungen nur zur Verhütung eines schlechten Verkaufs aufgeboten haben. Aber da diese Sorge in die kunstrichterliche Kompetenz fällt, erscheint die Verkaufsnotwendigkeit bejaht. Wenn also die Katastrophe – nicht die der Hungersnot – unabwendbar sei, so sei »der einzige schmale Trost, der dem einigermaßen weltbürgerlich Veranlagten bleibt, der, daß diese Schätze an den Orten, wo sie hinkommen werden, besser verstanden und gewürdigt werden dürften als dort, wo sie bis jetzt waren«. Das ist sicherlich ein Trost in dem letzten Unheil, das wir uns durch einen mutwillig heraufbeschworenen Verteidigungskrieg zugezogen haben, und wohl auch etwas wie eine Erkenntnis. Was aber bleibt jenen übrig, die nicht weltbürgerlich veranlagt sind, sondern mehr im Hinblick auf den Phidias Lokalpatrioten? Wie kommen wir dazu, durch unsere Gobelins Frankreich zur Unsterblichkeit zu verhelfen? Einst zwar waren wir auch für diese besorgt, und die Debatte weckt die Erinnerung an jene Tage, wo wir noch genug zu essen hatten, aber das Essen uns nicht mehr schmecken wollte, weil den Parisern die Mona Lisa gestohlen war. Es war das Merkmal der kulturellen Solidarität, die damals Europa noch umspannte, daß wir alle, auch jene überwiegende Majorität, die sie nie gesehen und bis dahin für eine Pariser Nackttänzerin gehalten hatte, ihre Entrückung als den schwersten Eingriff in unsern geistigen Besitzstand empfanden, und zwar unter dem Zuspruch der habgierigsten Stimme dieses Landes, die wie sonst nur vom Zauber der Milliarde plötzlich vom Farbenschmelz dieses Lächelns zu schwärmen anhub und den Raub der Mona Lisa als den persönlichen Verlust ihres Börsenlebens beklagte. Denn das künstlerische Gewissen Wiens, möge es nun von akademischen Christusbärten oder vom Gegenteil vertreten sein, reagiert nicht so sehr auf den Zuwachs, den ein Museum empfängt, wie auf den Verlust, den es erleidet. Es ist so geartet, daß es von der Zustandebringung der Mona Lisa weit weniger erfreut als durch ihre Entfernung gekränkt war, und seine Empfindlichkeit in diesem Punkte geht so weit, daß gerade jene von dem Verlust eines Kunstschatzes am heftigsten bewegt sind, die dadurch von seiner Existenz erfahren und vom kunsthistorischen Museum etwa wissen, daß es das Gegenteil vom naturhistorischen Museum ist und von diesem durch das Mariatheresiendenkmal, gleichfalls eine Sehenswürdigkeit, getrennt. Als uns allen die Mona Lisa gestohlen war, war der Schmerz grenzenlos wie die Liebe kulturverbundener Völker, die sich bald darauf mit Stacheldraht vorsehen mußte. Nun, da wir in der Frage des Jagdteppichs den kulturellen Besitz zugleich als nationalen verteidigen müssen, schwillt die Melodie des Lebensleids zum Trauerchoral. Nur eine publizistische Spottdrossel mischt sich hinein: »Ja, wie schauen denn Sie aus?« »Es wird immer schöner. Seit einer Woche habe ich keinen Unterstand, seit drei Tagen nichts mehr zu essen und jetzt hör' ich noch, daß sie den herrlichen Schönbrunner Jagdteppich verkaufen.« Aber auch sie, wandelbar wie diese Vögel sind, war noch kurz zuvor eine Nachtigall, die, gegen italienische Ansprüche, die Klage tönte: »Nehmt uns unser Geld, nehmt uns die Nahrung, nehmt uns alles, aber laßt uns unsere Kunst!« Ja, daß ihre Werke der Kriegführung zum Opfer fielen, das hat das künstlerische Gewissen durch Jahre getragen, ohne zu zucken und ohne zu protestieren, hat die strategischen Rücksichten als Fatum oder Wohltat der Vorsehung schweigend oder beifällig hingenommen, und nur der Feind war der Heuchler, der den Offensiven auf Kulturwerte widerstrebte, und der Künstler der Schützer der militärischen Notwendigkeit. Fürs Vaterland war der Mensch über das Werk gestellt und das Leben eines deutschen Soldaten eine französische Kathedrale wert, die eo ipso nur ein Stützpunkt war. Für die Zwecke des Todes ward selbst das Leben geachtet. Gegen die Notwendigkeit, die der Krieg hinterläßt und die nur ein wehrloser Staat zu betreuen hat, schützt das künstlerische Gewissen seinen Besitzstand. Die geistig Höchststehenden einer Nation, die solcherart genötigt sind, sich gegen ein geplantes Verbrechen zur Wehr zu setzen, tun es aber beileibe nicht nur in ihrem eigenen Interesse. Vielmehr denken sie jederzeit auch an die »breiten Massen«, zumal wenn es gilt, diese vor die Wahl zwischen den geistigen und den irdischen Genüssen zu stellen und ihnen den Brotkorb höher zu hängen als die Bilder. Wenn nun der Rektor der Universität, der sich für berechtigt hält, in Dingen der Kunst mitzusprechen, weil er Schwind heißt, und sich verpflichtet fühlt, bei Kulturgefahr auszurücken, weil ja Wissenschaft und Kunst doch sogar nach Schusterbegriffen auf einen Leisten gehören, und von dem ich überzeugt bin, daß er wie jeder Gebildete von der Qualität eines Specks nicht weniger versteht als von der Herstellung eines Kunstwerks – wenn also der Repräsentant der Wissenschaft Verwahrung einlegt gegen den Verkauf von Kunstschätzen, weil deren Kulturwert »auch für die breiten Massen der Bevölkerung größer sei, als kunstfremde und indifferente Kreise auch nur ahnen können«, so möchte ich als ein Angehöriger dieser Kreise ihn darauf aufmerksam machen, daß die breiten Massen der Bevölkerung zwar der Gnade der künstlerischen Schöpfung irgendwie und schon ehe sie auf die Welt kamen, teilhaftig wurden wie alle menschliche Kreatur und selbst die gebildete, daß aber die Aufstellung in Museen hiezu nicht das geringste beigetragen hat und das Erziehungswerk keineswegs vervollständigt. Ich würde mich zwar nicht getrauen, auch Vorhängen und Teppichen diese moralische Zauberwirkung, die dem metaphysischen Element eignet, ohneweiters zuzuschreiben – täte ich's, so wäre ich freilich der Ansicht, daß sie auch in den Kisten des habsburgischen Inventars sich bewährt –, aber was die Kunst betrifft, so glaube ich, wie nur ein Gläubiger glauben kann, daß ihre Wege unerforschlich sind wie die Gottes und es selbst für die Wissenschaft und deren Rektor bleiben, ja sogar für den von der tierärztlichen Hochschule, der auch protestiert. Ich möchte dieser Gesellschaft, die ein Leben, das um sein Wesentliches ringt, mit Zutaten befriedigen will, vor allem aus einem Grunde raten, sich von ihren Kunstbesitztümern, die schon unter ihrem Blick zu Ornamenten werden, zu erleichtern: weil sie – abgesehen von dem ihr überflüssig erscheinenden Zweck, sich durch den Verkauf das Leben zu retten – den unleugbar besseren Gewinn davontrüge, um ihre dicksten Lügen ärmer zu werden. Nicht allein um die professionelle Kunstlüge, zu deren schauerlichen Paraden Handwerker, die sich gegenseitig um die Aufträge ihres Genius und ihrer Kundschaft beneiden, vereint ausrücken; nein, auch um die große Kulturlüge, mit der sich die Menschen selbst beheucheln, indem sie sich glauben machen wollen, daß in ihrem Umgang mit Kunstwerken ein tieferes Bedürfnis als das stoffliche Wohlgefallen zur Erfüllung gelange, mehr als der Geschmack befriedigt werde und ein reicheres Glück zu holen sei als der Genuß der Verknüpfung mit Erinnerungswerten, und indem sie der Meinung sind, sie verlören mehr als eine zumeist auch nur durch die Bildungslüge verschaffte Illusion, wenn sie dieser Objekte beraubt würden. In Wahrheit wären nicht nur die breiten Massen der Bevölkerung, sondern auch die Rektoren beider Universitäten unschwer in die Versuchung zu führen, zwischen einem echten Velasquez und einer Kopie nach Ameseder nicht unterscheiden zu können und umsoweniger zwischen einem späteren Goethe und einem frühen Hofmannsthal, ganz gewiß aber, wenn die Hand aufs Herz gelegt wird, einem schönen Porträt von Adams den Vorzug zu geben vor einem häßlichen von Van Gogh und einem klaren Vers von Kernstock vor einem dunklen von Hölderlin. Treten wir lieber nicht ein in den Kosmos der ewigen Ahnungslosigkeit, in dem diese ganze kunstgenießende Welt, tagtäglich von einer Armee von Interessenten, Händlern und Handwerkern in Ausstellungen, Buchhandlungen, Theater, Konzerte und Vortragssäle gejagt, vermöge der einzig erfühlten Kunst, sich die Zeit zu vertreiben, und vermöge der einzig gekonnten Menschlichkeit, den Nächsten wie sich selbst zu belügen, ihre Unbefangenheit auslebt. Es genüge, zu erwähnen, daß es jüngst einem, der mit wahrem Erfindersinn das publizistische Kulturbewußtsein allen erdenklichen BeIastungsproben auszusetzen liebt, gelungen ist, in einer Zeitung den Hinweis unterzubringen auf das »wunderbare Rubens'sche Gastmahl von Lionardo«,und ich verbürge mich dafür, daß der Redakteur, der's gedruckt hat, nicht zögern würde, den Verkauf von Kunstwerken aus den Wiener Museen zu beklagen. Von den breiten Massen, von jenen, unter denen reichlich viel Bildung Platz hat, wage ich die Behauptung, daß sie vor Nedomanskys Auslage schon Verzückungen erlebt haben, die ihnen alle Originale der Renaissance nicht bieten können, und ich möchte ernstlich dagegen protestieren, daß das Kunstgefühl einer Stadt, die seit Jahrzehnten die Verkörperung der Drau und der Sau an der Albrechtsrampe ohne vandalische Gelüste erträgt und ohne wenigstens jetzt die Abtretung dieser Sehenswürdigkeiten an die Sukzessionsstaaten zu erzwingen, daß ein publizistisches Gewissen, das sich kürzlich über die Verunzierung dieser Kunststätte durch Plakate aufgehalten hat, sich mit Sorgen wegen kultureller Gefahren abgibt. Gschnas und Kitsch – das ist jene Notwendigkeit, deren Entbehrung ich diesem Menschenschlag im Innersten zutraue; und daß er sich von den Erzeugnissen, die zum Geschmack sprechen, zum schlechten und selbst zum guten, schwerer trennt als von der Kunst, glaube ich ohneweiters. Wer aber würde ihm die »Zerstreuung« mißgönnen, die Empfänglichkeit tadeln, die noch durch den letzten Klingklang über das Tagwerk erhoben wird, und den Anregungswert der Unkunst unterschätzen? Was selbst dem Künstler der stoffliche oder rhythmische Reiz ihm unerschlossener Künste gewährt, empfängt jeder von allen und der Kitsch erfüllt eine Mission sozialer Beglückung, die der Kunst versagt bleibt, welche Sammlung voraussetzt, an ihrer Oberfläche nichts zum An- und Unterhalten bietet und auf dem Hohlweg der Bildung zwar in das Gedächtnis, aber nicht in das Gemüt dringt. In eben jenes Gemüt, zu dessen unbewußter Bildung sie über weite Zeiträume beiträgt. Sie ist und bleibt der Luxus, dessen Überflüssigkeit der Bürger am ehesten zugestände und den preiszugeben ihn keine Sehnsucht, sondern nur eine Verabredung hindert. Wer der allgemeinen Not das persönliche Behagen nicht zum Opfer bringen will, ist sicherlich ein Schurke. Aber er würde, wenn er auf seine Warmwasserleitung schmerzlicher verzichtet als auf ein Kunstwerk, das im Museum hängt, wenigstens nicht lügen. Denn bei jener war es immerhin das Bedürfnis der Nerven, also doch eines Stücks von ihm, das sich angesprochen fühlte; aber nichts ist in ihm, wozu die Kunst sprach, und er hat ihrem Schweigen mit einer Lüge geantwortet. Es ist gar kein Wunder, daß die Menschheit immer wieder bereit ist, sich für die Machtlüge ihrer Beherrscher aufzuopfern, da sie sich selbst zum Opfer ihrer Kulturlüge präpariert hat. Sie verdankt sie demselben Journalismus, der auch jene durchzusetzen imstande war. Nur weil sie nun lügen muß, würde sie nicht zugeben, daß die notgedrungene Einschränkung der Tagespresse in ihrem geistigen Haushalt fühlbarer wird als es der Verlust aller Bibliotheken würde und daß der Umtausch von Rotationspapier gegen Lebensmittel ihr mehr an die Wurzel ihrer kulturellen Existenz ginge als die Hingabe aller Galerien. Sie bleibt für immer jener Macht verbunden, die ihre Phantasie ausrodet wie die Wälder zur Erzeugung des Papiers, auf dem es gelingt, um ihr dafür allerlei wohlschmeckenden Ersatz zu bieten. Durch die Technik des Druckwesens, die ihr, was sie so von den ewigen Werten zum Schmückedeinheim brauchte, fix und fertig ins Haus stellt, aller geistigen Anstrengung überhoben, gewohnt für allen Ausfall an lebendiger Vorstellung durch Klischees entschädigt zu werden, hat sie darum jene letzte blutige Probe bestehen müssen, durch die sich ein Leben, aus dem die Realitäten ausgeschaltet sind, in Tod umsetzt, jene Rache der Elemente an einer Zivilisation, die die Oberfläche allen Wesens zu Ornamenten verlogen hat. Aber da eine fortschrittlich verpfuschte Menschheit selbst von ihrem Untergang nichts lernt, weil er nur ein Erlebnis und keine Phrase ist, so schaltet sie noch die Realität des Hungers aus, und wir erfahren in der schauerlichen Tragödie einer zum Menschenmaterial erniedrigten Gemeinschaft, daß sie nun auch ohne Vorstellung ihres Unglücks dahintaumelt, bis zur Berührung der eigenen Haut nichts spürt, an der Regel nur die Ausnahme gewahrt, den Nebenmenschen bloß unter dem Begriff der eigenen Hauptperson anerkennt, für den Verlust des Nachbarn nur die Witterung der Chance hat und sich schon selbstlos dünkt, wenn sie nicht die Not bewuchert, sich nur absperrt vor ihr. Wir erfahren erstarrten Blickes, daß sie das Sterben der andern als Zeitungsnachricht erlebt und das geringste eigene Opfer jenen zum Vorwurf macht, die den Mut haben, ein Leichenfeld zu regieren, ohne die Macht, es in ein Paradies zu verwandeln. Wir erfahren, daß dieser ganze traurige, von einem Zeitungsverstand zum Urteil über Alles berechtigte, ohne Ehrfurcht vor dem Unglück, ohne Respekt vor dem redlichen Willen zu helfen, ohne Vorstellung von Leben und Tod, von Staat und Krieg sich erdreistende, auf unerlebte Ideale pochende Bildungspöbel die Notdurft als die Angelegenheit der andern empfindet oder in seiner gräßlichen Vereinzelung des Herzens nicht einmal der schmählichen Hoffnung bewußt wird, daß ihm eine Extrawurst gebraten würde – denn das ergäbe ja noch einen rechtschaffenen Schurken, mit dem sichs umgehn ließe –, nein, nur das Unterpfand der Lüge bewahrt, der ästhetischen Lebensausflucht und all jener faustdicken Phrasen von Kultur, die die Schwelle des Bewußtseins so besetzt halten, daß eine egoistische Regung gar nicht einmal hinaufgelangt. Und selbst gerüttelt, können sie es nicht verstehen, daß nun, wo es kein Problem gibt als die Verteilung des Mangels, dieses Überrests von einem Leben, das in der Bejahung der Quantität sie vernichtet hat, daß es nun auch keine andere Legitimität gibt als die des Magens und kein anderes Privileg als des Hungers. Aber es wäre die Pflicht jener, deren graue Sorge um die Beschaffung von Getreide von den unverantwortlichen Wortdreschern aufgehalten wird, ihnen das Problem, das denkbar einfachste und ihnen doch unfaßliche, wieder zum Erlebnis zu machen – indem man sie einzelweis und erst in der Stunde der persönlich gespürten Not vor die Alternative stellt, und zwar durch die Wirtschafterin oder Hausmeisterin, die den Kulturhüter fragen müßte, ob er für diesmal lieber auf seine Ration verzichten wolle oder auf die Gobelins. Wir wollen abwarten, ob auch dann von Leuten, die noch nicht vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet haben, auf die Zumutung, Steine in Brot zu verwandeln, dem Versucher geantwortet würde: Der Mensch lebt nicht vom Brote allein. Ich glaube nicht, daß es solche Bekennernaturen sind, um bei einer Hungersnot auch mit jeglichem Wort vorlieb zu nehmen, das durch den Mund Gottes geht. Wären sie es, sie vermäßen sich nicht, das eigene Maß der Leidensfähigkeit dem Nächsten aufzuerlegen und zu protestieren, wenn fremdem Hunger die Erlösung winkt. Nein, anders als durch das unmittelbare, den persönlichen Leib berührende Erlebnis lernt der Gebildete nicht; der Anschauungsunterricht der nackten Not, den er stündlich hundertfach empfangen könnte, genügt nicht, Herzen zu erschüttern; und die Vorstellung ist längst vor die Hunde gegangen, zu jener Gattung, der das Wort des Menschen all seine Verworfenheit zuschiebt, wiewohl sie doch aus Treue für ihn selbst den Hungertod auf sich nimmt. Sie weiß nichts von Problemen, wenn es die Liebe gilt. Aber dieses hier ist so plan, daß man wähnen könnte, es müßte selbst Intellektuellen eingehen. Sie aber wieder sind eine Gattung, die nur darum, weil sie sich in ein Problem vertieft, noch das flachste verflachen muß. Flach ist es, wie die Politik dieser Tage, der nichts zum Inhalt bleibt als die Frage, ob morgen genug Kohle kommen wird, damit übermorgen noch Licht sei. Aber eben das ist für die Menschen, die den Krieg mit dem Frieden beendigt glauben, am schwierigsten zu fassen. Die für die bunte Lüge eines mörderischen Vaterlands das Durchhalten geübt haben, wollen nicht zugeben, daß es zur Lebensrettung notwendig ist; und deren Faulheit keinen bessern Vorwand kannte als die Versicherung, daß jetzt Krieg sei, lassen es nicht gelten, daß jene, die ihn am schwersten erlebt, nun an Arbeitslust eingebüßt haben und daß die einzige Beglaubigung einer siechen Zeit die Formel ist: jetzt war Krieg! Sie dementieren ihn feierlich; sie haben ihn schon satt. Diese Sorte, die durch vier Jahre nicht zur Kenntnis nehmen wollte, daß sie den Krieg angefangen hat, will nun auch nicht wahr haben, daß sie ihn verloren hat, ja sie möchte so tun, als ob sie ihn überhaupt nicht geführt hätte – aus welchem Geisteszustand sich mit zwingender Notwendigkeit ergeben muß, daß sie ihn auch nicht beendigen wird. Ein Erlebnis, das durch allen Jammer dieses Krieges und seiner Verlassenschaft ein Wohlgefühl über ein Jahrtausend breiten müßte: keine Habsburger, keine Hohenzollern zu haben, dies Glücksgeschenk, das o Königin das Leben doch schön macht, wird an die Erinnerung vergeudet, daß unter den Szeptern ein Kaiserfleisch beziehungsweise ein Eisbein zwei Kronen, die also noch 1 Mk. 50 waren, gekostet hat, und wiewohl jene nachweislich erst zu einer Zeit entfernt wurden, wo diese Lebensgüter schon zehnmal so teuer waren, ist der Schwachsinn, der aus der hoffnungslosesten Abteilung der Irrenhäuser ins Freie entkommen scheint, melancholisch, weil er die Rechnung ohne den angestammten Wirt machen muß, und gibt an der weiteren Teuerung dem Nachfolger die Schuld. Für die schlichte Erkenntnis, daß, wo nichts ist, nicht nur der Kaiser sein Recht an die Republik verloren, sondern auch den Zustand verschuldet hat, hat die geistige Aushöhlung der Kriegsjahre keinen Vorrat mehr erübrigt und der Patient, dem das Bein amputiert werden muß, um sein Leben zu retten, ist auch psychisch derart lädiert, daß er den Arzt für das Leiden verantwortlich macht und jenen Todfeind zurückruft, der ihn zwar angeschossen hat, aber ehe ers tat, ihm doch nie zugemutet hätte, sich das Bein abnehmen zu lassen! Und weil die Feuerwehr noch dies und das preisgeben mußte, macht der Verunglückte sie nicht nur fürs Wasser, sondern auch fürs Feuer verantwortlich und wünscht sich zur Rettung den Brandstifter herbei. Nun muß ich ja sagen, daß, wenn die Wiederkehr des Übels alle nur erdenkliche Erleichterung und Vergütung so sicher garantierte, wie seine Herrschaft allen Wucher und alle Verwüstung bewirkt hat, ich lieber in der Republik verhungern und erfrieren wollte. Und nach zwanzig Jahren Republik noch würde ich bei jedem Tritt in den Dreck dieser Straßen, auf jeder Höllenfahrt dieser Bahnen, auf jedem Kreuzgang zu diesen Ämtern das Andenken jener verdammten Habsburger berufen, immer einer hoffnungslosen Gegenwart zugutehaltend, daß ein mystischer Zusammenhang waltet zwischen dem spanischen Zeremoniell und dem österreichischen Pallawatsch, und auch dem Wirrsal dieser Gehirne, die im Heimweh nach der Ursache deren fortwirkende Schmach bezeugen. Aber die uns in den Abgrund geführt haben, sind uns dennoch zu früh entrückt: sie hätten uns, als die unverkennbaren Exponenten des Jammers, noch ein Weilchen, noch bis in die unterste Tiefe begleiten und dann erst verlassen sollen, damit eine Welt, die durch Schaden dumm wird, ohne Sehnsucht nach ihnen hinsterbe und ohne den Drang, sie noch einmal zu erleben. Denn das fatalste Erbe, das uns die Dynasten hinterlassen haben, ist nicht die Not, sondern der Fluch einer Geistesverfassung, durch die wir unfähig geworden sind, die Erlösung von ihnen als den wahren Ertrag unsres Leidens zu empfinden, als dessen eigentlichen Sinn zu werten, und unwürdig werden ihres Verlustes. Dieser Zustand einer Gehirn- und Charaktererweichung, durch sieben Jahrzehnte sub auspiciis befördert, ist ein solcher, daß die Menschen hierzulande nicht nur in der Grunderfassung des Übels straucheln, sondern vor jeder Misere des Tags, zu der sie ihre Kriegführung verurteilt hat, Täter und Helfer verwechseln, und daß etwa der Bestohlene dem Wächter die Schuld gibt und sich beim Dieb beschwert und wenn der Dieb gegen den Wächter gewalttätig wird – was des Landes so der Brauch ist –, der Bestohlene einen unerhörten Übergriff des Wächters ausruft. Ein Schwächezustand, aber ohne den Naturreiz der hurischen Empfindung, deren Verhängnis es ist, den Zuhälter gegen die Polizei in Schutz zu nehmen. Sie tragen auch kein Bedenken, dem Helfer die unsauberen Motive zu unterschieben, die sie im eigenen Geschäftskreis zum unrettbaren Opfer der Ausbeutung machen, denn jeder, der seine Tasche preisgibt, duldet ja nur unter dem Vorbehalt, daß er es selbst auf die des Räubers abgesehen habe. Wahrlich, sie waren eher bereit, dem Vaterland eine Generation zu opfern als die nun leeren Zimmer! Und rätselhaft bleibt, wie der unbedankte Wille, die Prokura der Not zu führen in einer Sphäre, in der sich heute nur noch die Ehrlosigkeit von selbst versteht, nicht vom Ekel überwältigt wird und wie es gelingen mag, eine Gesellschaft zum Verzicht zu zwingen, deren Letztes, was sie besitzt, die Frechheit sein wird, und sie zwar nicht vor den Gelegenheiten ihres Mißvergnügens, aber uns alle vor den blutigen Ausbrüchen der Verzweiflung zu bewahren. Und welch ein Gelingen, wenn wir vor solchen Neuerungen mit dem Leben davonkommen, auch jenen Wiederherstellungen zu entgehen! Nein, hier rettet kein politischer Wille, nur das Glück, durch das die Dummheit für eine verlorene Revolution vom Schicksal entschädigt wird, wenn sie so dumm war, die Vorteile eines verlorenen Kriegs zu verspielen: die verlorenen Monarchen. Wir sind durch ihre Kriegführung nicht nur in der Zivilisation um Jahrhunderte zurückgeworfen, sondern in der geistigen Entwicklung irgendwo angelangt, wo wir überhaupt nie waren, und bloß dadurch, daß wir in so hohem Maße kriegstauglich waren, sind wir untauglich zu einer Freiheit, deren riesenhafte Quantität – ganz gemäß den Bedingungen jener Heldenzeit – keiner inneren Berufung entspricht. Uns bleibt nichts als die Zeitung, die uns überleben wird, nichts als das Unrecht, das mit uns geboren ist, nichts als die Lüge, die wir gewohnt sind und die keine Revolution uns aus der Seele reißen wird. Wer nicht daran gestorben ist, lügt weiter. Denn um zu leben, braucht er die Lüge wie der andere einen Bissen Brot. Das Mangobaumwunder Herr Karlheinz Martin, der sich mit drei Vornamen als Regisseur einen Namen gemacht hat, hat nicht nur mit einigen anderen Herren, die es dringend nötig haben, die Leitung des Theaterfestes zur »Raumbühne« beglückwünscht – die Kundgebung wurde am Tag nach meiner Klarstellung in die Neue Freie Presse lanciert –, sondern er äußert sich auch separat zum Problem der Bühnenreform, das die fixe Idee aller ist, die zur Bühne keine Beziehung, also die des Literaten haben, und man kann dessen typischer »Einstellung« in jedem Satze habhaft werden, den Herr Martin dem Interviewer diktiert hat. Was er vom revolutionären Theater Rußlands sagt, soll natürlich eine Rechtfertigung des Berliner Humbugs sein: – Die leidenschaftliche Überzeugungskraft des Spielenden auf der einen, Suggestibilität des Zuschauers auf der anderen Seite schufen eine neue Theaterkunst, die den pompös-armseligen, die Einfühlungsmöglichkeit bloß lähmenden Fundus einfach über Bord warf und das Wort wieder in seine Rechte einsetzte. Wer um dieses Zustandekommen der russischen Gegenwartskunst weiß, versteht auch, weshalb diese Leute das Wort, den Schauspieler in den Mittelpunkt ihres Theaters setzen und mit allen Zaubereien der Illusionsbühne aufräumten. Aus Armut wurde diese neue Kunst geboren, und sehr bald kam man darauf, daß alles Frühere nur Belastung des Dichterwortes mit Nebensächlichkeiten, nur unnötige Krücke der Einbildungskraft war. Heute ist in den Theatern Rußlands der Zuschauer ebenso Künstler wie der Schauspieler. Die dekorationslose Bühne, der in Straßenkleidern auftretende Schauspieler stellen die höchsten Anforderungen an die Einfühlungsfähigkeit des unten sitzenden Publikums, und das Publikum geht mit; es baut selbst und mit Enthusiasmus die Welt des Dichters auf, aus dem Wort und nur aus dem Wort allein erblüht ihm die Welt der Dichtung. Es ist wie beim Mangobaumwunder: man braucht nur die Gläubigen, der Baum wächst von selbst, und nur dem saturierten Bürger muß ihn der Hoftheatermaler an die Wand malen. – Ob in Rußland der Zuschauer ebenso Künstler wie der Schauspieler ist und ob dies jenseits der Teilnahme an einem revolutionären Inhalt wünschenswert wäre, bleibe unüberprüft. Sicher ist, daß Herr Karlheinz Martin lange warten kann, bis sich in Berlin das Mangobaumwunder begibt. Welch ein Trugschluß von der revolutionären Bewegung der Lebens- und mithin Theaterdinge, die sich in Rußland vollzogen hat, auf die Aktivität einer mitteleuropäischen Kultur, die durch die Monarchenverabschiedung nur unwesentlich alteriert sein dürfte und deren neue Kunst nicht aus der nachkriegerischen wirtschaftlichen Armut, und wäre diese auch reichlich vorhanden, geboren wurde, sondern aus der seelischen Armut, die sie durch den Krieg gerettet und vom Krieg behalten hat, und insbesondere aus der geistigen Armut, welche die Kulturprämissen nicht unterscheidet und fremdes Wachstum als Mode propagiert. Das entfesselte Theater würde hier wohl das ersehnte »Ineinanderfluten« der entfesselten Temperamentlosigkeit des Ensembles und der entfesselten Manierlosigkeit des Publikums bringen. Aber so wüst könnte diese Wirklichkeit gar nicht sein wie die Theorie, die ihr organisches Werden beglaubigt. Welches Durcheinander der vom höchsten Theatersinn übernommenen Forderung nach der Wiedereinsetzung des Wortes mit den Affereien einer funduslosen Inszenierung! Als ob nicht die Stufen- und Treppenwitze, die diese Leute statt der Dekorationen aufführen, die »unnötige Krücke der Einbildungskraft« durch einen Prügel für die Einbildungskraft ersetzten. Als ob eben dies Getue eines Mangelprotzentums und einer Andeuterei, die Schlafzimmer und Wald unter das nämliche Zelt bringt, nicht die weit stärkere Belastung des Dichterwortes mit Nebensächlichkeiten wäre. Die neue Regie und das Dichterwort! Dieses trottelhafte Gehupfe der Berliner Shakespeare-Schändungen kommt dem »Wort« zuhilfe! Diese Ballungen der Leere lassen die Welt der Dichtung aus dem Wort erblühen! Ich habe das entfesselte Greuel der Fehling'schen Inszenierung von »Viel Lärm um nichts« im Staatstheater mitgemacht und kann beeiden, daß noch nie im Theater so viel Lärm um ein Nichts von Schauspielkunst (mit der einen Ausnahme des edlen, an solchen Strand verschlagenen Kraußneck) gemacht wurde. Wenn Berlin Messina darstellt, ist ja an und für sich der Ausgelassenheit (mit leichter Betonung des pupenjungenhaften Elements) kein Ende, aber wenn diese Gesellschaft, rhythmisch dressiert und mit den Versfüßen stampfend, noch eine Pyramide von Brettern auf- und abrasen darf, dann kann das Original-Messina zusperren. Dies Schauspiel, das sich auf Zwischenstufen begibt, und das unfaßbare, wenngleich normalere Scheuel der »Was ihr wollt«-Aufführung im Lessingtheater mit Fräulein Bergner, die einen ganz neuen Text zu alten Schmierenscherzen spricht – höchstens noch vergleichbar dem »Jux«, den sich das Burgtheater mit Nestroy machen will –: daß die heutige Theaterkundschaft dazu Beifall klatscht, anstatt sämtliche anderen Märkte nach faulen Äpfeln abzusuchen, es zeigt in der Tat, wie organisch ihr das Ende auf der Serpentine zum Boxring ist. Welch ein Umweg diese Vermutung, Dekorationen, deren Reform doch höchstens ein ökonomisches Problem bedeuten könnte, trügen die Schuld daran, daß die Leute, die zwischen ihnen stehen, nicht sprechen können, und also die Hoffnung, daß das Wort wieder zu sich kommen werde, wenn man nur die Dekorationen abschafft. Welch ein Aberwitz, daß die dekorationslose Bühne und der in Straßenkleidern auftretende Schauspieler die Einfühlungsfähigkeit des Publikums steigern und weil sie an diese »die höchsten Anforderungen stellen«, sie darum auch, und bei einem Publikum von Film- und Fußballgemütern, durchsetzen. Die Konsequenz wäre die Reform, daß die kostümlosen Schauspieler den Text statt ihn auswendig zu sprechen, vom Buch ablesen, die weitere Konsequenz, daß ein einziger das für sie alle besorgt, der dann wohl die allerhöchste Anforderung an die Einfühlungsfähigkeit stellen würde. Sie kann ihm natürlich erfüllt werden. So versichere ich dem Herrn Martin, daß, wenn ich die »Weber« vorlese, »aus dem Wort und nur aus dem Wort allein die Welt der Dichtung erblüht« und daß da trotz allen Widerständen einer verdorbenen Zeitakustik und auf einem Podium, auf dem nichts als ein Tisch ohne ein Wasserglas steht, eine zehntausendmal belebtere und wortlebendigere Bühne vor das geistige Auge des Hörers gerückt ist als durch seine Regie mit achtzig Schauspielern, die ich für ein Schulbeispiel der Armseligkeit und Wortverkümmerung halte. Aber was hat diese einmal mögliche Podiumwirkung mit dem Wesen des Theaters zu schaffen? Zu diesem gehört eben die althergebrachte, durch keinen Literaturwillen abänderliche Illusion der Szene, deren Überladung das Wort bedrücken mag, deren Entleerung es todsicher erstickt. Die Illusion einer höheren Wirklichkeit, zu der das Wort nun selbst des Übergangs entbehren muß, den diese verdammten Reformpfuscher und Kulissenvegetarier ihm mit der Zwischenaktsmusik geraubt haben, des Sammlungsbehelfs und Auftakts, der oben die Stimmen löst und unten bändigt, hier und dort die Stimmung bildend. Sie wollen die Vereinigung, indem sie das Orchester überbrücken; sie verbinden die Räume und trennen die Sphären. Es sind Zauberlehrlinge, die das Wort vergessen haben, nur mit dem frechen Vorgeben, daß sie es wissen und daß der alte Hexenmeister ein Epigone war. Wortregie mag heute wichtiger sein als je und erst heute wichtig. Szenische Reformerei war nie gefährlicher als heute und darf ihren Unfug, der immerhin die Nerven eines theaterwidrigen Publikums beschäftigen mag, erst von der Erkenntnis her verrichten, daß dem Wort nicht mehr zu helfen ist. Wann wäre »Theaterfremdheit« je exemplarischer dargetan worden als durch die Leute, die das Projekt der Raumbühne eben gegen sie zu verteidigen gewagt haben! Diese Raumbühne, die in der Theatergeschichte als der Versuch fortleben wird, die Bühne vom Hanswurst vertreiben zu lassen. Der ganze Nonsens eines aus dem luftleeren in den leeren Raum bezogenen »Problems«, das nicht vorhanden ist, wiewohl es ja möglicherweise einmal keine »Guckkastenbühne« mehr geben wird, weil es keine Bühne mehr geben wird, ist derart belästigend, daß man einfach nicht begreift, wie Menschen, die Kulturtendenzen vertreten, es über sich bringen könnten, solche Hirngespinste, bei denen die Spekulation an der Untauglichkeit der geistigen Mittel zu schanden wird, auch nur in einer Kuriositätensammlung auszustellen; und wie die Phrase, daß es die vornehmste Aufgabe unserer Kultur sei, das Alte mit dem Neuen zu vermählen, selbst noch der Idee standhalten möchte, das Publikum um die Bühne rotieren zu lassen, damit der Schauspieler von allen Seiten sichtbar sei. Wäre dies Ziel, aufs innigste zu wünschen, erreicht, so würde man erst sehen, wie wenig es da zu sehen gibt. Herr Martin, der selbst bei solchem Risiko Optimist bleibt, »will deswegen nicht leugnen, daß unsere ältere, gestrige Theaterkunst auch ihre Berechtigung hat«. Er legt aber Wert auf das »Kämpferische in der Kunst« und lehnt eine Kultur ab, die das »Geschmackstheater« vorzieht und sichs am Überlieferten und fertig Gelieferten genügen läßt. Er »persönlich« sieht in diesem »allerdings nicht so sehr ein wirkliches Kunst-, als ein an sich eventuell hochwertiges, geschmackvolles Handwerksprodukt«, »eine – letzten Endes – Luxussache, eine Angelegenheit gebildeten und kultivierten Vergnügens«. Ganz abgesehen davon, daß er sich überflüssiger Weise bemühen wird, mir Sinn für das Kämpferische in der Kunst beizubringen, datiere ich das letzte Ende von den auf kaltem Wege verübten Experimenten des neuen Theaters, die bisher nur ein unkultiviertes Mißvergnügen zu bieten imstande waren. Er verwechselt aber natürlich, wie alle Literaturtheaterleute, die mit dem Niedergang der Schauspielkunst hinaufgekommen sind, das Gewachsene einer ruhmvoll vergangenen Theaterzeit mit dem »Epigonischen«, das bloß von ihrer Tradition fortgelebt hat, um die Nachlebenden über jenen wahren Wertbestand zu täuschen, und er ahnt gar nicht, um wie viel mehr Kunstgewerbliches im »revolutionären« Theater als selbst im epigonischen enthalten ist, nur mit dem Unterschied, daß es den »Geschmack«, der sicherlich ein faules Surrogat des Wesens ist, durch Geschmock ersetzt hat. Die Revolution, auf die es ankommt, wird eine ganz andere sein als die von Gnaden und aus dem Antrieb einer Technik der Hirne und Hände, die es jedem Auslagenarrangeur ermöglicht, eben das, was nicht von innen leuchtet, unter einen Lichtkegel zu stellen. Ich weiß nicht, ob der Regisseur Martin, von dem ich nur weiß, daß er die Einfühlungsfähigkeit der Berliner von dem Jammer der schlesischen Weber auf die nackte szenische Not abgelenkt hat – ob er derzeit mehr von Treppen oder von Würfeln das Heil der Schauspielkunst erwartet. Aber er höhnt, daß man in Wien es nur so machen wolle, »wie es das alte Burgtheater gemacht hat«, und daß man am liebsten dort »anknüpfen« möchte. Gewiß, das vermöchte man nur schwer, da es weder möglich ist, die Toten lebendig zu machen noch die Lebenden. Aber was das alte Burgtheater gemacht hat (für dessen letzte Säulen er wohl die Herren Reimers und Treßler hält und von dessen Art sie ihm eine deutliche Vorstellung zu überliefern scheinen), war weit wesenhafter als alles, was die Entwicklung des deutschen Theaters vom kunstgewerblichen Reinhardt über den revolutionären Martin bis zu dem Ziel bezeichnet, wo der Schauspieler von allen Seiten sichtbar sein wird, nur nicht von der des schauspielerischen Talents. Und wenn diese Bahnbrecher, die ihm damit helfen wollen, daß sie ihn im Parkett auftreten lassen, sich nur damit begnügten, die »Guckkastenbühne«, solange sie an dieser Schmach der Jahrhunderte leiden, in ein leeres Podium zu verwandeln! Wenn es nur wahr wäre, was jener rühmt: daß »diese neuen Künstler ganz von vorn auf einem nackten Stück Brett anfangen wollen«! Aber was haben die Herren Jeßner und Fehling, zwischen die ich nicht, wie Herr Ihering, der Dramaturg dieses Humors vermutet, einen Keil, sondern das Brettermagazin treiben möchte, das ihre Welt bedeutet – was haben sie aus dem entzückenden Schauplatz des Berliner Staatstheaters gemacht! Man könnte sich vorstellen, daß ein Regisseur, der irgendwo auf solche Barrikade der Wortwirkung, auf solchen Narrenturm der Szene, auf solches Gebirge der Hochstapelei stieße, es schleunigst abtragen ließe, um zur Ebene des unverschmockten Theatersinns, zum Podium zu gelangen. Die umgekehrte Prozedur: das Glück der weiten Szene in solches Desaster zu verkehren, das den Schauspieler zum Irrgärtner macht und den Zuschauer verwirrt, könnte man sich keineswegs vorstellen, wenn sie nicht in Berlin zur täglichen Wirklichkeit würde. Ich weiß meiner Podiumgestaltung, die doch dem dekorationslosen Theater im höchsten und nüchternsten Sinne entspricht, keine bessere Hilfe, als wenn ich irgendwo statt eines Konzertsaals eine Guckkastenbühne finde. Daß ich meine Anforderungen an die Einfühlungsfähigkeit so überspannen sollte, um sie nur auf Stufen für erreichbar zu halten, das ließe ich mir unter dem bösesten Alpdruck von Berliner Theaterwochen nicht träumen. Die Schauspieler, die sich Herr Karlheinz Martin wünscht, mögen, wenn sie seinen Ansprüchen vollends genügen wollen und schon hinreichend appretiert sind, um sich ohne Kostüm und Dekorationen leichter zu fühlen, es einmal versuchen, die lebendige Gestalt einer Dichtung sitzend anstatt springend zu verkörpern: dann wird sichs zeigen, ob das Wort wieder in seine Rechte eingesetzt ist! Es wird wie beim Mangobaumwunder sein. Denn auf das Wort kommt es an, und »Mango« bedeutet sowohl den Baum mit den goldenen Früchten wie den Händler, der seine Ware zustutzt. Das österreichische Selbstgefühl Alles, was sich je gegen die preußische Lebensrichtung in einem gewehrt hat, bäumt sich dennoch gegen die Zumutung auf, als »österreichisches Selbstgefühl« angesprochen zu werden. Der naturgebotene Widerwille vor allem Richtiggehenden könnte sich gar nicht ausleben, ohne des Abscheus vor einem Unwesen, das nicht einmal richtig stehen kann, sondern im günstigsten Fall nur, je nach Rasse, torkeln oder hatschen, unter allen Umständen und in jedem Momenterl habhaft zu sein. Mag man im Querschnitt des Weltruins noch so deutlich die hassenswerte Visage jenes Macher- und Aufmachertums erkennen, das österreichische Antlitz der Wurstigkeit, die sich so lange an das fremde Rückgrat angehalten hat, drängt sich doch in seiner vollen Verächtlichkeit vor und umso widerlicher in dem Fallotenstolz einer schäbigen Valuta, die dem ruinierteren großen Bruder die kalte Schulter zeigt. Nichts Schmählicheres und zugleich Groteskeres hatte sich in diesem unwahrscheinlichen Europa begeben können als diese österreichische Selbstbesinnung. Mich wenigstens könnte das Entzücken der zwischen Kopenhagen und Athen ja auch hinlänglich vertierten Welt über ein Österreich, dem sie noch immer nicht die »Lustige Witwe« vergessen kann, die Affenliebe für ein Land, das die Chambres séparées besingt und sich durch die Intervention seiner Huren und Kabarettfatzken als erstes die Sympathie einer Feindeswelt errungen hat – mich könnte die internationale Anerkennung, daß es nur ein Wien gibt, zwar mit dankbarer Befriedigung über diesen Ausnahmsfall der Schöpfung erfüllen, aber keineswegs von dem Zwang befreien, beim Bekenntnis meiner Zuständigkeit schamrot zu werden. Und nun mehr denn je, wo diesem Deutschösterreich die Zurücksetzung des Deutschtums zustattenkommt und man in Gefahr ist, als Angehöriger eines Musterknabenpensionats von der Antipathie gegen jenes zu profitieren. Was könnte es Perverseres geben als eine diplomatische Weltverfügung, welche heute im Ausland den Tschechen zwar als den Vertreter einer Großmacht beglaubigt, deren nähere geographische Umstände unbekannt sind, aber als ehemaligen Teilhaber des allgemein beliebten Österreich willkommen heißt. Es soll sogar vorkommen, daß die große Welt sich bei ihm nach dem Befinden des charmanten alten Kaisers erkundigt, dessen Abdankung sie nur darum nicht erzwungen hat, weil er sie nicht erlebt hat, dessen Erinnerung sie aber doch in einem dankenswerten Zusammenhang mit Wiener Nachtlokalmusik bewahrt. Die Verlegenheit, die unsereins seit jeher vor der Welt empfindet, wird angesichts ihrer Dummheit, nicht das an diesem Wesen von einem Staat zu bemerken, was ihr das Haar sträuben würde, vermehrt: durch das Plus an mondialem Empfinden, das der geborene Antiösterreicher und wissende Österreicher vor ihr voraus hat. Man schämt sich zugleich für Österreich und für eine Welt, die nicht spürt, wie recht man hat. Kommt noch die Erniedrigung durch das Gefühl hinzu, gegen ein Deutschland ausgespielt zu werden, auf dessen Gnadenblick die Bundesbrüderschaft so lange angewiesen war, so ergibt sich eine Zwangslage, in der man es noch immer vorzieht, unter Hyänen und Schakalen zu leben als dort, wo man dergleichen für Schoßtiere hält. Ich habe die Letzten Tage einer Menschheit geschrieben, die nach ihrer Lustigen Witwe Harakiri gemacht hat; ich habe getan, was ich konnte, um das Grauen ihrer Zentralregion zu verewigen. Aber ich möchte bei Gott nicht mit dem Verdacht auf die Nachwelt kommen, als ob ich die Erlösung vom preußischen Militarismus mit einer Renaissance des österreichischen Feschaks, dieses Brechmittels für die widerstandsfähigsten Bewohner der Hölle, bezahlt wünschte. Der Einheitsknödel, den der neudeutsche Mann als Gesicht führt, hat mir noch nie die Sehnsucht rege gemacht nach den Individualitäten, deren jede, zugegebenermaßen, ihren Spezialknödel hat; im Gegenteil, ich finde das andere System praktischer. Daß mir das Leben unter numerierten Larven erstrebenswerter scheint als unter den fühlenden Brüsten der österreichischen Kultur, der vollkommenste Zusammenbruch Deutschlands mir wie der Inbegriff der Ordnung vorkommt neben einem sanierten Pallawatsch und die Intelligenz eines Berliner Liftjungen beträchtlicher als die eines österreichischen Verkehrsministers – daran lasse ich auch nicht den leisesten Zweifel tippen und ich halte die Frage des Anschlusses nicht etwa für verfrüht, sondern geradezu für vorlaut, solange sie von den Teilnehmern eines Staatslebens aufgeworfen wird, für das zunächst und in jedem einzelnen Falle der telephonische ein Problem ist. Wohl werde ich als der einzige Wiener ungemütlich, wenn ein Preuße es unternimmt, hier scherzhafte Beobachtungen anzustellen und die Beziehungslosigkeit zu den erlebten Dingen als Überlegenheit aufzumachen, also das tut, wodurch er sich, in seiner Sprache zu reden, »hier unnütz macht«. Aber damit will ich, der die Beschmutzung seines eigenen Nestes durch Fremde und Unbefugte perhorresziert, keineswegs der Meinung verdächtig sein, daß sich der Wiener hier nützlich mache. Sein Überlegenheitsanspruch gegen Berlin, seit jeher eine Anmaßung, ist heute einfach eine Unappetitlichkeit. Darum hat Herr Rudolf Hans Bartsch nicht die geringste Chance bei mir, wenn er von der Weltwarte der Grazer Tagespost das »österreichische Selbstgefühl« – es sollte als das eines Nichts durchbohrend und nicht nach außen aggressiv sein – gegen reichsdeutsches Wesen aufruft. Mit unseren Kulturerrungenschaften lasse er sich heimgeigen, denn auf anderem als musikalischem Gebiet, das heißt jenem, wo die Musi mit dem Gspusi harmoniert, werden sie schwerlich zu entdecken sein. (Im Stolz der Schnitzler'schen Wienerin auf die Gipsbüste Schuberts scheint mir dichterische Intuition dem »Dreimäderlhaus« vorzugreifen.) Was die Wortkunst betrifft, so klafft hier keine so große Kluft zwischen Schöpfung und Niveau wie draußen. Von Grillparzer bis Hofmannsthal – von Herrn Bartsch nicht zu reden – dürfte Österreichs Bestreben, mit einem Klassiker an die deutsche Literatur angeschlossen zu werden, als kulturgeschichtliche Drolerie in einer Fußnote Geltung erlangen und der Zufall Nestroy, der singuläre sprachschöpferische Wert, der hier zur Welt kam, möchte vor allem durch die Stellung der Nation zu ihm entscheidend sein: es gelang ihr, ihn bei ihr beliebt zu machen. Immerhin kann man einräumen, daß das österreichische Geistesleben engeren Zusammenhang mit der Heurigenpoesie hat als das deutsche mit Goethe. Es mag auch sein, daß alles in allem hier mehr Leute die Memoiren des Scharfrichters Lang, des Mannes, dem schon als Henker Battistis die österreichischen Annalen offen stehen, gelesen haben, als drüben die »Pandora«. Vor der Einwirkung geistiger Ereignisse auf den Kulturstand eines Volkes ist mein Blick grundsätzlich getrübt und alles, was in diesen Belangen und professionellen und virtuellen Leitartiklern vorgebracht wird, scheint mir entweder Mumpitz oder Pflanz zu sein, je nachdem. Der Anspruch finde hinter den Ornamenten der Bildung seine Genüge an den seelischen Dingen, wie sie aus der Natur in Erscheinung treten. Man kann von Glück sagen, wenn dieses Österreich im Kampfspiel des Friedens sich zu der alles niederwerfenden Parole bekennt: »Heute spielt der Uridil«. Doch das Bild, das jenen Henker im Triumph der Lebensfreude über seinem Opfer, flankiert von Mitgenießern, darstellt, sagt mehr aus über die Gemütsart zwischen Inn und Leitha als die Tatsache, daß hier Mozart und Beethoven geschaffen haben. Und mit seinem Appell an das österreichische Selbstgefühl, das doch in diesem Bilde zu einem gleichsam definitiven Ausdruck gelangt, hat Herr Bartsch auch dann bei mir kein Glück, wenn er auf den Vorhalt der österreichischen Battisti-Niedertracht erwidert: Die Schändlichkeiten mit Battisti, gehören die hieher? Waren sie nicht gerade stinkender Atem jenes Staatswesens, das ausgeröchelt hat und dessen Ende ich als Anfang eines neuen, besseren Volkes begrüße? Herr Bartsch irrt zwiefach. Denn nicht nur, daß man dann zugunsten des deutschen Wesens (an dem die Welt, wie sich nunmehr herausgestellt hat, nicht zu genesen gedenkt) einwenden könnte, daß es ja als Staatswesen gleichfalls etwas durchgemacht habe – man könnte sogar sagen, daß der Typus des lachenden Henkers mindestens so sehr nach Deutsch-Österreich zuständig ist wie nach jener Monarchie, die ihn im Weltkrieg gegen ihre Nationen mobilisiert hat. Wenn wir also auch ein herziges Staaterl geworden sind, ganz stad im Konzert der Mächte und nur noch mit der spezifischen Musik in deren Herz uns dudelnd, so dürfte uns – wenigstens auf dem Kulturniveau unter christlichsozial-großdeutschen Auspizien – kaum die innere Möglichkeit zu einer Gruppenbildung, wie sie auf jenem Bilde verherrlicht ist, abzusprechen sein. Zwar, Leichenalleen mit hängenden Tschechen, Ruthenen oder Serben, deren Gesicht von einer Tafel verdeckt ist, auf der in allen Sprachen der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder mitgeteilt wird, daß es »Vaterlandsverräter« sind, werden, das hat Gott gewaltet und walte er auch fürder, von keinem Kriegsarchiv mehr photographiert werden. Aber der Ehrgeiz, bei einer blutigen Hetz, die ein anderer Zufall als der eines Armeeoberkommandos gebieten könnte, auf die Platte zu kommen, dürfte kaum mit der Regierungsform zum Teufel sein. Gerade weil diese durch die Jahrhunderte die Bestialisierung der Gemüter besorgt hat, wird, je mehr österreichisches Selbstgefühl, umso eindrucksvoller im gegebenen Falle das diesbezügliche Antlitz vom vollbrachten Werke zeugen. Man muß sich nur einen Pogrom vorstellen, um auch die Photographie dazu zu haben. Und man braucht nur die Perspektive zu ziehen, die das Kulturbildchen eröffnet, mit dem Kasmader kürzlich in meine sauer verdiente Sommerruhe hineinlangte. Ein mit grellsten Schönpflugfarben geschmücktes Kuplet aus dem Jahre 1914, »Friedenskuplet« betitelt, das besser als jeder Höllenbreughel unsern geistigen und moralischen Zustand jener Tage abkonterfeit. Das Titelblatt: Oben ein ganzer Ochs auf einem Teller, von dem Soss bidee herunterrinnt; im Fleisch des lebendigen Tiers stecken Messer und Gabel. Ein k. u. k. Wunschtraum aus der Durchhalterzeit. Darunter mit dem K des Wortes »Kuplet« durch ein zierliches Mascherl verbunden, eine Kaisersemmel nebst einem Kipferl und einem Salzstangerl; dann eine Champagnerflasche und daneben noch eine umgeworfene, denn der Champagner soll in Strömen fließen; ferner ein Jockei (sprich: Schokai), der durch die Freudenau hetzt; ein Büblein mit einer Milchkanne; schließlich als höchster der Friedensgenüsse ein Automobüll, in dem eine Lebedame sitzt, ein sogenanntes Pupperl, eine Mai-Tresse, und das er ihr offenbar aus dem Grunde gekauft hat, weil es damals noch nicht vüll gekostet hat. Preis des Kuplets: 20 Heller, »Volksausgabe«. Darin wird dargestellt, unter welchen Bedingungen – dies der Refrain – wieder »Frieden auf der wunderschönen Welt« ist. Nicht, wenn die so beschaffene Monarchie, die solchen Hinterlandsdreck in ihrer größten Zeit hervorgebracht, geduldet, bejubelt hat, Galizien und das Trentino hergibt, was ihr ja nach Millionenopfern doch nicht erspart bleiben wird, sondern: wenn man erst mit einer Nimphe in der Nachtbar sitzt bis fünfe bei 'ner guten Flasche Hindenburgeff grün ... Oder: Wenn man kriegt die Auslandspässe Und der Held der »Freien Presse« Roda Roda auf dem Ring spazieren geht ... Wenn die Heldenväterbusen Von den Heldentaten schmusen ... Oder – nach dieser frühzeitigen Selbstbespeiung der Glorie – in einem noch dunkleren Gaunerjargon: Wenn der Typ der Steeplechase Kriegt vor'm Ziel ein Schippel Stöße, Und der Szente in den Wassergraben fällt, Wenn man dann vorn Schlag gerührt ist, Weil der Bucki palisiert ist ... Und zwischen dem Rothschild, der »wieder Rindfleisch sich bestellt« (was er vermutlich auch in der Zeit der Fleischkarte getan hat) und der Frau Pollak – der nächst ihr populärste Schlager dieser Kaiserstadt, die es Gottseidank nur in einem Exemplar gegeben hat: Wenn vom Fackel-Kraus 'ne Nummer, Wieder rauskommt rot wie'n Hummer ... Aber wiewohl sie doch wirklich herauskam und die abgrundtiefe Gemeinheit dieses Hinterlands ihm in die Seele, die es nicht hatte, ununterbrochen eingebrannt hat – ein Verfahren, das hier freilich nur Eindruck macht, wenn es auf die Zuspeis angewendet wird –: die Feinde waren selbst mit solchem Anbot nicht zufrieden und ließen noch vier blutige Jahre vergehen, bis dieses Österreich ganz andere Schätze als die Fackel herauszugeben hatte. Und sogar das Folgende imponierte ihnen nicht: Wenn es klar wird allen Leuten: Einen Wilhelm gibts den Zweiten, Einen zweiten Wilhelm gibt es niemals nicht! Was allerdings wieder ein Glück im Unglück bedeutet hat. Aber der Kretin, der's mir in Erinnerung bringt, hat – heute noch – den »Einen« unterstrichen. Und der Schluß (den wieder ich unterstreiche) lautet: Wenn am Ring die Fahnen fliegen Und nach diesen großen Siegen Unser tapf'res Heer in Wien den Einzug hält; Wenn ein Schrei von Hunderttausend Grüßt die Sieger wild und brausend, Dann ist Frieden auf der wunderschönen Welt. Genau so ist es gekommen: die Hunderttausend, die obern, haben die Katzelmacher als die Sieger gegrüßt, denen sie die Stiefel leckten und gleichfalls »Saisonschlager« widmeten. Aber die Prophezeiung – denn dieser da gehörte zu den »pappulären« – war im Herbst 1914 in allen Nachtlokalen gegröhlt worden. Daß sie nicht buchstäblich in Erfüllung gegangen ist, wer ist schuld daran? Kasmader versieht die Stelle – in Schreibmaschinschrift, die das Inkognito des Vaterlandshelden wahren soll – mit der Randbemerkung: Das haben die Krause verhindert, wofür sie weggemacht gehören! Daß ich den Kaiser auf Madeira – der ohne seinen Ausflug heute noch im Kreise der Seinen in Prangins säße – getötet habe, ist in Kasmaders Blättern schon enthüllt worden. Daß ich aber auch der Dolchstoß bin, der verhindert hat, daß die Erwartung der Anhänger der Resitant und des Rockenbauer in Erfüllung gehe und eine verhungerte, durch die Dementia von Generalen, die später zumeist im Lift oder auf dem Trottoir gefallen sind, zusammengeschmolzene Armee mit Lorbeerreisern an der Sirk-Ecke vorbeiziehe, wo zahlreiche Vorgesetzte sie schon den ganzen Krieg hindurch erwartet haben: diese Version ist neu. Auf der Rückseite des Friedenskuplets sind von den gleichen und andern Schöpfern noch als Dokumente jener glorreichen Zeitstimmung: »Marianka's Feldpostbrief« und »Wien wird bei Nacht erst schön«, zu beziehen durch alle Musikalienhandlungen, angekündigt. Wahrscheinlich durch meine Schuld mußte vier Jahre später – just in jener Zeit, da unser tapf'res Heer in Wien den Einzug halten sollte, aber zum Glück auch nicht die Besorgnis in Erfüllung ging, daß es alles kurz und klein schlagen werde – das schöne Nachtleben Wiens mangels Kohle bereits um acht Uhr zu Ende sein. Auch die Kaisersemmel erschien so bald nicht wieder und von allen Friedenssymptomen trat eigentlich nur die Fackel-Nummer in Erscheinung, die sich aber auch schon durch die Permanenz der österreichischen Glorie nicht hatte abhalten lassen zu erscheinen, so daß sich immerhin im k. u. k. Kretin die Vorstellung herausbilden konnte, daß eben sie an dem Ausfall all der anderen Kulturgüter Schuld habe. Das Friedens-Kuplet wäre an und für sich bloß ein Dokument des österreichischen Selbstgefühls jener Tage; der Geist aber, der es heute zitiert und in Verbindung mit mir bringt, läßt wohl auf ein österreichisches Selbstgefühl schließen, wie es sich Herr Bartsch nicht schöner entwickelt denken könnte, wiewohl es doch offenbar auch von dem stinkenden Atem jenes Staatswesens, das ausgeröchelt hat, herübergeweht erscheint. Kasmader, der keinen bessern Zephyr kennt, verabsäumt nicht, das Friedenskuplet, das auf dem Titelblatt als »Saisonschlager« bezeichnet ist – hätten in eben jenen Wochen die Russen diese Funktion übernommen, so würde es heute höchstens 30 Heller kosten und seine Erwartungen wären mit Ausnahme der letzten erfüllt –, Kasmader also verabsäumt nicht, es »Karl dem Krauslichen« zu widmen. Es ist der elementare Kurzschluß, der sich im Gehirn des Reichspostlers vollzieht, wenn es nur an den Namen »Kraus« anstößt, auch ohne die ihm wohlgefälligen Kriegsgreuel zu assoziieren. Schon als Kasmader auf der Volksschulbank neben mir saß, hat er dieses Bonmot geprägt und es seither durch alle Stadien seiner Karriere bis zum Finanzbezirksaushilfsmonarchisten in Ehren gehalten. Jetzt ist er es seinem Kaiser schuldig und das Porto bezahlt die Zita. Er entschließt sich aber auch noch, auf einem Beiblatt, zu der folgenden Herausforderung: Wann wirst du endlich dieses Land verlassen? Du Gesinnungsstrolch! Was da am Einband zwei Gabeln drinnen stecken hat, ist mir weit sympathischer wenn es auch von der Sprache noch weniger als du weiß! Mache dich gefaßt, daß du in deinem nächsten Gemauschel von mir ein paar Zwischenrufe abkriegst. Oha Das muß nicht von dem außerordentlichen Satiriker sein, der seinerzeit in den ›Wiener Stimmen‹ gesprudelt hat, sondern es handelt sich wohl um ein allen arschen Köpfen gemeinsames und geradezu obligates Pseudonym. Auch an der ›Muskete‹ hat seinerzeit ein Geißler der Sitten mitgewirkt, welcher sich hinter diesem Capriccio von einem Namensscherz verbarg, der, wie avanciertere Leser unschwer merken werden, den glücklichen Zufall, daß der Satiriker O. H. heißt, mit der in Wien üblichen Entschuldigung des An- oder Aufstoßens zu einem kecken Einfall verknüpft. Es ist aber sicher, daß in Unkenntnis dieses Umstandes seither alle satirisch bestrebten Katholiken das Pseudonym bevorzugen, ja es scheint geradezu eine satirische Zwangshandlung vorzuliegen, und erstaunlich genug bleibt, daß daneben der nom de guerre »Bumstinazi« so wenig Zuspruch findet. Alles in allem sind diese launigen Seitensprünge Folgeerscheinungen der stabilisierten Krone und des mit ihr erstarkten österreichischen Selbstgefühls, sie erklären sich unschwer aus der Atmosphäre eines von den Amtsstunden her an allerlei Schabernack mit den Parteien gewöhnten Typus und aus der kulturellen Ausstrahlung einer Ministerbank, von deren meisten Insassen ich überzeugt bin, daß sie einen unerwartet eintretenden Regen als satirisches Motiv empfinden und demgemäß mit den Worten »Ah, sie regnet!« begrüßen werden. Wie dem immer sei und wenn auch die österreichischen Minister vielleicht doch nicht so geistreich sein mögen wie sie aussehen, so ist es gleichwohl eine neckische Gegenwart, in der wir leben, und der Mann, der mir schreibt und den ich ganz gewiß noch besser kenne als er mich, wiewohl er eine Maske trägt, scheint ein Vaterland zu haben und auch Ursache, es zu lieben. Der Ochs dagegen, der »am Einband« zwei Gabeln drinnen stecken hat, versteht zwar von der Sprache noch weniger als ich, aber er würde es anderseits auch verschmähen, von ihr in anonymen Briefen den Gebrauch zu machen, zu dem er eben noch befähigt ist, denn seine Einfalt bedeutet im Gegensatz zu der menschlichen einen moralischen Vorzug. Also kündigt der immerhin verborgene Bekenner einer guten Gesinnung mir, dem Gesinnungsstrolch, an, daß er, wenn ich als Sprecher hervortrete, mir mit Zwischenrufen aufwarten wird, und scheint nicht bedacht zu haben, daß die Ausführung Mut erfordern würde, da sie nebst den in meinem Raum unvermeidlichen Folgen doch wohl zur Agnoszierung eines der Banditen beitragen könnte, gegen deren Drohungen die Staatsanwaltschaft in meinem Fall so geringes Animo bekundet. Selbst wenn darum das Versprechen so wenig zur Erfüllung gelangen sollte wie die Erwartungen des Friedenskuplets und auch der Wunsch unerhört bliebe, der sich in der Erkenntnis ausdrückt, daß ich aus eben diesem Grunde »weggemacht gehöre«, so wird Herr Bartsch doch nicht leugnen können, daß wenigstens seine Hoffnung auf ein Erstarken des österreichischen Selbstgefühls in solchem Falle keineswegs enttäuscht wird. Er hat aber auch dann keine Aussicht, mich für die Sache zu gewinnen, wenn er die Erinnerung an den Fall Battisti – und er stellt ihm die deutschen Untaten in Belgien gegenüber, ohne zu bedenken, daß doch in der Fixigkeit, dem Henker den Photographen zu attachieren, Austria als in orbe ultima dastand – wenn er also jenes recht lückenhafte Geständnis, das nur die Tat, nicht den Stolz auf sie einschließt, durch die Worte zu retouchieren sucht: Für die Annaglung solcher Scheußlichkeiten bedürfen wir diese neuerliche Erinnerung, gegen meine autoptischen Erfahrungen, nicht, denn wir hatten in Österreich ohnehin ein Genie dafür, wie kein anderes Volk dergleichen je hatte: Karl Kraus. In sehe in diesem Manne mehr als einen bloßen Menschen. Er ist das fleischgewordene Gewissen eines gewesenen Volkes! Wo es aber ein so furchtbares böses Gewissen gibt, da ist auch Zeit für die guten Gewissen, zu reden und zu zeugen. Ich möchte übrigens doch einmal wissen, wie es kommt, daß man einem Volke eine ihm gar nicht typische Scheußlichkeit, nachdem sie ohnedies von einem Genie gebührend aufgezeigt worden ist, zwei- und mehrmals vorhalten darf, während der erste Versuch, dem Österreicher zu sagen: Du bist besser als der Preuße, wenn du dein bestes Wesen erkennst und pflegst, augenblicklich auf Widerspruch, ja auf Verdächtigung stößt. Herr Bartsch irrt, wenn er meint, daß meine Arbeit in einer »Annaglung« besteht, daß zu dieser nicht bloß Geschicklichkeit, sondern Genie erforderlich wäre, und vor allem, daß wir in Österreich ein solches Genie »hatten«; er setzt wohl ohneweiters voraus, daß es, nachdem es sein Jahrhundert in die Schranken gefordert und hinreichend angenagelt hatte, Arm in Arm mit jenem Henker in die Pension gegangen sei, weil es die Züge einer gar nicht typischen Scheußlichkeit im neuen Österreich unmöglich wiederzuerkennen vermöchte. Denn das Volk, das zu mahnen es eingesetzt war, sei gewesen; das böse Gewissen des Österreichertums habe in der Welt der Republikaner Seipel und Funder ausgeschlagen und es sei nun hohe Zeit, daß das gute, welches da Bartsch genannt wird, zu Wort komme. Nun, wäre dieses gute Gewissen ein Künstler – in eben dem Maße als das böse nicht bloß die Fähigkeit hatte, die Bilder der Zeit an die Wand zu hängen, sondern auch zu malen –, so könnte man es mit dem Rat, zu bilden und nicht zu reden, auf seine natürliche Bestimmung verweisen, ein sanftes Ruhekissen zu sein. Aber da dieses zumeist nur die Zuflucht der Leute ist, die die Romane des Herrn Bartsch lesen, so kann man halt nichts machen. Er appelliert an das österreichische Selbstgefühl und ist der festen Überzeugung, daß der Wesenswert, den es bejaht, von dem »stinkenden Atem jenes Staatswesens, das ausgeröchelt hat«, unberührt sei. Und ahnt gar nicht, wie das wahre österreichische Selbstgefühl dieser Konstruktion spottet und in natürlicher Entfaltung einem einzigen Anschluß zustrebt: dem an die Vergangenheit. Der Präsident einer Republik, die ein harter Friede mit dem ganzen Verbrechen dieser Vergangenheit belastet hat, hatte neulich, bei Eröffnung der Kriegsbildergalerie des Heeresmuseums – und er beschränkt sich in solchen Fällen nicht darauf, »Es war sehr schön« zu sagen –, den sinnigen Einfall des folgenden Bekenntnisses: Ich glaube, daß der Krieg, der uns aufgedrängt wurde, trotz seines ungünstigen Ausganges uns mit Stolz erfüllen muß. Demnach bliebe nichts zu wünschen übrig als der Majestätsbeleidigungsparagraph, um ihn unter dem Eindruck eines solchen Diktums übertreten zu können. Aber sollte hier nicht dem österreichischen Selbstgefühl geradezu vorgeschrieben sein, sich in der Identifizierung mit jenem Staatswesen, das ausgeröchelt hat, zu betätigen? Man sieht, wie verschiedene Denker es verschieden denken. Wie dem immer sei, Herr Bartsch hat durch seine Art, das österreichische Selbstgefühl zu wecken, von dem er glaubte, daß es einen Wert zu notieren habe, der bereits 150 Mark entsprach, also hauptsächlich durch den Zeitpunkt seines Appells einiges berechtigte Aufsehen erregt und man muß schon sagen, daß die Gesinnung, die sich heute des Nichtanschlusses freut und damit nicht hinter den steirischen Bergen halten kann, wirklich jene Qualität beweist, der der Herr Bartsch zur Anerkennung verhelfen will: das echte Österreichertum. Denn ganz abgesehen davon, daß zwölf aus der Steiermark auf ein Dutzend gehen und selbst heute noch nicht so viel wert sind wie einer aus der Mark, wenn er etwa Fontane heißt, befindet sich das Deutschtum, dessen Anschlußwürdigkeit nun von den Leuten erörtert wird, die es nie nach der ihren gefragt hat, augenblicklich in einer wenngleich selbstverschuldeten Abwehrstellung und muß waffenlos, auf nichts gestützt als auf seine heillose Ideologie, etwas wie jenen heiligen Verteidigungskrieg führen, mit dem sein Wahn 1914 die Welt überzogen hat. Da muten denn die Versuche eines von Natur fragwürdigen Österreichertums, sich an der zerschmetterten Schulter zu reiben, wie eine Variante der Variante an, die ein Nestroy'scher Filou zu dem edler gearteten Genossen spricht: »Ich habe die Not mit Ihnen geteilt, es ist jetzt meine Pflicht, Sie auch in den guten Tagen nicht zu verlassen!« Und wirken so unerquicklich wie die Selbstverteidigung, die Herr Bartsch gegen die Vorwürfe von nationaler oder antiösterreichischer Seite unternimmt: ... Ich frage: Wer hält die Grenzwacht des Deutschtums im Süden besser? Wer dem ganzen Volke ein paar Millionen Bücher in dessen Sprache gibt und ihm ein Bild unseres Südens gab, das draußen Liebe und Achtung erregte, oder wer dies Volk verkleinert? Er hat sich, wie man zumal hier gewahr wird, in ein Gedränge der Begriffe Volk, Staat, Deutschland, Preußen eingelassen. Ich nun hatte neulich aus einem Interview mit Herrn Bartsch dessen Erklärung übernommen, er sei ein Führer des deutschen Volkes, »unter dem zwanzig Millionen Bücher, Kinder seines Geistes, verbreitet«, und wohl die Führerschaft, aber nicht deren Begründung angezweifelt. Es war ein Versehen, in dem Zitat nicht gleich die Übertreibung »anzunageln«, die jedoch immerhin durch ein Mißverständnis des Steirers, der mit dem Führer des deutschen Volkes konversierte, zu erklären sein mochte. Nun aber beruft sich Herr Bartsch in eigener Diktion fast auf die gleiche Zahl der Kinder seines Geistes. Es wäre ein Nationalunglück – annähernd in den Maßen der Japan-Katastrophe –, wenn Herr Bartsch dem ganzen Volke auch nur »ein paar Millionen« Bücher geschenkt hätte, denn er hätte es nicht in dessen, sondern in seiner eigenen Sprache getan, die nicht davor zurückschrickt, das preußische Selbstgefühl das »ungerechtfertigste« zu nennen und »von dem« zu reden, »an dem« wir alle unausgesetzt arbeiten. Freilich scheint auch in diesem Fall das deutsche Volk, das ja solche Sprache goutiert, es sich selbst zuschreiben zu müssen. Herr Bartsch versichert, er habe keinen Grund, persönlich gereizt zu sein, und erzählt zum Beweise der Sympathie, die man ihm gerade in Deutschland entgegenbringe, eine Geschichte, die wohl alle Kriegsgreuel, die er den Preußen nachsagen könnte, in Schatten stellt: ... Ich ließ und lasse meinen Volksstamm nicht auf Kosten eines anderen heruntersetzen, der der Erde erst einmal wirkliche Gaben bieten muß. Also Gaben, mit denen man sich wohl bei der Erde für die wirklichen Gaben der Erde revanchiert, zum Beispiel für Kartoffeln. Und etwa von der Qualität der Werke des Herrn Bartsch, zu deren Verständnis – wenn schon nicht zu der Fähigkeit, sie hervorzubringen – die Preußen sich immerhin aufgerafft haben: Ich selber bin draußen sehr, sehr viel besser behandelt worden als in der Heimat, und vor einem Thronfolger sagte mir ein deutscher Offizier: » Für Erscheinungen wie die Ihre führen wir diesen Krieg, damit sie uns erhalten bleiben und uns ins Blut gehen.« Nun weiß man endlich, wofür dieser Krieg geführt wurde! Aber freilich auch, warum er verloren gegangen ist. Zehn Millionen Mütter von toten, blinden oder verkrüppelten Söhnen – etwa so viele, als Bücher von Bartsch in Deutschland verbreitet sein sollen – und alle Erben des Jammers, der sich in der weiten Welt an das Ereignis knüpft, empfangen den Trost, daß der Krieg, dessen völlige Sinnlosigkeit den Schmerz bis zur Verzweiflung gesteigert hat, unternommen wurde, damit uns Erscheinungen wie Herr Rudolf Bartsch – der deutsche Offizier schwieg von Otto Ernst – erhalten bleiben, und daß so viel Blut fließen mußte, damit jene uns ins Blut gehen. Mehr Bartsch ins Blut! war Kriegsparole. So haben die deutschen Offiziere – und solche, die ihrem ruchlosen Handwerk schon etwas wie eine kulturelle Bestimmung zuwiesen – in Gegenwart der Thronfolger gesprochen. Und Herr Bartsch, der bei den Worten des deutschen Offiziers nicht in die Erde sank – nicht einmal dort, wo sie zu diesem Zweck Schützengräben offen hielt: denn er sollte uns ja im Gegenteil erhalten bleiben –, und der eben diese Offenbarung des Sinnes der kriegerischen Aktion nicht als die Besiegelung ihres Wahnsinns empfand, nahm das Kompliment etwa so hin wie ich das seine und ohne sich dadurch in der schonungslosen Beurteilung dessen, der es aussprach, irremachen zu lassen. Nicht eben daran erkennt er, wes Geistes die deutschen Offiziere waren, sondern trotzdem. Denn er ist ja selbst im Tiefsten davon überzeugt, daß er ein Führer des Volkes ist, welches wohl zuweilen diese Überzeugung mit ihm teilt, aber im Ganzen noch nicht auf deren Höhe lebt. Daß er ein Dichter ist – und einer, zu dessen Erhaltung einen Weltkrieg zu unternehmen nie ein zu kostspieliges Beginnen sein kann –, das hält er für eine ausgemachte Sache. Darum ist er auch berufen, der Nation, der er in einem viel tieferen Sinne zugehört als die verständigsten seiner Leser unter den preußischen Offizieren, jeweils jenen Spiegel vorzuhalten, der zu den wenigen Dingen zählt, die leider unzertrümmert aus dem Ruin hervorgegangen sind: Und für den Zeitpunkt, in dem solche Dinge zu sagen sind, lasse der Historiker doch unbesorgt dem Witterungsvermögen des Dichters freien Weg! Herr Bartsch ist denn auch mit der Wirkung zufrieden: Ich lege meine politische Feder lächelnd aus der Hand. Was ich gesagt, hallt schon weiter. Er eilt zum Schluß, läßt sich aber noch aufhalten: Halt: Ein Gedanke. Etwa von der Art der andern, wie zum Beispiel, daß man »mit unserer ewigen Beschmutzung des eigenen Nestes« aufhören solle, gegen die bisher nur er allein stehe. Ob es indes sittlicher sei, statt dessen das fremde Nest, und just wenns dort drunter und drüber geht, zu beschmutzen, sagt er nicht. Was es aber mit dem österreichischen Selbstgefühl, das bei solchem Vorgehen gedeiht, auf sich hat und welche Formen es annimmt, wenn das Glück der Markentwertung ihm Gelegenheit gibt, das fremde Nest noch auszuschmarotzen und nebst dem Genuß jener Überlegenheit, die der Stand der Valuta bestimmt, auch physisch zu verunzieren, das konnte sich in diesem Spätsommer dem schaudernden Sinn offenbaren, der dem Raunen einer geschändeten Ostsee den Nachklang des Grolls entnahm über den Einbruch einer Gesellschaft, die mit dem undefinierbaren Jargon ihrer stets weltmittelpunkthaften Frechheit wie die Hyksos über Land und Meer gehaust hatte. Kaum eine heilige Buche der Insel Rügen, an der dieses in all der Buntheit seiner Kontraste doch so typisch versammelte Österreichertum zwischen Hakenkreuz und Davidsstern nicht sein Wirrsal ausgetobt hätte, einig in dem Bewußtsein, auch an der Ostsee nicht untergehen zu können, und in der Erkenntnis, daß sichs auf Kosten des Nachbarn billig leben läßt. In alle Rinden war es eingeschnitten, daß die Markparasiten wieder das errungen haben, was in den Jahren der eigenen Pleite von den Führern der Nation so schmerzlich vermißt ward: das österreichische Selbstgefühl. Und sollte sich seine Erstarkung nicht in der Wiederaufnahme der Preiskonkurrenz der dicksten Männer von Wien ausdrücken? In dem Bericht, den ein christlichsoziales Blatt, das sich »Weltblatt« nennt, über ein Ereignis veröffentlicht, mit dem wir, unsrer Eigenart bewußt, getrost neben allgemein deutschen Angelegenheiten wie die Ruhrkatastrophe uns sehen lassen konnten. Zwar berührt es noch immer als ein Zeichen von Niedergang, wenn man bedenkt, daß 1913 ein Gastwirt 222 Kilogramm wog, während jetzt ein Pferdehändler schon mit 156 Kilo Sieger werden konnte. Aber dafür muß doch auch die durch den Krieg bewirkte Unterernährung berücksichtigt werden und es ist jedenfalls erfreulich, daß das Wiener Bürgertum sich wieder zu seinen Idealen in deren vollem Umfang bekennt, so daß das 'Weltblatt' bei Betrachtung des Wiener Horizonts, dort, wo er zwischen 158 und 165 Zentimeter umspannt, sich der gustösen Anspielung nicht enthalten konnte, vom »Backhendelfriedhof« eines mitwirkenden christlichsozialen Stadtrats zu sprechen. Und wenn wir gar von den Orgien dieser Fleischeslust den Blick zu jenen andern wenden, deren Veranstaltung mit nicht geringerer Detailkunst der Polizeibericht verzeichnet, so müssen wir sagen, daß auch hier das österreichische Selbstgefühl wieder sein altes Betätigungsfeld erobert hat: das der »Razzien« in die Lasterhöhlen und Sündenpfuhle, wo es beiweitem anständiger zugeht als in den Familienhäusern der Umgebung. Es genießt wieder den Triumph der Einmischung einer Amtshandlung in Dinge, die die Polizei eben das angehen, was durch die kriminalistische Anfassung der Sexualsphäre entsteht: einen Dreck. Denn der Humor der Battisti-Gruppe kommt auch im Halali der Hurenjagd zur Geltung; in den Generalstabsberichten nach dem Sieg über »die abgeschaffte Steffi und die fesche Gretel« nebst Umzinglung einer Kupplerin; in den animierten Schilderungen der Gelegenheit und der Beute, die hundertmal bedenklicher sind als die Tätigkeit des Feinds. Und in der Sensationsfütterung der ehrlosesten Presse, die unter dem Vorwand der moralischen Entrüstung ihren Lesern die ihnen entgangenen Voyeurfreuden annähernd zu ersetzen trachtet. Doch mit nicht geringerer Deutlichkeit und ohne den Rädelsführern dieser Schaustellungen die Beruhigung zu lassen, daß es sich um ein »Paradoxon« handle, sei ihnen gesagt, daß ich von allen Erektionen des österreichischen Selbstgefühls diese da für den weitaus ärgerlichsten Versuch mit untauglichen Mitteln halte. Daß es viel dringender wäre, den § 26 des Preßgesetzes als den § 129 des Strafgesetzes durchzuführen. Daß das Anständigste was hier Ausländer unternehmen, die Teilnahme an lesbischen Unterhaltungen sein dürfte. Und daß diese selbst weitaus sittlicher und natürlicher sind als die Anwesenheit des Justizministers und des Polizeipräsidenten bei Diners, die inländische Finanzjuden zu Ehren amerikanischer veranstalten, um das österreichische Selbstgefühl hochleben zu lassen. Ja, erleben wir nicht die Symptome seiner Erstarkung in allen Manifestationen und Bekenntnissen dieses Bürgersinns: in der wahlbereiten Einigung aller Staatsbetrüger und Volkswürger auf diese Mittelmäßigkeit von einem Allerweltpriester und Gefilmten des Herrn; in dieser Gemeinbürgschaft eines durch die Bank korrumpierten Christentums und einer sanierten Kille; in der Fetierung der Judenfresser beim Judenfressen; in der Anbetung des goldenen Kalbes und der Jeritza; in der Prosternation der Staatsgewalt vor der Presse, in allen Bestrebungen des Hasses gegen die kapitalsgefährliche Armut und in dem unverhüllten Drange, wieder dorthin zu gelangen, hinter den Wendepunkt zurück, wo es der Frechheit möglich wäre, so unerbittlich mit jener zu verfahren, wie sie – unwiederbringlich unbegreifliches Versäumnis! – großmütig die zitternde Ohnmacht der Geldherrscher pardoniert hat. Erleben wir nicht die Symptome der Erstarkung eines österreichischen Selbstgefühls, das nie dem lebendigen Bewußtsein eines Volkes mit ganz andern als nationalen Sorgen, sondern immer nur der Angst der Herrschenden vor diesem Volk entstammt, erleben wir sie nicht stündlich an unsern Nerven? Für die meinen empfinde ich als das eindringlichste das Erlebnis, wieder den »Fußmarsch« hören zu können. Den Fußmarsch? Selbst wer ihn erlitten hat und nun wieder erleidet, dürfte nicht wissen, was der Fußmarsch ist. Er wird nicht unternommen, sondern erlitten; denn er ist eigentlich ein Marsch zu einem Fußmarsch. Man ist aufgewachsen, indem man sich unter dem Alpdruck der k. u. k. Monarchie, eingedenk der Lorbeerreiser, schlafen legte, aber rechtzeitig geweckt wurde, um dieser für den ganzen Tag eingedenk zu sein, und zwar durch den Fußmarsch. Es war die Zeit, wo – schon lange bevor der Mensch von Metzgern gemustert ward – das Leben unter den Begriff einer Tauglichkeit gestellt war, jedoch nicht der für sittliche und geistige Aufgaben, sondern für die unsittlichste und ungeistigste: von einem Klachel für den Zwang abgerichtet zu werden, dereinst eines unnatürlichen Todes zu sterben, nämlich für den Kaiser. Aber ganz abgesehen von der Infamie der Zumutung, seinen Leib irgendwelchen staatsmännischen Gelüsten, die abzuwenden oder abzuwehren man keine Macht hatte, zur Verfügung stellen zu sollen – tausendmal schimpflicher als die von derselben Staatsbürgermoral verpönte Hingabe des Frauenkörpers –, lastete auf allem Leben der Druck einer sozial bevorrechteten Klasse, deren Angehörige für den offenbaren Mangel intellektueller Gaben von der Natur durch eine Hypertrophie der Drüse, die das Ehrgefühl absondert, entschädigt waren, weshalb man ihnen sowohl auf dem Trottoir wie in öffentlichen Lokalen auswich. Sie waren durch eine bunte Verkleidung, allerlei Schnüre, Schnallen und Quasteln sowie einen Säbel kenntlich gemacht und man konnte nie wissen, was sie mit diesem, der wohl im Ernstfall dazu dienen sollte, gegen Fliegerangriffe und giftige Gase gezogen zu werden, unternehmen würden. Die Atmosphäre wurde immer bedenklich, wenn solch ein von Natur, eben wegen jener Drüse, zu Gewalttätigkeiten neigendes Pupperl, an der Seite eines mehr hingebenden, den Raum betrat. Dergleichen war imstande, in einem sogenannten Vergnügungslokal, wo beim Gotterhalte die Toilettefrau Habtacht stand, auf Disziplin zu schauen, selbst wenn schon die dritte Champagnerflasche in Trümmer gegangen war, worauf die Kapelle mit der Bestätigung, daß wir vom k. u. k. Infanterieregiment Nr. so und soviel sind, regelmäßig einfiel. Außen sahen sie, wenn ein Haufe von ihnen an der Korsoecke lungerte, um vorübergehende Zivilistinnen auf ihre Tauglichkeit zu mustern, oder wenn sie sonst in Gruppen auftraten, wie das Corps de ballet der Vaterlandsverteidigung aus. Aber als ich einmal vom Fenster mitansehen mußte, wie so einer einen Kutscher, der ihm das Trottoir verstellte (Ehrennotwehr), kampfunfähig machte, und als ich, freiwilliger Zeuge vor dem Auditoriat, hauptsächlich darüber befragt ward, ob der Herr Kamerad selbst auf dem Boden gelegen sei, in welchem Fall er erst den »Offizierscharakter« eingebüßt hätte (was Gott eben verhüten sollte) – da erkannte ich, wozu diese Monstren im Frieden auf der Welt seien, ehe sie berufen wären, ihre Tapferkeit vor dem Feind an dem Untergebenen zu beweisen. Ich hatte kurz zuvor von demselben Fenster das Erlebnis, daß auf demselben Purgersteig ein Hausmeister eine Prostituierte mit einer Peitsche vorwärtstrieb (Stäupung einer Hübschlerin wegen Ärgernuß) und konnte somit in kurzer Zeit und knappem Überblick die Entwicklung vom Mittelalter zur Gegenwart sowie die Grenzen der Mannheit durchmessen, ohne aber in der Polizeiwachstube mehr Verständnis für meine Anschauung zu finden als im Militärauditoriat. Wie andere Geister von der Lehre Kants ihre Richtung empfingen, andere wieder zu Füßen Keyserlings gesessen sind, um eine Weltanschauung zu erwerben, so wurde meine Entwicklung von jenen beiden Erlebnissen entscheidend beeinflußt und ich glaube wohl, daß ohne sie weder »Sittlichkeit und Kriminalität« noch »Die letzten Tage der Menschheit« entstanden wären. Was sich mir aber im Chok des Anblicks jenes Bewaffneten, der von dem blutüberströmten Unbewaffneten nicht abließ, unverlierbar einprägte, das war die Wahrnehmung, daß diese ehrlose Welt sich ein Übermaß von Ersatzehre zugelegt hat, um sich das Leben, das ihr die Technik zu leicht machen würde, gebührend zu erschweren. Man war den Überraschungen des militärischen Ehrbegriffs preisgegeben, der ebenso auf die Verletzung zu lauern scheint, um sich durch die Wiederherstellung zu beweisen, wie die nationale Ehre und das religiöse Empfinden, alles Entschädigungen für Sklaverei und Armut im Geiste, alles ideelle Güter, die erst durch ihre Verkürzung den wahren Besitz zu garantieren scheinen. Von solchen Erfindungen, das Leben zugleich zu verzieren und zu belästigen, war wohl die militärische durch die stupidisierende Wirkung, die nebst der Lebensgefahr von ihr ausging, die weitaus unerträglichste; in ihr schienen Ausbau und Vertiefung der Welt zum Irrenhaus bis zu dem Punkte erreicht, daß man oft Mühe hatte, die Geste, mit der die Teilnehmer die Hand an die Stirn führten, als Gruß zu erkennen, und daß während des Weltkrieges, wo doch so ziemlich alle in Teilnehmer verwandelt waren und alle ein Vorrecht der Ehre voreinander voraus hatten, von der Zeit, die auf das gegenseitige Salutieren verwendet wurde, keine übrigblieb, ihn zu gewinnen, und so die einzige Ehre, die sie noch hatten, den armen Narren in Verlust geriet, damit nach all dem Aufwand von falscher Ehre der Satan einer Menschheit die wahre erweise: die letzte. Nun sollte man wohl meinen, daß kein größeres Glück denkbar wäre in einer Zeit, in der die Krone noch so tief fallen könnte, wenn nur die Krone, die dies und alles andere ermöglicht hat, nicht mehr stabil ist, kein größeres Glück als das Bewußtsein, daß jene farbigen Gespenster aus unserem Gesichtskreis, ja fast schon aus unserer Vorstellung verschwunden sind. Wir haben eine kleine Wehrmacht, die ohne Anspruch auf pathetische Umschweife und keiner Lorbeerreiser eingedenk, berufen ist, den Schutz der durch die größere Wehrmacht verengten Grenzen auszuüben, ein paar Soldatenschinder aus der guten alten Zeit haben sich in sie hinübergerettet, aber im übrigen ist mit den Opfern der Wirksamkeit auch die Erinnerung an den Beruf begraben. Wohl ernten dessen Träger vielfach Mitleid, weil sie, das natürliche Risiko der eigenen Wahl tragend, durch die Entwicklung der Dinge genötigt waren, sich in nützlicheren Berufen umzutun, doch ihre Gesamttätigkeit erscheint in den Annalen hinreichend durch die Erkenntnis gewürdigt, daß man nicht generalisieren darf (derf man denn das?). Ein höheres Hochgefühl, als sich täglich beim Erwachen zu sagen, daß wir wenigstens keinen obersten Kriegsherrn mehr haben und infolgedessen auch nicht die andern Herren, die seinen Rock tragen würden, könnte es selbst in der sichern Erwartung des täglichen Jammers nicht geben. Was hat uns in Zeiten, wo wir solche Herren hatten, aus dem Schlaf gerissen und mit der Gewißheit überrumpelt, daß wir sie haben? Wenigstens jene von uns, deren Fenster auf eine Straße gehen, durch die unausgeschlafene Infanteristen, hinter ihnen ein berittener Antreiber, zum nichtigsten Tagwerk getrieben wurden? Der Fußmarsch. Und was reißt mich, heute, da durch den Busen unseres Ministers für Heerwesen, der sich für einen Kriegsminister hält, die Nostalgie nach den Kinkerlitzchen und den Geräuschen der alten Glorie schleicht wie sonst nur der Bolschewismus – was reißt mich nun wieder aus dem kaum errungenen, von ganz und gar vaterlandsloser Geistesarbeit verdienten Halbschlaf? Der Fußmarsch. Tatara ra ta ta ta taa tatara ra ta ta ta taa tata tararara ra ta taa tatara ra ta taa – tatara ra ta ta ta taa tarara ra ta ta ta taa. So ungefähr. Kennt man es nun? Die Melodie hat den Reiz, daß der Trompeter, selbst wenn ihm ein Ton ausrutscht, sie gar nicht verfehlen kann. Es ist die heftigste Verdauungsbeschwerde, mit der die Großmutter des Teufels auf Salvators Dörrgemüse reagiert. Das höllische Ohr, das im Lande Mozarts und Beethovens den Ton erlauscht und als ermunterndes Signal für totmüde Fußtruppen bewahrt hat – welchem Menschen von Fleisch, Blut und Nerven hat es gehört? Er war ein Genie der Formung des endgültigen akustischen Ausdrucks für Österreich, dem nicht, wie der Hermann Bahr wähnt, das Barock, sondern der Fußmarsch wie angegossen sitzt. Alles klingt und schwingt darin, was uns, die wir in die Welt Nowotnys von Eichensieg geboren wurden, von solcher Geburt an verhaßt ist: es ist die Symphonie der Musterungen, das hohe Lied des Einrückendgemachtwerdens, die Rhapsodie der Scherereien. Der böse neckende Kretin, der nicht so will wie wir wollen und uns gerade dabei erwischt – er ist schon wieder da. Sein Rhythmus ist es. Es geht zurück bis auf »Vatter, Vatter leih mr d' Scher«. Es ist die freudige Bereitschaft darin, fremden Schaden durch die eigene Wurstigkeit gutzumachen. Ich höre den Text etwa so: Wärst net aufigstiegen, schmecks, nachher wärst net abigfalln. Hast dir 's selber zuzuschreiben, wirst scho sehn, ujeh! Mir is eh scho alles wurscht, ja da kann ma halt nix machen. Die letzte Zeile ad libitum auch. Ihr könnt's alle gern mich haben. Dieser letzte Seufzer einer Gemütsverfassung, die sich und alles gehen läßt, ist noch dazu der Inbegriff aller österreichischen Staats- und Kriegsführung, deren Durchhalten das Fortwurschteln war, ist das sich selbst gestellte Ultimatum. Ich glaube, der Erzherzog Friedrich hat es in jüngeren Jahren, als er noch geistig regsamer war, ersonnen und mit einem Finger auf dem Klavier fixiert; vielleicht als er schon die Richtlinien für einen blutigen Pallawatsch ausarbeitete; tarara ra ta ta ta taa, es ist auch, wenn man will, schon etwas Schadenfreude über bevorstehende Hinrichtungen darin enthalten: Bumsti, wieder aner hin! Und ich kann mich, wenn es mich nun am Morgen des neuen Tags, den ich verschlafen möchte, überfällt, der Vision nicht erwehren, daß mich das österreichische Antlitz anfeixt wie eh und je, aber mehr schon als dessen altgedientes, erbgesessenes Gegenteil, freilich auch dieses am Kinn ausrasiert und von Koteletts umsäumt. Kaum entschlafen, erwachte ich neulich unter diesem Alpdruck, fand sofort die Verbindung mit dem akustischen Ursprung und rief durch das rasch geöffnete Fenster ein Kusch! zur Antwort, schallender und herzlicher als je ein Treueid nach der Musterung. Nun stelle man sich vor, daß eine Sehnsucht am Werke ist, uns die Welt, die hinter diesen Klängen wohnt, wiederzuerobern, zu erhalten! Wir haben wieder den Fußmarsch. Wir haben, was wir schon verloren glaubten. Wir haben das österreichische Selbstgefühl. Das technoromantische Abenteuer Ich für meinen Teil war von Beginn dieser Aktion der Ansicht, daß der Kopfsturz der Menschenwürde von einem Gehirnbazillus verursacht ist, dem nur die ihm selbst verfallene Wissenschaft bislang nicht auf die Spur kommen konnte. Der Eindruck, daß die ganze aktiv und passiv am Opfer beteiligte Gemeinschaft aus spezifischen Tollhäuslern besteht, wird nicht so sehr durch die täglich gesteigerte Rapidität des Entschlusses, sich in Schmach und Schuld zu stürzen, bewirkt als durch die totale Fühllosigkeit im Angesicht der geistigen und ethischen Kontraste, zwischen denen sich dieses Schauerdrama abspielt. Man würde glauben, daß vor der Systematik der Fügung, daß allstündlich Gerechte den Tod in Feuer, Wasser, Erde oder Luft erleiden und in der gleichen Stunde ein Mann von der Engadiner Sonne beschienen wird, der als Zeichen seiner Zugehörigkeit zu einem »Bob« auf seinem Hanswurstkostüm die Aufschrift »The Tank« trägt; daß vor allen ständig geschauten oder gehörten Gegensätzen die Erkenntnis von der Schnödigkeit des ganzen Unternehmens zu einem Weltschrei aufbrechen müßte. Aber mehr noch als durch die Selbstverständlichkeit einer ungerechten Einteilung, vermöge deren es eine Protektion vor dem Tod und einen Loskauf vom Martyrium gibt und vermöge welcher selbst die Erinnyen, die diese Menschheit an ihre Fersen geheftet hat; prostituiert wurden, mehr noch wird durch ein anderes Moment das Bild des hirnzerfressenen Zeitalters vollständig. Das ist jener Zustand einer Epoche, in dem sie die Konkurrenz der heterogensten Zeitcharaktere, die sich in ihr begegnen, erleidet, aber nicht mehr spürt. Das Phänomen, das ich in der Richtung des siegreichen Untergangs wirken sehe, ist das der »Gleichzeitigkeit«. Die Unmittelbarkeit des Anschlusses einer neuzeitlichen Erfindung, wonach mit einem Griff die Vergiftung einer Front und weiter Landstriche hinter ihr möglich ist, an ein Spiel mittelalterlicher Formen; die Verwendung einer verblichenen Heraldik im Ausgang von Aktionen, in denen Chemie und Physiologie Schulter an Schulter gekämpft haben – das ist es, was die Lebewesen rapider noch hinraffen wird als das Gift selbst. Wenn der Aufruf des Genfer Roten Kreuzes fragt: Soll der Sieg sich in Schimpf und Schande wandeln, weil er nicht mehr der Tapferkeit, dem ehrlichen Kampf der Landeskinder zu danken sein wird? Soll der Gruß an den heimkehrenden Krieger nicht mehr dem Helden gelten, der ohne Zögern sein Leben für sein Vaterland in die Schanze schlug, sondern lediglich dem Mann, der sich ohne persönliche Gefahr seiner Feinde mittelst Gift entledigt hat unter fürchterlichsten Leiden seiner Opfer? so ist zunächst zu sagen, daß speziell der deutsche Gott nicht nur in einer Gaswolke daherkommt, sondern auch aus der Maschine; daß auch, an dem Zufall eines Minentreffers, einer Luftbombe oder eines Torpedos, überhaupt an allen gegen die Quantität oder den unsichtbaren Feind gerichteten Aktionen Tapferkeit und ehrlicher Kampf keinen Anteil haben, an der Bewirkung nicht und nicht an der Erwartung; daß dem Mangel an Tapferkeit bei dem bewirkenden Teil eine Fülle von Martyrium beim erwartenden Teil entspricht; daß die eben hier berufene Schanze, in die man sein Leben für das Vaterland schlägt, zu jenen Kriegsbehelfen gehört, die heute am seltensten zur Verwendung gelangen, und daß vollends das Schwert seit jener historischen Reichstagsitzung vom 4. August 1914 in diesem Krieg überhaupt nicht mehr gezogen wurde. Ferner wäre beiläufig zu erwähnen, daß die unsterbliche Ideologie, die sich auf den heroischen Begriff stützt, gelegentlich einmal, selbst wenn sie nicht im Anblick der neuzeitlichen Methoden sich problematisch vorkommen müßte, darüber nachdenklich werden könnte, ob denn auch der alte Krieg schön genug war, um die Herzensbildung von Generationen darauf einzurichten; ob denn die auf die Fortschritte der Technik kühn verzichtende Auseinandersetzung der Muskelkräfte just die edelste menschliche Betätigung vorstellt, und ob der selbst heute noch hin und wieder geübte ehrliche Kampf der Landeskinder, der darauf beruht, daß ein Landeskind dem andern in die Rippen sticht oder pollice verso behutsam die Augen zudrückt, die würdigste Grundlage der jahrhundertealten Erziehung zu vaterländischen Idealen geboten hat. Immerhin wäre es noch immer eine sittliche Aufgabe, den Kindern beizubringen, daß das Handgemenge vor dem Meuchelmord einen Ehrengrad voraus hat, und gar erst vor jenem, dessen anonymer Urheber sein Opfer in der anonymen Quantität findet. Was aber die Gase anbelangt, so ist freilich die begriffliche Distanz zwischen dem Instrument und der von ihm bezogenen Glorie die größte und schauerlichste, und was das Rote Kreuz hier, ach so vergebens, fühlt, ist von mir wiederholt und zuletzt durch die Erwägung der Möglichkeit ausgesprochen worden, jede Armee, die giftige Gase anwendet, wegen eines Verhaltens vor dem Feind, welches doch nach altmilitärischem Ehrbegriff das Gegenteil von Tapferkeit ist, aus dem Armeeverband zu entlassen. Im Wortspiel von einer chlorreichen Offensive ist schließlich dieser ganze abominable Kontrast endgültig abgebunden. Ein Kalauer könnte dieses Chaos bändigen, aber alles fernere Grauen durch die Vorstellung beschwichtigt werden, daß man die Wirksamkeit der beiderseitigen Chemie, anstatt sie an den Körpern der hunderttausende unschuldigen Laien zu erproben, durch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung der Laboratorien erweisen möchte. Seitdem sich die Tapferkeit mit der Technik eingelassen hat, hat sie vergessen, daß die Quantität immerhin die Grenze des Irrsinns hat und daß einmal der Punkt erreicht sein muß, wo das Vorwalten unmilitärischer Kräfte so deutlich wird, daß ihnen die Austragung des Wettstreites schicklicherweise überlassen werden müßte, auf eine Art nämlich, die die gleichzeitige Förderung staatlicher Machtinteressen, also die Vernichtung von Menschenleben, ausschließt. Denn wenn man die menschliche Stimme, also auch das Kommando, auf Entfernungen wie Berlin-Wien übertragen kann, warum sollte es der Technik, die das Wunder von heute zur Kommodität von morgen macht, nicht möglich sein, einen Apparat zu erfinden, durch den es mittelst einer Druck-, Umschalte- oder Kurbelvorrichtung einem Militäruntauglichen gelingen könnte, von einem Berliner Schreibtisch aus London in die Luft zu sprengen und vice versa? Wenn Patriotismus die Hoffnung auf das Gelingen eines Gasangriffes ist und Hochverrat das Grauen davor – wobei ich zum Beispiel einer der größten Hochverräter aller Schlachten und Zeiten bin –, so kann der tödliche Humbug, ohne daß die Menschheit zugleich an Lächerlichkeit zugrunde geht, unmöglich anders als durch den Vorschlag beigelegt werden, die gegenseitigen Erfindungen auf theoretischem Wege abzuschätzen und statt der Feldherrn wieder die Techniker zu Ehrendoktoren zu machen, meinetwegen zu solchen der Philosophie. Das Mißverhältnis zwischen der Tat und der mitgeschleppten Ideologie: davon allein kommt diese entsetzliche Gasluft, in der wir glorios ersticken. Eine bunte Tracht und die Pflicht, angesichts des Vorgesetzten die Hand an die Stirn zu führen, und alles, was sonst damit zusammenhängt und vor dem Tod noch alles verlangt wird – es mögen vortreffliche Gewohnheiten und Einrichtungen sein: nur, was sie gerade mit der neuzeitlichen Art des Sterbens zu schaffen haben, inwieweit sie sie fördern oder verhindern könnten – das eben ist unerfindlich! ... Diesem ganzen Chaos von Begriffen, Pflichten, Leiden, Anforderungen, in das sich ein auch vordem nicht lastenfreies Leben kopfüber gestürzt hat, wächst hier eine Realität als Symbol zu. Wer, der einen Beiwagen der Wiener Straßenbahn auch nur von fern betrachtet, hätte noch Hoffnung? Dieser Haufen von Schmutz und Elend, in dem das Menschenrnaterial in einer Art zusammengeknäult ist, bei der es auf die individuelle Zuteilung der Gliedmaßen kaum mehr ankommt – man halte dies Bild fest und frage sich nun, ob da für »Disziplin« noch Raum ist und gar für einen »Kontrolldienst«, der feststellen soll, ob sie verletzt ward, indem Landstürmer, alte Landstürmer »vor mitfahrenden Offizieren nicht aufstehen oder ihnen nicht Platz machen«. Denn »die mitfahrenden Zivilpersonen nehmen dies selbstredend wahr und äußern sich auch über dieses disziplinlose und herausfordernde Benehmen der Mannschaft«. Dies aber hat kein Höllenbreughel erfunden. Der Teufel selbst, wenn er es sähe und hörte und schon eingequetscht drin stünde, allen Folgen der Seifenknappheit ausgesetzt, er hörte doch nichts als den selbstredenden Jammer der Menschheit und dazu eine arme Frauenstimme, die ihm beständig zuruft: »Bitte vorgehn! jemand noch ohne Fahrschein? Vorgehn, bitte vorgehn!« Und der Regen regnet jeglichen Tag, und wieder drängt ein Troß aus Wallensteins Lager an, und jetzt pressen sie Tornister und Rucksäcke hinein, und – dennoch hat der Gedanke noch Platz, der uns alle beherrscht, weil wir im unerforschlichen menschlichen Ratschluß gefunden haben, daß das Leben mit Not, Tod, Kot viel schöner ist. Aber halt, wenn noch Platz für Disziplin ist, so reichts auch noch für den Ehrbegriff. Die arme Stimme hat einem, der nicht vorgehen wollte, wiewohl er ein Hauptmann war, zugerufen, daß er keine Bildung nicht habe, denn sie wußte nicht, daß er ein Hauptmann war, weit er als solcher nicht bezeichnet war, sondern Zivilkleidung trug. Trotzdem erhielt er von der vorgesetzten Behörde den Auftrag, die Klage einzubringen. Sie hatte »Vorgehn!« gerufen, er aber rief, er wolle »den Platz nicht verlassen«. So hätte sie merken müssen, daß die Zivilkleidung nur ein Schein war. In der Verhandlung sagte sie, so etwas sei ihr, die »im Kriege in der Elektrischen an vieles gewöhnt sei« – sie meinte aber den Weltkrieg –, noch nicht vorgekommen. Der Hauptmann fragte sie erregt, ob sie ihn, da er in Zivil war, wohl für einen Drückeberger gehalten hätte. Sie erwiderte, solche Gedanken lägen ihr fern, denn »was hat der Krieg mit der Elektrischen zu tun?« Der Richter verurteilte sie, denn der Zivilist war ein Militär. All das gibt es, während es all das gibt! Auf einer Flucht rief einer, der zu befehlen hatte, einem, der zu gehorchen hatte und dem ein Knopfloch offen stand, aus dem Automobil zu: »Sie dort! Equipieren Sie sich!« Und viele, die nicht mehr fliehen konnten, lagen in der Drina. In einem Krakauer Spital werden mit solchen, die an einer Gasvergiftung darniederliegen oder von einem Bauchschuß soweit hergestellt sind, Salutierübungen gemacht. Wunder über Wunder! Es sind die alten Ornamente zum neuen Wesen des Todes. Aber da dieser, frisch aus der Retorte entsprungen, noch keine neuen erfinden konnte, so kann die Macht der alten Ornamente nicht entbehren. Denn nicht allein dulce, auch decorum muß es sein! Nur daß die Macht den neuen Tod zu ihrer Erhaltung braucht, nur daß die alte Herrschaft nicht lieber abdankt, als ihre Stellung der Chemie zu verdanken, daß die Insignien auf die Chemikalien angewiesen sind – das ist es, was unsere siegende Kultur unrettbar dem Gifttod geweiht hat. Die Menschheit, die ihre Phantasie an die Erfindungen verausgabt hat, kann sich deren Wirksamkeit nicht mehr vorstellen – sonst würde sie aus Reue eben damit Selbstmord verüben! Aber da sie auch ihre Menschenwürde an die Erfindungen verausgabt hat, so lebt und stirbt sie für alle Macht, die sich solches Fortschritts gegen sie bedient. Die Unvorstellbarkeit der täglich erlebten Dinge, die Unvereinbarkeit der Macht und der Mittel, sie durchzusetzen, das ist der Zustand, und das technoromantische Abenteuer, in das wir uns eingelassen haben, wird, wie immer es ausgeht, dem Zustand ein Ende machen. Der Lächler ... und wenn alles in Ordnung, leg' ich mich wieder auf den Rücken, wärme mich an der Verwesung und lächle. Frank Wedekind, Frühlings-Erwachen. Einer der gewandtesten Stammler der deutschen Zunge und zudem einer der unbefangensten ist der Herr Kasimir Edschmid. Daß die Frankfurter Zeitung so etwas, das es schon in der eigenen Produktion bunt genug treibt, seit Jahr und Tag auf das deutsche Geistesleben oder wie man den Betrieb nennen mag losläßt, ist »mit« eine der stärksten Tatsachen, die diesen als das unsaubere Geschäft charakterisieren, welches er ist. Der Herr Kasimir Edschmid, der ein Deutsch schreibt, das in Frankfurt als eine viel ärgere Beschämung empfunden werden müßte als die Besetzung des Goethehauses durch schwarze Truppen und dessen Stil hinreichend alle Übergriffe des französischen Militarismus gegenüber einer Einwohnerschaft, die sich so etwas gefallen läßt, erklären, wenn nicht rechtfertigen könnte, hat die Gewohnheit, genau eben so hoch von oben herab über Autoren zu urteilen als er tief unter deren letztem steht und regelmäßig mit jenem neudeutschen Spuckstil, in dessen Besitz sich der deutsche Fußwohlreisende für einen Globetrotter hält, der empfänglichen Intelligenz ein »Doll!« abzuringen. Denn wenn der Herr Kasimir Edschmid, seit dem Hans Heinz Ewers mit einer der größten Kenner von allem Diesseitigen und allem Jenseitigen und allem was in der Mitte liegt, das Entzücken der Damen, so ein Dämoniker und Mondäniker in einem – wenn der so urteilt, so muß es nicht nur interessant, sondern geradezu wahr sein. Und so ist es denn möglich, daß ein Mensch, der zur Satire keine andere Beziehung als die des geborenen Objektes hat, sich herausnimmt, zu diesem geistigen Problem und über die Autoren, die er für Satiriker hält oder nicht hält, seinen ästhetischen Senf herzugeben. Aber ich leihe mir denselben, auf die Gefahr hin, daß der Herr Kasimir Edschmid auch mich für einen Satiriker halten könnte, ganz in der bescheidenen Weise aus, mit der man im Edschmidschen Kulturkreise die Allüren der guten Gesellschaft markiert: »Ach möchten Sie bitte den Mostrich gestatten?« Er schmeckt wie folgt: Die sehr heftig bewegte Zeitlichkeit hat keinen eigentlich satirischen Stil. Sie hat auch keine satirischen Schriftsteller. Bei Heinrich Mann ist zuviel Haß. Ludwig Thoma, der jetzt mit den Pastoren kegelt und als kurzbehoster Wehrmann mit dem Stutzen neben Kahr und Epp und Escherich die Fahnenweihe der Einwohnerwehr mitmacht, hat in besserer Zeit wohl eine nicht ungeschickte, aber doch bajuvarisch-provinzielle Attacke gegen den Klerus aufgemacht . Sternheims Kavalkaden sind auch noch zu verbissen , er nimmt das Ganze noch viel zu ernst und ist zu sehr von sich selbst überzeugt. Man erkenne die Klaue des Kommis. Attacken werden »aufgemacht«, dagegen sind Kavalkaden, also prächtige Aufzüge zu Pferde, »verbissen«. Ich bin von Herrn Sternheim wahrhaftig nicht so sehr überzeugt wie er selbst und stelle mir vor, daß ihm noch wichtiger als »das Ganze« das Ausmaß der Annoncen ist, die über seine Bücher erscheinen. Aber eine solche Frechheit von einem, von dem niemand außer ihm selbst überzeugt ist, müßte er sich doch nicht gefallen lassen. Essig hat im »Taifun« Ansätze zu einem immerhin bemerkenswerten trockenen Sachlichkeitston, das ist schon ganz viel, denn das Buch atmet schon unbefangener und freier. Gottfried Benn hat im »Modernen Ich« eine wundervolle, aber viel zu barocke Satire des vergangenen Jahrhunderts geleistet . Das souveränste woh l an Satire hat Rudolf Borchardt in seinem Pamphlet gegen den George-Kreis geschrieben, aber das ist eine Literatenangelegenheit. Dann wird sie wohl oder schon nicht so souverän gewesen sein. Aber wie man sieht, hat ja Deutschland Satiriker zum Feuilletonistenfüttern, denn wenn Herr Edschmid ihnen auch die satirischen Gaben abspricht, so muß er sie ihnen doch einräumen, und das ist schon ganz viel. Und sogar auf die Art tut ers: Alfred Kerr, der kein Satiriker ist, hat allein den hellen satirischen Ton. Nun, daß Herr Kerr kein Satiriker ist, hat er wirklich an mir besser bewiesen, als ich an ihm, wiewohl mir der helle satirische Ton gerade bei dieser Gelegenheit nicht abgesprochen werden konnte. Aber dafür hat er sich im Weltkrieg vor dem »Lügengrey« satirisch bewährt und auch mit der Prophezeiung, daß die Rumänen »futschul« sein werden. Das ist schon ganz viel. Jedennoch: Man ist in Deutschland im Augenblick zu gehemmt, man hat nicht die Überlegenheit und ganz besonders überhaupt keine Distanz. Vor allen Dingen packt man die Sachen zu schwer und zu fanatisch an, tatsächlich ist es das Lächeln , was fehlt. Man kann keine Satire machen ohne die graziöse Skepsis, die Anatole Frances Spitzbart so heiter macht. Das gibt erst die richtige Ewigkeitseinstellung . Dazu bedarf es auch einer inneren weltmännischen Gebärde, die das Kleine nicht allzu beachtet und das Große am Ende auch nicht gerade als Amokläufer oder als Düpe hinnimmt, sondern als das Vergängliche, das es ist. Hutten und Lessing und Jean Paul und Heine hatten das all. Der Sinn für das Pamphlet ist verloren gegangen. In der Broschürenliteratur der Anonymen aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts steckt noch eine Unmenge Beweglichkeit und geistige Anmut. Wiewohl ich den Spitzbart Anatole Frances nicht habe, fehlt mir das Lächeln keineswegs, ganz besonders überhaupt wenn ich Edschmiden lese. Aber dabei hats keineswegs sein Bewenden, man kommt in Rage und so gern man sich von ihm die innere weltmännische Gebärde oder auch nur die richtig gehende Ewigkeitseinstellung beibringen ließe, er reißt einen fort. Aber warum soll man das Kleine nicht »allzu beachten«? Weil es das Kleine so am liebsten hätte und indem es »allzu« mit einem Verbum verbindet und sonstige Allotria treibt, ungestört das Sprachgefühl deutscher Leser allzu versauen möchte? Und den haar- und bartsträubenden Blödsinn, daß der rechte Satiriker, nein dessen weltmännische Gebärde »das Große am Ende auch nicht gerade als Amokläufer oder als Düpe hinnimmt«, diesen frechen Humbug, so zu tun, als ob die völlig sinnlose Kuppelung zweier gebildeter Ausdrücke einen Gedanken ergäbe, darf man auch nicht beachten, weil das der Herr Edschmid und seinesgleichen kleinlich finden könnten? Wie, man soll »vor allen Dingen die Sachen tatsächlich« nicht zu fanatisch anpacken, weil die Sprache dem Deutschen jene Wurst ist, die ihm schon vor dieser ausgegangen ist? Man soll nur ein Lächeln haben für eine verbrecherische Geistigkeit, die alles weitere Unheil erklärt, und den Weltmann spielen vor der Pest? »Hutten und Lessing und Jean Paul und Heine hatten das all.« Es ist ja gar nicht wahr, daß sie das all hatten, wenngleich es gewiß wahr ist, daß sie sich über den Edschmid krank gelächelt hätten. Die Lessingsche Polemik ist kein glückliches Beispiel für die Überwindung der Materie durch den Humor. Daß es ihm gelungen wäre, an und über seinen Objekten zu jener polemischen Größe aufzuwachsen, die nicht mehr am Anlaß meßbar ist, wird wohl eine literarhistorische Fabel sein und das Mißverhältnis ist so vielberufen, daß man glauben könnte, der geringfügige Stoff habe mehr das Werk gefördert als das Werk den Stoff. Herr Edschmid wird sich überzeugen, daß er, der heute ungenießbar ist, nach hundert Jahren in meiner Zubereitung mindestens so schmackhaft sein wird wie irgend ein Pastor Goeze. Jean Paul war ganz besonders überhaupt kein satirischer Polemiker, Heine ein Feuilletonist, und Hutten in diesem Zusammenhang zu nennen, unternimmt ein Schmock doch nur, weil jener es bekanntlich gewagt hat. Daß der Edschmid vergänglich ist, weiß ich nur zu gut. Aber auch noch an seinem Beispiel läßt sich die gewiß eines satirischen Polemikers würdige Anschauung vertreten, daß es eine Lust ist, im heutigen Deutschland der Macher und Aufmacher zu leben. Es würde schon genügen, und es wäre schon ganz viel, auf die schlichte Wendung »das all« zu verweisen, auf diesen Einfall einer genialen Impotenz, die im Handumdrehn mit einer syntaktischen Verrenkung ihren Mann stellt, um recht im Gegensatz zu der Meinung, daß heute keine Satiren geschrieben werden können, die Schwierigkeit, keine zu schreiben, evident zu machen. Und eine solche wird vollkommen, wenn man erwägt, daß so ein Zauberlehrling der Sprache sich für sein Vermessen auf einen älteren Frankfurter Schriftsteller berufen könnte, dessen Wort' und Werke er gemerkt hat, um mit Geistesschwäche Wunder auch zu tun. Aber ein Besen, den Goethe hat, steht nicht auf zwei Beinen, wenn Edschmid will, hat oben keinen Kopf und, ausgeborgt, wird er »am Ende« nicht das, was er gewesen. Denn »das all« – Ich habe gleich gewittert, daß es keine Eingebung, sondern eine Enteignung sei und bin ihr nachgegangen – kann am Ende einer nüchternen Aussage ganz besonders überhaupt nicht stehn. Es ist eine seltene Fügung, die in der »Stella« in einem durchaus pathetischen Zusammenhang wie folgt vorkommt: ... Und dann daneben seine Ritter, mit stolzer Ehre von ihren Rossen sich auf den vaterländischen Boden schwingend; seine Knechte abladend die Beute, sie zu ihren Füßen legend; und sie schon in ihrem Sinn das all' in ihren Schranken aufbewahrend, schon ihr Schloß mit auszierend, ihre Freunde mit beschenkend – Edles teures Weib, der größte Schatz ist noch zurück! Wer ist's, die dort verschleiert mit dem Gefolge naht? Sanft steigt sie vom Pferde – »Hier!« – rief der Graf, sie bei der Hand fassend, sie seiner Frau entgegenführend, – »Hier! sieh das alles – und sie! ...« Selbst hier, wo es fast schon das »All« selbst ist, wird es noch von einem Apostroph gehalten (um, abklingend, wieder ein »alles« zu sein), während der Herr Edschmid die Beute, die sich sofort ins Nichts verwandelt, einfach hinfallen läßt. Er glaubt eine Fügung, die bei Goethe vorkommt, syntaktisch gerechtfertigt und versteht nicht, daß sie erst zum stilistischen Problem wird. Da hat einer einen Satz geschrieben und das Wort vergessen, »ach das Wort, worauf am Ende er das wird, was er gewesen«. Der Herr Edschmid hats nötig, sich darüber zu beklagen, daß der Sinn für das Pamphlet verloren gegangen ist, und den Teufel an die Wand zu malen, anstatt dem deutschen Gott, der Etablissements wie das seinige ermöglicht, auf den Knien zu danken! Der Leser, der ihm so weit gefolgt ist, wird fragen, ob er denn noch nichts von mir gehört habe, und wie der Leser schon ist, meine Abneigung gegen diesen Edschmid auf das Motiv gekränkter Eitelkeit zurückführen. Aber der Leser wird gleich erfahren, daß der Herr Edschmid von mir was gehört hat, und nun spitze er auf den Zusammenhang, in den mich die Frankfurter Zeitung einstellen läßt, und merke, wie meine Eitelkeit durch Beachtung gekränkt ward: Man ist sehr verarmt heute und weiß sich nur noch Schiebung mit Schokolade und Autos oder literarischen Diebstahl an Klassikern vorzuwerfen, und selbst der konsequente Kampf von Karl Kraus ist letzten Endes doch in den Wiener Vorstädten bereits zu Ende. Die Satiriker, die näher bei Epikur wie bei Mars stehen sollten, sind Militaristen geworden und tragen keinen Humor im Antlitz, sondern spitz abgebogene Schnurrbärte und scharfe Säuren im Mund. Man muß die Dinge doch nicht nur immer bespeien, sondern entweder mit der Tat oder mit dem Achselzucken überwinden. Da die literarischen Führer in der Regel keine Athleten sind und auch in den Waden und Nerven nicht sehr überlegen, müßten sie doch wohl zu der Waffe jenes Lächelns sich durchschlagen, mit dem letzten Endes alles überwindbar ist. Man achte auf den geradezu exemplarischen Schwindel. Ich habe unter den zehntausend satirisch-polemischen Seiten, die von mir sind, zwanzig und nicht die schlechtesten, tatsächlich an den Nachweis gewendet, daß einer, der keine Gedichte schreiben kann und deshalb von den Schmierliteraten als Dichter ausgerufen wird, imstande war, einen klassischen Essay abzuschreiben. Daraus schmiedet Edschmid die Anspielung, daß »man sich« – also wenn schon nicht sich selbst, so doch wohl einander – Diebstahl an Klassikern vorwerfe. Dies irgendwie mit Vorwürfen von »Schiebung mit Schokolade und Autos« verquickt – was der Schwachkopf da meint, ist unerfindlich – muß ihm schließlich doch die Nennung meines Namens abringen. Aber freilich, mein »konsequenter Kampf« – wogegen? gegen die Klassikerdiebe? gegen die Schokoladeschieber? – ist »letzten Endes« doch in den Wiener Vorstädten bereits »zu Ende«. Das macht, weil ich das Kleine allzu beachtet und das Große am Ende als Amokläufer oder als Düpe hingenommen habe. Denn gemeint hat mich der Edschmid nicht nur am Ende, sondern schon die ganze Zeit. Auch bin ich natürlich der, der sich nicht »zu der Waffe jenes Lächelns durchzuschlagen vermag« – ich schlage mich eben mit einer Waffe durch –, mit dem letzten Endes alles überwindbar ist und selbst der Edschmid. Denn wie man schon merkt, hat er eine Schwäche für das »Ende«, die so stark ist, daß ich es ihm bereiten könnte. Letzten Endes. (Der Neudeutsche beginnt mit dieser Redensart sein Tagwerk. Das dicke Ende kommt nach.) Wieso ist aber mein Kampf in den Wiener Vorstädten zu Ende? Woher weiß das jener? Deshalb, weil sich die großen deutschen Zeitungen mangels Rezensionsexemplare nicht mit mir befassen und wenn ganz besonders überhaupt, solche Schmierer über mich schicken? Das ist nur eine Schande für die großen deutschen Zeitungen. Darum gibt es aber doch Tausende von Menschen in Deutschland, die an meinem »Kampf«, und nicht nur an dem gegen die Klassikerdiebe, lebhaften Anteil nehmen und nach meinem Wort, dem gedruckten wie dem gesprochenen, weit heftiger begehren als nach den Feuilletons des Herrn Edschmid, und das all ist schon ganz viel. Freilich stellen sie nicht so hohe Ansprüche an mich wie der Herr Edschmid, der von den Satirikern verlangt, daß sie näher bei Epikur wie bei Mars stehen sollen. Nicht bei beiden, sondern vermutlich bei jenem. Hat man je von einer so unbescheidenen Forderung vernommen, die einem die Alternative zwischen einem griechischen Weisen und einem römischen Gott stellt? Da ich überzeugt bin, daß der Herr Edschmid so gebildet ist, zu wissen, daß Mars kein griechischer Philosoph war, so nehme ich gern zu seinen Gunsten an, daß er den Epikur für einen römischen Gott hält. Aber hat man je von einem Schmock gehört, der mit so herziger Unbefangenheit seine klassische Bildung zur Veranschaulichung seiner Banalität offeriert hätte? So etwas wäre selbst in Wien nicht möglich und kaum jenem trefflichen Lokalredakteur zuzutrauen gewesen, der einst nicht umhin konnte, zu melden, daß Herr Schlesinger, »der Nestor unter den Pferdefleischhauern«, gestorben sei. Aber der Edschmid ist unerschöpflich. Er klagt, daß die heutigen Satiriker »Militaristen« geworden seien – womit er natürlich nicht sagen will, sie hätten zumeist Schulter an Schulter gedichtet –, daß sie »keinen Humor im Antlitz tragen , sondern« – was? »spitz abgebogene Schnurrbärte« – wie macht man das? – »und scharfe Säuren im Mund«. Das ist noch schwerer. Das all tragen sie. Spitz abgebogene Schnurrbärte, also vermutlich statt »Es ist erreicht!« die neuere Mode »Weit gebracht!« Aber wenn Edschmid auch schon von mir was gehört haben mag, gesehn hat er mich bestimmt noch nicht; denn wenngleich ich Anatole Frances Spitzbart nicht trage, so trage ich doch auch letzten Endes nicht den spitz abgebogenen Schnurrbart, der das Kennzeichen der Satiriker ist. Man muß, meint er turpiter in modo, suaviter in re, weise, aber ungrammatikalisch, »die Dinge doch nicht nur immer bespeien«. Er will natürlich sagen, man müsse die Dinge »nicht immer nur bespeien«. Er wollte aber nicht sagen, daß man die Dinge außer daß man sie bespeien muß, auch noch anders zu behandeln hat. Denn das müßte er mir nicht erst sagen, ich behandle die Dinge auf allerlei Art, aber sie gelegentlich zu bespeien lasse ich mir wirklich nicht nehmen, weil es vor allen Dingen gesund und eine naturnotwendige Reaktion auf manche Dinge ist. Wie großzügig ich da vorgehe, möge Edschmid schon daraus ersehen, daß ich so kleinlich bin, eine einzige Spalte seines Feuilletons, eben jene, die mir ein deutscher Leser eingesandt hat, als Anlaß und Untergrund zu verwenden, und bis hieher, schon recht erleichtert, war ich gekommen, als mir ein anderer deutscher Leser durch Einsendung des ganzen Edschmid bewies, daß jener mich verkürzt hatte, weil nicht nur der Anfang, sondern auch die Fortsetzung, ja letzten Endes auch dieses lesenswert ist. Gleich der zweite Absatz stellt der Objektivität Edschmids ein schönes Zeugnis aus, der das all, was er den Herren Heinrich Mann, Thoma, Sternheim, Borchardt, Kerr abspricht, jedoch zuerkennt, einem einzigen zuerkennt, aber abspricht, nämlich Herrn Albert Ehrenstein, »der wohl der bedeutendste literarische Satiriker heute ist«, dem aber, wie es Herrn Edschmid schier bedünken will, etwas wie der heitere Spitzbart des Anatole France fehlt, wenngleich er ihm die andere Barttracht keineswegs vorzuwerfen scheint. Ganz richtig erkennt Edschmid, daß Ehrensteins Satire, in ihrem an sich selbst leidenden Ich, ihrem Nebbich eingekerkert, den Weg in das von Edschmid so schwer entbehrte »Hellere« nicht zu finden vermag, sondern daß dieser Satiriker – wie jener mit einem hier vielleicht unangebrachten mondänen Vergleich es ausdrückt – sein Leid »behütet und kultiviert wie eine Champignonzucht«. Aber daß Ehrenstein heute der bedeutendste literarische Satiriker ist, dürfte nicht fehlgegriffen sein. Auch ich halte ihn dafür und wenn ich an die Wirkung denke, die er schon mit dem Treffer dieser Gegenüberstellung meiner Apokalypse und der aus der Bibel erzielt hat, so zerspringe ich vor Neid. Und da hat dieser Edschmid die Kühnheit, gegen einen Autor, den er doch anderseits so hoch stellt, die Drohung auszustoßen, »schließlich werde der Zuschauer vor soviel konsequenter Entschlossenheit die Achseln zucken und sich anderswohin wenden, wo hin und wieder gelacht wird.« Als ob nicht Ehrensteins Witze, wie allein schon der, mich den »heiligen Crausiscus« zu nennen und das auch auf Büttenpapier drucken zu lassen, vom Autor eigenhändig signiert, ihr Geld wert wären. Aber Edschmid weiß ja nicht mehr, was er will. An alle Satiriker stellt er die ideale Forderung des »Lächelns« und wenn sie einer wie der Satiriker Essig, der vermutlich die scharfe Säure im Mund hat, selbsttätig erfüllt, so ists ihm auch nicht recht, denn vom »Taifun« werde »nicht mehr bleiben als das Lächeln über einen Kunstsalon und seine Methoden«. Nämlich: Wenn die Kämpfe, die heute im Mittelpunkt stehen , kaum mehr gekannt sind, fallen die Vorzüge der meisten Satiren und damit alles weg. Wer hat dann mit breiter Üppigkeit die ganze Zeit durch die Sanduhr laufen lassen, wer hat seine ganze Zeit typisiert und dann gelächelt und damit gestaltet? Der Heinrich Mann vielleicht? Daß der Kasimir Edschmid nicht lächelt! ... Es bleibt nicht viel übrig, was er einbeziehen könnte, und am wenigsten vermöchte er zu lächeln. Wo die Fülle ist, herrscht keineswegs heute die Distanz und die Leichtigkeit. Wie anders Anatole France. Vergebens sucht Edschmid den deutschen Lächler. Da stellt sich ihm ein unbekannter Mann in den Weg. ... Das Buch ist schon zwei Jahre erschienen – Edschmid meint, daß es schon vor zwei Jahren erschienen ist und hat keines Menschen Beachtung gefunden ... Man muß sich wirklich etwas gewaltsam ihm nähern, denn der Autor hat die Gewohnheit, nach jedem Satz sich begeistert den Magen zu klopfen. Den Fachmann zieht der Mut an, sich für die unaktuelle Breite zu entschließen – Edschmid meint nicht die breite Üppigkeit, sondern will sagen, daß man dicke Bücher nicht gern liest auch die bäurisch verknorpelte Sprache, die schöne Unanständigkeit und die barocke, ins Unausdenkbare gehende Phantastik geben einen schweren, aber gesunden Saft in die Fleischmasse des Buches. Er klopft begeistert mit, denn »es wird da« – im Gegensatz zu Heinrich Mann – »vieles einbezogen« und »die Verknorpelungen der Kapitel« – gleich jenen der Sprache – leisten folgendes. Sie: die manchmal Mühe machen, die Langeweile abzudämpfen, tragen schließlich doch eine Fülle des Gelebten und eine Quantität gestalteten Gesichtes, die erstaunlich weit über das Gewohnte hinausgehen, als Versuch allein schon wichtig wären und schließlich mit einer inneren Unbeteiligtheit und Absichtslosigkeit hingegeben werden, denen das Lächeln schon manchmal nahe wäre, wenn es nicht doch nur ein Grinsen würde. Es ist zu pfiffig, um ganz heiter zu sein. Also – und so lebhaft Edschmid bemüht ist zu zeigen, was Verknorpelungen sind und was sie imstande sind – es ist wieder nichts. Die Menschen vom Landbau sind schlau, aber nicht ganz naiv. Man würde sich aber täuschen, wenn man bei den Intellektuellen diese einfache Weltmännischkeit suchte. Edschmid hat die Probe mit den Dadaisten gemacht, ward aber selbst von ihnen enttäuscht. Ich liebe es sehr, nicht nur auf einem einzigen Fechtboden zu stehen und finde gern Gefallen daran, in mehr als einer Branche dieses Gestirns mich zu bewegen, aber ich kann einiges Mitleid nicht unterdrücken für diese verzweifelten Jünglinge, die nun entschlossen sind, allen Dingen prinzipielle Opposition zu machen. Da geht Edschmid einfach nicht mit. Er ist schlichter Expressionist, und an welcher Branche des Gestirns er sonst noch Gefallen findet, wird man gleich sehen. Es ist natürlich die Konfektionsbranche, und die Frankfurter Zeitung wird gut tun, ihr einen allzu vielseitigen Vertreter nicht dauernd zu entfremden. Ich war erstaunt, in den Bildbeigaben des Almanachs keine »Anarchisten«, sondern mit kleinbürgerlicher Wohlanständigkeit versehene Knaben zu sehen , die nur das Monokel ihrer Führer und die mittelmäßige Eleganz, mit der sie Pumps mit durchbrochenen Seidenstrümpfen zu konfektionären Gürtelmänteln trugen, ein wenig aus meiner Hochachtung vor ihren weltmännischen Gepflogenheiten entfernte. Daß Dadaisten à cinq épingles gekleidet gehen, ist weiter nicht verwunderlich und ein Edschmid weiß natürlich besser, wann man »Pumps« und wann man einen Gürtelrock trägt und wann in die Bar der Gent, der schlaue, geht. Aber was will er von den Dadaisten haben? Diese Knaben sind rumänische Judenbuben, die in der Zeit, da ihre Altersgenossen noch töricht genug waren, sich für ihre Vaterländer abschlachten zu lassen, in der Schweiz von ihrer Originalität gelebt haben und nun, da sie wieder in die Weltstädte dürfen, das Geschäft der Völkerverständigung in der Weise treiben, daß sie alle in Betracht kommenden Zungen herausstrecken. Sie haben vor den Expressionisten entschieden das eine voraus, daß sie den Blödsinn, zu dem diese erst durch künstlerische Bemühung und Verleugnung ihres ganzen Dilettantismus letzten Endes gelangen, schon von vornherein und geradezu als Trumpf ausspielen. Es begibt sich da, im Hokuspokus des geistigen Zeitvertreibs, eine ähnliche Scheidung wie zwischen Freimaurern und Schlaraffen, wobei aber zur Ehre älterer Generationen, die das Bedürfnis hatten, vom Ernst des Lebens auszuspannen, und zu diesem Zwecke einander »lulu!« zuriefen, doch gesagt sein muß, daß der Unfug, den sie trieben, noch beiweitem nicht jenes Watschengesicht der Zeit offenbart hat, das jetzt zu allem was über seinen Horizont geht, dada! sagt. Die kleinen Toilettefehler würde ich diesen Parasiten des Weltuntergangs – zu dem einem wirklich noch ein wenig Hautjucken gefehlt hat – nicht weiter übelnehmen. Viel ärger ist, daß sie mir allmonatlich aus Paris ihr Zentralorgan zuschicken, von dessen einmaligen Herstellungsspesen – da ja eine Auflage des Homer billiger ist als die Clichierung von Pissoir-Inschriften – man zehn tuberkulöse Wiener Kinder ein Jahr lang ernähren könnte. Aber weiß Gott, die Gestehungskosten des Herrn Edschmid wüßte ich auch nutzbringender anzulegen. Gehe er mit den Gürtelmänteln der andern nicht zu streng ins Gericht. Ich wette hundert seiner »Achatenen Kugeln« gegen eine, daß er auch nicht in der »Håll« von Ritz auf die Welt gekommen ist, sondern nur im Frankfurter Hof darauf angewiesen, sich vorzustellen, zur französischen Besatzung zu gehören. Indem er aber die Dadaisten verspottet, weil sie, deren Ulk man ernst genommen habe, nun notgedrungen »eine Weltanschauung starten müssen«, möchte ich sogar den Verdacht aussprechen, daß er zwar auch keine hat, aber sich im Berliner Hotel Bristol wie's Kind im Haus fühlt. Speiübel wird einem von dieser Sprache, die nicht nur mit allem Komfort des Kurfürstendamms ausgestattet ist, sondern auch dessen Überlegenheit darüber anbietet und die ein Geschlecht von Foxtrottänzern und Filmjüngeln ermöglicht hat, das sich gleich am Tag nach Versailles ganz ententemäßig wohl fühlt und nicht mit Unrecht sich einbildet, es habe Deutschland besiegt. Wenn sie vollends von der »inneren Unbeteiligtheit« als einer Qualität sprechen oder die »innere weltmännische Gebärde« verlangen, als obs nicht das made in Germany auch täte, so glauben sie nicht nur, daß ihnen wieder die Welt gehört, sondern haben auch so viel »richtige Ewigkeitseinstellung« vorrätig, als für Berlin unbedingt erforderlich ist. Ich habe den Edschmid nie geschaut, wiewohl sein Konterfei wahrscheinlich in jeder Nummer der »Dame« zu finden ist; aber ich würde ihn sicher nicht erkennen, da er sich gewiß zum Verwechseln ähnlich sieht. Indem sie die Weltanschauung des Lächelns gestartet haben, vervollständigt sich das Bild der Generation jenes Kronprinzen, dessen heißestes Bemühen um einen mondänen Zug ihm höchstens die Ehre errungen hat, am englischen Hof – dort wo er ausnahmsweise kein Hotel ist – als das »lächelnde Mosquito« agnosziert und entsprechend geschätzt zu werden. Wenn so etwas nicht für sich Reisebücher schreiben läßt, sondern sich selbständig in der Literatur zu schaffen macht, so heißt das Lieblingswort, das jeder von ihnen und mit vollem Recht über seinesgleichen ausspricht: »Kitsch« oder »Radaukitsch«, und kein Berliner Weltanschaute ist zu »übel«, als daß er nicht von jedem andern sagte, daß er es sei. Das Grauen vor diesen Apparaten, von denen jeder einzelne in zehn Literaturgruppen zerfällt und deren Karriere von ausgefransten Hosen zu durchbrochenen Seidenstrümpfen zumeist ein Erfolg der Romanmanufaktur ist, beherrscht mich dermaßen, daß ich jeden Tag, den ich in deutschen Städten keine Vorlesung halte, als einen Vorschuß auf die ewige Seligkeit empfinde und die Erfüllung der Pflicht, solche Dinge an Ort und Stelle zu sagen, nur noch markiere. Dabei macht der Zufallsruhm diese Leute, von denen jeder ganz dasselbe nicht kann wie der andere, aber nicht jeder es trifft, derart von sich besessen, daß es umso lauter schallt, je hohler der Raum ist, in dem so ein Ich wohnt. Herr Edschmid wird vielleicht darüber unterrichtet sein, daß in der Fackel eigentlich jahraus jahrein nichts anderes geschieht, als ein Ich mit der Zeit konfrontieren, und er mag den daraus entspringenden Zwist für keine hinreichend satirische Angelegenheit halten. Ja, er wird sogar vielleicht bereit sein, den erfolgreichen Rückzug, den dieses Ich antritt, aus jener Eitelkeit zu erklären, der der schmähliche Durchbruch in die Zeit und ihre Marktgelegenheiten gelingt, und mich keineswegs für berufen halten, eben solche Qualität dem Herrn Edschmid zum Vorwurf zu machen. Aber man entscheide, ob je ein Ich weniger Verhältnis zum Objekt seiner Betrachtung gehabt und ob je eines schon durch seine Behauptung sich mehr erledigt hat als dieses: Ich habe nicht die musikalische Befähigung, den musikalischen Wert dieses Virtuosen zu beurteilen, aber ich habe sie wohl, wenn es um sein Schreiben geht. Er meint die literarische, aber die hat er auch nicht. Ich weiß auch nicht, ob das Besondere eines modernen Geigers darin besteht, daß er lodert. Das Buch lodert jedenfalls ohne Pause. Ich glaube nicht, daß dies Buch uninteressant ist, aber ich glaube, daß es schwer zu lesen ist. Nun entsagt der Bekenner dem Ich: Es mangelt mir wohl nicht der Sinn dafür, daß Ekstasen, die begründet sind, sich zu allen Kulminationen erheben – Nun wird er rückfällig – aber ich vermag dieses dilettantische Ächzen bei ganz unnötigen Anlässen nicht leicht für begründet oder für recht zu finden. Ich glaube schon, daß ich das Unstete begreife, das der Autor herauszupeitschen sucht, aber ich zweifle, daß es gelang. Ich stehe nicht an, das Buch jedem Musikfreund zu empfehlen, da ich, hier unkompetent, leicht annehmen kann, er vermöge darin mir sehr verschlossen e Wonnen zu finden. Ich vermag Freunden der Dichtung nicht abzuraten – er meint: Freunden nicht dieser, sondern »Freunden der Dichtung« ganz besonders überhaupt, wie ein älterer Frankfurter Schriftsteller gesagt hätte es zu lesen, da ich genug Respekt habe vor jeder Leistung, wenn auch die Stoffe hier unberührt und kalt und ohne jede Bearbeitung liegen bleiben, wenn die Waberlohe dieses Autors darüberging. Ich erinnere mich lediglich, wenn ich nicht sehr irre, gelesen zu haben, wie Heinrich Heine den Eindruck Paganinis gab. Ich vermag den Eindruck heute nicht nachzuprüfen – er meint natürlich nicht Heines Eindruck von Paganini, sondern seinen von Heines Eindruck aber ich glaube, daß er grandios war und dieses Thema genügend, wenigstens im Dämonischen, erledigte. Er scheint also doch Heines Eindruck von Paganini zu meinen. Aber was er all meint, glaubt, nicht glaubt, hat oder nicht hat, vermag oder nicht vermag, ist schon uninteressant als Erscheinung und wirkt geradezu aufreizend als Aussage, von der nichts als der nachprüfbare Eindruck bleibt, daß er nicht vermag, sie auf deutsch auszusagen. Aber dieses Ich ist umso grenzenloser, je härter sich im Raum die syntaktischen Sachen stoßen: ... Ich habe jeden Vorbehalt gegen diesen Anreißer von Backfischsentimentalität – (mit offenbarer Schätzung eines Anreißers von Backfischgeilheit) und besonders gegen diesen Kriegshetzer. Ich habe unabänderliche Abwehr gegen dieses Mannes Gesinnung und gegen seine Art Literatur. Ich habe den herzlichsten Widerwillen gegen diese Roßtäuscherei der süß und rosa bemalten Kriegsideale, mit denen die Knaben und die unflüggen Jünglinge in vorschriftsmäßige Begeisterung für Kaiser und Reich hineingemogelt werden. Was der Herr Edschmid da einmal hat, ist Recht. Nur fragt sichs, ob er auch während des Kriegs so tapfer gegen den Hilfsdienst der Literatur protestiert hat und ob man gut tut, die Jugend, die der Harnisch des Walter Bloem geblendet hat, dem Pyjama des Kasimir Edschmid zu überantworten. Ich glaube sogar bestimmt, daß, faßt dieser Mann Aktuelles an, er gefährlich wird. Er hat in der Hand den Säbel und im Mund das Schmalz, das allen Lauen die wahrhafte Geste der Unerschütterlichkeit scheint, und seine Elaborate erreichen stets das Publikum, das die andere Seite nie erreicht. Aber ich gestehe, alles dies zusammengefaßt und noch verstärkt – Was, das all kann man zusammenfassen und noch verstärken? Und das Schmalz im Mund, das den Lauen die Geste der Unerschütterlichkeit scheint, verwandelt sich nicht in die Säure, die der Satiriker im Mund trägt? Hören wir, was Edschmid gesteht: daß ich mich beim ersten bisher erschienenen Band seines großen mittelalterlichen Romans (»Gottesferne«, Verlag Grethlein \& Co., Leipzig) nicht gelangweilt habe. Ich sage es gern, denn ich war mir wohl bewußt, daß schließlich das Ganze hohl und ein Schwindel sei; Und Edschmid wäre nicht der solide und echte Kerl, der wenn er nicht sofort auch wieder das Gegenteil dieser Erkenntnis parat hätte: aber ich habe der Männlichkeit des Tones, der Frische in der Erzählung und auch einer gewissen Objektivität in der politischen Haltung so fernen Problemen gegenüber Achtung zu verweigern nicht vermocht. Wer doch auch dem Edschmid gegenüber so gerecht sein könnte! Wie selbstlos fühlt er, wie recht hat er, wenngleich ers schlicht und schlecht genug sagt: Es ist ersprießlicher, in manchen Fällen vergessener Bücher sich zu erinnern, als der Flut der Neuheit sich allzusehr hinzugeben. Wenigstens vermeidet es Edschmid, sich der Flut »allzu« hinzugeben, aber »in manchen Fällen vergessener Bücher sich zu erinnern«, ist auch nicht ersprießlicher. Denn das hieße nur: bei manchen Gelegenheiten etlicher vergessener Bücher sich zu entsinnen. Doch ersprießlich ist, manchmal eines vergessenen Buchs zu gedenken (und den Andern daran zu erinnern). Es muß dann freilich von Goethe, Claudius, Lichtenberg sein und nicht gerade von Willy Speyer. Aber hier, rückschauend auf die Generation von 1919, wird Edschmid geradezu zum Seher. Ich weiß wohl, daß dieser Mondäne ... Aber ich sehe mit Erstaunen das Ausmaß ... Ich sehe auch hier, wie bei Bruno Frank, den Zwiespalt ... Er kann nicht umhin, dem Dichter zu raten, »bei sanften Parken und bequemeren und weniger belastenden Ausschweifungen sich zu begnügen«, nennt ihn »einen Bastard aus Weltlichkeit und tiefer Qual«, was eben den Reiz seines Buches mache, das »ein dichterischer Hermaphrodit« sei – jedenfalls ein Kreuzungsprodukt aus einem sozialen und einem anatomischen Mischgeschlecht zu einem Begriffszwitter, wahrscheinlich ein entferntes Geschwisterkind von Mars und Epikur. Edschmid selbst muß zugeben: Die Kreuzung ist ungewöhnlich, das Produkt nicht ganz. Aber es lohnt der Mühe der Beschäftigung ohne Zweifel und auch nicht ohne Genuß. Das Wort, das Edschmid letzten Endes spricht, ist sein bestes. Es wird schwer fallen, sich den spitz abgebogenen Schnurrbart zu verbeißen, man hat sich zu der Waffe des Lächelns durchgeschlagen und sie schallt wie Gelächter. Was ist da nur passiert? Ein Griff – ein Gfrett! Es lohnt der Mühe der Beschäftigung ohne Zweifel und auch nicht ohne Genuß, diese gordische Ballung mit einem Hieb jener Waffe aufzulösen: dann wird ohne Zweifel die Mühe mit Genuß belohnt sein. Bei jedem Satz, bei jedem Sprung, den Herr Edschmid dort macht, wo man ihn zum Gärtner der deutschen Literatur bestellt hat. Welche Absichten verfolgt die Frankfurter Zeitung mit dem Herrn Edschmid? Meint sie nicht, daß sie als die größte deutsche Zeitung immerhin noch mit mehr Anstand das Gesicht einer ramponierten Geistesbildung zu wahren hätte als eine Neue Freie Presse? Sollte sie erst auf dem Umweg über die Wiener Vorstädte erfahren müssen, daß sie der Düpe des Herrn Edschmid geworden ist, indem sie geglaubt hat, er sei ein Expressionist, während er in Wahrheit bloß nicht deutsch kann? Oder meint sie, daß ein Gallimatthias die beste Form ist, den Franzosen in der Fremde eine Aufmerksamkeit zu erweisen? Will sie ihnen durch Edschmids innere Gebärde Weltmännischkeit beibringen? Es heißt, daß sie sich in Frankfurt schlecht, ja geradezu preußisch aufführen. Aber sie möge doch bedenken, daß dies die Schuld jener Weltverblödung ist, die davon ausging, daß das Leben der Güter höchstes nicht sei, und in deren Folge die Glorie als der Übel größtes erscheint. Trotzdem bleibt es wahr, daß der letzte Franzose, und möge er im Zauberbann der Montur den besten Preußen aus dem Feld der Schande schlagen, als ziviles Geschöpf so viel Ehrfurcht vor dem Leben seiner Sprache hat, daß er gar nicht fassen könnte, wie die Deutschen gegen ihr eigen Fleisch und Blut wüten. Denn einen solchen Saumagen, die Sätze des Herrn Kasimir Edschmid zu vertragen, nein wie Austern zu schlürfen, hat nur das deutsche Publikum. Was sich heute in Paris neu- und mißtönerisch auftun mag, ist Zuwachs aus Bukarest via Berlin; man weiß es dort nur nicht gleich und hält einen interessanten Monsieur Lipchitz vielleicht für einen Afghanen, aber gewiß nicht für einen Franzosen. Nur hier, der Flut der Neuheit allzusehr hingegeben, soll und will das ganze Haus ersaufen, wenns den Pfuschern beliebt, deren Schwall und Schwulst, deren verbogene und verquollene Trivialität dem Deutschen jede Naturkraft ersetzt. Nur in Deutschland ist es möglich, daß eine Schule, deren Vorzug es ist, in Deutsch durchzufallen, daß eine Jugend, die ihre natürliche Zurückgebliebenheit mit dem technischen Fortschritt belügt und die sich in ihrem unbändigen Mangel an Temperament kein anderes Spiel weiß als der lebendigen Sprache die Gliedmaßen auszureißen und wie Straßendreck zu ballen, die Dichter der Nation stellt und daß eine Generation, soweit sie nicht selbsttätig an diesem traurigen Handwerk teilhat, im feinschmeckenden Genuß, in der lebensbildenden Empfängnis dieser geistigen und sittlichen Muster gedeiht. Und der Zustand verlangt noch, daß man ihn nicht zu fanatisch anpacke und daß die Satiriker nicht ihren Humor verlieren. Wenn dieser Frühling erwacht ist und alles in Ordnung, lege man sich wieder auf den Rücken, wärme sich an der Verwesung und lächle ... Aber wie ich glaube, daß, was immer die schwarzen Truppen im Besetzungsgebiet angestellt haben mögen und was vielleicht an die Schandtaten der weißen Truppen heranreichen könnte und was ganz gewiß nur eine Reaktion ist auf die Entehrung durch den Zwang, mit dem militärischen Europa Bekanntschaft zu machen; wie ich glaube, daß dies alles nur ein Vorschmack dessen ist, was die schwarzen Truppen dereinst mit unserer engelweißen Kultur nebst sämtlichen religiösen Vorwänden für unsre blutige Unsauberkeit vorhaben – so möchte ich doch behaupten, daß so eine Frankfurterin, die sich durch einen Edschmidschen Roman letzten Endes, bis zu dem ich nie gelangt bin, lächelnd durchgeschlagen hat, mit all seiner schönen Unanständigkeit, die den Expressionismus als Ausdrucksfreiheit auffaßt und damit allein ein Dutzend Auflagen für Bett und Buch gewinnt, schon einen tüchtigen Puff aushält und daß kein Neger eine so widernatürliche Unterhaltung bieten könnte wie der freiwillige Umgang mit den Meistern der deutschen Belletristik. Mir genügt eine Feuilletonzeile von ihnen, um einer todgeweihten Kultur sagen zu können, wie es mit ihr steht, und daß sie umso schneller draufgehen wird, je mehr sie sich mit den Edschmiden ihres Schicksals einläßt und je lieber sie ihnen glaubt, daß mein Kampf in den Wiener Vorstädten bereits zu Ende ist. Könnte er unter den trostlosen Umständen dieser Zeit, die doch mit der Verbreitung der Krankheit auch die Isolierung der Wahrheit bedingen, über die Wiener Vorstädte hinausdringen, so wäre ja noch Hoffnung. Und dann würde, das all zusammengefaßt und noch verstärkt, selbst Herr Kasimir Edschmid erfahren, daß die so heftig bewegte und gleichwohl nicht erschütterte Zeitlichkeit doch ihren satirischen Stil hat, ihres satirischen Schriftstellers nicht entbehrt und daß der Sinn für das Pamphlet ganz besonders überhaupt nicht verloren gegangen ist. Denn ich mußte mirs niederschreiben, daß einer lächeln kann, und immer lächeln, und doch ein Schwindler sein! Zum wenigsten weiß ich gewiß, in Deutschland kanns so sein. Dialog der Geschlechter Ein Quodlibet Aus Hannover wird telegraphiert, daß die dortige Zensur die Aufführung von Strindbergs »Vater« am Residenztheater verbot. Das Stück passe aus ethischen und ästhetischen Gründen nicht in den Ernst der Zeit. Wenn man sich die Tonnen Unflats, die, den Dimensionen der Zeit entsprechend, allabendlich von Deutschlands Bühnen herab über Deutschlands Volk entleert werden, als Schiffsladung vorstellen wollte, so dürfte der Dampfer »Vaterland« als ein Schinackel erscheinen. Aber eben darum erweist sich das Verbot des Strindbergschen Werkes als eine aus ethischen und ästhetischen Gründen erflossene Schutzmaßregel gegen den Bürger, der sich vom Ernst der Zeit bei Kraatz und Stobitzer erholen muß, indem man bekanntlich nach des Tages Müh' und Wucher »sich amüsieren will«, welches Wort längst kein Fremdwort mehr ist, sondern ein auch von der Berliner Polizeidirektion anerkanntes und von dem Eigenschaftswort »amusisch« abgeleitetes Zeitwort. Sollte aber aus dem Hannoverschen Verbot etwa zu schließen sein, daß uns wieder einmal die janze Richtung nich paßt, so würde sich das Bedürfnis nach einer endgültigen Norm für eine zulässige Behandlung des Problems der Geschlechter auf der deutschen Bühne herausstellen. Wie, in welchen Tönen, bis zu welchem Grad der Aufrichtigkeit dürfen sie zueinander sprechen? Eine Balkonszene wie die zwischen Romeo und Julia hat trotz der »Reinhardtschen Aufmachung« wenig Verlockendes und an und für sich mehr die Faßóng dessen, was der Aufgeklärte einen Klimbim nennt. Wie Strindberg die Geschlechter sieht, ist aus ethischen und ästhetischen Gründen nicht vorführbar. Aber es gibt einen goldenen Mittelweg. Es gibt einen Dialog, der alles enthält, was die neuzeitliche Seele eines Volkes zu offenbaren hat, wenn Er und Sie sich gegenüberstehen und die letzte schuldvolle Wahrheit einander vorhalten. Gewiß glaubt man jetzt, ich würde die umfassendste Liebeserklärung zitieren, die je ein Dichter geformt hat und die da lautet: Ach Irma, ach Irma, dich liebt die ganze Firma! Nicht doch. Es war zwar das Hohelied der protokollierten Liebe, aber die Geliebte bleibt darin stumm, und nur die Sehnsucht des Mannes, die nach Kontorschluß plötzlich hervorbricht, hat Flügel und Worte. Haste Worte? müßte man auch sie fragen, die sich so von einer GmbH angeschwärmt fühlt, und sie dürfte antworten: »Nee, nich zu machen, schließt von selbst!« Er aber läßt sich nicht abschrecken, und die sachliche Lebensanschauung des deutschen Mannes, die auch in der Liebe ohne Ansehen der Person urteilt, spricht sich allsogleich in dem Bekenntnis eines Entschlossenen aus, der geschäftlich reüssiert hat und dem zum vollen Glück nur eines fehlt: Kinder, ich brauch' ein Verhältnis, das möglichst pompös gestellt is. Ob sie stark oder schlank wie die Birken, ejal – dekorativ soll se wirken! Aber ein Verhältnis ist schließlich noch nichts, was uns über die Beziehung der Geschlechter orientiert. Wohl wäre er in einer schwachen Stunde fähig, sich loszureißen und ihr den starken Entschluß zu eröffnen: Rosa, wir fahren nach Lodz! und er wäre wohl auch der Mann, diesen Entschluß auszuführen. Es würde aber selbst diese Regung weniger die erotische Seite des Lebens betreffen als die Tüchtigkeit, die den ersten zwischen Himmel und Erde verkehrenden D-Zug benutzen wird. »Ja, die wahre Liebe ist das nicht«, sagte man einst, sondern es ist, wie immer in dieser Kulturzone, mehr die Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen, des Praktischen mit dem Dekorativen. Wo bleiben die Troubadoure? Jetzt aber wird auftreten Willy Wenzke, genannt der süße Willy, der Liebling der Damenwelt. Er fragt unvermittelt: Ist denn kein Stuhl da, Stuhl da, Stuhl da für meine Hulda, Hulda, Hulda – nee, is nich. Das ist bloß Galanterieware, nicht Leidenschaft. Sofort treten vier uniformierte Chordamen in die Bresche, die mit vorgeworfenen Schenkeln und die Oberlippe streichend, behaupten: Ja, wir sind eine eigene Rasse, tralala Iala Iala. Zivil ist ganz 'ne faule Klasse, tralala Iala Iala. Nachdem sich dies unter lebhafter Zustimmung des Zivils begeben hat, tritt eine Dame in Zivil auf, die, die Hände abwechselnd vom Busen in die Richtung zum Publikum führend und zwischendurch gleichfalls die Oberlippe streichend, die Versicherung abgibt: Ja, so ein Leudenant so schick und sauber wirkt auf ein Mädchenherz als wie ein Zauber. Zum Beispiel ein Husar, ein Kavallrist – besonders, wenn er schick und sauber ist! Das ist sicherlich schneidig, hat aber heute doch wegen der stofflichen Verallgemeinerung eher an Verständnis verloren als gewonnen und bringt wieder nur die Ekstase des Weibes zum Ausdruck, ohne daß das andere Geschlecht einen Ton dazu sagt. Dieses, einer ganzen Welt die Stirn bietend und nur noch im Joch der Prügelmasseusen schmachtend – es wird weiter gedroschen –, erlebt eine starke Genugtuung, da endlich das Lied wie Donnerhall erklingt: Pauline, au au au, au au, au au, wie haben sie dir vahaun! Der gebildete Sally Katzenelbogen, Export, Frankfurt a./O., tippt hiebei seinem Nachbarn, dem Rechtsanwalt Krotoschiner II an die Schulter: »Wie sagt doch Nietzsche? Jehst du zum Weibe, verjiß de Peitsche nich!« Worauf Krotoschiner II versetzt: »Na hörn Se mal, lassen Se mich man bloß mit dem Mann zufrieden, der Mann is mir nich kompetent, der hat doch bekanntlich 'n böses Ende jenommen. Oberfauler Kunde, sag ich Ihnen. Kenn' Se Dolorosa?« »Nee, sitzt dort nich Hertha Lücke vom Palais de danx, Kantstraße funfzehn, Belletahsche, Rufnummer Kurfürst achthundertvierundfunfzigtausendsiebenhundertsiebenundfunfzig?« »Ach Unsinn, Gegenteil, das ist Gerda Mücke vom Lindenkasino, Leibnizstraße neunundfunfzig, zwei Treppen, Lützow neunhundertsiebenundfunfzigtausendachthundertdreiundfunfzig, Teelefonn mit Warmwasser, Luftschiff im Hause, zu jedem Appertemang 'n Kulturbatt, pickfein! mit die schickste Person die wir im Reich haben.« »Jewiß doch – un wissen Se, wer neben sitzt? Motte Mannheimer, Kunststück, der wickelt se alle in blaue Lappen!« Die Musik ist inzwischen von sadistischen Motiven zum Ausdruck reinster Adoration übergegangen. Puppchen, du mein Augenstern – Das ist innig, auch, wie wir erfahren haben, als Marschlied und bei Stürmen geeignet, aber über die Beziehung der Geschlechter gibt es keinen Aufschluß. Und ist wieder ein Monolog. Aus den Neunzigerjahren kommt eine Dame auf die Szene, Fräulein Frieda Fleuron, vulgo Käsebier, genannt die totschicke Nachtigall, gefolgt von drei andern Damen, und stellt sich vor: Fesch, schick, wirklich indresant – stell'n wir uns jetzt vor Sie hin. Wir sind, das weiß ein jeder, anerkannt als Nachtigall'n von Berlin. Für Wien wird die letzte Zeile geändert, für Dresden ist das Lied verloren. Dagegen gibt es eines, das zeitgemäß ist, weil es den Genien beider Hauptstädte mit einem Schlag huldigt. Ich habe einmal die zwei ersten Zeilen gehört, bin aber imstande es fortzusetzen: Ja, mein Herz gehört nur Wien. Doch sehr schön ist auch Berlin. Denn sehn Sie, so ein Leudenant, so indresant und auch scharmant, ich geb' ihm gern ein Rangdewu och noch lieber hab' ich Ruh. Denn ach, denn ach, denn ach, man wird ja so leicht schwach. Darum sag' ich, mein Herz gehört Wien. Doch sehr schön ist auch Berlin. Die Städtenamen werden umgestellt, je nachdem ob Frieda Käsebier, ehedem unter dem Namen Fleuron bekannt, in einer Reichshalle oder bei der Waldschnepfe ihre Künste spielen läßt. Wir sind während dieser Vorgänge sichtlich um zehn Jahre älter geworden, und in einem »Bierkabarett«, wo es nicht ausgeschlossen ist, auch Sekt zu erhalten, treten abwechselnd Herren und Damen vor die Rampe, die, sei es mit der trotzigen Herausforderung: »Ich bin ein Prolet, was kann ich dafür!«, sei es mit der zynischen Anklage: »Ich bin eine Dirne, was liegt daran!« in brüsker Weise zur Hebung des Konsums beitragen, und man hat dennoch wieder nur den Eindruck, daß die beiden Typen aneinander vorbeileben. Um das verwirrte Publikum, das plötzlich nach »Schneider-Duncker« verlangt und ans dem gellende Hilferufe: »Schneider-Duncker soll komm'n!« hörbar werden, zu beruhigen, tritt Schneider-Duncker auf und muß sich zu Zugaben entschließen. Nachdem hierauf eine Dame ein Lied über eine Hinrichtung gesungen hat, fordert unvermittelt ein Konferenzier oder sonst ein vifer Bursche das Publikum auf, ihm Zitate aus Klassikern zuzuschmeißen, aus denen er sofort bereit ist ein Gedicht zu machen; er übernimmt jede Garantie. Einer ruft infolgedessen immer wieder: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!« Er besteht darauf. Eine innige Mädchenstimme wünscht: »O schmölze doch dies allzu feste Fleisch!« Der Dichter ist ratlos, der Fall ist ihm noch nicht vorgekommen. Er scheint aber immerhin, wenn alle Stricke reißen, entschlossen, sich so aus der Affäre zu ziehen: Durch diese hohle Gasse muß er kommen – der Kellner nämlich, schon hört man das Geräusch – aber das Essen ist nicht zu genießen – o schmölze doch dies allzu feste Fleisch – da bringt ihn ein besoffener Budiker in Verwirrung, indem er spontan hinaufbrüllt: »Popologie!« Mit diesem klassischen Zitat weiß jener vollends nichts anzufangen. Als aktuelle Anspielung ist es verständlich. Man lebt in der Zeit der Prozesse gegen die bekannte »Normwidrigkeit«, die so lange grassierte, bis Harden sich das Verdienst erwarb. Auch aus diesem Milieu ist also wieder nichts für die Erkenntnis zu profitieren, wie die Geschlechter Zwiesprache halten. Wir treten deshalb in die Friedrichstraße hinaus und hören zwischen Aschinger, Autos, Schutzmännern, Kaffffes, Kintopps und Koofmichs, zwischen Fußwohl und Salamander, zwischen Feentempeln aus Zigarren und Walhallen für Bier, zwischen Brillanten, die Glas, und Kometen, die Lichtreklamen sind, zwischen Rowdies, Maklern, Gesundbetern, Wiener Operettensängern und Bohemiengs, zwischen »Luden«, »Pupen«, »Nutten«, »Neppern«, »Schleppern«, »Schiebern« und »Schneppen«, die aber alle ein und dasselbe Gesicht haben, zwischen Benzin und Moschus, zwischen Tuten und Rufen wie: »B. Z. am Mittag!« »Neieste Nummer des Semplecissimus!« »Der Heiratsonkel!« »Maxemilian Harden gegen Willem den Zweiten!« »B. Z. am Mittag!« »Die jroße Glocke! Sensationelle Enthüllungen, Schweinerei bei Wertheim!« »Pikantes aus Moabit!« »Wachsstreichhölzer, Wachsstreichhölzer!« – die furchtbare Proklamation: »Die Welt am Montag! Der Männervenustempel in der Kochstraße polezeilich jesperrt!« Wir besinnen uns vor dieser Wortbildung, die einen Wirbel im Betriebsstrom zu bewirken scheint, wir erkennen, was es alles gibt und nicht mehr gibt je nachdem, wir haben die Empfindung, daß man sich hier sehr ins Unrecht setzen würde, ließe man sich plötzlich das Wort »Asphodeloswiese« einfallen, daß es öffentliches Ärjernis erregen könnte und daß, wenn hier Aphrodite aus dem Asphalt emporstiege, sie aufgefordert würde, »dem Schönheitssinne Rechnung zu tragen«, und wenn sie sich weigerte, unter dem Beifall der Passanten, wenn auch unter Sträuben, wegen Unjebühr nach der »Sitte« gebracht würde. Dann, wenn alles vorbei ist, ziehen die Geschlechter weiter ihres Wegs. Wir folgen einer Empfehlung in das Lokal »Rosenkavalier, lauschigstes Eckchen der Welt«, also in eine Kaschemme, wo die Volksseele mehr angtrnu ist, um sie zu belauschen, wie sie singt und sagt: Emil du bist eene Pflanze, ja so jefällst du mir! Du jehst immer uff's Janze, ik bin varrückt nach dir! Unter solchen Umständen geschieht selbst in dieser Atmosphäre ein Wunder. Nämlich, daß ein Lied, welches in ihr lag, seit zwanzig Jahren nicht erfunden wurde, so daß Text und Musik von mir sind. Das Publikum singt mit. Komm mal ran da, Süße Wanda, Komm mit mir auf die Veranda! Ihre Antwort aber könnte mir nicht einfallen. Vielleicht ist sie das bekannte Bekenntnis: Ach Ernst, ach Ernst, ach Ernst! Was du mir alles lernst! Na wenn schon. Daß man sich in der Liebe auskennen muß, ist ja Grundbedingung. Wie sagt doch der Dichter? Ja ja die Liebe, ach die Liebe ist so schön – Nur muß man den Zauber auch verstehn! Wer die Liebe zu genießen nicht versteht, der lass' es lieber gehn, der ist ganz einfach blöd! Daß man den Zauber verstehen muß, vaschtehste, ehe man sich darauf einläßt, ihn zu erleben, ist klar und für jeden, der helle ist und sich von Mysterien nicht an die Wimpern klimpern läßt, mehr minder selbstverständlich, zumal in einer Epoche, wo in sämtlichen Lokalen ein kolossaler Betrieb ist. Aber wenn man einmal so weit ist – was dann? Und wenn der Mann gewitzigt ist, wie schützt sich die Frau? Ein Malheur ist bald geschehn. Denn: Mutter – der Mann, der Mann, der Mann rückt immer näher an mir heran. Mutter paß auf, Mutter komm her, sonst passiert noch een Malheur! Jeder Teil wäre nun mal gründlich vorbereitet und könnte sich das Leben danach einrichten. Aber beide zusammen? Nein, keines dieser Dokumente einer Ursprünglichkeit, die hinter der Ordnung lebt, gibt über die Beziehung der Geschlechter Aufschluß. Wo erfährt man etwas? Vielleicht vom Leben selbst, also von den Schaufenstern. Da die Menschen hauptsächlich Träger und Vermittler von Gebrauchsartikeln sind, so dürfte die Beziehung am lebendigsten aus der Begegnung jener beiden Wachspuppen hervorgehen, auf deren Postament etwa geschrieben steht: Erst spritzt er sie – dann spritzt sie ihn Mit dem Wundermittel »Perolin«. Aber ist es eigentlich ein Dialog? Es ist eine Erkenntnis, wie die des Fejetongredakteurs vom »Tageblatt«, der zu Weihnachten das Problem der Geschlechter mit der beherzten Rundfrage anging: »Muß er hübsch sein? Muß sie klug sein?« Ejal – hübsch verdienen muß er und dekorativ soll se wirken. Wann aber sprechen sie sich endlich aus? Immer schmachtet entweder sie nach Geld und Liebe oder er nach Liebe und Geld – aber das entscheidende Wort, das sie einander zuführt, fällt nicht. Halt, einmal fiel es doch! Und wirklich, was sie einander zu sagen haben, heute wie in der Zeit, die alles, was jetzt geschieht, vorbereitet hat, ist in diesem einen schlichten Dialog enthalten: »Liebes Fräulein, ach, ich wet-te Sie sind eine Erzkoket-te!« »Sie sind doch bekannt, mein Lieber – als Schieber, als Schieber!« Was zu großen Beifallskundgebungen der Koketten und der Schieber Anlaß gibt. Beide Gruppen drohen einander scherzhaft mit dem rechten Zeigefinger. Es dürfte vorläufig die letzte zulässige Wahrheit über das Strindberg-Problem sein. Es ist tipptopp, paßt aus ästhetischen und ethischen Gründen in den Ernst der Zeit und hat für die Geschlechter, die zur Gründung der nächsten Generation in Kompagnie treten, nichts Verletzendes. Das »Metropol« ist allabendlich ausverkauft, Bender und die Gutzke muß man gesehn haben, die Orchestrions spielen es, und die Luft der »Passage«, wo die Koketten wandeln, die Schieber schieben und im Ernst der Zeit gereifte Strichjungen streichen, enthält statt Ozon nur diesen einen Klang. Automaten singen ihn und er summt in den traumlosen Schlaf der Automaten. Dichters Klage Unsere Sprache hat keine Hüter mehr; keine Gesetze schonen sie, lieblos wird mit ihr verfahren; daher weigert sie auch die Frucht, ihr geschundener Leib gebiert nicht mehr und verwirrt in geheimnisvoller Rache die Sinne und Geister der Menschen. Solches klagt Herr Jakob Wassermann und zwar – die Sprache hat doch noch ein gutes Wort geboren –: ausgerechnet in der Neuen Freien Presse. Und zu dieser Klage verführt ihn die Begeisterung für die Dante-Übersetzung des Herrn Rudolf Borchardt, der die Sprache wieder gebärfähig gemacht und mit ihr die folgenden Terzinen gezeugt hat (wobei Herr Wassermann »aufmerksam macht, daß der Hiatus beim lauten Sprechen zu verschleifen ist«. Nachträgliche Reklamationen werden nicht berücksichtigt): Wir lasen eines Tages durch Kurzeweil Von Lanzelot, wie Minne ihn unterjochte, Allein selbzweit und wähnten kein Unheil. Mehr denn einmal die Blicke uns schon verflochte Zu lesen das, und schuf uns Farbe krankend; Doch war's ein Punkt nur, der uns übermochte: Als wir da war'n, wo solchem Freunde dankend, Kuß ward, was sehnlich Lachen eh gewesen, Trank mir den Mund, am ganzen Leibe wankend, na und so weiter, es können auch Druckfehler sein. Herr Wassermann empfing es »wie eine Botschaft, unmißverständliche Versicherung, daß das Gut der Sprache, Gut der Phantasie, also auch Gut der Herzens, um etwas Kostbares und nie wieder zu Verlierendes bereichert worden war«. Natürlich gibt er zu, daß der Leser vor »solcher Fülle des Fremden, fremden Wortes und fremden Bildes, gewaltsamer Struktur und neuartiger oder aus verschütteten Sprachquellen wiedergehobenen Prägung« seine eigene Flüchtigkeit und Ratlosigkeit »zu einem Unvermögen und einer Verschrobenheit des Autors stempeln wird, was in solchen Fällen die Regel ist«. Aber die Ausnahme wäre, daß der Leser nicht recht hätte, und gerade die trifft hier nicht zu. Denn wenn bei Herrn Borchardt wirklich »alles unwegsam, verschlossen, trotzig, von eherner Folgerichtigkeit und granitener Härte« ist, also jener schöpferische Stand erreicht, vor dem der Durchschnittsleser zurückschrickt, so möge er es doch versuchen, zunächst mit diesem das äußere Verständigungsmittel der Sprache gemein zu haben und dann erst unverständlich zu sein! Unwegsamkeit ist spielend zu erzielen, wenn man Dante aus dem Deutschen ins Mittelhochdeutsche übersetzt; aber auf die kommt es keines Unwegs an. »Ein so ungeheures Gedicht wie das Dantesche«, meint Herr Wassermann, könne »in dem Deutsch unserer Epoche ganz unmöglich wiedergegeben, nicht einmal umrissen werden«. Aber auch kein Originalwerk kann demnach in der heutigen deutschen Sprache entstehen. Dies wird offenbar aus dem Umstand erschlossen, daß weit und breit keines entsteht. Nun, Herr Wassermann kann von dieser Schwierigkeit ein Lied singen: In diesem Bezug sind wir so verarmt, daß von dem Grad der Verarmung nur die wenigen Dichter, denen es auf gegeben ist, mit solchem Handwerkszeug Bild und Gestalt hervorzubringen, wissen und darunter leiden. Sie müssen sich wegträumen vom hoffnungslos Mittleren und das ehemals rein gewesene Becken mit verzweifelten Händen vom Spülicht des Alltags und Kehricht der Mode erst einigermaßen säubern, ehe sie dazu gelangen können, aus ihm zu schöpfen. Ist das ein Jammer! Sie müssen sich zugleich wegträumen und säubern. Aber seit wann sind denn die Herrschaften genötigt, wenn sie schaffen wollen, aus einem Schaffel zu schöpfen? (Und aus einem ehemals rein »gewesenen«, das also wohl damals schon nicht mehr rein war.) Und warum verwenden sie denn zur Beseitigung von Spülicht und Kehricht ihre verzweifelten Hände? Und überdies ist ihnen die Sprache auch noch ein Handwerkszeug. Ja, mit der Sprache ist's eben schwer. Bei den anderen Künsten würden Farbe und Stein vielleicht doch nicht mit Pinsel und Meißel verwechselt werden. Aber Herr Wassermann wollte jedenfalls sagen, daß der Dichter aus dem Zeug der Sprache schaffe, und dieses sei eben minderwertig geworden. Die Flexionen verlieren ihre Festigkeit, Grammatik und Syntax werden nachgiebiger, die Verba unheilvoll geschwächt und verweiblicht, die substantivische Kraft des Satzgebildes macht mehr und mehr einer adjektivischen Unbestimmtheit Platz. Aber wenn der l. u. über Wassermann schreibt, ist's doch schön. Und im Feuilletonteil wird die alte Schopenhauerklage angestimmt. Als ob der Zustand nicht bloß die Verluderung der Empfänglichkeit bedeuten würde und den wahren Geber hindern könnte, die Flexionen wieder zu festigen, es mit einer unnachgiebigen Syntax zu halten, die Verba zu stärken und substantivische Kraft statt adjektivischer Unbestimmtheit zu bewähren. Nein, er muß sich statt dessen wie Herr Borchardt »am Mittelhochdeutschen des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts schulen und in die provençalische und toskanische Minnedichtung versenken«! Herr Wassermann hält sich allerdings in diesem Bezug schon mit etwas Schopenhauer schadlos, spricht von Borchardts Unternehmen, » als welches durchaus für sich besteht« und »mit keiner der früheren Disziplinen und Fassungen irgend verwandt ist« – was von einer Übersetzung zu sagen ziemlich sinnlos ist und von dem Bestreben kommt, »alt« zu schreiben –, und sagt, es gehe um etwas, »worauf deutsche Augen und Ohren nicht zuvörderst eingestellt sind«. Sagte er das alles auf Wassermannisch, es klänge beiweitem nicht so tiefgründig. Den Lesern der Neuen Freien Presse – ausgerechnet – erzählt er, er erblicke in Borchardts Werk –- (das selbstverständlich ›bei der Bremer Presse gedruckt ist‹) »eine Bereicherung des Goldbestandes unserer Literatur, der keine papierene Fälschung etwas anzuhaben vermag«, und fordert sie zu »Aufblick und Hingabe« auf »und damit Befreiung von den marternden Geschäften und Häßlichkeiten des Tages«. Aber sie werden, wenn mehr denn einmal die Blicke uns schon verflochte zu lesen das, und schuf uns Farbe krankend, gleichwohl nur im Aufblick zum Stagelgrünen Rettung suchen. Ihr Undank bewiese aber nicht das geringste für die sprachschöpferische Qualität des Borchardt'schen Werkes. Denn die Trivialität wird erst zu schanden an der Sprachschöpfung, die, so weit entfernt vom Mittelhochdeutschen wie jene selbst, eben aus dem Zeug der Trivialität Bild und Gestalt hervorbringt. Herr Wassermann und der »engere Kreis von Freunden« um Borchardt mögen zur Kenntnis nehmen, daß das möglich ist. Daß im Zitat eines Zeitungsausschnittes Sprachschöpfung sein kann und mehr als in einer Dante-Übersetzung. Daß die beiden Verse mit dem Naturreim »Wessely – Presse lieh«, deren Verfasser sich keineswegs vom hoffnungslos Mittleren wegträumen mußte, ja daß sogar die Verse: man bemerkte u. a. die Persönlichkeit der Berta Zuckerkandl reinste Lyrik sind. Kein Becken mußte da vom Spülicht des Alltags und Kehricht der Mode »zuvörderst« gesäubert werden. Denn es kommt in der Literatur nicht auf das Wort an, sondern darauf, wo und wie es steht. Unverständlich sei das Verständliche. Für verschroben halte philiströse Ratlosigkeit das Einfache. Eben dieses bedarf dreimaliger Lektüre, um die Wortgestalt erkennbar zu machen. Die Herren Dichter brauchen eine andere Sprache? Ich werde ihnen was malen; besser dichten sollen sie, dann wirds schon gehn! Mir ist seit den Tagen, da ich die unbeholfensten Schulaufsätze gemacht habe, selbst der Wortbestand der heutigen Sprache Gottseidank nicht so weit erschlossen wie etwa dem Dichter der Renate Fuchs. Wenn ich ein Substantiv brauche, lasse ich mir ein Fremdwort einfallen, um im Fremdwörterbuch nach Synonymen zu suchen, und wenn ich ein Adjektiv brauche, so schlage ich halt im Ullmann nach. Und doch bin ich auch in Verlegenheit vor dem Reichtum an Wortgestalt, bevor ich das Wort habe, und würde auf Volapük ein besseres Gedicht zustandebringen als die um Borchardt und Wassermann. Es ist freilich sehr beklagenswert, daß die Zeitungswelt, die den Ruhm dieser Herrschaften besorgt, auch die Verflachung der Sprache durchgeführt hat. Aber was der Zustand den Dichter angehen soll, habe ich nie verstanden. Das welkste Wort blüht doch unter seinen Händen, die gar nicht verzweifelt sein müssen, es wäre denn vor der Fülle, die da ersteht, und im Bewußtsein der Nichtempfänglichkeit einer Zeitungswelt vor eben diesem Wunder. Sie spürt nur Papier, und ein und dasselbe Wort ist doch zugleich Papier und Gold. Der große Maler muß auch mit Kot malen können, und dies steht mir noch über der den Philister erschütternden Sicherheit, daß er mit Farbe Kot malen kann. Alles andere sind Ästhetenfaxen, die der Kunst von der andern Seite her so wenig nahe kommen wie der Philistersinn. Von der Relativität des Wortwerts, von der Veränderlichkeit der Wortmaterie zwischen Gestaltung und Nichtgestaltung wie innerhalb der Gestaltung, von dem, was zwischen den Worten Atem, Raum und Leben hat, ist da wie dort keine Ahnung. Was mir die Blicke verflochte zu schreiben das, zwingt mich nicht ins dreizehnte Jahrhundert. Mit Zeug und Handwerkszeug zufrieden, bringe ich aus der Trivialsprache Bild und Gestalt des heutigen Lebens hervor. Aber selbst um ein Liebesgedicht zu machen (das um kein Gran mehr Lyrik enthielte als jeder Satz einer Glosse), habe ich mich nie in die provençalische und toskanische Minnedichtung versenkt. Die Affäre Harden Der Abscheu könnte gar keinen Ausdruck finden, der der Ruchlosigkeit des an Maximilian Harden begangenen Verbrechens gerecht wird, der Bestialität einer völkischen Gesinnung, welche an ihm eben die Äußerungen rächt, durch die er manche der geistigen Ehre des Deutschtums zugefügte Unbill gesühnt hat, da sie die Wandlung von der schlechten zur guten Ansicht (bei beklagenswerter Beharrlichkeit der Diktion) nicht verwindet. Ich kann mich nur mit Verachtung gegen die Ehre wehren, die die publizistische Vertretung des Gezüchts von Hakenkreuzottern mir antut, indem sie gerade bei dieser Gelegenheit meinen Nachweis verbreitet, daß der Mann, gegen den eine Niedertracht verübt worden ist, ein verdrießlicher Stilist sei. Leider muß jedoch gesagt werden, daß er selbst es nicht vermieden hat, die natürliche Teilnahme durch das stilistische Moment zu verwirren und den Glücksfall, daß seine körperliche Konstitution der schurkischen Gewalttat widerstand, um eine Probe seiner stilistischen Hartnäckigkeit zu überbieten, auf die man gerade zu diesem Anlaß nicht vorbereitet war. Es kann sicherlich keinem Zweifel unterliegen, daß ihm Gräßliches zugestoßen ist und wiewohl ihn schon die bloße physische Berührung mit einem Teutonen allen Mitgefühls würdig gemacht hätte, so besteht nicht der geringste Grund, der tatsächlichen Wahrheit der Schilderungen vom Attentat und von dessen Folgen zu mißtrauen. Aber wenn in dem Maße des Entsetzens, das sich jedes gesitteten Lesers, welcher politischen Meinung und welcher Ansicht über den Betroffenen er immer sein mag, bemächtigt hat, es auch wieder beruhigend wirken mochte, daß der mit schweren Wunden Heimgebrachte schon nach so kurzer Zeit einem Interviewer Rede stehen konnte, so mußte es umso überraschender berühren, daß er über eine so allgemein menschliche Angelegenheit seine eigene Sprache wiederfand und eine szenische Haltung bewährte, deren ein so echtes Erlebnis gewiß nicht bedurft hat, um einer Wirkung sicher zu sein, die doch gar keine andere sein konnte als Mitleid mit einem Unbewehrten und zornige Verachtung für die Tücke des Wegelagerers. Durch die Gewalt des Schlages brach ich in die Knie und fühlte Blut über mein Gesicht strömen. Dabei hatte ich das klare Gefühl, das ist nun das so oft angedrohte Attentat, hier wirst du also jetzt sterben. Offenbar schoß der Kerl nicht, um kein Geräusch zu machen. Das war mir noch ganz klar. Und mag auch im Bereich der psychischen Möglichkeit liegen, wiewohl es fast an die Geistesgegenwart hinanreicht, es einem Vertreter des Berliner 8 Uhr-Abendblatts zu sagen. Das weitere erscheint jedoch, so glaubhaft das Grauen des Erlebnisses immer sein mag, als ein stilistisches Plus, das wohl mehr dem Macbeth angepaßt sein dürfte als der Haltung eines Zeitgenossen in einer Situation, die nach allem eher als nach heroischen Tonfällen aus der Glanzzeit des Königlichen Schauspielhauses ruft. Deshalb schrie ich mit allem Aufgebot der Stimme: » Mörder, Schuft!«, in der Hoffnung, daß etwa aus der Nebenvilla, die dem Kommerzienrat Viktorius gehört, Hilfe kommen könne. Wer ruft hier Mord aus? Wo ein Kommerzienrat in der Nähe ist, müßte ein einfacher Hilferuf genügt haben. Wiewohl es dann freilich schwer wäre, sich seiner als eines Details zu erinnern, das den Wissensdurst des Reporters befriedigen soll. Und dennoch leicht im Vergleich mit einer Bewußtheit, die den ganzen Hergang nicht nur parat hat, sondern gleichsam als Zeuge, ja als Mitwisser der Tat verfolgen konnte: Inzwischen hatte sich der Mann mit beiden Füßen auf meinen linken Arm gestellt, um mich festzuhalten. Nun schlug er achtmal mit aller Gewalt mit einem Instrument, das mir ungefähr wie eine Hantel schien, über den Kopf. Ein Blutstrom floß über mein Gesicht und färbte meine Kleider ... Der Attentäter hatte wohl mit sofortiger Bewußtlosigkeit gerechnet und lief nun, da ich weiter rief, aus Furcht weg. Er hatte keinen Laut von sich gegeben. Ich sagte mir, daß ich verloren wäre, wenn ich hier mit diesem starken Blutverlust liegen bliebe, und schleppte mich daher bis in das Gärtchen. Der Mithelfer des Mordgesellen, Weichardt, war vorausgegangen, hatte den Weg gesichert und dem Mörder Zeichen gegeben, wie er die Tat gefahrlos begehen könnte. Der Attentäter hat sich in der Tat verrechnet. Hier waltet eine Geistesgegenwart, eine selbst von dem Blutstrom, der übers Gesicht floß, unbehinderte Beobachtungsgabe, die das Opfer des Attentats eigentlich hätte kapabel machen müssen, es rechtzeitig zu verhindern. Man könnte einwenden, daß der Verwundete, der nicht nur Distanz zu dem eben überstandenen Entsetzen gewonnen, sondern auch während des Erlebnisses keinen Augenblick die Objektivität verloren hat, für die Fassung des Interviews nicht verantwortlich sein mag. Es ist von sämtlichen Blättern übernommen und von ihm nicht berichtigt worden, und daß er dazu auch kein Recht gehabt hätte, weil es authentisch ist, beweist nebst jenem in unserer Zeitregion ungewohnten Notschrei ein Moment sprachlicher Stilisierung, das sich geradezu vordrängt: Ich konnte mit einer Hand nur schwache Abwehrschläge führen, da auch dieser Arm durch Zerren und Hiebe blutrünstig war – die Spuren dieses Kampfes wurden später von der Polizei vorgefunden –, rief aber weiter mit aller Energie. Natürlicher Weise hat Harden das Wort »blutrünstig«, das hier in dem ursprünglichen, längst obsoleten Sinn (so verwundet, daß Blut rinnt) angewandt erscheint, nicht gesprochen. Denn er spricht normgemäß wie irgend ein Mensch, Patient oder Redner, also ganz anders als er schreibt. Aber gerade dieser Umstand beweist die Echtheit des Interviews, oder vielmehr der Interview, wie er korrigieren würde. Auch der Reporter hat das Wort, das er von ihm nicht gehört hat, nicht erfunden; er würde schreiben, daß der Attentäter blutrünstig war und nicht dessen Opfer. Aber es unterliegt gar keinem Zweifel, daß es ein Ausdruck ist, den Harden in der schriftlichen Schilderung seines Erlebnisses anwenden würde, und somit steht auch fest, daß er schon nach so kurzer Zeit die wenn nie zuvor, so in diesem Fall erfreuliche Regsamkeit bewiesen hat, den ihm vorgelegten Text des Interviews zu redigieren. Ich dulde weder einen Zweifel an meiner von aller Gegnerschaft unberührten Freude über seine rasche Erholung, noch an der Zuverlässigkeit meiner Aussage, daß er hier als Stilist auf die Schilderung des Attentats Einfluß genommen hat. Nachdrücklichst betone ich jedoch, daß selbst dieser Beweis von Ausdauer, so wenig er im geistigen Charakterbild des Mannes fehlen darf, nicht im mindesten geeignet ist, die Distanz, in die er sich selbst zu seinem Erlebnis gestellt hat, für den noch weiter außen stehenden Betrachter zu vergrößern, und um nichts den Respekt vor seinen Leiden verringern könnte und die Verdammung einer Schandtat, die nur ein glücklicher Zufall nicht zu einer tödlichen gemacht hat. Daß er, um ihr Opfer zu werden, Mut bewiesen hat, muß ihm sein Todfeind zugestehen, und der bin ich, wiewohl ich ihm weiß Gott nicht den Tod wünsche oder auch nur die kleinste Wunde durch einen hohenzollerischen Banditen. Was nun den Mut betrifft, so muß ich, indem ich ihm diesen im höchsten Maße zuerkenne, ihn von einer ebenso unbegründeten wie unzeitgemäßen Glorie befreien, die ihm durch ein ziemlich verbreitetes Mißverständnis zugewachsen ist und deren er keineswegs bedurft hat. In einer Berliner Zeitschrift, deren Herausgeber gleich ihm, nur in verständlicherer Sprache, Wahrheiten über die bestialische Geistesverfassung des nachkriegerischen Deutschland findet, wenngleich er mit siegfriedhafter Beherztheit etwas gar zu sichtbar dem Hakenkreuz den Stern Davids entgegenstellt, wird Hardens Mut darin erblickt, daß er, jeden Schutz, jede Sicherung, ja selbst die Waffe eines Spazierstocks verschmähend, noch am Abend vor dem Attentat lächelnd erzählt hat, er habe die ihm von der Polizei angebotene Überwachung seiner Villa abgelehnt. Dies wird der Legende von der jüdischen Feigheit gegenübergestellt, genau so wie der von der arischen Tapferkeit das Davonlaufen nach erfolgtem Überfall auf einen sechzigjährigen Wehrlosen. Dazu ist zunächst das stärkste Bedauern auszusprechen, daß Harden durch seine Probe physischen Mutes, der ihn jeder Vorsicht spotten ließ, es dem arischen Feigling nicht nur ermöglicht hat, den Überfall zu verüben, sondern auch nachher davonzulaufen, und daß er, der den Mithelfer dem Mörder Zeichen geben sah, wie er die Tat gefahrlos begehen könnte, nicht wenigstens eine Stunde vorher die Unterstützung der Polizei, deren Pflicht es ist, sie zu verhindern, in noch vollerem Besitze seiner Wahrnehmungsfähigkeit angenommen hat. Und zu beklagen, daß die Polizei, die die Erfüllung dieser Pflicht nicht von der Zustimmung des Bedrohten abhängig machen darf, sie offenbar in der ungeheuerlichsten Weise vernachlässigt hat. Denn sie hat ihn gar nicht erst zu fragen gehabt. Die Verhinderung eines Verbrechens geschieht ganz so im öffentlichen Interesse wie dessen Verfolgung, und nicht aus Gefälligkeit für den Bedrohten. Er und die Polizei, beide Mitwisser, machen sich durch Ablehnung und Unterlassung der Mittel, es zu verhüten, zu Mitschuldigen. Was nun Harden seinem Begleiter sagte und was dieser rühmend erzählt, beruht beiderseits auf einer Auffassung von Tapferkeit, die längst auch auf dem Terrain der eigentlichen kriegerischen Auseinandersetzung antiquiert ist. Selbst der Soldat, der doch dem Gegner mit der gleichen Waffe gegenübersteht und die gleichen Fähigkeiten gegen ihn zu bewähren hat, ist nicht mehr »tapfer«, da sie ihm nicht mehr helfen und ihn die neue Waffe ja nicht gegen die Waffe schützt, sondern nur ebenso wehrlos macht gegen die des Feinds wie diesen gegen die seine. Er ist vollends nicht »tapfer«, wenn er etwa, um es zu beweisen, den Kopf aus dem Schützengraben steckt, indem er lächelnd versichert, er brauche keinen Schutz gegen das Schrapnell. Nun schützt ihn nicht einmal das Schrapnell gegen das Schrapnell, sondern eben nur, zur Not, der Schützengraben. Aber selbst wenn die kriegerische Auseinandersetzung sich noch mit dem Degen oder gar nur auf brachiale Weise abspielte, wäre es grundfalsch, die Tapferkeit, die der kräftige oder geschickte Mann zu bewähren hat, mit der des Publizisten zu vergleichen, der einer Gewalt gegenübersteht, die seinen geistigen Kampf mit einem körperlichen aufnimmt, gegen den er zwar gleichfalls mit einer körperlichen Fähigkeit bestehen könnte, welche aber eine zufällige Qualität wäre, die nicht innerhalb seines Berufes liegt. Vollends wenn er einer solchen Gewalt gegenübersteht, die sich einer Waffe bedient, gegen welche ihn keine körperliche Tüchtigkeit, ja selbst nicht die analoge Waffe zu schützen vermöchte, bleibt ihm nichts übrig, als sich rechtzeitig vor ihr zu schützen oder schützen zu lassen. Er wird im Graben bleiben müssen und wird eben dort den wahren Beweis von Tapferkeit liefern, der dem Soldaten versagt ist. Denn der Mut des Schriftstellers hat sich am Schreibtisch zu bewähren, er besteht eben und ausschließlich darin, daß die literarische Tat, deren Unterlassung durch die gefährliche Drohung erzwungen werden sollte, ihr zum Trotz, ohne Rücksicht auf sie, ja ohne Bewußtsein um sie verrichtet wird: – beim Betreten der Straße, wo seine leibliche Person in Betracht und Gefahr kommt, kann er der größte Feigling sein. Die Auffassung, die den geistigen Mut und den andern über einen Leisten schlägt, würde sich offenbar damit nicht zufrieden geben, daß ein Publizist jener schändlichsten Erpressung, die durch Bedrohung seiner leiblichen Sicherheit die Unterdrückung seiner Ansicht erzwingen will, nicht gewichen ist, sondern sie würde verlangen, daß er, wie er der Polizei abgewinkt hat, die Ausführung des Attentats zu verhindern, auch der Staatsanwaltschaft in den Arm falle, die das schon begangene Verbrechen der Erpressung zu verfolgen hat, indem er dessen wesentlichstes Merkmal bestreitet und stolz erklärt, er habe sich gar nicht in Furcht und Schrecken versetzt gefühlt. Als ob nicht eben durch diesen Heroismus der geistige Mut, der entgegen dem Terror seine Aufgabe erfüllt, gemindert wäre. Diese Auffassung will es nicht wahr haben, daß der mutigste Autor nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet ist, nach Erfüllung dieser Aufgabe feig zu sein. Ist er es nicht, so wird er immer noch töricht genug sein, wenn er im Zustand vollkommenster Wehrlosigkeit gegen eine Revolverkugel auf Vorsicht oder Bewachung verzichtet. Oder ein Poseur, der von Gefahren redet, an die er im Innersten ja doch nicht glaubt. Oder ein religiöser Fanatiker, der die Überzeugung, in Gottes Hand zu stehen, bis zum Augenblick des Gegenbeweises betätigt. Doch welcher Soldat würde darum, weil ihn wirklich Gott besser schützt als die eigene Waffe, sich der feindlichen darbieten? Gewiß hat noch keiner aus Furcht, bei einem Gasangriff für einen Feigling gehalten zu werden, die Gasmaske lächelnd abgelehnt und keiner wäre dafür als Held gefeiert worden anstatt als Selbstmörder beklagt zu werden. Er hat in Wahrheit nichts Vernünftigeres zu tun, als durch Schutzmaßregeln den Bereich einer Gefahr, der er nicht gewachsen sein kann, zu verkleinern. Gegen die Revolverkugel aber hilft kein Revolver, sondern nur das Verbleiben in einer Villa, die von der Polizei pflichtgemäß überwacht wird, und selbst gegen den Knüppel wird nur eine Begleitung, die rechtzeitig dazwischentritt, einigen Schutz gewähren. Dem Mut des Publizisten, der uneingeschüchtert von aller Drohung und aller durch sie bedingten Einschränkung der körperlichen Freiheit, seine Aufgabe erfüllt, bleibt noch immer genug Gefahrenraum, um ihn zu einem rein physischen zu machen – was jener sich etwa gegen den Einwand sagen möge, daß es nicht mehr gefährlich sei, in einem Panzerhemd Artikel zu schreiben. Aber macht es eine nervenlose Gesundheit, die Sicherheit, in einem Brachialkampf zu bestehen, die Geschicklichkeit in der Handhabung einer Waffe, kurz der Mangel an gefühlter Gefahr etwa gefährlicher? Ist eine Gefahr, die nicht zu fürchten ist, vorhanden? Man könnte sagen, daß noch weniger Mut dazu gehöre, einen Angriff zu schreiben, wenn man dessen Folgen nicht fürchtet, als wenn man keine zu fürchten hat, und daß es von echterem Heldentum zeugt, einer tätlichen Drohung, deren Erfüllung jener mit Recht fürchtet, der ihr, sei es von Natur, sei es durch die Umstände, nicht gewachsen wäre, dennoch kein geistiges Opfer zu bringen. Der Mut war bis zum Eintritt der Gefahr hinreichend bewiesen; von hier an hat er nicht darin zu bestehen, ihr körperlich zu trotzen, sondern ihr geistig nicht nachzugeben. Diesen Mut hat Harden seit seiner Bekehrung zur besseren Sache, wie ehemals gegen die Person Wilhelms, oft genug bewiesen, um nicht auch des Ruhmes zu bedürfen, daß er bereit war, seinen Kopf den Knüppelschlägen eines alldeutschen Strauchritters entgegenzuhalten. Wenn es dem Erpresser, der die geistige Freiheit einschränken will, nur mit der körperlichen gelingt, indem er den Bedrohten zu Vorsicht und Zurückgezogenheit nötigt, so hat er nichts erreicht, worauf der geistige Mensch ohne Schimpf nicht verzichten könnte. Er kann ja doch nicht allen physischen Gelegenheiten, von denen die landläufige Auffassung die Probe wahren Heldentums erwartet, auf die Dauer entgehen, aber er wäre so wenig wie durch die Drohung durch die Tat selbst einzuschüchtern, wenn diese ihm noch die Möglichkeit übrig läßt, an der Erfüllung zu wirken, die er sich vorgenommen hat. Daß er »fürchtet«, an ihr gehindert zu werden, und sich nach Menschenmöglichkeit dagegen vorsieht, ist jene leibliche Besorgnis, die nur die Partei der Sache nimmt, der sein Geist dient. Das könnte nur die heroische Forderung verkennen, die der Sache des Gewalttäters den gleichen Rang und das gleiche Recht zuerkennt. Im Kampf mit diesem zu unterliegen, hieße aber unstreitig an Wert mehr opfern, als durch Vermeidung solchen Kampfes an Ehre gewinnen. Wenn selbst im Zweikampf, wo doch zwei ideell gleichwertige und zumeist gleich große Energien einander gegenüberstehen, der Ausgang nicht die Entscheidung bedeutet, weil der Materie des Streits das Mittel widerstreitet (obschon die Ehre dem Blut verwandter ist als die Meinung), welcher Wahnwitz könnte den Menschen, der das Recht in Anspruch nimmt zu denken was andere nicht denken wollen, der Entscheidung durch körperliche und mechanische Überlegenheit aussetzen? Nur wer seine Sache für besiegt hält, wenn er dieser Entscheidung erliegt, dürfte sie auch für kompromittiert halten, wenn er sich der Entscheidung entzieht. Er wird es aber mit dem Recht des Geistes tun, der den drohenden Zufall und das Hindernis, das sich ihm in den Weg stellt, nicht als Partner seines Kampfes anerkennt, sondern ihnen ausweicht, wenn sich ihre Wirksamkeit anders nicht verhindern läßt, und sich mutig dem Spott aussetzen, der ihn für einen Feigling erklärt, weil er als Passant vor einem fallenden Dachziegel auf der Hut war. Blindem Zufall und blinder Gewalt gegenüber ist aber Vorsicht wahrlich der Tapferkeit besseres Teil. Den Unvorsichtigen mutig zu nennen verpflichtet freilich dazu, den Dachziegel für einen Feigling zu halten. Aber es wäre auch verfehlt, das Betragen der Gewalt in das Gebiet des Tapferkeitsproblems zu rücken und die Tat für ebenso feig zu erklären wie ihre Erduldung für mutig. Der Attentäter hat sich nicht geflissentlich einen physisch unzulänglichen Vertreter der gegnerischen Anschauung ausgesucht. Auch hat er, indem er davonlief, sich nicht der Vergeltung eines Gegners entzogen, den er von hinten überfallen hatte, weil er von vorn mit ihm nicht fertig geworden wäre – gegen dessen Revolver er jedoch gleichfalls wehrlos gewesen wäre – : sondern er hat entweder als Träger des verruchten Gedankens sich in Sicherheit vor einer Justiz bringen wollen, die es ihm unmöglich gemacht hätte, weitere Attentate zu begehen, oder als Instrument ganz mit Recht gefunden, daß er bloß für die Exekution der Schandtat, aber nicht für das Eingesperrtwerden bezahlt sei. »Tapfer« in dem Sinn, in dem hier der Mangel dieser Eigenschaft festgestellt wird, dürfte der Attentäter schon hinreichend sein, aber seine Tat ist ganz jenseits solcher Betrachtung schändlich. Wie der Angegriffene in der leiblichen Zurückgezogenheit vor den Gewalttätern noch immer genug »Mut« zu bewähren hätte, so erscheint auch durch die Flucht des Attentäters vor den legitimen Verfolgern noch kein Beweis für »Feigheit« erbracht. Auch er hat den ihm zustehenden Mut schon durch die Tat bewiesen, durch die er ja nicht nur die Gefahr läuft, aus der er davonläuft. Da aber der geistige Mut, der vor der Tat nicht zurückschrickt und wenn nichts anderes, so doch mindestens alle Pein der eingeschränkten Freiheit riskiert, der höhere ist, so kommt nur er hier als Kriterium in Betracht. Die Bejahung des andern, das Unternehmen, den Mut eines Schriftstellers und den eines Rowdys bloß als Quantitäten gleicher Kategorie abzuwägen, würde unweigerlich zu der Frage führen, warum jenen, dem eben nachgerühmt wird, daß er seit langem sich zur Einzelhaft der Arbeit verurteilt hat und jeden Trubel wie jede Gelegenheit, physisch sichtbar zu werden, meidet, just auf einsamen Spazierwegen der Ehrgeiz angewandelt hat, ein Held zu sein. Da es dafür keine zureichende Erklärung gibt, so bedeutet die Stellung des Tapferkeitsproblems in diesem Fall nichts anderes, als einem Mann, der, von Räubern umlauert, seinen Geldschrank offen ließ, nicht Sorglosigkeit vorzuwerfen, sondern Freigebigkeit nachzurühmen und von dem, der sich erwartetermaßen über den Geldschrank hermachte, zu sagen, er sei ein Geizhals. Und um nicht selbst für einen solchen gehalten zu werden, hat jener den Wächtern abgewinkt, die, wissend, daß der frechste Raub geplant und unabwendbar sei, sich nicht für verpflichtet gehalten haben, nun umso besser aufzupassen. Die Feldgrauen über Otto Ernst Ein Wehrmann: Ich habe hier einen Kameraden, nur mal um einen Fall herauszugreifen von den hunderten. Er ist ein Familienvater wie ich, die erste Zeit ging es noch, aber nach zwei Monaten schon kam es. War es das Heimweh, war es Sorge um Weib und Kinder. Ich wußte es erst nicht ... Es wurde von Tag zu Tag schlimmer, kein Lachen mehr, kein freundliches Wort kam mehr über seine Lippen ... Doch mit einem Male war's vorbei. Ich hatte bei einem Kameraden von Otto Ernst »Laßt Sonne herein« und »Appelschnut« gesehen. Und mit diesen beiden Helfern habe ich einen trüben Menschen fröhlich, einen Blinden sehend gemacht. Ein Hauptmann: ... Eine Gnade Gottes, ein unschätzbarer Segen sind Ihre Werke für uns Deutsche in dieser schweren Zeit! ... Sie sind für mich die Bestätigung, die Verkörperung des männlich-deutschen Glaubens der Gegenwart. Darum kann ich nicht anders, ich muß Ihnen, gerade Ihnen mein Herz ausschütten. Ein Hauptmann: Ich las Ihr Buch – wörtlich: »unter sich kreuzendem Geschoß inmitten«. Das Schlußkapitel von »Semper der Mann« – jeder Deutsche sollte es sich in das Herz schreiben, es sähe besser in Deutschland aus. Ein Obermatrose: Wir haben als Zeichen unserer großen Dankbarkeit und unbeschreiblich großen Freude drei kräftige Hurras auf Sie ausgebracht. Ein Kanonier: ... Wieviel mehr Freude gewährt ein einziges solches Buch als ein Dutzend Schmöker! Besonders wir, die wir an der Langeweile der Westfront fast verkommen, bedürfen einer Aufmunterung und einer Stärkung dessen, was uns verloren zu gehen droht. Dem arbeiten am wirksamsten gute deutsche, gemütvolle Bücher wie die Ihrigen entgegen. Ein Luftschiffer: Ohne Phrasen dreschen zu wollen: Ihr Buch war mit das Schönste, Tiefste und Erhebendste, was ich seit Jahren gelesen habe ... Und nun lächeln Sie nicht wieder so spöttisch und freuen Sie sich, daß Sie einem Erdenbürger , der alles nur grau in grau sah, so glückliche Stunden bereitet haben. Ein Offizier-Stellvertreter: Wir lagen in Polen im Schützengraben. Ob noch ein Angriff zu erwarten sei, konnte niemand sagen; doch übten wir die größte Wachsamkeit. Um unsere Nerven, die wieder einmal ihr Teil erhalten hatten, etwas zu beruhigen, krochen wir in den Unterstand, wo ich, um uns auf andere Gedanken zu bringen, etwas vorlesen mußte. Ich wählte Ihre Plauderei »An die Zeitknicker«, die auch viel Anerkennung fand. Eben wollte ich die »Anna Menzel« beginnen, als wir zu unseren Zügen gerufen wurden mit der Meldung: am Waldrande habe man feindliche Schützen erkannt. Der Tanz begann. Immer mehr Angreifer kommen aus dem Walde hervor. Unser Maschinengewehr, welches sich zwischen meinem und dem ersten Zug befand, fängt nun auch an mitzuwirken. Ebenso war unsere Artillerie auf der Hut gewesen und sandte nun gruppenweise ihre Schrapnells auf den Gegner. – Mir fiel die Unruhe meiner Leute auf; der Gegner hatte schon teilweise den Drahtverhau erreicht. Unter meinen Leuten waren sehr viel junge Krieger, die heute zum erstenmal im Feuer standen. Was konnte ich als Zugführer anderes tun als ihnen zurufen, ruhig zu feuern. In diesem Augenblick dachte ich an die Worte aus der Mahnung an die »Zeitknicker:« ›Ruuuhig, nur immmmer ruuhuhig!‹ Gebückt von Mann zu Mann, von Gruppe zu Gruppe kriechend, rief ich ihnen zu. Die Wirkung war bald zu merken. Die Feinde, die schon im Begriff waren, unseren Drahtverhau zu überwinden, wurden von den nun sichtbar ruhig feuernden Schützen niedergeknallt. Der Angriff war glatt abgewiesen; wir hatten nur wenig Verluste. So ist es uns geglückt, dem Gegner wieder einmal eins auf die Nase zu geben dank unserer Wachsamkeit und d em ruhigen Feuern der Schützen , das ich wiederum in erster Linie Ihrer Erzählung verdanke. Sie hat eine ungeahnte Wirkung gehabt. Eine österreichische Krankenschwester: Ich bin Schwester des Roten Kreuzes. Ich schreibe diese Zeilen während der Nachtwache, fortwährend unterbrochen von dem Läuteapparat, der mich zu einem Leidenden ruft. Ich habe meine Soldaten alle lieb; denn jeder ist krank und hilfsbedürftig; aber natürlicherweise fühlt man sich doch zu den Deutschen mehr hingezogen , weil man mit ihnen sprechen und ihnen erzählen und vorlesen kann ... Und dann die eifrigen Debatten über das Gehörte, und dann die Frage, wer denn so schöne Geschichtl machen könne! Und versprechen muß ich allen, ihnen ganz bestimmt Ihr Bild zu zeigen ... Ein Hauptmann: Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich Ihnen durch Taten Dank abstatten könnte ... Ein Generalmajor: Gestern habe ich mich an Ihrer »Weihnachtsfeier« erquickt. Leider habe ich in Ihren Büchern nicht finden können, ob Sie – wenn Sie sich mal zur Arbeit stärken müssen – dies mit Rot-oder Weißwein tun. Bei Ihren prächtigen Charaktereigenschaften und Ihrem Humor würde ich (als Mecklenburger!) auf Rotwein schließen! Eins aber weiß ich: sollte es im Himmel Sofaplätze geben, dann bekommen Sie einen solchen. Sechzehn Kraftfahrer: Sechzehn Kraftfahrer der 10. Armee haben mit Entzücken Ihren » Offenen Brief an Annunzio« gelesen – er drückt in Worten unsere Gefühle aus! Wir können nicht unterlassen, Ihnen zu danken. Ein Soldat: ... Ich war gestern, als ich von Ihnen las, in einer jubelnden, jauchzenden Stimmung; alles um mich herum war ein sonniges Tal mit blühenden Bäumen ringsum. Ein Vizefeldwebel: Innigen Dank für den »Gewittersegen«, der mich erfrischt und erquickt hat. Der Teufel hole alle Flaumacher und Nörgler; wie hat das Buch mir und allen in Feldgrau aus der Seele gesprochen! Ein Unteroffizier: Heute haben wir Ostersonntag. Am Nachmittage wollen uns benachbarte Unterstände besuchen, und zur Feier des Tages wird Ihr »Sonntag eines Deutschen« vorgelesen. Das soll uns die schönste Osterfeier ersetzen. Ein Landsturmmann. In den Freistunden findet ein richtiges Wettlesen statt. Jeder möchte zuerst dieses oder jenes Ihrer Bücher lesen, und da wir bisher drei Stück erhielten, muß hübsch gewartet werden, bis ein Kamerad das Buch zu Ende hat. Ein Flieger-Beobachter: Gerade Sie, der Sie sich stets als Lebensbejaher erwiesen, sind ein Erlöser in diesem Stumpfsinn des täglichen Einerlei. Dank, herzlichen Dank dafür! Ein Kriegsgefangener: Ein tausendköpfiges Kriegsgefangenenlager im Lofthouse Park verlangt, um hinterm Stacheldraht nicht geistig zu verkommen, nach Nahrung. Sie, lieber Otto Ernst, müssen unverzüglich nach England kommen. Da aber das leider nicht geht, so verwandeln Sie sich in ein Buch, das den Namen trägt: »Flachsmann als Erzieher«. Fräulein Appelschnut oder sonst wer Liebes steckt es in ein Paketchen, und so naht uns der Befreier aus geistiger Umnachtung. Ein Militärmusiker: ... Über die Zeit der Trennung sollen meiner lieben, armen, unglücklichen Braut Ihre so wunderbar heilkräftigen, tröstlichen Werke hinweghelfen! ... Ein Offizier aus Arabien: ... Der Dank ist ein besonderer nicht nur wegen der Stärke des Inhalts, sondern auch wegen des Ortes, an dem ich ihn zuerst empfand, nämlich als ich, als Stabsmitglied des nun heimgegangenen Marschalls v. d. Goltz-Pascha, auf dem Rückwege von Bagdad im März 1916 nach Konstantinopel am Euphrat entlangfahrend, Ihre reizenden Geschichten las, die mich in der trotz Weltberühmtheit dieses Flusses überaus öden Umgebung desselben besonders herzerfrischend berührten. Ein Oberleutnant: Die Verse voll Kraft und Begeisterung wirkten direkt erhebend auf mich und meine Kameraden. »An mein Vaterland« müßte millionenfach verbreitet werden; es ist geradezu klassisch zu nennen. Ein Kompagnieführer: ... Die Bücher müssen sofort meine braven »Kerls« lesen. Draußen brüllen die Kanonen, »teils leichtere, teils schwerere« ... In dieser Umgebung habe ich einige schöne, frohe Friedensstunden erlebt, und das durch Sie ... Ein Kriegsfreiwilliger: Gestern las ich Ihr kräftiges Protestlied gegen die englischen Vettern. Wie habe ich mich gefreut! ... Es war mir ein Bedürfnis, dem lieben Meister einen herzlichen Gruß zu entbieten und ihm zu zeigen, daß ich auf meinem Platz stehe ... Ein Oberleutnant: Jede tapfere Zeile zündet wie eine pünktlich krepierende Granate . Ich bitte um einen Hinweis, wo Neues von Ihnen zu finden ist. Der Dank wird nicht ausbleiben. Ein Obermatrose: ... denn es geht einem ja bekanntlich der Mund über, wenn einem das Herz voll ist. Ein Landsturmmann: Sie können mit Ihrer von Gott gesegneten Feder unserem Vaterlande mehr nützen als mit dem Bajonett. Bedienung der 9-cm-Geschütze, genannt »Die Sturmkolonne:« ... Unser Dienst läßt es aber nicht immer zu, daß alle daran teilnehmen, und so lesen wir den Roman doch lieber einzeln ... Ein Oberleutnant und Kompagnieführer: Bei Regen und Hagelschauern ließ ich »Sonne herein« in meine Erdhöhle ... Bei dem »Rauch- und Brandopfer« einer Liebesgabenzigarre träumte ich von »Fatima« und vergaß darüber fast Essen und Trinken, trotz Erbswurst und Speck. Zwei Offiziere und zwei Unteroffiziere: Vier wackere Schwaben grüßen den Verfasser des Herrn »Gutbier«. Wir liegen ebenso gern für deutsche Männer Ihrer Gesinnung im Felde, als wir wünschen, eine große Anzahl solcher »Gutbiers« bei uns zum Wasserschöpfen im Schützengraben zu haben. Ein Unteroffizier: Ich erhielt zu Weihnachten durch einen Freund Ihre patriotischen Gedichte, und mache mit denselben hier großes Aufsehen, muß sie immer wieder vortragen. Ein Soldat: Diese jedes brave Herz erhebenden Gedichte werden bestehen, solange die Welt deutsche Treue und englische Falschheit kennt. Ein Obermatrose: Mir persönlich ist gewissermaßen die Otto Ernst-Verehrung schon in der Schule gekommen ... Dankbar dem Schicksal bin ich, daß es mir Gelegenheit gibt, dieses dem Dichter selbst mal sagen zu dürfen. Das Glück , im Gefecht zu stehen , haben wir noch nicht gehabt ; unsere Zeit vergeht bis jetzt mit Warten. Aber einmal wird der Engländer uns wohl kommen müssen, und daß das bald geschieht, das wollen wir hoffen ... Ein Justizrat: Das Otto Ernstsche prächtige Werk »Appelschnut«, welches in Ihrem Verlage erschienen ist, eignet sich in ausgezeichneter Weise zur Versendung ins Feld. Es würde manchem feldgrauen Familienvater große Freude bereiten. Ich möchte Sie bitten, eine wohlfeile Volksausgabe herstellen zu lassen. Es wäre doch außerordentlich schön, wenn das prächtige Buch möglichst vielen Familienvätern, die in der Front stehen, zugänglich gemacht würde. Ein Offiziersstellvertreter: Bevor ich wieder in den Schützengraben steige, lese ich in Ihrem »Grüngoldnen Baum«, »Von zweierlei Ruhm« und anderes. Ich habe wieder mal herzliche Freude über Ihren Humor und hoffe, daß die Wirkung auch im Granatfeuer nicht nachläßt. Ein Stabsarzt: Ich las Ihren offenen Brief an d'Annunzio. Mir aus dem Herzen gesprochen! ... Ich kämpfe mit dem Messer, Sie mit der Feder, jeder nach seinen Kräften. Die Hauptsache ist, daß wir durchdringen. Gott strafe England! Ein Gefreiter: Ihr ausgezeichneter Humor half uns über manche trübe Stimmung hinweg und förderte den Unternehmungsgeist. Solche Schriften sind von patriotischer Bedeutung. Ein Offiziersaspirant: Von der Walstatt aus entbiete ich Ihnen, großer Meister und Freund der Jugend, meine herzlichsten Grüße! Möge es uns bald vergönnt sein, den schon aus vielen Wunden blutenden Feind röchelnd zu unseren Füßen zu sehen. Es lebe mein österreichisches Vaterland und mein großes unsterbliches deutsches Volk, die deutsche Kunst und ihre größten Diener! Heil dem Künstler, dessen Feuergeist für seines Volkes Ehre ficht! Ein Leutnant und Dichter: Ja, Sie haben tausendmal recht, nein sechsundsechzigmillionenmal! Denn in uns allen spukt (und spuckt) leider Gottes dieser »Gutbier«; wer hat nicht schon fremdes Verdienst geschmälert! ... Ein Oberleutnant: Haben Ihnen nicht manchmal die Ohren geklungen, wenn ich eines Ihrer Englandgedichte in Kasinos und Kadettenkorps vortrug? Gejubelt wurde genug, um es bis an die Küste zu hören. Ein Leutnant: In der Telephonbude liegt ein Buch von Otto Ernst. Die Sonnenflecke spielen über die Seiten. Ich hab' so 'ne Freud' an Ihnen gehabt, so 'ne Freud' überhaupt bekommen am Morgen, daß ich ein Ventil haben muß für all den Frühlingsübermut in mir. Fortlaufen , durch den Wald laufen, in die Welt laufen möcht' ich! Verflucht, das möchte ich, wenn ich nicht meinen Posten hätt'! Was denn dann tun? Singen! Jawohl, das hilft mir immer! Gleich will mir nicht einfallen, was nun am besten zu schmettern wär. Husch – da ist der Gedankenblitz – schwupp, da liegt der Befehlsblock! Raus mit dem Bleistift – Otto Ernst soll einen Gruß haben! Guten Morgen, Otto Ernst! Wissen Sie auch, daß Sie ein ganz alter Bekannter von mir sind? Jawohl, Sempersjung, das sind Sie! ... Ein Flieger (mit einem Bilde): Dem Dichter und Meister zum Danke für sein neues Buch, das mir den rechten Genuß brachte und uns stärken wird zu neuer Arbeit im Dienste der hohen Sache. Ein Unteroffizier: Am Dienstag war hier an der Westfront Theater, und zwar gab man, verehrter Dichter, Ihren »Flachsmann als Erzieher« bei überfülltem Hause. Es war mein schönster Abend an der Front. Ferner: Eine Oberin; Ein Oberst; Vier Offiziere, darunter ein Oberlehrer; Ein Unteroffizier; Ein Kraftfahrer und stud. hist. art.; Ein Oberleutnant und Kompagnieführer; Ein kriegsgefangener Arzt in Sibirien; Ein Soldat; Ein Soldat; Kriegsgefangene Offiziere in Sibirien; Ein Landsturmmann; Ein Vizefeldwebel; Ein Leutnant; Ein Unteroffizier; Ein Armierungssoldat; Ein Feldwebelleutnant; Ein Soldat; Ein Pionier; Ein Gefreiter; Ein Internierter; Von Sr. Königl. Hoheit dem Kronprinzen von Bayern; Aus dem Kabinett Sr. Majestät des Königs von Bayern. So geht der Strandläufer von Sylt trockenen Fußes durchs rote Meer. Die Gefährten Da ist mir im Juli-Heft der Fackel etwas Unangenehmes passiert, indem ich nämlich, dieweil ich einem andern eine Grube grub, selbst hineinfiel. Ja, dieses bekannte Experiment hat sich in einer so beispielmäßigen Weise an mir vollzogen, daß das Sprichwort geradezu von meinem Abenteuer abgeleitet scheint, das denn auch ganz gewiß in einer künftigen Fibel für Literaturbuben die zugehörige Illustration bilden wird. Daß daneben auch noch Hochmut vor dem Falle gekommen ist, versteht sich mehr minder von selbst und man wird schon sehen, wie kleinlaut ich geworden bin, nachdem der Bogen, der allzu straff gespannt war, zersprungen ist. Ich bin noch ganz verwirrt von den Ereignissen, die sich überstürzt haben, von der Enthüllung meiner Tat wie von jener Spannung, die einer Erleichterung drückenden Schuldbewußtseins weicht und fast einem Dankgefühl an die Nemesis, die mit der Sühne doch zugleich die Ordnung einer ethisch gerichteten Natur herstellt. Was ich getan habe, ist nur aus jener durch den Beifall meiner Anhänger genährten Eitelkeit zu erklären, die die Zügel verloren und gewähnt hat, sich vor einer literarischen Generation, die noch ein sittliches Gewissen hat, rein schon alles erlauben zu dürfen. Da war ich denn so unvorsichtig, einem jungen Mann, der, wie sich jetzt herausstellt, in durchaus selbstloser Weise der Verbreitung Jean Pauls dienen wollte, indem er für dessen Namen seinen eigenen über eine Arbeit Jean Pauls setzte, einen Vorwurf daraus zu machen, in völliger Unkenntnis seiner lauteren Absichten und auf den bloßen Augenschein hin, weil ich eben ein Werk Jean Pauls unter einem anderen Pseudonym gedruckt fand – und in demselben Heft, in dem ich den Fall erörterte und mich unterfing, ihn zum Maß der moralischen Verwahrlosung unseres Geisteslebens zu machen, bitte in demselben Heft – wenn es nicht wahr wäre, man würde es nicht für möglich halten – passiert es mir, daß ich unter dem Titel »Apokalypse« Verse zusammenstelle, von denen kaum mehr als höchstens 14 ganz von mir sind, während also die überwiegende Mehrzahl aus einem Wortmaterial hergestellt ist, das sich in der gleichfalls unter dem Namen Apokalypse bekannten Offenbarung Johannis unschwer nachweisen läßt und denn auch tatsächlich nachgewiesen wurde. Und zwar unwiderlegbar und an der Hand einer tabellarischen Gegenüberstellung, ganz in der Art wie ich es soeben mit dem wohlgemeinten Versuch eines Jean Paul-Forschers unternommen hatte, der doch nichts getan hat als mit dem jedem Wiener Leser geläufigen Jean Paul die Unbildung einer Wiener Zeitschrift auf die Probe zu stellen. Dagegen ist es nunmehr festgestellt, daß ich, der ich doch nicht meine eigene Zeitschrift zu dupieren vorhatte, mit dem besten Erfolg auf die Bibelunkenntnis der Wiener Intellektuellen spekuliert habe, und diese sind nunmehr entschädigt durch eine literarische Sensation, die sich in umso raffinierterer Weise gegen mich kehrt, als sie schon durch die räumliche Nachbarschaft meines eigenen verunglückten Enthüllungsversuchs es ermöglicht hat, mit jedem Wort, das ich zum Nachweis des angeblichen Jean Paul-Plagiats in die Luft sprach, mich selbst ins Mark zu treffen. Der Nachweis ist so verblüffend, daß der aufgeklärte Leser schon die Unbefangenheit erstaunlich genug finden muß, mit der ich nicht nur den Wortbestand der Bibel, sondern auch ohne die geringste Bemühung um einen neuen Tonfall den biblischen übernommen habe, in der Hoffnung, man werde es nicht bemerken. War es mir aber schon zuzutrauen, daß ich ohne Quellenangabe – während ich in der »Chinesischen Mauer« mich wenigstens noch der ehrlichen Anführungszeichen zum Zitieren bediente – in einem Gedicht von mir Wort und Ton des neuen Testaments verwenden und damit den Versuch machen werde, die Kenner des alten zu täuschen, so ist es doch schier unbegreiflich, daß ich die Tat nicht wenigstens von dem Unterfangen, einen andern des Diebstahls zu beschuldigen, vorsichtig zu separieren bestrebt war, und es gibt eben, wenn ich nicht zugeben will, daß ich vor einem Rätsel stehe, dafür höchstens die eine Erklärung, daß ich gerade durch die an die Leser gerichtete Aufforderung »Haltet den Dieb!« mir eine Deckung für die eigene Tat erhofft hatte. Der Mann nun, der sich unter dem unerträglichen Drucke meiner Wortmacht, gegen die er das beleidigte Recht schützen wollte, nicht nur verpflichtet gefühlt hat, einem jungen aufstrebenden Literaturdieb schützend beizustehn, sondern dem auch das Verdienst zuzuschreiben ist, einen Pharisäer entlarvt zu haben, der sich als Schriftgelehrten aufspielen wollte, der Mann, der mir dahinter gekommen ist, heißt Albert Ehrenstein, ein überaus witziger Kopf, der, wiewohl er seit Jahren meine Sprachschule schwänzen mußte, dennoch vom Mysterium des Wortes hingerissen ist und nicht umhin kann, sich bei Erwähnung des Verlags Strache momentan allerlei einfallen zu lassen, zum Beispiel ein »Strachom«, einen »Strachinogenuß«, einen »heiligen Strachomius«, ein »herostrachisches Mittel«, und der ehrlich bekennt, »die Witzgreisler zu hassen«, aber anderseits doch wieder sich hinreißen läßt und mich – buchstäblich – »krausam« und einen »Scharlachtan« nennt, den »apostolischen Denunzius« oder einen »d'Ennunzio«, einen »Plagiarier«, einen »Hagiografen« (mit f), den Johannes ein »Prodromedar«, die Fackel eine »Apokalypso« der Neuen Freien Presse, einen Berg »Rosinai«, eine Stadt »korrupzionistisch« (mit z) und was dergleichen Unappetitlichkeiten mehr sind, vor denen es selbst den Herrn Ehrenstein graust, so daß ihm nichts anderes übrig bleibt als zu behaupten, er hätte sich meiner polemischen Technik als eines abschreckenden Beispiels bedienen wollen. Nun möchte ich ja nicht leugnen, daß mein Stil, der sich selbst nur gefällt, während ich ihn schreibe, in den Händen seiner zahllosen Nachahmer und jener Imbezillen, die mir ihn heute in Liebesbriefen und morgen in Haßbroschüren nachwerfen, eines der grauslichsten Instrumente ist, deren man im jetzigen Geistesleben habhaft werden kann, und niemand beklagt mehr als ich selbst, daß er kein abschreckendes, sondern ein anziehendes Beispiel abgibt. Niemand weiß besser als ich, daß mein Einfluß nur auf jene Art Jugend ein gesunder ist, die schweigen kann, während er unter jener, die schreiben muß, die verheerendsten und abscheulichsten Wirkungen verübt, da diese eben mein Schweigen, in dem sich meine stärkere Autorität ausspricht als in meiner Rede, nicht aushalten kann, sondern rebellisch wird. Aber so oft ich auch das Schauspiel erlebt habe, daß Mißgeborne, denen zur Sprache zu verhelfen ich von einem Fluch bestimmt worden bin und durch deren Ekstasen wie Invektiven hindurchzugehen mein Los ist, sich mit dem Alphabet, das ich sie gelehrt, an mir gerächt haben – das eine muß ich denn doch zur Ehre meines Stils sagen, daß die Witze des Herrn Albert Ehrenstein nicht von mir gestohlen sind, sondern im Gegensatz zu meiner Apokalypse, die tatsächlich von Johannes ist, sein Originalwerk. Da es aber wirklich geschehen kann, daß solcher Unflat, seiner selbst und aller Zeitnot spottend, in Druck und Papier umgesetzt wird; da es ein buchhändlerisches System gibt, das dem Bestreben, aus der Minderwertigkeit ein Geschäft zu machen, Vorschub leistet; da es wirklich so ehrvergessene Leser der Fackel gibt, die alles was deren Geist verleugnet, aber sich an den Namen ihres Herausgebers hängt, zusammenkaufen: so ist es leider Gottes auch immer von neuem nötig, eine Distanz wiederherzustellen, über die sich hausiererhafte Zudringlichkeit in der Literatur weit ungenierter als auf andern Gebieten des täglichen Bedarfs hinwegsetzt. Und so muß denn gesagt werden, ein rotes Umschlagblatt und Plakate, die da – namentlich in den fackelfreien Wiener Buchhandlungen, die es um keinen Preis sein wollen – unter der Aufschrift »Die Gefährten« die Namen Albert Ehrenstein und Karl Kraus in suggestiver Verbindung anbieten, sind eine Irreführung. Ich bin nicht der Gefährte des Herrn Albert Ehrenstein und eben weil ich es nicht bin, sind illae lacrimae, diese Kalauer entstanden, und die Verteidigung eines Diebstahls, die noch weit mehr für die Verlotterung der geistigen Ehre beweist als die Tat. Fern sei es von mir, eine Literatur, die nicht einmal die Kraft zur direkten Lüge hat, sondern anspielerisch jene ekelhafte Eingeweihtheit in die Affären des nächsten Kaffeehaustisches beim Leser voraussetzt, mit dem Axthieb tatsächlicher Feststellungen erledigen zu wollen und als ein geistiges Milieu von tinterlhafter Esoterik eben den Umgang zu enthüllen, den ich nicht pflege, sondern davon nehme. Aber zu sagen ist, daß ich in einer Zeit, in der ich noch verurteilt war, literarische Charaktere und was immer sich daraus entwickeln möge, auszubrüten, auch Herrn Albert Ehrenstein, der mir dahinter gekommen ist, die denkbar ausgiebigste Förderung habe angedeihen lassen. Selbstlos hatte ich mich durch Jahre hingegeben, Abend für Abend, aller schon mitgebrachten Ermüdung zum Trotz, stumm gezückte Manuskripte stumm übernommen und durchfrisiert, wiewohl ich wußte, daß ich dem Autor mit dem Dreck auch einen Teil seiner Eigenart nahm. Freigeworden, mußte sie sich rächen. Man kann mir das Grauen nachfühlen, daß ich mein ganzes Leben hätte gezwungen sein sollen, Ehrenstein zu redigieren. Trotzdem möchte ich noch heute, wiewohl er von meiner Anerkennung in jeder Hinsicht den übelsten Gebrauch gemacht hat, nicht leugnen, daß [er] im finstersten Ghetto des Geisteslebens eine schärfer umrissene Figur bildet als manche Sonnenmoritze, die von der Natur des Dranges überhoben sind, ihrem Schicksal Steine nachzuwerfen und infolgedessen als Journalisten eher Verwendung finden können als Herr Albert Ehrenstein. Dazu verdammt, ein Genie zu bleiben, ohne es zu sein, hatte er seine Berufung mit einer kleinen Prosaarbeit verausgabt, über die hinaus es ihm immer wieder nur gelingen könnte, die von jeder Produzierkraft entblößte Persönlichkeit des Tubutsch zu produzieren. Was das für Leben und Umgang bedeutet, kann der Kenner dieser Gestalt ermessen, deren Anlagen man doch nur dann dem Schutze des Publikums empfehlen kann, wenn sie künstlerisch bewältigt sind, und an deren bis auf Widerruf freiwillig eröffnetem Abgrund man lieber vorbeigeht. So auch ich. Den Typus, der mit dem Rücken zur Tür das Zimmer verläßt, konnte ich, einmal für allemal gestaltet, wie jeden andern als literaturfähig gelten lassen, aber ihm in seinem persönlichen Gehaben nicht die Fähigkeit zu Literatur und Verkehr zuerkennen, und er rechtfertigt nun das Mißbehagen, indem er es mit jener polemischen Haltung quittiert, die sich bei jedem Schlag gleich die Wange zuhält und Witze austeilt, nach deren Empfang man sich zwar nicht verbinden, wohl aber kratzen muß. Sie entspringen einem gordischen Weichselzopfe des Denkens, den es ein Leichtes wäre mit einem Abfahren ! oder Nichts zu handeln ! zu durchhauen. Aber der Leser ist leider durch den Tonfall eines Geschreis so leicht verführt und durch eine mitofferierte Beilage so leicht verblendet, daß es schon nötig ist, die willige Kundschaft, die nur mit ihrem Geld und guten Glauben und nicht wie der Betroffene auch mit ihrer Person herhalten muß, auf den Schwindel aufmerksam zu machen. Denn es gibt keinen Schwindel, der heute seine Wirkung verfehlte, selbst wenn er der namenlosen Dummheit entstammt, eben das zu enthüllen, was zutage liegt, und ein Plagiat anzuklagen, dessen Wesen und Wert darin besteht, eines zu sein. Herr Ehrenstein zerreißt sich in Stücke, weil ich dadurch, daß ich die aus einer politischen Welt geschöpfte Vision vom Untergang an einer neuen Zeitwende erstehen ließ, »das erlauchte Wort der heiligen Schrift geschändet und verstümmelt habe«, und er will »das von einem. Politikus eingejochte Flügelpferd des unsterblichen Propheten« um jeden Preis befreien. Aber indem er nebst Kulka Johannes und Luther gegen mich schützt, wobei man schwanken mag, ob ihm der heilige Geist oder die Reliquie stagelgrüner aufliegt, läßt er sich zu Taten hinreißen, die die Überprüfung seiner geistigen, aber auch seiner sittlichen Befugnis bedenklich nahelegen könnten. Denn wenn wir schon darüber rechten wollen, ob ich mit einer Silbe dem Heiligtum nahegetreten bin oder durch das Zitat einer politischen Prophetie, das als Motiv der Fackel deren Lesern so bekannt ist wie diese selbst, die von Herrn Ehrenstein behütete »Urmacht des heiligen Hauches utilitaristisch Zeittendenzen nutzbar gemacht habe«, und wenn schon ein »Donnerwort des Johannes« mich nicht gehemmt hat, so weiß ich nicht, ob just den Blitzen des Herrn Ehrenstein überzeugende Kraft beizumessen sein wird. Es wird Herrn Ehrenstein, der schon das Nachsprechen des heiligen Worts als Sakrileg empfindet und der zu einem Schutz des Bibelgutes gegen meinen Zugriff vielleicht gegenüber meinem »Gebet an die Sonne von Gibeon« berufen gewesen wäre, schwerlich gelingen, seine Mission zugunsten des neuen Testaments zu beglaubigen. Zumal wenn er an einen Exegeten geraten sollte, der sich der Ehrenstein-Worte erinnert, worin »eine ungemein starke Abneigung gegen Jesus. Christus« einbekannt wird, für den »eine unverdient kräftige Reklame getrieben« werde, was allerdings vom Standpunkt eines rezensionsgierigen Literaten höchst beklagenswert ist. Aber ein Bekenntnis von einer untermenschlichen Ehrfurchtlosigkeit, wie sie vielleicht noch nie auf Papier exhibitioniert wurde, so daß es vollständig zu zitieren gar nicht möglich ist, wäre ein Einzelfall und noch kein Zeitdokument, wenn der Bekenner nicht identisch mit jenem Eiferer wäre, der sich vor meiner frivolen Schändung der heiligen Schrift bekreuzigt, mit jenem Gütigen, der mir, ausgerechnet, zu Demut und Nächstenliebe zuredet. Aber ist denn nicht auch der Scherzbold, der mich einen »alten Klassikaner« nennt, identisch mit jenem Ehrfürchtigen, der auf einem Widmungsblatt »dem Menschen und Herausgeber der Fackel dankt, Karl Kraus, den Klassiker, grüßt in tiefster Verehrung – so gut er konnte...«? Er konnte gut. Er ist mir jetzt dahinter gekommen, aber er hat es immer gut können. Heute erkennt Herr Ehrenstein noch an, daß ich, seitdem er meinem Lebenskreise entrückt ist, als Stilist durch Fleiß Fortschritte gemacht habe, wiewohl ich doch nicht mehr Gelegenheit hatte, meine Stilkunst an seinen Manuskripten zu üben; er möchte aber meinen Charakter vollkommener, reiner. Über Charakterfragen bin ich sehr gerne bereit mich mit ihm auseinanderzusetzen. Für Sprachprobleme lehne ich seine Kompetenz ab. Daß die hundert Verse der »Apokalypse«, auch wenn nicht ein Wort darin von mir wäre, dennoch von mir wären, darüber werde ich ihn vergebens belehren, so wenig wie ich ihm begreiflich machen würde, daß ein Gedicht, das ein Expressionist schreibt, auch wenn jedes Wort von ihm ist, doch nicht von ihm ist. Ich behaupte sogar, daß sich zwar der Polemik, die Herr Ehrenstein gegen mich unternommen hat, ein Saphir schämen würde, weil sie eben in der Hauptsache von Ehrenstein ist, daß aber ihre letzten zwei Absätze, in denen doch auch jedes Wort von Ehrenstein ist, von Jean Paul sind, von eben jenem Jean Paul, den sein Gefährte bestohlen hat, und er täte nun gut, meinen Satz von den »Literaten, denen etwas angeflogen kommt, und von dem ehrlichen Plagiator, der mir lieber ist«, daraufhin noch einmal zu lesen, um zu verstehen, wie er richtig anzuwenden wäre. Er hat sich die Mühe genommen, sämtliche Worte aus der Luther-Übersetzung herauszuschreiben, aus denen mein Versstück »Apokalypse« besteht, er tadelt jene Wendungen, in denen ich von Luther abweiche, denn er hat nicht gewußt, daß sie nicht von mir, sondern – wie jene verhöhnte Stelle von den 200 Millionen, die nüchterner als bei Luther, aber wegen der Kongruenz mit einer vorgestellten Chinesenmacht bevorzugt – aus der Übersetzung des Leander van Eß sind. Er hat sich dieser ganzen kritischen Arbeit unterzogen und war auch nicht einen Augenblick von der Ahnung beschlichen, daß es eben jene Arbeit, nein, nur ein Teil jener Arbeit war, auf die ich stolz bin und die ich am liebsten selbst neben dem Gedicht publiziert hätte, um dem Leser zu zeigen, daß zwischen den Worten Johannis, deren verkündete Unantastbarkeit Herr Ehrenstein als eine künstlerische mißversteht, und meiner Leistung ein Sprachraum durchmessen ist, in dem rund hundert Gedichte von Ehrenstein Platz haben, und zwischen dem politischen Erlebnis jener Prophetie und dem ihrer Anwendung auf unsern Zeitinhalt hundert Einfälle eben dieses Denkers durchrutschen können. Ich kann sagen, der Wahrheitsbeweis des Herrn Ehrenstein für seine Plagiatsbeschuldigung ist ihm gelungen, und zwar so sehr, daß ich ihn wegen Beleidigung verklagen würde, wenn er mir ihn schuldig geblieben wäre. Hätte freilich ich statt seiner ihn zu erbringen gehabt, so wäre ich noch weiter gegangen und hätte dargetan, daß ich selbst dort, wo ich von Luther abwich, nicht aus mir geschöpft habe, sondern aus dem andern Übersetzer, so zum Beispiel auch, wenn ich die Könige mit der Babylonierin »buhlen« statt »huren« lasse, aber nicht wie der Schwachkopf vermutet, aus Bedenken der Prüderie, sondern wieder nur um meiner Deutung zu entsprechen. Ganz gewiß jedoch hätte ich nicht die Unsauberkeit begangen, bloß das verwendete Wortmaterial abzudrucken, statt der vollständigen Absätze, denen ich es entnommen habe. Wie? Herr Ehrenstein verhöhnt diese Methode, zu »verkürzen«, zu »konzentrieren«? Aber er muß doch aus der Erfahrung, die er mit meiner Kunst, ein vorhandenes Werk umzugestalten gemacht hat, wissen, was er vor dem Sprachstoff der Luther-Übersetzung vergessen haben will: welche Bibelwunder entstehen, wenn ein Wort, das erst zwei Zeilen später kommt, hinaufgerückt und was dazwischen liegt gestrichen wird, wobei noch Luther vor ihm den Vorteil voraus hat, daß die Heiligkeit seines Textes neben meiner Komposition der Welt erhalten bleibt, während Herr Ehrenstein die Vergewaltigung seiner sämtlichen Manuskripte durch mich dankbar ertragen hat. Freilich könnte er sagen, daß ich, der ihm die schöpferische Gnade meiner Redaktion selbstlos zuwandte – wie jedem, der sie mir durch ursprüngliche Begabung zu verdienen schien – dennoch seinem Werk nicht meinen, sondern bloß seinen Namen vorgesetzt habe. Aber ich kann ihm versichern, Luther hätte sich's nicht gefallen lassen, sondern meine Namensfertigung der Originalität meiner Leistung angemessen befunden, und selbst die Aufklärung durch Herrn Ehrenstein hätte ihn nicht vermocht, in meiner Apokalypse die seine wiederzuerkennen, die doch auch bloß eine Nachschöpfung ist. Es ist wohl nur im Tollhaus des Literatentums möglich, daß der Jean Paul-Abschreiber, der sich damit rechtfertigen will, daß er der Abschreiberin sein Honorar überlassen hat, mich in eben diesem Zusammenhang ein Hirn nennt, »das so tut, als verstände es nicht, daß die dichteste Gestaltung außerhalb ihres Gefüges wieder Rohmaterial wird und, sobald ein anderer Dichter sie empfängt, eine andere«. Das soll die Abschrift eines verschollenen Essays von Jean Paul rechtfertigen, aber keineswegs die Schöpfung eines Gedichts aus dem Vorstellungsbestand der Bibel! Herr Ehrenstein ist mir dahinter gekommen. Er war mir immer dahinter. Er kann mir dahinter bleiben! Nein, ich werde mit zwei Gefährten, einander wert in der Fähigkeit, die dichteste Wahrheit außerhalb ihres Gefüges als Lüge zu empfangen, kein liederliches Kleeblatt bilden. Doch was Ehrenstein angeht und sein Haßgetändel, so ist immerhin zuzugeben, daß er einmal ein Wahrwort gesprochen hat, welches da lautet: »Der Mensch ist Schleim, gespuckt auf eine Schiene«, und ich bin überzeugt, daß diese Spur von seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen wird! Die Sintflut die ein Aktenstück heraufbeschworen hat – mag auch ihr strategisches Vorspiel beendet sein –, ist unabwendbar. Alles Märtyrertum dieser heillosen Jahre werde geweiht von dem Heldentum, welches der großen Vergeltung wissend entgegengeht, die als die Idee der blinden Naturgewalt Gerechte wie Ungerechte trifft. Die grauenhafte Offensive des Hungers, der Sturmlauf der durch die unselige Erlaubnis geweckten und abgerichteten, durch ein fluchwürdiges Kommando zugleich niedergehaltenen und verstärkten, durch den Zusammenbruch der elenden Scheinmacht entfesselten Triebe: dies Chaos mag dunkler sein als einer jener Siege, die, mit Gott und Gas errungen, in geraubten Weinfässern ersoffen sind – Hand auf die Stelle, wo selbst dem Kriegsausbeuter ein Herz sitzen soll: ist das da nicht der Krieg als solcher? Der wieder in seine Naturrechte eingesetzte Krieg? Der Krieg, in dem nicht mehr die andern sterben, der Krieg, in dem nicht gelogen wird, der Krieg, den Hunger gewinnt, nachdem ihn Feldherrn und Diplomaten verloren haben, der Krieg, der beginnt, wenn die Generalstabsberichte aufhören? Hand auf das Herz, dessen Habgier vom Welttod Gewinn und Ehre nahm – denn Lügen hilft nur, wenn das Vaterland die andern ruft –: ist es zu Ende, wenn die Glorie auf dem eigenen Schindanger krepiert ist? Sind nicht nach der Auseinandersetzung mit dem »Feind«, der, ein Bundesgenosse der Kriegsleiden, als Individuurn immer nur unschuldigstes Opfer seines Mörders ist, sind nicht gemäß dem Diktat der unabsetzbaren Naturmächte alle Feindgefühle aufgespart für einen Haufen von Landsgenossen, die weitab von der Gefahr der Bestialisierung der Menschen bejubelt und bedichtet, die Effekte in Kinogenüssen und Zeitungstiteln erlebt haben und ihren Appetit von keiner Blutvorstellung verderben, von keinem Gedanken an fremden Hunger und an fernen Tod verringern ließen? Nicht der Zusammenbruch von staatlichen Rumpelkammern und Kriegskartenhäusern, nicht diese Nochnichtdagewesenheit einer Niederlage vor dem Feind, sondern die panikartige Flucht des Vaterlandes vor seinen Beschützern zeichnet einen Ausgang, den die Urheber einer auf Quantität eingestellten Handlung selbst bei völligem Minus an Phantasie hätten berechnen können, wenn dem von Lesebuchidealen erfüllten Staatsgehirn nicht auch das Einmaleins abhanden gekommen wäre und somit die Fähigkeit, die Quantitäten an Menschen, Maschinen und Mehl miteinander zu messen. Oberschätzer der Menschheit hätten die Gefahr, die heute den gelernten Siegern droht, schon acht Tage nach Kriegsbeginn von einem Aufstand der Menschenwürde erhofft, und es stellt der seelischen Tragfähigkeit dieser Tiergattung ein bedenklich gutes Zeugnis aus, daß ihre Auftraggeber, die für die Erweiterung von Absatzgebieten über Leben und Glück von Millionen verfügt haben, erst nach mehr als vier Jahren und erst von einer Revolution des Hungers die Geschäftsstörung befürchten müssen. Nun aber, da meine Ansage, die Front werde einmal ins Hinterland verlegt werden, bis zu der Notwendigkeit einer Front gegen sie erfüllt ist, hat die Ideologie abgedankt, die durch ihre einzigartige Gewalt, Sachverhalte auszuschalten, dieses Unglück über uns gebracht hat, und jetzt, da wir sie stimmungshalber erst nötig hätten, da sich das Grauen nicht mehr irgendwo draußen abspielt, wohin wir zum Glück keine Reisegelegenheit hatten, von wo wir aber täglich auf dem Laufenden erhalten wurden, jetzt, da Sengen und Brennen zu einer Angelegenheit des Lokalberichts zu entarten droht, jetzt, da man die Einteilung, wonach die andern starben und die einen logen, brauchen würde, sperrt das Kriegspressequartier zu, versagt die Kunst, die das Durchhalten fremder Leiden ermöglicht hat, verläßt uns die letzte persönliche Qualität, die in diesem Krieg zur Entfaltung kam: eine blutige Welt schönzufärben. Kriege sind von ihren Folgen unterschieden durch Beschließbarkeit und durch Abwendbarkeit. Die Folgen kann nur der Selbstmord abwenden, das freiwillig dargebotene Bußopfer mildern. So erwächst denn den neuen Vaterländern eine heilige Pflicht zu Schutz und Sühne zugleich. Wenn die neuen Vaterländer, deren Lebensfähigkeit schon von dem Ruin des alten gestützt wird, nicht mit Sünde beladen vor die Welt treten wollen, so mögen sie, vor dem Jux der Zertrümmerung alter Fassaden und vor dem Spiel der Erfindung neuer Wappen, unverzüglich daran gehen, der Rache der geschändeten Mannheit die Grenzen zu bestimmen und zum Schutze der Gerechten Anstalten zu treffen, daß die Ungerechten zwar mit ihrem wertlosen Leben, aber nicht mit ihrer wertvollen Beute das große Unglück, das sie angerichtet oder beifällig betrachtet haben, überleben dürfen. So mag man dazu schauen, daß alles vorbereitet sei zum Empfang jener, die sich der Staatskretinismus vor vier Jahren als die unter den Klängen der Burgmusik einziehenden Sieger vorgestellt hat, mit Auszeichnungen beladen und etwa noch mit Kriegsandenken: Russenlebern und Serbenohren, die ein katholisches Blatt den in der Heimat wartenden Lieben von den Braven im Felde versprochen hatte. Sie mögen, und zerbrächen sie mit den alten Adlern sich die neuen Köpfe, dafür sorgen, daß die im Geschmack der Zeitungsfibel heimkehrenden und nun in der Tat bang erwarteten Helden vor allen in Betracht kommenden Bank- und Bauernhäusern Nahrung, Kleider, Schuhe und Barschaft vorfinden. Eine härtere Vergeltung als diese Lieferpflicht an die Überlebenden und als die wochenlange Angst vor jenen »Eigenen«, zu deren Abwehr dasselbe ruchlose Gesindel, das einst, long long ago »Gott strafe England« gebrüllt hat, heute den Feind herbeirufen möchte – eine Strafe, die im alttestamentarischen Sinn dieser Kriegshandlung auch dem rächenden Gedächtnis der Millionen Hingemordeten gerecht würde, wird der herzquälende Traum der Mütter und Bräute von einem Tod in Flammen oder Gasen auch den verruchtesten Akteuren und Claqueuren dieses Krieges nicht herabflehen. Wohl aber bliebe, da alles programmgemäß verlaufen ist, und damit der tragische Karneval noch seinen Mittwoch finde, wo die Häupter mit geweihter Asche bestreut werden, die Veranstaltung eines großen Sühntags zu wünschen, welcher den mit Invaliden besetzten Tribünen die Demütigung der Generale, der besseren Kriegsgewinner, der schlechten Kriegsschreiber vorzuführen hätte, kurzum jenes ganzen Packs von Ferntötern und Parforcejägern der Menschheit, dessen Lebensmut sich an gelungenen Durchbrüchen stärkte, das seiner friedlichen Tätigkeit nachging, die Brust voller Orden trug und aus Bordellen und Hauptquartieren Champagnerflaschen zum Fenster hinauswarf, während Millionen Sklaven dieser Ehrlosigkeit in Unterständen auf den Augenblick der Erlösung warteten, wo sie ihre Leiber vom Eisenhagel zerreißen lassen mußten. Nichts wäre so wirksam, um die Unschuldigen vor den Repressalien des Hungers zu schützen und vor der Elementarkraft einer Wut, die aus dem gestohlenen Glück, aus der überwältigten Menschenehre und aus vier beschmutzten Jahren nach Hause rennt, als das Arrangement der Vorführung jener Elenden, die zur Hinausschiebung des unentrinnbaren Endes und zur Fortfristung ihres verkrachten Geschäftes so viel Prothesen brauchten, als sie Orden haben wollten, und so viel Lügen erfinden mußten, als sie Läuse mobilisiert hatten. Ich, der keinen Augenblick seit dem 1. August 1914 sich einen anderen Endsieg als die Verwandlung der Erde in einen Dreckhaufen, keine andere Sühne als die Brandmarkung der Rädelsführer dieses größten Verbrechens der historischen Zeitrechnung vorgestellt, keinen Gedanken der Sympathie für ein Vaterland rotgestreifter Mörder und Diebe, gewalttätiger Kretins und entgegenkommender Schufte gehabt und nie, vom konservativsten, patriotischesten Standpunkt aus, einen andern Wunsch als daß sich die nüchterne, fibelfreie, demokratische Zivilisation der Welt mit den zur Ausrottung dieser Unzucht, zur Abkürzung dieser Blutschande leider Gottes nötigen Behelfen armiere, auf daß sie dem grauen Elend den bunten Rock abziehe und dieses von einer lausigen Glorie ornamentierte Leben in die tabula rasa verwandle, auf der wieder Gottes Gras wächst – ich stelle keine härtere Friedensbedingung und erachte das Weltgewissen für befriedigt, wenn die Befehlshaber und Parasiten unserer in Tod, Not, Ruhm, Syphilis, Hunger, Dreck und Erzlüge verlorenen Tage, wenn die Schinder und Schieber unserer Schulter an Schulter durchgehaltenen, gemusterten, einrückend gemachten, ausgebauten und vertieften Dummheit mit dem Leben und ein paar Ohrfeigen davonkommen. Den Tirpitz zu torpedieren, statt daß ihn das Bild der zwei Kinderleichen von der »Lusitania« durchs Leben begleite; unsere kühnen Luftsieger ihre Wirkungen auf der Erde auskosten zu lassen; die Ritter Krupp, Skoda und den romantischen Manfred Weiß zum Kirchenbesuch zu zwingen, wenn eine 120-Kilometer-Kanone zu arbeiten beginnt – wäre verfehlt, weil erfahrungsgemäß in solchen Fällen nicht die militärischen Objekte, sondern die anständigen Menschen getroffen werden. Wenn aber etwa den Munitionsfabrikanten feierlich eröffnet würde, daß sie den Gesamtertrag ihrer Tätigkeit zugunsten der Invaliden erworben haben und nur noch den Kriegsblinden die Füße zu küssen hätten, so würde ich selbst auf die Erfüllung meines Lieblingswunsches verzichten, Wilhelm II. und seine gesamten Söhne in der von den preußischen Hotelzimmerbildern bekannten Stechschrittübung in einen Käfig abrücken zu sehen. Die befohlene Linie ist erreicht. Es ist erreicht! Ich, der an die von jenen Siegern geschändete deutsche Sprache glaubt, habe nie verschwiegen, daß ich für das einzige wahre Wort, das in diesen von einem Wolffbüro befriedigten Zeitläuften gesprochen wurde, jenes hielt, das ein russischer Minister am Kriegsbeginn gesprochen hat: daß dieser Krieg Österreichs eine Keckheit ist – und es nur durch die Feststellung ergänzt, daß dieser Krieg Deutschlands eine Frechheit ist, damit das bundesbrüderliche Verhältnis zwischen Räuber und Dieb, Gehaßtem und Verachtetem auch im Punkt der Kriegsschuld zur vollen Anschauung komme. Und ich verschweige nicht, daß ich noch ein wahres Wort aus österreichischen Blättern, am Kriegsende, empfangen habe, das des Czechenführers, der mit jener Schmucklosigkeit, die allein schon deutsche Hirne in Harnisch bringen kann, den klarsten Sachverhalt formuliert hat: daß für einen Krieg, der als eine Aktion der germanischen gegen die slawische Rasse ausgebrüllt wurde, seine Landsleute »keinen Blutstropfen freiwillig geopfert haben«. Die Frage, wieviel Blutstropfen die Deutschen geopfert hätten, wenn ihr Rassekrieg nicht zugleich ein Krieg der allgemeinen Wehrpflicht gewesen wäre, muß in einer Welt, die mit solcher Schmach auch die Pflicht zur Lüge auf sich nimmt, unbeantwortet bleiben. In einer österreichischen Welt, die Bomben in Belgrad, und in einer deutschen Welt, die Bomben auf Nürnberg herstellt, wenn sie sie braucht, und die beiderseits auf Gedeih und Verderb das Blaue vom Himmel heruntergelogen hat, um die Erde rot zu machen, und dabei die Keckheit und die Frechheit hatte, den Ehrenmann unter Staatsmännern, dessen Gestalt abwehrend vor dieser Kriegsschande stand, zum »Lügen-Grey« zu verunstalten. Nie habe ich mich in dieser patriotischen Pestluft anders als mit offenen Augen und zugehaltener Nase bewegt! Hätte dieses Vaterland, dem ich über alle Maße geistiger Kriegserlaubnis hinaus meine Überzeugung in sein Doppelgesicht gesagt habe, es gewagt, meinen Körper anzutasten, ich hätte vor Gott und beim Feldwebel keine Erleichterung dieser Schmach gegen eine Belastung meines Gewissens eingetauscht und der hieramts durch Feigheit gemilderten Tücke bewiesen, welche Gedanken auch der Zwang noch erlaubt und welche man der eigenen Menschheit gegen ein fremdes Vaterland schuldig ist! Ich habe in all den Jahren, da Fibelverbrecher schalteten und Advokaturskandidaten sich ihnen für Enthebung vom Heldentod durch Henkersdienste gefällig zeigten, alle Märtyrer beweint, den Toten auf Feindesseite zuerkannt, daß sie, wenn nicht begeistert, wenn nicht freiwillig, doch im Joch einer Idee und nicht bloß eines schuftigen Willens und eines schlechten Geschäfts gefallen sind, und die belgischen Franktireure für Kämpfer gehalten. Nicht Grenzschwierigkeiten, sondern die Pflicht, vor dem eigenen Feind zu bestehen, das Bewußtsein, im Ertragen des gigantischen Ekels den teuern Opfern auf dieser Seite nahe zu sein, den vielfach tragischen, weil sie gegen dieselbe Erkenntnis, gegen die eigene Erkenntnis gestorben sind – nur dies hat mich, der Untertan der deutschen Sprache, verhindert, die Konsequenz einer Gesinnung zu ziehen, für deren Gefühl und Ausdruck ich von Unrechtswegen tausendfachen Tod durch die Hand eines Peutlschmid verdient habe. Nicht vor dem höchsten Auditor, der einst über die Anstifter und Helfer einer Aktion richten wird, durch welche die Edelsten hingeschlachtet und wie ein Stück Aas irgendwo verscharrt wurden, wo der Tränenblick der Sehnsucht von Müttern, Bräuten, Freunden ein Heldengrab sucht – nicht vor Gott werde ich in Abrede stellen, daß der Kaiser als der erste verpflichtet war, den Fahneneid eines Kriegs zu brechen, dessen Ruhm von einem Schurkenstück der Technik geborgen, dessen Tapferkeit von der Feigheit anonymer Waffen und unsichtbarer Quantitäten ersetzt, dessen Ehre von der Kompagnie der Selbstsucht und der Wissenschaft erstritten wurde, und dessen Verrat ich, immer bereit, der Menschheit gegen das Vaterland, dem Freund gegen den Feind beizustehn, mit vollem Bewußtsein auf mein ethisches Gewissen genommen hätte! Und heute, da ich sagen kann und muß, daß nur die Erbärmlichkeit, deren eine schnöde Gewalt fähig ist, vor den Dokumenten ihrer Schmach und meines Zornes haltgemacht hat; heute, wo ich aussprechen kann, was in vier Jahrgängen der Fackel geschrieben steht, und was ich mit aller Pein der Kenntnis des Auslands entzogen habe, erkläre ich, daß ich, solange ich lebe, dafür besorgt sein werde, das Andenken wachzurufen jener Ungezählten, die für eine Regung kulturellen Abscheus vor dem Blutgeschäft glorreicher Diebe, und der Myriaden, die zur Erhaltung solcher Bestrebungen aus dem Leben gerissen wurden! Und erkläre: daß ich den wildesten Aufzug befreiter Sklaven für ein geordneteres und Gott gefälligeres Schauspiel halte als den reglementierten Auftrieb von Menschenvieh zum Tod für die fremde Idiotie, für das fremde Verbrechen! Was immer die Zeit, die wohl größer ist als ihr Vorspiel, das im August 1914 begonnen hat, an Enttäuschungen und Leiden noch bringen mag; welche Fieberträume die Ablösung der Macht, die Blut und Hunger schuf, durch Mächte, die den posthumen Kriegsgewinn erwarten, uns noch vorbehält; wie schmählich sich der Tonwechsel jener offenbart, die, im schmutzigen Maul noch den Kriegsgesang, schon den radikalen Inhalt zur Phrase verrufen haben und im nachgemachten Zeremoniell fremder Revolutionen nur mehr Habsbürger gelten lassen; wie überraschend uns die Verwandlung des Kriegspressequartiers in eine Rote Garde kommen mag; wie verächtlich sich die Wagentürlaufmacher von gestern als Barrikadenbauer ausnehmen; wie schäbig die Bereitschaft aller Pöbelinstinkte und die Anschmarotzung der Schadenfreude an die Weltgeschichte anmutet, jene grundsätzliche Niedrigkeit, die nicht die Bedeutung des Sturzes erlebt, sondern sich an der Nichtbedeutung des Gestürzten erhöht; wie scheußlich die Identität solcher, die heute auf Doppeladler Jagd machen, mit jenen sein mag, die einst das Abreißen fremdsprachiger Firmatafeln betrieben haben; welch törichter Unfug es auch sei, Rosetten zu entfernen anstatt gleich Säbel in Verwahrung zu nehmen; wie unerquicklich die Freiheit durch eingeschlagene Fensterscheiben einzieht; wie lästig ihr die Freibeuter aller Gesinnungen zulaufen und wie eifrig die Siegfriede von der vorigen Woche die Republik annektieren; wie peinlich die Hysterie mit der Flamme, wie schrill der nationale Ton mit dem Weckruf der Welt vermengt sein mag – ich beuge mich ehrfürchtig vor dem Wunder dieser Erweckung, und erwachte die Welt erst durch den Tod! Und vor jedem persönlichen Schicksal, das mir noch im letzten Atemzug die Genugtuung gönnte, die schlotterichte Majestät einer gefallenen Kriegsgewalt zu schauen, die im Zusammenwirken von Glorie und Schurkerei gelebt und gegen ihren Plan durch Millionen Qualentode, durch die Labyrinthe des Irrsinns, der Lüge, der Verseuchung, des sittlichen und leiblichen Schmutzes die Menschheit zur Besinnung auf ein gottgemäßeres Leben zurückgeführt hat! Die Welt ohne Blatt Es hat sich so getroffen, daß zur Feier meiner hundertsten Wiener Vorlesung die Wiener Zeitungen durch ihr Eingehen an der Berichterstattung verhindert sind. Dieser Umstand soll uns aber nicht traurig stimmen, da er im Gegenteil in viel höherem Maß als meine hundertste Wiener Vorlesung würdig ist gefeiert zu werden. Und wenn ich schon tausend Wiener Vorlesungen gehalten hätte, so wäre ich nicht so hochgestimmt, wie wenn ich dazu von dem Eingehen der Wiener Presse höre. Wiewohl es wahrlich spät genug wäre, wenn es sich erst dann vollziehen sollte. Ob uns die Not beten lehren wird, ist noch zweifelhaft. Aber wenn sie nichts bewirkt hätte als uns das Zeitunglesen abzugewöhnen, so hätte sie jene kulturelle Wirksamkeit bewährt, zu der keine Regierung je die Initiative gefunden hätte. Denn keine, die konservativste nicht und nicht die revolutionärste, würde sich aus dem Mut der Erkenntnis und nicht bloß aus dem der Not von dem Vorurteil freimachen, welches den heute lebenden Menschen gebietet, den Fortschritt in eben den Errungenschaften zu erblicken, welche geradenwegs zum Ende führen. Keine würde sich je bedenken, um jenes falschen Begriffes von Freiheit willen auf die wahre zu verzichten, die nicht in der Freiheit der Presse, sondern erst in der Freiheit von der Presse begründet ist. Vermöchte die Staatsweisheit an die Leiden der Menschheit heranzureichen, die ihr Mangel herbeigeführt hat, wahrlich, sie hätte sich nach diesem blutigen Exempel dazu aufgerafft, die selbstmörderische Rüstung der journalistischen Betriebe zu zerschlagen, die Maschinbereitschaft des Worts, das noch, ehe es lügt, schon die Phantasie vergiftet hat, und hätte durch eine Tat, die den wahren Friedensschluß bedeutet, jenes große Symbol einer Selbstbesinnung aufgerichtet, ohne die weiterzuleben schmählicher ist als der vollbrachte Mord. Aber wo mit der Erkenntnis auch alles andere fehlt, bleibt es der Not überlassen, das Nötige zu tun. Ich weiß nicht, ob wir für das Rotationspapier, das zum Unterzünden des Weltbrands gelangt hat, heute genug Kohle bekämen, uns zu wärmen. Aber wenn mir auch unbekannt ist, für welche nützlichen Dinge wir es jetzt unbedruckt dahingeben, das eine weiß ich doch: daß, wenn wir es selbst ohne jeden Gegenwert dahingäben, wir noch immer ein vortreffliches Geschäft machten, und ferner weiß ich, daß wir, wenn dieses Papier schon früher unbedruckt gewesen wäre, uns das erspart hätten, was wir erlebt haben bis zu dem Notstand, der uns jetzt zwingt, es unbedruckt dahinzugeben. Doch der Angsttraum, in dem wir weiter befangen sind und in dem wir weiter genarrt und betrogen werden, da sich unsere Räuber und Mörder weiter als unsere Kulturhüter empfehlen, hält uns so an der Kehle, daß wir nicht lachen und nicht weinen können, daß wir uns aber wie einst im Krieg für die Ideale jener aufrufen lassen, deren Geschäft unser Ruin ist. Haben nicht diese Entwerter aller Werte, diese Schänder aller Wirklichkeit und aller Vorstellung, die mit der Kuppelung von Text und Annonce, von Lüge und Betrug, jedes Spiel ohne Einsatz gewinnen, haben sie nicht alle heiligen Vorwände zur Hand, um den Bestand Ihres Unternehmens als eine Lebensnotwendigkeit des Menschengeschlechts glaubhaft zu machen? Haben wir nicht von jenem jungen Monstrum, das die ungeschmälerte Erbschaft eines weltzerreißenden Tons übernommen hat – als versagte der Tod vor dieser Gewure; als wäre die Menschheit verurteilt, noch dies Naturspiel einer sie erschreckenden Familienähnlichkeit zu genießen –, haben wir nicht von diesem Stürmer und Dränger den Herzensschrei vernommen, daß »die wichtigsten Interessen der Kunst nicht befriedigt werden können«, wenn man solcher Unzucht nicht mehr Papier zur Verfügung stelle? Worauf wir freilich, mit jener Springlebendigkeit, die das kostbarste Erbstück dieses Hauses ist, »die Kunst« sogleich als das Bedürfnis der Zeitgenossen definiert bekamen, »der Öffentlichkeit zu sagen, was sie liefern können und was sie benötigen«. Nun und ist das vielleicht keine Kunst? Sollte aber wirklich doch auch jene andere gemeint sein, so könnte ich natürlich nicht sagen, ob zu Ihren wichtigsten Interessen auch die Angelegenheiten meines Wortes und meiner Wirkung gehören. Aber das eine weiß ich ganz gewiß, daß diese Interessen bisher ohne die Mitwirkung der Wiener Presse befriedigt werden konnten und daß sie in aller Zukunft ohne jede Rücksicht darauf, ob die Neue Freie Presse vier Seiten mehr bekommt oder nicht, zu befriedigen sein werden. Ja, ich möchte so unbescheiden sein zu sagen, daß gerade diese Interessen, und ihre Befriedigung vor der breitesten Öffentlichkeit, ein Beispiel für die vollkommene Überflüssigkeit der Presse, selbst in ihrem reduziertesten Umfang darstellen. Nicht daß ich von der Entbehrlichkeit der Tageskritik in meinem Falle Aufhebens machen wollte – schon die bloße Vorstellung, daß ich mich von so etwas »rezensieren« lassen müßte, ist ja ein Operettenschlager –; aber sollte denn nicht allein die Tatsache von kulturgeschichtlicher Bedeutung sein, daß ich in Wien, in der Stadt der Presse, die zur Befriedigung der wichtigsten Kunstinteressen Papier braucht, hundert Säle füllen konnte, ohne je einen Ton von dieser Presse strapaziert zu haben? Sollte nicht, für je unwichtiger meine Kunstinteressen von ihr gehalten werden, die völlige Ausschaltung der Presse als eines vermittelnden Faktors, als des Trägers der letzten Funktion, die man ihr zugestehen wollte, der des bezahlten Ausrufers, eine ungewöhnliche Tatsache sein, eine sogar publizistisch beträchtliche, und eine Tatsache, die jede kulturell bestrebte Verwaltung vor die Frage stellen muß, ob denn jene künstlerischen Interessen, die auf die Unterstützung der Presse angewiesen sind, die nur von ihr befriedigt werden können, nicht selbst dieser Unterstützung unwert seien und der Hilfe von staatswegen so unwürdig wie die Presse selbst, als deren Geschöpf sie die Herkunft aus Dreck und Schmach nicht verleugnen und in ihrem Schutz erst verraten! Wenn aber die Neue Freie Presse, die sich füglich die Welt ohne »das Blatt« nicht vorstellen kann, das Herz hat, vor der Welt sich zu beklagen, daß sie zu wenig Papier zur Förderung der Kunst bekomme, so steht es dem Neuen Wiener Tagblatt wohl an, seine Inserate als ein »aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten erwachsendes Naturprodukt « zu bezeichnen, ganz abgesehen davon, daß es befürchtet, durch die Verminderung seines Umfangs werde »eine unerträgliche Verengung des geistigen Horizonts der Bevölkerung herbeigeführt werden, die unaufhaltsam zu einer intellektuellen Verarmung führen muß«. Ich glaube, das Neue Wiener Tagblatt sieht da zu schwarz. Während die Neue Freie Presse die Kunst schlicht als das Bedürfnis erklärt, der Öffentlichkeit zu sagen, was sie liefern und was sie benötigen, hat das Neue Wiener Tagblatt gewiß recht, zwischen jener feschen Blondine, die gestern im Café Siller von brünettem Herrn auf das Blatt aufmerksam gemacht wurde, und eben diesem die Gemeinsamkeit eines Naturprodukts zu vermuten. Aber ich bin überzeugt, daß weder durch eine Einschränkung des Textteils des Neuen Wiener Tagblatts noch auch durch eine Vernachlässigung des Kleinen Anzeigers eine Verengung des geistigen Horizonts der Wiener Bevölkerung herbeigeführt werden wird, erstens weil dies nicht so sehr durch den Raum, um den das Neue Wiener Tagblatt verkürzt wird, als durch den Raum, der dem Neuen Wiener Tagblatt noch bleibt, bewirkt würde und zweitens: weil es überhaupt nicht mehr möglich ist. Wenn man bei Ausübung eines verlogenen Handwerks noch ehrlich sein könnte, würde man's ja ohne kulturelle Umschweife heraussagen, daß es einem nicht so sehr um das Wohl und Wehe der Menschheit oder der Bevölkerung zu tun ist als um das eigene. Über Existenzfragen ließe sich ja sachlich reden, wenn Reue über ein falsches Leben sichtbar wäre und das Streben, den Beruf, den man verfehlt hat, wieder zu suchen. Solange dies nicht der Fall ist und jene, die nun auch selbst für ihr Wirken büßen sollen, sich darauf versteifen, Führer des Volkes zu sein und die Tätigkeit, durch welche sie es, Gott seis geklagt, sind, fortzusetzen, bekenne ich kalten Herzens, daß ich am Grabe der europäischen Menschheit die Subsistenzlosigkeit solcher, die sie dahin geführt haben, für kein Problem halte. Denn wenn zu Gottes Ehre die Armeen verkracht sind, so hat man andere Wünsche, als sie wieder zu errichten, damit die Gagisten, denen ein Berufswechsel schwer fällt, nach Auskommen und Ansehn versorgt sind, und wieder Kriege zu führen, damit die, die nichts anderes gelernt haben, nicht aus der Übung kommen. Leider kann ihnen die Vorzugsstellung nur in dem Sinne eingeräumt werden, daß eben die Träger eines Berufs, durch dessen Wirken auch alle andern zu Schaden gekommen sind, vor diesen sich damit abzufinden haben, Opfer ihres Berufs zu sein, so schmerzlich das in jedem einzelnen Fall zu erleben wäre. Und was von der Generalität gilt, die mit dem Ruhm auch das Risiko übernommen hat, daß durch ihre Tätigkeit der Staat zugrundegeht, und die vom Vaterland doch nicht verlangen kann, es als dulce et decorum zu empfinden, für die Generale zu sterben – gilt ganz ebenso von jenem Beruf, dessen Inhaber einander noch heute als Fahnenträger oder Generalstabschefs des Geistes ansprechen und deren Werk es vorzüglich war, die Menschheit die Segnungen der militärischen Sphäre erleben zu lassen und sich selbst mit ihren Metaphern zu schmücken. Und leider muß es auch von den geistigen Munitionsarbeitern gelten. Was die graphischen Helfer des Journalismus anlangt, so möchte ich mit jener freien Stirne, die den Zierat der Lüge so schlecht verträgt, bekennen, daß ich mir die sozialistische Umwälzung niemals als den Fortbestand der ihr feindlichen Einrichtungen zugunsten der an ihnen interessierten Lohnarbeiter vorgestellt habe. Und weiters, daß mir schon lange vor dieser sogenannten Krise, die ich in Wahrheit als eine Katharsis empfinde, die Mitwirkung von Proletariern an dem ihrer Idee gefährlichsten Werk als tief unsittlich erschienen ist, so wahr selbst das härteste Kriegsdienstleistungsgesetz keinen Arbeiter je in die Munitionsfabrik des Feindes gezwungen hat! Aber wenn in Zeiten der wirtschaftlichen Wohlfahrt das gemeinsame kapitalistische Interesse über die tiefere Feindschaft betrügen konnte – den Arbeiter, nicht den bürgerlichen Journalisten, der sich seiner als Instruments im Kampf gegen den Arbeiter wissend bedient –, so sollte diesen doch die Not die seltsame Bettgenossenschaft schaudernd erkennen lassen. Ob Menschen brotlos werden müssen, weil die Menschheit endlich um ihr Gift kommt, und ob man, weil wir einmal das Glück haben, Rotationspapier unbedruckt an den Mann zu bringen, die Setzer nicht zu nützlicherer Tätigkeit als der bisher verübten anstellen könnte, und ob es vielleicht doch noch saubere Bücher zu drucken gibt, wenn's keine schmutzige Zeitung mehr zu drucken gibt: dies alles dürfte eine weit ernstere Debatte ergeben als jene, welche eine aufgestörte Interessengemeinschaft abführt, die nach altem Bürgerbrauch Vorteil und Phrase über die Gelegenheit zu allgemeinem und höherem Nutzen stellt. Mir aber konnte zu dem Datum der heutigen Vorlesung keine bessere Ehre widerfahren als die durch eines jener Gerüchte, welche in der Stadt, die immer noch von Gerüchten leben wird, wenn sie schon keine Journale mehr hat, meine so schwer kontrollierbare Privatperson umschwirren. Ich soll, nicht durch meine seit so vielen Jahren sichtbare Beharrlichkeit – was ja natürlich wäre –, nein durch heimliche Umtriebe bewirkt haben, daß den Zeitungen endlich das widerfahren ist, was ihr Rädelsführer so anschaulich das »Einwürgen des Raumes« nennt. Ich wollte, wir hielten, durch die Entschließungen einer höheren Regierung, schon beim Einwürgen der Zeit! Denn auch sie war ja, dank dem maßgebenden Journalismus, allzu groß. Aber was mir das Gerücht nachsagt, bringt mich wieder einmal in eine jener fatalen Parallelen mit Wilhelm II., die mir seit meinem Zusammenbruch in Innsbruck anhängen. Und doch ist es ein Unterschied, auf den ich stolz sein werde, wenn ich mit dem verantwortlichsten Redakteur einer maßlosen Epoche vor das Weltgericht trete. Denn er war, Schulter an Schulter mit dieser Presse, wohl schuld an zu viel Blut. Aber ich bin nicht schuld an zu wenig Papier. Er hat es getan, aber nicht gewollt. Ich habe es nicht getan, aber: ich habe es gewollt! Ein deutsches Buch »Der rote Kampfflieger« von Rittmeister Manfred Freiherrn v. Richthofen ist 1917 im Verlag Ullstein \& Co., Berlin-Wien erschienen. Die folgenden Stellen seien daraus zitiert: ... Mein erster Gedanke war, den Popen hinter Schloß und Riegel zu setzen. So holten wir den vollkommen überraschten und höchst verdutzten Mann aus seinem Hause. Ich sperrte ihn zunächst mal auf dem Kirchturm ins Glockenhaus ein, nahm die Leiter weg und ließ ihn oben sitzen. Ich versicherte ihm, daß, wenn auch nur das geringste feindselige Verhalten der Bevölkerung sich bemerkbar machen sollte, er sofort ein Kind des Todes sein würde. Ein Posten hielt Ausschau vom Turm und beobachtete die Gegend. ... Auf jeder Station, auch da, wo wir nicht hielten, stand ein Meer von Menschen, die uns mit Hurra und Blumen überschütteten. Eine wilde Kriegsbegeisterung lag im deutschen Volk, das merkte man. ... Ich fühlte mich mit meiner Pistole in der Hand ganz kolossal sicher. Die Einwohner hatten sich, wie ich später erfahren habe, sowohl einige Tage vorher gegen unsere Kavallerie als auch später gegen unsere Lazarette sehr aufrührerisch benommen, und man hatte eine ganze Menge dieser Herren an die Wand stellen müssen. ... Den Kriegsanfang möchte ich wieder mal mitmachen. ... Eigentlich hätte ich den Franktireur wie ein Stück Vieh 'runterknallen müssen. ... Es liegt wohl im Blute eines Germanen, den Gegner, wo man ihn auch trifft über den Haufen zu rennen, besonders natürlich feindliche Kavallerie. Schon sah ich mich an der Spitze meines Häufleins eine feindliche Schwadron zusammenhauen und war ganz trunken vor freudiger Erwartung. Meinen Ulanen blitzten die Augen. ... Alles das spielte sich auf einem schmalen Waldweg ab, so daß man sich wohl die Schweinerei vorstellen kann, die sich nun ereignete. ... Er hatte uns wohl von Anfang an beobachtet und, wie es den Franzosen nun mal liegt, aus dem Hinterhalt seinen Feind zu überfallen, so hatte er es auch in diesem Fall wieder versucht. ... Die Mönche waren überaus liebenswürdig. Sie gaben uns zu essen und zu trinken, soviel wir haben wollten, und wir ließen es uns gut schmecken. Die Pferde wurden abgesattelt und waren ganz froh, wie sie nach drei Tagen und drei Nächten zum erstenmal ihre achtzig Kilo totes Gewicht von ihren Rücken loswurden. Mit anderen Worten, wir richteten uns so ein, als ob wir im Manöver bei einem lieben Gastfreund zu Abend wären. Nebenbei bemerkt , hingen drei Tage darauf mehrere von den Gastgebern an dem Laternenpfahl, da sie es sich nicht hatten verkneifen können, sich an dem Krieg zu beteiligen. Aber an dem Abend waren sie wirklich überaus liebenswürdig. Wir krochen in Nachthemden in unsere Betten, stellten einen Posten auf und ließen den lieben Herrgott einen guten Mann sein. Aus dem Kapitel »Langeweile vor Verdun:« Für einen so unruhigen Geist, wie ich einer hin, war meine Tätigkeit vor Verdun durchaus mit »langweilig« zu bezeichnen. Anfangs lag ich selbst im Schützengraben an einer Stelle, wo nichts los war; dann wurde ich Ordonnanzoffizier und glaubte, nun mehr zu erleben. Da hatte ich mich aber arg in die Finger geschnitten. Ich wurde vom Kämpfenden zum besseren Etappenschwein degradiert. ... Es war ganz spaßig, die Franzosen an manchen Stellen nur auf fünf Schritt vor sich zu haben. Man hörte den Kerl sprechen, man sah ihn Zigaretten rauchen, ab und zu warf er ein Stück Papier herüber. Man unterhielt sich mit ihnen, und trotzdem suchte man sich auf alle erdenklichen Arten anzuärgern (Handgranaten). ... Besonders eine Sau war interessant, sie kam jede Nacht durch den See geschwommen, brach an einer bestimmten Stelle in einen Kartoffelacker und schwamm dann wieder zurück. Es reizte mich natürlich besonders, dieses Tier näher kennenzulernen. So setzte ich mich denn an dem Ufer dieses Sees an. Wie verabredet, erschien die alte Tante um Mitternacht, um sich ihr Nachtmahl zu holen. Ich schoß, während sie noch im See schwamm, traf, und das Tier wäre beinahe versoffen, wenn ich nicht noch im letzten Moment hätte zugreifen können, um sie an einem Lauf festzuhalten. ... So hatte ich es schon einige Monate ausgehalten, da kam eines schönen Tages etwas Bewegung in unseren Laden . Wir beabsichtigten eine kleine Offensive an unserer Front. Ich freute mich mächtig ... Nachdem in Rußland unsere Unternehmungen so sachte zum Stehen kamen, wurde ich plötzlich zu einem Großkampfflugzeug, zur B. A. 0. nach Ostende versetzt (21. August 1915). Ich traf da einen alten Bekannten, Zeumer, und außerdem verlockte mich der Name »Großkampfflugzeug«. Aus dem Kapitel »Ein Tropfen Blut fürs Vaterland:« ... Mein Großkampfflugzeug, das sich für das Bombenschleppen ganz gut eignete, hatte aber die dumme Eigenschaft, daß man von der abgeworfenen Bombe den Einschlag schlecht sehen konnte, denn das Flugzeug schob sich nach dem Abwurf über das Ziel weg und verdeckte es mit seinen Flächen vollkommen. Dieses ärgerte mich immer, denn man hatte so wenig Spaß davon. Wenn's unten knallt und man die lieblich grauweiße Wolke der Explosion sieht und sie auch in der Nähe des Zieles liegt, macht einem viel Freude. ... Ich verfolgte ihn mit den Augen und klopfte Osteroth auf den Kopf. Er fällt, er fällt, und tatsächlich fiel er in einen großen Sprengtrichter; man sah ihn darin auf den Kopf stehen, Schwanz nach oben. Auf der Karte stellte ich fest: fünf Kilometer hinter der jetzigen Front lag er. Wir hatten ihn also jenseits abgeschossen. In damaliger Zeit wurden aber Abschüsse jenseits der Front nicht bewertet, sonst hätte ich heute einen mehr auf meiner Liste. Ich aber war sehr stolz auf meinen Erfolg, und im übrigen ist es ja die Hauptsache, wenn der Kerl unten liegt, also nicht, daß er einem als Abschuß angerechnet wird. ... Ich nahm mir einen zweiten Piloten als Beobachter mit und schickte diesen abends zurück. Nachts setzte ich mich auf Sauen an und wurde am nächsten Morgen von diesem Piloten wieder abgeholt. ... Es ist aber nicht jedermanns Sache, auf Wetter gar keine Rücksicht zu nehmen, doch es gelang mir, einen Gesinnungstüchtigen zu finden. Aus dem Kapitel »Bombenflüge in Rußland:« ... Man konnte das von oben sehr schön sehen; an jeder Ausweichstelle stand ein Transportzug. Also ein wirklich lohnendes Ziel für einen Bombenflug. Man kann sich für alles begeistern. So hatte ich mich mal für eine Weile für dieses Bombenfliegen begeistert. Es machte mir einen unheimlichen Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. Oft zog ich an einem Tage zweimal los. ... Ich schleppte manchmal einhundertfünfzig Kilogramm Bomben mit einem ganz normalen C-Flugzeug. Außerdem hatte ich noch einen schweren Beobachter mit, dem man die Fleischnot gar nicht ansah, ferner »für den Fall daß« noch zwei Maschinengewehre. Ich habe sie nie in Rußland ausprobieren können. Es ist sehr schade, daß in meiner Sammlung kein Russe vorhanden ist. An der Wand würde sich seine Kokarde gewiß ganz malerisch machen. So ein Flug mit einer dicken, schwerbeladenen Maschine, besonders in der russischen Mittagsglut, ist nicht von Pappe. ... Endlich ist man in einer ruhigeren Luftschicht und kommt allmählich zu dem Genuß des Bombenfluges. Es ist schön, geradeaus zu fliegen, ein bestimmtes Ziel zu haben und einen festen Auftrag. Man hat nach einem Bombenwurf das Gefühl: Du hast etwas geleistet, während man manchmal bei einem Jagdflug, wo man keinen abgeschossen hat, sich sagen muß: Du hättest es besser machen können. Ich habe sehr gern Bomben geworfen. ... Und so konnten wir noch manches erreichen. Mein Beobachter schoß feste mit dem Maschinengewehr unter die Brüder, und wir hatten einen wilden Spaß daran. Aus dem Kapitel »Endlich:« Wir unterhielten uns mit den Kameraden, da erzählte einer: »Heute kommt der große Boelcke und will uns, oder vielmehr seinen Bruder, in Kowel besuchen.«... Ich wagte nicht, ihn zu bitten, daß er mich mitnähme. Nicht aus dem Grunde heraus, daß es mir bei unserem Geschwader zu langweilig gewesen wäre – im Gegenteil, wir machten große und interessante Flüge, haben den Rußkis so manchen Bahnhof eingetöppert aber der Gedanke, wieder an der Westfront zu kämpfen, reizte mich. Es gibt eben nichts Schöneres für einen jungen Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen. Aus dem Kapitel »Mein erster Engländer:« ... Was Boelcke uns sagte, war uns daher ein Evangelium . In den letzten Tagen hatte er, wie er sich ausdrückte, zum Frühstück schon mindestens einen, manchmal auch zwei Engländer abgeschossen. ... Er schien aber kein Anfänger zu sein, denn er wußte genau, daß in dem Moment sein letztes Stündlein geschlagen hatte, wo ich es erreichte, hinter ihn zu gelangen. Ich hatte damals noch nicht die Überzeugung , »der muß fallen«, wie ich sie jetzt voll habe, sondern ich war vielmehr gespannt, ob er wohl fallen würde, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Liegt mal der erste oder gar der zweite oder dritte, dann geht einem ein Licht auf: »So mußt du's machen.« ... Stolz meldete ich zum ersten Male: »Einen Engländer abgeschossen.« Sofort jubelte alles, denn ich war nicht der einzige; außer Boelcke, der, wie üblich, seinen Frühstückssieg hatte, war jeder von uns Anfängern zum ersten Male Sieger im Luftkampf geblieben. Ich habe in meinem ganzen Leben kein schöneres Jagdgefilde kennen gelernt als in den Tagen der Somme-Schlacht. Morgens, wenn man aufgestanden, kamen schon die ersten Engländer, und die letzten verschwanden, nachdem schon lange die Sonne untergegangen war. »Ein Dorado für die Jagdflieger«, hat Boelcke einmal gesagt. Es ist damals die Zeit gewesen, wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig gestiegen war. Wir Anfänger hatten damals noch nicht die Erfahrung wie unser Meister und waren ganz zufrieden, wenn wir nicht selbst Senge bezogen. Aber schön war es! ... Der Geist Boelckes lebt fort unter seinen tüchtigen Nachfolgern. ... Es war wieder das übliche Lied. Boelcke schießt einen ab, und ich kann zusehen. Aus dem Kapitel »Der Achte:« Acht war zu Boelckes Zeiten eine ganz anständige Zahl. ... Als Immelmann seinen ersten abschoß, hatte er sogar das Glück, einen Gegner zu finden, der gar kein Maschinengewehr bei sich hatte. Solche Häschen findet man jetzt höchstens noch über Johannisthal. ... Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich gerade viel Lust zum Kampf hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf mich 'runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen Linkskurve. ... Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zu Schuß gekommen ... Sein Maschinengewehr rannte in die Erde und ziert jetzt den Eingang über meiner Haustür. Aus dem Kapitel »Englische und französische Fliegerei:« Zurzeit bin ich bemüht, der Jagdstaffel Boelcke Konkurrenz zu machen ... Dem Engländer merkt man eben doch ab und zu noch etwas von seinem Germanenblut an. Auch liegt dem Sportsmann das Fliegen sehr, aber sie verlieren sich zu sehr in dem Sportlichen ... Dies macht wohl bei der Johannisthaler Sportswoche Eindruck, aber der Schützengraben ist nicht so dankbar wie dieses Publikum. Er verlangt mehr. Es soll immer englisches Pilotenblut regnen. Aus dem Kapitel »Selbst abgeschossen:« ... So habe ich mal einen Engländer abgeschossen, dem ich den Todesschuß jenseits der feindlichen Linien gegeben habe, und 'runtergeplumpst ist er bei unseren Fesselballons, so weit hat ihn der Sturm noch 'rübergetrieben. Aus dem Kapitel »Erste Dublette:« ... Das Wetter ist eigentlich sehr schlecht geworden, so daß wir nicht annehmen konnten, noch Weidmannsheil zu haben. ... Nach seiner Landung flog ich nochmals über ihn hinweg in zehn Metern Höhe, um festzustellen, ob ich ihn totgeschossen hatte oder nicht. Was macht der Kerl? Er nimmt sein Maschinengewehr und zerschießt mir die ganze Maschine. Voß sagte nachher zu mir, wenn ihm das passiert wäre, hätte er ihn nachträglich noch auf dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch nicht ergeben. Er war übrigens einer von den wenigen Glücklichen, die am Leben geblieben sind. Sehr vergnügt flog ich nach Hause und konnte meinen Dreiunddreißigsten feiern. ... Ich kriegte meinen Gegner vor und konnte noch schnell sehen, wie mein Bruder und Wolff sich jeder einen dieser Burschen vorbanden. Aus dem Kapitel »Der ›alte Herr‹ kommt uns besuchen:« ... Um halb Zehn ist er auf unserem Platz. Wir kommen gerade von einem Jagdflug nach Hause, und mein Bruder steigt zuerst aus seiner Kiste, begrüßt den alten Herrn: »Guten Tag, Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.« Darauf steige ich aus meiner Maschine: »Guten Tag, Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.« Der alte Herr war glücklich, es machte ihm viel Spaß, das sah man ihm an. Er ist nicht einer von den Vätern, die sich um ihre Söhne bangen, sondern am liebsten möchte er selbst sich in eine Maschine setzen und auch abschießen – glaube ich wenigstens. Wir frühstückten erst mit ihm, dann flogen wir wieder. ... Das deutsche Flugzeug ist scheinbar angeschossen ... Wir stürzen hin und müssen mit Bedauern feststellen, daß der eine der Insassen, der Maschinengewehrschütze, gefallen ist. Dieser Anblick war meinem Vater etwas Neues und stimmte ihn offenbar sehr ernst. ... Diesmal hatte ich wieder Glück und hatte meinen zweiten Engländer an dem Tage abgeschossen. Die Stimmung des alten Herrn war wieder da. ... Wolff war mit seiner Gruppe während der Zeit am Feinde gewesen und hatte selbst einen erledigt. Auch Schäfer hatte sich einen zu Gemüte geführt. ... Da plötzlich bäumt sich das feindliche Flugzeug auf – ein sicheres Zeichen des Getroffenseins, gewiß hatte der Führer Kopfschuß oder so etwas – das Flugzeug stürzt, und die Flächen des feindlichen Apparates klappen auseinander. Die Trümmer fallen ganz in der Nähe meines Opfers. Ich fliege an meinen Bruder heran und gratuliere ihm, das heißt wir winkten uns gegenseitig zu. Wir waren befriedigt und flogen weiter. Es ist schön, wenn man mit seinem Bruder so zusammen fliegen kann. ... Wir schlossen uns eng zusammen, denn jeder wußte, daß man es mit Brüdern zu tun hatte, die dasselbe Metier verfolgen wie wir selbst ... aber es kommt eben nicht auf die Kiste an, sondern auf den, der drinnen sitzt; die Brüder waren laurig und hatten keinen Mumm. ... Aber wenn einem die Kundschaft nicht mehr gibt, muß man sie halt nehmen, wie sie kommt. ... Was unter mir ist, womöglich noch allein und auf unserem Gebiet, kann wohl als verloren gelten, besonders, wenn es ein Einsitzer ist, also ein Jagdflieger, der nicht nach hinten 'rausschießen kann. ... Jedesmal fiel mein Freund darauf 'rein. So hatte ich mich sachte an ihn herangeschossen. Nun bin ich ganz nahebei. Jetzt wird sauber gezielt, noch einen Augenblick gewartet, höchstens noch fünfzig Meter von ihm entfernt, drücke ich auf beide Maschinengewehrknöpfe. Erst ein leises Rauschen, das sichere Zeichen des getroffenen Benzintanks, dann eine helle Flamme, und mein Lord verschwindet in der Tiefe. Dieser war der Vierte an diesem Tage. Mein Bruder hatte zwei. Dazu hatten wir den alten Herrn scheinbar eingeladen. Die Freude war ganz ungeheuer. ... Sechs Engländer hatten die beiden Brüder also an einem Tage abgeschossen, das ist zusammen eine ganze Fliegerabteilung. Ich glaube, wir waren den Engländern unsympathisch. Aus dem Kapitel »Mein Bruder:« ... Das täte uns leid, denn dadurch würde uns manche schöne Gelegenheit genommen, bei der wir die Engländer gut belapsen könnten. Aus dem Kapitel »Lothar ein ›Schießer‹ und nicht ein Weidmann:« Mein Vater macht einen Unterschied zwischen einem Jäger (Weidmann) und einem Schießer , dem es nur Spaß macht zu schießen. Wenn ich einen Engländer abgeschossen habe, so ist meine Jagdpassion für die nächste Viertelstunde beruhigt. Ich bringe es also nicht fertig, zwei Engländer unmittelbar hintereinander abzuschießen. Fällt der eine herunter, so habe ich das unbedingte Gefühl der Befriedigung. Erst sehr, sehr viel später habe ich mich dazu überwunden und mich zum Schießer ausgebildet. Bei meinem Bruder war es anders. ... Zu Hause fragte er mich stolz: »Wieviel hast du abgeschossen?« Ich sagte ganz bescheiden: »Einen.« Er dreht mir den Rücken und sagt: »Ich habe zwei«, worauf ich ihn zur Nachsuche nach vorn schickte. Er mußte feststellen, wie seine Kerle hießen u. s. w. Am späten Nachmittag kommt er zurück und hat nur einen gefunden. Die Nachsuche war also schlecht, wie überhaupt bei solchen Schießern. Erst am Tage darauf meldete die Truppe, wo der andere lag. Daß er 'runtergefallen war, hatten wir ja alle gesehen. Aus dem Kapitel »Der Auerochs:« Der Fürst Pleß hatte mir gelegentlich eines Besuches im Hauptquartier erlaubt, bei ihm auf seiner Jagd ein Wisent abzuschießen. Der Wisent ist das, was im Volksmund mit Auerochse bezeichnet wird. Auerochsen sind ausgestorben. Der Wisent ist auf dem besten Wege, das gleiche zu tun. Auf der ganzen Erde gibt es nur noch zwei Stellen, und das ist in Pleß und beim Revier des ehemaligen Zaren im Bialowiczer Forst. Der Bialowiczer Forst hat natürlich durch den Krieg kolossal gelitten. So manchen braven Wisent, den sonst nur hohe Fürstlichkeiten und der Zar abgeschossen hätten, hat sich ein Musketier zu Gemüte geführt. Mir war also durch die Güte seiner Durchlaucht der Abschuß eines so seltenen Tieres erlaubt worden. In etwa einem Menschenalter gibt es diese Tiere nicht mehr, da sind sie ausgerottet. ... Ich stand auf der Kanzel, auf der, wie mir der Oberwildmeister berichtete, bereits mehrmals Majestät gestanden hat, um so manchen Wisent von da aus zur Strecke zu bringen. ... Auf zweihundertfünfzig Schritt verhoffte er noch einen Augenblick. Es war mir zu weit, um zu schießen. Getroffen hätte man ja vielleicht das Ungetüm, weil man eben an so einem Riesending überhaupt nicht vorbeischießen kann. ... Schlecht zum Schießen. Da verschwand er hinter einer Gruppe von dichten Fichten. Ich hörte ihn noch schnaufen und stampfen. Sehen konnte ich ihn nicht mehr. Ob er Wind von mit bekommen hatte oder nicht, weiß ich nicht. ... War es der ungewohnte Anblick eines solchen Tieres oder wer weiß was – jedenfalls hatte ich in dem Augenblick, wo der Stier herankam, dasselbe Gefühl, dasselbe Jagdfieber, das mich ergreift, wenn ich im Flugzeug sitze, einen Engländer sehe und ihn noch etwa fünf Minuten lang anfliegen muß, um an ihn heranzukommen. Nur mit dem einen Unterschied , daß sich der Engländer wehrt. Hätte ich nicht auf einer so hohen Kanzel gestanden, wer weiß, ob da nicht noch andere moralische Gefühle mitgespielt hätten. ... Hindenburg hatte mir einen Monat vorher gesagt: »Nehmen Sie sich recht viel Patronen mit. Ich habe auf meinen ein halbes Dutzend verbraucht, denn so ein Kerl stirbt ja nicht. Das Herz sitzt ihm so tief, daß man meistenteils vorbeischießt.« Und es stimmte. Das Herz, trotzdem ich ja genau wußte, wo es saß, hatte ich nicht getroffen. Ich repetierte. Der zweite Schuß, der dritte, da bleibt er stehen, schwerkrank. Vielleicht auf fünfzig Schritt vor mir. Fünf Minuten später war das Ungetüm verendet. Die Jagd wurde abgebrochen und »Hirsch tot« geblasen. Alle drei Kugeln saßen ihm dicht überm Herzen, sehr gut Blatt. ... Man ist noch lange nicht am Ende der Erfindungen. Wer weiß, was wir in einem Jahr verwenden werden, um uns in den blauen Äther zu bohren! Aus einer faksimilierten Beilage: Rittm. Freih. von Richthofen. Jagdstaffel Richthofen ... – – – – – – – – – – – – – – – Gott sei ferner mit Ihnen. Ein Ereignis ist es, daß, wahrscheinlich zum erstenmal, im Namen der Republik ein Monarchist oder was sich so nennt nicht freigesprochen, sondern verurteilt wurde; zu zwei Monaten Kerkers, wegen einer nach jahrelanger Belästigung erfolgten gefährlichen Bedrohung meiner Person. In der Verhandlung selbst waren allerdings Furcht und Unruhe wesentlich von der Heiterkeit zurückgedrängt angesichts einer legitimistischen Sehnsucht in Gestalt eines mit eigenhändigem Handschreiben desselben ernannten »Kanzleidirektors« und nach wiederholter psychiatrischer Überprüfung für minderwertig befundenen Hausierers mit Kaiser-Ansichtskarten, der diese doppelte Chance bisher zu allerlei Unfug gegen die Republik benützen konnte, nachdem er im Namen Seiner Majestät öfter vorbestraft war. Der Gerichtshof erkannte die psychische Minderwertigkeit, die sich in der Ablehnung der republikanischen Justiz hervortat, zwar als mildernden Umstand an, aber auch als die Gabe eines Mannes, der hinreichend geistesgegenwärtig ist, um sie für sein Fortkommen zu verwerten. Der Fall, soweit er leider und mit einer gar nicht zu beschreibenden Nerventortur mich betroffen hat, hat die Vorgeschichte, welche in den folgenden Zeugenaussagen, die ich vor den Untersuchungsrichtern zweier Prozesse zu Protokoll gab, dargestellt ist. Denn schon im Herbst 1922 führte die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung wegen gefährlicher Drohung oder eigentlich Erpressung, deren Objekt ich war. In einem jener monarchistischen Hanswurst- und Kasmaderblätter, die immer wieder eingehen, um auf rätselhafte Art wieder Subsistenzmittel zu erhalten (da doch die am Altar des Vaterlands niedergelegten Spenden laut Ausweis den Betrag von 10 000 Kronen nicht zu übersteigen pflegen), waren nach vorangegangenen anonymen Drohbriefen Artikel erschienen, die abgesehen von ihrer für den monarchistischen Gedanken tödlichen Dummheit keineswegs unbedenklich schienen und die Staatspolizei auch zu entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen veranlaßten. Besonders auf einen dieser Artikel beziehen sich die folgenden Aufzeichnungen, die ich damals, dem Sinn oder Wortlaut nach, zu Protokoll gegeben habe: »– In diesem Artikel wird ausdrücklich zugegeben, daß durch eine vorangegangene Drohung mit Tätlichkeiten ein Druck auf mich ausgeübt werden sollte, um eine Unterlassung der den Monarchisten nicht genehmen und anläßlich des Todes des Exkaisers zu erwartenden Publikation zu erzwingen, und es wird – wenngleich natürlich mit Unrecht – stolz darauf hingewiesen, daß diese Drohung bereits den angestrebten Erfolg erzielt habe. Es wird von einer »Gefahrzone« gesprochen, um die ich – in der nach dem Tode des Exkaisers veröffentlichten Äußerung, die eben beeinflußt werden sollte – angeblich schön vorsichtig herumgegangen sei; »ängstlich« hätte ich es vermieden, die legitimistischen Kreise zu reizen, und »vorgezogen, den Zorn der Kaisertreuen nicht herauszufordern«. Es wird expressis verbis gesagt, daß »halt doch nur ausschließlich solche Argumente auf Federhelden meiner Art Eindruck machen«. Indem sogar ein Erfolg der Erpressung behauptet wird, erscheinen die Anforderungen des § 98 b noch überboten. So naiv oder unaufrichtig nun die Vermutung sein mag, daß meine literarische Produktion den Wünschen oder Drohungen irgendeines Faktors angepaßt sein könnte, so klar ist die Absicht, durch das Aussprechen solcher Wünsche oder Drohungen eine Einschüchterung zu erzielen, und gewiß ist, daß dieses Eingeständnis und diese Wiederholung nicht geeignet ist, mich über meine persönliche Sicherheit zu beruhigen. Denn das Wesen der Erpressung besteht nicht darin, daß sie durch tatsächliche Beeinflussung meiner geistigen Tätigkeit den gewünschten Erfolg herbeiführt, den herbeigeführt zu haben, sie so offen, wenngleich fälschlich, sich rühmt, sondern darin, daß sie mich bei aller Unerschütterlichkeit in der Ausführung meiner literarischen Absichten von dem Augenblick an, wo diese geschehen ist, also vom Verlassen des Schreibtisches an, in meiner privaten Sicherheit bedroht und geeignet ist, dem Bedrohten gegründete Besorgnisse einzuflößen. (Wozu übrigens noch kommt, daß nach oberstgerichtlichen Entscheidungen als Tatbestandsrequisit der Erpressung nicht einmal erfordert wird, »daß eine Drohung gegründete Besorgnisse wirklich eingeflößt habe«, da »es genügt, daß sie hiezu geeignet war«; ja »selbst die ausdrückliche Versicherung des Bedrohten, daß er keine Besorgnis gehegt habe, schließt die Anwendung des Gesetzes nicht schlechthin aus«.) Besonders kennzeichnend für die Auffassung, die durch Statuierung einer Brachialjustiz über die gesetzlich gewährleistete Freiheit der Meinungsäußerung für ihre Wünsche verfügen zu können wähnt, ist der ungescheute und bei aller Scherzhaftigkeit gewiß ernst zu nehmende Hinweis auf den Plan, mich, weil ich mich einmal »gar zu exzessiv benahm ... zu einer Automobiltour nach Ungarn einzuladen«. Wenngleich es sich nur um eine Großsprecherei von Terroranfängern handeln dürfte, so wird doch nicht geleugnet werden können, daß gerade damit die Methode, Furcht und Unruhe zu erzeugen, illustriert wird und daß ich eben an der Fortsetzung eines Benehmens, welches den Leuten gar zu exzessiv vorkommt, gehindert werden soll. Schließlich sei darauf hingewiesen, daß aus dem Schlußpassus des anonymen Artikels die Identität des Autors mit der Person, die den dreisten Telephonanruf »Hier Staatspolizei, Polizeirat Dr. Hedrich« unternommen hat, um sich zu überzeugen, ob ich den Drohartikel erhalten habe und die Polizei verständigen werde, unzweideutig hervorgeht, da außer mir und jenem Mystifikator niemand von solcher Tatsache und solcher Möglichkeit wissen konnte.« Die Staatsanwaltschaft hatte damals die Sache ad acta gelegt, wohl in der leider nicht unzutreffenden Befürchtung, daß sich die monarchistischen Attentatsversuche dieses Landes vor den Geschworenen, an die die Angelegenheit als Preß-Sache gekommen wäre, in Heiterkeit aufzulösen pflegen. Die Folge war natürlich, daß die Belästigung, auf die das Delikt nunmehr reduziert war und gegen die es zunächst nur polizeiliche Remedur gab, in öffentlichen Lokalen fortgesetzt wurde, bis sie die Form einer gefährlichen Drohung annahmen, die, mündlich ausgesprochen, strafrechtlich nicht mehr zu übergehen war. Darüber gibt nun das folgende Protokoll Aufschluß: »Ich kenne den Inkulpanten, der mir persönlich unbekannt ist, vom Sehen seit etlichen Jahren und er hat mich durch alle die Zeit, wo immer er meiner ansichtig wurde, belästigt. Während des Krieges tauchte er im Café I., wohin ich damals öfter am Nachmittag kam, auf, ging grinsend an meinem Tisch vorbei, machte unverständliche Zurufe von dem seinen und wurde, wie ich erfuhr, schließlich, da er auch sonst durch sein Gebaren peinliches Aufsehen erregte, aus dem Lokal gewiesen. Nach dem Krieg hörte ich einmal, daß er eine Dame, die Frau eines mir befreundeten Schriftstellers und Beamten, auf der Straße angesprochen und ihr die Drohung mitgeteilt hatte, daß es, »wenn ich es mir noch einmal einfallen ließe, ›Die Ballade vom Papagei‹ vorzutragen, um mich geschehen sei« oder dgl. Später erhielt dieselbe Dame einen Brief von ihm, worin er den Wunsch aussprach, mit ihr »in einer einen bekannten Schriftsteller betreffenden Angelegenheit« zu sprechen. Die Dame reagierte auf dieses Ansinnen nicht, es stellte sich aber bald heraus, daß er wieder die Mitteilung einer Drohung beabsichtigt hatte, denn gleichzeitig kamen anonyme Drohbriefe von monarchistischer Seite an mich, die unverkennbar auf seine Autorschaft schließen ließen, und in der von ihm mitredigierten und wahrscheinlich geschriebenen Zeitung 'Die Monarchie', die seither eingegangen ist, erschienen heftige Drohartikel, die der Herausgeber mir selbst als rekommandierte Poststücke (mit Retourrezepiß) zusandte. In einem dieser Artikel war unter anderm mitgeteilt, daß einmal der Plan bestanden habe, mich per Automobil nach Ungarn zu verschleppen (daß man davon nur Abstand genommen habe, weil von einem der ungarischen Machthaber, bei dem man angefragt hatte, ob mein Aufenthalt genehm sei, die lapidare Antwort kam: »Wird sofort aufgehängt«, was man aber nicht wünschte, da ich ohnedies dem Richter in der künftigen Monarchie wegen hundertfachen Hochverrats aufgehoben sei. Die Kaisertreuen mögen darum auch in Wien sich nicht an mir tätlich vergreifen, doch könne man freilich, wenn ich so fortfahre, für nichts gutstehen u. dgl.) Die Polizei befaßte sich mit der Angelegenheit dieser Drohbriefe und Drohartikel und erkannte die Situation immerhin als so gefährlich, daß sie mir aus eigenem Antrieb durch fast drei Wochen zwei Kriminalbeamte zu meinem persönlichen Schutz beistellte und sich seit damals auch veranlaßt sah, jede meiner Vorlesungen besonders zu überwachen. Die Staatsanwaltschaft, an die die Anzeige von der Polizei weitergeleitet wurde, hat wohl eine Untersuchung in der Richtung der Erpressung geführt – es waren Drohungen insbesondere für den Fall einer den Monarchisten nicht genehmen Äußerung der Fackel zum Tode des Exkaisers ausgesprochen worden –, die briefliche Drohung war aber anonym und an der durch die Presse begangenen konnte vielleicht die Urheberschaft des Inkulpanten nicht so sichergestellt werden, daß die Anklage vor dem Schwurgericht einen Erfolg ermöglicht hätte. Kurz vor dieser Begebenheit, am Tag nach dem Tode des Exkaisers, war ich durch Zufall in Gesellschaft einer Dame im Café F. Der Inkulpant, der dort in einer Fensternische saß und den ich sofort erkannte, wiewohl er inzwischen seine Barttracht verändert hatte, erhob sich, als er meiner ansichtig wurde, ging an unserem Tisch vorbei und begann die wüstesten Schmähungen gegen die »elenden Kanaillen von Republikjuden« auszustoßen, schrie: »Aufhängen sollte man die Bagage!«, »Die haben unsern armen Kaiser gemordet!«, »Am 12. November 1918 hat das Verbrechen begonnen!« u. dgl. Dies alles rief er zu unserem Tisch und vor den aufhorchenden, teilweise belustigten Gästen und Kellnern. Als wir bald darauf das Lokal verließen, saß er wieder in seiner Nische, spuckte aus und rief uns noch ein »Pfui!« nach. Eine ähnliche Szene hat er vor einigen Monaten in einem anderen Lokal aufgeführt, indem er in das Seitenzimmer hinein, wo ich in Gesellschaft saß, die Worte rief: » Pfui Kaisermörder, schäm dich!« All dies sind zwar im höchsten Maße peinliche, widerliche und unerträgliche Belästigungen, doch habe ich in solchem Benehmen keine persönliche Drohung erblickt. Noch als der Mann vor etwa 14 Tagen nachts auf der Terrasse des Café I. erschien, wo ich mit zwei Bekannten saß, und, nachdem er an unserem wie an andern Tischen mit Ansichtskarten des Exkronprinzen Otto hausiert und die Worte gebraucht hatte: »Seine Majestät der Kaiser! Letzte Aufnahme seiner Majestät!«, das folgende unternahm. Er setzte sich, von uns wie von andern mit seinem Angebot abgewiesen, an einem Tisch auf die Terrasse, schrieb etwas auf eine Karte, trat dann ganz dicht an uns heran und warf die Karte zu mir hin. Die Adresse lautete: » An den Kaisermörder Karl Kraus« mit Angabe der Wohnung. Der Text: » Ex ossibus ultor!« war von seinem Namenszug unterschrieben. Selbst diesem Vorfall, den ich allerdings doch der Polizei am andern Tag telephonisch mitteilte, habe ich keine Bedeutung beigemessen, denn ich konnte mich bei dem Gedanken beruhigen, daß es sich zwar um einen äußerst lästigen, aber mehr absonderlichen als gefährlichen Menschen handle, von dem bekannt ist, daß er sich in der Republik zum »ehemaligen Kanzleidirektor Seiner Majestät« ernannt und sich diesen Rang auch auf Visitkarten bestätigt hat. Erheblich anders wurde die Situation am nächsten Tage, als ich allein des Nachts auf der Terrasse des Café I. saß. Er hatte es sich offenbar gemerkt, daß ich dort um diese Stunde zu treffen sei, und erschien wieder, diesmal ohne Ansichtskarten, aber dafür mit zwei jungen Burschen, denen er sofort, als er meiner von der Straße ansichtig wurde, aus einer Entfernung von nicht mehr als zwei Meter auf mich zeigend, die Worte zurief: » Da sitzt er, der Kaisermörder!« Zum Glück war ein Kellner in der nächsten Nähe und einem andern rief ich zu, er möge einen Wachmann holen. Ehe dieser eintraf, wurden der Inkulpant und seine Begleiter von einem dritten Kellner von der Terrasse gewiesen, und es ging ein Geschimpfe los, aus dem ganz deutlich die Sätze hörbar wurden: » Noch ein Wort über das Kaiserhaus und die Kreatur ist hin!« und » Wir werden den Kerl schon erwischen, er sitzt ohnedies immer hier draußen! Kaisermörder, pfui!« Als die drei des Wachmannes ansichtig wurden, entfernten sie sich. Ich ging in Begleitung des Wachmanns dem Hotel entlang, dann durch die Dumbastraße den drei Leuten nach, die jedoch, während ich jenem die Situation vergebens klar zu machen suchte, bereits verschwunden waren. Da sie sich in der Richtung zu meiner Wohnung entfernt hatten, ersuchte ich einen zweiten Wachmann, der beim Musikvereinsgebäude zu uns trat, mich zuerst zum Café I., wo ich noch zu bezahlen hatte, und dann bis zum Wohnhaus zu begleiten. Die vor der Polizei abgegebene Erklärung des Inkulpanten, daß er mich nicht bedrohen wollte und künftig nicht mehr belästigen werde, kann ich als keine Beruhigung empfinden. Denn je weniger er vermöge der Geistesverfassung, auf die man hinwies, »ernst zu nehmen« wäre und je planloser er handelt, umso ernster ist die Gefahr zu nehmen, die eben durch die Zufallsmäßigkeit seiner Entschließungen bedingt wird. Gerade angesichts seiner Geistesverfassung glaube ich nicht, daß die polizeiliche Untersuchung schon eine Hemmung bei ihm bewirkt habe. Wäre er allein gewesen, so könnte man noch selbst die Drohung wieder als bloße Belästigung auffassen und sich dabei beruhigen, daß sein bresthafter Zustand die persönliche Verwirklichung unwahrscheinlich erscheinen lasse. Es wäre aber in diesem Falle durchaus verfehlt, von der Dürftigkeit der Erscheinung auf eine Geringfügigkeit der Gefahr zu schließen. Es hat sich gezeigt, daß der Inkulpant über Leute verfügt, die entweder, weil sie ihn und seine Auffassung, daß ich der Kaisermörder sei, ernst nehmen, oder aus irgendeinem andern Grund Miene machen könnten und sichtlich auch machten, seine Drohungen ins Werk setzen. Am Tag nach jenem Vorfall ist er wieder einmal in einem andern Lokal, wohin ich damals regelmäßig kam, aufgetaucht, diesmal allein, und begann, als er meiner ansichtig wurde, unverständliche Schimpfereien auszustoßen, bis ihn ein Kellner aus dem Lokal wies. Vor dem Café I., wohin ich an diesem Abend um 1/4 12 kam und wo ein Kriminalbeamter wartete, erschien der Inkulpant diesmal nicht. Am nächsten Tage wurde er verhaftet. Ich habe mich seit Jahren durch den Mann bloß maßlos belästigt gefühlt, aber seit jenem Vorfall im Café I. fühle ich mich in Furcht und Unruhe versetzt, und ich halte meine Anzeige wegen gefährlicher Drohung vollinhaltlich aufrecht. Ich könnte die Gefahr, die mir, wenn nicht durch ihn selbst, so durch die ihm gefügigen Werkzeuge droht, nur dann für gebannt erachten, wenn entweder ein richterlicher Ausspruch seine Verantwortlichkeit bestätigt oder durch die Feststellung seiner Unverantwortlichkeit seinem Einfluß auf die ihm zu Gebot stehenden Leute ein Ende gemacht wird.« Der Gerichtshof ließ auf Grund des psychiatrischen Gutachtens den gegebenen geistigen und moralischen Habitus, der aber immerhin für den österreichischen Monarchismus repräsentativ ist, bloß als Milderungsgrund gelten und verhängte eine Strafe, die zur Hälfte durch die im Inquisitenspital verbrachte Untersuchungshaft verbüßt ist. Was die Publizität der Sache anlangt, so ist zunächst zu erwähnen, daß die Zeitungsberichte über die beiden Vorfälle, die der Verhaftung vorangegangen waren, nebst der widerlichen Scherzhaftigkeit durch ihre Genauigkeit auffielen. Sie waren von einer Gerichtssaalkorrespondenz versendet, mit der der Angeklagte in Verbindung steht, dessen vollwertiges Gedächtnis noch in der Verhandlung darauf bestand, daß der Zuruf gelautet habe: »Noch ein Wort gegen das Kaiserhaus und aus ist es mit dieser Kreatur« (nicht: »über« und »ist hin«), was aber das Gericht für unerheblich ansah und was ja namentlich im ersten Punkt auf die gleiche Erpressung hinausläuft, da »über«, im Fall des Kaiserhauses, nur »gegen« bedeuten kann und ich für die Absingung des Gotterhalte doch nichts zu riskieren habe. Sehr drollig war das Neue Wiener Tagblatt, das es damals nicht über sich brachte, mich eine Kreatur nennen zu lassen und deshalb den Mann ausrufen ließ: »– und aus ist es mit diesem!« Die Berichterstattung über die Gerichtsverhandlung war zum Teil durch die Gewissenlosigkeit gekennzeichnet, mit der allerlei Gerede des Angeklagten, dem zu widersprechen die Zeugen keine Gelegenheit bekamen und von dem sie erst aus der Zeitung erfuhren, hinausgetragen wurde. Nicht der geringste Vorwurf läßt sich diesmal der Neuen Freien Presse und der Reichspost machen, die darin einig waren, den Fall unbeachtet zu lassen, diese mit Rücksicht auf den ihr nahestehenden Angeklagten und die von ihm vertretene Sache, jene mit Rücksicht auf den ihr nahestehenden Zeugen. Ich kann mich der keineswegs geringen Leistung rühmen, so divergente Köpfe wie die der Reichspost und der Neuen Freien Presse unter meinen Hut gebracht zu haben. Allen Beteiligten ist auf diese Art gedient. Die Leser der beiden Blätter, Biach und Kasmader, merken nicht, daß ihnen da etwas entzogen wurde, worüber die andern spaltenlang berichten, und ich habe keine Ursache, mich über die Plumpheiten oder Entstellungen einer mißhörenden Berichterstattung zu beklagen, die sich die andern Blätter in meinem Fall nicht nehmen lassen und die ich zuletzt damals erfahren hatte, als im Schwurgerichtssaal dem kleinen polnischen Schmierer wegen der Behauptung, ich hätte mich an der Grabrede für Peter Altenberg bereichert, eine Ehrenerklärung diktiert wurde, vor deren Abdruck er sein Blatt eingehen ließ. Daß nun selbst auf zwei Meter Distanz nicht gehört wird, beweist das Folgende: – Einmal sagte er, wenn die Monarchie wieder käme, wäre K. der erste, der gehängt wird. – K. K. (auf der Zeugenbank) Das stimmt. – Staatsanwalt Dr. Tuppy: Das ist aber keine gefährliche Drohung! Natürlich stimmt das nicht , da der Zuruf vom Angeklagten, nicht vom Zeugen herrührte, der allerdings der treffenden Bemerkung des Staatsanwalts zugestimmt hat, daß die Drohung mit dem Hängen bei Wiederkehr der Monarchie keine gefährliche Drohung sei. Und gerade, der an dem Kaiserbart der österreichischen Justiz kein gutes Haar läßt, fühlt sich verpflichtet, zuzugeben, daß er hier den Fall erlebt hat, der das bekannte Gebot, daß man nicht generalisieren darf, ausnahmsweise rechtfertigt. Am Staatsanwalt, der ohne jeden Rückhalt auf die Ungeheuerlichkeit hinwies, daß der monarchistische Unfug allzulange geduldet wurde; am Richter Dr. Hellmer, dessen bezirksgerichtlichen Schlichtungen im Ehrenhandel kleiner Leute ich früher manchmal beigewohnt habe, als einem Sonderfall im Rechtsbetrieb, einer Vereinigung von Lebenssinn und jener unfeierlichen Gerechtigkeit, deren Humor den Vorsitzenden nie zum Vorgesetzten der Partei macht und die wie der Rest von einer Wiener Art berührt, die keine Spezialität, sondern eine Rarität ist. Es wurde wirklich einmal im Namen der Republik Recht gesprochen und sie selbst nicht in contumaciam der Monarchie verurteilt. Ein kalter Schauder über den Rücken wenn man diesen Gipfel journalistischer Möglichkeit erklommen hat. Ein armer Junge ist über eine Planke geklettert, um in einem Garten zu übernachten. Dort wird er am nächsten Tag zerfleischt aufgefunden. Der Ruf des Sterbenden: »Mutter! Mutter!« sei gehört worden. Es wird festgestellt, daß die tödlichen Verletzungen von Bluthunden herrühren. Dieser grauenvolle Sachverhalt ließe die grauenvollere Perspektive zu, daß der Besitz mehr Schutz genießt als das Leben. Etwa auch die, daß es Kinder gibt, die, sei es aus Armut, sei es um den Qualen der Häuslichkeit zu entrinnen, das Obdach so gefährlicher Freiheit suchen müssen, während die Menschenbestien, die dies alles so wohl bestellt haben, in Üppigkeit wohnen und in Sicherheit ruhn. Dem Blick, der die entsetzliche Planmäßigkeit des neuzeitlichen Zufalls wahrnimmt, ergäbe sich auch die Verbindung mit dem Fall, den dieselben Tage erleben ließen und der darnach angetan war, selbst den Menschen, die den Krieg vergessen haben wollen, die Nachtruhe zu stören – dem Fall, daß ein Alters- und Elendsgenosse des unglücklichen Wiener Kindes, der an der ungarischen Grenze mit zwei Kilogramm geschmuggelten Zuckers, durch den Fluß watend, erfaßt wurde, im nächsten Moment ein zerfleischter Leichnam war wie jener, doch nicht von Geschöpfen getötet, die Bluthunde nach dem Willen der Schöpfung sind, sondern von Grenzgendarmen, die ihn zertrampelten wie jene, und dann noch, was jene nicht taten, ihm ins Hirn schossen. Und hieran wieder könnte sich die Perspektive knüpfen, daß gegen Teppichschmuggler in derselben Zeit und an derselben Grenze ein geregeltes Verfahren eingeleitet wurde, und etwa noch, daß Herr Castiglioni schon damals, als er über die italienische Grenze Milliardenwerte von Bildern hereinbrachte, mit der Justiz sich ausgeglichen und die Funktionäre dieser Staatsordnung an seinem Tisch gespeist hat, um ihnen hernach die Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Alles in allem: daß man die kleinen Diebe zerfleischt, die großen aber hängen läßt, was sie herübergeschmuggelt haben; daß Bluthunde doch bessere Wilde sind; daß die Bestien der Tierwelt wenigstens nicht so infam sind wie die anderen. Kurz was man will konnte zu dem Fall gesagt werden, wenn man schon den Beruf ohne die Berufung hat, zu allem etwas zu sagen, anstatt vor solcher Begebenheit, solcher Möglichkeit, solcher Wehrlosigkeit der Kreatur gegen die Kreatur in Schmach und Gram der Kreatur zu verstummen. Das Blatt, das um die Mittagsstunde den Mord durch die Gassen ruft, den seine Existenz an dem Rest von Ehre bedeutet, welchen dieser Welt von Gurgelabschneidern der Krieg übriggelassen hat; das mit der Unbefangenheit, die das Nichtsnutzige als Trumpf ausspielt, den hellen Tag zum Nachtlokal macht; das Blatt, das der Moral von Rowdies und Schiebern eine Weltanschauung abgewinnt und das die Metaphysik der Haifische begründet hat – es brachte einen Leitartikel »Die Planke«, worin das Schicksal des zerfleischten Knaben tatsächlich mit dem Fall Castiglioni verknüpft ward. Nämlich so: Die Planke schützt allerdings den Besitz gegen das Eindringen der Armut, aber einer solchen, die gleichfalls »nach des Lebens Freuden lechzt«. Wir glauben zu verstehen, ohne es für möglich zu halten: die Planke grenzt also den alten Reichtum gegen den neuen Reichtum ab, der, wenn's ihm doch gelungen ist, hinüberzukommen, von den »Hunden des Besitzwahns«, nämlich dem ganzen Heerbann des alten Kapitalismus, zur Strecke gebracht wird. Wirklich und wörtlich: – Du darfst nicht klettern, armer Mann. Du hast dich vor ihr zu beugen, vor ihrer Majestät, der Planke. Und ist es dir, dank deiner Muskelkraft, dank deiner Skrupellosigkeit, dank deinem Wagemute geglückt, über den ersten Zaun zu klettern, dann starrt dir einige Schritte später schon ein zweiter entgegen. Und über diesen kommst du nicht, wenn du nicht alle Eigenschaften der bissigen Wachthunde dir angeeignet hast. Du mußt werden wie sie, barbarisch gegen jeden Eindringling in dein Reich. Kommst du nicht über die zweite Bretterwand, bist du ein gestrandeter Unternehmer, dann stürzen sich neue Bestien auf dich, reißen dir deine kostbaren Kleider vom Leibe und rufen schließlich nach dem Gendarm wegen Waldfrevels auf den Jagdstätten des alten Reichtums . Mensch, der du von Glück und Unglück geschaukelt wirst, sei gewarnt, du kennst sie nicht die mörderische Abwehrkraft der Planke. – Ein tragischer Vorfall hat es bewiesen: wir stehen immer vor einer Planke und dahinter lauern die wütenden Hunde ... Welche kosmische Phantasie war imstande, in dem bleichen Gesicht des zerfleischten Kindes die Züge des Herrn Castiglioni zu entdecken! Wahrlich, zwischen Himmel und Hölle klafft an keinem Punkt eine Antithese gleich jener, die den Kindesleichnam zum Symbol des gestrandeten Haifisches gemacht hat und den Todesschrei »Mutter! Mutter!« als Signal empfing für einen Leitartikel über den Fall Castiglioni. Hol mich der Teufel, nach dessen Diktat sich Leben und Schreiben dieser Welt vollzieht diese Ruchlosigkeit grenzt an Genie! Ein Kantianer und Kant » ... Es hat das Jahr 1917 mit seinen großen Schlachten gezeigt, daß das deutsche Volk einen unbedingt sicheren Verbündeten in dem Herrn der Heerscharen dort oben hat. Auf den kann es sich bombenfest verlassen, ohne ihn wäre es nicht gegangen ... Schon gestern habe ich in der Umgebung von Verdun eure Kameraden gesprochen und gesehen, und da war es wie eine Witterung von Morgenluft, die durch die Gemüter ging ... Was noch vor uns steht, wissen wir nicht. Wie aber in diesen letzten vier Jahren Gottes Hand sichtbar regiert hat, Verrat bestraft und tapferes Ausharren belohnt, das habt ihr alle gesehen, und daraus können wir die feste Zuversicht schöpfen, daß auch fernerhin der Herr der Heerscharen mit uns ist. Will der Feind den Frieden nicht, dann müssen wir der Welt den Frieden bringen dadurch, daß wir mit eiserner Faust und mit blitzendem Schwerte die Pforten einschlagen bei denen, die den Frieden nicht wollen.« »Der völlige Sieg im Osten erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Er läßt uns wieder einen der großen Momente erleben, in denen wir ehrfürchtig Gottes Walten in der Geschichte bewundern können. Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Die Heldentaten unserer Truppen, die Erfolge unserer großen Feldherren, die bewunderungswürdigen Leistungen der Heimat wurzeln letzten Endes in den sittlichen Kräften, im kategorischen Imperativ, die unserm Volk in harter Schule anerzogen sind ...« »... Um so dankbarer wird gerade in Ostpreußen das Gottesgericht im Osten empfunden werden. Unseren Sieg verdanken wir nicht zum mindesten den sittlichen und geistigen Gütern, die der große Weise von Königsberg unserem Volke geschenkt hat ... Gott helfe weiter bis zum endgültigen Siege.« »Nach einem beendigten Kriege, beim Friedensschlusse, möchte es wohl für ein Volk nicht unschicklich sein, daß nach dem Dankfeste ein Bußtag ausgeschrieben würde, den Himmel im Namen des Staats um Gnade für die große Versündigung anzurufen, die das menschliche Geschlecht sich noch immer zu schulden kommen läßt, sich keiner gesetzlichen Verfassung im Verhältnis auf andere Völker fügen zu wollen, sondern stolz auf seine Unabhängigkeit lieber das barbarische Mittel des Krieges (wodurch doch das, was gesucht wird, nämlich das Recht eines jeden Staats, nicht ausgemacht wird) zu gebrauchen. – Die Dankfeste während dem Kriege über einen erfochtenen Sieg; die Hymnen, die (auf gut israelitisch) dem Herrn der Heerscharen gesungen werden, stehen mit der moralischen Idee des Vaters der Menschen in nicht minder starkem Kontrast; weil sie außer der Gleichgültigkeit wegen der Art, wie Völker ihr gegenseitiges Recht suchen (die traurig genug ist), noch eine Freude hineinbringen, recht viel Menschen oder ihr Glück zernichtet zu haben.« Franz Grüner ist, dreißig Jahre alt, aus dem Leben gerissen worden, durch einen jener vollkommen wirksamen Zufälle, die das menschliche Ingenium erfunden hat, um sein Opfer auch nicht mehr begraben zu müssen. Es ist an der Südwestfront geschehen, wo er als Leutnant beschäftigt war. Der ursprünglich von ihm gewählte Beruf war der eines Kunstforschers. Lesern der Fackel ist er als Autor eines kritischen Beitrags im Gedächtnis, aus jener Zeit, da sie Mitarbeiter hatte und nicht allzu viele, deren persönlicher Wert sich auch späterhin haltbar erwies. Er war einer der wenigen, denen es gegeben war, die Farbe zu sehen und das Wort zu hören, und dabei den eigenen Menschen zu bewahren. Aus einem treuen Verstand zu allen Himmeln emporgewendet, war seine Haltung vor der Kunst Andacht und Wissenschaft in einem Zug. So sachlich hingerissen, war er die Ausnahme einer Generation, die um das Licht schwärmt, ehe sie ins eigene Zwielicht eingeht. Wie lebhaft konnte er zuhören und wie still davon sprechen! Da sein von Güte und Klarheit auf den Geist gerichtetes Wesen ein Trost meines Lebens war, so kann mir selbst die Vorstellung, daß er für eine allgemeinere Sache gestorben ist, keinen Ersatz gewähren. Im Gegenteil werde ich dieses Jünglingslächeln, das viel weiser als mein Zorn allem Widersinn entgegnete, gerade zu dem Ereignis entbehren, das mir ihn entrückt hat, und zu dem absurden Zufall, der ihn nicht wiederkehren läßt, und wie erst zu dem Weltbetrug, solches einen Heldentod zu nennen und dessen Anwärter nach einem im Geist zufriedenen Leben mit dem Zeugnis der »Schneid« zu entlassen. Nun, da die Italienreise eines jungen Kunstgelehrten so zeitgemäß beendet ist, bleibt mir nichts als der Wunsch, dieses lebendige Leben von einer irdischen Ordnung zurückzufordern, deren Unmündigkeit sich des schwersten Eingriffs in überirdische Rechte allzulange schuldig macht. An der Unmöglichkeit der Erfüllung wächst der Wunsch ins Grenzenlose und an der hoffnungslos trauernden Liebe nährt sich der Abscheu vor einer Gegenwart, die ihr solches antun konnte. Was mit den Mitteln der geistigen Macht gegen sie unternommen werden kann, soll geschehen! Denn Gott ist von ihren Taten noch nicht so in Abrede gestellt, daß er nicht auch dem Gedanken seine Volltreffer ließe. Goethes Volk Berlin, 24. Februar. Ballin gewährte dem Mitarbeiter des »A Vilag« in Hamburg eine Unterredung, in der er erklärte, daß die Admiralität mit den Ergebnissen des unbedingt notwendig gewesenen U-Boot-Krieges außerordentlich zufrieden sei. Das Ziel des verschärften U-Boot-Krieges ist nicht das, möglichst viel Schiffe zu versenken, sondern den Verkehr von und nach England abzuschneiden, welche Absicht als vollkommen erreicht bezeichnet werden kann. Deutschland selbst schneide es bei jedem einzelnen Schiff tief ins Herz, nicht nur bei einem der neutralen, sondern auch bei feindlichen ... Wess das Herz voll ist, dess gehet das Gemüt über: Deutsche Art Es zetern unsre Feinde Ob U-Boots-Barbarei, Die edle Hetzgemeinde Brüllt Haß und schimpft dabei. Wer, dem ein Schiff zur Beute Verfiel auf stürm'schem Meer, Verteilt an dessen Leute Zigarren und Likör? Wer sieht die Schiffspapiere Mit solcher Rücksicht ein? Lotst Feindes-Offiziere Ins Rettungsboot hinein? Doch hält ihr Wutgeheule Nicht vor der Wahrheit stand: Wir sind im Gegenteile Nur leider zu galant. Nur, wenn der Kapitän sich – Wie's jüngst von Zwei'n geschah Frech wehrte, griff man den sich Selbst rücksichtsvoll noch da: Denn da die Zwei, als Briten Sich ödeten und wie, Fing man noch einen Dritten- Gibt eine Whistpartie! Wer sorgt für solche Gäste So, wie's bei uns geschieht?! – Gesprengt, versenkt wird feste Doch immer – mit Gemüt ! Georg Bötticher Mit diesem Gedicht hat die liebe »Jugend« das Jahr 1917 eröffnet. Nun mag ja die Bestie der Gegenwart, wie sie gemütlich zur todbringenden Maschine greift, auch zum Vers greifen, jene zu glorifizieren. Was in dieser entgeistigtesten Zeit Deutschlands, von den Hauptmann und Dehmel hinunter bis zum letzten Münchner Ulkbruder zusammengeschmiert wurde – und wär's noch toller und mehr gewesen und wären auch täglich eine Million Tonnen des Geistes versenkt worden – es würde doch vor der letzten weltgeschichtlichen Instanz als unerheblich abgewiesen werden, wenn es sich zu ungunsten der deutschen Sprache gegen das Dasein der Luther, Gryphius, Goethe, Klopstock, Claudius, Hölty, Jean Paul, Schopenhauer, Bismarck behaupten wollte. Ja, wenn zugunsten Deutschlands nichts weiter geltend gemacht würde, als daß auf seinem Boden das Gedicht »Über allen Gipfeln ist Ruh« gewachsen ist, so würde ein Prestige, auf das es schließlich mehr ankommt als auf jene zeitgebundenen Vorurteile, zu deren Befestigung Kriege geführt werden, heil aus der Affäre hervorgehen. Was die Lage kritischer machen könnte, wäre eine einzige vom Ankläger enthüllte Tatsache. Daß nämlich dieses Zeitalter, das als verstunkene Epoche preiszugeben und glatt aus der Entwicklung zu streichen wäre, um die deutsche Sprache wieder zu einer gottgefälligen zu machen, sich nicht damit begnügt hat, unter der Einwirkung einer todbringenden Technik literarisch produktiv zu sein, sondern sich an den Heiligtümern seiner verblichenen Kultur vergriffen hat, um mit der Parodie ihrer Weihe den Triumph der Unmenschlichkeit zu begrinsen. In welcher Zone einer Menschheit, die sich jetzt überall mit dem Mund gegen ein Barbarentum sträubt, dessen die Hand sich beschuldigt, wäre ein Satanismus möglich, der das heiligste Gedicht der Nation, ein Reichskleinod, dessen sechs erhabene Zeilen vor jedem Windhauch der Lebensgemeinheit bewahrt werden müßten, wie folgt der Kanaille preisgibt: (» Unter allen Wassern ...« Im »Frankfurter Generalanzeiger« lesen wir: Frei nach Goethe! Ein englischer Kapitän an den Kollegen Unter allen Wassern ist – »U« Von Englands Flotte spürest du Kaum einen Rauch ... Mein Schiff versank, daß es knallte, Warte nur, balde R-U-hst du auch! Wo in aller Welt ließe sich so wenig Ehrfurcht aufbringen, den letzten, tiefsten Atemzug des größten Dichters zu diesem entsetzlichen Rasseln umzuhöhnen? Die Tat, die es parodistisch verklären soll, ist eine Wohltat, verglichen mit der Übeltat dieser Anwendung, und hundert mit der Uhr in der Hand versenkte Schiffe wiegen eine Heiterkeit nicht auf, die mit Goethe in der Hand dem Schauspiel zusieht. Die Ruchlosigkeit des Einfalls, der den Sieg jener Richtung bedeutet, die mit dem Abdruck von Klassikerzitaten auf Klosettpapier eingesetzt hat, ist über alles erhaben, was uns das geistige Hinterland dieses Krieges an Entmenschung vorgeführt hat. Und wie um den Rohstoff einer Gesinnung, die solcher Tat fähig war, nur ja handgreiflich zu machen, ergänzt das Wiener Saumagenblatt, das Schere an Schere die Verpflanzung des Generalanzeigergeistes in unsere Region besorgt, die Beschwörung Goethes noch durch diese Anekdote: Zwischen zwei anderen englischen Kapitänen spielte sich folgendes Zwiegespräch ab: Der eine fragt: »Wohin gehst du?« – »Zu Grunde«, antwortete der andere kurz und bündig! Am nächsten Tag aber wird – vermutlich aus Sympathie mit dem Namen des Admirals Scheer – eine Nachricht weitergegeben, von der jeder deutsche Patriot, der die sentimentalere Auffassung des Herrn Ballin mitmacht, überzeugt sein muß, daß sie eine Lüge ist: (Admiral Scheer zum U-Boot-Lied der »englischen« Kapitäne.) Das »Lied des englischen Kapitäns«, das wir gestern in unserem Blatte veröffentlichten – »Unter allen Wassern ist U« –, hat auch den Beifall des Siegers in der Seeschlacht am Skagerrak, des Admirals Scheer, gefunden. Unterm 18. Februar richtete er an die Schriftleitung der »Dresdner Nachrichten« folgende Zeilen: »Über das Lied des englischen Kapitäns' aus den ›Dresdner Nachrichten‹ habe ich mich herzlich gefreut. Hoffentlich behält der gute Mann recht. Scheer, Admiral, Chef der Hochseestreitkräfte.« Nun aber geschieht ein Übriges, das den Literaturhistorikern zu schaffen machen wird. »Unter allen Wassern« taucht in allen Blättern auf und wohl in der Absicht, einen authentischen Text festzustellen und zugleich den Namen des Dichters, der Deutschlands nationale Enttäuschungen an Goethe wettgemacht hat, der Vergessenheit zu entreißen, veröffentlicht das Berliner Tageblatt, in der Gaunersprache des neuzeitlichen Verkehrs auch B. T. genannt, die folgende Fassung: Lied des englischen Kapitäns (Frei nach Goethe) Unter allen Wassern ist – »U«! Von Englands Flotte spürest du Kaum einen Hauch ... Mein Schiff ward versenkt, daß es knallte – Versinkt deins auch! Ludwig Riecker (München) Nehmen wir an, daß er der Urheber ist und dieses sein Wort, an dem man nicht drehn noch deuteln soll. Ehe ich es las, habe ich eine andere Mitteilung des B. T. für den Rekord jener findigen Entwicklung gehalten, die wie die Kunst in den Dienst des Kaufmanns, alle wehrlose Größe in den Dienst der Niedrigkeit gestellt hat: Elefanten im Dienste des »Berliner Tageblatts« Um die Schwierigkeiten zu mindern, die sich gegenwärtig bei der Heranschaffung der großen, für die Herstellung des »Berliner Tageblatts« nötigen Papiermassen ergeben, haben wir mit Herrn Hagenbeck ein Abkommen getroffen, wonach er uns vier seiner Elefanten mit den dazugehörigen indischen Führern zur Verfügung stellt. Heute vormittag haben die Elefanten zum erstenmal ihren Dienst brav und fleißig verrichtet. Sie brachten mehrere mit Papierrollen hoch bepackte Wagen vom Anhalter Bahnhof zu unserer Druckerei. Drei Elefanten waren mit starken Riemen als Zugtiere eingespannt, der vierte Elefant betätigte sich, indem er mit seiner breiten Stirn den Wagen schob. Natürlich erregte diese neue, oder wenigstens für Europa neue Beförderungsart in den Straßen sehr viel Aufsehen und Interesse. Welch ein Schauspiel! Für Europa neu; in Indien bedienen sie längst die Presse. Welch ein Aufzug! Anstatt den Dichter des U-Boot-Liedes mit dem Rüssel emporzuheben oder doch wenigstens so stark zu niesen, daß er sich unter allen Wassern vorkommt, anstatt die Papiermassen so zu zerstampfen, daß sie unbrauchbar werden, oder doch wenigstens so laut zu brüllen, daß die jüdischen Führer erschrocken fragen: Nanu, was is denn los? – tragen diese geduldigen Riesen, ihrer heiligen Herkunft vergessend, dem Mosse die Betriebsmittel ins Haus. Und einer betätigt sich gar als Schieber! Urwälder werden kahl geschlagen, damit der Geist der Menschheit zu Papier werde, und die obdachlosen Elefanten führen es ihr zu. Bei Goethe! Es ist der Augenblick, aus einer Parodie wieder ein großes Gedicht des Abschieds zu machen. Großmann macht es mir schwer. Da ich in einem polemischen Menschenalter hinreichend bewiesen zu haben glaubte, daß mir schon vor gar nichts graust, hat er es sichtlich darauf angelegt, daß mir doch vor etwas grausen solle und er einem Übermaß von Unappetitlichkeit schließlich seine Rettung verdanken werde. So tritt denn der selbst von mir nicht für möglich gehaltene Fall ein, daß sich der Stephan Großmann noch unanständiger aufführt als er ist, was mich freilich im ersten Augenblick etwas verwirrt macht, aber doch in dem, was der Dienst heischt, nicht wankend machen kann, sondern im Gegenteil die Erfahrung, daß mir aber schon vor gar nichts graust, nur bestätigen wird. Denn mir ist leider nicht gewährt, die Reinheit der geistigen Sphäre bloß durch Abwendung von dem Schmutz, der sie berührt, herzustellen, statt erst durch dessen Beseitigung, deren Qual noch um das Wissen vermehrt wird, daß es keine Herakles-, sondern eine Sisyphusarbeit ist. Aber wie wird sie dafür versüßt durch die bildnerische Lust, die selbst die Materie eines Stephan Großmann zu jener Harmonie der Schöpfung hinaufführt, welche ihm die Natur versagt hat; und wahrlich nur die allgemeine Zerrissenheit dieser häßlichen Zeit macht die Kreaturen meines Blicks so undankbar, aus der formalen Geschlossenheit, zu der ich ihnen verholfen habe, aus der schönen Endgiltigkeit wieder hervorzubrechen, die künstlerische Fassung zu verlieren und ihrem eigenen Schöpfer polemisch entgegenzutreten, mit aller Unzulänglichkeit bewehrt, die dem Rohstoff gegeben ward, mit dem schlechten Atem der Gesinnung bewaffnet und voll des Vertrauens auf den Ausgang einer Sache, die das Reinheits- und Ruhebedürfnis des Angegriffenen zu ihren Gunsten entscheiden werde. Muß ich immer wieder staunen, daß Gestalten, die in den »Letzten Tagen der Menschheit« vorkommen, noch eine bürgerliche Wirksamkeit ausüben, so umsomehr, daß Typen, die nur noch von mir sind, wieder individuelle Ansprüche erheben und die Vermessenheit aufbringen, gegen mich, nein mit mir zu hadern. Denn so dumm ist zwar selbst der Stephan Großmann nicht, nicht zu spüren, daß ihn ein Satz von mir wieder in die Form zurückweist, die ich ihm angemessen habe, und ihn ad personam wieder so unmöglich macht wie er ist, aber er tut ein Übriges und will dartun, daß ein Satz von ihm das noch weit besser trifft. Da mag es ihn denn überraschen, daß ich mir die Arbeit trotzdem nicht abnehmen lasse oder wenigstens seiner Bemühung nachhelfen will. Gewiß ist nie zuvor – in der langen Reihe von Tröpfen und Wichten, Hysterikern und gewendeten Verehrern, Schmierfinken und Spaßvögeln, Lyrikern und Journalisten, Patienten und Psychologen, die ihr Nichts an mir auftreiben wollten und nur aufreiben konnten und die im Zusammenprall mit mir das wurden was sie waren, also weit weniger als sie schienen – gewiß ist nie ein so krasser Fall hervorgetreten von jener offensiven Ohnmacht, die das letzte Gefühl, dessen sie fähig: in meiner Nähe nicht bestehen zu können, in den Drang umsetzt, die eigene Leere und den eigenen Schmutz durch die schmutzigste Entleerung zu rächen und sich für die Unerreichbarkeit des Wertes durch dessen Besudelung zu entschädigen, kurzum alles das an mir zu verrichten, was solche Imbezille dann als meine Methode entlarven möchten. Aber es hat auch noch nie zuvor eine gegen mich verübte Schlechtigkeit ein solches Aufsehen und selbst bei jenen, die mir sonst jede Belästigung vom Herzen gönnen würden, so sachliche Erbitterung erregt. Es war, als ob die mir verdankte und nie gedankte Erkenntnis, daß das Machtmittel der Druckerschwärze dem bösen Willen hörig und der Gemeinheit verpflichtet sei, einmal doch exemplarisch erfaßt wäre, und war es schon vorher kaum möglich, das antimoralische Phänomen der journalistischen Existenz deutlicher als an der über ganz Mitteleuropa verzweigten Tätigkeit eines Stephan Großmann darzustellen, so schien hier noch tief unter den Tiefpunkt hinuntergegriffen und man ermaß die Möglichkeiten eines Journalismus, innerhalb dessen eben alles möglich ist, das Blaue vom Himmel heruntergelogen werden kann, damit die Hölle weiß erscheine, und einem Stephan Großmann gewährt ist, selbst einen Stephan Großmann zu übertrumpfen. Wäre das Problem hier nicht die Selbstverständlichkeit, daß, je größer die Niedertracht ist, umso bereiter die journalistische Gelegenheit, sie auszuüben – also die nur von der Sensation regulierte Mechanik des Geisthasses, die die Notorietät einer Erscheinung braucht, um sie zu verleugnen; die an der Kraft schmarotzt, welche sie negiert –, so bliebe der Fall Großmann das – sit venia verbo – reine Objekt künstlerischer Psychologie. Was mich seit jeher an ihm anzieht, ist, wie man weiß, seine Verlogenheit, die durch ihre abgründige Tiefe von der sonstigen Seichtheit seines Wesens überraschend absticht. Wird mit der Berührung dieses Motivs sein Lebensnerv gereizt – denn der Schwindel ist sein Betriebskapital und er hat sein ganzes Vermögen investiert –, so wird er zum Epileptiker, dem die Lüge als Schaum vor den Mund tritt. Der spezifische Reiz seiner Gestalt, für den Kenner, beruht nun darin, daß er, der kein Wort glaubt, das er schreibt, kühl bis ans Herz hinan und darüber hinaus, mit jedem Wort doch an den Glauben des Lesers appelliert, eine Wärme entfaltend, wie sie sonst nur in schöneren Gegenden anzutreffen ist. Aus dieser immer spürbaren Antinomie ergibt sich eine geradezu betäubende Humorlosigkeit, die ihrer Lachwirkung selbst dann sicher sein kann, wenn sie einen Witz versucht, und vollends, wenn sie unaufdringlich, aber doch, eine Träne zerdrückt; wenn sie mit eigenem Aplomb lügt oder bescheiden im Schatten eines großen, aber trotzdem wehrlosen Toten ein Wahrwort von ihm erfindet, das er, eh es ans Sterben ging, noch rasch dem Stephan Großmann vermacht hat. Da der letzte Wille aller bedeutenden Menschen von der Art eines Jaurès oder Viktor Adler nicht ausschließlich darauf gerichtet war, daß sie Ruhe vor dem Stephan Großmann haben wollten, bevor sie sie endlich bekamen, so hält er sich für den Vollstrecker, und weil sie durch den Tod verhindert wurden, ihre Toleranz zu bereuen, so erblickt er darin einen Beweis ihres anhaltenden Vertrauens. Schwerer noch als die Toten haben es die Lebenden, denen er Aussprüche in den Mund legt. Großmann hat meine Voraussage, daß er dereinst preisgeben werde, was ich ihm nie gesagt habe, schon bei meinen Lebzeiten erfüllt, indem er behauptet, ich hätte vor fünfundzwanzig Jahren, als mein erster Beitrag in der Münchner ›Gesellschaft‹ erschien, zu ihm die Worte gesprochen: »Was gäben Sie drum, wenn Sie so berühmt wären?« Diese naive Entblößung einer pathologischen Eitelkeit sei »der erste starke Eindruck« gewesen, den er von mir empfangen habe. Aber mein Gedächtnis läßt ihn da im Stich. Der erste starke Eindruck, den er von mir empfangen hat, waren zehn Gulden, die er sich letztwillig im Hinblick auf sein unmittelbar bevorstehendes Ableben erbat, ohne mich persönlich zu kennen, aber bereit, die nun einsetzende Beziehung mit einer Unwahrheit zu eröffnen, denn seine Angriffe beweisen, daß er noch nach so langer Zeit in unverminderter körperlicher Frische wirkt. Er erinnert sich an jenen Ausspruch so genau, als ob es gestern gewesen wäre, wiewohl es tatsächlich schon dreißig Jahre her sind, daß jener Artikel in der ›Gesellschaft‹ erschien, also ein Zeitpunkt, wo er mich noch gar nicht gekannt hat. Ich habe, da mein eigenes Gedächtnis, sonst so unerbittlich getreu, in diesem Fall, nämlich was die Worte betrifft, ganz und gar versagt, nur in der Aussage Großmanns einen zuverlässigen Beweis dafür, daß ich sie nicht gesprochen habe. Ich könnte es beeiden, denn ich würde mich für den Beweis, daß ich sie nicht gesprochen habe, auf die Erklärung Großmanns berufen, wenn er mich nicht im Ernstfall doch im Stich ließe. Denn ein Verlaß auf ihn ist ja keineswegs möglich. Die Natur hat ihm den Stachel der Unwahrhaftigkeit verliehen, auf daß er sich gegen Verfolgung schütze, aber er ist imstand, umzufallen und einmal die Wahrheit zu sagen. Es wäre interessant, einem Selbstgespräch Großmanns beizuwohnen (ich meine nicht einen jener Berliner Monologe, wo zumeist der Präsident des Deutschen Reichstags oder Viktor Adler dabei ist oder sonst jemand, der vor Großmann kein Geheimnis hat): etwa, wenn er an den Flügel schreitet (ich meine nicht den Kotflügel des Autos, worin Ebert sitzt), also wenn er ans Klavier schreitet, um es nicht spielen zu können. Ich stelle mir vor, daß er, wenn er im Wald so für sich hingeht, ein leichtes Grinsen über die Aussicht, wie er damit den Leser anschmieren wird, anfangs nicht unterdrücken kann, daß aber dann die volle Wahrheit in ihm zum Durchdruck kommt, nämlich daß er da nichts zu suchen hat. Dann wird er ausspucken. Wenn er sich an der Ostsee sonnt, wird er zehn Durchschläge von dem Feuilleton kalkulieren, das diese Vorstellung dem Publikum wert ist. Und wie mit der Natur, geht es ihm mit der Kunst, aber auch mit allen jenen Gebieten menschlicher Betätigung, in die eine wenn auch noch so denaturierte Leidenschaft den Zutritt hat. Als ein überall dort, wo er ihm verwehrt ist, Beschäftigter wird er von so vielen Zeitungen geschätzt. Die schon an Inbrunst grenzende Ehrfurchtslosigkeit, die ihn vor aller Kraft und Kunst beseelt, die gelegentliche Unzuständigkeit und innere Beziehungslosigkeit, welche ihm in gleichem Maße alle Interessen, die er nicht hat, zugänglich macht, die Objektivität, mit der er unter allen politischen Parteien steht, und die absolute Gesinnungslosigkeit, die ihn »am äußersten Rande« jeder einzelnen gaukeln und unentwegt die Farbe stagelgrün bekennen läßt, all dies bildet den eigentümlichen Reiz einer Feder, deren Beiläufigkeit, Saloppheit, Mißtönigkeit und Armut selbst an den dürftigen Grazien des Feuilletons jedem Chefredakteur auffallen müßte. Aber eine erkannte tiefe Unredlichkeit, die keiner von ihnen als Privathausherr für zimmerrein hielte, scheint hier eben dem wesentlichsten Anspruch der neuen Zeitung entgegenzukommen und er wurde, vom Rande des Sozialismus überallhin, vom Käfig in jeden Koben flugbereit, die Zierde eines Berufs, der über dem Schreibtisch jenes B. Z.-Machers sein made in austria in der selbstvernichtenden Formel bekannt hat: »Wir brauchen zu haben Dreck«. Von dem Expansionsdrang geschüttelt, der den mährischen Eindringling auf dem Berliner Boden über ein kurzes Redaktions- oder Filmjahr zur Karikatur des Betriebswesens macht, aber gelegentlich zum imponierenden Heimkehrer, benützt er als solcher das Wiedersehen, um sich über die Rückständigkeit und Enge der Wiener Interessen annähernd so lustig zu machen wie der Berliner über den Zuwachs. Nichts ist heiterer als die Großmannssucht, die, wenn die schmalzige Berufung auf ein Mutteraug, das ihn doch nicht erkannt hat, und auf einen Stephansturm, der sich am liebsten den Namen ändern ließe, ihre Wirkung verfehlt, sich unvermittelt auf den Standard des Berliner Lebens zurückzieht, so tut, als ob einer, der hier unmöglich wurde, einzig darum schon draußen möglich wäre, und auf den »Lokalhumoristen« herabblickt, von dem er »seit zehn Jahren nur dann und wann eines der roten Hefte, die er herausgibt, gelesen hat« und dem »naturgemäß das große Deutsche Reich verschlossen ist«. Ihm geöffnet, der ganz genau weiß, daß der Lokalhumorist zwar eine kulturlebendigere Beziehung zur deutschen Welt unterhält als der Herausgeber eines Konkurrenzblattes des »Roland von Berlin« und daß er lieber als der letzte Wiener untergehen wollte, ehe er zugäbe, daß seine Administration sich einem deutschen Buchhändler anbietet und eine Offerte schreibt, wie sie jener, sich berufend auf seinen »Kauf von Fackeln« und in der Absicht, an deren Wiener Verbreitung zu schmarotzen, eigenhändig geschrieben hat. Aber was alles weiß nicht dieser Großmann, dessen Ausdruck die Fülle von Verlogenheit gar nicht fassen kann, die er ihm zumutet, und der darum Gefahr läuft, daß der Leser ihm so wenig glaubt wie er selbst – was weiß er nicht alles vorzuspiegeln, um die Geste zu retten, deren Zweifelhaftigkeit durch mich so außer allen Zweifel gesetzt wurde. Diese unwiderstehliche Ostentation von Pofel und Pleite, dieses maximum en effort zu einem minimum en effet, dieser volle Einsatz von Nebbich und Nichts, den ich als das Kennzeichen des Mausi-Typus dargestellt habe und den die undankbare Heimat mit einem »Gehst denn nicht!« ablehnt, zeigt ihn in der Rolle des geistig wie räumlich von mir distanzierten Weltbürgers, dem »Bekannte, die aus Wien kamen«, erst »erzählen« mußten, »der Fackel-Kraus« habe zwanzig Seiten über ihn geschrieben. Wieder einmal wird ihm das zugetragen. Große haben eben immer Ohrenbläser. Und keiner von ihnen wollte ihn mit der Zusendung des Heftes belästigen, offenbar in der Gewißheit, daß er es eh' schon gelesen haben wird; oder sie wollten es, weil die Post jetzt so unzuverlässig ist, doch aufschieben, bis sie einmal selbst nach Berlin kämen, hatten aber dann vergessen, das Heft mitzunehmen. Beschafft hat er es sich daraufhin natürlich nicht, aber schon die beiläufige Kunde regt ihn zu einem Artikel an, von dem ich wetten möchte, daß das neue Wiener Journal zu anständig war, ihn zu drucken, und der deshalb nur in einem Montagsblatt, das den Stephan Großmann mit Recht seinen geschätzten Mitarbeiter nennt, erscheinen konnte. Er hat also die zwanzig Seiten – man hat ihm die Zahl genau angegeben – nicht gelesen und vermutet deshalb fälschlich, sie seien die Antwort auf den »Nasenstüber von etwa 50 Zeilen«, mit dem er sich »begnügt« hatte. Hätte er sie gelesen, so wüßte er, daß nur knapp zwölf davon die Antwort sind, die ersten acht aber vor dem Nasenstüber geschrieben waren, aus keinem andern Beweggrund als der unschuldigen Freude an der Gestalt, die bei Nacht schreiend durch meinen Wohnbezirk rennt. Da dieses Kunstwerk, das auch achthundert Seiten umfassen könnte, bereits geschaffen war, als die 50 Zeilen im Neuen Wiener Journal erschienen, so ergriff mich eine panische Angst, man würde nun glauben, es sei die Quittung, was die Perspektive heillos verschoben hätte. Lediglich aus dieser Besorgnis entstand das Nachwort. Mit keiner polemischen Silbe wäre, im Vertrauen darauf, daß niemand den Großmann derart unmöglich machen kann wie ebenderselbe, dies Unternehmen gefördert worden, wenn nicht die Satire schon vorhanden und gedruckt gewesen wäre. Zu ihrer Rettung konnte nur die polemische Fortsetzung helfen, und es ist gut, daß sie entstanden ist, weil ja doch auch schade um jedes Wort von dieser gewesen wäre und weil es schließlich ebenso wohltuend wie schicklich ist, sich nach einem Nasenstüber, den man von Großmann bekommen hat, die Nase zu reinigen. Was das noch immer krasse Mißverhältnis von 50 Zeilen zu zwölf Seiten anlangt, so bleibt nur die Erklärung, daß ein Schmierer eben gleich einen Raum von 50 Zeilen in Anspruch nimmt, während die Sprache, wenn sie etwas gegen einen solchen auf dem Herzen hat, auf knappen zwölf Seiten ihr Auskommen findet. Interessant ist nun, wie der Gaukler, der seit den zwei Jahrzehnten, da ich ihn entfernt hatte, die Hoffnung nicht aufgegeben hat sich mir zu nähern, sei es indem er als Feuilletonredakteur Essays über meine Bücher anzuschaffen strebt, sei es indem er in meinen Berliner Auditorien sich durch Applaus bemerkbar macht, jetzt endgiltig das Desinteressement eines in die höhere Geschäftssphäre Entrückten feststellt. Jedes Wort eine Lüge, jede Miene ein Mausi. Er darf nicht informiert sein und muß so tun, als ob ein gelegentlicher Blick in »eines der roten Hefte« die Auffassung, die er sich vorgenommen hat, vollauf rechtfertigen würde, während er das, was darin über ihn selbst geschrieben ist, gar nur vom Hörensagen weiß. Nun ist es ja gewiß belanglos, ob Herr Großmann die Fackel liest, und es zu erreichen von aller Art Ehrgeiz, den man mir zutrauen mag, wohl der letzte; es genügt mir vollauf und ist auch wichtiger, daß mir seine Werke nicht entgehen. Immerhin entbehrt es nicht des Reizes, einen Schwindler, der in der Welt den großen Jungen spielen möchte, bei der Aufmachung zu attrapieren. »Vor fünfundzwanzig Jahren – ich mache Kraus die Freude, mich an ein Gespräch mit ihm zu erinnern – als u. s. w.« Bekannte, die nach Berlin kamen, haben ihm offenbar auch erzählt, daß ich vorausgesagt habe, er werde sich erinnern. »Ich will, obwohl wir von alten Zeiten plaudern, nicht von seiner glühenden Begeisterung für Otto Ernst sprechen«. Woher hat er das? Möchte man nicht glauben, ich sei damals als ein Otto Ernst-Fanatiker herumgegangen, als solcher geradezu markiert gewesen und Großmann, der rechtzeitig erkannte, daß aus dem Stürmer der Conrad-Gruppe und Freund der Liliencron und Dehmel der dickdeutsche Spießer werden würde, habe mich immer ausgelacht? Großmann erinnert sich. Aber ich selbst erinnerte mich nicht, als vor einem Jahr ein erzürnter Prager Schmock etwas unter dem plausiblen Titel »Karl Otto Ernst Kraus« erscheinen ließ, worin er die Enthüllung brachte, daß ich vor drei Jahrzehnten den Otto Ernst als Satiriker gerühmt habe. Der Anspruch eines Tropfes, der von mir die Stetigkeit der kritischen Ansicht durch drei Jahrzehnte erwartet, die er selbst nicht für drei Monate gewährleisten kann, wäre gewiß selbst dann unbillig, wenn das Objekt die Kontinuität hielte und der Otto Ernst Schmidt, der Philisterfeind, den die um Liliencron allesamt als einen sogenannten »Prachtkerl« ansahen, entweder seit damals dreißig Jahre alt geblieben oder schon damals sechzig gewesen wäre. Ich habe die Drolerie durch die Fackel weitergegeben. Großmann hat die Fackel gelesen und nun erinnert er sich an den sensationellen Fall von damals, dessen Kenntnis ich selbst erst dem Prager Schmock verdanke. Dagegen räumt er ein, von einer anderen Publikation von mir, die geringeres Aufsehen gemacht hat als die Otto Ernst-Kritik, nämlich von den »Letzten Tagen der Menschheit«, nichts zu wissen. »Sein Werk ›Die letzten Tage der Menschheit‹ oder wie es heißt«, sagt er und nur durch einen puren Zufall hat er den Titel richtig erraten. Er »kennt den Schöpfer zu gut, als daß er auf die Schöpfung neugierig wäre«. Wetten ließen sich wohl nicht abschließen, daß er seine Neugierde längst befriedigt hat, denn niemand fände sich, der das Gegenteil zu behaupten riskieren würde. Immerhin kennt er den Schöpfer so gut, daß er ihm nachrühmt, er reiche eben noch an den »Hans-Jörgl« heran. Außerdem habe er »auch ein hübsches Vortragstalent ... .. singe so gut wie ein durchschnittlicher Possenkomiker« (zum Beispiel das Couplet: Sich so zu verstell'n, na da g'hört was dazu) und habe daneben noch ein sehr tönendes Schauspielerpathos, »das aus der Tradition der alten Burg stammen soll«. Genau weiß es Großmann nicht, weil er diesen kleinen Wiener Angelegenheiten seit dem Hinauswurf aus der Volksbühne naturgemäß entrückt ist. Was meine Literatur betrifft: gemessen an der aktuellen Frische des 'Tage-Buchs', das über die reiche Heirat eines Schauspielers und über den Selbstmord einer Schauspielerin auf dem Laufenden ist, erscheint ihm jedes Heft der Fackel »in drei Wochen altgebacken«. Er ahnt nicht, wie recht er hat. Meistens ist schon drei Wochen vor dem Erscheinen jedes Heft der Fackel altgebacken, es beginnt in der Regel erst drei Jahre nach dem Erscheinen einigermaßen aktuell zu werden und dürfte nach dreißig das Interesse des Publikums von den Neuigkeiten des 'Tage-Buchs' so ziemlich abgelenkt haben. Aber »niemand kann« dem Großmann »einreden« – es bemühen sich so viele –, daß bei mir etwas »aus erster Hand kommt«. Die Justiz anzuklagen habe ich, der bürgerliche Witzbold, bei Großmann gelernt, aber freilich nicht bei dem geschätzten Mitarbeiter der Sonn- und Montagszeitung, des Neuen Wiener Journals und der Neuen Freie Presse, sondern »bei uns Redakteuren der Arbeiter-Zeitung (die ihm die ersten Nummern der Fackel schrieben)«. Eine stolze Erinnerung an Großmanns Heroenzeitalter, die nicht mit dem gleichen Stolz empfangen wurde. Mit welchem Undank wir Redakteure der Arbeiter-Zeitung von der Anhänglichkeit des von andern Zeitungen geschätzten Mitarbeiters, von diesem letzten Beispiel von Nibelungentreue Notiz nahmen und eine wie kalte Schulter sich der Schulter gezeigt hat, die bereit war bis zum letzten Hauch von Mann und Roß am Rande der Partei zu verharren – einen bessern findst du nit –: das haben wir Leser der Arbeiter-Zeitung inzwischen bemerkt. Daß aber wir Redakteure der Arbeiter-Zeitung die ersten Nummern der Fackel geschrieben haben, ist als Tatsache so wahr wie daß in der Zeit, da sie erschienen, der Herr Großmann schon das gewesen ist, was er nie hätte werden sollen, nämlich Redakteur der Arbeiter-Zeitung. Seine Geschichtsauffassung ist zwar materialistisch, aber seine Geschichtsschreibung nicht frei von sachlichen und chronologischen Irrtümern. Wie nach dem Ausspruch eines Wiener Fiakers die hiesigen Rösser schneller stehn als die in Paris laufen, so kann unsereins gar nicht so schnell die Wahrheit sagen wie der Großmann lügt. Gewiß haben auch seine Lügen kurze Beine, aber es ist, als ob sie lange Finger hätten, mit denen sie immer auch schon die nächste Wahrheit eskamotieren. So habe ich, kaum daß mir die Redakteure der Arbeiter-Zeitung die ersten Nummern der Fackel geschrieben haben – später hab ichs dann von selbst getroffen –, »von Frank Wedekind den Haß gegen die bürgerliche Erotik übernommen« und kaum daß sich das begeben hatte, von Peter Altenberg den »revolutionären Ingrimm gegen die wienerisch-jüdische Bourgeoisie«, ja aus dessen revolutionären Kaffeehausreden stammt sogar »das Schema meiner Satire wortwörtlich«. Da kann man nichts machen als höchstens Mausi flüstern. Da Großmanns Aussage an Zuverlässigkeit einem Phonogramm der revolutionären Kaffeehausreden Altenbergs gleichkommt und das Schema meiner Satire ohnedies vorliegt, so erscheint eine Kollationierung unschwer durchführbar. Ein Jahr im Leben Peter Altenbergs und dementsprechend ein Jahrgang der Fackel können ohnedies ausgeschaltet werden, da hat Peter Altenberg keine revolutionären Kaffeehausreden gehalten, sondern in einer der schwersten Nervenkrisen gelebt, die ihn nur zusammenzucken ließ, sobald der Name Großmann an sein Ohr drang. Dieses Zeugen Mund, durch den noch nie und keineswegs die Wahrheit kund wurde, täte besser, die Erinnerung an Peter Altenberg, der an ihn nicht erinnert werden wollte, den besseren Freunden vorzubehalten. Er vermeide es, zu erzählen, was Altenberg gesagt hat, damit es nicht auch die Erinnerung an das, was Altenberg gelitten hat, heraufbeschwöre. Das wäre bei weitem nicht so scherzhaft wie der Nachweis, daß ich, ursprünglich »Zeitungsschreiber von Passion«, mich mit Schopenhauer-Zitaten, die mir ein Polyhistor »gezeigt« habe, als prinzipiellen Zeitungsfeind kostümierte. Unheimlich, wie dieser Großmann doch hinter alles kommt; erst hinter mich, dann hinter die Tatsachen, die meine Entwicklung entscheidend beeinflußt haben. Richtig ist, daß ich einmal einen Polyhistor gekannt habe, der von mir viel wußte und es dann mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückzog. Ich verdanke ihm mannigfache Anregung und zog mir seine Feindschaft dadurch zu, daß er mir eines Tages ein Feuerbach-Zitat, das von Goethe war, zeigte. Wenn die dargebotenen Schopenhauer-Zitate, die mir die Augen über die Presse geöffnet haben, nicht vielleicht von Kant waren oder wenn sie nicht der Welt als Wille und Vorstellung Großmanns entstammen sollten, so können sie nur auf eine ebenso verläßliche Quelle zurückzuführen sein, nämlich auf die Waschfrau, die ihre bekannte Zwiesprach mit dem Assistenten oft in der Seele des Mannes der Wissenschaft abmacht. So bemerkenswert nun die tatsächlichen Feststellungen sind, die Großmann aus der Geschichte der Fackel vornimmt, so interessant sind seine psychologischen Wahrnehmungen, indem er nämlich meine ganze polemische Existenz aus jenem Erlebnis der »Haßliebe« erklärt, deren Objekt zu sein ich mich sonst in so vielen Fällen gerühmt habe. Er will an mir das bekannte Umkippen der Verehrung in Haß beobachtet haben, die echt weibchenhafte Reaktion auf das unerträgliche Gefühl, vom Gegenstand der Liebe nicht genug beachtet zu sein und bei ihm keine Gegenliebe zu finden. So erklärt sich ihm mein Kampf gegen die Presse (wohl insbesondere gegen die Neue Freie, in die ich nicht gelangen konnte), gegen Harden, den ich imitiert habe, »um die Imitation in (immer noch) nachahmende Satire zu verwandeln«. Wer die quellfrische Satire Hardens kennt – es sind ihrer hierzuland nicht viele, da einem Weltsatiriker naturgemäß das kleine Österreich verschlossen ist: ein Umstand, den ich mir denn auch weidlich zunutze mache – und wer damit Heft für Heft die Fackel vergleicht, zum Beispiel die Serie »Desperanto«, wird die Wahrnehmung nur bestätigen können. Von Otto Ernst wollen wir nicht sprechen; der Fall liegt auf der Hand. Bemerkenswert ist aber der Fall Hauptmann. Warum finde ich, daß »Die Jungfern von Bischofsberg« ein so trostloses Lustspiel sind? Ich habe Hauptmann »angeschwärmt« – Großmann wußte es –; ich wurde von ihm »nicht genug beachtet« Großmann merkte es –; ich ward »gelb vor Giftigkeit« – Großmann, der sich darin auskennt, sah es mir an, natürlich nur von weitem –; und ich wollte »dann mit einem Male Hauptmann nach dem 'Hannele' das weitere Dichten untersagen«. Dabei ist es psychologisch interessant, wie meine offenbare Wut gegen Hauptmann mir noch so viel Hingabe übrig ließ, immer wieder die Werke, die ich für Dichtungen hielt, vorzutragen; wird sich aber auch schon irgendwie erklären lassen. Und so geht es die ganze Reihe nach. Kein Lebendiger größeren Formats, dem der Zwerg nicht aus mehr oder minder verschmähter Liebe Beschimpfungen nachschmisse. Hauptmann, Hofmannsthal, Schnitzler, Werfel, Ehrenstein, Reinhardt, Kainz, jeder ist kleinwinzig vor Karl Kraus. Das gehört ja auch zum Gesetz der Gattung. Der Zwerg will nur Zwerge sehen! Bin ich Zwerg, so sollst Du es auch sein! Jeder einzelne Fall ist charakteristisch. Mit Hofmannsthal, dem ich immer schon durch meine Verehrung lästig war, bin ich seit Gründung der Fackel nur einmal in persönliche Berührung gekommen: als ich mich ihm anbiederte, damit er sich von mir aus der heillosen Situation, in die ihn seine Absage zur Liliencron-Feier gebracht hatte, retten lasse. Er gab schließlich meinen Bitten nach, nicht ohne deutlich merken zu lassen, daß er mich nur in diesem Fall, aber sonst nicht beachten wolle. Seither bin ich gegen ihn. Wie ich Schnitzler mit meiner Liebe zugesetzt habe und wie er mir sagen ließ, daß er sie verschmähe, ist bekannt. Reinhardt wollte durch volle zwei Jahrzehnte von mir nichts wissen, wiewohl ich mich ihm als Regisseur geradezu aufgedrängt habe, sodann zwang ich ihn, sich um die Aufführung der »Letzten Tage der Menschheit« zu bewerben, er tat mir den Tort an, daß ich sie nicht gestatten wollte, seither schreie ich das Salzburger Welttheater als eine Kirchenschändung aus. Wenn Kainz das Burgtheater verließ, stand ich bei der Bühnentür, er ging vorüber; einmal wandte er sich um und sagte, daß er mich nicht genug beachten wolle. Seit damals habe ich Matkowsky als den volleren Heldendarsteller erkannt. Großmann verwechselt das und meint, ich hätte »ihm den Berliner Bonvivant Eugen Burg als Vorbild unter die Nase gehalten«. Das hätte wenig geholfen, da Kainz sich nie in das Fach dieses tatsächlich vortrefflichen Schauspielers eingespielt hätte. Auch bleibt Großmann das Motiv meiner Anerkennung des Eugen Burg schuldig: er hat mich beachtet. Aber nicht immer nützt bei mir die Beachtung. Großmann selbst, der damit nicht gekargt hat, ist ein Beispiel. Er bat Ehrenstein, der an mir vorüberging, ohne mich zu beachten, »Worte in Versen« für sein Feuilleton zu besprechen: das hat beiden bei mir nichts genützt. Es war eben zu spät, ich hatte mich schon verbissen. Überhaupt Ehrenstein! Bei diesem und bei Werfel springt das Motiv verschmähter Liebe so in die Augen, daß man die frappante Beobachtung fast nur einem zutrauen würde, der auch in den letzten Jahren noch die Fackel gelesen hat. Ehrenstein hat sich ja meiner angenommen. Er hat mir erlaubt, ihn zu entdecken, zu drucken, seine Gedichte mit ihm durchzuarbeiten, er hat mich gefördert, wie und wo er nur konnte, aber bis ans Ende konnte er nicht mit mir gehen. Er machte schließlich kein Hehl daraus, daß mir seine Waschzettelverbindungen unsympathisch seien, und beachtete mich nicht mehr. Auch faßte mich der Neid, daß ihn infolge seines Einfalls, mich St. Crausiscus zu nennen, viele für den ersten Satiriker Deutschlands hielten, und ich konnte es ferner nicht verwinden, daß er in meinem Gedicht »Apokalypse« eine starke Ähnlichkeit mit der des Johannes erkannt hatte. Wenn aber jemals, so läßt sich das Motiv verschmähter Liebe an dem Fall Werfel nachweisen. Ich meine die meine. Wie backfischhaft bin ich diesem Werfel, der mich so wenig beachtete, nachgelaufen, wie habe ich ihn mit vergötternden Briefen und Telegrammen bombardiert, ihm Bücher mit Beteuerungen unwandelbarer Treue und Verehrung, Liebe und Bewunderung ins Haus geschickt, und wie überzeugt vertrat ich den Anspruch, daß unsere beiderseitigen Planeten auf ewig mit einander verbunden bleiben müßten. Er aber blieb unbeweglich; ich, beweglich wie ich bin, schrieb »Literatur«. Dagegen ist mir, bezeugt Großmann, »jeder schlechte Lyriker, der einmal an den Stammtisch kam, ein Phänomen«. Woraus mindestens hervorgeht, daß ich einen Stammtisch habe. Die Mittelmäßigen werden systematisch hinaufgelobt, »nicht um sie zu erquicken, sondern um die anderen zu verkleinern«. Zu dem gleichen Zweck werden »ein paar unschädliche Tote als Hausgötter aufgestellt«, etwa Nestroy, vor welchem ich dann einen Ehrenstein, der mir gefährlicher ist, »opfern kann«. Aber natürlich, »über den freiesten und anmutigsten Dichter Wiens vor und nach der 'großen Zeit', über Alfred Polgar, war in fünfundzwanzig Jahren der ›Fackel‹ kein Wort gesagt«. Das weiß Großmann natürlich nur vom Hörensagen, aber es ist fast wahr, und hier gäbe es wirklich nur die Entschuldigung, daß ich ihn nicht dafür halte. Doch halte ich ihn für den geistigsten und literarisch erheblichsten Fall der Wiener Kritik, mit Nachsicht der Verlockungen durch einen Witz, der auch edlere Teile der Schöpfung verletzt, und selbst in diesem Gebiet für mehr anmutig als frei, wenn ich den Umstand erwägen darf, daß er als berufskritische Instanz an meiner doch umfänglicheren Produktion in eben den fünfundzwanzig Jahren vorbeigelangen konnte, bis zu der anständigen Äußerung bei dem schon unvermeidlichen Anlaß der »Letzten Nacht«. »Was für ein hysterisches Zwergengekreisch würde der Fackel-Kraus über solches Totschweigen anstellen.« Eben nicht, Mausi, nie, in Erkenntnis der lokalen Bedingungen, denen auch der besser Geartete unterworfen ist, wohingegen das »Totschweigen« in der Fackel eher die Anerkennung eines Kopfes bedeutet, der nicht zwischen die Saltens gehört. Ich habe keine Versäumnis begangen und keine beklagt, mich oft an einer Feinheit der Erfassung und Fassung erfreut, neben welcher der Alfred Kerr erst als der Weinreisende erscheint, der er ist, und ein Problematisches höchstens darin erblickt, daß ein so auf alle Wendungen und Windungen der Menschennatur parates Tastgefühl selbst bei einem Mindestmaß heroischer Ansprüche nicht vor Krötigem zurückschrickt, daß einem so ausgeprägten Durchschauersinn, einer so untrüg lieben Witterung für alles Mausihafte der krasse Fall in der Nachbarschaft noch keinen Witz entrissen hat,– in fünfundzwanzig Jahren. Da, muß ich sagen, waltet der moralische und geistige Reinheitswille eines Stephan Großmann schon mit mehr Strenge. Der läßt mich ganz fallen; und mit einer geringeren geistigen Schärfe, als sie einem Polgar eignet, hat er nicht nur meine Lächerlichkeit erfaßt, sondern auch erkannt, daß der Brechreiz, den ich vor seinem Gehaben empfinde, und das Grausen, welches mich angesichts der Möglichkeit packt, daß die öffentliche Meinung aus den Senkgruben des Geistes und des Charakters gespeist werde, bloß der Erbitterung des Zwerges gegen die Riesen, die Großmänner, entspringe. Während anderseits mein Haß gegen die Zeitung auch »die Auflehnung gegen mein eigentliches Element« bedeutet. Ganz zutreffend beobachtet Großmann, daß ich, »der Papierzwerg«, die Welt nur durch die Zeitung sehe und alles nur mehr auf dem Umweg der Zeitung erlebe. Er meint aber nicht bloß den Concordiaball, dem ich gewiß weit mehr Gerechtigkeit widerfahren ließe und neidlos zugestehen würde, daß er seine Vorgänger weit übertrifft, wenn ich mich einmal selbst überzeugen und nicht immer nur den Bericht lesen wollte – nein, selbst den Weltkrieg habe ich, während Großmann in der vordersten Front stand, »aus den Zeitungen erlebt«. Wie wahr das ist, da ich sogar den Weltkrieg selbst für das Werk der Zeitungen halte, läßt sich gar nicht sagen. Als ein goldenes Wort funkelt auch dieses: »Er hat nie einer politischen Partei direkt ins Auge gesehen, er kennt sie nur aus der Zeitung«. Als Großmann der sozialdemokratischen Partei direkt ins Auge sehen wollte, mußte sie es freilich zudrücken, um ihn gewähren zu lassen, und als sie es dann öffnete und es ihr überging, war jener schon am Rande. So kann er jetzt in einem Prager Blatt, das ihn angriff, weil er dem Tod einer jungen Schauspielerin direkt ins Auge gesehen hat, stolz verkünden – in einer Berichtigung, in der er sich faktisch zu einem »Wahr ist« versteigt –, er habe, »an den Grenzen der sozialdemokratischen Partei stehend, in diesem Jahre der Entwicklung alle Parteifarben abgelehnt«. Man hat ihm sie dreimal angeboten, aber er hat sie alle zurückgewiesen, wie gesagt mit Ausnahme von stagelgrün, einer Farbe, die auch in Zeiten der Entwicklung zu nichts verpflichtet. Das Prager Blatt antwortet mit einer Aufzählung seiner Verdienste, Taten und Abenteuer, als da sind seine Entlassung als Kritiker der ›Vossischen Zeitung‹ und insbesondere »sein schamloses Verhalten gegen Viktor Adler«, das aber nicht nur in der Fingierung des Gesprächspartners und in der Zurichtung seiner Aussprüche für die Sensationspresse besteht, sondern vor allem in der Verfertigung eines Schlüsselromans aus den Anfängen der österreichischen sozialdemokratischen Partei, worin nach der Meinung des Prager Blattes »Produkt seiner Phantasie« ausschließlich die verleumderische Erfindung von Tatsachen des Privatlebens ist, die von der betroffenen Seite »als schmutziger Undank des früheren Mitarbeiters der Arbeiter-Zeitung empfunden und auch so bezeichnet wurde«. Seine eigene Verwahrung bestätige aber »das Urteil, das sich jedermann aus der Lektüre des erwähnten Schundromans über Stephan Großmann bilden kann und das vernichtend ist«. So etwa wie dieses Zitat hier Großmanns Ansicht bestätigt, daß ich alles auf dem Umweg der Zeitung erleben muß, weil ich »nicht (oder nicht mehr) die Fähigkeit habe, ein Buch zu lesen«. Mein Gebiß ist eben »nur mehr auf Zeitungsbrei eingerichtet«. Es ist merkwürdig, wie bescheiden die Journalisten von ihrem Handwerk denken, wenn man es angreift, und wie frech sie sich als das Weltgewissen spreizen, wenn sie sich den Lesern rekommandieren und glauben, mit diesen allein zu sein. Sie selbst können sich, etwa auf Kongressen, nicht genug Ehre erweisen, aber wenn man sich mit ihnen polemisch befaßt, erweist man ihnen zu viel Ehre. »Zeitungsbrei« nennen dann die Köche selbst das Produkt einer Sudelküche, aus der sonst nur die erlesensten Leckerbissen hervorgehen. Aber wenn es der Zeitungsbrei ist, an dem sich die Menschheit den Magen ruiniert hat, so war ich ja nicht mit meinem Gebiß, sondern mit meiner Diagnose daran beteiligt. Wie ich ja auch als »Läusesucher« mich stets frei von dem hielt, was ich suchte. Und wäre ich faktisch nichts weiter als ein Vertilger von Ungeziefer, so wär's doch eine nützliche Arbeit, die die Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse, die Ratten und insbesondere die Mäuse zwar bedauerlich, aber nicht lächerlich finden dürfen. Den Journalisten mag es mit Recht absurd erscheinen, wie jemand sich in ein Zeitungsblatt vertiefen kann, weil ja wirklich sein Kopf im Nu auf der Rückseite zum Vorschein kommen muß. Aber mir, der kaum eine halbe Stunde an solche Lektüre wendet, genügt ein Hauch dieser Pest, um durch den ganzen übrigen Tag das Siechtum der Menschheit zu beklagen. Immerhin darf zugegeben werden, daß dieser Großmann, ohne es zu wissen – weil er die Fackel nicht liest – an jenes Problem meines Lebens gerührt hat, dessen Zusammenhang mit dem Problem dieser Zeit mir so schmerzlich bewußt ist: daß ich den Wald vor lauter Blättern nicht sehe, obgleich sehen möchte, aber eben darum nicht sehen kann, weil er nicht mehr vorhanden ist, sondern in der Hinrichtung der Natur durch die Technik der Triumph der Halbnaturen über den Geist und das Leben besiegelt ward. Der Stellung des »Papierzwergs« in dieser Katastrophe wird Großmann nur durch die sinnbildliche Beziehung auf dessen Vater gerecht, der, wie er feststellen kann, in Gitschin zuhause war, in einem Ort, der nicht nur zu den denkwürdigsten und landschaftlich schönsten Punkten Böhmens zählt, sondern auch etwas die Lachlust Reizendes an sich haben muß. Dort hatte der alte Kraus eine Papiersäcke-Fabrik; will sagen, die Sträflinge in den österreichischen Zuchthäusern klebten, wie ich auf meinen Wanderungen durch die Strafanstalten will sagen, als Sozialpolitiker immer wieder klagen hörte, zu Schundlöhnen Papiersäcke für den alten Kraus. Aus diesem zusammengeklebten Vermögen entspringt Krausens innere Freiheit. Individuen, die sich wegen Beleidigung eines Toten dort aufhalten und deren Gemeinsamkeit Raubmörder und Taschendiebe zumal dann als Verschärfung der Strafe und der Schmach empfinden, wenn die Beleidigung des Toten, den der Beleidiger nie gesehen und der ihm nie etwas zuleide getan hat, bloß begangen wurde, um sich an dem Lebenden zu rächen – solche Individuen sind von dem Zwang, Papiersäcke zu kleben, befreit. Es lohnt sich darum nicht, sie der Verurteilung zuzuführen. Der da, bebend vor der Vergeltung und wenn nichts fühlend, so doch fühlend, was er getan hat, tastet sofort nach einem Milderungsgrund: Es ist erlaubt, vom alten Kraus in Gitschin zu sprechen, weil dieser Kontrast: alter jüdischer Kaufmann – junger christelnder Poet das eigentliche Schema der Krausschen Satire ist. (Es stammt, wie gesagt, wortwörtlich aus den revolutionären Kaffeehausreden Altenbergs.) Nach diesem Schema hat er Werfel gegen Werfel, Hofmannsthal gegen Hofmannsthal, ja sogar Stefan George gegen einen nicht existierenden Papa Abeles ausgespielt. Welch ein fanatischer Lügner! Nicht in der Behauptung des »Schemas« – dessen Illustration durch die Fälle Hofmannsthal und George auch von so hoffnungsloser Dummheit ist –, sondern in der Vorspiegelung, daß mein Schema identisch mit seiner Infamie sei und er nichts weiter getan habe als »diesen Kontrast« aufzustellen. Als ob ich in dem Fall Werfel, mit dem ich ja, wenngleich in allgemeinster Darstellung, diesen Kontrast wirklich ergriff, den (lebenden) Vater zur Rache am Sohn geschmäht und nicht im Gegenteil das vom Sohn geknüpfte Problem durchaus zugunsten des Vaters gelöst hätte. Welch ein fanatischer Lügner vor allem in der Zubereitung der Lüge, der er die Ehre des Toten opfert, obschon doch mehr davon in einen Papiersack ging als auf alles Papier, das dieser Großmann je beschmiert hat, und wiewohl man doch selbst den Erzeuger dieses nicht für die Lumpen verantwortlich machen kann, für die es erzeugt wird. Leiht er der Lüge nicht den Tonfall des Notorischen? Tut er nicht, als wäre er da über irgend eine Begebenheit informiert, die seinerzeit eine tagebuchreife Sensation gewesen sein muß? Als wüßte er etwas, wo nichts zu wissen, nur zu kuschen ist? Als wäre die Strafanstaltsarbeit keine Einrichtung des Staates, dessen Gerichte die Entlohnung bestimmen, sondern die Schmach des einzelnen, für welchen in »den« Strafanstalten, in sämtlichen, gefrohndet werden mußte? Als hätte die Behörde diesem nicht für die Erfüllung des leersten Lebenstags mit der geeignetsten Arbeit und für die Vermehrung des Lohns um Prämien, immer wieder, gedankt, sondern dem Skandal ein Ende gemacht, seit die Sträflinge sich keinen andern Ausweg mehr wußten, als sich über das Vorgehen des Fabrikanten, über dessen unerlaubte Zumutungen, über Lohndrückerei, Willkür und Mißbrauch ihrer Wehrlosigkeit bei Herrn Großmann, der als Retter des Weges kam, immer wieder zu beklagen. Wenn es wahr ist – aber selbst die Wahrheit würde in diesem Mund zur Lüge –, so mache ich mich erbötig, mit ihm eine Zelle, nein ein Redaktionszimmer zu teilen. Mag die Sträflingsarbeit eine so notwendige oder so unsittliche Einrichtung sein wie die Justiz und wie die Fabrik, wie der Staat und alle Ordnung dieser Welt, so wird es doch schwer möglich sein, mit dem Odium ihrer Verantwortung den einzelnen Fabrikanten mehr zu belasten als die Vertreter eines Berufs, der zwar an Nützlichkeit hinter der Erzeugung von Papiersäcken zurückbleibt, sie aber dafür an Klebrigkeit weit übertrifft. Wem's beliebt, darf sie mit meiner Leistung in den »Kontrast« bringen, den der Schwachkopf für das Schema meiner Satire hält, aber nur ein Bösewicht kann erfinden, daß »diesem zusammengeklebten Vermögen« meine innere Freiheit entspringt, daß etwa die Gründung der Fackel ohne solche Basis nicht erfolgt wäre und auf ihr erfolgt ist, daß auch nur ein Heller von diesem »Vermögen« mich heute in den Stand setzt, die Freiheit zu behaupten, die ein geschätzter Mitarbeiter der Sonn- und Montagszeitung sich mit geistigen Mitteln errungen hat. Wäre nicht Hauptmanns Großvater ein Weber, sondern sein Vater der leibhaftige Fabrikant Dreißiger gewesen, so würde das wenig gegen den Wert seines Werkes beweisen und nur ein Verdacht, der von diesem selbst ausginge, könnte die Betrachtung des »Kontrastes« rechtfertigen, den der Bösewicht als meine Methode ausgeben muß, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen. In meinem Fall mache sich der Herr Großmann mit Kontrasten nicht mausig. Sonst könnte man sich lustig machen, und der Quelle nachgehen, welcher seine innere Freiheit entspringt, die vielleicht äußere Abhängigkeitsverhältnisse nicht ausschließt, aber dafür, wie allein der letzte Vorstoß beweist, ein Freisein von moralischen Hemmungen bedeutet, das sich schon sehen lassen kann. Denn selbst einen Toten grundlos herabzusetzen oder, bei objektiver Berechtigung des Anwurfs, ihn als Waffe gegen den Lebenden zu benützen, dies wie jenes mag noch im Bereich einer menschlich ermeßbaren Unsauberkeit liegen, wiewohl die häßlichste Verletzung der Pietät der Angriff auf die des andern ist. Aber die Konstruktion eines Makels zu solchem Zweck reicht über alle Schnödigkeit. Dieser Großmann – ich glaube immer, die Legende der »von hinten erdolchten Front« muß sich auf ihn beziehen – dieser Großmann, der ein Erzlügner hieße, wenn nicht sein Stoff dies Wort noch Lügen strafte, harrt der dichterischen Zeichnung. Ein Franz Moor ist er nicht, zum Spiegelberg fehlt ihm das Talent, zum Schufterle die Figur. Zum Jago ist er zu dumm, aber vielleicht langts zum Borachio. Er ist ein Anstifter, mittleren Kalibers, aber exakt; einer, der seines Wesens Spur im Raum zurücklassen muß und dann sagen wird, ein anderer habe es getan. »Nicht auf eine redliche Art, gnädiger Herr, aber so versteckt, daß keine Unredlichkeit an mir sichtbar werden soll.« Diesmal wurde sie sichtbar. Die mutwillig feige und durch nichts begründete Schmähung des Toten, bloß als Mittel zu dem Zweck, dem Lebenden etwas anzutun – es ist der Gipfel dessen, was das Handwerk zwischen der Gelegenheit und der Unverantwortlichkeit ermöglicht. Keine legitime und keine illegitime Abwehr könnte da Genugtuung bieten. »Wo ist der Bube? Laßt mich sehn sein Antlitz, daß wenn ein Mensch mir vorkommt, der ihm gleicht, ich ihn vermeiden kann!« Dieses Gefühl wartet auf eine Zeit, wo der Staat anklagt, wenn die verletzte Ehre der Menschheit nach Sühne ruft, und wo ausgepeitscht wird und die Stirn gebrandmarkt mit dem Namen der Zeitung, die dem geschätzten Mitarbeiter Beistand gewährt hat. Gruß an Bahr und Hofmannsthal Gruß an Hofmannsthal Ich weiß nur, daß Sie in Waffen sind, lieber Hugo, niemand kann mir sagen, wo. So will ich Ihnen durch die Zeitung schreiben. Vielleicht weht's der liebe Wind an Ihr Wachtfeuer und grüßt Sie schön von mir. Mir fällt ein, daß wir uns eigentlich niemals näher waren , als da Sie Ihr Jahr bei den Dragonern machten. Erinnern Sie sich noch? Sie holten mich gern abends ab und wir gingen zusammen und ich weiß noch, wie seltsam es mir oft war, wenn wir im Gespräch immer höher in die Höhe stiegen, über alte Höhen uns verstiegen, und dann mein Blick, zurückkehrend, wieder auf Ihre Uniform fiel; sie paßte nicht recht zu den gar nicht uniformen Gedanken. Im Oktober werden's zwanzig Jahre! Seitdem ist man »berühmt« geworden, es hat uns an nichts gefehlt , aber wer wagt zu sagen, daß diese zwanzig Jahre gut für uns waren? Wie sind sie jetzt plötzlich so blaß geworden in diesem heiligen Augenblick! Es war eine Zeit der Trennung, der Entfernung, der Vereinsamung; jeder ging vom anderen weg, jeder stand für sich, nur für sich allein, da froren wir. Jetzt hat es uns wieder zusammengeblasen, alle stehen für einander, da haben wir warm. Jeder Deutsche, daheim oder im Feld, trägt jetzt die Uniform. Das ist das ungeheure Glück dieses Augenblicks. Mög es uns Gott erhalten ! Und nun ist auf einmal auch alles weg, was uns zur Seite trieb. Nun sind wir alle wieder auf der einen großen deutschen Straße. Es ist der alte Weg, den schon das Nibelungenlied ging, und Minnesang und Meistergesang, unsere Mystik und unser deutsches Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Bach, Beethoven und Wagner. Dann aber hatten wir uns vergangen, auf manchem Pfad ins Verzwickte. Jetzt hat uns das große Schicksal wieder auf den rechten Weg gebracht. Das wollen wir uns aber verdienen. Glückauf, lieber Leutnant. Ich weiß, Sie sind froh. Sie fühlen das Glück, dabei zu sein. Es gibt kein größeres. Und das wollen wir uns jetzt merken für alle Zeit: es gilt, dabei zu sein. Und wollen dafür sorgen, daß wir hinfort immer etwas haben sollen, wobei man sein kann. Dann wären wir am Ziel des deutschen Wegs, und Minnesang und Meistersang, Herr Walther von der Vogelweide und Hans Sachs, Eckhart und Tauler, Mystik und Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Beethoven und Wagner wären dann erfüllt. Und das hat unserem armen Geschlecht der große Gott beschert! Nun müßt ihr aber doch bald in Warschau sein! Da gehen nur gleich auf unser Konsulat und fragen nach, ob der österreichisch-ungarische Generalkonsul noch dort ist: Leopold Andrian. Das ist nun auch gerade zwanzig Jahre her, daß Andrian den »Garten der Erkenntnis« schrieb, diese stärkste Verheißung. Er wird sie schon noch halten, mir ist nicht bang: ein Buch mit zwanzig, eins mit vierzig, eins mit sechzig Jahren, weiter nichts, in jedem aber volle zwanzig Jahre drin, dann wird er der Dichter der drei Bücher sein, das ist auch ganz genug. Und wenn ihr so vergnügt beisammen seid, und während draußen die Trommeln schlagen, der Poldi durchs Zimmer stapft und mit seiner heißen dunklen Stimme Baudelaire deklamiert, vergeßt mich nicht, ich denk an euch ! Es geht euch ja so gut, und es muß einem ja da doch auch schrecklich viel einfallen, nicht? Auf Wiedersehen! Bayreuth, 16. August 1914. Hermann Bahr. Heute kann's ja doch endlich zugestellt und ohne Verletzung des Briefgeheimnisses verbreitet werden. Heute muß ja der Humor dieser brieflichen Feuertaufe von durchschlagendem Effekt sein. Denn damals, als das Grauen noch eine Sensation war und man noch aufhorchte, wenn Mörser losgingen, ist die Wirkung verpufft. Und doch war dieses Schreiben des damals national, jetzt katholisch spekulierenden Literaturfilous, das ihn zugleich von der Seite jener Dummheit zeigte, die das aussichtsvollste Geschäft verderben kann, – und doch war es damals, ernsthaft, in den Zeitungen veröffentlicht, bei uns und in Berlin, und wurde von dem Meister noch in ein Buch, das er »Kriegssegen« nannte, aufgenommen. Das Glück, dabei zu sein, wurde von diesem Hermann Bahr allerdings zu einer Zeit empfunden, wo die Kriegsleistungspflicht noch nicht auf die 50- bis 55jährigen ausgedehnt war. Aber schließlich, wer hätte denn je gefürchtet, daß man auf Herrn Bahrs Dienste reflektieren würde, solange die Charge eines Kriegshanswurstes eine freiwillige und noch nicht systemisiert ist? Er ist darum noch kein Soldat, weil er den Kriegsausbruch einen »heiligen Augenblick« nennt, wie er darum noch kein Heiliger ist, weil er einen katholischen Roman geschrieben und ihn »Himmelfahrt« genannt hat. Es handelt sich indes nicht um sein Wohl und Wehe, von dem man überzeugt sein kann, daß er es in den Dienst jeder guten Sache stellen würde, die gerade aktuell ist, da er ja überall unabkömmlich ist und nie daran dächte, sich anders als auf die bisherige Art reklamieren zu lassen. Es handelt sich vielmehr um die Einziehung des Herrn v. Hofmannsthal in die kriegerische Sphäre, die hier auf eine in der Geschichte der Mobilisierungen noch nicht erhörte Weise besorgt wird. Was die Verhältnisse der Wirklichkeit anlangt, in der Herr v. Hofmannsthal lebt und in der er, wenn schon nicht mit seinem Ruhme, so doch mit seiner Gesundheit den Weltkrieg überleben wird, so läßt sich nur sagen, daß es keine privatere Angelegenheit auf dieser blutigen Erde geben könnte als die Frage, ob einer mit größerer oder geringerer Begeisterung dabei ist, wo er dabei sein muß; daß es die letzte Privatangelegenheit ist, die der heutige Mensch hat; und daß es höchstens Sache des Staates, nie aber des Mitmenschen sein darf, der Kreatur den ungestörten Genuß des Erdenglücks zu mißgönnen. Aber die völlige Schamlosigkeit, mit der in diesem Fall auf publizistischem Wege die Gewißheit verbreitet wurde, daß der Herr von Hofmannsthal »in Waffen« sei und irgendwo – wer weiß wo – an einem Wachtfeuer sitze, an das der »Wind« den Gruß des Altmeisters, des daheim sitzenden, leider nicht mehr mitkönnenden, wehen möge – bitte, wehen möge! – nur dieser übertriebene Optimismus fordert zu der tatsächlichen Feststellung heraus, daß selbst im Krieg, der bekanntlich Krieg ist, auf die postalischen Verbindungen mehr Verlaß ist als auf den Wind. Denn die Post kann, wenn es ihr auch noch so schwer gemacht wird, immerhin findig sein, während der Wind ein von Natur schwanker Geselle ist, ehrgeizlos und ein Blatt öfter auf einen Misthaufen wehend, als Mist zu einem Wachtfeuer, an dem ein vaterländischer Dichter, wenn er gerade nichts zu singen und zu sagen hat, der Lieben in der Heimat gedenkt, welche jetzt Briefe an ihn schreiben mögen, die ihn nicht erreichen. Aber auf die Post kann man, wenn sich nicht die Zensur ins Mittel legt, Häuser bauen, die sie dann eins nach dem andern abläuft, bis sie den Adressaten gefunden hat, und der Briefträger hätte dem Herrn Bahr, der sich einmal beklagt hat, daß ihm die Briefe der Cosima Wagner nicht zugestellt werden, während die von Gabor Steiner ankamen, triumphierend beweisen können, daß er den Leutnant Hofmannsthal gefunden habe, gleich beim Ausbruch des Weltkriegs und die ganze große Zeit hindurch, an einem Wachtfeuer, das im Kriegsfürsorgeamt brennt und wo die Meinung des Herrn Bahr, daß man dort warm habe und alle für einander stehen, durchaus zutrifft. Wer weiß wo: ehedem der schwermütige Refrain eines Soldatenliedes, ist in diesem Fall nicht einmal ein Postvermerk, da es sich keineswegs um die Feldpost handelt, deren Arbeit selbst bei zustellbaren Briefen immerhin durch die Truppenbewegungen erschwert wird. Denn es ist einfach nicht wahr, daß es je eine Zeit gab, und wäre sie noch so groß gewesen, da niemand sagen konnte, wo Herr v. Hofmannsthal, und hätte er selbst in Waffen gestarrt, sich aufhalte. Er hat vor zwanzig Jahren als Dragoner Herrn Bahr begleitet; er wäre, da er in solcher Eigenschaft den Weltkrieg keineswegs begleitet hat, von Herrn Bahr zu finden gewesen. Diesem ist nur eingefallen, »daß sie sich eigentlich niemals näher waren«, als damals. Aber es hätte ihm eigentlich einfallen können, daß sie sich jetzt noch näher sind. Zum Beispiel dem Setzer, der diesen meinen Gruß gesetzt hat, ist es gleich beim Anblick des Bahrschen Grußes, wiewohl der ihm schon gedruckt vorlag, eingefallen, und er hat die Stelle, wo es von jenen zwanzig Jahren heißt, daß »sie« so blaß geworden seien, irrtümlich für einen Druckfehler gehalten und richtig so gesetzt: »Wie sind Sie jetzt plötzlich so blaß geworden in diesem heiligen Augenblick!« Und er hat ein Übriges getan: er hat die Stelle, wo Herr Bahr von dem Glück, dabei zu sein, spricht, von dem ungeheuren Glück des Augenblicks: »Mög es uns Gott erhalten!«, er hat auch diese für einen Druckfehler angesehen und als ein gründlicher Kenner der wahren Seelenbeschaffenheit der beiden Herren die Worte hingesetzt: »Möge uns Gott erhalten!« Warum auch nicht? Es hat ja den beiden Herren durch all die zwanzig Jahre »an nichts gefehlt«, sie hatten sich so viel verdient, nun wollen sie sich auch noch das Glück des Augenblicks verdienen und einen Schluß auf Heroismus machen, wenn die Geschäftsspesen nicht allzu groß sind. Gott möge sie erhalten. Gott weiß, wie es der Setzer weiß, wie es der Briefträger und alle Welt weiß: wo Herr v. Hofmannsthal jenes Glück, von dem Herr Bahr behauptet, daß es kein größeres gibt, tatsächlich erlebt hat. Nur Herr v. Hofmannsthal selbst hat gezögert, es zu sagen; und da er die Bescheidenheit hatte, den offenen Brief des Mentors nicht auf der Stelle offen zu beantworten und nicht in jenen Zeitungen, die ihn gedruckt hatten, zu erklären, er sei zwar noch nicht in Warschau, werde aber in Wien bleiben, weil er nicht mehr in Rodaun sein könne – so ist es erlaubt, an seiner Statt nachträglich die Berichtigung vorzunehmen. Dem rapiden Sturmlauf der Entwicklung vom Nibelungenlied über Herrn Walther von der Vogelweide, Mystik und Barock, Klopstock, Kant, Schiller, Beethoven bis zu der Erwartung: »Nun müßt ihr aber doch bald in Warschau sein!«, will ich mich dabei nicht hinderlich in den Weg stellen, da ja der Weg zweifellos der »rechte« ist. Indes, der Aufgeber des verloren gegangenen, aber viel gelesenen Briefes, der Autor dieses von der eigenen Windigkeit verwehten Bekenntnisses, dürfte längst wissen, daß am 16. August 1914 oder in den folgenden Tagen die Österreicher im allgemeinen noch nicht in Warschau waren, daß speziell aber der Leutnant Hofmannsthal überhaupt nie so weit vorgedrungen ist, wenn ihm nicht etwa nach der Einnahme dieser Festung Gelegenheit geboten war, mit Liebesgabenpaketen oder in sonst einer honorigen Mission des Kriegsfürsorgeamtes dortselbst zu erscheinen. Was nun vollends die andere Erwartung des Herrn Bahr anlangt, Hofmannsthal werde, sobald er mit der österreichischen Armee seinen Einzug in Warschau halte, die Gelegenheit benützen, den dortigen österreichischen Generalkonsul aufzusuchen, so gehört sie so sehr in den Bereich jener Vorstellungen, die der kleine Moriz vom Kriege hat und die keineswegs zu verwechseln sind mit den Vorstellungen des großen Moriz, die wir tagtäglich im Leitartikel mitmachen, daß man sich wundern muß, wie die Setzer, die es das erstemal zum Druck brachten, die Setzer des Herrn Bahr, doch zweifellos von Gelächter geschüttelt, keinen Mißgriff gemacht haben. Ich habe, wie schon erwähnt, die meinen vor Ausschreitungen bewahren müssen. Denn mit den Setzern ist nicht zu spaßen, wenn sie einmal etwas Spaßiges in die Arbeit kriegen; da ist ihnen kein Augenblick heilig. Daß aber die Leser, ergriffen von dem Vorbild der Treue im Hinterland, wo auch der alternde Dichter seiner Lieben im Felde gedenkt, nicht gelacht haben, ist begreiflich. Was könnte man ihnen, die zu jedem vaterländischen Opfer des Intellekts bereit sind, in einem heiligen Augenblick nicht alles zumuten! Herr Bahr aber, der ja auch damals schon mehr als 50 Jahre alt war, also in einem Alter stand, das ihn zum Waffendienst wie zum Ammenmärchen in gleicher Weise untauglich macht, war ernstlich der Meinung, daß der müde Sieger Hofmannsthal gleich beim Einmarsch und ehe er sich noch im Hotel die Hände vom Blut gereinigt hat, aufs Konsulat gehen werde, das an einem Tage, wo österreichische Truppen einziehen, natürlich noch nach zwei Uhr offen hat, und dort fragen werde, ob der Poldi, nämlich der Generalkonsul, da sei oder zufällig außer Haus. Denn es versteht sich von selbst, daß ein österreichischer Generalkonsul in einer russischen Festung bei Ausbruch eines Krieges nicht davonläuft, sich aber andererseits auch nicht fangen läßt, sondern auf seinem Posten ausharrt, bis die braven Österreicher kommen, die Eigenen, zu deren Empfang er natürlich anwesend ist, nicht etwa nur aus Gründen der Repräsentation, sondern auch, um den einziehenden Truppen das im Krieg notwendige Paß-Visum zu erteilen. Fragt sich höchstens, ob noch der Poldi – Herr Bahr scheint darüber nicht informiert – das Amt hat, das er vielleicht schon an den Rudi abgetreten hat, während er selbst in Moskau amtiert, wo er vorläufig noch auf die österreichische Armee warten muß. Vielleicht ist aber der Poldi noch in Warschau. Wenn ja, wird er zweifellos zur Feier des Tages, »und während draußen die Trommeln schlagen«, nicht nur in vergnügtem Beisammensein mit seinem Gast aus Wien, mit dem Hugerl, des gemeinsamen Gönners in der Heimat gedenken, sondern auch, durchs Konsulat stapfend, Baudelaire deklamieren, wie einst im Mai. Beiden aber, dem Generalkonsul und dem Eroberer Warschaus wird »schrecklich viel einfallen«, mehr noch als dem Bahr, dem es die Zeitungen in Wien und Berlin gedruckt haben. Nein, die Druckereien sind nicht geborsten vor Heiterkeit, denn sie waren sich der Wichtigkeit ihrer Mission bewußt, die sonst unbestellbare Botschaft an Leutnant Hofmannsthal weiterzugeben, der am Wachtfeuer wohl selten einen Brief, aber immer pünktlich seine Zeitung bekommt. Sie sind ja dazu da, den Wind zu machen statt des Windes, wiewohl selbst sie nicht verhindern können, daß, wenn künftig einmal ein rechtschaffener Wind Mist heranwehen sollte, ich glauben werde, es sei ein schöner Gruß vom Hermann Bahr... . Nun müßte man allerdings meinen, daß ein Mensch, dem das aus der Feder geflossen ist, auf Lebenszeit verhindert wäre, eine »Himmelfahrt« mit Erfolg auf den Markt zu bringen, weil es ja doch unmöglich sei, daß sich die Leser je noch von einem solchen Salzburger etwas erzählen lassen werden. Denn wenn es bekannt ist, daß es keine hypertrophischeren Formen in der Welt der Erscheinungen geben kann als einen Christen, der ein Schmock, und einen Juden, der dumm ist, so könnte eine Verbindung dieser verschiedenen Eigenschaften und Zustände nicht eben das Ragout sei, das die Feinschmecker in der Belletristik vertragen. Aber was vertragen sie nicht! Wenn sich ein Herrgottsschwindler in einem Feldpostbrief, den er in Wien durch einen Dienstmann abgeben könnte, nur auf Eckhart und Tauler beruft, so glauben sie ihm sogar die Mystik; und wenn ein ausgewitzter Literaturschieber von einem heiligen Augenblick sprach und sich als sterbender Attinghausen noch einmal aufrichtete, um den Krieg zu segnen und die beiden Jünger, die an ihm auf so exponiertem Posten teilnehmen, mit der Bitte zu entlassen, ihn, während sie Baudelaire singend in den Tod ziehen, nicht zu vergessen, da stand wohl in manchem Auge eine Träne. Hätten wir unberufen die Einbildungskraft des größten Moriz, so »möchten wir uns das Gesicht des Herrn Hofmannsthal vorstellen«, wenn er dem alten Mystiker zum erstenmal wieder auf einem Jour bei Schlesingers begegnet und wenn der die Frage stellt, wie sich das damals in Warschau gemacht habe. Aber die beiden Herren, der Grüßer und der Gegrüßte, müssen sich irgendwie auf den Schlachtenruhm geeinigt haben, denn das Buch, in dem der Brief steht, ist im Handel geblieben und gewiß sind sie einverständlich zu dem Entschluß gekommen, es in dieser großen Zeit nicht einstampfen zu lassen. Mindestens ist nicht bekannt geworden, daß Herr v. Hofmannsthal aus Wien einen Feldpostbrief nach Salzburg, das doch immerhin zum weiteren Kriegsgebiet gehört, geschrieben hat, des Inhalts: »Lieber Bahr, machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen. Weit entfernt, in Warschau zu sein, bin ich in Wien, ich bin gesund und arbeite an einem ›Prinzen Eugen‹. Ob ich das Glück fühle, dabei zu sein? Ob ich es fühle! ›Ich weiß, Sie sind froh‹, schreiben Sie. Wie Sie das erraten haben, Sie Kenner. Ob ich froh bin! Mir fällt schrecklich viel ein, zum Beispiel, daß wir uns eigentlich niemals näher waren als jetzt. Ich meine das nicht im lokalen Sinne, denn Sie sind in Salzburg; sondern im Punkt der Gesinnung. Sie können sich noch erinnern, wie ich Dragoner war. Sehen Sie, es ist das einzige, was ich ganz vergessen hatte. Ja, Sie haben recht. Wie sagt doch Baudelaire: Was wir vor zwanzig Jahr'n für zwei Hallodri war'n! Sonst hat sich wenig verändert. Was den Poldi anlangt, an dessen Stimme Sie sich seit damals dunkel erinnern, so kann ich Ihnen mitteilen, daß auch bei ihm sich wenig verändert hat, es wäre denn, daß die Umstände schon zu der Zeit, wo ich nicht vor Warschau stand, ihn verhindert haben, dort Generalkonsul zu sein. Ich hätte ihn also nicht getroffen; gut, daß ich nicht dort war. Das Buch, das er mit vierzig Jahren hätte schreiben sollen, ist noch nicht erschienen, und zu dem mit sechzig, sagt er, hat er noch Zeit. Tatsächlich aber hat er neulich, während draußen die Burgmusik spielte, Baudelaire deklamiert, um Ihre Illusionen, Sie lieber Phantast, nicht ganz zu enttäuschen. Er hat durchgehalten. Die Zeit ist ernst, die Stimmung zuversichtlich. In diesem Sinne grüße ich Sie.« So ungefähr hätte Herr v. Hofmannsthal sich aussprechen sollen, ohne gezwungen zu sein, auch nur anzudeuten, daß er im Krieg eine Tätigkeit ausübe, mit der verglichen die im Kriegsarchiv auf der Mariahilferstraße gefahrvoll ist, von den Helden der Kriegsberichterstattung nicht zu reden, die doch oft den Rauch der Kaffeehäuser im engeren Kriegsgebiet zu schlucken kriegen, und ganz zu schweigen von manch einer draufgängerischen Kollegin, die eben dort, wo Männer auf Eroberungen ausgehen, am liebsten auch die Hände nicht in den Schoß gelegt hätte. Die Dienstleistung aber, die Herr v. Hofmannsthal erwählt hat, bietet dafür den Vorteil, daß sie den Funktionär in einem angenehmen Inkognito erhält, dem zwar kein Lorbeer blüht, das aber den Glauben, er stehe vor Warschau, weder hervorruft noch ausdrücklich in Abrede stellt. Hätte Herr v. Hofmannsthal der Gnade des Schicksals oder wie die Protektion heißen mag, die ihn unsichtbar gemacht hat, sich durch den Vorsatz würdig gezeigt, auf Kriegsdauer auch unhörbar zu sein, so hätte ich gern davon Abstand genommen, die Verlegenheit, in die ihn der taktlose Gruß des Herrn Bahr gebracht hat, zu vergrößern. Niemand hätte ihm vorgeworfen, daß er, der doch einst als Dragoner sein Jahr an der Seite des Bahr absolviert hat, das Glück, dabei zu sein, in einer ziemlich versteckten Filiale des Kriegs verspiele. Er hätte nichts zu tun gebraucht, als den gewagten Ausspruch, mit dem er seine »Österreichische Bibliothek« eingeleitet hat: »Es ist etwas Stummes um Österreich«, für seine Person wahr zu machen. Er hätte nichts zu tun gehabt, als zu schweigen, in einer Zeit, in der manche »nichtgediente« Kollegen, die zum Wort eine, wenn auch nicht so erlesene, so doch tiefere Beziehung haben als er, es der Tat, zu der sie nicht geboren wurden, opfern mußten! In dem Augenblick, als er Musenalmanache auf das Jahr 1916 herausgab, schwarz-gelbe Büchel aussteckte und die unleugbare Popularität des Prinz-Eugen-Marsches für literarische Zwecke zu fruktifizieren begann, war jede Diskretion über die weite Entfernung, in der sich seine einwandfreie Gesinnung von dem ihr angemessenen Schauplatz aufhält, überflüssig. In dem Augenblick, als er hervortrat, war es klar, daß er nicht in Warschau sei. Er mußte es nicht mehr dementieren. Er konnte die Theaternotizen, in denen von seinem Abmarsch an die Front berichtet wurde, unwidersprochen lassen. Er konnte die Ehre, die ihm durch das Manifest des Bahr angetan wurde, auf sich sitzen lassen! Jeder wußte es und konnte ihm ins Gesicht sagen, daß er in Wien sei, und an diesem Zustand ist nichts unstatthaft als der volle Mund einer Kriegsfürsorge, die anderen den Krieg besorgen möchte und sich selbst mit der Literatur zufrieden gibt. Denn da möchte ich doch bitten: wenn einer bei Kriegsausbruch im Vorzimmer einer Wohltätigkeitsanstalt gesehen wurde, von des Gedankens Blässe angekränkelt, wenn einer in einem heiligen Augenblick so verfallen aussah, wie zwanzig Jahre in der Erinnerung, so hat er auf Kriegsdauer jede Annäherung an den Prinzen Eugen zu unterlassen; wiewohl dieser auch wenig Freude an dem Weltkrieg gehabt hätte, aber selbst heute und trotz dem Bündnis mit der Türkei das mit der Brucken nicht so gemeint hätte, daß man konnt hinüberrucken ins Kriegsfürsorgeamt! Es ist unwürdig, sich von einem Professionsgrüßer ein »Glückauf, lieber Leutnant« zurufen zu lassen, wenn man bei sich selbst weiß und sich jeden Tag davon überzeugen kann, daß man das Glück hat, hinauf in ein Büro gekommen zu sein. Man hat den Zuruf »Ich weiß, Sie sind froh«, in solcher Lage mit einem lauten und vernehmlichen Ja zu quittieren, ganz als stünde man vor einem andern Altar als dem des Vaterlandes. Niemand hat von Leuten wie Bahr und Hofmannsthal Bravourstückeln in den Dolomiten erwartet; von Hofmannsthal nicht, weil er dazu zu gut erzogen ist, und vom Bahr nicht, wiewohl der Alterston des Abschiednehmers, der zwar nicht mehr mittun kann, aber von der rüstigen Jugend nicht vergessen werden will, keineswegs darüber hinwegtäuschen darf, daß die Biederkeit auch waffenfähig ist und daß schon ältere Älpler in diesem Krieg losgegangen sind. Item; man war nie so herzlos, die Namen der beiden Herren in einer Verlustliste zu vermissen – obgleich sie schon manch wertvollere, wortärmere Menschen angeführt hat und wenige, von deren Fortleben sich eine ungünstigere kulturelle Wendung befürchten ließ. Aber der Übermut, der, nicht zufrieden, daß das Glück des Augenblicks lebenslänglich erstreckt wird, noch täglich in der traurigen Gewinnliste des Hinterlands figurieren will, ist wahrlich die lästige Kehrseite des Mutes, der einem erlassen wird. Herr Hofmannsthal hatte erst zu dementieren und dann ein Patriot zu sein! Oder zu schweigen und dann auch, solange der Krieg dauert, keine Musik dazu zu machen! Wenn er nicht bis Warschau gekommen ist, so hatte er auch nicht nach Berlin zu gehen und dort nebst einigen anerkennenden Worten für »Hindenburgs Siegeszug nach Warschau« eine Rede über den Krieg gegen Italien als »unseren Krieg« zu halten und durch solche Wendungen den schon ganz konfusen Bahr in Versuchung zu bringen, bei ihm anzufragen, ob er nun bald in Venedig sein werde, nämlich am Lido, wo Bahr selbst schon in den buntesten Uniformen Aufsehen erregt hat. Aber niemand hat dem Herrn v. Hofmannsthal, den der Treubruch Italiens einen Dreck angeht – privat mag er ihn schmerzen, weil er ihn verhindert, Goethes dritte italienische Reise zu machen –, niemand hat ihm außer dem Kriegsfürsorgeamt noch das Amt gegeben, die Nation zu vertreten. Er mag ja, was nicht schwer ist, eine ehrlichere Haut sein als der d'Annunzio, aber es ist kompletter Größenwahn, der ihn in die künstlerische wie politische Rivalität treibt, denn abgesehen davon, daß er mit dem bißchen ästhetischen Kram in Österreich weit weniger Staat machen kann als jener mit seiner melodischen Fülle in Italien, wird doch d'Annunzio aus diesem Krieg mit etwas geschwächter Sehkraft hervorgehen, während Herr Hofmannsthal schon heute mit zwei blauen Augen davongekommen ist. Wenn einer, statt vor Warschau zu stehen, im Kriegsfürsorgeamt sitzt, statt in Venedig einen Bombenerfolg zu haben, auf dem Podium der Berliner Singakademie steht und statt in Belgrad einzurücken, im Verlag der »Muskete« einen Prinzen Eugen mit Bildeln herausgibt – dann hat selbst einer, der sonst der letzte wäre, aus jenen Unterlassungen jemand einen Strick zu drehen, das Recht, sie festzustellen. Der alte Weg, den schon das Nibelungenlied ging, ist jener gerade nicht, den der Herr Hofmannsthal gegangen ist, aber sicher hat der alte Mentor recht, wenn er bezweifelt, ob diese zwanzig Jahre, die so blaß wurden, als sollten sie gehalten werden, gut für uns waren. Was sein Telemach – »griechisch: Telemachos, der aus der Ferne Kämpfende« – getan hat, entspricht höchstens der Sorge, »immer etwas zu haben, wobei man sein kann«, oder wo man dabei sein kann. Gewiß, man soll ihm nicht vorwerfen, daß er die große Zeit nur mit dem Erlebnis der Bündnistreue hingebracht hat und damit, andere patriotisch zu ermuntern: er war wie bei manchem harten Strauß auch wieder bei jenem beteiligt, dem er die Libretti liefert, und er hat die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, zu Ehren Shakespeares ein intellektuelles Feuerwerk abzubrennen, bei dem die Einfälle knallten, ehe sie leuchteten und durch den Widerspruch, mit dem sie aufeinander losplatzten, einiges Aufsehen entstand. Er sprach davon, daß die »heutige Zeit keinen tieferen Drang kenne, als über sich selber hinauszukommen« – Glückauf! – und wenn Shakespeare bisher der Geist war, der alles sagt, »was in Momenten ungeheurer Ereignisse sich in den Herzen der Menschen verbirgt, was ein Gemüt ängstlich versteckt«, so werde »einem anderen Geschlechte ein stummer Shakespeare entgegentreten«. Shakespeare hätte das Gemütsleben einer Zeit, an der nichts ungeheuer ist als der Kontrast von ängstlich versteckten Gedanken und angemaßten Taten, wohl zur Gestalt gebracht; aber was uns vorderhand genügen würde, ist nicht so sehr die Erwartung eines stummen Shakespeare, als die Vermeidung eines lauten Hofmannsthal. Denn eben dieser ist eines der hervorragendsten Beispiele aus der Armee von Literaten, die zur Verherrlichung von Ereignissen ausgesendet wurden, welche sie um keinen Preis erleben möchten, und denen im Krieg »schrecklich viel eingefallen« ist. Sein ganzer Ruhm, der immer auf so schwachen Beinen stand, daß er nun vollends militärtauglich wurde, ist ihm dabei eingefallen. Der Krieg hat durch die Anziehung, die er auf die schwerpunktlosen Gehirne, auf das Scheinmenschentum, auf die dekorationsfähige Leere ausgeübt hat, Unwerte vernichtet und sich wenigstens darin von seiner positiven Seite gezeigt. Herr Hofmannsthal, der vom Vaterland erwartet, daß es ihn nicht rufe, wenn er von Schlachtenruhm träumt, aber wenn er erwacht, ihm Grillparzers Ehren erweise, er, der nie mehr war als ein tauglicher Übersetzer fremder Werte oder ihr kunstgebildeter Vertreter, nie mehr als der gefällige Platzhalter eines von ihm gegebenen Niveaus, auf dem sich die Natur unwohl gefühlt hat, dieser Hugo Hofmannsthal ist wie kaum einer aus der Schar geistiger Flüchtlinge um sein bißchen Besitzstand gebracht. Österreich irrt wie immer, wenn es in einem, der heute eben noch die Geschicklichkeit hat, sich mit den Landesfarben zu schminken, seinen geistigen Vertreter sieht. Es müßte ihm die Lizenz entziehen, das Wort in vaterländischer Sache mit mehr Anspruch auf Glaubhaftigkeit zu führen als ein beliebiger Journalist, und ihn endgültig in die Redaktion verweisen, aus der Sphäre der Wohltat, wo an Literaten Kriegsfürsorge geübt wird, in einen jener dunkeln Privatbetriebe, wo Worte unerlebten Gesinnungen dienen müssen. Schon damit Herr Bahr, dessen Wehrfähigkeit trotz der Musterung, der er sich am Lido freiwillig unterzog, nicht mehr in Anspruch genommen wird und dessen nationale Bestrebungen weniger die politische Arena als die eines Zirkus verlangen – schon damit er wisse, wo er ihn und seinesgleichen zu finden hat, ihn nicht vergebens am Wachtfeuer suche und dort auch nicht vermisse! Herz, was begehrst du noch mehr? Im Reiche des Dionysos, das jetzt wieder manchmal sogar bis 4 Uhr früh offen haben darf, dort, wo jeder Kaffeesieder seine »Prominenten« hält und um Mitternacht die Tragödinnen angerückt kommen, um geschwind noch ein bißchen Tralala zu machen; in der Sphäre, die die Schmach der bürgerlichen Kultur im Betrieb der von ihr ruinierten und nun auch entehrten Kunst spiegelt, dort, wo das Champagnergeschäft geistige Vorwände braucht und zwischen zahnstochernden Schiebern jetzt auch die kostspieligsten Literaturkommis serviert werden; wo Theater, Kunst und Literatur sich herabgelassen haben, den Neppgewinn mit den dazu Berufenen zu teilen, und wo ganz bestimmt demnächst auch jeder Wäschelieferant seinen Conférencier haben wird nebst !!Jazzband!! und Herrn Slezak – eben dort sticht mir seit Jahren das seltsame Wortgebilde »Benatzky-Selim« in die Augen. »Ralph« ist ohneweiters als Attribut mondäner künstlerischer Betätigung verständlich. Aber »Josma« in Verbindung mit »Selim« hielt ich ursprünglich für eine Zigarette. Nicht einmal für eine, die wie »die gute Massary« über die ganze Breite der Friedrichstraße zwei Welten der Reklame verbindet, sondern für eine Sorte schlechthin. Allmählich wurde ich, den das Plakatwesen nicht seiner Bestimmung gemäß anzieht, sondern abstößt und zur Verschmähung der Ware animiert, allmählich wurde ich darauf aufmerksam, daß es sich in der Verbindung Benatzky-Selim jedenfalls um etwas Künstlerisches handle und um einen Dual, dessen Reiz gerade in der Untrennbarkeit beruhen dürfte. So verhält es sich in der Tat und im Vorstellungsleben des Volkes sollen nach allem, was man hört, Tristan und Isolde, Hero und Leander, Riedel und Beutel, Verbindungen, die für die Ewigkeit geschmiedet schienen, längst zurückgetreten sein vor dem Beispiel, das Benatzky und Selim tagtäglich einer zerrissenen Epoche geben. Der Fall, daß einer der beiden Teile erkrankt, wodurch naturgemäß das Ganze undurchführbar wäre, kann nicht vorkommen, da sie, wie behauptet wird, nur gemeinsam erkranken. Als es jüngst einmal der Fall war, hieß es, ein gemeinsamer Wespenstich – ursprünglich Selim zugedacht, aber, um Benatzky nicht zurückzusetzen, aufgeteilt – habe sie zur Absage gezwungen. Nun brenne ich seit Jahren darauf, dieses Künstlerpaar, von dem eine faszinierende Wirkung ausgehen soll, auf mich faszinierend wirken zu lassen. Da das aber nicht zu machen ist, indem ich mir doch eben seit Jahren all das versagen muß, was andern Menschen das Herz pumpern läßt – wie gern hätte ich zum Beispiel Salten oder Hans Müller im »PavilIon« erlebt (in jenem Pavillon Törley, der ja auch bessere Zeiten gesehn hat, als dort noch Mausis ohne Literatur verkehrten) – da das also nicht zu machen ist, muß ich mir alles vorstellen und es geht schließlich auch so. Ja ich bilde mir ein, daß ich von der Art des Benatzky, die sicher moussierend ist, eine noch bessere Vorstellung habe als das Publikum, das ihm zuströmt, und glaube, daß ich des Erlebnisses Selim so völlig habhaft bin, daß ich es nachbilden könnte. Mein Eindruck ist, daß hier das Wiener Freudenleben endlich zu jener mondänen Note gelangt ist, die dem Geschmack der ganz raffinierten Genießer entspricht, indem einerseits, bei Benatzky, die fine fleur des fin de siecle von einem five o'clock zum Ausdruck kommt, während anderseits, bei Selim, das gewisse Jenesaisquoi vorhanden ist. Beiden ist offenbar das zu eigen, was ich kürzlich in der Empfehlung einer Gehirnjauche, die zu einer neuen Separeernusik serviert wird, als die »Verbindung von Duft und Schlager« definiert sah. Ja, ohne Grund befindet sich nicht das Publikum in einem Taumel. Es gibt eben Erscheinungen, die einfach vorhanden sind und deren Wirkung man mit Analyse nicht beikommt. Wenn Meister Schönpflug eine Figur nur so hinstellt und man in Zweifel sein könnte, ob er eine offene Pappen oder eine heraushängende Zunge intendiert hat, so ist doch der Eindruck, der speziell beim christlichen Publikum entsteht, ein auf den ersten Blick gspaßiger, und eben dieses Publikum wird auch nicht umhin können, zu wiehern, wenn der urkomische Dr. Bergauer im Umgang mit der bloß komischen Alten die Daumen zu drehn, zu scheangln und mit den Lippen zu bibbern beginnt, also das tut, was seit dem Gesangskomiker Stelzer zwischen Budweis und Klagenfurt halt in verfänglichen Situationen zu geschehen pflegt. (Ich habe ihn gesehen, den Unwiderstehlichen, nachdem ich ihn so lang' schon gekannt hatte.) Das sind die elementaren Wirkungen auf einem mehr volkstümlichen Niveau, Benatzky-Selim befriedigen die Ansprüche einer verwöhnteren Kultur und es ist die spezifische Schichte von Gourmands in Mariahilf, die bei ihnen auf ihre Kosten kommt. Und doch. (Hier könnte man etwa fortsetzen: Und doch ist es eine dezente Note, die sie pflegen, im Gegensatz zu der mehr verruchten Erotik, die ein maitre de plaisir und zugleich arbiter elegantiarum wie Siegfried Geyer nach Wien gebracht hat, der drei Geyer-Bühnen leitet, les affaires sont les affaires, und den Zeitpunkt wahrnahm, da das Publikum der rue de Rothenturm für Poiret mit etwas Grandguignol reif wurde.) Benatzky-Selim, stelle ich mir vor, deuten mehr an, als sie aussprechen, tändeln mit den Dingen, auf die es letzten Endes doch ankommt, und reizen das Publikum, welches speziell in »Etablissements« das unbestimmte Gefühl hat, daß alles ein Umweg zur geschlechtlichen Betätigung ist, indem sie das Ziel mehr verheimlichen als aufdecken. Ich stelle mir vor, daß alles nicht geradezu gesagt wird, sondern durch die Blume, ein Hauch, ein Zwinkern genügt da oft. Das ist das Geheimnis der Wirkung, welches darin besteht, das Geheimnis der Ursache nicht zu verraten, und doch. Aussprechen was ist, wie etwa Salten in seiner »Josephine Mutzenbacher« getan hat, ist nicht Benatzky-Selims Sache. Auch spielen sich die Vorgänge meist nicht in den Niederungen des Freudenlebens ab, sondern es dürften Prinzessinnen und Pagen vorkommen und was sich da zwischen Taxushecken tut, dürfte mit ähnlicher Grazie höchstens noch getroffen sein, wenn Dörmann in die Saiten seiner Leier greift oder Krenes zu seinem Silberstift. Die Champagnerkundschaft, an die soziale Note gewöhnt, jahraus jahrein vor die Alternative gestellt, sich für einen Proleten, was kann er dafür, oder für eine Dirne, was liegt daran, zu entscheiden, liebt diese Abwechslung, durch ein Trällerliedchen zu erfahren, daß auch in höheren Kreisen, und selbst dort wo man es gar nicht glauben würde, etwa zwischen Nonnen und Mönchen (besser Abbés) ein lebhafter Geschlechtsverkehr herrscht. Selim (Schalkin das) macht gewiß einen scheinheiligen Augenaufschlag, wenn sie besonders Anzügliches, das ihr Benatzky da in den Mund legt, zu beichten hat, und ich sehe so deutlich das Schmunzeln derer, die das Glück haben, dabei zu sein, ich mache so jede Nuance von Hingabe und Empfängnis mit bis zu dem Punkt, wo der Göttergatte die Göttergattin stupft und fragt, ob sie verstanden hat – daß es auch mich anregt und mein Nachtleben etwas Freude abbekommt. Wenngleich nicht ohne ein Alzerl Neid. Und wenn ich bedenke, Benatzky ist Doktor wie Bergauer, Robert heißt Professor gar, soll primo loco für Temesvar vorgeschlagen sein, dann wurmt's mich, daß ich nicht mein Doktorat gemacht habe, vielleicht wäre ich heute auch im Wiener Kunstleben eine Nummer, wenn schon nicht in Berlin eine Kanone. Das Bild nun, welches ich mir von der Lebensfreude, die ich vom Hörensagen kenne, gemacht habe, wird durch einen Blick in die Sonn- und Montagszeitung vollständig, wo ein feiner Kenner die belebende Wirkung, die von Benatzky-Selim ausgeht, folgendermaßen bekundet: – irgendwo gibt es eine Oase , auf die das echte, richtige Chanson geflüchtet ist und wo es seine allerbeste Tradition zu wahren vermocht hat. Diese Oase befindet sich dort , wo das Künstlerpaar Selim-Benatzky jeweils auftritt. – Man sollte es nicht für möglich halten – aber hier gibt es eine Chansonniere , die über ein ganz vortreffliches Repertoire verfügt. Man könnte aber auch sagen: man begegnet in Dr. Ralph Benatzky sozusagen dem besten Vertreter seines Genres, der in Josma Selim eine geradezu ideale Interpretin besitzt. Herz, was begehrst du noch mehr? – Das ist das Wunderbare bei den Benatzkys oder den Selims, bei den Ralphs oder den Josmas , daß sie inmitten der normale Kabarettwüste Vollkommenes bieten. Vor allem ein vollkommene Programm. Sechs Chansons, bitte sehr . Und dann gibt es ein siebentes als Draufgabe. – Ausnahmslos besitzen sie ihre geistreiche, witzig pointierte Note und ihre sanfte, apart melodische Linie. Es sprüht aus ihnen , vor allem aber aus der Eigenart des Vortrags von Josma Selim eine wirklich wienerische Anmut , die sich aufs glücklichste mit einer fast französischen Pikanterie vermählt . – Was den beiden besonders hoch anzurechnen ist: daß bei ihnen, obwohl sie in der Nähe der Mitternachtsstunde auftreten, nicht jedes Verbum nach einem Gedankenstrich dasselbe bedeutet ; daß in ihren Darbietungen die Zote nicht ihr Unwesen treibt. – So bleibt uns nichts übrig, als zum Schluß zu sagen: freuen wir uns, daß wir die beiden haben , wenn sie nicht zufällig auf einer Auslandstournee begriffen sind ... Das muß ein erstklassiger Viveur sein. Freilich, daß nicht jedes Verbum nach einem Gedankenstrich dasselbe bedeutet, glaube ich nicht, ich bin im Gegenteil überzeugt daß jeder Gedankenstrich die schelmische Enttäuschung immer der nämlichen Erwartung ausdrückt. Und es ist da ein glücklicher Zufall, daß in der nämlichen Nummer der Sonn- und Montagszeitung eines der entzückenden Chansons des Meisters abgedruckt wird, geistreich, witzig pointiert und mit sanfter, apart melodischer Linie, so daß es sprüht: Abschied am Kupeefenster. »Leb' wohl, mein kleiner Prinz! Ach, daß ich rasch vergesse Den gestrigen schönen Tag, die heut'ge wilde Nacht! – Die treuen Untertanen lesen beim Frühstück morgen in der Presse: »Seine Hoheit, Prinz Franz, haben den gestrigen Tag und die Nacht auf der Jagd verbracht.« Und reisen Sie recht gut, zwar mach' ich mir nicht Sorgen, Denn Ihr Waggon-lit ist wirklich exquisit, Und schlafen Sie ... Sie brauchen's! ... Damit man nicht am Ende morgen Die dunklen Schatten unter Ihren Augen gar zu deutlich sieht! Und morgen früh erweckt Sie Glockenklang, Böllerschüsse, Trommel und Gesang – Feierlicher Empfang! Des Bürgermeisters Töchterlein reicht Blumen zum Fenster, in Huldigungdress . ... Und noch jemand empfängt Sie ... Ihre Frau ... madame la princesse! ›Ach teure Gattin! Wie ich mich nach dir gesehnt hab'‹ – ›Ach, teurer Gatte! Wie lang' ich die Ungeduld nach dir bezähmt hab' ... ‹ So schwört Ihr Euch aufs neue, Daß Ihr hieltet hoch der Ehe Treue – Und bei diesen reizenden Dialogen Denkt sie des Pagen Reymond Saint-Cyr, Mit dem sie ... Marienlieder gesungen... Genau, mein Prinz, wie du mit mir! – Leb' wohl, mein kleiner Prinz! Ich liebe dich so ... pst! Ihr Adjulant! ... Es ist nicht opportun, daß er diese Worte höre – Ich küsse Hoheit untertänigst die erlauchte Hand Und danke für die hohe Ehre!« Ralph Benatzky. Der alte Löwy begleitet seinen Sohn zur Bahn und verabschiedet sich von ihm mit den Worten: »Leb wohl, Josef, fahr' mit Gott!« Josef: »Wos redest du do, Tate, wird Gott fahren dritte Klass'?« (Dies nur nebenbei, ich hab's für alle Fälle mitgedruckt.) Also man versteht. Der Prinz war nicht auf der Jagd, sondern er hat – also man versteht. Während die »Untertanen« glauben, hat er in Wahrheit. Also man versteht. Während es nicht opportun ist, daß der eigene Adjutant diese Worte höre, dürfen es die Eingeweihten. Woher die dunklen Schatten unter seinen Augen kommen, auf die ihn die Urheberin beim Abschied aufmerksam macht, wird nicht direkt gesagt, doch die Phantasie erhält ein gewissen Spielraum. Madame la princesse war aber inzwischen auch nicht faul. Sie hat mit dem Pagen (Reymond Saint-Cyr heißt er, wie denn sonst) – also sie hat mit ihm ... Marienlieder gesungen ... Hier, wo in der Tat kein Gedankenstrich, aber drei Punkte vor dem Verbum die Spannung aufs höchste steigern und drei Punk nach dem Verbum ein diskretes Abklingen bewirken, bleibt jedem Hörer noch etwas zu erraten übrig, und mancher dürfte beim Nachhausegehen oder später, vor dem Beischlafen, murmeln: »Nu na, Marienlieder hat sie gesungen!« Mit einem Wort, wienerische Anmut vermähl sich aufs glücklichste mit fast französischer Pikanterie. (Nur um dieser zu noch stärkerem Nachdruck zu verhelfen, habe ich die gleich anschließende Geschichte vom alten Löwy mitgedruckt.) Herz, was begehrst du noch mehr? Kein Zweifel, seit dieses Wien die »Kleinkunst« hat, werden auch die verwöhntesten Ansprüche befriedigt, und ich wäre nur neugierig zu erfahren, ob Benatzky leicht oder schwer schafft, ob er diese kapriziösen Dinge bloß so aus dem Hemdärmel schüttelt oder ob er ringen muß. Ich stelle mir das gar nicht so einfach vor, ich könnte es nicht; aber es muß doch auch eine gewisse Befriedigung gewähren, so zu produzieren. Im Geistesleben der achtziger und neunziger Jahre wurde der ganze erotische Bedarf durch die »Pikanten Blätter«, die »Bombe«, die »Karikaturen« gedeckt, die höchstens noch von den »Pschütt-Karikaturen« übertrumpft werden konnten. Pschütt! – das war die Losung des äußersten Sinnenkitzels. An der Kassierin jedes Kaffeehauses lehnte der Lebemann, Standbild der Männerschwäche, ein Individuum mit schütterem Haarboden, aufgedrehtem Schnurrbart und wässerigen Augen, deren eines von einem Glasscherben bedeckt war, in Zivil oder auch verkleidet, und man sah ihn in der nämlichen Stellung in den »Karikaturen« oder eben »Pschütt-Karikatuten«, doch da war er von Fischer-Köystrand oder von Lacy v. F. und sah aus, wie die Folgen ausschweifender Lebensweise. Oft auch beugte er sich über ein Sofa, auf dem die Lebedame lag, immer die nämliche, völlig ausdruckslos und nur erschaffen, um den einen Dialog zu absolvieren, der sich immer um dasselbe Thema drehte. Revolverblätter, die nur wegen des Bankinserates erschienen, brachten, um dieses für die Verwaltungsräte schmackhafter zu machen, die Lebedame als Zuwag, die durch eine gewisse Fülle für die Leere zu entschädigen hatte, und der Brauch hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, wo die alten Klischees in der Zeit der Generalversammlungen noch hin und wieder auftauchen und ein hoher Busen von einer verschwundnen Pracht zeugt. Die Veredelung des Strichs war im Typus der »Büffetdame« erreicht und der äußerste Wüstling war der Balletonkel. Im Separee wartete der Erzherzog Otto auf die Speisinger-Finerl und ließ sich inzwischen die Zeit nicht lang werden, indem ihm der Klavierspieler »Ich bleib viel lieber doder, weil in Wien mein Himmelreich is« vorspielte, welches Lied er aber, wenn kein Klavierspieler doder war, auch sich selbst mit einem Finger vorspielen konnte. Jedes Bordell hatte ein sogenanntes Milan-Zimmer, das der Novize mit Ehrfurcht betrachtete. Das feinere Freudenleben beherrschte die Sachs, die mehr ein Begriff war als eine reale Kupplerin und die sich von den Richtern, welche Prozesse wegen Kuppelei durchzuführen versuchten, dadurch unterschied, daß jene nicht unabsetzbar, sie aber unvorladbar war. In all dieser Zeit und während sich dies begab, gingen Männer mit Schlapphüten und architektonisch richtigen Christusbärten angetan auf der Ringstraße herum, das waren die Künstler. Gleichwohl muß gesagt werden, daß es eine reinlichere, wenngleich simplere Epoche war als eine, deren hurisches Avancement sich durch Gürtelröcke, Jazzband, Psychoanalyse, Radio, Raumbühne und alle Furien, die im Ruf »Der Abeeend –! Die Stundeee –!« losgelassen sind, unverkennbar anzeigt. Gewiß, jenes Wien, das Auf Gschnasfesten den Humor in seine Rechte treten sah wie in etwas, in das man lieber nicht tritt, hatte seine Schrecken, die wohl darin gipfelten, daß sich der Schick den Schan zugezogen hatte. Aber wie harmlos war dieser Gehirntumor, in den man wie in den damals aktuellen Schödl'schen Smoking hineinschloff oder den man wie das Schödl'sche Sodawasser trinken und auch stehn lassen konnte – wie harmlos war dieser Schan im Vergleich mit dem Schanoir, den man sich nachher zugelegt hat, mit dem Freudengeräusch, das den Schlaf weiland friedlicher Hurengassen durchdringt und dem Nachtleben der Hausmeisterstadt ein wahres Montmartertum aufzwängt. Es ist nicht anders, als ob der Habakuk, der zwei Jahre in Paris war, es dadurch beweisen wollte, daß er nicht Tabak, sondern Kokain schnupft. Da schon die Urbilder dieses Lusttaumels, der eine kriegsschuldige Welt erfaßt hat, nichts an Trostlosigkeit zu wünschen übrig lassen und man dem ausgesuchtesten Laster der Boulevards die Anerkennung nicht versagen kann, daß in ihm der nationale Haß durch eine Annäherung an den Berliner Geschmack abgebaut erscheint, so reicht keine Phantasie aus, den Grad von ungarischer Provinz zu ermessen, den die Verpestung des Wiener Vergnügungslebens erreicht hat. »Komm mit nach Warasdin!« lautet die erfolgreiche Einladung, der der Wiener Gusto nicht widerstehen konnte, und diese größte österreichische Provinzstadt scheint, unter den Zurufen einer entwicklungsfreudigen Publizistik, in ein Boulewardein verwandelt. Als ein Zeichen gesunder Konstitution beruhigt dabei freilich der Durchbruch des spezifischen Schwachsinns, der der lokalen Fröhlichkeit die Note erhält. Ich glaube sie in einer Melodie nicht verfehlt zu haben, die mir jüngst in meinem bewegten Nachtleben, aus hundert fernen Bars herangetragen, trotz den schlechten Zeiten durch den Sinn zog, als Shimmysierung des angestammten Polkagemüts: »Ach holde Pipsi, mein Schatz, ich lieb' Sie.« »Sie Herzensdieb Sie!« sagt drauf die Pipsi. In dem Betrieb sie kriegt zwar 'nen Schwips, sie spürt doch, die Pipsi, womit ich schieb. Sie sagt gleich. »Ach gib!«, sie hab' mich nur lieb, sie treu mir auch blieb', sie, nämlich die Pipsi. Ich litt sehr und kann nur sagen: Trotz Marinetti (kein Pupperl, sondern ein Futurist), allen Kokolores von Expressionismus und Konstruktivismus zum Trotz: auf diesen Ton ist das mitteleuropäische Geistes- und Freudenleben seit ungefähr zwanzig Jahren gestimmt, der Tanzschritt wechselt, es ändert sich nichts, als daß bei reicherer Illumination die Stupidität von Jahr zu Jahr fortgeschrittener erscheint, daß dem Massenbedürfnis immer mehr ein Kunstbetrieb entspricht, der in seiner Verbindung mit dem ordinärsten Freudenbetrieb, als der notdürftige musikalische und tänzerische Vorwand der nackten Gewinnsucht – dieser letzten intellektuellen Regung, die den Schwachsinn wucherisch aufkauft –, alles zu gewähren scheint, was das Herz begehrt. Und so sehr hat auch die kunstpolitische Organisation jener anderen Masse, an deren Bildungsfähigkeit zu verzweifeln tragisch wäre, die Forderungen der Zeit erfaßt, daß sie außerhalb der Feste, die sie auf dem Trümmerfeld der Theaterkunst feiert, und wenn sie nicht gerade mit bühnenreformerischen Grotesken ein epater le proleaire wagt, eben diesen mit den Brosamen füttert, nein, mit den Resten von Mehlspeiskitsch, die von der Tafel der Bourgeoistheater abfallen, welche sie großmütig ernährt, ohne die mäzenatische Chance auch nur zu dem Versuch zu mißbrauchen, auf eine Verbesserung der Kunstnahrung zu dringen. Denn durch keine Revolution wäre je das Gesetz der Trägheit abgeschafft worden. Und wenn wir am Ende das kulturelle Fazit allen Umschwungs ziehen, so dürfte sich – nebst der Errungenschaft, daß Gewerkschaftsfunktionäre, die sich mit Theaterdirektoren schlagen sollten, ihnen Operetten liefern, in welchen eine Gräfin einen Bürgerlich heiratet oder umgekehrt – so dürfte sich also herausstellen, daß eine Inhaltsangabe des »Fräuleins aus 1001 Nacht« die purste geistige Wirklichkeit dieses Lebens darstellt und daß wir uns auf einem Niveau befinden, auf dem das Erraten dessen, was madame la princesse gemacht hat, während Seine Hoheit nicht auf der Jagd war, zu einer Gehirnleistung wird und Benatzky zum losesten Cupido, der je die Götter des Olymps an der Nase herumgeführt hat. Die Bühnenrevolutionäre können sich getrost Zeit lassen, recht viel von jener, der sie ihre Kunst aufkonstruieren wollen. Die einzige Brücke, die zum Publikum führt, schlagen die Champagnerbudiker, die ja bereits auch alle vorrätigen Kräfte den Theaterdirektoren ausgespannt haben. Vorübergehende Stagnation durch Wirtschaftskrise und Steuerdruck kann die Entwicklung nicht aufhalten, und wenn die Treffpunkte der Schakale dutzendweise verschwänden, was ja doch nicht ohne Aussicht auf Ersatz geschähe. Denn nach einem Blutregen wachsen mit den Betriebsstätten des Raubes die Sanssoucis der Räuber wie die Pilze aus dem Erdboden und was Krieg und Inflation kulturell geschaffen haben, kann von einer Sanierung nicht mehr abgebaut werden, und von der der Seelen schon gar nicht. Der Ruin des Freudengeschäfts, das auf dem Vorsatz der Kanaille basiert, der Welt die Haxen, die ihr noch geblieben ist, auszureißen, müßte von innen heraus erfolgen, durch den Ekel an der Verödung dessen, was für die Ödigkeit des Lebens entschädigen soll und nur noch die Wirkung der Quantität vermag. Doch eben dieses von allen Techniken anästhesierte Leben empfindet solchen Ekel nicht, keine Ermüdung von dem Brouhaha seiner Vulkantänze, nicht einmal den Überdruß an der sozialen Elendsmiene, die das Narrengeschäft jetzt annimmt, da »schlechte Zeiten« sind und eine Steuer, die mehr als das moralische Gewissen der Gegenwart drückt, dem Schandgewerbe zusetzt. Es ist die Parodie eines Zeitwesens, welches den Lebenszweck dem Lebensmittel unterworfen und den Konsumenten dem Händler dienstbar gemacht hat: daß nun auch das Gift darauf besteht, genossen zu werden, damit es erhalten bleibe, und daß der Beruf des Lustigmachers in so trauriger Welt seine Kunden erheitern will, um seinen Mann zu ernähren. Der Mord an zwanzig Millionen Menschenkindern hat der bürgerlichen Presse nicht so viel Interesse abgewonnen als das Schicksal jener, die von der Pleite der Unter- und Überhaltungsstätten betroffen sind; was sich allerdings daraus erklären mag, daß auch die Presse dem Heldentod weniger abgewonnen hat als dem Hurenleben. So erscheint das geistige Wien in einen Chorus von Nachtlokalredakteuren verwandelt, der den Jammer der Zeit an den Konkursen einer Branche beklagt, deren Wohlstand doch den denkbar grimmigsten Kontrast zu ihm bildet. Diese Menschheit, die wahrscheinlich zu leben hätte, wenn sie ihre Ware, in die sie ihre ganze Geistigkeit investiert hat, nicht bedienen müßte und nicht in Erwerbsgruppen zerfiele, die von der gegenseitigen Ausplünderung leben wollen, diese Menschheit, gegen die es der Sozialismus wirklich schwer hat, Kulturtendenzen zu vertreten, wenn er damit die Nachtcafebediensteten vor den Kopf stoßen könnte, nein, diese Menschheit wird wohl nie mehr aus den schlechten Zeiten herauskommen und dann wird unter den überflüssigen Berufen, welche in der Erhaltung ihrer Angehörigen eine Lebensnotwendigkeit erblicken, nicht das wahre Hurentum, das stumm duldet, sondern immer die sogenannte Kunst voran sein, über die brachliegende Fähigkeit zur Prostitution zu klagen und das Publikum an seine Konsumentenpflicht zu erinnern. Aber das sind nur vorübergehende Stockungen, die in Wahrheit die Technik der Reizmittel begünstigen. Nicht die schlechten Zeiten, sondern die schlechte Zeit hat das Bühnenwesen auf einen Punkt gebracht, wo es zu jeder szenischen Verwandlung fähig ist, und wenn die Konkurrenz von Nepp und Kino dem Theater überhaupt noch einen Spielraum läßt, so muß es diesen nicht ausbauen, sondern vertiefen. Die schlaueren Bühnenreformer, die nicht nur Snob, sondern auch Mob gewinnen wollen, wissen ganz gut, daß die Entwicklung, und wenn sie noch so sehr tut als ob sie des Esoterischen bedürfte, die Szene bloß in der Richtung erweitern wird, wo sie zum Restaurant wird. Herr Reinhardt, ein Mann, der's mit der Zeit wahrlich aufnehmen kann, die ihm seit zwanzig Jahren aufsitzt, und der erfaßt hat, daß wie einst den Göttern der Kaufmann, so jetzt der Künstler dem Schieber gehört, hat in Wien, wo er die Sträusslsäle eröffnete und für warme Küche nach Schluß der Vorstellung sorgte, zwar erfolgreich, aber dramaturgisch doch nicht radikal genug eingesetzt. Es muß während der Vorstellung gefressen werden! »Reinhardts neues Berliner Theater ist ein Logentheater und erhält eine besondere Note durch die Aufstellung kleiner Tische in den Logen-Vorräumen, so daß die Gäste in den Pausen an Ort und Stelle werden speisen können.« Herz, was begehrst du noch mehr? Etwa, daß die Kleinkunstbühnen, wo schon längst vom Publikum coram musis gefressen wird, eine besondere Note erhalten durch die Aufstellung kleiner Betten in den Logen-Vorräumen, wo die Ausgeburten der Hölle höchstens durch das Lachen über die Möglichkeit, daß sie da Marienlieder singen könnten, daran gehindert sind. Hochzeitsgäste (Die Hochzeit eines zum Tode Verurteilten.) Im Militärgefängnis von Mailand fand kürzlich eine traurige, tief ergreifende Feier statt. Ein wegen Desertion zum Tode verurteilter junger Soldat hatte an sein Kommando die Bitte gerichtet, mit seiner Braut getraut zu werden, um ihrem zu erwartenden Kinde die Legitimität zu geben. Dieser Bitte wurde willfahrt und an dem für die Trauung festgesetzten Tage erschien die Braut, ein junges Mädchen aus dem Valtellin, in Begleitung ihres Onkels in Mailand. Die Ziviltrauung wurde im Sitzungssaal des Militärgerichtshofes durchgeführt. Als Zeugen fungierten ein Oberst und ein Rechtsanwalt sowie die Prinzessin Arese und die Gräfin Castiglioni, die als Patronessinnen eines patriotischen Hilfsvereins erschienen waren. Darauf begab sich der seltsame Hochzeitszug in das Gefängnisgebäude zurück und dort fand in der Hauskapelle die kirchliche Einsegnung des Paares statt, die der Gefängnisgeistliche vollzog. Gleich nach der Trauung mußten die Neuvermählten wieder Abschied voneinander nehmen und die heftig weinende junge Frau, die einen kleinen, ihr von den Offizieren gespendeten Blumenstrauß in der Hand hielt, wurde von ihrem Onkel wieder in die Heimat zurückgeleitet. Der Trauungszeremonie hatten sämtliche Mitgefangene des Bräutigams beiwohnen dürfen. Gedruckt gleich hinter der Versicherung, daß speziell im Grand Hotel von Kitzbühel sich allabendlich ein glänzendes Bild mondänen Lebens entwickelt, während der Sporting-Club die internationale Lebewelt vereinigt. Was diese Welt aber in Wahrheit für eine Sterbewelt ist und welch ein Leichnam von Menschheit ihr Verweser ist, erfährt man schon, wenn man nur das andere Bild für sich betrachtet und sich vorstellt, zu welch tief ergreifenden Feiern sie doch von Zeit zu Zeit das Animo findet. Um die Legitimität des zu erwartenden Kindes besorgt, nicht darum, ihm den Vater zu erhalten, wird ihr im Sitzungssaal des Militärgerichtshofes weich ums Herz. Es würde ihr schier brechen, wenn nicht der Bräutigam eben ein Deserteur wäre, also der einzige Mensch in der Hochzeitsgesellschaft und einer, der so weise war zu glauben, daß das Menschenleben zu etwas besserem tauglich sei als sich von bunt tapezierten Trotteln zum Schlachtviehtransport abrichten zu lassen. Aber – wie sagt doch Salten –: Es muß sein. Und es muß fürs Vaterland wie abgerichtet so auch hingerichtet sein, und jene Institution, die dazu da ist, zu aller Untat, die sich die Menschheit antut, ihren Segen zu geben, ist bereits zur Stelle, nicht ohne daß man zwischen dem Oberst und dem Rechtsanwalt, die die Ehre haben, Zeugen dieser Scheußlichkeit zu sein, Patronessinnen eines patriotischen Hilfsvereins bemerkt und zwar eine Prinzessin und eine Gräfin, also allem Anschein nach Frauen. Offiziere haben einen Blumenstrauß gespendet und werden sich vielleicht noch im Sporting-Club von Kitzbühel dieser Galanterie erinnern. Die Mitgefangenen, die vielleicht Mitgehangene sind, durften der Trauungszeremonie beiwohnen. Der Onkel führte die junge Frau in die Heimat zurück, wo es kein Wiedersehn gibt, und der Ehemann ging in die ewige Hochzeitsnacht. Alles in allem: nur durch die Handlung, nicht aber auch durch Zeit und Ort der Tragödie dieser Menschheit entrückt zu sein, ist Schmach, Reue und Schüttelfrost. Wäre man als Jaguar und nicht als Zeitungsleser auf die Welt gekommen, die Bestialität, die einen mit den anderen Geschöpfen (nicht mit seinesgleichen) verbände, hätte nichts von jener Blasphemie der Humanität an sich, die das Menschentier zu einer so hoffnungslos verlogenen und von der Seele stinkenden Kreatur macht. Hussarek – Sinclair Welche Mittel in Schwurgerichtsverhandlungen angewandt werden und welcher Aufrichtigkeit die Verteidigung des Christentums fähig ist, hat der Fall des sympathischen Hussarek gezeigt, der Upton Sinclair einen Schurken genannt hatte und dafür zu jener halben Million Kronen verurteilt ward, die dank der Initiative der Habsburger 35 Friedenskronen gleichkommen. In den Berichten waren die folgenden Versionen zu lesen, die alle zusammen wohl ein richtiges Bild von einer Verteidigung geben dürften, die einerseits erklärt, daß sie den Wahrheitsbeweis für den Schurken führe, und anderseits, daß sie das Wort ganz anders gemeint habe. Im Übrigen hat der Angeklagte nicht behauptet, Sinclair ist ein Schurke, sondern nur gesagt, er halte ihn dafür; es sei dem Leser freigestanden, sich der Meinung anzuschließen. So in der Reichspost, die in solchem Falle wohl wahrheitsgetreu berichtet. Wenn Herr Hussarek gesagt hätte: Sinclair ist ein Schurke, so wäre dieser es und jener hätte keine Meinung geäußert, sondern eine Tatsache behauptet, deren Berichtigung nach § 23 sich die Reichspost offenbar nicht widersetzt hätte. Aber Schurke bedeutet nicht einmal einen Schurken. Dr. Hussarek habe nach einem Shakespeareschen Ausdruck gesucht und diesen in dem Wort »Schurke« zu finden geglaubt. Oder auch so: Hussarek habe bei Shakespeare gesucht, bis er einen passenden Ausdruck gefunden habe. Das Wort »Schurke« sei ihm dort so häufig aufgestoßen, daß er es gewählt hat. Man muß sich das nur vorstellen. Hussarek schreibt für die Reichspost – zum Ersatz für Lammasch, der nicht nur tot ist, sondern ihr noch lebend die Mitarbeit verweigert hat – einen Artikel gegen Sinclair, will diesen irgendwie benennen und sucht zu diesem Behufe bei Shakespeare nach einem Ausdruck. Nur weil ihm das Wort »Schurke« dort immer wieder aufstößt, wählt er es; sonst hätte ers nicht getan. Eigentlich hat ihn also Shakespeare verleitet. Aber dieser hat es nicht so gemeint und infolgedessen auch Hussarek nicht, der sich in allem an Shakespeare hält. Denn – sagte der Advokat –: Dieses Wort bedeutet entweder »ehrlos« oder »geschickt«. Sein Klient habe es in dem Sinne von »geschickt« gemeint. Meinte der Advokat, der mithin ganz gewiß kein Schurke ist. Aber wie kommt er nur auf die Vermutung, daß es auch »geschickt« bedeute? Wohl so: Wenn bei Shakespeare ein Diener von seinem Herrn irgendwohin geschickt wird, so sagt dieser: Schurk', mach dich fort! oder dergleichen. Eigentlich könnte man also auch sagen, Schurke bedeute so viel wie »Diener«. Herr Hussarek hat von Sinclair allerdings nicht sagen wollen, er halte ihn für seinen Diener, aber ob er wirklich sagen wollte, er halte ihn für geschickt, das mag er mit seinem christlichen Gewissen ausmachen. Ein Angeklagter darf ja lügen, aber er sollte nicht. Freilich, was immer er über jenen sagen wollte und wie immer man »Schurke« deuten will, Sinclair war ihm persönlich nahegetreten, indem er nicht nur den religiösen Empfindungen – die ja nebst den nationalen die zerbrechlichste Materie dieser Welt sind – nahegetreten ist, sondern auch dem österreichischen Patriotismus. Es stellt sich nämlich heraus, daß Sinclair gar kein österreichischer Patriot ist: Sowohl auf religiösem Gebiete wie auf dem Gebiete des Patriotismus, auf dem Gebiete der österreichischen Vaterlandsliebe hat Upton Sinclair sich schwer verfehlt. Wofür natürlich der Umstand, daß er ein Kalifornier ist, höchstens als mildernd in Betracht kommt. Ich bin leider kein Kalifornier und kann es darum Hussarek nachfühlen, wie weh das tut, in der Österreichischen Vaterlandsliebe verletzt zu werden. Und Hussarek legt Wert auf mein Zeugnis. Nach dem Bericht der Reichspost hat er gegen das Vorbringen des Prof. Singer, er habe im Jahre 1895 mit ihm von der Bereicherung der Klöster gesprochen, eingewendet: Karl Kraus hat in seinem Aufsatz behauptet, daß ich schon 1892 mich im katholischen Sinne betätigte. Vergebens habe ich dieses Wohlverhaltenszeugnis in der Fackel gesucht und nur gefunden, daß in einem der ersten Hefte von dem jüngeren Hussarek als einem älteren Betbruder, aber ohne jede zeitliche Limitierung, die Rede war und die lustige Geschichte erzählt wurde, wie sich der ägyptische Erbprinz seinen katholischen Erziehungsversuchen durch die Flucht entzog. In der Republik ist der Karriere des Herrn Hussarek vom Präfekten des Theresianums zum Ministerpräsidenten zwar Einhalt geboten, aber nach der Verurteilung durch die Geschwornen steht der Vorrückung zum Glaubensmärtyrer nichts im Wege, versteht sich, wenn der Leitartikel, den die Reichspost unter dem Titel »Eine tapfere Tat« veröffentlicht hat, richtig auf die Beschimpfung eines Mannes, der in Kalifornien wohnt, und auf die Interpretation von »Schurke« bezogen wird und nicht etwa darauf, daß er gleich neben dem Entschluß der Reichspost steht, das Prostitutionszeichen, das ihr der Oberste Gerichtshof beigebracht hat, an die Spitze des Textes zu stellen. Daß die tapfere Tat die Gründung eines Hussarek-Fonds nach sich zieht und die Ovationen der Christenheit vor dem Hause des Glaubenszeugen, der als Angeklagter nicht allein für die Religion, sondern auch für die Wahrheit unschuldig gelitten hat, ist nur selbstverständlich. Wenn sich aber Sinclair sowohl auf religiösem Gebiete wie auf dem der österreichischen Vaterlandsliebe schwer verfehlt und die diesbezüglichen Gefühle der Reichspost alteriert hat, so hat sie ja keine Ahnung, wie sehr er gar ihren journalistischen nahegetreten ist. Seine Verfehlung auf diesem Gebiete ist höchstens mit der meinigen zu vergleichen und wie gut es der Instinkt der Reichspost hier getroffen hat, mag ihr der folgende Artikel der Jena-Weimarer sozialistischen Zeitung ›Das Volk‹ dartun – von einem mir unbekannten Kritiker und über zwei Autoren, von denen ich nur einen kenne –, den der Zufall just ein paar Tage vor dem Sinclair-Prozeß erscheinen ließ und der die Verabredung der deutschen Presse zum Schweigen über mich wieder einmal durchbricht, aber eben auch darum der Wiederholung wert ist, weil er die beiden von der Weltpresse und allem ihr gehorsamen Christensinn derzeit gehaßtesten Autoren in einem Gespann vorführt, mit dem das Biedermannstum zweier Welten wirklich nicht gut zu fahren scheint: Der Sündenlohn Upton Sinclair : Der Sündenlohn. Eine Studie über den Journalismus. (Verlag: Der neue Geist. Dr. Peter Reinhold, Leipzig). Nun haben wir das klassische Werk einer gesellschaftskritischen Betrachtung des modernen Journalismus. Eine Naturgeschichte des Journalismus gibt uns Upton Sinclair in diesem 300seitigen Werk, das im Deutschen veröffentlicht zu haben, ein nicht überschätzbares Verdienst des Reinholdschen Verlages ist. Der Sinn des Buches wird von Sinclair selbst mit folgenden Worten formuliert: »Der Zweck dieses Buches liegt nicht darin, den Charakter Upton Sinclairs, sondern das Wesen des Mechanismus zu zeigen, von dem man jeden Tag seines Lebens bezüglich der Nachrichten über die Umwelt abhängt. Wenn dieser Mechanismus mit Vorbedacht und systematisch dazu mißbraucht werden kann, über Upton Sinclair zu lügen, so kann er auch dazu mißbraucht werden, die Volksbewegung in der ganzen Weit zu zerrütten und das Herannahen der sozialen Gerechtigkeit zu hemmen.« Niemand scheint berufener, die große Soziologie der Presse zu schreiben als Upton Sinclair, da wohl niemand unserer Tage eine so gewaltige Sukzession unaufhörlicher, symptomatischer Infamien von Seiten der Presse am eigenen Leibe zu spüren Gelegenheit hatte wie dieser heldenhafte amerikanische Publizist, der mit dem ewigen »Trotzdem« auf den Lippen immer wieder, immer wieder den Kampf auf sich nimmt. Es sei allerdings zunächst gestattet, auch ein Wort über die Einleitung von Professor Singer, dessen Übersetzung bis auf ganz wenige, kleine Ausnahmen ausgezeichnet ist, zu sagen. Leider hat er die »Fackel« in einem Atemzuge mit der »Zukunft« genannt, von welchen beiden Zeitschriften er schreibt: »Kritisieren, nichts als Kritisieren ist wohlfeil, wie man aus der Unzahl von Kritikern der Presse in den Literaten-Kaffeehäusern, aus kongreßlichen Redeturnieren, aus ›Zukunft‹ und ›Fackel‹ zur Genüge ersehen kann.« Er hat Karl Kraus, den größten lebenden Dichter Österreichs und den genialsten Kritiker der heutigen Gesellschaft, den vielleicht Europa aufzuweisen hat, in einen Topf mit Herrn Harden geworfen, mit eben jenem Maximilian Harden, der sich seit 20 Jahren bemüht, in der »Zukunft« deutsch zu schreiben. Er hat vergessen, daß Karl Kraus – der unerbittliche und strenge Meister der Sprache – gerade durch sein »nichts als Kritisieren« der einzige aller Kritiker ist, der dieses »Negative« so gewaltig und so genial gesteigert hat, daß es schon längst wieder in das Positive hineinragt, und nur gemessen werden kann an dem gesellschaftskritischen Werke Voltaires. Er hat vielleicht nicht bemerkt, daß das Bleibende, Wertvolle des Sinclairschen Buches die Kritik der Presse ist, die Kritik der Presse als ein Teil der Gesellschaftskritik, die notwendig ist, um einzusehen, daß die heutige Ordnung der Dinge von Grund und ganz von Grund auf verschwinden muß, ehe die wesentlichen Dinge dieser Welt anders, besser werden können, eine Einsicht, die Sinclair und Kraus gemeinsam sein dürfte. Das Buch Sinclairs ist in drei große Abschnitte eingeteilt. Nämlich: 1. Der Tatbestand, 2. Die Erklärung und 3. Das Heilmittel. In 34 Kapiteln des ersten Teiles protokolliert Sinclair das Unglaubliche. Er zeigt seine Wunden, die Wunden, die die »Hure Journalismus« diesem einzigartigen Upton Sinclair in 20 langen Jahren des Kampfes für die Befreiung der Menschheit schlug. Kommentarlos erzählt er die Geschichte seiner Leiden und der Atem stockt einem beim Lesen, denn der gewöhnliche Leser hält es nicht für möglich. Endlos zieht die Kette der Intriguen, Bestechungen, der ausgeklügeltsten Lügen zur Vernichtung dieses Mannes an uns vorbei. Wie ein Anatom zerlegt er den Apparat der Presse, zeigt uns die »harmloseste« Entstellung, die oft nur im Weglassen eines Wortes, ja sogar nur im Weglassen eines Kommas besteht. Ja so ist sie, die kapitalistische Presse, der vorderste Vorposten der ausbeutenden Klassen. Alle Thesen Karl Kraus', des andern größten Kenners und darum Hassers der Presse, werden 10 000 mal erhärtet durch immerwiederkehrende Veröffentlichung von Fällen, niemand wird in diesem Buche geschont. Da stehen sie mit Namen alle die, die täglich, stündlich »den reinen Körper der Wahrheit packen und ihn auf dem Markt verkaufen, die die jungfräulichen Hoffnungen der Menschheit an das ekelhafte Bordell des großen Geschäfts verraten«. Sie marschiert auf: die ganze amerikanische Plutokratie und wir erblicken die millionenfachen Fäden, die diese Plutokratie über die Erde gespannt hat: auf deren Wink hin Hunderte von Millionen der Menschheit in derselben Minute denselben vergifteten Gedanken zu denken gezwungen sind. Upton Sinclair weiß es: »So und so allein werden wir die Macht der kapitalistischen Presse brechen, indem wir den Kapitalismus selbst brechen.« Man kann über die von ihm vorgeschlagenen Methoden im Einzelnen anderer Meinung sein. Nicht darin liegt der große Wert dieses Werkes, im Einzelnen Wege zu weisen, nein, seine Größe besteht darin, daß es den gesellschaftskritischen Sinn und Instinkt von Tausenden zu wecken imstande ist. Denn das ist der Beginn von allem Sozialismus und seiner Propaganda: daß der Mensch sieht und erkennt: Eines ist sicher, diese Gesellschaft ist faul, faul, faul bis auf den Grund. Und das muß der Einfältigste erkennen, der mit Sinclair diese bedeutendste Exekutivmachtposition der heute herrschenden Gesellschaft durchleuchtet. Und deshalb kann dieses Buch, das endlich, endlich die nackte Wahrheit über den Journalismus mit allen seinen tausendfältigen Brechreizen aufweist (Karl Kraus aber ist der große geistige Vater davon), gar nicht genug Verbreitung finden. Sinclair sagt in einer Schlußanmerkung: »The Brass Check« (der englische Titel des Buches) wird natürlich auf dieselbe Art behandelt werden. Sollte es irgend eine Publizität erlangen, so wird dies nur wegen eines Verleumdungsprozesses der Fall sein«. Mögen diese Zeilen bewirken, daß alle, die sie lesen, dieses Buch kaufen und weitergeben. Denn die kapitalistische Presse von fünf Erdteilen kennt keine wichtigere Aufgabe, als es totzuschweigen. Helft alle, dieses Buch, dieses wahrhafte Protokoll der ewigen Schandtaten des internationalen Journalismus zu verbreiten, auf daß ihr erkennen möget, wie die »vornehmste« Institution, die Presse des »Freien Amerikas« (aber natürlich auch genau so die Europas), des Landes, das sicherlich nicht zu Unrecht das »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« genannt wird, aussieht, wie die Presse aussieht, zu der ihr in, heute noch zum Teil aufgezwungener Blindheit blickt, als zu beinahe etwas Heiligem. Helft dieses Buch Upton Sinclairs verbreiten, auf daß die schurkischste aller Masken der kapitalistischen Gesellschaft um einen Tag früher heruntergerissen werde. Julius Epstein. Um die Reichspost jedoch über den Unterschied zwischen Sinclair und mir zu beruhigen, kann ich ihr versichern: erstens, daß ich mein Buch »Untergang der Welt durch schwarze Magie« keinesfalls von einem kalifornischen Singer hätte übersetzen lassen und zwar in Erinnerung an all das, was seinerzeit seiner ›Zeit‹ mit dem Kohlengutmann widerfuhr. Ferner daß ich, wenn mich eine kalifornische Reichspost einen Schurken genannt oder vielmehr es dem Leser anheimgestellt hätte, sich der Meinung anzuschließen, oder wenn ein dortiger Hussarek bei Shakespeare gesucht, bis er einen passenden Ausdruck gefunden hätte, um im Ernstfall zu sagen, er habe ihn im andern Sinne gemeint: daß ich dann nicht geklagt, sondern über die Sache ein Kreuz gemacht hätte, das ich natürlich im andern Sinne meine, indem es nämlich auch das Symbol der christlichen Nächstenliebe bedeuten kann. In dieser großen Zeit die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu noch Zeit bleibt; und die wir, weil im Bereich organischen Wachstums derlei Verwandlung nicht möglich ist, lieber als eine dicke Zeit und wahrlich auch schwere Zeit ansprechen wollen; in dieser Zeit, in der eben das geschieht, was man sich nicht vorstellen konnte, und in der geschehen muß, was man sich nicht mehr vorstellen kann, und könnte man es, es geschähe nicht –; in dieser ernsten Zeit, die sich zu Tode gelacht hat vor der Möglichkeit, daß sie ernst werden könnte; von ihrer Tragik überrascht, nach Zerstreuung langt, und sich selbst auf frischer Tat ertappend, nach Worten sucht; in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten. Keines außer diesem, das eben noch Schweigen vor Mißdeutung bewahrt. Zu tief sitzt mir die Ehrfurcht vor der Unabänderlichkeit, Subordination der Sprache vor dem Unglück. In den Reichen der Phantasiearmut, wo der Mensch an seelischer Hungersnot stirbt, ohne den seelischen Hunger zu spüren, wo Federn in Blut tauchen und Schwerter in Tinte, muß das, was nicht gedacht wird, getan werden, aber ist das, was nur gedacht wird, unaussprechlich. Erwarten Sie von mir kein eigenes Wort. Weder vermöchte ich ein neues zu sagen; denn im Zimmer, wo einer schreibt, ist der Lärm so groß, und ob er von Tieren kommt, von Kindern oder nur von Mörsern, man soll es jetzt nicht entscheiden. Wer Taten zuspricht, schändet Wort und Tat und ist zweimal verächtlich. Der Beruf dazu ist nicht ausgestorben. Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige! Auch alte Worte darf ich nicht hervorholen, solange Taten geschehen, die uns neu sind und deren Zuschauer sagen, daß sie ihnen nicht zuzutrauen waren. Mein Wort konnte Rotationsmaschinen übertönen, und wenn es sie nicht zum Stillstand gebracht hat, so beweist das nichts gegen mein Wort. Selbst die größere Maschine hat es nicht vermocht und das Ohr, das die Posaune des Weltgerichts vernimmt, verschließt sich noch lange nicht den Trompeten des Tages. Nicht erstarrte vor Schreck der Dreck des Lebens, nicht erbleichte Druckerschwärze vor so viel Blut. Sondern das Maul schluckte die vielen Schwerter und wir sahen nur auf das Maul und maßen das Große nur an dem Maul. Und Gold für Eisen fiel vom Altar in die Operette, der Bombenwurf war ein Couplet, und 15 000 Gefangene gerieten in eine Extraausgabe, die eine Soubrette vorlas, damit ein Librettist gerufen werde. Mir Unersättlichem, der des Opfers nicht genug hat, ist die vom Schicksal befohlene Linie nicht erreicht. Krieg ist mir erst, wenn nur die, die nicht taugen, in ihn geschickt werden. Sonst hat mein Frieden keine Ruhe, ich richte mich heimlich auf die große Zeit ein und denke mir etwas, was ich nur dem lieben Gott sagen kann und nicht dem lieben Staat, der es mir jetzt nicht erlaubt, ihm zu sagen, daß er zu tolerant ist. Denn wenn er jetzt nicht auf die Idee kommt, die sogenannte Preßfreiheit, die ein paar weiße Flecke nicht spürt, zu erwürgen, so wird er nie mehr auf die Idee kommen, und wollte ich ihn jetzt auf die Idee bringen, er vergriffe sich an der Idee und mein Text wäre das einzige Opfer. Also muß ich warten, wiewohl ich doch der einzige Österreicher bin, der nicht warten kann, sondern den Weltuntergang durch ein schlichtes Autodafé ersetzt sehen möchte. Die Idee, auf welche ich die tatsächlichen Inhaber der nominellen Gewalt bringen will, ist nur eine fixe Idee von mir. Aber durch fixe Ideen wird ein schwankender Besitzstand gerettet, wie eines Staates so einer Kulturwelt. Man glaubt einem Feldherrn die Wichtigkeit von Sümpfen so lange nicht, bis man eines Tages Europa nur noch als Umgebung der Sümpfe betrachtet. Ich sehe von einem Terrain nur die Sümpfe, von ihrer Tiefe nur die Oberfläche, von einem Zustand nur die Erscheinung, von der nur einen Schein und selbst davon bloß den Kontur. Und zuweilen genügt mir ein Tonfall oder gar nur die Wahnvorstellung. Tue man mir, spaßeshalber, einmal den Gefallen, mir auf die Oberfläche zu folgen dieser problemtiefen Welt, die erst erschaffen wurde, als sie gebildet wurde, die sich um ihre eigene Achse dreht und wünscht, die Sonne drehte sich um sie. Über jenem erhabenen Anschlag, jenem Gedicht, das die tatenvolle Zeit eingeleitet, dem einzigen Gedicht, das sie bis nun hervorgebracht hat, über dem menschlichsten Anschlag, den die Straße unserm Auge widerfahren lassen konnte, hängt der Kopf eines Varietékomikers, überlebensgroß. Daneben aber schändet ein Gummiabsatzerzeuger das Mysterium der Schöpfung, indem er von einem strampelnden Säugling aussagt, so, mit dem Erzeugnis seiner, ausgerechnet seiner Marke, sollte der Mensch auf die Welt kommen. Wenn ich nun der Meinung bin, daß der Mensch, da die Dinge so liegen, lieber gar nicht auf die Welt kommen sollte, so bin ich ein Sonderling. Wenn ich jedoch behaupte, daß der Mensch unter solchen Umständen künftig überhaupt nicht mehr auf die Welt kommen wird und daß späterhin vielleicht noch die Stiefelabsätze auf die Welt kommen werden, aber ohne den dazugehörigen Menschen, weil er mit der eigenen Entwicklung nicht Schritt halten konnte und als das letzte Hindernis seines Fortschritts zurückgeblieben ist – wenn ich so etwas behaupte, bin ich ein Narr, der von einem Symptom gleich auf den ganzen Zustand schließt, von der Beule auf die Pest. Wäre ich kein Narr, sondern ein Gebildeter, so würde ich vorn Bazillus und nicht von der Beule so kühne Schlüsse ziehen und man würde mir glauben. Wie närrisch gar, zu sagen, daß man, um sich von der Pest zu befreien, die Beule konfiszieren soll. Ich bin aber wirklich der Meinung, daß in dieser Zeit, wie immer wir sie nennen und werten mögen, ob sie nun aus den Fugen ist oder schon in der Einrichtung, ob sie erst vor dem Auge eines Hamlet Blutschuld und Fäulnis häuft oder schon für den Arm eines Fortinbras reift – daß in ihrem Zustand die Wurzel an der Oberfläche liegt. Solches kann durch ein großes Wirrsal klar werden, und was ehedem paradox war, wird nun durch die große Zeit bestätigt. Da ich weder Politiker bin, noch sein Halbbruder Ästhet, so fällt es mir nicht ein, die Notwendigkeit von irgend etwas, das geschieht, zu leugnen oder mich zu beklagen, daß die Menschheit nicht in Schönheit zu sterben verstehe. Ich weiß wohl, Kathedralen werden mit Recht von Menschen beschossen, wenn sie von Menschen mit Recht als militärische Posten verwendet werden. Kein Ärgernis in der Welt, sagt Hamlet. Nur daß ein Höllenschlund sich zu der Frage öffnet: Wann hebt die größere Zeit des Krieges an – der Kathedralen gegen Menschen! Ich weiß genau, daß es zuzeiten notwendig ist, Absatzgebiete in Schlachtfelder zu verwandeln, damit aus diesen wieder Absatzgebiete werden. Aber eines trüben Tages sieht man heller und fragt, ob es denn richtig ist, den Weg, der von Gott wegführt, so zielbewußt mit keinem Schritte zu verfehlen. Und ob denn das ewige Geheimnis, aus dem der Mensch wird, und jenes, in das er eingeht, wirklich nur ein Geschäftsgeheimnis umschließen, das dem Menschen Überlegenheit verschafft vor dem Menschen und gar vor des Menschen Erzeuger. Wer den Besitzstand erweitern will und wer ihn nur verteidigt – beide leben im Besitzstand, stets unter und nie über dem Besitzstand. Der eine fatiert ihn, der andere erklärt ihn. Wird uns nicht bange vor irgend etwas über dem Besitzstand, wenn Menschenopfer unerhört geschaut, gelitten wurden und hinter der Sprache des seelischen Aufschwungs, im Abklang der berauschenden Musik, zwischen irdischen und himmlischen Heerscharen, eines fahlen Morgens das Bekenntnis durchbricht: »Was jetzt zu geschehen hat, ist, daß der Reisende fortwährend die Fühlhörner ausstreckt und die Kundschaft unaufhörlich abgetastet wird!« Menschheit ist Kundschaft. Hinter Fahnen und Flammen, hinter Helden und Helfern, hinter allen Vaterländern ist ein Altar aufgerichtet, an dem die fromme Wissenschaft die Hände ringt: Gott schuf den Konsumenten! Aber Gott schuf den Konsumenten nicht, damit es ihm wohl ergehe auf Erden, sondern zu einem Höheren: damit es dem Händler wohl ergehe auf Erden, denn der Konsument ist nackt erschaffen und wird erst, wenn er Kleider verkauft, ein Händler. Die Notwendigkeit, zu essen, um zu leben, kann philosophisch nicht bestritten werden, wiewohl die Öffentlichkeit dieser Verrichtung von einem unablegbaren Mangel an Schamgefühl zeugt. Kultur ist die stillschweigende Verabredung, das Lebensmittel hinter den Lebenszweck abtreten zu lassen. Zivilisation ist die Unterwerfung des Lebenszwecks unter das Lebensmittel. Diesem Ideal dient der Fortschritt und diesem Ideal liefert er seine Waffen. Der Fortschritt lebt, um zu essen, und beweist zuzeiten, daß er sogar sterben kann, um zu essen. Er erträgt Mühsal, damit es ihm wohl ergehe. Er wendet Pathos an die Prämissen. Die äußerste Bejahung des Fortschritts gebietet nun längst, daß das Bedürfnis sich nach dem Angebot richte, daß wir essen, damit der andere satt werde, und daß der Hausierer noch unsern Gedanken unterbreche, wenn er uns bietet, was wir gerade nicht brauchen. Der Fortschritt, unter dessen Füßen das Gras trauert und der Wald zu Papier wird, aus dem die Blätter wachsen, er hat den Lebenszweck den Lebensmitteln subordiniert und uns zu Hilfsschrauben unserer Werkzeuge gemacht. Der Zahn der Zeit ist hohl; denn als er gesund war, kam die Hand, die vom Plombieren lebt. Wo alle Kraft angewandt wurde, das Leben reibungslos zu machen, bleibt nichts übrig, was dieser Schonung noch bedarf. In solcher Gegend kann die Individualität leben, aber nicht mehr entstehen. Mit ihren Nervenwünschen mag sie dort gastieren, wo im Komfort und Fortkommen rings Automaten ohne Gesicht und Gruß vorbei und vorwärtsschieben. Als Schiedsrichter zwischen Naturwerten wird sie anders entscheiden. Gewiß nicht für die hiesige Halbheit, die ihr Geistesleben für die Propaganda ihrer Ware gerettet, sich einer Romantik der Lebensmittel ergeben und »die Kunst in den Dienst des Kaufmanns« gestellt hat. Die Entscheidung fällt zwischen Seelenkräften und Pferdekräften. Vom Betrieb kommt keine Rasse ungeschwächt zu sich selbst, höchstens zum Genuß. Die Tyrannei der Lebensnotwendigkeit gönnt ihren Sklaven dreierlei Freiheit: vom Geist die Meinung, von der Kunst die Unterhaltung und von der Liebe die Ausschweifung. Es gibt, Gott sei gedankt, noch Güter, die stecken bleiben, wenn Güter immer rollen sollen. Denn Zivilisation lebt am Ende doch von Kultur. Wenn die entsetzliche Stimme, die in diesen Tagen das Kommando übergellen darf, in der Sprache ihrer zudringlichen Phantastik den Reisenden auffordert, die Fühlhörner auszustrecken und im Pulverdampf die Kundschaft abzutasten, wenn sie vor dem Unerhörten sich den heroischen Entschluß abringt, die Schlachtfelder für die Hyänen zu reklamieren, so hat sie etwas von jener trostlosen Aufrichtigkeit, mit der der Zeitgeist seine Märtyrer begrinst. Wohl, wir opfern uns auf für die Fertigware, wir konsumieren und leben so, daß das Mittel den Zweck konsumiere. Wohl, wenn ein Torpedo uns frommt, so sei es eher erlaubt, Gott zu lästern als ein Torpedo! Und Notwendigkeiten, die sich eine im Labyrinth der Ökonomie verirrte Welt gesetzt hat, fordern ihre Blutzeugen und der gräßliche Leitartikler der Leidenschaften, der registrierende Großjud, der Mann, der an der Kassa der Weltgeschichte sitzt, nimmt Siege ein und notiert täglich den Umsatz in Blut und hat in Kopulierungen und Titeln, aus denen die Profitgier gellt, einen Ton, der die Zahl von Toten und Verwundeten und Gefangenen als Aktivpost einheimst, wobei er zuweilen mein und dein und Stein und Bein verwechselt, aber so frei ist, mit leiser Unterstreichung seiner Bescheidenheit und vielleicht in Übereinstimmung mit den Eindrücken aus eingeweihten Kreisen und ohne die Einbildungskraft beiseite zu lassen, »Laienfragen und Laienantworten« strategisch zu unterscheiden. Und wenn er es dann wagt, über dem ihm so wohltuenden Aufschwung heldischer Gefühle seinen Segen zu sprechen und Gruß und Glückwunsch der Armee zu entbieten und seine »braven Soldaten« im Jargon der Leistungsfähigkeit und wie am Abend eines zufriedenen Börsentags zu ermuntern, so gibt es angeblich »nur eine Stimme«, die daran Ärgernis nimmt, wirklich nur eine, die es heute ausspricht – aber was hilft's, solange es die eine Stimme gibt, deren Echo nichts anderes sein müßte als ein Sturm der Elemente, die sich aufbäumen vor dem Schauspiel, daß eine Zeit den Mut hat, sich groß zu nennen, und solchem Vorkämpfer kein Ultimatum stellt! Die Oberfläche sitzt und klebt an der Wurzel. Die Unterwerfung der Menschheit unter die Wirtschaft hat ihr nur die Freiheit zur Feindschaft gelassen, und schärfte ihr der Fortschritt die Waffen, so schuf er ihr die mörderischeste vor allen, eine, die ihr jenseits ihrer heiligen Notwendigkeit noch die letzte Sorge um ihr irdisches Seelenheil benahm: die Presse. Der Fortschritt, der auch über die Logik verfügt, entgegnet, die Presse sei auch nichts anderes als eine der Berufsgenossenschaften, die von einem vorhandenen Bedürfnis leben. Aber wenn es so wahr ist wie es richtig ist, und ist die Presse nichts weiter als ein Abdruck des Lebens, so weiß ich Bescheid, denn ich weiß dann, wie dieses Leben beschaffen ist. Und dann fällt mir zufällig bei, an einem trüben Tage wird es klar, daß das Leben nur ein Abdruck der Presse ist. Habe ich das Leben in den Tagen des Fortschritts unterschätzen gelernt, so mußte ich die Presse überschätzen. Was ist sie? Ein Bote nur? Einer, der uns auch mit seiner Meinung belästigt? Durch seine Eindrücke peinigt? Uns mit der Tatsache gleich die Vorstellung mitbringt? Durch seine Details über Einzelheiten von Meldungen über Stimmungen oder durch seine Wahrnehmungen über Beobachtungen von Einzelheiten über Details und durch seine fortwährenden Wiederholungen von all dem uns bis aufs Blut quält? Der hinter sich einen Troß von informierten, unterrichteten, eingeweihten und hervorragenden Persönlichkeiten schleppt, die ihn beglaubigen, ihm Recht geben sollen, wichtige Schmarotzer am Überflüssigen? Ist die Presse ein Bote? Nein: das Ereignis. Eine Rede? Nein, das Leben. Sie erhebt nicht nur den Anspruch, daß die wahren Ereignisse ihre Nachrichten über die Ereignisse seien, sie bewirkt auch diese unheimliche Identität, durch welche immer der Schein entsteht, daß Taten zuerst berichtet werden, ehe sie verrichtet werden, oft auch die Möglichkeit davon, und jedenfalls der Zustand, daß zwar Kriegsberichterstatter nicht zuschauen dürfen, aber Krieger zu Berichterstattern werden. In diesem Sinne lasse ich mir gern nachsagen, daß ich mein Lebtag die Presse überschätzt habe. Sie ist kein Dienstmann – wie könnte ein Dienstmann auch so viel verlangen und bekommen –, sie ist das Ereignis. Wieder ist uns das Instrument über den Kopf gewachsen. Wir haben den Menschen, der die Feuersbrunst zu melden hat und der wohl die untergeordnetste Rolle im Staat spielen müßte, über die Welt gesetzt, über den Brand und über das Haus, über die Tatsache und über unsere Phantasie. Aber wie Kleopatra sollten wir dafür auch, neugierig und enttäuscht, den Boten schlagen für die Botschaft. Sie macht ihn, der ihr eine verhaßte Heirat meldet und die Meldung ausschmückt, für die Heirat verantwortlich. »Laß reiche Zeitung strömen in mein Ohr, das lange brach gelegen ... Die giftigste von allen Seuchen dir! Was sagst du? Fort, elender Wicht! Sonst schleudr' ich deine Augen wie Bälle vor mir her; raufe dein Haar, lasse mit Draht dich geißeln, brühn mit Salz, in Lauge scharf gesättigt.« (Schlägt ihn.) »Gnäd',ge Fürstin, ich, der die Heirat melde, schloß sie nicht.« Aber der Reporter schließt die Heirat, zündet das Haus an und macht die Greuel, die er erlügt, zur Wahrheit. Er hat durch jahrzehntelange Übung die Menschheit auf eben jenen Stand der Phantasienot gebracht, der ihr einen Vernichtungskrieg gegen sich selbst ermöglicht. Er kann, da er ihr alle Fähigkeit des Erlebnisses und dessen geistiger Fortsetzung durch die maßlose Promptheit seiner Apparate erspart hat, ihr eben noch den erforderlichen Todesmut einpflanzen, mit dem sie hineinrennt. Er hat den Abglanz heroischer Eigenschaften zur Verfügung und seine mißbrauchte Sprache verschönt ein mißbrauchtes Leben, als ob die Ewigkeit sich ihren Höhepunkt erst für das Zeitalter aufgespart hätte, wo der Reporter lebt. Ahnen aber Menschen, welches Lebens Ausdruck die Zeitung ist? Eines, das längst ein Ausdruck ist von mir! Ahnt man, was ein halbes Jahrhundert dieser freigelassenen Intelligenz an gemordetem Geist, geplündertem Adel und geschändeter Heiligkeit verdankt? Weiß man denn, was der Sonntagsbauch einer solchen Rotationsbestie an Lebensgütern verschlungen hat, ehe er 250 Seiten dick erscheinen konnte? Denkt man, wie viel Veräußerung systematisch, telegraphisch, telephonisch, photographisch gezogen werden mußte, um einer Gesellschaft, die zu inneren Möglichkeiten noch bereit stand, vor der winzigsten Tatsache jenes breite Staunen anzugewöhnen, das in der abscheulichen Sprache dieser Boten ihre Klischees findet, wenn sich irgendwo »Gruppen bildeten« oder gar das Publikum »sich zu massieren« anfing? Da das ganze neuzeitliche Leben unter den Begriff einer Quantität gestellt ist, die gar nicht mehr gemessen wird, sondern immer schon erreicht ist und der schließlich nichts übrig bleiben wird, als sich selbst zu verschlingen; da der selbstverständliche Rekord keine Zweifel mehr übrig läßt und die qualvolle Vollständigkeit jedes Weiterrechnen erspart, so ist die Folge, daß wir, erschöpft durch die Vielheit, für das Resultat nichts mehr übrig haben, und daß in einer Zeit, in der wir täglich zweimal in zwanzig Wiederholungen von allen Äußerlichkeiten noch die Eindrücke von den Eindrücken vorgesetzt bekommen, die große Quantität in Einzelschicksale zerfällt, die nur die einzelnen spüren, und plötzlich, selbst an der Spitze, der vergönnte Heldentod als grausames Geschick fatiert wird. Man könnte aber einmal dahinter kommen, welch kleine Angelegenheit so ein Weltkrieg war neben der geistigen Selbstverstümmelung der Menschheit durch ihre Presse, und wie er im Grund nur eine ihrer Ausstrahlungen bedeutet hat. Vor einigen Jahrzehnten mochte ein Bismarck, auch ein Überschätzer der Presse, noch erkennen: »Das, was das Schwert uns Deutschen gewonnen hat, wird durch die Presse wieder verdorben«, und ihr die Schuld an drei Kriegen beimessen. Heute sind die Zusammenhänge zwischen Katastrophen und Redaktionen viel tiefere und darum weniger klare. Denn im Zeitalter derer, die es mitmachen, ist die Tat stärker als das Wort, aber stärker als die Tat ist der Schall. Wir leben vom Schall und in dieser umgeworfenen Welt weckt das Echo den Ruf. In der Organisation des Schalls ist die Schwäche wunderbarer Verwandlung fähig. Der Staat kann es brauchen, aber die Welt hat nichts davon. Bismarck hat zu einer Zeit, wo der Fortschritt in den Kinderschuhen steckte und noch nicht auf Gummiabsätzen durch die Kultur schlich, es geahnt. »Jedes Land«, sagte er, »ist auf die Dauer doch für die Fenster, die seine Presse einschlägt, irgend einmal verantwortlich.« Ferner: »Die Presse ist in Wien schlimmer, als ich mir vorgestellt hatte, und in der Tat noch übler und von böserer Wirkung als die preußische.« Er sprach es aus, daß der Korrespondent, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er habe keine guten Verbindungen, entweder die eigenen Erfindungen oder die der Gesandtschaft lanciere. Gewiß, wir alle hängen vor allem von den Interessen dieser einen Branche ab. Wenn man die Zeitung nur zur Information liest, erfährt man nicht die Wahrheit, nicht einmal die Wahrheit über die Zeitung. Die Wahrheit ist, daß die Zeitung keine Inhaltsangabe ist, sondern ein Inhalt, mehr als das, ein Erreger. Bringt sie Lügen über Greuel, so werden Greuel daraus. Mehr Unrecht in der Welt, weil es eine Presse gibt, die es erlogen hat und die es beklagt! Nicht Nationen schlagen einander: sondern die internationale Schande, der Beruf, der nicht trotz seiner Unverantwortlichkeit, sondern vermöge seiner Unverantwortlichkeit die Welt regiert, teilt Wunden aus, quält Gefangene, hetzt Ausländer, macht Gentlemen zu Rowdies. Nur durch die Vollmacht der Charakterlosigkeit, die in Verbindung mit einem schuftigen Willen Druckerschwärze unmittelbar in Blut verwandeln kann. Letztes, unheiliges Wunder der Zeit! Zuerst war alles Lüge, die immer auch log, daß nur anderwärts gelogen werde, und jetzt, in die Neurasthenie des Hasses geworfen, ist alles wahr. Es gibt verschiedene Nationen, aber es gibt nur eine Presse. Die Depesche ist ein Kriegsmittel wie die Granate, die auch auf keinen Sachverhalt Rücksicht nimmt. Ihr glaubt; aber jene wissen es besser, und ihr müßt daran glauben. Die Helden der Zudringlichkeit, Leute, mit denen sich kein Krieger in einen Schützengraben legen würde, wohl aber von ihnen dort interviewen lassen muß, brechen in eben verlassene Königsschlösser ein, um melden zu können: »Wir waren die ersten!« Für Greueltaten bezahlt zu werden, wäre bei weitem nicht so schimpflich wie für deren Erfindung. Bravos im übertragenen Wirkungskreis, die zuhaus sitzen, wenn sie nicht das Glück haben, in einem Pressequartier Anekdoten zu erzählen oder bis in die Front vordringlich zu sein, sie bringen den Völkern Tag für Tag und solange das Gruseln bei, bis diese es mit einiger Berechtigung wirklich empfinden. Von der Quantität, die der Inhalt dieser Zeit ist, fällt auf jeden von uns ein Teil, das er gefühlsmäßig verarbeitet, und das Gemeinsame wird uns durch Draht und Kino so anschaulich gemacht, daß wir zufrieden nachhause gehen. Hat uns aber der Reporter durch seine Wahrheit die Phantasie umgebracht, so rückt er uns ans Leben durch seine Lüge. Seine Phantasie ist der grausamste Ersatz für die, welche wir einmal hatten. Denn haben die einen dort behauptet, daß die andern Frauen und Kinder töten, so glauben es beide und tun es. Fühlt man noch nicht, daß das Wort eines zuchtlosen Subjekts, brauchbar in den Tagen der Manneszucht, weiter trägt als ein Mörser, und daß die seelischen Festungen dieser Zeit eine Konstruktion sind, die im Ernstfall versagt? Hätten die Staaten die Einsicht, mit der allgemeinen Wehrpflicht vorlieb zu nehmen und auf die Telegramme zu verzichten – wahrlich, ein Weltkrieg wäre gelinder. Hätten sie gar den Mut, vor Ausbruch eines solchen die Vertreter des andern Handwerks auf einen international vereinbarten Schindanger zu treiben, wer weiß, jener bliebe den Nationen erspart! Aber ehe Journalisten und die von ihnen benützten Diplomaten abrüsten, müssen Menschen es büßen. »Manches, das in den Zeitungen steht, ist denn doch wahr«, hat Bismarck gesagt. Es gibt ja auch noch etwas unter dem Strich, dort arbeiten unsere braven Feuilletonisten, verrichten Gebete in der Schlacht für Honorar, küssen Bundesbrüder auf den Mund, preisen den herrlichen »Tumult« unserer Tage, bewundern die Ordnung, wie sie früher die Gemütlichkeit verehrt haben, vergleichen eine Festung mit einer schönen Frau oder umgekehrt, je nachdem, und benehmen sich überhaupt der großen Zeit würdig. Da schildert einer, ein Auswärtiger, unter dem Titel »Furchtbare Tage«, serienweise seine Erlebnisse in einer Hauptstadt, die er verlassen mußte. Die äußeren Schrecken bestanden darin, daß man ihm zugeredet hat, abzureisen, ihm für 1000 Mark nur 1200 Francs geben wollte und vor allem, daß kein Taxameter zu haben war, was in andern Verkehrszentren auch schon vor einer allgemeinen Mobilisierung vorkommen soll. Sonst kann er – man traut seinen Ohren nicht – nicht genug Rühmliches von der Ruhe, Rücksicht, ja Barmherzigkeit der einheimischen Bevölkerung aussagen, von der wir doch in Telegrammen erfahren hatten, sie hätte sich wie losgelassene Panther und Wölfe einer bei einem Eisenbahnunglück beschädigten Menagerie benommen, kurz, daß es dort vor dem Krieg annähernd so zugegangen sei, wie anderswo nach einem Konzert. Telegramme sind Kriegsmittel Mit Feuilletons nimmt man es nicht so genau, da kann die Wahrheit durchrutschen. Aber wenn sie erscheint, ist sie vielleicht wieder unwahr, weil inzwischen Telegramme erschienen sind und das Ihrige getan haben, den Telegrammen recht zu geben und die Wirklichkeit zu berichtigen. Oder meint man, dieser Nordau habe schöngefärbt, weil er sich für den Frieden die Rückkehr auf den Platz schon jetzt sichern wollte? Dann disponiert eben der Journalismus über das Leben, je nachdem er nur seinen Vorteil oder auch den Nachteil der andern sucht. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß es in Kriegszeiten außer der Arbeit, welche die solide Waffe verrichtet, noch die Leistungen gibt, die Wort und Gelegenheit vollbringen. Greuel, die die Bevölkerung feindlicher Staaten verübt, sind von gemeiner oder von ganz gemeiner, also gebildeter Herkunft, Pöbel und Presse stehen über den nationalen Interessen. Jener plündert und diese telegraphiert. Und wenn diese telegraphiert, so fühlt sich jener animiert, und was Redaktionen beschlossen haben, vergelten und büßen Nationen. »Repressalien« ist das, womit der Presse geantwortet wird. Sie übertreibt den Zustand der Welt, nachdem sie ihn erschaff en hat. Ist sie sein Ausdruck nur, so ist der Zustand furchtbar genug. Aber sie ist sein Erreger. Sie hat in Österreich den sterilen Zeitvertreib des »Nationalitätenhaders« erfunden und unterhalten, um unbemerkt das Geschäft ihres schändlichen Intellekts hochzubringen; hat sie es so weit gebracht wie sie wollte, so gibt sie für späteren Gewinn ihren Patriotismus in Kost; sie kauft Werte im Zusammensturz, sie ist ein Phönix, der aus fremder Asche farbenprächtig aufsteigt. Laßt mich die Presse überschätzen! Aber wenn ich zu Unrecht behaupte, daß in einer Epoche, die so leicht geneigt ist, die Extraausgabe für das Ereignis zu halten, und die mit entzündeten Nerven sich von Lügen zu Fakten verleiten läßt – wenn es nicht wahr ist, daß aus Telegrammen mehr Blut geflossen ist, als sie enthalten wollten, so komme dieses Blut über mich! »Möge es das letztemal sein«, rief Bismarck, »daß die Errungenschaften des preußischen Schwertes mit freigiebiger Hand weggegeben werden, um die nimmersatten Anforderungen eines Phantoms zu befriedigen, welches unter dem fingierten Namen von Zeitgeist oder öffentlicher Meinung die Vernunft der Fürsten und Völker mit seinem Geschrei betäubt, bis jeder sich vor dem Schatten des anderen fürchtet und alle vergessen, daß unter der Löwenhaut des Gespenstes ein Wesen steckt von zwar lärmender, aber wenig furchtbarer Natur.« Er sagte es im Jahre 1849. Wie furchtbar ist diese Harmlosigkeit in den 65 Jahren erwachsen! Daß sie vor Taten, die sie angestiftet hat, nicht verstummt, zeigt, für wen sie sie getan hofft. Die Maschine hat Gott den Krieg erklärt und findet zwischen den Leistungen, die ich ihr stets zugetraut habe, immer noch Worte, und die Zeit mißt sich und staunt, wie groß sie über Nacht geworden sei. Aber sie war es wohl immer, und ich habe es nur nicht bemerkt. Also war es ein Fehler meiner Optik, sie klein zu sehen. Indes, »Übelstände« wegzuputzen, die an der Oberfläche wuchern, hinter der ein Großes lebt – die Aufgabe wäre mir zu klein, der fühle ich mich nicht gewachsen. Einer fragte neulich, wo ich denn bleibe, und bat, uns mit Rücksicht auf die neue Zeit von dem alten Schmutz zu befreien. Ich kann nicht. Großes, Elementares muß die Kraft haben, von selber mit den Übelständen fertig zu werden und bedarf dazu nicht der Anregung und Hilfe eines Schriftstellers. Aber dieses Große, Elementare hat, da bereits sein Schein in alle Augen stach, es noch immer nicht vermocht. Was sehen wir? Das Große hat Begleiterscheinungen. Wenn die Folgen auf ihrer Höhe sein werden, dann Gnade uns! Das Große hat die Begleiterscheinungen nicht über Nacht kaputt gemacht. Daß Bomben mit Witzen abgesetzt werden und Animierkneipen ein 42-Mörser-Programm ankündigen, zeigt uns, wie konservativ und wie aktuell wir sind. Nicht das Vorkommnis, sondern die Anästhesie, die es ermöglicht und erträgt, gibt Aufschluß. Wie der uns eingefleischte Humor mit dem Übermaß des Bluts sich abfindet, wissen wir. Aber der Geist? Wie bekommt es unsern Dichtern und Denkern? Und wenn sich die Welt auf den Kopf stellt, es fällt ihr nichts besseres ein! Und wenn sich die Welt zerfleischt, es kommt kein Geist heraus! Er wird später nicht erscheinen; denn er hätte sich jetzt verbergen, durch verschwiegene Würde sich äußern müssen. Aber wir sehen rings im kulturellen Umkreis nichts als das Schauspiel, wie der Intellekt auf das Schlagwort einschnappt, wenn die Persönlichkeit nicht die Kraft hat, schweigend in sich selbst zu beruhen. Die freiwillige Kriegsdienstleistung der Dichter ist ihr Eintritt in den Journalismus. Hier steht ein Hauptmann, stehen die Herren Dehmel und Hofmannsthal, mit Anspruch auf eine Dekoration in der vordersten Front und hinter ihnen kämpft der losgelassene Dilettantismus. Noch nie vorher hat es einen so stürmischen Anschluß an die Banalität gegeben und die Aufopferung der führenden Geister ist so rapid, daß der Verdacht entsteht, sie hätten kein Selbst aufzuopfern gehabt, sondern handelten vielmehr aus der heroischen Überlegung, sich dorthin zu retten, wo es jetzt am sichersten ist: in die Phrase. Trostlos ist nur, wie die Literatur nicht ihre Zudringlichkeit fühlt und nicht die Überlegenheit des Bürgers, der in der Phrase das ihm zustehende Erlebnis findet. Zu einer fremden und vorhandenen Begeisterung Reime und noch dazu schlechte zu suchen, gegen eine Rotte eine Flotte zu stellen und von den Horden zu bestätigen, daß sie morden, ist wohl die dürftigste Leistung, die die Gesellschaft in drangvoller Zeit von ihren Geistern erwarten konnte. Das unartikulierte Geräusch, das von den feindlichen Dichtern zu uns herüberkam, bedeutet wenigstens einen Beweis für individuell gefühlte Erregung, die den Künstler auf den national begrenzten Privatmann reduziert. Es war wenigstens das Gedicht, das der Aufruhr der Tatsachen aus den Dichtern machte. Der Vorwurf des Barbarentums im Kriege war falsche Information. Aber das Barbarentum im Frieden, das in Reimbereitschaft steht, wenn's ernst wird, und das aus dem fremden Erlebnis einen Leitartikel macht, ist eine nicht wegzutilgende Schmach. Und schließlich kann sich ein Hodler, der unrecht hat, noch immer neben einem Dutzend Haeckels, die recht haben, sehen lassen. Und schließlich ist ein Wutausbruch noch immer kulturvoller als eine Enquete, die die Frage, ob man Shakespeare aufführen darf, zu dessen Gunsten zu entscheiden die Milde hat. Deutschlands größter neuzeitlicher Dichter, Detlev v. Liliencron, ein Dichter des Krieges, ein Opfer jener kulturellen Entwicklung, die vom Siege kam, hätte wohl nicht das Herz gehabt, sich an die noch rauchenden Tatsachen mit einer Meinung anzuklammern, und es bleibt abzuwarten, ob unter jenen, die das Erlebnis dieses Krieges hatten, und jenen, die als Dichter erleben können, einer erstehen wird, der Stoff und Wort zur künstlerischen Einheit bringt. Was sich zeigen wird, ist, ob aus der Quantität, zu der vom seelischen Leben keine Brücke mehr führt, weil sie gesprengt wurde, noch Organisches wachsen kann. Intelligenzen, die sich, wenn Gefahr droht, behend und bequem in den Riß ihres Wesens betten, wird's zum Schweinefüttern geben. Vielleicht war der kleinste Krieg immer eine Handlung, die die Oberfläche gereinigt und ins Innere gewirkt hat. Wohin wirkt dieser große, der groß ist vermöge der Kräfte, gegen die der größte Krieg zu führen wäre? Ist er eine Erlösung oder nur das Ende? Oder gar nur eine Fortsetzung? – Mögen die Folgen dieser umfangreichen Angelegenheit nicht böser sein als ihre Begleitumstände, die sie nicht die Kraft hatte, von sich zu treten! Möge es nie geschehen, daß die Leere mit Berufung auf ausgestandene Strapazen sich noch breiter macht als bisher, die Faulheit eine Glorie gewinnt, die Kleinheit sich auf den welthistorischen Hintergrund beruft, und die Hand, die uns in die Tasche greift, vorher ihre Narben zeigt! Wie war es möglich, daß im Weltkrieg ein Weltblatt jubilierte? Daß ein Börseneinbrecher sich vor die Millionenschlacht stellte und in tosenden Titeln für das fünfzigjährige Bestehen seines ruchlosen Geschäfts Beachtung forderte und fand? Daß Banken im Moratorium zwar ihren Kunden nicht dienen konnten, aber jenem weit über 400 K für jede der hundert Annoncen seiner Festnummer bezahlten? Daß im Kanonendonner die Huldigung von Zeitungsausträgern gehört wurde und das Aufgebot der Gratulanten wie in einer Verlustliste der Kultur durch Wochen aufmarschierte? Wie war es möglich, daß in Tagen, wo die Phrase schon zu bluten begann, ihr letztes Leben an den Tod hingab, sie noch zum Fensterschmuck dienen konnte an einem Freudenhaus des Freisinns? Daß Fahnen von Schreibern hochgehalten wurden, wo sie schon auf dem Felde waren, und daß ein Bilanzknecht und Freibeuter der Kultur sich von einer hochgestellten Bedientenschar als »Generalstabschef des Geistes« feiern ließ? Möge die Zeit groß genug werden, daß sie nicht zur Beute werde eines Siegers, der seinen Fuß auf Geist und Wirtschaft setzt! Daß sie den Alpdruck der Gelegenheit überwinde, in der der Sieg zum Verdienst der Unbeteiligten wird, die verkehrte Ordensstreberei sich ihrer Ehren entäußert, die gerade Dummheit Fremdwörter und Speisenamen ablegt und in der Sklaven, deren letztes Ziel ihr Lebtag war, Sprachen zu »beherrschen«, fortan mit der Fähigkeit durch die Welt kommen wollen, Sprachen nicht zu beherrschen! – Was wißt ihr, die ihr im Kriege seid, vom Krieg?! Ihr kämpft ja! Ihr seid ja nicht hier geblieben! Auch denen, die für das Leben das Ideal geopfert haben, ist es einmal vergönnt, das Leben selbst zu opfern. Möge die Zeit so groß werden, daß sie an diese Opfer hinanreicht, und nie so groß, daß sie über ihr Andenken ins Leben wachse! In eigenster Sache Um als Sprecher des eigenen Wortes (das mit meinem Mund der nie beruhigten, nie vollendeten Gestalt nachzusprechen mir von jeher mehr Qual als Pflicht war) auch nur den heutigen Vortrag durchstehen zu können; um als vortretender Bürger dieses Staats nicht von der Atmosphäre der allgemeinen Ehrlosigkeit anzuziehen, bin ich zu der folgenden Erklärung genötigt: Diesem Staat dringt die Ehrlosigkeit aus allen Poren. Er hat aus der Verlassenschaft der Monarchie nichts übernommen als die Schande, unter der sie zusammengebrochen ist, und er lebt von dem Vergnügen, diesen psychologischen Zusammenhang, diese Identität des der Welt unverlorenen österreichischen Antlitzes in jedem Zug nachweisen zu können, sich dauernd in den letzten Zügen jenes Monstrums wiederzuerkennen, dessen Hingang doch die einzige Errungenschaft bedeutet, die das Leben in dieser Zeit lebenswert macht. Aber es stellt sich mit jedem Tage deutlicher heraus, daß der österreichische Rest seine ganze Existenz, die ihm von einer über alles Schuldmaß grausamen Vergeltung – das eben ist der Fluch der bösen Tat – so dürftig zubemessen ist, mit derselben Gehirn- und Charaktererweichung behaupten will, die dieses Chaos herbeigeführt hat. Diese Spielart von Mensch, die, nichts verstehend, was die Welt gelitten, aber alles verzeihend, was sie selbst getan hat, als ganze nichts als der Schwamm ist, den ihre grauenerregende Gemütlichkeit drüber tun möchte, immer bereit, ihre eigene Schuld zu vergessen und für die Abschlachtung der Menschheit auf die mildernden Umstände einer landgebornen Kultur zu verweisen, mit der sie weniger Zusammenhang hat als die Zulukaffern, denen sie sie als Spezialität anbietet – diese Menschenart läßt sich von einer Presse repräsentieren, die als ein Katalog ihrer Verbrechen ihr sie nicht zum Bewußtsein bringt, sondern vielmehr sie um das Bewußtsein bringt, daß es eine Welt höherer sittlicherer Ordnung, ein reineres Dasein als das ihre geben könne. Sie hat also eine Presse, die der Ausdruck alles dessen ist, was im Bereich menschlichen Sinnens und Trachtens an Infamie und Häßlichkeit nur gedacht werden kann, und sie ist wie kein sonstiger Teil der Menschheit in ihrem Vorstellungsleben an ein gedrucktes Wort gebunden, das in Schmutz und Mißton alle Zeiterfordernisse überbietet und doch in einem ungleich echteren Sinne kulturbildend gewirkt hat als die Schöpfungen einer dichterischen Epoche, zu denen nur die Lüge der literarischen Bildung einen rein äußeren Zugang behauptet. Nun aber hat sich, zu aller Preisgegebenheit vor der Suggestion des gedruckten Worts, die Unterwerfung unter den schuftigen Willen dieser Presse, die aus dem kommerziellen Hinterhalt die völlige Beschlagnahme des Denkens und Fühlens der hiesigen Menschheit vermocht hat, soeben mit der Feierlichkeit eines Gerichtsverfahrens vollzogen, und nichts bleibt übrig, als zähneknirschend – denn das Kulturgewissen hat nicht Macht über eine Staatslüge, die vor der Preßlüge kapituliert – diesen Tiefpunkt der Entartung zu verzeichnen und sich mit allem, was man gewollt, gehofft und zur Hebung eines sozialen Ehrgefühls je versucht hat, besiegt zu erklären. Denn der Blitz, der einen trifft, erhellt es klar, daß sich hier nichts verändern kann, es wäre denn zum Gemeineren, und daß dieser Staat, wie eh und je vor der Alternative, bis auf die Knochen schwarzgelb zu sein oder sich zu blamieren, und darum mit großer Tatkraft zu beidem erbötig, auch in republikanischer Verkleidung der Hanswurst geblieben ist, dessen Vertreibung von der Weltbühne keiner Dramaturgie der Welt gelingen könnte, und wenn auch die Tragödie vorangegangen wäre. Er hat sich mit der Stimmeneinheit seiner Volksvertreter zu einem Gesetz aufgerafft, um des gröbsten Schmutzes, den seine Presse täglich vor die Tür der geistigen Empfänglichkeit häuft, Herr zu werden: und die pünktliche Konsequenz ist, daß er es von ihr am hellichten Tage, vom ersten Tag seiner Wirksamkeit an, verhöhnen läßt. Aber nicht genug: da er gemerkt, aus den unverhüllten Drohungen der Betroffenen erfahren hat, daß sein schüchterner Versuch, der Korruption und der Frechheit ihrer Selbstbehauptung beizukommen, auf die Ungunst jener Faktoren stoße, die mächtiger sind als alle seine unseligen Funktionäre zusammengenommen, so hat er sich resolut entschlossen, seinen Mut zu bereuen, den Zustand, an den er strafend rühren wollte und nicht ungestraft gerührt hat, durch den Rechtsspruch einer vorläufig maßgebenden Instanz anzuerkennen und lieber etlicher Milliarden verlustig zu gehen als sie jenen Konsortien abzunehmen, auf deren Gunst er durch angeborene Feigheit angewiesen ist wie nur ein wehrloser Komödiant auf den Notizenbringer. Dieser Staat, in dem sich zwar mit allem eine Regierung, aber mit nichts Staat machen läßt, ist ausgezeichnet durch eine Justiz, vor der ich immer schon die größte Hochachtung gehabt habe und die sich nun förmlich anstrengt, den flagranten Bruch eines Gesetzes nicht nur ungestraft zu lassen, sondern gutzuheißen, zur Nachahmung zu empfehlen, jeden Skrupel, den sich die hart bedrängten Zeitungen sukzessive gemacht haben, für übertrieben, das Gesetz selbst für überflüssig, dessen Willen schon durch Nichtbeachtung für erfüllt zu erklären, geschweige denn durch die Mühe eines Kreuzchens, und im übrigen aus dem vollendeten Betrug nicht dem Betrüger, sondern dem Betrogenen einen Vorwurf zu machen, der, um vor Schaden bewahrt zu bleiben, verpflichtet sei, das Gesetz besser zu kennen als jene, gegen die es geschaffen ist. Der Umstand, daß Verbrecher eine Bande bilden, deren einheitliche Weisung, das Gesetz zu umgehen, sie gefolgt sind, erscheint dieser Justiz nicht als ein erschwerender Umstand, sondern wirklich als Strafausschließungsgrund, und sie hat jenes Erkenntnis, das wahrhaftig nur das Neutrum ist von dem Vermögen, zu erkennen, mit einer unbefangenen Ahnungslosigkeit von sich gegeben, die zwar die dringendsten Notwendigkeiten eines korrupten Staatslebens begreift, aber nicht ahnt, daß sie damit nicht nur dieses, sondern jedes Gesetz zum Gespött gemacht, Dieben und Betrügern ihre Tätigkeit legitimiert und insbesondere es dem Staatsbürger ermöglicht hat, auch die Schranke zu übertreten, die ihm verwehrt, eine Behörde jenem Haß und jener Verachtung zu überantworten, deren sie sonst vielleicht nicht ganz sicher wäre, und eine richterliche Entscheidung für die Ausgeburt des Wahnwitzes zu halten. Nein, schwieriger wurde einem der Respekt vor dem ganzen Inhalt des Strafgesetzbuches nie gemacht, seit dem Tag nicht, da der Räuber eines Handtäschchens lebenslangen Kerker bekam, als durch diesen Freispruch der Millionenräuber, als durch eine landesgerichtliche Entscheidung, durch welche die Korruption nicht allein pardoniert, sondern geradezu für die ihr durch einen Paragraphen zugefügte Beleidigung entschädigt wird. Und Schmählicheres hat es nie gegeben als diese Indolenz einer Öffentlichkeit, die den Bruch eines von der Republik geschaffenen Gesetzes für geringfügig hält, in vollstem Mitgefühl mit einer Justiz, die – ich habe mich als Ohrenzeuge wiederholt davon überzeugt – bei Verkündung des Urteils zwischen den Zähnen bloß den Groll hörbar macht, daß sie es nicht mehr im Namen Seiner Majestät des Kaisers verkünden kann. Und auch nichts Dümmeres wäre denkbar als diese Wurstigkeit, die nicht begreift, wie man sich über eine so kleine Affaire wie die der Inseratenkreuzel aufregen kann, und die nicht versteht, daß, wäre die Materie als solche nicht von höchster kultureller Lebenswichtigkeit, diese geradezu lustgepeitschte Unterwerfung der Staatshoheit unter das Diktat einer Revolverpresse den grausigsten Untergang aller Hoffnung bedeuten würde, hier noch etwas wirken zu können, hier mit Ehre leben zu können und dereinst nicht eine Last von Unehre tragen zu müssen, wenn man in österreichischer Erde begraben liegt. Denn auf das, was dieser Staat einem bei Lebzeiten von jener Ehre, die er meint, zumuten könnte, verzichte ich annähernd mit der Wollust, die ihn bei seinen Erniedrigungen beleben mag! Ich würde einem Bundespräsidenten oder einem Bundeskanzler wie sämtlichen Bundesbehörden, Funktionären oder Spitzen dieses Sonntagsstaates, ihnen allen auf ewig unverbunden, die Aufmerksamkeit vor die Füße werfen, die sie für mein Wirken zu empfinden vorgeben wollten und durch das ihre so grimmig verleugnen, und mit der sie mich auch gottseidank bisher verschont haben und so Gott will auch fernerhin und über meine Tage hinaus verschonen werden. Aber innerhalb dieser Frist möchte ich ihnen den Glauben, daß ich mich unter ihrer Ägide wohl fühle, tunlichst benehmen, so oft und so gründlich als möglich ihnen die Illusion ausreden, daß es mir vielleicht eine Ehre sei, in ihrem Umkreise zu wirken und daß ich nicht unter dem Zwiespalt leide, dort, wo Würden sind, keine zu bemerken und mich von Individualitäten regieren zu lassen, mit denen ich nicht an einem Tische sitzen würde und zwar noch mehr aus Gründen ihrer geistigen als ihrer moralischen Unzulänglichkeit. Denn von einem Herrn regiert zu werden, der eine Soutane anhat, wiewohl sein seelischer Zuspruch ausschließlich für das Problem der Kronenstabilisierung gebraucht wird, mag ästhetisch verlockend sein und einem Lande, das in der Schaustellung seiner Sehenswürdigkeiten die letzte Rettung sieht, einige Attraktion bei den in Genf versammelten Feinschmeckern gesichert haben – mich stört es, ich halte es geradezu für obszön und ich erkläre mir auch aus diesem höchst perversen Umstand die aufregende Tatsache, daß in diesem Staatshaushalt die Presse die Hosen anhat. Nichts ist mir von monarchischen Zeiten her odiöser als diese Verbindung der gottverlassenen Christen mit den auskennerischen Juden und ich bin überzeugt, daß in dieser Atmosphäre der beim geistlichen Herrn ein- und ausgehenden intellektuellen Herren, des Schulter an Schulter der Seipel und Benedikt, auch die Unbeeinflußbarkeit der Justiz schon nicht zu jenem Schaden kommen wird, den auch sie wie jede irdische Einrichtung zu fürchten hat. Ich habe diese Justiz, die keineswegs blind ist für die Bedürfnisse und Bedrängnisse des Staatslebens, sondern nur die Dehors wahrt, wenn sie das schielende österreichische Antlitz mit der Binde bedeckt, seit jeher für eine feinfühlige Erkennerin gehalten. Hat sie durch das Menschenalter hindurch, daß ich sie beobachtet habe, mit der Fiktion ihrer Sittlichkeit gegen das lebendige Leben gewütet, so hält sie es nun umsomehr mit der geistigen Prostitution, und da der Staat heute mehr als je, in dem elenden Prokrustesbett, das ihm das Weltgericht zugerichtet hat, das Bedürfnis fühlt, sich nach der Presse zu strecken, die doch die Urheberin aller Tortur ist, und da dieses ganze Bürgerpack, das gegen die unerbittliche Entwicklung mit Hauern und Pranken die Prärogative seiner Habgier, die es für die Kultur hält, zu wahren sucht, da dieser ganze Unrat von Staatsweisheit, dieser ganze Haufe von Funktionären der Wesenlosigkeit nur mit Hilfe der Presse seinen Selbsterhaltungstrieb betätigen kann, so bleibt der Bureaukratie nichts übrig, als die Ehrlosigkeit der Presse durch deren Sanktion zu überbieten. Es wird ihr ja auf die Dauer nicht glücken und nicht helfen. Aber es ist die historische Schuld der sozialistischen Partei, daß sie durch jenes Paktieren und Koalieren in den Umsturztagen, durch die Rettung der Staatsscheißer und Staatsdiebe vor der Rache einer gewendeten Front sich ihren Undank verdient hat; nicht daß sie den gottverlorensten Krieg nicht zu verhindern vermocht, aber daß sie den Gewinn des verlorenen Krieges vertan, seiner Fortsetzung in den heiligsten Krieg gewehrt hat; daß sie einen wahrhaft revolutionären Umschwung in den Tagen, da er möglich war, auf das Maß eines täglich neu bedrohten, von hämischen Herzen nie anerkannten Firmawechsels reduziert und zugelassen hat, daß diese tief korrupte, durch und durch ausgehöhlte, auf ewig unfruchtbare Gesellschaft wieder üppig und rüstig werde, die nichts bewährt als ihre Gewinnsucht, ihre Frechheit, ihre Angst und ihren selbstvergessenen Mut, einer Welt unverbrauchter Kräfte den Kulturanspruch zu bestreiten, den sie selbst millionenfach verleugnet und verwirkt hat. Ich, der allem Mißverstand zum Trotz weit von jeder Möglichkeit steht, es mit einer Partei zu halten, aber nie vor der Gefahr, um nicht für einen Politiker zu gelten, die Partei der Menschlichkeit zu verlassen, behaupte in diesen Dingen doch den einen unverrückbaren Standpunkt, das Bürgertum in allen Gestalten und in seinem ganzen Ausdruck in Presse und Staatsleben mit einem Hasse zu hassen, der ihm durch Generationen anhaften wird. Es ist unvermeidlich, daß die Rotationsmaschinen, die im Herbst 1918 unversehrt geblieben sind, nachdem sie im Sommer 1914 ihr Werk vollbracht hatten, jetzt aller Papiernot zum Hohn allein von der Frechheit des Berufs in Vollbetrieb gehalten werden und daß ihnen ein Staat, der auf Teilung spielt und vor den Journalisten mehr zittert als der letzte Schmierenkomödiant, dazu Vorschub leistet. Und da das reine Wort nichts dawider vermag, da es den Stoff der Zeit nicht verbrennt, nur selbst abbrennt wie ein Kunstfeuer, so wäre es Selbstverlust, es im Angesicht der fanatischen Verluderung noch leiblich darzubieten. Ich werde damit zurückhalten, solange die unbedeckte Schande dieses Gerichtsurteils mich zu deutlich daran erinnert, in welchem Staat ich spreche, und werde, wenn nicht neue flagrante Schmach mich vor der Drucklegung eines Protests auf den Platz rufen sollte – denn eben das, was mich verstummen macht, zwingt mich auch zur Sprache – mir damit genügen, der Vermittler jener überlieferten geistigen Güter zu sein, die ich besser betreue und wirksamer vertrete als die gesamten Kräfte und Kulturansprüche dieses Bürgertums es vermöchten. Es kommt zu Zeiten der Augenblick, wo das Bewußtsein, in ihnen zu leben, so drückend wird, daß man die Heiterkeit unverzeihlich findet, die damit versöhnen könnte, und es hält schwer, Dinge, die in der Zeit spielen, so darzustellen, als ob man die Gleichzeitigkeit mit Dingen vergessen könnte, die nur den Schrei zulassen und nicht die Sprache. Nicht alle, vor denen ich spreche, verstehen, daß der Spaß, den es ihnen macht, immer eben der ist, den ich nicht verstehe, und welch vermehrte Qual es bedeutet, nicht immer und überall des Ernstes versichert zu sein, den man im Schilde der Satire führt. Aber es sei ihnen gesagt, daß sie in Tagen leben, wo der ehrlose Staat, dessen Bürger zu sein ihnen die Ruhe nicht stört, sich anschickt, das Werk seines Abbaus, der so harmonisch geartet sein wird wie das Wort, das ihn deckt, statt an seinen Regierenden an jenen zu beginnen, die auf dem Altar des weiteren Vaterlandes etliche Gliedmaßen zurückgelassen haben, also nicht an seinen Ministern, sondern an seinen Invaliden, und daß er es vorzieht, die Milliarden, die er seinen Erpressern schenkt, an seinen knochentuberkulösen Kindern zu ersparen. Und vor allem sei ihnen bedeutet, wie mir zumute ist, wenn ich lese, daß dieser durch und durch ehrlose Staat täglich von neuem Handlungen setzt, durch die er den Anschein zu erwecken sucht, als könnte er noch etwas an Ehre verlieren. Wie er, gegen den Schutz der Republik zu jeder Durchstecherei erbötig, Bitte sehr bitte gleich sagt, um der Habsburgerin den ordnungsgemäß ausgestellten Paß zur verbotenen Rückkehr zu erteilen, aber seine ganze Hausmeisternatur hervorkehrt, um ihn Künstlern zu verweigern, die den zuständigen Mist durch den Begriff einer edlern Theaterfreude revoltieren könnten. Wie er zu seinen bedeutendsten Steuerhinterziehern Küß die Hand Euer Gnaden sagt, für den Bettel von 200 Millionen Kronen, mit dem jener Castiglioni sich bei der Kultur vom Strafgericht loskauft; wie dieser Trinkgeldnehmer von einem Staat für das, was ihm über die Grenzen tour und retour geschmuggelt wurde, den Zoll der Hochachtung entrichtet und wie er durch seine Funktionäre, die es noch immer nicht satt haben, in solchem Milieu verbindlich zu sein, seine Journalisten zusammenrufen läßt, um ihnen über die Verwendung des Schandlohns Informationen zu erteilen, weil sich ja die Kunst schon diebisch freut, unter solchem Mäzenatentum aufzublühen: über die Verwendung von 14 000 Friedenskronen, die als eine pietätvolle Ablösungsspende für Steuern und Gefällsstrafen die ältesten Sektionschefs, Wagentürlaufmacher und Kulturbewahrer in Rührung versetzen, von einer Summe, für deren Erwerb sich der Herr Castiglioni weiß Gott weniger angestrengt hat als ich für den zehnten Teil, welchen ich den durch diesen Mißstaat Verkürzten gespendet habe, ohne dessen Dank anders als in tagtäglicher Verhöhnung meines Wirkens und Wollens zu ernten. Aber die Geister werden wieder wach, wenn die Haifische Zeitungen gründen dürfen, und es ist eine Lust zu leben, da die Castiglionis, vor denen, wenn sie ein Schlachtfeld betreten wollten, Hyänen sich in Leidtragende verwandeln würden, ein augustisch Zeitalter etablieren. Und wenn sich im Triumphzug des Raubes auf der Stätte des Menschenmords, wie es das Zeremoniell der bürgerlichen Welt in jeder Verfassung und Verkleidung verlangt, die Spitzen der Behörden einfinden und diese ganze Lüge von einer Staatshoheit aufmarschiert, so könnte die Pietät des Hasses, die ich diesen Gespenstern bewahre, zwar imstande sein, mich auf die Rede verzichten zu lassen, aber nicht auf das Gelächter! Klarstellung Ich habe neulich gesagt, daß ich mich schämen würde, wenn ich auch nur vor einem Menschen in diesem Saal gesprochen hätte, dessen Verstand und Charakter ihn nicht davor bewahren würden, zum Wähler des Grafen Czernin herabzusinken. Ich möchte mich der angenehmen Illusion hingeben, daß sich auch heute, nachdem es vollbracht, kein solcher Verirrter hieher verirrt hat, denn man könnte doch unmöglich von mir verlangen, daß ich zu Menschen spreche, deren Gruß ich gegebenenfalls nicht erwidern würde, und wenngleich ich bei ihnen nicht ebensoviel Schamgefühl voraussetze wie bei mir selbst, so glaube ich doch, daß eine gewisse Befangenheit sie davon abhalten müßte, meine Vorträge zu besuchen, da sie ja vielleicht wissen, wie empfindlich ich im Punkte der weltgeschichtlichen Ehre bin und daß ich sogar mit solchen Lappalien wie dem nutzlos vergossenen Blut von Millionen keinen Spaß verstehe. Dieser Czernin nun hat sich, kurz bevor sich der Auswurf der Menschheit, also die vorzüglichsten Männer der Innern Stadt für ihn unbedenklich wie für den Besuch des Chapeau rouge entschieden haben – ich bitt Sie, was fängt man mit dem angebrochenen Weltuntergang an – dieser Czernin hat sich damit verteidigt, daß er schlicht sagte, er habe, propheta in sua patria, allerdings gewußt, daß jeder deutsche Sieg eine Niederlage und die Fortsetzung des Krieges aussichtslos sei, aber er habe doch unmöglich die Armee, die eben damit beschäftigt war, sich heldenhaft zu schlagen – ein Wort, für das eine Gasbombe gehört – darin unterbrechen und darüber aufklären können, daß es vergebens sei. Diese Verteidigung war darnach angetan, die Besucher des Chapeau rouge in ihrem Vertrauen zu dem Mann ihrer Wahl zu bestärken. Aber wahrlich, kein Ehrensitz, der Ehrlosigkeit einer Gesellschaft abgerungen, die bald ihren Untergang vergessen haben wird, kein Abgeordnetenmandat wird ihm die Immunität vor dem Weltgericht sichern! Welch ein Fluch aber ist es, unter diesen Toten zu leben und unaufhörlich an diese Vergessenden erinnert zu sein! Könnten sie erwachen, so würde Schamrot zur Parteifarbe und sie wüßten, daß sie noch mehr auf dem Gewissen haben, als einem Schlachtbankrotteur auf die Beine zu helfen. Denn das einzige, was sich nirgendwo in der Welt vorstellen, aber hierzulande erleben läßt, ist geschehen: daß sie eine Partei, die ihr Vaterland an eine Mörderbande verkauft hat, die Urheberin und Zutreiberin all der vernichtenden Siege, nicht zerbrochen haben, sondern ihr wieder einen dieser Siege erringen halfen, vor denen uns nichts rettet als der Tod. Daß Schwarz und Gelb sich in solidum des österreichischen Schmutzes verbanden und ein Christentum, vor dem uns Gott erhalte, Gott beschütze, mit Hilfe der jüdischen Presse einen Sieg errang, der auf der Börse mit einer stürmischen Hausse begrüßt wurde. Ich habe mich mein Lebtag geschämt, ein Österreicher zu sein, und nie mich dieser Scham geschämt, wissend, daß sie der bessere Patriotismus sei. Nun erst, da das Vaterland kleiner und die nationale Natur klarer geworden ist, erweist sich mir die tiefere Berechtigung dieses Schamgefühls. Ist es nicht die hoffnungsloseste und toteste aller Gewißheiten, unter einer Nation zu leben, die durch Schaden dümmer wird? Die von dem furchtbaren Trugschluß der Dummheit vegetiert, daß, weil es einmal besser war, bevor es schlechter wurde, nicht die Schuldigen, sondern die Verschuldeten an der Entwicklung schuld seien? Daß an den Folgen des Brands die Feuerwehr schuld sei, weil sie nicht auch imstande ist, den Schaden zu ersetzen? Mit einem Wort, daß das Verlangen nach der Kaisersemmel vom Kaiser befriedigt würde, der den Präsidenten um sie betrogen hat! Welch ein drückendes Bewußtsein, unter Menschen herumzugehen, deren Dummheit größer ist als ihre Not, und die nicht wissen und nicht spüren, nicht glauben und nicht verstehen, daß auf ein Jahrtausend hinaus alles was es leider nicht mehr gibt und was es leider gibt, eine Kriegsfolge sei und die allerfurchtbarste die eigene geistige Ausgeronnenheit, die des plansten Zusammenhangs nicht mehr gewahr wird! Aber welch eine Politik, die an diesem Horizont ihre fata morgana etabliert und um die Gläubigen nicht zu enttäuschen, ihnen das Blaue vom Himmel herunterlügt und durch Verleumdung aller Wahrheit und durch kriegsmäßige Ausschaltung aller Wirklichkeit immer das Prävenire spielen muß, damit die Dummheit nur ja nicht zur Besinnung ihrer selbst komme, weil doch schließlich einmal auch ein Kadaver die Natur nicht verleugnet. Welch eine Stickluft von verdorbenem Christentum, in der eine Welt von Pfaffen, Mördern und Journalisten die Handelskette der Nächstenliebe schließt! Welch ein Qualm der geistigen Erbärmlichkeit, aus dem sich Tag für Tag Argumente gegen das moralische Einmaleins erdreisten, deren sich ein rechtschaffener Schurke der Vorzeit in den Geldsack hinein geschämt hätte! Welch ein Pferch der engen Herzen, die es nicht verwinden können, daß sie zu dreißig Millionen Toten auch noch den Adel und die Orden verloren haben sollen, und die darum unerschöpflich sind an jenen öden Gedankengängen einer selbstvergessenen Korruptheit, die nur die fremde sieht und den Republiken mindestens zum Vorwurf macht, daß jetzt öfter Regen als Kaiserwetter ist oder daß man jetzt die Krawatten weniger elegant knüpft als ehedem die Galgenstricke, oder daß heutzutag ein Minister das Messer in seinen Mund steckt, was doch immerhin erträglicher ist als wenn er's der Welt ins Herz stieße. So toll schiebt diese Höllenbande in ihr Verderben, daß sie den Teufel nicht Pfui! bei ihrem Empfang rufen hört. Was soll, wer noch Worte hat, dazu sagen, daß ein Führer dieser Walpurgishetze neulich die Frage gestellt hat, wie lange man denn noch »mit der faulen Ausrede durchzukommen hoffe, an allem immer dem längst beendeten Krieg die Schuld zu geben«? Bis zum jüngsten Tag! Denn nehmt alles nur in allem und dies eine für ein Millionenfaches: vor dem Salzburger Schwurgericht stand ein Knecht wegen Raubmordes an einer Häuslerin. Auf den Vorwurf des Vorsitzenden, daß er wegen hundertzwanzig Kronen ein Menschenleben vernichtet habe, sagte der Mörder: »Ich habe im Krieg das Morden gelernt, so daß es mir zur zweiten Natur geworden ist. Ich habe auch keine Gewissensbisse mehr empfunden.« Er stand für die Menschheit vor dem Schwurgericht; ihr ist der Weltkrieg zur zweiten Natur geworden, aber sie weiß es nicht so gut wie jener, der sich noch an die erste erinnern kann. Er hofft mit der faulen Ausrede, dem längst beendeten Krieg die Schuld zu geben, durchzukommen. Quousque tandem? Bis die letzte Lues dereinst dem Hirn der Welt entwichen ist mit einem frommen Wunsch für den nächsten Untergang! Und allen, die nicht glauben, nur rauben können, und die darum an allem Gewesenen und allem Lebendigen vorbei, an Natur und Kunst, am Tod und an der Liebe vorbei; an aller Persönlichkeit vorbei nur in sich selbst eingehen und in ihrer eigenen Tasche verschwinden, von wo sie aber ganz gewiß der Teufel hervorholen wird – ihnen allen sei gesagt, weil sie mich für eben das halten, was sie sind, für einen Politiker: Dies und nichts anderes ist der Inhalt meiner Politik! Dies und nichts anderes ist mein Sozialismus! Was ich bin und nicht bin, was ich denke, schreibe, tue, geht sie so viel an, als ihr ganzer Menscheninhalt wert ist: einen Dreck! Dies ist genau so viel als die Politik ergibt, wenn sie über das Lebensmittel hinaus am geistigen Zweck frißt. So verachte ich sie, anders bejahe ich sie, und bleibe damit im Einklang mit allen meinen Widersprüchen, die weitaus haltbarer sind als die Schwachköpfe, die an ihnen zerbrochen werden. Denn ich sitze konsequent an einem Schreibtisch und will immer eben das schreiben, wovon sie behaupten, es hätte ihnen besser gefallen. Aber ihr Lärm stört mich und hindert mich daran. Vor der Tür ist ein Streit entstanden, worin es um mein Leben geht, und ich muß mich unterbrechen, um mich dazu zu stellen, denn die Entscheidung droht, mich noch gründlicher zu stören. Ich aber entscheide mich für den, der mir das Leben und somit alles Weitere bewahren will. Was er darüber hinaus für die Kultur bedeutet, darnach durfte ich einst, da es noch nicht an den Menschen ging und den Menschen nicht anging, darnach darf ich jetzt nicht fragen. Ich möchte auf die Gasse stürzen, alle aufrufen mitzuhelfen, denn es geht um aller Leben. So treibe ich Wahlpropaganda. Es ist ein Weltkrieg und dennoch ein heiliger Verteidigungskrieg. Wem's nicht paßt, der soll schauen daß er mit seinen unentwegten Fortschrittsbeinen weiterkommt, und soll mich tiefer verachten als ich ihn, wenn das möglich wäre! Welche aber glauben, daß ich je um der Macht willen, der Macht zuliebe, um Ruhm und Gunst, Gewinn oder Vorteil oder irgendeinen außerhalb meiner selbst und innerhalb ihrer vorhandenen Zweck ein Wort geredet habe, die wird der Teufel früher holen, als sie ahnen. Ich bin Gottseidank einer anderen Macht verantwortlich als den Juden des Geistes und den Christen des Gelds! Ich habe mit ihnen ein Vaterland und eine Epoche gemeinsam. Da kann ich nichts dafür. Aber ich schäme mich, mit ihnen denselben Weltraum und dieselbe Ewigkeit zu teilen! Man darf nicht generalisieren Aus der Gehirnleere, die der Krieg zurückgelassen hat, ist dieses Wehrwort zum Schutz eines Standes entsprungen, der, wenn auch nur in zehn von hundert Fällen seine Machtentartung bewiesen wurde, damit für alle Zeiten als ein unmöglicher Widerspruch zur Ehre des Lebens abgetan war. Wenn es aber keinem, der zehn militärische Schurken an den Pranger der Humanität stellte, damit auch einfiel, neunzig Sklaven ihrer nicht überschrittenen Pflicht zu beschimpfen, so gellte ihm dennoch der stupide Einwand in die Ohren, daß man nicht generalisieren dürfe. Mit noch vernichtenderer Stupidität wirkt das Argument (das nun, da der Weltkrieg den allgemeinen Vorrat an Denkfähigkeit aufgezehrt hat, reißenden Absatz findet) im Munde der Verteidiger des Richterstandes, dem an der Hand namentlich angeführter, täglich erlebter, flagranter Tatsachen bewiesen wird, daß er Angehörige habe, die den Sinn des Berufes verunehren, nach schlechtestem Wissen und Gewissen und durchaus nach Ansehn der Person urteilen und die sich den Talar über ihre Parteigesinnung umhängen, um am hellichten Tag ihre Ungerechtsame als ein Privileg auszuüben, das man ihnen wegen ihrer Undavonjagbarkeit nicht bestreiten kann. Die Zitierung dieser in jeder Gerichtssaalrubrik nachweisbaren Fälle, welche doch eher die Absicht verfolgt, die kompromittierte Ehre des Standes zu schützen und die im Menschenmaß unbeeinflußbaren, einsichtigen und gerechten Richter von solchen Schädlingen abzusondern, stößt unfehlbar auf die Abwehr: Man darf nicht generalisieren. Die Geistigkeit dieses Einwurfs ist gewiß nicht geeignet, das Problematische einer Autorität zu verringern, welche wahrscheinlich auf einer der Wahnideen dieser armseligen Menschheit beruht, die sich irgendeinmal in contumaciam ihres Verstandes zur Anbetung von Symbolen verurteilt hat. Was soll man aber dazu sagen, daß dies Veto, einem Ansehen nahezutreten, welches seine Entblößung durch die Tat leichter erträgt als durch einen Hinweis auf die Tat, der doch eher einer Verteidigung gleichkommt – daß es just in Tagen laut wird, da ein hoher Richter eine Denkschrift publiziert hat, in der alle Unzulänglichkeit und Selbsterniedrigung der unnahbaren Gerechtigkeit auf das menschliche Motiv der Not zurückgeführt, mithin, wenngleich dieses nicht für alle Verirrten zutreffen mag, doch in exemplarischer Weise einbekannt wird! Und was soll man zu einem Staat sagen, der seine Richter »buchstäblich Hunger leiden« läßt und wenn er schon nicht seinen Verbrechern die Beute abzunehmen wagt, sich auf die bequemere Art weiter saniert anstatt zuzusperren. Während alle Beamten das Amtskleid, zu dessen Tragung sie nach dem Gesetze verpflichtet sind, auch wirklich beigestellt erhalten und die Polizei sich sogar glänzendster Adjustierung erfreut, müssen die Richter entweder ohne Talar in oft sehr armseliger Kleidung oder in zerrissenen und abgetragenen Kleidern ihres Amtes walten, weit alle bisherigen Bemühungen auf Beistellung des Amtskleides vergeblich waren, Nun, wenn wir zur Erhöhung der Autorität das Kostüm brauchen, so ist es klar, daß es in Ordnung sein muß, und solange man der Menschheit die Justizkomödie vorführen will, hat man auch für die Ausstattung zu sorgen. Aber ist hier nicht ein Fingerzeig gegeben, die Quelle des Toilettenneides, der wie der Neid als solcher gewiß eine justizwidrige Eigenschaft ist, zu verstopfen? Wäre, nachdem Bosel das Seinige getan hat, hier nicht ein »Appell« an den Castiglioni geboten, die Adjustierung der Justiz zu übernehmen? Nicht leicht werde, sagt der ehemalige Präsident der Richtervereinigung, Herr Dr. Engel, »irgendwo solche Not gefunden werden wie bei den Richtern«, trotzdem sei, was immer »selbst Verleumdung den Richtern anheften mag«, ihre Unbestechlichkeit noch nie in Zweifel gezogen worden. Aber spurlos sei die zermürbende Not »an Geist und Herz der Richter nicht vorübergegangen:« Wie die Folgen des wirtschaftlichen Elends sich körperlich an vielen Richtern zeigen, so greifen auch seelische Engherzigkeit, Gereiztheit, Verbitterung, Scheel-, Schmäh- und KIatschsucht in trauriger Weise um sich. Es bilden sich Gruppen unter den Richtern, Vereinchen innerhalb des Vereines, der Wirrwarr der Meinungen steigert sich fast zu einem Kampf aller gegen alle, Kampf der Richter der unteren Besoldungsgruppen gegen die oberen Gruppen, Kampf zwischen Stadt und Land, zwischen Wien und den Ländern, ja zwischen den einzelnen Gerichten Wiens. Mehr könnte selbst »Verleumdung« den Richtern nicht anheften, und sie dürfte sich noch immer darin von dem Notschrei des hohen Standesgenossen unterscheiden, daß sie Fälle anführt, während jener generalisiert, was man bekanntlich, wiewohl es hier offenbar mit Recht geschieht, nicht darf. Freilich könnte sie, wenn sie auch noch so geneigt wäre, Not als den Faktor einer seelischen Erniedrigung, die zum Richterberufe untauglich macht, zu begreifen, sich nur schwer entschließen, sie just dann als mildernden Umstand heranzuziehen, wenn ein Hakenkreuzler oder ein Monarchist auf dem Richterstuhl einen Sozialisten wegen derselben Tat verurteilt, um derentwillen er einen Gesinnungsgenossen freispricht. Meine Widersprüche Einer, der »Monarchie und Republik« vorlesen gehört hat, weist mir als »Ein Leser mit besserem Gedächtnis« nach, daß Schopenhauers Wort gegen eine Menschheit, die in ihrer Mehrzahl »höchst egoistisch, ungerecht, rücksichtslos, lügenhaft, mitunter sogar boshaft und dabei mit sehr dürftiger Intelligenz ausgestattet« sei und die deshalb Einen über sich brauche, der sie »zügelt und regiert«, in der Fackel vor acht Jahren (»zehn Monate vor dem Krieg!«) in offenbar bejahender Tendenz gegen den Liberalismus zitiert war, zwar nicht mit dem Hinweis auf die Monarchien der Tierwelt, der mir wohl schon damals absurd erschien, aber immerhin mit dem Satz »Selbst das Planetensystem ist monarchisch«, den ich allerdings als die eines hohen Geistes unwürdige Redensart, die er ist, schon damals hätte erkennen sollen. Das Werk der Fackel ist jedoch so über und über mit Fehlern behaftet, wie nur eines Menschen Werk, und die Frage wird schließlich nur sein, ob nicht ein jeder dieser Fehler die größten Vorzüge solcher, die ihn bemerken, aufwiegt. Nicht einmal das bessere Gedächtnis kann ich einem von dieser Art einräumen, da es doch von jener sehr dürftigen Intelligenz wettgemacht wird, die Schopenhauer dem Menschengeschlecht zuschreibt und der es gar nicht einfallen kann, daß mein Gedächtnis wirklich auch nicht so gottverlassen ist, daß es den Inhalt älterer Fackelhefte, die ich doch schließlich einmal geschrieben habe, vergessen haben sollte. Richtig ist wohl, daß ich noch kein einziges, wenn nicht bei einer öffentlichen Vorlesung, seit dem Abschluß des Druckes gelesen habe. Aber diese Absonderlichkeit erklärt sich eben daraus, daß ich ihren Inhalt zu genau kenne, um mit ihm zufrieden zu sein, um nicht dauernd an jenem Verdruß zu tragen, der von mir gleich nach erfolgter Loslösung von einem Geschriebenen Besitz ergreift, und ich überlasse es seit Jahrzehnten lieber allen jenen, die zu solchem Verdruß kein Recht haben, die sich das Denken als eine schnurgerade Linie denken und das Leben als eine Oberfläche leben, mir die Widersprüche vorzuhalten, die das körperhafte Wachstum der geistigen Gestalt nun einmal als Fluch und Segen überkommen hat und die dem flachen Sinn oft deutlicher in Erscheinung treten als diese selbst. Der Tropf, der von der Tageszeitung her den schreibenden Menschen als einen Apparat der Meinung zu gebrauchen gewohnt ist, kann sich natürlich gar nicht vorstellen, daß ich neuerdings auf die Schopenhauer-Zitate so verfallen wäre, daß ich sie selbst in dem alten Fackelband aufsuchte und von da im Original weiterforschte, sondern er glaubt wirklich, daß er mich mit dem Hinweis auf eine Fackelseite, deren Druckbild in meiner Vorstellung realer vorhanden ist als vor den Augen eines Tropfes, in Verlegenheit bringen wird. So hat sich seit Jahr und Tag ein Gewerbe herausgebildet, mich auf Widersprüchen zu »ertappen«, während es doch gewiß lohnender wäre, auf die Stirn eines Kopfes hinzuweisen, der im Vollbewußtsein dieser Widersprüche sie coram publico und oft ohne den geringsten Versuch einer Bemäntelung oder Erklärung zu begehen wagt. Sie soll, wo sie von der findigen Dummheit herausgefordert wird, erst recht nicht erfolgen und es fällt mir nicht ein, zu begründen, wie es möglich ist, daß ein und derselbe Autor, der sich einmal auf Schopenhauers monarchistische Meinung gegen den Liberalismus bezogen hat, sie heute mit aller satirischen Vehemenz als Fehlurteil hinstelle. Es wäre vergeudete Mühe, den offenbaren und jeder Intelligenz faßbaren Kontrast auch nur nach der Richtung ausgleichen zu wollen, daß es sich damals – ganz im Stil der politischen Urteilsbildung Schopenhauers – bloß darum gehandelt hat, Stützpunkte für den Haß gegen den Preßliberalismus zu finden, und daß nicht mein Bekenntnis zum Problem der Staatsform zur Erörterung stand, sondern – bei Gelegenheit einer Anklage gegen die Schwurgerichte – alle jene antiliberalen Motive aufgereiht wurden, durch die Schopenhauers Zeugenschaft dem Fortschritt verdächtig wäre. Natürlich läßt sich nicht leugnen, daß dieses Zitat wie noch viel wirksamer hundert andere Sätze der Fackel danach angetan war, mich rein meinungsmäßig nicht an der Stelle stehend zu zeigen, an die mich die Plattformer beider politischen Meinungen heute fixieren. Aber das Erlebnis, dem sich dieser Eindruck abgewinnen ließ, war, wie es eben dort hieß, nicht der Staat, sondern die Zeitung, also die Welt. Es hat sich im Grunde nicht geändert, aber es hat durch das, was inzwischen geschehen ist, Zuwachs bekommen, der es anders erscheinen läßt. Nur solange es das Problem Monarchie und Republik nicht gab, konnte die Entscheidung zugunsten jener fallen. Das hat sich alles, die Flachköpfe mögen beruhigt sein, ganz organisch entwickelt. Es war eben wirklich »zehn Monate vor dem Krieg«. Und wenns nur einen Tag vor dem Krieg gewesen wäre und das Gegenteil wäre am Tag nach Kriegsbeginn erschienen, so war eben etwas geschehen, erkannt, gewußt, was auch dem nachdenkenden Verstand irgendeinmal den tieferen Zusammenhang erschließen könnte, zu dem lesende Herzen längst und leicht den Zugang haben. Meine Widersprüche scheinen mir schlimmstenfalls das Ehrenzeugnis auszustellen, daß der Weltkrieg auf mich Eindruck gemacht hat, was man doch wahrlich von dem Geschmeiß, das sich literarisch mit ihm befaßt hat, nicht behaupten kann. Und wenns eben dieses nicht anders kapiert, so sei ihm in Gottes Namen zugestanden: alles was ich bis zum 1. August 1914 geschrieben habe, war, soweit es in Widerspruch steht zu allem, was ich seit dem 1. August 1914 geschrieben habe, und soweit es nicht als Vorwort dazu unmißverständlich ist, falsch. Daß es, weil es von einem und demselben Menschen war, eben diesen beweist und eben von diesem bewiesen wird, das müssen gesinnungstreuere und gedächtnisstärkere Leute als ich bin nicht verstehen. Es war, wie es war, so richtig, wie es heute falsch sein mag, und es konnte nicht anders sein, wie das, was heute ist, nicht anders sein kann. Es kann keine Zeile, kein Zitat anders sein, als es entsteht und steht. Mag es auch fallen und vergehen wie die Zeit, dem lebendigen Willen, dessen Ausdruck es war, kann sie nichts anhaben. Nie wird es diesen Forschern gelingen, mit der Meinung auch das Erlebnis, das sie ihnen in die flache Hand geliefert hat, zu entwerten. Solange nicht für damals und heute außenseitige Beweggründe faßbar werden, solange nicht was ich je gedacht habe, auf das Niveau jener Meinungsbildung gebracht werden kann, deren Konsequenz bedenklicher st als mein Widerspruch, bleibt es ein aussichtsloses Bemühen, ihn als die Mechanik einer politischen »Einstellung« zu verdächtigen. Ach ich wollte ja auch, daß die Natur geradliniger und flächenhafter mit mir verfahren wäre; aber sie hat mich nur mit der Gabe entschädigt, die Fülle als Mangel zu fühlen und eben den Anstoß zu erleiden, den zu nehmen den Außenstehenden so leicht wird. Gewiß, ich war, bevor die stets verdammte Selbstentwertung konservativer Werte das Ende herbeiführte, kein Republikaner. Aber hat die grundsätzliche Anerkennung des Amtes der Kulturhüter mich je blind gemacht und nicht vielmehr sehend für dessen Mißbrauch und für alle Kulturverderbnis, die er befördert und bewirkt hat? Welcher Republikaner der franzjosefinischen Zeit hätte die Verödung der Geister und Korrumpierung der Charaktere sub auspiciis imperatoris schärfer erkannt und schneidender gerichtet, und ohne jede andere Hemmung als die jenes Paragraphen, dem die Fackel oft genug zum Opfer fiel? Was sollen alle in der Stellung gegen den Erzfeind Presse begründeten Antiliberalismen, was soll die Zitierung des Monarchisten Schopenhauer, was würde selbst der Umstand, daß vor zwanzig Jahren ein Mitarbeiter sich auf den Historiker Friedjung und dessen Wertschätzung des ritterlichen Monarchen bezogen hat, gegen die Erfüllung dieses Zeitraums mit antimonarchischer Satire bedeuten und gegen die untrennbare Einheit eines Werkes, das, über alle publizistische Verbindung der Zeitabschnitte, das reale Grauen der Kriegsjahre fast wie ein der Vorkriegsfackel entbundenes Monstrum wirken läßt. Ganz nüchtern, als ob es wirklich in das Belieben jedes konsequenten Esels gestellt wäre, mich auf Meinungen zu auskultieren und auf Beweggründe zu perkutieren, sei gesagt, daß ich nach wie vor mit Schopenhauers Ansicht über niedrigen Eigenschaften der meisten Menschen, ob sie nun in Rudeln oder als anonyme Briefschreiber auftreten, übereinstimme. Der Unterschied von ihm und zu meiner damaligen Haltung ist nur der, daß ich es heute nicht über mich bringen kann, aus dieser Ansicht die politische Konsequenz Schopenhauers zu ziehen. Daß auch er sie heute nicht zu ziehen vermöchte, wurde vernehmlich genug ausgesprochen und nicht seine Meinung, die ich ehedem zitiert habe, sondern nur die Unmöglichkeit seiner Beweisführung, die in der Analogie mit der Tierwelt doch gewiß zur Groteske wird, dem »Gewieher eines Auditoriums preisgegeben«, von dem ich besser als ein Aufpasser weiß, daß seine Bestandteile eben jener Eigenschaften nicht ermangeln mögen, die Schopenhauer den Menschen nachsagt, das aber weiß Gott unter der Einwirkung einer beherrschenden Kraft sich zu höherem Nutzen »zügeln und regieren läßt« und eine anders bildsame Gesamtheit abgibt als das Material der Monarchen, die mit ihm die Qualitäten gemein haben. Die Wehrlosigkeit der hörenden Menge ist aber auch ein dankbarerer Boden als die widerspruchsbereite Intelligenz des Lesers, die nicht versteht, daß der Respekt vor Schopenhauer nicht besser als gegen die Gefahr betätigt werden könnte, daß sich ein fluchwürdiges Interesse seiner Argumente bediene. Gerade weil er nicht mehr die Möglichkeit hat, sich zu widersprechen, die ihm der Anblick eines durch die Monarchen geschändeten Zeitalters sicherlich nahe gelegt hätte. Ich wäre ja, wenn ich diesem Fluch jenes Glück nicht verdankte, nicht minder der Möglichkeit ausgesetzt, daß einer, dem die Erlebnisse zu besserer Einsicht verholfen haben, meinen verjährten Standpunkt hervorhole, um mich wider die Gefahr zu schützen, daß sich die Engstirnigkeit der Waffen bediene, die ich ihr wissend nie geliefert habe. Und riskiere ich nicht heute, da es mir noch gewährt war, mich ihr selbst zu entziehen, daß sie sich an meinen Widersprüchen schadlos hält? Ich habe über das Niveau der Menschheit nicht anders denken gelernt, wohl jedoch über ihre Lage, welche sie freilich den Eigenschaften verdankt, die sie zum Spielball jener Gewalten gemacht haben, die Schopenhauer auf dein einmal gegebenen Niveau als das dazugehörige Fatum betrachtet. Ich mußte dieser Konsequenz untreu werden. Daß ich heute gegen sie geradezu satirisch gestimmt werde, daß mir beute die Aufzählung jener Untertaneneigenschaften förmlich zum Steckbrief eines abgekrachten Monarchen wird, kann nur einem Gedächtnis, das die lebendige Gegenwart des Geistes und des Lebens nicht spürt, bedenklich vorkommen. Das meine, dem ich den Fund der Schopenhauer-Zitate verdanke, hat faktisch nicht die Ehrlichkeit aufgebracht, die ihm so naheliegende Quelle jener älteren Fackelnummer [384/385] (die sogar Schopenhauers Haßdokument gegen die Revolution enthält) zu bekennen. Nun will ich mich der Erfüllung dieser wissenschaftlichen Pflicht, an die ich mich lieber erinnern lasse, nicht länger entziehen. Das bessere Gedächtnis des Lesers, der zum Glück dem Vortrag meines Widerspruchs beigewohnt hat, macht sie mir zur Abwechslung und der schaudervolle Rückblick auf das, was seit dem Oktober 1913 mit der Welt geschehen ist, ohne sie selbstloser, gerechter, rücksichtsvoller, wahrhaftiger, gütiger und vor allem gescheiter zu machen, wird zum Zeitvertreib. »Vielleicht wird Mancher darin einen Mangel eines festen Systems und ein Schwanken der Grundsätze mit Unzufriedenheit wahrnehmen. Allein man erwäge, daß Politik sich überhaupt auf Erfahrungen gründet, und daß, wenn diese sich ändern, auch unsere Überzeugungen und Meinungen sich ändern können. Ferner, daß die Bemerkungen zum Teil die Ausdrücke von Empfindungen und Vorstellungen sind, die durch einzelne Begebenheiten in dem Gemüth des Verfassers hervorgebracht, und durch seine jedesmalige Stimmung modifiziert wurden. Man muß also in ihnen nicht etwas Ganzes suchen wollen. Das Ganze liegt in dem Kopf und Geist ihres Urhebers, dessen System nach einem höheren Maßstabe zu bestimmen ist. Vertheidigt er jetzt die Sache der Monarchie, und tritt dann wieder auf die Seite der Demokraten, gut, so ist es nur ein Beweis, wie wenig er von Vorurtheilen eingenommen war, und wie gern er das Gute von beiden Parteien anerkannte.« Vorbericht zum zweiten Band der ersten Ausgabe von Lichtenbergs Schriften, veranstaltet von dessen Söhnen Metaphysik der Haifische Die abgründige Scheusäligkeit einer jetzt viel verbreiteten Menschensorte, gezeichnet von dem Triumph, durch das Blut anderer zu Geld gekommen zu sein, wäre noch nicht das, was den in die Taille geschnittenen Siegertypus dieser Zeit zu einem solchen Bild des Grauens macht und was das Leben in dieser Gemeinschaft als eine Verurteilung zu lebenslänglichem Leben empfinden läßt, wenn nicht zur Ruchlosigkeit auch noch deren gutes Gewissen hinzukäme. Das Bewußtsein geleisteter Arbeit und die Genugtuung am wohlverdienten Lohn nach vollbrachtem Raub, die Usurpierung aller sittlichen Werte für das Verdienst, kein abschreckendes Beispiel mehr zu sein, ja die bis zur Volkstümlichkeit gesteigerte Anziehung einer Moral, die als die vollkommene Bravheit nicht viel nach Geld und Gut fragt, wenn sie's nur hat – das ist es, was die seelische Hoffnungslosigkeit zum Grunderlebnis jener macht, die ein unverlierbares Ehrgefühl ohnedies dem materiellen Ruin preisgibt. Und nun dem Hohn dieser schwarzen Messe entsprechend auch die Bereitschaft des öffentlichen Wortes, dem Aussatz der Menschheit alle Ehre zu geben, die ihm mangels dieser gebührt, und nicht allein die sittliche, nein, die geistige Ehre: damit aus einem Rinnsal des Nietzschegedankens der Wille zur Geldmacht, das emporgelangte Untermenschentum und die Bestialität aller Couleurs, die über verwesendes Leben schreitet, philosophisch verklärt sei. Daß der Katholizismus eines Hermann Bahr durchlässig ist für jede andere Clowniade, die nur Zugkraft verspricht, und daß es ihm in den Gebetspausen gelingen mag, Valutenschieber mit dem heiligen Geist zu verknüpfen oder unabhängig von diesem vom Cinquecento, ohne jeden Nebensinn, herzuleiten, ist weiter nicht verwunderlich. Interessanter ist die Selbstverständlichkeit, mit der der neue Journalismus die Valorisierung der Moralwerte durchgeführt hat, dem Zeitpunkt und den Ansprüchen einer Leserschaft gemäß, deren einheitliches Denken eben noch die Entscheidung zwischen Castiglioni und Bosel zuläßt, die sicherlich heute das weit umfassendere Kulturproblem bedeutet als einst die Alternative des deutschen Bildungsphilisters vor Goethe und Schiller. Äußerlich kommt die alles überbietende Popularität der Männer, denen es gelungen ist, in Verbindung mit dem größten Unglück der Menschheit das meiste Geld zu machen, in der Republik darin zum Ausdruck, daß ihnen kaiserliche Ehren erwiesen werden. Sie macht sich geltend in den Formen des gesellschaftlichen und staatlichen Verkehrs, in der lesebuchreifen Anbetung der Haifische und in der Überlieferung der Gefahren, die die Seeräuber mit den Schiffern zu bestehen hatten, im Legendenkreis um ihre Taten und Worte, in der Zuerkennung von Eigenschaften, die ehedem nur den Monarchen vorbehalten waren, etwa im Lob einer schlichten Lebensführung, die bei unermüdlicher Arbeit auf die eigene Wohlfahrt nicht bedacht ist und sich nichts gönnt. Fragt man, welchen wohltätigen Werken mithin die Früchte dieser Schaffenskraft zugutekommen und ob Herr Castiglioni vielleicht die Beträge, die ihm ein kurzsichtiger Staat nur an Steuern schenkt, an die Blinden weitergibt – ich fand ihn noch in einem Ausweis für 1922 Mit 100 000 K vertreten –, so empfängt man die Schilderungen seines Mäzenatentums und eines ausgeprägten Kunstsinnes, der ihn in den Stand setze, bis zu dreißig staatliche Kustoden auf einmal zu bewirten, während Herr Bosel, dem Züge des Herzens nachgerühmt werden und der sich nicht einmal gönnen soll, auf der Luft zu gehen, sehr viel für Verwandte tut. Infolgedessen werden beide Männer, deren Genie darin besteht, reicher zu sein als man noch vor einer Stunde geglaubt hat, von allen jenen, denen eine solche Begabung fehlt, aber erstrebenswert scheint, als Titanen verehrt und ihr Zauber ist größer als selbst der eines Stinnes, dessen Schöpferkraft wenigstens noch in Beziehung zu so realen Dingen wie Fabriksschloten, Kohlengruben und ausgemergelten Untertanen vorgestellt werden kann. Unerschütterliche Monarchisten, denen es nicht gegeben ist, Wirklichkeiten und ihren Zusammenhang zu sehen, und die darum der Meinung sind, die Republik habe den Krieg geführt und dessen Folgeerscheinungen seien in einer Monarchie nicht möglich, halten es nach wie vor für unerläßlich, daß das Staatsoberhaupt ein Erbdummkopf sei, denn von einem solchen gehe eine alraunenhafte Wirkung aus, die es vermag, alle Mißwirtschaft und Korruption im Staate zu bannen, unter Umständen mit der Gründlichkeit, die der Aberglaube einem Galgenmännchen zuschreibt. Indem die Menschen bei allem was sie tun, zu einem Esel emporschauen, den die Vorsehung mit Symbolkraft ausgestattet hat, würden sie den rechten Weg schon nicht verfehlen. Aber ganz abgesehen davon, daß die hiefür unerläßliche Krippe Mittel erfordert, die heute nur jene aufbringen könnten, welche die freigewordene Ehrfurcht genießen und zu denen die Menschheit emporblickt, um den unrechten Weg nicht zu verfehlen, vergessen die Monarchisten, die diesen Tiefstand mit Recht beklagen, daß in Verfallszeiten nicht die Würde von oben, sondern der Dreck von unten kommt und daß heute nichts dem Verderben sicherer ausgesetzt wäre als die vermißte Autorität. Das dazu gehörige spanische Zeremoniell müßte erst wieder von der Direktion Karczog zurückgekauft werden, in deren Fundus es mit den Pantherfellen übergegangen ist, und das vermöchte doch wieder nur einer der Männer, deren Freigebigkeit wir schon die neuen Polizeiuniformen verdanken. Schmerzlicher als die Monarchisten vermissen jene selbst, deren Existenz der Republik zugeschrieben wird, einen Kaiser, mit dem sich in die Ehrfurcht zu teilen ihnen weit lieber wäre als deren Monopol in einem Staate zu genießen, der keinen glänzenden und klingenden Ausdruck für sie hat und in dem eben auch das Ansehen auf Papier angewiesen ist. Denn daß eine der ersten Regierungshandlungen des Monarchen die Verleihung der Baronie an Fressack und Naschkatz wäre, das sich vorzustellen müßte doch selbst die Phantasie eines Monarchisten ausreichen. Und an der offiziellen Anerkennung des Blutgewinstes würde die neue gesellschaftliche Idolatrie wohl kaum eine Ernüchterung erfahren. Nur ohne einen Weltkrieg, aber nicht unter einem Monarchen, der ihn zu führen vermag, wäre eine Presseäußerung wie die folgende undenkbar, die als das Dokument einer Zeit bewahrt sei, welche in allem furchtbaren Bejahen schon den Humor ihrer ganzen Absurdität entfaltet: Als man einen großen alten Finanzier einmal fragte, wieso er zu seinen enormen Reichtümern gekommen sei, da erwiderte er mit schalkhaftem Lächeln : »Ich habe immer verkauft, wenn die anderen gekauft und habe gekauft, wenn die übrigen verkauft haben.« Mit dieser auf eine simple Formel reduzierten Weisheit kann natürlich niemand etwas Vernünftiges anfangen. Was ist billig und was ist teuer, wann ist der Moment gegeben, da man kaufen oder verkaufen soll? Wo ist die Mehrzahl, die einem bestimmten Schlagwort nachläuft und wo steht die Minorität, die auf den Todeskrampf dieses Schlagwortes wartet? Man glaubt eine Erklärung in den Händen zu haben und sie zerrinnt unter der Hand zu Wassertropfen, die der nächste Wärmestrahl schon austrocknet. Man fühlt sich genarrt und gefoppt durch den mystischen Hinweis auf buntschillernde Möglichkeiten, die so viel beinhalten und doch gar nichts besagen. Aber man probiere einmal den blassen Gedanken aus der Wortumhüllung herauszuheben. »Ich habe gekauft, wenn die übrigen verkauft haben!« Aus der Dunkelheit dieser zwei Sätze blitzt wie geschliffener Stahl ein Protest: »Ich ging nicht mit der Herde, ich schritt immer allein. Ich grübelte in Einsamkeit und dann legte ich gegen den Allerweltsglauben, gegen das Massenurteil mein Veto ein. Und ich siegte, weil mein stummer in Erkenntnisschmerz getauchter Gedanke langsam stärker und lauter wurde, als der wüste Lärm auf den Jahrmarktsbuden der Freude. Ich wurde reich, weil ich die Kraft des Protestes besaß. Das ist in einem knappen Satz zusammengefaßt, der geheime Sinn des Reichtums.« Wenn man in einer flüchtigen Stunde der Aufrichtigkeit und des Selbstbekennens die neuen Reichen fragt, wieso ist es euch so leicht gelungen, dann können sie auch nur sagen: »Wir machten das Gegenteil. Das Gegenteil dessen, was anbefohlen wurde, was Vulgärmeinung war, was man gerade in einem bestimmten Kalendermonat für sittlich hielt , was die braven Zeitungen schrieben, worüber sich die schlimmen Zeitungen entrüsteten und die gescheiten Zeitungen schweigen mußten. Wir lehnten uns auf, wir waren revolutionär nicht mit der schönen Geste, sondern mit dem Bleistift, dem Rechenpapier und den Kombinationen ... Der Krieg brach aus, alle Welt befürchtete eine Geldpanik. ... Dann kamen wir mit lächelnden Blicken, wir durchstöberten die entlegensten Winkel, wir holten aus Verstecken das Lebensnotwendige hervor und wir stillten die Bedürfnisse, die eine moralische Regierung für staatsgefährlich hielt. ... Wir gingen Nebenwege, ja man kann nicht immer die breite Heeresstraße gehen, wo man mit Arbeitertrupps auf der einen und zum Tode verurteilten Marschkompagnien auf der anderen Seite zusammenstoßen muß. Wir richteten es uns, damit wir nicht gerichtet werden. Dann kam die große Katastrophe. ... Wir kauften ihnen ihre Fabriken, ihre Juwelen, ihre Aktien, ihre Teppiche, kurzum alles ab, was sie für entbehrlich hielten. ... Aber wir fürchteten uns nicht, wir hatten mehr Mut als die andern, die uns heute Steine nachschleudern. Wir haben irgendwo in verstaubten Büchern etwas vom Sieg des stärkeren Lebens gelesen. ... Nun, sehen Sie, und dieses Leben hat triumphiert. ... Wir sind früher aufgestanden als die anderen, das ist das ganze Geheimnis unseres Erfolges. Wir haben im Kriege nicht an den Sieg, wir haben während der sozialen Revolution nicht an den Bolschewismus und wir haben während der Herrschaft der Notenpresse nicht an die Krone geglaubt. Wir haben gezweifelt, wir haben protestiert, wir haben das Gegenteil getan. .. Und wir sind reich geworden, weil in unserem Herzen eine ewige Flamme brennt, die Flamme des Protestes gegen das Diktat der Dummheit.« Und nun eine grundlegende charakterologische Unterscheidung der beiden großen Zweifler- und Bekennertypen, denen die Menschheit nachstrebt: des Einbrechers und des Einschleichers. ... Wodurch sich ihre Entwicklung und ihre Geschäfte unterscheiden, wird eigentlich nicht durch Gedanken und Zielrichtungen, sondern eher durch das Temperament und den Farbton des Persönlichen bestimmt. ... Wenn man von den jungen Reichen spricht, so flattern sofort die Namen Castiglioni und Bosel auf. Castigglioni und Bosel sind schier die leuchtenden Transparente vor dem Eingang ins neue große Welttheater. ... Sie liegen gewissermaßen in der ersten Schützenlinie, und die übrigen, die es ihnen gleichgemacht haben, die aber weniger agil sind oder die die Druckerschwärze noch nicht erreicht hat, ruhen friedlich in der Etappe. Auf Castiglionis und Bosels Haupt fallen die Schläge des Neides, der Armut und der Enttäuschung. Man sieht nur ihre flatternden Helmbüsche und vergißt dabei, daß sich der Kapitalismus niemals Repräsentanten schafft, sondern sich immer nur der Repräsentanten bedient. Vielleicht stehen Castiglioni und Bosel deshalb im Vordergrunde, weil man ihr Gehirn für das schärfste, ihren Willen für den straffstgespannten und ihre Laufbahn für die vorbildliche hält. Zum Schlusse wandern nämlich immer alle großen Zeiterscheinungen von Heldenverehrung und Volksgemurmel in irgendein Lesebuch für die reifere Jugend. Heute muß man noch warten, bis die Entwicklung Castiglionis und Bosels vom Volksbücherverlag entdeckt wird. Beide stehen heute nicht einmal noch auf der Mittagshöhe ihres Lebens und ein abschließendes Urteil über sie läßt sich noch nicht fällen. ... Jedes Blutbad war ein Jugendbronnen neuer großer Finanztalente. ... Castiglioni vertritt den imperialistischen Typus des Reichtums. Er stammt aus einer italienischen Rabbiner- und Gelehrtenfamilie, er hat eine sorgfältige Erziehung genossen und er begriff mit allen Poren seines Körpers die Zusammenhänge jeglichen Geschehens. In seiner Jugend ein wilder Student, Raufbold, hemmungslos und ungezügelt, brauste er wie eine pfauchende Lokomotive in das Wirtschaftsleben Wiens. Mit 21 Jahren war er schon Direktor einer großen Gummifabrik, dann stürzte er sich auf die Automobilindustrie, hernach war er der stärkste Propagandist des Flugzeugwesens in Österreich und der erste Mann, der in Wien höchstpersönlich über den Stephansturm flog. ... Er ist der Mann des großen finanziellen Konzepts. ... Er ist hart bei aller äußeren Weichlichkeit, unerhört willenskräftig, trotzdem immer eine Tränenwolke von Sentimentalität über ihm hängt. Seiner imperialistischen Art gemäß arbeitet er mit pathetischen Gebärden und seine Sprache ist voll Bildkraft, dabei behangen mit Spitzenornamenten. Neben dem Geschäft kennt er nur noch die Kunst und er, der Meister der jüngeren Generation, hat in seiner Wohnung nur alte Meister hängen. An den Nägeln lächelt die schönste Tradition auf die stärkste Ellenbogenkraft des modernen Kapitalismus herab. Bosel ist aus viel weicherem Holz geschnitzt als Castiglioni. Bei Castiglioni hat man immer die Empfindung, er könnte Wien in seinem Flugzeug entführen, er könnte es hinauftragen zu den Sternen, mit denen er dann schließlich auch ein Vertragsgeschäft abschließen würde. Bei Bosel fliegt aber nur sein Geist, während sein Körper dauernd eingeschlossen bleibt in seinem Arbeitszimmer, in dem er seine großen Pläne schmiedet. Bosel verschmäht jegliche Gewaltgeste, er ist der japanische Typus des Geschäftsmannes, der immer Geschmeidige, liebenswürdig Lächelnde, Schüchterne, Sanftmütige, der aber immer von einem Gedanken oder von einem Projekt behext und hypnotisiert ist und förmlich im Trancezustand seine großen erfolggekrönten Aktionen abschließt. Bosel, der aus dem erbgesessenen Wiener Kleinbürgertum hervorging, verkörpert die Reinkultur der Intuition, die geniale Spürnase, die immer die richtigen Dinge bei den richtigen Menschen wittert. Sein leiser Schritt versinkt selbst auf den Steinfliesen, sein leises Wort ist nur dem nächsten Ohr erreichbar, seinem leisen Druck kann keine Tür widerstehen. Dabei verfolgt Bosel immer konsequent einen Gedanken, den er an der Flamme seines großen Ehrgeizes erwärmt. ... Bosel, der Hellseherische und Suggestible, der Mann mit der empfindsamsten Haut, die sofort jeden äußeren Eindruck spürt, hat den Krieg, den Bolschewismus und die Inflation durchschaut. ... Und er stellte sich an, bis die Reihe an ihn kam. Er ging nicht mit robusten Fäusten auf seinen Nächsten los, warf nicht den einen in die linke und den anderen in die rechte Ecke, sondern er schlüpfte überall sachte durch, bis er, ohne daß ihn jemand spürte oder von ihm verletzt wurde, ganz vorne stand. Dann reckte er sich erst empor und dann zeigte er, daß seine weiche Hand auch Krallen besitzt. ... Bosel hat die halbausgeräumt gewesene Unionbank gewissermaßen neu möbliert und er hat sich Hochachtungserfolge auch bei jenen errungen, die ihn ursprünglich nur als einen bloßen Profitjäger betrachteten, der er niemals war, der er niemals sein wird. Bosel ist an sich ein milder, gütiger Mensch, der mit inniger Zärtlichkeit an seinen alten Freunden hängt, die, wie er sagt, mit ihm noch dritter Klasse gefahren sind, ehe ihm die erste Klasse und der Salonwagen offen standen. Im Grunde seines Herzens verachtet er das Geld, dem die andern so nachjagen, und freut sich nur der Macht, die an diesem Gelde hängt, und der Kombinationsfülle, die es erlaubt. Bosel führt ein asketisches Leben, er arbeitet 14 bis 15 Stunden im Tag, er gönnt sich weder Mittag- noch Abendpausen und ist eigentlich immer ein Gehetzter und Gemarterter, ein Sklave seiner unaufhörlich strömenden Einfälle. Das erinnert mich – Sein Arbeitszimmer ist eine Mönchzelle und sein Gott ist das Geschäft, das man und mit dem man sich abschließt. (Das erinnert mich nicht.) Neben Castiglioni und Bosel verblassen die übrigen jungen Reichen, die Ehrenfests und Regendanz, die angeblich reichsten Bankdirektoren, die Kuffners und Kufflers, die reichen Kaufleute, die Hafners und Cypruts, die großen Spekulanten. Aber auch deren Lebensweg war in den letzten Jahren ziemlich einfach und unverschnörkelt, auch sie hatten nur das Gegenteil getan. Und wenn man wüßte, was dieses Gegenteil ist, dann könnte man auch die Frage beantworten: Wie wird man reich? Da wir aber alle im Nebel wandern müssen und erst am nächsten Morgen erkennen, wo wir stehen, so bleibt diese Frage immer unser steter Begleiter und narrt und foppt uns unser Leben lang. Kaufen oder verkaufen? ... Und sehen, daß wir nichts wissen können. Der eine hat den Stephansturm überflogen und wird Wien hinauftragen zu den Sternen; der andere schließt sich mit seinem Gott ab und geht nie auf der Luft – nach Erkenntnis ringen sie alle. Faust ist daneben ein kleiner Spekulant, und es möchte kein Hund so länger leben wie er. Und wie der Mensch, der diese Dinge erlebt! Mödling und Wien Anton Wildgans, der Autor einer Literatur, in der Privatempfindungen, die wenn man sie hat zu haben löblich ist, zu leicht faßlichem Ausdruck gebracht werden und der Begriff, den das Publikum von der Lyrik hat, in vorbildlicher Art erfüllt erscheint; der Typus, in dessen geistigem Umkreis sich in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise das Schöne mit dem Guten paart, ohne daß das Erlebnis mehr als Zustimmung bewirkte, und in dessen Wortschöpfung nichts prädestiniert ist als der Bauernfeldpreis; der Vertreter einer Produktion, die in der soliden Darbietung dessen, was sich der Leser auch schon gedacht hat, weit kunstverderblicher wäre als das Treiben der Worthanswurste, wenn dieses nicht doch gefährlicher wäre als die Gesinnung, die über die Form verfügt: ist Burgtheaterdirektor geworden. Denn daß der Krieg Herrn Wildgans unter Aufopferung seiner dem Allmenschentum zugewandten Gefühle und nach Einstellung des »sozialen Zugs« auf der vorrätigen Höhe einer zum Weißbluten gerichteten Begeisterung gefunden hatte, geniert die Republik umsoweniger, als er ja dafür einer der ersten war, die dem Feinde die Bruderhand entgegengestreckt haben. Wenn es nicht so ganz gleichgiltig wäre, wer heute Burgtheaterdirektor wird – ähnlich wie es in Zeiten schauspielerischen Hochstandes gleichgiltig war, den ja selbst Burckhard nicht herabdrücken konnte –, so wäre es schon ein Grund, sich zu schämen. Es genüge aber, die Haltung einer Presse zu würdigen, die wie in allen deutschösterreichischen Lagen und Belangen auch hier ihre Männer gestellt hat. Sie, die nicht ansteht, Herrn Wildgans zu bezeugen, daß er »mit einem erlesenen literarischen Gepäck« – also Reiselektüre – »in das Haus auf dem Franzensring einzieht« und daß »mit ihm ein starker Könner auf dem Fauteuil des Burgtheaterdirektors Platz nimmt«, macht in solchen Fällen einen Vorbehalt: »Ob sich dieses Können auch auf den praktischen Theaterbetrieb erstreckt, wird freilich erst zu erweisen sein.« Diese Wahrheit, die sicher weniger bestreitbar ist als jeder Satz, der je in einer Wiener Zeitung gedruckt war, war in allen zu finden, und ein arischer Kritiker hat ihr den in seiner Schlichtheit noch überzeugenderen Ausdruck gegeben: Ob er sich als Leiter des Burgtheaters bewähren wird, das wird sich erst zeigen müssen. Wenn man sich fragte, wozu Gott die Druckerschwärze erschaffen hat, würde einen vollends der Anblick der folgenden Erklärung, zu der jener fortsetzte, mit Vertrauen in einen höheren Plan erfüllen: Wir haben nicht alles, was er uns als Dramatiker brachte, widerspruchslos hingenommen, sondern an seinen Werken oft scharfe Kritik geübt, werden ihm aber vollkommen unparteilich und unvoreingenommen gegenübertreten und abwarten, was er uns zu sagen, und noch mehr, was er uns als Direktor an neuen Werken und durch Wiederaufbau des alten Spielplanes geben wird. Es ist die Darbietung eines jener Sprudelgeister, von denen Hans Schließmann, dessen gesprochener Ingrimm lebendiger war als sein zeichnerischer Humor, zu versichern pflegte, daß ein Papagei ein Goethe daneben sei. Worin aber die Zeitungen aller Glaubensbekenntnisse einig waren, das war die entschiedene Anerkennung, daß Wildgans in Mödling wohne und zwar in Zurückgezogenheit. Er wohnte bisher in Mödling, das ist beinahe ein Charakterzug, jedenfalls ein Beweis, daß er sein Gesundheitskapital vor der nervenzerstörenden Hetzjagd der Großstadt zu schützen verstand. Also beruhigender Ausblick auch in dieser Richtung. Die Republik Österreich, die sichtlich bestrebt ist, auf ihre hervorragenderen Posten Cincinnatusse frischweg von ihrer ländlichen Betätigung zu holen (wobei für Leser der Reichspost ausdrücklich bemerkt sei, daß dieses Wort nicht Tschintschinnatus ausgesprochen wird), scheint nach dieser Richtung mit Wildgans einen Treffer gemacht zu haben, wiewohl man sich eigentlich wundern muß, daß sie nicht gleich auf Csokor gegriffen hat, der, gleichfalls Lyriker, noch weiter weg, nämlich in Sittendorf haust. Natürlich verhielt sich Wildgans, als sie ihn am Pflug antrafen, dem Antrag gegenüber anfangs ablehnend und erst die letzten Verhandlungen konnten ihn wie vorauszusehen war bewegen, zuzusagen. Gerade ihm läßt sich ja die Liebe zur Scholle – die mit dem gleichnamigen Literaturverein verwechselt werden möge – nachempfinden. Hatte doch Wildgans in flammender Begeisterung »zur« Heimat seinerzeit sogar ein Kriegsgebet verrichtet »in dem schweren aufgezwungenen Streite« – sind wir doch umgerungen von lauter Feinden, wie einst ein Möbelpacker mir zurief –, das ihm die Reichspost nicht vergessen wird und kann. Er habe hier »eine der prächtigsten Schöpfungen der Kriegslyrik gegeben« – die schon als Ganzes eine der prächtigsten Schöpfungen ist – »und von der Schönheit dieser Verse mögen die nachstehenden Zeilen künden:« Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger Des Schicksals große Stunde wies, Stand dies Volk der Tänzer und der Geiger Wie Gottes Engel vor dem Paradies. Wenn die Reichspost richtig zitiert (und es nicht korrekter »dieses Volk« oder »Da stand dies Volk« heißt), so ist es, von der widerlichen Metamorphose von d' Geigerbuam in d' Cherubim abgesehen, eine der leersten, außen und innen falschesten Strophen, die je geschrieben und in der bei einer Staatsmännern wie Lyrikern gleich verfügbaren Fülle von Schicksal und Geschick nicht einmal dieses vorhanden ist. Wie die Grille singt und die Parze springt, der geborene vaterländische Dichter. Da aber Wildgans, was nach den Begrüßungen durch die Wiener Presse der verbissenste Nörgler nicht mehr bestreiten wird, in Mödling wohnt, so war es immerhin ein Problem, wie man ihn erreichen könnte, um ihn nach seinen Plänen zu fragen. Der neue Burgtheaterdirektor verblieb, während die für ihn nicht gleichgültige Entscheidung fiel, in seiner Mödlinger Villa. Wollte man also wissen, wie Dr. Wildgans seine Ernennung aufnehme, wie er sich zu den ihm gestellten neuen Aufgaben stelle, so mußte man sich der nicht leichten Aufgabe unterziehen, eine telephonische Verbindung mit Mödling zu bewerkstelligen. Das Neue Wiener Journal zeigte sich dieser Aufgabe vollauf gewachsen. Schließlich gelang es, ihn ans Telephon zu bekommen. Von der vollzogenen Ernennung zum Direktor des Burgtheaters hatte er noch keine Ahnung. Er konnte daher ziemlich überrascht die Gratulation entgegennehmen und die nächste Frage nach seinem künstlerischen Programm natürlich nur wie folgt beantworten: »Mein Programm? Das kann ich Ihnen natürlich noch nicht entwickeln, da ich fünf Minuten früher gar nicht wußte, daß ich ein Programm zu entwickeln haben werde. Im übrigen beschäftigt mich erst seit acht Tagen die Idee – so lange nämlich ist es her, daß Präsident Vetter mit dem ehrenvollen Antrag an mich herangetreten ist –, ich komme aus einem ganz anderen Milieu, als daß ich Ihnen ein Programm extemporieren könnte. Sie wissen, meine Beziehungen zum lebendigen Theater – Schluß. Bald darauf brach – wie ein Lyriker den technischen Beamten nachempfinden wird, nicht mit Unrecht – der Telephonstreik aus. Wäre die Ernennung Wildgans' in dieser großen Zeit erfolgt, so wäre uns auch das folgende erspart geblieben: »Ich habe es bis zum Auskultanten gebracht«, hat Anton Wildgans heute mit einem gewissen Stolz auf eine telephonische Anfrage über seine Personaldaten aus Mödling mitgeteilt. Nämlich dem Herrn von der Neuen Freien Presse, der ihn telephonisch auskultiert (behorcht) hat. Ob der Staat nicht durchaus im Recht wäre, für Telephongespräche, die zwar nicht dringend sind, bei denen aber Stolz zum Ausdruck kommt, eine dreifache Taxe einzuheben, mag das Handelsministerium beurteilen. Die Herrn Wildgans vorgesetzte Behörde schaue sich diesen Zuwachs an Würdelosigkeit an, den unser öffentliches Leben erhalten hat, diesen Cincinnatus, der vom Pflug weg jede Viertelstunde zum Telephon rennt, um einem Reporter seine Biographie zu erzählen. Und die Leser sollen festzustellen versuchen, ob der neue Burgtheaterdirektor stolz ist auf den Auskultanten, der er selbst war, oder auf die telephonische Anfrage, und ob diese aus Mödling an ihn gerichtet wurde oder vielmehr aus dem bei Mödling gelegenen Wien. Während er aber die Gratulation des Neuen Wiener Journals »entgegennahm«, scheint er sich der Neuen Freien Presse gegenüber anders verhalten zu haben. Er lehnt vorderhand jeden Glückwunsch ab, er ist noch nicht ernannt, hat daher auch noch kein offizielles Programm und beschränkt sich auf die Mitteilung knapper Angaben. Geboren in Wien am 17. April 1881, absolvierte – Ich bin um sieben entscheidende Burgtheaterjahre dem Herrn Wildgans voraus. So gewiß ich infolgedessen lieber Direktor des Mödlinger Stadttheaters werden wollte, so sicher würde ich abläuten, wenn eine Zeitung die Frechheit hätte, mich telephonisch zu fragen, wann ich auf die Welt gekommen bin. Was Wildgans nicht erzählt, ist, daß er ein gutes Stück Weit gesehen hat – Rechtsstudium eine zeitlang überhaupt aufgegeben – weite Reisen – bis nach Australien – betonter Feind jeder Abhängigkeit – blaue Nebelferne – wieder eine juristische Epoche – freier Schriftsteller – Das alles hätte er durchs Telephon auch noch erzählen sollen. Die Neue Freie Presse ist beinah pikiert, weil sie's selbst zusammenstellen muß. Eines, was er ihr auch nicht gesagt hat, hat sie kombiniert: Seit einer Reihe von Jahren lebt Anton Wildgans in Mödling – No ja, aber das ist nicht so, sondern hat eine Pointe: – um von dort, wenn ihm diese Ortschaft allzu großstädtisch erscheint, einen Abstecher – Aha, nach Wien! Schmecks: – nach Mönichkirchen zu machen. Nach Wien ging Wildgans nur, um Burgtheaterdirektor zu werden und als betonter Feind jeder Abhängigkeit Journalistenstücke abzulehnen. Inzwischen hatte er freilich sein Programm vorbereiten müssen, das mit einem Wort vorweggenommen werden kann: Der neue Direktor ist für das Burgtheater Optimist. Eine nicht unerfreuliche Überraschung, da man allgemein erwartet hatte, er werde dem um 1 Uhr versammelten künstlerischen und technischen Personal sagen, daß er der Berufung zwar aus Pflichtgefühl Folge leiste, jedoch überzeugt sei, auf einem verlorenen Posten zu stehn, weil der Niedergang des Burgtheaters ebenso bekannt, aber noch weniger aufzuhalten sei als der Zusammenbruch Österreichs. Die Wendung kam völlig unerwartet. Präsident Vetter, ein Republikaner, dessen Gesinnung mit der neuen Staatsform in einem gewissen Verwandtschaftsverhältnis steht, in das er sich leicht hineingefunden hat, von früher her schon ein Protektor der schönen Künste der Wiener Werkstätte, begrüßte den neuen Mann, der dem Vaterland das Opfer bringen will, »sein stilles Dichterheim« zu verlassen und sich »in die Welt zu begeben und gerade dorthin, wo sie am bewegtesten ist, wo ihm kein Tag beschieden ist, an dem er nicht mit Äußerlichkeiten zu ringen haben wird.« Wir wollen es ihm alle herzlich wünschen, daß das, was er in dieser Welt erlebt, nicht nur für ihn als Direktor, sondern auch für ihn als Dichter fruchtbar werden möge. Das walte Gott. Auf daß wir an dem Werke des Dichters noch die Spuren der Äußerlichkeiten erkennen mögen, mit denen er als Direktor gerungen hat. Wildgans erwiderte, als stünde er noch in Mödling am Telephon, mit der Bitte, von ihm nicht allsogleich die Entwicklung eines Programms zu erwarten. Eines solchen bedürfe es auch nicht, denn er finde ein solches und mehr als ein solches bereits vor. Es ist, mit einem Wort, die Tradition des Burgtheaters. Fürwahr. Natürlich dürfe man keineswegs beim Seienden stehen bleiben, sondern es gelte zielvolles Fortschreiten und Schaffen. Denn wie der Gärtner zu Werke geht, indem er dem alten, aber kräftigen Stamme das junge Reis aufpfropft, so, ganz genau so muß auch – euer Gnaden wissen eh. Und da scheint mir denn der Augenblick für das Burgtheater und mich nicht ungünstig. Nämlich mit dem Naturalismus ist es vorbei, natürlich hat er eine Funktion gehabt und hat sie auch erfüllt, aber jetzt gilt es wieder eine höhere Aufgabe. Der Strom des Weltgeschehens riß die tastende Bewegung notwendiger Entwicklung in seinen jähen Rhythmus. Werke, die ehedem Hammerschläge gewesen waren gegen die starrschließenden Tore allgemein gültiger Lebens- und Kunstanschauung pochten nun gleichsam ins Leere, weil jene Tore indessen aufgesprengt worden waren von der Revolution. Um die so eingerissene Verwirrung in Bahnen zu lenken, dazu ist eben das junge Reis nötig. Dieses, nämlich die junge Kunst strebt über die Zeit hinaus in die Zeiten, sie blickt nach dem Ewigen im Menschen und erfaßt so wieder inbrünstig den symbolischen Charakter aller dichterischen Gestalt. Sie hat den entschiedenen Willen zum hohen Stil und deshalb verbrüdert sich ihr Streben mit den edelsten Traditionen des Burgtheaters, woraus sich zwanglose Übergänge und hoffnungsreiche Ausblicke ergeben, wenn es nämlich gelingt, den klassischen Geist mit dem modernen Geist zu vermählen. Natürlich ist manches bereits geschehen, und da ist es Pflicht, des Mannes zu gedenken, der als unmittelbarer Vorgänger des Herrn Wildgans das Verdienst hat, daß Herr Wildgans sein Nachfolger ist. So wahr er dieses Amt nicht leichten Herzens übernommen hat, so wahr er an dieser Stelle nur steht, weil es ihm als eine Pflicht erschien, in diesen wirren Zeiten dem Rufe, wenn er so sagen darf, der Heimat zu folgen (der fast so unabweislich ist wie vor kurzem der weniger verlockende des Vaterlands), ebenso wahr wird sein Ernst und Wille in diesem Hause immer nur auf die Sache gerichtet sein (die Sache wills), und sollte ihm dies eines Tages unmöglich werden, so werde er gern wieder zurückkehren zu der harmonischen und fruchtbaren Abgeschiedenheit seines bisherigen Lebens. Nach diesem Ausblick, der die einzige pessimistische Note der Freudenfeier darbot – der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt –, den aber den abgehärtetsten Mitgliedern des Ensembles zum Glück ein Tränenflor verhängte, und nachdem die Stile, Richtungen und Bestrebungen glücklich vermählt, verbrüdert und vervettert waren, blieb nichts übrig als eine Entschädigung durch den letzten Süßstoff unsres Kulturlebens: die Zuckerkandl. Von Vetter und Wildgans gleich begeistert, rühmte sie nebst den kultivierten Formen vor allem die »Aufrichtigkeit« dieser Aussprache. Eine Durchschauerin. Vetter »bekannte sich zum Programm der Kontinuität« – er will nämlich Herrn Heine als Regisseur beibehalten – und Wildgans faßt »sein Amt als ein Bekenntnis seiner Weltanschauung« auf. (Dafür muß ich Steuer zahlen!) Und als ob sie's von ihm telephonisch gehört hätte, weiß sie, was in seinem Innersten vor sich geht. Glaube an eine Jugend, die wieder zwischen Erde und Himmel, zwischen irdischer und himmlischer Liebe Begegnung webt; Wissen um den Weg einer in Blut gewordenen, dem Blutgrauen entrungenen Seelenheit; Hoffnung auf jene Poeten ... dies sind des Dichters Wildgans offen dargelegte Beziehungen zu des Direktors Wildgans künftigem Wirken ... »Dem Dichter dienen.« So hat Jaques Copeaus Weisung gelautet, die er seinen Schauspielern gab, als er sein ideelles Théatre du Vieux Colombier eröffnete ... Ähnlichem Empfinden – Schluß! Falsch verbunden! Nein, diese Stadt ist unmöglich. Wenn sie telephonieren will, möchte sie Kultur haben und wenn sie Kultur braucht, macht sie Halloh!, alles schwätzt durcheinander und es meldet sich niemand. Monarchie und Republik Mag die Vertretung des monarchischen Prinzips als der Methode, einen Haufen zuchtlos eigensüchtiger Menschheit unter dem Zeichen der physischen Gewalt zu bändigen – und was derlei sonst zu Gunsten der Monarchie vorgebracht wird –, zu allen Zeiten eine denkbare und durchdenkbare Ansicht gewesen sein, so bin ich heute weit entfernt, ihr auch nur die Entschuldigung der Dummheit angedeihen zu lassen, sondern halte sie vielmehr für den dolus, mit dem brüchige Charaktere ihre durch den Umsturz beschädigten Privatinteressen auf dem Rücken der Allgemeinheit wieder in Ordnung bringen möchten. Leider können sich diese Manager einer abgetakelten Herrlichkeit nicht nur auf die Einfalt der Massen stützen, die auch ihr Denkvermögen an die Not verloren haben und nur erinnert zu werden brauchen, daß es ihnen in der Monarchie vor dem Krieg besser gegangen ist als in der Republik nach dem Krieg, um zu glauben, daß es ihnen in der Monarchie besser gehen müsse als in der Republik, ja ohneweiters auch zu der Überzeugung zu gelangen, daß die Republik den Krieg geführt habe. Leider also steht jenen Parasiten der Entkräftung nicht allein die Stütze dieses schlechten Gedächtnisses zu Gebote, sondern sie können sich auch auf die Klugheit und Besinnungsfähigkeit jener Einzelnen berufen, welche in der Literatur als die wahren Kronzeugen eines zerschlissenen Ideals in Zeiten aufgetreten sind, die das Problem der Staatsform noch dem Spiel der Gedanken und noch nicht der Not der Tatsachen überlassen konnten. So mag sich die heute frappierende Erscheinung hinlänglich erklären, daß erlauchte Geister wie Goethe und Schopenhauer in ihrem Denken über die Dinge der Menschheit an irgend einem Punkt durch den Kronreif beengt waren, der wertloseren Zeitgenossen auf der Stirne saß und dessen Vorstellung unsereinem nur den Atem behindert. Es ist vielleicht die gefährlichere Funktion der Monarchen, daß sie, ohne ihre Henker zu bemühen, imstande waren, den denkenden Menschen um einen Kopf kürzer zu machen, und wir nehmen mit Staunen wahr, daß gerade solche Geister, die ins Höchste gestrebt haben, vor dem, was doch nur das Allerhöchste ist, Halt machen konnten und auf dem Weg in die himmlische Region an einen Baldachin angestoßen sind. Aber sie lebten schließlich vor einer Verfallsentwicklung, die es mit sich gebracht hat, daß das konservative Ideal, in dem Natur und Glück der Menschheit hinreichend geborgen sein mögen, von seinen Vertretern an die Gemeinheit verraten und verkauft wurde und daß die korrosivischen Gifte der Zeit sich an eben jener Stelle am wirksamsten und merkbarsten zeigen mußten, deren Symbolkräften jene doch alle Gewähr für die Erhaltung des Volkskörpers zuschrieben. Nachdem wir schaudernd erlebt und bitter gelernt haben, daß als das einzige Symbol des dynastischen Lebens nur die namenlose Verrottung sichtbar blieb, mit deren Beispiel die Edelsten der Nation ihr vorangegangen sind, so muten uns die Schopenhauerschen Argumente für die erbliche Monarchie wohl kleingeistiger an, als sie gedacht waren. Wenn Schopenhauer zu Ehren des Königs vorbringt, er sei »gleichsam die Personifikation oder das Monogramm des ganzen Volkes, welches in ihm zur Individualität gelangt«, so ist es gewiß nicht immer ausgemacht, ob die Identität auch dem Volk zur Ehre gereicht, oder ob es nicht Sache der führenden Persönlichkeit wäre, durch ihre höheren Eigenschaften einen solchen umformenden Einfluß auf das Volk zu gewinnen, der ihm die Identität erst zur Ehre macht. Wenn aber Schopenhauer sich zum Beweise der vorweg gegebenen Identität darauf beruft, daß bei Shakespeare die Könige von England und Frankreich, »gleichsam sich als Inkarnation ihrer Nationalitäten betrachtend«, einander Frankreich und England und auch den Erzherzog von Österreich in »König Johann« Österreich anreden, so ist namentlich das letztere Ehrenzeugnis insofern verunglückt, als damit der ganzen österreichischen Bevölkerung ein Kalbsfell um die schnöden Glieder gehängt wäre. Aber Schopenhauer legt ja auch sichtlich weniger Gewicht auf die Qualität der repräsentierenden Persönlichkeit als auf die Unzulänglichkeit der regierten Masse, die eben einen Herrn über sich brauche. Man würde nun glauben, daß gerade zu einer solchen Funktion wie zu keiner anderen der Befähigungsnachweis erforderlich sei. Schopenhauer aber sieht die regierte Masse auf einem so niedrigen Niveau, daß er, weit entfernt von dem Wunsch, es zu heben, sie schon in dem gebornen Führer den berufenen erkennen läßt. »Um einen vollkommenen Staat zu schaffen«, sagt er, »muß man damit anfangen, Wesen zu schaffen, deren Natur es zuläßt, daß sie durchgängig das eigene Wohl dem öffentlichen zum Opfer bringen. Bis dahin aber läßt sich schon etwas dadurch erreichen, daß es eine Familie gibt, deren Wohl von dem des Landes ganz unzertrennlich ist ...« Und man denke, selbst diesen doch wahrhaft bescheidenen Anspruch auf staatliche Vollkommenheit hat eine uns bekannte Familie enttäuscht! Denn abgesehen davon, daß Schopenhauer sich leider damit begnügt hat, die Garantie für die Selbstlosigkeit einer solchen Familie in der Erblichkeit ihrer Rechte anstatt in der Befähigung zu deren Übernahme zu erblicken, hat wohl noch nie eine Familie so vollkommen wie diese Familie bewiesen, daß ihr persönliches Wohl nicht nur von dem des Landes nicht unzertrennlich war, sondern daß sie ihr persönliches Wohl bis zur Zertrennlichkeit des Landes befördert hat. Ich halte es für durchaus zweifelhaft, ob Schopenhauer heute den Satz geschrieben hätte, der Monarch heiße »mit Recht 'von Gottes Gnaden'« und er sei »allemal die nützlichste Person im Staat, deren Verdienste durch keine Zivilliste zu teuer vergolten werden können, und wäre sie noch so stark«. Denn er hat in einer Zeit, in der die Publizität jenes Familienlebens noch beiweitem nicht so erschlossen war wie heutzutag, nicht den Fall eines Monarchen erlebt, der, wenn es ihm schon nicht gelang, sich als die nützlichste Person im Staate zu bewähren und wieder einzuführen, sich wenigstens durch den Anspruch einer Zivilliste betätigen wollte, und wäre sie noch so stark. Aber Schopenhauer vertritt ja allerdings die Ansicht, daß die Nützlichkeit eo ipso gegeben und daß es darum ein Unrecht ist, einen Monarchen davonzujagen. Denn im Staatswesen vermöchten die Vorrechte des persönlichen Wertes gar nicht die der Geburt zu ersetzen, weil, so sehr auch jene der Vernunft angemessen wären, sie doch nicht »die Stabilität des gemeinen Wesens sichern« können. Weil nämlich, sagt er, die große Mehrzahl der Menschen »höchst egoistisch, ungerecht, rücksichtslos, lügenhaft, mitunter sogar boshaft und dabei mit sehr dürftiger Intelligenz ausgestattet ist«, so erwachse hieraus »die Notwendigkeit einer in Einem Menschen konzentrierten, selbst über dem Gesetz und dem Recht stehenden, völlig unverantwortlichen Gewalt, vor der sich alles beugt, und die betrachtet wird als ein Wesen höherer Art, ein Herrscher von Gottes Gnaden«. Leider widerfährt es Schopenhauer, den Vorrechten der Geburt die des persönlichen Wertes hier stillschweigend zu supponieren. Denn er läßt sich gar nicht auf die Frage ein, ob das Wesen höherer Art noch als solches sich fühlbar machen kann, ob der Herrscher von Gottes Gnaden noch als solcher glaubhaft ist, wenn er – was tut Gott! – mit der Mehrzahl seiner Untertanen gerade deren hervorstechendste Eigenschaften teilt, nämlich höchst egoistisch, ungerecht, rücksichtslos, lügenhaft, mitunter sogar boshaft und dabei mit sehr dürftiger Intelligenz ausgestattet zu sein. Aber vielleicht kommt er ja gerade dadurch dem Ideal nahe, die Personifikation oder das Monogramm des ganzen Volkes zu bilden, welches in ihm zur Individualität gelangt. Und im übrigen mag es dem monarchische Gedanken gelingen, das was Gott in seinem Zorn erschaffen hat, mit dessen Gnaden regierungsfähig zu erhalten. Denn nur für Republiken, wie die in Nordamerika, erkennt Schopenhauer ausdrücklich die Gefahr des »verderblichen Einflusses« an, »welchen die Verleugnung der Rechtlichkeit in der obern Region auf die Privatmoralität ausüben muß«. Die Republiken haben ferner den Nachteil, daß es in ihnen den überlegenen Köpfen schwerer werden müsse, zu Einfluß zu gelangen, als in Monarchien, wo »Verstand und Talent natürliche Fürsprache und Beschützer haben«. Denn der Monarch selbst »dient dem Staate mehr durch seinen Willen als durch seinen Kopf, als welcher so vielen Anforderungen nie gewachsen sein kann. Er muß also stets sich fremder Köpfe bedienen, und wird natürlich, angesehn daß sein Interesse mit dem des Landes fest verwachsen, unzertrennlich und Eines ist, die allerbesten, weil sie die tauglichsten Werkzeuge für ihn sind, vorziehn und begünstigen; sobald er nur die Fähigkeit hat, sie herauszufinden; was so gar schwer nicht ist, wenn man sie aufrichtig sucht«. Also angesehn, daß sein Interesse von dem des Landes unzertrennlich ist, und sobald er nur die Fähigkeit hat, sie herauszufinden, was aber gar nicht so schwer ist – versteht sich: in Monarchien. Aber zumeist wird nur das eine der Fall sein, daß der Monarch mehr durch seinen Willen als durch seinen Kopf dem Staate dient, vorausgesetzt daß er wenigstens einen Willen hat. Denn Schopenhauer, der zwar nicht erlebt hat, daß ein mehr als Achtzigjähriger einen Weltbrand legte, gibt immerhin die Tatsache zu, daß »zu allen Zeiten viele Millionen, ja, bis zu Hunderten von Millionen Menschen ... selbst einem Kinde unterworfen« waren. Er erklärt sich diese sonderbare Erscheinung aber nicht aus einem Irrwahn, der nur auf dem Niveau der Menschheit Platz greifen kann, das er ihr zuerkennt und dem er nicht die Hebung, sondern die Befestigung durch Monarchien wünscht, sondern aus einem »monarchischen Instinkt«, der im Menschen liege und durch den offenbar die Natur, die ihn auf die Habsburger und die Hohenzollern hingewiesen hat, ohne ihm zugleich die Waffen zu geben, sich gegen diese Feinde zu schützen, Gottes Gnaden entgegenkommen wollte. Das monarchische Prinzip kommt nach Schopenhauer überall in der Schöpfung zum Durchbruch. Selbst das Planetensystem sei monarchisch, und der tierische Organismus sei es auch, indem nicht Herz, Lunge und Magen, sondern »das Gehirn allein der Lenker und Regierer« ist. Womit freilich eher bewiesen wäre, daß der tierische Organismus anders regiert wird als die Monarchie. Erst dadurch, daß sich der Mensch die Monarchie gefallen läßt, ja sie zurückwünscht, wenn er sie einmal verloren hat, und somit klar wird, daß das Gehirn doch nicht der Lenker und Regierer des tierischen Organismus sein kann, würde dessen Vergleich mit dem monarchischen System wieder einleuchtend. Wenn wir aber selbst annehmen wollen, daß wirklich das Gehirn den tierischen Organismus regiert und auch im Planetensystem sichtlich eine starke Hand die Führerschaft ausübt, warum sollte man da, falls man nicht geradezu durch einen monarchischen Instinkt drauf angewiesen ist, die Monarchie für naturgemäß zu halten, die Natur für eine Monarchie halten müssen? Vollends anfechtbar wird Schopenhauers Auffassung, wenn sie dem Menschen die monarchische Regierungsform als die ihm natürliche aus dem Grunde nahelegt, weil sie auch »die Bienen und Ameisen, die reisenden Kraniche, die wandernden Elephanten, die zu Raubzügen vereinigten Wölfe haben und andere Tiere mehr, welche alle Einen an die Spitze ihrer Unternehmung stellen«. Am plausibelsten dürfte noch der Hinweis auf die zu Raubzügen vereinigten Wölfe sein. Aber sollte nicht lediglich die monarchische Ideologie die Vorstellung verwehren, daß die wandernden Elephanten einen Präsidenten haben? Und ist dafür die Vorstellung erträglich, daß sie an der Einrichtung der erblichen Monarchie festhalten, selbst wenn sie genötigt wären, einem Elephantenbaby unterworfen zu sein oder bis zu dessen Mannbarkeit einen Horthy anzuerkennen? Daß der Löwe der König der Tiere ist, dürfte als Redensart so auf der Hand liegen, daß der monarchische Gedanke sich schwerlich darauf verlassen könnte. Aber wenn sich der Philosoph nicht scheut, die einzelne Tiergattung vor solche Entscheidungen zu stellen, schien ihm da nicht auch die Möglichkeit greifbar, daß die Metapher einer Königin der Bienen bloß aus einer Zeit bezogen wäre, die eben keine Präsidentin gekannt hat? Wenn es in der Naturgeschichte heißt, die Königin der Bienen sei »das einzige vollkommene Weibchen im Volke«, sollte das bloß ein vom Byzantinismus der Bienen bezogenes Kompliment sein oder nicht vielmehr die Feststellung, daß sie eben das vollkommenste Weibchen, nämlich »die längste unter ihnen«, zu ihrer Königin erheben? Daß sie eben nicht die Erblichkeit, sondern ausschließlich die Fähigkeit zur Bedingung der Thronfolge machen? Das erhellt doch schon aus der Methode, wie sie den sogenannten »Königinwechsel« vornehmen. Denn in ihrer Verfassung ist geradezu die Revolution vorgesehen und es heißt dort: »Geht nach drei, bisweilen erst nach fünf Jahren die Fruchtbarkeit einer Königin zu Ende, so erbrütet das Volk rechtzeitig eine junge und beseitigt die alte«. Nur ein einziges Moment könnte allenfalls der Auffassung zuhilfe kommen, daß der Bienenstaat ein durch und durch monarchischer sei, nämlich die bekannte Tatsache, daß die Königin der Bienen von Drohnen umschwärmt wird. Ein Übelstand, der aber durch den wahren Bienenfleiß, den das Volk entfaltet, wieder reichlich wettgemacht wird, ja es soll dort vorkommen, daß die Drohnen von den Arbeitsbienen unbarmherzig zum Flugloch hinausgetrieben oder gar vertilgt werden. Wer vollends erfahren will, was Demokratie ist, braucht nur zur Ameise zu gehn, und wenn nun auch diese Nation Einen an die Spitze ihrer Unternehmung stellt, so läßt sie sich dabei nur so weit von Gottes Gnaden beraten, daß sie sich eben das wohlgeschaffenste Exemplar für den Posten aussucht. Nun, es ist doch wohl einem echten Geist angemessener, in Realitäten zu denken als in Ornamenten, und da dürfte es sich herausstellen, daß die Tiere, die nicht ahnen, daß wir ihnen die Embleme unserer Staatskunst verliehen haben, und die wahrlich unbelastet vom menschheitlichen Irrsinn dahinleben, den Besten, Stärksten und Größten zu ihrem Führer ausersehen und nicht jenen unter ihnen, dessen Vorzug, einer bestimmten Familie anzugehören, seine Erbärmlichkeit wettmachen soll. Gewiß werden die Kamele das größte Kamel an die Spitze ihrer Unternehmung stellen. Aber damit haben sie doch noch lange nichts für die monarchische Staatsform bewiesen. Nachruf »Vater, es wird nicht gut ablaufen, Bleiben wir von dem Soldatenhaufen.« Schiller ... Nicht dies, sondern, daß die Kerle uns nicht totschießen, ist das Merkwürdigste. Friedrich der Große bei einem Parademanöver Man sollte glauben, dieses alles, mit Kunst, Wissenschaft, Tapferkeit und Ehrenpunkt, Leben und Habe, könnte einmal durch ein unberechenbares Versehen in die Luft fliegen. Zu solchen Ereignissen in großartigstem Stile dürfte, nachdem unser Friedenswohlstand dort verpufft wäre, nur noch die langsam, aber mit blinder Unfehlbarkeit vorbereitete allgemeine Hungersnot ausbrechen ... Während jeder Zeitungsschreiber in der Regel nichts andres repräsentiert als das verkommene Literatentum oder verunglückte reine Geschäftswesen, bilden viele, oder gar alle Zeitungsschreiber zusammen, die ehrfurchtgebietende Macht der » Presse «... Wie der Patriotismus den Bürger für die Interessen des Staates hellsehend macht, läßt er ihn noch in Blindheit für das Interesse der Menschheit überhaupt, ja, seine wirksamste Kraft übt er darin aus, daß er diese Blindheit, die im gemeinen Lebensverkehre von Mensch zu Mensch oft schon sich bricht, auf das eifrigste verstärkt. Richard Wagner Ich möchte was drum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden. Es soll in einem gewissen Lande Sitte sein, daß bei einem Kriege der Regent sowohl als seine Räte über einer Pulvertonne schlafen müssen, solange der Krieg dauert, und zwar in besondern Zimmern des Schlosses, wo jedermann frei hinsehen kann, um zu beurteilen, ob das Nachtlicht jedesmal brennt. Die Tonne ist nicht allein mit dem Siegel der Volksdeputierten versiegelt, sondern auch mit Riemen an den Fußboden befestigt, die wieder gehörig versiegelt sind. Alle Abend und alle Morgen werden die Siegel untersucht. Man sagt, daß seit geraumer Zeit die Kriege in jener Gegend ganz aufgehört hätten. Es macht den Deutschen nicht viel Ehre, daß anführen so viel heißt, als einen betrügen. Sollte das nicht ein Hebraismus sein? Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll. Lichtenberg Orakel »Sag an, wer wird in diesen Kriegen unterliegen?« »Der tapfere Mann.« »Der kann nur siegen!« »Wohlan! Weil er nur siegen kann.« Worte in Versen »O meine Bürger, welch ein Fall war das!« Shakespeare Durch die Nacht der Nächte, in der wir, hungernd und frierend, vom Schicksal als Deutsch-Österreicher gezeichnet, gebeugt von dem Fluch, Wiener zu sein, also nicht staub-, nur kotgeborne Wesen, uns forttappen müssen zum Frieden und an den Tag hin, wo die Notwendigkeit des Lebens nicht mehr Denkproblem und Daseinsinhalt sein werden – leuchtet ein trost- und hoffnungspendender Stern: nicht mehr Österreicher zu sein! Die Glückesfülle dieses Bewußtseins, die den Jammer mit Freudentränen überwältigt, von gestern auf heute errafft, in der überraschenden Antwort auf ein »Wie geht's?« zwischen Bekannten, die sich neulich noch als Österreicher begegnen mußten, dies Erlebnis, seltener als eine Jahrtausendwende, kann durch nichts getrübt werden als durch den Namen des neugebornen Staates, der der Welt nach dem ganzen zentralmächtlichen Odium klingen wird, durch die mitgeschleppte Erinnerung an die Hölle der Jahrhunderte, durch solche Zeremonie pietätvoller Selbstbefleckung, womit er sich dem Verdacht preisgibt, nur eine Neubildung jenes welthistorischen Krebses zu sein, an dessen Überwindung der Erdkreis den Todeskampf dieser vier Jahre gewendet hat. Das Hochgefühl, zwar nichts auf der Welt zu sein, mit Sünden und Schulden vor ihr zu stehen, weniger als nichts, aber doch nicht mehr Österreicher zu sein, wird ferner beeinträchtigt durch die Enttäuschung aller, die dem befreiten Menschentum gern ein Fest gegönnt hätten: daß dieser aufgelöste Verein jovialer Scharfrichter, diese Gevatterschaft weltbetrügerischer Kräfte, deren Einheit in der Schändung des Heimatgefühls sämtlicher Nationen gewährleistet war, dieser bürokratische Alpdruck landschaftlicher Schönheit, diese k. k. und zum Überdruß noch k. u. k. Verunreinigung der Anlagen, die von Gott dem Schutze des Publikums empfohlen und vom Teufel als Privatbesitz einer allerhöchst bedenklichen Familie zugeschanzt waren, daß also dieser elende Staat, den man doch am treffendsten mit dem Schimpfwort Österreich bezeichnet, seine Auflösung nicht mehr erlebt hat! Er ist, eingedenk der Lorbeerreiser, die das Heer so oft sich wand, an der Glorie gestorben, ehe er in die Lage versetzt war, seine Niederlage in vollen Zügen, in jenen, von welchen noch die heimkehrenden Soldaten fallen, zu erleben, und die Verantwortung für diese letzte, größte Schurkerei eines Zwangs zum Tod für ein Vaterland, das nicht mehr existierte, hatte er füglich nicht mehr zu tragen. Wie dieses unwahrscheinliche Vaterland, nach dem Geständnis des unwahrscheinlichen Czernin, seine Märtyrer in einen Krieg schickte, von dem es wußte, daß er verloren sei, so zwang es sie noch zu sterben, nachdem er beendet und mit ihm das Vaterland selbst verloren war. So wäre der Perversität eines Verbrechens, welches bis zum Schlußpunkt das realste Leben dem nichtigsten Schein geopfert hat, eine Sühne phantastischer Art angepaßt gewesen. Wohl läßt sich über die Selbstausrottung eines sündigen Staates und über die Auflösung in seine Lumpenmoleküle hinaus ein welthistorischer Strafprozeß nicht führen und die Erhaltung eines Reiches zwecks persönlicher Teilnahme an seiner Vernichtung nicht denken. Dennoch ist es in diesem speziellen Fall, wo es sich um ein an Ausnahmszustände gewöhntes Staatswesen handelt, dessen Kriegsjustiz so häufig unschuldigen Greisen die Todesstrafe durch die Nötigung, das eigene Grab zu schaufeln, sohin durch die befohlene Zeugenschaft bei der eigenen Hinrichtung verschärft hat – es ist also ein schmerzlich empfundener Mangel des Verfahrens, daß eine Exekution nicht möglich war, der dieser greise Gewohnheitsverbrecher der Weltgeschichte zugleich mit sehenden Augen beiwohnen konnte, so daß er, wenn auch nur einen Tag lang vor dem sichern Ende, noch einmal die umfassende Schmach seiner Existenz, die volle Beschämung ihres Ausgangs, das ganze Maß seiner Züchtigung gekostet hätte. Für die Satansidee eines Staates, dessen Dasein allen Anforderungen physischer und sittlicher Reinheit widersprach, der, weit über die Zumutung europäischer Rücksicht für einen kranken Mann im Osten, das Ärgernis eines unbegrabenen Leichnams im Hause bot, nein, durch sieben Dezennien der Welt das Schauspiel eines als Thron kaschierten Leibstuhls gewährte, worauf sich die legendäre Dauerhaftigkeit eines nicht mehr Vorhandenen breitmachte; für das frevle Unterfangen einer Autorität, die in unablässigem Regierungswechsel nur die Beständigkeit der europäischen Mißachtung gesichert hat und von der einen Reisepaß zu besitzen eine durch Schamröte vor dem Ausland teuer erkaufte Wohltat war; also für diesen Schlager einer Blutoperette: daß ein solcher von der Großmut zivilisierter Anrainer geduldeter Übelstand der gesamten Umwelt Krieg angesagt hat, weil sein Prestige nicht vierundzwanzig Stunden länger den Zustand, daß sie sich die Nase zuhielt, ertragen konnte, und daß ein Dreckhaufe ein Ultimatum an den Mistbauer gestellt hat, um seiner Wegräumung um ein paar Jahre zuvorzukommen – für diesen tragikomischesten aller Präventivkriege war das Kaputtwerden eine zu geringe Sühne! Man denke nur, wenn man sich in der Enttäuschung an einem Sieger nicht genugtun kann, der nach Millionen unsühnbarer Morde den vollen Ersatz für den durch einen räuberischen Mißwachs bewirkten materiellen Schaden begehrt – man denke nur einmal, was da durch die Eingebung herz- und phantasieverlassener Staatsbankrotteure über die atmende Welt verhängt worden ist. Ein Staat, der in seinen vielen Kirchen Gelegenheit hatte, jeden Tag auf den Knieen Gott zu danken, daß er noch auf der Welt sei, und ihrer Aufmerksamkeit seine innere Schande keineswegs aufdrängen durfte; ein Staat, dessen Regierungsmaxime »Mir san ja eh die reinen Lamperln« wirksam nur durch den Vorsatz »Schön stad sein!« zu stützen war; dieser Schalanter einer Völkerfamilie; dieser alte Staatsfallot, dem zwar nie etwas erspart blieb, der aber doch stets mehr Kaiserwetter als Verstand gehabt hat; ein Hundsgemeinwesen, dessen Anspruch, die Wellt mit seiner nationalen Mordshetz zu belästigen, ausgerechnet in der Gottgewolltheit des Pallawatsch unter Habsburgs Szepter begründet war, unter einem Szepter, dessen Mission es schien, als Damoklesschwert über dem Weltfrieden zu hängen; ein budgetprovisorisches Gebilde, dessen ewiges Völkerproblem nur durch die innere Amtssprache des Rotwelsch tunlichst zu lösen war und dessen Verständigung durch ein Kauderwelsch versucht werden mußte, wie es die hohnlachende Epoche noch nicht gehört hatte; dessen ethnisches Kunterbunt die Einheit einer undefinierbaren Kultur ergab, die dem europäischen Geschmack als die Spezialität einer gräulichen Melange mit Doppelschlag aufgenötigt und im Abort der Welt zur Anlockung der Fremden ausgelegt war; dieser Wiener Gemeindeschlauchtrommelwagenspritzenbegleiter, wenn's eh geregnet hat, und Staubaufwirbler, wenn's trocken ist; dieses hochlöbliche Chaos und wienerische Telephongespräch zwischen den Nationen; dieser gestutzte Doppeladler als Wahrzeichen von einer Mode, wenn halt die Völker Sekzession machen, weil man halt sonst nix machen kann; ein Unwesen, in allem Geistigen und Körperlichen windschief und deformiert, auf den Glanz hergerichtet und rettungslos verhatscht, dessen rebellische Lebensform, aus Manieren, Plakaten und Walzern brüllend, wie der Protest gefangener Rassen war, die so ihre Werte reklamierten, ihre Unwerte zu einem Monstrum aller Dialekte veruneinigt fühlten; dieses Unikum von viribus unitis aus siebzig Jahren, da ein Dämon der Mittelmäßigkeit wie eine Trud auf den Herzen der Völker lag, ihnen allen dafür das goldene Wienerherz einschupfend, da der in der Geschichte der Schöpfung beispiellose Fall sich begab, daß eine Nichtpersönlichkeit ihren Stempel allen Dingen und Formen lieh, so daß wir in allem was uns den Weg verstellte, in allen Miseren, Verkehrshindernissen, im Querschnitt jedes Pechs diesen Kaiserbart agnoszierten; diese angestammte Schlamperei, die das Justament zum fundamentum regnorum erkoren hatte; dieses graue Verhängnis, das sich durch die Zeiten frettet wie ein chronischer Katarrh und unsere Entwicklung glücklich von Schwind bis Schönpflug, von Lanner bis Lehar geleitet: dieses ganze blutgemütliche Etwas, dem nichts erspart blieb und das eben darum der Welt nichts ersparen wollte, justament, sollen s' sich giften beschließt eines Tages den Tod der Welt. Mit einem Satz, der wahrhaftig die volle Bürde der Altersweisheit trägt und die ganze Würde des Schwergeprüften – kürzer als jeder Satz, der zur Brandmarkung des Ungeheuers dient –, mit einem Satz, dessen angemaßte Tiefe nur darum echt war, weil der Verfasser ein anderer war, ein Stilkünstler aus dem Ministerium, der glaubte und darum erlebte (der an die Fackel und dennoch an Österreich glaubte), mit einem Satz, dessen ausgesparte Fülle den Schwall aller Kriegslyrik aufwog: mit einem »Ich habe alles reiflich erwogen«, springt die Vergangenheit, die sich nicht zu helfen weiß, der Welt an die Gurgel. Und doch war nie etwas weniger reiflich erwogen, und Shakespeares altersberatener Monarch, der aus Hitze und nicht aus Kälte ins Verderben raste, ist daneben ein Gipfel staatsmännischer Erkenntnis. Ein Serbien, das keineswegs schuldig einer Tat war, auf der sich eben dieses greise Österreich bei kaum gehemmten Jubelgefühlen frisch ertappen ließ – eine ganze Welt, deren Kondolenz von einem Jahrmarktsfest, welches »Begräbnis dritter Klasse« hieß, ausgesperrt wurde: sie fanden sich plötzlich im Besitz eines Ultimatums, mit dem ein passionierter Selbstmörder seine Vernichtung angedroht hat, wenn ein anderer nicht binnen vierundzwanzig Stunden in die seinige zu willigen bereit war. Wohl, dieses Ultimatum Österreichs an sich selbst, binnen fünf Jahren vom Erdboden zu verschwinden, wenn Serbien nicht sofort bereit sei, seine Staatlichkeit auslöschen zu lassen, diese hirnverbrannte Zumutung, den Mangel an österreichischen Gendarmen in Sarajevo durch einen Überfluß an österreichischen Gendarmen in Belgrad wettmachen zu lassen, der tragische Scherz, der in jenem Blutrotbuch von der Unschuld, die die Forderung gestellt hat, zur jüdischen Anekdote gewendet wird: »Und wegen so einer Lappalie haben sie sich hergestellt und da ist der Weltkrieg ausgebrochen« – wohl, dieser gröbste Unfug der Geschichte wäre nicht möglich gewesen, wenn die Weltanschauung des »Wer' mr scho machen« nicht auf die Nibelungentreue des »Machen wir« hätte pochen dürfen. Es versteht sich von selbst, daß die Kapuzinergruft bei aller Begehrlichkeit allein nicht zu dem Gelüste fähig gewesen wäre, die ganze lebendige Welt zu verschlucken, wenn sie nicht ihren Rückhalt in der einzigartigen Verbindung mit jenem Warenhaus gehabt hätte, das die Zeit gekommen sah, der schon auf die rascheste Verbindung Berlin-Bagdad wartenden Kundschaft seine Pofelware anzuhängen. Die Ursache des Weltkriegs hat so viel Flächen wie er Fronten hatte: ob man aber von der österreichischen Hausmacht oder vom made in Germany her, von dieser oder jener Mache ausgeht, von Prestige oder Export, serbischen Schweinen oder Hohenzollern, hohen Zöllen oder gezogenen Schwertern, Habsburg oder Fertigware, Scheißgasse oder Platz an der Sonne – man wird unfehlbar zu dem Punkte gelangen, wo in Wahrheit die Kräfte aufgespeichert waren, welche die Explosion bewirken mußten, und eben das, was uns durch vier Lügenjahre zum Treffpunkt von russischer Eroberungsgier, französischer Revanchelust und britischem Neid gedreht wurde, offenbart sich als ein viel tieferer Mischmasch, als jene Furcht und Mitleid erweckende Tragödie, in der sich ein Geist, der nach dem Mittelalter, und ein Gefühl, das nach den Lebensmitteln orientiert ist, zu dem Gesamtkunstwerk einer mitteleuropäischen Lebensform manifestiert haben: ebenso anziehend in den Gestalten dieser kriegsgewinnerischen Erzherzoge wie in der Vision jenes schwertzückenden und seine Porzellanmanufaktur rekommandierenden Kaisers, der im Königlichen Schauspielhaus lernt, wie man in den Krieg zieht, bei Kempinski auftritt, um einen Kachelraum zu eröffnen, Bierhäuser im Geschmack der Walhalla träumt, Odin und Siegfried sich bei »Rheingold« soupierend vorstellt und eines Tags auf die Idee verfällt, seine Mannen auszusenden, um seinen Commis voyageurs den Weg in die Welt zu bahnen. Aus dem Chaos der Gleichzeitigkeit, aus dem Anachronismus eines Schiebertums in schimmernder Wehr, das dann wieder zur Bereinigung solchen Wirrsals giftige Gase ausströmt, ist der Weltkrieg entstanden, dessen Beginn nichts war als der letzte verzweifelte Ausbruch von Todeskandidaten und dessen Verlauf nichts anderes als die Exekutive des unumgänglichen Endes. Mochten wir, pochend auf jene »Organisation«, die als die feinste Blüte einer auf Krieg eingerichteten Geistesverfassung die völlig entleerte Seele Deutschlands seit Sedan vor der Welt beglaubigt hat, mochte, so angefeuert, unsere Käserinde von einem Staat ihr Milbenmaterial mobilisieren; mochten wir in einer der hiesigen Gemütslage ungemäßen, in ähnlicher Ekelhaftigkeit vom Ohr der Neuzeit noch nicht gehörten Tonart zwischen Berserkerwut und Börseanerlust von Sieg zu Sieg taumeln – das Ende, bis zu dem wir durchhielten, war unentrinnbar, und statt des Mutes, es durch Niederlagen zu beschleunigen, hatten wir die Dummheit, es durch Siege aufzuhalten. Das Ende davon ist ein solches Ende, daß wir nicht nur bis zum Ende, sondern noch darüber hinaus durchhalten müssen. Die Schieber hatten es uns so lange als möglich hinausgeschoben, und die Führer hatten den Kopf, den man ohnedies nicht bemerkt hätte, in den Sand gesteckt, in der Hoffnung, ihn so eher behalten zu dürfen. Aber deren Herz für die gefolterte Menschheit schlug und deren Patriotismus nicht die Hyänenhoffnung war, daß durch den Martertod von noch hunderttausend Mitbürgern sich vielleicht doch einmal die Kriegsanleihe rentieren werde – die bangten vor jedem Sieg der Zentralmächte; erbebten und erbleichten, wenn jene verhungerte Proletenstimme die trostlosen Triumphe »beida Berichtee« ausrief; grämten sich durch vier Kriegsjahre, daß Österreich nicht im Herbst 1914 die Konsequenz seiner natürlichen Untreue gezogen hatte, wenn es schon nicht der eben unzulänglich mobilisierten russischen Armee damals gelungen war, uns weiter entgegenzukommen, um uns und der Menschheit unendliches Weh zu ersparen; erschraken bei dem umgekehrten, dem verkehrten Gelingen von Gorlice und bei all dem kriegsverlängernden Zeitvertreib einer zum Niederbruch verurteilten und dennoch die Welt fortschröpfenden Glorie; frohlockten über das erste Heil an der Marne, das, was immer folgen mochte, die Entscheidung zugunsten einer schnöde überfallenen Zivilisation gesetzt hatte, eine Entscheidung, deren Gültigkeit durch diese fluchwürdigen Scheinsiege mit ihrer blutigen Realität und ihrer historischen Nichtigkeit aufgehalten, aber nicht aufgehoben werden konnte. Ich weiß nicht, ob es viele in Österreich und Deutschland gegeben hat, die so empfunden haben. Ich habe so empfunden, nie solche Empfindung verhehlt und soweit es ging, ihr öffentlich, schriftlich und mündlich, Ausdruck gegeben. Daß ich am Leben bin, ist nicht der Ruhm protegierender Henker, sondern das Verdienst des Schicksals, das jene entfesselte Mechanik des Zufalls, die uns vier Jahre durch diesen Höllenspuk gejagt hat, einmal gewendet haben muß. Ich habe so empfunden, und weit entfernt, die Vaterlandsliebe als eine pathetische Gewinstchance aufzufassen, weit entfernt von dem schuftigen Drang, den Kronenkurs, diesen und jenen, durch Heldentode befestigt zu wissen, mein Gut durch das Blut der andern, durch das weitere Leiden auch nur eines einzigen Soldaten, durch die Beschmutzung auch nur eines einzigen Landsmanns, durch die Vergeudung von Glück und Zeit des Nebenmenschen vermehrt oder vor Entwertung bewahrt zu sehen, hätte ich im Gegenteil alles geopfert, Gold für Eisen gegeben, durchgehalten, Wehrmänner benagelt, schwarzgelbe Kreuzeln gekauft, Kriegsanleihe gezeichnet und jedes nur denkbare Scherflein zur Endniederlage beigetragen, wenn ich auf diese Art auch nur einer einzigen Mutter ihren Sohn hätte erhalten können, einem einzigen Mädchen ihren Geliebten, einem einzigen Freund den Freund, und doch war alles, was ich dafür tun konnte, daß ich inbrünstige Gebete während der Schlacht für die schleunige Waffenstreckung dieses absurden Vaterlands verrichtet habe, damit das sichere, durch keinen Sieg abzuwendende Ende nicht durch den Blutverlust jeder fernern, schrecklich vorgestellten Stunde aufgehalten, erschwert, verschärft werde, damit unser Grab nicht durch weitere Luftbomben und, wenn's denn ein Geschäft sein soll, durch täglich, endlos, versenkte Bruttoregistertonnen belastet sei. Und damit der Tag näherkomme, wo diesen nichtswürdigen Generalen, Monturdepoträubern, uniformierten Schleichhändlern und befehlenden Hurentreibern endlich die Rechnung präsentiert und der vaterländische Vorwand in seiner wahren Beschaffenheit gezeigt wird, unter dem sie die besseren Menschen zum Sterben und gar zum Töten zwangen. Aber ganz abgesehen davon, daß sich mein werktätiger Patriotismus in der Sorge um die wehrlosen Soldaten betätigt hat, die für Gott-erhalte zugrunde gehen mußten, für das Lebensgeschäft von Blutspekulanten in Tod und Jammer gepeitscht wurden, für die Champagnergelage in Hauptquartieren verhungert, für die Hochzeitsausstattung von Generalstöchtern erfroren sind; ganz abgesehen von meinem durchhaltenden Staunen über die menschenmögliche Erniedrigung durch die schäbige Regiegewalt eines Kommandos und über die Tragfähigkeit einer Komparserie des Todes, die nicht schon am ersten Tag dieses ganze Schinderensemble von Stabskretins, Auditoren, Handeljuden, Regimentsärzten und allerlei Hoflieferanten von Menschenfleisch auseinandergejagt hat; ganz abgesehen davon, daß die Menschlichkeit mit dem Gedenken aller befaßt sein mußte, die an allen Fronten Europas und Asiens im Joch der Schande oder im Joch der Pflicht, sie zu bekämpfen, so Unsägliches erleiden mußten – war es mein nie verhehlter Herzenswunsch, den Krieg bald zugunsten der Feinde beendet zu sehen. Denn nicht allein die Abneigung vor der Möglichkeit, daß die ungerechte Sache über die gerechte triumphiere, daß die Verbrecher an Serbien, die Einbrecher in Belgien am Ende statt der Strafe jene Palme davontragen, die ein delirantes Herrenhausmitglied schon in der Luft baumeln gesehn hat – nein, ein tiefes Grauen vor den kulturellen Möglichkeiten, die ein Sieg der Zentralmächte, die Erhaltung der Zentralmächte eröffnen mußte: das war der Gemütszustand, in dem ich diese besoffenen Offensivzeiten, vor körperlicher Gefahr bewahrt, der geistigen preisgegeben, durchgehalten habe, ohnmächtig verzweifelnd an einer Staatlichkeit, die anstatt feierlich und rechtzeitig Selbstmord zu begehen, Glorie nimmt von der Tat eines Chemikers, durch die drei italienische Brigaden lautlos hinsinken, worauf die Durchbrecher in geraubten Weinfässern ertrinken, während Seidenwarenhändler im Nachtrab erscheinen und Filmtrupps die Schande für die nachrückenden Generationen aufheben, wonach ein christkatholischer Kaiser mit einem Erzherzog, dem man vergeben muß, weil er nicht weiß, was er nicht tut, Marschallsstäbe wechselt! Ein Entsetzen davor, daß ein Sieg solcher Geistesart zur Unterlage des Fühlens einer kommenden Welt werden könnte, der man mit »Saschafilms«, auf Schandblättern und mit jenen Dokumenten eines schmählichen Ruhmes aufwarten wollte, die in eigenen Anstalten von den vor dem Verrecken bewahrten Uniformträgern präpariert wurden; eine Furcht davor, daß die Erkenntnisse des Kriegsarchivs und die Wahrheiten des Kriegspressequartiers zur Quelle einstigen Bildungsdurstes werden könnten, daß ein eiserner Hindenburg noch nach fünfzig gemästeten Friedensjahren von solchen benagelt werde, die unter Umständen auch wieder mit Flammenwerfern zu hantieren verstehn, daß Conrad v. Hötzendorf ein Fibelheiliger, Manfred Weiß ein dramatisches Vorbild sei, auf der Ringstraße eine Viktoria erstehe, gegen deren Halbkugeln einer schlechtern Welt die Brüste unsrer Pallas Athene Gspaßlaberln sind; die Todesangst vor einer Elephantiasis jener hypertrophischen Mißkultur, die uns schon vor 1914 durch ihren Drang nach Quantität, durch ihren grundlosen Lärm, durch die bunte Qual ihrer Operetten und Plakate das Leben zum Krieg gemacht hatte; ein Schüttelfrost vor der Verdickung jener Couleur, die zuerst Berlin, dann Deutschland durch Berlin, dann Wien und schließlich Österreich durch Wien geschändet hat, vor der Ausgestaltung des Typus: Koofmich mit Hellebarde; der Abscheu vor den Explosionen von Siegern, die die denkbar schlechteste kulturelle Verdauung haben und nichts geistig schwerer vertragen als den Gewinn materieller Güter – ließ mich das Undenkbare befürchten. Aber auch das Mögliche hoffen: daß die durch Zucht wie Unzucht des Großstadtwahns verdorbene Menschenwürdigkeit von Menschen, die in Thüringen oder in den Alpen wohnen, daß ein an der Welt erkranktes deutsches Wesen, welches im Fortschritt sich selbst verlor, durch Abtreibung der Exportideale, durch politische Demütigung, durch Verarmung zu jener Tiefe zurückfinden werde, von welcher zur »Es ist erreicht«-Höhe des neudeutschen Typus etwa der Weg von Claudius zu jenen lyrischen Gestaltungen des Wolffbüros war, in denen ein selbstgenügsames Gemüt sich nach getaner Versenkung oder ausgiebiger Belegung seiner Bravheit versichert. Welcher wahrhaft Gerechte empfände nach solch täglicher Scheinheiligsprechung, die Paris und London in Festungen verwandeln mußte, um die dortigen Säuglinge bei Nacht zu ermorden, nicht das innerste Bedürfnis, den Frevel der Lüge und der Tat in Armut zu büßen? Welcher wahrhaft deutsche Mann – und stünde er, wenn's ihn nicht mehr gibt, aus der Weimarer Fürstengruft auf – müßte nicht, und litte er darob Hunger und Kälte, vom Sieg der andern befriedigt sein? Und wer, der die Erde des Wienerwalds liebt, würde nicht, und sehnte er sich durch den finstersten Winter nach einem Frühlingstag in Hainbach, alle Lerchen beim Untergang Österreichs jubeln hören? Wäre all der Jammer, den wir nun durchhalten müssen, weil wir so verblendet waren, schon vier Jahre vorher durchzuhalten, nicht so winzig im Vergleich zu den unvorstellbaren Leiden der Millionen Märtyrer in den Schützengräben, der Zehntausende, die kein Licht haben, weil sie erblinden mußten, und die kein Feuer mehr haben, weil sie erfroren sind, so geringfügig auch im Vergleich zu den nie vorgestellten Leiden der Bevölkerung des von uns gemarterten Serbien und des von unseren Bundesbrüdern gefolterten Belgien; wäre das Los, ein paar Wochen in einer kalten und finsteren Wohnung zu sitzen, nicht so gleichgültig im Vergleich zu den sibirischen Wintern unserer Verwandten und Freunde, zu der jahrelangen Haushaltung in Kellern, die unsere Feinde dem Besuch deutscher Bomben vorzogen; wäre es selbst keine Phrase, den Siegern den Plan der »Brandschatzung« durch einen Gewaltfrieden vorzuwerfen, da sie ja doch nur die zivilrechtliche Sühne für eine reale Brandstiftung bedeutet; wäre es selbst nicht Christenpflicht, getrost allen Mangel an Feuer, Licht und Gas hinzunehmen für die Wirtschaft von vier Jahren, wo wir wahrlich zu viel hatten an Gas, Feuer und Flammen – selbst wenn das Nachspiel unverdient hart jene Unschuldigen träfe, die doch schuldig sind der Duldung der härtern Ungebühr, der größeren Schmach durch die vaterländischen Gewalten: selbst dann, und wenn die tyrannischen Allüren des Siegers nicht offensichtlich nur das deutsche Vorbild treffen, uns wie der Alpenkönig dem Rappelkopf die Fratze des Menschheitshasses im Spiegel zeigen wollten, selbst dann müßte der Sucher ursprünglicher Werte, der Freund der deutschen Sprache, der den verlorenen Menschenlaut in diesem Gebrause von Donnerhall und Betrieb bejaht, bekennen: So soll es sein, damit zwar die Welt nicht am deutschen Wesen, aber dieses endlich selbst genese! Und damit sein Genius der Welt wieder mehr zu bieten habe als ein Gift, das ihre Gasmasken illusorisch macht! Die Kunst sich zu freuen, die ein Schmock der Nibelungentreue zum Durchhalten in großer Zeit empfohlen hatte, jetzt ist sie brauchbar, wo die große Zeit beginnen könnte, jetzt wo Not auch den Wucherer beten lehrt, und den Pfaffen dazu, der keinen Anlaß mehr hat, für das Walten von Minen und Mörsern den Segen des Himmels herabzuflehen. So elend können wir durch die Niederlage gar nicht werden, daß wir nicht reich entschädigt würden durch die Niederlage! Der Gewinn dieses Umschwungs ist so über alle Vorstellung ungeheuer, daß er mit den kleinen Maßen des Bewußtseins gar nicht zu bestätigen ist und eben darum vor dem Gefühl der unmittelbaren Verluste verschwindet. Welches äußern und innern Zuwachses sind wir nicht versichert durch den Zusammenbruch jener Vampirgewalt, die das Denken und Handeln der Generationen von Kindheit an besessen und den Müttern bei der Geburt des Sohns zum Schmerz die Furcht gefügt hatte! Die Todesangst durch ein Leben im Staatsgehorsam, die Bedingtheit in allem und jedem durch eine Macht, die uns eher als Gott über die Schwelle des Unerforschlichen weisen konnte, sichtbar und riechbar in den Spukgestalten eines Musterungslokals, in diesem Fiebertraum von Brutalität, Schmutz und Zufall, die viehische Möglichkeit einer Fleischbeschau an Menschen, die Musik im Sinn haben, für einen ihnen fremden und verhaßten Zweck – ein Menschheitsfaktum, das allein schon hinreichte, die Geschöpfe aller andern Sterne zur kosmischen Ächtung dieser Sklavenerde zu bestimmen –, die Infamie an Gott und Menschheit, die so ein Fahneneid bedeutet, die Pflicht: Ehre, Ansehen und Alter von einem Feldwebel besudeln zu lassen, und die noch grausigere Schmach, daß solche Exekutive des vaterländischen Willens durch die Darbietung eines Guldens paralysiert werden kann, die Bestimmung des Menschen, »abgerichtet« zu werden für irgendeinen dunkeln, seinem Einfluß völlig entrückten Plan, wenn nämlich Staatskretins, die er doch bezahlt, Krieg beschließen sollten, und nicht nur sterben zu müssen für solchen Unfug, nein mehr, habt acht stehn, rechts schaun zu müssen, so und so schreiten zu müssen, salutieren zu müssen, wenn ein durch und durch grußunwürdiger Bube vorbeigeht – nein, wer nicht plötzlich wie ich gewahr wird, daß diese ganze irrsinnsgejagte Gesellschaft die Hand an die Stirn führt, um einander auf den Zustand aufmerksam zu machen, der hat nie wie ich gespürt, was für eine Zeit das war, und der spürt nicht, was ihr Ende bedeutet! Ich war gewiß nicht einer Gesinnung verdächtig, die in einer Friedenswelt den Wert autoritativer Turnübungen für die zuchtlose Mittelmäßigkeit grundsätzlich unterschätzt hätte, wiewohl ich den Staat nur dann als Zuchtmeister anerkannt habe, wenn die tiefe Kniebeuge nicht ihm gilt, sondern den Weg für die erwartete Persönlichkeit frei macht. Ich bekenne mich jedoch fanatisch jedes scheinbaren Widerspruchs schuldig, der aus dem sichtbaren Widerspruch gegen die Natur folgt, in den sich die Autorität am 1. August 1914 begeben hat. An diesem Tage habe ich, wenn man's so verstehen will, weil man die tiefere Konsequenz nicht begreift, umgelernt – doch wahrlich nicht für diesen Tag und niemals seit diesem Tage! In einer Welt, die ich von dunklen Gewalten an den Abgrund geführt sah, konnte, ehe sie hineinstürzte, der Wunsch, daß »der Säbel recht habe vor der Feder, die sich sträubt«, Geltung bewahren. Als aber der Säbel der Feder gehorchte, war er verruchter als sie selbst! Der Kopfsturz des konservativen Gedankens in ein Chaos, in dem er nur als der grausige Büttel einer ihm todfeindlichen Weltansicht walten konnte, ist mein beispielloses Erlebnis an dieser Zeit. Zur Rettung des innern Gutes, das sein Wächter nie gehütet und nun so schmählich verraten hat, bleibt nichts übrig, als die völlige Vernichtung aller autoritären Hülle, die längst nichts anderes war und in der Betriebszeit nichts anderes sein kann als der Unterschlupf aller Sünde wider den heiligen Geist. Die Gleichzeitigkeit von Thronen und Telephonen hat zu Gelbkreuzgranaten geführt, um die Throne zu erhalten. Sie müssen weg, um das technische Leben wieder dem Leben dienstbar zu machen. Die Alternative: Republik oder Monarchie wird nicht mehr vom politischen Geschmack, sondern vom unbeirrbaren Zeitwillen zugunsten jener entschieden und hat längst aufgehört, ein Problem zu sein. In Epochen, deren ungeistiger Drang auf die Unterstellung des Lebenszwecks unter das Lebensmittel gerichtet ist, zehrt die Monarchie innen und außen vom Leben, sie streckt alle Symbole einer übermateriellen Welt dem Geschäft vor und wir verarmen eben darum am Notwendigen, noch ehe Kriege als die ultima ratio des zeitverirrten Scheins es zu Rande bringen. Da durch die Monarchie, die den Geist irgendwo bejahen muß und also am falschen Punkte setzt, das Selbstverständliche zum Problem wird, so kann ihre Möglichkeit kein Problem mehr und muß ihre Unmöglichkeit selbstverständlich sein. Ihr Geist war zu Ornamenten abgezogen, die das Geschäft beleben sollten und Blut gekostet haben, mehr Blut, als er selbst in Zeiten wert war, da er einen Inhalt bedeutet hat. Was fange ich mit einem Monarchen an? Er ist mir nur, ich spür's in meinem Schreibzimmer, der höchste Vorgesetzte meines Kohlenmanns, aber er setzt mir ihn nicht in Gang. Präsident der Republik kann meinetwegen dieser selbst sein wer immer: 's wird eher Kohle geben. In der Republik, die den Staat als den Konsumverein bejaht, wo sich das Essen von selbst versteht und nicht jene Gnade bedeutet, für die man mit Ehrfurcht dankt, also mit einem Gegenwert, den man nur Gott und dem Geist schuldet, in der Republik sind die Menschen so schlecht und so dumm, wie sie sind, aber von keiner Schranke gehindert, den Zustand zu heben. Die monarchische Macht muß, um zu bestehen, die Menschen dümmer und schlechter machen, als sie sind. Sie zehrt den inneren Vorrat auf, um uns den äußern zu geben, nimmt den äußern, und anstatt daß wir durch die Bestellung des Lebens leichter zu uns selbst gelangten, finden wir zuletzt in uns nichts vor und nichts mehr außerhalb. Und daß, wo nichts ist, auch der Kaiser das Recht verloren hat, diese Erkenntnis ist schließlich der wahre Gewinn aus dem Zustand, und der heißt dann Republik. Vor allem Denken stand das hindernde Bewußtsein, daß es Kaiser gibt, aber die leere Seele und der leere Herd zeugten für das angestammte Übel. Mangel ist der Ehrfurcht hinderlich, die den Überfluß nicht zuließ. Wir müssen wieder Gott, wir dürfen nicht mehr dem Staat für die Dinge danken, zu deren Beschaffung er da ist und von uns bezahlt wird. Die Gotteslästerung der Idee, daß der Mensch für den Staat da sei, hat ein Ende mit Schrecken gefunden. Wehe dem Bäcker, der für unser tägliches Brot, das wohl Gottes Gnade, aber seine Pflicht ist, als Majestät verehrt sein will! An der Überschätzung dieser Dinge sind sie uns ausgegangen. Ein zu großer Teil der Menschheit hat sich als den Vorgesetzten des Rests aufgespielt und davon gelebt, sich zwischen uns und unsere Notdurft zu stellen, anstatt sie uns zu verrichten. Wenn wir in diesem Punkt klar zu sehen beginnen, werden wir uns nach den fleischlosen Töpfen der Monarchie nicht zurücksehnen und uns dadurch allein eine bessere Zukunft sichern, daß wir uns die meisten Beamten und alle Offiziere ersparen. Das, unheimliche Symbol des Zauberlehrlings, der den Besen zum Herrn über sich selbst gesetzt hat und einer Sintflut nicht mehr wehren kann, ist als Warnung vor einem Leben gestanden, welchem die Behelfe den Zweck verdorben haben; im Erlebnis büßt es die Sünde einer Zeit, aus der der alte Meister sich doch einmal wegbegeben hat. Dies gilt von dem Fluch, den der Zauberbesen der Technik über uns gebracht hat, es gilt aber auch für das System, das die animalischen Instrumente, die Mittler und Händler, in die Weihe einer Lebensverfügung eingesetzt hat. Herr, die Not ist groß! Die wir riefen, die Geister, müssen wir radikal und ein für allemal los werden, wenn anders die Katastrophe dieses Kriegs nicht auch die Zukunft uns ersäufen soll. Das Lehrgeld des Zauberlehrlings müssen wir bezahlen. Und das Wesen unseres besondern Chaos ist, daß wir er und der Stock zugleich waren und jeder von uns in beiden Gestalten, als Verwirrer und Verwirrter, das Unheil mehrten. Was die Beamten anlangt, die in diesem glücklich ersoffenen Haus Österreich den Anspruch erhoben, daß die Eigenschaft der Dummheit allein schon gottähnlich mache, und die sich als die unmittelbaren Stellvertreter jener Macht fühlten, durch welche die Welt tatsächlich erst da war, nachdem der Schöpfungsakt erledigt war, was diese perfekten Hüter einer naturwidrigen Ordnung betrifft, so wird es gewiß schwer genug fallen, sie – in die Ecke, Besen! Besen! Seid's gewesen – zu Dienern unserer Notdurft zurückzubilden. Den Offizieren, die der bunte Vorwand waren, um uns diese abzugewöhnen, bleibt nichts übrig, als zu der Verlustliste der Menschheit mit dem Opfer ihres Berufs beizusteuern, dessen eigentliche Tragödie es ist, überflüssig zu werden, anstatt es längst gewesen zu sein. Der Katzenjammer beim Anblick von Farben, die einen so peinlichen Kontrast zur greulichen Erinnerung und zur düstern Gegenwart bilden, hat keine Tendenz gegen solche, die aus dem redlich mitgetragenen Sklavenelend dieser Jahre heil zurückgekehrt sind. Wenn sie sich jetzt von ihm betroffen fühlen, so mögen sie eine Schwäche büßen, die sie den Konflikt zwischen einem vorzeitlichen Begriff von militärischer Ehre und den Anforderungen eines durch und durch ehrlosen Handwerks neuzeitlicher Kriegführung oder der willenlosen Duldung täglich durchschauter Schmach nicht eher austragen ließ. Niemandem fällt es ein, den Sklaven einer verfluchten Pflicht und Teilhabern einer sinnlosen Gefahr zu grollen, wenn die Zeit, die das nackte Leben retten möchte, gegen die Reize einer Uniform glücklich abgestumpft ist. Die ermüdende Albernheit des Einspruchs, man dürfe »nicht generalisieren«, die zudringlichen Proteste von hohen militärischen Seiten, die es nicht mehr gibt, wiewohl sie wahrhaftig keines Heldentods verblichen sind, die tägliche Mobilmachung einer so gründlich abgerüsteten Berufsehre beruht auf dem Anspruch, dem Hinterland noch heute imponieren und es über die Verteilung von Lorbeer und Lasten dieses Kriegs betrügen zu dürfen. Wenn »generalisieren« – dieses einzige Fremdwort, das den Weltkrieg nicht zu überleben verdient hat und das im Munde aller Minister für Landesverteidigung und Landespreisgebung doch nicht zu Tode malträtiert worden ist – etwa so viel wie stehlen heißt, sich auf Staatskosten Villen einrichten, mehr Wäsche beziehen als im Frieden, den Krieg auch im Hinterland als eine Gelegenheit für Beute auffassen, oder für Umsetzung der Macht in sonstige Werte, das Alphabet der Menschheit nach A-, B- und C-Befunden buchstabieren, zwischen denen Spielraum für Gefälligkeit oder Grausamkeit bleibt je nachdem, frontentfernte Blutsverwandte haben, für ein Kilo Filz dann und wann auch einen Fremden vorn Heldentod entheben, Nierenkranke verhöhnen und zur Kur ins Stahlbad schicken, mit Sterbenden Salutierübungen vornehmen lassen, Fasane fressen, wenn der gemeine Mann heut Salvator'sches Dörrgemüse mit Würmern hat, Champagner trinken, wenn er Abspülwasser bekommt, Soldaten anbinden und Berichterstattern die Ehrenbezeigung leisten, für den Ganghofer ein Gefecht veranstalten, bei dem sechzehn von den Eigenen durch zurückfliegende Geschützböden getroffen werden, von der Schalek sich über das Ausputzen von Schützengräben informieren lassen, Advokaturskonzipienten mit Todesurteilen beauftragen, angeblich erst Vierzehnjährige durch eine Untersuchung der Zähne galgenreif machen, von allen Menschenrechten nur noch das auf Entlausung anerkennen, die Schöpfung in Menschenmaterial und sonstiges Material einteilen, aus Sibirien heimkehrende Wracks monatelang hinter Stacheldraht beobachten, um sie dann erst einrückend zu machen, beim Bridgespiel Vorstöße anordnen, auf der Flucht einen fehlenden Uniformknopf beanstanden und der Ordnung halber einem Kranken ein Zeltblatt von der Tragbahre wegnehmen, weil's ins eigene Auto regnet, statt der Mannschaft sein Klavier in Sicherheit bringen, und hinterdrein das alles ableugnen – wenn etwa dies und das und noch etwas generalisieren heißt, so bin ich allerdings auch der Ansicht, daß man nicht generalisieren darf. Aber es sind ja nur Einzelfälle und man darf nicht generalisieren. Überdies haben wir von zuständiger Stelle, nämlich vom gewesenen Armeeoberkommando gehört, daß das Generalisieren auch unfehlbar alle jene trifft, »die ihre Pflichterfüllung mit dem Tode besiegelt haben oder als Krüppel weiter durchs Leben wandern müssen«, ein Los, das bekanntlich den Angehörigen des gewesenen Armeeoberkommandos und seiner Filialen erspart geblieben ist. Es war aber, da ja die Ressorts eben getrennt und Kompetenzstreitigkeiten tunlichst zu vermeiden sind, immer die Lebensaufgabe jener, die in den letzten Jahren in Baden zur Nachkur geweilt haben – die wohltätigen schwefelhaltigen Quellen sind für Rheumatiker so indiziert wie die Teschener Milchkur –, auf das beispielgebende Verhalten jener hinzuweisen, die in der gleichen Zeit gesund genug waren, sich an Sturmangriffen zu beteiligen. Wenn sie dabei zufällig gestorben sind oder schon bei der Generalprobe von der eigenen Handgranate – die eben nur aus Kriegsmaterial hergestellt war – zerrissen wurden, so darf man nicht vergessen, daß Krieg Krieg ist und daß man nicht generalisieren darf. Oder eben nur, um in Bausch und Bogen auf die vorbildliche Ordenswürdigkeit der in der Stabsmenage Hinterbliebenen hinzuweisen. Auch ist zu bedenken, daß zwar die Lebensmittel, die im Krieg ausgehen, jenen, die ihn führen, nur dort erreichbar sind, wo sie nicht so leicht in Feindeshand geraten können, wo es aber oft strapaziöse Telephongespräche kostet, um die Aufopferung der eigenen Regimenter durchzusetzen. Die Toten, die mit ihren Schadenersatzansprüchen von einem Vaterland, das auch nicht mehr lebt, auf die Fibel verwiesen werden, haben es besser. Fraglich bleibt nur, ob beim Generalisieren sich die Krüppel mit größerer Genugtuung an die Generale erinnern werden oder an jene, die deren Tätigkeit wenigstens zu einer Zeit charakterisiert haben, als der Säbel, aus dem Dienst der schlechten Feder entlassen, der guten nichts mehr zu verbieten hatte. Die Voranschickung der Toten und Krüppel in den Kampf um die Ehre, das einzige, was bekanntlich dem Berufsoffizier geblieben ist, entspricht einer alten militärischen Tradition jener Kreise, bei denen selbst diese Gabe nur in verschwindenden Mengen vorkommen dürfte, so daß eine Requisition, etwa für den Zweck der Wiederaufrichtung des Berufs, nur ein schwaches Ergebnis zeitigen würde. Wenn wir vollends hören, daß die Verteidigung »denselben liebenswürdigen, bescheidenen, dienstesfrohen und anspruchslosen Offizieren« gilt, »auf die wir Osterreicher immer so stolz gewesen waren«, weil sie »Blut von unserem Blute, Geist von unserem Geiste« sind, so müssen wir geradezu die Bitte aussprechen, nicht zu generalisieren. Besonders, was das Blut, und auch was den Geist anbelangt. Denn in solchen Momenten, wo wir uns vom Geist der Sirk-Ecke umwittert fühlen, stellt sich unfehlbar das tödliche Wort »Mullatschak« ein, welches denn auch der deutschösterreichische General, dieser von einem neuen Geist berufene Boog, pünktlich zur Entschuldigung jener harmlosen Spielart ins Treffen führt, die halt aus Feschaks besteht, die Fülle der österreichischen Dialekte um den liebenswürdigsten Jargon bereichert hat, der jeden Satz mit »Weißt« beginnt, und, man kann's ihr nicht verübeln, Krieg ist Krieg, manchmal über die Stränge geschlagen hat, die halt in zwölftausend Fällen Galgenstränge waren. Weißt, daß ich in einer Sphäre, in der diese Klasse zwar nicht mehr über unser Blut gebietet, aber noch Miene zu machen scheint, unsern Geist von ihrem sein zu lassen, nicht allzulange aushalten werde. Aber ich muß, da ich ja nicht in der Lage bin, auf meinem Rückzug mich durch Preisgebung meines Menschenmaterials und unter Mitnahme von anderm beweglichen Gut in Sicherheit zu bringen, bis zur Heimkehr in eine lichtere Heimat auf meinem Posten bleiben und versuchen, einer widerstrebenden Gegenwart die Grundbegriffe verlorener Menschenwürde beizubringen und nebstbei die Grundregeln verlorenen logischen Denkens. In dieser Diskussion ist es dann wohl unvermeidlich, zu erraten, daß Generalisieren nicht so sehr Schlechtigkeiten begehen als jene Tätigkeit bedeuten dürfte, die in der Verallgemeinerung der darauf abzielenden Vorwürfe besteht. Und da ist denn zu sagen, daß der Protest der Getroffenen, der in seiner eintönigen Schwindelmanier sowohl der Verallgemeinerung wie der Anführung konkreter Tatsachen entgegnet, selbst jener Methode gegenüber vergebens mit dem Tonfall der Entrüstung spekuliert. Zur Rechtfertigung derer, die da generalisieren, sage ich geradezu, daß sie die Wirkung ihrer Anklage durch die Beschränkung auf konkrete Tatsachen eher abschwächen würden, weil just diese es den unehrlichen Verteidigern möglich macht, darauf hinzuweisen, daß es in jeder großen Organisation sogenannte Elemente gibt. Zum Glück bleibt die Vorführung von Tatsachen, wie sie von der sozialdemokratischen Publizistik geübt wird, nie ohne verallgemeinernde Perspektive, und eben dieser ist mit der Berufung auf die Elemente, die es überall gibt, denn Menschen Menschen san mr alle, in diesem Falle nicht beizukommen. Denn es kommt gar sehr auf die Lebensbedingungen des Berufskreises an und auf die Atmosphäre, in der sich die Elemente ausleben können, und es gibt eben Offizien, die es erheischen, ja zur höchsten Ehre machen, daß wir alle Unmenschen sind. Die Atmosphäre, in der man für Medaillen »eingegeben« wird, ist ja nicht immer die Luft eines Büros, sondern manchmal wirklich der Blutdunstkreis und je mechanischer just hier das Verdienst gedeiht, um so besser wächst es der Seele, die keine Hemmungen kennt. »Verbrechernaturen«, räumt jener Boog ein, können wohl im Felde ihr Unwesen getrieben haben, aber man dürfe nicht generalisieren. Ist dem so, so muß man. Denn es ist wohl für das Feld charakteristischer, als für jeden andern Betätigungskreis, daß es das Feld der Verbrechernaturen ist, und wenn wir lesen, daß ein General vor der Piave-Offensive den Befehl erteilt hat: »Wenn eine Patrone fehlt, kannibalisch strafen!«, »Mit kräftigem Hurra! ungestüm auf Gegner stürzen; ihm noch auf kurze Distanz eines unter die Nase brennen, dann sofort mit dem Bajonett in die Rippen!«, »Ungetreue rücksichtslos niederbrennen!«, »Gewehr bleibt trotz Handgranate und MG. stets bester Freund der Infanterie«, »Offiziere müssen da hart sein und letzte Kräfte herausfordern!« – so ist es wohl klar, daß sich hier den Verbrechernaturen eine bessere Aussicht auf Erfolge eröffnet als etwa den Künstlernaturen, und man würde die Intentionen dieses Generals sehr durchkreuzen, wenn man Bedenken tragen wollte, bezüglich ihrer Wirkung zu generalisieren. Wir haben von fachmännischer Seite den Aufschluß erhalten, daß das österreichische Offizierskorps »erstklassig« gewesen sei, ein Lob, das sonst nur dem ihnen anvertrauten Menschenmaterial oder dem ihnen vertrauten Ensemble des »Gartenbau«-Varietés gespendet wird. Andere Berufskreise wählen andere Ornamente ihrer Leistungsfähigkeit. Aber sie unterscheiden sich von dem Offiziersberuf auch darin, daß man ihnen durch ein Generalisieren der Verfehlungen einzelner Angehöriger tatsächlich unrecht täte. Selbst den Bankbeamten, deren Tätigkeit doch gewiß der Versuchung von Requirierungen fremden Eigentums ausgesetzt ist, würde man nahetreten, wollte man ihren Beruf nach den Verbrechernaturen beurteilen, die unter ihnen nicht nur wie überall vorkommen, sondern die auch die Gelegenheit auf ihre Rechnung kommen läßt. Denn der Dieb findet sich zwar zum Geld, aber es besteht zwischen beiden Kräften nicht der kausale Zusammenhang, der zwischen dem Blut und dem Mörder waltet, und die Anziehung, dort nur von der Gelegenheit, wird hier vom Wesen bewirkt. Auch hat man wohl noch von keinem Generaldirektor gehört, der seinen Angestellten knapp vor der Generalversammlung in einem Merkzettel zum Stehlen Mut gemacht hätte, auch wenn er sich selbst in dem Fach gut auskennen sollte. In dem andern Beruf jedoch, dessen Angehörige vor einer Offensive wehrlos auch noch der Ermunterung zum Morden ausgesetzt sind, soll es vorgekommen sein, daß Triebe, deren ausgiebige Befriedigung ja sogar Ehre, Ruhm und Auszeichnung verheißt, vor der Gelegenheit, die die eigene Umgebung bot, nicht haltgemacht und zu Taten geführt haben, die zwar kein Verdienstkreuz, aber doch auch nicht die Unzufriedenheit des Vorgesetzten geerntet haben mögen. Es müssen nicht einmal Verbrechernaturen, also Elemente gewesen sein, sondern ganz harmlose Feschaks, die an der Sirk-Ecke keiner Prostituierten ein Haar krümmen können: welche den Umstand, daß ein alter serbischer Bauer von der Drina Wasser holte, Krieg ist Krieg, nicht vorübergehen lassen konnten, ohne die Gefechtspause auszufüllen, oder welche einen Zugsführer, der zurückging, um Munition zu holen, in der immer gerechtfertigten Vermutung, es handle sich um einen »p. u.« oder gar einen »p. v.« – fällt kein Meteor vom angewiderten Himmel, um diese Abkürzer der Sprache und des Lebens zu strafen? – alstern kurzerhand »abgeschossen« haben. Zur Ehre der Berufsoffiziere sei aber gesagt, daß einrückend gemachte Spießbürger, deren Harmlosigkeit im Frieden höchstens die Greuel einer Faschingsnacht des Wiener Männergesangvereins zuzutrauen waren, sich plötzlich in keiner andern Gemütsverfassung befunden haben. Also: wenn eine Wirksamkeit jene, die sie von Grund aus verabscheuen, zum Generalisieren berechtigt, so war es die der Individuen, die sich aus ihrer subalternen Lage ohne Übergang zu einer Machtfülle gelangt sahen, vor der einer Dschingis-Chan Lampenfieber gehabt hätte oder irgendein verantwortlicher Gewalthaber vorzeitlicher Kriege doch etwas Herzklopfen. Die völlige Unverantwortlichkeit des heutigen Kriegsteilnehmers, der vom Gefühl der mobilisierten Quantität nicht zermalmt, sondern entfesselt ist, erklärt diese anonyme Grausamkeit, welcher die Hemmung der Phantasie längst von der Mechanik aus dem Weg geräumt war, ehe sie zur Waffe griff, und von der sich das Gewissen der Heimgekehrten wieder so schnell zu Schlaf und Tagwerk erholt, wie es sich aus der Banalität ihrer Vergangenheit in den Weltkrieg gefunden hat. Wäre ich Offizier, ich würde mich, wenn ich meinen Seelenfrieden heimgerettet hätte, keineswegs auf die Ehre dieser Abenteuer versteifen, sondern schweigend ihren Opfern an die Seite treten. Nie würde ich durch einen Vergleich mit anderen Berufen, die auch ihre Schädlinge haben, die Problematik des Berufs und die Zweideutigkeit einer Denkweise entblößen, die nach den Exzessen dieser Schandzeit überhaupt noch die Geltung eines Berufs, wenn nicht gar die unveränderte Vorzugsstellung im Staatsleben beansprucht. Da muß denn ein für allemal klargestellt werden, daß zwar jeder, der da mitgetan hat, ob er nun von Berufswegen oder durch »Tauglichkeit« dazu verpflichtet war, zwar das Mitgefühl als Objekt der Gefahr, aber nicht die Bewunderung als Subjekt der Tat, zwar den mildernden Umstand des Zwangs, aber keinesfalls eine Erhöhung der Ehre ansprechen kann. Dagegen kommt wieder bei jenem, der den Krieg nicht als eine Unterbrechung, sondern als eine Probe seines Berufs durchlebt hat (die häufig genug bloß eine Etappe auf seinem Lebensweg war), das professionelle Moment als erschwerend in Betracht. Daß selbst bei gleich verteilten Kriegslasten eher dem Zivilisten als dem Berufsmilitär eine bevorzugte Stellung im friedlichen Leben gebührt, hätte sich schon vor dem Krieg von selbst verstehen sollen. Wenn es überhaupt noch Professionskrieger geben sollte, müßte solches nach dem Krieg noch evidenter sein. Und nicht etwa deshalb, weil nach übereinstimmenden Aussagen die Männer der Tat den Löwenanteil an den militärischen Erfolgen in Bahnhofkommanden, Maschinenhallen, Hühnerzuchtanstalten und Nudelfabriken erringen durften, während die Fabrikanten, Ingenieure, Landwirte und Lehrer sich in aussichtsloseren, wenn auch besser eingesehenen Stellungen bescheiden mußten. Es hat keinen Sinn, über den Verteilungsmodus der Gefahren nachträglich zu richten, weil man sich plötzlich einer unkontrollierbaren Statistik von überlebender militärischer Seite gegenüberbefindet und weil ja der Selbsterhaltungstrieb vor einem Vaterland, dessen Bestand keinen Schuß Pulver wert war, gewiß nicht zu verdammen ist. Es wird mehr Drückeberger ohne diese Erkenntnis, patriotische Feiglinge, gegeben haben, die sich und dem Staat ein langes Leben wünschten; aber gewiß noch mehr solche, die sich für den Glauben an eine schlechte Sache geopfert haben und denen keine geringere Ehre gebührt als den Blutzeugen der Idee. Auch der Märtyrertod eines einzigen Menschen – und im ersten Rausch dieser Orgie haben gewiß auch zahllose Berufsoffiziere daran glauben müssen – ist eine so ehrfurchtgebietende Tatsache, daß jede Kritik dieser Verhältnisse fast zum Standpunkt jenes hohen Militärs führt, der bei einer Inspizierung recht zufrieden war und nur bemängeln mußte, daß »zu wenig Herren gefallen« seien, oder gar zur idealen Forderung des rigoroseren Pflanzer-Baltin: »Ich werde schon meinen Leuten das Sterben lehren«. Also nicht die schlampige Verteilung von Glorie und Gefahr auf militärische und zivile Kämpfer ist es, was zu einer Revision sozialer Vorrechte führen müßte. Vielmehr war schon vor dem Krieg und in Erwartung einer gerechtern Rationierung der Kriegslast die gesellschaftliche Bevorzugung des Offiziers eine plane Dummheit, gleichsam eine stehengebliebene Schildwache der Ehre aus der Zeit, die noch nicht die Wohltat der allgemeinen Wehrpflicht gekannt hat und darum den Mann, der einmal fürs Vaterland in den Tod gehen sollte, bei Lebzeiten zu entschädigen bestrebt war. Nicht weil er jetzt fürs Vaterland in die Kanzlei gegangen ist, sondern weil doch die Vermutung besteht, daß alle in den Tod gehen müssen, hätten eher jene einen Anspruch auf Begünstigung, die mit geringerer handwerklicher Ausbildung und ohne Zweifel auch mit geringerem Interesse an diese Aufgabe herantreten. Die Zeit jedoch, die nur fortschreitet wie eine Paralyse, hat das Überbleibsel aus der Vorzeit der Berufskriege so weit ausgebaut, daß sie auf Kriegsdauer allen um ein Stück Ehre mehr verlieh, angesichts der allgemeinen Uniformierung alle Menschen einander zu grüßen zwang und ein Schauspiel aufführte, das zur Verstärkung des klinischen Bildes wesentlich beitrug. Zur Erholung ist es dringend angezeigt, daß in Hinkunft überhaupt nicht mehr salutiert wird. Wir wollen diese von einer imbezillen Geistesverfassung und einer niedrigen Erotik genährte Autorität mit allen Wurzeln ausgerottet haben; sie mag Köchinnen faszinieren, ab-er die Staatsmänner seien vor ihr bewahrt; sie soll uns nicht mehr die Plätze im Leben und auf der Eisenbahn annektieren und dafür Tod und Plage überlassen. Sie ist selbst jenen, die sie noch nicht erkannt hatten und in diesen Kriegszeiten nur psychisch erfahren haben, durch ihre überhebliche Unerheblichkeit schwer auf die Nerven gefallen, in den vielen Gelegenheiten, wo sie diese Qualität nicht in der Kampfleitung zu bewähren hatte. Gibt es denn einen Wirkungskreis, der nicht schmutziger geworden wäre in diesen vier Jahren, da der Militarismus seinen Rüssel darin stecken hatte, ein Volksgut, das nicht ärmer geworden wäre seit dem Tag, da er seine Pranke darauf gelegt hat? Gibt es ein österreichisches Wirrsal, das nicht bunter wäre durch die unberufene Einmengung der Montur? Und wenn wir dem Unvermeidlichen nur auf den wahren Passionswegen begegnet sind, die zur Beschaffung eines Passes führten, um seiner Kompetenz zu entfliehn, etwa als einem jener grauslichen Kriegsüberwacher, die doch gar nicht wußten, wie das aussah, was sie zu überwachen hatten, und die uns mit ihm gestohlen werden konnten, oder dann als einem jener größenwahnsinnigen Grenzschutzoffiziere, die die Spione durch die blödesten Fragen langweilten und um derentwillen allein diese Grenzen es verdient hätten preisgegeben zu werden – wir, die so glücklich waren, nicht dem Krieg ins Gesicht sehen zu müssen, wußten doch genug von ihm, da wir diesen Oberleutnants ins Gesicht sehen mußten! Die Berufung auf den liebenswürdigen und bescheidenen Standesgenossen, dessen Eigenschaften auch vom feindlichen Ausland anerkannt worden seien, »im Gegensatz zu den Offizierskorps anderer Länder« – also mit deutlicher Abrückung der einen Schulter von der andern – dürfte wenig zur Korrektur der im Krieg gewonnenen Eindrücke, des einzigen was für uns im Krieg gewonnen wurde, beitragen. Der preußische Offizier mag von der Außenwelt mit Fug als ein Monstrum bestaunt worden sein und von dieser Verblüffung der beweglichere österreichische Kamerad profitiert haben, schon deshalb weil ihn der Feind nicht so häufig zu Gesicht bekam. Im Lande selbst hat jener nur die Schnauze seiner Volksart, die schon militärtauglich geboren ist, während dieser durch eine dem allgemeinen Charakter ungemäße Löwenhaut Aufsehen und Ärgernis erregt, so daß er in seiner Umgebung weit preußischer wirkt als der Preuße. Darum hat er sich jetzt auch über die Äußerungen einer Antipathie zu beklagen, die dem andern in solchem Maße erspart bleibe, und über einen Mangel an heimatlicher Wärme, die dem nördlichen Kameraden vielleicht zuteil wird. Darum muß er sich gegen das Generalisieren zur Wehr setzen. Mir san ja eh die reinen Lamperln, das ist jetzt die tägliche Tonart der Wölfe, die damit freilich auf die heimische Gemütsverfassung Eindruck machen könnten. Werden sie der anonymen Grausamkeit beschuldigt, so berufen sie sich auf die Gefallenen; werden sie des anonymen Griffs in das vom Vaterland beschlagnahmte Gut beschuldigt, so wollen sie nur Wohltätigkeitsaktionen geleitet und höchstens noch dem »isolierten Gagisten«, der sich nicht anders zu helfen wußte, mit etwas Wäsche ausgeholfen haben, da die andern ja eh an der Front bedient wurden. Wie sie an der Front bedient wurden, davon könnte viel Ungeziefer berichten, wenn es nicht Bedenken trüge, mit der Presse in Verbindung zu treten; und der isolierte Gagist ist offenbar der Erzherzog Max, dessen Wäschekammer von unserem Mangel komplettiert wurde. Die Technik dieser Rechtfertigungen besteht im Alibi eines überführten Diebs, der beweisen kann, daß er ein anderes Mal nicht gestohlen hat, und in der Beteuerung, daß man nicht generalisieren darf. Kein anderer Beruf war je in die Zwangslage versetzt, durch solche Argumente und durch solche Fürbitte sich ein Ehrenzeugnis verschaffen zu müssen. Wenn die Berufsoffiziere Postbeamte oder Versicherungsagenten sein werden, so wird man ihrem Stande bitteres Unrecht tun, indem man ihm die Verfehlungen einzelner anrechnet. Auch fünfzig verbrecherische Postler unter hundert würden nichts gegen die Institution beweisen. Aber zehn Soldatenschinder unter hundert Offizieren beweisen sehr viel gegen die Institution, deren Wesen die unwiderrufliche Macht ist und das Verhängnis des Zufalls, der uns gerade der Ausnahme untertan macht und also einen Professor zwingt, sich von seinem Schulbuben ohrfeigen zu lassen. Die inappellable Möglichkeit, daß ein Kulturmensch unter einem von jenen zehn dienen muß, macht den Militarismus zur Infamie, selbst wenn er nicht eo ipso eher der Nährboden für die Existenz solcher wäre als der andern; macht einen Beruf verhaßt, dem sich die rechtschaffensten Leute verschrieben haben können. Sie leben gewiß in der Sklaverei und nicht in der Position der Sklavenhalter. Welche Tätigkeit zwänge unter den Einwirkungen eines demoralisierenden Ehrbegriffs so den Menschen in die Wahl, Hammer oder Amboß, Knecht oder Kanaille zu sein? Von allen Brandmalen der Zeit wohl das deutlichste ist die Verzerrung der militärischen Ehre, deren fortwirkendes Dekorum in einer veränderten Kriegshandlung, welche statt Söldner Sklaven der Wehrpflicht, statt Helden Märtyrer beschäftigt, selbst das Blutgeschäft korrumpiert hat. Aber zweifellos auch das intellektuelle Niveau seiner Verteidiger herabgesetzt. Denn die Entrüstung, die diese Debatte täglich fortspinnt und mit gräßlicher Monotonie die aus dem Zusammenbruch der Armee gerettete Ehre, den einzigen Besitz des Standes, zum Standesmonopol macht, erkennt nicht einmal, wie sie den verallgemeinernden Tadel mit gewiß geringerem Recht durch ein verallgemeinerndes Lob ersetzt. Hat ein Stabsoffizier zufällig recht, von sich zu behaupten, daß er sich um das Wohl seiner Leute gekümmert habe, so ruft er »die Mannschaft« zum Zeugen dafür auf, daß sich »die Stabsoffiziere« um ihr Wohl, das Wohl der Mannschaft gekümmert hätten. Die Mannschaft war aber offenbar auch schon während des Krieges Zeuge für den Heldenmut, mit dem »das Offizierskorps einen vierjährigen beispiellosen Kampf gegen die Übermacht einer Welt«, also gegen die Mannschaft aller Ententestaaten, »bestanden hat«. Und solch ein ehrlich erregter und für seine eigene Schuldlosigkeit glaubwürdiger Verteidiger der Standesehre merkt nicht, daß sie, selbst preisgegeben, besser dastände als unter dem Schutz der verächtlichsten Zeitung Deutsch-Osterreichs, jener, deren Wesensart der ursprüngliche Sinn militärischer Tapferkeit ferner liegt als einem Erzengel das Börsenspiel. Ist es ein Zufall, daß heute gerade so etwas hinterher ist, die Offiziersehre zu apportieren? Die armen Kriegshunde, diese gütigsten Opfer des Militarismus, für die kein Kläger auftritt, hätten, weiß Gott, keinen Grund dazu! Da es aber doch eine Zeitung ist, die sich der Pflicht, amtliche Feststellungen über die Militärjustiz zu veröffentlichen, auch durch den kleinsten Druck nicht ganz entziehen kann, so erfahren wir auf der zweiten Seite: daß die Stabsoffiziere sich »für das Wohl und die möglichste Schonung der Mannschaft«, für die »Pflege eines innigeren, herzlicheren Kontaktes mit derselben«, für die »tunlichste Herabminderung der persönlichen Gefahr« – der Untergebenen – aufgeopfert haben, und auf der siebenten Seite: daß ein Generalstabshauptmann zwölf Unschuldige, davon zehn in zehn Tagen, sechs an einem Tag, hat erschießen oder aufhängen lassen. Dieser mag so wenig ein Typus sein wie jener; aber jener sollte diesen zum Schweigen bringen. Hier entscheidet die Zahl nicht; ein Mörder der Mannschaft wiegt hundert ihrer Freunde auf und zehn machen einen Beruf zu schanden, den die Menschheit nicht vermissen wird, wenn seine anständigen Vertreter auf ihn verzichten, weil sie seine Pflicht und ihre Ehre wenigstens hinterdrein als inkompatibel empfinden müssen. Mein Tadel generalisiert nicht, denn ich lasse Ausnahmen zu, deren ich manche zu genau kenne, um von ihrer unzerstörbaren Vornehmheit nicht den Entschluß zu erwarten, nach den Offenbarungen dieses Kriegs über ihren Beruf den Flammenwerfer als Waffe so sehr zu verabscheuen wie den Säbel als Ornament. Sie wissen, daß die Anklagen nicht sie treffen können und daß erst jene Verteidiger generalisierend wirken, die unter dem Vorwand oder in der naiven Meinung, es gehe gegen alle, sich schützend vor die Schuldigen stellen. Sie wissen aber auch jetzt, daß diese weit mehr geeignet sind, den beruflichen Anforderungen im neuen Krieg, der beruflichen Ehre gerecht zu werden als sie selbst, die Tüchtigen und Ehrenhaften. Sollten sie nicht wissen, daß eine Spezialehre, die solches Geklapper einer Verteidigung nötig hat, nicht für sie, sondern für jene restauriert wird, die da spüren, daß es ihnen an den Goldkragen geht? Man unterlasse den Versuch, einen Offiziersehrenrat als Instanz über dem Weltgericht zu etablieren. Man verzichte auf das Bemühen, einen Korpsgeist, den wir in unserm Jammer auch noch entbehren möchten, gegen den aus keinem Bewußtsein verlierbaren Kontrast aufzuwiegeln: zwischen dem Leben in der Offiziersmenage, wo es als Abendmenu einen »Sautanz« gibt oder ein Festmahl mit achtzehn Gängen, darunter: »Handgranaten«, und dem brotlosen Beruf der Mannschaft, die darüber beruhigt wird, daß Insektenmaden »die Bekömmlichkeit von Dörrgemüse nur insoweit beeinträchtigen, als sie ekelerregend sind«, und daß man ja an ganz anderen Dingen stirbt. Und zwischen dem Soldaten, der erschossen wird, weil er getrunken hat, und dem Leutnant, der Zimmerarrest bekommt, weil er eine Kellnerin, die keinen Wein bringt, erschossen hat. Wir haben genug von diesen Räuschen und lehnen die Nüchternen ab, die nicht von der Kameradschaft angewidert in einem weniger ehrenträchtigen Beruf Vergessen suchen, sondern uns weiter mit seinen Zieraten ködern, die uns auch ohne solche Mahnung unvergeßlich sind. Der Rhythmus dieser Empörung, der, wenn ich ihn auch zehnmal in all seiner Dürftigkeit nachgebildet habe, dem Schreibenden nacheilt und täglich noch, wie alle unbesiegbare Banalität, dem satirischen Echo seine drei Motive versetzt: »generalisieren«, »Blut von Eurem Blute, Geist von Eurem Geiste« und »das Einzige, was sie besitzen, die Ehre« – er möchte unsere Wehrlosigkeit verewigen, und so bleibt nichts als die Hoffnung, daß solchen, die sich am fremden Opfer befriedigt und bereichert, sich selbst für die Auszeichnung und uns für die Verelendung eingegeben haben, in einem staatlichen Gerichtsverfahren nachgewiesen wird, daß das einzige, was sie nach diesem Krieg nicht besitzen, die Ehre ist. Und nicht nur vermöge ihrer persönlich bewährten Defekte, sondern weil dieser unermeßliche Blutverlust seinen letzten Sinn verloren hätte, wenn die Menschheit nicht endlich ad notam nähme: Eine Debatte über Ehre kann es überhaupt nicht geben, wo es sich um Erfüllung oder Nichterfüllung der Pflichten innerhalb einer Tätigkeit handelt, welche von Natur, vor Gott und allem Zweck der Menschheit die ehrloseste ist! Jene aber, die es nicht nötig haben, von den Schuldigen verteidigt zu werden, müssen erkennen, daß keine Standesfrage, sondern das Problem des Standes zur Erörterung steht. Sie erkennen die Verwandtschaft mit dem einzigen Beruf, der außer dem militärischen mit Recht generalisierenden Vorwürfen ausgesetzt ist, gleich diesem wesentlich dazu inkliniert, weil er gleich ihm aus den Quellen der Unverantwortlichkeit und der Anonymität seine entsetzliche Befähigung schöpft: mit dem der Journalisten – mit ihm auch in solcher Anlage verknüpft zu dem furchtbaren Bunde, dessen Walten die Welt zwischen Blut und Tinte so verwechseln gelehrt hat, daß beide Kräfte als Ursache und Wirkung zugleich erschienen. Wahrlich, es ist so, als ob die Phrase von beiden Substanzen flüssig wäre und nicht minder das Verbrechen, und als wäre, könnten wir uns da und dort noch entziehen, die Verschlingung doch das Übel, das Macht hat über uns. Das sind so die Lebensbedingungen im Totenreich. Es mußte jenem General, der das Armeeoberkommando nach der Auflösung der Armee übernommen hat, jenem gespenstischen Köveß, ein seltsames Abenteuer zustoßen: er brach durch eine Zeitungsspalte vor und rief: »Indessen« – nämlich bis der Beweis der Unrichtigkeit aller Anklagen erbracht sei, was gewiß sehr viel Zeit erfordert – »wirkt der Giftstoff, den die Ehrabschneider ausspritzen«. Er hatte aber trotz dieser Häufung artilleristischer Methoden schon vergessen, daß Krieg Krieg war, bis er in der benachbarten Spalte von der Entdeckung eines Sprengstofflagers in der Leopoldstadt überrascht wurde, in welchem zweihundert intakte Gasbomben gefunden wurden, ein Vorrat, den man in diesen notigen Zeiten in solcher Fülle nicht mehr vermutet hätte. Dort habe sich nämlich eine »Gasschule« – denn so etwas gab's wirklich – befunden, in der Offiziere und Mannschaften im Gasangriff und in der Gasabwehr unterrichtet wurden, also die heranwachsende Generation, die berufen war, dereinst im Zeichen des Grünkreuzes und des Gelbkreuzes zu siegen. Das Bildungsbedürfnis der Jugend habe jedoch nur bis zum Waffenstillstand vorgehalten, dann aber hätten Offiziere und Mannschaften die Gasschule geschwänzt und die dort eingelagerten Lehrmittel sich selbst und der Bevölkerung des Bezirkes überlassen, die nun durch die geringste Berührung, wenn etwa Kettenhändler ein Lebensmitteldepot vermutet hätten, in die Lage versetzt worden wäre, die Vorbedingung einer siegreichen Offensive mitzumachen, und dies ohne jede fachliche Ausbildung. Ja, nach sachverständiger Schätzung wäre sogar auch der Heldentod der angrenzenden Stadtteile verbürgt gewesen. Da kann man wirklich nur sagen, daß indessen, nämlich bis der Beweis der Unrichtigkeit aller Anklagen gegen den Militarismus erbracht ist, der Giftstoff fortwirkt, den die Gekränkten ausspritzen, und fragen, ob es berechtigter sei, nach Abschluß des Waffenstillstandes die bisher verschonte Festung Wien mit Gasbomben zu belegen oder ein Gewerbe zu hassen, dessen Inhaber Wert darauf legen, an der anonymen Mitwirkung bei solcher Glorie und an deren Fortwirkung beteiligt zu sein. Der Oberkommandant dieser Möglichkeit, die eine Stadtbevölkerung mit dem Grauen überfällt, das sie bis dahin nur in Zeitungstiteln zur Not erlebt hatte, der Unterrichtsminister einer im Stich gelassenen Gasschule wagt sich ans Tageslicht und spricht vom Giftstoffe der Ehrenbeleidigung. An den Kontrasten, nicht an den Dingen sollten wir zugrundegehen. Die Invaliden dieses Kriegs brauchen sich nicht gegen die Anschuldigung zur Wehr zu setzen, daß sie mehr als sechs Kreuzer täglich vom Vaterland genommen haben; aber den Leuten, die dafür, daß sie ihren Namen unter dem Generalstabsbericht lesen konnten, eine Felddienstzulage bezogen hatten, ist nichts geblieben als ein empfindliches Ehrgefühl. Die Polizei verbietet, daß man im Theaterfoyer eine Zigarette anzünde, und läßt die Stifter der hundertfachen Ringtheaterbrände laufen. Doch zur Ehrenrettung rückt selbst hier das Kriegsministerium aus. Auch wenn alle zweihundert Gasgeschosse explodierten, sei »die Gaswirkung nur lokal«, also mit dem Erfolg bei Tolmein nicht zu vergleichen; »unversperrt« seien »nur desadjustierte und unbrauchbare Reizhandgranaten« gelegen, also jene, deren Reiz sich sonst kaum ein lebendes Wesen, mit Ausnahme etwa der Generalstäbler, entziehen kann. Auch hätten die Lehrkräfte die Anstalt nicht verlassen, sondern »den Befehl gehabt«, auf ihren Posten zu verbleiben, »was auch tatsächlich durchgeführt erscheint«, da sie »bei der von der Gemeinde Wien am 12. d. stattgefundenen Kommission anwesend waren«. Ob sie auch bei der Entdeckung und bis dahin anwesend waren, läßt die vom Kriegsministerium stattgefundene Untersuchung dahingestellt. Es war aber immer die Weihe dieser munter fortfließenden Blutarbeit, daß gute Reden in einem Deutsch, das nur sich selbst gefiel, sie begleiteten, und so werden die Angriffe des Gegners noch heute mühelos abgewiesen. Die Kanzlei des Mordes arbeitet weiter und ist jetzt mit Alibis für Täter, Komplizen und Mitwisser überhäuft. Die unbegrabenen Leichen, die auf jedem der vielen Stützpunkte ihrer Ehrsucht liegen, stören ihren Schlaf nicht; die Todesopfer der Heimfahrt, die von der Menschenfracht in den Tunnels abfielen, machen sie nicht verstummen. So komme wenigstens das Blut der Kinder über sie, die in einer Stadt, welche Kinder und Handgranaten unbeaufsichtigt läßt, vom mitgebrachten Spielzeug zerfetzt werden! Wäre ich General und läse diese verspäteten Kriegsberichte, ich ginge an die nachgelassene Front der Soldatenspiele und stürbe den Heldentod von eigener Hand. Wäre ich General, ich wollte den Schafhirten nicht überleben, den aus einem vorüberfahrenden Heimkehrerzug die letzte Kugel dieses Krieges traf. Gibt es nicht mehr genug Phantasie, Strafen zu erfinden, wenn Taten aller Kombinationskraft der Träume gespottet haben? So exzentrisch in allen Einfällen ist dieses gigantische Schicksal, und seine Autoren und Parasiten sollten in die bürgerliche Norm einkehren dürfen, und wenn wir eben eine Speise zum Mund führen mögen, dürfte der Kellner uns zuflüstern: »Wissen S' wer der Herr daneben war? Das war der Teisinger!« Nein, ich will ihnen allen in einem Musterungslokal begegnen, nackt müßten diese Satane ihrem Höllenobersten vorgeführt werden und wenn ein zweifelnder Regimentsarzt einen nierenkranken Heerführer pardonnieren wollte, müßte jener mit einem Witz, den der Oberteufel nur im Kriegsministerium gehört haben kann, rufen: Tauglich! Und hätten sie selbst nicht Millionen widerstrebender Seelen, hätten sie einen, nur einen hinfälligen Körper in diese Qual verdammt, hätte ihre Jurisprudenz nicht zehntausend, nein nur einen Galgen beschäftigt, hätte ihre Medizin nur einen Verwundeten zurechtgeflickt für neue Wunden, und wäre in diesem Krieg kein anderes Wort gesprochen worden als das jenes Generalarztes, der zuckenden Soldaten das Trommelfeuer empfohlen hat – sie alle, der fürchterliche Wasenmeister frontverdächtiger Menschen, vor dessen Namen alle Leibeigenschaft dieses Hinterlands erbebte, und hinter ihm der ganze Troß von Menschenschlächtern und Markthelfern aller Fächer und Grade müßten antreten, und hätten nichts weiter zu gewärtigen als die Herzensangst der einen Stunde, in der eine nackte Seele oder ein zitternder Leib ihre schäbige Grausamkeit befriedigt hat, und dann einrückend gemacht werden in die Hölle! Weil aber selbst dort auf Zimmerreinheit gesehen wird und demnach schon die Anwesenheit von Männern der Wissenschaft auf Bedenken stieße, indem eigentlich nur fachlich befugte Massenmörder hingehören und nicht Individuen, die sich aus Selbsterhaltungstrieb zur Mitwirkung gedrängt haben, so könnte vollends den Zeitungsherausgebern, die von der Schlachtbank Pauschalien bezogen, höchstens der Abort der Hölle aufgetan sein. Desgleichen natürlich den Kriegslyrikern, die nach den Flügelschlägen des Doppelaars skandierten und sich vom Motiv eines Minenvolltreffers, eines russischen Sumpftodes oder auch nur eines Gurgelbisses anregen ließen und nun in derselben Anstalt, in der sie eben noch an Habsburgs Herrlichkeit geschafft haben, mit derselben Bereitwilligkeit schon die Dokumente der Österreichischen Galgenjustiz bearbeiten. Auch den Jugendbildnern, die durch einen den außerordentlichen Verhältnissen angepaßten Unterricht die Kinder auf den Tod durch herumliegende Handgranaten vorbereitet hatten, würde leider keine andere Gelegenheit zum Nachdenken über der Zeiten Wandel offen stehen, und sie ist hoffentlich geräumig genug, um sie alle zu fassen, die dem Gedanken gelebt haben, daß es schön ist, andere fürs Vaterland sterben zu sehen. Dieser allseits rekommandierte Heldentod, der nur manchmal in sonst unverständlichen amtlichen Kundmachungen als die höchst zulässige Strafe für Hinterlandsvergehungen deklariert wurde, während die Kriegsanleihe nie als schlechtes Geschäft eingestanden erschien, hat nach dem Hingang eines Vaterlands, dem wir nicht nachtrauern, an Tragik gewonnen, und so belebend der Verlust dieses Staats eintrat, er hat den Schmerz unserer Erinnerung zur Qual gesteigert. Denn der Heldentod war ein Betrug jener, die ihn gefordert, vorbereitet, herbeigeführt oder gepriesen haben. In den Tod betrogen werden – das war das ausgesuchte Schicksal solcher, die an Österreich geglaubt oder sich gegen Österreich nicht gewehrt hatten. Kann ein Staat ein grauenvolleres Andenken hinterlassen als das Gefühl derer, die heute wissen, für welchen Haufen von Unrat sie ihre Liebsten verloren haben? Kein Mittel gibt es, diese Verzweiflung zu beschwichtigen, und es hilft weniger, von ihr zu schweigen als von ihr zu sprechen. Sie und nicht die Not allein wirkt an der Unruhe dieses Übergangs. Ein Massenselbstmord der Schuldigen könnte ihn erleichtern. Daß sie mit jenen, die sie beraubt und beschmutzt haben, über die reine Schwelle wollen, schafft dies Gedränge, das die neue Macht allein nicht bändigen kann. Nicht die Autorität der Scham und keine andere weist sie aus dem Leben. Denn die Charakterluft dieser Bevölkerung, deren vertretende Typen mit Recht sich gegen Generalisierung wehren, weil hier alles auf Vereinzelung hinausläuft und selbst die tragische Quantität nur als die Häufung einzelner Trauerfälle empfunden wird, läßt keinen Zusammenschluß zu, nach jenem, den die Befehlsgewalt zum Mord vermocht hatte. Dem durchdringendsten Wehruf wird es nicht gelingen, das Ensemble der Sühne aufzustellen. Die Unfähigkeit zur Konsequenz, die völlige Negation auch jener letzten Menschlichkeit, die eine Untat verantworten könnte, ein Bewußtsein, das höchstens zu dem Geständnis reicht, daß es ein anderer getan hat – wenn nicht die Zeit ein Wunder vermag, in dieser Wüste des Empfindens grünt keine Hoffnung! Ist es nicht ein Sinnbild dieses Exitus, daß in einer Zeitungsspalte – unter dem Titel »Eine berechtigte Klage« und nicht als Bitte an den Kosmos um ein Erdbeben – mitgeteilt wird, daß hierzulande die Kriegsblinden gefrozzelt werden, und daneben von der Großmut der Kohlennot berichtet wird, die gestattet hat, die Operettentheater zu eröffnen, damit die Konsortien zur Verwertung Schubertscher Unsterblichkeit nicht im Geschäft behindert seien. Die Schande geht am Tage bloß und drängt sich nach Kaffeehausschluß an jener Ecke der Kärtnerstraße zu einem sinnlosen Rudel von Böcken, die nichts hienieden zu tun haben, als sich durch gegenseitiges Anstarren zu vergewissern, daß sie alle da sind. Das Schulter an Schulter unseligsten Andenkens hat sich in der Sitte verewigt, Arm in Arm zu sechsen das Trottoir abzusperren und durch eine Fröhlichkeit, die der siegreichen Welt zur Revanche eine Haxen ausreißen will, über die wahren Sachverhalte hinwegzutäuschen. Das jubelt, nicht weil es Österreich nicht mehr gibt, sondern wiewohl es Österreich nicht mehr gibt, und ist eben darum verächtlich. Das Straßenbild dieser Menschheit ist nicht der Eindruck, der zur Versöhnung mit der Vergangenheit beitragen könnte: der Reue, in diesem Staat und in dieser Zeit geboren zu sein. Vielmehr setzt es bloß die Serie der Kriegsbilder fort und bietet noch immer den Anblick des gruseligen Hinterlands, das den Tod an der Front vom Hörensagen kennt und nur als die Gelegenheit erlebt, daß sich alle untereinander auswuchern können und alle zugleich bettelarm und steinreich wären, wenn es nicht doch schließlich einem Haufen von bessern Schiebern gelänge, stolz und mit dem Zahnstocher im Maul durch ein Krückenspalier von Bettlern und Helden hindurchzuschreiten. Unverändert bleibt sie die Stadt der Individualitäten, die durch nichts als durch die Taten ihres Selbsterhaltungstriebes den Anspruch auf ihr Dasein, ihr Dabeisein und ihr Bemerktwerden erbringen. Diese wesenlose Konsistenz ist der Nährboden einer Gerüchthaftigkeit, deren Bazillen mit Händen zu greifen sind und die hier den eigentlichen Ersatz für die Verantwortung bildet. Die Anonymität alles Geschehens hat hier die Kraft einer Beglaubigung, die der Persönlichkeit unerreichbar wäre. Die Verbindung mit den Kriegsgreueln, die den Krieg übertroffen haben, wird durch diese Lebensart leicht hergestellt. Das sonst unfaßbare Maß der militärischen Willkür wurde von einem Triebe aufgefüllt, der die eigene Freiheit nur darin erlebt, daß er die Freiheit des andern zum Spielball seiner Schadenslust, seiner Ranküne, seines Betätigungsdranges macht. Wie die reichsdeutsche Bevölkerung aus Pflicht zum Belogenwerden dem Krieg nachgeholfen hat, so die unsrige aus Hetz. Was sich einer nur dann vorstellen kann, wenn es ihm selbst geschieht, und was er nicht will, daß ihm geschehe, das fügte er dem andern zu. Alle Mächte gefahrloser Anonymität waren in einer Zeit aufgeboten, deren Element die Gefahr war. Anonym war alles an dieser vierjährigen Schand- und Standjustiz, deren Deliriumswitz den Heldentod zugleich als Glorie und Strafe genehmigt, anonym wie die Waffe, die nichts ist als der maschinelle Ersatz für Mut und die maschinelle Vermehrung der Leiden, war das Mittel, um auch den Untauglichen in die Gelegenheit zu einem Bauchschuß, zu einer Erblindung, zum Tod für dieses unnennbare Vaterland zu bringen. Es brauchte bloß einer sich hinzusetzen und über einen, der seinen Gruß nicht erwidert, seine Bitte um Geld nicht erfüllt oder tatsächlich seine Ansicht über die sogenannten Katzelmacher oder über den U-Boot-Krieg nicht geteilt hatte, im Namen des Vaterlands, nicht im eigenen Namen, eine Zuschrift an die Kriegsüberwacher zu richten. Frauen, die die Machtbüberei nicht in die Front verdammen konnte, gab sie gern einen Reisepaß, um ihnen den blödsinnigen Tort der »Kontumaz« anzutun, und in der Schweiz unterhielt sie ein Elitekorps von Kellnern und Konsuln, die für die Mitteilung über verdächtige Bewegungen österreichischer Staatsangehöriger, wie etwa Englisch sprechen, nach dem Einlauf entlohnt wurden. Jeder, der nicht im Krieg war, war ein Kriegsüberwacher, ob er dazu in einem Amt saß oder bloß eine Meinung hatte, die er anonym zu Papier brachte. Das Schwelgen in der Kriegsmaterie war so echt, daß der heutige Überdruß nicht das Format der reuigen Erkenntnis, sondern nur die Gebärde jenes Abwechslungsbedürfnisses hat, dem es zu fad geworden ist. Was fängt man mit dem angebrochenen Krieg an? Revolution. Auf der Szene dieser tragischen Operette stand ein Reigen, der im Vollbewußtsein seiner Unverantwortlichkeit die Russen und die Serben in Scherben hauend oder schon in Venedig einziehend, »wo die Gipsstatuen und Bilder sein«, sich vom höchsten Unwürdenträger zum letzten Extraausgabenrufer schlingt, vom Zeitungsbesitzer zur Soubrette, die dem Publikum mitteilt, daß soeben 40 000 Feinde am Drahtverhau verblutet sind. Es schlingt sich weiter. Larven und Lemuren einstiger Mehlspeisgesichter erkennen sich und markieren ein Leben, dem die Plakate, die keine Spielverderber sind, durch einen Veitstanz aufhelfen. Und dennoch hat er nicht die überredende Macht dieses einen sinnenden Antlitzes, das mit der Frage »Bist du's, lachendes Glück?« alle Pforten einer Welt aufriegelt, in der Hunger, Grippe und Geld keine Rolle spielen; es ist Meister Lehars ... Antinikotin siegt noch immer, und es ist gut so, weil es darin hors concours ist. Ganz wie's denn auch eintraf, fliegen in der Luft Russenlebern und Serbenohren herum und sonstige Bestandteile der Entente, während sich einer von den Unsrigen, von den Eigenen, von den Braven, hopsdoderoh, freut, weil ihm so etwas, dös is gscheit, erspart geblieben ist. Was da scheinbar an die Wand gedrückt ist, freut sich seines und unseres Daseins und ist springlebendig wie eh und je. Aber auch die schweigenden Gestalten haben eine Eindringlichkeit, der man sich nicht so leicht entzieht. Jenseits allen merkantilen Zwecks leben sie um ihrer selbst willen und locken den Passanten nicht an die Ware, sondern zu sich selbst. Es behielt sie nicht; wer durchhielt, hat sie nicht verloren und der Heimkehrer findet sie wieder. In den Alpen sind Leichenberge entstanden, aber das Ponem jenes Elementargeists, der sich »Homunculus« nennt, ist noch da und überschattet mit nachdenklichen Wimpern die Melancholie der Zeit. Und zu denken, daß man, von der Außenwelt abgesperrt, unter dem Blick des Lysoformjüngels leben und sterben wird! Es entschädigt. Kaiser und Könige haben ihre Zugkraft eingebüßt, aber jener, gigantischer denn je, schmunzelt heute im Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit. Konträr, jetzt präsentiert er sich erst wie das letzte Reichskleinod. Hat das nicht alles, in seiner unqualifizierbaren Modernität, irgendwie zu Habsburg gehört? Nichts derlei ist verschwunden. Nyari Jozsi geigt es einer leibhaftigen Gräfin ins Ohr und Macho – haben Sie schon Macho gehört? – steht in riesenhafter Einsamkeit, umgeben von Szegediner Hieroglyphen und neudeutschen Farbenwundern und sagt nichts als: »Waren Sie schon im K. W. K.?« Aber das bedeutet nicht mehr das; denn das gibts nicht mehr. Das A. O. K. gibts auch nicht mehr; es bedeutet aber auch nichts anderes. Die Schrecken, die unendlich schienen und in den abgekürzten Namen dieser Blut- und Wucherzentralen noch allen Ekel der Zeit draufgaben, sind nicht mehr. Abgekürzt bis zur Anonymität waren uns das Leben und der Tod, und der letzte Mann, bis auf den gekämpft wurde, sitzt im KM. und nennt es jetzt StAFHW. Anonym war alles und selbst die führenden Persönlichkeiten waren anonym. Der Generalstabschef war nur sein Stellvertreter, der Stellvertreter des Generalstabschefs, der den Bericht signierte, las am Abend in der Zeitung, daß an der Front nix Neues sei, und unbeteiligt wie nur Gott an diesem Grauen waren die Heerführer, die durch vier Jahre, Mann für Mann, ihr Konterfei in einem Theaterrevolverblatt an der Stelle vorführen ließen, wo im Frieden die Fritzi-Spritzi anläßlich ihres Sprungs vom Brettl auf die Bretter von Ödenburg abgebildet war. Anonym ist dieser Höchstkommandierende durch die Blutzeit gestapft, mit dessen Namen der Schauder einer organisierten Lynchjustiz verknüpft bleibt und die Vorstellung einer Unersättlichkeit der Gewalt, neben welcher der Nero als der erste Missionär des Christentums erscheint. Und doch blickt uns und bleckt uns ein Lulatsch an, der bei einem Hoch auf den obersten Kriegsherrn nicht bis drei zählen konnte und wenn ihm das Malheur geschah, daß das dritte Hoch auf der nächsten Seite des vorgelesenen Toastes stand, umblättern mußte, um es darzubringen. Wie sollte er bis zu jenen 11 400 Galgen zählen können, die in seinem Namen errichtet waren? Wie ein zum Greis gepäppelter Säugling, der zu Taten gekommen ist und weiß nicht wie, lächelt er und weiß nur von Milch, nicht von Blut. Wird die Stille seiner Mordzentrale von vollbusigen Skandalen unterbrochen, die einen in der Weltgeschichte einzigen Zusammenhang zwischen der pragmatischen Sanktion und den Pschüttkarikaturen offenbaren, so stutzt man, führt auch dies auf einen infantilen Gusto zurück und denkt, daß für diese Komplikation zwischen dem Sterben der Menschheit und dem öffentlichen Privatleben ihres Befehlshabers wieder nur eine Umgebung verantwortlich ist, die nicht rechtzeitig die Erinnerung verhinderte, wie viel Grazie die Guillotine beseitigt hat und daß einmal ein König war, der wegen einer Lola Montez unmöglich wurde. In unserer Monarchie war die Weltgeschichte nicht einmal ein Exekutionsgericht, denn ein solches hat sich an die von dicker Freundschaft behüteten, an der strafgesetzlichen Ehrfurcht beteiligten Monstren nicht gewagt, Statthaltereiräte unterhandelten über die Abfindungssummen und erwirkten nur durch den Hinweis auf Polizeischub eine Ermäßigung, und Revolution bedeutet hier, daß im Gerichtssaal unappetitliche Briefe erörtert werden können und deren beneidete Besitzerin das Wertobjekt in journalistischer Obhut gesichert weiß. Und im Hintergrund der Aktion diese kriegerische Erscheinung, vor deren Tatenruhm Napoleon als der erste Defaitist erscheint. Darin wahlverwandt und verbündet mit jenem Barbarenkaiser, dem wahren Imperator der geistigen Knödelzeit, der keine Quantität unberührt lassen konnte und dazu seinen eigenen Schenkel klatschend schlug und sein grölendes Wolfslachen ertönen ließ – so lachte der Fenriswolf, als die Welt in Flammen aufging. Zwischen assyrischen Backsteinen und Generalstabskarten, zwischen aller Halbwissenschaft, die das stundenlang stehende Gefolge peinigte, immer wieder mit obszönen Scherzen um Formen kreisend. Sich weidend an der Verlegenheit, wenn er, auf der Jagd oder beim offiziellsten Anlaß, durch einen Schlag auf den Rücken, durch einen Tritt ins Bein, durch eine Frage nach seinem Sexualgeschmack den Partner überrascht hatte. Mit Ferdinand von Bulgarien entzweit, dem es in die Nase gestiegen war, daß er ihn einst ganz wo andershin gekneipt hatte. Das waren die Blutgebieter. Der eine im Format dem öden Sinn dieses Weltmords gewachsen, verantwortlich für die Tat; der andere mit ahnungslosem Behagen in der Wanne eines Blutmeers plätschernd. So verschieden beide, dennoch Busenfreunde, sich begegnend in einer Kennerschaft, zum Austausch feinschmeckerischer Wahrnehmungen, wenn's die Formen der Germania und der Austria betraf, in einem Seufzer über den Wandel der Zeiten. Wohl, nie dürfte man an dem lebendigen Leib, und wenn ihn ein Königskleid umschließt, Wünsche und Irrungen der Nerven darstellen. Sie sind Privatmenschlichkeit, solange das beteiligte Bewußtsein nicht erloschen ist, und gehören nur den Memoiren, um den Umfang der Persönlichkeit zu zeigen, wie Napoleons Zeitvertreib, der sie nicht entwertet und nicht die Zeit. Hier aber tritt es, wie es leibt und lebt, aus der Kriegsgarderobe gleich in die kulturhistorische Erscheinung, weist auf die Quantität der Zeit, in Freuden und Leiden; und hier war das Miterlebnis der selbstherrliche Mangel an Hemmung und Würde, der das Übel protokolliert, der das Bewußtsein, von solchem Minus regiert zu sein, zur stündlich empfundenen Qual macht und das Wissen um die niedrigste Lebensart, die an höchster Stelle sich auslebend der leidenden Menschheit spottet, zur Mitschuld. Maitressen und Hausmeisterinnen konnten sich über den intimsten Einfluß unterhalten, wenn die wehrlose Mannheit sich ans Ende aller Lebenslust zerren ließ, geweihte Bündnisse reiner Herzen blutig zerrissen wurden und Unschuldige in der letzten Stunde vor dem Galgen nach einem Gnadenblick bangten. Das alles haben wir gewußt. Es war anonym, der Täter unschuldig wie die Opfer. »Sehn S', sagt dieser Schlachtenlenker einmal, »jetzt is in Serbien gut gangen. Wissen S', ich hab halt dem Kövesch g'sagt, Sie Kövesch, hab ich ihm g'sagt, des dürfen S' net so machen wie der Potiorek. Schön langsam, schön langsam, nix überstürzen. Sehn S', er hat meine Pläne befolgt – und nacher is' gangen.« Einem ist ein Angehöriger im Feld gestorben; jener fletscht die Zähne und fragt: »Ihr Bruder is g'fallen?« »Jawohl, kaiserliche Hoheit.« »Das is a Pech.« Oh, er hat selbst einmal Soldaten fallen gesehn, einen nach dem andern, im Kino des Hauptquartiers, neben Ferdinand von Bulgarien. Kein Laut im Saal. Nur eine Stimme in der ersten Reihe nach jedem der zwanzig Bilder, die Mörserwirkungen vorführen: »– Bumsti!« Gleich darauf erschienen Rektor, Dekan und Prodekan aus Wien und machten ihn zum Ehrendoktor der Philosophie. Bumsti! So animalisch empfindet sich der Krieg selten. »Sacrebleu!« aus dem Munde eines romanischen Strategen würde doch der Bravour des Apparats gelten. Menschenleiber fallen: Bumsti! der da spürt das Ergebnis. So nehmen wir andern das kinodramatische Ende Österreichs entgegen. Bumsti! ... Sollte es nicht nach der Quantität dieser Kriegshandlung, im dimensionalen Geschmack ihres führenden Geistes, im Sinne dieser ganzen Gefühlsmechanik unseres Lebens und Sterbens, der Titel des großen tragischen Karnevals sein? Dieser schwarzen Messe, die ein gedunsenes Gespenst zelebriert hat? Bumsti! – das war der einzige Lebenslaut aus einem Munde, welchem Dokumente des Generalstabs den Wunsch zusprechen, daß bald auch das ganze Hinterland in Blut ersaufe. Man hatte ihm erzählt, daß die Tschechen Hochverräter seien, und nun schrieb eine fleischige Geisterhand an den Kaiser. Es floß Blut in Katarakten und es sollte noch mehr Blut fließen, weil diese Menschen gar nicht lebten. »Was sagen S', Österreich is hin?« »Jawohl, kaiserliche Hoheit.« »Das is a Pech.« Dann zwinkert er freundlich durch den Zwicker und weiß nicht, wie ihm geschieht; erwartet ein Zwickerl, dort wo die Mördergrübchen sind. Zeig ihm die Uhr der Ewigkeit – es hilft nicht, er wird sie in den Mund nehmen. Schöne Gschichte diese Weltgeschichte. Zwischen einem Blutsäugling und einem Lemur bestand eine unterirdische Verbindung und anonym war alles. Es gelang nicht immer, denn es gibt Tage, wo auch die Lemuren a Ruah haben wollen, es war ja auch so sehr schön und hat uns sehr gefreut. Wo ohnedies kein Leben ist, da kann man halt nix machen. Es war doch alles unwirklich, Österreich das Weiland seiner kaiserlichen Hoheit. Ein Lebenszeichen gibt jener Soldatenvater Erzherzog Josef, der Gatte der lästigen Soldatenmatrone Augusta, welcher »sein Bestes eingesetzt hat«, nämlich Maschinengewehre in den Rücken seiner halbtoten Mannschaft, um sie halt zum Halten unhaltbarer Stellungen zu bewegen, seiner Soldaten, denen er selbst das Zeugnis ausstellt, daß viele unter ihnen schließlich »aus vollster Erschöpfung Selbstmord begingen«. Der tatenreiche Boroevic, eine Kapazität im Aufopferungsfache, rühmt es ihm nach. »Es mangelt ihm keineswegs an Energie. Wenn er als ein Mitglied der a. h. Dynastie das Odium auf sich nimmt, Truppen durch Maschinengewehrfeuer am Weichen zu verhindern ... so glaube ich, daß es nicht an ihm liegt, wenn Teile des Korps versagen.« Nicht das Mitglied der aha-Dynastie war also Schuld an dem Rückzug, sondern das Korps, und diese Aussage eines hervorragenden Sachverständigen für Menschenmaterial hat es jenem ermöglicht, bis zum Endsieg Soldatenvater zu bleiben, also auf einem Posten auszuharren, den er nicht durch den Gebrauch, sondern nur durch die Wirkungslosigkeit der Maschinengewehre verloren hätte. In der Aufzählung der mildernden Umstände für das Verhalten der Truppe, deren geringer »Kampfwert« immer offenkundiger wurde, hat der Fachmann einen lapidaren Satz, den die Klio in ihr Gedenkbuch kriegslustiger Staaten eintragen dürfte: »Die vorgekommenen Erfrierungen Schlafender erzeugen Furcht vor dem Einschlafen«. Denn ohne Lagerfeuer, ohne Stroh, in kahlen Gräbern sind die Schützlinge des Soldatenvaters gelegen, ehe er sich entschloß, ihnen durch Maschinengewehrfeuer ein wenig einzuheizen, nachdem offenbar auch der Zuspruch der Feldgeistlichkeit seine wärmende Wirkung verfehlt hatte. Doch selbst der Tod, den der geliebte Kommandant in ihre Reihen sandte, hatte keine belebende Kraft mehr, und der Soldatenvater sah sich zum strategischen Rückzug genötigt, da es nun auch den Sachverständigen einleuchten mußte, daß das »schwächliche Korps«, wie es diese Bestien nannten, ja doch nicht mehr imstande war, seine Stellung und vollends die seines Generals zu halten. Es war der galizische Winter, in dem die Kommanden häufig keine telephonische Antwort aus den vordersten Linien bekamen, wo alles ruhig war und später die stehenden Leichen erfrorener Soldaten, Mann neben Mann, das Gewehr im Anschlag, aufgefunden wurden. Den übrigen blieb noch die Wahl zwischen anderen Heldentoden übrig. Vor ihnen der Feind, hinter ihnen das Vaterland und über ihnen die ewigen Sterne. Wir schliefen in Betten. Wo mußten diese unglücklichsten aller Märtyrer, die je dem Antichrist geopfert wurden, wo mußten sie, wenn nicht schon Todesangst und Körperqual sie in die Gefangenschaft des Irrsinns trieb, den »Feind« erkennen: in ihm, der keineswegs darauf bestand, sie zum Halten ihrer Stellungen zu bewegen, oder hinterrücks in jenem Vaterland, das sie beim ersten Schritt als Mördergrube empfing? In diesem vielfachen Zwang der Heldentode, dem durch die Natur, dem durch die Munition, dem fürs Vaterland, dem durchs Vaterland, haben sie Selbstmord gewählt. Wir lasen den Bericht und gingen in unsere Betten. Aber die frosterstarrten Leichname in den galizischen Schützengräben, Mann neben Mann, das Gewehr im Anschlag, standen als die Protagonisten Habsburgischen Totlebens. Welch eine Kapuzinergruft! Schließt die Augen vor dem Bild, damit jene auf Lorbeerreisern ruhen können! Diese Gut- und Blutegel haben an uns Menschheit gesogen, und wir glaubten, das müsse so sein. Unser Tod war ihr Lebenszeichen. Aber wenn sie im Hinterland praßten, so war's ein Streich von Lernuren. Alles war unwirklich. Lebt denn die Gestalt dieses Schwiegersohnes, der, schnurstracks vom Roten Kreuz, am Abend des Tages, an dem die Russen Czernowitz zum drittenmal genommen haben, sich samt Anhang vom Wolf in Gersthof das Lied ins Ohr singen läßt: »Draußen im Schönbrunner Park sitzt ein guater alter Herr, hat das Herz von Sorgen schwer«? Der Schwiegersohn! Und lebt dieser jugendliche Feschak, der in der Kärntnerstraße den Hofwagen halten läßt, weil er – Serwas Fritzl! – einen Operettentenor gesehn hat, der wie's Kind im Erzhaus ist? Der einzige von ihnen allen, der im Feld eine Wunde empfing, indem er im Siegesrausch sich eine Beule schlug. Der in den Kriegswintern »mullattierend« – furchtbarstes Zeitwort von jenem militärischen Hauptwort »Mullatschak« – im Ausseer Sommer in Judenfrozzeleien die Frohnatur auslebt. Ist es nicht nur eine Fortsetzung der Tradition jener doch bessern Tage, da die Vindobona noch beim Ballett und nicht beim Kabarett war, da man mit Fiakern Bruderschaft trank und über Leichen nicht schritt, nur galoppierte? Und, Hand aufs Herz, konnte aus dem mit Muskete-Bildern tapezierten Arbeitszimmer eines Thronfolgers, und wäre er noch so gutartig veranlagt, ein Licht in unser Dunkel dringen? Der einzige unter ihnen, den ein Herrenmaß vom Niveau der Grüßer, Drahrer und Walzertraumdeuter schied, dem die Wartezeit neben der unsterblichen Nullität das jähe Blut ins Stocken brachte und dessen schwarzgelbe Drohung nur die der Galle war vor diesem Unwesen von Wurschtigkeit und Hamur, ist gestorben, nachdem er den Weltkrieg, der um seinetwillen ausbrach, verhindert hatte. Dem Wilhelm abgeschlagen hatte. Das deutsch-ungarische Pathos wußte genau, was es an ihm verlor; und der Wiener Schmerz nicht minder. So stark war diese Ohnmacht im Wünschen, daß ihr alles glückte, der Krieg und sein Grund; und nie größer im Lügen als nun, da ein Reich die Stirn des Grames hatte, sich in sie zu falten und mit einem heitern, einem nassen Auge den Hingang des Mannes zu beklagen, der wohl darnach geartet schien, uns mit der Lebenslust auch ihren Aussatz zu nehmen. Da aber die Wartezeit einer verspäteten Herrschernatur nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte zurückreicht, so gibt die Stärke der Härte nach, der Abstand erlebt sich in Geiz und Grausamkeit und solchen Zügen, die dem leutseligen Klatsch eines dauernd herabgelassenen Hofes greifbar sind. Er war das verhaßte Hindernis des Stillstands und mußte sich einer Gesellschaft, die nur frei war, weil sie nicht mehr wert war, geführt zu werden, als Unhold alles Rückschritts offenbaren, dem hinterdrein auch die Brandtat mediokrer Spieler zu Gesichte stand. In Wahrheit hat es der Gemütlichkeit nicht genügt, erlöst zu sein. Zur Erhaltung der Gemütlichkeit hat's Krieg gegeben. Aber daß sie auch den leidenden Völkern nicht ausgehen wollte, war das Wunder. Es überstieg nicht die Maße aller uns zugemuteten Kriegsgeduld, daß eine dieser unsere Ehrfurcht herausfordernden Individualitäten, die das Subjekt eines Strafparagraphen waren und nie das Objekt eines solchen sein konnten, daß der Generalinspektor der Artillerie im Treubund mit einem Champagneragenten ein Millionen-Liefergeschäft entriert hatte, welches zur Aushungerung der Front wesentlich beitrug und, solange die Volkshymne keinen andern Text bekommt, zu einer Verwechslung von Lorbeerreisern und Dörrgemüse führen wird. Gott erhalte, Gott beschütze vor der Sippe unser Land! Nein, eure Liebden waren die unsern nicht. Wie, es gibt Menschen, deren Herz nichts Schöneres zu tun hat, als nach ihrer Wiederkehr zu schlagen? Aber wenngleich solche die Monarchie für eine praktische Einrichtung halten und die majestätsbeleidigenden Eigenschaften einer regierenden Familie für nebensächlich und für ein Erbteil aller Dynastien, so werden sie doch nicht leugnen, daß die Evidenz und Aufdringlichkeit dieser Eigenschaften, die Entartung in den Erlaubnissen einer gelockerten Zeit, die Skandal-, ja Kriminalreife höchster Vorbilder, und würde dies alles noch nicht die Absetzung empfehlen, doch keineswegs die Berufung dringlich macht. Man kann ein Preistreiber in Konserven sein, wie dieser Artillerieinspektor, man kann an Holz dick verdienen wie jener Marschall Bumsti, aber man muß bei Abwicklung der Geschäfte nicht gerade dem Wucherparagraphen entzogen und vom Ehrfurchtsparagraphen unterstützt sein, und wenn solche Privilegien, die zum Neid der Branchen bestanden hatten, einmal abgeschafft sind, so ist es ganz gewiß nicht nötig, sie wiederherzustellen. Nein, die Hoffnung auf diese Revenants wollen wir in das Reich des Aberglaubens verweisen. Eine »Restauration« der Monarchie – die Vorstellungen, die sich für den Wiener an dieses Fremdwort knüpfen, würde sie keineswegs erfüllen, wiewohl die Monarchie hierzulande, in allen ihren kulturellen Auslagen und Niederlagen, nie etwas anderes war als das größte Etablissement der Monarchie, und die Identität der Kaiser und Kaffeesieder bis auf die Manifeste eines Jubiläums, einer Erweiterung und einer Abdankung zu den Herzen sprach. Aber die offenbar zeitgebotene Verbindung von Kapuzinergruft und Nachtkaffee, die Melange von spanischem Zeremoniell und Budapester Orpheum müßte gerade den grundsätzlichen Monarchisten unerwünscht sein, und so wird ihnen nichts übrigbleiben, als einem Ideal, den Royalisten der Bars und Salonkapellen jedoch, einem Andenken nachzutrauern. Wer hätte sich nicht ein Ekelgefühl vor der spezifischen Kaisertreue bewahrt, die unlösbar mit der dunstigen Vorstellung eines Animierlokals verknüpft bleibt, wo es plötzlich allerhöchst hergeht, zwischen den Gassenhauern der Liebe das Vaterland in seine Rechte tritt und die nur hier denkbare Schmach ehrfürchtig gestimmter Defraudanten, Büfettdamen, Lebemänner und Wurzen aller Grade sich von den Sitzen erhebt unter Assistenz flaschenfertiger Kellner, des Garderobepersonals und last not least der Toilettefrau. Diese tiefen Zusammenhänge mögen unausrottbar sein und der nervenstarken Republik zum Trotz noch über eine Silvesterstimmung hinaus demonstriert werden. Sie können nur den Rückschluß fördern, daß es im Erzhaus wie im »Tabarin« zugegangen sei, und die Hoffnung, daß auch diesem Nachtleben die Sperrstunde geschlagen habe. Sie alle wußten es, von den Dächern pfiffen es die Praterspatzen, d'Geigerbuam im siebenten Himmel tönten es: daß ein Kretin der Marschall unseres Verhängnisses war; Minister trugen es in Anekdoten von der Tafel ins Kaffeehaus und der Hof- und Staatswitz übte sich an der Erkenntnis, wie es denn überhaupt die Note dieses Österreich war – das einzige nebst der angestammten Dynastie einigende Band des Staatsbewußtseins –, die allerhöchsten geistigen und sittlichen Defekte spaßhaft zu finden, den Staat für zerfallsreif zu erklären, alle Beamten vom Nebenzimmer angefangen für Trottel und Schurken, und in der jeweiligen Camera caritatis eben das auszusprechen, wofür sie die andern aufgehängt haben. Die entgegenkommenden Funktionäre Österreichs kamen mit dieser Ansicht uns und der historischen Entwicklung entgegen. Ein Würdenträger des deutschen Zentralstaates fragte mich einmal: »No was glauben S', wern uns die Tschechen herausreißen?« Es war an dem Tag, an dem im Generalstabsbericht die Meldung, daß die in italienischen Gräben vorgefundenen tschecho-slowakischen Legionäre »ihrem verdienten Schicksal zugeführt wurden«, mit dem schuftigen Rufzeichen versehen war, das wie ein Galgen der deutschen Ehre aus diesem Blut- und Preßquartier aufragte. Jene Frage und dieser Ruf und die Gleichzeitigkeit beider Gemütslagen: in all dem war das österreichische Antlitz, das wie geschaffen war, Sonntagsfeuilletonisten freundlich anzumuten. Denn das österreichische Antlitz ist kein anderes als das des Wiener Henkers, der auf einer Ansichtskarte, die den toten Battisti zeigt, seine Tatzen über dem Haupt des Hingerichteten hält, ein triumphierender Ölgötze der befriedigten Gemütlichkeit, während sich grinsende Gesichter von Zivilisten und solchen, deren einziger Besitz die Ehre ist, dicht um den Leichnam drängen, damit sie nur ja alle auf die Ansichtskarte kommen. Sie wurde wirklich und wahrhaftig, von Amts wegen, hergestellt, am Tatort wurde sie verbreitet, im Hinterland zeigten sie »Vertraute« Intimen, und jetzt ist sie als ein Gruppenbild des k. k. Menschentums in den Schaufenstern aller feindlichen Städte, umgewertet zum Skalp der Wiener Kultur, ein Denkmal des Galgenhumors unserer Henker. Es war vielleicht seit Erschaffung der Welt zum erstenmal der Fall, daß der Teufel Pfui Teufel! rief. Es bildeten sich Gruppen, um nicht nur bei einer der viehischesten Hinrichtungen dabei zu sein, sondern auch zu bleiben, und alle machten ein freundliches Gesicht. Dieses, das österreichische, ist auch auf einer andern Ansichtskarte, der unter vielen ähnlichen eine nicht geringere kulturhistorische Bedeutung zukommt, vertreten, in zahlreichen Soldatentypen, die zwischen einer hängenden polnischen Gräfin und ihrer hängender Kammerzofe Schulter an Schulter die Hälse recken, um nur ja ins Dokument aufgenommen zu werden. Gott weiß, für welche satanische Blähung eines Generals, den vielleicht ein Zwischenfall beim Sautanz zu einer furiosen Aufarbeitung von »Wird vollzogen« gestimmt hatte, die beiden unglücklichen Frauen gestorben sein mögen. Das österreichische Antlitz lächelte und greinte je nach Wetter; aber Medusa bedeutet sowohl eine mythologische Schönheit wie eine Qualle, und dieser Gorgonenblick hatte wohl nicht die Kraft, was er ansah in Stein zu verwandeln, wohl aber in Blut oder in Dreck. Das österreichische Antlitz, mit dem zugekniffenen linken Auge, hat man in den letzten Jahren Schulter an Schulter neben einem mehr martialischen Gesicht so oft in den Schaufenstern gesehen, daß es wohl vierzig Friedensjahre brauchen wird, um die Erinnerung loszuwerden. Was mich anlangt, ich konnte den Photographen um so leichter entbehren, als ich die fatale Fähigkeit besaß, das österreichische Antlitz auf Schritt und Tritt, in jeder halbschlächtigen Handlung, in jeder mißratenen Lebensäußerung, in jeder luschen Andeutung zu erkennen, und wenn ich Gesichter brauchte, so waren sie mir zum Hineingreifen nah. Einmal, auf einem Bahnhofe bei Wien, habe ich das österreichische Antlitz an einem Kassenschalter gesehen. Der war vorher zwei Stunden lang herabgelassen, eine fünfhundertköpfige Schafsherde von Wienern stand geduldig, es waren nur noch zehn Minuten bis zum Eintreffen des Zuges, der die einstündige Verspätung wahrscheinlich hoffentlich hereingebracht haben dürfte. Nichts rührte sich, bis ich mit meinem Stock eine Anregung gab. Da ging der Schalter in die Höhe und ein Gesicht von außerordentlicher Unterernährtheit zeigte sich, wie ich es in der Sättigung eines teuflischen Behagens noch nie geschaut habe, und ein dürrer Finger, der hin- und herfahrend dem Leben alle Hoffnung vor diesem Höllentor nahm, ward sichtbar, und ich weiß nicht mehr, war es Finger oder Blick oder wirklich eine Stimme, die da rief – ich hörte die Worte: »Wird kane Koaten ausgeben! Wird kane Koaten ausgeben!« Es war der Auftakt zur österreichischen Revolution: die Wiener begannen zu toben, es bildeten sich Gruppen, ein Eingeweihter gab seine Bereitwilligkeit kund, alle durch ein Hintertürl auf den Perron zu führen. Das geschah, der Zug kam, war so übervoll, daß es auf die Fünfhundert auch nicht mehr ankam, sie fuhren ohne Koaten, und aus dem Gemenge ächzender Menschenleiber unterschied ich nur die Stimmen zweier Revolutionäre: »Vurn is leer, und mir hat der Kondukteur befohlen, hinten einizusteigen« und: »Mir hat er befohlen, vurn einizusteigen, so hab ich halt denkt, hinten wirds leer sein.« Ich sah kein Antlitz, aber es war das österreichische. Und immer werde ich den Finger sehn vor allem was im Leben unerreichbar ist und dann schließlich doch geht. Das österreichische Antlitz aber wirkt gerade in der Unsichtbarkeit. Seh' ich es nicht im Raufhandel eines Wiener Telephongesprächs, wenn sie, die ich nicht sehe, mir sagt: »Ja, mir haben Sie die Nummer nicht gesagt«? Ist es nicht in den Automaten, deren Funktion damit erschöpft ist, ganz von selbst Geldstücke einzunehmen? In diesen Taxametern, denen schon alles wurscht ist, weil der Kutscher, wenn er, nämlich der Taxameter, einmal funktioniert, ihn eh zudeckt? War es nicht in der ganzen Gangart, dem physischen und seelischen Trott und Getorkel eines von solchem Staat erzogenen Volkes, in dem Anspruch, durch die eigene Wegfreiheit sie dem nächsten zu nehmen, in der Habeascorpus-Akte der leiblichen Selbstbehauptung und Belästigung des Nachbarn, in der Verabredung, sich selbst das Leben so leicht als möglich, und dem andern so schwer als nur denkbar zu machen? In einem Verkehr, der nichts anderes war als sein Hindernis. In einem Verhältnis zum Recht, das in der Erwartung der Ausnahme, in einer Beziehung zur Amtlichkeit, die in der Furcht von »Scherereien« bekundet war. In einer Geschäftsmoral zwischen Handeln und Wurzen. In den vereinfachten Formen einer durch artilleristische Überlegenheit geschwächten Nationalökonomie: einem Notenumlauf, bewirkt durch den Hochdruck einer Staatsraison, der für jede Maßnahme die ethische Bedeckung fehlte, und einem Warenaustausch, der immer mehr durch Diebstahl bewerkstelligt wurde und schließlich dem Aufgeben eines Pakets am Postschalter den Charakter eines Verzichts gab. Nur der wachsenden Not war es zu danken, daß es am Ende nicht mehr so viele Dinge gab, als gestohlen wurden; gleichwohl wäre auch die raffinierteste Phantasie nicht imstande gewesen, sich alles das vorzustellen, was einem in diesem Reich, von ihm selbst abgesehen, gestohlen werden konnte. Gesandten wurden die Pässe nach der Kriegserklärung nicht zurückgegeben, sondern gestohlen, und dann erst nicht zurückgegeben. Im Kriege wurden den Invaliden die Prothesen gestohlen. Einer Sängerin wurde im enthusiastischen Gewühle nach Schluß der Oper – der Ruf »Hoch Elizza!« durchdrang Kriegsgeschrei und Revolutionslärm – die Pelzboa gestohlen. Und als die Not am höchsten war, wurde der Kadaver eines wutkranken Hundes gestohlen. Das einzige, was nicht gestohlen wurde, vielleicht eben weil es uns das konnte, war Kriegsanleihe; der Dieb einer Reisetasche – Reisetaschen wurden mit Vorliebe gestohlen und wenn einer eine Reise tat, so konnte er was erzählen –, einer Reisetasche mit 300 000 Kronen in ungarischer Kriegsanleihe, der vorsichtige Dieb behielt also die Reisetasche, den Inhalt jedoch fand man auf dem Abort des Bahnhofs, wo sich der Diebstahl ereignet hatte. Und wer hat hierzulande der Behörde mehr zu schaffen gegeben: der Dieb oder der Bestohlene? Hat das österreichische Antlitz nicht ein Auge des Gesetzes und eins, das es zudrückt, woraus dieser merkwürdig schwankende Ausdruck von Wissenschaft und Ehschowissen entsteht? Ist es nicht das des Konfidenten mit dem »schoarfen Blick« oder das des unbeirrbaren Wachmanns, der sich höchstens des Mißgriffs schuldig macht, eine Bürgerin geprügelt zu haben, weil er im guten Glauben war, sie treibe Prostitution? Oder dem eine interessierte Menge durch die Kärntnerstraße folgt, weil er aus diesem Haufen von Sünde ein dreijähriges Bettelkind hervorgezerrt hat? Und das seines rauheren Bruders von der »Mülidärpolizei«, der eine kranke Frau aus dem Bett auf die Straße prügelt, weil sie mit der Verhaftung ihres Jungen, der ein Stück Brot genommen hat, nicht einverstanden war? Ist es nicht in der Grausamkeit, der die Not nur ein erschwerender Umstand ist, und in der Scherzhaftigkeit, die sie zum Witzblatthema macht und ihr noch die Sexualehre zum Fraß hinwirft? Und dann wieder in der Stimme dieses Hexenhammers: »Wer Schanddirnen beherberget –«. Und in dieser schwärzesten Kriminalität, die eine Mutter straft, die dem von den Furien des Vaterlands gejagten Sohne »Obdach« gewährt hat statt ihn dem Galgen auszuliefern. In der Finsternis eines Wiener Abends, wenn das bekannte Weichbild durch diese nur hier mögliche Abart von Regen, der von unten kommt, so recht fühlbar wird, kann ich das österreichische Antlitz nicht wahrnehmen; aber ich höre ein Menschengebell, das in stoßartiger Zurechtweisung, als würden Gewehrgriffe geübt, einem armen Soldaten gilt, der in der Finsternis es auch nicht bemerkt und darum nicht salutiert hat; an einem Abend, da es am Piave noch feuchter und dunkler war. Wie das alles noch funktionierte, wo es nicht mehr weiter konnte! Es war bis zu der Stunde, da der Wiener doch unterging, mir immer das unheimliche Wunder unserer Existenz, daß dieses ganze Zubehör von Menschen und Maschinenbestandteilen nicht plötzlich mit einem »Ah woos« sich hinlegte und seine Selbstauflösung den mühevollen Gesten eines unmöglichen Betriebs einfach vorzog. Denn wer, der Österreich etwa auf einem Wiener Bahnhofperron in der Kriegszeit ins Antlitz geschaut hat, wäre imstande, das Schlachtfeld zu beschreiben »Ist dies das verheißne Ende? Sinds Bilder jenes Grauns?« mit umherliegenden Soldaten, zwischen denen ein keuchendes Chaos von Rucksäcken, Menschen, Rollwagen, Koffern und sonstigen Bündeln Elends sich vor Waggons mit reservierten Offizierscoupés und eingeschlagenen Zivilfenstern staut. Wer hätte sich durch diese Qual aller Sinne, durch einen Schauplatz, gegen den Wallensteins Lager eine Londoner Hotelhall ist, nicht mit dem Staunen durchgeschlagen: Und so etwas führt Krieg gegen England! Gott strafe es! Gegen Völker, denen, wenn schon nichts anderes, Seife den Sieg sichert. Und wenn das Antlitz in allem, was Dreck und Pallawatsch verhieß, aufglänzte: sich selbst zum Sprechen ähnlich war es erst in der Wildnis dieser Heimkehrerzeiten – getäuschte Hoffnung, daß sie dieses Heim kehren werden! – wenn ein Teil der Wiener Bevölkerung, vom ersten Schrecken erholt, selbst zur Bahn drängte, um den Demobilisierten ihre Konservenbüchsen abzuschwindeln. Und gar in der Entscheidungsschlacht einer Fahrt auf der Elektrischen, wo doppelt so viel Menschen jeder einen doppelten Raum beanspruchen, weil doch alle Berechnungen der unterernährenden Obrigkeit durch eine Vertiefung der Körper im Krieg zunichte wurden. Ich hatte einmal gerade die Ansprache des Erzherzogs Friedrich an den Kaiser memoriert, worin der gewiß selbstverfaßte Satz stand, daß der Marschallstab »der oberste Traum eines jeden Soldaten« sei, und war zu neugierig, ob er in einem dieser Erdäpfeltornister Platz hätte, an die angebunden solch ein armes, verschmutztes, verquältes Stück Mensch die große Zeit durchkeucht. Und war es nicht, Österreichs Antlitz mit dem offenen Mund und den ins Leere starrenden Pupillen, in der rührenden Ausdauer, wie diese Jammergestalt von Staat, dieser Lebensmittelkartenabmeldeschein von einem Nichts, den lachenden Nachbarn und den dumpf verzweifelten Angehörigen von der Erfüllung seiner Blütenträume sprach, von der bereits erfolgten oder im Zuge befindlichen »Erneuerung Österreichs«, darin bestärkt von einer alten Wahrsagerin, einer gewissen Hermann Bahr, die ihm gesagt hatte: Sie werden ein großes Glück machen und ein karolingisches Zeitalter ist im Anzug. Nämlich mit besonderer Berücksichtigung des Umstands, daß der betreffende Kaiser also Karl hieß, was auf viele Durchhalter ungemein suggestiv wirkte. Jene Wahrsagerin, die in Salzburg ihr Unwesen trieb und die katholischen Bauern durch einen »Kriegssegen« fing, die Wiener Juden aber durch ein freimütiges Tagebuch, mußte sich jetzt, vom Lauf der Ereignisse um ihren Kredit geprellt, angesichts der nicht mehr abzuleugnenden Tatsache, daß das karolingische Zeitalter infolge Auflassung des Geschäfts nicht durchführbar ist und selbst eine Erneuerung Österreichs nicht mehr stattfinden könnte, zu dem Geständnisse bequemen, es sei eigentlich das Österreich Masaryks gemeint gewesen; dann aber wurde sie frech: « ... Und ich glaube noch heute an mein Österreich, ja heute mehr als je ... Mein Irrtum war nur, daß ich mir dieses Österreich von unseren Deutschen versprach... Aber im Grunde kommt es, weltgeschichtlich betrachtet, auch gar nicht so sehr darauf an, durch wen und wie mein Österreich geschieht, wenn es nur geschieht.« Angesichts der Verwandlung eines Lebensmittelkartenabmeldescheins in einen Totenschein scheint hier etwas wie ein Glaube an Seelenwanderung die Konjunktur benützen zu wollen und die Erneuerung Österreichs in Prag anzustreben sowie die Errichtung eines karolingischen Zeitalters durch Masaryk, zu dem bereits tatsächlich eine Verbindung des Cola di Rienzo mit Karl IV. besteht. Aber schließlich, wenn wir schon im Umgruppieren sind, wird es sich herausstellen, daß wir auch nicht das Österreich Masaryks wünschen, sondern daß uns mehr das Österreich Marischkas am Herzen liegt. Nun, auch die Fähigkeit, am eigenen Grab noch eine Hoffnung aufzupflanzen, diese Zudringlichkeit dem Schicksal gegenüber, wenn hienieden noch ein Geschäft zu machen ist, diese ewige Wiederkehr des Hausierers, der eigentlich Böhmen gemeint, wenn er Österreich angeboten hat, diese Beharrlichkeit eines Phönix-Agenten, der die Auferstehung in jeder Form garantiert – auch dies ist einer der letzten Züge des österreichischen Antlitzes. Aber es weiß, wozu es auf der Welt ist. Es gehört ja dem Wiener, und darum zweifelt es nicht an seinem Davonkommen. Es bewährt sich todsicher in dieser Fähigkeit, sich, in guten und schlimmen Zeiten, als Protektionskind der Schöpfung zu erleben und den Wiener als den Wiener zu reklamieren, worunter eben ein Wesen zu verstehen ist, das sich mit Recht um seine Eigenart beneidet, indem es nämlich ein besonderes Blut hat, das sogenannte Wiener Blut, sich durch Schick, aber auch durch »Schan« von der Umwelt erfolgreich abhebt und, wie es anders zu essen gewohnt war, nun auch apart durchzuhalten versteht. Die Besonderheit seiner Sprache sind die vielfachen Spuren eines Gedankenlebens, das ausschließlich, in den Tagen der Erfüllung wie der Enttäuschung, vom Problem der Viktualien beherrscht ist, und es ist gewiß ein ethnologisches Wahrzeichen, daß der Wiener durch drei Gemütslagen mit der Erinnerung an eine und dieselbe Speise hindurchkommt: aus jenem Gleichmut, dem alles Wurst ist, durch die Zuversicht, daß es für ihn eine Extrawurst geben wird, in die Resignation, daß jetzt Krieg ist und daß es da keine Würschtel gibt. Und war denn das österreichische Antlitz nicht eigentlich die Hoteliervisage, deren Optimismus selbst dem Untergang noch einen Gusto gab, das Chaos beliebt machte und vom jüngsten Gericht überzeugt war, daß sich die Herren das loben? Deren Blick durch alle Finsternis mit jener letzten Hoffnung geleuchtet hat, die einem Trümmerfeld den Reiz der Spezialität abgewinnt, der Hoffnung auf Hebung des Fremdenverkehrs, und wäre es selbst, um ihnen Heldengräber als Sehenswürdigkeiten vorzuführen und die Konkurrenz der Hyänen zu schlagen. Wo suche ich das österreichische Antlitz noch? Wo kommt es uns nicht schöngefärbt entgegen und wo hat es nicht wieder den Mut, sich zu seiner Häßlichkeit mit dem letzten Gruß aus großer Zeit zu bekennen: »Gut schaun mr aus!« So oder so, immer wußte sich die lustige Person zu behaupten, indem sie die Gebärde jenes kühnen Luftspringers Schulter an Schulter parodierte oder das eigene heroische Mißlingen mit einem Purzelbaum abschloß. Der Knockabout ist der humoristische Träger jenes Lebensprinzips, das Mittel und Zweck zu ewiger Verwechslung verwendet und beide aneinander verliert. Welch ein Symbol österreichischen Daseins: In Feldkirch war es die letzte Pein derer, die entfliehen wollten, ihre Namen ausgebrüllt und den Mitreisenden preisgegeben zu hören, so peinlich wie der Zwang, die Nomenklatur dieser phantastischen Einkäufergestalten zu erfahren. Die deutsche Sitte des Nummernaufrufs – ist der Mensch schon eine Nummer, so sei er es auch – wäre der Pikanterie unseres Grenzverfahrens abträglich gewesen. Endlich wird sie eingeführt. Vor Feldkirch erfolgt die Verteilung der Nummern. Jeder hält die seine in der Hand und wartet auf den Ruf. Damit ist dem organisatorischen Vorbild Deutschlands Genüge geschehn; denn es wird nun jeder, der die Nummer in der Hand hält, mit Namen aufgerufen. Auf die Frage, wozu denn die Nummer sei, weiß kein Funktionär eine Antwort. Meiner Ansicht, es sei wohl nach deutschem Muster eingeführt, wird beigepflichtet. Vermutlich ist später, da der Mißgriff bemerkt wurde, mit dem Namen die Nummer ausgerufen worden. Die deutsche Organisation war das Irrlicht, das einen Unzurechnungsfähigen vollends ins Elend geführt hat. Der Treubund konnte nicht anders ausgehn, als daß Wien von der Mechanik die Roheit annahm und Berlin dafür die Schlamperei lernte. Wir aber hätten das österreichische Antlitz vor Seelenlosigkeit nicht wiedererkannt, wenn nicht auch mehr Schmutz sie verdeckt hätte. Wo stand es nicht vor dem, der hilfesuchend in ein Amt kam und Unrat fand? Muß ich es in den Aborten der Kriminalität suchen, in den Wanzen- und Bazillenräumen der Wiener Garnisonsarreste, an den verwahrlosten Spitalsbetten, wo dafür graduierte Profosen und Assistenten von Scharfrichtern nervenkranke Soldaten mit Starkstrom elektrisierten, um den Verdacht, sich von der Front zu drücken, auf sie abzuwälzen? War es denn nicht in jeder Schmach und Unappetitlichkeit jeder Amtshandlung und vor allem in der Gerechtsame jener Feldgerichte, deren eines die noch über den Justizmord unsittliche Forderung aufgestellt hat, daß der österreichische Staatsbürger seinen Behörden, diesen Behörden, »mit Ehrfurcht und Liebe zu begegnen habe«? Allen, selbst in den Gestalten der Zagorski, Preminger, König und Peutlschmid! Und solche Härte, verschärft durch die Sicherheit, daß hier nicht Naivität, sondern ein Vollbewußtsein der eigenen Schurkerei am Werke war und die diabolische Lust einer letzten Belastungsprobe auf unsere Geduld. Das von einer feindlichen Regierung längst verbotene Experiment der Hundsgrotte ist von der österreichischen tagtäglich den vierzig Millionen Menschen zugemutet worden, und das Antlitz zwinkerte bei dem gelungenen Gspaß, um nach eingetretener Erstickung in voller Heiligkeit zu erglänzen. Da kann es denn, wenn hunderttausend serbische Leichen am Kriegsbeginn von einem Walten österreichischer Degenerale und progressiver Eroberer zeugen, denen das Anführen der dritten reitenden Artilleriebrigade geringere Schwierigkeiten gemacht hat als das Aussprechen derselben und die nachgewiesenermaßen eine bloßfüßige Infanterie in den Tod gejagt haben – da kann es denn passieren, daß sich ein Jockeyklubpräsident findet, der das Andenken Österreichs gegen den gelinden Vorwurf »Austrian Brutalities« verteidigt. Ein aus jener Zeit jetzt in London produzierter Armeebefehl sei »höchst wahrscheinlich apokryph«, aber selbst, wenn er authentisch wäre, »ein unerläßliches Gebot einer rationellen Kriegführung«. Diese rationelle Kriegführung, deren strategisches Ziel jenes Geburtstagsgeschenk für Franz Josef war, dessen Freude kaum den Geburtstag überlebt hat, war unter anderm durch den Gebrauch ausgezeichnet, Greisen, die im Verdacht standen, ein Gefühl für ihre Nation zu haben, eine Todestagsfreude zu bereiten, indem man sie, nach deutschem Vorbild, einlud, ihr eigenes Grab zu schaufeln – also eben das zu tun, was damals Österreich getan hat, ohne leider mit sehenden Augen dazu verurteilt zu sein. Diese Sitte und die Einteilung, daß in den ungarischen Serbenlagern täglich etliche Hundert an Epidemien, Hunger und Nachhilfe durch Kolbenschläge starben – man kann sie aus der Gruft der Reichsratsprotokolle die rationelle Kriegführung der Honveds berufen hören –, läßt ein anderes Faktum geringfügig erscheinen, das jetzt eben in London beklagt wurde, einen gemütlichen Brauch, durch den die österreichische Autorität ihren Familiensinn bekundet hat, indem sie nämlich die Angehörigen der Verurteilten einlud, bei deren Hinrichtung anwesend zu sein. Der Jockeyklubpräsident – es ist jener Botschafter a. D. Heinrich Graf Lützow, dem die Verwechslung mit dem verstorbenen böhmischen Historiker gleichen Namens fast so unangenehm war wie diesem – nennt die Erwähnung jenes Brauchs eine »alte Legende«, von deren Unwahrheit er aus dem einfachen Grunde tief durchdrungen ist, weil sie »ungezählte Male von der kompetentesten Stelle dementiert« wurde. Was ganz richtig und ebenso bekannt ist wie die Dementia der kompetentesten Stelle. Zum Glück stellt sich dem Mann, der die Aufgabe übernommen hat, das letzte was uns geblieben ist, nämlich die Ehre des Generals Potiorek zu verteidigen, ein treffendes Zitat ein, durch das der Sachverhalt einfach klargestellt wird. Ausdrücklich sei also jene Legende dementiert worden, »aber der alte Spruch ist ewig wahr: Calumniare audacter, semper aliquid haeret!« Wie wahr der alte Spruch ist, zeigt sich überhaupt erst im Falle Österreichs: die Feinde haben es tapfer verleumdet, es ließ sich aber in seiner rationellen Kriegführung nicht stören und, siehe da, immer blieb etwas hängen. Ob aliquid oder aliquis, war ihm ganz wurst, da bekanntlich ein alter Spruch lautet: Caesar supra grammaticam. Noch ein anderes Zitat fällt dem Grafen Lützow zum Glück ein, nämlich. »Tout est perdu hors l'honneur«, was ich aber nicht etwa übersetzen würde: »Das einzige, was wir besitzen, ist die Ehre«, sondern schlicht: »Wir haben alles verloren«. Dagegen haben wir zweifellos die Eigenschaft der Gerechtigkeit uns erhalten können, denn der Graf Lützow stellt die Frage: »Können denn im heutigen England die eigenen und die fremden Handlungen niemals mit dem gleichen Maße gemessen werden?« Das ist aber gar keine Frage, sondern einfach eine Antwort, die unter der Aufschrift gedruckt werden müßte: »Ungerechtigkeit in England«, was noch heute so erfreulich wäre wie »Hungersnot in Frankreich«. Denn: »Wir« – der Graf Lützow setzt das Wort in Sperrdruck – »stehen auf dem Standpunkte, daß der wehrlose Feind aufhört ein Feind zu sein«. Wir ja, die andern natürlich nicht; noch heute stehn wir auf dem Standpunkt, wo wir keinen wehrlosen Feind mehr haben, wohl aber die Möglichkeit, von dem Millionengeschenk der italienischen Gefangenen an uns weiter kein Aufhebens zu machen. »Den Schimpf einer unmenschlichen Haltung während des Krieges weisen wir mit Verachtung zurück«, ruft Lützow und ahnt gar nicht, wie recht er hat, und um so mehr, als ja die Verprügelung italienischer Soldaten auf den Bahnhöfen von Wörgl und Linz erst nach Abschluß des Waffenstillstandes erfolgt ist. Wir haben aber während des ganzen Krieges englische Trainer und Jockeys ungestört ihren Beruf ausüben lassen und last not least bei Stone \& Blythe eingekauft. »Wo bleibt da die ›Austrian Brutality'?« fragt der Graf Lützow, der nun einmal aus dem Weltteil zwischen Jockeyklub und Hotel Bristol nicht nur eine Weltanschauung, sondern auch die Vorstellung der Ereignisse schöpft, die sich in den umgebenden Partien Europas gleichzeitig abspielen mögen. Von der Hinrichtung Battistis scheint er zu wissen; nimmt aber allen Einwänden sogleich die Spitze: »Ob die Hinrichtung Battistis, der eidbrüchig unter den Reihen unserer Gegner kämpfte, eine staatskluge Handlung war, mag dahingestellt bleiben..., aber schließlich erhielt er für die vollzogene Handlung die gleiche Strafe, die Sir Roger Casement für die bloße Absicht zuerkannt wurde. Können denn im heutigen England die eigenen und die fremden Handlungen niemals mit dem gleichen Maße gemessen werden?« Dann allerdings nicht, wenn die Handlungen verschieden sind. Denn abgesehen davon, daß Casement von einem Gerichtshof zum Tode verurteilt und hierauf erschossen worden ist, während mit Battisti der kürzere Prozeß gemacht wurde, indem man ihn gefangen und aufgehängt hat, nachdem man ihn allerdings noch zur Verschärfung der Todesstrafe gezwungen hatte, die österreichische Volkshymne stehend anzuhören, dürften bei der Hinrichtung Casements, die England wohl als eine furchtbare Kriegsnotwendigkeit betrachtet, aber nicht als Kirmes gefeiert hat, kaum amtliche Photographien hergestellt worden sein. Bilder, die nicht nur eine Galgenprozedur, sondern auch die bestialische Assistenz als Triumph verewigen, Bilder, die einen strahlenden Henker im Kreise animierter oder verklärt blickender Offiziere zeigen, dürften selbst in der Heimat der farbigen Engländer schwerlich aufgetrieben werden. Ich aber möchte einen Preis aussetzen auf die Agnoszierung des schäbigen Klotzes von einem k. u. k. Oberleutnant, der sich direkt vor den hängenden Leichnam gestellt und seine aussichtlose Visage dem Photographen dargeboten hat, und auch jener dreckigen Feschaks, die heiter wie an der Sirk-Ecke versammelt sind oder mit Kodaks herbeieilen, um nicht nur in betrachtender, nein in photographierender Stellung auf das Bild zu kommen, in dem der sogenannte Seelsorger in der Runde von hundert erwartungsvollen Teilnehmern nicht fehlen darf. Es wurde nicht nur gehängt, es wurde auch gestellt; es wurden nicht bloß die Hinrichtungen photographiert, sondern auch die Betrachter, ja sogar noch die Photographen. Und der besondere Effekt unserer Scheußlichkeit ist nun, daß jene feindliche Propaganda, die statt zu lügen einfach unsere Wahrheiten reproduziert hat, unsere Taten gar nicht erst photographieren mußte, weil sie zu ihrer Überraschung unsere eigenen Photographien von unseren Taten am Tatort vorgefunden hat und uns »als Ganze« all in unserer Ahnungslosigkeit, die nicht spürte, daß kein Verbrechen uns so vor der Umwelt entblößen könnte wie unser triumphierendes Geständnis, wie der Stolz des Verbrechers, der sich dabei noch aufnehmen läßt und ein freundliches Gesicht macht, weil er ja eine Mordsfreud hat, sich selbst auf frischer Tat erwischen zu können. Denn nicht daß er getötet, auch nicht daß er's photographiert hat, sondern daß er sich mitphotographiert hat, ja daß er sich photographierend mitphotographiert hat – das macht seinen Typus zum unvergänglichen Lichtbild unserer Kultur. Wenn den Grafen Lützow die Zeit- und Landsgenossenschaft der Kujone, die den Hinrichtungen der Italiener Battisti und Filzi bis zum Schluß beigewohnt haben, sympathisch berührt und wenn er nicht im Gegenteil findet, daß diese für ein k. und k. Kriegsarchiv gestellten Gruppen das Andenken Österreichs mit einem Schandfleck behaften, der in Äonen,nicht untergehn wird, dann wiegt die Ehre, nicht Mitglied des Jockeyklubs zu sein, ein goldenes Vließ auf! Unsere Stellung vor dem Standgericht der Weltgeschichte macht ihm keine Skrupel. Aber er hofft, daß die »Times« – er hat, wiewohl er ein Botschafter a. D. ist, »kein Mittel, um mit der Redaktion direkt zu korrespondieren« – seine Richtigstellung veröffentlichen werden, sobald sie davon Kenntnis erhalten. »Skeptiker«, setzt er hinzu, »werden über meine Naivität lächeln.« Aber er kennt sein England und hat die Überzeugung, »daß die alte englische Tradition des Fair play auch jetzt nicht ausgestorben ist«. Ob er das als Jockeyklubpräsident oder nur als Diplomat hofft, läßt er unerwähnt. Ich nun bin so sehr Skeptiker, daß ich die Erwartung des Grafen Lützow nicht einmal für seine stärkste Naivität halte. Der Gesinnung, die sich in dem vornehmen Bekenntnis des Chefs der englischen Militärmission in Wien ausgesprochen hat, »daß wir jetzt alle wünschen, die Greuel des Krieges zu vergessen und nicht an sie erinnert zu werden«, wäre auch zuzutrauen, daß sie dem humanen Zweck zuliebe noch die Wahrheit berichtigt. Und selbst dies ist wünschenswert, da der Menschheit augenblicklich nicht anders zu helfen ist als daß die Völker so schnell als möglich vergessen, was sie einander angetan haben. Aber sie würde den Fortschritt, den sie durch die Gnade erzielt, reichlich wettmachen, wenn sie es an Reue fehlen ließe, indem die Völker so schnell als möglich vergessen, was sie dem andern, und ganz besonders, was sie sich selbst angetan haben. Wehe uns, wenn wir Gnade üben wollten an uns selbst! Der Feind mag gegenüber einer Wiener Lügenzeitung, die ihm eine Anklage deutscher Grausamkeiten in den Mund gelegt hat, sich zum Wunsch bekennen, sie aus dem Gedächtnis zu tilgen. Aber wir dürfen es von ihm nicht verlangen, selbst wenn wir so naiv wären, sie zu bestreiten. Denn auf keiner Seite dürfte sich die Überschreitung der legitimen Ungebühr des Kriegslebens, die Verletzung völkerrechtlicher Normen, die selbst dem menschheitswidrigen Handel gesetzt sind, leichter nachweisen lassen, als auf der deutschen, weil hier ein ganzes Heer von journalistischen, literarischen und akademischen Tröpfen und Spitzbuben aufgeboten war, Söldner fremden Blutes, die mit derselben Feder, mit der sie den Vorwurf unmenschlicher Kriegführung auf die Feinde abzuwälzen hatten, ja auf demselben Papier, die Bombardierung von Krankenhäusern, Kirchen und Schulzimmern, die Torpedierung von Spitalschiffen, die Ehrung und Verklärung von Menschenjägern nicht nur beschrieben, sondern auch bejubelt haben. Die ständige Berufung auf das unschuldige Volk eines kriegsschuldigen Staates mag den Untertanen staatsmännischer Willkür, den Leibeigenen eines ruchlosen Generalstabs, ja selbst jenen helfen, die im Bann einer elenden Machtideologie Aufträge oder Fleißaufgaben des Mordes ausgeführt haben. Keineswegs hat die deutsche Intelligenz, welche wie die keines andern Landes, vom ersten Dichter bis zum letzten Reporter, vom ersten Völkerrechtsprofessor bis zum letzten Pastor, in der feldgrauen Materie gesielt, im fremden Bluterlebnis geschwelgt, ja vielfach von dieser Haltung ihre Existenz gefristet und durch den Claqueurdienst für Haudegen die eigene Unversehrtheit errungen hat, keineswegs hat die Barbarei der Bildung auch nur den geringsten Anspruch auf Mitleid, wenn sie die Strafe mitzuzahlen hat, und käme selbst ein Säkulum solchen Geisteslebens in wirtschaftliche Bedrängnis. Der Graf Lützow würde aber kein Glück haben, wenn er hier etwa die beiden Schultern voneinander trennen und die Anerkennung speziell unserer Menschlichkeit auf die Dokumente der österreichischen Kriegsbelletristik stützen wollte. Der Beweis würde auch da eher durch eine Verbrennung ganzer Zeitungsbibliotheken und Buchverlage zu erbringen sein. Der Schimpf, den seinesgleichen mit Verachtung zurückweist, ist nicht der unserer unmenschlichen Haltung während des Kriegs, sondern der des Vorwurfs, den man uns daraus macht. Wie sollten wir ihn verdient haben, da wir während des Kriegs doch eine Haltung angenommen haben, von der man die Gesetze der Menschlichkeit in künftigen Jahrhunderten erst ableiten wird. Daß wir dem Feind, der in unsere Gewalt geriet, in jeder nur möglichen Weise entgegengekommen sind, versteht sich schon aus dem Wesen des österreichischen Funktionärs. Wenn zum Beispiel die Okkupationsbehörde, in Betätigung ihres oft bewiesenen Familiensinnes, einmal in Montenegro Vater und Bruder eines obstinaten Menschen, der die Waffen nicht abliefern wollte und auf und davongegangen war, mit der Hinrichtung bedrohte, falls sich der Angehörige nicht binnen vierundzwanzig Stunden stelle, und den Bruder tatsächlic kaltgemacht hat, so ist dies durch eine rationelle Kriegführung, gegen deren Exekutoren der Geßler eben ein blutiger Dilettant war, hinreichend erklärt. Die Milde gegen den Vater ist ohnedies für eine Gemütsart, die mit sich reden läßt, bezeichnend. Die Rücksicht dem Feind gegenüber war aber auch immer gepaart mit einer Sorge für das Wohl und auch das Wehe der eigenen Mannschaft; die ja ein Ehrenkapitel im goldenen Buch unserer Kommanden bildet. Es ist außerordentlich lehrreich zu betrachten, wie nur in den äußersten Notfällen eine etwas strengere Tonart eingehalten wurde, wofür man gleich am Tag nach dem Auftreten des Grafen Lützow ein Beispiel erfahren hat. In Kragujevac – bekannt in der Weltgeschichte durch den Ruf »Krakuiefaz eropaat!« – hatten 44 nach vierjähriger Kriegsgefangenschaft einrückend gemachte Heimkehrer am Abend ihrer Ankunft eine elende Menage – vermutlich aus der Küche des Leopold Salvator – vorgefunden und sich aus Wut darüber einen Rausch angetrunken, der sich zu einem wüsten Exzeß, ja sogar zu Beschimpfungen der Offiziere steigerte. Die Justifizierung beschreibt nun der folgende Bericht, der auf der Aussage des dazu kommandierten Arztes beruht: «... In zwei parallelen Reihen waren je 22 Gräber aufgeworfen, die Erschießung wurde in zwei Partien vorgenommen. Zur Durchführung dieser Exekution waren Bosniaken kommandiert, die auf zwei Schritt Entfernung zu schießen hatten. Den Bosniaken jedoch zitterten die Hände, als sie ihren Kameraden ins Gesicht schießen mußten, und sie schossen schlecht. Die erste Partie wälzte sich auf dem Boden, es war beinahe kein einziger tot. Da wurde der Befehl gegeben, den Opfern die Gewehrläufe an den Kopf zu setzen. Als alle Gehirne zu Brei zerschossen waren, kam die zweite Partie daran, und die gleiche Szene wiederholte sich noch einmal. Der Stellvertreter des Generalstabschefs, ein Oberstleutnant, der sich auch sonst damit brüstete, daß er vielen Serben die Lampe ausgelöscht habe, sagte nach der Hinrichtung beim Abendessen, als manche schüchterne Bedenken gegen den Prozeß geäußert wurden: er hätte auch 300, nicht nur 44 hinrichten lassen. Die Opfer waren beinahe alle Familienväter, und alle waren vielfach mit allen Graden von Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet. Sie sahen auch diesem letzten Tode ohne Scheu in die Augen, lautlos, ohne eine Miene zu verziehen, ohne eine Abwehrbewegung.« Selbst dem Armeeoberkommando, das bei Verfehlungen von Soldaten wohl Stockhiebe, aber nicht Verminderung des Menschenmaterials guthieß, soll dieses Beispiel einer Pflege innigeren Kontaktes mit der Mannschaft – zwei Schritte Distanz und noch weniger – zu stark vorgekommen sein und es soll sich zu der Auffassung entschlossen haben, daß jene Offiziere, die sich so weit einließen, offenbar zu den sogenannten Elementen gehörten, gegen die eine Untersuchung, wenngleich nicht abgeschlossen, so doch eingeleitet wurde. Allein den Schimpf einer unmenschlichen Haltung während des Kriegs weisen wir mit jener Verachtung zurück, die nicht den Mördern, sondern den Anklägern gebührt. Denn wir sind nun einmal die Sorte von Österreichertum, die, wenn im Hause des Gehenkten vom Strick geredet wird, jede andere Version als daß es ein Perlenkollier war, schon mit Rücksicht auf den guten Ton und auf die erwiesene Tatsache, daß sie keinem Huhn den Hals umdrehn könnten, in Abrede stellt. Wenn man uns sagt, daß wir uns wenigstens eine Zeitlang und nicht einmal aus Grausamkeit, sondern nur aus Feigheit, aus Phantasiearmut, aus Unverantwortlichkeit, aus der Abhängigkeit von Phrase und Mechanik, aus Reklamesucht und Wichtigmacherei, kurz aus allen möglichen Mittellagen des Charakters, nicht wie Menschen aufgeführt haben, so geben wir die Möglichkeit bloß »im Hinblick« auf den Umstand zu, daß wir ja eben die reinen Lamperln sind, oder mit dem resoluten Geständnis des Grafen Czernin: »Es hat sich gezeigt, daß vieles bei uns nicht so war, wie es hätte sein sollen«, womit er aber gewiß nicht auf unsere auswärtige Politik anspielen wollte. Und daß so etwas noch immer oder schon wieder laut werden kann, zeigt, wie unverbunden die neue Staatsform neben der alten Lebensform zu bestehen sich anschickt. Der Stolz auf das kurze Gedächtnis pflanzt sich gleichmütig vor der Vergangenheit auf, mit demselben Achselzucken, mit dem man den Krieg hindurch über die drohende Realität hinwegsah, geht man jetzt an der mahnenden Schuld vorbei, und ist die angenommene Unwissenheit ein guter Vorspann für ein leichtes Gewissen, so wird kein distinguierter Fremder mehr der Einladung »Fahr' mr Euer Gnaden« widerstehn können, und es versteht sich ganz von selbst, daß wir keinen Richter nicht brauchen werden. Der Verständigungsfriede – alstern, san mr wieder gut – wird von der besiegten Frechheit, die ihn bis zum letzten Hauch von Mann und Roß verschmäht hatte, als ein Minimum dessen beansprucht, was ihrer Vorzugsstellung, nämlich ihrer Zuständigkeit nach dem ehemaligen Osterreich gebührt. Bis zum letzten Augenblick hat sie sich an der größten Schlechtigkeit in der Liste dieser Kapitalverbrechen mitschuldig gemacht und parasitär mitschuldig gezeigt, indem sie noch geschwind ihre versenkte Tonne neben den vierzigtausend des großen Bruders unter dem Titel »Unsere und deutsche U-Booterfolge« ausschrie – vielleicht, wie es dem halbschlächtigen Sieger ziemte, zugleich auf den Anteil von Ruhm und auf die Geringfügigkeit der Untat verweisend. Kein Schuft, nur ein Schufterle, nehmt alles nur in allem. Frech bis zur Harmlosigkeit, immer wieder das andere Antlitz, eh sie geschehn, das andere nach der vollbrachten Tat, und beides zugleich – das war das österreichische. Und das muß man ja sagen: wenn je in der Tragödie mißleiteter Völker ein weltgeschichtlicher Humor mitgespielt hat, so wurde er von dem Anblick dieses in die Kriegsmaschine geratenen Charakterbreis bestritten, der, angekettet an eine Kapazität der Dressur die fremde Tonlage durchhalten mußte, in seiner angeborenen Stimmung zwischen »Wer' mr scho machen« und »Kann man halt nix machen« an der Seite eines machenden und schaffenden Ungeheuers kläglich verzappelt ist und wirklich eher den feindlichen Angriffen in die Front als den fortwährenden Freundesstößen in die Weichteile gewachsen war. Shakespeares ungleiches Gespann eines Junker Tobias von Rülp und eines Junker Christoph von Bleichenwang ist wohl ein Sinnbild dieser Liaison von Adelsmächten, die zusammen diesen Trunkenheitsexzeß genannt Mitteleuropa ergaben. »O Junker, du hast ein Fläschchen Sekt nötig! Hab' ich dich jemals schon so herunter gesehn?« »In eurem Leben nicht, Junker, glaub' ich, außer wenn mich der Sekt heruntergebracht hat ... Aber ich bin ein großer Rindfleischesser, und ich glaube, das tut meinem Witz Schaden ... Ich bin ein Kerl von der wunderlichsten Gemütsart in der Welt; manchmal weiß ich mir gar keinen bessern Spaß als Maskeraden und Fastnachtspiele.« »Taugst du zu dergleichen Fratzen, Junker? ... Weswegen verbergen sich diese Künste? Weswegen hängt ein Vorhang vor diesen Gaben? Bist du bange, sie möchten staubig werden? Warum gehst du nicht in einer Gaillarde zur Kirche, und kommst in einer Courante nach Hause?...« «... Wollen wir nicht ein Gelag anstellen?« »Was sollen wir sonst tun? Sind wir nicht unter dem Steinbock geboren?« »Unter dem Steinbock? Das bedeutet Stoßen und Schlagen.« »Nein, Freund, es bedeutet Springen und Tanzen. Laß mich deine Kapriolen sehn. Hopsa! Höher! Sa! Sal Prächtig!« – »Besteht unser Leben nicht aus den vier Elementen?« »Ja wahrhaftig, so sagen sie; aber ich glaube eher, daß es aus Essen und Trinken besteht.« – Tobias: «... ich will dir eine Ausforderung schreiben, oder ich will ihm deine Entrüstung mündlich kundtun.« ... Christoph: »O, wenn ich das wüßte, so wollte ich ihn hundemäßig prügeln.« Tobias: «... Deine wohlerwognen Gründe, Herzensjunker?« Christoph: » Wohl erwogen sind meine Gründe eben nicht, aber sie sind doch gut genug ... O, es wird prächtig sein!« Maria: »Ein königlicher Spaß, verlaßt euch drauf...« –Tobias: »O der Schuft!« Christoph: »Schießt ihn tot! Schießt ihn tot!« Tobias: »Still, still! ... Bis zu den Pforten der Hölle ... !« Christoph: »Ich bin auch dabei.« – Fabio: «... Da hättet ihr euch herbeimachen sollen ... Dies wurde von eurer Seite erwartet und dies wurde vereitelt. Ihr habt die doppelte Vergoldung dieser Gelegenheit von der Zeit abwaschen lassen...« Christoph : »Solls auf irgendeine Art sein, so muß es durch Tapferkeit geschehn; denn Politik hasse ich...« Tobias: »Wohlan denn, baun wir dein Glück auf den Grund der Tapferkeit. Fordre mir den Burschen auf den Degen heraus; verwunde ihn an elf Stellen. ..« Fabio: »Es ist kein andres Mittel übrig, Junker Christoph.« Christoph: »Will einer von euch eine Ausforderung zu ihm tragen?« Tobias: »Geh, schreib mit einer martialischen Hand; sei verwegen und kurz ... und so viel Lügen als auf dem Papier Platz haben, schreib sie auf! Geh, mach dich dran! ...« Tobias über Christoph: «... Was den Junker betrifft, wenn der geöffnet würde, und ihr fändet so viel Blut in seiner Leber, als eine Mücke auf dem Schwanze davontragen kann, so wollt' ich das übrige Gerippe aufzehren.« – Fabio: »Hier ist wieder etwas für einen Fastnachtsabend.« Christoph: »Da habt ihr die Ausforderung; lest sie; ich steh' dafür, es ist Salz und Pfeffer darin.« »Ist sie so verwegen?« »Ei ja doch! Ich stehe ihm dafür. Lest nur.« ... Tobias: »Geh, Junker, laure ihm an der Gartenpforte auf wie ein Häscher; sobald du ihn erblickst, zieh und fluche fürchterlich dabei: denn es geschieht oft, daß ein entsetzlicher Fluch, in einem rechten Bramarbaston herausgewettert, einen mehr in den Ruf der Tapferkeit setzt, als eine wirkliche Probe davon jemals getan hätte. Fort!« Christoph: »Nun, wenns Fluchen gilt, so laßt mich nur machen.« Tobias über Christoph: «... also wird dieser Brief wegen seiner außerordentlichen Abgeschmacktheit ihm keinen Schrecken erregen; er wird merken, daß er von einem Pinsel herrührt ...« Derselbe: «... und sein Grimm in diesem Augenblick ist so unversöhnlich, daß er keine andre Genugtuung kennt als Todesangst und Begräbnis. Drauf und dran! ist sein Wort; mir nichts, dir nichts!« Der Feind: «... Ich bin kein Raufer. Ich habe wohl von einer Art Leute gehört, die mit Fleiß Händel mit andern anzetteln, um ihren Mut zu zeigen; vielleicht ist er einer von diesem Schlage.« »Nein, Herr, seine Entrüstung rührt von einer sehr wesentlichen Beleidigung her; also vorwärts, und tut ihm seinen Willen...« «... Ich für mein Teil habe lieber mit dem Lehrstande als dem Wehrstande zu tun; ich frage nicht darnach, ob man mir viel Herz zutraut.« – Christoph: »Hol's der Kuckuck! Hätte ich gewußt, daß er herzhaft und ein so großer Fechter wäre, so hätte ihn der Teufel holen mögen, eh' ich ihn herausgefordert hätte. Macht nur, daß er die Sache beruhn läßt, und ich will ihm meinen Hans, den Apfelschimmel, geben.« Tobias: »Ich will ihm den Vorschlag tun; bleibt hier stehn, und stellt euch nur herzhaft an ... er hat mir auf sein ritterliches Wort versprochen, er will euch kein Leid zufügen. Nun frisch daran!« Christoph: »Gott gebe, daß er sein Wort hält.« – Tobias: «... und wegen seiner Feigheit, fragt nur den Fabio.« Fabio: »Eine Memme, eine fromme Memme, recht gewissenhaft in der Feigheit.« Christoph: »Wetter! Ich will ihm nach und ihn prügeln.« Tobias: »Tu's, puff ihn tüchtig ...« – (Junker Christoph kommt mit einem blutigen Kopfe.) »Um Gottes Barmherzigkeit willen, einen Feldscherer! Und schickt gleich einen zum Junker Tobias!« »Was gibts?« Christoph: »Er hat mir ein Loch in den Kopf geschlagen, und Junker Tobias hat auch eine blutige Krone weg. Um Gottes Barmherzigkeit willen, helft! Ich wollte hundert Taler drum geben, daß ich zuhause wäre ... Wir glaubten, er wäre 'ne Memme, aber er ist der eingefleischte Teufel selbst ... Ihr habt mir um nichts und wieder nichts ein Loch in den Kopf geschlagen, und was ich getan habe, dazu hat mich Junker Tobias angestiftet.« Der Feind: »Was wollt ihr von mir? Ich tat euch nichts zuleid. Ihr zogt ohn' Ursach gegen mich den Degen. Ich gab euch gute Wort' und tat euch nichts.« »Wenn eine blutige Krone was leides ist, so habt ihr mir was zu Leide getan. Ich denke, es kommt nichts einer blutigen Krone bei. Da kommt Junker Tobias angehinkt, ihr sollt noch mehr zu hören kriegen. Wenn er nicht was im Kopfe gehabt hätte, so sollte er euch wohl auf 'ne andere Manier haben tanzen lassen.« »Nun, Junker, wie stehts mit euch?« Tobias: »Es ist all' eins. Er hat mich verwundet und damit gut....« ... »Fort mit ihm! Wer hat sie so übel zugerichtet?« Christoph: »Ich will euch helfen, Junker Tobias, wir wollen uns zusammen verbinden lassen.« Tobias: »Wollt ihr helfen? – Ein Eselskopf, ein Hasenfuß und ein Schuft! ein lederner Schuft! ein Pinsel!« »Bringt ihn zu Bett und sorgt für seine Wunde!« Ist dieses nicht der Treubund vom Ultimatum bis zum Ultimo? Und je bleicher Christophs Wange ward, um so lauter rülpste Tobias und das Verhältnis ward ausgebaut und vertieft. Durch alle Trübsal unseres Daseins hopsen müssen, von dieser unerbittlichen Melodie der Treue gequält, spürten wir den Druck einer führenden Hand, die es allerdings, im Gegensatz zum Shakespeareschen Spaßmacher furchtbar ernst mit sich und uns meinte. Der verspätete Wadenbiß, als zwei auf der Erde lagen, war nur die natürliche Rettung aus einer falschen in eine schiefe Position. Was hatte sich ein Staat zugemutet, dessen Entschluß zum Krieg, von jenem russischen Außenminister eine Keckheit genannt, doch nur die Vermessenheit anschaulich machen konnte, die sein Dasein selbst bedeutet hatte! Man mag darüber verschiedener Meinung sein, ob das Vaterland und selbst eines, das nicht gerade den Kotter seiner Nationen vorstellt, der Güter höchstes ist; der Übel größtes aber ist die Schuld am Weltkrieg, nebst dem Plan, die Mehrzahl seiner Nationen durch Maschinengewehre für die ihnen verhaßteste Sache zu begeistern. Die Hölle ward hell von dem Genieblitz der Idee, für ein von der Welt angezweifeltes Staatswesen, für die durch Großmachtwahn, falsche Politik und unfähige Verwaltung verschütteten menschlichen und landschaftlichen Werte eines Landes durch einen Weltkrieg Propaganda zu machen. Anstatt daß die Leute, die hier den Ton der Kultur angaben, einmal aus der Erkenntnis, daß sie der Auswurf der Menschheit seien, den Mut zu einem Verzicht geschöpft hätten, entschlossen sie sich lieber, da es so nicht mehr weiterging, andere in den Krieg zu treiben, zu dem sie ja mit den Machtmitteln der Lüge hinlänglich gerüstet waren. Unter der Führung jener unfaßbarsten Machthaber, deren einen Herr Maximilian Harden, ehe er sich zu einer Gesinnung gegen den Krieg entschloß, den »Generalstabschef des Geistes« genannt hat, damals, als die Schlacht bei Lemberg im Hintergrund des fünfzigjährigen Jubiläums der Neuen Freien Presse gefeiert wurde. Was wir seit damals im Maultrommelfeuer von vier Jahren erleiden mußten, das und nur das sollte auf der Friedenskonferenz uns die Barmherzigkeit der Feinde gewinnen und was noch heißer ersehnt werden muß, die Unerbittlichkeit gegen eine Autokratie des Worts, die, solange sie lebt, uns nie des Verlustes der andern wert sein lassen wird. Sollten wirklich Königreiche zerstoben sein und über dem größten Umsatz des blutigen Schicksals, den je die Welt erlebt hat, ein Schlachtbankier unerschüttert in seiner erhabenen Niedertracht thronen, bleibendes Hindernis aller Erhöhung und Befreiung, wirkender Vorschub allem Faulen in Welt und Staat? Als der schmutzigste Triumph der Materie über den Geist: denn wahrlich, was sind die Vernichter sichtbaren Menschheitsgutes, deren Unumschränktheit doch an der vorhandenen Quantität sich ersättigen mußte, gegen eine Pest, die fortwirkt in die Generationen! Es wäre wenig an der Welt geändert, wenn die Dämonen geblieben und nur die Prokura gewechselt wäre; sie würden die Tyrannei der Formen, durch die unser Inhalt so ins Verderben kam und deren Zertrümmerung all unsern Kriegsgewinn bedeutet, immer aus sich selbst erzeugen, und die Kolumnen, die ein Benedikt aus der Erde stampft, sind irgendeinmal Formationen, um für die schwärzeste Hausmacht die Atempause der Welt zu kürzen. Man müßte an der Macht des Geistes verzweifeln, wenn er wohl stark genug war, die Materie der Waffe zu bezwingen, aber an der des schlechten Worts versagte und was er über das Blut vermocht hat, gegen die Druckerschwärze nicht behaupten könnte. Ach, wenn der Neuen Freien Presse und allem Gelichter unserer Nacht nichts anderes widerfährt, als daß es das Opfer des Putsches von Feuilletonisten wird, die selbst diesen Beruf verfehlt haben und auf dem Umweg über die Rote Garde in eine Redaktion kommen möchten; wenn Zeitungsleute die Märtyrer eines Vorstoßes werden, der weniger Überzeugungskraft hat als ein landläufiger Grubenhund; wenn es den Zerstörern aller Friedenswelten gelingt, sich in den Schutz der republikanischen Ordnung zu flüchten, anstatt daß es dem neuen Weltwillen gelänge, die Bestie mit einem Axthieb niederzustrecken – dann wäre mindestens der Beweis geliefert, daß er unserem Umschwung mißtraut, daß er uns nicht für reif hält, ohne Aufsicht unserer Vampyre fortzuleben. Es scheint ja alles dafür zu sprechen, daß wir dem Gesetz der Trägheit, dem einzigen, welches keine österreichische Regierung je gebrochen hat, noch über das Grab der Monarchie Treue bewahren und, weil es sehr schön war und uns sehr gefreut hat, den ganzen Geistesdreck und Gemütströdel ihres Hausrats übernehmen wollen. Es scheint, daß die Revolutionierung der Herzen, die hier allzukühn mit einer Entfernung der Hoflieferantenwappen eingesetzt hat, es bei dieser bewenden lassen will und daß wir dazu verdammt sind, das österreichische Antlitz, welches so lange das Gegenteil der Welt war, auch fernerhin und auf der sich selbst überlassenen Schulter zu tragen. Der Portier des Auswärtigen Amtes, heißt es bereits, sei mit der Republik nicht einverstanden, und das will, zumal wenn sich die der andern Staatsämter anschließen, mehr bedeuten als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Man kann das nicht genug überschätzen; die Welt hat Krieg führen müssen, weil sie unsere lokalen Verhältnisse zu wenig gekannt hat. Aber die Hausmeister allein könnten's nicht richten, wenn sie nicht der Unterstützung der Parteien gewiß wären und wenn sich nicht diese ganze unausrottbare Art von Menschen, die einander alle hinter sich haben, schon verständigt und in einer passiven Resistenz, die viel mehr als alle Aktivität anderer Volkstemperamente Entwicklungen beeinflußt, sich zu Gruppenbildungen und Verkehrshindernissen gefunden hätte. Die falsche Besorgnis der einen, daß hier republikanische Zustände Platz greifen, und der andern, daß hier monarchistische Überraschungen eintreten könnten, beruht auf einer Überschätzung der Wiener Möglichkeiten, nein, es bleibt alles beim Neuen, nur daß ein konstanter Widerstand aus den Niederungen, in denen die Hof- und Personalnachrichten um ihr Dasein ringen, auf Schritt und Tritt die Anwendung neuer Normen verhindern wird. Gewiß, sie schreien nach Habsburg wie der Hirsch in der Jagdausstellung nach der Quelle, und sie würden das Wiederauftreten Karls so begeistert wie nur eines Marischka begrüßen, aber aus keinem andern Grund, als weil es ein Wiederauftreten ist. Nicht wer beim Bühnentürl herauskommt, sondern daß einer herauskommt, erzeugt die Wärme, und die Beliebtheit kommt hier ebenso von der Popularität wie die Armut von der Powerteh. Sie denken sich ja nichts dabei, höchstens daß nichts dabei ist und daß man dabei sein kann, was eben in der Republik, wo jeder dabei sein kann, viel schwieriger ist. Weil dieselben Leute, die eine Zeitlang »p. u.« waren, es nicht mehr erwarten können, wieder u. a. registriert zu werden und weil die Klio hier in der Kärntnerstraße spazierengeht, kann es passieren, daß zweitausend Republikaner in einem Konzertsaal einer Brettlsängerin zujauchzen, die durch die Erinnerung an den guaten alten Herrn in Schönbrunn, dessen Auge auf seinen Wiener Edelknaben wohlgefällig ruht, justament der Weltgeschichte beweisen wollte, daß mir mir san. Dabei übersehe man ja nicht die tiefe Unechtheit dieser Nostalgie, die, ohne Verbindung mit den Kulturreizen einer bessern Wiener Zeit, sich bloß von einem Farbendruck der Gemütlichkeit nicht trennen will. Es ist bei weitem nicht jene Nobelfäulnis, die bis um 189o der lokalen Kultur einen gewissen Weltwert verliehen hat und deren letzte Spuren im blutigen Chaos genau so vertilgt wurden wie die norddeutsche Spezialität der Ordnung. Es ist vielmehr eine Geschmackigkeit, die durch die Barbarei des Kriegs nur gewonnen hat: das neuwienerisch-jüdische Element, ein eben angelangter und sofort rabiater Provinzcharakter, jenes fast naive Widerspiel von Scham und Schönheit, jene picksüße Lebensfrische, die nicht überwintern kann ohne die Aussicht auf ein fettes Ischl mit seiner vollkommenen Pervertierung der Kaiserpracht zu einer Orgie der unwahrscheinlichsten Mißformen, seiner phantastischen Nachbarschaft von Kabinettskanzlei und Theatercafe und den betäubenden Tonfällen einer Esplanade, die als ein sommerlicher Franz-Josefs-Kai die Huldigung komplett macht. Es ist jenes Österreich, das sich wirklich mit Recht nach sich zurücksehnt, weil es, wenngleich abgeschlossen von der Welt, nie mehr so unter sich sein wird. Es ist das Österreich der kaiserlichen Räte. Sie waren nur das Spalier, durch das am 18. August die Majestät fuhr; aber die Staatsweisheit kam ans Ziel, als hätte sie wirklich von all dem Rat mitgenommen. Dieser echt österreichische Einfall war vielleicht mit ein Grund allen Mißverständnisses über uns: daß die letzte Menschenkategorie anstatt eines gelben Flecks einen Titel bekam, welcher der schlecht informierten Umwelt nach der höchsten Würde klingen mußte, jenen maßlos erstaunten Europäern, die solche Exemplare von Conseiller imperial die Sauce mit dem Messer essen sahen und sich nun vom Niveau der niedriger gestellten Bevölkerung eine Vorstellung machten. Und wie soll die durch solche Vertreter der Monarchie verwirkte Achtung einer Republik zurückgewonnen werden, die sich durch die Pflicht politischer Toleranz von der tiefern Pflicht entbunden glaubt, den Parasiten der alten Macht den Übertritt zur neuen zu verwehren, und die es erträgt, daß dem Wechsel der Systeme das feierliche Sinnbild eines im gekauften Hofwagen sich dehnenden Eskompteimperators entsteht. Die Möglichkeit solch apokalyptischer Vision und die Sehnsucht derselben Grabenpassanten, die den Scheuel nicht mit Pflastersteinen erlegen, nach dem frühern Insassen der Equipage, sie gehören in ein und dasselbe Bild einer spezifischen Kultur, die auf dem Erdkreis ihresgleichen nicht hat. Denn ihre wesentliche Einheit ist der Schlamm, der die Verschiedenheit aller möglichen Empfindungswelten undeutlich macht und schon einen Tiefseeforscher braucht, um die Geheimnisse einer am Tag ihrer Gründung versunkenen Stadt zu offenbaren. Für einen Marsbewohner wäre es jedenfalls unfaßbar, daß hier eine Republik etabliert wurde und die ganze Mischung von Ghetto und Bierstüberl, nicht nur als Naturfarbe, nein auch als der unmittelbare politische Ausdruck unserer Neigungen uns erhalten blieb; daß jene undefinierbare Spezies, die sich »deutschnational« nennt und die wohl unter allen lebendigen Formen die rätselhafteste ist, nicht nur nicht am ersten Tag weggeblasen war, sondern obenauf ist, nachdem sie bis zum letzten Generalstabsbericht den ganzen Bieratem ihrer Leidenschaft an einen Siegfrieden gewendet hat. Jene Sorte, neben der das feindliche Ausland, wenn es sich noch einen Funken Gerechtigkeitsgefühl bewahrt hat, den Preußen als einen Kulturträger hinnehmen müßte und für die mir auf der Suche nach einem Personennamen in meinem tragischen Karneval der Zufall einer Lokalnotiz ein Zauberwort, das alles Wirrsal bändigt, in den Schoß geworfen hat: Kasmader! In welchem Namen könnte sich diese Partie von Deutschösterreich, und eigentlich das ganze, glücklicher darstellen? Man spürt sofort, daß alles Eau de Lubin, über das die Entente verfügt und das sie allein schon befähigt hat, dem alldeutschen Gedanken die Spitze zu bieten, nicht ausreichen würde, um Kasmader der Welt unbedenklich zu machen, und es wäre wahrlich nicht unbillig, wenn sie sich zur dauernden Einrichtung eines Konzentrationslagers entschließen wollte, worin das Wesen, von Nahrungssorgen natürlich befreit, seine Tage hinzubringen hätte, mit der Erlaubnis, über die Lage der Deutschen in Österreich weiterhin nachzudenken, auch seinen sonstigen Belangen hingegeben, aber des Anspruchs verlustig, die bare Unmöglichkeit, an die Welt Kultur abzugeben, und die Unfähigkeit, sie von ihr zu nehmen, in gefährlichen Experimenten auszuleben. Das Wunder der Befreiung von der alten Macht, dessen wir uns bei jedem neuen Erwachen versichern müssen, berührt um so wunderbarer, als uns ihre Stützen vollzählig erhalten geblieben sind, so daß wir eigentlich nur dem Divertissement von Verwandlungskünstlern beiwohnen, die uns noch dazu die Methode verraten, indem sie uns zuzwinkern, sie wären eigentlich die Alten. Die Komik der Shakespeareschen Gelegenheitskomödianten, die dem Herzog und seiner Familie eine »höchst klägliche Komödie« vorführen, ist erst in der Zumutung, sich die Herren Wolf, Hummer und Teufel als Republikaner vorzustellen, übertrieben. »Ist unsre ganze Kompagnie beisammen?«... «... Wenn ich's mache, laßt die Zuhörer nach ihren Augen sehn! Ich will Sturm erregen, ich will einigermaßen lamentieren ... eigentlich habe ich doch das beste Genie zu einem Tyrannen; ich könnte einen Herakles kostbarlich spielen, oder eine Rolle, wo man alles kurz und klein schlagen muß.«... »Habt ihr des Löwen Rolle aufgeschrieben? Bitt' euch, wenn ihr sie habt, so gebt sie mir; denn ich habe einen schwachen Kopf zum Lernen.« ... »Laßt mich den Löwen auch spielen! Ich will brüllen, daß es einem Menschen im Leibe wohl tun soll, mich zu hören. Ich will brüllen, daß der Herzog sagen soll: Noch 'mal brüllen! Noch 'mal brüllen!« »Wenn ihr es gar zu fürchterlich machtet, so würdet ihr die Herzogin und die Damen erschrecken, daß sie schrien, und das brächte euch alle an den Galgen.« »Ja, das brächte uns alle an den Galgen, wie wir da sind.« »Zugegeben, Freunde! wenn ihr die Damen erst so erschreckt, daß sie um ihre fünf Sinne kommen, so werden sie unvernünftig genug sein, uns aufzuhängen. Aber ich will meine Stimme forcieren, ich will euch so sanft brüllen wie ein saugendes Täubchen: – ich will euch brüllen, als wär' es 'ne Nachtigall.« – »Es kommen Dinge vor in dieser Komödie von Pyramus und Thisbe, die nimmermehr gefallen werden. Erstens: Pyramus muß ein Schwert ziehen, um sich selbst umzubringen, und das können die Damen nicht vertragen. ..« »Ich denke, wir müssen das Totmachen auslassen, bis alles vorüber ist.« »Nicht ein Tüttelchen; ich habe einen Einfall, der alles gut macht. Schreibt mir einen Prolog, und laßt den Prolog verblümt zu verstehn geben, daß wir mit unsern Schwertern keinen Schaden tun wollen; und daß Pyramus nicht wirklich totgemacht wird; und zu mehr besserer Sicherheit sagt ihnen, daß ich Pyramus nicht Pyramus bin, sondern Zettel der Weber. Das wird ihnen schon die Furcht benehmen.«... »Werden die Damen nicht auch vor dem Löwen erschrecken?« »Ich fürcht' es, dafür steh' ich euch.« »Meisters, ihr solltet dies bei euch selbst überlegen. Einen Löwen – Gott behüt' uns! – unter Damen zu bringen, ist eine greuliche Geschichte; es gibt kein grausameres Wildpret als so 'n Löwe, wenn er lebendig ist; und wir sollten uns vorsehn.« »Deshalb muß ein anderer Prologus sagen, daß es kein Löwe ist.« »Ja, ihr müßt seinen Namen nennen, und sein Gesicht muß durch des Löwen Hals gesehen werden; und er selbst muß durchsprechen, und sich so, oder ungefähr so applizieren: Gnädige Frauen, oder schöne gnädige Frauen, ich wollte wünschen, oder ich wollte ersuchen, oder ich wollte gebeten haben, fürchten Sie nichts, zittern Sie nicht so; mein Leben für das Ihrige! Wenn Sie dächten, ich käme hieher als Löwe, so dauerte mich nur meine Haut. Nein, ich bin nichts dergleichen; ich bin ein Mensch wie andre auch: – und dann laßt ihn nur seinen Namen nennen, und ihnen rund heraus sagen, daß der Schnock der Schreiner ist.« – Der Hof: »Gut gebrüllt, Löwe!« – Doch hätte wohl keine Phantasie, die je dem Humor menschlicher Maskeraden nachging, an die Wirkung der Jammergestalten herangereicht, die die Rollen unserer Revolution verteilen und denen es zwar zeitgemäß erscheint, in die Verkleidung zu schliefen, aber auch ratsam, sie nicht ganz auszufüllen. Nur daß unser Galeriepublikum dickfelliger ist als selbst ein Löwe und die Produktion sich gefallen läßt, und wenn ihm rund heraus gesagt wird, daß es der Teufel ist, nicht im Gefühl der Beruhigung in helles Gelächter ausbricht. Und wäre denn sonst auch das Wiederauftreten dieses Czernin auf einer Szene denkbar, wo sein erstes Engagement mit einem Theaterskandal geendet hatte, dem gewiß nur die Not an faulen Äpfeln den sichtbaren Ausdruck erspart hat? Eine politische Karriere jedoch, die sich nach Abschluß einer politischen Karriere geradezu auf die Erfahrung gründen will, daß in Wien alles möglich ist und nichts unmöglich macht, dürfte selbst in Wien eine Kuriosität sein und eben darum auf den Zuspruch des hiesigen Bürgertums rechnen können. Oder wie der gräßliche Vorbeter unserer Teufelsdienste es ausdrückt: »Wenn Graf Czernin das Wort ergreift, horcht die europäische Öffentlichkeit auf.« Die europäische Öffentlichkeit, das ist jene von Revolutionsstürmen unversehrte Gesellschaft, die im Saal des Gewerbevereins Platz hat, die irgendetwas »vertritt«, sei es die Industrie, die Politik oder die Wissenschaft, und deren Zwielicht auch ohne Übertretung der Beleuchtungsvorschriften das Bemerktwerden ermöglicht. Kurzum, »eine gleichsam politisch und geistig geschlossene Gesellschaft, ein Auditorium von besonnenen und ernsten Menschen, denen es ein Bedürfnis ist, mitten in der überreizten und überlauten Wirrnis dieser Tage, einen Rückblick über Vergangenes zu hören«. Redner befriedigt dieses Bedürfnis restlos, wobei sich »an markanten Stellen die Hand zur Faust ballt«, nämlich die Hand des Redners. »Aus dem herzlichen Beifall, der ihn begrüßt, sind die lebhaften Sympathien herauszuhören.« Die Sympathien schlechtweg, die Sympathien in ihrer Reinkultur, da sie aus solchen Herzen stammen. »Wann immer er das Wort ergreift und worüber immer er spricht« – ob über die Notwendigkeit eines Völkerbunds oder über die Unzerreißbarkeit der Nibelungentreue, über Abrüsten oder Durchhalten, über den ewigen Frieden auf dem Dach oder ein belgisches Pfand in der Faust des Redners, über die Getreideschätze in der Ukraine oder über den elenden, erbärmlichen Masaryk – »immer hat der Zuhörer das Gefühl: hier spricht eine starke Persönlichkeit«, eine, deren Engagement bei der Neuen Freien Presse nur eine Frage der großen Zeit ist und nach Aberkennung des innern Adels perfekt sein dürfte. Er spricht »in zwangloser Haltung, die eine Hand in der Hosentasche«, wo sich wahrscheinlich derzeit das Faustpfand befindet, alles blickt gespannt in die Richtung, »den vorgestreckten Köpfen, den aufhorchenden Mienen merkt man es an, daß alle begierig sind, einen Kronzeugen aus dem großen Prozeß des Weltkriegs zu hören«, der, wie das bei Monstreprozessen zu geschehen pflegt, sich plötzlich in einen Angeklagten verwandeln könnte. Man kann alle diese Vorgänge zum Glück genau sehen, wiewohl der Saal des Gewerbevereins »nur schwach beleuchtet ist«. Aber den Redner ficht das nicht an, er läßt auch »seine Gedanken klar und deutlich erkennen«, wozu ihm allerdings seine Sprache hilft, die er nämlich meisterhaft beherrscht und die ihm kein Mittel ist, jene zu verbergen. Was in meinen Augen ein Nachteil ist, den er vor den Diplomaten der alten Schule entschieden voraus hat. Aber was will man machen, der Kontakt ist sofort da, die Zuhörer sind im Banne, und »als Graf Czernin von dem Blutsbündnis mit Deutschland spricht, wird zum erstenmal laute beifällige Zustimmung vernehmlich«, wobei es unklar bleibt, ob zum Bündnis, das Blut gekostet hat, oder zum Lob eines solchen Bündnisses oder zum Bedauern über ein solches Bündnis. Immerhin, er hat heute »zum erstenmal als einfacher Privatmann, als Bürger des deutschösterreichischen Staates das Wort ergriffen« – die Zuständigkeit dürfte geklärt sein, da kein Hund in Böhmen vom Czernin einen Bissen aus der Ukraine nimmt – und die Zuhörer »verlassen den Saal mit einem starken Eindruck und mit dem Wunsche, den Grafen Czernin noch oft zu hören«. Gesagt, getan; schon reift der Wunsch zur Erfüllung, da der schlichte Republikaner von einer dankbaren Bevölkerung, der er den Brotfrieden gebracht hat, in die Nationalversammlung gewählt werden dürfte. Und was hat er ihr, was hatte er jenem Auditorium, das in der theaterlosen Zeit dem Gewerbevereinssaal zuströmte, zu sagen? Was könnte uns ein Mann zu sagen haben, der den Weltkrieg nicht begonnen, nein, verlängert hat? Was gibt ihm das Recht, die europäische Öffentlichkeit, die sich vor den Alibiträgern der Kriegsschuld die Ohren zuhält, aufhorchen zu machen, anstatt sich vor ihr in jenes Mauseloch zu verkriechen, das eine starke Persönlichkeit unstreitig noch besser zur Geltung bringen würde als ein nur schwach beleuchteter Saal? Tritt er uns als ein Reuiger an, der auf den mildernden Umstand rechnen könnte, daß er nicht gleich jenem Berchtold durch eine Flucht in die Schweiz, sondern an Ort und Stelle seine Schuld bekennt? Will er, indem er sich als ein Opfer der allgemeinen Dummheit vorstellt, die Schuld auf jene schieben, die ihn in solcher Zeit zum Staatsmann gemacht haben? Das könnte, wenn er zur Stelle wäre, jener Schwachkopf, der den Krieg eröffnet hat und der am Tag des Ultimatums mit leuchtenden Augen zu einem andern Würdenträger sagte: »Jetzt hat die Armee ihren Willen!« Das könnte der einfältige Berchtold; der vielfältige Czernin kann das nicht. Der kann anders. Wie kann er? Was kann er einer gleichsam geistig und politisch geschlossenen Gesellschaft, einem Auditorium von besonnenen und ernsten Menschen sagen, das diesen das Auftreten eines Mannes erträglich machte, der den Krieg verlängert hat? Er habe es getan, um gleichsam im Geiste Berchtolds der Armee ihren Willen zu lassen? Nein, im Gegenteil! Er hat den Krieg nur verlängert, weil das so sein mußte und weil er das eben gewußt hat. Aber es ist so originell, so verblüffend, so niederwerfend, daß man es nur durch das Medium des Leitartiklers auf sich wirken lassen kann, also durch eine Vermittlung, deren man sich sonst nicht ohne Abscheu bedient. Da gelingt es denn, über den Grafen Czernin, also über einen von den Staatsmännern, die in leitender Stellung »an den blutwarmen Ereignissen mitwirkten« – was schon eine kräftige Charakterisierung ist –, unter dem packenden Titel »Die Kämpfe des Grafen Czernin mit dem General Ludendorff über den Frieden« das Folgende zu erfahren: »Er hat gewußt, daß jeder Sieg eine Tragödie sei, weil er den Krieg verlängere, ohne das Ergebnis ändern zu können.« Er, nämlich der Sieg, nicht der Czernin hat den Krieg verlängert. Er, nämlich der Czernin, hat es gewußt! Er, nicht ich. Wenn ich nicht sicher wäre, daß diese Anerkennung an dieser Stelle nicht mir gelten kann, weil solche Umstürze im Kosmos eben undenkbar sind, ich hätte es einen Augenblick lang geglaubt. Daß es der Nachfolger Berchtolds sei, der solche Erkenntnis, der so wenig Neigung hatte, der Armee ihren Willen zu lassen, jener Mann, der's doch so ausgiebig getan hat, der Graf Czernin, merkte ich, als ich mit wachsendem Staunen über die unbegrenzten Möglichkeiten der Natur weiterlas. Er war also kaum drei Monate im Amt, da erkannte er schon die Gefahren für die Mittelmächte, sah die schwere Niederlage voraus, die Erschütterung der Habsburger und der Hohenzollern, die Revolution, und alles, was er fürchtete, sei »buchstäblich eingetroffen«. Er hat gewußt, daß Österreich nach jeder Rettung durch den deutschen Generalstab »erst recht verloren sei«. »Graf Czernin hatte den Kummer«, den Frieden anzustreben und ihn nicht erreichen zu können, weil der Ludendorff ihn nicht wollte. Er hatte »die Fähigkeit, die Zeit, worin er lebt, zu erkennen«. Er warnte vor optimistischen Täuschungen; er »hörte ein dumpfes Grollen«, es rieselte im Gemäuer, aber nicht etwa in dem der Entente, sondern im unsrigen; die Siege der Feldherren waren »die Irrlichter des Ruhms, die in den Sumpf lockten«, also ganz nach jenem Beispiel, wo sie immer geschrien haben nach der amerikanischen Unterstützung, »nach diesem Irrlicht der Entente, dem sie nacheilt und das sie immer tiefer hineinführt in den Sumpf, in Niederlage und Verderbnis«. Der Graf Czernin hat das alles, nämlich das andere, gewußt. Er war ein Talent. Wir haben gar nicht geahnt, was wir an ihm haben. Wir haben immer geglaubt, die Siege werden es machen. Wir haben immer den Versicherungen des Grafen Czernin geglaubt, und daß wir nur weiter siegen müssen, um zu siegen, und daß es jetzt durchzuhalten gelte. Wir sind dem Grafen Czernin, wie er sprach, hereingefallen, anstatt den Grafen Czernin, wie er war, zu erkennen. Mit einem Wort. »Wir sind Tür an Tür mit einem Manne gewesen, der in der Witterung eines Diplomaten gefühlt hat, daß der Krieg, wenn er immer wieder verlängert werden sollte, nach dem Hinterlande umschlagen und dort in Revolution sich entladen würde.« Und darum hat er ihn verlängert. Und das haben wir nicht gewußt; weder daß es so ist, noch daß es einen Mann gegeben hat, der es wußte. Denn wir haben immer nur auf die Erklärung des Grafen Czernin gehört, daß es nicht so sei, und auf die Anerkennung, die ihm die Neue Freie Presse dafür gespendet hat, und unser Vertrauen zu beiden ward in dem Maß ausgebaut und vertieft, als sie selbst es mit einem Blutsbündnis taten. Wenn sich jedoch noch nach tausend Jahren ein Bedarf herausstellen sollte, der heranwachsenden Jugend, wie es Personifikationen der unzertrennlichen Treue gibt (Osterreich-Ungarn und Deutschland, Kastor und Pollux, Hindenburg und Ludendorff), auch ein Beispiel für unzertrennliche Falschheit darzubieten oder für einen Seelenbund der Unehrlichkeit, die so dumm ist, sich von der Verlogenheit entlarven zu lassen, und der Verlogenheit, die so frech ist, die Unehrlichkeit zu übertölpeln, so wird man die Namen Czernin und Benedikt, jenem zur verdienten Ehre, zusammenstellen. Und wenn es darüber hinaus noch nötig sein wird, das Vorbild einer Schafsgeduld zu finden, die sich solches Spiel der bis zur Ehrlichkeit verlogenen Gestalten gefallen ließ und noch immer nicht wußte, mit wem sie Tür an Tür war, sondern dem Paar noch Beifall spendete, und nicht mit nassen Zeitungsfetzen den witternden Diplomaten hinausjagte, sondern ihn kandidieren ließ und sich gegen den Heilsboten der Siegestragödien nicht in einer Revolution entlud, sondern im Abonnement – wenn's dafür eines Vorbilds bedürfen sollte, so wird man unfehlbar auf das Wiener Auditorium von besonnenen und ernsten Menschen zurückgreifen, auf die gleichsam geistig und politisch geschlossene Gesellschaft der deutsch-österreichischen Republik. Die nicht nur einen Menschen täglich liest, der der deutschen Sprache, der Wahrheit, dem Takt, dem Gehör, dem Geschmack, dem Geruch, jedem Nerv, dem Magen, dem Sack und überhaupt allem was schutzbedürftig ist, Schmach und Gewalt antut, sondern die auch einen Menschen anhört, der ihr zum Beweis seiner Kriegsunschuld erzählt, er habe gewußt, daß der Krieg das infamste Verbrechen sei und der Sieg das größte Unglück, und welche mit keinem Zwischenruf die von jenem andern so geschätzte »Laienfrage« stellt, warum er denn nicht aus seinem Wissen die Konsequenz gezogen und nicht lieber den dunkelsten Abtritt dem Verbleiben im Licht der verantwortlichsten Stellung vorgezogen habe, warum er Wilson gemeint und Ludendorff getan, Kant gesagt und Krupp gemeint, den Weltfrieden gesagt und Brest-Litowsk getan, zum Zwiespalt von Wort und Tat sich auch des Widerspruchs zwischen Wort und Wort schuldig gemacht habe, nie aber der Verleugnung seiner Tat. Warum er, anders als Fiesko, nur malte, was andere taten, und anders als Czernin, nur meinte, was andere malten, und jene beschimpfte, diese konfiszieren ließ, so daß sein Mund jenen die Tat absprach und seine Hand diesen sein eigenes Wort aus dem Mund nahm; wenn er aber selbst nicht zu sprechen wagte, weil Ludendorff in der Nähe war, sich auf Hertling berief, der ihm »das Wort aus dem Munde nahm«. Aber dies hätte er seinerseits dem Frager besorgt; denn die ganze Haltung der schwankenden Gestalt, die sich uns wieder naht und zudrängt, nachdem sie sich einst dem trüben Blick gezeigt, erklärt er einfach damit, daß er nicht nur von der Katastrophe des Blutsbündnisses überzeugt war, sondern – und das »kann er ohne Überhebung sagen« – »dieses Bündnis verteidigt habe, wie sein eigenes Kind«. Bis zum letzten Blutstropfen, nämlich der seiner Tatkraft sowie Beredsamkeit anvertrauten Völker. Und das kann er wirklich ohne Überhebung sagen; aber daß er es auch ohne Reue sagen kann, ist erschreckend. Und warum tat er so? Warum hat er uns den Glauben an die deutschen Siege, den er als Irrwahn erkannt hatte, ausgebaut und vertieft und solches durch seinen Kumpan als das Leitmotiv einer unendlichen Melodie uns bis zur Verzweiflung eingeben lassen? Einfach aus dem zweifachen Grunde: weil »Deutschland, wenn wir austraten, den Krieg nicht weiterführen konnte« – scheinbar ein Ziel aufs innigste zu wünschen, zumal für einen Staatsmann, der den Frieden herbeiführen will; aber mit dem Wesen eines Blutsbündnisses offenbar nicht zu vereinen – und dann, weil »bei dieser Situation«, also wenn Deutschland keinen Krieg mehr führen konnte, »es gar kein Zweifel ist, daß die deutsche Heeresleitung einige Divisionen nach Böhmen und nach Tirol geworfen hätte, um uns dasselbe Schicksal zu bereiten, wie seinerzeit Rumänien«. Und keiner der besonnenen und ernsten, geistig und politisch doch geschlossenen Menschen, die in einem und demselben Satz Deutschlands Waffenstreckung und Deutschlands Offensive gegen Österreich verknüpft finden, fragt den Plauderer, ob er, wenn er vielleicht sagen wolle, daß das besiegte und darum unbeschäftigte Deutschland zu einer Unternehmung gegen Österreich fähig gewesen wäre, nicht auch der Meinung sei, daß die siegreiche und darum unbeschäftigte Entente noch fähiger gewesen wäre, Österreich vor dem provisorischen Schicksal zu behüten (ja es vielleicht gar abzuwenden), das ein siegreiches Deutschland Rumänien bereitet hat, nach dessen Eintritt in den Weltkrieg – nicht Austritt aus dem Weltkrieg – es ja nicht nur gegen Rumänien, sondern auch gegen die Entente gekämpft hat, während es jetzt »den Krieg nicht weiterführen könnte« und wenn doch gegen Österreich, so doch nicht gegen eines, dem die Entente zu Hilfe kommt. Und in der Hand des Mannes, dessen seichte Bravour nur eine gegen den Tonfall wehrlose Intelligenz von Wiener Zeitungslesern über den Mangel jeder sittlichen und geistigen Haltbarkeit, jeder Führung und Hemmung, jeder Stütze von Wahrhaftigkeit oder Logik betrügen kann, war das Schicksal dieser Millionen, das Schicksal der Menschheit verwahrt. Kein hohnvolles Echo wirft ihm den Appell an eine »bessere Welt« ins Gesicht zurück, die er aus dem Blutmeer aufsteigen sieht und deren Ankunft er um genau so viel Zeit verzögert hat als er Minister war. Kein Zornruf eines der zuhörenden Hinterbliebenen verschmäht die Kondolenz des Blutschuldners, daß »dann jene nicht umsonst gestorben sind, alle unsere Lieben, die da draußen liegen in der fremden kalten Erde«, jene, die sterben mußten, weil wir Tür an Tür mit einem Manne gewesen sind, der gewußt hat, daß jeder Sieg eine Tragödie sei, da er den Krieg verlängere, ohne das Ergebnis ändern zu können, und der nicht die Fähigkeit hatte, diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen, aber auch nicht den Anstand, die Tür zu öffnen und die Stätte einer so aussichtslosen Untätigkeit zu verlassen. Der gewußt hat, daß der Sieg den Krieg verlängere, und der desgleichen tat! Wir aber, die vielleicht gewußt haben, was er wußte, aber nicht, daß er es wußte und seine und unsere Zeit mit schwermütigen Gedanken hinbrachte, hatten darum keinen Grund ihm jene Tür zu weisen, wohl aber heute Grund genug, die »männlich freimütigen und prophetischen Worte seiner Denkschrift an den Kaiser Karl« zu bewundern, die auf die politisch und geistig Geschlossenen einen nicht minder tiefen Eindruck machten wie das Wort vom Blutsbündnis. Und eine Erkenntnis, die die anständigen Menschen schon vor diesem elenden und erbärmlichen Czernin im Herzen getragen und nur mit scheuem Seitenblick nach irgendeinem seiner Spitzel einander zu versichern wagten; eine Erkenntnis, für die er hochgestellte und dabei reinliche Gegner seines Wirkens überwachen ließ, und vor der er den Kaiser absperrte, wenn die Gefahr bestand, daß sie zur Ehre eines Entschlusses reifen könnte; eine Erkenntnis, für die noch in der Ara Czernin der Generalstab manchen gehängt hat, ich aber, der sie hinausrief, unbehelligt blieb und erst als sie mir auch in einem anonymen Brief nachgerühmt wurde, der Kriegsminister die Staatspolizei zu mobilisieren suchte und ein Geheimakt entstand, worin ich, der nie eine Ehrenstellung angestrebt hat, zum »Haupt des Defaitismus in Österreich« ernannt wurde – eine solche Erkenntnis kann heute als der Beweis staatsmännischer Erleuchtung berufen werden und eines Staatsmannes, der von ihr nicht nur keinen Gebrauch gemacht, sondern die gegenteilige Überzeugung ausgebaut und vertieft hat. Gewiß, ich war ein Hochverräter; und konnte den Hochverrat, den ich dachte und lauter als andere, lauter als der Graf Czernin aussprach, leider nicht begehen. Aber welch ein Hochverräter war dieser Mann, der des Hochverrats fähig war, ihn nicht zu begehen! Wien, diese vollständige Schatzkammer aller menschlichen Fühllosigkeit und politischen Ehrlosigkeit, wird ihn dafür nicht zum Schandbürger ernennen, sondern in die Nationalversammlung berufen. So, indem sie den papierdünnen Charakter, der so leicht wiegt, daß er nicht fallen, nur steigen kann, zum Mann ihres Vertrauens machen; indem sie den umsichtigen Lenker ihres Mißgeschicks, den Eitelkeit verhindert hat, rechtzeitig als einfacher Privatmann statt als vielfacher Staatsmann über die Unabänderlichkeit des Ausgangs nachzudenken, als Propheten des von ihm zerstörten Vaterlands anerkennen; indem sie den Schützer des deutschen Blutsbündnisses, der die deutschen Siege gefürchtet hat, den Minister, der es für seine und für unsere Pflicht hielt, bis zur deutschen Niederlage auf dem Posten auszuharren und bis unser Abfall schäbig war, den Politiker, der heute, wo die deutschen Siege nicht mehr zu fürchten sind, die Überzeugung ausbaut und vertieft, daß unser Anschluß an Deutschland vom Übel wäre – indem sie diesen Doppelgänger seiner politischen Karriere in die neue Welt geleiten: tritt am sinnfälligsten unser Verhältnis zu ihr hervor, das kein anderes ist als das der gaffenden Neugierde, welche gestern der Hoheit und heute der Freiheit das Wagentürl öffnet. Und wenn es wahr ist, daß jene dort, denen wir den Anblick verdanken, nun den Sieg des Rechts als Sieg genießen, weil – das eben ist der Fluch der deutschen Tat – die Waffe stärker ist als der Mann und als die Sache, für die er sie verwandt hat; und wenn diese hier, von der sittlichen Macht der Niederlage nicht aufzurichten, verurteilt sind, zu bleiben was sie sind: dann wäre wohl die Menschheit besiegt und der Sieg nur die Entscheidung, daß ihr nicht zu helfen ist. Jene entarten im Gewinn; unser ist der Verlust und vergeblich. Setzten die dort, wie uns, auch sich selbst das Maß, sie würden die Giftquelle erkennen, aus der unsere Welt vergast wurde, bevor wir es der Welt getan. Ihr Sieg hat uns geholfen; nun sollte er sie nicht um die Kraft bringen, nachzuhelfen. Sie haben uns von den Tyrannen befreit; sie sollten uns auch von dem Fluch befreien, Untertanen zu sein. Die Beseitigung des heimlichen Vorgesetzten, den jeder hier zwischen sich und dem Leben hat und den jeder hier jedem vorstellt, und die Erledigung der Gefahr, die solcher Botmäßigkeit von einer gebietenden Geistesfeindschaft droht – welche bessere Hilfe, welch edleren Sinn der Selbstbestimmung, könnten wir uns nach dem Ausgang eines Kriegs, in den diese Macht uns verstrickt hat, von der siegreichen Weltanschauung erhoffen? Freilich würde die Machtlosigkeit derer, die uns besiegt haben, gegen jene, die uns vorher besiegt hatten, den status quo des allgemeinen Geisteselends wiederherstellen. Denn das gehört ja zum Verbrechen dieser mitteleuropäischen Wahnmächte, die sich den äußern Feind erschuf en anstatt den innern zu erkennen: daß sie den extremsten Zweifler an der weißen Kulturmenschheit – jener christlichen Couleur, die nicht weiß ist von Unschuld, sondern vor Lebensfurcht – in einen Optimisten verwandelt haben. In einen, der durch all ihre Weltvernichtung hindurch bejahen, trotz allem Verhängnis deutscher Siege an eine Entwicklung glauben und die Zurückstellung jeglicher Rassenfeindschaft, die aller diplomatischen Grundregeln spottende Einigung der Menschheit im Haß gegen das Zentrum der Hölle achten mußte als die letzte Regung eines christlichen Bewußtseins, als die letzte elementare Tatsache, deren dieses Europa fähig war, als den Verzweiflungsakt einer Zivilisation, die sich noch auf dem Abweg zeitlicher Richtung spüren konnte und in Todesangst verging, deutsch zu werden wie ein Deutschland, dessen Leben seit seiner Mißgeburt am Sedanstag eine fünfzigjährige Sünde war und das seinen guten Geistern Krieg erklärt hat mit dem Entschluß, die ungünstige geographische Lage zu einer Einkreisung der Welt durch die materialistische Ideologie zu benützen. Der einzig mögliche Optimismus dieser Trübnis würde selbst von der Verzerrung einer Rechtsidee nicht beschämt, die, nicht durch Predigt, sondern nur durch Anwendung analoger Machtmittel an ihr Ziel gebracht, nicht sofort auch der eigenen Rüstung entsagt. Wenn die abendländische Geistigkeit nach der Beseitigung eines Übels, das selbst ein technisch entehrtes Jahrhundert noch geschändet hätte, in ihre zeitgemäße Niederung hinabsinkt und diese Partie der Menschheit eben das ist, was sie ist, aber nur nicht das, was sie geworden wäre, so hat sie trotz allem genug getan, und ihr bliebe selbst in der imperialistischen Ausartung ihrer Lebensform noch eine Sicherheit, jene, die allüberall außerhalb Neudeutschlands, von den Feuerländern bis zu den Samojeden, Kultur bewirkt und die eben das Gemeinsame ist, das sie zur Abwehr geeint und befähigt hat: die Sicherheit, die die Geistesdinge und die Lebensdinge nicht zur Mixtur bringt und wie wenig auch für jene übrigbleibe, doch die Kraft des Auseinanderhaltens und schon dadurch die geistige Möglichkeit behauptet. Es war ein Sieg der einfachen Buchhaltung über die doppelte, und es war ein Sieg des Geistes: daß er sich durch die vollkommenste Investierung in das Lebensgeschäft auch des Kampfes, durch die Beschlagnahme aller Seelengüter bis zu Gott, nicht erringen ließ. Das Wunder am deutschen Sinn, ihn die Trennung der Realitäten von den Idealen erleben zu lassen, vermag nur die Niederlage. Berührt es nicht in dieser Zeit, die jedem Begebnis die Deutlichkeit eines Zeichens gibt, als ein Moment tragischer Läuterung, daß die deutsche Waffenstillstandskommission sich gezwungen sieht, das Herz des Feindes durch die Mahnung an das bevorstehende Weihnachten zu erweichen, uneingedenk einer Vergangenheit, in der ihm Bomben als »deutsche Weihnachtsgrüße« übersandt wurden! Es war das stärkste Beispiel von Verbindung seelischer und materieller Betätigung, und das stärkste Beispiel ihrer Trennung hat das Schicksal bewirkt. Man soll in Ehrerbietung vor solcher Macht nicht forschen, wie sie als Sieger gehandelt hätten, um so weniger als man ja weiß, wie sie als Sieger – nicht als Befreier ihres Landes, sondern als Eroberer – gehandelt haben und daß alle feindlichen Verfügungen nur Kopien sind, mit Ausnahme jener von höchster Würde diktierten Mahnung an die amerikanischen Besatzungstruppen, die kein Vorbild in den deutschen Tagen Belgiens hat, und die man wohl nicht, wie ehedem die Drohung einer von der höchsten Sittlichkeit mobilisierten Macht, als »Bluff« verlachen wird. Wären wir die Sieger, es würde den andern schlechter gehen als uns, die die Niederlage in einem Krieg erleiden, den wir begonnen haben. Der Menschenfreund auf besiegter Seite findet sich mit dem glimpflicheren Ausgang ab und begrenzt die Nächstenliebe nicht auf ein Vaterland, das in Wahrheit nur der eigene Magen oder die eigene Börse ist. Denn der Selbsterhaltungstrieb, der sich lange genug von den Nöten des Gegners genährt hat, befähigt kaum zu einer gerechten Betrachtung der Welt. Der will nicht Buße tun in Armut; er ruft das sittliche Gewissen an, um die Selbstbestimmung des Zinsfußes zu retten. Die Entente verlangt die Unterbringung des Goldbestandes der Reichsbank außerhalb des gefährdeten Berlin; ob Vorwand oder Vorsicht: »Diese Bosheit konnte nur in der Hölle ausgesonnen werden«. Welcher Region aber mag »Gelbkreuz« entstammt sein, die deutsche »Handgasbombe B, deren Giftmasse sich verspritzt und starke eiternde Wunden erzeugt, die eine ähnliche Flüssigkeit wie bei Tripper absondern und noch innerhalb eines Tages unter qualvollen Schmerzen den Tod des Betroffenen herbeiführen«? Wie bitter der feindliche »Sieg« in einem Kriege, den Deutschland bis zur Niederlage nur militärisch entschieden haben wollte, auf unserm äußern Leben lasten, wie hart er jene Unschuldigen treffen wird, die doch nie so unschuldig hätten sein dürfen, die Ruchlosigkeiten der Kriegführung und jene des Friedens von Brest-Litowsk ihren Verderbern und sich selbst als Triumph anzurechnen – der Gegenfaust, und wäre ihr Druck durch keinen Handschuh gelindert, gebührt der Dank aller, die sie von den härtern Bedrückern befreit hat, und vor dem härtesten, sich selbst, befreien möge! Wenn der Sieg den Siegern Unheil bringt – den Besiegten hat er geholfen. Der besorgte Republikaner, der schon vom Konkurs eines Staates, der ihm die Lebensgüter schuldig geblieben ist, ihre Rückerstattung erwartet, ist kein anderer als der unsaubere Patriot, der noch für sein späteres Wohlergehen fremde Leiden ertragen hat. Aber es ist ein Glück, daß die Jahrtausenddinge trotz der Enttäuschung jener geschehen, die sie aus der Perspektive ihrer Kaisersemmel betrachten, aus jener Perspektive, aus der der Krieg vor seinem Beginn zu betrachten und zu vermeiden war. Notwendiger als das Notwendige ist, daß wir ein Leben zu führen lernen, in dem wir geschützt sind vor der Möglichkeit, das Notwendige dadurch zu verlieren, daß wir uns daran verlieren. Könnten sie uns den Lebenszweck wieder ins Land bringen, um den alle Regenten unserer Armseligkeit uns betrogen haben, wir lernten an einen Gott glauben, der die Niederlagen spendet. Denn mit den Lebensmitteln, deren Knappheit zwar auch der Mißerfolg jener ist, die durch eine Fülle an Todesmitteln der Welt zu imponieren glaubten – aber leider nicht ihre, sondern ihrer Sklaven Strafe –, ist es bei weitem nicht getan. Das primum vivere deinde philosophari ist eine plane physikalische Erkenntnis. Aber wenn primum philosophari wäre, käme es nie so weit, sie beherzigen zu müssen. Jetzt ist sie der Notausgang eines falschen Lebens, daß gerade anstatt alles Leben auf das Denken, alles Denken auf das Leben eingestellt hatte und darum an diesem und jenem verarmen mußte. Wenn philosophari primum ist, ergibt sich alles vivere »deinde« und viel reicher, es wird wieder zur selbstverständlichen Voraussetzung alles Denkens, so daß dann der Satz als die Anleitung zu einem geordneten Lebenshaushalt erst zu Ehren kommt. Wir brauchen das Leben als Zweck, damit uns künftig das Leben als Mittel nicht fehle. Die Zubuße ist Wohltat für Bettler, aber solange nicht jene zu büßen haben, deren Wille es war, daß wir zu Bettlern wurden, ist uns schon gar nicht geholfen. Eben an dem Schauspiel, wie eine am Krieg unbeteiligte, nur ihn führende Gesellschaft noch immer die Waggons zählt, die ihren Schleichhandel besorgen, und schon die Waggons, die sie von feindlicher Großmut und neutraler Barmherzigkeit erwartet, sollten Engländer und Franzosen, aber nicht die, die sie als »weiße« von den »farbigen« unterschied, sondern eben diese erkennen, welche Menschenart, keiner Farbe der Scham und der Beschämung fähig, am Fuße des Kahlenbergs haust. Die Schweizer, verkünden sie, sparen sich's vom Mund ab; jede Stadt dort will die erste sein, Hilfe zu bringen; die Leute in Zürich sagen, daß sie »unter den Hiobsnachrichten aus Wien seelisch leiden, als ginge das Gespenst des Hungers durch ihre eigene Stadt«. Und nun stelle man, wenn man genug Phantasie hat, Tatsachen zu bemerken, dem mitleidenden Ausland jene Wiener Wirklichkeit gegenüber, die nicht hungert und friert, nicht um ein Deka Fleisch die Nächte im Dreck steht, nicht barfüßig durch finstere Tage schleicht und nicht, eh' der Friede kommt, von der Tuberkulose erwürgt wird. Ja, gibts denn solche Ausnahme? Geschiehts denn nicht allen? Wenn Krieg ist, also wenn der Feind oder die Behörde für Hunger und Kohlenmangel gesorgt haben, so müssen doch alle frieren und hungern? Reich oder Arm kann doch nur in der Unbill des Friedens, wenn just keine Hungersnot herrscht, aber doch die einen es gut und die andern es schlecht haben, ein Unterschied sein; dann hungern, wie sich's gehört, die Armen. Aber wenn Krieg ist und Krieg Krieg ist, wenn also Hungersnot herrscht, so herrscht sie doch über alle? Nein, da wird der veränderten Sachlage höchstens die Konzession gemacht, daß auch der »Mittelstand« arm wird und deshalb hungert. Aber die Reichen hungern noch immer nicht. In keinem Notstandsausweis wird es behauptet. Und wenn sie nicht hungern, so wäre wohl der Beweis erbracht, daß Speise vorhanden ist, woraus sich mit zwingender, nur nicht die Reichen zwingender Notwendigkeit der Schluß ergäbe, daß keine Hungersnot herrscht. Die Erkenntnisse, die sich hier aus Problem und Quantität schöpfen lassen, sind so primitiv, daß man sich ihrer fast so schämt wie des Sachverhalts, und das Staunen des Tolstoischen Bauern über die Sünde des Zinsennehmens wird daneben zur nationalökonomischen Finte. Die zum Himmel eines Christenlands stinkende Infamie, daß die von Gott ganz gleichartig erschaffenen Magen nicht einmal nach dem Existenzwert der ganzen Leiber, sondern nach dem Inhalt ihrer Taschen unterschieden werden, so daß nicht nur jene, die sie schon vor dem Krieg gefüllt hatten, sondern auch solche, und zumeist solche, die sie erst durch den Krieg gefüllt haben, auch den Magen gefüllt kriegen, die andern aber auch damit leer ausgehen – raubt den Räubern nicht nur nicht den Schlaf, sondern wird von ihnen selbst, den aus irgendeinem geheimnisvollen kataphysischen Grund Bevorzugten, als der natürlichste Zustand von der Welt vom Morgen bis zum Abend dargeboten, zugegeben und erörtert. Es ist hier möglich, daß in Eßwarenhandlungen, die unser Idealismus zu Delikatessenhandlungen verklärt hat, wo also eo ipso Zartgefühl vorrätig sein müßte, Menschen ihre Einkäufe besorgen und während sie bedient werden, zuschauen, wie die von draußen hereinschauen und wie, die Nase an das Auslagefenster gedrückt, Hungergesichter die aufgeschichteten Würste als Schauspiel genießen; und in den Zeitungen, die der Verpackung der Ware dienen, werden die täglichen Chancen der Zufuhr aus dem Ausland erörtert für jene, die draußen stehn. Ich lasse mich zu einem Gelübde hinreißen: jedem dieser Wiener, die sich an der Kriegswohltätigkeit zu schaffen gemacht haben und den Weckrufen einer großen Zeit gehorsam selbst Gold für Eisen gaben, wenn's ihnen auf dem Wurstpapier bestätigt ward, jedem der einmal dabei betreten wurde, wie er eines der Kinder, deren hungerstarres Auge seinen Einkauf begleitet hat, in den Laden rief und ihm zu essen gab – will ich das eiserne Wiener Herz zurückverwandeln; doch fürcht' ich, daß das Scherflein, das mir da zu Lasten fällt, kaum ein Schwarzgelbes Kreuz wert sein wird. Denn diese Menschen regen sich selbst dann nicht, wenn vor dem Schaufenster der Delikatessen sich schon das Ausland ansammelt und an die Parias die Gabe wendet, welche man besitzt, indem man sie gibt. Unaufmerksam bleiben die drin nicht; mit der dem Schurkengewissen eigentümlichen Großmut wird der Verteilungsmodus erörtert und eingeräumt, daß nicht in erster Linie sie selbst – wie selbstlos –, sondern »zunächst die Ärmsten der Armen« beschenkt werden sollen. Würden sie nicht drinnen schon bedient, so müßte man fragen: Ja warum denn? Schafft Armut denn ein Vorrecht auf Sättigung? Alle Magen sind gleichartig erschaffen und wenn Hungersnot im Land ist, so haben doch die Reichsten der Reichen die Speise ebenso nötig wie alle andern? Aber sie geben ja zu, auch wenn wir's nicht im Vorbeigehn feststellen könnten, daß sie versorgt sind, und darum überlassen sie den Einlauf der Schweizer Wohltätigkeit zunächst den andern. Und sind sie denn nicht auch an ihr aktiv beteiligt, wie nur an den Gelegenheiten, die die Charitas während des Kriegs gemacht hat? Ihre »Aufmerksamkeit« gilt der Ankunft des Schweizer Hilfszugs, der seinerseits dem genius loci das Zugeständnis macht, daß er an diesem mit Verspätung ankommt und nicht, ohne eine Entgleisung in St. Pölten erlitten zu haben. Ist er aber einmal zur Stelle, so sind sie es auch, und ganz wie im Frieden, ganz wie im Krieg, ganz wie beim Debüt des Grafen Czernin sind sie unter jenen Anwesenden, unter welchen man bemerkte, sie und immer sie, die Spitzen und die Stützen, die Vertreter, die wenigen die auserwählt sind, die Frühaufsteher, die ersten die die letzten sein werden, die last not least, die Lückenbüßer, die Augendiener und die falschen Brüder, die mit unserem Pfunde wuchern, mit fremdem Kalbe pflügen, die da ernten wo sie nicht gesäet haben, Steine statt Brot geben, zahlreiche Offiziere und viele Damen. Ein Rudel von Immerdenselben, stets unter sich und dennoch, wie einsam in ihrer Schamverlassenheit! Keiner errötet bei der Vorstellung, daß der Schweizer Delegierte ihn fragen könnte, wieso er so gut aussehe. Und sie können von Glück sagen, daß die Frage, ob nicht die Ringstraße, das Rathausviertel, das Cottage und Hietzing annähernd so viel abgeben könnten wie ganz Zürich, auch von Zürich unterdrückt wird, nicht weil sie dann verlegen würden, sondern weil dann Favoriten, Fünfhaus, Brigittenau und Ottakring überhaupt nichts kriegten. Am wünschenswertesten freilich wäre jener moralische Ausgleich, durch den die Schweizer den einen ihr Mitleid bewahrten und für die andern ihre Verachtung übrig hätten, und beide Gefühle für eine Autorität, die jegliche Macht gehabt hat, nur die eine nicht, mit den Privilegien der Verdauung aufzuräumen und eine Ordnung der Not herzustellen, bei der die bekannte Rolle des Geldes, »keine Rolle zu spielen«, einmal im redlichen Sinne zur Geltung kommt. Weil dann erst das Recht einer Hungergemeinde feststünde, an die Mildtätigkeit des Auslands zu appellieren, die weiß Gott nicht zugänglicher sein sollte als das Gewissen des Inlands. Wer unterzöge sich der Mühe, in den gutsituierten Herzen Nachschau nach dem Vorrat an Erbarmen zu halten, an einer Nächstenliebe, die doch schon ein Raumbegriff wäre? Doch nicht einmal die Offiziere der englischen Mission, die jetzt von den Reichsten der Reichen, den Schamlosesten der Schamlosen an ihre Tafeln geladen werden und deren Reservestellung von den Besiegten im Sturm genommen wird. Wer untersuchte denn, ob die Wiener gleich den Zürchern unter den Hiobsnachrichten aus Wien seelisch leiden, als ginge das Gespenst des Hungers durch ihre eigene Stadt? Sie haben's ja nicht nötig, weil sie das Gespenst doch eh bei der Hand haben, also auf Erzählungen und Berichte nicht angewiesen sind; weil, wenn sie aus dem »Rostraum«, nicht etwa einer vom irdischen Jammer entlegenen Hölle, sondern des Hotel Bristol heraustreten, sie der Spazierweg durch eine Allee von Menschenstummeln aller Art führt, von Fragmenten und Freaks, die einen Barnum faszinieren könnten und wie erst mit diesem ganzen Kontrast lustwandelnder Beleibtheit! Dies alles haben sie doch alle Tage, vor und nach Tisch, und wenn's ihnen aufstößt, so steht es, liegt es, kriecht es vor ihren Füßen. Ein müder Sperling sitzt auf einem Schutthaufen, vor dem Gebäude des Kriegspressequartiers; nein, ein Umhängtuch ist es; nein, ein zaundürres, winziges Stückchen Greisenalter; sie ist vor Erschöpfung gerade dort eingesunken. Vor dem Kriegsministerium sitzt der Radetzky; sie sitzt vor dem Kriegspressequartier. Nie sah ich Ärmeres. Es ist die Glorie. So habe ich ihr Ende immer geschaut. Vom Mord zum Raub, vom Raub zum Fraß eilen die dort vorbei; das Kriegsglück hat sie über den Mittelstand emporgehoben. Für das Gespenst des Hungers, das da sitzt, wird schon die Schweiz sorgen. Sie machen sogar Propaganda. Wie einst, als es uns schlecht ging, für unsern Wohlstand, so jetzt, da sich nichts verändert hat, für unsere Not. Nichts ist ihnen erwünschter, als daß das neutrale Ausland und hoffentlich der Feind erfährt, daß es uns schlecht geht. Daß die Ärmsten der Armen verhungern und die andern zur Not versorgt sind. Sie genieren sich nicht, für die Bettler betteln zu gehen, auch wenn's keine Medaille mehr trägt und selbst wenn's keine Reklame mehr trüge, nur die Wohltat, nichts geben zu müssen; so selbstlos sind sie. Ihnen die Erbärmlichkeit, den andern das Erbarmen. In ihren Zeitungen wird der Hungertod von Studenten – die Fälle sind gesucht – zu Stimmungsbildern verarbeitet: »Wochenlang dauerte dieses stumme Ringen, wochenlang saß der Arme kraftlos zu Hause, sah er unzählige Male auf die Tür ... Niemand kam, niemand half, nur der Tod schlich herein und schlich langsam, langsam auf sein Opfer los«, und so starb jener, der durch das Feuilletonhonorar, das dieser an seinem Hungertod verdient, zu retten gewesen wäre. Es muß das Klima sein; anders ist bei den Menschen, die hier den Kulturton geben und nehmen, dieser unbezähmbare Drang nach seelischer Entblößung nicht zu erklären, und in keiner andern Zone beobachtet man diese völlige, ihrer selbst unbewußte, keiner Fliege ein Haar krümmen könnende Grausamkeit, die sich noch an den Motiven des Mitleids und der Nächstenliebe vergreift. Sie fühlen vielleicht mehr, wenn sie Blinde frozzeln, als wenn sie Tote beklagen. Aber wenn sie beim Nachtmahl die Statistik der Kinderleichen ihrer Stadt lesen und daß sich da »die Kette zusammenschließt, die bei der Unterernährung beginnt und beim großen Sterben durch Tuberkulose und Blutarmut endet«, so fühlen sie nicht einmal, daß sie selbst die Kette sind mit ihrem Handel und Wandel, mit ihrer Presse, mit ihrer tödlichen Moral von Leben und Lebenlassen. Und während ein Schock ihrer Opfer verscharrt wird, wälzt sich eine Jauche von Frohsinn durch die Straßen, aus der kein Menschenfischer einer Seele habhaft werden kann. Die hier entarten noch in der Niederlage. Was hier lebt, wüßte keinen Grund hiefür anzugeben; aber sie sind von einem nie enttäuschten Wunderglauben berechtigt, der dem Selbsterhaltungstrieb eine Art Weihe gibt. Sie sind im Krieg nicht von Bomben, sondern von Flugzetteln heimgesucht worden, sie überstehen die Revolution, weit sie überzeugt sind, daß die Bolschewiken – Plural von »der Bolschewiki« –, deren Problem der Spießbürger aller Kapitalsverbände doch wenigstens in Angstträumen erlebt, nichts für Wien sind. Sie haben auf Vulkanen getanzt; sie machen sich's in Kratern kommod. Wie sollte ihnen die Revolution was anhaben, da sie die österreichische Ordnung aushielten und vor der Weltgeschichte mit dem Merkmal dastehn, »in diesem Wust von Raserei«, im Mittelpunkt der nationalen Hexenküche es »gemütlich« gefunden zu haben! Wenn ein Cafetier seinen Entschluß, abzudanken, feierlich widerruft, so nehmen sie's als Pfand für die Restauration der Monarchie, und der Untergang des Wieners vollzieht sich nur wie der des Hans Styx, der endlos aus der Versenkung auftaucht, um zu versichern, daß er einst Prinz war von Arkadien. Diese einzigartige, am höchsten Vorbild geschulte Überlebensfähigkeit erklärt sich als Gabe, zugleich nach oben und unten, nach der Vergangenheit und nach der Zukunft den Anschluß nicht zu versäumen. Er kriecht überall hinein, wo es dem ungelenkern deutschen Bruder »vorbeigelingt«, und wenn dieser noch untendurch ist, ist jener schon obenauf. Er hat einen »eisernen Vurrat« von monarchistischen Vorstellungen, an den er nicht rühren läßt, aber kein Schlagwort der Entwicklung gibt es, auf das er nicht anbeißt. Dieses Charakterbild einer in Bewegung geratenen Gallerte, deren Farbenspiel das Entzücken aller Kulturspezialisten bildet, kommt am deutlichsten in der Schamlosigkeit eines Literatentums zur Erscheinung, das gestern vor dem elastischen Schritt einer Sekundogenitur im Staube lag und sich heute um einen Freiplatz auf der Barrikade bewirbt, das seinen Männerstolz hinter Königsthronen nun ohne Königsthrone erst zur Geltung bringt. Mangels jeglicher Haltung diese in allen Lebenslagen bewahren; auf alles gefaßt sein, weil man von nichts zu fassen ist; aus nichts die Konsequenz ziehen können und nicht einmal aus dem Nichts ihres Seins; nichts ernst nehmen und nicht einmal diese größte Tragödie: sich selbst – das ist die Struktur von Menschen, für die nur das eine charakteristisch ist, daß sich zu ihrer Wesensbestimmung nichts Definitives sagen läßt, es wäre denn das tödliche Urteil, daß sie dazu geboren scheinen, die Wähler des Grafen Czernin zu sein. Wohl entspricht es ihrer Erziehung, mit Fingern auf einen zu zeigen, aber es gilt mehr den markanten Persönlichkeiten als den anrüchigen und solchen nur dann, wenn im Morgenblatt etwas zu lesen war, was aber die Leser wie die Betroffenen bis zum Abendblatt bereits vergessen haben, so daß diese sich getrost noch am selben Tag wieder am Graben zeigen können. Im Gegenteil, bliebe einer aus, so würde man allerlei munkeln und dann erst entstünde ein Gerücht, das bei weitem bedenklicher und verläßlicher ist als ein Beweis. Als Inbegriff einer Ehrenrettung aber dünkt sie jener Entschluß, der sich in der vollkommensten Negation aller Anfechtung ausdrückt: Gar net ignorieren!, und wenn einer tot ist, so scheint es sich ihnen endlich aufzuklären, warum man ihn jetzt so selten auf der Ringstraße sieht. Sie haben es gar nicht nötig, Katastrophen umzulügen; sie nehmen sie einfach nicht zur Kenntnis. Jene Selbstbekömmlichkeit des neudeutschen Wesens, der bei jedem Verlust ein Nationalschatz herauskommt, jeder Rückzug als strategischer Triumph resultiert, jeder feindliche Vorstoß als des Feindes bitterste Enttäuschung, und die uns diese letzten Geduldproben von Heeresberichten auferlegt hat, in denen noch die pure Wahrheit eine Lüge war, findet hier ihr Pendant in einer Gemütsverfassung, die sich gar nicht erst mit dem Umschalten abstrapaziert, sondern einfach ausschaltet, fertig. Um aber auch der Mitwelt tunlichst entgegenzukommen und damit sie die Mißbildung nicht merke, schließt man die Augen, und hält sich die Ohren zu, damit sich auch niemand über den Lärm beschweren kann. Indem sich aber keiner die Nase zuhält, ist der Beweis geliefert, daß es nicht stinkt. Was immer ihr Staatsamt aufdecken mag, Leute, deren Element die Neugierde ist, berührt kein sachliches Verschulden, wenn nicht etwa die Wäsche, die aus Monturdepots abhanden kam, Bettwäsche war, und wer nur in der Generalversammlung von Staatsverbrechern unter anderen bemerkt wurde, bleibt ein Mitglied der guten Gesellschaft. Auf Rehabilitierung wird kein Wert gelegt; gelingt sie, so gewahrt niemand, wie viel Schmutz für die andern abfällt. Da ein einziger Würdenträger von dem Vorwurf, Armeegut für sein Bedürfnis erhalten zu haben, losgesprochen war, schien die alte Macht rehabilitiert. Denn ihr war das Glück widerfahren, daß jener die Wäsche für arme italienische Kriegsgefangene gebraucht hat, die das Hemd acht Monate nicht gewechselt hatten und von Ungeziefer starrten. Und niemand empfand die Schmach einer Wirtschaft, der solche Anklage zur Verteidigung frommt. Niemand fühlt den Wunsch, man hätte doch tausend Lagerinspizienten zu Unrecht beschuldigen sollen, Wäsche und Nahrung für sich empfangen zu haben, wenn auf diese Art nur festgestellt wurde, daß es den armen Gefangenen zugute gekommen ist, und das Schauerbild aus der Erinnerung verbannt war von den zwei halbverhungerten Russen in dem seit Tagen nicht geöffneten Raum: sie waren schon so entkräftet, daß sie sich nicht erheben konnten, um den zwischen ihnen verwesten Leichnam ihres Bettgenossen fortzuschaffen, bis ein Namensvetter jenes Czernin, der damals seinen Frieden mit Rußland machte, auf den Übelstand aufmerksam ward und mit der Entfernung des Leichnams die des lebendigen Lagerkommandanten veranlaßte. Und die Verweser all unserer Lebensgüter spürten nicht das satirische Grauen jenes »Erlasses«, durch welchen militärische Stellen beauftragt wurden, »diesbezüglich das Weitere zu veranlassen«, damit durch die »Entfaltung einer der russischen Volksseele angepaßten Propaganda« tunlichst auf die Gefühle eingewirkt werde, mit denen die russischen Kriegsgefangenen »an die in unserem Vaterlande verbrachte Zeit zurückdenken«. Sie sollten dereinst sagen können: Schön war's doch! Zu diesem Behufe sollten sie aber, soweit sie nämlich mit dem Leben davonkamen und nicht bestimmt waren, noch auf dem Nordbahnhof erschossen zu werden, »erst knapp vor Abfahrt« dieser Propaganda ausgesetzt werden, damit »dieselben mit dem frischen unvermittelten Eindruck, den sie hiebei empfangen, in ihre Heimat zurückgelangen«. In einer der beiden urkomischen Fassungen, die mir vorliegen, wird die Hoffnung ausgesprochen, daß durch »eine im richtigen Augenblick zeitgerecht einsetzende Einwirkung unsererseits« es gelingen werde, »von den zahllosen, in der Gefangenschaft gewonnenen Eindrücken und Erfahrungen die ungünstigen abzuschwächen, die erfreulichen und angenehmen jedoch zu beleben und zu befestigen«. Unter den Mitteln, mit denen die Einwirkung auf die russische Volksseele erzielt werden sollte, fehlt nicht der Hinweis darauf, daß wir eh die reinen Lamperln sind, wie speziell, was nicht zu vergessen ist, auf die »vielen früheren Kriege, wo Russen und Österreich-Ungarn tapfer zusammengekämpft haben«, und so, wenn in den letzten Tagen auch noch a bißl die Menage aufgebessert wird, werde es denn nicht fehlen können, daß die in ihre Heimat zurückkehrenden Russen nicht nur »nicht mit stumpfer Gleichgültigkeit oder gar feindseligem Haß an uns zurückdenken, sondern wissentlich und aus voller Überzeugung als Sendboten öst.-ung. Kultur in ihrem eigenen Vaterlande tätig sein werden«. So daß also die Propaganda dann von ihnen selber gemacht wird. Mehr als das. Der auch den Russen unvergeßliche Typus Nowotny von Eichensieg, der jetzt seine humanen Abschiedskapriolen macht, hofft, daß sie ihn selbst zum Dank hiefür »stramm und gehorsam salutierend begrüßen« werden. Ich kann nur sagen, daß die russischen Kriegsgefangenen die Tränen, die sie hier vergossen haben, nun lachen müßten, wenn sie diesen Erlaß, in beiden Gestalten, zu Gesicht bekämen, in welchem noch speziell auf die »rasche und rückhaltlose Anknüpfung von Handelsbeziehungen« Wert gelegt wird, und daß ihre Geneigtheit, Sendboten der öst.-ung. Kultur oder sogar deren Agenten zu werden, schier zu einem unbändigen Verlangen ausarten würde. Eine solche »Umstimmung der russischen Volksseele«, die das Kriegsministerium im vierten Jahr der Verwahrlosung der russischen Volkskörper angeordnet hat, um den »Abbau der von unseren Feinden über die ganze Welt verbreiteten Lügenpropaganda« endlich herbeizuführen, ist infolge Demolierung des Hauses Österreich leider nicht mehr erfolgt; sie ließe sich nur durch Verteilung des Textes nachholen. Die Welt braucht eine Aufheiterung; ihr sollten die Schritte nicht vorenthalten werden, die Österreich diesbezüglich und tunlichst unternommen hat, »um eine günstige Einwirkung zu erzielen«, und die wie so vieles andere die Bemühung des tragischen Hanswurstes geblieben sind, um die letzten Zuckungen der Menschheit zu parodieren. Und ein Da capo würde am Schluß dem Saltomortale danken: »Mit einer aus tiefster Wahrhaftigkeit entspringenden Überzeugung kann gerade in Österreich-Ungarn« (wo also nicht?) »den heimkehrenden Russen die offenherzige Versicherung mitgegeben werden, wie wenig unser Vaterland den Krieg gewollt hat.« Ja dieser Janus mit den zwei Gesichtern, von denen das eine vorwärts sieht, das des Falloten, und das andere rückwärts, das des Idioten, konnte endlich den Tempel »zuspirrn«. Aber die Gläubigen werden nicht alle, und die Priester auch nicht, und da sie allesamt in einer Luft leben, in der sie Ehrlosigkeit einatmen, so ist es ihnen ein sittliches Bedürfnis, den armen, verfolgten Kerkermeistern der Menschheit gegen die grausamen Befreier beizustehn. Krieg ist Krieg der andern, Revolution der eigene Krieg. Der Kriegsgewinn erweist sich dem Säbel erkenntlich, und im Burgfrieden des durchdringendsten Judentums und des stumpfsten Antisemitismus arbeitet die einzig authentische Geldrasse, die gemeinsame, gegen alle Entsündigung. Welt- und wahlverwandt, der unverfälscht utilitarische Schlag geborner Parteigegner, die einander nur nicht riechen konnten, solange sie nicht wußten, daß sie beide stinken. Moabitische Gestalten, die schon im Frieden wie der goldgelbe Götze Mammon aussahen und nun den Bauch des Moloch dazugewonnen haben, sind jene »lndividualitäten«, für deren Entfaltung Spielraum verlangt und in biographischen Porträts geworben wird, die so ähnlich sind, daß man durch Brechreiz eine optische Täuschung erlebt, und da die Kontakte dieser eiterigen Welt die unumstößliche Norm sind, der auch alle Würde und selbst aller Umschwung erliegt, so hat der Staatskanzler manchmal die Liebenswürdigkeit, einem unserer Mitarbeiter Gelegenheit zu geben. Männer aber, deren Ehre, Mut und Verstand in der hirnlosen Schmach dieser Soldatenjahre heil geblieben sind, wie Heinrich Lammasch, von einem selbstverräterischen Volk so lange vereinsamt, bis er ihm nicht mehr helfen konnte, oder Friedrich Austerlitz, der durch seine Strafakten über die Feldjustiz mehr zur Belehrung der Überlebenden und der Nachlebenden getan hat, als hundert Kriegsschreiber zu ihrer Belügung imstande waren, haben Österreichs Hinterbliebenen weniger zu sagen als die bezahlten Lobredner des verblichenen Phantoms. Und das Andenken eines Viktor Adler, die in jeder Kulturgemeinschaft fortwirkende Macht eines sittlichen Vorbilds, das auch dem abgewandten Leben etwas von bleibender Ehrfurcht hinterläßt, versagt an der vorsätzlichen Niedrigkeit der Wiener Denkform, an dem unseligen Justament, das der letzte Wille einer Empuse ihren Völkern vermacht hat. Nichts ist zu hoffen, denn da kann man halt nichts machen. Gegen die Überraschungen der Wahrheit sind sie durch Frechheit gefeit, gegen den Zugriff der Gewalt durch Höflichkeit, und sie würden nicht zögern, zum Schutz vor Enthüllungen die Pariser Polizei in Anspruch zu nehmen, da ihnen die hiesige nicht mehr helfen kann. Gegen sie selbst aber, gegen ihre Verleumdung, gegen ihre schmutzige Annäherung schützt keine Ehre und kein geistiges Verdienst. An solche Kreaturen habe ich die Nächte von zwanzig Jahren gewendet. Keinen einzigen Beweis ihrer Unheiligkeit, ihrer Ungläubigkeit vor dem Geist, ihrer Abhängigkeit von der Lüge, ihrer jovialen Bosheit, ihrer souveränen Niedrigkeit und der stupiden Qual ihrer Klischees haben sie mir bis zu diesem Tage zum Opfer gebracht. So sage ich denn: Daß ich dem toten Russen zwischen den Flügelmännern des Hungers mehr nachtrauere als diesem Österreich, dessen Verwesung noch die neue Zeitluft bedrängen möchte. Und daß ich nichts so sehr gehaßt habe als mein Vaterland, dessen Lebzeiten mir keinen Augenblick das Gefühl, in der freien Luft der Gotteswelt zu atmen, gegönnt, die Sorge um sterbende Werte genommen haben. Wiewohl sein Ruf in meine glorienreine Abgeschiedenheit kaum je anders als durch die phantastischen Zumutungen des vaterländischen Telephons gedrungen ist, in denen mir das ganze Wirrsal dieses kreuz und queren Staatswesens halluziniert war, mit seiner vielstimmigen Konferenz aller Kobolde und Genien des Lokus, mit seinem ganzen Inbegriff aller Störungsbüros; wiewohl ich mithin nur bestimmt war, diesem irreparablen Altar des Vaterlands mein Nervenleben zu weihen, so kann ich doch den beispiellosen Gewinn ermessen, den sein Verlust bedeutet, nebst der Frivolität jener, die ihn betrauern. Denn wenn zum endlichen Beweise der Menschheit allüberall die Stunde anbricht, wo Vaterland als Zeitverlust und als eine Einbuße an Lebensgütern empfunden wird, so grenzt es an Affenschande, den abgelebten Fabel- und Fibelwert einem Verein reservieren zu wollen, dessen Statuten geradezu darauf abgezielt waren, ihn zum Schaden seiner Mitglieder auszuwirken. Es kann angesichts des Hingangs dieses Toten, der es lange genug war und uns von der Pietät zu leben zwang, keine würdigere Empfindung geben als die der Freude, gemindert durch das schmerzliche Bedauern, daß kein Teilchen von ihm übriggeblieben ist, um sie zur Schadenfreude zu veredeln. Wenn Deutsch-Österreich sich vom Gemüt seiner Inwohner verführen lassen wollte, sich als ein Stück von ihm zu bekennen, so gäb's eine Mordshetz! Es sollte aber nicht. Nur den einen Zusammenhang darf es geben: die dumpfe Erinnerung an einen überstandenen Angsttraum. Wir hatten einmal eine Sage gehört von einem bösen Mißstaat, den ein Dämon träumte, nun schliefen wir ein und träumten's auch. Erwachend aber greift Zettel der Weber, der nicht in die Arme einer Feenkönigin, sondern einer Hexe eingerückt war, die ihn immer zu salutieren zwang, sich noch einmal an die Stirn und spricht: »Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt.« Er hat das österreichische Antlitz gesehn. »Ich hatte 'nen Traum – 's geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär' ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär' ich, und mir war, als hätt' ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt' ich's; des Menschen Auge hat's nicht gehört, des Menschen Ohr hat's nicht gesehen, des Menschen Hand kann's nicht schmecken, seine Zunge kann's nicht begreifen, und sein Herz nicht wieder sagen, was mein Traum war. Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettels Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen.« Es geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war. Er hatte geträumt, daß er die Montur eines Esels trug! Was für ein Esel war er, diese Montur zu tragen! Und wie er sich schämt! Er war einrückend gemacht; nun rückt er von sich ab. Und die hier? Die bekennen sich zum Alpdruck dieser feldgrauen Nacht und träumen von ihrem Traum. Zeit- und Landsgenossen dieser Unsäglichkeiten gewesen zu sein, es erniedrigt sie nicht. Sie fühlen keinen Schauder vor dem guten Gewissen, das ihnen ferneren Schlaf, Verdauung und Begattung erlaubt; nein, sie fühlen einen Zuwachs an Ehre: den Anstiftern, Organisatoren und Helfern einer Tat, die eine Zukunftsbibel als das größte Erbrechen der Sünde in das Antlitz der Schöpfung zeichnen wird, auf der Straße zu begegnen und die blutige Hand zu drücken, den Charlatanen am Weltgericht, Diurnistenseelen, die den jüngsten Tag dazunahmen, und die, wenn sie sonst nichts über uns verhängt hätten als die Posaunen ihrer blechernen Phraseologie, und wenn wir ihres Waltens keinen Hauch verspürt hätten als die Verwandlung eines österreichischen Eisenbahnklosetts, des Inferno der Friedenszeiten, in einen Protektionsplatz – ihr ganzes emeritiertes Leben dortselbst zu verbringen Anspruch hätten! Diese Eisenfresser, die nicht einmal ahnten, daß sie vom Wucher geschoben wurden wie ein Waggon Speck, wenn sie nicht zufällig das Unternehmen in eigener Regie führten, sind wie Pfauen und Paradiesvögel durch unsere Hölle stolziert – und dieser Stolz war der unsere und diese Dummheit war die unsere. 's geht über Menschenwitz, zu sagen, wie dumm wir waren! Und wie erbärmlich wir sind, wenn wir noch auf das Naturrecht der Dummheit, sich vor ihren Betrügern zu schämen, verzichten wollen, wenn wir diese nicht verleugnen, sondern der schamlosen Dummheit fähig sind, jene zu verleugnen, die uns gerettet haben! Wollen wir aber das Beispiel Zettels des Webers nicht, so sollten wir doch den Schuster Voigt als Lehrmeister anerkennen. Und war's kein Traum, so war's eine gigantische Köpenickiade. Und wenn wir nicht die Uniform trugen, so sind wir ihr aufgesessen. Und sind einfach aus dem Grund, weil eine Horde von Plünderern – man liest dergleichen – in militärischer Verkleidung gegen uns angerückt kam, bereit gewesen, alles was wir am Leib und an der Seele hatten und das Leben selbst auszuliefern, denn wir waren im Glauben, es sei für's Vaterland. Aber wahrlich, die falschen Patrouillen, die so oft in die Wohnungen drangen und die Hausbewohner aufs Knie zwangen, waren um kein Jota weniger legitimiert als die echten, und der Menschheitsbetrug, zu dessen Opfern wir seit Generationen erzogen waren, bestand in der frechen Irreführung, daß die echten die echten seien. Die vaterländische Idee war nichts anderes als der Ruhmfusel zur Animierung für ein bei klarem Verstand zweifelhaftes Geschäft und unzweifelhaftes Verbrechen, als die verklärende Ausrede für einen Diebsplan, und darum ein Betrug am Beutel und am Ideal zugleich; ihre Exekutoren nichts als mehr oder minder bewußte Einbrecher, deren Komplizen Seelsorger, Jugendbildner, Ärzte und sonstige Konsorten der Humanität, ihre Opfer beklagenswert, tadelnswert und nur entschuldigt durch eine angeborne, von der vaterländischen Erziehung bestärkte Geistesschwäche. Einen größeren Schaden, um klug zu werden, hat es nie zuvor gegeben, seit dem Tag, da die bewohnte Erde die satanische Lust bekam, sich mutwillig der Vorteile einer Gottesschöpfung zu begeben. Nie ist mehr Licht in der Finsternis aufgegangen, nie war der Zusammenhang zwischen dem Geistproblem und der Wirtschaftsfrage so schonungslos klar bis zu der Erkenntnis, daß gedrosseltes Gas vom gedrosselten Atem kommt. Jener Welt, die es besser hat, Amerika, haben wir mehr zu verdanken, als wir durch den grausamsten Ausgang verlieren könnten, und auch durch alle Verluste, die alle blutberauschte Menschheit sich selbst noch vorbehält. Denn nicht von Feind zu Feind, zwischen Front und Stadt auch müssen diese Unstimmigkeiten beglichen werden; es gibt noch Panzerautomobile, einem Korso zu begegnen, und, zum Ungeheuren gewöhnt, warten wir, bis das Leben der Quantität im Tod ersattet ist. Nur dem Phantasiebankrott, der ihn ermöglicht hat, gedeiht die Vorstellung, daß dieser Krieg mit einem Frieden endet. So sachlich befriedigt sich eine durch Mechanik aufgerissene Natur nicht; und das Wunder der Idee wirkt nicht nach der Uhr. Wilsons unsterbliche Tat – von dem unsterblichen Gedanken jenes Kant bezogen, dessen kategorischen Imperativ die Deutschen als Reglementsvorschrift erfaßten, damit sie Nietzsches Willen zur Macht desto besser verstehen konnten – ist die Befreiung unseres geistigen Schatzes von dem bösen Königsdrachen, der ihn verarmt und verschmutzt hatte, von jenem Basilisken, der in unserer Mythologie durch seinen Blick getötet hat, aber in der Naturgeschichte Amerikas als eine unschädliche Eidechse geführt wird. Nie mehr wird aus den glücklich verhängten Schaufenstern, die noch keine neuen Mißgeburten bieten können, uns dieses Gesicht, vor dem sich der eigene Bart sträubte, bedrohen; nie mehr daneben das österreichische Antlitz zu unsern Herzen sprechen, als Edelgreis oder Edelknabe, im Gebet versunken oder vom Arbeitstisch des Hofsalonwagens ins blutige Leere schauend, beiderseits ohne es gewollt zu haben. Nie mehr sehen wir jenen Königsdrachen, den Leibesklumpen emporgereckt zu der ersehnten Höhe, zu der erträumten Geste des Schwertstreichs, die wahrhaftig den Krieg erklärt, unter Volksvertretern, die nicht mehr als Parteien, nur noch als Idioten gekannt sein wollen. Nie mehr die widerliche Szene, wie dem Basiliskenblick, gesenkten Hauptes, Tränen enttropfen; nie mehr die peinigende Berufung des Freiheitskriegers, dem es, noch im vierten Jahr, kein Kampf um die Güter der Erde ist; nie mehr das Schmählichste von allem, wie ein Haufe dieses ärmsten Menschenviehs, ganz mit den verzerrten Mäulern und irren Augen, ganz wie's zwischen Gitterstäben eines Transports zur Schlachtbank sichtbar ist, vor dem Sturmangriff »Wir treten zu beten vor Gott den Gerechten« anstimmt. Nie mehr werden wir's schauen, nie mehr wird es sein. Von der Glorie entlaust, mit dem Menschenrecht, daß wieder Geist wachse, wo Zierat und Untat war, gehn wir in die Welt ein, und das verdanken wir dem nüchternen Prinzip jener Anstalt, die unsere Romantik nicht gescheut hat, um uns den Kopf zurechtzusetzen. Denn es geschah das Wunder, daß der barste Lebenssinn an uns zur Ekstase entbrannte, um uns vom Mischmasch zu erlösen, und daß er sich freiwillig unter den letzten Fluch eines falschen Lebens begab, unter den Heldenzwang, fanatisch entschlossen, uns von ihm zu befreien. Wilson hat den Völkern Europas geholfen, ihre heiligsten Güter zu wahren! Der Gedanke des Völkerbunds ist so stark, daß es seiner Durchführung nicht braucht, um die Welt mores zu lehren, sondern nur der Bereitschaft eines Staates, lieber erobert als gerüstet zu sein. Die schlechte Einteilung, daß Menschen, die mit Lunge, Leber, Milz und anderen Organen ausgestattet sind wie wir, nur deshalb weil sie kein Gehirn haben, dafür durch Ansehen von uns entschädigt sein sollen, ist beseitigt. Daß solchen Individuen gar die Entscheidung über unser Leben anzuvertrauen wäre und daß es gut so sei, wird kein Fibelstück künftig mehr den Kleinen erzählen, die schon dadurch, daß sie nicht mehr gelehrt werden sollen, Speere zu werfen, wieder anfangen werden die Götter zu ehren. Eine Untersuchung darüber, ob irgendje an einer Feldherrntat der Genius beteiligt war, wird für eine künftige Geistesbildung unerheblich sein, da die Schändung des Handwerks durch die Inspiration jener, die eine Metzgerarbeit um ihrer eigenen Existenz willen befehligt haben, die angeekelte Menschheit zu anderen Interessen bekehren, und an der Erfindung des Schießpulvers für alle Zukunft nichts weiter bemerkenswert sein wird als ihre Gleichzeitigkeit mit der Erfindung der Druckerschwärze. Überhaupt wird der geschichtlichen Wissenschaft das Opfer nicht erspart bleiben, auf einen guten Teil ihrer positiven Ergebnisse für den verneinenden Gebrauch der Kulturgeschichte zu verzichten. Nicht jene, diese wird die Jahreszahlen der Offensiven verzeichnen; diese wird, nebst Konterfei, den Lebenslauf der Generale aufbewahren, die, von der technischen Durchbildung ihres Berufes abgesehen, auch alle Disziplinen des Geistes dem Zwecke der Menschenschlachtung unterzuordnen vermocht haben: die Theologie zur »Aufpulverung« einer Mannschaft, die durch Schlamm und Schnee stürmen und nicht vor dem Heldentod Hungers sterben soll, die Medizin zur Zusammenflickung ihrer Leiber, die Juristerei zu ihrer Hinrichtung, und die Philosophie zur Verleihung des Ehrendoktorats auf Grund dieser Verdienste an die Generalität. Die Kulturgeschichte wird, wenn sie allen strategischen Sinn als die Aufgabe erfaßt, den Völkern unter dem Vorwand der Kriegführung das Vaterland zum Feind zu machen, den eigentlichen Kriegsplan nicht übersehen dürfen: eine gerechte Einteilung der Welt in Front und Hinterland, die eben der Gelegenheit zum Mord auch eine Entschädigung durch Raub anschließt. Dabei wird die Kulturgeschichte des Anschauungsunterrichts in den wenigsten Fällen entbehren können, da die meisten des Versuchs, sie durch schriftliche Mitteilung glaubhaft zu machen, schon heute spotten. Wenn sie nicht versäumen wird, aus Weltspiegeln und interessanten Blättern die Photographien zu übernehmen, welche die Feldkuraten beim letzten Liebesdienst an sterbenden Helden zeigen und die Scharfrichter post festum beim Fest; wenn sie die Altare aus Schrapnells, die Kruzifixe aus Granaten, die Kronprinzeninitialen aus Flammen, die Kinder mit Gasmasken verewigen soll, so wird sie auch bestrebt sein, Genreszenen, die am Tatort nicht photographiert worden sind, nachzubilden, wie etwa die Frauen, die vor deutschen Offizieren einen Knix machen müssen; die deutschen Verwundeten, die vor dem Oberstabsarzt habtachtliegen; die Austauschinvaliden, die am Ziel unter den Klängen des Radetzkymarsches zusammenbrechen; und den Kaiser, der dem Kriegsschmock die Taschen mit Zwieback vollstopft; und den Blutsverbündeten, der in den Gassen des Hauptquartiers, mit dem Marschallstab spaziert; den Strategen, der während der Bluthochzeit auf Freiersfüßen geht, und wie er vom Photographen abwechselnd beim Kartenstudium sämtlicher Kriegsschauplätze betreten wird; und alle Großen, wie sie entweder vor der Offensive Skizzen für illustrierte Blätter entwerfen oder durch Bildhauerinnen vom Gang der Schlacht abgelenkt werden; und wie das übervolle Haus den Helden begeistert zujubelte, die stramm salutierend dankten; und überhaupt alles, was an Selbstenthüllung von Monumenten der Nichtigkeit, an stolzer Unwürde, frecher Entwürdigung des andern, spaßhaftem Grauen, Regimentsmusik zu Todeszuckungen, und allem Diskant von Phrase und Qual in dieser Dreck- und Feuertaufe einer wehrlosen Waffenwelt zustandegekommen ist, in der Ordnung dieser Jahre, die die Menschheit in Gruppen teilte, um die einen mit Ehrenzeichen, die andern mit Narben, die einen mit Prozenten, die andern mit Läusen zu versehn. Die Kulturgeschichte versäume mir nichts. Die Völker sollen untereinander vergessen: die Menschheit vergesse und verzeihe nichts, was sie sich angetan hat! Sie erkenne ihr Heldentum in den Exzessen der gepanzerten Ohnmacht, in den Räuschen der Feigheit, der Tücke und der Hysterie. Sie schaue das österreichische Antlitz in allen Formen. Sie fasse die Unermeßlichkeit der Tatsache, daß ein Renngigerl die Welt von anno dazumal in den Tod geführt hat, und agnosziere sie in den Zügen dieser feschen Harmlosigkeit, die sich im Leitartikel bestätigen ließ, daß sie in voller Verantwortung der diplomatischen Urheberschaft entschlossen war, persönlich in eine Stabsmenage der italienischen Front abzugehen, um dem Erbfeind Aug in Aug gegenüberzutreten. Die Kulturgeschichte unterlasse nicht, dieses »Schau mir ins Auge« des nun gesicherten Endsiegs in der schamlosen Darbietung für die »Woche«, diese beherzte Zugsführerattitüde, die nur statt der Virginier ein goldenes Vließ von einem reinen Lamperl eignet, diese Umgruppierung des Plateaus von Doberdo zur Freudenau, diese Umwertung des Weltgerichts in einen Praterscherz bis zum jüngsten Tag festzuhalten. Und könnte sie doch Bilder hinzunehmen von der Geselligkeit dieser blutigen Orgie, in der zum entehrten Mannestum die erniedrigte Lust in allen Varianten trat, in den Entartungen der Gewalt, in den Verwandlungen der Nächstenliebe, in der venerischen Vergiftung der Menschheit, die wie kein Kriegsplan ihren Befehlshabern gelingen sollte, in allen Totentänzen, durch die eine unerbittliche Natur ihr Menschenmaterial entschädigt und die dank Schwesterschaft und Heranziehung weiblicher Hilfskräfte zu jeglicher Dienstleistung noch ausschlagen wird zur Freude des kommenden Jahrtausends, durch welches ein Landsturm ohne Waffe, aber mit Hysterie und Lues dahinrast. Und wenn es dann ein Menschheitshirn gibt, noch zu fassen fähig, was ihm die Vorzeit angetan hat, so lasse es das österreichische Antlitz in dieser Vision erstehen: Es war einmal ein Oberstleutnant des Generalstabs, der bekam für jeden Waggon mit Schieberware fünftausend Kronen Provision, denn er ließ ihn als Militärfrachtgut laufen. Er trieb auch selbst Kettenhandel, welchen seine Geliebten für ihn besorgten. »Umarme dich im Geiste, mein einziges Lumpchen«, schrieb er, »ich kündige dir die Absendung von 600 Kilogramm Dörrgemüse an.« »Du, mein Liebchen«, schmeichelte er, »bist von uns zweien doch der größere Gauner, denn 100 000 Kronen per Waggon habe ich noch nicht verdient. Auch ich war nicht untätig, habe ein schönes Geschäft mit Speck gemacht.« »Ich bin riesig stolz«, rief er, »denn ich habe mir ein Sparkassabuch angelegt. Ich kann nur sagen: Ich bin sehr zufrieden mit dem Krieg.« Um ein Rendezvous einzuhalten, zu dem er 120 Pfund Schweinernes bringen sollte, gab er telephonisch Befehl, den Schnellzug warten zu lassen; und es geschah. Er hat den Sinn der großen Pflicht erfaßt. Er hat, für uns alle, die Konsequenz aus der Erkenntnis gezogen, daß eh alles wurscht ist. Er hat Selbstmord verübt. Es war ein Einzelfall. Die Nachwelt generalisiere ihn! denn ganz Österreich war darin, wie es leibte, lebte, tötete, starb. Es ist möglich, daß es auch der Oberstleutnant war, der die vierundvierzig Gräber aufwerfen ließ. Kann es nicht auch jener sein, der die Gendarmen anwies, Verdächtige niederzuknallen, und der die Anwendung des Standrechts auf das Leben eine verbohrte, juristische Klügelei genannt hat? Und der dort ist es, welcher russische Kriegsgefangene am Ostersonntag nach einstündigem Gebet hat töten lassen, weil sie einen Fluchtversuch unternahmen (den das Völkerrecht erlaubt), und andere, weil sie sich weigerten, sich zu Rettungsarbeiten im feindlichen Feuer verwenden zu lassen (die das Völkerrecht verbietet). Und sie alle sind es, die Grund haben, den Schimpf einer unmenschlichen Haltung während des Krieges mit Verachtung zurückzuweisen. Und auch jener, der sein Regiment durchs Sperrfeuer ins Verderben jagte und die Reste zu wohltätigem Zweck zwischen Operettenlieblingen das überstandene Todesgrauen darstellen ließ. Der spielt, der schießt, der schiebt – der Standort wechselt, nicht das Gesicht. Nur ehrlicher ist es im Raub als im Mord; appetitlicher im Fraß als in der Glorie. Ist es nicht der allem Fleische zugetane Humor, der uns animiert, das Geschlecht als Tauschwert für Viktualien zu begrinsen? Ist es nicht eine der strammen Masken an der Ringstraßenfront jener Sündenburg, nach deren Betreten man gefragt ward: »Von welcher Firma?« Ist es nicht das Antlitz, nicht Osterreich, nicht der Krieg? Ist es nicht jenes in Not und Tod und Tanz und Pflanz und Haß und Gspaß anspruchsvolle, gut- und blutgierige Gespenst, das uns in der Nacht der Jahrhunderte aus seinem Grabe besucht hat? Ja, er ist es! Für ihn haben wir Schmach und Entbehrung erduldet, an seiner Kette und an seinem Strang durchgehalten, für ihn sind wir verarmt, erkrankt, verlaust, verludert, verhungert, verendet, gefallen zur Hebung des Fremdenverkehrs! Er war Schinder, Schieber, Drahrer, Henker des Battisti, Hurentreiber, Erzherzog, Jud und Christ in einer Figur, wir haben ihm alles geopfert, und das letzte, was uns geblieben ist, ist seine Ehre. Denn dieser, jener, einer, viele, alle, sie waren nur Mörder aus Mangel an Phantasie, nicht weil's die Sache wollte. Und Herzen mußten zu schlagen aufhören, weil's ihnen bei der Sorte an Protektion gefehlt hat. Nicht zum Zweck, nicht als Opfer der Natur, nicht in despotischer Verantwortung, die vor der Sünde seelisch sich behauptet, nein, durch vergnügte Spießbürger, die nicht wußten, ob's die Schweinsjagd war oder nur die Menschenjagd, ist alles das vollbracht worden. Durch den grauenhaften Schlag, der von der »Deckung« sein Dasein fristet, um es dem andern zu zerstören: der Deckung durch den Akt, durch die Phrase, durch die Anonymität, durch den Mangel an Beweisen, durch alle Behelfe der Technik und der Lüge, die einer niedrigen Natur Vorstellung und Hemmung ersparen und den Mut zum Verbrechen ersetzen. Harmlose Mordskerle waren es, gemütliche Kanaillen, Folterknechte aus Hetz. Losgelassene Simandln, der Hausfraunzucht entsprungene Sumper, bleiche Kujone, die in Reglement und Fibel Ersatz für die Potenz suchen, haben im Pallawatsch der Quantitäten sich einen Weltmullatschak verstattet und die ungeheure Gelegenheit des Kanonenrausches zur Rache an einer höher gearteten Mannheit benützt. Man reiße ihnen die Orden von der Brust und weihe sie, indem man sie den Kriegshunden verleiht, den in Armut und Würde beispielgebenden Antipoden des Generalstabs! Von feigen Philistern, die kein Blut sehen können, ist es in Strömen vergossen worden. Es stehe auf gegen sie, es erstarre zum Riesenfanal dieser Nacht und es erschlage sie im Schlaf, so sie wieder an der Speckseite ihrer Hausehre liegen! Wenn Menschen vergessen können, nie vergißt die Natur, was ihr in diesem Sklavenaufstand angetan ward, und bis zum jüngsten Tag töne, dem Gebot des faustischen Generalissimus zur Antwort, der Racheschrei der Kraniche des Ibykus für Reiher und Menschheit über Pygmäen: Mordgeschrei und Sterbeklagen! Ängstlich Flügelflatterschlagen! Welch ein Ächzen, welch Gestöhn Dringt herauf zu unsern Höhn! Alle sind sie schon ertötet, See von ihrem Blut gerötet! Mißgestaltete Begierde Raubt des Reihers edle Zierde. Weht sie doch schon auf dem Helme Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme. Ihr Genossen unsres Heeres, Reihenwanderer des Meeres, Euch berufen wir zur Rache In so nahverwandter Sache. Keiner spare Kraft und Blut, Ewige Feindschaft dieser Brut! Es war ein Traum. Wir waren auf Walpurgis zwischen Sautanz und Totentanz. Kinodramatisch mit viel Blut und Walzer ging es zu. Wir saßen in einem ungeheizten Saal. Wir wurden durch das Ende entschädigt. Und wie da, nachdem schon alles verpulvert war, ein gewaltiger Fall geschah, hörte man in atemloser Stille eine Stimme aus der vordersten Reihe nur ein Wort rufen, aber mit einem Ton, in dem alle Quantität der Leere dumpf zu Boden schlug, das große Wort des Nachrufs aller Nachrufe: Bumsti! .... Phorkyas aber richtet sich riesenhaft auf, tritt von den Kothurnen herunter, lehnt Maske und Marschallstab zurück und zeigt sich als Mephistopheles, um, insofern es nötig wäre, im Epilog das Stück zu kommentieren. Phantome (Mit einer Beilage: Zeichnungen von Chr. Dark) Ein Schauspiel für Götter bildet, was herauskommt, wenn man den Versuch unternimmt, sich die Clichés und Verkürzungen der Literarhistoriker wieder in lebendiges Geschehen aufgelöst vorzustellen und nun dieses mit der Wirklichkeit, soweit sie einem bewußt oder doch fühlbar ist, zu konfrontieren. In den »Verlautbarungen der Urania« war durch die folgende Notiz auf sechs Vorträge über »die österreichische Moderne (1890-1920)« aufmerksam gemacht worden: Im Laufe der Siebzigerjahre setzt in Deutschland wie in Österreich eine Opposition gegen die Herrschaft des liberalen Großbürgertums ein, die seine politische Machtstellung erschüttert und in den Achtzigerjahren zur Literaturrevolution in Deutschland führt. 1890 begründet Hermann Bahr die österreichische Moderne in Anlehnung an M. Barrès, 1893 Richard von Kralik eine katholische Moderne; auf den Wiener Theatern gewinnt die Richtung Brahm's allmählich die Oberhand. Die Sezession erweckt neues Interesse für die bildenden Künste und das Kunstgewerbe. Gegenüber dem Kunst- und Literaturtreiben in Wien erheben die Provinzen die Forderung nach einer »Heimatskunst« (1899). Bahr nimmt dieses Schlagwort auf, findet aber jetzt in Wien selbst Widerspruch und Gegnerschaft, namentlich bei Karl Kraus. Indessen hat sich die Moderne die Theater erobert. Reinhardt sucht den Ausgleich zwischen dem hohen Stil des alten Burgtheaters und dem Realismus Brahm's. Man macht Versuche mit der Stilbühne. Die Literaturbewegung im katholischen Lager führt zur Gründung des Gralbundes unter Kraliks Einfluß (1905). Bahr rechnet mit Wien ab und verläßt es (1906/08). Von der Sezession löst sich die Klimt-Gruppe ab, die 1908 die Kunstschau veranstaltet. Die Moderne, welche jetzt die Theater, den Büchermarkt und die Kritik beherrscht, kommt zum Genuß ihres Sieges. Gegen diese Verbürgerlichung der Moderne erhebt sich um 1910 eine neue Opposition, deren Führer in Österreich Karl Kraus ist. Der Weltkrieg scheint zunächst die neue ästhetische Revolution aufzuhalten, tatsächlich leistet ihr seine lange Dauer den größten Vorschub; sie setzt sich beim Zusammenbruch in eine politische Revolution um, die aber ihr Ziel nicht erreicht und die man jetzt wohl schon als abgelaufen betrachten darf. Die ästhetische Revolution dauert dagegen noch an. Das Streben der Zeit nach höchster Kunst scheint aber noch nicht den großen Künstler der Zeit hervorgebracht zu haben. – Abonnement für sämtliche sechs Vorträge K 6000. Einzelvorträge K 1000. Keine Ermäßigung. Abgesehen von dem Spürsinn des Literarhistorikers, dem der Weltkrieg nichts vormachen konnte, indem dieser so tat, als ob er die neue ästhetische Revolution aufhalten wollte, um ihr in Wahrheit den größten Vorschub zu leisten, und welcher auch gemerkt hat, wie sie sich in eine politische Revolution umsetzte, die pünktlich abgelaufen ist, während jene noch andauert – abgesehen davon hat er auch in der Vorkriegszeit schon allenthalben eine Bewegung gespürt, die in seiner Darstellung förmlich als Straßenrummel bemerkbar wird. Es ist einfach verblüffend, wie viel Leben die Entwicklungsclichés enthalten, und ging es in Wien drunter und drüber, so war doch auch die Eindringlichkeit nicht zu verkennen, mit der die Provinzen die Forderung nach einer Heimatskunst erhoben. Daß Bahr, ein Hans Dampf in allen Gassen der Entwicklung, die größte Rolle dabei spielte und das Schlagwort aufnahm, wie wenns nichts gewesen wäre, ist nur selbstverständlich. Neu ist immerhin, wie ich mich zum Führer einer Opposition aufwarf, die mir auf den Wink folgte und ohne deren Begleitung ich keinen Schritt machen konnte. Es bildeten sich Gruppen, die sich aber wieder ablösten. Dies wurde von der Moderne benützt, um sich die Theater zu erobern und zum Genuß ihres Sieges zu kommen, und während Versuche mit der Stilbühne gemacht wurden – die Passanten standen Kopf an Kopf und waren nicht wegzubringen, wiewohl man sie aufmerksam machte, es seien nur Versuche, die man nicht zu stören bittet –, wurde der Gralbund gegründet. Da war es geschehen. Ältere Zeitgenossen erinnern sich noch an das Aufsehen, und obzwar es insgeheim geschah, kam es doch sofort auf. Alles das vollzog sich rapid und etwa im Tempo der Weisung »Die Linienwälle müssen fallen«, mit der Franz Joseph I. eine Entwicklung eingeleitet hatte. Die unter seinem Szepter blühenden Künste werden allerdings wieder durch den etwas jähen Entschluß Bahrs, mit Wien abzurechnen – er verläßt es sogar –, unterbunden. Aber das macht nichts, die ästhetische Revolution überlebt sowohl den Weltkrieg, den jener reiflich erwogen hatte, als auch die politische, die ein Akt momentaner Ratlosigkeit war, und dauert noch an. Die Zeit strebt nach höchster Kunst, allerdings muß man auch wieder zugeben, daß sie doch noch nicht den großen Künstler der Zeit hervorgebracht zu haben scheint. Da heißt es also noch etwas Geduld haben. Einstweilen freilich dürfte – neben George Grosz – der Zeichner genügen, der, als ich ihm den hastigen Abriß der Literaturgeschichte vorhielt, ebenso geschwind das Leben erfaßte, das aus diesen knappen, aber noch von den Ereignissen dampfenden Meldungen springt. Es ist ihm geglückt, es wenigstens in einigen Beispielen festzuhalten, und ich glaube speziell sagen zu können, daß die Art, in der Bahr das Schlagwort aufnimmt, etwas Beruhigendes hat, während es direkt aufregend ist zu sehen, wie er mit Wien abrechnet, aber wieder eine reine Freude gewährt, wie er es verläßt, wiewohl es gewiß nie zuvor einen so gekränkten und gekehrten Rücken gegeben hat wie diesen. (Bei dieser Gelegenheit fällt einem auf, daß der alte Mann noch kurze Hosen trägt, und man bestätigt sich erst, daß man sich ihn gar nicht anders vorstellen könnte.) Diesseits der Gabe, die Gespenster des Tages zu sehen, erinnert es an Wilhelm Busch. Auch darin, daß der zweite Streich sogleich folgt. Es ist der Diplomat in diplomatischer Stellung. Wie er im Buch steht, das heißt im deutschen Roman. »Es sieht kolossal diplomatisch aus, wenn er die Ellenbogen so kwiß nach außen spitzt«, notiert der Zeichner. Es deutet große Welt an, hilft beim Fortkommen in derselben und speziell zur Annäherung an die Entente. Das Mündchen immer herzförmig, ein Rosamundchen. Dann folgt das Idol jener Geistesverfassung, die eine Mentalität genannt wird, was eines der handgreiflichsten Beispiele für einen lucus a non lucendo bildet. In Bereitschaft sein ist alles. Es kann wieder beginnen. Großer Verbraucher von Menschenmaterial, wie sichs gehört und wie es das Menschenmaterial goutiert. Miles gloriosus in jedem Betracht. Strategischer Blick. Kann bei infolge seiner Tätigkeit eintretender Hungersnot von dem Germknödel leben, den er als Kinn trägt. Hat ausgesorgt. Vorne Platz für ein gigantisches Hakenkreuz. Zuletzt das Bild einer deutschen Familie – die zeugete kein sterblich Haus –, Feier einer Primiz. Der junge Mann konnte nicht anders und hat sich dem Herrn ergeben. Die Damen bilden eine teilnahmsvolle Gruppe. Der alte Filuzius ist es zufrieden. Die dort mit dem Himmelfahrtsblick weckt Zuversicht; die rechts daneben hat Crème céleste in der Nase; der mit der bösen Stirn möchte ich im Traum nicht begegnen. Aus der guten, aber dumpfen Kinderstube schreit die verprügelte Natur zum Erlöser empor. Myriaden von Kerzelweibern verfinstern die Sonne. Antlitze, die eine größere Wirkung als Nietzsches Antichrist zu versprechen scheinen, aber vorläufig nur jene Symbolkraft bewähren, in deren Bann die deutsche Menschheit Gut und Blut opfert. Rede am Grabe Peter Altenbergs Peter! Aus Deinem hundertfachen Leben, das nun ein einziger Tod uns entrücken konnte, nicht aus Deinem einfachen Werk, von dem er uns nicht trennen wird, habe ich einmal den Satz genommen, mit dem Deine Verzückung zu einer kleinen Tänzerin emporrief. Sie konnte in Deiner Sprache nur lallen. Du aber: »Und wie sie deutsch spricht! Alleredelste!! Goethe ist ein Tier gegen Dich!!!« »Goethe war einverstanden«, sagte ich, »Gott selbst stimmte zu. Und wenn sich die lebende deutsche Literatur von der Kraft dieses Augenblicks bedienen könnte, so würden Werke hervorkommen, die noch besser wären als das Deutsch der kleinen Tänzerin. Aber da sie alle als Bettler neben diesem Bettler stehen, der durch alle zeitliche Erniedrigung aufsteigen wird in das Reich des Geistes und der Gnade, so ist jedes Tier ein Goethe gegen sie.« Nun, da Du in das Reich aufgestiegen bist, wohin Dir kein Verkennen folgt, nicht der Mißgunst und nicht der Gefolgschaft, nun hast Du uns zu Bettlern gemacht! Denn es ist mir, als ob die Zeit kommen müßte, wo wir an dem literarischen Bruchstück Deiner Persönlichkeit, das doch größer ist als eine Epoche unserer Literatur, nicht genug haben, sondern uns ein Verlangen nach Dir selbst ergreift und nach dem Reichtum aller Deiner Augenblicke, von denen jeder eine Unsterblichkeit war. In den Tiefen Deiner Tage, in den Niederungen Deiner Nächte, in Leidenschaften und Humoren, im Einerseits und im Anderseits Deines Gefühls, sie alle mit ihrer wunderbaren Buntheit zuständig dem einen Augenblick, dem Deines Augs, diesem Blick, der, gerührt und überlegen, immer das Einverständnis Deines freien und doch wie bedrängten Herzens war mit aller Schönheit der Welt und mit der Bedrängnis aller Kreatur und zumal mit dem Herzen aller Herzen, jenem des Hundes, dessen wartende Sehnsucht stark war wie nur die Deine. Wessen Erinnerung vermöchte diesen Reichtum zu erben? Die Fülle, immer bereit, sich zu verschwenden, das Übermaß einer Liebe, die sich aufheben konnte zum Gegenteil und dennoch die Liebe war? Wer könnte sich rühmen, Dich, den allem Umgang Eröffneten gekannt zu haben, Dich, den immer Andern, allen entzogen, weil Du Du selbst warst! In irdischer Gestalt war die Macht Deines Wesens nur dem Menschenmaß entrückt, aber in den Formen, die gar Zeit und Ort ihr gaben, war sie so erhaben über der Verkleinerung, wie sie ihr preisgegeben war. Seicht warst Du nur von unten! Weiß Gott, wie es kam, daß Du eben dann und dort gelebt hast, wo die Strahlen Deiner Heiligkeit sich an der stumpfsten Materie brechen mußten, daß nichts blieb als Flirren und Farbe. Sie ahnten nicht, daß die Narrenkappe, mit der Du sie spielen ließest, nur Deine Tarnkappe war, Dich vor ihnen zu schützen und sie doch zu durchschauen, Du Narr, der uns Normen gab. Nicht für Hygiene und Diätetik einer zukünftigen Menschheit, das wäre vergeblich genug. Nein, wie von einer Urmenschheit her, von einem wahren Individuum Gottes, welches, noch nicht auf die engen Wirksamkeiten der Geschlechter verteilt, im Kreise der Schöpfung lebt und Kraft hat zum Schauen und Künden, mit der Ursprünglichkeit aller Eigenschaften, ehe sie unsere Erkenntnis in gute und böse schied, und darum unerschöpflich an Erregungsfähigkeit zu Fluch und Segen über unsere späte Welt. Du warst die Gnade und die Grausamkeit der Natur; Anspruch und Empfängnis der Liebe; Schönheit und Ungerechtigkeit des Elements. Deinem Künstlerleben habe ich einst den Zug zuerkannt, den in Deiner äußern Sphäre die Weiber verloren haben: Treue im Unbestand, rücksichtslose Selbstbewahrung im Wegwurf, Unverkäuflichkeit in der Prostitution. Und seitdem und so oft Du vom Leben zum Schreiben kamst, stand das Problem dieser genialen Absichtslosigkeit, die jetzt leichtmütig eine Perle und jetzt feierlich eine Schale bietet, in der Scherz- und Rätsel-Ecke des lesenden Philisters. Nun ist der uns so schmerzhafte Augenblick gekommen, ihnen, dem Philister und seinem Redakteur, sagen zu müssen, daß Du Ihnen nicht gehört hast! Daß Deine Nachbarschaft, Deine Verkleidung nur der Zufall zeitlicher Umstände war und der Zwang, Dich vor ihnen zu verstecken. Nun ist der Augenblick da, der uns trübste Deines Lebens, wo uns Dein Auge nicht mehr in die Seele blickt, und nun muß es aller Welt, so laut, daß es auch die umgebende hört, gesagt werden: Daß Du, Peter Altenberg, einer der großen Dichter warst, die ihrer Zeit nur geliehen sind, doch vorbehalten zu besserm Gebrauche; einer der seltenen, die das Glück hatten, ein Echo zu empfangen, wenn sie in den Wald riefen, aber das Schicksal, es der Welt nicht sagen zu dürfen. Möchte Deine lyrische Prosa, möchte der Humor, der Dein Grab bezweifelt und dessen »Anderseits« nun doch ins Jenseits spielt, möchte Dein Mut, vor einem Kinde, vor dem Tier und der Pflanze, vor dem darbenden Herzen einer verstoßenen Menschheit ehrfürchtig zu verweilen – ein hoch- und schlechtfahrendes Geschlecht Bescheidenheit vor der Natur lehren! Ich aber will, solange ich Deiner gedenken kann, zu Deinem reichen Werk Dich in all Deiner Unbegreiflichkeit hinzu nehmen, um Dich zu lieben und um einer Zeit zu trotzen, die anders täte! Der Abschied, den wir Dir sagen, seien die Worte der Getreuen, die um Götzens Leichnam stehn: »Edler Mann! Edler Mann! Wehe dem Jahrhundert, das Dich von sich stieß!« »Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!« 's gibt nur an Durchhalter! Zu den grauslichsten Begleiterscheinungen des Durchhaltens, als wär's kein Leiden, sondern eine Passion, gehört dessen tägliche Feststellung, Belobigung und behagliche Beschreibung. Wie der Wiener schon in Friedenszeiten davon durchdrungen war, daß er ein Wiener ist, sich das täglich zum Frühstück und zur Jause nicht nur selbst ins Ohr sagte, sondern es auch zweimal in der Zeitung zu lesen bekam, und in einer Art, daß wenn ihm erzählt werden sollte, viele Leute seien auf dem Stephansplatz herumgestanden, ihm statt dessen gesagt wurde, es seien viele Wiener gewesen – so wird in der Zeit der schweren Not keinem das Durchhalten so leicht gemacht wie dem Wiener, denn keiner trifft es so leicht wie der Wiener, weil er eben vor allem ein Wiener ist und wiewohl der Wiener nicht nur Bedürfnisse hat wie ein anderer, sondern auch speziell als Wiener einen speziellen Gusto auf Spezialitäten, diese Triebe doch spielend zu unterdrücken vermag, indem er eben ein Wiener ist und deshalb also natürlich auch zu seinem Kaffee, den er nicht bekommt, Hab' die Ehre sagt und wenn er schon nicht mehr seine Kaisersemmel hat, so doch noch seinen Humor hat, mit dem er sich jederzeit nicht nur über die Teuerung, sondern auch über den Mangel leger hinwegsetzen kann und mit dem er erforderlichenfalls sogar ein Zigarettl, das er nicht kriegt, sich anzuzünden vermag, so fesch wie es außer ihm auf der weiten Erde eben nur er kann, der Wiener. Wie die Beziehung des Wieners zur Natur sich in einer fortwährenden Berufung auf die »Anlagen« ausspricht, so ist die Beziehung des Wieners zum Leben eine unerschöpfliche Auseinandersetzung mit den Viktualien, und es muß einen tiefen Grund haben, daß jene häufige Redensart, durch die der Wiener dem Ernst einer Situation gerecht werden will, den keine Illusion übriglassenden Wortlaut hat: »Da gibt's keine Würschteln!« Anstatt sich nun mit dieser Tatsache im gegebenen Zeitpunkt abzufinden, wird der Wiener nicht müde zu versichern, wie vortrefflich er die Würschteln zu entbehren verstehe und daß es direkt ein Hochgenuß sei, auf sie zu verzichten – eine Wiener Spezialität, ein Gustostückl, vom Schicksal eigens für den Wiener reserviert. Nicht nur davon überzeugt, daß ihn die Schöpfung als ihren eigentlichen Zweck beabsichtigt habe und daß der Stephansturm annähernd Sitz und Mittelpunkt der Verwaltung des Kosmos sei, ist es ihm gelungen, den berechtigten Glauben, daß es nur eine Kaiserstadt, nur ein Wien gebe – einen ähnlichen Hinweis hat bekanntlich unlängst der englische Zensor nach Deutschland mit einem »Gott sei Dank« durchgehen lassen –, daß es ferner nur eine Fürschtin gebe, die Metternich Paulin, in einer Art sangbar zu machen, daß es für ihn auf der Welt nur a Kaiserstadt, nur a Wien und nur a Fürschtin zu geben scheint, und durch den gerechten Zufall eines schlechtgebauten Couplets hat er sich des Unvermögens schuldig bekannt: nichts sonst zu sehen, wo immer er hinkommen mag, als eben diese ihm vertrauten Erscheinungen. Wien in jeder Stadt suchend, war er ungehalten, wenn er es nicht fand, nicht wiedererkannte, fuhr nach Paris, um »auf ein Rindfleisch« zu Spieß ins Restaurant Viennois zu gehen, verglich es mit dem von Meißl \& Schadn, und kehrte an Selbstbewußtsein bereichert zurück. Wie der Deutsche, ohne auf besondere Wünsche des Berliners dabei Rücksicht zu nehmen, sich in jeder Lebenslage einen Deutschen nennt und auch vor Leuten, die nie daran gezweifelt, ja es auf den ersten Blick selbst bemerkt haben, so muß der Wiener nicht erst vor einem Spiegel stehen, um sich als Wiener zu erkennen. Man mag aber zugeben, daß der Deutsche in der Verwendung der Methode, sich aus sich selbst zu definieren, sparsam ist im Vergleich mit dem verschwenderischen Wiener, der seit einigen Jahrzehnten gewohnt ist, sein Gemüt sowohl wie sein Gemüse, seinen Schick sowohl wie seinen Schan als spezifisch wienerisch zu bezeichnen, und sehr wohl imstande wäre, bei der Ausfertigung eines Reisepasses, der ihn heute zwar nicht in Konflikt mit der Welt bringen kann, darauf zu dringen, daß sein Geburtsort zugleich als besonderes Kennzeichen notiert werde. Denn es gibt wohl kaum einen Wiener, der nicht felsenfest darauf bauen würde, daß er ein apartes Blut mitbekommen habe. Das wäre freilich noch keine Überhebung, sondern nur eine ethnologische Behauptung, die sich am Ende sogar beweisen ließe. Das Bedenkliche aber ist, daß er von sich überzeugt ist, daß überhaupt nur er ein Blut bekommen habe und kein anderer, denn er wäre wohl peinlich überrascht wenn er eines Tages hörte, in den russischen Zeitungen sei etwas von einem feschen Petersburger Blut gestanden. Und mit ihm wäre die ganze Welt erstaunt, denn es ist eine Tatsache, daß so etwas noch nie vorgekommen ist. Es kommt eben nur in Wien vor, wo Leute, die daselbst schon 50 Jahre und mehr ansässig sind und längst nicht mehr ihre Zuständigkeit beweisen müssen, in der Zeitung plötzlich als »Wiener« agnosziert werden, während man doch noch nie gelesen hat, daß zur Begrüßung des Königs von Schweden sich ein Spalier von zahllosen Stockholmern gebildet habe. Höchstens die Schweizer noch haben diese Ehrlichkeit, ohne Umschweife sich selbst als »Schweizer Bürger« anzusprechen, wobei aber mehr die Anständigkeit, sich an einen einmal geleisteten Eid öfter zu erinnern, mitspielt, als die Selbstgefälligkeit einer unverantwortlichen Gegenwart. Auch sind die Schweizer die unvergleichlich besseren Hoteliers, die nicht so ungeschickt wären, Ausländer durch eine lästige Hervorhebung der eigenen Vorzüge vor den Kopf zu stoßen, während die Wiener den Fremdenverkehr, zu dem sie einen unglücklichen Hang haben, um jeden Preis heben wollen, ohne zugleich ihre Einrichtungen zu heben, deren Attraktion sie gerade darin erblicken, daß sie so wie sie sind geschätzt werden müssen, weil sie eben spezifisch wienerisch sind. Dieses Monopol des Wieners auf Einzigartigkeit in allen Lebenslagen, und nun sogar im Verzicht auf die Lebensgüter, zu verteidigen und tagtäglich zu stützen, dazu hat vorzüglich die israelitische Presse einen Tonfall, dessen Überredungskraft es nicht nur gelungen ist, einen Menschenschlag, der einst an der noblen und weltsinnigen Lebensführung des Vormärz wie kein anderer teilnahm, kulturell einzukreisen, sondern ihm auch unter täglicher Entschädigung durch eine ekelhafte Liebedienerei einzureden, das Gegenteil sei der Fall und der Wiener habe vor dem allgemeinen Fortschritt, nämlich dem, der mit der Eisenbahn die Menschen weiterbringt, noch seine besondere »Note« voraus, weil er eben trotz der Fähigkeit, sich der Eisenbahn zu bedienen, doch mit Leib und Seele ein Wiener geblieben sei. Wie er jetzt nur auf die Seele angewiesen ist, um diese Eigenschaft zu bestätigen, wie er ohne Fett selbstlos geworden ist, das bekommt er Tag für Tag bestätigt und gepriesen, und der Wiener fühlt sich, gebildet wie er ist, besonders geschmeichelt, wenn ihm sein Entbehrungsschmock nun erzählt, daß er, der Wiener, über alles Erwarten, nein mehr: wie man nicht anders von ihm erwarten konnte, und akkurat wie es von ihm zu erwarten war, die Opfer, die man von ihm eigentlich nicht verlangen dürfte, dennoch bringt und zwar deshalb, weil sie von ihm »geheischt« werden. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man erst ausdrücklich betonen, daß die Schadenfreude unserer Gegner sich der bestimmten Erwartung hingab, der Aushungerungs- und Erschöpfungskrieg werde den als leichtlebig und genußsüchtig verschrienen Wiener als das erste Opfer zur Strecke liefern. Diese Hoffnung ist, wie wir alle wissen, gründlich vereitelt worden. Wien hat sich mit heiterer Unbefangenheit in alle Entbehrungen zu schicken gewußt, die der Krieg mit sich brachte. Nach einigen leicht begreiflichen Unsicherheiten schwenkte die ganze Bevölkerung mit einer Sicherheit und Promptheit, die auch unseren preußischen Bundesbrüdern Ehre gemacht hätte, in das System der Reglements und Verordnungen ein, die den Verbrauch der notwendigen Nahrungsmittel regelten. Die Brotkarte ist ebenso eine Selbstverständlichkeit geworden, wie die fleischlosen Tage. Ohne jede Sentimentalität gedenken wir des Wiener Gebäcks. Freilich könnte die gute Laune noch gehoben werden, wenn man Eulen, die vielleicht ganz schmackhaft sind, statt immer nur nach Athen, wo man an einem embarras de richesse zugrunde geht, zur Abwechslung einmal nach Wien tragen wollte, und die Frage, ob die preußischen Bundesbrüder, auf die beim Einschwenken geschaut wurde, es nicht doch noch besser getroffen haben, da sie's ja gleichzeitig üben mußten, bleibe unentschieden. Aber es läßt sich nicht leugnen, die Zeiten, wo einem das Herz aufging, wenn es einem Guglhupf geschah, sind vorbei, und auch in Bezug auf das Rindfleisch ist der Wiener aus einem Epikuräer ein Stoiker geworden. Und ich bin Zyniker genug, es zu beweisen: Wir haben die liebevoll gehätschelten Idiosynkrasien des Wiener Geschmacks abgelegt, uns zum Schöpsernen und sogar zum Seefisch bekehrt . Fallen sehen wir Zweig auf Zweig! Nach dem mit verschwenderischer Auswahl auf den Tisch gestellten Gebäckkörbchen verschwanden die Kaisersemmeln, das Salzstangel und das mürbe Gebäck. ... Wir haben die Maisperiode mit klassischem Stoizismus übertaucht und fühlen uns magenkräftig genug, eine neue Maiszeit mit der Hoffnung auf Wandel zu überstehen. Man beachte die nur scheinbar scherzhafte, im Innern aber – oder muß man jetzt »Innerei« sagen – ganz ernsthafte Verwendung der religiös-philosophischen Sphäre. Der Mangel an Schweinernem ist Zuwag an Seelischem. Es gibt noch andere kriegführende Völker; aber keinem trägt das brave Durchhalten eine so gute Sittennote ein wie dem Wiener, dessen Reife nicht nur in der Entsagung, sondern auch in der heitern Würde, mit der sie sich vollzieht und die beinahe an die Seelengröße des in den Tod gehenden Sokrates hinanreicht, von allen Historikern bemerkt wird. »Ohne Deklamation, ohne Ruhmredigkeiten« haben die Wiener, nach der Versicherung des Herrn Salten, auf den Jausenkaffee verzichtet. »Bitte« – könnte ein Wiener einem Londoner einmal vorhalten – »haben Sie damals kein Weißgebäck gehabt? No alstern, nacher reden S' nix!« Heute aber beißt er die Zähne zusammen und schweigt. Denn so dulden kann nur er: Nicht einmal das Wort Patriotismus wird um dieser Dinge willen bemüht. Man nimmt sie einfach hin, richtet sich danach ein und spricht nicht darüber. Nur täglich bißl in den Zeitungen. Eine »Haltung, die in ihrer gleichmäßigen Ruhe wie in ihrer Würde bewundernswert und, nebenbei, ergreifend ist«, rühmt jener Salten dem Wiener nach. Natürlich redet man vom Krieg, wo zwei Menschen beisammen sind, allein Gespräche über Mehl, Butter, Milch und ähnliche Dringlichkeiten gibt es fast gar nicht. Wollte jemand in Gesellschaft oder sonstwo feierlich erklären: wir müssen durchhalten! ... er würde dem gleichen kühlen Schweigen begegnen, wie ein effekthaschender Schauspieler. Denn das Durchhalten ist selbstverständlich, es wird einfach geschafft. Aber man liebt es nicht, daß darüber mit Pathos geredet wird. ... Vielleicht unter jenen, die Hunger haben. Aber nicht unter den Armeelieferanten und Salten-Lesern, also in der Gesellschaft. Eine Wiener Eigenschaft hat sich übrigens auch während des Krieges nicht verändert. Sie stellen ihr Licht noch immer geflissentlich hinter den Scheffel und nennen das: Diskretion. Sie nennen es Diskretion und machen daraus ein Feuilleton. Der Wiener tut seine Pflicht, aber er sagt nicht, daß er seine Pflicht tut, sondern er sagt, daß er nicht sagt, daß er seine Pflicht tut – wer sagt, daß er nicht seine Pflicht tut? »Mit humorvollem Lächeln« verstehe man hier, so heißt es, Lasten zu tragen, man mache aber »kein Reklamegeschrei«. Nun, wenn einer in alle Welt hinausruft, daß er ein großer Schweiger sei, so hat die Welt allen Grund, es zu bezweifeln. Und vielleicht auch, ob er wirklich tue, wovon er so lärmend zu schweigen versteht. Aber die Welt täte dem Wiener Unrecht. Er duldet nicht nur, er duldet nicht nur still, sondern so dulden und so still dulden, mit einem Wort so schön dulden, das kann nur er. Schauen wir uns um in unserm Weltblatt weit und breit, ob's einer dem Wiener nachmacht! Wenn in Petersburg die Musik abgeschafft und die Speisekarte geändert wird, so ist es, ganz abgesehen von solchen Symptomen des Zerfalls, ein »Tändeln mit dem Krieg« und beileibe »kein Zeichen innerer Teilnahme, zu der die Genußmenschen in Petersburg gar nicht fähig sind.« Wie anders der Wiener. In dem Bewußtsein, daß er ein Wiener ist und daß ihm mit Rücksicht auf diesen Umstand nichts Ärgeres geschehen kann, benimmt er sich auch danach, hält er die paar selbstlosen Tage in der Woche und schweigt. Gibts keine Würschteln, so hat er doch noch seine Extrawurst. Es ist schwer genug ein Licht zu haben, wenn Not an Kerzen ist, und es noch unter den Scheffel zu stellen, in dem kein Getreide ist. Aber man tut's, man lebt weiter, man schafft's, und schafft man's nicht, so wird's einem geschafft. So ist der Wiener. Und weil es seine Haupteigenschaft ist, ein Wiener zu sein, so kann er sie nun bewähren wie nie zuvor, so daß er auch jetzt noch etwas vor der Welt voraus hat, nämlich: ein Durchunddurchhalter zu sein. Schonet die Kinder! ist auf allen Schweizer Straßen zu lesen. Hingegen lauten die Titel der deutschen Aufsätze, die in der Kaiser-Karls-Realschule, Wien III – zur Wahl – aufgegeben werden, wie folgt: V. b Klasse Eine Ferienwanderung oder Kriegsmittel neuester Zeit. VI. a Klasse Warum ist Lessings »Minna von Barnhelm« ein echt deutsches Lustspiel? oder Durchhalten! Gedanken nach der achten Isonzoschlacht oder Herbstwanderung. Inwiefern vermag das Klima die geistige Entwicklung der Menschheit zu beeinflussen? oder Unser Kampf gegen Rumänien. Die Hauptgestalten in Goethes Egmont oder Der verschärfte U-Bootkrieg. Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind! (Goethe) oder Wir und die Türken – einst und jetzt. Meine Gedanken vor Radetzkys Standbild oder Seine Handelsflotten streckt der Brite gierig wie Polypenarme aus und das Reich der freien Amphitrite will er schließen, wie sein eignes Haus. (Schiller) VI. b Klasse Welcher von unseren Feinden scheint mir der hassenswerteste? Dementsprechend verzeichnet der Jahresbericht: An die Schülerbibliothek wurden 2 Exemplare Schalek , »Tirol in Waffen« geschenkt von Gräfin Bienerth-Schmerling, 1 Exemplar von der Verfasserin an die Lehrerbibliothek. Ich bin noch heute nicht imstande, eine Ferienwanderung oder eine Herbstwanderung zu beschreiben, tröste mich mit dem Bewußtsein, daß Goethe selbst nicht in der Lage gewesen wäre, aus seinem Zitat »Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind« einen Aufsatz zu machen und wüßte auf die Frage, inwiefern das Klima die geistige Entwicklung der Menschheit zu beeinflussen vermag, höchstens die Antwort zu geben, daß es ein miserables Klima sein muß, wenn es die Menschheit auf die Idee gebracht hat, sich gegenseitig abzuschlachten, um mehr zu essen, und die Überlebenden, sich gegenseitig auszurauben, um zu verhungern, den Staat aber, statt der Wucherer die Bewucherten aufzuhängen. Speziell aber könnte ich nur darauf hinweisen, daß unser spezielles Klima ein speziell elendiges ist, wenn die geistige Entwicklung nicht nur nach dem kriegerischen Zustand, sondern speziell nach dem hirnverbrannten, hirnverbrennenden System der deutschen Schulaufsätze beurteilt werden soll, das sich, wie ich aus diesen Beispielen ersehe, in dreißig Jahren um kein Jota geändert hat. Höchstens um die besondere Stupidität, zu der die größte aller Zeiten auch die Pädagogik zwingt. Es gibt also Alternativen, und das Kind wird, je nachdem es mehr pazifistisch oder mehr annexionistisch veranlagt ist, zwischen einer Ferienwanderung und den Kriegsmitteln der neuesten Zeit zu wählen haben. Warum Lessings Minna von Barnhelm ein echt deutsches Lustspiel ist, eine Frage, die wie ein Alp seit Kindheitsträumen auf mir lastet, und von der ich das unbestimmte Gefühl habe, daß sie bis heute nicht endgültig beantwortet ist, weder von dummen jungen noch von älteren Literarhistorikern – ich würde sie rabiat von mir stoßen und mich für »Durchhalten!« entscheiden, wiewohl Durchfallen nach wie vor die größere Sorge eines Knabenherzens bilden dürfte. Säße ich in der VI. a, ich wählte ohneweiters statt der Herbstwanderung, zu deren Beschreibung schon ein ganzer Dichter gehört, die »Gedanken nach der achten Isonzoschlacht« und wäre vor allen Kameraden mit dem Aufsatz fertig, indem ich, diese Gedanken zusammenfassend, einfach unter den Titel schriebe: »Genug!« Bei »Unser Kampf gegen Rumänien«, auf den ich mich, aus dem Klima fliehend, mit Feuereifer würfe, machte ich mir die Sache auch nicht schwer. Ich zöge mich mit der Wendung »Fragen Sie die Schalek!« aus der Affäre. Wenn ich nun die Wahl zwischen Egmont und dem verschärften U-Boot-Krieg habe, so versichere ich – ganz unter uns und wenn es das selige Kriegsüberwachungsamt nicht erfährt –, daß mir Egmont lieber ist und daß ich glaube, wir Deutsche möchten schließlich doch der Welt mit dem Egmont noch mehr imponieren als mit dem verschärften U-Boot-Krieg. Aber das ist schließlich Ansichtssache, man kann eine heroische Angelegenheit trotz ihrem tragischen Charakter kaum mit einem Drama vergleichen und gewiß ist mir – wieder ganz unter uns – der U-Boot-Krieg lieber als Hans Müllers »Könige«, die vielleicht nicht dem Uhland, aber ganz sicher mir gestohlen werden können. Vor die Wahl gestellt, das Schicksal des Menschen wie gleichst du dem Wind, zu betrachten und uns und die Türken einst und jetzt- da wählte ich beides, denn mir schiene, als ob mir just aus der Verknüpfung ein artiges Stück von einem Aufsatz gelingen sollte. Was die nächste Alternative betrifft, so würde ich die Verarbeitung des Schiller-Zitats über die Beziehungen des Briten zu Amphitriten ablehnen mit der Begründung, daß es, so aus dem Zusammenhang des Gedichtes gerissen, das Schiller dem Völkermord seines beginnenden Jahrhunderts gewidmet hat, mehr ein Wolff-Zitat sei, und würde dem Deutschprofessor beweisen, daß ich außer dem brauchbaren Mittelstück auch die Anfangsstrophen des Gedichtes kenne: Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden, Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort? Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden, Und das neue öffnet sich mit Mord. Und das Band der Länder ist gehoben, Und die alten Formen stürzen ein; Nicht das Weltmeer hemmt des Krieges Toben, Nicht der Nilgott und der alte Rhein. und auch noch die Schlußstrophen: Ach, umsonst auf allen Länderkarten Spähst du nach dem seligen Gebiet, Wo der Freiheit ewig grüner Garten, Wo der Menschheit schöne Jugend blüht. Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken, Und die Schiffahrt selbst ermißt sie kaum; Doch auf ihrem unermessnen Rücken Ist für zehen Glückliche nicht Raum. In des Herzens heilig stille Räume Mußt du fliehen aus des Lebens Drang! Freiheit ist nur in dem Reich der Träume, Und das Schöne blüht nur im Gesang. Ich würde den Lehrer bitten, uns lieber dieses Thema aufzugeben, als durch den Mißbrauch einer Schillerschen Strophe uns Kindern eine Betrachtung aufzunötigen, über der ehrlicherweise der bekannte Aufsatztitel »Gott strafe England« zu stehen hätte. Ich würde aber auch das Thema »Meine Gedanken vor Radetzkys Standbild« nicht verschmähen, denn ich habe vor Radetzkys Standbild meine eigenen Gedanken, zum Beispiel gleich den, daß dort Eisig Rubel und andere Alt-Österreicher öfter vorbeigegangen sind, als für die Reputation Radetzkys unbedingt notwendig war, wiewohl bekanntlich einer ihrer Verteidiger, jener echten Vaterlandsverteidiger, in diesem Punkte anderer Ansicht ist, indem er für Eisig Rubel den Freispruch und für Dr. Josef Kranz ein Denkmal beantragt hat, das aber eben infolge Besetzung des Platzes durch Radetzky nicht zur Ausführung gelangen konnte. Wenn mir der Deutschprofessor auf diese Behandlung des Themas nicht »vorzüglich« gibt, freut mich der ganze Krieg nicht mehr. Dann bliebe nur noch ein Thema, das zwar der Vl. b-Klasse vorbehalten ist, das ich aber als Fleißaufgabe übernehme: »Welcher von unseren Feinden scheint mir der hassenswerteste?« Ich wüßte mir auf die einfachste Art zu helfen, indem ich einfach von Lissauer abschriebe, der ganz sicher Bescheid weiß und den Aufsatz vermutlich fertig hat. Würde ich mündlich befragt, so könnte ich mich der vielen Einsager gar nicht erwehren, ich höre Strobl, neben dem ich leider sitzen muß und der von Patriotismus schwitzt, mir zuflüstern: »Der Treubrüchige am Po!« Der Kernstock, ein Vorzugsschüler, ruft: »Die Welschlandfrüchtchen!«, rings um mich zischt es: »Die Katzelmacher!« und nur eine Stimme – es ist die der Schalek, die man in die Knabenklasse zugelassen hat – ruft beherzt: »Ob ich weiß! Der Fackelkraus!« Dann aber zeigt sie auf, denn sie möchte hinausgehn, wo der einfache Mann an der Front ist, der namenlos ist, um ihm beim Nahkampf nah zu sein. Ich bin eingeschlafen, träume, daß ich nicht mehr in der Schule sitze, sondern wieder in einer Kinderstube, wo Weltkrieg gespielt wird und die Beteiligten dem Tod die Zunge herausstrecken. Ich will die Kinderrettungsgesellschaft verständigen, die anerkannt hat, daß sie mir für wiederholte Zuwendungen vom Erträgnis meiner Leseabende verpflichtet ist. Sie soll die Kinder vor Bomben und Schulaufsätzen behüten. Und wie da plötzlich eine Kanone als Schulglocke läutet und ich erwache, springe ich den Deutschprofessor an, will mit ihm eine Sprache sprechen, die er nicht versteht, nämlich Deutsch und frage ihn, ob er im Geschäft unentbehrlich sei oder ob er Lust habe, die Minen, die er in Kinderherzen legt durch ein Erlebnis zu verantworten, die Frage, die er an die Wehrlosesten stellt, welcher von den Feinden der hassenswerteste sei, persönlich im Schützengraben zu entscheiden, und in dem Augenblick, wo zu seinem Ohr das Geräusch von einer Sappe herauf dringt! Schweigen, Wort und Tat Das mit dem Schweigen und dem Bruch des Schweigens verhält sich so. Es ist wie so vieles, was das Gewissen begehen kann, kein Widerspruch. Denn das Schweigen war nicht Ehrfurcht vor solcher Tat, hinter der das Wort, wofern es nur eines ist, nie zurücksteht. Es war bloß die Sorge, den Abscheu gegen das andere Wort, gegen jenes, das die Tat begleitet, sie verursacht und ihr folgt, gegen den großen Wortmisthaufen der Welt, jetzt nicht zur Geltung bringen zu können und zu dürfen. Und das Schweigen war so laut, daß es fast schon Sprache war. Nun fielen die Fesseln, denn die Fesseln selbst spürten, daß das Wort stärker sei. Es geschah unwillkürlich, es war kein Akt der Entschließung, kein Plan hier und dort; gibt es doch Augenblicke, da auch die Maschine Respekt hat und eben dort, wo man nur Eingaben gewohnt ist, auch für Eingebungen Raum wird. Ich hatte zu lange mir mein Teil gedacht; dann, als ich einen Sommermonat mitten im Schweigen der unberührtesten Landschaft lebte, da litt ich sehr daran, daß es sonst nur Lärm gab. Es mußte geschehen, daß nach fünfzehn Monaten, in denen bloß diese fürchterlichen Herolde des Siegs laut wurden von dem besessenen Kassier der Weltgeschichte bis hinunter zu den unentrinnbaren Hilferufern der Extraausgaben, daß nach all der Zeit doch auch der Herold der größten Kulturpleite, die dieser Planet erlebt hat, sich hörbar mache, und wäre es nur, um zu beweisen, daß die Sprache selbst noch nicht erstickt sei. Wohl war ich mir bewußt: Wer vor gewissen Dingen seinen Kopf nicht riskiert, der hat keinen zu riskieren. Was aber hätte der Tausch des Kopfes gegen den Ruhm, einen gehabt zu haben, genützt? Wenn mit dem Kopf auch das Wort konfisziert würde, das er zu geben hatte! Wenn dieselbe Maschinerie, gegen die er anrennt, ihn noch rückwirkend zum Verstummen bringen kann! Er will ihr zeigen, daß in ihm denn doch etwas mehr Platz hat als ein Scherflein; daß sein Durchhalten ein ganz anderes wäre; daß er den Zustand einer Weltkinderstube, in der Gewehre von selbst losgehen, nicht mit dem Plan eines Gottes in Übereinstimmung bringen kann, der Geist und Gras wachsen ließ und der eine Menschheit verwirft, die beides niedertrampelt. Gewiß, lieber den Kopf anders wagen als durch die schweigende Zeugenschaft solcher Dinge in den Verdacht der Nachwelt zu kommen, man hätte keinen gehabt, man sei nur so schlechtweg ein deutscher Schriftsteller von anno 1915 gewesen. Da aber das tonlose Opfer in dieser allergrößten Zeit noch weniger Wert und Wirkung hat als das Wort; da es auch nicht einmal so beispielgebend ist wie der Mord, wie das, was jetzt jeder tun kann, darf und muß – eben darum ist das Wort von selbst frei geworden. Auch das Wort durfte in dem Augenblick, als es mußte; und ich bin bestechlich genug, einzuräumen: möglicherweise habe dieser Staat durch die Anerkennung einer Ausnahme vom Ausnahmezustand bewiesen, daß in ihm wie in jedem Staat mit absolutistischen Neigungen noch ein Endchen Gefühl für seine kulturellen Trümmer lebt. Daß er selbst noch eine letzte Träne hat, von einer wehen Ahnung her, wir würden, wenn dieses Abenteuer durchgeträumt ist, auf einem blutigeren Schlachtfeld erwachen, auf jenem unbegrenzten Absatzgebiet der Zeithyänen, aus dessen unendlicher Ödigkeit die neue Macht aufsteigt, im Ghetto der Hölle niedergehalten durch Jahrhunderte, nun die Erde verwesend, die Luft erobernd und zum Himmel stinkend. Mögen die von Beruf oder Geburt Konservativen, Adel, Kirche und der Krieger selbst, den Mut verloren haben vor dem unerbittlichsten Feind, so daß sie sich mit ihm um angeblicher Notwendigkeiten willen verbünden. Mögen sie, wie aus einer rätselhaften Pflicht allgemeiner Wehrlosigkeit, tagtäglich das Falsche tun – irgendeinmal spüren sie doch den Wert des Wortes, das ihnen zwar nicht Mut machen kann, wohl aber Scham und jenes Gefühl, das an der allermaßgebendsten Stelle gar wohlgefällig ist: Reue. Darum Gnade den schwachen Mächtigen! Der Herr erleuchte sie im Schlafe! Wollten sie mir, wenn sie der Alpdruck dieser todgewissen Zukunft aufschreckt, in einem Augenblick instinktiver Einkehr, in solchem vom politischen Bewußtsein unbewachten Moment, wenn alle Klingklanggloria schweigt, wenn das Läuten der Kanonen und das Schießen der Kirchenglocken verstummt ist, wollten sie mir dann, einmal, leihweise, die Exekutive überlassen, die lange genug ein fauler Zauberlehrling in ihrer Vertretung innehatte – so verpflichte ich mich als alter Unmenschenfresser: den größten scheinbaren Widerspruch, den es jetzt gibt, aus der Welt zu schaffen, den zwischen der blutigen Mechanik der Taten und der flotten Mechanik der Seelen. Dann würde ich: damit das große Ereignis doch nicht so ganz unbeachtet vorüberrausche; damit es mehr sei als ein angebrochener Abend der Welt, den sie vor Kinokriegsbildern hinbringt; damit der Schrecken doch mehr Plastik habe als die einer Extraausgabe, und das Bombardement von Venedig mehr sei als ein heiserer Bubenschrei; damit der leibhaftige Wahn zerstiebe, die Armeelieferanten seien die wahren Schlachtenlieferer; damit Mord wieder einen zureichenden Grund bekomme und Blut wieder dicker sei als Tinte – ich würde für einen einzigen Tag ein Kommando übernehmen, das die Front in das Hinterland verlegt; die Brutstätten der Weltverpestung, die Gifthütten des Menschenhasses, die Räuberhöhlen des Blutwuchers, die man mit dem einzigen verabscheuungswürdigen Fremdwort Redaktionen nennt, täglich zweimal erfolgreich mit Bomben belegen lassen; und mit Hilfe von ausgeliehenen Kosaken, die sich aber, um die Grausamkeit voll zu machen, jeder Schändung zu enthalten hätten, durch einen herzhaften Griff in einen Ringstraßenkorso oder in alle jene Plätze, wo die am Krieg Verdienenden ihrer leiblichen Wohlfahrt opfern, der Fleisch- und Fettfülle ein Ende machen! Ich würde, um nicht eigensüchtiger Beweggründe beschuldigt zu werden, nicht davon essen! Aber aus reinster Menschenliebe und damit die täglichen hundert Hekatomben, die wahrlich kein gottgefälliges Opfer waren, endlich gesühnt werden, bin ich bereit, ein Scherflein beizutragen, gegen das ein Mörser ein Kinderspielzeug ist, und selbst Hand anzulegen, damit auch meinem Wort die Tat folge. Damit man nicht mehr sagen könne, ich sei nicht positiv. Und damit es dort am blutigsten sei, wo es auf dieser behaglich hungernden Welt am fettesten zugegangen ist! Shakespeare und die Berliner »Max Reinhardt brachte im Deutschen Theater den 'Macbeth' zur Aufführung ... Die Regie hatte mit ihren Künsten nicht gespart ... Beispielsweise war auf der Bühne eine Dreiteilung geschaffen, bei der dem Mittelstreifen eine Art symbolischer Bedeutung zugewiesen war. Das Hauptthema, über welches die Regie ihre Variationen spielte, war das Blut. Farben und Beleuchtung waren auf Blut gestimmt, und als das Ehepaar Macbeth den Mordplan ausheckte, umringelten den Hals der beiden blutrote Streifen, die von einem Beleuchtungsapparat projiziert wurden. Ein blutbefleckter Vorhang ging herunter, als der Mord ausgeführt war ...« Die Frage, wann der Herr Reinhardt, nicht aus irgendeinem Bühnenverein, sondern aus jedem besseren Wohnzimmer ausscheiden werde, ist im Weltkrieg leider nicht aktuell. Bis zum Weltkrieg war sie es auch nicht, denn sonst wäre er nicht entstanden. Der Zusammenhang ist klar. Wie es mit den geistigen Aussichten einer Nation bestellt sei, deren Ludimagister von einem verirrten Bankprokuristen dargestellt wird und deren Hochadel auf den Privatbällen des zum Diktator aufgedunsenen Theaterhändlers die Komparserie stellt, das konnte bloß dem politischen Blick verborgen bleiben. Aber wenngleich in dieser mechanischen Wunderwelt, die in ihrer ganzen Auflage ein Generalanzeiger des Weltuntergangs ist, kein Gras mehr wächst, so gibt es doch jene echte Sommernachtstraumwiese, täglich frisch aus der Natur gerupft, durch die Herr Reinhardt sich längst schon um Shakespeare verdient gemacht hat. Es besteht eine Beziehung zwischen den lebendigen Versatzstücken des neudeutschen Theaters und den Surrogaten des neudeutschen Lebens, das um einen Fleischersatz so wenig je verlegen wird wie um eine Stellvertretung des Geistes, und dessen Wissenschaft im Bedarfsfall auch für Homunculus-Reserven sorgen wird. Diese Lebensrichtung hat einen philosophischen Anhalt. Es ist der Bocksbart des Herrn Shaw, des unermüdlichen Schalksnarren, dessen Weisheit dem Geist paradox gegenübersteht und dessen Dienste kein Shakespearischer König auch nur eine Stunde lang in Anspruch genommen hätte. Mit dem von Fall zu Fall herübergerufenen Troste, daß seine Landsleute die wahre Handelsnation seien, gehört er ganz in den Wurstkessel einer Kultur, in deren heilloser, von Reinhardtschen Hexen zubereiteter Mischung demnächst der Gedanke entstehen mag, mit Bomben erfolgreich belegte Brötchen zu erzeugen. Dieser gut ins Englische übersetzte Trebitsch hat neulich den Einfall gehabt, die Würdigkeit, Shakespeares 300. Todestag zu feiern, den Berlinern zuzusprechen. Sie haben sich das nicht zweimal sagen lassen und, m. w., auf den Hals Macbeths blutrote Streifen projiziert. Die Engländer, neidig wie sie sind, glaubten in diesem Warenzeichen jenes bekannte made in Germany zu erkennen, das so lange die englische Provenienz vorgetäuscht hat, ehe es sich zum ehrlichen deutschen Ursprung bekennen mußte. Aber jetzt hat sich auch auf der deutschen Szene, wo man in besseren Zeiten bekanntlich oft mit Wasser gekocht hat, die Erkenntnis durchgesetzt, daß Blut dicker sei. Dekorativ soll es wirken. Das ist nicht so wie bei armen Leuten. Ehedem sind bloß Helden aufgetreten, denen das Wort des Dichters aus dem Hals kam, ohne daß dieser selbst Spuren der dramatischen Absicht verraten hätte. Traten sie von der Szene, so fiel ein Vorhang, auf dem nichts zu sehen war als eine Landschaft mit einer Göttin, die eine Lyra in der Hand hielt, und dennoch war der Zwischenakt voll des Grauens über Macbeths Tat. Herr Reinhardt hat zwar nicht die Kühnheit, die Shakespeareschen Akteure wie die Offenbachs geradezu durch das Parkett auftreten zu lassen, um jeden einzelnen Kommerzienrat von dem bevorstehenden Mord zu avisieren, aber er läßt immerhin – der intelligentere Teil von Berlin M W wird's schon merken – einen blutbefleckten Vorhang niedergehen, auf daß der erschütterte Goldberger seiner Mitgenießerin die Worte zuflüstere: »Kolossal, paß mal auf, Trude, jetzt wirste sehn, wie Machbet den Schlaf mordet!« Die Berliner allein sind würdig, Shakespeare zu feiern; wenn sie ihn aufführen, ist er zum dreihundertsten Mal gestorben. »Mir wars, als hört' ich rufen: Schlaft nicht mehr. Reinhardt mordet den Shakespeare, den heil'gen Shakespeare, den stärksten Nährer bei des Lebens Fest – Es rief im ganzen Hause: Schlaft nicht mehr ...« Solche Avisos und Lichtsignale dem feindlichen Verständnis zu geben, solcher Einfall, den Teufel, den das Völkchen nicht spürt, wenn er sie schon am Kragen hat, an die Wand zu malen, ist gewiß praktisch gegenüber einer Zeitgenossenschaft, deren Phantasie von einem rechtschaffenen Theatervorhang nichts weiter als eine gediegene Fußwohl-Annonce erwartet. Wie war doch stets und in jedem Belang die Bühne ein Wertmesser der Lebenskräfte! Die unheimliche Identität der Aufmachung eines Reinhardt mit der Regie des jetzt wirklich vergossenen Blutes ist keineswegs zu übersehen. Schöpfen nicht beide aus Quantität und Technik, aus Komparserie und Mache den Gedanken? Und nicht ganz ohne Bedeutung dürfte es sein, daß der Schauspieler, solange er noch Vagabund, Jongleur und Persönlichkeit war, von der guten Gesellschaft gemieden wurde, aber der geschminkte Kommis von heute ihr von seinem Triumphsitz Gnaden austeilt. Nein, dies alles ist nur ein Druckfehler der Weltgeschichte, dort wo sie vom Sieg des indogermanischen Geistes handelt. Nein, es wäre zu schön, wenn wir mit Anstand eines Morgens aus diesem Angsttraum erwachten und sich herausstellte, daß das Ganze nur die Illusion eines Theaterabends war, und in Wahrheit werde vor einem endlich ernüchterten, endlich begeisterten Publikum auf der deutschen Bühne ein echtes Blutbad veranstaltet, und das viele Blut in der Welt war nur von einem Beleuchtungsapparat projiziert. Sittlichkeit und Kriminalität /2 Einer Besprechung der von den Herren Dr. Altmann und Dr. Ehrenreich besorgten »Einführung in das österreichische Strafrecht« (erschienen in dem wissenschaftlich so ernst zu nehmenden Verlag des Herrn Kola) ist allerlei zu entnehmen, was mir, um mich nicht zu schmerzlich bedauern zu lassen, daß meine Einführung in das österreichische Strafrecht schon 1907 abgeschlossen war, in Zitatenform übermittelt genügen muß. Herr Dr. Altmann, ein Jurist von hoher Autorität, dessen Scharfsinn ich auch in etlichen mir günstigen Entscheidungen zu erkennen Gelegenheit hatte, ist identisch mit jenem Richter, der im letzten Sommer seinen Namen bedenkenlos unter ein der Geschichte der Justizbarbarei vorbehaltenes Schriftstück der »Ratskammer« gesetzt hat, die bekanntlich keine camera caritatis ist. Ein invalider Werkelmann war wegen Amts- und Privatehrenbeleidigung von einem Bezirksgericht zu der ungeheuerlichen Strafe von drei Wochen Arrests, trotz den Milderungsgründen des Geständnisses und der Unbescholtenheit, verurteilt worden, nach einer Verhandlung, zu der er nicht erscheinen konnte, weil er nach seiner Angabe eben damals zur Polizei gebracht worden war und trotz seinem motivierten Ersuchen nicht rechtzeitig entlassen wurde. Er machte nun von seinem Rechte der Anfechtung des Urteils Gebrauch, indem er bei jenem Bezirksgericht innerhalb der vorgeschriebenen Frist berief. Statt der erwarteten Vorladung zur Berufungsverhandlung erhielt er die Aufforderung zum Strafantritt. Der Rechtsanwalt, den er ersucht hatte, ihn in der Berufungsverhandlung zu vertreten, brachte vor, es müsse ein Übersehen geschehen sein, und bekam die Auskunft, der Verurteilte habe »nicht die Berufung angemeldet, sondern einen Rekurs eingebracht«, aber ein Rekurs sei keine Berufung. Der Verteidiger suchte nun gegen die Konsequenz dieser juridischen Wahnsinnstat Abhilfe bei der Ratskammer des Landesgerichtes, indem er die folgende Beschwerde des Verurteilten einbrachte: Gegen das Urteil vom 17. Jänner 1923 habe ich rechtzeitig noch vor der Zustellung ein Rechtsmittel schriftlich angemeldet. Ich habe in dieser Anmeldung das Rechtsmittel falsch bezeichnet (als Rekurs). Von einem Laien, wie ich es bin, kann man wohl nicht verlangen, daß er die richtigen technischen Ausdrücke wählt. Vielmehr genügt es, wenn seine Absicht, an die höhere Instanz appellieren zu wollen, klar hervorgeht. Mit Rücksicht darauf, daß ich meinen Verteidiger informiert habe, daß ich bereits die Berufung angemeldet habe, hat dieser jede weitere Anmeldung unterlassen. Doch nach der Auffassung des Bezirksgerichtes Favoriten ist das obenerwähnte Urteil rechtskräftig geworden. An mich ist infolgedessen eine Aufforderung zum Strafantritt erfolgt. Gegen diese Entscheidungen erhebe ich Beschwerde an das Landesgericht in Wien und stelle den Antrag, dem Bezirksgericht Favoriten werde aufgetragen, die Sache zur höheren Entscheidung dem Landesgericht für Strafsachen vorzulegen. Darauf der Bescheid: Das Landesgericht in Wien I als Berufungsgericht in Übertretungsfällen hat heute in nichtöffentlicher Sitzung nach Anhörung der Staatsanwaltschaft über die Beschwerde des Angeklagten Heinrich Reinthaler gegen den Beschluß des Bezirksgerichts Favoriten vom 2. März 1923, U IX 1587/22, mit welchem derselbe zum Strafantritt aufgefordert wurde, beschlossen: Die Beschwerde wird als unbegründet zurückgewiesen, der angefochtene Beschluß bestätigt und dem Bezirksgericht aufgetragen, nunmehr mit der Entscheidung über das Gesuch um Strafaufschub vorzugehen. Begründung. Der Angeklagte ist trotz ausgewiesener Zustellung zu der auf den 17. Jänner 1923 anberaumten Hauptverhandlung nicht erschienen, das Urteil wurde ihm am 15. Februar 1923 zugestellt, ein Rechtsmittel wurde nicht eingebracht und ist das Urteil demnach in Rechtskraft erwachsen. Es ist daher die Aufforderung zum Strafantritt und die Einleitung des Strafvollzuges vollkommen dem Gesetz entsprechend. Wien, am 6. Juni 1923 Dr. Altmann. Man hat bis heute weder davon gehört, daß gegenüber diesem eiskalten Triumph der juridischen Wortbeschlagenheit über das Leben der Generalstaatsanwalt die Nichtigkeitsbeschwerde erhoben noch daß der Präsident der Republik mit einem Straferlaß eingegriffen hätte, und vielleicht war inzwischen der verkrüppelte Werkelmann eingesperrt, weil er nicht gewußt hat, daß man statt »Berufung« nicht »Rekurs« sagen darf. Was, wenn es noch eine Strafe auf den Gebrauch eines Fremdworts in der Ära eines hakenkreuzlerischen Justizministers wäre, weit mehr lebendigen Sinn hätte als die terminologische Tücke einer blindwütigen Jurisprudenz, die den Armen schuldig werden läßt, weil er nicht zwischen »Rekurs«, »Berufung«, »Beschwerde«, »Einspruch«, »Widerspruch«, »Einwendung« und »Revision« unterscheiden kann, lauter Fachbezeichnungen, die zumeist einer und derselben menschlichen Notwehr gelten gegen die Attacken, die die Lebensfremdheit des Richters mit Hilfe der aus dem Lebenshaß erschaffenen Gesetze gegen das Menschentum verübt. Jener Besprechung der von Herrn Dr. Altmann nunmehr besorgten »Einführung in das österreichische Strafrecht« – als ob das Verlangen, draußen zu bleiben, nicht brennender wäre – ist zu entnehmen, daß da, nebst anderen sympathischen Auffassungen und Unterstreichungen der uns erhalten gebliebenen k. k. Bestialität, bezüglich des Abtreibungsparagraphen »der erhöhte Schutz des Strafrechtes ohne Zögern zu bejahen« sei: nämlich für die Vermehrung dieser Kriegs- und Hungerwelt um rachitische Kinder, nicht für deren Verhinderung; daß der grausliche Paragraph über »Entführung« noch eine Schlinge nötig habe, die bezeichnenderweise aus dem Begriff der »List« hergestellt wird; daß »die sogenannten Dispensehen ungültig« seien; daß nicht etwa die auf die Aufhebung, nein auf die bloße Einschränkung der Strafbestimmungen gegen die gleichgeschlechtliche Liebe gerichteten Bestrebungen »keine Unterstützung verdienen« (so daß das Schandurteil wegen einer lesbischen Handlung, das einem kürzlich das Blut erstarren gemacht hat, ganz gerecht und eigentlich noch milde war und nur die Modernität eines Strafrechts zu beklagen, das für solches Ärgernis – nämlich des lesbischen Verkehrs – nicht die Stäupung vorsieht). So, mit je einem Sätzchen, einem Kopfnicken, Menschenunglück sonder Zahl anregend und befestigend, befindet Herr Dr. Ludwig Altmann, der von sämtlichen Fortschritten seines Zeitalters und allen sozialen Errungenschaften der Republik offenbar nur die eine anerkennt, die es ermöglicht hat, einen Juden zum Präsidenten des Landesgerichts zu machen, wiewohl er seinem Denken und seinem Habitus nach ganz gewiß noch lieber ein solcher unter der Regierung des Kaisers Franz geworden wäre. Er möge indes überzeugt sein, daß die Entwicklung der Dinge, die ja mit seiner Karriere keineswegs abgeschlossen ist, nicht in diese Richtung strebt und daß meine Einführung in das österreichische Strafrecht, die freilich mehr vom Gesichtspunkt eines Afrikaforschers ausgeht und ominöser Weise, obschon nicht im Rikola-Verlag, zugleich mit der seinen wiedererschienen ist, eben diese wie auch das österreichische Strafrecht überleben wird. Und es ist schließlich und endlich ja doch zu hoffen, daß diese Republik einmal mit dem Gedanken erwachen wird, daß es beiweitem nicht genügt, eine Staatsform ohne Kaiser zu sein, und daß an einer Justiz, die ihre Mißurteile nicht mehr in seinem Namen fällt (und höchst widerstrebend im Namen der Republik) sich noch lange nicht genug geändert hat. Und daß man einmal auf diesem Gebiet wie auf keinem andern zum Rechten zu sehen habe! Vor allem hier ist ja in den Tagen, da die Sozialisten die Macht oder doch die Möglichkeit in der Hand hatten, sie zu haben, unwiederbringlich viel versäumt und mannigfach jener Pardon gewährt worden, den eine politisch und menschlich gleich verstockte Richterschaft ihnen selbst heute keineswegs gewährt. »In den revolutionären Umwälzungen der Jahre 1918, 1919 und 1920, in denen die politischen Behörden neu organisiert, viele Autoritäten umgestürzt, manche geändert wurden«, sagte der Abgeordnete Renner, »stand eines trotz der schweren Erfahrungen der kaiserlichen Zeit für alle fest: an den Gerichten und der Gerichtsverfassung nicht zu rühren. Es war ein gewisser Glaube an die Objektivität der Gerichte vorhanden. Dieses Kapital ist aber in den letzten drei Jahren nahezu vollständig verwirtschaftet worden.« Man hätte jene, die es hatten, eben damals expropriieren sollen. Nichts wäre nun verfehlter, als die Zeit bis zum unabwendbaren Umschwung nicht mit umfassenden Plänen auszufüllen zur Beseitigung dieser Fossilien einer blutig überstandenen Gegenwelt, mit der Musterung dieses ganzen Bestandes an untauglichen Gesetzen und untauglicheren Verwaltern. Man beeile sich mit den Zurüstungen zu der Gelegenheit, wo man den Herrschaften schon zeigen wird, welche kriminalistischen Bestrebungen »keine Unterstützung verdienen«. Meine Einführung in diesen dunkeln Erdteil schließt, 1907, mit den Worten: Ach, unsere Justiz ist noch immer nicht entjungfert. Sie läßt sich und läßt sich nun einmal nicht ihre Ahnungslosigkeit rauben. Sie wird alt und älter, und die Frage wird immer dringender: Wie sage ich's ihr? Wie bringe ich ihr das Geheimnis jener Zeugung bei, die im allerchristlichsten Zeitalter ausnahmslos zur Schande oder zum Schaden gereicht und deren sich zu entschlagen trotzdem ein eigener Paragraph verbietet! »Frühlings Erwachen« spielt sich auf dem Heuboden, aber nicht in der Ratskammer ab. Dennoch wird mir nichts übrig bleiben, als den Talaren unserer Richter »gelegentlich eine Handbreit Volant unten anzusetzen«. Möge bald die Zeit kommen, wo die Republik es mir abnimmt; wo sie endlich sich besinnt, die kulturelle Konsequenz eines politischen Umsturzes zu ziehen und eine ausschließlich in Ehren des Sexuallebens ergraute Justiz wegen Befangenheit abzulehnen, damit der letzte Prozeß, den sie gegen das Leben führen kann, ihr, nicht sein Verwesungsprozeß sei. Tagebuch Ein Kind sah in einer illustrierten Zeitung ein Bild, das hieß »Gebet während der Schlacht« und stellte dar, wie Soldaten mit traurigem Gesicht, den Blick zur Erde gesenkt, in Reih und Glied stehen. Das Kind, welches noch nicht lesen aber noch sehen konnte, fragte nicht, was das sei, sondern, weil es sah, daß es etwas Trauriges sei, begann es zu weinen und weinte und war gar nicht zu beruhigen. Man redete ihm zu, brav zu sein und nicht zu weinen. Doch es weinte und um den Grund befragt, gab es schluchzend die Antwort: »Wenn man – so etwas – schon tun muß, so soll – man es – doch nicht – auch noch – aufzeichnen ....« Es gab solche, die anderen die Gurgel durchbissen. Man nannte sie brav ... Da lag einer, dem das Gehirn herausquoll. Er atmete noch und sein Kopf beugte sich zum Sterben. Es war ein Genrebild. Einer, der es sah, nahm schnell seinen Apparat und knipste. Jener aber schlug den letzten Blick auf ihn, und es war, als ob er für diesen Moment bewußt würde und nun aus der versinkenden Welt solche Zeugenschaft hinübernehmen sollte. Von dort aber nahm er die ewige Verdammnis und brannte sie in diesen Rest von Leben unter ihm, der vor ihm stand und ein Apparat war. Der Blick schien endlos in Verachtung. Der Apparat aber, als er es getan, ging seines Weges, und jene, welche die Genreszene gesehen hatten, stumm mit ihm, und es schauderte sie. Er trug das Andenken fort; sie aber sahen nur den Blick und tragen ihn fort ihr ganzes Leben lang. Theater, Kunst und Literatur (Thomas Mann über »geistige Österreicher«.) Dem deutschösterreichischen Dichter Franz Karl Ginzkey , der durch seine Lyrik wie durch seine Erzählungen – namentlich durch seinen Walter-von-der-Vogelweide-Roman – weiten Kreisen bekannt und wert geworden ist, hat die Wiener Literarische Anstalt zu seinem fünfzigsten Geburtstag eine Festschrift gewidmet, die Beiträge von namhaften reichsdeutschen und deutschösterreichischen Schriftstellern enthält. Thomas Mann widmet dem Jubilar folgende Worte: »Ein Wiener Kritiker hat mich einmal als geistigen Österreicher in Anspruch genommen, was ich keineswegs dumm fand. Jedenfalls bedeutet es ein herzliches Lob in meinem Munde, wenn ich sage, daß ich keinen vollkommenern österreichischen Schriftsteller weiß als den, dem Ihre Festschrift huldigen soll. Was ich an seiner Kunst besonders schätze, ist die Mischung populärer und hochgeistiger Elemente, die sie darstellt – eine Vereinigung, die anderwärts nur in ganz erhabenen Fällen angetroffen wird, i n österreichischer Kultursphäre aber nichts Ungewöhnliches ist, sondern sich mit glücklicher Leichtigkeit vollzieht.« Am glücklichsten in jenem Gedicht des Jubilars, worin er den Russentod in den masurischen Sümpfen verklärt hat; da kam die Mischung populärer und hochgeistiger Elemente in einem »gluckgluck« mit äußerst glücklicher Leichtigkeit und ganz plastisch zur Geltung, und der Marzell Salzer wäre mit dieser Nuance, die er mit Unterstützung seiner fröhlich zwinkernden Äuglein erquickend herausgebracht haben soll, der Liebling sowohl des Wiener Publikums wie des Hindenburgschen Hauptquartiers geworden, wenn er es nicht schon gewesen wäre. Herr Thomas Mann, der das Kunstwerk vielleicht nicht kennt, aber abgeklärt genug ist, um seine Gläubigkeit erforderlichenfalls auch daran nicht Anstoß nehmen zu lassen, hat längst das Zeug in sich, ein geistiger Österreicher zu sein. Womit ich aber beileibe nicht, wenn dadurch zwischen den Rassen eine Verschiebung eintreten sollte, seinen Bruder Heinrich als geistigen Italiener reklamieren wollte. Weil es mir nämlich dazu nicht genügt, daß er den Fünfer als eine Art Nenner schreibt, wie das der Zahlkellner vom Gambrinus in Neapel kann. Ebensowenig, wie ich etwa zu überzeugen wäre, daß Rilke noch mit der Ulrike von Levetzow korrespondiert hat, obgleich er als Datum einen Tag des July (und noch dazu mit zwei Punkten über dem y) so schlicht und ungezwungen hinzusetzen imstande wäre, als ob das gar keine Anstrengung kosten würde. Aber schuld an allem ist gewiß nur meine Myopie, die hinter dem schönen Äußeren das Innere nicht wahrnimmt, und eine Schwerhörigkeit, die die ganze Literatur von heute in den Verdacht bringt, nichts zu sagen. Ein Wiener Abendblatt, das mit Recht wenns schon ganz finster ist (8 Uhr!) erscheint, versichert, daß Barbusses politische Ideen »den unsern diametral entgegengesetzt sind«. Das ist ein Kompliment für den Interviewten, das er gewiß nicht nötig hat. Aber hoffentlich hat auch das folgende Zwiegespräch nicht stattgefunden: »Wie denken Sie über die neuesten literarischen und artistischen Bewegungen, namentlich über den Dadaismus?« » Diese neuen Bewegungen«, sagte Barbusse, »von denen ich nur den Kubismus und den Dadaismus kenne, halte ich für äußerst fruchtbringend, denn sie wirken fördernd auf die ältere, auf den Traditionen fußende Literatur, indem sie die Beseitigung der lästigen und hemmenden Konventionen beschleunigten. Ich glaube aber der Unparteilichkeit die Bemerkung schuldig zu sein, daß beide Richtungen andererseits neue Konventionen ins Leben gerufen haben, die fast ebenso schädlich sind wie die alten, die sie beseitigt haben.« Demnach hätte die Kunst entschieden Pech. Kaum wird sie der lästigen und hemmenden Konventionen ledig, wachsen ihr schon wieder neue zu. Man erfährt bei dieser Gelegenheit aber nicht, wie nunmehr die ältere, auf den Traditionen fußende Literatur aussieht, nachdem der Kubismus und der Dadaismus fördernd auf sie gewirkt haben, und vor allem nicht, wie jene Konventionen der älteren Literatur beschaffen waren. Offenbar mußte außer dem Zwang, einen Gedanken zu haben, auch noch der Vers ein Vers sein. Die neuen Konventionen, nämlich daß außer dem Zwang, keinen Gedanken zu haben, der Vers kein Vers sein darf, sind aber, wie sich jetzt herausstellt, fast ebenso schädlich. Jedennoch, daß namentlich der Dadaismus äußerst fruchtbringend gewirkt hat, ist gar nicht zu bezweifeln, wenn man nur so ein Gedicht im dadaistischen Zentralorgan liest, das mir aus unbekannten Gründen regelmäßig aus Paris zugeschickt wird: Die schwalbenhode 4- Tapa tapa tapa Pata pata Maurulam katapultilem i lamm Haba habs tapa Mesopotaminem masculini Bosco \& belachini Haba habs tapa Woge du welle Haha haha ARP Die Druckkosten gehen mich ja nichts an. Aber wegen des Portos gebe ich doch zu bedenken, daß damit vielleicht ein Frühstück für das hungernde Kind eines Wiener Invaliden zu bestreiten wäre. Was gewiß auch, wiewohl seine ästhetischen Ideen den meinen diametral entgegengesetzt sind, Barbusse zugeben wird. Intimes von Dichtern Dieser Tasso hat keinen stark bezeichnenden Zug der Eitelkeit, der Zerstreutheit, der Nachlässigkeit – man weiß, wie Dichter sind – und die Heftigkeit kommt bei Aslan nicht aus Tassos nervösem Temperament, sondern – Man muß sich dazu das Kopfnicken der Börseaner vorstellen, die das zum Frühstück lesen: man weiß, wie Dichter sind. Nicht werden sie wissen, wo doch jede Familie ihren Tasso hat, zerstreut, schlampig, bitt Sie wie schon Dichter sind, man weiß doch, man steht sich mit ihnen aus, alles vergessen sie, nur nicht eigenhändig signieren! Ich habe Herrn Moissi Fausts Tod weder spielen gesehn noch sprechen gehört, aber ich bin natürlich dagegen. Es soll begeisternd gewesen sein. In einer Kritik steht der herzige Satz: Nur wer dabei an die Bühne gedacht hat, konnte vielleicht in seinen Erwartungen ein wenig enttäuscht worden sein. Wie ist das? Wenn man dabei an die Bühne als an etwas nicht Vorhandenes denken konnte, so war's ja miserabel. Gut ist's nur, wenn die nicht vorhandene Bühne so sehr da ist, daß man an sie nicht denkt. Ein Vortragender, der die Bühne vermissen läßt, steht tief unter dem Schauspieler, über dem turmhoch der Vortragende steht, der die Bühne nicht vermissen läßt. Wenn Herr Moissi selbst den Faust spielen könnte – ich meine den von Goethe und nicht den von Gounod –, so könnte er ihn darum noch lange nicht auf dem Podium gestalten. Anderseits bin ich überzeugt, daß ich eben die Rolle auf der Bühne nicht darstellen könnte, in deren Gestaltung auf dem Podium mich der größte Schauspieler nicht erreicht. Die Herren Moissi und Wüllner – zumal dieser Vortragende Rat eines preußischen Kunstministeriums – sollen es aber einmal probieren, ein ganzes Stück (Faust, Hannele, die Weber, die lustigen Weiber von Windsor, Timon, Lear) mit nichts als mit ihrer Stimme darzustellen. Was alles vorkommen kann. Herr Walter Bloem ist – wir haben lange warten müssen – nach Wien zu einer Vorlesung gekommen, die mit einem formvollendeten Überblick über Bloems Leben und Schaffen – denn das gibt es – eingeleitet wurde und zwar von einem deutschen Mann namens Wymetal. Der deutsche Dichter, der als Kompagnie- und Bataillonskommandant den ersten Vormarsch mitmachte, den Sturm auf das Fort Douomont führte, den Sommeübergang als erster forcierte – Wozu? erwuchs vor den Hörern in schöner menschlicher Klarheit. Lebhaft begrüßt, las hierauf Bloem ein Kapitel aus dem Alt-Würzburger Roman »Gottesferne«, der den Kampf eines Herrenmenschen, des Bischofs, gegen die Masse seiner Untertanen, das erwachende Bürgertum, schildert und so. Die eine Probe schon gab Wymetals Behauptung recht, der Bloem als historischen Romancier neben große Tote wie Konrad Ferdinand Meyer stellt. Hierauf zeigte sich Bloem von einer ganz neuen Seite, indem er »Mephisto und alle bösen Dämonen, die das deutsche Volk hart an den Abgrund gebracht« (ohne 'hat'), vor uns in furchtbarer, dunkler Gewalt erstehen machte. Denn Bloem, der Epiker, ist auch ein Dichter von hinreißender Rhetorik. Er ist kein in sich versponnener Lyriker. Er ruft sein Bekenntnis: »Ich bin ein deutscher Dichtersmann« aller Welt entgegen. Das kann auf die Entente und vollends auf Wymetal nicht ohne Eindruck bleiben. Wenn er aber auch mir es entgegenrufen wollte, würde ich ihm antworten, daß ich nie daran gezweifelt habe, da ich ja weiß, daß er sich eben dadurch die Freundschaft Wilhelms Il. zugezogen hat. Befremdend ist nur, daß man auf so etwas stolz sein kann und es aller Welt entgegenruft, anstatt in sich zu gehen, wobei man sich ja nicht geradezu in sich verspinnen müßte. Aber so ein deutscher Dichtersmann, der als erster den Sommeübergang forciert hat, ist ja nicht zu halten: Er schloß mit den aus dem Anblick der Ruine Ehrenbreitstein am Rhein, die jetzt das amerikanische Sternenbanner trägt, erwachsene Strophen: »Daß Deutschland wieder werde der Ehren breiter Stein!« Alle fühlten es, daß Bloem keine Zeile geschrieben hat, die er nicht im Innersten erlebte. Dem Dichter und Menschen galt der jubelnde Beifall. Ich frage mich vergebens, wie man es anstellt, im Innersten zu erleben, daß Deutschland wieder der Ehren breiter Stein werden soll. Man könnte doch höchstens schmerzlich bewegt sein, daß es durch die Art seines Kaisers und der ihm nacheifernden Untertanen, der deutschen Handelsmänner und der deutschen Dichtersmänner, zum Stein des Anstoßes in der Welt geworden ist. Nur dort möglich: » Kunst und Kaufmann.« Die Königsberger Herbstmesse, die vom 14. bis 18. August stattfindet, wird, wie uns unser Korrespondent schreibt, ebenso wie ihre Vorgängerin im Frühjahr eine künstlerische Veranstaltung bringen. Verbunden mit der Messe ist eine Kunstausstellung mit der interessanten Sonderausstellung »Kunst und Kaufmann«, die dartun soll, wie Künstler und Kaufmann aufeinander angewiesen sind, und die hoffentlich zum besseren gegenseitigen Verständnis beider beitragen wird. Kunst und Kaufmann sind so aufeinander angewiesen wie Medizin und Ludendorff, deren Verbindung sich ja gleichfalls in Königsberg vollzogen hat. Wenn Kant lebte, würde er nun zum erstenmal diese Stadt verlassen. Dieses Kriegsliedchen, lange gesucht, habe ich endlich wiedergefunden: Pupillarische Sicherheit Wir lachen, wenn der Feind uns droht Mit Hungertod. Uns nährt (und bläht) Kartoffelbrot. Wir essens, wir gedenken auch Sir Edward Grey's – mit manchem Hauch. Der Donner rollt wie Sturm auf See Und grollt den Namen Edward Grey. (Doch mancher Hauch sagt flüsternd still: Churchill! Churchill!) Der Name des Dichters ist Alfred Kerr . Maximilian Harden ist sechzig Jahre alt geworden. Und kann noch immer nicht Deutsch. Hatte er das auch reiflich erwogen? Dienstag vormittag wurde die 28jährige Marie Schidl, Trubelgasse Nr. 7 wohnhaft, am Gehsteig des Hauses Trubelgasse Nr. 9 von einem herabstürzenden Blumentopf am Kopf getroffen und derart schwer verletzt, daß sie binnen wenigen Minuten ihren Verletzungen erlegen ist. Während sie noch im Sterben lag, wurden ihr 9000 Kronen entwendet. Hierin ist aber die Identität der Person, die den Blumentopf so gestellt hatte, daß der Ausgang tödlich war, und des Leichenräubers enthalten: Und darum Räuber und Mörder! [Die Verlegerhonorare für Exkaiser Wilhelm.] Unser Berliner Korrespondent meldet: In diesen Tagen hält sich der Direktor des amerikanischen Verlagshauses Harper Brothers, das die Erinnerungen des ehemaligen Kaisers Wilhelm erworben hat, Brainard, in Berlin auf. Der diplomatische Mitarbeiter der »B. Z. am Mittag« hatte eine Unterredung mit ihm. Es ist Tatsache, daß der Exkaiser von dem amerikanischen Verlage für die Zeitungs- und Buchausgabe ein Honorar von 250 000 Dollar, also 80 Millionen Mark bezieht, das macht 600 000 holländische Gulden. Außerdem erhält der Kaiser eine hohe Tantieme von der Buchausgabe, die vielleicht eine halbe Million Dollar ergeben wird. An Ludendorff hat seinerzeit dasselbe Haus für seine Memoiren 40 000 Dollar gezahlt und 15 Prozent Beteiligung an der Tantieme, an Hindenburg 30 000 Dollar und ebenfalls 15 Prozent Tantiemen. Das Kaiserbuch wird zuerst in 16 großen amerikanischen Zeitungen erscheinen. Nur daß es drei sind und der Raub erst bei eingetretener Leichenstarre erfolgte. Die drei sind also zusammen 320 000 Dollar nebst Tantiemen wert. Unter Brothers! Wenn man sie ihnen vor dem August 1914 gegeben hätte – wie sicher ginge heute die Menschheit ihrer Wege! Die ganze; nicht bloß jener Teil, der ausging, den Platz an der Sonne zu suchen, und bei stockfinsterer Nacht nachhause kam. Es ist wohl das sinnfälligste Sinnbild dieser Glorienpleite: der Sieger führt nicht mehr die Besiegten im Triumph auf, sondern kauft ihnen ihre Erinnerungen ab. Über dem Wasser, wo Menschen, Tiere und Tonnen versenkt wurden, langen jetzt Manuskripte unversehrt an. Der Friede konnte nicht mit eiserner Faust und blitzendem Schwerte diktiert werden: so werden Memoiren diktiert. Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Das hätte sich aber nicht einmal der Herr der Heerscharen, auf den das deutsche Volk sich doch bombenfest verlassen hat, erwartet, daß die Sache im Westen, die ja schon immer gemacht wurde, so günstig ausgehen werde. Die Kriegsentschädigung ist respektabel. Wie nur werden sich jene Deutschen dazu stellen, die an ihr keinen Anteil haben und die im Gegenteil all die Verluste, die eigenen und die fremden, tragen müssen, die jetzt mit solcher Verlagsrechnung abschließen? Was meint der den Weltkrieg überlebende Kretinismus, der noch immer mit Gott, Kaiser und Vaterland rechnet, wiewohl jener längst aus der dubiösen Kompagnie ausgeschieden, dieser desertiert ist und nur ein armseliges Vaterland zurückgeblieben, das von seinen ausgesuchtesten Heroen schon beschissen wurde, ehe sie den Feinden ihre Erinnerung an seine Schicksalsjahre verkauften. Gewiß, nur eine ganz hoffnungslose Minderheit von jenen Deutschen, die nicht alle werden, wohl aber alldeutsch, dürfte sich heute noch über die Herren Wilhelm und Ludendorff heldische Illusionen machen. Was sagen sie aber zu diesem fest und treu stehenden Wachtmeister am Rhein, den ins Napoleonmaß avancieren zu lassen sie kein strategischer Rückzug abhalten konnte und nicht einmal die offenkundige Subalternität eines Kopfes, der sich einst in österreichischer Uniform unverkennbar als der jenes Hauptmanns Schanderl von Schlachtenfern entpuppt hat, der, und wenn die Welt voll Teufel wär', im Kaffeehaus von St. Pölten aufs Avancement wartet. Nicht Not und Tod, nicht das Gedenken hingemordeter Millionen konnte die Deutschen einer Panoptikumfigur abwendig machen, unter deren Auspizien getötet und geboren, gekegelt und gesoffen, gehaßt und geliebt, gelogen und gewahrzeichnet wurde. Wer zählt die Nägel, die auf einen Kopf getroffen wurden, der damit gewiß schon versehen war, und die, so allen Zweck verfehlend, die Nägel zu Deutschlands Sarge geworden sind! »Walhalla ist ein Warenhaus:« war je ein Wort erfüllter als jenes, das mein Wahnschaffe singt und wonach der Deutsche für Ideale und von ebendenselben lebt? »Gebt Blut – habt ihr das nicht gewußt? – für Mark: das ist kein Kursverlust!« Viel Feind, viel Dollar, und made in Germany ist wieder weltbeliebt. Und es sind Selfmademen. Denn ohne ihre persönliche Tätigkeit würde es ja heute gar nicht so viel ausmachen. Es wirkt nur so zauberhaft auf dem dunkeln Hintergrund der durch sie bewirkten Pleite. Aber erfährt nicht der Heroenkult immerhin dadurch eine abschwächende Tendenz, daß der Hauptheros am wenigsten kriegt? Wenn man noch dazu bedenkt, daß die Voraussetzungen zu diesem Geschäft zwar von den Autoren der Not geschaffen sind, aber doch jedenfalls ein großer Betrag für jene in Abzug zu bringen sein wird, die ihnen die Bücher geschrieben haben. Immerhin Deutschland erlebt die Genugtuung, daß den schmerzlichsten Reparationen und allen Blutsaugereien der Besatzungsbordelle doch eine Aktivpost gegenübersteht: seine Heerführer finden in Amerika Anwert wie seine Hanswurste, und wie nur ein Lehar-Ensemble sind die Librettisten der tragischen Operette begehrt. Sie haben ein einzig Volk von Brüdern so lange zum Durchhalten gezwungen, bis sie selbst sich den Brothers verschreiben konnten. Wir, die ein kurzes Gedächtnis langer Leid tauglich macht, sie wieder zu erleben, möchten vergessen, was jene getan haben. Sie aber haben es gut: sie können sich erinnern! Unsichere Kantonisten Wenn es sich bestätigen sollte, daß die Hohenzollern wegen Mißbrauchs des Asylrechts für vaterländische Putschzwecke aus Holland abgeschafft werden und in die Schweiz übersiedeln, dann sollte die Schweiz darüber nachdenken, ob die Habsburger nicht endlich nach Holland zu schicken wären. Mindestens aber müßte man dort den vielen geborstenen Säulen, die von verschwundner Pracht allzu lebhaft zeugen, erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden, und wenn man schon Bedenken trägt, dem aussichtslosen Geschäft der Habsburger-Propaganda, aus dem sich alle möglichen Exdiplomaten, Exexzellenzen und aktiven Schmierer ihre Franken herausfetzen und das, wenn schon nicht die erstrebten Unruhen, hinreichend Unruhe bewirkt, mit dem Betrugsparagraphen beizukommen, so müßte man doch allen, die sich unterstehen, die österreichische Republik zu beklatschen und zu besudeln, den Unterstand verweigern. Wie füllt zum Beispiel jener Ludwig Bauer seinen Platz in der Schweiz aus, dessen Umfang doch größer ist als der Österreichs in seiner heutigen Gestalt und der sich nicht scheut, es in seine Tasche zu stecken? Wenn der Bauer kein Riesenspielzeug für die Helvetia ist – »So Allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn« –, dann besteht gar kein Grund, den Kantonschreck länger gewähren zu lassen. Und regt sich keines Attinghausen Stolz gegen diese Rudenze der k. u. k. Diplomatie – no ja, der Uli Palffy –; gegen die Konsulatsschlieferln, die im Krieg keine andere Ehre aufhoben als die der Weiberröcke, die die Vorbilder an Lebensführung und Begabung noch über den Krieg hinaus den Schweizern aufdrängen möchten und nichts zu tun haben als ihre arme Heimat zu verleumden; gegen die für Bridge enthobenen Juden, deren Gimpel wieder jene sind und die für die Ehre (nämlich ihnen Du sagen zu dürfen) alles tun, gegen die Spieler und Wühler, Bobbengel und Foxtrottel, gegen die Edi und Bledi und Vucki und Schnucki, gegen das fashionable Ungeziefer der Berghotels, die Maden im Schweizerkäs, die Parasiten ihres Vaterlands und ihres Asyls, die im Krieg nichts unternommen haben als spionieren, koitieren und konspirieren und die es nun fortsetzen wollen, weil sie ja doch nichts gelernt haben als ab- und zu- und ab und zu auch umzutreiben. Wenn man nur ihnen folgte, den besorgten Patrioten in der Fremde! Das Land ist schwer bedrängt – Warum, mein Oheim? Wer ist's, der es gestürzt in diese Not? Beileibe nicht sie! Sie machen doch Propaganda für die Besserung: Es kostete ein einzig leichtes Wort, Um augenblicks des Dranges los zu sein Und einen gnäd'gen Kaiser zu gewinnen. Das wär' ein Aufschwung – also prima! Und Aähskaffee gäb's – also ideal! So muß man sich alles unter der Hand verschaffen in dieser Saurepublik, wo die Minister bekanntlich den ganzen Tag im Auto herumfahren und bei Tisch sich mit der Gabel den Kopf kratzen. Agassant. Jedoch sub auspiciis imperatoris gedeiht der Abschaum der Creme, ist wieder überall zu haben und nicht mehr auf diese fade Schweiz angewiesen, die einem schon zum Hals herauswächst. Bei der Entente wird man ja doch nicht für voll genommen, weil der Lord und der Marquis halt dem Grafen, der anderen zum Durchhalten zugeredet hat, nicht die Hand reichen und sie noch vorsichtshalber waschen würden – so bleibt nichts übrig als im Lande zu bleiben und sich redlich vom Umsturz zu nähren. Der Mensch muß doch eine Beschäftigung haben. Man ist eh nur so lange Monarchist, bis wieder ein Monarch kommt; ist einer da, dann kann man wieder Witze über ihn erzählen und das Erzhaus als eine Idiotenanstalt schildern. Der Mensch muß doch eine Beschäftigung haben. Hätte die Entente sich nicht so hopatatschig benommen und gäbs noch ein Osterreich-Ungarn, das man in Pariser und Londoner Bordellen vertreten könnte, so dächten sie ja nicht im Traum daran, das österreichisch-ungarische zu restaurieren. Das kann doch nicht verboten sein. Sie sind ja eh die reinen Lamperln, und weiß wie der Terror. Nun, die Schweizer, die die Wiener Kinder aufgenommen haben, sollten noch mehr für sie tun, indem sie die Wiener Erwachsenen hinauswerfen, und nicht bloß solche, die mit der charitativen Fürsorge für jene in Einem den Zweck persönlicher Wohlfahrt – per Auto – erfüllt haben. Die Schweiz, die im Krieg bis zur äußersten Grenze nachsichtig war und nur manchmal in Buchs den k. u. k. Gesandtschaftsdamen die Schokoladekisten und Schuhwarenlager saisierte, hat viel nachzuholen und sollte nun erst untersuchen, ob alle Kantonisten auch sicher sind. Weil Schiller nie in der Schweiz war, scheinen die Schweizer nie den Tell gelesen zu haben. Sie sollten, was sie für sich selbst nicht um die Habsburg gewollt hätten, auch an denen verabscheuen, die an der Gastfreundschaft schmarotzen, um die Heimat zu verraten. Sie sollten nicht zugeben, daß von der österreichischen Gefahr, die ihnen selbst nicht mehr droht, Österreich heimgesucht werde. Was von allen ihren Rechten galt, gelte heute vom Asylrecht, und es wiederhole sich ein Rütlischwur: »Der sei gestoßen aus dem Recht der Schweizer, Wer von Ergebung spricht an Österreich! Landammann, ich bestehe drauf, dies sei Das erste Landsgesetz, das wir hier geben.« »So sei's. Wer von Ergebung spricht an Östreich, Soll rechtlos sein und aller Ehren bar, Kein Landmann nehm' ihn auf an seinem Feuer.« Alle (heben die rechte Hand auf): »Wir wollen es, das sei Gesetz!« Und das Gesetz sollte imstande sein, den Mietvertrag von Prangins aufzulösen, dem Berchtold die Konditorei am Thunersee, wo man so guten Aähskaffee bekommt, ungemütlich zu machen, ihm beim Einstudieren des Foxtrott – was sich denn auch wirklich nicht schickt angesichts des Totentanzes, den nach dem Takt eines Trottels die dümmere Welt vollführt hat – Maß aufzuerlegen und die ganze rasend flotte und fabelhaft montierte Gesellschaft von Viveuren und Christen, Bankrotteuren, Journalisten, Aristokraten, Lemuren, Diplomaten und Huren und dieses ganze Kaliber von Schmierer und Schieber wenn schon nicht mores, so doch den Respekt davor zu lehren! Vom großen Welttheaterschwindel Statt der eigenen Stimme, die die Wirklichkeit im ersten Schrecken des Wiederantritts mir verschlägt und die ihr entgegenzustellen mir immer aussichtsloser scheint und immer unerträglicher wird, hole ich mit beherzter Absicht ein Stück alter Theaterwelt hervor und attestiere mir, weil es bloß die Übertölpelung der Köpfe durch die Perücken darstellt, meine Zurückgebliebenheit hinter allem Betrug des neuen Welttheaters. Ich bescheide mich, meine schon unüberbietbare Mißachtung für alles Kunstgetue, das einer um ihr nacktes Leben ringenden Menschheit sich als Ausdruck eines Zeitbedürfnisses aufdrängt, lieber in der Wahl abgelebter und nie voll erlebter Werte als durch meine eigene Sprache zu bekunden. Denn sie, selbst sie vermöchte im Augenblick nicht den Abscheu zu meistern, den mir das entfernteste Miterlebnis dieses Kultursommers vermittelt hat, dessen furchtbaren Abschluß wohl die Tatsache bedeutet, daß die Zeitungen wieder erscheinen. Ich, dem es beschieden ist, nichts mitzumachen, aber alles zu erleben, Fieberhitze und Schüttelfrost zu erleiden, wo Zeitgenossen sich in Krämpfen der Entzückung winden, und das Grauen dessen, was ich versäume, aus der hassenswertesten Botschaft zu empfangen, ich hatte nicht nur das Unglück, die reinsten Tage, die diese Stadt zu bieten hatte, fern von ihr zu verbringen, sondern auch das Pech, daß am Tag meiner Rückkehr die Zeitungen wieder erschienen und zunächst ausschließlich zu dem Zweck, uns aus unserer tiefen Erniedrigung wieder zu einem Glauben an die heilige Dreieinigkeit der Herren Reinhardt, Moissi und Hofmannsthal zu erheben, zu deren Ehren auch wieder die Kirchenglocken läuten, die so lange nur als Mörser zu uns gesprochen haben. Ich weiß ja nicht, ob eine Kirche noch geschändet werden kann, die während eines Weltkriegs, der als internationales Gaunerstück sicherlich nur der Prolog im großen Welttheater war, das Walten der giftigen Gase gesegnet und nach ihm die Muttergottes mit der Kriegsmedaille dekoriert hat. Wenn aber an dieser Kirche, aus der Gott schon ausgetreten sein dürfte, bevor sie den Welttheateragenten ihre Kulissen und den Komödianten ihren Weihrauch zur Verfügung stellte, wenn an dieser Kirche noch etwas zu schänden war, so dürfte es doch jener Altar sein, der den Herren Reinhardt, Moissi und Hofmannsthal, diesen tribus parvis impostoribus als Versatzstück gedient hat, damit sie an ihm etwas verrichten, was ein blasphemer Hohn ist auf alle Notdurft dieser Menschheit. Denn von wahrer Andacht weiß man in Salzburg, wo einst ein Hermann Bahr gewirkt hat, ein Lied zu singen. Wie ist doch die alte Kultur dieser Stadt herabgekommen, wenn der Fremdenverkehr, der ehedem nur die Kirchentür zu öffnen brauchte, um sich an der Inbrunst eines knieenden Mitarbeiters des Neuen Wiener Journals emporzuheben, wenn er an derselben Stätte gleich ein großes Welttheater braucht! Dorfkirchl hat zugeschaut, da ein alter Schwindler, der schon dem Treiben dieser Zeitlichkeit entrückt ist und im Gebet noch etwas hinaufkommen will, sein Geschäftsbuch mit Gott einleitete, als Gebetbuch fortsetze und hierauf als Tagebuch am Sonntag erscheinen ließ. Und wir waren es mit ihm zufrieden, wenn in diesen dürren Zeiten unserer Bitte »Herr, gib uns unser täglich Barock« einige Erfüllung ward. Aber eine Kirche, deren guter Magen diesen Salzburger Sommer überstanden hat, wo an der Kirchenpforte, mit der kein Bühnentürl mehr konkurrieren könnte, sich statt der Bettler die Schmöcke gedrängt haben, eine Kirche, die derartige Greuel vor dem Herrn mit sich selbst geschehen ließ und schlimmere, als sie je getan, je geduldet und gesegnet hat, sie hat es verwirkt, daß man ihre Angelegenheiten, die sich in der Regel mit solchen des Herzens und des Gewissens gedeckt haben, noch mit Ehrfurcht unerörtert lasse oder mit Delikatesse erörtere. So erkläre ich denn, in einer Gegenwart, in der nach dem Selbststurz der Throne die Altäre ins Chaos der Unehre gesunken sind und wo Hochamt und Großmarkt in dem Einheitsbegriff jener »Messe« verschmelzen, die die Gelegenheit für Händler und Mysterienschwindler bedeutet, so erkläre ich denn mit jener Feierlichkeit, die heute nur noch einem, der aus dieser Kirche austritt, ziemt, daß ich einst die jüdische Glaubensgenossenschaft, in die ich durch den leidigen Zufall der Geburt geraten war, verlassen habe, um mich nach einer Zeit der bequemen und nie genug gewürdigten Konfessionslosigkeit von einem Teufel in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche verführen zu lassen. Man mag mich verdammen, weil ich ohne einen zwingenden Grund, sei es der speziell in die katholische Richtung gewandte Glaube, sei es das häufigere Motiv politischen oder sozialen Strebens, also jener Konversion, die die Konversion eines Geschäftes ist, sie vollzogen habe. Warum ich es getan, ist weit mehr noch Privatsache, als die Religion selbst es zu sein pflegt. Aber wenn der Grund nur in dem Wunsch gelegen war, die letzte Gemeinsamkeit mit den Literaturschwindlern zu verlassen, so bin ich gestraft genug durch die Enttäuschung, sie eben dort wiederzufinden, wohin ich mich vor ihnen zu bergen wähnte. Wie dem immer sei, ich wurde Katholik und ich blieb es wunderbarer Weise noch während des Weltkriegs, was sich aber der erklärenden Vernunft aus der einfachen Tatsache erschließt, daß man hierzulande, um eine Angelegenheit der Weltanschauung in Ordnung zu bringen, zum Magistrat gehen muß und ich, der bis in den Morgen zu arbeiten pflegt, die Amtsstunden verschlafe. Nun aber habe ich nicht nur erfahren, daß die Menschheit durch die von der katholischen Kirche gesegneten Waffen zugrundegegangen ist und dieser nichts übrig blieb, als für das Ergebnis die Muttergottes mit der Tapferkeitsmedaille auszuzeichnen, sondern ich weiß auch, daß der überlebende Teil der Menschheit vor dem Verrecken bewahrt werden könnte, wenn die Muttergottes sich entschließen wollte, ihre Schmeichler zur Auslieferung der Gold- und Silbervorräte, zu nichts nütze als gehabt und vor den Augen des Hungers ausgestellt zu werden, zu überreden. Aber nicht genug an dem: die katholische Kirche, die nicht einmal zu einem kostenlosen Bannstrahl gegen die Dynasten zu haben war, welche den Völkern das Ultimatum der Pest und der Syphilis überbracht haben, die größte Hiobspost seit Erschaffung der Welt, doch die einzige, die zugleich die Entschädigung bot, ein Uriasbrief ihrer Verfasser zu sein – die katholische Kirche, die nicht fluchen, nur segnen konnte, hat zum Schaden den Spott gefügt, indem sie sich herbeiließ, das große Welttheater der zum Himmel stinkenden Kontraste, wo die Komödianten nicht spielen können und von den Pfarrern gelehrt werden müssen, in eigene Regie zu übernehmen und jenen Hofmannsthal aufs Repertoire zu setzen, der sich auf das Leid der Kreatur einen gottgefälligen Vers machen kann und dessen Schwager, ein Pater namens Benvenuto Schlesinger, im Vatikan ein- und ausgeht. Angesichts aller dieser Umstände und weil ein Hauch von Calderon in gleicher Weise dem Salzburger Hotelgeschäft wie der Wiener Literatur zugutekommt und weil es der Fürsterzbischof gewollt hat, daß Ehre sei Gott in der Höhe der Preise, sehe ich mich genötigt, aus der katholischen Kirche auszutreten, nicht nur aus Gründen einer Menschlichkeit, die bei den Hirten in so schlechter Obhut ist, sondern hauptsächlich aus Antisemitismus. Nun, nach dem, was sich in Salzburg getan hat, werde ich also doch einmal früh aufstehen und zum Magistrat gehen müssen und ich kann nur hoffen, daß mein werktätiges Beispiel, das gewiß ein Opfer bedeutet, viele Gläubige nach sich ziehen wird, die aus dem Brand des Welttheaters und der entstandenen Panik, aus der Zeugenschaft des Leichenraubes und der frommen Pantomime, die ihn begleitet, genug Herz, Phantasie und menschheitliche Ehre gerettet haben, um gleich mir den Wunsch zu hegen, ihren Gott aus anrüchigen Kulturgeschäften gerettet zu sehen und einem Verband zu entfliehen, der seine Lokalitäten neu einweiht, wenn dort die Seele eines Selbstmörders der Qual dieser Welt entfloh, aber nicht, wenn daselbst ein elender Theaterhandel mit Resteln von Gnade effektuiert wurde. Es mag ja gewiß erstaunlich sein, daß ich, statt in die Kirche einzutreten, um mir ein Urteil über ein Stück des Herrn Hofmannsthal zu bilden, aus ihr austrete. Aber zu jenem befähigt mich allein schon mein Geruchsvermögen für alle Unechtheit, mein Spürsinn für das Talmi einer »goldenen Gnadenkette« und ein unzerstörbares Gefühl für den Takt der Zeit, die auf Leichenfeldern nicht Festspiele zu veranstalten hat, jedoch auch die Lektüre einer einzigen Szene, die ich für einen so aberwitzigen Dreck halte, daß ich selbst dieser unverlegensten aller Epochen nicht zugetraut hätte, so etwas mit den höchsten Begriffen der Menschheit in Verbindung zu bringen, selbst wenn ihr diese nur als die himmlischen Ornamente einer Zeitungswelt überkommen wären. Dies, was Herrn Hofmannsthal betrifft. Was Hamlet angeht und sein Liebsgetändel, so scheint ja mein aufklärendes Wort im Verein mit der Not dieser Tage den valutarischen Hochflug der Moissi-Seele soweit gehemmt zu haben, daß die Bergpredigten schon vor wesentlich geleerten Häusern stattfinden und daß man in Erwartung des unvermeidlichen großen Welttheaterkrachs dieser Saison den Unwiderstehlichen getrost der andauernden Ekstase junger Gänse sowie der Zuckerkandl überlassen kann. Der dritte, Herr Reinhardt – der Träger des Problems dieser Theatermenschheit, die ihres Zusammenbruchs nicht bewußt wird; wenn sie den Triumph einer Regiekunst ausschreit, die man ehedem, in der Zeit der Persönlichkeiten, zum Krenreiben gebraucht hätte – er scheint nun einmal bestimmt, der Zeremonienmeister einer freihändig offerierten Kultur zu sein, die um eine Renaissance des Barock sich die Valuta aus dem Leib schindet. Sein Expansionsdrang umfaßt nun vom Zirkus bis zur Kirche alle Örtlichkeiten, in denen im Zusammenfließen von Publikum und Komparserie sich immer ein voller Saal imaginieren läßt und wo vor dem Rollenwechsel von Zuschauer und Akteur, Hanswurst und Priester allem Weltbetrug ein hohes Entree abzugewinnen ist. Ich würde ihn für das Verbrechen seiner Offenbach-Inszenierungen im Gefängnis sitzen lassen, aber ich wäre schon mit der gelindern Vollstreckung zufrieden, die Proben des Herrn Reinhardt zu überprüfen und ihn, den seine publizistische Komparserie als den größten Nach-Träumer dichterischer Vision preist, auf frischem Nichtverständnis jeder dichterischen Zeile zu ertappen. Doch wie unfruchtbar wäre es, den Welttheaterruhm dieser Firma als den größten Humbug, der der Presse je geglückt ist, zu entlarven, wenn die Zeit den Schein, der ihr wahrer Ausdruck war, schon von selbst erledigt, aber ihm eine Affenkomödie des Dilettantismus wie das Theater des Herrn Jeßner als Treppenwitz nachsendet. Immerhin dürfte Wien noch ein Boden für allerwelts abgetakelte Managerkünste sein und einen Budapester, der in Berlin kein Geschäft mehr machen kann, als verlorenen Sohn empfangen, zu dessen Ehren manch ein gemästet Kalb zwar nicht geschlachtet wird, aber Artikel schreibt. Denn an dem Tage, als die Zeitung wieder erschien, wußte sie zu erzählen, daß vor seiner Intensität des Gefühlsausdrucks frühere Vorführungen des »Clavigo« – jedenfalls auch die mit Sonnenthal als Clavigo, Lewinsky als Carlos und Baumeister als Beaumarchais – »zu verblassen scheinen«, und führte als Beweis für diesen Hexenmeister hauptsächlich an, was sein Theatervorhang, der bekanntlich schon bei »Macbeth« nur so von Blut getroffen hat, für Kunststücke vermag. Und da erfuhren wir denn, daß kein Oberkellner in einem Stimmungskabarett mehr für Stimmung besorgt sein kann als der Herr Reinhardt, der sich für die Vision Goethes unmittelbar verantwortlich fühlt. »Auch der unscheinbarste mechanische Vorgang«, versicherte Auernheimer, »dient ihm als willkommenes Ausdrucksmittel«. So schließt sich etwa nach dem vierten Akt der rote Seidenvorhang, der das Bühnenbild vom Zuschauerraum abgrenzt; aber er tut es nicht mit der gleichen Geschwindigkeit wie nach den anderen Aufzügen, sondern ritardando, ruckweise, im Tempo eines Trauermarsches und Konduktes. Die rührseligen Szenen der zum zweitenmal verlassenen Marie sind vorangegangen; Marie liegt, während sich der Vorhang langsam, wie ein Bahrtuch schließt, tot im Sessel. Der Vorhang ist von Reinhardt. Auf der Bühne ist etwas gestorben. Ich halte den Nachruf und treibe die Beter vom Altar, die dort den Händlern und Wechslern etwas vorspielen wollten! Was Herr Castiglioni umsonst erhalten konnte Wie erinnerlich, ist Camillo Castiglioni im Sommer vergangenen Jahres vom Präsidenten Masaryk empfangen worden und auf Schloß Lana zu Gast gewesen. Einzelne tschechische Blätter hatten nun in den letzten Tagen im Zusammenhang mit den vielen Meldungen, die über Castiglioni kursierten, das Gerücht verzeichnet, Castiglioni habe für die Vermittlung dieser Audienz mehrere Millionen bezahlt. Dem gegenüber veröffentlicht die Kanzlei des Präsidenten heute folgende Erklärung : »Die Kanzlei des Präsidenten kann nicht jede Pressenachricht richtig stellen, die unsinnig ist oder bei der das Tendenziöse jedem Einsichtigen klar sein muß. Castiglioni wurde vom Präsidenten der Republik empfangen, ebenso wie eine Reihe anderer einheimischer und ausländischer Volkswirtschaftler . Wir müssen dafür dankbar sein, daß wir einen Präsidenten haben, der es versucht, sich auch durch persönliche Bekanntschaft mit Männern, die mächtig in die öffentlichen Angelegenheiten eingreifen, zu informieren . Das persönliche Kennenlernen dieser Menschen ist für die Politik von der größten Bedeutung. Die Mitteilung von dieser Audienz ist ebenso wie dies bei allen übrigen der Fall ist, am 18. Juli 1923 amtlich der Presse zur Verfügung gestellt worden. Es bestand somit keine Absicht, irgend etwas zu verschweigen. Kein vernünftiger Mensch wird glauben, daß Castiglioni für etwas, das er umsonst erhalten konnte, Millionen bezahlt hätte. Damit fallen alle Gerüchte zusammen, die an das Zustandekommen dieser Audienz geknüpft worden sind.« Gewiß hat es kein vernünftiger Mensch geglaubt und es liegt klarer Weise einer der tausend Fälle vor, in denen sich jene nachrevolutionäre Geistesverfassung des mitteleuropäischen Bürgertums zu erkennen gibt, die sich der während des Kriegs beobachteten würdig anreiht und die man wie diese mit Recht »Mentalität« nennt. Jedes Spießerhirn lebte und lebt der durch keinen noch so lückenlosen Gegenbeweis, durch keinen noch so eindeutigen moralischen Sachverhalt zu erschütternden Überzeugung daß, wo der Kaiser sein Recht verloren hat, nichts ist als Korruption, daß der Zugang zu jeglicher Amtlichkeit der Republik ein Sperrgeld kostet, daß jede Regierungshandlung der neuen Macht ein Versuch ministerieller Bereicherung ist, daß dem Seitz der Heinrichshof gehört und, wenn ein Masaryk Herrn Castiglioni empfängt, daß da nicht das Problem der sittlichen Persönlichkeit im Zwange der Staatsinteressen gegeben sei, sondern die Wahrscheinlichkeit der staatlichen oder gar der persönlichen Bestechung. Die unzähligen Versionen, die in solcher und ähnlicher Richtung seit den Umsturztagen verbreitet wurden, haben eine gesellschaftliche Atmosphäre geschaffen, in der es geradezu als ein Wunder erscheint, daß die giftigen Idioten, die aus ihrem ureigensten Gesinnungsdreck heraus die leibhaftige Niedertracht als das Opfer der Selbstlosigkeit produzierten, unerschlagen geblieben sind. Zumal in Böhmen hat die knirschende Wut einer um die Privilegien ihrer Engherzigkeit gebrachten Kaste Exzesse der Verleumdung gezeitigt, welche nur dem Mitleid mit einer Geistigkeit geringfügig erscheinen konnten, der eben noch die Beweggründe der eigenen Moral zur Erklärung weltgeschichtlichen Umschwungs erreichbar sind. Daß ein Mann wie Masaryk genötigt ist, eine solche Erklärung zu erlassen, zeigt, welche gesellschaftliche Lumpengesinnung dort noch immer die Macht hat, den ihrer würdigen journalistischen Ausdruck zu finden. Trotzdem muß gesagt werden, daß die Stilisierung dieser erklärenden Note nicht das Glück hat, auch dem Bedauern über die Tatsache der »Audienz« des Herrn Castiglioni entgegenzuwirken. Ohne Zweifel ist es Recht, Pflicht und vielleicht gar hübsch von einem großen Herrn, selbst den Castiglioni zu empfangen. Immerhin aber könnte sich die Reihe der einheimischen und ausländischen »Volkswirtschaftler« gegen die Komplettierung mit dem gleichen Rechte wehren, mit dem etwa Kriminalisten bestreiten würden, daß das berechtigte Interesse, einen großen Einbrecher kennen zu lernen, eine Anerkennung ihrer Wissenschaft bedeute. Wie doch wohl auch bei aller Möglichkeit, mit Haifischen Ressortfragen zu erörtern, die Auffassung nicht gut platzgreifen könnte, daß sie von der Marine seien. So mächtig sie in die öffentlichen Angelegenheiten eingreifen, so müßte doch die Ohnmacht des Staates, in ihre Angelegenheiten einzugreifen, nicht so sehr als Selbstverständlichkeit wie als tragischer Umstand gefühlt werden und die Repräsentanten dieser Ohnmacht weniger mit Respekt als mit Schauder erfüllen. Recht unglücklich ist die Folgerung, es habe keine Absicht bestanden, irgend etwas zu verschweigen, aus der Tatsache, daß die Mitteilung dieser Audienz »ebenso wie dies bei allen übrigen der Fall ist«, amtlich der Presse zur Verfügung gestellt wurde. Nicht die Audienz, sondern ihre Hintergründe wären verschwiegen worden, wenn es solche gegeben hätte, ja in diesem Falle hätte doch wohl gerade die Publizierung der Audienz eine Bedingung des Audienzwerbers gebildet. Keinesfalls könnte die Tatsache, daß aus dem Empfang kein Hehl gemacht wurde, einen Beweis für die Sauberkeit seines Zustandekommens abgeben. Auch Herr Castiglioni mag Wert darauf legen, den Präsidenten der tschechoslowakischen Republik persönlich kennen zu lernen – er hätte aber viel weniger davon, wenn es nicht gemeldet würde. Nicht über alle Empfänge wird ohneweiters der Presse eine Mitteilung zur Verfügung gestellt und wenn, wie mir bekannt, die Präsidialkanzlei an einen Geladenen die Frage stellt, ob ihm die offizielle Bekanntmachung genehm sei oder nicht, so tut sie dies gewiß mehr mit Rücksicht auf die Eigenart des Besuchers als wegen des Bedenkens, daß dem Empfang ein unlauterer Beweggrund unterschoben werden könnte. Wohl hätte die Audienz des Herrn Castiglioni ex officio verschwiegen werden sollen, weil sie als solche ja bedenklich genug ist. Aber die Frage nach seinen Wünschen betreffs der Publizierung, die an ihn wohl nicht gestellt wurde, hätte er sicherlich nicht ablehnend beantwortet, und wäre die Publizierung in jenem Moment nachträglicher Besinnung, da die vollbrachte Tat ein anderes Antlitz zeigt, unterblieben, der Besucher hätte nicht um Millionen, die man ihm geboten hätte, darauf verzichtet, für publizistischen Ersatz in weitestem Umfang zu sorgen. Allein selbst dieser Freimut, die Tatsache der Audienz zu bekennen, wäre kein Beweis gegen die Absicht gewesen, »irgend etwas zu verschweigen«, nämlich das, was jene entwertet hätte. Hingegen wäre ferner zu sagen, daß, so einleuchtend der Schluß ist, einer werde doch nicht für etwas Millionen bezahlen, »das er umsonst erhalten konnte«, doch auch das Bedauern vorhanden bleibt, daß er es umsonst erhalten konnte. Es wäre zum Beispiel gar nicht übel gewesen, den Dank für ein Erlebnis, das nebst dem ehrenhaften Informationsdrang des Staatsoberhauptes auch leider dem Ansehen des Herrn Castiglioni geholfen hat, vor aller sehenden Öffentlichkeit die tschechischen Kriegsblinden ernten zu lassen. Schließlich wäre aber noch auf eine Lücke der amtlichen Erklärung hinzuweisen, indem sie unerwähnt läßt, was eigentlich Herr Castiglioni vom Präsidenten Masaryk umsonst erhalten hat, und hier wäre zu erinnern, daß ein persönliches Kennenlernen der Erscheinungen, die es in der heutigen Welt gibt, so nützlich und notwendig es dem Staatsmann erscheinen mag, doch nicht unbedingt zu einem »Lunch« ausarten muß und daß ein solcher keineswegs zu jenen Gaben gehört, welche mächtig in die öffentlichen Angelegenheiten eingreifende Männer umsonst erhalten können. Die Erklärung, die sich damit begnügt, eine »Audienz« zu rechtfertigen, verletzt die Pflichten einmal erwiesener Gastfreundschaft, indem sie sie vergessen machen will. Sie widerlegt die törichte Infamie, daß der Zutritt zu einer der wenigen sittlichen Gestalten der Kriegs- und Nachkriegswelt zu erkaufen sei, sie beseitigt aber nicht das Unbehagen einer Vorstellung, daß ein solcher Mann, für dessen Gesundheit die Nation mit Recht besorgt ist, an einem Tisch mit Herrn Castiglioni zu Mittag gespeist hat. Die Umgebung des Präsidenten, die es unterlassen hatte, ihn, den das Streben ehrt, sich zu informieren, ihrerseits auch über die Grenze zu informieren, bis zu der die Befriedigung solchen Strebens noch möglich ist, sie hat es gleichermaßen unterlassen, den von ihr verschuldeten Mißgriff zu bekennen. Als mich die Nachricht von der Einladung des Herrn Castiglioni zum Lunch bei Masaryk zu einer Absage zwang, wiewohl ich mir doch des ehrenvollen Unterschieds bewußt war, daß es ihm genügt hatte, mich persönlich kennen zu lernen, und daß es in meinem Fall weder nötig würde, einen Lunch zu melden noch zu verschweigen, da wollte ich nicht den ehrwürdigen Mann, sondern ein republikanisches Zeremoniell treffen, das, wie in den tschechischen Belangen militärischer und jagdlicher Aufmachung mit dem Inhalt der Persönlichkeit unvereinbar, noch den Umriß der Staatsfigur verzerrt. Daß Herr Castiglioni etwas umsonst erhalten hat, konnte nur der böseste Wille bezweifeln. Aber der beste muß bedauern, daß er umsonst erhalten hat, was er mit Millionen hätte bezahlen müssen, und daß er erhalten konnte, was nicht mit Millionen zu bezahlen war. Weltgericht Der bis zum letzten Hauch von Mann und Roß beschworene Glaube, daß die Welt Gott behüte am deutschen Wesen genesen werde, ist begraben. Die Hoffnung, daß sie vom deutschen Wesen genesen werde, lebt auf. Und gottlob auch die Hoffnung, daß es von sich selbst genesen werde, zurückfinden von dem seinem Wert und seiner Sprache ungemäßen Wahn zu sich selbst und seinen guten Geistern, vom Export zu dem Platz an der Sonne seiner Naturgaben. Ehre einem verunglückten Volk, das sich bis zur Erkenntnis aufgeopfert hat – Schande seinen Verleitern, mag nun Tücke oder Dummheit das größte aller weltgeschichtlichen Verbrechen begangen, das größte aller weltgeschichtlichen Opfer bewirkt haben! Das Erlebnis aber, daß eine Anschauung, zu der man sich als einer von den wenigen bekannt hat, von den vielen geteilt wird und fast gefahrlos geworden ist, und daß es nicht mehr den Kopf kostet, ihn behalten zu wollen; dieses überraschende Abenteuer eines völligen Kurssturzes der Phrase, des Eintretens in das letzte, bitterste und doch beglückende Stadium der Nibelungenreue; diese rapide Verwandlung des Kühnsten in das Selbstverständliche – enthebt mich nicht der Pflicht, es zu bekennen. Man bleibt doch immer der, der schon bei einem Durchbruch von Gorlice und noch früher, ja am ersten Tag dieses Spießrutenlaufs durch das Spalier der mechanisierten Phantasiearmut, an all diesen kriegverlängernden Siegen vorbei, entlang dieser Tobsucht einer Quantität, die nicht den Mut hatte sich selbst zu berechnen – geahnt, nein gewußt hat, daß mit einer von keinem Shakespeare zu erreichenden tragischen Folgerichtigkeit die Befreiung aus dem Zwang des Idols erfolgen und daß eines Tages, leider noch vor dem leiblichen Jammer, die größere geistige Not beendet sein werde, die da geboten hat, aus der Verächtlichkeit eine Tugend, aus der Verhaßtheit einen Erfolg, aus der Nichtswürdigkeit eine Ehre zu machen. Wollte man in den Gespensterreichen dieser Lebensmittelmächte gespensterhaft deshalb, weil hier Börseaner die Sprache der Grüfte redeten, und weil darin Macht war, Grüfte zu füllen, die Macht von Technik und Romantik in Einem, die Macht der sich automatisch entzündenden Phrase – wollte man heute hier eine Abstimmung veranstalten, welcher Mitteleuropäer wohl am weitesten von der Möglichkeit entfernt war, einen Wehrmann zu benageln oder gar einem eisernen Hindenburg etwas ins Auge zu stoßen oder dem Geschmack jener Tage sonst was zuliebe zu tun, wo Fibel und Chemie, Ornamentik und Organisation, Schwachsinn und Bestialität Schulter an Schulter ihre unnennbaren Offensiven gegen die Menschenwürde unternahmen – wohl wäre ich einer unter den wenigen, die in die engere Wahl kämen und denen nachgesagt werden müßte, daß sie sich weigernd und wehrend der heiligen Pflicht, diese unheilige Zeit zu vertreiben, entsprochen haben. Man wird mir, wenn man mir in diesen zweitausend Seiten der Kriegsfackel – einem Bruchteil von dem, was technische und staatliche Hindernisse mir begrenzt haben – keine positivere Leistung zuerkennt, immerhin das Zeugnis ausstellen, daß die schmutzige Zumutung der Macht an den Geist: Lüge für Wahrheit, Unrecht für Recht, Tollwut für Vernunft zu halten, von mir tagtäglich mühelos abgewiesen wurde. Denn der bessere Mut war der meine, im eigenen Lager den Feind zu sehen! Und wer die Furcht vor der wirkenden Macht nicht gekannt hat, dem, nur dem, steht es auch zu, kein Mitleid mit der gebrochenen Macht zu kennen. War doch die Gemütsverfassung, mit der ich mich vor das Angesicht dieser höchst subalternen Gewalttäter gestellt habe, durch alle Trauer hindurch, durch allen Schmerz und alle Scham hindurch stets die einer unbesiegbaren Heiterkeit. Und solche Zeugenschaft ist opfervoll genug. Denn gäbe es ein schwereres Durchhalten als lachen zu müssen, wo man aufschluchzend in den letzten Wald rennen möchte, den dieses organisierte Verhängnis noch nicht vergast hat? als das Unvermögen, einer Glorie, die in einer verelendeten, verhungerten, verlausten, verluderten Welt umging und in Rucksäcken ihre Lorbeern trug, die Glorie zu glauben? als den Fluch, standzuhalten diesem elenden Komplott von Schindern und Schiebern, das ein Volk mit dem Fusel des Schlachtruhms besoffen gemacht hat, um es abzuschlachten, und abgeschlachtet hat, um es auszurauben! Diesen Allerhöchstverrätern, die keinen Vorwand vaterländischer Ehre gescheut haben, um sich selbst zuliebe den schuftigen Griff in die fremden Lebensgüter zu begehen; die mit jedem Atemzug jene abgelebten Vorstellungen geschändet haben, in deren Namen sie über Leben, Glück, Jugend, Gesundheit, Freiheit, Ehre, Recht und Besitz der andern verfügten; hinter Fahnen ihr Diebsgeschäft betrieben und, herzlose Verwalter des feigen Maschinentods, die Menschheit an das Vaterland verraten haben und das Vaterland an ihre Niedertracht. Nun aber welche Wendung durch Gottes Fügung! Nun aber welche Atempause! Welch ein Lauschen auf den großen Hammer am Tor dieser Zeit; welch ein Spähen nach dem Licht, das in die Nacht dieser geistigen Burgverließe dringt; welch ein Beben in den Basalten, die nicht zu haben, Amerika es besser hat! Wenn dies keine Wende ist, hat der Planet noch keine erlebt! Wenn hier kein Fortinbras naht, hat es nie Trümmer einer Herrschaft gegeben, war nie eine aus den Fugen gegangene Zeit einzurichten. Wie Horatio empfange ich ihn: Und laßt der Welt, die noch nicht weiß, mich sagen, Wie alles dies geschah; so sollt ihr hören Von Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich, Zufälligen Gerichten, blindem Mord; Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt, Und Planen, die verfehlt zurückgefallen Auf der Erfinder Haupt: dies alles kann ich Mit Wahrheit melden. Und werde, da sie alle schon, diese Macht- und Unrechthaber in der Nachbarschaft ihres Schicksals leben, dazu helfen, daß auch ihre Helfer, ihre Verführer, die Handlanger ruchlosesten Tagewerks, die journalistischen Rädelsführer dieses blutigen Betrugs, die Dekorateure des Untergangs, die Rekommandeure der Leichenfelder, die unfaßbaren Berichterstatter dieses tragischen Karnevals dingfest gemacht werden. Auch verbürge ich mich dafür, daß es dahin kommen wird, daß alle jene, die, soweit das Gehirnweichbild dieser Stadt sich dehnt und solange die Belange dieses Reiches reichen, eine der Blutpressen noch halten, für ehrlos erklärt werden. Weh dem, der den anonymen Henkern das neue Geschäft fördern wollte, ihnen, die nun, weil der wortgeborne Mord nicht mehr Gewinn, sondern Gefahr bringt, schon daran sind, die Menschlichkeit in eine Phrase zu verwandeln! Der panikartige Übergang ganzer Divisionen von Tellerleckern zu Wilson, die elende Bereitschaft, die Konjunktur des neuen Weltgefühls auszunützen, wird weder die Parasiten des entthronten Ideals noch deren ganzen Anhang davor schützen, erkannt und nach den Verdiensten ihrer doppelt gezählten Kriegsjahre behandelt zu werden – und so wahr mir Gott helfe, ich werde es mir angelegen sein lassen, daß alle jene, denen vierzehn fernhintreffende Punkte heute fast so imponieren wie gestern ein Hundertzwanzig-Kilometer-Geschütz, für eine Auszeichnung bei der nun weltmaßgebenden Stelle "eingegeben" werden. Gewaltiger als die Reue über die Tat fasse uns der Ekel am Wort und nehme so Besitz von den Gemütern, daß wir uns nie wieder Gut und Blut von jenen unverantwortlichen Organen herauslocken lassen, die den Ruf des Vaterlands mißtönender wiedergaben und die sich nun unter den Stimmen des ewigen Friedens verstecken möchten. Wenn die große Zeit, die in unserer Zone die niedrigste war, nun endlich daran ist, eine große Zeit zu werden, so wird sie es uns sein, wenn wir dem unbrauchbaren politischen Hausrat mit einem zweiten Ruck auch allen geistigen Unrat nachwerfen, allen Trödel ausrangierter Vorstellungen und alles Inventar der professionellen Wortverbrecher und sie selbst! Es kommt der Tag, wo die Embleme und Ornamente der überstandenen Glorie uns zu übernächtigem Grauen anstarren werden wie Faschingsmasken und fahle Schminkgesichter bei Sonnenlicht. Aber wenn wir, großmütig wie wir Menschenkinder sind, weil wir um eines Strahles der Freiheit willen gern alle Fieberträume der Nacht vergessen, die staatlichen Träger und Diener jener tödlichen Ideale pardonnieren möchten, und weil wir Mitleid mit ihrer Dummheit haben – Gott schütze uns vor der Gnade, die wir an die publizistischen Zwischenträger und Nutznießer vergeuden würden, an die Schriftgelehrten, die es schwarz auf rot gaben, als die Menschheit gekreuzigt wurde. Feder für Feder, Schuft für Schuft sollen sie uns das Blutbad, das sie uns gerüstet und gepriesen haben, ausgießen! Wilhelms Autorschaft Amerika hat also, wie man jetzt weiß, das bessere Geschäft zu machen geglaubt, indem es anstatt Wilhelm II. auf Jahrmärkten dressiert vorzuführen, ihm seine Memoiren abkaufte. Ob es damit aber auch die größere Sensation eingekauft hat, ist schon nach den ersten Kapiteln recht zweifelhaft. Denn daß sich Wilhelm selbst dressiert vorführen werde, als einen solchen Ausbund von Friedens-, Volks- und Arbeiterkaiser, als ein imperialistisches Waserl, dem der Vater zu früh gestorben war und dem man alle Reden, Depeschen und sonstigen weltaufreizenden Dummheiten souffliert und aufgezwungen hat, als einen Mann, der gegen Bismarck auftrumpfen konnte, um Vernünftiges durchzusetzen, aber vor Hohenlohe zurückwich, um einen Unsinn zu begehen, als einen Monarchen von jedermanns Gnaden, der, wenn er was dawider gehabt hätte, zerschmettert worden wäre – das war denn doch nicht zu erwarten und bietet zwar die Sensation einer Überraschung, die sich aber sogleich auf ein Moment von allerhöchster Nüchternheit reduziert. Denn der außer mit dem sozialen Öl auch mit allen andern Salben Gesalbte hat sich an den Amerikanern nicht nur dadurch für seine Niederlage gerächt, daß er ihnen ein Dollarvermögen abknöpfte, sondern auch durch eine Leistungsprobe von Humbug, die geradezu das amerikanische Nationalbewußtsein beschämt. Harper Brothers glaubten, daß er, dessen literarische Fähigkeit bis zu Interjektionen und Randbemerkungen reicht, ihnen über den Exzeß seiner Regiererei etwas schreiben werde: und er hat einen seiner altgedienten Speichellecker beauftragt, den amor und die deliciae humani generis abzukonterfeien, als die er zeitlebens eben diesen erschienen war. Er hat einen Kaiser unterschieben lassen, der in der Phantasie dieser Sorte gelebt hat und den mit den Attesten einer Legion toter Staatsmänner zu beglaubigen einem halbwegs geschickten Thronschlieferl nicht mißlingen konnte, umsoweniger, als der größte Kronzeuge gegen eine unzurechnungsfähige Null bekanntlich auch schon tot ist. Er hat also Amerika hineingelegt und wenngleich man den Zimmermann kennt, der das Loch gemacht hat, so muß man in Anbetracht der investierten Summen doch so tun, als ob man Memoiren Wilhelms in Händen hätte. Schließlich ist ja Wilhelm insofern doch der Autor, als er das Honorar bekommt, und schon diese Sensation ist ihr Geld wert. Seine Getreuen haben ihn gegen die Vorwürfe, die ihm der pure Literatenneid aus der Höhe dieses Honorars gemacht hat, in Schutz genommen, indem sie erklärten, daß das Honorar »dem Rang und der Stellung des Autors durchaus angemessen« sei. Die tiefe Unsauberkeit, die eben darin liegt, daß Wilhelm, der ja als Autor überhaupt keinen Rang einnimmt, aus seiner politischen und gesellschaftlichen Stellung Kapital schlägt, daß er nicht das Talent, sondern den Stoff verkauft und einen, aus dem eine Welttragödie wurde – es liegt wohl im Wesen eines »Getreuen«, das nicht zu spüren und zur Ehre seines Monarchen länger zu stehen als dieser selbst. Doch mit weit besserem Recht könnte einer Fürstin, die sich heute im Bordell prostituieren würde, zu der Bewertung ihrer persönlichen Vorzüge ein Preiszuschlag aus dem früheren Beruf resultieren als dem vazierenden Monarchen, der zur Presse geht. Freilich hat das auch auf diesem Wege folgende Gefolge erklärt, daß »ein großer Teil« des Riesenhonorars wohltätigen Stiftungen zugedacht sei, ohne aber diese genauer zu bezeichnen und ohne vor Scham bei dem Gedanken zu vergehen, daß ein kleiner Teil in die Tasche ihres Kaisers fließt. Auch dürfte, wenns wahr ist, die Einteilung getroffen sein, daß er die paar hunderttausend Dollars, Francs etc. behält, während er die Millionen Mark und besonders Kronen, die er von reichsdeutschen und österreichischen Blättern bezieht, dem wohltätigen Zweck überläßt. Eben jene Komparserie von Generalen, die ich in der vielumstrittenen Szene der »Letzten Tage der Menschheit« der handgreiflichen Gunstbeweise ihres Abgotts teilhaft werden lasse, hat neulich auch gegen Verleumdungen der Majestät durch die amerikanische Sensationspresse Protest eingelegt. Aber abgesehen davon, daß das Tollste, was über Wilhelm erfunden werden kann, auch nicht annähernd an die pathologische Wirklichkeit hinanreicht, dürfte es schwer fallen, die Ehre eines Kaisers gegen eine feindliche Presse zu verteidigen, der er sie selbst verkauft hat und der man zuallerletzt die Sensation verübeln kann, den eigenen Mitarbeiter zu beleidigen und den Mann, der ihre Autorhonorare in Empfang nimmt, nicht glimpflicher zu behandeln als zu der Zeit, da sie bloß seine Generalstabsberichte abdruckte. Daß die deutsche Menschheit diesen Kaiser ertragen und erst einen verlorenen Weltkrieg gebraucht hat, um ihn loszuwerden, wie daß dieser nicht schon längst ausgebrochen war, ist gewiß eine der Abnormitäten, durch die sich das kulturelle Leben unseres Planeten aus der Schöpfung heraushebt. Und daß es Schichten der deutschen Bevölkerung gibt, die diesem Kaiser auch dann noch Tränen nachweinen, wenn sie erfahren, daß er von der feindlichen Presse eine Kriegsentschädigung bekommt, ist sicherlich ein Zeichen jener nationalen Bewußtlosigkeit, die als Verlassenschaft eines pathologischen Imperiums zurückgeblieben ist. Daß aber deutsche Monarchisten die Schande überleben, ihren Kaiser als bezahlten Mitarbeiter des Berliner Lokalanzeigers und der Neuen Freien Presse zu sehen, ist schlechterdings unfaßbar. Die Zeitungen wissen nur zu genau, daß diese Akquisition noch immer geeigneter ist, ihr Ansehen bei den Lesern zu erhöhen als das ihres Mitarbeiters herabzusetzen, und unterlassen es nicht, jenen zu erzählen, wie teuer ihnen Wilhelm II. ist und daß sie sich diesen Abonnentenvorspann etwas kosten lassen mußten. Die Kölnische Zeitung sagt: Trotz der schwierigen Lage der Presse hat der Verlag ein beträchtliches Opfer gebracht, um den Lesern der Kölnischen Zeitung ein Werk zu bieten, an dessen großer geschichtlicher und menschlicher Bedeutung kein Zweifel bestehen kann. Neu hinzutretenden Beziehern wird etc. Warum aber sollte ein Kaiser, der seiner Nation so teuer zu stehen kam und ihr größere Opfer abverlangt hat als je einer seiner Berufsgenossen, nicht auch von seiner Presse mindestens jene Opfer fordern, die er sogar der Presse seiner Feinde auferlegt? Und er, der viel aus seinen Erinnerungen herausschlägt, wird sich wenig daraus machen, daß sie ihm jenes so deutlich unter die Nase reiben. So spricht sich August Scherl G. m. b. H., zu dessen Verlag ja Wilhelm II. schon in seiner Regierungszeit inkliniert hat, über die Teuerung mit einem Satz aus, in dem die Seele des deutschen Kommis, wie sie leibt und lebt, aufgemacht erscheint: Daß die Erwerbung des sensationellen Buches nur unter großen materiellen Opfern möglich war, möchten wir nicht unerwähnt lassen. Unsere Leser wollen daraus von neuem ersehen, wie wir auch unter den überaus schwierigen Verhältnissen der Jetztzeit bestrebt sind, den 'Tag' auf voller Höhe zu halten, getreu unserem stets sichtbar zum Ausdruck gebrachten Prinzip, daß für unsere Leserschaft das Beste gerade gut genug ist. Es mag zweifelhaft sein, ob die Denkwürdigkeiten Wilhelms II. das Beste sind; gewiß aber sind sie für die Leser des Verlags Scherl gut genug. Diese dürften auch ohneweiters überzeugt sein, daß Wilhelm der Autor seiner Denkwürdigkeiten und mit der Lichtgestalt, die sie vorführen, identisch ist. Nie wird ihnen die Überzeugung beizubringen sein, daß die Denkwürdigkeiten des Kapitäns zur See Persius und somit das Stück Biographie, das ich ihrem Kaiser gewidmet habe, echter sind. Aber weit eher dürften doch alle Schlechtigkeiten und Dummheiten, die er während seiner Regierungszeit getrieben hat, von ihm selbst stammen als seine Erinnerungen an diese. Einigermaßen glaubhaft sind sie nur dort, wo sein Interesse für Kolonien und Marine in Erscheinung tritt. Das Animo, mit dem er die Erwerbung von Groß-Popo und Klein-Popo schildert – ja, da dürfte er selbst Hand angelegt haben!